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Full text of "Die Lehre von der Abstraktion bei Plato und Aristoteles"

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.ABHANDLUNGEN 
ZUR PHILOSt^HIE UND IHRER GESCHICHTE 

HERAUSGEGEBEN VON BENNO ERDHANN 



XL 40-^5 J:J 



/.i: 



INDIVIDUUM UND ALLGEMEINHEIT 
IN PLATOS POLITEIA 



VOM 



OEOBG E. BURCKHABDT 



HALLE A.S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1918 



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ABHANDLUNGEN 

ZUR 



PHILOSOPHIE 

UND IHRER GESCHICHTE 



HERAUSGEGEBEN 

VON 

BENNO ERDMANN 



TIEBZIttSTES HEFT 

GEORG E. BURCKHARDT 

INDIVIDUUM UND ALLGEMEINHEIT IN PLATOS POLITEIA 



HALLE A. S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1918 



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INDIVIDUUM UND ALLGEMEINHEIT 
IN PLATOS POLITEIA 



TOH 



OEOBO E. BURCEHABDT 



Irx ßikxiov axBnziov, ov y&g 
tuqI xoi) iniTvxovxoq S koyog, 
äXXa tkqI rof^ ovxiva xQonov 
XQnliy- Kp.352D. 



HALLE A. S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1913 



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Einleitung. 



¥än Meisterwerk ist eine Einheit, es sa^ immer dasselbe, 
bleibt und ist allen gemeinsam, den vielen wechselnden, viel- 
fach gearteten Menschen. So denkt Plato. Er vergleicht im 
Phaidros (275 D E) das Schriftwerk mit einem Gemälde, es ist 
^e ein lebendiges Wesen, das zq denken nnd zn reden scheint, 
das aber vornehm schweigt, wenn Du mehr zu wissen wünschest 
Was einmal geschrieben ist, wird nach allen Richtungen hin- 
ond hergewälzt von denen, die Ohren haben za hören, und 
ebenso von denen, welchen es garnicht zukommt. Man ver- 
stöfst gegen die ihm eigene Melodie (jtXfjfifieXovfiBvog), und 
der Vater des Werkes kann seinem Geschöpf nicht mehr zu 
Bilfe kommen. 

Plato selbst schweigt zu allen Schriften, die von irgend 
einer These gejagt, eine Widerlegung oder Bettung bezwecken. 
VTas läfst sich nicht alles aus Plato mit Stellen belegen? Aber 
die .Politeia'* redet auch zu uns, wie jedes grofse Kunstwerk, 
und es gibt keine bessere Hilfe zur Vertiefung in dies Meister- 
iprerk, als still auf den Meister selbst zu hören. Dankbar sind 
^r allen, die uns zum Meister selbst hinftlhren, von der Viel- 
geschäftigkeit und hastenden Eilfertigkeit hinweg zum Eidos 
der platonischen Polis. Dankbar sind wir der alten »Wort- 
wägeknnst'', die uns die Wege bahnt. 



PhilotophiaelM Abluuidlu&gen. XL. 

762706 



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Prolegomena zum Verständnis von Piatos 
Problem und Werk. 



Die Eigenbewegnng der Oedanken eines Menseben, dessen 
Bach wir lesen, mttssen wir in nns nachbilden, so weit ans 
dies möglich ist, am zam „Verständnis'' za gelangen. Je 
reicher nnser eigenes Gedankenleben an möglichen Vorstellangen 
and Kombinationen ist, am so näher kommt es dem Ver- 
ständnis des Andern. Ein Werk der Historie verstehen wir 
am so besser, je mehr wir aafserdem noch Erinnernngs- 
Yorstellangen ans dem, was von eigenem Denken schon 
historisch geworden ist, in Bereitschaft haben, and je mehr 
wir mit Vorstellangen and Begriffen aas der Zeit anseres 
Baches erfüllt sind. (So dürfen wir vielleicht dann von einer 
angezwnngenen Nachbildang der Gedankenbewegang Piatos 
reden, wenn seine Wortvorstellangen and Gedanken anch ins 
Unwillkürliche des Traumlebens übergehen können). 

In Piatos Dialogen finden wir mehr Bewegnng, als die 
abgerandeten Bilder ans vermaten lassen, in denen er meistens 
in dem grofsen Mnseion der Wissenschaft für das Pablikam 
aasgestellt ist Kicht aar Henri Bergson — er mafs hier 
einmal für Plato reden — sondern anch die Philologen, die 
mit feinen, behatsamen Sinnen an das geschichtliche Leben 
herangehen, stränben sich gegen die Vergewaltigang der 
lebendigen Bewegnng darch „den Begriff ^^^ 

1) Mit Beziehung auf die Politeia k. B. P. Wendland in den PrenlB. 
Jahrbüchern 1909. Für Plato überhaupt tritt dies in der Art der Dar- 
stellung von Th. Gomperz (Griech. Denker II) heryor. Als Anwalt des 
Erbes der Romantik zeigt sich K. Joel im Grunde schon in der Schrift 
„Zur Erkenntnis der geistigen Entwicklung und der schriftsteU. Motive 
Piatos. Berün 1887'*. 



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8 

Der platomselie Dialog ist nicht nar Form, nieht nor 
Bokratiache Form und nicht nnr Nachwirken der dramatisohen 
SugendveTBucbe, sondern sie bedentet mehr, kein System, 
Bon&era ein Problem (ein jtQoßeßXijc&ai) in seiner Bewegung. 
Einen inneren Dialog der Seele mit sich selbst nennt Plato 
einmal die Gedankenbewegnng (didvoio).^) Wo der Dialog 
naeU&Tst, da berichtet Plato, gibt praktische Anordnungen 
oder dichtet kleine nnd grofse Märchen. So erzählt er auch 
den Mythos von der göttlichen Gestalt unter göttlichen Ge- 
stalten« — Gestaltung des Lebens, das uns zu überwältigen 
droht durch die FttUe dessen, was wir mit allen Sinnen zu 
fassen versuchen, und nicht Vergewaltigung sieht er im „Be- 
griff", wiewohl er das begriffliehe Begrenzen ein „Zerschneiden'' 
nennt bis zum „Unzerschneidbaren*^^) 

Es ist vielleieht mehr Eros zum Begriff, als Ausruhen im 
Begriff bei Plato. „Von den Göttern philosophiert keiner, und 
keiner verlangt weise zu werden, denn der Gott ist es*' (Symp. 
203 E). Ausruhen kann er nur, wie der religiöse Mensch, in 
seinem Gott und im System des Mythos. Denn hier ist die 
vollkommene Ordnung, die das begriffliche Denken im Leben 
des äxeiQov anzustreben ewig neu sich mttht Auch in den 
zasammenfassenden Darstellungen der Philosophiegeschichte 
kommt ein Bedttrfnis nach Gestaltung des axeigov der Ge- 
dankenwelt Piatos zum Ausdruck nnd endet dann vielfach mit 
Ausruhen im Mythos von Piatos System. Leute, die „mit 
eigenen frischen Augen sehen^S^) sind oft sehr überrascht, wenn 
sie* einmal Plato selbst lesen. — Es ist ein wunderbares 
reiehes Leben, das sich da entfaltet. Keine „Staatslehre*^ finden 
wir in der „Politeia"; sie läfst sich zwar daraus gestalten. 
Eine grofse Frage tönt aus dieser Komposition von mehreren 
Sätzen heraus: wie ist überhaupt xoXixüa d. i. Bttrger-sein, 
yemttnftiges Zusammenleben der Menschen in einer Polis, 



>) Soph. 263 £. — Die dialogische „£iiikleiduDg*< in ihren Kom- 
plikationen, doch im Dienste der Feststellung der Chronologie nnd weniger 
ab solche betrachtet bei H. Baeder, Piatons philos. Entwicklung. S. 44 ff. 
Leips^ 1905. 

7 xifAveir bis zum ixfn^ov Phaidr.277B; vorher Phaid. 99 £. 

'j \gh Goethe über den Zwischenkieferknochen. Weim. Ausgabe II., 



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einer Stadtgemeinde mSglieh? In diesem Apriorisrnns der 
Fragestellung zeigt sich der Philosoph. Die Frage der reinen 
Yemnnft soll nun aus reiner Vernunft heraus {xad-aga xQlcig) 
beantwortet werden. In gemeinsamer Denkarbeit soll im Laufe 
der Unterhaltung alles ausgeschieden werden, was nicht dem 
reinen Inbegriff einer Polis entspricht, und eine Stadtgemeinde- 
Verfassung in Gedanken hergestellt werden, gegen deren Folge- 
richtigkeit kein Mensch etwas einwenden kann. Die Voraus- 
setzung mttfste allerdings sein, dafs logische und biogenetische 
Eonsequenzen sieh decken. Aber sie decken sich nicht. Das 
bringt sich Plato selbst einmal zum Bewufstsein, wenn einer 
der Teilnehmer am Gespiüeh einwirft: Aber Du redest ja, als 
könntest Du die Menschen wie ans Wachs bilden 1? 

Plato verfolgt oft einseitig einen Oedanken bis zur Ver- 
stiegenheit (aßvd-ov g>XvaQl(xv)^ um sich dann wieder der Re- 
lativitäten bewufst zu werden. Die Mafslosigkeit der logischen 
Phantasie endet eben im Geschwätz. Nur als unterhaltendes 
Spiel betrachtet Plato zuweilen den Dialog. 

„Was ist nicht Spiel, das wir auf Erden treiben, 
Und schien es noch so grofs und tief zu sein 1^^ 

Solche Stimmung eines modernen Dichters finden wir auch 
bei Plato. 1) Ernst und göttliche Heiterkeit fliefsen ineinander. 
Der Philosoph wird immer wieder zum Dichter. Poetische 
Phantasie und logische Komposition schaffen zusammen die 
„Idee^^ der Polis, die xaXXbtoXig, zum Werke eines Künstlers. 
So wie der Bildhauer, der in einem plastischen Werke einen 
Menschen von vollkommener Schönheit schafft, nicht zu be- 
weisen braucht, dafs ein solcher Mensch in Wirklichkeit ent- 
stehen könne, rechtfertigt Plato die Kühnheit seines Entwurfs. 2) 
Die greifbare Wirklichkeit gibt gleichsam nur ein impressio- 
nistisches Bild, in dem alle Konturen verschwimmen. Sie ist 
für seinen Blick ein a/ivögov, ein Verschwommenes im Vergleich 
zu der viel schärfer umgrenzten Wirklichkeit seiner Phantasie, 
in der sich die Xöyoi, die bildsamer sind, als Wachs und der- 
gleichen, zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen lassen. 

^) Arthur Schnitzler im „Paracelsns", vgl Rp. 536 e. ineXa^oiirjv . . • 

') Rp. 472 D ff. naQaöeiy/jia inoiov/isv X6y<p aya&iji noXecDg. 



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^ Ideal\>ild. aber soll zar Umgestaltang der gegebenen 

Wittiickikeit aaffordern. Der Ettnstler will das innerlieh «ge- 

Hibeu^ BWd in Tat umsetzen, nnd der Meister, der eine Stadt- 

^m^VEide nacli seinem Plane gestaltet oder umgestaltet, ist in 

K«to« Augen nächst dem Gotte der gröfste Künstler {örjiii' 

oi>QYÖ^Y Der Philosoph wird zum politischen Beformator und 

d\e aWgemeinen theoretischen Probleme sollen praktisch gelöst 

werden. So ist die „Ppliteia" durchwoben von Plänen, von 

^iUensvorstellungen, die auf tatsächliche Umgestaltung einer 

Polis gerichtet sind. Auch als Plato erfährt, wie die rohe 

Kraft der Wirklichkeit seine kühnsten Hoffnungen, deren Er- 

ftiUang er fast erlebt, wieder zu nichte macht, bricht aus der 

Besignation doch immer von neuem der Glaube an eine Neu- 

grttjidung (a priori) sieghaft hervor. 

Plato verquickt Probleme, die wir zu scheiden gewöhnt 
sind. Dadurch wird das Verständnis für uns erschwert Der 
philosophische Theoretiker sowohl wie der Psychologe, der 
Künstler so gut wie der Ethiker und Pädagoge, der Geschichts- 
philosoph sowohl wie der praktische Politiker, alle können 
von ihrem Blickpunkte aus die „PoUteia** betrachten, ausbeuten 
und angreifen. Wenn daher jemand von irgend einem der 
besonderen Pioblemgebiete aus, die sich seit Plato immer mehr 
isoliert haben, an die „Politeia*^ herankam, so mufste er 
irgendwo Anstofs nehmen. Jetzt, wo allmählich zwischen den 
einzelnen Problemgebieten mehr Fäden hinüber und herüber 
gesponnen werden, kommen wir einer richtigeren Beurteilung 
näher. 

Piatos „Politeia" verlangt zunächst philosophische Leser, 
d. h. solche, die willig sind, alle tatsächlich gegebenen ge- 
sellschaftlichen Zustände in Frage zu stellen; dann tun sich 
Fragen auf, die immer dieselben sind, solange Menschen zu- 
sammen leben. Der SokratesjUnger fordert sodann Menschen, 
die danach streben, selbst besser zu werden und die gegen- 
wärtige Lage zu bessern, sich selbst und die Dinge dem Ideal, 
dem Gott, anzunähern. Aber das Gespräch am Tage der 
Bendisfeier wünscht auch poetisch gestimmte Naturen, die alle 
Fackelritte der Phantasie gerne begleiten. Um endlich in 
Einzelheiten ein richtiges Urteil zu bilden, bedürfen wir der 
hisioriscbeii Vertiefung nicht nur in die Eigenart Piatos und 



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Beines Lebens, sondern anch der Vertiefung in die Eigenart 
des alten Orieehentnms gegenüber modernen Vorstellnngen, 
Begriffen nnd Gedanken. 

So nnttbersetzbar jede fremde Sprache nnd Piatos Sprache 
im Grande ist, so nnttbertragbar ist anch seine ganze Denk- 
weise. Wir sehen nnser Denken nicht mehr in dem Ma&e 
oder durchweg, wie das des antiken Menschen, mit An- 
schannngen erfüllt; denn wir stehen nicht mehr in der Zeit 
der „Entdeckung'' des Begriffs, wo besonders hervorgehoben 
werden mafs, dafs der Begriff der Schönheit keine Arme nnd 
Fttfse hat, wo zugleich die Göttervorstellungen von allem 
Anthropomorphen sieh mehr nnd mehr loslösen und einen 
„reinen^ Gottesbegriff anstreben, i) Die Sprache ist ftir den 
antiken Philosophen noch nicht in dem MaTse wie ftir uns 
Symbol geworden. Plato gehört einer Zeit des halbmythischen 
Denkens an. Teils ist er sich des Mythos bewufst und redet 
bewufst symbolisch (vgl. öiä cviißoXcov diöacxaXla)^ teils ge- 
staltet sich der Mythos seines Volkes in ihm zu geläuterten 
Vorstellungen, über deren blofs gedankliche oder dingliche 
Bealität er sich weiter garkeine Bechenschaft gibt In seiner 
dynamischen Funktion, könnte man sagen, wirkt der Begriff 
bei Plato wie ein mythisches Wesen, in seinem statischen Sein 
sucht er sich von allen rämlichen und zeitiichen Bestimmungen 
zu lösen. 

Der antike Mensch glaubt stärker als wir an das objektive 
Bestehen der Bilder seiner Phantesie, wie es heute noch 
Kinder und überhaupt in der Selbstkritik nicht geschulte 
phantasievolle Menschen tun. Den Begriff „Phantasie^ im 
Sinne unserer modernen Psychologie keunt Plato nicht. ^) Er 
unterscheidet zwar Phantasia d. i. fUr ihn „durch Siunes- 
wahmehmung gegebene Vorstellung" von dem Bei-sich-selbst- 
sein der Gedanken,') doch verschmilzt ftir ihn das innerlich 
gesehene Bild des schönen Tisches, des Idealtisches, auf den 
der KuDSthandwerker bei der Arbeit blickt, mit dem Begriff, 



^) ^elov slXixQiviQ s avzb zo xaXov, Sympos. 2t 1. 
*) Ansätze finden sich etwa bei Sokrates in der bekannten Stelle 
von der künstlerischen Kombination in den Memorabilien (III, 10). 
•) Soph. 364 A 



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der e\>eii als Begriff kein Erblicken eines irgendwie ab- 
gegrenzten Tiscbes enthält, sondern nnr einige nttohteme 
^esenfliebe Merkmale, i) 

Aucb Plato ist in seinem Denken noeb ,,anf dem Wege 
der Entkörpemng der Begriffe", wie Erwin Bhode einmal von 
der Psycbe bei Homer sagt 3) Den Übergang znr völligen 
Körperlosigkeit bildet eine ideale Yerkörpernng, wie sie be* 
sonders im ekstatischen Erlebnis geschant wird. Vom Politikus, 
der grofse Tatsachen richtig stellt, heifst es im Henon, ist 
niebt am wenigsten das ivd^ovaiä^siv zu fordern. Die ,9ldee^ 
der Polis ist auch eine dvauvtfiiq, eine Erinnerung an das 
Sehanen eines seligen Sehers. 

— la mente nostra peregrina 
Piü della came, e men da pensier presa, 
Alle sae vision quasi 6 diyina.^) 

Nirgends auf der Erde wird wohl diese Polis sein, im Himmel 
vielleicht liegt ihr heiliges Vorbild fttr den, der es sehen will, 
heilst es am Schlufs des 9. Buches der „Politeia^ 

Ohne christliche, orientalische und griechische Eigenart zu 
verwischen, läfst sich zur Erläuterung Piatos Denkweise mit 
der der israelitischen und urchristlichen Propheten vergleichen. 
In der Gottesvorstellung stehen hier anthropomorphe Phantasie- 
bilder unausgeglichen neben dem reineren pneumatischen und 
ethischen Gottesbegriff. Hier finden wir ebenfalls das Schauen 
einer himmlischen Welt, Wesen von verklärter Leiblichkeit 
und die Erwartung, dafs der Messias-König ersteht und die 
politische Lage von Grund aus nach Mafsgabe einer idealen 
Ordnung der Dinge erneuert 



') äSoq yoLQ nov u %v ixaarov Md-afASv rld'ead'ai ne^l ixaaxa zä 
TCoXka, olq xovxhv ovoßa innpigonBv . . . nQoq z^v löiav ßXenwv ovz<o 
notsi o fihv zaq xUvag, 6 6h zdg zQonil^ag. Rp. 596 Äff. vgl Phaidr. 
247 D. — Es ist bisher nicht gelungen, eine reine Scheidung im Gebrauche 
von i6^ und elöoq bei Pkto zu erweisen, wiewohl sich ein Bestreben 
in seiner Gedankenentwicklung zeigt, Wesensanschannng und reines Ge- 
daakending verschieden zu bezeichnen. 

*) Psyche« 1907 I. S. 47. 

') Dante Porg. IX, 16ff. — %x(p(^v &si(f fiolga Jon 533 E ff., vgl 
ferner Xen. 99 D. Phaidr. 242 C. 244 A. 249 B. Symp. 179 a. 



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Weil die gesellschaftlichen und staatlichen Verhältnisse 
noch so jung und bildsam waren, i) konnte man solche Er- 
wartungen hegen, sowohl das Urchristentum wie Plato in seiner 
^Politeia''. Die grofse Tatsache des Synoikismos, die Anfänge 
der Verbürgerlichung, wirken noch lebendig in den Oedanken 
und Problemen der doch Im Verhältnis zu uns jungen Kultur- 
menschen nach. Uns alten Kulturmenschen, die wir in dem 
Polizei- und Militärstaat geboren und grofs geworden sind, 
wird es schwer, uns ganz in eine alte griechische Polis hinein- 
zuversetzen. Man hat meist zuviel „Zwang" und Unterdrückung 
des Individuums im platonischen Staate gesehen, auch von 
„greisenhafter Erstarrung" gesprochen. Wie würde aber erst 
ein alter Athener über den preufsischen Staat und die Burean- 
kratie im modernen Leben überhaupt urteilen! Er hätte un- 
erträgliche Behinderung seiner freien Beweglichkeit {iXsvd^sQla) 
darin gesehen, worin wir heilsame Ordnung zu erblicken ge- 
wöhnt sind. Dagegen mufste Anaxagoras vor dem Urteil der 
gefährlich frommen Stadt Athen fliehen, man scheute sich dort 
nicht, den greisen Sokrates umzubringen, den Protagoras zn 
verbannen und seine Schriften zu verbrennen, weil er sagte, 
er könne das Dasein der Götter weder behaupten noch be- 
streiten.') 

Die Polis ist nicht nur BUrgerverband, sondern auch 
religiöser Verl^and, Kultgemeinschaft, wie Jellinek in seiner 
„Allgemeinen Staatslehre^' betont hat') Wir finden Plato, 
wenn wir einmal von dem „Reaktionär'* absehen, auch anf 
dem Wege zu der strafferen Organisation unseres modernen 
Staates, der an Stelle einer äuiserlich betrachteten Freiheit der 
Freiheit der Überzeugung des Einzelnen mehr Baum geben 
will. Nur fragt der moderne Staat den Einzelnen nicht, wie 
die platonische Politeia: Hast Du überhaupt eine Überzeugung? 
Die jtBid^d, das Überzeugen durch Grttnde, die xaga^ivd-Ux, 
das freundliche Zureden — weniger zwangvoll als unsere 
polizeiliche Aufforderung — läfst Plato der staatlichen Gewalt 



^) Vgl. V. Wilamowitz-MöUendorf, Staat und Gesellschaft der Griechen 
(Kultur d. Gegenwart) 1910 S. S. 

*) Vgl Diels, Fragm. H. S. 525 ff. 

*) Das Re<;ht des modernen Staates I. Berl. 1905. S. 293 ff. 



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Toransgelien. Der Zwang ist ibm nnr eine Begleiterscheinnng 
des Eee^ts; das Recht erscheint auch ihm als „Zwangsversnoh 
zum Ricbtigen^^ Krause und Trendeinbnrg mit ihrem Be- 
Btreben, das Recht zu versittlichen, in gegenwärtiger Zeit 
Jhering und Stammler, der schärfer methodisch unterscheidet, 
wandeln in Piatos Spuren J) 

Die praktische und dann gedankliche Isolierung des 
Einzelnen gegenüber der gesellschaftlichen und staatlichen 
Allgemeinheit, wie sie sich für uns seit Mönehttim und „Auf- 
klärung" zur Zeit der Renaissance und des Humanismus voll- 
zogen hat, existiert fttr den antiken Menschen und fttr Plato 
überhaupt nicht, höchstens als Sonderlingsschnurre der Eyniker. 
Der Gemeinsinn ist in der sieh selbst verwaltenden hellenischen 
Stadtgemeinde viel stärker ausgeprägt, als es überhaupt in 
einem modernen Staate möglich ist Das Leben des Mannes 
spielte sich fast ganz in der Öffentlichkeit ab, auf den Strafsen, 
dem Markte, in den Gymnasien usw. Man kann fast sagen, 
das öffentliche Leben verschmolz mit dem politischen Leben. <) 
Ein Musiker kann nicht seine Weise ändern, ohne dadurch die 
„Weise", den vofiog, der Felis zu ändern. In fortwährendem 
Aastausch waren alle Schichten der Bürgerschaft miteinander 
verbunden, und „in der überwiegenden Bedeutung der Staats- 
angehörigkeit liegt ein zu echt hellenisches Prinzip, als dafs 
Piatos Eonsequenzen lediglich der philosophischen Theorie zur 
Last gelegt werden dürften". J^) 

1) Cf. R. Stammler, Die Lehre vom richtigen Recht Berl. 1902. 
S. 27 ff. 606. Hier liefae sich auch im Hinblick auf Prohleme der Politeia 
der Satz anftthren: ,£8 bt ein Widersprach in sich, wenn als Prinzip einer 
Zwaogsordnang, wie das Recht nach seinem selbstherrlichen Kennzeichen 
genannt werden darf, die individaelle Freiheit der RechtsuntersteUten aus- 
genifen wttrde*. Tiieorie der Rechtswissenschaft. Halle 1011. S. 494f. — 
Jhering (Zweck im Recht L S. 570) spricht von der «sozialen Unent- 
behrliebkeit des Zwangs*. 

>) In dem latein. Wort res publica tritt dies noch hervor. Vgl. auch 
Thakyd. IL 37 dvenax^c^Q Sh tä töia itQoaofiiXovvx^q xa öijfxoaia Sia 
Siog fidXiara ov naQavofAOvfiBv . . . 

«) Ed. Mejer, Gesch. des Altertums IV. Berl. 1901. S. 99. K. F. Her- 
mann, Ges. Abb. nnd Beiträge. Göttingen 1849. S. 152. 



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Die zu Grunde gelegten Begriffe und der 

Zusammenhang von Piatos Problem mit 

Problemen der Gegenwart. 



Plato kennt nieht den Begriff „Individnom" and „mensch- 
liches Individaam^. Bei seiner groisen Ennst Menschen zu 
individualisieren gibt es fttr ihn nicht „die Kategorie der 
Individualität^^ Um die Eigenartigkeit des Sokrates zum 
Ausdruck zu bringen, mufs Alkibiades ihn im Symposion mit 
einem Satyr oder Silen vergleichen, Gestalten die jedem Eben- 
mafs des schönen Typus spotten. Den einzelnen Menschen 
betrachtet Plato in der Regel als Typus, als Menschen in be- 
sonderen allgemein gleichmäfsigen Beziehungen. 

Das griechische Wort ixacxog drückt die Besonderheit 
(ixag) aus, aber die Besonderheit, die der einzelne Mensch mit 
jedem Einzelding gemeinsam hat in seiner Beziehung auf ein 
Allgemeines. Von dem unbeseelten Körper unterscheidet sich 
dadurch der beseelte, dafs ihm von innen her aus sich selber 
die Bewegung kommt (Phaidr. 245 E). Unter den Lebewesen 
wird dann nicht in der Weise, wie von uns Menschen im Zeit- 
alter der Humanitätsidee der Mensch als solcher hoch über 
das Tier hinausgehoben, i) sondern der Mensch in seiner Be- 
ziehung zur Polis, der Einzelne als Bürger; und über dem 
einzelnen Privatmanne, dem löicotfjg, der sich nur um seinen 
Eigenbesitz kümmert, steht der Mann, der irgendwie im öffent- 



>) avöQonoSa sind „MenschenftifBe'', Ausdrücken fUr das Vieh analog 
gebUdet, vgl v. WUamowitz, a.a.O. S. 86. Ferner Plato Politic. 272 C. 
(Der geseUige Verkehr von Mensch und Tier.) 



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Helieii Lebea eine Stelloog als Beamter, Politiker, Sophist oder 
Dichter einnimmt. Anch der Dichter als öffentlicher Lehrer 
^d dem Privatmann gegenübergestellt (Der Privatmann 
redet in Prosa.) ^) 

Das Wort Idtog würde nach Brngmanns Etymologie anch 
nrsprQnglich die Besonderheit „abseits, beiseite" (im Gegen- 
satze jedoch nnnmehr zn d^iuog) ansdrttcken, der Lant Fiö 
das Sondern, Unterscheiden im sinnlichen Wahrnehmen, im 
Sehen besonders and überhaupt^) So bezeichnet Utog zn- 
näehst das besondere, eigCDtttmliche Aassehen eines Dinges, 
das, wodurch jedes Ding seinen Eigennamen bekommt, wie 
Plato meint. Denn „der Name ist eine Nachahmung der 
Sache''. Er sagt dann auch von jeder avcla und Idia, von 
jeder Tüchtigkeit und jeder Verrichtung überhaupt, daljB sie 
ihrer Eigentümlichkeit gemäfs {xaxa x^v ldiöxf[td) ihren eigenen 
Namen erhalten hat') Der einmal in Piatos Schriften auf- 
tauchende Begriff der löioxfig, der vielleicht unserm Begriff 
der Individualität am nächsten kommt, aber nicht das Moment 
der Einzigartigkeit enthält, bleibt bei Plato in logisch -gram- 
matischer Isolierung; bei den Stoikern erst tritt er in Beziehung 
zum eigenartigen Menschen ^diog avd'Qtnxog).^) In der An- 
wendung auf das menschliche Leben ist bei der Wortbedeutung 
von Uiog der wohlmögliche Zusammenhang mit löia, dem 
äniseren und inneren Wesen des Menschen, verblafst gegenüber 
dem Anwesen, das der Mensch durch die Sonder-Eigentums- 
Ordnung besitzt Das löiop tritt in engste Beziehung zum 
olx£Zop. Das Hauswesen, die Familie ist die Eigen weit In 
der Beschränkung auf diese Welt bleibt der Einzelne ein Be- 
schränkter {Idiantxög) gegenüber dem, der seine Fähigkeiten 
im öffentlichen Leben ausbildet und entfaltet. So tritt die 



^) Vgl. die Wendung I6la te Xeyofierov xal vnh noirixmv Rp. 363 £., 
s. auch Aristoph. Bozq. 1030. 1054 ff. 

*) YgL Fr. Bechtel, Bezeichnung der sinnlichen Wahrnehmungen, 
Weim. 1879 und Prellwitz, Etymol. Lexikon. 

») Vgl. KratyL 430 x6 Svo/da — läfuifia xov ngayfiaroq) — Protag. 
394 Bf. im Anschlnls an Prodikos (Diala IL S. 566); Bp. 580 £. Polit 305 D. 

*) So braucht z. B. Plutarch Xdtoq, Gato mal 25. Vgl. femer H. ▼. Arnim, 
Alig. Gesch. der Philosophie in Kultur d. Gegenw. 1 5. S. 231. Zu Piatos 
Gebrauch von Uiog Tgl- Astins, Lex. Plat 



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12 

konstante Beziehung zur Allgemeinheit als Felis in den Wort- 
bildungen und Bedeutungen von löiog in den Vordergrund. 
Das zeigt sieh in den immer wiederkehrenden Wendungen 
löla xal ÖTjfjioala (xoivy), löicitfjg xal jtoXiq. Im Zusammen- 
hang mit den Andern merkt einer seine eigenartige Fähigkeit, 
die ihn von den andern unterscheidet (Polit. 272 C). 

Wenn auch nicht in unserem Sinne begrifflich formuliert, 
so ist der Sache nach die Frage nach dem Verhältnis von 
Individuum und Allgemeinheit, von Einzelmensch und Staat 
bei Plato wie überhaupt in der Literatur seiner Zeit in leb- 
hafter Bewegung. Plato verankert die psychologische und 
ethische Frage nach dem Verhältnis des Einzelmenschen zur 
gesellschaftlich -staatlichen Gesamtheit in den Orttnden der 
Logik und Metaphysik.*) So wurde aus dem ursprunglichen 
Thema „Der Einzelne und die Gesellschaft in Piatos Staates 
das die Gefahr in sich birgt, moderne soziologische Gedanken 
in die Antike hineinzutragen, der definitive Titel dieser Arbeit 
Zur Ermutigung während der Arbeit diente mir, dafs ein 
Kenner des Altertums wie Eduard Meyer sagt: wie es zu be- 
werkstelligen sei, dafs individuelle und soziale Moral zusammen- 
fallen, das sei „das grofse Problem mit dem Plato ringt''. >) 
Auch schon K. F. Hermann sieht „die eigentümliche Idee der 
platonischen Republik'^ in der organischen Verschmelzung von 
Staatsprinzip und Moral des Einzelnen.') Man redet jetzt 
vielfach vom „ Individualismus^' im Zeitalter der Sophisten und 
des Euripides. R Pöhlmann spricht gar von einer „Koinzidenz 
von Sozialismus und Individualismus im platonischen Staats- 
ideal ".^) Das geht allerdings zu glatt ein, wie überhaupt die 

1) Auch wir stehen noch in den Anfängen, wie u. a. die Schriften 
von J. M. Baldwin zeigen s. The Individual and Society Lond. 1911, Social 
and £thical Interpretations in Mental development New York 1897. YgL 
auch W. Wandt, Logik 3, III. Stuttg. 1908 S. 466 („eins der schwierigsten 
soziologischen Probleme"). 

') Geschichte des Altertums 5. 1902. S. 363. — - Auch in den Schriften 
von Max Wandt, Gesch. der griech. £thik I, 1908 und Griech. Welt- 
anschauung 1910 wird durch die Darstellung der sokratisch- platonischen 
Lehre als Überwindung des „Indi?idnalismuB'' das Problem angedeutet 

•) A. a. 0. S. 132. 

') Gesch. der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken 
Welt' 1912 IL S. 108ff., vgl. S. 199. Trotz phUosophisch- kritischer Be- 



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13 

yielen — inmen, die leieht das Problem versehleieni, das wir 
iD seiner Bewegong sehen müssen, nm es zu verstehen. 
Pöhlmann kommt ja anch za dem Resnltat, dafs das Znsammen- 
fallen von Individnal- nnd Sozialprinzip, „eine leere Abstraktion^^ 
ist, eben weil er von der leeren Abstraktheit modemer Begriffe 
ans Plato nnbewnist den modernen Lesern mundgereeht maeht 
Alle stehen ja mitten in den grofsen Bewegungen, die dnreh 
die Sehlagwörter „Individnalismos'^ nnd „Sozialismus^^ an- 
gedentet werden; sie sollen einen Gegensatz bedeuten, der, 
wie Theobald Ziegler sagt, heute alle Lebensgebiete durch- 
zieht 

Bei Plato finden wir weder das, was wir „Individualismus^^ 
noch das, was wir „Sozialismus'^ nennen. Es sind das kom- 
plizierte moderne Begriffsgebilde mit vieldeutigem Inhalt^); 
und doch steht Plato gegenwärtigen Bewegungen nahe in den 
allgemeinen Tendenzen und Gedankenbewegungen, die in diesen 
Begriffen zum Ausdruck kommen. Die Frage: wie verhält 
sich der einzelne Mensch zur Allgemeinheit, ist zugleich eine 
ewig menschliche Frage. Sie verbindet die Dichter der alten 
Tragödie mit den Dramen Hebbels, Ibsens und Hauptmanns. 
In der Form einer neuen Wissenschaft ersteht das Problem 
der „Politeia'^ in der ttppig emporschiefsenden Literatur der 
Soziologie. Auf ein Wort Carlyles, dafs es ein Privilegium 
der Törichten ist, von den Weisen regiert zu werden, bezieht 
sich 0. Amman und fordert in seiner sozialaristokratischen 
Gesellschaftsordnung, ohne sich der vielfachen Übereinstimmung 
mit Gedanken Piatos bewufst zu sein, „Geist, Talent, Bildung 
und Charakter*^ in ihre unverjährbaren Rechte „wieder'^ ein- 
zusetzen.') In bewufster Übereinstimmung mit Plato schreibt 



anatandoog soll der Wert des reichhaltigen Pöhlmannschen Werkes als 
Geschichte der sozialen Frage von volkswirtschaftlich -historischen Ge- 
sichtspunkten aus nicht unterschätzt sein. 

^) Individualismus nnd Sozialismus. Dresden 1901. S. 23. 

*) Vgl. s. B. Dietzels Art „Individoalismns", Handwörterbuch der 
Staatswissenschaften 5. Jena 1910 und Eisler im Wörterbuch der philos. 
Begriffe. 

") Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grundlagen. Jena 
1896. 



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14 

ein Karl ron Hantenffel „Sozialarigtokratiscbe Ideen ^.^) Das 
seien nur zwei Beispiele aas der vielfachen Bewegung and 
Literatur, in der die Herrschaft der „Intellektaellen" im 
Interesse der Allgemeinheit oder im Interesse einer Kaltar 
gefordert und begründet wird. Andererseits wird darch 
sozialistische Schriften, wie z. B. die „sozialbiologischen^ ron 
K Goldscheid mit ihrem programmatischen Thema „Höher- 
entwicklang and Menschenökonomie'^ die Komplizierang des 
Problems seit Plato gekennzeichnet. 



') Berlm 1S96. 



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ni. 



IndiTidnelles und AUgememes in Plato selbst; 
das Werden der „Politeia". 



Wie verhält sich das Einzelwesen zu der andern Welt? 
Dies Problem ist für Plato wie fUr jedes Lebendige sehen mit 
dem Eintritt ins y^Dasein'' gegeben. 

Fttr den, der einem alten aristokratisehen Gesehleeht ent- 
stammte nnd im BewnJstsein des d'elop yivoq anfwaehs, aber 
in einer Demokratie geboren wurde, war diese Frage schon 
liinsiehtlich ihrer praktischen Lösung von vornherein sozusagen 
sehärfer formuliert, als fUr den Sohn eines athenischen Bnder- 
kneehts. Fttr diesen genttgte fast die Kraft seiner Arme und 
seiner Stimme, um diese Frage zu lösen. Und doch gilt diese 
Stimme in der Versammlung des iriiioQ, in der Maehtoffenbarung 
dieser gemeinsamen Mensehenwelt, ebensoviel, wie die Stimme 
des feinen und vornehmen Mannes, des xaXoTcayad'Oq. Du bist 
Dieht nur ein Sohn des Ariston, Du bist auch ein Sohn der 
Demokratie, sagt man dem staunenden Knaben. 

Als Kind seiner Zeit wächst Plato schon durch die 
Sprachgemeinschaft in die allgemeinen Gedankenbewegnngen 
hinein. Die tausendfachen Eindrücke aus dem Oesamtleben 
einer überreichen Kultur und innerhalb dieser Kultur wieder 
besondere persönliche Einflüsse und Erfahrungen, fast alle nur 
mögliehen politischen Verfassnngsformen, die in buntem Wechsel 
vorüberziehen, werden von einem starken Eigen-Leben und 
-Denken absorbiert und arbeiten an dem Problem der Politeia. 
Der Frage nach der Möglichkeit einer vernünftigen Verfassung 
und Verwaltung der ätadtgemeinde liegt die Frage der Wirklich- 
keit zu Grunde: worin hat die Herrschaft Einzelner ihre 



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16 

Berechtigang? ^Nichts Gates {aya^^ov) ist die Herrschaft 
Vieler ^ lernte der Knabe aas den „besseren^' Kreisen der 
athenischen Gesellschaft schon bei seinem Masiklehrer; and 
Homer sagt, Zeas gibt die Berechtigang Führer za sein dem, 
den die Fürsten, die oqioxol, als d^Bloq avijQ, als zam König 
geeignet betrachten. Der letzte König der Athener aber, der 
dieses Namens würdig erschien, hat sich für das gemeinsame 
Wohl geopfert In der Herrschaft der vielen agiavoi sah nan 
Selon keine wirklich gate, keine Herrschaft der Besten; denn 
sie sachten nar ihren Eigenbesitz za vermehren. Liegt denn 
im blofsen Mehrbesitzen and Mehrgeniefsen eine Berechtigang 
zar Herrschaft? Der zam Herrschen wirklich Fähige ans 
jedem Stande sollte die Möglichkeit haben, in einem öffent- 
lichen Amt seine Fähigkeiten za entfalten. Das war die 
Forderang der vollendeten Demokratie. 

Der körperlichen Tüchtigkeit, im Wettkampf der Einzelnen 
stärker (xgelvrcop) za sein, ist jetzt die musische Bildung zar 
Seite getreten. Die Kanst der Rede, in der sich Klngheit and 
Einsicht offenbart, war schon bei Homer als viel vermögende 
Kanst in hoher Schätzang. Jetzt aber, in der Demokratie, wo 
das Mittel der Herrschaft im Gewinnen der einzelnen and 
vielen Stimmen liegt, ist die bedentende fesselnde Rede, welche 
die Gedanken der Vielen bestimmt, mehr wert, als körperliche 
Tüchtigkeit and Besitz. Der „göttliche Mann'* ist nan der, 
der im Besitze dieser Weisheit ist oder sie za lehren versteht 
and damit die Wege zar Betätigang and Macht im Gemein- 
wesen eröffnet. 1) 

So kommt der Sohn aas dem aristokratischen Hause za 
Sokrates, einem treaen Sohn der demokratischen Verfassung, 
dem Mann aus dem Volke, der an alle in gleicher Weise 
heranging, immer an das, was gang and gäbe war, seine 



*) Niog iy(6 noze äv TtolXolQ 6rf ttxvxbv fna^ov, (pi^^riv, « d^ärrov 
ifiavrov yBvolfJLfiv xvQiog, inl xa xoiva xijq nolewQ ev^q Uvai . . . 
Plat £p. 7, 324B. Die Echtheit oder doch Brauchbarkeit als QaeUe ist 
für den 3. 7. und 8. Brief durch G. Ritters Untersuchungen wieder wahr- 
scheinlicher gemacht, vgl. auch Ritter, Piaton. München 1910; mehr eine 
gute Zusammenstellung der Tatsachen, als Piatons Biographie. Vgl. 
femer Ritters Inhaltsdarstellungen su Piaton. Schriften und „Die po- 
litischen Gnmdanschauungen Piatos'' (Philologus 1909). 



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17 

Beden anknüpfte and möglichst viele fähig machen wollte, 
sieh im öffentlichen Leben zu betätigen (rä jioXitixä jigdt- 
rsiv)A) Hier tnt sich nun dem Jttngliug ein neuer Gegensatz 
zwischen dem Einzehien nnd der grofsen Menge auf, er lernt 
ein Herrschen nnd eine Herrschaftsberechtigung der inneren 
Vornehmheit (jityaXojtQijisia) in seinem Heister kennen, nnd 
der Begriff der Vortrefflichkeit, der xaXoxdyad-la, bekommt fUr 
ihn einen nenen nnd reicheren Inhalt. 

Wie der berühmte Protagoras nnd die andern grofsen 
Begründer des wissenschaftliehen Zweifels warf dieser sonder- 
bare Heilige, der sieh allerdings nicht bezahlt machte, in 
seiner eigenen Weise dieselben Fragen auf: Was ist überhaupt 
gerecht, was nugerecht, was Polis, was Politikos, was ist Herr- 
schaft unter Menschen und über Menschen, was ist eine 
Herrsehematur nnd ein zum Herrschen geeigneter Mann?^) 
Aber Sokrates bleibt nicht beim theoretischen Zweifel mit 
seinen Gründen fttr und wider (ölöcoi loyoi) stehen, durch die 
es möglieh ist, das Gerechte, das ist aber nach griechischem 
Sprachgefühl auch das fiichtige und Berechtigte, zur Sache 
des Bedegewandteren und Stärkeren zu machen uud das 
Schlechte je nach Belieben des Einzelnen gut erscheinen zu 
lassen. Sokrates sieht die praktischen Folgen des grundsätz- 
lichen Zweifels im Mifsbrauch der Bhetorik. Er liebt die be- 
stehenden Gesetze als den Ausdruck des Allgemeinwillens, des 
xoivov T^q x6X£(og, die Gesetze, unter denen seine Vaterstadt 
grofs geworden ist und lehnt alle gewaltsamen NeueruDgen ab ; 
nnd doch sieht er das Grundübel der yielgepriesenen „Freiheit 
und Gleichheit", der iXevd-sQla und loopofda der Demokratie 
in dem avtoöxsöidQeiv in dem oberflächlichen politischen 
Dilettantentum. 3) „Wer seine Sache nicht versteht, ist weder 
ein Feldherr noch ein Arzt, auch wenn er von allen Menschen 
dazu gewählt wird''. (Xen. Mem. III, 1, 5.) 



») Vgl. Xen. Mem. I, 6,15. IV, 1,3; 6,16. — {Sia rdiv Soxovvtcjv 
xoiq iv^Qionoiq Syfiv rovq Xoyovq), 

*) t2 d^i dvd-Qdnwv, zl ä^ixog; Xen. Mem. I, 1, 15. 

*) VgL Eriton 50 ff. Xen. Mem. III, 5,21. avro-axe(^^agc<v eigtl. so- 
viel wie ,8ich selbst leicht und schnell ein Flofs bauen und sich darauf 
dem Meer anTcrtnuenS 

PhUMoplüsoha Abli«iidliuig«n. XL. 2 



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18 

Da kommt Piatos Bruder, der noeh nieht 20 Jahre alte 
Glaakon and will schon eine einflarsreiche Stellong in der 
Stadt einnehmen {xQOOTatsveiv xfjq x6XB(oq). Sokrates fragt, 
was ftlr Wohltaten er denn der Stadt erweisen will. Olankon 
schweigt. Er hat ttberhanpt kein Ziel {6x0x60) das er hören 
lassen kann, wohl nnr das, einen Namen zu bekommen (111,6). 
Die Einsicht des Nichtwissens bei jedem Einzelnen zu wecken, 
durch das Suchen nach dem richtigen Begriff einer oqbxi^, 
einer Tüchtigkeit, eine grolse Zielvorstellung zu geben und 
damit Ziele für die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten 
gegenüber der Ziellosigkeit der individuellen Willkür, das ist 
das Ziel dieses grofsen Erziehers. 1) Die, welche sich selbst 
kennen, kennen auch ihre eigenen Obliegenheiten (IV, 2,26). 
Die natürlichen Anlagen der Einzelnen sind, trotzdem sie in 
den gleichen Sitten, Gebräuchen, Gewohnheiten und Gesetzen 
{vofioi, idTJ) aufwachsen, nicht gleich. Das von Natur vor* 
treffliche Wesen {dyad-ri q>vcig)^ das sich in schneller Auf- 
fassung, gutem Gedächtnis und guter Verwendung des Gelernten 
im öffentlichen Leben zeigt, bedarf am meisten der Erziehung. 

Sokrates fordert zunächst die Arbeit des Einzelnen an 
sich selbst Er bekämpft wie Hesiod sodann alles Drohnen- 
wesen ttberhanpt (asQylf]), Darin zeigt er sich als wahrer 
Volks- und Menschenfreund {ötifiotixog und g>iXdvd'Qmxog). 
Einfältig sind die Reichen, die hochmtttig meinen, der Bildung 
nicht zu bedürfen. Sie sind ja ohne Bildung nicht imstande^ 
ntttzlich und schädlich zu unterscheiden {diaYiyvciaxeir).^) In 
der Weisheit aber unterscheidet sich nicht der von den Übrigen, 
der wie Euthydem recht viel „Schriftliches zusammengelesen" 
hat und den Vielen zu imponieren versucht; und das Prahlen, 
alles „aus sich selbst^ zu können (ojco ravTOfiätov)^ dient nicht 
dazu, ein vortrefflicher Mensch zu werden. Wichtiger, als 
Redegewandtheit und Geschäftigkeit {XexTixij und xQaxTixrj) 
ist das Einpflanzen der öa)g>Qocvvf], der „Gesundsinnigkeif* 
(wie Paulsen in seiner Ethik übersetzt), der voUkommnen 
Selbstbeherrschung. Es gibt keinen, der zugleich aog>6q und 

>) Es darf nicht ttbersehen werden, da£i das fiberaas wichtige Moment 
der Zielvorstellang in dem Blöivai liegt, das sur aQBxri erforderlich ist, 
und imaxrffiri ist auch „eine Sache Verstehen^ — Können. 

*) Vgl. Apol. 36 C. Xen. Mem. I, 2, 56 ff. IV, 1, 5. U, 7. 



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19 

dxQori^g wäre. Die c<oq>Q06vvfi igt aber nicht nnr durch 
ftd^öiq sondern auch darch /leXitfi and aaxfjöig zn erwerben. 
Der Umgang mit tttebtigen Menseben dient znr Übnng in der 
Tttebtigkeit (^ tSp xQV^'^^^ o/iiZla — äcxf/cig rijg aQBTtjg 
1,2, 19 ff.). 

Was im kleinen Kreise der Frennde nnd des Hanses gilt, 
dafs Zosammenstimmen und Zusammenwirken notwendig ist, 
dafür ist ancb im allgemeinen Verbände der Polis zn sollen. ^ 
Von Natnr sind die Menschen einander zugetan, denn sie be- 
dürfen einander, haben Mitleid und nützen sich durch Zu- 
sammenarbeiten {övps^slp). Wo es sich um Zählbares, Mefs- 
bares nnd Wägbares handelt, haben sich die Menschen anter 
einer allgemeinen Norm geeinigt Das Auseinandergeraten 
{dta^QBCd-ai)^ wobei die Menschen zornig werden und in Streit 
geraten, beginnt bei den Fragen nach gerecht und ungerecht, 
schön nnd häfslich, gut und schlecht, da ist die richtige Ent- 
scheidung so schwer.^) So ist anderseits das Leben der 
Mensehen ein Kampf. Dafs der Stärkere über den Schwachem 
herrscht, ist eine allgemeine Erfahrungstatsache (II, 1, 12). 

Ein Held und ein Herrscher ist aber nur der, welcher 
sich selbst beherrscht, einer, der das richtige Bild (slöog) hat 
und zn bestimmen weiXs, wodurch das einzelne Tapfere, Ge- 
rechte und Heilige tapfer, gerecht und heilig ist, und von 
dieser Einsicht aus sieh nnd andere beherrscht (der IfTcgarrig 
ist aueh aQXixog II, 1). Das ist die wahre Mannhaftigkeit 
{opiff^la)^ die nicht in der rohen Überlegenheit eines Athleten- 
tums sich zeigt, sondern eine Tapferkeit der Seele ist (xaQ- 
XBQla Tfjg tpvj^g), Herrenmenschen (ösivol) sind die, die auch 
standhalten im Kampf gegen die Begierden.') Das ist die 
wahre Autarkie, Selbständigkeit und iXev&cQla, und das Be- 
herrsehtwerden von Begierden die schlimmste Knechtschaft. 



>) Den Aristarchos fordert Sokrates auf, seine Haasgenossen ver- 
nfioftlg %n bescbiftigen (II, 7). Dieser Kern des xenophont. Berichtes 
wird wohl aoch sokratisch sein. — ^ . . töSv iSiotv inifjiiXeia nXij^si fxo' 
YW 6ia^Q€i xfjg t<0v xoivwv, Aach des Protagoras Mathema ist evßovXla 
vifdi xSp olxelanf dann ne^ xfjq nokemg and nomv avöQaq dyad-ovg. 
(Prot 31SE— 919 A.) 

*) Entyphr. 7 Bff. Xen. Mem. II, 6, 21. 

*)Lache8l9lD. 192Bfr. 

2* 



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20 

Durcli die Freiheit unterscheidet sich der Mensch vom Tier 
und dem Ungebildeten, der Sklavenart {dvdQaxoöciöf^g ^ 
äfia&i^g). Der Tyrann, der in seinem Bedürfen dem ärmsten 
Schlucker gleicht, gehört zum Pöbel (elg öijfiov ^tjCOftBv). Der 
SelbstgenUgsame ist wirklich reich ; und „ein viel gröfseres 6nt 
wirst Du Dir erwirken, wenn Du die Seele von Torheit befreit 
hast, als den Leib von einer Erankheit^^) 

So entsteht ein neues Bild des Schön- und -Outen. Solche 
wirklich „Gebildete^^ machen nicht nur sich selbst, sondern 
auch andere Menschen und Stadtgemeinden glücklich (IV, 12). 
Die Menschen wollen auch von denen am ersten sich über- 
reden lassen und denen gehorchen {jteld^eo&ai)^ die sie für die 
besten halten. Warum sollten nicht die xaZoixaya&ol zu 
ihrem eigenen und der Stadt Nutzen gemeinsam die Ämter 
verwalten {zAv noXirix&v rificiv xoiv<Dvovg . . .)?2) 

Ein zum Herrschen Berufener besitzt die Weisheit, den 
richtigen Mann an die richtige Stelle zu setzen, jedem zu 
geben, was ihm zukommt (ra jcQoarjxovTa = ölxaiä) und jeden 
damit zu verpflichten, das Seine zu tun. 3) Voraussetzung für 
den schönsten Vorzug und die gröfste Kunst, die ßaoiJux^ 
rix^ ist die gründliche Vorbildung und Sachkenntnis des 
Staatsbeamten. Er bedarf so gut wie jeder Bildhauer und 
Steuermann, ja seiner gröfseren Aufgabe entsprechend in noch 
viel gröfserem Mafse der Ausbildung in seiner Kunst und der 
Erziehung zur Tüchtigkeit. 

Die Erziehung, deren Fragen damals seit dem Auftreten 
der Sophisten vielleicht nicht minder lebhaft erörtert wurden, 
als heute, stellte sich dem jungen Plato als die grofse Macht 
dar, wodurch die Allgemeinheit den Einzelnen leitet und be- 
herrscht Bei jedem Wort und Werk prägen Amme, Mutter, 
Hauslerer, Vater, Lehrer und dann die Polis es ein: Das ist 



1) Hipp. min. 373 A. 

3) Xen. Mem. II, 6, 24. lU, 3, 9; 0, 3. (Prinzip der ArbeitsteUung.) 
») Xen. Mem. III, l,7ff.; 2. 3. IV, 2,11. IV, 7, 1. Vgl. Gorg. 507 B. 
Das ra havrov ngazzeiv der „Politeia", auf das man besonders den 
„Individualismus" Piatos gründet, ist schon alte Soionische Weisheit (vgl. 
Hirzel, B. Themis, Dike Lpz. 1907 S. 195ff.) ja, schon Gmndsats des 
Konfuzius und Tsz^-Tsz8. Vgl. Grube in Kultur d. Gegenwart (AUg. 
Gesch. d. Philos.) S. 85. 



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21 

gerecht, das tiDgereelit, das ta, das lafs! Und dnrch die Mnsik 
BQchea sie einen schönen Rbythmns und Harmonie in das 
ganze Leben zn bringen, i) Zwar ist die rein vitale Kraft, die 
g>vcig, ein starkes Ding nnd reifst sieh znm Unheil des Ganzen 
los, sobald der erzieherische Einflafs aufhört Eine grofse 
Anzahl Menschen ist aneh zn stumpf und zu träge {ßXax6xB{foq\ 
um sich bilden zn lassen. Sie sind der Einsicht nicht zu- 
gänglich. Solche wandten sich von Sokrates ab. 2) 

Plato aber gab sich dem Einflufs dieses Mannes hin, in 
dem sich die reiche Bildung der perikleischen Zeit, die nal- 
ötvöig Ton ganz Hellas, mit alter solonischer Weisheit ver- 
band.^) Es vollzog sich in Plato eine Entscheidung, wie sie 
der weise Prodikos in den „ Hören ^^ von Herakles erzählte, die 
grofse Wandlung, die wir aus der Leidenschaft einer gewissen 
Überzengnng im „Gorgias" spttren. Hier wendet er sieh von 
dem breiten bequemen Wege, durch Köderung und Bezauberung 
der Massen die eigne Herrschaftsstellung zu begründen, ab 
und wendet sich dem steilen Weg der wirklichen (nicht „schein- 
baren") Tüchtigkeit zu, die einen wirklichen Vorzug vor andern 
{aQBxij) begründet. 4) Diese Tüchtigkeit aber hat das ar/aHv 
und TcaXov zum Ziel, ohne heimlich zu erwägen, ob es Lust 
oder Sehmerz mit sich bringt. „Man kann wohl das An- 
genehme des Guten wegen tun, aber man mufs nicht das Gute 
des Angenehmen wegen erstreben." Was für ein gröfstes Gut 
ftlr die Menschen ist Dein Ziel? An die Stelle eines all- 
gemeinen Grundsatzes nnd eines allgemeinen Zieles {jtQoq ro 
ßiXriCrov) setzt nun der Redner das individuelle Belieben 
und das egoistische Ziel {ivexa rov lölov rov avrcjv oXi- 
ffDifvi^sg tov xoivav). Die demokratische „Freiheit" ist ihm 



>) Prot 326 C ff. 826 B. 

«) Xen. Mem. I, 2, 24 ff. IV, 2, 28 ff. 

*) Aus den Fragmenten der 7 Weisen liefsen sich schon Kemgedanken 
der Politeia herausheben, vgl. Diels II S. 518 ff. 

*) Die dgerij eines Jeden (xal axevovg xal awfiatoQ xal yn}xijQ xal 
^a»ov navrog) entsteht durch tdSiif oQd-oxrjq, xix^> xoafioq, Gorg. 506 DE. 
Der englische Kommentator der „Politeia" Adam gibt agszii durch „ez- 
cellence*' wieder. Dals unser Wort „Tagend'* irreführend ist, hat auch 
H. Wandt in seiner Gesch. d. griech. Ethik wieder hervorgehoben. Homer 
wendet a^er^ noch auf die schlimmsten der Freier an, 6 629. 



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22 

das jedem freiBtehende Mittel zam Zweck. Hast Da nur die 
Gabe darch Beden die Masse za Überreden, so machst Da 
Dir jeden einzelnen, Arzt, Tarnlehrer, Geldmann znm Sklaven. 
Es gilt nnr den Schein za erwecken, als wisse man mehr als 
die Wissenden, die Sachkandigen. Es gehört daza ein ge- 
wisses Aasprobiert- haben, wie man sich Gnnst verschafft and 
Lastgeftthl bei den Zahörem erweckt Es kommt da weniger 
aaf Eanst, als aaf eine got zielende Seele an, die die Anlage 
hat, recht anverfroren and mit der Prätension der Überlegen- 
heit mit den Menschen za verkehren. Das Ziel {atoxd^iO&ai) 
ist das ^dv, das, was dem Einzelnen im zoologischen Sinne 
angenehm ist; das mnfs die Menge nar heraashören. ^ 

So ist die Rhetorik für die Seele, was fttr den Leib die 
Eochkanst ist Sokrates nnd Plato sagen nan: Die grofse 
Menge {rovg jiolXovg) lasse ich beiseite; denn ich mache mir 
klar, dafs nar ein einzelner, der, mit dem ich rede {xQog ov 
. . . o Xoyog)^ seine Stimme abgibt; mit den Vielen anterrede 
ich mich nicht So tritt der Dialogos mit seinem individaali* 
sierenden Charakter der Massenvrirknng darch die politische 
Bede entgegen. „Die Liebe zam Demos in Deiner Seele wider- 
steht mir." Es sind zwei Bereitschaften (jtaQacxsval) in der 
Seele, eine zar Last and eine zam Besten, das sich dnreh- 
kämpfen mnfs. Wo ist ein Mensch, Freier oder Sklave, der 
schon durch Dich besser gemacht ist? Da hast kein Werk 
aus dem kleinen privaten Kreise {lÖKorevcov) aufzuweisen und 
versuchst, im grofsen Kreise der Öffentlichkeit {öfjtiocievwv) 
etwas auszurichten?!^) So setzen die wahren ^ii6ao9>oi dem 
Einzelnen das allgemeine Ziel, besser, tüchtiger zu werden, 
und dadurch ttben sie ihre Herrschaft aus, dafs sie den Einzelnen 
auf dieses Ziel hinweisen als wahre Führer der Seelen 
(y>vx(xy(x>Yol und xohzixol Bvloyoi). Dieser Psychagogie 
gegenüber ist die Demagogie die Ungerechtigkeit, das gröfste 
Übel (469 D). In ihrer Spekulation auf die Masseninstinkte 
gibt sie dem Einzelnen nicht sein Beeht, wie Sokrates selbst 
im Feldherrnprozefs erlebte. Die Bedefreiheit, das Beeht des 
Einzelnen dient auch zur Unterdrückung des Einzelnen. 



1) Vgl. Gorg. 480 B ff. 499 £. 500 A. 502 £. 452 D— 465 D. 
«) Gorg. 474 A. 513 — 515 B. 



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23 

Die 6i7icuo<fvv^, die jedem dae Seine gibt, die riehtige 
Oi^uag, iBt das Ziel, auf das der Einselne hinblieken mxib 
(oxoxoQ xQoq ov ßXixovxa öbI ^^v). Ohne Selbstbeschränkiuig 
irt \mk gemeineameB Leben, keine Selbsterweiterong in der 
Liebe m(^;lieh {axoXaOTog = dxoOßfivog = xoivmvMiv dövvaxog)^ 
wie sebon die Weisen sagen, dals ein gemeinsames Band 
(xo€vawla)y Liebe, Ordnung, Hafs nnd Reehtliebkeit Himmel 
und Erde, Götter nnd Menschen zusammenhalte. So stellt 
sieh das Gesetz der richtigen Znerteilnng {öixaioovpfj), das 
Kallikles als KonTention der Schwächeren zur Unterdrückung 
der Yon Natur Stärkeren bezeichnet, als eine Ordnung des 
ganzen Kosmos dar.^) 

Niebt der, welcher mehr zu haben sucht als die Vielen 
und Ton ihnen abhängig ist in seinem Bedürfen {xXeov£XT€lp\ 
sondern der Stärkere, der zugleich besser ist, in sich geordnet, 
Herr seiner selbst nnd seines Begehrens, der unterscheiden 
kann zwischen guten, förderlichen nnd minderwertigen, schäd- 
Uehen Freuden, ist der wirklich Stärkere nnd Herrschende. 
Ein solcher Selbstherrscher {iY^gati^), der nicht in der äufseren 
Habe sondern im innem Sein seine Kraft hat, ist zur Herr- 
schaft ttber andere berufen und berechtigt Es ist dies kein 
sehimmemdes Paradoxon (ovdhv xoixlXov\ wie das Wort vom 
Beeht des Stärkeren nnd vom Zerbrecher der alten Gesetzes- 
tafeln {dta^^f^aq . . . vofiovg rovq xagä ^vaiv catavtag) sondern 
eine lüte von den meisten Menschen bisher zugestandene 
Wahrheit, ein allgemeines Werturteil (würden wir sagen), dafs 
Unrecht tun häblieher ist als Unrecht erfahren, sich selbst 
bezwingen der gröJste Sieg. Dadurch erhebt sieh der Mensch 
ttber das Tier nnd Sklavcnart. Das ist eine alte und doch 
wieder neue Weisheit gegenttber der Scheinweisheit der 
Sophisten. Es gilt eine neue unwiderlegliche Bestimmung 
(ogog) zu finden, wer ein gerechter Herrscher zu nennen ist 
und wer ein gerechter Untertan, d. h. einer, der richtigerweise 
ttber sieh herrsehen läfst.') Die Art der Stadtgemeinde -Ver- 
fassung ist die Erzieherin der Menschen. 3) 



QiXg. 507 E — 608 A. 483 Äff. 
^ Vgl Goig.49lDf. 
») Menez. 238 C. 



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24 

So tritt P]ato im Dienste des neuen Ethos seiner Dialoge 
wie Isokrates im Dienste seiner gereinigten Rhetorik dem 
rhetorischen Betriebe seiner Zeit entgegen, der immer mehr 
zum blofsen politischen Machtfaktor in allen Augenblicks- 
fällen ausartete. Es ist indes nicht richtig, Plato im Gegen- 
satz zur Sophistik oder zu den jungen Sophisten Überhaupt 
zu sehen. Er hat seine bestimmten Sympathien und Ab- 
neigungen, trotz der grofsen Verallgemeinerung später im 
„Sophistes'^ Er steht mitten in der allgemeinen Bewegung. 
Die Frage nach der besten Verfassung bewegte damals jeder- 
mann, i) Allgemein im Umlauf waren Entwürfe von Zukunfts- 
staaten. Vom „Wolkenkukuksheim'^ und den „Ekklesiazusen^ 
versetzt uns niemand besser als Aristophanes ins yrirkliche 
Athen. Den Zukunftsbildern gegenüber, die zumeist von in- 
dividuellen Wttnschen ausgemalt sind und gemeinsam egois- 
tischen Interessen dienen, tritt bei Piato neben dem Utopischen 
stärker die Annäherung an das hervor, was wir normative 
Wissenschaft nennen. Nach dem Zusammenbruch der Demo- 
kratie nimmt auch Plato teil an der allgemeinen „Mode^ wie 
Beloch es nennt, ftlr spartanische Zucht und Sitte sowie fttr 
Alt-Athen zu schwärmen. Darin offenbart sich ein „Retournons 
ä la nature^' auch in dieser „Aufklärungszeit*', am stärksten 
in der kynischen Richtung. Bei aller Abhängigkeit von der 
ganzen Bewegung finden wir bei Plato eigentümliche An- 
eignungen und eigentümliche Oegensätze. 

Von seinem aristokratischen Empfinden aus bekämpft er 
das geschäftsmäfsige Betreiben der Philosophie, ans sittlichem 
Gefühl heraus den Mifsbrauch der Rhetorik zum Menschen- 
fang und egoistischen Zwecken überhaupt und von seinem 
philosophischen Gewissen aus die im Nominalismus wurzelnde 
AUeswisserei und das Universalkünstlertum, wie es Gorgias 
und Hippias repräsentieren, und die Auflösung aller Wert- 
begriffe und ewigen Ziele in flüchtige Impressionen, Meinungen 
und Opportunitäten. 

Vom trefflichen (ßiXnaroQ) Prodikos konnte Plato z. B. 
aber auch lernen, dafs dem Weisen mehr zukommt, als dem 



Ein anschauliches Bild gibt z. B. Euripides Hiket. 404 ff. Vgl 
auch schon Herod. III, 80 ff. 



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25 

Ungebildeten, dafs zn nnterscheideD ist zwischen woblbegrttndeter 
Freade und sinnloser Begierde (x^gä BvXoyoq and ^öovri 
aXoyoqy). Sicherlich sind auch die „Umstürzenden Reden" nnd 
^Antilogikoi^^ des Protagoras nicht sparlos an Plato yorttber- 
gegangen. Denn Protagoras legt in den einzelnen Menschen 
die Bestimmung and Entscheidang ttber die Tatsachen {pQoi; 
nnd TCQlciq xQccfn&TfDv) and damit die Macht des Umgestaltens.^) 
In dem Plan der völligen Umgestaltung der gegebenen Lage 
geht Plato ttber Sokrates hinaas. 

In den Fragmenten des Sophisten Antiphon finden wir 
manehe Sätze, die anmittelbar aaf Gedanken der Politeia hin- 
weisen. Durch ihn scheinen neae Aasdrttcke, wie öiad-tci(; 
(wohl frtther nur bei Medizinern), ötavoia nnd diaxoöfifjöig 
für das psychische Leben in Gebraach gekommen za sein, 3) 
Tielleieht anch das Wort dxoipcivfjroq .,anges6llig*\ Er schreibt 
„über die Einigkeit'' {dfiovoia) and fordert nicht nar vom Haas 
and der Polis, sondern von jedem Einzelnen Einstimmigkeit 
mit sieh selbst; denn der Mensch ist im Kampf mit sich selbst, 
mala die Aagenblicksfreaden einzäanen and sich selbst be- 
hemehen. Das Wichtigste anter Menschen ist Erziehnng. Er 
bringt das Bild vom Samen and dem Erdreich. Die Lebens- 
weise and der Charakter des Menschen mufs sich notwendiger- 
weise nach seinem Umgang entwickeln. Nichts Schlimmeres 
gibt es f&r die Menschen, als die Anarchie, daram haben sie 
von vorneherein die Kinder daran gewöhnt, ttber sich herrsehen 
za lassen and das Befohlene za tan, am das grofse Umwerfen 
(ßBxaßoXij) za verhüten. 

Die aristokratischen Tendenzen wird der persönliche Ein- 
floTs des älteren Verwandten, des Sokratesschttlers and aristo- 
kratischen Sophisten Kritias in Plato erhalten haben. In 
diesem „Laien anter den Philosophen and Philosophen anter 



DielsII. S. 562 ff. 

•) ibid. S. 624 ff. — iv ty naiSeltf chto higag ^ecoq inl r^v ifielvw 
fiBzaßX^tiav. Im Hinblick ahf die TtQayfjLara and die Polis sind dem 
Menschen nar die branchbaren „FilLtioDen** (<pawaalai) einzuimpfen. 
Theaitl66Dff. 

*) DielsII. S. 587 ff. Die engl Kommentatoren der Politeia geben 
Sia^saig mit „frame of mind" wieder, das wiederum an Diltheys „Struktur 
der Seele'* erinnert. 



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26 

den Laien", wie es hieb, yerband sieh mit masischer Bildung 
ein Herrscherwille, der rücksichtslos seine Pläne Tcrfolgte, das 
^(iosiöig (ygl. IrafiOTtjg XQaxtixri\ das der reine Philosoph sicher 
bewanderte. Kritias verkttndet, dalB ein tttchtiger Charakter 
sicherer ist, als ein Gesetz; „den könnte wohl kein Redner 
jemals ins Gegenteil amkehren'*. Gar kein Leben erschien 
ihm besser, als ein schlechtes („inferiores^')) kümmerliches Leben. 
„Mancherlei Verlangen (^goaxBii) gibt es im menschlichen Leben, 
ich möchte nnr den Glanben an einen wohlbegrttndeten Rahm 
haben/' i) Die Yolksherrschaft schien ihm anerträglich. 

Seinen and zagleich Piatos Gedanken sehr nahe steht die 
psendo-xenophontische Schrift „Athener-Verfassnng^^) All- 
gemein {Iv xaciß Ytj) ist „das Beste'' gerade entgegengesetzt der 
Volksherrschaft, heilst es hier; denn in den Besten ist Zaeht- 
losigkeit and Ungerechtigkeit in geringstem Mafse, am meisten 
aber gründlicher Eifer fttr das Tttchtige; im Volke aber am 
meisten Torheit, Bildungslosigkeit, Unordnnng and Nichts- 
würdigkeit Jetzt kann jeder beliebige Nichtsnntz {jtovfjQog) 
aaftreten and für sich and seines Gleichen „das Gnte'^ aas- 
findig machen. Das Gate ist dann eben das Wohlwollen dieses 
Nichtsnutzes, der für den Pöbel spricht; denn das nützt diesem 
mehr, als der wirkliche Vorzag and die Weisheit des Tüchtigen 
— and sein Übelwollen (xaxovoia). Unter solchen Zaständen 
{öicuTi^ftara) kann eine Polis anmöglich die beste sein. Das 
Volk will sieh nicht nnterordnen, aneh wenn die Polis gnt 
Tcrwaltet ist, sondern nar frei sein and herrschen (I, 5 — 8). 
Sie glauben gamicht, dafs der Vorzag der Tüchtigkeit ihnen 
znm „Guten" gewachsen ist, sondern meinen, zu ihrem Nach- 
teil. Einige haben anerkannt, dals es im Volke Leute gibt, 
die von Natur nicht znm Pöbel gehören. Dem Volke selbst 
ist ja die Demokratie zu yerzeihen ; denn jeder kann anf ein 
gewisses Mitverständnis {cvyyvwiAti) rechnen, der sich selbst 
gut behandelt sehen will (II, 19 f.). Was die Verhältnisse in 
Athen anbetrifft, so helfen alle kleinen Mittel und Ausnahme- 
gesetzchen nicht, um die Lage zu bessern, wenn die Deiiy>kratie 

') Diels U. S. 607 ff. 

*) Weun Emil HttUer in dem Sokrates-Werk des InseWerUgs Leipzig 
1911 U. S. 399 wie schon Aug. Boeokh für die Autoischaft des Kritias 
eintritt, so beweist das jedenfalls die nahe Verwandtschaft. 



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27 

unangetastet bleiben soll (III, 8 f.). — Diese realpolitischen 
aiistokTatiBotien Tendenzen zeigen sieh nnn bei Plato durch 
den Umgang mit Sokrates vertieft. Dieser sieht in der 
Demokratie an nnd f&r sich die Möglichkeit gegeben, dais die 
Tachtigen auch zu Beamtenstellen kommen. Denn die demo- 
kratische Verfassung war die Bedingung, dafs sieh der Einzelne 
unabhängig von Geburt und Besitz ttber den Demos erhob. 
So lange Plato noch versuchte sich mit der bestehenden Ver- 
fassnng auszugleichen, konnte er es nur im Sinne einer geistes- 
aristokratischen Auffassung. In Selon sah er das Vorbild 
eines Herrschers, der das Heil der Felis höher schätzte, als 
die habgierige Vermehrung des eigenen Besitzes, i) In Perikles 
sehien — abgesehen von seinem Hifsbrauch der Rhetorik — , 
eine Herrschaft des Tüchtigsten bei demokratischer Verfassung 
verwirklieht Plato lehnt es ab, dafs Geburt und Abstammung 
(ßelrlanf xäl ix ßeXuovmv) an sich schon eine Arete, einen 
Vorsng begründen. „Für einen Mann, der etwas zu sein 
glaubt, gibt es nichts Schmählicheres, als sich nicht durch 
sich selbst für geehrt zu halten, sondern durch den Ruhm der 
Vorfahren." Ein Anderes ist edel und vortrefflich {yerpalov 
nnd ayaO-ov), als der blofse Selbsterhaltungstrieb, nnd der 
1 neb, sein Besitztum zu erhalten und zu vermehren. Reichtum 
ohne männliche Kraftbetätigung bringt keine Schönheit, ist 
keine Selbstbereieherung. Der tüchtige Mann soll sich mit 
der Verfassung ausgleichen, in der er lebt, läfst Plato den 
Sokrates sagen, nicht als Nachahmer, sondern urwüchsig, selb- 
ständig, gleichgestellt und gemeinsam mit den Bürgern (at^ro- 
fivSq ofioiog), wenn er in Liebe zum Volk der Athener etwas 
Edles wirken will. Trefflich sind die Athener durch die alt 
angestammte Aristokratie, sagt die Aspasia im Menezenos, man 
nennt sie zwar Demokratie, sie ist aber in Wahrheit eine 
Aristokratie mit Zustimmung der Menge. Wenn auch das 
Volk souverän ist {kyxQothg r^q xdXscDg)^ so gibt es doch die 
Amtsgewalt denen, die ihm als die Besten erscheinen. Die 
natürliche gleiche Abstammung {laoyovla xarä g)vcip) zwingt 
uns, die Gleichheit vor dem Gesetz zu suchen {laovofilav xava 
pofiop) nnd unter einander nur dem zu weichen, den der 



<) Y^ Aristot. k^. noK. 6. 

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28 

allgemeine Ruf der Tüchtigkeit and Einsicht anszeichnet^ 
So mochten sich wohl yornehmer denkende Naturen mit der 
Demokratie abfinden. Denn nach idealer Anffassang schien 
sie die Möglichkeit einer tatsächlichen Aristokratie in sieh za 
bergen. Sokrates und Plato lieben ihre Stadt Athen als aller 
Bürger gemeinsame Matter and Erzieherin. Sokrates zeigt dem 
Kriton, dafs der Einzelne schon darch seinen blolsen Auf- 
enthalt in einem Lande der Freizügigkeit seine tatsächliche 
Unterordnung unter die Allgemeinheit (xoivov rtjq xoXemq) 
bekundet Du willst als Einzelner (ro cor ftigog) die gesamte 
Polis vernichten? fragen die Oesetze. Was sollte daraus 
werden, wenn sie von jedem Beliebigen mit seinen Privat- 
interessen für nngiltig erklärt werden könnten (vjro löiorcip 
axvQoi)? Und doch will Sokrates, wie sein. Sterben beweist, 
lieber dem Gott sich unterordnen, der alles weifs (und nicht, 
wie die Vielen meinen, das eine weifs, das andere nicht), und 
seinem Daimonion folgen; er will lieber, dafs die Mehrzahl 
der Menschen nicht mit ihm übereinstimmt, als dafs er als 
einzelner mit sich selbst nicht in Einklang ist (aöv(iq>a)vov.)^) 

So denkt auch Plato. Vertieft war ferner Wohl diese ge- 
läuterte aristokratische Auffassung des Lebens noch durch 
seine Beschäftigung mit Heraklit Ihm gilt einer mehr als 
Tausende, wenn er nur der Tüchtigste ist Er verachtet die 
Vielen, die keine Einsicht haben; wie die Esel wollen sie 
lieber Heu als Oold. Sie kennen nicht den allen gemeinsamen 
Logos und leben, als ob sie ihre eigene Einsicht hätten. Eine 
Weisheit gibt es nur, die alles durchwaltet, sowohl die aas 
Gegensätzen gemischte Harmonie des Kosmos, als auch die 
menschlichen Gesetze. Vielwisserei ist nicht Denken (vovg). 
Denken aber der gröfste Vorzug (lAsylöxfi dgez^). Die zur 
Einsicht Erweckten haben eine gemeinsame Welt') 

In der Gemeinde der Pythagoreer fand Plato nun eine 
xoivmvia, eine aristokratische Gemeinschaft von Denkenden, 
die ihr Leben nach ihrem Denken zu gestalten suchten, tat- 
sächlich organisiert Hier herrschte der Grundsatz „den 

>) Vgl. Gorg. 512 D. — 513 C. Menex. 238 G— 239 A. 246 £—247 B. 
(Vgl Thukyd. II, 65). 

*) Eriton 50 A ff. Gorg. 4S2 C. 
>) Dielfl 1,59 ff. 



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29 

Yieunden ist alles gemeingam". Dadurch, dafs die Eigeotning- 
OTduung in diesem Kreise aufgehoben war, sah er das Grand- 
Ubel des gemeinsamen btirgerliehen Lebens, das Mehr-haben- 
woUen {jiXhovexTtlv)^ das gerade bei den Herrschenden den 
Gemeinsinn und die wirkliche Sorge für das allgemeine Beste 
zerstört, in der Wurzel beseitigt. Hier sah er Philosophen, die 
die strenge spartanische Zucht mit reiner Gedankenarbeit 
vereinigten, die sich und die Ordnung des gemeinsamen Lebens 
einer -höheren Ordnung der Dinge unterwarfen und eine nach- 
haltigere Reinigung von Begierden und Erdenschwere als die 
elensinischen Mysterien yerbttrgten. 

Bei den Pythagoreem fand Plato auch dfe zwei Momente 
einer aristokratischen Auffassung des Lebens i): die Erhebung 
ttber die Menge der Vielen, die jeder Lust des Augenblicks 
folgen, nnd die Unterordnung unter ein Bleibendes, Allgemeines. 
Gegenüber den wechselnden Nomoi und Verfassungen der 
Athener fand er in den allgemein anwendbaren Zahlbegriffen 
ebenso wie im Sein der Eleaten ein bleibendes Allgemeines, 
anf das die zum Schauen des wahren Seins Erweckten hin- 
bliekten, um danach das ganze menschliche Leben zu gestalten. 
Der ist in Wahrheit ein Philosophos, der aus der Gebnnden- 
beit der Welt des Scbeins, der Welt der Meinungen befreit ist 
nnd im Gedenken der ewigen Wirklichkeit des Seins sich und 
andere beherrscht Ob die Herrschaft durch einen Freund- 
Behaftsbund von Philosophen oder durch einen einzelnen 
Tüchtigsten ausgeübt wird, bleibt im Grunde gleich. So ver- 
schlingt sich nach den Erlebnissen in Syrakus, durch die die 
Möglichkeit eines Philosophen-Königs zeitweise näher gerückt 
war, der monarchische Gedanke mit dem Gedanken a& einen 
ganzen Herrscherstand. Denn es ist ja immer möglich, dafs 
innerhalb der ägiotoi ein Einzelner wieder alle an Einsicht 
und Tatkraft überragt 

') Vgl Bp. 600 B (Py thagoras von Plato besonders wegen der ttber- 
Merteo oSog ßlov geliebt). 



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IV. 



Das Verhältnis von Indiyidaum and 
Allgemeinheit in Piatos Denken überhaupt 



Wie verhält sich das Einzelne za den Ideen? Diese 
Frage ist vielfach erörtert. Plato gibt nns im Eratylos einen 
Wink, wie er von der Sprache ans, die seit der Sophistik all- 
gemein als Erkenntnisqnelle benntzt wurde, den Ideen näher 
gekommen ist^) In Wahrheit würde ja einer nicht verständiger, 
also anch zam Herrschen mehr berufen sein, als der andere, 
wenn das, was jedem Einzelnen (so) erscheint, wahr sein 
würde. „Nun aber gilt weder fttr alle alles (einzelne) in 
gleicher Weise zugleich und immer, noch für jeden besonders 
und privatim {Idlg:) jedes Besondere; daraus folgt offenbar, 
dafs irgend ein festes (ßißaiov) Selbst -Wesen -haben des 
Selbigen in bezug auf die einzelnen Dinge ist." Aus einer ge- 
wissen Allgemeinsamkeit des Wahmehmens, Sprechens und 
Urteilens innerhalb aller individuellen Verschiedenheiten schliefst 
also P^ato auf bleibende Wesenheiten. 

Das erste Bewufstwerden der Macht des allgemeinbegriff- 
lichen Urteilens, die allgemeine Anwendbarkeit eines gemein- 
samen Ausdrucks fttr viele Einzeldinge in vielen Einzelrelationen 
liefs aus den logischen Funktionen auf unsichtbare Mächte 
schlief sen, liefs die einzelnen Begriffe als Eigenwesen, typisch 
wie die Göttergestalten, erscheinen, doch gereinigt von den 
Mängeln, mit denen die Vielen behaftet sind, mit denen sie 
sich ihre Götter behaftet vorstellen. Die Einzelwesen und 



KratyL386Dff. Die Sprache nennt er ein diSaoxaXixhv igyavov 
xal öiaxQixixbv x^q ovalag. 



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81 

EiQxelbezieliiingen sehliefsen sich gleiehsam zu einer Kalt- 

geimeinflcldaft und zu Eulthandlangen mit ihrem Ootte za- 

aammen. Ihm folgen sie, er ist ihnen gegenwärtig, and Ton 

\hm bekommen sie etwas mit {xoivoovbIv, xaQhlvai, /isri- 

So verschlingen sich in der „ Lehre '^ von den Ideen Logos 
und Mythos, «'^ii^cs'^ luid bildhaftes Denken. (Der Mythos 
ist nicht nnr rhetorisches Mittel zar Belehrung der Schwachen 
im Geist and nicht immer bewafstermafsen Aasdrack des nnr 
Wahrscheinlichen, daza nimmt Plato den Mythos viel za ernst, 
so wie Jesns seine Parabeln.)^) Was wir „Begriff'^ nennen, 
würde bei Plato etwa der oQog und seine Funktion der 
oQiCfiiq sein, „Grenze" und „Begrenzung", und nur der Weg 
znr „Idee", der mit dem der religiösen Erhebung sich ver- 
bindet. ') Das ddoq und das An-sich (eigentlich „Nach-Seins- 
MaCsgabe'') ist aber auf dem Wege zu unserm „Allgemein- 
bcgriflf" und „Inbegriff*' und die avafiptjaig auf dem Wege 
zum a priori. 4) 

Welches sind nun die Einzeldinge oder Einzelwesen, die 
sieh unter einem sldog vereinigen? Es läfst sich vermuten, 
dafs Plato nur von allem typisch Individuellen und typisch 
individuellen Beziehungen Ideen annimmt Zur Erläuterung 
könnten etwa die Skulpturen des Parthenontempels im Ver- 
gleich mit den reiner individualisierenden plastischen Werken 
Kodins dienen. 

Bei der Begriffsstimmung von „Individuum", dem „Unteil- 
baren", mtllste sich wohl ein Mittelweg finden lassen zwischen 
Yirehow und Sigwart, die Individuum auf den lebenden 
Organismus beschränkt wissen wollen, und Riekert, der diesen 
Begriff bis auf ein eigentümlich gestaltetes Stttck Kohle z. B. 
ausdehnen will. Dem eigentttmlichen Ausdruck genauer ent- 
sprechend mOfste „Individuum" auf den Gegenstand (ogyavov). 



*) Ober xoivwvilv und fiexix^iv mit Beziehung auf die Gottheit vgl. 
Phiddr. 246 DE. 253 A. 

*) y. Brochard sagt: ,Je suis port6 ä croire que certains mythes 
ezpriment ]a pensöe la plus intime de Piaton." fitudes, Paris 1912 S. 48. 

') Aristot. Metaph. 1, 6 bat durch Gieichsetzung von oQiOfjioq und 
iÜog P]Mi<m Unterscheidung vielfach fibersehen lassen. 

*) Vgl A. Biehl, Plato 1905 S. 19. 



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32 

der von organischen Wesen hergestellt ist, erweitert bzw. be- 
schränkt werden, insoweit diesen Gegenständen das Merkmal 
der Unteilbarkeit zukommt i) Solche Gegenstände sind un- 
teilbar, sofern sie infolge von Teilung ihren Zweek nicht mehr 
erfüllen können, ihr individuelles jtQog xi durch Teilung zerstört 
ist. Auch in den Werken der Fertigkeiten und Kunst gibt es 
Individuen von der primitivsten Art bis zu den Individualitäten 
schönster Vollendung. — 

Der Gedanke an irgend eine zweckvolle Beziehung scheint 
Plato geleitet zu haben, als er davor zurückschreckte, Dinge 
wie Haaren, Schmutz und dergl. oder vagen Gerüchen und dem 
blofsen Stoffe, der sich noch „unter unseren Händen gestaltet^', 
eine Idee (lUoq) zuzuerteilen. Vom Tisch und Liegepolster 
gibt es aber eine Idee; Feuer und Wasser sind für den Griechen 
ganz lebendige, typisch individuelle Mächte, er sieht sie in 
lebensvollen Beziehungen, wie den Menschen als einen ooiov 
und ölxaiov. Die Ahnung des Begriffs der Gleichheit und 
Schönheit läfst diese Ideen Mächte werden, durch die Steine 
und Hölzer sowie die mathematischen Symbole zweckent- 
sprechend angeglichen werden, das einzelne Schöne zum Vor- 
bild des Schönen hingeführt wird. Die Ungleichheit aber 
bringt das einzelne Ungleiche in vorbildlich richtiger Weise 
auseinander. 

Wie alle „Individuen^^ die gestaltet sind oder sich selbst 
und die Dinge gestalten, sieht Plato auch die Menschen immer 
in typisch individuellen Beziehungen und in Beziehung zum Ur- 
bild, nach dem sie gestaltet sind und zum Vorbild, nach dem 
sie hingestaltet werden sollen. In der Gemeinschaft der 
Ideen wie in der der Götter besteht nun eine „Hierarchie'^ bis 
hinauf zur Idee des „ Guten '\ dem auch die Schönheit und 
Zweckmäfsigkeit einer Vase {dQsr^ öxevovg) untergeordnet ist, 
bis hinauf zum Gott, dem Eingestaltigen. So besteht auch 
unter den Menschen eine Gemeinschaft von untergeordneten 

>) Nicht VerBtUmmelung, vgl. die Definition des Aristot. Metaph. 
1024 a; auch nicht Teilung im Sinne von Fortpflanzung. — VgLYtrchow, 
Atome und Individuen (Vier Reden über Leben und Kranksein, Berlin 
1862). Sigwart, Logik IL 267 und 680, bei der Erörterung des teleolog. 
Gesichtspunktes angedeutet, „beim Organismus (oder auch bei einer Uhr)'*. ~ 
Rickert, Grenzen 238 ff. 258. 3U6. 318 f. 



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33 

und übergeordneten Wesen und Vorgängen. Nach dem Vorbilde 
des groben Werkmeisters {ötjfiiovQyog) soll eine Polis nach 
Högliehkeit gestaltet, von ungeordnetem Werden zu geordnetem 
Sein geführt werden. 

„Gut sind wir wie alles andre dadurch^ dafs eine Tüchtig- 
keit, ein Vorzug in uns entstanden ist (agst^g xagaYSPoiiiin/gy^ 
Diese Vortreffliehkeit besteht in einer richtigen Ordnung. Wenn 
nun eine Ordnung {xoöiiog rig) in einem jeden Besonderen 
wohnt, die eigne eines jeden Besonderen, dann repräsentiert 
sie ein besonderes Gutes des allgemeinen Seins (dyad-ov 
xoQix^i txacxov xAv optcov). Eine geordnete Seele macht den 
eigentümlichen Vorzug und das eigentümliche Gute des Menschen 
aus. Eine solche ywxfj xoafila ist auch nnr fähig, sich zu ge- 
sellen (xoipovbZp), denn sie übt die gesundsinnige Selbst- 
beschränkung und würde wohl das tun, was Göttern und 
Menschen zukommt {ooia und ölxaia). Das richtige, tüchtige 
Tun ist aber zugleich das Glücklichsein, i) 

Die Seele ist das vermittelnde Wesen im Menschen, das 
die Gemeinschaft mit der Ideen-Allgemeinheit herstellt. Sie 
vermag es durch ihren einsichtigen Teil (das potjttxop). Durch 
das Einsichtige ist sie dem d-sZop, dem Schönen, Weisen, Guten 
verwandt; und in der Unterordnung der dem sterblichen Leibe 
verwandten Seelenteile, des „Emotionalen^^ (könnten wir sagen), 
besteht die richtige Ordnung der Seele. Sie ist das principium 
individuationis (ro stagexo/ispop riitcop %xacxop rovx' slpai 
Leg. 959 A) und zur Herrschaft über das leibliche Leben be- 
stimmt Dies hindert die Seele in ihrem Fluge nach oben 
hin, wo das Göttergeschlecht wohnt und hindert sie „rein zu 
erkennend Nur wenn die Seele bei sich selbst ist, kann sie 
die geschaute vorbildliche Ordnung der Dinge in reiner Ge- 
dankenbewegung wiedererzeugen. 2) 

Dazu bedarf es einer völligen Änderung (alXayfj) einer 
Befreiung von den wilden Trieben, von planlosem Irren, Ge- 
dankenlosigkeit und Furcht, es bedarf einer völligen Reinigung 



Gorg. 506D— 507E. Vgl das Homerische el xata xoofiop and 
Menon 96 C OQ^wq xe xal 6v; das griechische ei ngatrsiv, 

») flXiXQivsl Tg öiavola XQfofievog, Phidd. 66 A. Vgl. Soph. 259 E. 
Dnrch die <TVfinXoxij der Ideen entsteht fUr ans der Xoyog, 

PUlofophJteh« Abhandlung«!. XL. 3 



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84 

von niederen Lügten. Dadurch unterscheidet sich der, welcher 
nach dem Weisen strebt und seinem Gotte folgt, von den 
Andern, die noch im Trug der Sinne stehen und von der 
jtapöfjfiog Aphrodite beherrscht werden. Über ihr erhebt sich 
der Eros zum Schönen und Outen. Der Eros ist auch ein 
Mittelwesen zwischen Menschlichem und Göttlichem. Er führt 
die Menschen zusammen (avpaytüYsig)^ macht aus zweien eins, 
er verbindet alle Menschen in dem Streben nach einem irgend- 
wie Guten, nach einem Unsterblichen. Über denen, die nur 
auf Fortpflanzung und berühmten Namen bedacht sind, er- 
heben sich die, deren Seele von Eros empfangen hat, um 
irgend eine wirkliche Tüchtigkeit (agerij) zu gebären. Die 
gröfste und schönste Tüchtigkeit ist die, welche auf durch- 
greifende Ordnungen von Stadtgemeinden gerichtet ist, ihr 
Name ist weise Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit, i) 

Nun zeigt aber die Wirklichkeit, dafs nur wenige vom 
Gott wirklich ergriffen sind, in sich eine Neuordnung her- 
gestellt haben {iyxQaretg xal xoöfiioi) und daher zum Ordnen 
der Städte berufen sind. Sie stehen einsam unter denen, die 
das Leibliche, Geld und Ehre lieben und mit diesem Streben 
das wirkliche Menschenleben beherrschen. Der Philosoph ist 
verachtet im Kreise der Realpolitiker. Seine göttliche Be- 
geisterung ist der Menge verborgen. Er ist ein Weltfremder. 
Er spricht eine den Menschen unverständliche Sprache, heilBt 
es im Gorgias, und ist überhaupt ganz unerfahren in allem, 
was unter den Menschen Brauch ist. Er versteht nicht wie 
der politische Rhetor im Demos zu sprechen und dies grofse 
und starke Vieh seinen Wünschen gemäfs zu behandeln. 80 
wird er notwendig von den Vielen getadelt. >) Dem vollkommen 
Ungerechten, der nur den Schein der Rechtlichkeit zu wahren 
versteht, steht die Welt offen, er wird allgemein geachtet und 
gelangt zur Herrschaft, der vollkommen Gerechte aber, der 
dazu noch den Schein der Ungerechtigkeit bei der Menge er- 
weckt, aber unwandelbar bleibt bis in den Tod, wird gequält, 
gemartert und schliefslich gekreuzigt (Rp. 361f.). 



^) tj tcsqI tag xoiv tioXbcdv ze xal olxijaEQ>v Siaxocfii^aeig^ Symp. 209 A. 
Zum Vorhergehenden Symp. Phaid. Ph&idr. im Zusammenhang. 
>) Gorg. 484 C ff. 500 G. Rp. 498. 



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85 

So reift in Plato die grofse Verlegenheit, die axogta, die 
Sokrates in seinen Schillern zu weeken snchte: „Wo siehst 
Du da noch ein Anfreehterhalten für philosophische Art, sodafs 
sie in ihrem Bestreben bleibt nnd zam Ziel kommt ?^'i) Um 
ein für den Philosophen überhaupt erträgliches Verhältnis zum 
wirkliehen Leben zu gewinnen, nm Menschen za den Ideen 
und za der Befreiung ans dem Höblendasein za führen, gründet 
er die Stätte gemeinsamer Arbeit im Hain des Akademos. Um 
die wahre Ordnung der Dinge, die er geschaat' hat, ins 
wirkliche Leben zu übertragen, nnternimmt er die Reisen nach 
Syrakos, und nm die yielen Fragen ans der Welt der nn- 
glänhigen Tatsachenmenschen zu beantworten, entwirft er den 
Plan einer Nenordnung, in der die Einsicht der Wenigen 
herrschen soll an Stelle des allgemeinen Unverstands. 



») Rp. 494 A- 497 B. 



3* 



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Das Verhältnis Yon IndiYidnum und 
Allgemeinheit in der „Politeia" im Zusammen- 
hang mit den übrigen Schriften. 



1« Das IndiTidanm und die aUgemeine Naturbasis« 

Dafs das Viele eins nnd das Eine vieles ist, das ist 
wunderbar, sagt Plato im Philebos; dafs Eins und Vieles 
dasselbe ist, das ist ein unsterblicher und nicht alternder Zu- 
stand des Denkens in uns. Schon die Alten, die tttchtiger 
waren als wir und näher den Göttern wohnten, haben über- 
liefert, dais Begrenztes und Grenzenloses in sich zusammen- 
gewachsen sind; und in jedem Besondern ist wieder eine 
unbegrenzte Vielheit (14jBr.). So ist der Mensch ein durch 
Geburt und Tod umgrenztes Selbiges und doch ein veränder- 
liches Vielfaches; Jüngling, Mann, Greis, traurig, fröhlich, 
zornig; grenzenlos in seinen Trieben, besonders dem stärksten 
Triebe, sich fortzupflanzen, und wieder begrenzt in der Fähig- 
keit sich selbst zu beherrschen (vgl. Symp. 207 E). 

Durch gesundes Denken {o<og>Qoavvf]) beherrscht und ge- 
staltet er das Grenzenlose, das ist das Ungestaltete, Un- 
geordnete, so wie der Gott einst aus der Unordnung, deren 
Ursache das Körperhafte {ömfiovosidig) in der Mischung der 
Welt war, den Kosmos gestaltete. Wir und die übrigen 
Lebewesen, und das, woraus sie entstanden sind, Feuer und 
Wasser und das diesen Verschwisterte {d6sXg>a), Alles, wissen 
wir, sind Ausgeburten des Gottes, jedes in seiner Art ge- 



») Polit.273B. Tim. 30 A. 



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37 

M\i2fieTi. Im Hinblick auf den Gott sind die Menschen wie 
üanonetteu {ß-avfiara).^) 

^Sedea Werden wird um irgend eines Seins willen und 
das ganze Werden nm des ganzen Seins willen" (Phil. 54 C). 
Plato nuterseheidet in der Natur dreierlei: das Werdende, die 
qnycig eines Jeden; das, worin etwas wird, den allgemeinen 
Nährboden f&r jedes lebende Individuum (auch avayxi]^ Ein- 
engung, Einschränkung durch die besonderen Lebensverhält- 
nisse); und das Urbild, nach dem es geschaffen ist, und dem 
es wieder ähnlich zu werden strebt {od'ev aq>ofioiovfiBvov 
gfvetai Tim. 50 G, vgl. Rp. 491 f). Nach irgend einem Bleibenden 
strebt alles Werdende im Wandel des t66s und rotJro (der 
^Haeeeeitas"). Alle Lebewesen verbindet ein Empfinden, ein 
Streben, ein Verlangen. Es wäre nicht leicht, dem andern 
Menschen den eignen Zustand (ro savtov ytad-jj/ia) aufzuzeigen, 
wenn bei den Menschen, trotzdem die einen dies, die andern 
jenes erfahren, nicht dasselbe „Pathos^^ (wir würden sagen, nicht 
eine gewisse gleichartige, allgemeine psychophysische Dis- 
position vorhanden wäre), sondern jeder von uns den andern 
gegenüber über eine ganz private Empfindungs- und Erfahrungs- 
basifl verfügte (Gorg. 481 Cff.). Aufser dem Verlangen nach 
Speise und Trank verbindet alle Lebewesen als mächtigster 
Trieb das Liebesverlangen (Leg. 782 E). In diesem Trieb nach 
Erhaltung der Art, des yivoq liegt ein Verlangen nach Un- 
sterblichkeit, nach bleibendem Sein. 

In jedem Verlangen liegt ein Mangel, ein Bedürfen {ivöeia). 
Der Mensch ist von Natur nicht sich selbst genug (a^raQxrjg). 
Das Eine verlangt zwei zu werden. Es heifst nun: ursprüng- 
lich weideten die Götter die Menschen wie Hirten ihre Herden. 
Sie lielsen die einen hier, die andern dort sich ansiedeln. 
Die Menschen lebten anfangs sporadisch {öxoQadtjv)^ sagte 
man auch, und zum Schutze gegen die wilden Tiere traten 
die Hausgemeinden zu gröfseren Vereinigungen zusammen. So 
vereinigten sich allmählich viele zu gegenseitiger Hilfe und 
Unterstützung in einer gemeinsamen Ansiedlung und nannten 



1) Vgl. Soph. 266 B.; Leg. 644 DE. 803 C. Mythische Ahnung eines 
natnrvrissenscbAftlichen Mechanismos, hier zugleich Ausdrock der Re- 
sigiiation gegenüber der rücksichtslosen Mechanik des tatsächlichen Lebens. 



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38 

das Umhegte „Polis^'. Es zeigte sich, dafs der Menseh Vieler 
bedarf; der eine nimmt dieses, der andere jenes von diesem 
oder jenem zu dem einen oder dem andern Zweck. Unsre 
eigne Notdurft hat die Stadt entstehen lassen, sie schuf die 
Gemeinsamkeit der Agora, nnd in der Mttnze erfand man ein 
allgemeines „Symbol" des Austansches (aXXayi^ und ^v/ißoXaiov). 
Das wechselseitige Mitteilen erschien den einzelnen besonders 
Haasenden besser, als wenn jeder alles, was zu seinen Be- 
dürfnissen gehört, allein betriebe nnd herstellte. Die Arbeits- 
teilung stellte sich im Zusammenleben der Menschen als das 
ZweckmäXsigste heraus. Denn „nicht ist jeder dem andern 
von Natur gleich, sondern verschieden seiner Natur nach, der 
eine zu dieser, der andre zu jener Tätigkeit geeignet", i) 
Jedem ist gleichsam von Natur zugewiesen, was er zu tun hat 
und was ihm zukommt. 

Die „Dike" ist es, die einem jeden das Seine bestimmt, sie 
ist das gemeinsehaftsbildende Prinzip, das schon bei zweien 
und bei jeder Art von Gemeinschaft, selbst bei der Räuber- 
bande oder sonst einer Horde herrscht Das Gerechte, das 
dlxaiop, ist das Notwendigste (dvayxaioTazov) ftlr das Be- 
stehen irgend eines Gemeinwesens. Denn die Rechtlichkeit 
(dixaioövprj) stiftet die für jedes gemeinsame Handeln not- 
wendige Einigkeit (öfiovoia). Während die ädixta, das Über- 
greifen in die Obliegenheiten des Andern Aufstand im Innern 
stiftet und gemeinsam zu handeln yerhindert. 

Je gröfser nun die Stadt wird, und je mannigfachere 
Berufe entstehen, umsomehr werden Leute da sein müssen, 
deren Beruf ist darüber zu wachen, dafs jeder das Seine tut 
und das Seine erhält Es heifst : Hephaistos und Athene hatten 
einst bei der Teilung der Erde den Landbezirk von Athen 
erhalten, der schon von Natur durch den günstigen Wechsel 
der Jahreszeiten geeignet war, tüchtige und weise Menschen 
hervorzubringen. Den ureingeborenen Männern hatten sie den 
Sinn für ein geordnetes gemeinsames Leben eingepflanzt Als 
die Götter den Menschen ferner rückten, erhielten diese die 
Tüchtigsten unter den Bürgern zu „Wächtern^ Unter diesen 
lebten sie einst in Liebe und Freundschaft bis „Mangel am 



Rp. 370 B. Zum Vorhergehenden vgl. Bp. 969 B ff. 

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39 

Notwendigsten'' eintrat Dies war der Fall, als sie nicht mehr 

tibeii genügenden Raum verfttgten, die Nahrung umstritten 

weiden muGato, Reichtum und Armut, Neid, Übergriffe und 

Uuieeiit bervorgerufen wurde. So ist das, was die meisten 

Men&eVien Frieden nennen, nur ein Name, in Wirklichkeit 

heTTsebt Streit, nicht nur der Städte untereinander, sondern 

aucih zwisclien den einzelnen Dörfern, Häusern, Männern und 

im Manne selbst So wählte man durch Weisheit ausgezeichnete 

Männer zu Führern, die den Streit sehlichten, das Sichtige 

und das Geltende {ölxaia und voiii/io) festsetzen sollten, i) 

Die Sophisten und unzählige andere sagen nun: natur- 
gemäfs erhebt sich der Stärkere über die Schwächeren und 
macht sie sich zu Sklaven. Was ihm zuträglich ist, seine un- 
begrenzte Eraftentfaltung, ist auch für ihn das Richtige 
(öixcuop). Um sich gegen das Mehr-haben-woUen des Stärkeren 
zn schlitzen, haben sich die Unvermögenden zusammengetan 
nnd, da der Nachteil des Unrechtleidens bei weitem gröfser 
erschien als der Vorteil des Unrechttuns, aus Ntttzlichkeits- 
gründen verabredet, nicht mehr einander zu schädigen. So 
schlössen sie Verträge und nannten das darin Oebotene: „ Ge- 
setzlieh "^ (allgemein geltend) und „ gerecht '^ Das sei die Ent- 
stehung und das Wesen der Gerechtigkeit So habe man einen 
Mittelweg gefunden zwischen dem höchsten Gut, ungestraft 
nach freiem Belieben handeln zu können und dem höchsten 
ITbel, der Unfähigkeit, sich fttr erlittenes Unrecht rächen zu 
können. Falls man einmal aus dieser allgemeinen Überein- 
kunft, dem i'o^o^ heraustreten könnte {k^ovola hätte), dann 
wttrde das Mehr- haben -wollen Beweggrund für jede Natur 
(jiäöa q>vöiq) sein, der Macht als einem Gut nachzujagen. 
Denn nur durch das Gesetz wird der Stärkere mit Gewalt 
g^egen seine Natur zur Achtung des Gleichen hingeftlhrt (^tag- 
ajerai, Rp. 358ff.). Jetzt ist am vorteilhaftesten, die Recht- 
liehkeit nur als Vorhalle und Verhalten nach aufsen hin zu 
wahren und drinnen den Fuchs zu bergen.^) Denn die Recht- 



>) Vgl Kritias 109 ff. Tim. 24 C. Log. 678 £. Bp.d72B. 873 D. Leg. 
678 Eff. 626. 

*) Bas ist die Advokaten- und Yolksrednerweislieit {ao^Ux ötj- 



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40 

liehkeit ist kein 6at, das dem eiguen, dem Privat-Yorteil 
dient, sondern einem fremden (dXXoxQiov dyad-ov). Die Ge- 
rechtigkeit ist ja eine ganz edle Gutmütigkeit {svTJd-eui)] aber 
hervorragende Leate (ayad^ol und öhpoI) sind nur die, welche 
in vollkommener Weise imstande sind, unrecht zu tun, nämlich 
Städte und Völker sieh Untertan zu machen. Da tritt das 
natürliche Recht des Stärkeren in ein helles Licht 

Mit dem Naturrecht dieser sophistischen Richtung stimmt 
nun Plato darin ttberein, dafs er den Nomos der demokratischen 
Gleichheit nicht in der Natur begründet sieht. „Pflegt nicht 
das Volk immer irgend einen als Führer auszusondern nnd 
sich überzuordnen {dta^BQovTcog ngolcxacd-ai) und diesen zu 
nähren und grofs werden zu lassen?" (Rp. 565G). Irgend 
eine Herrschaft einzelner überlegner Menschen über viele von 
Natur untergeordnete Individuen und Sklaven {tfrooti öovXoi) 
ist ihm eine allgemeine Erfahrungstatsache.^) Denn viele sind 
nur mittelmäfsig {g>avXog)^ wenige wirklich tüchtig {kmaixijg). 
Die demokratische „Freiheit" und „Gleichheit" von Natur 
führt zu einer den Tieren zwar natürlichen Anarchie {^Qltov 
k/Kpvofiivfjv Rp. 562 D ff.). Diese existiert in Wirklichkeit unter 
den sich gesellenden Menschen nicht, höchstens unter Kannibalen 
wie den Eyklopen.^) Das Herrschen und Sich- beherrschen- 
lassen ist ebenfalls Dike, d. h. einem jeden zuerteili Der 
Vertragstheorie gegenüber will Plato auf das Ursprüngliche 
des Rechtlichkeitssinnes, der dixaioavvri zurückgreifen. Er 
will die Gerechtigkeit im Wesen der Dinge und im Wesen der 
menschlichen Gemeinschaft begründet und allgemein anerkannt 
wissen. Das Stärkersein unter Menschen (vom bloJBen Athleten- 
tum abgesehen), findet er bei denen, welchen im Schofse der 
gemeinsamen Mutter Erde, in dem alle gebildet wurden, wie der 

*) Leg. 690 Bf. tb 6h fiiyiatov d^lcDfia . . . ^nea&ai fxhv thv dv- 
tmarrifxova xeXsvov, zov 6h ipQovovvxa rjyeiod^al xs xal aQXtiv. Doch den 
starken Gegensatz gegen die schroffe Gegenüberstellung von gjvaei und 
v6fji(p drückt der Satz aus: xai zoi rovtoys . . ovx äv noQcc ipvaiv ^ywys 
ipal^v ylyveod^ai xard y>vatv 6h tfjv xov vofxov kxovrcDv dgxh^ a*AJl' ov 
ßlaiov ne<pvxvlav. Beim vofAoq wirken der Gott, xvxn {Sv/ji^o^d) und 
menschliche xixvv zusammen, vgl. Leg. 709 A f. 

') Leg. 680 B. Dies Beispiel der Absonderlichkeit ungeselligen Lebens 
aus Homer, das auch Aristoteles in seiner Politik anführt, war sicherlich 
Gemeingut. 



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41 

Mythos sagt, Gold von dem Gott beigemischt worden ist Aas 
dem Wesen des Herrschers will er das Recht zu herrschen 
erweisen. Das Wesen des Herrschers besteht aber nicht im 
Mehr-haben-woUen, dann würde sich die Herrschematur nicht 
von der Eaafmannsnatnr unterscheiden. Herrschen ist viel- 
mehr eine Kunst, so gut wie die Berufskunst des Arztes, 
Steuermanns oder Hirten. Jede Kunst hat in ihrem Können 
eine eigne Macbtentfaltung, begründet eine Überlegenheit 
(doet^ des Einzelnen ttber die Allgemeinheit derer, die des 
Könnens dieses Einzelnen bedürfen. Wer bei seiner eignen 
Kunst nnr das Geldmachen im Auge hat, zum Hauptzweck 
macht, was ein allen Künsten gemeinsamer Nebenerfolg ist, 
der ist eben seiner Natur nach nicht ein Arzt, Steuermann 
und dergl , sondern ein Geschäftsmann. Ein guter Hirte denkt 
nicht an den guten Braten, sondern ist darauf bedacht, wie er 
das einzelne Tier und die ganze Herde in möglichst gutem 
Znstand erhält. So ist es auch mit dem Wesen des Herrschers, 
sofern er richtig beschaffen ist Durch sein gesundes Denken 
beherrscht er den begehrlichen Teil in sich selbst uud be- 
herrscht die vielen Begehrlichen, während der Tyrann von der 
Furcht vor der grofsen Menge der Begehrlichen beherrscht 
wird und ziellos ist in seinem grenzenlosen Begehren. Der 
Herrseher hat irgend ein Gutes fttr Alle zum Ziel. Alle 
Mensehen begehren ein Gutes und wollen sich beim Guten 
nicht wie wohl beim Schönen und Gerechten mit dem Schein 
begnügen. Der Rechtlichkeitssinn, der jeden in der Polis in 
die ihm von Natur eigne Sphäre weist und damit das Wohl- 
befinden des Ganzen verbürgt, ist eine Form des Guten (eldoq 
ä/aß-ov); ein Gutes von der mühsamen Art {iitlnovov) scheint 
den Vielen der Rechtlichkeitssinn zu sein, er ist aber ein 
ursprüngliches Gut, so gut wie das Sehen, Hören, Denken und 
Gesund-sein durch ihr ursprüngliches Wesen und nicht erst 
durch die Meinung und Übereinkunft der Menge Güter sind 
{ajad-a yovina, Rp. 367 G). 

So sucht Plato den rofiog^ das Allgemein-geltende mit den 
ursprünglichen Wesen der Dinge, der qmci^ zu verbiuden.^) 



^) Plato verbindet vovq und vofjto^ o^d^oq^ Leg. 674 B. r^( ^pvoeoK; 
vonoq „die Weise'' der Natur. Tim. SSE. 



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42 

Das ursprüngliche Wesen des rechtlich geordneten Zusammen- 
lebens der Einzelnen liegt aber fttr ihn in einer Urgescbiohte 
zugleich und in der wahren Natur der Dinge, der Ideenwelt, 
vorgebildet 

2. Das Yerhaitnis der Analogie zwisehen Einzelmensch 

und Polis. 

Von der richtigen Beschaffenheit des einzelnen Menschen, 
des Herrschers, des Arztes usw. und der richtigen Beschaffen- 
heit der Menschengemeinschaft geht Plato aus. Die Gerechtig- 
keit ist zugleich die natürliche Gesundheit in der Struktur des 
Einzelnen wie der Polis. Seit Virchow sind wir gewöhnt in 
„gesund'^ einen Normbegriff zu sehen, und die moderne 
Psychiatrie lehrt, dafs der „normale" Mensch in der Wirklich- 
keit nicht existiert. Der normale Mensch wird so für die 
Heilkunde zu einem Ziel, dem sie den wirklichen Menschen 
anzunähern strebt, der mehr oder weniger weit von diesem 
Ziel entfernt ist. 

So geht auch Plato von einem Normalzustand der Polis 
und des einzelnen Menschen aus. So sehr er auch an die 
Verwirklichung seiner Entwürfe glaubte, so hat er sich doch 
niemals Illusionen hingegeben. Schon aus dem ganzen Zu- 
sammenhang seiner Anschauungen vom Leben und den Ideen 
geht hervor, dafs er immer nur mit einer möglichst grofsen 
Annäherung an das Ideal rechnete (ra lyyvxcxxa). In seiner 
Politeia sah er ein Paradeigma der richtigen Beschaffenheit, 
von dem er die Einstimmigkeit mit sich selbst in erster Linie 
forderte {ofioXoyovfievov avro avxA Leg. 746 B). Die „Gesetze^^ 
sind nicht nur als Herabminderung seiner Forderungen auf- 
zufassen im Hinblick auf das, was vor der Hand erreichbarer 
erschien, sondern auch als Ergänzungen und Erläuterungen 
zur „Politeia**. 

Im Anschlufs an das schon erwähnte Beispiel vom Künstler 
(S. 4) heifst es: es kommt nicht darauf an, ob diese vorbild- 
liche Ordnung des staatlichen Lebens einmal gewesen ist oder 
irgendwo ist oder sein wird; aber, ehe nicht durch ein glück- 
liches Geschick die wirklich Einsichtigen, die nach der Weis- 
heit und dem allgemeinen Besten strebenden Menschen Könige 



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43 

^etden, wird es nicht besser, gibt es keine Erholung von 

diem^eehBelfieber der Verfassungen; nnd der, welcher bestrebt 

\«ii d\e Teine Idee allein zu schauen und zum Ziele zu haben 

(öxojcE(p)^ der nmfafst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 

(Rp. &72A.); diese, xä fiiXXovxa, ist aber zugleich das, was 

sein soll. 

Soweit es sich um das Idealbild der richtigen BeschajQTen- 
heit handelt, wird sich ein richtig beschaffener Mann von einer 
richtig beschaffenen Polis gamicht unterscheiden, sondern sie 
Tcrhalten sich wie homologe Stücke. Was bei der Polis im 
Greisen, zeigt sich beim einzelnen Menschen im Kleinen und 
umgekehrt. Die Gleichheit gewisser typischer Beziehungen, 
die Gleichheit eines typischen Ordnungsverhältnisses ist der 
Kern des platonischen Vergleichs, der wenig mit der Auf- 
fassang des menschlichen Ameisenhaufens als Organismus 
höherer Ordnung zu tun hat. 

Das richtige OrdnungSYcrhältnis in der Polis wird als 
oQjri und rt'^o^ der dixaiocivrj vorangestellt und die Verfassung 
der Menschengemeinschaft als heuristisches Prinzip verwandt, 
am die normale oder von der Norm abweichende Verfassung 
{ava>iiaXla avaQfioCxoq) im Einzelnen zu finden.^) 

In allgemeinen psychologischen Erfahrungstatsachen findet 
Plato zudem eine Berechtigung seines Grundsatzes [ptoXXii 
avayxri oiioXoyilv)^ dafs Gestaltungen, Sitten und typische 
Cluuraktere in jedem Einzelnen dieselben sind wie in der 
Polis. Denn nicht irgend anderswoher sind sie in den Einzelnen 
gelangt, und umgekehrt entsteht aus der seelischen Beschaffen- 
heit der Privatleute heraus in den Städten ein bestimmter 
Charakter (Bp. 435 E). Denn nicht aus Eiche oder Fels können 
bQrgerliche Verhältnisse entstanden sein, sondern aus den 
Sitten nnd Gewohnheiten, die sich unter den Einzelnen in den 
Stildten herausbildeten, irgendwie das Übergewicht bekamen 
und das Übrige nach sich zogen (Rp. 544 D). Die Art und 
Weise des Ganzen, das, was die Vielen dem vioq und Neuling 
sagen, gibt dem Einzelnen dann wieder sein Gepi^ge. Das, 
was diese ganze Bewegung hervorruft, ist Nachahmung, Ge- 



>) Denn die n^ zeigen sich in der nokireia ivagyiaztQov als im 
iSiok^^ Bp. 545 B. 



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44 

wöhnang, AaflebauDg, ÄDpassungJ) Die Tarde'schen Gesetze') 
wird jeder anfmerksame Leser in der „Politeia", besonders in 
den lebendigen Beispielen des 8. nnd 9. Baehes finden. Bei 
der Frage naeb der Erziebnng und Bildung werden wir darauf 
zurückkommen, wie Plato diese Wecbselwirkungen von Einzel- 
menscb und Allgemeinbeit auf Grund dieser Tatsacben ge- 
staltet seben will. 

Die ricbtige Ordnung in einer Polis sowie in dem einzelnen 
Menseben siebt nun Plato darin, dafs in beiden der über- 
legsame Teil, das Xoyiorixov, über den anscbwellend- kriege - 
riscben und den begobrlicb-aufnebmenden Teil berrsebt. Den 
drei Arten der Seele im Menseben entsprecben drei Arten von 
Menseben in der Polis, die überlegsam-ratende, die kämpfend- 
scbtttzende und die gescbäftlicb- kaufmännische Art, drei ent- 
sprecbcnde Bestrebungen, die auf Weisbeit, Sieg oder Gewinn 
gericbtct sind und dem entsprecbende eigne Freuden. Es gibt 
wie beim Einzelnen, so aucb im ganzen menscblicben Leben 
ein oben, mitten und unten. Die grofse Masse freut sieb wie 
das Vieb auf der Weide. ') Der ttberlegsame einsicbtige Teil 
mufs, um die ricbtige Ordnung bersteilen zu können, bei der 
jeder das Seine tut und erhält, den mutig-kriegeriscb-tätigen 
Teil sieb zum Bundesgenossen machen, und die beiden in 
richtiger Harmonie sollen über das unersättliche, ins Vielfache 
und Grenzenlose schweifende Begehren gestellt werden (Rp. 
441 E ff.). Dadurch ist eine Stadt weise und auch der Privat- 
mann. Darin besteht der Vorzug {aQeti^), die Gesundheit, 
Schönheit, das richtige und glückliche Verhältnis der Seele 
(evB^la tpvx^g Lys. 220 D). Wie es in der einzelnen Seele 
Geringeres und Höheres gibt, so aucb in der bürgerlichen 
Gesamtheit Kinder, Frauen, Gesinde und die grofse Zahl der 
Mittelmäfsigen läfst sich meistens durch das mannigfache 
zersplitternde Begebren beherrschen (Rp. 431 A ff.). Wenn nun 



^) Vgl. die gro&e Bedeutung der filfjifiaiq in der „Politeia'* über- 
haupt; Lg. 792 £ ifiipierat näv rjd^OQ 6id ^^og\ Rp. 560BG: ataaig and 
dvTiazdaig'y Parm. 128 A: olxeiovodixi. Beispiele von psychophysiologischer 
und psychischer Adaptation werden gegeben bei dem, der ans der Höhle 
ans Tageslicht tritt und von dort wieder in die Höhle aurttckkehrt. 

>) G. Tarde, Les bis sociales. Paris 1907. 

*) Bp.44lA; 681 C— 586. 



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45 

Gi^sanABiiimglLeit hergestellt sein soll, roflssen die Begehrlichen 
mit den Verntinftigen darin ttbereinstimmeD, dafs die Wenigen, 
denen es von Katar zukommt, sich mit Philosophie befassen, 
Yorangeben nnd herrschen und die, denen es nicht zakommt, 
sich nicht damit befassen nnd folgen (474 C). Darin besteht 
die richtige Ordnung und Einheitlichkeit im Einzelnen und in 
der Polis, daCs das vielgestaltige Triebhafte sich willig der 
Herrschaft des Einsichtigen unterordnet. Weise ist der Mann, 
der in sich eine Kunde davon hat, was jedem Einzelnen be- 
sonders und dem Ganzen, dem Gemeinsamen zuträglich ist.^) 
Der Kundige mufs bestimmen können, was jeder tun soll, um 
die ihm eigene Aufgabe zu erfüllen (plxeioxQayla = dixaioovvff), 
dafs an Stelle der Zerstückelung die richtige Gliederung des 
Ganzen tritt und alle wie Glieder eines Leibes Freude und 
Leid gemeinsam empfinden. 

So wird eine Verbindung zwischen Herrschereinheit und 
Untertanenvielheit, ein Gleichgewicht zwischen vovq und ixt- 
&v/iia, ein Einklang von HerrseherglUck und Gesamtwohl her- 
gestellt^) Das wirkliche Leben zeigt nun grofse und mannig- 
fache Störungen des Gleichgewichts. So wie der Herrschaft 
des Tüchtigsten oder der Tüchtigsten, (der aQtcxoxQaxla)^ der 
Tortreffliche, richtig beschaffene Mensch entspricht, so den 
andern typischen Verfassungsformen, den Krankheitsformen des 
büi^erlichen Zusammenlebens, auch Typen von Menschen, die 
vom Ziel abweichen. Dazwischen kennt Plato noch mannig- 
fache Übergänge {iiBxa^v xovtaiv\ die er unmöglich alle durch- 
gehen könne (548 D). Es gibt bei diesen Bewegungen im 
Leben der Polis und des Einzelnen auch Zeiten der Frucht- 
barkeit und Unfruchtbarkeit (vgl. tpoQa und ag>OQla g)vxfjg 
Rp. 545Dff.). Ein Heraustreten aus der normalen Ordnung 
(öxacig) entsteht, wenn z. B. minderwertige Leute, die nur 
ihre eigene Ehre oder Eigentumserwerb (löicoöaod^ai im 
weitesten Sinne des Worts) zum Ziel haben, ins Herrscheramt 
eindringen und die früher von ihnen wie Freunde und Er- 
nährer geschützten Untertanen unterjochen (546 Äff.). Ver- 



0Bp.442CD. 443 B. 

^ iv , . » n^orixovaji [noXixsUc] avrog xs fiaXlov av^r^ctxai xal 
fuxa xmr iSiwv xa xoivct awaeif 497 A. 



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46 

kehrang der richtigen Ordnung entsteht durch jedes Bestreben, 
das nicht rein und lauter auf Tüchtigkeit, auf wirklichen 
Vorzug gerichtet ist {elXixQiPtjg yrgog dQST^p)^ sondern den 
kriegerischen Teil der Seele herrschen läfst, der selbstgefällig, 
anmafsend und rücksichtslos nach Ehre strebt, oder dem be- 
gehrlichen Teil die Zügel schiefsen läfst und nach Mehrhaben 
verlangt (Rp. 545 D — 549 B). Wo aber die Reichen herrschen, 
da haben die Armen keinen Anteil an der Herrschaft; wo der 
Reichtum und die Reichen im höchsten Werte und in Ehren 
stehen, da werden der wirkliche Vorzug und die wirklich 
Tüchtigen umso weniger geehrt sein. Die Geldmenge ist aber 
kein Wertmafsstab (oQog) für die wirkliche Befähigung zum 
Herrschen. Es gehört dazu eine besondere Begabung und 
Sachkenntnis. Wenn das Reich-werden-woUen zum allgemeinen 
Ziel in einer Polis wird — und einer steckt da den andern 
an — dann zerfällt schliefslich der Staat in zwei Staaten, den 
der Reichen und den der Armen. Neben den Bettlern und 
Halunken züchten die übermäfsig Reichen Nichtstuer oder 
„Drohnen", die in ihrer Unerzogenheit und ihrem Bildungsmangel 
weder zu Dienern noch zu Regenten taugen. Auch die Über- 
völkerung bringt Arme, eine Menge von untauglichen Leuten 
und für die Polis unnützen Menschenballast mit sich. Alles 
Übermafs ist aber wie eine Entzündung oder eine Gesehwulst 
am Staatskörper, Übergriff und Zuchtlosigkeit wie eine Eiter- 
beule (vytovXov) am Einzehien. Alle menschliche Mittelmäfsig- 
keit und Schlechtigkeit ist Krankheit, Makel (alöxoq), Schwäche. 
Der Unverstand (avoia), die mangelnde Einsicht in die wahre 
Ordnung der Dinge ist die schlimmste Krankheit (jiBylcxfi 
voaog). Der gröfste Unverstand zeigt sieh in der demokratisehen 
Verfassung und im demokratischen Menschen. Hier woUen 
alle Teile in gleicher Weise herrschen, sodafis es schliefslich 
kein Herrschen mehr gibt in dieser bunten zerfahrenen Um- 
kehrung aller Ordnung, welche die Gleichheit in gleieher 
Weise an Gleiche und Ungleiche austeilt Bei dieser „Frei- 
heit^^, wie man die Anarchia nennt, glaubt jeder Eigensinnige, 
er könne tun, was er will, er müsse jedes Verlangen, das gute 
wie das schlechte, in gleicher Weise ehren und nähren. Nur 
keine Ordnung und Beschränkung! Dadurch wird aber die 
Einheitlichkeit und Harmonie der Polis vollends zerstört Statt 



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4t 

einer wohlvervralteten Stadtgemeinde haben wir eine Jahr- 
marktsbude von Verfassungen; denn jeder Einzelne will 
berrselien mit Beiner Verfassung, seinem Einzelbegehren and 
seinem vermeintliclieii Besser- wissen. Es ist gleichsam ein 
nervöser, iLopfloser Zustand, diese Verfassung der xoXvjtQay- 
HoCvvTj. Die Seele wird empfindlich {djtaXog) gegenttber 
allem, was nur nach Abhängigkeit klingt, aus lauter Angst, es 
kannte irgendjemand irgendwie Herr sein (563 D). — Diese 
Furclit ist ancli berechtigt. Denn alles Übermafs pflegt ins 
Gegenteil nmznschlagen, wie bei Witterungen, Gewächsen und 
im leiblichen Leben, so nicht am wenigsten in den Verfassungen 
(563 E). Der Demos erzeugt den Tyrannen und zieht ihn grofs; 
denn er bat ja in dem angenehmen Zustande der „Freiheit" 
aneb die Freiheit die gröfste Ungerechtigkeit zu begehen. Nun 
beberrscbt nnr noch der grenzenlos begehrliche Teil ihn selbst 
nnd die Gesamtheit Dadurch ist das Ganze und der einzelne 
Menscb dieser Verfassung voll Sklaverei und Unfreiheit Nicht 
die wirkliehe Vortrefliichkeit, die ihn von der Furcht gestürzt 
zu werden befreien würde, sondern ein Zufall {ovfig>oQa), ein 
Hanfe Verschworener liefsen den Einzelnen zum Tyrannen 
^werden. — 

Gegenttber diesen Verkehrungen des gesunden Zustandes 
bilft nnr eine Reinigung durch und durch (diaxad-alQsiv und 
öiaxoöiietp). Es hilft nichts, hier und da ein Abhilfe -Gesetz 
zu machen, das heifst nur an der Hydra schneiden; die in der 
ganzen Ordnung des BUrgerlebens liegenden tieferen Ursachen, 
der bösen Streiche und Unzuträglichkeiten (xaxovQYf)fiaTa) 
mfissen schwinden (426 E), nnd in jedem Einzelnen mufs die 
richtige Ordnung hergestellt werden. 

f,Freiwillig ist keiner schlecht (minderwertig, untauglich), 
dnreh irgendwie eine schlechte Beschaffenheit (igig) nnd 
mangelnde oder falsche Pflege und Erziehung wird jemand 
schlecht Man mufs die Erzeuger und Erzieher immer mehr 
beschuldigen als Geschöpf und Zögling. Trotzdem nun mufs 
jeder möglichst eifrig darauf bedacht sein, durch Erziehung 
nnd Beschäftigung mit allem, was er zu lernen hat, die Minder- 
wertigkeit zu fliehen und das Gegenteil zu fassen '^ (Tim. 86 B 
bis 87 B). 



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48 



3. Einordnung und Unterordnung der einzelnen Vielen 
in der Polis (Erziehung). 

Bei ^Erziehung^ und „Bildung^' denkt Plato nicht an 
n Sehale '^. Er kennt garnicht das, was wir die Schule nennen. 
(Sie hat zudem meist die Poesie und einheitliche Lebens- 
organisation des einstigen Klosters verloren.) Plato denkt bei 
Erziehung und Bildung an die Eltern, einen Haussklaven, an 
die Verwandten und Freunde, an Privatlehrer in allen damals 
möglichen Künsten, die jeder sich nach Belieben wählt, an 
das ganze öffentliche Leben, wie es sich auf dem Markte, be- 
sonders in Volksversammlung und Theater abspielt, und er 
denkt an heilige Haine. 

Ungebildet nennt Plato den, der nur Schattenbilder sieht 
und Schatten nachjagt, gebildet aber den, der die sonnenhelle 
Wirklichkeit sieht und nach dem „Guten'* (Echten) strebt. Zu 
dieser Bildung ist aber nicht nur eifriges Lernen und Streben die 
ganze Lebenszeit hindurch erforderlich, sondern auch eine Art 
göttliche Bestimmung {avTog>vwc d^da fiolga ayad-ol, vgl Men. 
99 E dgeri] — d^ela fiolga jtaQaysvo/iivff}. So steht bei Plato 
das Wohl -(glücklich -vortrefflich) -geboren immer neben dem 
Gut-erzogen. Themistokles wäre ohne die grofse Bildungsstätte 
Athen nicht Themistokles, aber der Seriphier wäre auch in 
Athen nicht Themistokles. i) Eins kann nicht ohne das andre 
sein, wenn das Leben nicht sein Ziel verfehlen soll (cbro- 
Tvyx^y^^'^ — jtaQay>QOvetv Soph. 228 C). 

Das Sinnenleben ist gleich mit der Geburt bei Menschen 
und Tieren vorhanden, soweit sich Empfindungen (ptad^ij/iata) 
durch den Leib zur Seele hinerstrecken; verntlnftige Über- 
legungen aus dem Vergleichen aber {dvaXoylO(iaxa) mit der 
Bichtung auf wahren Wert und Nutzen {ovölav xai cigfiXeiap) 
werden erst mit Mühe nach langer Zeit durch viele An- 
strengungen (TtgaYiiarä) und Erziehung hinzuerworben von 
solchen, bei denen die Einsicht überhaupt noch hinzuentsteht 
(Theait. 186 C). Zu dem eingepflanzten Begehren tritt die 
hinzuerworbene Meinung, bald einig, bald im Streit mit dem 
Begehren; richtig ist die Meinung, wenn sie nach dem Besten 
strebt (Phaidr. 237 DE). 

^) Rp. 329 £ vgl. Herod. 8, 125. 



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49 

Indem einzelne Vertraute and die vielen Andern dem 
jungen, nenen Mensehen Yorstellnngen mitteilen, die irgendwie 
RieUnng geben, vollzieht sieh der erziehende EinfloTs über- 
haupt, dnrch den der Einzelne irgendwie in das gemeinsame 
Leben sieh einordnen lernt oder eingeordnet werden mnfs. — 
In der griechisehen Medizin erörterte man, wenn man von der 
Vielgestaltigkeit der Seele ausging, die Frage naeh ihrem 
ögäv jtQog xl and xa&eTp vxo rov, man könnte fast sagen 
nach Beaktionsriehtangen and Empfindungsreizen. Die Rhetorik 
entwiekelte im Anschlafs an diese hippokratisehen Gedanken 
eine Art Meehanik des geistigen Lebens. Man fragte: Unter 
dem Anreiz {'öjio) welcher Worte bzw. Reden mnfs eine Seele 
je naeh ihrer Beschaffenheit ans bestimmten Beweggründen 
notwendigerweise, d. h. aas der Not der Lebensverhältnisse 
heraus, sich überreden lassen und gehorchen oder es nicht tun? 
(Phaidr. 270 D ff.). — Wenn Plato auch in der Theorie die 
Eängestaltigkeit der Seele oder doch die Einfachheit der Seele 
des Weisen behauptet, so steht ihm doch bei seiner scharfen 
Beobaehtung des tatsächlichen menschlichen Lebens das Spiel 
der Kräfte lebendig vor Augen. Er hat vor allem die grofse 
Bedeutung des Nachahmungstriebes erkannt und in den Vorder- 
grund gerückt bei seiner Betrachtung des Einflusses, den die 
Allgemeinheit auf das menschliche Individuum ausübt. Man 
hat sich immer darüber beklagt, me wenig Verständnis Plato 
in der „Politeia'' der Dichtkunst entgegenbringt, während er 
sie im „Jon^ wie den Quell aus verborgener Tiefe gegenüber 
dem blofsen Machwerk preist Man hat aber zu wenig be- 
aehtet, dafs in der „Politeia^^ nicht ein Eunsttheoretiker, sondern 
ein greiser Erzieher spricht, der zum ersten Male erkennt, 
was wir noch viel zu wenig erkennen: die grofse Bedeutung 
der Nachahmung im guten wie im schlechten Sinne (Rp. 
395 C f.) Man bat vor allen Dingen bei Piatos Eifer, die 
Dichtung zu reinigen, verkannt, dafs in der modernen Kultur 
dnreh die christliche Vorstellung von Gott, der zum ethisch 
vollkonunenen Menschen wird, von vorneherein gegen un- 



>) &a fit} ix xnq fAifiricBwq (des Minderwertigen) xov elvai ano- 
lavcwatv . . . al fzifjuiaetg ... dg Js^ xttL <pfvoiv xa&loraviai xal xarä 
aäfia xtd ^wvä^ xal xaxä zijv öiavoiav, 

PbUoMphJtohe Abbandlimgan. XL. 4 



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50 

moralische NachabmuDgBmöglicbkeiten im Stoffe der Ennst ein 
starkes Gegengewicht dem Kinde nnd dem Menschen bewnfist 
oder anbewufst gegeben ist Man macht keine Einwendungen 
gegen eine Schalbibel, das heifst „Reinigung^ der alttestament- 
lichen Poesie ans pädagogischen Gründen ; ja, man will sogar 
das alte Testament als ein in ethischer Beziehng mannigfach 
anstöfsiges Bach ans dem Unterricht entfernen. Das Ziel, das 
Plato im Aage hat, ist das, was wir heate den Kampf gegen 
den Schnnd and Schmutz in Wort and Bild and die Jagend- 
nnd YolksbttchereibestrebaDgen nsw. nennen. Er denkt an den 
Einflafs der Kunst besonders nach ihrer rein stofflichen Seite 
für innerlich nicht oder noch nicht gefestigte Menschen, wie 
etwa wir nichts dagegen hätten, wenn unfeinen, unreifen oder 
ungebildeten Menschen die Lektttre von Nietzsche oder Flaubert 
verboten wttrde. „Das ist die schönste Muse, die immer die 
Besten und hinreichend Erzogenen ergötzt und besonders einen, 
der sich durch Tüchtigkeit und Bildung unterscheidet (öia" 
g>iQsiv Leg. 658 E).^ Wenn die richtige Verfassung im Einzelnen 
wie im Staate erst einmal wirklich hergestellt ist, dann soll 
man jeden gewähren lassen, sagt Plato; und, wenn von frühster 
Jugend an uns das richtige Ziel des dlxavov als eines d/a&ov 
und §v(ig)FQop eingepflanzt würde, dann wäre jeder sein eigener 
Wächter (Rp. 421 C, 367 A). 

Aus der häafigen Nachahmung wird die Gewöhnung, ein 
„ Gepräge ^S Die Jngendeindrücke aber sind besonders schwer 
auszatilgen nnd nicht ganz umzustellen {övöixvutra xal dfis-- 
räörara). Darum ist vor allen Dingen zu bewerkstelligen, daia 
das Erste, was die Kinder hören, aufs Schönste erdacht nnd 
erdichtet ist und den Hörenden eine Richtung zur Tüchtigkeit 
gibt (Rp. 378). Wenn sie nur schöne Werke sehen und hören, 
so ist es, als ob sie an einem gesunden Orte mit gutem Weide- 
kraut (ßoravTi) und in gesunder Luft (atga — „Atmosphäre^) 
wohnen (4010). Ebenso wie für den Samen, so ist für den 
einzelnen Menschen die Umwelt, in der er aufwächst, von ent- 
scheidender Bedeutung (491 D ff). Plato en&ählt vom Sohne 
eines Mannes, der still seine Pflicht tut. Der Jüngling kommt 
hinaus ins öffentliche Leben, da hört er und sieht er allerlei 
andres, da hört er, dafs man die Leute, die ihre eigne Auf- 
gabe und Pflicht erfüllen, Dummköpfe und „unbedeutend^^ 



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51 

nennt-, die aber in Alles ihre Nase stecken nnd „Alles mit- 
maclien'^, die werden geehrt nnd gelobt Es entsteht ein langer 
Kampf in seinem Innern, ein „Umwerfen ^\ nnd die Akropolis 
seiner Seele wird in Besitz genommen dnreh die falschen nnd 
prahlerischen Reden und Meinungen, die bloise Ehre, Reich- 
tum, Nichtstun oder Vielerlei-kOnnen als Ziel fttr das Leben 
preisen. 

Erziehung ist ein „Hindurchftthren durchs Leben, sodafs 
jeder so lebt, dafs sein Leben für ihn am vollkommensten die 
anfgewandten Kosten ersetzt^^^) Arbeit wird von jedem gefordert 
Durch zielvolle Arbeit und Erziehung hebt sich der Mensch 
ans dem psychischen Getriebe heraus, das er mit den Tieren 
genoeinsam hat Die Erziehung soll nun jedem sein Arbeits- 
ziel geben, durch das er in den gemeinsamen Arbeitsaustausch 
der Polis in richtiger Weise eingegliedert ist Die Viel- 
geschäftigkeit ist die grofse Ungerechtigkeit, der Übergriff aus 
der eignen von Natur gewiesenen Sphäre in die des Andern. 
Nicht durch ein möglichst grofses individuelles Belieben, auch 
im Faulenzen, Zechen und Schmausen^ sondern dadurch, dafs 
jeder seine richtige Arbeitsform und darin stolze Haltung, sein 
Oj^fia haben und ihm treu bleiben kann, hat der Staat seinen 
Bestand und sein Glück. Die Erzieher müssen zusehen, wie 
sie den Einzelnen geben, was ihnen zukommt und dadurch 
daa Ganze schön gestalten (420 D ff.). 

Damit jeder sein besonderes Können {ixtctruiTi) entwickelt, 
mnfs er seine Kunst von Jugend an betreiben und reichlich 
im Hinblick auf ein Ziel ttben (jiBUxri Ixavri 374 CD). Es gibt 
zwar Leute, die behaupten, es gäbe in der Seele garkein 
Können {ixicti^iifj), und durch Erziehung wttrde es erst dem 
Einzelnen eingepflanzt, wie man blinden Augen das Sehvermögen 
einsetze. Dem gegenüber ist zu behaupten, dafs jeder Seele 
ii^nd eine Fähigkeit (övvaficq) innewohne, und dafs das 
Organ, mit dem ein jeder begreifen lernt, mit der ganzen Seele 
aas dem vielen Werden herausgeführt und herumgedreht werden 
mulji, bis der Blick auf ein Ziel, ein Sein, ein Gutes gerichtet 
ist Die Erziehung ist also ein Umlenken {xegiayaryii} eines 



9 ßiov 6iaY(»Yii, if av Siayofievog ^xaatoq fjfiwv XvciuXsatcizriv 
fflwyr 5y'7Bp.a44E. 



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52 

Organs, das noch nicht auf den richtigen Gegenstand hin- 
gelenkt ist 

Darch Gewöhnungen and Übnngen {id^söi xal aaxi^Böip) 
werden alle sogenannten Vortreffiichkeiten {agsral) erworben. 
Sache der Erzieher ist es nnn, die Befähigung eines jeden zu 
erkennen (ßaaavl^Biv)^ ja es ist Aufgabe des Staates, die Seelen 
auf ihre Standhaftigkeit hin überhaupt zu prüfen (Leg. 650 B). 
Die Kleinen sollen schon bei den Spielen geprüft werden, und 
in den Kinderspielen soll eine schOne Regelung und Zweck- 
mäfsigkeit (sivoiila) walten. Man soll durch Darbietung 
kleiner Werkzeuge bei den Tätigkeiten, zu denen jeder sich 
eignet, Spiel und Berufsernst verbinden und in der Seele des 
spielenden Kindes einen Eros nach yollkommener Meisterschaft 
erwecken. Gebildet und ungebildet besteht nicht darin, dafs 
man Lehrjahre oder keine Lehrjahre in einem Kramladen, 
Bhedereibetrieben und dergL durchgemacht und überhaupt 
blofs vielerlei gelernt hat. Zur Bildung gehört Tüchtigkeit, 
Meister sein in etwas und dadurch ein brauchbares Glied in 
der Gemeinsamkeit der Bürger; zur Bildung gehört in der 
richtigen Weise herrschen und über sich herrschen lassen 
{jUBxa ölxfjg)J) Das heifst: in seiner Kunst der Überlegene 
sein und in der Kunst des andern Sachverständigen diesem sich 
unterordnen. Viele und mannigfache Kunstzweige {ixiönjfiai) 
gibt es in der Polis. Unrichtig ist es, wenn einer sieh auf 
vielerlei Beschäftigungen wirft und sich zersplittert {xoXv- 
jtqayiiovtlv = döixla). „Besser ist wohl Weniges gut als 
Vieles nicht genügend zu vollenden (Theaii 187 E).'' Alles 
wird vollkommener, schöner und leichter, wenn einer nur eine 
Kunst betreibt, nicht als xQOöxoiovfisvog, als einer, der sich 
herangemacht hat und tut, als könnte er etwas, sondern seinem 
Wesen gemäfs, am rechten Fleck {kv xaigm) und frei von dem, 
das andrer Leute Sache ist (Rp. 370 C). 

Der Mensch, der einheitlich ist in seiner Berufstätigkeit, 
wird auch, was seine Seele und das Seine anbetrifft, einheitlich, 
einer aus vielerlei Trieben, gesundsinnig* und harmonisch 
(443 D ff.). Die Erzieher sollen die Kinder nicht eher frei, 
d. h. ins öffentliche Leben lassen, bis in ihnen die richtige 



>) Rp.425A. Ug.648Bff. 



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53 

VerfasBang tiergestellt ist, bis die Einsieht über die andern 
Seelenteile herrscht Vorbildlich erschien aaf der Insel Atlantis 
die Erziehung der Menschen dnrch die Götter, die dnrch die 
Überredung die Seele anfafsten (jreiO-ol tpvxfjg ifpanxopLBVoi 
Kritias 109 C). Vorbildlich erschien Plato bei der schwierigen 
Aufgabe die Geister zu prüfen, die sokratische Kunst des 
Herausholens {tix^ri r^g fiauvöea)g) und der pädagogische 
Grundsatz: Sage niemals, dafs Du nicht imstande bist; wenn 
der Gott es will und Da mannhaft bist, wirst Du fähig sein 
(ploq TS €Osi Theaii 150 B ff.). — Über die ganze Art des 
TJntorrichts sagt Plato: nicht anfgenötigt soll das Lernen den 
Kindern werden; der Freie soll keinen Lerngegenstand wie eine 
Sklayenarbeit auf sich nehmen; denn ein mit Gewalt auf- 
gezwungenes Lernen haftet nicht in der Seele. Lafs die 
Kinder spielend lernen, damit Du auch besser imstande bist 
ZQ sehen, wozu ein jeder von Natur geeignet ist (Rp. 536 DE). 
Wenn die berufenen Erzieher der Stadtgemeinde und nicht die 
Wünsche der Eltern darüber entscheiden, welchen Beruf der 
junge Mensch ausüben soll, dann kann der Sohn des Herrschers 
auch seiner Anlage entsprechend ein Handwerker werden und 
der Sohn des Handwerkers zum Wächteramt emporsteigen, i) 
Denn nicht das Glttck irgend einer Familie, Gruppe oder Masse 
hat der richtig beschaffene und gerechte Staat im Auge, nur 
das Glttck des Ganzen und damit das des Einzelnen, soweit 
jeder in der Erfüllung seiner Aufgabe und in seinem Vermögen, 
etwas zur Förderung des gemeinsamen Lebens mitzuteilen, 
sein Glück sieht (Rp. 519E). „Das Beste für einen jeden ist 
sein Eigenstes {olxBioxaxov 586 D)." 

Dieser Staat wird sich nicht in Klassenkämpfen verzehren, 
sondern ein edler Wettstreit zwischen den Tüchtigen wird an 
dessen Stelle treten. Denn jede Kunst, jede Arbeit um der 
Saehe willen ist neidlos {g>cXov6ixslT(D öh ^filv xäq nqoq 
OQST^ dgpd-ovcog' 6 fihv yctQ toiovtog toq ytöXsig avgei, 
aiiiiicifiBPog fiiv a&toq Leg. 731 A). Der richtig beschaffene 
Mann will niehts vor dem voraus haben, der seinerseits richtig 



9 Bp. 41SAff' Leg. 788 A f. sprloht Plato von kleinen privaten £r- 
mbüngSBÜnden in Hans und Familie, die von grofter Bedeutung fttr den 
Stutmnd. 



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54 

bescbaffen ist, sondern nnr vor dem^ der in ein fremdes Gebiet 
ohne Sachkenntnis ttbergreifl. 

Mit der Bemfstttehtigkeit sieht Plato die sittliche Tüchtig- 
keit verbunden und gewährleistet, da alle Begierden, die über 
das MafiB hinanswollen, dnrch die Einsicht beherrscht werden. 
Alle Buchstaben -Gesetzlichkeit erscheint ihm lächerlich, das 
Gesetz soll in den eignen Willen aafgenommen werden, anf 
die innere Lauterkeit des Strebens kommt es an (Leg. 822 E ff.). 
Bisher hat man vernachlässigt, Überredung und Gewalt in der 
richtigen Weise zu mischen, man wandte nur die blofse Gewalt 
an {ßla axQaroq), Die Erziehung ist die grofiBe Vorrede (xqo- 
olfiiop) zu den Gesetzen, die befehlen und den Zwang im 
Gefolge haben; denn sie sind der Ausdruck des^richtig ver- 
standenen Gesamtwohles gegenüber allzu grofser Selbstliebe 
des Einzelnen. Man soll nicht zulassen, dafs jeder nur 
seinem Belieben nachgeht, sondern den Einzelnen beurteilen 
nach der Brauchbarkeit für die Polis. 

Der Hinblick auf das, was für das Ganze förderlich ist, 
der öxoxog des ayad^ov, schliefst nun nicht nur gegebenen 
Falls eine erzwungene Unterordnung, sondern auch die Unter- 
drückung oder Ausscheidung Einzelner in sich. Wenn wir 
Plato nicht ganz unhistorisch beurteilen wollen, so müssen wir 
nie vergessen, da£s die Humanitätsidee, die uns schon zu selbst- 
verständlich geworden ist, für einen autoohthonen Griechen 
nicht existierte. Man kannte überhaupt nicht die Ängstlichkeit 
um ein Menschenleben als solches, die heute fast zur Reflex- 
bewegung geworden ist. Man hat sich darüber gevnindert, 
dafs er den Eritias, der wie ein Renaissance -Mensch ohne 
Bedenken alle hinderlichen Menschen aus dem Wege schaffte, 
immer in Ehren behalten hat Aber Plato selbst sieht, dafs 
zur Verwirklichung einer gut eingerichteten und verwalteten 
Polis die Entfernung der Untauglichen, unheilbar Kranken and 
der das Ganze schädigenden Elemente nötig ist. Er kennt 
nicht den ökonomischen Wert des Menschen. Die Voraus- 
setzung für die Erziehung der Bürger zur Tüchtigkeit ist, dafs 
eine tüchtige griechische Rasse gezüchtet wird. 

Die Sklavenfrage ist in erster Linie für ihn eine Rassen- 



>) Vjl. Lej. 722Bflf. 781 Eff. Rp. 520 A. 

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55 

frage und keine Menschenfrage. Gute Sklaven, das heifst 
Barbaren, kalt der Grieche, der sich seiner Überlegenheit 
bewnfst ist, wie gute Pferde nnd Nntztiere ttberhanpt. Aber 
der Grieche hatte zu einem gaten Sklaven wohl meist ein 
vertranlicheres Verhältnis, als hente die vornehme Herrschaft 
zam Dienstpersonal; die gesellschaftliche Trennung zwischen 
den Sländen ist vielleicht schärfer und empfindlicher als die 
politische Trennung zwischen Bürgern und Sklaven im alten 
Hellas. Man denke nur an das freundschaftliche Verhältnis 
zwischen Odysseus und Eumaios, der selbst Gutsbesitzer ist. 
Ein Sklave verwaltete das grofse Vermögen des Perikles, und 
einem Sklaven vertrauten die vornehmen Athener ihre Söhne 
zur Erziehung an.i) Plato will den Sklaven, auf den er ebenso 
herabsieht, wie wir etwa auf einen Herero oder Zulukaffer, 
freundlich behandelt wissen ; in der groben launisch-herrischen 
Behandlung der Dienenden zeigt sich ihm ein ungebildetes 
Wesen (Rp. 548 E. Leg. 777 B ff.). Die aber, welche die Sklaven 
schlecht behandeln, die schaffen noch mehr Sklavenseelen. 
Schon um unseretwillen sollen wir sie gut behandeln und uns 
mehr hüten, ihnen Unrecht zu tun, als den Gleichgestellten; 
denn denen Unrecht zu tun, die das Recht nicht in Anspruch 
nehmen können, ist leicht 

So wie im Privatleben der Sklave nach seiner Tauglich- 
keit beurteilt wird, so der Bürger auch im Leben der Polis. 
Plato ist davon überzeugt, dafs die vorwiegend körperliche 
Arbeit des Handwerkers und die Tätigkeit des Menschen, der 
nur auf Erwerb ausgeht, gamicht Mufse und Möglichkeit zu 
feinerer Bildung und dem ganzen Leben ein gröberes Gepräge 
gibt Er verachtet den Handwerker und den Krämer nicht 
mehr, als der Gebildete unserer Tage, der sich tatsächlich in 
der Regel völlig von den unteren Ständen gesellschaftlich ab- 
schliefst Es ist vor allen Dingen nicht genügend beachtet, 
daifl Plato sehr scharf unterscheidet zwischen der Kunst im 
Handwerk, Weisheit und Mafs im Erwerb und dem Banausentum 
und der Krämerseele. Er spricht im Symposion von den Er- 
ßnäerisehea nnd Dichtem und Künstlern überhaupt (dijfiiovQYol)^ 
deren Seele von Eros empfangen hat; darunter versteht er 



j) YgL auch Ed. Meyer, Die Sklaverei im Altertum. Dresden 1899. 

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56 

aach z. B. den Tischler, der in seiner Weise dasselbe tut wie 
der Gott Dieser grofse Werkmeister macht alles, was eio 
jeder der Handwerker tat Für den tüchtigen Handwerke: 
jeder Art gebraucht Plato dasselbe Wort „weise*^ wie fttr den 
Philosophen. 1) Die geringste mechanische Handarbeit will er 
in seiner Polis der Idee des Guten untergeordnet sehen. Nicht 
ünerfahrenheit und Unwissenheit ist das gröfste Übel, sondern 
ein Yieles-probieren ohne leitenden Gedanken und Vielwisserei 
ohne Stil {ayarffi, Ausdruck fttr Stil in der Rhetorik ; Leg. 819 A). 
Warum aber glaubst Du, dafs die geringste Arbeit und das 
Handwerk Schande bringen? Warum verachtest Du den Hand- 
werker? sagt Sokrates ebenso im Gorgias. Ist es nicht darum, 
weil ein solcher von Natur nur in schwacher Form die Idee, 
das Bild, das Ziel des Besten bat, sodafs er nicht herrschen 
kann über die Bestien in ihm, sondern ihnen dienen mufs? 
Damit aber auch ein solcher von dem Gleichen wie der Beste, 
von dem Guten, beherrscht wird, darum sagen wir, er mufs 
sich jenem Besten unterordnen, der das Göttliche, das schöne 
Vorbild fttr alles Streben als Beherrschendes in sich trSgt 
Also jeder Beruf soll so gehoben werden, 'dafs er, wenn auch 
in noch so untergeordneter Art der Arbeit, sich bestrebt, ein 
Gutes zu schaffen.^) 

Auch für den gewinnliebenden und kriegerischen Teil der 
Polis gilt, dafs fttr jeden der eigenste Beruf das Beste ist, 
wenn die Begierden sich der Einsicht {kjtiöxijfifi und loyog) 
unterordnen. Im Gelderwerb kommt es auf Ordnung und Zu- 
sammenstimmen mit dem Ganzen an {j^vvta^ig und ^viig>copla)^ 
sodafs die rechte Mitte zwischen der schädlichen Disharmonie 
von unersättlicher Anhäufung von Schätzen und gieriger Armut 



avaoi;. Vgl Symp. 203. 209 A£. Bp. 596 C. 

*) Bp. 500 C£f. Piato will den Beruf ähnlich aufgefafst wissen, wie 
ein Plastiker unserer Zeit, Auguste Bodin (in seinen GespriEchen, ge- 
sammelt von Gsell, Leipzig 1912 S. 317). „Es wäre aber zu wünschen, 
dalB es in jedem Beruf Künstler ^be: Zimmerleute . . . Maurer . . . Fuhr- 
männer . . . Das gäbe eine wunderbare Gesellschaft ...**— Plato nimmt 
mit Hesiod an Igyov ovSlv elvai oveiSo^ und unterscheidet zwischen 
Sklaven-Arbeit (Fabrikware) oxav /jiij fjiexd xov xaXov ylyvexai und den 
xaXcSg xal (i^sXlfjtotq notovfieva Igya, Charm. 169 Äff. 



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57 

innegebalten wird. In allem Überschreiten der Grenze liegt 
das Übel und die Ungerechtigkeit (Rp. 586 D ff.). Die Weisheit 
{öog>la), die sieh auf Geldangelegenheiten nnd die Körperkraft 
erstreckt, ist nur ohne Vernunft nnd richtige Weise (ävsv vov xal 
ötxfig) banansiseh, nnfrei nnd nicht wert, Bildung zn heifsen. 
Vortrefflich sind, die sich beherrschen können, nntanglich, 
minderwertig, die es nicht können (Leg. 644 A). 

Nur im Hinblick anf die Unerzogenen nnd die grof se Masse 
derer, die sich nicht beherrschen können, will Plato Dichtem 
und Schauspielern, die irgendwie Mängel und verderbliche 
Leidenschaften im Menschen darstellen, freundlich die Stadt 
verbieten. Es ist darin etwas von dem Eifer für eine zum 
ersten Male in ihrer Bedeutung für das staatliche Leben er- 
kannte alte Wahrheit, dafs böse Beispiele gute Sitten verderben, 
etwas von dem Eifer des Moses fttr den einen Gott gegenüber 
den Bildern und Gleichnissen des Volkes und etwas von dem 
Eifer Tolstois ,,gegen die moderne Künste V Xoyog rjfiäg ggsi 
(Rp. 607 BC). Von Zwietracht unter Bürgern und unter Göttern, 
von Trunkenheit, Verweichlichung, Trägheit, Lug und Trug soll 
keiner in der Polis der Möglichkeit der Nachahmung wegen 
hören. Vor allem sollen die Bürger von der Gottheit nur 
erfahren, dafs sie gut ist und nur Ursache von Gutem, und 
die Dichter sollen nur Vorbilder von Vortrefflichkeiten geben. 
Das ist das allgemeine Gepräge {rvjtog), nach dem sich der 
Dichter als Lehrer der Polis richten mufs. Innerhalb dieses 
Typos mag er frei gestalten. i) Plato sah den Trieb nach Zer- 
splitterung des eigenen Wesens im Menschen des alten Athen 
durch die Dichtungen nur bestärkt Besserung erwartet er 
nur von Konzentration des Einzelnen auf seine Berufsarbeit 
und von der Erziehung zur Selbstbeherrschung, soweit es noch 
mögUeh ist. 

Einen Mann, der in den besten Jahren infolge seiner 
Zttgellosigkeit kränkelt, soll man auch schon der Nachkommen 
wegen nicht hegen und pflegen, auch nicht, wenn er reicher 
als Midas wäre, da es weder für ihn noch fttr die Polis einen 
nützlichen Zweck hat Man soll den Tod derer, die ganz 

') Bep. 398 ff 379 A. —Adam sagt in seinem Kommentar: hisideaot 
beaolj Ig snffieiently eomprehensive to inclnde moral and spiritoal beauty 
«8 well as physical L S. 165. 



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58 

minderwertig geraten nnd anheilbar sind, sogar herbeiführen, 
da es für sie nnd die Allgemeinheit das Beste ist Warum 
sollte eine planmäfsige Rassezueht, wie sie bei Pferden nnd 
Hunden geübt wird, nieht auch bei Menschen mOglich sein, um 
das Unedle ansznscheiden? Der Staat aber hat es allein in 
den Händen, eine edle Rasse heranzuziehen. Hierin findet 
Plato eine der wichtigsten Yoranssetzangen für die Möglichkeit 
eines gesunden, gemeinsamen Lebens (Rp. 459). (Wir sehen, 
wie in der Gegenwart durch ein besonderes Organ für Rassen- 
hygiene Piatos Gedanke wieder aufgenommen wird.)>) Hier 
sieht er auch ein Mittel, die Auswahl der Besten, der Herrscher- 
natnren, planvoll von vornherein zu gestalten. 

L Überordnung Einzelner oder des Einen 
in der Felis (das Wäehteramt). 

In seinem pädagogischen Roman „Erziehung des Kyros^ 
nennt Xenophon drei Bedingungen für die Befähigung zum 
Herrscher: die Abstammung, die natürliche Anlage und die 
Erziehung {yevEd, gwöig, otaiöüa 1,1, 6). Diese drei Momente 
sollen auch die Wächter der vorbildliehen Stadtgemeinde, die 
Plato ins Leben rufen will, bei der Aussonderung eines 
tüchtigen Herrschergeschlechts ins Auge fassen. Die edelsten 
Paare sollen ausgewählt werden. In die Zuchtrasse, deren 
Fortpflanzung genau geregelt ist, sollen jedoch tüchtige Spröfs- 
linge aus der gesamten Gemeinde der Bürger aufgenommen, 
dagegen mittelmäfsige Erzeugnisse des Herrschergeschlechts 
der übrigen Bürgergemeinde zugewiesen werden. In der Regel 
wird ja der Sohn edler Eltern Gold in sich tragen (vjro;^(>vaoc), 
wenn aber ein Spröfsling aus dem Wächterstande geringes 
Metall in sich trägt, soll man nicht das Mitleid walten lassen, 
sondern der Natur die ihr zukommende Ehre erweisen und das 
Kind zu den Handwerkern oder Bauern bringen; und wenn 
aus diesen irgendeins stammt, das Gold oder Silber in sich 

Sommers VererbungsforschuDg und die Psychiatrie hat diese 
Frage besonders nahegelegt. In einer eben erschienenen Schrift von 
H. Bayer, Über Vererbung und Rassenhygienie, Jena 1912, wird die Er- 
wartung aasgesprochen, dafs die „Eugenie** auch einmal staatlich organi- 
siert werde S. 50, 



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59 

hat) BO Boll man es io den Kreis der Wächter oder ihrer 
Helfet liinanfflibTeii (Bp. 415 Äff. 432 C). Es gilt nnn in jeder 
Weise zn forseben nnd zn prüfen, ob einer so wohlgestaltet 
(j^GxqiKBv) ist, um in den Kreis der Edlen aufgenommen zn 
werden oder wert ist nnd sieh bei der Erziehung wert zeigt, 
in diesem Kreise zu bleiben. Plato fordert also, modern 
gesprochen, eine staatlieh organisierte Begabnngsforschung, da 
er in der Bernfsverfehlnng das gröfste Unheil, dje gröfste 
Ungerechtigkeit (unrichtige Beschaffenheit) zugleich im Leben 
des Einzelnen und des Staates sieht (top siigyvi] XQoq exacra 
xal TOP lifi oQi^eadai Rp. 455 C). 

Der Auslese, die durch die Natur nahegelegt ist, tritt 
nnn die Auslese zur Seite, die durch die Kunst der Erziehung 
ansgettbt wird. Lernen vollzieht sich, so lehrt uns schon das 
Kind, das dem Töpfer bei seiner Arbeit zuschaut, durch An- 
schauung und Erfahrung (ß-ia und ifdxsiQla x&v ytQOCfixovrcDv) 
dessen, was einem jeden „liegte Nun ist der, welcher nach 
Einsicht ins Wesen der Dinge strebt, von dem nur Schaulustigen 
nnd Neugierigen und von dem technisch und praktisch ver- 
anlagten Menschen zu unterscheiden, der an dem Vielerlei der 
Vorstellungen haften bleibt Er begnügt sich mit einer richtigen 
Meinung, die lichter ist als die Unwissenheit, aber dunkler 
nnd verworrener als die klare Erkenntnis. Es ist bei dem 
Lernen wie bei dem Geschmack an Speisen. Die, welche die 
Natnr nicht antreibt (ixiöjtsvasv)^ sollen nur Lesen und 
Sehreiben aufser ihrer praktischen Fertigkeit erlernen. Es 
gibt eine Stufenfolge in den Wissenschaften, genauere und 
nngenauere Künste, wie es eine Rechenkunst fttr die Vielen 
nnd die Gebildeten gibt Eine Wissenschaft ist reiner als die 
andera Wer ohne Qual (svx^Qcog) das reine Wissen in seinem 
ganzen Umfange kosten will, mit Freuden ans Lernen geht und 
darin unersättlieh ist, den werden wir in richtiger Weise zum 
Philosophen bestimmen (ßr d/xg iprjCofiBv)^ der die Wahrheit 
zn schauen und alle Dinge nach der Idee des Guten zu ge- 
stalten strebt Eine kleine Natur (ciiixQa q>voig) kann niemals 
etwas Grolses für den Privatmann und ^e Polis tun. Wenn 
solche Menschlein {avd^Q<oxlcxoi\ Handwerker und Unberufene 
fiberbanpt sich an die Philosophie machen, so gleichen sie 
dem fnschgebadeten Schmiedeknecht im Bräutigamsstaat, der 



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60 

die Meisterstochter freien will. (So bekämpft Plato das „Bildangs- 
Proletariat^*.) Was für Gedanken und Meinungen können da 
nur erzengt werden! i) 

Gute Pflanzen müssen einen besonders guten Boden haben. 
Eine vortreffliche Natnranlage, der die entsprechende Erziehung 
fehlt, pflegt ins Gegenteil umzuschlagen. So wird aus der könig- 
lichen Natur der gröfste Verbrecher, der Tyrann, der nur auf 
den eigenen Vorteil bedacht ist. Je gröfser die Arbeitsaufgabe 
der Wächter ist, umsomehr bedürfen sie der sorgfältigsten 
Ausbildung, frei von den geringeren technischen Arbeiten und 
frei von störenden und schädlichen Einflüssen (374 E). So soll 
für die angehenden Herrscher wie einst fttr die Spartiaten eine 
Sondererziehung und eine Erziehungsgemeinschaft geschaffen 
werden. In dieser soll jede Besonderung ausgeschlossen sein, 
die auf dem blofsen Mehrhaben an Besitz beruht, wozu der 
Grieche auch Weib und Kind rechnet (lölmoiq diaXvei). Jede 
Besonderung des Einzelnen soll sich nur auf seine Tüchtigkeit 
als auf seinen Eigenwert gründen {olxelä riiifj). Die Wächter 
sollen das Gold nur in ihrer Seele tragen, (ein &6tov xaga 

Das Ziel der Tüchtigen ist die gesunde Mischung von 
Einsicht und Tatkraft. Sie wird durch gleichmäfsige Ausbildung 
in den musischen und gymnastischen Künsten erreicht. Denn 
musische Ausbildung allein verweichlicht, während körperliche 
Übung allein verrohen läfst In den Darbietungen der Dichter- 
werke soll alles getilgt werden, was zur Nachahmung von 
Zügellosigkeit, Schlaffheit und zu grofser Eigenliebe veranlassen, 
alles, was Furcht erregen und wehleidig stimmen könnte. Da- 
gegen sollen Vorbilder von freien, gesunddenkenden und 
tapfern Menschen den angehenden Wächtern und Helfern vor 
Augen geführt werden. 

Weib und Kind sollen nicht mehr, wie in der Familien- 
Ordnung, als Eigentum betrachtet werden von denen, deren 
ernste Aufgabe ist, immer nur das Wohl des Ganzen und 
nicht den niederen Seelenteilen zuliebe das eigne Wohl und 
das der Familie im Auge zu haben. An Stelle der Familie 
will Plato aus diesem Grunde eine Art Wahlverwandtschaft 

Vgl. Rp.467A, 475Bff, 478C. Leg. 810B. Phileb. 56Cff. Rp, 
495 Bff. 



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61 

unter den edelaten und tüchtigsten Männer nnd Frauen ein- 
treten lasBen, die Lust und Leid eines jeden Einzelnen als 
gemeinsam fttblen. Die alten, vertrauten Namen Vater, Mutter, 
Brader, Schwester werden nun eine neue, eigene Bedeutung 
bekommen. ^) 

Die Frauen, die auch ihrer Befähigung entsprechend aus- 
zusondern sind, sollen mit den Männern in Musik und Gymna- 
stik wetteifern. Darin stimmt Plato mit Euripides ttberein, 
wenn Medea das stolze Wort spricht: „In vieler Beziehung 
unterscheide ich mich vorteilhaft von vielen Männern '^ und 
der Chor der Frauen singt: „Auch fttr uns ist die Musel^^) 
So sollen die Frauen in allen Lemgegenständen und in der 
Berufstätigkeit, soweit es ihre im allgememen schwächere Natur 
znläljst, den Männern zur Seite treten, dem Grundsatze gemäfs, 
dafs jeder seiner Anlage entsprechend nur das Seine treiben 
soll Zwar gibt Plato zu, dafs die Anlage von Mann und Weib 
verschieden ist, doch warnt er vor falschen Verallgemeinerungen. 
Es wäre so, als wenn man sagen wollte: weil ein Kahlkopf 
and ein Langhaariger verechieden seien, dürften nur Kahlköpfe 
z. B. Schuster werden (Rp. 453 £ ff.). 

Im Hinblick auf die blofse Eigenliebe, mit der die Mutter 
ihr Kind liebt und beurteilt, will Plato auch der Mutter ihre 
eigentttmliche Aufgabe nehmen, damit nicht kurzsichtige Wünsche 
der Eltern zur gröfsten Ungerechtigkeit gegen das Kind ftlhren, 
indem es zu einem Beruf bestimmt wird, der ihm und dem 
Ganzen nicht zum Heile dient 

Der Sinn ftlr das allgemeine Beste mufs vor allem in denen 
grolsgezogen werden, die fttr das allgemeine Glück und nicht 
ftlr das Glück irgendeines Geschlechtes oder Standes einst 
sorgen sollen. Der Herrscher ist der, in welchem der Allgemein- 
sinn am stärksten ausgeprägt ist Wenn die Wächter Eigentum 
besitzen, werden sie Haus- und Landwirte, anstatt Wächter 
der ganzen Polis. Sie werden feindliche Despoten der übrigen 
Bürger anstatt ihre verbündeten Mitkämpfer. Der Kampf um 
das Eigentum würde sie in das ganze häusliche Getriebe des 

') Ep. 463 G ff. Ähnlich bezeichnet Christas die als seine Verwandten, 
dk den WUlen Gottes tan. 

^ y. 579 noU.a noXXotg SiaipOQoq; 1085 fxovaa xal rjfuv^ vgl. Rp. 
455 Bß. 



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62 

Haasens und Gehafstwcrdens hineinreifseD, so dafs sie mehr 
Feinde im Innern als die Feinde von anfsen her fttrohten 
mttTsten (Rp. 415ff). 

Der Kampf im Innern soll aaf ein anderes Ziel als die 
Gegenstände des Begehrens gerichtet werden. Der alte 
hellenische Agön erscheint in neuer Form. Das neue Ziel ist 
der vollkommene Mensch, dem wirklich die Herrschaft gebührt 
oder eine Einheit von vollkommenen Menschen. Dieser Einheit 
würden die vielen Einzelnen sieh unterordnen, meint Plato, 
wie der Idee des Guten die andern Ideen und einzelnen Dinge. 
Im vollkommenen Menschen sind Leib und Seele zur schönen 
Harmonie, zur evsgla ausgebildet; milde und hochgemut ist er 
zugleich seinem Charakter nach (375 C). 

Das läfst die „Asketik" Piatos in einem andern Lichte 
erscheinen, als sie durch die christliche Tradition überliefert 
ist. Sie hat Plato vielfach zu sehr im Sinne ihrer Abtötungs- 
lehre betrachtet Er fordert vielmehr, der wachsenden Genufs- 
sucht entgegen, vernünftige „Hygiene^^ und Lebensweise (d/afra). 
Ohne gesundes Denken (ö(og>Qovstp) ist alle Pflege des Leibes 
wertlos (Lysis). Er berührt sich in seinen Forderungen mehr 
mit denen einer mafsvoUen Sport-, Antialkohol- und Pflanzenkost- 
bewegung der Gegenwart als mit den opera supererogationis. ^) 
In der „Politeia^^ fordert er nur Regelung und Mafshalten im 
Liebesgenufs, in den „Gesetzen*' sogar eine Art Junggesellen- 
steuer, den Wein verbietet er der Jagend bis zum 18. Lebens- 
jahre. 

Läuterung des sinnlichen Lebens, Erhebung über das blofise 
Leibliche fordert Plato von den Wächtern. Eine doppelte „Be- 
kehrung'S eine fisraarQoq)r] erleben sie, die Hinwendung zur 
Welt der Ideen und die Hinwendung wieder zum tatsächlichen, 
vielgeschäftigen Leben, um es nach der vorbildlichen Ordnung 
der Dinge zu gestalten; in Piatos Bilde: das Hinausgehen ans 
der Höhle ans helle Licht der Sonne, und die Rückkehr zu 
den armen Gefesselten in die Höhle. Eine Allgemein -Wissen- 
schaft, der alle einzelnen Wissenschaften untergeordnet sind. 



*) Bp. 57IE fiiJT€ ivSeia fjiijte nXtiafjiovy, vgl. auch O.Apelt, Der 
Wert des Lebens nach Piaton, (Abhandl. der Friesschen Schale Gott 1907; 
auch in die Plato -AuMtae 1912 aufgenommen). Pater betrachtet das 
„poritanische Element** als sokratisch. 



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63 

dient als Erweeker der Erkenntnis {lYeQuxop voi^aecog): die 
Mathematik. Die Ansbildang in dieser Kunst und in der Kunst 
des ricktigen Denkens fbhrt zam Schauen der wahren, mafs- 
gebenden Ordnung des Seins {öiaXsxrixfj . . . Scxsq d-Qiyxoq 
TolQ na^fiaoiv . . . kxavm 534 £). Die mehr als laienhafte 
(2dia»rix€5^) Beschäftigung mit der Rechenkunst {Xoyi6TiX7i\ 
die nicht nur dem egoistischen Vorteil dient, läfst den eigen- 
tümlichen Blick dafttr gewinnen, dasselbe zugleich als Einheit 
und unendliche Vielheit zu sehen, das wesenhafte Sein von 
blolsen Schattenbildern zu unterscheiden, i) Die in der Polis 
zn Ehren gelangen wollen, müssen in der Kunst zu sondern 
und zu besondern, zu einen und zn vereinheitlichen besonders 
tüchtig sein. 

Nur wenige bleiben, denen der Bestand der Erinnerung 
an die Vorzeit der Seele, da sie ihrem Gott folgte, genügend 
gegenwärtig ist; nur wenige sind es, denen in ihrem Leben 
die Fesseln gelöst wurden, die hinausgingen und die einzelnen 
Dinge in scharfer Klarheit schauten und die eine Sonne, die 
Idee des Guten, von der alte ihr Licht empfangen, nach der 
alle einzelnen Vorbilder gestaltet sind. ^) Der von Gott wirklich 
erfbllte Mensch, der seine Gedanken auf das Wesenhafte richtet, 
hat keine Zeit, sich auf die Händel der Menschen einzulassen, 
um sich mit MiTsgunst und Feindseligkeit zn erfüllen. Er schaut 
nur auf die ewige Ordnung; diese sucht er nachzuahmen, dem 
Gott sich möglichst anzugleichen. Im Verkehr mit dem Gött- 
lichen und Schönen wird der Philosoph selbst in sich schön, 
geordnet und göttlich (500 CD. 5036.). 

Und wieder wenige sind es, bei denen sich diese Liebe 
zur Weisheit und Schönheit mit der Kraft zu gestalten, mit 
Herrschertttchtigkeit verbindet So geht die Auswahl innerhalb 
der Wächtergemeinde immer weiter. Weder der Ungebildete, 
der nie zum Schauen gelangt ist, noch der, welcher ohne be- 
stimmtes Ziel im gemeinsamen Bürgerleben immer auf den 
seligen Inseln der Bildung bleiben will, ist für das Herrscher- 
amt zu gebrauchen. Der Philosoph muls gewaltsam umgesiedelt 



*) Ep. 521 E — 638. — x(5v ayfny&v äv cfty xal fjtsraczQenuxwv inl 
ttjv xov ovxog &iav 17 neQl xo %v /id&ijaiq. 525 A. 
>) Vgl. Phaidr. 250 A. Bp. 505 A. 429 A. 



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64 

werden, wenn ihn nicht das Mitleid mit den Höhlenbewohnern 
schon zur Bttckkehr treibt. Das blofse Wohlbefinden des 
einzelnen Philosophen ist nicht mafsgebend, nach dem Grund- 
sätze, dafs nicht nur für das Wohl einer Klasse von Menschen 
das Gesetz sorgen soll. Sie sind auch nicht von selbst ohne 
den Einflafs der Bttrgerverfassnng aufgewachsen {avzofiavoi 
dxovörjg rijg xoXixBlaq) und schulden der Polis Dank für ihre 
Erziehung. Hinabsteigen soll der Philosoph zu den Gefesselten 
und teilnehmen an ihren Mühen und Ehren, obwohl er yiel 
herrlichere Ehren kennt Wenn er sich an Dunkel und Schatten- 
bilder dort unten gewöhnt hat, wird er tausendmal besser sehen 
als die Leute dort, und alle besonderen Bilder erkennen und 
wissen, woher sie sind und was sie bedeuten, weil er das 
Wahre im Bereich des Schönen, Bichtigen und Vortrefflichen 
gesehen hat Er sieht nun die Schattenbilder mit dem Bewufst- 
sein, dais sie nur vorüberhuschende Schatten sind und führt 
keine Schattenkämpfe um die Herrschaft, als sei sie ein grofses 
Gut (519 B ff.). Pflicht und Schuldigkeit des Philosophen ist es 
nur, seine überlegene Einsicht zum Besten der Allgemeinheit 
nutzbar zu machen. Zu einer notwendigen Sorge und Arbeit 
mnis ihm werden, das, was er dort gesehen hat, in der 
Menschen Gepflogenheiten und Sitten im privaten und öffent- 
lichen Leben hineinzupflanzen. Er soll nicht nur sich selbst 
gestalten {jikarreiv 500 CD). 

Aus den Fähigen und Tüchtigen sind die als Herrscher 
auszusondern, die sich als die wachsamsten bewähren, die ihr 
ganzes Leben hindurch am meisten mit ganzem Eifer zu tun 
scheinen, was sie für der Polis Bestes halten. In allen Alters- 
stufen sind sie zu beobachten, ob sie treu an diesem Dogma 
„das Beste für die Polis^' festhalten, unbezaubert[durch Einwände, 
Lust, Schmerz und Furcht (Bp. 412 Dff.). So soll die Ausbildung 
zum Begentenamt bis zum 50. Jahre dauern, damit sie an 
Erfahrung in keiner Weise hinter den übrigen zurückstehen. 
Dann erst sind sie reif zu herrschen, das heifst nach dem 
Vorbild der vollkommenen Ordnung die Stadt und die Einzelnen 
in ihrem Privatleben zu schöner Ordnung zu führen, wenn ihr 
eignes Leben gleichsam zu einem vollendeten Kunstwerk ge- 
staltet ist „Wie ein Bildhauer hast du die Herrscher heraus- 
gearbeitet!'' ruft Glaukon aus (Bp. 540 Äff.). 



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95 

AIb Helfer und Heilande werden die Vielen, die nur dureh 
m N^\ksveTftlbTer irregeleitet sind, ihre Herrscher ansehen, 
^^"Uü ^%Q)i^ltig arbeitende Werkmeister {ArniiovQyol) der Frei- 
heif^ der ganzen Polis werden sie sein. Diese aber werden in 
den Beherrsehten nieht ihre Sklaven, sondern ihre Soldgeber 
nnd Ernährer sehen (468 AB). Die Menge bedarf nur der freund- 
lichen Überredung nnd Aufklärung darüber, was unter dem 
wahrhaft Einsichtigen, dem Philosophen als König zu verstehen 
ist, nnd die Naturanlage der vielen Einzelnen mufs richtig ge- 
leitet nnd ihnen ihre Beschäftigungsart genau bestimmt werden 
(499 E). Es bleibt nun gleich, ob einer, der über alle anderen 
dareh seine königliche Art hervorragt, die Herrschaft Übernimmt 
oder eine einheitliche Gemeinde, ein övXXoyoq von Wächtern, 
die dem einen Guten sich unterordnen und dies eine Ziel haben: 
Die vollkommene Ordnung, i) 

Die königliche Natur weifs jedem das Seine zu geben. >) 
Sie steht über dem Gesetz, denn es ist nicht würdig, vortreff- 
lichen Männern {ovx a^tov .... avögaCi xaXotg xdyad'olg 
exixaxTBiv 425 D) Vorschriften zu machen. Sie würden sich 
ja nicht von Blinden unterscheiden, wenn sie nicht das klare 
Vorbild in ihrer Seele hätten. Wenn sie nicht über dem Ge- 
setze stünden, würden sie nicht imstande sein, in der Erkenntnis 
des Schönen, Bichtigen und Guten festzusetzen, was allgemein 
Geltang hat (yofuftä) nnd das Gute im Bestehenden zu hüten 
und anfreehtznerhalten (484 BfF). 

Die Gesetze sind gleichsam Wegweiser, welche die Führer 
den Irrenden geben. Die Sorge für Lebewesen, heifst es in 
Piatos Buch vom Könige, dem „Politikos", bezieht sich beim 
HerrBcber weniger anf die Einzelzucht, sondern ist eine allgemeine 
Sorge flir die Pflegebefohlenen in Herden. Die königliche Kunst 
Ist die Kunst, Gesetze zu geben. Ein Gesetz ist aber ein 
ungebildetes Ding; denn es ist unmöglich, dafs etwas Einfaches, 
wie eine allgemeine Vorschrift sich gut und glücklich verhält 
SU dem niemals Einfachen, dem einzelnen Menschen, allen seinen 
individuell verschiedenen Lagen entsprechend (294 C). So kann 



>) Des iyad^v fwlga ist das rileov und Ixavov fitiSevbg nQoaöslo&ai 
FhSL20QfL 

>) Sixaq Sixd^stv 438 Eff. 
PMlofophiMha AbbABdliiBgui. XL. 5 



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66 

das Gesetz nnr fttr die Mehrheit und fttr die meisten Fälle nnd 
gleichsam nur im groben {xaxvrigog) fttr die Einzelnen das 
Gesetz geben. Denn wie könnte jemand imstande sein, sein 
Leben hindareh sich jedem immer vertranlich znr Seite zu 
setzen, um ganz genau anordnen zu können, was ihm gerade 
zukommt? (Politik. 295 vgl. Leg. 925 E). Der Zwang aber, 
wenn es sieh um ein Gerechteres, Besseres und Schöneres 
handelt, ist ebensowenig verwerflich, wie der Zwang, den der 
Arzt von seiner besseren Einsicht aus auf ein krankes Indivi- 
duum ausübt (Politik. 296). 



Der philosophischen Theorie gegenüber erhebt sich der 
Mann der Praxis mit seiner Erkenntnis, dafs die sozialen nnd 
politischen Fragen nur von Fall zu Fall gelöst werden. Dem 
entgegnet Plato: „Die Hypothesen stelle ich nicht als Prinzipien 
auf, sondern in Wirklichkeit als Hypothesen, gleichsam Stufen 
zum Hinaufsteigen uud Antriebe, damit du bis zum Voraus- 
setzungslosen gelangst, zum Grund, Anfang nnd Ziel aller Dinge '^ 
(Rp.511B). 



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Inhalt. 



Seite 
Em\eitaiig 1 

L Prolegomena zum Verständnis von Piatos Problem und Werk . 2 

II. Die zu Grunde gelegten Begriffe und der Zusammenhang von 

PlatoB Problem mit Problemen der Gegenwart 10 

IIL Individuelles und Allgemeines in Plato selbst; das Werden der 

„Politeia" 15 

IV. Das Verfaültnis Ton Individuum und Allgemeinheit in Piatos 

Denken überhaupt 30 

V. Das Verhältnis 7on Individuum und Allgemeinheit in der „Politeia*' 

im Zusammenhang mit den übrigen Schriften 36 

1. Das Individuum und die allgemeine Naturbasis ... 36 

2. Das Verhältnis der Analogie zwischen Einzelmensch und 

Polis 42 

3. Ein- und Unterordnung der einzelnen Vielen in der 

Polis (Erziehung) 48 

4. Überordnung Einzelner oder des Einen in der Polis (das 

Wächteramt) 58 



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Von demselben Verfasser erschien: 

Die Anfinge einer geschiehtlichen Fondamenttening der Beligions- 
phllosophie. Grundlegende Yorantersachnng zu einer Darstellnng 
von Herders historischer Auffassang der Religion. Rentber & Reichard, 
Berlin 1908. 



Dniok Ton Ehrhaidt KtRM, Halle %, 8. 

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Vejiag von Hax Niemeyer in Halle a. 8. 

Abhandlungen 
zur Philosophie und ihrer Geschichte 

herausgegeben von 
Benno Erdmann. 

8. 

1. Ri eh t e r , Paul , David Htune's Kausalitätstheorie und ihre Bedeutung 
für die Begriindung der Theorie der Induktion. 1893. &0 S. Jk 1,20 

2. Carls, Wilh., Andreas Bttdigers Moralphüosophie. 1894. 51 S. Jk 1,20 

3. Meyer, Engen, Humes und Berkeleys Philosophie der Matiiematik 
▼ergleichena und kritisch dargestellt 1894. 57 3. Jk 1,60 

4. James, George Francis, Thomas Hill Green und der Utilita- 
rismus. 1894. 87 S. ^ 1,~ 

5. Kohn, Harry £., Zur Theorie der Aufmerksamkeit 1895. 48 S 

Ji 1,20 

6. Goldbeck, Ernst, Keplers Lehre von der Gravitation. Ein 
Beitrag zur Geschichte der mechanischen Weltanschauung. 1896. 
52 S. Jk 1,20 

7. Brede, Wilhelm, Der Unterschied der Lehren Humes im Treatise 
und im Inquiry. 1896. 50 S. Jk 1,20 

8. Dodge, Raymond, Die motorischen Wortvorstellungen. 1896. 
78 S. Jk 2,— 

9. Mayer, Eduard von, Schopenhauers Aesthetik und Ihr Verhältnis 
zu den ästhetischen Lehren Kants und Schellings. 1897. VI, 82 S. 

.Ä2,— 

10. Frey tag, Willy, Die Substanzenlehre Lockes. 1899. VI, 74 S. 

Jk 2, — 

11. Marvin, Walter T., Die Giltigkeit unserer Erkenntnis der objektiven 
Welt 1899. VI, 96 S. Jk 2,40 

12. PoweH, Eimer E., Spinozas Gottesbegriff. 1899. IX, 113 S. ^3,~ 

13. Sasao, Kumetaro, Prolegomena zur Bestimmung des Gottes- 
begriffes bei Kant 1900. 71 S. Jkl,-^ 

14. Spaulding, Edward Gleason, Beitriige zur Kritik des psycho- 
physischen Parallelismus vom Standpunkte der Energetik. 1900. 
Vn, 109 S. Jk 3,— 

15. Markus, D. F., Die Assoziationstheorieen im XVIII. Jahrhundert. 
1901. IX, 72 S. Jk 2,— 

16. Wentscher, Else, Das Eansalproblem in Lotzes Philosophie. 
1903. VII, 66 S. Jk 2,— 

17. Quast, Otto, Der Begriff des Belief bei David Hume. 190S. VIII, 
125 S. Jk 3,— 

18. Conrat, Friedrich, Hermann von Helmholtz' psychologische An- 
schauungen. 1904. VI, 278 S. Jk 6,— 



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Verlag von Max Miem^yer in HaUe •> 8, 

Abhandlungen zur Philosophie und Ihrer Geechichte. 

19. Becher, Erich, Der Begriff des Attributes bei Spinoza in seiner 
Entwicklang und seinen Beziehungen zu den Begriffen der Substanz 
und des Modus. 1905. 81 S. Jk 1,60 

20. Herbertz, Bichard, Die Lehre Tom Unbewussten im Sjrstem 
von Lelbniz. 1905. 68 S. Jk %— 

21. Post, Karl, Johannes VliUers philosophische Anschauungen. 1905. 
147 S. JL 4,- 

22. Keussen, Rudolf, Bewusstsein und Erkenntnis bei Desoartes. 
1906. IX, 95 S. JL 2,40 

23. Prümers, Walther, Spinozas Beligionsbegriff. 1906. 73 S. Jl 1,80 

24. Hadlioh, Hermann, Hegels Lehren über das Yeihilltnls voo 
Religion und Philosophie. 1906. YIU, 82 S. .^2,40 

25. Becher, Siegfried. Erkenntnistheoretisehe UntersuehuiifeB zu 
Stuart Mills Theorie der Kausalität 1906. 149 S. Jk 4,— 

26. Wildschrev, Joh. Eduard Th., Die Gnmdlai^en einer voll- 
ständigen Syllogistik. Mit 1 Tafel. 1907. X, 160 S. Jl4,— 

27. Volait, Georges, Die Stellung des Alexander von Aphrodisiss 
zur Aristotelischen Schlnsslehre. 1907. 103 S. Jk 2,80 

28. Thönes, Adelheid, Die philosophischen Lehren in Letbnizens 
Th6odlc6e. 1908. 79 S. .^ 2,— 

29. Kurz, August, lieber Christian Gabriel Fischers vemfinftige Ge- 
danken von der Natur. 1908. YII, 65 S. Jk 1,60 

30. Koch, Hans Ludwig, Materie und Organlsnias bei Leibnis. 
1908. VIII, 59 S. Jk 1,86 

31. Arndt. Ernst, Das Verhältnis der Verstandeserkenntnis zur sinn- 
lichen in der vorsokratischen Philosophie. 1908. 67 S. Jk 1,60 

32. L an gel, Hans, Die Entwicklung des Schulwesens in Prenssen 
unter Franz Albrecht Schultz (1733— 1763). 1909. XI, 152 S. JkA,— 

33. An er, Karl, Gottfried Ploucquets Leben und Lehren. 1909. 
68 S. JklfiO 

34. Crous, Ernst, Die religionsphllosophischen Lehren Lockes ud ihre 
Stellung zu dem Deismus seiner Zeit 1910. VIII, 118 S. ^3,*- 

35. Lewin, James, Die Lehre von den Ideen bei Malebranohe. 1912. 
VIII, 165 S. UI4,60 

36. Horten, Max, Die Metaphysik des Averroes (1198t). Naoh dem 
Arabischen tlbersetzt und erläutert. 1912. XIV, 238 S. Jl 7,— 

37. Knüfer, Carl, Grundzflge der Geschichte des Begriffs „Vorstellung*' 
von Wolff bis Kant. Ein Beitrag zur Gesdiiohte der pmlosophisehen 
Terminologie. 1911. V, 84 S. Jl2,40 

38. Horten, Max, Die Philosophie der Erleuchtung nach Snhrawardi 
(1191t). Uebersetzt und erläutert 1912. XI, 83 S. ^ 8,— 

39. Nenmann, Peter, Die Psychologie des Nioolaus Cnaanas nach 
ihren Beziehungen zur hellenistischen und schohirtiseheB Philos(^hie. 

(Unter der Presse) 

40. Burckhardt, Georg E., Individuum und Allgemeinheit in Piatos 
Politeia. 1913. 68 S. ^1,80 



Druck von Ehrhardt Karvas, Hall« a. S. 



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UBHANDLÜNGEN 
ZUR PHILOSOPHIE UND IHRER GESCHICHTE 

HERAUSGEGEBEN VON BENNO EKDMANN 

YT.T I J' 



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DAS DING AN SICH 

UND 

DIE EMPIRISCHE ANSCHAUUNG 
IN KANTS PHILOSOPHIE 



VON 



SIMON BRYSZ 



HALLE A. S. 
VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1913 



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ABHANDLUNGEN 

ZÜE 



PHILOSOPHIE 

UND IHRER GESCHICHTE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



BENNO ERDMANN 



EINÜNDYIEBZIGSTES HEFT 

SIMON BRYSZ 

DAS DING AK SICH 
UND DIE EMPIRISCHE ANSCHAUUNG IN KANTS PHILOSOPHIE 



HALLE A. S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1913 

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DAS DING AN SICH 

UND 

DIE EMPIRISCHE ANSCHAUUNG 
IN KANTS PHILOSOPHIE 



TOK 



SIMON BRYSZ 



HALLE A. S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1913 



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Inhalt 



8«lt6 

Gibt es nieh Kant einen von uns onabhSngigen Bealgnind unserer 

Yontellungen? 1 

Kante Beweise ftlr die Existenz der Dinge an sich 11 

Wie ist das Ding an sich beschaffen? 35 

Wie kommt objektiv- gültige Anschanung zustande? 39 

Wie ist eine notwendige Übereinstimmnng unserer Verknttpfang der 
Gegenstande der Erfahrung mit ihrer tatsächlichen Affinität zu 

erklären? 59 

Wie ist das Ergebnis der Deduktion mit der Möglichkeit empirischer 

Gesetze in Einklang zu bringen? 83 

a) Die Kausalität durch Freiheit und die Affinität der Er- 
scheinungen 86 

b) Die prästabilierte Harmonie und die empirischen Gesetze 98 
Anhsog. Von den Wahmehmungs- und Erfahrungsurteilen .... 106 



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Q\bt es nach Kant einen Yon nns nnabhängigen 
Kealgnmd unserer Vorstellungen? 



Die Frage, ob es nach Kant einen von nns nnabhängigen 
Realgrnnd unserer Vorstellungen gibt, gehört bekanntlich za 
den strittigsten Punkten in der Deutung seiner Philosophie. 
Und es bedarf geradezu einer Entschuldigung, wenn man das 
alte Gespenst vom Ding an sich, um das von so vielen berufenen 
und unberufenen Eantforschem gekämpft v^orden ist, wieder 
anferstehen läfsi Da jedoch die Frage der empirischen An- 
schauung eine klare Stellungnahme zum Ding an sich erfordert, 
so sei es mir gestattet, dieses Problem wenigstens in den all- 
gemeinsten Zügen zu erörtern, umsomehr, als einige strittige 
Paukte unter Zuhilfenahme der von Erdmann herausgegebenen 
Reflexionen Kants und der Losen Blätter von Beicke, wie 
mir scheint, leicht aufgeklärt werden können. 

Man sollte meinen, daJb die häufig wiederholten klaren 
und manchmal gar nicht milszuverstehenden Äufserungen Kants 
über die Existenz der Dinge an sich, ebenso wie die geradezu 
affektvolle Protestation wider die Zumutung eines Berkeleyschen 
Idealismus einem derartigen Streite hätte vorbeugen mttssen. 
Es ist indessen nicht schwer einzusehen, dafs mannigfache 
Gründe diesen Kampf heraufbeschworen haben. — Erstens 
sind es die nicht leicht zu lösenden Widersprüche, die dem 
Kantischen Kritizismus aus der Annahme an sich existierender 
Dinge erstehen. Zweitens finden sich vielfache Äufserungen 
in der Kritik, die das Ding an sich zu negieren scheinen. 
Drittens ist es offenbar unmöglich — trotz scheinbarer Ver- 
suche — die Existenz dieser Dinge von den Voraussetzungen 
des Kritizismus aus spekulativ zu beweisen. Dazu kommt die 

PUloMphliolie AblundlmigMi. XLI. 1 



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Zweideutigkeit des Eantischen Terminus GegeDstand, der bald als 
transscendeDtaler, bald als empirischer yerstanden werden kann. 
Zn diesen sozusagen immanenten, d.h. im System selbst liegenden 
Grttnden — die zwar zu den verschiedenen Auffassungen vom 
Ding an sich nicht ermächtigen, wohl aber die auseinander- 
gehenden Meinungen erklären — gesellt sich eine Reihe subjek- 
tiver, vom jeweiligen Standpunkte des Interpreten abhängender 
Grttnde. Die Vertreter der zeitgenössischen Tradition, ganz blind 
für das eigentliche Ziel der Kritik und für die ungeheure Um- 
wälzung, die Kants Lehre fUr Metaphysik und Wissenschaft 
bedeutete, fanden in der Lehre des Philosophen, die sämtliche 
Metaphysiken zeitgenössischer Kapazitäten als eitles Gerede 
brandmarkte, nur einen verschärften Berkeleyschen Idealismus. 
Andererseits aber hatte das Bestreben, das Kantische Ding an 
sich gänzlich aus dem Bereich des Seienden zu eliminieren, 
tiefer liegende Gründe. Wahrhaft grolse Geister imposanten 
idealistischen Gepräges waren auf den Königsberger Meister 
gefolgt, und forschten, nachdem das Ding an sich von Kant 
als unbekannter und unerkennbarer Grund des Seins hingestellt 
worden war, was dieses Ding doch sein möge. Man glaubte 
die Kritik in vermeintlich Kantischem Sinne weiterbilden zn 
müssen. Die Kantischen Dinge an sich wurden vorerst uni- 
fiziert; man liefs sie sich immer mehr verflüchtigen, um sie 
endlich im »Ich", im , Identischen", „Absoluten", im „Willen* 
oder im vUnbewufsten" aufgehen zu lassen. — Die Kantische 
nüchterne, wenn auch nur zum Teil durchgeführte Negation 
der dogmatischen Metaphysik, mufste eine glänzende Eeaktion 
hervorrufen, zumal Kant selbst im praktischen Kritizismus 
Fingerzeige für eine solche gegeben hatte. Das Ding an sich, 
für Kant das transscendentale Objekt, die andere Seite der 
Erscheinung, die uns unbekannt bleibt, weil wir diese und 
nicht eine andere Sinnlichkeit haben, wurde zum Ausgangs- 
punkt neuer metaphysischer und religiös-mystischer Systeme. 

Wir wollen zunächst feststellen, dafs Kant die Existenz 
der Dinge an sich ohne weiteres vorausgesetzt hat Es ist 
überflüssig und zugleich unnütz, alle die Stellen, aus der 
Kritik und den Prolegomenen, die unumwunden und unzwei- 
deutig die Existenz der Dinge an sich mit voller Schärte 
hervorheben, anzuführen. Die Gegner haben sie tausendmal 



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gebSrt und gelesen und werden sich aaeh dann, wenn sie diese 
Aaslassangen znm tausend ersten mal hören, Yon ihrer Inter- 
pretation nicht abbringen lassen. Wichtig dagegen scheint die 
Frage, warum Kant eigentlich so sehr an der Existenz der 
Dinge an sich liegt, warum er sie yoranssetzt und an ihnen 
festhält, auch nachdem sie ihm zum Problem geworden sind, 
weshalb er den Einwendungen seiner Freunde und Gegner 
durch den Hinweis auf den Begriff der Vorstellung ausweicht 

Was das erste betrifiFt, nämlich die Voraussetzung der 
Dinge an sich in der Ästhetik, so könnte man dies in dem 
realistischen Zug von Kants Denken, das jedem schwärmerischen 
und skeptischen Idealismus abgeneigt war, begründet finden. 
Dafs er aber an dieser Voraussetzung festhält, auch nachdem 
ihm Ton Seiten seiner Kritiker Yorgeworfen worden war, dafs 
jene Annahme mit dem sonstigen Ergebnis seiner Kritik nicht 
in Einklang gebracht werden könne, — dafär muls ein tiefer 
liegender Grund zu finden sein. Und in der Tat, das Fest- 
halten an der Existenz an sich seiender Dinge, auch nachdem 
die Kritik gezeigt hat, dafs man über Transscendentes nichts, 
aneh nicht das Sein aussagen darf (denn sonst mttfste man 
den kosmologischen Gottesbeweis ebenfalls anerkennen), dieses 
Festhalten kann nur verstanden werden, wenn die Prämissen 
hierfttr nicht in der spekulativen, sondern in der 
praktischen Philosophie gesucht werden. 

Dafs dies der Fall ist, ersehen wir aus Folgendem. In 
der Vorrede zur 2. Auflage sagt Kant: .Der Idealismus mag in 
Ansehung der wesentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so 
nnscbuldig gehalten werden (was er in der Tat nicht ist), so 
bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen 
Mensehenvernunft, das Dasein der Dinge aufser uns .... blofs 
auf Glauben annehmen zu mtlssen.' ^) Als Ergänzung hierzu 
heilst es in den Losen Blättern: „Der Idealismus, der die Aufsen- 
welt leugnet, kann ... auch wohl ein Hindernis abgeben 
zu dem, was den Endzweck der Metaphysik ausmacht, 
zu dem Übersinnlichen fortzuschreiten, wenn alles 



') Yorr. 2 zur Kritik d. r. V. XL Anm. Ich zitiere im allgemeinen 
Kants Werke nach der Akademieaasgabe. Die Kritik d. r. V. jedoch nach 
der Oi^nalpaginierong der 2. Auflage (Ausgabe £rdmann). Bei Zitaten 
UV der I. Auflage füge ich immer A hinan. 

1* 



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Sinnliche blofs in uns gesetzt wird.<) Diese Äas- 
lassangen dürften für alle diejenigen, die das Ding an sieh za 
einem leeren Grenzbegriff, zu einer Anfgabe, zu einem ewigen 
Schein, oder wie die Ausdrucke sonst lauten, degradieren 
wollen, ein Yorzügliches Objekt fttr ihre Interpretationskttnste 
bieten. Denn hier wird der eigentliche Orund angegeben, 
warum Kant sich mit dem Gedanken nicht yersOhnen konnte, 
dafs das Subjekt neben der Form auch die Materie der Er- 
scheinungen aus sich heraus produziere! Damit wäre der Weg 
zur praktischen Philosophie, die ihm so sehr am Herzen lag, 
ein fttr alle mal yerschlossen gewesen. Auch die Behauptung, 
Kant habe sich eigentlich um das Ding an sieh nicht geküm- 
mert, ihm wäre es nur um die Wissenschaft zu tun, hingegen 
das Problem, ob den Erscheinungen etwas zugrunde liege oder 
nicht, läge nicht im Bereiche seines Interesses, wird durch diese 
Erklärungen hinlänglich widerlegt 

Es wäre jedoch falsch anzunehmen, dafs der Existenz der 
Dinge an sich gleich zu Beginn der Darstellung Kants in der 
Kritik der reinen Vernunft diese praktische Bedeutung zu- 
geschrieben worden sein sollte. Vielmehr verhält sich die 
Sache so. Die transscendentale Ästhetik hat, yeranlafst durch 
die Antinomien, 2) die entstehen, wenn man Raum und Zeit 



1) Lose Blätter ans Kants Nachlafis, mitgeteUt yon Rudolf Beicke 
I, 102. 

') Wenn ich nicht irre, war Lotze der erste, der die Bedeutnng der 
Antinomien flir die transscendentale Ästhetik gesehen hat, er sagt: «Die 
Beweggründe zu einer solchen Umgestaltung der gewöhnlichen Ansicht 
lagen fttr Kant nicht in der Natur des Raumes selbst, sondern in den 
Widersprüchen, in welche sein yorausgesetztes Verhalten zu dem Wirk- 
lichen zu führen schien . . . Erst die Antinomien, in welche wir uns yer- 
wickeln, wenn wir mit dieser Voraussetzung eines wirklichen Raumes 
unsere Vorstellungen vom Ganzen der Welt oder von ihren letsten 
Bestandteilen zu vereinigen suchen, entschieden bei Kant fttr die Annahme, 
die Anschauung des Raumes sei nur eine subjektive Form, mit welcher 
die Natur des vorauszusetzenden Realen nichts gemein habe.^ Meta- 
physik, 2. Aufl. S.201f. — Unabhängig hiervon bemerkt Riehl: „Dia 
Antinomie trieb zur Unterscheidung der phänomenalen und intelligiblen 
Welt; um aber diese Unterscheidung zu machen, mufste ihr Jene zwischen 
den sinnlichen Elementarbegriffen und den Denkbegriffen vorausgegangen 
■ein. Also war es ein metaphysisches Interesse, welches Kant auf die 
Bahn der kritischen Phüosophie brachte.** Der philosophische Kritizismus 



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als an sieh seiend annimmt, die Dinge in Dinge an sieh und 
Erscheinungen geschieden. Diese Dinge an sieh zu bezweifeln 
ist Kant damals nicht einmal ,in den Sinn gekommen^, denn 
sonst hätte die Unterscheidung ganz anders aasfallen mttssen. 
Es wären dann nicht nar Raum und Zeit blofs snbjektiY, son- 
dern auch der gesamte spezielle Gehalt der Erscheinungen. 
Dieser Gehalt mülste zwar auch dann nicht a priori sein, denn 
alles Apriorische der Anschauung ist subjektiv, nicht aber ist 
auch umgekehrt alles Subjektive a priori, z.B. Bewegung und 
Veränderung. Kant hätte aber sagen müssen, Kaum und Zeit 
allein sind subjektiv und a priori; alles andere ist zwar nicht 
a priori, d.h. es ermöglicht gar keine objektiv gültigen Er- 
kenntnisse, aber ist lediglich meine Vorstellung, der nichts 
anfser mir (transscendentaliter) entspricht, oder aber er hätte 
diese Frage wenigstens offenlassen mttssen. Kant sagt jedoch 
am Schlüsse der Ästhetik: „Was es fttr eine Bewandtnis mit 
den Gegenständen au sich und abgesondert von aller dieser 
Receptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänz- 
lieb unbekannt Wir kennen nichts als unsere Art sie [offenbar 
doch die Gegenstände an sich] wahrzunehmen, die uns eigen- 
tttmlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, obzwar 
jedem Menschen zukommen mufs.* ^ Hier wird also ausdrttck- 
lieh gelehrt, daTs die Dinge an sich als die andere Seite der 
Erscheinungen anzusehen sind. Erst später, als infolge der 
Kritik seines Werkes das Ding an sich zum Problem sich 

I , S. 273. Man yergl. auch 240 f. und 2. Aufl. 1, 343. Diese Vermutung 
BieUs fiuid dann eine glSnaende Bestätigang in dem von Erdmann 
henosgegebenen neuen Material aus Kants Naclilafis. Man vergleiche 
besonders Beflexion Nr. 4, wie auch den Brief an Garve vom 21. Sept. 
179S. B. Erdmann hat dann in einer erschöpfenden Abhandlung auf die 
ungemeine entwicklnngsgeschichüiche Bedeutung der Antinomien fttr 
Kants Kritizismus hingewiesen. Mit Hilfe des von ihm entdeckten neuen 
Beweismaterials hat er überraschend gezeigt, dafs die Umw&lznng im 
Kjuitischen Denken keinem andern Eiaflufa (also auch nicht dem Hu m es) 
io dem Mafse wie den Antinomien zuzuschreiben seL Man vergleiche: 
Die Entwicklnngsperioden von Kants theoretischer Philosophie, Vorbericht 
zum 2. Bande der Reflexionen Kants S. XXVI ff., sowie I^olegomena, 
Einleitung S. LXXXV. 

^) Kr. S. 69. Beillufig sei bemerkt, dals diese letzte Behauptung 
Kants, die doch im Omnde nur ein Analogieschludi ist^ etwas zu apo- 
djktiseli ausgedruckt ist. 



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6 

allmählich aasgebildet hatte, wurde Kant darauf aufmerksam, 
dafs, obwohl spekulativ kein Beweis fllr diese Existenz zu 
führen ist, so doch an diesen einstmals gar nicht beanstandeten 
Dingen festgehalten werden mUsse, wenn die Folgen des Frei- 
heitsbegriffes nicht gefährdet werden sollten, und dafs anderer- 
seits diese praktische Notwendigkeit des Begriffes der Freiheit 
den einzigen und sichersten Beweisgrund für die Existenz über- 
sinnlicher Dinge abgibt. So lesen wir in der Einleitung zur 
Kritik der praktischen Vernunft: «Dagegen eröffnet sich nun 
eine Yorher kaum zu erwartende und sehr befriedigende Be- 
stätigung der konsequenten Denkungsart der spekulativen 
Kritik darin, dafs, da diese die Gegenstände der Erfahrung 
als solche und darunter selbst unser eigenes Subjekt nur ftlr 
Erscheinungen gelten zu lassen, ihnen aber gleichwohl Dinge 
an sieh selbst zum Grunde zu legen, also nicht alles Über- 
sinnliche für Erdichtung nnd dessen Begriff für leer 
zu halten einschärfte: praktische Vernunft jetzt für sich selbst, 
und ohne mit der spekulativen Verabredung getroffen zu haben, 
einem übersinnlichen Gegenstande der Kategorie der Kausalität, 
nämlich der Freiheit, Realität verschafft ... also dasjenige, 
was dort!) blofs gedacht werden konnte, durch ein Faktum 
bestätigt.* 2) 

Nun wird aber behauptet, dafs bereits in der Analytik 
eine Schwenkung der Ansicht in bezug auf die Dinge an sich 
eingetreten sei. Zur Bestätigung dieser Behauptung wird fol- 
gendes geltend gemacht: 

1. Das Ergebnis der Analytik ist, dafs die Kategorien 
nur auf sinnliche Gegenstände angewandt werden dürfen. Die 
konsequente Durchführung dieses Gedankens gestattet aber 
nicht einmal die Existenz von dem Ding an sich zu prädizieren. 
— Wollte man dagegen einwenden, dafs die Kategorien nicht 
im gleichen Hafse subjektiv seien, wie Raum und Zeit, dafs 
ihre Unanwendbarkeit auf nichtsinnliche Gegenstände nur da- 
von herrühre, dafs sie die Anschauungsformen zu Hilfe nehmen 
müfsten, was aber bei der Existenz nicht notwendig sei; — so 

*) Man vgl. Vorr. 2, S. XXVI, Zeüe 12. 

>) Kants WW. V, 5f. Man vgl. auch L. Blätter S. 217: „Die End- 
absicht aller Metaphysik ist von der Erkenntnis des Sinnlichen zum 
Übersinnlichen aufzusteigen.^ 



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zeigt doch der folgende Satz, dafs diese Unterscheidang nicht 
richtig ist. .Realität* — sagt Kant — „kann man im Gegen- 
ft&tiQ m\t der "Negation nur alsdann erklären, wenn man sieh 
eme Zeit (als den Inbegriff von allem Sein) gedenkt, die 
entweder womit erfbllt oder leer ist' ^ ^^^^ liSLun also, wird 
geltend gemacht, nicht mehr behaupten, es gibt Dinge an sich, 
wenn er sicli selbst nicht widersprechen will. 

2. Kant selbst läfst die Einteilung in Phänomena und 
Nonmena gar nicht zu und nennt das Noumenon einen «pro- 
blematischen Begriff' oder auch „Grenzbegiiff*. 

3. Selbst wenn man dem zweiten Argument ausweicht, so 
heilst es doch ausdrtlcklich, dafs „obgleich unser Denken von 
der Sinnlichkeit abstrahieren kann, so bleibt doch die Frage, 
ob es alsdann nicht eine blofse Form eines Begriffes sei und 
ob bei dieser Abtrennung Oberall ein Objekt übrig bleibe.' 2) 

Was nun zunächst das zweite Argument betrifft, so ist 
klar, dafs mit Noumenon hier nur dasjenige in positiver 
Bedeutung gemeint ist, 3) und dieses ist tatsächlich ein proble- 
matischer Begriff, weil der Verstand, vor dem es gehörte, ein 
Verstand mit der Fähigkeit intellektuell anzuschauen, selbst 
ein Problem ist Dies geht aus dem ganzen Inhalte des hier- 
fttr in betracht kommenden Abschnitts über Phänomena und 
Noamena, besonders aber aus folgender Stelle hervor: „Das 
Objekt, worauf ich die Erscheinung überhaupt beziehe, ist der 
transscendentale Gegenstand, das ist der gänzlich unbestimmte 
Gedanke von Etwas überhaupt Dieser kann nicht das 
Konmenon heifsen: denn ich weifs von ihm nicht was er 
an sich selbst sei und habe gar keinen Begriff von ihm, als 
bloCs von dem Gegenstande einer sinnlichen Anschauung über- 
haupt''^) Bekräftigt wird dies durch den Umstand, dafs die 
2. Anflage und die Randbemerkungen im Handexemplar^) einige 
Stellen, die zu Hifsverständnissen verleiten könnten, durch 
genauere Bestimmung des Noumenon den Text ergänzen und 



Kr. S. 300. 
<)Kr. A252£. 

*) Mm vgl. auch Rieh! & a. 0. I, 2. AufL § 579. 
*) Kr. A 258. Man vgl. auch die Definition des Noamenon Kr. A 
248 und 307. 

*) Man 7g]. B. Erdmann, Nachtriige zu Kants Kritik d. r. V, 



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8 

jede Zweideutigkeit entfernen. So wird zu dem Satze: „dals 
die Grundsätze des Verstandes nur . . . auf Gegenstände der 
Sinne, niemals aber auf Dinge überhaupt . . . bezogen werden 
können^ ^) im Handexemplar die wichtige Einschränkung hinza- 
gefttgt: „wenn sie Erkenntnis verschaffen sollen '^ 2) Femer 
ist in dem Satze: „die Einteilung der Gegenstände in Phä- 
nomena und ]()oumena und der Welt in eine Sinnen- und Ver- 
standeswelt kann daher in positiver Bedeutung gar nicht 
zugelassen werden ^3) die Einschränkung „in positiver Be- 
deutung^ erst in der 2. Auflage hinzugekommen. Endlich ist 
der Satz „so ist denn der Begriff reiner, blofs intelligibeler 
Gegenstände leer^^) durch die Bemerkung im Handexemplar 
„der positive Begriff*'^) ergänzt worden, 

Kant will also sagen: obwohl die transscendentale Ästhetik 
den Begriff der Erscheinung dahin eingeschränkt hat, da£s die 
Lehre von der Sinnlichkeit zugleich die Lehre von wirkenden 
Dingen an sich bedeutet, so darf man doch daraus nicht folgern, 
dafs diese Dinge durch irgend ein Erkenntnisvermögen näher 
bestimmt werden kOnnen. Denn dazu wäre eine ttbersinnliche 
Anschauung notwendig, die wir jedoch nicht besitzen und von 
der es zweifelhaft ist, ob sie ttberhaupt möglich ist. Ja es ist 
nicht einmal ausgemacht, ob derartige Noumena, die durch 
eine intellektuelle Anschauung erkennbar würden, ttberhaupt 
vorhanden sind. 

Etwas schwieriger zu beantworten ist der dritte Einwand. 
Denn der dort angefahrte Satz pafst nicht minder auf das 
Noumenon in negativer Bedeutung, also auf die von Kant 
vorausgesetzten Dinge an sich, als auf das Noumenon im posi- 
tiven Sinne. Und da fragt es sich mit Becht, wie Kant noch 
jetzt an dieser Voraussetzung festhalten könne, nachdem er 
hier zeigt, dafs es immer zweifelhaft bleibt, ob dem Begriffe 
ein Objekt entspricht, da die logische Möglichkeit eines solchen 
noch nicht die reale beweist? — So sehr aber auch dieser 
Gedankengang vom kritischen Standpunkte aus berechtigt sein 

Er. SOS. 

>) ErdmaDn a. a. 0. S. 41. 

•) Kr. 311. 

*) Kr. 316. 

t) £rdmaiin a. a. 0. S. 44, 



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9 

mag, 80 unmöglich ist es doeb, dafs Kant mit dem erwähnten 
Satze das Ding an sieh gemeint haben sollte. Ans dem Zn- 
sammenhange, in dem er den erwäbnten Satz aasspricht ist zu 
ersehen, dafs, wenn bier überhaupt von einem Objekt die Bede 
ist — was eine Bandbemerkung im Handexemplar s^hr zweifel- 
haft maeht^) — nur das Noumenon in positiver Bedeutung 
gemeint sein kann. Das geht sowohl aus dem vorhergehenden, 
wie aus den nachfolgenden Sätzen sehr deutlich hervor. Aufser- 
dem wäre es sonst unmöglich, dafs gerade hier die Existenz 
.der Dinge an sich mit völliger Bestimmtheit betont werden 
könnte. So lesen wir: ,den Sinnenwesen korrespondieren zwar 
freilich Yerstandeswesen, auch mag es Verstandeswesen geben, 
auf welche unser sinnliches Anschauungsvermögen gar keine 
Beziehung hat, aber unsere Verstandesbegriffe . . . reichen 
nicht . . . auf diese hinaus ''.2) Dieser Satz kann nur so ver- 
standen werden: den Sinnen wesen korrespondieren Dinge an 
sich, die unsere Sinne affizieren es mag auch Noumena (in 
positiver Bedeutung) geben, auf die unser sinnliches An- 
schauungsvermögen aber gar keine Beziehung hat, weil der- 
artige Noumena unsere Sinne nicht rtthren usw. Auch ist die 
Ableitung der Dinge an sich von dem Begriff der Erscheinung 
— diese mag nun richtig sein oder nicht — nirgends mit 
solcher Bestimmtheit geftthrt, wie gerade hier.') Dafs aber 
Kant die Konsequenz seiner Analytik nicht auch auf das 
Noumenon im negativen Sinne ausgedehnt hat, dafs er es nicht 
gesehen hat, dafs alles, was sich von der Existenz eines 
Noumenon in positiver Bedeutung sagen läfst, nicht minder 
auf das Ding an sich Anwendung findet — und damit kommen 
wir zum ersten Einwand — kann nur dadurch erklärt werden, 

*) In dem Handexemplar wird die fragliche Stelle folgendermafsen 
verbessert: „Ob es alsdann nicht eine blofse Form eines Begriffes sei 
oder ob bei dieser Abtrennung überall noch eine mögliche An- 
sebanang ttbrig bleibe.** Dazu soU folgende Begründung hinzukommen: 
nDenn die Möglichkeit einer intellektuellen Anschauung kann niemand 
dartun, nnd es könnte also leicht möglich sein, dals gar keine solche 
Erkenntnisart stattfände, in Ansehung deren wir etwas als Gegenstand 
hetnchten würden. Also behauptet der positive Begriff eines Noumenon 
etwäs^ dessen Möglichkeit er nicht beweisen kann.* Erdmann a. a. 0. S. 44. 

«; Kr. 308 f. 

V Kr. A 251t 



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10 

dals diese Existenz ihm gar nieht Problem war. Man mnCs 
den Satz : „denn die [die Dinge an sich nämlich] zu bezweifeln 
ist mir niemals in den Sinn gekommen^ ^) ganz wörtlich nehmen 
und allein dieser Umstand hat es möglich gemacht, dals er 
in dem erwähnten Abschnitt — 1. Auflage, die zweite ist viel 
Yorsichtiger — es gar nicht merkt, dafs sich ihm unter der 
Hand die Dinge an sich immer mehr verflüchtigen. In der 
2. Anflage, wo die Existenz dieser Dinge ihm zum Problem 
geworden war, hatte er für sie bereits einen Beweis aus der 
praktischen Philosophie. — Ob nun Kant das Recht hat zu 
sagen: die^Dinge an sich sind, trotzdem er behauptet, dals in 
der Kategorie der Realität bereits ein Zeitmoment mitenthalten 
ist, 2) scheint mir dahin beantwortet werden zu können, dafs 
Kant die Kategorie der Realität von der Existenz unterscheidet 
Den Ansatz dafttr erblicke ich in dem Satze: .Die Existenz 
ist hier noch keine Kategorie, als welche nicht auf ein un- 
bestimmt gegebenes Objekt . . . Beziehung hat^ ^) und in Wirk- 
lichkeit mufs man eine zeitlose Existenz annehmen dürfen, 
wenn die Zeit nur die Form unserer Anschauung ist.<) 

Der Idealismus Kants ist also auch in der Analytik be- 
treffs der Existenz der Dinge an sich nicht weiter gegangen. 
Die Analytik hatte nur die Aufgabe die positive und negative 
Grenze unserer Erkenntnis festzustellen, brauchte aber dabei 
die Existenz der Dinge nicht anzutasten. Daher konnte Kant 
an Beck schreiben, dafs er seinen , kritischen Idealismus" 
besser das Prinzip der Idealität des Raumes und der Zeit 
nennen könnte*,^) denn mit der konsequenten Durchführung 
dieses Prinzips erschöpft sich in der Tat der ganze kritische 
Idealismus. 



») Prolegomena WW. IV, 293. 

») Vgl. Kr. S. 800. 

») Kr. 422 Anm. 

*) Zu den Yom kritischen Standpunkt oicbt beanstandeten, weil nur 
negativen Sätzen gebort auch das Urteil: Die Dauer der Dinge an sich 
ist keine Zeit. Man sehe Kr. 149. 

') Brief an Beck vom 4. Dezember 1792. Man vgl. ancb Riehl a. a. 0. 1, 
2. Aufl. 409. 



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Kants Beweise für die Existenz der Dinge 
an sich. 



Es fragt sieh nun, ob man nicht noch weitergehen and 
sogar Beweise Kants fbr die Existenz der Dinge an sich an- 
führen könne? Es mufs nnn folgendes gesagt werden. Obwohl 
Kant niemals, also anch nicht in der 2. Auf läge die Vorans- 
setzQDg wirkender Dinge an sich aufgegeben hat, hat er doch 
nirgends — wenigstens nicht spekulativ — diese Existenz 
beweisen wollen. Der einzige, wirklich Yorhandene Beweis ist 
in einer Nebenbemerkung enthalten, die sich mehr gegen einen 
Idealisten, als gegen den dogmatischen Rationalisten richtet, 
nämlich gegen einen Dogmatiker, der annimmt, dafs es Koumena 
gibt, die der pure Verstand erkennen müfste. Ich meine die in 
der 1. Auflage yorhandene Ableitung des Dinges an sich aus 
dem Begriffe der Erscheinung. Kant sagt dort: „es folgt auch 
natürlicherweise aus dem Begriffe einer Erscheinung Überhaupt, 
dab ihr etwas entsprechen müsse, was an sich nicht Er- 
scheinung ist, weil Erscheinung nichts fUr sich selbst und aufser 
unserer Vorstellungsart sein kann, mithin, wo nicht ein be- 
ständiger Zirkel herauskommen soll, das Wort Erscheinung 
schon eine Beziehung auf etwas anzeigt, dessen unmittelbare 
Vorstellung zwar sinnlich ist, was aber an sich selbst auch 
ohne diese Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit . . . etwas d. i. 
ein Yon der Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein mufs.^ ^) 
Diese Deduktion kann man nun entweder als strikten, mit 
dem Resultat der Ästhetik gegebenen Beweis betrachten, oder 
aber auch als einen naiven Beweis ansehen, der aus der von 



^) Kr. A 251. Von der ähnlichen Bemerkung in der 2. Vorr. sehe 
ich zonXchst noch ab. 



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12 

Kant ohne Bedenken gemachten Annahme der Dinge an sich 
herfiiefst. Beides ist, wie mir seheint, in gewissem Sinne richtig. 
Ans dem Begriffe der Erscheinung, i) wie ihn Kant in der 
transscendentalen Ästhetik festgestellt hat, geht wirklich hervor, 
dafs es Dinge an sich gibt Alles Besondere in der An- 
sehanung was sich nicht auf die Anschaanngsformen ziirttck- 
fllhren läfst, muljs in einem von nns unabhängigen Dinge be- 
gründet sein. Aach die Tatsache, dafs Kant noch im Jahre 1792 
dem Schnlzeschen Einwarf dasselbe Argument entgegenhalten 
konnte,^) spricht dafttr, dafs er dies als Beweis betrachtet 
Ebenso spricht hierfür eine Äufserung Kants in den Losen 
lilättern: „Noumenon bedeutet eigentlich allerwärts einerlei, 
nämlich das transscendentale Objekt der sinnlichen Anschauung. 
Dieses ist aber kein reales oder gegebenes Ding, sondern ein 
Begriff, auf den in Beziehung Erscheinungen Einheit haben. 
Denn dieser mufs doch irgend etwas korrespondieren, 
ob wir gleich nichts anderes als die Erscheinung des- 
selben kennen.'' ') 

Andererseits jedoch mufs dieser Beweis als ungenügend 
angesehen werden, wenn man ihn vom Standpunkte des Gegners 
aus betrachtet Denn es müfsten die Prämissen der transsoen- 
dentalen Ästhetik zugegeben werden, und das braucht der 
Gegner eben nicht zu tun, wenn er Idealist ist Die Lehre 
der transscendentalen Ästhetik kann nur für denjenigen zwingend 
sein, der Kaum und Zeit fUr Sachen an sich hält; denn dem 
kann gezeigt werden, dafs er sich mit einer derartigen Ansicht 
in unlösbare Widersprüche verwickelt Wenn jemand hingegen 



1) Kant spricht in den Prolegomens WW. IV, 877, Zeile 29 von 
seinem Begriffe der Erscheinungen, indem er sich auf das Besnltat der 
transscendentalen Ästhetik bezieht. 

*) Man vgl. den oben erwähnten Brief an Beck. 

*) Lose Blätter S. 162. Dieser Satz ist noch in anderer Beaiehnng 
Yon Wichtigkeit Kant nennt hier das transscendentaie Objekt nur einen 
Begriff and im selben Atemzug lehrt er, dals der Erscheinung etwas kor- 
respondieren müsse. Es geht daraus hervor, wie verfehlt es ist, aus der 
Tatsache , dafs Kant das Ding an sich lediglich als Begriff gelten lassen 
will, zu folgern, dafs er damit zugleich dieses als Realität leugnet. Mit 
unseren Erkenntnismitteln, meint Kant, können wir von einem Dinge über- 
haupt nur einen Begriff haben, dieses hürt aber deshalb nicht auf als Objekt 
zu existieren. 



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13 

neben Baum nnd Zeit auch den gesamten gpeziellen Gehalt 
der Anschannng fttr blofse Vorstellung hält, welcher nichts 
zu Grunde liegt, der kann trotz dieses Idealismus den Schwierig- 
keiten der beiden ersten Antinomien aus dem Wege gehen. 
Der Idealist könnte behaupten, a priori sei zwar nur Raum 
und Zeit, er leite mit Kant aus dieser Beschaffenheit der An« 
sehauungsformen die Möglichkeit der Geometrie als Wissenschaft 
ab, ja er könne selbst die ganze Erkenntnistheorie Kants an- 
erkennen und brauche doch nicht anzunehmen, dafs den Er- 
scheinungen etwas aufser uns zu Grunde liege, sondern es 
könnte sein, dafs eine Kraft in uns dies alles produziere. Denn 
die Aposteriorität der Erscheinungen schliefst ihre Subjektivität 
nicht aus. Das Apriori ist kein notwendiges Merkmal des 
Subjektiven. — Der Begriff Erscheinung würde aber deshalb 
nicht genügen, um ans ihm etwas abzuleiten, denn Erscheinung 
wäre dann des Letzte, was überhaupt vorhanden ist und müfste 
mithin anders heifsen. Es scheint deshalb, dafs Kant diesen 
Beweis nur führen konnte, so lange ihm die Existenz der Dinge 
an sieh noch nicht Problem geworden war. Dann müfste man 
die Äufserung im erwähnten Briefe an Beck dahin deuten, 
dals damit nicht Ding an sich, sondern Erscheinung gemeint 
sei. Dafür spricht auch die Tatsache, dafs Kant in der 2. Auf- 
lage in dem Abschnitt über Phänomena und Noumene dieses 
Argument weggelassen hat, und vor allem, dafs er es bei den 
späteren Widerlegungen gar nicht benutzt Wie dem aber sein 
mag, aua diesem Beweise geht hervor, dafs Kant die Existenz 
der Dinge an sich gelehrt hat und dafs man keineswegs be- 
rechtigt ist, diesen Beweis als „Gerede^ hinzustellen. 

Aufser dem oben erwähnten Beweise gibt es für die 
Existenz der Dinge an sich keinen anderen in der Kritik der 
reinen Vernunft und in den Prolegomena. Es gibt entweder 
Widerlegungen des Idealismus, die sich aber nicht auf die 
Dinge an sich beziehen, oder aber es gibt Protestationen und 
Versicherungen Kants, dafs er die Dinge an sich nicht leugne, 
sondern sie annehme, aber keine weiteren Beweise. Wir wollen 
diese Behauptung dureh eine Übersicht der hierftür in betracht 
kommenden Stellen bestätigen. 

Im vierten Paralogismus wird bekanntlich der empirische, 
von Kant so genannte skeptische Idealismus Descartes' widerlegt 



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14 

Deseartes hatte nach Kants DarstelluDg gelehrt, dalls wir 
unmittelbar nur das Ich als denkendes Wesen wahrnehmen 
können. Die äufseren Dinge können wir eigentlich gar nicht 
wahrnehmen, sondern müssen ans unserer inneren Wahrnehmung 
auf ihr Dasein schliefsen. Nun ist aber der Schlnfs von einer 
gegebenen Wirkung auf eine bestimmte Ursache jederzeit un- 
sicher, demnach bleibt es zumindest nicht ausgemacht, ob die 
äufseren Wahrnehmungen nicht ein blofses Spiel unseres inneren 
Sinnes seien. Will man trotzdem die äufseren Wahrnehmungen 
als Wirkungen wirklich vorhandener äufserer Dinge ansehen, 
so mufs man wenigstens eingestehen, dafs das Dasein der 
letzten nur geschlossen und nicht so unmittelbar wahrgenommen 
werden könne, wie der Gegenstand des inneren Sinnes: das Ich. 

Diesen Bedenken gegenüber zeigt Kant, dafs die von Des- 
eartes gemachte Unterscheidung von inneren und äulBeren 
Wahrnehmungen eine falsche ist. Wer nur die räumliche — 
und nicht eine transscendente — Aufsenwelt wahrnehmen will, 
braucht ebensowenig wie bei den inneren Wahrnehmungen der 
Lust oder des Schmerzes aus sich herauszugehen, denn räum- 
lich ist nicht im strikten Sinne aufser uns. Der Baum mit 
alledem, was ihn ausfüllt, ist keine Sache an sich, sondern 
eine Anschauungsform in uns, die abgetrennt von unserer 
Sinnlichkeit nichts ist. Wenn wir demnach äufsere Dinge 
wahrnehmen, so sind dies tatsächlich innere Wahrnehmungen, 
nur werden sie vermöge der Beschaffenheit unserer Anschauungs- 
form nach aufsen verlegt. Beide Arten von Wahrnehmungen: 
sowohl d'ie inneren, die nur zeitlich verlaufen, als auch die- 
jenigen inneren, die in einem räumlichen Nebeneinander nach 
aufsen verlegt werden, sind also blofs Erscheinungen, die an 
sich, losgelöst von unserer Vorstellungsart, gar nicht in dieser 
Qualität existieren. So unmittelbar ich auf Grund der inneren 
Wahrnehmung sage: ich bin, eben so unmittelbar, sage ich die 
äufseren Vorstellungen, d. i. die Dinge im Baume sind. „Also 
existieren ebensowohl äufsere Dinge, als ich selbst existiere, 
und zwar beide auf das unmittelbare Zeugnis meines Selbst- 
bewufstseins.* 



Kr. A 370 f. 



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15 

Wenn wir änfsere Gegenstände für Dinge an sieh gelten 
lassen, so ist sehlecbterdings nnmöglieh zu begreifen, wie wir 
znr Erkenntnis ihrer Wirklichkeit aniser nns kommen sollten, 
indem wir uns blofs auf die Vorstellnng stützen, die in ans 
ist Wenn z. B. der Banm, der dranJben steht, selbst ein räum- 
liches von mir anabhängiges Ding wäre, ich aber natargemäfs 
nar eine Vorstellung des Baumes haben kann, so mttfste ich 
von dieser Vorstellung auf das Dasein des Baumes, als auf den 
Gregenstand meiner Vorstellung schliefsen. Sein Dasein wäre 
aber dann zweifelhaft. Nun sage ich aber, nur meine Vorstel- 
lung des räumlichen Baumes, die Erscheinung, ist wirklich, er 
selbst existiert als solcher, nämlich als räumliches Ding, nur 
in meiner Vorstellung. So ist seine Wirklichkeit festgestellt, 
ohne dafs ich irgend einen Schlufs zu machen brauche, denn 
er ist .lediglich als ein Gedanke in nns, wiewohl dieser Ge- 
danke durch genannten Sinn es als aufser uns befindlieh yor- 
stellt«.!) 

Dafs diese Vorstellung des Baumes durch einen transscen- 
dentalen Gegenstand hervorgerufen worden ist, ist die immer- 
währende Voraussetzung Kants, «von ihm aber ist auch nicht 
die Rede',2) denn seine Wirklichkeit zu beweisen ist theoretisch 
unmöglich, und es «kann der strengste Idealist nicht verlangen, 
man solle beweisen, dafs unserer Wahrnehmung der Gtogen- 
stand aufser uns (in strikter Bedeutung) entspreche,^') ebenso 
wie es unmöglich ist, das Dasein der empirischen Dinge zu 
beweisen, wenn man sie als an sich seiend ansieht. <) 

Die angefahrten Stellen beweisen also zur Genüge^ dais 
hier von einem Beweise ftir das Dasein der Dinge an sich 
nieht die Rede sein kann. Es wird vielmehr ausdrücklich 
betont, dafs ein solcher unmöglich ist Noch deutlicher geht 
dies aus einer hierher gehörigen Reflexion hervor: «Die Frage 
ob die Körper aufser mir etwas wirkliches sind, wird so be- 
antwortet: Körper sind aufser meiner Sinnlichkeit keine Körper 
(Pbänomena) und also sind sie nur in der Vorstellungskraft 
empfindender Wesen. Ob diesen ihren Erscheinungen 

>) Kr. A 385. 
*) Ebenda 373. 
') Ebenda 375 f. 
*) Ebenda 372. 



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16 

etwas aufser mir korrespoDdiert, ist eine Frage Ton 
der Ursache dieser ErscheiDung und nicht von der 
Existenz dessen, was erscheint, selbst.'' i) „Die Wirk« 
lichkeit der Körper ist nicht die Wirklichkeit der Dinge, son- 
dern der Erscheinungen.* ') Trotzdem wird die hier abgewiesene 
Frage nach der Existenz der Ursache der Erscheinungen in 
demselben Znsammenhange bejaht, denn in der nächsten Re* 
flexion heifst es: „Der Idealist behanptet, die Körper seien 
nur Schein: der Realist, sie sind eine Erscheinung, dem doch 
eine besondere Art Substanzen wirklich korrespon- 
diert*') Unter dieser „besonderen Art von Substanzen* 
können nur Dinge an sich gemeint sein, weil sie der Erschei- 
nung und nicht etwa der Vorstellung entgegengestellt werden. 
Daraus geht aber hervor, dafs, obwohl Kant hier schon gesehen 
hat, dafs kein Beweis für die Existenz der Dinge an sich zn 
erbringen ist, diese Existenz ihm trotzdem noch nicht zum 
Problem geworden war, denn sonst hätte er erklären müssen, mit 
welchem Recht er an dieser Existenz, trotz ihrer Unbeweisbar- 
keit, festhält. Dieser Umstand macht es verständlich, dafs die 
ersten Leser der Erörterungen im vierten Paralogismus in diesem 
die Neubelebung eines Berkeleyschen Idealismus erblicken 
konnten; hier kommt zwar nichts vor, was nicht bereits in der 
transscendentalen Ästhetik in bezng auf die Realität der Er- 
scheinung gesagt worden ist, jedoch fehlt die Betonung der 
Existenz der Dinge an sich, weil diese hier gar nicht in 
Frage kam. 

In den Prolegomena werden wir umsonst einen Beweis 
für das Dasein der Dinge an sich suchen. Hingegen protestiert 
hier Kant mit voller Schärfe wider die Zumutung eines em- 
pirischen Idealismus, indem er immer wieder hervorhebt, dafs 
ihn von allen Idealisten das unterscheide, dafs er den Dingen 
an sich ihr Dasein läfst und nur den Erscheinungen dieser 
Dinge an sich ein von ihnen unabhängiges Sein abspricht. 
Der Idealismus, gegen den hier Front gemacht wird, ist nicht 
mehr der skeptische des Descartes, sondern der dogmatische 



Reflexion Nr. 1191. 
*) Reflexion Nr. 1193. 
*) Daselbst. 



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17 

Berkeleys. Dieser .Idealisrnns besteht in der Behauptang, dafs 
es keine anderen als denkende Wesen gebe, die übrigen Dinge, 
die wir in der Anschauung wahrznnehmen glauben, wären nur 
Vorstellungen in den denkenden Wesen, denen in der Tat kein 
aufserhalb dieser befindlicher Gegenstand korrespondiert Ich 
dagegen sage: es sind uns Dinge als aufser uns befindliche 
Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie 
an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen 
nur ihre Erscheinungen, d.i. die Vorstellungen, die sie in uns 
wirken, indem sie unsere Sinne affizieren. Demnach gestehe 
ich allerdings, dafs es aufser uns Körper gebe d.i. Dinge, die 
obzwar nach dem, was sie an sich selbst sein mögen, uns 
gänzlich unbekannt, wir durch die Vorstellungen kennen, welche 
ihr Einflufs auf unsere Sinnlichkeit uns verschafft, und denen 
wir die Benennung eines Körpers geben, welches Wort also 
blofs die Erscheinung jenes uns unbekannten, aber 
nichtsdestoweniger wirklichen Gegenstandes bedeutet. 
Kann man dies wohl Idealismus nennen? '^O 

Wir sehen also, mit welcher Entschiedenheit Kant hier die 
Existenz der Dinge an sich behauptet. Jedoch gibt er auch 
hier keinen Beweis, weil dieser noch nicht nötig geworden ist 
Das Dasein der Dinge an sich ist hier erst zum „spezifischen 
Merkmal^ des Kantischen Idealismus geworden, jedoch zum 
Probleni hat es sich noch nicht ausgebildet >) Diese Fortbildung 
erblicke ich nicht in der berühmten Widerlegung des Idealismus 
in der 2. Auflage,') sondern in einer Bemerkung in der Vor- 
rede, die wahrscheinlich nach Abschlufs der zweiten Redaktion 
geschrieben wurde. ^) Da heiüst es: „gleichwohl wird, welches 



>) Prolegomena WW. IV, 288 f. In der Tat, es ist unverständlich, 
wie diese und ähnliche so deutliche Stellen mifsverstanden werden können, 
80 dals das Ding an sich aus der Kritik eliminiert wird. Aber nicht 
minder erstaunlich ist es, dals manche Ausleger Kants, die das Ding an 
»ich sonst gelten lassen, hier in den Proiegomena alle Äufserungen über 
die Wirklichkeit auf die Erscheinung und nicht auf die Dinge an sich 
beziehen wollen, allerdings, wie von ihnen selbst zugestanden wird, nicht 
ohoe „heroische** Interpretationskünste. So Busse, Zu Kants Lehre vom 
Ding an sich. Fichtes Zeitschrift Bd. 102 b. 

*) Erdmann, Kants Kritizismus S. 94. 

') Man vgl. dagegen Erdmann, ebenda 201. [ausgäbe III, 558. 

*) Man vgl Erdmann, Einleitung zur Kritik d. r. Y. in der Akademie- 

PbaowphiMlie Abhaadlnngtii. XLl. 2 



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18 

wohl gemerkt werden mnfs, doeh dabei immer Yorbehalteo, dafs 
wir eben dieselben Gegenstände aueh als Dinge an sieh selbst 
wenngleich nicht erkennen, doch wenigstens mttssen denken 
können. Denn sonst wttrde der ungereimte Satz daraus folgen, 
dafs Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint.^ ^) Diese 
Äufserung hat viel Ähnlichkeit mit der oben zitierten Deduktion 
aus dem Begriffe Erscheinung in der 1. Auflage. Sie ist in- 
dessen viel vorsichtiger gehalten. Es wird nicht mehr gesagt, 
dafs die Lehre von der Erscheinung zugleich die Lehre von 
Dingen an sich bedeute; dafs den Erscheinungen etwas korre- 
spondieren mttsse, was von der Sinnlichkeit unabhängig ist, 
sondern nur, dafs wir einen solchen Gegenstand müssen denken 
können. Von überaus wichtiger Bedeutung ist aber die An- 
merkung zu obigem Satze: „Einen Gegenstand erkennen dazu 
wird erfordert, dafs ich seine Möglichkeit . . . beweisen könne. 
Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mich nur nicht 
selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begriff nur ein möglicher 
Gedanke ist, ob ich zwar daftir nicht stehen kann, ob im In- 
begriffe aller Möglichkeiten diesem auch ein Objekt korre- 
spondiere oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber objektive 
Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war blofs die 
logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert Dieses 
Mehrere aber braucht eben nicht in theoretischen Er- 
kenntnisquellen gesucht zu werden, es kann auch in 
praktischen liegen.'^ 2) Hier sehen wir das Problem gänzlich 
entwickelt Das was in der ersten Auflage nur noch vom 
Noumenon in positiver Bedeutung gesagt werden konnte, nämlich 
dafs die logische Möglichkeit eines Begriffes noch nicht die 
reale bedeutet, das wird hier direkt auf das Ding an sich aus- 
gedehnt; aber es wird gleichzeitig gezeigt, mit welchem Recht 
man an diesen Dingen festhält, ja festhalten muis. Gleich 
eingangs wird in dieser Anmerkung indirekt gezeigt, dafs von 
einem theoretischen Beweise für die Existenz der Dinge an 
sich nicht die Rede sein kann; denn das wttrde ein Erkennen 
voraussetzen, was hier ausgeschlossen ist Dann wird kon- 
statiert, dafs wir nur einen Begriff von ihnen haben, der die 



») Vorrede 2, XXVI. 
*) Ebenda Anm. 



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19 

reale MOgliehkeit nicht einschliefst; dafs wir aber trotzdem 
TOD ihnen aussagen dürfen, dafs sie sind, weil ans der prak- 
tischen Vernunft ein Beweis fttr ihr Dasein zu erbringen ist 

Dieser Hinweis auf das Praktische, das beim Ding an sich 
vertreten soll, was in der Empirie die Anschauung leistet — 
denn sie ist es, die einem Begriffe reale Möglichkeit verschafft 
— ist jetzt notwendig geworden. Denn das Dasein der Dinge 
an sich, die früher harmlos vorausgesetzt wurden, hat sich in- 
folge der Kritik, die Kants Werk erfahren hat, zum Problem 
ausgebildet. Und als sich herausstellte, dafs die theoretischen 
Erkenntnismittel nicht ansreichen, um dieses Dasein zu be- 
gründen, griff Kant zur praktischen Philosophie. Da zeigte 
sieh, wie notwendig jene Vorraussetzung war, obwohl man 
diese Folgen damals noch nicht übersehen konnte. Es wurde 
nämlich klar, dafs mit dem Fallen der Dinge an sich der Be- 
griff der Freiheit fallen müfste.^) 

Von hier ans läfst sich, wie ich glaube, die ganze Schwierig- 
keit, die die Stellung des Dinges an sich im Kantischen System 
bereitet, auflösen. Die transscendentale Ästhetik, die in ihren 
HaaptzUgen bereits im Jahre 1770 fertig war, hatte die Dinge 
an sich vorausgesetzt Die transscendentale Analytik zieht 
ihre kritische Konsequenz so weit, dafs, wo Anschauung fehlt, 
nicht nur keine Erkenntnis möglich ist, sondern, dafs man von 
einem derartigen ttbersinnlichen Dinge nicht einmal aussagen 
darf, dafs es ist Sie bezieht dies jedoch nur auf Noumena in 
positiver Bedeutang, weil sie vor allem gegen dogmatische 
Rationalisten zu kämpfen hat Hierbei übersieht Kant freilich, 
dafs dasselbe, was sich über das Noumenon in positiver Be- 
deutung sagen läfst, nicht minder von demjenigen in negativer 
Bedeutung gilt, und übersieht dies deshalb, weil die Dinge an 
sieh fttr ihn etwas so Selbstverständliches waren, dafs an 
ihnen zu zweifeln ihm nicht in den Sinn gekommen ist Infolge 
der Kritik seitens seiner Gegner wird Kant anf das Problem 
aufmerksam. Jetzt gibt er zu, dafs theoretisch das Ding an 
sieh nicht zu rechtfertigen sei, deutet aber an, es seien prak- 
tische Gründe vorhanden, die anznnehmen zwingen, dafs dem 
Sinnlichen ein Übersinnliches zugrunde liege. Die Kritik der 
praktischen Vernunft ftlhrt dies nachher weiter aus. 

") Man vgl. S. 6 dieser Schrift ^^ 

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20 

E8 bleibt noch nachzuweisen, dafs die Widerlegung des 
Idealismus in der 2. Auflage nicht die Existenz der Dinge an 
sich, sondern dafs sie genau wie diejenige im 4. Paralogismns 
die Wirklichkeit der Erscheinung beweisen will. Diese Wider- 
legung gehört bekanntlich zu den umstrittensten Stellen in der 
Kantischen Kritik, weil sie anscheinend gerade das Gegenteil 
von dem behauptet, was die 1. Auflage in dieser Beziehung 
gelehrt hat. Die ganze Verwirrung scheint aber durch eine 
einzige unglückliche Wendung in diesem Beweise verursacht 
worden zu sein. Und als ob das Schicksal diese, durch Kants 
unvorsichtige Ausdrucksweise verschuldete Verwirrung wieder 
gut machen wollte, besitzen wir jetzt gerade zu dieser Stelle 
die reichsten Kommentare, wie man sie sich nicht besser 
wünschen kann, in den Reickeschen Losen Blättern und zum 
Teil in den Erdmannschen Reflexionen. Durch das Vorhanden- 
sein dieser Ergänzungen sehen wir, dafs hier in der Tat nicht 
nur keine Abweichung von der bisherigen Lehre vorhanden 
ist, sondern dafs unser Beweis vielmehr eine Vertiefung des- 
jenigen aus dem 4. Paralogismns bedeutet. 

Es soll das Dasein der Dinge im Räume bewiesen werden. 
Ist denn dies nicht bereits bewiesen ? Warum genügt die aus- 
führliche Widerlegung des Gartesianischen Idealismus der 
1. Auflage nicht mehr; warum muls sie durch eine neue die 
„einzig mögliche'^ ersetzt werden? Einige Aufzeichnungen bei 
Reicke geben darüber Aufschlufs. Die Widerlegung des 
Idealismus, die Beweisart der Existenz der Dinge .kann nie- 
mals durch innere Wahrnehmung ausgemacht werden und den 
schärfsten inneren Sinn, weil man das unwillkürliche Spiel der 
Imagination in sich nicht vom Sinn unterscheiden kann.^^ 
Ferner: «Wir kOnnen den Sinn als von der Einbildungskraft 
unterschiedenes Vermögen zwar nicht durch Empfindung alleiu, 
aber durch einen sicheren Schlufs unterscheiden.^ 2) Welches 
nun dieser Schlufs ist, erfahren wir wiederum aus einer Auf- 
zeichnung, die gegen Eberhard gerichtet ist: „Von E.'s Beweis 
gegen den Idealismus. Es ist aus der inneren Wahrnehmung 
schlechterdings nicht möglich zu beweisen, dafs der Grund der 



') Lose Blätter 229. 
>) Ebenda 210. 



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21 

Vorstelliing nicht in mir war, aber wenn ich eage, gesetzt, er 
sei alle Haie in mir, so wäre gar keine Zeitbestimmang meines 
Daseins . . /^) so ist dies ein sicherer Schlafs.^) In der alten 
Widerlegung wurde das unmittelbare Bewufstsein vom Dasein 
äniserer Dinge vorausgesetzt und gesagt: «Also existieren 
ebensowohl äufsere Dinge, als ich selbst existiere, und zwar 
beide auf das unmittelbare Zeugnis meines Selbstbewnfstseins.^ ^) 
Jetzt genügt dieses Zeugnis nicbt; denn das Selbstbewufstsein 
wird eben in Frage gestellt. Es mufs also zuerst bewiesen 
werden, dais wir ein Bewufstsein von Dingen und nicht von 
Phantasmagorien haben, dafs das Bewufstsein mehr ist, als ein 
blofses Spiel unserer Imagination. „Der verlangte Beweis mufs 
also dartun, dafs wir von äufseren Dingen auch Erfahrung, 
und nicht blofs Einbildung haben.^^) [„Erfahrung ist Er- 
kenntnis der Gegenstände, die den Sinnen gegenwärtig sind, 
Einbildung ist Anschauung auch ohne Gegenwart des Gegen- 
standes, und das Objekt heifst alsdann ein Phantasma.^ ^)] 
Dies wird auch geleistet. Unser eigenes Dasein ist in der Zeit 
bestimmt Jede Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches voraus. 
Das ist ein Grundsatz. Nun kann aber «das Dasein eines 
Dinges in der Zeit . . . nicht durch das Verhältnis seiner Vor- 
stellungen in der Einbildungskraft zu anderen Vorstellungen 
derselben, sondern als eine Vorstellung des Sinnes, zu dem, 
was an den Gegenständen desselben beharrlich ist, bestimmt 
werden"^), weil die Vorstellungen der Einbildungskraft^ als blofs 
zum inneren Sinne gehörig, nur in der Zeit verlaufen, denn 



>) Ebenda 232. 

*) In den einleitenden Worten zu seiner Widerlegung sagt Kant: 
„Einen mächtigen Einwurf aber wider diese Regeln, das Dasein mittelbar 
zn beweisen, macht der Idealismus.'' Kr. 274. Nun hat man den Ausdruck 
, mittelbar" als einen Druckfehler anstatt unmittelbar hinstellen wollen. 
Aber abgesehen davon, dafs sowohl der Zusammenhang, wie der Beweis 
selbst dies verbieten, geht aus den hier angeführten Stellen ganz deutlich 
hervor, was Kant wollte; er ist nämlich bestrebt, durch einen richtigen 
Schlnis, also mittelbar die Unmittelbarkeit der äufseren Wahrnehmung 
zn beweisen. 

') Kr. A370f. 

«) Kr. 276. 

') Lose Blätter 101. 

•) Ebenda 202. 



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22 

„was bloUse Vorstellung ist, kann ich nicht znm Objekt des 
äufseren Sinnes machen, denn dessen Form ist der Baam",^) 
also bietet die Einbildnngskraft nichts Bleibendes, welches aber 
fttr jede Zeitbestimmung nnentbehrlich ist „Im Ranme allein 
setzen wir das Beharrliehe, in der Zeit allein ist unaufhörlicher 
Wechsel." 2) „Dieses Beharrliche ... d. i. der Baum kann 
also nicht wiederum Vorstellung der blofsen Einbildungskraft, 
sondern mufs Vorstellung des Sinnes sein." 3) Daher beweist 
jede Zeitbestimmung, dafs es etwas Beharrliches im Baume 
und nicht in der Einbildungskraft gibt Wir haben es also in 
bezug auf die äufseren Erscheinungen mit Erfahrung und nicht 
mit Erdichtung, mit Sinn und nicht mit Einbildung zu tun. 

Nun wird selbst von den Idealisten behauptet, dafs das 
Bewufstsein unserer selbst ein unmittelbares ist Dieses ist 
aber, wie zugegeben werden mufs, ein in der Zeit bestimmtes. 
Diese Zeitbestimmung wiederum ist, wie gezeigt worden, nur 
unter der Voraussetzung eines Beharrliehen im Baume möglich. 
„Also mufs ich, so gut wie ich mir meines Daseins in der Zeit 
bewufst bin, auch des Daseins äufserer Dinge obzwar nur 
als Erscheinungen, doch als wirklicher Dinge bewulst 
werden. Den inneren Sinn kann keiner allein haben und zwar 
zum Behuf e der Erkenntnis seines inneren Zustandes.*^) 

So yerlanfen in den Losen Blättern die Gedankengänge 
Kants. Dafs aber auch dieser Beweis, ebenso wie der in der 
1. Auflage, nur die Bealität der Erscheinung, nicht diejenige 
der Dinge an sich beweisen will, geht mit aller Deutlichkeit be- 
sonders aus folgender Bemerkung hervor, die hinter einem dieser 
— hier vielfach wiederholten — Beweise sich befindet »Wenn 
unsere Erkenntnis der äufseren Objekte eine Erkenntnis der- 
selben und des Baumes als Dinge an sich selbst sein mttfste, 
so würden wir aus unserer Sinnesvorstellung derselben als 
aufser uns, niemals ihre Wirklichkeit beweisen können. 
Denn uns sind nur Vorstellungen gegeben, die Ursache derselben 
[d. h. die Dinge an sieh] kann nun entweder in uns oder 
aufser uns sein, worüber der Sinn nicht entscheidet Sind 



^) Ebenda 104. 
s) Ebenda 212. 
>) Ebenda 204. 
«) Ebenda 189. 



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28 

aber die Yoratellangen des inneren Sinnes, sowohl als die des 
äofseren blofs Vorstellnngen der Dinge in der Erscheinung und 
ist [andererseits] selbst die Bestimmung unseres Bewufstseins 
ftir den inneren Sinn nur durch Vorstellung auÜBer uns im 
Räume möglich' i) ... so (müfste man etwa die hier abbrechende 
Stelle ergänzen) schliefse ich nicht von der Wirkung auf eine 
bestimmte Ursache, denn nur die Wirklichkeit der Wirkung 
wird konstatiert, weil ohne dieselbe die Bestimmung meines 
Daseins unmöglich wäre. D. h. es gibt einen äufseren Sinn und 
nicht nur Einbildung. 2) Es ist nicht einzusehen, wie es möglich 
ist, aus obigen Prämissen das Gegenteil des von uns ergänzten 
Schlusses zu folgern, was doch offenbar gemacht werden mufs, 
wenn man in diesen Erörterungen einen Beweis fbr das Dasein 
der Dinge an sich erblicken will. Denn es ist unverständlich, 
wie aus der Tatsache, dafs wir es lediglich mit Erscheinungen 
zu tun haben, eher die Existenz der Dinge an sich abgeleitet 
werden könnte, als wenn wir diese so erkennen würden, wie 
sie sind. 

Wir sehen also, Kant betont auch hier, genau wie in der 
1. Auflage'), dafs er das Dasein der Dinge an sich nicht be- 
weisen wolle, weil dies immer ein unsicherer Schlufs von der 
Wirkung auf die bestimmte Ursache sein müfste. Die Möglich- 
keit der Bestimmung unseres Daseins in der Zeit zwingt uns 
zu der Annahme, dafs die äufseren Wahrnehmungen von einem 
äufseren Sinne und nicht von der Einbildungskraft herrühren, 
weil die Einbildungskraft das zu diesem Zwecke notwendige 
Beharrliche nicht liefern kann. Woher aber der Sinn diese 
Wahrnehmungen habe, das bleibt nach wie vor unbestimmt 



>) Ebenda 204. 

*) Man vgl. die ganz ähnliche Erörterung in der Er. A 372 und in 
den Prolegomena § 49 Schlufs, wo Analoges von der Erscheinung be- 
hauptet wird: Sind „Erscheinungen etwas aufser uns Existierendes, so 
können alle Kriterien der Erfahrung auiser unserer Wahrnehmung niemals 
die Wirklichkeit dieser Gegenstände aufser uns beweisen.*' Wenn dies 
von den Erscheinungen gilt, so gilt es doch mindestens in gleichem 
Mifse von den Dingen an sich, die doch strikte aufser uns sind. Wie 
kann man demnach annehmen, dafs Kant jemals die Wirklichkeit der 
Dinge an sich vermittelst der .Kriterien der Erfahrung* habe beweisen 
wollen? 

*) Kr. A 375 f. 



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24 

Die speknlatiye Vernniift kann darttber nichts aussagen; naeh 
ihr kann diese Ursache ein Ding an sich aufser nns sein, sie 
kann aber auch eine Kraft in nns sein, die dies Alles ans sich 
heraus produziert, i) 

Nach dem Vorausgeschickten können wir zur Wider- 
legung des Idealismus selbst zurückkehren, die wir jetzt 
in anderem Lichte sehen werden. Das richtige Prinzip, nämlich 
der Ausgang von der Zeitbestimmung war ja bereits entdeckt; 
jedoch hatten hier die Gedanken noch nicht ihren klarsten 
Ausdruck gefunden. Der springende Punkt, die Unterscheidung 
von Sinn und Einbildung, wiewohl in der Einleitung zum Be- 
weise ausdrücklich betont, wurde nachher nicht deutlich genug 
hervorgehoben, und dieser Mangel an Klarheit wird es wohl 
gewesen sein, der Kant genötigt hat, diese Widerlegung in den 
Losen Blättern immer wieder vorzunehmen.*^) Dort ist zwar 
im Prinzip nichts Neues hinzugekommen, die Gedanken sind 
jedoch immer präziser geworden, so dafs nicht mehr gezweifelt 
werden kann, dafs lediglich die Realität der äufseren Er- 
scheinung und ihre Verschiedenheit von den Ausgeburten der 
Phantasie bewiesen werden sollte. Damit sind aber auch alle 
Schwierigkeiten, die in unserem Beweise vorkamen, beseitigt 

Unser Beweis lautet: „Das blofse, aber empirisch bestimmte 
Bewufstsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein der 
Gegenstände im Raum aufser mir. — Beweis: Ich bin mir 
meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewufsi Alle Zeit- 
bestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung 
voraus. 3) Dieses Beharrliche aber kann nicht eine Anschauung 
in mir sein. Denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins, 
die in mir angetroffen werden können, sind Vorstellungen, und 
bedürfen als solche selbst ein von ihnen unterschiedenes 



1) Man vgl. oben S. 22 Zeile 2 von unten. 

«) Man sehe L.Bl. 08—104 (speziell 101 f.), 189 f., 200—205, 209—216, 
260—263. Dafs alle diese Erörterungen nach dem Erscheinen der zweiten 
Auflage der Kritik, also nach dem Jahre 1787 aufgezeichnet worden sind, 
unterliegt — dem Inhalte nach zu urteilen — keinem Zweifel. Bei einer 
dieser Aufzeichnungen (S. 200—205) ist dies bezeugt: sie befindet sich 
auf einem Briefe, der mit dem Datum: «Königsberg 13. Octobr. 1788*^ 
versehen ist. 

») Kr. 275. 



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25 

Bebanliehes, worauf in Beziehung der Wechsel derselben mithin 
mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden 
könne.1) Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch 
ein Ding anfser mir und nicht dnrcb die blofse Vorstellung 
eines Dinges anfser mir möglich. Folglich ist die Bestimmung 
meines Daseins in der Zeit nur durch die Existenz wirklicher 
Dinge, die ich aufser mir wahrnehme, möglich.^ 2) Dieser 
Beweis enthält nun unleugbar eine zwiefache Schwierigkeit. 
Es soll das Dasein der Dinge im Räume bewiesen werden, also 
der Erscheinungen. Nachher wird aber gesagt, dafs das 
Beharrliche nicht durch die blofse Vorstellung (also Erscheinung) 
eines Dinges möglich wird, sondern durch ein Ding aufser uns, 
worunter allem Anscheine nach das Ding an sich gemeint ist 
Dann wird aber erstens etwas anderes bewiesen, als soeben 
als Absicht hingestellt war. Und was wichtiger ist, Kant zieht 
einen Schlufs von der Wirkung auf die bestimmte Ursache. 
Das Beharrliche kann doch wohl auch blofs eine beharrliche 
Vorstellung sein, deren Grund unbestimmt bleibt Nimmt man 
dagegen an, was viel einfacher ist, dafs unter „Ding" hier nur 
die Erscheinung gemeint sei, so steht dieser Satz im Widerspruch 
mit der so oft eingeschärften Lehre der transscendentalen 
Ästhetik, dafs der räumlichen Aufsenwelt keine vom Subjekte 
unabhängige Existenz zukomme, was doch — wie es scheint — 
hier gerade behauptet wird. — Es ist ersichtlich, dafs, welche 
Interpretation man auch fllr die richtige hält, eine Schwierigkeit 
zu Tage tritt, die nicht leicht wegdisputiert werden kann. 

Man sah sich daher gezwungen, durch verschiedene Inter- 
pretationskünste diese Schwierigkeit zu beseitigen. Was man 
aber auch unter «Ding aufser mir"* verstand und wie man 
auch dem Widerspruche auszuweichen suchte — Kant zog 
dabei immer den kürzeren: Verstand man unter „Ding*' das 
transscendentale Objekt, so mufste man Kant vorwerfen, er 
begehe einen Fehlschufs, nämlich von der Wirkung auf die 
Ursache. Denn der Grund der beharrlichen Erscheinung kann 
ebensowohl im transscendentalen Subjekt, als anderswo liegen.^} 



«) Vorr. 2, XXXIX Ann. 

«) Kr, 275. 

') Erdmann, Kaats KritizismuB 203. 



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26 

Bezog man hingegen „Ding'' auf die Erseheinnng, so war es 
womöglich noch schlimmer. Denn man glaubte konstatieren 
zu mttBsen, dafs der Urheber der Unterscheidung von Ding an 
sich und Erscheinung selbst diese beiden Begriffe in unheil- 
vollster Weise verwirrt habe. Andere wiederum kamen zu der 
Überzeugung, dafs Kant von seiner ursprünglichen Lehre der 
transscendentalen Ästhetik abgehe und jetzt — oder vielleicht 
auch schon frUher — eine doppelte Affektion lehre, nämlich die 
Affektion durch das Ding an sich und die Affektion durch die 
Erscheinung. Das Ding an sich affiziere das transscendentale 
Subjekt, dieses mache aus dem intelligiblen Grund eine 
empirische Erscheinung, diese Erscheinung stehe also dem 
empirischen Subjekt selbständig gegenttber und rufe in ihm 
Vorstellungen hervor. Diese Lehre von der doppelten Affektion 
— wird ferner behauptet — stehe zwar nicht im äufseren 
Widerspruch mit dem Kantischen System, zerstöre es aber von 
innen heraus, i) 

Die unheilvolle Verwirrung, die durch diese Skizze der 
Kontroverse noch lange nicht erschöpft ist, wurde, wie gesagt, 
durch den Satz hervorgerufen: „Also ist die Wahrnehmung 
dieses Beharrlichen nur durch ein Ding aufser mir, und nicht 
durch die blofse Vorstellung eines Dinges aufser mir möglich.* 
Auf das richtige Verständnis dieses Satzes kommt also alles 
an. Nun wissen wir aus dem Vorhergehenden, dafs Kant hier 
gegen denjenigen Idealismus ankämpft, der, wenn er nicht 
geradezu die Aufsenwelt als das Produkt unserer Einbildungs- 
kraft ansieht, so doch diese Frage mit einem «Non liquet' 
abfertigt Der ganze Beweis wird daher darauf beruhen 
müssen, dafs der Sinn durch irgend ein Kriterium von der Ein- 
bildungskraft unterschieden wird, oder genauer, er wird in dem 
Nachweise liegen, dafs es aufser der Einbildungskraft einen 
Sinn geben mttsse. Dies geschieht aber, wenn man feststellt, 
dafs zur Zeitbestimmung etwas Räumliches, aufser mir befind- 
liches notwendig ist. Denn wir haben zwar eine Vorstellung 
„Ich", wir haben auch Vorstellungen der Einbildungskraft; aber 

M Man vgl. Vaihinger, Zu Kants Widerlegang des Idealismas. Strafs- 
burger Abhandlangen 1884. — Busse, a. a. 0. — Falkenberg, Geschichte 
der neueren Philosophie. 6. Aufl. 317 ff. Man vgl. aaüserdem Vaihinger, 
Commentar II, 52 Anm. 



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27 

diese kennen das gesochte Beharrliche nicht sein, weil sie nur 
YorsteUangen sind und als solche nnr in der Zeit verlaufen 
and nicht beharren, während wir weiterdenken. ^Denn das 
Ich ist zwar in allen Gedanken ; es ist aber mit dieser Vor- 
Btellung nicht die mindeste Anschanung verbunden, die es von 
anderen Gegenständen der Ansehanang nnterschiede. Man kann 
also zwar wahrnehmen, dafs diese Vorstellnng bei allem Denken 
immer wiederum vorkommt, nicht aber, dafs es eine stehende 
und bleibende Anschanung sei, worin die Gedanken (als wandel- 
bar) wechselten. '^ 1) Es beharrt also nur das räumliche Ding. 
Also ist dieses Beharrliche als räumliches Ding nicht die 
blofse Vorstellung oder der blofse Gedanke, nicht lediglich 
das Produkt unserer phantasierenden oder sogar produktiven 
Einbildungskraß, sondern eine Erscheinung, die unabhängig 
von unseren Gedanken existiert und als änfseres Ding im 
Sinne beharrt, während wir weiterdenken und unsere Gedanken, 
die blolsen Vorstellungen, wechseln. Trotzdem kommt diesen 
Erscheinungen kein absolutes Sein zu. Sie existieren zwar 
unabhängig von ihrem Gedachtwerden, unabhängig von unserer 
Einbildungskraft, nicht aber unabhängig von unserem Sinn. 
,Uie Frage, ob es aufser mir etwas Wirkliches gibt, wird [nach 
wie vor] so beantwortet: Körper sind auJser meiner Sinnlich- 
keit keine Körper, und also sind sie nur in der Vorstellungs- 
kraft empfindender Wesen. Ob diesen Erscheinungen etwas 
aulser uns korrespondiere, ist eine Frage nach der Ursache 
und nicht von der Existenz dessen, was erscheint selbst'^) 

Die Richtigkeit dieser Unterscheidung der ^.blofsen Vor- 
stellung' als Gedankending von der Erscheinung, die als aufser 
ans existierendes Ding vom rationalen Teil unseres Subjektes 
unabhängig ist, beweist folgende Entgegenstellung: „Was ich 
mir als räumlich vorstelle, kann nicht zur Vorstellung des 
inneren Sinnes gezählt werden, denn diese seine Form ist die 
Zeit, die nur eine Dimension hat Ebenso was blofse Vor- 
stellung ist, kann ich nicht zum Objekt des äufseren Sinnes 
machen, denn dessen Form ist der Raum.'^s) Die blofse Vor- 



») Kr. A 350. 

*) Reflexion Nr. 1191. 

*) Lose Btttter 104. 



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28 

stelloDg steht also hier im direkten Gegensatz zur änrseren 
Erscheinung. Noch deutlicher geht dies hervor, wenn man den 
Sinn des Ausdruckes „das Beharrliehe* genau feststellt In 
unserer Widerlegung heifst es: „Dieses Beharrliche . . . kann 
nicht eine Anschauung in mir sein, denn alle Bestimmungs* 
grttude meines Daseius, die in mir angetroffen werden können, 
siud Vorstellungen." 1) Man vergleiche nun hiermit ähnliche 
Erörterungen ans den Losen Blättern und den Reflexionen: 
„Dieses I Beharrliehe] mufs aufser uns als Gegenstand des 
äußeren Sinnes angeschaut werden." 2) «Dieses Beharr- 
liche ... d.i. der Raum kann nicht wiederum Vorstellung 
der blofsen Einbildungskraft, sondern mufs Vor- 
stellung des Sinnes sein.* 3) Endlich sagt Kant in den 
Reflexionen: «... Allein wir können unsere eigene Existenz 
nur erfahren, sofern wir sie in der Zeit bestimmen, wozu das 
Beharrliche gehört, (da wirkliche) Vorstellung in uns keinen 
Gegenstand hat. Auf der blossen Einbildung eines Be- 
harrlichen aufser uns kann sich diese Vorstellung [Ich] auch 
nicht gründen. . . . Unsere Vorstellung, sofern sie zum Be- 
wufstsein unser selbst gehört, hat keinen dergleichen Gegen- 
stand." *) 

Wir sehen also, was wir, hier wenigstens, unter dem Ans- 
drnck „blofse'^ oder „wirkliche Vorstellung^* zu verstehen haben. 
Allerdings kommt dieser Ausdruck auch als Bezeichnung itir die 
Erscheinung vor, um ihre relative Existenz darzutun, so wird 
z. B. der Raum „blofse Vorstellung^^ genannt,^) ebenso nennt 
Kant wiederholt die Erscheinungen „bloUse Vorstellungen^^«) 
Dafs aber in unserem Falle mit diesem Ausdrucke nur eine 
von allem Sinnlichen freie Handlung unseres Denkens oder 
unserer Einbildungskraft gemeint sein kann, geht mit aller 
Deutlichkeit aus dem Angefllhrten hervor. Diese Feststellung 
der Bedeutung des Terminus ,^blofse Vorstellung" in unserer 
Widerlegung ist von nicht geringer Wichtigkeit Denn fttrs 



Vorr. 2, XXXIX Anm. 

'^) Lose Blätter 212. 

*) Ebendft 101. 

«) Reflexion Nr. 1195. 

») Kr. A 374. 

•) Kr. 164. 



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29 

erste geht aus dieser Feststellaog hervor, daüs in der Wider- 
legnog nicht Ding an sich nnd Erscheinung, sondern Erscheinung 
nnd Vorstellung (im engeren Sinne) einander gegenübergestellt 
werden; yom Ding an sich ist hier also nicht die Bede. Damit 
fallen aber zwei schwerwiegende Vorwürfe gegen Kant weg. 
Erstens begeht er keinen Fehlschlufs von der Wirkung auf die 
bestimmte Ursache. Zweitens kann man nicht einwerfen, dafs 
zur Zeitbestimmung die Vorstellung eines Beharrlichen 
genttgen wttrde; denn das eben ist Kants Meinung; >) er bekämpft 
nur die Ansieht, dafs eine beharrliche Vorstellung der Einbildung 
ausreichen wttrde, denn eine solche ist nach ihm unmöglich. 
Außerdem geht aber ans unserer Feststellung hervor, dafs Kant 
mit dieser Widerlegung nichts von seiner bisherigen Lehre auf- 
zugeben, oder auch nur zu modifizieren braucht Im 4. Paralo- 
gismus betont er die relative Existenz der Erscheinung gegenüber 
dem common sense, der die Erscheinungen für Sachen an sich 
nunmt, sowie gegen den psychologischen Idealismus, der dasselbe 
tut, um die Anfsenwelt nachher zu bezweifeln. In unserer Wider- 
legung legt er dagegen Gewicht darauf, dafs den Erscheinungen 
des änfseren Smnes im Gegensatz zu den Vorstellungen der 
Einbildungskraft ein Sein unabhängig von unserem blofsen 
Denken zukommt^) Mit anderen Worten: einmal steht die 
Erscheinung im Gegensatze zu an sich existierenden Dingen, 
und dann ist sie nur in uns, weil selbst der Baum nur eine 
Vorstellung in uns ist; das andere Mal steht die Erscheinung 
im Verhältnis zu der blofsen Einbildung, und dann kommt ihr 
ein von der Einbildungskraft unabhängiges Dasein zu; sie ist 
dann aufser mir, aufser meinen spezifisch innerlichen Vor- 
stellungsfähigkeiten — sie ist in dem Sinne. Wenn ich mir 
also einen Pegasus vorstelle oder an Plato denke, so kommt 
diesen Vorstellungen kein Sein aufser mir (aufser der Ein- 
bildungskraft) zu; sehe ich hingegen einen Baum vor mir 
stehen, so korrespondiert meinem Gedanken vom Baume eine 
wirkliehe sinnliche Erscheinung, obwohl diese als Erscheinung 
nur in mir ist, denn selbst der äufsere Sinn ist in mir. Aller- 
dings wird die Erscheinung dem rezeptiven Sinne durch ein 



^) Man vgl. Vorr. 2, Anm. S.XLI. 
*) L.B1. 204 f. 



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so 

Ding an sieb geliefert, das ihn affiziert Ob dieses aber in 
nns (in unserem transscendentalen Subjekt) oder anfser uns 
sei, wird hier nicht entschieden, denn der Sinn sagt darüber 
nichts aus.i) 

Auf Grund des herangezogenen Materials scheint uns also 
folgendes festzustehen: 

1. Die in der 2. Auflage gegebene Widerlegung des Idealis- 
mus will ebenso wie diejenige im 4. Paralogismus der 1. Auflage 
nur das Dasein der Erscheinungen beweisen. 

2. Dieser Beweis bedeutet eine notwendige Vertiefung der 
entsprechenden Erörterungen in der 1. Auflage, da dort das 
unmittelbare Bewufstsein von Dingen vorausgesetzt und sein 
Zeugnis in Anspruch genommen worden ist; hier hingegen wird 
dieses unmittelbare Bewufstsein durch einen giltigen SchluIjB 
— also mittelbar — bemesen. 

8. Kant begeht in dieser Widerlegung weder einen Fehl- 
schlufs, noch gibt er von seiner bisherigen Lehre etwas auf. 

Dies alles entspricht der Tatsache, dafs hier der Idealis- 
mus bekämpft wird, der es fUr möglich hält, dafs die Auijien- 
welt lediglich eine Ausgeburt unserer Phantasie sei. Dem- 
gemäfs mufste in der Widerlegung vor allem auf die notwendige 
Unterscheidung von Sinn und Einbildung oder Einbildungskraft 
Gewicht gelegt werden. Es liegt also gar kein Anlals zu der 
Behauptung vor, dafs Kant Ding an sich und Erscheinung ver- 
wirre oder dafs er eine doppelte Affektion lehre. Denn, wie 
gesagt, Überall da, wo er der Erscheinung selbständiges Sein 
zuspricht, ist dies relativ zur Einbildung oder Einbildungskraft 
gemeint; wo ihr hingegen absolutes Sein abgesprochen wird, 
geschieht dies im Verhältnis zum Sinne. 



^) Lose El. S.204. Man vergleiche noch besonders den Aufsatz: Wider- 
legung des problematischen Idealismus, der fUr Kiese wetter bestimmt war und 
aus dem ganz klar hervorgeht, dafs von einem Beweise fUr die Existenz 
der Dinge an sich in diesem Zusammenhang nicht die Rede sein kann. 
Der Schlufs der genannten Widerlegung, die mit derjenigen in der Kritik 
im allgemeinen Ubereiustimmt, wenn sie auch viel klarer und deutlicher 
ausgeflihrt ist, lautet wie folgt: „£s hat also der äufsere Sinn Realität, 
weil ohne ihn der innere Sinn nicht möglich ist.** WW. Ed. Hartenstein 
IV, 503. 



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81 

Nun werden wir auch folgenden Satz beflser verstehen. 
Im vierten ParalogismuB heifst es: „Alle änfsere WahrnebmuDg 
also beweist unmittelbar etwas Wirkliches im Banme oder ist 
vielmehr das Wirkliche selbst, nnd insofern ist also der em- 
pirische Idealismns aafser Zweifel, d.i. es korrespondiert 
unseren änliseren Ansehanangen etwas Wirkliches im Banme.^ 
Dieser Satz wird von den Erfindern der Theorie der doppelten 
Affektion bei Kant zum Beweise angefahrt, dafs bereits in der 
ersten Anflage eine Verwirrung in beztig anf das affizierende 
Ding stattfindet Denn in unserem zitat wird im Nachsatze der 
räumlichen Erscheinung eine selbständige Existenz zugeschrieben, 
während dieses im ersten Teil des Satzes noch nicht behauptet 
wurde. 2) In der Tat ist der Satz so ausgedrückt, dafs sein 
erster Teil im scheinbaren Gegensatze zu der Erläuterung steht. 
Die äufsere Wahrnehmung ist zunächst das Wirkliche selbst; 
gleich darauf wird aber gesagt, dafs unseren Anschauungen 
etwas Wirkliches im Baume korrespondiert Gewifs kann 
es gerechtfertigt sein, im Eantischen System lauter Widersprüche 
aufzudecken; man sollte jedoch davor zurückschrecken, in einem 
und demselben Satze Kant eines Widerspruches zu zeihen. 
Zudem kommt in Betracht, dafs unmittelbar nach den zitierten 
Worten der Satz folgt: „Freilich ist der Baum selbst, mit allen 
seinen Erscheinungen, als Vorstellungen, nur in mir* ^) und etwas 
weiter: «Das Beale äufserer Erscheinungen ist also wirklich nur 
in der Wahrnehmung und kann auf keine andere Weise wirk- 
lich sein."») 

Ich finde, dafs der angegriffene Satz gerade sehr lehrreich 
und ein Beleg daftlr ist, was Kant meint, wenn er sagt, dafs 
der Anschauung etwas Wirkliches korrespondiert Nämlich: 
obwohl man im Gegensatze zu den Vorstellungen der Ein- 
bildungskraft von den Anschauungen der Wirklichkeit sagen 
mufs, dafs ihnen etwas im Baume (im Sinne) korrespondiert, 
so bekommen doch diese korrespondierenden Erscheinungen 
kebe selbständige Existenz, sondern sie sind mit den äufseren 
Wahrnehmungen identisch, weil der Baum selbst in uns ist 
Das Wirkliche im Baume korrespondiert den Vorstellungen, 

Kr. A 375. 

^ Yaihinger a. a. 0. 

») Kr. A 376. 



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82 

den Gedanken, die in uns infolge der von den Sianen ge- 
lieferten Anschaanngen entstehen. Dem Gedanken Baum 
korrespondiert, wie erwähnt, die sinnliche Wahrnehmung Banm, 
die für uns das Letzte ist und den Gegenstand repräsentiert 
Der Vorstellung „Pegasus'^ oder der soeben geplatzten Seifen- 
blase korrespondiert kein wirklicher Gegenstand — dem 
Pegasus nicht, weil er nur eingebildet ist, der geplatzten 
Seifenblase nicht, weil sie als Gegenstand der Sinne nicht 
mehr gegenwärtig ist. 

Nur einen solchen — historisch vielleicht gar nicht vor- 
handenen, von Kant aber dem Descartes unterschobenen — 
Idealismus, denjenigen nämlich, der die Unterscheidung von 
Sinn und Einbildung nicht anerkennt, oder als ununterscheidbar 
hinstellt, wollte Kant an den genannten Stellen bekämpfen. >) 

Anders verhält es sich mit der Stellung zum Berkeleyschen 
Idealismus. Hier hätte die Widerlegung ganz anders geführt 
werden müssen. Kant trennt deshalb wiederholt sehr deutlich 
den Idealismus des Descartes von dem Berkeleys. Bei der 
Widerlegung des letzten konnte es sich nicht mehr um die 
Feststellung der Existenz der Erscheinung handeln; denn 
diese hat Berkeley in Wirklichkeit gar nicht geleugnet 2) 

^) Hit unserer Auffassung der Wideriegang stimmt auch die lange 
Anmerkung in der 2. Vorrede und besonders die Anmerkung 2 zur 
Widerlegung in der Kritik selbst überein (Kr. 277 f.). Jedoch können wir 
dies hier nicht weiter ausführen, weil es uns zu weit führen würde. Und 
nochmals sei es hervorgehoben, bei dieser Widerlegung brauchte das Ding 
an sich gar nicht berührt zu werden, denn dies wäre die Frage nach der 
Ursache der Erscheinung, nicht aber nach ihrer Existenz selbst. 

*) Berkeley war ebenso wie Kant empirischer Realist, nur war er 
dabei nicht transscendentaler sondern transscendenter Idealist. Man Tgl. 
besonders Berkeley, Über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. 
(Deutsch von Ueberweg.) Sekt. XXXV f. „Ich bestreite nicht die Existenz 
irgend eines Dinges, das wir durch Sinneswahmehmung oder durch 
Reflexion auf unser Inneres zu erkennen vermögen. DaCs die Dinge, 
die ich mit meinen Augen sehe und mit meinen Händen betaste, exi- 
stieren, wirklich existieren, bezweifle ich nicht im mindesten. Das 
einzige, dessen Existenz wir in Abrede stellen, ist das, was die Philo- 
sophen Materie oder körperliche Substanz nennen . . . Wenn jemand 
glaubt, dies tue der Existenz oder Realität der Dinge Eintrag, so ist er 
weit davon entfernt, das zu verstehen, was bisher . . . auseinandergesetzt 
worden ist." Es ist sehr zu bedauern, dafs Kant zu den von Berkeley 



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33 

Wenn demnach Berkeley widerlegt werden sollte, so mnfsten 
ganz andere Momente in Betracht gezogen werden. Erstens 
mnlste der vermeintliche Gmnd, der nach Kants Meinung 
diesen Idealismus hervorgerufen hat, beseitigt werden, und 
zweitens mulste die Existenz der Dinge an sich betont werden. 
Das erste konnte Kant leicht gelingen. Indem er glaubte, 
Berkeleys Idealismus sei lediglich durch die Widerspruche, die 
ihm der Baumbegriff verursacht habe, hervorgerufen worden,^) 
brauchte er nur auf die transscendentale Ästhetik oder auf 
die Auflösung der ersten beiden Antinomien hinzuweisen. 
Nach Kants Andeutungen im 4. Paralogismus ist dies allein 
auch das Prinzip, das Berkeleys Idealismus widerlegen soll. 2) 
Im Anhang zu den Prolegomena wird noch besonders diese 
Widerlegung als Abwehr gegen die Göttinger Rezension 
ausgeführt. Dieses ist aber nur der erkenntnis- theoretische, 
nicht der metaphysische Unterschied der beiden Lehren. Der 
vermeintliche Grund dieses Idealismus ist zwar mit der 
Kantischen Lehre von Raum und Zeit gehoben. Der Idealismus 
selbst brauchte aber trotzdem nicht aufgegeben zu werden. 
Zwar haben Raum und Zeit neben ihrer Subjektivilät noch 
das Merkmal des Apriori. Deshalb braucht aber nicht das, 



hier getadelten Lesern gehört hat: seine Widerlegung Berkeleys wtirde 
sonst vielleicht ganz anders ausgefallen sein. Er würde dann nicht nur 
betont haben, dais er den Dingen an sich ihr Sein lasse, sondern auch, 
mit welchem Recht und aus welchem Grunde er an dieser ihrer Existena 
festhalte. 

^) Tatsächlich verhält sich die Sache umgekehrt. Nicht der populäre 
Ranmbegriff hat den Idealismus Berkeleys hervorgerufen; vielmehr hat die 
Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem um 1709 bereits feststehenden 
Idealismus Berkeleys den „Versuch einer neuen Theorie des Sehens** 
zur Folge gehabt Dies geht aus folgender Bemerkung Berkeleys in den 
Prinzipien Sekt XLIII ganz klar hervor: «Denn wenn wir in Wahrheit 
einen auiser uns liegenden Baum und wirklich in ihm existierende Körper, 
die einen in grölserer Nähe, die anderen in weiterer Entfernung von uns 
wahrnehmen können, so scheint dies einigermalsen dem oben Gesagten, 
dab sie nirgendwo außerhalb des Geistes existieren, zu widerstreiten. 
Die Erwägung dieser Schwierigkeit war das, was meinen Versuch einer 
neuen Theorie des Sehens veranlarste.** 

') Man darf also nicht behaupten, dafs er seine Ankündigung, diesen 
Idealismus zu wideriegen, nirgends ansgefllhrt habe (Vaihinger a. a. 0.)» 
denn dies geschieht nach Kants Bewufstsein in der Antinomienlehre. 

Philosopbiiclie Abb«ndlangen. XLI. 3 



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'84 

was diese Formen fliUt, von einem Dinge an sieh herznrtlhren, 
sondern aneh weiterhin könnte Gott dafttr in Anspmeh ge- 
nommen werden, ohne dals dieses Material der empirischen 
Anschauung seinen aposteriorischen Charakter verlieren würde. 
Die Dinge an sich würden auch jetzt noch in Frage stehen, 
wenn auch das esse^percipi durch ein esse - intelligi ersetzt 
werden müTste, falls man das Resultat der Analytik auch noeh 
in bezng auf die Erscheinungen anerkennen wollte. Zur ersten, 
negativen Widerlegung, nämlich zu der Beseitigung des Grandes 
des Berkeleyseben Idealismus, hätte noeh eine zweite, positive, 
hinzukommen müssen, die das Sein der Dinge an sich dartun 
müTste. 

Eine Betonung der Dinge an sich ist nun, wie wir wissen, 
in den Prolegomena in dem bekannten Protest vorhanden. 
Dieser kann aber nicht gut Widerlegung genannt werden. 
Kant sträubt sieh hier gegen den Berkeleyschen Idealismus, 
indem er zeigt, dafs ihn von Berkeley die Annahme wirkender 
Dinge an sieh unterscheide. Es fehlt jedoch jede Spur von 
einem Beweise für ihre Existenz, weil diese noch damals für 
ihn so selbstverständlich war, da£s sie nicht bewiesen zu 
werden brauehte.^) Der Beweis konnte aber auch spekulativ 
von Kants Voraussetzungen aus gar nicht geführt werden ohne 
dafs man einen Fehlschlufs begehen würde, und insofern ist 
Kant tatsächlich in der theoretischen Philosophie dem Berkeley 
die Antwort schuldig geblieben. 

^) Interessant ist die hier vorkommende Variante der Deduktion ans 
der Erscheinang, die zeigt, wie wenig Kant damals einen strikten Beweis 
zu geben Bedürfnis hatte. Proleg. § 32 heifst es: „In der Tat, wenn wir 
die Gegenstände der Sinne, wie billig, als blolse Erscheinungen ansehen, 
so gestehen wir hierdurch doch zugleich, daüs ihnen ein Ding an sich 
selbst zum Grunde liege . . . Der Verstand also eben dadurch, dals er 
Erscheinungen annimmt, gesteht anch das Dasein von Dingen an sich 
selbst zu, und sofern können wir sagen, daü^ die Vorstellung solcher 
Wesen, die den Erscheinungen zum Grunde liegen, mithin blolser Ver- 
standeswesen nicht allein zulässig, sondern auch unyermeidlich sei. Unsere 
kritische Deduktion schliefst dergleichen Dinge (noumena) anch keines- 
wegs aus . . .' 



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Wid ist das Ding an sich beschaffen? 



Für denjenigen, der die Kritik der reinen Vernunft nur 
einigermaljsen kennt, mufs es absurd erseheinen, eine derartige 
Frage auch nar za stellen. Der Grundgedanke der Kritik 
ist der, dals alles, was wir bei der jetzigen Beschaffenheit 
unseres Erkenntnisvermögens erkennen können, lediglieh die 
Erscheinung eines unbekannten und unerkennbaren Etwas ist. 
Ist es demnach nicht eine Verkennung der Kantischen Lehre, 
wenn man nach der Beschaffenheit dieses Etwas fragt? Sagt 
doch Kant ausdrücklich: „Man kann zwar auf die Frage, was 
ein transscendentaler Gegenstand für eine Beschaffenheit habe, 
keine Antwort geben, nämlich was er sei, aber wohl, dafs 
die Frage selbst niehts sei'', weil „eine Frage nach der 
Beschaffenheit desjenigen Etwas, was durch kein bestimmtes 
Prädikat gedaeht werden kann . . . gänzlich nichtig und leer 
sei*.^) Und an einer andern Stelle: „Was Dinge an sich sein 
mOgen, weils ich nicht und brauche es nicht zu wissen'^. 

Und doch gibt es viele Anhaltspunkte, welche die obige 
Fragestellung rechtfertigen. Wir wissen, dafs die trans- 
scendentale Ästhetik eine Vielheit wirkender Dinge an sich 
▼oranssetzt und dafs die transscendentale Analytik diese Vor- 
aussetzung aufrechthält, auch nachdem diese Dinge zum Problem 
geworden sind. Welche Konsequenzen in bezug auf die Be- 
schaffenheit der Dinge an sich aus dieser Voraussetzung zu 
ziehen sind, werden wir im Verlauf unserer Untersuchung 
Uber den Anteil des Dinges an sich an der empirischen An- 
schauung des näheren auszuführen haben. Hier wollen wir 
uns mit der Andeutung begnOgen, dafs der kritische Haupt- 
gedanke, dab wir Uber die Beschaffenheit Übersinnlicher Dinge 
niehts aussagen dürfen, Kant nicht gestört hat, die Dinge an 
sieh naeh der Art der Leibniz'schen Monaden zu denken. 



») Kr. 507 Anm. 

3* 



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36 

Diese PriyatmeinaDg Kants über die Dinge an sich auch 
im kritischen Hauptwerke entdeckt zu haben, ist das Verdienst 
B. Erdmanns. 1) Später haben seine Schüler O.BiedeP) und 
Eumetaro Sasao') dies ausführlich zu begründen gesachi 
Seither findet dieser Gedanke immer gröfsere Anerkennung 
und hat sich fttr die richtige Einschätzung der Stellung des 
Dinges an sich im Kantischen System als sehr fruchtbar 
erwiesen. — Dieser Auffassung zufolge kommen den Dingen 
an sich neben den negativen aach positive Bestimmungen zu. 
Negativ läfst sieh zunächst sagen, dafs sie räum- und zeitlos 
sind. Aus diesen Bestimmungen folgt weiter analytisch^) die 
Beharrlichkeit (zeitloses Sein) und Einfachheit (weil alles Zu- 
sammengesetzte sinnlich ist). Aber neben diesen Eigenschaften 
kommen ihnen alle positiven Prädikate zu, die Gott als un- 
endlichem Wesen zukommen, wenn auch nur in geringerem 
Mafse.^) Sie wirken aufeinander durch eine gesetzmäfsige 
Wechselwirkung, <^) die Gott zur Ursache hat 

Wer diesen monadologischen Charakter der Dinge an sich 
nicht zugeben will, mnis sich mit der dann überaus schwierigen 
Stelle in den Bemerkungen zu L. M. Jakobs Prüfung der 
Mendelssohnschen Morgenstunden auf irgend eine Weise 
auseinander setzen. In diesen «Bemerkungen*'') zeigt Kant, 
welcher Mittel sich Mendelssohn bedient, um die schwierigen 
Probleme der Philosophie zu lösen. Er habe zu diesem Behufe 
zwei Maximen von denen die eine darauf hinauslaufe «die 
Nachforschung der reinen Vernunft ... zu hemmen und dem 
Frager kurz und gut den Mund zu stopfen. In den Morgen- 
stunden S. 116 heilst es: ,Wenn ich euch sage, was ein Ding 
wirkt oder leidet, so fragt nicht weiter was es ist? Wenn ich 
euch sage, was ihr euch von einem Dinge fttr einen Begriff 



') Man vgl. Kants Eritizisrnns 74 f. 

') Die monadologischen Bestimmungen der Dinge an sich 1888. 

*) Prolegomena zur Bestimmung des Gottesbegriffes bei Kant Ab- 
handlungen zur PhiloB. und ihrer Gesch., herausg. von B. Erdmann, 1900. 

*) Denn die Existenz der Dinge an sich ist selbstverständliche yo^ 
aussetzung. 

•) Man sehe weiter unten. 

•) Sasao a. a. 0. 29. 

') WW. Ed. Hartenstein IV, 465. 



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37 

zn maeben habt, so bat die fernere Frage: was dieses Ding 
an sieb selbst sei? weiter keinen Verstand* 

Nnn polemisiert Kant gegen diese Maximen nnd meint: 
Jreilicb, wenn wir Wirkungen eines Dinges kennen, die in der 
Tat Eigensebaften eines Dinges an sieb selbst sein können, so 
dürfen wir niebt ferner fragen, was das Ding noeb anlser diesen 
Eigenschaften an sieb sei, denn es ist alsdann gerade das, was 
darch jene Eigensebaften gegeben ist* Nnn wissen wir aber, 
dafs uns gar keine Eigenschaften der Dinge an sieb selbst 
gegeben werden, «dafs wir von der körperlichen Natnr nichts 
anderes erkennen als den Raum, . . . dafs das Ding im Ranme 
. . . keine andere Wirkung als Bewegung . . . folglich keine 
andere leidende Eigenschaft, als bewegende Kraft oder Be- 
weglichkeit zn erkennen gibt, so mag nun Mendelssohn . . . 
doch sagen ... ob, da ich nichts als Beziehungen von Etwas 
kenne auf etwas Anderes . . . ohne dafs mir irgend ein Inneres 
gegeben ist oder gegeben werden kann, ob ich da sagen könne, 
ieh habe einen Begriff vom Di\ige an sich nnd ob nicht die 
Frage ganz rechtmäfsig sei: was denn das Ding, das 
in allen diesen Verbältnissen das Subjekt ist, an sich selbst 
sei?* Nun könnte man zur Not, um mit der oben zitierten 
Abweisung der Frage nach der Beschaffenheit der Dinge an sich 
nicht in Widerspruch zu geraten, diese Stelle so auffassen: Kant 
bekämpfe hier seinen dogmatischen Gegner von dessen eigenem 
Standpunkte ans. Dieser behaupte, vom Ding an sich einen 
Begriff zu haben; dies .jedoch werde durch den Hinweis auf die 
Metaphysischen Anfangsgründe nsw.^ widerlegt. Wenn 
der Gegner aber trotzdem behauptet, einen solchen Begriff zu 
baben, so mttfste er weiter fragen, was dieses Ding eigentlich sei. 

Kant aber — und das widerspricht dieser Auffassung — er- 
kennt es gerade an, dafs vom Standpunkt des Gegners aus, der 
da meint, die Eigenschaften der Dinge selbst (und nicht blof s ihre 
Ersebeinnngen) zu erkennen, die weitere Frage keinen Sinn hat; 
ndenn das Ding an sich ist dann gerade das, was durch jene 
Eigenschaften gegeben ist* Was bekämpft wird, ist eben dieser 
Standpunkt selbst, und vor allem die Maxime, «dem Frager den 
Mund zu stopfen*. Der richtige Sinn unserer Stelle geht noeb 



') Ebenda 467, ZeUe 12. 



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38 

besonders aas der Konklasion am Sehlasse dieser «BemerkaDgen* 
hervor: «Also kann naeh allen Kenntnissen, die wir immer nar 
dareh Erfahrung von Saehen haben mögen, die Frage: was 
denn ihre Objekte als Dinge an sich selbst sein mögen? 
ganz and gar nicht für sinnleer gehalten werden/ 

Daraufhin gibt Kant die Eigenschaften der Dinge an sieh 
an: „Nan wird man fordern, ich solle doch dergleichen Eigen- 
schaften nnd wirkliche Krttfte angeben ... ich antworte blofs: 
dieses ist schon längst, and zwar von each selbst geschehen. 
Besinnt each nur, wie Ihr den Begriff von Gott als höchster 
Intelligenz zustande bringt Ihr denkt euch in ihm lauter 
wahre Realität d. i. etwas was nicht blols . . . den Negationen 
entgegengesetzt wird, sondern auch und yomehmlich den 
Realitäten in der Erscheinung ... Nun vermindert alle diese 
Realitäten (Verstand, Wille, Seligkeit, Macht usw.) dem Grade 
nach, so bleiben sie doch der Art (Qualität) naeh immer die- 
selben, so habt ihr Eigenschaften der Dinge an sich selbst, die 
ihr auch auf andere Dinge aufser Gott anwenden könnt Keine 
anderen könnt ihr euch denken und alles übrige ist nur 
Realität in der Erscheinung . . . wodurch ihr niemals ein Ding 
denkt, wie es an sich selbst ist'' 

Dieses Rezept zur Erlangung der Eigenschaften der Dinge 
an sich muls einen jeden, der mit dem Kritizismus vertraut 
ist, völlig dogmatisch anmuten. Uns bereitet jedoch diese Stelle 
keine grölseren Schwierigkeiten, als die Behauptung, dals Dinge 
an sich sind. Beides, sowohl die Setzung der Dinge an sich, 
wie das Forschen nach ihren Eigenschaften, ist vom Standpunkt 
des konsequenten Kritizismus unzulässig. Setzt man [aber die 
intelligible Welt voraus und findet nachher, dafs die praktisehe 
Philosophie diese Voraussetzung notwendig macht nnd zur 
Wahrheit stempelt, so ist man auch berechtigt, nach der 
Beschaffenheit dieser Dinge zu fragen. Allerdings mufs zu- 
gegeben werden, dals man dann nur auf Vermutungen angewiesen 
ist, weil spekulativ hierüber nichts ausgesagt werden darf, und 
die strenge kritische Philosophie kann solche Vermutungen nicht 
als Erkenntnis ansehen. — Somit haben wir die Stellung und 
Bedeutung des Dinges an sich im Kantischeo System skizziert 
und können nunmehr zur Frage der Anschauung übergehen. 



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Wie kommt objectiv-gültige Anschauung 
zustande? 



Eb braucht kaam bemerkt zu werden, dafs fttr Kant die 
psychologische Seite der AnBchanang nicht in Betracht kommen 
dfljf. Ihm kommt cb immer darauf an, erkenntnistheoretisch 
zn untersuchen, welcher Grad von Gültigkeit der jeweiligen 
Anschauung zuzuschreiben ist. Wir werden mit Kant deshalb 
nicht fragen dttrfen, ;,wie in einem denkenden Subjekt 
ttberhanpt änfsere Anschauung, nämlich die des Baumes 
(eine Erfüllung desselben, Gestalt und Bewegung) möglich 
sei?* Denn abgesehen davon, dals diese Fragestellung eine 
psjchologisch-genetische wäre, so ist es doch nach Kant «auf 
diese Frage keinem Menschen möglich, eine Antwort zu finden 
nnd man kann diese Lücke unseres Wissens niemals aus- 
fUlen.* 1) Wir setzen also diese Fähigkeit anzuschauen voraus 
und fragen nach der Gültigkeit erstens der reinen, zweitens der 
empirischen Anschauung. 

Die erste dieser Fragen bietet indessen keine besondere 
Schwierigkeit Wir brauchen nur die allgemein bekannte Lehre 
der transscendentalen Ästhetik in kurzen Worten wiederzu- 
geben. Der Baum und die Zeit sind keine den Dingen selbst 
inhärierenden Eigenschaften. Räumlich and zeitlich sind die 
Erfahrungsobjekte deshalb, weil wir so beschaffen sind, dafs 
wir die an sich räum- und zeitlosen Dinge nur so und nicht 
anders wahrnehmen können. Daraus ergibt sich die Gültigkeit 
dieser Anschauungsweise, denn alles Äufsere mufs lilumlich und 
zeitlich, alles Innere zeitlich sein. Die Übereinstimmung der 



') Kr. A 393. 



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40 

AnschaanDg mit dem Angeschaateii ist aber dadurch gegeben, 
daffl wir es lediglieh mit unseren Erscheinungen zu tun haben 
und nicht zu fragen brauchen, ob sie den Dingen selbst adäquat 
sind; diese letzteren gehen uns nichts an. Wir fragen nach der 
Übereinstimmung unserer Begriffe von der Erscheinung mit 
ihr selbst, nicht mit dem transscendentalen Objekt, das sie 
hervorruft. Wir bekommen so zwar nur eine «empirische 
Wahrheit*; aber die formalen Bedingungen dieser Wahrheit 
beruhen auf einem sicheren Prinzip, nämlich der apriorischen 
Subjektivilät der Anschauungsformen Raum und Zeit Aus 
dieser Subjektivität läfst sich nun ferner die Apodiktizität der- 
jenigen Wissenschaften erklären, die ihre Elemente in diesen 
Formen konstruieren (Geometrie durch die Apriorität des Raumes, 
Arithmetik durch diejenige der Zeit).i) 

Es mufs jedoch hervorgehoben werden — was oft über- 
sehen worden ist — dafs Raum und Zeit allein noch nicht 
imstande sind, fertige Anschauungen hervorzubringen. Gleich 
am Anfang der transscendentalen Ästhetik deutet Kant an, 
dafs Raum und Zeit lediglich das sind, „worin sich die 
Empfindungen allein ordnen und in gewisse Formen gestellt 
werden können''.^) Der Raum ist „die Vorstellung einer 
blofsen Möglichkeit des Beisammenseins ^.3) Diese Ein- 
schränkung der Bedeutung der Anschauungsformen für die 
Anschauung, die naturgemäfs in der transscendentalen Ästhetik 
nur angedeutet werden konnte, wird nachher in beiden De- 
duktionen weiter ausgeflihrt: „Weil daher jede Erscheinung 
ein Mannigfaltiges enthält, mithin verschiedene Wahrnehmungen 
im Gemttte an sich zerstreut und einzeln angetroffen werden, 
so ist eine Verbindung derselben nötig, welche sie in dem 
Sinne selbst nicht haben können.^ ^) Ja der Raum und die 
Zeit, die nicht nur Formen der Anschauung, sondern selbst 



^) Ob wirklich durch die blofse Tatsache, dafs der allgemeine Raum 
und die allgememe Zeit in dem Sinne a priori sind, dals ohne sie gar 
keine Anschauung möglich wäre, auch diejenige Apriorität, durch welche 
sie apodiktisch gültige Sätze möglich machen, gesichert sei, soll als sa 
unserer Frage nicht gehörig, nicht untersucht werden. 

«) Kr. 34. 

») Kr. A 874. 

Kr. A 120. 



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41 

Anscbaanngen sind^) (der erste mofs in der Geometrie als 
Gegenstand yorgestellt werden), wären unmöglich ohne eine 
synthetisehe Apprehension.^) Dieser Gedanke ist der Grand- 
stein der Deduktion nnd Kant konnte mit Seeht anf ihn stolz 
sein, indem er darauf hinwies, dafs es keinem Philosophen 
eingefallen sei, die Einbildungskraft als notwendiges Ingredienz 
der Wahrnehmung zu betrachten, „weil man glaubte, die 
Sinne lieferten uns nicht allein Eindrucke, sondern setzten 
solche auch sogar zusammen^.') 

Schwieriger gestaltet sich die Frage nach der empirischen 
Anschauung, wenn wir die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen 
irgendwie ableiten wollen. Die Frage würde dann lauten: 
Wie ist die Anschauung des Mannigfaltigen möglich? An- 
schauung überhaupt ist durch die Aprioriiät von Baum und 
Zeit ermöglicht worden. Ist aber die bunte, nnermefsliche 
Mannigfaltigkeit der Erscheinungen in ihren Qualitäten und 
Formen ebenfalls subjektiven Ursprungs? Dies wird von 
Kant verneint: Das Mannigfaltige der Anschauungen wird 
aposteriori gegeben, im Gegensatz zu Raum und Zeit, die 
apriori gegeben werden. Wie ist aber diese Anschauung 
möglich? Der Baum, der hier hauptsächlich in Betracht käme, 
ermöglicht uns nur eine räumliche Anschauung überhaupt, 
anders ausgedrückt, durch ihn sehen wir die äufseren Dinge 
räumlich. Vermögen wir aber durch ihn die unendliche 
Mannigfaltigkeit der räumlichen Gestalten — um von den 
qualitativen Formen gar nicht zu reden — irgendwie zu be- 
greifen? Kant erwidert darauf: „die nnermefsliche Mannig- 
faltigkeit der Erscheinungen^ kann nicht „aus der reinen 



Man vgl Kr. 136 Anm. und 161 Anm. 

*) Mut vgl. Kr. A 100. 

*) Kr. A 120. Man denke hier an die GondiUac'sche Fiktion. Daia 
Hobbes mit seiner Behauptung, dals zur Wahrnehmung Gedächtnis gehört, 
dieser Entdeckung Kants keineswegs vorgegriffen hat (man vgl. dagegen 
Biehl, KritiziBmuB I, 2. Aufl., 508 Anm.), geht daraus hervor, dafs Kant 
hier von der produktiven Einbildungskraft redet, Hobbes aber nur die 
reproduktive des Gedächtnisses gekannt hat. Niemand vor Kant hat es 
gesehen, dals die Sinne nichts (auch nicht die sinnlichen Elemente) ver- 
binden, und darin besteht die bedeutsame Entdeckung Kants. Man vgl. 
auch Kr. 152, wo der Unterschied zwischen der produktiven und der 
reproduktiven Einbildungskraft ganz scharf hervorgehoben ist. 



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42 

Form der siDnlichen ADSchaoang hinlänglich begriffen werden'; 
68 mttssen blofs „die Eraoheinangen, nnerachtet der Ver- 
schiedenheit ihrer empirischen Form, dennoch jederzeit den 
Bedingungen der reinen Form der Sinnlichkeit gemäfs sein.'^ 

Diese Lücke in der Lehre von der empirischen Anschaniing, 
die Kant durch die Unmöglichkeit ihrer AnsfÜlIang rechtfertigt, 
ist vielfach angegriffen worden, jedoch nicht immer und vor 
allem nicht in allen Punkten mit Recht Wir wollen an dem 
Beispiele der Kritik Schopenhauers untersuchen, in weleher 
Form dieser Vorwurf berechtigt ist 

In seiner Kritik der Kantischen Lehre sagt Schopenhauer: 
„Nachdem er [Kant] Raum und Zeit isoliert abgehandelt, 
dann diese ganze Raum und Zeit füllende Welt der An- 
schauung, in der wir leben und sind, abgefertigt hat mit den 
nichtssagenden Worten: der empirische Inhalt der Anschauung 
wird uns gegeben — gelangt er sofort mit einem Sprunge 
zur logischen Grundlage seiner Philosophie, zur Tafel der 
Urteile.^ 2) „Nicht blofs wie die reine und nur formale An- 
schauung a priori, sondern auch wie ihr Gehalt, die empirische 
Anschauung ins Bewufstsein kommt, hätte nun untersuobt 
werden müssen."*) 

Es ist nun zu überlegen, ob Kant mit der Erklärung, das 
Empirische der Anschauung werde uns aposteriori gegebeo, 
nicht bereits angedeutet hat, dafs bei dieser Aposteriorität des 
Empirischen die Erörterung der Art seines Entstehens im 
Bewufstsein nicht in die Kritik der reinen Vernunft hinein- 
gehört. Kants Aufgabe ist die kritische Grenzbestimmung 
unserer Erkenntnis, die Beantwortung der Frage, wie syn- 
thetische Urteile a priori möglich sind; zu diesem Zwecke 
mufste er zeigen, dafs der Verstand kein Vermögen der An- 
schauung ist Sein Geschäft ist lediglich die Synthesis, die 
Verbindung des Mannigfaltigen. Wie aber dieses Mannigfaltige 
selbst ins Bewufstsein kommt, das lag gar nicht im Bereich 
seines wissenschaftlichen Interesses. Ganz anders verhält es 
sich bei Schopenhauer. Ihm ist es nicht um die erkenntnis- 



1) Kr. A 127. 

3) Schopenhauer, WW. Ed. Griesebach I, 549. 

*) Ebenda 551 



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48 

&eoTetäache Frage der Gültigkeit unserer Erkenntnis, sondern 
um dM metaphysische Frage nach dem Sein nnd dem Wesen 
deT knfoenwelt za ton. Und da sein Idealismus erforderlich 
maehte, dafs alles womöglich auf die Spontaneität unseres 
Verstandes zurückgeführt werden könne, so maiste dem Ver- 
stände auch das Vermögen anzuschauen zugeschrieben werden, 
um das gegebene ungeordnete Material so einfach wie möglich 
darzustellen. Wir werden deshalb sowohl den Einwurf wie 
seine Stichhaltigkeit der Eantischen Lehre gegenüber nur dann 
richtig einschätzen können, wenn wir Schopenhauers eigene 
Theorie der empirischen Anschauung, wie er sie im Satze 
vom Grunde § 21 auseinandersetzt, mit einigen Worten charak- 
terisieren. 

Bedingt durch den idealistischen Zug der Schopenhauerschen 
Metaphysik, ist diese Lehre eine Theorie der Intellektualität der 
empirischen Anschauung. Die Sinnesempfindung als solche ist 
ein ärmliches Ding, ein lokales, spezifisches subjektives Gefühl, 
welches nichts von Anschauung enthalten kann. Diese Emp- 
findung, wenn sie auch später durch einen besonderen Akt des 
Verstandes als von anisen herrührend angesehen wird, unter- 
scheidet sich in nichts von den inneren Empfindungen unseres 
Leibes. Erst wenn der Verstand in Tätigkeit gerät und sein 
Gesetz der Kausalität in Anwendung bringt, geht eine mächtige 
Verwandlung vor sich: aus den ärmlichen subjektiven Emp- 
findungen wird objektive Anschauung der herrlichen Aufsen- 
weit — So gefafst, ist diese Lehre nur eine Modifikation der 
Kantischen Theorie der Anschauung. Auch bei Kant ist die 
Anschauung intellektuell, jedoch in ganz anderer Weise. Es 
wurde schon oben hervorgehoben, dafs auch für Kant Baum 
und Zeit allein nicht genügen, um Anschauung hervorzubringen. 
Sie sind das, was macht, dafs das Mannigfaltige in gewissen 
Verhältnissen geordnet werden kann. Zur Hervorbringung 
einer Anschauung bedarf es der Spontaneität unseres Ver- 
standes. Der Hauptunterschied besteht jedoch in folgenden 
zwei Momenten. Für Kant sind es die Kategorien, die das 
Maunig&ltige verbinden, und erst durch sie kann selbst der 
Baum als solcher zur Vorstellung werden. Schopenhauer 
dag^en behauptet, Baum und Zeit seien Continua, also ur- 
sprünglich gar nicht getrennt Da sie Formen der Anschauung 



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44 

sind, wird alles, was m ihnen erscheint, schon von Anfang an 
als Continaum auftreten nnd bedarf keiner Verbindong seitens 
des Verstandes. Der weitaus wichtigere Unterschied ist jedoch 
der: bei Kant wird das Mannigfaltige, der stoffliche Gehalt 
der Anschauung, von einem Ding aufser uns gegeben, der 
Verstand kann nur die Form schaffen und schaut selbst nichts 
an. Dagegen mnfs Schopenhauer gemäfs seinem Prinzip: „kein 
Objekt ohne Subjekt'' alles auf innere Empfindung zurtick- 
ftthren. Die Materialität der Erscheinungen beruht also lediglich 
auf der Kategorie der Kausalität (der einzigen, die Schopenhauer 
gelten läfst), da das Wesen der Materie im Wirken besteht, sie 
also durch und durch Kausalität ist. Auch alle empirischen 
Eigenschaften der Dinge laufen auf diese Wirksamkeit zurück 
und sind nur nähere Bestimmungen der Kausalität Auf 
dieser erkenntnistheoretischen Grundlage baut Schopenhauer im 
einzelnen seine Theorie der empirischen Anschauung auf und 
zeigte wie der Verstand ans dem rohen Stoff der Empfindungen 
mit Hilfe der apriorischen Formen: Baum, Zeit und Kausalität, 
die unerschöpflich reiche, vielgestaltete anschauliche Welt zu- 
stande bringt 

Der objektiven Anschauung dienen eigentlich nur zwei 
Sinne: das Getast und das Gesicht; die anderen Sinne bleiben 
subjektiv. Drücke ich mit der Hand gegen den Tisch, so liegt 
in dieser Empfindung noch nicht die Vorstellung des Zusammen- 
hanges der Teile dieser Masse. Erst wenn mein Verstand von 
der Empfindung zur Ursache übergeht, konstruiert er sich einen 
Körper, der die Eigenschaft der Solidität, Undurchdringlichkeit 
und Stärke hat Beim Gesicht ist die Tätigkeit des Verstandes 
indem er die Empfindung in Anschauung umwandelt, eine viel 
mannigfaltigere. Der rohe Stoff dieses Sinnes ist eine Empfindung 
auf der Betina, welche gleich ist dem Anblick einer Palette mit 
vielerlei bunten Farben, Klecksen, die bei der Einwirkung des 
Verstandes sich zu einem reichen Bilde umwandeln. Das erste, 
was der Verstand tut ist, dafs er das Bild umkehrt. Sodann 
macht er das zwiefach Empfundene (durch jedes Auge besonders 
Gesehene) zu einem einfachen Bild. Drittens konstruiert er 
aus den blofsen Flächen dreidimensionale Körper. Viertens 
erkennt er die Entfernung der Objekte vom Auge. Dies alles 
geschieht nicht durch physiologische Ursachen, sondern auf 



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45 

Tem intoUektaellem Wege und ist das Werk des Verstandes, 
deT yermittelst der Kansalität die Empfindang aaf ihre Ur- 
sachen bezieht und anf diese Weise die Anschanung zustande 
bringt 

Es ist unleugbar, daij9 diese Theorie der empirischen An- 
schauung tatsächlich eine notwendige Ergänzung der Kantischen 
Lehre von der Anschauung bedeutet. Ob jedoch der von 
Schopenhauer eingeschlagene Weg der richtige ist, ist eine 
andere Frage. Kant hatte behauptet, Baum, Zeit und Kate- 
gorien sind ftlr die Erscheinungen ordnende Prinzipien. Wie 
der zu ordnende Stoff vor dem Eingreifen der apriorischen 
Formen beschaffen sein müsse, hat Kant nicht erörtert. Das 
darzutun hat Schopenhauer unternommen. Nachdem Kant diese 
Frage offen gelassen hatte, konnte man entweder annehmen, dafs 
dag Material bereits vom Ding an sich in einer gewissen, wenn 
auch nur intelligiblen, Affinität geliefert wird. Die Formen, die 
uns zngebote stehen, haben dann diese Ordnung nur in eine 
empirische umzuwandeln. Oder aber es lag nicht fem — und 
die Kantische Erkenntnistheorie drängte es oft geradezu aut 
— anzunehmen, dalB der Stoff in TÖllig chaotischem Zustande 
uns gegeben werde, und dalj» die Ordnung das ursprüngliche 
Werk Ton Baum, Zeit und Kategorien sei. Diese Formen müssen 
somit schöpferische Prinzipien sein, d. h. sie schaffen überhaupt 
erst Verhältnisse unter den Erscheinungen und geben ihnen 
Leben. Mit anderen Worten die Frage ist: handelt es sich 
bei dem Ordnen der Erscheinungen nur um eine Übertragung 
einer Ordnung in die andere, gleich der Aufgabe eines Bild- 
hauers, der ein Gemälde in eine Marmor-Statue umzuwandeln 
hat, oder hat es dieser Bildhauer nur mit einem Marmorblock 
ohne jede Form zu tun, den er schöpferisch gestalten mnfs? — 
DaÜB diese Frage vom strengsten kritischen Standpunkte aus 
berechtigt ist, unterliegt keinem Zweifel. Denn bei ihrer Be- 
antwortung braucht man nicht an das Ding an sich heran* 
zutreten, um über seine Eigenschaften etwas auszusagen, sondern 
mulB nur die Funktionen der apriorischen Formen genau 
bestimmen, um zu wissen, was nach Abzug der Wirkung dieser 
Formen noch übrig bleibt, d. h. wie dann der ungeordnete Stoff 
beschaffen sein müsse. Wir haben es also hier unstreitig mit 
einer Lücke zu tun und müssen untersuchen, erstens: warum sie 



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46 

Kant offen gelassen hat, zweitens: welche Folgen darans fllr 
das System selbst entstehen. 

So wttnsohenswert aber und notwendig eine dentliche 
Aufserung Kants über die Beschaffenheit des Stoffes vor dem 
Eingreifen der apriorischen Formen gewesen wäre, so klar 
ist es doch andererseits, dafs eine solche Theorie, wie sie 
Schopenhauer aufstellt, yon Kant nicht gelehrt werden konnte. 
Denn was zunächst den Grundgedanken betrifft, so konnte 
Kant bei dem realistischen Charakter seiner Denkweise unmög- 
lich die Materialität der Erscheinungen auf ein lediglich sub- 
jektives Prinzip zurückführen. Zweitens scheint, wie erwähnt, 
eine Erörterung der besonderen Funktionen unseres Intellekts 
beim Gestalten der Mannigfaltigkeit überhaupt nicht im Bereich 
seines wissenschaftlichen Interesses gelegen zu haben. Endlieh 
war die Ausgestaltung, welche die Theorie bei Schopenhauer 
erfahren hatte, eine physiologisch -psychologische und gehörte 
deshalb nicht in eine Kritik der reinen Vernunft. Die Methode 
der Kritik ist eine transscendentale, wo jede psychologische 
Untersuchung vermieden werden sollte, weil eine solche nach 
Kants Auffassung zu keiner objektiven Gültigkeit führen kann. 
Er selbst beanspruchte für diejenigen Teile der transscenden- 
talen Deduktion (I.Auflage), die die „subjektiven" oder «psycho- 
logischen* Momente enthalten, keine Allgemeingültigkeii^) Wäre 
es möglich, eine transscendentale Deduktion der einzelnen Ge- 
staltungen der Materie und ihrer qualitativen Verschiedenheit 
zu geben, d. h. wäre unsere Sinnlichkeit so beschaffen, dals, 
wenn wir uns alle Inhalte wegdächten, dann nicht nur Raum 
und Zeit, sondern alle die unendlich vielen einzelnen Formen 
und Qualitäten übrig blieben, so würden vnr schlielsen, dafs 
ebenso wie Raum und Zeit, so auch diese Formen a priori 
uns gegeben seien, und könnten dann wohl erklären, wie diese 
Mannigfaltigkeit zustande kommt. Wenn dem aber nicht so 
ist, so hat Kant zunächst Recht, wenn er lehrt, dafs die empirisch 
und formal bestimmte Mannigfaltigkeit im Gegensatz zu Raum 
und Zeit von aufsen gegeben werden mufs. Freilich nicht in 
dem Sinne gegeben, dafs wir sie nur rezeptiv zu empfinden 
hätten. Kein Gegebenwerden ohne tätige Wirkung unserer 



1) Man sehe Vorr. 1, III. Man vgl. auch RieLl a. a. 0. 503 f. 



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47 

Spontaneitili Gegeben ist der Stoff, der nur diese bestimmten 
nnd keine anderen Formen annebmen kann; aber wir yerarbeiten 
nur das Mannigfaltige, wir produzieren es nicht. 

Eine transscendentale Deduktion der mannigfaltigen Formen 
der empirischen Anschannng zn geben, ist somit durch die Natur 
dieser Formen ausgeschlossen; die Kritik hat deshalb diese 
Ltteke offen gelassen; denn sie hat es nur „mit der Erkenntnis- 
art von Oegenständen zu tun, sofern diese a priori möglich sein 
soll*'. Es braucht aber kaum bemerkt zu werden, dafs Natur- 
philosophie und Psychologie (fbr die objektive und subjektive 
Seite des Prozesses) die hier offen gelassene Ltteke ausfüllen 
können, ohne dals sie mit der Kantisehen Lehre in Konflikt 
zu geraten brauchen. Man kann die Scheidung von Ding an 
sich und Erscheinung aufrecht erhalten und z. B. mit Hilfe 
einer mechanischen Naturauffassung und etwa eines Ent- 
wieklungsprinzips den objektiven Bestand der mannigfachen 
Qualitäten und der entstandenen Formen zu erklären suchen; 
während Psychologie und Physiologie — wiederum in Über- 
einstimmung mit den Kautischen Voraussetzungen — zu be- 
schreiben hätten, wie die Anschauung dieser Mannigfaltigkeit 
subjektiv zustande kommt ^) 

Wir werden also nicht, wie Schopenhauer es tut, Kant zum 
Vorwurf machen, dafs er keine vollständige Theorie der empi- 
risehen Anschauung gegeben hat, denn „Kant wollte nur eine 
Kritik des reinen, nicht eine Theorie des empirischen Verstandes 
geben^.2) Es ist vielmehr die Frage, ob bei dieser Beschaffen- 
heit der empirischen Formen f&r das System selbst nicht eine 
Schwierigkeit entsteht 

In der Vorrede zur 2. Auflage und öfters, besonders aber 
in der zweiten Deduktion sagt Kant: „Nun sind nur zwei Wege, 
auf welchen eine notwendige Übereinstimmung der Er- 
fahrung mit den Begriffen von ihren Gegenständen gedacht 
werden kann: entweder die Erfahrung macht die Begriffe, 
oder die Begriffe machen die Erfahrung möglich."') (Unter 
B^riff versteht hier Kant sowohl die Formen der Anschauung 



>) Man vergleiche Prolegomena § 21 a, Anfang. 
*) Biehl a.a.O. 446. 
») Kr. 166. 



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48 

wie die Kategorien). Nun sieht sich Kant gezwnngen, den 
zweiten Weg einzuschlagen, den er ein System der Epigenesis 
der reinen Vernunft nennt In der transscendentalen Ästhetik 
hatte er gezeigt, dafs Raum und Zeit Formen a priori unserer 
Sinnlichkeit sind. Sie machen die Anschauung überhaupt erst 
möglich, daher auch die Übereinstimmung der räumlichen Gegen- 
stände mit der angeschauten Form, weil diese gar nicht einmal 
räumlich sind, wenn sie nicht angeschaut werden. Die Mathema- 
tik, die in der Geometrie räumliche Gröfsen, und in der Arith- 
metik zeitliche Aufeinanderfolge behandelt, kann sich daher 
ihre Objekte konstruieren und wird von ihnen objektiy gültige 
Erkenntnis haben. Sie ¥nrd dadurch nicht erst begründet; denn 
„es geht die Geometrie ihren sicheren Schritt ohne dafs sie 
sich von der Philosophie einen Beglaubigungsschein erbitten 
darf.^^) Es ist aber klar (oder soll wenigstens klar sein), wo 
die Mathematik ihre objektive Gültigkeit her hat: sie kann sieh 
nämlich ihre Begriffe sowohl der Quantität, wie der Qualität 
nach (im engeren Sinne — der geometrischen Figuren) kon- 
struieren. Können aber auch die mannigfachen Formen der 
empirischen Anschauung aus reinen Anschauungsformen begriffen 
werden? Wir haben gesehen, dafs Kant diese Frage verneint 
Wie kommt also — um mit Schopenhauer zu reden, der dieses 
Problem gesehen, wenn er es auch nicht in seiner Tragweite 
ausgeführt hat — wie kommt die empirische Anschauung ins 
Bewufstsein; wie entsteht die Erkenntnis dieser ganzen, für ans 
so realen Welt? Die Leistung der transscendentalen Ästhetik 
in bezug auf die besonderen Formen der Erscheinungen besteht 
nur darin, dafs wir von ihnen a priori sagen können: jede Er- 
scheinung wird notwendig räumlich oder zeitlich bestimmt sein. 
Wie wir aber von der Räumlichkeit überhaupt zu dem einfach- 
sten räumlichen Bilde gelangen, darüber gibt sie uns gar keinen 
Aufschlufs. Wären die mannigfachen Formen von uns aus zu 
erklären, so könnten wir sagen, dafs unsere Anschauung sie 
möglich macht, ja wir hätten dann von ihnen eine apodiktische 
Erkenntnis, weil die Begriffe — hier die Anschauungen — die 



1) Rr. 120. Man vgl. auch Prolegomena § 40 Anfang: „Beine Mathe- 
matik und reine Naturwissenschaft hätten zum Behuf ihrer eigenen 
Sicherheit und Gewifsheit keiner derartigen Deduktion bedurft . , .*^ 



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49 

Gegensiände möglich machen würden. Dann mUfsten sie sich 
allerJUngs von den Dingen so wenig wegdenken lassen, wie 
ihre allgemeinsten Formen, Raum and Zeit. Nun ist aber das 
Mannigfaltige der äulseren Anschaanng a posteriori gegeben. 
Die Mannigfaltigkeit ihrer Formen mttfste also anf die yer- 
sebiedenartige Einwirkung der Substrate, der Dinge an sieb, 
zarttckgefübrt werden, wenn anders wir die Erscheinungen nicht 
geradezu erzeugen. Wie kann daher Kant dann noch sagen, 
dafs sieb „der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der 
Beschaffenheit unseres Anschauungsyermögens^' i) richten müsse. 
Ist nicht vielmehr abzuwarten, in welcher Weise das von uns 
Töllig unabhängige Ding an sich uns af&zieren wird? 

Indessen läfst sich auch diese Schwierigkeit bis auf einen 
Rest lösen. Mit der Konstatierung der Unmöglichkeit, die 
mannigfaltigen Formen aus der reinen Form abzuleiten, wird 
die Lehre Kants von der „Revolution der Denkart'' nicht wider- 
legt, sondern nur in ihrer Tragweite eingeschränkt. Und das 
Yeranlafst uns, den wahren Sinn der Grundlage seiner Er- 
kenntnistheorie genauer zu bestimmen. Allgemein wurde und 
wird vielfach noch heute Kants Lehre dabin verstanden, dafs 
nach ihr ein Wissen tiberbaupt nur dann möglich ist, wenn 
sieh die Gegenstände nach den Begriffen richten ; man glaubte, 
daXs nur dieser eine Weg zur Erkenntnis fUhre.^) In Wahrheit 
gibt es aber fbr Kant zwei Wege: sowohl wenn die Begriffe 
die Gegenstände, als wenn die Gegenstände die Begriffe möglich 
machen, ist Erkenntnis vorhanden. Beides ist möglich, und 
beides ist der Fall. Nur ist die erste eine Erkenntnis a priori 
und deshalb objektiv gültig. Die andere ist von der Erfahrung 
abgeleitet und zufällig. Die Notwendigkeit, die die Verstandes- 
begriffe bei sich führen, und die besondere, einzigartige Be- 
schaffenheit der Anschauungsformen Raum und Zeit, zwangen 
Kant zu der Annahme, dafs sie a priori, von aller Erfahrung 
unabhängige Formen seien, und dafs ihre Übereinstimmung mit 
der Erfahrung daher rühre, dafs diese Begriffe die Erfahrung 



«) Vorr. 2, XVH. 

*) Diese Mibdeutang, deren Qrand viel tiefer liegen mag als in 
einer oberSächliolien Interpretation, war einer der bedeutendsten Faktoren 
rar Ausbildung des naehkantischen Idealismus. 

FUlotophitehe Abhandlungen. XLl. 4 



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allererst möglich machen. Aber neben diesen Prinzipien, die 
Erfahrnng Überhaupt ermöglichen, gibt es eine nnendliche Fttlle 
Yon Begriffen und Ansehanangen, nämlich der Einzeldinge, die 
von der Erfahrung abstrahiert sind und deshalb mit ihr über- 
einstimmen, weil die Gegenstände diese Begriffe möglich machen. 
In der Vorrede zur 2. Auflage werden gerade die Wissen- 
schaften, die sich auf empirische Prinzipien gründen, unter 
anderen die chemischen Experimente Stahls als diejenigen 
bezeichnet, die den Heersweg der Wissenschaften getroffen 
haben. Die Tatsache, da£s man bei diesen Fragen auf die 
Belehrung der Natur angewiesen ist, hindert nicht, die An- 
wendung der — wenn auch nur empirischen — Prinzipien 
derart anzustellen, das man an die Natur herangeht «nicht in 
der Qualität eines Schtllers, der sich alles vorsagen läfst, was 
der Lehrer ¥nll, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen 
nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt'') 
Dafs unsere Auffassung richtig ist, geht ganz deutlich aus 
dem bekannten Briefe an Herz hervor: „Auf welchem Grunde 
beruht die Beziehung desjenigen, was man in uns Vorstellung 
nennt, auf den Gegenstand ?)) Enthält die Vorstellung nur die 
Art, wie das Subjekt von dem Gegenstände affiziert wird, so 
ists leicht einzusehen, wie er diesem als eine Wirkung seiner 
Ursache gemäfs sei und wie diese Bestimmung unseres Gemüts 
etwas vorstellen, d. i. einen Gegenstand haben könne. Die 
passiven oder sinnlichen Vorstellungen haben also eine be- 
greifliche Beziehung auf Gegenstände . . . Ebenso wenn das, 
was in uns Vorstellung heilst, in Ansehung des Objekts aktiv 
wäre, d. i. wenn dadurch selbst der Gegenstand hervorgebracht 
würde ... so würde auch die Konformität desselben mit den 
Objekten verstanden werden können. Es ist daher die Mög- 



») Vorr. J, XUf. 

*) Diese Frage ist etwas rnKsverständlieh aoBgedrückt und ist nicht 
identisch mit der Frage nach der „Beziehung auf den Gegenstand* in 
der Analytik, die erläutert wird durch folgenden Satz: „wie kommen wir 
dazu, dafs wir . . . Vorstellungen ein Objekt setzen, oder über ihre sab> 
jektive Realität . . . ihnen noch . . . eine objektive beilegen" (Er. 242). 
Hier handelt es sich hauptsächlich um die Übereinstimmung der 
Erkenntnis mit ihrem Gegenstande, die Beziehungsfrage ist zwar darin 
mit enthalten, sie ist jedoch Nebensache. 



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51 

Uchkeit sowohl des intellectng arehetypi ... als des intellec- 
tas eetypi, der die data seiner logischen Behandlung 
ans der sinnliehen Ansehannng der Saehen schöpft zum 
wenigsten verständlich.'' i) Hier wird also ganz deatlich ge- 
sagt, dals Erkenntnis zustande kommen kann, auch wenn die 
Dinge die Begriffe möglich machen. Man kann daher sagen, dafs 
mit Ausnahme der Verstandesbegriffe (samt den sogenannten 
Prädikabilien, die von ihnen abgeleitet werden können) und der 
Formen unserer Sinnlichkeit, die keine empirische Ableitung ver* 
tragen, alle unsere Begriffe von der Erfahrung geschöpft sind. 

Der Grund der Mitsdeutung, als ob Kant nur den einen Weg, 
auf dem die Begriffe die Gegenstände ermöglichen, als den allein 
zur Erkenntnis führenden anerkannt hätte, liegt auf der Hand. 
Überall da, wo Kant von seiner „Kopemikanischen Revolution 
der Denkart'' spricht, speziell in der Vorrede zur 2. Auflage, 2) 
kommt nur dieser eine Weg zum Ausdruck. Kant handelt immer 
nur von seinen apriorischen Verstandesbegriffen, weil ihm das 
andere kein Problem ist. „Die Möglichkeit synthetischer Sätze 
a posteriori, d. i. solcher, welche aus der Erfahrung geschöpft 
werden — bedarf keiner besonderen Erklärung; denn Er- 
fahrung ist selbst nichts anderes, als eine kontinuierliche Zu- 
Bammensetzung . . . der Wahrnehmungen^.^) Hingegen mufste 
er den skeptischen Bedenken Humes gegenüber immer von 
neuem betonen, dafs die Verstandesbegriffe, speziell die Kate- 
gorie der Kausalität nicht von der Erfahrung abstrahiert werden 
können. Man beachtete deshalb nicht, dafs Kant an vielen 
Stellen die Tragweite der Kategorien nach beiden Seiten hin 
eingesekrtnkt hat So wie sie einerseits nur zu empirischem, 
nicht aber zu transsoendentalem Gebrauch tauglich sind, so 
eraiOgliehen sie andererseits nur Erfahrung ttberhaupt, Gesetz- 
mäbigkeit ttberhaupt und Dinge Überhaupt In allen besonderen 
Fällen ist es der Gegenstand, der den Begriff möglich macht, 
80 dafs dieser sieh nach jenem richtet 

Hierfür läfst sich eine ganze Beihe von Belegen anführen. 
So sagt Kant, dafs empirische Begriffe sich auf empirische 



1) Brief an Hers vom 21. Februar 1772. 
•) Voir.2, XVIff. 
*) Prolegomena. 



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52 

AnsebannDgen gründen; ferner: wir können „unseren Begriff, 
den wir nns yon einem Objekt der Ansebanung maeben, dnreb 
neue Prädikate, die die Ansebannng selbst darbietet, in der 
Erfabrnng synthetiscb erweitern.^ Dieses Urteil ist .aber nnr 
a posteriori und empiriscb gewifs^.^) „Dafs ieb ttber einen 
gegebenen Begriff meine Erkenntnis erweitem könne, lehrt 
mieb die tägliebe Vermehmng meiner Kenntnisse dnreb die sieb 
immer vergrölsernde Erfabrnng/^) „Die Natnrersebeinnngen' 
sind Gegenstände, „die uns unabhängig von unseren Be- 
griffen gegeben werden, zn denen also der Seblttssel niebt in 
uns und unserem reinen Denken, sondern anlser uns liegt* ^) 
Femer spriebt Kant von einer Deduktion, welebe die Art an- 
zeigt, wie Begriffe dnreb Erfabrnng und Beflexion ttber dieselbe 
erworben werden, und bebt rttbmlieb bervor, dafs Locke ein 
solcbes Nacbspttren der ersten Bestrebungen unserer Erkenninis- 
kraft, um von einzelnen Wabmebmungen zu allgemeinen Be- 
griffen zu steigen, in die Wege geleitet bai^) 

Noeb deutUeber als aus allen diesen Stellen, gebt die 
Einteilung der Begriffe naob ibrem Ursprang aus folgenden 
Beflexionen bervor: »Alle Begriffe sind entweder Urbilder, 
welebe Gründe von den Bestimmungen, die den Objekten zu- 
kommen und wodureb das Objekt unter allen möglieben be- 
stimmt wird, oder es sind Nacbbilder, welche Folgen von 
den Bestimmungen der Dinge sind^.&) ,Wir haben zweierlei 
Arten von Begriffen : solche, die durch die Gegenwart der Sache 
in uns entstehen können, oder diejenigen, wodurch der Verstand 
das Verhältnis dieser Begriffe zu den Gesetzen seines eigenen 
Denkens sieh vorstellt Zu den letzteren gehört der Begriff 
des Grundes, der Möglichkeit, des Daseins. Daher die Grand- 
sätze ttber jene objektiv, die ttber diese subjektiv sind.'«) 
.Einige Begriffe sind von der Empfindung abstrahiert; andere 
blols von dem Gesetze des Verstandes, die abstrahierten Be- 
griffe zu vergleichen, zu verbinden oder zu trennen. Der 



Daselbst 

») WW. Ed. Hartenstein IV, 57. 

>) Kr. 508. 

*) Kr. 118 f. 

^) Beflexion Nr. 066. 

•) Ebenda Nr. 536. 



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58 

letzteren Uraprang liegt im Verstände, der ersteren in dem Sinne. 
Alle Begriffe solcher Art heifsen reine Verstandesbegriffe.^ i) 

Wir sehen also, wie wir die «Kopemikanische Drehang^ zu 
verstehen haben. Indessen ist noch fraglich, ob die Syste- 
matisiemng, die wir soeben vorgenommen haben nnd die hin- 
sichtlieh der Begriflfe — nach alledem, was wir angeführt 
haben — über allen Zweifel erhaben ist, auch fttr unser 
spezielles Problem vom Ursprang der besonderen Anschannngs- 
formen von Bedeutung sei. Hinsichtlich der Empfindung können 
wir mit Bestimmtheit sagen, wo sie hingehört: ,die Qualität 
der Empfindung ist jederzeit blofs empirisch und kann a priori 
gar nicht vorgestellt werden (z.B. Farben, Geschmack usw.)." 2) 
Wenn wir aber an die Kritik mit folgender Frage herantreten: 
sind die besonderen Formen der anschaulichen Welt als Folgen 
der Differenziertheit der Dinge an sich oder als selbständige 
Modifikationen des Baumes anzusehen? so bekommen wir keine 
genflgend klare Antwort Die von uns zu Anfang angeftlhrte 
Einschränkung: «die unermefsliche Mannigfaltigkeit der Erschei- 
nungen** kann nicht «aus der reinen Form der sinnlichen An- 
Bchaaung hinlänglich begriffen werden ', gibt uns keinen genauen 
Aufsehlufs darüber, was unter dem Ausdruck «Mannigfaltigkeit' 
gemeint sei: versteht Kant darunter nur die Empfindung, oder 
auch die räumlichen Gestalten? Dafs wir trotz der Wahr- 
scheinlichkeit der letzten Deutung Anlafs haben, daran zu 
zweifeln, wird sich bald zeigen. Der obige Satz enthält aulser- 
dem eine Einschränkung, die im Worte «hinlänglich* zum Aus- 
druck kommt. Sie läfst vermuten, dafs Kant selbst unsere Frage 
nicht scharf genug ins Auge gefafst und nicht genau bestimmt 
habe, was dem Dinge an sich und was der reinen Form als 
modifizierender Tätigkeit zuzuschreiben sei. 

Zu diesen Vermutungen gibt folgende Aulserung Kants 
Anlals: „Es sind nur zwei Fälle möglich'^ — heifst es — 
„unter denen synthetische Vorstellungen und ihre Gegenstände 
zusammentreffen, sich aufeinander notwendigerweise beziehen 
und gleichsam einander begegnen können. Entweder, wenn 
der Gegenstand die Vorstellung oder diese den Gegenstand 



>) Ebenda Nr. 513. 
«) Kr. 217. 



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54 

allein möglich maebt. Ist das Erstere, so ist diese Beziehung 
nur empirisch, und die Vorstellung ist niemals a priori möglich. 
Und dies ist der Fall mit Erscheinungen in Ansehung dessen, 
was an ihnen zur Empfindung gehxirt.^^) Bier tritt die 
Systematisierung der Erfahrungselemente nach ihrem Ursprünge 
klar zu Tage. Es wird ausdrücklich betont, daüs in Ansehung 
der Empfindung der Gegenstand die Vorstellung möglich 
macht Wir wissen aber, wie eng der Begriff der Empfindung 
bei Kant gefafst ist; dazu gehört wohl alles, was Locke 
sekundäre Qualitäten genannt hat. Ob aber unter diesen 
Begriff auch die räumlichen Modifikationen der empirischen 
Anschauung mitzuzählen sind, daftir läfst sich in der ganzen 
Kritik kein Beleg finden. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. 
Die Gestalt wird als etwas Apriorisches der aposteriorischen 
Empfindung entgegengestellt: „Wenn ich von der Vorstellung 
eines Körpers das . . . was davon zur Empfindung gehört, als 
Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw. absondere, so bleibt 
mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas ttbrig, 
nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen 
Anschauung, die a priori auch ohne wirklichen Gegenstand 
... als eine blofse Form der Sinnlichkeit im Gemlite statt- 
findet."^) Ist aber diese genetische Definition der Gestalt 
richtig, so taucht die Schwierigkeit von neuem auf. Denn 
wenn die Gestalten reine Anschauungen sind, so mttTste gezeigt 
werden, wie sie vom Räume, als allgemeinster Form der 
äufseren Sinnlichkeit, abgeleitet werden können. Zeigt sich 
aber, dafs dies unmöglich ist, so ist dies nicht eine Lücke, 
sondern ein Beweis fttr die Aposteriorität der räumlichen 
Mannigfaltigkeit, denn der Beweis für die Apriorität der Formen, 
der Sinnlichkeit wurde und konnte nur flir Baum und Zeit 
geliefert werden, nicht aber für die unerschöpfliche Mannig- 
faltigkeit ihrer figürlichen Entfaltung. Es scheint jedoch, dafs 
Kants schwankende Stellung zur Bestimmung des Ursprungs 
der Gestalt darauf zurückzuführen ist, dafs ihm die geo- 
metrischen Konstruktionen vorgeschwebt haben, diese sind 
wirklich a priori; nicht aber konnte er dies von der Gestalt 



») Kr. 124 f. 
») Kr. 85. 



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55 

der konkreten Dinge behaupten. Wir haben allen Grand, 
nach der Art, wie sich Kant die Dinge an sich gedacht haben 
mnla, anzunehmen, dafs er die Mannigfaltigkeit der räumliehen 
Gestalten der empirischen Anschauung, in derselben Weise 
wie dasjenige, was er zur Empfindung zählt, den bestimmenden 
Gründen an den Dingen an sich zugeschrieben haben mufs 
und nicht etwa der schöpferischen Tätigkeit der apriorischen 
Formen der Sinnlichkeit, i) 

Die weitere Frage, ob Kant mit diesem Zugeständnis dem 
Resultat der transscendentalen Ästhetik Abbruch tut, scheint 
mir, sofern es nur die Gestalt der Erscheinung betrifft, yer- 
neinend beantwortet werden zu können. Wir können zwar 
die besonderen Figuren der Erscheinungen nicht nach unserem 
Gefallen gestalten, wir müssen vielmehr abwarten, in welcher 
Wdse das yon uns yölUg unabhängige Ding an sich uns affi- 
zieren und die determinierte Figur uns darbieten wird; wir 
können aber trotzdem von dieser Erscheinung , vieles a priori 
aussagen*', weil die allgemeine Form, nämlich der Raum, in dem 
allein sie erseheinen kann, eine apriorische subjektive Form ist, 
somit auch fbr die besondere Erscheinung seine Eigenschaften 
bewahrt^ sie gleichsam in seine Form hineinzwingt und ihr 
dieselbe aufdrängt Infolgedessen wird jede Erscheinung trotz 
der Besonderheit ihrer Gestalt dieser allgemeinen Form des 
Baumes entsprechen müssen. Sie wird dreidimensional sein und 
alle Axiome der Geometrie, die vom Baume überhaupt gelten, 
werden sieh auch an ihr bewahrheiten; und wenn sie derart 
gestaltet ist, dafs ihre Figur sich auf eine mathematische Formel 
bringen UUst, so werden alle die Begeln von ihr ausgesagt 
werden können, die von einer entsprechend konstruierten Figur 
der Geometrie gelten. Denn es ist ein und derselbe Raum, mit 
dem wir in der Geometrie operieren, und in den sich die Er- 
seheinungen kleiden müssen; beide Male ist er nur die Form 
der äulseren Sinnlichkeit 

Granz anders steht es mit der Frage nach dem Ursprung 
der Bewegung. Die Beantwortung dieser Frage kann für die 
Erkenntnistheorie Kants nicht gleichgültig sein. Die Bewegung 



1) Man vgl Reflexion Nr. 658. „Die Figur ist QualltSt, darin lassen 
flfeh Boeh Bäume untenehelden." 



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56 

der Erschemangen läfst sich ebenfalls nicht aus der Form des 
Baumes ableiten, sondern mufs auf bestimmende Gründe in den 
Dingen an sieh selbst zurückgeführt werden, und zwar so, dals 
für jede Bewegung ein besonders bestimmter „Znstand* — ich 
mufs mich in Ermangelung eines entsprechenderen, dieses phäno- 
menomorphen Ausdruckes bedienen — im Dinge an sich voraus- 
zusetzen sein wird. Abgesehen davon, dafs dies bei der Zeit- 
losigkeit und ünveränderlichkeit der Dinge an sich nicht gut 
denkbar ist (was aber schliefslich auf die Beschränktheit und 
Einseitigkeit unseres Erkenntnisvermögens zurückgeführt werden 
könnte), so taucht doch die Frage auf, wie kommt es, daTs 
die Verhältnisse, die durch diese determinierte Bewegung anter 
den Erscheinungen geschaffen werden, mit unserer Erkenntnis 
dieser Verhältnisse übereinstimmen? Hiermit jedoch kommen 
wir auf das Problem der empirischen Gesetze, das erst bei der 
Untersuchung der Tragweite der Apriorität der Kategorien er- 
örtert werden kann. 

Wir wollten also folgendes feststellen: 

1. Der Mangel einer Deduktion des Inhaltes der Anschauung 
in Kants kritischem Werke ist nicht, wie Schopenhauer meint, 
eine Folge der vermeintlichen Verwirrung von Anscha^png nnd 
Denken. Vielmehr hat die Beschaffenheit dieses Inhaltes es 
nicht gestattet, eine derartige Deduktion in eine Kritik der 
reinen Vernunft aufzunehmen. Dafs es aber trotzdem wünschens- 
wert wäre, dafs Kant sich deutlicher über den Charakter des 
ungeordneten Materials ausgesprochen hätte, unterliegt keinem 
Zweifel. 

2. Die Tatsache der Aposteriorität des Mannigfaltigen, der 
empirischen Anschauung, dem die Gestalt einzuordnen ist, 
schränkt die Tragweite der „Kopernikanischen Drehung* zwar 
auf ihr richtiges Mafs ein, widerlegt sie aber nicht 

8. Das Besultat der transscendentalen Ästhetik wird durch 
die festgestellte Beschaffenheit des Mannigfaltigen, sofern Emp- 
findung und Gestalt in Betracht kommen, nicht beeinträchtigt 
Hingegen bietet der Begriff der Bewegung Schwierigkeiten, die 
aber die Ästhetik nicht antasten, denn sie gehören zum Problem 
der Möglichkeit empirischer Gesetze. 

Es sei noch hervorgehoben, dafs ähnlich wie Schopenhauer 
auch Lotze eine Ableitung der Mannigfaltigkeit vermlCst Er 



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57 

sieht aber daraas die entgegengesetzte Konseqaenz. Er meint: 
J)k Unznläogliehkeit dieser Ansicht lag darin, dafs sie dem 
Geiste zwar die Anschannng des Baumes als angeborenen 
Besitz zuschrieb, aber nicht versuchte, die Benutzung dieses 
Besitzes zu erklären. Wir haben nicht nur eine Anschauung 
des leeren Baumes, sondern eine räumliche Anschauung der 
inhalt?ollen Welt, und es war nachzuweisen, wie in jener leeren 
Form, die wir dem Wirklichen der Erfahrung entgegenbringen, 
dieses Wirkliche seine bestimmten Plätze ein- und seine be- 
stimmten Gestalten annimmt Die Lösung dieser Aufgabe war 
unmöglich ohne die Voraussetzung, dafs zwischen den Dingen 
selbst mannigfache Beziehungen bestehen, deren eigentümliche 
Unterschiede nnd Bedeutungen durch entsprechende .Formen 
räomlicher Beziehungen sich abbilden oder in die Sprache des 
Ranmes übersetzen lassen/*^) Noch deutlicher heifst es an anderer 
Stelle: „Es ist ganz unzulässig, so wie namentlich die populären 
Darstellungen aus seiner [Kants] Schule förmlich in diesen Ge- 
danken schwelgten, die Dinge an sich als völlig fremdartig den 
Formen zu fassen, in denen sie uns doch erscheinen sollen ; fttr 
die bestimmten Orte, Gestalten und Bewegungen, welche wir die 
Erscheinungen im Räume einnehmen, behaupten oder ausführen 
sehen, ohne sie nach unserem Gefallen ändern zu können, muls 
es Bestimmongsgründe in dem Reiche der Dinge an sich geben." >) 
Ebenso erblicken Laas und Bergmann in diesem Umstände 
eine Schwierigkeit für die Erkenntnistheorie Kants. Bergmann 
meint: „Man kann nur annehmen, dafs die bestimmte räumliche 
nnd zeitliche Verbindung, in welcher der Verstand die Im- 
pressionen vorfindet ihm keine Wahl lasse, in welcher Ordnung 
er sie zusammenfassen wolle, damit sie der Forderung durch- 
gängiger Regelung entsprechen."') Ähnlich schon vorher 
Laas: „Wie grofs in Wirklichkeit Raum- und Zeitlängen, wie 
intensiv Qualitäten angesetzt werden müssen, das ist doch 
wohl auch eine Frage, welche Objektivität und gesetzlich 
geordnete Erfahrung angeht, eben so angeht, wie die, welches 



Lotze, Mikrokosmos, 2. Anf 1. 496. 
*) Derselbe, Metaphysik, 2. Aufl. 201 



■) Bergmann, Sein und Erkennen Ol. Man Tgl. auch Geschichte 
der Philos. II, 63. 



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58 

die objektive Abfolge der Ersoheinangen sei. Dieselbe mrd 
in der Theorie der Bedingnngen der Erfahrung nirgends erörtert 
Mag sein, dafs diese Bedingungen, kantiseh geredet, a posteriori 
sind und das Materiale betreffen: aber so ist ja wohl aach 
sofort deatlioh, dafs ohne MitberUeksichtignng dieser Seite der 
Erfahrung diese nicht aufzubauen war. Hätte Kant auf sie 
eingehender Acht gehabt, so wäre es ihm yielleicht doch 
rationeller erschienen, aus den Materialien die Formen zu 
deduzieren." 1) Aber die angeftihrten Denker verquicken das 
Problem der Mannigfaltigkeit mit der Frage der Synthesis 
dieser Mannigfaltigkeit, Fragen, die wie wir gesehen haben, 
getrennt behandelt werden mttssen. 



Lau, Idealismus und PoBitivismus HI, 483. 



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Wie ist eine notwendige Übereinstimmung 

unserer Verknüpfung der Gegenstände der 

Erfahrung mit ihrer tatsächlichen Affinität 

zu erklären? 



Diese Frage ist die positive Seite des Problems der trans- 
scendentaleD Dedaktioa der reinen Yerstandesbegriffe. Ihre 
Beantwortung ist nicht so einfach, wie diejenige der Ästhetik 
hinaichtlich der Übereinstimmung der Form der Anschanang 
mit der Erscheinung. Dort genttgte die Entdeckung, dafs der 
Baum eine subjektive Anschauung ist. Der Raum ist aber so 
allgemein und dabei so einfach, dafs alle äufseren Erscheinungen 
trotz ihrer Mannigfaltigkeit in ihm aufgenommen werden können. 
Anders steht es mit dem Verhältnis der Erscheinungen unter- 
emander. Die Arten der Verknttpfung des Mannigfaltigen sind 
sehr Ycrsehieden. Die Erscheinungen können zueinander im 
Verhältnis yon Substanz und Akzidenz, vcfH Ursache und Wir- 
kung, Yon Gemeinschaft oder Wechselwirkung stehen. Es 
mufste daher ein apriorisches Prinzip gefunden werden, das 
nicht nur alle möglichen Verknttpfungsarten umfafst, sondern 
es mnisten noch ttberdies alle mannigfachen Arten der Synthesis 
aus ihm abgeleitet werden können, was beim Baume hinsicht- 
lieh der räumlichen Mannigfaltigkeit unmöglich war. 

Dieses Prinzip entdeckt Kant in unserem ursprünglichen 
Selbstbewurstsein und nennt es „die transscendentale Einheit 
der Apperzeption^. Wie die Bäumlichkeit und Zeitlichkeit der 
Erscheinungen erst durch die Anschauungsweise unserer Sinn- 
lichkeit zustande kommt, weil die Dinge, die uns erscheinen, 
an sich weder räumlich noch zeitlich sind, so wird die 



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60 

Verknüpfnng der Erscheinungen, ja sogar der einzelnen Ein- 
drücke nicht bereits durch die Sinne vollzogen, sondern ist 
das Produkt des spontanen Verstandes. Denn jede Synthesis 
setzt Spontaneität voraus; die Sinnlichkeit ist aber nur rezeptiv. 
Es ist demnach klar, woher die Übereinstimmung des ver- 
bundenen Materials mit der von uns vollzogenen Verknüpfung 
herrührt. Bekämen wir die Dinge bereits in fertigen, geord- 
neten Verhältnissen und müfsten wir diese Ordnung von der 
Natur ablesen, so wäre die Möglichkeit synthetischer Urteile 
a priori gar nicht einzusehen. Denn die Erfahrung lehrt uns 
nur, dafs etwas geschieht, oder dafs etwas zu einem anderen 
in einem gevnssen Verhältnis steht; sie zeigt aber nicht die 
Notwendigkeit jenes Geschehens oder dieses Verhältnisses. 
Wird aber die Zusammensetznng erst von uns aus geschaffen, 
ist die Ordnung der Erscheinungen das Produkt des spontanen 
Verstandes, so kann man sagen, dafs wir der Natur Gesetze 
vorschreiben und sie infolgedessen auch a priori erkennen 
können. Denn unser Verstand steht dann zur allgemeinen 
Gesetzmäfsigkeit der Natur in einem ähnlichen Verhältnis, wie 
ein intellectus archetypus zur geschaffenen Welt 

Kants Theorie ging davon ans, dafs der Sinn nichts ver- 
bindet, und dafs keine AUgemeingttltigkeit möglich ist, wenn 
die Verbindung durch Erfahrung gegeben wird. Es mufs also 
dargetan werden, dafs die transscendentale Apperzeption diese 
ursprüngliche Synthesis bewirken kann. Kants Beweis ist 
folgender: das ,Ich denke^ mufs alle meine Vorstellungen be- 
gleiten können. Denn sonst wären meine Vorstellungen nicht 
mein. „Dieser ... Salz ist ... analytisch ... denn er sagt 
nichts weiter, als dafs alle meine Vorstellungen in irgend einer 
gegebenen Anschauung unter der Bedingung stehen müssen, 
unter der ich sie allein als meine Vorstellungen zu dem iden- 
tischen Selbst rechnen und also ... durch den allgemeinen 
Ausdruck ,Ich denke' zusammenfassen kann.'' Mit diesem 
Urteil ,Ich denke' bin ich mir aber nicht nur bewnfst, dafs 
ich alle Vorstellungen, so mannigfach sie auch sein mögen, 
zu einem Ganzen zusammengefafst habe, sondern ich bin mir 
aufserdem noch meines identischen loh bewn&t Daraus läGst 



>) Er. 188. 



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61 

sieh zweierlei folgeni. ErsfeDS beweist die Tatsache der Ver- 
binduog manoigfaeher VorstellaDgen zu einem Ganzen, dafs 
die transseendentale Apperzeption ein Vermögen der Synthesis 
ist Zweitens, da diese Vorstellungen nirgendwo anders als 
in nnserem Bewofstsein diese Einheit bilden, ist überdies be- 
wiesen, dals die transseendentale Apperzeption eine ursprüng- 
liche Synthese schaffen kann, die sie als apriorische nicht 
Ton aulsen her empfängt, i) 

Dies genügt aber noch nicht znr Konstmktion einer apriori- 
schen Erkenntnis. Wir ersehen zwar daraas, dars die trans- 
seendentale Apperzeption der „höchste Punkt ist, an dem man 
allen Verstandesgebrauch .... und .... die Transscendental- 
Philosophie heften mufs*^;^) allein wir haben dadurch erst die 
Möglichkeit der „metaphysischen Verbindung im Erkenntnis- 
Tcrmögen a priori'^') erklärt, nicht aber auch „der physischen 
der Erscheinungen untereinander**,') die sich zunächst auf eine 
allgemeine Synthesis nicht zurückführen läfsi Wir müssen also 
untersuchen: 

1. In welchem Verhältnis steht die allgemeine meta- 
physische Synthesis zur physischen? 

2. Wie sind die besonderen Arten der Verknüpfuog der 
Erscheinungen: nach den Verhältnissen von Substanz, Kausalität, 
Gemeinschaft usw. aus dem obersten Prinzip der Syuthesis ab- 
zuleiten ? 

Hinsichtlich des ersten haben wir Kants Antwort bereits 
augedentet Für das Verhältnis der metaphysischen Synthesis 
zur empirischen Verwandtschaft der Erscheinungen kommen 
drei Möglichkeiten in Betracht: Entweder sind sie einander 
ähnlieh oder sie stehen zueinander im Verhältnis von Grund 
und Folge. Wenn letztes der Fall ist, so kann wiederum 
entweder die Affinität der Erscheinungen der Grund ihrer 
metaphysischen Verknüpfung sein, oder aber umgekehrt die 
metaphysische Synthesis ist der Grund und die empirische 
Verwandtsehafl deren Folge. 

<) Man vgl. L. Blätter 20: „das Gemfit ist sich selbst das Urbild 
▼OB einer Synthesis dnreh das ursprüngliche, nicht abgeleitete Denken**, 
uAd S. 19: „das Ich ist das Original aller Objekte**. 

«) Kr. 134. 

<) Man vgl. Er. 201 Anm. 



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62 

Die Ähnlichkeit oder Gleichheit der Verbindung mit der 
Qualität des Verbundenen, ohne dafs sie irgendwie voneinander 
abhängig sein sollten, kann keine synthetischen Urteile a priori 
ermöglichen, wenn man nicht eine prästabilierte Harmonie oder 
ein Präformationssystem der reinen Vernunft annimmt; diese 
aber sind nach Kant aus bekannten Gründen abzuweisen. 
Ebensowenig kann man mit der zweiten Möglichkeit aus- 
kommen. Wäre die metaphysische Verbindung nur eine Folge 
der den Erscheinungen immanenten Affinität, so wäre alle 
Erkenntnis dieser metaphysischen Verbindung der Erscheinungen 
untereinander von der Erfahrung abgeleitet, die Gesetzmäfsig- 
keit der Natur wäre dann nur eine zufällige, könnte also 
a priori gar nicht dargetan werden. Es ist demnach klar, 
dafs fttr Kant nur die dritte Möglichkeit in Betracht kommen 
kann. ^) Nur wenn die metaphysische Verknüpfung der Grund 
der physischen ist, nur wenn das allgemeine Verhältnis der 
Erscheinungen untereinander kein anderes sein kann als die 
Ordnung, in der sie unser oberes Erkenntnisvermögen zu- 
einander stellt, ist die Möglichkeit apriorischer Erkenntnisse 
zu erklären. 

Diese Ansicht hat — so lange sie nur von der allgemeinsten 
Form der Synthesis handelt — nichts Befremdliches an sich. 
Dafs die Erscheinungen dem allgemeinen Gesetze des Ver- 
standes gemäfs sein, dafs sie einer begrifflichen Auffassung 
fähig sein müssen, leuchtet ein, wenn man bedenkt, dafs sie 
fttr uns anderenfalls nichts wären. „Daher wird alles, was 
uns ... durch Sinne nur bekannt werden kann, unter der 
allgemeinen Bedingung eines Begriffes stehen, d.i. der Regel 
gemäfs sein, wodurch es möglich ist, von Dingen Begriffe zu 
bekommen und alles mit den Begriffen der Dinge zu ver- 
knüpfen.'* 2) Die Schwierigkeit beginnt erst, wenn man aus 
der Einheit der Apperzeption die verschiedenen Kategorien 
ableiten will. Die Natur ist nicht ein Aggregat von Er- 
scheinungen, die in einem generellen Verhältnis der Synthesis 

>) Man vgl. L.B1. 190 ZeUe 7 oder S.72 dieser Schrift. 

>) Reflexton Nr. 947. Man vgl. auch Reflexion Nr. 955, wo es heilst: 
.Weil wir ohne Begriff niclits denlcen Icönnen, so mufs ein jeder Qegen- 
stand, den wir denicen sollen, ein Verhältnis der £mpfindang zum Begriff 
überhaupt haben.** 



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63 

zneinandeT gteben; die wirkliche Affinität der uns gegebenen 
Gegenstände läfst sich durch das blofse Zusammensein in 
einem Bewnfstsein keineswegs erklären. Es mnfs also nicht 
bloCs gezeigt werden, dafs die Erscheinungen schon so ins 
Bewurstsein kommen müssen, dafs sie in ihm yereinigt werden 
können, sondern auch wie sie durch diese Vereinigung in einem 
transscendentalen Bewuistsein ihre notwendige Affinität unter- 
einander erhalten, die sich in den mannigfachen Verhältnissen 
(Kategorien) äufsert Wir können also unsere zweite Frage 
auch so ausdrucken: Wie können Kategorien als Gesetzmäfsig- 
keit schaffende Prinzipien aus der transscendentalen Einheit 
der Apperzeption abgeleitet werden? 

So paradox und gewagt auch dies klingen mag, so mufs 
doch behauptet werden, dafs die transscendentale Deduktion 
der Kategorien streng genommen nur als eine Deduktion der 
transscendentalen Einheit der Apperzeption als obersten Prinzips 
alles Verstandesgebrauchs angesehen werden darf. Hingegen 
wird man in ihr umsonst eine Ittckenlose Ableitung der Ver- 
standesbegriffe, wie dies der Titel yerheifst, suchen, denn diese 
wird von Kant — hier wenigstens — nicht geleistet Bewiesen 
wird das Merkmal der Apriorität von allen denjenigen trans- 
seendentalen Funktionen, die die allgemeinsten Synthesen be- 
wirken. Die Apriorität der Verknüpfung der Erscheinungen 
durch die Kategorien wird jedoch nur behauptet, aber nicht 
bewiesen. Der Übergang von den allgemeinsten zu den kate- 
gorialen Formen der Verknüpfung kommt unvermittelt, und ihre 
apriorische Bedeutung wird nur als Faktum hingestellt, i) 

Wir ersehen dies am besten, wenn wir an Hand des von 
Kant angegebenen kurzen Begriffs der Deduktion seinen Be- 
weisgang verfolgen: „Sie [die Deduktion] ist die Darstellung 



^ Mau vgl. besonders RIehl a. a. 0. 516 f. Es sei noch bemerkt, 
dab es der folgenden Aosftlhniiig vollkommen fern liegt, eine Kritik der 
Kategorienlehre sein zu wollen. Da jedoch im Folgenden gezeigt werden 
wird, dab Kant die transscendentale Affinit&t der Erscheinungen als 
den zureichenden Grund ihrer empirischen Verwandtschaft annimmt, so 
ersebeint es notwendig, darauf hinzuweisen, dals Kant für diese seine 
Behauptung keinen befriedigenden Beweis geliefert hat, damit nicht aus 
dem Mangel des Beweises auf das Nichtvorhandoiisein der zu beweisenden 
Behaoptong geschlossen werde. 



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64 

der reinen Verstandesbegriffe ... als Prinzipien der Möglichkeit 
der Erfabmng, dieser aber als Bestimmnng der Erseheinnngen 
in Ranm nnd Zeit überhaupt, — endlich dieser ans dem Prinzip 
der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption 
als der Form des Verstandes in Beziehung auf Baum nnd 
Zeit als ursprüngliche Formen der Sinnlichkeit^ 

Die Sinne verbinden nichts, sie liefern isolierte Eindrücke. 
Wenn wir das Vermögen, das die Synopsis der Eindrücke zu 
„ganzen"^) Vorstellungen ermöglicht, Apprebension nennen, 
60 ist zunächst nicht klar, ob diese Apprebension bei voller 
Wahrung ihrer Spontaneität als Verbindungsfnnktion eine 
empirisch bedingte oder eine rein transscendentale ist Eine 
empirisch bedingte Apprebension könnte nur dann eine Ver- 
bindung hervorbringen, wenn die Anleitung dazu von der 
Erscheinung, genauer von dem affizierenden Dinge, also a 
posteriori ausginge. Solch eine Apprebension könnte uns zu 
unserem Zwecke nichts nützen, weil sie keine Erkenntnisse 
a priori ermöglicht Die Synthesis der Apprebension mufs 
deshalb eine transscendentale, d. i. eine solche Funktion 
sein, die notwendige und allgemeingültige Erkenntnisse er- 
möglicht Diese ihre Transscendentalität kann aber leicht 
bewiesen werden. Baum und Zeit sind Anschauungsformen 
unserer Sinnlichkeit, sie sind nicht von der Erfahrung her- 
genommen, sondern a priori gegeben. Da sie aber ein Er- 
zeugnis der Bezeptivität sind, so können sie zunächst nur die 
Möglichkeit des Neben- und Nacheinanders darstellen. Baum 
und Zeit sind aber mehr als dies, sie sind nicht nur An- 
schauungsformen, sondern selbst Anschauungen, ganze Vor- 
stellungen. Solche können sie aber nur werden durch das 
Hinzutreten einer spontanen Funktion zu dem gegebenen 
apriorischen Mannigfaltigen, die diese Synthesis a priori 
bewirkt, weil auch das a priori gegebene Mannigfaltige der 
Anschauungsformen keine Verbindung enthält — also haben 
wir eine transscendentale Synthesis der Apprebension, die 
auf aposteriorische Gründe nicht angewiesen ist 

Ähnlich verhält es sich mit der Einbildungskraft, obwohl ihr 
Geschäft ein viel komplizierteres ist Hat es die Apprebension 



Kr. A 102 ZeUe 9. 



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65 

mit einfachen Elementen zn tnn, die sie — soweit es anf sie 
als rein synthetisehes Vermögen ankommt — zu einem oder 
vielen Ganzen zn verbinden hat, so mnis eine Einbildungs- 
kraft, wenn sie transscendental sein soll, sehr versehiedenartig 
mit den Erseheinnngen yerfahren. Die empirische, immer nur 
reprodnktive Einbildungskraft assoziiert nicht nach Belieben 
die Vorstellnngen miteinander, sondern nach bestimmten empi* 
risehen Regeln. Dementsprechend wird die transscendentale 
oder, wie sie von Kant anch genannt wird, produktive Ein- 
bildungskraft als der apriorische Grund dieser empirischen 
Regeln, d.h. der notwendigen, wenn auch besonderen Ver- 
wandtschaft der Erscheinungen angesehen werden mttssen. 
Könnte nun eine derartige TransscendentaUtät von der Ein- 
bildungskraft nachgewiesen werden, so wäre dadurch mit 
einem Schlage die positive Seite des Problems der trans- 
seendentalen Analytik gelöst Es wäre damit sowohl die 
notwendige Gtosetzmäfsigkeit und Verwandtschaft der Er« 
scheinungen erklärt, wie die apriorische Beziehung der Kate- 
gorien auf diese Erscheinungen bewiesen. 

Indessen gelingt es Kant nicht, diese Fähigkeit der 
produktiven Einbildungskraft zu deduzieren, obwohl er es von 
ihr behauptet, indem er sagt, dafs die empirische Affinität 
blob die Folge der transscendentalen ist^) Der Beweis fttr 
die TransscendentaUtät der produktiven Einbildungskraft wird 
ähnlieh wie derjenige fttr die Apprehension geftthrt Von 
dieser wurde gezeigt, dafs selbst Raum und Zeit als Vor- 
stellnngen unmöglich sein wttrden, wenn nicht die Apprehension 
als transscendentale Funktion die Verknüpfung ursprünglich 
zustande gebracht hätte. Kann aber ebenso gezeigt werden, 
dab zur Ausfllhrung dieser ursprünglichen Synthesis nicht 
minder Einbildungskraft notwendig ist, so scheint damit zugleich 
ihre TransscendentaUtät bewiesen zn sein. Dafs dies tat- 
sächlich der Fall ist, kann leicht gezeigt werden: Wttrde ich 
beim Ziehen einer Linie in den Gedanken die ersten Teile 
derselben „aus den Gedanken verlieren und sie nicht re- 
produzieren, indem ich zu den folgenden fortgehe, so würde 
niemals eine ganze Vorstellung, ... ja gar nicht einmal die 



<) Man vgl Kr. A 114 und 123. 

PhlloMphliohe Abhandlvngen. XLI. 



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66 

reinsten und ersten Grandvorstellongen von Ranm und Zeit 
entspringen können. Die Sjnthesis der Apprehension ist also 
mit der Syntbesis der Reproduktion unzertrennlieh verbunden. 
Und da jene den transsoendentalen Grund der Möglichkeit aller 
Erkenntnisse überhaupt . . . ausmaeht, so gehört die reproduktive 
Synthesis der Einbildungskraft zu den transscendentalen 
Handlungen des Gemttts . . .^ 

Prüft man aber diese Argumentation, so ist deutlieh zu 
ersehen, daüs mit dieser Erörterung nur bewiesen ist, daTs zur 
Wahrnehmung Gedächtnis notwendig ist; ans dieser Tatsache, 
die nieht erst durch eine Deduktion bewiesen zu werden 
brauchte, folgt aber nichts fttr die Erklärung der Möglichkeit 
apriorischer Erkenntnisse. Sehen wir jedoch von einem Beweise 
ab und untersuchen nur, was Kant hierüber lehrt, so zeigt 
sich, dals er der transscendentalen Einbildungskraft eine viel 
ursprünglichere Tätigkeit zuschreibt, als dies aus dem Beweise 
ftlr ihre Transscendentalität zulässig ist Damit kehren wir 
zur Frage der Kategorien zurück. 

Wie sich Kant den Übergang von der transscendentalen 
Apperzeption zur Affinität der Erscheinungen denkt, zeigt eine 
lehrreiche Stelle aus den Losen Blättern: „Alles Verhältnis 
der Vorstellungen durch Begriffe hat eine dreifache Dimension: 
1. das Verhältnis einer Vorstellung zum Bewufstsein, 2. einer 
anderen Vorstellung zum Bewufstsein, 3. beider Vorstellungen 
zusammen in einem Bewufstsein. Dadurch wird allererst die 
Verknüpfung der Vorstellungen untereinander möglieh (eon- 
nexa uni tertio sunt connexa inter se).''^) Dieser letate 
Satz drückt mit axiomatischer Kürze die Lehre der Deduktion 
aus. Die transscendentale Apperzeption ist nicht nur das 
Vermögen, mannigfache Vorstellungen in einem Bewnffitsein 
zu vereinigen — das kann auch die empirische — ; sie ist 
nicht nur das Gefäfs, das alle Vorstellungen in sich aufnehmen 
kann, um sie zu einem zusammenhanglosen Aggregat zu ver- 
binden. Sie ist vielmehr das Prinzip der Affinität und Asso- 
ziabilität der Erscheinungen, die durch die AufDahme in dieses 
ursprüngliche Selbstbewufstsein dergestalt geordnet werden, 



') Kr. A 102. 

') Lose Blätter 98. 



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67 

diifg sie in mannigfachen notwendigen Verhältnigsen zn stehen 
kommen, in Verhältnissen von Substanz und Akzidenz, von 
Ursaehe nnd Wirkung usf. 

Die Auseinandersetzung dieses Gedankens wird in der 
Deduktion durch folgende Betrachtung eingeleitet: „Wttrde 
der Zinnober bald rot, bald schwarz, bald leicht, bald schw^ 
sein, ein Mensch bald in diese, bald in jene tierische Gestalt 
verändert werden, ana längsten Tage bald das Land mit 
Früchten, bald mit Schnee und Eis bedeckt sein, so könnte 
meine empirische Einbildungskraft nicht einmal Gelegenheit 
bekommen, bei der Vorstellung der roten Farbe den schweren 
Zmnober in die Gedanken zn bekommen; oder^ würde ein 
gewisses Wort bald diesem, bald jenem Dinge beigelegt . . ., 
ohne dalB hierin eine gewisse Regel, der die Erscheinungen 
schon von selbst unterworfen sind, herrsohte, so konnte keine 
empirische Synthesis stattfinden. <) Es mufs also etwas sein, 
was selbst diese Reproduktion der Erscheinungen mOglich 
macht, dadurch dafs es der Grund a priori einer notwendigen 
synthetischen Einheit derselben ist Hierauf aber kommt 
man bald, wenn man sich besinnt, dafs Erscheinungen 
nicht Dinge an sich selbst, sondern das blofse Spiel 
nnserer Vorstellungen sind, die am Ende auf Bestimmungen 
des innerea Sinnes auslaufen.^ ') 

So bald indessen, wie Kant dies annimmt, kommt man 
nicht darauf, was dieser Grund a priori einer notwendigen 
synthetisclien Einheit sein möchte, um so weniger, als die 
Funktion der transscendentalen Einbildungskraft noch nicht 
anseinandergesetzt worden ist Dennoch lälst die Betonung 
der Snbjektiyiat der Erscheinungen durch die Wendung, dals 
rie das blofse Spiel der Vorstellungen sind, keinen Zweifel 
darüber, dafis von einer von unserem Verstände unabhängigen 
Äffinittt in den Erscheinungen nicht die Rede sein kann. 
»Dingen an sich' selbst würde ihre GesetzmäTsigkeit notwendig, 



>) Man beachte die HeterogenitiKt dieser Beispiele. 

>) Kant beginnt hier eine neoe Zeile, daher kommt es, dafs in den 
Haodbfiehem nnd anch sonst diese Stelle nur bis zn dem Worte „statt- 
finden" zitiert wird. Wird aber der folgende Satz nicht mit angeführt, so 
besagt diese Stelle genau das Gegenteil von dem, was Kant wirklich meint. 

») Kr. A JOD f. 

5* 



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68 

aneh aober einem Yerstande, der sie erkennt, zukommen. 
Allein Erseheinongen sind nur Yorstellangen von Dingen, die 
naeh dem, was sie an sieh sein mögen, unerkannt da sind. Als 
blolse Vorstellungen aber stehen sie unter gar keinem Gesetze 
der Verknüpfung, als demjenigen, welebes das verknüpfende 
Vermögen vorsehreibt.^ i) 

Wir sehen somit, wie sieh Kant die notwendige Ver- 
wandtschaft der Erscheinungen erklärt Auf die Frage, warum 
der Zinnober nicht bald rot, bald schwarz erscheint, würden 
wir antworten, dafs das Ding, das die Wahrnehmung Zinnober 
in uns hervorruft, unsere Sinne auf eine bestimmte Weise 
af&ziere und dafs diese Affektion eine konstante sei. Kant 
kann sieh mit einer derartigen Antwort nicht zufriedengeben. 
Erstens darf er über die Beschaffenheit der Dinge an sieh 
nichts aussagen, was doch hier offenbar geschehen würde. 
Viel wichtiger ist aber zweitens der Umstand, dab die Eonstanz, 
von der hier die Rede ist, nur durch Erfahrung und nicht 
a priori festgestellt werden kann. Die Wissenschaft muls 
jedoch auf einen apriorischen Beweis der Gesetzmäßigkeit der 
Erscheinungen und des Geschehens bestehen, wenn sie nicht 
der Gefahr ausgesetzt sein will, dafs die Erfahrung von morgen 
ihren heutigen Sätzen und Gesetzen zuwiderhandeln werde. 

Die Afßnität der Erscheinungen muls daher auf einem 
apriorischen Prinzip beruhen. Der Zinnober behält seine 
Eigenschaften, weil er immer in dasselbe Bewufstsein auf- 
genommen wird, das ihm diese Regel und Ordnung g^btl 
Das Seltsame dieser Behauptung sucht Kant dadurch abzu- 
schwächen, dafs er erinnert, der Zinnober sei eigentlich kein 
Ding, sondern nur die Erscheinung eines Dinges. Dinge 
können wir nicht gestalten; dagegen müssen Vorstellungen 
diejenige Form annehmen, die ihnen der spontane Verstand 
gibt, weil sie als solche nirgendwo anders als im Bewufstsein 
existieren. Man mufs jedoch gestehen, dafs das Befremdende 
dieser Lehre durch eine solche Überlegung nicht ganz be- 
seitigt wird. 

Dies ist der Grund, warum realistisch denkende Geister 
sieh niemals mit diesem Paukte der Kantischen Lehre aus- 



») Kr. 164. 



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69 

söhnen konnten, oder aber glanbten, diese Lehre im realistisehen 
Sinne anffassen zu müssen. Dieser AnfTassung gegenüber 
erscheint es notwendig, die Bedeutung der transscendentalen 
Affinität ansfbhrlieher zn erörtern. Die hierhergehörigen Ans- 
fdhningen sind so klar und unzweideutig, dafs wir sie nur 
anzufllhren brauehen, um ihren Sinn richtig zu verstehen, aber 
für unseren Zweck auch wörtlich anführen müssen. 

„Das Erste, was uns gegeben wird, ist Erscheinung . . • 
Weil aber jede Erscheinung ein Mannigfaltiges enthält, mithin 
verschiedene Wahrnehmungen im Gemüte an sich zerstreut und 
einzeln angetroffen werden, so ist eine Verbindung derselben 
nötig, welche sie in dem Sinne selbst nicht haben können. 
Es ist also in uns ein tätiges Vermögen der Synthesis dieses 
Mannigfaltigen, welches wir Einbildungskraft nennen . . . Die 
Einbildungskraft soll nämlich das Mannigfaltige der Anschauung 
in ein Bild bringen; yorher mufs sie also die Eindrücke in 
ihre Tätigkeit aufnehmen ... Es ist aber klar, dafs selbst diese 
Apprehension des ilannigfaltigen allein noch kein Bild und 
keinen Zusammenhang der Eindrücke hervorbringen würde, 
wenn nicht ein subjektiver Grund da wäre, eine Wahrnehmung, 
von welcher das Gemüt zu einer andern übergegangen, zu den 
nachfolgenden herüberzurufen und so ganze Reihen derselben 
darzustellen, d. i. ein reproduktives Vermögen der Einbildungs- 
kraft) welches denn auch nur empirisch ist Weil aber, wenn 
Vorstellungen, so wie sie zusammengeraten, einander ohne Unter* 
schied reproduzierten, wiederum kein bestimmter Zusammenhang 
derselben, sondern blofs regellose Haufen derselben, mithin gar 
keine Erkenntnis entspringen würde; so mufs die Reproduktion 
derselben eine Begel haben, nach welcher eine Vorstellung viel- 
mehr mit dieser als mit einer anderen in der Einbildungskraft 
in Verbindung tritt Diesen subjektiven und empirischen 
Grand der Beproduktion nach Begeln nennt man die Asso- 
ziation der Vorstellungen. — Würde nun aber diese Einheit der 
Assoziation nicht auch einen objektiven Grund haben, so dafs 
es unmöglich 1) wäre, dafs Erscheinungen von der Einbildungs- 
kraft anders apprehendiert würden, als unter der Bedingung 
einer möglichen synthetischen Einheit dieser Apprehension, 



<) Verständlicher and deutlicher wäre hier .möglich' statt «unmöglich*. 

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70 

so wtlrde es aach etwas ganz Zufälliges sein, dafs sieh 
Erseheinungen in einem Zasammenhang der mensehlichen 
Erkenntnisse sehiekten. Denn, ob wir gleieh das Vermögen 
hätten, Wahrnehmungen zn assoziieren, so bliebe es doch an 
sieh ganz unbestimmt and zatällig, ob sie aneh assoziabel 
wären; and in dem Falle, dafs sie es nicht wären, so wtlrde 
eine Menge Wahmehmangen und auch wohl eine ganze Sinn- 
lichkeit möglich sein, in welcher viel empirisches Bewalstsein 
in meinem Oemttt anzutreffen wäre, aber getrennt, und ohne 
dafs es zu einem Bewufstsein meiner selbst gehörte, welches 
aber unmöglich ist Denn nur dadurch, dafs ich alle Wahr- 
nehmungen zu einem Bewufstsein . . . zähle, kann ich bei allen 
Wahrnehmungen sagen, dafs ich mir ihrer bewufst sei Es 
mufs also ein objektiver, d. i. vor allen empirischen Gesetzen 
der Einbildungskraft a priori einzusehender Grund sein, woranf 
die Möglichkeit, ja sogar die Notwendigkeit eines durch alle 
Erscheinungen sich erstreckenden Gesetzes beruht, sie nämlich 
durchgängig als solche Data der Sinne anzusehen, welche an 
sich assoziabel und allgemeinen Regeln einer durchgängigen 
Verknüpfung in der Reproduktion unterworfen sind. Diesen 
objektiven Grund der Assoziation der Erscheinungen nenne 
ich die Affinität derselben. Diesen können wir aber nirgends 
anders als in dem Grundsatze von der Einheit der Apperzeption 
in Ansehung aller Erkenntoisse, die mir angehören sollen, an- 
treffen. Nach diesem müssen durchaus alle Erscheinungen 
so ins Gemttt kommen^) oder apprehendiert werden, dafs sie 
zur Einheit der Apperzeption zusammenstimmen, welches ohne 
synthetische Einheit in ihrer Verknüpfung, die mithin auch 
objektiv notwendig ist, unmöglich sein würde . . . Die Affinität 
aller Erscheinungen (nahe oder entfernte) ist eine notwendige 
Folge einer Sjnthesis in der Einbildungskraft, die 
a priori auf Regeln gegründet ist ... Es ist daher zwar 
befremdlich, allein aus dem Bisherigen doch einleuchtend, 
dafs nur vermittelst dieser transscendentalen Funktion der 
Einbildungskraft sogar die Affinität der Erscheinungen . . . 
die Reproduktion nach Gesetzen . . . möglich werde; weil ohne 



Wohlgemerkt, es helfet nicht: sie mttssen derart sein, sondern 
„sie müssen so ins Gemttt kommen^. 



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71 

«\^ gar keine Begriffe von Oegenständen in eine Erfahning 
inftammenfliefsen wttrden.'^O 

Dies ist deutlich genüg, jedooh als ob Kant jeder Mils- 
ieatung vorbeugen wollte, resümiert er seine Lehre in folgenden 
Worten: ,,Die Ordnung and BegelmäJsigkeit also an den Er- 
seheinnngen, die wir Katar nennen, bringen wir selbst hinein, 
und würden sie aueh nicht darin finden können, hätten wir 
sie nicht oder die Katar anseres Gemttts arsprttnglich 
hineingelegt Denn diese Katareinheit soll eine notwendige, 
d. i. a priori gewisse Einheit der Verknüpf ang sein. Wie 
sollten wir aber wohl a priori eine synthetische Einheit aaf 
die Bahn bringen können, wären nicht in den nrsprünglichen 
Erkenntnisqnellen nnseres Gemttts subjektive Gründe solcher 
Einheit a priori enthalten, and wären diese sabjektiyen Be- 
dingungen nicht zugleich objektiv gültig, indem sie die Gründe 
der Möglichkeit sind, überhaupt ein Objekt in der Erfahrung 
zn erkennen?^'') 

Will man dem gegenttber behaupten, dals nach Kant die 
Dinge an sich uns die Erscheinungen bereits in einer intelli- 
giblen Ordnung geben, der Verstand aber nur die Aufgabe 
habe, diese intelligible Ordnung in eine empirische umzusetzen, 
so mnfs gesagt werden, daJüs Kant hier eine äufserst milsver- 
ständliehe Sprache führe und da£s die Verhütung einer so groben 
Mifsdeutung — wie sie die vorstehende Interpretation abgeben 
würde — lediglich dem Umstände zu verdanken sei, dafs man 
sieh mit dem Standpunkt, der aus der naiven Lektüre obiger 
Erörterungen zu gewinnen ist, nicht so leicht versöhnen könne. 
Dann hätten wir es nur diesem Zufall zu danken, dab der 
richtige Sinn der Kantischen Lehre ans erschlossen worden sei. 
Aber selbst wenn der angegebene Wortlaut der Deduktion 
noch irgend welche Zweideutigkeit zulielse, so mülste folgende 
Stelle aus den Losen Blättern jeden Zweifel über die Bichtig- 
keit unserer Auffassung zerstreuen. „Die Zusammensetzung^ 
— heiist es dort — .ist in der Vorstellung des Zusammen- 
gesetzten immer bloft^unser eigenes Werk. Wie können wir 
non sagen, dafs das Objekt damit übereinstimme? Diese Über- 



')Kr. AllOff. 
9 Kr. A 126. 



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72 

einstimmQDg kaDn doch nicht darin bestehen, dafs die Qualität 
der Zusammensetzung dem Zusammengesetzten ähnlich, sondern 
dafs eines von beiden des anderen Grund oder Folge ist (das 
letztere ist es, wenn das Objekt blofs Erscheinung 
ist).''0 Diese Aufzeichnung spricht für sich selbst Bliebe es 
bis jetzt noch unausgemacht, ob die Affinität, die allererst durch 
die transscendentale Einbildungskraft möglich wird, bereits durch 
die Dinge gegeben werde oder nicht, so geht aus dem An- 
geführten mit aller Bestimmtheit hervor, dafs der Verstand ur- 
sprünglich die Verwandtschaft schafft und daCs die empirische 
Affinität in ihrer ganzen Qualität nur eine Folge der trans- 
scendental geschaffenen ist 

Der Sinn dieser Kantischen Lehre von der transscenden- 
talen Schöpfung der Verwandtschaft unter den Erscheinungen 
liegt nicht auf der Oberfläche und sie ist in der Tat nicht so 
befremdend, wie sie zu sein scheint Es liegt Kant natürlich 
fem zu behaupten, dafs es nur der Aufnahme mannigfacher 
Vorstellungen ins Bewnistsein bedürfe, um aus ihnen einen 
physischen Konnex zu schaffen. Man könnte ihm entgegen- 
halten, dals eine unzusammenhängende Bede dadurch, dafs sie 
in einem Bewufstsein vereinigt wird, noch keinen Zusammen- 
hang und Sinn bekomme. Kants Lehre ist jedoch eine viel 
tiefere. Die Sinne verbinden nichts; sie können nur unznsammen- 
hängende, isolierte Elemente liefern. Trotzdem haben wir es 
niemals mit diesem rohen Material, sondern stets mit fertigen, 
ganzen Vorstellungen zu tun, die überdies noch im Konnex mit- 
einander stehen. Zwischen der passiven Sinnlichkeit einerseits 
und dem, im gewissen Sinne, nur rezeptivem empirischen Be- 
wufstsein andererseits mnfs daher ein Vermögen tätig sein, das 
aus den mannigfachen Empfindungen, die uns dasjenige Etwas 
bietet, das für uns z. B. ein Apfel werden soll, zum Objekt 
Apfel gestaltet Wie dies zustande kommt, wissen wir nicht 
und können es auch niemals beobachten. Nun zeigt das trans- 
scendentale Bewuistsein, dafs in dem Satze: „Ich denke^ sich 
offenbart, anscheinend ein derartiges Vermögen. Dieses trans- 
scendentale Selbstbewufstsein mufs es also sein, das die Objekte 
gestaltet Muis aber ftlr das Znstandekommen eines Objektes 



^) Lose Blätter 190. 



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73 

ein derartiges VermSgen in Anspruch genommen werden, so liegt 
nichts im Wege, demselben Vermögen die Schöpfung der Affi- 
nität zuzuschreiben, welche Tätigkeiten beide Male unbewnist 
vor sich gehen können. Das transscendentale und nicht em- . 
pirische Selbstbewufstsein ist es also, das die Affinität schafft 
Deshalb kann in unserem Beispiel eine unzusammenhängende 
Rede, die als solche sozusagen das transscendentale Be- 
wofstsein durchgegangen ist, nicht wieder zusammenhängend 
werden, weil sie ins empirische aufgenommen wird. 

Wir wollen die Frage der Affinität noch von einer anderen 
Seite ins Auge fassen. Gesetzt die Erscheinungen hätten eine 
Tirtuell bestimmte Ordnung, die dem Konnex ihrer Substrate, 
der Dinge an sieh, entspricht. Die Sinne, die die Sprache der 
Verbindung nicht verstehen, liefern uns das Material der An- 
schauung unyerbnnden. Der apriorische Verstand — abgesehen 
davon, dafs er nicht anschaut — darf bei seiner verknüpfenden 
Tätigkeit von der Erfahrung nichts ablesen; denn dann wäre 
die Verknüpfung a posteriori. Trotzdem soll aber die Ver- 
bindung, die er yoUzieht, mit der tatsächlichen Affinität der 
Erscheinungen notwendig ttbereinstimmen. Ich frage, wie will 
man hier ohne eine piästabilierte Harmonie oder etwas ähn- 
liches auskommen? Ferner, wenn die Verknüpfung von einem 
von uns unabhängigen Dinge herrühren soll, wie ist die Gesetz- 
mälsigkeit der Erfahrung yerbürgt? Müssen wir dann nicht 
viehnehr dem Dinge an sich vertrauen, dafs es uns keine 
Überraschungen bereiten werde; dafs z. B. die Sonne, die bisher 
das Wachs erweicht und den Ton gehärtet hat, morgen nicht 
umgekehrt wirken werde, oder dafs der fallende Stein, der 
bisher den Fallgesetzen folgte, morgen es nicht mehr tun, oder 
gar naeh oben fallen werde? Dieser Schwierigkeit kann man 
nicht dadurch aus dem Wege gehen, dafs man behauptet, falls 
unsere Natur einer derartigen Ungesetzmäfsigkeit unterworfen 
sein sollte, würde sie nicht erfahrbar sein. Denn nehmen wir 
folgenden Fall: Wir sehen eines Tages glühende Kohlen in eine 
helle Flüssigkeit fallen und sich daselbst zu leuchtenden Flammen 
entzünden, werden wir dieses Phänomen nicht wahrnehmen 
können? Wie nun aber, wenn in unserem Gefäls nicht flüssige 
Lnfk, sondern H^O wäre und die glühende Kohle trotzdem auf- 
loderte (denn wenn es nur vom Ding an sich abhängen sollte, 



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74 

80 iBt Dieht einzusehen, waram dies nieht möglieh sein könnte) ? 
Warum sollten wir diesen Vorgang in unser Bewulstsein nieht 
ebensogut aufnehmen können? Man wird vielleieht entgegen- 
halten, dafs, wenn dereinst etwas derartiges eintreten sollte, 
wir gleich nach der Ursache eines derartigen Verhaltens fragen 
würden; aber dieses Fragen nach der Ursache: worauf beroht 
es denn? Die Oesetzmäfsigkeit der Erfahrung ist ja erst voraos- 
gesetzt, nicht bewiesen, denn wir haben soeben gesehen, dafs 
die Erfahrbarkeit der Natur mit der Lückenhaftigkeit des 
Eausalprinzips gar nicht aufgehoben wird. Freilieh, befände 
sich unsere Natur in völlig chaotischem Zustande, so ginge 
uns die Möglichkeit sie zu begreifen verloren. Wie aber, wenn 
die Erfahrung, ähnlich wie eine Reihe von Sprachformen, im 
ganzen regelmälsig wäre, in einigen Fällen aber Ausnahmen 
von der aligemeinen Gesetzlichkeit aufwiese? Könnte in solchem 
Falle die Naturforsehung nicht ebenso vonstatten gehen, wie 
die Sprachforschimg möglieh ist, trotzdem sie es mannigfaeh 
mit Ausnahmen und Unregelmäisigkeiten zu tun hat?^) Die 
Möglichkeit der Erfahrung kann also in diesem Sinne von der 
Gültigkeit des Kausalsatzes nicht abhängen. Nur wenn die 
Deduktion so aufgefafst mrd, dafs die transscendentale Apper« 
zeption es bewirkt, dals die Erscheinungen durch das Medium 
der transscendentalen Synthesis ihre notwendige Affinität be- 
kommen, ist die Gesetzmäfsigkeit der Natur a priori gesichert 
Sollen hingegen die Erscheinungen schon von den Dingen an 
sich in irgend einer Weise bestimmt sein, so wäre die Gesetz- 
mäfsigkeit des Naturgeschehens nur ein Postulat, und es ist 
nicht einzusehen, warum die von uns gänzlich unabhängigen 
Dinge an sich eines Tages nicht anders zu wirken beginnen 
sollten, als sie dies bis heute getan haben. Zwar mOftten sie 
auch dann so erscheinen, dals sie zu unserem identischen Be- 
wufstsein gehören könnten, weil sie widrigenfalls fttr uns nichts 
wären; sie brauchten jedoch nicht mit unseren bisherigen Natur- 
gesetzen übereinzustimmen. 

Bevor wir weitergehen, ist es notwendig, noch «ine Stelle 
zu betrachten, die scheinbar als entscheidendes Moment gegen 



^) Man vgl. dagegen Erdmaan, Über Inhalt und Geltung des Kausal- 
satses, 27 iL 



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76 

unsere Aaffassang der DednktioD sprieht Bei der Betonang der 
Notwendigkeit einer Deduktion der Kategorien hebt Kant hervor, 
dafs diese Deduktion mit schwierigeren Problemen, als diejenige 
Ton Raum und Zeit, verbunden ist «Denn'' — meint er — ,es 
könnten wohl allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein, dafs 
der Verstand sie den Bedingungen seiner Einheit gar nicht 
gemäfs fände und alles so in Verwirrung läge, dafs z. B. in der 
Reihenfolge der Erscheinungen sich nichts darböte, was eine 
B^el der Synthesis an die Hand gäbe und also dem Begriffe 
der Ursaehe und Wirkung entspräche, so dafs dieser Begriff 
abo ganz leer, nichtig und ohne Bedeutung wäre/^ ^^^ 
dieser Stelle scheint mit Bestimmtheit hervorzugehen, erstens, 
dafs Erscheinungen einer vom Verstände unabhängigen Ordnung 
unterliegen können, zweitens, dafs sie trotz des Vorhandenseins 
eines Verstandes mit apriorischen Kategorien ihre jetztige Ord- 
nung gar nicht haben mttssen. Wie kann man demnach die 
Lehre Kants, dafs die Kategorien es sind, die die Ordnung 
unter den Erscheinungen schaffen, so auffassen, als ob diese 
Erscheinungen in völlig ungeordnetem Zustande unserem Ver- 
stände gegeben wttrden, wenn die eben angeführte Stelle den 
Erscheinungen eine gewisse Autonomie zugesteht? Die rea- 
listische Auffassung der Deduktion seheint demnach die einzig 
berechtigte zu sein? 

Es ist jedoch klar, dals wenn man obige Stelle als definitive 
Ansicht Kants aufihfst, sie nicht nur mit einer subjektivistischen 
Interpretation, sondern mit dem Grundgedanken der Deduktion 
selbst in Widerspruch steht Man vergleiche damit einen an- 
deren, auf diesen Punkt bezüglichen Gedankengang in der 
Deduktion: , Würde ... die Einheit der Assoziation nicht auch 
einen objektiven Grund haben ..., so würde es auch etwas 
ganz Zufälliges sein, dafs sich Erscheinungen in einem Zu- 
sammenhang der menschlichen Erkenntnisse schickten. Denn 
ob wir gleich das Vermögen hätten, Wahrnehmungen zu asso- 
ziieren, so bliebe es doch an sich ganz unbestimmt und zu- 
fällig, dad sie auch assoziabel wären; und in dem Falle dafs 
sie es nicht wären, so würde eine Menge Wahrnehmungen und 
auch wohl eine ganze Sinnlichkeit möglich sein, in welcher 



') Kr. 129. 

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76 

viel empirischeB Bewnfstsein in meinem Gemüt anzntreffen 
wäre, aber getrennt, nnd ohne dals es zn einem Bewobtsein 
meiner selbst gehörte, welches aber unmöglich ist*0 
Diese beiden Stellen verhalten sich zueinander wie ja und 
nein. Und man lese noch folgendes: «Dingen an sich selbst 
würde ihre Gesetzmäfsigkeit notwendig auch aufiier einem 
Verstände, der sie erkennt, zukommen. Allein Erscheinungen 
sind nur Vorstellungen von Dingen ... als blofse Vorstellungen 
aber stehen sie unter gar keinem Gesetze der Verknüpfung, 
als demjenigen, welches das verknüpfende Vermögen vor- 
schreibt.* 2) Der scheinbare Widerspruch, der zwischen diesen 
Auslassungen und der eingangs zitierten herrscht, verschwindet 
aber sofort, wenn man die letzte als dasjenige betrachtet, 
was sie wirklich ist, nämlich als transscendentale Frage. ^) 
Kant stellt sich hier auf den Standpunkt des common sense, 
der sich die Erscheinungen — die für ihn eigentlich mit den 
Dingen identisch sind — als einer ihnen schon von selbst 
immanenten Ordnung unterworfen denkt Dann fragte es 
sich mit Recht, wenn diese von dem Verstände unabhängige 
Ordnung mit ihm gar nicht übereinstimmte, wo käme dann 
die apriorische Gesetzmäfsigkeit her? Von der Erfahrung 
darf sie nicht abgeleitet werden, ein anderes Prinzip gibt es 
zunächst auch nicht Dieses Problem fordert also zu einer 
Deduktion auf, deren Ergebnis bei Kant folgendes ist: es gibt 
nicht zwei Ordnungen, eine der Erscheinungen, die andere 
des Verstandes, die dann miteinander übereinstimmen können 
oder nicht, sondern es gibt nur eine Ordnung, und zwar die 
des Verstandes, der die Erscheinungen unterworfen sind nnd 
deshalb stimmen die Verhältnisse derselben mit den Begeln des 
Verstandes überein. 



») Kr. A 121. 

*) Kr. 164. Man sehe auch Reflexion Nr. 960: „Alle Objekte, die 
wir denken sollen, müssen in Ansehung aller logischen Funktionen des 
Verstandes bestimmt sein, dadurch können wir allein denken . . .* Man 
vgl. auch L. Bl. 20 und 284: „Der Satz, da(s sich alles in der Natur 
mttsse a priori erkennen und bestimmen lassen: worauf grttodet er sich? 
ohne Zweifel auf die Einheit der Erkenntniskraft, wodurch allein die 
Erscheinungen Verhältnisse und Verbindung bekommen kOnnen. 

*) Cohen, Kants Theorie der Erfahrung, 1871, 177.*. 



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77 

Die oben zitierte Stelle, die wir mit Cohen als transscen- 
dentale Frage bezeiehnet haben, wird dnroh folgenden Satz ein* 
geleitet: „Denn dafs Oegensttnde der sinnlichen Ansohaunng 
den im Gemüt a priori liegenden formalen Bedingungen der 
Sinnlichkeit gemäfii sein mttssen, ist daraus klar, weil sie 
sonst nicht Gegenstände fttr uns sein würden; dafs sie aber auch 
ttberdem den Bedingungen, deren der Verstand zur synthetischen 
Einheit bedarf^ gemäfs sein müssen, davon ist die Schlulsfolge 
nicht so leieht einzusehen.^ ^^"^ wissen wir aber, dafs es 
Kants Aufgabe eben war, diese schwierige Schlnfsfolge zu 
ziehen, denn die Deduktion kommt zu folgendem Besultat: 

vAlle Erscheinungen liegen als mögliche Erfahrungen 

ebenso a priori im Verstände und erhalten ihre formale 
Mögfichkeit von ihm, wie sie als blolse Anschauungen in der 
Sinnlichkeit liegen/') So wenig also die Erscheinungen 
hinsichtlich der äufseren Form eine andere Ordnung haben 
können, als diejenige, in welche Raum und Zeit sie hinein- 
zwingen, so wenig kOnnen sie hinsichtlich ihrer Verknüpfung 
in einer anderen Ordnung stehen als der, die ihnen der spon- 
tane Verstand rorschreibt. Denn „wir haben nicht Verstand, 
weil es eine Natur gibt,^') sondern wir haben eine Natur, 
weil wir einen Gesetzmälsigkeit schaffenden Verstand haben, 
„Zu sagen, wir kOnnen a priori die Beschaffenheit der Dinge 
bestimmen und zugleich, diese Dinge haben solche Beschaffen- 
heit, unabhängig ron unserem Vermögen sie zu 
bestimmen, ist ein Widerspruch, denn wo nehmen wir alsdann 
nnsere [notwendige] Erkenntnis her?' «) 

Wir haben oben henrorgehoben, daJTs der Übergang von der 
transscendentalen Einheit der Apperzeption zu den Kategorien 
nicht dureh eine lückenlose Deduktion geschehen ist Diesen 
Mangel hat Kant bereits bei der Niederschrift der Vorrede zur 
ersten Auflage gefühlt^) Er sucht daselbst den Wert der 
subjektiven Deduktion etwas herabzusetzen. Aber abgesehen 
davon, dafs eine strikte Scheidung der Deduktion in eine 

>) Kr. lia. 

«) Kr. A 127. 

*) Eaflexion Nr. 991. 

*) Daselbst 

•) Vorr. XVn. 



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78 

subjektive nnd objektive im Werke selbst nielit ganz deotlieh 
zu Tage tritt/) so ist dooh klar, dafs, wenn man die trans- 
Bcendental-psyebologisehen Erörterungen, die die Bedingungen 
der Möglichkeit des objektiv gültigen Denkens darstellen, aus 
der Deduktion entfernt, der dann zurückbleibende objektive 
Teil nicht genügen würde, nm die Gültigkeit der Kategorien 
zu erklären. Übrigens ist im § 26 der 2. Auflage die sub- 
jektive Deduktion wieder aufgenommen worden; nur werden 
jetzt die Namen für die subjektiven Vermögen etwas spftrlieher 
gebraucht und die Erörterung ist eine viel gedrängtere. Aach 
Ulrich gegenüber 3) hat Kant bekanntlich zugegeben, dals die 
positive Seite des Problems der Analytik nicht vollständig in 
der 1. Auflage gelöst worden sei. Das neue Prinzip, das 
er in der nächsten Bearbeitung anzuwenden verspricht und 
in der Deduktion der 2. Auflage §§ 19 und 20 tatsächlich 
anwendet, hilft jedoch nicht viel. Denn der Schlafs aus der 
Definition eines Urteils als «einer Handlung, durch die gegebene 
Vorstellungen zuerst Erkenntnisse eines Objekts werden*,^) ist 
nicht ganz zwingend, weil die Definition selbst nicht stichhaltig 
zu sein scheint^) Aber für Kant war die Gesetzmäfsigkeit 
der Natur und das Vorhandensein einer Erkenntnis a priori 
eine über alle Zweifel erhabene Tatsache. Er sah deshalb 
seine Lösung des Problems selbst dann für die einzig mögliehe 
an, wenn sie auch nicht in allen Punkten befriedigend sein 
sollte. In diesem Sinne sagt er: „Gesetzt, die Art wie Er- 
fahrung dadurch [durch Kategorien nämlich] allererst möglieh 
werde, könnte niemals hinreichend erklärt werden, so bleibt 
doch unwidersprechlich gewüs, dafs sie blofs durch jene Be- 
griffe möglich isf^^) 

Sieht man jedoch von einem streng deduktiven Beweise 
für die apriorische Gültigkeit der Kategorien ab, so lassen sieh 
mehrere Beweise Kants anführen, die als nicht direkte an- 
gesehen werden müssen. Erstens die Konsequenz aus dem 
Resultat der transscendentalen Ästhetik. Nach diesem Resultat 



Vgl. Erdmann, Kants Kritistsmns 24. 

>) In der Vorr. zu den Met. Anfgr. d. Natw. WW. IV,474fif. Arno. 

*) Ebenda 475 Anm. 

«) Man ygl. auch Erdmann, Logik, 2. Auf L I, 291 ff. 

») WW. IV, 476 Anm. 



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• 

sind die Dinge, mit denen wir es zn fan haben, lediglich 
Eracbeinnngen, die als solche nnr in nns existieren nnd die wir 
infolgedessen auch formen können. „Reine Verstandesbegriffe 
sind . . . nur darum a priori möglich, ja gar in Beziehung aut 
Erfahrung notwendig, weil unsere Erkenntnis mit nichts als 
Erscheinungen zu tun hat, deren Möglichkeit in uns selbst 
liegt, deren Verknüpfung und Einheit . . . blofs in uns an- 
getroffen wird . . . Und aus diesem Grunde, dem einzig möglichen 
unter allen, ist denn auch unsere Deduktion der Kategorien 
gef&hrt worden/^ 9 ^^^ ^^^^ diesen Grund als zureichenden 
und nicht, wie es uns seheinen wttrde, als blofs die Deduktion 
ermöglichenden ansieht, geht aus folgender Erörterung mit 
aller wünschenswerten Deutiichkeit hervor. „Dagegen wenn 
wir es ttberall nur mit Erscheinungen zu tun haben, so ist es 
nicht allein möglich, sondern auch notwendig, dafs gewisse 
Begriffe a priori vor der empirischen Erkenntnis der Gegen- 
stände vorhergehen. Denn als Erscheinungen machen sie einen 
Gegenstand aus, der blofs in uns ist . . .^^) 

Der zweite Beweis ist ein direkt apagogischer. Er geht 

davon aus, dafs es Urteile a priori gibt und zeigt, dafs, wenn 

man die gegebene (Kantische) Lösung nicht anerkennt, die 

Mögliehkeit dieser synthetischen Urteile a priori nicht einzusehen 

ist, da die Wege, die die anderen Philosophen vorgeschlagen 

haben (intellectus archetypus, prästabilierte Harmonie, Prä- 

formationssystem), aus mannigfachen Grttnden abzuweisen sind. 

In diesem Sinne einer indirekten Beweisführung ist die Problem- 

stellnng in dem bekannten Briefe an Herz vom Jahre 72 und 

ebenso auch folgende Stelle aus der Vorrede zur 2. Auflage 

zu verstehen. „Bisher nahm man an*^ -- heifst es da — „alle 

unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegensttnden richten; 

aber alle Versuche, über sie a priori etwas durch Begriffe 

auszumachen, . . . gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte. 

Man versuche es daher einmal, ob wir nicht . . . damit besser 

fortkommen, dafs wir annehmen, die Gegenstände müssen sich 

nach unserer Erkenntnis richten, welches so schon besser mit 

der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben 



>) Kr. A 130. 
*) Kr. A 129. 



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«0 

• 

a priori znaammenstimmi^O Ahnlich die bereits angeftthrte 
Stelle: „Die Ordnniig and Regelmäfsigkeit an den Erscheinungen 
... bringen wir selbst hinein ... Denn diese Natareinheit soll 
eine notwendige d.i. a priori gewisse sein. Wie sollten 
wir aber wohl eine synthetische Einheit anf die Bahn bringen 
können, wären nicht in den ursprünglichen Erkenntnisqnellen 
unseres Gemüts subjektive Gründe solcher Einheit a priori ent- 
halten und wären diese subjektiven BediDgungen nicht objektiv 
gültig."^) 

Diese hier vorausgesetzte Gesetzmäfsigkeit der Ersebei- 
nungen und die Erkenntnis von ihr ist, wie gesagt, fttr Kants 
Bewufstsein eine Tatsache, an der nicht gezweifelt werden 
kann. Dieser Umstand erklärt es, wie Kant aus dem Begriffe 
der Erfahrung einen apriorischen Beweis für das Vorhandensein 
reiner Grundsätze führen konnte. Am Anfang der Einleitung 
(2. Auf läge) sagt Kant: „Auch könnte man, ohne ... Beispiele 
zum Beweise der Wirklichkeit reiner Grundsätze a priori in 
unserer Erkenntnis zu. bedürfen, dieser ihre Uneutbehrlichkeit 
zur Möglichkeit der Erfahrung selbst, mithin a priori dartnn. 
Denn wo wollte selbst Erfahrung ihre Gewifsheit hernehmen, 
wenn alle Regeln, nach denen sie fortgeht, immer wieder 
empirisch, mithin zufällig wären; daher man diese schwerlich 
für erste Grundsätze gelten lassen kann. Allein hier können wir 
uns damit begnügen, den reinen Gebrauch unseres Erkenntnis- 
vermögens als Tatsache dargelegt zu haben.'^^) 

Will man aber diesen apriorischen Beweis nicht gelten 
lassen, weil man, wie Ulrich,^) einen Begriff der Erfahrong, 
wie er hier vorausgesetzt wird, bezweifelt, so würde unser 
Beweis folgendermalsen lauten: Es ist Tatsache, dafis vriv 
synthetische Urteile a priori besitzen. Diese Tatsache lälst 
sich nur entweder durch die Annahme eines Präformations- 
systems usw. oder einer Epigenesis erklären. Nun ist das 
Präformationssystem usw. ausgeschlossen. Also Epigenesis. 
Aber wie leicht zu ersehen ist, kann dieser Beweis nur einen 



*) Vorr. 2, XVI. 

*) Kr. A 125. 

») Kr. 6. 

«) Man vgl. Brief ao Kant vom 21. April 1785. 



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81 

Bationalisieii, nieht aber einen Empiriker oder gar Skeptiker 
ttberzengen, weil diese den Obersatz nieht wollen gelten lassen, 
indem sie behaupten, dals unser ganzes Wissen von der Natur 
sieh auf Induktion gründe, ohne dafs wir jemals reine Grund- 
sätze anzuwenden imstande wären, weil wir solche nicht be- 
Bitzen. Die Apodiktizität der mathematischen Axiome könnte 
ihnen nieht entgegengehalten werden. Denn wenn sie sich selbst 
mit der Lehre der transscendentalen Ästhetik einverstanden 
erklären mtifsten, wttrde daraus fttr sie noch nicht die Möglich- 
keit synthetischer Urteile a priori auf dem Gebiete der Natur- 
wiBsenschaft hervorgehen. Diesen Beweis kann man also nur 
als Nebenbeweis betrachten. Hingegen mttlste die Deduktion, 
wollte sie nicbt auf einem unsicheren Erfahrungssatz gegründet 
sein, wodurch sie ihren transscendentalen Charakter einbüfsen 
wttrde, mit Hilfe der synthetischen Methode geführt werden. 
Und tatsächlich ist selbst die zweite Bearbeitung der Kritik 
naeh Kants Bewufstsein so geführt worden, wenn auch die 
ans pädagogischen Gründen analytisch ausgearbeiteten Pro- 
legomena sie ein wenig mit ihrer Methode affiziert haben. 

Der indirekte Beweis, der für den transscendentalen Idea- 
lismus aus den Antinomien fliefst und auf den Kant das gröfste 
Gewicht legt, kommt für unsere gegenwärtige Frage nicht in 
Betracht Die Antinomien beweisen indirekt nur, dafs die 
Scheidung von Ding an sieh und Erscheinung richtig ist Hin- 
gegen beweist die von Kant gegebene Auflösung des Wider- 
streites unserer Vernunft mit sich selbst gar nichts für die eine 
oder andere Art der Entstehung unserer Erfahrungserkenntnis. 

Wir glauben somit zu folgendem Ergebnis gekommen 
zu sein: 

1. Naeh der Kantischen Deduktion der reinen Yerstandes- 
begriflfe ist die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori nur 
daun einznseben, wenn die Ordnung und Regelmälsigkeit der 
Erscheinungen vollständig und ausschliefslich vom Ver- 
stände herrührt; demgemäfs kann von einer den Erscheinungen 
schon von selbst inhärierenden, von unserem Verstände jedoch 
unabhängigen Ordnung nicht die Rede sein. Daher sind auch 

') Welche Schlflsse aus der Auflösung der dritten Antinomie fUr 
oiuer spexielles Problem der empirischen Gesetze zu ziehen sind, werden 
wir noch zu untersuchen haben. 

Piüloiophiioh« AbbaadloDgen. XLI. 



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82 

die im § 13 der Kritik enthaltenen Erörternngen, die das 
Gegenteil zu besagen scheinen, sind als transscendentale Frage 
aufzufassen. 

2. Es ist Kant nioht gelungen, die einzelnen Kategorien 
durch eine lückenlose Deduktion ans der transseendentalen 
Einheit der Apperzeption abzuleiten. 

Nachdem wir so die allgemeinen Prinzipien der Kantisehen 
Erkenntnislehre besprochen haben, können wir zu unserem 
eigentlichen Problem, zur Frage der empirischen Gesetze fiber- 
gehen. 



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Wie ist das Ergebnis der Deduktion mit der 

Möglichkeit empirischer Gesetze in Einklang 

zn bringen? 



Kaam sind wir zum Schlnfs der Deduktion gelangt, and 
fMshon erhebt sich eine Schwierigkeit, an der das ganze Gebände 
der Kantisehen Erkenntnistheorie zn zerschellen droht Es ist 
dies das nämliche Problem, das nns schon bei der Anseinander- 
setzong tiber die transscendentale Ästhetik beschäftigt hat, 
jedoch mit einer kleinen Modifikation. Dort interessierte- uns 
hauptsächlich die Frage, ob und wie die bunte Mannigfaltig- 
keit der empirischen Formen aus der reinen Form der An- 
schauung abgeleitet werden kOnne. Hier hingegen ist die Frage 
der Ableitung gegenstandslos, denn das blofse Vorhandensein 
emer empirischen Gesetzmäisigkeit bereitet die hier in Betracht 
kommenden Schwierigkeiten. Am Schluls beider Deduktionen 
sagt Kant: ,Auf mehrere Gesetze ... als die, auf denen eine 
Natur ttberhaupt als Oesetzmäfsigkeit der Erscheinungen in 
Baum und Zeit beruht, reicht auch das reine VerstandesyermOgen 
nicht zu, durch blolse Kategorien den Erscheinungen a priori 
Gesetze vorzuschreiben. Besondere Gesetze, weil sie empirisch 
bestimmte Erscheinungen betreffen, können davon nicht voll- 
ständig abgeleitet werden, ob sie gleich alle insgesamt unter 
jenen stehen. Es mufs Erfahrung dazu kommen, um die letzteren 
ttberhaupt kennen zu lernen.* Und ebenso in der 1. Auflage: 
Es «können empirische Gesetze . . . ihren Ursprung keines- 
wegs vom reinen Verstände herleiten, so wenig als die un- 
ermefsliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen ans der reinen 



Kr. 165. 

6» 



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84 

Form der sinnlichen AnBchannng hinlänglich begriffen werden 
kann/' i) Die apriorische Erkenntnis von der Natnr in formalem 
Sinn beschränkt sich also nur auf die Gültigkeit der Kategorien. 
Diese Gültigkeit genügt zwar vollständig, nm auf ihr eine Natur- 
wissenschaft aufzabaaen; wie ist jedoch das Vorhandensein 
und die Möglichkeit empirischer Gesetze mit der sonstigen 
Lehre Kants in Einklang zu bringen? Die Voranssetznng für 
die Gültigkeit der Kategorien war, dafs die Erscheinungen die 
Ordnung annehmen müssen, die ihnen der Verstand vorschreibt^) 
Gibt es aber in der Erfahrung Verhältnisse, die ihren Ursprung 
von dem Verstände nicht herleiten können, sondern aus der 
Erfahrung geschöpft werden müssen, so ist damit zugleich 
zugegeben, dafs die Erscheinungen eine ihnen eigentümliche 
Qesetzmäfsigkeit haben. Und es entsteht jetzt die Frage: 
worauf beruht die notwendige Übereinstimmung dieser apo-> 
steriorischen, besonderen, von den jeweiligen empirischen Be- 
stimmungen abhängenden Gesetzmäfsigkeit der Erscheinungen 
mit der apriorischen, allgemeinen von uns aus geschaffenen? 
War ja doch der Ausgangspunkt der Deduktion der Gedanke, 
dafs die Verbindung von uns geschaffen wird. Dies konnte 
nicht so gemeint sein, dafs wir die Erscheinungen so verbinden 
müssen, wie ihre empirischen Bestimmungen gebieten, weil 
dann alle Erkenntnis a posteriori sein müfste. Die Spontaneität 
des Verstandes mufs daher unbedingt ursprünglich sein. Wird 
aber jetzt wiederum den Erscheinungen eine Art Autonomie 
zugestanden, so ist damit das Prinzip der Deduktion yemichtet 
Denn dafs die Erscheinungen in einer begriffliehen Form ins 
Bewufstsein kommen müssen, hat noch gar keine Bedeutung für 
die Art ihrer Affinität — Dafs die mannigfachen sinnlichen 
Formen, so verschieden sie auch sein mögen, mit der Form 
des Raumes übereinstimmen müssen, ist klar, weil sie sonst 



») Kr. A 127. 

*) Besonders klar drückt Kaut dies fai folgender Stelle aas: ,Wie 
können wir uns die PoBition d^r PostuUte der Syntbesis a priori vor- 
stellen. Es sind die drei Funktionen der Apprehension, welche bei dem 
Denken unseres Znstandes überhaupt angetroffen werden und worunter 
alle Erscheinung deswegen passen mufs, weil in ihr keine Synthesis 
an sich selbst liegt, wenn das Gemfit solche nicht hinznfttgt oder aus 
den Datis derselben macht." L. El. 20. 



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85 

überhaupt nicht erscheinen könnten, da die AnBchauungs- 
forin nur subjektiv ist. Hingegen brauchen die besonderen 
empirischen Verhältnisse mit den allgemeinen Gesetzen des 
Verstandes nicht tlbereinznstimmen, weil sie trotzdem gedacht 
werden könnten. Ich kann z. B. in einer Zanberbade eine 
ganze Reihe von Zauberkttnsten apprehendieren, ohne dafs 
dadurch die Einheit meines Selbstbewnfstseins im mindesten 
gestört wtirde. Wenn ferner nach Kants Lehre die Erscheinungen 
hinsichtlich ihrer Qualität, die er Empfindung nennt, durch die 
Objekte bestimmt werden, so wird dadurch die Apriorität der 
Kategorien auch noch nicht angetastet. Sowie aber die Mög- 
lichkeit irgendeiner Verbindung durch andere als apriorische 
Prinzipien zugestanden wird, so ist die Ottltigkeit der Kategorien 
nicht mehr einzusehen. Denn die besonderen Gesetze stehen 
mit den apriorischen in einer Reihe und unterscheiden sich 
voneinander nur hinsichtlich ihrer Allgemeinheit oder Besonder- 
heit; demnach wird jede Abweichung eines besonderen Gesetzes 
Ton der allgemeinen Regel — und wenn es nur von empirischen 
Bestimmungen abhängen soll, so ist eine Abweichung nicht 
ausgeschlossen — diese Regel in ihrer Allgemeinheit beein- 
trächtigen. Endlich, wenn alle Verknüpfung durch den Ver- 
stand vollzogen wird, wie kommt es, dafs wir zwei Arten von 
Erkenntnissen haben, eine empirische und eine reine, warum 
verbindet ein und derselbe Verstand das eine Mal allgemein- 
gttltig, das andere Mal aber nicht? Die Einteilung in Wahr- 
nehmungs- and Erfahrungsurteilei) kann hier keine Auskunft 
geben, denn man nehme z. B. das Gravitationsgesetz, das zu 
den empirischen Gesetzen gezählt werden mufs, weil es a priori 
aas dem Verstände nicht abzuleiten ist, nnd das wohl niemand 
ein Wahmehmungsurteil nennen wird. Die Tatsache empirischer 
Gesetze kann also nur auf die Verhältnisse, die die Substrate 
der Erscheinungen, die Dinge an sich bewirken, zurtlckgeführt 
werden. Wie kann demnach Kant die Phänomenalität der 
Erseheinnngen als den zureichenden Grund seiner Deduktion 
ansehen? Wenn wir es mit Dingen zu tun haben, die einer 
anderen Ordnung als der, die ihnen der spontane Verstand vor- 
sehreibt, gehorchen, und wenn trotzdem eine notwendige Uber- 



^) Über Wahmehmnogs- und Erfahningsurteile vgl. man des Anhang. 

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86 

einstiminnDg dieser Ordnung mit der allgemeinen apriorischen 
vorhanden sein soll, so mnis ein neues Prinzip gefunden werden, 
denn das alte reicht nicht mehr ans. Es ist anfserdem nicht 
einzusehen, inwiefern wir es dadurch leichter haben sollten, 
dafs unsere Erscheinungen mit ihren Substraten gar keine 
Ähnlichkeit haben. Soll die Tatsache, dafs die Kategorien 
von der Erfahrung nicht abgeleitet sind, schon zur Konstruktion 
einer Wissenschaft genügen, selbst wenn die Erscheinungen, 
mit denen es diese Wissenschaft zu tun hat, ihren eigenen 
besonderen empirischen Bestimmungen unterworfen sind, so 
könnten die letzteren getreue Abbilder ihrer Substrate sein, und 
es müfste trotzdem eine apriorische Erkenntnis von ihnen möglich 
sein. Denn ihren Charakter als Vorstellungen würden sie auch 
dann bewahren. Wir stehen also vor folgender Alternative: 
entweder müssen die Erscheinungen so beschaffen sein, dafs 
die Kräfte unseres Gemüts in jeder Hinsicht, also auch 
hinsichtlich derjenigen Bestimmungen, die wir aus der Natur 
unseres Verstandes abzuleiten nicht imstande sind, sie formen und 
ordnen können: dann hätte die Betonung der Phänomenalität 
der Erscheinungen ihren Sinn; — oder aber, soll den Er- 
scheinungen eine ihnen zugrunde liegende, von dem Verstände 
nicbt geschaffene Ordnung zugestanden werden, so mufs ein 
neues Prinzip gefunden werden, um die Übereinstimmung dieser 
empirischen Ordnung mit den allgemeinen Gesetzen des Ver- 
standes erklärlich zu machen. 

Bevor wir dieses neue Prinzip in Betracht ziehen, wollen 
wir noch untersuchen, ob vielleicht Kants Lehre von der 
doppelten Kausalität uns irgendwelche Aufklärung über unser 
Problem zu geben vermag. 



Die EausaUtät dnrch Freiheit und die AfOnität 
der Erscheinimgen. 

Die dritte Antinomie behandelt bekanntlich den Widerstreit 
der Vernunft hinsichtlich der Ableitung der Weltbegebenheiten 
aus ihren Ursachen. Das Gesetz der Kausalität besagt, dafs 
alles, was geschieht, etwas voraussetzt, wonach es nach einer 
Kegel folgt. Auf diesem Gesetz baut sich die dritte Antinomie 
auf. Sie wird dadurch gegeben, dafs nach einer ersten Ursache 



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87 

gefr^ wird. Die Thesis behauptet: eg mnb neben der 
Kausalität nach Gesetzen der Natnr noch eine Kausalität 
durch Freiheit angenommen werden. Wir haben z. B. die 
Reihe von Erscheinungen a, b, c ..., die eine Kausakeihe 
bildet, indem a die Ursache von b, b die von c usw. vorstellt. 
Wenn wir von a aus einen Begressus unternehmen wollen, so 
würden wir eine ganze Unendlichkeit von Ursachen und deren 
Vorursachen durchlaufen, ohne jemals zu einer bestimmten 
Ursache zu gelangen. ,Nun besteht aber eben darin das Gesetz 
der Natur, dafs ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache 
nichts geschehe.*' i) Also widerspricht der Grundsatz der 
Kausalität sich selbst Es mufs daher eine Kausalität an- 
genommen werden, bei der die Ursache nicht wiederum durch 
eine andere hervorgebracht zu werden braucht, nämlich eine 
Kausalität durch Freiheit >) 

Die Antithesis dagegen behauptet: es gibt keine andere 
Kausalität als die der Naturnotwendigkeit. Denn mit dem 



Kr. 474. 

') Der Beweis der Thesis scheint mir nicht ganz zwingend zu sein. 
Er basiert auf der eben zitierten Fassung der Definition des Kausalsatzes, 
wonach jede Ursache eine a priori bestimmte sein müsse. Da wir es 
aber (beim Regressus) immer nur mit subalternen und nicht a priori be- 
stimmten Ursachen zu tun haben, so widerspricht der Grundsatz sich 
selbst Nun ist es wohl richtig, dals fttr uns^ für unser Erkennen hier, 
wie in vielen anderen Fällen die Ursache unbestimmt bleibt. Eine der- 
irtige Bestimmbarkeit ist aber auch gar nicht notwendig. Der Grundsatz 
verlangt nur, dafs die Ursache hinsichtlich ihrer Wirkung die be- 
stimmte sei, dafs nSmlich jede Wirkung ihre bestimmte Ursache haben 
soll. Dies ist aber bei jedem Geschehen erfüllt — Den richtigen Grund 
oder vielmehr den psychologischen Zwang zur Annahme einer Kausalität 
dnrch Freibeit hat Kant in der Begründung der Thesis der vierten Anti- 
nomie angegeben. Dort sagt er: „Nun setzt ein jedes Bedingte, was ge- 
geben ist . . . eine vollständige Reihe von Bedingungen ... voraus.** 
Hier beruft sich Kant einfach auf das Bedürfnis der Vernunft, eine 
Totalitilt zu haben, mithin nach einer ersten Ursache, nach dem Un- 
bedingten zu fragen, indem sie den festen Punkt sucht, an dem sie Halt 
machen kOnnte. Es kommt aber darauf gar nicht an, ob Thesis und 
Antithesis auch wirklich bewiesen werden kOnnen, viehnehr darauf, dafs 
sowohl die These wie die Antithese unserer Vernunft keine Befriedigung 
an versebaffen vermag. Kants scholastische Schulung hat es mit sich 
gebracht, dafs er für die Antinomien Beweise gesucht hat und dafs er 
sieh für ihre Richtigkeit sogar verbürgt hat 



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88 

Moment, wo man eine erste Ursacbe setzt, hat man das Kausal- 
gesetz darchbrochen nnd man hat kein allgemeingültiges Prinzip 
mehr zur durchgängigen Erklärung des Natui^eschehens. 

Kant lOst diese Antinomie auf, indem er zeigt, dafs sowohl 
Thesis wie Antithesis Recht behalten, wenn beide von den 
richtigen Standpunkten aus gedacht sind. Die Ästhetik hat 
gezeigt, dafs die Gegenstände der Erfahrung nur Erscheinungen 
sind, die an sich in ihrer räumlich-zeitlichen Bestimmtheit gar 
nicht existieren. Sie sind blofse Vorstellungen von Dingen an 
sich, von denen die sinnlichen Formen gar nicht prädiziert 
werden kOnnen. Wird diese dort festgelegte Unterscheidung 
von Ding an sich und Erscheinung eingehalten, so ist die 
Möglichkeit vorhanden, die Antinomie zu beseitigen. 

Die Antithesis, die unter keinen Umständen eine Unter- 
brechung in der Eausalreihe zuläfst, ist giltig, solange von 
Erscheinungen gehandelt wird. Der Regressus kann uns aber 
zu keiner zeitlich ersten Ursache ftthren, weil die Zeit die 
Form unserer Anschauung ist Daher wird, so oft etwas er- 
scheint, es in der Zeit auftreten, ohne dafs jemals «ein erster 
Anfang gegeben werden konnte. Die Erscheinungen sind je- 
doch nur die eine Seite des Seins. Ihnen liegen Dinge an 
sich zugrunde. Von diesen dürfen wir zwar nichts erkennen; 
es liegt jedoch nichts im Wege, auch von ihnen sich eine Art 
Kausalität zu denken. Von vornherein ist klar, dafs diese 
Kausalität von allem Empirischen frei sein wird, denn mit 
der Zeitlichkeit ist zugleich jede Veränderung, jedes Geschehen 
von den Dingen an sich ausgeschlossen. Man wird sich daher 
von ihnen eine Kausalität durch Freiheit zu denken haben. 
Durch die Annahme einer derartigen Kausalität würden aber 
mit einem Schlage zwei Probleme gelOst werden. Erstens würde 
dadurch die kosmologische Freiheit ermöglicht werden, d. i. 
das Vermögen der Dinge an sich einen Zustand von selbst 
anzufangen. Würde aber diese Art von Freiheit zugelassen, so 
bedürfte es nur noch eines weiteren Schrittes, um „mitten im 
Laufe der Welt verschiedene Reihen der Kausalität nach 
von selbst anfangen zu lassen und den Substanzen derselben 
ein Vermögen beizulegen aus Freiheit zu handeln'', i) Dadurch 



>) Kr. 478. 



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89 

würde auch das weitaus wichtigere Problem der praktischen 
Freiheit (Unabhängigkeit von der Nötigung dnreh Antriebe der 
Sinnlichkeit) lOsbar. Da nun die empirische und intelligible 
Kausalität ihre yerschiedenen Gebiete haben, so stören sie 
einander nicht, und sowohl Thesis wie Antithesis bleiben zu 
Recht bestehen, wenn die erste sich auf Dinge an sich, die 
andere auf Erscheinungen bezieht 

Diese Auflösung unserer Antinomie fordert zum Nach- 
denken au£ Es ist zunächst unverständlich, warum Kant 
diese Antinomie nicht in der gleichen Weise aufgelöst hat, wie 
die beiden mathematischen. Jener Widerstreit wurde gehoben, 
indem gezeigt wurde, dafs jede Frage nach der Endlichkeit 
oder Unendlichkeit der Welt als Ganzes mttüsig ist, da Raum 
and Zeit lediglich subjektive Formen unserer Sinnlichkeit sind. 
Es hat deshalb keinen Sinn zn fragen, ob etwas, was uns 
niemals in seiner Totalität als Erscheinung gegeben werden 
kann, endlich oder unendlich sei, da es als Nicht- Erscheinung 
nicht einmal räumlich oder zeitlich ist^) 

Ganz analog hätte die Frage nach der Kausalität des- 
jenigen, was dem Geschehen zugrunde liegt, beantwortet werden 
können. Wenn die mathematischen Antinomien durch die Be- 
rnfang auf den transscendentalen Idealismus aufgelöst werden' 
konaten, so hätten beide dynamischen 2) durch den Hinweis 
auf das Besoltat der Analytik beseitigt werden können. Hat 
nämlich die Ästhetik gezeigt, dafs Raum und Zeit keine Eigen- 
schaften der Dinge selbst sind, ^ so war es der Grundgedanke 

^) Dasselbe gilt hinsichtlieh der Einfachheit oder Zosammengesetzt- 
heit der Snbstansen. 

') Es sei bemerkt, dala ftlr den Common sense die dritte Antinomie 
— soweit nur die kosmologische Seite in Betracht kommt — mit der 
▼ierten zusammenfällt Hat er einmal mit der Thesis der vierten Anti- 
nomie ein notwendiges Wesen gesetzt, so kann dies von ihm zugleich 
^ die seitlich und kausal erste Ursache des Geschehens angesehen 
werden. Man hat dann einen ersten Beweger und kann die Welt ihren 
eigenen Lanf nehmen lassen. Nach Kant sind aber die Gegenstände der 
Erfahmng blolse Vorstellungen, als solche kennen sie nicht aufeinander 
wie Dinge wirken. Eine Erscheinung kann keine andere Erscheinung 
her?orbringen. Neben dem ersten Beweger mnüiten daher wirkende Dinge 
>n sieh als Ursachen der Erscheinungen und mit ihnen eine besondere 
Art von EausalitSt angenommen werden, fiills man nicht zu Berkeley 
zorfiekkehren wollte. 



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90 

der kritischen Grenzbestimmang unserer Erkenntnis in der 
Analytik, dafs Kategorien von keinem anderen als empirischen 
Gebrauch sein dUrfen.0 Wie kann demnach nach der Kausalität 
des Unbedingten gefragt werden — denn nur darum ist es in 
den dynamischen Antinomien zu tun — wenn Ursachsein nur 
bei Erscheinungen stattfindet, die ganze Frage also müfsig ist? 
Eine derartige Lösung unseres Problems hätte den Vorzug* 
gehabt, dafs sie erstens zu keiner problematischen Annahme 
— wie Kant dies selbst hervorhebt — einer intelligiblen 
Kausalität Zuflucht zu nehmen brauchte. Andererseits würde 
aus der so aufgefafsten dynamischen Antinomie ein indirekter 
Beweis fttr die kritische Tendenz der Analytik herfliefsen, 



>) Um die scheinbare Inkonsequenz Kants zu rechtfertigen, dafii er 
trotz dem eigenen Verbote, von Kategorien einen transacendentalen Ge- 
brauch zu machen, selbst die Kategorien der Substanz, Realität und 
Kausalität auf die Dinge an sich anwendet, — hat man versucht, den 
Kategorien im Gegensatz zu Raum und Zeit einen mehr objektiven Wert 
einzuräumen. Tatsächlich stehen die Kategorien hinsichtlich ihrer Sub- 
jektivität nicht in derselben Reihe wie Raum und Zeit Zwar wird auch 
von ihnen gesagt, dafs sie .blofs subjektive Formen der Verstandes- 
einheit*' (Kr. 343) sind, wie Raum und Zeit nur als subjektive Formen 
der Sinnlichkeit angesehen werden mllssen: aber die Subjektivität der 
Verstandesbegriffe und mit ihr ihre Unanwendbarkeit auf intelligible 
Gegenstände rührt nur daher, dafs Kategorien ohne sinnliche Schemata 
keine andere als logische Bedeutung haben. Man hat deshalb untersucht, 
ob vielleicht doch einige Kategorien die sinnliche Anschauung entbehren 
können, wodurch die von Kant angeblich vollzogene Anwendung auf 
Dinge an sich gerechtfertigt sein könnte. — Alle diese Versuche scheitern 
jedoch an der Tatsache, dafs Kant selbst wiederholt betont, dafo keine 
von den Kategorien hierbei eine Ausnahme erleidet, und dals er gerade 
die hier in Frage kommenden Verstandesbegriffe herausgreift, um an ihnen 
zu exemplifizieren, dafs sie ohne Anschauung gar keine Bedeutung haben 
(man vgl. z. B. Kr. 291 ff.). Kant begeht aber auch gar nicht die ihm zur 
Last gelegte Inkonsequenz. Solange er spekulativ über die Dinge an 
sich denkt, denkt er sie durch gar keine Kategorie, wenigstens ist er 
sich ihres Gebrauches nicht bewufst. So heifst es Kr. 844: „Der Verstand 
denkt sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur als transscendentales 
Objekt, das die Ursache der Erscheinung ... ist, und weder als Gröfse 
noch als Realität noch als Substanz usw. gedacht werden kann (weil 
diese Begriffe immer sinnliche Formen erfordern . . .).^ Hier wird also 
für Kants Bewufstsein nur von der Kausalität Gebrauch gemacht Damit 
er aber dies tun darf, hat er eine neue Art von Kausalität eingeführt, wie 
dies gleich des nähren erörtert werden soll. 



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91 

äbniieh wie die mathematischen Antinomien eine mittelbare 
Bestätigung der Lehre der transseendentalen Ästhetik ab- 
gegeben haben. 

Es mttssen daher wichtige Gründe vorhanden gewesen 
sein, die Kant veranlafst haben, die vorliegende anerwartete 
Aaflösang an Stelle der vom kritischen Standpunkt allein be- 
rechtigten vorzanehmen. Solche Gründe lassen sich in der 
Tat finden. Aach hier war es das praktische Interesse, das 
das theoretische überwogt) Mit dem Problem der kosrao- 
logischen Kausalität war ftlr Kants Bewafstsein dasjenige der 
praktischen Freiheit unzertrennlich verbunden. Die psycho- 
logische Seite unseres Problems ist es ja gerade, die von jeher 
der Philosophie die gröfsten Schwierigkeiten bereitet hat Die 
praktische Freiheit war jedoch ohne die Annahme einer in- 
telligiblen Kausalität gar nicht zu retten. >) 

Aber das kosmologische Problem selbst hat fttr Kant eine 
besondere Bedeutung gewonnen. Die dritte Antinomie durfte 
nicht anders gelöst werden, sollte der transscendentale Idealismus 
in seinem ganzen Umfang aufrecht erhalten bleiben. Die Vor- 
anssetzung einer intelligiblen Welt als Ursache der phänomenalen 
— die, wie wir gesehen haben, Kant niemals verlassen hatte — 
hat es erforderlich gemacht, die Art ihrer Einwirkung auf das 
wahrnehmende Subjekt in irgend einer Weise zu erklären. 
Die gewöhnliche; empirische Kausalität mufste sich zu dieser 
Erklärung untauglich erweisen. Kategorien dürfen nur auf 



') Schon Garve hat dies gefühlt, wenn er in seiner RezeDsion des 
Eantischen Werkes über die dritte Antinomie urteilt: „Es ist unmöglich, 
die Vereinigung, die Herr Kant stiften will, deutlich mit kurzen Worten 
▼orznstellen, unmöglich, glaube ich, sie deutlich einzusehen. Aber das ist 
deutlich, daib der Verfasser gewisse Sätze fUr höher und heiliger 
bftlt als sein System und dafs er bei gewissen Entscheidungen mehr 
Rücksicht auf die Folgen nahm, die er durchaus stehen lassen wollte, als 
auf die Prinzipien, die er festgesetzt hatte.** Zitiert bei Erdmann, Kants 
Kridzismas S. 100 aus der „Allgemeinen Bibliothek*, Anhang zu Bd. 37— 52, 
Bd. 11,838 ff. 

*) Die Yerquickung beider Probleme bei Kant hat es bedingt, dafs 
ihm während der ^nzen Auflösung der dritten Antinomie das frei 
handelnde Subjekt vorgeschwebt und zum Schema gedient hat, und zwar 
nicht nur da, wo er die willkürliche Handlung des Menschen direkt als 
Beispiel anwendet. Man vergleiche z. B. Kr. 572 f. 



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92 I 

Erscbeinangen angewandt werden, weil das Zeitmoment, das | 
in jedem empirisehen GeBchehen enthalten ist, bei einem in- i 
telligiblen Gegenstande wegfallen mnfs. Mit der Setznng der i 
Dinge an sich war also zngleicn stillschweigend eine intelligible I 
Kausalität angenommen, die jetzt gleichzeitig znr Lösang des | 
Problems der praktischen Freiheit gedient hat 

Um nnn zn unserer besonderen Frage, des Verhältnisses 
der empirischen Affinität der Erscheinungen zu der Kausalität 
durch Freiheit zu gelangen, ist es notwendig, einen Punkt zu 
besprechen, der, soweit ich sehe, von der Interpretation niemals 
mit genügender Deutlichkeit herrorgehoben worden ist Die 
gröfste Schwierigkeit in der Lehre von der doppelten Kausalität 
hat von jeher der Umstand bereitet, dafs man sich nicht vor- 
stellen konnte, wie es möglich sei, ein und dasselbe Geschehen 
einerseits als frei, andererseits als dem Naturgesetze gehorchend 
anzusehen. Man verstand Kants Lehre so, als ob nach ihm 
unter den Dingen an sich selbst Freiheit herrsche; dasselbe 
Verhältnis aber ins Empirische übersetzt, durch die empirische 
Kausalität ausgedrückt werde. Indessen trifft diese Auffassung 
nur die Lehre von der praktischen Freiheit: die kosmologische 
Kausalität mufs anders aufgefalst werden. Der richtige Sinn 
dieser' letzten Kausalität kann nur verstanden werden, wenn 
man sich streng an der Definition der Freiheit hält Freiheit 
im kosmologischen Sinne bedeutet das Vermögen, einen Znstand 
von selbst anzufangen. Daraus geht aber hervor, dafs diese 
Ereiheit nicht die Kausalität der Dinge an sich unter- 
einander, sondern ihre Kausalität im Verhältais zum affizierten 
Subjekt bedeutet Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung eine 
Anmerkung Kants in den Prolegomena: „Die Idee der Freiheit 
findet lediglich in dem Verhältnis des Intellektuellen, als 
Ursache, zur Erscheinung als Wirkung statt Daher können 
wir der Materie in Ansehung ihrer unaufhörlichen Handlung 
. . . nicht Freiheit beilegen, obschon diese Handlung aus innerem 
Prinzip geschieht Ebensowenig können wir fttr reine Ver- 
standeswesen, z. B. Gott, sofern seine Handlung immanent ist, 
einen Begriff von Freiheit angemessen finden. Denn seine 
Handlung, obzwar unabhängig von äufseren bestimmenden Ur- 
sachen, ist dennoch in seiner ewigen Vernunft, mithin in der 
göttlichen Natur, bestimmt Nur wenn durch eine Handlung 



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93 

etwas anfangen soll, mithin die Wirkung in der Zeitreihe, 
folglicli der Sinnenwelt anzatreffen sein soll (z. B. Anfang der 
Welt), da erhebt sieh die Frage, ob die Kausalität der Ursache 
selbst aneh anfangen müsse, oder ob die Ursache eine Wirkung 
anheben könne, ohne dafs ihre Kausalität selbst anfängt . . . 
Hieraus wird der Leser ersehen, dafs, da ich Freiheit als das 
Verminen eine Begebenheit von selbst anzufangen erklärte, 
ich genau den Begriff traf, der das Problem der Metaphysik 
isf ^^B dieser Darlegung erhellt, wie wir uns die Auf- 
lösung des kosmologischen Problems zu denken haben. Die 
Welt labt sich vom Standpunkt der Erfahrung aus nur als 
eine empirische Kausalreihe auffassen. Jedes Geschehen mufs 
in ihr eine empirische Ursache haben, die wieder zur Ursache 
wird f&r eine kttnftige Wirkung. Der Begressus ftlhrt zu 
immer entfernteren Ursachen zurttck; aber wie weit wir auch 
diese verfolgen mögen, immer werden wir auf empirische Ur- 
saehen geführt, ohne irgendwann eine solche anzutreffen, die 
von selbst zu wirken angefangen hätte. Nun hat aber die 
Kritik gezeigt, dafs die ganze Erfahrungswelt an sich in 
dieser ihrer Beschaffenheit und Gestalt gar nicht existiert. 
Sie ist nur die Vorstellung, das empirische Abbild eines für 
unsere Erkenntnis unzugänglichen Beiches von intoUigiblen 
Gegenständen, die weder entstehen noch vergehen. 

Der raum-zeitliehen empirischen Kausalreihe steht also 
ein X gegenüber. Beide stehen wiederum zueinander in einem 
kausalen Verhältnis, in welchem das x die Ursache, die 
empirische Welt die Wirkung ist Eigentlich ist das x mit 
der empirischen Welt identisch. Denn nur fttr das wahr- 
nehmende Subjekt spaltet es sieh in eine phänomenale und 
unerkennbare Welt, indem es diesem affizierten Subjekt in der 
Gestalt der Erfahrung erscheint Dies alles war, mehr oder 
weniger deutlich, bereits in der transscendentalen Ästhetik 
vorgetragen. Werden aber diese Prämissen angenommen, so 
brauchen wir, ^um zur intelligiblen Kausalität zu gelangen, 
gar keine neue Annahme zu machen, sondern können auf rein 
analytischem Wege das Verhältnis der Dinge an sich zur Er- 
scheinung bestimmen. 



*) rrolegomena § 53 

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94 

Dieses Verhältnis, haben wir gesagt, ist kansal: das x ist 
die Ursache der Empirie. Diese Kausalität ist jedoch keine 
empirische, denn die Ursache ist nicht in der Zeit Dadnreh 
zeigt sie aber die Fähigkeit, einen Zustand von selbst anzu- 
fangen, ohne selbst eine andere Ursache zu ihrer eigenen Ent- 
stehung zu bedürfen, weil sie ja als zeitlos gar nicht entsteht 
Also ist die Kausalität, die das Verhältnis des Dinges an sieh 
zur Erscheinung ausdrückt, eine Kausalität durch Freiheit 

Wenn wir also die Kausalreihe . . . Un Un+i Un+s ... be- 
trachten, so ist es nur Schein, wenn wir glauben, Un+i sei die 
Wirkung von Un, denn sowohl Un wie Un+i sind keine Dinge, 
sondern blofse Vorstellungen von Dingen, als solche können 
sie aber einander gar nicht herrorbringen. Vielmehr ist die 
ganze Kette der Erscheinungen mit samt ihrer gesetzmälsigen 
Verknüpfung nur eine unmittelbare Wirkung eines — oder 
mehrerer — ihnen zugrunde liegenden x. Die ganze Empirie 
ist der unmittelbare Ausdruck der intelligiblen Welt Wenn 
wir demnach einen Begressus zur ersten Ursache unternehmen 
wollten, so würden wir umsonst die Reihe von Un bis zu Ub— <» 
durchzulaufen suchen — wir würden immer nur subalterne 
Ursachen bekommen. Hingegen genügt der Bückgang zur 
wirklichen Ursache der Erscheinung — zum Ding an sich. 



Es sei mir gestattet, trotz der Unanscbaulichkett des zu be- 
handelnden Gegenstandes, folgendes Schema anfzustellen: 

. . . X-^ ►X'^ ►!-• ^X-i ►X 

i i l i l 

... Un — ► Un+l— ►Un+S— *^Un+8"-*Un+4« • . 

Wir nehmen der Einfachheit halber an, dafs es mehrere Dinge an sich 
gibt, und zwar, dafs jeder Erscheinung ein besonderer tranascendentaler 
Gegenstand substituiert. Die Dinge an sich seien durch die xx symbolisiert. 
Ihr empirisches Equivalent ist die Reihe der Erscheinungen Un, Uo+i usw. 
Nun findet nach Kants ausdrücklicher Lehre die Idee der Freiheit ledig- 
lich statt „in dem Verhältnis des Intellektuellen, als Ursache, zur Er- 
scheinung als Wirkung*'. Die intelligible Kausalität kann also nur durch 
den von uns gezeichneten vertikalen Pfeil symbolisiert werden. Daraus 
ist aber zugleich ersichtlich, dafs die intelligible Kausalität allein noch gar 
nicht über den Charakter und die Gesetzmäfsigkeit der Erscheinungen 
untereinander entscheidet. Die von Kant gelehrte Freiheit Undert also 
nicht, daijs das durch Freiheit entstandene Geschehen in der Empirie 
als dem Kausalgesetze gehorchend angesehen wird. 



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95 

Wir haben dann keinen weiten Weg znrttekzalegen, wenn wir 
ans aach gestehen müssen, dafs wir einen Spmng in die 
Transseendenz nnternommen haben. — Das ist die durehans 
begreifliehe nnd — solange nnr als problematisehe Ansieht 
Torgetragen — vom kritisehen Standpunkt zulässige Lösnng 
des Problems der kosmologisehen Freiheit. Sie ftthrt, wie ge- 
sagt, nichts Nenes ein, sie ist nnr eine Konsequenz der bereits 
in der Ästhetik vollzogenen Scheidung der Gegenstände in 
Phänomena nnd Noumena. 

Ganz anders verhält sich die Sache, wenn man diese 
Losung auf das Problem der praktischen oder psychologischen 
Freiheit überträgt Dann erheben sich Schwierigkeiten, die 
den scharfsinnigsten Erklärungsversuchen Trotz bieten. Die 
Lebre von der praktischen Freiheit hat denn auch von Anfang 
aui) den eigentlichen Stein des Anstofses in der Antinomien- 
lebre gebildet Zwar klingt es sehr plausibel, wenn Kant sagt, 
dafs, wenn man einmal ein Vermögen angenommen habe, das 
imstande ist, eine Reihe von selbst anzufangen, dann nichts 
im Wege stehe, auch „mitten im Laufe der Welt verschiedene 
Beihen der Kausalität nach von selbst anfangen zu lassen, 
und den Substanzen derselben ein Vermögen beizulegen, ans 
Freiheit zu handeln*« Will man aber die Konsequenz dieser 
weiteren Annahme mit in Kauf nehmen, so scheint es, dafs 
die Naturnotwendigkeit überhaupt geopfert werden müsse.^) 

Solange nur gesagt wird, die ganze empirische Kausal- 
kette sei der phänomenale Ausdruck einer intelligiblen Kausalität, 
so ist dagegen nichts einzuwenden. Sollen aber in dieser Kette 
selbst hie nnd da frei handelnde Subjekte eingeschaltet werden, 
80 ist es unbegreiflich, wie das Naturgesetz in seiner Integrität 
gewahrt bleiben kann. Wenn die praktische Freiheit nur darin 
bestehen soll, dafs unter den sonstigen Dingen an sich unsere 
Vernunft ebenfalls als Noumenon von selbst zu handeln anfängt, 
80 ist nicht einzusehen, warum die Handlungen der Vernunft 
gegenüber der Naturnotwendigkeit eine besondere Wertung 

*) Man vgl. oben S. 91 Anm. 1. 

*) IXiese Schwierigkeit scheint Er dm an n anzudeuten, wenn er sagt, 
er wolle nicht untersuchen, „ob nicht die praktische Freiheit mit dem 
kosmologisehen Begriff derselben ebenso unverträglich sei, wie das 
theoretische mit dem praktischen A- priori^; a. a. 0. 159. 



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96 

erhalten sollten, da doch alles, was geschieht, eigentlich nur 
der Aasdmek frei handelnder Dinge an sieh ist Femer ist 
das Sollen im Gegensatz zu dem, was bereits geschehen ist, 
unverständlich, denn es ist nach Kants ausdrttcklicher Lehre 
nicht möglich, dafs die Sinnlichkeit aaf eine Vernunft, die 
Noumenon ist, irgend eine Wirkung ansttben könnte, um deren 
Handlung unfrei zu machen. Endlich scheinen die Beweise, 
die Kant für diesen Punkt anführt, nicht zwingend zu sein. 
Wenn unsere abfällige Beurteilung einer bösen Tat als Beweis 
für die Möglichkeit freier Handlungen angeführt, indem be- 
hauptet wird: ,wenn wir sagen, dafs unerachtet seines ganzen 
bis dahin geführten Lebenswandels der Täter die Lttge doch 
hätte unterlassen können, so bedeutet dies nur, dafs . . . die 
Vernunft in ihrer Kausalität keinen Bedingungen der Erscheinung 
. . . unterworfen ist*",!) — so kann demgegenüber geltend ge* 
macht werden, dafs aus eben dieser Zurechnung mit nicht 
geringer Evidenz hervorgeht, dafs unsere Beurteilung mensch- 
licher Hanndlungen falsch ist. Übrigens, was bedeuten eigent- 
lich die hier oft angeführten „Bedingungen der Erscheinung*, 
sind sie etwas anderes als der phänomenale Ausdruck einer 
intelligiblen Gesetzmäfsigkeit? Wir brauchen jedoch die 
Schwierigkeiten, die der Begriff der praktischen Freiheit mit 
sich führt, nicht weiter auszuführen. Für unseren Zweck 
müssen wir vielmehr den Sinn der kosmologisehen Kausalität 
näher ins Auge fassen. 

Zu diesem Zwecke wollen wir unser obiges Schema noch 
einmal anführen: 



x^ 




^X< 


-♦X-« 


■►X 


i 




i 


i 


i 


Hn 


— > 


Un+1- 


->Un+«- 


■*Un+8 



Wir haben gesagt, dafs die Kausalität durch Freiheit nur 
das Verhältnis des Intelligiblen zur Reihe der Erscheinungen 
ausdrücken kann. Dieses Verhältnis wurde durch die vertikalen 
Pfeile angedeutet Hingegen haben wir zwei andere Verhält- 
nisse anfser Betracht gelassen: das Verhältnis der Erscheinungen 
untereinander und dasjenige der Uinge selbst zueinander. Die 
kosmologische Freiheit als solche kann auf die Art dieser 

*) Kr. 584. 

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97 

Verhältnisse keinen EinfloTs üben. Nnn wissen wir — a priori 
oder dnreh Erfahrung, bleibt sieh hier gleich — , dals nnter 
den Erseheinnngen eine kansale Naturnotwendigkeit herrseht 
(sie wird in unserem Schema durch die unteren horizontalen, 
nach rechts gerichteten Pfeile ausgedrückt). Was Air Verhält- 
nisse unter den Dingen an sieh herrsehen, können wir nicht 
wissen. Das eine wissen wir jedoch, dab Gesetzmäfsigkeit 
kein aussehlieislich empirischer Begriff ist Man lese noch 
emmal: „Ebensowenig können wir fttr reine Verstandeswesen, 
z, B. Gott, sofern seine Handlung immanent ist, einen Begriff 
von Freiheit angemessen finden. Denn seine Handlung, obzwar 
unabhängig von äulseren bestimmenden Ursachen, ist dennoch 
... in der gStttliehen Natur bestimmt^ ^^ Verhältnis der 
Noumena ist also eine bestimmte Gesetzmäfsigkeit (in unserem 
Schema dureh die Doppelpfeile symbolisiert). Nunmehr handelt 
es sich um die Bestimmung des Verhältnisses, welches zwischen 
der intelligiblen Gesetzmäfsigkeit und der Kausalität der Er- 
scheinungen herrscht. Bewirkt die intelligible Kausalität nur, 
dafs Erscheinungen sind, während die notwendigen Gesetze 
anter ihnen von dem spontanen Verstand geschaffen werden; 
— oder igt sowohl die Existenz, wie die Ursächlichkeit der 
Erscheinungen ausschliefslioh durch ihre Substrate und die 
nnter ihnen selbst herrschende Gesetzmäfsigkeit bedingt? 
Fttr beide Teile der Altemattve lassen sich in der Kritik 
positive Antworten finden. Die Deduktion hat gelehrt, dafs 
wir der Natnr Gesetze Yorschreiben. Hier wiederum fragt 
Kant, ob es denn nicht möglich sei, „dafs, obgleich zu jeder 
Wirkung in der Erscheinung eine Verknüpfung mit ihrer Ur- 
sache nach Gesetzen der empirischen Kausalität erfordert wird, 
dennoch diese empirische Kausalität selbst . . . eine 
Wirkung einer nicht empirischen, sondern intelligiblen 
Kausalität sein könne^.^) Und an einer anderen Stelle heilBt 
es noeh bestimmter: „. . • ein anderer intelligibler Charakter 
wttrde einen anderen empirischen gegeben haben.* 3) Wie 
sind diese beiden entgegengesetzten Ansichten zu yereinigen? 

>) Man Tgl. aolserdem Er. 164: , Dingen an sich selbst würde ihre 
Geaetsmälsigkeit notwendig . . . zukommen.^ 
•) Kr. 572. 
») Kr. 584. 

PliiloiophifclM Abhandlimgeii. XLI. 7 



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98 

Aach das Problem der empirischen Gesetze fällt noch ins 
Gewicht Wäre die Gesetzmäfsigkeit der Erscheinnngen das 
Werk des spontanen Verstandes, dann mttfste sie sich ins- 
gesamt a priori ans dem Verstände ableiten lassen. Dies trifft 
jedoch fttr die empirischen Gesetze nicht zn. Um sie zu er- 
klären, bleibt also nichts anderes übrig, als anf die Dinge an 
sieh zu rekurrieren. Ist es aber einleuchtend, dals die mindeste 
Abweichung eines empirischen Gesetzes von demjenigen des 
reinen Verstandes, dieses Verstandesgesetz yemichten würde, 
so taucht die Frage von neuem auf: auf welchem Prinzip be- 
ruht die Übereinstimmung der empirischen, vom Verstände 
völlig unabhängigen Gesetzmäfsigkeit der Erscheinungen mit 
den reinen Gesetzen, die der Verstand diesen Erscheinungen 
vorschreibt? Soll aber die gesamte Naturnotwendigkeit nur 
der phänomenale Ausdruck der intelligiblen Gesetzmäfsigkeit 
sein, so ist es unbegreiflich, wie noch von einem der Natnr 
Gesetze vorschreibenden Verstände die Rede sein kann. — Wir 
sehen also, die Auflösung der dritten Antinomie vermag den 
Widerspruch, der im Kantischen System entsteht, wenn em- 
pirische Gesetze zugegeben werden, nicht zu lösen. Vielmehr 
wird dieser Widerspruch durch die genaue Feststellung des 
Sinnes der intelligiblen Kausalität noch verschärft. Nunmehr 
wollen wir zusehen, welchen Ausweg Kant findet, als ihm 
dieses Problem durch die Kritik vor Augen geführt wird, 
und ob die Einführung des neuen Prinzips, von dem gleich 
gehandelt werden soll, die Schwierigkeit zn beseitigen vermag. 

Die prästabilierte Harmonie und die empirischen Gesetze. 

Das Problem der empirischen Gesetze hat Kant in der 
Kritik der reinen Vernunft selbst noch nicht beunmhigt 
Dort heifst es noch: „. . . alle empirischen Gesetze sind 
nur besondere Bestimmungen der reinen Gesetze des Ver- 
standes, unter welchen und nach deren Norm jene aller- 
erst möglich sind und die Erscheinungen eine gesetzliche 
Form annehmen . . .* ^^^ entsprechende Stelle in der 2. Auf- 
lage ist schon etwas schüchterner gehalten. In den Losen 



Kr. A 128. 

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99 

Blättern findet sich zwar eine Aufzeichnung, die anscheinend 
nach dem Jahre 87 niedergeschrieben worden ist and die zeigt, 
dals das Problem der empirischen Gesetze Kant zu bennmhigen 
beginnt So sehreibt er dort: ,Es mttssen zweierlei Prinzipien 
der Einheit a priori sein, Einheit der Intellektion ^ der Er- 
seheinnngen a priori, sofern wir dnrch sie bestimmt werden, 
und Einheit der Spontaneität des Verstandes, sofern die Er- 
scheinungen dnreh ihn bestimmt werden." 2) Aber auch hier 
findet sich noch kein Wort darüber, wie diese beiden Prinzipien 
in eine Einheit der Erfahmngen zosammenstimmen müssen.') 
Jedoch schon zwei Jahre nach dem Erscheinen der 2. Auflage 
der Kritik sieht sich Kant infolge der Einwände Maimons 
gezwungen, ein neues Prinzip in seine Erkenntnistheorie ein- 
zofllhren. Es ist dies das Prinzip einer transscendentalen 
prästabilierten Harmonie zwischen der Sinnlichkeit und 
dem Verstände, die yielleieht Gott beim Schöpfungsakt in unser 
Erkenntnisvermögen gelegt hat Ein alter Gedanke Kants, der 
ihn in der Periode des strengsten Kritizismus nicht verlassen 
hatte, und der als private Meinung neben dem kritischen 
Ignoramos einherging. ^) Jetzt wird dieser Gedanke genau 
präzisiert, and es wird der Versuch gemacht, diese transscen- 
dentale prästabilierte Harmonie mit dem Ergebnis der Analytik 
in Einklang zu bringen. 

In einem Briefe an Herz, der fttr Maimon bestimmt war, 
heilst es: .Nun fragt Hr. Maimon: Wie erkläre ich mir die 
Möglichkeit der Zusammenstimmung der Anschauung a priori 
zu meinen Begriffen a priori, wenn jede ihren spezifischen ver- 
sebiedenen Ursprung hat, da dieselbe zwar als Faktum gegeben, 
aber ihre Bechtmäfsigkeit oder die Notwendigkeit der Über- 
einstimmung zweener so heterogener Vorstellungsarten nicht 

^) Intellektion s „Einstimmung der Erscheinungen untereinander**, 
L. 6L S7. 

>) Ebenda 111. 

■) Der Versuch einer ErklSrung, die Kant an einem anderen Orte 
gibt, Ist lediglich eine Konstatiemng der Tatsache. «Die intellektuellen 
Funkttouen machen den An&ng bei der Apprehension, allein die Spezi- 
fikation gibt uns die Regel der Anwendung dieses Begriffs, daher können 
bestimmte Regeln der Synthesis nur durch Erfahrung gegeben werden, 
die allgemeine Norm derselben aber a priori.** L. Bl. 39. 

*) Man vgl. Kumetaro Sasao a. a. 0. 29. 

7* 



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100 

begreiflich gemacht werden kann; und umgekehrt, wie kann 
ich durch meinen Verstandesbegriff z. B. der Ursaehe, dessen 
Möglichkeit an sich doch nur problematisch ist, der Natar, 
d. i. den Objekten selbst, das Gesetz vorschreiben; zuletzt gar, 
wie kann ich selbst von diesen Funktionen des Verstandes, 
deren Dasein in demselben auch blofs ein Faktum ist, die 
Notwendigkeit beweisen, die doch vorausgesetzt werden mntsj 
wenn man ihnen Dinge, wie sie uns immer vorkommen 
mögen, unterwerfen will* i) Kant erwidert darauf, indem er das 
Resultat seiner Analytik rekapituliert, wobei er kein Jota von 
seiner Lehre aufgibt, er bemerkt jedoch am Schluis: ,Wie 
aber eine solche sinnliche Anschauung (als Raum und Zeit) 
so von unserer Sinnlichkeit oder solchen Funktionen des Ver- 
standes, als deren die Logik aus ihm entwickelt, selbst möglich 
sei, oder wie es zugehe, dafs eine Form mit der anderen 
zu einem möglichen Erkenntnis zusammenstimme, das ist uns 
schlechterdings unmöglich weiter zu erklären ... Es ist miislich, 
den Gedanken, der einem tiefdenkenden Manne obgeschwebt 
haben mag und den er sich selbst nicht recht klar machen 
konnte, zu erraten; gleichwohl überrede ich mir sehr, dafs 
Leibniz mit seiner vorherbestimmten Harmonie . . . nicht die 
Harmonie zweier verschiedener Wesen, nämlich Sinnen- und 
Verstandeswesen, sondern zweier Vermögen eben desselben 
Wesens, in welchem Sinnlichkeit und Verstand zu einem Er- 
fahrnngserkenntnisse zusammenstimmen, vor Augen gehabt habe, 
von deren Ursprung, wenn wir ja darttber urteilen wollten, 
obzwar eine solche Nachforschung gänzlich über die mensch- 
liche Vernunft hinausliegt, wir weiter keinen Grund ala den 
göttlichen Urheber von uns angeben können.* 

Man sieht deutlich, dafs die von Kant hier interpretierte 
prästabilierte Harmonie, die sich infolge dieser Interpretation 
in eine transscendentale verwandelt, Kants eigene Ansicht ist 
Noch deutlicher ist Kant am Schlüsse der Streitschrift gegen 
Eberhard, wo besonders das Problem der empirischen (besetze 
ganz deutlich hervorgehoben wird. Kant sagt daselbst: ^Eb 
läfst sich die Gemeinschaft zwischen Verstand und Sinnlich- 
keit in demselben Subjekt nach gewissen Gesetzen a priori 



1) Brief an Herz vom 26. Mai 1789. 

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101 

wohl denken and doch zugleich die notwendige natürliche 
Abhängigkeit der letzteren von änfseren Dingen, ohne diese 
dem Idealismns preiszugeben. — Von dieser Harmonie zwischen 
dem Verstände and der Sinnlichkeit, sofern sie Erkenntnisse 
von allgemeinen Naturgesetzen a priori möglich macht, hat 
die Kritik genügende Gründe angegeben, dafs ohne diese keine 
Erfahrung möglich ist, mithin die Gegenstände . • . von uns in 
die Einheit des Bewufstseins gar nicht aufgenommen werden 
und in die Erfahrung hineinkommen, mithin für uns nichts 
sein würden. Wir konnten aber doch keinen Grund angeben, 
warum wir gerade eine solche Art der Sinnlichkeit und eine 
solche Natur des Verstandes haben, durch deren Verbindung 
Erfahrung möglieh wird; noch mehr, warum sie als sonst völlig 
heterogene Erkenntnisquellen zu der Möglichkeit eines Er« 
fahrungserkennlnisses überhaupt, hauptsächlich aber zu der 
Möglichkeit einer Erfahrung von der Natur unter ihren mannig- 
fachen besonderen und blofs empirischen Gesetzen, von 
denen uns der Verstand a priori nichts lehrt, doch so gut immer 
zQsammenstimmen, als wenn die Natur für unsere Fassungs- 
kraft absichtlich eingerichtet wäre; dieses konnten wir nicht 
(und das kann auch niemand) weiter erklären. Leibniz nannte 
den Grund davon . . . eine vorherbestimmte Harmonie, wodurch 
er augenscheinlich jene Übereinstimmung nicht erklärt hatte, 
auch nicht erklären wollte, sondern nur anzeigte, dafs wir da- 
doreh eine gewisse Zweekmäfsigkeit in der Anordnung der 
obersten Ursache unserer selbst sowohl, als aller Dinge aufser 
uis zu denken hätten und diese zwar schon als in die Schöpfung 
gelegt (vorherbestimmt), aber nicht Vorherbestimmung aufser- 
einander befindlicher Dinge, sondern nur der Gemütskräfte in 
ims, der Sinnlichkeit und des Verstandes nach jeder ihrer eigen- 
tamlichen Beschaffenheit füreinander, so wie die Kritik lehrt, dafs 
sie zum Erkenntnisse der Dinge a priori stehen müssen/ 1) 

Diese transscendentale prästabilierte Harmonie ist aller- 
dings eine dogmatische Hypothese, die Kant auch deshalb 
mit einer gewissen Reserve erwähnt Sie steht jedoch nicht — 
wie es auf den ersten Blick scheinen könnte — mit dem 
Besultat der Analytik im Widersprueh. Sowohl hier, wie in 



') Über eine Entdeckung usw. gegen Ende, 

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102 

dem erwähnten Briefe an Herz wird aasdrttcklieh hervorgehoben, 
dafs hier nieht die Rede ist von einer , Vorherbestimmang aofser- 
einander befindlieher Dinge, sondern der Gemtttskräfte in ims*, 
nieht von einer «Harmonie zweier verschiedener Wesen, nämlich 
Sinnen- and Verstandeswesen, sondern zweier Vermögen eben 
desselben Wesens, in welchem Sinnlichkeit and Verstand za 
einem Erfahrangserkenntnisse zusammenstimmen*. In dieser 
Fassang ist aber die Harmonie nar eine weitere Konsequenz 
der Analytik. Diese hat gezeigt, dafs wir deshalb von der 
Natar eine Erkenntnis a priori besitzen, weil die Erscheinongen, 
wenn sie überhaupt gedacht werden sollen, den allgemeinen 
Gesetzen des Verstandes gemäfs sein mttssen. Die Tatsache der 
Erfahrung, die wissenschaftliche Erfahrbarkeit der Natur, beweist 
also die Konformität der Erscheinungen mit unserem Erkenntnis- 
vermögen. Nunmehr fragt es sich, wie ist diese, auf transscenden- 
talem Wege bewiesene Übereinstimmung zu erklären? Wohl 
nicht anders, als durch die Annahme einer vorherbestimmteD 
Harmonie zwischen dem Verstände und der Sinnlichkeit 

Es wäre jedoch Übereilt, anzunehmen, dafs durch die 
Betonung dieser Harmonie die Schwierigkeit, die das Vor- 
handensein empirischer Gesetze der Kantischen Erkenntnislelire 
bereitet, tatsächlich beseitigt worden sei. Denn Kant bringt 
hier zwei Fragen zusammen, die miteinander nichts zu tun 
haben. Es ist für die Erkenntnistheorie von gar keiner Be- 
deutung, «warum wir gerade eine solche Art der Sinnlichkeit 
und eine solche Natur des Verstandes haben*^, so wenig wie 
es uns interessieren kann, warum wir gerade zwölf Kategorien 
haben, oder warum der intelligible Charakter gerade diesen 
empirischen gebe. Derartige Fragen wurden auch schon in der 
Kritik und in den Prolegomena gestreift. Nicht minder belanglos 
ist es, nach dem letzten Grund der Übereinstimmung des Ver- 
standes mit der Sinnlichkeit zu fragen, wenn die Erkenntnis- 
lehre nur gezeigt hat, dafs sie miteinander übereinstimmen 
mttssen. Von gröfster Bedeutung ist jedoch die Frage von 
dem Verhältnis der empirischen zur reinen Erkenntnis. Hier 
darf Kant sich nicht auf die Beschränktheit unserer Einsicht 
berufen. Denn wird dieses Verhältnis nicht genau bestimmt 
und wird nicht gezeigt, wie empirische Gesetze neben den 
reinen möglich sind, so ist die Deduktion selbst nicht zu 



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103 

begreifen. Zar ErUärang der Möglichkeit «einer Erfabrang 
Ton der Katar unter ibren mannigfachen besonderen and blols 
empirisehen Gesetzen, von denen ans der Verstand a priori 
nichts lehrt*, genttgt es aber nicht eine Harmonie zwischen 
den Erkenntniskräfken unseres Gemüts anzunehmen. Es mttfste 
vielmehr gezeigt werden, wie es zugehe, dafs «alle empirischen 
Gesetze* trotz ihrer Aposteriorität ,nur Bestimmungen der reinen 
Gesetze des Verstandes* sein müssen. Am leichtesten könnte 
diese Frage dadurch gelöst werden, wenn man eine Vorher- 
bestimmung der Dinge aufsereinander annehmen würde. Diesen 
Aasweg muüste Kant jedoch mit aller Entschiedenheit zurück- 
weisen. Denn die Annahme einer derartigen Harmonie würde 
die Bückkehr zam dogmatischen Bationalismus bedeuten. Aber 
aneh die kritische Lösung unseres Problems kann nicht ganz 
befriedigen. Die strickte Durchführung des «Kopemikanischen 
Gedankens*, dals die Dinge sich nach den Begriffen richten 
mttssen, hätte zu dem Ergebnis führen müssen, daCs jede 
Bewegung, Lage oder jedes besondere Verhältnis unter den Er- 
scheinungen darch den spontanen Verstand geschaffen werden. 
Denn das Erfahrangsmaterial müfste uns völlig ungeordnet 
gegeben werden, damit es sich den apriorischen Formen füge. 
Dann dürfte es aber gar keine empirische Gesetzmäfsigkeit, 
sondern nur reine Erkenntnisse geben. Oder aber es müfste 
der aposteriorische Charakter der besonderen Gestaltungen der 
Materie und ihrer empirischen Verhältnisse auf die Unbewulst- 
heit der entsprechenden Funktionen der Kräfte unseres GemUts 
snrüekgefllhrt werden, was jedoch zu gewagt gewesen wäre. 
Denn erstens war für eine derartige Annahme kein Beweis zu 
erbringen; zweitens wäre nicht einzusehen, warum man bei 
der Schöpfung der besonderen Formen stehen bleiben, und 
nicht aach die Hervorbringung der Materie dem unbewufst 
schaffenden Verstände zuschreiben solle. Dies wäre jedoch 
weder mit dem Bealismus Kants, noch mit seinen praktischen 
Intentionen zu versöhnen gewesen. Kant hat deshalb auch 
die Konsequenz seiner Lehre von der «Bevolntion der Denk- 
art* niemals so weit ausgeftlhrt Das Problem der empirischen 
Gesetze blieb deshalb ungelöst Denn so wenig wie der Über- 
gang von der transscendentalen Einheit der Apperzeption zu 
den einzelnen Kategorien durch eine lückenlose Deduktion 



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104 

geschehen ist, so wenig ist es Kant gelungen, die empirisehen 
Gesetze aas diesen Kategorien abzuleiten and mit ihrer Apriorität 
in Einklang za bringen. Kant ist sieb dieser Lücke and dieses 
Widerspruchs in seinem System niemals ganz klar bewolst 
geworden. Trotzdem war das eigentliche and wichtigste Ziel 
seiner Untersuchungen erreicht Aus seinen unumstöfslichen 
Prämissen folgt mit völliger Sicherheit, „dafs aller Gebrauch 
der reinen Vernunfk niemals worauf anders, als auf Gegenstände 
der Erfährung gehen kOnne, und, weil in Grundsätzen a priori 
nichts Empirisches die Bedingung sein kann, sie nichts weiter 
als Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung ttberhanpt 
sein können. Dieses allein ist das wahre und hinlängliche 
Fundament der Grenzbestimmung der reinen Vernunft, aber nicht 
die Aufgabe: wie nun Erfahrung vermittelst jener Kategorien 
und nur allein durch diese möglich sei . . . und gesetzt, die 
Art wie Erfahrung dadurch allererst möglich werde, könnte 
niemals hinreichend erklärt werden, so bleibt es doch un wider- 
sprechlich gewifs, dafs sie blols durch jene Begriffe möglich, 
und jene Begriffe umgekehrt auch in keiner anderen Beziehung, 
als auf Gegenstände der Erfahrung einer Bedeutung und irgend- 
eines Gebrauchs fähig sind.*i) 

Von hieraus läfst sich nunmehr auch die Bolle des Dinges 
an sich beim Zustandekommen der empirischen Anschauung 
genauer bestimmen. .Was den Veränderungen in den intellec- 
tualibus respondiere, wissen wir*^ zwar nach wie vor „nichts ') 
noch weniger, was den Qualitäten, Formen, Bewegungen und 
Gestalten, oder sogar einzelnen Individuen in den Substraten 
entspricht. Ist aber die Mannigfaltigkeit der empirisehen 
Anschauung und ihrer besonderen Verhältnisse nicht das Werk 
des spontanen Verstandes, so müssen wir auf die Dinge an 
sich zurückgehen und die Mannigfaltigkeit der Qualitäten, der 
Formen und des Geschehens auf die mannigfache, differenzierte 
Wirkung dieser Dinge zurückfahren, s) Trotzdem bleibt es 



») Met. Anfgr. der Natw., Vorr. WW. IV, 476 Anm. 

*) Reflexion Nr. 1164. 

*) Das schemt auch eine Aufzeichnung bei Beicke anzudeuten: JAe 
blofse Apprehension", heifst es dort, „erklärt schon, dals hinter der 
Erscheinung eine Substanz, Ursache oder Zusammensetzung sein 
müsse ..." L. Bl 89. 



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105 

iweifelliaft, ob das Ding an sich .in ans oder auch aofser 
uns anzutreffen sei'',^ ja man darf nicht einmal mit Bestimmt- 
heit sagen, dafs es mehrere Dinge an sich gibt^) oder endlich, 
dals sie verschieden sind. Denn wir haben in .unserer absolut 
spontanen Vernunft, im freien Willen ein Analogen dafür, wie 
aus einem allem Anscheine nach einfachen Vermögen die mannig- 
fachsten Wünsche entstehen können, weil der Wille in dieser 
Beziehung tatsächlich unendlich ist 



>) Man TgL Kr. 344. 

*) Man Tgl. L. Bl. 209. „Dafs die Idealität des Raumes und der 
Zeit . . . nicht den realen Idealism enthalte, der vorgibt, dafs der Wahr- 
nehmung ... gar kein Gegenstand ... gegeben sei, sondern dafs diesem 
Gegenstande oder diesen äufseren Gegenstiinden (welches 
nnausgemacht bleibt) nur nicht dieselbe Form des Raumes an sich 
zukomme . . ." Und an einer anderen Stelle sagt Kant: „Viele Leser der 
Kritik stehen noch immer in dem Wahne, dais wenn ich sage, dem Zu- 
sammengesetzten im Raum liege das intelligible Einfache zum Grunde, 
als ob ich sagen wollte: so viele Punkte, so viele Monaden.^ Ebenda 230. 



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Anhang. 



Von den Wahmehmungs- und Erfahrnngsurteilen. 

Die Lehre von den Wahraehmnngs- und Erfahrangsurteilen 
gehört bekanntlich za denjenigen, die von jeher der Inter- 
pretation die gröfsten Schwierigkeiten bereitet haben. Ich 
glaube jedoch, dafs ein erheblicher Teil dieser Schwierigkeiten 
beseitigt wird, wenn man nur genan feststellt, was Kant eigent- 
lich mit dieser seiner Einteilung bezwecken wollte. 

Ein Wahrnehmangsarteil ist eine Synthesis von Wahr- 
nehmungen in einem Subjekt Wenn ich z. B. das Urteil fälle: 
,der Zucker ist sttfsS so geschieht dies auf Grund der Emp- 
findungen, die der Zucker in mir hervorrufL Was ich mit 
einem derartigen Urteil zunächst aussagen will, ist nicht die 
Qualitätsbezeichnung des Zuckers, sondern die Konstatiernng 
der Empfindung, die beim Genüsse des Zuckers in meinem 
Subjekt auftritt. Zwar ist das erwähnte Urteil der Form nach 
objektiv, jedoch dem Inhalte nach ist es nicht minder subjektiv, 
als das Urteil: ,es friert mich^ Derartige Urteile haben deshalb 
nur Gültigkeit für mich und meinen gegenwärtigen Zustand; 
ob ein anderer Mensch und ob ich selbst morgen beim Genüsse 
des Zuckers dieselben Empfindungen haben werde, kann ich 
nicht vorausbestimmen. Anders verhält es sich beim Urteil: 
,die Luft ist elastisch^ Auch dieses Urteil ist zunächst nur ein 
Wahrnehmungsurteil, es kann aber unter gewissen Umständen 
ein Erfahrungsurteil werden, d.i. ein Urteil, das vom Objekt, 
hier von der Luft gilt; denn was Erfahrung unter gewissen 
Umständen mich lehrt, muüs sie mich immer und auch jeder- 
mann lehren. Wie kommt es aber, dafs ein und dasselbe 
Urteil das eine Mal nur subjektive und momentane, das andere 
Mal allgemeine Gültigkeit besitzt? Kants Antwort lautet: Eine 



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107 

Wahrnehmung wird in eine Erfahrnng verwandelt, wepn ein 
Verstandesbegriff znm Wahmehmangsnrteil hinzutritt Znr Er- 
läuterung gibt Kant folgendes Beispiel »Wenn die Sonne 
den Stein bescbeint, so ?nrd er warm. Dieses Urteil ist ein 
blofses Wahrnehmungsurteil und enthält keine Notwendigkeit, 
ieh mag dieses noch so oft und andere auoh noch so oft 
wahrgenommen haben; die Wahrnehmungen finden sich nur 
gewöhnlich so verbnuden. Sage ich aber: die Sonne erwärmt 
den Stdn, so kommt ttber die Wahrnehmung noch der Ver- 
standesbegriff, der Ursache hinzu, der mit dem Begriff des 
Sonnenscheins den der Wärme notwendig yerknttpft, und das 
synthetische Urteil wird notwendig allgemeingliltlg, folglich 
objektiy und aus einer Wahrnehmung in eine Erfahrung ver- 
wandelt'' 

Diese Einteilung der Urteile und ihre Wertschätzung fllr 
die Wahrheit scheint nun folgende Schwierigkeiten zu enthalten: 

1. geht aus dem Wortlaut Kants hervor, dafs die Um- 
wandlung des Wahrnehmnngs- in ein Erfahrnngsurteil, mithin 
die Subjektivität einer Aussage in eine notwendige Wahrheit, 
lediglich von unserem Willen abhängt, denn er sagt: «Will 
ieh, es soll Erfahrungsurteil heifsen, so verlange ich*\ usw. 
nleh will also, dafs ich jederzeit und auch jedermann die- 
selbe Wahrnehmung unter denselben Umständen notwendig 
Tcrbinden mttsse.*^) 

2. gibt Kant hier eine Anweisung, wie man aus subjek- 
tiven notwendige und allgemeingültige Urteile schafft, und 
zwar durch die Anwendung des Verstandesbegriffes, in unserem 
Falle der Kategorie der Ursache. Aber wie oft sehen wir, 
dafs Urteile, die einen Verstandesbegriff enthalten, falsch sind. 
Die Geschichte der Wissenschaften kann eine Unmenge der- 
artiger falschen Urteile aufweisen. 

3. Das Charakteristische der Erfahrungsurteile ist die Be- 
2iehung aufs Objekt, diese Urteile sind allgemeingültig. Nun 
sind >/,o unserer Urteile objektiv, d. h. sie beziehen ihre 
Prädikate auf einen Gegenstand, aber wie selten sind sie not- 
wendige Urteile? 



>) Prolegomena § 20 Anm. 
*) £benda § 19. 



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108 

4. Wie kann selbst das Urteil in nnserem Beispiel: ,die 
Sonne erwärmt den Stein ^ als notwendig angesehen werden? 
Lehrt doch Kant aasdrtteklich, dafs in jeder Erkenntnis nnr 
soviel Wissenschaft enthalten ist, als Mathematik in ihr Ver- 
wendung findet? 

Indessen lassen sich alle diese Schwierigkeiten beseitigen, 
sobald man auf das wahre Ziel der Kantischen Einteilung der 
Urteile seinen Blick richtet Dann zeigt sich, dafs Kant hier 
keineswegs eine Theorie der Urteilsgeltang, der Wahrheits- and 
Gewifsheitskriterien aufzastellen beabsichtigt, sondern lediglieh 
eine Deduktion der Kategorien geben will, die in eine meta* 
physische nnd eine transscendentale zerfällt Nnr täaseht die 
synthetische Methode, die er in den §§ 18 und 19 and znm Teil 
§ 20 anwendet, über das eigentliche Vorhaben Kants hinweg. 
Das Ziel ist, wie gesagt, eine Deduktion der Kategorien; die 
metaphysische Deduktion hat den apriorischen Charakter der 
Verstandesbegriffe nachzuweisen. Wenn gezeigt werden kann, 
dafs in einigen unserer Urteile Begriffe enthalten sind, die ans 
der Erfahrung nicht abgeleitet werden können, so ist dadareh 
bewiesen, dafs sie ihren Ursprung im Verstände haben. Diese 
metaphysische Deduktion gipfelt in dem Satze: ,Es geht ein 
ganz anderes Urtel voraus, ehe aus Wahrnehmung Erfahrang 
werden kann." i) Neben dieser metaphysischen Deduktion ver- 
sucht Kant die Bechtmäfsigkeit der Kategorien zu be- 
weisen, indem er zeigt, daljs die Kategorien es sind, die 
allererst unseren Wahrnehmungen die Beziehung aufs Objekt 
verschaffen. 

In der Analytik der Grundsätze, in der Kritik heifst es: 
,Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, 
und das erste, was er dazu tut, ist . . ., dafs er die Vorstellnng 
eines Gegenstandes überhaupt möglich macht**) Denn es 
fragt sich: „Wie kommen wir nun dazu, dafs wir den Vor- 
stellungen ein Objekt setzen, oder ttber ihre subjektive Realität 
als Modifikationen ihnen noch, ich weils nicht was für eine 
objektive beilegen?"') Nun sucht Kant zu zeigen, dab die 



^) Prolegomena § 20. 
*) Kr. 244. 
•) Kr. 242. 



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109 

Kategorien unsere Anscbannngen objektivieren. So ist der 
Begriff der GrOfse dasjenige, wodareh ^die Vorstellung eines 
Objekts zuerst möglich wird.^^) Ein zweites Objektivienings- 
mittel ist die Kategorie der Kansalität „Wenn wir antersachen, 
was denn die Beziehung auf einen Gegenstand unseren 
VorsteUungen für eine neue Beschaffenheit gebe und welches 
die Dignität sei, die sie dadurch erhalten, so finden wir, dafs 
sie niehts weiter tue, als die Verbindung der Vorstellungen 
auf eine gewisse Art notwendig zu machen und sie einer Regel 
[gemeint ist hier die Kausalität] zu unterwerfen."') Nicht 
minder ist die Kategorie der Gemeinschaft ein Objektiviernngs- 
mitteL Von ihr sagt Kant: Es „wird ein Verstandesbegriff 
TOD der wechselseitigen Folge der Bestimmungen dieser anlser- 
einander zugleich existierenden Dinge erfordert, um zu sagen, 
daüs die wechselseitige Folge der Wahrnehmungen im Objekte 
gegründet sei, und das Zugleichsein dadurch als objektiv vor- 
zostellen^s) 

Nichts anderes meint Kant hier in den Prolegomena, wenn 
er sagt: „Zergliedert man alle seine synthetischen Urteile, 
sofern sie objektiv gelten, so findet man, dafs sie niemals aus 
blo&en Anschauungen bestehen, die blofs . . . durch Vergleichung 
in ein Urteil verknüpft worden, sondern dafs sie unmöglich sein 
wflrden, wäre nicht über die von der Anschauung abgezogenen 
Begriffe noch ein reiner Verstandesbegriff hinzugekommen, unter 
dem jene Begriffe subsumiert und so allererst in einem objektiv 
gültigen Urteile verknüpft worden."*) 

Will man daher den §§18—20 keine anderen Absichten 
zumuten, als diese Feststellung der Apriorität der Kategorien 
und ihrer Bechtmälingkeit und sucht man in ihnen nicht eine 
Theorie der Urteilsgeltnng und der Wahrheitskriterien, so 
ver8ch?rinden alle Schwierigkeiten, die uns oben zugestofsen 
sind. Die Voraussetzung fttr obige Schwierigkeiten war die 
Auffassung, dab ein Erfahrungsurteil eo ipso ein objektiv 
gültiges Urteil ist Kant sagt jedoch nnr, „Urteile, sofern sie 



«) Kr. 208. 
«) Kr. 242. 
■) Kr. 267. 
*) Prolegomena § 20. 



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tio 

objektive Gültigkeit haben, sind ErfabrangsiiTteile^; dieser Satz 
ist aber nieht umkehrbar. „Objektive Gültigkeit and notwendige 
AUgemeingttltigkeit sind Wechselbegriffe. '^ Das Erfabrongs- 
nrteil ist aber zanäehst nur objektiv, nicht immer aber objektiv- 
gttltig. Das was das Erfahrnngsnrteil vom Wahmehmnngsnrteil 
unterscheidet, ist die Beziehung aufs Objekt; diese Beziehung 
beweist, dafs dem Urteil ein Verstandesbegriff vorangegangen 
ist, und ist die conditio sine qua non fbr eine Aussage, die 
allgemeingültig werden will; sie ist aber noch nieht der za- 
reichende Grund, der sie zur Wahrheit stempelt Immer wenn 
wir ein objektiv gültiges Erfahrungsurteil zergliedern, finden 
wir den Yerstandesbegriff darin enthalten, nicht aber genügt 
schon der Hinzutritt des Verstandesbegriffs, das nunmehr ob- 
jektiv gewordene Urteil (Erfahrungsurteil) objektiv- gültig zn 
machen. Wie gesagt, die synthetische Art, die Kant bei dieser 
Deduktion anwendet, die in keiner Weise etwas Neues zn 
dem hinzufügt, was nicht bereits in der Kritik gesagt worden 
wäre, täuschte über sein Vorhaben. Man glaubte hier nun 
einmal das Rezept gefunden zu haben, wie man aus den 
Wahrnehmungen Wissenschaft konstruiere, was sehr schön zum 
Text der zweiten Hauptfrage der Prolegomena pafste. Daher 
die Schwierigkeiten, die aber insgesamt verschwinden, sobald 
man einsieht, dafs Kant nirgends gesagt hat, dafs ein Er- 
fahrungsurteil durch diesen seinen Charakter objektiv-gültig 
sei. Dies wird übrigens dureh eine spätere Erörterung in der 
2. Auflage der Kritik ausdrücklich betont Kant führt da das 
Erfahrungsurteil an: „der Körper ist schwer^' im Gegensatz 
zur subjektiven Aussage: „wenn ich einen Körper trage, so 
fühle ich den Druck der Schwere^ und bemerkt, dafs das 
genannte Erfahrungsurteil zufällig sei, dafs die Vorstellungen 
Körper und Schwere in der empirischen Anschauung nicht not- 
wendig zueinander gehören, sondern sie werden verbunden 
„nach Prinzipien der objektiven Bestimmung aller Vorstellungen, 
sofern daraus Erkenntnis werden kann.'^^) 

Ob der Gedanke, der der Einteilung der Urteile in Wahr- 
nehmungs- und Erfahrungsnrteile zugrunde liegt, richtig ist; 
ob ein Wahrnehmungsurteil, wie es in der Kantischen Fassung 



») Kr. § 19. 



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111 

dasteht, ttberhanpt möglich ist, da doch jedes Urteil bereits 
Verbindung darch Kategorien voranssetzt; ob endlich die Be- 
ilehnng anfs Objekt erst vermittelst apriorischer Kategorien 
möglich wird, ist eine andere Frage. Das letzte ist jedoch 
keine Spezialität der Prolegomena, sondern eine Ansicht Kants, 
die er in der Kritik sehr energisch vertreten mafiite, da sie 
ihm zum Haaptbeweise für die Apriorität der Grundsätze ge- 
dient hat 



Dmckfehleryerbessemng. 

S. IJ, Z. 8 ist zu lesen: weniger statt: mehr. 

S. IS» Z. 17 Y. u. ist zu lesen: Noamena statt: Noumene. 

S. 18, Z. 16 ist zu lesen: mir statt: mich. 

S. 31, Z. 10 ist zu lesen: Zitat statt: zitat. 

S. 82, Z. 2 ist ySind' zu streichen. 

S. 92, Z. 14 V. u. ist zu lesen: Freiheit statt: Ereiheit. 

S. 93, Z. 8 V. u. ist zu lesen: eine unerkennbare statt: unerkennbare. 

S. 106, Z. 4 ist zu lesen: Schwierigkeit statt: Schwiorigkeit 



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Drnck von Ehrhardt KarraSi Halle a. S. 



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Verlag von Max Niemeyer in Halle a. 8. 

Bergmann y Hugo, Das philosophische Werk Bernard Bolzanos. Mit 
Benutzung ungedruckter Quellen kritisch untersucht Nebst einem 
Anhange: Bolzanos Beiträge zur philosophischen Grundlegung 
der Mathematik. 1909. 8. XIV, 230 S. Jk 7,— 

— Untersuchungen znm Problem der Evidenz der inneren Wahr- 

nehmung. 1908. 8. Vm, 96 S. Jk 2,80 

Dubs, Arthur, Das Wesen des Begriffs und des Begreifens. Ein Bei- 
trag zur Orientierung in der wissenschaftlichen Weltanschauung. 

1911. gr. 8. vm, 157 u. 207 S. . Ji 10,- 
Erdmann, Benno, Historische Untersuchungen über Kants Prolegomena. 

1904. 8. V, 144 S. Jk 3,60 

— Logik. Bd. I: Logische Elementarlehre. 2. völlig umgearbeitete 

Auflage. 1907. gr. 8. XVI, 814 S. geh. Jk 18 — 

in Leinen gebd. Jk 19, — ; in Halbfranz gebd. Jk 20, — 

Freytag, W., Ueber den Begriff der Philosophie. Eine kritische 

Untersuchung. 1904. 8. 47 S. ^ 1,— 

— Die Entwicklung der griechischen Erkenntnistheorie bis Aristoteles. 

In ihren Grundzügen dargestellt. 1905. 8. IV, 126 S. Jk 3,— 

— Die Erkenntnis der Aussenwelt. Eine logisch-erkenntnistheoretische 

Untersuchung. 1904. 8. 146 8. ^4,— 

— Der Realismus und das Transzendenzproblem. Versuch einer Grund- 

legung der Logik. 1902. 8. IV, 164 S. jM>. 4,— 

Goedeckemeyer, Albert, Die Gliederung der aristotelischen Philosophie. 

1912. 8. VI, 144 S. Jk. 4,— 
Linke, Paul, Die phänomenale Sphäre und das reale Bewnsstsein. 

Eine Studie zur phänomenologischen Betrachtungsweise. 1912. 

8. IV, 50 S. Jk 2,— 

Losskij, Nikolaj, Die Grundlegung des Intuitivismus. Eine pro- 
pädeutische Erkenntnistheorie. Uebersetzt von Johann Strauch. 

1908. 8. IV, 350 S. Jk 8,— 

Mill, John Stuart, Eine Prüfung der Philosophie Sir William Hamiltons. 

Deutsch von Hilmar Wilmanns. 1908. gr. 8. XU, 709 S. 

geh. ^Ä 18,—; gebd. Jk 20,— 
Schapp, Wilhelm, Beiträge zur Phänomenologie der WahmehmUDg. 

1910. 8. V, 157 S. Jß4,— 

Scheler, IM., Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefflhle 

und von Liebe und Hass. 1913. 8. V, 154 S. ^S 3,60 

V. Sydow, E., Kritischer Kant-Kommentar. Zusammengestellt aus den 

Kritiken Fichtes, Schellings, Hegels und mit einer Einleitung 

versehen. 1913. 8. VII, 91 S. Jk 2,40 

UtitZ, Emil, Die Funktionsfreuden im aesthetischen Verhalten. 1911. 

8. vm, 152 S. Ji 4,— 

Druck von Ehrhardt Karra>, Halle a. S. 



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■■^A'"^ '^ 



jABHANDLUNGEN 
Z\3R PHILOSOPHIE UND IHRER GESCHICHTE 

HERAUSGEGEBEN VON BENNO EBDHANN 

XLn 






DIE LEHRE VON 

DER EMPIRISCHEN ANSCHAUUNG 

BEI SCHOPENHAUER 

UND IHRE HISTORISCHEN VORAUSSETZUNGEN 



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VON 



JOHANN BAPTIST RIEFFERT 



HALLE A. S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1914 



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1 



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ABHANDLUNGEN 

ZUR 



PHILOSOPHIE 

UND IHRER GESCHICHTE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



BENNO ERDMANN 



ZWEIUNDTIERZIGSTES HEFT 

JOHANN BAPTIST RIEFFERT 

DIE LEHBE 

VON DEB EMPIRISCHEN ANSCHAUUNG BEI SCHOPENHAUEB 

UND IHBE HI8TOBI8GHEN VOBAUSSETZUNGEN 



HALLE A.S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1914 

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DIE LEHRE VON 
DER EMPIRISCHEN ANSCHAUUNG 
BEI SCHOPENHAUER 

UND IHRE HISTORISCHEN VORAUSSETZUNGEN 



TON 



JOHANN BAPTIST RIEFFERT 



HALLE A.S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1914 



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Dem Andenken meines Vaters und ersten Lehrers 

Konstantin Rieffert 

weiland !Lehrer an der Volksschule an St Martin zn Cöln 



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InhaltsYerzeichms. 



Selta 

Vorwort IX 

I. Teil DantelluDg der Lehre Schopenhauers von der empirlichen 
Anschaaang. 

Hethodolagiflche Vorbemerkangen 1 

Inhaltliche Vorbemerkungen 5 

Das Zustandekommen der empiriachen Anschauung .... 9 

Physioloe^sche Erörterungen 21 

Die blolsen Empfindungen 25 

Die formalen Bestandteile der empirischen Anschauung. Materie. 

Körper. Naturkraft. Naturgesetz 41 

Sehlnb 57 

IL TeiL Die historischen Voraussetzungen der Lehre Schopenhauers 
von der empirischen Anschauung. 

Skizze der Entwicklung der Lehre von der empirischen An- 
schauung bei Schopenhauer 58 

Über die allgemeinen historischen Grundlagen der Lehre 

Schopenhauers 70 

Die Beziehungen der Lehre Schopenhauers von der empirischen 
Anschauung zur Lehre Kants. 

Ln allgemeinen 78 

Gegenstand der empirischen Anschauung und Zustande- 
kommen derselben 82 

Kausalität 111 

Materie 129 

Zusammenfassung 143 

Die Beziehungen der Lehre Schopenhauers von der empirischen 
Anschauung zur Lehre von 

Gottlob Ernst Schulze 145 

Johann Gottlieb Fichte 162 

Thomas Reid 190 



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VIII 

B«ite 

Die historisohen Grundlagen der speziellen Aasgestaltung der 
Lehre Schopenhauers von der empirischen Anschauung 

Im allgemeinen 196 

Die physiologischen Annahmen 203 

Anmerkung zu £. Chr. Fr. Krause 218 

Die speziellen psychologischen Annahmen 220 

Anmerkung zu Berkeley 231 

Zusammenfassung 234 

Anhang. Das Verhältnis der Lehre Schopenhauers von der empi- 
rischen Anschauung zur Lehre von v. Helmholtz. 236 



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Vorwort, 



Die Schopenhanerzitate in der naehstehenden Abhandlung 
sind entnommen teils der Aasgabe von Eduard Grisebach, 
Arthur Schopenhauers sämtliche Werke in sechs Bänden, und 
Arthur Schopenhauers handschriftlicher Nachlafs. Verlag von 
Philipp Reklam, Leipzig, jene zitiert mit römischen Ziffern, 
I— VI, dieser mit arabischen, 1 — 4, teils der Ausgabe von 
Paul Deussen, Arthur Schopenhauers sämtliche Werke, neunter 
Band: Philosophische Vorlesungen. Erste Hälfte. Theorie des 
Erkeunens, teils den Originalausgaben der ersten Auflagen der 
Werke Schopenhauers und der zweiten Auflage der Welt als 
Wille und Vorstellung, und teils den auf der Königlichen 
Bibliothek in Berlin verwahrten Manuskripten, Manuskript- 
bttehem und Eollegienheften Schopenhauers über die Vor- 
lesuDgen G. E. Schulzes über Metaphysik (die über Psychologie 
enthält nichts für diese Arbeit Bemerkenswertes) und J. G. Fichtes 
fiber die Tatsachen des BewuTstseins und die Wissenschaftslehre. 

Es dürfte, sobald die von Deussen besorgte Gesamtausgabe 
vollendet sein wird, zweckmäfsig sein, diese vollständige und 
in den bisher erschienenen Bänden einwandfreie Ausgabe der 
Sehopeuhauerforschnng allgemein zugrunde zu legen. 

Die im folgenden in den Zitaten vorkommenden runden 
Klammem Q bedeuten entweder im Text vorhandene Klammern 
oder sehliefsen aus dem unmittelbaren Zusammenhange der 
zitierten Stelle genommene Ergänzungen ein; die eckigen 
Klammem [] dagegen enthalten Bemerkungen vom Verfasser 
dieser Schrift. 

In den Zitaten sind nur kleine und unwesentliche 
Änderungen, wie z. B. Umstellung des Prädikates ans der 



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Stellung eines Neben- in die eines Hauptsatzes u. ähnl., wo es 
geboten war, zugelassen worden. 

Der erste Teil nachstehender Abhandlung hat im Winter- 
Semester 1909/10 der philosophischen Fakultät der Rheinischen 
Friedrich Wilhelms-Universität zu Bonn als Dissertation vor- 
gelegen. Die ganze Arbeit erscheint nicht, wie angekündigt, 
als XXXY., sondern als XLILHeft der Abhandlungen zur Philo- 
sophie und ihrer Geschichte, herausgegeben von Benno Erdmann. 

Die Ausführungen des ersten Teils über Kausalität und 
Materie erhalten in dem zweiten Teile eine Ergänzung in dem 
Abschnitt über Kant. 

Die Behandlung der Lehre Fichtes mufste bei dem Mangel 
an geeigneten Vorarbeiten etwas eingehender gestaltet werden, 
als es für den Zweck vorliegender Untersuchung unmittelbar 
erforderlich war. 

Wie zu dem ersten Teil vorliegender Untersuchung, so 
verdanke ich auch die Anregung zu dem zweiten Teile Herrn 
Geheimrat Prof. Dr. Benno Erdmann, dessen Vorlesungen über 
die Geschichte der Philosophie und Seminarübungen über Kant 
und Schopenhauer ich sowohl die Hauptgesichtspunkte als auch 
viele spezielle Gedanken dieser Arbeit entnommen habe. Es 
ist schlechterdings unmöglich, sie alle im einzelnen zu kenn- 
zeichnen. 

Die Anregung zur Prüfung des Verhältnisses Schopenhauers 
zu K. Gh. Fr. Krause und den Hinweis auf eine Beziehung der 
psychologischen Voraussetzungen Fichtes zu Resultaten der 
experimentellen Psychologie danke ich Herrn Prof. Dr. Oswald 
Külpe. 



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L TeU. 

I. Methodologische Vorbemerkungen. 

Der erste Teil der yorliegenden Schrift ist ein Versnob, 
die in den Schriften Sehopenhaners mannigfaltig yerstrente 
Lehre von der empirischen Anschannng in ihrem inneren Zu- 
sammenhang zur Darstellung zu bringen. Ein solcher Versuch 
bringt es mit sich, dafs mit ihm in die Darstellung ein Moment 
eindringt, das Schopenhauer nicht in dem Mafse eigentümlich 
ist, wie es hier zur Geltung kommt, nämlich das Bestreben, 
diese Lehre von einem einheitlichen Gesichtspunkte aus zu 
erfassen. Dieser wird, der Natur des darzustellenden Inhalts 
entsprechend, der psychologische sein. Wie weit sich dies 
durchftthren lälst, wird im Laufe der Darstellung deutlich 
werden. Der Versuch stellt sich somit zugleich als eine Prüfung 
des psychologischen Zusammenhangs der Lehre Schopenhauers 
Ton der empirischen Anschauung dar. In welchem Sinne hier 
psychologisch genommen ist, wird weiter unten erörtert werden. 
Die Kritik soll sich nicht darttber hinaus auf den Inhalt der 
psychologischen Voraussetzungen Schopenhauers erstrecken. 

Im Zusammenhange mit den psychologischen sind die in 
Betracht kommenden physiologischen Beziehungen zu erörtern. 
Es wird sich als zweckmäfsig erweisen, bei der Erörterung 
der formalen Bestandteile der empirischen Auschauung auch 
deren logische Beziehungen zu einander eingehend darzustellen. 
Die Empfindung nach der subjektiven, die Materie nach der 
objektiven Seite hin, bedttrfen einiger ergänzender Bemerkungen 
Über ihre metaphysischen Beziehungen. Soweit für das Ver- 
Btändnis dieser Lehre Schopenhauers erforderlich, sollen ver- 
wandte Momente der Lehre Kants schon hier hinzugezogen 

Philocophische Abhandlonsen. XXXV. 1 



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werden; die historischen Voraussetzungen der Lehre Schopen- 
hauers von der empirischen Anschauung werden im zweiten 
Teile der vorliegenden Schrift besonders behandelt werden. 

Die Bezeichnung psychologisch soll fllr den erwähnten 
Zweck nicht in dem engeren Sinne, der dem Terminus „Psycho- 
logie^ bei Schopenhauer entspricht, sondern in einem weiteren, 
und zwar dem landläufigen Sinne, genommen werden. Die 
Philosophie zerfällt nach Schopenhauer in die Lehre vom 
Erkenntnisvermögen und die Philosophie im engeren Sinne 
oder Metaphysik. Erstere teilt er ein in „die Betrachtung der 
primären oder anschaulichen Vorstellungen ",9 welchen Teil er 
Dianoiologie nennt, und in „die Betrachtung der sekundären, 
d. i. abstrakten Vorstellungen, nebst der Qesetzmäfsigkeit ihrer 
Handhabung, als Logik oder Vernunftlehre'^l) Der allgemeine 
Teil der Metaphysik „weist das Ding an sich, das innere und 
letzte Wesen der Erscheinungen in unserem Willen naeh^.^) 
Es genügt ftkr den vorliegenden Zweck festzuhalten, dafs die 
Djanoiologie einen Teil dessen ausmacht, was man landläufig 
als Psychologie bezeichnet, und dafs auch der allgemeine Teil 
der Metaphysik in das Gebiet der Psychologie in diesem Sinne 
ttbergreift, nämlich insofern er sich auf der inneren Erfahrung 
aufbaut. Es möge dieses Moment ftkr den Zweck der vor- 
liegenden Schrift als ein metaphysisch -psychologisches be- 
zeichnet werden. Dieses macht mit dem dianoiologisehen oder 
erkenntnispsychologischen das Gebiet aus, das unserer psycho- 
logischen Betrachtung unterliegt. Das Wort Psychologie wird 
von Schopenhauer in einem engeren Sinne genommen: „Die 
blolse empirische Psychologie [ein rationale kommt fllr Schopen- 
hauer nicht in Betracht] ist die aus der Beobachtung geschöpfte 
Kenntnis der moralischen und intellektuellen Äufserungen und 
Eigentümlichkeiten des Menschengeschlechts, wie auch der 
Verschiedenheit der Individualitäten in dieser Hinsicht.^) Die 
Psychologie ist in diesem Sinne für Schopenhauer eine Einzel- 
wissenschaft. Die Scheidung ist dadurch gegeben, dals die 
Philosophie auf das Allgemeine gerichtet ist, die Wissenschaften 
aber auf das Einzelne gehen. 

>)V,25. «)V,26. ■)V,27. 

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Was Schopenhauer zu dieser engeren Fassang veranlafst, 
ist in folgendem ausgesprochen : ^Dle an das Innere des Menschen 
geknttpfte Betrachtang durchzieht und erfüllt die ganze Meta- 
physik, in allen ihren Teilen, kann also nicht wieder gesondert 
auftreten, als Psychologie^'.*) Die Berechtigung für unseren 
Zweck „psychologisch^* in dem dargelegten weiteren Sinne zu 
nehmen, liegt darin, dals bei Schopenhauer die Metaphysik 
auf die an das Innere des Menschen geknüpfte Betrachtung 
geht. Die letzte angefahrte Bemerkung kann keinen Grund 
dafür abgeben, die psychologische Betrachtung nicht zu einer 
von der metaphysischen gesonderten Darstellung zu bringen, 
sondern nur dafür, die in Betracht kommenden metaphysischen 
Berührungspunkte nicht auüser acht zu lassen. 

Die Lehre von der empirischen Anschauung hat von 
Schopenhauer keine zusammenfassende Darstellung erfahren, 
sondern ist in seinen Werken verstreut. Ein Versuch, das Ver- 
streute nachträglich zu sammeln, steht vor der Frage nach 
einem Einteilungsgrund fttr die Ordnung des gegebenen Materials. 
Deutlich ausgesprochen ist ein solcher von Schopenhauer nicht, 
aber es zeigt sich, dafs leitende Gesichtspunkte vorhanden 
sind. Auf diese führt die Definition der empirischen An- 
schauung im Satz vom Grunde: „Die empirische Anschauung 
nmfafst die erste (der vier Klassen) der möglichen Gegenstände 
unseres Vorstellungsvermögens, die der anschaulichen, voll- 
ständigen, empirischen Vorstellungen. Sie sind anschauliche 
im Gegensatz der blofs gedachten, also der abstrakten Begriffe; 
vollständige, sofern sie, nach Kants Unterscheidung nicht blofs 
das Formale, sondern auch das Materiale der Erscheinungen 
enthalten; empirische, teils sofern sie nicht aus blofser Ge- 
dankenverknüpfung hervorgehn, sondern in einer Anregung der 
Empfindung unseres sensitiven Leibes ihren Ursprung haben, 
auf welchen sie, zur Beglaubigung ihrer Realität, stets zurück- 
weisen.'' >) Zu diesen Bestimmungen, von denen die beiden 
eisten auf den Bestand, die dritte auf den Ursprung der 
empirischen Anschauung gehen, tritt noch die erkenntnis- 
theoretische, dafs jene Vorstellungen empirische auch deshalb 
sind, „weil sie gemäfs den Gesetzen des Raumes, der Zeit und 

0V,27. «)m,41. 

1* 

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der Kausalität im Verein, zu demjenigen end- und anfangslosen 
Komplex verknüpft sind, der unsere empirische Realität aus- 
macht ^^0 1° dieser Definition ist das Znstandekommen der 
empirischen Anschauung nicht berücksichtigt. Hierüber gibt 
Schopenhauer in Kürze folgende Darstellung: „Der Verstand 
schaflft mittelst der ihm eigentümlichen Form der Kausalität 
und der dieser untergelegten reinen Sinnlichkeit, also Zeit 
und Raum, aus dem rohen Stoff einiger Empfindungen in den 
Sinnesorganen diese objektive Aufsenwelt allererst".*) Wir ge- 
winnen somit als leitende Gesichtspunkte für die Auffassung 
des inneren Zusammenhangs der Lehre Schopenhauers von 
der empirischen Anschauung: Bestand, Verlauf und Ursprung 
der geistigen Vorgänge, die nach Schopenhauer die empirische 
Anschauung ausmachen, damit also diejenigen Gesichtspunkte, 
die überhaupt für die Psychologie als Erfahrungswissenschaft 
methodologisch mafsgebend sind. Diese Gesichtspunkte sind 
von Schopenhauer nicht als solche ausgesprochen und werden, 
wie wir sehen werden, von ihm auch nicht streng beibehalten. 
Sie erweisen sich aber als zweckmäfsig für eine Prüfung des 
psychologischen Zusammenhangs seiner Lehre von der empi- 
rischen Anschauung. 

Einer ungezwungenen Darstellung dieser Lehre ist es 
dienlich, diese methodologischen Gesichtspunkte nicht auch der 
Einteilung der äufseren Darstellung zu Grunde zu legen, 
sondern zweckmäfsiger, gewisse sachlich bedeutsame Momente, 
die jenen nicht ganz entsprechen, gesondert zur Darstellung 
zu bringen und dabei die erwähnten methodologischen Gesichts- 
punkte zur Geltung kommen zu lassen. Demzufolge sollen 
nach einigen allgemeinen Vorbemerkungen dargestellt werden: 

L Das Zustandekommen der empirischen Anschauung, be- 
handelt bis zu dem Punkte, wo die Empfindungen zu räumlich 
und zeitlich geordneten objektiven Vorstellungen werden. 

IL Die physiologischen Bedingungen. 

IIL Soweit sie nicht schon im Vorhergehenden zur Sprache 
gebracht worden sind, die blofsen Empfindungen, losgelöst von 
den raumzeitlichen und kausalen Beziehungen, und zwar nach 
Ursprung und Bestand. 



«) 1X1,41. ») in,64, 65. 

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IV. Die formalen Bestandteile der empirischen Anschauung, 
gleichfalls nach Ursprang and Bestand^ wobei aoch ihre logischen 
Beziehungen zu einander zur Sprache kommen werden. 



n. Inhaltliche Yorbemerkimgeii. 

Wie jedes Moment der Lehre Schopenhauers nur aus dem 
Zusammenhange des ganzen Systems heraus zu verstehen ist, so 
auch seine Lehre von der empirischen Anschauung. Zum Yer- 
Btiindnis dieser im besonderen bedarf es einer Kenntnis der 
allgemeinen psychologischen Voraussetzungen Schopenhauers, 
und da diese zum Teil in engstem Zusammenhange stehen 
mit seinen metaphysischen Annahmen, auch der Grundzttge 
dieser. Von ersteren sei das dem Verständnis dieser Schrift 
unmittelbar Dienende im folgenden zusammengestellt. 

Die ihm von Kant überlieferte Dreiteilung des geistigen 
Geschehens in Vorstellen, Ftthlen und Wollen hält Schopenhauer 
nicht fest, sondern unterscheidet nach altem Muster ein Vor- 
stellen and ein Wollen, wobei er die mannigfaltigen Gefühle 
der Lust and Unlust, die körperlichen angenehmen oder schmerz- 
heben Gefühle oder Empfindungen einbegriffen, zu dem Gebiet 
des Willens rechnet. Diese Zweiteilung ist mit der Scheidung 
der Welt als Vorstellung von der Welt als Willen gegeben. 
Letztere Scheidung aber ist eine metaphysische. Wir haben 
zu untersuchen, inwiefern jene als eine psychologische ge- 
nommen werden kann. Dies geschieht zweckmäfsig im An- 
sehluls an eine Erörterung des Begriffs BewuXstsein. Das 
Bewulstsein ist von dem Willen so geschieden, dafs „diese 
Duplieität anseres Wesens nicht in einer für sich bestehenden 
Einheit ruht: sonst würden wir uns unserer selbst an uns selbst 
und unabhängig von den Objekten des Erkenneus und Wollens 
bewofst werden können: dies können wir aber schlechterdings 
nicht" ;i) denn „der Wille an sich selbst ist bewuf stlos." 2) aber: 

») I, 363. «) II, 324. 



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6 

„auch das Selbstbewnfstsein enthält ein Erkennendes and ein 
Erkanntes/' ^) denn „das Bewnfstsein hat zwei Seiten : teils ist 
es Bewnfstsein vom eigenen Selbst, welches [Selbst] der Wille 
ist, teils Bewnfstsein von anderen Dingen, und als solches zu- 
nächst anschauende Erkenntnis der Änfsenwelt, Anffassnng der 
Objekte." 2) „Das Bewnfstsein besteht im Erkennen." ») „Unser 
erkennendes Bewnfstsein zerfUUt in Snbjekt nnd Objekt"^) 
„Bewnfstsein ohne Gegenstand ist kein Bewnfstsein." ^) Daher 
ist die Zweiteilung in Bewnfstsein nnd Willen offenbar keine 
psychologische, sondern eine metaphysische. Sie ist gefolgert 
ans der Annahme, dafs der Wille das Ding an sieh sei. Sie 
gestattet daher anch keinen Gattungsbegriff im psychologischen 
Sinne. Schopenhauer nennt das Verhältnis vielmehr die „Dupli- 
zität unseres Wesens". In metaphysischer Hinsicht sei noch 
erwähnt, dafs der Wille auch das dem Intellekt zu gründe 
liegende Ding an sich ist. In diesem Sinne heifst es: Der 
Wille tritt im Menschen „als ein bewufster Wille" auf.«) 
Das Erkennen ist ein „Erkennenwollen." ^) Insofern, d. L 
in metaphysischer Hinsicht, ist die Hypothese Schopenhauers 
über den Bestand des Geistigen als eine monistische, nnd 
zwar voluntaristische zu bezeichnen. Für unseren Zweck sei 
aber festgehalten, dafs der Wille auch im Selbstbewnfstsein 
gegeben ist, als ein Vorgestelltes. Er ist insofern etwas „a 
posteriori, nämlich durch Erfahrung, hier durch innere'',^) 
also ein psychologisch Gegebenes. Dennoch würde man gegen 
den Sinn der Lehre Schopenhauers verstofsen, wenn man zu 
dem im Selbstbewnfstsein gegebenen Willen und dem Erkennen 
einen psychologischen Gattungsbegriff konstruieren wollt«. 
Der Wille ist vielmehr dem Selbstbewnfstsein auch als Ding 
an sich auf irgend eine Weise als gegeben zu denken:^) 
„Unser Wollen ist das Einzige uns unmittelbar Bekannte und 
nicht, wie alles Übrige, blofs in der Vorstellung Gegebene." ^^) 
Auf die Frage, wie es zu denken sei, dafs der Wille der an 
sich bewufstlos ist, eine Tatsache des Bewufstseins, dafs also 

II, 233. II, »31. ») II, 233. *) HI, 39. 

=) II, 24. •) II, 293. ') II, 303. •) lU, 161. 

^) Vgl. die entgegen gesetzte Ansicht in der Schrift von Hichelis: 
„Schopenhauers Stellung zum psychophysisohen Paralleliamus.' Dlss. 
Königsberg i. Pr. 1903. ") II, 227. 



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^das Ding an sich . . . sich selbst seiner bewufst^ werde, i) 
einzugeben, würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiteD. 
Um einer ErOrternog des Problems ans dem Wege geheo zu 
kennen, sei die Bezeichnung des WoUeos als eines Metaphysisch- 
psychologisehen gestattet. 

Von den allgemeinen psychologischen Voraussetzungen 
Schopenhauers möge noch folgendes erwähnt werden: 

Das ,,Organ^ des Selbstbewufstseins ist der innere Sinn, 
welche Bezeichnung in den späteren Schriften eine engere 
Bedeutung hat als im Satz vom Grunde. Hier wird die 
Unterscheidung des inneren und äufseren Sinnes noch in An- 
lehnung an Kant gebraucht, entsprechend der Bestimmung bei 
diesem, dafs der innere Sinn „das Anschauen unserer selbst 
und unseres inneren Zustandes sei und alle Vorstellungen, sie 
mögen nun äulsere Dinge zum Oegenstande haben oder nicht, 
doch an sich selbst als Bestimmungen des Gemütes zum 
inneren Zustande gehören.^ 2) Iiq ßatz vom Grunde ist dem- 
entsprechend der äulsere Sinn „wieder Objekt des inneren, 
und werden die Wahrnehmungen jenes von diesem wieder 
wahrgenommen.^') Dagegen erfahren wir in Welt als Wille 
und Vorstellung, Band II [in Welt als Wille und Vorstellung, 
Band I, ist von dieser Unterscheidung ganz abgesehen] „dafs 
der alleinige Gegenstand des inneren Sinnes der eigene Wille 
des Erkennenden'' sei.^) Im Sinne dieser Wendung des Ge- 
dankens steht die Einschränkung des inneren Sinnes, „der 
mehr im bildlichen als im eigentlichen Verstände zu nehmen 
ist: denn das Selbstbewufstsein ist unmittelbar.''^) Die Form 
des inneren Sinns in Jener wie in dieser Fassung ist die Zeit; 
daher können die Aufserungen des Willens nur sukzessiv 
erkannt werden. „Die Form (des inneren Sinnes) ist die Zeit, 
mittelst welcher dem ursprünglich und an sich selbst erkenntnis- 
losen individuellen Willen die Selbsterkenntnis möglich wird. 
In ihr nämlich erscheint sein an sich einfaches und iden- 
tisches Wesen auseinandergezogen zu einem Lebenslauf.''^) 

Der äulsere Sinn ist „lediglich die Empfänglichkeit fttr 
äulsere Eindrücke.''^) 

») ü, 227. 

*) Kant, nKritikderreinen Vernunft". Originalau8g.der2.Aufl.S.49,50. 

») m, 43. *) n, 47. ») 111, 390. •) U, 47. ') II, 38. 

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8 

Schopenhauer spricht auch von einer „äafseren Selbst- 
erkenntnis.'^ ^) Diese Bezeichnung ist zwar nur im uneigentlichen 
Sinne zu nehmen; denn „Erkenntniskräfte sind uns nicht 
dadurch bekannt, dafs das Erkennen Objekt ftlr uns geworden 
ist, sonst würden über selbige nicht so viele widersprechende 
Urteile vorhanden sein; vielmehr sind sie erschlossen, oder 
richtiger: sie sind allgemeine Ausdrücke für die aufgestellten 
Klassen der Vorstellungen, die man zu jeder Zeit, eben in 
jenen Erkenntniskräften, mehr oder weniger bestimmt unter- 
schied."*) 

Das Bewulstsein anderer Dinge bezeichnet Schopenhauer 
gelegentlich im Gegensatz zum Bewufstsein des eigenen Selbst 
als das ^Erkenntnisvermögen". 3) Anderenorts aber gebraucht 
er dieses Wort in einem weiteren Sinne: „Jede besondere 
Klasse von Vorstellungen ist nur für eine ebenso besondere 
Bestimmung im Subjekt da, die man ein Erkenntnisvermögen 
nennt." ^) Hier also geht die Bezeichnung auch auf das Selbst- 
bewufstsein, als das subjektive Korrelat zur vierten Klasse 
der Vorstellungen, also zum objektiv gegebenen Wollen. Diese 
weitere Fassung bleibt die mafsgebende. In Übereinstimmung 
damit heilst es in der 1. und 2. Auflage des Satzes vom 
Grunde: „Unser erkennendes Bewufstsein, als äufsere und 
innere Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft auftretend ..."*) 
und in Welt als Wille und Vorstellung, Band II: „Das 
Bewufstsein besteht im Erkennen." <^) Die Erkenntniskräfte, 
von denen oben die Rede war, sind: der Verstand, als das 
subjektive Korrelat zu den anschaulichen, empirischen Vor- 
stellungen, die Vernunft als das Korrelat zu den ab- 
strakten, die reine Sinnlichkeit als das Korrelat zu den reinen 
Anschauungsformen des Baumes und der Zeit und der innere 
Sinn, oder das Selbstbewufstsein, als das Korrelat zu dem 
objektiv gegebenen Wollen. 7) 

Sodann sei noch einiges über den Sinn des Wortes Vor- 
stellung bei Schopenhauer gesagt: 

Ein Vorstellen ist jedem Bewufstsein eigen: „Bewulstsein, 
dessen Begriff . . . mit dem des Vorstellens überhaupt, welcher 

») III, 160. ») III, 159. •) III, 389. *) I, 43. 

•) III, 39. •) n, 233. ') in, 161. 



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9 

Art es aneh sei, zasammenfäUt." i) Bewolstsein, Erkennen, Vor- 
stellen sind insofern für Sehopenhaner Begriffe von gleich- 
weitem Umfange. 

Sie sind gleichbedeutend auch ihrem Inhalte nach; denn 
das Begriffsmaterial, das ihren alleinigen Inhalt ausmacht, die 
Beziehung von Subjekt und Objekt, kommt ihnen in gleicher 
Weise zu: „Unser erkennendes BewuXstsein . . . zerfällt in 
Subjekt und Objekt und enthält nichts aufserdem.'' 2) „Das 
Zerfallen in Objekt und Subjekt ist ihre (der Vorstellung) 
erste, allgemeinste und wesentlichste Form.^ ^) 

Das Wort Vorstellung wird von Schopenhauer auch in 
einem engeren Sinne gebraucht und ist gleichbedentend mit 
Objekt; es hebt in diesem Sinne die Beziehung zum Subjekt 
nicht auf, sondern fordert sie denknotwendig: „Objekt für das 
Subjekt sein und unsere Vorstellung sein ist dasselbe. Alle 
unsere Vorstellungen sind Objekte des Subjekts und alle Ob- 
jekte des Subjekts sind unsere Vorstellungen.^ ^) 

„Die Vorstellungen [objektiv genommen] stehen unter ein- 
ander in einer gesetzmäfsigen und der Form nach a priori 
bestimmbaren Verbindung . . . Diese Verbindung ist es, welche 
der Satz vom zureichenden Grunde in seiner Allgemeinheit 
ausdrückt^ ^) Man kann also sagen, dafs das Gebiet der 
Vorstellnng zusammenfalle mit dem Bereiche der Geltung des 
Satzes vom Grunde. 



ni. Das Zustandekommen der empirischen 
Anschauung. 

Die Lehre von dem Zustandekommen der empirischen 
Anschauung erfährt eine fortschreitende Ausgestaltung von 
den Werken der ersten Schaffensperiode Schopenhauers, im 
besonderen der ersten Auflage von Sehn und Farben zu denen 
der zweiten hin. Dies wird im IL Teil meiner Schrift ein- 
gehender dargelegt werden. 



») I, 92. •) m, 39. 40. •) I, 60. *) III, 40. ») UI, 40. 

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10 

Am ausführlichsten spricht Schopenhauer ttber die ge- 
nannte Lehre im Satz vom Grunde, 2. Auflage § 21. Hier 
heifst es zunächst im allgemeinen: „Selbst in den edelsten 
Sinnesorganen ist (die blofse Sinnesempfindung) nichts mehr, 
als ein lokales spezifisches, innerhalb seiner Art einiger Ab- 
wechselung fähiges, jedoch an sich selbst stets sabjektives 
Gefühl, welches als solches gar nichts Objektives, also nichts 
einer Anschauung Ahnliches enthalten kann . . . Erst wenn 
der Verstand ... in Tätigkeit gerät und seine einzige and 
alleinige Form, das Gesetz der Kausalität, in Anwendung 
bringt, geht eine mächtige Verwandlung vor, indem ans der 
subjektiven Empfindung die objektive Anschauung wird. Er 
nämlich f afst, vermöge seiner selbsteigenen Form, also a priori, 
d. i. vor aller Erfahrung (denn diese ist bis dahin noch nicht 
möglich), die gegebene Empfindung des Leibes als eine Wirkung 
auf (ein Wort, welches er allein versteht), die als solche not- 
wendig eine Ursache haben mufs. Zugleich nimmt er die 
ebenfalls in Intellekt, d. i. im Gehirn, prädisponirt liegende 
Form des äufseren Sinnes zu Hilfe, den Raum, um jene Ur- 
sache auf serhalb des Organismus zu verlegen: denn dadurch 
erst entsteht ihm das Aufserhalb, dessen Möglichkeit eben der 
Kaum ist; sodafs die reine Anschauung a priori die Grundlage 
der empirischen abgeben mufs." i) 

Diese Tätigkeit des Verstandes nennt Schopenhauer ge- 
legentlich einen „Verstandesschlufs",^) und sagt, dafs „die 
Empfindung hier gleichsam die Prämissen zu jenem Verstandes- 
sehlufs liefert".^) Dies ist sie jedoch nur im nneigentlicheu 
Sinne: „Diese Beziehung (zwischen Ursache und Wirkung) ist 
kein Schlufs in abstrakten Begriffen, geschieht nicht dnreh 
die Reflexion . . . sondern unmittelbar ... sie ist die Erkennt- 
nisweise des reinen Verstandes".*) „Die Verstandesoperation 
ist keine diskursive, reflektive, in abstracto, mittelst Begriffen 
und Worten vor sich gehende, sondern eine intuitive und ganz 
unmittelbare".^) Diese Tätigkeit vollzieht sich meist onbe- 
wufst: „Wir sind so sehr gewohnt, von der Empfindung so- 
gleich zu ihrer Ursache überzugehen, dafs diese sieh uns dar- 



») III, 66. 67. ») VI, 26. ») III, 68. *) I, 43. 

.*) IU,67, ähnUobBO UI, 87. 



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11 

stellt, ohne daf8 wir die Empfindungen ... an nnd fttr sich 
beachten.'' ■) „Diese Verstandesoperation wird so nnmittelbar 
und schnell vollzogen, dafs von ihr nichts als blofs das Be- 
Bultat ins Bewalstsein kommt." 2) yWt gewisse Sinnesgebiete 
gilt zwar eine Ausnahme: „Bei der empirischen Wahrnehmung 
findet die Bewulstlosigkeit, mit welcher der Übergang von der 
Empfindung zur Ursache derselben geschieht, eigentlich nur bei 
der Anschauung im engsten Sinn, also beim Sehen statt; hingegen 
geschieht er bei allen ttbrigen sinnlichen Wahrnehmungen mit 
mehr oder minder deutlichem Bewufstsein, daher, bei der Ap- 
prehension durch die gröberen vier Sinne seine Bealität sich 
anmittelbar faktisch konstatieren läfst.'' ^) 

Fttr das Zustandekommen der empirischen Anschauung be- 
nutzt Schopenhauer gelegentlich den von Kant entlehnten und 
auf die Kausalität eingeschränkten Ausdruck „Apprehension".^) 
Davon soll im zweiten Teile dieser Schrift mehr die Rede sein. 

Fttr das Zustandekommen der empirischen Anschauung im 
einzelnen sind zwei Momente von Bedeutung: 

1. Die Beihilfen, die dazu die einzelnen Sinnesempfin- 
duDgen liefern und 

2. der Umstand, dals die Anwendung des Kausalgesetzes 
im einzelnen Falle geübt werden mufs. 

Fttr den Anteil der einzelnen Sinnesempfindungen gilt nun, 
dafs „der Verstand selbst die minutiösesten Data der gegebenen 
Empfindung zu Hilfe nimmt, um ihnen entsprechend die Ur- 
sache derselben im Räume zu konstruiren.'' ^) Dabei sind in 
der Hauptsache zwei Sinnesgebiete beteiligt. „Der objektiven 
ÄDsehauung dienen eigentlich nur zwei Sinne : das Getast und 
das Gesicht. Sie allein liefern die Data, auf deren Grundlage 
der Verstand durch den angegebenen Procefs die objektive 
Welt enstehn läfst. Die andern drei Sinne bleiben in der Haupt- 
sache subjektiv; denn ihre Empfindungen deuten zwar auf eine 
äulsere Ursache, aber enthalten keine Data zur Bestimmung 

») m, 68. •) III, 80. ») II, 33 (speziell III, 80). 

*) m, 6S. III, 79. II, 33. VI, 34 schon 1. Auflage von Sehn und 
FarbeD, S. 11. 
») m, 67. 



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12 

räamlieher Verhältnisse derselbeD. . . . Jene drei Sinne können 
zwar dienen, ans die Gegenwart der nns schon anderweitig 
bekannten Objekte anzukündigen; aber auf Grundlage ihrer 
Data kommt keine räumliehe Konstruktion, also keine objektire 
Anschauung zu Stande. Aus dem Geruch können wir nie 
die Rose konstruiren . . . Der Ton deutet nie auf räumliehe 
Verhältnisse • . . 

Getast und Gesieht haben . . . jedes seine eigenen Vorteile; 
daher sie sich wechselseitig unterstützen. Das Gesicht bedarf 
keiner Berührung, ja keiner Nähe: sein Feld ist unermefslieb, 
geht bis zu den Sternen. Sodann empfindet es die feinsten 
Nuancen des Lichts, des Schattens, der Farbe, der Durchsichtig- 
keit : es liefert also dem Verstände eine Menge fein bestimmter 
Data . . . Hingegen ist das Getast zwar an den Kontakt gebunden, 
gibt aber so untrügliche und vielseitige Data, dass ea der 
gründlichste Sinn ist. Die Wahrnehmungen des Gesichts be- 
ziehen sich zuletzt doch auf das Getast; ja das Sehen ist als 
ein unvollkommenes, aber in die Ferne gehendes Tasten zu 
betrachten . . . 

Das Getast liefert 1. ganz unmittelbar die Data znr 
Erkenntnis der Gröfse, Gestalt, Härte, Weiche, Trockenheit, 
Nässe, Glätte, Temperatur usw.; 2. es wird dabei unterstützt 
teils durch die Gestalt und Beweglichkeit der Arme, Hände 
und Finger, aus deren Stellung beim Tasten der Verstand die Data 
zur räumlichen Konstruktion der Körper entnimmt, teils durch 
die Muskelkraft, mittelst welcher er die Schwere, Festigkeit, 
Zähigkeit oder Spröde der Körper erkennt^ ^^ ^^^' 
anschaulicht Schopenhauer an einigen Beispielen: 

,,Erst indem mein Verstand von der Empfindung (beim 
Tasten eines Tisches) zur Ursache derselben übergeht, kon- 
struirt er einen Körper, der die Eigenschaft der Soli- 
dität, Undurchdringlichkeit und Härte hat. Von dem 
gefühlten Widerstände macht der Verstand den unmittel- 
baren und intuitiven Schlnfs auf eine Ursache desselben, 
die jetzt eben dadurch sieh als fester Körper darstellt"^) 
„Beim Betasten eines Körpers mit zehn Fingern, deren 
jeder einen anderen Eindruck und in anderer Richtung erhält, 

») III, 67, 68, 69. 
•) m, 69, 70. 



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13 

erkennt der Verstand die sämtlichen Eindrücke als von 
einem Körper herrührend, dessen Gestalt und Grösse er 
danach apprehendirt nnd ränmlieh konstrnirt/' <) „(Beim 
Betasten einer Fläche oder Kugel im Finstern) sind es 
in beiden Fällen dieselben Teile der Hand, welche den 
Druck empfinden: blofs ans der verschiedenen Stellung, die 
im einen oder anderen Falle meine Hand einnimmt, kon- 
struiert mein Verstand die Gestalt eines Körpers . . . und er 
bestätigt sie sieh dadurch, dafs ich die Berührungsstellen 
wechseln lasse. Betastet ein Blindgeborener einen kubischen 
Körper, so sind die Empfindungen der Hand dabei ganz ein- 
förmig . . . aber ans den Bewegungen, die beim Tasten seine 
Arme maehen, während die Empfindung der Hände dieselbe 
bleibt, konstraiert er in dem ihm a priori bewu£sten Räume 
die kubische Grestalt des Körpers . . . Läfst man durch seine 
geschlossene Hand einen Strick laufen, so wird er als Ursache 
der Reibung nnd ihrer Dauer, bei solcher Lage seiner Hand, 
einen langen cylinderförmigen sich in einer Richtung gleich- 
förmig bewegenden Körper konstruiren/' ^) Über die Beihilfe 
der Muskelkraft führt Schopenhauer nichts aus. 

Es sei hier herrorgehoben , dafs die Beihilfen, die die 
Tastempfindungen zur räumlichen Konstruktion der Körper 
liefern, selbst räumlicher Natur sind. Auch ein Zeitmoment 
iBt ihnen eigen. Über beides wird an anderer Stelle meiner 
Sehrift zusammenfassend gesprochen werden. 

„Bei dem Sinne des Gesichts ... ist das umittelbar Ge- 
gebene beschränkt auf die Empfindung der Retina, welche zwar 
viele Mannigfaltigkeit zuläfst, jedoch zurückläuft auf den Ein- 
druck des Hellen und Dunkeln, nebst ihren Zwischenstufen, 
ood den der eigentlichen Farben . . . Dafs nun aus einem so 
beschränkten Stofi*; wie Hell, Dunkel, Farbe der Verstand durch 
seine so einfache Funktion des Beziehens der Wirkung auf 
eine Ursache, unter Beihilfe der ihm beigegebenen Anschauungs- 
fonn des Auges, die so unerschöpflich reiche und vielgestaltete 
sichtbare Welt heryorbringen kann, beruht zunächst auf der 
Beihilfe, die hier die Empfindung selbst liefert. Diese besteht 
darin, dass erstlich die Retina, als Fläche, ein Nebeneinander 

') III, 77. ») III, 70. 

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u 

des Eindrucks zalä£st, zweitens, dafs das Licht stets in ge- 
raden Linien wirkt, auch im Ange selbst geradlinigt gebrochen 
wird und endlich, dals die Retina die Fähigkeit besitzt, 
auch die Richtung, in der sie vom Lichte getroffen wird, un- 
mittelbar mit zu empfinden, welches wohl nur dadurch zu er- 
klären ist, dafs der Lichtstrahl in die Dicke der Retina ein- 
dringt. Hierdurch aber wird gewonnen, dafs der blofse Eindruck 
auch schon die Richtung seiner Ursache anzeigt, also auf den 
Ort des das Licht aussendenden oder reflektirenden, Objekts 
geradezu hindeutet ..." 

Es sei darauf hingewiesen, dafs auch die Beihilfen, die 
die Gesichtsempfiadungen zur Bestimmung des Ortes des Ob- 
jekts im Räume liefern, selbst räumlicher Natur sind. 

Das Verfahren des Verstandes im einzelnen ist nun 
folgendes: „Das Erste, was er tut, ist, dafs er den Ein- 
druck des Objekts, welcher verkehrt, das Unterste oben, auf 
der Retina eintrifft, wieder aufrecht stellt . . . Bestände nun 
das Sehen im blofsen Empfinden, so wttrden wir den Eindruck 
des Gegenstandes verkehrt wahrnehmen; weil wir ihn so 
empfangen: sodann aber wttrden wir ihn auch als etwas im 
Innern des Auges Befindliches wahrnehmen, indem wir ebeu 
stehen blieben bei der Empfindung. Wirklich hingegen tritt 
sogleich der Verstand mit seinem Kausalgesetz ein, bezieht 
die empfundene Wirkung auf ihre Ursache, hat von der Emp- 
findung das Datum der Richtung, in welcher der Lichtstrahl 
eintraf, verfolgt also diese rttckwärts zur Ursache hin, auf 
beiden Linien : Die Kreuzung wird daher jetzt auf umgekehrtem 
Wege wieder zurückgelegt, wodurch die Ursache sich draufsen, 
als Objekt im Raum, aufrecht darstellt, nämlich in der Stellung, 
wie sie die Strahlen aussendet, nicht in der, wie sie ein- 
trafen." 2) 

„Das Zweite, was der Verstand bei seiner Umarbeitung 
der Empfindung in Anschauung leistet, ist, dafs er das zwei- 
mal Empfundene zu einem einfach Angeschauten macht; . . . 
Der Prozefs, durch den dies zu stände kommt, ist folgender: 
... Bei gerade vor uns liegendem Objekt treffen (die Augen- 



in, 71, 72, ähnUch U, 34. 

*) III, 78, angelegt schon I.Auflage von Sehen und Farben, S.27. 



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15 

axen) genan io die Mitte jeder Retina, mithin anf zwei in 
jedem Ange einander genau entsprechende Punkte. Alsbald 
erkennt der Verstand . . . dafs, obwohl hier der Eindruck 
doppelt ist, derselbe dennoch von nur einem äufseren Punkte 
ausgeht, also nur eine Ursache ihm zum Grunde liegt: dem- 
nach stellt nunmehr diese Ursache sich als Objekt und nur 
einfach dar. . . . Was vom Objekt seitwärts vom Scheitel- 
punkte des optischen Winkels liegt, . . . wirft seine Strahlen 
nicht mehr in den Mittelpunkt jeder Retina, sondern ebenso 
seitwärts von demselben . . . : die Stellen welche diese Strahlen 
daselbst treffen, sind ebenso gut wie die Mittelpunkte, ein- 
ander symmetrisch entsprechende, oder gleichnamige Stellen. 
Der Verstand lernt diese bald kennen und dehnt demnach die 
obige Regel seiner kausalen Auffassung auch auf sie aus, be- 
zieht folglich . . . auch die Lichtstrahlen welche die Übrigen 
einander symmetrisch entsprechenden Stellen beider Retinen 
treffen, auf einen und denselben, solche aussendenden Punkt 
im Objekt, schaut also auch alle diese Punkte, mithin das 
ganze Objekt, nur einfach an . . . 

Das Dritte, wodurch der Verstand die Empfindung in 
Anschauung umarbeitet, ist, dafs er aus den bis hieher ge- 
wonnenen blofsen Flächen Körper konstruirt, also die dritte 
Dimension hinzufügt, indem er die Ausdehnung der Körper in 
dem ihm a priofi bewufsten Räume, nach Mafsgabe der Art 
ihrer Einwirkung auf das Auge und der Gradationen des 
Lichtes und Schattens, kausal beurteilt . . . Die Empfindung 
beim Sehen ist, infolge der Natur des Organes, blofs plani- 
metrisch, nicht stereometrisch. Alles Stereometrische der An- 
8ebaaung wird vom Verstände allererst hinzugetan: seine 
alleinigen Data hierzu sind die Richtung, in der das Auge 
den Eindruck erhält, die Grenzen desselben und die verschie- 
denen Abstufungen des Hellen und Dunkeln, welche unmittelbar 
auf ihre Ursache deuten, und wonach wir erkennen, ob wir 
z. B. eine Scheibe oder eine Kugel vor uns haben . . ." 

Der dritten „sehr nahe verwandt" ist eine vierte Ver- 
Btandesoperation ; diese „besteht nämlich im Erkennen der Ent- 
fernung der Objekte von uns . . . Die Empfindung beim Sehen 
liefert uns zwar ... die Richtung, in welcher die Objekte 
liegen, aber nicht ihre Entfernung, also nicht ihren Ort. Die Ent- 



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16 

fernang mnfs also erst dnreh den Verstand herausgebracht 
werden, folglich ans lanter kausalen Bestimmungen sieh er- 
geben. Von diesen nun ist die vornehmste der Sehwinkel, 
unter dem das Objekt sich darstellt: dennoch ist dieser durch- 
aus zweideutig und kann für sich allein nichts entscheiden . . . 
Nur wenn uns seine (des Objekts) Gröfse anderweitig schon 
bekannt ist, können wir aus dem Sehwinkel seine Entfernung 
erkennen, wie auch umgekehrt, wenn uns diese anderweitig 
gegeben ist, seine GrOfse . . . Auf der Abnahme des Seh- 
winkels beruht die Linearperspektiye . . . Soweit wir eine 
ununterbrochene Folge sichtbarlich zusammenhängender Gegen- 
stände Yor uns haben, können wir aus dem allmählichen Zu- 
sammenlaufen aller Linien, also aus der Linearperspektire, 
allerdings die Entfernung erkennen. Hingegen aus dem bloüsen 
Sehwinkel für sich allein können wir es nicht, sondern als- 
dann mufs der Verstand immer noch ein anderes Datum zu 
Hilfe nehmen, welches gleichsam als Eomentar des Seh- 
winkels dient, indem es den Anteil, den die Entfernung an 
ihm hat, bestimmter bezeichnet. 

Zu den subsidiarischen Datis, . . . gehören erstlich die 
mutationes oculi internae, vermöge welcher das Auge seinen 
optischen Brechungsapparat, durch Vermehrung oder Vermin- 
derung der Brechung, verschiedenen Entfernungen anpafst . . . 
Wir haben von diesen inneren Veränderungen *de8 Auges, wenn 
auch keine deutliche Wahrnehmung, so doch eine gewisse 
Empfindung, und diese benutzen wir unmittelbar zur Schätzung 
der Entfernung. Da aber jene Veränderungen nur dienen, von 
etwa 7 Zoll bis auf 16 Fuls weit das vollkommen deutliche 
Sehen möglich zu machen, so ist auch das besagte Datum für 
den Verstand nur innerhalb dieser Entfernung anwendbar. 

Darttber hinaus findet dagegen das zweite Datum An- 
wendung, nämlich der bereits oben, beim Einfach-Sehen, er- 
klärte, von den beiden Augenaxen gebildete optische Winkel. 
. . . Das verschiedene Richten der Augen gegen einander ist 
nicht ohne eine gewisse, leise Empfindung davon, die aber 
auch nur sofern ins Bewufstsein kommt, als der Verstand sie 
bei seiner intuitiven Beurteilung der Entfernung als Datum 
gebraucht Dieses Datum läfst zudem nicht blofs die Ent- 
fernung, sondern auch genau den Ort des Objekts erkennen, 



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i7 

vermöge der Parallaxe der Augen, die darin besteht, dafs 
jedes derselben das Objekt in einer etwas anderen Richtung 
sieht ... Da aber, sobald der Gegenstand zweihundert Fafs 
oder weiter abliegt, die Angen sich parallel richten, also der 
optische Winkel ganz weg fällt, so gilt dieses Datum nur 
ionerhalb der besagten Entfernung. 

Über diese hinaus kommt (drittens) dem Verstände die 
Luftperspektive zu Hülfe, als welche durch das zunehmende 
Dnmpfwerden aller Farben, das Erscheinen des physischen 
Blau Tor allen dunkeln Gegenständen . . . und das Yer- 
sehwimmen der Kontoure ihm eine gröfsere Entfernung an- 
kündigt . . . 

Endlich (viertens) bleibt uns noch die Schätzung der 
Entfernung mittelst der uns intuitiv bekannten Gröfse der da- 
zwischen liegenden Gegenstände . . .^ Sie ist nur bei un- 
nnterbrochenem Zusammenhang, also nur auf irdische, nicht 
auf himmlische Objekte anwendbar . . .^. 

Im Anschlufs daran kommt Schopenhauer auf die Gröfsen- 
Schätzung der Gegenstände am Horizont und das Sehen durch 
Teleskop und Lupe zu sprechen. 

„Dafs beim Sehen der Übergang von der Wirkung zur 
Ursache ganz unbewnist geschieht, . . . hat seinen Grund teils 
in der hohen Vollkommenheit des Organs, teils in der aus- 
schlielslich geradlinigen Wirkungsart des Lichtes. Vermöge 
dieser letzteren leitet der Eindruck selbst schon auf den Ort 
der Ursache hin." 2) über die Unbewufstheit des Vorganges 
bellst es im besonderen: „Auch diese Verstandesoperation 
(das Hinzufügen der dritten Dimension) wird, gleich den 
Torhergehenden, so unmittelbar und schnell vollzogen, dafs von 
ihr nichts, als blofs das Resultat, ins Bewufstsein kommt." s) 

Die flir die Übung des Verstandes, die bei dem Zu- 
standekommen der empirischen Anschauung eine Rolle spielt, 
banptsächlich in Betracht kommenden Ausführungen seien 
im folgenden zusammengestellt: „Obgleich der rein formale 
Teil der empirischen Anschauung . . . a priori im Intellekt 



>) in, 73-85. «) n, 84. >) III, 80. 

PhilOMphiaehe Abhftndlwagon. XXXV. 



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18 

liegt, BO ist ihm doch nicht die Anwendung desselben auf 
empirische Data zugleich mitgegeben: sondern diese erlangt 
er erst durch Übung und Erfahrung. Daher kommt es, dafs 
neugeborene Kinder zwar Licht- und Farbeneindrnck empfangen, 
allein noch nicht die Objekte apprehendiren und eigentlich 
sehn; sondern sie sind die ersten Wochen hindurch in einem 
Stupor befangen, der sich alsdann yerliert, wann ihr Verstand 
anfängt, seine Funktion an den Datis der Sinne, zumal des 
Getasts und Gesichts, zu üben, wodurch die objektive Welt 
allmählich in ihr Bewufstsein tritt . . .^ ^^^^ '^^ näher aus- 
geftohrt in Sehn und Farben: „Da aber jedes Objekt auf 
alle fünf Sinne verschieden wirkt, diese Wirkungen dennoch 
auf eine und dieselbe Ursache zurttckleiten, welche sich eben 
dadurch als Objekt darstellt, so yergleicht das die Anschauung 
erlernende Kind die verschiedenartigen Eindrücke, welche es 
vom nämlichen Objekte erhält; es betastet, was es sieht, besieht, 
was es betastet, geht dem Klange nach zu dessen Ursache, 
nimmt Geruch und Geschmack zu Hilfe, bringt endlich auch 
für das Auge die Entfernung und Beleuchtung in Anschlag,"^) 
und lernt auch die übrigen Beihilfen zur Beurteilung des Ortes 
des Objekts kennen. Ähnliches sagt Schopenhauer von ope- 
rierten Blindgeborenen: „Diese sehen zwar gleich nach der 
Operation Licht, Farben und Umrisse, haben aber noch keine 
objektive Anschauung der Gegenstände: denn ihr Verstand 
mufs erst die Anwendung seines Kausalgesetzes auf die ihm 
neuen Data und ihre Veränderungen lernen . . . Bei solchen 
hergestellten Blinden mufs das Getast, als welchem die Dinge 
schon bekannt sind, diese dem Gesicht erst bekannt machen, 
gleichsam sie präsentiren und einführen . . .^') 

Das Mitwirken der Erfahrung bei der Ausübung der 
Verstandestätigkeit kommt auch bei der Erklärung des Scheins 
zur Sprache: „Schein entsteht allemal entweder dadurch, dafs 
der stets gesetzmäfsigen und unveränderlichen Apprebension 
des Verstandes ein ungewöhnlicher (d. h. von den, auf welchen 
er seine Funktionen anzuwenden gelernt hat, verschiedener) 
Zustand der Sinnesorgane untergelegt wird; oder dadurch, dals 
eine Wirkung, welche die Sinne sonst täglich und stündlieh 



») III, 88. «) VI, 24. >) III, 88, 89. 

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19 

doreh eine and dieselbe Ursache erhalten, einmal durch eine 
ganz andere Ursache hervorgebracht wird . . ." i) „Wenn ich 
eine Engel mit gekreuzten Fingern betaste, glaube ich sofort, 
zwei Kugeln zu ftthlen, weil mein auf die Ursache zurück- 
gehender und diese den Gesetzen des Raumes gemäfs kon- 
Btruirender Verstand, die natürliche Lage der Finger voraus- 
setzend, zwei Kugelflächen, welche die äufseren Seiten des 
Mittel- und Zeigefingers zugleich bertthren, durchaus zweien 
verschiedenen Kugeln zuschreiben mufs.''^) Als Beispiele ftir 
TäQschungen des Verstandes bei der Deutung von Gesichts- 
wahmehmungen führt Schopenhauer an: das Doppeltsehen 
eines Objektes beim Schielen und beim Fixieren eines weiter 
oder näher stehenden Objektes, sowie das Einfachsehen zweier 
Yor zwei parallelen Röhren angebrachter Geldstücke^) und 
das Einfachsehen im Stereoskop.^) 

Wir hatten bisher das Zustandekommen der empirischen 
Anschauung bis zu dem Punkte verfolgt, wo durch die Tätig- 
keit des Verstandes aus der blofsen Empfindung die räumlich 
geordnete objektive Vorstellung wird. Es erübrigt einiges 
Spezielle beizufügen über das Zustandekommen der zeitlichen 
Ordnung in der empirischen Anschauung. Im allgemeinen 
wurde dies bereits oben charakterisiert. Einer speziellen Be- 
Btimmung begegneten wir in der Bemerkung, dafs der Verstand 
von „jener successiven Empfindung in der Hand^^) ausgehe. 
Dies beruht auf folgendem: „Die Veränderungen (der Em- 
pfindungen) gelangen unmittelbar [bevor die Verstandestätigkeit 
einsetzt] blofs in der Form des inneren Sinnes, also der Zeit 
allein, d.h. suecessiv, zum Bewufstsein/^ *) In diesem Sinne 
beiist es auch: „Ohne Verstand . . . wäre die blofse Emp- 
findung ein Wechsel bedeutungleerer Zustände."'^) 

Schon die blofsen Empfindungen also tragen einen zeit- 
liehen Charakter an sich. Die Empfindungen aber reichen 
allein nicht aus, die zeitliche Ordnung in der Anschauung her- 
zustellen: „Nimmermehr aber könnte aus jener Empfindung 
[der successiven Empfindung] in der Hand die Vorstellung der 



VI, 80. 

») m, 70. 


•)ui, 
•) in, 


77, 
66. 


78. 


•) m, 78. 

») VI, 21. 


*) VI, 29 
2* 

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20 

Bewegung, d. i. der VeräDderung des Ortes im Banm, mittelst 
der Zeit, entstehen: denn so etwas kann in ihr nicht liegen, 
noch kann sie allein es jemals erzeugen. Sondern sein Intellekt 
mnfs, vor aller Erfahrung die Anschauungen des Raumes, der 
Zeit, und damit die Möglichkeit der Bewegung, in sich tragen, 
und nicht weniger die Vorstellung der Kausalität, um nun von 
der allein empirisch gegebenen Empfindung überzugehen auf 
eine Ursache derselben und solche dann als einen sich also 
bewegenden Körper, von der bezeichneten Gestalt, zu kon- 
struiren." ») 

Ein Rückblick auf die bisherigen Ausführungen lälst be- 
merkenswert erscheinen, dafs als die Aufgabe des Verstandes 
die Konstruktion alles dessen in der empirischen Anschauung 
gedacht wird, was in ihr mehr enthalten ist, als blolse Emp- 
findung und die reinen Formen Raum und Zeit. Dabei flielsen 
zwei Beetimmungen der Aufgabe des Verstandes zusammen: 

Erstens das Erkennen der Empfindung als Wirkung einer 
Ursache, 

Zweitens die raumzeitliche Anordnung der Empfindungen. 

Damit erscheint die ursprünglich eng begrenzte Funktion 
des Verstandes [„Kausalität erkennen ist seine einzige Funk- 
tion"]*) erweitert. Zu der kausal beziehenden tritt eine formal- 
beziehende Tätigkeit des Verstandes. Im einzelnen aber reichen 
die a priori gegebenen Vorstellungen für die raumzeitliche 
Einordnung der Empfindungen nicht aus. Sie wird yielmehr 
erst hergestellt durch Erfahrungsmomente, die in den Emp- 
findungen liegen, hauptsächlich denen des Tast- und Gesichts- 
sinnes. Dafs der Verstand „ein Nebeneinander des Eindrucks 
zu Hilfe nimmt" und „der blofse Eindruck auch schon die 
Richtung seiner Ursache anzeigt", ist psychologisch gleich- 
bedeutend damit, dafs den Gesichtsempfindungen aufser ihrem 
Empfindungsinhalt ein Bewufstsein ihres Nebeneinander auf 
der Netzhaut und ein Bewnüstsein der Richtung ihrer Ursache 
zukomme. Wir fanden, dafs ihnen auch ein zeitlicher Charakter 
eigen ist Sie werden auf Grund ihrer räumlichen Beihilfen 
der allgemeinen Form des Raumes eingeordnet In analoger 



1) III, 70. ») I, 43. 

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21 

Weise werden sie, so können wir interpretieren, anf Grand 
ihres zeitlichen Charakters der allgemeinen Form der Zeit 
eingeordnet. 

Dals den blofsen Empfindangen ein räumlicher nnd zeit- 
licher Charakter eigen sei, ist nnyereinbar mit der Annahme, 
dafs der Intellekt a priori sie ihnen allererst beifUge. Wir 
werden bei der Erörterung der blofsen Empfindung kennen lernen, 
was Schopenhauer zu einem Teil dieser Unzulänglichkeiten ver- 
anlassen konnte, ohne dafs dadurch der bestehende Wider- 
spruch aufgehoben wttrde. 

Ferner ist bemerkenswert, dafs der Verstand die Anwen- 
dung seiner Form erlernen mufs und sich in dieser Anwendung 
täuschen kann. Dabei spielt ein Vergleichen der Data des 
last- und Gesichtssinns eine Rolle. Wie dies psychologisch 
zu verstehen sei, führt Schopenhauer nicht näher aus. Es 
wäre nur dann verständlich, wenn dem Verstände ein Ge- 
dächtnis zugeschrieben werden könnte. Diese Annahme liefse 
sieh zwar zur Not vereinigen mit der Definition des Ge- 
dächtnisses bei Schopenhauer als einer „blofsen Übungs- 
tahigkeit". ^) Aber erstlich liegt Schopenhauer eine solche 
Annahme fern; sodann mttfste zur Auflösung der genannten 
Schwierigkeit dem Verstände auch ein vergleichendes Denken 
nnd damit eine Fähigkeit zu abstrahieren zugeschrieben 
werden, womit er in das Gebiet der Vernunft im Sinne 
Sehopenhauers ttbergrifie. 



IV. Physiologische Erörterungen. 

Der Gang unserer Darstellung ftlhrt uns zur Besprechung 
der Bestandteile der empirischen Anschauung. Zuvor mögen 
die in Betracht kommenden physiologischen Bedingungen dar- 
gelegt werden. 

In dieser Hinsicht ist hervorzuheben, dafs Schopenhauer 
die Empfindungen mit den Vorgängen in den Sinnesorganen 

») II, 162. 



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22 

in eins setzt. ,,Die Empfindungen sind eine Funktion einzelner 
zarter Nervenenden", wie der Verstand „eine Funktion des 
Gebims", sie „sind beschränkt auf das Gebiet unter der Haut^ 
und „in den Sinnesorganen dureh Zusammenflufs der Nerven- 
enden erhöhte, wegen der Ausbreitung und dünnen Bedeckung 
derselben leicht von auf sen erregbare und zudem einem speziellen 
Einflufs, Licht, Schall, Luft, besonders offenstehende", >) während 
„die Vorstellung ein sehr komplizirter physiologischer Vorgaug 
im Gehirn . . . ist". ^) „Die Retina ist der unbezweifelte Sitz 
dessen, was beim Sehen in der blofsen Empfindung besteht."^) 
Für das Hören findet sich an einer Stelle eine etwas abweichende 
Bestimmung: „Das Hören geht vermöge einer mechanischen 
ErschtttteruDg des Gehirnnerven vor sieh, die sich sogleich 
bis ins Gehirn fortpflanzt, während hingegen das Sehen eine 
wirkliche Aktion der Retina ist ..." 

Über die Abhängigkeitsbeziehungen des physiologischen 
und psychologischen Geschehens heilst es schlechthin: „Unser 
Auge ist es, welches Grün, Rot und Blau hervorbringt", wie 
„unser Gehirn es ist, welches Zeit, Raum und Kausalität 
hervorbringt." *») „Verleihen die Nerven der Sinnesorgane den 
erscheinenden Objekten Farbe, Klang, Geschmack, Geruch. 
Temperatur usw., so verleiht das Gehirn denselben . . . alles, 
was mittelst Zeit, Raum und Kausalität vorstellbar ist."* ^) 
„Die Sinne sind also blofs die Sitze einer gesteigerten 
Sensibilität, sind Stellen des Leibes, welche für die Einwirkung 
anderer Körper in höherem Grade empfänglich sind, und zwar 
steht jeder Sinn einer besonderen Art von Einwirkung offen, 
für welche die übrigen entweder wenig oder gar keine 
Empfänglichkeit haben. Diese spezifische Verschiedenheit 
der Empfindung jedes der fünf Sinne hat jedoch ihren 
Grund nicht im Nervensystem selbst, sondern nur in der Art, 
wie es affiziert wird . . . Denn die Substanz der Nerven (ab- 
gesehen vom sympathischen System) ist im ganzen Leibe eine 
und dieselbe, ohne den mindesten Unterschied. Wenn sie nnn, 
vom Lichte durch das Auge, vom Schalle durch das Ohr ge- 
troffen, so spezifisch verschiedene Empfindungen erhält, so 



III, 6«. •) II, 222. ») VI, 37. *) II, 39. 

») IV, 107. a) II, 80. 



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23 

kaoQ dies Dieht an ihr selbfit liegen, sondern nnr an der Art, 
wie sie affizirt wird. Diese aber hängt ab teils von dem 
fremden Agens, von dem sie affizirt wird (Lieht, Schall, Dnft,) 
teils von der Vorriehtnng, dnrch welche sie dem Eindruck 
dieses Agens ansgesetzt ist, d. i. von dem Sinnesorgan . . .^ 
„Indem der änJjsere Sinn, d. h. die Empfänglichkeit fUr äufsere 
Data f&r den Verstand, sich in fttnf Sinne spaltete, richteten 
diese sich nach den vier Elementen, d. h. den vier Aggrega- 
tioDszaständen, nebst dem der Imponderabilität. So ist der Sinn 
fbr das Feste (Erde) das Getast, fUr das Flttssige (Wasser) 
der Geschmack, fUr das Dampfförmige, d. h. Verflüchtigte 
(Danst, Dnft) der Gerach, für das permanent Elastische (Luft) 
das Gehör, für das Impondrabile (Fener, Lieht) das Gesicht. 
Das zweite Imponderabile, Wärme, ist eigentlich kein Gegen- 
stand der Sinne, sondern des Gemeingefllhls/' ^) 

Die Ansdrncksweise in diesen Ausftthrnngen ist geeignet, 
ZQ einer materialistischen Dentung Veranlassung zn geben. 3) 
Eine solche Aaffassnng besteht indes nicht zu Recht. Erstlich 
iät jene Ansdrncksweise Schopenhauers nicht streng fest- 
gehalten. Er sagt zwar: „Das Sehen ist eine wirkliche Aktion 
der Retina",*) doch sagt er auch, dals „die Retina der Sitz 
d^sen ist, was beim Sehen in der blofsen Empfindung be- 
ßteht**,*) zwar, dafs „die Modifikationen der Sinne die blofsen 
Empfindungen sind^,^) doch auch, dafs „die Modifikationen 
des Auges unmittelbar blofs empfunden werden"; 7) er fordert 
zwar, dals sich „eine Farbentheorie zunächst an die Empfindung 
selbst wenden solle, um zu erforschen, ob nicht aus ihrer 
Beschaffenheit und Gesetzmäfsigkcit sich herausbringen liefse, 
^orin sie an und fttr sieh, also physiologisch bestehe",») doch 
erklärt er an derselben Stelle auch, dafs „die spezifische 
Empfindung sich nicht beschreiben, sondern nur sinnlich nach- 
weisen lasse". 



») VI, 22, 23. «) II, 38. 

') In der Tat ist dies geschehen in Kano Fischers „Kritik der 
Sdkopenhaoerschen Philosophie^. In Band IX seiner „Geschichte der 
Beneren Phflosophle''. 2. Auflage. 1898. 

II, 39. *) VI, 87. •) VI, 34. ') VI, 85. 



») VI, 35, 36. 



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24 

Das entscheidende Argament aber ergibt sich ans dem 
Zusammenhang der Lehre Schopenhauers Überhaupt. Er 
polemisiert nicht nur heftig gegen den Materialismus, sondern 
ist auch sachlich weit davon entfernt, Materialist zu sein. Im 
materialistischen Sinne zu behaupten, die Sinnesempfindungen 
seien nichts als physiologische Vorgänge in den Sinnesorganen, 
ist für Schopenhauer deshalb unmöglich, weil „der Materialis- 
mus vom Objekte ausgeht, ein Objektives zum letzten Er- 
klärungsgrunde nimmt, sei nun dieses die Materie . . . oder 
der Stoff . . .^,i) und dieses „als an sich und absolut existierend 
annimmt, um daraus die organische Natur und zuletzt das 
erkennende Subjekt hervorgehen zu lassen und diese voll- 
ständig zu erklären ^^2) Schopenhauer wendet sich schon in 
der ersten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung 
Band I gegen den konsequenten Materialismus, weil dieser 
„als das letzte Glied der Kette des materiellen Geschehens 
die tierische Sensibilität, das Erkennen" setzen mnfs, „welches 
folglich jetzt als eine blofse Modifikation der Materie, ein 
durch Kausalität herbeigeführter Zustand derselben aufträte''. 3) 
An ein Hervorbringen der Empfindung durch den Leib im 
materialistischen Sinne ist bei Schopenhauer also deshalb 
nicht zu denken, weil der Satz vom zureichenden Grunde 
des Werdens nur zwischen materiellen Objekten, nicht aber 
zwischen diesen und dem erkennenden Subjekt Gültigkeit hat 
Dennoch kann Schopenhauer von einer Identität der Empfindung 
und des Vorganges im Sinnesorgan reden, nämlich im metaphysi- 
schen Sinne, insofern beide an sich ein und dasselbe, nämlich 
Wille, sind. Der Leib bringt die Empfindungen und Vorstellungen 
hervor, insofern er die Sinnesorgane und das Gehirn hervorbringt, 
und das „was im Selbsbewufstsein, also subjektiv, der Intellekt ist, 
im Bewufstsein anderer, also objektiv, sich als Gehirn darstellt''^) 
und in analogerweise die Empfindungen in den Sinnesorganen 
sich darstellen. Gemeint sein kann als das Hervorbringende, 
wenn von einer Hervorbringung des Intellekts und der Emp- 
findungen die Rede ist, immer nur das am Leibe zugrunde 
Liegende, der Wille. „Vorstellung und Gedanke können . . . 



1, 63. «) I, 63. ») 1. Auflage Seite 40, 3. Auflage 1, 62. 

*) II, 286. 



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25 

als die EfiOorescenz des Willens angesehen werden, sofern sie 
ans der höchsten Vollendung und Steigerang des Organismus 
entspringen, dieser aber an sieh selbst und auf serhalb der 
Vorstellung der Wille ist. Allerdings setzt in meiner Er- 
klärung, das Dasein des Leibes die Welt der Vorstellung 
Yoraus, sofern aueh er, als Körper oder reales Objekt, nur 
in ihr ist: und anderseits setzt die Vorstellung selbst eben so 
sehr den Leib voraus, da sie nur durch die Funktion eines 
Organs desselben entsteht. Das der ganzen Erscheinung zum 
Grunde Liegende, das allein an sich selbst Seiende und 
Ursprüngliche darin, ist ausschlief slich der Wille: denn er ist 
es, welcher eben durch diesen Prozefs die Form der Vor- 
stellung annimmt, d. h. in das secundäre Daseyn einer gegen- 
ständlichen Welt, oder die Erkennbarkeit, eingeht." i) Nur 
ist hierbei zu beachten, dafs bei dem Willen als Ding an sich 
?0Q einem Hervorbringen im eigentlichen Sinne nicht die Rede 
sein kann; denn dieser ist dem Satze vom zureichenden Grunde 
nicht unterworfen; sondern, wenn der Organismus das Gehirn 
hervorbringt, ist das mit diesem auftretende Bewufstsein nur 
scheinbar etwas Hervorgebrachtes. Insofern sind Ausdrücke 
wie „ Efflorescenz des Willens", oder dafs „der Intellekt ... 
aus dem Willen entspringt ",2) u. a. m. geeignet, zu Mifs- 
verständnissen zu ftthren. Der Ursprung der Empfindungen, 
wie auch des Intellektes kann somit, entsprechend den Vor- 
bemerkungen meiner Schrift, als ein metaphysisch -psycho- 
logischer bezeichnet werden. 



V, Die blofsen Empfindungen, 

Der Ursprung der Sinnesempfindungen wurde bereits im 
vorigen Abschnitte als ein metaphysisch -psychologischer ge- 
kennzeichnet. Die dadurch angeregte Frage, wie dieser 
Ursprung im Zusammenhange der ganze Lehre Schopenhauers 
lü verstehen sei, kann hier nicht näher erörtert werden. Eine 



n, 322. >) U, 828. 

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spezielle psychologische Bestimmang finden wir in folgender Stelle: 
„Die einfachste, unbefangene Selbstbeobachtung, zusammen- 
gehalten mit dem anatomischen Ergebnis, führt zu dem Resultat, 
dafs der Intellekt, wie seine Objektiyation, das Gehirn, nebst 
diesem anhängenden Sinnenapparat, nichts anderes sei, als 
eine sehr gesteigerte Empfänglichkeit für Einwirkungen von 
aufsen ...i) Ferner: „Man kann jede Sinnesempfindung an- 
sehen als eine Modifikation des Tastsinnes, oder der über den 
ganzen Leib verbreiteten Fähigkeit zu Ftihlen".^) Diese Aus- 
führungen enthalten den Gedanken einer Herleitung des 
Mannigfaltigen der Empfindungen aus einem einzigen und 
einfachsten Elemente, nämlich — wenn wir die beiden Aus- 
führuDgen interpretierend miteinander verbinden — der Emp- 
fänglichkeit für Einwirkungen von aufsen, und zwar der 
Fähigkeit zu tasten oder zu fühlen. Jedoch ist dieser Gedanke 
bei Schopenhauer nicht prinzipiell gefafst Was er darüber 
Näheres sagt, bewegt sich in bildlicher Darstellung. 3) 

Hinsichtlich des Bestandes der blofsen Empfindungen ist eine 
Bemerkung Schopenhauers anzuführen, die den oben zitierten 
insofern widerspricht, als sie die blofse Sinnesempfindung als ein- 
fachen Inhalt darstellt: „Jene specifische Empfindung im Auge, 
die sich nicht beschreiben, sondern nur sinnlich nachweisen 
läfst^^^) Auf die Ausführungen Schopenhauers über die speziellen 
Empfindungen, im besonderen auf seine Farbenlehre kann im 
Zusammenhange der vorliegenden Schrift nicht eingegangen 
werden. 

Es soll vielmehr im folgenden die für das Verständnis 
der Lehre Schopenhauers bedeutsame Frage erörtert werden, 
wie sich die blofsen Empfindungen in den Zusammenhang des 
geistigen Bestandes überhaupt einordnen. Dieselbe hat in 
den späteren Schriften Schopenhauers eine etwas andere 
Beanwortung gefunden als in den früheren; um dies dar- 
zulegen, mögen die einzelnen Schriften in dieser Hinsicht 
geprüft werden. 

In der ersten Auflage des Satzes vom Grunde, wie auch 
in der zweiten Auflage, werden die Sinnesempfindungen in 



V, 65. ») VI, 22, ähnlich so III, 66. >) V, 55, 56. 

*) VI, 35. 



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27 

AnlehnuDg an Kant als das Materiale der ErBcheinnngen anf- 
gefabt, auf welches der Verstand seine Tätigkeit richtet, in 
der ersten Anfinge aber in engerer Anlehnung an Kant, als 
in der zweiten Auflage: In jener heifst es: „Ohne Anwendung 
des Verstandes überhaupt bliebe es bei der blofsen Emp- 
findang".!) „Durch Anwendung der Kategorien der Subsisteoz, 
Realität, Einheit usw.^ ^) auf dieselbe ersteht nun das unmittel- 
bare Objekt. Nun wird „von der Veränderung ... im Organ 
auf eine Ursache geschlossen, und solche wird im Räume 
dahin, von wo ihre Wirkung ausgeht, . . . gesetzt . . . Durch 
die Kategorie der Kausalität allein erkennen wir die Objekte 
als wirklich, d. i. auf uns wirkend",^) d. h. „es werden die 
anderen Objekte als zum Ganzen der Erfahrung so gut als 
das unmittelbare gehörend erkannt ".3) „Das unmittelbare 
Objekt ist der eigene Leib, die Hand indem sie tastet, das 
ÄBge, indem es sieht. Indem der Leib getastet, gesehen usw. 
wird, ist er nicht mehr unmittelbares, sondern vermitteltes 
Objekt. Das unmittelbare Objekt ist . . . eine unmittelbare im 
Gegensatz aller anderen Vorstellungen, welche durch sie 
vermittelt sind.^'^) Diese Voraussetzung eines unmittelbaren 
Objekts als des Ausgangspunktes für den Übergang zum 
vermittelten entspricht der Forderung, dafs der Satz vom 
Grunde nur zwischen Objekten, nicht aber zwischen Subjekt 
und Objekt statthabe.'^) Das unmittelbare Objekt, das durch 
Anwendung der Kategorien der Subsistenz, Realität, Einheit 
Qsw., aufser der der Kausalität, auf die blolse Empfindung 
erstanden ist, könnte dabei vielleicht als im psychologischen 
Sinne gleichbedeutend mit der auf diese Weise zur Vorstellung 
erhobenen, insofern also unmittelbar objektiv gewordenen Emp- 
findung genommen werden. Im Widerspruch damit steht, dafs 
.Schopenhauer gelegentlich in dieser Auflage von dem „unmittel- 
baren Objekt im Räume'' redet. 

Die Forderung des Ausgehens vom unmittelbaren Objekt 
Air den Kausalschlufs auf das vermittelte ist in der ersten 
und den folgenden, nur in Unwesentlichem veränderten Auf- 
lagen der Welt als Wille und Vorstellung Band I festgehalten. 



S. 54. *) S. 53. •) S. 54. *) S. 36. 

^) S. 67, auch schon Nachlala 3, S. 160, aus dem Jahre 1800. 



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28 

weil die ftlr die Erkenntuislehre SchopenhanerB grandlegeode 
Annahme bestehen bleibt, dafs zwischen Subjekt und Objekt 
nicht das Verhältnis von Ursache und Wirkung obwalten kann. 
Jedoch findet schon hier eine Einschränkung des Ausdrucks 
„unmittelbares Objekt", als nur im uneigentlichen Sinne zu 
verstehen, statt. „Der Leib ist uns unmittelbares Objekt, d. 
h. diejenige Vorstellung, welche den Ausgangspunkt der Er- 
kenntnis des Subjekts macht, indem sie selbst mit ihren 
unmittelbar erkannten Veränderungen der Anwendang des 
Gesetzes der Kausalität vorhergeht und so zu dieser die ersten 
Data liefert".») „Man hüte sich aber vor dem greisen Mifs- 
Verständnis, dafs, weil die Anschauung durch die Erkenntnis 
der Kausalität vermittelt ist, deswegen zwischen Objekt und 
Subjekt das Verhältnis von Ursache und Wirkung bestehe; 
da vielmehr dasselbe immer nur zwischen unmittelbarem und 
vermitteltem Objekt, also immer nur zwischen Objekten statt- 
findet".^) „Insofern die blofsen Veränderungen, welche die 
Sinnesorgane . . . erleiden, . . . nur für die Erkenntnis da sind 
. . ., sage ich, dafs der Leib unmittelbar erkannt wird, un- 
mittelbares Objekt ist: jedoch ist hier der Begriff Objekt nicht 
einmal im eigentlichsten Sinne zu nehmen: denn durch diese 
unmittelbare Erkenntnis des Leibes, . . . steht der Leib selbst 
nicht eigentlich als Objekt da ... d. h. als anschauliche 
Vorstellung im Raum."^) „Nicht eigentlich", d. i., wie wir 
fanden, insofern der Leib, hier das Sinnesorgan, im uneigent- 
lichen, d. h. metaphysischen Sinne identisch ist mit der 
Sinnesempfindung. Da von den Kategorien in dieser Schrift 
nur noch die der Kausalität beibehalten wird, so wird die 
psychologische Erklärung des Zustandekommens des unmittel- 
baren Objekts, wie wir sie in dem Rahmen der ersten Auflage 
des Satzes vom Grunde versuchten, unmöglich. Beiläufig sei 
erwähnt, dafs die Begrenzung in dem Gebrauche der Kategorien 
schon in der ersten Auflage von Sehn und Farben angelegt 
ist, wo von den Kategorien anfser der Kausalität nicht 
mehr gesprochen wird; es heifs vielmehr: „Die Anschauung 



') 1. Auflage S. 27, 28. 3. Auflage I, 52—53. 
') 1. Auflage S. IS. 3. Auflage I, 45. 
>} U Auflage S. 29. 3. Auflage I, 53. 



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20 

d. h. die Apprehension einer objektiven Welt, deren Teile 
dnreb den Raum getrennt, nnd darch das Gesetz der Kausalität 
... verbanden sind ...^.^) Es bleibt daher, soll die Eansal- 
beziehnng zwischen Subjekt und Objekt vermieden werden, nur 
übrig, der biolsen Empfindung schon den Objektcharakter zu- 
zuschreiben. Dieser Gedanke ist zwar in dieser Wendung von 
Schopenhauer nicht ausgesprochen, auch wenn er das unmittel- 
bare Objekt als eine Vorstellung erklärt. Schopenhauer gelangt 
aber zu demselben Ergebnis, dafs die Empfindung als Vor- 
BtelluDg anzusehen sei, von einer anderen Seite her, nämlich 
vom Standpunkte des Willens aus. „Die blofsen Veränderungen, 
welche die Sinnnesorgane durch die ihnen spezifisch angemessene 
Einwirkung von aufsen erleiden, sind zwar schon Vorstellungen 
za nennen, sofern solche Einwirkungen weder Schmerz noch 
Wollast erregen, d. h. keine unmittelbare Bedeutung fUr den 
Willen haben, und dennoch wahrgenommen werden, also nur 
für die Erkenntnis da sind.'^^) Angelegt ist auch dieser 
Gedanke schon in der ersten Auflage von Sehn und Farben: 
^Die blofse Empfindung, die allenfalls als Schmerz oder Wohl- 
behagen eine Bedeutung in bezug auf den Willen haben konnte, 
übrigens aber ein Wechsel bedeutungsleerer Zustände . . . 
wäre". 3) Dafs hier die Empfindung als bedeutungsleerer Zu- 
stand gedeutet ist, was hier nur heifsen soll, dafs sie keine 
„objektive'^ Bedeutung habe, sei vorerst nicht beachtet, sondern 
nar, dafs sie in gewissen Fällen den Willen nicht berühre. 
Diese Bestimmung, die insofern eine metaphysische ist, als die 
Empfindung in Gegensatz gesetzt ist zum Willen, also dem 
Ding an sich, kann auch als psychologische gelten, in dem 
Sinne, der in der Einleitung der vorliegenden Schrift dar- 
gelegt wurde. Wir können somit verstehen, dafs Schopenhauer 
ans der negativen, metaphysisch -psychologischen Bestimmung, 
dab die Empfindung den Willen nicht berühre, die positive, 
erkenntnispsyohologische gewinnt, dafs sie Vorstellung sei. Die 
bereits angedeutete Beschränkung dieser Folgerung auf gewisse 
SiDsesgebiete wird an einer anderen Stelle der Welt als Wille und 



') 1. Auflage S.«26; umgeändert 2. Auflage VI, 34. 
^ 1. Auflage S. 28. 3. Auflage I, 53. 
") 1. Auflage S. 11. 2. Auflage VI, 21. 



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30 

Vorstellung Band I genauer bestimmt: „Unmittelbar als blofse 
Vorstellungen zu betrachten und daher von dem eben Gesagten 
auszunehmen, — (dafs Gefühle nicht Vorstellungen zu nennen 
seien) — sind nur gewisse wenige Eindrücke auf den Leib, 
die den Willen nicht anregen . . . Das hier Gemeinte sind 
nämlich die Affektionen der rein objektiven Sinne des Gesichts, 
Gehörs und Getastes, wiewohl auch nur, sofern diese Organe 
auf die ihnen besonders eigentümliche, spezifische, naturgemäfse 
Weise affiziert werden . . . Jede stärkere oder anderartige 
Affektion jener Sinneswerkzeuge ist aber schmerzhaft, d. b. 
dem Willen entgegen, zu dessen Objektität also auch sie 
gehören".») 

In Welt als Wille und Vorstellung Band I kommt noch 
eine andere Bestimmung der Empfindung in Betracht, nämlich 
eine terminologische. „Da wir im Deutschen noch das ziemlich 
(mit Gefühl) gleichbedeutende Wort Empfindung haben, so 
würde es dienlich sein, dieses für die körperlichen Gefühle 
als eine Unterart in Beschlag zu nehmen." 2) Dafg die körper- 
lichen Gefühle für Schopenhauer in das Gebiet des Willens 
gehören, geht aus einer Stelle der Freiheit des Willens her- 
vor: Das Gebiet des Willens „erstreckt sich bis auf die 
körperlichen, angenehmen oder schmerzlichen, und alle zwischen 
diesen beiden liegenden zahllosen Empfindungen".') Von diesen 
bilden also die Sinnesempfindungen eine Unterart, wenngleich 
sie zum Teil in das Gebiet des Willens nicht hinein gehören. 

Der Ausdruck „unmittelbares Objekt" ist schon in der 
ersten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung Band II 
vermieden; ebenso in den Zusätzen der zweiten und dritten 
Auflage der Kritik der Kantischen Philosophie. In der 
zweiten Auflage des Satzes vom Grunde kehrt die Re- 
striktion in Bezug auf den Ausdruck „unmittelbares Objekt" 
wieder; im übrigen ist dieser gleichfalls vermieden. Auch in 
den Parerga und Paralipomena kehrt er nicht wieder. In 
der zweiten Auflage der übrigen Werke findet er sieh nur 
noch in Sehn und Farben, an einer Stelle, wo er anch in 



1. Auflage S. 149. 3. Auflage 1, 152. 
>) 1. Auflage S. 78. 3. Auflage I, 93* 
•) III, 392. 

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31 

der ersten Auflage schon enthalten ist,*) während er an anderen 
Stellen der zweiten Auflage von Sehn und Farben, wo er in 
der ersten Auflage vorkommt, fortgefallen ist 2) 

Die Vermeidung dieses Ausdruckes in den genannten 
Schriften steht im Zusammenhang damit, dafs auch die 
Bezeichnung der Empfindung als Vorstellung in diesen Schriften 
fehlt: in der zweiten und dritten Auflage der Kritik der 
Kantigehen Philosophie, in der ersten und zweiten Auflage 
der Welt als Wille und Vorstellung Band II, in der zweiten 
Auflage des Satzes vom Grunde in Parerga und Paralipomena 
nnd auch in den späteren Auflagen der anderen Schriften 
anber Welt als Wille und Vorstellung Band I ist er aus- 
gefallen, — was ich durch eine mehr zeitraubende als frucht- 
briDgende Arbeit festgestellt habe. 

In der Tat ergibt sich aus Welt als Wille und Vorstellung 
Band 11 und der zweiten Auflage der Kritik der Kantischen 
Philosophie in erster Linie, dafs die Empfindung nicht mehr 
Vorstellung genannt werden kann: „Nach Kant . . . wäre der 
Eindruck, für den allein wir blofse Receptivität haben, der 
also von Aufsen kommt und allein eigentlich „gegeben" ist, 
Bchon eine Vorstellung, ja sogar schon ein Gegenstand. Er 
ist aber nichts weiter, als eine blofse Empfindung im Sinnes- 
organ, und erst durch Anwendung des Verstandes . . . und der 
Ansehauungsformen des Baumes und der Zeit wandelt unser 
Intellekt diese blofse Empfindung in eine Vorstellung um ".3) 
Entsprechend heifst es in Welt als Wille und Vorstellung 
Band II „Beim Sehen tritt der Verstandesakt . . . keineswegs 
iog deutliche Bewufstsein: daher sondert sich die Sinnes- 
empfindong nicht von der aus ihr, als dem rohen Stoff, erst 
vom Verstände gebildeten Vorstellung. Noch weniger kann 
ein Überhaupt nicht statthabender Unterschied zwischen Gegen- 
stand und Vorstellung ins Bewufstsein treten".^) 

Es werde zuerst festgestellt, was an die Stelle der Be- 
stimmung der Empfindung ab einer Vorstellung tritt 

An einigen Stellen läfst Schopenhauer die Empfindung 
unbestimmt und sagt schlechthin: „Diese Empfindung bezieht 

») 1. Auflage S. 18. 2. Auflage VI, 22. 

^ 1. Auflage S. 22. 2. Auflage VI, 31 nnd 1. Auflage S. 26. 2. Auf- 
lage VI, 33. ») I, 560. *) n, 32. 

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S2 

der Verstand . . ." *) „Erkenntnis der Kausalität, welche die 
blofse Empfindung in objektire, empirische Anschauung ver- 
wandelt." 2) „Die zu der gegebenen Empfindnng vorausgesetzte 
Ursache . . ." ») „Übergang von der Empfindung zu ihrer Ur- 
Ursache"*) „Der Eindruck ... ist nichts weiter als eine blofse 
Empfindung im Sinnesorgan."^) 

An anderen Stellen charakterisiert er die blofse Empfindung 
als „unmittelbar wahrgenommen": „In den objektiven Sinnes- 
organen (Gesicht, Gehör) werden die ihnen angemessenen, höchst 
zarten Affektionen empfunden . . . (so,) dafs sie als an sich 
gleichgültige, blofs wahrgenommene Empfindungen ins Bewofst- 
sein treten." <^) „Die Wahrnehmung seiner Empfindungen eine 
schlechthin unmittelbare." ^) „Die diesem [der Anschauung des 
Körpers] vorhergegangene unmittelbare Wahrnehmung (der 
Farbe) . . ."^) „Unmittelbar steht im Gegensatz zu der Ver- 
mittlung durch den Verstand, enthält also nur eine negative Be- 
stimmung. Der Ausdruck „wahrnehmen" wird von Schopenhauer 
in doppelter Weise angewandt. Erstlich, um einen Gegensatz 
zum Empfinden zu bezeichnen. Dann bedeutet er : wahrnehmen 
äufserer Objekte; so in der zweiten Auflage des Satzes vom 
Grunde, wo Schopenhauer an Kant rügt, dass dieser „Wahr- 
nehmung und Empfindung geradezu identifizire".*) In derselben 
Schrift heifst es, dafs „die Empfindungen der Ausgangspunkt 
aller Wahrnehmungen" seien, ^o) la Parerga und Paralipomena 
Band IL ferner: „Die Empfänglichkeit . . . wird zur Empfindung, 
begleitet von der Fähigkeit, diese auf ihre Ursachen zu be- 
ziehen und so am Ende zur Wahrnehmung." ^^ Wenn aber 
die blofse Empfindung als unmittelbar wahrgenommene ge- 
kennzeichnet wird, so ist hier „wahrnehmen" in einem 
weiteren Sinne gebraucht. Es fügt offenbar zur blofsen „Emp- 
findung" kein neues Merkmal hinzu und ist daher mit 
„empfinden" gleichbedeutend. Der Ausdruck „bloss wahr- 
genommene Empfindung", ist, wie deutlich aus einer der an- 
geführten Stellen 1^) hervorgeht, nur gesetzt, um das Nicht- 
bertthren des Willens zum Ausdruck zu bringen. 



*) I, 575. •) II, 19. 4) II, 19, iOuÜich so U, 50. 

•) n, 321, ähnlich so H, 322. *) IH, lül. «) VI, 54. 

»•) m, 103. ") V, 55, 56. ") U, 321. 



1,567. 
») 1,560. 
•) ni,97 



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33 

Wenn die Empfindang nicht mehr VorstellaDg genannt 
werden kann, so liegt der Gedanke nahe, sie als Gefühl zu 
bestimmen. Dies geschieht in der 2. Auflage des Satzes vom 
Grande: „Selbst in den edelsten Sinnesorganen ist sie (die 
blolse Empfindang) nichts mehr als ein lokales, spezifisches 
innerhalb seiner Art einiger Abwechslung fähiges, jedoch an 
sich selbst stets subjektives Gefühl.^ ^ Ähnlich so in der 2. 
Auflage Yon Sehn und Farben: ^Man kann jede Sinnesempfindung 
ansehen als eine Modifikation des Tastsinnes, oder der ttber 
den ganzen Leib verbreiteten Fähigkeit zu fühlen.''^) Beide 
Stellen sind je in der 2. Auflage dieser Schriften zugefügt. 
Dies kann wohl als eine weitere Bestätigung dafür angesehen 
werden, dals Schopenhauer sie bewufsterweise hier als Gefühle 
in Anspruch nimmt. Wenn nun aber die blofsen Empfindungen 
in das Gebiet des Fühlens hineingehören, so können wir folgern, 
daffl sie damit auch in das Gebiet des Willens hineinfallen; 
denn dieses erstreckt sich: „bis auf die körperlichen angenehmen 
oder schmerzlichen, und allen zwischen diesen beiden liegenden 
zahllosen Empfindungen ; da das Wesen aller dieser Affektionen 
darin besteht, dafs sie als ein dem Willen gemäfses, oder ihm 
Widerwärtiges , unmittelbar ins Selbstbewufstsein treten." ^) 
Daraus erwächst nun eine Schwierigkeit für die Interpretation 
der für die objektiven Sinne geltenden Einschränkung, die wir 
in Welt als Wille und Vorstellung Band I. 1. Auflage kennen 
gelernt haben, und die auch in den späteren Schriften Schopen- 
hauers beibehalten ist, nämlich dafs sie den Willen „eigentlich 
unberührt lassen"^) und empfunden werden, „ohne an sich selbst 
und unmittelbar den Willen zu affiziren.'^^) „Unmittelbar '^y das 
ist im Gegensatz zu einer Vermittlung auf dem Wege des Vor- 
stellens. „TJneigentlich" gehören sie zum Willen nur im meta- 
physischen Sinne in eben der Weise, wie auch das Vorstellen 
im metaphysischen Sinne in das Gebiet des Willens gehört. 
An anderer Stelle erscheint der Unterschied zwischen den 
niederen und höheren Sinnen als ein gradueller: „Die beiden 
niedrigsten Sinne, Geruch und Geschmack, sind schon nicht 
mehr frei von einer unmittelbaren Erregung des Willens, das 



in, 66. «) VI, 22. ») III, 392. *) II, 36. 

») II, 321. 

PhilosopliiMli« AbhAndloBgen. XXXV. 3 



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34 

heifst, sie werden stets aogeDehm oder aDangeDehm affizirt, 
sind daher mehr subjektiv als objektiv.'^ ^ Sie sind mehr 
subjektiv als objektiv, das ist genau ausgedruckt : es kommt 
ihnen die sabjektiv-objektive Beziehung, die den Vorsteliongs- 
eharakter ausmacht, in weniger deutlichem Mafse zu als den 
höheren Sinnen. Diese sind objektiver, weil sie mehr nach 
dem Gebiete des Vorstellens hin liegen, jene subjektiver, weil 
sie mehr nach dem Gebiete des Fohlens und somit des Willens 
hin liegen. 

Die Sinnesempfindungen der objektiven Sinne werden also 
einmal charakterisiert im Unterschiede von den Vorstellangen, 
anderen Orts aber im Unterschied von denjenigen Sinnes- 
empfindungen, die den Willen nicht unberührt lassen. Dort 
werden sie zu den Gefühlen gerechnet, um sie von den Vor- 
stellungen zu scheiden, hier werden sie aus dem Gebiete des 
Willens ausgeschieden, um ihre Fähigkeit, Vorstellung zu werden, 
zu motivieren; denn „so verlangt es der Primat des Willens.*^ 
Es mttfste ihnen daher eine Sonderstellung zugesprochen werden, 
wenn dies nicht im Widerspruch stände mit der „Duplizität 
unsers Wesens", das aus Wille und Vorstellung besteht 

Wir können als das Resultat unserer bisherigen Unter- 
suchung ttber die blofsen Empfindungen feststellen, dafs in den 
Schriften und Ausgaben, die nach der 1. Auflage der Welt 
als Wille und Vorstellung Band I. liegen, [die 2. and 3. Auf- 
lage von Welt als Wille und Vorstellung natürlich ausgenommen] 
die Empfindungen nicht mehr als Vorstellungen genommen 
werden, dafs aber im übrigen ihre Stellung in dem Gesamt- 
bereiche des psychologischen Bestandes undeutlich bestimmt 
bleibt. 

Die erkannte Schwierigkeit ist von Bedeutung für die 
Frage, in welchem Sinne die Empfindung subjektiv genannt 
werden könne, wenn es heilst, dafs aus ihr der Verstand die 
objektive Anschauung mache. Zum Zweck der Beantwortung 
dieser Frage seien einige Bemerkungen terminologischer Art, 
betreffend den Gebrauch der Worte subjektiv und objektiv 
bei Schopenhauer, vorausgeschickt, und zwar zunächst unter 



II, 88. 

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35 

BerüeksiebtigUDg der Fälle, in denen die Empfindang nicht 
in Betracht kommt 

Eine erkenntnistheoretische Scheidung ist gegeben in der Be- 
ziehuDg von Subjekt nnd Objekt, die den Inhalt des Begriffs Vor- 
stellnng ausmacht: „Das Zerfallen in Objekt und Subjekt ist die 
erste, allgemeinste und wesentlichste Form der Vorstellung^. ^) 

In transcendenter Beziehung steht subjektiv im Gegensatz 
ZQ dem Ding an sieh des empirischen Objektes: „Der Ursprung 
des Kausalgesetzes ist ebenso subjektiv wie die Sinnesempfin- 
dang . . ., und dann ist klar, dafs wir damit stets im Sub- 
jektiven bleiben . . . Auch die Formen Raum und Zeit sind 
wieder ganz subjektiven Ursprungs . . . Jener Übergang von 
der Sinnesempfindung zu ihrer Ursache, der . . . aller Sinnes- 
anschaunng zu Grunde liegt, ist zwar ausreichend, uns die 
empirische Gegenwart eines empirischen Objektes anzuzeigen . . ., 
aber er reicht keineswegs aus, .uns Aufschlnfs zu geben über 
dag Dasein und Wesen an sich der auf solche Weise fUr uns 
entstehenden Erscheinungen oder vielmehr ihres intelligibeln 
Substrats.^ ^ Empfindung, Raum, Zeit, Kausalität und somit 
aneh das empirische Objekt sind also subjektiv im Gegensatz 
ZQ dem Ding an sich des empirischen Objekts, d. i. zu dem 
im transeendenten Sinne aufser uns Vorhandenen. 

Von gewechseltem Standpunkt aus heilst es an anderer 
Stelle umgekehrt, aber gleichfalls im transeendenten Sinne: 
„Der Unterschied zwischen Ding an sich und Erscheinung 
läÜBt sich ausdrucken als der zwischen dem subjektiven und 
objektiven Wesen eines Dinges: Sein rein subjektives Wesen 
ist eben das Ding an sich^.^) 

Psychologisch und transcendent deutbar ist subjektiv an 
folgender Stelle: „Alles Objektive, alles [empirisch] Äufsere, 
da es stets nur ein Wahrgenommenes, Erkanntes ist, bleibt 
aneh immer nur ein Mittelbares und Sekundäres, kann daher 
sebleehterdings nie der letzte Erklärungsgrund der Dinge oder 
der Ausgangspunkt der Philosophie werden. Diese nämlich 
verlangt notwendig das schlechthin Unmittelbare zu ihrem 
Ausgangspunkt: ein solches aber ist ofienbar nur das dem 
Selbsthewulstsein Gegebene, das Innere, das Subjektive.'^ ^) 

>) I, 60. *) II, 19, ähnlich so II, 223 und II, 357. 

^) V, 105. *) II, 367. 

3* 



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Insofern dieses Subjektive ein durch das Selbstbewofstsein 
Gegebenes ist, steht es im psychologischen Gegensatz zur Vor- 
stellang des äufseren Objekts; insofern es von Schopenhauer 
metaphysisch gedeutet wird, im transeendenten Gegensatz zum 
äufseren Objekt als Erscheinung, analog dem zweiten oben 
erörterten Falle. 

In welchem Sinne ist nun die Empfindung subjektiv, wenn 
aus ihr der Verstand die objektive Anschauung macht? Aus- 
geschlossen ist nach dem bisher Erörterten, dafs hier der Ge- 
gensatz zwischen dem Subjektiven und Objektiven in dem 
erkenntnistheoretischen Sinne zu nehmen sei, wie wir ihn in 
der Definition der Vorstellung fanden: „Man hüte sieh vor 
dem grofsen Mifsverständnis, dafs, weil die Anschauung dnreh 
die Erkenntnis der Kausalität vermittelt ist, deswegen zwischen 
Objekt nnd Subjekt das Verhältnis von Ursache und Wirkung 
bestehe." i) Die Lehre, dafs der Satz vom Grunde immer nur 
zwischen Objekten statthabe, bleibt auch fttr die späteren 
Schriften Schopenhauers als ein wesentliches Grundstück seiner 
Lehre bestehen. 

Auch ein Gegensatz im transeendenten Sinne ist nicht 
angängig; denn der Satz vom Grunde, weil beschränkt auf 
das Gebiet des Vorstellens, gilt nicht fttr die Beziehung 
des Dinges an sich zur Erscheinung oder umgekehrt Der 
Gegensatz zwischen subjektiver Empfindung and objek- 
tiver Anschauung kann erkenntniskritisch betrachtet werden, 
d. h. es kann gefragt werden, welche Geltung das objektiv 
Angeschaute fttr unsere Erkenntnis des Dinges an sich 
habe. Da aber findet sich vom Standpunkt Schopenhauers 
aus, das durchaus negative Resultat, dafs in der objek- 
tiven Anschauung kein Hinweis auf etwas Transcendentes 
enthalten sei.^) 

Der Gegensatz zwischen subjektiver Empfindung nnd ob« 
jektiver Anschauung ist somit lediglich ein psychologischer. 
Prüfen wir, in welchem speziellen Sinne ein psychologischer 
Gegensatz in Betracht kommen kann. Dieser kann nicht 
innerhalb des Gebietes der Vorstellung liegen; denn die blofse 
Empfindung kann, wie wir fanden, nicht als Vorstellung ange- 



*) I, 45. «) m, 99. 

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87 

sehen werden. Es bleibt nur die Annahme ttbrig, dafs der 
Gegensatz zwischen subjektiver nnd objektiver Ansehannng 
zosammenfalle mit dem psychologischen Gegensatz der Emp- 
findung als körperlichem Gefbhl, [abgesehen von dessen meta- 
physischer Bedeatnng, nämlich ihrer Zugehörigkeit zum Willen 
ab Ding an sich] nnd der ans ihr gebildeten Vorstellung. 
Di^er Annahme aber steht entgegen die Forderung, dafs der 
Satz Yom zureichenden Grunde nur innerhalb des Gebietes der 
Vorstellung Geltung habe: „Der Satz vom zureichenden Grunde 
drückt die Verbindung unserer Vorstellungen untereinander 
aus.« 1) 

Es möge aber im folgenden der Versuch einer Zurecht- 
legang dieses Mifsverhältnisses gemacht werden: Die Vor- 
stellnng, zu der die blofse Empfindung im Gegensatz steht, 
könnte vielleicht als Vorstellung im engeren Sinne genommen 
werden, in der Weise, dafs sie mit der blofsen Empfindung 
als Vorstellung im weiteren Sinne zu vereinigen wäre. 
Schopenhauer setzt an einigen Stellen „Objekt" im engeren 
Sinne fbr empirisches Objekt: „alles Objekt, also das em- 
pirisch Reale überhaupt." 2) Entsprechend könnte, da „Objekt- 
sein" und „unsere -Vorstellungsein" dasselbe ist, auch Vor- 
stellnng im engeren Sinne gebraucht sein, so dafs die Vor- 
Btellong im engeren Sinne, d. i. die anschauliche Vorstellung, 
mit den drei übrigen Klassen von Vorstellungen zusammen 
das Gebiet der Vorstellung im weitesten Sinne ausmachten. 
Die blofse Empfindung könnte ihrerseits vielleicht als eine 
Vorstellung der vierten Klasse genommen werden: „Das Sub- 
jekt erkennt den Willen auch nur wie die Aufsendinge an 
seinen Äufserungen, also an den einzelnen Willensakten und 
sonstigen Affektionen, die man unter dem Namen der Wünsche, 
Affekte, Leidenschaften und Gefühle begreift, folglich erkennt 
es ihn immer noch als Erscheinung ..." 3) Wir könnten 
daraus ableiten, dafs die blofsen Sinnesempfindungen, als Ge- 
ftkle, auch als Erscheinungsformen des Willens, und somit als 
Vorstellungen der vierten Klasse angesehen werden müfsten. 
Wir würden damit zu einer Annahme gelangen, die der ur- 
sprüngiichen Meinung Schopenhauers entspräche, dafs „die 



m, 40. . ») II, 15, ähnUch so I, 86, II, 431. •) V, 54. 

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38 

blofse EmpfinduDg schon Yorstellnng zu nennen sei", die Bich 
aber von jener dadarch nnterschiede, dafs dort die Empfin- 
dung Yorstellnng genannt wurde, weil sie „keine unmittelbare 
Bedeutung für den Willen habe",^) hier aber so genannt 
wttrde, weil sie Äufserung des Willens wäre. Der Übergang 
des Verstandes von der subjektiven Empfindung zu der ob- 
jektiven Anschauung wttrde bei dieser Zurechtlegung inner- 
halb des Gebietes der Vorstellung bleiben. 

Dieser Gedanke findet sich bei Schopenhauer nicht aus- 
gesprochen, sondern ist nur mit Mtthe in der angefUhrten 
Weise herauszuentwickeln. Er mufs schon aus diesem Grunde 
als ein nachträglicher Versuch einer Harmonisierung bestehen- 
der Widersprüche bezeichnet werden. 

Auch zieht er andere Widersprüche nach sich. Wir fan- 
den, dafs die Stellung der mehr objektiven Sinnesempfindungen 
bei Schopenhauer undeutlich bestimmt ist Es ist zweifelhaft 
ob sie, wenn sie den Willen nicht wie die übri^n Empfin- 
dungen unmittelbar berühren, noch wie diese als Aufserungen 
des Willens angesehen werden können. 

Femer würde die abgeleitete Annahme voraussetzen, dafs 
das Gesetz der Kausalität statthabe zwischen Vorstellungen 
verschiedener Klassen. Es würde dann ein analoges, wenn- 
gleich umgekehrtes Verhältnis vorliegen, wie für das Gesetz 
der Motivation, das zwischen einer Vorstellung nnd einem 
Willensakte gilt: „Wir wissen aus der an uns selbst ge- 
machten inneren Erfahrung, dafs (das Innere der Bewegungen 
und Handlungen der Menschen) ein Willensakt ist, welcher 
durch das Motiv, das in einer blofsen Vorstellung besteht, 
hervorgerufen wird." 2) Nun aber ist der Geltungsbereich der 
Kausalität bei Schopenhauer enger begrenzt: Das Kausalitäts- 
gesetz „bezieht sich allein und ausschliefslich auf Verände- 
rungen materieller Zustände und schlechterdings auf nichts 
anderes",^) und „die ganze Kausalität ist nur die Gestalt des 
Satzes vom Grunde in der ersten Klasse der Objekte, also in 
der in auf serer Anschauung gegebenen Körperwelt". ^) 

Erweist sich aber auch so die versuchte Annahme als un- 
zulänglich, so findet sich offennbar keine Möglichkeit, den 



») I, 53. •) ni, 162. ») III, 49. ") III, 161 

« 

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39 

Übergang des Verstandes von der subjektiven Empfindung znr 
Objektiren Anschauung vom Standpunkte Schopenhauers aus 
psychologisch begreiflich zu machen, weil ein solcher Versuch, 
wie wir fanden, mit grundlegenden Sätzen seiner Lehre in 
Widerspruch gerät. 

Eine andere Frage ist die, wie der Übergang des Ver- 
standes von der subjektiven Empfindung zur objektiven An- 
schauung im Zusammenhange der Lehre Schopenhauers sich 
darstelle, eine andere die, wie er sich dem geistigen Auge 
Schopenhauers in der Tat dargestellt habe. Letztere seheint 
anf folgendem Wege eine Beantwortung zu finden. 

Schon in Welt als Wille und Vorstellung, Band I, 1. Auf- 
lage, wo die Einschränkung des Ausdrucks ,,unmittelbares 
Objekt", sieb schon findet,') bleibt dieser Ausdruck, ersicht- 
nicht im uneigentlichen Sinne angewandt, bestehen. „Ihre 
(der Materie) Einwirkung auf das unmittelbare Objekt, das 
selbst Materie ist, . . ."2) Wir stellten fest, dafs in den 
späteren Schriften der Gebrauch des Ausdruckes fast ganz 
zurücktritt. Dennoch aber wird er in einem Zusammenhange, 
^0 er, im uneigentlichen Sinne gebraucht, bedeutungslos wäre. 
Dämlich Sehn und Farben, 2. Auflage, gesetzt. Hier werden 
mar an einigen Stellen, wo in der 1. Auflage „unmittelbares 
Objekt^ steht, andere Ausdrucke gebraucht, so statt „Affektion 
des unmittelbaren Objektes" „empfundene Affektionen", 3) statt 
rUnmittelbare Objekte" „Sinne",*) statt „Affektion" „emp- 
fundene Affektion", ^) was alles anf eine psychologisch ge- 
änderte Betrachtungsweise hindeutet. Aber es bleibt der Satz: 
nMittelst derselben (der Erkenntnis des Gesetzes der Kausalität) 
werden die Empfindungen des Leibes der Ausgangspunkt ftlr 
die Anschauung einer Welt, indem nämlich das a priori uns 
bewnJste Gesetz der Kausalität angewandt wird auf das Ver- 
hältnis des unmittelbaren Objekts, des Leibes, zu den anderen 
nur mittelbaren Objekten." e) 

1. Auflage S. 29. 3. Auflage I, 53. 

^ 1. AnfUge S. 11. 3. Auflage I, 40. 

>) 1. Auflage S. 22. 2. Auflage VI, 31. 

*) 1. Auflage S. 26. 2. Auflage VI, 34. 

>) 1. Auflage S. 22. 2. Auflage VI, 31. •) VI, 22. 



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40 

Schwerwiegender noch als dies ist, dafs der Verstand znr 
Bestimmung des Ortes des Objekts im Ranme sich der Bei- 
hilfen bedient, die in den Empfindungen selbst liegen, und die 
in Wirklichkeit nur physiologische Verhältnisse sind, von denen 
die Empfindungen ein Bewufstsein liefern sollen. 

Die angeführten Momente, zusammen mit der Unmöglich- 
keit einer psychologischen Erklärung, drängen den Gedanken 
auf, dafs Schopenhauer, indem er sagt, der Verstand schaffe 
aus der subjektiven Empfindung die objektive Anschauung, in 
der Tat einen Übergang vom Sinnesorgan zum äufseren Objekt 
vor Augen habe. So wird verständlich, wie Schopenhauer dazu 
kommt, statt „des Ausgehens von der Empfindung'' unbedenklich 
„das Ausgehen von dem unmittelbaren Objekt d. i. dem Leib'' 
zu setzen; sodann auch, dafs der Verstand fUr die Anordnung 
des Objekts im Räume in der Gesichtsempfindung gewisse 
Beihilfen findet: Indem Schopenhauer Gesichtsempfindung sagt, 
hat er die Retina und damit die physiologischen Eigentümlich- 
keiten des Auges vor seinem geistigen Blick. Von hier ans 
fällt auch ein Licht auf den Ausdruck, der uns in der ersten 
Auflage des Satzes vom Grunde begegnet ist, nämlich „das 
unmittelbare Objekt im Räume". 

Diese Anschauungsweise Schopenhauers ist freilich mit 
den Grundzttgen seiner Theorie nicht vereinbar; denn die 
Identität von Sinnesempfindung und Erregung im Sinnesorgan 
ist, wie wir nachwiesen, fttr Schopenhauer nur eine meta- 
physische. Jenes Einfliefsen physiologischer Daten als psycho- 
logischer erscheint also, vom Standpunkte der Lehre Schopen- 
hauers aus gesehen, als ein unberechtigtes Ineinssetzen des 
metaphysisch Identischen mit einem fttr das Bewufstsein Iden- 
tischen. 

Endlich verstehen wir von diesem Gesichtspunkte aus 
auch, dafs die Frage nach der Einordnung der blofsen Emp- 
findung in den Bestand des psychologisch Fafsbaren für 
Schopenhauer keine sehr brennende ist. Der von der An- 
schauung erfüllte Denker hat als selbstverständliche Tatsache 
zunächst vor Augen, dafs die Empfindung im Sinnesorgan sei, 
und der Verstand von diesem aus den Übergang zum äufseren 



1. Auflage des Satzes vom Qrande S. 53. 



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41 

Objekt mache. Nachträgliche theoretische Erwägungen lassen 
ihn dann sagen, dafs das nnmittelbare Objekt nnr im nneigent- 
liehen Sinne zu nehmen sei, dafs die Empfindung „noch nicht 
Vonitellung genannt werden könne^^ und dafs „die rein ob- 
jektiven Sinne den Willen unberührt lassen". Eine rein psycho- 
logische Betrachtungsweise dieser Verhältnisse liegt Schopen- 
hauer im Grunde fern. 



YL Die formalen Bestandteile der 
empirischen Anschauung. 

Materie. Körper. Naturkraft. Naturgesetz. 

Der Gang unserer Darstellung führt uns zu den formalen 
Bestandteilen der empirischen Anschauung. Als solche nennt 
Schopenhauer im Satz vom Grunde i) im Anschlufs an Kant 
Zeit und Raum, zu denen als weitere subjektive Bedingung 
die Kausalität kommt. Schon in der ersten Auflage der 
Welt als Wille und Vorstellung, Band I, und vielfach später- 
hin nennt Schopenhauer als Formen der empirischen An- 
schauung schlechthin Zeit, Raum und Kausalität, ohne dafs 
mit diesem etwas anderen Sprachgebrauch Sachliches geändert 
würde. Im Unterschied von der ersten Auflage des Satzes 
vom Grunde ist in den Schriften von der ersten Auflage der 
Welt als Wille und Vorstellung, Band I, an die Kausalität die 
einzige Kategorie, die von den zwölf Kategorien Kants bei- 
behalten wird. Näheres darttber siehe in dem Abschnitt der 
?orliegenden Schrift ttber „Die blofsen Empfindungen ^^ 

Über den Ursprung dieser Formen ist zunächst das, was 
in metaphysisch-psychologischem Sinne gesagt wird, in Er- 
innerung zu bringen. Wir haben es im Zusammenhange mit 
den Empfindungen schon erörtert. 

Psychologisches erfahren wir über den Ursprung dieser 
Fonnen folgendes: „Die wesentlichen und daher allgemeinen 

UI, 41. 1. Auflage S. 29. 

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42 

Formen alles (änfsereD) Objekts, welche Zeit, Raum und 
Kausalität sind, können auch ohne die Erkenntnis des Objekts 
selbst, vom Snbjekt ausgehend gefunden und vollständig er- 
kannt werden, d. h. in Kants Sprache, sie liegen a priori in 
unserm Bewufstsein.^ ^) „Sie sind ihrer ganzen Gesetzmäfsig- 
keit und der Möglichkeit ihrer Formen nach, in unserem Be- 
wnfstsein vorhanden, ganz unabhängig von den Objekten, die 
in ihnen erscheinen, die ihren Inhalt ausmachen, oder mit 
anderen Worten: sie können ebensowohl, wenn man vom 
Subjekt, als wenn man von dem Objekt ausgeht, gefunden 
werden/'^) „Sie mttssen schon mit dem blofsen Gegensatz 
von Subjekt und Objekt (nicht im Begriff, sondern in der 
Tat) gegeben sein, folglich nur die nähere Bestimmung der 
Form der Erkenntnis überhaupt sein, deren allgemeinste Be- 
stimmung jener Gegensatz selbst ist/^ ^) Zeit und Raum 
„sind als reine Anschauungen fttr sich und abgesondert 
von den vollständigen Vorstellungen . . . Gegenstände des 
Vorstellungs Vermögens ".4) ,. Hingegen ist die Verstandesform 
der Kausalität nicht für sich und abgesondert ein Gegen- 
stand des Vorstellungsvermögens, sondern kommt erst mit 
und an dem Materiellen der Erkenntnis ins Bewufstsein." ^) 
Sie ist ein „Gesetz, dessen bestimmten Inhalt die Er- 
fahrung gelehrt hat, dessen allgemeine Form und Not- 
wendigkeit jedoch unabhängig von ihr uns bewufst ist".«) In 
der Annahme der Apriorität des Raumes und der Zeit stützt 
sich Schopenhauer auf Kant: „Die Zeit, die erste Bedingung 
der Möglichkeit jeder Veränderung, also auch der, auf deren 
Anlafs die Anwendung des Kausalitätsbegriffs erst eintreten 
kann, nicht weniger der Raum, welcher das Nach -aussen- 
verlegen einer Ursache . . . allererst möglich macht, ist, wie 
Kant sicher dargetan hat, eine subjektive Form des In- 
tellekts".7) 

Den von Kant aufgestellten Beweis der Apriorität des 
Kausalgesetzes bestreitet Schopenhauer: „Wirklich liegt in der 
Notwendigkeit eines von der empirisch allein gegebenen Sinnes- 
empiindung zur Ursache derselben zu machenden Überganges, 

^) I, 36. «) I, 174. ») I, 175. *) m, 147. 

») III, 148. •) I, 147. ') III, 98. 



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48 

damit es znr AuBchaniing der Aafsenwelt komme, der einzige 
echte Beweiflgrand dayon, dafs das Gesetz der Kausalität vor 
aller Erfahrung uns bewnfst ist. Daher habe ich diesen 
Beweis dem Eantischen substitnirt, dessen Unrichtigkeit ich 
dargetan hatte ^.i) Zu diesem auf eine logische Tatsache, die 
Denknotwendigkeit der Beziehung zwischen Wirkung und 
Ursache, gestützten Beweise tritt in Welt als Wille und Vor- 
stellung Band II ein physiologischer Nachweis: „Physiologische 
Bestätigung erhält die hier dargelegte Intellektualität der 
Anschauung durch Flourens . . .'^^) In der Wtlrdigung der 
historischen Grundlagen der von uns behandelten Lehre Schopen- 
hauers werden wir auf diesen Punkt näher eingehen. 

Über den Bestand dieser Formen ist im allgemeinen dies 
ZQ sagen: Die reinen Anschauungen Zeit und Kaum machen 
die dritte Klasse der Gegenstände für das Yorstellnngs- 
vermögen aus. 

Auf dieselben und die in ihr herrschende Form des Satzes 
vom Grunde näher einzugehen, würde den Rahmen dieser 
Schrift ttberschreiten. 

Über den Bestand der dritten Form, die Kausalität, ist 
zunächst zu bemerken: Die Kausalität ist ein Gesetz, „dessen 
bestimmten Inhalt die Erfahrung gelehrt hat, dessen allgemeine 
Form und Notwendigkeit jedoch, unabhängig von ihr uns 
bewnist ist".^) Als solche ist sie keine Anschauung, aber auch 
kein Begriff im eigentlichen Sinne, sondern nimmt als Funktion 
des Verstandes eine Sonderstellung ein. Dafs sie auch kein 
Begriff sein soll, geht aus folgenden Stellen hervor: „Diese 
Beziehung (zwischen Ursache und Wirkung) ist kein Schlufs 
in abstracten Begriffen, geschieht nicht durch die Reflexion 
. . . sondern unmittelbar ... Sie ist die Erkenntnisweise des 
reinen Verstandes".*) „Die Verstandesoperation ist keine 
diskursive, reflexive, in abstracto, mittels Begriffen und Worten 
vor sich gehende, sondern eine intuitive und ganz unmittel- 
bare."^) „Das Gesetz der Kausalität ist als abstracter Grund- 
99tz freilieh, wie alle Grundsätze in abstracto, Reflexion, also 
Objekt der Vernunft: Aber die eigentliche lebendige, un- 



n, 49. . •) DI, 90. ») 1,147. *) I, 48. ») lU, 67. 

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44 

vermittelte, notwendige Erkenntnis des Gesetzes der Kausalität 
geht aller Reflexion wie aller Erfahrung vorher nnd liegt 
im Verstände." 1) 

Nach diesen Erörterungen erttbrigt eine solehe über den 
psychologischen Zusammenhang dieser Formen untereinander. 
Da dieser bei Schopenhauer aus ihren logischen Beziehungen 
abgeleitet ist, so ist es notwendig, diese zuerst zu erörtern. 

Diese logischen Beziehungen gelangen in folgendem zum 
Ausdruck: „Das Gesetz der Kausalität erhält seine Bedeutung 
und Notwendigkeit allein dadurch, dafs das Wesen der Ver- 
änderung nicht allein im blofsen Wechsel der Zustände an 
sich, sondern vielmehr darin besteht, dafs an demselben Ort 
im Raum jetzt ein Zustand ist und darauf ein anderer, und 
zu einer und derselben bestimmten Zeit hier dieser Zustand 
und dort jener: Nur diese gegenseitige Beschränkung der Zeit 
und des Raumes durcheinander gibt einer Regel, nach der die 
Veränderung vorgehen mufs, Bedeutung und zugleich Not- 
wendigkeit. Was durch das Gesetz der Kausalität bestimmt 
wird, ist also nicht Sukzession der Zustände in der blofsen 
Zeit, sondern die Sukzession in Hinsicht auf einen bestimmten 
Raum, und nicht das Dasein der Zustände an einem bestimmten 
Ort, sondern an diesem Ort zu einer bestimmten Zeit. Die 
Veränderung, d. h. der nach den Kausalgesetz eintretende 
Wechsel, betrifft also jedesmal einen bestimmten Teil des 
Raumes imd einen bestimmten Teil der Zeit zugleich und im 
Verein. Demzufolge vereinigt die Kausalität den Raum mit 
der Zeit." 2) Letzterer Satz, wenn er im logischen Sinne und 
wörtlich genommen wird, ist gleichbedeutend mit dem Satze: 
Der Begriff der Kausalität enthält als eines seiner Merkmale 
die Beziehung des Nebeneinander zum Nacheinander. Nun 
aber sind, was in die Beziehung von Ursache und Wirkung 
gesetzt wird, die Veränderungen. Die Veränderung begreift 
eine Beziehung des Nebeneinander zum Nacheinander. Aber 
diese ist keine kausale. Also kann nicht gefolgert werden, 
dafs der Begriff Kausalität die Beziehung von Raum und Zeit 
enthalte, in diesem Sinne Raum und Zeit vereinige. Im 

>} VI, 22 (1. Auflage von Sehn und Farben S. 18). >) 1, 41. 

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45 

logisehen Sinne also genommen, enthält der besprochene Satz 
eine Ungereimtheit Dagegen ist er, yom Standpunkte Sehopen- 
haners aas im psychologischen Sinne genommen, zu verstehen: 
Die Kausalität, gemeint ist der Verstand, bezieht die Ursache, 
die er zur blofsen Empfindung als der Wirkung setzt, auf 
Raum und Zeit; er verknüpft räumliche und zeitliche Be- 
stimmungen in der Vorstellung des äufseren Objekts. Nun 
aber schiebt sieh in der Tat an der angeführten Stelle und 
in der weiteren Deduktion der genannte Satz als in logischem 
Sinne genommen unbesehen unter, was auch von Bedeutung 
für den Begriff Materie ist. 

Die logischen Beziehungen von Raum, Zeit und Kausalität 
fliefsen zusammen in dem Begriff Materie. Die Merkmale 
dieses Begriffes werden in folgenden Gedankenreihen ab- 
geleitet: 

Die erste Gedankenreihe stellt sich dar als eine Deduktion 
aas dem Begriffe der Kausalität. 

„Wer diejenige Gestaltung des Satzes vom Grunde, welche 
den Inhalt jener Formen (der Zeit und des Baumes), ihre 
Wahrnehmbarkeit, d. i. die Materie, beherrscht, also das Gesetz 
der Kausalität erkannt hat; der hat eben damit das ganze 
Wesen der Materie als solcher erkannt: Denn diese ist durch 
und durch nichts als Kausalität.** >) Dieser Satz ist ab- 
geleitet aus folgendem: „Ihr Sein nämlich ist ihr Wirken^, 
und dieser Satz letzten Grundes aus dem nachstehenden: 
„Ihre Einwirkung auf das unmittelbare Objekt (das selbst 
Materie ist) bedingt die Anschauung, in der sie allein 
existirt: Die Folge der Einwirkung jedes andern materiellen 
Objekts auf ein anderes wird nur erkannt, sofern das letztere 
jetzt anders als zuvor auf das unmittelbare Objekt einwirkt, 
besteht nur darin ".«) 

Diese Beweisführung, besonders der letzte Satz läfst 
deutlich erkennen, dals der Grund, auf den hier die Deduktion 
folst, die psychologische Tatsache des Zustandekommens der 
angeschauten Welt durch die kausalbeziehende Funktion des 
Verstandes ist Genau betrachtet findet also die Deduktion 



») I, 39. •) I, 40. 



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46 

Btatt aus der Art der Kausalität, die fUr das Zustandekommen 
der empirischen Anschauung malsgebend ist. Daraus würde 
folgender erkenntnistheoretische Schluls herflieXsen: Die reale 
Welt wird als seiend erkannt nur, indem sie als auf uns wirkend 
erkannt wird. Ihr Sein für uns ist also ihr Wirken auf uns. 

Nun aber schiebt sich in der oben angefUhrten Argumen- 
tation das unmittelbare Objekt als in objektivem Sinne ge- 
nommen unter: ,,Das unmittelbare Objekt, welches selbst 
Materie ist." 

Damit wird von Schopenhauer die kausale Beziehung der 
äufseren Objekte zum unmittelbaren Objekt der kausalen Be- 
ziehung der äufseren Objekte untereinander koordiniert; dadurch 
aber verliert der Schlufs seine erkenntnistheoretische Bedeutung 
und erhält die logische der Gattungsbestimmung zu allem 
konkreten Wirken: „Das Wesen [der Begriff] der Materie ist 
Kausalität." . 

Der Gang der Deduktion stellt sich in folgender Schlub- 
reihe dar: 

Das Sein jeden äufseren Objektes, einschliefslich seines 
Wirkens auf ein anderes äufseres Objekt, besteht in seinem 
Wirken auf das unmittelbare Objekt. 

Die Gesamtheit der äufseren Objekte ist Materie. 

Das Sein der Materie besteht in ihrem Wirken auf das 
unmittelbare Objekt. 

Dieses ist selbst Materie. 

Das Sein der Materie besteht im Wirken auf andere 
Materie. Ihr Wesen (Begriff*) besteht im Wirken überhaupt, 
in der Kausalität. 

Die zweite Gedankenreihe stellt sich dar als eine De- 
duktion aus den Formen Raum und Zeit: 

Die Beziehung des Nebeneinander im Baume zum Nach- 
einander in der Zeit macht für Schopenhauer das wesentliche 
Merkmal des Begriffs Zugleichsein aus. Daraus folgt unmittel- 
bar die Dauer im Gegensatz zum Wechsel des damit zugleich 
Vorhandenen, hieraus auf Grund einer erkenntnistheoretischeo 
Wendung des Gedankens das Dauernde im Wechsel der Za- 



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i1 

stände. Jenes ist die Materie, diese sind die Veränderungen 
ihrer Formen and Qualitäten. 

Dieser (xedankengang enthält folgenden Schlafs: 
Die Materie ist das Beharrende im Wechsel der Zustände. 
Das Beharrende begreift eine Vereiniguag von Raum und 
Zeit in sich. 

Das Wesen (Begriff) der Materie ist die Vereinigung von 
Raom und Zeit 

Der Begriff der Materie, als des Beharrenden, vereinigt 
somit Raum- und Zeitbestimmungen in sich: 

qDas Zugleichsein der Zustände macht eigentlich das Wesen 
der Wirklichkeit aus: Denn durch dasselbe wird allererst die 
Dauer möglieb, indem nämlich diese nur erkennbar ist an dem 
Wechsel des mit dem Dauernden zugleich Vorhandenen; aber 
aoeh nur mittelst des Dauernden im Wechsel erhält dieser jetzt 
den Charakter der Veränderung, d. h. des Wandels der Qualität 
and Form, beim Beharren der Substanz, d. i. die Materie.'* ^) 
„Erst durch die Vereinigung von Zeit und Raum erwächst die 
Materie, d. i. die Möglichkeit des Zugleichseins und dadurch 
der Dauer, durch diese wieder des Beharrens der Substanz, 
bei der Veränderung der Zustände." ^) „Auf dieser Ableitung 
der Grundbestimmungen der Materie aus den uns a priori be- 
wuTgteD Formen unserer Erkenntnis beruht es, dafs wir ihr 
gewisse Eigenschaften a priori zu ererkennen, nämlich Raum- 
erfttlluDg, d. i. Undurchdringlichkeit, d. i. Wirksamkeit, sodann 
Ausdehnung, unendliche Teilbarkeit, Beharrlichkeit, d. h. Un- 
zerstörbarkeit, und endUch Beweglichkeit"^) 

Die Beziehung der beiden angefahrten definitorischen Be- 
stimmungen zu einander ergibt sich aus folgenden Schlüssen: 

1. „Die Kausalität vereinigt den Raum mit der Zeit". 

„Im Wirken, also in der Kausalität, besteht das ganze 
Wesen der Materie." 

„Folglich müssen auch in dieser Raum und Zeit vereinigt 
8eio".4) 

1, 41. •) 1, 42. ») 1, 42 (Zusatz zur 1. Auf läge). *) 1, 41. 

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48 

2. „Die Kausalität vereinigt den Ranm mit der Zeit,^ 

„Das Wesen der Materie besteht in der gänzlichen Ver- 
einigung von Raum und Zeit.^ 

Die Materie ist Kausalität, i) 

Wir fanden also bisher: 

Der Begriff Materie enthält 
als erstes Merkmal: das der Kausalität, 
als zweites Merkmal: das der Vereinigung von Baum und Zeit 

Das erste ist ein logisches: es enthält den Gattungsbegriff 
zu allem besonderen Wirken. Das zweite ist gleichfalls ein 
logisches: es enthält die Beziehung zweier „Formen" zueinander. 
Dazu kommt ein drittes, ein erkenntnistheoretisches: es enthält 
die objektive Geltung des Begriffs Materie im empirischen 
Angeschauten überhaupt: 

Das erste Merkmal, in Beziehung gedacht zur empirischen 
Anschauung, stellt sich dar als „die objektivierte, das heiTst 
als die nach aufsen projicirte Yerstandesfunktion der Kau- 
salität", 2) kurz „die Kausalität objektiv gedacht".») (3 a) 

Das zweite Merkmal stellt sich dar als „das Beharrende 
im Wechsel der Zustände".«) (3b) 

Beide fliefsen zusammen in dem Urteil: „Die Materie ist 
die keinem Werden und Vergehen unterworfene Grundlage 
aller Dinge." (3 c) 

Der Gedanke 3 a tritt, wie wir fanden, in der Deduktion 
des ersten Merkmals zurück. Der Gedanke 3 b ist in der 
Deduktion des zweiten Merkmals schon mit ausgesprochen, 
insofern nämlich dort von Zuständen der beharrenden Materie 
geredet wird. 

Der Satz 3c wird in folgender Weise abgeleitet: 

a) „Die Kausalität erstreckt sich nur auf Veränderungen. 
Die Materie ist der Träger aller Veränderungen. 

Die Kausalität läfst die Materie unberührt." &) 



>) So der Sache nach I, 602. «) V, 119. ») U, 358. 

*) I, 623, ähnlich I, 41, 42, V, 119. ») III, 58. 



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49 

Daraus wird positiv gewandt: Sie erscheint nnserm Be- 
wafstsein als die keinem Werden und Vergehen unterworfene, 
mithin immer gewesene, immer bleibende Grundlage aller 
Dinge."!) 

ß) Der Schlufssatt des Syllogismus a wird aueh in folgender 
Weise abgeleitet: 

Materie = Wirken = Kausalität 

„Kausalität kann nicht auf sich selbst angewandt werden." 

„Die Materie ist der Kausalität nicht unterworfen."^) 
Die Scheidung der logischen Bestimmungen und der 
erkenntnistheoretischen ist deutlich aus folgender' Stelle heraus- 
zulesen: „Das ganze Wesen der Materie besteht im Wirken: 
Kur durch dieses erfallt sie den Raum und beharrt sie in der 
Zeit: sie ist durch und durch Kausalität Mithin, [erkenntuis- 
theoretisch gewandt] wo gewirkt wird, ist Materie, und das 
Materielle ist das Wirkende überhaupt"') Dort also: die 
Materie ist Kausalität, ist Wirken Überhaupt; hier: die Materie 
ist das Wirkende überhaupt. 

In dem Satze 3 c ist eine der Erweiterung, die wir in der 
Deduktion des ersten Merkmals fanden, entsprechende Ver- 
engerung des Begriffs Kausalität festzustellen. Dies ist aus 
folgender AusfbhruDg ersichtlich: „Unter Materie denken wir 
das, was noch übrig bleibt, wenn wir sie von ihrer Form und 
allen ihren specifischen Qualitäten entkleiden, welches eben 
deshalb in allen Körpern ganz gleich, eins und dasselbe sein 
mnis. Jene von uns aufgehobenen Formen und Qualitäten 
nun aber sind nichts anderes, als die besondere und speciell 
bestimmte Wirkungsart der Körper, welche eben die Ver- 
Bchiedenlieit derselben ausmacht. Daher ist, wenn wir davon 
absehen, das dann noch Übrigbleibende die blofse Wirksamkeit 
überhaupt, das reine Wirken als solches, die Kausalität selbst 
objektiv gedacht Daher läfst die Materie sich blofs denken: 
Sie ist ein zu jeder Realität als ihre Grundlage Hinzugedachtes." ^) 



») I, 602, ilmfich so lU, 56, III, 67, IH, 99, H, 357, V, 119. 
*) U, 62 und III, 99. 
>) II, 358. 
0m,99. 
PUlotophlflehi» AbhaadlvDfm. ZLH. 4 



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50 

Der Sehlnlüssatz ist nur verBtändlich, wenn Wirksamkeit als 
Wirksamkeit auf ans, das ist, mit Schopenhaner zu reden, auf 
„das unmittelbare Objekt", dieses subjektiv genommen, ver- 
standen wird. 

Diese Einschränkung findet sieh schon in einer Bemerkung 
der 1. Auflage des Satzes vom Grunde: „Durch die Kategorie 
der Kausalität allein erkennen wir die Objekte als wirklich, 
das ist auf uns wirkend." i) 

In diesem Sinne ist auch folgende Ausführung zu ver- 
stehen: „Die Materie ist die objektiv aufgefalste Kausalität 
selbst, indem ihr ganzes Wesen im Wirken überhaupt besteht, 
sie selbst also die Wirksamkeit (energeia = Wirklichkeit) der 
Dinge überhaupt ist, gleichsam das Abstractum alles ihres ver- 
schiedenartigen Wirkens ... Sie hat keine anderen Attribute als 
das Dasein selbst überhaupt und abgesehen von aller näheren 
Bestimmung desselben."'^) Der Ausdruck „gleichsam das Ab- 
straktum" ist in diesem Znsammenhange zu interpretieren als 
nicht auf das im logischen Sinne Gemeinsame gehend, sondern 
auf das, was allen besonderen Wirkungsarten im erkenntnis- 
theoretischen Sinne gemeinsam ist; dies ist ihre Beziehung 
auf das anschauende Subjekt. 

Die dargelegte Schlufsreihe möge durch folgendes Schema 
deutlich gemacht werden: 

A. Logisch. 

Kausalität vereinigt Raum und Zeit 
Materie = Wirksamkeit über- - • Materie = Vereinigung- von 

haupt Raum und Zeit 

Die Identität von A^ und A3 erschlossen aus Aj. 

B. Erkenntnistheoretisch. 

Kausalität betrifft nur Veränderungen. 
Materie = Kausalität, objektiv Materie = Beharrendes im 
gedacht. Wechs el der Zustände. 

Materie = keinem Werden und Vergehen unterworfene objektive 
Grundlage alles Seins. 

1. Auflage des Satzes vom Grande, S. 54. >) 11,59. 

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51 

Fassen wir die Bestimmimgen znsammeD, die dem Begriff 
Materie, wie er bisher definiert wurde, zukommen, so können 
wir sagen: Die Materie vereinigt in ihrem Begriff Raum and 
Zeitbestimmangen. Das beide vereinigende Begrifibmerkmal 
ist Wirksamkeit Dieses ist insofern das einzige Merkmal des 
Begriffs Materie; in ihm ist die Bestimmung „objektive Grnnd- 
lage alles realen Seins^, mitgedacht 

Aus diesem Begriffe der reinen Materie gewinnt nmi 
Sehopenhaner doreh ein abstrahere ab aliqna re einen Begriff, 
den er als gleichbedeutend setzt mit Substanz: „Von diesem 
Begriff der Materie ist nun Substanz wieder eine Abstraktion, 
folglich ein höheres Genus und ist dadurch entstanden, dafs 
man von dem Begriff der Materie nur das Prädikat der Be- 
harrlichkeit stehen liefs. Alle ihre ttbrigen wesentlichen 
Eigenschaften, Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Teilbarkeit 
usw. aber wegdachtet ^ Mit dem Prädikat der Beharrlichkeit 
kommt der Substanz auch das Prädikat der objektiven Unter- 
lage alles Realen zu: „Die Beharrlichkeit der Substanz, d.i. 
der Materie [in dem begrenzten Sinne] . . . leite ich davon 
ab, dals . • . das Gesetz der Kausalität . . . ganz wesent- 
lich nur die Veränderungen, d. h. die sukzessiven Zustände 
der Materie betrifft, also auf die [spezielle] Form beschränkt 
ist, die Materie aber unangetastet läfst, welche daher in 
uns^em Bewulstsein als die keinem Werden und Vergehen 
unterworfene, mithin inmier gewesene und immer bleibende 
Grundlage aller Dinge dasteht ^^.2) 

In dieser inhaltsärmeren Bedeutung gebraucht Schopen- 
hauer an einigen Stellen auch ohne besondere Erklärung das 
Wort Materie: „Alle« Objekt, also das empirisch Reale ttber- 
haupt, ist durch das Objekt zwiefach bedingt; erstlich materiell 
oder als Objekt überhaupt, weil ein objektives Dasein nur 
einem Subjekt gegenüber und als dessen Vorstellung denkbar 
ist, zweitens formell, indem die Art und Weise der Existenz 
des Objekts, d. h. des Vorgestelltwerdens (Raum, Zeit, Kausalität), 
Tom Subjekt ausgeht, im Subjekt praedisponirt ist.^ Femer: 
„Berauben wir nun das Subjekt aller näheren Bestimmungen 
und Formen seines Erkennens, so verschwinden auch am 



1, 624 «) I, 602. 

4* 



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52 

Objekt alle Eigenschaften, and nichts bleibt ttbrig als die 
Materie ohne Fonn und Qualität, welche in der Erfahmng so 
wenig vorkommen kann, wie das Subjekt ohne Formen seines 
Erkennens, jedoch dem nackten Subjekt als solchem gegen- 
über stehen bleibt, als sein Reflex, der nur mit ihm zugleich 
verschwinden kann. Denn wenn auch der Materialismus nichts 
weiter als diese Materie, etwa Atome, zu postuliren w&hnt: 
So setzt er doch unbewulst nicht nur das Subjekt, sondern 
auch Raum, Zeit und Kausalität hinzu, die auf speciellen Be- 
stimmungen des Subjekts beruhen''.^) 

Der inhaltsärmere Begriff der reinen Materie unterscheidet 
sich von demjenigen, aus dem er abstrahirt ist, auch inbezug 
auf Raum und Zeit: Dieser enthält die Bestimmung der Aus- 
dehnung und der Raumerftillung, jener, wie der Substanz- 
begriff, nicht. Für diesen gilt: „Die reine Materie ... ist die 
Kausalität selbst, objektiv, mithin als im Raum und daher als 
diesen erfUUend gedacht".') Für jenen gilt: „Die ihm (dem 
aller näheren Bestimmungen und Formen seines Erkennens 
beraubten Subjekt) gegenttberstehende Materie ... ist eigent- 
lich nicht einmal ausgedehnt, weil Ausdehnung Form gibt, 
also nicht räumlich".') „Die Materie selbst ist nicht aus- 
gedehnt, folglich ist sie unkörperlich."*) 

Beiläufig sei bemerkt, dafs Schopenhauer die Raumerftillung 
der Undurchdringliehkeit gleichsetzt: „Was man die Raum- 
erfttUung oder Undurchdringlichkeit nennt und als das wesent- 
liche Merkmal des Körpers, d. i. des Materiellen, angibt, ist 
blols diejenige Wirkungsart, welche allen Körpern ohne Aus- 
nahme zukommt, nämlich die mechanische".^) Sie enthält 
streng genommen ein empirisches Moment im Gegensatz zur 
Ausdehnung. 

Die dargelegte begriffliche Scheidung von Materie im 
weiteren Sinne und Substanz geben das Verständnis für die 
in den „Praedicabilia a priori" angefahrte erste Bestimmung der 
Materie: „Es gibt nur eine Materie, und alle verschiedenen 
Stoffe sind verschiedene Zustände derselben: Als solche heilst 
sie Substanz".<^) „Als solche", d. i. sofern hier nur das Prädikat 
der Beharrlichkeit in Betracht kommt 



II, 24. •) U, 858. ») II, 24. H, 360. ») II, 62. 

•) II, 62, 63. 



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53 

Von hier ans ist auch folgende Stelle zn verstehen: „Da 
Substanz identisch ist mit Materie, so kann man sagen : Sub- 
stanz ist das Wirken in abstracto anfgefalst; Aceidenz die be- 
soDdere Art des Wirkens, das Wirken in concreto". ^ In diesem 
Sinne ist anch folgende Stelle anszalegen : „Die reine Materie, 
welche allein . . . den wirklichen nnd berechtigten Inhalt des Be- 
griffes der Substanz ausmacht, ist die Kausalität selbst, objektiv, 
mithin als im Raum und daher als diesen erfüllend, gedacht".^) 
Man hat zu interpretieren: „Welche mit einem ihrer Merkmale, 
Bämlich der Beharrlichkeit, den Inhalt des Begriffs Substanz 
ausmacht''. 

Der reinen Materie steht gegenüber die empirische. „In 
der Anschauung konunt die Materie nur in Verbindung mit 
der [speciellen] Form und Qualität vor, als Körper, d. h. als 
eine bestimmte Art des Wirkens . . . Das näher bestimmte 
Wirken fassen wir dann als Aceidenz der Materie auf, aber 
erst mittelst dieser wird dieselbe anschaulich.'^') „Die empirisch 
gegebene Materie, also der Stoff ist schon in die Hülle der 
[speciellen] Formen eingegangen und manifestirt sich allein 
durch deren Qualitäten und Accidenzien, weil in der Erfah- 
nmg jedes Wirken ganz bestimmter und besonderer Art ist, 
nie ein blols allgemeines.^^) 

Wir erkennen von hier aus, dafs in die Ausführungen 
über die Materie, die wir in Welt als Wille und Vorstellung 
Band I finden, auch Bestimmungen, die der empirischen Materie 
zukommen, unbesehen miteinfliefsen, insofern dort gesagt wird: 
^Das, worauf sie (die Materie) wirkt, ist allemal wieder 
Materie".!^) 

Diese empirische Materie kann, um wiederum mit einer 
Schopenhauer nicht eigentümlichen logischen Betrachtungsweise 
einzusetzen, als aus der reinen Materie durch Determination 
gewonnen angesehen werden. Die Merkmale, die zu der 
reinen Materie, logisch betrachtet, hinzutreten, sind durch die 
speziellen, raumzeitlichen Formen und die speziellen kausalen 
Beziehungen gegeben, welche die einzelnen Veränderungen als 
einzehe kennzeichnen. 

') m, 99. *) U, 357, 358, desgleichen HI, 58. *) II, 357. 

*) n, 59. ») I, 40. 



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54 

Es wäre verfehlt, anzanehmen, dals das Verhältnis der 
reinen zur empirischen Materie das des a priori Gegebenen 
znm erschlossenen Transzendenten wäre; es ist vielmehr ledig- 
lich das des a priori za dem a posteriori Vorgestellten. Schon 
in jenem ist die Vorstellung des Objektseins mitgedacht 

Es wnrde erwähnt, dafs „in der Anschannng die Materie 
als Körper vorkomme." *) 

Das, was den Begriff des Köqiers ausmacht, ist aofser 
den Bestimmungen, die ihn „als geformte und spezifisch be- 
stimmte Materie" 2) kennzeichnen, noch ein weiteres Merkmal, 
nämlich das, der Träger einer Kraft zu sein. „Man hat sich 
zu erinnern, dafs die empirisch gegebene Materie sich überall 
nur durch die in ihr sich äufsemden Kräfte manifestirt; wie 
auch umgekehrt jede Kraft immer nur als einer Materie in- 
härirend erkannt wird; beide zusammen machen den empirisch 
gegebenen Körper aus." 3) Damit sind wir an den Begriffen 
der Naturkraft und des Naturgesetzes angelangt, die zur Ver- 
vollständigung der Lehre von der empirischen Anschauung 
einer Erörterung bedürfen. 

Die Naturkraft ist zunächst, d. h. solange wir innerhalb 
des Gebietes der Vorstellung bleiben, ein durch Induktion 
gewonnenes Allgemeines. Die logische Beziehung zwischen 
Ursache und Naturkraft ist die zwischen „dem flüchtigen 
Phänomen und der ewigen Tätigkeitsform." «) Dieses Allgemeine 
ist nicht die Eigenschaft des Ursachseins überhaupt, sondern 
ein Allgemeines, das aus den a posteriori gegebenen Momenten, 
welche die einzelnen Ursachen als einzelne kennzeichnen, ge- 
wonnen ist: Die Naturwissenschaften finden, dafs gewisse 
Ursachenunter gewissen aus der Erfahrung bekannten Beding- 
ungen gleichförmig wirken. Das gleichförmig Wirkende ist das 
was sie Kraft nennen. „Die Aetiologie (d. i. diejenige Natur- 
wissenschaft, deren Aufgabe „die Erklärung der Veränderungen 
ist," 5) gibt Rechenschaft von den Ursachen, welche die ein- 
zelne zu erklärende Erscheinung notwendig herbeiftihrten, und 
zeigt als die Grundlage aUer ihrer Erklärungen die aUgemeinen 

II, 357. •) V, 119. ») V, 119. *) in, 69. •) 1, 146. 

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55 

Klüfte auf, die in allen diefien Ursachen und Wirkungen tätig 
uui, beBtimmt diese Kräfte genau, ihre Zahl, ihre Untersehiede, 
nnd dann alle Wirkungen, in denen jede Kraft, naeh Maüsgabe 
der Verschiedenheit der Umstände verschieden hervortritt, 
immer ihrem eigentümlichen Charakter gemäls, den sie nach 
einer unfehlbaren Regel entfaltet, welche ein Naturgesetz heifst 

Das Naturgesetz ist dementsprechend „die Norm, welche 
eine Naturkraft befolgt.'^ ^) Es ist das Gesetz, welches „die 
anwandelbare Konstanz des Eintritts derselben, sobald am Leit- 
faden der Kausalität die [a posteriori bekannten] Bedingungen 
dazu vorhanden sind'', 3) ausdrückt. Das Allgemeine in dem 
Naturgesetz ist, in analoger Weise wie in der Naturkraft, nicht 
die Beziehung von Ursache und Wirkung überhaupt, sondern 
ein Allgemeines, das aus den aposteriorischen Momenten in 
den einzelnen kausalen Beziehungen gewonnen ist Es bleibt 
blols die der Natur abgemerkte Regel^.^) Insofern verlassen 
wir mit dieser Betrachtung nicht das Gebiet der Welt als Vor- 
stellong, also nicht das des Satzes vom Grunde. 

In der Physik muXs die Kraft „als qualitas occdta^ stehen 
bleiben. Die Naturkraft wird nun schon an den angeführten 
Stellen nicht nur als Allgemeines angesehen, demzufolge sie 
lediglich ein Begri£f wäre, sondern auch als ein „zu Grunde 
liegendes", als ein „Vorausgesetztes", als „etwas, was der Ur- 
sache die Fähigkeit zu wirken allererst erteilt". Damit kommt 
ein transzendentes Moment in die Lehre von der empirischen 
Anschauung. Hierauf und auf die Frage, ob die Forderung, 
dafs den empirisch bestimmten Kräften etwas Transzendentes 
entsprechen müsse, nicht schon über den Bereich, den Schopen- 
hauer der Geltung des Satzes vom Grunde anweist, hinausgehe, 
und auf die Frage, in welcher Weise er dieses Transzendente 
deutet, näher einzugehen, würde den Rahmen der vorliegenden 
Arbeit überschreiten. 

Es erübrigt nunmehr, den psychologischen Zusammmen- 
hang der drei Formen Raum, Zeit und Kausalität bei Schopen- 
hauer zu erörtern. Darüber ist nur weniges zu erwähnen. 

Das logisch allgemeine wird ihm zur genetischen Wurzel 



') I, 200. ») in, 59. ») 1, 190. *) I, 200. 



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56 

des psychologisch za erklärenden Gewordenen, and die logi- 
schen Beziehungen stellen sich ihm als psychologische Zusam- 
menhänge dar. Daher kommt es, dafs die psychologisch ge- 
wandten Ansfahrongen nnr in eine biologische Form gekleidete 
logische sind: „Der Verstand vereinigt Baum und Zeit in 
der Vorstellung der Materie.'' ^) „Der Verstand nimmt die im 
Intellekt prädisponirt liegende Form des äufseren Sinnes, den 
Raum zu Hilfe." 2) „Was die Vereinigung beider (des Baumes 
und der 2^it) schafft, ist der Verstand, der mittelst seiner 
Funktion jene Formen verbindet . . . Wechselseitige Durch- 
dringung (von Baum und Zeit)."') „Bei der objektiven 
Auffassung der Körperwelt gibt der Intellekt die sämtlichen 
Formen derselben aus eigenen Mitteln, nämlich Zeit, Baum und 
Kausalität, und mit dieser auch den Begri£f der abstract ge- 
dachten, Eigenschafts- und formlosen Materie."^) Die ursprüng- 
lich eng begrenzte Funktion des Verstandes, [„Kausalität erkennen 
ist seine einzige Funktion"]^) erscheint hier wiederum erweitert: 
zu der kausalbeziehenden tritt wieder eine formalbeziehende 
Tätigkeit des Verstandes. Der Begriff der reinen Materie, als 
durch die Tätigkeit des Verstandes bewerkstelligt, gilt insofern 
als etwas a priori Glegebenes: 

„Die Materie ist Kausalität." 

„Die Kausalität selbst ist die Form des Verstandes; denn 
sie ist . . . uns a priori bewufst". 

„Also gehört auch die Materie insofern und bis hierher 
dem formellen Teil unserer Erkenntnis an." <^) „Ihr subjektives 
Korrelat ist der Verstand."^) 

Der Übergang von der reinen zur empirischen Materie ist 
der Sache nach auch noch als Funktion des Verstandes auf- 
gefalst, wenngleich Schopenhauer hier schlechthin Intellekt 
sagt Auch fttr die psychologische Erklärung dieses Geschehens 
durch Schopenhauer gelten die vorhin genaimten Kennzeichen: 
„Sobald der Intellekt, mittelst dieser Formen (Baum, Zeit, 
Kausalität und damit der reinen Materie) und in ihnen, einen, 
stets nur von der Sinnesempfindung ausgehenden realen Gtehalt 

I, 44. «) m, 66. •) in, 42. *) V, 119. 

») I, 48, •) U, 358. ') I, 4a. 



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57 

das heilst etwas von seinen eigenen Erkenntnisfonnen Un- 
abhänges spttrt, welches nicht im Wirken überhaupt, sondern 
in einer bestimmten Wirkongsart sich kundgibt; so ist es 
dies, was er als Körper, das heilst als geformte und speeifisch 
begtimmte Materie setzt.'^i) 

Mit der letzten Ausftlhrung ist zugleich der psychlogische 
Zusammenhang zwischen Materie und Empfindung berührt. 
Näheres erfahren wir darüber bei Schopenhauer nicht. Wir 
erkennen, dals diese Frage ihm in den Parerga und Paralipomena 
Band II etwas näher liegt, als in den früheren Schriften, 
wenngleich sie auch in der späteren keine Lösung findet. 



Vn. Schlufs. 

Die Lehre von der empirischen Anschauung bei Schopen* 
haner erseheint mir in ihrem wesentlichen Funkte, der Annahme, 
dals der Verstand, indem er zur Empfindung, als der Wirkung, 
die Ursache in den Baum setze, aus der Empfindung allererst 
eine Vorstellung mache, wenn diese Annahme unter der Voraus- 
sehnng Schopenhauers von der Geltung der objektiven Vor- 
stellung stattfinden soll, als verfehlt. Wenn wir mit ihm unter 
der Ursache unserer Empfindungen, so lange wir im Gebiete der 
Welt als Vorstellung bleiben, in keiner Weise ein Transzendentes 
mitverstehen, also nicht einmal annehmen, dafs es wirke, ge^ 
sebweige denn was es sei, oder wie es wirke, so sind die 
blolse Empfindung und die ihr entsprechende Vorstellung nur 
darin fllr das Bewnfstsein unterschieden, dafs diese raumzeitlich 
bezogen ist, jene noch nicht. Abgesehen davon sind sie für 
das Bewulstsein in nichts unterschieden, und die eine als Ur- 
sache der anderen als Wirkung aufzufassen, würde gleich- 
bedeutend sein mit einem Zusammenfallen von Ursache und 
Wirkung. 

V, 119. 



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IL TeU. 

Skizze der Entwicklnng der Lehre von der 
empirischen Anschauung bei Schopenhauer. 

Von einer prinzipiell bedeutsamen Entwicklang kann man 
in der Philosophie Schopenhaaers nar bei dem Fortschritt von 
der ersten Auflage des .Satzes vom Gronde* zur ersten Auf- 
lage der „Welt als Wille und Vorstellung* reden. Die Ein- 
schränkung des inneren Sinnes als nur auf den Willen gehend, 
die Gleiohsetznng des Willens mit dem Ding an sich, und die 
Einschränkung der Kategorien auf die eine der Kausalität sind 
die hervorragenden Kennzeichen der Entwicklung des meta- 
physisch -erkeuntnistheoretischen Bestandes seiner Lehre in 
dieser Periode. In den späteren Werken dagegen finden 
keine Änderungen dieses Bestandes statt, die geeignet wären, 
dessen Grundlagen zu erschüttern, sondern nur solche, die in 
der Gedankenfolge desselben liegen. Die Ausgestaltung der 
Lehre vom Willen in der Natur ist hier besonders hervor- 
zuheben.^) 

Eine ähnliehe Gestaltung zeigt insbesondere auch die Ent- 
wicklung der Lehre Schopenhauers von der empirischen An- 
schauung. 

^) Sieh darüber Theodor Lorenz «Zur Entwicklangsgeschichte der 
Metaphysik Schopenhauers", Diss. Berlin 1897; Bernhard Willems .Über 
Schopenhauers Erkenntnistheorie. Eine historisch-kritische Abhandlang.*' 
Diss. Königsberg 1908. 

*) Sieh Robert Schlüter .Schopenhauers Philosophie in seinen Briefen", 
Diss. Rotsock 1900 nnd die während des Druckes vorliegender Arbeit 
erschienene sorgfaltige nnd tiefdringende Abhandlang von Heinrich Hasse 
.Schopenhauers Erkenntnislehre als System einer Gemeinschaft des 
Rationalen nnd Irrationalen". Leipzig, F. Meiner, 1918; insbesondere S. 77 f. 



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59 

Scbon in der ersten Auflage des Satzes 7om Grunde 
ist der Grundgedanke dieser Lehre ausgesprochen, da£s der 
Verstand von dem unmittelbaren Objekt als der Wirkung den 
Sehlnfs auf die Ursache derselben im Räume mache, so zwar, 
dab hier aulser der Kausalität auch noch die andern Kategorien 
Kants fttr das Zustandekommen der empirischen Anschauung 
in Anspruch genommen werden, i) Auch besteht hier bereits 
die Voraussetzung des eigenen Leibes als des «unmittelbaren 
Objektes', femer schon die Ineinsetzung, wenn nicht der 
Empfindung, so doch der «unmittelbar gegenwärtigen Vor- 
stellung" mit dem „unmittelbaren Objekt^^) Hier auch findet 
schon die unbesehene Koordination der kausalen Beziehung 
des unmittelbaren Objektes zu den vermittelten mit der dieser 
QDtereinander statt, 3) und dies trotz des prinzipiellen Unter- 
schiedes zwischen dem „unmittelbaren^' und dem „vermittelten 
Objekt''^). Die Einschränkung des „unmittelbaren Objekts'' 
als nnr im uneigentlichen Sinne zu verstehen, ist noch nicht 
ausgesprochen. Aber hier tritt schon der Gedanke auf, dafs, 
was die Vereinigung von Raum und Zeit zustande bringe, der 
Verstand sei, auch dies zwar noch unter Anwendung auch der 
Kategorien aulser der Kausalität. &) Die Tätigkeit des Ver- 
standes, genauer der Kausalschlnfs desselben, wird bereits von 
einem Vemunftsehlufs, als einer „Verknüpfung von Urteilen^' unter- 
schieden und als unbewufst charakterisiert«) „Eine vollständige 
Analysis der Erfahrungen" wird hier bereits als „ein eigenes 
sehr mtthsames und schwieriges Gescbäft"'') ins Auge gefafst 

Beide Ableitungen der Beharrlichkeit der Materie sind 
schon hier angelegt, die aus der Vereinigung von Baum und 
Zeit in den ViTorten: „Er (der Verstand) schafft durch die innige 
Vereinigung jener heterogenen Formen der Sinnlichkeit (des 
Raumes und der Zeit) die Erfahrung; ... in der ungeachtet 
der Unaufhaltsamkeit der Zeit die Substanz beharrt und 
ungeachtet der starren Unbeweglichkeit des Baumes ihre Zu- 
stände wechseln,''^) die Ableitung aus der Kausalität deutlicher 

1* Auflage des Satzes vom Gmnde S. 54. 
>) Ebenda S. 36. *) Ebenda S. 85 f. 

') Ebenda S. 53, 54. «) Ebenda S. 80, 46. 

*) Ebenda S. 54, 55. Ebenda S. 31. 

') Ebenda S. 301. 



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60 

noeh in dem Satze: „Aas dieser BetrachtaDg, dafs das Gesetz 
der Kansalität sich nur anf Zustände bezieht, und nieht auf 
Dinge, dafs nnr Zustände entstehen nnd vergehen, werden und 
aufhören, nicht Dinge, ergibt sieh der Satz von der Beharrlich- 
keit der Substanz von selbst, folglieh durch blofse Analysis 
des Begriffs Kausalität, ohne Synthesis/^ >) Schon in der Bei- 
lage zn den Anmerkungen zu Kants „Metaphysik der Natur- 
wissenschaft*', die Grisebach in die Jahre 1812, 1813 verlegt, 
finden sich einige grnndlegende Gedanken der Lehre von der 
Materie. Hier heifst es: „Das Dasein der Materie, d.h. ihre 
Wirklichkeit, ist nichts als ihr Wirken, d. i. ihre Kansalität 
Wo also Materie ist, ist Kausalität, aber auch, wo Kausalität 
ist, ist Materie. '^2) Dafs weder in den Anmerkungen selbst, 
noch auch in der ersten Auflage des Satzes vom Grunde diese 
grundlegenden Gedanken der Lehre von der Materie in dieser 
mit der in der ersten Auflage der Welt als Wille und Vor- 
stellung gegebenen Formulierung vorkommen, ist einigermafsen 
auffallend. 

Auf einige Unterschiede der iu der ersten Auflage des 
Satzes vom Grunde gegebenen Kritik des Kantischen Beweises 
fttr die Apriorität des Gesetzes der Kausalität von der späteren 
werden wir in dem Abschnitt über die Beziehungen zwischen 
Schopenhauer und Kant noch zu sprechen kommen.^) 

In der ersten Auflage von Sehen und Farben gelangt 
die angekündigte Analysis der Erfahrung zur ersten Ausführung. 
Hier begegnen wir zuerst dem Satze: „Die Anschauung ist 
intellektual, und nicht blofs sensual." ^) Die Sinnesempfindungen 
sind hier schon, wenn auch nicht deutlich ausgesprochen, in 
den Sinnesorganen lokalisiert: .Die Sinne sind die Sitze einer 
gesteigerten Sensibilität^) Jeder Sinn gilt als , einer besonderen 
Art von Einwirkung offenstehend.* ^) Psychologisch genommen 
gilt die Sinnesempfindung hier, wie ich im ersten Teile meiner 



>) 1. Auflage des Satzes vom Grunde S. 81. 
>) Nachlafs IU, S. 19. 

*) 1. Auflage von Sehen und Farben S. 17. 

*) Ebenda S. 13, auch in der Kritik der Lehre des Dr. Weber, 
ebenda S. 13. 

>) Ebenda S. 13. 

•) S. 76f. u. 102£ dieser Schrift. 



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61 

Sehrift nachgewiesen habe, Hoch als Yorstellnng. Ihre Subjek- 
tiTiült gegenüber der objektiven Anscbaanng wird dabei hervor- 
gehoben. Die Data des Gesichtssinnes werden schon geschieden 
in den Eindmek des Lichtes anf das Ange nnd die Farbe. ^ 
Eine biologische Betrachtungsweise ftthrt zn dem Gedanken, 
dafjs „das Kind in den ersten Wochen seines Lebens anfängt 
des Veistand za gebranchen.* ^) Dazn gehört n. a. auch, daij9 
es „obwohl es mit zwei Angen sieht, . . . dennoch nur einen 
Gegenstand sehen lernt ^'') Daran reiht sieh zur Erklämng 
des Einfachsehens eine Ansftthmng ttber die Angenaxen, den 
optischen Winkel und die gleichnamigen Stellen der Retina, 
ferner eine solche ttber das Doppeltsehen, das Schielen, das 
Doppelttasten und ttber Schein nnd Irrtum.^) Noch nicht ist 
hier, wie in der Theoria colorum vom Anfrechtsehen der Gegen- 
stände die Rede. Von den Kategorien kommt nur noch die 
der Kausalität zur Sprache. 

In der ersten Auflage der Welt als Wille und Vor- 
stellung Band I findet zuerst eine ausdrückliche Einschränkung 
des Ausdrucks „unmittelbares Objekt^^ als nur im uneigent- 
lichen Sinne zn verstehen, statt ^) Hier ferner gelangt die 
Ineinssetzung der blofsen Empfindung und „des unmittelbaren 
Objekts^ zam deutlichen Ausdruck: „Die blofse Empfindung, 
das nnmittelbare Bewulstsein der Veränderungen des Leibes, 
yermöge dessen dieser unmittelbares Objekt ist^^) Wir fanden^), 
dals diese Ineinssetzung sich als ein Unterfliefsen eines meta- 
physisch Identischen als eines fUr das Bewulstsein Identischen 
dem Nachprttfenden darstelle. Die Manuskripte Schopenhauers, 
die vor der ersten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung 
liegen, weisen für diese Auffassung einige Belege anf Hier 
heibt es n. a.: „Ein Hauptfehler aller bisherigen Philosophie, 
der damit zusammenhängt, dafs man sie als Wissenschaft 
sachte, ist der, dafs man mittelbare Erkenntnis, d. h. Erkenntnis 
ans Grttnden, auch da suchte, wo nnmittelbare gegeben ist 

1. Auflage Yon Sehen nnd Farben S. 27. 

*) Ebenda S. 15 u. 27. *) Ebenda S. 16. 

«) Ebenda S. 16, 17, 20, 21. 

^ 1. Auflage der Welt als Wille nnd Voratellnng S. 29, 3. Auflage 1, 58. 

*) Ebenda 1. Auflage S. 28, 3. Auflage 1, 53. 

^ S. 40 dieser Schrift 



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62 

So ist z. B. Identität meines Leibes mit meinem Willen eine 
anmittelbare Erkenntnis, yondefiman also nieht zngeben darf; 
dafs sie der Begrttndang biedtlrfe, weil man sonst sieh einer 
unmittelbaren Erkenntnis entänfsert, die man, eben weil sie 
unmittelbar ist, nie hoffen darf, nachher als mittelbare wieder- 
zuerhalten . . .* ^) Ferner: „Der Menseh erkennt nur, sofern 
sein Leib ein mit dem Willen Identisches, eine Erscheinung, 
Objektivierung des Willens, eben in dieser letzteren Eigen- 
schaft unmittelbares Objekt des Subjekts ist: die mittelbaren 
Objekte (d. h. die Übrige Welt erkennt das Subjekt, sofern es 
in diesem einzelnen Menschen erkennt, nur vermöge ihrer Ein- 
wirkung auf dies unmittelbare Objekt, also durch das Gesetz 
der Kausalität, also im Verstände. An dem unmittelbaren 
Objekt hat das Subjekt also immer einen Befestigungspunkt, 
von dem alle übrige Erkenntnis ausgeht, und an den sie nur 
durch das Gesetz der Kausalität geheftet isf ) 

Die Lehre von der Materie ist in allem Wesentlichen ent- 
wickelt, sowohl die Deduktion aus den Formen Raum und Zeit, als 
auch die aus der Kausalität Die Ableitung speziell der Beharr- 
lichkeit der Materie aus der Anteilnahme des Raumes an der Ver- 
einigung von Raum und Zeit wird klarer formuliert, dagegen tritt 
die Ableitung der Beharrlichkeit aus der Kausalität hier vorerst 
zurttck. Das Verhältnis von Substanz und Akzidenz wird an 
den entscheidenden Stellen noch als das des Beharrenden zum 
Wechselnden dargestellt. Nur gelegentlich kommt schon die 
spätere Bestimmung dieses Verhältnisses als des zwischen 
Wirken in abstracto und Wirken in concreto zum Vorschein: 
^,Der Begriff Substanz hat keinen andern wahren Inhalt als 
den des Begriffs Materie. Akzidenzen aber sind ganz gleich- 
bedeutend mit Wirkungsarten."') In den vor der ersten Auf- 
lage der Welt als Wille und Vorstellung liegenden Manuskripten 
kommt ein zeitweiliges Schwanken hinsichtlich der Bestimmung 
der Materie zum Vorschein. Hier heifst es an einer Stelle: 



>) SchopeDhaaera NaohlaTs Nr. 20; Philosophische Manuskripte Bogen 
TY, S. 5f., Dresden 1814. 

') Schopenhauers Nachlaüs Nr. 19; Philosophische Manuskripte Bogen 
QQQ, S. 7 (Anmerkung), Dresden 1816; ähnlich so Nr. 20, Bogen ££, S. 2, 
Dresden 1814; Nr. 19, Bogen DDD, S. 5, Dresden 1815. 

•) 1, 585. 



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68 

„Aber warum wnndert man sieh nicht ttber die Materie? Was 
erkUrt Materie? Eangalität nicht, die erklärt blofs Znstand 
der Materie . . .'^ Dieses Schwanken hängt yermntlich damit 
zusammen, dafs Schopenhauer hier vorübergehend Kausalität 
und Wille als koordinierte Ursachen von Bewegungen behandelt: 
«Die Bewegung der Materie geschieht nicht immer nach dem 
Gesetz der Kausalität; sondern nur entweder nach diesem oder 
durch Willen, d. i. ohne Grund. Eine solche ist nicht nur die 
Bewegung der Tiere, sondern auch alle Vegetation und das 
ÄDschielsen der Krjstalle.'' 2) Diesen Gedanken läfst er aller- 
dings schon bald fallen; denn in einer Anmerkung zu der 
zitierten Stelle fttgt er bei: ,Dies ist falsch: alles was in der 
Zeit geschieht, hat eine nach dem Satze vom Grunde bestimmte 
Stelle in derselben; es gibt also keine grundlose Bewegung. 
Wohl aber ist der Wille grundlos; denn der Satz vom Grunde 
gilt nur ftlr die Erscheinung der Idee (welche selbst Objektität 
des Willens ist) in Zeit und Raum*". 

Auch in der „Vorlesung tlber die gesamte Philo- 
sophie^ speziell in der „Theorie des gesamten Vor- 
stellens, Denkens und Erkennens,** deren erste Entwürfe 
nach den yerdienstvoUen und sorgfältigen Untersuchungen von 
Franz Mokrauer noch in das Jahr 1819 fallen, und für deren 
Znsatze ein Spielraum bis Herbst 1831 anzusetzen ist,') gelten 
die Empfindungen noch als Vorstellungen: „Diese Verände- 
nmgen (welche die Sinnesorgane durch die ihnen spezifisch 
angemessene Einwirkung von aufsen erleiden) sind nun zwar, 
da sie nicht als Schmerz oder Wollust den Willen unmittelbar 
af&ieren und dennoch ins Bewulstsein kommen, wirkliche Vor- 
stellungen, d. h. sind nur fttr die Erkenntnis da.'^^) Auffallend 
H dafs hier schon alle vier Momente in der Tätigkeit des 
Verstandes beim Gesichtssinn: Einfachsehen, Aufrechtsehen, 
Sehätzen von Gröfse und Entfernung und Hinzufügen der dritten 



Schopenhauers Nachlals Nr. 20; Philosophische Manuskripte Bogen 
W, S. 6, Weimar 1814. 

^ Schopenhauers Nachla(s Nr. 19; Philosophische Manuskripte Bogen 
£EE,S.S, Dresden 1815. 

') Arthur Scbopenhauers sämtliche Werke, herausgegeben von Paul 
Deufaen. IX. Band, Voirede der Herausgeber S. XIX f. 

1 Ebenda S. 20S, Z. 16 --19. 



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64 

Dimension ausführlich behandelt werden, während von diesen 
vier Momenten in der Theoria colornm (1830)0 nur erst die 
ersten beiden, in der ersten Anflage des zweiten Bandes der 
Welt als Wille und Vorstellang (1844)2) nur die ersten drei 
genannten Momente znr Sprache kommen. Znr Lehre von der 
Materie ist für die Vorlesungen anzumerken, dafs die Be- 
ziehungen dieser zu Baum und Zeit etwas ausführlicher behandelt 
werden. Zudem tritt die Wendung wieder hervor, dals die 
Beharrlichkeit der Materie daraus ableitbar sei, dafs die 
Kausalität nur auf die Zustände, nicht auf die Materie gehe.') 
Auch hier ist die spätere präzisere Formulierung des durch 
ihre Beziehung auf die Kausalität gedeuteten Verhältnisses von 
Substanz und Akzidenz schon angelegt in den Sätzen: „Ich 
. mufs hier anmerken, dafs wir unter dem Begri£P Substanz nicht 
etwas anderes zu denken haben als die Materie an sich, mit 
Abstraktion von ihren Akzidenzen (Form, Qualität) • . . Unter 
einer Materie ohne Form und Qualität denken wir eigentlich 
reines Wirken ohne Bestimmung der Wirkungsart . . ."*) Prinzi- 
piell bedeutsame Änderungen in der Lehre von der Materie 
liegen in den Vorlesungen nicht vor. 

In der Theoria eolorum physiologica ist aufser dem 
bereits genannten Funkte nur noch anzumerken, dafs hier 
die Beziehung der Sinnesempfindungen aller Sinnesorgane auf 
ein gemeinsames Objekt besonders hervorgehoben wird. 

In der ersten Auflage des Willens in der Natar und 
der Grundlagen der Ethik ist von dem Zustandekommen 
der empirischen Anschauung nicht die Bede. 

In der zweiten Auflage der Welt als Wille und Vor- 
stellung tritt zuerst die Wendung in der Auffassung der 
blofsen Empfindung hervor; sie gilt fortan als etwas, dem der 
Charakter der Vorstellung noch nicht zukommt Die Lokalisation 
der Sinnesempfindungen in die Sinnesorgane wird deutlicher 
ausgesprochen: „Das Sehen ist eine wirkliche Aktion der 
Betina.'^^) Zu den Verstandesoperationen tritt als dritte die, 



1) VI, 121. «) II, 34f. ») A. a. 0. S. 224, Z. 31, 32. 

*) A. a. 0. S. 225, Z. 13—20. 

') 1. Auflage von Welt als Wille und VorsteUung, BcL 2, S. 32, 
2. Auflage U,39 



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65 

„aus fttnf DatiB — die nicht genannt werden, sondern fttr die 
auf Thomas Reid hingewiesen wird — Gröfse and Entfemang 
abzusehätzen/* 1) Die Lehre von der Materie zeigt eine Fort- 
bildang in der deutlicheren Formnliemng ihrer erkenntnis- 
theoretisehen Bestimmung „als der keinem Werden und Ver- 
gehen unterworfenen . . . Grundlage aller Dinge/'^) femer in 
der deatlieheren Formulierung der Ableitung der Beharrliehkeit 
der Materie aus der Kausalität und der der Gleiohsetzung des 
Verhältnisses von Substanz und Akzidenz mit dem von Wirk- 
samkeit überhaupt und Wirkungsart >) 

Eine Fortbildung zeigt sieh auch in den Ausführungen 
über die Beziehungen des Empirischen in der Materie zu dem 
Willen als dem Ding an sich der Objekte.^) 

In der zweiten Auflage des Satzes vom Grunde 
setzen folgende neuen Momente ein: Das Verfahren des Ver- 
standes beim Zustandekommen der empirischen Anschauung 
erfährt eine nochmalige Erweiterung. Zu den drei genannten 
Momenten kommt als viertes, dafs der Verstand die dritte 
Dimension hinzufüge. Die Beihilfen bei der Abschätzung der 
Entfernung werden ausführlich behandelt und auf vier reduziert: 

1. Die mutationes oculi, 

2. der optische Winkel, 

3. die Luftperspektive, 

4. die bekannte Gröfse dazwischen liegender Gegen- 
stände.^) 

Ferner werden die Beihilfen, die das Getast zur Konstruktion 
der empirischen Anschauung bietet, und diejenigen, die beim 
Sehen die Empfindung liefert, ausgeführt; letztere sind: 

1. Das Nebeneinander der Retina, 

2. Die Gradlinigkeit des Lichtes, das im Auge selbst 
gradlinig gebrochen wird, und 

3. die Fähigkeit der Retina, die Richtung des ein- 

dringenden Lichtstrahles zu empfinden. 

>) Ebenda, 1. Auflage S. 28, 2. Auflage 11,85. 

>) Sieh S. 49 dieser Schrift. 

>) U,35f., ShnUch 11,59 u.62. 

*) 11,860. »)in,84f. 

Philosophische Abhuidlmi|rei>. XLII. 5 



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66 

Hier finden wir zuerst den Satz ansgesproehen, dafs „der 
Lichtstrahl in die Dieke der Retina eindringe.^ i) Die Lehre 
von der Materie weist eine zusammenfassende Darstellung, aber 
keinen sachlichen Fortschritt auf.^) 

In Parerga und Paralipomena Band II kommt ein 
schon in Welt als Wille und Vorstellung') angelegter neuer 
Beweis für die Idealität von Zeit und Baum zur klareren 
Formulierung. Er ist darin gegeben, daTs .„die blofse Zeit 
keine physische Wirkung hervorzubringen vermag* und .die 
Materie durch alle sie ausdehnende Zerteilung oder auch 
wiederum Zusammenpressung im Räume weder vermehrt noch 
vermindert werden kann, wie auch darin, dals im absoluten 
Räume Ruhe und geradlinige Bewegung phoronomisch zu- 
sammenfallen und dasselbe sind."^) Die kausale «Notwendig- 
keit alles Geschehenden, d. h. in der Zeit sukzessiv Eintretenden," 
und damit der Sache nach die in den früheren Schriften ge- 
lehrte «innige Vereinigung* &) des Raumes mit der Zeit, erhält 
eine ergänzende definitorische Bestimmung. Hier „ist die sieh 
uns vermittelst der Kette der Ursachen und Wirkungen dar- 
stellende Notwendigkeit alles Geschehenden, d.h. in der Zeit 
sukzessiv Eintretenden blofs die Art, wie wir, unter der Form der 
Zeit, das einheitlich und unverändert Existierende wahrnehmen, 
oder auch sie ist die Unmöglichkeit, dafs das Existierende, 
obgleich es von uns heute als zukünftig, morgen als gegen- 
wärtig, übermorgen als vergangen erkannt wird, nicht dennoch 
mit sich selbst identisch. Eins und unveränderlich sei.**) 

Zusammenfassend können wir somit sagen: Von vornherein 
grundlegend für die Lehre Schopenhauers von der empirischen 
Anschauung ist die Einsicht in die besondere Bedeutung der 
Kausalität für die Realität der Anfsenwelt. Die psychologische 
Wendung dieses Gedankens in der Deutung des Zustande- 
kommens der Erkenntnis der Anfsenwelt durch die kausal- 
beziehende Tätigkeit des Verstandes ist schon in der ersten 
Auflage des Satzes vom Grunde angelegt Die Entwicklung 
auch der Lehre von der empirischen Anschauung weist zwei 

>) 111,72. «)ni,99. 

') II, 352, auch schon in der ersten Aufl. dieses Bandes (1844). 

*) V, 47f. ») ni,42. 

*) y, 51. Die letzte Sperrung findet sieb nicht im Text. 



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67 

QDgleieh bedeatsame Stufen auf: die erste, sprunghafte, von der 
ersten Auflage des Satzes vom Grande zar ersten Auflage der 
Welt als Wille und Vorstellung hin; die zweite, kontinuierliehe, 
Ton da ab zu den späteren Werken. Jene ist wesentlich 
gekennzeichnet durch die Einschränkung der Kategorien auf 
die eine der Kausalität; weniger bedeutsam ist die Einschränkung 
des unmittelbaren Objektes ; neu ist die Lehre von der Materie. 
Die zweite Stufe können wir folgendermafsen zusammenfassen: 
War schon die Einschränkung des Ausdrucks „unmittelbares 
Objekt^, als nur im uneigentlichen Sinne zu verstehen, eine 
Konsequenz der Forderung, dafs allererst durch die kausale 
Erkenntnis des Verstandes die Vorstellung des Objektes entstehe, 
so stellt sich als eine weitere Konsequenz dieser Forderung 
die mit der zweiten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung 
anhebende Wandlung in der Deutung der bis dahin im Hin- 
blick auf ihre Nichtzugehörigkeit -zum Willen noch als Vor- 
Btellnng in Anspruch genommenen Empfindung dar. Sie gilt 
fortan als etwas, dem der Charakter der Vorstellung noch 
nicht zukommt. Die Annahme des unmittelbaren Objektes als 
des Ausgangspunktes für den Verstand, welche Annahme sieb 
als eine Konsequenz der Einschränkung der Geltung der 
Kanaalbeziefanng lediglich fttr die Beziehungen von Objekten 
darstellt, bleibt indes bestehen. Wir fanden früher, dafs dieser 
Widerspruch durch die metaphysische Ineinssetzung von blofser 
Empfindung und physiologischer Erregung im Sinnesorgan zwar 
verständlich, aber nicht aufgehoben wird. Weiter haben wir 
za sagen, dafs eine kontinuierliche Entwicklung des empirischen 
Nachweises der Verstandestätigkeit von der ersten Auflage von 
Sehen und Farben bis zur zweiten Auflage des Satzes vom Grunde 
bemerkbar ist Die Lehre von der Materie erfährt von der ersten 
Auflage der Welt als Wille und Vorstellung an keine prinzipielle 
Änderung, sondern nur eine Weiterbildung von solchen Gedanken, 
die dort und zum Teil schon in der ersten Auflage des Satzes 
Tom Grunde angelegt sind. Allein dem aufmerksamen Leser 
wird es nicht entgehen, dafs Schopenhauer in den späteren 
Werken mit der Formulierung insbesondere von zwei Gedanken 
ringt Der eine ist die Deutung der Materie als der Grundlage 
^es Realen, der andere, damit zusammenhängende, die Deutung 
des Verhältnisses von Substanz und Akzidenz als des zwischen 

5* 



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68 

Wirksamkeit überhaupt und Wirknngsart. Dies ist in der Tat 
von historischer Bedentang, wie wir noch sehen werden. 

Es sei hier gestattet, za einer von Theodor Lorenz <) 
vertretenen Auffassung einiges zu bemerken. Dieser nämlich 
sagt, dafs nach der Darstellung in der ersten Auflage des 
Satzes vom Grunde, nach welcher ,das unmittelbare Objekt 
erst durch die Anwendung der Kategorien der Einheit, Sab* 
sistenz, Realität usw. zum Objekt wird*^,') «die sinnliehe 
Anschauung des eigenen Leibes auf einem ganz anderen 
psychischen Wege zustande käme, als die aller anderen 
Körper",^) und dafs diese Darstellung, wenngleich «psycho- 
logisch noch weniger haltbar als die spätere^, so doch «den 
Widerspruch, welcher dem Aprioritätsbeweis in den späteren 
Schriften anhaftet, die nur noch die Kategorie der Kausalität 
gelten lassen, klärt*. ^) Diese Zurechtlegung der Oedanken 
Schopenhauers hat nur dann ein, wenngleich noch einzu- 
schränkendes Recht, wenn sie darauf fnfst, dafs in der ersten 
Auflage des Satzes vom Gründe ein Vorstellungsmälsiges den 
Ausgangspunkt ftlr den Kausalschlufs auf das reale Objekt 
bildet Nicht, dafs ftlr das unmittelare Objekt die Kategorien 
auiser der Kausalität in Anspruch genommen werden — denn 
die Ineinssetzung des unmittelbaren Objekts mit der „unmittel- 
bar gegenwärtigen Vorstellung* enthält dieselbe prinzipielle 
Schwierigkeit, wie die spätere mit der blolsen Empfindung, 
deshalb nämlich, weil sie nicht als psychologische gelten 
kann — sondern lediglich, dafs die Annahme eines kategorial 
bestimmten und insofern vorstellungsmäfsigen Ausgangspunktes, 
nämlich in der «unmittelbar gegenwärtigen Vorstellung", 
möglich sei, würde geeignet sein, die Schwierigkeiten, die sich 
ftlr den Ausgangspunkt der kausalen Erkenntnisweise des Ver- 
standes in den späteren Schriften ergeben, zu mildem. Dafs 
in diesem Sinne die «unmittelbar gegenwärtige Vorstellang* 
genommen werden kann, ist eine naheliegende Folgerung aus 
den Erörterungen des § 21 der genannten Schrift. Dort lesen 
wir: „Vorstellungen sind unmittelbar gegenwärtig, heifst: sie 
werden nicht nur in der vom Verstände vollzogenen Vereinigung 

») A. a. 0. S. 8. 

>) 1. Auflage des Satzes vom Qrnnde S. 54. 

•) A. a. 0. S. 8. 



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69 

Yon Zeit und Raum, d. h. im Ganzen der Erfahrang, sondern 
sie werden al8 Yorstellnng des inneren Sinnes in der blofsen 
Zeit erkannt^' i) Es kommt ihnen, so dürfen wir folgern, alles 
das za, was den objektiven Vorstelinngen noeh anüser ihren 
raamzeitlichen nnd kausalen Bestimmungen eigen ist Es 
bleiben ihnen also die kategorialen BestimmaDgen aufser 
der Kausalität Betrachten wir die ,, unmittelbar gegenwärtige 
Vorstellung' als Aasgangspunkt fUr die Verstandestätigkeit, so 
bat dieser also den Charakter des VorstellnngsmäTsigen. So 
naheliegend diese Folgerung aber auch ist, so ist sie doeh 
nieht ansdrtteklich von Schopenhauer gezogen. Sie mnfs viel- 
mehr schon deshalb eine nachträglieh harmonisierende Dentung 
genannt werden, weil Schopenhauer der dabei geltend ge- 
machte psychologische Gesichtspunkt fernliegt Dies zeigt 
sieh nicht nur darin, dals er von Schopenhauer nicht zum 
Problem erhoben wird, es zeigt sich deutlicher noch in einer 
Reihe yon Unstimmigkeiten. Eine Unstimmigkeit zeigt sich 
darin, dafs die oben als möglich aufgewiesene Auffassung, 
die Anwendung der Kategorien aufser der Kausalität auf die 
„unmittelbar gegenwärtige Vorstellung' gehe, psychologisch be- 
trachtet, dem Kausalschlnis auf das Vermittelte vorher, sich nicht 
reinlich dnrchf&hren läfst; denn es heifst im §24 derselben Schrift: 
«Die Erkenntnis der vermittelten Objekte aber fängt nun mit 
der Kategorie der Kausalität an, geht von dieser aus. Von 
der Veränderung im Auge, Ohr oder jedem andern Organ wird 
auf eine Ursache geschlossen, und solche wird im Raum dahin, 
von wo ihre Wirkung ausgeht, als das Substrat dieser Kraft 
gesetzt, und dann erst können die Kategorien der Subsistenz, 
Dasein usw. auf sie angewandt werden.''^) Auch der Satz: 
«Ohne Anwendung derselben (der Kategorie der Kausalität) 
bliebe es bei der blofsen Empfindung 'S) pafst nicht zu dem 
genannten psychologischen Deutungsversuch. Dazu kommt, 
dals es fraglich bleibt, ob der oben genannte Satz: „Das un- 
mittelbare Objekt selbst wird erst durch die Anwendung der 
Kategorien der Subsistenz, Realität, Einheit usw. zum Objekt' 
in dem Sinne gedeutet werden darf, dafs es hier durch die 

>) 1. Auflage des Sutses vom Grunde S. 35, 36. 
>) Ebenda S. 54. 
>) Ebenda S. 54. 



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70 

AnwenduDg der Kategorien anfser der Eansalität zam anmittel- 
baren Objekt werde. Es bleibt vielmebr aaeb die Auffassung 
mSglicb, dafs Objekt bier die Dentang von vermitteltem Objekt 
habe and anter jenen Kategorien die der Kaasalität ein* 
gesehlossen sei, was der oben genannten Anwendung der 
übrigen Kategorien zeitlieh nach der der Kaasalität entsprechen 
würde. Daza kommt endlieh noeb, dafs aaeb mit jener 
Deatang der „anmittelbar gegenwärtigen Vorstellang* als des 
Yorstellangsmäfsigen Ansgangspanktes fllr den Kaasalsehlofs 
aaf das vermittelte Objekt der Widersprach za dem Gleltangs- 
bereiche der Kaasalität, als lediglich innerhalb des (jebietes 
der ersten Klasse der Vorstellangen, «der Welt der realen 
Objekte ',!) geltend, nicht gehoben würde. Diese Unstimmig- 
keiten drängen za der Aaffassang, dafs aaeb schon für die 
erste Auflage des Satzes vom Grande diejenige Dentang die 
wahrscheinliche ist, die wir fttr die späteren Schriften als die 
zutreffende aufwiesen,') nämlich die unbesehene Ineinsetzung 
hier der psychologischen Tatsache der unmittelbar gegen- 
wärtigen Vorstellung mit der physiologischen der Erregung in 
dem Sinnesorgan, wodurch dieses zum unmittelbaren Objekt wird. 



Über die aUgemeinen historischen Grundlagen 
der Lehre Schopenhauers. 

Die Problemlage der Philosophie zu der Zeit, in die die 
Entwicklung der Grundgedanken der Lehre Schopenhauers 
fällt,*) ist in Deutschland durch die Wirksamkeit derjenigen 
Elemente der kantischen Philosophie gekennzeichnet, die zu 
einer metaphysischen Reaktion gegen die Kritik der reinen 
Vernunft drängten. Eine Schwierigkeit in dem Gedanken- 

Ebenda S. 67. 

3) S. 40 dieser Schrift. 

*) Sieh Paul Wapler «Die geschichtlichen Gnindhigen der WeU- 
anschaunng Schopenhauers''. Archiv für Geschichte der Philosophie, 
Band 18, 1905, S. 369f.; ehie ihr Thema zwar nicht erschöpfende, aber 
manches Brauchbare enthaltende Abhandlung. 



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71 

gange der Kritik ist es, die fllr die naehkantische Philosophie 
entscheidend wird. Sie liegt in dem Widersprach zwischen 
der Voraassetzung wirkender Dinge an sich in der transzenden- 
talen Ästhetik and dem kritischen Ergebnis der Analytik, der 
Beschränktheit aller unserer Erkenntnis durch das Oebiet 
möglicher Erfahrung, i) Das Aufgeben der Voraussetzung 
wirkender Dinge an sich und das Hineinverlegen der ihnen 
abgesprochenen Funktionen in das Ich ffthrt, unter Berührung 
mit spinozistischen Gedanken, zu der Entwicklung, die durch 
die Lehren Fiehtes, Schellings und Hegels repräsentiert wird. 
unter Beibehaltung der Dinge an sich, aber empiristischer 
Wendung der Lehre Kants von Sinnlichkeit und Verstand wird 
Herbart, mitbestimmt durch Leibnizsche Gedanken, zu einem 
sobstanzialen Pluralismus geführt Die dritte Form der meta- 
physischen Reaktion gegen die Kritik der reinen Vernunft ist 
in der Liehre Schopenhauers gegeben, der diesen gemeinsamen 
Zog insbesondere mit Fichte, Schelling und Hegel nicht in 
dem Ifalse erkannt hat, wie es der historischen Entwicklung 
tatsächlich entspricht Waren die beiden zuerst gekenn- 
zeiehneten Sichtungen wesentlich bestimmt durch den Inhalt 
der theoretischen Lehre Kants, so kommen bei Schopen- 
hauer die Gedankengänge der praktischen entscheidend zur 
Geltung. Die intelligibele Kausalität, die sich nach Kant in 
unserem sittlichen Wollen geltend macht, und die uns als 
Glieder der Welt der Dinge an sich kennzeichnet, ist es im 
besonderen, die von Schopenhauer zu dem, auch von seinen 
Zeitgenossen, namentlich Schelling, berührten Gedanken weiter- 
gebildet wird, dafs der Wille nicht eine Bestimmung des 
I^ges an sieb, sondern das Ding an sich selbst sei. Ergriffen 
^on verwandten Gedanken der indischen Philosophie, und in 
Anlehnung an die nach der Analogie des Dinges an sich auf- 
gefalste Ideenlehre Piatos, gelangt Schopenhauer zur Aus- 
gestaltung seiner Lehre. Was ihn von Herbart unterscheidet 
^d ihm mit Fichte, Schelling und Hegel gemeinsam ist, ist 
der Gedanke, der das Absolute als absolute Tätigkeit auf- 
fassen labt, bei Schopenhauer aber so gewandt, dafs alle die 

^) Sieh Benno Erdmaan, Znr Charakteristik der Philosophie der 
^enwart in Deutschhnd. Deutsche Randschau Bd. 19, S. 400. 



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72 

Bestimmangen fehlen, die bei Fichte, Schelling und Hegel das 
Absolute als vernnnftmäfsig charakterisieren J) 

Der unmittelbare Ausgang von Kant ist jfiir Schopenhauers 
Lehre entscheidend. Er anerkennt die geschichtliche Bedeutung 
Kants in der Unterscheidung der Erscheinung vom Ding an 
sich «auf Grund der Nachweisung, dafs zwischen den Dingen 
und uns immer noch der Intellekt steht, weshalb sie nicht 
nach dem, was sie an sich selbst sein mögen, erkannt weiden 
können." 2) Seine Auffassung von der Lehre Kants ist mit- 
bestimmt durch die Interpretation und Kritik, die 6. K Schuhe, 
sein Lehrer in Göttingen, an ihr geübt hatte. Angeregt durch 
Jakobis Kritik an der kantisohen Philosophie, hatte Schulze 
den Gedanken, dafs Dinge an sich zwar unerkennbar seien, 
aber doch als Gegenstände des reinen Denkens vorausgesetzt 
werden mttfsten, dahin aufgelöst, daüs Dinge an sich Ober- 
haupt undenkbar seien. . Gegen Reinhold und damit gegen 
Kant gewandt, hatte er festgestellt, daüs diese einen Beweis 
für die Existenz der Dinge an sich nicht geliefert hätten, und 
hatte in scharfer Kritik besonders auf den Widerspruch zwischen 
der Annahme wirkender Dinge an sich und dem Resultat der 
transzendentalen Analytik, der Einschränkung des Erkenntnis- 
gebrauches der Kategorien durch die Erfahrung hingewiesen. 
Mit Jakobi und Schulze hat Schopenhauer das Verdienst, auf 
die realistischen Voraussetzungen, die der Kritik der reinen 
Vernunft zugrunde liegen, kritisch hingewiesen zu haben. 
Mit Schulze stimmt er auch darin ttberein, dafs die Kritik der 
reinen Vernunft konsequenterweise idealistisch zu inter- 
pretieren sei. 

Von seiner metaphysischen Basis aus wird es fttr Schopen- 
hauer methodisch möglich, Kants kritischen Grundgedanken 
der Beschränktheit aller unserer Erkenntnis durch das Gebiet 
möglicher Erfahrung fttr die Kausalität der auf uns wirkenden 
Dinge aufrechtzuerhalten. Von der Voraussetzung der intuitiven 
Erfassung des Dinges an sich in unserm Willen und der ana- 
logen Deutung des Dinges an sich in dem auüser uns Vor- 

Aus Benno Erdmanns Vorlesungen über die Geschichte der Philo- 
sophie, denen auch viele andere Gedanicen dieser Schrift teils entstammen, 
teils ihre Anregung verdanken. 

«) 1, 534. 



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73 

^anäeuen aus ist nämlich Sehopcnbaner, wenigstenB formal, 
iei li(otweiidigkeit enthoben, eine Wirksamkeit der Dinge an 
ue\i, die sich in den Sinnesempfindungen geltend maehe, zu 
dedmeien. Das Verhältnis des Willens als des Dinges an sieh 
des aufser nns Vorhandenen zu dem Inhalt unserer subjektiven 
Sinnesempfindungen ist fllr ihn vielmehr dasjenige meta- 
physische, unserm Erkennen unzugängliche Verhältnis, das sieh 
onserm Vorstellen als das von Ursache und Wirkung darstellt. 



Die Beziehungen der Lehre Schopenhauers von 
der empirischen Anschauung zur Lehre Kants. 

Im aUgemeinen. 

Zu dem angeführten, das allgemeine Verhältnis der 
metaphysischen und erkenntnistheoretischen Lehre Kants zu 
der Sehopenhauers kennzeichnenden, kommt eine Reihe 
spezieller erkenntnistheoretiseher und psychologischer Be- 
rührungspunkte in der Lehre von der empirischen Anschauung. 
Indem wir auf eine Untersuchung derselben näher eingehen, 
wollen wir prüfen, welches die Auffassung Sehopenhauers von 
der Lehre Kants und seines Verhältnisses zu derselben in den 
in Betracht kommenden Punkten ist, und wie sich das tat- 
sächliche Verhältnis beider Lehren zueinander darstellt. 

In Übereinstimmung mit Kant sind bei Schopenhauer die 
Empfindungen der gegebene Stoff, bei dessen Aufnahme der 
Intellekt sich rezeptiv verhält. Eine Empfindung ist nach 
Schopenhauer ,der Eindruck, für den allein wir blofse Rezep- 
tivität haben. 2)'' Eine Abweichung von Kant ist darin gegeben, 
daffl Schopenhauer lediglich der Empfindung Rezeptivität zu- 
schreibt, während bei Kant auch die reine Anschauung des 
Baumes und der Zeit dazu gehört Diese Rezeptivität der 
Empfindung hat jedoeh bei Schopenhauer eine andere meta- 



Vgl. S. 25 dieser Schrift 
«) 1,560. 



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74 

physische Grnndlage, als bei Kant, insofern nämlich einer Wirk- 
samkeit von Dingen an sich aaf uns fllr ihn ansgeschlossen bleibt. 
In welchem Sinne die Rezeptivität der Empfindangen bei Schopen- 
haner eine metaphysische Bedeutung hat, geht aus folgender 
Stelle hervor: „Könnten wir eine gegebene Materie von allen ihr 
a priori zukommenden Eigenschaften, d. h. von allen Formen 
unserer Anschauung und Apprehension entkleiden, so wtlrden wir 
das Ding an sich übrig behalten, nämlich dasjenige, was mittels 
jener Formen als das rein Empirische an der Materie auftritt, 
welche selbst aber alsdann nicht mehr als ein Ausgedehntes 
und Wirkendes erscheinen würde, d. h. wir würden keine Materie 
mehr vor uns haben, sondern den Willen.^ i) Die bloCsen 
Empfindungen also, so dürfen wir interpretierend sagen, sind 
in derjenigen unserm Erkennen unzugänglichen Weise ent- 
standen zu denken, die für die methaphysische Beziehung des 
Willens als des Dinges an sich der aufser uns vorhandenen 
Materie zu dem Willen als dem Ding an sich in uns selbst 
gilt, und sich unserm Vorstellen als die Wirksamkeit der 
Materie auf unsere Sinnesorgane darstellt Insofern sie, so 
kann im Sinne Schopenhauers gefolgert werden, ihren meta- 
physischen Ursprung nicht lediglich in dem Willen als dem 
Ding an sich in uns selbst, sondern zum andern Teil auch in 
dem Willen als dem Ding an sich der Materie aufser nns 
nehmen, sind sie rezeptiv^ im Gegensatz zur Spontanität unseres 
Intellektes, der als Wille zum Erkennen lediglich unserm 
eigenen Willen metaphysisch entspringt.^) Die Lehre Schopen- 
hauers von der Rezeptivität der Sinnesempfindungen enthält 
jedoch trotz der formalen Ablehnung der Kausalität für das 
Verhältnis der Dinge an sich zu uns, und trotz des heftigen 
Widerspruchs Schopenhauers gegen die der Lehre Kants tat- 
sächlich zugrunde liegende Voraussetzung wirkender Dinge 
an sich eine analoge Schwierigkeit wie die Lehre Kants. Sie 
liegt darin, dafs für eine kritische Betrachtung die Annahme 
eines metaphysischen Zusammenhanges des Willens in dem 
aufser uns Vorhandenen mit unserem eigenen metaphysischen 
Willen nicht anders als im Sinne eines kausalen Znsammen- 



») ir, 360. 

*) Vgl. S. 6 dieser Schrift. 



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75 

hangea ^eTständlieh ist. Dazu kommt bei Sobopenbaner, dafs 
dei Aufweis des Willens in dem anfser uns Vorbandenen sich 
ala eme Beibe von Analogiescbltlssen darstellt, der die Vor- 
anBsetziiBg des im Prinzip ansgescblossenen Kausalgesetzes in 
der Tat doeb wieder zngrnnde liegt, nämlieb in dem still- 
schweigend Yoransgesetzten Postnlat, dafs in den Körpern 
anlser nns in dem Halse, wie sie dem unseren ähnlich sind, 
ähnliehe Ursaehen wirksam sind.^) 

völlig gewonnen ist Sebopenbauer von Kants Lehre in 
der transzendentalen Ästhetik. Er ist mit Kant, auch den 
Beweisgründen nach, einverstanden, dafs ein Verständnis der 
Sinnenwelt nur dadurch mögUeh ist, dafs Baum und Zeit als 
apriorische Formen der sinnlichen Anschauung angesehen 
werden.*) 

Ein Schopenhauer eigentttmlicbes Argument ist darin ge- 
geben, dafs „die blofse Zeit keine physische Wirkung bervor- 
znbringen vermag^,') sie „vielmehr über die Dinge binfliefst, 
ohne ihnen die leiseste Spur aufzudrücken'' ,3) und dafs ,die 
Materie durch alle sie ausdebnende Zerteilung oder auch 
wiederum Zusammenpressung im Baume weder vermehrt noch 

vermindert werden kann, wie auch dafs im absoluten Baume 

Bähe und geradlinige Bewegung phoronomisch zusammenfallen 
und dasselbe sind',^) ein Argument also, das diesem Besultat 
nach zwar in Übereinstimmung mit Kant, die funktionale 
Unabhängigkeit der Baum- und Zeitbeziehung von der Kausali- 
tät und damit von der Wirklichkeit dartut. Dieser Gedanke 
ist schon in Welt als Wille und Vorstellung Band 11. 1. Aufl. 
angelegt. Dort heifst es: «Man kann selbst, indem man die 
Machtlosigkeit der Zeit den Naturkräften gegenüber ins Auge 
fiabt, von der blofsen Idealittt dieser Form unserer Anschauung 
gewissermafsen sieh empirisch und faktisch tlberzengen.*^) Mit 



1) VglBudolf Seydel „Schopenhauers phUosophisches System", S.22ff., 
64 f., Johannes Volkelt, Arthur Schopenhauer, Fromnums Khisslker der 
Philosophie, Band X, 3. Aufl. 1907, S. 107 und Robert Schlüter a. a. 0., 
S.23f. 

*) Sieh Oswald Külpe, Immanuel Kant, »Aus Natur und Geisteswelt* 
146. Biadehen, 3. Aufl., Leipzig 1912, S. 57. 

») V, 47; Shnlich IV, 105. *) V, 49. 

II, 852. 



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76 

dieBem Gedanken, so haben wir za sagen, ist die Idealität des 
Ranmes nnd der Zeit auch, gegenüber der empirischen Wirk- 
lichkeit dargetan; denn es «folgt, dafs die Zeit etwas die 
Körper nicht Berührendes ist, ja dafs beide heterogener Katnr 
sind, indem diejenige Realität, welche den Körpern zakommt, 
der Zeit nicht beizulegen ist, wonach denn diese absolut ideal 
ist, d. h. der blofsen Vorstellung und ihrem Apparat angehört' 
Sie ist , nichts Wahrnehmbares, nichts äufserlich Gegebenes 
und auf uns Einwirkendes, also kein eigentlich Objektives.' 2) 
Mit dieser Argumentation für die Idealität des Raumes und 
der Zeit bleibt die schon in den früheren Schriften Schopen- 
hauers gegebene zugleich bestehen: Die «Materie ist demnach 
nur die objektivierte, d. h. nach aufisen projizierte Verstandes- 
funktion der Kausalität selbst, demzufolge gibt, bei der 

objektiven Auffassung der Körperwelt der Intellekt die sämt- 
lichen Formen derselben aus eigenen Mitteln, nämlich Zeit, 
Raum und Kausalität, und mit dieser auch den Begriff der 
abstrakt gedachten, eigenschafts- und formlosen Materie, die 
als solche in der Erfahrung gar nicht vorkommen kann.* ') .Mit 
unendlich überlegener Besonnenheit zeigte nun später Kant, 
dafs auch diese Eigenschaften [die primären Qualitäten Lecks] 
nicht dem rein objektiven Wesen der Dinge oder dem Dinge 
an sich selbst zukommen, also nicht schlechthin real sein 
können, weil sie durch Raum, Zeit und Kausalität bedingt 
seien, diese aber, und zwar ihrer ganzen Gesetzmälsigkeit und 
Beschaffenheit nach uns vor aller Erfahrung gegeben und 
genau bekannt seien; daher sie präformiert in uns liegen 
müssen, so gut wie die spezifische Art der Empfänglichkeit 
und Tätigkeit jedes unserer Sinne.* ^) 

Einen doppelten Sinn der Idealität des Raumes und der 
Zeit, so seheint es, haben wir zu unterscheiden; sie sind erstens 
ideal gegenüber der empirischen Wirklichkeit und zusammen 
mit dieser im weiteren Sinne ideal gegenüber der Welt des 
Willens als des Dinges an sich. Es scheint allerdings nur so; 
denn dem aufmerksamen Leser der Parerga und Paraligomena; 
insbesondere des zweiten Bandes, wird es nicht entgehen, dafs 



») V, 48. ») V, 50. 

») V, 119. *) IV, 106, 107. 



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77 

hier ein Gedanke sich darcbzariDgen sncht, der der Sache 
nach eine Einschränkung der Idealität der Welt als Vorstellung 
bedeutet An der oben zitierten Stelle heifst es nämlich weiter: 
„Während hingegen die Körper dorch die mannigfaltige Ver- 
Bchiedenheit ihrer Qualitäten und deren Wirkungen an den 
Tag legen, dafs sie nicht blofs ideal sind, sondern zugleich ein 
objektiv Reales, ein Ding an sich selbst, in ihnen sich offen* 
bart, so verschieden solches auch von dieser seiner Erscheinung 
sein möge.^ >) Schon in der ersten Auflage des II. Bandes der 
Welt als Wille und Vorstellung findet sich eine ähnliche, bereits 
oben einmal zitierte Ausführung: „Könnten wir eine gegebene 
Materie von allen ihr a priori zukommenden Eigenschaften .... 
entkleiden, so würden wir das Ding an sich ttbrig behalten, 
Dämlich dasjenige, was mittelst jener Formen als das rein 
Empirische an der Materie auftritt . . .^ ') In diesem Sinne 
ist aneh die, die transzendentale Problemstellung Kants freilich 
verkennende Interpretation der Kantischen Philosophie ge- 
halten, die Schopenhauer im ersten Band der Parerga und 
Paralipomena gibt, dort heifst es: „Nach Kants Entdeckungen 
enthält . . . unsere empirische Erkenntnis ein Element, welches 
nachweisbar subjektiven Ursprungs ist, und ein anderes, 
Ton dem dieses nicht gilt: dieses letztere bleibt also objektiv, 
weil kein Grund ist, es fttr subjektiv zu halten. Demgemäfs 
leugnet Kants transzendentaler Idealismus das objektive Wesen 
der Dinge oder die von unserer Auffassung unabhängige 
Realität derselben zwar soweit, als das Apriori in unserer 
Erkenntnis sich erstreckt, jedoch nicht weiter, weil eben der 
Crrnnd zum Ableugnen nicht weiter reicht: was darüber hinaus- 
liegt, läfst er demnach bestehen, also alle solche Eigenschaften 
der Dinge, welche sieh nicht a priori konstruieren lassen. 
Denn keineswegs ist das ganze Wesen der gegebenen Er« 
scheinungen, d. h. der Körperwelt, von uns a priori bestimmbar, 
Bondem blofs die allgemeine Form ihrer Erscheinung ist es, 
und diese läfist sich zurückfahren auf Raum, Zeit und Kausali- 
tät, nebst der gesamten Gesetzlichkeit dieser drei Formen. 
Hingegen das durch alle jene a priori vorhandenen Formen 
unbestimmt Gelassene, also das hinsiohtlich auf sie Zufällige, 



V, 48. «) II, 360. 



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78 

ist eben die Manifestation des Dinges an sich selbst^ ^^^^ 
hier ist zwar die Kausalität als a priorische Form dem Baum 
und der Zeit wiederam koordiniert; doch gibt es auch hier einen 
empirischen Bestand der Materie, der in einem weiteren Sinne 
real ist als die blofs vorgestellte Wirklichkeit, weil er nämlich 
anf das zagrnnde liegende Ding an sich hinweist Dieser 
empirische Bestand ist eben das, was sich als die spezifischen 
Körper darstellt, die an der oben genannten Stelle als das 
physisch Beale der Idealität von Raum und Zeit gegenttber- 
gestellt wurden. In diesem Sinne wird anch folgende Aus- 
führnng verständlich: „Sobald nun aber der Intellekt mittelst 
dieser Formen und in ihnen einen (stets nnr von der Sinnes- 
empfindang aasgehenden), realen Gehalt, d. h. etwas von seinen 
eigenen Erkenntnisformen Unabhängiges spürt, welches nicht 
im Wirken Überhaupt, sondern in einer bestimmten Wirkungs- 
art sich kundgibt, so ist es dies, was er als Körper, d. h. als 
geformte und spezifisch bestimmte Materie setzt, welche also 
als ein von seinen Formen Unabhängiges auftritt, d. h. als ein 
durchaus Objektives. Hierbei hat man sich aber zu erinnern, 
dafs die empirisch gegebene Materie sich Überall nur durch 
die in ihr sich äufsernden Kräfte manifestiert . . . Beide zu- 
sammen machen den empirisch realen Körper aus. . . . Das in 
einem solchen empirisch gegebenen Körper, also in jeder Er- 
scheinung, sich darstellende Ding an sich selbst, habe ich als 
Willen nachgewiesen.' 2) 

Wird nun aber so auch verständlich, wie der Begriff der 
Materie überhaupt zwar eine a priorische Form unseres In- 
tellektes, die spezifische Art des Wirkens aber von diesen 
Formen unabhängig sei, so bleibt doch noch eine innerhalb 
des Gedankenganges Schopenhauers unaufhebbare Schwierig- 
keit; denn anch für die Parerga und Paralipomena gilt: .Unsere 
ganze empirische Erkenntnis löst sich in zwei Bestandteile auf, 
welche beide ihren Ursprung in uns selbst haben, nämlich die 
Sinnesempfindung und die a priori gegebenen, also in den 
Funktionen unseres Intellekts oder Gehirns gelegenen Formen 
Zeit, Raum und Kausalität . . . Demzufolge liefert die anschau- 
liche Vorstellung und unsere auf ihr beruhende empirische 



')1V, 111. «)V, 119. 



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79 

Erkenntnis in Wahrheit keine Data zu Sehlttssen anf Dinge 
an sich.^1) „In der Tat ist das Ding an sieh auf diesem 
Wege [dureh den Übergang von der Wirkung zur Ursache] 
nimmermehr zu erreichen, und überhaupt nicht auf dem der 
rein objektiven Erkenntnis, als welche immer Vorstellung bleibt, 
als solche aber im Subjekt wurzelt und nie etwas von der 
Vorotellong wirklich Verschiedenes liefern kann.^^) Entgegen 
dieser prinzipiell festgehaltenen «gänzlichen Diversität des 
Realen und Idealen*^) enthalten die oben angeftthrten 
Wendungen Schopenhauers den Gedanken eines empirischen 
Kriteriams für die Zogehörigkeit des vorerst blols vorge- 
stellten Wirklichen zum transzendenten Wirklichen. Em- 
piriseh ist dieses Kriterium im Gegensatz zu der dem Satz 
vom Grunde nicht unterworfenen Kontemplation der Idee als 
der Objektität des Willens; denn „die Idee . . . geht in jenes 
Prinzip nicht ein: daher ihr weder Vielheit noch Wechsel 
zakommi Während die Individuen, in denen sie sich darstellt, 
unzählige sind und unaufhaltsam werden und vergehen, bleibt 
sie unverändert als die eine und selbe stehen, und der Satz 
Tom Grunde hat ftir sie keine Bedeutung.''^) 

Mit den angeführten realistischen Wendungen nähert sich 
Sehopenhauer der von ihm im Prinzip verkannten transzenden- 
talen Problemstellung Kants in der Frage nach der objektiven 
Gflltigkeit unseres Erkennens: ,Auf welchem Grunde beruhet 
die Beziehung desjenigen, was man in uns Vorstellung nennt, 
anf den Gegenstand?*" &), sofern nämlich hierbei Gegenstand 
nicht gleichbedeutend ist mit Vorstellung, sondern mit Ding 
an sieh. Die beiden Merkmale des Begriffes des a priori, die 
wir bei Kant unterscheiden können, das genetische, demzufolge 
ein Begriff nicht in dem Empirischen der Erfahrung seinen 
Ureprung hat, und das erkenntnistheoretische, demgemäfs er 
onabhängig von jeder Bestätigung durch die Erfahrung gültig ist, 
können mi zwar auch bei Schopenhauer aufweisen. Für ersteres 
sprechen alle die Bemerkungen, die das apriori Gegebene als 



*) IV, 113f. «) IV, 114. 

»)IV, 106. *) 1,233. 

<) Brief Kants %rk Markus Herz, 21. Febr. 1772; ähnlich so Kritik 
der remen Vernunft, 2. Aufl. S. 122. 



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80 

«Dicht anf dem Wege der Erfahrnng gewonnen, also nieht 
von anf gen in nns gekommen* i) kennzeichnen, ftlr letzteies 
alle diejenigen, die die Erkenntnisse a priori als Bedingungen 
möglicher Erfahrung^) charakterisieren. Die Frage naeh der 
objektiven Gültigkeit unseres Erkennens aber hat Air Schopen- 
haner im Prinzip wenigstens lediglich für die vorgestellten 
Objekte einen Sinn. 

Aber auch wenn wir die angeführten realistischen 
Wendungen Schopenhauers einmal gelten lassen, so bleibt die 
Behauptung der Idealität von Baum und Zeit gegenüber dem 
empirisch Wirklichen ein Kant nicht eigentümlicher Gedanke; 
denn Raum und Zeit haben für Kant eine empirische Realität 
in demselben Sinne wie jede empirische Erkenntnis; sie sind 
für ihn nicht blofse Vorstellungen, sondern Erscheinungen und 
weisen als solche ebenso wie das Mannigfaltige der Sinnes- 
empfindungen auf das ihnen zugrunde liegende Transzendente 
hin, freilich nicht wie das Empirische an der Materie bei 
Schopenhauer vermöge ihrer Unabhängigkeit von den Er- 
kenntnisformen, sondern vermittelst dieser. 

Zu den beiden genannten kommt ein dritter Berührungs- 
punkt, nämlich in der Lehre vom Gegenstande überhaupt 
«Das was allen unsem empirischen Begriffen überhaupt 
Beziehung auf einen Gegenstand, die objektive Realität, ver- 
schaffen kann", ist nach Kant „der reine Begriff von dem trans- 
zendentalen Gegenstande.* Diese Beziehung aber ist nichts 
Anderes, als die notwendige Einheit des Bewufstseins, mithin 
die Synthesis des Mannigfaltigen durch gemeinschaftliche 
Funktion des Gemüts, es in einer Vorstellung zu verbinden^), 
die Einheit der «transzendentalen Apperzeption^. „Das Denken 
eines Objektes überhaupt" ist bei Kant nicht eine selbständige, 
anderen koordinierte Funktion des Denkens, es ist vielmehr 
das den reinen Kategorien gemeinsame Merkmal. „Durch eine 
reine Kategorie nun, in welcher von aller Bedingung der 
sinnlichen Anschauung als der einzigen, die uns möglich ist. 



») 1,559. 

*) 1, 109; 11,96; ähnlich II, 358 and Arthur Schopenhauers sämtliche 
Werke, herausgegeben von P. DenDsen, Bd« IX, S. 121, Z. 11 ff. 
*) 1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 109. 



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81 

abstrahiert wird, wird also kein Objekt bestimmt, sondern nnr 
das Denken eines Objekts überhaupt nach versehiedenen Modis 
(des Urteilens) aasgedrftekt'^^) Das Problem des Gegenstandes 
überbaapt geht bei Schopenhauer in dem der Vorstellnng über- 
haupt anf: „Objekt für das Subjekt sein und unsere Vorstellung 
BeiD, ist dasselbe".^) Jenes Problem ist diesem darin analog, 
dars auch die Form der Vorstellung überhaupt bei Schopenhauer 
keiner anderen Form des Denkens gleichgeordnet, sondern die 
allen Klassen der Vorstellungen übergeordnete, weil in ihnen 
als gemeinsames Merkmal enthaltene Form ist. Dieses mit 
der Lehre Kants Übereinkommende meint Schopenhauer, wenn 
er sagt: ,Wenn wir Kants ÄuDserungen zusammenfassen, 
werden wir finden, dalB, was er unter der synthetischen Einheit 
der Apperzeption versteht, gleichsam das ansdehnungslose 
Zentrum der Sphäre aller unserer Vorstellungen ist, deren 
Radien zu ihm konvergieren. Es ist, was ich das Subjekt des 
Erkennens, das Korrelat aller Vorstellungen nenne".^) Eine 
Spezialisiernng des genannten Problems liegt bei Schopenhauer 
in der Aufstellung der vier Klassen der Vorstellungen, eine 
Erweiterung darin, dafs Baum und Zeit als den übrigen 
koordinierte Vorstellungen gelten. Damit hängt zusammen, dafs 
bei Schopenhauer die Beziehungen des Baumes, der Zeit und 
der Kausalität, im Unterschied von Kant, aus einer gemeinsamen 
lo^schen Wurzel, nämlich der des Satzes vom Grunde, abgeleitet 
werden. Auch Kant sagt gelegentlich, „dafs es zwei Stämme 
der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer 
gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, 
Dämüeh Sinnlichkeit und Verstand",*) jedoch ist hier die Wurzel 
eine metaphysische und in der unio realis des mundus sensibiUs 
und des mundus intelligibilis, die Kant im Menschen vollzogen 
sieht, gegeben. Als metaphysisch fundierte, hat diese Annahme 
allerdings ein Analogen bei Schopenhauer, nämlich in der Lehre 
^om Willen als dem metaphysischen Ursprung des Intellektes, 
einschliefslich der Sinnesempfindungen.^) Es ist aber nicht 

') 2. Auflage der Kritik der reinen Vernnnft S. 304. 
')III,40. ») 1,576. 

*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 29. 
') Sieh S. 24, 25 dieser Schrift. 

I*^il<Mopfaiiohe AbhMidluD^en. XLII. 6 



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82 

ansgeschlosBen, dafs jene Bemerkung Kants, deren Gedanke 
für die Entwicklung der Philosophie nach Kant bedentsam 
geworden ist, so bei Reinhold und Fichte, auch auf Schopenhauer, 
vielleicht unter dem Miteinflufs letzterer, unabhängig aber, wie 
wohl anzunehmen ist, von verwandten Gedanken bei Ch. A. 
Grusius,!) anregend für den bertthi*ten Punkt seiner Lehre von 
der Wurzel des Satzes vom Grunde gewirkt hat. Eine Ver- 
engung des eben genannten Problems liegt bei Schopenhauer 
darin, dafs die Frage nach dem Geltungsbereich der Kategorien 
über unsere sinnliche Anschauung hinaus, die bei Kant in dem 
Sinne beantwortet wird, dafs die reinen Verstandesbegriffe sieb 
auf Gegenstände der Anschauung überhaupt erstrecken, sie mag 
der unsrigen ähnlich sein oder nicht, wenn sie nur sinnlieh 
und nicht intellektuell ist,^) bei Schopenhauer fortfällt und 
endlich darin, dafs die Bestimmung des transzendentalen 
Objektes als eines Grenzbegriffes für Schopenhauer dadureh 
ausgeschlossen ist, dafs das Objekt des Erkennens bei ihm 
im Prinzip lediglich als Vorstellung Bedeutung hat. Dies fllhrt 
uns zu der Frage nach dem Gegenstande der empirischen 
Erkenntnis in den Lehren beider. 



Gegenstand der empirischen Ansehanung und 
Znstandekommen derselben. 

Die Lehre Kants vom Gegenstande der Erkenntnis ist 
von Schopenhauer einer scharfen Kritik unterzogen worden. 
Als schwerer Mangel an der Lehre Kants erscheint ihm die 
Unvereinbarkeit des durch den Verstand gedachten Gegen- 
standes der Erkenntnis mit der anschaulichen Vorstellung. 
Das JtQcoTov tpsvöog dieses Zwiespaltes findet er in folgender 
Ausführung Kants: „Unsere Erkenntnis hat zwei Quellen, 
nämlich Rezeptivität der Eindrücke und Spontaneität der Be- 
griffe: Die erste ist die Fähigkeit, Vorstellungen zu empfangen, 



') Gh. A. Grosias, „Dissertatio pbilosopbiea de usu et limitibus principü 
determinantis vulgo snfficientis 1743*' und „Entwarf der notwendi^n Ver- 
nnoftwabiheiten 1745*', 4. Aufl. 1766, letzteres Werk von Schopenhauer 
zitiert Nachlafs 4, S. 345. 

•) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 148. 



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83 

die zweite die, einen Gegenstand durch diese Vorstellungen 
zn erkennen; durch die erste wird uns ein Gegenstand gegeben 
dnrch die zweite wird er gedacht^ Danach, so folgert 
Schopenhauer, wäre der Eindruck, für den allein wir blofse 
Rezeptivität haben, der also von anfsen kommt und allein 
eigentlich „gegeben* ist, schon eine Vorstellung, ja sogar schon 
ein Gegenstand.^) Mit der Bestimmung, dafs durch die Sinnlich- 
keit der Gegenstand gegeben sei, 'kann Schopenhauer die des 
Gegenstandes der Erkenntnis bei Kant nicht vereinigen. Er 
sagt: Kant „unterscheidet eigentlich dreierlei: 1. die Vor- 
flteUuog, 2. den Gegenstand der Vorstellung, 3. das Ding an sich. 
Erstere ist Sache der Sinnlichkeit, welche bei ihm neben der Em- 
pfindung auch die reinen Anschauungsformen Raum und Zeit be- 
greift Das zweite ist Sache des Verstandes, der es dnrch seine 
zwölf Kategorien hinzudenkt Das dritte liegt jenseit aller Er- 
kennbarkeit . . . Nun ist aber die Unterscheidung der Vorstellung 
und des Gegenstandes der Vorstellung unbegründet . . . Das 
anberechtigte Einschieben jenes Zwitters, Gegenstand der Vor- 
stellaog, ist die Quelle der Irrtümer Kants '.^) Ferner: Es «ist 
klar, dafs Kants ,Gegenstand der Vorstellung' zusammengesetzt 
ist ans dem, was er teils der Vorstellung, teils dem Ding an sich 
geraubt hat".*) Eine Verdoppelung also des Problems des Gegen- 
standes der empirischen Anschauung, so dürfen wir formulieren, 
liegt nach Schopenhauers Meinung bei Kant vor, so zwar, dafs 
im ersten Falle lediglich nach dem Gegenstande der Er- 
seheinung, im zweiten aber auch nach seiner transzendenten 
Bedeutung gefragt werde. Diese Auffassung Schopenhauers 
tritt deutlicher noch aus folgender Ausführung hervor: „Wenn 
TO nun Kants innerste, von ihm selbst nicht deutlich aus- 
gesprochene Meinung zu erforschen uns bemühen, so finden 
wir, dafs wirklich ein solches, von der Anschauung ver- 
schiedenes Objekt, das aber auch keineswegs ein Begriff ist, 
ibm der eigentliche Gegenstand für den Verstand ist, ja dafs 
die sonderbare Voraussetzung eines solchen unvorstellbaren 



1,560; bei Kant: 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 74. 
*) 1, 560. 
•) 1,567. 
*) 1, 568. 



6* 

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84 

Gegenstandes es eigentlich sein soll, wodurch allererst die An- 
schauung zur Erfahrung wird. Ich glaube, dafs ein altes, 
eingewurzeltes, aller Untersuchung abgestorbenes Vorurteil in 
Kant der letzte Grund ist, von der Annahme eines solchen 
absoluten Objekts, welches an sich, d. h. auch ohne Subjekt, 
Objekt ist. Es ist durchaus nicht das angeschaute Objekt, 
sondern es wird durch den Begriff zur Anschauung hinzu- 
gedacht, als etwas derselben Entsprechendes, und nunmehr ist 
die Anschauung Erfahrung und hat Wert und Wahrheit, die 

sie folglich erst durch die Beziehung auf einen Begriff erhält 

Das Hinzudenken dieses direkt nicht vorstellbaren Objekts 
zur Anschauung ist dann die eigentliche Funktion der Kate- 
gorien.^1) Bei Kant ist «der Gegenstand der Kategorien zwar 
nicht das Ding an sich, aber doch dessen nächster Anverwandter; 
es ist das Objekt an sich, ist ein Objekt, das keines Subjekts 
bedarf, es ist ein einzelnes Ding und doch nicht in Zeit und 
Raum, weil nicht anschaulich, ist Gegenstand des Denkens, 
und doch nicht abstrakter Begriff. '2) Diese Verdoppelung des 
Gegenstandes der empirischen Anschauung hält Schopenhauer 
im Prinzip für verfehlt. Für ihn vielmehr « steht dies fest, daCs 
bei deutlicher Bestimmung nichts weiter zu finden ist, als 
Vorstellung und Ding an sich*. 3) 

Mit dieser erkenntnistheoretisch gerichteten Kritik durch- 
flochten ist ein psychologisches Bedenken, dafs sich gegen die 
dem Mangel in der Gegenstandsbestimmung zugrunde liegenden 
Voraussetzungen Kants über das Zustandekommen der An- 
schauung und der Erkenntnis des empirischen Gegenstandes 
bei Kant richtet. 

Über erstere sagt Schopenhauer: „Nach der in der trans- 
zendentalen Ästhetik gegebenen ausführlichen Erörterung der 
allgemeinen Formen der Anschauung mufs man erwarten, doch 
einige Aufklärung zu erhalten über den Inhalt derselben, über 
die Art, wie die empirische Anschauung in unser Bewufstsein 
kommt, wie die Erkenntnis dieser ganzen, für uns so realen 
und so wichtigen Welt in uns entsteht Allein darüber enthält 
die ganze Lehre Kants eigentlich nichts weiter als den oft 

>) 1,564, 565. «) 1,566, 567. 

■) 1, 567. 



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85 

wiederholten, nichtssagenden Ansdrnek: „Das Empirische der 
Änschannng wird von anfsen gegeben.^ i) Femer: Kants Fehler 
ist, „dafs er keine Theorie der Entstehung der empirischen 
Ansehanang gibt, sondern diese ohne weiteres gegeben sein 
lärst, sie identifizierend mit der blofsen Sinnesempfindnng, der 
er noch die Anschanungsformen Baum und Zeit beigibt, beide 
üDter dem Namen Sinnlichkeit begreifend.^) An anderer Stelle 
sagt er: „Die Wahrnehmung ist nämlich bei Kant etwas ganz 
Unmittelbares, welches ohne alle Beihilfe des Kausalnexas, und 
mithin des Verstandes zustande kommt: er identifiziert sie gerade- 
zu mit der Empfindung." ') Aus einigen von Schopenhauer an- 
gef&hrten Stellen Kants geht flir Schopenhauer «vollkommen 
deutlich hervor, dafs bei ihm (Kant) die Wahrnehmung äufserer 
Dioge im Raum aller Anwendung des Kausalgesetzes vorher- 
gängig ist, dieses also nicht in jene, als Element und Bedingung 
derselben, eingeht: die blofse Sinnesempfindung ist ihm sofort 
Wahrnehmung".^) Aus Kants Lehre folgt fbr Schopenhauer, 
^dafs diese anschauliche Welt flir uns da wäre, auch wenn 
wir gar keinen Verstand hätten, dafs sie auf eine ganz un- 
erklärliche Weise in unsern Kopf kommt, welches er eben 
durch seinen wunderlichen Ausdruck, die Anschauung wäre 
gegeben, häufig bezeichnet, ohne diesen unbestimmten und 
bildliehen Ausdruck je weiter zu erklären". 5) Findet so, 
in nnzureichender Weise, wie Schopenhauer meint, die 
empirische Anschauung der Gegenstände bei Kant schon 
ohne den Verstand statt, so ist nach seiner Auffassung 
die Erkenntnis der Gegenstände bei Kant eine Vermischung 
aas Elementen der anschaulichen und der abstrakten Vor- 
stellung. Er sagt: Kant „läfst die Anschauung fttr sich 
genommen, verstaudlos, rein sinnlich, also ganz passiv sein, 
nnd erst durch das Denken (Verstandeskategorie) einen Gegen- 
Btand au%efafst werden: so bringt er das Denken in die 
Anschauung. Dann ist aber wiederum der Gegenstand des 
Denkens ein einzelnes, reales Objekt, wodurch das Denken 
seinen wesentlichen Charakter der Allgemeinheit und Abstraktion 



T 1,559, 560. ") 1,568. 

») 111,97. Oni,97. 



') 1,562; ähnlich 1,564. 

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8G 

einbtlfst und statt allgemeiner Begriffe einzelne Dinge znm 
Objekt erhält, wodurch er wieder das Anschauen in das 
Denken bringt. . . . Dnrch das Ganze (der Theorie Kants) zieht 
sich die gänzliche Vermischung der anschaulichen VorstelloDg 
mit der abstrakten zu einem Mittelding von beiden, welches 
er als den Gegenstand der Erkenntnis durch den Verstand nnd 
dessen Kategorien darstellt und diese Erkenntnis Errahrang 
nennt.'' 1) «Kant aber schreibt die Gegenstände selbst dem 
Denken zu, um dadurch die Erfahrung und die objektive Welt 
vom Verstände abhängig zu machen, ohne jedoch diesen ein Ver- 
mögen der Anschauung sein zu lassen. In dieser Beziehnog 
unterscheidet er allerdings das Anschauen vom Denken, macht 
aber die einzelnen Dinge zum Gegenstande teils der AnschanuDg, 
teils des Denkens."^) 

Mit dem Bedenken, das Schopenhauer gegen eine Ver- 
mischung der anschaulichen Vorstellung mit der abstrakten bei 
Kant richtet, steht auch die Kritik, die er an der Bestimmung 
des Verstandes bei Kant übt, im Znsammenhang. Nach einer 
ersten Fassung Kants sei, so meint Schopenhauer, der Verstand 
kein Vermögen der Anschauung, seine Erkenntnis sei nieht 
intuitiv, sondern diskursiv, der Verstand sei das Vermögen, zn 
urteilen, und ein Urteil sei mittelbare Erkenntnis, Vorstellung 
einer Vorstellung; der Verstand sei das Vermögen zu denken, 
und Denken sei die Erkenntnis durch Begriffe . . . ') Mit dieser 
Fassung kann Schopenhauer eine zweite nicht vereinigen, nach 
welcher „ der Verstand durch seine Kategorien Einheit in das 
Mannigfaltige der Anschauung bringt, und die reinen Ver- 
standesbegriffe a priori auf Gegenstände der Anschauung gehen, 
die Kategorien Bedingung der Erfahrung sind, es sei der An- 
schauung oder des Denkens, das in ihr angetroffen wird,... 
die Kategorien, die Anschauung der Gegenstände bestimmen . . . 
der Verstand als das Vermögen a priori zu verbinden und das 
Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter die Einheit der 
Apperzeption zu bringen erklärt wird ... die logische Funktion 
der Urteile auch das Mannigfaltige gegebener Anschauungen 



») 1,561. 

>) 1,565; Khnifch 568. 

«) 1,561, 562. 



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87 

anter eine Apperzeption Überhaupt bringt und das Mannigfaltige 
einer gegebenen Anschauung notwendig unter den Kategorien 
steht . . . das Denken des Verstandes dadurch erklärt wird, 
daffl er das Mannigfaltige der Anschauung synthesiert, ver- 
bindet und ordnet . . . " ^) Schopenhauer führt zu beiden Arten 
der Bestimmnng des Verstandes noch eine Reihe ähnlicher 
Äassprflehe an, die gleichfalls nachweisen sollen, dafs der 
Verstand einerseits in Übereinstimmung mit der Voraussetzung, 
dals die Gegenstände schon durch die Sinnlichkeit gegeben 
werden, als ein Vermögen der begrifflichen Erkenntnis gekenn- 
zeichnet, ihm also eine Funktion zugeschrieben werde, die der 
der Vernunft bei Schopenhauer analog sei, andererseits aber 
eine Reihe von Prädikaten erhalte, die ihn inkonsequenterweise 
als ein Vermögen der Anschauung charakterisierten. Auch hier 
also glanbt Schopenhauer eine Vermischung der anschaulichen 
and abstrakten Vorstellung bei Kant aufweisen zu können. 

Gegen die in diesem Sinne aufgefafste psychologische Grund- 
lage der Lehre Kants von der empirischen Anschauung richtet 
Schopenhauer seine Kritik. Er tadelt einerseits, dafs bei Kant 
die Gegenstände schon durch die blofse Sinnlichkeit und ohne 
die kausale Erkenntnisweise des Verstandes gegeben werden, 
andererseits aber, dafs fttr die Erkenntnis der Gegenstände 
nicht die unmittelbare Weise des Verstandes, sondern die mit 
Hilfe von Begriffen, also einer Funktion der Vernunft im Sinne 
Schopenhauers, geltend gemacht werde. Der erste Punkt fliefst 
unter dem Gesichtspunkt seiner Interpretation der Lehre Kants 
ans der Lehre Schopenhauers von dem Zustandekommen der 
empirischen Anschauung ohne weiteres ab, der zufolge der 
Hndraek „nichts weiter als eine blofse Empfindung im Sinnes- 
organe ist und erst durch Anwendung des Verstandes, d. i. des 
Gesetzes der Kausalität und der Anschauungsformen des Raumes 
and der Zeit unser Intellekt diese blofse Empfindung in eine 
VorstelluDg umwandelt, welche nunmehr als Gegenstand in 
Banm und Zeit dasteht* >) Den zweiten Einwand führt 
Schopenhauer folgendermafsen durch. Er sagt: „Damit (mit der 
Anwendung des Gesetzes der Kausalität) ist aber das Geschäft 



') 1,562, 568. 
') 1,560. 



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88 

des Verstandes und der anschauenden Erkenntnis vollbracht, and 

es bedarf dazu keiner Begriffe und keines Denkens Kommen 

Begriffe, kommt Denken hinzu, so wird die anschauende 

Erkenntnis gänzlich verlassen und eine völlig andere Klasse 
von Vorstellungeu, nämlich nicht anschauliche, abstrakte Begriffe, 
tritt ins Bewufstsein. Dies ist die Tätigkeit der Vernunft, 
welche jedoch den ganzen Inhalt ihres Denkens allein aas der 
diesem vorhergegangenen Anschauung und Vergleichnng der- 
selben mit anderen Anschauungen und Begriffen hat/ i) „Der 
Gegenstand als solcher ist allemal nur für die Anschauung und 
in ihr da: sie mag nun durch die Sinne oder bei seiner Ab- 
wesenheit durch die Einbildungskraft vollzogen werden. Was 
hingegen gedacht wird, ist allemal ein allgemeiner nicht an- 
schaulicher Begriff, der allenfalls der Begriff von einem (Gegen- 
stände überhaupt sein kann: aber nur mittelbar, mittels der 
Begriffe, bezieht sich das Denken auf Gegenstände, als welche 
selbst allezeit anschaulich sind und bleiben. Denn unser 
Denken dient nicht dazu, den Anschauungen Realität zu ver- 
leihen: diese haben sie, soweit sie ihrer fähig sind (empirische 
Realität) durch sich selbst; sondern es dient, das Gemeinsame 
und die Resultate der Anschauungen zusammenzufassen, um sie 
aufzubewahren und leichter handhaben zu können/') 

Im Sinne dieser kritischen Ausführungen liegt auch eine 
Form der Abweisung der Kategorien Kants, auf die wir noch 
zu sprechen kommen werden. 

Wenden wir uns nun vorerst dem erkenntnistheoretischen 
Bedenken, das Schopenhauer gegen Kant richtet, zu, so habeu 
wir festzustellen, dafs in einem anderen Sinne, als es von 
Schopenhauer geschieht, die Worte Kants, dafs uns „vermittelst 
der Sinnlichkeit Gegenstände gegeben werden'),'^ zu verstehen 
sind. Zwar wird uns durch die blofse Sinnesempfindung bei 
Kant keine Erkenntnis des Gegenstandes als Dinges an sich 
gegeben, auch ist in jenem Ausdrucke der Gegenstand nicht 
gleichbedeutend mit dem Gegenstande der Erkenntnis durch 
den Verstand, was beides auch Schopenhauer nicht bestreitet 



*) I, 560, 561. 

») I, 565. 

') 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 33. 



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89 

Was aber in dem genannten Zasamnienbange .der Gegenstand 
sei, hat die nenere historiseh- philologische Kantforschnng, 
zaergt Benno Erdmann, nachgewiesen. Dieser hat gezeigt, 
dafs bei Kant der Gegenstand, der dnrch die Sinnlichkeit 
gegeben wird, ein Doppelbegriff ist. „Dadarch, dafs ans der 
Gegenstand (das Ding an sich) affiziert, wird nns der Gegen- 
stand (die Anschauung, resp. die Erscheinung) gegeben",^) so 
ist nach Erdmann der Sinn der Worte zu Anfang der Ästhetik: 
«Diese (die Anschauung) aber findet nur statt, sofern uns der 
Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum (uns 
Mensehen wenigstens) nur dadurch möglich, dafs er das 
Gemüt auf gewisse Weise affiziere/^) Nun ist Schopenhauer 
zwar nicht unbekannt, dafs Kant die Dinge an sich als 
Ursachen der Affektion unserer Sinnlichkeit gelten läfst. 
Entgangen aber ist ihm die dargelegte Bedeutung des Gegen- 
standes, sofern er durch die Affektion in der Sinnlichkeit 
gegeben wird. In der Interpretation Erdmanns ist Erscheinung 
als noch gänzlich unbestimmt durch die Kategorien genommen, 
gemäfs der Definition Kants: ,Der unbestimmte Gegenstand 
einer empirischen Anschauung heilst Erscheinung.'' 3) Un- 
bestimmt heifst er nämlich insofern, als fUr ihn noch nicht .in 
Betracht kommt, was den Gegenstand einer empirischen An- 
schauung oder Erkenntnis als solchen kennzeichnet, die 
synthetische Vereinigung des Mannigfaltigen der Sinnlichkeit 
durch die Kategorien. Der unbestimmte Gegenstand enthält 
dementsprechend nur Empfindung, Raum und Zeit als Merk- 
male. Die Richtigkeit dieser Auffassung wird u. a. durch 
folgende Worte Kants bestätigt: ^, Gründete diese (die Einheit 
der Synthesis) sich nicht auf einen transzendentalen Grund 
der Einheit, so würde es möglich sein, dafs ein Gewühle von 
Erscheinungen unsere Seele anfüllte, ohne dafs doch daraus 
jemals Erfahrung werden könnte. Alsdann fiele aber auch 
alle Beziehung der Erkenntnis auf Gegenstände weg, weil ihr 
die Verknüpfung nach allgemeinen und notwendigen Gesetzen 
mangelte; mithin würde sie zwar gedankenlose Anschauung, 



^) Benno Erdmann, Kants Kritizismus S. 19. 

*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vemanft S. 33. 

') Ebenda S. 34. 



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90 

aber niemals Erkenntnis, also fttr uns soviel als garnichts 
sein."0 Ferner: „Diese (die Wahrnehmungen) würden aber 
alsdann (ohne eine Einheit, die ihre Regel a priori hat) aaeb 
zu keiner Erfahrung gehören, folglieh ohne Objekt und niebts 
als ein blindes Spiel der Vorstellungen, d. i. weniger als ein 

Traum sein." 2) Sodann: „ die Materie zu irgend einem 

Objekte überhaupt, . . . d. i. das Beale der Empfindung als 
blofs subjektive Vorstellung, von der man sieh nur bewufst 
werden kann, dafs das Subjekt affiziert sei, und die man 
auf ein Objekt überhaupt bezieht" «) Ferner: „Da nao 
Empfindung an sich gar keine objektive Vorstellung ist../'*) 
„Dinge im Raum und der Zeit werden aber nur gegeben, 
sofern sie Wahrnehmungen (mit Empfindung begleitete Vor- 
stellungen) sind."^) Über die Objektivierung der Sinnes- 
empfindung heilst es im besonderen: „Verstand ist allgemein 
zu reden das Vermögen der Erkenntnisse. Diese bestehen in 
der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen auf ein 
Objekt. Objekt aber ist das, in dessen Begriffen das Mannig- 
faltige einer gegebenen Anschauung vereinigt ist. Nun erfordert 
aber alle Vereinigung der Vorstellungen Einheit des Bewufstseins 
in der Synthesis deraelben. Folglich ist die Einheit des 
Bewufstseins dasjenige, was allein die Beziehung der Vor- 
stellungen auf einen Gegenstand, mithin ihre objektive Gültigkeit, 
folglich, dafs sie Erkenntnisse werden, ausmacht und worauf 
folglich selbst die Möglichkeit des Verstandes beruht^' ^) 

Aus dem Dargelegten ergibt sich, dafs die Auffassung 
Schopenhauers, dafs bei Kant mit dem Eindruck auf unsere 
rezeptive Sinnlichkeit auch schon der Gegenstand für unser 
empirisches Bewulstsein gegeben sei, nicht zu Recht besteht 
Insbesondere gilt, dafs die von Schopenhauer zur Stützung 
seiner Auffassung u. a. angeführten Worte Kants: „Die Kategorien 
des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die Bedingungen 
vor, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben 

>) 1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 111. 

2) Ebenda S. 112. 

3) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 207. 
«) Ebenda S. 208. 

B) Ebenda S. 147. 
«) Ebenda S. 137. 



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91 

werden; mithin kennen ans allerdings Gegenstände erscheinen, 
ohne dafs sie sich notwendig auf Funktionen des Verstandes 
beziehen müssen nnd dieser daher die Bedingungen a priori 
enthielte,^^^) nur so zu verstehen sind, dafs hier lediglich die 
anbestimmte Erscheinung der Gegenstände gemeint ist. Nach 
dieser Klarlegung der Terminologie Kants gelangen wir unschwer 
ZQ einem Urteil über die Meinung Schopenhauers, dafs bei Kant 
dreierlei zu unterscheiden sei, nämlich Vorstellung, Gegenstand 
der Vorstellung und Ding an sich, und dafs die Unterscheidung 
Ton Vorstellung und Gegenstand der Vorstellung unbegrOndet 
sei. Auf die Beziehung des Gegenstandes der Vorstellung 
zum Ding an sich brauchen wir für unsern Zweck nicht ein- 
zQgehen. Die Unterscheidung der beiden erstgenannten Glieder 
kann zwar in gewissem Sinne für Kant zugestanden werden, 
doch nicht in dem von Schopenhauer untergelegten. Zugegeben 
kann sie werden, weil Kant auch von den blofsen Empfindungen 
als von Vorstellnngen spricht; doch nimmt er dann Vorstellung 
im weiteren Sinne, nämlich als „blofse Bestimmung des 
Gemüts." 2) Das Wort Vorstellung gebraucht er gelegentlich 
sogar in einem noch weiteren Sinne, wenn er von unbewnfsten 
Vorstellungen spricht. In diesem weitesten Sinne heifst es: 
„Die Gattung ist Vorstellung überhaupt (repräsentatio). Unter 
ihr steht die Vorstellung mit Bewufstsein (perzeptio)/*^) Wir 
fanden auch bei Schopenhauer eine weitere und eine engere 
Bedeutung dieses Wortes vor, die engere im Sinne des empi- 
rischen Objektes.^) Weder ersterer, was für uns hier nicht in 
Betracht kommt, noch auch letzterer entspricht bei Kant der 
dareh die Sinnlichkeit gegebene Gegenstand als eine Vor- 
stellang im weiteren Sinne, weil darunter lediglich das durch 
die Rezeptivität Gegebene verstanden wird. Die Vorstellung 
und der Gegenstand der Vorstellung sind in der von Schopen- 
hauer herangezogenen Beziehung bei Kant nicht gleichgeordnet, 
sondern jene ist dieser übergeordnet. Damit wird der Einwand 
gegen eine Verdoppelung des Problems des Gegenstandes der 
empirischen Anschauung bei Kant im Prinzip hinfällig. 

Ebenda S. 122. Darüber spricht Schopenhaaer I,561i 

>) Ebenda S. 74. 

*) Ebenda S. 376. 

*) S. 6, 9 dieser Schrift. 



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92 

Gleiches gilt auch von der AuffassuDg, dafs Kant Emp- 
findung und Wahrnelimnng identifiziere, dagegen in der Er- 
kenntnis des Gegenstandes die anschaaliehe and die ab- 
strakte Vorstellnng znsammenfliefsen lasse, welcher Einwand 
insbesondere die Kritik Schopenhauers an der Definition des 
Verstandes bei Kant durchzieht 

Zu dem ersten Punkte ist wiederum zu sagen, dals aller- 
dings Empfindung und Wahrnehmung gelegentlich bei Kant 
als gleichbedeutend gebraucht werden, so z. B. wenn er sa^: 
„Erfahrung ist ein empirisches Erkenntnis, ä. i. ein Erkenntnis, 
das durch Wahrnehmungen ein Objekt bestimmt Sie ist also 
eine Synthesis der Wahrnehmungen, die selbst nicht in der 
Wahrnehmung enthalten ist, sondern die synthetische Einheit 
des Mannigfaltigen derselben in einem Bewufstsein enthält 
welche das Wesentliche einer Erkeimtnis der Objekte der 
Sinne d. i. der Erfahrung (nicht blofs der Anschanung oder 
Empfindung der Sinne) ausmacht'' ^ ^^ engeren Sinne aber 
braucht Kant das Wort Wahrnehmung gelegentlich auch als 
gleichbedeutend mit Erkenntnis, so z. B. in dem Satze: „Dinge 
im Raum und der Zeit werden aber nur gegeben, sofern sie 
Wahrnehmungen (mit Empfindungen begleitete VorBtellungeu) 
sind, mithin durch empirische Vorstellung.''^) Nach dem über 
den Gegenstand der Erkenntnis bei Kant Angeführten ist es 
leicht ersichtlich, dafs, wenn Kant Empfindung nnd Wahr- 
nehmung als gleichbedeutend gebraucht, letztere nicht den 
Sinn der empirischen Anschauung bei Schopenhauer hat 

Dazu kommt noch eine zweite Unzulänglichkeit in der 
Kritik Schopenhauers. 

Zur Stützung seiner Behauptung, dafs bei Kant „die 
Wahrnehmung änfserer Dinge im Raum aller Anwendung des 
Kausalgesetzes vorhergängig"^) sei, verweist Schopenhauer auf 
zwei Stellen aus der „Kritik des vierten Paralogismus der 
transzendentalen Psychologie". Diese heifsen: „Ich habe in 
Absicht auf die Wirklichkeit änfserer Gegenstände ebensowenig 
nötig zu schlief sen als in Ansehung der Wirklichkeit des Gegen- 



>) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 218, 219. 
>) Ebenda S. 147. 
•) III, 97. 



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93 

Standes meines inneren Sinnes (meiner Gedanken); denn sie sind 
beidefseitig nichts als Vorstellnngen, deren unmittelbare Walir- 
nehmong (Bewnfstsein) zugleich ein genOgsamer Beweis ihrer 
Wirklichkeit ist"*) Ferner: „Nun kann man zwar einräumen, dafs 
von unsern äufseren Anschauungen etwas, was im transzendentalen 
Verstände aufser uns sein mag, die Ursache sei; aber dieses ist 
nicht der Gegenstand, den wir unter den Vorstellnngen der 
Materie und körgerlicher Dinge verstehen, denn diese sind 
lediglich Erscheinungen, d. i. blofse Vorstellungsarten, die sich 
jederzeit in uns befinden und deren Wirklichkeit auf dem unmittel- 
baren Bewnfstsein ebenso, wie dasBewufstsein meiner eigenen Ge- 
danken beruht^ 2) In diesen Ausführungen Kants darf allerdings 
Wahrnehmung in dem oben dargelegten engeren Sinne genommen 
werden. Wenn aber Schopenhauer aus ihnen schliefst, dafs 
bei Kant die Wahrnehmung äuiserer Dinge der Anwendung 
des Kausalgesetzes vorhergängig sei, so kann dieser Schlufs 
nnr in dem Sinne zugelassen werden, dafs die Wahrnehmung 
äoTserer Dinge im Raum bei Kant nicht von einem Schlufs 
aaf ein Ding an sich als Ursache unserer Erscheinungen ab- 
hängig sei, gemäfs des von ihm vertretenen transzendentalen 
Idealismus und blofs empirischen Realismus. In diesem Sinne, 
alfl auf das Ding an sich gehend, ist aber auch für Schopen- 
haaer der Kausalschlufs unzulänglich. Dafs aber die Wahr- 
nehmung in dem Sinne der Erkenntnis der Gegenstände bei 
Kant der empirisch realen Anwendung des Kausalgesetzes 
nieht vorhergängig sei, werden wir noch weiter unten deut- 
licher erkennen. 

Dasselbe, was ftlr Wahrnehmung, gilt auch fttr den Ge- 
braneh der Worte „empirische Anschauung^^ bei Kant. Der 
unbestimmte Gegenstand der Erscheinung liegt der weiteren 
Ton den beiden bei Kant unterscheidbaren Bedeutungen des 
Ausdrucks empirische Anschauung zugrunde. Im weiteren 
Sinne wird er z. B. in der transzendentalen Ästhetik gebraucht, 
wenn es heilst: „In der transzendentalen Ästhetik also werden 
wir zuerst die Sinnlichkeit isolieren, dadurch, dafs wir alles 
absondern, was der Verstand durch seine Begriffe dabei denkt, 

') I.Auflage der Kritik der reinen Vernonft S. 371. 
*) Ebenda S. 372. 



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94 

damit nichts als empirische Anschanang übrig bleibe." <) 
Entsprechend beifst es in der transzendentalen Logik: „Unsere 
Erkenntnis entspringt ans zwei Grnndqaellen des Gemüts, 
deren die erste ist, die Vorstellangen zn empfangen (die 
Rezeptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, darch 
diese Vorstellnngen einen Gegenstand zn erkennen (Spontaneität 
der Begriffe); dnrch die erstere wird nns ein Gegenstand 
gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf jene 
Vorstellung (als blofse Bestimmung des Gemüts) gedacht; 
Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller 
unserer Erkenntnis aus, so dafs weder Begriffe ohne ihnen anf 
einige Art korrespondierende Anschauung, noch AnschannDg 
ohne Begriffe eine Erkenntnis abgeben können.^ ^) In diesem 
Sinne heilet es auch: „Ein Verstand, in welchem durch das 
Selbstbewufstsein zugleich alles Mannigfaltige gegeben würde, 
würde anschauen, der unsere kann nur denken und mnis in 
den Sinnen die Anschauung suchen.'' ') Im engeren Sinne 
dagegen tritt der Ausdruck als gleichbedeutend mit empirischer 
Erkenntnis anf, so, wenn Kant in der transzendentalen Ästhetiii 
sagt: „Diese (die Empfindung) aber ist das in unserem Er- 
kenntnis, was da macht, dafs es Erkenntnis a posteriori, d i. 
empirische Anschauung heifst^^;^) so auch in folgender Stelle 
der transzendentalen Dialektik: „Eine Perzeption, die sieh 
lediglich auf das Subjekt als die Modifikation seines Zustandes 
bezieht, ist Empfindung (sensatio); eine objektive Perzeption 
ist Erkenntnis (cognitio). Diese ist entweder Anschauung oder 
Begriff (intuitus vel conceptus)." *) In der weiteren Bedeutung 
kommen der empirischen Anschauung nur die Merkmale der 
Empfindung als ihrer Materie und des Baumes und der Zeit 
als ihrer Form zu, während die engere, alle diejenigen Be- 
stimmungen, die der Verstand hinzudenkt, als determinierende 
Merkmale enthält und mit der Bedeutung der empirischen 
Erkentnis zusammenfällt. Die weitere Bedeutung liegt den 
von Schopenhauer angeführten Stellen zu Grunde, die engere 
kommt verhältnismäfsig selten bei Kant vor. 

^) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernnnft S. 36. 
«) Ebenda S. 74. >) Ebenda S. 135. 

*) Ebenda S. 60. 
*) Ebenda S. 376, 877. 



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95 

Die Folge dieser verscbiedenen FassnDgen des Ausdrucks 
empirische Anschaaapg ist, dafs Kant sagen kann: Der Ver- 
stand ist „kein Vermögen der Anschauung*,*) wobei Anschauung 
in dem dargelegten weiteren Sinne zu interpretieren ist, während 
Schopenhauer sagen darf: Der Verstand ist ein , Vermögen 
der anschaulichen Vorstellung",^) seine „erste Äufserung" ist 
die „Anschauung der wirklichen Welt*.') 

Es braucht kaum erwähnt zu werden, dafs das Kriterium 
für die Anschaulichkeit einer Vorstellung, das Kant zum 
Beweise für die Anschauung von Baum und Zeit geltend macht, 
dafs nämlich die Vorstellung, die nur durch einen einzigen 
Gegenstand gegeben sein könne, eine Anschauung sei,^) für 
die Kausalität als Form der Anschauung bei Schopenhauer 
nicht in Betracht kommt. Was ihn bewegt, diese als solche 
gelten zu lassen, wird uns noch beschäftigen. 

Bevor wir in eine Prüfung des Einwandes Schopenhauers 
gegen eine Vermischung der anschaulichen Vorstellung mit der 
abstrakten bei Kant gehen können, haben wir noch den Gebrauch 
des Wortes «abstrakt* und zu diesem Zwecke den der Worte 
„Verstand*, , Denken* und ,BegriflFe* bei beiden zu erörtern. 

In den beiden von Schopenhauer einander gegenttber- 
gestellten definitorischen Bestimmungen des Verstandes bei 
Kant ist zwar kein inhaltlich widerspruchsvoller, aber doch ein 
formaler Gegensatz enthalten, insofern nämlich die erste eine 
logische Bestimmung des Verstandes als eines Vermögens zu 
urteilen, die zweite eine transzendentale, die wir vorerst als 
eiae psyehologische auffassen können, als eines Vermögens 
synthetischer Verknüpfung des Mannigfaltigen der Anschauung, 
welche beiden Bestimmungen in der transzendentalen Deduktion 
der Kategorien zusammenfliefsen. 

Die logische Bestimmung des Verstandes ist in den Sätzen 
enthalten: ,Wir können aber alle Handlungen des Verstandes 
aaf Urteile zurückführen, so dafs der Verstand überhaupt als 
ein Vermögen zu urteilen vorgestellt werden kann. Denn er 
ist .... ein Vermögen zu denken. Denken ist das Erkenntnis 
durch Begriffe. Begriffe aber beziehen sich als Prädikate 
möglicher Urteile auf irgend eine Vorstellung von einem noch 

>) Ebenda S. 153. «) II, 79. ») I, 43. 

*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 47. 



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96 

unbestimmten Gegenstande '^J) Die psychologische Bestimmnog 
tritt gesondert in folgenden Sätzen auf: , Allein die Yerbindang 
(eonjnnctio) eines Mannigfaltigen Überhaupt kann niemals durch 
Sinne in uns kommen und kann also auch nicht in der reinen 
Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit enthalten sein; 
denn sie ist ein Aktus der Spontaneität der Vorstellungskraft, 
und da man diese, zum Unterschiede von der Sinnlichkeit, 
Verstand nennen mnfs, so ist alle Verbindung, wir mögen uns 
ihrer bewufst werden oder nicht, es mag eine Verbindung 
des Mannigfaltigen der Anschauung oder mancherlei Begriffe, 
und an der ersteren der sinnlichen oder nicht sinnlichen An- 
schauung sein, eine Verstandeshandiung, die wir mit der all- 
gemeinen Benennung Synthesis belegen werden • . ."*) Die 
Beziehung dieser beiden Bestimmungen zueinander ist damit 
gegeben, dafs „die logische Form aller Urteile in der objek- 
tiven Einheit der Apperzeption der darin enthaltenen Begriffe*" 
besteht. 3) „Diejenige Handlung des Verstandes aber durch 
die das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen (sie mögen 
Anschauungen oder Begriffe sein) unter eine Apperzeption über- 
haupt gebracht wird, ist die logische Funktion der Urteile"/) 
Zu den so vereinigten tritt noch die erkenntnistheoretische 
Bestimmung, die in der Beziehung der Einheit der Apperzeption 
auf den Gegenstand der Erkenntnis gegeben ist. , Verstand 
ist, allgemein zu reden, das Vermögen der Erkenntnisse. Diese 
bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen 
auf ein Objekt. Objekt aber ist das, in dessen Begriffen das 
Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung vereinigt ist. Nun 
erfordert aber alle Vereinigung der Vorstellungen Einheit des 
Bewufstseins in der Synthesis derselben. Folglich ist die Ein- 
heit des Bewafstseins dasjenige, was allein die Beziehung der 
Vorstellungen auf einen Gegenstand, mithin ihre objektive 
Gültigkeit, folglich, dafs sie Erkenntnisse werden, ausmacht und 
worauf folglich selbst die Möglichkeit des Verstandes beruht'.^) 
An dem Tadel, den Schopenhauer gegen den Gebrauch 
der Ausdrücke Verstand und Vernunft bei Kant richtet, ist 



>) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 94. 
>) Ebenda S. 129/30. >) Ebenda S. 140. 

*) Ebenda S. 143. 
*) Ebenda S. 137. 



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97 

zutreffend, dafs dieser Gebraneh in der Tat ein fliefsender ist. 
Im engeren Sinne ist Verstand bei Kant lediglich das Ver- 
mögen der Begriffe: .Die allgemeine Logik, sagt er z. B. ist 
über einem Grundrisse erbaut, der ganz genau mit der Ein- 
teilnng der oberen Erkenntnisvermögen zusammentrifft. Diese 
sind: Verstand, Urteilskraft und Vernunft. Jene Dokterin 
handelt daher in ihrer Analytik von Begriffen, Urteilen und 
Schlttssen*".!) Im weiteren Sinne ist Verstand das Vermögen 
der empirisehen Erkenntnisse und umfafst den Verstand im 
engeren Sinne und die Urteilskraft. Diesen weiteren Sinn bat 
er in den oben angeführten Sätzen über den Verstand als das 
Vermögen zu urteilen und das Vermögen der synthetischen Einheit 
Im weitesten Sinne ist Verstand das obere Erkenntnisvermögen.^) 

Beiläufig sei bemerkt, dafs die definitorischen Bestimmungen 
des Verstandes auch mit denen der Vernunft ineinander über- 
iliefsen. Die Vernunft im engsten Sinne ist das Vermögen der 
Erkenntnis aus Prinzipien oder das der Ideen,^) im weiteren 
Sinne ist sie das obere Erkenntnisvermögen und als solches 
gieiehbedentend mit dem Verstand im weitesten Sinne.^) Im 
weitesten Sinne ist Vernunft das Vermögen der Erkenntnis 
a priori und umfafst Vernunft im engsten Sinne, Verstand im 
weiteren und die Formen der Sinnlichkeit.^) 

Verstand und Vernunft erfahren bei Schopenhauer 
eine Vereinfachung. Der Vernunft kommen bei ihm nur 
die psychologische Bestimmung als eines Vermögens zu ab- 
strahieren und die vom logischen Gesichtspunkte aus auf- 
gestellte des Vermögens der Begriffe, der Urteile, als deutlich 
gedachter Begriffsverhältnisse, und der Schlüsse zu. Damit 
wird Baum gewonnen für ein neues Vermögen, das der intui- 
tiven Erfassung des Wirklichen an sich im Willen.<^) «Die einzige 
Funktion*' des Verstandes aber ist, „Kausalität erkennen^. ^) 
Er ist insofern das Vermögen der empirischen Anschauung. 



Ebenda S. 169. «) Ebenda S. 29. 

") Ebenda S. 356 f. *) Ebenda S. 863. 

>) Ebenda S.24f. 

*) Über das Verhältnis der diskarsiven zur intuitiven , sowie der 
inationalen znr rationalen Erkenntnis bei Schopenhauer sieh die be- 
tref enden Kapitel bei Heinrich Hasse a. a. 0., S. 179 f. u. 197 f. 

')I,43. 

Philosophische Abhandlungen« XLII. 7 



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98 

Prüfen wir nun zuerst, wie sieh die logisehe BestimmiiDg 
des Verstandes bei Kant, als eines Vermögens zu urteilen, za 
^^Erkenntnissen dureh Begriffe'S zur Lehre Schopenhauers ver- 
hält. Im Unterschied von dieser Bestimmung bei Kant wird 
der Verstand bei Schopenhauer als ein nicht disknrsiyes, sondern 
intuitives Vermögen gekennzeichnet. Gleichwohl ist der Ver- 
stand bei Kant in den genannten Merkmalen nieht der Ver- 
nunft bei Schopenhauer analog zu setzen. Darauf ftthrt uns 
eine Betrachtung der Worte „Begriff'^ und „Denken' bei beiden. 
Wenn Kant von den Kategorien als von den Begriffen spricht, 
so sind diese Begriffe nicht durch eine „empirische', sondern 
„transzendentale Deduktion^ gewonnen anzusehen. „Unter den 
mancherlei Begriffen aber, sagt Kant, die das sehr vermischte 
Oewebe der menschlichen Erkenntnis ausmachen, gibt es einige, 
die auch zum reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von 
aller Erfahrung) bestimmt sind, und diese ihre Befugnis bedarf 
jederzeit einer Deduktion, weil zu der Rechtmäfsigkeit eines 
solchen Gebrauchs Beweise aus der Erfahrung nicht hinreichend 
sind, man aber doch wissen muls, wie diese Begriffe sieh anf 
Objekte beziehen können, die sie doch aus keiner Erfahrung 
hernehmen. Ich nenne daher die Erklärung der Art, wie sich 
Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können, die tran- 
szendentale Deduktion derselben und unterscheide sie von der 
empirischen Deduktion, welche die Art anzeigt, yrie ein Begriff 
durch Erfahrung und Reflexion Über dieselbe erworben worden, 
und daher nicht die Rechtmäfsigkeit, sondern das Faktum 
betrifft, wodurch der Besitz entsprungen'.^) Das Ergebnis 
der transzendentalen Deduktion sind die ,reinen Elementar- 
begriffe',^) als die apodiktischen Bedingungen fttr unsere em- 
pirische Erkenntnis, die Kategorien. Das Ergebnis einer em- 
pirischen Deduktion sind nur empirische Begriffe. Nach ihrem 
psychologischen Bestände gekennzeichnet, sind die Begriffe 
„empirisch, wenn Empfindung . . . darin enthalten ist, rein 
aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist'.^) 

Die transzendentale Deduktion ist Gegenstand der Kritik 
in der ersten der beiden Formen der Ablehnung der Kate- 

*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 117. 
«) Ebenda S. S9. ») Ebenda S. 74. 



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99 

gorien Kants, die wir bei Sebopenhaner zn nnterscbeiden baben. 
Ans seiner Annabme, dafe die Kausalität die einzige nrsprttnglicbe 
nnd apodiktische intellektuelle Form der empiriseben Anschauung 
sei, fliefst fUr Scbopenbaner folgerichtig, dafs alle übrigen von 
Kant aufgestellten Kategorien nur abgeleitete, also durch 
Induktion gewonnene Begriffe sein können. In diesem Sinne 
ftlhrt Schopenhauer aus: «Wenn wirklich die Erfahrung nur 
dadurch zustande käme, dafs unser Verstand zwölf yerschiedene 
Funktionen anwendete, um durch ebensoyiele Begriffe a priori 
die Gegenstände, welche vorher blofs angeschaut wurden, zu 
denken, so mülste jedes wirkliche Ding als solches eine Menge 
Bestimmungen haben, welche als a priori gegeben, sich eben 
wie Raum und Zeit schlechterdings nicht wegdenken liefsen, 
sondern ganz wesentlich zum Dasein des Dinges gehörten, 
jedoch nicht abzuleiten wären aus den Eigenschaften des 
Raumes nnd der Zeit Aber nur eine einzige dergleichen 
Bestimmung ist anzutreffen: Die der Kausalität.'' i) Neben 
dieser Form der Ableitung der Unzulänglichkeit der Kategorien 
Kants aufser der Kausalität findet sich aber noch eine zweite 
bei Schopenhauer, die schlechthin auf alle Kategorien Kants, 
einsehlieblieh der Kausalität geht. Er sagt nämlich: „Sobald 
wir hingegen zum Denken ttbergehen, verlassen wir die einzelnen 
Dinge und haben es mit allgemeinen Begriffen ohne Anschau- 
hchkeit zu tun. . . . Wenn wir dieses festhalten, so erhellt die 
Unzulässigkeit der Annahme, dafs die Anschauung der Dinge 
erst durch das die zwölf Kategorien anwendende Denken eben 
dieser Dinge Realität erhalte und zur Erfahrung werde.* ^) Die 
empirische Ableitbarkeit der Kategorien Kants ist das Ziel 
dieses Beweises, das indirekt fttr die Kategorien aufser der 
Kausalität schon durch die erstgenannte Begründung erreicht 
wird. Der genannte zweite Beweis erhält seinen weiteren 
Bereich durch die Voraussetzung des Denkens bei Kant als 
eines Denkens empirischer Begriffe. Letzteres Merkmal trifft 
aber, wie wir fanden, fttr die Kategorien Kants nicht zu. Sie 
sind vielmehr dem Begriff des Gesetzes der Kausalität bei 
Schopenhauer analog, wenn dieses in abstracto genommen wird, 
in dem Sinne, in dem Schopenhauer sagt: „Das Gesetz der 



») 1, 568. ») 1, 566. 

7* 



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100 

Kausalität als abstrakter Grundsatz ist freilich, wie alle Grund- 
sätze in abstracto, Reflexion, also Objekt der Vernunft: aber 
die eigentliche, lebendige, unvermittelte, notwendige Erkenntnis 
des Gesetzes der Eauealität, geht aller Reflexion wie alle Er- 
fahrung, vorher und liegt im Verstände.' <) Als apriorischer 
ist dieser abstrakte Grundsatz bei Schopenhauer gleich wie bei 
Kant nicht anders als durch eine transzendentale Deduktion 
gewonnen anzusehen. Dies aber, wenn auch von Schopenhauer 
nicht ausdrücklich unter diesen logischen Gesichtspunkt unter- 
geordnet, ist mitgemeint, wenn es heifst: „Es (das Gesetz der 
Kausalität) ist . . . immer nur in Beziehung auf das Subjekt, 
also bedingterweise da, weshalb es auch ebensowohl, wenn 
man vom Subjekt ausgeht, d. h. a priori, als wenn man vom 
Objekt ausgeht, d. h. a posteriori, erkannt wird, wie eben Kant 
uns gelehrt hat.''^) Wir dürfen somit sagen, dafs für die 
logische Betrachtung die Kategorien Kants, oder genauer die 
ihnen entsprechenden Grundsätze sich zu dem Inbegriff der 
vermittelst ihrer in synthetischen Urteilen vollzogenen Erkennt- 
nisse, dieses Wortes im objektiven Sinne genommen, genau so 
verhalten, wie der Begriff des Gesetzes der Kausalität bei 
Schopenhauer zu dem Inbegriff der kausalen Beziehungen der 
Objekte, einschliefslich der kausalen Beziehungen der Objekte 
aufser uns zu den Empfindungen in uns. 

Dafs Schopenhauer trotz seiner Kenntnis ^) von der Unter- 
scheidung der empirischen und reinen Begriffe bei Kant die 
Kategorien in seiner Kritik wie empirische Begriffe behandelt,^) 
daflir liegt die Annahme nahe, dafs dies in Konsequenz seiner 
Deutung des Gegenstandes, der bei Kant durch die Sinnlich- 
keit gegeben wird, geschehe. Ist dieser nämlich schon ein 
Gegenstand für unser Bewufstsein, so bleibt fUr die Annahme 
der Kategorien, durch die der Gegenstand gedacht werden 
soll, kein Anlafs mehr. Eine solche Annahme wOrde vielmehr 
eine Verdoppelung des Problems des Gegenstandes bedeuten 



>)VI,22. «) 1,149; ähnlich 1,539. ») 1,572. 

*) Vgl. Gttnther, „Über Schopenhauers Kritik der Kant'schen Philo- 
sophie**. Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Piulagogik, IV. Jahrg. 
Hersg. Yon Ziller, Leipzig 1872 S. 133f. Das Gemeinsame der Lehren 
Schopenhaaers und Kants hat der Verfasser nicht deutlich gesehen. 



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101 

in dem Sinne, wie er dem oben^) znerst besproohenen Ein- 
wand Sebopenbaners gegen Kant zugrunde liegt. Abgeseben 
aber von dieser unzulässigen, weil eine solebe Verdoppelung 
des Problems enthaltenden Bedeutung der Kategorien kommt 
diesen, wenn anders der Gegenstand dnreb die blofse Sinnlicb- 
keit als Gegenstand fbr unser Bewnfstsein sebon gegeben sein 
soll, nur mebr die Bedeutung von im empiriseben Sinne ab- 
strakten Vorstellungen zu. Als eine Konsequenz seiner Auf- 
fassung von dem Gegenstande, der dureh die Sinnliebkeit 
gegeben wird, nämlich als eines Gegenstandes fttr unser Be- 
wnfstsein, kann es also gedeutet werden, dafs Schopenhauer 
Anschauung nnd Denken bei Kant im Sinne seiner eigenen 
Termini nimmt Dadurch entsteht zwar für den ersten Blick 
der Anschein, als ob er ungeprüft den Termini Kants seine 
eigenen Bedeutungen untergeschoben habe; es hiefse jedoch 
der Tiefe seines Denkens nicht gerecht werden, wenn wir diese 
oberflächliehe Annahme machen wollten.^) 

Dafs das Denken bei Kant eine weitere Bedeutung als 
das Erkennen hat, dafs nämlich ftir das Denken, soll es zum 
Erkennen werden, zu den reinen Begriffen noch die «Art, wie 
das Mannigfaltige zu einer empirischen Anschauung gegeben 's) 
wird, hinzukommen mufs^), kann die Interpretation Schopen- 
baners gleichfalls nicht rechtfertigen. 

Nun erkennt Schopenhauer zwar an, dafs der Gegenstand 
der Erkenntnis bei Kant ein „Gegenstand des Denkens und 
doch abstrakter Begriff*" sein solle, doch eben dies erscheint 
ihm in dem dargelegten Sinne als Inkonsequenz in der Lehre 
Kants. 

Vom Standpunkt unserer Deutung des Gegenstandes aus, 
der bei Kant durch die Sinnlichkeit gegeben wird, wird der 
angefahrte zweite Beweis Schopenhauers für die empirische 
Natnr der Kategorien Kants hinfällig. Mit sachlichem Bechte 
darf Schopenhauer von seinem Standpunkte aus nur die 



>) S. 81 dieser Schrift. 

') So in einer auch manches andere Unzutreffende und Ungebührliche 
enthaltenden Schrift von Wilh. Jos. Dotzer, „Über Schopenhauers Kritik 
der kant'schen Analytik". Diss. Erlangen 1891. 

*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 144. 

*) Ebenda § 22. 



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102 

Kategorien Kants aofser der Kausalität als empirische Begriffe 
kennzeichnen ; in dem Sinne, der der oben zuerst angeführten 
Form seiner Kritik an den Kategorien Kants zugrunde legt 

Die zweite von den genannten Beweisführungen gegen die 
Apriorität der Kategorien Kants tritt in den späteren Werken 
Schopenhauers zurück. Es bahnt sich vielmehr der Gedanke 
an, dafs die Funktion der Kategorien Kants der der Kausalität 
Schopenhauers analog sei, so, wenn es heifst: ,Es (der Sinn 
des Satzes: Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in 
sensu) ist in der Hauptsache, was die Kritik der reinen Ver- 
nunft lehrt Auch sie nämlich will, dafs man nicht bei den 
Begriffen stehen bleibe, sondern auf den Ursprung derselben 
zurückgehe, also auf die Anschauung, nur noch mit dem wahren 
und wichtigen Zusatz, dafs, was von der Anschauung selbst 
gilt, sich auch auf die subjektiven Bedingungen derselben 
erstreckt, also auf die Formen, welche im anschauenden und 
denkenden Gehirn als seinen natürlichen Funktionen prä- 
disponiert liegen; obgleich diese wenigstens virtualiter der wirk- 
lichen Sinnesanschauung vorhergängig, d. h. a priori sind, also 
nicht von dieser abhängen, sondern diese von ihnen: Denn 
auch diese Formen haben ja keinen andern Zweck noch 
Tauglichkeit, als auf eintretende Anregungen der Sinnesnerven 
die empirische Anschauung hervorzubringen; wie aus dem Stoffe 
dieser andere Formen nachmals Gedanken in abstracto zu 
bilden bestimmt sind.^ ^) 

Zusammenfassend dürfen wir auf Grund unserer termino- 
logischen Untersuchung sagen, dafs, wenn Kant der Tätigkeit 
des Verstandes die Bezeichnung Denken beilegt, so dieses 
Denken als „ Erkenntnis durch Begriffe '^ nicht gleichbedeutend 
mit dem Denken bei Schopenhauer als einem Vermögen der 
empirischen Begriffe ist Jenes hat eine synthetische, dieses 
eine analytische Funktion. Weiter dürfen wir sagen, dafs die 
Worte Schopenhauers, dafs Kant „die Anschauung fUr sich 
genommen, verstandlos, rein sinnlich, also ganz passiv sein 
und erst durch das Denken (Verstandeskategorie) einen Gegen- 
stand aufgefafst werden^ lasse, allerdings einen für Kant 
gültigen Sinn haben können, wenn wir Anschauung in dem 

>) 11, %j ähnlich IV, 100. 

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103 

obeD dargelegen weiteren Sinn und Denken in dem Sinn der 
Erkenntnis durch lediglich anf dem Wege einer transzenden- 
talen Dedaktion ableitbare Begriffe dabei nehmen, dals aber in 
der Yon Schopenhauer geübten Interpretation die Bedeutungen 
von Ansebauung und Denken bei Kant verschoben erscheinen, 
tmd zwar so, dafs diesen Termini, dem Resultat seiner Inter- 
pretation nach, die Bedeutung der entsprechenden Schopen- 
haaers unterfliefscn. Damit werden auch die Gründe, durch die 
Schopenhauer die vermeintliche Vermischung der anschaulichen 
mit der abstrakten Vorstellung bei Kant ablehnt, hinfällig. 
Diese Vermischung ist ftir ihn nämlich deshalb unstatthaft, weil 
die empirische Anschauung selbst sehen gegenständlich und 
intellektual, das Denken aber lediglich ein Vermögen der im 
empirischen Sinne abstrakten Vorstellungen ist. Wir fanden 
jedoeh, dafs Anschauung bei Kant, wenn sie der gegen- 
s^ndlichen Erkenntnis gegenttbergestellt wird, keine anderen 
Merkmale hat als der Stoff fttr den Verstand bei Schopen- 
hauer nebst den Formen Baum und Zeit, und dafs Denken 
bei Kant nicht als das Vermögen abstrakter Vorstellungen im 
Sinne Schopenhauers gilt.^) 

Wir haben indes noch einen weiteren Schritt zu tun und 
festzastellen, dafs auch die Funktion des Verstandes in der 
Synthesis des Mannigfaltigen der Sinnlichkeit bei Kant der 
Funktion des Verstandes bei Schopenhauer in einem wesent- 
lichen Merkmal gleichbedeutend ist. 

Das Verhältnis der psychologischen Bestimmung des Ver- 
standes bei Kant als des Vermögens der Synthesis des Mannig- 
faltigen der Erscheinung zur Lehre Schopenhauers vom Verstände 
läfflt sich im Anschlnis an eine Besprechung des Gebrauchs des 
AoBdnieks , Apprehension' bei beiden deutlich machen. Schopen- 
haaer spricht von der „kausalen Apprehension'' des Ver- 
standes* >) und nennt die empirische Anschauung «die Ap- 
prehension, in welcher allein Objekte sich eigentlich darstellen 
können.* 3^ In einem engeren Sinn als von Schopenhauer 
^rd dieser Ausdruck von Kant genommen: „Jede Anschauung, 
^ heifst es bei diesem, enthält ein Mannigfaltiges in sich . . . 

Darauf weist schon B. Haym hin : Arthur Schopenhauer. Preußische 
•^Macher, U.Band 1864, S. 88. 

«) 111,79. ») 111,68; ühnlicli 11,29, 33; VI, 34. 



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104 

Damit nun ans diesem Mannigfaltigen Einheit der AnBchanünp 
werde (wie etwa in der Vorstellnng des Raumes), so ist 
erstlieh das Darehlaufen der Mannigfaltigkeit nnd dann die 
Zusammenfassung derselben notwendig, welche Handlung ich 
die Synthesis der Apprehension nenne . . . Diese Synthesis 
der Apprehension mufs nun auch a priori, d. i. in Ansehung 
der Vorstellangen, die nicht empirisch sind, ausgeübt werden. 
Denn ohne sie würden wir weder Vorstellungen des Raumes 
noch der Zeit a priori haben können, da diese nur durch die 
Synthesis des Mannigfaltigen, welches die Sinnlichkeit in ihrer 
ursprünglichen Rezeptivität darbietet, erzeugt werden können/ 
Zu der Synthesis der Apprehension in der Anschauung kommt 
bei Kant — wenn wir uns an die Ausführungen des zweiten 
Abschnitts der Deduktion der reinen Yerstandesbegriffe in der 
ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft halten — noch 
die Synthesis der Reproduktion in der Einbildung und die 
Synthesis der Rekognition im Begriffe. Die psychologische 
Bedeutung der Ausführungen dieses Abschnittes werden wir 
unter dem Gesichtspunkte der strengen Definition der Synthesis, 
die in der zweiten Auflage der Kritik der reinen Vemonft 
gegeben ist^), nicht fehlgehen darin zu sehen, dafs hier das 
Durchlaufen, Erinnern und Wiedererinnern des Mannigfaltigen 
der Sinnlichkeit als psychologische, der Sinnlichkeit znza- 
ordnende Vorbedingungen für die synthetische Tätigkeit des 
Verstandes dargetan werden. Nur wird überdies gezeigt, dafs 
zu jeder derselben, soll sie zur Erkenntnis führen, die Synthesis 
hinzukommen mufs, und welchen Sinn die Synthesis für jede 
derselben gewinnt. Letztgenannte Bestimmung ist keine psycho- 
logische mehr, sondern eine logische. Sie führt deshalb, so 
dürfen wir anmerken, nicht etwa zu der Forderung dreier 
psychologisch voneinander trennbarer Handlungen der Synthesis 
des Verstandes, sondern lediglich zu der Forderung derjenigen 
einheitlichen Handlung, deren verschiedene Funktionen nnr 
durch die Funktionen der Einheit in den Urteilen bestimmt 
werden können. Wir müssen uns hier versagen, die psjxho- 
logischen Fäden dieser Lehre Kants weiter zu verfolgen. Nnr^ 

») 1. Auflage der Kritik der reinen Verannft S, 99, 100. 
') 2. Auflage der Kritik der reinen Verounit § 15. 



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105 

dieses sei noch gestattet zu bemerken, dafs die Bestimmung 
der Bekognition als der Bedingung für das Bewufstsein, dafs 
das, was wir denken, eben dasselbe sei, was wir einen Augen- 
blick zuvor daebten^, einen weiteren Sinn als die im dritten 
Abschnitt der genannten Deduktion gegebene hat, die lautet: 
«Die wirkliehe Erfahrung, welehe ans der Apprehension, der 
Assoziation (der Reproduktion) endlich der Rekognition der 
Erscheinungen besteht, enthält in der letzteren und höchsten 
(der blofs empirischen Elemente der Erfahrung) Begriffe, 
welche die formale Einheit der Erfahrung und mit ihr alle 
objektive Gültigkeit (Wahrheit) der empirischen Erkenntnis 
möglich machen." 1) Hier nämlich ist in der Rekogniton die 
Synthesis durch den Verstand schon mitgedacht. Zu jener 
Bestimmung dagegen mufs das Merkmal der Synthesis des 
Verstandes allererst hinzukommen. Das Wiedererkennen in 
dem durch den Verstand noch nicht synthetisch erfafsten Zu- 
stande nimmt nach seinem Bestände eine dem Durchlaufen 
und Erinnern koordinierte Stelle ein. Nur hinsichtlich des 
Zustaudekommens der Erkenntnis kann ihm in einer Kant 
allerdings nicht geläufigen Betrachtungsweise eine bevorzugte 
Stellang eingeräumt werden, insofern sie nämlich als die 
zeitlieh letzte, und so die synthetische Verstandestätigkeit 
uamittelbar auslösende psychologische Vorbedingung für letztere 
angesehen werden kann. 

Kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserer Frage 
nach dem Verhältnis der Bedeutung des Wortes Apprehension 
bei Schopenhauer zu der bei Kant zurück, so haben wir zu 
sagen; Für Schopenhauer kommt weder die Unterscheidung 
von Apprehension, Reproduktion und Bekognition, noch auch 
die von blofser Apprehension und S'ynthesis derselben in 
Betracht Die Apprehension ist für ihn vielmehr schlechthin 
gleichbedeutend mit der Tätigkeit des Verstandes in der An- 
wendung seiner kategorialen, hier kausalen Erkenntnisweise. 
Insofern aber bei ihm die Tätigkeit des Verstandes, wenn 
sieht zur Erkenntnis der Objektivität der Gegenstände, so doch 
zu ihrer raumzeitlichen Anordnung ein Durchlaufen des Mannig- 
faltigen der Empfindungen, die Schopenhauer deshalb die „Data" 

*) 1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 124, 125. 

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106 

des Verstandes nennt, saclilieh zur Vorattssetzang hat, ist sie der 
Apprehension bei Kant analog. Somit bildet also die räum- 
zeitliehe Anordnung der Empfindungen bei Sehopenbauer auch 
ein Analogen zur Synthesis des Mannigfaltigen durch den 
Verstand bei Kant, so zwar, dafs letztere die Bedingung zur 
Objektivierung der bis dabin subjektiven Empfindungen, erstere 
aber gegenüber der Objektivierung der Empfindungen ein 
Sekundäres darstellt. In noch einem andern Sinne findet bei 
Schopenhauer eine Synthesis durch den Verstand statt, nämlich 
in der Beziehung der Data verschiedener Sinne auf eine 
gemeinsame Ursache. Doch auch diese gilt als etwas Sekun- 
däres, «als eine Folge der Erkenntnis a priori vom Kansal- 
nexus . . . vermöge welcher alle jene verschiedenen Ein- 
wirkungen auf meine verschiedenen Sinnesorgane mich doch 
nur auf eine gemeinsame Ursache derselben, nämlich die 
Beschaffenheit des vor mir stehenden Körpers, hinleiten, so dafs 
mein Verstand, ungeachtet der Verschiedenheit und Vielheit 
der Wirkungen, doch die Einheit der Ursache als ein einziges 
sich eben dadurch anschaulich darstellendes Objekt apprehen- 
diert"*). Ein Unterscheidendes ferner ist damit gegeben, dafs 
für Kant die Synthesis der Apprehension „auch a priori, 

d. i in Ansehung der Vorstellungen, die nicht empirisch 

sind, ausgeübt werden mufs; denn ohne sie würden wir weder 
Vorstellungen des Raumes noch der Zeit a priori haben 
können'' 2), während für Schopenhauer eine Synthesis für die 
reinen Formen Raum und Zeit als ausgeschlossen gilt; denn er 
sagt: „Nun aber sind die Zeit und der Raum, dieser in allen 
seinen drei Dimensionen, Kontinua, d. h., alle ihre Teile sind 
ursprünglich nicht getrennt, sondern verbunden. Sie aber sind 
die durchgängigen Formen unserer Anschauung; also erscheint 
auch alles, was in ihnen sieh darstellt, (gegeben wird) schon 
ursprünglich als Kontinuum, d. h. seine Teile treten schon als 
verbunden auf und bedürfen keiner hinzukommenden Ver- 
bindung des Mannigfaltigen.'^)) Zu diesen Unterschieden 
kommt bei Schopenhauer die empirisch gegliederte Dar- 



1)1,571. 

') 1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 99/100. 

») 1,571. 



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107 

stellang der synthetischen Tätigkeit des Verstandes und des 
ElDflusses der Übung. Auch wird das Unbewufste des Vor- 
ganges in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle der kausalen 
Erkenntnis des Verstandes bei Schopenhauer besonders betont, 
während bei Kant eine Bewufstlosigkeit der Synthesis des 
Verstandes zwar nicht ausgeschlossen, doch nur beiläufig 
erwähnt wird, so z. B. wenn er sagt: „ . . . so ist alle Ver- 
bindung, wir mögen uns ihrer bewulst werden oder nicht, eine 
Yerstandeshandlung, die wir mit der allgemeinen Benennung 
Synthesis belegen werden." i) 

Der Bedeutung der Gliederung in Apprehension, Be- 
Produktion und Rekognition im Zusammenhange der Lehre 
Kants wird Schopenhauer nicht gerecht, wenn er sagt: „Er 
(Kant) bemüht sich darzulegen, wie nach der von der Sinnlich- 
keit gegebenen Anschauung der Verstand mittelst des Denkens 
der Kategorien die Erfahrung zustande bringt. Dabei werden 
die Ausdrücke Rekognition, Reproduktion, Assoziation, Ap- 
prehension, transzendentale Einheit der Apperzeption bis zur 
Ermüdung wiederholt und doch keine Deutlichkeit erreicht.* 2) 
Die psychologische Feinheit, die in jener Gliederung bei Kant 
liegt, ist Schopenhauer vollends entgangen. 

Treffend aber bemerkt er, dafs man „nach der in der 
transzendentalen Ästhetik gegebenen ausführlichen Erörterung 
der allgemeinen Formen der Anschauung doch einige Auf- 
klaning über den Inhalt derselben erwarten mufs, über die 
Art, wie die empirische Anschauung in unser Bewufstsein 
kommt, wie die Erkenntnis dieser ganzen ftlr uns so realen 
und so wichtigen Welt in uns entsteht, '' ^) dafs man aber nach 
einer solchen Aufklärung bei Kant vergebens suche. In der 
Tat wird jeder, der den Versuch macht, sich hierin bei Kant 
zn orientieren, finden, dafs dies wohl im allgemeinen, aber 
üieht im einzelnen , geht. Die Gründe, die Kant abgehalten 
haben, auf den Einzelfall einzugehen, sind nach Benno Erd- 
mann darin zu suchen, dafs sein Hauptinteresse auf die 
Transzendentalphilosophie gerichtet ist, und im Inhalte seiner 
Lehre, dafs die empirische Mannigfaltigkeit der Sinnlichkeit 

') 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. ISO; ähnlich ebenda 

8. mt 

«) 1,570. 8) 1^559^ 560. 

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108 

durcb die Dinge an sieb gegeben werde. Um za erklären, 
warnm dieser Gegenstand als Ding an sieh gerade diese 
Empfindang heryorrufe, bätte er etwas Spezielles ttber das 
Ding an sieb sagen müssen, was naeh seiner Lehre von 
der Erkenntnis nicht gebt. Auch wie in einer besonderen 
Erscheinung die einzelnen Kategorien zusammenwirken, welelies 
hier der Anteil der einzelnen sei, bleibt eine offene Fra^. 
Yielleicbt entsprach es schon der anschanungsbedttrftigen NatQr 
Sebopenbaners, hier einen wesentlichen Mangel in Kants Lehre 
za empfinden. Die empirische Ansgestaltang seiner Lehre 
bedentet in der Tat einen Fortsehritt gegenüber Kant 

Eine Syntbesis des Mannigfaltigen, so dürfen wir zusammen- 
fassend sagen, ist fttr Schopenhauer und Kant ein Merkmal 
der Tätigkeit des Verstandes. 

Dazu kommt ein Zweites, ungleich Bedeutsameres. Ein 
Gemeinsames der Funktion des Verstandes bei beiden ist, 
neben der ranmzeitlicben Anordnung, die Auffassung des sinn- 
lich gegebenen Stoffes als einem Objekt aufser uns zugehörig. 
Diese Übereinstimmung gebt soweit, dafs auch bei Kant der 
Begriff der Kausalität es ist, der in erster Linie die Erkenntnis 
eines Objektes aufser uns ermöglicht.^) Wir werden darauf im 
folgenden Abschnitt näher eingehen. Hier sei nur hervor- 
gehoben, was im Prinzip für alle Kategorien gilt, dafs nämlich 
vermittelst ihrer in synthetischen Urteilen die Objekte, inner- 
halb der Welt der Erscheinung, in demselben Sinne erst 
erkannt werden, wie vermittelst der Kausalität durch die 
unmittelbare Erkenntnisweise des Verstandes die Objekte bei 
Schopenhauer. Das Produkt der Tätigkeit des Verstandes also, 
zuvörderst seinem psychologischen Bestände nach, ist ein bei 
beiden gleiches, nämlich der Erkenntnisinhalt der Objekte 
aufser uns, sowohl naeh ihrem Realitätscharakter, als auch 
nach ihrer raumzeitliehen Ordnung. 

Damit hängt zusammen, dafs auch die erkenntnistheoretische 
Bedeutung dieser Tätigkeit des Verstandes bei beiden dieselbe 

Dies findet auch Richard Behm, „Vergleichnng der kantischen 
und schopenhauerschen Lehre in Ansehung der Kausalität''. Diss. Heidel- 
berg 1892 S. 76. Die Ausführungen des Verfassers über die Kritik Schopen- 
hauers an der Geltung des Kausalgesetzes bei Kant n. a. stimmen mit den 
vorliegenden nicht überein. 



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109 

ist Sie Hegt bei Kant in der Beziehnng des kategorial be- 
stimmten Gegenstandes der Erkenntnis auf die Einheit der 
Apperzeption in der Synthesis des Verstandes und bei Sehopen- 
hancr in der Beziehung des kausal bestimmten Objektes zum 
Verstände als seinem subjektiven Korrelat; bei beiden ist es 
also die Funktion des Verstandes, die die objektive Gültigkeit 
des empirisch Angeschauten gewährleistet, wobei zwar bestehen 
bleibt, dafs die Objektivität der empirischen Erkenntnis bei 
Schopenhauer nur in dem engeren Sinne zu nehmen ist, der 
für die Welt als Vorstellung gilt. 

Diese sachliche Übereinstimmung läfst die empirische An« 
sebaunng im engeren Sinne oder Erkenntnis bei Kant der 
empirischen Anschauung bei Schopenhauer analog erscheinen. 
Beiden nämlich ist gemeinsam, dafs ihnen aulser dem Stoff 
der Empfindungen und der Formen Baum und Zeit noch eine 
Bestimmung durch der Verstand, dort durch die ganze Beihe 
der Kategorien, hier durch die eine der Kausalität, als Merk- 
mal zukommt. Somit wird eroichtlich, dafs Schopenhauer, wenn 
er sagt: .Die Anschauung ist . . . intellektual, was gerade 
Kant leugnet,**!) sich in einem historischen Irrtum befindet. 
Wir haben vielmehr festzustellen, dafs die empirische An- 
schauung Schopenhauers im Grunde in keinem anderen Sinne 
intellektual ist, wie die empirische Erkenntnis oder Anschauung 
im engeren Sinne bei Kant. Beide sind intellektual, weil sie 
erst durch den Verstand ihren objektiven Charakter erhalten,*^) 

Dafs hierbei lediglich die auf Erscheinungen bezügliche 
Bealität in Frage kommt, dafs nämlich, wie bei Schopenhauer 
die Kausalität nur für das Gebiet der Vorstellungen, so bei 
Kant „die Grundsätze . . . , nicht als Grundsätze des tran- 

01,566. 

^ Zu demselben Ergebnis kommt RaoulBichter: , Schopenhauers Ver- 
baltDis zu Kant*, Dias. Leipzig 1893 S. 1 67 u. 1 84. Seine Ausfahrungen erhalten 
doieh die vorliegenden eine Ergänzung und z. T. eine Berichtigung. Wie auch 
Hichter erwähnt (a. a. 0. S. 167), hat schon Herbart (Werke Bd. XII, S. 378) 
den gleichen Einwand gegen Schopenhauer erhoben: ,Auch Kant habe 
n^en können, jede Anschauung sei intellektnell." Auch Herbarts Aus- 
f Sbron^n, soweit sie sich mit der empirischen Anschauung bei Schopenhauer 
beschäftigen, dürften durch die vorliegenden cr^nzt werden und eine andere 
^^rundlage erhalten. Auch R. Haym weist flüchtig darauf hin in seinem 
Aafsatz: Arthur Schopenhauer. PreuBische Jahrbücher, 14. Band 1864, S. 87. 



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110 

szendentalcn, sondern blofs dos empirischen Verstandes- 
gebraucbes ihre alleinige Bedentnng nnd Gültigkeit haben/ ^) 
ist gleichfalls ein Moment der Übereinstimmung. Ihre ver- 
schiedene metaphysische Bedeutung zu beleuchten, liegt nielit 
im Rahmen unserer Untersuchung. 

Ein die genannte sachliche Übereinstimmung in dem Pro- 
dukt der Tätigkeit des Verstandes nicht berührender Unter- 
schied zwischen Schopenhauer und Kant ist allerdings in ibren 
psychologischen Voraussetzungen über das Zustandekommen 
dieses Produktes gegeben, und zwar auch abgesehen noch von 
dem Unterscheidenden, das bei Kant in der Trennung der 
Synthesis der Apprehension, Reproduktion und Rekognition liegt 
Ein bedeutsamer Unterschied liegt vielmehr schon darin, dafs 
die Erkenntnis eines Gegenstandes bei Kant sieh in einer 
Weise vollzieht, die sieb, logisch betrachtet, als Urteil darstellt, 
während sie bei Schopenhauer ausdrücklich als eine nicht 
urteilsgemäfse, nicht , diskursive* sondern .intuitive" gilt Jene 
erfolgt, so dürfen wir den von Kant nicht unter einem streng 
psychologischen Gesichtspunkte entwickelten Zusammenhang: 
des zugrunde liegenden psychischen Geschehens von einem 
Standpunkte der Psychologie unserer Tage aus erklären, erst 
in der Weise eines subsumierenden Vorstellungsverlaufs, diese 
aber, die bei Schopenhauer, so dürfen wir weiter deuten, vollzieht 
sich in der Weise eines unmittelbaren simultanen Beziehungs- 
bewufstseins. Jene stellt ein Zusammengesetzes, diese ein ein- 
faches, psychologisch nicht weiter analysierbares Geschehen dar. 

Es möchte eine nicht ganz unwahrscheinliche Vermutung 
sein, dafs die Einsicht in diese Unmittelbarkeit des kausalen 
Beziehungsbewufstseins der tiefere Grund dafür gewesen ist, 
dafs Schopenhauer den Verstand ein Vermögen der Anschauung 
nennt, und auch die eigentliche Triebfeder in der Polemik 
Schopenhauers gegen die Lehre Kants vom Denken des Ver- 
standes durch die Kategorien ist^) Diese Annahme wird sich 



1) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 223. 

') Johannes Voikelt a.a.O. S. 112 sieht den Unterschied zwiachen 
der Lehre Schopenhauers in diesem Punkte und der Kants nur darin, 
„dafs Schopenhauer an die Stelle der zahlreichen Kategorien die einzige 
Kausalität gesetzt und das Unwillkürliche und Unbewufste der Verstandes- 
arbeit nachdrücklich hervorgehoben* habe. 



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111 

uns als naheliegend auch bei der Besprechung des Verhältnisses 
Sehopenhaners za Thomas Beid erweisen. Gleichwohl wird 
darch die synthetische Unterordnung des Mannigfaltigen der 
Erscheinung als des Subjekts eines Urteils unter eine Kategorie 
als sein Prädikat das Denken des Verstandes bei Kant noch 
nicht gleichbedeutend mit dem Denken der Vernunft bei Schopen- 
hauer als dem Vermögen zn empirischen Begriffen. Zu Unrecht 
also bleibt bestehen, dafs Schopenhauer das Denken in seinem 
Sinne als kritischen Mafsstab an das Denken bei Kant 
heranbringt 

Sehen wir aber einmal von dieser Verschiebung des 
Problems ab, so müssen wir wohl vom Standpunkte der 
modernen Erkenntnistheorie aus anerkennen, dafs der Gedanke 
Sehopenhaners, dafs die realen Kategorien nicht aus der 
prädikativen Beziehung des Subjekts zum Prädikate ableitbar 
seien, zu Recht besteht, wenngleich auch die von Schopenhauer 
seiner Kritik zugrunde gelegte Auffassung von einer Umfangs- 
beziehnng vom Subjekt zum Prädikat zu weiteren Bedenken 
Anlafs gibt. 

Als zutreffend mufs auch, nebenbei bemerkt, ein Gedanke 
anerkannt werden, der in der Kritik Schopenhauers an den 
Bcheniaten Kants wirksam ist, der nämlich, dafs die Schwierig- 
keit, die in der logischen Unbeziehbarkeit der reinen Kategorien 
auf das Mannigfaltige der Empfindungen liegt, durch die Ana- 
logie zu der psychologischen Tatsache der empirischen Schemata, 
als die sich die Lehre Kants von den Schematen darstellt, 
nieht gehoben wird. Es würde hier zu weit ftthren, darauf 
im einzelnen einzugehen. 

Kausalität 

Die Kritik, die Schopenhauer an den angeführten Punkten 
der Lehre Kants, dem Gegenstande der Anschauung, dem 
Unterschiede der anschaulichen und abstrakten Vorstellung 
der Funktion des Verstandes und den Kategorien übt, zeigte 
sich uns wesentlich abhängig von der irrtümlichen Inter- 
pretation des Ausdrucks Gegenstand, wie er in der tran- 
szendentalen Ästhetik zur Bezeichnung des durch die Sinnlich- 
keit Gegebenen auftritt. 



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112 

Für den nnn zn vergleicbenden Bestand der beiden Lebren 
kommt in der Kritik Schopenbauers ein neaes, wie wir sehen 
werden, gleiehfalls intümlicbes Moment der Interpretation 
in Betraebt 

Eine bemerkenswerte Analogie zar Lehre Scbopenhaners 
ist bei Kant darin gegeben, dafs die Kategorie der Kausalität 
eine bevorzugte Stellung unter den übrigen Kategorien hin- 
sichtlieh ihrer Bedeutung für die Synthesis des Mannigfaltigen 
der Erscheinung einnimmt Damit ist ein spezielles Moment 
der allgemeinen Übereinstimmung berührt, die wir darin fanden, 
dafs die Tätigkeit des Verstandes bei beiden es ist, die das 
unbestimmte Mannigfaltige der Sinnlichkeit zu Gegenständen 
formt 

Der Gedankengang Kants in der , zweiten Analogie" 
lärst sich unter besonderer Berücksichtigung seiner psycho- 
logischen Voraussetzungen folgendermafsen darstellen: Kant 
sagt: „Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch 
bewufst werden können. Dieses Bewulstsein aber mag so weit 
erstreckt und so genau oder pünktlich sein, als man wolle, 
so bleiben es doch nur immer Vorstellungen, d. i. innere Be- 
stimmungen unseres Gemüts in diesem oder jenem Zeitver- 
hältnisse. Wie kommen wir nun dazu, dafs wir diesen Vor- 
stellungen ein Objekt setzen, oder über ihre subjektive Realität 
als Modifikationen ihnen noch, ich weils nicht was flir eine 
objektive beilegen?'' ^) «Ich nehme wahr, dafs Erscheinungen 
aufeinander folgen, d. i. dafs ein Zustand der Dinge zu einer 
Zeit ist, dessen Gegenteil im vorigen Zustande war. Ich ver- 
knüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in der Zeit Nun 
ist die Verknüpfung kein Werk des bloXsen Sinnes und der 
Anschauung, sondern hier das Produkt eines synthetisehen 
Vermögens der Einbildungskraft, die den inneren Sinn in 
Ansehung des Zeitverhältnisses bestimmt Diese kann aber 
gedachte zwei Zustände auf zweierlei Art verbinden, so dafs 
der eine oder der andere in der Zeit vorausgehe . . . Ich bin 
mir also nur bewufst, dafs meine Imagination eines vorher, 
das andere nachher setze, nicht, dafs im Objekte der eine 



>) 2. Aufl. der Kritik der reinen Vernunft S. 242. 



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113 

• 

Zustand vor dem anderen yorhergehe, oder mit anderen Worten, 
es bleibt dnrcb die blofse Wabrnebmnng das objektive Ver- 
hältnis der einander folgenden Erscheinungen unbestimmt/ <) 
„Allein, ich bemerke aneb, dafs, wenn ich an einer Erscheinung, 
welche ein Geschehen enthält, den yorhergehenden Zustand 
der Wahrnehmung A, den folgenden aber B nenne, dals B 
auf A in der Apprehension nur folgen, die Wahrnehmung A aber 

auf B nicht folgen, sondern nur vorhergehen kann Die 

Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen in der Apprehension 
ist hier also bestimmt, und an dieselbe ist die letztere 
gebunden. . . . Diese Regel aber ist bei der Wahrnehmung von 
dem, was geschieht, jederzeit anzutreffen, und sie macht die 
Ordnung der einander folgenden Wahrnehmungen (in der 
Apprehension dieser Erscheinung) notwendig ',<) ,der Begriff 
aber, der eine Notwendigkeit der synthetischen Einheit bei 
Bieh führt, kann nur ein reiner Verstandesbegriff sein, der nicht 
in der Wahrnehmung liegt, und das ist hier der Begriff des 
Verhältnisses der Ursache und Wirkung, wovon die erstere die 
letztere in der Zeit als die Folge, und nicht als etwas, was 
blols in der Einbildung vorhergehen . . . könnte, bestimmt '^3) 
„Dasjenige an der Erscheinung, was die Bedingung dieser 
notwendigen Begel der Apprehension enthält, ist das Objekt' ^) 
Demnach: ,Wenn wir untersuchen, was denn die Beziehung 
auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen für eine neue 
Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität sei, die sie 
dadureb erhalten, so finden wir, dafs sie nichts weiter tue, als 
die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art not* 
wendig zu machen und sie einer Regel zu unterwerfen, daä 
umgekehrt nur dadurch, dafs eine gewisse Ordnung in dem 
Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen notwendig ist, ihnen 
objektive Bedeutung erteilt wird.""^) „Der Beziehung auf das 
transzendendale Objekt', so können wir mit Erdmann inter- 
pretierend sagen, «die alle Erkenntnis erst unter sich einstimmig 
macht, wird auch hier die notwendige Beziehung auf den 

Ebenda S: 233, 234. 
*) Ebenda S. 237, 238. 
•) Ebenda S. 234. 
«) Ebenda S. 236. 
>) Ebenda S. 242, 243. 

PhilotophUche Abhandlnogen. XLII. S 



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114 

Verstand, der die Verbindung der Vorstellungen anf eine 
gewisse Art notwendig und dadareh die Vorstellung eines 
Gegenstandes erst möglieh maeht, d. i. die Einheit der Apper- 
zeption, substituiert Es wird nur überdies gezeigt, dafs 
diejenige Kategorie, die hierbei als die Regel setzende allein 
in Betraeht kommt, die Kategorie der Kausalität ist'' ^) 

Wir entsinnen uns, dafs wir in der Verstandes^tigkeit 
bei Schopenhauer ein Zweifaches unterschieden haben: die 
Beziehung der blofsen Empfindung als der Wirkung auf ihre 
Ursache und die Einordnung derselben in den kausal be- 
stimmten raumzeitlichen Zusammenhang. Auch bei Kant 
geschieht die Auffassung der bis dahin subjektiven Vor- 
stellungen als objektiver in grundlegender Weise, grundlegend 
nämlich fllr die dann erst möglich werdende reale Bedeutung 
der übrigen Kategorien, durch den Begriff der Kausalität 
Auch bei ihm ist es die Kausalität, die die objektive 
Zeitordnung der Gegeustände und, sofern es sich um (gegen- 
stände im Räume handelt, damit die ranmzeitliche Ordnung 
derselben erst möglich macht Ein wesentlicher Unterschied 
von Schopenhauer aber ist darin gegeben, dafs bei Kant die 
kausale Notwendigkeit in der Zeitfolge der Vorstellungen 
untereinander es ist, die die Objektivität letzterer gewähr- 
leistet, während bei Schopenhauer die kausale Beziehung der 
subjektiven, einzelnen Sinnesempfindung als einer Wirkung in 
uns auf eine ihnen entsprechende Ursache das ausmacht, was 
jener den Charakter der Objektivität verleiht, aus weleher 
kausalen Beziehung, als der ursprünglichen, die zwischen den 
Objekten, im Prinzip wenigstens, erst ableitbar wird. 

Diese von Kant verschiedene Voraussetzung hat Schopen- 
hauer seiner Kritik an dem Beweise Kants fftr die Apriori- 
tät des Kausalgesetzes als Mafsstab untergelegt Das 
Argument Schopenhauers gegen den genannten Beweis Kants 
ist in Folgendem gegeben. Er sagt: „Das Resultat seiner 
(Kants) Behauptung würde sein, dafs wir gar keine Folge 
in der Zeit als objektiv wahrnehmen, ausgenommen die 
von Ursache und Wirkung, und dafs jede andere von uns 
wahrgenommene Folge von Erscheinungen blofs durch unsere 



^) Benno Erdmann, „Kants Kritizismus^ S. 33. 



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115 

WiUkttr so und nicht anders bestimmt sei.* ^) „Kant in seinem 
Beweise ist in den, dem des Hnme entgegengesetzten Fehler 
geraten. Dieser nämlich erklärte alles Erfolgen fUr blofses 
Folgen: Kant hingegen will, dafs es kein anderes Folgen 
gebe, als das Erfolgen.'^ ^) Diese Interpretation der Gedanken 
Kants, wenn sie lediglich in dem weiteren Sinne genommen 
würde, dab bei Kant jede objektive Folge überhaupt als 
ein Erfolgen, d. i. als durch zareichende Ursachen irgend- 
wie bedingt gedacht werde, könnte als zutreffend gelten. Sie 
hat indessen bei Schopenhauer einen engeren Sinn; denn er 
sagt: Jede Veränderung „folgt nicht blofs auf die einzige, 
die ihre Ursache ist, sondern auf alle anderen, die mit 
jener Ursache zugleich sind und mit denen sie in keiner Kausal- 
verbindung steht Sie wird nicht gerade in der Folge der 
Reihe der Ursachen von mir wahrgenommen, sondern in einer 
ganz anderen, die aber deshalb nicht minder objektiv ist, und 
von einersnbjektiven, von meiner Willkür abhängigen, dergleichen 
z. B. die meiner Phantasmen ist, sich sehr unterscheidet ^,3^ nicht 
zwar so, als ob für Schopenhauer eine Folge von Objekten in 
Betracht käme, die nicht auch fUr sich kausal bedingt wäre; 
»denn es bleibt gewifs, dafs jede Veränderung Wirkung einer 
anderen ist, da dies a priori feststeht 'V) aber doch so, dafs 
eine reale Folge von Objekten für ihn unabhängig von der 
Voraussetzung der kausalen Beziehung dieser untereinander 
erkennbar ist Der Gedankengang Kants wird dementsprechend 
von Schopenhauer in dem engeren Sinne genommen, dafs bei 
Kant jede in der Wahrnehmung gegebene Folge als in einem 
unmittelbaren Kausalzusammenhange stehend gedacht werde. 
Diese Auffassung der Lehre Kants aber besteht zweifellos nicht 
zurecht Der Gedanke der Notwendigkeit der objektiven Folge 
im Gegensatz der Zufälligkeit oder Willkür der subjektiven 
enthält liei Kant nur die Forderung, dafs die objektive durch 
eine Ursache bedingt sei, die nicht im wahrnehmenden Subjekt 
liegt, nicht aber, wie beschaffen diese Ursache sei, demnach 
auch nicht, dafs es der einem Vorgange in der. Wahrnehmung 
vorhergehende Vorgang sein müsse, in dem die Ursache jenes 



») m, 104. ») III, 106, 107. 

•) III, 104. *) III, 104. 

3* 



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116 

gegeben seLi) Nicbt notwendig also braucht jede in der Wahr- 
nehmung gegebene Folge der Erscheinungen in der Beziehung 
von Ursache und Wirkung zu stehen, bei Kant ebensowenig, 
wie Schopenhauer es für sich gelten lälst. Es bleibt vielmehr 
auch bei Kant dem Gedanken Raum, dafs zwei in der Wahr- 
nehmnng aufeinanderfolgende Vorgänge zwar nicht unmittelbar 
untereinander in dem Verhältnis von Ursache und Wirkung 
stehen, aber doch je durch einen vorhergehenden, wenn auch 
in der Wahrnehmung nicht gegebenen Vorgang bedingt seien. 
Diesen Sinn drücken u. a. die Worte Kants aus: , Dadurch 
(durch das Kausalgesetz) geschieht es, dafs eine Ordnung unter 
unseren Vorstellungen wird, in welcher das Gegenwärtige (sofern 
es geworden) auf irgend einen vorhergehenden Zustand 
Anweisung gibt, als ein, obzwar noch unbestimmtes 
Korrelatum dieser Eräugniss, die gegeben ist, welches sich 
aber auf diese als ihre Folge bestimmend bezieht und sie 
notwendig mit sich in der Zeitreihe verknüpfet. *<) „Nach einer 
solchen Regel also mufs in dem, was überhaupt vor einer Be- 
gebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Regel liegen, nach 
welcher jederzeit und notwendigerweise diese Begebenheit folgt, 
umgekehrt aber kann ich nicht von der Begebenheit zurück- 
gehen und dasjenige bestimmen (durch Apprehension), was 
vorhergeht Denn von dem folgenden Zeitpunkt geht keine 
Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber bezieht sich doch auf 
irgendeinen vorigen.* 3) In der Konsequenz der Gedanken 
Kants liegt, so dürfen wir somit sagen, dafs auch schon die 
Tatsache einer Folge von Erscheinungen in der Wahrnehmung, 
die untereinander nicht unmittelbar kausal verknüpft sind, 
sofern sie sich nur durch ihre Nichtumkehrbarkeit von der 
subjektiven Folge der Vorstellungen unterscheidet, einen 
hinreichenden empirischen Anlafs dafür abgibt, sie auf eine 
vom wahrnehmenden Subjekt verschiedene Ursache denk- 
notwendig zu beziehen und dadurch als objektiv aufzufassen. 
Dafs also die Wirkung der vorauszusetzenden Ursachen aufser 
uns sich in der Nichtumkehrbarkeit einer Folge unserer Vor- 

^) Sieh Alois Riehl, „Der philosophische Kritizismas*', I. Band, 2. Aufl., 
Leipzig 1908 S. 553 f. 

>) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 244. 

*) Ebenda S. 238, 239; die Sperrung fehlt i^ Originaltext. 



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117 

stellangen kundgibt, verbürgt allein scbon ihre Objektivität 
aud maebt das Zustandekommen der empirischen Anschauung 
oder Erkenntnis eines oder einer Mehrzahl von realen Objekten 
bei Kant psychologisch fafsbar. Hierfür ist also ein Wissen 
um die jeweilige Ursache entgegen der Behauptung Schopen- 
hauers, dafs wir nach Kant „einen alle Reihen von Ursachen 
nud Wirkungen zugleich umfassenden, folglich allwissenden 
Verstand voraussetzen '' i) mttfsten, nicht erforderlich. 

Schopenhauer befindet sich somit in formaler Überein- 
stimmung mit Kant, wenn er flir sich gelten läfst, dafs 
Erscheinungen sehr wohl (in der Wahrnehmung) aufeinander 
folgen können, ohne auseinander zu erfolgen. 2) Nur ist die 
Objektivität einer nicht unmittelbar kausal zusammenhängenden 
Folge in der Wahrnehmung bei beiden aus verschiedenen Vor- 
aussetzungen abgeleitet. Bei Kant ist sie, wie wir fanden, 
mit der Forderung der kausalen Bedingtheit einer nicht 
umkehrbaren Folge gegeben, bei Schopenhauer aber mit der 
Forderung von Ursachen fttr die in den Empfindungen 
gegebenen Wirkungen. 

Die Forderung Schopenhauers läfst überdies im Unter- 
schiede von Kant in ihrer Eonsequenz vorerst den Gedanken 
möglich werden, dafs eine reale Folge von untereinander nicht 
kausal verknüpften Zuständen oder Objekten in der Wahrnehmung 
gegeben sein könne. Erst die unabhängig von dieser Forderung 
einsetzende der kausalen Bedingtheit auch der Zustände der 
Objekte untereinander läfst sie, wie bei Kant, wenn nicht not- 
wendig durch in der Wahrnehmung gegebene, so doch irgendwie 
durch äuüsiere Ursachen bedingt erseheinen. Die Ableitung der 
Kausalität der Objekte untereinander ist bei Schopenhauer eine 
mittelbare, bei Kant eine unmittelbare. 

In welchem Sinne die Mittelbarkeit der Ableitung der 
Kausalität der Objekte untereinander bei Schopenhauer bestehe, 
sei gestattet, noch etwas weiter auszuführen. 

Wenn wir die Lehre Schopenhauers, dafs der Verstand, 
indem er die Empfindung als Wirkung auffafst, und dazu die 
Ursache im Baume setzt, die objektive Anschauung hervor- 
bringe, im strengen Sinne nehmen, d. i. die dabei zugrunde 



») in, 108. ») III, 104, 

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118 

liegende Ineinssetzang von Sinneflempfindung und .nnmittel- 
barem Objekt* einmal anfser acht lassen, so haben wir za 
sagen, dafs hierbei etwas als Wirkung gilt, was nachher als Zu- 
stand des Objektes erscheint, nämlieh der Inbegriff aller diesem 
zugeschriebenen Sinnesqualitäten, als Ursache aber dasjenige in 
dem Objekt, was als diesem seinem Zustande zugrunde liegend 
gedacht wird. Wir haben also fttrs erste, so scheint es, eine 
Einschränkung des Satzes, dafs die Kausalität sich nur auf die 
Zustände der Objekte beziehe, hier anzunehmen, insofern näm- 
lich hier Zustand und zugrunde Liegendes vorerst auseinander- 
treten, so zwar, dafs alle Merkmale, die jenen charakterisieren, 
zunächst als Wirkungen in uns aufgefafst werden. 

Die Ableitung der Kausalität der Objekte anfser uns ans 
der kausalen Beziehung der Sinneseropfindungen zu ihren ent- 
sprechenden ursächlichen Objekten im Baume anfser uns berührt 
Schopenhauer nur an einer Stelle. — An allen ttbrigen werden, 
soweit ich sehe, diese beiden Arten der kausalen Beziehung 
unbesehen koordiniert. — Dort sagt er: .Die Folge der Ein- 
wirkung jedes anderen materiellen Objekts auf ein anderes 
wird nur erkannt, sofern das letztere jetzt anders als zuvor 
auf das unmittelbare Objekt einwirkt, besteht nur darin.' *) 

Wenn wir fortfahren, die vorhin genannte Lehre im 
strengen Sinne zu nehmen, so ist es logisch geboten, auf 
Grund der zuletzt genannten Ausführung weiter zu folgern, 
dafs zu den Veränderungen in den Sinnesempfindungen der 
Verstand eine entsprechende Änderung in der Ursache anfser 
uns fordert, diese Änderung in der Ursache gleichfalls als 
Wirkung auffafst und zu derselben eine andere zureichende 
Ursache aufser uns postuliert, womit er in das Gebiet der 
kausalen Beziehungen der Objekte untereinander übergreift. 
Während also im ersten Falle die Wirkung auf uns geschieht, 
findet sie im zweiten auf das im Objekte als der Ursache 
unserer Empfindung Zugrundeliegende statt. Die einzelnen 
Kausalbeziehungen der Objekte untereinander sind dann ihrem 
Inhalte nach als erst durch Vermittlung der kausalen Beziehung 
der Empfindung auf ihr ursächliches Objekt gewonnen anzu- 



1, 40. 

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119 

sehen. Die Geltang der Eausalbeziehong jener aber bleibt der 
dieser dabei gleiebgeordnet 

Die Yorgetragenen Konsequenzen liegen jedoeb nieht im 
Sinne Schopenhaners. Das Eausalitätsgesetz gilt nämlieb für 
ihn lediglich für die Beziehungen der Znstände der Objekte 
untereinander, nicht aber fUr das ihnen zagrunde liegende 
Wirksame, das sich uns yielmehr als ein BehaiTcndes, weil der 
Eaasalität selbst nicht Unterworfenes in der Lehre von der 
Materie erwies. Der Gedanke also auch, die Ursache der 
Empfindung als ein in dem Sinne Transzendentes, wie es in 
der späteren Entwicklung der Lehre Schopenhauers von der 
empirischen Materie herFortritt, derzufolge „dasjenige, was 
mittelst jener Formen (unserer Anschauung und Apprehension) 
als das rein Empirische an der Materie auftritt,^ i) das Ding 
an sich ist, aufzufassen, ist für Schopenhauer gänzlich aus- 
geschlossen. 

Wir wollen für unseren Zweck davon absehen, dafs die 
gefolgerte Eausalität des Zugrundeliegenden nur dann einen 
Sinn gewinnen könnte, wenn dieses als ein im transzendenten 
Sinne Zugrundeliegendes genommen würde, dass diese Schwierig- 
keit schon fttr die Beziehung der Empfinding auf ihre Ursache 
aulser uns besteht, weil diese, wenn sie nicht im transzendenten 
Sinne genommen wird, lediglich eine Verdoppelung der Emp- 
findung bedeutet, 2) und dafs endlich auch das beharrend Wirk- 
same der Materie nicht anders als im transzendenten Sinne 
zugrundeliegend gedacht werden kann. Fttr den Zweck unserer 
historischen Betraehtung dürfen wir deshalb davon abseben, 
weil eine solche Transgredienz für Schopenhauer innerhalb des 
Gebietes der Vorstellung ausgeschlossen ist 

Halten wir uns aber lediglich an die logischen Beziehungen 
der Ausführungen Schopenhauers selbst, so dürfen wir also 
erwarten, in dem InbegriiSf der Merkmale des Zustandes eines 
Objekts, schon, sofern er vorerst als Wirkung in uns aufgefalst 
wird, auch dasjenige Merkmal zu finden, das einen Hinweis 
auf eine ursächliche Beziehung zu einem anderen gleichfalls 
vorerst so auffaisbaren Zustande enthält. Damit würde aller- 
dings die Geltung der kausalen Beziehung der Zustände der 



») II 360. •) Sieh S. 57 dieser Schrift. 



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120 

Objekte antereinander von der kausalen Beziehung zwischen 
Empfindung und ursächlichem Objekt abhängig werden, weil 
jene erst aus dem Bestände der Zustände der Objekte ableit- 
bar wäre, diese aber schon die Voraussetzung für die Objek- 
tivität der Zustände ist. In der Tat bleibt fttr die logische 
Betrachtung, wenn anders sowohl die Voraussetzung, dals erst 
durch die kausale Erkenntnisweise des Verstandes die snb- 
jektiFcn Empfindungen zu objektiver Anschauung werden, 
als auch die, dafs die Kausalität lediglich fttr die Zu- 
stände der Objekte Geltung habe, bestehen bleiben soll, nnr 
die Möglichkeit ttbrig, die Geltung der Kausalität der Objekte 
untereinander der der Kausalität zwischen Empfindung und 
entsprechendem ursächlichen Objekt in dem dargelegten Sinne 
unterzuordnen.!) 

Auch in diesem Sinne aber finden wir nirgends bei 
Schopenhauer einen Ansatz der Gedankenfllhrnng. Auch die 
oben genannte Stelle über «die Folge der Einwirkung jedes 
anderen Objekts auf ein anderes '' enthält weder eine Hand- 
habe für unseren Deutungsversuch, noch überhaupt einen 
Ableitungsgrund fttr die Kausalität der Objekte untereinander, 
sondern lediglich fttr ihre Sukzession unter der Voraussetzung 
ihrer Objektivität 

Beide Arten der Kausalbeziehung werden vielmehr in der 
Mehrzahl der Fälle, wo sie zur Sprache kommen, ungesehen 
koordiniert, ja als gradweise verschieden dargestellt, so z. B. 
wenn es heifst: „Die eigentliche, lebendige, unvermittelte, not- 
wendige Erkenntnis des Gesetzes der Kausalität geht aller 
Reflexion, wie aller Erfahrung, vorher und liegt im Verstände. 
Mittelst derselben werden die Empfindungen des Leibes der 
Ausgangspunkt für die Anschauung einer Welt, indem nämlich 
das a priori uns bewufste Gesetz der Kausalität angewandt 
wird auf das Verhältnis des unmittelbaren Objekts (des Leibes) 
zu den anderen nur mittelbaren Objekten : die Erkenntnis des- 
selben Gesetzes, angewandt auf die mittelbaren Objekte allein 
und untereinander, gibt ... die Klugheit ^^) Femer: .der 

*) Sieh die auf dieselbe Ansicht zielenden AosfUbrungen von Edmand 
EOnig, „Die Entwicklung des Kausalproblems in der Philosophie seit 
Kant«, Leipzig 1890, II. Teil S. 68. 

«) VI, 22. 



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121 

Verstand ist in allen Tieren and allen Mensehen der uämliebe, 
hat überall dieselbe einfache Form; Erkenntnis der Eansalität, 
Übergang von Wirkung anf Ursache nnd von Ursache anf 
Wirkung, nnd nichts anfserdem. Aber die Grade seiner Schärfe 
und die Ansdehnang seiner Erkenntnissphäre sind höchst 
verschieden, mannigfaltig und vielfach abgestuft, vom niedrigsten 
Grad, welcher nur das Kausalitätsverhältnis zwischen dem 
unmittelbaren Objekt und den mittelbaren erkennt, also eben 
hinreicht, durch den Übergang von der Einwirkung, welche 
der Leib erleidet, auf deren Ursache, diese als Objekt im Räume 
anzuschauen, bis zu den höheren Graden der Erkenntnis des 
kausalen Zusammenhanges der blofs mittelbaren Objekte unter- 
einander, welche bis zum Verstehen der zusammengesetztesten 
Verkettungen von Ursachen und Wirkungen in der Natur geht/'^) 

Den Grund für die hier stattfindende Koordination, die 
freilich die tatsächlich zugrundeliegende Subordination nur 
scheinbar zu verdecken vermag, haben wir in der bereits 
früher aufgewiesenen Ineinssetzung von Empfindung und un- 
mittelbarem Objekt zu suchen, eine Ineinsetznng, die sich uns 
zwar als eine metaphysisch verständliche, aber psychologisch 
unmögliche erwies^ nnd die deshalb auch zu einer unzuläng- 
lichen Beantwortung der erkenntnistheoretischen Frage nach 
der objektiven Gültigkeit unseres empirisch anschauenden Vor- 
Btellens führt Wir fanden nämlich, dafs unter Voraussetzung 
dieser Ineinssetzung die Beziehung zwischen Empfindung in uns 
und Objekt anfser uns zu einer Beziehung zwischen unmittel- 
barem nnd vermitteltem Objekt und damit zu einer zwischen 
Objekten stattfindenden kausalen Beziehung wird. Damit wird 
diese der kausalen Beziehung der vermittelten Objekte unter- 
einander formal koordiniert. Gleichwohl haben wir auf Grund 
des Dargelegten das Becht zu der Behauptung, daTs die 
Geltung letzterer Art der Kausalbeziehung, im Gegensatz zu 
der unmittelbaren Ableitung bei Kant, bei Schopenhauer tat- 
sächlich erst eine mittelbar abgeleitete ist. 

Hit diesem hängt ein anderer Unterschied der Lehren 
beider zusammen. Der empirische Unterscheidungsgrund einer 
objektiven Folge von Vorstellungen von einer blofs subjektiven 



») I. 54, 55. 

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122 

ist bei Kant die Nichtumkebrbarkeit jener. Diese ist nar denk- 
bar unter der Voraussetzung der kausalen Bedingtheit der ob- 
jektiven Folge. Wir fanden, dafs eine nicht umkehrbare Folge 
von Wahrnehmungen nicht notwendig eine unmittelbar kansal 
verknüpfte Folge zu sein brauche. Es erhebt sich da die 
Frage, wie wir nach Kant eine unmittelbar kansal verknüpfte 
Folge von Wahrnehmungen von einer solchen objektiven Folge 
von Wahrnehmungen unterscheiden können, deren Glieder 
zwar jeweils irgendwie kausal bedingt, deren Ursachen aber 
nicht gerade in der Reihe der Wahrnehmungen gegeben sind. 
Zum Zwecke dieser Unterscheidung bedarf es offenbar eines 
empirischen Kriteriums, da es sich ja um die Unterscheidong 
empirischer Tatsachen handelt „Das einzige empirische 
Kriterium der Wirkung in Beziehung auf die Kausalität der 
Ursache, die vorhergeht^, ist nach Kant «die Zeitfolge*.^) 
Hiergegen nun macht Schopenhauer folgendes geltend: „Wie 
läfst sich Kants Behauptung, dafs Objektivität der Sukzession 
allein erkannt werde, aus der Notwendigkeit der Folge 
von Wirkung auf Ursache, vereinigen mit jener, dafs das 
empirische Kriterium, welcher von zwei Zuständen Ursache 
und Wirkung sei, blofs die Sukzession sei? Wer sieht hier 
nicht den offenbarsten Zirkel?*^ 2) Iq der Tat, auch die 
Einschränkung, die wir an der Kritik, die Schopenhauer an 
Kant ttbt, dahin vorzunehmen hatten, dafs für Kant sehr 
wohl auch eine in der Wahrnehmung gegebene nicht umkehr- 
bare Folge von Zuständen möglich bleibt, die zwar jeder für 
sich kausal bedingt, aber nicht unmittelbar untereinander 
kansal verbunden sind, ist nicht geeignet, die von Schopen- 
hauer berührte Unzulänglichkeit im Gedankengange Kants zu 
beseitigen; denn anch die Frage, welches der empirische Unter- 
scheidnngsgrund einer zwar nicht umkehrbaren und deshalb 
objektiven Folge von Wahrnehmungen, deren Ursachen in der 
Wahrnehmung aber nicht gegeben sind, von einer unmittelbar 
kausal verknüpften Folge von Wahrnehmungen sei, kann durch 
den Rekurs auf die Zeitfolge nicht gelöst werden. 

Wir stehen aber in der Lehre Schopenhauers ganz analogen 
Schwierigkeiten gegenüber. Es erhebt sich zunächst die Frage, 



^) Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage S. 249. •) III, 108, 

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123 

was für Schopenhauer den empirischen Unterscheidungsgrand 
einer blofs sabjektiFen etwa erinnerten oder phantasiemäfsigen 
anscbanlichen Vorstellang von einer solchen, vorerst gleichfalls 
blofg subjektiven Vorstellung ist, die den Anlafs zu der denk- 
notwendigen Forderung eines ihr entsprechenden ursächlichen 
Objektes abgibt, ausmache. Die Koordination der beiden 
genannten Arten der Eausalbeziehung hat einen Gedanken- 
gang zur Folge, der auf den ersten Blick ganz analog der 
Ableitung der Apriorität des Kausalgesetzes bei Kant zu sein 
scheint Er heilst: „Nun aber erhält das Gesetz der Kausalität 
seine Bedeutung und Notwendigkeit allein dadurch, dafs das 
Wesen der Veränderung nicht im blofsen Wechsel der Zustände 
an sieh, sondern vielmehr darin besteht, dafs an demselben 
Ort im Baum jetzt ein Zustand ist, und darauf ein anderer, 
nnd zu einer und derselben bestimmten Zeit hier dieser Zustand 
und dort jener: nur diese gegenseitige Beschränkung der Zeit und 
des Baumes durcheinander gibt einer Regel, nach der die Ver- 
änderung vorgehen mufs, Bedeutung und zugleich Notwendig- 
keit **>) Ausführlicher noch finden wir diesen Gedanken in 
der «Theorie des gesamten Vorstellens, Denkens und Erkennens* 
entwickelt, wo es ttberdies noch heifst: „Der Gehalt dieser 
Formen (Raum und Zeit) ist das, was der Empfindung in uns 
korrespondiert, was eigentlich in Raum und Zeit wahrgenommen 
wird, mittelst der äufseren Sinne, die Materie, . . . nur als er- 
füllt sind sie wahrnehmbar. Die Materie ist also die Wahr- 
nehmbarkeit des Raumes und der Zeit, und zwar beider zugleich; 
denn sie erfttllt beide zugleich, gibt beiden zugleich Gehalt^^) 
„Die Vereinigung dieser Formen kann nur dadurch erscheinen, 
dafs ein Drittes sie beide zugleich füllt, eben dadurch, daTs 
es in einer ist, auch in der anderen ist, und wesentlich und 
untrennbar die Eigenschaften beider an sich trage, beharrlich 
und ohne Veränderung sei, wie der blofse Raum, flüchtig, 
veränderlich und bestandlos wie die blofse Zeit Dieses Dritte 
ist nun die Materie.* ^) „Weil aber jeder Raum und Zeit be- 
stimmte individuelle Teile des ganzen Raumes und der ganzen 

') I, 41. 

*) Arthur Schopenhauers sämtliche Werke, herausgegeben von Paul 
Dnuen IX. Band. S. 146 Z. 14-22. 
>) a. a. 0. S. 147 Z. 25-81. 



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124 

Zeit Bind, so ist hieraus die Notwendigkeit vorherzusehen, dafs 
es ein Gesetz, eine Regel geben müsse, welcher gemäfs gerade 
dieser Teil des ganzen Raumes mit gerade diesem Teil der 
ganzen Zeit sieh in einer bestimmten individuellen Materie 
vereinigt, die eben in dieser Vereinigung ihr Wesen bat'^) 
.Diese Regel ist das Gesetz der Kausalität." ^) „Die Erscheinung 
jener ansehauliehen Vorstellungen, welche man reale Objekte 
nennt, steht unter einem Gesetze, welches alle jene realen Ob- 
jekte miteinander verknüpft, und der dadurch entstehende Zu- 
sammenhang macht eben das aus, was man die Erfahrung 
überhaupt nennt, eine Gesamtvorstellung, von der jede einzelne 
Erfahrung, jedes einzelne Objekt, ein notwendiger, damit 
verknüpfter Teil ist.* 3) Das Analoge des Gedankenganges zum 
Beweise Kants für die Apriorität des Kausalgesetzes liegt darin, 
dals auch hier die Abhängigkeit der Erfahrung von dem 
Postulat der kausalen Bedingtheit des Zusammenhanges alles 
raumzeitlichen Erfahrbaren dargetan wird. Die eindeutige Zu- 
ordnung je einer bestimmten Sinnesqualität zu je einem Teil 
des Raumes und je einem Teil der Zeit ist der Sinn dieser 
kausalen Bedingtheit. Indes kann daraus der gesuchte Unter- 
sehiedsgrund nicht fliefsen; denn die raumzeitliche Beziehung 
der Sinnesempfindung ist für Schopenhauer nicht der Grund 
für die Beziehung derselben auf ein Objekt, sondern ein 
Sekundäres, das zu der schon objektivierten, weil auf ein 
ursächliches Objekt schon bezogene Empfindung allererst hin- 
zukommt. 

Der Unterscheidungsgrund der objektivierbaren von den 
nicht objektivierbaren Vorstellungen ist für Schopenhauer viel- 
mehr lediglich in dem Bewnistsein der Affektion des Sinnes- 
organes, das die von einem Objekte au&er uns verursachte 
Empfindung begleitet, gegeben. Dies fliefst aus seiner Lehre 
vom Zustandekommen der empirischen Anschauung ohne 
weiteres ab, und wird u. a. durch folgende folgerichtige Be- 
merkung bestätigt: ,Im Schlafe, als in welchem das Gehirn 
vom peripherischen Nervensystem und dadurch von äuüseren 
Eindrücken isoliert ist, können wir jene Unterscheidung 



») a. a.O. S. 148 Z. 29— 35. 

•) a. a. 0. S. 149 Z. 17—18. •) a. a. 0. S. 153 Z. 22—28. 



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125 

(zwischen Objekten nnd PhanfasmeD) nicht machen, daher wir, 
während wir träamen, Phantasmen fflr reale Objekte halten 
nnd erst beim Erwachen d. h. beim Wiedereintritt der sen- 
siblen Nerven und dadurch der Anfsenwelt ins Bewafstsein, 
den Irrtum erkennen * i) 

Auch wenn wir einmal die Identität von Empfindung 
und physiologischer Erregung im Sinnesorgan in dem Sinne 
als psychologische gelten lassen, dafs wir statt letzterer 
den korrespondierenden, im Selbstbewufstsein irgendwie, etwa 
nach Analogie zum Erkennenwollen, gegebenen metaphysischen 
Willen setzen, gelangen wir nicht zu dem Kriterium, das 
wir suchen; denn alsdann müfste die Wirkung, die in der 
Empfindung erfolgt, auf den Willen als Ding an sich bezogen 
werden, was nach Schopenhauers Lehre nicht angängig ist 

Endlich kann auch eine eigentümliche Wendung in den 
Parerga und Paralipomena, die auf den ersten Blick ein psycho- 
logisches Kriterium für das Objektivierbare an die Hand gibt, 
keine Hilfe bieten. Sie lautet: „Sobald nun aber der Intellekt, 
mittelst dieser Formen [Zeit, Baum und Kausalität] und in 
ihnen, einen, stets nur von der Sinnesempfindung ausgehenden 
realen Gehalt, d. h. etwas von seinen eigenen Erkenntnisformen 
Unabhängiges spttrt, welches nicht im Wirken überhaupt, 
sondern in einer bestimmten Wirkungsart sich kundgibt, so ist 
es dies, was er als Körper . . . setzt.^^) Auch diese Unab- 
hängigkeit von den Erkenntnisformen unterscheidet die Sinnes- 
empfindnngen nicht yon anderen materialen Bewnlstseins- 
inhalten, etwa ErinnerungsForstellungen, abgesehen noch von 
der Schwierigkeit, dafs diese Unabhängigkeit als eine kausale 
gedacht werden mufs, demnach nicht als Voraussetzung für 
die kausale Deutung der Sinnesempfindungen gelten kann. 

Wenn wir aber auch ein, wenngleich unzureichendes 
empirisches Kriterium für das, was Wirkung in uns von einer 
Ursache aufser uns ist, im Zusammenhange der Lehre Schopen- 
hauers haben aufweisen können, so stehen wir nun doch, 
ähnlich wie bei Kant, vor der Frage nach dem Unter- 
scheidungsgmnd einer objektivierten Folge von Wahrnehmungen, 
die lediglich ein „Folgen'^ von einer solchen, die ein „Erfolgen*^ 

>} III, 105, 106. 3) V, 119. 

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126 

darstellt. Diese Frage aber wird aach von Schopenhauer nicht 
gelöst; denn dafs der Verstand auch hier, in analoger Weise 
wie bei dem Übergang yon der Sinnesempfindnng zu ihrer 
Ursache anfser uns, intuitiv die Ursachen erkenne, ist, da er 
hierbei, wie wir bei der Besprechung der Mittelbarkeit der 
'Kausalität der Objekte untereinander fanden, keinen analogen 
Anhaltspunkt mehr in den Wirkungen hat, nicht mehr ver- 
ständlich. 

Die Schopenhauer eigentümliche Ineinssetzung der Emp- 
findung mit der physiologischen Erregung im Sinnesorgan, in 
der älteren Fassung mit dem unmittelbaren Objekt, macht 
auch die Kritik, die er an den von Kant im Znsammen- 
hange seines Beweises für die Apriorität des Kausalgesetzes 
benutzten Beispielen des Hauses und des den Flnfs hinab- 
fahrenden Schiffes ttbt, historisch verständlich. Gegen diese 
macht er den Einwand, „dafs beide Fälle gar nicht unter- 
schieden sind, dafs beides Begebenheiten sind, deren Erkenntnis 
objektiv ist, d. h. eine Erkenntnis von Veränderungen realer 
Objekte, die als solche vom Subjekt erkannt werden. Beides 
sind Veränderungen der Lage zweier Körper gegeneinander. 
Im ersten Falle ist einer dieser Körper der eigene Leib des 
Betrachters, und zwar nur ein Teil desselben, nämlich das 
Auge, und der andere ist das Haus, gegen dessen Teile die 
Lage des Auges sukzessive geändert wird. Im zweiten Fall 
ändert das Schiff seine Lage gegen den Strom, also ist die Ver- 
änderung zwischen zwei Körpern". i) Es ist kaum anzunehmen, 
dafs es Schopenhauer entgangen sei, dafs auch die Bewegung 
des Schiffes eine Veränderung gegen den Leib des Betrachters 
bedeute und auch in diesem Sinne dem ersten Falle koordiniert 
sei. Was ihm als wesentlich zu betonen gilt, ist vielmehr, 
dafs zwar, entgegen dem zweiten, im ersten Falle „die Ver- 
änderung ausgeht vom eigenen Leib des Beobachters*, dafs 
aber, weil auch dieser Leib „ein Objekt unter Objekten, 
mithin den Gesetzen dieser objektiven Körperwelt unterworfen 
ist", beide Fälle „Begebenheiten sind, deren Erkenntnis ob- 
jektiv ist«.«) 



111, 103. 
«) III, 103. 



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127 

Dafs diese Bemerknogen Sehopenhaners, für sich genommen 
za Beeht bestehen, kann keinem Zweifel unterliegen. Nnr treffen 
sie nicht die Lehrmeinung Kants über die Apriorität des Kausal- 
gesetzes, sondern lediglich die Unzulänglichkeit der von ihm 
benutzten Beispiele, die darin liegt, dafs allerdings unserem 
entwickelten Bewufstsein der eigene Leib schon als reales 
Objekt bekannt ist, und wir infolgedessen das Kausalverhältnis, 
io dem derselbe zu anderen realen Objekten steht, a posteriori 
beurteilen können. Irreftthrend ist in dem Beispiele des Hauses 
zudem, dafs hier die Willkttrlichkeit der subjektiven Folge der 
Vorstellungen an der Konstanz der Bestandteile des Hauses 
gemessen wird. Die Beispiele Kants können indes ihren ver* 
aDschaulichenden Zweck zur Not erfüllen, wenn wir in ihnen 
lediglich auf den Gegensatz der nicht umkehrbaren Folge der 
änlseren Objekte zu der willkürlichen unserer Vorstellungen 
achten. 

Die kritischen Ausführungen Schopenhauers haben jedoch 
in dem Zusammenhange seiner Lehre eine schwererwiegende 
Bedeutung. Diese liegt wiederum in der Ineinssetzung des 
Leibes als des „unmittelbaren Objektes*', und der Empfindung, 
die sich uns als ein Unterfliefsen eines metaphysisch Identischen 
als eines psychologisch Gleichbedeutenden und als die Grundlage 
der widerspruchsvollen Koordination der kausalen Beziehung 
des «unmittelbaren Objektes' zu den vermittelten Objekten 
nnd der dieser untereinander erwies. Im Sinne dieser Voraus- 
setzung heifst es bei Schopenhauer: , Kant würde auch in dem 
von ihm aufgestellten Fall nicht geglaubt haben, einen Unter- 
schied zu finden, hätte er bedacht, dafs sein Leib ein Objekt 
unter Objekten ist und dafs die Sukzession seiner empirischen 
Anschauungen abhängt von der Sukzession der Einwirkungen 
anderer Objekte auf seinen Leib, folglich eine objektive ist, 
d. h. unter Objekten, unmittelbar (wenn auch nicht mittelbar), 
unabhängig von der Willkür des Subjektes, statt hat, folglich 
sehr wohl erkannt werden kann, ohne dafs die sukzessive auf 
seinen Leib einwirkenden Objekte in einer Kausalverbindung 
untereinander stehen ^,1) unmittelbar, d.h. nicht durch Ver- 
mittlung der Erkenntnis einer Notwendigkeit in der Folge 



») nr, 104. 

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128 

empirischer Objekte nntereiaander, sondern lediglieli durch den 
Kaasalschlufs von der Empfindung, als der Einwirkung auf 
das ,, unmittelbare Objekt*, auf die reale Ursache dieser 
Wirkung im Baume aufser uns. 

Die kausale Beziehung der Objekte aufserhalb unseres 
Leibes auf diesen ist nun zwar, obgleich das fUr den Sinn 
der angeführten Beispiele Kants nicht in Betracht kommt, 
in der Konsequenz der Gedanken Kants eine der kausalen 
Beziehung der Objekte aufser unserem Leibe untereinander 
koordinierte, in demselben Sinn, der für Schopenhauer gilt, 
wenn der Leib lediglich als Objekt in der uneingeschränkten 
Bedeutung genommen wird. In den genannten Ausführungen 
Schopenhauers aber ist die kausale Beziehung des Leibes zu 
den Objekten aufser uns der dieser untereinander tatsächlich 
wiederum ttbergeordnet Die Doppeldeutigkeit des „unmittel- 
baren Objekts^, derznfolge Schopenhauer sagen kann: ,die 
Veränderungen, welche jeder tierische Leib erfährt, werden 
unmittelbar erkannt, d.h. empfunden ^,i) macht die formale 
Koordination des Übergeordneten auch hier verständlich. Nur 
deshalb also gelten ihm die von Kant angeführten Fälle als 
nicht yerschieden, weil die kausale BeziehuDg des unmittel- 
baren Objekts zu dem yermittelten als eine der dieser unter- 
einander koordinierte dabei unterfliefst 

Das ändert sieh auch dann nicht, wenn wir berttcksichtigen, 
dafs Schopenhauer in seinen späteren Werken den Ausdruck 
,1 unmittelbares Objekt*^ restringiert oder durch andere Aus- 
drücke ersetzt, dafs er insbesondere in der in § 23 der zweiten 
Auflage des Satzes vom Grunde enthalteneo .Bestreitung des 
von Kant aufgestellten Beweises der Apriorität des Kausalitäts- 
begriffes ", die in allem Wesentlichen, ja fast wörtlich mit der 
in § 24 der ersten Auflage gegebenen , Bestreitung von Kants 
Beweis dieses Satzes und Aufstellung eines neuen, im gleichen 
Sinne abgefalBten", übereinstimmt, der Ausdruck .unmittelbares 
Objekt* z.B. so vermieden wird, dafs statt des Satzes der 
ersten Auflage: «Der einzige Unterschied (der Beispiele Kants) 
ist, dafs im ersten Falle die Veränderung zwischen dem 
unmittelbaren und einem yermittelten, im zweiten zwischen 



')I,43. 

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129 

zwei yermittelten Objekten ist",^) in der zweiten Auflage der 
Satz tritt: „ . . . dafs im ersten Falle die Veränderung ausgeht 
vom eigenen Leibe des Beobachters, dessen Empfindungen zwar 
der Ausgangspunkt aller Wahrnehmungen desselben sind, der 
jedoch nichtsdestoweniger ein Objekt unter Objekten, mithin 
den Gesetzen dieser objektiven Körperwelt unterworfen ist." 2) 
Die Vermeidung dieses Ausdruckes ändert deshalb nichts an 
unserer Erklärung, weil sie nicht die tatsächlich bestehen- 
bleibende und im psychologischen Sinne Anspruch behaltende 
Ineinssetzung von Empfindung und physiologischer Erregung 
im Sinnesorgan aufhebt. 

Materie. 

Als letzter Punkt des Vergleiches bleibt uns noch das 
Verhältnis der Lehre Schopenhauers yon der Materie zu den 
Gedanken Kants einer Betrachtung zu unterziehen ttbrig. 

Wir fanden, dafs die Materie bei Schopenhauer in ihrem 
Begriff die Beziehungen des Baumes und der Zeit vereinigt, 
dafs das beide vereinigende Begriffsmerkmal die Wirksamkeit 
und in dieser die Bestimmung der objektiven Grundlage alles 
realen Seins mitgedacht ist 

Zwei wesentliche Bestimmungen in der Definition der Materie 
bei Schopenhauer vertragen eine Analogie zu Gedanken Kants, 
fürs erste in der Tat die der Beharrlichkeit der Materie dort 
zu der der Beharrlichkeit der Substanz hier. „Das Beharrliche, 
erklärt Kant, womit im Verhältnis alle Zeitverhältnisse der 
Erscheinungen allein bestimmt werden können, ist die Substanz 
in der Erscheinung, d. i. das Reale derselben, was als Substrat 
alles Wechsels immer dasselbe bleibt." ^^ Auch darin stimmt 
Schopenhauer mit Kant ttberein, dafs die Substanz das Be- 
harrende im Wechsel seiner Zustände sei; denn auch fbr 
Kant gilt: „Entstehen und Vergehen sind nicht Veränderungen 
desjenigen, was entsteht und vergeht. Veränderung ist eine 
Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren 



^) 1. Auflage des Satzes vom Grunde S. 48, 49. 

») m, 103. 

*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 225. 

PhUotophiache Abhtodlungtn. XLll. 9 



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180 

ebendesselben Gegenstandes erfolgt Daher ist alles, was sich 
verändert, bleibend, and nar sein Zastand weebselt.*^) 

Die Bebarrlichkeit bei Kant anterscbeidet sich von der 
bei Schopenhaaer aber darin, dafs jene im weiteren Sinne 
genommen wird. Jene nämlich wird als Zeitbestimmang über- 
haupt gedacht, während diese als ranmzeitliche Bestimmung 
determiniert ist. Diese Abweichung beleuchtet Schopenhauer, 
wenn er sagt: „Es ist falsch, dafs es in der blofsen Zeit eine 
Simultaneität und eine Dauer gebe; diese Vorstellungen gehen 
allererst hervor aus der Vereinigung des Raumes mit der Zeif^') 
Es liegt auf der Hand, dafs ihm dabei nur das Zngleichsein 
und die Dauer der Gegenstände der äufseren Wahrnehmung 
vorsehwebt. Ein Zugleichsein des in der inneren Wahrnehmung 
Gegebenen kommt infolgedessen für ihn nicht in Betracht 
Dafs die Tatsache des Zugleichseins des in der Selbstwahr- 
nehmung Gegebenen von Schopenhauer nicht beachtet wurde, 
ist vielleicht darin mitbegrttndet, dafs für ihn „der alleinige 
Gegenstand des inneren Sinnes der eigene Wille des Er- 
kennenden" ') ist Die im Selbstbewufstsein gegebenen Äufse- 
rungen des Willens können zwar auch nur in der Form der 
Zeit erkannt werden,^) doch scheint es, dafs die Einfachheit 
des Willens ein Zugleichsein verschiedener Äufserungen des- 
selben ausschliefst. Die Mannigfaltigkeit der Motive steht dem 
nicht entgegen; denn „die Objekte des WoUens, welche eben den 
Willensakt bestimmen, liegen aufserhalb der Grenze des Selbst- 
bewufstseins im Bewufstsein von anderen Dingen^. ^) Indessen 
tritt auch schon in der ersten Auflage des Satzes vom Grunde, 
in der der innere Sinn noch die weitere, Kantische Bedeutung 
hat, die Behauptung auf, dafs diesem ,nur eine deutliche Vor- 
stellung, wiewohl diese sehr zusammengesetzt sein kann, auf 
einmal gegenwärtig sein kann".*) Diese Lehrmeinung geht 
vermutlich auf Kant zurück, der sagt: „Jede Anschauung 
enthält ein Mannigfaltiges in sich, welches doch nicht als 
ein solches vorgestellt werden würde, wenn das Gemüt nicht 

>) Ebenda S. 230. 

>) I, 601. 

») 11,47. Olli 47. 

») m, 396. 

*) 1. Auflage des Sateea Tom Grunde S. 82. 



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131 

die Zeit in der Folge der Eindrücke aufeinander anter- 
schiede; denn als in einem Augenblick enthalten, kann jede 
Yorstellong niemals etwas anderes als absolute Einheit sein.'^i) 
Kant aber spricht auch dem im inneren Sinne Angeschauten 
Gleichzeitigkeit zu.^) Das Problem der Gleichzeitigkeit des 
dem inneren Sinne in der späteren engeren Bedeutung 
Gegebenen ist von Schopenhauer nicht ausdrücklich auf- 
geworfen worden. 

Die Beharrlichkeit der Materie bei Schopenhauer unter- 
scheidet sich von der Substanz bei Kant zweitens darin, dafs 
sie nicht als das Substratum der Zeit, sondern des Raumes 
abgeleitet wird« „Aus dem Anteil also,^^ sagt Schopenhauer, 
„den der Baum an der Materie, d. i. an allen Erscheinungen 
der Wirklichkeit hat, .... mufste jener Grundsatz von der Be- 
hanlichkeit der Substanz . . . abgeleitet und erklärt werden, 
nicht aber aus der bloüsen Zeit, welcher Kant zu diesem Zweck 
ganz widersinnig ein Bleiben angedichtet hat"') 

Ein dritter Unterschied der Beharrlichkeit der Materie bei 
Schopenhauer yon der bei Kant ist darin gegeben, dafs sie 
bei jenem aus der Kausalität abgeleitet wird. 

Dieses Merkmal aber hat ein Analogon in einem anderen 
Pankte der Lehre Kants. Wir fanden, dafs bei Schopenhauer 
der Gedanke, dafs die Materie das Wirkende überhaupt sei, 
eine engere und eine weitere Bedeutung habe. In jener ist das 
Sein der Materie ihr Wirken auf uns, in dieser ist sie der 
Inbegriff alles Wirkenden und deshalb die „keinem Werden und 
Vergehen unterworfene, mithin immer gewesene, immer bleibende 
Grundlage aller Dinge". <) Die Ableitung letzterer Bedeutung 
kann nun in Analogie gesetzt werden zu den Ausführungen Kants 
über das empirische Kriterium einer Substanz, sofern sie sich 
nicht durch die Beharrlichkeit, sondern besser und leichter 
durch Handlung zu offenbaren scheint^) „Handlung" sagt 
Kant, „bedeutet schon das Verhältnis des Subjekts der Kausalität 
zur Wirkung. Weil nun alle Wirkung in dem besteht, was da 

1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 99. 

*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 67. 

•) 1,602 f. 

*) 1, 602. Sieh S. 49 dieser Schrift. 

^) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 249. 

9* 



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132 

geschieht, mithin im Wandelbaren, was die Zeit der Snkzession 
nach bezeichnet, so ist das letzte Sabjekt desselben das Beharrliche 
als das Siibstratnm alles Wechselnden, d.i. die Substanz.'' >) Die 
Geltang dieses Eriteriums ist innerhalb seines Anwendangs- 
bereiches eine apodiktische, weil sein Inhalt aus einer a priori 
gewissen Voranssetzang abgeleitet ist; «denn nach dem Grand- 
satze der Eaasalität sind Handlangen immer der erste Grand 
von allem Wechsel der Erscheinungen and können also nicht 
in einem Sabjekt liegen, was selbst wechselt, weil sonst andere 
Handlangen and ein anderes Sabjekt, welches diesen Wechsel 
bestimmte^ erforderlich wären ''.^) Als a priori abgeleiteter 
bildet der hier geltende Begriff der Handlang eines der Pi^- 
dikabilien des reinen Verstandes,^) and zwar ein solches, das 
der Kategorie der Eaasalität untergeordnet ist. Es liegt ihm 
der Gedanke unter, dafs die Kausalität immer nur in Beziehung 
auf eine Zustandsänderung Erkenntniswert habe, der Inbegriff 
aller Zustandsänderungen also auch den Inbegriff alles Wirk- 
samen im Felde der Erscheinungen umfasse. Empirisch ist 
dieses Kriterium im Gegensatze zu dem apriorischen Grunde, 
aus dem die Beharrlichkeit der Substanz nach der ersten 
Analogie flierst,^) empirisch also in einem engeren Sinne als 
er für den empirischen im Gegensatz zum transzendentalen 
Yerstandesgebrauch gilt, wenn es ron den Analogien überhaupt 
heilst, dafs sie als Grundsätze nur des ersteren, nicht des 
letzteren ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit haben. ^) In 
einem weiteren Sinne aber ist es empirisch wie der Inbegriff 
der in den Einzelwissenschaften gewonnenen Eonstanten des 
kausalen Geschehens, deshalb nämlich, weil diese aus dem 
empirischen Inhalt des regelmäfsig Aufeinanderfolgenden in- 
duktiv gewonnen sind, während jenes „empirische Eriterium*' 
a priori für jedes mögliche kausale Geschehen gilt Das 
genannte Eriterium ist, so dürfen wir interpretierend sagen, 
deshalb für Eant empirisch, weil der Umfang seines Geltungs- 
bereiches ein nur empirisch bestimmbarer ist Es reicht nämlich 

Ebenda 250. 
>) Ebenda S. 250. 
') Ebenda S. 108. 
*) Ebenda S. 282. 
>) Ebenda S. 223. 



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133 

nar bo weit, als die Tatsache des Wandelbaren in der Erscheinung 
reicht, im Gegensatz zum Grundsatze der Beharrlichkeit der 
Substanz, der jede mögliche Erfahrung umfafst. Weil es die 
nach dem Grundsatze der Kausalität schon objektivierte Mannig- 
faltigkeit des Wandelbaren der Erscheinung zur Voraussetzung 
flir seine Anwendbarkeit hat, ist die durch es erschlossene 
Beharrlichkeit der Substanz als erst „ durch verglichene Wahr- 
nehmung ",1) der Umfang dessen, wofttr es, obzwar a priori, 
gilt, also erst durch Induktion gewonnen zu bezeichnen. Das 
Kriterium gewährleistet daher, so haben wir zu folgein, nur 
die Beharrlichkeit der Substanz des Wechselnden, nicht also 
auch des in seinem Zustand Verharrenden, zum mindesten also 
auch nicht des Koexistierenden. In diesem Sinne ist der 
Sehlnfs. . dafs das erste Subjekt der Kausalität alles Entstehens 
und Vergehens selbst nicht (im Feld der Erscheinungen) ent- 
stehen und vergehen könne, ein sicherer Schlufs, der auf 
empirische Notwendigkeit und Beharrlichkeit im Dasein, mithin 
aaf den Begriff einer Substanz als Erscheinung ausläuft ''.3) 
Das zu diesem Gedankengange Kants Analoge in der Lehre 
Schopenhauers von der Materie 3) liegt, von Schopenhauer in 
dieser historischen Beziehung nicht erkannt, in der Bestimmung 
der Materie als des Trägers aller Veränderungen, 4) der selbst 
von allem Entstehen und Vergehen ausgenommen ist.^) Beiden 
Theorien liegt der a priori geltende Gedanke zugrunde, dafs 
das, was als den Eintritt der Wirkung notwendig herbeiführend 
io der Ursache gedacht wird, als in der kausal verkntlpften 
Folge beharrend vorausgesetzt werden mttsse. Bei Schopenhauer 
ist dieser Ableitungsgrund in der Bestimmung der Materie als 
des Wirkenden überhaupt, das selbst der Kausalität nicht unter- 
worfen sei, gegeben. Während aber der Umfang des Geltungs- 
bereiches des genannten Kriteriums bei Kant ein nur empirisch 
bestimmbarer ist, tritt der entsprechende Ableitungsgrund bei 



2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 251. 

>) Ebenda S.251. 

*) Vgl. Ernst Laas, „Kants Analogien der Erfahrung^, Berlin 1876 
S. 148 f., wo das Verwandte der Lehre Schopenhauers von der Materie mit 
der Kants von dem empirischen Kriterium einer Substanz, allerdings nicht 
ganz zutreffend, berührt wird. 

*)ni,58. »)m,56. 



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134 

Sebopcnhaner als ein jede mögliche ErfabraDg a priori um- 
fassender anf. Nicht blofs als die beharrende Grundlage der 
Veränderungen, sondern als die „jeder Realität",^) „aller 
Dinge "2) wird die Materie aus dem genannten Grunde ab- 
geleitet. Sie wird also, so dürfen wir schliefsen, auch als die 
in ihrer Wirksamkeit beharrende Grundlage der im empirischen 
Sinne ruhenden Materie a priori gefolgert Als so selbstrer- 
ständlich gilt letztere in dieser Ableitung für Schopenhauer 
einbegriffen, dafs die Frage, in welchem Sinne dies geschehen 
dürfe, keine besondere Behandlung yon ihm erfahren hat, und 
dies, trotzdem die Kausalität bei ihm wie bei Kant in not- 
wendiger Beziehung zur Zeitfolge steht 

Die empirische Geltung, die Kant dem genannten Kriterium 
zuschreibt, hat Schopenhauer vielleicht im Auge gehabt, wenn 
er sagt: , Auch können wir die Überzeugung yon der Beharrlich- 
keit der Substanz gar nicht a posteriori erlangt haben, teils 
weil in den meisten Fällen der Tatbestand empirisch zu kon- 
statieren unmöglich ist, teils weil jede empirische, blofs durch 
Induktion gewonnene Erkenntnis nur approximative, folglich 
prekäre, nie unbedingte Gewifsheit hat*') 

Prüfen wir nun, in welchem Sinne der, empirisch betrachtet, 
ruhenden Materie ein in seiner Wirksamkeit Beharrendes im 
Zusammenhange der Lehre Schopenhauers zugrunde gelegt 
werden darf. 

Diesem Zwecke scheint vorerst die Lehre von den Natur- 
kräften eine Handhabe zu bieten. Von diesen sagt Schopen- 
hauer: »Die Naturkräfte hingegen, vermöge welcher alle Ur- 
sachen wirken, sind von allem Wechsel ausgenommen, daher 
in diesem Sinne aufser aller Zeit, eben deshalb aber stets und 
überall vorhanden, allgegenwärtig und unerschöpflich, immer 
bereit, sich zu äufsern, sobald nur am Leitfaden der Kausalität 
die Gelegenheit dazu eintritt." *) Es liegt nahe, auch der 
ruhenden Materie Natnrkräfte zuzuschreiben, vermöge deren 
sie wirksam werden kann. Die Definition der Materie als 
des Wirkenden überhaupt dürften wir dann vielleicht in dem 
weitesten Sinne nehmen, dafs sie auch das möglicherweise 



*) m, 99. «) I, 602. 

») m, 57. <) ni, 58. 



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135 

^rksame amfasse. Zur PrttAiDg dieser Dentang haben wir 
nun vorerst dasjenige Merkmal der Natarkräfte, das sieh uns 
als ein transzendentes erwies, i) als fUr unsere innerhalb der 
Welt der Vorstellnng sieh bewegende Frage ansgesehlossen zu 
bezeichnen. Es liegt in der Bestimmnng, dafs die Natnrkraft 
das sei, «was der Ursache die Fähigkeit zn wirken allererst 
erteilt *'.3) Ftlr das Gebiet der Vorstellnng aber erwies sich 
uns die Natnrkraft lediglich als ein darch Induktion gewonnenes 
Allgemeines, das aus den a posteriori gegebenen Momenten, die 
die einzelnen Ursachen als einzelne kennzeichnen, abstrahiert 
ist Wir müssen uns deshalb in unserem Deutungsversuch schon 
zu dem Schritt entschliefsen, Materie und Naturkraft nicht, 
wie es von Schopenhauer im Hinblick auf die transzendente 
Nebenbedeutung letzterer geschieht, zu koordinieren, sondern 
jener, als dem Wirkenden Überhaupt, diese als ein weniger 
Allgemeines zu den einzelnen Wirkungsarten unterzuordnen. 
Die ruhende Materie dürften wir dann als den Träger von 
Naturkräften im Sinne von möglichen Wirkungsweisen auf- 
fassen. Aber auch so löst sich unsere Frage noch nicht; denn 
die Naturkräfte sind durch Induktion gewonnen anzusehen. 
Ein apriorischer Beziehungsgrund aber ist es, den wir fttr die 
Einordnung auch der ruhenden Materie unter die Definition der 
Materie als des Wirkenden ttberhaupt suchen. 

Ein anderer, zu einem apriorischen Beziehungsgrund 
führender Weg der Erklärung scheint sich uns zu öffnen von 
der Lehre Schopenhauers von dem Gesetz der Trägheit aus. 
Dieses Gesetz stellt nämlich nach ihm eine notwendige Folge 
ans dem der Kausalität dar. .Das erstere (das Gesetz der Träg- 
heit) besagt, dafs jeder Zustand, mithin sowohl die Ruhe eines 
Korpers als auch seine Bewegung jeder Art, unverändert, unver- 
mindert, unvermehrt, fortdauern und selbst die endlose Zeit hin- 
durch anhalten müsse, wenn nicht eine Ursache hinzutritt, welche 
sie verändert oder aufhebt. "3) „Das Gesetz der Trägheit fliefst 
unmittelbar aus dem der Kausalität, ja ist eigentlich nur dessen 
Kehrseite: ,jede Veränderung wird durch eine Ursache herbei- 
geführt', sagt das Gesetz der Kausalität: ,wo keine Ursache 
hinzukommt, tritt keine Veränderung ein', sagt das Gesetz der 



S. 55 dieser SehrifL *) III, 58. >) III, 56. 

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136 

Trägheit. Daher würde eine Tatsache, die dem Gesetz der 
Trägheit widerspräche , geradezu anch dem der Eansalität, 
d. h. dem a priori Gewissen, widersprechen nnd uns eine Wirkung 
ohne Ursache zeigen.' i) Zwar geht das Gesetz der Trägheit 
lediglich auf Zustände, entsprechend dem der Kausalität, ent- 
gegen aber dem der Beharrlichkeit der Materie, das vielmehr 
auf das den Zuständen Zugrundeliegende geht, und bietet schon 
aus diesem Grunde unserem Deutungsversuch eine Schwierigkeit; 
trotzdem aber dürfte es den Keim zu einem Gedanken ent- 
halten, der alle Wahrscheinlichkeit fUr sich hat, unsere Frage 
zur Lösung zu bringen. Die reale Notwendigkeit nämlieh, die 
dem Beharren der ruhenden Materie — Beharren und Buhen 
vorerst im empirischen Sinne genommen — dadurch anhaftet, dafs 
sie von dem Nichteintreten einer eine Veränderung bewirkenden 
Ursache abhängig ist, legt die Auffassung nahe, dab dieses 
Beharren selbst den Charakter einer kausalen Notwendigkeit 
trage. In diesem Sinne können wir auch eine Ausführung in den 
Parerga und Paraligomena auffassen, die lautet: ,Die von Kant 
entdeckte Idealität der Zeit ist eigentlich schon in dem, der 
Mechanik angehörenden Gesetze der Trägheit enthalten. Denn 
was dieses besagt ist im Grunde, dafs die blolse Zeit keine 
physische Wirkung hervorzubringen vermag; daher sie, für sich 
und allein, an der Ruhe oder Bewegung eines Körpers nichts 
ändert. Schon hieraus ergibt sich, dafs sie kein physisch 
Reales, sondern ein transzendental Ideales sei ... denn 
wirksam sind allein die Ursachen im Verlaufe der Zeit, 
keineswegs er selbst . . . dementsprechend ist die sich 
uns vermittelst der Kette der Ursachen und Wirkungen dar- 
stellende Notwendigkeit alles Geschehenden, d. h. in der Zeit 
sukzessiv Eintretenden, blofs die Art, wie wir, unter der Form 
der Zeit, das einheitlich und unverändert Existierende wahr- 
nehmen, oder auch, sie ist die Unmöglichkeit, dafs das 
Existierende, obgleich es von uns heute als zukünftig, morgen 
als gegenwärtig, übermorgen als vergangen erkannt wird, nicht 
dennoch mit sich selbst identisch. Eins und unveränder- 
lich sei ''.2) Wir fanden oben, dafs die eindeutige Zuordnung je 



») III, 364. 

») V, 47 t. Die Sperrung findet sich nicht im Text. 



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137 

einer objektivierten Sinnesqaalität zn je einem Teil des Ranmes 
nnd je einem Teil der Zeit den Sinn der kausalen Bedingtheit 
des Zusammenhanges der Objekte untereinander ausmache. 
Hier sehen wir überdies, dafs der Sinn dieser Eindeutigkeit die 
kausal bedingte Identität des Eingeordneten sei. In dieser 
Allgemeinheit ist dies gleichbedeutend damit, dafs nicht nur 
in der Aufeinanderfolge, sondern auch in der Koexistenz der 
Zustände die Identität des Eingeordneten kausal bedingt sei. 
Eine Weehselwirkung des Koexistierenden würde der Sinn 
dieser kaasalen Notwendigkeit sein, so zwar, dafs sie entgegen 
Kant als eine Art der Kausalität überhaupt anzusehen wäre. 
Dieser zwar naheliegende, aber von Schopenhauer nicht 
Yollzogene Gedanke dürfte vielleicht zum Zweck einer Über- 
sicht über die Problemlage, in die unsere Frage eingebettet 
ist, etwas weiter von uns entwickelt werden. Nach Kant „kann 
das Zugleichsein der Substanzen im Baume nicht anders in 
der Erfahrung erkannt werden, als unter Voraussetzung einer 
Wechselwirkung derselben untereinander. * >) Nicht, dafs 
diese im Sinne Kants als eine selbstständige , Bedingung der 
Möglichkeit der Dinge selbst als Gegenstände der Erfahrung''^) 
za gelten habe, sondern vielmehr die über Kants Voraussetzung, 
hinausführende Annahme, die die Wechselwirkung als eine 
Art der Kausalität auffassen läfst,^) würde dem Gedanken 
Raum geben, auch auf jene das „empirische Kriterium" für 
die Beharrlichkeit der Substanz entsprechend anzuwenden. 
Würden wir freilich mit Kant den Grundsatz der Beharrlichkeit 
der Substanz voraussetzen dürfen, so wäre die Analogie unseres 
Gedankens müfsig. Diese Voraussetzung steht uns jedoch 
nicht zur Verfügung, weil wir in unserem Gedankengange 
lediglich vom Gesetze der Kausalität herkommen und zuzu- 
sehen haben, was es für das im empirischen Sinne Ko- 
existierende bedeute. Das Koexistierende nämlich ist, so setzen 
wir im Sinne Schopenhauers voraus, zwar seiner räumlichen 
Form nach a priori bestimmbar, jedoch als ein im Gegensatz 
zum Aufeinanderfolgenden stehender ein vorerst nur empirisch 



*) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 258. 
') Ebenda. 



') Benno Erdmann. Über Inhalt und Geltung des Kausalgesettes S.45. 

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138 

bestimmbarer Zustand der Objekte. Ob auch das ihm wie 
allem Realen Zagrnndeliegende, die Materie, beharre, ist eine 
zweite Frage, die es allererst ans dem Gesetze der Eansalitiit 
abzuleiten gilt. 

Wir müssen, um nieht weitläufig zu werden, in diesem 
Zusammenhange einen Versuch, den Gedankengang der dritten 
Analogie Kants im analogen Sinne der „zweiten Analogie^ 
auszubauen, sowie die Eonsequenzen, die sieh aus der Über- 
ordnung der Kausalität im weitesten Sinne ttber die an die 
Zeitfolge und an die Koexistenz gebundene Kausalität ergeben, 
zu ziehen unterdrücken; auch dürfen wir aufser aeht lassen, 
dafs bei einer solchen Betrachtungsweise Baum und Zeit 
als empirisch ableitbare, und durch ihre Mannigfaltigkeits- 
beziehungen unterscheidbare Begriffe aufgewiesen werden 
können. Hier haben wir nur das beschränkte Ziel, auf der 
Grundlage bestimmter Voraussetzungen Schopenhauers einen 
seinem eigenen analogen Gedankengang zu entwickeln; mit 
welchem Rechte, wird sich zwar noch erweisen. 

Im analogen Sinne, wie für die auf die Zeitfolge bezogene 
Kausalität, haben wir das Recht zu sagen, dafs nun nicht 
das Subjekt der Handlung als des «ersten Grundes von allem 
Wechsel der Erscheinungen '',1) sondern die Subjekte der im 
Koexistierenden waltenden Wirsamkeit, als der Ursachen der Ko- 
existenz der Erscheinungen, dem Wechsel nicht unterworfen sein 
können, weil sonst gleichfalls auch ein anderes wirksames Subjekt, 
welches den dann eintretenden Wechsel bestimmte, erforderlich 
wäre. In analoger Weise wie dort ein Wechsel des ursächlichen 
Subjekts sich nicht anders denkbar erwies, wie auf Grund eines 
Wechsels der Handlung, also einer Zustandsändernng des 
einmal gesetzten Zustandes, so haben wir fttr das Koexistierende 
zu sagen, dafs ein Wechsel der kausalen Subjekte der Koexistenz 
nicht anders denkbar wäre, als auf Grund einer Zustands- 
ändernng der Koexistenz der Erscheinungen. Nehmen wir 
nun fttr einen gegebenen Zeitabschnitt zu dem Inbegriff alles 
Wandelbaren, dessen letztes Subjekt sich als beharrlich erwies, 
den Inbegriff alles nicht wandelbaren Koexistierenden, dessen 
letztes Subjekt aus demselben Grunde beharrlich ist, so dürfen 



2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 250. 

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1Ö9 

wir folgern, dafs ancb dem Inbegriff allee Existierenden ein Be- 
Iiarrliches als letztes kausales Subjekt, d. i. als konstante kausale 
Bedingung zur Voraussetzung diene. Dieser Gedankengang wird 
der Forderung Scbopenbauers gerecht, dafs die Annahme einer 
Wirksamkeit des den Zuständen zugrunde Liegenden immer 
nur in Beziehung auf die kausale Bedingtheit dieser Zustände 
Geltung habe, in dem weiteren Sinne aber, dafs nicht lediglich 
die Veränderung der Zustände, sondern auch die Beharrlichkeit 
derselben als kausal bedingt aufgefafst wird. Die Beharrlich- 
keit auch des den ihren Zustand nicht ändernden, somit auch 
des den ruheuden Erscheinungen zugrunde Liegenden wäre 
so also als eine Konsequenz des erweiterten Kausalgesetzes 
abgeleitet und damit wäre in formaler Übereinstimmung mit 
dem Satze Schopenhauers, dafs die Materie das beharrende 
Wirksame sei, die Möglichkeit der Einordnung auch der im 
empirisehen Sinne ruhenden Materie unter diesen Satz ge- 
wonnen. 

Nicht nur, dafs Schopenhauer die Wechselwirkung als 
selbständige Kategorie ablehnt, als vielmehr die Gründe, aus 
denen dies geschieht, lassen jedoch auch unseren letzten Aus- 
gleiehsversuch scheitern. 

Mit Kant die gleiche Voraussetzung der Zeitfolge für 
das Verhältnis von Ursache und Wirkung machend, gelangt 
Schopenhauer nicht wie dieser, and nicht wie die Kant hierin 
folgenden Fichte, Schelling und Hegel zu einer kategorialen 
Trennung von Kausalität und Wechselwirkung, sondern zur 
Ablehnung letzterer als eines Ungedankens. , Kausalität*, 
80 sagt er, ,ist das Gesetz, nach welchem die eintretenden 
Zustände der Materie sich ihre Stelle in der Zeit bestimmen. . . . 
Der Begriff Wechselwirkung enthält aber dies, dafs beide 
Ursache nnd beide Wirkung voneinander sind: dies heifst aber 
ebensoviel, als dafs jeder von beiden der frühere und aber 
auch der spätere ist: also ein Ungedanke.*'^) Der Gedanke also 
auch, die Kausalität des gleichförmig Koexistierenden als eine 
Art der Kausalität aufzufassen, liegt Schopenhauer völlig fern. 

Ein anderer Grund also, als der auf der Wechselwirkung 
ruhende, wird es sein, der für Schopenhauer auch das gleich- 



») I, 586. 

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140 

förmig Koexistierende als in seiner Ableitung der Beharrlieli- 
keit einbegriffen sein läfst Dieser Grand, wenn anders die 
Kausalität an die Zeitfolge gebunden und die Weehselwirkung 
ausgeschlossen bleiben soll, ergibt sieh uns erst dann, wenn wir 
auch hier wieder die Gleiehordnung der kausalen Beziehung, 
die für die Veränderungen der yermittelten Objekte gilt, mit 
der kausalen Beziehung dieser zum „unmittelbaren" Objekt 
heranziehen. Damit nämlich wird aueh das Koexistierende als 
ein Wirkendes, nämlich ein auf uns Wirkendes, und deshalb 
das ihm zugrunde Liegende als ein beharrend Wirksames anf- 
fafsbar. DafUr sprechen alle diejenigen Ausführungen, die die 
Materie, weil sie die Wirksamkeit tlberhaupt sei, als das 
objektive Korrelat des kausal beziehenden Verstandes und 
deshalb nicht als einen Gegenstand, sondern die „Bedingung 
der Erfahrung" >) kennzeichnen. Wir fanden frtther,^) dals die 
erkenntnistheoretische Bestimmung der Materie als der Wirksam- 
keit auf uns bei Schopenhauer unbesehen in die logische des 
Inhalts dieses Begriffes als der Wirksamkeit überhaupt über- 
fliefst. Diese prinzipiell bedeutsame Unzulänglichkeit, die auf 
der nicht zu rechtfertigenden Koordination des unmittelbaren 
und der yermittelten Objekte beruht, macht sich auch bei 
unserer Prüfung des logischen Verhältnisses der ruhenden 
Materie zu dem Begriff der Materie als des Wirkenden über- 
haupt bemerkbar. Erst wenn wir mit Schopenhauer den Wechsel 
des Standpunktes, nun vom logischen zum erkenntnistheore- 
tischen zurück, vollziehen, wird jenes Verhältnis im Zusammen- 
hange seiner Lehre verständlich. 

Die Konsequenz freilich, die sich von der Voraussetzung 
des Wirklichen überhaupt als eines auf uns Wirkenden aus 
ergibt, dafs damit die Ursachen der Wirkungen auf uns not- 
wendig auch als untereinander kausal verknüpft gedacht werden, 
dafs also aueh eine Wechselwirkung des Koexistierenden schon 
damit vorausgesetzt ist und diese prinzipiell gleichbedeutend 
wird mit der Kausalität des Sukzedierenden, und dafs infolge- 
dessen jede Behauptung über einen unmittelbaren kausalen 
Zusammenhang des Sukzedierenden aufser der flir alles 
Existierende geltenden Voraussetzung seiner kausalen Bedingt- 



n, 60. *) S. 46 dieser Schrift. 

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141 

heit cichts weiter als die empirisch gewonnene Bebanptang 
einer Regelmäfsigkeit des Geschehens enthält, ist von Schopen- 
hauer nicht gezogen worden, und zwar deshalb nicht, weil die 
Wirksamkeit der Materie auf uns für ihn gleichbedeutend ist 
mit ihrer Wirksamkeit auf unseren Leib, als das «unmittelbare 
Objekt ''; dadurch wird jede Wirksamkeit der Materie aufser 
uns auf unseren Leib, als eine an Sukzession gebundene Wirk- 
samkeit zwischen Objekten, jeder anderen sukzessiven Wirk- 
samkeit zwischen Objekten koordiniert Die Gleichzeitigkeit 
der Wirkungen der ruhenden Materie auf unseren Leib aber 
darf für ihn zu einer Folgerung auf eine koexistierende 
Wechselwirkung der ruhenden Materie deshalb keinen Anlafs 
geben, weil eine solche dem ursprünglichen Sinne der Kausalität, 
der ftar den Übergang des kausal beziehenden Verstandes rom 
«unmittelbaren Objekt*" zu den vermittelten Objekten, eben 
weil diese Beziehung eine Sukzession von Ursache und Wirkung 
zur Voraussetzung hat, nicht mehr analog wäre. 

Eine historische Einsicht aber gewinnen wir so dafür, 
dab die Ablehnung der Lehre Kants von der Wechselwirkung 
neben der Aufrechterhaltung der der Ableitung des «empirischen 
Kriteriums" Kants fttr die Beharrlichkeit der Substanz analogen 
Ableitung der Beharrlichkeit der Materie als des Wirksamen 
überhaupt, trotz des Anspruches dieser auf apriorische Geltung 
für alle mögliche Erfahrung, fttr Schopenhauer bestehen bleiben 
konnte. 

Gleichwohl haben wir festzustellen, dafs die Lehre Schopen- 
hauers von der Materie gegenüber der von der Substanz bei 
Kant einen sachlichen Fortschritt bedeutet. Er liegt in der 
Ablehnung der Ableitung der Beharriichkeit der Substanz als des 
Substrates in den Gegenständen der Wahrnehmung, «welches 
die Zeit überhaupt vorstellt und an dem aller Wechsel oder 
Zugleichsein durch das Verhältnis der Erscheinungen zu dem- 
selben in der Apprehension wahrgenommen werden kann*^.!) 
«Der Beweis, der hier für diesen Grundsatz gegeben wird", 
sagt Schopenhauer, «... ist aus der reinen Anschauung der 
Zeit geführt'' 2) Aus diesem Grunde lehnt er ihn ab und 



^) 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft S. 225. 
«) I, 601. 



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142 

setzt an seine Stelle den ans dem Gesetze der Kaosalitäi 
llDzareiehend ist diese Ableitung bei Kant, so dürfen wir 
ergänzend bemerken, weil, auch abgesehen yon der Sehopen- 
haner eigentttmliehen Begründung, die Bealität jenes Snb- 
stratnms in der Tat erst dareh seine kausale Bedingtheit 
begreiflich wird. 

Der genannte Fortschritt Schopenhauers hat sachlich 
einen ungleich bedeutsameren Schritt über Kant hinaas im 
Gefolge. Er liegt, in der ZurttckfUhrung des Verhältnisses yon 
Substanz und Akzidenz auf das von Wirksamkeit überhaupt und 
besonderer Art des Wirkens. In diesem Sinne heifst es: »Sie 
(die Materie) ist die objektiv, jedoch ohne nähere Bestimmung 
aufgefafste Wirksamkeit überhaupt . . . Das Materielle ist das 
Wirkende (Wirkliche) überhaupt und abgesehen von der spe- 
zifischen Art seines Wirkens. Daher eben auch ist die Materie, 
blofs als solche nicht Gegenstand der Anschauung, sondern 
allein des Denkens, mithin eigentlich eine Abstraktion; in der 
Anschauung hingegen kommt sie nur in Verbindung mit der 
Form und Qualität vor, als Körper, d. h. als eine ganz bestimmte 
Art des Wirkens. Blofs dadurch, dafs wir von dieser nähereu 
Bestimmung abstrahieren, denken wir die Materie als solche, 
d. h. gesondert von der Form und Qualität; folglich denken 
wir unter dieser das Wirken schlechthin und überhaupt, also 
die Wirksamkeit in abstrakte. Das näher bestimmte Wirken 
fassen wir alsdann als das Akzidenz der Materie auf; aber erst 
mittelst dieses wird dieselbe anschaulieb, d. h. stellt sich als 
Körper und Gegenstand der Erfahrung dar. Die reine Materie 
hingegen, welche allein . . . den wirklichen und beiechtigten 
Inhalt des Begriffs der Substanz ausmacht, ist die Kausalität 
selbst, objektiv ....'' ^) »Wenn ich sage: dieser Körper ist 
schwer, hart, flüssig, grün, sauer, alkalisch, organisch usw., 
so bezeichnet dies immer sein Wirken.'' 2^ ,Da femer Sabstanz 
identisch ist mit Materie, so kann man sagen, Substanz ist 
das Wirken, in abstrakte aufgefafst, Akzidenz die besondere 
Art des Wirkens, das Wirken in concreto." s) 

In moderner Wendung, wenn auch unter anderen Voraus- 
setzungen gewonnen, tritt uns die diesem bedeutsamen Gedanken 



1) U, 357, 858. •) 1, 584. ») in, 99. 

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143 

Sehopenhaaers zngrande liegende Einsicht in den Sinn der 
Substanzen als wirkender Dinge in folgenden AnsfUhmngen 
entgegen: «Wir finden in wiederholten Sinneswahrnehmangen 
gleichförmig koexistierende Inbegriffe von Qualitäten. Als solche 
Inbegriffe fassen wir im entwickelten Bewnlstsein auf Grand 
apperzeptiyer Verschmelznng in den sinnlichen Wahrnehmongs- 
inhalten die Körper auf. Die Auffassung der Inbegriffe von 
beharrenden sinnlichen Qualitäten als Körper ist insofern ein 
Prodakt der Erfahrung. Aber die Körper sind für uns mehr 
als diese Inbegriffe wahrnehmbarer Inhalte. Andere Momente 
unserer Erfahrung zwingen uns, die sinnlichen Qualitäten als 
Wirkungen zu denken, die von den Körpern auf uns ausgeübt 
werden. Wir denken die Körper dementsprechend als be- 
harrende Subjekte koexistierender sinnlicher Qualitäten, die 
wir als Eigenschaften auf diese kausalen Subjekte beziehen. 
Wir bezeichnen diese Beziehung als reale Inhärenz der Eigen- 
schaften in der körperlichen Substanz. Bestandteile unseres 
Wahmehmeos also sind lediglich die sinnlichen Qualitäten und 
der raumzeitliche Zusammenhang ihrer Koexistenz. Die kausalen 
Sabjekte und demgemäfs die Bestimmung der Qualitäten als 
Eigenschaften dieser Substanzen, sind uns nicht als Bestand- 
teile des Wahrnehmungsinhaltes gegeben, sondern sind Postulate 
nnseres Denkens, das nicht umhin kann, jene beharrenden 
Inbegriffe als einheitliche Ganze zu fassen und von diesen die 
inhärierenden Qualitäten als (kausale) Bestimmungsweisen 
aaszusagen.* 



Znsammenfassnng. 

Wir sind nun am Ende unserer Untersuchung über das 
Verhältnis der Lehre Schopenhauers von der empirischen An- 
schauung zur Lehre Kants angelangt. 

Zusammenfassend können wir unsere Ergebnisse folgender- 
ma&en formulieren: 

Zwei wesentliche Bestandteile der Lehre Schopenhauers 
von der empirischen Anschauung sind in der Lehre Kants 
schon enthalten, die Apriorität von Baum und Zeit und die 

Benno Erdmann, Logik 1. Band 2. Auflage S. 94. 



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144 

Intellektoalität der empirisehen AnschaniiDg. Erstere wird von 
Schopenhauer als ihm mit Kant gemeinsam anerkannt, letztere 
dagegen verkannt 

Ein wesentlicher Unterschied von Kant liegt bei Schopen- 
hauer in der Einschränkung der Kategorien auf die eine der 
Kausalität und der Voraussetzung einer unmittelbaren kausalen 
Beziehung der Empfindung in uns auf ein ursächliches Objekt 
aulser uns. 

Die Kritik, die Schopenhauer an Kant ttbt, ist mitbestimmt 
durch zwei Momente einer irrtümlichen Interpretation, der 
unzulänglichen Deutung des Gegenstandes, der durch die 
Sinnlichkeit gegeben wird, in der transzendentalen Ästhetik, 
und der zu engen Auffassung des Grundsatzes der Kausalität 
Sie ist überdies durchwebt von der ungerechtfertigten Ko- 
Ordination der kausalen Beziehung der Objekte untereinander 
zu der der Objekte zu uns. 

Eine eigentliche Fortbildung der transzendentalen Deduktion, 
wenn anders wir mit Kant ,die Erklärung der Art, wie sich 
Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können, die tran- 
szendentale Deduktion derselben" i) nennen wollen, ist in der 
Lehre Schopenhauers von der a priori gewissen ursächlichen 
Bedingtheit der Empfindungen gegeben. Sehen wir von den 
Unzulänglichkeiten, die in der psychologischen Ineinssetzung 
von Empfindung und physiologischer Erregung im Sinnesorgan 
und in dem Ausschlnfs der transzendenten Bedeutung der 
Ursache liegen, einmal ab, so haben wir überdies festzu- 
stellen, dafs ein Fortschritt über Kant hinaus in dem Aufweis 
der Unmittelbarkeit des kausalen Beziehungsbewufstseins und 
in der Zurückftthrung des Verhältnisses von Inhärenz und 
Dependenz auf das von Wirksamkeit überhaupt und Wirkungs- ^ 
art besteht j 

Historisch bedeutsam ist somit die Lehre Schopenhauers i 
auch deshalb, weil sie auf den Weg hinweist, der zu einer I 
einheitlichen kausalen Deutung des Seins führt 

>) 2. Autlage der Kritik der reinen Vemunft S. 117. 



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145 



Die Beziehungen der Lehre Schopenhauers von 

der empirischen Anschauung zur Lehre Gottlob 

Ernst Schulzes. 

Von entscheidender Bedeatung für die Entwicklung der 
Philosophie Schopenhauers ist neben Kant, Plato und der 
indischen Philosophie auch Gottlob Ernst Schulze gewesen, 
namentlich ftlr den Anfang der philosophischen Entwicklung 
Schopenhauers. Dies geht aus seinem Briefe an Johann Eduard 
Erdmann vom 9. April 1851 hervor, in dem er sagt: Ich „berichte, 
dafs ich 1809 die Universität Göttingen bezogen habe, wo ich 
Naturwissenschaften und Geschichte hörte, als ich im zweiten 
Semester durch die Vorträge des G. E. Schulze, Aenesidemus, 
zur Philosophie auferweckt wurde. Dieser gab mir darauf den 
weisen Rat, meinen Privatfleils fürs Erste aussehlielslich dem 
Plato und Kanten zuzuwenden und bis ich diese bewältigt 
haben würde, keinen andern anzusehen, namentlich nicht den 
Aristoteles oder den Spinoza. Bei Befolgung dieses Rates habe 
ich mich sehr wohl befunden.' i) 

Von unmittelbarem Einfiufs auf die Lehre Schopenhauers 
ist 6. E. Schulze durch seine Kritik an der kantisohen Philo- 
sophie, insbesondere an der Lehre Kants vom Ding an sich 
geworden. Schopenhauer hebt dies selbst hervor, indem er 
sagt, dafs .die UnStatthaftigkeit' der , Einführung des Dinges 
an sich' bei Kant .von G. E. Schulze im Aenesidemus weit- 
läufig dargetan und bald als der unhaltbare Punkt seines 
Systems anerkannt' 2) worden sei. Wir wiesen bereits darauf 
hin, dafs die idealistische Auffassung, die Schopenhauer von 
der Lehre Kants hat, auf Schulze zurückzufahren sei. Hier sei 
nur noch angemerkt, dafs die von Schulze gezogene und 
von Schopenhauer zunächst uneingeschränkt anerkannte Kon- 
sequenz, dafs unter den Voraussetzungen der transzendentalen 
Analytik Kants die Dinge an sich müfsten fallen gelassen 



Ludwig Schemann, Schopenhauer-Briefe. Leipzig 1893. S. 331. 
») I, 556. 
PbUoiopbiiohe Abhandlungen. XLII. 10 



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146 

werden, in den Parerga und Paralipomena eine Einschränkang 
erfährt. Hier heifst es nämlich: „Bei allem diesem aber 
(dafs die Lockesche objektive Welt von Dingen an sieh 
dnrch Kant in eine Welt von blofsen Erscheinungen in 
unserm Erkenntnisapparat verwandelt worden sei) liefs Kant 
noch immer, so gut wie Locke das Ding an sich bestehen, 
d. h. etwas, das unabhängig von unseren Vorstellungen, 
als welche uns blofse Erscheinungen liefern, vorhanden 
wäre und eben diesen Erscheinungen zum Grunde läge. 
So sehr nun Kant auch hierin an und für sich recht hatte, so 
war doch aus den von ihm aufgestellten Prinzipien die Be- 
rechtigung dazu nicht abzuleiten. Hier lag daher die Achilles- 
ferse seiner Philosophie, und diese hat durch die Nachweisung 
jener Inkonsequenz, die schon erlangte Anerkennung unbe- 
dingter Gültigkeit und Wahrheit wieder einbttfsen mtissen: 
allein im letzten Grunde geschah ihr dabei dennoch Unrecht 
Denn ganz gewlTs ist keineswegs die Annahme eines Dinges 
an sich hinter den Erscheinungen eines realen Kerns unter so 
vielen Hüllen, unwahr; da vielmehr die Ableugnung desselben 
absurd wäre, sondern nur die Art, wie Kant ein solches Ding 
an sich einführte, und mit seinen Prinzipien zu vereinigen 
suchte, war fehlerhaft. Im Grunde ist es demnach nur seine 
Darstellung (dies Wort im umfassendsten Sinne genommen) der 
Sache, nicht diese selbst, welche den Gegnern unterlag, und 
in diesem Sinne liefse sich behaupten, dafs die gegen ihn 
geltend gemachte Argumentation doch eigentlich nur ad 
hominem, nicht ad rem gewesen sei.^^ Diese realistisch 
gestimmte Ausführung steht offenbar in einem inneren Zu- 
sammenhange mit den realistischen Gedankenwendungen des 
älteren Schopenhauer, auf die wir bereits früher hinwiesen. 

Zu dem genannten kommen noch einige besondere Be- 
rührungspunkte der Lehre Schopenhauers mit der Schulzes. 
Fürs Erste ist die Definition, die Schopenhauer vom vor- 
stellenden Bewufstsein gibt, der Sache nach schon in Schulzes 
Kritik an dem „Satz des Bewuüstseins^, den Beinhold auf- 
stellt, deutlich angelegt Dieser Satz, wie er in den „Beiträgen 



') IV, 110. 



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147 

zar Beriehtigang bisheriger MÜBverständnisse der Philosophen^ 
TOD Beinhold aufgestellt wird, lautet: „Im Bewafstsein wird die 
Vorstellung darch das Subjekt vom Subjekt und Objekt unter- 
schieden und auf beide bezogen.^ ^) Dementsprechend heifst es 
weiter: „Das Bewufstsein überhaupt besteht im Bezogenwerden 
der Vorstellung durch das Subjekt auf Objekt und Subjekt und 
ist von der Vorstellung überhaupt unzertrennlich.^ 3) Gegen 
diese Ausführungen macht G. E. Schulze u. a. folgendes geltend: 
„Wenn nur dasjenige eine Vorstellung ausmacht, was durch 
das Subjekt vom Objekte und Subjekte unterschieden und auf 
beide bezogen wird, und es gewifs ist, dafs blofs dasjenige 
durch das Gemüt voneinander unterschieden und aufeinander 
bezogen werden kann, was wahrgenommen worden ist . . . so 
wäre die Anschauung keine Art von der Gattung Vorstellung, 
indem der Begriff der Gattung gar nicht auf dieselbe pafst. 
Während des Anschauens findet nämlich keine Unterscheidung 
eines Objektes von einer Vorstellung statt, weil so lange, als 
die Anschauung dauert, durchaus kein von ihr verschiedenes 
Objekt bemerkt wird, ja das Entstehen der Unterscheidung 
einer Voistellung vom Objekte würde sogleich das Anschanen 
zernichten.^ ^) „Doch dies ist nicht das einzige Beispiel, aus 
dem erhellet, dafs die [von Reinhold] aufgestellte Erklärung 
der Vorstellung enger sei als ihr Gegenstand . . . Nach dieser 
Erklärung ist nämlich der Gebrauch des Wortes Vorstellung 
blofs auf dasjenige, was im Bewufstsein auf ein Objekt und 
Subjekt bezogen und von beiden unterschieden wird, und also 
nur auf einen einzigen Bestandteil des Bewufstseins einzu- 
schränken. Unleugbar ist nun aber schon dieses, dafs das 
Beziehen der Vorstellung auf Objekt und Subjekt und das 
Unterscheiden derselben von beiden . . . ohngeachtet damit kein 
Beziehen eben desselben auf ein Objekt und Subjekt, und kein 
Unterseheiden eben desselben von einem Subjekte und Objekte 
verbunden ist, selbst wieder ein Vorstellen der Beschaffenheiten 



1) C&rl Leonhard Reinhold, Beiträge zur Berichtigung bisheriger 
HirsYerständnisse der Philosophen. Jena 1790. S. 167. 

*) Ebenda S. 218. 

') G. E. Schulze, Aenesidemus. Neudrucke seltener philosophischer 
Werke. Heransgegebeu von der Kantgesellschaft. Bd. I. 1911. S. 64f. 

10* 



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148 

eines Etwas sei. . . . Eben so gewifs ist es femer, dafs der 
allgemeine Spraehgebraach das Wort Vorstellen anch fttr das 
Gewahmehmen nnd Bemerken des Objektes and Sabjektes, 
auf welche die Vorstellung bezogen, nnd von welchen sie im 
Bewafstsein unterschieden wird, bestimmt habe, nnd das Objekt 
sowohl als anch das Subjekt werden, insofeme sie im Bewafst- 
sein vorkommen, auch in demselben vorgestellt . . . Das Oe- 
wahrnehmen des Objektes, auf welches die Vorstellung im 
BewulBtsein bezogen, nnd von dem sie unterschieden wird, 
besteht . . . nicht wieder in einem Bezogenwerden eines Etwas 
durch das Subjekt auf ein Objekt und Subjekt und in einem 
Unterschiedenwerden desselben von beiden, und ebenso wenig 
auch das Gewahrnehmen des Subjektes, auf welches die Vor- 
stellung bezogen und von dem sie unterschieden wird.^^) 

Zwei wesentliche Bedenken also hat Schulze gegen Rein- 
holds Theorie der Vorstellung. Zum ersten stellt er fest, dals 
das Anschauen eines Objektes keinen Anhalt zu einer Unter- 
scheidung des angeschauten Objektes von einer Vorstellung 
dieses Objektes biete, daüs also die von Beinhold vertretene 
Dreiteilung in Vorstellendes, Vorstellung und Vorgestelltes hier 
undurchführbar sei. Zweitens rügt er die Einschränkung 
des Wortes Vorstellung auf nur einen Bestandteil des gegen- 
ständlichen Bewufstseins, da auch die vermeintlichen Bestandteile 
Subjekt und Objekt ebenso wie die angenommenen Beziehungen 
der Vorstellung im Reinholdschen Sinne auf diese Bestandteile 
schon als Vorstellungen im landläufigen Sinne zu bezeichnen seien. 
Diese Gedankengänge Schulzes geben zu der Folgerung Anlals, 
dafs das Bewufstsein einer Beziehung eines wahrgenommenen 
Objektes auf das wahrnehmende Subjekt kein konstituierendes 
Merkmal der Wahrnehmung sei und dalis, wenn eine solche 
Beziehung zum Bewufstsein erhoben werde, lediglieh die des 
vorgestellten, d.i. angeschauten Objektes auf das vorstellende 
Subjekt, nicht aber auch die des Objektes auf eine davon 
verschiedene Vorstellung statthabe. Von diesen Folgerungen 
ist die letztgenannte auch von Schopenhauer gezogen und dahin 
erweitert worden, dafs die Vorstellung überhaupt in Subjekt 
und Objekt zerfalle; denn er sagt: .Unser erkennendes Bewufst- 



») A.a.O. S. 66f. 



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149 

sein zerfällt in Subjekt und Objekt nnd enthält nichts anfserdem. 
Objekt für das Subjekt sein nnd unsere Vorstellang sein ist 
dasselbe/ 1) 

Wenngleich Schopenhauer für diesen Punkt seiner Lehre 
an keiner Stelle ausdrtteklich auf Schulze verweist, so läfst 
doch der enge sachliche Zusammenhang mit dem Gedanken- 
gange Schulzes vermuten, dafs er von ihm die erste Anregung 
zur Ausbildung auch dieses Teils seiner Lehre empfangen hat 

In noch einem anderen Punkte, und zwar einem solchen, 
der zu einem spezifischen Bestandteil der Lehre Schopen- 
hauers gehört, läfst sich bei 6. E. Schulze eine historische 
Grundlage aufweisen, nämlich in der Annahme der Unmittel- 
barkeit des Bewufstseins der kausalen Bedingtheit der Sinnes- 
empfindungen. Schulze führt nämlich im Aenesidemus aus: 
.Es läfst sich ... die Möglichkeit, wie in gewissen Teilen 
unserer Erkenntnis Notwendigkeit und strenge Allgemein- 
giltigkeit vorhanden sein kann, noch auf eine andere Art 
begreiflich machen, als in der Yernunflkritik geschehen ist, 
und es läfst sich von der Notwendigkeit, die gewissen synthe- 
tischen Urteilen anklebt, noch ein anderer Grund denken, als 
in dieser angegeben worden ist. Es läfst sich nämlich denken, 
dafs alle unsere Erkenntnis aus der Wirksamkeit realiter vor- 
handener Gegenstände auf unser Gemüt herrühre, und dafs 
auch die Notwendigheit, welche in gewissen Teilen dieser 
Erkenntnis angetroffen wird, durch die besondere Art und 
Weise, wie die Aufsendinge unser Gemüt affizieren und Er- 
kenntnisse in demselben veranlassen, erzeugt werde, und dafs 
mithin die notwendigen synthetischen Urteile, nebst den in 
ihnen vorkommenden Vorstellungen nicht ans dem Gemttte, 
sondern aus den nämlichen Gegenständen herrühren, welche 
die zufälligen und veränderlichen Urteile nach der kritischen 
Philosophie in uns hervorbringen sollen. 

Es ist nämlich unrichtig, dafs, wie in der Vernunftkritik 
angenommen wird, das Bewufstsein der Notwendigkeit, welches 
gewisse synthetische Sätze begleitet, ein unfehlbares Kenn- 
zeichen ihres Ursprungs a priori und aus dem Gemüte ausmache. 
Mit den wirklichen Empfindungen der äufseren Sinne 



») lU,89f. 

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150 

zam Beispiel, welche aueli nach der kritischen Philosophie in 
Ansehnng ihrer Materialien insgesamt nicht ans dem Gemttte, 
sondern von Dingen anfser nns herstammen sollen, ist, ihres 
empirischen Ursprungs ohngeachtet, ein Bewnfstsein der 
Notwendigkeit verbanden. Währenddessen nämlich, dafs 
eine Empfindung in nns gegenwärtig ist, mttssen wir sie als 
vorhanden erkennen. Wir können es nns zwar denken, dafs 
sie nicht dagewesen wäre, oder dafs während ihres Daseins 
eine andere Empfindung deren Stelle eingenommen hätte: Allein 
wir können diese andere nicht wirklich haben, oder jene ganz 
und gar vertilgen, sondern sind uns vielmehr ihres gegen- 
wärtigen Daseins als etwas Notwendigen bewufst Ebenso 
mttssen wir auch die Anordnung und Verbindung der Merkmale, 
die in einer wirklichen Empfindung äufserer Gegenstände vor- 
kommt, lassen, wie sie einmal vorhanden ist, und es ist not- 
wendig, dafs wir die Zweige eines gesehenen Baumes in 
derjenigen Anordnung gewahrnehmen, in der sie einmal unserm 
Gemttte gegenwärtig sind. Hier ist also wirklich ein Fall da, 
in welchem Gegenstände aufser uns durch ihren Einflufs auf 
das Gemttt in demselben das Bewufätsein der Notwendigkeit 
erregen, und es unmöglich machen, etwas auf eine andere Art 
gewahr zu nehmen, als es wahrgenommen wird,*i) 

In der , Kritik der theoretischen Philosophie' finden sich 
ähnliche Gedanken. Schulze sucht hier u. a. nachzuweisen, dafs 
«die Verstandesbegriffe den Wahrnehmungen keine Beziehung 
auf Objekte erteilen können.' 2) Im Verfolge dieses Gedankens 
heifst es: „Dafs es nicht notwendig sei, die Erfahrungskenntnis 
wegen der Gültigkeit derselben fttr uns selbst und für andere 
Menschen zu allen Zeiten, aus einer notwendigen Verbindung 
von Vorstellungen abzuleiten, ist ttbrigens auch leicht ein- 
zusehen. Man lasse nur das Vorurteil fahren, dafs Erfahrung 
aus einem Bewnfstsein von Vorstellungen bestehe, und nehme 
dieselbe so, wie sie als unmittelbare Erkenntnis von 
gegenwärtigen Dingen in uns stattfindet, so sieht man 
alsdann leicht ein, wie wir dazu kommen, zu erwarten, dafs 
lige, was wir in ihr antreffen, von uns selbst und auch 



A. a. 0. S. 108 f. Die Sperrung fehlt im Text. 

«) G. E. Schulze, Kritik der theoretischen Philosophie, IL Bd. S. 263. 



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Yon andern Menseben (wenn anders die ErfahrnngBobjekte sieb 
niebt ändern) jederzeit darin angetroffen werden müsse. Weil 
wir nns nämÜeb dieser Objekte niebt als subjektiver Be- 
stimmungen unserer Einbildangskraft, sondern als realer und 
fQr sieb bestebender Saeben bewnfst sind, so nebroen wir mit 
Recht an, dafs die Erkenntnis derselben, wenn sie anders riebtig 
ist, bei nns selbst sieb immer gleicb bleiben, nnd ancb mit der 
Erkenntnis aller anderen Menseben, welcbe die Objekte anf eine 
riebtige Art wahrgenommen baben, übereinstimmen werde.^^) 
„Gibt man .... die unmittelbaren Wabmebmnngen der 
Sinne fttr blolse Vorstellungen aus, wie die Yernunftkritik tut, 
so fällt aller innerer (im Bewufstsein selbst vorkommender) 
Untersebied zwischen denselben und zwischen den Nach- 
bildungen des sinnlich Wahrgenommenen in der Phantasie 

weg Will man aber gleichwohl darauf bestehen, dafs nur 

jene Wahrnehmungen sieh dazu qualifizieren, objektiv gültige 
Erfahrung zu werden, so ist dies zugleich ein Geständnis, dafs 
die objektive Gültigkeit der Erfahrung niebt blofs von 
den Kategorien abhängig sei, sondern, dafs ein Grund davon 
auch noch in der Beschaffenheit der sinnlichen Wahr- 
nehmungen selbst liege, welcher bei den Bildern der 
Phantasie mangele, und diese eben deswegen untauglich mache, 
durch die Verbindung nach Kategorien eine Erfabrungserkenntnis 

zu werden.'^) «Wenn die Subsumtion der GefÜble des 

Angenehmen und Unangenehmen unter die Kategorien diese 
Gefühle niemals in Erkenntnisse eines vom Subjekte ver- 
flcbiedenen Objekts verwandelt, so kann es auch wohl niebt 
blols den Kategorien und den ihnen gemäfsen Verbindungen 
der Empfindungen anderer Art zuzuschreiben sein, dafs diese 
Empfindungen den Cbarakter der Erkenntnisse eines Objektes 
annehmen, sondern es mttfste vielmehr angenommen werden, 
dafs in dergleichen Empfindungen selbst etwas, auch 
ohne Rücksicht ihrer Verbindung nach Kategorien enthalten 
sei, wodurch sie sich dazu qualifizieren, als Er- 
kenntnisse auf objektiv wirkliche Dinge bezogen 
werden zu können."») 

>) Ebenda S. 284 f. Anm. Die Sperrung fehlt im Text. 
<) Ebenda S. 285 f. Die Sperrung fehlt im Text. 
*) Ebenda S. 2S8. Die Sperrung fehlt im Text 



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„Das snkzessiye Sein der Zustände objektiver 
Dinge wird ... sehen dareh die Wahrnehmung, an sich 
genommen, nnd ohne alle Rtteksieht anf ein Eausalverhältnis 
derselben, als etwas Objektives, das keine Sukzession blofser 
Vorstellungen in uns ausmacht, erkannt^' i) Es fragt sich 
„ob man nicht . . . schon dadurch ganz sicher auf jene Einsieht 
(dafs alle menschliche Erkenntnisfähigkeit blofs auf das Gebiet 
der Erfahrung eingeschränkt sei) geftthrt werde, dafs man die 
Begriffe in unserm Verstände ... von den Sachen, die aufser 
unserer VorstellungskrafI; existieren sollen, unterscheidet, in 
Ansehung der Erkenntnis dieser Sachen aber erwägt, dafs 
sie nur durch das als Anschauung des Gegenwärtigen 
sich äufsernde Bewufstsein erreichbar sei, und endlich 
erforscht, wie weit der Gebrauch des Prinzips der Kausalität, 
dessen man sich immer als eine Brücke bedient hat, um aus 
der sinnlichen Welt in eine Übersinnliche zu gelangen, zu 
bestimmten Einsichten ausreiche . . .^2) Auch in Schulzes 
Vorlesung über Metaphysik, dessen Nachschrift uns in den 
Manuskripten Schopenhauers vorliegt, wird der Gedanke der 
Unmittelbarkeit der anschaulichen Erkenntnis berührt Hier 
heifst es: „Das Existierende wird entweder durch eine An- 
schauung unmittelbar erkannt oder mittelbar, z. B. dureh den 
Schlufs aus einer anderen Existenz. Die unmittelbare Er- 
kenntnis findet, nach den Aussprüchen des Bewufstseins 
unleugbar statt und gäbe es dergleichen nicht, so würde auch 
nichts mittelbar erkannt werden können.''') 

In den zitierten Gedanken ist offenbar die Unmittelbarkeit 
des Bewufstseins von der Realität und auch von der kausalen 
Bedingtheit der Sinnesempfindungen sehen angelegt Wenngleich 
Schulze die Notwendigkeit im Dasein und der Verbindung des 
Mannigfaltigen der Empfindungen auch nicht ausdrücklich aki 
kausale bezeichnet, so ist sie doch als kausale der Sache nach 
gemeint In der „Kritik der theoretischen Philosophie" und 
der Vorlesung über Metaphysik tritt allerdings die Betonung 
der Notwendigkeit hinter der der Unmittelbarkeit unseres 

Ebenda S. 430. Die Sperrung fehlt im Text. 
*) Ebenda S. 580. Die Sperrung fehlt im Text. 
*) Arthur Schopenhauers Nachlafs Nr. 2, Metaphysik bey Gottlob Ernst 
Schuhe. Bügen 5, § 29. 



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153 

Bewülstseins von der Realität des ansohanlich OegebeneD 
zartick, ja dieses wird sogar der KaasalbeziehnDg als etwas 
Selbständiges gegenübergestellt Diese Wendang ist veranlafst 
darch Sehnlzes Polemik gegen die Bedeatang der Kausalität 
als Kategorie im kantiscben Sinne. Aber anch in der Kritik 
der theoretischen Philosophie ist der Gedanke, „dafs die objektive 
Gültigkeit der Erfahrnng in der Beschaffenheit der sinnlichen 
Wahrnehmangen selbst liege ^, der Sache nach so genommen, 
dafs die Notwendigkeit im Dasein und Znsammenhange der Em- 
pfindungen ihre Objektivität verbürgt, sie also kausal bedingt sind. 
Im Unterschiede von Schopenhauer finden wir bei Schulze 
noch nicht die Folgerung, dafs eben diese Notwendigkeit 
im Dasein der Empfindungen den Sinn ihrer Objektivität 
ausmache. Vielmehr kommt bei Schulze, mit dem bisher 
Angefbhrten kaum vereinbar, zu dem Bewufstsein von dieser 
Notwendigkeit noch ein besonderer Schlufs auf die reale Existenz 
der Dinge aufser uns hinzu, dessen eine Prämisse das unmittel- 
bare Bewufstsein von der Notwendigkeit im Dasein und Zu- 
sammenhange der Empfindungen, dessen andere aber die Ein- 
sicht in die Unableitbarkeit dieser Notwendigkeit aus der Be- 
schaffenheit des vorstellenden Ich ist. Es heilst nämlich im 
Aenesidemus: „In gewissen Vorstellungen, die wir besitzen, 
kommt .... eine doppelte Notwendigkeit vor, und zwar teils in 
Ansehung des Daseins derselben, teils in Ansehung des Verbindens 
des Mannigfaltigen, so den Inhalt derselben ausmacht. Wenn wir 
z. B. ein Haus sehen, so ist es uns, so lange der Zustand des 
Sehens dauert, unmöglich, das Haus nicht zu sehen. Wir. 
können es zwar denken, dafs an derjenigen Stelle, wo wir das 
Haus sehen, ein Mensch, ein Baum oder sonst etwas anderes 
stände; aber wir sind schlechterdings unvermögend, an dieser 
Stelle etwas anderes als das Haus zu sehen. Wir müssen 
femer die Verbindung der Teile, die zum Haus gehören, 
während der Empfindung davon lassen, wie sie einmal ist, 
ohne darin etwas abändern zu können. Wir sind wohl im- 
stande zu denken, dafs das Dach des Hauses unten und der 
Grund davon oben wäre, und dafs dasjenige, was auf der 
rechten Seite an demselben sich befindet, auf der linken Seite 
vorhanden wäre. Aber wir können dies nicht also empfinden, 
sondern müssen die Verbindung der Teile des Hauses, das wir 



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154 

seheD, während der Empfindnng so laBsen, wie sie einmal da 
ist. Sobald nnn der Mensch diese doppelte Notwendigkeit in 
gewissen von seinen Vorstellnngen kennen gelernt hat, nnd 
über den Grund derselben nachzudenken anfängt, so wird er 
auch znm Glauben an die Bealexistenz gewisser Dinge aufser 
seinen Vorstellungen geführt In seinem vorstellenden Ich ist 
nämlich, so weit er es kennt, kein Grund vorhanden, warum 
zu einer gewissen Zeit nur diese oder jene Vorstellung, nicht 
aber eine davon ganz verschiedene andere in ihm vorhanden 
sein könnte, und die Beschaffenheiten des vorstellenden Ich 
machen, so weit sie uns bekannt sind, in demjenigen Zeit- 
punkte, der durch die Empfindung eines Baumes oder Hauses 
erfüllt ist, das Dasein einer dem Inhalt nach davon ganz ver- 
schiedenen Empfindung nicht unmöglich. In dem vorstellenden 
Ich und in der Beschaffenheit des Mannigfaltigen, das eine 
Empfindung ausmacht, kann auch ferner kein Grund ausfindig 
gemacht werden, warum dieses Mannigfaltige gerade in der 
einmal vorhandenen Ordnung und Verbindung vorkommt, und 
nicht vielmehr in einer ganz andern. Die Empfindung eines 
Baumes, in welcher die Wurzeln nach oben, und die Zweige 
nach unten zu gerichtet wären, ist weder in Ansehung des 
Gemüts und seiner Kräfte, noch auch in Ansehung der Natur 
desjenigen, was in der Empfindung des Baumes enthalten ist, 
etwas Unmögliches. Den Grund von der Unveränderliehkeit 
der Verbindung des Mannigfaltigen, was zu einer Empfindnng 
gehört, setzen wir daher wieder in etwas, so aufser uns selbst 
und aufser unsern Empfindungen da ist, und die Verbindung 
der Merkmale in diesen bestimmt. Der erste und vorzüglichste 
Grund des Glaubens an realiter existierende Dinge ist also die 
Notwendigkeit, welche sowohl dem Dasein gewisser Vor- 
stellungen in unserm Gemüte, als auch dem Zusammenhange 
der Merkmale dieser Vorstellungen untereinander anklebt, und 
fehlten diese beiden Arten der Notwendigkeit allen Teilen 
unserer Erkenntnis gänzlich, oder liefsen sieh dieselben aus 
dem Gemüte ableiten, so würde wahrscheinlieh der grolse 
Haufe allgemein dem Idealismus zugetan sein, und die Beal- 
existenz gewisser Gegenstände vielleicht eben so sehr unbe- 
greiflich finden, als wie er jetzt vermöge jener beiden Arten 
von Notwendigkeit in gewissen Vorstellungen die Zweifel an 



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155 

dem objektiven Dasein des Empfundenen unbegreiflich und 
widersinnig findei^^i) 

Bei Sehopenbaner fällt die angeführte zweite Prämisse fbr 
den Scblnüs anf die Ursache der Empfindung fort. Der Eausal- 
schlnfs anf das reale Objekt ist ihm yielmehr nur ein Schlufs 
im nneigentlichen Sinne, nämlich die unmittelbare, spezifische 
Erkenntnisweise des Verstandes. Dazu kommt als ein weiterer 
Unterschied, dals bei Schulze das unmittelbare Bewufstsein 
von der kausal bedingten Notwendigkeit in dem Dasein und 
Zusammenhange der Empfindungen als ein lediglich rezeptiv 
gewonnenes angesehen wird, während Schopenhauer an dem 
Gedanken festhält, dafs es auf einer a priori wirksamen 
Funktion des spontanen Verstandes beruhe. Trotz dieser 
Differenzen aber bleibt der Hinweis auf die Unmittelbarkeit 
des BewuCstseins von der Notwendigkeit im Dasein der Empfin- 
dungen ein Zug in der Lehre Schulzes, den er mit Schopenhauer 
gemeinsam hat Nehmen wir hinzu, dafs Schopenhauer -mit 
Schulze auch in der Abweisung der Ableitung der Kategorien 
aus den von Kant aufgestellten Formen des Urteils, sowie in 
der Ablehnung der Anwendbarkeit der so gewonncLen Kate- 
gorien auf das anschanlische Material vermittelst der Schemata^) 
im Prinzip ttbereinstimmt, so wird ersichtlich, dafs der Gedanke, 
die von Schulze betonte Notwendigkeit im Dasein der Empfin- 
dungen zur einzigen Kategorie zu erheben und die Unmittel- 
barkeit ihres Erkenntnisgebrauches gegenüber der undurch- 
iUhrbaren Vermittlung durch ein synthetisches Urteil, wie Kant 
sie lehrt, prinzipiell aufzustellen, verhältnismäfsig nahe lag. 

Dafs Schopenhauer nicht auch für die Intellektualität der 
empirischen Anschauung auf Schulze als historische Voraus- 
setzung hinweist, ist vielleicht daraus verständlich, dafs Schulze, 
wie wir fanden, die Notwendigkeit im Dasein und Zusammen- 
hange der Empfindungen zwar als unmittelbar bewufst aner- 
kennt, sie aber noch nicht dahin deutet, dafs sie allein den Sinn 
der Objektivität der Empfindungen ausmache. Auch ist selbst 

^) G. E. Schulze, Aenesidemus, a. a. 0. S. 175 f. 

') Darüber handelt Schulze eingehend in der Kritik der theoretischen 
Philosophie. Auch in seiner Vorlesung Über Metaphysik behandelt er diese 
kritischen Gedanken. Sieh Arthur Schopenhauers Nachlafs Nr. 2, Meta- 
physik bey Gottlob Ernst Schulze. Bogen 10, 11; § 52, 53. 



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dieser Gedanke bei Sehnlze mehr beiläufig ausgeführt ak 
prinzipiell entwickelt, und seine historische Bedeutung wird 
erst sichtbar, wenn man von der Lehre Schopenhauers her- 
kommend an ihn herantritt und an dieser zu messen sucht 

Zu den angeführten kommt noch ein weiteres Moment der 
Übereinstimmung. Auch die Ineinssetzung der Empfindung 
mit ihrem physiologischen Korrelat, genauer die unmittelbare 
Gewifsheit ihrer Identität, der gemäfs Schopenhauer den eigenen 
Leib das „anmittelbare Objekt" nennt, ist bei Schulze, wenn 
auch nicht unter den Schopenhauer eigenen metaphysischen 
Voraussetzungen, deutlich angelegt. In seiner Vorlesung 
über Metaphysik sagt nämlich Schulze folgendes: «Es ist 
aber allerdings sehr auffallend, dafs seit Cartesius von 
mehreren Philosophen für die objektive Existenz der äufseren 
Welt, die durch unser Bewufstsein uns als existierend 
vorgehalten wird, so eifrig ein Beweis gesucht wird. Ge- 
meiniglich meint man diesen Beweis aus der Art wie Er- 
kenntnisse in uns entstehn zustande zu bringen, ohne za 
bedenken, dafs, da nur bereits fertige Erkenntnisse im Be- 
wufstsein angetrofifen werden, nicht aber das Werden und 
Entstehen derselben aus dem was noch keine Erkenntnis ist, 
belauscht werden kann, alle jene Erklärungen des Ursprungs 
der Erkenntnis von realen Dingen nichts weiter als unzu- 
verlässige Hypothesen sind. Und was gab denn zu jenem 
Beweise Anlafs? Die in Gedanken vorgenommene Trennung 
des Ich oder der Seele vom Organ, dem Körper. Denn ver- 
möge dieser Trennung meinte man, es könne ein Ich ohne 
materielle Welt geben; da jenes wegen seiner geistigen Natur 
von dieser doch nur Vorstellungen haben kann. Alle diese 
Weisheit wird zu Schande, sobald man einen Blick auf das 
Bewufstsein des Ich, wie es in der Wirklichkeit ist» wirft. 
Dieses ist nämlich zugleich das Bewufstsein des 
Körpers. Zwar umfafst dieses nicht alle Teile des Körpers, 
sondern hauptsächlich nur die, deren Bewegung durch die 
Willkür der Seele bestimmt wird. Aber das Bewufstsein 
dieser Teile ist eben so stark und evident als das des 
in uns erkennenden, fühlenden, wollenden Ich. Nur 
eine in den Grundeinrichtungen zerrüttete menschliche Natur 
kann an dem Dasein ihres Körpers und deren Welt zweifeln, 



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157 

and kein Idealismus, er sei dogmatisch oder kritisch, kann je 
in wahre Überzengung ttbergehn. 

Die Erkenntnis, die jedes Ich vom Dasein seines Körpers 
nnd der damit in Wechselwirkung stehenden materiellen Welt 
hat, mag daher mit Recht eine Offenbarung genannt werden 
und zwar die ursprünglich wundervollste^ die dem Menschen 
zuteil ward. Denn dafs wir jene Erkenntnis besitzen, wissen 
wir, nicht aber, wie wir dazu gekommen, und dieses Wie wird 
so lange ein Geheimnis bleiben, als das Band, so das Geistige 
und Körperliche in uns verbindet, Geheimnis ist*" ^ 

Dafs auch in diesem Punkte Schopenhauer wiederum nicht 
auf Schulze verweist, mag darin seinen Grund gehabt haben, 
da£s Schopenhauer die Identifizierung von Sinnesempfindung und 
physiologischer Erregung metaphysisch fundiert und die in Be- 
tracht kommenden psychophysiologischen Daten, wie wir noch 
sehen werden, aus für die Zeit seiner ersten Entwicklungsperiode 
kompetenteren Quellen geschöpft hat, denen gegenüber die 
zitierten Ausführungen Schulzes . allerdings durch ihre psycho- 
logische Problemstellung bedeutsam sind. Daher bleibt es 
möglich, dafs sie Schopenhauer die Anregung zu weiterer 
Gedankenentwicklung gegeben haben. 

Auch die Kritik Schopenhauers an der Lehre vom Gegen- 
stande bei Kant, insbesondere die Behauptung, dafs «Kant 
eigentlich dreierlei unterscheide: 1. die Vorstellung, 2. den 
Gegenstand der Vorstellung, 3. das Ding an sich^,^) hat in 
Gedanken Schulzes einen Vorläufer.^) Im zweiten Band der 
theoretischen Philosophie sagt nämlich Schulze: 



') Arthar Schopenhauers Naclilafs Nr. 2, Metaphysik bey Gottlob 
Ernst Schulze. Bogen 11, § 54. Die Sperrung findet sich nicht im Text. 

«) I, 569. 

') Darauf weist auch Ernst Fischer hin in einer eingehenden Unter- 
suchung: Von G. £. Schulze zu A. Schopenhauer. Diss. Zürich 1901. Der 
Ver&sser findet folgende drei Punkte der Kritik Schopenhauers an der 
Philosophie Kants schon bei Schulze angelegt: 1. die Kritik an Kants 
Ableitung des Dinges an sich, 2. an dem Kausalgesetz Kants und 3. an 
der Vermischung der reflektiven und intuitiven Erkenntnis bei Kant. Für 
letzteren Punkt führt er u. a. die Einwendungen, die Schulze im Aenesidemus 
(S. 169 f.) gegen das Verhältnis der Kategorien zu den Vernunftideen bei 
Kant macht. Diese sind jedoch nicht mit dem, was Schopenhauer unter 
jener Yermischnng versteht, zusammenzustellen. 



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158 

„Manchmal seheint sieh .... die Vernnnftkritik sehr be- 
stimmt darüber zu erklären, dafs Erfahrung nicht blofs ans 
dem Bewnlstsein des erkannten Subjekts und eines davon 
verschiedenen Objekts (welches nach ihrem System die Er- 
scheinung ausmacht) bestehe, sondern dafs vielmehr in der 
Erfahrung aufser dem Bewufstsein des Subjekts und Objekts 
auch noch das Bewufstsein gewisser von letztern verschiedenen 
Vorstellungen in einer gewissen Beziehung aufeinander ent- 
halten sei. Nach dem, was in der Kritik der reinen Vernunft 
S. 236 vom Verhältnis des Erfahrungs-Objekts zu den Vor- 
stellungen der Apprehension gesagt wird, desgleichen nach 
der in derselben S. 74 vorkommenden, sonst aber ziemlich 
dunkeln Beschreibung der Genesis des Erfahrungs- Objekts 
mufs man wohl annehmen, dafs sie bei der Erfahrung aufser 
dem Bewufstsein des Subjekts und des Objekts auch noch das 
Bewufstsein einer von beiden verschiedenen auf letzteres aber 
als dessen Repräsentant bezogenen Vorstellung angenommen 
wissen wolle. Hiermit stimmt auch die in ihr S. 137 vor- 
kommende Erklärung der Erkenntnis als einer bestimmten 
Beziehung gegebener Vorstellungen auf ein Objekt ttberein. 
Und da sie ferner die Empfindung von der Anschauung unter- 
scheidet, von jener aber lehrt, solche enthalte weder Baum 
noch Zeit, ob sie gleich den ihr korrespondierenden Gegenstand 
in beide setze (Prolegommena S. 91); ttberdies auch von den 
Wahrnehmungen, deren Vergleichung und Verbindung ur- 
sprünglich nur subjektiv gttltig sein soll, das ihnen korre- 
spondierende Objekt (die Erscheinung) unterschieden wissen 
will (Proleg. S. 78 u. 139), so ist wohl kaum daran zu zweifeln, 
ihre Meinung in Ansehung der Bestandteile der Erfahrung sei 
eigentlich die, dafs zu denselben aufser dem Bewufstsein des 
Subjekts und Objekts auch noch das deutliche Bewufstsein 
einer vom letztern verschiedenen Vorstellung gehöre, wobei sie 
aber ofifenbar der Erfahrung einen Bestandteil andichtet, der 
in derselben nicht angetroffen wird. Denn wenn wir Er- 
fahrungs-Objekte anschauen, sind wir uns keiner auf diese 
Objekte Beziehung habenden, und davon noch verschiedenen 
Vorstellung bewaf st." *) 

^) G. £. Schulze, Kritik der theoretischen Philosophie, II. Bd. Anm. 
zu S.278f. 



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159 

Von den drei naeh Schopenhaner bei Kant za unter- 
scheidenden Begriffen: Vorstellnng, Gegenstand der Vorstellung 
und Ding an sich, sind also in diesen Ausführungen Sehulzes 
die beiden ersten gleichfalls unterschieden. Die Unterscheidung 
dieser vom Ding an sich weiterhin fiiefst aus der Kritik Sehulzes 
an der Lehre Kants vom Ding an sich. 

Auch das, was Schopenhauer gegen den Grundsatz der 
Kausalität bei Kant kritisch ausführt und mittelbar auch seine 
Kritik an der Lehre Humes von der Kausalität ist durch 
6. £. Schulze angeregt worden. Schopenhauer weist selbst aut 
ihn hin,i) indem er den Leser zu einem Vergleiche mit der 
von Schulze in seiner „Kritik der theoretischen Philosophie* 
II. Band S. 242 f. gegebenen Kritik des Kausalgesetzes bei 
Kaut auffordert Hier heifst es im Zusammenhange einer 
Erörterung, die den Titel trägt: «Vom Grundsatze der Zeitfolge 
aller Veränderungen in der Natur nach dem Gesetze der 
Kausalität^ ^): .Aus dem Beweise der Gttltigkeit des Prinzips 
der Kausalität von allen Veränderungen in der Natur, wie ihn 
die Vernunft-Kritik führt, folgt . . . zuvörderst dieses, dafs 
gar keine Erfahrung von etwas möglich sein könne, 
dessen Ursache uns noch unbekannt ist, oder dafs Dinge, 
deren Ursache wii^ nicht kennen, so lange dies der Fall ist, 
noch fttr blofse Geschöpfe der Phantasie angesehen werden 
mttssen. Denn nach der Vernunft- Kritik soll ja die blofs 
subjektive Gttltigkeit der Folge der Wahrnehmungen, nach 
der sie lediglich Bestimmungen unserer Vorstellungskraft sind, 
nur erst dadurch aufgehoben, und diese Folge in eine Er- 
kenntnis der Folge der Zustände an einem Objekte verwandelt 
werden, dafs durch den Verstand bestimmt worden ist, was in 
jener Folge notwendig das Vorhergehende, und was hingegen das 
Nachfolgende sei. Mithin mufs auch angenommen werden, dafs 
so lange, als von einer Wahrnehmung dasjenige nicht erkannt 
worden ist, worauf sie mit Notwendigkeit folgt, und was ihr 
jederzeit vorhergeht (welches gleichfalls eine Wahrnehmung 
sein muls), einer solchen Wahrnehmung auch keine bestimmte 



<) I, 603 Anm. und III, 109. 

') Gottlob Ernst Schulze, Kritik der theoretischen Philosophie, 
n. Bd. S. 422. 



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160 

Stelle in der Zeit, worin sie allemal angetroffen wird, an- 
gewiesen werden, sie also auch nicht in die Synthesis der 
Apperzeption aufgenommen worden sein und folglieh nicht für 
ein Bestandteil der Erfahrung, sondern lediglich fUr ein Produkt 
der Einbildungskraft gehalten werden könne und mUsse.'^ 
Der Gedanke also, den auch Schopenhauer festhält, dafs nach 
Kant nur eine unmittelbar in der Wahrnehmung gegebene 
kausal verknttpfte Folge von Erscheinungen erkannt werden 
könne und zu diesem Zwecke ein Wissen um die jeweilige 
Ursache vorausgesetzt werden müsse, wird auch schon von 
Schulze vertreten. Er bemerkt zwar, dafs einige Ausführungen 
in der Kritik der reinen Vernunft zu verstehen geben, „dafs 
Wahrnehmungen, um solche fUr Erkenntnisse von Objekten 
halten zu können, nur auf eine in der Zeit vorhergegangene 
Ursache überhaupt brauchten bezogen zu werden,''^) doch 
sieht er hierin nur einen Widerspruch im Gedankengange Kants. 
Analog den Ausführungen Schopenhauers ist auch der 
Hinweis auf die Möglichkeit einer unmittelbar als real anf- 
gefafsten Folge von Wahrnehmungen, die untereinander in 
keinem kausalen Verhältnis stehen. ,Die Folge der Wabr- 
nehmungen von den Zuständen realer Dinge enthält viel- 
mehr . . . schon für sich genommen, eine Bestimmtheit in 
Ansehung dessen, was vorhergeht, und was darauf folgt, welche 
ob ihr gleich keine Notwendigkeit zukommt, dennoch gar 
nicht in unserer Willkür steht, so dafs wir ihr jede uns be- 
liebige Abänderung für die Auffassung durch die Sinne geben 
könnten.'' 3) ,Das sukzessive Sein der Zustände objektiver 
Dinge wird also schon durch die Wahrnehmung, an sich 
genommen, und ohne alle Rücksicht auf ein Kausal- Verhältnis 
derselben, als etwas Objektives, das keine Sukzession bloJser 
Vorstellungen in uns ausmacht, erkannt'^) Wir sehen, dafs 
diesem Gedanken wieder die Voraussetzung einer unmittelbaren 
Gewifsheit von der Realität des Wahrgenommenen zugrunde liegt, 
von der wir bereits oben sprachen und für die wir ein Analoges 
bei Schopenhauer fanden. Wir sehen auch, dafs Schulze in 



Ebenda S. 434 f Die Sperrung fehlt im Text. 
») Ebenda S.438. ») Ebenda S.429. 

*) Ebenda S. 430. 



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161 

dem nämlichen Sinne die Lehrmeinang Kants verfehlt wie 
Sehopenhanen Die Ableitung der Apriorität des Kausalgesetzes 
aber ans dem Bewufstsein von der unmittelbaren kausalen Be- 
ziehung zwischen unseren Sinnesempfindnngen und ihren Ur- 
sachen aufser uns liegt Schulze noch völlig fem. Einige andere 
Differenzen in den kritischen Ausftihrungen Schulzes über den 
Grundsatz der Kausalität bei Kant können hier übergangen 
werden, da sie fttr Schopenhauers Lehre unwesentlich sind. 

Überblicken wir noch einmal die Beziehungen der Lehre 
Schopenhauers von der empirischen Anschauung znr Lehre 
Schulzes so haben wir festzustellen, dafs diese allerdings in 
einem höheren Mafse als es nach der Darstellung Schopen- 
hauers den Anschein gewinnt, als historische Voraussetzung der 
Lehre Schopenhauers anzusehen ist Nicht nur die idealistische 
Interpretation der Lehre Kants, insbesondere die Kritik an der 
Lehre Kants vom Ding an sich fuTst auf Schulze, auch die 
Kritik an der Lehre vom Gegenstande, an der Ableitung der 
Kategorien, an dem Beweis der Apriorität des Kausalgesetzes, 
an der Lehre von den Schematen, an dem Verhältnis der Ideen 
zu den Kategorien u. a. ist bei Schulze im Wesentlichen schon 
vorhanden. Was fttr das Bewufstsein Schopenhauers seine 
eigene Kritik an der Lehre Kants von der von Schulze ge- 
gebenen so wesentlich unterschied, war der systematische Aus- 
gangspunkt, von dem aus er seine Kritik orientierte, und der 
durch die Lehre von der unmittelbaren kausalen Bedingtheit 
der empirischen Anschauung gegeben war. 

Dafs femer selbst für diesen spezifischen Bestandteil seiner 
Lehre von der empirischen Anschauung in den Ausführungen 
Schulzes über die unmittelbare Notwendigkeit, die dem Dasein 
der Empfindungen anhaftet, ja auch schon fttr die Annahme, 
dafs wir ein unmittelbares Bewufstsein von dem Zusammen- 
hange unseres Geistes mit unserem Körper besitzen, bei Schulze 
Ansätze vorhanden waren, scheint Schopenhauer übersehen oder 
vielleicht deshalb nicht als historische Voraussetzung gelten 
gelassen zu haben, weil jenen Gedanken bei Schulze noch nicht 
die prinzipielle Bedeutung zukommt, die er ihnen gegeben hat. 



Philoiophlsche Abhandlongeo. XLII. \i 

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162 



Die Beziehungen der Lehre Schopenhauers von 
der empirischen Anschauung zur Lehre Fichtes. 

Als ein Gemeinsames der Lehre Sehopenhaners mit der 
Lehre Fichtes, Sehellings nnd Hegels fanden wir das Ansgehen 
von der Unterscheidung, die Kant zwischen Erscheinung and 
Ding an sich macht, ferner auch, dafs sie alle einen Weg 
suchen, auf dem das Ding an sich seinem Wesen nach er- 
fafsbar sei. Fichte, Schelling und Hegel finden diesen Weg 
in der intellektuellen Anschauung, während Schopenhauer in 
bewurstem Gegensatze zu ihnen und in konsequenterer Fort- 
bildung kantischer Gedanken im Willen das wiederzuerkennen 
glaubt, was nach Kant das an den Dingen ist, was sie aufser 
dem, dals sie Vorstellungen sind, noch seien. 

. Zu diesen metaphysischen kommen Bertthrungspunkte auch 
in der Auffassung des Verhältnisses zwischen Metaphysik und 
Ethik, weiterhin, zwar nicht bei Fichte, aber bei Schelling 
und Hegel Analoga zu Schopenhauer in der metaphysisehen 
Fundierung der Ästhetik. In der Naturauffassung Schopen- 
hauers ferner zeigt sich Analoges zur Potenzenlehre Sehellings, 
im „System des transzendentalen Idealismus'^ 1800. Schelling 
wie auch Schopenhauer und Fichte sind entschiedene Gegner 
der mechanischen Naturauffassung. Diese drei stimmen auch 
in dem methodischen Momente tiberein, dafs die Philosophie 
eine Konstruktion der Natur zu rersuchen habe, dals sie also 
eine höhere, deduktive Auffassung darstelle, im Gegensatz 
zu der Naturwissenschaft, welche induktiv sei, während die 
Philosophie ihre Erkenntnisse durch intellektuelle Anschauung 
gewinne.») 

^) Aus B. Erdmanns SeminartibuDgen über Schopenhauer. In der 
Literatur finde ich nur eine nennenswerte Spezialarbeit über die Be- 
ziehungen Schopenhauers zu Fichte: Rudolf Willy Schopenhauer in seinem 
Verhältnis zu Fichte und Schelling. Diss. Zürich 1883. Dar Verfittser 
unterzieht die methodischen, metaphysischen und ethischen Yonuui- 
setzungen dieser drei PbUosophen auf ihr Gemeinsames und Unter- 
scheidendes hin, auch hinsichtlich ihrer historischen Stellung zur Lehre 
Kants, einer sorgiältigen, wenn auch nicht ganz ausreichenden Unter- 
suchung. 



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163 

Fichte allein kommt neben Sehnlze von den nachkantisehen 
Philosophen als Vorgänger auch für die Lehre Sehopenbaaers 
Yon der empirischen Ansckanang in Betracht, allerdings, wie 
wir sehen werden, nnr in einem eingeschränkten Mafse. 

Die historisch kritische Forschung über die spezielle 
Problemlage der Lehre Fichtes steht noch erst in den An- 
fängen. Es fehlt noch eine Untersuchung der logischen Grund- 
lagen dieser Lehre, insbesondere der mannigfaltigen Formen, 
die in ihr das synthetische Verfahren annimmt; es fehlt nicht 
minder eine Prüfung der psychologischen Voraussetzungen der 
Wissenschaftslehre. ^) Das setzt uns in die Notlage, letztere in 
einem etwas ausgedehnteren Mafse zur Darstellung zu bringen, 
als es für unsern Zweck unmittelbar erforderlich ist 

Eine Untersuchung der psychologischen Voraussetzungen 
der Lehre Fichtes hat darauf zu achten, dafs dabei drei Gruppen 
Yon Beziehungen voneinander zu trennen sind, die von Fichte 
nicht immer scharf geschieden werden: 

1. die logischen Beziehungen, die den Gang der De- 
duktion bestimmen, 

2. die symbolischen, an denen diese yeranschaulicht 
werden, und die zum Teil als logisch zu nehmende 
unterfliefsen, 

3. die psychologischen. 

Unsere Aufgabe wird es sein, das Psychologische aus dem 
Gedankengange Fichtes herauszupflücken, insbesondere das, 
was davon für die empirische Anschauung Bedeutung hat. 
Es erhebt sich die Frage, was dabei als psychologisch 



Wertvolle Einzelinterpretationen der Gedankengange Fichtes ent- 
lifUt das Werk von J. H. Löwe: Die Philosophie Fichtes nach dem Gesamt- 
ergebnifl ihrer Entwicklung und in Uirem Verhältnis zu Kant und Spinoza. 
Stuttgart, 1862. Von neueren Abhandlungen ist die sehr scharfsinnig 
interpretierende Arbeit von Alfred Menzel zu nennen: Die Grundlagen der 
Fiehtesehen Wissenschaftslehre in ihrem Verhältnis zum Kantischen Kritizis- 
mns. Diss. Kiel 1909, als Buch erschienen Leipzig 1909 im Verlag Brock- 
hana. Wertvolle methodologische Erörterungen findet man bei Emil Lask: 
Fichtes Idealismus und die Geschichte, Tübingen 1902, auch in dem kürz- 
lich erschienen Buche von Hans Hielscher: Das Denksystem Fichtes. 
Berlin 1913, Verlag K. Curtius, in dem auch der empirische Bestand der 
Methode Fichtes eingehend behandelt wird. 

U* 



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164 ' 

gelten darf. Dies wollen wir an dem Mabstab dessen messen, ' 
was in der empirisehen Psychologie als Bewofstseinstatsaehe | 
gilt, also an dem Inbegriff des in der Selbstwabmehmnng | 
gegebenen Yorstellens, Ftthlens und WoUens. Demgem&fs 
haben wir bei Fichte zu unterscheiden: 

1. die Vorstellung des Vorstellenden, die durch absolute 
Abstraktion von allem Nicht-Ich entsteht, als das 
Selbstbewufstsein im eigentlichen Sinne, 

2. das Bewufstsein, in dem das Ich .im (gegenstände 
sich verliert' weil es sich seiner Tätigkeit unmittelbar 
nicht bewnfst wird, als das Gegenstandsbewnlstsein, - 

3. das Gefühl. 

Nicht als Bewulstseinstatsachen haben wir dagegen alles 
das gelten zu lassen, was sich lediglich als .etwas einem 
gewissen Gedanken Entsprechendes* im menschlichen Geiste 
darstellt. Auch Fichte trennt dies im Prinzip von den Bewulst- 
seinstatsachen. Er schildert es als Tatsachen, die lediglich 
einem „Anfsenbeobachter^, wenn er das „Ich'' beobachten , 
könnte, zugänglich wären. Wir können von unserem Stand- 
punkte aus sagen: es sind logische Beziehungen, die von Fichte 
gleichsam als unbewufst psychische postuliert werden. Aber 
nicht einmal dies sind sie für unsere Betrachtung. 

Davon zu scheiden sind diejenigen Handlungen des Ich 
bei Fichte, in denen es etwas in sich setzt, gemäfs der Regel: 
„Nichts ist im Ich, was es nicht in sich setzf*. Das so Ge- 
setzte wird von Fichte in ausdrücklichen Gegensatz gestellt zu 
dem, was lediglich für den Aulsenbeobachter gilt Gleichwohl 
sind diese Handlungen des Ich nicht immer als Selbstwahr- 
nehmungen in unserem Sinne gelten zu lassen. Denn es zeigt 
sich des Öfteren, dafs das Ich in Ihnen sich selbst vergifst 
und das in sich Wahrgenommene dem Nicht- Ich zuschreibt. 
Dieser Eigentümlichkeit der Lehre Fichtes können wir dadoreh 
gerecht werden, dafs wir diese Handlungen des Ich als unbe- 
wufst psychische Bedingungen des Bewufstseins von den Gegen- 
ständen aufser uns gelten lassen. Auch noch andere FJUle 
werden wir als unbewufst psychische Bedingungen zu denten 
haben. 

Die Darstellung der psychologischen Voraussetzungen der 
Lehre Fichtes hebt zweckmäfsig an mit der «Grundlage der 



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165 

gesamten WisseDBchaftslebre' (1794) und wird ergänzt dnrch 
den .GrundriTs der Eigentümlichkeiten der Wissenschafts- 
lehre" (1795). Die übrigen Schriften Fiehtes bis auf die 
«Tatsachen des Bewnfstseins* (von 1810/11) enthalten, was 
unsere Frage angeht, nicht vielmehr als Wiederholungen des 
dort Gregebenen. Letztere Schrift aber ist als bedeutsam mit 
heranzuziehen. 

Die Aufgabe der Deduktion der .Grundlage des theo- 
retischen Wissens* ist kurz, „zu untersuchen, ob und mit 
welchen Bestimmungen der problematisch aufgestellte Satz: das 
Ich setzt sich, als bestimmt durch das Nicht-Ich denkbar 
wäre.^1) „Die einzige mögliche Art zu denken, was gedacht werden 
8oll',2) Ynrä aufgefunden, und das so Aufgestellte gilt zugleich 
als .ein ursprünglich in unserem Geiste vorkommendes Faktum. ''s) 
Dieses Faktum ist die Vereinigung der in dem Satze: .das Ich 
setzt sich als bestimmt durch das Nicht-Ich'^) enthaltenen 
Widerspruche durch die Einbildungskraft. „Die Aufgabe war 
die, die Entgegengesetzten, Ich und Nicht-Ich zu vereinigen. 
Durch die Einbildungskraft, welche Widersprechendes vereinigt, 
können sie vollkommen vereinigt werden."^) „Das Ich kann 
sich nicht anders setzen als, dafs es durch das Nicbt-Ich be- 
stimmt sei. (Kein Objekt, kein Subjekt) Insofern setzt es sich 
als bestimmt. Zugleich setzt es sich auch als bestimmend; 
weil das Begrenzende im Nicht-Ich sein eigenes Produkt ist 
(Kein Subjekt, kein Objekf")«) 

Mit der Ableitung dieses Faktums ist „der theoretische 
Teil der Wissenschafl^lehre vollkommen beschlossen.'' 7) Mit 

') Grundlage der gesammtenWissenschaftslehre. Leipzig bei Christian 
Ernst Gabler 1794 S. 184. Johann Gottlieb Fiehtes sämtliche Werke, 
heraosgegeben von J. H. Fichte 1845, L Bd. S. 219. Die Zitate Fiehtes 
sind nach den Originalausgaben gegeben, weil der Wortlaut der von 
J. H. Fichte besorgten Ausgabe sämtlicher Werke mit dem der Original- 
ansgabe nicht immer übereinstimmt, in einigen Fällen anch, wie mir 
scheint, nicht ganz den rechten Sinn tri£Ft Die entsprechenden Seiten- 
sahlen aus der G^amtansgabe werden jeweils beigefügt. 

>) Ebenda. ') Ebenda. 

*) Grundlage Orig. S. 182, 83. Sämtl. W. I S. 218. 

>) Grundlage Orig. S. 182. Sämtl. W. I S. 218. 

•) Grundlage Orig. S. 183. SämtL W. I S. 218. 

«) Grundlage Orig. S. 183. SämÜ. W. I S. 219. 



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166 

«einer Anfstellang hebt zngleieb „die pragmatigobe Oesohiobte 
des menBchliehen Geistes^ an. „Die WiBsenaebaftslehre soll 
sein eine pragmatisehe Gesehiehte des mensehlieben Geistes. 
Bis jetzt haben wir gearbeitet, um nor erst einen Eingang 
in dieselbe zu gewinnen; am nur erst ein nnbezweifeltes 
Faktom aufweisen zu können. Wir haben dieses Faktam, nnd 
von nun an darf unsere, freilich nicht blinde, sondern experi- 
mentierende Wahrnehmung ruhig dem Gange der Begeben- 
heiten nachgehen.^ 

Hier also haben wir für den Zweck unserer Untersuchung 
der psychologischen Voraussetzungen der Wissensehaftslehre 
anzusetzen. 

Fichte bezeichnet den geschilderten Zustand der Ein- 
bildungskraft als Anschauen: „Dieser Znstand heilst der Zu- 
stand des Anschauens. Das in ihm tätige Vermögen ist schon 
oben produktive Einbildungskraft genannt worden.^ 2) Fttr 
unsere psychologische Betrachtung ist sie nur insofern in den 
Bestand des Bewulstseins zu beziehen, als ihr Produkt, die 
Anschauung, bewnfst wird. „Ferner ist klar, dafs das Ich 
seiner Tätigkeit in dieser Produktion des Angeschauten als 
eines solchen, sich« nicht bewufst sein könne, darum, weil .sie 
nicht reflektiert, dem Ich nicht zugesehrieben wird.''') Aber 
auch das Produkt, das Angeschaute, ist fttr unsere Betrachtung 
noch kein selbständiger Bestandteil des Bewulstseins. Es ist, so 
können wir in moderner Wendung wieder sagen, erst eine mi- 
bewufste Bedingung des Bewulstseins. Das geht hervor aus der 
Bedeutung der zweiten Entwicklungsstufe des menschUehen 
Geistes, zu der wir uns weiter unten wenden. Vorerst ist noch 
anzumerken, dals der Zustand der „schwebenden'' produktiven 
Einbildungskraft als unbewnfste Bedingung nicht nur f&r das 
Bewufstsein von der Realität der Anfsendinge, sondern auch der 
raumzeitlichen Beziehungen zu gelten hat Letzteres geht aus 
folgenden Bemerkungen hervor: „Dieses Schweben der Ein- 
bildungskraft zwischen Unvereinbarem, dieser Widerstreit der- 
selben mit sich selbst ist es, welcher, wie sich in der Zukunft 
zeigen wird, den Zustand des Ich in demselben zu einem Zeit- 

») Grundlago Orig. S. 188. Sämtl. W. I S. 222. 
<) Grundlage Orig. S. 193. Samtl. W. I S. 225. 
») Grundlage Orig. S. 199. SämtL W. I S. 230. 



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167 

momente ansdehiii^O „In diesem Streite rerweilt der Geist, 
sehwebt zwisehen beiden, sehwebt zwischen der Forderang (die 
Enlig^engesetzten za vereinigen) and der Unmögliehkeit, sie zu 
erfiUlen, nnd in diesem Znstande, aber nnr in diesem, hält er 
beide zugleich fest, oder, was das Gleiohe heilst, macht sie zn 
solchen, die zugleich aufgefafst, and festgehalten werden können, 
— gibt dadnrch, dafs er sie berührt nnd wieder von ihnen 
zorttekgetrieben wird, and wieder bertthrt, ihnen im Verhältnis 
aaf sich einen gewissen Gehalt, nnd eine gewisse Ansdehnung, 
die za seiner Zeit als Mannigfaltiges in der Zeit nnd im Raam 
sieh zeigen wird.'' 2) 

Die zweite Entwicklnngsstnfe des menschlichen Geistes 
besteht in der Fixierung der Anschauung. „Zu einem 'solchen 
Fixieren der Anschauung, die erst dadurch eine Anschauung 
wird, gehört dreierlei: Zuvörderst die Handlung des Fixierens 
oder Festsetsens. Das ganze Fixieren geschieht zum Behuf 
der Reflexion durch Spontaneität, es geschieht darch diese 
Spontaneität der Reflexion selbst, wie sich sogleich zeigen wird. 
Mithin kommt die Handlang des Fixierens zu dem schlechthin 
setzenden Vermögen im Ich, oder der Vernunft. — Dann das 
Bestimmte, oder bestimmt Werdende, und das ist bekannter* 
mafsen die Einbildungskraft, deren Tätigkeit eine Grenze 
gesetzt wird. — Zuletzt das durch die Bestimmung Entstandene, 
das Produkt der Einbildungskraft in ihrem Sehweben. Es ist 
kfaur, dafs, wenn das geforderte Festhalten möglich sein solle, 
es ein Vermögen dieses Festhaltens geben mUsse, und ein 
flolehes Vermögen ist weder die bestimmende Vernunft, noch 
die produzierende Einbildungskri^ft, mithin ist es ein Mittel- 
vennögen zwisehen beiden. Es ist das Vermögen, worin ein 
Wandelbares besteht, gleichsam verständigt wird, und heifst 

daher mit Recht Verstand Der Verstand ist ein ruhendes, 

untätiges Vermögen des Gemtttes, der blofse Behälter des 
durch die Einbildungskraft Hervorgebrachten. . . . Nur im Ver- 
stände ist Realität; er ist das Vermögen des Wirklichen; in 
ihm erst wird das Ideale zum Realen. (Daher drttckt Verstehen 
auch eine Beziehung anf etwas ans, das uns ohne unser Zutun 



>) GrandUge Orig. S. 180/81. Sämtl. W. I S. 217. 
*) Gmndlage Orig. S. 192/93. Sämtl. W. I S. 225. 



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168 

von anfsen kommen soll) Die Einbildnngskraft prodaziert 
Realität, aber es ist in ihr keine Realität; erst dnreh die 
Anffassung nnd das Begreifen im Verstände wird ihr Produkt 
etwas Reales • . « . Es wird sich zeigen, dafs man in der 
Reflexion, vermöge der Gesetze derselben, nur bis auf den 
Verstand zurückgehen könne, und in diesem dann allerdings . 
etwas der Reflexion Gegebenes, als einen Stoff der Vor- 
stellung antreffe, der Art aber, wie dasselbe in den Verstand ^ 
gekommen, sich nicht bewufst werde. Daher nnsere feste i 
Überzeugung von der Realität der Dinge aulser uns, und ohne 
alles unser Zutun, weil wir uns des Vermögens ihrer Prodnktion I 
nicht bewufst werden." i) 

Die weitere Entwicklung des menschlichen Geistes, soweit 
sie in der theoretischen Wissensehaftslehre geschildert wird, ' 
untersteht, logisch betrachtet, dem Ziel der Auffindung eines 
Untersoheidungsgrundes zwischen Angeschautem nnd An- 
schauendem. Für jede der dabei auftretenden vier Ent- 
wicklungsstufen kommt jeweils eine Tätigkeit der anschauenden | 
Einbildungskraft und des fixierenden Verstandes in Betracht 
Ffir erstere scheint dabei allgemein zu gelten: .Die Einbildungs- 
kraft in ihrer gegenwärtigen Funktion produziert nicht, sondern 
fafst blofs auf (zum Setzen im Verstände, nicht etwa zum Auf- 
behalten), das schon Produzierte und im Verstände Begriffene, 
und heilst daher reproduktiv.* 2); 

Die Resultate dieser Entwicklungsstufen sind kurz folgende: 

1. Die Auffassung der Anschauung als unter einer gewissen 
Bedingung stehend.') 

2. Die Auffassung des .Gefühls des Zwanges zu einer 
bestimmten Handlung', als einer .Notwendigkeit*.^) Dieses 
Gefühl selbst tritt nicht etwa erst auf dieser Entwicklungsstufe 
auf, sondern ist, wie sich aus der praktischen Wissenschafts- 
lehre ergibt, schon eine Vorbedingung für die oben beschriebene 
Anffassung des Realen durch den Verstand. 

3. Die Auffassung der Tätigkeit des Ich zur Selbst- 
bestimmung als einer Selbstbestimmung zum Denken eines 

') Grundlage Orig. S. 203 f. Sämtl. W. I S. 293 f. 
«) Grundlage Orig. S. 207. Sämtl. W. I S. 235. 
s) Grundlage Orig. S. 211. Slimtl. W. I S.238. 
*) Grundlage Orig. S. 212. Sämtl. W. I S. 238/39. 



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169 

Objekts, als der Ursache von einem Leidenden im An- 
schauenden. .Nach obiger Erörterung ist die Tätigkeit zur 
Selbstbestimmung, Bestimmung eines fixierten Produkts der 
Einbildungskraft im Verstände durch die Vernunft: mithin ein 
Denken. Das Anschauende bestimmt sich selbst zum Denken 
eines Objekts. Insofern das Objekt durch das Denken bestimmt 

wird, ist es ein Gedachtes Das Objekt wird gedacht als 

Ursache von einem Leiden im Anschauenden, als seinem 
Effekt« 1) 

4. Die Auffassung des so Gedachten als eines Denkbaren, 
oder anderseits die Auffassung der Freiheit des Denkens in 
der Urteilskraft „Urteilskraft ist das bis jetzt freie Vermögen, 
ttber schon im Verstände gesetzte Objekte zu reflektieren, oder 
von ihnen zu abstrahieren und sie nach Mafsgabe dieser 
Reflexion oder Abstraktion mit weiterer Bestimmung im Ver- 
stände zu setzen." >) „Nur das als denkbar beurteilte kann 
als Ursache der Anschauung gedacht werden."^) 

5. Das Selbstbewufstsein, vermöge des .absoluten Ab- 
straktionsvermögens", «von allem Objekte überhaupt zu ab- 
strahieren."^) 

Überblicken wir den Entwicklungsgang des menschlichen 
Geistes, wie er in der theoretischen Wissenschaftslehre dar- 
gestellt wird, so haben wir fttr die empirische Anschauung 
folgendes Ergebnis: Die ursprüngliche Anschauung des Objektes 
der Aufsenwelt ist die unmittelbare Anschauung desselben als 
eines Bealen, Wirklichen durch den Verstand. Doch kann 
die Auffassung des realen Objektes als der Ursache der An- 
schauung durch die Urteilskraft hinzutreten. Letzteres ist 
mit ersterem nicht schon gegeben. Es tritt vielmehr hinzu, 
und zu diesem Zweck bedarf es vorerst einer Reproduktion 
des durch den Verstand schon gesetzten Realen, und dann 
einer Bestimmung des im Verstände Gesetzten durch die 
Vernunft oder genauer die Urteilskraft. 

Wenden wir uns nun zur .Grundlage der Wissenschaft des 
Praktischen." 

>) Grandlage Orig. S. 214/15. Sämtl. W. I S. 240/41. 
«) Grundlage Orig. S. 216. 8ämtL W. I S. 242. 
») Grundlage Orig. S. 218. Sämtl. W. I S. 243. 
') Grundlage Orig. S. 218. Sämtl. W. I S. 243. 



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170 

Der Hauptsatz aller praktiBchen Wissenschaftdehre: «Das 
Ich setzt sich als bestimmend das Nicht-Ich*,^) hat zar Vorans- 
setzuDg, dafs durch das Nicht-Ich «auf die Tätigkeit des Ich 
ein Anstofs geschehe.* 2) „Die Art nnd Weise des Vorstellenfl 
überhaupt ist allerdings durch das Ich, dals aber überhaupt 
das Ich vorstellend sei, ist nicht durch das Ich, sondern dnreli 
etwas auTser dem Ich bestimmt* 3) .Dafs dies geschehe, ab 
Faktum, läist ans dem Ich sich schlechterdings nicht abldten, 
wie mehrmals erinnert worden; aber es läfst allerdings sich 
dartun, dafs es geschehen müsse, wenn ein wirkliches Bewnlst- 
sein möglich sein soU/^) Aus jenem Hauptsatze folgt: „Das 
absolute Ich soll . . . sein Ursache des Nioht-Ich an und ittr 
sich, d. i. nur desjenigen im Nicht-Ich, was übrig bleibt, wenn 
man von allen erweisbaren Formen der Vorstellung abstrahiert, 
desjenigen, welchem der Anstofs auf die ins Unendliche hinaus- 
gehende Tätigkeit des Ich zugeschrieben wird; denn dafs von 
den besonderen Bestimmungen des VorgesteUten, als eines 
solchen das intelligente Ich nach den notwendigen Oesetzen 
des Vorstellens Ursache sei, wird in der theoretischen Wissen- 
schaftslehre dargetan.* ^) 

Weder dieses kausale Verhältnis zwischen dem absoluten 
Ich und dem Nicht-Ich, noch das zwischen dem Nicht-Ich nnd 
dem intelligenten Ich, kann psychologisch in Betracht kommen. 
Beide kausalen Verhältnisse haben vielmehr als metaphysische 
Voraussetzangen zu gelten. 

Gleiches gilt im Prinzip auch für die genetisehe Wuiiel 
des intelligenten und des praktischen Ich im absoluten Ich, 
jedoch mit einer Einschränkung wie wir noch sehen werden. 
„Das Ich fordert, dafs es alle Realität in sich fasse und 
die Unendlichkeit erftiUe. Dieser Forderung liegt notwendig zum 
Grunde die Idee des schlechthin gesetzten, unendlichen Ich; 
und dieses ist das absolute Ich, von welchem wir geredet 
haben ... Es ist in demselben gamicht die Bede von dem im 
wirklichen Bewufstsein gegebenen Ich; denn dieses ist nie 

1) Grundlage Orig. S. 227. S&mtl. W. I S. 248. 

*) Grundlage Orig. S. 228. Sämtl. W. I S. 248. 

>) Grundlage Orig. S. 228. SSmtl. W. I S. 248. 

*) Grundlage Orig. S. 265. Sämtl. W. I S. 275. 

') Grundlage Orig. S. 232. Sftmtl. W. I S. 251. 



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171 

sehlechthin, sondern Bein Zustand ist immer entweder unmittel- 
bar oder mittelbar dnreh etwas aufser dem Ich begründet, 
sondern von einer Idee des Ich, die seiner praktischen unend- 
lichen Forderung notwendig zugrunde gelegt werden mufs, die 
aber flir unser Bewufstsein unerreichbar ist und daher in dem- 
selben nie unmittelbar (wohl aber mittelbar in der philosophischen 
Beflexion) vorkommen kann."i) Zu dieser metaphysisch-gene- 
tischen Wurzel, dafs „das Ich fordert, dafs es alle Realität in 
sich fasse^, kommt als zweite, fttr das praktische Ich folgende: 
„Das Ich mufs — und das liegt gleichfalls in seinem Begriffe — 
ttber sich reflektieren, ob es wirklich alle Realität in sich fasse. 
Es legt dieser Reflexion jene Idee zum Grunde, geht demnach 
mit derselben in die Unendlichkeit hinaus, und insofern ist es 
praktisch, nicht absolut, weil es durch die Tendenz zur Reflexion 
eben aus sich herausgeht; ebensowenig theoretisch, weil seiner 
Reflexion nichts zum Grunde liegt, als jene aus dem Ich selbst 
herstammende Idee, und von dem möglichen Anstofse völlig 
abstrahiert wird, mithin keine wirkliche Reflexion vor- 
handen ist* 3) 

Beide genetische Wurzeln sind auch nach Fichte im 
Prinzip als empirische noch nicht anzusehen; denn „nach der 
soeben vorgenommenen Erörterung ist das Prinzip des Lebens 
oud Bewufstseins, der Grund seiner Möglichkeit — allerdings 
im Ich enthalten, aber dadurch entsteht noch kein wirkliches 
Leben, kein empirisches Leben in der Zeit; und ein anderes 
ist fttr uns schlechterdings undenkbar. Soll ein solches wirk- 
liches Leben möglich sein, so bedarf es dazu noch eines 
besonderen Anstofses auf das Ich durch ein Nicht-Ich." ') 

Gleichwohl aber werden die geschilderten metaphysisch- 
genetischen Wurzeln zu empirischen in einer Hinsicht doch> 
nämlich dadurch, dafs sie den Bewufstseinsbestand, der durch 
den Anstols des Micht-Ich ausgelöst wird, in seiner Eigenart 
mitbestimmen. Dieser Bewufstseinsbestand trägt nämlich den 
Charakter eines „Geftthls des Zwanges, des Nichtkönnens.** ^) In 



«) Grundlage Orig. S. 268. Saintl. W. I S. 277. 

') Grundlage Orig. S. 268. Sämtl. W. I S. 277. 

*) Grandlage Orig. S. 271. Sämtl. W. I S. 279. 

*) Grundlage Orig. S. 296. SämtL W. I S. 297. 



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172 

ihm haben wir, genetisch betrachtet, das erste empirische psycho- 
logische Produkt des praktischen Ich zu erblicken. .Das Ich 
strebt die Unendlichkeit anszufttllen; zugleich hat es das Gesetz 
und die Tendenz über sich selbst zn reflektieren. Es kann 
nicht Über sich reflektieren, ohne begrenzt zn sein, und zwar 
in Rücksicht des Triebes, durch eine Beziehung auf den 
Trieb begrenzt zu sein. Setzet, dafs der Trieb im Punkte C 
begrenzt werde, so wird in G die Tendenz zur Reflexion 
befriedigt, der Trieb nach realer Tätigkeit aber beschränkt 
Das Ich begrenzt dann sich selbst und wird mit sich selbst 
in Wechselwirkung gesetzt: durch den Trieb wird es weiter 
hinausgetrieben, durch die Reflexion wird es angehalten 
und hält sich selbst an. Beides vereinigt gibt die Äufserung 
eines Zwanges, eines Nichtkönnens .... Die Äufserung 
des Nichtkönnens im Ich heifst ein Geftthl. In ihm ist 
innig vereinigt Tätigkeit — ich fbhle, bin das Fühlende, 
und diese Tätigkeit ist die der Reflexion — Beschränkung 
— ich fühle bin leidend und nicht tätig; es ist ein Zwang 
vorhanden. Diese Beschränkung setzt nun notwendig einen 
Trieb voraus, weiter hinauszugehen. Was nichts weiter will, 
bedarf, umfafst, das ist, es versteht sich, für sich selbst — nicht 
eingeschränkt.'' i) 

Jenes Streben und jene Tendenz zur Reflexion also, so 
haben wir zu sagen, sind, insofern sie den eigentümlichen 
Charakter dieses Gefühls, als eines Gefühls des Nichtkönnens, 
ursächlich bestimmen, wiederum als unbewufst psychische und 
insofern nicht mehr blofs metaphysische Bedingungen des 
Gefühls für unsere Betrachtung zu bezeichnen. 

Die in der Grundlage des theoretischen Wissens aufge- 
deckte unbewufst psychische Bedingung der Vorstellung, die 
in dem Zustand des Schwebens der Einbildungskrafl gegeben 
war, ist, wie es scheint, mit dem Gefühl nicht schon gegeben; 
die Zuordnung des genetischen Ortes des Gefühls zu dem des 
ursprünglichen Faktums des theoretischen Wissens, ist bei Fichte 
nicht deutlich ausgeführt Aus folgenden Ausführungen scheint 
aber hervorzugehen, dafs das Gefühl genetisch vor jenem 
Faktum des Schwebens der Einbildungskraft liegt oder doch 

<) Grundlage Orig. S. 284f. SSmtl. W. I S. 288f. 

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173 

wenigstens unabhängig yon letzterem besteht. .Das Geftthl ist 
lediglich subjektiv. Wir bedürfen zwar zur Erklärung des- 
selben — welches aber eine theoretische Handlung ist — eines 
Begrenzenden, nicht aber zur Deduktion desselben, inwiefern 
es im Ich yorkommen soll, der Vorstellung, des Setzens eines 
solchen im Ich." ^ n^^^ Wissenschaftslehre . • • . behauptet 
nichts weiter, als eine solche entgegengesetzte Krall, die von 
dem endlichen Wesen blofs geftthlt, aber nicht erkannt wird. 
Alle mögliche Bestimmungen dieser Kraft oder dieses Nicht-Ich, 
die in die Unendlichkeit hinaus in unserem BewuTstsein vor- 
kommen können, macht sie sich anheischig, aus dem be- 
stimmenden Vermögen des Ich abzuleiten.^ 2) 

Nehmen wir hinzu, dafs überhaupt dem praktischen Ver- 
mögen die genetische Priorität vor dem theoretischen zukommt: 
„Ist kein praktisches Vermögen im Ich, so ist keine Intelligenz 
möglich",^) so werden wir zu der Auffassang gedrängt, dafs 
das „Schweben der Einbildungskraft^ zwar als unbewufst 
psychische Bedingung jeder möglichen Bestimmung der Kraft, 
aber nicht auch schon des Gefühls der Kraft anzusehen ist 

Wir fanden als den ersten Schritt der spontanen Reflexion 
des empirischen Ich auf den Zustand der produzierenden Ein- 
bildongskraft das Fixieren derselben durch den Verstand, 
woraus die Realität, die Wirklichkeit, der Stoff der Vorstellung 
für das Bewnfstsein des Ich hervorging. Einen analogen Schritt 
weist die „Grundlage des praktischen Wissens'' auf: „Durch 
absolute Spontanität, lediglich zufolge des Wesens des Ich, 
ohne allen besonderen Antrieb'^ erfolgt, „eine Reflexion auf das 
Reflektierende* (Fühlende).^) „Hier geht die Grenze zwischen 
blofsem Leben und zwischen Intelligenz, wie oben zwischen 
Tod und Leben." ^) „Lediglich aus dieser absoluten Spontanei- 
tät erfolgt das Bewnfstsein des Ich. Durch kein Naturgesetz 
und dnrch keine Folge ans dem Naturgesetz, sondern durch 
absolute Freiheit erheben wir uns zur Vernunft, nicht durch 



^) Grundlage Orig. S. 285. S&mtl. W. I S. 289. 
>) Grundlage Orig. S. 272. SSmtl. W. I S. 279/80. 
*) Grundlage Orig. S. 269. Sämtl. W. I S. 277. 
*) Grundlage Orig. S. 296 f. Sämti. W. I S. 298. 
») Grundlage Orig. S. 297. Sämtl. W. I S. 298. 



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174 

Übergang, Bondern dnrch einen Sprang." ^^^ ^^^^ ^ : 
Bewnfstsein des Ich erfolge, ist vorerst nur im nneigentliehen | 
Sinne zu nehmen. Der Effekt dieser spontanen Entwieklnngs- j 
stafe ist vielmehr znnäehst der, dafs die Realität des Dinges I 
geftthlt zu werden seheint. „Hier liegt der Grand aller I 
Realität. Lediglich darch die Beziehung des Oefttnls anf das | 
Ich. die wir jetzt nachgewiesen haben, wird Realie für das 
Ich möglich, sowohl die des Ich als die des Nicht-Ich. Etwas, ^ 
das lediglich darch die Beziehung eines Gefllhls möglieh wird, 
ohne dafs das Ich seiner Anschauung desselben sich bewuist 
wird, noch bewufst werden kann, und daher gefehlt zu sein 
scheint, wird geglaubt. An Realität überhaupt, sowohl die des ; 
Ich als des Nicht-Ich findet lediglich ein Glaube statt ''^) 

Auch hier bleibt es dem Leser der Wissenschaftalehre 
tiberlassen, die Beziehungen zwischen der Theorie des praktischen 
und des theoretischen Wissens selbst herzustellen. Der Um- 
stand, dafs die letztgenannte Reflexion auf das Gefühl eine 
solche des intelligenten Ichs ist, legt die Deutung nahe, dafs 
sie als eben dieselbe Handlung zu gelten habe, die wir in 
der Grundlage des theoretischen Wissens, in der Handlung des 
Verstandes, in dem allein „Realität ist",') kennen lernten, in 
der Grundlage des praktischen Wissens nur von einem anderen 
Gesichtspunkte aus betrachtet, nämlich unter Mitberttcksichtignng 
des dabei unterfliefsenden Geftlbls. 

Die weitere Schilderung der Entwicklung des menschlichen 
Geistes, so wie sie in der Grundlage des praktischen Wissens 
gegeben wird, ist der in der Grundlage des theoretischen 
Wissens gegebenen im Einzelnen nicht mehr analog. War hier 
die Entwicklung betrachtet worden, die zum Selbstbewnlstsein 
im eigentlichen Sinne ftthrte, so kommt dort die Entwicklang, 
die zum Bewafstsein des Mannigfaltigen des äufseren Objekts 
fuhrt, in Betracht. 

Aas dem geschilderten Gefühl des Zwanges, oder genauer 
dem in ihm enthaltenen Streben oder Trieb, entwickelt sich 
ein „Sehnen'',^) das sich geltend macht als ein „Trieb zum 

') Grandlage Orig. S. 297. Sämti. W. I S. 298. 

>) Grundlage Orig. S. 301. SämtL W. I S. 301. 

*) Grundlage Orig. S. 204. SftmtL W. I S. 233. 

«) Grandlage Orig S. SOJ. SilmÜ. W. I S. 302. 



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175 

BestimmeDf zum Modifizieren eines etwas anfser dem leb, der 
doroh das Gefühl ttberhanpt sehen gegebenen Bealität*,^) und 
zwar zeigt dieses sieh in den beiden nun folgenden Ent- 
wicklungsstufen. Dadurch entsteht, allgemein betrachtet, „ein 
Gefühl der Begrenzung des Ich nicht dnrch den StoiF, sondern 
dnreh die Beschaffenheit des Stoffes'',') dessen beide Arten in 
den beiden folgenden Stufen auftreten. 

Wie jenem Geftthle des Zwanges ein Streben ttberhaupt, 
so liegt, so können wir sagen, diesem Gefühl der Begrenzung 
durch die Beschaffenheit des Stoffes das Sehnen als unbewnfst 
psychische Bedingung zugrunde. 

Der spontanen Reflexion auf das Geftthl des Zwanges 
analog ist eine spontane Reflexion auf den Trieb zum Bestimmen, 
die die erste von den beiden eben genannten Entwicklungsstufen 
ausmacht So wie dort ein Geftthl von der Realität des Nicht-Ich, 
so entsteht hier ein „Geftthl eines Bestimmten, Einfachen.'' „Aber 
dieser Freiheit seines Handelns wird das Ich sich nicht bewufst; 
daher wird die Begrenzung des Ich dem Dinge zugeschrieben. 
Es ist ein Geftthl der Begrenzung des Ich durch die Bestimmtheit 
des Dinges oder ein Geftthl eines Bestimmten, Einfachen." 3) 
„Warum ist sttfs oder bitter, rot oder gelb usf. eine einfache 
Empfindung, die nicht weiter zerlegt wird in mehrere, oder 
warum ist es ttberhaupt eine fttr sich bestehende Empfindung, 
und nicht blofs ein Bestandteil einer anderen? Davon mufs 
doch offenbar im Ich, fttr welches es eine einfache Empfindung 
ist, der Grund liegen: in ihm mufs daher a priori ein Gesetz 
der Begrenzung ttberhaupt sein."^) 

Eine weitere Entwicklungsstufe ftthrt zur Unterscheidung 
eines gegebenen Nicht-Ich von einem anderen Nicht-Ich. Sie 
stellt sich dar als ein Abbrechen oder Begrenzen des in der 
Torigen Stufe tttigen Bestimmungstriebes. Dabei „ist von einer 
Begrenzung der Intension [Intention] die Rede, z. B. von dem, was 
das S&fse vom Sauren u. dgl. scheidet^. <^) „Man httte sich aber 

^) Grandlage Orig. S. 809. SamÜ. W. 1 S. 807. 

•) Grandlage Orig. S. 312f. Sämtl. W. I S. 309. 

*) Grandlage Orig. S. 323. S&mtl. W. I S. 316. 

«) Grandlage Orig. S. 316. Sämtl. W. I S. 81 1. 

») So in der Originalausgabe der Grundlage S. 323. In der Gesamt- 
ansgabe von J. H. Fichte steht, wie mir scheint, weniger zutreffend, .Unter- 
schied des Intensiven'' statt «Unterschied der Intension". Sämtl. W. I S. 3 1 8. 



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176 

an eine Begrenzang im Baame zq denken.^ i) Auch in dieser 
Entwicklungsstufe ist das Sehnen weiter tätig und kann insofern 
„Trieb nach Wechselbestimmung' oder „Trieb nach Wechsel über- 
haupt'' genannt werden: „Er ist es, der sich durch das Sebnen 
äuTsert; das Objekt des Sehnens ist etwas Anderes, dem 
Vorhandenen Entgegengesetztes.* 2) Die Befriedigung dieses 
Triebes ist abhängig von dem Eintreten eines neuen, dem 
schon vorhandenen entgegengesetzten Cef tthls. Durch spontane 
Reflexion auch auf diesen Zustand entstehen die spezifischen 
Gefühle von der Beschaffenheit des Stoffes, und zwar jeweilfl 
nach dem Gesetze: «So gewifs . . . eine Handlung eintritt, ist der 
Trieb abgebrochen oder begrenzt. Dadurch ensteht ein Gefühl. 
Auf den möglichen Grund dieses Gefühls geht die Handlung, 
setzt, realisiert ihn.*') Im besonderen verläuft die Unter- 
scheidung zweier Stoffe so, dafs jeweils der gegebene Stoff 
unmittelbar gefühlt, der davon unterschiedene aber blols vor- 
gestellt, in diesem Sinne angeschaut wird. Es sind „im Ich 
notwendig immer zugleich vorhanden Anschauung nnd Ge- 
führ'.«) Die ideale Tätigkeit kann „ihr Objekt nur dadurch 
bestimmen, dafs es nicht sei das Gefühlte, dafs ihm alle mög- 
lichen Bestimmungen zukommen können auler der im Gefühl 
vorhandenen ... So ist es allerdings. Was heilst z. B. sOfs? 
Zuvörderst etwas, das sich nicht auf das Gesicht, das Gehör usf., 
sondern auf den Geschmack bezieht Was der Geschmack sei, 
müfst ihr schon durch Empfindung wissen und könnt es euch 
durch die Einbildungskraft, aber nur dunkel und negativ (in 
einer Synthesis alles dessen, was nicht Geschmack ist) ver- 
gegenwärtigen. Ferner, unter dem, was sich auf den Geschmack 
bezieht, ist es nicht sauer, bitter usf., so viele besonderen Be- 
stimmungen des Geschmacks ihr etwa aufzuzählen wifst Wenn 
ihr aber auch die euch bekannten Geschmacksempfindungen 
alle aufgezählt hättet, so können eucb doch immer neue, bis 
jetzt euch unbekannte, gegeben werden, von denen ihr dann 
urteilen werdet: sie sind nicht süfs. Hithin bleibt die Grenze 



>) Grundlage Orig. S. 823. SämtL W. I S. 318. 

*) GrundUge Orig. S. 32S. SämÜ. W. I S. 320. 

') Grundlage Orig. S. 838. Sämtl W. I S. 328. 

*) Grundlage Orig. S. 329. Sämtl. W. 1 S. 321. 



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177 

zwisehen sttfs und allen eueh bekannten Geschmacksempfin- 
dangen noeh immer unendlich ^l) 

Die beim Unterscheiden jeweils eintretende, der Beschaffen- 
heit des Stoffes entsprechende neue Gefllhlslage ist zugleich 
damit, dafs sie von früheren Oeftthlslagen unterschieden wird, 
gekennzeichnet dnrch ein Gefühl der Befriedigung. „Inwiefern 
es ein Ersehntes und das Ersehnte ist, mufs es sich auf das 
Erstere beziehen und in Rücksicht desselben begleitet sein 
Yon einem Gefühle der Befriedigung/^ 2) „Das Gefühl ist von 
Beifall begleitet";') „das vorhergegangene Gefühl ist . . . not- 
wendig Yon einem Mifsfallen begleitet '^^) 

Die Darstellung der weiteren Entwicklung des menschlichen 
Geistes, insbesondere der Anschauung des raumzeitlich und kausal 
Bezogenen ist in der Grundlage der Wissenschaftslehre nicht 
enthalten. Der Leser, will er sich darüber orientieren, ist auf 
den „Grundrifs des Eigentümlichen der Wissenschaftslehre '^ 
insbesondere auf die darin gegebene Deduktion des Baumes 
und der Zeit angewiesen. Auch hier aber sieht er sich in die 
Notlage versetzt, den gesuchten psychologischen Zusammen- 
hang erschliefsen zu müssen, da in dieser Deduktion die von 
Fichte sonst beobachtete Scheidung zwischen dem, was im Ich 
für den Aulsenbeobachter, wir würden sagen für die logische 
Betrachtung, besteht, und dem was für das Ich, d. i. an wirk- 
lichen Bewufstseinstatsaohen vorhanden ist, vernachlässigt vrird. 

Nur an einer Stelle finden wir in der genannten Deduktion 
einen schwachen Hinweis auf einen Anknüpfungspunkt in der 
Grundlage. Es heifst: „Aufser den inneren Bestimmungen der 
Dinge, die sieh aber lediglich auf das Gefühl (des mehreren 
oder minderen Gefallens oder Mifsfallens) beziehen, und dem 
theoretischen Vermögen des Ich gar nicht zugänglich sind, 
z. B. dafs sie bitter oder süfs, rauh oder glatt, schwer oder 
leicht, rot oder weifs usw. sind, .... sind die Dinge durch gar 
nichts zu unterscheiden als durch den Baum, in welchem sie 
sieh befinden. Dasjenige also, was den Dingen so zukommt, 
dafs es ihnen und gar nicht dem Ich zugeschrieben wird, aber 

1) Onindlage Orig. S. 330. Sämtl. W. I S. 321 f. 

*) Gnindlage Orig. S. 333. SämtL W. I S. 324. 

>) Grandlage Orig. S. 334. Sämtl. W. I S. 325. 

') Grundlage Orig. S. 835. Sämtl. W. I S. 325. 

PUloflophiMhe Abhuidlaiig«n. XLII. 12 



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178 

doch nicht za ihrem inneren Wesen gehört, ist der Banm^ den 
sie einnehmen/^ 1) Nehmen wir« dazn folgende Bestimmnng, 
die fttr die znletzt betrachtete Entwicklnngsstafe des mensch- 
lichen Geistes in der Grundlage gilt: „Man • . . httte sich aber, 
an eine Begrenzung im Baume zu denken. Es ist von einer 
Begrenzung der Intension die Rede, z. B. von dem, was das 
Sttfse vom Sauren n. dgl. scheidet^^) so dürfen wir annehmen, 
dafs zu dem bisher entwickelten Geftthl von einem realen 
Stoff, seiner Auffassung als eines Bestimmten, Einfachen nnd 
endlich der Unterscheidung eines gegebenen von einem anderen 
Bestandteil des mannigfaltigen Stoffes das Bewuistsein von 
den raumzeitlichen Beziehungen des Mannigfaltigen des Stoffes 
erst auf einer neuen Entwicklungsstufe hinzutritt 

Überblicken wir den logischen Znsammenhang der De- 
duktion des Baumes und der Zeit bei Fichte, so können wir 
ihn folgendermafsen zusammenfassen: Denken wir die von- 
einander verschiedenen Anschauungen als Kräftezentren, denen 
jeweils eine bestimmte Wirkungssphäre zukommt, so ist der 
Inbegriff aller umkehrbaren Beziehungen dieser Wirkungs- 
sphären der Baum, der Inbegriff aller nicht umkehrbaren die 
Zeit. In diesem Sinne heifst es: „Der unendlich kleinste Teil 
des Baumes ist immer ein Baum, etwas, das Kontinuitilt hat, 
nicht aber ein blofser Punkt oder die Grenze zwischen be- 
stimmten Stellen im Baume; und dieses darum, weil in ihm ge- 
setzt werden kann, und inwiefern er selbst gesetzt wird, wirklieh 
durch die Einbildungskraft gesetzt wird, eine Kraft, die sieb 
notwendig äufsert; . . . sie kann sich aber nicht änfsem, ohne 
eine Sphäre ihrer ÄuTserung zu haben/ s) , Innere Kräfte im 
Nicht-Ich wirken mit absoluter Freiheit, erfttUen ihre Wirkungs- 
sphäre, fallen zufällig in einem Punkte zusammen und schliefsen 
dadurch gegenseitig, unbeschadet der Freiheit beider, sich ans 
von ihrer Wirkungssphäre, oder wie wir jetzt wissen, aus ihren 
Bäumen/'^) Ftlr die Zeit heifst es: „. . . Und so bekommen 
wir eine Beihe Punkte, als synthetische Vereinigungspunkte 

^) ,Grundri(B des Eigentümlichen der Wissenscbaftslehre*. Jena und 
Leipzig bei Ghriatian Ernst Gabler 1705 S. 94f. SämtL W. I S. 401. 
') Grundlage Orig. S. 323. Sämtl. W. I S. 318. 
•) Grundrils Orig. S. 94. SfonU. W. I S. 400/01. 
') GrnndriTs Orig. S. 99. S&mtl. W. I S. 405. 



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179 

einer Wirksamkeit des Ich und des Nicht- leh in der An- 
schauung, wo jeder von einem bestimmten anderen abhängig 
ist, der umgekehrt von ihm nicht wieder abhängt, und jeder 
einen bestimmten anderen hat, der von ihm abhängig ist, ohne 
daTs er selbst hinwiederum von ihm abhänge; kurz eine Zeit- 
reihe.**!) 

Folgende Bemerkung aus der Grundlage ist geeignet, unser 
Verständnis des gesuchten psychologischen Zusammenhanges 
weiter zu führen: „Er (der Bestimmungstrieb) verlangt Be- 
stimmtheit, vollkommene Totalität und Ganzheit, welche lediglich 
in diesem Merkmale besteht (dafs etwas Bestimmtes und Be- 
stimmendes zugleich, oder durch sich selbst bestimmt sei). Was, 
inwiefern es Bestimmtes ist, nicht auch zugleich das Be- 
stimmende ist, ist insofern Bewirktes, und dieses Bewirkte wird, 
als etwas Fremdartiges, vom Dinge ausgeschlossen, durch die 
Grenze, welche die Beflexion zieht, abgesondert und aus etwas 
anderem erklärt Was, inwiefern es bestimmend ist, nicht zu- 
gleich das Bestimmte ist, ist insofern Ursache, und das Be- 
stimmen wird auf etwas anderes bezogen, und dadurch aus 
der dem Dinge durch die Reflexion gesetzten Sphäre aus- 
geschlossen. Nur, inwiefern das Ding mit sich selbst in Wechsel- 
wirkung steht, ist es ein Ding, und dasselbe Ding. Dieses 
Merkmal vrird durch den Bestimmungstrieb aus dem Ich heraus 
übertragen auf die Dinge." 2) 

In analoger Weise also, so dürfen wir, im Sinne Fichtes 
konstruierend, fortfahren, wie auf einer früheren Entwicklungs- 
stufe, nämlich der Auffassung der durch das Gefühl bereits 
gegebenen Bealität als eines Einfachen, Bestimmten, die Wechsel- 
wirkung des Dinges mit sich selbst durch den Bestimmungstrieb 
ans dem Ich heraus übertragen wird auf die Dinge, haben wir 
auf der Stufe der Entwicklung der ranmzeitlichen Beziehungen 
anzunehmen, dafs auch die „sich ausschlielsenden'^ kausalen 
Beziehungen durch den Bestimmungstrieb aus dem Ich heraus 
auf die Dinge übertragen werden. Diese Handlung des Ich ist 
damit, hier ebenso wie dort, zunächst nur für einen «möglichen 
Anfsenbeobachter' beschrieben. Aber sie hat weiterhin als eine 



>) Gmndriis Orig. S. 104 f. Sämtl. W. I S. 408/09. 
*) Grundlage Orig. S. 315f. SSmti. W. I S. 311. 

12* 



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180 

nnbewurste Bedingung ftir das ans ihr Tesnltierende bewalMe 
Produkt zu gelten, yom Standpunkte unserer psyehologiseh ein- 
gestellten Betrachtung aus gesehen; denn es gilt allgemein: ,,Ia* 
wiefern das leh reflektiert, reflektiert es nicht ttber dieses Beflek- 
tieren selbst; es kann nicht zugleich auf das Objekt handeln und auf 
dieses sein Handeln handeln; es wird demnach der aufgezeigten 
Tätigkeit sich nicht bewuürt, sondern yergilst sich selbst 
gänzlich und verliert sich im Objekt derselben'.^) Das be- 
deutet also hier, dafs das Ich die Elemente des Mannigfaltigen des 
sinnlichen Stoffes als wechselseitig oder einseitig kausal bestimmt, 
d. i. als räumlich und zeitlich aufeinander bezogen auffaTst. 

Überblicken wir nun auch den Entwicklungsgang, den der 
menschliche Geist nach der Darstellung der Grundlage des 
praktischen Wissens nimmt, so haben ?rir zu sagen: Die 
genetisch betrachtet erste Bewufstseinstatsache ist das „Geftthl 
des Zwanges*. Es führt zur Anschauung des Bealen als 
des gegebenen Stoffes. Unter dem Antrieb des „Sehnens" 
wird das Mannigfaltige dieses Stoffes bestimmt, sowohl nach 
der relativen Einfachheit seiner Elemente hin als nach dem 
Unterscheidenden der Elemente untereinander, hier sowohl 
ihrer Qualität nach, als auch nach ihren kausalen und damit 
raumzeitlichen Beziehungen. 

Dieses Ergebnis unserer Prüfung der psychologischen Voraus- 
setzungen der Deduktionen Fichtes findet auch im „Grundrifs 
des Eigentümlichen der Wissensohaftslehre" kaum eine Be- 
reicherung. Einiges aus demselben, das dem Zweck unserer 
Untersuchung dient, sei noch angeführt 

Eine Schwierigkeit für das Verständnis des Zusammen- 
hanges zwischen Grundrifs und Grundlage bereitet der eigen- 
tümliche Gebrauch des Wortes Empfindung im Grundrifs. 
Empfindung ist hier „die Beziehung der im Widerstreite be- 
findlichen Tätigkeit auf das Ich''.^) Diese «Beziehung heifst 
Empfindung, gleichsam Insichfindung. Nur das Fremdartige 
wird gefunden . . . Die aufgehobene vernichtete Tätigkeit des 
Ich ist das Empfundene*.') Vergegenwärtigen wir uns, dals 



1) Grundrifs Orig. S. 45. SSmtL W. I 8. 864. 
*) GrundrilB Orig. S. 10. SSmtL W. I S. 338. 
•) Grundrife Orig. S. 11. S&mti. W. I S. 339. 



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181 

die Tätigkeit des Empfindens hier eine solche des beziehenden, 
also spontan tätigen Ich ist, nnd dafs das Empfundene, da 
das leh sieh seiner Tätigkeit des Empfindens nicht unmittelbar 
im Empfinden bewufst ist, vom Ich dem Nicht-Ich zugeschrieben 
wird, so kommen wir zu dem, zwar paradox klingenden Er- 
gebnis, dafs das Empfinden im „Grundrisse^ analog ist dem 
„Verstände" in der „Grundlage". So verstehen wir den Hin- 
weis in der Ableitung der Empfindung auf die Grundlage, der 
lautet: „Es wurde schon in der Grundlage erinnert, dafs wenn 
der Widerstreit je im Ich gesetzt werden und aus demselben 
etwas weiteres folgen solle, durch das blofse Setzen der Wider- 
streit, als solcher, das Schweben der Einbildungskraft zwischen 
den Entgegengesetzten, aufhören, dennoch aber die Spur 
desselben, als ein etwas, als ein möglicher Stoff, ttbrig bleiben 
mttsse",>) eben das also, als dessen «Behälter'' in der Grundlage 
der Verstand genannt wird. Das Paradoxklingende wird unserem 
Verständnis näher gebracht durch eine Bemerkung aus der 
Grundlage. Dort heilst es: „Ein Geflihl wird durch ideale 
Tätigkeit gesetzt Dies läfst sich nur folgendermafsen denken: 
Das Ich reflektiert ohne alles Selbstbewufstsein ttber eine Be- 
schränkung seines Triebes. Daraus entsteht zuvörderst ein 
Selbstgefühl. Es reflektiert wieder ttber diese Reflexion, oder 
setzt sich in derselben als das Bestimmte und Bestimmende 
zugleich. Dadurch wird nun das Fühlen selbst eine ideale 
Handlung, indem die ideale Tätigkeit darauf übertragen wird. 
Das Ich fühlt, oder richtiger, empfindet etwas, den Stoff, eine 
Reflexion . . . durch welche ,X' erst Objekt wird. Durch die 
Reflexion ttber das Geftthl wird dasselbe Empfindung."^) 
Auch hier also tritt die Empfindung als eine Stufe spontaner 
Refiexion auf. Nur ist sie hier im Hinblick auf das praktische 
Vermögen des Ich, das Geftthl gekennzeichnet, während sie im 
Grundrils nach ihrer Beziehung zu dem theoretischen Vermögen, 
der schwebenden Einbildungskraft bestimmt wird. 

Es liegt deshalb nahe so zu interpretieren, dafs Em- 
pfindung im weitesten Sinne bei Fichte der Inbegriff der 
durch den Verstand vollzogenen Anschauung des Realen ist. 



>) OnmdrilB S. 7. Sämtl. W. I S. 335/36. 
') Onindlage S. 382. S&mtl. W. 1 S. 323. 



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182 

Damit BÜmmt ttbereia eine Bemerkung, die sieh in der 
.Zweiten Einleitung in der WisBensehaftslehre ' ans dem 
Jahre 1797 findet, und die lautet: «Ans der Möglichkeit des 
Ich ist die Notwendigkeit einer Beschränktheit desselben über- 
haupt abgeleitet worden. Die Bestimmtheit derselben aber 
kann daher nicht abgeleitet werden . . . Diese Bestimmtheit 
erscheint als das absolut Zufällige und liefert das blofs 
Empirische unserer Erkenntnis, Diese meine Beschränkt- 
heit in ihrer Bestimmtheit offenbart sich in Beschränkung 
meines praktischen Vermögens . . . und die unmittelbare Wahr- 
nehmung derselben ist ein Gefühl, so nenne ich es lieber, als 
Kant Empfindung. Empfindung wird erst durch die 
Beziehung auf einen Gegenstand vermittelst des 
Denkens: das Gefühl des Sttfsen, Roten, Kalten und dgl.^^) 
Vom Standpunkt dieser Interpretation aus erweist sich 
leichty da£s die Ausdrücke Anschauen und Intelligenz im Grund- 
rifs in einem engeren Sinne gebraucht werden als in der 
Grundlage. Es würde hier zu weit führen, darauf im Einzelnen 
einzugehen. Unsere Interpretation des Ausdrucks Empfindung, 
wie er in den bisher besprochenen Werken Fichtes auftritt, 
führt uns zu einer Beantwortung der Frage nach der Stelle, 
die die spezifischen Sinnesempfindungen in seinem System 
einnehmen. Ist die Empfindung das auf einen Gegenstand 
bezogene Gefühl, so fliefst daraus, dafs das, was landläufig 
als die spezifischen Unterschiede der Sinnesempfindungen 
bezeichnet wird, bei Fichte in den Unterschieden der Gefühle 
gegeben ist. Die spezifischen Unterschiede der Gefühle aber 
werden in seinem System nicht deduziert, vielmehr lediglich 
eine Mannigfaltigkeit der Gefühle. In diese fliefsen ihre 
spezifischen Unterschiede unbesehen mit ein. Folgende Be- 
merkung zeigt dies im besonderen: «Der Bestimmungstrieb 
hat demnach, so gewifs das Ich Ich ist, keine KansalitiLt 
Davon aber kann, ebensowenig wie oben beim Streben über- 
haupt, der Grund nicht in ihm selbst liegen; denn dann wäre 
er kein Trieb: mithin in einem Gegentriebe des Nicht- Ich, sich 
selbst zu bestimmen, in einer Wirksamkeit desselben, die völlig 
unabhängig von dem Ich und seinem Triebe ist, ihren Weg 



1) S&mtL W. I S. 489 f. 



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183 

geht, und nach ihren Gesetzen sich richtet, wie dieser sich 
nach den seinigen richtet 

Ist demnach ein Objekt, and sind Bestimmungen desselben 
an sich, d. i. durch die eigene innere Wirksamkeit der Natur 
henrorgebrachte ... ist ferner die ideale (anschauende) Tätig- 
keit des Ich durch den Trieb hinausgetrieben, ... so wird 
und mufs das Ich das Objekt bestimmen. Es wird in dieser 
Bestimmung durch den Trieb geleitet, und geht darauf aus, es 
nach ihm zu bestimmen. Es steht aber zugleich unter der Ein- 
wirkung des Nicht-Ich, und wird durch dasselbe, durch die wirk- 
liche Beschaffenheit des Dinges begrenzt, dasselbe in höherem 
oder niederem Grade nicht nach dem Triebe bestimmen zu 
können. 

Durch diese Beschränkung des Triebes wird das Ich 
begrenzt; es entsteht, wie bei jeder Begrenzung des Strebens 
und auf die gleiche Art ein Gefühl, welches hier ein Gefühl 
der Begrenzung des Ich, nicht durch den Stoff, sondern durch 
die Beschaffenheit des Stoffes ist*0 

Diese Ausführungen sind verständlich, wenn einer Hehrheit 
von Gef&hlen eine Mehrheit von Anstöfsen des Nicht- Ich 
korrespondierend angenommen wird, wenngleich auch diese 
Folgerung von Fichte nicht ausdrücklich gezogen wird. Un- 
verstilndlich aber sind sie, insofern infolgedessen die Anstöfse 
des Nicht-Ich spezifisch voneinander verschieden sein mttfsten ; 
diese Forderung mttfste aber erfttllt sein, wenn das Ich die 
ihnen entsprechenden spezifischen Unterschiede der Geftthle 
setzen soll 

Sehen wir von dieser Schwierigkeit innerhalb des Gedanken- 
ganges Fichtes ab, so können wir aus dem bisher Dargestellten 
folgenden Schlufs ziehen: Auch bei Fichte ist die empirische 
Anschauung nicht sensual, sondern intellektuaL Alles dasjenige 
ist in ihr Produkt des Intellektes im weiteren Sinne, was in 
ihr mehr enthalten ist als die blofsen Geftthle. 

Eine etwas mehr auf das empirische Bewufstsein abge- 
stimmte Auspiilgung der Gedanken Fichtes ttber den Bestand 
^d das Zustandekommen der Wahrnehmung findet sich in 
«iuem späteren Werke, den .Tatsachen des Bewufstseins ''• 

>) Qnmdlage S. S12/13. SämÜ. W. I S. 308/09. 



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184 

Dort heilst es von dem Bewafstsein der Wahmehmimg: „Ee 
findet in demselben sieh folgendes: Erstens eine Affektion des 
äufseren Sinnes, welche durch folgende Merkmale aasgesprochen 

wird: Rot, helltOnend, bitter, kalt nsw Zweitens Ans- 

debnnng im Banme.*^^) Aber „es wird in nnmittelbarer Ver- 
einigung mit dem, was in aller äufseren Wahrnehmung wir 
als Anschauen erkannt haben, auch noch gedacht, 
und durch dieses Denken eben und durch die unabtrenn- 
liche Vereinigung dieses Denkens mit der Anschauung zu 
einem innig verschmolzenen Lebensmomente des Anschauenden 
wird das, was eigentlich in ihm wäre [Sinnesempfindung und 
Anschauung des Baumes] zu einem etwas aufser ihm, zu einem 
Objekte." 3) Mit Beziehung auf das praktische Vermögen heiüst 
es ferner: „Wir betrachteten das, was wir früher äuisere Wahr- 
nehmung nannten, in seiner eigenen Dreifachheit als ein ftlr 
sich Bestehendes und Abgesondertes. Hier finden wir es selbst 
als ein bloüses Glied eines grOiseren organischen Ganzen, des 
Bewufstseins. Die synthetische Periode nämlich .... besteht aus 
folgenden drei Hauptbestandteilen: 1. aus einem Gefühle, des 
Triebes nämlich, 2. aus einer Anschauung, des realen Ver- 
mögens nämlich, des Vermögens einer Kausalität in der Sphäre 
des Seins (d. i. des Vermögens, durch eine Reihe von Be- 
dingungen hierdurch in der Zeit zum beabsichtigten Ziele 
fortzuschreiten,^) kurz das Zeitbewulstsein), 3. aus einem Bilde 
des Widerstandes. Da dieses Bild entworfen wird durch die 
freie und absolut produktive Einbildungskraft, zwar ohne 
Bewufstsein der Freiheit, so können wir das ganze Gesehäft 
in diesem Bilden sehr fttglich nennen ein Denken, indem 
durch die veränderte Ansicht selbst dasjenige, was frtther uns 
als Affektion durch den Sinn und als Anschauung erschien, 
mit in dieselbe Sphäre fällt''«) Das Bild des Widerstandes 
im besonderen enthält Ausdehnung, Materie, die sich als 



1) Johann Goitlieb Fichte, Die Tatsachen des BewuiatBefais, VorlesangeD, 
fehalten an der Universität an Berlin im Winterhalbjahr 1810—1 1. Stuttgart 
und Tübingen in der Cottaiachen Bachhandlang 1817 S.6/7. SSmtl.W.l 
S. {^42/48. 

*) Die Tatsachen des Bewalstseins, Orig. S. 1 1/12. SftmÜ. W. II S. 546. 

•) Die Tatsachen des Bewofstseins, Orig. S. 66. Sämtl. W. II 8. 585. 

*) Die Tatsachen des Bewuiatseint, Orig. S. 72. SXmtL W. U S. 5&9. 



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185 

Undurelisiolitigkeit and UndnrchdriDglichkeit darstellt, and 
QaaUtäi^) Über die BeBtimmang dieses Bildes des Wider- 
standes als einer Fnnktion des Denkens heilst es weiter: „Wir 
haben die äoisere Wahmehmong ttberhanpt genannt ein Denken; 
früher haben wir gesagt, sie sei eine Produktion durch absolute 
Bildungskraft. Inwiefern es uns nun mit beiden rechter Ernst 
ist, wie es denn allerdings ist, so ist uns alles Denken pro- 
duzierend durch absolute Bildungskraft, und umgekehrt .... 
Oben beschrieben wir das Denken als ein Herausgehen aus 
dem inneren und unmittelbaren Bewnfstsein. Das Innere aber 
ist Geftthl und Anschauung, beides als unmittelbares Sein der 
Freiheit und so unmittelbares Bewnfstsein. Aus diesem wird 
durch Denken herausgegangen ... Da dies aber ein Herans- 
gehen aus dem unmittelbaren Bewnfstsein ist, so mufs es sein 
ein Bilden, und zwar ein absolutes Bilden, ein reines Erschaffen 
eines neuen Bewulstseins . . . Hier insbesondere wird 
gedacht ein Widerstand gegen die produktive 
Einbildungskraft, oder das Denken selbst in 
seiner allgemeinsten Form; also es liegt hier das 
absolut erste Denken. Die produktive Einbildungskraft 
produziert sich selbst, es versteht sich im Bilde, und bildet 
dieser also produzierten einen Widerstand. Dies ist mit 
kurzem die hier vorkommende Funktion des Denkens, oder 
der absoluten Bildungskraft.'' ^^ 

Hier also tritt als erste Handlung des Denkens in der 
Anschauung das Denken eines Widerstandes aufser uns auf. 
Auch hier ttberläfst es Fichte dem mühsam suchenden Leser, 
einen Anknüpfungspunkt dieser Wendung des Gedankens an 
frühere Darstellungen zu finden. In der „Grundlage'' be- 
gegneten wir schon dem Gedanken: .Das Objekt wird gedacht 
als Ursache von einem Leiden im Anschauenden als seinem 
Effekt* 3) Dieses Denken des Objekts als einer Ursache tritt 
aber hier, wie oben ausgeführt wurde, nicht als die genetisch 
erste Handlung des Denkens, d. h. hier «der Bestimmung eines 



') Die Tatsachen des BewufBtseins, Orig. S. 70. Sämtl. W. 11 S. 587. 
3) Die Tatsachen des Bewafstaeins, Orig. S. 78f. Sämtl. W. II S. 698/94. 
Die leiste Sperrung findet sieh nicht im Originaltext 
') Onindlage Orig. S. 215. Sftma W. 1 S. 241. 



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186 

fixierten Produkts der EinbilduDgskraft im Verstände* i) auf, 
sondern es gehen noch zwei Stufen vorher, nämlich erstens die 
Bestimmnng dieses Produktes als unter einer Bedingung über- 
haupt, und zweitens als unter einer notwendigen Bedingung 
stehend; an dritter Stelle erst wird es als ursächliche Bedingung 
erfafst. Diese Ausführungen vndersprechen den in den „Tat- 
sachen des Bewufstseins'' gegebenen dann nicht, wenn wir hier 
den Ausdruck .das erste Denken' in dem weiteren Sinne 
nehmen, dafs es jene Vorstufen mitenthalte. Ja sogar dttrfen 
wir noch einen Schritt weiter gehen und auch „das Fixieren 
eines Produktes der Einbildungskraft im Verstände'', das in 
der Grundlage des theoretischen Wissens die genetisch erste 
Quelle des Bewnfstseins von etwas Bealem ist, mit hineinziehen; 
denn auch dieses ist ein Akt der Spontaneität In gleicher 
Weise haben wir in der Grundlage des praktischen Wissens 
schon die Beflexion auf das , Gefühl des Nichtkönnens", durch 
die der „Glaube an die Bealität'' eines Dinges aufser uns ent- 
steht, weil auch sie spontan erfolgt, mit in das Denken hinein- 
zunehmen. Wir dttrfen das auch deshalb, weil sich nirgends 
in den .Tatsachen des Bewufstseins* ein Anlafs bietet, die 
Voraussetzungen der früheren Darstellungen fallen zu lassen. 
Wir ge?rinnen vielmehr den Eindruck, dafs die „Tatsachen des 
Bewnfstseins'' nur eine im Hinblick auf das, was fttr den 
„allgemeinen Menschenverstand" von Bedeutung ist, kom- 
primierte Darstellung dessen enthalte, was in weitläufigerer 
Weise in den früheren Werken dargelegt wurde. In diesem 
Sinne heifst es z. B.: „Der Ausdruck (äufsere Gregenstände) 
wird hier ganz so gebraucht, wie der allgemeine Menschen- 
verstand ihn nimmt, Gegenstände, welche als aufser uns im 
Baume befindlich wahrgenommen werden." 2) Derjenige Leser 
der „Tatsachen des Bewufstseins" aber, der auf einen Vergleich 
mit den Gedankengängen der früheren Abhandlungen Fiehtes 
nicht eingestellt ist, gewinnt leicht den Eindruck, dafs nach 
Fichte die an sich subjektiven Sinnesempfindungen dadurch 
den Charakter der Objektivität gewinnen, dafs sie unmittelbar 
auf eine Ursache im Nicht-Ich bezogen werden. 



1) Grundlage Orig. S. 214. Sämti. W. I S. 240. 

*) Die Tatsachen des Bewufstseins, Orig. S. 6. SSmtl. W. II S. 542. 



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187 

Das aber ist im Prinzip derselbe Gedanke, der bei 
Scbopenhaner die Intellektnalität der empirisehen Ansehan- 
nng begrttndet Ja, ancb die «Grandlage' enthält einen 
diesem Gedanken Sehopenhaners nahe verwandten Gedanken, 
nämlich in dem «Glauben* an die Realität desjenigen im 
Nicht-Ich, worauf «das Gefühl des Zwanges, des Nicht- 
könnens* bezogen wird. Auch hierin zeigt sich eine ursprüng- 
lich kausale Deutung des aufser uns Wirklichen, das allerdings 
nur erst gefühlsmäfsig, noch nicht vorstellungsmäfig erfafst 
wird. Es sei noch angemerkt, dafs auch in dem Manuskript 
Schopenhauers zu der Vorlesung Fichtes „Über die Tatsachen 
des Bewufstseins'' aus dem Winter 1811—1812 sich einige 
Stellen finden, die auf den erwähnten verwandten Gedanken 
hinzielen. Es heilst hier: „Das reale Handeln ist wie die 
Beproduktion in der Anschauung. Wie die Reproduktion ein 
ideales Zusammensetzen, Trennen und Vereinigen des im 
Raum gegebenen Mannigfaltigen ist, so ist das Handeln dies 
alles real: bringt wie jene die Dinge in eine neue Ordnung. 
Dabei wird vorausgesetzt^ das loh könne in den Raum ein- 
dringen. Das Ich in seiner Wirksamkeit kann nur das ordnen, 
was in der Wahrnehmung gegeben ist, und das ist die Materie: 
diese ist die Ausgedehntheit der Qualität Zu diesen 
ihren beiden Bestandteilen (Ausgedehntheit und Qualität), die 
die reproduzierten Bilder auch, wiewohl von der Qualität nur 
den Begriff, haben, kommt als von diesen sie unterscheidendes 
Merkmal, ihr absolutes Bestehen der Freiheit des 
Ich gegenüber, 1) d.h. ihre Unyertilgbarkeit: Die Materie 
ist absolut gegeben, es kann keine Materie im Weltall vertilgt, 
noch welche hinzugetan werden. Das Ich kann sie nur trennen 
und vereinen. Gegen das Bestreben des Ich dies zu tun, in sie 
einzudringen, zieht sich die Materie zusammen und darum (?1)2) 
ist Materie so weit als die Wahrnehmung reicht Durch den 
Konflikt des Ich gegen die widerstehende Materie entsteht die 
Zeit Der Widerstand der Materie gegen die trennende Kraft 
desieh ist dieKohäsion: Schwere ist nur eine Erscheinung 
derselben, ist Widerstand gegen Bewegung überhaupt: Kohäsion 



Diese Stelle ist im Originaltext nicht unterstrichen. 
') Auch im Originaltext sind diese Zeichen vorhanden. 



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188 

ist der Grund derselboD. Beide sind apriorische An- 
sehauungsformen der Materie, nnd enthalten gar- 
nichts Empirisches.^ 

^Das Handeln wird angeschaut nicht ohne ein ihm Wider- 
stehendes: dies ist aber eben die Wahmehmungswelt: diese ist 
also Form einer Ersichtlichkeit des Seins. Alles ist also nur 
Anschannngsform der Grondanschaanng des Handelns.'' 2) 

Es erhebt sich da die Frage, ob die Lehre Fichtes als 
eine unmittelbare historische Voraussetzung für die Lehre 
Schopenhauers anzusehen sei. Ein äufserer Grund läfst dies 
von vornherein wahrscheinlich werden, der nämlich, dafs 
Schopenhauer im Wintersemester 1811/12 in Berlin eben die 
Vorlesung Fichtes ttber die Tatsachen des Bewufstseins hörte, 
die im Wesentlichen, wie aus dem Manuskript Schopenhauers 
zu dieser Vorlesung zu erkennen ist, mit der im Winter 1810/11 
gehaltenen und im Jahre 1817 veröffentlichten Vorlesung Fichtes 
Ober denselben Gegenstand ttbereinstimmt Auch die „Grund- 
lage'' war Schopenhauer bekannt Die Annahme einer Ab- 
hängigkeit aber bedarf einer wesentlichen Einschränkung. Fttrs 
Erste fanden wir im Prinzip schon bei Kant und in speziellen 
Punkten schon bei G. E. Schulze die Lehre Schopenhauers von 
der empirischen Anschauung angelegt, und es wurde uns be- 
greiflich, wie von hier aus Schopenhauers Gedankenentwicklung 
iEren Anfang nehmen konnte. Sodann ist in der ersten Auflage 
des Satzes vom Grunde vom Jahre 1813 trotz der Kenntnis der 
Lehre Fichtes der Gedanke der Intellektualität der empirischen 
Anschauung zwar schon angelegt, aber noch nicht in der 
spezifischen Form der späteren Lehre Schopenhauers ausgeprägt 
Denn in jener Erstlingsschrift Schopenhauers bleiben der Kausali- 
tät die Realität nnd die anderen Kategorien Kants noch gleich- 
geordnet Die spätere Fassung des Gedankens der Intellek- 
tualität d^r Anschauung, derzufolge die Bealitilt der Wahr- 



>) Arthur Schopenhauers NachlftTs Nr. 6, Über die Tatsachen des 
Bewofiitseins, und die Wissenschaftalehre bey Fichte im Winter 1811 
—1812. F. 7. Die gesperrten Stellen sind au&er der einen, von der es 
oben angemerkt ist, im Originaltext unterstrichen. Die Unterstreichungen 
von „EohUsion^ an sind mit Bleistift ausgeführt und deshalb wahrscheinlich 
späteren Datams als die Niederschrift des Manuskriptes. 

s) Ebenda F. 9. 



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189 

nehmnog lediglieb kausal za deuten ist, ist es aber erst, die 
dem erwähnten Gedanken Fichtes in den „Tatsachen des 
Bewoistseins^ verwandt ist Eine unmittelbare Übernahme 
dieses Gedankens Fichtes durch Schopenhauer scheint demnach 
ausgeschlossen. Die Entwicklung der Lehre Schopenhauers 
von der empirischen Anschauung von der ersten Auflage des 
Satzes vom Grunde zur ersten Auflage der Welt als Wille und 
Vorstellung hin fanden wir aber aus immanenten Grttnden 
heraus verständlich. Dazu kommt femer, dafs die ganze Ge- 
dankenrichtung Schopenhauers in der Lehre von der empirischen 
Anschauung eine so durchaus anders gerichtete, weil psycho- 
physiologisch orientierte, ist, dafs ihm das Interesse an den 
Deduktionen Fichtes völlig fernliegt Aus diesen Grttnden 
rnnfs, auch wenn ein anregender Einflafs von Seiten Fichtes 
angenommen werden darf, die Gedankenfllhrung Schopenhauers 
als selbständige bezeichnet werden. Die Selbständigkeit der 
GedankenfUhmng Schopenhauers gegenüber der Fichtes zeigt 
sich auch in der Lehre von der Materie. Die zitierte Stelle 
aas dem Manuskript Schopenhauers zu Fichtes Vorlesungen 
enthält zwar im wesentlichen schon die kausale Deutung der 
Materie, jedoch als Deduktion aus der Lehre Fichtes von dem 
frei strebenden Ich und insofern mit einer fttr Schopenhauer 
unannehmbaren Begründung. Die Ableitung der Materie aber 
aas der Vereinigung von Raum und Zeit durch die Kausalität 
ist Schopenhauer durchaas eigentümlich. Die prinzipielle 
Fassung des Begriffs Materie, die wir bei Schopenhauer an- 
treffen, finden wir bei Fichte nicht Anderseits hat die Ab- 
leitung des Baumes und der Zeit aus den Beziehungen der 
Eräftesphären zueinander bei Schopenhauer kein Analogen. 
Auch liegen die feinen und wie es scheint auch auf Selbst- 
beobachtung beruhenden Unterscheidungen, die Fichte, in 
modemer Wendung gesprochen, für die Bewafstseinsstufön ^) 
des Wahrnehmens macht, das Fühlen eines Zwanges, das 
Glauben an etwas Reales, das Sehnen, dieses zu bestimmen, 
das Erfassen desselben als eines Einfachen, fernerhin eines 
Unterschiedenen bis hin zur raumzeitlichen Beziehung des 
Mannigfaltigen, Schopenhauer völlig fern. 

>) Vgl Ernst Westphal, Über Haupt- and Nebenaufgaben bei Reaktions- 
versachen. Archiv für die gesamte Psychologie. XXI. Band. S. 219 f. 



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190 

Wir dürfen auf Omnd des Dargelegten den Sehlals ziehen, 
dafs Kant die gemeinsame historische Basis beider ist, nnd 
dafs beide von ihm ans anf getrennten Wegen zn z. T. formal 
ttbereinstimmenden Ergebnissen gelangt sind. 



Die Beziehungen der Lehre Schopenhauers 

von der empirischen Anschauung zur Lehre 

Thomas Reids. 

Nicht so sehr der prinzipielle Gehalt der Lehre Schopen- 
hauers von der empirischen Anschauung, als vielmehr die 
methodische Richtung, die Schopenhauer, darin über Kant 
sowohl als auch die anf ihn folgenden Metaphysiker hinaus- 
gehend, zu einer psychologisch gegliederten Schilderung des 
Bestandes und des Zustandekommens der empirischen An- 
schauung fuhrt, lassen ihn einer Gruppe von Philosophen 
verwandt erscheinen, die auf anderer historischer Grundlage 
fufsend, und auf anderen Wegen ähnlich gerichtete Unter- 
suchungen unternommen haben. Es sind Thomas Reid und 
die an ihn anknüpfenden Philosophen, eine Gruppe von Denkern, 
deren Lehren in England und Frankreich als Spiritualismns 
bezeichnet zn werden pflegt, die W. Dilthey^) als Philosophie 
der Freiheit oder der Subjektivität charakterisiert, und die nach 
der ihnen gemeinsamen Methode ihres Denkens wohl nieht 
unpassend als phychologisierende Erkenntnistheorie gekenn- 
zeichnet werden darf. Thomas Reid, der Vater dieser Geistes- 
richtung, ist es, der zur Lehre Schopenhauers von der empirischen 
Anschauung in unmittelbare historische Beziehung gesetzt werden 
kann, nicht zwar so, als ob er ftr die Konzeption ihrer Grund- 
gedanken, aber doch so, dafs er fttr die Ausgestaltung derselben 
von einem gewissen Einflufs geworden ist. 

Wir fanden, dafs die Intellektualität der empirischen 
Anschauung, insbesondere die Funktion, die der Kausalität in 



>) Wilhelm Diltbey, Jahresbericht über die nachkantische Philosophie. 
Archiv für Geschichte der Philosophie, Bd. XI S. 551. 



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191 

derselben zukommt, im Prinrip sehen bei Kant vorliegt. Die 
Unmittelbarkeit der kausalen Deatnng der Sinnesempfindnngen 
fanden wir bei Sehnlze angelegt, in gewissem Sinne auch bei 
Fichte. Nicht die kausale Deutung der Sinnesempfindungen, 
aber ihre unmittelbare Erkenntnis als realen Dingen zugehörig, 
ist angelegt auch in der Lehre von Thomas Reid, auf den 
Schopenhauer selbst als historisehe Voraussetzung hinweist. 

Thomas Reid ist zuerst genannt in der ,, Theoria colorum 
physiologica* 1830,i) mit der Abhandlung «Inquiry into the human 
mind*. Sachliche Qrttnde sprechen dafbr, daj[s er Schopenhauer in 
seiner ersten Sohafifensperiode noch nicht bekannt war, obgleich 
diese Schrift Reids bereits in Erasmus Darwins „Zoonomia^ 
Bd. I Absohn. 16 Kap. 7 erwähnt wird, deren Kenntnis schon 
in die erste Entwieklungsperiode Schopenhauers fällt Die 
genannte Schrift Reids ist femer zitiert in «Welt als Wille und 
Vorstellung* Bd. II, und zwar schon in der ersten Auflage vom 
Jahre 1844.') Aufserdem ist von Reid noch genannt: «Essays 
on the powers of human mind*, gleichfalls schon in der ersten 
Auflage der «Welt als Wille und Vorstellung" Bd. IL») 

Von Reid sagt Schopenhauer folgendes: „Von der Un- 
znlängliehkeit der Sinne zur Hervorbringung der objektiven 
Anschauung der Dinge, wie auch vom nichtempirischen Ursprung 
der Anschauung des Raumes und der Zeit erhält man als 
Bestätigung der kantischen Wahrheiten, auf negativem Wege 
eine sehr gründliche Überzeugung durch Thomas Reids vor- 
treffliches Buch: Inqniry into the human mind, Ist edition 1764, 
6th edition 1810. Dieser widerlegt die Lockesche Lehre, dafs 
die Anschauung ein Produkt der Sinne sei, indem er gründlich 
und scharfsinnig dartut, dafs sämtliche Sinnesempfindungen 
nicht die mindeste Ähnlichkeit haben mit der anschaulich 
erkannten Welt, besonders aber die fttnf primären Qualitäten 
Loekes (Ausdehnung, Gestalt, Solidität, Bewegung, Zahl) durch- 
aus von keiner Sinnesempfindung uns geliefert werden können. 
Er gibt sonach die Frage nach der Entstehungsart und dem 
Ursprung der Anschauung als völlig unlösbar auf. So liefert 
er, obwohl mit Kanten völlig unbekannt, gleichsam nach der 

VI, 123. 

«) n, SO. ») II, 78. 



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192 

regnla falsi einen grttndlieben Beweis fttr die (eigentUch von 
mir, infolge der kantigchen Lehre, zuerst dargelegte) Intellek- 
tnalität der Ansehanang nnd fttr den von Kant entdeckten 
apriorischen Ursprang der Grundbestandteile derselben, also 
des Ranmes, der Zeit nnd der Kausalität, ans welchen jene 
Lockeschen primären Eigenschaften allererst herirorgehen, 
mittelst ihrer aber leicht zu konstruieren sind.''^) 

In der Tat findet sich bei Reid ein der Lehre Schopen- 
hauers analoger Gedanke. Zu den zwölf ursprünglichen Urteilen 
des common seuse gehört u. a., „dafs diejenigen Dinge wirklieb 
existieren, welche wir deutlich mit unseren Sinnen wahrnehmen 
und das sind, als was wir sie wahrnehmen.'^ 2) Sehen wir von 
letzterer Wendung, die fttr unseren Vergleich nicht in Betracht 
kommt, ab, so findet der Gedanke noch folgende Spezialisierung: 
^Wenn wir auf die Sensation an und fttr sich selbst acht geben, 
und sie von anderen trennen, die in der Einbildungskraft damit 
verbunden sind: so erhellt es, dafs sie etwas ist, das keine 
Existenz als in einem empfindenden Wesen haben kann, etwas, 
das nicht von dem Aktus der Seele, vermöge welchen es 
gefühlt wird, verschieden ist'' Aber: „Perzeption, so wie wir 
dieses Wort hier nehmen, hat immer einen von einem Aktas 
der Seele, wodurch die Sache wahrgenommen wird, unter- 
schiedenen Gegenstand ... Ich weifs, dafs die Wahrnehmung 
«Ines Gegenstandes sowohl eine Vorstellung von seiner Form 
als einen Glauben an seine gegenwärtige Existenz in sich fafst 
Und ttberdem ist mir bekannt, dafs dieser Glaube nicht die 
Wirkung von Beweisen und Vernunftsohlüssen, sondern die 
unmittelbare Wirkung meiner Beschaffenheit ist"') „Hätten 
wir von der Struktur der sinnlichen Organe so genaue Kennt- 
nisse, um entdecken zu können, welche Wirkung auf sie von 
äuj[seren Gegenständen gemacht wird, so würde diese Kenntnis 
nichts zu unserer Wahrnehmung des Gegenstandes beitragen; 
denn diejenigen, die nicht das Mindeste von der Art und Weise 
wie wir wahrnehmen, verstehen, nehmen eben so deutlich wahr 

II, 80 f. 

«) The works of Thomas Reid. Pref. by Sir William Hamilton Voll 
6. Edition. Edinburgh 1863. p. 445. Essays on the intellectoal powers 
of man. 

*) A. a. 0. Vol. I p. 183 (Inqniry Into the human mind). 



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193 

als die gröfsten Adepten. Es ist nötig, dafs der Eindraek anf 
unsere Organe gemacht werde, aber es ist nicht nötig, dafs 
man das Wie hiervon wisse. DieNatar leitet diesen Teil des 
Ganges der Wahrnehmung ohne unser Bewulstsein, und ohne 
nnsem Beitritt 

Aber des nächsten Schrittes bei diesem Gange der Natur, 
der Sensation der Seele, können wir uns nicht unbewnfst sein; 
sie folgt immer, unmittelbar auf den auf den Körper gemachten 
Eindruck. Es ist ftr eine Sensation wesentlich, dafs sie gefühlt 
werde, und sie kann nichts mehr sein, als was wir fühlen, dafs 
sie ist . . . Aber, wie werden die Sensationen der Seele durch 
Eindrücke auf den Körper hervorgebracht? Hierüber sind wir 
schlechterdings in der Unwissenheit, da wir kein Mittel haben, 
zu wissen, wie der Körper auf die Seele oder die Seele auf 
den Körper wirkt Wenn wir die Natur und die Eigenschaften 
beider erwägen, so scheinen sie so verschieden und so ungleich 
zu sein, dafs wir kein Werkzeug zu erdenken vermögen, 
vermittelst dessen die eine zu dem andern gleichsam gelangen 
könne. Ein tiefer und finsterer Abgrund liegt zwischen ihnen, 
über welchen unser Verstand nicht hinüber kann, und die Art 
und Weise ihrer Korrespondenz und ihres Verkehrs miteinander 
ist uns schlechterdings unbekannt . . . Wer weifs, ob ihre Ver- 
knüpfung nicht ganz willkürlich und blofs der Wille unsers 
Urhebern ist? ... Wie indessen auch diese Dinge sein mögen, 
so ist denn doch soviel gewils, dafs, wenn die Natur uns nichts 
mehr als Eindrücke auf den Körper und ihnen entsprechende 
Sensationen in der Seele gegeben hätte, wir in diesem Fall 
blofs empfindende und nicht wahrnehmende Wesen gewesen 
sein würden. Wir würden nie fähig gewesen sein, uns nur 
eine Vorstellung von irgend einem äufseren Gegenstande zu 
bilden, viel weniger an die Existenz desselben zu glauben. 
Unsere Sensationen haben keine Ähnlichkeit mit den äufseren 
Gegenständen, noch vermögen wir, durch unsere Vernunft irgend 
eine notwendige Verknüpfung zwischen den ersteren und den 
letzteren zu entdecken . . . Durch unbekannte Mittel wird uns 
die Sensation und die derselben entsprechende Perzeption 
inspiriert. Und weil die Seele unmittelbar von der Sensation 
zu der Vorstellung und dem Glauben an den Gegenstand, 
welchen wir wahrnehmen, aut eben dieselbe Art übergeht, wie 

PhUotopUsohe Abhandlungm. XLU. 13 



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194 

von dem Zeichen zn dem dadurch angezeigten Dinge, so haben 
wir ans diesem Grunde die Sensationen Zeichen von äaüseren 
Gegenständen genannt''^) 

Gemeinsam also mit Schopenhauer ist Reid der Gedanke, 
dafs das Übergehen von der blofsen, subjektiven Empfindung 
zu einem gegenständlichen Bewulstsein nicht als ein Resultat 
des diskursiven, sondern des intuitiven Denkens anzusehen sei; 
denn unmittelbar gibt (suggests) uns nach Reid die Empfindung 
die Gewifsheit von einem ihm entsprechenden Objekt aulser 
uns, die deshalb als „belief ^ zu bezeichnen ist, in analoger 
Weise wie bei Schopenhauer der Verstand unmittelbar und 
intuitiv von der Empfindung als Wirkung zur Ursache aulser 
uns übergeht Im Unterschiede von Schopenhauer ist bei Reid 
der Sinn dieses Überganges nicht der einer kausalen Beziehung, 
sondern der des Verhältnisses von Zeichen zum Bezeichneten, und 
es kommt demgemäfs für Reid ein unmittelbares Bewulstsein von 
den Wirkungen in dem Sinnesorgane nicht als notwendige Be- 
dingung fttr die Perzeption eines Objektes aufser uns in Betracht 

In noch einem anderen Punkte wird Reid von Schopen- 
hauer als mit ihm übereinstimmend genannt, in der Annahme 
der Apriorität des Kausalgesetzes. Er sagt: .In England hat 
schon Th. Reid (On the principles of contingent truths. £ss. VI 
c. 5) ausgesprochen, dafs die Erkenntnis des Eausalitätsver- 
hältnisses in der Beschafifenheit unseres Erkenntnisverm^ns 
selbst ihren Grund habe.'' 2) Dieser Hinweis bezieht sich 
offenbar darauf, dafs Reid als letztes der Prinzipien des 
common sense nennt, dafs in den Erscheinungen der Natur 
dasjenige, „was sein wird, wahrscheinlich gleich dem sein wird, 
was unter ähnlichen Umständen gewesen ist",^) und dann fort- 
fährt, dafs »wir diese Überzeugung haben müssen, sobald wir 
fähig sind, irgend etwas aus der Erfahrung zu lernen*'/) dafs 
«dieses Prinzip notwendig fttr uns ist, bevor wir fähig sind, es 
durch Überlegungen zu entdecken, deshalb einen Teil unserer 
Konstitution ausmacht nnd seine Wirkungen vor dem Gebrauch 
der Vernunft zeigt* ^) Dieses Prinzip ist also, so können wir 

>) A. ». 0. Vol. I p. 187 f. (Inqniiy). 

«) II, 49. 

*) A. a. 0. Vol. I p. 451 (Essays on the intell. powers). 

«) Ebenda. ^) Ebenda' 



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195 

sagen, auch fttr Beid eine im Intellekt liegende Bedingung fttr 
die Möglichkeit der Erfahrung. Indes bedarf die Analogie zu 
Schopenhauer einer gewissen Einschränkung. Nicht deutlich 
nämlich kommt bei Reid die Notwendigkeit des Kausal- 
zusammenhanges, genauer seiner Geltung zum Ausdruck. Es 
bleibt ihm vielmehr immer noch ein gewisser Grad von blofser 
Wahrscheinlichkeit anhaften, wenngleich der Glaube an das 
wahrscheinliche Eintretende ein Grundprinzip des common sense 
ist Das geht n. a. aus folgendem Gedankengange hervor: 
«Alle unsere Kenntnis von der Natur anfser nnsern ursprüng- 
lichen Perzeptionen, wird durch Erfahrung erlangt und besteht 
in der Auslegung der natürlichen Zeichen. Die Stetigkeit der 
Naturgesetze verknüpft das Zeichen mit dem angezeigten 
Dinge, nnd vermöge des eben erklärten natürlichen Prinzipiums 
verlassen wir uns auf die Fortdauer dieser Verknüpfung, welche 
die Natur entdeckt hat, und diesem gemäfs folgt auf die Er- 
scheinung des Zeichens der Glaube an das angezeigte Ding. 
Auf dieses Prinzipium unserer Beschaffenheit gründen sich 
nicht allein unsere erworbenen Perzeptionen, sondern alles 
induktive Raisonnement und alle unsere Analogieschlüsse, und 
also erbitten wir uns die Erlaubnis aus, es aus Mangel eines 
anderen Namens das Prinzipium der Induktion nennen zu 
dürfen. Vermöge der Stärke dieses Prinzipiums geschieht es, 
dafs wir demjenigen Axiom, auf welches alle unsere Kenntnis 
von der Natur aufgebaut ist, dafs nämlich Wirkungen gleicher 
Art gleiche Ursachen haben müssen, sogleich beistimmen. 
Denn Wirkungen und Ursachen bedeuten in den Operationen 
der Natur nichts als Zeichen und die von diesen Zeichen 
angezeigten Dinge. Wir nehmen in keiner natürlichen Ursache 
eine eigentliche Kausalität oder wirkende Kraft wahr, sondern 
nur eine durch den Lauf der Natur zwischen derselben und 
dem, was wir Wirkung nennen, eingeführte Verknüpfung .... 
Wenn solch eine Verbindung öfters bemerkt worden ist, so 
stellen wir uns die Dinge als natürlich miteinander verknüpft 
vor, nnd die Erscheinung des einen führt uns ohne alles 
Nachdenken oder Vernnnftschlüsse auf den Glauben an das 
andere.* i) 



») A. a. 0. Vol. I p. 199 (laquiry). 

13* 



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196 

Nur mit der Einschränkung also, dafs bei Reid dem Kausal- 
gesetz eine nnr assertorische Gewifsheit zukomme, kann sich 
Schopenhauer in der Annahme der Apriorität des Kausalgesetzes 
auf Reid berufen. 

Was wird nun, so drängt es zu fragen, der Beweggrund 
gewesen sein, der Schopenhauer veranlafste, gerade Th. Seid 
als historische Voraussetzung ftr seine Lehre, insbesondere von 
der Intellektualität der empirischen Anschauung zu nennen, 
wo doch die kausale Deutung der empirischen Anschauung 
gerade Reid nicht eigentümlich ist, während er Kant, ftr den 
sie doch, wie wir fanden, im Prinzip gilt, nicht oder doch als 
nicht im strengen Sinne in Frage kommelnd nennt? Offenbar 
wird er es getan haben im Hinblick auf die Unmittelbarkeit 
des Überganges von der blofsen Empfindung auf das ihr 
entsprechende Objekt, das wir als Reid, nicht aber Kant 
eigentümlich fanden, bei dem die kausale Bestimmung des 
Mannigfaltigen der Empfindungen vielmehr in der Weise eines 
synthetischen Urteils sich vollzieht So wird es auch historisch 
verständlich, dafs Schopenhauer sich als den ersten Vertreter der 
Intellektualität der empirischen Anschauung im strengea Sinne 
ansieht; er ist in der Tat der erste, bei dem die beiden Momente 
der kausalen Deutung der empirischen Anschauung und der Un- 
mittelbarkeit der Erkenntnis desselben prinzipiell betont werden. 

Auf einige sinnespsyohologische Berührungspunkte Schopen- 
hauers mit Reid kommen wir zweckmSfsig erst im Zusammen- 
hange des folgenden Abschnittes zu sprechen. 



Die historischen Grundlagen der speziellen Aus- 
gestaltung der Lehre Schopenhauers von der 
empirischen Anschauung. 

Im aUgemeinen. 

Die Konzeption der Grundgedanken Schopenhauers ttber die 
empirische Anschauung fiel in eine Zeit, in der die empirisch- 
psychologische Forschung in Deutschland in eine gewisse 
Stagnation geraten war. Das erste Viertel des 19. Jahrhunderts 
war so sehr von Gedanken erfUllt, die eine metaphysische 



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197 

Reaktion gegen die kantisehe Philosophie darstellen, dafs nnr 
noch in einer schwachen Unterströmnng die Nachwirkung jener 
ersten Welle des erwachenden Interesses an der empirischen 
Psychologie sich geltend machte, die im 18. Jahrhundert den 
Fortsehritten der Natarwissenschaft ihren mittelbaren oder nn- 
mittelbaren Ursprung zu verdanken hatte. Jenes Aufblühen 
empirisch-psychologischer Untersuchungen hatte vornehmlich 
mit der empiristischen Strömung in der Philosophie, die in 
England mit Hobbes einsetzte, im Zusammenhang gestanden. 
Unter dem Einflufs der naturwissenschaftlichen Methode eines 
Newton hatte sich die vorwiegend auf eine Erklärung des 
Zusammenhanges des psychischen Geschehens gerichtete Asso- 
ziationspsychologie, insbesondere bei Hartley, Priestley und 
Hnme entwickelt. In Reaktion dagegen, besonders gegen 
letzteren, war die schottische Schule, an ihrer Spitze Thomas 
Reid, mehr nach einer beschreibenden Methode verfahren. Jene 
Richtung hatte sieh in Frankreich im Sensualismus, besonders 
bei Condillac fortgebildet, diese im sogenannten Spiritualismus 
eines Maine de Siran. In Deutschland hatte sich in der Zeit 
der Aufklärung eine zwar vorwiegend rationalistisch gerichtete 
Psychologie entfaltet, es waren aber auch selbständige Ansätze zu 
einer empirischen Psychologie vorhanden, und zwar neben einer 
nur unbedeutsamen Unterströmung assoziationspsychologischer 
Gedanken, vornehmlich in der nach der beschreibenden Methode 
verfahrenden, unabhängig von Reid entstandenen sogenannten 
«Erfahrungsseelenlehre', die sich späterhin zur «Vermögens- 
theorie*^ fortbildete, dann aber, zum Teil in Reaktion gegen 
letztere, aber doch als Erfahrungsseelenlehre im Prinzip bestehen 
bleibend, in l'etens einen bedeutenden Vertreter fand. Auch 
Kant bewegt sich mit einigen seiner Gedanken in dieser Richtung, 
und zwar nicht allein mit seiner Annahme gewisser Vermögen 
des Gemütes, sondern auch mit manchen psychologischen Ein- 
sichten, z. B. der Unterscheidung von Apprehension, Reproduktion 
undRekognition. Auch Fichte scheint noch unter dem Einflufs der 
Erfahrungsscelenlehre gestanden zu haben. Wir können es u. a. 
an der feinsinnigen Unterscheidung der Bewufstseinsstufen sehen, 
deren tatsächliche Unterlagen aus dem Gange seiner Deduktionen 
nicht notwendig abfliefsen. Eine ähnliche Unterscheidung von 
Bewufstseinsstufen finden wir schon bei Tiedemann. Es bleibt 



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198 

nebenbei bemerkt eine dankenswerte Aufgabe, den nnter- 
flielsenden Einflafs der Erfahrangsseelenlohre bei Kant and 
der nachkantischen Spekulation, bier anfser bei Fichte anch 
in den z. T. psychologisch gerichteten Erörterungen der Schelling- 
schen Schnle, so bei Troxler n. a., einer zusammenhängenden 
Darstellung zu unterziehen. 

Zu den genannten Richtungen und Ansätzen kam eine Reihe 
der von der fortschreitenden Physiologie des Nervensystems 
unmittelbar ausgebenden Anregungen zu psychologischen Frage- 
stellungen. Die gehimanatomischen und neurologischen Ent- 
deckungen eines Hall, Dntrochet, Magendie, Bichat, Gabanis, 
Flourens, Bemard, Bourdach, Treviranus u. a. erheischten 
dringend auch eine Orientierung über ihre psychologische 
Bedeutung. Sinnesphysiologische Untersuchungen hatten schon 
seit Kepler und später u. a. durch Cheselden und Erasmus 
Darwin psychologische Erwägungen angeregt Die Zeit war 
allerdings fttr eine exakte Inangriffnahme der bier auftauchen- 
den psychophysiologischen Probleme noch nicht reif. Doch 
darf gesagt werden, dafs gerade diese latent bleibenden 
Anregungen von Seiten der Physiologie des 18. Jahrhunderts 
aus es waren, die in erster Linie den Anstofs zu der um die 
Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden zweiten, ungleich 
kräftigeren Welle des Auflebens der empirisch -psychologischen 
Forschung gaben, der bekanntlich erst die Leistungen eines 
Johannes Müller, E. H. Weber, Brewster und Helmholtz die 
Wege bahnten. 

Wie stand nun Schopenhauer zu der mehr ttberlieferten 
als aktuellen psychologischen Problemlage seiner Zeit, ins- 
besondere in seiner Lehre von der empirischen Anschauung? 

Fttr die Grundgedanken dieser Lehre fanden wir in erster 
Linie Kant, dann Schulze und vielleicht auch Fichte wirksam. 
In der zweiten Entwicklungsperiode dieser Lehre trat, wie wir 
sahen, Thomas Reid bestätigend hinzu. Fttr die spezielle Aus- 
gestaltong und die physiologische Grnndlage der Lehre 
Schopenhauers von der empirischen Anschauung aber waren 
grundlegend wohl schon Kepler, sicher aber Cheselden, Robert 
Smith, Erasmus Darwin und in geringerem Mause Troxler. 
Dazu kamen in der zweiten Entwieklungsperiode auch hier 
Thomas Reid, ferner Bichat, Gabanis und Flourens. 



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199 

Wir sehen also, dafs ftlr die speziellen Punkte der Lehre 
Schopenhauers von der empirischen Anschauung vorwiegend 
Physiologen es sind, die ihn fesseln, und zwar die Engländer 
Cheselden, Robert Smith und Erasmus Darwin mehr mit sinnes- 
physiologisehen, die Franzosen Bichat, Gabanis und Flourens 
mehr mit nerven- und gehirnphysiologischen Untersuchungen. 
Letzteren, besonders denjenigen von Cabanis, entnimmt Schopen- 
hauer vorwiegend Belege fttr seine voluntaristische Deutung 
des organischen Lebens; doch kommen sie auch fttr seine 
Theorie von der empirischen Anschauung in Betracht. Fern 
aber steht Schopenhauer der Assoziationspsychologie, sich hierin 
und in dem Fehlen mathematischer Formulierungsversuche 
ftlr das psychische Geschehen von Herbart unterscheidend. 
Auch die beschreibende Methode der Erfahrungsseelenlebre 
befolgt er nicht prinzipiell, wenngleich er in demselben Sinne 
wie Kant zu den Vermögenspsychologen zu rechnen ist, er 
bedeutsame, auf subtiler Beobachtung beruhende beschreibende 
Darstellungen, insbesondere auf ethischem und ästhetischem 
Gebiete gegeben und er der die beschreibende Methode bevor- 
zugenden Lehre Thomas Reids einige Bestandteile fUr die Ausge- 
staltung auch seiner Lehre von der empirischen Anschauung ent- 
lehnt hat. In seinen wahmehmnngspsychologischen Erörterungen 
aber kommt die besehreibende Methode selbst so wenig zur 
Anwendung, dafs dem gänzlieben Mangel derselben gerade die 
folgenschweren Irrtümer der Ineinssetznng physiologischer und 
psychologischer Tatsachen methodologisch zuzuschreiben sind. 

Fttr den älteren Schopenhauer ist noch anzumerken, dafs 
er dem bereits einsetzenden neuen Aufschwung der psycho- 
logischen Forschung, der in den ihm bekannt werdenden Unter- 
saehungen von Johannes MttUer und Helmholtz gegeben war, 
ohne hinreichendes Verständnis gegenüberstand. 

Von den genannten Autoren werden von Schopenhauer in 
den Schriften seiner ersten Entwicklungsperiode folgende Werke 
genannt: Von Cheselden wird ein Aufsatz in den Philos. Transact., 
noch nicht aber dessen „Anatomy** genannt Dieses Werk wird 
erst in der zweiten Auflage von Sehen und Farben erwähnt >) 
Sonst findet es keine Erwähnung. Schopenhauer konnte es aber 

") VI, 31. 



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200 

Bchon vorher kennen gelernt haben, nämlich von seinem Lehrer 
der Physiologie in Göttingen, Blamenbaeh, her, der eine 
Übersetzung der Anatomie besorgen liefs und dazu ein Vorwort 
yerfaTste. Auch konnte Schopenhauer es ans Smiths »Optica" 
kennen, wo es §§ 133 und 324 genannt wird. Sachliche 
Übereinstimmung in einigen heryorstechenden Punkten macht 
die Annahme wahrscheinlich, dafs Schopenhauer von jenem 
Hauptwerk Gheseldens schon vor 1816 Kenntnis gehabt habe. 
Es wird deshalb im folgenden als unmittelbare historische 
Grundlage angenommen. 

Von Robert Smith wird ein vorwiegend physikalisch 
gerichtetes, aber auch psychophysiologisch interessiertes Werk: 
.Optics^ aus dem Jahre 1788, deutsch herausgegeben von 
Kästner 1755, i) von Erasmus Darwin: „Zoonomie, oder die 
Gesetze des organischen Lebens*, 1794-98 englisch, 1795—99 
deutsch erschienen,^) und von Troxler werden einige Schriften 
aus der ophthalmologischen Bibliothek, herausgegeben von 
Himly 1803, 18u4 und 1805, von Schopenhauer herangezogen. 

Für die zweite Entwicklungsstufe kommen die bereits oben') 
angeführten Werke von Thomas Reid in Betracht Weiter war 
von Einflufs Gabanis mit seinem Hauptwerk: „Rapports du 
physique au moral*. Dieses lernte Schopenhauer im Jahre 1824 
kennen, wie aus einer Aufzeichnung im Quartant^) zu erkennen 
ist. Es ist zitiert in der «Theoria colorum physiologica* ^) und 
in Sehen und Farben, 2. Aufl.^) Sonst ist keine Schrift von 
Gabanis genannt 

In die Zeit um das Jahr 1838 fällt die Kenntnis von 
Bichats «Recherches physiologiques sur la vie et la mort*, wie 
aus einem Briefe Schopenhauers an Jul. Frauenstädt vom 
12. Oktober 1852 hervorzugehen scheint, in dem es heifst: 
„Mein Zusammentreffen mit Bichat im bekannten Resultat, 
nachdem wir auf so höchst verschiedenen Wegen dahingelangt 



1) m, 75. 

') Die Schrift seines Sohnes Robert Waring Darwin „New experiments 
on the ocular spectra of light and coloors* 1786 (sieh die bibliogr. Anmerk. 
von Qrisebach VI, 378) kommt für unsere Zwecke nicht in Betracht. 

•) Sieh S. 191 dieser Schrift 

*) Arthur Schopenbaners Nachlafs Nr. 13. Quartant S. 82. 

») VI, 120. •) VI, 23. 



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201 

Bind, ist eine der sehönsten Bestätigungen meiner Wahrheit 
und war mir, als ich es erst 1838 entdeckte, eine nnendliche 
Herzstärknng.* ^) Genannt ist Bichat schon in dem Manaskript- 
bach Schopenhauers, das Adversaria genannt ist und aus dem 
Jahre 1828 stammt^) Genanntes Werk wird von Schopenhauer 
zweimal zitiert in Welt als Wille und Vorstellung, 2. Band, 
und zwar schon in der ersten Auflage dieses Bandes.') 

Flourens wird zuerst erwähnt in dem Exordinm zur 
Dianoiologie,^) das nach Mockrauers Untersuchung^) nach 1823, 
sogar wohl erst fttr das Wintersemester 1826/27 anzusetzen ist In 
diesem Exordium wird ein von Cuvier yerfafster Bericht über die 
Untersuchungen Flourens' genannt, welcher in den ,Memoires 
de Tacademie des sciences*" der Jahre 1821 und 1822 steht. Da 
fttr diesen Bericht als Erscheinungsjahr 1826 angegeben wird, 
so steht zu vermuten, dafs der von Mockrauer angegebene 
spätere Termin fttr das Erscheinungsjahr des Exordiums der 
richtige ist. Die diesen M^moires entnommene und im ge- 
nannten Exordium angeftthrte Lehre Flourens' über das Klein- 
hirn findet sich in der Welt als Wille und Vorstellung II. Band.«) 
Sodann wird Flourens erwähnt in dem Manuskriptbuch, das 
AdYcrsaria^) betitelt ist, und zwar wird hier wieder der schon 
genannte Aufsatz von Cuvier ttber Flourens und ein Akademie- 
bericht von Cuvier aus dem Jahre 1823 genannt : M^moires de 
FAcad^mie des sciences, Vol. 6 1823. Hist de l'acad. p. Cuvier 
p. CXXX.®) Flourens wird ferner erwähnt in der zweiten Auflage 
des ersten Bandes der Welt als Wille und Vorstellung®) und der 
ersten Auflage des zweiten Bandes ^o) vom Jahre 1844. Hier 
werden genannt: Eine von Flourens verfafste Rezension der 
Historie naturelle von Fr. Cuvier, die sich im Septemberheft 

>) £d. Grisebach, Schopenhauers Briefe, S. 222. — Vgl. Ed. Grisebach, 
Schopenhauer: Geschichte seines Lebens, S. 189f 

>) Arthur Schopenhauers Nachlafs Nr. 7, Adversaria, S. 4. 

") H, 288 u. 305. 

*) Grisebach, Schopenhauers Nachlals 2, S, 54. 

') Arthur Schopenhauers sämtliche Werke. Herausgegeben von Paul 
Deusseu. IX. Band. Vorrede der Herausgeber S. XIX. 

•) n, 287. 

Ö Arthur Schopenhauers Nachlals Nr. 7, Advorsarla, angefangen 
März 1828. Berlin, p. 151 f., p. 211 und p. 221. 

•) Ebenda p. 221. •) I, 652. ») n, 237, 288, 296, 467. 



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202 

des Journal des sayants von 1839 befindet nnd mit einigen 
Zasätzen versehen nnter dem Titel R^snmä analytiqae des 
observations de Fr. Cuvier snr Tinstinct et I'intelligenee des 
animanx im Jahre 1841 gesondert erschienen isi^) Ferner 
wird im zweiten Bande der Welt als Wille und Vorstellang 
aus dem Jahre 1844 ein Aufsatz Flonrens' genannt, der 
in den Annales des seienees natorelles par Andonio et 
Brongniard 1828 Vol. 13 steht.^) Eine andere Stelle, an der 
Flonrens noch in dem zweiten Band der Welt als Wille und 
Vorstellang genannt wird, ist in der späteren Auflage hinzn- 
gefttgt worden. Aufser den genannten Schriften von Flonrens 
führt Schopenhaner überhaupt nur noch eine an: Buffon. 
Historie de ses travaux et de ses idees par Flonrens 1844. s) 
Es scheint aber angenommen werden zu müssen, dafs 
Schopenhauer vor 1844 auch noch andere als die bisher ange- 
führten von ihm selbst genannten Schriften von Flonrens kennen 
gelernt habe. Dafür sprechen folgende Umstände: Die Stelle 
in dem zweiten Bande der Welt als Wille und Vorstellang ans 
dem Jahre 1844/) an der Schopenhauer den Versuch Flourens^ 
mit einer Henne, der das Grofshirn eskarpiert wurde, erwähnt, 
ist in keiner der bisher genannten Schriften von Flourens 
enthalten. In dem Aufsatz in den «Annales des seienees 
naturelles* sind wohl Versuche mit Hennen besprochen, aber 
nicht der oben angeführte. Dieser ist vielmehr in den „Becher- 
ches expärimentales sur les propriötäs et les fonctions du systöme 
nerveux, dans les animaux vert^bräs.* Paris 1. Auflage 1824, 
2. Auflage 1842, besprochen. Dieses Werk von Flourens wird 
nun zwar auch in den späteren Schriften Schopenhauers 
nirgends erwähnt; es findet sich aber in zweiter Auflage in 
der von ihm hinterlassenen Bibliothek.^) Dieses, bis zu dem 
erwähnten Zeitpunkte bedeutendste Werk Flourens' ist in den 
„Annales des seienees naturelles^ des öfteren zitiert Im Hinblick 
auf die Bedeutung, die Schopenhauer den Untersuchungen von 
Flourens zuschreibt, darf wohl vermutet werden, dafs er, nach- 
dem er von diesem Werke Kunde erhalten, sich mit dem Inhalte 
desselben bekannt gemacht habe. In diesem Werke ist die 



II, 467, auch III, 248. «) H, 20«. ») V, 174. *) II, 3lOf, 

') Grisebacb, .Scbopenhauerita«''. 



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203 

von Sehopenhaner ans Flonrens' Sehrift „De la vie et de 
rintelligence'' zitierte Stelle schon fast wörtlieb enthalten. Dafs 
Schopenhauer dieses Werk statt jenes gröfsern zitiert, kann 
daranf zurückgeführt werden, dafs die genannte Lehre in ihm 
reicher entwickelt ist als in jenem. Das Zitat der Schrift „De 
la vie et de Tintelligence'' 1. Auflage 1857, 2. Anflage 1859 
warde von Grisebach dem Handexemplar Schopenhauers ent- 
nommen und der von ihm besorgten dritten Auflage des Satzes 
vom Grunde hinzngefUgtJ) Ebenso verhält es sich mit einer 
Anmerkung im ersten Bande der Parerga und Paralipomena.^) 
Diese Schrift von Flourens kann schon ihres späten Er- 
scheinungsjahres wegen für die Entwicklung der Lehre 
Schopenhauers vor 1844 nicht in Betracht kommen. 

Für den Zweck unserer Untersuchung sei festgestellt, dafs 
der Einflufs Flourens' auf Schopenhauer zwar noch nicht ftlr 
die erste Entwicklungsperiode Schopenhauers geltend gemacht 
werden darf, dafs Schopenhauer aber, wie aus den Adversaria 
hervorgeht, die von Flourens gemachte Unterscheidung zwischen 
Irritabilität und Sensibilität schon von 1826 an bekannt war. 

Die physiologischeii Annahmen. 

Es wird sich, um den zu behandelnden Stoff nicht zu sehr 
zu zersplittern, als zweckmäfsig erweisen, nicht die in Betracht 
kommenden Autoren jeden für sich zu behandeln, was auch 
schon wegen des Mangels an innerem Zusammenhang des in 
Frage kommenden Tatsachenmaterials mit ihren jeweiligen 
allgemeinen theoretischen Ansichten kaum von Gewinn sein 
dürfte, sondern die speziellen Punkte in der Ausgestaltung 
der Lehre Schopenhauers von der empirischen Anschauung 
jeden für sich vorzunehmen und zuzusehen, woher er sie ge- 
nommen hat, da er selbständige Prüfungen darüber nicht vor- 
genommen hat. Wir wollen also zuerst die physiologische 
Annahme der Lokalisation der Sinnesempfindungen in den 
Nervenenden und dann die vier Data, die der Verstand beim 
Übergange von der Sinnesempfindung zu ihrer Ursache im Raum 
benutzt, nebst dem Umstände, dafs er dazu eines Erlernens 
bedarf, auf ihre historischen Grundlagen hin untersuchen. 

») III, 90 f. «) IV, 88. 

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204 

Bei der eingehenden Kenntnis, die Schopenhauer von der 
griechischen Philosophie besafs, erscheint es nicht unangebracht, 
auch auf sie, wenigstens hinsichtlich der Lokalisation der 
Empfindungen, kurz einzugehen. 

Bei den yorsokratischen Philosophen sind es zwar nicht die 
Nervenenden, die für die Lokalisation der Empfindungen in Frage 
kommen, da ihnen die Kenntnis der Nerven noch fehlte, sondern 
die Sinnesorgane schlechthin. Auch wird nicht deutlieh der 
Bewufstseinsgehalt der Empfindungen dorthin gelegt. Vielmehr 
heifst es fast durchgängig, dafs die Empfindungen von den 
Organen zum Gehirn oder in das Innere des Körpers geleitet 
und dort der Seele zugeführt werden, so auch noch bei Plato. 
Wir finden aber doch wenigstens den Gedanken vor, dais die 
einzelnen Organe dem Hervorbringen der besonderen Sinnes- 
qualitäten dienen, so bei Alkmaeon,^) femer in der Abhandlung 
IleQl öaQxtov^y bei Empedokles, Demokrit, Anaxagoras, Diogenes 
von Apollonia und auch bei Plato. 

Etwas ausgeprägter gestaltet sich die Lokalisation der 
Empfindungen in den Sinnesorganen bei Aristoteles. Die Seele 
wirkt bei ihm, so kann man sagen. Überall im Organismus 
mit je einer bestimmten Funktion; sie ist in gewissem Sinne 
im ganzen Organismus lokalisiert; ihre Affektionen sind immer 
zugleich auch solche des Leibes. So auch verhält es sich mit 
der Empfindung im Sinnesorgan. Sie ist, wie Siebeck es aus- 
drückt, physiologisch eine Art der Bewegung, eine qualitati?e 
Veränderung des empfindenden Organs, wodurch der Eindruck, 
modern ausgedrückt, der Seele zu Bewufstsein kommt: Das 
Organ ist vorher schon dwafiet empfindend, und diese Mög- 
lichkeit geht mit dem Eintreten des Eindrucks in Wirklichkeit 
über. «Die Seele verhält sich zum Leibe, wie die Sehkraft 
zum Auge."^) 

Diese Gedanken des Aristoteles zeigen sowohl in der 
Lokalisation der Empfindungen in den Sinnesorganen als auch 
insbesondere darin, dafs sie eine metaphysische Grundlage 



Theopbr. De sena, S. 25, und Stob. flor. IV, 176. 
«) Verfasser unbekannt. Sieb Siebeck, „GescWcbte der Psychologie 
vor Aristoteles', 1880, S. 105. 

») Siebeck, „Aristoteles**, 1899, S. 70f. 



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205 

haben, eine Verwandtschaft mit der Lehrmeinang Schopen- 
hauers, insofern nämlich auch hier die Sinnesempfindnngen and 
ihre Lokalisation, wenn auch in einem anderen Sinne, meta- 
physisch gedeutet werden. Ob Aristoteles hierin anregend auf 
Schopenhauer eingewirkt hat, ist nicht mit Bestimmtheit fest- 
zustellen. 

Die Annahme, dals die Sinnesempfindungen in den Sinnes- 
organen lokalisiert seien, scheint in der modernen Wissenschaft 
zuerst von Kepler vertreten zu sein. Kepler nimmt an, dals 
das Bild auf der Netzhaut, indem es die vom Gehirn herab- 
steigenden Nervengeister in Bewegung setzt, unmittelbar die 
Gesichtsvorstellungen hervorrufe. 

Über Descartes möge hier kurz bemerkt werden, dafs er 
die Bewegungsvorgänge, die in den Sinnesorganen ausgelöst 
und durch die Nerven, genauer die darin enthaltenen und auch 
die Gehimhöhlen erfüllenden Lebensgeister bis zur glandula 
pinealis fortgepflanzt und dort als bestimmter Bewegungseffekt 
abgesetzt werden, prinzipiell unterscheidet von den Sinnes- 
empfindungen, die vermittels der glandula pinealis auf eine hier 
nicht näher zu erörternde Weise in der Seele ausgelöst werden. ^) 
Bei Descartes also findet eine Lokalisation der Sinnesempfin- 
dungen in den Sinnesorganen im Prinzip nicht statt 

Beide Gedanken, so können wir also sagen, sowohl der, 
dals die Empfindungen unmittelbar in den Sinnesorganen be- 
wufst werden, als auch, dafs sie erst im Zentralnervensystem 
zum Bewufstsein gelangen, gehören der älteren Überlieferung 
und daher dem allgemeinen Wissensbestande der Zeit des 
lungeren Schopenhauer an. Für diesen können aber vielleicht 
auch einige unmittelbare Quellen aufgewiesen werden. 

Von den Autoren, die in der ersten Auflage von Sehen 
und Farben, in der die Lokalisation der Sinnesempfindungen 
in den Nervenenden schon ausgesprochen wird, genannt werden, 
sind Cheselden, Smith, Buffon und Home nicht heranzuziehen, 
da bei ihnen die Frage der Lokalisation der Empfindungen 
entweder gar nicht berührt wird, oder unbestimmt bleibt. 
Dagegen finden wir sie deutlich und in ähnlichem Sinne wie 



„De sensibus in genere'', d. i. das Kap. IV der „Dioptrik*; cf. «Priu- 
cipia PhUos/ IV, 189f. 



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206 

bei Sehopenhaaer beantwortet von Erasmas Darwin in seiner 
„Zoonomia*. Hier heifst es, zunäehst im allgemeinen: „Das 
Wort Idee ... ist hier blofs f tlr diejenige Kenntnis der änlsereD 
Dinge gebraaeht, womit uns nnsere Sinnesorgane ursprünglich 
bekannt maehen, und ist definiert als eine Zasammenziehnng 
oder Bewegung oder Konfiguration der Fibern, welche die un- 
mittelbaren Sinnesorgane aasmaehen. Als synonym mit dem 
Worte Idee gilt sinnliehe Bewegung. "" <) .Die tierischen Be- 
wegungen oder Konfigurationen unserer Sinnesorgane maeben 
unsere Ideen aus.^ ^) Es sei nebenher bemerkt, daf s die Gedanken- 
gänge Erasmus Darwins nicht prinzipiell materialistisch gerichtet 
sind. Im einzelnen sagt er nooh: .Die Netzhaut und andere 
unmittelbare Sinneswerkzenge besitzen Bewegungs vermögen , 
und diese Bewegungen machen unsere Ideen aus.*') .Weder 
meehanische Eindrücke, noch chemische Verbindungen des 
Lichtes, sondern blofs die tierische Tätigkeit der Netzhaut 
macht das Sehen aas.^^} 

Sodann ist hier noch Trox 1er zu nennen. Er erklärt: 
„Ihren höchsten Oipfel erreicht die Sensibilität da, wo sie, 
wirklich Sinn, den leisesten Einflüssen der Auisenwelt sich 
entgegenriohtet, weswegen wir denn auch in allen diesen 
Organen ein unschätzbares Verzweigen und Verfeinem der 
Nerven finden . . . sowie auch alle äulseren Eindrücke hier 
zur Konszienz oder Einheit gelangen. Das Organ des Gesichts 
wird also als solches in seiner höchsten Potenz da sich kon- 
stituieren, wo es selbst zutage bricht . . . Aus dieser Ansicht 
folgt nun, dafs der optische Nerv, um so weniger er sich schon 
zur Retina entfaltet hat, um so weniger den individuellen Sinn 
des Sehens in sich tragen könne ... So vne wir demnach 
die feine Netzhaut als Antenne für Farbe und Licht ansehen 
müssen, so ist uns der Nerv selbst nur das Assimilationsorgan, 
welches durch seine Energie die schon geschaffenen Sensationen 
sich unterwirft, festhält und fortpflanzt*») „Alle Strahlen, 
welche die Retina treffen, werden hier zum Bilde der Objektivität, 



1) „Zoonomia'', Abschn. II, Kap. II, § 7. 
«) „ „ III, , m,Einleit. 

») r, . ni, , I. 

*) , , lU, „ IV, Einlelt. 

*) .Ophthal. Bibl.", B. II, St 2, S. 15, 16. 



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207 

Yon welcher sie aasgingen, während der Sehnerv in seiner 
ganzen Länge, noch za sehr in sich selbst yerschlossen, als 
allgemeiner Empfindangsnerv nichts als die Reflexe, welche von 
seinen sehenden Filamenten ausgehen, perzipieren kann. Es 
ruht der Sinn in der ganzen inneren, sich dem Aulseren ent- 
gegenwölbenden Fläche; und die Strahlen von diesem gehen 
nun durch Vermittelung des durch die Siebplatte dringenden 
Teils des Sehnerven in den massiven Teil desselben über, 
dem wieder, als der reinen Länge, blofs die Fortbildung der 
geschehenen Sensationen übertragen werden kann.* <) Die Lehr- 
meinung Troxlers in diesem Punkte ist jedoch nicht konsequent 
festgehalten. Er führt im Widerspruch zu dem Zitierten an 
anderer Stelle, beeinflufst von im Sinne Schellings gehaltenen, 
metaphysischen Erwägungen, folgendes aus: „Es ist der Physio- 
logie leicht, darzutun, dafs das Auge nur ein Vermittlungsorgan 
des Änfseren mit dem Innern ist, welches durch sein eigentüm- 
liches Leben die Aufsenwelt mit unserem Geiste so verknüpft, 
daij9 die optische Erscheinung, wie sie sich uns darstellt, nicht 
etwa aniser uns, wie der blofs sinnliche Mensch wähnt, aber 
auch nicht auf der Fläche der Retina, wie der blofs reflek- 
tierende Optiker träumt, entsteht, sondern in unserem tiefer 
liegenden Innern durch die Einwirkung von aufsen und die 
Vermittlung des Auges nach innen erzeugt wird." 3) ,Dafs das 
Sehen wirklich eine höhere Funktion ist als die, welche im 
Boden des Auges geschieht . . ,''^) .Infolge von all diesem 
Vorausgesetzten behaupten wir nun mit Grund: Erstens kein 
Auge sieht, und folglich zweitens kein Auge sieht für sich 
besonders, und drittens, daher hat die Frage, warum wir mit 
zwei Augen nicht doppelt sehen, nur für denjenigen Sinn, 
welcher von falschen Hypothesen ausgeht und dadurch zu un- 
richtigen Folgerungen geführt wird.*^) 

Von den übrigen, in der ersten Auflage von Sehen und 
Farben genannten Autoren kommt in dem besprochenen Punkte 
keiner mehr in Betracht. 

Ein Rückblick auf das Dargelegte ergibt, dais Schopenhauer 
in der Annahme der Lokalisation der Sinnesempfindungen in 



Ebenda B. II, St. 2, S. 17, 18. ') Ebenda B. III, St. 3, S. 7. 

*) Ebenda B. III, St 3, S. 8. *) Ebenda B. UI, St. 8, S. 9. 



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208 

den Nervenenden möglicherweise durch verwandte Gedanken 
in der griechischen Philosophie, insbesondere bei Aristoteles, 
wahrscheinlicher aber, entgegen den im Prinzip deduktiv ge- 
richteten Annahmen eines Descartes, durch die mehr empirisch 
Aindierten des Zoologen Erasmus Darwin entscheidend bestimmt 
worden ist Auch ein Einflufs von Seiten Troxlers wird an- 
genommen werden dürfen. 

Für die psychologische Wendung aber, dafs mit dem Be- 
wufstsein der Sinnesempfindungen zugleich ein BewuTstsein Tom 
„unmittelbaren Objekt* gegeben sei, fanden wir bereits bei 
G. E. Schulze eine historische Grundlage. 

In der zweiten Entwicklnngsperiode Schopenhauers wird die 
Lokalisation der Empfindungen in den Nervenenden beibehalten. 
Dies mufs einigermafsen auffallend erseheinen, da in einer Reihe 
der damals mafsgebenden physiologischen Untersuchungen der 
Bewufstseinsgehalt der Empfindungen in der Grofshimrinde 
lokalisiert wird, so dafs ihnen gegenüber die ungeprüften 
Meinungen einiger anderer sachlich kaum ins Gewicht fallen. 

Sehen wir nun zu, welches die Meinungen der über diesen 
Punkt sich äufsernden Autoren waren, die bis 1844 auf Schopen- 
hauer eingewirkt haben können. Sie mögen in der historischen 
Reihenfolge ihrer Hauptwerke zur Sprache gebracht werden. 

Thomas Reid nimmt an, dafs «die Bilder auf der Netz- 
haut vermöge der Gesetze der Natur die Mittel zum Sehen 
sind, aber auf welche Art sie ihre Bestimmung erfüllen, uns 
gänzlich unbekannt ist*^ ,Es ist nicht im geringsten wahr- 
scheinlich", sagt er, „dafs in den Sehnerven, noch im Gehirn, 
irgend ein Abbild oder Gemälde von dem Gegenstande sein 
sollte. Und ebenso unwahrscheinlich ist es, dafs die Seele 
die Bilder auf de): Netzhaut wahrnehmen sollte. Diese Bilder 
sind ebensowenig die Gegenstände unserer Wahrnehmung, 
als es Gehirn und Sehnerv sind.^^) ,Wir müssen uns damit 
begnügen . . . dafs gewisse Dinge miteinander verknüpft sind 
und unveränderlich aufeinander folgen, ohne dals wir fähig 
wären, die Kette zu entdecken, die sie aneinanderreiht*' ^) Aus 
diesen und anderen Ausführungen ist ersichtlich, dafs die Lokali- 
sation der Empfindungen bei Reid unbestimmt bleibt 

») A. a. 0. Vol. 1 ^Inquiry« Abscbu. VI, § 12. «) Ebenda und § 21. 

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209 

Bei Bichat herrscht die Meinung vor, dafs die Sinnes* 
Organe empfinden und das Gehirn die Sensationen perzipiere: 
,Die Haut, die Augen, die Obren, die Membrane der Nase, 
des Mundes, alle Sohleimhäute bei ihrem Entstehen, die 
Nerven usw. empfinden den Eindruck der Körper, die sie 
bertthren, und leiten ihn dann zum Gehirn hin, welches das 
Hanptzentrum der Sensibilität dieser Tcrschiedenen Organe 
isf^^) .Die Sensationen, zuerst verwirrt, zeigen dem Kinde 
nur allgemeine Bilder. Das Auge hat nur die Empfindung des 
Lichtes, daa Ohr nur die des Tones, das Organ des Geschmacks 
nur die der Schmackhafdgkeit, die Nase nur die des Geruches*.^) 
Offenbar denkt Bichat, wenn er hier von Sensationen spricht, 
an den Bewufstseinsgehalt der Sinnesempfindungen, die er in 
die Organe verlegt Bichats Lehre konnte also in diesem Punkte 
sehr wohl als Bestätigung der Lehre Schopenhauers gelten, 
obgleich die Scheidung von vie animale und vie organique bei 
Biehat, die Schopenhauer als der Sache nach mit seiner Scheidung 
von Intellekt und Willen Übereinstimmend anspricht, hinsichtlieh 
der Einordnung der Empfindungen zu einer Abweichung ftthrt. 
Bichat nämlich rechnet dieselben zur vie animale, während vom 
Standpunkte Schopenhauers eher erwartet werden mttfste, dafs 
sie, weil sie in das Gebiet des Vorstellens nicht hineingehören, 
zur vie organique zu zählen seien. 

Die physiologischen Annahmen von Cabanis über die 
Lokalisation der Sinnesempfindungen mögen aus folgenden Aus- 
führungen ersehen werden: .Unmittelbare Erfahrungen .... 
haben gelehrt, dafs die Empfindung oder wenigstens ihre Wahr- 
nehmung (la Sensation, ou moins sa perception) nicht am 
äufseren Ende des Nerven, und in dem Organe vor sich geht, 
wo die Ursache, welche die Empfindung bestimmt, unmittelbar 
hinwirkt, sondern in denjenigen Vereinigungspunkten, wo alle 
Nerven ihren Anfang nehmen, und wo die Eindrücke sich 
vereinigen . . . Die Nerven sind es, die empfinden, und im 
Gehirn, in dem verlängerten Mark und wahrscheinlich auch in 



1) Biohat, „Recherches physiologiqaes aar la vie et la mort'', 4™«. 
Edit Paris 1822, S. 107. 
*) Ebenda S. 202/03. 

PUloioplüiohe Abbandlnngfln. XLII. 14 



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210 

dem Bttckenmark geht die Wahrnehmung vor gicb.*^) Die 
Empfindangsfähigkeit der Nerven ist nach Gabanis eine „aen- 
sibiiitö Sans Sensation, e*est-ä,dire, sans impressions per^aes".^) 
,Da wir blofs eine wahrgenommene Impression (impression 
per^ne) Empfindung (sensation) nennen, so gibt es in der Tat 
eine sensibilitä sans Sensation/^) „Es gehen also viele Be- 
wegungen in der tierischen Oekonomie vor sich, ohne dals 
das Ich davon etwas weifs (k Hnsn da moi), wobei denooeh 
das Empfindnngsorgan von Einflals ist Man mnfs also die 
Nerven als Organe ansehen, welche Impressionen empfaogen 
können, die gewisse Bewegungen bestimmen, ohne dafs der Zen- 
tralpunkt des Gehirns, wo die Ideen und Willensbestimmungen 
sich bilden, diese Bewegungen und Impressionen gewahr wird."^) 
Das Wort ,id^e* umfafst bei Cabanis auch die Sensation per^oe.^) 
.Mehrere Philosophen und selbst mehrere Physiologen erkennen 
die Sensibilität nur dort an, wo das Bevnifstsein der Eindr&eke 
stattfindet: Dieses Bewufstsein ist in ihren Augen der aos- 
schlielsliche und bestimmte Charakter der Sensibilität Indessen, 
nichts widerspricht den wohlverstandenen physiologischen Tat- 
sachen mehr; nichts ist unzureichender zur Erklärung der 
ideologischen Phänomene." <^) Aus diesen Ausführungen geht 
hervor, dafs Cabanis den Bewufstseinsgehalt der Empfindungen 
nicht in den Nervenenden, sondern in dem Zentralorgan 
lokalisiert In diesem Sinne sind bei Cabanis Wendungen za 
interpretieren, wie dafs „die Nerven die Organe der Sensibilität 
iseien''. Es findet jedoch bei Cabanis eine reinliche Scheidung 
des Psychischen vom Physischen nicht statt und eine Ver- 
mischung derselben gibt sich gelegentlich auch in dem Ge- 
brauche des Wortes sensibilitö sans Sensation kund, was ans 
seinen in anderem Zusammenhange stärker hervortretenden 
materialistisch gerichteten Lehrmeinungen verständlich wird. 
Die Annahmen von Flourens in diesem Punkte wider- 
sprechen denen Schopenhauers gleichfalls, wenngleich sie, wie 
wir sehen werden, bei einer geringen Wendung geeignet 

^) Cabanis, «Rapports da physique et da moral de rhomme", T. I, 
2««. Edit. Paris 1805, S. 64f. 

>) Ebenda T. II, S. 338. ') Ebenda T. II, S. 839. 

*) Ebenda T. II, S. 339 f. *) Ebenda T. I, S. 74. 

«) Ebenda T. U, S. 335. 



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211 

sein können, die Oedapkengänge Sehopenhauers zu stützen. 
Floatens bildet die Untersnehangen Galls über die BewnlBtseins- 
fnnktion der Grof shirnrinde in bestimmter Weise um and kommt 
dabei za folgender Annahme Über die Lokalisation der Sinnes- 
empfindangen: „Die intellektaellen and perzeptiven Fähigkeiten 
haben ihren Sitz in den Gehimlappen, die Koordination der 
Ortsbewegangen in dem Kleinhirn, die anmittelbare Erregang 
der Maskelzasammenziehang in dem Bttckenmark and seinen 
Nerven.^ ^) .Endlich", sagt er weiter, .ist nicht nar der Ursprang 
der Bewegangen in der Gehimmasse verschieden von dem der 
Perzeptionen, sondern selbst der der Sinne nnterscheidet sich 
noch von dem der Perzeptionen. Die Wegnahme der Gehirnlappen 
z. B. bewirkt aagenblicklich den Verlast des Sehens, aber die 
Iris bleibt dabei nicht weniger beweglich, der optische Nerv 
erregbar, die Retina sensibel. Die Wegnahme aber der tabercales 
bijamaax oder qaadrijamaax zerstört aaf der Stelle die Kon- 
traktilität der Iris, die Aktion der Betina and des optischen 
Nervs. Im ersten Falle hat man nar die Perzeption des Sehens 
(la pereeption de la vae) zerstört, im zweiten zerstört man den 
Gesichtssinn (le sens de la vae). Es gibt also als letztes Er- 
gebnis der Analyse in der Gehimmasse Organe, die ftlr die 
Sinne (les sens), für die Wahrnehmong (la pereeption] and die 
Bewegangen (les monvements) bestimmt sind." 2) fjber den 
Gegensatz von sens oder Sensation and pereeption erfahren 
wir folgendes: .Die Sensation im eigentlichen Sinne, die sen- 
sibilit6 Überhaupt, ist verschieden von der pereeption oder 
intelligenee .... Wenn man das Gehirn im eigentlichen 
Sinne oder die Gehirnlappen bei einem Tier wegnimmt, so 
verliert das Tier alle intelligenee and folglich jede pereeption. 
Aber mit Beziehang aaf das Aage ist nichts geändert: Die 
Objekte fahren fort, sich der Betina einzudrucken, die Iris 
bleibt zasammenziehbar, der optische Nerv erregbar. Die Betina 
bleibt lichtempfindlich; denn die Iris schliefst and öffnet sich 
gemäfs dem Lichte mehr oder weniger lebhaft Also ist das 



1) Fiourens, „RachercheB exp^rimentales sar les propri6t6s et les 
fonctions du systöme nenreux dans les animanz vert^br^s*', 2. Auflage, 
Paris 1842, S. XIII der Einleitung. 

>) Ebenda S. XY/XVI der Einleitung. 

U* 



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212 

Ange sensibel, und doch sieht das Tier nicht mehr. Die Sensation 
ist also nicht die vision; die vision ist nar die perception de 
la Sensation.*' 1) Ans diesen Ansftthrangen geht hervor, daä 
die sensibilitö der Sinnesorgane bei Flonrens nur die ihnen 
eigenen Bewegnngsvorgänge bedeuten, und dafs der Bewofst- 
seinsgehalt der Sinnesempfindungen erst der perception eigen 
und somit in der Grofshirnrinde lokalisiert ist Selbst die un- 
bewnfste sensibilitö ist durch Vorgänge in der Grofshirnrinde 
mitbedingt. 

Die Übrigen in den späteren Schriften Schopenhauers er- 
wähnten Physiologen kommen fbr die Lokalisation der Sinnes- 
empfindungen teils nicht in Betracht, teils setzt ihre Kenntnis, 
wie z. B. die von Johannes MttUer und Helmholtz, die in den 
Schriften von 1854 erwähnt werden, zu einer Zeit ein, wo sie 
auf die Bildung der Annahmen Schopenhauer in diesem Punkte 
keinen Einfiufs mehr hatten. 

Ein Rückblick auf das bisher Ausgeführte ergibt, dafs die 
Beibehaltung der Annahme, die Empfindungen seien in den 
Nervenenden lokalisiert, in der zweiten Entwicklungsperiode 
Schopenhauers entgegen den Lehrmeinungen eines Cabanis und 
Flourens erfolgt. Gegenüber dem Gewicht der Untersuchungen 
dieser Forscher wird man nicht fehlgehen zu vermuten, dab 
Schopenhauers Festhalten an jener Annahme nicht allein in 
der Übereinstimmung mit den älteren Anatomen und Physiologen 
Erasmus Darwin und Bichat seinen Grund hat, sondern znm 
nicht geringen Teil auch darin, dafs vom Standpunkte seiner 
Lehre über das Verhältnis von Leib und Wille aus, in den 
ihm widersprechenden physiologischen Untersuchungen kein 
zwingender Grund für ihn gegeben war, die sensibilit6 sans 
Sensation, um mit Gabanis, und die Sensation pas per^ues, um 
mit Flourens zu reden, lediglich als Bewegungsvorgänge auf- 
zufassen. Flourens lieferte, wenigstens in den Augen Schopen- 
hauers, den physiologischen Nachweis dafür, dafs Sensation und 
Perzeption zu scheiden seien. Dieser Unterschied ist nun zwar 
in Wirklichkeit bei Flourens nicht gleichbedeutend mit dem 
der blofsen Empfindung und der objektiven Wahrnehmung bei 
Schopenhauer, denn den Sensationen ist bei Flourens, wie wir 



<) Ebenda S. 24. 

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213 

sahen, ttberhanpt kein Bewafstseinscharakter eigen, nicht also 
blofs kein Bewafstseinscharakter im Sinne Schopenhauers, d. i. 
kein Vorstellnngscharakter. Dafs jedoch Schopenhauer Flonrens' 
Sensationen mit seinen blofsen Sinnesempfindungen gleichgesetzt 
habe, geht daraus hervor, dafs er die Ergebnisse der Unter- 
suchungen von Flourens als eine Bestätigung seiner Lehre von 
der Intellektualität der Anschauung auffafst. Diese Interpretation 
ist vom Standpunkte Schopenhauers aus verständlich. Er kann 
nämlich die Sensationen zwar als ein ünbewufstes, d. i. Vor- 
stellnngsloses, aber doch zum Willen Gehöriges deuten. Diese 
Auffassung findet tatsächlich einen Anhalt in einem Gedanken- 
gange von Gabanis. Cabanis lokalisiert, wie oben ausgeführt 
wurde, den Bewuf stseinsgehalt der Empfindungen in dem Zentral- 
nervensystem und unterscheidet von den bewufsten Empfin- 
dungen die sensibilitö sans Sensation in den Sinnesorganen. 
Nun führt er ttber diese sensibilitä noch folgendes aus: 
„Man mufs das Nervensystem fttr geeignet halten, sich in 
mehrere besondere Systeme niederer Art zu teilen, welche alle 
ihre Zentren haben, ihren Punkt der besonderen Reaktion, wo 
die Eindrücke zusammenlaufen, und von wo Bewegungs- 
bestimmungen ausgehen . . . Vielleicht, wie es sich Van Helmont 
hinsichtlich der verschiedenen Organe dachte, bildet sich in 
jedem System und in jedem Zentrum eine Art von besonderem 
Ich (moi partiel) aus, partiell in Hinsicht auf die Eindrücke, 
von denen dieses Zentrum der Sammelplatz ist, und auf die 
Bewegungen, welche sein System bestimmt und leitet Die 
Analogien zeigen, dafs es in der Tat etwas derartiges gibt. 
Aber vrir können uns keine deutliche Vorstellung von diesen 
volontäs partielles machen, da alle unsere Empfindungen vom 
Ich sich ausschliefslich auf das Hauptzentrum beziehen .... 
Diese Art der Betrachtung aber könnte uns dazu führen, jedes 
Reaktionszentrum als irgend eine Art von moi väritable zu 
betrachten." ^) Die Auffassung der blofsen Sensibilität als einer 
Art von Streben oder Wollen klingt auch aus folgender Stelle 
heraus: «Wir können vermuten, dafs einige Analogie zwischen 

1) Cabaois' „Rapports" T. II, S. 340 f. — Vgl. „Revue des deux 
mondes" 1. Mai 1880, S. 46, einen Aufsatz von Paul Janet: „Schopenhauer 
et la Physiologie fran^aise", in dem die hier besprochene Parallele zwischen 
Cabanis and Schopenhauer in diesem Punkte gleichfalls hervorgehoben wird. 



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214 

der animalen Sensibilität, dem Instinkte der Pflanzen, der 
(chemisohen) Affinität und der einfachen Schwerkraft bestehe. 
Soviel ist gewifs, dafs, der wesentlichen Unterschiede uoge- 
achtet, doch alle drei Arten der Phänomene ein gewisses 
unmittelbares Streben (tendence directe) der Körper g^eneio- 
ander zeigen.^ i) Im Anschlafs daran wirft Cabanis das Problem 
aaf, ob dieses Streben nicht eine Art „instinct nniyerselle' 
sei, der sich Ton der Schwerkraft an aufwärts bis znletzt zur 
Sensibilität und der Intelligenz entwickle. 

Schopenhaner hat von diesen Gedanken Cabanis' Kenntnis 
genommen und bespricht sie ansftthrlich in seinem Mannskript- 
bnch Qnartant ans dem Jahre 1824. Diese Ansftlhningen seien 
in dem Zusammenhange, in dem sie stehen, angeführt Es 
heifst: „Cabanis' rapports du physique et du moral de Iliomme 
(Am Rande: Paris 1805, 2. Auflage, 1824, also nach 19 Jahren!) 
ist ein sehr gehaltvolles Buch, dessen Inhalt ein Hauptteil einer 
echten Anthropologie ausmachen mttfste, welche bisher vemaeh- 
lässigt ist Seine allgemeine Tendenz ist, alle sogenannten 
geistigen Äufserungen des Menschen von der physischen Seite 
zu betrachten, zu zeigen, welchen Anteil daran erstlich das 
Nervensystem überhaupt hat und wie sie alle nur als Änilse- 
rnngen desselben physiologisch zu betrachten sind; sodann 
welchen Einflnfs das ganze somatische System, die Tempera- 
mente, Alter, Geschlecht, Krankheit usw. darauf haben. 

Das Wichtigste im Buch ist die eigentliche Physiologie 
des Nervensystems. Er unterscheidet die plastischen und 
animalischen Nerven, das Hanptzentrum (Gehirn), die unter- 
geordneten Zentren (Ganglien, sympathischer Nerv), wie ich 
davon das Wesentliche beigeschrieben zu p. 175 meines Werks. 
Sein Hauptsatz aber ist dieser: Das Nervensystem hat nicht 
blofs ein Ende, sondern zwei, und die Einwirkungen, welche 
beide erhalten, haben Einflufs auf unsere Vorstellungen und 
unser Wollen. Bisher hat man eigentlich nur das eine Ende 
in dieser Hinsicht beachtet, das äufsere, die Nervenenden, welche 
an den Sinnesorganen und unter der ganzen äufseren Haut 
dem Einfluls von aulisen offenstehen und deren Affektionen die 
offenbare Grundlage der Vorstellungen und dadurch der Ent- 

») Ebenda T. U, S. 324. 



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215 

schlief sangen sind, wie dieses Locke and Condillac gezeigt haben. 
Das andere Ende des Nervensystems sind die Nerven, welche 
sich in den Eingeweiden and Gef&fsen aller Art verbreiten, 
dort mancherlei Reize vom Blnt, dem eingebrachten Nahrangs- 
stoff, den schon bereiteten besonderen Säften nsw. erhalten and 
daraof eine angemessene Reaktion ansttben, welche nicht vom 
Gehirn, sondern von den antergeordneten Nervenzentris geleitet 
wird, wie es diese aach sind, die besagte Reize anmittelbar von 
den Nerven empfangen. Allein mittelbar haben diese Reize and 
Affektionen der Nervenenden des Innern dennoch Einflafs aaf 
das Zentralsystem, and folglich aach die Vorstellangen and Ent- 
schUefsnngen, nar dafs sie nicht so dentlieh and klar empfanden 
werden, wie die Affektionen der äofseren Nervenenden .... 

Anfser den Affektionen, die das Haaptzentrnm des Nerven« 
Systems von jenen beiden Enden erhält, entstehen ihm aach 
welche in seinem Innern: das Gehirn wirkt aaf sich selbst mit 
Spontaneität Er erläatert dies darch die Analogie damit, dafs 
der erste Sinneseindrack, den wir anerwartet dorch Aage, Ohr 
erhalten, nicht dentlieh perzipiert wird, sondern blofs die Aaf- 
merksamkeit weckt; diese mafs nan vom Gehirn ans erst in 
einem zweiten Akt aaf das Sinnesorgan gerichtet werden, also 
[mofs] ein spontaner Akt vom Zentro nach der Peripherie gehn 
(ein absichtliches Sehen, Hören), damit dort der Eindrnck rein 
gefühlt werde: Dem analog wirkt das Gehirn aaf sich selbst and 
sein ganzes System; dies geschieht bei allem Denken, Phanta- 
sieren, Erinnern, im Tranme, geschieht übertrieben in Ekstasen, 
im Wahnsinn. — Ich erinnere dabei, dafs diese Operationen des 
Gehirns nicht ohne Grand and Zasammenhang vor sich gehen, 
sondern entweder nach dem Gesetz der Motivation, oder dem 
des Erkenntnisgrandes (letzteres verbessert Schopenhauer in 
einer späteren Übersehrift wie folgt: oder dem der Ideen- 
assoziation nach dem Erkenntnisgrande der Analogie and der 
Gleichzeitigkeit), and dafs der Stoff za denselben vom äafseren 
Nervenende geliefert ist, die Yerarbeitang desselben aber wohl 
oft vom inneren Nervenende Einflafs erftlhri 

Cabanis behauptet, dafs es Sensibilität ohne Empfindung 
gibt: nämlich die inneren Funktionen des vegetativen Lebens 
stehen unter Leitung des Nervensystems der Ganglien: der Nerv 
empfängt im Innern Reize und leitet auf dieselben die Ab- 



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216 

BonderoDgen, Verdauang, ZirknlatioD usw., wählt ans dem Blut 
die abzasondernden Teile ans; dies ist efiPet de la sensibilite 
k rinsfu dn moi; einmal sagt er aach: seroit-ce nn eommence- 
ment de Tolontö par des ehoix constants? Dals ein Wille hier 
wirkt, ist richtiger, als dafs es Sensibilität ohne Empfindnog 
sei, was fast ein Widersprach ist: das Wahre ist, dafs die 
Nervenenden des Innern anter der Leitung ihrer Ganglien bei 
jenen Operationen Willensakte üben, so gut wie die Glieder 
anter Leitung des Gehirns; dafs aber jene Willensakte onbewafst 
geschehen, weil die Nerven dort nicht direkt mit dem Gehirn 
kommanizieren, sondern blofs mit den Ganglien, welche vom 
Gehirn, wie Reil sagt, isoliert sind, höchstens eine Halbleitong 
zu ihm haben, die der Magnetismas zu einer ganzen macht 
Dafs die Nerven, welche zu den beweglichen äafseren Gliedern 
gehen, nach Gh. Bell and Magendie nnr die vordem, die Leiter 
des Willens sind, der diese Glieder bewegt , dies ist doch 
wohl anfser Zweifel Nan bedenke man, dafs ebensolche dieser 
der Substanz nach homogene Nerven in die Wände aller Gefälse 
and Eingeweide laafen and dafs für die dort vor sich gehenden 
Operationen kein anderes Agens sichtbar ist, als eben dieses, 
welches wir schon als Organ des Willens kennen, dafs femer 
anderseits fbr die Gegenwart der Nerven daselbst kein anderer 
Zweck za finden ist, nicht einmal der, welcher bei den äafseren 
Gliedern nebenbei statthat, Empfindung hervorzubringen, denn 
diese fehlt hier (eine Randbemerkung kann hier ttbergangen 
werden), so wird es wohl ziemlich gewifs werden, da& eben 
auch alle vitalen und vegetativen Verrichtungen 
durch den Willen geleitet werden, der die äufseren 
Aktionen leitet (am Rande: und der Unterschied blofs in der 
Beschaffenheit des Gentri liegt, welches sie vermittelt und darch 
welches sie gehen). Sie kommen inzwischen nicht ins Be?nifst- 
sein, d. h. das Gehirn (der Ort der Vorstellungen) erhält keine 
direkte Notiz von ihnen: dies erklärt sich genugsam daraus, 
dafs es untergeordnete Nervenzentra gibt usw. (wie zu p. 175 
meines Werks beigeschrieben) . . . Die Affektionen der inneren 
Nervenenden scheinen nicht, wie die der äufseren, unmittelbar 
auf das Vorstellungsvermögen zu wirken, sondern unmittelbar 
auf die Neigungen (also den Willen) und nur mittelbar durch 
diese auf die Vorstellungen (am Rande: indem sie sie modi- 



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217 

fizieren, ihnen eine besondere Farbe leihen), während die 
Affektionen der äafseren Nervenenden (Sinnesorgane) zunächst 
die Vorstellungen veranlassen und diese den Willen bestimmen. 
Die Reize der inneren Nervenenden wirken (am Rande: beim 
Instinkt und instinktiven Trieben) auf das Gehirn, und von da, 
mittels bewulsten Willensaktes, auf die Bewegungen, nicht 
aber unmittelbar, sonst wären diese Bewegungen Krämpfe oder 
antomatisch . . : .^i) 

Aus diesen Ausführungen geht hervor, dais Schopenhauer 
Cabanis' sensibilitö sans Sensation in der Tat als etwas Willens- 
mäfsiges aufgefafst hat 

Zusammenfassend können wir somit feststellen: Ähnlich 
wie Flourens scheidet Schopenhauer die Sensibilität von der 
Intelligenz und ähnlich wie Gabanis fafst er sie als in das 
Gebiet des Willens gehörend auf. Dals letztgenannte Deutung von 
ihm nicht streng durchgefnhrt wird, kann hier übersehen werden. 
Schopenhauers Kenntnis der Untersuchungen von Cabanis kann 
auf 1824, wie aus dem „Quartant", die von Flourens auf 1826 
angesetzt werden, wie aus den „Adversaria^ hervorgeht. In 
diese Zeit aber fUUt auch die Wandlung in der Auffassung 
der blofsen Sionesempfindungen, die wir bei Schopenhauer 
nachwiesen. Wir fanden nämlich,^) dafs in den Schriften und 
Ausgaben, die nach der ersten Auflage der Welt als Wille und 
Vorstellung Band I liegen, deutlieh erkennbar zuerst aus der 
zweiten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung vom Jahre 
1844, die blofsen Sinnesempfindungen nicht mehr als Vor- 
stellungen genommen werden. Die Untersuchungen von Gabanis 
und Flourens können somit als Quellen der Anregung fllr diesen 
Wandel in der Lehre Schopenhauers von den Sinnesempfindungen 
angesehen werden. 

Rückblickend gewinnen wir aus der Stellungnahme Schopen- 
hauers zu den Lehrmeinungen von Cabanis und Flourens auch 
ein besseres Verständnis fttr die Art, wie er sich in seiner ersten 
Entwicklungsperiode die Ansichten Erasmus Darwins zurecht- 
gelegt haben wird. Die naiv materialistischen Gedanken dieses 
Physiologen verlieren, von dem metaphysischen Gesichtspunkte 



1) Arthur Schopenhauers Nachlars Nr. 13. Qaartant S. 82—92. 
*) Sieh S. 34 dieser Schrift. 



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218 

SehopenhauerB aas geseheo, ihre materialistigche Färbung, in- 
sofern die Ineinssetzang von Empfindung and physiologisehem 
Vorgange in dem Sinnesorgan für ihn als eine metaphysisch 
fandierte fafsbar wird. 

Aach die Gedanken Troxlers, der in der Weise der Schelling- 
schen Naturphilosophie spekulierend, mit dem Gedanken spielt, 
dafs den anatomischen und physiologischen Verhältnissen der 
Retina und des Sehnerren gewisse psychologische Tatsachen 
des Sehens gleichzusetzen seien, werden, weil sie, Tom Stand- 
punkte Schopenhauers aus gesehen, in ihrer metaphysischen 
Fundierung leicht umdeutbar erscheinen, auf Schopenhauer einen 
besonderen Beiz ausgeübt haben. ^) 

Anmerkung. 
Die Lokalisation der Sinnesempfindungen in den Sinnes- 
organen und die Annahme, dafs wir durch die Sinnesempfindongen 
unmittelbar von bestimmten Zuständen in den Sinnesorganen 
wissen, findet sich auch bei K. Ch. F. Krause. In den „Vor- 
lesungen tlber die Grundwahrheiten der Wissenschaft^*, Göttingen 
1829, fahrt er in dem Kapitel von der .leiblich-sinnlichen 
Wahrnehmung*" aus, „dafs wir nicht die leiblichen Dinge selbst 
als aufser uns seiend wahrnehmen, sondern nur die Sinne 
unseres Leibes, und dafs alle einzelnen Empfindungen und 
Vorstellungen der Sinne, als da ist Farbe, Umrifs, Ton, Gernch, 
Geschmack, Anflihlen usw., eigentlich blofs Bestimmungen, 
bestimmte Zustände in unseren Sinnen sind, dafs wir also 
eigentlich und ursprünglich nur unsem Leib sinnlich erkennen, 
auf Aufsendinge aber nur gemäfs der Grundlage des in unsem 
leiblichen Sinnen Wahrgenommenen schliefsen." ^) Wie ersicht- 

>) Dafs Schopenhaner sich mit den psychophysiologischen BrOrteraagen 
Troxlers eingehend befafst habe, geht auch aus einer in anderem ZusammeD- 
hange auftretenden kritischen Bemerkung in den Adversaria, p. 2S4, hervor, 
wo er die Unterscheidung, die Troxler zwischen übersinnlichem und unter- 
sinnlichem Bewufstsein macht, im Prinzip anerkennt. Auch im Qnsrttnt, 
p. 85, steht ein Hinweis darauf. 

^) Karl Christian Friedrich Krause, Vorlesungen über die Grund- 
wahrheiten der Wissenschaft, zugleich in ihrer Beziehung zu dem Leben. 
1. Aufl. Güttingen 1829, S. 34f. 2. Aufl. Prag 1868, S. 40. Ähnlich bo 
Vorlesungen über das System der Philosophie, L Band, 2. Aufl. Prag 1869, 
S. 76 ff. und S. 234 f. (die 1. Aufl. erschien 1828) und Grundrifs der historischen 
Logik. Jena und Leipzig 1803, S. 17f. 



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219 

lieh, ist die Lokalisation der SinnesempfinduDgen in den Sinnes- 
organen aneh hier vorausgesetzt Krause kann aber fttr Sobopen- 
bauer niebt als historische Voraussetzung angenommen werden; 
denn nicht nur läfst sieh die Annahme der Lokalisation der 
Sinnesempfindungen in den Sinnesorganen für Schopenhauer 
nngezwnngener aus seiner Kenntnis der einseblägigen physio- 
logischen Literatur herleiten, sondern es findet sich auch 
nirgends bei Schopenhauer ein Hinweis auf K. Chr. Fr. Krause. 
Auch den Gedanken, dafs wir ein unmittelbares Bewufstsein von 
den Teilen der Sinnesorgane haben, in denen die Empfindungen 
erregt werden, fanden wir schon aus den metaphysischen, im 
Znsammenhange mit den psychophysiologischen Voraussetzungen 
Schopenhauers heraus verständlich, auch wenn wir nicht erst auf 
G. E. Schulze verweisen. Auch die Intellektualität der empirischen 
Anschauung finden wir im Prinzip bei Krause, der hierin mit 
Schopenhauer auf Kant fufst, aber fUr Krause kommen gerade 
diejenigen Merkmale der Intellektualität der empirischen An- 
schauung, auf die Schopenhauer das meiste Gewicht legt, nämlich 
ihr aussehliefslicb kausaler Sinn und die Unmittelbarkeit des 
diesen hervorbringenden intellektuellen Prozesses, nicht in Frage; 
denn er sagt: „Da aber, um inmittelst der einfachen Wahr- 
nehmung des Tastgeftthls auf Gestalten, Stellungen und Be- 
wegungen zu schliefsen, der Gedanke vorausgehen muTs, dals 
etwas SelbwesenUches, nämlich Körper, da seien, welche jene 
einfache Empfindung verursachen, und da diese Körper selbst, 
so wenig als die Eigenschaft des Verursachens, und die Not- 
wendigkeit, eine Ursache vorauszusetzen, sinnlich empfunden 
werden, sondern lediglich die bestimmte Beschaffenheit des 
Nerven, so ist offenbar, dafs wir, um durch den Tastsinn Ge- 
stalten, Stellungen und Bewegungen kennen zu lernen, noch aufser 
den Vorstellungen von Raum, Zeit und Bewegung, auch andere 
Begriffe, Urteile und Schlüsse hinzubringen müssen, welche wir 
auf die einfache Empfindung unseres Gef tthlsorganes anwenden, 
ob selbige gleich durch keinen Sinn, weder im Geiste noch im 
Leibe können wahrgenommen werden.'' i) Diesen Begriffen, 



^) Krause, Vorlesangen über die Grandwahrheiten der Wissenschaft, 
l.Aufl., S. 43. 2. Anfl., S. 49. Ähnlich so Vorlesungen über das System 
der PhUosophie, I. Band, 2. Aufl., S. 89 f. 



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220 

Uiieilen und Schlttssen liegt bei Krause letzterdings die Annahme 
zugrunde, dafs unsere sinnlichen Anschauungen von unseren 
Phantasiebildern darin unterschieden sind, dafs der Verlauf 
dieser als von uns verursacht bewnist wird, der jener aber 
nicht, ein Gedanke, der nicht dem Schopenhauerschen von dem 
unmittelbaren Bewulstsein, das wir von dem Bewirktsein einer 
einzelnen Sinnesempfindung haben, analog ist, sondern eher 
dem kantischen Gedanken, dafs wir von einer umkehrbares 
Folge unserer Vorstellungen eine nicht umkehrbare als durch 
eine Ursache aufser uns bedingt unterscheiden. 

Ähnlich wie bei Fichte finden wir auch bei Krause eine 
Unterscheidung von Bewulstseinsstufen der Wahrnehmung. Ab 
Grundtätigkeiten oder Grundfunktionen des Denkens nennt er 
nämlich: 

1. das Hinschauen, Hinsehen, Hinmerken (Reflektieren, die 
Reflexion), 

2. das Erschauen oder Erfassen (Perzipieren, Apperzipieren] 
und 3. das Weiterbestimmen des Schauens, das Schaubestimmen 
(Determinieren). In diesem Schaubestimmen unterscheidet er 
weiterhin drei Teiltätigkeiten oder Momente, nämlich 

1. die Ableitung (Deduktion), 

2. die Selbeigensehauung (Intuition) und 

3. die Vereinbildung der Ableitung und Selbeigensohauang 
als Schauvereinbildung (Konstruktion), i) 

Auch hierin zeigt sich die von der Schopenhauers gänzlich 
abweichende Richtung der Gedankenentwicklung Krauses. 

Die speziellen psychologischen Annahmen. 

Von den vier Momenten, die Schopenhauer in der Tätigkeit 
des Verstandes bei der Konstruktion der empirischen Anschauung 
unterscheidet, ist das erste, dafs „der Verstand den Eindruck 
des Objekts, welcher verkehrt, das Unterste oben, auf die Retina 
eintrifft, wieder aufrecht stelle". Dieses Problem beschäftigte 
schon Kepler. Er schrieb der Seele die Fähigkeit zu, den 
Eindruck, der etwa auf einen unteren Teil der Netzhaut gemacht 
werde, sich so vorzustellen, als wenn er von den Strahlen eines 

^) Krause, Vorlesungen über das System der Philosophie. I. Band. 
S. 371—416. 



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221 

höheren Fanktes der Sache entstände. i) Descartes erläutert 
die natttrliche Methode, die Gröfse, Lage nnd Entfernung der 
Gegenstände aus der Richtung der Augenachsen zu beurteilen, 
indem er sie vergleicht mit der Art, wie ein Blinder von der 
Gröfse und Entfernung einer Sache vermittels zweier Stäbe, 
selbst von unbekannter Länge, urteilt, wenn seine Hände, worin 
er die Stäbe hält, in einer bekannten Entfernung und Lage 
gegeneinander sind.^) Gegen diese Ansicht wendet sich Berke- 
ley, der zur Erklärung des Problems ein Vergleichen der 
Gesichts- und Tastempfindungen in Anspruch nimmt.') 

Schopenhauer, der das genannte Moment zuerst in der 
Theoria eolorum physiologica erwähnt, wird dasselbe wahr- 
scheinlich näherliegenden Quellen entnommen haben. Die 
optischen Annahmen Schopenhauers, die diesem Funkte seiner 
Lehre zugrunde liegen, gehen in der Hauptsache auf Robert 
Smith zurück. Allerdings stimmen dessen psychologische An- 
sichten hierbei mit denen Schopenhauers nicht überein, wie 
aus folgender Stelle ersichtlich wird: „Wenn es nun die Er- 
innerung an ebendieselben, auf ebenderselben Stelle der Netzhaut 
erregten Empfindungen sind, die unser Urteil über die Stelle einer 
Sache veranlaTst, obwohl wir uns dieser Empfindungen selbst 
nicht bewufst sind, ... so werden die verkehrten Bilder auf der 
Netzhaut ebensogut dienen, diese Begriffe zu erregen, als wenn 
sie aufgerichtet, oder in einer jeden anderen schiefen Lage 
stünden. Nur das wird erfordert, dafs Bild und Sache allemal 
ihre Stellung zugleich nach einem gewissen beständigen Gesetze 
ändern.''^) Eine Hinzuziehung reproduktiver Bedingungen zur 
Erklärung des Zustandekommens der empirischen Anschauung 
liegt Schopenhauer völlig fern, auch dafs wir uns der Empfin- 
dungen auf der Netzhaut nicht bewufst seien, stimmt nicht mit 
Schopenhauers Meinung überein. 

1) Kepler, „Parallpomena" S. 169; darUber Smith, „Optica" Rem. p. 4 
und Helmholtz, „Phys. Opt." § 29, 8. Aufl., S. 224. 

') Descartes, „Dioptrice" p. 68 a. „De homine" p. 66; darUber Helm- 
holtz, „Phys. Optik" § 29, 3. AufL, S. 224. 

•) Berkeley, ,An Essay towards a New Theory of Vision" § 97 f. 

*) Bobert Smith, A compleat System of Optics in four books. 
Cambridge 17S8, Buch I, Kap. V, § 136. Vollständiger Lehrbegriff der 
Optik nach Herrn Robert Smiths Englischen mit Änderungen und Zusätzen 
ausgearbeitet von Abraham Gotthelf Kästner. Altenbnrg 1755. S. 43. 



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Eine auffallende Übereinstimmung aber mit Sehopenhaner 
ist bei Cheselden festzustellen. Cheselden gibt folgende Er- 
klärung: „Sollten wir nieht, wenn wir untersuchen, warum ein 
im Auge umgekehrtes Bild der Seele anders erscheint, die 
wahre Ursache in der Betrachtung der Richtungen, in welchen 
die Lichtstrahlen auf die Netzhaut fallen, finden, so wie wir, 
durch eine gleiche Erfahrung, wenn irgend etwas einen Teil 
unseres Körpers trifft, urteilen, ob es von oben oder von unten 
kommt?" 1) Besonders bemerkenswert ist hier die Überein- 
stimmung mit Schopenhauer in dem Gedanken, dafs ein 
Betrachten der Richtung der Sehstrahlen stattfinde. Überein- 
stimmend mit Schopenhauer sagt Cheselden auch, dals wir, 
„wenn wir auf dem Kopf stehen, den Gegenstand nicht in der- 
selben, sondern in der gerade umgekehrten Lage wahrnehmen".^) 
Gemeint ist hier, wie aus dem Zusammenhang hervorgeht, d&b 
wir auch in dieser besonderen Lage den Gegenstand richtig 
beurteilen, indem wir auch dann die Lichtstrahlen verfolgen. 

Die Umkehrung des Ketzhautbildes und die Beurteilung 
der Richtung, in der die Gegenstände liegen, unterzieht aneh 
Thomas Reid einer Erörterung, allerdings ohne eine Erklärung 
zu geben. Er sagt: „Es ist augenscheinlich, dafs die Bilder 
auf der Netzbaut vermöge der Gesetze der Natur die Mittel 
zum Sehen sind, aber auf welche Art sie ihre Bestimmung er- 
füllen, ist uns gänzlich unbekannt"^) Dafs er aber geneigt 
ist, das Unbekannte als etwas Apriorisches zu bestimmen, klingt 
aus folgenden Bemerkungen heraus: «Wir stimmen mit Porter- 
field^) ttberein, dafs wir vermöge eines natttrliohen und an- 
geborenen Prinzips sichtbare Gegenstände in einer gewissen 
Richtung vom Auge sehen." (^) „Der materielle, auf einen 
besonderen Punkt der Netzhaut gemachte Eindruck ftthrt ver- 
möge der Beschaffenheit unserer Natur die Seele auf zwei 

>) W. Cheselden, The Anatomy of tbe Human Body. London 1741. 
Buch IV, Kap. IV. W. Cheseldens Anatomie des menschlichen Körpen. 
Aus dem Englischen übersetzt von A. F. Wolff nebst einer Vorrede von 
Fr. Blumenbach. Göttbgen 1790. S. 288. 

>) Ebenda. Übers. S. 289 (vgl. Schopenhauer III, 7S). 

•) Reid a. a. 0. Vol. I, S. 166 (Inqniry). 

«) Porterfield, ,,0n the eye" B. II, S. 285. Darüber Helmholtx, „Phys. 
Opt." § 29, 8. Aufl., S. 224. 

») Beld a.a.O. Vol. I, S. 177 (Inquiry). 



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228 

Dinge, nämlieli anf die Farbe and auf die Stellung irgend eines 
äofseren Gegenstandes.^ i) 

Die spezielle Begründung, die Schopenhauer dafttr, dafs 
die Retina die Fähigkeit besitze, die Richtung, in der sie vom 
Lichtstrahl getroffen wird, mitzuempfinden, anführt, dafs nämlich 
„wahrscheinlich der Lichtstrahl in die Dicke der Retina ein- 
dringe^, ist ein Gedanke, der der damals noch geltenden 
Emissionstheorie des Lichtes entspringt. Er verband sich viel- 
fach mit der Annahme hohler, von Lebensgeistern ansgefttUten 
Nervenröhrchen, die in der Retina endigen und in die die 
Lichtstrahlen eindringen sollten. Diese Annahme war gegen Ende 
des 18. Jahrhunderts wohl unter dem Einflufs von Descartes') in 
der Physiologie ziemlieh allgemein geworden. „Die am meisten 
angenommene Meinung^, sagt Cheselden, «ist, dafs die Ner?en 
hohle Rohrchen seien, die die Lebensgeister enthalten, durch 
deren Bewegungen die Empfindungen geleitet würden.' ^) Thomas 
Reid n. a. sagt: „Warum können denn die Sehnerven z. B. nicht 
aus leeren Röhrchen bestehen, deren Mund weit genug geöffnet 
ist, um die Lichtstrahlen, durch die das Gemälde auf der Netz- 
haut gebildet wird, aufzunehmen und sie sanft und sicher . . • 
in den Sitz der Seele zu bringen?"^) Die Annahme von von 
Lebensgeistern ausgefüllten Nervenröhrchen wurde aber haupt- 
sächlich durch die Untersuchungen Charles Beils als falsch 
erwiesen. Sie findet sich auch nicht mehr bei Schopenhauer. 
Dafs Schopenhauer von den Entdeckungen Beils wenigstens 
in seinen späteren Jahren Kenntnis erlangte, geht aus folgender 
Stelle hervor: „Es ist doch ein hübsches Stück Weges, 
welches binnen 200 Jahren Philosophie und Physiologie zu- 
rückgelegt haben, von des Cartesius glandula pinealis und 
den sie bewegenden oder auch von ihr bewegten spiritibus 
animalibus zu den motorischen und sensibeln Rückenmarksnerven 
des Charles Bell und den Reflexbewegungen Marshall Hall's.^ ^) 
Indes ist der Gedanke des Eindringens der Lichtstrahlen in 
die Retina in der Fassung, wie er bei Schopenhauer auftaucht, 
bei den bekannteren Physiologen seiner Zeit nicht zu finden. 

1) Ebenda S. 146. 

>) Desctrtes, „Dioptrik'' Kap. IV, a,; cf. Princip. Philos. lY, 189. 
^ Cheselden, „Anatomy" Bach III, Kap. XIY. Übers, a. a. 0. S. 239. 
*) Reid a. a. 0. Vol I, S. 179 (Inqalry). ») V, 183. 



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224 

Das Zweite, was der Verstand bei seiner Umarbeitang der 
EmpfinduDg in Anschaünng leistet, dafs er „das zweimal 
Empfundene za einem einfach Angescbanten macht**, ist gleich- 
falls Gegenstand eines alten Problems. Schon Galenus, 113—200 
n. Chr., machte zur Erklärung des Einfachsehens die Annahme, 
dafs sich die Sehnervenfasern im Ghiasma der Sehnerven ver- 
bänden. Diese anatomische Hypothese findet bei Descartes 
eine andere Gestaltung in der Form, dafs die Zirbeldrttse 
der Yereinigungspunkt fttr die doppelten Eindrücke des 
rechten und linken Auges und Ohres sei, ohne welchen wir 
die Gegenstände statt einfach doppelt wahrnehmen würden. 
Der Hypothese des Galenus schlofs sich später Newton an. 
Eine zweite Ansicht suchte die Schwierigkeit durch die An- 
nahme zu beseitigen, dafs wir immer nur mit einem Ange 
auf einmal sähen. Dieser Meinung war Porta. Ihm schlössen 
sich Gassendi, Tacqnet, Gall und Du Tours an. Die dritte 
Ansicht war die sogenannte Projektionshypothese, wobei das 
Einfaehsehen fttr einen Akt unseres Verständnisses der Gesiehts- 
empfindungen erklärt wurde. In ihrem Sinne äufserte sieb 
fichon Kepler.^) An Keplers Ansicht schlofs sich Porterfield 
an, indem er meinte, wir sähen die Objekte nicht doppelt, 
weil jedes Auge sie an ihren richtigen Platz verlegt, was später 
dann so formuliert wurde, dafs wir sie an den Kreuzungspnnkt 
der Visierlinien verlegen.^) 

Da Schopenhauer das zweite Moment in der Verstandes- 
tätigkeit schon in der ersten Auflage von Sehen und Farben 
bespricht, so wird es auf einen fttr diese in Betracht kommenden 
Autor zurückzuführen sein. Gheselden bereits führt zur Er- 
klärung die Intellektualität dieses Vorganges an: «Das Einfach- 
sehen eines Gegenstandes scheint nicht von der Vereinigung 
der beiden Sehncrvenstrahlen, noch davon abzuhängen, daä 
das Licht auf korrespondierende Nervenfasern auffällt, sondern 
von einem auf Erfahrung gegründeten Urteil."') 

Bei Robert Smith, dessen Ausführungen über diesen Fnnkt 



») Kepler, „Dioptrlce" Propos. LXII. 

*) Vorstehendes entnommen aus: Helmholtz' „Pbys. Optik" § 31, 
3. Aufl., S. 394. 

•) Gheselden, „Anatomy" Buch IV, Kap. IV. Übers, a. a. 0. S. 286. 



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225 

Schopenhauer in der ersten Auflage von Sehen und Farben i) als 
die ihm am meisten zusagende kennzeichnet, ist gleichfalls eine 
intellektualistisehe Erklärung angelegt; auf ihn ist auch Schopen- 
hauers Annahme der pnncta eorrespondentia zurttckzuftthren: 
„Die Erfahrung lehrt uns, dafs eine Sache oder ein Punkt 
einer Sache einfach erscheint, wenn seine beiden Bilder aut 
ttbereinstimmende Punkte der Netzhäute fallen, doppelt aber, 
wenn dieses nicht geschieht^ ^) Abweichend aber von Schopen- 
hauer sagt Smith, dafs die Kenntnis von den übereinstimmenden 
Punkten auf einem Vergleichen des Gesichts mit den Tast- 
wahmehmungen beruhe: „Fragt man nun, weswegen die doppelte 
Empfindung, wenn man mit beiden Augen sieht, nicht allemal 
doppeltes Sehen verursacht, so ist die Antwort, dafs bei dem 
ordentlichen Gebrauch unserer Augen, wo beide Bilder auf zu- 
sammenstimmende Punkte fallen, die Empfindung des Gefühls, 
nach der wir uns allezeit richten, uns gelehrt hat, dafs die 
Sache nur einzeln ist^^) Auch die Ausführungen Schopen- 
hauers über das Doppeltsehen haben bei Smith ihre hauptsäch- 
liche Quelle. 

Die metaphysisch fundierte Theorie Troxlers in diesem 
Punkte und die physiologische Webers über das Einfachsehen 
verwirft Schopenhauer in einer Anmerkung zur ersten Auflage 
von Sehen und Farben, die er in der zweiten Auflage dieser 
Schrift ausgelassen hat, ausdrücklich. 

Das was Home, von dem in der ersten Auflage von Sehen 
und Farben ein Aufsatz in den , Philosophical Transact,^ er- 
wähnt wird, welcher den Titel „On ihuscular motion' trägt, 
über das Schielen und überhaupt das Sehen sagt, ist haupt- 
sächlich physiologischer Art und kommt hier kaum in Betracht 

Von den Autoren der zweiten Entwicklungsperiode Schopen- 
hauers ist in betreff des Einfachsehens nur Th. Beid zu nennen, 
der gleichfalls die Annahme von puncta eorrespondentia vertritt, 
ohne aber hierfür eine Erklärung zu geben. Zusammen- 
fassend sagt Beid: «Aus diesen Phänomenen und aus allen 
Versuchen, die ich anzustellen fähig gewesen bin, erhellt es 



1. Anfl. von Sehen und Farben, S. 18. 
«) Smith, „Optica" Buch I, Kap. V, § 137. Übers, a. a. 0. S. 43. 
») Smith, „Optica", Buch I, Kap. V. Übers. a.a.O. S. 45, § 137. 
Plulofophlaehe Abhandloogen. XLII. 15 

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226 

augenscheinlich, dafs bei vollkommen gesunden Aagen die 
Mittelpunkte der beiden Netzhäute miteinander korrespondieren 
und übereinstimmen, und dafs jeder andere Punkt in der einen 
Netzhaut mit demjenigen Punkte der anderen korrespondiert 
und übereinstimmt, welcher mit ihm eine ähnliehe Lage bat, 
dergestalt, dafs Abbildungen, welche auf die zusammen- 
stimmenden Punkte der beiden Netzhäute fallen, nur einen 
Gegenstand und sogar dann nur zeigen, wenn deren wirklieh 
zwei sind, und Abbildungen, welche auf Punkte der Netzhäute 
fallen, die nicht zusammenstimmen, uns zwei sichtliehe Er- 
scheinungen zeigen, obgleich nur ein Gegenstand da isi^O 
„Dieses Verhältnis und diese Sympathie zwischen den zu- 
sammenstimmenden Paukten der beiden Netzhäute ist keine 
Hypothese, die ich erfinde, sondern eine allgemeine Tatsache 
oder ein Phänomen des Gesichtssinns." 2) 

„Das Dritte, wodurch der Verstand die Empfindung in 
Anschauung umarbeitet, dals er aus den bisher gewonnenen 
blofsen Flächen Körper konstruiert, also die dritte Dimension 
hinzufügt*', ist in früheren Untersuchungen über diese Frage 
mit der Frage der Bestimmung der Entfernung der gesehenen 
Objekte sachlich meist zusammengenommen; Schopenhauers 
Annahme dieses dritten Momentes kann auf Th. Beid zurück- 
geführt werden. Es ist bei Smith und den andern für die 
erste Auflage von Sehen und Farben in Betracht kommenden 
Autoren noch nicht deutlich ausgesprochen und yermutlioh eben 
deshalb auch in dieser Schrift Schopenhauers noch nicht erwähnt 
Bei Th. Reid heilst es: ,'Die sichtbare Figur hat keine Entfernung 
vom Auge, keine Wölbung, noch hat sie drei Dimensionen . . . 
Aber wenn ich gelernt habe, die Entfernung eines jeden Teiles 
dieses Gegenstandes von dem Auge wahrzunehmen, so gibt diese 
Perzeption ihm Wölbung und eme sphärische Figur und fügt 
den zwei Dimensionen ... die dritte hinzu.* ^) 

Die vierte Verstandesoperation, die im Erkennen der Ent- 
fernung der Objekte von uns besteht, ist der Sache nach schon 
in den älteren Ansichten über die Tiefenwahmehmung enthalten, 



») Reid a.a. 0. Vol. I, S. 166 (Inquiry). 

<) Ebenda. 

») Reid a. a. 0. Vol. I, S. 198 (Inquliy). 



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227 

die sich an die Frage ttber die scheinbar verschiedene Orölse 
des Mondes anschlössen, bei Ptolemäns, Alhazen, Roger Baco 
und Vitellio. Ptolemäns (150 n. Chr.) sagt schon, dafs die Seele 
von der Gröfse der Gegenstände nach einer vorgefafsten 
Schätzung ihrer Entfernung urteilt. Diese scheine gröiSser, wenn 
viele Gegenstände zwischen dem Auge und der betrachteten 
Sache liegen, wie es der Fall ist, wenn die Himmelskörper 
nahe beim Horizont sind. An einer anderen Stelle freilich 
schreibt er die Vergröfserung einer Brechung der Strahlen 
durch die Dünste zu.i) 

Kepler sagt ttber die Beurteilung der Entfernung schon, 
die Entfernung der beiden Augen sei die Grundlinie, deren 
man sich zur Messung der Entfernung der gesehenen Objekte 
bediene. Ähnlich so Gassendi, Hobbes und andere, i) Kepler 
stellt den Satz auf, dafs, wenn uns die Entfernung eines Gegen- 
standes bekannt ist, wir die Grölse desselben dem Gesichts- 
winkel, unter dem er erscheint, proportional setzen. 

Descartes, der sich im Wesentlichen an Kepler anschliefst, 
nimmt für die Bestimmung der Entfernung der Gegenstände in 
Anspruch: 1. die verschiedene Form des Auges — und dem- 
entsprechend einer gewissen Partie des Gehirns — , je nachdem 
die Objekte näher oder entfernter sind, und 2. den Konvergenz- 
winkel der beiden Augenachsen. Nach Descartes schätzen wir 
die Grölse der Gegenstände aus ihrer Entfernung, verglichen 
mit der Gröfse der Bilder, die sie im Grunde des Auges 
entwerfen. 

Von den für Schopenhauer näherliegenden Autoren wird 
die vierte Yerstandesoperation schon in eingehender Weise von 
Smith erörtert. Von den vier Data, die Schopenhauer anführt, 
macht Smith im wesentlichen nur eins geltend: das Erkennen der 
Entfernung aus der scheinbaren Gröfse bekannter Gegenstände: 
„Es ist kein Zweifel, dafs wir die Entfernungen der Sachen von- 
einander und von uns selbst nach den Begriffen schätzen, die wir 
von den Gröfsen der zwischen ihnen und dem Auge liegenden 
Sachen haben, auch zuweilen die Annäherung eines Körpers aus 
dem Zunehmen seiner scheinbaren Gröfse und umgekehrt . . . Dafs 
die Strahlen ans einem gewissen Punkte ausgehen, verursacht 



1) Helmholtz, „Phys. Opt." § 30, 3. Aufl., S. 300. 

15* 



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228 

noch nicht, dafs die Sache an demselben Ort erscheinen rnttsse. 
Aach die Malerknnst nnd die Perspektive zeigen, dafs unsere 
sinnlichen Vorstellungen von den Örtem der Sache mit den 
Begrififen, die sich der Verstand von den Funkten maeht, Yon 
denen die Strahlen ausgehen, gar nicht einerlei sind, und dafs 
die Verschiedenheit dieser Begriffe von den yerschiedenen 
scheinbaren Gröfsen bekannter Sachen herrühret, die das Ge- 
mälde vorstellet ' i) Den optischen Winkel und die mutationes 
oculi lehnt Smith als zur Beurteilung der Entfernung unzuläoglich 
ausdrücklich ab. Über das, was Schopenhauer Luftperspektive 
nennt, spricht er gelegentlich und polemisiert gegen Berkeleys 
Annahme der Luftperspektive zur Erklärung der Beurteilung 
der Entfernung. 

Für die vier Data zu der vierten Verstandestätigkeit weist 
Schopenhauer in der ersten Auflage des zweiten Bandes der 
Welt als Wille und Vorstellung^) selbst auf Tb. Reid als Quelle 
hiu. Bei diesem heifst es: „1. Um Gegenstände in verschiedenen 
Entfernungen deutlich zu sehen, mufs die Form des Auges eine 
kleine Änderung erfahren . . . Hätten wir kein anderes Mittel 
als dieses, um die Entfernung sichtbarer Gegenstände wahr- 
zunehmen, so würde der entlegenste nicht über zwanzig oder 
dreifsig Fufs (bei Schopenhauer 7 Zoll bis 16 Fufs) vom Auge 
entfernt sein . . . 

2. Um beide Augen auf einen Gegenstand zu richten, müssen 
die optischen Achsen, je nachdem der Gegenstand näher oder 
entfernter ist, mehr oder weniger gegeneinander hinübergebogen 
sein . . . Aber auch das hat seine Grenzen (von Sehopenhaner 
auf 200 Fufs veranschlagt), über welche hinaus es von keinem 
Nutzen sein kann.') 

3. Die Farben der Gegenstände, je nachdem diese mehr 
entfernt sind, werden schwächer und matter und sind mehr von 
dem Azur der zwischen uns und ihnen liegenden Atmosphäre 
tiberdeckt.*) 

4. Wir nehmen öfters die Entfernung von Gegenstönden 
vermittels dazwischenkommender oder daranstolisender Gegen- 



>) Smith, „Opiics" Buch I, Kap. V, § 138. Übers. a.a.O. S. 46fl 

«) II, 84 f. 

') Beid a. a. 0. Vol. I, S. 189f. (Inqniry). «) Ebenda S. 190. 



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229 

stände wahr, deren Entfernung oder Grölse uns Bonst schon be- 
kannt isi^) 

5. Noch ein anderes Mittel, durch welches wir die Ent- 
fernung sichtbarer Gegenstände wahrnehmen können, ist die 
Verminderung ihrer sichtbaren oder scheinbaren Gröfse/'^) 

Der fünfte der von Keid angeführten Punkte ist von 
Schopenhauer nicht als ein besonderer angeführt Man kann 
annehmen, dafs er ihn, wenn nicht deutlich ausgesprochen, so 
doch sachlich mit dem vierten Punkte zusammengenommen hat. 

Die Theorie von der Akkomodation der Linse führt Schopen- 
hauer auf Kepler zurück. Ferner weist er auf A. Huecks Ab- 
handlung „Die Bewegung der Kiystallinse', 1841, bin. In betreff 
der Luftperspektiye nennt Schopenhauer auch Goethes „Farben- 
lehre" als Bestätigung. 

Das was Schopenhauer über die Perspektive sagt, geht 
z. T. auf R. Smith zurück. Die Lehre von den mutationes oculi wird 
eingehender als von Reid in dem von Schopenhauer zitierten 
Aufsatz von Henry Home in den «Philos. Transact', der den 
Titel führt: „On muscular motions of the eyes", behandelt 

Das, was Schopenhauer über die Data sagt, die bei der Kon- 
struktion der empirischen Anschauung die Tastwahrnehmungen 
liefern, führt im wesentlichen auf die Sensualphilosophie des 
18. Jahrhunderts und z. T. schon auf Locke zurück. Eine un- 
mittelbare Quelle ist in Th. Reids «Inqniry* gegeben, wo es 
heilst: „Die Perzeption, welche ich durch das Gefühl von der 
Unebenheit oder Glattheit der Körper, von ihrer Ausdehnung, 
Figur und Bewegung habe, ist nicht erworben, sondern ich 
habe sie von Natur.^ s) Schopenhauer sagt entsprechend: «Das 
Getast liefert ganz unmittelbar die Data zur Erkenntnis der 
Gröfse, Gestalt, Härte, Weiche, Trockenheit, Nässe, Glätte, 
Temperatur usw.'^) Für die Beihilfen, die zu den Tastwahr- 
nehmungen teils Gestalt, Beweglichkeit und Stellung der Arme, 
Hände und Finger liefern, ist es mir nicht gelungen, eine un- 
mittelbare Quelle zu finden, obgleich das Vorhandensein einer 
solchen wahrscheinlich ist. Für die Beihilfe, die die Muskelkraft 



Ebenda S. 192. *) Ebenda S. 192. 

») Reid a.a.O. Vol. I, S. 184 (Inquiry)j ähnlich so S. 188. 
*) in, 69. 



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230 

liefert, scheint eine unmittelbare Quelle in Erasmas Darwins 
«Zoonomia'^ gegeben zn sein: „Das Organ des Geftthls*, heifst 
es hier, „ist eigentlich der Sinn des Dmcks, aber die Mnskel- 
fibern selbst machen das Sinnesorgan ans, welches die Aus- 
dehnung empfindet Der Sinn des Drucks ist immer mit den 
Ideen von der Solidität und Figur der Gegenstände begleitet; 
keines von beiden begleitet unsere Perzeption der Ausdehnung.' >} 

Die Frage, ob der Verstand die Ausübung seiner Funktion 
erst erlernen mttsse, im besonderen, ob die Kenntnis der Aus- 
messungen des Gesichtsfeldes erworben sei, wurde schon von 
Locke ins Auge gefafst und bejaht Der Gedanke, dafs die 
empirische Anschauung erlernt werde, wurde von fast allen 
Physiologen und Psychologen des 18. Jahrhunderts erörtert, so 
auch von Robert Smith,^) Thomas Reid,') Bichat«) und Cabanis.^) 
Dem englischen Empirismus entsprungen, einseitig weitergebildet 
durch den französischen Sensualismus, flofs dieser Gedanke in 
Deutschland zusammen mit rationalen Gedanken, und in dieser 
Verbindung treffen wir ihn auch bei Schopenhauer an. 

Ein Rückblick auf unsere Ausführungen lälst erkennen, 
dafs die Annahmen Schopenhauers über die speziellen Be- 
dingungen des Zustandekommens der empirischen Anschauung 
in fast allen Details bei den von Schopenhauer genannten 
Autoren ihre historische Grundlage haben. 

Für die erste Entwicklungsperiode Schopenhauers, also 
hier bis zur ersten Auflage von Sehen und Farben, fanden wir, 



1) Erasmas Darwin, „Zoonomia or the laws of Organic life'S 1794—98. 
Band I, Abt 1, Abschn. XIV, Kap. VIL „Zoonomie oder Gesetze des 
organischen Lebens** yon Erasmus Darwin. Aus dem Englischen fibersetst 
und mit einigen Anmerknngen begleitet yon J. D. Brandis. Hannover 
1795-99. I, 1. S.223. 

*) Smith, „Optica" Bach I, Kap. V, § 135. Übers, a. a. 0. S. 41 f. 

•) Reid a.a.O. Voll, S. 182 f. 

4) Bichat, „Recherches physiologiqnes sur la yie et la mort*' S. 202f. 
Panl Janet vertritt in seinem Aufsatze „Schopenhauer et la Physiologie 
fran^ise" die Ansicht, dafs Bichat der erste sei, der das Gesetz formuliert 
habe, dafs die Gewohnheit ihre Macht an den animalen Funktionen geltend 
mache, während ihr Einflufs auf die organischen Funktionen fast gleich 
Null sei. Der Aufsatz von Panl Jannet ist erschienen in der „Revue dea 
deux mondes" 1. Mai 1880, S. 46. 

«) Cabanis, „Rapports" T. I, S. 9 u. a. m. 



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231 

dals die Lokalisation der Empfiiidnngen in den Sinnesorganen 
bereits bei Aristoteles nnd weiterhin bei Kepler gegeben ist, 
der aber fttr diesen Punkt von Schopenhauer noch nieht 
erwähnt wird. Unter den von ihm genannten Quellen fanden 
wir diesen Gedanken von Erasmus Darwin und in gewissem 
Sinne auch von Troxler vertreten. 

Das Einfachsehen, das vor den vier in den späteren 
Schriften Schopenhauers genannten speziellen Funktionen in 
der ersten Entwicklungsperiode allein in Betracht kommt, ist 
gleichfalls schon bei Kepler angelegt Von den Schopenhauer 
näherstehenden Autoren fanden wir es bei Cheselden und Smith. 

Das in der Theoria colorum hinzukommende Moment des 
Aufreehtsehens, gleichfalls schon von Kepler berührt, wird für 
Schopenhauer in erster Linie auf Cheselden, vielleicht auch 
schon auf Thomas Reid zurückzuführen sein. Letzteres ist nicht 
ganz wahrscheinlich, da Reid hier zwar schon genannt, eine 
eingehende Berücksichtigung seiner Theorie aber vermutlich 
hier schon zu der weiteren Ausgestaltung geführt haben würde, 
die die Lehrmeinung Schopenhauers mit ausdrücklicher Bezug- 
nahme auf Reid in den späteren Schriften genommen hat. 

Auffallend ist, dafs Schopenhauer einen Gedanken von Robert 
Smith, der schon von Berkeley entwickelt wurde, dafs wir uns der 
Empfindungen auf der Netzhaut selbst nicht bewufst seien, nicht 
beachtet hat Fast möchte man vermuten, dafs er diesen Ge- 
danken zufolge seiner metaphysisch eingestellten psychophysio- 
logischen Betrachtungsweise absichtlich gemieden habe. 

In den späteren Schriften Schopenhauers erwies sich der Ein- 
fluls der französischen Physiologen Bichat, Cabanis und Flourens 
und der Thomas Reids als bedeutsam. Die Lokalisation der 
Empfindungen in den Sinnesorganen findet bei Bichat, die 
Trennung von Empfindung nnd Vorstellung wahrscheinlich in 
den in der Weise Schopenhauers aufgefafsten Lehren von 
Cabanis und Flourens eine Bestätigung. 

Für die weitere Ausgestaltung der Theorie von der em- 
pirischen Anschauung fanden wir Thomas Reid als die Haupt- 
qnelle. 

Anmerkung. 

Einige Bemerkungen seien noch angebracht über Schopen- 
hauers Verhältnis zu Berkeley. Der Name Berkeleys wird 



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232 

Bchon in Welt als Wille and Vorstellnng, Band 1, 1819,^) genannt 
nnd dessen metaphysische Lehre einer Kritik unterzogen. Merk- 
würdigerweise ist nun dessen Abhandlung ttber das Sehen: .An 
Essay towards a New Theory of Vision', 1709, von Schopenhauer 
nirgends erwähnt Gleichwohl ist zu vermuten, dafs Sehopen- 
hauer sie wenigstens dem Namen nach gekannt habe: sie ist in 
Robert Smiths „Optics''^) und in Erasmus Darwins ,Zoonomia''>) 
erwähnt Auch ist sie bei Thomas Reid an verschiedenen Stellen . 
genannt (Diese Schrift Berkeleys findet sich nicht in der von 
Schopenhauer hinterlassenen Bibliothek.) Es bleibt daher un- 
gewils, ob Schopenhauer diese Schrift Berkeleys auch dem 
Inhalte nach gekannt habe. 

Berkeley beschäftigt sieh in dem «Essay towards a New 
Theory of Vision'' n. a. mit dem Problem der Beurteilung der Ent- 
fernung. Er wendet sich gegen diejenigen, die die Gröfse des 
Winkels, der durch das Sichschneiden der beiden optischen 
Achsen gebildet wird, oder die gröfsere oder geringere Divei^nz 
der Strahlen, die von einem Punkte aus auf die Papille treffen, 
zur Erklärung heranziehen wollen, weil es vollkommen unmög- 
lich sei, die verschiedenen Winkel durch das Gesicht wahrzn* 
nehmen.^) Zur Beurteilung der Entfernung nimmt er vielmehr 
in Anspruch: 1. die Empfindungen, die vom Rollen der Augen 
entstehen, je nachdem wir sie auf nähere oder entferntere 
Gegenstände richten,^) 

2. die mehr oder weniger grofse Verworrenheit der Gesichts- 
bilder bei konstant angenommener PupillenOfihung,*) 

3. die Empfindangen, die durch die Anstrengung der Augen 
entstehen, wenn wir bei Annäherung eines Gegenstandes an 
die Augen verhindern wollen, dafs er verworrener werdet 

Nebenher erwähnt werden als mittelbar, nämlich zufolge der 
schon vorhergegangenen Erfahrungen wirksam, 4. die besondere 



») I, 34 und 555. 

>) Smitb, „Optica" Buch I, Eap.V, § 135. Übers. a.a. 0. S. 43. 
*) Erasmus DarwiD, „Zoonomia", I. Teil, 1. Abt., 14. Abschn., S.Abs. 
Übers. a.a.O. S. 212. 

*) Berkeley, „An Essay towards a New Theory of Vision", 1732, § 12. 
*) Ebenda § 16f. 
«) Ebenda §21 f. 
') Ebenda § 27 f. 



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283 

Zahl, Gestalt, Beschaffenheit der Teile der gesehenen Dinge. 
Zu den genannten tritt als 5. ein Vergleichen der Gesichts- 
empfindnngen mit den Tastwahmehmungen, das bei ihm für 
die ränmliche Anordnung der Gesiehtsempfindnngen von prin- 
zipieller Bedentnng ist.') 

In dem ersten Punkte stimmen Schopenhauer und Berkeley 
überein, mit dem Unterschied allerdings, dals Berkeley eine 
mit diesen Empfindnngen verbundene Kenntnis des Winkels 
der optischen Achen für ausgeschlossen hält, während Schopen- 
hauer eine solche, wenn auch intuitive, nur für den Verstand 
vorhandene Kenntnis annimmt Der zweite Punkt dient Berkeley 
auch zur Erklärung der Erscheinungen, die Schopenhauer auf 
die Luftperspektive zurückführt, so z. B. des Gröfserwerdens 
des Mondbildes nach dem Horizont zu. Diese besondere Er- 
klärungsweise Berkeleys findet sich bei Schopenhauer nicht, 
auch der dritte Punkt nicht, und der vierte nicht in der bei 
Berkeley auftretenden Fassung. Der fünfte, von Berkeley in 
erster Linie betonte und am weitesten ausgeführte Punkt ist 
gleichfalls in seinem wesentlichen Bestände bei Schopenhauer 
nicht gegeben. Auch Schopenhauer spricht zwar von einem Ver- 
gleichen der Gesichts- und Tastempfindungen, wo er von dem Er- 
lernen der Verstandestätigkeit spricht Die Ausführungen Berke- 
leys in diesem Punkte unterscheiden sich aber sachlich von denen 
Schopenhauers in dem Moment, dafs die Tastwahmehmungen bei 
Berkeley das Primäre und die für die Gesiehtswahrnehmungen 
notwendig vorhergehende Bedingung sind, während bei Schopen- 
hauer das Vergleichen der Gesichts- und Tastempfindungen dem 
Vergleichen der Empfindungen eines und desselben Sinnes unter- 
einander koordiniert ist; es hat bei ihm für die Baumordnung 
nicht die prinzipielle Bedeutung wie bei Berkeley, weil die 
Lokalisation der Gesichtsempfindungen in den Baum bei 
Schopenhauer das unmittelbare Resultat der Tätigkeit des 
Verstandes ist Dies ist einer der Gründe dafür, dafs die 
Untersuchung Berkeleys auch sachlich nicht als unmittelbare 
historische Grundlage für die spezielle Ausgestaltung der Lehre 
Schopenhauers von der empirischen Anschauung zu betrachten 
ist Die zweite wesentliche Abweichung ist gegeben in Berkeleys 



Ebenda § 28. ^) Ebenda § 45 f. u. a. m. 



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234 

BebauptnDg, dafs der optische Winkel der in das Auge ein- 
treffenden Strahlen zar Erklärung des Tiefensehens nieht her- 
angezogen werden dttrfe, weil dieser Winkel nicht zum Bewolst- 
sein komme, eine Einsicht, die der Lehre Schopenhauers, in der 
das nicht berücksichtigt wird, entschieden überlegen ist Für 
das aber, was Schopenhauer mit Berkeley gemeinsam ht^ fanden 
wir bereits in Thomas Reid eine zureichende Quelle, da Sehopen- 
hauer für diese Punkte selbst auf Reid hinweist 



Zusammenfassnng. 

Das Ergebnis unserer historischen Erörterung ist kurz 
folgendes: 

Die Lehre Schopenhauers von der empirisehen Anschauung 
nimmt in ihrem erkenntnistheoretisehen Bestände ihren un- 
mittelbaren Ausgang von der Lehre Kants. Die im Prinzip 
schon bei Kant vorhandene Intellektualität der empirischen 
Anschauung erfährt von Schopenhauer die eigentümliche 
Umgestaltung, dafs der Verstand unmittelbar die einzelne 
Sinnesempfindung als Wirkung auffasse und von ihr aus zur 
Ursache im Baume übergehe. Die Unmittelbarkeit des kausalen 
Beziehungsbewufstseins und die Zurückftthrung des Verhältnisses 
von Inhärenz und Dependenz auf das von Wirksamkeit über- 
haupt und Wirkungsart erwies sich uns als Fortschritt gegen- 
über Kant. 

Den Gedanken der Unmittelbarkeit der kausalen Bedingt- 
heit der Empfindungen fanden wir schon bei Schulze angelegt, 
hier auch den Gedanken von dem unmittelbaren Bewuistsein 
von dem eigenen Leibe. 

Auch Fichtes Ausführungen über die Tatsachen des Be- 
wufstseins enthalten, wenn auch im Prinzip anders entwickelte, 
so doch dem Resultat nach verwandte Gedanken. 

In seiner zweiten Entwicklungsperiode erhält Schopenhaner 
für die Intuitivität der Verstandeserkenntnis eine Bestätigung 
in der Lehre von Thomas Reid. 



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285 

Die Lokalisation der Sinnesempfindungen in den Sinnes- 
organen seheint im wesentlichen von Erasmns Darwin herzu- 
rühren. Bei Troxler fanden wir verwandte Gedanken. 

Für die Trennung von blofser Sinnesempfindang nnd Vor- 
Stellung sieht Schopenhauer in den psychophysiologischen Er- 
gebnissen der Untersuchungen von Cabanis und Flourens eine 
Bestätigung. 

Die spezielle psychologische Ausgestaltung der Lehre von 
der empirischen Anschauung fanden wir in fast allen Einzel- 
heiten in der ihm bekannten psychophysiologischen Literatur 
wurzelnd, in der Hauptsache bei Robert Smith, Cheselden und 
Thomas Beid. 

Dies macht, historisch betrachtet, die Lehre Schopenhauers 
von der empirischen Anschauung nicht minderwertig; denn es 
kommt ihm das besondere Verdienst zu, den von anderen gefun- 
denen psychophysiologischen Tatsachen durch ihre gemeinsame 
Beziehung auf die kausale Funktion des Verstandes einen ein- 
heitlichen Zusammenhang gegeben zu haben. Anderseits hat 
er gegenflber der allgemein gehaltenen Lehre Kants von der 
empirischen Anschauung das Verdienst, diese auf den Boden 
der empirischen Forschung zu bringen versucht zu haben. 



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Anhang. 

Das Verhältnis der Lehre Schopenhauers von 

der empirischen Anschauung zur Lehre von 

y. Helmholtz. 

Die schon wiederholt erörterte Frage nach dem AbhäDgig- 
keitsyerhältnis der Lehre von v. Helmholtz von der Lehre 
Schopenhauers ist in einem wesentlichen Punkte bisher noch 
nicht hinreichend geprüft worden, nämlich hinsichtlieh der 
Frage, in welchem Sinne ein Gemeinsames in dem Bestände 
der Lehren beider von der kausalen Deutung der empirischen 
Anschauung angenommen werden darf. 

In dem am 27. Februar 1855 anlälslich der Einweihung 
des Eantdenkmals zu Königsberg gehaltenen Vortrage von 
y. Uelmholtz: Über das Sehen des Menschen, der durch den 
Bericht Franenstädts zum Anlafs für die Behauptung Schopen- 
hauers wurde, dafs Helmholtz einen wesentlichen Bestandteil 
seiner Lehre, nämlich die Behauptung flber die Funktion der 
Kausalität in der Wahrnehmung, seinem System entlehnt habe, 
spricht Helmholtz im Anschlnfs an eine Darlegung der Lehre 
Johannes Mflllers von den spezifischen Sinnesenergieen auch 
ttber die erkenntnistheoretischen Folgen, die sich ans dieser 
Lehre entwickeln lassen. 

Er fUhrt u. a. folgendes ans: „Wenn eine Verbindung 
zwischen der Vorstellung eines Körpers von gewissem Aussehen 
und gewisser Lage und unseren Sinnesempfindungen entstehen 
soll, so mttssen wir doch erst die Vorstellung von solchen 
Körpern haben. Wie es aber mit dem Auge ist, so ist es auch 
mit den anderen Sinnen; wir nehmep nie die Gegenstände 
der Aulsenwelt unmittelbar wahr, sondern wir nehmen nur 



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237 

WirkuDgen dieser Gegenstände auf nnsere Nervenapparate 
wahr, and das ist vom ersten Augenblicke unseres Lebens an 
so gewesen. Auf welche Weise sind wir denn nun zuerst aus 
der Welt der Empfindungen unserer Nerven hinflbergelangt in 
die Welt der Wirklichkeit? Offenbar nur durch einen Schlufs; 
wir mflssen die Gegenwart äufserer Objekte als Ursache unserer 
Nervenerregung voraussetzen; denn es kann keine Wirkung 
ohne Ursache sein. Woher vnssen wir, dafs keine Wirkung 
ohne Ursache sein kOnne? Ist das ein Erfahrungssatz? Man 
hat ihn dafUr ausgeben wollen, aber wie man sieht, brauchen 
wir diesen Satz, ehß wir noch irgend eine Kenntnis von den 
Dingen der Aufsenwelt haben; wir brauchen ihn, um nur Über- 
haupt zu der Erkenntnis zu kommen, dafs es Objekte im 
Baume um uns gibt, zwischen denen ein Verhältnis von Ursache 
und Wirkung bestehen kann. KOnnen wir ihn aus der inneren 
Erfahrung unseres Selbstbewufstseins hernehmen? Nein, denn 
die selbstbewufsten Akte unseres Willens und Denkens betrachten 
wir gerade als frei; d. h. wir leugnen, dals sie notwendige 
Wirkungen ausreichender Ursachen seien. Also führt uns die 
Untersuchung der Sinneswahrnehmungen auch noch zu der 
schon von Kant gefundenen Erkenntnis, dafs der Satz: „Keine 
Wirkung ohne Ursache^, ein vor aller Erfahrung gegebenes 
Gesetz unseres Denkens sei.^0 Schopenhauer hat aus diesen 
Ausführungen den Sinn der von ihm selbst vertretenen Lehre 
herausgelesen, dafs die Apriorität des Kausalgesetzes aus dem 
kausalen Verhältnis der blofsen Sinnesempfindung als Wirkung 
zu ihrer Ursache im Baume aufser uns abzuleiten sei.^) In 
der Tat sind die Ausführungen von v. Helmholtz wohl geeignet, 
einen solchen, wie wir finden werden, irrtümlichen Sinn in 
sie hineinzulesen; denn der Sinn, in dem hier von einem 
Schlüsse auf die Ursache unserer Nervenerregung die Bede ist. 



*) Vorträge und Beden von Hermann von Helmholtz, 5. Auflage, 
1. Band. Braanschweig 1903. S. 115f. 

*) Schopenhauers Briefe, herausgegeben von Eduard Grisebach. Leipzig, 
Ph. Reclam. S. 337. Sieh darüber Friedrich Gonrat, Hermann von Helmholtz' 
psychologische Anschauungen. Abhandlungen zur Philosophie und ihrer 
Geschichte. Herausgegeben von Benno Erdmann. 18. Heft Halle a. d. S., 
Max Niemeyer, 1904; insbesondere Kap. 13: Die Prioritäts- und Plagiats- 
fr^e gegenüber Schopenhauer, S. 229 f. 



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2S8 

bleibt innerhalb des Oedankengangea dieses Vortrags dnnkel. 
Er unterscheidet sich zwar der Sache nach wesentlich von 
denjenigen Schlüssen, die uns von gewissen Sinnesempfindnngen 
als Wirkungen anf gewisse durch andere Sinnesempfindungen 
uns schon bekannte Körper als die Ursachen jener führen; 
diese Schlüsse nämlich haben die Vorstellung Yon Körpern 
aulser uns schon zur Voraussetzung, jener Schluls aber soll 
allererst auf diese Vorstellung führen. Helmholtz geht aber auf 
diesen Unterschied in dem genannten Vortrage nicht näher ein. 
Trotzdem aber flielst aus den Ausführungen von v. Helmholtz 
nicht notwendig der Sinn, den ihnen Schopenhauer beilegt; 
denn es bleibt auch die Deutung mOglich, die der Lehre Kants, 
auf die sich Helmholtz beruft, analog ist, dafs wir aus einer 
bestimmten Gesetzmälsigkeit in der Folge unserer Empfindungen 
auf Grund der empirischen Einsicht, dafs diese Gesetzmäfsigkeit 
aus den uns bekannten subjektiven Kausalfaktoren, die sieh in 
der willkürlichen Folge unserer Vorstellungen wirksam erweisen, 
nicht hinreichend ableitbar sei, auf eine Ursache aulser uns 
für diese Gesetzmäfsigkeit schliefsen and uns dadurch die 
Vorstellung von einem Körper aufser uns entstehe. Dafs ein 
Gedanke in diesem Sinne Helmholtz vorgeschwebt habe, ergibt 
sich aus den späteren Ausführungen, in denen er diesen 
Gedanken ausgeführt hat Hier, insbesondere in dem im 
Jahre 1878 gehaltenen Vortrage: Die Tatsachen in der Wahr- 
nehmung entwickelt er im Anschlufs an eine empirische 
Ableitung der Raumanschauung auch eine solche des Bewufst- 
seins von der Aufsenwelt. Es ist zum Verständnisse dieser Ent- 
wicklung nötig die etwas längere Ausführung im Zusammenhange 
anzuführen. Er sagt: „Wenn wir . . . fragen, ob es ein gemein- 
sames und in unmittelbarer Empfindung wahrnehmbares Kenn- 
zeichen gibt, durch welches sich für uns jede auf Gegenstiinde 
im Baum bezügliche Wahrnehmung charakterisiert: so finden 
wir in der Tat ein solches in dem Umstände, dafs Bewegung 
unseres Körpers uns in andere räumliche Beziehungen zu den 
wahrgenommenen Objekten setzt und dadurch auch den Ein- 
druck, den sie auf uns machen, verändert Der Impuls zur 
Bewegung aber, den wir durch Innervation unserer motorischen 
Nerven geben, ist etwas unmittelbar Wahrnehmbares. Dafs 
wir etwas tun, indem wir einen solchen Impuls geben, fühlen 



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239 

wir. Was wir tan, wissen wir nioht anmittelbar. Dafs wir 
die motorisehen Nerven in Erregungszustand versetzen oder 
innervieren, dafs deren Reizung auf die Muskeln übergeleitet 
wird, diese sieh infolgedessen zusammenziehen und die Glieder 
bewegen, lehrt uns erst die Physiologie. Wiederum aber wissen 
wir aoch ohne wissensehaftliehes Studium, welehe wahrnehm- 
bare Wirkung jeder versehiedenen Innervation folgt, die wir 
einzuleiten imstande sind .... Wir wissen von diesen Impulsen 
unter keiner anderen Form nnd dureh kein anderes definierbares 
Merkmal als dadurch, dafs sie eben die beabsiehtigte beob- 
achtbare Wirkung hervorbringen; diese letztere dient also aneh 
allein zur Unterscheidung der verschiedenen Impulse in unserem 
eigenen Vorstellen. 

Wenn wir nun Impulse solcher Art geben (den Blick 
wenden, die Hände bewegen, hin- und hergehen), so finden 
wir, dafs die gewissen Qualitätenkreisen angehörigen Empfin- 
dungen (nämlich die auf räumliche Objekte bezüglichen), 
dadurch geändert werden kOnnen ; andere psychische Zustände, 
deren wir uns bewufst sind, Erinnerungen, Absichten, Wünsche, 
Stimmungen durchaus nicht Dadurch ist in unmittelbarer 
Wahrnehmung ein durchgreifender Unterschied zwischen den 
ersteren und letzteren gesetzt. Wenn wir also dasjenige Ver- 
hältnis, welches wir durch unsere Willensimpnlse unmittelbar 
ändern, dessen Art uns übrigens noch ganz nnbekannt sein 
könnte, ein räumliches nennen wollen, so treten die Wahr- 
nehmungen psychischer Tätigkeiten gar nicht in ein solches 
ein; wohl aber müssen alle Empfindungen der äufseren Sinne 
anter irgend welcher Art der Innervation vor sich gehen, d. h. 
räumlich bestimmt sein. Demnach wird nns der Baum auch 
sinnlich erscheinen, behaftet mit den Qualitäten unserer Be- 
wegungsempfindungen, als das, durch welches hin wir uns 
bewegen, durch welches hin wir blicken kOnnen. Die Raum- 
anschauung würde also in diesem Sinne eine subjektive 
Anschauungsform sein, wie die Empfindungsqualitäten Rot, 
Sttfs, Kalt . . . 

Als die notwendige Form der äufseren Anschauung 
aber würde der Raum von diesem Standpunkt aus erscheinen, 
weil wir eben das, was wir als räumlich bestimmt wahrnehmen, 
als Aufsenwelt zusammenfassen . . . 



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240 

Und eine gegebene, vor aller Erfahrung mitge- 
braehte Form der Anschanuog würde der Raum sein, insofern 
seine Wahrnehmnng an die Möglichkeit motorischer Willens- 
impulse geknüpft wäre . . . 

Suchen wir uns auf den Standpunkt eines Menschen ohne 
alle Erfahrung zurückzuversetzen. Um ohne Baumanschannng 
zu beginnen, müssen wir annehmen, dafs ein solcher Mensch 
auch die Wirkungen seiner Innervationen nicht weiter kenne, 
als insofern er gelernt habe, wie er durch Naehlafs einer ersten 
Innervation oder durch Ausführung eines zweiten Gegenimpulses 
sich in den Zustand wieder zurückversetzen kOnne, aas dem 
er durch den ersten Impuls sich entfernt hat Da dieses gegen- 
seitige Sichaufheben verschiedener Innervationen ganz unab- 
hängig ist von dem, was dabei wahrgenommen wird, so kann 
der Beobachter finden, wie er das zu machen hat, ohne noch 
irgend ein Verständnis der Aufsenwelt vorher erlangt zu haben. 

Ein solcher Beobachter befinde sich zunächst einmal einer 
Umgebung von ruhenden Objekten gegenüber. Dies wird sich 
ihm erstens dadurch zu erkennen geben, dals, solange er keinen 
motorischen Impuls gibt, seine Empfindungen unvei&ndert 
bleiben. Gibt er einen solchen (bewegt er zum Beispiel die 
Augen oder die Hände, schreitet er fort), so ändern sich die 
Empfindungen; und kehrt er dann durch Nachlals oder den 
zugehörigen Gegenimpuls in den früheren Zustand zurück, so 
werden sämtliche Empfindungen wieder die früheren. 

Nennen wir die ganze Gruppe von Empfindungsaggregaten, 
welche während der besprochenen Zeitperiode durch eine gewisse 
bestimmte und begrenzte Gruppe von Wiliensimpulsen herbei- 
zuführen sind, die zeitweiligen Präsentabilien, dagegen 
präsent dasjenige Empfindungsaggregat aus dieser Gruppe, 
was gerade zur Perzeption kommt: so ist unser Beobachter 
zurzeit an einen gewissen Kreis von Präsentabilien gebunden, 
aus dem er aber jedes einzelne in jedem ihm beliebigen Augen- 
blicke durch Ausführung der betreffenden Bewegung priisent 
machen kann. Dadurch erscheint ihm jedes einzelne aus dieser 
Gruppe der Präsentabilien als bestehend in jedem Angen- 
blick dieser Zeitperiode. Er hat es beobachtet in jedem einzelnen 
Augenblicke, wo er es gewollt hat Die Behauptung, dafs er 
es auch in jedem anderen zwischenliegenden Augenblicke würde 



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241 

haben beobachten kOnnen, wo er es gewollt haben wflrde, ist 
als ein Indaktionsschlnfs anzusehen, der von jedem Angenblicke 
eines gelungenen Versnehes aaf jeden Aagenbliek der betreffenden 
Zeitperiode sehleehthin gesogen wird. So wird also die Vorstellang 
von einem dauernden Bestehen von Verschiedenem 
gleichzeitig nebeneinander gewonnen werden können. Das 
«Nebeneinander* ist eine Baumbezeichnung; aber sie ist gerecht- 
fertigt, da wir das durch Willensimpnlse geänderte Yerhältnia 
als „räumlich^ definiert haben. Bei dem, was da als neben- 
einander bestehend gesetzt wird, braucht man noch nicht an 
substantielle Dinge zu denken. „Rechts ist es hell, links ist 
es dunkel; vorn ist Widerstand, hinten nicht" könnte zum Bei- 
spiel auf dieser Erkenntnisstufe gesagt werden, wobei das 
Rechts und Links nur Namen für bestimmte Augenbewegungen, 
Vorn und Hinten für bestimmte Handbewegungen sind. 

Zu anderen Zeiten nun ist der Kreis der Präsentabilien 
für dieselbe Gruppe von Willensimpulsen ein anderer geworden. 
Dadurch tritt uns dieser Kreis mit dem einzelnen, was er ent- 
hält, als ein Gegebenes, ein „objectum'^ entgegen. Es scheiden 
sich diejenigen Veränderungen, die wir durch bewufste Willens- 
impulse hervorbringen und rückgängig machen können, von 
solchen, die nicht Folge von Willensimpulsen sind und durch 
solche nicht beseitigt werden können. Die letztere Bestimmung 
ist negativ. Fiehtes passender Ausdruck dafür ist, dafs sich 
ein „Nicht-Ich" dem »Ich" gegenüber Anerkennung erzwingt*^) 

Wir dürfen für unseren Zweck davon absehen, dafs auch 
schon der Annahme eines gleichzeitigen Bestehens von Präsen- 
tabilien mit bestimmten Präsenten die Voraussetzung eines un- 
abhängig von ihrem Präsentsein oder Repräsentsein bestehenden 
Wirklichen zugrunde liegt, und dafs selbst der Gedanke einer 
Reihe von an einem präsent bleibenden ruhenden Gegenstande 
hin- und hergleitenden Bewegungsimpulsen in der Konstanz der 
Beziehung der präsenten Elemente ebensowohl ein von den 
subjektiven Bedingungen der Sukzession der Willensimpulse 
unabhängiges Moment verrät, wie eine der subjektiven Folge der 
Willensimpulse nicht parallel gehende Folge von Veränderungen 



') Vorträge und Reden von Hermann von Helmboltz, II. Band, S. 223 ff. 

Pblloflopbiwhe Abhitndlangen. XLII. ]6 



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242 

der Sinnesempfindangen, es genOgt vielmehr für unsere Zweeke, 
darauf hinzuweisen, dafs fttr Helmholtz das entscheidende 
empirische Kriterium für die Existenz einer Aufsenwelt in der 
Unabhängigkeit gewisser Veränderungen unserer Sinnesempfin- 
dungen von einer subjektiv bedingten Folge von Willensimpulsen 
gegeben ist, ein Kriterium, das dem von Kant aufgestellten der 
Niehtumkehrbarkeit obiektiver Folgen unserer VorBtellungen 
analog ist Dies gilt auch dann noch, wenn wir berücksichtigen, 
dafs die psychophysiologische Problemstellung Helmholtzens in 
der Frage nach dem Zustandekommen einer Vorstellung von 
einem aufser uns Wirklichen von der transzendentalen Problem- 
stellang Kants in der Frage nach dem Grunde der objektiven 
Gültigkeit unserer Erkenntnisse wesentlich verschieden isi^) 
Wenn es bereits in der Einleitung zur „Erhaltung der 
Kraft" (1848) heilst, dafs wir znr Kenntnis der Gegenstände der 
Natur „nur durch die Wirkungen kommen, welche von ihnen 
aus auf unsere Sinnesorgane erfolgen, indem wir aus diesen 
Wirkungen auf einwirkendes schliefsen",^) so kann auch dieser 
Satz zwar leicht zum Anlafs einer Deutung im Sinne der Lehre 
Schopenhauers werden, doch ist auch er mühelos vom Stand- 
punkt der späteren Ausgestaltung der Lehre Helmholtzens ans 
zu verstehen. Nicht, dafs uns die Wirkungen in den Sinnes- 
organen als solche bewulst würden, was Helmholtz, wie wir 
sehen werden, ablehnt, noch auch, dafs wir diese Wirkungen als 
unbewufste Prämissen gleichsam zu einem Schlüsse auf ihre 
Ursachen in dem Sinne benutzten, dafs wir ihren Charakter des 
Bewirktseins unmittelbar dabei in Anschlag brächten, braucht 
notwendig der Sinn dieses Satzes zu sein, sondern so ist er zu 
verstehen, dafs wir dasjenige, was sich uns nachträglich bei 
einer physikalischen Betrachtungsweise als ein auf unsere 
Sinnesorgane Wirkendes darstellt, als ein selbständiges Ursäch- 
liches gegenüber den von uns verorsachten Bewegungsimpnlsen 
auffassen, welche Selbständigkeit wir bei dem Zustandekommen 
unserer Vorstellung von einer Aufsenwelt aus der mit der Folge 



Sieh darüber Alois Riehl, Hermann von Helmbolts in seinem Ver- 
hältniB zu Kant. Kantstudien, IX. Band. Sonderabdruck. Berlin, Bentber 
u. Rictiard, 1904, S. 14. 

«) H. V. Helmholtz, Wissen scbaftliche Abhandlungen, I. Band, S. 14. 



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243 

ungerer Bewegangsimpalse nicht parallel gehenden Folge in 
den Veränderungen der Empfindangen, nicht aber ans dem 
Eaasalzuflammenhange zwischen ursächlichem Objekt und 
Wirkung in unserem Sinnesorgan erschliefsen. 

Keine Spur also zeigt sich bei Helmholtz von dem Gedanken, 
der, wenn wir einmal den schopenhauerschen im streng psycho- 
logischen Sinne nehmen, schon der einzelnen Sinnesempfindung 
ein unmittelbares Bewufstsein ihres Bewirktseins von einer Ur- 
sache auTser uns zuschreibt, i) Die Lehre Uelmholtzens yerhält 
sich vielmehr zu dieser Annahme von apriorischen Eausalzeichen 
der Sinnesempfindungen, so können wir die Annahme Schopen- 
hauers kurz kennzeichnen, ganz analog wie etwa seine em- 
pirische Raumtbeorie zur Annahme augeborener Lokalzeichen. 

Reproduktive Bedingungen sind es vielmehr, die aufser 
dem Postulat des Kausalgesetzes als psychologische Bedingungen 
für das Zustandekommen der Wahrnehmungen bei Helmholtz 
in Betracht kommen: .Wenn sich die gleichartigen Spuren^, 
sagt er, .welche oft wiederholte Wahrnehmungen in unserem 
Gedächtnisse zurücklassen, verstärken: so ist es gerade das 
Gesetzmäfsige, was sich am regelmäfsigsten gleichartig wieder- 
holt, während das zufällig Wechselnde verwischt wird."^) 

Dafs hierbei die Gültigkeit des Kausalgesetzes zur Voraus- 
setzung diene, bleibt auch für die späteren Schriften Helmholtzens 
bestehen. Inwiefern seine Auffassung von der Geltung des 

>) Dies wurde aufser von Schopenbauer und seinen Schülern Frauen- 
Btädt und Becker neuerdings u. a. auch übersehen von Jobann Czermak, 
der in seinem Aufsatze «Über Schopenbaners Tbeorie der Farbe*, Sitzungs- 
berichte der E. K. Akademie der Wissenschaften zu Wien, 62. Band, 
II. Abteilung, Jahrgang 1870, Heft VI bis X, S. 397 die Bemerkung macht, 
dab die moderne Physiologie der Sinne in ihrer Theorie dos gegenständ- 
lichen Sehens und der Farbe mit den Anschauungen Schopenhauers über- 
einstimme, was aber hinsichtlich des gegenständlichen Sehens, wie wir 
fanden, einer Einschränkung bedarf, durch die freilich der von Czermak 
angestrebte Nachweis der Selbständigkeit der physiologischen Forscher 
nur noch bekräftigt wird; ferner wurde es übersehen von Johann Carl 
Friedrich Zöllner, „Über die Natur der Kometen", 3. Aufl., Leipzig 18S3, 
S. 189 f., von Paul Schultz, „Arthur Schopenhauers Abhandlung Über das 
Sehen und die Farben", Archiv fllr Physiologie, herausg. von Engelmann, 
1899, Supplementband S. 515f., und von Amoldt Kowalcwski, „Arthur 
Schopenhauer und seine Weltanschauung", Halle a. d. S. 190S, S. 65 f. 

') Vorträge und Beden von Hermann v. Helmholtz, II. Band, S. 232. 

16* 



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214 

Kausalgesetzes hier eine gewisse WandluDg zeigt, indem das 
hypothetische Moment jedes Eausalschlasses mehr hervortritt, 
ohne dafs doch eine reinliehe Scheidung zwischen Inhalt nnd 
Geltung des Kausalgesetzes erreicht wird, näher zu untersuehen, 
ist für unseren Zweck nicht erforderlich. 

Nur einige besondere Bemerkungen über das Verhältnis 
seiner Lehre zu der Schopenhauers sind noch beizufflgen. 
Helmholtz setzt die Ursachen aufser uns als von ihrem Vor- 
gestelltwerden unabhängig existierend, also als transzendent 
voraus. Die Schopenhauer eigentümliche Verdoppelung der 
Sinnesempfindung, die ebendieselbe Sinnesempfindung das eine 
Mal als Wirkung, das andere Mal als Ursache auffassen läfst 
ohne dals damit die Welt als Vorstellung verlassen werde, so 
dafs die als Wirkung von der als Ursache aufgefalsten Empfin- 
dung nicht anders ihrem Inhalte nach unterschieden werden 
kann als dadurch, dafs diese raumzeitlich bezogen ist, jene 
aber noch nicht, fällt für Helmholtz gänzlich fort 

Auch die Ineinssetznng von Sinnesempfindung nnd 
physiologischer Erregung im Sinnesorgan und vollends ein 
Wissen um die spezifische Beschaffenheit letzterer sind 
für Helmholtz Ungedanken; denn er sagt: «Indem wir 
sehen gelernt haben, haben wir eben nur gelernt, die Vor- 
stellung eines gewissen Gegenstandes mit gewissen Empfin- 
dungen zu verknüpfen, welche wir wahrnehmen. Die Mittel- 
glieder, durch welche die Empfindungen zustande kommen, 
interessieren uns dabei gar nicht; ohne wissenschaftliche Unter- 
suchung lernen wir sie auch gar nicht kennen. Zu diesen 
Mittelgliedern gehört auch das optische Bild auf der Netzhaut. 
Der Umstand, dafs es auf dem Kopfe steht, und wir die Gegen- 
stände doch aufrecht sehen, hat viele Verwunderung und eine 
unendliche Menge unnützer Erklärungsversuche hervorgerufen. 
Wir haben durch Erfahrung gelernt: Lichtempfindung in ge- 
wissen Fasern des Sehnerven bezeichnet helle Gegenstande 
oben im Gesichtsfelde, Lichtempfindnng in gewissen anderen 
Fasern bezeichnet sie unten. Wo diese Fasern in der Netzhaut, 
im Sehnerven liegen, ist dabei ganz einerlei, wenn wir nur 
imstande sind, den Eindruck der einen Faser von dem der 
andern zu unterscheiden. Dafs es eine Netzhaut und optische 
Bilder darauf gebe, weifs ja der natürliche Mensch gar nicht 



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245 

Wie soll ibn da die Lage des optischen Bildes auf der Netz- 
Laut irre machen können V'^) 

So ist denn ans dem Inhalte der Lehren beider voUant 
verständlich, dafs Helmholtz in Schopenhauer keinen Vorgänger 
seiner Gedanken über die Tatsachen in der Wahrnehmung, es 
sei denn in den Punkten, die er mit Kant gemeinsam hat, 
sehen konnte, und dafs er sachlich berechtigt war, in einem 
an seinen Vater gerichteten Briefe vom 17. Dezember 1857, im 
Anschlufs an eine Erwähnung der Stellungoahme Frauenstädts, 
der ihm Abhängigkeit von den Gedanken Schopenhauers 
nachgesagt hatte, zu behaupten: „Dabei handelt es sich nur 
um Sätze, die im Wesentlichen schon Kant hatte • . .'^ 2) 

Der Grund aber, aus dem er an einer Stelle in dem Vor- 
trage: Die Tatsachen in der Wahrnehmung Schopenhauer 
abweist, ist nicht ganz zutreffend; denn er sagt dort: „Ich 
habe später jenen Namen der unbewufsten Schlüsse vermieden, 
um der Verwechslung mit der, wie mir scheint, gänzlich un- 
klaren und ungerechtfertigten Vorstellung zu entgehen, die 
Schopenhauer und seine Nachfolger mit diesem Namen be- 
zeichnen; aber offenbar haben wir es hier mit einem elemen- 
taren Prozesse zu tun, der allem eigentlich sogenannten Denken 
zugrnnde liegt, wenn dabei auch noch die kritische Sichtung 
und Vervollständigung der einzelnen Schritte fehlt, wie sie in 
der wissenschaftlichen Bildung der Begriffe und Schlüsse ein- 
tritt^ 3^ Wir fanden aber, dafs auch bei Schopenhauer der 
KausalschlulB auf die Ursache der Empfindung nur im un- 
eigentlichen Sinne als Schluls gilt; denn er ist fUr ihn nicht 
diskursiv, sondern intuitiv, er bildet die spezifische Erkenntnis- 
weise des Verstandes. Schopenhauer sagt ähnlich wie Helm- 
holtz, dafs „wir so sehr gewohnt sind von der Empfindung 
sogleich zu ihrer Ursache überzugehen, dafs diese sich uns 
darstellt, ohne dafs wir die Empfindung, welche hier gleichsam 
die Prämissen zu jenem Schlüsse des Verstandes liefert, an 
und für sich beachten." *) Dafs aber gerade in diesem Punkte 

^) Vortrüge und Reden von Hermann von Helmholtz, I. Band, S. lUf. 
*) Leo Koenigsberger, Hermann v. Helmholtz, 1. Band, Brannschweig 
1902, S. 285. 

*) Vorträge und Reden von Hermann von Helmholtz, IL Band, S. 233. 
*) UI, 68. 



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246 

Helmholtz SchopenhaneTS Lehre mifsverstanden hat, beweist 
anderseits die Selbständigkeit seiner eigenen GedankeDf&hniDg.i) 

In noeh einem anderen Punkte ist Helmholtz ein bedeut- 
sames Moment der Lehre Schopenhauers verborgen geblieben, 
nämlich in der Lehre von der Materie. Dals Materie und 
Substanz gleichbedeutend mit Wirksamkeit sei, liegt Helmholtz 
fem, anzunehmen. „Wir haben in unserer Sprache", so heilst 
es auch bei ihm, „eine sehr glückliche Bezeichnung fttr dieses, 
was hinter dem Wechsel der Erscheinungen stehend auf uns 
einwirkt, nämlich: »Das Wirkliche". Hierin ist nur das Wirken 
ausgesagt; es fehlt die Nebenbeziehung auf das Bestehen als 
Substanz, welche der Begriff des Reellen, d. h. des Sachlichen, 
einschliefst." 2) Fast möchte man im Hinblick auf den mit 
Schopenhauer') gemeinsamen Hinweis auf den zutreffenden 
Sprachgebrauch des Wortes «Wirkliches", in diesen Aus- 
führungen Helmholtzens eine versteckte Polemik gegen Schopen- 
hauer vermuten. 

Zusammenfassend dürfen wir also auch hier, ähnlieh wie 
für das Verhältnis Schopenhauers zu Fichte, anerkennen, dals 
Kant die gemeinsame Grundlage bildet, von der ans beide 
selbständig ihre Gedanken entwickelten. 

Wenn aufser Kant für Helmholtz noch andere Philosophen 
als historische Grundlagen heranzuziehen sind, so ist es nicht 
Schopenhauer, sondern sind es vor allem Mill und Fichte, jener 
in der Theorie der Induktionsschlüsse, dieser in mehreren 
Punkten, in denen allerdings kaum ein direkter Einflnfs Fichtes 
auf die Gedankenentwicklung Helmholtzens anzunehmen ist, 
in denen vielmehr Helmholtz nur auf Analogien in der Lehre 
Fichtes hinweist, nämlich hinsichtlich des .Qualitätenkreises* 
der Empfindungen, hinsichtlich der Deutung der Empfindungen, 
wenn nicht als „Bilder des Widerstandes", wie bei Fichte, so 
doch als Zeichen ftlr die sie bewirkenden Ursachen, und endlich 
hinsichtlich der Art wie, bei Helmholtz allerdings nicht a priori 



>) Sieh Gar] Stampf, Hermann von Helmholtz und die neuere Psycho- 
logie. Archiv für Geschichte der Philosophie. Neue Folge. VUI. Band, 
1895, S. 303. 

') Vorträge und Reden von Hermann von Helmholtz, II. Band, S. 241. 

») I, 40. 



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247 

dedaziert, «ein Nicht-Ieh dem Ich gegenüber sich AnerkennnDg 
erzwingt* *) 

Dals aber Schopenhauer die Lehre Helmholtzens anbillig 
beurteilte, hat wohl auch eine tieferliegende Ursache. Sie liegt 
in der Abneigung Schopenhauers gegen die auf naturwissen- 
schaftlichem Boden, also induktiv gewonnene philosophische 
Einsicht ttberhaupt. Mit Fichte und Schelling ist er der Über- 
zeugung, dafs im Gegensatz zur Naturwissenschaft die Philosophie 
imstande sei, eine höhere, deduktive Einsicht in die Zusammen- 
hänge der Natur, nämlich vermittelst der intellektuellen An- 
schauung zu gewinnen. Deshalb will er die Scheidung zwischen 
Philosophie und Naturwissenschaft streng gewahrt wissen. 
Daher auch stammt seine Abneigung gegen die mechanische 
Naturauffassung und vielleicht auch das Vorurteil, daXs auf 
naturwissenschaftlichem Wege eine Einsicht in die Intellektualität 
der empirischen Anschauung nicht zu gewinnen sei. 



Druckfehler und Ergänzungen. 

S. 11 Z. 3 ▼. n. lies: entstehn statt enstebn. 
S. 13 Z. 14 y. o. lies: konstrulrt statt konstruiert. 
S. 13 Z. 19 V. 0. lies konstruiren statt konstruieren. 
S. 19 Z. 6 y. u. lies: bedeutungsleerer statt bedeutungleerer. 
S. 44 Z. 3 V. u lies: ist noch keine statt ist keine. 
S. 47 Z. 12 V. a. lies: zuerkennen statt zu ererkennen. 
S. 76 Z. 16 V. u. lies: Lockes statt Lecks. 
S. 109 Z. 25 y. o. streiche das Anführungszeichen vor *). 
S. 133 Z. 9 V. 0. lies: erst als durch statt erst durch. 
S. 136 Z. 18 y. 0. lies: Paralipomena statt Paraligomena. 
S. 144 Z. 17 y. 0. lies: eigentümliche Weiterbildung statt eigentliche Fort- 
bildung. 
S. 145 Z. 2 y. u. lies: der Voraussetzung statt den Voraussetzungen. 
S. 164 Z. 18 v. n. lies: unbewufst psychische statt dies. 
S. 165 Z. 2 y. o. lies: des Eigentümlichen statt der Eigentümlichkeiten. 
B. 184 Anmerkung 1 lies: U statt I. 
S. 187 Z. 9 y. 0. lies: yorstellungsmäfsig statt yorstellungsmäsig. 



*) Vorträge und Reden von Hermann y. Helmholtz, II. Band, S. 227. 

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248 

8. 191 Z. 13 ▼. 0. ergänze: Bd. I. Abt. l. Abschn. 16. Kap. 7. 

S. 192 Z. 10 y. 0. lies: sense statt seuse. 

S. 200 Z. 5 y. o. lies: Buch I. Kap. III. § 84 (Übers, a. a. O. S. 24) statt 

§§ 133 und 324. 
S. 200 Z. 22 f. V. o. lies: et da moral de rhomme statt au mond. 
S. 201 Anmerkung 2 lies: S. 37 statt S. 4. 
S. 201 Anmerkung 7 lies: 153 f. sUtt 151 f. 
S. 206 Z. 23 f. y. o.: „sowie* bis „gelangen'' ist zu streichen. 
S. 206 Anmerkung 1 lies: Erasmus Darwin Zoonomia or the laws of Organie 

lifo. Bd.l. Abt.I. Abschn. U. Kap. II. §7. Zoonomie oderGesetie 

des organischen Lebens yon Erasmus Darwin. Aus dem EngUscbea 

übersetzt und mit einigen Anmerkungen begleitet yon J. D. Brandia 

Hannover 1795—99. 1, 1. S. 14 f. Ähnlich so ebenda Bd. I. AbtL 

Abschn. V. Übers, a. a. 0. 1, 1. S. 50 ff. 
S. 206 Anmerkung 2 lies: Ebenda Bd. I. Abt. I. Abschn. III. Kap. IV. 

Einleit. Übers, a. a. 0. 1, 1. S. 32. 
S. 206 Anmerkung 8 lies: Ebenda Bd. I. Abt. I. Abschn. III. Ksp. I. 

Übers, a. a. 0. 1, 1. S. 20. 
S. 206 Anmerkung 4 lies: Ebenda Bd. I. Abt I. Abschn. IIL Kap. IlL 

Einleit. Übers, a. a. 0. I, 1. S. 26. 
S. 206 Anmerkung 5 lies: Ophthalmologische Bibliothek, herausgegeben 

yon Carl Himly und Adam Schmidt. Jena 1804. Bd. II. St 2. S.15,16. 
S. 207 Anmerkung 2 lies: Ebenda. Jena 1807. Bd. III. St 3. S. 7. 
S. 208 Anmerkung 1 ergSnze: Vol. L S. 156. 
S. 208 Anmerkung 2 lies: Ebenda S. 157 und § 21. S. 186f. 



Drnok Ton Ehrhardt Kanu Ot, m. b. H. In Hall« (SmI«), 

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Verlag von Max Nlemeyer in Halle a. 8. 

Bergmann, Hugo, Das Unendliche und die Zahl. 1913. 8. VII, 
88 S. Jt 2,50 

Eisenmeier, Josef, Die Psychologie nnd ihre zentrale Stellung in der 
Philosophie. Eine Einführung in die wissenschaftliche Philo- 
sophie. 1914. 8. VIII, 1118. .^3,20 

Gallinger, August, Zur Grundlegung einer Lehre von der Erinnerung. 
1914. 8. IV, 149 8. Jt 4,— 

Goedeckemeyer, Albert, Die Gliederung der aristotelischen Philosophie. 
1912. 8. VI, 144 8. Ji 4,— 

Husserl, Edmund, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomeno- 
logischen Philosophie. I. Buch: Allgemeine Einführung in die 
reine Phänomenologie. 1913. kl. 4. VIII, 324 S. 

geh. Jh 10, — ; gebd. Jt 11, — 

Leyendecker, Herbert, Zur Phänomenologie der Täuschungen. I. Teil: 
Wesensanalyse der Illusionstäuschungen. kl. 4. 189 8. Jt 5, — 

Losskij, Nikoltj, Die Grundlegung des Intuitivismus. Eine pro- 
pädeutische Erkenntnistheorie. Uebersetzt von Johann Strauch. 
1908. 8. IV, 350 8. Jt 8,- 

Mill, John Stuart, Eine Prüfung der Philosophie Sir William Hamiltons. 
Deutsch von Hilmar Wilmanns. 1908. gr. 8. XH, 709 S. 

geh. Jt 18,—; gebd. Jt 20,— 

Pariser, Ernst, Einführung in die Religionspsychologie. Beiträge zu 
einer kritischen Methodenlehre der Religionswissenschaft 1914. 
8. V, 56 8. geh. Jt 1,50; gebd. Jt 2,20 

Pfänder, Alexander, Zur Psychologie der Gesinnungen. I. Teil. 1913. 
kl. 4. IV, 80 S. Jt 2,50 

Scheler, Max, Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wert- 
ethik (mit besonderer Berficksichtigung der Ethik Immanuel 
Kants). I. Teil. 1913. kl. 4. IV, 162 8. Jt 5,— 

— Znr Phänomenologie und Theorie der Sympathiegeftlhle und von 
Liebe und Hass. Mit einem Anhang über den Grund «ur Annahme 
der Existenz des fremden Ich. 1913. 8. VI, 154 S. Jt 3,60 

V. Sydow, E., Kritischer Kant-Kommentar. Zusammengestellt aus den 
Kritiken Fichtes, Schell ings, Hegels und mit einer Einleitong 
versehen. 1913. 8. VII, 91 S. Jt 2,40 



Druck von Ehrhardt Karras G. m. b. H. in Halle <Saale>. 



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iiJHANDLÜNGEN 

ZUR PHILOSOPHIE UND IHRER GESCHICHTE 



HERAÜSOEOEBEN VON BENNO EBDMANN 

xLin 



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DIE ANGRIFFE GEGEN 

DESCARTES UND MALEBRANCHE 

IM JOURNAL DE TRfiVOÜX 

1701-1715 



VON 



EMUTY ALLARD 



HALLE A. S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1914 



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1, 



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ABHANDLUNGEN 

ZUR 



PHILOSOPHIE 

UND IHRER GESCHICHTE 



HERAUSGEGEBEN 

VON 

BENNO ERDMANN 



DREIUNDYIERZIGSTES HEFT 

EMMY ALLARD 

DIE ANGRIFFE GEGEN DESGABTES UND MALBBBANCHE 
IM JOURNAL DE TEBVOUX 1701—1715 



HALLE A.S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

19U 



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DIE ANGRIFFE GEGEN 

DESCAKTES UND MALEBRANCHE 

IM JOURNAL DE TRfiVOÜX 

1701-1715 



VON 



EMIÜY ALLABD 



HALLE A. a 

VERLAG VON MAX NIEMETER 

1914 



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Inhaltsyerzeichnis. 



8«lto 

Litentarreneichiiis vn 

Einleitang. Die Jesuiten and der Gartesianismus. Die GrUndang des 
Jonrnai de Trövoux (1701). Der Geist der Zeitochrift. Metho- 
disches 1 

Kapitel I. Die cartesianischen Beweise fttr das Dasein Gottes. Die 
Verteidigung eines cartesianischen Gottesbeweises von dem Bene- 
diktiner P. Fr. Lamy. Eine Antwort von Leibniz. Der Beweis 
des Jesniten Toomemine. Die Ablehnung dieses Beweises im 
Journal de Tr^vonz 1742. Eine Verteidigung des Gottesbeweises 
im Geiste der Malebrancheschen Philosophie 7 

Kapitel IL Das Journal de Tr^vonx und PEntretien d'un Philosophe 
chr6tlen et d'un Philosophe chinois sur l'ezistence et la nature 
de Dieu (1708). Die Antwort des P. Malebranche. Veröffent- 
lichung eines Auszuges derselben im Journal de Trövouz. Ein- 
gehendere Kritik seines Systems. Die Kritik der Demonstration 
de Fexistenee de Dieu von F^nelon. Das Vorwort von Tonrne- 
mine. Erklärung des Journals 15 

Kapitel III. Das Problem der Verbindung von Körper und Seele. Die 
Hypothese des Jesuiten Toumemine und ihre Widerlegungen. 
Brief des P. Sarrabat an den Jesuiten P. Castel (1730) .... 31 

Kapitel IV. Die Frage nach der Realität der Aufsenwelt Zwei anti- 
cartesianische Antworten aus den Jahren 1704/05. Die Erzählung 
von einem angeblichen Solipsisten (1713). Ihre Verbreitung und 
Beurteilung 39 

Kapitel V. Gartesianismus und Theologie. Die religiöse Gefuhr im 
Gartesianismus. Die Ck>nversations chrötiennes von Malebranche. 
Die Promotion physique von Boursier. Die Erwiderung des 
P. Malebranche . 48 

Kapitel VL (Jartesianiscbe Physik. Die Qualitäten der Körper. Das 
Problem der Bewegung. Allgemeine Bemerkungen 53 



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Literaturverzeichnis. 



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Baeumker: Zar Vorgeschichte zweier Lockescher Begriffe. Archiv 

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Blampignon: £tade sar Malebranche, saivie d'ane Correspondance 

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Descartes: (Eavres 6d. Adam et Tannery. 1897ff. 

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Fran^aise. Paris 1866. 
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Haber: Die cartesischen Beweise vom Dasein Gottes. Aags- 

borg 1854. 



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M. Novaro: Die Philosophie des Nikolaus Malebranche. Berlin 1893. 
OU^-Laprune: La philosophie de Malebranche. 2 7ol. Paris 1870. 
Pichler: Die Theologie des Leibniz. 2 Teile. Mfinchen 1869. 
Saisset: Präcurseurs et disciples de Descartes. Paris 1862. 
Siebeck: Aristoteles. Frommanns Klassiker der Philosophie VIU. 

Stuttgart 1902. 
Sommervogel (le P^re P. C. Sommer vogel de la Compagnie de 

J^sus): Table m^thodique des Mämoires de Tr^voux (1701 

— 1715) Premiere partie. Paris 1864. Bibliographie Tome 

L IL 1865. 
Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus. 8trafi«bnrger 

Abhandlungen zur Philosophie. Freibnrg und Tfibingen 1884. 



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Einleitung. 

Im Jahre 1745 schrieb Descartes an den Jesniten Dinet: 
„M'ötant m616 d'äcrire nne pbilosophie, je sais qne votre Com- 
pagnie pent plus qne tout le reste du monde pour la faire 
valoir ou mäpriser^.i) Es ist bekannt, daJDs alle BemühuDgen 
des Philosophen nm die Gunst seiner alten Lehrer erfolglos 
blieben, und dafs die freundliehe Haltung des Ordens bei Leb- 
zeiten seines ergebenen Schülers^) bald nach dem Tode des- 
selben in einen fast ein Jahrhundert hindurch mit Gewalt und 
List geführten Kampf umschlug. 

Im Jahre 1662 erlangt der Jesuitenpater Fabri, dafs die 
Werke Descartes' auf den Index gesetzt werden. Zu gleicher 
Zeit klagt der apostolische Bevollmächtigte in Belgien J6röme 
Vecchio, aufgereizt durch die Jesuiten, in der Universität von 
Louvain den Cartesianismus an „comme pernicieux ä la jeunesse 
chretienne^. Damit gewinnt er das berühmte Dekret gegen die 
neue Philosophie.*) Als 1667 den sterblichen Überresten Des- 
cartes' in der Kirche Sainte-Genevi^ve eine letzte Ehrung 
erwiesen werden soll, verbietet ein Hof befehl, den der P. Annat 
erwirkt hatte, die Lobrede auf den Toten öffentlich zu halten. 
Im Jahre 1670 hätten sie ohne Boileau und Arnauld beinahe 
das Parlament von Paris zu einer Parteinahme gegen Descartes 
verleitet; als Ersatz dafür erlangen sie vom Könige wenigstens 
das Lehrverbot fllr die neue Philosophie in der Universität von 
PariSy in allen Universitäten des Reiches und im Oratorium. 
1680 klagt der Jesuit P. Valois die cartesianische Philosophie 
vor dem französischen Klerus an: „Messeigneurs, je cite devant 



1) Descartes, (Euvres, ML Adam et Tannery IV p. 158. 
>) Ibid. XII: Vie et oenvres de Descartes. i^tade historique par 
Gh. Adam. 

*) Cf. p. 48 dieser Arbeit. 

FhUoiophiicbe Abhandlangtu. XLUI. X 



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Yons Mr. Descartes et ses plus fameux sectateurs, je les aecnse 
d'Stre d'aceord avec Calvin". 

Zu diesen berühmten Sektierern geborte als erster Male- 
brancbe, gegen den sieh seit dem Erseheinen der Reeberefae 
de la V6ritä (1674) die Angriffe der Societas Jesu besonders 
richteten. Schonten sie den grofsen Oratorianer während seines 
Streites mit dem Jansenisten Arnanld^) nnd verschmähten sie 
es sogar nicht, ihn znm Kampf anznfenern, so setzten sie nach 
dem Tode ihres gefttrchtetsten Feindes jede Rttcksiebt nnd jedes 
Mafs beiseite. Schlimmer als je bebandelten sie ihn in ihren 
Beden, ihrem Unterricht, in den Konferenzen, die in Paris znr 
Prttfong seiner Lehre gehalten wurden. >) 

Im Innern des Ordens wurde der Kampf mit unbarmherziger 
Härte geführt Die Korrespondenz des F. Andrä, der überzeugter 
Gartesianer und Malebranchist war, gestattet uns einen tiefen Ein- 
blick in diese Art jesuitischer Verfolgung. Eine Generalversamm- 
lung des Ordens in Rom fafste im Jahre 1706 den Beschlufs, die 
neue Lehre in Frankreich aufs Äulserste zu verfolgen und „aus- 
zurotten^.') „La compagnie pretend non seulement qu'on ne 
l'approuve point mais encore qu'on la combatte, ainsi que Ton 
combattoit celle de Calvin avant le concile ... On est resolu 
de ne point souffrir dans la compagnie non seulement eenx 
qui suivent ces auteurs, ou qui les lottent, mais eeux qui ne 
les blasment pas, et qui n'ont pas de zele contre leur doetrine.''^) 

Die jesuitische Streitschrift gegen den Cartesianismus datiert 
vom Jahre 1712;^) sie wurde Andrä unterbreitet als das Formular 
eines mündlichen und schriftlichen Widerrufs seiner Lehre. „Gar 
il est k propoB que les Supärieurs s(achent s'il est un väritable 
j6suite.«6) 

Der Malebranchist P. du Tertre bricht unter der Verfolgung 
zusammen, bekehrt sich zum Peripatetismus des Ordens zurück 7) 



^) Job. Ed. Erdmann II p. 41. 
>) Andr6 p. 334 

') Cf. Cbarina et llancel p. 105, 115, 218, 228. 
*) Ibid. p. 160, Lettre du F. Gaymond au P. Andr6. (9. JaQlet 1707). 
^) Cf. Gharma et Mancel p. 291: Extrait d'nn 6crit fait pour röpondre 
k ma lettre aa F. Fr. 1. D6cembre 1712. 
>) Gbarma et Mancel p. 71. 
f) Ibid. 266, 356. 



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und sehreibt gegen seinen alten Meister: Refutation d'nn nonvean 
Systöme de Mitaphysiqne, proposö par le P. Malebranche. Es 
erseheint im Jahre 1715, im Todesjahr des grofsen Oratörianers. 

So hat das nene Jahrhundert mit einer Periode leiden- 
schaftlichster Angriffe gegen die nene Philosophie im Bereich 
der Societas Jesn begonnen. 

Sie fällt zusammen mit einer ftir den Orden bedeutsamen 
Machterweiterung, der Gründung einer eigenen Zeitschrift, die 
alle Wissensgebiete in den Bereich ihres Interesses ziehen 
sollte. 

Louis Auguste de Bourbon, Herzog von Maine, hatte in 
der kleinen Stadt Trävoux, wohin er als Souverain de Dombes 
sein Parlament verlegt hatte, (1696) eine grofse Druckerei 
gegründet Im Jahre 1701 stellte er diese in den Dienst eines 
literarischen Journals, dessen Vorteile die Jesuitenpatres Michel 
Le Tellier und Philippe Lallemant dem jungen Fürsten vor- 
zustellen wnfsten.i) Die Initiative wurde, wie es sich ziemte, 
dem Prinzen zugeschrieben in der Widmung, welche der Drucker 
oder vielmehr die Redakteure unter seinem Namen an die 
Spitze stellten: .Vons avez jugi, Monseigneur, qne Timprimerie 
que vous venez d'itablir . . . ne pouvait d'abord etre mieux 
employöe qvük donner au public un ätat fidöle de tout ce qui 
paratt de curieux tous los jours dans le monde, en quelque 
genre de science que ce soit.''^) Danach hätte das Journal 
einen rein literarischen und wissenschaftlichen Charakter tragen 
sollen; aber im Jahre 1712 enthüllen die Journalisten einen 
anderen Gesichtspunkt: ,Le grand cours des journaux häräti- 
ques fit nattre k Monseigneur le Duc du Maine Tid^e d'nn 
Journal oü Ton eüt principalement en vne la defense de la 
religion.*') Die Jesuiten sind ihrerseits fest entschlossen: 
„d'attaquer sans mönagements les ennemis döclar^s de la religion 
et de dömasquer ses ennemis Caches: rien ne nous dötournera 
de notre dessein.^^) 

>) Hatin p. 85. 

*) Die Orthographie des Journal de Tr^TOux ist in dieser Arbeit 
modernisiert und regularbiert worden mit Ausnahme der Eigennamen 
nnd Büchertitel. 

•) Journal do Tr^voux, f^vrier 1712 p. 222. 

*) Ibid. 



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4 

Mit der Leitung eines Jonmals beauftragt, gründen sie ein 
Redaktionskomitee in dem berühmten CoUöge Louis-le- Grand 
mit seiner gewaltigen und bedeutenden Bibliothek und seinen 
ständigen Beziehungen zum literarischen und wissensehafUiehen 
Leben der Zeit. Vier Jesuiten werden offiziell ernannt und 
speziell mit der Redaktion beschäftigt. Zwei derselben waren 
der P. Catrou und der bekannte P. Toumemine, welcher auf 
den verschiedensten Gebieten arbeitete und kurze Zeit Biblio- 
thekar am GoUöge gewesen war.^) Er war bis 1719 dauernd 
am Jonmal tätig. Männer wie Buffier, Hardonin, Daniel, Le 
Tellier, Marquer, Bonhours standen ihnen zur Seite. Ein 
mächtiger Orden, dessen Beziehungen in alle Länder reichten, 
konnte reichliches Material bieten; und die Jesuiten vergafsen 
nicht, das zu betonen. 

Im Monat März 1701 gaben die neuen Jonrnalisten die 
erste Nummer heraus. Sie war betitelt: „Mömoires pour 
THistoire des scienees et des beaux-arts Recneillis par FOrdre 
de Son Altesse S^ränissim^ Monseigneur Prince Souyerain de 
Dombes.^ Sie sind in der Folgezeit bekannter geworden unter 
dem Namen „Joumal de Trivoux".*) 

Ein Vorwort von idealster Auffassung der Journalistik 
unterrichtete den Leserkreis über Plan und Absicht der 
Redakteure. Die neuen Memoiren wollten Rezensionen oder, 
wie man damals sagte, „Extraits^ ans allen wissenschaftlichen 
Büchern bringen, die in Frankreich oder im Auslande seit 
Beginn des neuen Jahrhunderts gedrackt worden waren oder 
weiterhin gedruckt werden würden. Man bittet die Autoren, 
die Auszüge aus ihren Büchern selbst zu liefern und verspricht, 
dieselben nach einem Vergleich mit dem Werke selbst getreu 
zu veröffentlichen. Die Praxis ändert diese Absicht schnell, 
und im Jahre 1712 widerrufen die Herausgeber selbst ihre 
eigenartige Mafsnahme: „Nulle considöration ne nous fera ins6rer 
dans nos Mämoires des extraits faits par l'auteur m§me: c'est 
une fid61it6, que nous devons au public, notre jnge; un rappor- 



1) Sommervogel, I: Essai historique sur les H^moires de Tr^vooz. 
>) Im Verlaufe der Arbeit wird die Zeitschrift als Journal de Tr^TOUx 
zitiert. 



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tenr manqne k son devoir, qnand il se fie anx parties de Textrait 
d'ane cause." 

Wiederholt weisen die Journalisten in den ersten Jahr- 
gängen darauf hin, dafs sie sich nicht verbürgen fHr die 
Meinungen der besprochenen Autoren, und sie damit nicht zu 
den ihrigen machen.^) 

Mit allen (belehrten Europas wttnscht man Beziehungen 
anzuknüpfen und bittet um Beiträge in allen Sprachen und aus 
allen Wissensgebieten. „Un lectenr, k quelque ötude qu'il 
s'applique, trouvera de quoi s'occnper dans chaque tome de 
nos Mömoires."') 

Die Journalisten verpflichten sich zu strikter Neutralität 
in den wissenschaftlichen und literarischen Streitigkeiten, d. h. 
in jeder Frage überhaupt „exceptä quand il s'agira de la 
religion, des bonnes moeurs, de T^tat, en quoi il n'est jamais 
permis d'Stre neutre." Diese Neutralität blieb eine Utopie. 
Sie selbst kündigten 1712 das Ende dieses Verfahrens an oder 
suchten sich vielmehr zu rechtfertigen, dafs es nicht eingehalten 
worden war. ,Nous ne pouvons nous dispenser de m61er de 
la critiquedans nos extraits: agir autrement ce serait manquer 
k nos devoirs les plus essentiels; ce serait trahir les Lecteurs 
qui nous prennent pour guides dans la connaissance des livres, 
que de les laisser säduire par des titres imposants, que de leur 
cacher les öcueils oü ils donneront infailliblement . . . Nous 
mettons notre application k temp^rer une critique n6cessaire, 
par tout ce qui la peut rendre moins sensible aux Auteurs, 
nous joignons si souvent les louanges aux reproches, que nos 
^loges les plus sincöres en sont devenus suspects.'^) 

Berechtigt einerseits die feindliche Haltung des Jesuiten- 
ordens gegen den Cartesianismns überhaupt und gegen Male- 
branche speziell zu der Erwartung, dafs die Jesuiten die 
Gründung einer eigenen Zeitschrift als eine vnllkommene 
Gelegenheit ansehen werden, sie in den Dienst eines offenen 
Kampfes gegen die neue Philosophie zu stellen, so dürfen wir 



*) Journal de Tr^yonx 1712: Ayertlssement p. 5. 

«) Cf. u. a. 1701 janvier p. 116. 

*) Journal de Tr^voux 1708 janvier: Avertissement 

*) Joomal de Tr^vonx 1712 janvier: Ayertissement p. 3. 



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andererseits dabei den Weg nieht nnbertteksiehtigt lassen, den 
sie sieh als Journalisten Torgezeicbnet hatten. Er hat in der 
Tat, selbst in einer Periode der erbittertsten Angriffe gegen 
die nene Philosophie im Innern des Ordens, dem persönlichen 
Hals naeh anfsen hin die Richtung gegeben, umsonst suchen 
wir im Journal die Spuren eines grundsätzlichen und syste- 
matischen Kampfes. Nur einzelne Fragen werden diskutiert, 
oft wird die gegnerische Ansicht nur gelegentlich anderer 
Erörterungen nebenbei abgelehnt, und die einschlägigen Re- 
zensionen zeigen wiederholt auffallende Objektivität 

Durch diese Haltung der Jesuiten, die als Journalisten 
aus taktischen Gründen ihre wahre Gesinnung verschleiern, ist 
die Methode der vorliegenden Arbeit bedingt Es konnte sich 
nieht sowohl darum handeln, eine zusammenhängende Reihe 
von Angriffen nachzuweisen, die sieh vielleicht zu einer syste- 
matischen Widerlegung gestaltet hätten, als vielmehr darum, 
die Stellungnahme des Journals zu einzelnen Problemen zu 
charakterisieren, die durch den Cartesianismus in die allgemeine 
philosophische Diskussion der Zeit getragen worden waren. 
Nur einmal bietet das Journal eine eingehendere Widerlegung 
der Philosophie des P. Malebranche; sie ist zusammenhängend 
behandelt worden. 



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Kapitel L 

Es gehört znr Tradition der eartesianisehen Sehale, sobald 
die Untersnehnng bis znm reinen Denken gelangt ist, zuerst 
den Beweis für das Dasein Gottes aufzunehmen. Die Gottes- 
idee tritt zwischen dem Selbstbewofstsein nnd der objektiven 
Welt yermittelnd ein: aber es ist nicht die Idee Gottes als 
solche an and für sich, sondern die Idee Gottes in nns, worauf 
sich das ganze weitere System Deseartes' anfbaat. «Daraus, 
dafs ich existiere and dafs ich die Idee eines vollkommensten 
Wesens habe, folgt ganz einlenchtend, dafs Gott existiert' 
Neben diesem echt eartesianisehen Beweis der dritten Meditation 
steht dann in der fünften Meditation der altscholastische, onto- 
logische, den Anselm im Proslogium entwickelt hatte, nnd 
welchen Deseartes nur in der Modifikation des heiligen Thomas 
gekannt za haben scheint. Dens est suam esse: ans dem 
bloJGsen Begriff Gottes wird seine Existenz bewiesen. ^ Male- 
branche modifiziert den Beweis Deseartes' aaf Grandlage seiner 
Ideentheorie: Das unendlich vollkommene Wesen kann nur in 
sich selbst gesehen werden und nicht durch seine Idee, denn 
nichts Endliches kann das Unendliche repräsentieren. „Si donc 
on y pense, il faut qu'il seit" 2) 

Die Idee der Unendlichkeit und der cartesianische Beweis, 
der seine Kraft aus dieser einzigen Idee der Unendlichkeit 
herleitet, sind der grofse Zielpunkt aller Gegner der earte- 
sianisehen Philosophie gewesen. 3) ,0n se fait une märite dans 



Gf. Haber, Die cartesiBchen Beweise vom Dasein Gottes. 
*) Malebimche, Recherche IV eh. 2, eh. 11; VI part. II eh. 6; En- 
tretien mötaph. 2. Entretien mötaph. 8. 

') BouiUier, Bist, de la PhU. Cart^s. I p. 78. 



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8 

leg ^coles, d'attaqner les dömonstrations de Descartes*, be- 
richtet Bayle.O 

Die hervorragendste katholisch-theologisohe Zeitschrift, das 
Jonrnal de Trävoüx, scheint a priori die geeignetste Stelle za 
sein für eine derartige Polemik, nnd zwar nmsomehr als es 
das Organ des Jesuitenordens ist, dessen Vemonfttheologie 
stark empiristischen Charakter trägt, deren Mitglieder alles, 
was Gassendi gegen die Idee des Unendlichen ausgedacht 
hatte, wiederholten.2) Im ersten Heft des ersten Jahrgangs 
finden wir die «Verteidigung eines cartesianischen Gottes- 
beweises* von dem Benediktiner FranQois Lamy,') Schiller des 
P. Malebranche und ein Freund von Kontroversen nnd philo- 
sophischen Debatten/) Dieselbe war gegen einen Doktor der 
Sorbonne namens Brillon gerichtet, dessen Angriffe das Journal 
des Savants im Januar 1701 veröffentlicht hatte.^) £s handelte 
sich um den alten ontologischen Gottesbeweis, der im all- 
gemeinen am wenigsten angegriffen zu werden pflegte,*) der 
aber von Brillon in der Art, .wie die Schule ihn gebe'', ftlr 
einen Paralogismns und Sophismus erklärt worden war. 

Brillon stellt folgende hypothetische und absolute Be- 
hauptung des Beweises einander gegenüber, um ihren Wert zu 
beleuchten: 1. Ein Wesen, das alle erdenklichen Vollkommen- 
heiten hat, hat Existenz. — 2. Es existiert tatsächlich ein 
Wesen, welches alle erdenklichen Vollkommenheiten hat — 
Es folge augenscheinlich aus der Voraussetzung eines voll- 
kommensten Wesens, dafs es auch Existenz haben mttsse, da 
dieselbe die erste aller Vollkommenheiten sei; es folge aber 
keineswegs aus dieser letzten Tatsache, dafs nun in der Natur 
wirklich ein vollkommenstes Wesen existiere. Der Beweis vom 
Dasein Gottes klammere sich an die niemals und von niemandem 



Journal de Tr6voux 1705 jutn p. 921. 

«) Boaillier I p. 565, 558. 

") Journal de TrSvoux 1701, janv. f^vr. Lettre du Pore Lamy B6n6- 
dictin de la Congr^tion de Saint Maur k Mr. Tabb^ Brillon pour la defense 
d'une d^monstration cart^sienne de l'existence de Dieu. 

*) Oil6-Laprane II p. 179. Damiron II p. 597. 

>) Journal des Savants 1701 janv. p. 18. 

•) Damfron I p. 245. 



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9 

bezweifelte erste Behauptung und habe nichts mit der von allen 
Atheisten bestrittenen absolnten zn tun. 

Demgegenüber bemüht sich Lamy nnn klarzulegen, dafs 
Brillon von einer falschen Annahme ausgehe, weil Descartes 
die Existenz aus der Notwendigkeit, der Unveränderlichkeit, 
der Allgemeinheit und Unendlichkeit der Gottesidee erschlossen 
habe und sie nicht als die Basis aller Vollkommenheiten zu 
Gott hinzufingiere. Seine eingehende Widerlegung gibt er im 
engen Anschlufs an die fünfte Meditation und die Einwendungen 
der Gegner und Antworten Descartes'.^) Folgende Wiedergabe 
des cartesianischen Beweises schickt er voran: „Ce que Ton 
conQoit clairement Stre enfermö dans Tidäe claire, distincte, 
simple, naturelle, nöcessaire et immuable de quelque chose 
peut gtre avec v6rit6 et süret6 attribu6 k cette chose. Or on 
eon^oit clairement que Texistence n^cessaire et äternelle est 
renfermäe dans Fidöe de Dieu et cette id6e est claire, distincte, 
simple, naturelle, näcessaire et immuable. On peut donc avec 
sftretS et veritö attribuer k Dieu Texistence nöcessaire et 6ter- 
nelle, on peut sans crainte de se tromper assurer quHl existe 
de toute 6ternit6. — Was die Einwendungen Brillons im 
einzelnen angehe, so sei der hypothetische Satz in diesem 
Beweis überhaupt nicht enthalten. Um die absolute Be- 
hauptung zu beweisen (nämlich, dafs die Existenz in der Idee 
eingeschlossen liegt), habe er sich der Idee des unendlich voll- 
kommenen Wesens bedient, welche die ganze Welt mit dem 
Wort «Gott* verbinde, und in welcher die Existenz ein- 
geschlossen liege. „Elle marque ce que renferme sa nature 
sons cette pr6cision et en taut seulement que con^ue par Fesprit.'' 
Eäne petitio principii sei damit ausgeschlossen. Auch könne 
man alle erdenklichen Vollkommenheiten in der Idee Gottes 
nicht mehr für eine yrillkttrliche Annahme halten, sobald er- 
wiesen sei, dafs wir keine andere Gottesidee haben als die 
eines unendlich vollkommenen Wesens. 

Lamy beruft sich dabei auf Descartes, der diese sich selbst 



1) Cf. M6dtt. V; Raisons qui proavent rexistence de Dien dispoBÖes 
d'une fa^on g^om^trique. Ed. Cousin I p. 309, 460. Objection XIV sur 
la V« M6dit. p. 498 u. a. 



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10 

gemachte Einwendung ebenso abgelehnt habe,^) nnd venreist 
naehdrttcklieh auf die Lehre von den eingeborenen Ideen, 
deren erste nnd hauptsächlichste die Idee von Gott sei, in 
welcher man nicht den geringsten Zug einer willkttrliehen 
Vermutung aufweiBcn könne: „Simple, indivisible, pleine et 
parfaite eile se präsente d'elle-m6me toute formöe k Tesprit 
Durch eine eingehende Parallele zwischen der Idee eines voll- 
kommensten Körpers 2) (id6e forg6e k plaisir) und der Idee 
eines unendlich vollkommenen Wesens (Image d'une vraie et 
immuable nature) wird die Kluft zwischen solchen Fiktionen 
des Geistes und einer eingeborenen Idee scharf beleuchtet nnd 
klargelegt. Mein Denken legt den Dingen keine Notwendigkeit 
auf. Ich kann mir ein Flülgelpferd denken, obwohl kern Pferd 
Flttgel hat Aber die Notwendigkeit liegt hier in der Sache 
selbst: Es ist die Notwendigkeit in der Existenz Gottes, welche 
uns zwingt, diesen Gedanken zu haben. Denn keineswegs 
steht es mir frei, Gott ohne Existenz, d. h. das höchst voll- 
kommene Wesen ohne die höchste Vollkommenheit zu denken, 
wie ich z. B. ein Pferd mit oder ohne Flttgel fingieren kann. 
Im Begriff des beschränkten Seins liegt nur die mögliche oder 
zufällige Existenz, die notwendige und vollkommene aber im 
Begriff des höchsten Wesens. „Die Kraft dieses Argumentes 
beruht demnach nicht auf dem allgemeinen Wesen der Idee, 
sondern auf der besonderen Eigenschaft der Gottesidee, in der 
die Notwendigkeit der Existenz liegL^ 

Rtthmend hebt das Journal bei der Rezension der .Premiers 
öläments des sciences'" von Lamy hervor, dafs er in dem 4. Ein- 
tretien den ersten Beweis vom Dasein Gottes auf die Existenz 
der Seele und die der anderen endlichen, nicht aus sich 
selbst existierenden Wesen gegründet habe, um dann erst zum 
cartesianischen zu greifen: „Ceux qui n'ont pas encore rcfu tous 
les principes de la philosophie de Mr. Descartes sauront hon 
grö au P. Lamy de ne s'6tre point bom6 k cette seconde dömon- 
stration, comme fönt maintenant plusieurs Cartösiens, mais de 
s'etre encore appliqu6 k d^velopper la premiöre qui parait k bien 
des gens incomparablement plus solide que Tautre.''') 

Cf. M6dit V. 

*) Cf. Descartes, R6p. aux premieres objectioDS. 

") Journal de Tr^voux 1707 janv. p. 43. 



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n 

Eine bedeutendere Persönlichkeit als der widerlegte Doktor 
der Sorbonne antwortet im Journal anf die Darlegungen Lamys. 
Die Journalisten hatten ihre besonderen Absichten mit Leibniz 
und Übersandten ihm gleich die ersten Nummern ihrer Zeit- 
schrift, i) Mit seinem Dank schickte Leibniz einige Reflexionen 
über zwei ihrer Artikel, in welchen er vor allem Bezug nahm 
auf den cartesianischen Gottesbeweis. «Pour faire plaisir aux 
sayants" und weil ,,tout ce qui sort de sa plume est si digne 
de paraitre'^ wurden dieselben im Oktoberheft gedruckt 2) 
Leibniz, der darauf hinweist, dals er bereits an anderen Stellen 
darüber gesprochen,') nimmt eine mittlere Stellung ein, indem 
er den Beweis zwar nicht für einen Paralogismus, aber für 
unvollkommen erklärt. Aus der cartesianischen Deduktion gehe 
nur soviel hervor, dals Gott notwendig existiert, wenn man an- 
nimmt, dafs er möglich ist. Diese Möglichkeit sei aber bei 
Descartes eine stillschweigende Voraussetzung und der Beweis 
enthalte nur insofern eine Wahrscheinlichkeit, als jedes Wesen 
für möglich gehalten werden müsse, bis seine Unmöglichkeit 
bewiesen sei. Eine einfachere Form des Arguments glaubt 
Leibniz zu gewinnen, wenn er statt vom ens perfectissimum 
einfach vom ens a se aus schliefse. „II est ais6'' sagt er, „de 
condure de cette döfinition, qu'un tel £tre, s'il est possible, existe.^ 
Nun fallen Wesenheit und Möglichkeit einer Sache zusammen, 
so dafs durch seine Wesenheit existieren durch seine Möglich* 
keit existieren heifsi Und wenn das ens a se noch näher 
bestimmt würde als das Wesen, das existieren mufs, weil es 
möglich ist, so würde sich offenbar alles, was man gegen die 
Existenz eines solchen Wesens vorbringen könnte, auf die Ver- 
neinung seiner Möglichkeit beschränken. Das ens a se und das 
notwendige Wesen sind aber nur ein und dasselbe. Wenn also 
das ens a se unmöglich ist, so sind es die £tres par autrui 
ebenfalls, da sie nur durch das ens a se sind. Es könnte also 
überhaupt nichts existieren. 

Hatte sich Lamy darauf berufen, dafs sich selbst die Schul- 
philosophie trotz ihrer Vorurteile gegen alles, was von Descartes 



Pichler I p. 488 ff.; Leibnizens Benrteilung der Jesuiten. 
«) Journal de Tr^voux 1701 oct. p. 200. 
•) Cf. ed. Erdm&nn, Leipzig 1840 p. 177. 



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12 

herrühre, von dieser DemooBtration habe einnehmen lassen, so 
verweist Leibniz nachdrtteklieh und zustimmend auf die Fofs- 
note, dnreh welche die Redaktion die obige Stelle ergänzt hatte: 
„On ne convient pas qae tonte ll^eole alt adoptö cette dämon- 
stration qm a 6t€ rejet6 par Saint Thomas. 

Das Leibnizsehe Argument yeranlafst im Juni 1702 einen 
ungenannten Verfasser — es ist der Jesuit und Redakteur 
Toumemine*) — seinen „nur methodisch" von dem des 
«grofsen Mannes" abweichenden Beweis zu entwickeln. Er 
will ihn bereits vor neun Jahren in der Philosophie gelehrt 
haben. 3) „Je suis heureux de m'gtre renconträ avec lui, et je 
regarde conime une marque certaine de la justesse de mes 
pensöes le rapport qu'elles ont avec les pensöes de ce grand 
homme." Wie Leibniz will auch Tournemine nicht eher aus 
der Gottesidee einen Schlufs ziehen, bevor er nicht ihrer 
Realität sicher ist, das heifst, nachgewiesen hat, dafs sie 
keinen Widerspruch enthält. Denn alles, was keinen Wider- 
spruch enthält, ist möglich, das heifst: denkbar nach der nega- 
tiven Form des ersten Denkgesetzes, dem principium contra- 
dictionis. Von diesem Prinzip der Möglichkeit aus wird^ nun 
die Bezeichnung «etre entiörement parfait*' geprüft und Über- 
einstimmung und Beziehung nachgewiesen 1. zwischen der 
Vollkommenheit und dem Sein, 2. zwischen der Vollkommenheit 
und ihrer Unbegrenztheit 1. Die Vollkommenheit setzt das 
Sein voraus und kann nicht ohne dasselbe bestehen. Das Sein 
schliefst notwendige einige Grade von Vollkommenheit ein. 
Die Vollkommenheit ist nichts als der Ausschlufs des Nicht- 
seins und die unendliche Vollkommenheit die Erfüllung, sozu- 
sagen die letzte Ausdehnung des Seins. 2. Die Vollkommenheit 
schliefst die Einschränkung aus, denn Einschränkung ist Un- 
voUkommenheit. Damit ist die Evidenz der Möglichkeit des £tre 
entiärement parfait gewonnen, und Tournemine schliefst aus 
der Möglichkeit unmittelbar auf die Wirklichkeit: „II est ävident 
que r£tre entiörement parfait est possible: il serait impossible, sll 
n'existait pas actuellement: donc il existe actuellement" Sollte 



1) Jounial de Tr6voux 1701 janv. i^vt. p. 188. 

>) Gf Sommervogel Table I p. 25. 

>) Journal de Tr6youx 1702, juillet p. 108. 



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13 

ein Atheist bezüglich der zweiten Behauptung noch Schwierig- 
keiten machen, so würde er durch ein Zurückgreifen auf die 
vorher gewonnene Bedentang des «entiörement parfait* leicht 
ad absurdum geführt. 

Diese Modifikation des ontologischen Argumentes findet noch 
im Jahre 1742 an gleicher Stelle eine verspätete Ablehnung, i) 
Wenn es sieh um ein Wesen handle, das von keinem anderen 
seine Existenz empfangen könne, also um das unendlich voll- 
kommene Wesen, so gelinge es nicht, seine Möglichkeit einfach 
aus dem Satz des Widerspruchs zu beweisen, man müsse viel- 
mehr noch einen Beweis seiner tatsächlichen und ewigen Existenz 
geben. „L'fitre infiniment parfait n'est plus possible, nonobstant 
la eonvenance des termes, s'il n^existe actuellement, et s'il n'a 
toujours existä.^ Die Möglichkeit sei, wenn es sich um das 
unendlich vollkommene Wesen handle, von der ewigen Existenz 
selbst untrennbar und könne nur in engster Verbindung mit 
ihr bewiesen werden. Da nun in dem Beweis Toumemines 
die Möglichkeit Gottes von seiner Existenz abhinge und doch 
getrennt von der Existenz betrachtet worden sei, so wäre sie 
nicht gründlich bewiesen worden. 

Von weit gröfserem Interesse ist es, dafs derselbe Verfasser 
in einem vorangehenden Artikel den Beweis nach ausführlicher 
Widerlegung auf dem Boden der Malebrancheschen Philosophie 
neu begründet und ihn wie sein grofser Meister ,den einfachsten, 
klarsten und gründlichsten aller metaphysischen Begriffe" nennt: 
Der Beweis der Existenz aus der Idee Gottes ist nur begründet, 
wenn man mit dem Philosophen der Ideentheorie anerkennt, 
dafs wir das Unendliche nur in dem Unendlichen selbst wahr- 
nehmen, da nichts Endliches das Unendliche repräsentieren 
kann. Nach diesem Prinzip heilst die Idee von Gott oder dem 
Unendlichen haben), Gott selbst, das Unendliche selbst erkennen. 
„Donc si Ton pense ä Dien, il faut qu'il soit''^) einerseits kann 
das Nichts nicht wahrgenommen, andrerseits nichts Endliches das 
Unendliche repräsentieren. „Si j'aper^ois Dieu, Dieu existe."^) 
Der ungenannte Malebranchist sieht keine andere Rettung für 



1) Journal de Trövouz oct. 1742 p. 1745. 

«) Rech. V p.IV eh. 11 u.a. 

') Cf. Entret m^Uph. II, 2, 3, 4, 5. Rech. III pari. II eh. 7; IV eh. 11. 



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14 

den cartesianischen Beweis: „Poar d^fendre la dömonstration 
prise de Tidöe et rösoadre robjection, e'est done ane Döcessitä 
de sontenir avec le P. Malebranehe, ee qae je erois ineontestable- 
ment vrai et qni paraitra tel k tont esprit non pr^yena qne doob 
ne poQYOos apereevoir Tlnfini qne dans rinfini mgme." Die 
Redaktion schlierst diese AnsfUhrnngen, die man an solcher 
Stelle nicht ohne Verwnndem liest, mit einer yorsichtigen Be- 
merkung: „Cet äelaircissement qni poi-te snr nn principe jnste- 
ment contestö ne conyaincra sürement pas tons les Philosophes.^ 

Vergeblich snchen wir in diesen Yeröffentlichnngen der 
Memoiren eine stärkere persönliche Note, die uns den wahren 
Geist der jesaitischen Philosophie yerraten könnte, welche 
die cartesianischen Gottesbeweise fttr „Paralogismen*" nnd 
„Chimären* hielt nnd sich nnr durch die natürlichen Beweise 
Yon der Existenz Gottes befriedigt fühlte, i) Der Jesuit Toume- 
mine yerteidigt den ontologischen Beweis und bekennt sich 
(1703) zu den eingeborenen Ideen des Selbstbewnfstseins, der 
Vollkommenheit und der Idee von Gott, wobei er sich natürlich 
auf die Kirchenväter beruft und gegen die Cartesianer erklärt, 
dafs sie dieselben schlecht bewiesen hätten. 3) An weniger auf- 
fallender Stelle als in einem einschlägigen Separatartikel wird 
gelegentlich auch in dieser Frage die tatsächliche Lehre der 
Jesuiten greifbar. In der Besprechung eines cartesianisch 
inspirierten Buches^) erklärt der Referent: „Pour la dämon- 
stration qne TAuteur 6tablit snr ses pr6tendues idäes innres, 
de fort bons Philosophes ont jugä que plus on se consulte soi- 
mgme et moins on la trouve solide.^ Aus der Natur gewinne 
man allein ,un detail qui contente et qui persuade.' 

Das wird yon dem Jesuiten rein nach Gassendi mit der 
sukzessiyen Bildung dieser Ideen bewiesen.^) Da unser Geist 
das Vermögen hat zu erkennen und über seine Gedanken za 
reflektieren, yon wo dieselben auch immer kommen mögen und 



Cf. Joamal de Tr^youx 1705 II p. 919, 1706 U p. 776 folgende 
Vertetdignng gegen Bayle: le consentement des peuples k reconnaitre un 
Dieu est une preuve certaine qu'il y a un Dieu. — Cf. J. d. Tr. 1714 11 
p. 244; 1712 f^vr. p. 238. 

») Ibid. 1708 m p. 1074. 

•) Ibid. 1702 IV p. 3. 

4) Of. Descartes ed. Cousin p. 400 Secondes ofajections. 



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15 

sei es ans den nnyoUkommensten Dingen, so ist es evident, 
dafs er sieh dnrch Abstraktion reine Ideen von Vollkommenheit 
bilden nnd bis znm Unendlichen vermehren kann, indem er die 
Grade multipliziert nnd summiert Anf diese Weise könne er 
sich wenigstens eine dunkle Idee des unendlich vollkommenen 
Wesens selbst machen. Man könne sich genau so die Idee 
eines vollkommenen Körpers bilden, ohne dals derselbe wirk- 
lich existiere. Nicht anders sei es mit der Ewigkeit 



Kapitel IL 



Im Jahre 1708 verlieren die Jesuiten im Eifer fllr die 
Nationalreligion Chinas, die sie vom Verdacht des Atheismus 
reinigen zu müssen glauben, und weil sie seit dem noch un- 
vergessenen und weltbertthmten Streit über ihre Missionstätigkeit 
in China 1) in jeder einschlägigen Frage eine tendenziöse Ab- 
sicht vermuteten auch als Joumalisten ihre scheinbare Objek- 
tivität und die auffallende Zurückhaltung, welche sie sich in 
ihrer Zeitschrift gegen die cartesianische Philosophie im all- 
gemeinen und gegen Malebranche im besonderen bis jetzt 
auferlegt hatten. Zugleich verwickeln sie sich dabei in eine 
eingehendere Kritik gewisser Lehren des neuen Philosophen, 
welchen sie im Innern ihres Ordens mit fanatischem Hafs 
bekämpften. Das Juliheft des genannten Jahres^) brachte 
einen Auszug aus der soeben erschienenen Schrift von Male 
branche: Entretien d'un Philosophe Chrätien et d'un Philosophe 
Chinois sur Fexistence et la nature de Dieu. Im Anschlnfs 
daran wurden der Gottesbeweis, die Definitionen Gottes, die 
Vision en Dieu und die Lehre von der Vorsehung mit mehr 
Heftigkeit als vnssenschaftlichem Ernst und Verständnis ober- 
flächlich besprochen und abgelehnt 

Mit Nachdruck wird Gott als determiniertes Wesen, un tel 
£tre, un £tre particulier, dem £tre universel, dem £tre der 



>) Cf. Andr^ p. 319; Charma et Mancel p. 60 Anm. 3. 
') Journal de Tr^yonx 1708 III p. 1134ff. 



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16 

Malebranchesehen Gk>tteBlehre schlechthin entgegengestellt Der 
Rezensent zitiert bewnist nngenan. In folgender Bestiminnng 
des unendlichen Wesens: II renferme en lm-m6nie d'une mani^re 
incompröhensibie k tont esprit fini {toutes les perfedians)^ tont 
ee qn'il y a de räalitä vöritable dans tons les Stres et cr^ös et 
possibles, läfst er (toutes les perfectians) fort, nm über das 
Wort Realität streiten nnd einen leichten Verdacht von Spino- 
zismns anfwerfen zn können. Das ist nmso anffäUigerf als 
dann mit dem Anschein von Objektivität nnd Gerechtigkeit 
die vergessenen Worte als eine Folgerung des Kritikers 
gegeben werden, was den Charakter ihrer unbedingten Not- 
wendigkeit untergräbt :i) ,,Mai8 il faut croire que le mot de 
r6alit6 est ici mis ponr celui de perfection; eomme il 7 a liea 
de rinf6rer de ce que dit Tauteur, que les 6tres cr66s ne sont 
pas des parties de Dien, mais des imitations de son essence 
seulement'' Die Gefährlichkeit dieser Gottesbezeiehnungen wird 
stark betont; sie seien doppelt zu vermeiden in einer Zeit, „oü 
Timpie systöme de Spinoza fait de secrets ravages."^) 

Die Solidität des Beweises: Je pense k Tlnfini, donc il est, 
wird in Frage gestellt Wenn es nur ein Unendliches sei, das 
in sich die Realität einer Unendlichkeit von Dingen nmfasse, 
welche unser Geist erkennt, so wäre fttr die Existenz Gottes 
nicht viel gewonnen; man mttsse also sagen, dals wir das 
Unendliche in allen Vollkommenheiten erkennen und infolge- 
dessen «unendlich in der Existenz' und durch eben diese 
Unendlichkeit unterschieden von allem Übrigen. Er wird mit 
dem Hinweis auf die Behauptung des P. Malebranche bekämpft, 
die Perzeption des Unendlichen sei die schwächste aller Wahr- 
nehmungen, „infiniment lagere, parce qu'elle est infinie." ') Der 
Zusatz, dafs wir über die Existenz oder den Grad von Realität 
der Dinge nicht urteilen dürfen nach dem gröfseren oder 
kleineren Eindruck derselben auf un?,^) wird vergessen. 

Für die Ideentheorie ^) hat der Referent neben ober- 
flächlichen und ungenügend ausführlichen Bemerkungen den 



^) Die angefochtenen Stellen der jesuitischen Kritik beruhen auf 
Malebranches Erwiderung: Avis touchant TEntretien. Cf. p. 18, 19 dieser 
Arbeit. 

«) Cf. p. 19 f. dieser Arbeit «) Cf. ibid. 

*) Rech. lY eh. 11. *) Cf. p. 20 dieser Arbeit 



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17 

leichten und wegwerfenden Spott, dem man in der Kritik der 
Jesuiten wiederholt begegnet: ,,Un sage lectenr qai ne tronve 
point en lai de telles Inmiöres plas ötendaes qae eelles de la 
b^atitude, se r^dnira k se dire k lui-m6me, qa'il n'est pas 
toujonrs d'an bon esprit de comprendre tout antenr.^ Und so 
wird er getrost gestehen, nicht in solche M^^sterien eingeweiht 
zn sein, wie etwa die Trennung von Idee und Vorstellung, von 
der Idee als Substanz Gottes, der Realität der Dinge in Gott, 
der Substanz Gottes, welche den Geist des Menschen af&ziere. 

Das «Schauen in Gott*, die Vision en Dieu,^) wird so 
dargestellt, als hätte Malebranche behauptet, dafs wir die 
Substanz Gottes absolut und nicht nur relativ d. h. in ihrer 
Beziehung zu den geschaffenen und möglichen Wesen sehen. ^) 

Es wird femer ein leiser Zweifel aufgeworfen, ob in der 
Meinung des P. Malebranche die göttliche Substanz ihre eigene 
Realität habe und somit ynrklich von der «Vereinigung aller 
Wesen' verschieden sei. 

Die Auffassung von der göttlichen Vorsehung') stehe im 
Gegensatz zu dem «bon sens* und der Religion, die ihren 
Ausdruck in der Lehre der Kirchenväter gefunden hätten: Die 
Welt mit ihren vermeintlichen Fehlern ist vollkommen, sie trägt 
die Züge einer unendlichen Weisheit und Macht, denn sonst 
hätte Gott in seiner Weisheit eine andere vollkommenere Welt 
geschaffen: „Si Ton fait attention que des principes ne sont 
appeläs simples ou compos^s que par rapport k ce qui en doit 
r^snlter, on comprendra aisöment qu'il eüt 6t6 de la mSme 
Sagesse, de mettre en OBuvre d'autres principes pour former un 
autre monde, et plus de principes pour un monde plus parfait.^ ^) 
Die «Unbequemlichkeiten* haben einen erzieherischen Wert, 
überdies weifs Gott Gutes zu gewinnen aus dem, was wir für 

») Rech. 1. m p. II eh. 6. 

*) Cf. a. a. Vons ne la voyez que selon le rapport qu'elle a aux 
cr^atares materielles, que selon qu'elle est participable par elles, ou qu'elle 
en est repräsentative. Et par consSquent ce n'est point Dien, k proprement 
parier, que vons voyez mais seulement la matiöre quMl peut produire . . . 
Entret. U. 

') Cf. Einwendungen und Entgegnungen zn dem Entret. IL 

*) Cf. Entret. IX, 12. Dieu ne forme point aveuglöment ses desseins 
Sans les comparer avec les moyens. li est sage dans la formation de ses 
d^creta aussi bien que dans leur ex6cntion. 

FUloMphüehe Abhandlangen. XLIH. 2 



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18 

ein Uebel halten. Malebranche hatte nicht gezögert, «gegen 
den eigentlichen Gttist des Christentams die Gleichförmigkeit, 
Beständigkeit und Einfachheit des Wirkens Gottes höher za 
stellen als dessen GUte.*^ Seine Weisheit verlangt einfache, 
nniverselle, unveränderliche mechanische Gesetze. Einmal ent- 
schlossen zn schaffen, hätte Gott, ohne die Ordnnng zn verletzen, 
d. h. ohne anfznhören Gott za sein, keine anderen Kombinationen 
nnd Wege wählen, kurz, kein anderes Werk machen können.') 
Er hat anch die wirklichen Mängel in der Welt nicht vermeiden 
können, „& cause qu'ils sont nne suite naturelle de ses lois.'' ') 
Dafs schon diese ganze Art der verstandesmäfsigen Erklärung 
der Vorsehung den Jesuiten zuwiderlief, sehen wir gelegentlich 
in einer Kritik: „Ge serait une prösomption insupportable et nne 
extreme folie de eroire que Tesprit humain puisse p^nitrer tous 
les ressorts de la Providence et toutes les raisons que Dieu 
a de faire ou de permettre les choses."^) 

Die ruhige Darlegung seines Systems, welche der Chinese 
in der Malebrancheschen Schrift gleich zu Anfang des Dialogs 
gibt, stellt der Journalist an das Ende seiner Ausführungen, 
um folgendes bemerken zu können: „Au reste le Philosophe 
Ghinois, moins par le gönie propre de sa nation que par Fad- 
miration de tant de subtilitäs, no se rend point contentieux. 

Diese Kritik der Jesuiten erregte in allen Kreisen, nament- 
lich aber unter den Cartesianem, lebhaftes Aufsehen nnd starkes 
Mifsfallen. ^) Malebranche sah sich zu einer Erwiderung 
gezwungen. Im Journal selbst können wir seine Gründe dafür 
lesen: „Car il täche, ce semble, de faire nattre des soupfons, snr 
lesquels il n'est pas permis de se taire; vn prineipalement la 
qualitö des Auteurs et la multiplicitö des exemplaires de leurs 
Mömoires qui se röpandent partout et qui passeront au temps 
k venir."«) 



^) Novaro p. 82. 

') Gf. Malebranche, Entret IX,9; X, 10—13; M6d. chr6t VH; £cfauzc 
1, II, m. 

>) Entret IX; cf. ^dairo. XV, preave IV. 

«) Journal de Tr^voox 1706 mai p. 728. 

») Cf. Andr6, Vie de Haiebranche p. 322. 

") Ay\B tonchant FEntretien d'nn Philosophe Ghrtden avec nn Philo- 
sophe Ghinois par le P. Malebranche. Journal de Tr^youz 1708 d6c. p. 1979. 



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19 

Dieselbe wurde überall sehr günstig aufgenommen, umso- 
mehr, da Malebranche die besondere Gelegenheit erzählte, 
welcher die Schrift ihr Entstehen yerdankte: sie war auf 
dringenden Wunsch und wiederholte Bitten eines mit der Philo- 
sophie und Religion Chinas vertrauten Batgebers (Mr. de Lyonne, 
Bischof von Bosalie)0 zu dem Zweck gesehrieben, den Missio- 
naren und selbst den Jesuiten zu nützen; um so mehr, da er 
erfahren hatte, dafs die Chinesen seiner Lehre sehr günstig 
gegenüberstanden und ein Missionar des Jesuitenordens gebeten 
hatte, Philosophen zu schicken, welche in der Mathematik und 
den Werken des P. Malebranche unterrichtet seien.^) Diese 
Erklärung ist im Journal de Trövoux selbst zu lesen, denn im 
Dezember sahen sich die Journalisten gezwungen, Malebranche 
die verlangte Genugtuung einer Veröffentliehung seines „Avis'' 
gegen ihre „ungerechte Rezension^ und die ^grausamen Ver- 
dächtigungen" wenigstens zum Teil zu gewähren. Sie liefsen 
sich zu einem Auszug aus demselben herbei. 3) Da die Ein- 
wendungen der Übersicht wegen in allem Wesentlichen bereits 
in die erste Kritik eiugefiochten worden sind,^) wende ich 
mich sofort zu den anschließenden „Röflexions sur les Avis 
pricödents du R. P. Malebranche." 

Der Journalist rüstet diesmal zu einer eingehenden Kritik, 
die er mit den höflichsten Versicherungen seiner aufrichtigen 
Achtung für die „Tugend* und „den seltenen und bedeutenden 
Geist des P. Malebranche" einleitet Trotzdem ist der Ton oft 
schärfer, sind die Vorwürfe und Widerlegungen deutlicher formu- 
liert als in dem ersten Auszug, und wenn er die Ideentheorie 
jetzt ein „geistreiches System" nennt, so ist das eine Vorsicht, 
welche bei dieser Gelegenheit ratsam erscheinen mochte. 

Um die Malebranscheschen Definitionen von Gott anzu- 
greifen,^) ist dem Jesuiten der gröfste Feind seines Ordens, der 
Jansenist Amanld, als Stütze willkommen genug. Das ist um 
so bedenklicher, als wir noch im Juliheft 1705 folgendes lesen 
können: „Le P. Malebranche d^montre en effet, que l'Auteur du 

1) Cf. Andr6 p. 308 Anm. II Joarnal de Trövoux 1708 d^. p. 1978. 

>) Andr^ p. 805. 

•) Journal de Trövonx 1708 d6c. 1977—2009. 

*) Cf. p. 16 Anm. 1 dieser Arbeit. 

Cf. p. 15 f. dieser Arbeit 

2* 



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20 

Livre des vraies et des fansses idöes n'a pas eu un vnu d^sir 
de bien prendre les sentimentB de son adversaire, et qu'il a 
employä des artifiees pour tromper le monde.^^) 

Der gefährliche Ausdrack «Gott sehliefst in sich selbst die 
Bealität oder Vollkommenheit aller Dinge ein^, sei dem P. Male- 
branehe noch nicht einmal entschlttpft gewesen, als er sich 
bereits den schrecklichen Vorwarf zugezogen habe, „d'admettre 
Dien corporel''.^) Er sei trotzdem nicht yorsichtiger geworden, 
obschon er gezwangen gewesen sei, einzagestehen, daf s folgende 
Bezeiehnnngen wohl dunkel erscheinen könnten: Dien renferme 
en soi Tötendae intelligible. Dien est an et toutes choses. Um 
nicht „verhafste Namen^ wie den Spinozas za nennen, weist 
die Kritik auf die Parallele za Plotin») and die Worte des 
Plinias, die Welt betreffend, hin: „Sacer est, aetemas, immensos, 
totas in toto immo vero ipse totnm."^) 

Wie hier Amaald, so wird bei den Gottesbeweisen ^) der 
sonst ebenfalls verbalste Descartes gegen Haiebranche aas- 
gespielt Descartes habe den Beweis von der Existenz Gottes 
aaf die eingeborene Idee von Gott anter ausdrücklicher Be* 
merkung gegründet, dafs diese Idee von einem jeden bei 
vorausgesetzter Aufmerksamkeit lebhaft wahrzunehmen sei, 
während Malebranche den Beweis auf die schwächste aller 
Perzeptionen stelle. Wenn aber klare und deutliche Begriffe 
die Basis und Sicherheit der Wahrheit seien, so könne man 
sich nichts versprechen von einer „perception trös 16göre, teile 
quMl semble que qaand on y pense, on ne pense k rien.^ Der 
Zusatz, es sei gegen die Vernunft zu denken, dafs das Unend- 
liche weniger Bealität habe als das Endliche, könne ohne weiteres 
zugegeben werden. 

Bedeutend aggressiver als die ersten oberflächlichen und 
spöttischen Bemerkungen zu der Ideentheorie'') ist die eingehende 

Journal de Tr6vonx 1705 JuilL p. 1144; cf. p. 26 dieiier Arbeit 

') Des vraies et des fausses idöes chap. 14. Defense de Mr. Arnaold 
contre la Röponse 4 ce Livre. 

•) Plotinas, Enneades V 1. 1 eh. 1, 3; 1. III eh. V; 1. V eh. DL 

4) Plinios, Bist nat 1. II eh. 1. 

>) Cf. p. 16 dieser Arbeit 

•) Cf. Journal de Tr6voux 170S IV p. 2003: II se met par tont aossi 
loin de M. Descartes que des Saints Pöres. 

') Cf. p. 16f. dieser Arbeit. 



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21 

BesprechoDg derselben in der S. Reflexion. Sie hat niehts 
von dem immerhin yorsichtigen Ton der übrigen, vielleicht weil 
sich der Verfasser im Schatten des grofsen Arnanld fühlte, denn 
er gibt im wesentlichen nur einen Anszng ans dem Livre des 
vraies et des fansses idäes.^) Andri nennt sie mit Recht «un 
rechanffä des objections de Hr. Arnanld.'^) Darüber tänscht auch 
folgende Bemerkung nicht hinweg: ,,11 faudrait sur ce sujet un 
livre, mais diffärent de celui des vraies et des fausses id^es 
ponr le raisonnement et surtout pour le style.^ 

Der Vision en Dien werden 1. Dunkelheit, 2. Paradoxie 
und 3. Paralogismen vorgeworfen. 

1. Die „geheimnisvollen* Redewendungen werden zitiert 
aus der «R^ponse aux livres des vraies et des fausses id^es, 
Ghap. XIII: ,Je connais dans l'Esprit archätype, sur lequel j'ai 
6i& forma, en qui je suis lumiöre; sans la vue de cet esprit 
intelligible on ne peut savoir qu'on soit capable d'avoir le goüt 
d'nn melon; esprit intelligible, ätendne intelligible, monde in- 
telligible; Dien touche Täme par ses r^alitäs/ 

2. Folgende Lehren stellt die Kritik als paradox zusammen: 
Unsere Erkenntnisse können keine Modifikationen unserer Seele 
sein,') weil daraus folgen würde, dafs unsere Seelen zum Teil 
für etwas anderes als für Gott geschaffen sind, dafs die Wahr- 
heit nicht bestehen kann, dafs Gott nicht unser Licht ist, dafs 
Wissenschaft und Moral sich verwischen und absolut untergehen . 
müssen.^) Unsere Seele kann nur das erkennen, was sie wirk- 
lich affiziert: sie erkennt sich nicht selbst, sie hat nur ein 
dunkles Gefühl von sich und ihrer eigenen Existenz.^) „Die 
Existenz der Welt erkennt man nur aus der Offenbarung und 



Cf. 0116-Laprane II p. 7ff.: Arnauld et la critique de la throne des 
id^es; Bouillier II eh. 6, 7. 

>) Andr^ p. 330. 

*} Gf. Rech. 1. III p. II eh. 7. Les id6es qai nons repr6sentent qael- 
que chose hors de neos ne sont point des modifications de notre äme. 
Cf. ibid. IV eh. 11. 

4) Cf. Rech. 1. III p. II eh. 1—6; Eclairciss. X; Entret. mdtaph. V, 4. 

^) Die Jesuiten stimmten mit Malebranche gegen Descartes gerade 
darin überein, dafe wir keine klare Idee von der Natur unserer Seele 
haben, betonten aber im Gegensatz dazu, dals wir eine noch dunklere Idee 
von der Substanz der Eürper haben. Cf. Journal de Tr^voux 1707 janv. 
p. 45. 



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22 

folglich ans dem Glanben.'^) Damit seien alle Ungläabigen 
Yöliiger UDgewifsheit über die Existenz der Welt anheimgegeben. 

3. An Paralogismen scheint ebenfalls kein Mangel in dem 
System zn herrschen. Der Journalist bezieht sich auf die 
Einwendungen von Rigis.^) Unsere Seele ist unfähig eine 
unendliche Modifikation zu empfangen, sie empfängt aueh keine 
allgemeinen:') also ist die Erkenntnis des Unendlichen (= infini 
en perfection) und sind die allgemeinen Begriffe keineswegs 
Modifikationen unserer Seele. Die Ausdehnung ist nieht in 
unserer Seele: sie kann also auch nicht durch eine Modifikation 
unserer Seele erkannt werden.^) 

Darauf wird die Ideentheorie von yerschiedenen Gesichts- 
punkten aus positiv bekämpft und zwar erstens von Seiten der 
Dinge, zweitens der Begriffe, drittens des Geistes, viertens von 
Seiten Gottes. 

1. Die Jesuiten haben überall festgehalten, dals wir die 
Objekte, welche unsere Sinnesorgane affizieren, ganz unmittelbar 
empfinden. Der Journalist hält in demselben Geist gegen 
Malebranche das Prinzip fest: Kein Mittelglied zwischen dem 
Geist und dem Objekt 1 Sein und Erkennbarsein ist ein und 
dasselbe. „Alle objektive Wahrheit kann sich dem Geist als 
unmittelbares und formelles Objekt seiner Erkenntnis darbieten. 
Alle Dinge haben ihre objektive Wahrheit; also können sie 
das unmittelbare Objekt meiner Erkenntnis werden.^ Es gibt 
keine andere intelligible Welt als die Welt selbst 

2. Malebranche unterscheidet Erkenntnis und Empfindung. 
Die erstere geht auf das Objekt und ist keine Modifikation 
unserer Seele, die letztere bezieht sich auf unseren Geist und 
ist eine Modifikation desselben. Demgegenüber hält der Jesuit 
folgendes aufrecht: Es gibt Wahrnehmungen, Modifikationen 
des Geistes und Ideen, welche nichts anderes sind als diese 
Wahrnehmungen selbst mit dem einzigen Unterschied, dab das 
Wort Perzeption mehr die Seele bezeichnet, insofern sie das 

') Cf. p. 39f. dieser Arbeit 

>) Cf. R6p. i Mr. R^gis eh. 11,21. 

*) Ibid. Malebr.: 11 me paratt Evident que les idöes gönörales ne 
peavent 8tre des modificatioDS particuUöres. Cf. Rech. lY eh. 11. Entret 
II, 9, 10. 

«) R6p. ä Regia, eh. U. 



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23 

Objekt erkennt, nnd das Wort Idee das erkannte Ding, insofern 
es objektiv im Geist ist^) Erkenntnis nnd Wabrnebmnng sind 
also nicht dem Wesen nach verschieden, sie sind vielmehr ein 
nnd dieselbe Modifikation der Seele. 2) Ohne Modifikation keine 
Impression! Ohne Impression keine Erkenntnis! 

3. Hier wird das beliebte Argument herangezogen, dals 
alles, was von einem Geist gilt, auf Gott anwendbar sein 
mnfs.^) Wenn der Geist nnr von den Objekten, die wirklich 
in ihm sind, Erkenntnis empfängt, so müsse Gott die Aas- 
dehnung nnd alle Dinge, nm sie erkennen zn können, not- 
wendigerweise in sieh umfassen. Damit komme man auf die 
von Arnauld erhobene Anschuldigung^) zurttck, von der man 
hier gegen die Person des P. Malebranche absolut abstehen 
wolle. ^) Diese bildet auch den Brennpunkt der vierten Ein- 
wendung. 

4. Es liege ein ofiFenkundiger Widerspruch darin, dafs Gott 
unseren Geist durch seine Substanz, insofern dieselbe repräsen- 
tativ sei, affiziere und sich in diesem Sinne zum unmittelbaren 
Objekt aller unserer Erkenntnisse mache. Denn es sei evident, 
dafs Gott nicht repräsentativ sein könne fttr etwas, was er 
nicht (formellement) wirklich enthalte.^) Es würde also damit 



^) Dieselbe Erkenntnistheorie verteidigt Arnauld, der empirische 
Neigungen hat, gegen Malebranche. Cf. 0116-Laprune II p. 22. 

>) Cf. Journal de Tr6voux 1706 I p. 277: „Ces Messieurs se donnent 
la libert6 de chaoger la plupart des notions, qu'on avait attachdes ä cer- 
tains termes: d'oü il arrive qae ceux qai ne savent que lenr Philosophie, 
se trouvent sonvent fort embarrass^s, lorsqu'ils viennent a 6tudier St. 
Thomas et les autres th^ologiens ** 

») Cf. Rech. 1. ra p. U eh. 9. 

*) Cf. p. 20 dieser Arbeit 

^) et Malebranche, Lettre du 7. Juillet 1694: Anatheme ä qoiconqae 
met en Dieu l'ötendue formelle, je le prononce du fond de mon coeur. 
Bouillier II p. 172. 

*) Nach Malebranche ist die Aasdehnung in Gott nicht nur „iddale- 
ment* oder „objectivement*' in dem Sinne, dafs Gott sie erkennt, sondern 
.6minemment* in dem Sinne, daCs Gott das Muster, die Quelle, das Prinzip 
derselben ist, indem er eine Yollkommenhoit besitzt, welcher die KOrper 
oder ausgedehnten Dinge nur sehr unvollkommen entsprechen. Es be- 
deutet nicht, dals die Ausdehnung «formellement'' in Gott ist, d. h. dafs 
Gott selbst ausgedehnt ist nach Art der Körper und dals diese KOrper 
Teile seiner Substanz sind. Cf. Oll^Laprune II p. 21 Anm. i. 



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21 

gefordert, dafs die Sabstaaz Gottes wirklich die AnsdelinüDg, 
die Gestalten und geschaffenen Dinge umfasse: Hier wird du 
einst von Arnauldi) auf die intelligible Ausdehnung angewandte 
Gleichnis vom Marmorblock herangezogen, der im unbearbeiteten 
Zustande keineswegs das Gesicht des heiligen Augustinus dai- 
stellen und erkennen lassen könne. 

Enthalte Gott in seiner Substanz die Realität aller Wesen, 
so folge weiter daraus, dafs dieselben sich sämtlich in unserer 
Erkenntnis finden mttfsten, da Gott unseren Geist durch seine 
Substanz affiziere. Gott zur objektiven Ursache unserer parti- 
kulären Erkenntnisse machen, hiefse ferner alle unsere Er- 
kenntnisse verdoppeln; erstens würden wir Gott sehen, (denn 
die objektive Ursache gibt sich zu erkennen, ehe sie etwas 
erkennen läfst) und zweitens würden wir alles in Gott sehen. 
Damit glaubt der Verfasser zur Genüge auf ^ein Heer von 
Widersprüchen' in diesem , geistreichen System* hingewiesen 
zu haben. 

Es bliebe noch zu zeigen, dafs ein wesentlicher Unter- 
schied zwischen der Meinnng des heiligen Aagnstinus und der 
des P. Malebranche bestehe.') Dabei würde sich im Vorbei- 
gehen feststellen lassen, dafs Malebranche nicht denselben 
Glauben an den Augustinus der letzten Lebensperiode habe. 

Mit der vierten Reflexion, die in der Behandlung der 
«Vorsehung* nicht über die ursprüngliche Kritik hinauskommt, 
sind die Widerlegungen abgeschlossen. 

Malebranche antwortete auf diese Kritik des Journals nicht 
mehr. Es waren alte, längst von ihm zurückgewiesene Ein- 
wände; er beschränkte sich darauf, denselben seine alten 
Erwiderungen entgegenzustellen. Er vereinigte die Antworten 
an Arnauld zu einer Sammlung von vier Bänden. „Sie waren 
durch ein seltsames Geschick zu e