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Full text of "Die letzten Tage der Menschheit : Tragödie in fünf Akten mit vorspiel und Epilog"

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ÜMIVERSITY OF 
TORONTO PRESS 



KARL KRAUS 
DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT 



c 



\^ 



DIE LETZTEN TAGE 
DER MENSCHHEIT 

TRAGÖDIE IN FÜNF AKTEN 
MIT VORSPIEL UND EPILOG 

VON 

KARL KRAUS 



17. BIS 23. TAUSEND 
(EINSCHLIESSLICH DER AKTAUSGABE) 



VERLAG ,DIE FACKEL', WIEN — LEIPZIG 



ALLE RECHTE 
DES NACHDRUCKS, DER ÜBERSETZUNG 
DES VORTRAGS UND DER AUFFÜHRUNG 

VORBEHALTEN 



DRUCK VON JAHODA & SIEGEL, WIEN 



Der erste Entwurf der meisten Szenen ist in den Sommern 1915 
bis 1917, das Vorspiel Ende Juli 1915, der Epilog im Juli 1917 
verfaßt worden. Viele Zusätze und Änderungen sind im Jahre 1919 
entstanden, in das auch der Drucl< der Akt-Ausgabe fällt. 
(Der Epilog erschien im November 1918.) Die durchgehende 
Umarbeitung und Bereicherung jener vorläufigen Ausgabe und 
der Druck des Gesamtwerkes sind in den Jahren 1920 und 1921 
vorgenommen worden. 



Die Aufführung des Dramas, dessen Umfang nach 
irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen 
würde, ist einem Marstheater zugedacht. Theater- 
gänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten. 
Denn es ist Blut von ihrem Blute und der Inhalt 
ist von dem Inhalt der unwirklichen, undenkbaren, 
keinem wachen Sinn erreichbaren, keiner Erinnerung 
zugänglichen und nur in blutigem Traum verwahrten 
Jahre, da Operettenfiguren die Tragödie der Mensch- 
heit spielten. Die Handlung, in hundert Szenen und 
Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos 
wie jene. Der Humor ist nur der Selbstvorwurf eines, 
der nicht wahnsinnig wurde bei dem Gedanken, 
mit heilem Hirn die Zeugenschaft dieser Zeitdinge 
bestanden zu haben. Außer ihm, der die Schmach 
solchen Anteils einer Nachwelt preisgibt, hat kein 
anderer ein Recht auf diesen Humor. Die Mitwelt, 
die geduldet hat, daß die Dinge geschehen, die hier 
aufgeschrieben sind, stelle das Recht, zu lachen, hinter 
die Pflicht, zu weinen. Die unwahrscheinlichsten Taten, 
die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich 
habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten 
Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich 
gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind 
Zitate. Sätze, deren Wahnwitz unverlierbar dem Ohr 
eingeschrieben ist, wachsen zur Lebensmusik. Das 
Dokument ist Figur; Berichte erstehen als Gestalten, 
Gestalten verenden als Leitartikel; das Feuilleton 
bekam einen Mund, der es monologisch von sich gibt; 
Phrasen stehen auf zwei Beinen — Menschen behielten 
nur eines. Tonfälle rasen und rasseln durch die Zeit 
und schwellen zum Choral der unheiligen Handlung, 

I* 



VIII 



Leute, die unter der Menschheit gelebt und sie 
überlebt haben, sind als Täter und Sprecher einer 
Gegenwart, die nicht Fleisch, doch Blut, nicht Blut, 
doch Tinte hat, zu Schatten und Marionetten abgezogen 
und auf die Formel ihrer tätigen Wesenlosigkeit 
gebracht. Larven und Lemuren, Masken des tragischen 
Karnevals, haben lebende Namen, weil dies so sein 
muß und weil eben in dieser vom Zufall bedingten 
Zeitlichkeit nichts zufällig ist. Das gibt keinem das 
Recht, es für eine lokale Angelegenheit zu halten. Auch 
Vorgänge an der Sirk-Ecke sind von einem kosmischen 
Punkt regiert. Wer schwache Nerven hat, wenn auch 
genug starke, die Zeit zu ertragen, entferne sich von 
dem Spiel. Es ist nicht zu erwarten, daß eine Gegenwart, 
in der es sein konnte, das wortgewordene Grauen für 
etwas anderes nehme als für einen Spaß, zumal 
dort, wo es ihr aus der anheimelnden Niederung 
der grausigsten Dialekte wiedertönt, und das eben 
Erlebte, Überlebte für etwas anderes als Erfindung. 
Für eine, deren Stoff sie verpönt. Denn über alle 
Schmach des Krieges geht die der Menschen, von 
ihm nichts mehr wissen zu wollen, indem sie zwar 
ertragen, daß er ist, aber nicht, daß er war. Die ihn 
überlebt haben, ihnen hat er sich überlebt, und 
gehen zwar die Masken durch den Aschermittwoch, 
so wollen sie doch nicht aneinander erinnert sein. 
Wie tief begreiflich die Ernüchterung einer Epoche, 
die, niemals eines Erlebnisses und keiner Vorstellung 
des Erlebten fähig, selbst von ihrem Zusammenbruch 
nicht zu erschüttern ist, von der Sühne so wenig 
spürt wie von der Tat, aber doch Seibstbewahrung 
genug hat, sich vor dem Phonographen ihrer 
heroischen Melodien die Ohren zuzuhalten, und genug 
Selbstaufopferung, um sie gegebenenfalls wieder 
anzustimmen. Denn daß Krieg sein wird, erscheint 
denen am wenigsten unfaßbar, welchen die Parole 
»Jetzt ist Krieg« jede Ehrlosigkeit ermöglicht und 
gedeckt hat, aber die Mahnung »Jetzt war Krieg!« 



IX 



die wohlverdiente Ruhe der Überlebenden stört. 
Sie haben den Weltmarkt — das Ziel, zu dem sie 
geboren wurden — in der Ritterrüstung zu erobern 
gewähnt; sie müssen mit dem schlechteren Geschäft 
vorlieb nehmen, sie auf dem Trödelmarkt zu verkaufen. 
In solcher Stimmung rede ihnen einer vom Krieg! 
Und es mag zu befürchten sein, daß noch eine 
Zukunft, die den Lenden einer so wüsten Gegenwart 
entsprossen ist, trotz größerer Distanz der größeren 
Kraft des Begreifens entbehre. Dennoch muß ein 
so restloses Schuldbekenntnis, dieser Menschheit 
anzugehören, irgendwo willkommen und irgendeinmal 
von Nutzen sein. Und »weil noch die Gemüter der 
Menschen wild sind«, sei, zum Hochgericht auf 
Trümmern, Horatios Botschaft an den Erneuerer 
bestellt: 

Und laßt der Welt, die noch nicht weiß, mich sagen, 
Wie alles dies geschah; so sollt ihr hören 
Von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich, 
Zufälligen Gerichten, blindem Mord; 
Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, 
Und Planen, die verfehlt, zurückgefallen 
Auf der Erfinder Haupt: dies alles kann ich 
Mit Wahrheit melden. 



VORSPIEL 



1. Szene (Seite 3) j 
(Wien. Ringstraßenkorso.) 

Die Zeitungsausrufer 

Ein Korsobesuclier 

Seine Frau 

Vier Offiziere 

Zwei Agenten 

Fisch 1 

Fin Wiener 

Seine Frau 

Ein alter Abonnent der Neuer 

Freien Presse 1 

Der älteste Abonnent 
Einige Betrunkene 
Vier Burschen und vier Mädchen 

Arm in Arm 
Die Menge 
Fritz Werner 
Fräulein Löwenstamm 
Fräulein Körmendy 
Ein Gebildeter 
Seine Frau 
Poldi Fesch 
Ein Wachmann 
Zwei Kleinbürger 
Zwei Reporter 
Ein Fiaker 

2. Szene (Seite 9) 
(Cafe Pucher.i 

Der Zahlkellner Eduard 
Der Prokurist 
Ein Fremder 
Der Kellner Franz 
Der Ministerpräsident 
Der Minister des Innern 
Der Direktor der Kabinetts- 
kanzlei 

3. Szene (Seite 12) 
(Kanzleizimmer im Obersthof- 

meisteramt.) 

Nepalleck 



4. Szene (Seite 16) 

(Ebenda.) 

Ein Diener 

Nepalleck 

5. Szene (Seite 17) 

(Ebenda.) 

Nepalleck 

Ein alter Kammerdiener 

6. Szene (Seite 18) 

(Ebenda.) 

Montenuovo 

Ein alter Kammerdiener 

7. Szene (Seite 18) 

(Ebenda.) 

Montenuovo 
Nepalleck 

8. Szene (Seite 18) 

(Ebenda.' 

Ein Diener 

Fürst Weikersheim 

Nepalleck 

9. Szene (Seite 19) 

(Ebenda.) 

Nepalleck 

10. Szene (Seite 19) 
(Südbahnhof.^ 

Nepalleck | 

Angelo Eisner v I 

Eisenhof [ Marionetten 

Spielvogel und i 

Zawadil j 



XII 



Marionetten 



Hofrat U.Hof rätin 
Schwarz-Gelber 

Dobner v. 
Dobenau 

Conte Lippay 

Cafetier Riedl 

Dr. Oharas 

Der Chef des 
Sicherheits- 
bureaus Hofrat '^ Marionetten 
Stukart 

Sektionschef 
Wilhelm Exner 

Gouverneur Sieg- 
hart von der Bo- 
denkreditanstalt 

Präsident Landes- 
berger von der 
Anglobank 

Spaziergänger, Passanten, Kaffeehauspersonal, Publikum, Polizei- 
beamte, Würdenträger, Hofgesellschaft, Damen des Hochadels, 
Geistlichkeit, Gemeinderäte, Honoratioren, Lakaien, Journalisten. 



Herzberg-Fränkel 1 
Die freisinnigen 

Gemeinderäte 

Stein und Hein 
Zwei Konsuln 

Stiaßny 
Drei kaiserliche 

Räte 
Sukfüll 
Birinski und 

Qlücksmann 
Der Buchhändler 

Hugo Heller 
Flora Dub 
Der Nörgler 
Der Redakteur 



xin 



I. AKT 



1. Szene (Seite 29) 
(Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke.) 

Die Zeitungsausrufer 

Ein Demonstrant 

Ein Gebildeter 

Ein Pülcher 

Eine Prostituierte 

Mehrere Passanten 

Die Menge 

Zwei Reporter 

Zwei Armeelieferanten 

Vier Offiziere 

Ein Wiener 

Stimmen aus der Menge 

Ein Bettelbub 

Zwei Mädchen 

Ein Wachm.ann 

Ein Intellektueller 

Seine Freundin 

Ein Fahrgast 

Ein Fiaker 

Ein Hausmeister 

Zwei Amerikaner v. Roten Kreuz 

Zwei Türken 

Zwei Chinesen 

Eine Dame mit leichtem Anflug 

von Schnurrbart 
Ein Besonnener 
Stimme eines Kutschers 
Eine Stimme 
Ein Passant 
Seine Frau 
Ein Trupp Knaben mit Tschako 

und Holzsäbel 
Eine Gruppe Singender 
Ein Dieb 
Die Bestohlene 
Eine weibliche Stimme 
Poldi Fesch 
Sein Begleiter 

Zwei Verehrer der Reichspost 
Gesang Einrückender 
Ein alter Abonnent der Neuen 
Freien Presse 



Der älteste Abonnent 

Vier Burschen und vier Mädchen 

Arm in Arm 
Fritz Werner 
Fräulein Körmendy 
Fräulein Löwenstamm 
Drei Pülcher 
Zwei Agenten 

2. Szene (Seite 45) 
(Südtirol. Vor einer Brücke.) 

Ein Tiroler Landsturmmann 
Der Nörgler 

3. Szene (Seite 46) 
(Hinter der Brücke.) 

Ein Soldat 
Der Nörgler 
Ein Hauptmann 

4. Szene (Seite 46) 

Der Optimist und der Nörgler 

5. Szene (Seite 49) 
(Am Ballhausplatz.) 

Graf Leopold Franz Rudolf 
Ernest Vinzenz Innocenz Maria 

Baron Eduard Alois Josef Ottokar 
Ignazius Eusebius Maria 

Die Stimme Berchtolds 



6. Szene (Seite 54) 
(Vor einem Friseurladen in 
Habsbnrgergasse.) 

Die Menge 

Ein Geigenhändler 

Ein Friseur 

BrocCsen } ™**« 



der 



XiV 



7. Szene (Seite 57) 

(Kohlmarkt. Vor der Drehtür am 

Eingang zum Cafi Pucher.) 

Der alte Biach 

Der kaiserliche Rat 

Der Kompagnon 

Der Doktor 

Der Nörgler 

Der Kurzwarenhändler 



Der Patriot 

Ein Zeitungsausrufer 



12. Szene (Seite 96) 

Ein Riese in Zivil und ein Zwerg 

in Uniform 
Ein Zeitungsausrufer 



8. Szene (Seite 60) 
(Eine Straße in der Vorstadt.) 

Vier junge Burschen 

Der Besitzer d. Cafe Westminster 



9. Szene (Seite 65) 
(In einer Volksschule.) 

Der Lehrer Zehetbauer 

Die Klasse 

Die Knaben Anderle, Braunshör, 
Czeczowiczka, Fleischanderl, 
Oasselseder, Habetswallner, 
Kotzlik, Merores, Praxmarer, 
Sukfüll, Süßmandl, ^Ottawa, 
Wunderer Karl und Wunderer 
Rudolf, Zitterer 



10. Szene (Seite 70) 
(Im Cafe Pucher.) 

Der Zahlkellner Eduard 

Der alte Biach 

Der kaiserliche Rat 

Der Doktor 

Der Kompagnon 

Der Kurzwarenhändler 

Der Ministerpräsident 

11. Szene (Seite 76) 

Zwei, die sichs gerichtet haben 
Der Abonnent 



13. Szene (Seite 97) 
(Elektrische Bahn Baden — Wien.) 

Ein Schwerbetrunkener 

Ein Paar 

Em Kondukteur 

Ein galizisches Flüchtlingspaar 

Ein Verzehrungssteuerbeamter 

Ein Wiener 



14. Szene (Seite 99) 

(In der Wohnung der Schauspielerin 

Elfriede Ritter.) 

Elfriede Riiter 
Füchsl 1 

Feigl > Reporter 

Halberstam j 



15. Szene (Seite 104) 
Der Optimist und der Nörgler 



16. Szene (Seite 105) 
(Standort des Hauptquartiers.) 

Auffenberg | 

Brudermann \ Heerführer 

Dankl j 

Pflanzer-Baltin > ^ 
Ein Adjutant 



XV 



17. Szene (Seite 109) 
(Wien. In der Kaffeesiedergenossen- 



schaft.) 



Riedl 

Drei Cafetiers 

Ein Kellner 



18. Szene (Seite 112) 

(In der Wiener Deutsclimeister- 
loserne.) 

Ein Herr 

Feldwebel Weiguny 
Kadett Wögerer 

19. Szene (Seite 114) 
{Kriegsfürsorgeamt.) 

Hugo V. Hofmannsthal 
Ein Zyniker 
Der Poldi 



20. Szene (Seite 117) 
(Bukowinaer Front. Bei einem 

Kommando.) 

Oberleutnant Fallota 
Oberleutnant Beinsteller 

21. Szene (Seite 123) 
(Ein Sctilaclitfeid.) 

Zwei Kriegsberichterstatter 

Die Schalek 

Der Maler Haubitzer 



22. Szene (Seite 130) 
(Vor dem Kriegsministerium.) 

Der Optimist und der Nörgler 

Ein Zeitungsausrufer 

Zwei Flüchtlinge 

Nepalleck 

Eisner v. Eisenhof 



23. Szene (Seite 138) 
(Am Janovver Teich.) 

Ganghofer 

Ein Fliigeladjutant Wilhelms II. 

Wilheltü II. 

Der Photograph der , Woche' 

Eine Ordonnanz 



24. Szene (Seite 145) 
(Zimmer des Generalslabscliefs. 

Conrad v. Hötzendoif 
Ein Major 
Skolik, Photograph 



25. Szene (Seite 148) 
(Korso.) 

Ein Spekulant 
Ein Realitätenbesitzer 
Wachtmeister Wagenknecht 
Feldwebel Sedlatschek 
Hans Müller 
Stimme eines Fiakers 
Stimme einer Prostituierten 
^^ndel^Singer \ vorbeigehend 

Ein Mann, der einen Zigarren- 
stummel aufhebt 
Eine Zeitungsfrau 



26. Szene (Seite 159) 

(Südwestfront. Ein Stützpunkt aof 

einer Höhe von mehr als dritt- 

halbtansend Meter.) 

Ein Beobachter 
Die Schalek 
Ein Standschütze 
Ein Offizier 
Eine Ordonnanz 



XVI 



27. Szene (Seite 162) 
(Im Vatikan.) 

Die Stimme des betenden 
Benedikt 

28. Szene (Seite 163) 
(In der Redaktion.) 

Die Stimme des diktierenden 
Benedikt 



29. Szene (Seite 164) 
Der Optimist und der Nörgler 



30. Szene (Seite 202) 
(Nachts am Graben.) 

Zwei Kettenhändler mit ihren 

Damen 
Ein Zeitungsausrufer 



Spaziergänger, Passanten, Bettler, Schieber, Prostituierte, Offiziere, 

Soldaten, Demonstranten, Gäste, Kaffeehauspersonal, Minister, 

Passagiere, deutschnalionale Studenten, galizische F^lüchtlinge, 

Gefolge Wilhelms II. 



XVII 



II. AKT 



1. Szene (Seite 205) 
(Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke.) 

Die Zeitungsausrufer 
Ein polnischer Jude 
Ein seßhafter Wucherer 
Ein Agent 

Ein Schwerverwundeter auf 
Krücken, mit Gliederzuckungen 
Bermann 

Eine auffallend gekleidete Dame 
Weiß 

Vier Offiziere 
Ein Soldat auf Krücken 
Ein Intellektueller 
Poidi Fesch 
Sein Begleiter 
Gesang Einrückender 
Drei Schieber mit Zahnstocher 

im Maule 
Drei deutsche Grenadiere 
Drei Wiener Gemeindeorgane 
Zwei Reporter 
Ein Berliner Schieber 
Ein Dienstmann 
Rufe aus der Menge 



2. Szene (Seite 213) 

Der Optimist und der Nörgler 

3. Szene (Seite 215) 

Der Abonnent und der Patriot 



4. Szene (Seite 218) 

(Standort des Hauptquartiers. Eine 

Straße.) 

Ein Journalist u. ein alter General 
Ein anderer Journalist und ein 
anderer alter General 



5. Szene (Seite 219) 
(Südwestfront.) 

Zwei Stimmen aus dem Hinter- 
grund 

Ein alter General und ein 
sizilianischer Soldat 

Ein Mitglied des Kriegspresse- 
quartiers 

6. Szene (Seite 219) 

(Ein Infanterieregiment dreiliundert 
Schritt vom Peind.) 

Ein Infanterieoffizier 

Der Feldkurat Anton Allmer 

7. Szene (Seite 220) 
(Bei der Batterie.) 

Ein Artillerieoffizier 

Der Feldkurat Anton Allmer 

Rufe 

Die Schalek 

8. Szene (Seite 222) 
(Der Wurstelprater.) 

Der Entrepreneur des Schützen- 
grabens im Prater 

Ein Vertreter der Korrespondenz 
Wilhelm 

Sein Kollege 

Die Stimme des Erzherzogs Karl 
Franz Josef 

Das Publikum 

Hofrätin Schwarz-Gelber 

Der ungenannt sein wollende Herr 
Oberleutnant, der in Schau- 
manns Apotheke, Stockerau, 
zu Gunsten des Roten Kreuzes 
den Betrag von 1 K erlegt hat 

Doktor Kunze 

Der Patriot 

Der Abonnent 



XV in 



9. Szene (Seite 224) 
(Semmering. Terrasse des Südbahn- 
hotels.) 

Jung und Alt 
Groß und Klein 
Eine Dame, die soeben mit tiefer 
Empfindung Heine rezitiert ha( 
Dangl 
Alle 

Stimmengewirr 
Ein Getreuer des Semmering 
Ein Generaldirektor 



10. Szene (Seite 226) 

Der Optimist und der Nörgler 
Ein Zug von Rekruten, die graue 

Bärie haben 
Singende Bursclien 



11. Szene (Seile 242) 
(Gasse in der Vorstadt.) 

Zwei Wachmänner 

Frauen und Männer aus der an 

gestellten Menge 
Em Greisler 
Eine besser gekleidete Frau 



12. Szene (Seite 243) 
(Kärntnerstraße.) 

Ein starker Esser 
Ein normaler Esser 
Ein Hungernder 



13. Szene (Seite 245) 
(Florianigasse.) 

Hofrat i. P. Dlauhobetzky von 

Dlauliobetz 
Hofrat i. P. Tibetanzl 



14. Szene (Seite 247, 
(Eine Jagdgesellschaft.) 

V. Dreckwitz 

Die Jagdgesellschaft 

15. Szene (Seite 251) 
(Bureauzimmer bei einem 

Kommando.) 
Hirsch 
Roda Roda 

16. Szene (Seite 254) 
(Ein anderes Bureauzimmer.) 

Ein Generalstäbler am Telephon 

17. Szene (Seite 255) 
(Restaurant des Anton Grüßer.) 

Anton Grüßer, Restaurateur 

Vier Kellner 

Zwei Kellnerjungen 

Der Zahlkellner 

Ein Herr und eine Dame 

Ein zwerghafter Zeitungsjunge 

Zwei Mädchen mit Ansichtskarten 

Zwei Frauen mit Ansichtskarten 

Der Blumenmann 

Das Blumenweib 

Eine Kolporteurin 

Drei Gäste 

Ein Stammgast 

Bambula von Feldsturm 

Der Nörgler 

18. Szene (Seite 262) 
(Schottenring.) 

Frau PoUatschek ) „„ , n^u- 

Frau Rosenberg r°"^'^'^'^«h° 

Frau Bachstelz 1 „ . „ri„i 
FrauFunk-Feigir°"^^'^Oekawe 

Ein Invalide auf Krückea 
Eine Bettlerin 



XIX 



Ein Knabe 
Ein Säugling 
Eine Schwangere 
Der Nörgler 

10. Szene (Seite 268) 
(Belg'-cd.) 

Die Schalek 

Lachende serbische Frauen 

Ein Dolmetbch 

20. Szene (Seite 269) 
(VorstidlstraBe.) 

Eine alle Frau 
Ein Oberleutnant 
Die Menge 

21. Szene (Seite 270) 
(Eine Vorstadtwohnung.) 

Familie Liebal: Vater, Mutter 

und Knabe 
Die Nachbarin Sikora 

22. Szene (Seite 270) 
(Standort des Hauptquartiers. Eine 

Straße.) 

Ein Hauptmann des Kriegs- 
pressequart iers 

Ein Journalist 

Ein älterer korpulenter Herr 
mit Koteletts und Zwicker, 
der in jeder Harid einen 
Marschalisstab trägt 

23. Szene (Seite 273) 
(Innere Stadt.) 

Ein Invalide mit einem blinden 

Soldaten 
Ein Revolverjournalist 
Ein Agent 



24. Szene (Seite 274) 

(Während der Vorstellung in einem 

Vorstadttheater.) 

Die Niese 
Der Partner 
Das Publikum 



25. Szene (Seite 275) 
(Beim Wolf in Gersthof.) 

Der Wolf in Gersthof 

Der Generalinspektor des Roten 
Kreuzes 

Er/herzog Franz Salvator, sein 
Kammervorsteher, zw ei Aristo- 
kraten und die Pulzi 

Ein Gast 

Die Volkssänger 



26. Szene (Seite 275) 
Der Abonnent und der Patriot 



27. Szene (Seile 277) 

(Standort in der Nähe des Uzsok- 

Passes.) 

Ein österreichischer General 
Ein preußischer Leutnant 



28. Szene (Seite 278) 
(Hauptquartier. Kinotheater.) 

Armeeoberkommandant Erz- 
herzog Friedrich 
König herdinand von Bulgarien 
Eine Stimme, die »Bumsti!« ruft 



29. Szene (Seite 279) 
Der Optimist und der Nörgler 



XX 



30. Szene (Seite 285) 
(Irgendwo an der Adria. Im Hangar 

einer Wasserfliegerabteilung.) 

Die Schalek 

Ein Fregattenleutnant 

31. Szene (Seite 288) 

(In einem Unterseeboot, das soeben 
emporgetaucht ist.) 

Ein Maat 

Ein Unterseebooloffizier 
Die Mitglieder des Kriegspresse- 
quartiers 
Die Schalek 



32. Szene (Seite 289) 
(Eine unter das Kriegsdienst- 
leistungsgesetz gestellte Fabrik.) 



Der militärische 

Fabrik 
Der Fabrikant 



Leiter einer 



33. Szene (Seite 293) 

(Zimmer im Hause des Hofrats 

Schwarz-Gelber.) 

Hofrat und Hofrätin Schwarz- 
Gelber 



Galizische Flüchtlinge, Schieber, Spaziergänger, Passanten, Bettler, 
Bettlerinnen, Bettelkinder, Berufsoffiziere auf Urlaub, Spitals- 
komraandanien. Leichterer Dienst, Zivilisten die sichs gerichtet 
haben, Verwundete aller Grade, Soldaten, Provinzschauspieler, 
Publikum, Semmeringgäste, Angestellte vor einem Greislerladen, 
Heereslieferanten, Offiziere, Prostituierte, Journalisten, Gäste, 
Heurigenmusik. 



XXI 



III. AKT 



1. Szene (Seite 307) 
(Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke.) 

Die Zeitungsausrufer 

Zwei Armeelieferanten 

Vier Offiziere 

Ein Aläderl 

Ein Mädchen 

Ein Weib 

Zwei Verehrer der Reichspost 

Ein alter Abonnent der Neuen 

Freien Presse 
Der älteste Abonnent 
Ein Krüppel 
Poldi Fesch 
Sein Begleiter 
Zwei Invalide 
Gesang Einrückender 
Die Fiakerstimme 



2. Szene (Seite 310) 

(Vor unseren Artilleriestellungen.) 

Die Schaiek 
Der Kanonier 

3. Szene (Seite 311) 
(Isonzo-Front. Bei einem 

Kommando.) 

Oberleutnant Fallota 
Oberleutnant Beinsteller 

4. Szene (Seite 316) 

(In Jena.) 
Zwei Studenten der Philosophie 

5. Szene (Seite 318) 
(Hermannsladt, Vor einem ver- 
sperrten deutschen Buchladen.) 

Ein preußischer Musketier 
Ein deutscher Buchhändler 



6. Szene (Seite 318) 

(Ir der Viktualienhandlung des 
Vinzenz Chramosta.) 

Vinzenz Chramosta 

Kunden 

Der Marktamtskommissär 

7. Szene (Seite 321) 
(Zwei Kommerzialräte aus dem 

Hotel Imperial tretend.) 

Zwei Komm.erzialrätc 
Ein Invalide 
Ein Fiaker 

Eine Bettlerin mit emem Holzbein 
und einem Armstumpf 

8. Szene (Seite 322) 
Der alte Biach 

9. Szene (Seite 323) 
(Kriegsarchiv.) 

Ein Hauptmann 
Dörmann 
Hans Müller 
Andere Literaten 
Zwei Ordonnanzen 

10. Szene (Seite 331) 

(Ein chemisches Laboratorium In 
Beriin.) 

Der Geheime Regierungsrat 
Professor Delbrück 

11. Szene (Seite 332) 
(Vereinssitzung der Cherusker in 

Krems.) 

Pogatschnigg, genannt Teut, 
Cherusker 



XXII 



Eine Stimme 
Frau Pogatschnigg 
Winfried Hromatka 

i. a. B. 
Kasmader 
Übelhör 
Homolatsch 



Cherusker 



12. Szene (Seite 335) \ 
(Tanzunterhaitung in Hasenpoth.) 
Baltischer Herr u. Baltische Dame 

13. Szene (Seite 336) 
(Rerisionsverhandlung des Land- 
gerichtes Heilbronn.) 

Ein Staatsanwalt 
Eine Angeklagte 
Zwei aus dem Auditorium 

14. Szene (Seite 337) 

Der Optimist und der Nörgler 

15. Szene (Seite 341) 
(Eine protestantisclie Kirctie.) 

Superintendent Falke 

16. Szene (Seite 342) 
(Eine andere protestantisclie Kirche.) 
Konsistorialrat Rabe 

17. Szene (Seite 343) j 
(Eine andere protestantische Kirche.) 

Pastor Qeier 

! 

18. Szene (Seite 345) \ 
(Wallfahrtskirche.) ' 

Ein Mesner 

Ein Fremder ' 



IQ. Szene (Seite 346) 
(Konstantinopel. Eine Moschee.) 

Zwei junge Leute aus Berlin 
Ein Imam 
Eine Dame 

20. Szene (Seite 348) 
(Redaktion in Berlin.) 

Alfred Kerr 

21. Szene (Seite 349) 
(Ordinationszimmer in Berlin.) 

Professor Molenaar 
Ein Patient 

22. Szene (Seite 351) 
(Bureauzimmerb. einem Kommando.) 

Ein Generalstäbler am Telephon 
Zwei alte Generale 
Ein Journalist 

23. Szene (Seite 352) 
(Hauptquartier.) 

Erzherzog Friedrich 
Die beiden Buquoy 
Der Adjutant 

24. Szene (Seite 353) 
Zwei Verehrer der Reichspost 

25. Szene (Seite 359) 
(Vor dem Kriegsministerlum.) 

Zwei junge Männer 

26. Szene (Seite 359) 
(Ringstraße.) 

Fünfzig Drückeberger 



XXIII 



27. Szene (Seite 359) 
(Vor dem Kriegsministerium. j 

Zwei andere junge Männer 

28. Szene (Seite 359) 
(LandesTerteidigungsministerium.) 

Ein Hauptmann 
Ein Zivilist 

29. Szene (Seite 360) 
(Innsbruck. Ein Restaurant.) 

Ein Oberst 

Die Oberstensgattin 

30. Szene (Seite 361) 
(Marktplatz in Grodno.) 

Ein Beamter der Stadthaupt- 
mannschaft 
Die knicksenden Mädchen 
Die Respektpersonen 
Deutsche Beamte 
Deutsdie Offiziere 

3'i. Szene (Seite 361) 

(Briefzensar bei einem deutschen 

Frontabschnitt.) 

Ein Zensuroffizier, Ein Haupt- 
mann, Ein Flieger, Ein Vize- 
feldwebel, Ein Unteroffizier, 
Ein Landsturmmann, Be- 
dienung der Qcm-Geschütze 
genannt »Die Sturmkolonne«, 
Sechzehn Kraftfahrer, Ein 
Oberleutnant, Ein Flieger- 
Beobachter, Ein Leutnant, 
Ein Militärmusiker,^ Ein Ge- 
freiter, Ein Soldat, tin Stabs- 
arzt, Ein Kanonier, Ein Kom- 
paguieführer, Ein Offizier- 
stellvertreter, Ein Pionier, 
Ein Kriegsfreiwilliger, F'in 
Generalmajor 



32. Szene (Seite 365) 

(Eine stille Poetenklause im 
steirischen Wald.) 

Kernstock 

Zwei Kernstock-Verehrer 

33. Szene (Seite 367) 

(Bei einem Abschnittskommando.) 
Die Schalek 

34. Szene (Seite 369) 
(Berlin, liergarten.) 

Ein Austausch Professor 
Ein nationalliberaler Abge- 
ordneter 

35. Szene (Seite 372) 
(Berliner Vortragssaal.) 

Der Dichter 
Die Zuhörer 

36. Szene (Seite 373) 
(Wiener Vortragssaal.) 

Der Nörgler 

Ein Zuhörer und seine Gattin 

37. Szene (Seite 374) 

Der Abonnent und der Patriot 

38. Szene (Seite 377) 
(in einem Coupe.) 

Zwei Geschäftsreisende 

39. Szene (Seite 379) 

Der Optimist und der Nörgler 

40. Szene (Seite 380) 
(Das deutsche Bad Groß-Salze.) 

Kommerzienrat Ottomar 
Wilhelm Wahnschaffe 



II* 



XXIV 



Kinder 



Frau Kommerzienrat Auguste 
Wahnschaffe 

M^Sü ! ^-" Kinder 

Ein unsichtbarer Chor, der das 
Gelächter des Auslands vorstel it 
Zwei Invalide 
Zwei Bonner 
Häuschen u. Trudcheu 
Hans Adalbert und 

Annemariechen 
August und Quste 
Mieze 

Klaus und Dolly ( 

Walter und Marga 
Paulchen u.Paulinchen 
Jochen und Suse 
Elsbeth 
Eine Mutter 
Ein Herr 
Zwei Väter 
Zwei Söhnchen 

41. Szene (Seite 398) 

Der Optimist und der Nörgler 

42. Szene (Seite 404) 
(Während der Somme-Schlacht. 

Parktor vor einer Villa.) 
Dei' deutsche Kronprinz 
Eine vorbeimarschierende 
Kompagnie 

43. Szene (Seite 404) 

(Kriegsministerium.) 

Ein Hauptmann 
Ein Zivilist 



44. Szene (Seite 405^ 
(Kasteäruth.) 

Leutnant Helwig 

Ein anderer Leutna;U 

Eine Kelineiin 

Der diensthabende Fähnrich 



45. Szene (Seite 405) 
(Ein Wiener Nachtlokal.) 

Rolf Rolf, der Stegreifdichter 

Rufe 

Zwei Offiziere 

Frieda Morelli. die Sängerin 

Eine Stimme 

Ein ungarischer Viehhändler 

Der Besitzer des Nachtlokals 

Das Oarderobepersoiial und die 

Toiletipfrau 
Ein Qetreidehändler 
Alle 

Ein Stammgast 
Ein betriinkener Funktionär des 

Roten Kreuzes 
Sein Kollege 
Ein Regimentsarzt 
Sein Kollege 
Ein betrunkener Gast 



46. Sz-ne (Seite 411) 
(Nacht. Der Grabea.) 

Der Nörgler 

Ein Betrunken! r, der mitten 

auf ',ier Straiie ein Bedürfnis 

verrichtet 



Larvju und Lemiiren, Spaziergänger, Passanten, Kriegskrüppel, 
Blinde, Bettler, Bettlerinnen, Bettelkinder, Kunden, Literaten, 
Cherusker in Krems, Tänzer in Hasenpoth, Qerichtspersonen, 
Gerichtssaalbesucher, Kirchenbesucher O-fiziere, Restaurantgiste, 
Bevölkeruag, Sold>\ten, Auditorium, Buffetdamen Animierdamen, 
Lebemänner, Herren vom Roten Kreuz, polnische Legionäre, 
Perional eine? Niohtlokals, Mitwirkende, die Salonkapelle 
Nechwatal, die Zigeunerkapelle .Miskolczy Jancsi. 



XXV 



IV. AKT 



1. Szene (Seite 415) 
(Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke.; 

Die Zeitiin.i<sausri!:er 

Vier Offiziere 

Eine Komtesse 

Ilire Begleiterin 

Ein blinder Soldat in einem 
Rollwagen 

Ein IiiteUektueller 

Sein Begleiter 

Poldi Fesch 

Das Riesen baby 

Der Hotelneger 

Ge.-ang F.inriickender 

Ein Beniner Exporteur mit 

Impone im Mund 
Sein Begleiter 

Ein Passant mit aufgehobenen 

Händen 
Ein anderer Passant 
Eine Offiziersgs'tin 
Ihr Begleiter 
Zwei Spaziergänger 
Zwei Verehrer der Reichspost 
Ein Eigenbrötler 
Sein Begleiter 
Lenzer v. Lenzbruck 
Frau Back v. Brünnerherz 
Ein Bhimenweib 
Zwei Herren 
Storni 

Fräulein Löv7onstamm 
Fräulein Körmendy 
Ein Fahrgast 
Ein Fiaker 

2, Szene (Seite 421) 

Der Optimist und der Nörgler 

3. Szene (Seite 422) 
(Ein Balinhof bei Wien.) 

Ein Bahnhofportier 
Sechs Wiener 



Der Nör^Wer 

Das österreichische Antlitz 

Ein Eingeweihter 

4. Szene (Seite 424) 
(Kohlmarkt. Vor dem Schaufenster 

einer Bilderhandlung.) 

Margosches 
Wolffsohn 

5. Szene (Seite 425) 

Strobl ) rA. , , 
Ertl / ^'^hter 

6. Szene (Seite 426) 

(Kommers.) 
Ein A. H. 
Die KommfJi'onen 
Ein Fuchs 

7. Szene (Seite 427) 
(Ärzteversammiung in Berlin.) 

Ein Psychiater 
Ein Irrsinniger 
Professor Boas 
Professor Zuntz 
Professor Rosenfeld-Breslau 
Der Vorstand des Ärzte- 
ausschusses von Groß-Beriin 
Schutzmann Buddicke 
Mehrere Stimmen 

8. Szene (Seite 436) 
(Weimar. Frauenklinik.) 

Professor Henkel 

Professor Busse 

Die Patientin 

Ein Assistent 

Der Prinz zu Lippe 

Eine Krankenschwester 



XXVI 



9. Szene (Seite 437) 
(Bei einer deutschen Reserve- 
Division.) 

Ein Oberst 

10. Szene (Seite 437) 
(Isonzofront. Bei einem Brigade- 

Icommando.) 

Die Schalek 
Chor der Offiziere 



16. Szene (Seite 446) 
(Praciitenbalintiof in Debreczin.) 

Ein Posten 

Oberleutnant Beinstelier 
Leutnant Sekira 

17. Szene (Seite 447) 
(Wiener Magistrat.) 

Ein Beamter 
Eine Partei 



11. Szene (Seite 442) 
(Divisionsliommando.) 

Ein Kommandant 
Der Kaiserjägertod 
Ein Major 

12. Szene (Seite 443) 
(Rüciczug. Eine Ortsctiaft.) 

Der Kaiserjägertod 
Ein hungernder Soldat 
Ein Oberst 
Oberleutnant Gerl 

13. Szene (Seite 444) 
(Spital neben einem Divisions- 
kommando.) 

Ein Schwerverwundeter 

Ein Wärter 

Gesang von nebenan 

14. Szene (Seite 444) 

(Bei einer deutschen Reserve- 
Division.) 

Ein Oberst 

15. Szene (Seite 445) 

Der Optimist und der Nörgler 



18. Szene (Seite 449) 
(Wohnung der Familie Darchhalter. 

Vater, Mutter und Kinder 

19. Szene (Seite 449) 

Der Abonnent und der Patriot 

20. Szene (Seite 449) 
(Sofia. Ein Bankett deutscher und 

bulgarischer Schriftleiter.) 

Der deutsche Gesandte Graf 

Oberndorff 
Die deutschen und bulgarischen 

Schriftleiter 
Kieinecke-Berlin 
Steinecke-Hannover 

21. Szene (Seite 452) 
(Ministerium des AnBern.) 

Haymerle 
Ein Redakteur 

22. Szene (Seite 455/ 

(In der guten Stube bei Wahn- 
schaffes.) 

Frau Pogatschnigg 
Frau Wahnschaffe 



XXVII 



23. Szene (Seite 458) 
Drei deutsche Modedamen 

24. Szene (Seite 458) 

Der Abonnent und der Patriot 



25. Szene (Seite 460) 
(Mitta^isch bei Hindenburg and 

Ludendorff.) 

Hindenburg und Ludendorff 
Paul Goldmann 

26. Szene (Seite 463) 
(Semmering. Auf dem Hochweg.) 

Der kaiserliche Rat 
Der alte Biach 



27. Szene (Seite 484) 
(Berliner Tiergarten.) 

Padde und Kladde 

28. Szene (Seite 489) 

(Kino.) 

Der Kinoregisseur 
Eine weibliche Stimme 
Emil 



31. Szene (Seite516) 
(Schönbrnnn. Arbeitszimmer.) 

Franz Joseph 

Der rechte und der linke 
Kammerdiener 



32. Szene (Seite 525) 
(Kragujevac, Militärgericht.) 

Der Oberleutnant-Auditor 
Der Schriftführer 



33. Szene (Seite 526) 
(Ischler Esplanade.) 

Der alte Komgold 
Vier Kurgäste 
Fräulein Lö^censtamm 
Fräulein Körmendy 
Bob Schlesinger 
Baby Fanto 
Ein alter Abonnent 
Der älteste Abonnent 



34. Szene (Seite 527) 
(Wachstube.) 

Der Polizeiinspektor 
Ein Wachmann 
Die Siebzehnjährige 



29. Szene (Seite 490) 
Der Optimist und der Nörgler 



30. Szene (Seite 510) 
(Standgericht.) 

Hauptmann-Auditor Dr. Stanis- 

laus V. Zagorski 
Die elf Delinquenten 
Die Offiziere des Standgerichts 



35. Szene (Seite 528) 
(Ein Berliner Nachtlokal.) 

Eine gröhlende Stimme 
Frieda Qutzke 
Katzenellenbogen 
Krotoschiner II 



36. Szene (Seite 529) 
Der Optimist und der Nörgler 



XXVIII 



37. Szene (Seite 533) 
(Deutsches Hauptquartier.) 

Wilhelm IL 

Die Generale 

V. Seckenctorff, Adjutant 

Drei Offizitre 

V. Hahnke 

V. Duncker 

V. Krickwitz 

V. Flottwitz 

V. Martins 



38. Szene (Seite 537) 
(Winter in den Karpathen.) 

Kompagnieführer Hiller 
Füsilier Helmhake 
Zwei Soldaten 



39. Szene (Seite 538) 
(Ebenda im Unterstand Hillers.) 

Unterarzt Müller 
Kompagnieführer Hiller 

40. Szene (Seite 539) 

Der Optimist und der Nörgler 



41. Szene (Seite 540) 
(Ein Militärspital.) 

Ein Generalstabsarzt 
Oberstleutnant Vinzenz Demmer 

V. Drahtverhau 
Ein Regiinentsarzt 
Ein Feldwebel 
Ein Feldkurat 

42. Szene (Seite 544) 

Der Optimist und der Nörgler 

43. Szene (Seite 548) 
(Kriegspress«quartier.) 

Ein Hauptmann 
Ein Journalist 

44. Szene (Seite 551) 
(Armee- Ausbildungsgmppe 

Wladimir- Wolinsky.) 

Ein Hauptmann 
Eine Schreibkraft 

45. Szene (Seite 552) 
(Bei Graf Dohna-Schtodien.) 

Graf Dohna-Schl'jdien 
Zwölf Vertreter der Presse 
Eine Stimme aus der Gruppe 



Larven und Lemuren, Spaziergänger, Invaliden, Krüppel, Blinde, 
Bettler, Bettlerinnen, Betcelkinder, Publikum vor einem Bahn- 
schalter, Ärzte, Offiziere, Mannschaft, Spitalsinsassen, Posten, 
Neugierige, Kinobesucher, Kurgäste, Nachtlokalgäste, Kokotten, 
Rekonvaleszente, Verwundete aller Grade, Sterbende, Mitglieder 
des Kriegspressequartiers, Regimentsmusik, Nachtlokalmusik. 



XXIX 



V. AKT 



1. Szene (Seite 555) 
(Abend. Slrk-^Ecke.) 



Die Zeitungsausrufer 
Vier Offiziere 
Gesang Einrückender 
Poldi Fesch 
Sein Begleiter 
Turi und Ludi 
Fallota 

Ein Blumenweib 
Zwei Beinstümpfe in einer ab- 
gerissenen Uniform 
Eine flüsternde Stimme 
Ein brausender Ruf 



2. Szene (Seite 557) 

Der Optimist und der Nörgler 

3. Szene (Seite 560) 
(Vor dem Parlament.) 

Eine Frau, die soeben vor Hunger 

zusammengebrochen ist 
Pattai 

4. Szene (Seite 560) 
(Ministerium des Äußern.) 

Qraf Leopold Franz Rudolf 
Ernest Vinzenz Innocenz Maria 

Baron Eduard Alois Josef Ottokar 
Ignazius Eusebius Alaria 

5. Szene (Seite 563) 

(Bei Udine.) 

Zwei Generale, jeder in einem 
über und über bepackten 
Automobil 

Ein Infanierist, der einen Kolben 
Kukuruz nimmt 



6. Szene (Seite 564) 
(Etappe Fourmies.) 
Landwehrmann Lüdecke 



7. Szene (Seite 565) 
(Zirkus Busch.) 

Pastor Brüstiein 
Hauptscnrifileiter Maschke 
Ein Mißvergnügter 
Professor Puppe 
Rufe 

8. Szene (Seite 567) 

Der- Optimist und der Nörgler 

9. Szene (Seite 569) 
(Ischler Esplanade.) 

Der Abonnent 
Der Patriot 
Der alte Biach 
Die Kurgäste 



10. Szene (Seite 580) 
(Berlin, Weinrestaurant in 



der 



Zulauf t 
Ablaß / 



Passage.) 
freisinnige Politiker 



1 1 . Szene (Seite 582) 
(Kriegsgeneralversammlung des 
^sozialdemokratischen Wahlvereines 
des Großberliner Riesenvvahlkreises 
Teltow-Beskow-Storkow-Charlotten- 
burg.) 

Genosse Schliefke (Teltow) 
Em Zwischenrufer 



XXX 



12. Szene (Seite 583) 
(Bad Gastein.) 

Der Abonnent und der Patriot 

13. Szene (Seite 583) 
(Bureauzimmer bei einem 

Kommando.) 

Ein Generalstäbler am Telephon 

14. Szene (Seite 584) 
(Schlachtfeld bei Saarburg.) 

Hauptmann Niedermacher 
Major Metzler 

Ein französischer Verwundeter 
Ein deutscher Soldat 

15. Szene (Seite 586) 
(Bei Vcrdun.) 

General Gloirefaisant 
Hauptmann de Massacre 
Oberst Meurlrier 

16. Szene (Seite 587) 
(Kriegspressequartier in Rodaun.) 

Die Schalek 
Der Kamerad 

17. Szene (Seite 595) 

Der Abonnent und der Patriot 

18. Szene (Seite 597 

Der Optimist und der Nörgler 

19. Szene (Seite 597) 
(Michaelerplatz.) 

Chor der Pülcher 



20. Szene (Seite 597) 
(Militärkommando.) 

Ein Hauptmann 
Eine Schreibkraft 



21. Szene (Seite 599) 
(Kriegsministeriam.) 

Ein Hauptmann 
Eine Schreibkraft 
Ein Fähnrich 



22. Szene (Seite 605) 
(Statthalterei in Brunn.) 

Der Landeshauptmann 
Eine Schreibkraft 

23. Szene (Seite 606) 
(In einer Volksschule.) 

Der Lehrer Zehetbauer 

Die Knaben Anderle.Gasselseder, 

Kotzlik, Merores, Sukfüll, 

Zitterer 



24. Szene (Seite 610) 
(Im Landesverband für Fremden- 
verkehr.) 

Ein Redakteur 
Ein Funktionär 



25. Szene (Seite 612) 
(RingstraHencafe.) 

Das Geschrei 

Mammut 

Ein Kellner 

Zieselmaus 

Walroß 

Hamster 

Nashorn 



XXXI 



Tapir 

Schakal 

Leguan 

Kaiman 

Pavian 

Kondor 

Low 

Hirsch 

Wolf 

Posamentier 

Spitzbauch 

Schlechtigkeit 

Stimmen hastig Eintretender 

GoUerstepper 

Tugendhat 

Mastodon 

Raubitschek 

Vortrefflich 

Gutwillig 

Aufrichtig 

Beständig 

Brauchbar 

Die Toilettefrau 

Pollatschek 

Lustig 

Ein zitternder Invalide 

Bernhard Moldauer, ein alter 

Schieber 
Zwei seiner Freunde 
Seine Frau 
Seine Tochter 
Der Onkel 

Ein jüngerer Wucherer 
Der Geschäftsführer 



26. Szene (Seite 617) 
(Friedrich-Straße.) 

Chor der Rufer 

Ein Jüngling 

Ein Mädchen 

Ein Schutzmann 

Ein Berliner Schieber und ein 

Wiener Schieber Schulter an 

Schulter 
Ein Zeitungsausrufer 



27. Szene (Seite 619) 

(Standort d. Armeeoberkommandos. 

Vergnügungslokal.) 

Ein betrunkener 

Generalstäbler 
Chor der Kellner 
Das Mädchen rechts 
Kohn 

Fritzi-Spritzi 
Der Besitzer 
DieToilettef rau und das 

Garderobepersonal 
Fettköter 

Das Mädchen links 
Ein Generalstäbler 
Die Generalstäbler 



Mario- 
netten 



28. Szene (Seite 622) 
(Wiener Vortragssaal,) 

Der Nörgler 

Ein Zuhörer und seine Gattin 



29. Szene (Seite 624) 
Der Abonnent und der Patriot 



30. Szene (Seile 625) 

(Zwei Kommerzialräte aus dem 

Hotel Imperial tretend.) 

Zwei Kommerzialräte 

Eine Bettlerin mit einem Holzbein 

und einem Armstumpf 
Ein Fiaker 
Eine Frau, die vor Hunger 

zusammenbricht 
Ein Invalide 



31. Szene (Seite 628) 
Der Optimist und der Nörgler 



XXXil 



32. Szene (Seite 630) 
(Beim Bataiilonsrapport.) 

Ein Major 
Vier Soldaten 
Ein Gefreiter 

33. Szene (Seite 632) 

Der Optimist und der Nörgler 

34. Szene (Seite 636) 
(^Im Dorfe Postabi<z.) 

Eine Frau 

35. Sze'^e (Seite 637) 
(Spital in Leittneritz.) 

Ein Austauschmvaiidc 
Sein Bettnachbar 

36. Szene (Seite 637) 
(Heimkehrerlager in Galizien.) 

Der Freund 

37. Szene (Seite 641) 
(Nach der Winteroffensive auf den 

Sieben Gemeinden.) 

Zwei Kriegsberichterstatter 

Zwei Soldaten 

Ein Hauptmann 

Dicl<leihige üestalten, die Auto- 
mobilen einsteigen 

Eine schmächtigere, in dichtes 
Pelzwerk gehüllt 

Der Oberst 

Ein Major 

38. Szene (Seite 644) 
(Hofburg. Pressedienst.) 

Hauptmann Werkmann 
Eine Schreibkraft 



39. Szene (Seite 645) 
(Kärntnerstraße.) 

Erzherzog Max 

Ein Lakai 

Der Tenor 

Die Menge 

Ein Zeitungsausrufer 

40. Szene (Seite 645) 
(Eine Seitengasse.) 

Ein blinder Soldat und seine 

kleine Tochter 
Ein Invalide mit Leierkasten 
Ein Leutnant 



41. Szene (Seite 646) 
(Armeeoberkommando.) 

Ein Major 

Ein anderer Major 

42. Szene (Seite 647) 

Der Optimist und der Nörgler 

43. Szene (Seite 656) 

(Stadtpark.) 

Eine unübersehbare Menschen- 
menge 
Zeitungsausrufer 
Zwei Damen 
Ein Herr 

Der Göttergatte u.dieGöttergattin 
Ein dicker Schieber 
Sein Mädchen 
Ein Begleiter 
Stimme eines Skeptikers 
Fräulein Körmendy 
Fräulein Löwenstamm 
Ein Feschak und eine Funzen 
Rufe 

Drei Redner 
Zwei Gruppen 



XXXIII 



Einer, der gelaufen kommt 

Ein anderer 

Ein älterer Herr, der vor sich 
liinsummt 

Ein junger Mann mit Gürtelrock 
und ^'eißen Gamaschen 

Sein Freund 

Die Steffi 

Ein Aufwiegler 

Der Vertreter der Film-Gesell- 
schaft 

Der Restaurateur 

Die Menge 



44. Szene (Seite 660) 

Der Optimist und der Nörgler 

45. Szene (Seite 664) 
(Innsbruck. Maria Theresienstraße.) 

Ein Metzgergehilfe 

Das Mädchen mit dem Säbel 

Der Offizier ohne Säbel 

Zwei andere Offiziere 

Z'vei Wachleute 

Ein Inspektionsoffizier 

46. Szene (Seite 667) 

Zwei Verehrer der Reichspost, 
schlafend 



47. Szene (Seite 669) 
(Separatcoupee erster Klasse.) 

Der Oberstleutnant des Qeneral- 
stabs Maderer von Mullatschak 



48. Szene (Seite 670) 
(3000 Meter hoch.) 

Ein Fähnrich 
Die Schaiek 



49. Szene (Seite 671) 

Der Optimist und der Nörgler 

50. Szene (Seite 673) 
(Schweizer Hochbahn.) 

Gog & Magog 
Eischen 

51. Szene (Seite 679) 
(Baracl<e in Sibirien.) 

Sibirische Gefangene 

Ein österreichischer Hauptmann 

52. Szene (Seite 680) 
(Nordbahnhof.) 

Verschiedene Stimmen 
Spielvogel und Zawadil " 
Angelo Eisner v. 

Eisenhof 
Hofrat und Hofrätin 

Sch'aarz-Gelber 
Sektionschef VX/ilhelm 

Exner 
Dobner v. Dobenau 
Riedl 
Stukart 
Sieghart 
Präsident Landesberger 

von der Anglobank '""Jl'"" 
Eine Mutter "^"^" 

Die Tochter 
Dr. Oharas 
Flora Dub 

Zwei Konsuln Stiaßny 
Drei kaiserliche Räte 
Sukfüll 

Birinski u. Glücksmann 
Hans Müller 
Putzker 
Der Buchhändler 

Hugo Heller 
Der Redakteur 
Ein Austauschinvalide, sterbend 



Mario- 



XXXIV 



53. Szene (Seite 683) 
(Eine menschenleere Gasse.) 

Korybanten und Mänaden 

54. Szene (Seite 684) 
Der Nörgler am Schreibtisch 

55. Szene (Seite 697) 
(Liebesmalil bei einem Korps- 

Itommando.) 

Der General 

Der preußische Oberst 

Ein Bursche 

Generalmajor; Oberst;' 
Oberstleutnant; Major; 
Rittmeister; Dienst- 

habender Generalstabs- beim 
offizier;Telephonoffizier; ' Stab 
Hauptmänner; Oberleut- 
nants; Leutnants; Ober- 
intendant; Oberstabsarzt; 



Regimentsarzt ; Ober- 
auditor; Feldkurat und 
Feldrabbiner; Artillerie- 
referent; Ein K-Offizier; 

Qeza von Lakkati de 
Nemesfalva et Kutjafeleg- beim 
faluszeg; Romuald Kurz- f Stab 
bauer ; Stanislaus von 
Zakrychiewicz; Petricic; 
Iwaschko; Koudjela; 
Trainreferent Felix Bellak 

Wowes 

Ein deutscher Qeneralstabsoffi- 
zier; Ein deutscher Hauptmann; 
Zwei preußische Hauptmänner ; 
Zwei preußische Oberleutnants; 
Ein preußischer Leutnant 

Zwei Kriegsberichterstatter 

Schwester Paula und Schwester 
Ludmilla 

Ein Bursche 

Die Kapelle 

Rufe 



Spalier der Verwundeten und Toten, Lebewelt, Bettler, Bettlerinnen, 
Bettelkinder, Herrenhausmitglieder, Pfgrch von Tornistern, 
Rucksäcken und Leibern in einer Elektrischen, Mannschaft, 
Teilnehmer einer Monstreversammlung, Passanten der Berliner 
Passage, Wahlvereinsmitglieder, deutsche und französische 
Soldaten und Offiziere, deutsche Gefangene, Verwundete, 
die Burgmusik. Kaffeehausgäste in Zivil und Uniform, 
Göttergatten, Gürteltiere, Mädchen in insektenhafter Tracht, Kellner 
und Kellnerinnen, Rennprogrammverkäufer, Ein geordneter Zug 
von Rowdies, Maklern, Operettensängern, Bohemiengs, Gesund- 
betern, Luden, Pupen, Nutten, Neppern, Schleppern, Schiebern 
und Schneppen, Generalstäbler, Kriegsgewinner, Animierdamen, 
Nachtlokalmusik, Vorlesungsbesucher, Spaziergänger, Spitals- 
insassen, Überreste eines Regiments, Reisende zwischen Koffern, 
Passagiere einer Schweizer Hochbahn, Neugierige, Mitglieder des 
Vereins »Lorbeer für unsere Helden«, Funktionäre, Labedienst, 
Austauschinvalide, Regimentsmusik, Journalisten, Männer und 
Frauen die eine Anregung gegeben haben, österreichische und 
deutsche Offiziere, Menagepersonal, Erscheinungen. 



XXXV 



Sprechende Erscheinungen: 

Der Knabe Slobodan Ljubinkovits f 1915; Ein Kriegsbericht- 
erstatter; Der 19jährige und der 21jährige; Zwei Auditoren; 
Ein Oberauditor; Der Hauptmann Prasch; Ein Ulanenoberleutnant; 
Die Gasmasken; Die erfrorenen Soldaten; Der alte serbische 
Bauer; Die Flammen; Die zwölf hundert Pferde; Lionardo da Vinci; 
Die Lusitania-Kinder; Die Kriegshunde; Der tote Wald; Die 
Mutter; Das österreichische Antlitz; Die Raben; Die weiblichen 
Hilfskräfte; Der ungeborne Sohn. 



XXXVI 



EPILOG 

Die letzte Nacht 
(Seite 749) 

Sterbender Soldat 

Männliche Gasmaske 

Weibliche Gasmaske 

General 

Erster Kriegsberichterstatter 

Zweiier Kriegsoenchterstatter 

Der Sterbende 

Ein Fe-ldwebel 

Ein Erblindeter 

Die Krjegsberichterstatterin 

Ein Verwundeter 

Der Totenkopfhusar 

Nowotny von Eichensieg 

Dokior-lng. Abendrot 

Chor der Hyänen 

Der Herr der Hyänen 

Dre^ gelegentliche Mitarbeiter 

Stimmen von oben 

Stimmen von unten 

Zwei Ordonanzen 

Die Kino- Operateure 

Eine Stimme von oben 

Die Stimme Gottes 



Vorspiel 



1. Szene 

Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke. Ein Sommerfeiertagabend. 
Leben und Treiben. Es bilden sich Gruppen. 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Ermordung des Thronfolgers! Da Täta vahaftet! 

Ein Korsobesucher (zu seiner Frau): Gottlob 
kein Jud. 

Seine Frau: Komm nach Haus. (Sie zieht ihn weg.) 

Z w ei terZeitungsausruf er: Extraausgabee — ! 
Neue Freie Presse! Die Pluttat von Serajevo! Da 
Täta ein Serbee! 

Ein Offizier: Grüß dichPowolny! Also was 
sagst? Gehst in die Gartenbau? 

Zweiter Offizier (mit Spazierstock): Woher denn? 
G'schlossen! 

Der erste (betroffen): G'schlossen? 

Ein dritter: Ausg'schlossen! 

Der zweite: Wenn ich dir sag! 

Der erste: Also was sagst? 

Der zweite: Na gehn mr halt zum Hopfner. 

D e r e r s t e : Selbstverständlich — aber ich mein, 
was sagst politisch, du bist doch gscheit — 

Der zweite: Weißt, no wer' mr halt(fuchteltmitdem 
Spazierstock) — a bisserl a Aufmischung — gar nicht 
schlecht — kann gar nicht schaden — höxte Zeit — 

Der erste: Bist halt a Feschak. Weißt, einer 
wird ganz aus'n Häusl sein, der Fallota, der was — 

Ein vierter: (tritt lachend hinzu): Grüß dich 
Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, also 
du — du bist ja politisch gebildet, also was sagst? 

Der zweite: Weißt, diese Bagasch hat Umtriebe 
gemacht ganz einfach. 



Der dritte: Weißt — also natürlich. 

Der vierte: Ganz meine Ansicht — gestern 
hab ich mullattiert ~! habts das Bild vom Schönpflug 
gsehn, Klassikaner! 

Der zweite: Weißt, der Fallota das ist dir ein 
Patriot, der sagt immer, es gentigt nicht, daß man 
seine Pflicht erfüllt, man muß ein Patriot sein unter 
Umstand. Wenn der sich was in den Kopf setzt, 
da gibts keine Würschtel. Weißt was ich glaub? Wern 
mer halt schwitzen müssen die Tag. No von mir aus! 

Der dritte: Was is mit'n Hopfner? 

Der vierte: Du, hast die zwei Menscher 
gekannt da? 

Der zweite: Weißt, der Schlepitschka von 
Schlachtentreu, der is furchtbar gebildet, der liest 
dir die Presse also auswendig von A bis Z, er sagt 
wir sollen auch lesen, dort steht sagt er, wir sind 
für den Frieden, wenn auch nicht für den Frieden 
um jeden Preis, du is das wahr? (Eine Büfettdame geht 
vorüber.) Du schau, das ist das Mensch wo ich dir 
erzählt hab was ich umsonst gehabt hab neulich. 
(Der Schauspieler Fritz Werner geht vorüber.) Djehre! 

Der dritte: Du mir scheint den kenn ich nicht. 

Der vierte: Den kennst nicht? Geh mach 
keine Gspaß den kennst nicht! Das is doch der Werner! 

Der dritte: Klassisch, weißt was ich mir ein- 
gebildet hab, ich hab mir eingebildet, das is der 
Treumann! 

Der erste: Geh hör auf! Wie kann man denn 
den Treumann mit dem Werner verwechseln! 

Der zweite: Siehst du, weil du nicht Logik 
studiert hast — er hat doch konträr den Werner mit 
dem Treumann verwechselt. 

Der dritte: Weißt, nein — wart (denkt nach) 
Weißt überhaupt was meine Ansicht is? »Husaren- 
blut« is besser wie »Herbstmanöver«! 

Der zweite: Hör auf. 

Der erste:Du,dubistjafurchtbargebildet, also — 



Der vierte: Also natürlich war das der Werner! 

Der erste: Du bist ja furchtbar gebildet — 

Der zweite: Warum? 

Der erste: Warst schon beim »Lachenden 
Ehemann«? Kennst auch den Marischka? 

Der zweite: Leider nicht. 

Der erste: Kennst auch den Storm? 

Der zweite: Aber selbstverständlich. 

Der vierte: Gehts, stehts nicht herum bei der 
Potenz-Ecken. Gehn wir zum Hopfner, wenn also die 
Gartenbau — 

Der dritte: Kennst auch den Glawatsch? 
(Im Ge?präch ab.) 

Ein Zeitungsausrufer (kommt im Laufschritt): 
Tagblaad — da Thronfolga und Gemalin ermordet 
bittä — ! 

Ein Agent; Was fangt man mit dem ange- 
brochenen Abend an? 

Ein zweiter: Venedig soll offen sein. 

Der erste: Also schön, steig ma in eine 
Bk und fahr ma nach Venedig. 

Der zweite: Ich weiß nicht, ich bin doch 
etwas nerves, bevor man nicht gehert hat — 

Der erste: Hert ma doch unten! Im Imperial 
haben sie auf Melpomene getippt, den ganzen Tag 
gestern sind sie einem in die Ohren gelegen mit 
Melpomene. Aber mise Vögel, Sie wissen doch — 
chab genug Lehrgeld gezahlt — dort geht Fischl 
(er ruft zur Allee hinüber) Fischl, Melpomene? 
Fischl: Nu na nicht! 
Der erste: Der Schlag soll Sie treffen. 
Fischl: Nach Ihnen. Glaukopis — Z veiter 1 
Ein Wiener (zu seiner Frau): Aber laß dir doch 
sagen, er war nicht beliebt — 

Seine Frau: Marandjosef, warum denn? 
Der Wiener: Weil er nicht papolär war. Der 
Riedl selber hat mir erzählt — (ab.) 



Ein alter Abonnent der Neuen Freien 
Presse (im Gespräch mit dem ältesten Abonnenten): Schöne 
Bescherung! 

Der älteste Abonnent: Was heißlBescherung? 
(Sieht sich um.) Besser wird alles! Es wird eine Zeit wie 
unter Maria Theresia kommen, sag ich Ihnen! 

Der alte: Sagen Sie! 

Der älteste: Wenn ich Ihnen sag! 

Der alte: Ihnen gesagt! Aber — um Gottes- 
willen — Serbien! Mein Jüngster! 

Der älteste: Erstens ist ein Krieg heutzutag 
ausgeschlossen und dann — grad ihn wem sie nehmen! 
Warum, ma hat nicht genug andere? (murmelt) Gott, du 
bist gerecht! Ich — freu mich morgen am Leit- 
artikel. Eine Sprache wird er finden, wie noch nie. 
Wie Lueger gestorben is, wird nix dagegen sein. 
Jetzt wird er endlich reden können frei von der 
Leber, wenn auch selbstredend vorsichtig. Aber allen 
wird er aus dem Herzen reden, sogar den Gojiras 
sag ich Ihnen, und sogar den höheren Gojims und 
sogar den höchsten und denen ganz besonders. Er 
hat gewußt, was am Spiel steht, er jo ! 

Der alte: Man soll's nicht berufen. Vielleicht 
is es nicht wahr. 

Der älteste: Pessimist Sie! (Beide ab.) 
Einige Betrunkene (drängen sich durch die 
Passanten) : Grüß enk Good allamitanandaa ! Nieda 1 
Nieda mit Serbien ! Hauts es zsamm ! Hoch ! 

Vier Burschen und vier Mädchen Arm 
in Arm: Er ließ schlageen eene Bruckn daaß man 
kont hiniebaruckn Stadtunfestung Beigerad — 

Die Menge: Hoch! (Fri^z Werner kommt zurück 
und dankt grüßend) Hoch Werner! 

Fräulein Löwen stamm: Geh jetzt zu ihm 
und bitt ihm. 



Fräulein Körmendy (nähert sich) : Ich bin 
nämlich eine große Verehrerin und möcht um ein 
Autogramm — 

(Werner zieht einen Notizblock, beschreibt ein Blatt und über- 
reicht es ihr. Ab.) 
So lieb war er. 

Fräulein Löwenstamm: Hat er dich an- 
geschaut? Komm weg aus dem Gedränge, alles wegen 
dem Mord. Ich schwärm nur für den Storm! (Ab.) 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Eazheazog Franz Ferdinand — 

Ein Gebildeter: Kolossaler Verlust wird das 
sein für die Theater, das Volkstheater war total aus- 
verkauft — 

Seine Frau: Schön verpatzter Abend, warn wir 
zuhausgeblieben, aber du, du bist ja nicht zu halten — 

Der Gebildete: Ich staune über deinen 
Egoismus, einen solchen totalen Mangel an sozialem 
Empfinden hätte ich bei dir nicht vorausgesetzt. 

Die Frau: Du glaubst vielleicht ich intressier 
mich nicht, selbstredend intressier ich mich, im Volks- 
garten essen hat gar keinen Sinn, wenn sowieso 
keine Musik is geht man gleich zu Hartmann — 

Der Gebildete: Immer mit deinem Essen, 
wer hat jetzt Gedanken — Du wirst sehn was sich 
da tun wird, Kleinigkeit — 

Die Frau: Wenn man nur wird sehn können! 

Der Gebildete: Ein Begräbnis wird das 
doch sein, wie es noch nicht da war! Ich erinner 
mich noch wie der Kronprinz — (ab.) 

Poldi Fesch (zu seinem Begleiter): Heut wird 
gedraht — gestern hab ich mit dem Sascha Kolowrat 
gedraht, morgen drah ich mit dem — (ab.) 

Ein Wachmann: Bitte links, bitte links! 

Ein Zeitungsausrufer: Reichspost ! Zweate 
Oflagee! Die Ermordung des Thronfolgapaares! 

Ein Kleinbürger: Leben und leben lassen! 
Also natürlich für den Wiener, für den kleinen Mann, 



war das nicht das richtige. Wofern, das kann ich dir 
also aufklären verstehst du. Denn warum? Der Wiener 
is gewohnt, daß man ihm seine Gewohnheiten loßt. 
Er herentgegen — der Hadrawa hat ihm einmal erkannt, 
wie er einmal, also natürlich im Kognito war, da is er 
sogar nach der Tax gfahren und hat Trinkgeld geben 
wie ein Prifater, aber nicht um a Sexerl mehr sag ich dir. 

Zweiter Kleinbürger: Hör auf! 

Der erste: Und in die bessern Gschäfte hat 
er auch nicht mehr zahln wolln. Das war einer! 
Glauböt, der hätt sich von unseran überhalten 
lassen? Der hätt sich hergstellt mit unseran! Wo 
unseraner doch auch leben will! Nix hat er auslassn. 
Nicht um die Burg! Also das is Gefühlssache. I sag, 
leben und leben lassen und dafür stirb i. Denn 
warum? Der kleine Mann — 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — I 

Der Kleinbürger: Her mitn Bladl! kost — ? 

Der Zeitungsausrufer: Zehn Heller! 

Der Kleinbürger: An Schmarrn! Wurzerei. 
Steht eh nix drin. Du — pst — schau dir dös Madi 
an, sauber, wos? Die Gspaßlaberln! Da kann sich 
meine Alte also natürlich vastecken. 

Zweiter: Hör mr auf, das is eine Protestierte! 

Erster: Da schau her, vorm Bristol stehn Leut, 
gehma hin, da muß eine Persönlichkeit sein. (Ab.) 

Ein Wachmann: Bitte links, bitte links! 

Ein Reporter (zu seinem Begleiter): Hier nimmt 
man am besten die Stimmung auf. Wie ein Lauf- 
feuer, sehn Sie, hatte sich am Korso die Nachricht 
verbreitet, wo sich die Wogen brechen. Das fröhliche 
Leben und Treiben, das sich sonst um diese Stunde 
zu entfalten pflegte, verstummte mit einem Male, 
Niedergeschlagenheit, das Gefühl tiefer Erschütterung, 
zumeist aber stille Trauer, konnte man von allen 
Gesichtern ablesen. Unbekannte Leute sprachen ein- 
ander an, man riß sich die Extrablätter aus der Hand, 
es bildeten sich Gruppen — 



Zweiter Reporter: Da möcht ich so vor- 
schlagen: In den Alleen der Ringstraße sah man 
Gruppenbildungen von Leuten, die das Ereignis 
besprachen. Wachleute zerstreuten die Gruppen und 
erklärten, daß sie weitere Gruppenbildungen nicht 
dulden würden. Hierauf bildeten sich Gruppen und das 
Publikum begann sich zu massieren — sehn Sie, dort! 

(Zwischen einem Fahrgast und einem Fiaker, vor dem Hotel 

Bristol, hat sich ein Wortwechsel entsponnen, die Passanten 

nehmen Partei, man hört Pfui-F\ufe.) 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Der Thronfolger und seine Gemahlin von Ver- 
schwörern ermordet! 

Der Fiaker: Aber Euer Gnaden! An so 
an Tag — ! 

(Verwandlung.) 



2. Szene 

Cafe Pucher. An demselben Abend vor Mitternacht. Das Kaffee- 
haus ist beinahe leer; nur zwei Tische sind besetzt. An dem 
einen hat ein Prokurist des Bankvereins soeben Platz genommen. 
An dem andern sitzen zwei glatzköpfige Herren; die, jeder eine 
Zigarre mit Papierspitz im Mund, in die Lektüre von Witz- 
blättern vertieft sind. Die Kassierin schläft. Ein Kellner fuchtelt 
zum Scherz mit dem »Hangerl« vor ihrem Gesicht. Ein anderer 
wird vom Kaffeekoch mit einem Fetzen aus der Küche gejagt, 
worüber der Zahlkellner und der Koch in Gelächter ausbrechen. 

Der Zahlkellner Eduard: Seids in ein 
Tschecherl? Schamts euch! Die Minister lesen, 
schamts euch, und die Fräuln Paula schlaft! 

Der Prokurist: Sie! 

Eduard: Herr von Geiringer? 

Der Prokurist: Eine Trabukko und eine 
Extraausgabe! 

Eduard (zieht die Zigarrentasche und die Zeitung aus 
der inneren Rocktasche hervor und sagt): Ei n Trabukkerl 
und etwas fürs Gemüt! 



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Der Prokurist: War niemand da? Wieso is 
heut so stier? Nicht einmal der Dokter Gomperz? 

Eduard: Niemand Herr von Geiringer. 

Der Prokurist: Hat wer telephoniert? 

Eduard: Bisher nicht. Jedenfalls das schöne 
Wetter — vielleicht über die Feiertag die Herrn einen 
Ausflug — 

Der Prokurist: Was für ein Feiertag is 
denn heut? 

Eduard: Peter und Paul, Herr von Geiringer. 

(Während die beiden ihr Gespräch fortsetzen, ist ein Fremder 

eingetreten. Er hat an einem Tisch vis-ä-vis den beiden älteren 

Herren Platz genommen. Ein Kellner bringt Kaffee.) 

Der Fremde: Sie Markör, wer sind denn 
die beiden älteren Herren, die kommen mir so 
bekannt vor — 

Franz (sich über den Gast beugend): Das is der 
Ministertisch. Der Herr mit dem Zwicker, der was 
das Kleine Witzblatt liest, is seine Exlenz der Minister 
des Innern, und der Herr mit dem Zwicker, der was 
den Pschütt studiert, das is seine Exlenz der Herr 
Ministerpräsident. 

Der Fremde: So! Sind die nur heute da, 
wegen des Ereignisses, oder immer? 

Franz: Jeden Abend bereits, na ja, die 
Exlenzen sind hauptsächlich Junggesellen. 

Der Fremde: So! Und wer ist der Herr, der 
grad dazukommt? 

Franz: Ah is scho da — das is Seine Exlenz 
der Direktor der Kabinettskanzlei. 

Der Fremde: So! 

(Franz stürzt davon und bringt dem Direktor der Kabinetts- 
kanzlei eine Limonade und das Interessante Blatt. Nach einer 
Weile sagt) 
Der Ministerpräsident (indem er die Pschütt- 
Karikaturen beiseite legt): Nix besonderes heut. 



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Der Minister des Innern (gähnt und ?agf): Fad! 

Der Ministerpräsident: Überiiaupt, bis 
so ein Tag vorüber is! 

Der Direktor der Kabinetts kanzlei: 
Man spürt scho die Hundstäg. 

Der Ministerpräsident (nach einer Pause des 
Nachdenkens): Ein Communique denk ich wird halt 
doch nötig sein denk ich. Wegen der Maßnahmen, 
die die Regierung zu der durch die Ereignisse 
geschaffenen Situation ins Auge gefaßt hat, zu deren 
Besprechung die MitgHeder des Kabinetts in längerer 
Konferenz beisammen verblieben und so. 

Der Minister des Innern: Tunlichst. 

Der Ministerpräsident: Eduard! 

Der Minister des Innern: Welche Maß- 
nahmen werden wir denn treffen? 

Der Ministerpräsident: Das wird vom 
Communique abhängen. Sie Eduard! 

Eduard: Befehlen Exlenz? 

Der Ministerpräsident: Gibts denn heut 
gar nix Neues? Bringen S' die — wie heißt's denn? 

Eduard (unter den Witzblättern am Tisch suchend): 
Fehlt denn noch was Exlenz? Richtig! 

(Er geht zum Zeitungsschrank. Währenddessen nähert sich der 
Prokurist dem Ministertisch und zieht den Minister des Innern, 
der sich erhoben hat, ins Gespräch. Eduard winkt den Kellner 
Franz herbei, der eben mit einem Fetzen aus der Küclie gejagt 
wurde und sich anschickt, der schlafenden Kassierin mit dem 
Hangerl vor dem Gesicht zu fuchteln.) 

Eduard: Horts denn no net auf? Seids in 

einTschecherl? Schamts euch ! (Ersucht weiter im Zeitungs- 
schrank). Wo habts denn wieder die Illustrierten 
hinmanipuliert? Für den Ministertisch die Bombe! 

(Verwandlung.) 



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3. Szene 



Kanzleizimmer im Obersthofmeisteramt. Nepalleck, ein Hofrat, 

am Schreibtisch. Er telephoniert, sich dabei fortwährend vor 

dem Apparat verbeugend, fast in ihn hineinkriechend. 

N e p a 1 1 e c k : Begräbnis dritter Klasse — 
Versteht sich Exlenz — Exlenz können unbesorgt sein 

— Durchlaucht hat sofort die Initiative ergriffen — 

— wie? Pardon Exlenz wie? Man versteht heut wieder 
so schlecht — Kruzitürken, Fräulein, Hofgespräch, 
das is ein Skandal! — Pardon Exlenz, es war 
unterbrochen — ja — ja — ja — zu dienen — wird 
besorgt — aber natürlich — abgewunken — allen — 
selbstverständlich — Durchlaucht hat sofort die 
Initiative ergriffen — natürlich — Durchlaucht wird 
hocherfreut sein — Alles im Sinne von Seiner Durch- 
laucht — Exlenz können sich verlassen — nein, 
nein, keiner von die Monarchen — auch keine Mit- 
glieder — nein, auch keine Verwandten — natürlich 

— Wie? — nein, alle wollten — keiner kommt — 
A Großfürst war schon reisefertig, aber wir haben 
es zum Glück noch rechtzeitig verhindern können — 
ginget uns ab, die möchten uns da mit Aufklärungen 

— daß' am End nur ja zu kan Krieg kommt — 
Wie? schon wieder unterbrochen, Kruzitürken, is 
das ein Pallawatsch! — ja, auch von England — 
nein, niemand — keine Katz von an Hof — nur 
die Botschafter und so Leut — selbstverständlich 
auch das mit Auswahl, wo man schon nicht nein 
sagen kann — wer mr scho machen — tüchtig 
gesiebt, tüchtig — nach Tunlichkeit — Rauni- 
rücksichten — mein Gott, die kleine Kapelle, ham 
mr an Gspaß ghabt — Der Wortlaut? Gleich bitte. 
(Zieht einen Zettel aus der Tasche.) »Beschränkungen der 
Delegierungen auswärtiger Fürstenvertreter und 
militärischer Delegierter, die mit Rücksicht auf den 
verfügbaren Raum — « Wie? Natürlich, selbstver- 
ständlich, das wird die bitterste Enttäuschung sein, 
keine offizielle und keine allgemeine Beteiligung des 



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Militärs — Wie, Exlenz? In Belgrad? No ja, die werns 
kurios finden — sehr richtig, solln s' draufhin nur noch 
mehr frech wem gegen uns — wir haben gar nichts 
dagegen, nicht wanr ilxlenz? — So ist es! — Sehr 
gut. Exlenz, famos, Begräbnis dritter Klasse Niciit- 
raucher — famos, muß ich Durchlaucht erzählen, 
Durchlaucht wird sich kugeln — wir haben eh die 
größten Scherereien mit der Einsegnung — ja der 
böhmische Adel, bißl zudringlich von die Herrn — die 
Spezi und die Verwandtschaft — was wir geantwortet 
haben? Durchlaucht hat sofort die Initiative ergriffen. 
Ganz einfach, außer dem Allerhöchsten Hof und den 
Offiziellen hat höchstens noch der Vormund Zutrht — 
Wie? die Kinder? nein, Durchlaucht is dagegen wegen 
der Plaazerei — Wie? ja die Herrschaften wollen zu 
Fuß mitspazieren — natürlich sehr unangenehm für 
Durchlaucht, fast eine Demonstration — Sehr gut, dia 
Arbeitslosen! Muß ich Durchlaucht erzählen, Durch- 
laucht wird sich kugeln — Wie meinen Exlenz? 
Wurscht? Und wie! Savaladi! — Aber natürlich, kein 
Mensch kann was sagen — allen Formalitäten genügt 
— allerhöchstesRuhebedürfnis ganz ein fach — 
justament, solln s' sich guten — selbstverständlich — 
Thronfolgerbegräbnis ist eben dritter Klasse, da gibts 
keine Würschtel — zu Fleißaufgaben haben wir gar 
keine Ursache — ja apropos Exlenz haben von der 
unverschämten Zumutung seiner Kanzlei noch nicht 
gehört? — Nach dem spanischen Zeremoniell solln 
mr ihnen auch noch das Begräbnis in Artstetten, 
nicht bloß die Zufuhr zur Westbahn — nicht wahr, 
unerhört — In unsere Kompetenz gehört nur die 
Kapuzinergruft, punktum! — Aber natürlich, Durch- 
laucht hat sofort die Initiative ergriffen und denen 
geantwortet, sie solln froh sein, daß wir die Leich 
bis zur Westbahn bringen. Das weitere geht die 
städtische Leichenbestattungsanstalt an — oder den 
Verein zum ewigen Leben, sehr richtig — natürlich, 
jedenfalls aus Schmutzerei — in seinem Sinne — 



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Pietät, sehr gut! Muß ich Durchlaucht erzählen, 
Durchlaucht wird sich — nein, nur zwanglos, kleines 
Festessen in gemütlichem Kreis — Ob mr wen 
anstellen wern? Nicht einen, wird alles hinaus- 
gschmissen — Oja, Viechsarbeit — natürlich, wenn's 
auf mich ankommt, ich persönlich war vom ersten 
Moment dagegen, daß die Leich von der Chotek im 
selben Zug mitkommt — ich sag in solchen Fällen, 
wärst net aufigstiegn, wärst net abigfalln — aber 
das war leider — aber ja, das gute Herz von Seiner 
Durchlaucht — und dann, Exlenz wissen ja, 
Seine kaiserliche Hoheit hat interveniert, kann man 
halt nix machen — na, wenigstens hätt mr die 
Gschicht so weit in Ordnung bracht, daß ihr Sarg 
um eine Stufen tiefer aufgstellt wird wie der seinige 

— Gewiß, wird nicht angenehm sein morgen auf der 
Südbahn — aber wenigstens kein Gedränge — Wie? 
Sehr gut, nicht wie am Sonntag nach Atzgersdorf, 
sehr gut, muß ich Durchlaucht, Durchlaucht wird 
sich — Wie? pardon, ach so, die Zeitungen? Instruiert, 
alles instruiert, wern nicht viel hermachen. Schlagwort: 
Kein Prunk, sondern stille Trauer oder was beißt mich da 

— Wie Exlenz? So still, daß man — famos, muß ich 
Durchlaucht, Durchlaucht wird sich — Wie? Ja, hoch- 
erfreut, daß die Kabinettskanzlei ebenso tief erschüttert 
ist wie das Obersthofmeisteramt — Durchlaucht wird 
sich kugeln — paar Vergnügungsetablissements haben 
bei uns angefragt, ob s' ihnere Vorstellungen abhalten 
sollen. Antwort: daß irgendeine Hoftrauer noch nicht 
angeordnet und daß es dem Ermessen jeder einzelnen 
Direktion anheinigestellt bleibt — gut, was? — no 
und was die ermessen, kann man sich ja denken, 
na ja der Wolf aus Gersthof braucht a net mehr 
z'wanen wie mir selber. Aber Venedig in Wien, das 
wird Exlenz intressiern, die warn so vernünftig und 
habn gar net gfragt und habn ruhig am selben Tag 
gspüll. Mein Gott, das bißl Gaudee und das bißl 
Gschäft soll man den Leutein bei die schlechten 



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Zeiten vergunnen — leben und leben lassen, natürlich 
— Gewiß, gewiß, nicht wir allein, das ganze Reich — 
das ganze Reich — sehr gut, alle die gleichen Gefühle, 
sehr richtig, man will eben nicht ersticken — Wie? 
Kruzitürken, was is denn schon wieder — es war eine 
Störung! — sehr richtig, man will gemütlich sein — 
so ist es, einmal geht auch der Schinder drauf — 
leben und leben lassen — die Leut wolln ein joviales 
Gsicht sehn, sonst wem s' selber grantig — jawohl, 
wer nicht grüßen kann, ghört nicht an die Spitze! — 
no in der Beziehung können wir ja für die Zukunft 
Gottseidank unbesorgt sein — Wie? Was die andere 
Durchlaucht macht, die neuche? Oder vielmehr, der 
gewesene künftige Obersthofmeister? Der verblichene 
Günstling, selig in dem Herrn entschlafen, Gott hab 
ihn selig, hol ihn der Teufel, noja, ein ganz spezieller 
Trauerfall, der einzige, der tiefgebeugt, jedenfalls — 
nein, wird uns wohl nicht mehr mit seinem Besuche 
beehren — Wie? Die was in Serajevo mit waren? 
Der Harrach? Vielleicht auch. Hat ihn ja doch 
>mit seinem Leibe gedeckt« — ja, die habn sich 
wichtig gmacht unten — Der Morsey fahrt einen 
Polizeibeamten an, warum er einen von die Atten- 
täter nicht verhaftet, no der hat ihm aber tüchtig 
geantwortet, Herr Leutnant kümmern Sie sich um 
Ihre Angelegenheiten! — Die Polizei in Serajevo 
hat einfach ihre Pflicht erfüllt, nicht mehr und nicht 
weniger — Die Gendarmerie — wie viel da waren? 
Durchlaucht hat damals die Initiative ergriffen beim 
Tisza, der hat aber selbst schon alles vorgekehrt 
ghabt. Sechs zu seinem persönlichen Schutz, das 
war doch mehr wie genug! — Sehr gut, ein ver- 
nünftiger Ausgleich, zweihundert hat man ihm für 
Konopischt bewilligt, damit das p. t. Publikum nicht 
in die Anlagen trete — ja, das hat ihm gschmeckt, 
da hat man geuraßt — Wie? im Auswärtigen sans 
schon fuchtig? Natürlich, die beste Handhabe, selbst- 
verständlich — Endlich, endlich! — bin neugierig, 



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ob s' lang untersuchen wern im Schlangennest — 
wieder ein vernünftiger Ausgleich, sechs Gendarmen 
für Serajevo, brauchn mr haU desto mehr für 
Belgrad! — Bagasch übereinand — Aber natürlich, 
mir san ja eh die reinen Lamperln — Ja das is 
wahr mit die Ahnungen, was er ghabt hat, aber da 
ham'r ihm schon Mut gemacht, ein Offizier furcht 
sich nicht! — sehr richtig, er war in Gottes Hand, 
sein Lebtag, bis zum Schluß — nicht zu verhindern 
gewesen, versteh, versteh, aber strafen, wanns einmal 
gschehn is! — gewiß, nachher nimmt man sich eben 
zsamm, ja, ja, wird auch in dem Punkt sein Gutes 
haben, nach innen und außen — abrechnen — 
Ja, der Conrad, na der wird jetzt — aber natürlich, 
das fressen s'! Da muß doch eine Genugtuung sein, 
das sieht doch jedes Kind, war net schlecht — ein 
Prestischpunkt, der sich gewaschen hat — wer* mr 
scho machen — aber ja — Wie? Aber natürlich, da 
reißen uns schon die Deutschen heraus — so is, wir 
sind für den Frieden, wenn auch nicht für den 
Frieden um jeden Preis — nein Exlenz, von Urlaub 
leider keine Rede, woher denn — is schon einmal so, 
noja, mir bleibt doch nichts erspart — nochmals, 
selbstverständlich, bitte unbesorgt — wer's bestelln — 
tänigsten Dank, korschamster Diener Exlenz I 

4. Szene 

Ebenda 

Diener: Bitt schön Herr Hofrat — einer is da. 

Nepalleck: Was für einer? 

Diener (verlegen): No, von die andern. 

N e p a 1 1 e c k (herrisch) : Es gibt keine andern ! 
Die Zeiten sind vorbei! Hab ich Ihnen nicht gesagt, 
daß jeder, der kommt — 

Diener: Bitt schön — er sagt, daß es nur 
wegen einer Erkundigung is. 

Nepal leck: Möcht wissen, was es da noch zu 
erkundigen gibt, alstern herein mit ihm. (Diener ab.) 



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5. Szene 

(Ein alter Kammerdiener des verstorbenen Erzherzogs tritt auf.) 

Nepal leck (zischt hervor): Was v/ollen S'? 

Der alte Kammerdiener: Zu dienen, 
gnädiger Herr Hofrat — also — ich weiß mir in dieser 
Beziehung — also diesfalls — also anderweitig — 

Nepal leck: Was Sie wollen, möcht ich gern 
hören! 

Kammerdiener: Nämlich das Unglück, das 
große Unglück, also nicht wahr, gnädiger Herr Hofrat 
— also wo ich schon unter kaiserlichen Hoheit — 
hochseligen Weiland — Herrn Erzherzog Ludwig, Gott 
hab ihn selig — 

N e p a 1 1 e c k : Aha, also mit einem Wort, Sie sind 
ein vazierender Kammerdiener - Sie, mein Lieber, 
das schlagen S' Ihnen aus dem Kopf, Anstellungen 
werden hier nicht vergeben! 

Kammerdiener (weinend): Aber nein, Herr 
Hofrat — aber nein, Herr Hofrat — 

Nepal leck: Was, zudringlich wem S'? 

Kammerdiener: Aber nein Herr Hofrat — 
nicht will ich — nicht will ich — 

Nepalleck: Also was denn sonst? 

Kammerdiener: Aber nein — wahr is, ein 
strenge Herr — aber — strenge — und — gute 
Hoheit - aber -- so — 

Nepalleck: Sie Verehrtester erzählen S' uns 
hier keine Raubersgschichten — sagen S' was Sie 
von uns wollen! 

Kammerdiener: Aber nix wollen, Herr Hofrat, 
nix, nix, gar nix wollen — nur sprechen — nur 
sprechen — nur sprechen — vor der Leich noch amal — 

N e p a 1 1 e c k (seine Stimme erhebend) : Sprechstunde 

hab ich für Sie keine, verstanden? 

(Von rechts, durch den Lärm gerufen, stürzt Fürst Montenuovo 
mit wutverzerrtem Gesicht herein.) 

Die letzten Tage der Menschheit. 2 



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6. Szene 



Montenuovo: Was ist? Ah is schon einer da! 
Sie, schaun Sie, daß Sie weiter kommen! Hier findet 
keiner von euch einen Posten, verduften, gschwindl 

Kammerdiener (mit großem Staunen): Ich — hab 
— Jesus — zu dienen, gnädigste Durchlaucht — (Ab.) 

7. Szene 

Montenuovo: Sie Hofrat, Sie wissen, daß hier 
kein Asyl für Obdachlose ist — ich habe nun einmal 
die Initiative ergriffen, also — Ruh will ich haben! 

Nepalleck: Durchlaucht können sich verlassen, 
es wird nicht mehr vorkommen, der Mensch wollte 
nur — 

Montenuovo: Alleseins. Daß mir keine von 
den Belvedere- Visagen hier unterkommt! — Wie viel 
Einladungen? 

Nepalleck: Achtundvierzig. 

Montenuovo: Was reden S' denn? 

Nepalleck: Ach so, bitte tausendmal um Ver 
gebung, ich hab an morgen abends gedacht. Sechs- 
undzwanzig. 

Montenuovo: Die sechs noch streichen! (Ab.) 

Nepalleck: Zu Befehl! (Setzt sich wieder an den 
Schreibtisch.) 

8. Szene 

Fürst Weikersheim dicht hinter ihm der Diener, 

Diener: Bitte Durchlaucht, ich habe den 
strengsten Auftrag — 

Ftirst Weikersheim: Was hat der? Auftrag? 
Was? Man muß hier angemeldet werden? (Diener ab. 
Nepalleck bleibt am Schreibtisch sitzen, ohne aufzublicken. Der 
Fürst nach einer Pause des Wartens.) Sie ! (Nach einer weitern 
Pause lauter) Sie! Was — geht hier vor? (schreiend) Sie, 
stehn Sie auf! 



19 



N e p a 1 1 e c k (wendet den Kopf, obenhin) : Guten Tag, 
guten Tag. 

Fürst Weikersheim (nach einer Pause sprachlosen 
Staunens): Was — ist — das? So — rasch — (Mit Betonung) 
Sie, wissen Sie, wer ich bin? 

Nepal leck: Was ist denn, was ist denn, natür- 
lich weiß ich das, Sie sind der gefürstete Baion 
Bronn von Weikersheim. 

Fürst Weikersheim: Und Sie sind ein — 
Und der dort ist Ihr Vorgesetzter! (Ab, indem er die 
Tür ins Schloß wirft.) 

9. Szene 

N e p a 1 1 e C k (lacht krampfhaft. Das Telephon klingelt): 
KorschamsterDienerExlenz, indemMqjnenthatsich — 
(Montenuovo steckt den Kopf zur Tür herein, blitzschnell dreht 
sich Nepalleck um) Zu Befehl Durchlaucht — 
(V^erwandlung.) 

10. Szene 

Südbahnhof. Im fahlen Morgenlicht ein Raum, von dem aus 
man durch eine große Türöffnung den Hofwartesalon überblickt. 
Dieser selbst ist ganz mit schwarzen Tüchern drapiert. In der 
Mitte des Saals, für die draußen Stehenden anfangs noch sichtbar, 
zwei Sarkophage, deren einer um eine Stufe tiefer steht; rings 
um die Särge hohe Leuchter mit brennenden Kerzen. Kränze. 
Gebetstühle. Schwarz livrierte Lakaien sind eben damit beschäftigt, 
die letzten Kerzen anzuzünden und die zum Empfang der Trauer- 
gesellschaft notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Im Vorraum 
und auf dem noch sichtbaren Teil der Treppe drängt sich Publikum, 
das von Polizeibeamten geordnet wird. Würdenträger, Funktionäre 
in verschiedenartigen Uniformen erscheinen, bleiben im Vorraum 
oder verschwinden im Saal, wechseln stumm oder flüsternd Qrüße. 
Ein unablässiges Kommen und Gehen. Eine Abordnung von 
Gemeinderäten in Frack erscheint. Hofrat Nepalleck tritt mit allen 
Anzeichen tiefster Niedergeschlagenheit auf und nimmt von zahl- 
reichen .A.nwesenden Kondolenzen entgegen. Dieser und die 
folgenden Vorgänge spielen sich im Zwielicht ab. Die Gespräche 
sind die von Schatten. 

Nepal leck: Es ist das Furchtbarste, Durchlaucht 
ist ganz trübsinnig und durch Unwohlsein verhindert, 
der höchsten Trauerfeier persönlich beizuwohnen. 



2* 



20 



Auch der Graf Orsini-Rosenberg muß das Bett hüten. 
Es ist über uns hereingebrochen. Rechts der schönste, 
der mit Chrysanthemen auf dem Sarg Ihrer seligen 
Hoheit der durchlauchtigsten Frau Herzogin, ist von 
Seiner Durchlaucht. 

(Ein hochgewachsener Herr, Kleid und Haltung in tiefster Trauer, 
erscheint, geht auf Nepalleck zu und drückt ihm warm dieMand.) 

Angelo Eisner v. Eisenhof: Er war mein 
Freund. Ich bin ihm nahegestanden. Zum Beispiel 
bei der Eröffnung der Adriaaustellung. Aber was 
ist mein Schmerz, verglichen mit dem Ihren, Heber 
Hofrat! Was muß ein Mann wie Sie in diesen Tagen 
durchgemacht haben! 

Nepalleck: Mir bleibt doch nichts erspart. 

(Inzwischen ist das gegenüberliegende Tor "geöffnet worden, und 
man sieht, wie sich der Saal mit der Hofgesellschaft, den höchsten 
Hof- und Siaatsbeamten und der Geistlichkeit füllt, v/obei ein 
Zeremonialbeamter ordnend eingreift und jeden den ihm vor- 
behaltenen Platz anweist. Bis zum Beginn der heiligen Handlung 
strömen in den Vorrsimi immer neue Teilnehmer und Zuschauer, 
die einzutreten versuchen, Einladungen vorzeigen, zugelassen 
oder abgewiesen werden. Einige Damen des Hochadels werden 
von einem diensthabenden Organ aus dem Saal gewiesen. Es 
erscheinen zehn Herren in Oehröcken, die, ohne sich zu legitimieren, 
mit Zuvorkommenheit, an dem S)3alier der Wartenden vorbei, bis 
über die Tür des Trauergemachs geleitet werden, die sie während 
des Folgenden besetzt halten, so daß sie zwar selbst die Vorgänge 
beobachten können, aber diese den Blicken der Außenstehenden 
fast ganz entziehen. Die Sarkophage sind seit dem Moment ihres 
Auftretens nicht mehr sichtbar. Während jeder der zehn ein 
Notizblatt hervorzieht, treten zwei Funktionäre an die Gruppe 
heran und stellen sich gegenseitig wie folgt vor.) 

Zawadil: Spielvogel. 

Spielvogel: Zawadil. 

Beide (zugleich sprechend): Ein trüber Morgen. 
Schon um 6 Uhr waren wir zur Stelle, um die An- 
ordnungen zu treffen. 

Angelo Eisner v. Eisenhof (tritt hinzu und 
spricht angelegentlich mit einem der zehn, die zu schreiben 
beginnen. Er deutet auf verschiedene Gestalten, die alle die Hälse 
reAen und den Versuch machen, aus dem Spalier zu treten 



21 



Er beruhiget durch Winken jeden einzelnen, indem er, gleichzeitig 
aui die zehn Männer weisend, die Pantomime des Schreibens 
macht, so als ob er ihm bedeuten wollte, daß bereits von ihm 
Notiz genommen sei. Inzwischen ist es dem Hofrat Schwarz- 
Gelber und dessen Gemahlin gelungen, in unmittelbaren Kontakt 
mit den Schreibenden zu kommen und einem von diesen auf 
die Schulter zu tippen.) 

Hofrat Schwarz-Gelber und Hofrätin 
Schwarz-Gel ber: Wir haben es uns nicht nehmen 
lassen wollen, persönlich zu erscheinen. 

Angelo Eisner v. Eisenhof (der sich mit 
einem indignierten Blick abwendet, zu seinem Nachbar Dobner 
V. Dobenau): Und so etwas will einer heiligen Handlung 
beiwohnen! Wahrscheinlich das erstemal. Ich muß 
mich vor meinem Freunde Lobkowilz schämen, der 
grad herüberschaut. (Er grüßt öfter und winkt.) Aha, er 
hat mich bemerkt, aber nicht erkannt. 

Dobner v. Dobenau (mit starrer Miene und 
langsam): Als Truchseß hätte ich eigentlich das Recht, 
hineinzugehen, wo die Spitzen sind. 

Conte Lippay: Dadurch, daß es mir als 
Künstler gelungen ist, den Papst zu malen, hatte 
ich als Palatinalgraf des öfteren Gelegenheit, Seine 
Heiligkeit als deren Kämmerer auf die durch solche 
Vorfälle nicht zu erschütternde Frömmigkeit des ver- 
ewigten hohen Herrn aufmerksam zu machen, was Seine 
Heiligkeit beifällig zur Kenntnis zu nehmen geruhte. 

Eisner v. Eisenhof: Ja, Lipschitz, wie 
kommen denn Sie hieher? Unsere Väter in Pilsen 
hätten sich auch nicht träumen lassen — 

Conte Lippay: Nichts davon, Baron, nichts 
davon, tempi passati. Sie wissen ja selbst, nemo 
propheta in sua patria und alle Wege führen nach 
Rom. Aber haben Sie nicht meine Söhne die Grafen 
Franz und Ervvein gesehn? 

Dobner v. Dobenau: Als Truchseß hätte 
ich eigentlich das Recht — 



22 



Cafetier Riedl: In der Adriaausstellung 
habe ich mit Seiner kaiserlichen Hoheit verkehrt, 
ihm selbst als Padriot und schlichter Gewerbsmann 
speziell den Kaffee kredenzt, warum nicht, wenn 
ich auch anerkannt bin, unsereins ist nicht so 
hopatatschig, indem auch seine hochherzigen Be- 
strebungen um den Ausbau unserer Flotte an mir 
im Geiste Tegetthoffs als Obmann jederzeit einen 
warmherzigen Förderer um damit auf dem einmal 
betretenen Wege unerschrocken fortzufahren. 

Dr. Charas: Mit mir an der Spitze ist auch 
die Rettungsgesellschaft erschienen, hat aber noch 
keinen Anlaß gefunden, in zahlreichen Fällen zu 
intervenieren. 

Der Chef des Sicherheitsbureaus Hofrat 
Stukart: Meine Anwesenheit versteht sich von selbst. 
Ganz abgesehen von meinem gesellschaftlichen 
Prestige, mußte schon das rein kriminalistische Interesse 
meine Aufmerksamkeit auf diesen Fall lenken, dem 
ich vollkommen unbefangen gegenüberstehe, weil es 
sich um einen Mordfall handelt, aus dem es niemandem 
gelingen wird den Vorwurf der Reklamesucht gegen 
mich abzuleiten. In Wien wäre so etwas unmöglich 
gewesen. Ich will ja nicht leugnen, daß der geehrte 
Kollege in Sarajevo bis zu dem Attentat selbst eine 
ähnliche Taktik eingeschlagen hat, wie sie sich bei 
uns wiederholt bewährt hat, indem man von den 
Vorbereitungen zu einem Verbrechen eiitweder nichts 
weiß oder es ausreifen läßt, um es späterhin mit umso 
größerem Erfolge entdecken zu können. Aber der 
geehrteKollege in Sarajevo hat eben diesen eigentlichen 
kriminalistischen Zweck, wenn er ihn selbst angestrebt 
hätte, bedauerlicherweise verfehlt. Wie anders hätte 
ich nach vollzogener Tat, weit über meine Dienst- 
pflicht hinaus, mir den Fall angelegen sein lassen, 
indem unser Sicherheitsbureau fieberhaft gearbeitet 
und ich persönlich so lange die Fäden in meiner 
Hand gehalten hätte, bis es mir gelungen wäre, den 



23 



Täter nach erfolgtem Geständnis unter der Last der 
Beweise zusammenbrechen zu lassen, was dem geehrten 
Kollegen in Sarajevo dadurch, daß der Täter auf 
frischer Tat ergriffen wurde, bedauerlicher Weise nicht 
geglückt ist. Ich kann mir diese fatale Wendung nur 
aus Ungeschicklichkeit, vielleicht aus dem Übereifer 
des Attentäters, der sich der Verhaftung nicht wider- 
setzte, oder aus einem unglücklichen Zufall erklären, 
der eben in diesem besonders beklagenswerten Falle 
die Tätigkeit der Polizei vollständig lahmgelegt hat. 
Da aber das Opfer des Täters an diesem katastrophalen 
Ausgang unschuldig ist, so wird man es begreiflich 
finden, daß meine Anwesenheit hier, wenn auch unter 
andern, bemerkt wird. 

Sektionschef Wilhelm Exner: Ich stehe 
hier als Vertreter technologischer Interessen. 

Gouverneur Sieghart von der Boden- 
kreditanstalt: Ich bin heute Gouverneur. In der 
sichern Erwartung, daß nunmehr die Staatsgewalt 
sich in den meiner Weltanschauung angepaßten 
Bahnen ohne Aufenthalt weiterbewegen w^ird, kann 
ich hier meinen Platz behaupten. 

Präsident Landesberger von der An gl o- 
bank: Sie sagen von mir, ich sei ein Bankmagnat. 
Trotzdem glaube ich nicht, daß es unter meiner 
Würde ist, hinter dem Sarge eines wenn auch 
anderen Idealen zugewandten Mächtigen ein be- 
scheidenes, aber stolzes Plätzchen anzustreben. 

Herzberg-Fränkel: Mein Name ist Herzberg- 
Fränkel. Ich weiß, er hat bei Lebzeiten keine be- 
sonderen Sympathien für meinen Typus gehabt, aber 
der Tod hat etwas Versöhnendes. 

Die freisinnigen Gemeinderäte Stein 
und Hein: Ich weiß zwar nicht, was ich hier 
zu suchen habe, aber da auch ich da bin, bin ich 
auch da. 



24 



Zwei Konsuln (stellen sich gleichzeitig vor): 
Stiaßny. Wir haben zwar keine nennenswerte Be- 
ziehung zu dem Verewigten gehabt, sind aber dessen- 
ungeachtet herbeigeeilt, um unsere Pflicht zu erfüllen. 

Drei kaiserliche Räte (treten in einer Reihe auf): 
Wir sind als Abordnung erschienen, weil wir es den 
Manen schuldig zu sein glauben, uns in der Hoffnung 
auf bessere Zeiten nicht von der Überzeugung ab- 
bringen zu lassen, daß er das Gute gewollt hat, aber 
schlecht informiert war. 

Sukfüll: Vom Gremium entsendet und be- 
rufen, die schmerzlichen Gefühle der Sektion aus- 
zusprechen, sehen wir einer ungewissen Zukunft 
entgegen und sind noch nicht einmal in der Lage, 
zu ermessen, ob das Ereignis für die geplante Hebung 
des Fremdenverkehrs hemmend oder fördernd aufzu- 
fassen ist. Wie dem immer sei, entbiete ich meinen 
letzten Gruß. 

Birinski und Glücksmann: Als Vertreter 
der Kunst hat uns die Kunst entsendet, um an der 
Bahre des großen Toten das Gelöbnis idealen Strebens 
zu erneuern, während als Vertreter der Industrie jeden- 
falls andere gekommen sind. 

Der Buchhändler Hugo Heller: Durch meine 
weitverzweigten kulturellen Verbindungen v/äre es mir 
offenbar ein Leichtes gewesen, den erlauchten Ver- 
storbenen dauernd an mich zu fesseln, wenn nicht 
wie gesagt der Tod dazwischen gekommen war. 
(Während dieser Rede ist eine Dame in tiefster Trauer eingetreten. 
Alles weicht zurück.) 

Hofrätin Schwarz-Gelber (wie vom Bütz 
getroffen, gibt ihrem Gatten einen Stoß und spricht): Was 
hab ich dir gesagt! Die is überall, wo sie nicht 
hineingehört. Ob man einmal unter sich sein könnte! 

Flora Dub: Wie ruhig sie daliegen! Wenn 
sie leben möchte, möchte sie sich erinnern, wie ich 
einmal Blumen geworfen hab auf ihr. Er war zwar 



25 



kein besonderer Freund von Rlumenkorsos. Aber ich 
bin gekommen, damit sie sehen sollen, ich trug 
ihnen nichts nach. 

Der Nörgler (im Vordergrutui): 
Du großer Gott der Großen und der Kleinen! 
Du prüfst die Großen, weil es Kleine gibt. 
Du prüftest einmal Kleine durch den Großen. 
Und riefst ihn weg. So hat er diese Prüfung 
als Prüfer und Geprüfter schlecht bestanden. 
War dies die Absicht, als Du Tod und Leben 
zu seligem Unterschied erfunden hast? 
Stürzt in die Bresche dar Unendlichkeit 
der irdische Feind, ein toljgev/ordener Haufe? 
Und ist das Leid nicht göttlicher Besitz, 
daß die es tragen, die gemordet haben? 
Ist selbstvergossnes Blut nur ein Rubin, 
ein falscher Diamant die echte Thräne, 
ein Putz, den sich die Judasfratze borgt? 
Dann ist die Zeit zu Ende und nichts bleibt 
als Deine Prüfung. Laß es sie entgelten, 
in Stadt und Staat die Mißgebornen fühlen, 
daß es vollbracht ist! Nimm ihr eigenes Blut 
und traure über sie mit Gottes Thräne! 

(Während dieser Vl^orte hat die heilige Handlung in höchster 
Feierlichkeit ihren Anfang genommen. Man sieht, wie der gesamte 
im Trauersaa! versammelte Hofstaat zum Gebete kniet, vonie 
schluchzend die drei Kinder der Ermordeten. Zeitweise wird die 
Stimme des Priesters hörbar. Nun spielt die Orgel. Einer der 
zehn, die allmählich ganz in das 'i'rauergemach gelangt sind, 
wendet sich plötzlich mit lauter Stimme an seinen Nachbarn.) 

Der Redakteur: Wo is Szomory? Wir 
brauchen die Stimmung! 

(Die Orgel setzt ab. Es tritt eine Pause stummen Gebetes ein, 
nur vom Schluchzen der drei Kinder unterbrochen.) 

Der Redakteur (zu seinem Nachbarn): Schreiben 
Sie, wie sie beten! 



I. Akt 



1. Szene 

Wien. Ringstraßen-Korso. Sirk-Ecke. Etliche Wochen später. 

Fahncii an aen Häusern. Vorbeimarschierende Soldaten werden 

bejubelt. Allgemeine Erregung. Es bilden sich Gruppen. 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Zweiter Zeitungsausrufer: Extraaus- 
gabee! Beidee Berichtee! 

Ein Demonstrant (der sich von einer Gruppe den 
Prinz Eugen-Marsch singender Leute loslöst, ruft mit hochrotem 
Gesicht und schon ganz heiser unaufhörlich): Nieda mit 
Serbieen! Nieda! Hoch Habsburg! Hoch! Hoch 
Serbieen! 

Ein Gebildeter (den Irrtum bemerkend, versetzt 
ihm einen Rippenstoß) : Was fällt Ihnen denn ein — 

Der Demonstrant (anfangs verdutzt, besinnt sich): 
Nieda mit Serbieen! Nieda! Hoch! Nieda mit Habs- 
burg! Serbieen! 

(im Gedränge einer zweiten Gruppe, in die auch eine Prostituierte 

geraten ist, versucht ein »Pülcher«, der dicht hinter ihr geht, 

ihr die Handtasche zu entreißen.) 

DerPülcher (ruft dabei unaufhörlich) : Hoch ! Hoch ! 

Die Prostituierte: Loslassen! Sie unver- 
schämter Mensch ! Loslassen oder — 

Der Pülcher (von seinem Vorhaben ablassend): Wos 
rufn S' denn net hoch? Sie wolln a Padriodin sein? 
A Hur San S', mirken S' Ihna das! 

Die Prostituierte: A Taschelzieher san S'! 

Der Pülcher: A so a Schlampen — jetzt is 
Krieg, mirken S' Ihna das! A Hur san S' ! 

Ein Passant: Burgfrieden, wenn ich bitten 
darf! Halten S' an Burgfrieden! 



30 



Die Menge (aufmerksam werdend): A Hur is! 
Was hats gsagt? 

Ein zweiter Passant: Wenn mr reciit vur- 
kummt, so hat s' was gegen das angestaamte 
Herrscherhaus gsagt! 

Die Menge: Nieda! Hauts es! (Dem Mädchen 
ist es gelungen, in einem Durchhaus zu verschwinden.) Laßts 
es gehn! Mir san net aso! Hoch Habsburg! 

Ein Reporter (zu seinem Begleiter): Hier scheinen 
Stimmungen zu sein. Was tut sich? 

DerzweiteReporter: Ma werd doch da sehn. 

Ein ArmeeHeferant (hat mit einem zweiten eine 
Ringstraßenbank bestiegen) : Da Sehn wir sie besser. Wie 
schön sie vorbeimarschieren, unsere braven Soldaten! 

Der zweite: Wie sagt doch Bismarck, steht 
heut in der Presse, unsere Leut sind zum Küssen. 

Der erste: Wissen Sie, daß sogar Eislers 
Ältester genommen is? 

Der zweite: Was Sie nicht sagen! Das hat 
die Welt nicht gesehn! So reiche Leute auch. Daß 
sich da nichts machen hat lassen? 

Der erste: Es heißt, sie versuchen jetzt. Wahr- 
scheinlich wird er hinaufgehn und sichs richten. 

Der zweite: Und im äußersten Fall — Sie 
wern sehn, jetzt wird er ihm doch das Automobil 
kaufen, was er sich hat in den Kopf gesetzt. 

Der erste: Kann man auch verunglücken. 

Ein Passant: Habe die Ehre, Herr General- 
direktor ! 

Ein anderer Passant (zu seinem Begleiter): Hast 
ghört? Weißt, wer das is? Ein Generaldirektor in Zivil. 
Da muß man vorsichtig mit'n Reden sein. Das is 
nämlich der Vorgesetzte von die Generäle. 

Ein Offizier: (zu drei anderen): Grüß dich 
Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, also 
du — du bist ja politisch gebildet, also was sagst? 

Zweiter Offizier (mit Spazierstock): Weißt, 
ich sag, es is alles wegen der Einkreisung. 



31 



Der dritte: Weißt ~ also natürlich. 

Der vierte: Ganz meine Ansicht — gestern 
hab ich muUattiert — ! habts das Bild vom Schönpflug 
gsehn, Klassikaner! 

Der dritte: Weißt, in der Zeitung steht, es 
war unanwendbar. 

Der zweite: Unabwendbar steht. 

Der dritte: Natürlich, unabwendbar, weißt 
ich hab mich nur verlesen. Also was is mit dir? 

Der vierte: No weißt ich hab halt also 
Aussicht ins KM. 

Der erste: No bist a Feschak, kommst halt 
zu uns. Du gestern war ich dir im Apollo bei der Mela 
Mars — hat mir der Nowak von Neunundfünfziger 
gsagt er hat ghört ich bin eingegeben für die Silberne. 

Ein Zeitungsausrufer: Tagblaad! Kroßer 
Sick bei Schaabaaz! 

Der vierte: Gratuliere dir — hast die gsehn? 
Ein Gustomenscherl was sich gwaschen hat, sag ich 
euch — warts, ich — (ab.) 

Die andern: (ihm nachrufend): Kommst also 
nachher zum Hopfner! 

Ein Wiener (hält von einer Bank eine Ansprache): 

denn wir mußten die Manen des ermordeten 

Thronfolgers befolgen, da hats keine Spompanadeln 
geben — darum, Mitbürger, sage ich auch — wie 
ein Mann wollen wir uns mit fliehenden Fahnen 
an das Vaterland anschließen in dera großen ZeitI 
Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden! 
Mir führn einen heilinger Verteilungskrieg führn mir! 
Also bitte — schaun Sie auf unsere Braven, die was 
dem Feind jetzt ihnere Stirne bieten, ungeachtet, 
schaun S' wie s' da draußn stehn vor dem Feind, 
weil sie das Vaterland rufen tut, und dementsprechend 
trotzen s' der Unbildung jeglicher Witterung — draußen 
stehn s', da schaun S' Ihner s' an ! Und darum sage 
ich auch — es ist die Pflicht eines jedermann, der ein 
Mitbürger sein will, stantape Schulter an Schulter 



32 



sein Scherflein beizutrageen. Dementsprechend! Da 
heißt es, sich ein Beispiel nehmen, jawoohl! Und 
darum sage ich auch — ein jeder von euch soll 
zusammenstehn wie ein Mann ! Daß sie's nur hören 
die Feind, es ist ein heilinger Verteilungskrieg, was 
mir führn! Wiar ein Phönix stehm.a da, den s' nicht 
durchbrechen wern, dementsprechend — mir san mir 
und Österreich wird auferstehn wie ein Phallanx 
ausm Weltbrand sag ich! Die Sache für die wir 
ausgezogen wurden, ist eine gerechte, da gibts keine 
Wurschteln, und darum sage ich auch, Serbien — 
muß sterbien! 

Stimmen aus der Menge: Bravo! So ist 
es! — Serbion muß sterbien! — Ob's da wüll oder 
net! — Hoch! — A jeder muß sterbien! 

Einer aus der Menge: Und a jeder Ruß — 

Ein anderer (brüllend): — ein Genuß! 

Ein dritter: An Stuß! (Gelächter.) 

Ein vierter: An Schuß! 

Alle: So is! An Schuß! Bravo! 

Der zweite: Und a jeder Franzos? 

Der dritte: A Roß! (Gelächter.) 

Der vierte: An Stoß! 

Alle: Bravo! An Stoß! So is! 

Der dritte: Und a jeder Tritt — na, jeder Britt!? 

Der vierte: An Tritt! 

Alle: Sehrguat! An Brilt für jeden Tritt! Bravo! 

Ein Bettelbub: Gott strafe England! 

Stimmen: Er strafe es! Nieda mit England! 

Ein Mädchen: Der Poldl hat mir das Beuschl 
von an Serben versprochen ! Ich hab das hineingeben 
in die Reichspost! 

Eine Stimme: Hoch Reichspost! Unser 
christliches Tagblaad! 

Ein anderes Mädchen: Bitte, ich habs 
auch hineingeben, mir will der Fordl die Nierndln 
von an Russn mitbringen! 

Die Menge: Her darmit! 



33 



Ein Wachmann: Bitte links, bitte links. 

Ein Intellektueller (zu seiner Freundin): Hier 
könnte man, wenn noch Zeit war, sich in die Volks- 
seele vertiefen, wieviel Uhr is? Heut steht im Leit- 
artikel, daß eine Lust is zu leben. Glänzend wie er sagt, 
der Glanz antiker Größe durchleuchtet unsere Zeit. 

Die Freundin: Jetzt is halber. Die Mama 
hat gesagt, wenn ich später wie halber zuhaus komm, 
krieg ichs. 

Der Intellektuelle: Aber geh bleib. Schau 
dir bittich das Volk an, wie es gärt, Paß auf 
auf den Aufschwung! 

Die Freundin: Wo? 

Der Intellektuelle: Ich mein' .seelisch, wie 
sie sich geläutert haben die Leut, im Leitartikel 
steht doch, lauter Helden sind. Wer hätte das für 
möglich gehalten, wie sich die Zeiten geändert 
haben und wir mit ihnen. 

(Ein Fiaker hält vor einem Hause.) 

Der Fahrgast: Was bekommen Sie? 

Der Fiaker: Euer Gnaden wissen eh. 

Der Fahrgast: Ich weiß es nicht. Was be- 
kommen Sie? 

Der Fiaker: No was halt die Fax is. 

Der Fahrgast: Was ist die Tax? 

Der Fiaker: No was S' halt den andern gebn. 

Der Fahrgast: Können Sie wechseln? (Reicht 
ihm ein Zehnkronenstücl< in Gold.) 

Der Fiaker: Wechseln, wos? Dös nimm i net 
als a ganzer, dös könnt franzeisches Gold sein! 

Ein Hausmeister (nähert sich): Wos? A 
Franzos? Ahdaschaurija. Am End gar ein Spion, 
dem wer mrs zagn! Von woher kummt er denn? 

Der Fiaker: Von der Ostbahn! 

Der Hausmeister: Aha, aus Petersburg! 

Die Menge (die sich um den Wagen gesammelt hat): 
A Spion! A Spion! (Der Fahrgast ist im Durchhaus ver- 
schwunden.) 

Die letzten Tage der Menschheit. 3 



34 



Der Fiaker (nachrufend): A so a notiger Beitel 
vardächtiga! 

Die Menge: Loßts'n gehn! Mochts kane 
Reprassalien, dös ghört si net! Mir san net aso! 

Ein Amerikaner vom Roten Kreuz 
(zu einem andern): Look at the people how enthusiastic 
tliey are! 

Die Menge: Zwa Engländer! Reden S' deutsch! 
Gott strafe England! Hauts es! Mir san in Wean! 
(Die Amerikaner flüchten in ein Durchhaus.) Loßts es 
gehn! Mir san net aso! 

Ein Türke (zu einem andern): Regardez l'en- 
thousiasme de tout le monde! 

D i e M e n g e : Zwa Franzosen ! Reden S' deutsch ! 
Hauts es! Mir san in Wean! (Die Türl<en flüchten in 
das Durchhaus.) Loßts es gehn! Mir San net aso! Dös 
war ja ttirkisch! Sechts denn uet, die ham ja an Fez! 
Dös san Bundesgenossen! Holts es ein und singts 
den Prinz Eugen ! 

(Zwei Chinesen treten schweigend auf.) 

Die Menge: Japaner san do! Japaner san a 
no in Wean! Aufhängen sollt ma die Bagasch bei 
ihnare Zopf! 

Einer: Loßts es gehn! Dös san ja KineserS 

Zweiter: Bist selber a Kineser! 

Der erste: 'leicht du! 

Dritter: Alle Kineser san Japaner! 

Vierter: San So vielleicht a Japaner? 

Dritter: Na. 

Vierter: Na olstern, aber a Kineser san S' do! 
(Gelächter.) 

Fünfter: Oba oba oba wos treibts denn, 
habts denn net in der Zeitung g'lesen, schauts her, 
da stehts (er zieht ein Zeitungsblatt hervor): »Derartige 
Ausschreitungen des Patriatismus können in keener 
Weisee gedudldeet werden und sind überdies geeigneet, 



35 



den Fremdenverkehr zu schädigeen«. Wo soll sich 
denn da nacher ein Fremdenverkehr entwickeln, 
wo denn, no olstern! 

Sechster: Bravo! Recht hot er! Der Fremden- 
verkehr, wann mr eahm hebn wolln, das is schwer, 
das is net aso — 

Siebenter: Halts Mäul! Krieg is Krieg und 
wann einer amerikanisch daherredt oder türkisch 
oder so - 

Achter: So is. Jetzt is Krieg und da gibts 
keine Würschtel ! (Eine Dame mit leichtem Antlug von 
Schnurrbart ist aufgetreten.) 

Die Menge: Ah do schauts her ! Das kennt ma 
schon, ein verkleideter Spion! Varhaften! Einspirn 
stantape! 

Ein Besonnener: Aber meine Herren — 
bedenken Sie — sie halte sich doch rasieren lassen! 

Einer aus der Menge: Wer? 

Der Besonnene: Wenn sie ein Spion wäre. 

Ein zweiter aus der Menge: Drauf hat 
er vergessen! So hat er sich gfangt! 

Rufe: Wer? — Er! — No sie! 

Ein dritter: Das is eben die List von denen 
Spionen ! 

Ein vierter: Damit mrs net mirkt, daß 
Spionen san, lassen s' ihnern Bart stehn! 

Ein fünfter: Redts net so dalkert daher, 
das is ein weiblicher Spion und damit mrs net mirkt, 
hat s' an Bart aufpappt! 

Ein sechster: Das is ein weiblicher Spion, 
was sich für ein Mannsbild ausgeben tut! 

Ein siebenter: Nein, das is ein Mannsbild, 
was sich für ein weiblichen Spion ausgeben tut! 

Die Menge: Jedenfalls ein Vardächtiger, der 
auf die Wachstubn ghört! Packts eahm! 

(Die Dame wird von einem Wachmann abgeführt. Man hört die 
»Wacht am Rhein« singen.) 



3* 



36 



Der erste Reporter (hält ein Notizblatt in der 
Hand) : Das war kein Strohfeuer trunkener Augenblicks- 
begeisterung, kein lärmender Ausbruch ungesunder 
Massenhysterie. Mit echter Männlichkeit nimmt Wiea 
die schicksalsschwere Entscheidung auf. Wissen Sie, 
wie ich die Stimmung zusammenfassen wer'? Die 
Stimmung läßt sich in die Worte zusammenfassen: 
Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche. Weit 
entfernt von Hochmut und von Schwäche, dieses 
Wort, das wir für die Grundstimmung Wiens geprägt 
liaben, kann man nicht oft genug wiederholen. 
Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche! 
Also was sagen Sie zu mir? 

Der zweite Reporter: Was soll ich sagen? 
Glänzend! 

Der erste: Weit entfernt von Hochmut und 
von Schwäche. Tausende und Aberlausende sind 
heute durch die Straßen gewallt, Arm in Arm, Arm 
und Reich, Alt und Jung, Hoch und Nieder. Die 
Haltung jedes Einzelnen zeigte, daß er sich des 
Ernstes der Situation vollauf bewußt ist, aber auch 
stolz darauf, den Pulsschlag der großen Zeit, die 
jetzt hereinbricht, an seinem eigenen Leib zu fühlen. 

Eine Stimme aus der Menge: Lekmimoasch! 

Der Reporter: Hören Sie, wie immer aufs 
neue der Prinz Eugen-Marsch erklingt und die Volks- 
hymne und ihnen gesellt sich wie selbstverständlich 
die Wacht am Rhein im Zeichen der Bundestreue. 
Früher als sonst hat heute Wien Feierabend gemacht. 
Daß ich nicht vergeß, wir müssen besonders schildern, 
wie sich das Publikum vor dem Kriegsministerium 
massiert hat. Aber vor allem, nicht vergessen erwähnt 
zu werden darf — raten Sie. 

Der zweite: Ob ich weiß! Nicht vergessen 
erwähnt zu werden darf, wie sie zu Hunderten und 
Aberhunderten sich in der Fichtegasse vor dem 
Redaktionsgebäude der Neuen Freien Presse massiert 
haben. 



37 



Der erste: Kopp was Sie sind. Ja, das hat 
er gern der Chef. Aber was heißt Hunderte und 
Aberhunderte? Ausgerechnet! Sagen Sie gleich 
Tausende und Abertausende, was liegt Ihnen dran, 
wenn sie sich schon massieren. 

Der zweite: Gut, aber wenn man es nur 
nicht als feindliche Demonstration auffassen wird, 
weil das Blatt letzten Sonntag, wo doch schon die 
große Zeit war, noch so viel Annoncen von Masseusen 
gebracht hat? 

Der erste: In einer so großen Zeit ist eine 
so kleinliche Auffassung ausgeschlossen. Überlassen 
Sie das der Fackel. Alle haben sie dem Blatt zu- 
gejubelt. Es erschollen stürmische Rufe: Vorlesen! 
Vorlesen I und das hat sich selbstredend auf Belgrad 
bezogen. Dann haben sie tosende Hochrufe aus- 
gebracht — 

Der zweite: Tosende und abertosende Hoch- 
rufe — 

Der erste: — und zwar auf Österreich, auf 
Deutschland und auf der Neuen Freien Presse. Die 
Reihenfolge war für uns nicht gerade schmeichelhaft, 
aber es war doch sehr schön von der begeisterten 
Menge. Den ganzen Abend is sie, wenn sie nicht 
gerade vor dem Kriegsministerium zu tun gehabt 
hat oder auf dem Ballplatz, is sie in der Fichtegasse 
Kopf an Kopf gedrängt gestanden und hat sach massiert. 

Der zweite: Wo nur die Leut die Zeit her- 
nehmen, staune ich immer. 

Der erste: Bittsie, die Zeit is so groß, daß 
dazu genug Zeit bleibt! Also die Nachrichten des 
Abendblatts wurden immer und immer wieder erörtert 
und durchgesprochen. Von Mund zu Mund ging 
der Name Auffenberg. 

Der zweite: Wieso kommt das? 

Der erste: Das kann ich Ihnen erklären, es 
is ein Redaktionsgeheimnis, sagen Sie's erst, bis 
Friede is. Also Roda Roda hat doch gestern dem Blatt 



38 



telegraphiert über die Schlacht bei Lemberg und 
am Schluß vom Telegramm stehn die Worte: Lärm 
machen für Auffenberg! Das war schon gesetzt. 
Im letzten Moment hat man's noch bemerkt und 
herausgenommen, dann aber hat man j a Lärm 
gemacht für Auffenberg! 

Der zweite: Die Hauptsache sind jetzt die 
Straßenbilder. Von jedem Eckstein, wo ein Hund 
demonstriert, will er ein Straßenbild haben. Gestern 
hat er mich rufen lassen und hat gesagt, ich soll 
Genreszenen beobachten. Aber grad das is mir un- 
angenehm, ich laß mich nicht gern in ein Gedränge 
ein, gestern hab ich die Wacht am Rhein mitsingen 
müssen — kommen Sie weg, hier geht's auch schon 
zu, sehn Sie sich nur die Leut an, ich kenne diese 
Stimmung, man is auf einmal mitten drin und singt 
Gott erhalte. 

Der erste: Gott beschütze! Sie haben recht 
— wozu man selbst dabei sein muß, seh ich auch 
nicht ein, man verliert nur Zeit, man soll drüber 
schreiben, stattdem steht man herum. Was ich sagen 
wollte, sehr wichtig is zu schildern, wie sie alle 
entschlossen sind und da und dort reißt sich einer 
los, er will ein Scherflein beitragen um jeden Preis. 
Das kann man sehr plastisch herausbringen. Gestern 
hat er mich rufen lassen und hat gesagt, man muß 
dem Publikum Appetit machen auf den Krieg und 
auf das Blatt, das geht in einem. Sehr wichtig sind 
dabei die Einzelheiten und die Details, mit einem 
Wort die Nuancen und speziell die Wiener Note. 
Zum Beispiel muß man erwähnen, daß selbstredend 
jeder Standesunterschied aufgehoben war und zwar 
sofort — aus Automobile haben sie gewinkt, sogar aus 
Equipagen. Ich hab beobachtet, wie die Dame in 
der Spitzentoilette aus dem Auto gestiegen is und 
der Frau mit dem verwaschenen Kopftuch is sie um 
den Hals gefallen. Das geht schon so seit dem 
Ultimatum, alles is ein Herz und eine Seele. 



39 



Stimme eines Kutschers: Fahr flira 
Rabasbua vadächtiga — ! 

Der zweite Reporter: Wissen Sie, was 
ich beobachtet hab? Ich hab beobachtet, wie sich 
Gruppen gebildet haben. 

Der erste: No und — ? 

Der zweite: Und ein Student hielt eine 
Ansprache, daß jedermann seine Pllicht erfüllen muß, 
dann hat sich einer aus einer Gruppe gelöst und 
hat gesagt: »Besser so!« 

Der erste: Nicht übel. Ich kann nur konsta- 
tieren, ein großer Ernst breitet sich über der Stadt 
aus, und dieser Ernst, gemildert von Gehobenheit 
und dem Wellgeschichtsbewußtsein drückt sich in 
allen Mienen aus, in denen der Männer, die schon 
mitmüssen, in denen derer, die noch dableiben — 

Eine Stimme: Lekmimoasch! 

Der erste: — und in den Mienen jener, 
denen eine so hohe Aufgabe zuteil wird. Vorbei die 
bequeme Lässigkeit, die genußfroheGedankenlosigkeit; 
die Signatur ist schicksalsfroher Ernst und stolze 
Würde. Die Physiognomie unserer Stadt hat sich mit 
einem Schlage verändert. * 

Ein Passant (zu seiner Frau): Du kannst von 
mir aus in die Josefstadt gehn, ich geh an die Wien! 

Ein Zeitungsausrufer: Vormarsch der 
Österreicher! Alle Stellungen genohmen! 

Die Frau : Mir is schon mies vor >Husarenblut«. 

Der erste Reporter: Nirgends eine Spur 
von Beklommenheit und Gedrücktheit, nirgends 
fahrige Nervosität und von des Gedankens Blässe 
angekränkelte Sorge. Aber ebensowenig leichtherzige 
Unterschätzung des Ereignisses oder törichte, ge- 
dankenlose Hurrastimmung. 

Die Menge: Hurra, a Deitscher! Nieda mit 
Serbieen! 

Der erste Reporter:- Schaun Sie her, 
südliche Begeisterungsfähigkeit, gelenkt und geregelt 



40 



von deutschem Ernst. Das beobaclit ich für die City. 
Sie können für die Leopoldstadt eine aufgeregtere 
Note wählen. 

Der zweite: Fallt mir nicht ein, ich bin 
auch mehr für abgeklärtere Stimmungen. Da und dort 
sieht man, wer ich sagen, einen weißköpfigen Greis, 
der sinnend entfernter Jugendtage gedenkt, oder ein 
gebeugtes Mütterchen, das mit zitternder Hand 
Abschiedsgruö und Segenswunsch winkt. Einer merkt 
man an, daß sie um einen Sohn oder Gatten bange. 
Drehn Sie sich um, da können Sie sehn wie sie 
winken, sie winken effektiv, 

(Ein Trupp Knaben mit Tschako und Holzsäbel zieht vorbei 

und singt: Wer will unter die Soldaten — der ließ schlagen 

eine Brücken — ) 

Der erste: Notieren Sie: Eine hübsche Genre- 
szene. Überhaupt müssen wir trachten, möglichst 
viel vom Volk zu sagen, der Chef hat erst heute 
geschrieben, es is die Quelle, in der wir das Gemüt 
erfrischen. 

EineGruppe(singend):DieRussenunddieSerben 
die hauen wir in Scherben ! 
Hoch! Nieda! Schauts die zwa Juden an! 

Der zweite Reporter: Sie, ich hab keine 
Lust mehr, Genreszenen zu beobachten. Soll er sein 
Gemüt an der Quelle erfrischen gehn, wenn er sich 
traut. Ich bin lieber weit entfernt — 

Der erste: Weit entfernt von Hochmut und 
von Schwäche, dieses Wort, das wir für die Grund- 
stimmung Wiens geprägt haben — (beide schnell ab.) 

Es enlrteht eine Bewegung. Ein junger Mann hat einer alten 

Frau die Handtasche gestohlen. Die Menge nimmt Stellung 

gegen die Frau. 

Eine weibliche Stimme: Ja meine Liebe, 
jetzt is Krieg, das is net wie im Frieden, da muß 
schon jeder was hergeben, mir san in Wien! 

Poldi Fesch (zu seinem Begleiter): Gestern hab 
ich mii dem Sascha Kolowrat gedraht, heut — (ab.) 



41 



(Es tre(en auf zwei Verehrer der Reichspost.) 

Der erste Verehrer der Reichspost: Kriege 
sind Prozesse der Läuterung und Reinigung, sind 
Saatfelder der Tugend und Erwecker der Helden. 
Jetzt sprechen die Waffen! 

Der zweite Verehrer der Reichspost: 
Endlich! Endlich! 

Der erste: Kriege sind ein Segen nicht nnr 
um der Ideale willen, die sie verfechten, sondern 
auch um der Läuterung willen, die sie dem Volke 
bringen, das sie im Namen der höchsten Güter führt. 
Friedenszeiten sind gefährliche Zeiten. Sie bringen 
allzuieicht Erschlaffung und Veräußerlichung. 

Der zweite: Der einzelne Mensch braucht 
doch halt auch a wengerl Kampf und Sturm. 

Der erste: Besitz, Ruhe, Genuß darf für nichts 
erachtet werden, wo die Ehre des Vaterlandes alles 
bedeuten muß. So sei der Krieg, in den unser 
Vaterland verwickelt wurde — 

Der zweite: — so sei der Krieg, der Sühne 
für Frevel und Garantien für Ruhe und Ordnung 
will, mit ganzem Herzen erfaßt und gesegnet. 

Der erste: Auskehrn mit eiserner Faust! 

Der zweite: In Prag, Brunn und Budweis — 
überall jubeln s' den kaiserlichen Entschließungen zu. 

Der erste: In Serajevo haben s' Gott erhalte 
gsungen. 

Der zweite: In Treue steht Italien Österreich 
zur Seite. 

Der erste: Fürst Alfred Windischgrätz hat 
sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. 

Der zweite: Seine Majestät hat während des 
ganzen Tages in angestrengtester Weise gearbeitet. 

Der erste:* Am 27. zwischen 12 und 1 Uhr 
wurde im Postsparkassenamt die finanzielle Vorsorge 
für den Krieg getroffen. 



42 



Der zweite: Die Approvisionierung Wiens für 
die Kriegsdauer wurde vom Bürgermeister gemeinsam 
mit dem Ministerpräsidenten und dem Ackerbau- 
minister gesicliert. 

Der erste: Hast glesen? Keine Teuerung 
durchi den Krieg. 

Der zweite: Das is gsciieit! 

Der erste: In unentwegter Treue — 

Derzweite: — huldigen wir unserem geliebten 
alten Kaiser. 

Der erste: Der Weiskirchner hat gsagt, meine 
lieben Wiener, ihr lebt eine große Zeit mit. 

Der zweite: Noja, es is keine Kleinigkeit! 

Der erste: Wir gedenken auch des Bundes- 
genossen in schimmernder Wehr, hat er gsagt. 

Der zweite: Die Huldigung der kaisertreuen 
Bevölkerung habens bereits an den Stufen des aller- 
höchsten Thrones niederglegt. 

Der erste: Am allerhöchsten Hoflager in Ischl. 

Der zweite: Wirst sehn, der Krieg wird eine 
Renaissance österreichischen Denkens und Handelns 
heraufftihren, wirst sehn. Ramatama! 

Der erste: Höchste Zeit, daß amal a Seelen- 
aufschwung kommt! Rrtsch — obidraht! 

Der zweite: Ein Stahlbad brauch' mr! Ein 
Stahlbad! 

Der erste: Bist schon einrückend gmacht? 

Der zweite: Woher denn, enthoben! Und du? 

Der erste: Untauglich. 

Der zweite: Ein erleichtertes Aufatmen geht 
durch unsere Bevölkerung! Dieser Krieg — (ab.) 

Man hört den Gesang vorbeiziehender Soldaten: In der Heimat, 
in der Heimat da gibts ein Wiedersehen — 

Ein alter Abonnent der' Neuen Freien 
Presse (im Gespräch mit dem ältesten): Intressant steht 
heute im Leitartikel, wie der serbische Hof und wie sie 



43 



alle aus Belgrad fort müssen, (lir liest vor.) »Wien 
ist heute Abend nicht die Stadt gewesen, die ver- 
einsamt dem Hofe, der Regierung und den Truppen 
keine sichere Stätte geboten hat. Belgrad war es.« 

Der älteste Abonnent: Goldene Worte. 
So etwas tut einem wohl zu hören und man spürt 
doch bißl eine Genugtuung, 

Der alle Abonnent: Allerdings könnte man 
einwenden, daß Wien momentan von den Serben 
weiter weg is wie Belgrad von den Österreichern, 
weil ja Belgrad direkt visavis liegt von Semlin, 
während Wien nicht direkt visavis liegt von Belgrad, 
und weil sie schon zu schießen anfangen von Semlin 
auf Belgrad, während sie von Belgrad nicht herüber- 
schießen können gottlob auf Wien. 

Der älteste Abonnent: Ich kann Ihrem 
Gedankengang folgen, aber wohin führt das ? 
Wie immer man die Situation ansieht, muß man 
zu dem Resultat kommen, daß das was er im Leit- 
artikel sagt wahr ist. Daß nämlich in Wien der Hof 
und überhaupt alles bleiben kann wie es ist und in 
Belgrad nicht. Oder ist es vielleicht nicht wahr? Mir 
scheint Sie sind etwas ein Skeptiker? 

Der alte Abonnent: Was heißt wahr? 
Es ist geradezu unbestreitbar und noch nie hab ich 
die Empfindung gehabt, daß er so recht hat wie er 
dasmal recht hat. Denn wo er recht hat, hat er recht. 
(Sie gehen ab.). 

Ein Zeitungsausrufer: — Lemberg noch 
in unserem Besitzee! 

Vier Burschen und vier Mädchen Arm 
in Arm: Er ließ schlageen eene Bruckn daaß man 
kont hiniebaruckn Stadtunfestung Beigerad — 

Die Menge: Hoch! (Fritz Werner tritt auf und 
dankt grüßend.) 

Fräulein Körmendy: Weißt du was, geh du 
jetzt zu ihm und bitt ihm. 



44 



Fräulein Löwenstarnm (nähert sich) : Ich bin 
nämlich eine große Verehrerin und möcht um ein 
Autogramm — 

(Werner zieht einen Notizblock, beschreibt ein Blatt und 

überreicht es ihr. Ab.) 
So lieb war er. 

Fräulein Körraendy: Hat er dich angeschaut? 
Komm weg aus dem Gedränge, alles wegen dem 
Krieg. Ich schwärm nur für den Storm! (Ab.) 

Ein Pülcher: Serwas Franz, wo gehst 
denn hin? 

Ein zweiter Pülcher: Auxtrois Franzois. 

Der erste: Wohin? 

Der zweite: Auxtrois Franzois, Dem Hutterer 
die Auslagen einschlagen, wann er die Tafel net 
weggibt. I hab ein Viechszurn in mir! 

Der erste: Hast schon recht, das is ein 
Schtandal is das. 

Der zweite: Wo ich ein »Modes« seh, 
tippe! i's einil (Geht in R-'.serei ab.) 

Der erste: Serwas Pepi, wo gehst denn hin? 

Ein dritter: I geh ein Scherflein beitragen. 

Der erste: A hörst, was du für an Gemein- 
sinn betätingern tust — 

Der dritte: Wos? An Gemeinsinn? Du, dös 
sagst mr net no amol, mir net — (haut ihm eine Ohrfeige 
herunter.) 

Rufe aus der Menge: Do schaut's her! 
Schämen S' Ihna! Wer is denn der? San So vielleicht 
der Nikolajewitsch? 

Einer aus der Menge: Wos die Leut für 
an Gemeinsinn betätingern mitten im Krieg, das sollt 
man wirkli net für möglich hahn! 

(Zwei Agenten treten auf.) 

Der erste Agent: Also heut zum erstenmal, 
Sie, Gold gab ach für Eisen. 

Der zweite: Sie? Das können Sie wem 
andern einreden. Sie haben gegeben! Aufgewachsen — 



45 



Der erste: Wer sagt, ich hab gegeben? 
V^erstehn Sie nicht deutsch? Ich seh da drüben den 
Zettel von der Premier' heut: Gold gab ich für 
Eisen, ich möcht gehn. 

Der zweite: Gut, geh ich auch! Jetzt is 
überhaupt am intressantesten. Gestern hat bei der 
Csardasfürstin die Gerda Walde die Extraausgab 
vorgelesen von die vierzigtausend Russen am Droht- 
verhau — hätten Sie hören solin den Jubel, zehnmal 
is wenig, daß sie is gerufen worn. 

Der erste: Warn schon Verwundete?? 

Der zweite: Auch! Jetzt is überhaupt am 
intressantesten. Kürzlich is einer neben mir gesessen. 
Was war da nur? Ja — Ich hatt einen KameradeH. 

Der erste: Sie?? 

Der zweite: Wer sagt, ich? Das is von 
Viktor Leon! 

Der erste: Guut?? 

Der zweite: Bombenerfolg! 

Ein Zeitungsausrufer: Belgraad bona- 
badiert — ! 

(Verwandlung.) 

2. Szene 

Südtirol. Vor einer Brücke. Ein Automobil wird angehalten. 
Der Chauffeur weist den Fahrtausweis vor. 

Der Landsturmmann: Grüaß Good die 
Herrschaften! Derf ich bitten — 

Der Nörgler: Endlich einmal ein freundlicher 
Mann. Die andern sind alle so rabiat und legen 
gleich an — 

Der Landsturmmann: Jo 's is zwegn an 
ruassischen Automobüll mit Gold, no und da — 

Der Nörgler: Aber ein Automobil, das halten 
will, kann doch nicht auf die Sekunde halten, 
sondern rollt noch ein paar Meter — da kann ja 
das größte Unglück passieren. 



46 



Der Landsturm mann (in Rage): Jo — wonn 
eins net holten tuat — da schiaß ma alls zsamm — 
schiaß ma alls zsamm — schiaß ma alls — (Das 
Automobil fährt weiter.) 

(Verwandlung.) 

3. Szene 

Hinter der Brücke. Ein Heerhaufen um das Automobil. Der 
Chauffeur weist den Fahrtausweis vor. 

Ein Soldat (mit angelegtem Gewehr): Halt! 

DerNörgler: Der Wagen steht doch schon. 
Warum ist denn der Mann so rabiat? 

Der Hauptmann (in Raserei) : Er erfüllt seine 
Pflicht. Wenn er nur im Feld rabiat is mit'n Feind, 
so is scho recht! 

Der Nörgler: Ja, aber wir sind jadoch nicht — 

Der Hauptmann: Krieg is Krieg! Basta! 
(Das Automobil fährt weiter.) 

(Verwandlung.) 

4. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Da können Sie von Glück 
sagen. In Steiermark ist eine Rote Kreuz-Schwester, 
deren Automobil noch ein paar Meter gerollt ist, 
erschossen worden. 

Der Nörgler: Dem Knecht ist Gewalt ge- 
geben. Das wird seine Natur nicht vertragen. 

Der Optimist: Übergriffe untergeordneter 
Organe werden im Kriege leider nicht zu vermeiden 
sein. In solcher Zeit muß aber jede Rücksicht dem 
einen Gedanken untergeordnet werden: zu siegen. 

Der Nörgler: Die Gewalt, die dem Knecht 
gegeben ward, wird nicht ausreichen, um mit dem 
Feind, wohl aber um mit dem Staat fertig zu werden. 

Der Optimist: Militarismus bedeutet Ver- 
mehrung der Staatsordnung durch Gewalt, um — 



47 



Der Nörgler: — durch das Mittel zur 
schließlichen Auflösung zu führen. Im Krieg wird 
jeder zum Vorgesetzten seines Nebenmenschen. 
Das Militär ist Vorgesetzter des Staates, dem kein 
anderer Ausweg aus dem widernatürlichen Zwang 
bleibt als die Korruption. Wenn der Staatsmann 
den Militärmann über sich schalten läßt, so ist er 
der Faszination durch ein Idol der Fibel erlegen, 
da» seine Zeit überlebt hat und von der unsern 
nicht mehr ungestraft in Leben und Tod übersetzt 
wird. Militärische Verwaltung ist die Verwendung 
des Bocks als Obergärtner und die Verwandlung 
des Gärtners zum Bock. 

Der Optimist: Ich weiß nicht, was Sie zu 
dieser düsteren Prognose berechtigt. Sie schließen 
offenbar, wie schon immer im Frieden, von unver- 
meidlichen Begleiterscheinungen auf das Ganze, Sie 
gehen von zufälligen Ärgernissen aus, die Sie für 
Symptome nehmen. Die Zeit ist viel zu groß, als 
daß wir uns mit Kleinigkeiten abgeben könnten. 

DerNörgler: Aber sie werden mit ihr wachsen 1 

Der Optimist: Das Bewußtsein, in einer 
Epoche zu leben, in der so gewaltige Dinge 
geschehen, wird auch den Geringsten über sich selbst 
erheben. 

Der Nörgler: Die kleinen Diebe, die noch 
nicht gehängt wurden, werden große werden, und 
man wird sie laufen lassen. 

Der Optimist: Was auch der Geringste durch 
den Krieg gewinnen wird, ist — 

Der Nörgler: — Provision. Wer die Hand 
aufhält, wird auf Narben zeigen, die er nicht hat. 

Der Optimist: Wie der Staat, der für sein 
Prestige den unvermeidlichen Verteidigungskampf 
auf sich nimmt, Ehre gewinnt, so auch jeder ein- 
zelne, und was durch das jetzt vergossene Blut in 
die Welt kommen wird, ist — 

Der Nörgler: Schmutz. 



48 



Der Optimist: Ja, Sie, der Sie ihn überall 
gesehen haben, fühlen, dafi Ihre Zeit um ist! 
Verharren Sie nur nörgelnd wie eh und je in 
Ihrem Winkel — wir anderen gehen einer Ära 
des Seelenaufschwunges entgegen ! Merken Sie 
denn nicht, daß eine neue, eine große Zeit 
angebrochen ist? 

Der Nörgler: Ich habe sie noch gekannt, 
wie sie so klein war, und sie wird es wieder 
werden. 

Der Optimist: Können Sie jetzt noch 
negieren? Hören Sie nicht den Jubel? Sehen 
Sie nicht die Begeisterung? Kann ein fühlendes 
Herz sich ihr entziehen? Sie sind das einzige. 
Glauben Sie, daß die große Gemütsbewegung der 
Massen nicht ihre Früchte tragen, daß diese herr- 
liche Ouvertüre ohne Fortsetzung bleiben wird? 
Die heute jauchzen — 

Der Nörgler: — werden morgen klagen. 

Der Optimist: Was gilt das einzelne 
Leid! So wenig wie das einzelne Leben. Der 
Blick des Menschen ist endlich wieder empor- 
gerichtet. Man lebt nicht nur für materiellen 
Gewinn, sondern auch — 

Der Nörgler: — für Orden. 

Der Optimist: Der Mensch lebt nicht vom 
Brote allein. 

Der Nörgler: Sondern er muß auch Krieg 
führen, um es nicht zu haben. 

Der Optimist: Brot wirds immer geben! Wir 
leben aber von der Hoffnung auf den Endsieg, an 
dem nicht zu zweifeln ist und vor dem wir — 

Der Nörgler: Hungers sterben werden. 

Der Optimist: Welch ein Kleinmut! Wie 
beschämt werden Sie einst dastehn ! Verschließen 



49 



Sie sich nicht, wo Feste gefeiert werden I Die 
Pforten der Seele sind aufgetan. Das Gedächtnis 
der Tage, in denen das Hinterland wenn auch nur 
durch Empfang des täglichen Berichtes Anteil an 
den Taten und Leiden einer glorreichen Front nahm, 
wird der Seele — 

Der Nörgler: — keine Narbe zurücklassen. 

Der Optimist: Die Völker werden aus dem 
Kriege nur lernen — 

Der Nörgler: — daß sie ihn künftig nicht 
unterlassen sollen. 

Der Optimist: Die Kugel ist aus dem Lauf 
und wird der Menschheit — 

Der Nörgler: — bei einem Ohr hinein und 
beim andern hinausgegangen sein ! 

(Verwandlung.) 



5. Szene 

Am Balihausplatz. 

Graf Leopold Franz Rudolf Ernest 
Vinzenz Innocenz Maria: Das Ultimatum war 
prima! Endlich, endlich! 

Baron Eduard Alois Josef Ottokar 
Ignazius Eusebius Maria: Foudroyant ! No 
aber auf ein Haar hätten sie's angenommen. 

Der Graf: Das hätt mich rasend agassiert. 
Zum Glück hab'n v/ir die zwei Punkterln drin 
ghabt, unsere Untersuchung auf serbischem 
Boden und so — na dadrauf sinds halt doch 
nicht geflogen. Haben 's sich selber zuzuschreiben 
jetzt, die Serben. - 

Die letzten Tage der .Menschhe't. 4 



50 



Der Baron: Wann rnans recht bedenkt — 
wegen zwei Punkterln — und also wegen so einer 
Bagatell is der Weltkrieg ausgebrochen! Rasend 
komisch eigentlich. 

Der Graf: Dadrauf hab'n wir doch nicht 
verzichten können, daß wir die zwei Punkterln 
verlangt hab'n. Warum hab'n sie sich kapriziert, die 
Serben, daß sie die zwei Punkterln nicht angnommen 
haben ? 

Der Baron: No das war ja von vornherein 
klar, daß sie das nicht annehmen wern. 

Der Graf : Das hab'n wir eben vorher gewußt. 
Der Poldi Berchtold is schon wer, da gibts nix. Da is 
auch nur eine Stimme in der Gesellschaft. Enorm! 
Ich sag dir — ein Hochgefühl! Endlich, endlich! Das 
war ja nicht mehr zum Aushalten. Auf Schritt und Tritt 
war man gehandicapt. No das wird jetzt ein anderes 
Leben wern! Diesen Winter, stantepeh nach Friedens- 
schluß, fetz ich mir die Riviera heraus. 

Der Baron: Ich wer schon froh sein, wenn 
wir uns die Adria herausfetzen. 

Der Graf: .Mach keine Witz. Die Adria ist 
unser. Italien wird sich nicht rühren. Ich sag dir, also 
nach Friedensschluß — 

Der Baron: No wann glaubst wird Frieden sein? 

Der Graf: In zwei, allerspätestens drei Wochen 
schätz ich. 

Der Baron: Daß ich nicht lach. 

Der Graf: No was denn, mit Serbien wern 
wir doch spielend fertig, aber spielend, mein 
Lieber — wirst sehen, wie gut sich unsere Leute 
schlagen. Schon allein die Schneid von unsere 
Sechser-Dragoner! Ein paar von der Gesellschaft soll'n 
schon direkt an der Front sein, du! No und unsere 
Artillerie — also prima. Rasend präzis arbeitend! 

Der Baron: No und Rußland? 



51 



Der Graf: Der Ruß wird froh sein, wenn er 
a Ruh hat. Verlaß dich auf'n Conrad, der weiß schon, 
warum er sie in Lemberg hineinlaßt. Wenn wir erst 
in Belgrad sind, wendet sich das Blatt. Der Potiorek 
is prima! Ich sag dir, die Serben gehn rasend ein. 
Alles andere macht sich automatisch. 

D e r B a r o n : No wann glaubst also im Ernst — 

Der Graf: In drei, vier Wochen is Frieden. 

Der Baron: Du warst immer ein rasender 
Optimist. 

Der Graf: No also bitte, wann? 

Der Baron: Vor zwei, drei Monat nicht zu 
machen! Wirst sehn. Wenns gut geht, in zwei. Da 
muß's aber schon sehr gut gehn, mein Lieber! 

Der Graf: No da möcht ich doch bitten — 
das war aber schon grauslich fad. Das war aber 
charmant, du ! Ginget ja schon wegen der Ernährung 
nicht. Neulich hat mir die Sacher gsagt — Also 
du glaubst doch nicht, daß sich das mit die 
Ernährungsvorschriften halten wird? Sogar beim 
Demel fangen s' schon an mit'n Durchhalten — 
das sind ja charmante Zustände — man schränkt sich 
ohnedem ein, wo man kann, aber auf die Dauer — 
Lächerlich, gibts nicht! Oder meinst? 

Der Baron: Du kennst ja meine Ansicht. 
Ich halt nicht viel vom Hinterland. Wir sind 
schließlich keine Piffkes, wenn wir auch gezwungen 
sind, mit ihnen — erst gestern sprich ich 
mit dem Putzo Wurmbrand, weißt der was die 
Maritschl Palffy hat, er is doch die rechte Hand 
vom Krobatin, also ein Patriot prima — sagt er, 
wann man einen Verteidigungskrieg anfangt — 
verstehst, der hat sich das nämlich speziell entetiert, 
das mit'n Verteidigungskrieg — 

Der Graf: No — bitte — is es vielleicht 
kein Verteidigungskrieg? Du bist ein Hauptdefaitist, 
hör auf! In welcher Zwangslage wir waren, hast du 



52 



schon vergessen, daß wir soit disant gezwungen 
waren zum Losschlagen wegen dem Prestige und 
so — also das kommt mir vor — erlaub du mir — 
hast die Einkreisung vergessen? — erst gestern sprich 
ich mit dem Fipsi Schaffgotsch, der, wo sie eine 
Bellgard' is, weißt er is bißl gschupft, aber 
ausgesprochen sympathisch — also was hab ich 
sagen woll'n — ja — also waren wir vielleicht 
nicht gezwungen, uns von die Serben bei Temes- 
Kubin angreifen zu lassen, um — 

Der Baron: Wieso? 

Der Graf: Wieso? Geh, stell dich nicht — 
also du weißt doch selber am besten, daß ein 
serbischer Angriff bei Temes-Kubin notwendig war — 
ich mein', wir hab'n doch losschlagen müssen — 

Der Baron: No das selbstredend! 

Der Graf: No also, hätt man das sonst 
nötig? Grad so wie die Deutschen mit die Bomben 
auf Nürnberg ! Also — erlaub du mir — also wenn 
das kein Verteidigungskrieg is, du! 

Der Baron: Aber bitte, hab ich was gsagt? 
Du weißt, ich speziell war von allem Anfang für die 
Kraftprobe, notabene wann s' eh die letzte is. Der 
Ausdruck dafür is mir putten. Verteidigungskrieg — 
das klingt rein so, als ob man sich so gwiß 
entschuldigen müßt. Krieg is Krieg, sag ich. 

Der Graf: No ja, da hast recht. Was, der 
Poldi Berchtold! Er is und bleibt ein rasend fescher 
Bursch. Da kann man sagen, was man will. Oho, 
auch zu unserm Gschäft ghört Schneid, und die muß 
man ihm lassen! Wie er den Herrschaften nach Ischl 
ausgrutscht is — die hätten womöglich noch das 
Ultimatum verhindern wolln! Er aber — also das 
war enorm! Ein Treffer nach'm andern! 

Der Baron: Epatant! Hätt nicht geglaubt, 
daß 's ihm so gelingen wird. Er haltet sich die Leut 
vom Leib. Dem Poldi Berchtold seine Politik war 



53 



schon bei der Reduzierung vom Beg^räbnis zu spüren, 
wie er den russischen Großfürsten ausgeschaltet hat. 
Der Graf: Natürlich. Daß sich dann Rußland 
doch hineingemischt hat, war nicht seine Schuld. 
Wann 's nach ihm gegangen war', war' der Welt- 
krieg auf Serbien lokalisiert geblieben. Weißt, was 
der Poldi Berchtold hat? Der Poldi Berchtold hat 
das, was ein Diplomat in einem Weltkrieg vor allem 
haben muß-: savolr vivre! Das hat mir rasend 
imponiert, wie er den Vorschlag von die englischen 
Pimpfe einfach zwischen die Rennprogramm' steckt — 
also daß wir Belgrad mit ihrer gütigen Erlaubnis 
besetzen soll'n — heuchlerische Söldnerbande das — 
und wie er drauf in den Klub hinaufkommt, weißt 
Hoch, schaut uns so gwiß an und sagt: Jetzt hat die 
Armee ihren Willen! Damals war er dir montiert, du! 
Das wirst du mir zugeben — eine Kleinigkeit war 
das nicht, nämlich in so einer schicksalsschweren 
Stunde — 

Man hört aus dem Nebenzimmer ein Klingeln und hierauf 

Die Stimme Berchtolds: Aähskaffee! 
(Man hört eine Tür schließen.) 

Der Baron: Also bitte — um halb zwölf! 
Also bitte — um halb zwölf verlangt er schon 
seinen Eiskaffee! Nein, das tentiert mich, daß ich 
einmal — also bitte, da muß ich schon sagen — 
Eiskaffee is wirklich seine starke Seite! 

Der Graf: Das is vielleicht die einzige 
Schwäche, die er hat! Er adoriert Eiskaffee! Aber 
das muß man auch zugeben, der Eiskaffee vom 
Demel — also ideal! 

Der Baron: Du, eine Sonne is heut 
draußen — also prima! 

Der Graf (öffnet dn Kuvert des Korrespondenz- 
bureaus und liest) : Noch ist Lemberg in unserem 

Besitze. 

Der Baron: No also! 



54 



Der Graf: Der Poldi Berchtold — verstehst 
du (indem er den weiteren Text der Nachricht murmelt) 

— zurückgenommen — ach was, immer dasselbe — 
agassant — wachst einem schon zum Hals heraus — 
(zerknüllt das Papier) — was ich sagen wollte — je 
länger ich die Situation überlege — alles in allem 

— heut könnt man mit der Steffi draußen soupieren. 

(Verwandlung.) 

6. Szene 

Vor einem Friseurladen in der Habsburgergasse. Eine MeBScken 
inenge in größter Erregung. 

Die Menge: Nieda! Hauts alles zsamm! 

Einer (der zu beschwichtigen sucht): Aber Leutln, 
der Mann hat ja nix tan! Der Geigenhändler von 
nebenan, der is sein Feind — 

Der Geigenhändler (haranguiert die Menge) : 
Er is ein Serb! Er hat sich eine Äußerung zuschulden 
kommen lassen. Gegen eine hochstehende Persön- 
lichkeit! Ich habs eigenhändig ghört! 

Der Friseur (die Hände ringend): Ich bin 
unschuldig — ich bin Hoffriseur — wo wird mir 
denn einfallen — 

Zweiter aus der Menge: Das siacht ma ja 
schon am Namen, daß er ein Serb is, hauts eahm 
die Seifenschüsseln übern Schädel — 

Dritter: Seifts'n ein! Nieda! Nieda mit dem 
serbischen Gurgelabschneider ! 

Die Menge: Niedaa — ! (Das Lokal wird 
zertrümmert.) 

(An der Ecke tauchen die Historiker Friedjung und Brockhausen 
im Gespräch auf.) 

Brockhausen: Just heute habe ich in der 
Presse eine treffende Anmerkung zu diesem Thema 
beigesteuert, die mit zwingender Logik einen Vergleich 
unseres Volkes mit dem französischen oder englischen 
Gesindel von vornherein ablehnt. Vielleicht können 



55 



Sie den Passus für Ihre Arbeit brauchen, Herr 
Koliega, ich stelle ihn zu Ihrer Verfügung, hören 
Sie: »Was den historisch Gebildeten als aller geschicht- 
lichen Weisheit letzter Schluß tröstend und auf- 
richtend beseelte, daß nämlich niemals der Barbarei 
ein endgültiger Sieg beschieden sein kann, das teilte 
sich instinktiv der großen Menge mit. In den Wiener 
Straßen hat sich allerdings nie das schrille Johlen 
eines billigen Hurrapatriotismus vernehmbar gemacht. 
Hier flammte nicht das vergängliche Strohfeuer der 
Eintagsbegeisterung auf. Dieser alte deutsche Staat 
hat seit Kriegsbeginn sich die schönsten deutschen 
Volkstugenden zu eigen gemacht: das zähe Selbst- 
vertrauen und die tiefinnere Gläubigkeit an den 
Sieg der guten und gerechten Sache.« (Er überreicht 
ihm den Ausschnitt.) 

Friedjung: Fürwahr, eine treffliche Ansicht, 
Herr Koliega, die geradezu den Nagel abschießt 
und den Vogel auf den Kopf trifft. Ich werde es 
ad notam nehmen. Ei sieh — da hätten wir ja 
gleich ein Beispiel! Eine patriotisch durchglühte 
Menge, die in maßvoller Weise ihren Gefühlen Aus- 
druck gibt, suaviter in re, fortiter in modo, wie's der 
Wiener Tradition geziemt. Der unmittelbare Anlaß 
dürfte wohl darin zu suchen sein, daß es die Habs- 
burgergasse ist. Das treuherzige Völkchen wollte 
offenbar dem Namen eine geziemende Huldigung 
darbringen, wie sie eben im Zeitalter Leopolds 
füglich in der Babenbergerstraße demonstriert hätten. 

Brockhausen (stutzend): Es will mich aber 
denn doch bedünken — 

Fried jung (stutzend): Es ist doch merkwürdig — 

Brock hausen: Die guten Leutchen sind ja 
recht laut — 

Friedjung: Jedenfalls lauter, als es der 
Tradition geziemt — 

Brockhausen: Man darf den gerechten Anlaß 
ihrer Erregung nicht übersehen. Wie sagt doch — 



56 



Friedjung: Seit dem Tage, da unser 
erhabener Monarch Tausende und Abertausende 
unserer Söhne und Brüder zu den Waffen rief, 
scheint es in der Tat mächtig unter dem Völkchen 
am Nibelungenstrome zu gären. Allein, wenn sich 
der Most auch noch so absurd gebärdet — 

Brockhausen: Vorbei die Zeiten, wo sie sich 
Phäaken nannten. Der sausende Webstuhl der Zeit — 

Friedjung: Ei sieh, vermutlich wollen sie 
alle in jenen Barbierladen, es ist ein Hoffriseur und 
das naive Volksgemüt denkt wahrscheinlich — 

Rufe aus der Menge: »Denhammertrischackt!« 
»Rrrtsch — obidraht!< >>SerbischerHundvardächtiga!« 
»Jetzt'n kann er die Serben mit die Scherben rasiern!« 
»Den Schwamm bring i meiner Alten!« »Alle Parfüms 
hab i g;'rettet!« »Gib her a paar!« »Jessas, der scheene 
weiße Mantel!« »Geh, leich mr a Spritzflaschl!« »Gott 
strafe England!« »Der Kerl is uns ausgrutscht!« 

Der Geigenhändler: Hab ichs euch nicht 
g'sagt! Das ist ein Hochverräter ist das! 

Brockhausen: Die Menge ist erregt und 
wähnt mit Recht, wieder einmal den Umtrieben 
serbischer Hochverräter auf der Spur zu sein. 

Fried jung: Es ist doch merkwürdig, welch 
feine Witterung das Volk gegenüber einem Anschlag 
auf den unversehrten Besitzstand der im Reichsrat 
vertretenen Königreiche und Länder hat. Ich müßte 
mich sehr täuschen, wenn sich bei diesem Friseur 
nicht die Dokumente über jene großserbische Ver- 
schwörung des Slovensky Jug vorfinden sollten, der 
ich schon im Jahre 1908 auf die Spur gekommen bin. 

Brockhausen: Etwas bedenklich bedünkt 
mich nur die Form. 

Die Menge: Suchts eahm! Hauts eahm! 
Nieda mit Serbieen! 

Friedjung: Es wäre vielleicht doch angezeigt, 
Herr Kollega, diesem offenbaren Widerspruch zu der 
historisch beglaubigten Tatsache, daß die Wiener 



57 



Bevölkerung dem schrillen Johlen eines billigen 
Hurrapatriotismus abgeneigt ist, angesichts dieses 
mit Reciit eriegten Geigenhändlers in weiterem 
Bogen auszuweichen. 

Rufe aus der Menge: »Was wolln denn 

die zwa Juden do?« »>Die schaun aa so aus wie zwa 

vom Balkan!« »Fehlt ihnen nur der Kaftan!« »Serben 

Sans!« »Zwa Serben!« »Hochverräter!« »Hauts es!« 

(Die beiden Historiker verschwinden in einem Durchhause.) 

(Verwandlung ) 



7. Szene 

Kohlmarkt. Vor der Drehtür s.m Eingang zum Cafe Pucher, 

Der alte Biacli (sehr erregt): Das einfachste 
war, man würde werfen fünf Armeekorps gegen 
Rußland, wäre die Sache schon erledigt. 

Der kaiserliche Rat: Selbstredend. Der 
Hieb ist die beste Parade. Man muß sich nur die 
Deitschen anschaun, wie sie geleistet haben. Ein 
Elaan! So etwas wie der Durchbruch durch Belgien 
war noch nicht da! So etwas braucheten wir. 

Der Kompagnon: Sagen Sie was is also 
mit Ihrem Sohn? 

Der kaiserliche Rat: Enthoben, eine Sorg 
weniger. Aber die Situation — die Situation — 
glauben Sie mir, es steht nicht gut oben. So etwas 
wie der Durchbruch durcli Belgien — ich sag Ihnen, 
einen frischen Offensivgeist — 

Der Kompagnon: Verschaffen Sie uns 
Belgien her — wern mr auch durchbrechen. 

Der Doktor: Einen Bismarck brauchten wir — 

Der alte Biach: Was hilft jetzt die Kunst 
der Diplomaten, jetzt sprechen die Waffen! Können 
wir uns einem Escheck aussetzen? Wenn wir nicht 
jetzt durchbrechen — 

Der Nörgler (will in das Lokal): Pardon — 



)8 



Der Doktor: Das leuchtet mir ein. Aber das 
strategische Moment, das im Bewegungskrieg den 
Flankenangriff — 

Der Kurzwarenhändler: Also verlassen Sie 
sich darauf, sie sind umzingelt, die Soffi Pollak hat 
es selber gesagt. 

Der alte Biach: Lassen Sie mich aus, sie 
weiß! Woher, möcht ich wissen! 

Der .Kurzwarenhändler: Woher? Wo ihr 
Mann eingerückt is in der Gartenbau im Reserve- 
spital? 

Der kaiserliche Rat: Es hat doch geheißen, 
er is enthoben? Umzingelt, das war großartig, das 
is nämlich müßts ihr wissen dasselbe wie umklammert. 

Der alte Biach (mit Begierde): Umklammern 
soUn sie sie, daß ihnen der Atem ausgeht! Wenn 
ich nur einmal bei so einer Umklammerung dabei 
sein könnt! 

Der Kurzwarenhändler: Klein kann das, 
der is im Kriegspressequartier. Gestern hat er 
geschrieben, daß sie bis zum Weißbluten kommen 
wern. Früher laßt er nicht locker. 

Der Kompagnon: Glück muß man haben, 
dabei zu sein. Sie Dokter wie is das eigentlich mit 
diesem Kriegspressequartier? Kommt da nur herein, 
wer untauglich is oder auch wer tauglich is? 

Der Nörgler: Pardon — (Sie machen Platz.) 

Der Kurzwarenhändler: Was heißt tauglich? 
Hereinkommt, wenn einer schreiben kann, aber wenn er 
nicht schießen will, aber wenn er will, daß die andern 
schießen. 

Der kaiserliche Rat: Wie verstehe ich das? 
Wieso will er nicht schießen, aus Mitleid? 

Der Kurzwarenhändler: Nein, aus Vorsicht. 
Mitleid darf man beim Militär nicht haben und 
wenn er im Kriegspressequartier is, is er doch so 
gut wie beim Militär. 



59 



Der alte Biach: Dieses Kriegspressequartier 
muß eine großartige Einrichtung sein! Man kann 
alles sehn. Es is ganz nah bei der Front und die 
Front is bei der Schlacht, also wird Klein beinah 
in der Schlacht sein, er kann alles sehn, ohne daß 
es gefährlich is. 

Der Kompagnon: Da heißt es immer, bei 
einem modernen Schlachtfeld sieht man gar nix. 
Also sieht man im Kriegspressequartier sogar noch 
mehr wie wenn man direkt in der Schlacht is. 

Der Doktor: Gewissermaßen ja, und man 
kann sogar über mehrere Fronten auf einmal 
berichten. 

Der kaiserliche Rat: Von Klein war ja die 
packende Schilderung in der Presse, daß die meisten 
Verwundungen der Unsern an den Außenflächen 
der Hände und Füße vorkommen, woraus hervorgeht, 
daß die Russen den Flankenangriff bevorzugen — 

Der Kurzwarenhändler: No, ein Roda Roda 
is er nicht! Da wird noch viel Wasser in den Dnjepr 
fließen, bis er so schreiben wird wie Roda Roda! 

Der kaiserliche Rat: Was mir an Roda Roda 
gefällt is vor allem, daß er fesch is. Er sagt, er 
will sich morgen an der Drina die Schlacht ansehn 
und er sieht sie sich an. Fesch ! 

Der alte Biach: Nutzt nix, man spürt eben 
den ehemaligen Offizier — den Korsgeist! Mein Sohn 
is zwar enthoben, intressiert sich aber doch sehr, er 
will sogar den Streffleer abonnieren. 

Der kaiserliche Rat: Ich kann mir nicht 
helfen — ich bin sehr pessimistisch. 

Der alte Biach: Was heißt pessimistisch? 
Was wolln Sie haben, noch is Lemberg in unserem 
Besitz ! 

Der Kompagnon: No also! 

Der Doktor: Zu Pessimistisch ist gar kein 
Grund. Schlimmstenfalls, wenn jetzt die Entscheidung 
fällt, ist es eine Partie remis. 



60 



Der Kurzwarenhändler: Und ich sag Ihnen, 
ich weiß sogar von einen Herrn vom Ministerium, 
die Sache is so gut wie gemacht. Wir kommen von 
rechts, die Deitschen von links und wir zwicken sie, 
daß ihnen der Atem ausgeht. 

Der kaiserliche Rat: Schön — aber Serbien? 

Der alte Biach i rabiat): Serbien? Was heißt 
Serbien? Serbien wern wir wegfegen! 

Der kaiserliche Rat: Ich weiß nicht — ich 
kann mir nicht helfen — der heutige Bericht — man 
muß zwischen den Zeilen lesen können und wenn 
man sich die Karte hernimmt — ein Blick auf die 
Karte zeigt — sogar der einfache Laie — ich kann 
Ihnen beweisen, Serbien — 

Der alte Biach (gereizt): Lassen Sie mich aus 
mit Serbien, Serbien is ein Nebenkriegsschauplatz. 
Ich ärger mich. Gehn mr hinein, neugierig bin ich, 
was heut die Minister sprechen wern — ich schlage 
vor, meine Herrn, daß wir uns direkt am Neben- 
tisch setzen. (Sie treten ein.) 

(Verwandlung.) 

8. Szene 

Eine Straße in der Vorstadt. Man sieht den Laden einer .Modistin, 

eine Pathephonfirma, das Cafe Westminster und eine Filiale der 

Putzerei Söldner & Cliini. Es treten auf vier junge Burschen, 

deren einer eine Leiter, Papierstreifen und Klebestoff trägt. 

Erster: Hammr schon wieder einen erv/ischt! 
Was steht da? Salon Stern, Modes et Robes. Das 
überklebn mr als a ganzer! 

Zweiter: No aber der Name könnt doch 
bleiben und daß mr weiß, was es für ein Gschäft is. 
Gib her, das mach mr a so (er klebt und liest vor) 
Salo Stern Mode. So ghört sichs. Das is deutsch. 
Gehmr weiter. 

Erster: Patephon, da schauts her, was is 
denn dös? Ist dös franzesisch? 



61 



Zweiter: Nein, das is lateinisch, das darf 
bleiben, aber da — da les ich : »Musikstücke 
deutsch, französisch, englisch, italienisch, russisch 
und hebräisch*. 

Dritter: Wos tan mr do? 

Erster: Das muß weg als a ganzer! 

Zweiter: Das mach mr a so (er klebt und liest vor) 
»Musikstücke deutsch — hebräisch«. So ghört sichs. 

Dritter: Ja, aber was is denn dös? Ah, da 
schaurija! Da steht ja Cafe Westminster, mir scheint 
das is gar eine englische Bezeichnung! 

Erster: Du, das laßt sich aber nur im Ein- 
verständnis machen, das is ein Kaffeehaus, der 
Kaffeesieder könnt eine Persönlichkeit sein, wir 
hätten am End Unannehmlichkeiten. Rufmrn außa, 
warts. (Er geht hinein und kehrt augenblicklich mit dem 
Cafetier zurück, der sichtlich sehr bestürzt ist.) Sie werden 
das gewiß einsehn — es ist ein padriotisches Opfer — 

DerCafetier: Das is fatal, aber wenn die Herrn 
von der freiwilligen Kommission sind — 

Vierter: Ja schaun S', warum haben Sie Ihr 
Lokal überhaupt so tituliert, das war unvorsichtig 
von Ihnen. 

Der Cafetier: Aber meine Herrn, wer hat 
denn das ahnen können, jetzt is mirs selber peinlich. 
Wissen S' ich hab das Lokal so tituliert, weil wir 
doch hier gleich bei der Westbahn sind, wo die 
englischen Lords in der Saison anzukommen pflegen, 
also damit sip sich gleich wie zuhaus fühln — 

Erster: Ja hörn S', war denn schon einmal 
ein englischer Lord in Ihnern Lokal? 

Der Cafetier: Und ob! Das warn Zeiten I 
Jessas! 

Erster: Da gratulier ich. Aber schaun S' jetztn 
kann eh kaner kummen! 

Der Cafetier: Gottseidank — Gott sirafe 
England — aber schaun S', der Name hat sich bereits 



62 



so eingebürgert, und nach dem Krieg, wenn so 
Gott will wieder die englische Kundschaft kommt — 
schaun S', da sollten S' halt doch ein Einsehn haben. 

Erster: Auf so etwas kann die Volkesstimme 
nicht Rücksicht nehmen, lieber Herr, und Volkes- 
stimme, das wird Ihnen doch bekannt sein — 

Der Cafetier: Ja natürlich, wo wird denn 
unsereins das nicht wissen, wir sind doch mehr 
oder weniger ein Volkscafe — aber — ja wie soll 
ich denn nacher das Lokal heißen? 

Zweiter: Aber machen S' Ihna keine Sorgen, 
wir tun Ihnen net weh — das wer' mr gleich 
haben — und zwar schmerzlos. (Er kratzt das i weg.) 

Der Cafetier: Ja — was — war denn — 
nacher das? 

Zweiter: So! Und jetzt lassn S' vom Maler 
ein ü hineinmal'n — 

Der Cafetier: Ein ü? Cafe Westmünster — ? 

Zweiter: Ein ü! Das is ganz dasselbe 
und is deutsch. Taarloos! Kein Mensch merkt den 
Unterschied und ein jeden muß doch auffallen, daß 
das ganz was anderes is, na was sagen S'? 

Der Cafetier: Ah, großartig! ah, großartig! 
Sofort laß i 'n Maler kommen. Ich danke Ihnen 
meine Herrn für die Nachsicht. Das bleibt so, solang 
der Krieg dauert. Für'n Krieg tuts es ja. Hernach 
möcht ich freilich doch — denn was hernach die 
Lords sagn möchten, wann s' wiederkommen, die 
möchten schaun! 

(Zwei Gäste verlassen soeben das Lokal und verabschieden sich 
voneinander, der eine sagt: Adieu! Der andere: Adiol) 

Erster: Was hab i g'hört? Franzosen und 
Italiener verkehren bei Ihnen? Der eine sagt Adieu 
und der andere sagt gar Adio? Sie scheinen 
überhaupt eine internationale Kundschaft zu haben, 
da is manches verdächtig — 

Der Cafetier: No hörn S', jetzt wann einer 
Adieu sagt — 



63 



Zweiter: Aber habn S' denn net ghört, wie 
der erste Adio gsagt hat? Das ist die Sprache des 
Erbfeinds! 

Dritter: Des heimtürkischen Verräters! 

Vierter: Des Treubrüchigen am Po! 
Erster: Jawohl, der Verräter war unser Erbfeindl 
Zweiter: Unser Erbfeind, der was uns die 
Treue gebrochen hat! 
Dritter: Am Po! 
Vierter: Am Po! Mirken S' Ihna dasi 

(Der Catctier ist schrittweise in das Lokal zurückgewichen.) 

Erster (ihm nachrufend) : Sie englischer Katzel- 
macher am Po! 

Zweiter: Da hätt mr einmal ein Exempel 
schtatuiert mit die Fremdwörter ! Gehmr weiter. 

Dritter: Da schauts her, heut hammr Glück: 
Söldner & Chini! Das is schon wieder dieselbe 
Melange wie bei dem Kaffeesieder. Söldner, also das 
is doch bekanntlich ein Engländer — und Chini, das 
is ein Italiener! 

Erster: Gott strafe England und vernichte 
Italien — das überkleb'n mr als a ganzer! Chemische 
Putzerei? Putz'n weg! Ich hab einen Viechszurn in 
mir — morgen muß der Bezirk von alle Fremdwörter 
gereinigt sein, wo ich noch eins drwisch, dem reiß 
ich 's Beuschl heraus! (Der zweite überklebt die Tafel.) 

Dritter: Es is am besten, wir separiern 
uns jetzt, ihr zwei bleibts auf dem Trottoir, wir 
gehn fisafis. 

Erster: Das is fatal, aber ich kann heut nicht 
mitgehn, ich bin sehr pressiert, ich hab nämlich 
ein Rendezvous — 

Zweiter: Das is ein Malheur. Ohne dich 
riskiern wir am End einen Konflikt. Mich geniert das 
zwar nicht, aber die Leut wern impatinent und — 



64 



Vierter: Mich tuschiert so was auch nicht 
weiter — aber wir könnten halt doch in eine Soß 
hineinkommen. Mir is zwar bisher nichts passiert — 

Zweiter: Ich versteh, das is odios, und ich 
bin immer sehr dischkret darin, daß ich mit die 
Leut harmonisch auseinanderkomm! Aber ihr dürfts 
euch eben nicht imponieren lassn. Jetzt heißt's 
resolut sein und die patriotische Aktion, die wir 
einmal entriert haben, atupri konsequent durchführn. 

Dritter: Ja natürlich, wenn einer aber, wie 
die Leut schon sind, mit dem Argument daherkommt, 
daß man ihm seine Existenz ruiniert — er fangt zu 
lam.entieren an oder wird gar rabiat, dann - 

Erster: Aber ich bitt dich — gar net 
ignorieren! Oder stantape replizieren: Jetzt sind 
höhere Interessen! Da wird er schon eine Raison 
annehmen. Die Leut sind ja intelligent. Man 
dischkuriert net lang — wo kommt man denn 
hin, wenn man sich mit jedem erst auf paar Purlees 
einlassen wollt — 

Zweiter: Wenn er sich aber zu echauffieren 
anfangt — die Leut wern gleich ordinär — 

Erster: Da heißt's ihr ihn ein subversives 
Element, basta! Also — Kurasch! Morgen referierts 
mir, da assistier ich euch wieder — Herrgott drei- 
viertel auf fünf is, jetzt muß ich momentan ein 
Tempo annehmen — sonst komm ich akkurat zu 
spät — also amüsierts euch gut — Kompliment — 
Adien — ! 

Dritter: Serwas! 

Vierter: Servitore! 

Zweiter: Orewar! 

Erster (zurückkehrend): Apropos, im Fall einer 
protestiert, legitimierts euch einfach als interimistische 
Volontäre der provisorischen Zentralkommission des 
Exekutivkomitees der Liga zum Generalboykott für 
Fremdwörter. Adio! 

(Verwandlung.) 



65 



9. Szene 

In einer Volksschule. 

Der Lehrer Zeheibauer: Jetzt aber 

sind höhere Ideale über uns hereingebrochen, so daß 
der Fremdenverkehr ein wenig zurückgedrängt ist und 
erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Trotzdem 
dürfen wir nicht verzagen, sondern es ist unsere 
Pflicht, nachdem wir jeglicher ein Scherflein zum 
Vaterlande beigetragen haben, auf dem einmal 
betretenen Wege unentwegt und unerschrocken fort- 
zufahren. Die zarten Keime des Fremdenverkehres, 
die wir allenthalben gepflanzt und die dank der 
Fürsorge des hochlöblichen Landesschulrates und 
des löblichen Bezirksschulrates auch in eure jungen 
Herzen Eingang gefunden haben, sollen vom ehernen 
Tritt der Bataillone, so unentbehrlich derselbe auch in 
dieser großen Zeit ist, nicht zertreten werden, sondern 
im Gegenteil gehegt und gepflegt werden für und für. 
Sicherlich ist es notwendig, daß jeglicher heute seinen 
Mann stelle, so auch ihr und so müsset auch ihr euch 
betätigen, indem ihr an eure Herren Eltern oder 
Vormünder herantretet, sie mögen euch das schöne 
Jugendspiel »Wir spielen Weltkrieg« als Geburtstags- 
überraschung bescheren oder da Weihnachten vor 
der Tür steht, den »Russentod«. Auch sollet ihr 
wissen, daß ihr zur Belohnung für Fleiß und gute 
Sitten, natürlich mit Zustimmung der p. t. Herren 
Eltern oder Vormünder, am Sonntag jeglicher einen 
Nagel in den Wehrmann in Eisen einschlagen dürfet 
und so durch Benagelung dieses Wahrzeichens — 

Die Klasse: Das is gscheit! 
(Ein Knabe zeigt auf.) 

Der Lehrer: Was willst du, Gasselseder? 

Der Knabe: Bitt Herr Lehrer, ich hab schon 
mit dem Vattern einen Nagel einigschlagen, derf 
ich da noch einen Nage! einisclilagn? 

Die letzten Tage der Menschheit. 5 



66 



Der Lehrer: Wenn deine Herren Eltern oder 
Vormünder es gestatten, so steht deinem patriotischen 
Wunsche nach einer abermaligen Benagelung dieses 
Wahrzeichens von der Schulleitung aus nichts im Wege. 

(Ein Knabe zeigt auf.) 
Was willst du, Czeczowiczka? 

Zweiter Knabe: Bitt, ich muß hinaus. 

Der Lehrer: Hinaus? Du bist zu jung, warte, 
bis du in ein reiferes Alter kommst. 

Der Knabe: Bitt, ich muß. 

DerLehrer: Diesen Wunsch kann ich jetzt nicht 
erfüllen. Schäme dich. Warum verlangt es dich hinaus? 

Der Knabe: Bitt, ich hab Not. 

Der Lehrer: Warte, bis bessere Zeiten kommen. 
Du würdest deinen Kameraden mit schlechtem Beispiel 
vorangehen. Das Vaterland ist in Not, nimm dir ein 
Beispiel, jetzt heißt es durchhalten. 
(Zwei Knaben zeigen auf.) 

Der Lehrer: Was wollet ihr, Wunderer Karl 
und Wunderer Rudolf? 

Beide: Bitt, wir möchten lieber im Stock im 
Eisen einischlagn. 

Der Lehrer: Setzen! Schämet euch. Der 
Stock im Eisen ist ein Wahrzeichen, auf dem kein 
Nagel mehr Platz hat. Aber der Wehrmann im Eisen 
soll mit eurer tatkräftigen Hilfe erst ein Wahrzeichen 
werden, eine Sehenswürdigkeit, von der noch eure 
Kinder und Kindeskinder erzählen werden. 

Der Knabe Kotzlik: Bitt, der Merores stößt 
immer! 

Merores: Das is nicht wahr, er hat Jud zu 
mir gesagt, ich sags dem Papa, der wirds ihm schon 
geben, er gibt es hinein ins Tagblatt. 

Der Lehrer: Haltet Burgfrieden, Kotzlik und 
Merores! Wir kommen jetzt zu dem Lesestück: 
Haßgesang gegen England. Merores, du kannst gleich 
stehen bleiben, beantworte mir die Frage, wie der 
Dichter heißt, der dies Gedicht gedichtet hat. 



67 



Merores: Ob ich weiß, Frischauer. 

Der Leiirer: Falsch, setz dich. 

Ein Knabe (einsagend): Lissauer. 

Der Lehrer: Praxmarer, wenn du noch einmal 
einsagst, laß ich dich den Prinz Eugen von Hof- 
mannsthal abschreiben. Ich habe den Faden verloren. 
Einige Knaben eilen zum Katheder und bücken sich. 

Der Lehrer: Was suchet ihr? 

Die Knaben: Den Faden, Herr Lehrer, der 
Herr Lehrer hat gesagt, der Herr Lehrer haben den 
Faden verloren. 

Der Lehrer: Ihr seid töricht, ich meine ja das 
nicht bildlich, sondern wörtlich. 

Ein Knabe: Derf ich vielleicht meinen 
Leitfaden — 

Der Lehrer: Wottawa, auch du hast mich nicht 
verstanden. Ich sehe schon, daß ihr nicht reif seid. 
Ich wollte den Haßgesang prüfen, aber ich will euch 
das heute noch erlassen. Die Ideale, welche die große 
Zeit euch auferlegt, werdet ihr bis morgen präpariert 
haben, weil ich dann keine Nachsicht mehr üben 
kann. Was soll sich der Herr Bezirksschulinspektor 
denken, wenn er in die Klasse kommt und wenn 
das so weiter geht. Jetzt, wo ihr für die zweite 
Kriegsanleihe werben sollt, ist es umsomehr eure 
Pflicht, die Erwartungen nicht zu enttäuschen. Also, 
daß ihr mir morgen den Haßgesang auswendig wisset! / 
Ich kann euch immer wieder nur einprägen: Haltet 
durch, traget ein Scherflein bei, werbet für die Kriegs- 
anleihe, sammelt Metalle, suchet euer Gold hervor, das 
ungenützt in der Truhe liegt! Für heute aber will ich 
noch Nachsicht üben und den Fremdenverkehr mit euch 
durchnehmen. Hebet denselben! Ich habe euch früher 
erklärt, warum der Fremdenverkehr gerade jetzt nicht 
vernachlässiget werden darf. Wiewohl der rauhe 
Kriegessturm über unsere Lande hinwegfegt, indem 
unser erhabener Monarch Tausende und Abertausende 
unserer Söhne und Brüder zu den Waffen rief, so 



5* 



68 



zeigen sich schon jetzt die ersten Ansätze zu einer 
Hebung des Fremdenverkehrs. Darum lasset uns 
dieses Ideal nie aus dem Auge verlieren. Wir haben 
da ein schönes Lesestück »Ein Goldstrom«. Nicht 
.idoch. Lasset uns vielmehr heute das alte Lied 
/anstimmen, das ihr einst in Friedenszeit gelernt habt, 
kennet ihr es noch? 

(Ein Knabe zeigt auf.) 
Der Lehrer: Nun, Habetswallner? 
Der Knabe: Bitt Herr Lehrer, ich weiß schon, 
bei einem Wirte wundermild. 
Der Lehrer: Falsch! 

(Ein Knabe zeigt auf ) 
Der Lehrer: Nun, Braunshör? 
Der Knabe: Üb immer Treu und Redlichkeit. 
Der Lehrer: Nicht doch! Schäme dich! 

(Ein Knabe zeigt auf.) 
Der Lehrer: Nun, Fleischanderl? 
Der Knabe : Das Wandern ist des Müllers Lust. 
Der Lehrer: Setz dich! 

(Ein Knabe zeigt auf.) 
Der Lehrer: Nun, Zitterer? 
Der Knabe: Hinaus in die Ferne! 
Der Lehrer: Setz dich! Nicht wir können 
jetzt in die Ferne, die draußen sollen zu uns kommen! 
(Ein Knabe zeigt auf.) 
Der Lehrer: Süßmandl, weißt du es? 
Der Knabe: Bitt, hinaus! 
Der Lehrer: Was fällt dir bei, ich sagte 
doch, das gibt es jetzt nicht, weder in der Klasse 
noch wenn ihr ins Leben hinaustretet. Nun also, 
keiner von euch will das Lied kennen? 
(Ein Knabe zeigt auf.) 
Der Lehrer: Anderle, du? 
Der Knabe: Was frag ich viel nach Geld undGut. 
Der Lehrer: Setz dich in die letzte Bank. 
Wo hast du denn das gelernt? Schäme dich, 



69 



Anderle! Ich sehe schon, ihr habt es in eiserner Zeit 
vergessen. Und doch ist es das liebe alte Lied, 
nach welchem ihr alle einst die Vokale gelernt habt. 
Schämet euch doch. Nun so will ich denn die 
Fiedel nehm.en und dann werdet ihr gleich von 
selbst einstimmen. 

(Ein Knabe zeigt auf.) 

Der Lehrer: Nun Sukftili, willst du die 
Klasse beschämen? 

Der Knabe Sukfüll: Pfleget den Fremden- 
verkehr! 

Der Lehrer: Brav, Sukfüll, du beschämst 
die ganze Klasse. Ich werde das deinem Vater mit- 
teilen, auf daß auch er dich belobe. 

(Er nimmt die Geige, die Klasse fällt ein und singt.) 

A a a, der Fremde der ist da. 

Die stieren Zeiten sind vergangen, 

Der Fremdenverkehr hat angefangen, 

A a a, der Fremde der ist da. 

E e e, Euer Gnaden wissen eh. 
Fesch das Zeugl, fesch die iMadeln, 
Gstellt vom Kopf bis zu die Wadeln, 
E e e, Euer Gnaden wissen eh. 

I i i, wir würzen wie noch nie. 

Seids net fad, ruckts aus mit die Maxen, 

Reiß'n ma aus der Welt a Haxen, 

I i i, wir würzen wie noch nie. 

O 0, wie sind die Wiener froh. 
Mir werns euch schon einigeigen, 
Laßt"^ euch das Wiener Blut nur zeigen, 
O 0, wie sind die Wiener froh. 

U u u, nun hat die Seel' a Ruh. 
Wien ist und bleibt die Stadt der Lieder, 
Bitte beehren uns bald wieder, 
U u u, nun hat die Seel' a Ruh. 

(Verwandlung.) 



70 



10. Szene 

Im Cafe Pucher. Die Minister sind versammelt. 

Eduard (zu Franz): Es fehlt noch die Muskete, 
der Floh und das Intressante — 

(Fünf Eintretende nehmen am Nebentisch Platz. Der Minister- 
präsident wendet sich an den Minister des Innern.) 

Der alte Biach: So wahr ich da leb, er hat 
etwas von einer Bombe gesagt — 

Eduard (bringt illustrierte Blätter): Bitt SChÖn 
Exlenz is die Bombe schon frei? 

Der alte Biach: Ah so — 

Die andern (durcheinander): Was hat er gesagt? 

Der alte Biach: Nix — ich hab mich geirrt. 

Der kaiserliche Rat (zu seinem Nachbar) : 
Intressant steht heut im Tagblalt — 

(Der Kellner Franz ist an den Tisch getreten. Nacheinander die 
Rufe: ».Mir einen Doppelschlag!« »Mir mit Haut und mehr licht!« 
»Obers^spritzt und das 6 Uhr-Blatt!« »Einen Capo passiert!«) 

Der kaiserliche Rat: Und mir eine Melange, 
oder nein, wissen Sie was, bringen Sie mir zui 
Abwechslung eine Nuß Gold und die Presse! 

Der alte Biach (die Neue Freie Presse zur Hand 
nehmend): Großartig! 

Alle: Was denn? 

Der alte Biach: Sehn Sie, das imponiert mir, 
jetzt feiert er schon seit vierzehn Tagen das fufzig- 
jährige Jubiläum, immer an erster Stelle, dann 
kommt die Schlacht bei Lemberg mit den Eindrücken. 
Da sieht man doch wenigstens, es gibt auch noch 
freudige Ereignisse in Österreich! Und schließlich is 
es ja ein Ereignis wie es noch nicht da war. Das 
Bollwerk deutsch-freiheitlicher Gesinnung, Gesittung 
und Bildung, Kleinigkeit, was da für Namen gratu- 
lieren — schauts euch bitt euch nur an — sss — 
warts — drei, vier, nein, fünf volle Seiten. Alles 
wetteifert ihr zu gratulieren, die höchsten Spitzen 
genieren sach nicht. 



71 



Der kaiserliche Rat: Heut habe ich 
geschrieben — passen Sie auf, morgen wird es stehn I 

Der alteBiach (erregt): Wenn Sie geschrieben 
haben, wer' ich auch schreiben. Keine kleine Ehre, 
in solcher Umgebung — 

Der Doktor: Komisch ist nur, fällt mir auf — 
überall, bei den Tausenden und Abertausenden von 
Gratulationen, überall druckt er die Adresse mit: 
Sr. Hochwohlgeboren Herrn Moriz Benedikt, Heraus- 
geber der Neuen Freien Presse, Wien, I. Fichiegasse 1 1. 
Ich kann mir nicht helfen — das is etwas eitel! 
Das Hochwohlgeboren könnt er sich schenken, und 
die Adresse genügt schließlich auch zwanzigmal. 

Der Kompagnon: Sagen Sie das nicht. 
Das kann man nicht oft genug hören. 

Der kaiserliche Rat: (fast gleichzeitig): Das seh 
ich nicht ein, er will gar nichts ändern, so haben 
sie geschrieben, so soll es stehn, recht hat er! 

Der alte Biach: Was hat er gesagt? Was 
hat er gesagt? 

Der Kompagnon (begütigend) : Aber — nix — 
Noch is Lemberg in unserem Besitz. 

Der Kurzwarenhändler: Vor allem sieht 
man doch, daß alle Zuschriften echt sind, schaun 
Sie her, Kleinigkeit, Montecuccoli und lauter 
Exellenzen — sss — 

Der kaiserliche Rat: Was heißt Montecuccoli 
und Exellenzen? Und Berchlold is e Hund? Gestern 
eigenhändig gratuliert! 

Der alte Biach: Was heißt Berchlold? 
Weiskirchner! Da haben Sie's vor Ihren Augen, was 
sagt man! Würde man das für meglich halten? 
Weiskirchner, der greßte Antisemit! Er gratuliert 
ihm »aufrichtigen Sinnes«. Was steht da? Wirklich 
schön, wer schreibt das, »die Neue Freie Presse ist 
das Gebetbuch aller Gebildeten«. 



72 



Der Kompagnon: Das is aber ja wahr. 
Was steht da? Intressant, die Firma Dukes freut 
sich mit ihr in angenehmster Verbindung zu stehn. 
Die größte Annoncenfirma von Wien, bitte! 

Der Doktor: Schaun Sie her! Sogar Harden, 
bekanntlich der glänzendste Stilist — was schreibt 
er, er nennt ihn, glänzend, hören Sie, wie er 
ihn nennt, »Generalstabschef des Geistes«! 

Der Kurzwarenhändler: Betamt, aber nicht 
originell. Das is schon in ein paar Dutzend Zuschriften 
gestanden, es liegt auch wirklich nah, das zu sagen. 

Der alte Biach: Selbstredend, gerade jetzt, 
wo dahinter gleich von Lemberg die Rede is! Großartig 
waren auch die Ansprachen beim Bankett — 

Der Kompagnon: Das war doch nicht beim 
Bankett, das Bankett war doch abgesagt wegen dem 
Weltkrieg. 

Der kaiserliche Rat: Aus Bescheidenheit. 

Der Kurzwaren händler: Übertriebene 
Rücksicht. 

Der alte Biach: Nuna! Also es war kein 
Essen, aber doch kolossal feierlich. Wenn kein Krieg 
war, hätten Sie sehn sollen, was sich getan hätt. Aber 
sie haben sich's nicht nehmen lassen. Sehr schön 
war, wie sie ihn alle gefeiert haben, der Vorstand 
der Buchhaltung und sogar die erste Austrägerin. 
Das hat so etwas Familiäres, so ein Fest der 
Presse. Die Reden hab ich mir sagen lassen wern 
gleich mitstenographiert. 

Der kaiserliche Rat: Aber der Stenograph 
gratuliert doch auch? 

Der alte Biach: Ja, aber währenddem steno- 
graphiert er. 

Der Kompagnon: Sehn Sie sich nur bittsie 
die Liste an, endlos — 

Der Doktor: Ja, das ist traurig. 

Der Kompagnon: Wieso traurig? 



73 



Der Doktor: Ach so, ich hab auf die 
Verlustliste geschaut unten, ein Zufall, daß das 
gleich nach den Gratulanten kommt. 

Der alte Biach: Nebbich — was soll man 
machen, ja, ja, das ist und bleibt ein Ereignis, 
von dem noch die Kindeskinder reden wem. 

Der kaiserliche Rat: Das is wahr, alle Tag 
wird ein Blatt nicht fufzig Jahr. 

Der alte Biach: Das geben Sie gut, ich hab 
gemeint — Lemberg. 

Der kaiserliche Rat: Wer redt von Lemberg? 

Der Doktor (sich vorsichtig umblickend): Leider 
kann man nicht leugnen, daß es gerade keine Ehre 
für uns ist. 

Der alte Biach: Erlauben Sie — keine Ehre? 
Traun Sie sich nur, so etwas laut zu sagen! 

Der Doktor (leise): No, ich mein', mit Lemberg — 

Der alte Biach: Wer redt von Lemberg? 
Und wenn man schon wegen dem kleinmütig wird 
und verzagt, so richtet man sich auf an dem, was 
vorn steht — am Jubiläum ! 

Der kaiserliche Rat: Wissen Sie was mir 
am meisten imponiert? Mir imponiert nicht was 
vorn steht, mir imponiert nicht was in der Mitte steht, 
mir imponiert was hinten steht! Erinnern Sie sich, am 
Jubiläumstag die hundert Seiten Bankannoncen, ganz- 
seitig? Alle ham sie blechen müssen, mitten im Mora- 
torium, bis sie schwarz geworn sind! Ja, die Presse 
ist eine Macht, an der sich nicht rütteln läßt — wenn aber 
sie rüttelt, dann fallen die Zwetschken von den Bäumen. 

Der alte Biach: Was wollen Sie haben, der 
Mann hat eine Gewure wie heut kein zweiter in 
Österreich. Er hat Phantasie und Gemüt und Geist 
und Gesinnung und is ein großer Nemmer vor 
dem Herrn. 

Der kaiserliche Rat: Wissen Sie, Herr Biach, 
an wem mich erinnert in der Sprache, was Sie da 
jetzt gesagt haben? 



74 



Der alte Biach: An wem es erinnert? An 
wem soll es erinnern? 

Der kaiserliche Rat: An ihm selbst mit die 
vielen >und«! 

Der alte Biach: No und? Ist das ein Wunder? 
Man steht unwillkürlich unter dem Bann! Ham Sie 
neilich gelesen im Abendblatt Laienfragen und Laien- 
antworten? Gediegen, was? Besonders im Abendblatt 
is er ganz er selbst. Da wiederholt er alles von 
neuem. Wie es geheißen hat, noch is Lemberg in 
unserem Besitze, hat er gesagt, hier fällt uns vor 
allem das Wörtchen noch auf und das Auge bohrt 
sich herein und man kann sich vorstellen. Da gibt 
er immer alles und mit noch! »Gestern wurde 
gemeldet — heute wird gemeldet«, das bringt man 
nicht mehr aus dem Kopf. Er redet wie unsereins, 
nur noch deutlicher. Man weiß nicht, redt er wie 
v/ir oder reden wir wie er. 

Der kaiserliche Rat: No und der Leitartikel 
is e Hund? Schon der erste Satz — wer macht 
ihm das nach? Die Familie Brodsky ist eine der 
reichsten in Kiew. Fertig. Mitten drin is man. Dann 
springt er herum, redt von Talleyrand, was er gesagt 
hat beim Essen, und schon is man mitten drin im 
ungrischen Ausgleich. 

Der alte Biach: Mir imponiert am meisten, 
wenn er sagt, man kann sich vorstellen. Oder wenn 
er mit der Einbildungskraft kommt, das bringt er 
packend, und da stellt man sich gleich alles vor, 
wie wenn er war mitten drin im Pulverdampf gottbehüt 
und wir alle mit ihm. Den größten Wert legt er 
aber scheint es auf die Stimmungen und auf die 
Eindrücke von die Details und packend is wenn er 
erzählt, wie sie die Leidenschaften aufgewiegelt 
haben. Ich für meinen Geschmack muß aber sagen, 
ich les am liebsten, wenn er sich vorstellt, wie sie 
sich schon unruhig wälzen bei Nacht, speziell 
Poincar^ und Grey und sogar der Czar, wenn sie 



75 



von der Sorge benagt sind, weil es schon rieselt im 
Gemäuer. Und vielleicht ist in diesem Augenblick 
schon, und vielleicht haben sie schon und vielleicht 
und vielleicht, das is hochdramatisch! Ich hab mir 
sagen lassen, er diktiert, wenn er schreibt. Man kann 
sich vorstellen, wenn er so einen Leitartikel diktiert. 
Ich sag Ihnen, die Einbildungskraft schwelgt in der 
Vorstellung, daß wenn er diktiert, die Kandelaber in 
der Redaktion zittern ! 

Der Doktor: Zufällig weiß ich aber, weil ich 
einmal persönlich eine Beschwerde hinaufgetragen 
habe, über den Mistbauer und die Fliege — 

Der alte Biach: Was wissen Sie? 

DerDoktor: Daß sie dort gar keine Kandelaber 
haben! 

Der alte Biach (erregt): Was denn ham sie? 
Lassen Sie mich aus, Dokter, Sie sind ein bekannter 
Miesmacher — so ham sie Stehlampen! Tut nix — 
die Kandelaber zittern doch! Unsereins hat eben noch 
Illusionen. Marqueur, bringen Sie die Blochische 
Wochenschrift und Danzers Armeezeitung! 

Der Kompagnon: Moment! Jetzt — wenn 
man jetzt so hören könnte, was die Minister reden! — 
(Alle lauschen. Der alte Biach rückt dicht an den Ministertisch vor.) 

DerMinisterpräsident: Der Pschütt is heut 
wieder in einem Zustand, recht ärgerlich is das — 
anstatt daß die Marquör die Illustrierten einsperrn, 
tun sie's aufhängen — die möchten sich wirklich 
schon alle Freiheiten nehmen. Nachher krieg 
ich so ein Blatt in einer Verfassung — aufheben 
wer' ich mir's nächstens lassen, das is das einfachste. 

Der alte Biach (in größter Erregung): Wißts 
ihr, was ich jetzt gehört hab? Gotteswillen, ich hab 
ganz deutlich die Worte gehört: Standrecht, ein- 
sperrn, aufhängen — 

Der Kompagnon: Sss . . .! 

Der alte Biach: Alle Freiheiten nehmen, 
Verfassung aufheben! 



76 



Der kaiserliche Rat: Also, da ham mas! 

Der Doktor: Wissen Sie, daß das eine 
politische Sensation katexochen ist und man kann 
wirklich sagen, aus erster Quelle! 

Der alte Biach (stolz): Also was sagen Sie 
zu mir! 

Der Kurzwarenhändler: Es ist Ihre Pflicht, 
es noch heute der Presse zu stecken! 

Der alte Biach: Ja, die Zeiten sind ernst — 

Der kaiserliche Rat: — und wer kann 
wissen was der kommende Tag bringt — 

Der Kurzwarenhändler: — und der Staat 
hat die Verpflichtung, die Leidenschaften, wenn sie 
einmal aufgewiegelt sind, wieder einzudämmen — 

Der Kompagnon: — und die Stimmungen 
sind wichtig — 

Der Doktor: — und die Sorge wächst — 

Der alte Biach: — und es is schon zehn Uhr 
und meine Rosa sitzt zuhaus und sie hat nicht gern 
wenn ich spät komm und ich bin deshalb dafür 
wir zahlen und gehn. 

(Der Zahlkellner kommt, sie gehn ab, indem sie sich alle noch 
einmal mit scheuer Neugierde nach dem Ministertisch umblicken.) 

Der alte Biach (im Abgehen) : Wir haben einen 
historischen Moment erlebt. Den ernsten Gesichts- 
ausdruck vom Gesicht vom Grafen Stürgkh werde 
ich mein Lebtag nicht vergessen! 
(Verwandlung.) 

11. Szene 

(Es treffen sich zwei, die sichs gerichtet haben.) 

Der erste: Servus, du noch in Wien? Du bist 
doch behalten worn? 

Der zweite: Ich bin hinaufgegangen und hab 
mirs gerichtet. Ja, aber was machst denn du noch in 
Wien? Du bist doch behalten worn? 



77 



Der erste: Ich bin hinaufgegangen und hab 
mirs gerichtet. 

Der zweite: Natürlich. 

Der erste: Natürlicli. 

Der zweite: Weißt nicht, was aus dem 
Edi Wagner gworn is, hat der sichs vielleicht 
gerichtet? Er is im Oktober zur Konschtatierung, 
dann hats gheißen, sein Alter kauft ihm einen Daimler, 
weil sein Major, der Tschibulka von Welschwehr 
versprochen hat, er kommt zum Autlkorps, dann hats 
gheißen, entweder er kommt nach Klosterneuburg 
zum Kaader oder in eine Munitionsfabrik, natürlich 
in die Kanzlei, dann hams wieder gsagt, er soll 
für unentbehrlich erklärt wem im Gschäft und der 
Onkel von ihm, weißt der fürs Reservespital in der 
Fillgradergassen die Würzen is, den hab ich damals 
troffen, der hat gsagt, wenn alle Stricke reißen, bringt 
er ihn beim Roten Kreuz unter, kein Mensch hat sich 
auskennt, kurzum, möcht mich wirklich intressiern, 
wo's den armen Teufel am End hingschupft ham. 

Der erste: Das kann ich dir sagen. Der Alte 
hat sich also, ein Schmutzian wie er is, das überlegt 
mit dem Daimler, er hat ihn lieber bei die dänischen 
Papierdecken untergebracht, das hat ihm aber gstiert, 
da hat er gsagt, lieber m.acht er Dienst und is nach 
Blumau kommen, dort war's ihm aber z'fad, und 
jetzt sitzt er Nacht für Nacht im Chapeau, abwech- 
selnd in Uniform und in Zivil, wie der Bursch das 
macht is mir ein Schleier, ich kann mir nur rein 
denken, wie alle Protektion nix gnutzt hat, is er 
hinaufgegangen und hat sichs gerichtet. Es könnt 
aber auch sein, daß er wirklich enthoben is oder 
hat er gar am End doch einen C-Befund kriegt. Du 
servus ich hab ein Rendezvous mit einer Persönlichkeit, 
ich krieg vielleicht eine Lieferung, und das was für 
eine, da muß man schon tulli sagen — 

Der zweite: Du hast immer die Sau. Hast 
ghört, der Seifert Pepi is gfallen, weißt bei Rawaruska, 



78 



servus ich muß zu einer Sitzung ins Kriegsiürsorgeamt, 
morgen hams den Tee und ich hab versprochen, 
daß ich die Fritzi-Spritzi hinbring, der Sascha Kolowrat 
kommt hin, geh sei fesch und komm auch hin, 
bring dein Schlamperl mit, servus! 

Der erste: Lieber Freund, ich hab jetzt andere 
Dinge, wenn mir das gelingt, ruf ich dich an, 
servus — du apropos — was ich dir erzählen wollte — 

(Ein Abonnent und ein Patriot treten auf.) 

Der Patriot: Gesunde junge Leut, ham Sie 
gesehn? Ein Korps könnt ich zusammenstellen auf 
der Ringstraße! 

Der Abonnent: Da kann man wirklich empört 
sein. Pfui, Drückeberger in Frankreich! 

Der erste (dreht sich um): Meinen Sie vielleicht 
mich? 

Der Abonnent: Sie? Ich kenn Sie gar nicht, 
lassen Sie mich in Ruh — 

Der zweite: Das möchten wir uns auch aus- 
gebeten haben — Sie können gar nicht wissen — 

Der Patriot: Aber bitte, bitte meine Herrn, 
der Herr hat von Drückeberger in Frankreich 
gesprochen, also brauchen Sie gar nicht so aufgeregt 
sein, Sie sind ja nicht aus Frankreich. 

Der erste: A so, also pardon, also wenn sich 
das nicht auf Österreich bezieht, so hab ich mich 
geirrt, djehre! (Beide ab.) 

Der Abonnent: Sehn Sie, frech wem auch 

noch! Der hat das mit Drückeberger in Frankreich 

faktisch auf sich bezogen. 

I Der Patriot: Wahrscheinlich ein Franzos, der 

I sich gedruckt hat und hier sein Unwesen treibt, 

! kann man wissen, Sie, ich laß mich hängen, wenn 

das nicht ein Deserteur is oder gar ein Spion! 

Der Abonnent: Ich hab auch stark den 
Eindruck. 



79 



Der Patriot: Überhaupt, wie es in den feind- 
lichen Staaten zugeht! 

Der Abonnent: Wem sagen Sie das! Sind 
nicht zum Beispiel, um gleich bei Frankreich zu 
bleiben, dort jetzt Nachmusterungen ausgeschrieben, 
man soll sich nur vorstellen, Nachmusterungen! 

Der Patriot: Aber nicht genug, daß dort 
Nachmusterungen stattfinden — die sie nehmen, 
müssen auch an die Front! Ich hab gelesen von 
»Einstellung der Nachgemusterten in Frankreich«! 

Der Abonnent: Und was sagen Sie zu den 
Mißständen in der französischen Heeresintendantur? 

Der Patriot: Verträge für Kriegslieferungen sind 
zu haarsträubenden Preisen abgeschlossen worden. 

Der Abonnent: Bei den Konserven- und 
Munitionslieferungen sollen bedenkliche Preisunter- 
schiede festgestellt worden sein. 

Der Patriot: Wucherpreise sind gezahlt worden 
für Tuch, Leinwand und für Mehl. 

Der Abonnent: Von gewissen Zwischen- 
händlern sind bei den Abschlüssen der Verkäufe 
große Verdienste erzielt worden! Mit Zwischenhändlern 
arbeiten sie! 

Der Patriot: Wo? 

Der Abonnent: No in Frankreich! 

Der Patriot: Schkandal! 

Der Abonnent: Und in offener Parlaments- 
sitzung wird so etwas vorgebracht! 

Der Patriot: Also ob das bei uns möglich 
wäre! Zum Glück haben wir — 

Der Abonnent: Kein Parlament, meinen Sie — 

Der Patriot: Ein reines Gewissen, wollte 
ich sagen. 

Der Abonnent: Millerand hat selbst alles 
eingestanden, es sei unmöglich, hat er gesagt, Fehler 
zu vermeiden, aber es werde unnachsichtlich vor- 
gegangen. 

Der Patriot: Ich merk nix davon! 



80 



Der Abonnent: No und Rußland? Sehr 
bezeichnend ist, daß sie dort schon die Duma ein- 
berufen müssen und die Regierung muß sich eine 
offene Sprache gefallen lassen. 

Der Patriot: Bei uns war so etwas ausge- 
schlossen, wir haben zum Glück — 

Der Abonnent: Ein reines Gewissen, 
weiß schon. 

D e r P a t r i 1 : Kein Parlament, wollte ich sagen. 

Der Abonnent: No und was sagen Sie 
zur Ernte? 

Der Patriot: Ich sag nur: Schlechte Ernte 
in Italien. Mißernte in England. Ungünstige Ernte- 
aussichten in Rußland. Besorgnisse wegen der Ernte 
in Frankreich. Und was sagen Sie zum Kurs, he? 

Der Abonnent: Was soll ich sagen? Der 
Preisfall des Rubels spricht eine deutliche Sprache. 

Der Patriot: Gott wenn man damit zum 
Beispiel unsere Krone vergleicht — 

Der Abonnent: Miserabel stehn auch Lire, 
um 30 Perzent gesunken! 

Der Patriot: Die Krone zum Glück nur um 
das Doppelte. 

Der Abonnent: Apropos Italien, haben Sie 
heut drüber gelesen, wie es schon drunten 
drunter und drüber geht? Der Messagero beklagt 
sich über die ungenügende Kehrichtabfuhr in Rom, 
was ein sehr charakteristisches Licht auf die dortigen 
Zustände wirft. 

Der Patriot: Wenn man damit unsere Wiener 
Straßen vergleicht! Als ob die im Krieg schmutziger 
wären v/ie im Frieden! Hat man je in einer von 
unsere Zeitungen ein Wort lesen können, daß in 
diesem Punkt vielleicht etwas nicht in Ordnung wäre? 
No ja, höchstens hin und wieder steht in der Presse — 
also etwas vom »Mistbauer und die Fliege« — das 
is aber auch intressant! 



I 



81 



Der Abonnent: Und das sind Übelstände, die 
schon zum Teil beseitigi sind. Haben Sie nicht gelesen : 
»Teilweise Auflassung des Mistbauers«? No also! 

Der Patriot: Was sagen Sie zu England? 

Der Abonnent: Ich sag, in England sind 
die Karioffelpreise kolossal in die Höhe gegangen. 

Der Patriot: Ja und es stellt sich sogar 
heraus, daß sie dort jetzt noch niedriger sind wie 
bei uns im Frieden. Also da kann man sich vorstellen! 

Der Abonnent: No und die Behandlung 
unserer Zivilinternierten? Haben Sie gelesen, wie 
die schmachten müssen? Sie wissen doch, wie gut 
es bei uns den russischen Kriegsgefangenen geht. 

Der Patriot: Dafür nehmen sie sich natürlich 
die größten Frechheiten heraus. Da hab ich mir 
erzählen lassen, in Tirol auf dem Brenner läßt man 
sie Schützengräben bauen, damit sie eine Beschäftigung 
haben. Was glauben Sie tun sie? Weigern tun sie 
sich! No, macht man selbstredend kurzen Prozeß. 
Aus Innsbruck wird ein Detachement geholt, noch 
einmal wem sie gefragt, ob sie die Schützengräben 
bauen wollen. Nein! heißt es. Legt man an. 
Nu na nicht, genieren wird man sich, was heißt 
Völkerrecht, Krieg is Krieg. Aber gute Potsch 
wie sie schon sind bei uns, hat man noch Geduld 
gehabt und fragt sie noch einmal, die Rebellen. 
Nein heißt es! Zielt man. Da natürlich — hätten Sie 
sehn sollen, melden sich auf einmal alle, ja, sie 
wolln Schützengräben baun. Ein Geriß war auf 
amol um die Schützengräben, sag ich Ihnen. Das 
heißt, alle bis auf vier. No die wem natürlich 
erschossen, selbstredend. Unter ihnen war ein 
Fähnrich — hörn Sie nur zu — 

Der Abonnent: Ich hör. 

Der Patriot: Wahrscheinlich der erste Rädels- 
führer von ihnen. Hat die Frechheit und hält noch 
eine Ansprache gegen Österreich, oben am Berg, 
Wahrscheinlich ein Antisemit. Hörn Sie zu -— 



Die letzten Tage der Menschheit. 



82 



Der Abonnent: Ich hör. 

Der Patriot: Unsere Leut, ich mein, die 
Eigenen, gutherzig wie sie sind, waren aber zu 
aufgeregt beim Schießen, sie haben um keinen Preis 
treffen können, hat also der Hauptmann persönlich 
nachhelfen müssen und hat die Kerle mit dem 
Dienstrevolver abgeschossen. Also was sagen Sie, 
was sich die Russen bei uns herausnehmen! 

Der Abonnent: Bei uns? Was sie sich bei 
ihnen herausnehmen gegen die österreichischen 
Gefangenen, sagen Sie lieber! Falls Sie noch nicht 
gelesen haben sollten, was heute steht, hier, ich 
hab's bei mir, hörn Sie: Mißbrauch Kriegsgefangener 
durch die russischen Truppen zur Teilnahme an den 
Feindseligkeiten. Aus dem Kriegspressequartier wird 
geschrieben: Seit der Vertreibung der Russen aus 
Galizien vergeht selten ein Tag, an dem nicht 
irgend eine bisher noch nicht bekanntgewordene 
Verletzung des Völkerrechtes durch die russischen 
Truppen aufgedeckt werden würde, so daß es heute 
kaum noch eine Bestimmung des Kriegsrechtes gibt, 
von der nicht feststünde, daß sie von russischer 
Seite mit Füßen getreten wird. 

Der Patriot: Sehr gut. 

Der Abonnent: Hörn Sie nur zu — 

Der Patriot: Ich hör. 

Der Abonnent: So wird durch die in den 
besetzt gewesenen Teilen Galiziens jetzt durch- 
geführten Gendarmerieerhebungen bekannt, daß, auf 
Grund eines Befehles der russischen Armeekomman- 
danten, während der ganzen Okkupationsdauer alle 
irgendwie arbeitsfähigen Männer und Weiber außer 
zu anderen Arbeiten im Bedarfsfall speziell zur 
Erbauung von Schützengräben — 

Der Patriot: Was sagt man! 

Der Abonnent: — zwangsweise heran- 
gezogen und hiezu bis in die Karpathen getrieben 
wurden. Daß es dem Feinde nach den Haager 



83 



Konventionen ausdrücklich untersagt ist, der fried- 
lichen Bevölkerung des besetzten Gebietes Dienst- 
leistungen aufzuerlegen, welche auf die Bekämpfung 
ihres ^/aterlandes hinauslaufen, focht die russischen 
Machthaber natürlich nicht an. 

Der Patriot: Focht sie nicht an! Packasch 1 

Der Abonnent: Hörn Sie nur zu — 

Der Patriot: Ich hör. 

Der Abonnent: Es ist daher nicht 
verwunderlich, daß die Russen, wie jetzt gleichfalls 
festgestellt wurde, auch die in ihre Kriegsgefangen- 
schaft geratenen Angehörigen der k. und k. Armee 
zur Erbauung von Werken gegen uns mißbrauchen — 

Der Patriot: Unerhört! Ganz derselbe Fall! 

Der Abonnent: — obwohl dies gleichfalls 
den Haager Vertragsbestimmungen zuwiderläuft, 
nach denen die Kriegsgefangenen nicht zu Arbeiten 
verwendet werden dürfen, die mit den kriegerischen 
Unternehmungen in irgend einem Zusammenhang 
stehen. Ein merkwürdiger Zufall brachte es mit 
sich, daß das k. und k. 82. Infanterieregiment jüngst 
einen russischen Stützpunkt erstüimte, den kriegs- 
gefangene Angehörige desselben Regiments hatten 
errichten müssen. Auf einer Holztafel fand man dort 
folgende ungarische Inschrift: »Diesen Stützpunkt 
erbauten Szekler des 82. Infanterieregiments«. Zu 
der kürzlich gemeldeten zwangsweisen Vertreibung 
Österreich ischer Staatsbürger aus ihrer Heimat tritt diese 
zwangsweise Anhaltung österreichisch-ungarischer 
Staatsangehöriger zur Teilnahme an den Feindselig- 
keiten gegen ihr Vaterland nicht als Gegenstück, 
sondern als eine, das russische Kampfsystem 
ergänzende Maßregel hinzu. — No was sagen Sie jetzt? 

Der Patriot: Echt russisch! Das hat die Welt 
nicht gesehn ! Das is wirklich kein Gegenstück, das 
is geradezu eine ergänzende Maßregel! Und von 
den armen österreichischen Soldaten hat wahrscheinlich 
keiner sich getraut, sich zu weigern. 



8* 



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Der Abonnent: No hat denn jeder die 
Chutzpe von so einem russischen Fähnrich? 

Der Patriot: Eine Ansprache gegen den 
Staat zu halten oben mitten am Berg! 

Der Abonnent: Oben auf den Karpathen! 

Der Patriot: Wieso Karpathen? Oben am 
Brenner! 

Der Abonnent: Oben am Brenner! Da 
kann man wirklich sagen, kein Tag vergeht ohne 
solche himmelschreiende Kontraste! 

Der Patriot: Ausgezeichnet war der Artikel 
von Professor Brockhausen, wie er geschrieben hat, 
niemals sind bei uns wehrlose Gefangene auch nur 
mit Worten gehöhnt worden. 

Der Abonnent: Recht hat er gehabt: Das 
war doch dieselbe Nummer der Presse, wo der 
Stadthauptmann von Lemberg verlautbart hat, 
russische Gefangene sind während ihres Transportes 
durch die Straßen von einem Teil des Publikums 
beschimpft und mit Stöcken geschlagen worden. 
Er hat ausdrücklich konstatiert, daß das ein Verhalten 
sei, einer Kulturnation unwürdig. 

Der Patriot: Er hat zugegeben, wir sind 
eine Kulturnation, nicht bloß die Juden. 

Der Abonnent: Selbstredend. Aber es gibt 
auch wirklich keinen Punkt, wo wir uns nicht 
unterscheiden würden von den Feinden, die ja 
doch ein Abschaum der Menschheit sind. 

Der Patriot: Zum Beispiel im feinen Ton, 
den wir selbst gegenüber den Feinden anschlagen, 
die doch die größte Packasch sind auf Gottes 
Erdboden. 

Der Abonnent: Und vor allem sind wir im 
Gegensatz zu ihnen immer human ! Die Presse zum 
Beispiel hat im Leitartikel sogar an die Fische und 
Seetiere in der Adria gedacht, daß sie jetzt gute 
Zeiten haben wern, weil sie so viel italienische 
Leichen zu fressen bekommen. Das ist doch schon 



85 



wirklich die Humanität auf die Spitze getrieben, in 
diesen verhärteten Zeiten noch an die Fische und 
an die Seetiere in der Adria zu denken, wo doch 
sogar Menschen Hunger leiden müssen! 

Der Patriot: Ja, übertrieben, wie er über- 
haupt manchmal is. Aber — er gibts ihnen ordentlich! 
Und nicht nur die Humanität im Krieg haben wir 
vor ihnen voraus, sondern etwas, was noch weit 
wertvoller ist — die Ausdauer! Bei die andern 
herrscht docii schon überall Entmutigung. Froh 
wären sie, wenn es zu End war. Bei uns — ? 

Der Abonnent: Das is mir auch schon 
aufgefallen. Da is zum Beispiel Entmutigung in 
Frankreich! 

Der Patriot: Verdrossenheit in England! 

Der Abonnent: Verzweiflung in Rußland! 

Der Patrioi: Zerknirschung in Italien! 

Der Abonnent: Überhaupt, die Stimmungen 
in der Entente! 

Der Patriot: Es rieselt im Gemäuer. 

Der Abonnent: An Poincare nagt die Sorge. 

Der Patriot: Grey is mißmutig. 

Der Abonnent: Der Czar wälzt sich im Bett. 

Der Patriot: Beklemmung in Belgien. 

Der Abonnent: Das erleichtert! Demorali- 
sation in Serbien. 

Der Patriot: Da fühlt man sich! Ver- 
zweiflung in Montenegro. 

Der Abonnent: Da kann man noch hoffen! 
Bestürzung im Viererverband. 

Der Patriot: Da derfangt man sich ! Zweifel 
in London, Paris und Rom. Man brauch wirklich 
nur die Titeln anschaun, man brauch gar nicht 
weiter lesen, weiß man doch schon woran man is. 
Man sieht, wie mies es jenen geht und wie gut uns. 
Stimmungen haben wir auch, aber gottlob etwas 
andere! 



86 



Der Abonnent: Bei uns herrscht Freude, 
Zuversicht, Jubel, Hoffnung, Genugtuung, wir sind 
immer gut aufgelegt, warum nicht, recht hammer. 

Der Patriot: Das Durchhalten zum Beispiel, 
das is unsere Passion. 

Der Abonnent: So gut wie wir treffen sie 
das nirgends. 

Der Patriot: Der Wiener speziell is ein 
Prima-Durchhalter. Alle Entbehrungen tragen sie 
bei uns, als ob es ein Vergnügen war. 

Der Abonnent: Entbehrungen? Was für 
Entbehrungen ? 

Der Patriot: Ich mein, wenn es Ent- 
behrungen geben m ö c h t — 

Der Abonnent: Es gibt aber zum Glück 
keine ! 

Der Patriot: Ganz richtig. Es gibt keine. 
Aber sagen Sie — wenn man nicht entbehrt — 
wozu muß man dann eigentlich durchhalten ? 

Der Abonnent: Das kann ich Ihnen 
erklären. Es gibt allerdings keine Entbehrungen, 
aber man erträgt sie spielend — das ist die Kunst. 
Das haben wir seit jeher getroffen. 

Der Patriot: Eben. Das Anstellen zum 
Beispiel is eine Hetz — sie stellen sich förmlich 
dazu an. 

Der Abonnent: Der einzige Unterschied 
gegen früher is, daß jetzt Krieg is. Wenn nicht 
Krieg war, möcht man rein glauben, es is Friede. 
Aber Krieg is Krieg, und da muß man so manches, 
was man früher nur gewollt liätt. 

Der Patriot: Eben. Bei uns hat sich gar nix 
verändert. Und wenn es j a alle heilige Zeiten einmal 
bei uns zu Nachmusterungen kommt, soll man sich 
anschaun, nicht erwarten können sie's an die Front 
zu kommen, unsere jungen Leut bis zu fufzig Jahr. 

Der Abonnent: Die altern Jahrgänge sind 
noch gar nicht gemustert. 



87 



Der Patriot: Haben Sie gelesen, »Aushebung 
der Neunzehnjährigen in Italien«? Der Titel allein 
sagt schon die ganze furchtbare Wahrheit. 

Der Abonnent: Nein, das muß mir ent- 
gangen sein. Was Sie sagen, so junge Leut! Bei 
uns, da muß einer doch schon reifer sein, jetzt sind, 
wenn ich nicht irre, noch die Fünfzigjährigen bei 
uns an der Tour, aber natürlich nur für den Etappen- 
raum, es sind noch genug 49 jährige draußen. 

Der Patriot: In Frankreich halten sie schon 
bei der Ausmusterung der 48jährigen! 

Der Abonnent: Also Leute mit grauen 
Haaren! Die Jüngern scheinen alle schon verbraucht 
zu sein. Wir rücken im März mit den 17 jährigen 
heraus, das wird eine Freud sein. 

Der Patriot: Natürlich, das sind die 
schönsten Jahre! Wissen Sie, worin auch der 
Unterschied liegt? In der Ausrüstung. Die is 
nämlich das Wichtigste. Aber bei uns versteht sich 
das einfach von selbst, da wird gar kein Aufhebens 
gemacht. Haben Sie gelesen heute : Italienische 
Sorgen wegen warmer Gebirgskleidung für die 
Soldaten? 

Der Abonnent: Sorgen was sie haben ! 

Der Patriot: Bei uns kümmert man sich 
um so was gar nicht. Bagatell ! Man vergibt die 
Lieferungen und fertig. Sie kennen doch die 
Geschichte mit den Vv^ olldecken? Oder nicht? 

Der Abonnent: Nein. 

Der Patriot: Da haben Sie ein großartiges 
Beispiel, wie das alles bei uns von selbst geht. 
Feiner & Co. machen einen Schluß auf anderhalb 
Millionen Wolldecken aus Deutschland, unser 
Kriegsministerium war der Ansicht, so viel beiläufig 
wird nötig sein für die Karpathen im Winter. 
Man hat aber die Sache nicht tragisch 
genommen, weil man ja schon vorher mit dem 
Endsieg gerechnet hat. Also wie es dann doch 



88 



ernst wird, heißt es plötzlich, schön, aber zuerst 
müssen die Zollformalitäten erledigt wem. Der 
Finanzminister is um keinen Preis zu bewegen, die 
Ware früher herauszugeben, und der Kriegsminister 
hat wieder gesagt, man braucht sie. Was soll ich 
Ihnen sagen, das is so sechs Monate gegangen, 
hin und her zwischen Kriegsministerium und Finanz- 
ministerium. Durch der ganzen Karpathenschlacht 
hindurch. Da entschließt sich die Firma, und 
Katzenellenbogen aus Berlin, Sie wissen doch, der 
bei uns die rechte Hand is speziell im Kriegs- 
ministerium, interveniert persönlich. Er is hinauf- 
gegangen zum Finanzminister und sagt ihm direkt 
ins Gesicht, das geht nicht! Der Finanzminister 
sagt, er kann das nicht kurzerhand erledigen. Sagt 
ihm Katzenellenbogen, energisch wie er is Sie wissen 
doch, seine Gewure, sagt ihm also Katzenellenbogen, 
erstens geht die Firma in Konkurs, zweitens gehn 
die Wolldecken zu^rund, sie liegen im Freien bei 
der Nässe und Kälte, sie sind schon fast alle hin — 

Der Abonnent: Wer? 

Der Patriot: No, die Wolldecken 1 Sie sind 
nämlich im Freien gelagert. 

Der Abonnent: Wer ? 

Der Patriot: No, die Wolldecken ! Was fragen 
Sie? Also, sagt er kategorisch, erstens geht die 
Firma in Konkurs, zweitens gehn die Wolldecken 
zugrund und drittens, brauchen sie schließlich auch 
die Soldaten. Zuckt der Finanzminister mit die 
Achseln und antwortet ihm, er kann nicht, der Akt 
muß erledigt wern. Erst der Zoll, dann die Decken — 

Der Abonnent: No warum hat aber das 
Kriegsministerium nicht gezahlt? 

Der Patriot: Frag! Der Kriegsminister hat 
sich auf den Standpunkt gestellt, er kann nicht, 
erst muß der Akt erledigt wern. 

Der Abonnent: Der Akt für den Zoll? 
Das erklärt doch der Finanzminister? 



89 



Der Patriot: Konträr, der Akt über die 
Flüssigmachung für den Zoll! 

Der Abonnent: Ah so, no und was is da 
geschehn? ich bin schon gespannt — 

Der Patriot: Was geschehn is? Katzenellen- 
bogen geht wieder hinauf und sagt ihm ins Gesicht: 
Exzellenz, sagt er, das Kriegsministerium gibt nicht 
nach. Sagt er, ich will Ihnen was sagen. Im kauf- 
männischen Verkehr is es üblich, wenn eine Kunde 
momentan nicht zahlen kann, man erkundigt sich 
aber und hört, die Kunde is gut, so is es üblich, 
man stundet ihr. Exzellenz, ich wer Ihnen was 
sagen, erkundigenSie sich über dasKriegsministerium, 
Sie wern hörn, es is gut — was ham Sie davon, 
stunden Sie ihm! No, das hat ihm eingeleuchtet. 
Man hat gestundet und die Wolldecken sind aus- 
geliefert worn. 

Der Abonnent: No also, war doch alles in 
schönster Ordnung? 

Der Patriot: So weit ja. Da war aber 
schon März. Was soll ich Ihnen sagen, wie man 
die Decken herauszieht, sind sie total verdorben. 
Jetzt hat man Flüchtlinge genommen, immer zwei 
zammstoppen lassen, und wie schließlich April wird 
und alles war so weit in Ordnung, leider doppelt 
so teuer wie bei der Bestellung, no so eine Arbeit 
will doch bezahlt sein, Kleinigkeit anderhalb Millionen 
Wolldecken zammstoppen — also wie alles fertig 
war, was glauben Sie daß sich da herausstellt? 

Der Abonnent: Noo — ? 

Der Patriot: Stellt sich heraus, die Soldaten 
haben die Wolldecken gar nicht mehr gebraucht. 
Denn erstens war schon nicht mehr so kalt in den 
Karpathen, und dann waren den meisten sowieso 
schon die Fuß abgefroren. — No, jetzt frag ich 
einen Menschen: machen wir uns Sorgen wegen 
Wolldecken? 



90 



Der Abonnent: Die Italiener ja! Das ham 
sie jetzt davon! Was sagen Sie zu Lebensmittel- 
teuerung in Italien? 

Der Patri.ot: Davon hab ich nichts gelesen, 
ich hab nur gelesen von schlechter Ernte in Italien. 

Der Abonnent: Verwechseln Sie das nicht 
mit Mißernte in England? 

Der Patriot: Das is wieder ein anderes 
Kapitel, genau so wie man wieder Lebensmittel- 
knappheit in Rußland unterscheiden muß. 

Der Abonnent: Ich bitt Sie, es is überall 
dasselbe. Und Verlustlisten zum Beispiel haben sie 
auch schon überall eingeführt. 

Der Patriot: Ja, genau wie bei uns, alles 
machen sie nach — 

Der Abonnent: Entschuldigen Sie, wie 
meinen Sie das? Haben wir denn — 

Der Patriot: Im Gegenteil, bei uns is jetzt 
die Tägliche englische Verlustliste eingeführt. 

Der Abonnent: Das is mir auch schon 
aufgefallen, während die unsere nur alle heiligen 
Zeiten einmal erscheint. 

Der Patriot: No soll man vielleicht fälschen 
und Namen erfinden? Wenn's hoch kommt, ham 
wir in dem Jahr vielleicht achthundert Verwundete 
gehabt ! 

Der Abonnent: In Italien erscheint über- 
haupt keine. Das is wohl mehr als verdächtig. 
Sie können eben ihre Hekatomben nicht zugeben, 
was sie schon erlitten haben. 

Der Patriot: Apropos Italien, haben Sie 
gelesen, Verabschiedung eines italienischen Generals? 
Wegen an der Froiit bewiesener Unfähigkeit! Weitere 
Verabschiedungen sollen bevorstehen! 

Der Abonnent: Sss . . . ! Sollte man nicht 
für möglich halten. Hat man bei uns je etwas davon 
gehört, daß ein General — 

Der Patriot: No, no, das schon. 



91 



Der Abonnent: Wegen Unfähigkeit? 

Der Patriot: Auch ! 

Der Abonnent: Aber er hat doch 
wenigstens nicht Gelegenheit gehabt, sie an der 
Fl on t zu beweisen ! 

Der Patriot: Das nicht, da haben Sie recht. 
Wissen Sie übrigens, daß es auch schon Drückeberger 
in Italien gibt? 

Der Abonnent: Wo denn sonst ? Und kaum 
daß sie den Krieg angefangen haben! Aber wissen 
Sie, was sie auch schon eingeführt haben? Eine 
Zensur! Mit der Freiheit der Meinungsäußerung 
soll es übrigens bei allen miserabel stehn. Kein 
freies Wörtl darf man dorten reden, hab ich mir 
sagen lassen. 

Der Patriot: Höchstens is den Zeitungen 
dorten erlaubt zu schreiben, daß unsere militärische 
Lage viel besser is wie ihre eigene. No ja, die 
Wahrheit läßt sich eben nicht unterdrücken. Die 
englischen Militärkritiker bezeichnen die Lage der 
Ententemächte als hoffnungslos. 

Der Abonnent: Schöne Wirtschaft, daß sie 
das erlauben! Wenn bei uns einer so etwas sagen 
möcht, was möcht ihm passieren! 

Der Patriot: Wenn er sagen möcht, daß 
die Lage der Ententemächte hoffnungslos ist? 

Der Abonnent: Nein, wenn er sagen möcht, 
daß die Lage der Zentralmächte hoffnungslos ist. 
Mit Recht möcht er aufgehängt wern. So eine 
Frechheit nimmt sich hier keiner heraus. 

Der Patriot: Warum sollte er auch? Er müßte 
lügen! Sehn Sie, sogar in England sagen sie die 
Wahrheit, wenn sie nämlich zugeben müssen, daß 
es ihnen schlecht geht. 

Der Abo nnent: Schöne Patrioten müssen 
das dorten sein. Neulich hat einer dorten geschrieben, 



92 



England verdient, daß es von Deutschland vernichtet 
wird. No, dem ist das aber übel bekommen. Wissen 
Sie, v/as sie dem aufgepelzt haben? 14 Tage! 

Der Patriot (sich an den Kopf greifend) : 
Gefängnisstrafe für Kritik in England. Schöne 
Zustände das! 14 Tage! 

Der Abonnent: Ja, so etwas hören die Herrn 
freilich nicht gern, die Wahrheit können sie nicht 
vertragen. Bei uns würde sich aber auch kein 
Journalist zu so etwas hinreißen lassen. 

Der Patriot: No und is es denn in Frankreich 
besser? Nicht um einen Gran. Harn Sie nicht grad 
heut in der Presse gelesen : Gefängnisstrafen für 
Verbreitung der Wahrheit in Frankreich ? Also bitte, 
weil einer die Wahrheit gesagt hat! Nämlich eine 
Dame — sie hat gesagt, Deutschland war auf den 
Krieg vorbereitet, Frankreich aber nicht. Also wenn 
man ihnen ja einmal die Wahrheit ins Gesicht sagt — 

Der Abonnent: Nein, das vertragen sie nicht, 
die Herrn Machthaber in Frankreich ! Krieg führen, 
ja das passet ihnen, Deutschland, einen friedliebenden 
Nachbarn, aus blauem Himmel überfallen, das passet 
ihnen — 

Der Patriot: Goldene Worte, Deutschland 
führt einen Verteidigungskrieg, keine Seele in 
Deutschland war auf den Krieg vorbereitet, die 
schwerinduslriellen Kreise waren förmlich wie vor 
den Kopf geschlagen. 

Der Abonnent: Selbstredend, und wenn die 
arme Person in Frankreich eine so einfache Wahrheit, 
die auch der Laie begreift, in schlichten Worten — 

Der Patriot: Sie, da ham Sie sich jetzt geirrt, 
die Frau is doch verurteilt worn, weil sie — 

Der Abonnent: No weil sie die Wahrheit 
gesagt hat! 

Der Patriot: No sie hat aber doch gesagt, 
Deutschland war auf den Krieg vorbereitet — 



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Der Abonnent : No die Wahrheit is aber doch, 
Deutschland war auf den Krieg nicht vorbereitet — 

Der Patriot: No sie hat aber doch gesagt, 
Deutschland war auf den Krieg j a vorbereitet ! 

Der Abonnent: No das is aber doch eine Lüge! 

Der Patriot: No sie is aber doch verurteilt 
worn, "/eil sie die Wahrheit gesagt hat — 

Der Abonnent: No warum is sie dann aber 
verurteilt worn? 

Der Patriot: No weil sie doch gesagt hat, 
Deutschland war auf den Krieg vorbereitet ! 

Der Abonnent: No wie kann sie dadafür in 
Frankreich verurteilt wem, dadafür sollte sie doch 
in Deutschland verurteilt wernl 

Der Patriot: Wieso? — Moment — nein — 
oder doch — passen Sie auf, ich erklär mir die 
Sache einfach so: sie hat natürlich die Wahrheit 
gesagt, aber in Frankreich wie sie dorten schon sind 
is sie verurteilt worn, weil sie gelogen hat! 

Der Abonnent: Moment, Sie ham sich da 
verhaspelt. Ich glaub eher, es is so : sie hat gelogen, 
und verurteilt ham sie sie, weil sie in Frankreich 
die Wahrheit nicht vertragen können. 

Der Patriot: Sehn Sie. das wird es sein! 
Ich bitt Sie, das liegt im Blut. Die Leut lassen sich 
dorten zu Äußerungen hinreißen. 

Der Abonnent: Natürlich, man liest ja, 
wie sie dorten in den Zeitungen der Regierung die 
Wahrheit sagen und was sie zusammenlügen über 
uns. Das ist Verderbtheit. Wenn man das glauben 
würde, was in den Londoner Zeitungen über uns 
steht, würde man glauben, England is fertig. 

Der Patriot: Ich bitt Sie, wer glaubt das! 
Bei uns fühlen sie eben anders. Die Mentalität hab 
ich mir sagen lassen is eine ganz andere. Gottseidank. 
Unsere Redakteure sind, man kann sagen, noch mehr 
begeistert wie unsere Soldaten. Speziell im Feuilleton. 



94 



Der Abonnent: Weil Sie Feuilleton sagen — 
ich wollt Ihnen erzählen, wissen Sie, wer heut zu 
uns kommt? Raten Sie, der greßte lebende Schrift- 
steller, Hans Müller! 

Der Patriot: Sie, dem können Sie sagen, daß 
er mir alles aus dem Herzen schreibt! Wie ist der 
persönlich? Das intressiert mich. Auf seinem Stil 
paßt kein anderes Wort wie sonnig und goldig. Das 
war doch mehr wie goldig, wie er in Berlin einem 
Feldgrauen auf offener Straße ein Pussl gegeben hat, 
und dann das Gebet für die verbündeten Waffen 
in der Kirche am Schluß vom Feuilleton! Der is 
mein spezieller Liebling! Keiner von ihnen allen, wie 
sie da schreiben, sogar Roda Roda, Saiten, hat so das 
Schulter an Schulter erfaßt wie er, man kann wirklich 
sagen, er schreibt förmlich Schulter an Schulter — zum 
Beispiel mit Ganghofer. An den reicht er sogar heran! 
Im Anfang, wie er das Feuilleton aus dem Feld 
geschrieben hat, Cassian im Feld, so echt, so begeistert, 
hat man direkt geglaubt, er is im Feld. Später erst 
hab ich durch puren Zufall erfahren, daß er in 
V/ien is. Er hat es sogar in Wien selbst geschrieben! 
Wie er das trefft! Begabt! Intressiern möcht mich 
nur, wie is er persönlich? 

Der Abonnent: Persönlich — das is schwer 
zu sagen. Momentan sehr in Ängsten, übermorgen 
kommt er nebbich zur Musterung. 

Der Patriot: So, und wieso kommt das, daß 
er da in Ängsten is? 

Der AbonnentrNo wegen der Musterung! 

Der Patriot: In Ängsten? weil er fürchtet, sie 
wem ihn nicht nehmen? 

Der Abonnent: Ich versteh Sie nicht, in 
Ängsten is er selbstredend weil er fürchtet, sie wern 
ihn ja nehmen! 

Der Patriot: Machen Sie keinen Witz. Hans 
Müller? Der Hans Müller, was sich zerreißt fürs 
Vaterland? Was Sie nicht sagen! Ich hab doch noch 



95 



nie von einem Menschen g^ehört, von dem min so 
geglaubt hätte wie von ihm, er lebt und stirbt für 
der Nibelungentreue? Ich war konträr der Meinung, 
er is damals eigens zurück aus Deutschland, wo er 
die Balmachomes umarmt hat, unsere Feldgrauen, 
weil er es nicht erwarten kann, weil er sich freiwillig 
melden will! Der wird doch froh und glücklich sein 
hab ich mir gedacht, wenn sie ihn nehmen — ? und 
er tut sich was an, wenn sie ihn nicht nehmen! 

Der Abonnent: Wieso, Sie ham doch selbst 
gehört, das Feuilleton aus dem Feld war aus Wien, 
und grad das hat Ihnen imponiert, wie er getroffen 
hat aus dem Feld zu schreiben in Wien? 

Der Patriot: Das Feuilleton aus dem Feld, 
hab ich mir gedacht, hat er geschrieben aus Kränkung, 
weil sie ihn vielleicht schon nicht genommen haben — 
um zu zeigen! Er wollt ihnen beweisen, was er erst 
möcht treffen aus dem Feld zu schreiben wenn er 
war im Feld! Ich kann nicht glauben, was Sie mir 
da erzählen. Sie wern ihn verwechseln. 

Der Abonnent: Er war froh, wenn sie ihn 
übermorgen bei der Musterung verwechseln möchten. 

Der Patriot: Hören Sie, das verdrießt mich! 
Ich kann mir nur denken, daß Sie da nicht genau 
informiert sind. Wenn einer so geschrieben hat, wie 
Hans Müller geschrieben hat, so echt, so begeistert, 
is er sicher froh, daß sie ihn nehmen — 

DerAbonnent (erregt) : Also — also jeden müssen 
sie nehmen? Jeder muß froh sein? Gar keine andere 
Sorg darf einer mehr haben? Es genügt nicht, daß 
er begeistert is? Nein, dienen muß er? Ausgerechnet 
er? Gemütsmensch was Sie sind! Als ob Sie es nicht 
erwarten könnten, zu sehn, wie er exerziert. Aber 
Sie machen sich unnütze Sorgen, und er hoffentlich 
auch. Und wenn sie ihn nehmen — man weiß zum 
Glück heute schon, wer Hans Müller is! Man wird 
ihn verwenden seinem Talent entsprechend! 



96 



Der Patriot: Sie haben gesehn, ich stimme 
in allem mit Ihnen überein — aber da gehn unsere 
Ansichten auseinander! Ich hab an Hans Müller 
geglaubt und das was ich da hören muß enttäuscht mich. 
Sie stehn natürlich auf dem Standpunkt des Abonnenten, 
für Sie ist eine solche Kraft unentbehrlich — 

Der Abonnent: Und Sie betrachten alles als 
Patriot — da möcht man weit kommen! Adieu, ich 
such eine Extraausgabe. Und was tun Sie? 

Der Patriot: Ich geh ein Scherflein bei- 
tragen. (In verschiedenen Richtungen ab.) 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Beide Berichtee — ! 

(Verwandlung.) 

12. Szene 

Es treten auf ein Riese in Zivil und ein Zwerg in Uniform. 

Der Riese: Sie haben es gut, Sie können 
sich der Allgemeinheit nützlich machen. Mich hat 
der Regimentsarzt sofort weggeschickt. 

Der Zwerg: Was war der Grund? 

Der Riese: Zu schwach. Nämlich nach dem 
alten Befund, vor fünfzehn Jahren. Damals hab ich 
so ausgesehn wie Sie. 

Der Zwerg: Darnach muß ich mich wundern, 
daß man Sie nicht behalten hat. Mich hat der 
Regimentsarzt kaum angeschaut und ich war schon 
genommen. Die Mama war sehr unglücklich. 

Der Riese: Sie Muttersöhnchen. 

Der Zwerg: Ich aber bin zufrieden. Es wächst 
der Mensch mit seinen höhern Zwecken. Zuerst hab 
ich ja gezweifelt, ob ich in die große Zeit passen 
werde und imstande sein, Schulter an Schulter zu 
kämpfen. Aber im Zivil wird man nur verspottet und 
vom Militär komm ich als Held zurück, über den 
so manche Kugel hinweggeflogen sein wird. Wenn 
die andern sich zu Boden werfen — ich bleibe stehn! 



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Der Riese: Sie Glücklicher! 

Der Zwerg: Trösten Sie sich. Sie können ja 
nichts dafür. Es kommt auf die Kommission an. 

Der Riese: Ich bin durchgerutscht. 

Der Zwerg: Ich bin dem Arzt aufgefallen. 

Der Riese: Gehn wir essen, ich habe einen 
Riesenhunger. 

Der Zwerg: Ich werde eine Kleinigkeit zu 
mir nehmen. 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Beide Berichtee — ! 

(Verwandlung.) 

13. Szene 

Elektrische Bahn Baden— Wien. 
Ein Schvcerbetrunkener, der im zivilen Leben ein Möbelpacker 
sein dürfte, Riesenfigur, buschiger Schnurrbart, Pepitahosen, 
welche die Spuren von übermäßigem Weingenuß und einer 
eben überstander°n gewaltsamen Entfernung vom Tatort zeigen. 
Er hat einen Sack neben sich, aus dem er hin und wieder eine 
Flasche hervorzieht. Er gerät mit einem Paar in Streii, weil er 
an das Mädchen angestoßen ist, bedroht den Begleiter, und 

brüllt die ganze Fahrt hindurch. 

Der Schwerbetrunkene: Asoa Binkel — 
wüll sich da aufbrausnen — wos hom denn So fürs 
Votterland geleisteet? Legimitiern S' Ihna! Vur mir! 
— Schaun S' mi an — solchene Söhne wia So hob 
i im Föld — die wos mehr Boart ham als wia So — 
die leisten wos — fürs Votterland — Wissen S' von 
wo i kumm — von Boden kumm i — So Binkel — 
legimitiern solln S' Ihna — Was glauben denn So — so 
aner — wüll sich da aufbrausnen — 'leicht weil S' 
Ihner Muckerl bei Ihna ham — was ham denn So fürs 
Votterland geleisteet? — schaun S' mi an — i leist 
was — fürs Votterland — A jeder soll aufbrausnen als 
wia der — Wos wolln denn So? Hab i Ihna vielleicht 

Die letzten Tage der Menschheit. 7 



98 



beleidigt? — So Binkel — i leist wos — legimitiern 
S' Ihna — do schaun S' her — wissen S' wos dös 
is — a Földpostkarten von mein Neffen — fürs 
Votterland — So Binkel — legimitiern soll er sich 

— der Binkel — vur mir soll er sich legimitiern 

— hot nix geleisteet — für's Votterland — 
(Nachdem er sich über Zureden des schwächlich aussehenden 
Kondukteurs ein wenig beruhigt hat, bietet er den Unisitzenden, 
auf die er abwechselnd fällt, die Flasche.) G'fällig Herr 
Nachbar — weil mr Österreicher san! 

Ein galizisches Flüchtlingspaar: Gott 
behüte! (Flieht auf andere Plätze, läßt aber an der alten 
Stelle den Schirm zurück.) 

Der Seh we''betrunkene (nur noch lallend): Der 
Binkel — fürs Votterland — legimitiern — 

Der Verzehrungssteuerbeamte (erscheint): 
Was haben Sie da im Binkel? 

Der Schwerbetrunkene (dumpf): Binkel — 
fürs Votterland — legimitiern — (Er wird nach 
längerem Zureden dazugebracht, zu öffnen und eine Steuer von 
20 Heller zu erlegen. Währenddessen hält der Zug.) 

E i n W i e n e r (der inzwischen den Platz eingenommen 
hat, wo das Flüchtlingspaar gesessen war): Da müssen wir 
halt alle warten, wegen so einer Lappalie! Immer 
gibts auf dera Strecken solche Unannehmlichkeiten! 
Das is mir schon z'fad! (Er verläßt mit dem Schirm den 
Zug. Es regnet. Der Schwerbetrunkene verläßt nun gleichfalls 
den Zug, der sich wieder in Bewegung setzt.) 

Der Schwerbetrunkene (schon draußen, wieder 
lebhafter): Fürs Votterland — soll er — legimitiern 
soll er si — der Binkel — hot nix geleisteet — 
für's Votterland — 

Das Flüchtlingspaar (atmet auf und bezieht 
wieder die alten Plätze. Nach einer Pause aufspringend): Wo 
is der Schirm? Gott wo is der Schirm? Herr Kondukteur 
wo is der Schirm? 

(Verwandlung.) 



99 



14. Szene 



In der Wohnung der Schauspielerin Elfriede Ritter, die soeben 

aus Rußland zurückgekehrt ist. Halb ausgepackte Koffer. Die 

Reporter Füchsl, Feig! und Halberstam halten ihre Arme und 

dringen auf sie ein. 

Alle drei (durcheinander): Haben Sie Spuren von 
Nagaikas? Zeigen Sie her! Wir brauchen Einzelheiten, 
Details. Wie war das Moskov/itertum? Haben Sie 
Eindrücke? Sie müssen furchtbar zu leiden gehabt 
haben, hören Sie, Sie müssen! 

Füchsl: Schildern Sie, wie Sie behandelt 
wurden wie eine Gefangene! 

Feigl: Geben Sie Eindrücke von Ihrem Auf- 
enthalt fürs Abendblatt! 

Halberstam: Geben Sie die Stimmung von 
der Rückfahrt fürs Morgenblatt! 

Elf riede Ritter (spricht norddeutsch, lächelnd) : 
Meine Herren, ich danke für Ihr teilnahmsvolles 
Interesse, es ist wirklich rührend, daß mir meine 
lieben Wiener ihre Sympathien bewahrten. Ich danke 
Ihnen von Herzen, daß Sie sich sogar persönlich 
bemüht haben. Ich wollte ja auch gern mit Koffer- 
auspacken warten, aber ich kann Ihnen beim besten 
Willen, meine Herren, nichts anderes sagen, als daß 
es sehr, sehr interessant war, daß mir gar nichts 
geschehen ist, na v/as denn noch, daß die Rückfahrt 
zwar langwierig, aber nicht im mindsten beschwerlich 
war und (schalkhaft) daß ich mich freue, wieder in 
meinem lieben Wien zu sein. 

Halberstam: Intressant — also eine lang- 
wierige Fahrt, also sie gibt zu — 

Feigl: Beschwerlich hat sie gesagt — 

Füchsl: Warten Sie, die Einleitung hab ich 
in der Redaktion geschrieben — Moment — (schreibend) 
Aus den Qualen der russischen Gefangenschaft erlöst, 
am Ziele der langwierigen und beschwerlichen Fahrt 



100 



endlich angelangt, weinte die Künstlerin Freuden- 
tränen bei dem Bewußtsein, wieder in ihrer geliebten 
Wienerstadt zu sein — 

Elfriede Ritter (mit dem Finger drohend) : 
Doktorchen, Doktorchen, das habe ich nicht gesagt, 
im Gegenteil, ich habe doch gesagt, daß ich mich 
über nichts, über gar nichts beschweren konnte — 

Füchsl: Aha! (schreibend) Die Künstlerin blickt 
heute mit einem gewissen ironischen Gleichmut auf 
das Überstandene zurück. 

Elf riede Ritter: Ja, aber was denn — da muß 
ich doch sagen — nee, Doktor, ich bin empört — 

Füchsl (schreibend): Dann aber, wenn der 
Besucher ihrer Erinnerung nachhilft, packt sie doch 
wieder Empörung. In bewegten Worten schildert die 
Ritter, wie ihr jede Möglichkeit, sich über die ihr 
zuteilgewordene Behandlung zu beschweren, ge- 
nommen war. 

Elfriede Ritter: Aber Doktor, was treiben 
Sie denn — ich kann doch nicht sagen — 

Füchsl: Sie kann gar nicht sagen — 

Elfriede Ritter: Aber wirklich — ich kann 
doch nicht sagen — 

Halberstam: Aber gehn Sie, Sie wissen gar 
nicht, was man alles sagen kann! Liebe Freundin, 
schaun Sie her, das Publikum, verstehn Sie, will 
lesen. Ich sag Ihnen, Sie können sagen. Bei uns 
ja, in Rußland vielleicht nicht, hier herrscht Gottsei- 
dank Redefreiheit, nicht so wie in Rußland, hier 
kann man Gottlob alles sagen, über die Zustände 
in Rußland! Hat sich in Rußland eine Zeitung um 
Sie gekümmert wie hier? No also! 

Fei gl: Ritter, sind Sie vernünftig; glauben Sie, 
daß Ihnen ein bißl Reklam schaden wird, jetzt wo 
Sie wieder auftreten wern, no also! 

Elfriede Ritter: Aber meine Herren — ich 
kann doch nicht — das ist doch bei den Haaren 
herbeigezogen — wenn Sie es gesehn hätten — 



auf der Straße oder in den Ämtern — wenn 
ich nur Anlaß zur geringsten Klage gehabt hätte, 
über Drangsalierungen und so, glauben Sie denn, 
ich würde es verschweigen? 

F ü c h s 1 (schreibend) : Noch vor Erregung zitternd, 
schildert die Ritter, wie der Straßenmob sie bei den 
Haaren gezogen hat, wie sie auf die geringste Klage 
hin von den Ämtern drangsaliert wurde und wie sie 
über alle diese Erlebnisse Schweigen bewahren mußte. 

Elfriede Ritter: Aber Doktor, Sie treiben 
wohl Ulk? Ich sage Ihnen doch sogar, daß die 
Polizeibeamten sehr entgegenkommend waren, man 
hat mir, wo man nur konnte, unter die Arme gegriffen, 
ich durfte ausgehn, wohin ich wollte, nachhause 
kommen, wann ich wollte, ich versichere Ihnen, 
wenn ich mich auch nur ein Augenblickchen als 
Gefangene gefühlt hätte — 

Füchsl (schreibend): Die Künstlerin erzählt, daß 
ihr, als sie einmal den Versuch machte, auszugehen, 
augenblicklich Polizeibeamte entgegenkamen, sie 
unter den Armen ergriffen und nachhause schleppten, 
so daß sie buchstäblich das Leben einer Gefangenen 
geführt hat — 

Elfriede Ritter: Jetzt bin ich aber ernstlich 
böse — es ist nicht wahr, meine Herren, ich 
protestiere — 

Füchsl (schreibend): Sie wird ganz böse, wenn 
man ihre Erinneriinjj; an diese Erlebnisse, an ihre 
aussichtslosen Proteste — 

Elfriede Ritter: Es ist nicht wahr, meine 
Herren! 

Füchsl (aufbh'ckend) : Nicht — wahr? Was heißt 
nicht wahr, wo ich jedes Wort von Ihnen mitschreib? 

Fe i g I : Wenn wir bringen wollen, is es nicht wahr ? 

Halberstam: Wissen Sie, das is mir noch 
nicht vorgekommen. Das is intressant! 

Fei gl: Sie is imstand und schickt noch eine 
Berichtigung! 



102 



Füchsl: Sie machen Sie keine Geschichten, 
das kann Ihnen schaden 1 

Feigl: Machen Sie sich nicht unglücklich! 

Halberstam: Wann hat sie denn wieder 
eine Rolle? 

Füchsl: Wenn ich das Samstag beim Repertoire 
dem Direktor erzähl, kriegt die Berger das Gretchen, 
das garantier ich Ihnen! 

Feigl: Das is also der Dank, wo der Fuchs 
Sie immer so gut behandelt hat? Sie, Sie kennen 
den Fuchs nicht! Wenn er hören wird, passen Sie 
auf, bei der nächsten Premier! 

Halberstam: Wolf hat sowieso einen Pick 
auf Sie, seit Sie damals in seinem Stück gespielt 
haben, das kann ich Ihnen verraten, Wolf is ohnedem 
sehr gegen Rußland, wenn er jetzt noch hören wird, 
daß Sie sich über Rußland nicht zu beklagen 
haben — er verreißt Sie auf der Stelle ! 

Füchsl: Kunststück, und Low? Fangen Sie 
sich nichts mit Low an, eine Schauspielerin hat 
sich anzupassen, da gibts nix! 

Feigl: Dagegen kann ich Ihnen verraten, 
möchte es Ihnen kolossal nützen, nicht nur beim 
Publikum, sondern sogar bei der Presse selbst, 
wenn Sie in Rußland mißhandelt wurden. 

Halberstam: Überlegen Sie sich das. Sie 
kommen aus Berlin und haben sich rasch in die 
hiesigen Verhältnisse eingelebt. Hier is es Ihnen 
immer gut gegangen, mit offenen Armen hat man — 

Füchsl: Ich kann Ihnen nur sagen, mit solchen 
Dingen is nicht zu spassen. Eine Person soll in 
Rußland gewesen sein und nichts zu erzählen haben 
von ausgestandene Leiden, lächerlich, eine erst- 
klassige Künstlerin! Ich sag Ihnen, es handelt sich 
um Ihre Existenz! 

Elfriede Ritter (händeringend): Aber — aber 
— aber — Herr Redakteur — ich hab ja — geglaubt — 



103 



lieber Doktor — bitte bitte lieber Doktor — ich 
hab ja nur — die Wahrheit sagen wollen — ent- 
scliuldigen Sie — bitte bitte sehr — 

Feigl (wütend): Die Wahrheit nennen Sie das? 
Und wir lügen also? 

Eifriede Ritter: Das heißt — pardon — ich 
hab nämlich — geglaubt, es sei die Wahrheit — 
wenn Sie aber — meine Herren — glauben — daß 
es — nicht die Wahrheit ist — Sie sind ja Redakteure — 
Sie — müssen ja — das — besser verstehn. Wissen 
Sie — ich als Frau hab ja auch gar nicht mal so 
den rechten — Überblick, nich \vahr? Mein Gott — 
Sie vc^stehn — es ist doch Krieg — unsereins ist 
so verschüchtert — man ist so froh, wenn man nur 
mit heiler Haut aus Feindesland — 

Halberstam: No sehn Sie, wenn Sie sich 
erinnern nach und nach — 

Elfriede Ritter: Ach Doktorchen natürlich. 
Wissen Sie, die erste freudige Aufwallung, wieder 
in eurem geliebten Wien zu sein — man sieht dann 
alles rosiger, was man überstanden hat, für'n 
iMomentchen nur, versteht sich — dann aber — 
faßt einen wieder Wut und Erbitterun;< — 

Halberstam: No also, sehn Sic, wir haben 
vom ersten Moment gewußt, Sie wem — 

F ü c h s 1 (schreibt) : Wut und Erbitterung faßt noch 
heute die Künstlerin, wenn sie der ausgestandenen 
Martern gedenkt und sobald die erste freudige 
Aufwallung, wieder in der Metropole zu sein, den 
bösen Erinnerungen Platz gemacht hat — (sich zu ihr 
wendend) No, is das jetzt wahr? 

Elfriede Ritter: Ja, meine Herren, das ist 
die Wahrheit — wissen Sie, ich war noch so unter 
dem Eindruck — man ist so eingeschüchtert, so — 

Füchsl: Warten Sie — (schreibend) Noch ganz 
verschüchtert, wagt sie es nicht davon zu sprechen. 
Im Lande der Freiheit erliegt sie noch immer zeitweise 
der Suggestion, in Rußland zu sein, dort, wo sie 



104 



den Verzicht auf die Rechte der Persönlichkeit, freie 
Meinung und freie Rede, so schimpflich fühlen mußte. 
(Sich zu ihr wendend) No, is das jetzt wahr? 

Elfriede Ritter: Nee, Doktor, wie Sie die 
geheimsten Empfindungen — 

Füchsl: No sehn Sie! 

Halberstam: No also, sie gibt zu, sie hat 
gelitten — 

Fei gl: Sie hat ausgestanden! 

Füchsl: Was heißt ausgestanden? Wahre 
Martern hat sie durchgemacht! 

Halberstam: Also was brauchen wir da 
weiter, gehn wir, wir sind doch nicht zu unserm 
Vergnügen da — 

Füchsl: Selbstredend, den Schluß mach ich 
in der Redaktion. Also — eine Berichtigung haben 
wir nicht zu befürchten? Das hätte noch gefehlt! 

ElfriedeRitter: Aber Doktor ! — Na, charmant 
war's, daß Sie mich besucht haben. Kommt doch 
bald wieder — Adieu, adieu. (Hinausrufend) Grefe! 
Gre — te! 

Feigl: Sie is wirklich eine vernünftige Person. 
Grüß Ihnen ..Gott, Freilein. (Im Abgehn zu den andern) 
Sie hat das Ärgste überstanden und sie hat nicht 
den iMut es jemandem zu sagen — nebbich ! 

(Elfiiedu Rilter sinkt auf einen Stuhl und et hebt sich dann, um 
den Koffer auszupacken.) 

(Verwandlung.) 

15. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Es ist erhebend und rührend 
zugleich, wie sich der Patriotismus jetzt selbst auf 
Firmentafeln zur Geltung bringt, ein Umstand, der 
mit der Erhöhung der Preise aussöhnen könnte. 



105 



Der Nörgler: Da müßten Sie dem Hotel 
Bristol gegenüber unversöhnlich bleiben, das noch 
immer so heißt, wiewohl es in London selbst im 
Frieden kein Hotel St. Polten gegeben hat. 

DerOptimist: Immerhin hat das Hotel Bristol 
durch Verwandlung seines Grillroom in einen Rost- 
raum bewiesen, daß es den Mut und die Kraft 
aufbringt, sich auf sich selbst zu besinnen. Und 
sehen Sie, hier — »Zur Flotte«. Wie schlicht! Es ist 
ein Wäschegeschäft, das bekanntlich noch vor hurzem 
»Zur Englischen Flotte« hieß. (Der Geschäftsinhaber er- 
scheint in der Tür.) 

Der Nörgler: Ja, aber da weiß m.an nicht — 
warten Sie, ich will ihn fragen, welche Flotte er 
jetzt eigentlich im Schilde führt. Vielleicht läßt er 
in der Verwirrung etwas vom Hemdenpreis nach. 
(Der Geschäftsinhaber zieht sich zurück.) Es ist die Öster- 
reichische! 

(Verwandlung.) 

16. Szene 

Standort des Hauptquartiers. Vier Heerführer (rcten auf. 

Auffenberg: Also meine Herren, das gibts 
nicht! Ich habe nicht die Absicht, ein zweiter Benedck 
zu werden, das laß ich mir einfach nicht gefallen — 

Bruder mann: Aber geh, sei net zwider, was 
soll denn unsereins sagen. Ich hab nur achtzigtausend 
verloren und gegen mich fangen s' auch schon an 
zu stierin. 

Dank! : Mir rechnen s' die sieberzigtausend nach. 

P f 1 a n z e r-B a 1 1 i n : Gar net ignorieren I Bei mir 
wird g'stürmt, da gibts keine Würschtel. Morgen 
moch' mr an Sturm, sonst sitz' mr in der Scheiß- 
gassen. I bin für Sturm, möcht wissen, wozu die Leut 
sonst auf der Welt sind als fürn Heldentod ! Sturm 
moch mr, Sturm moch mr — (er bekommt einen Anfall.) 



106 



Auffenberg: Aber geh, aber geh — ganz 
deiner Ansicht. Ich war immer dafür, daß die 
Eigenen frisch draufgehn. Bin auch schon mitten 
drin in der Vorarbeit. I sag, nutzt's nix, so schadt's 
nix. Aber richtig, daß ich nicht vergiß — der Adjutant 
hat mich wieder nicht erinnert, an alles muß man 
rein selber denken — 

Brudermann: Was hast denn? 

Auffenberg: Nix — zu blöd — nämlich, 
also ich muß ihm doch eine Karten schreiben. 
Seit Lublin nimm ich mirs vor, aber in dem Durch- 
einander beim Rückzug hab ich richtig total drauf 
vergessen. Einen Augenblick! (Er setzt sich an einen Tisch 
und schreibt.) Na, das wird ihn doch gfreun! 

Dan kl: Was schreibst denn da? 

Auffenberg: Horts zu: »In dieser Stunde« — 

Pflanzer-Baltin: Ah, der pulvert die Leut 
auf — dös tur i net. Mir ham Maschinengwehre und 
Feldkuraten! Morgen moch mr an Sturm und da — 

Auffenberg: »In dieser Stunde — « 

Brudermann: Schreibst an' Armeebefehl? 

Auffenberg: Nein, eine Korrischpodenzkarten. 

Dankl: An wen schreibst denn nacher so 
welthistorisch? 

Auffenberg: Horts zu: ^^In dieser Stunde, 
in der ich sonst in Ihren mir so trauten Räumen 
saß, denke ich an Sie und Ihr Personal und 
sende Ihnen herzliche Grüße aus fernem Feldlager. 
Auffenberg.« 

Brudermann: Wem schreibst denn? Dem 
Krobatin ? 

Auffenberg: Aber was fallt denn dir ein? 
Dem Riedl! 

Alle: Ah dem Riedl! 

Brudermann: Der Auffenberg is doch ein 
Gemütsmensch. Sixt es, das gfreut mich von dir. 



107 



Da wem s* dich nicht mehr mit die neunzig- 
tausend Tiroler und Salzburger heanzen können, die 
du geopfert hast. Geopfert heißen s' dasi 

Pflanzer-Baltin: Gar net ignorieren! I halt 
beim Hunderter. 

Dankl: Wißts, was? Schreiben wir alle dem 
Riedl ! 

Bruder mann: No ja, ich verkehr eigentlich 
mehr im Opera — da wer' ich lieber — (er setzt sich 
und schreibt.) 

Pflanzer-Baltin : Ich bin im Heinrichshof 
wie zuhaus, da wer' ich — (er setzt sich und schreibt.) 

Dankl: No ja, das is ja wahr — wo ich 
seidera 29 Jahr im Cafe Stadtpark ein- und ausgehn 
tu — jeden Tag les ich dort mit'n Höfer zusammen 
den Generalstabsbericht — (er setzt sicli und schreibt.) 

Auffenberg (beiseite): Alles machen s' mir 
nach. Zuerst das Strategische und jetztn den Verkehr 
mit'n Hinterland. Schad, daß der Potiorek net da is, 
aber der hat mir gestern eine Feldpostkartn ausn 
Cafe Kremser gschrieben und der Liborius Frank 
sitzt mit'n Puhallo v. Brlog beim Scheid!. Der Conrad 
geht auf Freiersfüßen, da is nix mehr mitn Kafieehaus- 
leben. Alles machen s' mir nach. Ich war der erste, 
der in' »Humoristen« mein Bild hineingeben hat, 
da war ich bahnbrechend. Das war doch amal eine 
Abwechslung — nicht immer nur lauter Theater- 
menscher. Jetzt marschiern s' alle auf, nix wie Generäle, 
is scho fad, höxte Zeit, daß wieder a Mensch erscheint. 
Ich war der erste, der die Presse mehr herangezogen 
hat — jetzt hat scho jeder sein Schlieferl, alles nur 
wegen der Regiam. Ich bin gespannt, ob der Riedl 
so viel Geistesgegenwart haben wird, die Karten ins 
Extrablatt hineinzugeben. Aber richtig, daß ich nicht 
vergiß, auf d' Wochen hammer Sturm und da muß 
ich doch — du Pflanzer was glaubst, soll ich gleich 
an Sturm machn oder erst auf d'Wochen? 



108 



Pflanzer-Baltin: Ich will dir in diesem 
Punkt nichts dreinreden, aber wenn ich an deiner 
Stell war, ich machet dir an Sturm, daß — 

Brudermann: Jetzt wo deine Leut eh kaputt 
sind, war ich auch der Meinung. Zum Retablieren 
is immer noch Zeit. Laß s' stürmen ! 

Dankl: Lächerlich. Er soll sich das lieber 
fürn 18. August aufheben, wenn er schon nicht bis 
zum 2. Dezember warten will. Das gibt dann immer 
eine schöne Überraschung. 

Pflanzer-Baltin: Auf solche Liebedienerein 
laß ich mich net ein. Bei mir wird morgen g'stürmt. 
da gibts keine Wtirschtel! 

(Ein Adjutant Pflanzer-Baltins tritt ein.) 

Adjutant: Exlenz melde gehorsamst, die 
Professoren san scho do und wolln das Ehrendoktorat 
tiberreichen. 

Pflanzer-Baltin: Aha, solln warten — 
wann's schwer is, sollns es niederstelln und a wengerl 
verschnaufen. (Der Adjutant ab.) 

Auffenberg: Also kann man gratuliern? 
Von welcher Fakultät is 's denn? 

Pflanzer-Baltin: Czernowitz. 

Bruder mann: Aber geh, das is doch keine 
Falkultät, sondern nur ein Lehrstuhl. Von welchem 
Fach ? 

Pflanzer -Baltin: Philosophie natürlich. 

Dankl: Wo rehabilitierst dich ? 

Pflanzer-Baltin: Czernowitz. 's haßt net 
viel, aber schließlich — 

B r u d e r m a n n : Ich hab Aussichten für Graz, 
weil die dortige Studentenschaft in meinen Reihen 
gekämpft hat. Aber leider spießt sichs, weil s' aus 'n 
nämlichen Grund zuspirrn wolln. 

Dankl: Mir könnts bald zum Ehrendoktorat 
von Innschbruck gratuliern. 



109 



Auffenberg: Ihr seids Provinzschauspielen 
Ich würde so etwas gar nicht annehmen! Ich sag: 
Wien oder nix. Apropos Wien, der Riedl wird eine 
Mordsfreud haben! Ich darf nicht vergessen, daß 
ich den Adjutanten erinner, daß er nicht vergißt, 
er soll den Kurier erinnern, sonst vergißt der am 
End und laßt mr die Kartn fürn Riedl liegen ! 

Dankl, Brudermann, Pflanzer-Baltin: 
Das is eine Idee, das mach mr auch, durch'n Kurier 
is alleweil am sichersten. 

Auffenberg (beiseite): Alles machen s' mir 
nach. Zuerst das Strategische und jetztn den Verkehr 
mit'n Hinterland! 

(Verwandlung.) 

17. Szene 

Wien. In der Kaffeesiedergenossenschaft. Vier Cafetiers, darunter 
Riedl, treten auf. Alle reden heftig auf ihn ein. 

Der erste: Das geht nicht. Riedl, du bist 
ein Padriot und schlichter Gewerbsmann, du darfst 
das nicht — schau, es is ja nur solang der Krieg 
dauert, später kriegst es ja eh wieder zruck. 

Der zweite: Riedl, mach mich nicht schiach, 
du komprimierst den ganzen Stand, dessen Zierde 
du heute bist — du mußt, ob du wüllst oder nicht, 
du mußt! 

Der dritte: Loßts 'n gehn, mir folgt er. 
Riedl, sei net fad. Bist du ein Wiener? No alsterni 
Bist du ein Deutscher? No alstern! 

Riedl: Aber schauts, wie schaut denn das 
nacher aus im nächsten Lehmann — immer war ich 
der, der was am meisten Orden im Weichbild Wiens 
g'habt hat, so viel wie über mich steht über 
keinen drin — 

Der erste: Riedl, ich kann dir's nachfühlen, 
daß dir das schwer fallt, aber du mußt ein Opfer 



110 



bringen. Riedl, das war eine Blamage, das war 
geradezu Hochverrat, wo bei dir so viele Sciilachten- 
lenker verkeliren und einer gar Stammgast is! 

Der zweite: Schau, wir alle bringen Opfer 
in dera großen Zeit, ich hab sogar den Schwarzen 
statt auf vier fufzig bloß auf vier vieravierzig hinauf- 
gsetzt, a jeder muß heuntigentags sein Scherflein 
beitragen — 

Der dritte: Lächerlich, das kann ich gar 
nicht glauben, daß der berühmte Padriot Riedl, 
der Obmann, der Kommandant von die Marine- 
Veteraner — hörts mr auf, der Tegethoff drehert sich 
im Grab um, wann er das erfahret. Dös glaub i net! 
Riedl, du, der einzige von uns, der schon bei Leb- 
zeiten ein Denkmal hat — 

Riedl: Bitte und eins, was ich mir selber 
gsetzt hab! Ich bin nämlich ein Senfmadlmann 
durch und durch — an meinem eigenen Haus, 
meiner Seel und Gott, jedesmal wann ich z'haus 
komm, hab ich eine Freud mit dem schönen Relif! 

Der erste: Na alstern, hast du da die 
Fletschen von unsere Feind nötig? Alle mußt 
ablegen Riedl, alle, selbst von Montenegro, und 
sogar den Orden von der Befreiung von der 
Republik Liberia ! 

Riedl: Hörts auf, den auch? Speziell der 
war immer mein Stolz. Schauts, wo ich aufs Jahr 
ohnedem mich mit dem Gedanken trage, zuiück- 
zutreten — nein, es ist unmöglich ! 

Der zweite: Riedl, du mußt. 

Der dritte: Riedl, es bleibt dir nix übrig. 

Riedl: Am End den Franzjosefsorden auch ? 

Der erste: Aber im Gegenteil, den kannst 
jetzt im Lehmann fett drucken lassn ! 

Riedl (kämpft mit sich, dann mit großem Entschluß): 
Alstern gut — ich will es tun ! Ich weiß, was ich 
dem Vaterlande schuldig bin. Ich verzichte auf die 



111 



Ehrungen, die mir die feindlichen Regierungen 
erwiesen haben, die Saubeuteln ! Ich würde nicht 
einmal das Geld für den Klumpert zrucknchmen! 

Alle (durcheinander) : Hoch Riedl ! — Das is 
halt doch unser Riedl ! — Es lebe die Wienerstadt 
und unser Riedl! — Der Stephansturm soll leben 
und unser Riedl daneben ! — Gott strafe England! — 
Er strafe es! — Nieder mit Montenegro! — Schmeiß'n 
weg ! — Der Riedl is der größte Padriot ! 

Riedl (sich die Stirn wischend.) : Ich danke euch — 
ich danke euch — gleich telephonier ich zhaus, daß 
sie's zum Roten Kreuz hintragen. Morgen werds ihr 
schon lesen können — (er wird nachdenklich) Hier steh 
ich, ein entleibter Stamm. 

Der zweite: Schauts, wie gebildet der 
Riedl is, jetzt redt er sogar schon klassisch. 

Riedl: Das is nicht klassisch, das sagt 
immer der Doktor vom Extrablatt, wenn er im 
Angehn verliert. Jetzt — (gebrochen) verlier — ■ ich! 

Der dritte: Nicht traurig sein, Riedl! Nicht 
traurig sein ! Was d' jetzt hergibst, später kriegst es 
doppelt und dreifach wieder herein. Und vielleicht 
früher, als wie du glaubst. 

(Ein Kellner stürzt in das Zimmer.) 

Der Kellner: Herr von Riedl, Herr von Riedl, 
eine Karten is kommen, d' Fräuln Anna hat g'sagl, 
ich soll laufen — das is großartig — das ganze 
Lokal is in Aufregung — 

Riedl: Gib her, was is denn — (liest, vor 
freudigem Schreck zitternd) Meine Herrn — in dieser 
Stunde — es is ein historischer Augenblick — ich 
hab als Padriot und schlichter Gewerbsmann, wo 
ich von meinen Mitbürgern zahllose ehrende Beweise 
ihrer Anhänglichkeit — indem ich als Obmann — 
aber so etwas — nein — schauts her — 

Alle: Ja, was is denn? 



112 



R i e d 1 : Mein glorreichster Stammgast — unser 
erstklassigster Schlachtenlenker — hat — während der 
Schlacht — an mich — gedacht ! Halts mich ! Das 
muß ich — dem — Extrablatt — 

(Alle halten ihn und lesen.) 

Der erste: No geh, ich hab weiß Gott was 
glaubt. Was der für G'schichten macht! Ich hab 
gestern eine Karten vom Brudermann kriegt — 
(zieht sie aus der Tasche.) 

Riedl: Hör auf, das is mir peinlich — 

Der zweite: No hörts, was is denn da dabei, 
ihr seids ja narrisch — mich touchiert so etwas 
nicht. Ich hab nämlich vorgestern vom Pflanzer- 
Baltin — (zieht sie aus der Tasche.) 

Der dritte: Ihr bildts euch alle an Patzen 
ein. Ich hab zufällig schon vorige Wochen vom 
Dankl — (zieht sie aus der Tasche.) 

Alle drei (lesen gleichzeitig vor): In dieser Stunde, 
in der ich sonst in Ihren mir so trauten Räumen 
saß, denke ich an Sie und Ihr Personal und 
sende Ihnen herzliche Grüße aus fernem Feldlager. 
Dankl — Pflanzer— Brudermann. 

Riedl (ausbrechend) : Das gibts nicht ! Das is 

ein Plagat ! Ein Plagat is das ! A Schwindel I 

Ihr seids Flohbeutln gegen mich. Ich laß mir das 

net gfallen ! Vorläufig hab ich noch kan Orden 

zruckg'legt, fallt mr gar net ein, und wenn mir der 

Auffenberg das nicht sofort aufklärt — behalt ich 

sie alle! ,., ,, > 

(Verwandlung.) 

18. Szene 

In der Wiener Deutschmeisterkaserne. 

(Ein elegant gekleideter Herr, etwa 40 Jahre, wartet in einem 

schmutzigen Raum, in dem kein Sessel ist. Feldwebe! Weiguny 

tritt ein.) 

Der Herr: Entschi^ldigen Sie — Herr Feld- 
webel — könnten Sie mir — vielleicht sagen — ich 
steh nämlich jetzt drei Stunden hier — und kein 



113 



Mensch kommt — ich habe nämlich einen C-Befund — 
ich habe mich freiwillig vor dem Einrückungstermin 
gemeldet, damit ich eine Kanzleiarbeil zugewiesen 
bekomm — und da hat man mir gesagt, ich soll 
gleich — dableiben — aber ich muß doch — 

Der Feldwebel: Mäul halten! 

Der Herr: Ja — bitte — aber also ich möchte 

— ich muß — also bitte wenigstens — meine Familie 
verständigen — und ich kann doch nicht so wie ich 
bin — ich brauche also doch — also meine Sachen zum 
Waschen — eine Zahnbürste, eine Decke und so — - 

Der Feldwebel: Mäul halten! 

Der Herr: Aber — bitte — entschuldigen Sie 

— ich habe mich doch gemeldet — ich hab doch 
nicht gewußt — ich muß doch — 

Der Feldwebel: Blader Flund, wannst jetzt 
no a Wort redtst, nachcr schmier i dr a Foizen 
eini, daß d' — 

(Der Herr zieht eine Zehnkronennote aus der Westentasche und 
hält sie dem Feldwebel hin.) 

Der Feldwebel: Alstern — schaunS'gnäHerr — 
zhaus derf i Sie wirkli net lassen, dös geht net, aber 
wann S' a Decken haben wollen — die verschaff i Ihna. 
(Er verläßt den Raum.) 

(Ein Kadett tritt aus dem Nebenraum.) 

Der Kadett: Was? Du bist der, der den 
Disput mit'n Feldwebel g'habt hat? Servus, kennst 
mich nicht mehr? Wögerer, Athletikklub — 

Der Herr: Ja richtig! 

Der Kadett: Hast an C-Befund, gelt? — Du 
hör anial, wie kannst denn du dich als intelligenter 
Mensch mit'n Feldwebel einlassen? 

Der Herr: Ja was soll ich denn machen? 
ich steh jetzt drei Stunden da. Ich muß doch 
nachhaus — meine Leute haben keine Ahnung — 
ich hab mich freiwillig gemeldet — 

Die letzten Tage der Menschheit. 8 



114 



Der Kadett: Na da bist schön hineinpumpst. 
Wer hat dir denn den Rat geben? Aber wenn du 
nachhaus willst, kannst natürlich gehn. 

Der Herr: Ja aber wie macht man denn das? 

Der Kadett: Lächerlich, du bist doch ein 
besserer Mensch — ich hilf dir — du machst das so — 
also du gehst zum Hauptmann — 

Der Herr: Was, der läßt mich nachhaus? 

Der Kadett: Sonst also natürlich nicht, der 
is sehr streng, aber du mußt ihm ganz einfach sagen, 
weißt aber ganz direkt, ohne Genierer, schneidig 
(er salutiert) Herr Hauptmann, melde gehorsamst, i 
muaß zu an Madl! — Paß auf, drauf sagt der 
Hauptmann, wett'n, daß er das sagt: Was, zu an 
Madl müssen S'? Fahrn S' ab, Sie Schweinkerl! — 
No und nacher kannst gehn! 

(Verwandlung.) 

19. Szene 

Kriegsfürsorgeamt. 

Hugov. Hofmannsthal (blickt in eine Zeitung): 
Ah, ein offener Brief an mich? — Das is lieb vom 
Bahr, daß er in dieser grauslichen Zeit nicht auf mich 
vergessen hat! (Er liest vor.) »Gruß an Hofmannsthal. 
Ich weiß nur, daß Sie in Waffen sind, lieber Hugo, 
doch niemand kann mir sagen, wo. So will ich 
Ihnen durch die Zeitung schreiben. Vielleicht weht's 
der liebe Wind an Ihr Wachtfeuer und grüßt Sie 
schön von mir — « (F.r bricht die Vorlesung ab.) 

Ein Zyniker: No — lies nur weiter! Schön 
schreibt er der Bahr! 

Hofmannsthal (zerknüllt die Zeitung): Der Bahr 
is doch grauslich — 

Der Zyniker: Was hast denn? (Nimmt die Zeitung 
und liest bruchstückweise vor) »Jeder Deutsche, daheim 
oder im Feld, trägt jetzt die Uniform. Das ist das 
ungeheure Glück dieses Augenblicks. Mög es uns 



115 



Gott erhalten! Es ist der alte Weg, den schon 

das Nibelungenlied ging, und Minnesang und Meister- 
sang, unsere Mystik und unser deutsches Barock, 
Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant 

und Ficlite, Bach, Beethoven, Wagner. Glückauf, 

lieber Leutnant — « 

Hofmannsthal: Hör auf! 

Der Zyniker (liest): »Ich weiß, Sie sind froh, 
Sie fühlen das Glück, dabei zu sein. Es gibt kein 
größeres.« 

Hofmannsthal: Du, wenn du jetzt nicht 
aufhörst — 

Der Zyniker (liest): »Und das wollen wir uns 
jetzt merken für alle Zeit: es gilt, dabei zu sein. Und 
wollen dafür sorgen, daß wir hinfort immer etwas 
haben sollen, wobei man sein kann. Dann wären 
wir am Ziel des deutschen Wegs, und Minnesang 
und Meistersang, Herr Walter von der Vogelweide 
und Hans Sachs, Eckhart und Tauler, Mystik und 
Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, 
Kant und Fichte, Beethoven und Wagner wären 
dann erfüllt. — « Wie hängen denn die mit dir 
zusammen? Ah, er meint vielleicht, daß sie enthoben 
sind. »Und das hat unserem armen Geschlecht der 
große Gott beschert!* Gott sei Dank! — (liest) »Nun 
müßt ihr aber doch bald in Warschau sein!« 

Hofmannsthal: Aufhören ! ! 

Der Zyniker: »Da gehen Sie nur gleich auf 
unser Konsulat und fragen nach, ob der österreichisch- 
ungarische Generalkonsul noch dort ist: Leopold 
Andrian.« (Er bekommt einen Lachkrampf.) 

Hofmannsthal: Was lachst denn? 

Der Zyniker: Der is wahrscheinlich nach 
Kriegsausbruch in Warschau geblieben, um den 
einziehenden Truppen das Paßvisum auszustellen — 
das is ja im Krieg unerläßlich — sonst können s' 
nicht nach Rußland! (liest) »Und wenn ihr so vergnügt 
beisammen seid, und während draußen die Trommeln 



116 



schlagen, der Poldi durchs Zimmer stapft und mit 
seiner heißen dunklen Stimme Baudelaire deklamiert, 
vergeßt mich nicht, ich denk an euch! Es geht euch 
ja so gut — « 

Hofmannsthal: Hör auf! 

Der Zyniker: » — und es muß einem ja da 
doch auch schrecklich viel einfallen, nicht? — « 
Was dem alles einfallt! 

Hofmannsthal: Laß mich in Ruh! 

Der Zyniker: Du kommst doch sowieso bald 
nach Warschau? Auf Propaganda, mein' ich oder so. 
Wirst wieder deinen Hindenburg- Vortrag halten? 

Hofmannsthal: Ich sag dir, laß mich in Ruh — 

Der Zyniker: Du, eine Kälten hats heut 
wieder — ich muß doch läuten, daß er das Wacht- 
feuer nachlegen kommt. 

Hofmannsthal: Also das is eine Gemeinheit — 
du — pflanz wen andern, laß mich arbeiten! 

(Der Poldi triU ein.) 

Der Poldi (heiße, dunkle Stimme): Gu'n Tog, du 
Hugerl v/eißt nix vom Bohr? 

(Hofmannsthal hält sich die Ohren zu.) 

Der Zyniker: Habe die Ehre, Herr Baron, 
Sie kommen wie gerufen. 

Der Poldi: Du Hugerl is wohr daß der Bohr 
in dem Johr noch nicht do wor oder is er gor 
eingrückt? 

Der Zyniker: Was, der auch? 

Hof mann st hal: Du der Mensch is zu 
grauslich — komm, gehn wir da hinein — 

Der Poldi: Du Hugerl, der Baudelaire is ganz 
gscheidt, ich trog dir ein poor Soeben vor. 

Hofmannsthal: Und ich zeig dir meinen 
Prinz Eugen! 

Der Poldi: Wunderbor! 

(Vervc-andlung.) 



117 



20. Szene 

Bukowinaer Front. Bei einem Kommando. 
Die Oberleutnants Fallota und Beinsteller treten auf. 

Fallota: Weißt also, gestern hab ich mir 
eine fesche Polin aufzwickt — also tulli! Schad, daß 
man sie nicht in das Gruppenbild hereinnehmen kann, 
was wir der Muskete schicken. 

Beinsteller: Aha, ein Mägdulein! — Du, der 
Feldkurat soll fürs Intressante photographiert wem, 
zu Pferd, wie er einem Sterbenden das Sakrament gibt. 
Das wird sich ja leicht machen lassen, kann zur Not 
auch gstellt wern, weißt soll sich ein Kerl hinlegen 
und dann hat die Redaktion noch ersucht, sie brauchen 
ein Gebet am Soldatengrab, na das geht ja immer. 

Fallota: Du, ich hab dir gestern eine Auf- 
nahme gemacht, die aber schon sehr in^ressant is. Ein 
sterbender Russ, ein Schanerbild, mit an Kopfschuß, 
ganz nach der Natur. Weißt, er hat noch auf den 
Apparat starren können. Du, der hat dir einen Blick 
gehabt, weißt, das war wie gstellt, prima, glaubst 
daß das was fürs Intressante is, daß sie's nehmen? 

Beinsteller: No und ob, zahlen auch noch. 

Fallota: Glaubst? Du, richtig, also hast was 
versäumt, der Korpral is dir gestern ohnmächtig 
worn, wie er den Spion, weißt den ruthenischen 
Pfarrer, bei der Hinrichtung für den Sascha-Film 
ghalten hat, schad daß du nicht dabei warst. 

Beinsteller: No was hast mit dem Kerl gmacht? 

Fallota: No anbinden naturgemäß. Wer' ihn 
doch nicht einspirrn, wir leben ja nicht im Frieden — 
einspirrn, das möcht so den Kerlen schmecken. 

Beinsteller: Weißt, ich versteh die Russen 
nicht. Die Gefangenen erzählen dir nämlich, daß es 
bei denen überhaupt keine solchene Strafen gibt! 

Fallota: Hör mr auf mit der Schklavennation! 
Hast schon das Gedicht vom Kappus glesen? In 
Fers und sogar gereimt! 



118 



Beinsteller: No überhaupt, die Muskete is 
jetzt zum Kugeln — der Schönpflug — 

Fallota: Was, das is ganz was Andreas! Du 
ich schick ihr einen Witz — Du, weißt was, ich fang 
jetzt an ein Tagebuch, da wird alles drin stehn, was 
ich erlebt hab. Vorgestern vom Mullatschak ange- 
fangen. Eine fesche Polin, sag ich dir, aber schon 
sehr fesch — (macht eine Geste, die auf Fülle weist.) 

Beinsteller: Aha, einen Busam — no ja 
du erlebst was, weißt ich interessier mich mehr für 
die Bildung. Ich lies viel. Jetzt bin ich bald mit'n 
Engelhorn fertig. Früher v/ie ich unten war — da is 
auch viel mullattiert worn. Bißl Musik, ja. Mir ham 
jetzt ein Grammophon aus'n Schloß. Da könntest 
du mir deine Polin leihn, daß sie dazu tanzt. 

Fallota: W^eißt wer auch schon viel erlebt 
haben muß heraußt? Der Nowak von die Vierzehner, 
das war dir immer ein Hauptkerl. Wenn der nicht 
seine sechzig Schuß täglich am Gwehr angschrieben 
hat, wird er schiech auf die Eigenen. Der Pühringer 
hat mir neulich eine Karten gschrieben, also der 
Nowak sieht dir einen alten serbischen Bauern 
drüben von der Drina Wasser holen. No weißt, 
Gefechtspause war grad, sagt er zum Pühringer, du, 
sagt er, schau dir den dort drüben an, legt dir an, 
bumsti, hat ihm schon. Ein Mordskerl der Nowak. 
Schießt alle ab. Er is auch schon eingegeben fürn 
Kronenorden. 

Beinsteller: Klassikaner ! Die Friedenspimpfe 
verstehn so was natürlich nicht. Weißt, neugierig 
bin ich wie sich der Scharinger herauswuzeln wird 
aus der blöden Gschicht, hast nix ghört? 

Fallota: Weil er sich beim Sturm druckt hat? 

Beinsteller: Aber erlaub du mir, da wird 
man doch nicht einen Berufs — 

Fallota: Ah ja so, da war eine Gschicht, er 
hat den Koch, weil was anbrennt war, in die 
Schwarmlini — 



119 



Beinsteller: Aber nein, wegen an Mantel — 
weißt denn nicht, er is doch damals einzogen wo 
vorher der Oberst, der Kratochwila von Schlachtentreu 
gwohnt hat, no und da hat er halt an Mantel von 
ihm mitgehn lassen, der dort noch glegen is, nacher 
wie er wieder weg is. Weißt denn nicht? Also laß dr 
erzählen. Der Oberst trifft ihm und sieht den Mantel, 
eingepackt. Der Scharinger redet sich aus, er sagt, 
er hat geglaubt, es is ein Mantel vom Feind, der ihn 
aus'n Schloß genommen hat, und er will ihn grad 
zurückgeben. Ergo dessen — no du kannst dir die 
Sauerei vorstellen. No wird sich schon herauswuzeln. 

Fallota: Ich versteh das nicht — alleweil mit 
so was. Ich hab bisher noch keine Schererein ghabt 
mit so was. Wenns Beutestück sind — also dann 
natürlich! No überhaupt damals! Der Josef Ferdinand 
selber hat sich a schönes Gspann gnommen und 
Paramenten, weißt er is halt bekanntlich kunstsinnig 
du und Schmuckgegenständ und so. Weißt ich hab 
auch paar feine Sacherln kriegt damals — da hab 
ich dir gleich einen Spurius gehabt — no und 
richtig — also du ein Klavier, da muß man schon 
lulli sagn. 

Beinsteller: No da legst di nieder. 

Fallota: No was willst haben, die Generalin hat 
Wäsche und Kleider aus der Einquartierung genommen, 
no nur zu eigenem Gebrauch natürlich, weißt die 
Tochter kriegt eh dicAusstatiung durchs KM. Das waren 
halt Zeiten. Da hams Getreide und Viecher mitgehn 
lassen und halt sonst so Sachen, was man braucht. 
Und a Hetz hats immer geben, Bastonnaden und so. 
Alles mit Schampus. Aber jetzt is stier. Ich kann nicht 
sagen, daß es mich grad freut hier heraußt, abgsehn 
von die Menscher. 

Beinsteller: Mir scheint, jetzt hams v/ieder 
ein Gusto auf ein Sturm, das is wenigstens a 
Abwechslung. 



120 



Faüota: Beim letzten wars zu blöd. 2000 Ver- 
wundete, 600 Tote — weißt ich bin nicht sentimental 
und bin immer dafür, daß gearbeitet wird — 

Beinsteller: War mir auch ein Schleier. 

Fallota: Nicht ein Grabenstückl, nur ftirn 
Bericht. Vier Wochen sind die Leut glegen — 

Beinsteller: Eben darum. Da hams wieder 
austarokiert oben. Lass mas amal stürmen, heißt's 
da. Wenn die Mannschaft anfangt, mit'n Dörr- 
gemüse unzufrieden z'werden, laßt mas stürmen. 
Schon damit s' nicht aus der Übung kommen. Der 
Blade sagt nachher: Schauts, is das a Resultat? Ah 
was, hat's gheißen, die Leut haben sonst eh nix 
anderes zu tun. Aber die höhere Strategie is das 
nicht, das muß ich schon sagen, wiewohl ich doch 
gewiß nicht zu die Zimperlichen gehör! Aber ich sag, 
wenns nicht sein muß — sparen mit'n Menschen- 
material. So — erst verpulvern s' die ausgebildeten 
Leut, nacher schicken sie s' frisch von der Musterung. 
So Krepirln, was eine Handgranaten nicht von an 
Dreckhäufl unterscheiden können. Is das ein Ghörtsich? 

Fallota: Na ja, damit tegeln s' sich beim 
Pflanzer ein. 

Beinsteller: Na servus, der Oberst is fuchtig, 
wenn bei an Rückzug zu viel am Leben bleiben. Was? 
hat er eine Kompagnie angschrieen, warum wollts 
ihr nicht krepiern? System Pflanzer Baldhin, sagen s' 
beim Böhm-Ermolli. 

Fallota: Neulich war a Hetz mit die Verwundeten. 
No ja, wer hat denken können, daß das solche 
Dimensionen annehmen wird, waren halt nicht genug 
Sanitätswagen. Weißt, die Autos waren halt alle in 
der Stadt mit die Generäle, ins Theatei und so. 
Da hams hineintelephoniert, aber herauskommen is 
keins. No da war dir ein Durcheinander! 

Beinsteller: Mit die Verwundeten is immer 
eine Schererei. 



121 



Fallüta: Auf die Eigenen sollten s' halt doch 
mehr schaun bei uns. Eher versteh ich noch, daß 
man die Bevölkerung zwickt, aber Truppen braucht 
man doch schließlich. In dem Monat hamr zweihundert- 
vierzig Todesurteil gegen Zivilisten ghabt, stantape 
vollzogen, das geht jetzt wie gschmiert. 

Beinsteller: Warens p. v.? 

Fallota: Halbscheit p. u. 

Beinsteller: Was war? 

Fallota: No Umtriebe hams halt gmacht und so. 

Beinsteller: Geh. 

Fallota: Weißt, ich bin nicht fürs Standrecht, 
das is so a verbohrte juristische Spitzfindigkeit — 
immer mit die blöden Schreiberein: Zu vollziehen! 
Vollzogen! Hast du schon amal an Akt glesen, ich 
nicht. Wenn ich mir meinen Sabul umgürte, brauch 
ich so was nicht. 

Beinsteller: Bei die Exekutionen soll man 
auch noch dabei sein! 

Fallota: No im Anfang hat mich das sogar 
interessiert. Aber jetzt, wenn ich grad bei einer 
Partie bin, schick ich 'n Fähnrich. Man hört's eh 
ins Zimmer herein. Jetzt hamr a paar gute Juristen 
aus vVien. Aber es is doch eine Viechsarbeit. Ich 
bin eingegeben fürs Verdienstkreuz. 

Beinsteller: Gratuliere. Du, wie gehts denn 
dem Floderer? Schießt der noch immer auf die 
Eigenen? 

Fallota: Aber! Vor einem Jahr hams bei 
ihm Paralyse konschtatiert — nutzt nix. Immer 
schicken s' ihn weg, immer kommt er zrück. Wie 
er das macht, is mir ein Schleier. Neulich hat er ein' 
Feldwebel, den was der Leutnant um Munition schickt, 
abgschossen, weil er sich eingebildet hat, der Kerl geht 
zrück. Hat ihn gar nicht gfragt, bumsti, hin war er. 

Beinsteller: Einer mehr oder weniger. Du 
überhaupt, wenn man jetzt ein Jahr bei dem Gschäft 
is — ich sag dir, tot, das is gar nix. Aber mit die 



122 



Verwundeten, das is eine rechte Schererei. Aufs 
Jahr, wenn der Frieden kommt, wirds nur Werkel- 
männer geben, ich haH mr jetzt schon die Ohren zu. 
Was wird man mit die Leut anfangen? Verwundet — 
das is so eine haibete Gschicht, Ich sag: Heldentod 
oder nix, sonst hat man sich's selber zuzuschreiben. 

Faliota: Mit die Blinden is gar z'wider. Die 
tappen sich so komisch herum. Neulich wie ich 
vom Urlaub fahr, komm ich in eine Station und 
komm grad dazu, wie Mannschaft einen herumstößt 
und lacht und macht Hetzen. 

Beinsteller: No was willst — hättst sehn solln 
wie der Divisionär neulich einen Zitterer pflanzt hat. 

Faliota: No ja, einen feinfühligen Menschen 
stiert so was, aber v/eißt, was ich in solchen Fällen 
denk? Krieg is Krieg, denk ich halt in solchen Fällen. 

Beinsteller: Du, was macht dein Bursch? 
Wie alt is der jetzt? 

Faliota: Grad 48. Gestern hat er zum 
Geburtstag a Watschen kriegt. 

Bei n steller: Was is der eigentlich? 

Faliota: No Komponist oder so Philosoph. 

Beinsteller: Du, der Mayerhofer war vorige 
Wochen in Teschen. Der Gottsöberste geht jetzt dort 
auf der Straßen, weißt wie? Mit'n Marschallsstab 
spaziert er herum. 

Faliota: Wenn er aufs Häusl geht, nimmt 
er'n auch mit? 

Beinsteller: Jetzt hat er vom Willi noch 
einen kriegt, vielleicht geht er jetzt mit beide. 

Faliota: Jögerl, das schaut dann aus wie 
Krücken ! 

Beinsteller: Weißt, die dicke Jüdin aus Wien 
stiefelt dort wieder herum, die einflußreiche Egeria — 
wenn sich da was machen ließe, v/är nicht schlecht — 

Faliota: Dir graust vor gar nix. No weißt — ich 
war auch schon froh, wenn ich wieder in der Gartenbau 
abends sein könnt und vorher an der Potenz ecken. 



i 



123 



Beinsieller: Was? Die Gartenbau? Damit 
wird sich's spieben! 

Fallota: Wieso? 

Beinsteller: No warst also jetzt in Wien und 
weißt nicht, daß jetzt ein Spital dort is? 

Fallota: Ja richtig! (versunken) ja natürlich — 
no du aber hier bin ich auch nicht schlecht ein- 
gerichtet. Du jetzt hab ich dir wieder a Klavier und 
a Tischlampen — 

Beinsteller: Tischlampen, der Schlampen, 
das Schlampen. 

Fallota: Du mir sclieint, ein Regen kommt. 

Beinsteiler (sieht hinauf): Ah, sie regnet! 
Gehmr. 

Fallota: Hast nix vorn Doderer ghört? Der hat 
dir ein Mordsglück. 

BeinsteFler: Ja, der war dir immer ein 
Feschak. 

Fallota: Ein Feschak is er, das is Wcihr. 
Aber ein Tachinierer, ujeh! 

(Vcrvc'andlung.) 

21. Szene 

Ein Schiachtfeld. Alan sieht nichts. Im fernen Hintergrund 

hin und wieder Rauchentwicklung. Zwei Kriegsberichterstatter 

mit Breeches, Feldstecher, Kodak. 

Der erste: Schämen Sie sich, Sie sind kein 
Mann der Tat, schaun Sie mich an, ich hab den 
Balkankrieg mitgemacht und mir is gar nichts 
geschehn! (Duckt sich.) 

Der zweite: Was is geschehn, ich geh um 
keinen Preis weiter. 

Der erste: Nichts. Das sind Einschläge. 
(Duckt sich.) 

Der zweite: Gotteswillen, was war das jetzt? 
(Dickt sich.) 



124 



D e r e r s t e : Ein Blindgänger, nicht der Rede wert. 

Der zweite: Jü, ein Blindgänger, Gott! 
Nein, so hab ich mir das nicht vorgestellt. 

Der erste: Nehmen Sie Deckung. 

Der zweite: Was soll ich nehmen? 

Der erste: Deckung! Geben Sie den Feld- 
stecher her. 

Der zweite: Was bemerken Sie? 

Der erste: Herbstzeitlosen. Das erinnert 
mich an den Balkankrieg. Die Stimmung hätt ich. 
(Er lauscht.) 

Der zweite: Was hören Sie? 

Der erste: Raben. Sie krächzen als ob sie 
witterten die Beute. Ganz wie im Balkankiieg. Und 
es iockt die Gefahr. 

Der zweite: Gehmr. 

Der erste: Sie Feigling! Und es lockt die 
Gefahr. (Ein Schuß.) Um Gotteswillen ! Sind dort nicht 
unsere Leute? 

Der zweite: Vom Preßquartier? 

Der erste: Nein, die Eigenen. 

0er zweite: Mir scheint ja. 

Der erste: Sind brave Bursche. Dachte keiner 
an seine Lieben, dachte jeder nur an den Feind. 
Was liegt dort? 

Der zweite: Nichts, italienische Leichen, die 
vor unseren Stellungen liegen. 

Der erste: Moment! (Er photographiert.) Nichts 
erinnert daran, daß man im Krieg ist. Nichts sieht 
man, was an Elend, Not, Mühsal und Greuel gemahnt. 

Der zweite: Moment! Ich spüre jetzt den 
Atem des Krieges. (Ein Schuß.) Gehmr. 

Der erste: Das war nichts. Die Affäre stellt 
sich als ein Vorpostengefecht dar. 

Der zweite: Warn wir in Villach geblieben — 
Gott, gestern hab ich mit dem Sascha Kolowrat 
gedraht — ich hab Ihnen gesagt, ich hab keinen 
Ehrgeiz. Sie wern sehn, der Punkt is eingesehn. 



125 



Der erste: Wenn Sie nicht einmal Plänkeleien 
vertragen können, tun Sie mir leid. 

Der zweite: Bin ich ein Held? Bin ich ein 
Alexander Roda Roda? 

Der erste: Ich bin auch kein Ganghofer, 
aber ich kami Ihnen nur sagen, schämen Sie sich 
vor der Schalek! Dorten kommt sie! Da können 
Sie sich verstecken — 

Der zweite: Gut. (Er versteckt sich. Ein Schuß.) 

Der erste: Ich will übrigens auch nicht, daß 
sie mich sieht. (Er legt sich nieder.) 

Die Schalek (erscheint in voller Ausrüstung und 
spricht die Worte): Ich will hinausgehen, dorthin, wo der 
einfache Mann ist, der namenlos ist! (Sie geht ab,) 

Der erste: Sehn Sie, da können Sie sich ein 
Beispiel nehmen. (Sie erheben sich.) Die geht bis vorn. 
Und wie sie sich für das Ausputzen der feindlichen 
Gräben intressiert — ! 

Der zuleite: No ja, das is was für Frauen, 
aber unsereins? 

Der erste: So, und wie sie beschreibt, wie 
sie im Kugelregen war — da fühlen Sie sich als 
Mann nicht beschämt? 

Der zweite: Ich weiß ja, sie is tapfer. Aber 
mein Ressort is Theater. 

Der erste: Wie sie die Leichen beschreibt, 
Kleinigkeit der Verwesungsgeruch! 

Der zweite: Das liegt mir nicht. 

Der erste: Wer hat sich darum gerissen, 
einen Flankenangriff mitzumachen? Sie! Und jetzt 
möchten Sie davonlaufen, wenn Sie Patrouillen sehn. 
Früher haben Sie das Maul voll genommen — 

Der zweite: Jeder von uns war im Anfang 
mitgerissen. Aber jetzt, nach einem Jahr Krieg — 

Der erste: Sie haben geschrieben, Sie wollen 
sich den Krieg an der Südwestfront ansehn. No also, 
sehn Sie sich ihn an, da haben Sie ihn. (Duckt sich.) 



126 



Der zweite (duckt sich): Gegen Rußland war 
das ganz anders, da is man nicht aus dem Hotel 
herausgekommen, ich hab darin keine Erfahrung 
gehabt, meinetwegen halten Sie mich für einen 
Feigling, ich sag Ihnen ich geh nicht weiter! 

Der erste: Aber der Hauptmann kommt doch 
gleich, er hat garantiert, daß nichts passiert. 

Der zweite: Ich will aber nicht. Ich schick 
das Feuilleton so ab, die paar technischen Ausdrücke 
geben Sie mir. 

Der erste: Sie haben nicht die Schule des 
Balkankriegs durchgemacht, ich versteh nicht, wie 
einem nicht die Gefahr locken kann. (Duckt sich.) 

Der zweite: Aber ich bitt Sie, ich kenne das. 
Ich habe diesen Rausch, dieses selige Vergessen vor 
dem Tode beschrieben, Sie wissen, wie zufrieden der 
Chef war, massenhaft Zuschriften sind gekommen, 
wissen Sie nicht mehr? Ich bin doch eingegeben 
fürs Verdienstkreuz! (Duckt sich.) 

Der erste: Ich versteh aber nicht, wie man 
nicht gerade darin Befriedigung findet, daß man sich 
selbst überzeugt — (Schuß.) Um Gotteswillen, was 
war das jetzt? 

Der zweite: Sehn Sie — wären wir nur schon 
zurück im Preßquartier! Dort is man wenigstens nicht 
vom Feind eingesehn. 

Der erste: Mir scheint stark, das ist der 
Gegenstoß! Na und wennschon. Jetzt heißt es aus- 
harren, wohin den Soldaten unsere Pflicht gestellt hat. 
Der Hauptmann hat eigens für uns die zerstörte 
Brücke herrichten lassen — jetzt sind wir einmal da, 
jetzt heißt es sich zusamm.nehmen. C'est la guerre! 
(Duckt sich.) Ich bin auch für Stimmungen, aber im 
Ernstfall — nur Stimmungsmensch sein, das geht 
nicht! Sie sind eben im Frieden nie aus den 
Premieren herausgekommen, das rächt sich jetzt. 
Warum haben Sie sich überhaupt für Kriegsbericht- 
erstattung gemeldet? 



127 



Der zweite: Was heißt das, soll ich dienen? 

Der erste: No ja, aber ein bisserl Haltung 
sind Sie dem Blatt schuldig. Krieg ist Krieg. 

Der zweite: Als Held hab ich mich nicht 
aufgespielt. 

Der erste: Aus Ihrem letzten Feuilleton hat man 
stark denEindruckgewinnen müssen, daßSie einer sind. 

Der zweite: Feuilletc i is Feuilleton. Bitt Sie, 
tun Sie nicht, als ob Sie das nicht wüßten — Gott, 
was war das wieder? 

Der erste: Nichts, ein kleinkalibriger Mörser 
älteren Systems von der Munitionskolonne IV b Flak. 

Der zweite: Wie Sie die technischen Aus- 
drücke beherrschen! Ist das nicht der, der immer 
tsi-tsi macht? 

Der erste: Sie haben wirklich keine Ahnung. 
Das is doch der, der immer tiu-tiu macht! 

Der zweite: Da muß ich etwas im Manuskript 
ändern — wissen Sie was, ich geh zurück, damit es 
früher abgeht. Es muß doch noch genehmigt wem. 

Der erste: Ich sag Ihnen, bleiben Sie da. 
Allein bleib ich nicht. 

Der zweite: Also hat das einen Sinn? 

Der erste: Sie, wir können uns nicht blamieren. 
Die Offiziere lachen sowieso schon. Ins Gesicht sind sie 
natürlich freundlich, weil sie genannt wem wollen 
bei der Offensive, aber ich hab oft das Getühl, daß 
sie sich beim Rückzug über uns lustig machen. 
Grad will ich ihnen einmal zeigen, daß ich meinen 
Mann stelle. Schaun Sie, im Preßquartier is es doch 
so fad — 

Der zweite: Lieber fad wie gefährlich. 

Der erste: Schaun Sie, kann Ihnen das auf 
die Dauer konvenieren? Ein Jahr dauert das jetzt 
schon. Wir fressen aus der Hand. Man reicht uns 
den Schmus, wir haben nichts zu tun wie den 
Namen druntersetzen. Er lügt und wir müssen unter- 
schreiben. No is das ein Leben? 



128 



Der zweite: Kommt mir ohnedem lächerlich 
genug vor. Was geht das alles mich an? Einmal 
im Monat das Feuilleton — das is noch die 
Erholung, da kann man schildern, wie sie erleben. 
Aber was hab ich zu unterschreiben, wenn der Feind 
is zurückgeworfen, wenn er nicht is zurückgeworfen? 
Bin ich Höfer? Bin ich der verantwortliche Redakteur 
vom Weltkrieg? 

Der erste: Bittsie, Höfer — da war ich 
mehr draußen wie Höfer! 

Der zweite: Mir paßt das alles nicht, 
ich wer' mit dem Divisionär sprechen, was mit dem 
Fronttheater is. 

Der erste: Fronttheater? Wie meinen Sie das? — 
Ah so. 

Der zweite: Die Idee hat ihm imponiert und 
da bin ich in meinem Feld. Heut bei Tisch will ich 
ihn erinnern. Ich sag ihm ins Gesicht, daß mir der 
Dienst nicht paßt. 

Der erste: No ja, Erfolge wie Ganghofer 
blühn für unsereins nicht. Für unsereins wird nicht 
eigens ein Gefecht arrangiert. 

Der zweite: Wieso, davon weiß ich gar nicht. 

Der erste: Davon wissen Sie nicht? Bei 
seinem letzten Besuch an der Tiroler Front! 
Siebzehn Eigene sind sogar durch zurückfliegende 
Geschoßböden getötet oder wenigstens verwundet 
worn, das war die größte Anerkennung der Presse, 
die ihr bis jetzt im Weltkrieg widerfahren is! 

Der zweite: Wieso, das is doch ein Witz 
aus'm Simplicissimus, daß sie mit der Schlacht 
warten, bis Ganghofer kommt. 

Der erste: Ja, zuerst war es ein Witz 
aus'm Simplicissimus und dann is es wahr geworn. 
Der Graf Walterskirchen, der Major, is auf und 
davongegangen, wütend. Er war kein Freund der 
Presse, er is nie genannt worn, vorgestern, hab ich 
gehört, is er gefallen. 



i2d 



Der zweite: Sehn Sie, zu solchen Ehren 
kommt unsereins doch nicht. Ich Sprech mit ihm 
heut wegen dem Fronttheater ! Wenn man noch dazu 
kein Hüne is wie Ganghofer. Was wollen Sie von 
mir haben? Schaun Sie sich den Maler Haubitzer 
an — dort steht er und malt. Ein Riese is das 
gegen mich. Der hat in der Kaiserbar den Prinz Eugen 
gesungen, daß man geglaubt hat, der allein muß 
schon siegen. Jetzt? Was glauben Sie, wie der zittert 
beim Malen! Der furcht sich mehr wie wir alle! 

Der erste: Vielleicht wie Sie! Wie ich nicht! 
Überhaupt lassen Sie Haubitzer in Ruh. Er hat 
genug Mut, er malt die Schlacht im Freien, wiewohl 
er erkältet is. Haben Sie sein Bild gesehn? Ich mein' 
die Photographie von ihm im Interessanten Blatt, 
Maler Haubitzer im Felde. 

Der zweite: Von mir aus — ich geh um 
keinen Preis weiter. 

Der erste: Nehmen Sie sich ein Beispiel an 
Ludwig Bauer im Balkankrieg I 

Der zweite: Bauer is im Weltkrieg in der 
Schweiz, war ich auch in der Schweiz! 

Der erste: Nehmen Sie sich ein Beispiel an 
Szomory, oder zum Beispiel an den Soldaten. Die beißen 
die Zähne zsamm, die lassen sich nicht unterkriegen — 
(duckt sich.) Sie wollen also, daß wir zurückgehn? 

D e r z w e i t e : Ja, bis Wien ! Ich hab Stimmungen 
einzufangen. Da geb ich meinen Namen I Wenn er 
im Blatt steht neben ihr, neben Irma von Höfer, 
gut. Aber neben ihm — hab ich das nötig? Da 
schäm ich mich offengestanden. 

Der erste: Ich nicht! Ich stehe hier in 
Ausübung einer einmal übernommenen Pflicht. 
(Er wirft sich auf die Erde.) 

Der zweite: Sie haben von jeher für das 
strategische Moment eine starke Schwäche gehabt. 
(Man hört einen Krach.) Gotteswillen! 

Der erste: Was sind Sie so erschrocken? 

Die letzten Tage der Menschhei*. 9 



130 



Der zweite: Jetzt — hab ich geglaubt — das 
is ja fast — wie die Stimme — vom Chef! 

Der erste: Sie Held Sie — das war doch nur 
der große Brummer! (Beide laufen weg, hinter ihnen, gleich- 
falls im LaufschriU, der Maler Haubitzer mit Zeichenmappe, 
ein weißes Taschentuch schwingend.) 

(Verwandlung.) 

22. Szene 

Vor dem Kriegsministerium. 
(Der Optimist und der Nörgler im Gespräch.) 

Der Optimist: Sie legen Scheuklappen an, 
um die Fülle von Edelsinn und Opfermut, die der 
Krieg an den Tag gefördert hat, nicht zu bemerken. 

Der Nörgler: Nein, ich übersehe nur nicht, 
welche Fülle von Entmenschtheit und Infamie nötig 
war, um dieses Resultat zu erzielen. Wenn's einer 
Brandstiftung bedurft hat, um zu erproben, ob 
zwei anständige Hausbewohner zehn unschuldige 
Hausbewohner aus den Flammen tragen wollen, 
während achtundachtzig unanständige Hausbewohner 
die Gelegenheit zu Schuftereien benützen, so wäre es 
verfehlt, die Tätigkeit von Feuerwehr und Polizei 
durch Lobsprüche auf die guten Seiten der Menschen- 
natur aufzuhalten. Es war ja gar nicht nötig, die 
Güte der Guten zu beweisen, und unpraktisch, 
dazu eine Gelegenheit herbeizuführen, durch die 
die Bösen böser werden. Der Krieg ist besten- 
falls ein Anschauungsunterricht durch stärkere 
Kontrastierung. Er kann den Wert haben, daß er 
künftig unterlassen werde. Ein einziger Kontrast, der 
zwischen gesund und krank, wird durch den Krieg 
nicht verstärkt. 

Der Optimist: Indem die Gesunden gesund 
und die Kranken krank bleiben? 

Der Nörgler: Nein, indem die Gesunden 
krank werden. 



131 



Der Optimist: Aber auch die Kranken gesund. 

Der Nörgler: Sie denken dn an das bekannte 
Stahlbad? Oder an die bewiesene Tatsache, daß die 
Granaten dieses Krieges Millionen Krüppel gesund 
geschossen haben? Hunderttausende Schwindsüchtiger 
gerettet und ebensoviele Luetiker der Gesellschaft 
zurückgegeben? 

Der Optimist: Nein, dank den Errungen- 
schaften der modernen Hygiene ist es gelungen, so 
viele im Krieg Erkrankte oder Beschädigte zu heilen — 

Der Nörgler: — um sie zur Nachkur an die 
Front zu schicken. Aber diese Kranken werden ja 
nicht durch den Krieg gesund, sondern trotz dem 
Krieg und zu dem Zweck, um wieder dem Krieg 
ausgesetzt zu werden. 

Der Optimist: Ja, es ist nun einmal Krieg. 
Vor allem aber ist es unserer fortgeschrittenen 
Medizin gelungen, die Verbreitung von Flecktyphus, 
Cholera und Pest zu verhindern. 

Der Nörgler: Was wiederum nicht so sehr 
ein Verdienst des Krieges ist als einer Macht, die 
sich ihm in den Weg stellt. Aber sie hätte es noch 
leichter, wenn's keinen Krieg gäbe. Oder soll es für 
den Krieg sprechen, daß er die Gelegenheit geboten 
hat, ein wenig seinen Begleiterscheinungen bei- 
zukommen? Wer für den Krieg ist, hätte diese mit 
größerem Respekt zu behandeln. Schmach einem 
wissenschaftlichen Ingenium, das sich auf Prothesen 
etwas zugute tut anstatt die Macht zu haben, Knochen- 
zersplitterungen vorweg und grundsätzlich zu verhüten. 
In ihrem moralischen Stand ist die Wissenschaft, die 
heute Wunden verbindet, keine bessere als jene, die 
die Granaten erfunden hat. Der Krieg ist eine sittliche 
Macht neben ihr, die sich nicht nur damit begnügt, 
seine Schäden zusammenzuflicken, sondern es zu 
dem Zweck tut, das Opfer wieder kriegstauglich zu 
machen. Ja, so antiquierte Gottesgeißeln wie Cholera 
und Pest, Schrecknisse aus Kriegen von annodazumal. 



9* 



132 



lassen sich von ihr imponieren und werden fahnen- 
flüchtig. Aber Syphilis und Tuberkulose sind treue 
Bundesgenossen dieses Kriegs, mit denen es einer 
lügenverseuchten Humanität nicht gelingen wird 
einen Separatfrieden abzuschließen. Sie halten Schritt 
mit der allgemeinen Wehrpflicht und mit einer 
Technik, die in Tanks und Gaswolken daherkommt. 
Wir werden schon sehen, daß jede Epoche die 
Epidemie hat, die sie verdient. Der Zeit ihre Pest! 
Der Optimist: Da wären wir ja vor dem 
Kriegsministerium angelangt. Das ist heute ein 
erwartungsvoller Tag — 

(Man sieht einen Trupp Schieber aus dem Haupttor kommen.) 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — 
Weltblaad! 

Ein Flüchtling (der mit einem andern geht): 
Geben Sie her! (reißt dem Kolporteur das Blatt aus der Hand, 
liest vor) »Alles steht gut! Kriegspressequartier 
30. August 10 Uhr 30 Minuten vorm. Die Riesen- 
schlacht geht heute Sonntag weiter. Die Stimmung 
im Hauptquartier ist gut, v/eil alles gut steht. Das 
Wetter ist prachtvoll. Kohlfürst.« 

Der zweite Flüchtling: Das muß etwas ein 
Heerführer sein! (Ab.) 

Der Nörgler: Die Masken an der Fassade 
dieser Sündenburg, die rechts schaut und links schaut 
machen, sind heute besonders stramm orientiert. 
Wenn ich länger auf einen dieser entsetzlichen 
Köpfe schaue, bekomme ich Fieber. 

Der Optimist: Was haben Ihnen diese alten 
martialischen Typen getan? 

Der Nörgler: Nichts, nur daß sie martialisch 
sind und dennoch den Sendboten Merkurs den Eintritt 
nicht wehren konnten. Zu aller Blutschlamperei noch 
dieser mythologische Wirrwar ! Seit wann ist denn Mars 
der Gott des Handels und Merkur der Gott des Krieges? 

Der Optimist: Der Zeit ihren Krieg! 



133 



Der Nörgler: So ist es. Aber die Zeit hat 
nicht den Mut, die Embleme ihrer Niedrigkeit zu 
erfinden. Wissen Sie, wie der Ares dieses Krieges 
aussieht? Dort geht er. Ein dicker Jud vom Auto- 
mobilkorps. Sein Bauch ist der Moloch. Seine Nase 
ist eine Sichel, von der Blut tropft. Seine Augen 
glänzen wie Karfunkelsteine. Er kommt zum Demel 
gefahren auf zwei Mercedes, komplett eingerichtet 
mit Drahtschere. Er wandelt dahin wie ein Schlaf- 
sack. Er sieht aus wie das liebe Leben, aber Verderben 
bezeichnet seine Spur. 

Der Optimist: Sagen Sie mir, ich bitt Sie, 
was haben Sie gegen den Oppenheimer? 

(Vor dem Kriegsministerium ist inzwischen die Menschenmeng« 
angewachsen, sie besteht zumeist aus deutschnationalen Studenten 
und galizischen Flüchtlingen. Man sieht vielfach beide Typen 
Arm in Arm und plötzlich ertönt der Gesang: E« broost ein 

Ruf wie Donnerhall — ) 
Nepalleck und Angelo Eisner v. Eisenhof treten auf einander zu. 

V. Eisner: Verehrter Hof rat, servitore, wie steht 
das Befinden, was macht Seine Durchlaucht? Wir 
haben uns ja seit damals — 

N e p a 1 1 e c k : Djehre. Danke. Kann nicht klagen. 
Durchlaucht gehts famos. 

V. Eisner: Das Allerhöchste Anerkennungs- 
schreiben damals, ja das war Seiner Durchlaucht zu 
gönnen, das muß seinen Nerven rasend wohl getan 
haben, die Gesellschaft ist jetzt auch nur einer Ansicht — 

Nepalleck: No ja natürlich — und Sie Baron, 
machen Sie viel mit? Von der Wohltätigkeit sehr in 
Anspruch genommen, kann mir denken — 

V. Eisner: Nein, da überschätzen Sie mich, 
lieber Hofrat. Ich ziehe mich jetzt zurück. Da ist eine 
Reihe neuerer Streber, denen man gern das Feld 
überläßt. Es ist nicht jedermanns Geschmack, mit so 
einer Klasse — nein, das tentiert mich gar nicht — da — 

Nepalleck: No aber die gute Sache, die 
gute Sache Baron, wie ich Sie kenne, werden Sie 



134 



die vielen Arrangements doch nicht ganz vernach- 
lässigen, wenn Sie auch, wie ich ganz begreifhch 
finde, nicht mehr selbst in die Komitees — 

V. Eisner: Nein, ich walte jetzt nur im 
Herrnhaus — ah was red ich, im Hausherrnverein, da 
gibts Hals über Kopf zu tun, der Riedl, Sie wissen ja, 
ist nicht mehr der Alte — er muß eine Enttäuschung 
erlebt haben oder, ich weiß nicht, er scheint sich durch 
den Krieg halt ein bißl vernachlässigt zu fühlen — ja, ja, 
die populärsten Persönlichkeiten sind jetzt ein wenig 
aus dem Geleise gekommen, andere drängen sich vor — 

Nepalleck: Na ja, wird sich schon wieder 
ausgleichen — auch bei uns ist — 

v. Eisner: Ja, wir müssen alle Geduld haben. 
Ich für meine Person habe sehr bittere Erfahrungen 
gemacht. Wissen Sie, die Wohltätigkeit, das ist auch so 
ein Kapitel. Uje, da könnt ich der Fackel Stoff geben — 
wenn man sich mit dem Menschen einlassen könnte 
heißt das. Wissen Sie, Hofrat, nur opfern und nichts 
wie opfern und gar keinen Dank? Mein Gott ja, 
ich entziehe mich natürlich nicht — meine Freunde 
Harrach, Schönborn und die andern geben ihre Feste, 
sie schicken mir ihre Karten — erst gestern hat mich 
der Pipsi Starhemberg, Sie wissen doch, der was 
sich mit der Maritschl Wurmbrand — 

Nepalleck: Gehn S', ich war der Meinung, 
daß er sich mit der Mädi Kinsky — 

v. Eisner: Aber im Gegenteil, wo denken Sie 
hin, da kommt doch nur der Bubi Windischgrätz in 
Betracht, wissen S' der Major, der jetzt bei der 
Gard is — also ich sag Ihnen, bestürmt wird man 
von allen Seiten, erst gestern sagt mir der Mappl 
Hohenlohe bei der Meß, wissen S', der wo sie eine 
Schaffgotsch is, du, sagt er, warum machst du dich 
jetzt so rar, sag ich ihm lieber Mappl tempora 
mutatur, was jetzt für Leut obenauf sind, ich 
begreif euch alle nicht, daß ihr da noch mittuts. 
Ich für meine Person bin rasend gern dort, wo's 



135 



still is. Mit einem Wort, wo man nicht bemerkt 
wird. Wissen Sie lieber Hofrat was er drauf gesagt 
hat? Recht hast du, hat er gesagt! Ich denk nämlich 
darin ganz wie der Montschi. Selbstverständlich leiste 
ich pünktlich mein Scherflein — aber hingehn? Nein, 
da kennen Sie mich schlecht. Ich war nie ein Freund 
von der Öffentlichkeit. Wissen Sie, da kann es einem 
noch passieren — man ist da harmlos bei einem 
Tedeum, und am nächsten Tag steht man unter den 
Anwesenden in der Zeitung! 

Nepal leck: No das is zwider, das kenn ich. 
Jetzt hab ich wenigstens drauf gedrungen, wenn's mich 
schon nennen müssen, so wenigstens mit dem vollen 
Namen. Nicht mehr wie bisher Hofrat Nepalleck, 
oder Hofrat Wilhelm Nepalleck, sondern weil ich also 
eigentlich Wilhelm Friedrich heiß — Hofrat Friedrich 
Wilhelm Nepalleck. Was, das macht sich jetzt ganz gut, 
da könnt ich gleich nach Potsdam übersiedeln — 

V. E i s n e r : Das macht sich famos I Aber — nach 
Potsdam übersiedeln? Hätten S' denn dazu Lust? 

Nepal leck: Woher denn, es is nur wegen 
der Nibelungentreue. Ich — meine Durchlaucht ver- 
lassen! Noch heut is mir die Durchlaucht für das 
Arrangement des höchsten Begräbnisses dankbar. 

V. Eisner: Das war aber auch schön! 

Nepalleck: Mit strikter Einhaltung — wie 
eben ein Begräbnis dritter Klasse — 

V. E i s n e r : Das ist Ihnen wieder einmal gelungen, 
erstklassig. Wirklich furchtbar nett war das damals auf 
der Südbahn. (Er grüßt einen Vorübergehenden.) War das 
nicht ein Lobkowitz? Dann beklagt er sich wieder, 
daß ich ihn nie erkenn — Also in Artstetten natürlich, 
da — da hat man leider schon ein bißl gemerkt, 
daß Sie Ihre Hand nicht im Spiel ghabt haben, da 
is ziemlich ordinär zugegangen. 

Nepalleck: Selbstverständlich — weil es uns 
unmöglich gemacht wurde! Das Belvedere hat sichs 
nicht nehmen lassen. Oh, wir haben drauf bestanden, 



136 



ich hab gsagt: nach dem spanischen Zeremoniell, da 
gibts keine Würschtel! No, und da hats dann leider, 
weil die Herrschaften so entetiert warn, also in 
Artstetten halt doch Würschtel gegeben. 

V. Eisner: Wie? 

Nepalleck: No ja, die Feuerwehrleut habens 
neben die Särge Ihrer Hoheiten gfressen, wie's Gewitter 
war, die Särge sind nämlich im Kassenraum vom 
Frachtenbahnhof gstanden, Zigarren hams graucht, 
das war ein Skandal, na Sie wissen ja, wir sind 
unschuldig, am Südbahnhof wars so schön feierlich. 

V. Eisner: Ich denk's wie heut, ich bin damals 
zwischen dem Gary Auersperg und dem Poldi 
Kolowrat gestanden. Wir haben uns ja seit dem 
historischen Augenblick nicht gesehn. 

Nepalleck: Ja, wir haben unser Möglichstes 
getan. Das Allerhöchste Anerkennungsschreiben hat 
aber auch den gewissen Herrschaften die p. t. Münder 
gestopft: »Stets in Übereinstimmung mit meinen Inten- 
tionen.« Und vor allem, daß anerkannt worn is, wie sich 
Durchlaucht, das heißt also wir sich mit dem Begräbnis 
geplagt haben. Ich kanns auswendig: »In den jüngsten 
Tagen hat das Hinscheiden Meines geliebten Neffen, 
des Erzherzogs Franz Ferdinand, mit welchem Sie 
andauernd vertrauensvolle Beziehungen verbanden — « 

V. Eisner: Das waren zweiFliegen auf einen Schlag. 

Nepalleck: Sehr richtig. » — ganz außerordent- 
liche Anforderungen an Sie, lieber Fürst, herantreten 
lassen und Ihnen neuerlich Gelegenheit geboten — « 

v. Eisner: Gewiß, Seine Durchlaucht muß 
glücklich gewesen sein, daß ihm das Hinscheiden 
Gelegenheit geboten hat. Das kann man ihm nachfühlen. 

Nepal leck: So ist es. » — Ihre aufopfernde 
Hingebung an Meine Person und an Mein Haus in 
hohem Maße zu bewähren.« Also bitte! Und wärmsten 
Dank und volle Erkenntlichkeit für ausgezeichnete 
treue Dienste, was will man mehr, da dürften wohl 
manche Herrschaften zersprungen sein. 



i 



137 



V, Eisner: Das Aüerhöchste Anerkennungs- 
schreiben kann wohl nicht überraschend für Seine 
Durchlaucht gekommen sein? 

Nepalleck: Gar keine Spur, Durchlaucht hat 
gleich nach der Leich die Initiative ergriffen — 
das heißt, ich meine — 

V. Eisner: Ach ja, Sie wollen sagen, die Ereig- 
nisse haben sich überstürzt. Sehn Sie, lieber Hofrat, 
und jetzt haben wir gar den Weltkrieg. 

Nepalleck: Ja, eine gerechte, eine erhebende 
Sühne! Ja, ja. Wenn Durchlaucht nicht die hiitiative 
ergriffen hätte — 

V. Eisner: Wie? Zum V/eltkrieg? 

Nepalleck: Ah was red ich. Ich wollte sagen, 
Allerhöchstes Ruhebedürfnis ganz einfach. 

V. Eisner: Wie? Für'n Weltkrieg? 

N e p a 1 1 e c k : Nein — verzeihen S' — ich hab an was 
anderesgedacht. Ich wollte sagen, so hat das nichtweiter- 
gehn können, so nicht. Wissen Sie, seit der Annexion — 

V. E i s n e r : Ich hab's dem Ährenthal vorausgesagt. 
Ich denk's wie heut, das war doch in dem Jahr, wo 
die Alin' Palffy in die Welt gegangen is. Ich hab 
ihn noch bis am Ballplatz begleitet — 

Nepal lek: Wenns auch für den einzelnen 
eine schwere Last ist — 

V. Eisner: Ja, freilich, wer hat nicht zu klagen, 
ich habe Verluste — 

Nepal leck: Was? Auch Sie Baron? 

V. Eisner: Ja, ja, kaum daß man sich mit ein 
paar Lieferungen herausreißt. Ich bin eben grad auf 
dem Weg da hinüber — dann treff icli vielleicht noch 
den Tutu Trauttmansdorff — ja jetzt heißt es durch- 
halten, durchhalten — die Hauptsache ist und bleibt, 
daß sich unsre Leut gut schlagen, das Weitere findet 
sich — Kompliment, Handkuß an Seine Durchlaucht — 

Nepal leck: Danke, danke. Wer's bestellen, 
Kompliment, Wiedersehn — 

(Man hört den Oesang: Es broost ein Ruf — ) 
(Verwandlung.) 



138 



23. Szene 



Am janower Teich. Ganghofer tritt jodelnd auf. Er trägt 
Lodenjoppe, Smokinggilet, Kniehose, Rucksack und Bergstock, 
eisernes Kreuz erster Klasse; unter dem Hut mit Gamsbart ist 
ein blonder, ein wenig angegrauter Haarschopf sichtbar. Auf der 
etwas gebogenen Nase sitzt ein goldener Zwicker. 

Hollodriohdrioh, 

Jetzt bin ich an der Front, 

Hollodriohdrioh, 

Dös bin i schon gewohnt. 

Bin ein Naturbursch, wie 

Man selten einen findt, 

Leider schon zu alt 

Zum Soldatenkind. 

Z'wegn dem stell ich noch immer 
Allweil meinen Mann. 
Hab in Wean beim Szeps gedient, 
Sehn S' mich nur an. 
I hab ein Jagagmüat 
Holldrioh, dös is wie echt 
Und bekanntlich schreib ich 
Gar net schlecht. 

Als Schmock in Wean, da war 

Zu groß die Konkurrenz, 

Da bin ich schon verkracht 

Im Lebenslenz. 

Ins Lodengwandl bin 

Ich gschwind hineingeschlieft 

Und hab sogleich mich in 

Den Wald vertieft. 

Erst war ich Schmock im Blatt, 
Jetzt bin ich Schmock im Wald, 
Jetzt find ich glänzend meinen 
Unterhalt. 



i 



139 



In Bayern merken s' nicht, 
Wie sehr ich bin verschmockt, 
Da merken s' nur, daß ich 
Bin blondgelockt. 

Und in Berlin, da fliagen s' 
Auf meinen Dialekt. 
Den Erdgeruch der Preuß' 
Am liebsten schmeckt. 
Wo er an Lodenjanker 
Und an Gamsbart sieht, 
Wird dem Berliner wohlig 
Ums Jemiet. 

Durch Biederkeit hab ich 
Die höchsten Herrn entzückt 
Und Willem selber ist 
Von mir berückt. 
Daß ich ein alter Schmock, 
Das fallt jetzt ins Gewicht, 
Für die Freie Press' mach ich 
Den Frontbericht. 

Der Roda Roda kriecht 
Nicht überall hinein, 
Das höxte Interview 
Gehört schon mein. 
Als Jaga spricht mit mir 
Der Kaiser Wilhelm gern. 
Das ist doch schön von einem 
Solchen Herrn. 

Dann liest er mich als Schmock, 

Das macht ihm wieder Freud, 

Und so wart ich auf ihn 

Am Anstand heut. 

Hollodriohdrioh (man hört ganz fern ein Auto) 

Tatü — tata — tatü — 

Die ganze Welt spitzt auf 

Die Entrevü, 



140 



Ein Flügeladjutant (erscheint im Laufschritt): 
Ach da sind Sie ja Ganghofer. Majestät wird gleich 
hier sein, Sie hörn schon die Tute. Nehmen Sie nur 
recht 'ne burschikose Haltung an, Sie wissen, Majestät 
hat das gern, machen Se keene Faxen, bleiben Sie 
ganz unbefangen, wie Sie sind, wie wenn Se 'nem 
alten Jagdkameraden gegenüberständen. Sie wissen, 
Majestät hat in der Kunst nur drei Ideale: in der 
Malerei Knackfuß, in der Musik den Trompeter von 
Säckingen und etwa noch Puppchen du mein Augen- 
stern, in der Literatur Sie lieber Ganghofer, und 
etwa noch Lauff, Höcker und die Anny Wothe. Otto 
Ernst hat auch manches Gute. Also — kein Lampen- 
fieber Ganghofer, das haben Sie weiß Gott nich 
nötig — stramm, wie's dem Jäger und Naturburschen 
geziemt, Majestät wird Ihnen sicherlich unter herz- 
lichem Lachen die Hand entgegenstrecken. (Man hört 
das Signal: tatü-tata ~) Nu kommt Majestät. Der Photo- 
graph der Woche ist mit ihm. Es soll ja mit eine 
der packendsten Szenen v/erden, wie Kaiser und 
Dichter zusammengehn, denn beide wohnen auf der 
Menschheit Höhn. Ich denke da aber beileibe nicht 
an Ihre Berge lieber Ganghofer, sondern an die 
geistigen Höhen. Also Mut lieber Ganghofer — 
(man hört ganz nah das Signal: tatü-tata — ) immer feste 
druff ! 

(S. M. mit Gefolge. Im Hintergrund der Photograph der Woche. 

S. M. geht auf den Dichter zu und streckt ihm imter herzlichem 

Lachen die Hand entgegen.) 

Der Kaiser: Ja Ganghofer, sind Sie dem 
tiberall? Hören Sie mal Ganghofer, Sie sind gut! 

Ganghofer: Majestät, mei Gmtiat hat sich 
bemüat den Siegeslauf der deutschen Heere einzu- 
holen. Fix Laudon, dös is aber gach ganga! (Er hüpft.) 

Der Kaiser (lachend) : 's ist gut Ganghofer, 
's ist gut. Ha — haben Sie schon Mittagbrot gegessen? 

Ganghofer: Nein, Majestät, wer würde denn 
in so großer Zeit an so etwas denken? 



141 



Der Kaiser: Um Gottes willen, da müssen 
Sie doch gleich etwas essen ! (Der Kaiser winkt, es wird 
ein Topf mit Tee gebracht nebst zwei festen Schnitten Gebäck, 
Der Kaiser greift selbst mit der Hand in eine Blechdose, stopft 
Ganghofer die Taschen mit Zwieback voll und sagt dabei immer 
wieder:) Essen Sie Ganghofer, essen Sie doch! 
(Der Photograph knipst.) 

Der Kaiser: Waren Sie schon in Przemi'sel, 
Ganghofer? Essen Sie doch, um Gotteswillen, essen 
Sie doch 1 (Ganghofer ißt.) 

Ganghofer: Untertänigsten Dank, Majestät. 
Seil woll, in Pschemisl. 

Der Kaiser: Na, sind Sie befriedigt? Ich 
meine von Przemisel. Aber essen Sie doch, essen 
Sie doch Ganghofer! 

Ganghofer (essend): Seil woll. Fein war's in 
dem Pschemisl. 

Der Kaiser: Haben Sie Sven Hedin gesehen? 
Essen Sie doch Ganghofer — 

Ganghofer (essend): Seil woll, den hab i gsehn. 

Der Kaiser (dessen Auge glänzt) : Das freut mich, 
daß Sie diesen Mann kennen gelernt haben. Dieser 
Schwede ist ein Prachtmensch. Wenn Sie ihn wieder- 
sehen — aber so essen Sie doch Ganghofer — 
grüßen Sie ihn herzlichst von mir. 

(Ein russischer Flieger kommt von Osten her, er leuchtet in der 
goldenen Abendsonne wie ein goldener Käfer. Hinter ihm puffen 
Schrapnells empor. Der Kaiser steht ruhig, schaut hinauf und sagt:) 

Zu kurz! 

(Die weiteren Schüsse bleiben weit hinter dem Flieger zurück. 
Der Kaiser nickt sinnend.) 

Ja, Flügel haben, das heißt für die andern immer 
zu spät kommen. Essen Sie doch Ganghofer. 

(Es tritt eine Pause ein, während deren Ganghofer ißt. 
Plötzlich wendet sich der Kaiser zum Dichter und sagt ihm mit 
gedämpfter Stimme, streng und langsam, jedes Wort betonend:) 

Ganghofer — was — sagen Sie — zu — Italien? 



142 



(Erst nach einer Weile, während deren Ganghofer gegessen hat, 
vermag er zu antworten.) 

Ganghofer: Majestät, wie es kam, so ist es 
besser für Österreich und für uns. Der reine Tisch ist 
immer das beste Möbelstück in einem redlichen Haus. 
(Der Kaiser nickt. Ein Aufatmen strafft die Gestalt.) 

Der Flügeladjutant (leise zu Ganghofer): Dialekt! 
Dialekt! 

Der Kaiser: Nu Ganghofer haben Se 'n 
schönes Feijetong fertig? Lassen Se hören — ha. 

Ganghofer: Zu dienen, Majestät, aber leider 
ist es teilweise hochdeutsch — 

Der Flügeladjutant (leise): Dialekt! 

Der Kaiser: Na wenn schon, ha lesen Se 
unbesorgt vor. 

Ganghofer: Der Anfang, Majestät, ist in 
schwäbischer Mundart. 

Der Kaiser: Na, umso besser, köstlich, lesen Se. 

Ganghofer (zieht einManuskript ausderTasche und liest): 
»Auf halbem Wege erfahren wir, daß der erste feind- 
liche Graben vor dem Rozaner Festungsgürtel schon 
genommen ist. Da hat's einen feinen Schwaben- 
streich gegeben. Ein Stuttgarter, der uns auf der 
Straße entgegenkommt, mit dem linken Arm in der 
weißen Binde, sagt lachend zu mir: »Den erschte 
Grawe hawe mer. 's isch e bissele hart gange. 
D' Russe hawe saumäßig mit Granate herg'schosse. 
Aber mei, dees macht net viel aus. Weil mer nur 
de Grawe hawe! Dees isch d' Hauptsach'!« 

Der Kaiser: Famos, Ganghofer. 

Ganghofer (weiterlesend): »Ich nütze die erste 
Frühe, um ein gut ausgewachsenes Cousinchen 
unserer fleißigen Berta zu besuchen. (Der Kaiser lacht.) 
Ein noch junges Mädchen! Und doch schon von 
erstaunlicher Kraftfülle! Ihr Mündchen liegt etwa vier 
Meter oberhalb meines Haardaches. (Der Kaiser lacht 
aus vollem Halse.) Und eine Stimme hat sie, daß man 



143 



sich Watte in die Ohren stopfen muß, wenn man 
unzerrissene Trommelfelle behalten will. Beginnt sie 
ihr donnerndes Lied zu singen — ein Lied vom 
deutschen Erfindergeist und deutsche»- Kraft — , so 
fährt ihr ein Feuerstrahl von Mastbaumlänge aus 
der Kehle, und wer hinter dem musizierenden 
Cousinchen steht (Der Kaiser lacht dröhnend) sieht eine 
schwarze, kleiner und kleiner werdende Scheibe steil 
durch die Luft emporfliegen bis zu einer Höhe, die man 
mit einem vollen Hundert übereinandergeschichteter 
Kirchtürme noch nicht erreichen würde. Und viele 
Sekunden später ist in der russischen Festung Rozan 
eine rauch- und feuerspeiende Hölle los. Ein leistungs- 
fähiges deutsches Kind, diese eiserne Jungfrau! (Der 
Kaiser schlägt lachend mit der linken Hand auf seinen Schenkel.) 
Ich verlasse sie mit dem Gefühl verstärkter Zuversicht 
und höchster Befriedigung, nehme nach vierhundert 
Schritten die Wattepfropfen aus den Ohren und finde 
nun, daß die Stimme des trefflichen Mädchens überaus 
lieblich klingt. (Der Kaiser lacht wie ein Wolf.) Ich gebe 
zu, daß dieses Urteil einen stark subjektiven Charakter 
hat. Man darf vermuten, daß ich als Kommandant 
der Festung Rozan zu einer wesentlich anderen 
Meinung gelangen würde.« 

Der Kaiser (der zuletzt mit leuchtendem Auge 
und strahlendem Gesicht zugehört hat, schlägt nun mit der linken 
Hand unaufhörlich auf seinen Schenkel und ruft): Ach, 's ist 
ja zum Schießen! Bravo, Ganghofer, das haben Se 
gut getroffen. Lauff hat die dicke Berta besungen und 
Sie hofieren das Cousinchen, ik lach mich dot, ik 
lach mich dot! Aber essen Sie doch Ganghofer, 
Sie essen ja nicht — 

(Ganghofer ißt. Der Kaiser, mit raschem Entschluß auf ihn 
zutretend, sagt ihm etwas ins Ohr. Ganghofer fährt zusammen, 
ein Stück Zwieback fällt ihm aus dem Mund, sein Gesicht ist 
wie von einer frohen Begeisterung überglänzt und drückt 
Zuversicht aus. Er legt den Finger an den Mund, als ob er 
Schweigen zusichern wollte. Der Kaiser gleichfalls.) 



144 



Ganghofer: Ein neues Stahlband des 
Zusammenhaltens! 

Der Kaiser: Erst am Tage der Erfüllung 
bekannt geben! 

Ganghcfer: Und dieser Tag wird kommen! 

Der Kaiser: Essen Sie Ganghofer! 
(Ganghofer ißt. Eine Ordonnanz bringt eine Nachricht für ihn.) 

Ganghofer: Von Mackensen! (Er liest in 
freudiger Erregung.) »Fahren Sie SO früh als möglich 
los. Die russischen Stellungen bei Tarnoo wurden 
von uns genommen — 

Der Flügeladjutant (leise): Dialekt! 

Ganghofer: — Morgen fällt Lemberg. « Juchhe ! 
(Er beginnt zu Schnadahüpfeln. Dann, sich sammelnd, ernst, 
mit einem Blick gen Himmel.) iMajestät! 

Der Kaiser: Nu was haben Se denn Gang- 
hofer, tanzen Se doch noch 'n bisken. 

Ganghofer: Soll ich es denn länger 
verschweigen? 

Der Kaiser: Nu was is denn los? 

Ganghofer: Was Majestät mir soeben 
anvertraut haben — mei Gmüat kann es nicht 
länger zruckhalten — daß Majestät (herausplatzend) 
drei Waggon Bayrisches für unsere braven öster- 
reichischen Truppen bestimmt haben! 

Der Kaiser: Na rufen Sie's meinswegen in die 
Welt hinaus ! Sie sollen wissen, daß sie was Gutes aus 
Ihrem schönen Bayernland zu trinken bekommen ! Aber 
Sie selbst — essen Sie Ganghofer, essen Sie doch! 

Ganghofer (ißt und schnadahüpfelt zugleich, der 
Kaiser schlägt den Flügeladjutanten auf den Hintern, der 
Photograph Imipst. Das Gefolge ordnet sich zum Aufbruch. 
Indem der Kaiser das Auto besteigt und noch einmal Ganghofem 

zuwinkt, ertönt das Signal: tatü-tata . Während man dieses 

noch aus der Ferne hört, schnadahüpfelt Ganghofer weiter. 
Dann bleibt er stehen und sagt, mit völlig verändertem Ton): 
Das kommt als Leitartikel! 

(Verwandlung.) 



145 



24. Szene 



Zimmer des Generalstabschefs. 

(Conrad v. liötzendorf allein. Haltung: die Arme gekreuzt, 

StandfuH und Spielfuß, sinnend.) 

Conrad (mit einem Blick gen Himmel): Wann nur 
jetzt der Skolik da war! 

Ein Major (kommt): Exlenz melde gehorsamst, 
der Skolik is da. 

Conrad: Was denn für ein Skolik? 

M a j r : Na der Hofphotograph Skolik aus Wien, 
der was seinerzeit, während des Balkankrieges, die 
schöne Aufnahme gemacht hat, wie Exlenz in das 
Studium der Balkankarte vertieft sind. 

Conrad: Ach ja, ich erinnere mich dunkel. 

Major: Nein, ganz hell. Exlenz, volle 
Beleuchtung. 

Conrad: Ja, ja, ich erinnere mich, das war 
glorios. 

Major: Er beruft sich darauf, daß ihn Exlenz 
wieder bestellt haben. 

Conrad: No bestellt kann man grad nicht 
sagen, aber eine Anregung hab ich ihm zukommen 
lassen, weil der Mann wirklich hübsche Aufnahmen 
macht. Er schreibt, er weiß sich vor die illustrierten 
Blätter nicht zu helfen, die Aufnahme damals hat 
seltenen Sükses ghabt, kurzum — 

Major: Er hat auch die Bitte, ob er jetzt 
in Einem die Herrn Generäle aufnehmen könnt. 

Conrad: War mir nicht lieb! Die solln sich 
nur ihre eigenen Photographen kommen lassen. 

Major: Er sagt, die ham kan Kopf, da macht 
er eh nur a Brustbild. 

Conrad: Ah, das is was andres. Also herein 
mit dem Skolik! Warten Sie — sollen wir wieder 
beim Studium der Balkankarte — das war ja 
außerordentlich — aber ich denk, zur Abwechslung 
vielleicht die italienische — 

Die letzten Tage der Menschheit. 10 



146 



Major: Das paßt jetzt entschieden besser. 



(Conrad v. Hötzendorf breitet die Karte aus und versucht 
verschiedene Stellungen. Er ist, wie der Photograph mit dem 
Major eintritt, bereits in das Studium der Karte vom italienischen 
Kriegsschauplatz vertieft. Der Photograph verbeugt sich tief. 
Der Major stellt sich neben den Tisch. Er und Conrad blicken 
starr auf die Karte.) 

Conrad: Was gibt's denn schon wieder? 
Kann man denn keinen Augenblick — ich bin doch 
gerade — 

(Der Major zwinkert dem Photographen zu.) 

Skolik: Nur eine kleine Spezialaufnahme, 
Exzellenz, wenn ich bitten dürfte. 

Conrad: Ich arbeite gerade für die Weltge- 
schichte und da — 

Skolik: Ich soll nämlich für das Interessante 
Blatt und da — 

Conrad: Aha, zur Erinnerung an die Epoche — 

Skolik: Ja, auch für die Woche. 

Conrad: Aber da kommt man am End 
zwischen unsere Generäle, das kenn ich schon, da 
möcht ich lieber — 

Skolik: Nein, Exzellenz, darüber können 
Exzellenz vollkommen beruhigt sein. Bei dem un- 
sterblichen Namen, den Exzellenz haben, versteht 
sich das von selbst, daß Exzellenz ganz separat 
erscheinen. Die andern, die kommen alle zsamm, 
so unter der Rubrik »Unsere glorreichen Heerführer« 
oder so, einzelweis kommeten s' höchstens für 
Ansichtskarten. 

Conrad: So? Wen ham S' denn da. vergessen 
S' mr den Höfer nicht, das is ein gar ein tüchtiger 
Mann, der kriegt 20.000 Kronen Feldzulage dafür, 
daß er täglich seinen Namen lesen muß, wenn er 
am Ring die Extraausgab kauft. 

Skolik: Is scho vorgemerkt. Exzellenz, selbst- 
verständlich, in erster Linie. 



147 



Conrad: Was, erste Linie, hammer an Gspaß 
ghabt! No wo tun S' mich dann selber hinmanipuliern? 
Nur nicht auffallend, nur nicht auffallend mein Lieber 
wissen S', nicht mit die andern, diskret! immer diskretl 

Skolik: Der Raum ist bereits eigens reser- 
viert. Es wird das Titelbild sein, von der Woche 
nämlich. Eine sehr eine intressante Nummer, aus Wien 
hab ich noch die Probiermamselln von der Wiener Werk- 
stätten und den Treumann zu liefern, es kommt aber 
auch noch, wie ich sicher weiß, Seine Majestät der 
deutsche Kaiser auf der Sauhatz, eine bisher unbe- 
kannte Aufnahme und gleich daneben sehr sensationell, 
Allerhöchstderselbe im Gespräch mit dem Dichter 
Gangliofer. Also ich glaube Exzellenz — 

Conrad: No ja, nicht übel, nicht übel — aber, 
lieber Freund, im Augenblick bin ich leider — 
können S' nicht bißl später kommen, ich bin nämlich — 
ich sag's Ihnen im Vertrauen, Sie dtirfen's nicht 
weiter sagen, ich bin nämlich grad beim Studium 
der Karte vom Balkan — ah was sag ich, von 
Italien — 

(Der .Major zwinkert dem Photographen, der zurücktreten will, zu.) 

Skolik: Das trifft sich gut — das ist ein 
Augenblick der höchsten Geistesgegenwart, den 
muß man beim Zipfel erwischen. Ich siech schon die 
Aufschrift: Generaloberst Conrad v. Hötzendorf 
studiert mit seinem Flügeladjutanten Major Rudolf 
Kundmann die Karte des Balkan-, ah was sag ich, 
des italienischen Kriegsschauplatzes. Derf's so 
heißen, Exzellenz? 

Conrad: Na also meinetwegen — weil's der 
Kundmann will, der kann's ja gar net erwarten — 

(Er starrt unablässig auf die Karte, der Major, der sich nicht 
vom Fleck gemhrt hat, gleichfalls. Beide richten ihren Schnurrbart.) 

Wird's lang dauern? 

Skolik: Nur einen historischen Moment, 
wenn ich bitten darf — 



10* 



Conrad: Soll ich also das Studium der Karte 
vom — also von Italien — fortsetzen? 

Skolik: Ungeniert, Exzellenz, setzen nur das 
Studium der Karten fort — so — ganz leger — 
ganz ungezwungen — so — nein, das war bißl 
unnatürlich, da könnt man am End glauben, es is 
gstellt — der Herr Major wenn ich bitten darf, 
etwas weiter zrück — der Kopf — gut is — 
nein, Exzellenz, mehr ungeniert — und kühn, 
bitte mehr kühn! — Feldherrnblick, wenn ich bitten 
darf! — es soll ja doch — so — es soll ja doch 
eine bleibende histri — historische Erinnerung an 
die große Zeit — so is's gut! — nur noch — bisserl 

— soo — machen Exzellenz ein feindliches Gesicht! 

— bitte — jetzt — ich danke! 

(Verwandlung.) 

25. Szene 

Korso. 

Ein Spekulant: Wissen Sie, wer vollständig 
verschwunden is? 

Ein Realitätenbesitzer: Ich weiß, der 
Fackelkraus. 

Der Spekulant: Wie Sie das erraten — oft 
denk ich, kein rotes Büchl, kein Vortrag — ihn selbst 
hat man auch schon eine Ewigkeit nicht zu Gesicht 
bekommen. 

Der Realitätenbesitzer: Lassen Sie mich aus 
mit Kraus, ein Mensch, der bekanntlich keine Ideale 
hat. Ich kenn doch seinen Schwager. m 

Der Spekulant: Ich kenn ihn persönlich. 

Der Realitätenbesitzer: Sie kennen ihn 
persönlich? 

Der Spekulant: Ob ich ihn kenn, Tag für 
Tag is er an mir vorbei. 



149 



Der Realitätenbesitzer: Auf den Umgang 
müssen Sie nicht stolz sein. Alles in den Kot zerren — 
alles niederreißen — nix aufbauen — Weltverbesserer, 
tut sich was! Bittsie ich weiß doch, wie das is. Wie ich 
jünger war, hab ich auch alles kritisiert, nix war 
mir recht. Bis ich mir hab die Hörner abgestoßen. 
Er wird sich auch die Hörner abstoßen. 

Der Spekulant: Er is doch schon sehr 
gedeltet. 

Der Realitätenbesitzer: No sehn Sie? 
Ich hab mir sagen lassen, er wird sich bald zur 
Ruh setzen. 

Der Spekulant: Warum nicht, er hat gewiß 
schon hübsch verdient. 

Der Realitätenbesitzer: Verdient — ! So klein 
is der geworn! Ich sag Ihnen, er is fertig. Ver- 
lassen Sie sich auf mich. Da zeigt sichs. Harden 
hat nicht aufgehört im Krieg. Der hat eben die 
greßeren Themas — (bleibt stehen.) Fesch sind diese 
deutschen Offiziere, fescher wie unsere. 

Der Spekulant: Natürlich, jetzt, wo ja zu 
schreiben war, schreibt er nicht! 

Der Realitätenbesitzer: No kann er denn? 

DerSpekulant: Wegen der Zensur? Erlauben 
Sie mir, da könnte docn eine geschickte Feder, und 
die muß man ihm lassen — 

Der Realitätenbesitzer: Nicht wegen der 
Zensur — er kann von selbst nicht. Er hat 
sich ausgeschrieben. Verlassen Sie sich auf mich. 
Und dann — er fühlt jedenfalls, daß jetzt andere 
Sorgen sind. Das war ja ganz amüsant im Frieden — 
jetzt is man zu solche Hecheleien nicht aufgelegt. 
Passen Sie auf, er wirds bald billiger geben. Wissen 
Sie, was ich ihm gönnen möcht — nehmen 
soUn sie ihn! An der Front! Da soll er zeigen! 
Was er trefft, is nörgeln. (Der Nörgler geht vorbei. Die 
beiden grißen.) 



150 



Der Spekulant: So was von einem Zufall! 
Also Sie kennen ihn auch persönlich? Wieso? 

Der Realitätenbesitzer: Flüchtig, von einer 
Vorlesung, ich bin froh wenn ich ihn nicht seh. 
Mit so einem Menschen verkehrt man nicht. 
(Fanto geht vorbei. Die beiden grüßen.) 

Beide (gleichzeitig, geheimnisvoll): Fanto. 

Der Realitätenbesitzer (versunken): Großer 
Mann! 

Der Spekulant: Warum er nicht Vorlesungen 
hält? Das trägt doch. 

Der Realitätenbesitzer (wie erwachend): 
Wer? — Ja so — natürlich — Marcell Salzer reist 
sogar in Belgien herum, heut erst hab ich gelesen, 
er begibt sich von dort zur Armee nach Frankreich 
und sodann in das Hauptquartier und zu den Truppen 
Hindenburgs. 

Der Spekulant: Hindenburg hat ihm doch 
sogar geschrieben. Der wird erzählen können. Haben 
Sie heut von die Brandgranaten gelesen, selbst- 
entzündlich an der Luft, was sie seit zehn Monaten in 
Reims hereinwerfen? Die lassen nicht locker! Die 
arbeiten! Sehn Sie, ich kann mir ganz gut denken, 
daß sie dann am Abend Salzer hören wollen. 

Der Realitätenbesitzer: Schad um dieses 
■Reims — die Kathedrale nebbich! 

Der Spekulant: Sie, damit kommen Sie mir 
nicht, das hab ich gern ! Entschuldigen Sie, wenn es sich 
nachgewiesenermaßen um einen militärischen Stütz- 
punkt handelt, so ist das pure Heuchelei von den 
Franzosen. Sich hinter einer Kathedrale verschanzen, 
das hab ach gern, lassen Sie mich aus mit dem Gesindel. 

Der Realitätenbesitzer: No no fressen 
Sie mich nicht bittsie. Hab ich was gesagt? Das 
geben Sie gut, als ob ich nicht genau ebenso 
wüßte, wo die Barbaren sind. Deswegen kann einem 
doch leid tun um die Kathedrale? Als Realitäten- 
besitzer — 



151 



Der Spekulant: No ja das is etwas anderes, 
ich kann nur nicht leiden, wenn man im Krieg 
sentimental is und besonders dort, wo es sich um 
eine effektive List handelt! Krieg is eben Krieg. 

Der Reaiitätenbesitzer: Da ham Sie aber 
j a recht! 

Der Spekulant: Was heißt das? Kann man 
sich einem Escheck aussetzen? Der Hieb ist die 
beste Parade! Sehn Sie sich an da — da kriegt man 
Respekt. 

Der Realitätenbesitzer: Warten Sie, ich 
wer rufen — Hoch unsere braven Feldgrauen! 

(Ein deutscher und ein österreichischer Soldat, Schulter an Schulter, 
treten auf.) 

Wachtmeister Wagenknecht: Da sind wir 
denn alle angetreten und unser Oberbombenwerfer 
sagte: Jungens, wenn ihr jetzt mal Lust habt, immer 
feste druff. 

Feldwebel Sedlatschek (sich ganz nah an ihn 
haltend und erschreckt zu ihm emporblickend): Geh — I 

Wagenknecht: Erlaube mal, du lehnst ja an 
meiner Schulter. 

Sedlatschek: Ah paton — (tritt zurück.) 

W a g e n k n e c h t : Na so gehts wieder. Also denk 
mal an, der Oberbombenweifer überließ es uns — 

Sedlatschek: Da schau her, das is eine 
unserer größten Niederlagen — (zeigt auf ein Schaufenster) 

Wagenknecht: Wie? — ach so — ich glaubte — 
also hör mal — (er steht jetzt ganz dicht an Sedlatschek, 
der zurücktaumelt.) 

Sedlatschek: Au weh, du druckst ja auf 
meine Schulter! 

Wagenknecht: Pardonk. Also hör mal, der 
Oberbombenwerfer — 

Sedlatschek: Tschuldige, daß ich unterbreche. 
Mir ist das nämlich unklar. 

Wagenknecht: Nanu? 



U2 



Sedlatschek: Nämlich, tschuldige — der 
Oberbombenwerfer, sagst du, hat's g'schafft. Aber ihr 
seids doch alle Bombenoberwerfer, wer hat's also 
g'schafft? 

Wagenknecht: Ich verstehe deinen Zweifel 
nicht, ich sagte doch, paß mal besser auf — der 
Ober bombenwerfer. 

Sedlatschek: Noja, aber tschuldige — wirfst 
du denn nicht auch Bomben ober? Also bist du 
doch auch ein Oberbombenwerfer. 

Wagenknecht: Wieso denn, na hör mal — 

Sedlatschek: Alstern — der Oberbomben- 
werfer, das is doch einer — der was die Bomben — 
oberwirft, oder nicht? 

Wagenknecht: Oberwirit? Was is denn das? 

Sedlatschek (macht die Pantomime des Werfencn: 
No — verstehst net — ober — von do — schau 
ker — ober — auf die Leut. 

Wagenknecht: Ach so, jetzt versteh ich — 
ne« Junge, det is aber zu witzich — ik lach mich 
dot — 's ist ja zum Schießen komisch — nee, so 
hatt' ich's nich jemeint. Dafür haben wir doch den 
Ausdruck: herab! 

Sedlatschek (ihn verständnislos anblickend): Was — 
alstern — der Herabbombenwerfer? 

Wagenknecht: Ach nee — det jibts nich. 
Menschenskind, paß mal auf. Ik meine, der Bomben- 
werfer wirft die Bombe herab. Aber der Ober- 
bombenwerfer — 

Sedlatschek (ihn anstarrend) : Aber der Ober — 
was? 

Wagenknecht: Nu, det ist doch der Scheff 
von die Bombenwerfer, darum heißt er doch Ober- 
bombenwerfer — wie soll ich dir das nur klar machen, 
zum Beispiel, ach ja, jewiß doch, ihr habt doch auch 
die Bezeichnung Oberkellner oder Oberleutnant — 



153 



Sedlatschek: Hörst, jetzt versteh i di. Alstern 
wie der Oberleutnant der Vorgesetzte von die Gast — 
— oder nein — wie der Oberkellner der Vorgesetzte 
von der Mannschaft — nein — 

Wagenknecht: Ach siehste, in dem Fall 
sagen wir einfach: der Ober — Sie Herr Ober, 
kommen Sie mal ran. 

Sedlatschek: (dreht sich um, salutiert erschrocken) : 
Du, hast den Oberleutnant grufen? 

Wageiiknecht: Aber Menschenskind, da 
könnte ich doch nich Ober sagen. Siehste, beim 
Kellner läßt man eben die Berufsbezeichnung wech 
und sagt einfach Ober, aber über — 

Sedlatschek: Ober aber über? 

Wagenknecht: Ach nee, ich wollte nur 
sagen, über die andern Vorgesetzten darf man sich 
nich so ankternu ausdrücken, man sagt zum Ober- 
leutnant nicht: Sie Herr Ober — das wäre doch 
'ne Beleidigung. Na und ähnlich ist es mit dem 
Oberbombenwerter. 

Sedlatschek: Ich versteh — man muß also 
sagen: Herr Oberbombenwerfer, derf ich jetzt eine 
Bomben — oberwerfen? 

Wagenknechl: Na meinswegen, wenn's dir 
Spaß macht — ihr Östreicher seid doch zu ulkje 
Kunden. Na, gestatte 'n Augenblickchen, ich will 
da nur austreten. (Er geht zu einem Anst?ndsort. Da er 
eben eintreten will, tritt Hans Müller heraus, geht auf den 
deutschen Wachtmeister zu und küßt ihn.) 

Wagenknecht: Ja haste Worte, ja hörn Se 
mal, das ist ja recht liebenswürdich, ihr Wiener seid 
überhaupt 'n niedliches Völkchen, aber — 

Hans Müller: Heißa, jeden Tag fällt mir 
das Wort Bismarcks ein: Unsre Leute sind zum 
Küssen, und so tu ichs denn. Potz Wetter! Ich kann 
nicht anders, wenn ich solch eines braven Jungen 
ansichtig werde. Ich schritt fürbaß, sinnend, wie jetzt 



154 



manch wackern Sohnes das treue Mutterherz gedenken 
mag, da kämet ihr des Weges, ein Bürge des hehrsten 
Treubunds, der je zwei Völker zusammengeschmiedet, 
und wenn's euch nit verdrießt, Vetter, will ich gern 
einen Tropfen mit euch schmecken. Seht, hie, unfern, 
in dieser Schenke, die der Fremdsinn Bristol nennet, 
ist ein guter Tisch gedeckt, da winkt wohl auch ein 
leckeres Mahl und in munteren Gesprächen, doch 
stets der Weihestunde gedenk, soll uns die Zeit 
nimmer zu lange werden. Hei, ich hab einen guten 
Stecken und kann euch rüstig ausschreiten wie einer. 
Kommt, laßt uns der Geselligkeit pflegen, wollet ihr? 
Hab nit übel Lust, Kamerad, eins zu trinken, wie 
wärs, wollten wir selbander den roten Römer an 
die Sonne heben? Oder mögt einem Schoppen Gersten- 
saft zusprechen, ein gar bekömmlich Gebräu aus 
dem Böhmerland! Wird keinen blanken Taler kosten! 
Soll euch ein feines Kraut schmecken, das mir ein 
Ohm, ein rechter Knasterbart, übers große Wasser 
gesandt. Hei, wir paffen selbander und wenn die 
losen Kringeln steigen, dann mag wohl auch manch 
treugemuter Wunsch hinüberflattern zu den Braven, 
so itzt um unsers Herdes willen manch ungutem 
Feind die Stirn bieten und die uns fern sind, seit 
wir Händel gekriegt haben mit dem Welschen. Und 
ihr — wäret ihr denn auch im Spittel? Seid bresthaft? 
Seid wohl gar blessiert? Wohlan! Sollt euch nach 
Herzenslust letzen. Doch lasset uns auch der Erbauung 
pflegen und die geruhige, vom leichten Ohngefähr 
uns geschenkte Stunde sei durch die Nachdenklichkeit 
gewürzt, wie sie traun dem Inhalt dieser erschröck- 
lichen Historie, wohl aber auch den lenzlichen Tagen 
sonnigster Glückserwartung geziemen mag. Ei, ihr 
zögert? Wollet nicht? Seid gar mieselsüchtig? Possen! 
Hängt den Griesgram an die Wand, stellt ihn in die 
finsterste Ecke, wo alter Hausrat, zum Feste unnütz, 
sich versammelt hat! Topp, schlaget ein, ergreift 
die Bruderhand und lasset alle guten Geister eurer 



155 



Lebenslust Kirchweih feiern! Wie? Schmollet ihr 
mit dem blai'.en Himmel? Pah, Grillen! Ein Brumm- 
bär, wer heut abseit weilen wollte, ein Gauch, wer 
Mißtrauen hegte gegen Freundeswort, ein Schalk, 
wer hinginge und den Kameraden in der Leute 
Mund brächte! Hol Dieser und Jener alle Ohren- 
bläser! Männiglich weiß, daß nun nicht Zeit 
ist, ein Sauertopi zu sein. Ihr seid kein Töriger. 
Seid ihr gleich kein Doktor, wir kämen doch selb- 
ander eine gute Strecke weit. Hei, werft nur getrost 
den Bengel hoch! (Ein Fiaker hält vor dem Hotel Bristol. 
Alan hört eine Stimme: Im Kriag kriag i's Doppelte!) Ei, 
ihr verwundert euch drob? Nehmt's nit für krumm, 
des Landes Brauch ist's, der Wagenknecht ist ein 
Rauhbein und ein Erzschelm obendrein — 

Wagenknecht: Nanu? 

Hans Müller: — nehmts nit für ungut, er 
eifert ob des Entgelts, denn er tuts nicht um Gottes 
Lohn, solch fahrender Gesell kann beileibe nit genung 
fodern, und aus keinem anderen Titul als dem der 
Selbstsucht. Ei ein Handel, den's alle Tage gibt, 
kein grimmer Zwist behüte — er vermeint, der 
andere v/erde eh schon wissen, was die Schuldigkeit 
sei, der Fremdling versetzt, er wisse es nicht, wollt's 
aber gern erfahren, jener mög's dreist künden, der 
beteuert, er fodere nit mehr als rechtens und was 
halt die Satzung sei, der Fremdling, ohn Arg, fragt, 
was sie denn sei, jener, fürwitzig, rät, ihm zu Zinsen, 
was er halt den andern zu Zinsen pflag, und schilt 
weidlich auf die schlechten Zeiten, denn fürwahr der 
Haber juckt ihn mehr als seinen Gaul, sie feilschen 
munter ein Weil fort, doch jener zagt nicht und 
meint, daß sie keinen Schultheiß nit brauchen 
werden. Und siehe da, sie bringen die rauhe Sach 
friedlich zu Rande, der beut ein Zwiefaches, der, 
annoch kratzbürstig, verlangt den Zehnten obendrein, 
der zahlt, der gibt dem flinken Renner die Sporen 
und nennt jenen einen notigen Beutel. Wohlan! 



156 



Ein jeglicher mag die Gelegenheit nutzen, wo die 
gute Stund ihm gnädig ist, und Frau Klugheit 
führt allerwegen am sichersten. Wir sind nur die 
Hansnarren unsers Glücks, und ein Tor, wer nicht 
weiß, was gescheuter Leute Art ist. So auch ihr. 
Habt ihr nur Witz für einen Fastnachtsgroschen und 
seit nit auf den Mund gefallen, so wird sich Schritt 
vor Schritt mählich alles zu euerm Frommen wenden. 
(Eine Prostituierte geht vorbei und sagt: »Komm mit schwarzer 
Dokter, vpir wollen sich gut amesieren.«) Mit nichten, 
hab itzt nit Muße. (Zu Wagenknecht) Ei, ihr verwundert 
euch drob? Sc seht selbst zum Rechten und lasset 
euch das Fräulen zu willen sein, 's ist 'ne Hübschlerin, 
die euch ergetzen wird, denn ihr freies Gewerb ist's, 
der Wollust obzuliegen. Der Teufel hole alle Grillen- 
fänger und mögt ihr immerhin nach eurem Ermessen 
handeln, doch schiene mir solcher Umgang der 
ernsten Zeitläufte nicht würdig. Fasset Mut zu euch 
selbst, und seid ihr auch nicht in höfischer Rede 
gewandt, nicht in den Künsten und Wissenschaften 
der Gerechtsame studieret, der gelahrten Schriften 
unkundig, ei, Handwerk hat einen goldenen Boden, 
und vor mir müsset ihr nicht zaghaft die Zunge hüten. 
Liegt euch Tand im Sinn, den ihr eurer Liebsten 
mitzubringen verspracht, einem artigen Bäslein oder 
sonst einem schmucken Ding, das ihr just nit 
heuern mögtet — sprecht frei von der Leber. 
Sollt ihn haben, und wär's ein gülden Ringlein an 
den Finger, wird wohl den Hals nit kosten. 
Bange machen gilt nicht. Ich weiß euch einen 
Krämer, der um Gotteslohn schon manch wackern 
Krieger aus deutschen Gauen mit köstlicher Gabe 
von dannen ziehen ließ. Lasset euch darob kein 
Sorg nit anfechten. Gold ist traun ein höllisch 
Ding, das wohl verwahrt sein will, und Gevatter 
Traugott Feitel genüber wird euch t)aß zu Gefallen 
sein. (Mendel Singer geht vorbei. Müller grüßt.) Ei, ihr 
erkanntet ihn nicht? Potz, Meister Mendel wars, ein 



157 



Singer lobesam und des Kaisers lustiger Rat! Nun aber 
wollt' ich schier meinen, daß ihr mit mir stracks zur 
Schenke müßt. Ist euch ein fürtrefflicher Wirt und 
Lcutgeb, wird euch Speis und Trunk bereiten, die euch 
wohl munden sollen. Kommt, Freund Zaghaft, lasst 
alle bösen Zweifel fahren und schlagt dem Teufel 
Trübsinn ein Schnippchen. Ist euch voller Listen 
und Nachstellungen und hängt euch wohl gar noch 
ein Zipperlein an. Steckt in allerlei Mumme 
und zwackt euch, wo ihr's euch nimrner verseht. 
Nun, Meister Ratlos, was steht ihr so blöde? Seh' 
ich aus wie einer, der Nucken im. Kopfe hat? Oder 
wähnet ihr gar, mein Beutel sei leer? Hab' manchen 
Batzen bei Schaubühnen verdient und mit Kriegs- 
sängen mich tapfer durchgeschlagen! Bin kein 
Spielverderber, mein's euch gut und war auf eure 
Kurzweil bedacht, nicht, daß ihr bei hellem Tage 
Grillen fangen mögtet. Verschmähet ihr, weil ihr ein 
Reisiger seid, den Umgang eines armen Jungen, 
der daheim geblieben? Bin drum kein Drückeberger nit. 
Weiß euch manch tapferes Liedlein, das euch den 
Mut zu neuer Mannestat stählen soll. (Sieghart geht vorbei. 
Müller grüßt. . Ei, ihr erkanntet ihn nicht? Potz Seh werenot, 
Meister Sieghart wars, der Besten Einer, der von den 
Gewaffen Tantiemen bezieht — euch gesagt! Wohlan l 
Ein Schelm, wer mehr gibt als er hat, doch artiger 
Schnurren hab ich wohl ein Schock im Ränzel. Hum. 
Denkt ihr, daß ich auf Ränke sinne? Oder ich war ein 
Schubbejack, der euch einen Schabernack spielen will, 
oder sonst ein müßiger Fant, der nur redt und schwatzt, 
um euch hinterdrein zu trügen? Ei der Daus! Seid 
nicht hanebüchen! Nicht doch! War mein Lebzeit kein 
Tuckmäuser und Leisetreter. Bin sonder Harm und 
obschon just kein Milchbart und Habenichts, so 
doch einer, der das Herz am rechten Fleck hat, sich 
der Sonne freut und im Übrigen unsern Herrgott 
einen guten Mann sein läßt. Denn ich bin wacker, 
in alle Sättel gerecht und ein quicker Jung. (Ein Mann 



158 



bückt sich, um einen Zigarrenstummel aufzulieben.) Gott grüß 
euch Alter, schmeckt das Pfeifchen? (Fortfahrend) 
Auch üb ich immer Treu und Redlichkeit bis zum 
letzten Hauch von Mann und Roß. Ihr widersprecht 
vergebens. Laßt mich nur erst zu Worte kommen, 
dann sing ich euch eine eigne Weis, daß ihr schier 
vermeintet, ich spielt euch eins zur Fiedel auf. 
Seht, schon sinkt die Sonne über das Gelände, 
grüßt mit ihren letzten Strahlen die müden Schnitter, 
die hier ihres Weges ziehn, manch einer auch von 
fröhlichem Gejaide weidwund heimkehrend, ein 
jeglicher den Blick nach dem stillen Ziele gewandt, 
wo Haus und Herd, die treuliebende Gesponsin und 
die frohe Kinderschar seiner warten. Gar manche 
näht sich daheim die Finger wund, denkt frumb an 
Kriegers Ungemach in rauher Winterszeit und, der 
Pflicht ledig, den eigenen Tisch wohl zu bestellen, 
sorgt sie liebend für die weitere Sippe der Volks- 
genossen. Frauen und Mädchen an Vindobonas altem 
Nibelungenstrom, Gott grüße euch! 

Wagenknecht (wie aus einer Betäubung erwachend, 
zu Sedlatschek) : Du, hör mal, Sedlätschek — 

Sedlatsch ek (kommt herbei): Ja hörst, SO lang 
brauchst — 

Wagen kn echt: Ach nee, ich wollte da aus- 
treten, kommt dir so'n Judenjunge und quatscht 
mir was vor — 

Hans Müller (plötzlich verändert): Also das is 
vielleicht ein Verbrechen, daß ich Sie aus Sympathie 
für die Waffenbrüderschaft hab ins Bristol einladen 
wollen? Wer sind Sie? Glauben Sie, mir imponieren 
Sie? Spielt sich da auf! Worauf herauf? Ich wer' 
Ihnen nicht salutieren, das wem Sie nicht erleben, 
von mir nicht! Ich wollte mit Ihnen reden, weil ich 
für Sonntag ein Feuilleton über die Nibelungentreue 
schreiben soll — itzt können Sie lang warten! (Ab.) 

Wagen knecht (erstaunt nachblickend): Nee, was 
es hier für Typen gibt in eurem lieben Wien! Der 



159 



Mann sieht aus wie 'n Jude und quasselt 'n Dialekt 
wie anno Tobak, wo es noch jar keene Juden ge- 
geben hat. Der Mann ist von der Presse und hat 
mich geküßt! Anstatt daß so 'ne fesche Wienerin 
es einem besorgt, muß man hier so was mitmachen. 
Menschenskind, und da frage ich, ob Warschau 
nicht zu teuer bezahlt ist! 

Eine Zeitungsfrau: Extraausgabee — I 
Teitscha Bericht! Kroßa Sick da Vabtindeteen! 

Sedlatschek: Sixt es, hörst es, da hast eine 
fesche Wienerin! 

(Verwandlung.) 

26. Szene 

Südwestfront. Ein Stützpunkt auf einer Höhe von mehr als 

dritthalbtausend Meter. Der Tisch ist mit Blumen und Trophäen 

geschmückt. 

Der Beobachter: Sie kommen schon! 

Die S C h a 1 e k (an der Spitze einer Schar von Kriegs- 
berichterstattern): Ich sehe, man hat feierliche Vorbe- 
reitungen zu unserem Empfange getroffen. Blumen! 
Die sind wohl den Herren Kollegen zugedacht, die 
Trophäen mir! Ich danke euch, meine Braven. Wir 
sind bis zu diesem Stützpunkt vorgestoßen, es ist 
nicht viel, aber immerhin. Man ist schon zufrieden, 
daß er wenigstens vom Feind eingesehen ist. Meinen 
großen Wunsch, einen exponierten Punkt besuchen 
zu d^ürfen, konnte der Kommandant leider nicht 
erfülfen, weil das den Feind aufregen könnte, sagt er. 

Ein Standschütze: (spuckt aus und sagt) : 
Grüaß Gott. 

Die Schalek: Gott wie intressant. Wie 
gemalt sitzt er da, wenn er kein Lebenszeichen 
gäbe, so müßte er von Defregger sein, was sag 
ich, von Eggev-Lienz! Mir scheint, er hängt sogar 
ein schlau verstohlenes Zwinkern ins Auge. Der 
einfache Mann, wie er leibt und lebt! Laßt euch, 



160 



ihr Braven, erzählen, was wir erlebt haben, bis wir 
zu euch vorgedrungen sind. Also die sonst so belebte 
Talstraße gehört unbestritten dem Kriegspressequartier. 
Oben auf dem Joch, da hab ich zum erstenmal 
etwas wie Genugtuung gefühlt beim Anblick der 
Verwandlung eines Dolomitenhotels in ein Militär- 
quartier. Wo sind jetzt die geschminkten, spitzen- 
umwogten Signoras, wo ist der welsche Hotelier? 
Spurlos verschwunden. Ah, das tut wohl ! Der 
Offizier, der uns geführt hat, hat eine Weile über- 
legt, welche Spitze für uns wohl die geeignetste sei. 
Er schlug eine vor, die am wenigsten beschossen 
wird, damit waren natürlich die Herren Kollegen 
einverstanden, ich aber sagte : nein, da tu 
ich nicht mit ; und so sind wir schließlich 
hier heraufgekommen. Das ist doch das mindeste. 
Beantworten Sie mir bitte jetzt nur die eine Frage: 
Wieso habe ich vor dem Kriege all die prächtigen 
Gestalten niemals gesehen, denen ich nun täglich 
begegne? Der einfache Mann ist einfach eine Sehens- 
würdigkeit! In der Stadt — Gott wie fad! Hier ist 
jeder eine unvergeßliche Erscheinung. Wo ist der 
Offizier? 

Der Offizier (von innen): Beschäftigt. 

Die Schalek: Das macht nichts. (Er erscheint. 
Sie beginnt ihm die Einzelheiten förmlich aus dem herb ver- 
schlossenen Mund zu ziehen. Nachdem es geschehen ist, fragt sie:) 
Wo ist der Ausguck? Sie müssen doch einen 
Ausguck haben? Wo ich noch hingekommen bin, 
war in dem Graben des Beobachters zwischen den 
Moosdeckungen ein fünf Zentimeter breiter Ausguck 
für mich frei. Ach, hier ist er! (Sie stellt sich zum Ausguck.) 

Der Offizier (schreiend): Ducken! (Die Schalek 
duckt sich.) Die drüben wissen ja nicht, wo wir 
Beobachter sitzen, ein Stück Nase kann uns verraten. 
(Die männlichen Mitglieder des Kriegspresseqiiartiers greifen 
nach ihren Taschentüchern und halten sie vor.) 



161 



Die Schalek (beiseite): Feiglinge! (Die Batterie 
beginnt zu arbeiten.) Gott sei Dank, wir kommen 
gerade recht. Jetzt beginnt ein Schauspiel — 
also jetzt sagen Sie mir Herr Leutnant, ob 
eines Künstlers Kunst spannender, leidenschaft- 
licher dieses Schauspiel gestalten könnte. Jene, die 
daheim bleiben, mögen unentwegt den Krieg die 
Schmach des Jahrhunderts nennen — hab' ich's 
doch auch getan, solange ich im Hinterlande saß — 
jene, die dabei sind, werden aber vom Fieber des 
Erlebens gepackt. Nicht wahr Herr Leutnant, Sie 
stehen doch mitten im Krieg, geben Sie zu, manch 
einer von Ihnen will gar nicht, daß er ende! 

Der Offizier: Nein, das will keiner. Darum 
will jeder, daß er ende, 

(Man hört das Sausen von Geschossen: Sssss — ) 

Die Schalek: Sss — ! Das war eine Granale. 

Der Offizier: Nein, das war ein Schrapnell. 
Das wissen Sie nicht? 

Die Schalek: Es fällt Ihnen offenbar schwer, 
zu begreifen, daß für mich die Tonfarben noch 
nicht auseinanderstreben. Aber ich iiabe in der Zeit, 
die ich draußen bin, schon viel gelernt, ich werde 
auch das noch lernen. — Mir scheint, die Vorstellung 
ist zu Ende. Wie schade! Es war erstklassig. 

Der Offizier: Sind Sie zufrieden? 

Die Schalek: Wieso zufrieden? zufrieden ist 
gar kein Wort! Nennt es Vaterlandsliebe, ihr Idealisten; 
FeindeshaO, ihr Nationalen; nennt es Sport, ihr 
Modernen; Abenteuer, ihr Romantiker; nennt es 
Wonne der Kraft, ihr Seelenkenner — ich nenne es 
frei gewordenes Menschentum. 

Der Offizier: Wie nennen Sie es? 

Die Schalek: Frei gewordenes Menschentum. 

Der Offizier: Ja wissen Sie, wenn man nur 
wenigslens alle heiligen Zeiten einm.al einen Urlaub 
b.e){äme! 

Die letzten Tage der Menschheit. 11 



162 



DieSchalek: Aber dafür sind Sie doch durch 
die stündliche Todesgefahr entschädigt, da erlebt 
man doch was! Wissen Sie, was mich am meisten 
intressiert? Was denken Sie sich, was für Empfin- 
dungen haben Sie? Es ist erstaunlich, wie leicht 
die Männer auf dritthalbtausend Meter Höhe nicht 
nur ohne die Hilfe von uns Frauen, sondern auch 
ohne uns selbst fertig werden. 

Eine Ordonnanz (kommt): Melde gehorsamst, 
Herr Leutnant, Zugsführer Hofer ist tot. 

Die Schalek: Wie einfach der einfache Mann 
das meldet! Er ist blaß wie ein weißes Tuch. Nennt 
es Vaterlandsliebe, Feindeshaß, Sport, Abenteuer 
oder Wonne der Kraft — ich nenne es freigewordenes 
Menschentum. Ich bin vom Fieber des Erlebens 
gepackt! Herr Leutnant, also sagen Sie, was denken 
Sie sich jetzt, was für Empfindungen haben Sie? 

(Verwandlung.) 



27. Szene 

Im Vatikan. 
Man hört die Stimme des betenden Benedikt. 

— — Im heiligen Namen Gottes, unseres 
himmlischen Vaters und Herrn, um des gesegneten 
Blutes Jesu willen, welches der Preis der mensch- 
lichen Erlösung gewesen, beschwören wir Euch, die 
Ihr von der göttlichen Vorsehung zur Regierung 
der kriegführenden Nationen bestellt seid, diesem 
fürchterlichen Morden, das nunmehr seit einem 
Jahre Europa entehrt, endlich ein Ziel zu setzen. 
Es ist Bruderblut, das zu Lande und zur See ver- 
gossen wird. Die schönsten Gegenden Europas, 
dieses Gartens der Welt, sind mit Leichen und 
Ruinen besät. Ihr tragt vor Gott und den Menschen 
die entsetzliche Verantwortung für Frieden und Krieg. 



163 



Höret auf unsere Bitte, auf die väterliche Stimme 
des Vikars des ewigen und höchsten Richters, dem 
Ihr werdet Rechenschaft ablegen müssen. Die Fülle 
der Reichtümer, mit denen Gott der Schöpfer die 
Euch unterstellten Länder ausgestattet hat, erlauben 
Euch gewiß die Fortsetzung des Kampfes. Aber um 
was für einen Preis? Darauf mögen die Tausende 
junger Menschenleben antworten, die alltäglich auf 
den Schlachtfeldern erlöschen — — 

(Verwandlung.) 



28. Szene 

In der Redaktion. 
Man hört die Stimme des diktierenden Benedikt. 

Und die Fische, Hummern und See- 
spinnen der Adria haben lange keine so guten 
Zeiten gehabt wie jetzt. In der südlichen Adria 
speisten sie fast die ganze Bemannung des >Leon 
Gambetta«. Die Bewohner der mittleren Adria fanden 
Lebensunterhalt an jenen Italienern, die wir von dem 
Fahrzeug »Turbine« nicht mehr retten konnten, und 
in der nördlichen Adria wird den Meeresbewohnern 
der Tisch immer reichlicher gedeckt. Dem Unter- 
seeboot »Medusa« und den zwei Torpedobooten hat 
sich jetzt der Panzerkreuzer »Amalfi« zugesellt. Die 
Musterkollektion der maritimen Ausbeute, die sich 
bisher auf das »maritime Kleinzeug« erstreckte, hat 
einen gewichtigen Zuwachs erhalten, und bitterer 
denn je muß die Adria sein, deren Grund sich 
immer mehr und mehr mit den geborstenen Leibern 
italienischer Schiffe bedeckt und über deren blaue 
Fluten der Verwesungshauch der gefallenen Befreier 
vom Karstplateau streicht 

(Verwandlung.) 

11* 



164 



29. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Sie können nicht leugnen, 
daß der Krieg, abgeseiien von den guten Folgen 
für die, welche ständig dem Tod ins Auge blicken müssen, 
auch einen seelischen Aufschwung mit sich gebracht 
hat. 

Der Nörgler: Ich beneide den Tod nicht 
darum, daß er sich jetzt von so vielen armen Teufeln 
ins Auge blicken lassen muß, die erst durch die 
allgemeine Galgenpflicht auf ein metaphysisches 
Niveau emporgezogen werden, abgesehen davon, daß 
es in den meisten Fällen mißlingt. 

Der Optimist: Die Guten werden besser 
und die Schlechten gut. Der Krieg läutert. 

Der Nörgler: Er nimmt den Guten den 
Glauben, wenn er ihnen nicht das Leben nimmt, 
und er macht die Schlechten schlechter. Die 
Kontraste des Friedens waren groß genug. 

Der Optimist: Aber merken Sie nicht den 
seelischen Aufschwung des Hinterlands? 

DerNörgler: Was den seelischen Aufschwung 
des Hinterlands anlangt, so habe ich ihn bisher 
nicht anders gemerkt als den Straßenstaub, den die 
Kehrichtwalze aufwirbelt, damit er wieder zu 
Boden sinke. 

Der Optimist: Es verändert sich also nichts? 

Der Nörgler: Doch, aus Staub wird Dreck, 
weil auch der Spritzwagen noch hinterher geht. 

Der Optimist: Sieglauben also nicht, daß 
sich seit dem Anfang August, da sie ausgezogen 
sind, etwas gebessert hat? 

Der Nörgler: Anfang August, ja das war 
der Ausziehtermin, als man der Menschheit die Ehre 
gekündigt hatte. Sie hätte ihn vor dem Weltgericht 
anfochten sollen. 



I 



165 



Der Optimist: Wuilen Sie etwa die 
Begeisterung, mit der unsere braven Soldaten ins 
Feld ziehen, und den Stolz, mit dem die Daheim- 
bleibenden ihnen nachblicken, in Abrede stellen? 

Der Nörgler: Gewiß nicht; nur behaupten, 
daß die braven Soldaten lieber mit den stolz 
Nachblickenden tauschen würden als die stolz 
Nachblickenden mit den braven Soldaten. 

Der Optimist: Wollen Sie die große 
Solidarität in Abrede stellen, die der Krieg wie 
mit einem Zauberschlage hergestellt hat? 

Der Nörgler: Die Solidarität wäre noch 
größer, wenn keiner hinausziehen müßte und alle 
stolz nachblicken dürften. 

Der Optimist: Der deutsche Kaiser hat 
gesagt: Es gibt keine Parteien mehr, es gibt nur 
noch Deutsche. 

Der Nörgler: Das mag für Deutschland 
richtig sein, anderswo haben die Menschen vielleicht 
doch einen noch höheren Ehrgeiz. 

Der Optimist: Wieso? 

Der Nörgler: Es versteht sich schon nach 
der Nationalität, daß sie anderswo keine Deutschen sind. 

Der Optimist: Wer hat wie Sie die 
Menschheit im Frieden faulen gesehn? 

Der Nörgler: Sie trägt ihre Fäulnis in den 
Krieg, sie steckt den Krieg mit ihr an, sie läßt ihn 
an ihr verkommen und sie wird sie unversehrt und 
vermehrt hinüber in den Frieden retten. Ehe der Arzt 
die Pest heilt, hat sie ihn und den Patienten um- 
gebracht. 

Der Optimist: Ja, aber ist denn für eine 
so geartete Menschheit der Krieg nicht besser als 
der Friede? 

Der Nörgler: Ist es so, so kommt der 
Friede hintennach. 

Der Optimist: Ich würde doch glauben, 
daß der Krieg dem Übel ein Ende macht. 



166 



Der Nörgler: Er setzt es fort. 

Der Optimist: Der Krieg als solcher? 

Der Nörgler: Der Krieg als dieser. Er wirkt 
aus den Verfallsbedingungen der Zeit, mit ihren 
Bazillen sind seine Bomben gefüllt. 

Der Optimist: Aber es gibt doch wenigstens 
wieder ein Ideal. Ist es da mit dem Übel nicht vorbei? 

Der Nörgler: Das Übel gedeiht hinter dem 
Ideal am besten. 

Der Optimist: Aber die Beispiele von 
Opfermut müssen doch fortwirken über den Krieg 
hinaus. 

Der Nörgler: Das Übel wirkt durch den 
Krieg und über ihn fort, es mästet sich am Opfer. 

Der Optimist: Sie unterschätzen die sitt- 
lichen Kräfte, die der Krieg in Bewegung setzt. 

Der Nörgler: Das sei fern von mir. Viele, 
die jetzt sterben müssen, dürfen zwar auch morden, 
sind aber jedenfalls der Möglichkeit, zu wuchern, 
enthoben. Nur daß sich für diesen Ausfall die andern, 
die ihnen stolz nachblicken, entschädigen können. 
Die dort sind die superarbitrierten Sünder; die hier 
rücken frisch ein. 

Der Optimist: Sie verwechseln eine Ober- 
flächenerscheinung, wie sie die korrupte Großstadt 
bietet, mit dem gesunden Kern. 

Der Nörgler: Die Bestimmung des gesunden 
Kerns ist, Oberflächenerscheinung zu werden. Die 
Richtung der Kulturtendenz führt zur Welt als 
Großstadt. Im Handumdrehn können Sie aus einem 
westphälischen Bauern einen Berliner Schieber 
machen, umgekehrt gehts nicht und zurück ginge 
es auch nicht mehr. 

Der Optimist: Aber die Idee, für die 
gekämpft wird, bedeutet doch eben dadurch, daß 
wieder eine Idee da ist und daß man sogar für sie 
sterben kann, die Möglichkeit einer Gesundung. 



167 



Der Nörgler: Man kann sogar für sie 
sterben und wird trotzdem nicht gesund. Man stirbt 
eben nicht für sie, sondern an ihr. Und man stirbt 
an ihr, ob man für sie lebt oder stirbt, in Krieg 
und Frieden. Denn man lebt von ihr. 

Der Optimist: Das ist ein Wortspiel. 
Welche Idee haben Sie im Auge? 

Der Nörgler: Die Idee, für die das Volk 
stirbt, ohne sie zu haben, ohne etwas von ihr zu 
haben, und an der das Volk stirbt, ohne es zu 
wissen. Die Idee der kapitalistischen, also jüdisch- 
christlichen Weltzerstörung, die im Bewußtsein jener 
liegt, die nicht kämpfen, sondern für die Idee und 
von ihr leben und wenn sie nicht unsterblich sind, 
an Fettsucht oder Zuckerkrankheit sterben. 

Der Optimist: Wenn also nur für eine 
solche Idee gekämpft wird, wer würde dann siegen? 

Der Nörgler: Hoffentlich nicht jene Kultur, 
die sich am willigsten der Idee überlassen hat, deren 
Durchsetzung von eben der Macht-Organisation 
abhängt, zu welcher diese Idee ausschließlich fähig war. 

Der Optimist: Ich verstehe. Die andern, 
die Feinde, würden dann also für eine andere Idee 
kämpfen? 

Der Nörgler: Hoffentlich. Nämlich für eine 
Idee. Nämlich für die, die europäische Kultur von 
dem Druck jener Idee zu befreien. Sich selbst zu" 
befreien, sich selbst auf dem Weg, auf dem die 
Gefahr gespürt wird, zur Umkehr zu bringen. 

Der Optimist: Und Sie glauben, daß der- 
gleichen den Staatsmännern der feindlichen Mächte 
bewußt ist, die doch gerade in offenkundiger Weise 
Handelsinteressen vertreten und als die Partei des 
händlerischen Neides vor der Weltgeschichte 
gezeichnet sind ? 

Der Nörgler: Die Weltgeschichte erscheint 
bei uns täglich zweimal, also zu oft, um sich die 
nötige Autorität bei der Entente zu verschaffen. 



168 



Nein, bewußt ist den Staatsmännern nie eine Idee, 
aber in dem Instinkt der Völker lebt sie so lange, 
bis sie sich eines Tages in einer staatsmännischen 
Handlung manifestiert, die dann ein ganz anderes 
Gesicht, ein ganz anderes Motiv hat. Man sollte sich 
allmählich gewöhnen, das, was man britischen Neid, 
französische Revanchesucht und russische Raubgier 
nennt, als eine Aversion gegen den ehernen Tritt 
deutscher Schweißfüße aufzufassen. 

Der Optimist: Sie glauben also nicht, 
dab es sich einfach um einen planmäßigen Überiall 
handelt? 

Der Nörgler: Doch. 

Der Optimist: Also wie — ? 

Der Nörgler: Ein Überfall geschieht in der 
Regel gegen den, der überfallen wird, seltener gegen 
den, der überfällt. Oder nennen wir es einen Überfall, 
der für den Überfallenden etwas überraschend kam, 
und einen Akt der Notwehr, der den Überfallenden 
ein wenig überrumpelt hat. 

Der Optimist: Sie belieben zu scherzen. 

Der Nörgler: Im Ernst halte ich diesen 
europäischen Zusammenschluß gegen Mitteleuropa 
für die letzte elementare Tatsache, deren die christ- 
liche Zivilisation fähig war. 

Der Optimist: Sie sind also offenbar der 
Ansicht, daß nicht Mitteleuropa, sondern die Entente 
im Zustand der Notwehr gehandelt hat. Wenn sie 
aber, wie sich zeigt, nicht fähig ist, diese Notwehr 
eines Überfalls erfolgreich durchzuführen? 

Der Nörgler: Dann würde dieser Händler- 
krieg vorläufig zu Gunsten jener entschieden werden, 
die weniger Religion hatten, um nach hundert Jahren 
in einen offenen Religionskrieg überzugehen. 

Der Optimist: Wie meinen Sie das? 

Der Nörgler: Ich meine, daß dann das 
judaisierte Christentum Europas vor dem Gebot des 
asiatischen Geistes die Waffen strecken wird. 



1 



169 



Der Optimist: Und mit welchen Waffen 
würde der asiatische Geist das erzwingen? 

Der Nörgler: Mit Waffen. Mit eben der 
Idee der Quantität und der entwickelten Technik, 
mit der allein der Idee, dem infernalischen Geist 
Mitteleuropas beizukommen ist. Die Quantität hat 
China schon, die andere Waffe wird es sich noch 
zulegen. Es wird für rechtzeitige Japanisierung sorgen. 
Es wird so verfahren wie heute in kleinerem Maße 
England, das sich den Militarismus anschaffen muß, 
um mit ihm fertig zu werden. 

Der Optimist: Aber es wird ja mit ihm 
nicht fertig. 

Der Nörgler: Ich hoffe, doch. Und: daß 
es nicht selbst fertig würde, wenn es den Milita- 
rismus bekäme; und daß es nicht mit g'^istiger 
Verarmung einen materiellen Sieg erkaufe. Sonst 
würde Europa verdeutscht. Der Militarismus ist 
vielleicht ein Zustand, durch den ein europäisches Volk 
besiegt wird, nachdem es durch ihn gesiegt hat. 
Die Deutschen haben sich als erste aufgeben müssen, 
um das erste Militärvolk der Erde zu sein. Möge es den 
andern nicht ähnlich ergehen, zumal den Engländern, 
die ein edlerer Selbsterhaltungstrieb bisher vor der 
allgemeinen Wehrpflicht bewahrt hat. Die jetzige 
Notwehr, die den allgemeinen Zwang herbeiruft, 
ist nicht nur ein verzweifelter, sondern auch ein 
zweifelhafter Versuch. England könnte zugleich mit 
Deutschland sich selbst besiegen. Die einzige Rasse, 
die stark genug ist, das technische Leben zu über- 
dauern, lebt nicht in Europa. So sehe ich es manchmal. 
Gebe der Christengott, daß es anders kommt! 

Der Optimist: Aha, Ihre Chinesen; die 
kriegsuntüchtigste Rasse ! 

Der Nörgler: Gewiß, sie lassen heute alle 
Errungenschaften der Neuzeit vermissen, denn sie 
haben sie vielleicht in einer uns unbekannten Vorzeit 
schon durchgemacht und ihr Leben daraus gerettet. 



170 



Sie werden sie spielend wieder erringen, sobald sie 
sie brauchen werden, um sie den Europäern abzu- 
gewöhnen. Sie werden auch Firlefanz treiben: aber 
zu einem moralischen Zwecke. Das nenne ich einen 
Religionskrieg, der eine Art hat. 

Der Optimist: Welcher Idee verhilft er 
zum Siege? 

Der Nörgler: Der Idee, daß Gott den 
Menschen nicht als Konsumenten oder Produzenten 
erschaffen hat, sondern als Menschen. Daß das 
Lebensmittel nicht Lebenszweck sei. Daß der Magen 
dem Kopf nicht über den Kopf wachse. Daß das 
Leben nicht in der Ausschließlichkeit der Erwerbs- 
interessen begründet sei. Daß der Mensch in die Zeit 
gesetzt sei, um Zeit zu haben und nicht mit den 
Beinen irgendwo schneller anzulangen als mit dem 
Herzen. 

Der Optimist: Das ist Urchristentum. 

Der Nörgler: Christentum ist es nicht, denn 
dieses war nicht widerstandsfähig vor der Rache 
Jehovahs. Seine Verheißung zu schwach, um den 
irdischen Heißhunger vertrösten zu können, der sich 
für die himmlische Entschädigung schon hienieden 
entschädigt. Denn diese Art Menschheit ißt nicht, 
um zu leben, sondern lebt um. zu essen und stirbt 
nun gar dafür. Freudenhaus und Schlachthaus und 
im Hintergrund die Kapelle, in der ein vereinsamter 
Papst die Hände ringt. 

Der Optimist: Also mit einem Wort, die 
Idee ist der Kampf gegen den Materialismus. 

DerNörgler: Also mit einem Wort : die Idee. 

Der Optimist: Aber ist denn nicht der 
deutsche Militarismus gerade jene konservative Ein- 
richtung, die den von Ihnen verachteten Tendenzen 
der modernen Welt entgegensteht? Ich wundere 
mich, daß ein konservativer Denker gegen den 
Militarismus spricht. 



i 



171 



Der Nörgler: Ich wundere mich gar nicht, 
daß ein Fortschrittsmann für den Militarismus spricht, 
Sie haben ganz recht: denn der Militarismus ist 
nicht das was ich meine, sondern das was Sie meinen. 
Er ist das Machtmittel, das der jeweils herrschenden 
Geistesrichtung zu ihrer Durchsetzung dient. Heute 
dient er, nicht anders als ihr die Presse dient, der 
Idee jüdisch-kapitalistischer Weltzerstörung. 

Der Optimist: Aber in den Äußerungen 
der feindlichen Mächte ist von nichts anderm die 
Rede als daß sie die Freiheit gegen die Autokratie 
schützen wollen. 

Der Nörgler: Das ist jetzt das nämliche. 
Was im Instinkt der Menschheit, auch der unfreiesten, 
lebt, ist die Sehnsucht, die Freiheit des Geistes 
gegen die Diktatur des Geldes, die Menschenwürde 
gegen die Autokratie des Erwerbs zu schützen. Der 
Militarismus ist das Machtmittel dieser Diktatur, 
anstatt daß er innerhalb des Staates zum Werkzeug 
gegen sie verwendet würde, zu dem er von Natur 
geschaffen ist. Seitdem die todbringende Waffe ein 
Industrieprodukt ist, kehrt sie sich gegen die Mensch- 
heit, und der Berufssoldat weiß nicht mehr, welcher 
Bestrebungen Werkzeug er ist. Auch Rußland kämpft 
gegen die Autokratie. Aus einem letzten kulturellen 
Instinkt heraus wehrt es sich gegen die dem Geist 
und der Menschenwürde gefährlichste Macht, gegen 
jene Überredung, der die prinzipielle Unterworfenheit 
des christlichen Gedankens am leichtesten und zum 
heillosesten Pakte unterliegt. 

Der Optimist: Sollten aber die heterogenen 
Völker, die zu diesem Krieg zusammengetrommelt 
wurden, eben diese eine gemeinsame Sehnsucht 
haben? Die russische Autokratie und die westliche 
Demokratie? 

Der Nörgler: Eben diese Antithese beweist 
die tiefere Gemeinsamkeit, die über das politische 
Ziel hinausgreift. Und daß selbst die Kontraste 



172 



zusammengehen, beweist, daß die schlechte Politik 
Deutschlands, diese Ohnmacht gegen diplomatische 
Schulregeln, der Ausdruck einer Entwicklungs- 
notwendigkeit war. 

Der Optimist: Aber das Gemenge dieser 
Verbündeten ist doch allzu bunt. 

Der Nörgler: Die Mischung beweist die 
Echtheit des Hasses. 

Der Optimist: Aber der Haß gebraucht 
die falschesten Argumente. 

Der Nörgler: Das tut der Haß immer, doch 
seine iaischen Argumente sind ein Beweis für die 
Wahrheit seines Instinkts. 

Der Optimist: So hätten also die Deutschen 
es nötig, aus den Reichen der Lüge sich kulturelle 
Auffrischung zu holen? 

Der Nörgler: Nötig wohl, aber ein Sieg 
würde es ihnen überflüssig erscheinen lassen. 
Sie würden von ihren bedenklichsten Wahrheiten 
nicht zu heilen sein. Denn es ist immerhin fraglich, 
ob nicht die »Lügen des Auslands^ vorausgesetzt, 
daß nicht auch sie made in Germany sind, mehr 
Lebenssaft enthalten als eine Wahrheit des Wolff'schen 
Büros. Bei jenen kann man die Lüge, die einem 
Naturell entspringt, von der Wahrheit, die einer 
Einsicht entspringt, unterscheiden ; hier sagen sie 
selbst die Wahrheit wie gedruckt und alles entspringt 
dem Papier. Ist die Lüge in romanischen Ländern 
ein RauscJ!, so ist sie hier eine Wissenschaft und 
darum dem Organismus gefährlich. Die dort sind 
Künstler der Lüge, sie glauben selbst nicht daran, 
sie wollen sie aber hören, weil ihnen die Lüge 
deutlicher sagt, was sie empfinden : ihre Wahrheit. 
Die hier lügen um kein Wort mehr als für den 
zu erreichenden Zweck unbedingt notwendig ist; 
sie sind Ingenieure der Lüge, sie sichern durch sie 
ihre Kriegs- und Lebenslüge. 



173 



Der Optimist: Die Vorwürfe, daß die 
deutsche Kriegführung barbarisch sei, sind doch 
zu albern. 

Der Nörgler: Nehmen wir mit Gott an, die 
deutsche Kriegführung sei bis auf etliche nur als 
Repressalien angewandte Maßnahmen, die zufällig 
immer die Zivilbevölkerung treffen, und bis auf 
Fälle wie den der Lusitania, die der Biedersinn 
»Zwischenfälle« nennt, nicht barbarischer als die 
Kriegführung der andern. Aber wenn die andern 
sagen, die deutsche Kriegführung sei barbarisch, so 
füiilen sie doch mit Recht, daß die deutsche Friedens- 
führung barbarisch ist. Und das muß sie gewesen 
sein, da sie sonst nicht seit Generationen auf dem 
Gedanken aufgebaut gewesen wäre, die deutsche 
Kriegführung vorzubereiten. 

Der Optimist: Aber die Deutschen sind 
schließlich doch auch das Volk der Dichter und 
Denker. Widerspricht nicht die deutsche Bildung 
dem von Ihnen behaupteten Materialismus? 

Der Nörgler: Die deutsche Bildung ist 
kein Inhalt, sondern ein Schmückedeinheim, mit 
dein sich das Volk der Richtei und Henker seine 
Leere ornamentiert. 

Der Optimist: Das Volk der Richter und 
Henker? So nennen Sie die Deutschen? Das Volk 
Goethes und Schopenhauers? 

DerNörgler: So kann es sich selbst nennen, 
weil es gebildet ist, aber es müßte dafür von rechts- 
wegen nach seinem populärsten Strafparagraphen, 
nämlich wegen groben Unfugs, vom Weltgericht 
abgeurteilt werden. 

Der Optimist: Warum denn? 

DerNörgler: Weil Goethe und Schopenhauer 
gegen den heutigen Zustand des deutschen Volkes 
mil mehr Berechtigung alles das vorbrächten, was 
sie gegen ihre deutsche Zeitgenossenschaft auf dem 
Herzen hatten, und mit mehr Schärfe als der ,Matin'. 



174 



Sie müßten heute froh sein, wenn es ihnen glückte, 
als lästige Inländer über die Grenze zu kommen. 
Goethe hat schon dem aufgeschwungenen Zustand, 
in dem sich sein Volk während des Befreiungskrieges 
befand, nichts als das Gefühl der Leere abgewinnen 
können, und die deutsche Umgangs- und Zeitungs- 
sprache könnte Gott danken, wenn sie heute noch 
auf dem Niveau wäre, auf dem Schopenhauer sie 
verächtlich gefunden hat. Kein Volk lebt entfernter 
von seiner Sprache, also von der Quelle seines 
Lebens, als die Deutschen, Welcher neapolitanische 
Bettler stünde seiner Sprache nicht näher, als der 
deutsche Professor der seinen ! Ja, aber gebildet ist 
dieses Volk wie kein andres und weil seine Doktoren 
ohne Ausnahme, das heißt, wenn sie nicht in einem 
Pressequartier unterkommen, mit Gasbomben 
hantieren, macht es gleich seine Feldherrn zu 
Doktoren. Was hätte Schopenhauer zu einer philo- 
sophischen Fakultät gesagt, die ihre höchste Ehre 
an einen Organisator des Maschinentods vergibt? 
Gebildet sind sie, das muß ihnen der britische 
Neid lassen, und v/issen Bescheid von allem. 
Ihre Sprache dient eben noch dem Zweck, Bescheid 
zu sagen. Dieses Volk schreibt heute das abgestutzte 
Volapük des Weltkommis und wenn es die Iphigenie 
nicht zufällig ins Esperanto rettet, so überläßt es 
das Wort seiner Klassiker der schonungslosen 
Barbarei aller Nachdrucker und entschädigt sich in 
einer Zeit, in der kein Mensch mehr das Schicksal 
des Wortes ahnt und erlebt, durch Luxusdrucke, 
Bibliophilie und ähnliche Unzucht eines Ästhetizismus, 
die ein so echtes Stigma des Barbarentums ist wie 
das Bombardement einer Kathedrale. 

Der Optimist: Aha, aber die Kathedrale 
von Reims war ein militärischer Beobachtungsposten! 

Der Nörgler: Interessiertmich nicht. DieMensch- 
heit selbst ist ein militärischer Beobachtungsposten — 
ich wollte, sie würde von Kathedralen beschossen. 



i 



175 



Der Optimist: Aber das mit der deutschen 
Sprache verstehe ich nicht ganz. Sie sind der, der 
mit der deutschen Sprache förmlich verlobt tut und 
ihr in der Schrift gegen den Heineismus den Vorzug 
vor den romanischen Sprachen zuerkannt hat. Jetzt 
denken Sie offenbar anders. 

Der Nörgler: Daß ich jetzt anders denke, 
kann nur ein Deutscher finden. Eben ich denke so, 
weil ich mit ihr verlobt bm. Ich bin ihr auch treu. 
Und ich weiß, wie dieser Krieg es bestätigen wird 
und wie ein Sieg, vor dem Gott uns bewahren möge, 
der vollkommenste Verrat am Geiste wäre. 

Der Optimist: Sie sehen doch aber die 
deutsche Sprache als die tiefere? 

Der Nörgler: Aber tief unter ihr den 
deutschen Sprecher. 

Der Optimist: Und die andern Sprachen 
stehn doch nach Ihrer Ansicht tief unter der deutschen? 

Der Nörgler: Aber die andern Sprecher höher. 

Der Optimist: Sind Sie denn in der Lage, 
einen faßbaren Zusammenhang zwischen der Sprache 
und dem Krieg herzustellen? 

Der Nörgler: Etwa den : daß jene Sprache, 
die am meisten zu Phrase und Vorrat erstarrt ist, 
auch den Hang und die Bereitschaft hat, mit dem 
Tonfall der Überzeugung alles das an sich selbst 
untadelig zu finden, was dem andern zum Vorwurf 
gereicht. 

Der Optimist: Und das sollte eine Qualität 
der deutschen Sprache sein? 

Der Nörgler: Hauptsächlich. Sie ist heute 
selbst jene Fertigware, die an den Mann zu bringen 
den Lebensinhalt ihrer heutigen Sprecher ausmacht, 
und sie hat nur noch die Seele des Biedermannes, 
der gar keine Zeit hatte, eine Schlechtigkeit zu 
begehen, weil sein Leben nur auf sein Geschäft auf- 
und draufgeht und wenns nicht gereicht hat, ein 
offenes Konto bleibt. 



176 



Der Optimist: Sollten diese Gedanken 
nicht weit hergeholt sein? 

Der Nörgler: Von dem Fernsten, von der 
Sprache, 

Der Optimist: Und suchen die andern kein 
Geschäft ? 

Der Nörgler: Aber ihr Leben geht nicht 
drauf auf. 

Der Optimist: Die Engländer machen mit 
dem Krieg ein Geschäft und ließen auch stets nur 
Söldner für sich kämpfen. 

Der Nörgler: Die Engländer sind eben keine 
Idealisten, sie wollen für ihr Geschäft nicht ihr Leben 
einsetzen. 

Der Optimist: Söldner kommt unmittelbar 
von Sold, da haben Sie Ihre Sprache! 

Der Nörgler: Ein klarer Fall. Aber Soldat 
noch unmittelbarer. Der Unterschied ist freilich, daß 
der Soldat weniger Sold und mehr Ehre bekommt, 
wenn er fürs Vaterland sterben geht. 

Der Optimist: Aber unsere Soldaten kämpfen 
doch eben fürs Vaterland. 

Der Nörgler: Ja, das tun sie wirklich, und 
zum Glück aus Begeisterung, weil sie sonst dazu 
gezwungen wären. Die Engländer sind keine 
Idealisten. Sie sind vielmehr so sauber, wenn sie 
ein Geschäft machen wollen, es nicht Vaterland zu 
nennen, sie sollen gar kein Wort in ihrer Sprache 
dafür haben, sie lassen die Ideale in Ruhe, wenn 
der Export in Gefahr ist. 

Der Optimist: Sie sind Händler. 

Der Nörgler: Wir sind Helden. 

Der Optimist: Ja, aber Sie sagen doch wieder, 
daß die Engländer mit allen andern zusammen, für 
ein Ideal kämpfen? 



177 



Der Nörgler: Ich sage, daß sie es unter 
den realsten Vorwänden zu tun imstande sind, 
während wir unter den idealsten Vorwänden auf ein 
Geschäft ausgehen. 

Der Optimist: Halten Sie es für ein Ideal, 
die Deutschen an einem Geschäft zu hindern? 

Der Nörgler: Gewiß, eben das, was wir ftir 
Konkurrenzneid halten. In Wahrheit ist es das Wissen, 
wem eine Ausdehnung des Etablissements kulturell 
bekömmlich ist und wem nicht. Es gibt Völker, die 
nicht zu viel essen dürfen, weil sie eine schlechte 
kulturelle Verdauung haben. Das spürt die Nachbar- 
schaft im Nu und peinlicher als sie selbst. Welthandel 
würde den deutschen Geist, von dem die deutsche 
Bildung schon längst nichts mehr weiß, für alle Zeit 
isolieren. Aber um mit der Welt in geistiger Verbindung 
zu bleiben, dazu ist Exportvermehrung keineswegs 
förderlich. Den Engländern steht dergleichen zu, 
ohne der dürftigen Seeie, die wir an ihnen wahr- 
zunehmen glauben, Abbruch zu tun. Sie können sich 
das Notwendige wie den Luxus des Ornaments ohne 
Gefahr leisten und vertragen den Betrieb so gut wie 
die Monarchie. Im deutschen Wesen, an dem die 
Welt genesen soll, geht alles Heterogene sofort eine 
heillose Verbindung ein. Jene haben Kultur, weil 
sie das bißchen Innerlichkeit von den Problemen 
des Konsums streng zu separieren wissen. Sie wollen 
von keinem Schmutzkonkurrenten gezwungen sein, 
länger als sechs Stunden zu arbeiten, um den Rest 
des Tags jenen Beschäftigungen vorzubehalten, für 
die Gott den Briten erschaffen hat: Gott oder Sport, 
wobei die Beschäftigung mit Gott selbst dann eine 
innere Angelegenheit wäre, wenn sie nur Heuchelei 
wäre, weil sie immerhin ein Gedanke ist, der von 
dem Tagwerk weitab führt. Und darauf kommt es 
an. Während der Deutsche vierundzwanzig Stunden 
im Tag arbeitet und die seelischen, geistigen, künst- 
lerischen und sonstigen Verpflichtungen, die er durch 

Die letzten Tage der Menschheit. 12 



178 



diese Einteilung vernachlässigen würde, innerhalb 
der Arbeit absolviert, indem er ihren bezüglichen 
Inhalt gleich als Ornament, als Vv'^arenmarke, als 
Aufmachung verwendet. Er will nichts versäumen. 
Und diese Vermischung der inneren Dinge mit den 
Lebensnotwendigkeiten, diese Einstellung des Lebens- 
mittels als Lebenszweck und gleichzeitige Verwendung 
des Lebenszwecks im Dienste des Lebensmittels, wie 
etwa der »Kunst im Dienste des Kaufmanns« — 
dies ist das unselige Element, in welchem das deutsche 
Ingenium floriert und verwelkt. Dies und nichts 
anderes, der fluchwürdige Geist ewiger Verbindung, 
Umstülpung, Aufmachung ist das Problem des Welt- 
kriegs. Wir sind Händler und Helden in einer Firma. 

Der Optimist: Das Problem des Weltkrieges 
ist bekanntlich, daß Deutschland seinen Platz an 
der Sonne haben wollte. 

Der Nörgler: Das ist bekannt, aber man 
weiß noch nicht, daß wenn dieser Platz erobert wäre, 
die Sonne untergehn würde. Worauf freilich die 
Norddeutsche Allgemeine die Antwort hätte, daß wir 
dann im Schatten kämpfen würden. Und zwar bis 
zum siegreichen Ende und darüber hinaus. 

Der Optimist: Sie sind ein Nörgler. 

Der Nörgler: Ich bin es, wiewohl ich gern 
zugebe, daß Sie ein Optimist sind. 

Der Optimist: Waren Sie nicht einer, der 
ehedem der deutschen Organisation ein Loblied 
gesungen und sie wenigstens im Vergleich zur 
romanischen Wildnis begünstigt hat? 

Der Nörgler: Ehedem und noch jetzt. Die 
deutsche Organisation — nehmen wir selbst an, sie 
hielte dem fessellosen Krieg stand — ist ein Talent 
und wie jedes Talent weit- und zeitläufig. Es ist 
praktisch, subaltern und dient der Persönlichkeit, 
die sich seiner bedient, besser als die zerfahrene 
Umgebung, in der auch der subalterne Mensch 
Persönlichkeit hat. Wie sehr muß aber ein Volk 



179 



sich seiner Persönlichkeit entäußert haben, um zu 
der Fähigkeit zu gelangen, so glatt die Bahn des 
äußeren Lebens zu bestellen! Ein Kompliment war 
diese Anerkennung nie, und bei der Entscheidung 
zwischen Menschheitswerten, zu der vor dem Krieg 
kein Aufruf erfolgt war, hat das nervöse Bedürfnis 
des Individualitätsmenschen nicht mehr mitzureden. 
Er durfte in einem schlechten Leben und zumal 
in dem Chaos, in das dieses schlechte Leben 
gar hierzulande verdammt ist, sich nach Ordnung 
sehnen; er durfte in diesem Notstand die Technik 
als Pontonbrücke benützen, um zu sich selbst zu 
gelangen ; er war es zufrieden, daß die Menschheit 
um ihn herum nur noch aus Chauffeuren bestand, 
denen er getrost auch allerlei Stimmrecht entzogen 
hätte. Jetzt geht es um die Persönlichkeit der Völker. 

Der Optimist: Und welche siegt? 

Der Nörgler: Als Nörgler bin ich ver- 
pflichtet, schwarz zu sehen und zu fürchten, daß 
jene siegt, die am wenigsten Individualität bewahrt 
hat, also die deutsche. Innerhalb der geistigen 
Grenzen des europäischen Christentums sehe ich das, 
in schwarzen Stunden, so verlaufen. Die seelische 
Aushungerung kommt hintennach. 

Der Optimist: Dies dasResultat des Weltkriegs? 

Der Nörgler: Des europäischen Kriegs, und 
bis zu der Entscheidung, die der wahre Weltkrieg 
gegen das im Geist geeinte Europa bringen würde. 
Der slavo-romanische, von Hilfsvölkern unterstützte 
Aufstand bleibt eine Episode, bis ganz Europa 
genügend deutsche Moral, Stinkbomben und allge- 
meine Wehrpflicht hat, um von Asien mores gelehrt 
zu werden. So fürchte ich manchmal. Doch zumeist 
bin ich ein Optimist und ein ganz anderer als Sie. 
Dann hoffe ich zuversichtlich, daß es gut ausgehn 
wird, und sehe, daß diese ganze Siegerei nichts ist 
als ein frevler Zeit- und Blutverlust zur Fristerstreckung 
der unabwendbaren Niederlage. 

12* 



180 



Der Optimist: Seien Sie vorsichtig! 

Der Nörgler: Ich sage es ja nur Ihnen und 
öffentlich, Sie sagen es nicht weiter, und meinen Stil 
versteht der Henker nicht. Ich würde gern deutlicher 
werden. Aber ich lasse die Preußen aufs Ganze 
gehn und denke mir meinen Teil. 

Der Optimist: Aber Sie widersprechen sich 
auch in dem, was Sie für sich behalten, 

DerNörgler: Das ist doch kein Widerspruch, 
daß ich unsern Sieg fürchte und auf unsere Nieder- 
lage hoffe. 

Der Optimist: Und es besteht also auch 
kein Widerspruch zwischen Ihrem Lob des deutschen 
Wesens und Ihrem Tadel? 

Der Nörgler: Nein, es besteht kein Wider- 
spruch zwischen dem Lob einer Zivilisation, die das 
äußere Leben reibungslos macht, Straßendreck durch 
Asphalt ersetzt und der ergänzungswilligen Phantasie 
Schemen statt einer wertlosen Wesenhaftigkeit liefert, 
und dem Tadel einer Kultur, die sich eben um dieser 
Reibungslosigkeit, Proraptheit und Geschicklichkeit 
willen verflüchtigt hat. Es ist kein Widerspruch, 
sondern eine Tautologie. Ich fühlte mich in einer 
allgemeinen 7v\ißwelt am wohlsten dort, wo sie 
geordnet ist und die Gesellschaft entleert genug, 
um mir eine Komparserie zu stellen, in der einer 
wie der andere aussieht und darum das Gedächtnis 
nicht mit Physiognomien belastet wird. Aber ich 
wünsche nicht, daß es der Zustand der Menschheit 
sei, ich bin weit entfernt davon, meine Bequemlichkeit 
über das Glücksbedürfnis der Nation zu setzen, und 
halte es iür verfehlt, wenn diese selbst sich wie ein 
Bataillon Aschingert)rötchen aufreihen läßt. 

Der Optimist: So klären Sie mir auch den 
Widerspruch auf, daß Sie den militärischen Typus 
für den relativ saubersten im Staatslcben gehalten 
haben. 



I 



181 



Der Nörgler: Das ist so wenig ein Wider- 
spruch wie der andere einer ist. Der militärische 
Typus war unter allen vorrätigen Typen der Mittel- 
mäßigkeit im Chaos einer Friedenswelt der brauch- 
barste. Dienst ist die Schranke der zügellosen Un- 
bedeutung, Zucht, Pflichterfüllung um ihrer selbst 
willen ist der Anstand der Banalität. Dies als 
Augenmaß für das Gesichtsfeld eines Geldbürgertunis. 
Sogar der Jobber, der einmal dienen muß, anstatt zu 
gebieten, kommt mit einem bessern, weniger störenden, 
fettloseren Habitus zurück. 

Der Optimist: Das wäre ja beileibe ein 
Lob des Kriegs. 

Der Nörgler: Nein, nur der Slrapaz. Bei Leibe! 
Der Tod hebt den erreichten Gewinn wieder auf. 

Der Optimist: Das ist wahr. Aber wenn 
die Jobber sterben, so muß Ihnen das doch 
recht sein. 

Der Nörgler: Die Jobber sterben nicht. 
Und vor allem macht der angemaßte Todesglanz 
den Wert der Turnübung wett. Das Heldentum der 
Unbefugten ist die schaurigste Aussicht dieses Kriegs. 
Es wird dereinst der Hintergrund sein, auf dem sich 
die vermehrte oder unveränderte Niedrigkeit male- 
rischer und vorteilhafter abhebt. 

Der Optimist: Aber es wird doch wirklich 
gestorben. Beachten Sie die tägliche Zeitungsrubrik 
»Heldentod«. 

Der Nörgler: Gewiß, es ist dieselbe Rubrik, 
in der früher die Verleihung des Kommerzialratstitels 
gemeldet wurde. Aber dieser traurige Zufall eines 
Granatsplitters wird auch den überlebenden Vertretern 
der kommerziellen Interessen, für die jene gestorben 
sind, eine Aureole verschaffen. 

Der Optimist: Sie meinen die, die daheim- 
geblieben sind? 



182 



Der Nörgler: Ja, diese werden sich für den 
Zwang, dem jene erlegen sind, entschädigen, für 
den Zwang im Dienst einer fremden Idee sterben zu 
müssen, der da allgemeine Wehrpflicht heißt. 

Der Optimist: Diesem Übermut werden die 
heimkehrenden Krieger schon zu begegnen wissen. 

Der Nörgler: Die heimkehrenden Krieger 
werden in das Hinterland einbrechen und dort den 
Krieg erst beginnen. Sie werden die Erfolge, die 
ihnen versagt waren, an sich reißen und der Lebens- 
inhalt des Kriegs, den Mord, Plünderung und 
Schändung bilden, wird ein Kinderspiel sein gegen 
den Frieden, der nun ausbrechen wird. Vor der 
Offensive, die dann bevorsteht, bewahre uns der 
Schlachtengoti ! Eine furchtbare Aktivität, aus 
Schützengräben befreit, durch kein Kommando mehr 
geleitet, wird in allen Lebenslagen nach der Waffe 
und nach dem Genuß greifen, und es wird mehr 
Tod und Krankheit in die Welt kommen, als der 
Krieg selbst ihr zugemutet hat. Der Himmel schütze 
die Kinder vor den Säbeln, die ein häusliches 
Züchtigungsmittel sein werden, wie vor dem Spiel- 
zeug einer mitgebrachten Granate ! 

Der Optimist: Es ist gewiß gefährlich, 
wenn Kinder mit Granaten spielen. 

Der Nörgler: Und die Erwachsenen, die 
desgleichen tun, hüten sich nicht einmal, mit 
Granaten zu beten! Ich habe ein Kreuz gesehn, das 
aus einer verfertigt war. 

Der Optimist: Das sind Begleiterscheinungen. 
Sonst hat auch der Krieg an Ihnen nicht immer einen 
so überzeugten Verächter gefunden. 

Der Nörgler: Sonst habe ich auch in Ihnen 
nicht immer einen so überzeugten Mißversteher 
gefunden. Sonst war der Krieg ein Turnier der 
Minderzahl und jedes Beispiel hatte Kraft. Jetzt ist 
er ein Maschinenrisiko der Gesamtheit und Sie 
sind ein Optimist. 



183 



Der Optimist: Die Entwicklung der Waffe 
kann doch hinter den technischen Errungenschaften 
der Neuzeit unmöglich zurückbleiben. 

Der Nörgler: Nein, aber die Phantasie der 
Neuzeit ist hinter den technischen Errungenschaften 
der Menschheit zurückgeblieben. 

Der Optimist: Ja, führt man denn mit 
Phantasie Kriege? 

Der Nörgler: Nein, denn wenn man jene 
noch hätte, würde man diese nicht mehr führen. 

Der Optimist: Warum nicht? 

Der Nörgler: Weil dann die Suggestion 
einer von einem abgelebten Ideal zurückgebliebenen 
Phraseologie nicht Spielraum hätte, die Gehirne zu 
benebeln ; weil man selbst die unvorstellbarsten 
Greuel sich vorstellen könnte und im Voraus wüßte, 
wie schnell der Weg von der farbigen Redensart 
und von allen Fahnen der Begeisterung zu dem 
feldgrauen Elend zurückgelegt ist; weil die Aussicht, 
fürs Vaterland an der Ruhr zu sterben oder sich die 
Füße abfrieren zu lassen, kein Pathos mehr mobil 
machen würde; weil man mindestens mit der Sicher- 
heit hinauszöge, fürs Vaterland Läuse zu bekommen. 
Und weil man wüßte, daß der Mensch die Maschine 
erfunden hat, um von ihr überwältigt zu werden, 
und weil man die Tollheit, sie erfunden zu haben, 
nicht durch die ärgere Tollheit, sich von ihr töten 
zu lassen, übertrumpfen würde; weil der Mensch 
fühlte, daß er sich gegen einen Feind wehren soll, 
von dem er nichts sieht als aufsteigenden Rauch, 
und ahnte, daß die eigene Vertretung einer Waffen- 
fabrik keinen hinreichenden Schutz gegen die Angebote 
der feindlichen Waffenfabrik gewährt. Hätte man 
also Phantasie, so wüßte man, daß es Verbrechen ist, 
das Leben dem Zufall auszusetzen, Sünde, den Tod 
zum Zufall zu erniedrigen, daß es Torheit ist, 
Panzerschiffe zu bauen, wenn man Torpedoboote baut, 
um sie zu überlisten, Mörser zu bauen, wenn man zum 



184 



Schutz gegen sie Schützengräben baut, in denen 
nur jener verloren ist, der seinen Kopf früher 
heraussteckt, und die Menschheit auf der Flucht 
vor ihren Waffen in Mauselöcher zu jagen und sie 
einen Frieden fortan nur unter der Erde genießen 
zu lassen. Hätte man statt der Zeitung Phantasie, 
so wäre Technii< nicht das Mittel zur Erschwerung 
des Lebens und Wissenschaft ginge nicht auf 
dessen Vernichtung aus. Ach, der Heldentod schwebt 
in einer Gaswolke und unser Erlebnis ist im Bericht 
abgebunden! 40.000 russische Leichen, die am Draht- 
verhau verzuckt sind, waren nur eine Extraausgabe, 
die eine Soubrette dem Auswurf der Menschheit im 
Zwischenakt vorlas, damit der Librettist gerufen 
werde, der aus der Parole des Opfermuts »Gold 
gab ich für Eisen« die Schmach einer Operette 
verfertigt hat. Die sich selbst verschlingende 
Quantität läßt nur noch Gefühl für das, was einem 
selbst und etwa dem räumlich nächsten zustößt, 
was man unmittelbar sehen, begreifen, betasten 
kann. Ist es denn nicht spürbar, wie aus diesem 
ganzen Ensemble, in dem mangels eines Helden 
jeder einer ist, sich jeder mit seinem Einzelschicksal 
davonschleicht? Nie war bei größerer Entfaltung 
weniger Gemeinschaft als jetzt. Nie war eine riesen- 
haftere Winzigkeit das Format der Welt. Die Realität 
hat nur das Ausm.aß des Berichts, der mit keuchender 
Deutlichkeit sie zu erreichen strebt. Der meldende 
Bote, der mit der Tat auch gleich die Phantasie 
bringt, hat sich vor die Tat gestellt und sie unvor- 
stellbar gemacht. Und so unheimlich wirkt seine 
Stellvertretung, daß ich in jeder dieser Jammer- 
gestalten, die uns jetzt mit dem unentrinnbaren, 
für alle Zeiten dem Menschenohr angetanen Ruf 
»Extraausgabee — !« zusetzen, den verantwortlichen 
Anstifter dieser Weltkatastrophe fassen möchte. Und ist 
denn der Bote nicht der Täter zugleich? Das gedruckte 
Wort hat ein ausgehöhltes Menschentum vermocht, 



185 



Greuel zu verüben, die es sich nicht mehr vorstellen 
kann, und der furchtbare Fluch der Vervielfältigung 
gibt sie wieder an das Wort ab, das fortzeugend 
Böses muß gebären. Alles was geschieht, geschieht 
nur für die, die es beschreiben, und für die, die es 
nicht erleben. Ein Spion, der zum Galgen geführt 
wird, muß einen langen Weg gehen, damit die im 
Kino Abwechslung haben, und muß noch einmal 
in den photographischen Apparat starren, damit die 
im Kino mit dem Gesichtsausdruck zufrieden sind. 
Lassen Sie mich diesen Gedankengang bis zum 
Galgen der Menschheit nicht weiter gehen — und 
dennoch muß ich, denn ich bin ihr sterbender 
Spion, und mein herzbeklemmendes Erlebnis ist 
der horror vor jenem vacuum, das diese beispiellose 
Ereignisfülle in den Gemütern, in den Apparaten 
vorfindet! 

Der Optimist: Die schmutzige Begleitung 
großer Dinge ist eine unvermeidliche Begleit- 
erscheinung. Es ist ja möglich, daß sich die Welt 
nicht in der Nacht auf den 1. August 1914 geändert 
hat. Auch scheint mir Phantasie wirklich nicht zu 
jenen menschlichen Eigenschaften zu gehören, die 
im Krieg Betätigung finden. Aber wenn ich Sie 
recht verstehe, wollen Sie überhaupt leugnen, daß 
ein moderner Krieg den menschlichen Qualitäten 
Spielraum lasse. 

Der Nörgler: Sie haben mich recht ver- 
standen; er läßt ihnen schon deshalb keinen Spiel- 
raum, weil die Tatsache des modernen Krieges 
von der Negation menschlicher Qualitäten lebt. 
Es gibt keine. 

Der Optimist: Was gibt es denn? 

Der Nörgler: Es gibt Quantitäten, die sich 
gegenseitig gleichmäßig vermindern, indem sie zu 
beweisen suchen, daß sie es mit den in maschinelle 
Energien umgesetzten Quantitäten nicht aufnehmen 
können; daß Mörser auch mit Massen fertig werden. 



186 



Diesen Beweis erst anzutreten, hat nur jener Mangel 
an Phantasie ermöglicht und für nötig erachtet, der 
von der Verwandlung der Menschheit in maschinelle 
Energien eben übrig blieb. 

Der Optimist: Wenn sich die Quantitäten 
gegenseitig gleichmäßig vermindern, wann wäre 
dann das Ende? 

Der Nörgler: Bis von zwei Löwen" die 
Schwänze übrig bleiben. Oder wenn dies nicht aus- 
nahmsweise einmal Wirklichkeit wird: bis der größeren 
Quantität ein Vorsprung bleibt. Ich schaudere davor, 
das hoffen zu müssen. Aber ich schaudere noch mehr 
davor, fürchten zu müssen, daß der prinzipielleren 
Quantität ein Vorsprung bleibt. 

Der Optimist: Welche wäre das? 

DerNörgler: Eben die geringere. Die größere 
könnte sich durch Reste eines Menschentums, das 
sie bewahrt hat, entkräften. Aber die geringere 
kämpft mit dem inbrünstigen Glauben an einen Gott, 
der diese Entwicklung gewünscht hat. 

DerOptimist: Einen Bismarck brauchten wir. 
Der würde schon früher ein Ende machen. 

Der Nörgler: Es kann keinen geben. 

Der Optimist: Warum nicht? 

Der Nörgler: Wenn die Welt so weit hält, 
daß sie ihre Bilanzen mit ihren Bomben belegt, 
so entsteht keiner. 

Der Optimist: Wie sollte man sich sonst 
gegen den infernalischen Plan einer Aushungerung 
wehren ? 

Der Nörgler: Der infernalische Plan einer 
Aushungerung ist in einem Krieg, der sich um die 
höchsten Güter der Nation, nämlich um Verdienen 
und Fressen dreht, ein ungleich sittlicherer, weil 
harmonischerer Behelf als die Anwendung von 
Flammenwerfern, Minen und Gasen, Dort ist das 
Kriegsmittel vom Stoff des heutigen Kriegs bezogen. Daß 
Absatzgebiete Schlachtfelder werden und aus diesen 



187 



wieder jene, will nur der Mischmasch einer Kultur, 
die aus Stearinkerzen Tempel erbaut und die 
Kunst in den Dienst des Kaufmanns gestellt hat. Die 
Industrie hat aber weder Künstler zu beschäftigen 
noch Krüppel zu liefern. Das falsche Lebensprinzip 
setzt sich in ein falsches Tötungsprinzip fort, wieder 
divergiert das Mittel vom Zweck. Wenn sich zwei 
Konsumvereine in den Haaren liegen, so ist der 
der sittlichere, der nicht die Esser selbst, sondern 
eine von ihnen gemietete Polizei Ordnung machen 
läßt, und wenn er sich mit der Kundenabtreibung 
oder auch mit der Warenabtreibung begnügt, 
so handelt er am sittlichsten. Ganz abgesehen 
davon, daß die Blockade bloß die Mahnung an 
die Zentralstaaten ist, sie durch Beendigung eines 
wahnwitzigen Kriegs von ihren Untertanen abzu- 
wenden. Wenn der Buchhalter nicht schon ehedem dem 
Ritter in den Arm gefallen ist, so sollte er es eben 
tun, wenn selbst der bereits klar erkennen kann, 
daß es nicht um ein Turnier, sondern um Baum- 
wolle geht. 

Der Optimist: Es handelt sich in diesem 
Krieg — 

Der Nörgler: Jawohl, es handelt sich in 
diesem Krieg! Aber der Unterschied ist der: Die 
einen meinen Export und sagen Ideal, die andern 
sagen Export und diese Ehrlichkeit allein, diese 
Separation allein ermöglicht schon das Ideal, auch 
wenn es sonst gar nicht vorhanden wäre. 

Der Optimist: Sagen Sie doch nicht, daß 
es jenen um ein Ideal zu tun ist! 

Der Nörgler: Keinesfalls, sie wollen es uns 
nur nehmen und es eben dadurch uns zurück- 
erobern, indem sie die deutsche Menschheit von 
der kulturwidrigen Neigung kurieren, es als Auf- 
machung für ihre Fertigware zu verwenden. Dem 
Deutschen sind die idealen Güter eine Draufgabe, 
wenn sie die andern durch Spediteure verfrachten 



lassen. Sie glauben, es gehe nicht ohne Gott und 
die Kunst, wenn sie eine Untergrundbahn anlegen. 
Das ist der Krebs. Ich habe in einer Berliner Papier- 
handlung einen Band Klosettpapier gesehen, auf 
dessen Blättern Sinn und Humor der jeweiligen 
Situation durch aufgedruckte Shakespeare-Zitate er- 
läutert waren. Shakespeare ist immerhin ein feind- 
licher Autor. Aber auch Schiller und Goethe mußten 
heran, der Band umfaßte die ganze klassische Bildung 
der Deutschen. Nie vorher hatte ich so sehr den 
Eindruck, daß es das Volk der Dichter und Denker ist. 

Der Optimist: Gut, Sie sehen in dem Krieg 
der andern einen Kulturinstinkt tätig, im deutschen 
Krieg ein Interesse wirtschaftlicher Ausbreitung. Aber 
würde der ökonomische Wohlstand nicht gerade das 
deutsche Geistesleben — 

Der Nörgler: Nein, er würde nicht, sondern 
im Gegenteil. Das totale Nichtvorhandensein 
dieses Geisteslebens war die Voraussetzung für diese 
Bestrebungen. Die geistige Selbstaushungerung, die 
ihr Erfolg verheißt, wäre von keiner Phantasie zu 
fassen, wenn eine solche noch vorrätig wäre. 

Der Optimist: Aber sind Sie nicht selbst 
von der Notwendigkeit des Krieges als solchen über- 
zeugt, wenn Sie von einem Krieg der Quantitäten 
sprechen? Denn daß er auch das Problem der 
Übervölkerung auf eine Zeit in Ordnung bringt, 
geben Sie ja damit zu. 

Der Nörgler: Das tut er gründlich. Die Über- 
völkerungssorgen dürften den Entvölkerungssorgen 
Platz machen. Die Freigabe der Fruchtabtreibung 
hätte jenen schmerzloser als ein Weltkrieg abgeholfen, 
ohne ihn heraufzubeschwören. 

Der Optimist: Dazu würde die herrschende 
iMoralauffassung nie ihre Zustimmung geben! 

Der Nörgler: Das habe ich mir auch nie 
eingebildet, da die herrschende Moralauffassung nur 
dazu ihre Zustimmung gibt, daß Väter, die zu töten 



189 



dem Zufall nicht ganz gelungen ist, als brotlose 
Krüppel durch die Welt schleichen und daß Mutier 
Kinder haben, damit diese von Fliegerbomben 
zerrissen werden. 

Der Optimist: Sie werden doch nicht 
behaupten, daß dergleichen absichtlich geschieht? 

Der Nörgler: Nein mehr: zufällig! Man 
kann nicht dafür, daß es geschieht, aber es geschieht 
wissentlich. Mit Bedauern und dennoch. Eine ziemlich 
reiche Erfahrung auf diesem Gebiete könnte es jenen, 
die den Luftmord anschaffen, und jenen, die mit der 
Durchführung betraut sind, endlich zum Bewußtsein 
gebracht haben, daß sie in der Absicht ein Arsenal 
zu treffen, unbedingt statt dessen ein Schlafzimmer 
treffen müssen, und statt einer Munitionsfabrik eine 
Mädchenschule. Durch Wiederholungsollten sie wissen, 
daß dies der Erfolg jener Angriffe ist, deren sie nach- 
träglich in der rühmenden Feststellung gedenken, daß 
sie einen Punkt erfolgreich mit Bomben belegt haben. 

Der Optimist: Eines zum andern, es ist 
ein erlaubtes Kriegsmittel, und da die Luft einmal 
erobert ist — 

Der Nörgler: — so benützt der Schurke 
Mensch gleich die Gelegenheit, auch die Erde 
unsicher zu machen. Lesen Sie die Beschreibung 
von dem Aufstieg einer Montgolfiere in Jean Pauls 
Kampanertal. Diese fünf Seiten können heute nicht 
mehr geschrieben werden, weil der Gast der Lüfte 
nicht mehr die Ehrfurcht vor dem näheren Himmel 
mitbringt und bewahrt, sondern als Einbrecher der 
Luft die sichere Entfernung von der Erde zu einem 
Attentat auf diese selbst benützt. Der Mensch wird 
keines Fortschritts teilhaft, ohne sich dafür zu rächen. 
Sie wenden sofort eben das gegen das Leben an, was 
ihm aufhelfen sollte. Sie machen sichs eben mit dem, 
was es erleichtern sollte, schwer. Der Aufstieg der 
Montgolfiere ist eine Andacht, der Aufstieg eines 
Aeropians eine Gefahrfür jene, die ihn nicht mitmachen 



190 



Der Optimist: Aber doch auch für den 
bombenabwerfenden Flieger selbst. 

Der Nörgler: Jawohl, aber nicht die Gefahr, 
von jenen, die er töten wird, getötet zu werden, 
und er entgeht den Maschinengewehren, die auf ihn 
lauern, leichter, als ihm die Wehrlosen. Leichter auch 
dem ehrlichen Kampf zwischen zwei gleichbewehrten 
Mördern, ehrlich, soweit die Schändung des Elements, 
in dem er sich abspielt, diese Wertung zuläßt. Immer 
aber bedeutet, mag auch der »Kühne« sie handhaben, 
die Luftbombe die Armierung der Feigheit, ruchlos 
wie das Unterseeboot, welches das Prinzip der 
armierten Tücke vorstellt, jener Tücke, die den Zwerg 
über den bewaffneten Riesen triumphieren läßt. Die 
Säuglinge aber, die der Flieger tötet, sind nicht 
bewaffnet, und wären sie es, sie würden den Flieger 
kaum so sicher erreichen können wie er sie. Es ist 
von allen Schanden des Krieges die größte, daß 
jene einzige Erfindung, die die Menschheit den 
Sternen näher brachte, lediglich dazu gedient hat, 
ihre irdische Erbärmlichkeit, als hätte sie auf Erden 
nicht genügend Spielraum, noch in den Lüften zu 
bewähren. 

Der Optimist: Und die Säuglinge, die aus- 
gehungert werden? 

Der Nörgler: Es ist den Regierungen der 
Zentralstaaten freigestellt, ihren Säuglingen dieses 
Schicksal zu ersparen, indem sie ihre Erwachsenen 
von der Fibel entwöhnen. Aber nehmen wir selbst 
an, daß an der Blockade die feindlichen Machthaber 
so schuldig seien wie die eigenen: die Bombardierung 
der feindlichen Säuglinge als Repressalie — das ist 
ein Gedankengang, der der deutschen Ideologie alle 
Ehre macht, ein geistiger Unterstand, in dem ich, 
beim deutschen Gott, nicht wohnen möchte! 

Der Optimist: Sie wollen der deutschen Krieg- 
führung eins am Zeug flicken und bedenken nicht, 
daß die andern sich desselben Kampfmittels bedienen. 



191 



Der Nörgler: Das bedenke ich wohl, und es 
fällt mir nicht ein, die französischen Aeroplane, die 
ungefähr denselben heldischen Schurkereien dienen, 
von der Menschheitsschande auszunehmen. Der Unter- 
schied scheint mir aber doch, nebstder Priorität, in einer 
Gemütsart zu liegen, die auf der einen Seite das 
Grauenvolle mitmacht, wissend oder vergessend, was 
es bedeute, und einer solchen, die sich nicht begnügt, 
Bomben herabzuwerfen, sondern die auch Witze 
mitschickt und gar einen »Weihnachtsgruß« für die 
Bewohner von Nancy in solcher Aufmachung 
darbringt. Auch hier wieder die gräßlicheVermischung 
des Gebrauchsgegenstandes, nämlich der Bombe, 
mit dem Gemütsleben, nämlich dem Witz, und des 
Witzes gar mit der Heiligkeit — die Vermischung, 
die der Greuel größtes ist, jene äußerste Unzucht, 
durch die sich ein iin Reglement verarmtes Leben 
auffrischt, die organische Entschädigung für Zucht, 
Drill und Sittlichkeit. Es ist der Humor des Henkers, 
es ist die Freiheit einer Moral, die die Liebe auf 
den Gerichtstisch gelegt hat. 

Der Optimist: Entschädigung für Zucht? 
Aber die war Ihnen doch als Schranke der Unbot- 
mäßigkeit willkommen? 

Der Nörgler: Aber nicht als Hebel der 
Macht! Lieber das Chaos, als Ordnung auf Kosten 
der Menschheit! Militarismus als Turnstunde und 
Militarismus als Geisteszustand — das ist doch 
wohl ein Unterschied. Das Wesen des Militarismus 
ist, Werkzeug zu sein. Wenn er, ohne es selbst zu 
ahnen, Werkzeug jener Mächte geworden ist, 
denen sein Wesen widerstrebt, und wenn er dem 
durch diese Mächte bedrohten Menschentum gegen- 
über sich als Selbstzweck aufspielt, dann besteht 
unversöhnliche Feindschaft zwischen ihm und dem 
Geiste. Sein Ehreninhalt ist im Bündnis mit einer 
feigen Technik zur Spielerei geworden, seine selbst- 
gewählte Pflicht im Rahmen des allgemeinen Zwangs 



192 



ist zur Lüge entartet. Er ist nichts als Ausrede und 
Entschädigung einer Sklaverei, die sich hinter der 
Maschine ihre elende Macht beweist. So sehr ist das 
Mittel Selbstzweck geworden, daß wir im Frieden nur 
noch militärisch denken und der Kampf nur noch ein 
Mittel ist, um zu neuen Waffen zu gelangen. Ein Krieg 
zur höheren Ehre der Rüstungsindustrie. Wir wollen 
nicht nur mehr Export und darum mehr Kanonen, 
wir wollen auch mehr Kanonen um ihrer selbst 
willen: und darum müssen sie losgehen. Unser Leben 
und Denken ist unter das Interesse des Schwer- 
industriellen gestellt; das ist eine schwere Last. Wir 
leben unter der Kanone. Und da sich jener mit Gott 
verbündet hat, so sind wir verloren. Das ist der 
Zustand. 

Der Optimist: Man könnte den Zustand 
aber auch aus der Perspektive eines Nietzsche- 
Ideals ansehn und würde dann zu einem wesent- 
lich andern Ausblick gelangen. 

Der Nörgler: Ja, das könnte man wohl und 
würde Nietzsches Überraschung erleben, daß der 
»Wille zur Macht« nach Sedan sich nicht als Triumph 
des Geistes, sondern in Form vermehrter Fabriks- 
schlote darbietet. Nietzsche war ein Denker, der es sich 
»anders vorgestellt« hat. Nämlich den Seelen- 
aufschwung von anno 1870. An den von 1914 hätte 
er vielleicht von vornherein nicht geglaubt und 
sich nicht mehr vom Sieg der eigenen Gedanken 
verblüffen lassen müssen. Und vielleicht doch den 
Eroberer verleugnet, der mit dem »Willen zur Macht« 
im Tornister und anderm Rüstzeug der Bildung 
auf den Kriegspfad geht. 

Der Optimist: Wenn der Krieg keinen 
kulturellen Segen stiftet, so stiftet er ihn für keines 
der beteiligten Völker. Falls Sie nicht etwa 
prinzipiell entschlossen sind, kulturelle Möglichkeiten 
nur dort zuzugeben, wo Franktireure schlafende 
Soldaten ermorden. 



193 



Der Nörgler: Gewiß dort nicht, wo eigens 
ein Wolff'sches Büro existiert, um es zu behaupten. 
Aber es wäre selbst auf dem heutigen Stand der 
Menschheit ein Unikum, daß Flieger, die Bomben 
auf Säuglinge werfen, sich eines völkerrechtlich 
erlaubten Kriegsmittels bedienen, und Franktireure 
die einen Mord begehn, um einen Mord zu rächen, 
es nur deshalb nicht tun dürfen, weil sie nicht die 
Lizenz haben, weil sie nicht unter einem Kommando 
morden, sondern aus einem andern unwiderstehlichen 
Zwang, nicht aus Pilicht, sondern aus Raserei, 
also aus jenem einzigen Motiv, das den Mord 
halbwegs entschuldigt; weil sie unbefugte Mörder 
sind, die sich weder durch das dazugehörige Kostüm 
noch durch die Zugehörigkeit zu einem Ergänzungs- 
bezirkskommando, Kader, Ersatzkörper oder wie die 
Schmach sonst heißt, ausweisen können. Lassen Sie 
mich über den sittlichen Unterschied zwischen einem 
Flieger, der ein schlafendes Kind tötet, und einem 
Zivilisten, der einen schlafenden Soldaten tötet, nicht 
richten. Ihnen selbst soll, wenn Sie nur die Gefahr 
bedenken und nicht die Verantwortung, die mutigere 
Wahl gestellt sein, einen schlafenden Soldaten zu 
attakieren oder einen wachen Säugling. 

DerOptimist: Darin mögen Sie recht haben, 
aber Sie werden auf der andern Seite die Züge der 
Menschlichkeit mit der Lupe suchen müssen. 

Der Nörgler: Wenn ich sie in unsern 
Zeitungen suche, allerdings. 

Der Optimist: Halten Sie sich nur die 
Rubrik gegenwärtig: »Wie die Russen in Galizien 
gehaust haben«. 

Der Nörgler: Daraus habe ich allerdings 
nicht entnehmen können, ob die galizischen Schlösser 
von polnischen Bauern oder von Honveds geplündert 
wurden. Wohl aber hat sich unter diesem Titel öfter, wie 
wenn es dem Zwang zur Lüge entrutscht wäre, eine 
Erzählung von einer russischen Edeltat gefunden. 

Die letzten Tage der Menschheit. 13 



194 



Der Optimist: Sie meinen doch nicht den 
Bericht über eine Schändung? 

Der Nörgler: Nun, ob Honveds und 
Deutschmeister die Frauen des eigenen Landes, 
von denen des feindlichen nicht zu reden, mit dem 
Hut in der Hand um ein Glas Wasser gebeten haben 
werden: sich für diese oder die andere Vermutung zu 
entscheiden überlasse ich Ihrem Optimismus, dessen 
unerschütterliche Grundlage die Berichterstattung 
unseres Kriegspressequartiers zu sein scheint. 

Der Optimist: Finden Sie nicht, daß man 
doch auch bei uns dem Feinde Gerechtigkeit 
widerfahren läßt? 

Der Nörgler: Ja, man begnügt sich manch- 
mal mit dem Humor idiotischer Ansichtskarten. 

Der Optimist: Nein, man läßt ihm zuweilen 
Gerechtigkeit widerfahren. 

Der Nörgler: Wenn sie pikant ist, dann kann 
sie ihm widerfahren. So konnte als Kuriosum — denn 
eine Wahrheit über das verleumdetste Volk Europas 
wird die mitteleuropäische Intelligenz sich nicht ent- 
fahren lassen — , als Kuriosum erzählt werden, daß 
die Russen in den katholischen Weihnachten nicht 
geschossen, sondern Friedens- und Segenswünsche 
für den Feind in ihren Schützengräben zurück- 
gelassen haben. 

Der Optimist: Und gewiß haben sich die 
Österreicher revanchiert. 

Der Nörgler: Gewiß, zum Beispiel der Doktor 
Fischl, bis zum 1. August Advokaturskonzipient, dann 
in die große Zeit eingerückt, hat einen Feldpost- 
brief drucken lassen, worin es heißt: »Morgen feiern 
die Russen ihre Weihnachten — da wollen wir sie 
ordentlich kitzeln.« 

Der Optimist: Das war ein Spaß. 

Der Nörgler: Ganz richtig, das war ein Spaß. 



195 



DerOptimist: Man darf nicht generalisieren. 
Der Nörgler: Ich tu's. Sie können auf 
meine Ungerechtigkeit bauen. Wenn der Militarismus 
dazu diente, den Unrat daheim zu bekämpfen, so wäre 
ich Patriot. Wenn er die, die nicht taugen, assentierte, 
wenn er Krieg führte, um den Menschendreck an 
die feindliche Macht abzutreten, wäre ich Militarist! 
Aber er opfert den Wert und verschafft dem Abhub 
die Glorie, und er macht ihn, wenn's selbst außen 
schief geht, immer noch zum Sieger über die 
eigene Macht. Nur diese Aussicht kann die Geduld, 
mit der der Menschheitshaufe eine Naturinsulte wie die 
allgemeine Wehrpflicht erträgt, überhaupt erklären. 
Der Unrat weiß, daß er selbst die Idee ist, für die er 
kämpft, und in dieser Gewißheit kämpft er sogar für 
das Vaterland, das ihm ursprünglich und letztlich eine 
fremde Idee ist, auch wenn alle Fibelideologie am Werk 
wäre, sie ihm täglich einzubläuen. Müßten sie sonst 
nicht doch einmal den Zwang, für eine fremde Idee zu 
sterben, als eine Leibeigenschaft empfinden, die tau- 
sendmal drückender ist als der reaktionärste Inbegriff 
des verfluchten Zarismus? Es ist aber schließlich 
und endlich doch die eigene Idee. Würden Menschen, 
die nie die Privilegien des militärischen Berufs 
genossen haben, sich sonst dazu zwingen lassen, 
dessen Gefahren zu teilen? Sich vom eigenen 
Beruf, von Erwerb und Familie losreißen lassen, um erst 
! in Kasernen getreten zu werden und hierauf für die 
I Erhallung der Bukowina zu sterben? Daß sie, wenn 
1 sie sich weigerten, für die Bukowina zu sterben, 
schon vorher totgeschossen würden, ist ja ein unmittel- 
'. barer Beweggrund, der einzelweis vollkommen zur 
i Erklärung hinreicht. Aber die Einrichtung hätte nicht 
entstehen können, wenn die Quantität nicht wüßte, 
' daß sie, scheinbares Opfer autokratischer Gelüste, 
I schließlich doch den Sieg über den Sieger davon 
\ trägt. Sie sehen, auch ich bin ein Optimist. Ich kann 
mich nicht entschließen, die Menschheit für eine so 



13* 



196 



ganz hoffnungslose Kanaille zu halten, daß sie einem 
fremden Willen zuliebe sich in Not und Tod und 
so viel Kot; begibt. 

Der Optimist: Der erhöhte Zustand, den der 
Ruf des Vaterlandes herbeiführt, ist aber denn doch 
eine bessere Erklärung als Zwang oder Vorteil. 

Der Nörgler: Das Vaterland? Wohl, dieser 
Rufer hat unter allen Regisseuren noch immer die 
stärkste Suggestion für sich. Aber der Rausch, der 
die allgemeine Wehrlosigkeit einlullt, würde seine 
Wirkung auf die wachere Intelligenz verfehlen, wenn 
nicht hier das Gefühl mitwirkte, daß ein Sieg gerade 
sie zum Herrn des Lebens erhebt. 

Der Optimist: Aber noch nicht der Krieg. 

Der Nörgler: Da erspart sie sich bloß Denk- 
arbeit, da kann sie einmal ausspannen. Sie braucht 
sich den Kopf nicht zu zerbrechen, ehe der Feind 
es ihr besorgt, was sich vorzustellen sie nicht mehr 
genug Phantasie hat. Denn der Krieg verv/andelt das 
Leben in eine Kinderstube, in der immer der andere 
angefangen hat, immer der eine sich der Verbrechen 
rühmt, die er dem andern vorwirft und in der 
die Rauferei die Formen des Soldatenspiels 
annimmt. Wenn Krieg ist, lernt man das Soldaten- 
spiel der Kinder gering schätzen. Es ist eine 
viel zu frühe Vorbereitung auf die Kinderei der 
Erwachsenen. 

Der Optimist: Das Soldatenspiel der Kinder 
empfängt jetzt im Gegenteil neue Anregungen. 
Kennen Sie das Spiel »Wir spielen Weltkrieg«? 

Der Nörgler: Es ist die ebenso gemeine 
Kehrseite des Ernstes: Wir spielen Kinderstube. 
Dieser Menschheit wäre zu wünschen, daß ihre 
Säuglinge m_it Erfolg anfangen, einander auszuhungern 
oder mit Bomben zu belegen, jedenfalls den Ammen 
die Kundschaft abzutreiben. 



197 

Der Optimist: Wenns nach liinen ginge, 
wäre die Menschheit schon vor einem WeHl^rieg 
auf den Aussterbeetat gesetzt. Aber Gott sei Dank 
ist sie rüstig — 

Der Nörgler: Sie meinen: gerüstet. 

Der Optimist: Sie entwickelt sich von 
Generation zu Generation. Sie haben von fünf 
Seiten bei Jean Paul gesprochen, die heute nicht 
mehr geschrieben werden können. Ich denke aber, 
daß die Erfindung des Grafen Zeppelin Deutschland 
keineswegs um die Möglichkeit gebracht hat, Dichter 
hervorzubringen. Es gibt auch heute noch Dichter, 
die nicht zu verachten sind. 

Der Nörgler: Ich tue es dennoch. 

Der Optimist: Und gerade jetzt, im Krieg, 
hat die deutsche Dichtung einen belebenden Impuls 
empfangen. 

Der Nörgler: Sie hätte lieber Ohrfeigen 
empfangen sollen. 

D e r O p t i m i s t : Sie sagen Derbheiten, aber 
nicht Wahrheiten. Wie immer Sie über den Krieg 
denken mögen, die Schöpfungen unserer Dichter 
haben etwas von dem Feueratem übernommen, mit 
dem diese große Zeit nun einmal über den Alltag 
hinweggefegt ist. 

Der Nörgler: Zwischen dem Feueratem und 
dem Alltag hat sich sofort eine Gemeinschaft ergeben: 
die Phrase, die unsere Dichter, anschmiegsam wie sie 
sind, sofort übernommen haben. Sie ^ind pünkt- 
licher eingeschnappt, als es die verblüffte Kundschaft 
verlangt hätte. Die deutschen Dichter! Sie sind ein 
geübter Optimist, aber Ihr Optimismus würde schon 
inFrozzelei ausarten, wenn Sie mir diese Schöpfungen 
als einen Beweis für die Größe der Zeit rekomman- 
dieren wollten. Ich mache immerhin noch den 
Unterschied einiger sittlichen Grade zwischen armen 
Philistern, die der Zwang aus dem Bureau in den 



198 



Schützengraben ruft, ., und elenden Schmierern, die 
daheim mit Entsetzen Ärgeres treiben als Spott, nämlich 
Leitartikel oder Reime, indem sie eine Gebärde aus 
zehnter Hand, die schon in der ersten falsch war, 
und einen Feueratem aus dem Mund der Allgemeinheit 
zu einer schnöden Wirksamkeit verarbeiten. Ich habe 
in diesen Schöpfungen keine Zeile gefunden, von 
der ich mich nicht schon in Friedenszeiten mit einem 
Gesichtsausdruck abgewandt hätte, der mehr auf 
Brechreiz als auf das Gefühl schließen ließe, an 
einer Offenbarung teilzuhaben. Die einzige würdige 
Zeile, die ich zu Gesicht bekommen habe, steht im 
Manifest des Kaisers, die ein feinfühliger Stilist 
zustandegebracht haben muß, der sich in ein an- 
genommenes Alterserlebnis versenkt hat. »Ich habe 
alles reiflich erwogen«. Die Zeit, die erst kommen 
wird, wird ja noch besser als die bereits mitgemachte 
zeigen, daß einer noch reiflicheren Erwägung die 
Abwendung dieses unaussprechlichen Grauens geglückt 
wäre. Aber so wie die Zeile dasteht, isoliert, wirkt 
sie wie ein Gedicht, und vielleicht erst recht, wenn 
man meinen Gedankengang als ihren Hintergrund 
setzt. Schauen Sie, hier — von dieser Säule können 
Sie's noch auf sich wirken lassen. 

Der Optimist: Wo? 

Der Nörgler: — Ach schade, gerade der 
Teil des Manifestes, wo die Zeile steht, ist 
vom Gesicht des Wolf in Gersthof verdeckt. Sehn 
Sie, das ist der wahre Tyrtäus dieses Kriegs! Und 
nun erst ist's ein Gedicht. 

Der Optimist: Ich kenne Ihre übertreibende 
Perspektive. Für Sie gibt es keinen Zufall. Und 
doch ist der Wolf in Gersthof, der mir ja selbst 
nicht ans Herz gewachsen ist — 

Der Nörgler: Wirklich nicht? 

Der Optimist: — und doch ist es nur ein 
Reklameplakat wie ein anderes, ein altes noch dazu, 



199 



das eben vor dem Krieg angefertigt wurde. Der 
Raum ist nun einmal gemietet, kann sein, das Lokal 
ist auch noch im Beirieb, ich weiß das nicht, über 
Nacht kann sich das nicht ändern, das alles ist 
Oberfläche, aber ich bin überzeugt — 

Der Nörgler: Natürlich sind Sie überzeugt. 

Der Optimist: — jawohl, daß die Wiener, 
die ja doch wirklich über Nacht ein ernstes Volk 
geworden sind und wie die Presse so richtig gesagt 
hat, »weit entfernt von Hochmut und von Schwäche« 
den Ernst der Situation erfaßt haben, ich bin über- 
zeugt, daß sie über ein Jahr nicht mehr Lust haben 
werden, solche Dinge mitzumachen, ob nun der 
Krieg bis dahin zu Ende sein wird oder nicht. 
Davon bin ich, jawohl, überzeugt! 

Der Nörgler: Sehen Sie, ich habe gar keine 
Überzeugungen und ich halte es für ganz egal, ob 
es so sein wird oder nicht und ob man es billigt 
oder, wie Sie, tadelt, wenn eine Hetz fortginge. Eher 
würde ich es im Gegensatz zu Ihnen billigen. 

Der Optimist: Dann verstehe ich Sie nicht. 

Der Nörgler: Davon, sehen Sie, bin ich über- 
zeugt, nur davon, daß es darauf nicht ankommt. 
Aber ich sage: Über ein Jahr wird der Wolf in Gersthof, 
der keine Singspielhalle, sondern ein Symbol ist, 
den Anforderungen der großen Zeit entsprechend 
noch größer geworden sein und wird an allen 
Straßenecken alles verdecken, die Zeile: »Ich habe 
alles reiflich erwogen« und alles andere, was sonst 
neben und unter ihm noch Platz hatte, und er wird 
die wahre Perspektive eines falschen Lebens her- 
stellen. Und aber über ein Jahr werden, wenn draußen 
eine Million Menschen begraben ist, die Hinter- 
bliebenen dem Wolf in Gersthof ins Auge schauen, 
und in diesem Antlitz wird ein blutiger Blick sein 
wie ein Riß der Welt, darin man lesen wird, daß 
die Zeit schwer ist und heute großes Doppelkonzert I 



200 



Der Optimist: Es schneidet einem ins Herz, 
Sie so sprechen zu hören — das heißt doch wirklich, 
eine Zeit, die selbst dem Kurzsichtigsten groß 
erscheinen muß, mit Absicht klein zu sehn. Wenn 
Uiis diese Zeit eines gebracht hat, so ist es die 
Erledigung Ihrer Perspektive. 

Der Nörgler: Das walte Gott! 

Der Optimist: Gebe er Ihnen größere 
Gedanken. Vielleicht wachsen sie Ihnen morgen, in 
Mozarts Requiem, gehn Sie mit mir hinein, der 
Reinertrag fließt der Kriegsfürsorge zu — 

Der Nörgler: Nein, mir genügt das Plakat 
— da gleich neben dem Wolf in Gersthof! Aber 
was ist das für eine sonderbare Zeichnung? Ein 
Kirchenfenster? Wenn mich meineKurzsichtigkeit nicht 
betrügt — ein Mörser! Ist es möglich? Ja, wem ist 
es denn gelungen, die beiden Welten unter einen 
Hut zu bringen? Mozart und Mörser! Welch ein 
Konzertarrangement! Wer verbindet so glücklich?! 
Nein, man muß darüber nicht weinen. Sagen Sie nur, 
ob in der Kultur der Senegalneger, die der Feind 
gegen uns zu Hilfe gerufen hat, solch ein Gottbetrug 
möglich wäre! Sehen Sie, das ist der Weltkrieg 
gegen uns. 

Der Optimist (nach einer Pause) : Ich denke, Sie 
haben recht. Aber weiß Gott, das sehen nur Sie. 
Unsereinem entgeht es und man sieht darum die 
Zukunft in rosigem Licht. Sie sehen es, und darum 
ist es da. Ihr Auge ruft es herbei und sieht's dann. 

Der Nörgler: Weil es kurzsichtig ist. Es 
gewahrt die Konturen, und Phantasie tut das übrige. 
Und mein Ohr hört Geräusche, die andere nicht 
hören, und sie stören mir die Musik der Sphären, die 
andere auch nicht hören. Denken Sie darüber nach, 
und wenn Sie dann noch nicht von selbst zu einem 
Schluß kommen, so rufen Sie mich. Ich unterhalte 
mich gern mit Ihnen, Sie sind ein Stichwortbringer 



201 



für meine Monologe. Ich möchte mit Ihnen vor das 
Publikum. Jetzt kann ich diesem nur sagen, daß ich 
schweige, und wenn möglich, was ich schweige. 

Der Optimist: Was etwa? 

Der Nörgler: Etwa: Daß dieser Krieg, 
wenn er die Guten nicht tötet, wohl eine moralische 
Insel für die Guten herstellen mag, die auch ohne 
ihn gut waren. Daß er aber die ganze umgebende 
Welt in ein großes Hinterland des Betrugs, der 
Hinfälligkeit und des unmenschlichsten Gottverrais 
verwandeln wird, indem das Schlechte über ihn 
hinaus und durch ihn fortwirkt, hinter vorgeschobenen 
Idealen fett wird und am Opfer wächst! Daß sich 
in diesem Krieg, dem Krieg von heute, die Kultur 
nicht erneuert, sondern sich durch Selbstmord 
vor dem Henker rettet. Daß er mehr war als 
Sünde: daß er Lüge war, tägliche Lüge, aus der 
Druckerschwärze floß wie Blut, eins das andere nährend, 
auseinanderströmend, ein Delta zum großen Wasser 
des Wahnsinns. Daß dieser Krieg von heute nichts 
ist als ein Ausbruch des Friedens, und daß er nicht 
durch Frieden zu beenden wäre, sondern durch den 
Krieg des Kosmos gegen diesen hundstollen Planeten! 
Daß Menschenopfer unerhört fallen mußten, nicht 
beklagenswert weil sie ein fremder Wille zur Schlacht- 
bank trieb, sondern tragisch, weil sie eine unbekannte 
Schuld zu büßen hatten. Daß für einen, der das 
beispiellose Unrecht, welches sich noch die schlechteste 
Welt zufügt, als Tortur an ihm selbst empfindet — 
daß für ihn nur die eine letzte sittliche Aufgabe 
bleibt : mitleidslos diese bange Wartezeit zu verschlafen, 
bis ihn das Wort erlöst oder die Ungeduld Gottes. 

Der Optimist: Sie sind ein Optimist. Sie 
glauben und hoffen, daß die Welt untergeht. 

Der Nörgler: Nein, sie verläuft nur wie mein 
Angsttraum, und wenn ich sterbe, ist alles vorbei. 
Schlafen Sie wohl! (Ab.) 

(Verwandlung.) 



202 



30. Szene 

Nachts am Graben. 

Zwei Kettenhändler (mit ihren Damen, 
alle Arm in Arm in angeheiterter Stimmung, trällernd) : Stern- 
gucker — Sterngucker — nimm dich in Acht — 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — 
40.000 tote Russen vor Przemysl — ! 

Der eine Kettenhändler: — Sterngucker — 
Sterngucker — 

Der andere: — nimm dich in Acht — (ab.) 



II. Akt 



1. Szene 

Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke. Das Publikum besteht in der 
überwiegenden Mehrzahl aus galizischen Flüchtlingen, Schiebern, 
Berufsoffizieren auf Uilaub, solchen, die ein SpitalskommantJo 
innehaben oder sonst zu leichterein Dienst im Hinterland verwendet 
werden, und aus wehrfähigen Zivilisten, die sichs gerichtet hahen. 

Ein polnischer Jude: Extrosgabee — kofen 
Sie mir ab, meine Damen und Herrn — 

Ein seßhafter Wucherer: Das hat uns noch 
gefehlt, daß wir den Pofel herbekommen — wo 
man hinschaut, nix wie Juden! Was wern sie anfangen? 
Bleiben und unsere Geschäfte machen! 

Ein Agent: Vorläufig kann ich nicht klagen. 
Wenn ich auch beiweiiem nicht sagen könnte, daß 
es mir so gut gehl wie Ornstein. 

Der Wucherer: Welcher Ornstein? Ornstein 
der Enthobene? 

Der Agent: Selbstredend. Er hat letzten 
Samstag an Tornister achtahalb Tausender verdient 
auf einen Telephongespräch, Gewure! 

Der Wucherer: Habachaachgehett. Was war 
er vor dem Krieg? 

Der Agent: Vor dem Krieg, das wissen Sie 
nicht? Zindhelzl! Die Vertretung von Lauser & Low. 
Jetzt macht er. Er hat gesagt, er wird mir auch 
verschaffen. Er is intim mit etwas einem Major. 

(Ein Schwerverwundeter auf Krücken, mit Gliederzuckungen, 
schleppt sich vorbei.) 

Der Wucherer: Ja, jetzt heißt es durchhalten. 
Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Neue Freie Presse! Kroßa Sick der Deitschen in 
Galizieen! Blutige Abweisung im Naahkaamf! 



206 



Der Wucherer: Knöpfimacher muß auch 
schon hübsch verdienen. Haben Sie gehört, Eisig Rubel 
geht sich täglich herauf in die Spirituszentrale, was 
sagen Sie, weit gebracht! Was ich sagen wollte, 
gediegen war gestern der Artikel über den seelischen 
Aufschwung. 

Der Agent: Sie heut hab ich gehört, um 
fufzig Perzent gehn sie mit Leder in die Höh. 

Der Wucherer: Was Sie nicht sagen, da wird 
doch Katz in die Breite gehn, der wird nicht mehr 
wissen, wo ein und aus, der is imstand, Sie wern 
sehn und wird noch adelig. Unsereins gibts billiger. 
Wissen Sie, was ich einmal mecht? Ich mecht 
einmal einen Nagel hereinschlagen in dem Wehrmann 
neben dem Imperial, aus Hetz, geh mr hin, was liegt 
Ihnen dran, ma is in guter Gesellschaft, was 
liegt Ihnen dran, eine Krone und man kriegt ein 
Blatt, wo der Name eingetragen is für kommende 
Geschlechter für die Annalenl 

Der Agent: Lassen Sie mich aus mit solche 
Narrischkaten. 

Der Wucherer: Da kommt Bermann! Enthoben! 
Bermann: Servus! 

Der Wucherer: Gehn Sie mit nageln in den 
Wehrm_ann, Bermann? 

Bermann: Hab scho genagelt. (Ab.) 
Der Wucherer: Gut, geh ich selbst! 

Der Agent: Ich bin kein Freund von solche 
Schmonzes. 

Der Wucherer: Was heißt Schmonzes? Schaun 
Sie sich an, was für Leute — das war einmal 
eine Idee! Auf die Art kommt viel herein für 
unsere braven Soldaten und man hat ein Andenken 
an die große Zeit. Sie, schaun Sie — (Kine auffallend 
gekleidete Dame geht vorbei, die beiden bleiben stehn.) 

Beide: Unter mir gesagt. 



207 



Der Agent: Haben Sie gehört, wie sich 
Raubitschek und Berber patzig machen mit der 
Medaille vom Roten Kreuz? 

Der Wucherer: Tut sich was. No was haben 
sie geben müssen? 

Der Agent: E Pappenstiel. Aber sie hätten 
auch für die große gegeben, wenn sie sie kriegen 
möchten. Die is nur für Verdienste. Die kostet 
Unsummen! 

Der Wucherer: Bittsie wer kann sich das 
leisten, und die es sich ja leisten können, wollen 
lieber Titeln. Eduard Feigl, der Konservenfeigl, der 
Große, wird heißt es Baron. Sofort nach dem Frieden. 

Der Agent: Wer denkt jetzt an Frieden, jetzt 
sind andere Sorgen. 

Der Wucherer- Was sind Sie auf einmal so 
kriegerisch? Mir scheint, Sie haben eine große Sache 
in Aussicht? No habach erraten?? 

Der Agent: Große Sache, Schmock was Sie 
sind, große Sache. Ma bringt sach durch. 

Der Wucherer: Recht ham Sie. Ich steh auf 
den Standpunkt, Krieg is Krieg. Bittsie, ob die 
jungen Leut sich beim Automobilfahren den Hals 
brechen oder gleich fürs Vaterland — ich kann 
solche Sentementalitäten nicht mitmachen. 

Der Agent: Das is aber ja wahr. Das fort- 
währende Geschimpfe am Krieg wachst mir 
schon zum Hals heraus. Manches is ja teurer 
geworn — aber das gehört dazu! Ich versicher Sie, 
da wern noch viele sein, die heut so tun, da wird 
ihnen noch sehr mies wern, wenn sie hörn wern, 
es kommt Frieden. 

Der Wucherer: Gewiß, wir sind doch heute 
mit Leib und Seele dabei — 

Der Agent: Und mitten drin, grad wo sie 
sich Verdienste geschafft haben, soll es auf einmal 
zu End sein? 



208 



Der Wucherer: Nebbich, unsere braven 
Soldaten. 

Der Agent (in ein schallendes Gelächter ausbrechend): 
Das is gediegen — Was harn Sie verstanden? Ich 
red vom Geschäft und Sie — (er lacht und hustet) 
Ein Staub is heut wieder, Schkandaal — das geb ich 
in die Presse unter die Rubrik »Der Mistbauer 
im Eisen« — was red ich, »der Wehrmann und die 
Fliege« — oder nein — 

Der Wucherer: Hab auch schon mein 
Scherflein beigetragen, vor unserem Haus is nämlich 
seit geschlagenen drei Monaten — 

Der Agent: Schaun Sie da her wer sich daher- 
kommt, Weiß in Uniform! Das hat die Welt nicht — 
(Weiß bleibt mißmutig stehn.) Also — eingerückt? 

Weiß: Scho lang, scho gor net mehr wohr. (Ab.) 

Der Wucherer: Was aus die Leut wird! Wer 
hätt das noch vor einem Jahr gedacht — wenn 
man mir gesagt hätte — Weiß wern sie nehmen! 
Einen Menschen, den ich hab verdienen lassen! 

Der Agent: Er is sehr mißmutig nebbich. 

Der Wucherer: Nicht Brot auf Hosen hat er 
gehabt. Jetzt hat er des Kaisers Rock. Ja, es is eine 
große Zeit. 

Der Agent: Sie was man nicht für möglich 
halten sollte, hörn Sie mich an, seit acht Tag 
telephonier ich zu Kehlendorfer für Husarenblut. 
Auf vier Wochen ausverkauft. Ich sag Ihnen, der Krieg 
wird vorüber sein und wir wern Husarenblut nicht 
gesehn haben! Meine Frau quält mich doch — 

Ein Zeitungsausrufer: Der Ansturm 

abgewieseen — Alle Stellungen genohmen! 

Der Wucherer: Und ich sag Ihnen, nicht zu 
vergleichen mit Herbstmanöver. No und was sagen Sie 
zur Csardasfürstin — was die Leut hermachen! Warn 
Sie schon bei Fürstenkind? 

Der Agent: Fürstenkind, selbstredend war mr! 
Da kommt doch — warten Sie — da kommt doch 



209 



der großartige Witz vor, wo sich das Haus vvnlzt, 
»das warn die ramasurischen Sümpfe^<. Das Haus 
dröhnt, wie er das herausbringt Marischka — (ab.) 

Ein Offizier (zu drei anderen): Grüß dich 
Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, 
also du — du bist ja politisch gebildet, also was 
sagst zu Italien? 

Zweiter O f f i z i e r (mit Spazierstock) : Weißt, ich 
sag halt, es ist ein Treubruch, ganz einfach. 

Der dritte: No was willst von die Katzeimacher 
anderes verlangen — also natürlich. 

Der vierte: Ganz meine Ansicht — gestern 
hab ich mullattiert — ! habts das Bild vom Schönpflug 
gsehn, Klassikaner! 

Der erste: Weißt was ich möcht nach langer 
Zeit, möcht wieder amal in die Gartenbau. 

Der zweite: Geh, bist denn verwundet? 

Der dritte: Wieso verwundet? 

Der vierte: Er ist doch nicht verwundet. 

Der erste: Ich bin doch nicht verwundet. 

Der zweite: No weißt denn nicht, die Garten- 
bau is doch jetzt a Spital! (Alle lachen.) 

Der erste: Richtig, a Spital — (nach einigem 
Nachdenken) Weißt, das hab ich dir auf den Tod 
vergessen — jetzt dauert der Krieg schon so lang — 
(Ein Soldat auf Krücken kommt vorbei.) 

Der zweite: Soll ich den stelln, der salutiert 
blöd — 

Der erste: Mach kein Aufsehn, apropos was is 
mitn Militärverdienstkreuz? 

Ein Zeitungsausrufer: Blutige Abweisung 
im Naahkaamf bittee — ! 

Der zweite: Ich bin eingegeben — zu blöd, 
wie lang das dauert. 

Der dritte: Eine Wirtschaft! 

Der vierte: Was wollts ihr haben, Krieg is 
Krieg. Heut sind keine Menscher. 

Die letzten Tage der Menschheit. 14 



210 



Der erste: Wißts ihr, was? Gehmr zum 
Hopfner! (Ab.) 

Ein Intellektueller (zu seinem Begleiter): Ich 
versicher Sie, solange die Mentalität unserer Feinde — 
(Beide ab.) 

P 1 d i Fesch (zu seinem Begleiter) : Heut soll ich 
mit dem Sascha Kolowrat drahn — {ah.) 

Man hört den Gesang vorbeiziehender Soldaten: In der Heimat, 
in der Heimat da gibts ein Wiedersehn — 

(Drei Schieber mit Zahnstocher im Maule treten aus dem Rost- 
raum des Hotel Bristol.) 

Erster Schieber: Sie, gestern war ich bei 
Marcel Salzer. Ich sag Ihnen meine Herrn, das 
sollten Sie nicht versäumen. 

Zweiter Schieber: Soo guut? 

Der erste: Ja! Sie, da trägt er Ihnen ein Gedicht 
vor, von etwas einem berühmten Dichter, weiß ich 
wie er heißt — warten Sie — ja — Ginzkey! 

Dritter Schieber: Teppiche. 

Der erste: Er soll sogar verwandt sein. Also, 
da kommt vor von Tannenberg, wie sie Hindenburg 
hereintreibt in die Sümpfe — Sie ham doch in der 
Presse gelesen damals die packende Schilderung — 

Der zweite: Ich weiß noch den Titel: 
Umfassung der russischen Truppen durch die 
deutsche Armee und Hereinwerfen in die masurischen 
Sümpfe. 

Der erste: Ja, also das kommt genau vor, 
aber mehr komisch, und da macht er gluck-gluck 
und gluck-gluck, wie sie ersticken. Ich sag Ihnen 
und dabei das betamte Gesicht, was er macht Salzer, 
die Äuglein — es is sein Geld wert. 

Der dritte: Ps— -Sie — dakommen Feldgraue! 
(Sie bleiben stehn.) 

Der zweite (andächtig): In schimmernder Wehr, 
Der erste: Ja, die Deitschen! 



211 



(Es treten hintereinander drei deutsche Grenadiere auf, jeder 

begleitet von einem Wiener Oemeindeorgan, das Frack und 

Zylinder (ragt.) 

Erstes Gemeindeorgan: Durt is die Oper, 
jetzt kommen wir in die Kirntnerstraße, woselbst 
ich Ihnen den Stock im Eisen zeigen werde, das 
größte Wahrzeichen von Wien, was mir harn, er- 
richtet zum Andenken, daß vorüberziehende Hand- 
werksburschen jeder einen Nagel einigschlagen haben, 
gradaso wie Sie's beim Wehrmann in Eisen gsehn 
haben. Dann kommt die sogenannte Pestsäule, weil 
damals in der Wienerstadt die Pest gewietet hat 
und da hat er ein Gelübde getan, an dera Stelle 
eine große Sehenswürdigkeit zu errichten. 

Erster Grenadier: Ach was, Donnerwetter! 

Zweites Gemeindeorgan: Durt is die Oper, 
jetzt gehn wir durch die Kirntnerstraße, zum so- 
genannten Stock im Eisen, das ist ein Wahrzeichen, 
weil dort vorüberziehende Handwerksburschen jeder 
einen Nagel einigschlagen haben. Dann zeige ich 
Ihnen die Pestsäulen, da hat er nämlich ein Gelübde 
getan, weil damals die Pest gewietet hat, gradaso 
wie beim Wehrmann in Eisen, und darum is dort 
eine Sehenswürdigkeit errichtet. 

Dritter Grenadier: Famos, Donnerwetter! 

Drittes Gemeindeorgan: Da ham S' die 
Oper. Jetzt kommt aber gleich die Kirntnerstraße, 
da gehn mir zum Stock im Eisen, in den haben 
nämlich die vorüberziehenden Handwerksburschen 
einen Nagel einigschlagen, gradaso wie sie's jetzt 
beim Wehrmann tun. Dann führ ich Ihnen am 
Graben zu einer Sehenswürdigkeit, zum größten 
Wahrzeichen was mir ham, indem nämlich durt die 
Pest gewietet hat an dera Stelin, und da hat er ein 
Gelübde getan und so is bekanntlich der Stock im 
Eisen entstanden. 

ZweiterGrenadier: Donnerwetter, schneidich ! 



14* 



212 



Ein Reporter (zu einem zweiten): Sehn Sie, da 
kann man einmal sehn, was das heißt Schulter an 
Schulter. 

Der zweite: Sie scheinen sich gut zu verstehn, 
aber man hört nicht was sie zusammen sprechen. 

Der erste: Er erklärt ihm. 

Ein Berliner Schieber (sehr schnell zu einem 
Dienstmann): Kommen Se mal ran und laufen Se 
rüber ins Restaurang, kucken Se, ob dort'n Herr 
wachtet oder gehn Se zum Potje oder zum Ober 
und fragen Se nach dem Sektionscheff Swoböda, 
der von Zadikower aus Berlin Mitte bestellt ist, 
mit der einflußreichste Mann, den ihr in Wien jetzt 
habt, er möge noch wachten und 'n Tisch anjeben, das 
Treffbuch liegt vamutlich an der Auskunftei aus, 
falls ich vahindat wäre, will ich mit ihm Amdbrot 
essen, habe aber noch'n Jeschäft, für den Fall hörn Se 
daß a vahindat wäre, möge er nachts nach dem 
Muläng rusche komm'n oder wie det Etablissemang 
jetzt heißt, Se wissen doch, wo die Mizzal tanzt, 
mit das schikste Mädchen, das ihr in Wien jetzt 
habt, ich komme fünfzehn Minuten vor zwölfe, 
nu man fix habn Se vaschtanden? (Der Dienstmann 
betrachtet den Fremden erstaunt und schweigend.) Ja 
Menschenskind vaschtehn Se nich deutsch? 

DerDienstmann: Ahwoswoswaßiwossöwulln - 

Der Schieber (sich empört an die Vorübergehenden 
wendend, die eine Gruppe bilden): Nu haste Worte, hörn 
Se mal, erlauben Se mal, das is'n ausjewachsener 
Skandal, was in eurem lieben Wien allens vorkomm' 
kann, ich habe hier als Reichsdeutscher ja schon 
manche Überraschung erlebt, so'ne richtje Wiener 
Schlamperei ist man bei euch ja jewöhnt, ihr 
seid ja überhaupt 'n niedliches Völkchen, aber so 
etwas sollte man denn doch nich für möglich halten, 
das is doch wieder mal nur in Wien möglich, nee 
überhaupt daß sich eine Bevölkerung, mit der wir doch 
Schulter an Schulter kämpfen, so'ne Sottise jefallen 



213 



läßt, das ist doch kolomassiv, ihr Wiener habt ja 
nu eben keene Ahnung, daß ihr im Kriege seid, 
darumseidihrauch schon nach einem Jahre uniendurch, 
bei uns hingegen, da liann man sagen, ist die Stimmung 
ernsc, aber zuversichtlich, bei euch hingegen — na, 
das sollte mal Hindenburch wissen, da will ich ihn 
nu mal gründlich orientieren — 

Rufe aus der Menge: Ja was is denn 
gschehn? 

Der Schieber: Was jeschehn is? Da fragen 
Se noch? Ulkjes Völkchen! Der Mann da, hat da- 
jesianden wie'n richtich gehender Wiener Dienstmann, 
ich wollt ihn rüberschicken ins Restaurang mit 'ner 
wichijen Nachricht für 'nen Sektionscheff, den ich 
bestellt habe, und er — ich bitte Sie, jetzt im Krieg — 

Die Menge: Na was denn, was hat er denn tan? 

Der Schieber: — und er antwortet mir englisch! 

(Er entfernt sich in größter Erregung. Die Menge sieht den 

Dienstmann fragend an, der seinerseits die ganze Zeit wie erstarrt 

dagestanden ist und sich nun stolz entfernt.) 

Die Menge: Gott strafe England! 
Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabce — ! 
Kroßa Sick da Yabündeteen! 

(Verwandlung.) 



2. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Nörgler: Halten Sie es im Bereich 
organischer Möglichkeiten für denkbar, daß ein 
Eskimo und ein Kongoneger auf die Dauer sich 
verständigen oder gar miteinander Schulter an Schulter 
kämpfen können? Ich denke, höchstens wenn es 
ein Bündnis gegen Preußen gilt. Die Verbindung 
zwischen einem Schöneberger und einem Grinzinger 
scheint mir unpraktikabel. 

Der Optimist: Warum denn? 



214 



Der Nörgler: Es ist in alten Mären, auf 
welche die Nibelungentreue zurückzuführen ist, der 
Wunder viel geseit. Aber was sind diese gegen 
die wunderbaren, märchenhaften Verbindungen der 
blutlebendigen Gegenwart? Denn sehen Sie: noch 
nicht einmal telephonieren können und nichts 
als telephonieren können — das mag wohi zwei 
Welten ergeben; aber läßt es eigentlich ihre seelische 
Verbindung zu, da kaum eine telephonische Zustande- 
kommen könnte? Lassen sich zwei Wesen Schulter 
an Schulter denken, deren eines die Unordnung 
zum Lebensinhalt hat und nur aus Schlamperei noch 
nicht zu bestehen aufgehört hat, und deren anderes 
in nichts und durch nichts besteht als durch Ordnung? 

Der Optimist: Das Vorbild des Bundesbruders, 
dessen im Frieden bewährte Organisation — 

Der Nörgler: Sie würde sich an dem Vorbild 
der Schlamperei lockern, wenn sie nicht ohnedies 
in diesem Krieg kaputt gehen müßte. Die äußere 
und innere Ordnung der deutschen Welt ist eine 
Hülle, die bald geborsten sein wird. Dann mag es 
Schulter an Schulter mit uns mißglücken. 

DerOptimist: Meinen Sie, daß etwa die deutsche 
Beamtenschaft in ihrem erprobten Pflichtgefühl je 
nachlassen oder gar korrumpiert werden könnte? 

Der Nörgler: Als ein Symbol der deutschen 
Entwicklung ist mir jüngst an der deutsch- 
scliweizerischen Grenze ein uniformierter Bahn- 
funktionär entgegengetreten, der mir neben der Kassa 
die Umwechslung der Valuta zu einem besseren 
Kurs als dem, den die Bahn zahlt, flüsternd anbot. 

Der Optimist: Wo Sie sittlichen Verfall sehen, 
sehe ich — 

Der Nörgler: Seelenaufschwung. Diese Vision 
wird jene Wirklichkeit noch fördernd beeinflussen. 
Unter der Ägide der sich selbst belügenden 
Kriegslüge wird das Chaos unendlich werden. Die 
ins Rollen gebrachte Quantität wird entgleisen. 



215 



Der Optimist: Und wir in Österreich? 

Der Nörgler: Werden kaum nötig haben, 
herunterzukommen. Bei uns war schon im Frieden 
Krieg und jeder Konzertschluß ein ungeordneter 
Rückzug, Wir werden eher durchhalten. 

Der Optimist: Im Treubund gibt es keine 
Rivalität. Er hat sich bisher bewährt und wir werden 
auch zusammen kämpfen bis zum Ende. 

Der Nörgler: Das glaube ich auch. Nur 
werden in der gemeinsamen Verwirrung die Sprachen 
verschieden sein. 

Der Optimist: Gemeinsam ist diedesSchwertes. 
Wir sind mit den Deutschen verbunden auf Gedeih 
und — 

Der Nörgler: — Verderb! 

(Verwandlung.) 



3. Szene 

Der Abonnent und der Patriot im Gespräch. 

Der Abonnent: Haben Sie gelesen, der 
Bürgermeister Dr. Weiskirchner hat anläßlich der 
glänzenden Waffentat des Ü 5-Boots dem Admiral 
Haus ein Glückwunschtelegramm geschickt, und er 
hat schon geantwortet? 

Der Patriot: Whs hat er geantwortet? 

Der Abonnent: »Bitte, meinen verbindlichsten 
Dank für die überaus freundlichen Glückwünsche 
entgegenzunehmen.« 

Der Patriot: Aber wissen Sie schon, daß 
der Leiter der israelitischen Militärseelsorge Feld- 
rabbiner Dr. Frankfurter beim Osterfeste eine 
patriotische Ansprache gehalten hat? 

Der Abonnent: Was Sie nicht sagen! Das 
is mir entgangen! Und dann? 



216 



Der Patriot: Der Text wurde vom Militär- 
kommando Wien dem Erzherzog Friedrich und dem 
Erzherzog Karl Franz Josef vorgelegt. 

Der Abonnent: Und dann? 

Der Patriot: Beide Erzherzoge ließen dem 
Feldrabbiner danken. 

Der Abonnent: Sehn Sie, das freut mich. 
Aber ich kann Ihnen dafür erzählen, König Ludwig 
von Bayern hat dem sich zurzeit in Franzensbad 
aufhaltenden Bezirksrabbiner Benzion Katz von 
Borszczow auf dessen anläßlich der Einnahme von 
Warschau gesandtes Huldigungstelegramm tele- 
graphisch seinen Dank ausdrücken lassen. 

Der Patriot: Das weiß ich und ich weiß 
noch mehr. 

Der Abonnent: Da bin ich gespannt. 

Der Patriot: Benzion Katz, Bezirksrabbiner 
zu Borszczow, derzeit in Franzensbad, hat anläßlich 
der Einnahme von Warschau und Iwangorod — 

Der Abonnent: Also auch wegen Iwangorod? 

Der Patriot: Ja, auch wegen Iwangorod, an den 
Armeeoberkommandanten Feldmarschall Erzherzog 
Friedrich eine Huldigungsdepesche gerichtet — 

Der Abonnent: Und dann? 

Der Patriot: — auf welche folgende Antwort 
eingetroffen ist: Se. k. u. k. Hoheit der durch- 
lauchtigste Herr Armeeoberkommandant Feldmarschall 
Erzherzog Friedrich — 

Der Abonnent: Aha weiß schon: dankt 
bestens für die patriotische Kundgebung. Im höchsten 
Auftrage Flügeladjutant Oberst v. Lorz. 

Der Patriot: Woher wissen Sie das? 

Der Abonnent: No ich kann Ihnen noch 
mehr sagen. Nämlich den Text von der Antwort 
von König Ludwig von Bayern, nämlich das hab 
ich erst später gelesen, nämlich König Ludwig von 
Bayern hat an den sich in Franzensbad aufhaltenden 



217 



Bezirksrabbiner Benzion Katz von Borszczow auf 
dessen anläßlich der Einnahme von Warschau 
gesendetes Glückwunschtelegramm folgende Antwort 
gerichtet: »Ihnen und Ihren in Franzensbad weilenden 
Landsleuten danke ich bestens für die Glückwünsche 
zur Befreiung Warschaus. Ludwig.« 

Der Patriot: Schad, daß man immer nur von 
den Antworten hört, und nie, was Benzion Katz 
telegraphiert hat. 

Der Abonnent: Gott, es gibt ja so viel jetzt, 
man weiß gar nicht, wofür man sich zuerst intressieren 
soll, richtig, wissen Sie schon, wer im Reserve- 
spital Nr. 9 (früher k. k. Statthaltereispital) unter der 
Leitung des Regisseurs Franz Brunner mitgewirkt hat? 

Der Patriot: Frau Sektionschef Jarzebecka, 
Rosa Kunze, Helene Gad, Marta Seeböck, Elsa v. 
Konrad, Marta Land, Frau Professor Felsen, Gusti 
Schlesak, Henriette Weiß, Mizzi Ohmann, Christine 
Werner und die Herren Ernst Salzberger und Viktor 
Springer. 

Der Abonnent: Fürwahr, eine stattliche Liste. 
Im Vereinsreservespital Nr. 8 (Rothschild-Spital) haben 
meines Wissens nur mitgewirkt: Frau Anna Kastinger, 
Fräulein Finni Kaufmann (am Klavier Heia Lang), 
Fräulein IIa Tessa, Adolf Raab, Fräulein Karla Porjes, 
das Schrammel-QuartettUhlund das Edelweiß-Quartett 
unter Leitung des Chormeisters E. Bochdansky mit 
den Herren I. Michl, G. Steinweiß und I. Zohner, 

Der Patriot: So ist es. Wissen Sie aber, daß 
im Spital in der Apostelgasse auf Anregung des 
Bezirksschulinspektors Homolatsch das »Deutsche 
Lied in Wort und Bild und Sang und Klang« zum 
Besten gegeben wurde? 

Der Abonnent: Nein, es setzt mich in 
Erstaunen, aber das eine weiß ich, daß sich 
E. Koritschoner, Prag und Minna Husserl, 
Mährisch-Trübau am 15. d. verlobt haben. 



218 



Der Patriot: So ist es. Ja, ja, es gehn 
große Dinge vor. Haben Sie gelesen, »Verzweiflung 
des Viererverbandes am Sieg«? 

Der Abonnent: Ja, ja, es scheint' sich zu 
bewahrheiten, ich glaub es wird eine Verzweiflung 
am Sieg des Viererverbandes ausbrechen, wie sie 
die Welt noch nicht gesehn hat. 

Der Patriot: Ma werd doch da sehn. (Ab.) 

(Verwandlung.) 



4. Szene 

Standort des Hauptquartiers. Eine Straße. 
Ein Journalist und ein alter General treten auf. 

Der Journalist: Sind Exellenz vielleicht in 
der Lage, mir einige Andeutungen über die momentane 
Situation zu machen? 

Der General (nach einigem Nachdenken): Wir 
gedenken — in Liebe — unserer Lieben — in der 
Heimat — die uns — mit Liebesgaben — bedenken 
— und unserer — in Treue — gedenken. 

DerJournalist: Aufrichtigen Dank, Exellenz, 
ich werde nicht verfehlen, diese bedeutsame Äußerung 
eines unserer glorreichen Heerführer sofort — (Beide ab.) 

(Ein anderer Journalist und ein anderer alter General treten auf.) 

Der Journalist: Sind Exellenz vielleicht in 
der Lage, mir über den Verlauf der jetzigen Begeben- 
heit Authentisches, soweit es im Rahmen der 
gebotenen Rücksichten möglich ist, für das Blatt 
zur Verfügung zu stellen? 

Der General: I waß nix — i hob nur 
g'hört — daß jetzt — die Preißen kummen — die 
Preißen — nacher — alstern nacher — gehts uns 
wieder — schlecht — diese — diese — verflixten 
Preißen — 



219 



Der Journalist: Intressant. Wissen Exellenz 
vielleicht etwas über das uns besonders am Herzen 
liegende Schicksal der dritten reitenden Artillerie- 
brigade? 

Der General: Die ritte — dreitende — 
rati — tatita — ti — titeriti — 

Der Journalist: Vielen Dank, Exellenz, 
ich werde nicht verfehlen, diese hochbedeutsame 
Kundgebung eines unserer siegreichen Feldherrn — 
(Beide ab.) 

(Verwandlung.) 

5. Szene 

Südwestfront. 

Eine Stimme aus dem Hintergrund: 
Net z'weit vurgehn, Exlenz, net z'weit vur! 

Eine zweite Stimme aus dem Hinter- 
grund: Net vurgehn Exlenz, der Ort is vom Feind 
eingsehn, da muß doch ein Einsehn sein, net vurgehn! 

Ein alter General tritt auf. Er ist in Gedanken versunken. 

Ein sizilianischer Soldat nähert sich ihm und fängt ihn mit 

dem Lasso. Der Soldat führt den General ab. 

Ein Mitglied des Kriegspressequartiers 
(bemerkt es und ruft): Das ist nicht wahr! — Ich hab 
es selbst gesehn! — Das wird ein Fressen für sie 
sein! — Märchen italienischer Berichterstattung! — 
Kommentar überflüssig. 

(Verwandlung.) 



6. Szene 

Ein Infanterieregiment dreihundert Schritt vom Feind. Heftiger 
Feuerkampf. 

Ein Infanterieoffizier: Da schauts nach 
rückwärts, unser guter Feldkurat kommt zu uns. 
Das is schön von ihm. 



220 



Der Feldkurat Anton Allmer: Gott grüße 
euch, ihr Braven! Gott segne eure Waffen! Feuerts 
tüchtig eini in die Feind? 

Der Offizier: Habe die Ehre Hochwürden — 
wir sind stolz, einen so unerschrockenen Feldkuraten 
zu haben, der trotz feindlicher Feuerwirkung, der 
drohenden Gefahr nicht achtend, sich unserer Feuer- 
stellung nähert. 

Der Feldkurat: Gehts, laßts mich auch a wengerl 
schießen. 

Der Offizier: Wir freuen uns alle, einen so 
tapfern Feldkuraten zu haben! (Er reicht ihm ein Gewehr. 
Der Feldkurat feuert einige Schüsse ab.) 

Der Feldkurat: Bumsti! 

Rufe: Bravo! Ist das aber ein edler Priester! 
Hoch unser lieber Feldkurat! 

(Verwandlung.) 



7. Szene 

Bei der Batterie. 

Ein Artillerieoffizier: Daschauts, unser guter 
Feldkurat kommt zu uns aus der Infanteriestellung. 
Das is schön von ihm! 

Der Feldkurat Anton Allmer: Gott grüße 
euch, ihr Braven! Gott segne eure Waffen! Feuerts 
tüchtig eini in die Feind? 

Der Offizier: Sauber laufts, Hochwürden. 

Der Feldkurat: Mit Gott möcht ich auch 
einmal ein Geschütz probieren. 

Der Offizier: Gern, Hochwürden, hoffentlich 
treffen Sie einige Russen. 

(Der Feldkurat feuert ein Geschütz ab.) 
Der Feldkurat: Bumsti! 
Rufe: Bravo! 



221 



Der Offizier (zur Mannschaft): Das ist ein 
guter, edler Priester! Und ein Sohn unserer schönen 
Steiermark. Das muß ich ins Grazer Volksblatt geben! 
(Zum Feldkuraten) Das heimische Regiment freut sich 
und ist stolz auf seinen Feldkuraten und tapferen 
Mitkämpfer, der mit gutem Beispiel vorangeht. 

Rufe: Hoch! 

Der Offizier: Jetzt erst, da Hochwürden 
geschossen hat, sind unsere Waffen gesegnet! 

Die Schaiek nähert sich. 

Die Schaiek: Was is das für eine Stellung? 
Das soll eine Stellung sein? Ich hab schon bessere 
Stellungen gesehn! 

Der Offizier: Bitte Nachsicht zu haben — 
in der kurzen Zeit — 

Die Schaiek: Sie, Herr Oberleutnant, wissen 
Sie was, ich möcht bißl schießen. 

Der Offizier: Von Herzen gern Fräulein, 
aber das is momentan leider unmöglich, weil es 
den Feind aufregen könnte. Jetzt is grad eine 
Gefechtspause und wir sind froh — 

Die Schaiek: Aber bitt Sie machen Sie keine 
Geschichten — also der Kurat darf und ich darf nicht? — 
wenn ich schon eigens herausgekommen bin — wie 
Sie wissen, schildere ich nur aus dem persönlichen 
Erleben — bedenken Sie, daß ich die Schilderung 
unbedingt vervollständigen muß — es is doch für 
Sonntag! 

Der Offizier: Ja — also — eine Verantwortung 
kann ich nicht übernehmen — 

Die Schaiek: Aber ich! Geben Sie her. Also 
wie schießt man? 

Der Offizier: So — 



222 



(Die Schalek schießt. Der Feind erwidert.) 

Der Offizier: Also da ham mrs! 
Die Schalek: Was wollen Sie haben? Das 
is doch intressant! 

(Verwandlung.) 

8. Szene 

Der Wurstelprater. Die Szene stellt einen Schützengraben dar, 
in welchem Provinzschauspieler Schießübungen vornehmen, 
telephonieren, schlafen, essen und Zeitung lesen. Der Schützen- 
graben trägt Flaggenschmuck. Das tausendköpfige Publikum steht 
in dichten Reihen davor, zahlreiche Funktionäre, Würdenträger 
und Reporter im Vordergrund. 

Der Entrepreneur: — und hiermit empfehle 
ich den Schützengraben, welcher dem p. t. Publikum 
das Leben im echten Schützengraben täuschend vor 
Augen führen soll, dem edlen Zwecke der patriotischen 
Kriegsfürsorge und richte an Seine kaiserliche Hoheit 
das alleruntertänigste Ersuchen, den Schützengraben 
für eröffnet zu erklären. 

Ein Vertreter der Korrespondenz V/ilhelm 
(zu seinem Kollegen): Unter den militärischen und zivilen 
Notabilitäten bemerkte man u. a. — 

Der Kollege (schreibend): Angelo Eisnerv. Eisen- 
hof, Flora Dub, Hofrat und Hofrälin Schwarz-Gelber — 

Der Vertreter: Aber ich seh die nicht — 

Der Kollege: No ich weiß aber. 

Der Vertreter: Pst. Die Eröffnung erfolgt. 
Schreiben Sie: Schlag 6 Uhr erfolgte. 

Die Stimme des Erzherzogs Karl Franz 
Josef: Ich bin gerne gekommen, den Schützengraben 
anzuschauen. Ich bin ja selbst Soldat. 

Das Publikum: Hoch! Hoch! Hoch! 

Hofrätin Schwarz-Gelber (zu ihrem Gemahl): 
Hier sieht man nichts, komm, dorten wird man gesehn. 

(Es erfolgen Vorstellungen. Das Publikum massiert sich und 
zerstreut sich hierauf. Es bilden sich Gruppen.) 



223 



Der ungenannt sein wollende Herr 
Oberleutnant, der in Schaumanns Apotheke, 
Stockerau, zu Gunsten des Roten Kreuzes 
den Betrag von 1 K erlegt hat (zu einem Herrn): 
Es ist zu hoffen, daß auch diese Veranstaltung, die 
Sicherlich einem Gedanken oder einer Anregung ihre 
Entstehung verdankt, dem wohltätigen Zwecke manch 
namhaftes Sümmchen einbringen wird. Ich interessiere 
mich für alle auf die Kriegsfürsorge abzielenden 
Bestrebungen, ich bin nämlich wie Sie mich da 
sehn niemand anderer als der Spender des in 
Schaumanns Apotheke, Stockerau, von einem 
ungenannt sein wollenden Herrn Oberleutnant zu 
Gunsten des Roten Kreuzes erlegten Betrages von 

1 K, Summe 1091 K bar und 2000 K Nominale 
Rente, hiezu der frühere Ausweis von 679.253 K bar, 
macht 680.344 K bar und — 

Doktor Kunze: Was, so viel? 

Der ungenannt sein wollende Herr 
Oberleutnant, der in Schaumanns Apotheke, 
Stockerau, zu Gunsten des Roten Kreuzes 
den Betrag von 1 K erlegt hat: Ja, ja, das 
summiert sich. Ich halte lange geschwankt, ob ich 
mit meinem Namen hervortreten solle, aber da ich, 
wo es sich um Wohltun handelt, ein abgesagter 
Feind jeglicher Publizität bin, so entschloß ich mich 
verborgen zu bleiben. Und die halbe Anonymität — 
das ist wieder die halbe Wohltätigkeit. Da sehen Sie, 
Otto Ni. aus Leitmeritz und Robert Bi. aus Theresien- 
stadt gratulieren Rusi Ni. in Wien zum freudigen 
Familienereignis: »Gut is 'gangen, nix is g'scheh'n!« — 

2 K.7 h, rechnet man aber hiezu den früheren Ausweis, 
so kommt bloß 576.209 K 52 h heraus. Da stehe 
ich ganz anders da, ganz abgesehen davon, daß ich 
ja allein war und keineswegs erst den Anlaß einer 
glücklichen Entbindung gebraucht habe, um — 

Doktor Kunze: Ich beneide Sie. Ich habe 
mehr getan, aber im Ganzen wars doch nichts. 



224 



Wie Sie mich da sehn, bin ich nämlich niemand 
anderer als der Mann, der in einer Jagdgesellschaft 
die Anregung gegeben hat, daß jeder Teilnehmer 
für den Kviegsfürsorgezweck das Scherflein von 2 K 
beitragen möge. Ich selbst habe natürlich den 
Anfang gemacht und meinem Beispiele haben sich 
denn auch alsobald die andern angeschlossen, so 
daß ich in der Lage war, es zu veröffentlichen. 
Ich hatte lange geschwankt, ob ich mit meinem 
Namen verborgen bleiben solle, aber da ich, wo es 
sich darum handelt, beispielgebend zu wirken, ein 
abgesagter Feind jeglicher Anonymität bin, so 
entschloß ich mich, hervorzutreten. Ich huldige denn 
da doch wesentlich anderen Anschauungen als Sie. 
Im Ganzen waren es also 26 K, denn wir waren 
unser dreizehn. Das ist immerhin ein stattliches 
Sümmchen, aber freilich verglichen mit dem 
Resultat — (sie gehen im Gespräch ab.) 

Der Patriot: In London haben sie etwas 
eine Spielerei, einen Schützengraben. Sehr gut hab 
ich da neulich in der Presse gelesen »Der Prinz 
von Wales im Schützengraben«. Natürlich dort treibt 
er sich herum, draußen war er noch nicht! 

Der Abonnent: Sie tändeln mit dem Krieg. 

(Verwandlung.) 



9. Szene 

Semmering. Terrasse des Südbahnhotels. Alpenglühen. Jung und 
All, Groß und Klein ist versammelt. Man bemerkt Schakale und 
Hyänen. Eine Dame hat soeben mit tiefer Empfindung Heine 
rezitiert und erntet reichen Beifall. Die Getreuen des Semmering 
sind in stiller Betrachtung versunken. 

Jung: Weiß ist der größte Tourist. Er geht 
im Schritt, er geht im Trab oder, wenn keine Zeit 
is, geht er auch im Galopp. Er hat den Tarockzug 
noch nie versäumt. 



225 



Alt: Ein erstklassiges Alpenglühn. Schauts 
euch den Generaldirektor an am Fenster, sein 
Gesicht glänzt. 

Dangl (kommt atemlos): Meine verehrten Gäste, 
soeben is aus Wien telephoniert worn, Durazzo is 
gfalln — große Erfolge bei Verdun! 

Alle: Hoch Dangl! 

Groß: Ich hab stark den Eindruck, der Himmel 
is illuminiert wegen Durazzo. 

Klein: Heute kann man es genießen! Heut 
sind sie alle versammelt die unbedingten Verehrer 
des Semmering und die Getreuen. 

Stimmengewirr: Wo is Weiß? — Bittich 
schrei nicht, Stukart hört — Habts ihr gehört von 
Durazzo, Kleinigkeit — Das Panorama war fabelhaft — 
Begierig bin ich, ob er heut zurecht kommt — Nutzt 
nix, Heine ist und bleibt der gresste deutsche Dichter 
und wenn sie zerspringen — Ich hab den Sektions- 
chef gegrüßt, er hat auch gegrüßt — Sie wem 
sehn, er wird in den Atinalen fortleben — Am 
Sonnwendstein will er herauf hat er gesagt — Nicht 
wern sie Verdun bekommen! — Sind Sie eigentlich 
ein starker Esser? Ich bin nämlich ein starker Esser — 
Das Panorama war fabelhaft — Ich sag dir, im 
Schritt, er hat Zeit — Die Verluste müssen gesalzen 
seini — Der muß auch hübsch verdienen — Wie sie 
das deklamiert hat, war ich effektiv begeistert — 
Wetten, er kommt heut im Trab — Der Doktor hat 
gesagt, unten steht es glänzend — Ich hätt noch 
drei Waggon — Wie er sich getauft hat, hat sie 
sich geschieden — Heut versäumt er aber ja, sag 
ich euch — Wenn ihr euch kugeln wollts, müßts 
ihr in die Josefstadt — Was heißt Truppentransporte? 
Der Tarockzug geht immer! — Das Panorama war 
fabelhaft — Dorten kommt er gelaufen, was hab 
ich gesagt. Weiß im Galopp! (Die Gesellschaft verzieht sich.) 

Die letzten Tage der Menschheit. 15 



226 



Ein Getreuer des Semmering (im Abgehn): 
Laßts ihn schlafen, er macht sich Sorgen wegen der 
Metallablieferung. 

Der Generaldirektor (schlafend, mit der Geste 
einer jähen Eingebung): Vergroben! (Er erwacht.) 

(Verwandlung.) 



10. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Das kann ich wirklich mit 
ruhigem Gewissen behaupten, ich habe seit der 
Kriegserklärung noch keinen jungen Menschen in 
Wien getroffen, der noch da war und wenn er noch 
da war, der nicht vor Ungeduld gefiebert hätte, 
nicht mehr da zu sein. 

Der Nörgler: Ich komme so wenig unter 
Leute. Aber ich habe ein Gesellschaftstelephon. 
Da habe ich schon im Frieden mühelos und 
ohne erst auf die schwarze Scheibe hauen zu 
müssen, sämtliche Gespräche des Bezirks, über eine 
geplante Poker-Partie, über ein vorgehabtes Geschäft 
und über einen angestrebten Koitus hören können. 
Meine einzigen Verbindungen mit der Außenwelt 
sind die falschen. Seitdem der Weltkrieg ausge- 
brochen ist und das vaterländische Telephon dadurch 
keineswegs verbessert wurde, drehen sich die Ge- 
spräche um ein weiteres Problem und ich kann 
tagtäglich, so oft ich ans Telephon gerufen werde, 
um andere Leute miteinander sprechen zu hören, 
also mindestens zehnmal täglich Gespräche hören wie 
die: »Der Gustl is hinaufgegangen und hat sichs 
gerichtet.« »Wie gehts denn dem Rudi?« »Der Rudi 
is auch hinaufgegangen und hat sichs auch gerichtet.« 
»Und der Pepi? Is der am End schon im Feld?« 
»Der Pepi hat einen Hexenschuß. Aber sobald er 
aufstehn kann, wird er hinaufgehn und sichs richten.« 



227 



Der Optimist: Seien Sie vorsichtig. 

Der Nörgler: Warum? Icii \yürde es beweisen 
können. Es gibt nocli Richter in Österreich. 

Der Oplimist: Von Ihrem Standpunkt müßten 
Sie ja die Befreiung jedes einzelnen begrüßen. 

Der Nörgler: Jawohl, jedes einzehien. Ich 
stehe auf meinem Standpunkt. Aber das Vaterland 
steht nicht auf meinem Standpunkt, und jene, die 
ausgenommen sein wollen, bekennen sich zum 
Standpunkt des Vaterlands und nicht zu dem meinigen. 
Wenn ich den Zwang zum Tode für eine Schmach 
halte, so halte ich die Protektion vor dem Tode für 
einen Zustand, der die Schmach bis zu dem Gefühl 
verschärft, daß man hierzulande nur als Selbstmörder 
weiterleben kann. Es ist das letzte Freiwilligenrecht 
gegenüber der allgemeinen V/ehrpflicht. 

Der Optimist: Aber Ausnahmen muß es 
schließlich geben. Zum Beispiel die Literatur. Das 
Vaterland braucht nicht nur Soldaten — 

Der Nörgler: — sondern auch Lyriker, die 
ihnen den Mut machen, den sie selbst nicht haben. 

Der Optimist: Die Dichter sind aber mit dem 
höheren Zweck entschieden gewachsen. Sie können 
unmöglich leugnen, daß der Krieg auch sie gestählt hat. 

DerNörgler: Den meisten hat er die Gewinn- 
sucht mobilisiert, den paar charaktervollen nur die 
Dummheit. 

DerOptimist: Ein Mann wie Richard Dehmel, 
der selbst eingerückt ist, hat ein Beispiel gegeben — 

Der Nörgler: — das er durch seine Kriegs- 
lyrik entwertet hat. Er nannte das Geräusch der 
Maschinengewehre Sphärenmusik und stellte jene 
Kreatur, die der allgemeinen Wehrpflicht noch wehr- 
loser gegenübersteht als der Mensch, unter den 
Begriff des Vaterlandes, für dessen unheilige Sache 
er die »deutschen Pferde« reklamiert hat. 

Der Optimist: Ja, in solchen Zeiten sind 
eben alle Dichter fortgerissen — 



15* 



228 



Der Nörgler: — der Tat jener, die die 
Schöpfung schänden, das Wort zu leihen. 

Der Optimist: Blicken Sie auf Kernstock — 

Der Nörgler: Nicht gern. 

Der Optimist: Ein Dichter christlicher Müde, 
in seinem Beruf sogar ein Geistlicher. 

Der Nörgler: Ja, das gebe ich zu, der ist 
außerordentlich gestählt worden. Ich denke vor allem 
an die Verse, in denen er seine Steirerbuam auf- 
fordert, aus Welschlandfrüchtchen blutroten Wein 
zu pressen. 

Der Optimist: Oder denken Sie an den 
Bruder Willram — 

Der Nörgler: Leider läßt mich mein Gedächtnis 
nicht im Stich. Das ist doch der christliche Dichter, 
dem Blut ein rotes Blühn ist und der von einem Blut- 
frühling träumt. Sie spielen vielleicht auf die Weisung 
dieses Seelsorgers an, die da lautet: Im Kampf mit 
Drachen und Molchen die stinkende Brut erdolchen? 
Oder: Die Feinde dreschen nach Herzenslust und 
jedem das schrille Blei in die Brust? 

Der Optimist: Nein, ich meine seinen Ausruf: 
Zum Freiwild ist geworden der feige welsche Wicht. 
Oder die Verse, in denen sein Schlachtroß laut 
wiehert und schnaubt voll edlen Muts und trägt ihn 
in der Feinde Troß durch Bäche roten Bluts. 

Der Nörgler: Aber die Kavallerie ist doch 
schon abgesessen und selbst der Einspainer von 
der Innsbrucker Weinstube nachhaus ist heute 
unerschwinglich. 

Der Optimist: Unterschätzen Sie nicht die 
Kraft dichterischer Illusion, zumal in dem Gedicht, 
worin er den Herrgott bittet, die Feinde so zu segnen, 
daß selbst dem Teufel graust, wenn wir uns baden 
im Blute. 

Der Nörgler: Und was tut der Teufel? Ihm 
grausts umsomehr, je weniger es dem Priester graust. 



229 



Der Optimist: Oder blicken wir auf Dörmann. 

Der Nörgler: Der ist doch kein Priester. 

Der Optimist: Aber ein Dichter! Wie standen 
wir seinerzeit im Bann seiner Worte: »Ich liebe die 
hektischen schlanken — «1 Jetzt, um fünfundzwanzig 
Jahre älter geworden, hat er sich aus einer anämischen 
Geschmacksrichtung, die wir goltseidank alle über- 
wunden haben, zu einer blutlebendigeren Auffassung — 

Der Nörglar: Sie vergessen, daß schon die 
hektischen schlanken Narzissen einen blutroten Mund 
hatten. 

Der Optimist: Trotzdem. Was ist das im 
Vergleich zu den Versen, mit denen er jetzt alle 
fortreißt: »Die Russen und die Serben, die hauen 
wir zu Scherben!« Wie hat der sich aufgerafft, zu 
welcher Entschlossenheit und Kraftfülle ist dieser 
einst dekadente Lyriker emporgediehen. Wie groß 
muß die Wirkung dieser Gegenwart sein, daß sie einen 
amourösen Liebling der Grazien so verwandeln, zu 
solcher Unerbittlichkeit des Fühlens, zu solcher 
Tatkraft des Vollbringens befähigen konnte. 

Der Nörgler: Es ist über ihn gekommen. 

Der Optimist: Und Sie werden auch den 
Vorteil, den die Einstellung der literarischen 
Produktion auf die Bedürfnisse des Vaterlands 
sowohl für dieses wie last not least für den 
Betreffenden selbst hat, nicht leugnen können. 
Dazu kommt, daß in einer Zeit, in der jeder 
seine Pflicht gegen das Vaterland erfüllt, auch das 
Vaterland Gelegenheit hat, sich der Pflicht gegen 
seine besten Söhne zu erinnern. Ich denke da vor 
allem an einen Mann wie Lehar. Es hat sich einfach 
von selbst verstanden, daß der Schöpfer des Nechledil- 
Marsches von jeder Kriegsdienstleistung befreit blieb. 

Der Nörgler: Beethoven hätte wegen Schwer- 
hörigkeit einen G-Befund gekriegt und infolgedessen 
bloß bei Mullatschaks in Offiziersmessen Klavier 



230 



spielen müssen. Welche Vertreter der Malerei und 
der Literatur würden Ihnen ähnlich berücksichtigens- 
wert erscheinen? 

Der Optimist: Ich denke an Schönpflug, 
den Zeichner so vieler lustiger Militärtypen, und an 
Hans Müller, dessen sonnige Feuilletons eine wahre 
Herzstärkung sind und so viel zum Durchhalten 
beigetragen haben. 

Der Nörgler: Auch mich sollte es baß ver- 
wundern, wenn ein Dichter, den Wilhelm II. in der 
Wiener Hofburg empfangen hat, die daraufhin noch 
nicht geschlossen wurde, nicht eines Tags von dem 
aufreibenden Dienst im k. u. k. Kriegsarchiv befreit 
würde. 

Der Optimist: Da haben Sie ganz recht. 
Solche Männer erbringen ja durch ihr eigenes 
Schaffen die erfreulichsten Beweise für ihre Unent- 
behrlichkeit. Aber daneben muß es auch Kriegs- 
schilderer und Kriegsberichterstatter geben; sie sind 
vom Frontdienst befreit, um — 

Der Nörgler: — den andern darauf Gusto 
zu machen. 

Der Optimist: Sie bewähren sich in ihrer Art 
so gut wie die Militärärzte, die — 

Der Nörgler: — umso untauglicher sind, je 
mehr Leute sie für tauglich erklären, und umso 
sicherer ihr Leben behalten — 

Der Optimist: — je mehr Verwundeten sie 
es wiedergeben — 

Der Nörgler: — damit diese es verlieren 
können. Während wieder die Auditoren es umso 
sicherer behalten, je mehr Gesunden sie es nehmen. 

Der Optimist: Man darf nicht generalisieren. 

Der Nörgler: Man darf alles, nur nicht das. 

Der Optimist: Das Vaterland braucht Soldaten, 
aber auch Kriegsberichterstatter. Es ist doch Krieg, 
und so müssen sie es uns sagen. 



231 



Der Nörgler: 

Wie? Es ist Krieg:? Wir wissen es von solciien, 
die noch ihr dreckiges Ich haben, das erzählt, 
in welcher Stimmung sie den Krieg besichtigt? 
Ein Schlachtroß fand' es unter seiner Würde 
mit seinem linken Hinterhuf die Krummnas' 
von sich zu stoßen und die oben sitzen, 
empfangen sie, und stehn ihr Red' und Antwort, 
verköstigen an ihrem eigenen Tisch 
den Auswurf? Wie, war das Ereignis denn 
nicht stark genug, den innern Feind zu schlagen? 
Er dringt zur Front, macht sich ums Blatt verdient? 
Stellt uns den Krieg vor, stellt sich vor den Krieg? 
Er wird nicht untergehn? Er lebt? Er dient nicht? 
Nicht exerzieren müssen die Gemeinen? 
Ist es ein Krieg? Ich denk', es ist der Friede. 
Die Bessern gehen und die Schlechtem bleiben. 
Nicht sterben müssen sie. Sie können schreiben. 

(Ein Zug von Rekruten, die graue Barte haben, geht vorbei.) 

Der Optimist: Sehn Sie, die rücken ein. 

Der Nörgler: Und dennoch sind sie nicht 
Einrückende. 

Der Optimist: Sondern? 

Der Nörgler: Einrückend gemachte, wie sie 
mit Recht heißen. Das Partizipium der Gegenwart 
allein würde noch eine Willenstätigkeit bekunden und 
darum muß schon ein Partizip der Vergangenheit 
dabei sein. Es sind also einrückend Gemachte. Bald 
werden sie einrückend gemacht sein. 

Der Optimist: Nun ja, sie müssen in den 
Krieg ziehen. 

Der Nörgler: Ganz richtig, sie müssen, die 
allgemeine Wehrpflicht hat aus der Menschheit ein 
Passivum gemacht. Einst zog man in den Krieg, 
jetzt wird man in den Krieg gezogen. Nur in Deutsch- 
land ist man schon darüber hinaus. 

Der Optimist: Wie das? 



232 



Der Nörgler: In Karlsruhe habe ich ein 
großes Plakat gelesen: Macht Soldaten frei! Und 
sogar am Tor des Oberkommandos. 

Der Optimist: Wie ist das möglich, das ist doch 
Revolution,wie kann das Oberkommando in Karlsruhe — 
Der Nörgler: Ja, es werden nämlich Schreiber 
für die Kanzlei gesucht und es wird gewünscht, daß 
sich Zivilisten melden, damit Soldaten, die noch in 
der Kanzlei arbeiten, für die Front frei werden. 
Also: »Macht Soldaten frei!« Bei uns würde man 
auch da sagen: »Macht Soldaten einrückend«, worin 
ja hinreichend Willensfreiheit wäre. Ich glaube aber, 
daß das deutsche Plakat seine Wirkung unter allen 
Umständen erreicht. Denn wenn es seine Wirkung auch 
nicht erreicht, so weiß die deutsche Militärverwaltung 
doch dafür zu sorgen, daß die vakanten Schreiber- 
postenbesetzt werden. Ein Mangel anBewerbern könnte 
nur eintreten, wenn bereits alle Soldaten, die dafür 
in Betracht kommen, freie Soldaten geworden sind. 
Der Optimist: Ihre Nörgelei macht nicht 
einmal vor einer Verlautbarung des Oberkommandos 
in Karlsruhe Halt. 

Der Nörgler: Ich habe übrigens noch eine 
andere draußen gesehn. In einem Polizeiamt hängt 
ein Plakat, dessen Text mir ins Ohr gegangen ist. 
Er lautet: 

Haut die Schufte, haut die Bande, 
Werft sie bis zu Aetnas Rande, 
Füllt sie in Vesuvens Rachen! 
Haut sie, daß die Schwarten krachen! 
Haut sie, daß sie nur so glotzen, 
Haut sie, bis sie Lumpen kotzen! 
Streicht Pardon aus eueren Herzen, 
Um das Trugvolk auszumerzen! 
Füllt mit Dynamit die Täler, 
Rottet aus die Heuchler, Hehler, 
Jedem schlagt den Schädel ein 
Und seid stolz, »Barbar« zu sein! 



233 



Der Optimist: So etwas wäre auch bei den 
anderen Nationen möglicli. 

Der Nörgler: Man darf nicht generalisieren. 
Aber Sie könnten recht haben. Es wäre sogar bei 
den Engländern möglich, wenn sie noch ein paar 
Jahre allgemeine Wehrpflicht haben. Daß die Täler 
dazu da sind, um mit Dynamit gefüllt zu werden, 
wird allmählich allen Völkern einleuchten. Nur die 
eine Zeile: Haut sie, bis sie Lumpen kotzen — die, 
sehn Sie, hat Landesfarbe, 

Der Optimist: Eine Roheit, was weiter. 
Man darf nicht generalisieren. 

Der Nörgler: Gewiß nicht, es wäre bei den 
weißen wie bei den farbigen Engländern unmöglich. 

Der Optimist: Es ist auch in Deutschland 
ein Einzelfall. 

Der Nörgler: Der aber nur in Deutschland 
möglich ist. Und der Kerl, der es verfaßt hat, sitzt 
in einem Bureau und erschrickt, wenn ein Papiersack 
explodiert. 

Der Optimist: Nun, eben — 

Der Nörgler: Und derselbe Kerl ist, wenn er 
hinauskommt, ein passionierter Mörder, dreht einem 
Sterbenden das Messer im Leib um, würde es stolz 
erzählen, wenn er daheim ist, und wieder erschrecken, 
wenn ein Papiersack explodiert. 

Der Optimist: Ich verstehe Sie nicht. 
Es gibt gute und böse Menschen im Krieg. 
Sie sagen doch selbst, daß er nur die Kontraste 
vergrößert hat. 

Der Nörgler: Gewiß, auch den zwischen mir 
und Ihnen. Sie waren schon im Frieden ein 
Optimist und jetzt — 

Der Optimist: Sie waren schon im Frieden 
ein Nörgler und jetzt — 

Der Nörgler: Jetzt geb' ich sogar der Phrase 
die Blutschuld. 



234 



Der Optimist: Ja, warum sollte der Krieg 
Sie von Ihrer fixen Idee befreit haben? 

Der Nörgler: Ganz richtig, er hat mich sogar 
darin bestärkt. Ich bin mit dem höheren Zweck 
kleinlicher geworden. Ich sehe einrückend Gemachte 
und spüre, daß es gegen die Sprache geht. An 
Drahtverhauen hängen die blutigen Reste der Natur. 

Der Optimist: Wirklich also, mit Grammatik 
wollen Sie den Krieg führen? 

Der Nörgler: Das ist ein Irrtum, mich 
interessiert kein Reglement, nur der lebendige 
Sinn des Ganzen. Im Krieg gehts um Leben und 
Tod der Sprache. Wissen Sie, was geschehen ist? 
Schilder und Schilde sind nicht mehr zu unter- 
scheiden und alle, die nur ein Schild und einen 
Verdienst gehabt haben, werden dereinst ein 
Verdienst und einen Schild haben. So mischen 
sich die Sphären und die neue Welt ist blutiger 
als die alte, weil sie den furchtbaren neuen Sinn 
furchtbarer macht durch die alten Formen, denen 
sie geistig nicht entwachsen konnte. Fibel und 
Flammenwerfer! Panier und Papier! Weil wir zum 
Schwert greifen, mußten wir zur Gasbombe greifen. 
Und wir führen diesen Kampf bis aufs Messer. 

Der Optimist: Das ist mir zu hoch. Bleiben 
wir hübsch in der Wirklichkeit. Es handelt sich in 
diesem — 

Der Nörgler: Jawohl, es handelt sich in 
diesem — ! 

Der Optimist: Wenn die Kämpfer nicht 
ein Ideal vor sich hätten, würden sie nicht in den 
Krieg ziehen. Auf Worte kommt es nicht an. Weil 
die Völker Ideale vor Augen haben, tragen sie ihre 
Haut — 

Der Nörgler: Zu Markte! 

Der Optimist: Nun gerade in der Sprache 
unserer Armeekommanden müßten Sie einen Zug 



435 



erkennen, der sich von der trivialen Prosa der von 
Ihnen verachteten Geschäftswelt kräftig abhebt. 

Der Nörgler: Gewiß, insoferne diese Sprache 
bloß eine Beziehung zum Varielegeschäft verrät. So 
habe ich in einem Divisionskommandobefehl gelesen: 
. . . die, was Heldenmut, todesverachtende Tapfer- 
keit und Selbstaufopferung anbetrifft, das höchste 
geleistet haben, was erstklassige Truppen 
überhaupt zu leisten imstande sind . . . Sicherlich 
hat dem Divisionär eine jener erstklassigen Truppen 
vorgeschwebt, an denen er sich im Frieden oft zu 
ergötzen pflegte. Das reine Geschäft kommt mehr 
in der fortwährenden Verwechslung von Schilden 
und Schildern zur Geltung. 

Der Optimist: Meinen Sie das wörtlich? 

Der Nörgler: Sachlich und wörtlich, also 
wörtlich. 

Der Optimist: Ja es ist ein Kreuz mit der 
Sprache. 

Der Nörgler: Das man auf der Bru'=;t trägt. 
Ich trag's auf dem Rücken. 

Der Optimist: Ob Sie das nicht überschätzen? 

Der Nörgler: Zum Beispiel so: Ein Volk, 
sage ich, ist dann fertig, wenn es seine Phrasen 
noch in einem Lebensstand mitschleppt, wo es deren 
Inhalt wieder erlebt. Das ist dann der Beweis dafür, 
daß es diesen Inhalt nicht mehr erlebt. 

Der Optimist: Wie das? 

Der Nörgler: Ein U-Boot-Kommandant hält 
die Fahne hoch, ein Fliegerangriff ist zu Wasser 
geworden. Leerer wird's noch, wenn die Metapher 
stofflich zuständig ist. Wenn statt einer Truppen- 
operation zu Lande einmal eine maritime Unter- 
nehmung Schiffbruch leidet. Wenn der Erfolg in 
unsern jetzigen Stellungen bombensicher war und 
die Beschießung eines Platzes ein Bombenerfolg. 



236 



Der Optimist: Ja, diese Redensarten ent- 
stammen samt und sonders der kriegerischen Sphäre 
und jetzt leben wir eben in ihr. 

Der Nörgler: Wir tun es nicht. Sonst wäre 
der Schorf der Sprache von selbst abgefallen. Neulich 
las ich, daß sich die Nachricht von einem Brand in 
Hietzing wie ein Lauffeuer verbreitet habe. So auch 
die Nachricht vom Weltbrand. 

Der Optimist: Brennts darum nicht? 

Der Nörgler: Doch. Papier brennt und hat 
die Welt entzündet. Zeitungsblätter haben zum Unter- 
zünden des Weltbrands gedient. Erlebt ist nur, daß 
die letzte Stunde geschlagen hat. Denn Kirchen- 
glocken werden in Kanonen verwandelt. 

Der Optimist: Die Kirchen selbst scheinen 
das nicht so tragisch zu nehmen, denn sie stellen die 
Glocken vielfach auch freiwillig zur Verfügung. 

Der Nörgler: Krieg sei ihr letzt Geläute. Die 
Verwandtschaft von Requiem und Mörser steUt sich 
allmählich doch heraus. 

Der Optimist: In jedem Staat fleht die Kirche 
Gottes Segen für ihre eigenen Waffen herab — 

Der Nörgler: — und trachtet diese noch zu ver- 
mehren. Wohl, es kann von ihr nicht verlangt werden, 
daß sie Gottes Segen für die feindlichen Waffen 
herabfleht, aber zu einem Fluch für die eigenen 
hätte sie sich immerhin aufraffen können. Da hätten 
sich dann die Kirchen der kämpfenden Staaten 
besser verstanden. Jetzt ist es möglich, daß der Papst 
den Krieg zwar verwünscht, aber von »berechtigten 
nationalen Aspirationen« spricht und daß an dem- 
selben Tag der Fürsterzbischof von Wien den 
Krieg segnet, der zur Abwehr »ruchloser nationaler 
Aspirationen« geführt wird. Ja, wären die Inspirationen 
stärker gewesen als die Aspirationen, so gäb's diese 
nicht und keinen Krieg. 

Der Optimist: Die schwarze Internationale 
iiat eben noch mehr versagt als die rote. 



237 



Der Nörgler: Bewährt hat sich nur jene, 
die es schwarz auf rot gegeben hat, die Presse — . 

Der Optimist: — Es ist erfreulich, daß Sie 
deren Macht anerkennen — 

Der Nörgler: — wiewohl ich ihren Einfluß 
überschätze. Was ist Benedikt gegen — 

Der Optimist: Was haben Sie gegen — 

Der Nörgler: Ich meine doch den Papst. 
Was vermag eine Predigt für den Frieden gegen 
einen Leitartikel für den Krieg. Und da es nur 
Predigten für den Krieg gibt — 

Der Optimist: Das will ich zugeben, in 
Bethlehem war das Heil der Welt anders beschlossen. 

Der Nörgler: Bethlehem in Amerika korrigiert 
den Mißgriff, der vor neunzehn Jahrhunderten 
begangen wurde. 

Der Optimist: InAmerika? WiemcinenSiedas? 

Der Nörgler: Bethlehem heißt die größte 
Kanonengießerei der Vereinigten Staaten. Bei uns 
stellt jede Kirche ihr Bethlehem bei, ihr Bethlehem- 
Scherflein. 

Der Optimist: Ein Namcnszufall. 

Der Nörgler: Sie sind ungläubig. Da wissen 
Sie wohl auch nicht, was ein Paternoster ist? 

Der Optimist: Ein Gebet! 

Der Nörgler: Ein Lift! Sie Optimist! 

Der Optimist: Ach so, natürlich. Aber das 
mit Bethlehem — ? So heißt also der Ort, von wo 
Deutschlands Feinde mit Waffen versorgt werden! 

Der Nörgler: Von Deutschen. 

Der Optimist: Sie scherzen. An der Spitze 
des Stahltrusts steht Carnegie. 

Der Nörgler: Steht Schwab. 

Der Optimist: So, also Deutschamerikaner 
versorgen jetzt die Feinde — ? 

Der Nörgler: Reichsdeutsche! 

Der Optimist: Wer sagt das! 



238 



Der Nörgler: Wers weiß. Das Wall Street- 
Journai, das in finanzieilen Dingen mindestens so 
maßgebend sein soll wie unsere Börsenpresse, hat 
festgestellt, daß zwanzig Prozent der Aktien des 
Stahltrusts sich in deutschen Händen befinden, aber 
nicht in deutschamerikanischen, sondern in reichs- 
deutschen. Mehr als das. Da lesen Sie, was in einem 
deutschen Sozialistenblatt steht. »Während man von 
mehreren waschecht anglo-amerikanischen Fabrikanten 
erfahren hat, die Bestellungen der französischen und 
englischen Regierung abgewiesen haben, hat der in Mil- 
waukee erscheinende sozialistische ,Leader' die Namen 
mehrerer Deutschamerikaner genannt, die öffentlich 
laut und eifrig für die Sache Deutschlands eintreten — 

(Eine Gruppe junger Burschen mit Lampions zieht vorbei, die 
das Lied singen: Lieb Vaterland, magst ruhig sein.) 

— während die von ihnen geleiteten Fabriken Patronen, 
Flinten und anderes Kriegsmaterial für England und 
Frankreich herstellen. Ja es kommt noch schlimmer; 
es gibt in den Vereinigten Staaten Filialen reichs- 
deutscher Firmen, die sich an diesem Geschäft 
beteiligen! Hat man da noch das Recht, gegen die 
merkwürdige Neutralität Amerikas zu protestieren, 
das schließlich keine Veranlassung hat, um unserer 
schönen Augen willen auf diese gewaltigen Profite 
zu verzichten?« 

Der Optimist: Unglaublich — aber schöne 
Augen, das müssen Sie zugeben, haben die Deutschen. 

Der Nörgler: Schön und treu und das Herz, 
wo immer es sein mag, stets ist es auf dem rechten 
Fleck. Wissen Sie, daß die italienischen Karten von 
Österreich, in denen die irredentistischen Verheißungen 
erfüllt sind und die jetzt hier in den Buchhandlungen 
zum Beweis der feindlichen Unverschämtheit aus- 
gehängt werden, in Deutschland hergestellt worden 
sind? Und daß die französischen Postkarten, auf 
denen die Entstehung der Marseillaise illustriert ist, 



239 



in Dresden gedruckt sind? Ich habe eine Filmanzeige 
gesehen, mit dem packenden Titel: Deutsche Treue — 
welsche Tücke! 

DerOptimist: Nun, das ist doch in Ordnung? 

Der Nörgler: Das würden Sie nicht finden, 
wenn Sie es gesehen hätten. Ein Dämon hatte im 
dritten Wort einen Buchstaben weggelassen — 

Der Optimist: Weiche Tücke! 

Der Nörgler: Ganz richtig: welche Tücke. 
Zum Glück wurde aber der Buchstabe von einem 
gewissenhaften Korrektor wenigstens handschriftlich 
nachgetragen. Er gab der V/ahrheit die Ehre und 
dem Worte das s. 

Der Optimist: Sie bleiben Ihrer Gewohnheit 
treu, Druckfehler — 

Der Nörgler: — für den authentischen Text 
zu halten. 

Der Optimist: Diese Treue — 

Der Nörgler: — welche Tücke! 

Der Optimist: Nun, was die italieni<:chen 
Landkarten und die französischen Postkarten anlangt, 
so könnte man sagen, es spricht für die Tüchtigkeit 
der Deutschen — 

Der Nörgler: — daß die Feinde ihren Haß 
aus Deutschland beziehen müssen, und wenn 
sie vor Wut zerspringen! Was nicht sosehr für die 
Deutschen als für die Feinde eine Demütigung 
bedeutet, nicht wahr? 

Der Optimist: Nein, ich sage das nicht, 
aber ich sage, daß Sie sich an Auswüchse klammern. 

Der Nörgler: Ein gesunder Stamm hat keine. 

Der Optimist: Denken Sie lieber daran, daß 
die Deutschen in Amerika Bollwerke heimischer 
Volksart errichtet haben. 

Der Nörgler: Ich denke daran, daß sie in 
diesen Bollwerken Munition gegen ihre Stammes- 
genossen fabrizieren. 

Der Optimist: Ja, business is business. 



240 



Der Nörgler: Nein, Geschäft ist Geschäft. 

Der Optimist: In der Politik sage ich: 
Erfolg ist Erfolg. Darum dürfte die Versenkung der 
Lusitania nicht ohne großen Eindruck bleiben. 

Der Nörgler: Den hat sie allerdings schon 
erzielt. In der ganzen Welt, soweit sie noch eines 
Absehens fähig ist. Aber auch in Berlin. 

Der Optimist: Sogar in Berlin? 

Der Nörgler: Das läßt sich wieder nur durch 
Beweise beweisen. (Er liest vor.) »In dem Moment, als der 
Dampfer unterging, sprangen Hunderte von Personen 
ins Meer. Die meisten wurden vom Strudel weg- 
gerissen. Viele Personen hielten sich an Holzstücken, 
die durch die Explosion losgerissen waren, fest .... 
in Queenstown konnte man tragische Szenen 
beobachten, Frauen suchten ihre Männer, Mütter 
riefen nach ihren Kindern, bejahrte Frauen irrten 
mit offenen, wassertriefenden Haaren herum, junge 
Frauen gingen ziellos umher, ihre Kinder an die 
Brust gepreßt. 126 Leichen lagen bereits in einem 
Haufen da; es waren darunter Frauen, Männer und 
Kinder aller Altersstufen. Zwei arme kleine Kinder 
hielten sich eng umschlungen im Tode. Es war ein 
jammervoller unvergeßlicher Anblick.« So. 

Der Optimist: Nun, aber in Berlin? 

Der Nörgler: In Berlin? In einem dortigen 
Variete wurde schon am Tag nach der Katastrophe 
ein Film, der dies alles darstellt, vorgeführt, und auf 
dem Zettel hieß es: »Die Versenkung der Lusitania. 
Naturgetreu. Bei diesem Programmpunkt Rauchen 
gestattet.« 

Der Optimist: Das ist gewiß geschmacklos. 

Der Nörgler: Nein, es ist stilvoll. 

Der Optimist: Nun, ich kann den Lusitania- 
Fall nicht sentimental nehmen. 

Der Nörgler: Ich auch nicht, nur kriminell. 

Der Optimist: Die Leute waren gewarnt 
worden. 



241 



Der Nörgler: Die Warnung vor der Gefahr 
war die Drohung mit einem Verbrechen, also ging 
dem Mord eine Erpressung voraus. Der Erpresser 
kann nie zu seiner Entlastung geltend machen, daß 
er den Schaden, den er verübt hat, vorher angedroht 
habe. Wenn ich Ihnen für den Fall, daß Sie eine Leistung 
oder Unterlassung, auf die ich keinen Anspruch habe, 
verweigern, den Tod androhe, bin ich ein Erpresser 
und kein Warner, und hinterher ein Mörder und 
kein Exekutor. Rauchen gestattet. Aber mag lieb 
Vaterland, wenn es an die Kinderleichen denkt, noch 
versuchen ruhig zu sein! 

Der Optimist: Das Unterseeboot konnte 
nicht anders als — 

Der Nörgler: — den Eisberg ersetzen, der 
ein paar Jahre zuvor in die Titanic fuhr v/ie Gottes 
Zorn in den Wahnwitz des technischen Übermaßes, 
daß er die Menschheit das Schaudern lehre statt der 
Ehrfurcht. Jetzt besorgt die Technik selbst das Straf- 
gericht und alles ist in Ordnung. Aber damals wurde 
noch Gott, der es getan, mit Namen gerufen. Den 
Helden dieses Unterseeboots verschweigt die Welt- 
geschichte. Der amtliche Bericht nennt ihn nicht. 
Die Behauptung der Feinde, der Mensch hätte eine 
Auszeichnung erhalten, wird vom Wolffbüro als Lüge 
bezeichnet. Und mit einer Entrüstung, die hinter 
allem selbstbekömmlichen Tonfall der biedern Phrase 
endlich einmal die eigene Tat bloßstellt. 

Der Optimist: Gewiß, er hat nicht den 
Anspruch, unter Helden wie Weddigen — 

Der Nörgler: Ja, warum denn nicht? Die 
Tat wird ja verherrlicht. Warum wird sie nicht 
verschwiegen wie der Täter? 

Der Optimist: Die Tat war nicht erhaben, aber 
nützlich. Die Lusitania hat Waffen an Bord geführt, 
die den Leibern deutscher Soldaten zugedacht waren. 

Der Nörgler: Deutsche Waffen! 
(Verwandlung.) 

Die letzten Tage der Menscliheit. 16 



242 



11. Szene 



Gasse in der Vorstadt. Vor einem Greislerladen eine Mcnp,e von 
Proletariern angestellt. Wachleute halten Ordnung. Eine große Tafel 
>Brot ausverkauft^ wird angebracht. Die Menge bleibt stehen. 

Ein Wachmann: Sechts denn net, daß aus- 
verkauft is? 

Eine aus der Menge: Jetzt steh i seit zwa Uhr 
in der Nacht! 

Zweiter Wachmann: Gehn Sie auseinander! 

Eine zweite Frau: Ist das eine Gerechtigkeit? 
Acht Stunden steht unsereins da und jetzt haßts 
ausverkauft! 

Ein Mann: Hauts eahms G'wölb ein! 

Ein zweiter: Jo! Trau di! Wannst ihn jetzt 
fragst, ob er a Brot hat, haut er dir schon a Watschen 
herunter, daß d' den Stephansturm für a Salzstangl 
anschaust. 

Dritte Frau: Mir zahln so gut Steuern wie 
die Juden, mir wolln auch essen! 

Vierte Frau: Die Juden san schuld! 

Rufe: Heraus mit'n Brot! 

Zweiter Wachmann: Wenn Sie nicht aus- 
einandergehn, werden Sie sich die Folgen selber 
zuzuschreiben haben. 

E r s t e r : Sie riskieren, wegen Widergesetzlichkeit 
verhaftet zu werden! 

Rufe: Pfui! Brot! 

ZweiterWachmann: Einspirrn tan mr eucli ! 

Rufe: Aufspirrn soll er! 

ZweiterWachmann: Auf d' Wochen kriegts 
eh die Marken. 

Vierte Frau: Ujegerl, bis auf d' Wochen san 
mr eh hin! 

Erster Wachmann: Jetzt heißt's durchhalten! 

Eine alte Frau (entfernt sich kopfschüttelnd): 
Jessas, is das ein Elend! Die Mannsleut derschießens' 
und die Weibsleut lassen s' derhungern! 



243 



Erster Wachmann: Da gibt's nur ein Mittel — 
zerstreun Sie sich! 

Dritter Mann: Alstern, wart'n mr auf die 
Marken. Wo kriegt man denn hernach ein Brot? 

Vierter Mann: No, beim Backen! 

Fünfter Mann: Jo, beim Backen! (Gelächter. 
Die Menge zieht unter allerlei Rufen ab.) 

Der Greisler (öffnet einer besser gekleideten Frau, 
die zurückgeblieben ist, die Tür): Kumman S' gschwind 
eini — 

(Verwandlung.) 

12, Szene 

Kärntiiersiraße. Ein starker Esser und ein normaler Esser 
treffen sich. 

Der normale Esser: Na wie gehts, wie 
tiberstehn Sie den Weltkrieg? 

Der starke Esser: Ich bitt Sie, fragen Sie 
nicht, geben Sie mir lieber ein paar Brotkarten von 
sich, ich samniel wo ich kann. 

Der normale Esser: Was fällt Ihnen ein, 
ich komm selber nicht aus. Und dabei bin ich 
doch nur ein normaler Esser! Aber ich kann mir 
denken, wie wütend Sie sein müssen. Erst gestern 
hab ich zu meiner Frau gesagt, das is nichts für 
Tugendhat, Tugendhat is bekanntlich ein starker 
Esser. Wir haben nämlich grad in der Presse gelesen, 
wie sie interessant auseinandergesetzt hat, wie die 
starken Esser mehr brauchen wem wie die normalen 
Esser, wo doch schon die normalen Esser mehr 
brauchen wie die schwachen Esser. 

Der starke Esser: Sind Sie ein schwacher 
Esser? 

Der normale Esser: Das kann ich gerade 
nicht sagen, mittel, ich bin ein normaler Esser. 
Aber ich komm auch nicht aus. Wenn das so weiter 
geht, kann mir der ganze Krieg gestohlen wem. 



16* 



244 



Der starke Esser: Das kann sich auch 
unmöglich halten. Ich bin bekanntlich ein starker 
Esser, ich hätt der Statth alterei Auskunft geben 
können, was man so im Tag braucht. 

Der normale Esser: Aber das muß man 
zugeben, eine Sensation war dieser erste Tag der 
Brotkarte. Selbst kann man ja nur von sich selbst 
schließen, aber nach der Presse hat man einen Begriff, 
was sich da getan hat. 

Der starke Esser: Ja, sie is ins Detail 
gegangen. Hundert Berichterstatter hat sie in alle 
Lokale geschickt. In jedem war's aber auch anders. 
Während sich zum Beispiel beim »Leber« die Stamm- 
gäste mit der neuen Einrichtung befreundeten — 

Der normale Esser: — hatten die Kellner 
im »Weingartl« alle Hände voll zu tun — 

Der starke Esser: — die Fragen der 
Neugierigen zu beantworten. In sämtlichen Lokalen 
soll aber eines gleich gewesen sein, nämlich, daß 
sich um den Zahlkellner, so oft er die Schere aus 
der Tasche zog — 

Der normale Esser: — Gruppen gebildet 
haben. Kein Wunder, kann es denn eine größere 
Umwälzung geben? 

Der starke Esser: Ja, es ist entsetzlich, 
was wir hier durchzumachen haben. 

Der normale Esser: Na, wenigstens haben 
uns die im Schützengraben nicht zu beneiden. 

Der starke Esser: Ich muß faktisch zugeben, 
am ersten Tag der Brotkarte — da hatte ich das 
Gefühl wie bei der Feuertaufe. Nur mit dem Unter- 
schied, bei der Feuertaufe, da kann man sich's 
richten. Aber bei der Brotkarte? Sind Sie eigentlich 
ein starker Esser — ? 

Der normale Esser: Mittel. Ich bin ein 
normaler Esser. 



245 



Der starke Esser: Ja aber ich, der ich 
bekanntlich ein starker Esser bin, da muß ich denn 
doch sagen — wissen Sie — jeder Mensch in Wien 
fragt mich, alle sind neugierig, was ich tun wer' — 

Der normale Esser: Das kann ich Ihnen 
nachfühlen, ein starker Esser wie Sie, wo doch 
selbst ich als normaler Esser — 

Ein Hungernder (nähert sich ihnen, streckt die 
Hand aus): Bitt schön, hab nichts zu essen — 

Der starke Esser: — und da ich bekanntlich 
ein starker Esser bin — (sie gehen im Gespräch ab.) 

(Verwandlung.) 

13. Szene 

Florianigasse. Hofrat i. P. Dlauhobelzky v. Dlauhobetz und 
Hofrat i. P. Tibetanzl treten auf. 

Dlauhobetzkyv. Dlauhobetz: Bin neugierig, 
ob morgen in der Mittagszeitung — du, das is mein 
Lieblingsblatt — ob morgen also mein Gedicht 
erscheint, gestern hab ich ihr's eingschickt. Willst 
es hören? Wart — (Zieht ein Papier hervor.) 

Tibetanzl: Hast wieder ein Gedicht gemacht? 
Worauf denn? 

Dlauhobetzky v. Dlauhobetz: Wirst gleich 
merken, worauf. Wanderers Schlachtlied. Das is 
nämlich statt Wanderers Nachtlied, verstehst — 
Über allen Gipfeln ist Ruh, 
Über allen Wipfeln spürest du 
Kaum einen Hauch — 

Tibetanzl: Aber du — das is klassisch — 
das is ja von mir! 

Dlauhobetzkyv. Dlauhobetz: Was? Von dir? 
Das is klassisch, das is von Goethe! Aber paß auf, 
wirst gleich den Unterschied merken. Jetzt muß ich 
noch einmal anfangen. 



246 



Also über allen Gipfeln ist Ruh, 

Über allen Wipfeln spürest du 

Kaum einen Hauch. 

Der Hindenburg schlafet im Walde, 

Warte nur balde 

Fällt Warschau auch. 

Ist das nicht klassisch, alles paßt ganz genau, ich 
hab nur statt Vöglein Hindenburg gesetzt und dann 
also natürlich den Schluß auf Warschau. Wenn's 
erscheint, laß ich mir das nicht neiimen, ich schick's 
dem Hindenburg, ich bin ein spezieller Verehrer 
von ihm. 

Tibetanzl: Du, das is klassisch. Gestern hab 
ich nämlich ganz dasselbe Gedicht gemacht. Ich 
habs der Muskete einschicken wollen, aber — 

Dlauhobetzky v. Dlauhobetz: Du hast das- 
selbe Gedicht gemacht? Gehst denn nicht — 

Tibetanzl: Ich hab aber viel mehr wie du 
verändert. Es heißt: Beim Backen. 

Über allen Kipfeln ist Ruh, 
Beim Weißbäcken spürest du 
Kaum einen Rauch. 

Dlauhobetzky v. Dlauhobetz: Das is ja 
ganz anders, das is mehr gspassig! 
Tibetanzl: 

Die Bäcker schlafen im Walde 
Warte nur balde 
Hast nix im Bauch. 

Dlauhobetzky v. Dlauhobetz: Du, das is 
förmlich Gedankenübertragung! 

Tibetanzl: Ja, aber jetzt hab ich mich 
umsonst geplagt. Jetzt muß ich warten, ob deins 
erscheint. Wenn deins erscheint, kann ich meins 
nicht der Muskete schicken. Sonst glaubt man am 
End, ich hab dich paradiert! (Beide ab.) 

(Verwandlung.) 



247 



14. Szene 

Eine Jagdgesellschaft. 

V. Dreckvvitz: Ach hört mal auf mit euerm 
Jägerlatein. Mein Jahr in Rußland zählt dreifach 
gegen alle eure lummrigen Friedensjahre! Gut Gejaid 
allezeit gab's in Feindesland. Herrliche Tage waren's, 
wenn man als Sieger dem geschlagenen Feind auf 
den Fersen saß, ihn zustande hetzte, bis er, zu Tode 
erschöpft, sich dem Sieger ergab. Krieg ist doch 
wohl die natürlichste Beschäftigung des Mannes. 
Aber es gab damals auch einen Wundbalsam, der 
alles wieder gut machte, den ich mir kaum zu 
erträumen gewagt — das Kreuz von Eisen ohne Band! 
Ab und zu mu(3te man schon die alte Feldpulle 
zwischen die Zähne nehmen, um sich wenigstens 
innerlich etwas anzuwärmen. Man wird besinnlich 
in solchen Momenten. Ich dachte an den schönen 
lustigen Franzosenkrieg, wie wir die feindliche 
Kavallerie in den Dreck ritten, wo sie nur ein 
Pferdebein zeigte, um schließlich in der sonnigen 
Champagne unsre Rosse zu tummeln. Man bekam 
ein verdächtiges Schlucken in den Hals, wenn man 
an all den guten Schampus dachte, der einem 
damals durch die Kehle gerieselt war! Weiter führten 
einen die Gedanken mit einem kleinen Hupf in ein 
neues Feindesland: Belgien! Fruchtbare Felder, 
reiche Städte dicht gedrängt erwarteten uns da. 
Einen himmelblauen Gurkha und zwei belgische 
Radler konnte ich damals in mein Schußbuch 
eintragen. Und dann — die Grenzpfähle nach 
Polenland wegzufegen! Und, beim großen Zeus, 
unsere Flinten und Lanzen sollten auch hier nicht 
rosten! 

Vorläufig gab's aber noch nichts zu schießen. 
Feind fehlte noch wegen Mangel an Beteiligung. 
Zu Pferde kriegt man die Lümmels schlecht, vorm 
Schießen haben sie aber einen Höllendampf. Nach 



248 



endlosem Marsch, als es schon völlig dunkel war, 
kamen wir ins Quartier. Au je, das war doch über- 
wältigend! Wer eine solche Panjebude nicht kennt, 
der ahnt überhaupt nicht, was es alles gibt. 
Beschreiben läßt es sich nicht, das muß man sehen 
und fühlen. Die Kosakis hatten sich nun doch 
ermannt und uns den Weg über eine Brücke verlegt. 
Es war allerdings auch dicke Infanterie dabei. Eine 
Schwadron von uns war schon beim Angreifen, 
erhielt aber ein wahnsinniges Feuer, das ziemlich 
schaurig durch die düstre Nacht gellte. Bei Tages- 
anbruch griff dann das ganze Regiment an und 
trieb die Brüder zu Paaren. Einer von uns hatte 
einen Streifschuß am Kopf, daß die Knochensplitter 
man so flogen. Auf leisen Sohlen heranbirschend, 
hatten wir bereits die Vorposten getötet. Peng, fällt 
ein Schuß, peng, peng, zweiter, dritter! Und dann 
ging eine maßlose Knallerei los! Rumbums! spricht 
unsere Kanone; kladderadoms! die Handgranaten, 
die die albernen Russen aus den Fenstern zu 
schmeißen für gut befanden. Über die Straße 
laufen alle möglichen Leute, kein Schwein kann 
aber im Dunkel erkennen, von welcher Partei sie 
sind. Na, wir drückten uns an ein großes Haus, um 
mal erst abzuwarten, wem die Siegesgöttin heute 
wohlgesinnt wäre. Der Skandal dauerte aber immer 
weiter und die Kriegslage schien sich gar nicht klären 
zu wollen. Wenn einer nicht Platz machte, kriegte er 
einfach einen Tritt. Ich müßte schamlos lügen, wenn 
ich dieses Situatiönchen besonders angenehm und 
lieblich nennen würde, aber wir kamen durch, und 
es sollte sich nachher bezahlt machen. 150 Schritt 
hinter der Stadt buddelten wir uns schnell bis an 
den Kragenknopf ein. Wir warteten freudig erregt 
der Dinge und Russen, die da kommen sollten. 
Wir acht Männerchen waren augenblicklich wohl die 
einzigen hier, die die Wacht am Rhein singen 
konnten. Also, wir lagen mucksmäuschenstill, den 



I 



249 



Finger am Abzug. Meiner Kriegsknechte war ich 
mir ziemlich sicher. Ohne Befehl würde keiner 
knallen. Neben mir schnatterte ein junger Kriegs- 
freiwilliger laut und ungeniert mit den Zähnen. Ich 
boxte ihm schnell noch eins in die Rippen. »Lebhaft 
weiterfeuern«, kommandierte ich dann mit gellender 
Stimme, um den Brüdern da drüben mal den Wohl- 
klang einer Preußischen Kommandostimme zu Gehör 
zu bringen. Und ich mußte auch laut schreien, 
denn auf die erste Salve ertönte drüben ein 
Geheul, so entsetzlich, markerschütternd, daß mir 
die Haare zu Berge standen, und als unsere 
Büchsen lustig in den dichten Knäuel knallten, 
da stürzten sie zurück, fielen über die Toten und 
Verwundeten — und immerzu die Schreie der 
Todesnot! Und schon waren wir mit brüllendem 
Hurra hinterher! 

Wie die Tiere drängte sich ein ganzer 
Haufen in die vorderste Haustür. Wir hätten sie in 
aller Ruhe abschießen können. Sie waren noch total 
halali und konnten vor Angst keinen Ton sagen. 
Die ganze Sache schien einzuschlafen. Das einzige 
was uns fehlte, war ein Alkohölchen. 

Ich hatte aber doch so das Gefühl, daß 
sie noch irgend eine Biesterei vorhatten. Den Feind 
hinten wollte ich mir mal selbst etwas näher besehen. 
Hier konnten nur noch einige sichere Kugeln helfen. 
Da zog ich die Büchse an den Kopf, ein Tupf auf 
den Stecher: plautz, da lag der erste Kerl! Schnell 
repetiert und wieder gestochen. Nr. 2 und 3 fielen 
um wie die Säcke, bevor sie sich von ihrem ersten 
Schreck erholt hatten. Da kam Leben in die Gesell- 
schaft, sie schienen nur noch nicht zu wissen, wohin 
sie sollten. Der nächste Russe, Nummer 4, erhielt 
die Kugel etwas zu kurz. Es war vielleicht für mich 
von Vorteil, denn der Kerl schrie ganz entsetzlich. 
Ich hatte schnell den Karabiner meines Begleiters 
genommen und ließ die nächsten fünf Kugeln 



250 



in den dichten Klumpen am Gartenzaun. Einige Schreie 
zeigten, daß auch diese Kugeln nicht umsonst 
abgefahren waren. Diese letzten Schüsse waren mir 
ja etwas eklig, besonders weil ich gar nicht das 
Gefühl der Gefahr hatte, denn die Russen dachten 
gar nicht ans Schießen. Aber was hilfts; jeder ist 
sich selbst der nächste, und ich habe ja den 
Krieg nicht angefangen! Die Flanke war gesäubert; 
ich ging befriedigt zu meinen Knaben zurück. 
Die russischen Offiziere macliten ein recht dummes 
Gesicht, als sie uns sechs Männerchen da stehen 
sahen. Mein liebenswürdigesBenehmen beschwichtigte 
aber ihre Bedenken. Vv^ir schüttelten uns herzlich 
die Hände, ich mit einem gönnerhaften Siegerlächeln. 
Es war immerhin ein netter Augenblick, und der 
militärische Erfolg doch außerordentlich schön. 
Selbander zogen wir auf den Markt, wo alles voll 
von Russen stand. Bei dem Artilleriekapitän bedankte 
ich mich für die gutsitzenden Schrapnells, dann 
mußte ich zur Division und berichten. Allgemeine 
Zufriedenheit. Meine sechs Soldaten bekamen gleich, 
wie sie gebacken waren, das Eiserne Kreuz. Ich 
wurde zur ersten Klasse eingegeben, was aber erst 
nach beinahe einem Jahr in die Erscheinung trat. — 
Und nun urteilt mal selbst Jungens, ob ihr mit 
eurem madigen Jägerlatein mir imponieren könnt! 
Was ich auf der Russenfährte erlebt habe, ist, wie 
ihr zugeben werdet, 'ne Nummer! Unser Fachorgan 
,Wild und Hund' hat die ehrende Aufforderung an 
mich ergehen lassen, einen Bericht über meine 
Jagderfolge in Rußland zu verfassen. Ich will es tun. 
Und denn auf fröhlich Gejaid nach Welschland! 
Eh wir aber so weit sind, wollen wir gemütlich 
noch mancher Pulle Sekt den Hals brechen. Na denn 
Pröstchen! 

Alle: Pröstchen Dreckwitz! Weidmannsheil! 

(Verwandlung.) 



251 



15. Szene 

Biireauzimmer bei einem Kommando. 

Hirsch (tritt singend auf. Melodie aus dem »Ver- 
schwender«): 

Heisa! lustig ohne Sorgen 
Leb ich in den Krieg hinein, 
Den Bericht geh ich für morgen, 
Schön ist's ein Reporter sein. 
War ich noch so grad gewachsen, 
Müßt ich nicht zum Militär. 
[: So verdiene ich noch Maxen 
Auf dem schönen Feld der Ehr. :] 

Zweitens aber ist das Leben 

Jetzt im Hinterland zu stier. 

Darum hab ich mich begeben 

In das Kriegspressequartier. 

Drittens wärs im Schützengraben 

Doch für unsereins zu fad, 

[: Weshalb sie enthoben haben 

Mich zum leichtern Dienst beim Blatt. :] 

Viertens kann ich schnellstens melden, 
Wie die Schlacht nimmt ihren Lauf. 
Was sie vorne tun die Helden, 
Schreib ich gleich von hinten auf. 
Ich wer' bis zum Endsieg bleiben, 
Ich gewinne, auf mein Wort. 
[: Denn kaum fang ich an zu schreiben, 
Laufen alle Feinde fort. :] 

Darum kann ich fünftens sagen, 
Ich bin hier wie's Kind im Hai s. 
Wie sich unsre Leute schlagen, 
Haben unsere Leut heraus. " 
Sechstens, siebtens und so weiter, 
Da mich keine Kugel trefft, 
[: Leb ich ungeniert und heiter 
Hier vom guten Kriegsgeschäf* :] 



252 



(Hineinrufend:) Sie Major, wenn Sie den General sehn, 
sagen Sie ihm, daß ich ihn dann interviewen wer' und 
den ganzen Stab! Heut wird sich kaner drucken! (Ab.) 

Roda Roda (tritt singend auf. Nach einer 
bekannten Melodie) : 

Der Rosenbaum, 

Der Rosenbaum 

Vertritt die schönsten Blätter. 

Er gedeihet kaum 

Im Etappenraum, 

An der Front schreibt sich's viel netter. 

Ich seh mir alles 

Selber an. 

Dann kann ich alles wissen. 

Und schlimmsten Falles 

Werd' ich dann 

Von den Schrapnells zerrissen. 

Was schert mich Weib, 

Was schert mich Kind, 

Was gilt mein eignes Leben? 

Zum Zeitvertreib 

Mir errichtet sind 

Die schönsten Schützengräben. 

Doch vor dem Feind 

Gibts keinen Schmus, 

Da heißt's die Stellung wählen. 

Ich bin kein Freund 

Von Interviews, 

Mir wern sie nix erzählen! 

Ich war einmal 

Selbst bei dem Gschäft, 

Ich kenn hier alle Leute. 

Bin überall, 

Wo man mich trefft. 

Gewährsmann bin ich heute! 



253 



Einst hat man doch 

Mir a. D. gesagt, 

Das sollte eine Schand' sein. 

Jetzt wird nur noch 

Nach mir gefragt, 

Denn alle woU'n genannt sein. 

Das Militär 

Bin ich gewohnt; 

Für meine Schlachtberichte 

Spring ich von der 

Zu jener Front 

Und mache Weltgeschichte. 

Heut bin ich in 

Der Weichselschlacht 

Und morgen am Isonzo. 

Ich hab es drin 

Sehr weit gebracht 

Und bin' es schon gewohnt so. 

Der Brigadier 

Er meldet mir, 

Der Feind wird Schläge kriegen. 

Doch werden wir 

Geschlagen hier. 

So laß ich einfach siegen. 

Das Hinterland 

Betret ich kaum, 

Ich bleib viel lieber doda. 

Ich bin verwandt 

Mit Rosenbaum, 

Doch heiß ich Roda Roda. 

(Hineinrufend:) Sie Major, wenn Sie den General sehn, 
sagen Sie ihm, daß der Oberst versetzt werden 
muß — er hat mir den Passierschein für das Fort 5 



255 



in Przemysl verweigert. Er scheint nicht gewußt 
zu haben, wer ich bin. Das entschuldigt ihn 
nicht, sondern im Gegenteil. Ich werde den 
Herren schon Disziplin beibringen — haben Sie 
verstanden? (Ab.) 

(Verwandlung.) 

16. Szene 

Ein anderes Bureauzimmer. 

Ein Generalstäbler (erscheint und geht zum 
Telephon): — Servus, also hast den Bericht über 
Przemysl fertig? — Noch nicht? Ah, bist nicht 
ausgschlafen — Geh schau dazu, sonst kommst 
wieder zum Mullattieren zu spät. Also hörst du — 
Was, hast wieder alles vergessen? — Ös seids — 
Hör zu, ich schärfe dir noch einmal ein — Haupt- 
gesichtspunkte: Erstens, die Festung war eh nix wert. 
Das ist das Wichtigste — Wie? mau kann nicht — 
Was? man kann nicht vergessen machen, daß die 
Festung seit jeher der Stolz — Alles kann man 
vergessen machen, lieber Freund! Also hör zu, die 
Festung war eh nix mehr wert, lauter altes Grafiel- 
werk — Wie? Modernste Geschütze? Ich sag dir, 
lauter altes Graffeiwerk, verstanden? No also, gut. 
Zweitens, paß auf: Nicht durch Feindesgewalt, 
sondern durch Hunger! Verstanden? Dabei das 
Moment der ungenügenden Verproviantierung nicht 
zu stark betonen, weißt, Schlamperei, Pallawatsch etc. 
tunlichst verwischen. Diese Momente drängen sich 
auf, aber das wirst schon treffen. Hunger is die 
Hauptsache. Stolz auf Hunger, verstehst! Nicht durch 
Hunger, sondern durch Gwalt, ah was red ich, 
nicht durch Gewalt, sondern durch Hunger! No also, 
gut is — Was, das geht nicht? Weil man dann 
merkt, daß kein Proviant — wie? — und weil man 
dann einwendet, warum nicht genügend Proviant? 
Alstern gut, gehst drauf ein und sagst: unmöglich, 



254 



so viel Proviant als notwendig aufzuhäufen, weil's 
eh der Feind kriegt, wann er die Festung nimmt — 
Wie er sie dann genommen hätte? Durch Hunger? 
Nein, dann selbstverständlich durch Gewalt, frag 
net so viel. Verstehst denn net, wenn er also die 
Festung durch Gewalt nimmt und mir harn 
an Proviant, iiacher nimmt er auch den Proviant. 
Darum dürfn mr kan Proviant haben, nacher nimmt 
er kan Proviant, sondern er nimmt die Festung 
durch Hunger, aber nicht durch Gwalt. No wirst scho 
machen, servus, muß in die Meß, habe nicht die 
Absicht, mich durch Hunger zu übergeben — Schluß! 

(Verwandlung.) 

17. Szene 

Restaurant des Anton Grüßer. Vorn ein Herr mit einer Dame. 
Von einem Tisch zum andern geht ein Mann, der sich unauf- 
hörlich stumm verbeugt. Vorn links an einem Tisch der Nörgler, 

Kellner: Schon befohlen bitte? 

Herr: Nein, die Karte. (Kellner ab.) 

Zweiter Kellner: Schon befohlen bitte? 

Herr: Nein, die Karte. (Kellner ab.) 

Kellnerjunge: Zu trinken gefällig, Bier, 
Wein — 

Herr: Nein. (Kcllnerjunge ab.) 

Dritter Kellner: Schon befohlen bitte? 

Herr: Nein, die Karte. (Zu einem vorbeieilenden 
Kellner) Die Karte! 

Zweiter Kellnerjunge: Bier, Wein — 

Herr: Nein. 

Vierter Kellner (bringt die Karte) : Schon 
befohlen? 

Herr: Nein. Sie haben ja eben die Karte 
gebracht. Was ist fertig? 

Kellner: Was auf der Karte steht. 

Herr: Auf der Karte steht »Gott strafe 
England«. Das esse ich nicht. 



256 



Kellner: Vielleicht was frisch Gemachtes? 
Laßt sich der Herr vielleicht — 

Herr: Haben Sie Roastbeef? 

Kellner: Bedaure, heut is fleischfrei. Laßt sich 
die Dame ein schönes Schnitzerl machen oder ein 
Ramsleckerl oder vielleicht ein Ganserl die Dame — 

Herr: Zuerst eine Vorspeise. Was ist denn 
das: Reizbrot (Leckerschnitte)? 

Kellner: Das ist ein Appetitbrot, 

Herr: Mir ist er schon vergangen. Also 
vielleicht — was ist denn das: Eieröllunke vom 
Fisch? 

Kellner: Das ist eine Fischmayonnaise. 

Herr: Was ist denn das: Butterteighohlpastete? 

Kellner: Das ist ein Volavan. 

Herr: Was ist denn das: Mischgericht? 

Kellner: Das ist ein Rakuh. 

Herr: Also bringen Sie in Gottes Namen das — 
und dann, warten Sie — was ist denn das: Rinds- 
lendendoppelstück nach Feldherrnart m.it Hindernissen 
nebst Holiändertunkc? 

Kellner: Das ist ein Anterkot mit Soß 
hollandees. 

Herr: 52 Kronen, bißchen teuer, bißchen teuer. 

Kellner: Ja, der Herr darf nicht vergessen, 
jetzt is Krieg und heut is flelschfrei. 

Herr: Also meinetwegen, bringen Sie das. 
(Kellner ab.) 

Dame: Siehst Du, wir hätten doch zum 
Sacher gehn sollen, dort kostet so was nur fünfzig. 

Ein Kellner: Schon befohlen bitte? 

Herr: Ja. 

Zweiter Kellner: Schon befohlen bitte? 

Herr: Ja. 

Ein Kellner] unge: Bier, Wein? 

Herr: Nein. 

Dritter Kellner: Schon befohlen bitte? 

Herr: Ja. 



257 



Vierter Keilner (zurückkommend): Bedaure, kann 
nicht mehr dienen. (Streicht fast alle Speisen.) 

Herr: Sie haben doch — 

Kellner: Ja, heut an ein fleischfreien Tag 
is das kein Wunder. Aber laßt sich der Herr zwei 
verlorene Eier machen, vielleicht mit einer biganten 
Soß, stehn noch auf der Karten — 

Herr: Verlorene Eier, was ist denn das? Wer 
hat denn die verloren? 

Kellner (leise): Öf poschee hat man's ghaßen 
vorm Krieg. 

Herr: Aha, und man glaubt, daß man ihn damit 
gewinnen wird? — Nein, warten Sie — Treubruch- 
nudeln — was bedeutet denn das? 

Kellner: No Makkaroni! 

Herr: Ach ja, richtig. — Schurkensalat, was 
ist denn das? 

Kellner: Welischer Salat. 

Herr: Ach ja, das ist ja klar. Also — bringen 
Sie: ein feines Gekröse nach Hausmacherart mit 
gestürzten Kartoffeln und verlorenen Eiern, dazu 
ein scharfes Allerlei, hernach einen Musbrei und 
zweimal Grüßersahnenkuchen. Wie hat denn der 
früher geheißen? 

Kellner: Grüßerschaumtorte. 

Herr: Warum Grüßer? 

Kellner: No nachm Herrn! (Grüßer kommt zum 
Tisch, grüßt und geht ab.) 

Herr: Wer ist der Herr? 

Kellner: No, der Herr! (Ab.) 

Der Zahlkellner: Schon bestellt der Herr? 

Herr: Ja. 

Ein zwerghafter Zeitungsjunge (wippt 
von Tisch zu Tisch): Sick über Sick! Extraausgabe! 
Schwere Niederlage der Italiena! Sick über Sick! 

Zwei Mädchen (mit Ansichtskarten und Kriegs- 
fürsorgeabzeichen von Tisch zu Tisch): Für die Kriegsfür- 
sorge ein Scherflein, wenn ich bitten darf — 

Die letzten Tage der Menschheit. 17 



258 



Kellner junge: Brot gefällig? Bitte um 
die Karte. 

Herr (will die Speisekarte reichen): — ah SO, ich 
habe keine. 

Zwei Frauen (mit Ansichtskarten von Tisch zu 
Tisch): Für die Kriegsfürsorge bitte — 

Der Blumenmann (im Eilschritt auf den Tisch 
los): Blumen gefällig — ? 

Das Blumenweib (von hinten): Schöne 
Veigerln — für die Dame? 

Eine Kolporteurin: Extraausgabee ! 

Ein Gast (den Zahlkellner rufend): Sie, Herr 
Finanzminister — ! 

Der Zahl keilner (beugt sich über einen Gast): 
Schon den neuesten Witz ghört, Herr Dokter? 
Was ist der Unterschied zwischen einem galizischen 
Flüchtling und — (sagt ihm die Fortsetzung ins Ohr.) 

Der Gast (immer heiterer werdend, plötzlich aus- 
brechend): Glänzend! Aber wissen Sie schon den 
Unterschied zwischen einer Rotenkreuzschwester und 
— (sagt ihm die Fortsetzung ins Ohr.) 

Ein Kellner (mit achtzehn Schüsseln): Sosss 
bidee — ! (Er schüttet die Dame an) 0ha, nicht zfleiß 
tan, paton ! 

Dritter Gast: Wer sagt da Pardon? Sie, Herr 
Grüßer, in Ihrem gut deutschen Lokal sagt ein 
Kellner Pardon! 

Grüß er: Herr von Wossitschek glauben gar 
nicht, wie schwer es jetzt mit die Leut is. Sagt man 
einem von ihnen was, lauft er davon, er kriegt genug 
Posten sagt er. Es is ein rechtes Kreuz, die bessern 
eingerückt und diese ungebildeten Elemente was 
zurückbleiben — 

Der Gast: No ja, no ja, aber — 

Grüßer: Pardon, Herr von Wossitschek, ich 
muß grüßen gehn. (Tut es.) 

Der Gast: Pardon pardon, lassen S' Ihnen 
nicht aufhalten. 



259 



Ein Stammgast: Serwas Grüßer, wie gehfs 
dr denn? No was sagst, den Leber! hams schön 
eintunkt — 

Grüßer: No was der aber auch für Preise 
hat! Und dann is der Mensch gar nicht beliebt. 
Ich, wo ich hier eine Persönlichkeit bin, hab noch 
nie den geringsten Anstand gehabt. 

Stammgast: Geh setz di bißl her Grüßer. 

Grüß er: Später, recht gern, aber weißt ich 
muß noch grüßen. (Tut es.) 

Stammgast: Ja natürlich, serwas! 

Bambula von Feldsturm (brüllend und auf 
den Tisch trommelnd): Sackrament noch amal, wird man 
denn heut gar nicht bedient? Sie, herstellt! 

Ein Kellner: Bitte gleich, Herr Major! 

Grüßer: Herr Major befehlen? 

Bambula von Feldsturm: Sie, Wirt, was 
is denn das? Wird man denn heut gar nicht bedient? 
Die Bedienung ist nicht mehr wie früher, seit einem 
Jahr bemerk ich das, wo sind denn alle Kellner? 

Grüßer: Eingerückt, Herr Major. 

Bambula von Feldsturm: Was? Einge- 
gerückt? Warum sinds denn alle eingerückt? 

Grüßer: No weil Krieg is, Herr Major! 

Bambula von Feldsturm: Aber seit einem 
Jahr merk ich das schon, Sie haben ja bis auf 
die vier gar keine Kellner mehr. Für so ein Riesen- 
lokal! Seit einem Jahr merk ich das schon. 

Grüßer: No ja, seitdem Krieg is, Herr Majori 

Bambula von Feld stürm: Was? Das is 
ein Skandal! Daß Sie's nur wissen, die Kameraden 
beklagen sich alle, sie wollen nicht mehr herkommen, 
wenn das so weiter geht! Alle sinds ausn Häusl. 
Der Hauptmann Tronner, der Fiebiger von Feldwehr, 
der Kreibich, der Kuderna, der Oberst Hasenörl, 
alle sinds ausn Häusl, erst gestern hat der Husserl 
von Schlachtentreu von die Sechsundsechziger gsagt, 
wenn das so weitergeht — 



17* 



260 



Grüßer: Ja, Herr Major, mir möchten ja alle, 
daß's einmal aufhört und daß der Frieden kommt — 

Bambula von Feldsturm: Was, Frieden — 
hörn S' mir auf mit Ihrer Friedenswinselei — ich 
hab die Kaisermanöver mitgemacht — wenn Sie unser 
oberster Kriegsherr hören möcht — jetzt heißt es 
durchhalten lieber Freund — da gibts nix! (Ein Kellner 
eilt vorbei.) Sie rechts schaut! Kerl das verfluchter, na 
wart, den wer' ich einrückend machen — Sie sagen S' 
mir nur, was ist denn das für eine Bedienung — ?! 

Grüßer: Was haben bestellt, Herr Major? 

Bambula von Feldsturm: Nix, ein Rost- 
bratl möcht ich, aber etwas unterspickt — 

Grüßer: Bedaure, heut is fleischfrei. 

Bambula von Feldsturm: Was? Fleisch- 
frei? Was is denn das wieder für eine neue Mod?! 

G r ü ß e r : Ja, jetzt is Krieg Herr Major und da — 

Bambula von Feldsturm: Machen S' keine 
Spomponadeln. Möcht wissen, was das mit dem Krieg 
zu schaffen hat, daß 's Fleisch ausgeht! Das war 
früher auch nicht! 

Grüß er: Ja, aber jetzt is doch Krieg, Herr Major! 

Bambula von Feldsturm (in größter Erregung 
aufspringend): Also das brauchen S' mir nicht immer 
unter die Nasen reiben — immer mit Ihnern Krieg, 
das hab ich schon gfressen! Von uns Kameraden 
sehn Sie keinen mehr in Ihrem Lokal — wir gehn 
zum Leberl! (Stürzt davon.) 

Grüß er: Aber Herr — Major — (kopfschüttelnd) 
Mirkwirdigl 

Dritter Gast (zu einem Kellner): Gar nix is da? 
Nicht amal a Mehlspeis? 

Kellner: Wienertascherl, Anisscharten, Eng- 
länder — 

Der Gast: Was? Engländer habts jetzt im Krieg? 

Kellner: Die sein noch vom Frieden. 

Der Gast: Sie, pflanzen S' wem andern, zahlen! 



261 



Kellner: Zahlen! 

Zweiter Kellner: Zahlen! 

Dritter Kellner: Zahlen! 

Vierter Kellner: Zahlen — 

Ein Kellnerjunge (zu sich): Zahlen. 

G r ü ß e r (ist an den Tisch des Nörglers getreten, grüßt 
und spricht, sich über ihn beugend, mit starrem Blick, wodurch 
er das Aussehen des Todesengels gewinnt, erst allmählich 
lebhafter werdend): Das Wetter scheint sich nach der 
letzten mineralogischen Diagnose zu klären und dürfte 
auch wieder der Zuspruch ein regerer werden — waren 
gewiß verreist, schon recht, schon recht — ja jeder 
hat heutzutag zu tun, mein Gott der Krieg, das Elend, 
man merkts überall im Gewerbestand, wie der Mittel- 
stand leidet — die Einflüsse sind noch immer nicht 
abzusehn — auch ein Herr von der Zeitung, ein Dokter 
was im Ministerium die rechte Hand is hat selbst 
gesagt — mirkwirdig — hm — aber mir scheint, heute 
keinen rechten Appetit, grad heut, schad, das Vordere, 
alle Herren loben sichs, nun dafür das nächste Mal 
als Gustostückl ein Protektionsportionderl von der 
Grüßerschnitte — Pol dl abservieren, schlaft wieder 
der Mistbub, also djehre djehre 

(Der Herr und die Dame vorn sind eingeschlafen.) 

Kellner (stürzt herbei): Bedaure, kann nicht 
mehr dienen! 

Der Herr (erschrocken auffahrend) : Super — arbi- 
triert? — Ach so. Also da gefin wir wieder. 
(Er erhebt sich mit der Dame.) Adieu. 

Kellner: Paton, gestatten, daß ich drauf auf- 
merksam mach für das nächste Mal, wir sind ein 
deutsches Logal und da derf nicht franzesisch 
gesprochen wern — (wischt sich mit dem Hangerl die Stirn.) 

Der Herr: So so — 

Grüß er (hinter ihnen): Djehreguntagzwintschn- 
kstiandschamstadienermenehoachtungkomplimentan- 
dersmalwieder! 

(Verwandlung.) 



262 



18. Szene 

Schottenring. Frau Pollatschek und Frau Rosenberg treten auf, 

Frau Rosenberg: Verehrte Kollegin, für 
unser Auftreten gibt es keine Entschuldigung! Wir 
erwarten, daß wir Hausfrauen Österreichs auch weiterhin 
mit der Disziplin, von der wir schon so glänzendeProben 
abgelegt haben, durchhalten und nur am Donnerstag 
und Samstag den Einkauf von Schweinefleisch vor- 
nehmen werden. Unsere Ortsgruppen werden diese 
Fahne hochzuhalten wissen. Auch beim Filz! 

Frau Pollatschek: Die Rohö gibt den 
Einkauf von Schweinefleisch und Filz für Donnerstag 
und Samstag frei! 

Frau Rosenberg: So ist es! Wir Hausfrauen 
Österreichs hatten die Pflicht, in dieser die vitalsten 
Interessen tangierenden Frage ein entscheidendes 
Wörtlein mitzusprechen. Wir von der Rohö konnten 
nicht mit verschränkten Armen die Bildung der 
Marktpreise gewähren lassen und diesen Umtrieben 
zusehen, speziell beim Vordem! 

Frau Pollatschek: Was jetzt vor allem not 
tut, ist Einheit. Durch Einheit zur Reinheit, lautet 
mein Wahlspruch, namentlich für den Tafelspitz! 

Frau Rosenberg: Und ich möchte hinzu- 
fügen, wenn meine Meinung in dieser Sache das 
Zünglein an der Wage abgeben soll, daß wir uns 
durch keinen Terrorismus abschrecken lassen werden. 
Per aspera ad astra, sage ich, wenigstens soweit das 
Hiefersch wanzl in Betracht kommt. Wir von der Rohö — 

Frau Pollatschek: Wissen Sie, wer dorten 

kommt? Die Bachstelz und die Funk-Feigl von der 

Gekawe, beide möchten mich in einem Löffel Suppe 

vergiften. 

(Begrüßung.) 

Frau Bachstelz: Nun, verehrte Kolleginnen, 
wir kommen eben von der Markthalle, was sich da 
tut, speziell mit die Gustostückeln, hätte ich Ihnen 
gewünscht mitanzusehn! 



263 



Frau Funk-Feigl: Wir sind nämlich im 
Interesse der allgemeinen Sache, da doch jetzt jeder 
sein Scherflein beitragen muß und Not an Mann ist, 
aus voller Brust dorthin geeilt, denn wir wissen, wo 
es zu kämpfen gilt, im Gegensatz zu gewisse andere 
Leute, von denen ich nur das eine sage: Wenn das 
am grünen Holze geschieht, ja dann, meine Damen, 
kann ich nur sagen — 

Frau Rosenberg: Ich bedaure sehr, liebe 
Dame — 

Frau Funk-Feigl: Ich bin für Sie keine Dame, 
ich bin Aufsichtsrat von der Gekawe und hab ebenso 
ein Recht wie jede von derRohöi Es ist leicht am 
grünen Holz Verordnungen ausarbeiten lassen, aber 
dann? Wie sagt doch Schiller, bitte greif nur herein 
ins volle Menschenleben — 

Frau Rosenberg: Ich habe nur bemerken 
wollen, ich bedaure sehr, daß Sie sich zu Personalien 
hinreißen lassen, ich weiß ganz gut, daß Ihre heutige 
Zuschrift in der Presse seine Spitze gegen die Rohö 
nicht verkennen läßt, noch dazu zu einer Zeit 
geschrieben, wo Sie noch bei der Rohö waren — 

Frau Funk-Feigl: Das ist nicht wahr, 
das sag ich meinem Mann, der wird Sie klagen! 

Frau Rosenberg: Von mir aus! Ich kann 
beweisen, was ich gesagt hab. Ich wer' Ihnen vor 
Gericht beweisen, daß Sie eine Eigenbrödlerin sind! 
Wenigstens hörn Sie einmal die Wahrheit! Sie haben 
gegen die Rohö intrigiert, wie Sie noch drin waren! 

Frau Bachstelz: Das wem Sie zu beweisen 
haben! 

Frau Pollatsche k: Ihnen sag ich ins 
Gesicht, hörn Sie mich an, jetzt kommt es nicht 
darauf an, der Eitelkeit zu fröhnen, merken Sie 
sich das! Wir gehören nicht zu jenen, die 
separatistischen Bestrebungen huldigen. Wenn eine 
der Rohö angehört, so hat sie ihr auch mit Leib 
und Seele anzugehören, unser Organ ist der 



264 



»Morgen« und die Zeit ist viel zu ernst, lassen Sie 
sich das gesagt sein, heute, wo Solidarität der 
halbe Erfolg ist! 

Frau Funk-Feigl: Von Ihnen wird man 
Solidität lernen! Aufgewachsen — ! 

Frau Bachstelz: Das ist echt Rohö! 
Verleumdungen hinter dem Rücken! Wir sparen 
uns die Fetten vom Mund ab, um mit gutem 
Beispiel voranzugehn! 

Frau Funk-Feigl: Hätten Sie nicht intrigiert, 
wären wir noch heut bei der Rohö. Man hat uns 
das Messer an die Kehle gesetzt, bis wir die Gekawe 
haben ins Leben rufen müssen. Ich bin von Pontius 
zu Pilatus gelaufen. Jetzt, das garantier ich Ihnen, 
wird Ordnung werden, und das sag ich Ihnen heute, 
wenn Sie anfangen wern, unsere Erfolge sich 
zuzuschreiben, wern Sie auf Granit beißen! 

Frau Bachstelz: Wir sparen uns den Bissen 
vom Mund ab — 

Frau Pollatschek: Ja, für Reiherfedern! 

Frau Bachstelz: Beweisen Sie das! 

Frau Pollatschek: Samstag im Volks- 
theater bei der Premier sind Sie mit Reiherfedern 
gesehn worn. 

Frau Bachstelz: Infamie! Sie blasen ins 
Hörn des Reichsritters Hohenblum, schämen sollten 
Sie sich! 

Frau Rosenberg: Beweisen? Was heißt 
beweisen? Auf Ihrem Hut ist der Beweis! 

Frau Bachstelz: Der is vom vorigen Jahr, 
das wissen Sie ganz gut! 

Frau Rosenberg: Das ist Vogelstraußpolitik! 

Frau Funk-Feigl: Nebbich! Vom Vogel 
Strauß tragen Sie selbst was am Kopf! 

Frau Rosenberg: Der is vom vorigen Jahr, 
das wissen Sie ganz gut! Ich trag eine Kriegsblusel 

Frau Funk-Feigl: Nebbich! 



265 



Frau Bachstelz: Meine Bluse und Ihre Bluse 
— das is wie tausend und eine Nacht! Wir waren 
es, die den ersten Schritt ergriffen haben zur 
Schaffung einer Wiener Mode! 

Frau Pollatscheli: Sie? Mit der Figur! 
Großartig! Mein Geschmack und Ihr Geschmack! 

Frau Bachstelz (schreiend): Sie haben zu reden! 
Wenn die Zeit nicht so groß war, möcht ich mich 
an Ihnen vergreifen! 

Frau Rosenberg: Lassen wir diese Reklam- 
macherinnen, zum Glück gibt es in dieser ernsten 
Stunde vitalere Interessen und wir, wenn wir eine 
Phalanx bilden, können wir dieses ohnmächtige 
Gekläffe verachten. Man weiß ja, woher die ganze 
Wut kommt. 

Frau Bachstelz: Sie, wenn Sie noch einmal 
diese Verleumdung wiederholen! 

Frau Rosenberg: Was meinen Sie? Hab ich 
etwas gesagt? Also weil der Inspektor gestern in 
der Gemeinschaftsküche mit uns länger gesprochen 
hat wie mit Ihnen, deshalb müssen Sie nicht gleich 
aufgeregt sein meine Liebe — ! 

Frau Bachstelz (in Paroxysmus): Diese infame 
Insination werden Sie — warten Sie — ich schick 
meinen Mann über Sie — passen Sie auf, die ganze 
Oezeg kommt über Sie! 

Frau Rosenberg: Mein Mann wird schon 
mit ihm fertig wern und mit allen, da können Sie 
unbesorgt sein! Er hat die ganze Miag hinter sich! 
Ein Wink von ihm, kommt noch die Ufa und die 
Wafa über Sie — mein Mann is Verwaltungsrat! 

Frau Bachstelz: No, ruft mein Mann die 
Iwumba! Mein Mann is kaiserlicher Rat! Wie Ihr 
Mann enthoben worn is, weiß man! 

Frau Rosenberg: Ja Protektion hat er 
gehabt, no — und? Sie zerspringen, weil er Ver- 
bindungen hat. Er is intim bei der Sawerb. Warten Sie, 



266 



alles wer' ich in der Ausschußsitzung zur Sprache 
bringen, für ein Mißtrauensvotum in der General- 
versammlung garantier ich Ihnen! 

Frau Funk-Feigl: Sie selbst sind der größte 
Ausschuß, Sie fliegen aus der Rohö heraus, das 
garantier ich Ihnen, die Gekawe wird Ihnen zeigen — 
ich hab Verbindungen, ich geh hinauf zur Presse — 

Frau Pollatschek: Im nächsten »Morgen« 
warn Sie lesen — warten Sie, wir von der Rohö — 

Frau Funk-Feigl: Fangen Sie sich nichts 
mit uns an, wir von der Gekawe — 

(Alle vier schreien durcheinander, wobei man aus dem Lärm 
nur die Worte Rohö und Gekawe heraushört, und genen heftig 
gestikuHerend ab. Ein Invalide auf Krücken humpelt vorbei. 
Eine Bettlerin, mit einem Knaben an der Hand und einem 
Säugling am Arm tritt auf.) 

Die Bettlerin: Extraausgabee — Neue Freie 
Presse — 

Der Knabe: Neue Feile Pesse — 

Der Säugling: Leie — leie — lelle — 

Eine Schwangere geht vorbei. 
Der Nörgler: 
O rührend Anbot in der Zeit des großen Sterbens! 
Nein, besser wird uns dieses Zwischenspiel entzogen. 
Zwar weist es auf die letzten Spuren von Natur hin, 
die diese Unmenschheit noch nicht verlassen konnte, 
die Tod beschließt und dennoch Leben nicht verleugnet. 
Doch es kommt selten etwas Bessres nach. Seht 

weg denn, 
die letzte Menschlichkeit des heute andern Zielen 
verpflichteten Geschlechts hat etwas Peinigendes. 
Unheimlich ist die Vorstellung, daß dieses Weib da, 
die so sich zeigt, so stillen Schrittes ihre Hoffnung 
ins Leben trägt, so voll von heilis-em Auftrag, 
der Schmerz zugleich und Segen, in der nächsten 

Stande 
gebären könnte einen Heereslieferantcn. 



267 



Der Stolz der Mutterschaft, so groß in alier Vorzeit, 
das größte Mißgefühl von Unmaß abzuweisen, 
war besser auch so stolz, den unberufnen Blicken 
nicht die nur ihm bewußte Harmonie der Schöpfung 
zu zeigen. Doch vor dieser mißgeformten Menschheit 
ist er nicht mehr berechtigt. Er soll selber wegsehn. 
Stolz werde wieder Scham. Sieh du jetzt weg, du 

Mutter, 
du bist zu schwach allein, und bist auch 

unbescheiden; 
dies ist ein gütiger Versuch, doch auch ein Anspruch 
vor hunderttausend Müttern, die es sehn und wissen, 
daß sie ja doch den größern Schmerz erlitten haben 
als er der einen erst bevorsteht. Geh nach Hause, 
was trägst du deine Bürde auf den Markt, als wäre, 
was du der Welt zu bieten hast, bei weitem besser 
als das was sie verloren hat, nein mehr, als ob nun, 
jetzt endgiltig das neue, letzte Heil erstünde, 
als war' ein Sokrates die allerkleinste Gabe, 
die hier in Aussicht steht. Wir haben viel zu schlechte 
Erfahrungen gemacht. Wir sind in jedem Falle, 
und wär's der beste, nicht mehr neugierig und 

wünschen, 
daß die Erwartung deine Muttersache bleibe, 
so keusch wie sie's verdient, bis einstens die 

Erfüllung 
das Nachschaun einer Welt verlohnt. Geh heim, 

wir kommen, 
wenns an der Zeit, bis dahin mit dir leidend, 

Mutter, 
nicht tieferes Leid für dich als für das neue Leben, 
das dank dem Mutterfluch einrückt ins alte Sterben, 
der Opfer größtes durch Geburt. Geh, mach dich 

tauglich. 

Wart auf den Jahrgang. Freiwillige, was bringst du? 

Halt dich zuhaus, ein Tag ist wie der andere, immer 

sieht tot wie tot aus. Geh! wir wollen überrascht sein. 

(Verwandlung.) 



268 



19. Szene 

Belgrad. Zerstörte Häuser. Die Schalek tritt auf. 

Die Schalek: Ich habe mich durchgeschlagen. 
Hier intressiert mich wie immer vor allem das 
allgemein menschliche Moment. Das soll eine Kultur 
sein? Diese Häuser sind mit den letzten Geschäfts- 
häusern in Fünfhaus zu vergleichen, sie haben 
deshalb die Bombardierung verdient. Die Trost- 
losigkeit dieser Stätte ist so groß, daß an eine 
photographische Wiedergabe überhaupt nicht zu 
denken ist. V/as mich aber immer wieder empört, 
ist, daß die Stadt nicht einmal gepflastert war. 
Das mag dem Entschluß, sie dem Erdboden gleich 
zu machen, zu Hilfe gekommen sein. Nicht einmal 
der Konak bietet etwas. Was wir als Andenken 
mitgenommen haben, ist nicht der Rede wert. Was 
ist das auch für ein König, der ein Porzellanservice 
von Wahliß hat! Es gibt noch eine ausgleichende 
Gerechtigkeit des Schicksals. Dieser Gedanke verfolgt 
mich durch ganz Belgrad. Wenn man nur wüßte, 
ob das die Häuser derjenigen sind, die den National- 
fanatismus erfanden? Ich habe mich zur Überzeugung 
durchgerungen, daß in einer solchen Stadt keine 
Individualitäten wohnen konnten. 

(Einige serbische Frauen erscheinen, die ihr entgegenlachen. 

Eine streicht kosend über die Wange der Schalek. Dann zuckt 

ein rasches Gespräch zwischen ihnen hin und her, und wieder 

lachen sie alle, laut, hell und froh. Die Schalek beiseite:) 

Dieses Lachen, dessen Ursache ich nicht erfragen 
kann, reißt an meinen Nerven, denn jede xMöglich- 
keit auf der Stufenleiter menschlicher Gefühle ist 
heute denkbar, bis gerade auf das Lachen, für welches 
das zerschossene Belgrad keine Gelegenheit bietet. 

(Eine der serbischen Frauen bietet der Schalek Eingemachtes 
an und lacht.) 

Ein irritierendes Rätsel. 



269 



(Ein Dolmetsch tritt auf.) 

Der Dolmetsch (nachdeni er mit den Frauen 
gesprochen hat): Sie sagen, es heiße nur ein paar 
furchtbare Tage durchhalten. Die Eroberung ihrer 
Stadt halten die Belgrader für ein Intermezzo. Sie 
glauben, daß wir wieder bald draußen sein werden, 
und so lachen sie schadenfroh. 

Die Schalek: Das kann nicht der einzige 
Grund sein. Fragen Sie sie, was sie empfinden 
und warum sie mir Eingemachtes gibt. 

Der Dolmetsch (nachdem er mit der Frau ge- 
sprochen hat): Sie sagt, nichts könne serbische Gast- 
freundschaft außer Wirkung setzen. 

Die Schalek: Aber warum geradeEingemachtes? 

DerDolmetsch (nachdem er mit der Frau gesprochen 
hat): Sie sagt, sie wollten zeigen, daß sie Frauen seien, 
und Eingemachtes sei das Gebiet der Frauen. 

Die Schalek (nimmt das Eingemachte): Diese 
Frauen will ich nicht wiedersehen, will ihre gräßliche 
Enttäuschung nicht miterleben, denn Schlimmeres 
noch als eingestürzte Häuser und als zerschossene 
Straßen, Schlimmeres als die Verjagung des Heeres 
und die Erstürmung der Stadt — das Schlimmste 
steht den Serben noch bevor. (Die serbischen Frauen lachen. 
Die Schalek im Abgehen :) Schaudernd ziehe ich davon, 
und das Lachen hallt lange in mir nach. 
(Die serbischen Frauen gehen nach der anderen Richtung ab, 
man hört noch ihr Lachen.) 

(Verwandlung.) 

20. Szene 

Vorstadtstraße. Ein schwer beladener Handwagen von zwei ganz 
schwachen, verhungerten Kriegshunden gezogen. 

Eine alte Frau (ruft): Das ist ein Skandal! 
Das sollt man dem Ärar anzeigen! 

Ein Oberleutnant: Halt! Legitimieren Sie 
sich! Das ist eine Beleidigung der Armee! 



270 



Die Menge (sammelt sich an): A SO a Urschell — 
Gehts wecka! — Wos is denn? — Nix, a Hofverrat 
is haltl — Recht g'schiehts ilir, um die Viecher nimmt 
sie sich an, wo s' selber nix z' essen hat! 

(Verwandlung.) 

21. Szene 

Eine Vorstadtwohnung. An einem Riemen hängt, halbbekleidet, 
ein etwa zehnjähriger Knabe, dessen Körper Striemen, Blut- 
beulen und Flecken aufweist. Er ist völlig verwahrlost, anscheinend 
halb verhungert. Der Knabe heult. Eine Nachbarin steht hände- 
ringend in der Tür. Der Vater (in Uniform) liegt auf dem Sofa. 

Eine Nachbarin (zu der Mutter, die einen Topf auf 
den Herd setzt): Aber Frau Liebal, wie können S' denn 
den Buben nur so zurichten? Wenn ich das bei 
Gericht anzeig, kriegn S' an Verweis I 

Die Mutter: Hörn S' Frau Sikora, der Bub 
is Ihna so obstinat, daß S' Ihna gar keine Vorstellung 
net machen. A warms Frühstück will er habnl 

Der Vater: Was ham S' denn Mitleid mit 
dem Bankert? Heut is er eh scho wieda beinand. 
Aber neulich hab i ihn hergnommen und ihn so mit 
dem Bajonett trischackt, daß i glaubt hab, er bleibt mr 
unter die Hand. Sehn S', er hat sich eh wieder erholt! 

Die Nachbarin: Herr Liebal, Herr Liebal, 
damit is nicht zu spassen, geben S' Obacht, Sie 
wern amal an Verweis kriegn! 

(Verwandlung.) 

22. Szene 

Standort des Hauptquartiers. Eine Straße. Man sieht Heeres- 
lieferanten, Offiziere, Prostituierte, Journalisten. 
Ein Hauptmann des Kriegspressequartiers und ein Journalist 
treten auf. 

Hauptmann: Also, den Prospekt für das 
Werk »Unsere Heerführer« — hörn S' zu Dokterl 
und schaun S' sich nicht allerweil nach die 
Menscher um, jetzt is Krieg — also den Prospekt 



271 



hab ich fertig und jetzt müssen S' ihn wenn noch 
ein Fehler is, umbessern. (Er liest vor.) »Wenn einst 
die brandenden Fluten des Weltkrieges verrauscht sind, 
wenn die tröstende Zeit die Wunden geheilt, die 
Augen getrocknet hat, dann schauen wir klaren 
Blickes zurück auf die glorreichen Tage, da eiserne 
Fäuste das Weltgeschick schmiedeten!« Jetzt separate 
Zeilen, passen S' auf — »Und über allem tauchen die 
Gestalten jener Männer auf, die in dieser Zeit unser 
und unseres Vaterlands Schicksal gewesen.« Fett! 

(Man sieht im Hintergrund einen älteren Icorpulenten Herrn 
mit Koteletts und Zwicker, der in jeder Hand einen Marschalls- 
stab trägt, über die Bühne von rechts nach links gehen.) 

»Voll Verehrung und Liebe blicken wir auf sie, die 
berufen waren, in unermüdlich heißem Ringen, gleich 
jenen Helden in der vordersten Front, das Schlachten- 
geschick zu lenken — « 

DerJournalist: Moment, die Heerführer sind 
also genau so viel wie die Helden in der vordersten 
Front, die das Schlachtengeschick lenken, also wieso? 

Der Hauptmann: Machen S' keine Gspaß, 
sonst schick ich Ihna selbst an die Front. 

Der Journalist: Sie — mich? 

Der Hauptmann: Tun S' Ihnen nix an. 
Wenn der Prospekt schön ausfallt, is keine Gefahr 
mehr für mich. Hörn S' zu Dokterl. »Begeisterung 
und innigste Dankbarkeit soll diesen Helden — « 

Der Journalist: Den Schlachtenlenkern in 
der vordersten Front? Ach so, ich versteh, jetzt 
meinen Sie wieder die Heerführer. 

Der Hauptmann: Pflanzen S' wen andern, 
also » — in unseren Herzen ein Denkmal errichten 
und sie dauernd darin fortleben lassen, als Beispiel 
höchster Pflichterfüllung und Aufopferung für das 
Wohl des Vaterlandes.« Noch fetter! 

(Man sieht im Hintergrund den älteren korpulenten Herrn 
mit Koteletts und Zwicker, der in jeder Hand einen Marschalls- 
stab trägt, über die Bühne von links nach rechts gehen.) 



272 



Hören S' zu Dokterl und schaun S' sich nicht 
allerweil nach die Menscher um ! »Maler Oskar Bruch 
hat diesem Denkmal in edler Weise greifbare 
Formen verliehen. Lebenswahr und charakteristisch 
hielt sein Griffel ihre Züge fest und schuf so ein 
Werk , Unsere Heerführer' von historischer Bedeutung, 
welches berufen sein wird, nicht allein Namen und 
Bilder der Großen unserer Zeit — « Am fettesten! 

(Man sieht im Hintergrund jenen älteren Icorpulenten Herrn 
mit Koteletts und Zwicker, der in jeder Hand einen Marschalls- 
stab trägt, über die Bühne von rechts nach links gehen.) 

»der Nachwelt zu tiberliefern, sondern auch eine 
Zierde jeder Bibliothek und jedes Hauses zu 
werden — « Jetzt muß noch was über die 
geschichtliche Bedeutung der einzelnen Dargestellten 
kommen — ja meine Herrn, dreht sich schon 
wieder um, Sie mein Lieber, wir sind hier im AOK 
und schließlich in kan Bordell, verstanden? 

Der Journalist: Sie, war das nicht die 
Kamilla vom Oberstleutnant? 

Der Hauptmann: Wenn S' an Gusto haben, 
schick ich s' Ihnen zur Konschtatierung, aber den 
Prospekt müssen S' mir durchsehn — 

Der Journalist: Gemacht. 

Der Hauptmann: Und dann kommt was 
über die Mappe, außerordentlich vornehm gehalten, 
erlesenster Geschmack, günstige Bezugsbedingungen, 
Unterschrift k. u. k. Kriegsministerium. Punktum. 
No was sagn S' Dokterl? 

Der Journalist: Herr Hauptmann, ich mach 
Ihnen mein Kompliment, wie Sie die Sprache 
beherrschen, kein Beruisjournalist hätte dp.s wirk- 
samer abfassen können. 

Der Hauptmann: Was? Und richtig, vorn 
am Prospekt geben wir als Illustrationsprobe, damit 
man gleich einen Begriff bekommt vom Weltgeschick 



273 



und von der höxten Aufopferung, das Bild jenes 
Mannes, der uns das alles in einer geradezu beispiel- 
gebenden Weise verkörpert! 

(Alan sieht im Hintergrund den älteren korpulenten Herrn 
mit Koteletts und Zwicker, der in jeder Hand einen Marschalis- 
stab tiä;^t, ül er die Bühne von links nach rechts ^ehen.) 

(Verwandlung.) 

23. Szene 

Innere Stadt. Ein blinder Soldat ohne Arme und Beine wird 

von einem andern Invaliden in einem Wagen vorwärtsgeschoben. 

Sie warten, denn ein Revolverjournalist steht im Gespräch mit 

einem Agenten auf dem engen Trottoir. 

Der Invalide: Entschuldigen — 

Der Revolverjournalist: Ich bitt Sie, was 
wollen Sie haben, 80 Zeilen sind mir letzten Montag 
gestrichen worn. 

Der Agent: Aus dem Artikel gegen Budi- 
schovsky & Comp, wegen der Lieferung? 

Der Revolverjournalist: Ja — früher, 
wenn so etwas gesetzt war und es is dann nicht 
erschienen, hat man verdient. Und wenn man nicht 
verdient hat, dann hat man eben erscheinen lassen 
und hat sicher das nächste Mal verdient. Jetzt erscheint 
ein Angriff nicht und man hat rein nichts davon. 

Der Agent: Hat Budischovsky gewußt? 

Der Revolverjournalist: Ja — aber die 
Leute verlassen sich jetzt auf die Zensur. No, denen 
wird aber ein gesunder Strich durch die Rechnung 
gemacht wern, warten Sie nur bis andere Verhältnisse 
kommen. Bis dahin soll sich die Zensur nur mit 
uns spielen. Passen Sie auf, nächstens was ich loslaß, 
das wird eine Nommer — prima! 

Der Agent: Ich bin gespannt. 

Der Revolver Journalist: Da geb ich es 
einmal der Zensur. Ich setze auseinander, wie 
unvernünftig dieses Vorgehn von der Regierung ist, 
sie schützt die Lieferanten gegen uns, uns aber 

Die letzten Tage der Menschheit. 18 



274 



braucht sie mehr wie die Lieferanten. Wir können 
nicht mehr exestieren. Die Presse hat im Krieg 
ihre Pflicht in geradezu vorbildlicher Weise erfüllt, 
stell ich dar, unser Dienst ist ein ebenso ver- 
antwortungsvoller wie der des Soldaten, stell ich 
dar, wir haben ausgeharrt wie die im Schützengraben 
und ohne Lohn! 

Der Invalide: Entschuldigen — 

(Verwandlung.) 

24. Szene 

Während der Vorstellung in einem Vorstadttheater. Auf der 
Szene die Niese und ein Partner. 

Die Niese (in der Rolle): Was, a Busserl 
woUn S' haben? Sie, ein einfacher Soldat? 
Was Ihnen net einfallt! Ja, euch allen z'samm, 
euch braven Soldaten, möcht' ich schon eins 
geben — aber einem allein? Oh nein! Nur allen 
auf einmal (sich besinnend) oder — doch, einem für 
euch alle! — einem einzigen Soldaten möcht ich 
ein Busserl geben! Aufpappen möcht ich's eahm, 
daß die Wienerstadt wackelt und der Stefansturm 
zum zappeln anfangt. Und dieser eine, einzige 
Soldat — das is — (an die Rampe tretend, durch und 
durch bewegt) unser Haber — guater — alter Herr in 
Schönbrunn! Aber leider — grad der — is 
unzugänglich ! 

(Orkanartiger Beifallssturm. Ein Theaterdiener erscheint auf der 
Szene und überreicht der Schauspielerin eine Extraausgabe.) 

Die Niese: Geben S' her! Was die Gerda 
Walde trifft, triff ich auch! 

Das Publikum: Bravo Niese ! (Die Niese liest unter 

größter Spannung des Publikums vor:) durch die 

unvergleichliche Bravour unserer braven Truppen 
Czernowitz genomn.en! (Ungeheurer Beifall.) 

Das Publikum: Hoch! Hoch! Hoch Niese! 
(Verwandlung.) 



275 



25. Szene 

Beim Wolf in Gersthof. Am Abend des Tages, an dem Czernowitz 
wieder von den Russen genommen war. An einem Tisch sitzt 
der Generalinspektor des Roten Kreuzes, Erzherzog Franz Salvator, 
sein Kammervorsteher, zwei Aristokraten und die Putzi. Musik und 
Gesang: Jessas na, uns geht's guat, ja das liegt schon so im Bluat. 

Ein Gast (zum Wolf): — effektiv der Salvator 
oder nur eine starke Ähnlichkeit? 

Wolf: Nein, nein, er is', der Herr können 
sich verlassen. 

Der Gast: Aber das kann doch nicht — und 
grad heut? Der Schwiegersohn vom Kaiser? 

Wolf: Aber ja! 

Der Gast: Der die Valerie hat? 

Wolf: Der nämliche. 

Der Gast: Sagen Sie, sind die Herrschaften 
zufällig da? 

Wolf: Nein, sehr oft, heut nachmittag schon 
telephonisch reservieren lassen. Pardon, ich muß — 

(Der Wolf und zwei andere Volkssänger nehmen neben dem Tisch 
der Herrschaften Aufstellung, die Musik intoniert die Melodie vom 
>Guaten alten Herrn«. Die Volkssänger, ins Ohr des Erzherzogs:) 

Draußen im Schönbrunner Park 

Sitzt ein guater alter Herr, 

Hat das Herz von Sorgen schwer — 

(Verwandlung.) 

26. Szene 

Der Abonnent und der Patriot im Gespräch. 

Der Patriot: Also was sagen Sie jetzt? 

Der Abonnent: Was soll ich sagen? Wenn 
Sie vielleicht meinen wegen dem Augenleiden des 
Sir Edward Grey, so sag ich, so soll es allen gehn! 

Der Patriot: Auch, aber was sagen Sie zu 
Knebelung der öffentlichen Meinung in England? 

DerAbonnent: Weiß schon, der Herausgeber 
des Labour Leader wurde vor das Polizeigericht 



18* 



276 



geladen, weil gewisse Veröffentlichungen des Blattes 
gegen die Reichsverteidigungsakte verstoßen. Wegen 
so was! 

Der Patriot: No und Frankreich is e Hund? Was 
sagen Sie zu Frankreich? Wissen Sie was es dort gibt? 

Der Abonnent: Gefängnisstrafen für Ver- 
breitung der Wahrheit in Frankreich. Sie meinen 
doch die Dame, die gesagt hat — 

Der Patriot: Auch, aber jetzt hat ein Herr 
gesagt — 

Der Abonnent: Natürlich, ein Herr hat 
gesagt, Frankreich hat keine Munition, und dafür 
gibt man ihm 20 Tage! Er hat gesagt, die Alliierten 
sind in schlechter Lage und Deutschland war für 
den Krieg gerüstet — 

Der Patriot: Bitt Sie, erklären Sie mir das, 
ich versteh nämlich diese Fälle nicht, is es also 
unwahr, zu sagen, Deutschland war gerüstet oder 
is es wahr, zu sagen, Deutschland war nicht gerüstet — 

Der Abonnent: No war denn Deutschland 
gerüstet? 

Der Patriot: Also wie — ? 

Der Abonnent: Merken Sie sich ein für alle 
Mal. Deutschland is bekanntlich überfallen worn, 
schon im März 1914 waren sibirische Regimenter — 

Der Patriot: Natürlich. 

Der Abonnent: Deutschland war also voll- 
ständig gerüstet für einen Verteidigungskrieg, den 
es schon lang führen wollte, und die Entente hat 
schon lang einen Angriffskrieg führen wollen, für 
den sie aber nicht gerüstet war. 

Der Patriot: Sehn Sie, jetzt klärt sich mir 
der scheinbare Widerspruch auf. Manchesmal glaubt 
man schon, es is etwas wahr, und doch is es unwahr. 

Der Abonnent: In der Presse is das oft 
sehr übersichtlich, in zwei Spalten nebeneinander, 
und das hat den Vorteil, daß man ganz klar den 
Unterschied sieht zwischen uns und jenen. 



277 



Der Patriot: No haben Sie gelesen? 
Plünderungen und Verwüstungen der italienischen 
Soldaten! Nicht weniger als 500,000 Kronen haben 
sie in Gradiska aus einer Panzerl^assa genommen, und 
außerdem noch 12.000 Kronen aus noch einer Kassa! 

Der Abonnent: Hab ich gelesen. Eine Bande! 
Was sagen Sie zum kolossalen Erfolg der Deutschen? 

Der Patriot: Hab ich nicht gelesen, wo 
steht das? 

Der Abonnent: Frag! Gleich daneben in 
der Spalte! Mir scheint, Sie lesen nicht ordentlich — 

Der Patriot: Gleich daneben in der Spalte? 
Das muß mir rein entgangen sein. Wo war der Erfolg? 

DerAbonnent: Bei Nowogeorgiewsk. »Gold 
in der Beute von Nowogeorgiewsk« war der Titel. 

Der Patriot: No was is da gestanden? 

Der Abonnent: Da is gestanden, unter der 
Siegesbeute in Nowogeorgiewsk befanden sich auch 
zwei Millionen Rubel in Gold. 

Der Patriot: Großartig! Was die anpacken — ! 

(Verwandlung.) 

27. Szene 

Standort in der Nähe des Uzsok-Passes. 

Ein österreichischer General (im Kreise 
seiner Offiziere): — An keinem von uns, meine Herrn, 
is der Krieg spurlos vorübergegangen, wir können 
sagen, wir ham was glernt. Aber, meine Herrn, 
fertig sind wir noch lange nicht — da ham wir 
noch viel zu tun, ojehi Wir ham Siege an unsere 
Fahnen geheftet, schöne Siege, das muß uns der Neid 
lassen, aber es is unerläßlich, daß wir fürn nächsten 
Krieg die Organisation bei uns einführn. Gewiß, 
wir ham Talente in Hülle und Fülle, aber uns fehlt 
die Organisation. Es müßte der Ehrgeiz von einem 
jeden von Ihnen sein, die Organisation bei uns ein- 
zuführn. Schaun S' meine Herrn, da können S' sagen 



278 



was Sie wolln gegen die Deutschen — eines muß 
ihnen der Neid lassen, sie ham halt doch die 
Organisation — ich sag immer und darauf halt ich: 
wenn nur a bisserl a Organisation bei uns war, 
nacher gingets schon — aber so, was uns fehlt, is 
halt doch die Organisation. Das ham die Deutschen 
vor uns voraus, das muß ihnen der Neid lassen. Gewiß, 
auch wir ham vor ihnen manches voraus, zum Beispiel 
das gewisse Etwas, den Schan, das Schenesequa, die 
Gemütlichkeit, das muß uns der Neid lassen — aber 
wenn wir in einer Schlamastik sind, da kommen halt 
die Deutschen mit ihnerer Organisation und — 

Ein preußischer Leutnant (erscheint in der 
Tür und ruft nach hinten): Die Panjebrüder solln sich 
mal fein gedulden, das dicke Ende kommt nach! 
(stürmt in das Zimmer, ohne zu salutieren, geht geradezu 
auf den General los und ruft, ihm fest ins Auge sehend:) 
Na sagen Se mal Exzellenz könnt ihr Östreicher 
denn nich von alleene mit dem ollen Uschook 
fertich werden? (Ab.) 

Der General (der eine Weile verdutzt dagestanden ist): 

Ja was war denn — nacher das? (Sich an die Umstehenden 

wendend) Sehn S' meine Herrn — Schneid haben s' 

und was die Hauptsach is — halt die Organisation! 

(Verwandlung.) 

28. Szene 

Hauptquartier. Kinotheater. In der ersten Reihe sitzt der Armee- 
oberkommandant Erzherzog Friedrich. Ihm zur Seite sein Gast, 
der König Ferdinand von Bulgarien. Es wird ein Sascha-Film 
vorgeführt, der in sämtlichen Bildern Mörserwirkungen darstellt. 
Man sieht Rauch aufsteigen und Soldaten fallen. Der Vorgang 
wiederholt sich während anderthalb Stunden vierzehnmal. Das 
militärische Publikum sieht mit fachmännischer Aufmerksamkeit 
zu. Man hört keinen Laut. Nur bei jedem Bild, in dem Augen- 
blick, in dem der Mörser seine Wirkung übt, hört man aus der 
vordersten Reihe das Wort: 

Bumsti! 

(Verwandlung.) 



279 



29, Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Ja, was wäre dann nach 
Ihrer Ansicht der Heldentod? 

Der Nörgler: Ein unglücklicher Zufall. 

Der Optimist: Wenn das Vaterland so 
dächte wie Sie, würde es gut aussehn! 

Der Nörgler: Das Vaterland denkt so. 

Der Optimist: Wie, es nennt den Heldentod 
ein Unglück, einen Zufall? 

Der Nörgler: Annähernd, es nennt ihn einen 
schweren Schicksalsschlag. 

Der Optimist: Wer? Wo? Es gibt keinen 
militärischen Nachruf, wo nicht davon die Rede wäre, 
es sei einem Soldaten vergönnt gewesen, den Tod 
für das Vaterland zu sterben, und es erscheint keine 
Parte, in der nicht der bescheidenste Privatmann, 
der wohl sonst von einem schweren Schicksalsschlag 
gesprochen hätte, in schlichten Worten, gewisser- 
maßen stolz bekanntgäbe, sein Sohn sei den 
Heldentod gestorben. Sehen Sie, zum Beispiel hier, 
in der heutigen Neuen Freien Presse. 

Der Nörgler: Ich sehe. Aber blättern Sie 
im Text zurück. So. Hier dankt der Generalstabschef 
Conrad von Hötzendorf dem Bürgermeister für dessen 
Kondolenz »anläßlich des grausamen Schicksals- 
schlages«, der ihn getroffen hat, da sein Sohn 
gefallen ist. Er hat auch in der Todesanzeige so 
gesprochen. Sie haben ganz recht, jeder Raten- 
händler, dessen Sohn gefallen ist, nimmt die staatlich 
vorgeschriebene Haltung des Heldenvaters an. 
Der Chef des Generalstabs entsagt der Maske und 
kehrt zum alten bescheidenen Gefühl zurück, das 
hier wie vor keinem andern Tod berechtigt ist und 
in der konventionellen Formel noch lebt. Eine 
bayrische Prinzessin hat einem Verwandten zum 
Heldentod seines Sohnes gratuliert. Auf solcher 



280 



gesellschaftlichen Höhe besteht eine gewisse Ver- 
pflichtung zum Megärentum. Der Chef unseres 
Generalstabes läßt sich nicht nur kondolieren, 
sondern beklagt sich auch immer wieder über das 
grausame Schicksal. Der Mann, der eben diesem 
Schicksal doch etwas näher steht als das ganze 
Ensemble, als die Soldaten, die es treffen kann, 
und als die Väter der Soldaten, die es beklagen 
können — wenn schon nicht dessen Autor, so doch 
dessen Regisseur oder sagen wir verantwortlicher 
Spielleiter, und wenn das nicht, so wenigstens dessen 
Inspizient — eben der spricht vom grausamen 
Schicksalsschlag. Und er sagt die Wahrheit, und 
alle andern müssen lügen. Er hat mit seinem 
privaten Schmerz aus der heroischen Verpflichtung 
glücklich heimgefunden. Die andern bleiben darin 
gefangen. Sie müssen lügen. 

Der Optimist: Nein, sie lügen nicht. Das 
Volk steht dem Heldentod durchaus pathetisch 
gegenüber und die Aussicht, auf dem Felde der 
Ehre zu sterben, hat für die Söhne des Volkes 
vielfach etwas Berauschendes. 

Der Nörgler: Leider auch für die Mütter, 
die auf ihre Macht verzichtet haben, das Zeitalter 
aus dieser Schmach zu retten. 

Der Optimist: Für Ihr zersetzendes Denken 
waren sie eben noch nicht reif. Und das Vaterland 
als solches erst recht nicht. Daß die Oberen so 
denken, so denken müssen, versteht sich von selbst. 
Der Fall, den Sie berührt haben, ist ein Zufall. 
Baron Conrad hat einfach etwas Konventionelles 
hingeschrieben. Er hat es sich entgleiten lassen — 

Der Nörgler: Ja, ein Gefühl. 

Der Optimist: Jedenfalls beweist der Fall 
nichts. Etwas anderes, das ich Ihnen zeigen will, 
beweist mehr und alles für meine Auffassung. Da 
werden selbst Sie einen Beweis haben — 

Der Nörgler: Wofür? 



281 



Der Optimist: Für die geradezu zauberhafte 
Einigkeit, für dieses Zusamnienstehn in gemeinsamem 
Leid, wo alle Stände wetteifern — 

Der Nörgler: Zur Sache! 

Der Optimist: Hier — warten Sie, das 
muß ich Ihnen vorlesen, damit ich auch sicher 
bin, daß Ihnen kein Wort entgeht: »Eine Kund- 
gebung des Kriegsministeriums. Das Telegraphen- 
Korrespondenzbüro teilt mit: Das k, u. k. Kriegs- 
ministerium bewilligt, daß der gesamten Arbeiter- 
schaft, welche in jenen Betrieben beschäftigt 
ist, die sich mit der Munitionserzeugung und 
Elaborierung sowie mit der Erzeugung von Train- 
material befassen, der 18. August d. J. als besonderer 
Feiertag freigegeben werde. Bei dieser Gelegenheit 
sieht sich das Kriegsministerium veranlaßt, die 
besondere Pflichttreue und den unermüdlichen Fleiß 
aller jener Arbeitskräfte hervorzuheben, die unseren 
unvergleichlich tapferen Truppen durch ihrer Hände 
Fleiß mitverholfen haben, die hehren Siegeslorbeeren 
in todesverachtender Tapferkeit zu erwerben.« Nun? 

(Der Nörgler schweigt.) 

Es scheint Ihnen die Rede verschlagen zu haben? 
Die sozialdemokratische Presse druckt es unter dem 
stolzen Titel: »Die Leistung der Arbeiter wird 
anerkannt«. Und wie viele dieser Arbeitskräfte mögen 
unglücklich darüber sein, daß sie zur Belohnung bloß 
einen Tag, wenn's auch Kaisers Geburtstag ist, 
frei bekommen — 

Der Nörgler: Gewiß. 

Der Optimist: — anstatt daß man ihnen 
die Genugtuung widerfahren ließe, sie endlich aus 
der Fabrik herauszunehmen — 

Der Nörgler: Allerdings. 

DerOptimist: — und ihnen Gelegenheit gibt, 
die Munition, die sie dort nur zu erzeugen haben, 
endlich auch an der Front erproben zu dürfen! 



282 



Die Wackern sind gewiß untröstlich darüber, daß sie 
nur mit ihrer Hände Fleiß zu ihren Volks- und 
Klassengenossen stehen sollen und sich ihnen 
nicht auch ihrerseits in todesverachtender Tapferkeit 
anschließen dürfen. Die Gelegenheit, an die Front 
zu kommen, die höchste Auszeichnung, die einem 
Sterblichen — 

Der Nörgler: Die Sterblichkeit scheint im 
Qualitätsnachweis hauptsächlich erfordert zu werden. 
Sie meinen also, daß die Zuweisung an die Front als 
höchster Lohn empfunden wird, nämlich von dem 
Empfänger? 

Der Optimist: Jawohl das meine ich. 

Der Nörgler: Das kann schon sein. Meinen Sie 
aber auch, daß sie als höchster Lohn vergeben wird? 

Der Optimist: Das doch sicher! Es scheint 
Ihnen die Rede verschlagen zu haben. 

Der Nörgler: In der Tat, und darum bin ich 
statt eigener Worte nur in der Lage, mich mit dem 
Text einer Kundgebung zu revanchieren. Ich werde sie 
Ihnen vorlesen, damit ich auch sicher bin, daß Ihnen 
kein Wort entgeht. 

Der Optimist: Aus einer Zeitung? 

Der Nörgler: Nein, sie dürfte kaum ver- 
öffentlicht werden können, Sie würde wie ein 
weißer Fleck aussehen Sie ist aber in jenen 
industriellen Betrieben affichiert, die sich durch die 
Wohltat, unter staatlichen Schutz gestellt zu sein, 
jede Unzufriedenheit der Arbeiterschaft vom Hals zu 
schaffen gewußt haben. 

Der Optimist: Sie haben doch gehört, daß 
die Arbeiterschaft mit Begeisterung bei der Sache 
ist und höchstens unzufrieden, weil sie nicht anders 
mitwirken kann. Wenn sogar das Kriegsministerium 
selbst die Hingabe anerkennt — 

Der Nörgler: Sie scheinen die Rede, die es 
mir verschlagen hat, ersetzen zu wollen. So lassen Sie 
doch das Kriegsministerium zu Worte kommen! 



283 



»14. VI. 15. Dem Kriegsministerium wurde zur 
Kenntnis gebracht, daß das Verhalten der Arbeiter bei 
zahlreichen industriellen Betrieben, welche auf Grund 
des Kriegsleistungsgesetzes in Anspruch genommen 
sind, in disziplinarer und moralischer Hinsicht außer- 
ordentlich ungünstig ist. Unbotmäßigkeiten, Frech- 
heiten, Auflehnung gegen die Arbeitsleiter und Meister, 
passive Resistenz, mutwillige Beschädigung von 
Maschinen, eigenmächtiges Verlassen der Arbeits- 
stätten etc. sind Delikte, gegen welche sich auch die 
Anwendung des Strafverfahrens in vielen Fällen als 
wirkungslos erweist — « 

Der Optimist: Offenbar sind die Leute schon 
ungeduldig, an die Front zu kommen. Diese Aus- 
zeichnung wird ihnen vorenthalten — 

Der Nörgler: Nein, sie wird ihnen angeboten: 
»Das Kriegsministerium sieht sich daher zu der Ver- 
fügung veranlaßt, daß in solchen Fällen unbedingt die 
gerichtliche Ahndung in Anwendung zu bringen ist. 
Die diesfalls vorgesehenen Strafen sind empfindlich 
und können durch entsprechende Verschärfungen noch 
empfindlicher gestaltet werden, auch bezieht der 
Verurteilte während der Haft keinen Lohn, so daß die 
gerichtliche Verurteilung gerade in solchen Fällen ein 
höchst wirksames Abschreckungs- und Besserungs- 
mittel sein dürfte — « 

Der Optimist: Nun ja, das sind harte Strafen, 
und solche Elemente haben auch die Aussicht verwirkt, 
je noch an die Front geschickt zu werden. 

DerNörgler: Nicht so ganz. »Jene kriegsdienst- 
pflichtigen Arbeiter, welche bei gerichtlich zu ahnden- 
den Ausschreitungen als Rädelsführer ausgeforscht 
werden, sind nach der gerichtlichen Austragung der 
Angelegenheit und nach erfolgter Abbüßung der Strafe 
nicht mehr in den Betrieb einzuleilen, sondern seitens 
der militärischen Leiter der betreffenden Unterneh- 
mungen dem nächsten Erg. Bez. Kom. behufs Ein- 
rückung zu den zuständigen Truppenkörpern zu 



284 



übergeben. Dort sind diese Leute sofort der Aus- 
bildung zu unterziehen und beim näctisten Marsch- 
Baon einzuteilen. Ist der betreff, einrückend 
gemachte Arbeiter nur zum Bewachungsdienst 
geeignet klassifiziert, so ist Vorsorge zu treffen, 
daß derselbe nach erfolgter Ausbildung zu einem 
Wachkörper eingeteilt wird, der im Armeebereich 
oder nahe demselben gelegen ist. Für den Minister: 
Schleyer m. p. F.Z.M.« 

(Der Optimist ist sprachlos.) 

Der Nörgler: Es scheint Ihnen die Rede ver- 
schlagen zu haben? Sie sehen, daß Leute, die sich 
nach der V/ohltat sehnen, an die Front zu kommen, 
dafür strafweise an die Front geschickt werden. 

Der Optimist: Ja • — sogar zur Strafver- 
schärfung 1 

Der Nörgler: Jawohl, das Vaterland faßt die 
Gelegenheit, für das Vaterland zu sterben, als Strafe 
auf und als die schwerste dazu. Der Staatsbürger 
empfindet es als die höchste Ehre. Er will den Helden- 
tod sterben. Statt dessen wird er ausgebildet und dem 
nächsten Marsch-Baon zugeteiU. Er will einrücken, 
statt dessen wird er einrückend gemacht. 

Der Optimist: Ich kann es nicht fassen — 
eine Strafe! 

Der Nörgler: Es gibt Abstufungen. Erstens 
Disziplinarstrafe, zweitens gerichtliche Abstrafung, 
drittens Verschärfung aer Arreststrafe und viertens; 
als die schwerste Verschärfung des Arrests: die Front. 
Die Unverbesserlichen schickt man aufs Feld der 
Ehre. Die Rädelsführer! Bei mehrfacher Vorbestraftheit 
wird der Heldentod verhängt. Der Heldentod ist für 
den Chef des Geneialstabes, nämlich wenn ihn sein 
Sohn erleidet, ein schwerer Schicksalsschlag und 
der Kriegsminister nennt ihn eine Strafe. Beide haben 
recht. Dies und das — die ersten wahren Worte, die 
in diesem Krieg gesprochen wurden. 



285 



Der O p t i m i s t : Ja, Sie machen es einem schwer, 
Optimist zu sein. 

Der Nörgler: Nicht doch. Ich gebe ja zu, daß 
auch wahre Worte im Krieg gesprochen werden. 
Besonders was die Hauptsache betrifft. Das alier- 
wahrste hätte ich beinahe vergessen. 
Der Optimist: Und das wäre? 
Der Nörgler: Eines, das beinahe mit dem 
Einrückend-gemachtsein versöhnen könnte, die 
Revanche für die Schändung der Menschheit zum 
Menschenmaterial: die Aktivierung auf Mob-Dauer! 
Nach Flak und Kag und Rag und all den sonstigen 
Greueln hat man einmal an diesen Sprach- und Lebens- 
abkürzern seine Freude. Gewiß, wir sind auf Mob- 
Dauer aktiviert! 

Der Optimist: Ihr Verfahren entfärbt alle 
Fahnen des Vaterlands. Alles Lüge, alles Prostitution? 
Wo ist Wahrheit? 

Der Nörgler: Bei den Prostituierten! 
Weh dem, der sich vermißt, das Angedenken 
gefallener Frauen nun gering zu achten! 
Sie standen gegen einen größern Feind, 
Weib gegen Mann. Nicht Zufall der Maschine, 
der grad entkommt, wer ihr nicht grad verfällt, 
hat sie geworfen, sondern Aug in Aug, 
aus eigenem Geheiß, eins gegen alle, 
im Sturm der unerbittlichen Moral 
sind sie gefallen. Ehre jenen sei, 
die an der Ehre starben, heldische Opfer, 
geweiht dem größern Mutterland Natur! 
(Verwandlung.) 

30. Szene 

Irgendwo an der Adria. Im Hangar einer Wasserfliegerabteilung. 
Die Schalek (tritt ein und sieht sich um): Von 
allen Problemen dieses Krieges beschäftigt mich am 
meisten das der persönlichen Tapferkeit. Schon vor 
dem Kriege habe ich oft über das Heldische gegrübeU, 



286 



denn ich bin genug Männern begegnet, die mit dem 
Leben Ball spielten — amerikanischen Cowboys, 
Pionieren der Dschungeln und Urwälder, Missionären 
in der Wüste. Aber die sahen zumeist auch so aus, 
wie man sich Helden vorstellt, jeder Muskel gestrafft, 
sozusagen in Eisen gehämmert. Wie anders die Helden, 
denen man jetzt im Weltkrieg gegenübersteht. Es sind 
Leute, die zu den harmlosesten Witzen neigen, ein stilles 
Schwärmen für Schokolade mit Obersschaum haben 
und zwischendurch Erlebnisse erzählen, die zu 
den erstaunlichsten der Weltgeschichte gehören. 
Und doch. — Das Kriegspressequartier ist jetzt auf 
einem leeren Dampfschiff einquartiert, das in einer 
Bucht verankert liegt. Abends gibt es großes Essen, 
es geht bei Musik hoch her; schließt man die Augen — 
fast träumte man sich zu einem fidelen Kasinoabend 
zurück. Nun, ich bin gespannt, wie dieser Fregatten- 
leutnant — ah, da ist er! (Der Fregattenleutnant ist 
eingetreten.) Ich habe nicht viel Zeit, fassen Sie sich kurz. 
Sie sind Bombenwerfer, also was für Empfindungen 
haben Sie dabei? 

Der Fregattenleutnant: Gewöhnlich kreist 
man ein halbes Stündchen über der feindlichen Küste, 
läßt auf die militärischen Objekte ein paar Bomben 
fallen, sieht zu, wie sie explodieren, photographiert 
den Zauber und fährt dann wieder heim. 

Die Schalek: Waren Sie auch schon in 
Todesgefahr? 

Der Fregattenleutnant: Ja. 

Die Schalek: Was haben Sie dabei empfunden? 

Der Fregattenleutnant: Was ich dabei 
empfunden habe? 

Die Schalek (beiseite): Er mustert mich ein 
wenig mißtrauisch, halb unbewußt abschätzend, wieviel 
Verständnis für Unausgegorenes er mir zumuten 
dürfe. (Zu ihm:) Wir Nichtkämpfer haben so erdrückend 
fertige Begriffe von Mut und Feigheit geprägt, daß 



287 



der Frontoffizier stets fürchtet, bei uns für die unend- 
liciie Menge von Zwischenempfindungen, die in ihm 
fortwährend abwechseln, keine Zugänglichkeit zu 
finden. Hab ich's erraten? 

Der Fregatte nleutnant: Wie? Sie sind 
Nichtkämpfer? 

Die Schalek: Stoßen Sie sich nicht daran. 
Sie sind Kämpfer, und ich möchte wissen, was Sie da 
erleben. Und vor allem, wie fühlen Sie sich nachher? 

Der Fregattenleutnant: Ja, das ist sonder- 
bar — wie wenn ein König plötzlich Bettler wird. Man 
kommt sich nämlich fast wie ein König vor, wenn 
man so unerreichbar hoch über einer feindlichen 
Stadt schwebt. Die da unten liegen wehrlos da — 
preisgegeben. Niemand kann fortlaufen, niemand 
kann sich retten oder decken. Man hat die Macht 
über alles. Es ist etwas Majestätisches, alles andere 
tritt dahinter zurück, etwas dergleichen muß in Nero 
vorgegangen sein. 

Die Schalek: Das kann ich Ihnen nach- 
empfinden. Haben Sie schon einmal Venedig 
bombardiert? Wie, Sie tragen Bedenken? Da werde 
ich Ihnen etwas sagen. Venedig als Problem ist 
auch langen Grübelns wert. Voll von Sentimentalität 
sind wir in diesen Krieg gegangen — 

Der Fregattenleutnant: Wer? 

Die Schalek: Wir. Mit Ritterlichkeit hatten 
wir ihn zu führen vorgehabt. Langsam und nach 
schmerzhaftem Anschauungsunterricht haben wir uns 
das abgewöhnt. Wer von uns hätte nicht vor Jahresfrist 
noch bei dem Gedanken geschauert, über Venedig 
könnten Bomben geworfen werden! Jetzt? Konträr! 
Wenn aus Venedig auf unsere Soldaten geschossen 
wird, dann soll auch von den Unsern auf Venedig 
geschossen werden, ruhig, offen und ohne Empfind- 
samkeit. Akut wird das Problem ja erst werden, 
bis England — 



288 



Der Fregattenleutnant: Wem sagen Sie 
das? Seien Sie beruhigt, ich habe Venedig 
bombardiert. 

Die Schalek: Brav! 

Der Fregattenleutnant: In Friedenszeiten 
pflegte ich alle Augenblicke nach Venedig zu fahren, 
ich liebte es sehr. Aber als ich es von oben 
bombardierte — nein, keinen Funken von falscher 
Sentimentalität verspürte ich dabei in mir. Und 
dann fuhren wir alle vergnügt nach Hause. Das 
war unser Ehrentag — unser Tag! 

Die Schalek: Das genügt mir. Jetzt erwartet 
mich Ihr Kamerad im Unterseeboot. Hoffentlich hält 
der sich auch so wacker wie Sie! (Ab.) 

(Verwandlung.) 

31. Szene 

In einem Unterseeboot, das soeben emporgetaucht ist. 

Der Maat: Sie kommen schon! 
Der Offizier: Schnell wieder hinunter! — 
Nein, zu spät. 

(Die Mitglieder des Kriegspressequartiers treten ein, an der 
Spitze die Schalek.) 

Meine Herren, Sie sind die ersten Gesichter, die 
wir sehen. Es ist eine eigenartige Empfindung, dem 
Licht wiedergegeben zu sein. 

Die Journalisten: No wie is es da unten — ?? 

Der Offizier: Fürchterlich. Aber da oben — 

Die Journalisten: Geben Sie Details. 

Der Offizier: Die wird er Ihnen geben, 
der Maat — 

Die Journalisten: Der Mad? Nur ihr? 
No und wir? (Nach erfolgter Aufklärung des Mißverständnisses 
stürzen sich die Journalisten auf den Maat.) Also das sind 
die Lanzierrohre? 

Der Maat: Nein, das sind Kalipatronen. 



289 



Die Journalisten: Sind das nicht die 
Diesel-Motoren? 

Der Maat: Nein, das sind Wassertanks. 

Der Offizier (wendet sich zur Schalek): Sie 
sprechen ja gar nicht? 

Die Schalek: Mir ist zumute, als habe ich 
die Sprache verloren. Erlauben Sie, daß ich an ein 
dunkles Problem rühre. Ich möchte nämlich wissen, 
was haben Sie gefühlt, wie Sie den Riesenkoloß 
mit so viel Menschen im Leib ins nasse, stumme 
Grab hinabgebohrt haben. 

Der Off izier: Ich habe zuerst eine wahnsinnige 
Freude gehabt — 

Die Schalek: Das genügt mir. Ich habe jetzt 
eine Erkenntnis gewonnen: Die Adria bleibt unser! 
(Verwandlung.) 

32. Szene 

Eine unter das Kriegsdienstleistungsgesetz gestellte Fabrik. 

Der militärische Leiter: Anbinden, Stock- 
hiebe, Arrest, no und halt Einrückendmachen — mehr 
ham wir nicht, was anders gibts nicht. Kann man 
halt nix machen. 

Der Fabrikant (an dessen Arm eine Hundspeitsche 
baumelt): Solang es geht, versuch ichs in Güte. 
(Er zeigt auf die Hundspeitsche.) Wie man sich aber helfen 
soll, wenn diese Gewerkschaftshunde mit ihren 
Hetzereien nicht aufhören -- - Aussprache über die 
Lage der Arbeiterschaft, Ernährungsfrage — wie 
unsereins da durchhalten soll! — Rechts- und 
Arbeitsverhältnisse, Neugestaltung des Arbeiterrechtes 
im Kriege — 

Der militärische Leiter: Ehschowissen. 
Einrückend gemacht und womöglich die Herrn Abge- 
ordneten dazu. Wir haben aus 'm Kriegsdienst- 
leistungsgesetz und dem Landsturmgesetz ohnedem 
alles herausgeietzt was nur möglich war. Wir brauchen 

Die letzten Tage der Menschheit. 19 



290 



uns da keine Vorwürfe zu machen. Am schönsten war 
das im August 14 mit die Schmiede und Mechaniker. 
Vormittag hams noch im Akkord ihre 6 Kronen 
verdient, Mittag hat mas gemustert und ihnen 
schön eröffnet, daß sie jetzt Soldaten sein, no und 
Nachmittag hams am gleichen Arbeitsplatz für die 
gleiche Arbeitsleistung schön um Soldatengebühren 
gearbeit'. Hat sich keiner gemuckst. Aber ich sag, 
eigentlich is so eine Musterung überflüssig — 

Der Fabrikant: Oho! 

Der militärische Leiter: Ich mein', man 
hätt's überall so machen solln wie bei uns in Kloster- 
neuburg im Trainzeugdepot, da hab ich ihnen einfach 
gsagt, ihr seids von jetzt an Kriegsleister und habts 
daher nur Anspruch auf Soldatenlöhnung. 

Der Fabrikant: Ja so! 

Der militärische Leiter: Einmal hab'n sie 
sich beschwert wegen Unhöflichkeit oder was. Hab 
ich sie mir zum Rapport bestellt und frag sie, wer 
sie aufgeklärt hat. Antwortet der Kerl: Wir sind 
organisierte Arbeiter und haben uns an unsere 
Gewerkschaften um Aufklärung gewendet, die haben 
uns an zwei Abgeordnete gewiesen! No, sag ich, 
die Herrn wer' ich mir holen lassen, sie wern 
dastehn bei euch und wern arbeiten anstatt zu hetzen. 
Sagt drauf der Kerl: Wir sind organisierte Arbeiter, 
wir erfüllen unsere Pflicht gegenüber dem Staat, 
aber wir suchen auch Schutz bei unserer Organisation. 
Ich — 

Der Fabrikant: Also da soll man keine 
Hundspeitsche bei sich haben. Was haben Herr 
Oberleutnant — 

Der militärische Leiter: Was ich getan 
hab? Hochverräter seids ihr, hab ich ihnen gsagt, 
und damit euch die Lust vergeht, euch noch amal 
zu beschweren, habts ihr dreißig Tage Kasernarrest, 
punktum, Streusand drüber. 



291 



Der Fabrikant: Ich staune über diese Milde. 
Bei Hochverrat! 

Der militärische Leiter: No wissen S', 
man darfs nicht überspannen. Das Traurige is, daß 
die Zivilgerichte die Bagasch noch unterstützen. 

Der Fabrikant: So ein Fall is mir bekannt. 
Beim Lenz in Traisen, wo so ein Kerl ohnedem 
25 Kronen pro Woche gehabt hat, klagen zwei auf 
Auflösung, v^^eil sie zuerst 44 gehabt haben. Das 
Bezirksgericht verurteilt den Lenz. Wie die beiden 
seelenvergnügt das Gerichtsgebäude verlassen — 

Der militärische Leiter: Der Fall is mir 
bekannt — wern s' von zwei Schendarm in die Fabrik 
gführt. Dort pelzt ihnen mein Kamerad zehn Tag 
Arrest auf und weiterarbeiten. Ja, die Gerichte sind 
eine saubere Staatseinrichtung, das muß ich schon 
sagen ! Zum Glück is der Lenz Bürgermeister, da 
kann er auch selber Arrest geben. So hat ers mit 
die Arbeiterinnen gmacht, die hat er am zweiten 
Weihnachtstag mit Patrouillen abholen lassen, in 
die Arbeit und hernach in'n Arrest. 

Der Fabrikant: Über mich haben sie sich 
einmal wegen schlechter Behandlung und unzuläng- 
licher Bezahlung bei der Gewerkschaft beschwert. 
Ich bitte — bei 38 bis 60 Heller die Stunde! No ich 
hab mir einen Rädelsführer kommen lassen und 
sag ihm: Ihr habts euch beschwert, aber die Hunds- 
peitsche ist noch da. Und zeig auf meinen Arm. 
Sagt der Kerl: Wir sind keine Hunde. No zeig ich 
halt auf meine Revolvertasche und sag ihm: Für Sie 
hab ich auch noch einen Revolver! Hat er was — 
von Menschenwürde hat er was gredt oder so. 
Also der Kerl hat es richtig so weit gebracht, daß 
die Beschwerdestelle gesagt hat, die Löhne sind 
unzureichend ! 

Der militärischeLeiter:Dais doch jeden- 
falls sofort — 



19* 



292 



Der Fabrikant: Aber natürlich, er is ein- 
rückend gemacht worn, Ihr Vorgänger war darin 
sehr kulant. Einen, der sich auch einmal über zu 
geringen Lohn beschwert hat, hab ich gepeitscht 
und Ihr Vorgänger hat ihm dafür drei Wochen Arrest 
gegeben. 

Der militärische Leiter: Wern S' sehn, 
über mich wern Sie sich auch nicht zu beklagen 
haben. Ich sag nur so viel, die Kerle soU'n froh 
sein, daß sie in keinem Bergwerk sind. 

DerFabrikant: Ich weiß, das Militärkommando 
Leitmeritz hat den Grubenbesitzern die Lage wesent- 
lich erleichtert. Die Belegschaften sind einfach auf- 
merksam gemacht worn, daß sie auf die Kriegs- 
artikel vereidigt sind und daß das Vorbringen von 
Beschwerden unter Umständen als Verbrechen der 
Meuterei aufgefaßt werden kann, in welchem Fall 
die Rädelsführer und Anstifter standrechtlich zum 
Tod verurteilt werden können. Ja, die Gruben- 
besitzer — 

Der militärische Leiter: Bei der Eibiswalder 
Glanzkohlengewerkschaft in Steiermark müssen s' 
Sonntagsschichten machen, nach acht Uhr abends 
gibts kein Gasthaus und Kaffeehaus. Dafür gibts bei 
fünf Tag Arrest drei Fasttag. Unter Eskorte wern s' 
von der Grube in den Gemeindearrest gführt, 
ein' weiten Weg. In Ostrau hat mas gleich bei 
Kriegsausbruch zu prügeln angfangt, aber systematisch ! 
Auf der Bank im Wachzimmer, von zwei Soldaten 
ghalten. Der Kerl, der nacher ei'm Abgeordneten was 
erzählt hat, den ham s' halt noch amal prügelt. Die 
was eine Beschwerde vorbringen — einrückend 
gemacht, auch wenn s' nie gedient hab'n. So is! 

Der Fabrikant (seufzend): Ja, Grubenbesitzer 
müßt' man sein! Die können durchhalten! 

Der militärische Leiter: No ganz schutzlos 
is heutzutag ein anderer Unternehmer auch nicht! 
Die Werkmeister schaun auch schon von selbst dazu. 



293 



Sie ohrfeigen ganz tüchtig. Für'n Arrest hab ich 
immer täglich sechs Stund Spangen vorgsehn ghabt. No 
und wenn s' so von der Arbeit weg mit aufpflanzten 
Bajonett durch die Straßen gführt wern, das is schon 
ein Exempel! Ohne Reinigung vorher, im Arrest die 
Haar gschorn, auch wann einer nur vierundzwanzig 
Stund hat, die Menagekosten vom Lohn abzogn — 
schon wcnns von Floridsdorf in die Josefstadt zum 
Rapport müssen, verlieren s' doch 'n halben Taglohn, 
no und gar der Verdienstentgang bei Arrest und 
so Sacherln, und was die Hauptsach is, wenn auch 
nur für die schwerern Fälle — Einrückendmachen! 
Also da hat sich noch keiner von die Herrn zu 
beklagen ghabt bitte! 

Der Fabrikant: Aber bitte, ich will ja auch 
nichts gesagt haben. Und ich bin bekannt dafür, daß 
ich die militärische Autorität nur im äußersten Notfall 
strapaziere. Ich verlasse mich lieber auf die Selbsthilfe. 
Ich sag, solang es in Güte geht — (er zeigt auf die 
Hundspeitsche.) 

(Verwandlung.) 

33. Szene 

Zimmer im Hause des Hofrals Schwarz-Gelber. Spät am Abend. 
Hofrat und Hofrätin Schwarz-Gelber treten ein. 

Er (schwer atmend) : Gott seis getrommelt und 
gepfiffen, da sind wir — puh — 

Sie: Tut sich was, Märtyrer was du bist. 

Er: Das letzte Mal — das letzte Mal — darauf 
kannst du dich verlassen! 

Sie: Ich mit dir auch! Darauf kannst du Gift 
nehmen! (Sie beginnt sich zu entkleiden. Er läßt sich in einen 
Stuhl fallen, stützt die Stirn in die Hand, springt wieder auf 
und geht im Zimmer umher.) 

Er: Warum — sag mir nur bittich warum — 
warum, nur das eine sag mir hat Gott mich mit dir 
gestraft — grad ich? — ausgerechnet — muß dieses 



294 



Leben führen — warum — hätt nicht können ein 
anderer?! — Gerackert hab ich mich — bis in die 
sinkende Nacht — für dich — du bringst mich um 
mit deiner Kriegsfürsorg — Hilfskomitees und Zweig- 
stellen und was weiß ich, Konzerte und Nähstuben 
und Teestuben und Sitzungen, wo man herumsteht, 
und jeden Tag Spitäler — Gott, is das ein Leben — 
(auf sie losgehend) was — was willst du noch von 
mir — hast du noch nicht genug — ich — ich — 
bin nicht gesund — ich bin nicht — gesund — 
Sie (schreiend): Was schreist du mit mir? Ich zwing 
dich? Du zwingst mich! Ob ich einen Tag Ruh 
gehabt hätt vor dir! — Ich — hab ich dir nicht helfen 
müssen treppauf treppab — bis sie gesagt haben, 
damit sie endlich Ruh haben vor dir und du bist 
Vizepräsident geworn! Glaubst du, man steht nm dich? 
Mir verdankst du — wenn ich nicht fort war hinter 
ihm hergewesen, Exner — Gott, was hab ich treten 
müssen — Ich wer dir sagen was du bist! Ein Idealist 
bist du! Wenn du dir einredst, auf andere Art wärst 
du geworn was du bist! Auf was herauf? Auf dein 
Ponem herauf, was? Auf deinen Tam herauf, was? 
Daß dus weißt, mir hast du zu verdanken deine 
ganze Karrier, mir, mir, mir — Liharzik ist tot — 
heut könntest du dort stehn, wo er war, überall 
könntest du sein — ein Potsch bist du ! die gebratenen 
Tauben werden dir ins Maul fliegen, ausgerechnet — 
ich stoß und du kommst nicht vom Fleck — möchten 
möchtest du viel und zu nix hast du die Gewure! 

Er: Gotteswillen bittich — schweig — in meiner 
Stellung — riskier ich genug — 

Sie: Ich pfeif auf deine Stellung, wenn wir nicht 
weiterkommen. Stellung! Auch wer! Weil ich gelaufen 
bin, hast du e Stellung! Gerannt bin ich! Bin ich 
für mich gerannt? Für mich hab ich Wege gemacht? 
Darauf antwort mir! 

Er: Nu na nicht. 



295 



Sie: Hör auf! Ich kann dich nicht sehn! Du weißt 
am besten, wie du lügst. Gott, getrieben hast du, 
wenn ich nicht heut da war und morgen dort — 
gcstuppt hast du mich — wenn Grünfeld gespielt hat, 
Hab ich reden müssen — ausgestanden hab ich — 
ich hab schon nicht mehr gewußt, is Sitzung bei der 
Berchtold oder is Tee bei der Bienerth, der Blumen- 
tag hab ich p;eglaubt is für die Patenschaft statt für 
die Flüchtlinge, da hats geheißen Korngoldpremier, 
fortwährend Begräbnisse, Preisreiten, Wehrmann 
und Wehrschild, wie sie den Kriegsbecher angeregt 
haben, gleich warst du aufgeregt, ich kenn dich doch, 
aber so hab ich dich noch nicht gesehn, schon 
hast du dabei sein müssen, warum, ohne dich wär's 
nicht gegangen, ich hab dir gesagt laß mich aus, 
konträr, gejagt hast du mich, in die Tees und 
Komitees hast du mich förmlich gestoßen, gequält 
hast du mich wegen Lorbeer für unsere Helden, da 
bin ich gerannt, dort bin ich gerannt, nix wie Hilfs- 
aktionen; zu Gunsten da, zu Gunsten dort, zu wessen 
Gunsten, frag ich, wenn nicht zu deinen? zu meinen 
nicht! An den heutigen Tag wer' ich zurückdenken — 
Gott — von einem Spital ins andere muß man sich 
schleppen — und was hat man davon? Was hat man? 
Undank! 

Er: Um Gotteswillen, hör auf! Wenn dich einer 
reden hört, möcht er sich schöne Begriffe machen von 
deiner Nächstenliebe, die Gall geht einem heraus — 

Sie: Vor dir! Kann ich dafür, daß sie dich heut 
übersehn haben? Schwören kann ich, ich hab mit dem 
Delegierten gesprochen, ich hab ihm gesagt, wenn sie 
kommen, hab ich ihm gesagt, soll er trachten, daß wir 
ganz vom slehn, weil wir das letzte Mal Pech gehabt 
haben, im letzten Moment bab ich ihm noch einen Stupp 
gegeben, er weiß, daß ich Einfluß hab auf Hirsch, er hat 
ihn schon lang nicht genannt — ich hab getan was 
möglich war, ich bin fast neben der Blanka 
gestanden, wie sie dem Blinden gesagt hat es i«: 



296 



für das Vaterland — auf mich willst du deine Wut 
auslassen? Kann ich dafür, daß sich im letzten 
Moment Angelo Eisner vorgestellt hat mit seinem 
Koloß, wo er alles verdeckt? Pech hast du, weil er 
größer is, und ich muß büßen! Mir — mir — machst 
du Vorwürfe — ich — ich — weißt du was du 
bist, weißt du was du bist — ich — eine Bardach 
(kreischend) bin viel ZU gut für einen Menschen wie 
du (sie wirft das Mieder nach ihm) — du — du Nebbich! 
Er (stürzt auf sie los und hält sie): Duuu! — mich 
reg nicht auf — mich reg nicht auf, sag ich dir — 
ich steh für nichts — ich vergreif mich an dir — was 

— was — willst du von mir — Ausraum, der du 
bist — von dir sprichst du nicht? — Dein Ehrgeiz 
bringt mich ins Grab! — hältst du Kinder, wärest 
du abgelenkt — schau mich — an — grau bin ich 
geworn durch dich (schluchzend) — ich — war — 
bei — Hochsinger — das Herz is — nicht mehr — 
wie es sein soll — du bist schuld — (brüllend) jetzt 
sag ich dir die Wahrheit — weil du nicht erreicht 
hast — eine Flora Dub zu sein! — für Hüte hätt 
ich müssen ein Vermögen — woher — nehm ich — 
was will man von mir — 

Sie (in Paroxysmus): Mit — Flora — Dub! — 
Du wagst es! — mich in einem Atem — Flora — 

— mit der Dub! — mich — eine geborene Bardach 1 
Weißt du, was du bist — ein Streber bist du! 
Aus der Hefe empor! Gelb bist du vor Ehrgeiz! 
Schwarz wirst du, wenn du einmal nicht genannt 
wirst! Wenn du an Eisner denkst, wälzst du dich im 
Schlaf! Bin ich schuld, daß er ein Aristokrat is? 
Geh hin zu Fürstenberg und laß dach adaptieren! 

Er (weicher werdend): Ida — was hab ich dir 
getan — schau — laß ein vernünftig Wörtl — 
schau — Gotteswillen — was — was bin ich — 
Hofrat — ich — lachhaft — ein Jud bin ich! — 
(Er fällt schluchzend in den Stuhl) — Ausstehn! — Is 
das — ein Leben — is das ein Leben — immer 



297 



hinter — ganz — hinter — die andern — auf 
Hirsch angewiesen sein — beim letzten — letzten 

— Preistreiben — reiten — man hat uns — 
überhaupt nicht — bemerkt — (gefaßter) ich hab dich 
noch gestoßen — die Wydenbruck hat es bemerkt 

— sie hat Bemerkungen gemacht — und heut — der 
Skandal! — die Leute reden — ich bin fertig — 
Spitzy hat gelacht — 

Sie: Laß mich aus mit Spitzy! Der hat zu 
reden! Spitzy is erst durch den Weltkrieg herauf- 
gekomrnen. Nie hat man früher den Namen gelesen. 
Jetzt? Übel wird einem täglich auf jeder Seite von 
Spitzy! 

Er: von Spitzy!? Er ist doch noch nicht — 
das fehlte noch! 

Sie: Ich sag übel wird einem von Spitzy. 

Er: Er drängt sich unter die Spitzen. 

Sie: Auf ihm hat man gewartet! Mir scheint 
stark, er bildet sich ein, er is Spitzer. 

Er: Er spitzt auf die goldene. 

Sie: Ich hab so mit dem Delegierten gesprochen. 
Er hat gesagt, da kann man nichts machen, das is 
wieder einmal echt wienerisch, hat er gesagt, bittsie der 
Spitzy, er hat die Presse und außerdem leistet er 
für die Prothesen. 

Er: Auf den Delegierten soll ich sagen! 

Sie: Ich gift mich genug über ihm. 

Er: Den Unterschied zwischen der Gartenbau 
heut und wie der Krieg angefangen hat, möcht ich 
Klavier spielen. Wenn ich zurückdenk, damals bei der 
Schlacht von Lemberg, du weißt doch, wie die Presse 
das Jubiläum gefeiert hat, Weiskirchner hatihrgratuliert, 
neulich erst sag ich zu Sieghart — 

Sie: Du, zu Sieghart? 

Er: Du — weißt — nicht mehr, wie ich mitSieghart 
gesprochen hab? Das hat die Welt nicht gesehn! Alle 
haben gesehn — Du weißt nicht? Wie er gekommen is, 
wir sollen beitreten zum Subkomitee in die Hilfssektion 



298 



— du weißt doch, er hat doch die Idee gehabt zu 
einer Sammlung »Kaviar fürs Volk«, es is eigentlich 
eine Anregung von Kulka — sag ich also zu 
Sieghart, Exzellenz, sag ich, der Delegierte gefällt 
mir etwas nicht und der Primarius gefällt mir nicht 
und die ganze Schmonzeswirtschaft gefällt mir nicht. 
Er schweigt, aber ich hab gesehn, er denkt sich. 
Sag ich zu ihm, Exzellenz, die Zeit ist viel zu ernst. 
No ich kann dir nur soviel sagen, er hat nicht nein gesagt. 
Wieso das kommt, frag ich. Er zuckt mit die Achseln 
und sagt, Krieg is Krieg. No hab ich doch gewußt, 
woran ich war. Jetzt brauch ich nur — 

Sie: Wenn du damals, bei der konstituierenden 
Versammlung für die Walhalla nicht wie ein Nebbich 
dagestanden wärst, wäre die Sache schon erledigt. 

Er: Erlaub du mir, grad bei solchen Gelegen- 
heiten vermeid ich aufzufallen. Alle haben sie sich 
den Hals ausgereckt, wie er von der Korrespondenz 
Wilhelm gekommen is — 

Sie: Und ich hab dir Zeichen gemacht, du 
sollst auch! 

Er: Nein sag ich dir! Da kennst du mich schlecht! 
Auf geradem Wege gehts nicht, so hör zu meinen Plan. 
Mit Eisner wirst du sehn, er is imstand und 
geht eines schönen Tages hinauf und wird sichs 
richten. Aber ich hab mir fest vorgenommen 

— ich wart jetzt nur — das nächste Mal — no ich 
könnt ihm gut schaden — er hat, aber sag's nicht, er 
hat eine abfällige Bemerkung über Hirsch fallen lassen! 

Sie: Bittich fang dir nichts an! Misch dich 
in nichts! Ich könnt auch, ich halt mich genug zurück, 
die Dub hat etwas über die Schalek gesagt — daß sie 
sich patzig macht in der Schlacht und so — zur 
Odelga könnt ich eine Anspielung machen, Sonntag 
schätz ich kommt sie zum Invalidentee — Sigmund 

— hör mich an — weißt du was — sei nicht nervees 

— du bist überanstrengt — ich sag dir, wir setzen es 
durch ! Komm zu dir — ich wett mit dir, Freitag is 



299 



eine Geiegtiiheit wie sie noch nicht da war — die 
Jause, du weißt doch, für unsere Gefangenen in Ost- 
sibirien. Oder hör zu, wart, noch vernünftiger, Samstag, 
für die deutschen Krieger! Du wirst sehn, paß auf, du 
kriegst ! Wenn nicht die erste, so die zweite. Ich garantier 
dir. Bis zum Kabaree vom Flottenverein warten wir 
nicht! Jetzt zeig, was du imstand bist. Nimm dir ein 
Beispiel an Haas, an ihm, nicht an ihr — siehst 
du, er is nur ein Goj, aber eine Gewure — dir gesagt! 
Jetzt entscheidet sich alles. Daß du mir nicht wieder 
wie ein Stummerl dastehst, hörst du? Sie warten bloß, 
daß du den Mund aufmachst. So wahr ich da leb — 
ich kann mir nicht helfen — aber ich hab das Gefühl, 
wir sind sowieso vorgemerkt — 

Er: Glaubst du wirklich — das war ja — lang 
genug hätt man sich geplagt — aber woher glaubst du? 

Sie: Was heißt ich glaub? Ich weiß! Du bist der 
Meinung, es is schon alles verpatzt. Ich sag dir, nix 
is verpatzt! Du warst von jeher ein Pessimist mit dem 
Krieg. Ich kann dir nicht alles sagen, aber die Frankl- 
Singer von der »Sonn und Mon« is wie du weißt 
intim mit der Lubomirska, frag mich nicht. Du hättest 
das Gesicht von der Dub sehn solln, wie sie gesehn 
hat, ich Sprech mit ihr. Was soll ich dir sagen, sie 
hat sich gejachtet. Sogar Siegfried Löwy hat mit dem 
Kopf geschüttelt, no da hab ich alles gewußt. Es wird 
vielleicht eines der größten Errungenschaften sein, 
wenn mir das gelingt. Nur bei der Ausspeisung dürfen 
sie nichts erfahren, sonst zerspringen die Patronessen, 
behauptet Polacco. Selbst heut hab ich das Gefühl 
gehabt, es kann nicht mehr lange dauern. Weißt du, 
nämlich wie der Lärm war — wie sie alle hinüber 
sind — zu dem sterbenden Soldaten — du weißl doch, 
der getrieben hat, weil er geglaubt hat, unten steht 
seine Mutter, sie haben sie nicht herauflassen wollen, 
es is verboten wegen der Disziplin, Hirsch hat noch 
gesagt, er wird in den Annalen fortleben, er gibt 
ihn hinein — da hab ich das Gefühl gehabt — 



300 



nämlich, wie sie so gestanden sind — da hab ich 
mir eigens achtgegeben, ich hab hingeschaut und 
da hab ich deutlich bemerkt, wie die Palastdam.e 
hergeschaut hat, alle sag ich dir haben sie auf uns 
gezeigt — ich hab dich noch aufmerksam machen 
wolln — aber da hab ich ihn beobachten müssen, 
ob er nicht vorgeht, der lange — und dann haben 
sie noch besprochen — grad wie Hirsch die Stimmung 
notiert hat, haben sie besprochen wegen dem Konzert für 
die Witwen und V/aisen — da hab ich wieder das Gefühl 
gehabt — ich kann mir nicht helfen — (dicht bei ihm, 
zischend) wenn du nur jetzt nicht wieder bescheiden 
bist! — nur jetzt nicht! — meinetwegen immer, 
aber um Gotteswillen nicht jetzt! 

Er (eine Weile nachdenklicli, dann entschlossen): Was 
haben wir morgen? 

Sie (sucht hastig Einladungen hervor): Wien für 
Ortelsburg — liegt mir stark auf, wir gehn, aber wir 
müßten auch nicht. Verwundetenjause bei Thury, nicht 
der Rede wert, aber kann nicht schaden. Konstituierende 
Sitzung des Exekutivkomitees für den Blumenteufel- 
Rekonvaleszenten-Würsleltag — da muß ich als 
Patroneß. Aber da, wart, Kriegsfürsorgeamt, musi- 
kalischer Tee, Fritz Werner singt, ich Sprech sicher 
mit ihm, er liat auch immer größeren Einfluß — 

Er: Sagst du! 

Sie: Wenn ich dir sag! 

Er: Einfluß, lächerlich — 

Sie: So! Also kürzlich hat er ihm das Bild 
schicken müssen. Er is ein großer Verehrer. Er hat 
schon fufzigmal »Husarenblut« gesehen. 

Er: Zufällig kennt er ihn nur flüchtig. 

Sie: Wenn du also besser informiert bist! Gut, 
nehmen wir schon an, Fritz Werner hat nicht Einfluß, 
was is aber, jetzt paß auf, was is mit Spitzer? Wenn 
ich auf keinen halt, auf Spitzer halt ich! Man 
brauch nur sehn, was sich da tut jedesmal, was 
sie angeben, wenn er kommt! Spitzer is heut 



301 



maßgebend, alles spricht nur von Spitzers Karrier. 
Ich sag dir, man muß das Eisen schmieden, solang 
man Gold dafür kriegt. Nur jetzt keineVersäumnisse! Du, 
hör mich an — was nützt das alles — jetzt nimm dich 
zusamm, sei ein Mann! Mach dich beliebt! Was denkst 
du so nach? Du hasts ja bisher getroffen, warum 
niciit weiter. Also! Jetzt heißt es durchhalten! 

Er (die Stirn in der Hand): Das heut is ZU schnell 
vorübergegangen. Man hat gar nicht können zu sich 
kommen. Ich war heut nicht auf der Höhe. Ja, ich 
hab gleich gespürt, etwas is nicht in der Ordnung. Von 
allem Anfang hab ich bemerkt, sie bemerken uns 
nicht, und zum Schluß, wie sie uns ja bemerkt hätten, 
war ich zerstreut und hab es nicht bemerkt. Ich sag 
dir, es is das Herz — — Hochsinger is unbedingt für 
Schonen. Schonen sagt er und wiederum schonen. 
Aber wie soll man — Gott — du sag mir bittich, 
wie war das eigentlich, wie sie alle mit Spitzer 
geredet haben, wie er — 

Sie: Mit Spitzer? Das war doch nicht heut! Das 
v/ar doch Sonntag! 

Er: Gotteswillen — ein Kreuz is das — Sonntag — 
alles geht einem durcheinander im Kopf — also gut — 
ärger is wenn ich Gottbehüt vergessen hätt mit Sieghart 
zu sprechen. Wie, also was, also sag mir — mit 
Spitzer, das intressiert mich — 

Sie: Sonntag? No ja, da war es doch schon auf 
ein Haar so weit, daß der Delegierte — ich hab schon 
geglaubt — hast du gezweifelt? No hörst du, das is 
doch so klar, wie nur etwas ! ? Wenn nicht die Schwester 
dazwischengekommen war, das Skelett, du weißt doch, 
die den Schigan hat, den ganzen Tag pflegen, über- 
haupt eine bekannt exzentrische Person, grad wie ich 
zum Bett hingehen will, Pech, kommt sie daher, 
einen Schritt war ich — 

Er: Moment! Das — wart — wo sind sie da 
gestanden? Das war doch, wo die Rede war, daß man 



302 



wieder sammeln gehn soll, etwas einen Gardenientag, 
weiß ich! haben sie beschiossen für Wiener Mode 
im Hause oder — 

Sie: Freilich, Trebitsch hat noch erzählt, daß er 
tausend Kronen anonym gegeben hat — 

Er: Bekannter Wichtigmacher, gibt sich jetzt aus 
für intim mit Reitzes — siehst du, jetzt hab ich, 
also wart — ob ich weiß! unterbrich mich nicht, 
da war, ich wer dir sagen, da war auch die Rede 
von Aufnahmen im Spital, für den Sascha-Film, 
wächst mir auch schon zum Hals heraus, siehst du, 
daß ich weiß? Aber nur — wo sind sie gestanden? 
Die Situation — wir sind nicht durchgekommen, so 
viel weiß ich — wir sind zurückgegangen — 

Sie: Du kannst dich nicht erinnern? Ich seh's 
vor mir! Bei dem Bett von dem Soldaten — 

Er: Bei dem Bett — mit der Mutter der? 

Sie: Geh weg, das war doch heut! 

Er: Wart — der Blinde! 

Sie: Der Blinde von der Blanka? Das war 
doch heut! 

Er: Aber wie der Salvator — 

Sie: Vom Salvator der Blinde — das war doch 
Dienstag in der Poliklinik! Der Blinde, ich seh es vor 
mir! Damals, du weißt doch — Hirsch hat sich notiert — 

Er: Entschuldige, aber das war bei der Staats- 
bahn beim Labedienst! Wo sich noch die Löbl-Speiser 
vorgedrängt hat, die Geschiedene — 

Sie: Konträr, grad damals is es sehr günstig 
gestanden, wenn du mir nur gefolgt hättst, ich hab 
dir noch geraten, mach dich an an Stiaßny. 

E r : An Stiaßny? Das war doch beim Wehrmann ! 
Siehst du, jetzt verwechselst du! 

Sie (lauter): Ich verwechsel? Du verwechselst! 
Beim Wehrmann! Wer redt heut vom Wehrmann? 



303 



Er: Also wart — beim Bett — übrigens was 
gibst du Rebussen auf, sag mir den Soldaten und fertig. 

Sie: Grad nicht! Siehst du, wenn ich nicht war 
mit meinem Gedächtnis — 

Er (lauter): Laß mich aus mit deinem Gedächtnis! 
Was nutzt mir dein Gedächtnis! Ä — es is alles 
für die Katz! 

Sie: Du marterst mich — ich lauf mir die Füße 
wund — soll ich dir noch helfen erinnern! 

Er: Schrei nicht — ich laß alles liegen und 
stehn — ich geh morgen nicht — du kannst allein 
gehn ausspeisen — ich hab es satt — der ganze Krieg 
kann mir gestohlen wern! — das hat uns noch gefehlt 

— als ob früher nicht genug Lauferei war — geh mir 
aus den Augen! — jetzt reißt mir die Geduld! — von 
mir aus soll — 

Sie (schreiend): Du schreist mit mir, weil du 
kein Gedächtnis hast! Du weißt nicht mehr, wem 
du grüßt! Du grüßt Leute, wo es nicht nötig is, und 
wo es ja nötig is, grüßt du nicht! Jedesmal am Graben 
muß ich dich stuppen! Ich hab für dich gearbeitet — 
du — du weißt du, was du ohne mich bist? Ohne 
mich bist du ein Tineff für die Gesellschaft! 

E r (sich die Ohren zuhaltend, mit einem Blick zum Plafond) : 
Ordinär — ! (nach einer Pause, in der er herumgegangen ist) 
Möchtest du jetzt also die Güte haben? — Bist du 
jetzt vielleicht beruhigt? Also sag mir — 

Sie: Grad sag ichs nicht — Sonntag — wie sie 
alle um das Bett gestanden sind — ich bin vorgegangen 

— alle sind sie — 

Er: Moment! Laß mich ausreden — im ganzen 
Belegraum — 

Sie (schreiend): Du quälst mich aufs Blut — jetzt 
tust du als ob du nicht bis drei zählen könntest — 
ich lauf mir die Füße wund — von Pontius zu 
Pilatus — 



304 



Er: Das weiß ich zu schätzen. Leicht is es nicht. 

Sie: Also gib Ruh und bohr nicht in mich — 
daß du's endlich weißt und frag mich nicht mehr — ich 
hab Recht und nicht du — ich hab dir gesagt, Sonntag 
hat man uns bemerkt, wie sie beim Bett gestanden sind — 

Er: Noo-o! Also beim Bett — mir scheint, du 
redst dir da was ein — 

Sie: So wahr ich da leb! Beim Bett von dem 
Soldaten, wo der Primarius alles gezeigt hat — 

Er: Ah — jetzt weiß ich! Was sagst du nicht 
gleich? Der mit den abgefrorenen Füßen!? 

Sie: Ja — und mit der Tapferkeitsmedaille! 



111. Akt 



Die letzten Tage der Menschheit. 20 



T. Szene 

Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke. Larven und Lemuren. Es 
bilden sich Gruppen. 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Venedig bombardiert! Schwere Niederlage der Italiena! 

Ein Armeelieferant: Wenn Sie das Abendblatt 
gelesen hätten, würden Sie keinen Moment zweifeln. 

Zweiter Armeelieferant: War es als authen- 
tische Nachricht? 

Z we iter Ze itungsausruf er: Extraausgabee— ! 
100.000 tote Italiena bittee — ! 

Erster Armeelieferant: Wenn ich Ihnen sag, 
wörtlich: Kramer gastiert ab 1. in Marienbad. 

DritterZeitungsausrufer:Krakujefazeropaat! 

Zweiter Armeelieferant: Gottseidank, da 
bleibt meine Frau länger. 

Erster: Die Göttergattin? 

Vierter Zeitungsausrufer: Zweate Oflagee 
vom Tagblaad! Teitscha Bericht! 

Ein Offizier (zu drei anderen): Grüß dich 
Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, 
also du — du bist ja politisch gebildet, also was 
sagst zu Rumänien? 

Zweiter Offizier (mit Spazierstock) : Weißt, ich 
sag, es is halt a Treubruch wie Italien. 

Der dritte: Weißt — also natürlich. 

Der vierte: Ganz meine Ansicht — gestern 
hab ich mullattiert — ! Habts das Bild vom Schön- 
pilug gsehn, Klassikaner! 

E i n M ä d e r 1 : Achttausend Russen für zehn Heller ! 

EinMädchen (sich in den Hüften wiegend, vorsieh hin) : 
Kroßa italienischa Ssick! 



20» 



308 



Ein Weib (puterrot, im Laufschritt): Fenädig pom- 
patiert ! 

Der dritte Offizier: Was ruft die? Venedig — ? 

Der zweite: Bin auch erschrocken — bist 
auch erschrocken — weißt es is nur das andere. 

Der dritte: Ah so. 

Der vierte: Geh hast denn glaubt, daß die 
Eigenen — 

Der zweite: Nein, ich hab glaubt italienische 
Flieger, no warum — 

Der erste: Bist halt a Hasenfuß. Denkts euch, 
gestern hab ich a Feldpostkarten kriegt! 

Der zweite: Gwiß vom Fallota! 

Der dritte: Du was macht er, der Fallota, is er 
noch immer so ein Denker? Oder erlebt er schon 
was? No ich erleb jetzt auch viel im KM. 
(Es treten auf zwei Verehrer der Reichspost.) 

Der erste Verehrer der Reichspost: Wir 
haben uns mit den Forderungen, die Mars uns stellt, 
bereits abgefunden. Wir haben bisher seine Lasten 
tragen können und sind fest entschlossen, sie willig 
weiter zu tragen bis zum gedeihlichen Ende. 

Der zweite Verehrer der Reichspost: Der 
Krieg hat auch seinen Segen. Er ist ein gar strenger Lehr- 
meister der Völker, über die er seine Zuchtrute schwingt. 

Der erste: Der Krieg ist auch ein Spender 
von Wohltaten, ein Erwecker edelster menschlicher 
Tugenden, ein prometheischer Erringer von Licht und 
Klarheit. 

Der zweite: Der Krieg ist ein wahrer Lebens- 
spender und Lichtbringer, ein machtvoller Mahner, 
Wahrheitsverkündiger und Erzieher. 

Der erste: Welch einen Schatz von Tugenden, 
die wir schon im Sumpfe des Materialismus und 
Egoismus unseres Zeitalters erstickt glaubten, hat 
doch dieser Krieg schon gehoben. 

Der zweite: Hast schon Kriegsanleihe zeichnet? 



ouy 



Der erste: Und du? 

Beide: Wir haben uns mit den Forderungen, 
die Mars uns stellt, bereits abgefunden. (Ab.) 

Ein alter Abonnent der Neuen Freien 
Presse (im Gespräch mit dem ältesten): Intressant Steht 
heut in der Presse, die morgige Nummer des 
ungarischen Amtsblattes wird die Verleihung des 
Titels eines königlichen Rates an den Prokuristen 
von Ignaz Deutsch & Sohn in Budapest Emil 
Morgenstern verlautbaren. 

Der älteste Abonnent: Was jetzt alles 
vorgeht! (Ab.) 

Ein Krüppel (zwei Stümpfe und ein offener Mund, 
in der ein'^n Hand Schuhbänder, in der andern Zeitungsblätter, mit 
dumpfem Trommelton): Extrrasgabee ! Halb Serrbien 
ganz arrobat! 

Dvir dritte Offizier: Ganz Serbien — ? 

Poldi Fesch (zu einem Begleiter): Ich sollte heut 
mit dem Sascha Kolowrat drahn, aber — (ab.) 

Der vierte: Das is noch gar nix, habts 
ghört, 100.000 tote Katzeimacher haben s' gfangen! 
(Zwei Invalide humpeln vorbei.) 

Der zweite: Nix wie Tachinierer wo ma hin- 
schaut, unsereins schämt sich schon, in Wien zu sein. 

Einrückende älteren Jahrgangs ziehen vorbei. Man hört den 
Gesang : In der Heimat, in der Heimat da gibts ein Wiedersehen — 

Der dritte: Wißts was, gehmr zum Hopfner! 

Der vierte: Heut is stier. Immer dieselben 
Menscher — 

D e r e r s t e (indem sie abgehen) : Weißt, mit Rumänien 
— das is dir also kein Gspaß — weißt, aber ich 
glaub halt, die Deutschen wern uns schon — (ab.) 

Fünfter Zeitungsausrufer: Extraausgabee— ! 
Ssick auf allen Linien! Der Vormarsch der Rumänen! 

(Man hört die Fiakerstimme: Im Kriag kriag i's Zehnfache!) 
(Verwandlung.) 



310 



2. Szene 

Vor unseren Artilleriestellungen. 

Die Schalek: Steht dort nicht ein einfacher 
Mann, der namenlos ist? Der wird mir mit schlichten 
Worten sagen können, was zur Psychologie des 
Krieges gehört. Seine Aufgabe ist es, den Spagat am 
Mörser anzuziehen — scheinbar nur eine einfache 
Dienstleistung und doch, welche unabsehbaren Folgen, 
für den übermütigen Feind sowohl wie für das Vater- 
land, knüpfen sich nicht an diesen Moment! Ob er 
sich dessen bewußt ist? Ob er auch seelisch auf der 
Höhe dieser Aufgabe steht? Freilich, die im Hinter- 
land sitzen und von Spagat nichts weiter wissen als 
daß er auszugehen droht, sie ahnen auch nicht, zu 
welchen heroischen Möglichkeiten gerade der einfache 
Mann an der Front, der den Spagat am Mörser 
anzieht — (Sie wendet sich an einen Kanonier) Also sagen 
Sie, was für Empfindungen haben Sie, wenn Sie 
den Spagat anziehn? 

(Der Kanonier blickt verwundert.) 

Also was für Erkenntnisse haben Sie? Schaun Sie, Sie 
sind doch ein einfacher Mann, der namenlos ist, 
Sie müssen doch — 

(Der Kanonier schweigt betroffen.) 

Ich meine, was Sie sich dabei denken, wenn Sie den 
Mörser abfeuern, Sie müssen sich doch etwas dabei 
denken, also was denken Sie sich dabei? 

Der Kanonier (nach einer Pause, in der er die 
Schalek von Kopf zu Fuß mustert): Gar nix! 

Die Schalek (sich enttäuscht abwendend): Und 
das nennt sich ein einfacher Mann! Ich werde den 
Mann einfach nicht nennen! (Sie geht weiter die Front ab.) 

(Verwandlung) 



311 



3. Szene 

Isonzo-Front. Bei einem Kommando. 
Die Oberleutnants Fallota und Beinsteller treten auf. 

Fallota (essend): Weißt, ich iß a Mehlspeis, 
magst a Stickl? 

Beinsteller (nimmt): Ah, eine Spehlmeis, da 
gratulier ich. Du Genußspecht. 

Fallota: Weißt, also da können s' sagen was' 
wolln, auf die Kunst geben s' obacht bei uns, daß einer 
Sehenswürdigkeit nichts gschicht, an Denkmal und 
so Raritäten. Da lies ich grad im Deutschen Volksblatt, 
schau her, aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: 
In der italienischen und französischen Presse wird 
die tendenziöse Unwahrheit verbreitet, daß unsere 
und deutsche Truppen in den besetzten russischen 
Gebieten griechisch-orthoxe — dodoxe Heiligtümer, 
wie Kirchen und Klöster, zu Restaurants, Cafes und 
Kinos umgestalten. Diese Behauptung ist eine frei 
erfundene Verleumdung. Es ist allbekannt, daß 
unsere Truppen — und dasselbe kann von unseren 
Verbündeten festgestellt werden — die Kirchen und 
Klöster im Feindesland immer mit der größten 
Pietät schonen. In unserer Armee ist die Achtung 
der religiösen Zwecken gewidmeten Stätten eine 
unumstößliche Tatsache, gegen die auch in diesem 
Kriege sich keiner unserer Soldaten vergangen hat. 
— No also, schwarz auf weiß. 

Beinsteller: Da sieht man, wie im Krieg 
gelogen wird. 

Fallota: Weißt, also da bin ich selbst Zeuge, 
also in Rußland war ich selbst einmal in ein Kino, 
was früher eine Kirchen war — also ich sag dir, nix 
merkt man, keine Spur von einer Verwüstung, taarlos! 

B e i n s t e 1 1 e r : No ja, paar jüdische Friedhof — 
das hab ich gsehn — da war ein bißl ein Durch- 
einander, da hams die Grabsteiner mitgehn lassen. 



312 



Aber wie's in Griechenland mit orthodoxe Heilig- 
tümer is, da war ich nicht, das könnt ich nicht sagen. 
Fallota: Weißt, wenns überall so haklich 
warn auf die Kunstwerk, könntens sich gratulieren. 
Da lies ich in der Zeitung, schau her, die Redaktion 
des Journal de Geneve — 

Beinsteller: Ganef. (Gelächter.) 

Fallota: — sammelt also Unterschriften aller 
Schweizer Bürger auf einer Petition an Seine Majestät, 
worin an dessen Wohlwollen und Hochi^erzigkeit 
appelliert wird, um den Schutz der Kunst verke — 

Beinsteller: Schmutz der Kunstwerke. 
(Gelächter.) 

Fallota: — in den von den verbündeten 
Truppen besetzten Gebieten Italiens zu erreichen. Dazu 
is a Anmerkung der Redaktion — du großartig schau 
her — : »Derartige Petitionen mögen berechtigt sein, 
wenn die Entente Gebiete besetzt. Bei uns sind sie 
überflüssig. Denn wir sind ein Kulturvolk.« 

Beinsteller: Natürlich san mr a Kulturvolk, 
aber was nutzt das — wenn mas ihnen auch 
hundertmal sagt, deswegen plärren s' doch, mir 
sein die Barbaren. 

Fallota: Weißt, mir wern 's ihnen schon 
einidippeln. Wenn mr nach Venedig einikommen 
mitn Spazierstöckl! 

Beinsteller (singt): 
In Venedig ziehn wir als Sieger ein, 
Wo die Gipsstatuen und Bilder sein. 
Mit den schönen Bildern feuern wir dann an. 
Und als Zeltblatt dient ein echter Tizian. 
Tschin! Krach! Tschindadra! Handgranaten her! 

Fallota: Was hast denn da für a Lied, das 
is ja großartig — 



313 



Beinsteller: Das kennst nicht? Das is doch 
das Offensivlied, was die Einjährigen Kaiserschützen 
singen. Da sind noch viele Strophen, eine schöner 
wie die andere, ich hab's wo, ich wer dirs abschreiben. 

Fillota: Da revanchier ich mich. Kennst 
schon den Kalzelniacher-Marsch? 

Beinsteller: Hab davon ghört, in der 
Kriegszeitung der k. u. k. 10. Armee, gleich mit 
die Noten — aber die Nummer is leider vergriffen. 

Fallota: Pomali, kann ich auswendig, hör 
zu. Weißt, was »Tschiff und tscheff« is? 

Beinstellei: Aber ja, das bedeutet das 
Geräusch beim Repetieren — 

Fallota: No und »tauch«? 

Beinsteller: Das bedeutet die Schußdetonation 
des Mannlicher-Gewehres. 

Fallota: No wennst das eh weißt — also 
hör zu: 

Tschiff, tscheff, tauch, der Wallisch liegt am Bauch, 

Tschiff, tscheff, tauch, der Wallisch liegt am Bauch. 

Wir habn sie guat getroff'n 

Die andern dö san gloff'n. 

Tschiff, tscheff, tauch, der Wallisch liegt am Bauch. 

Könnan nimma Katzl mach'n, 
Es tuat halt gar zviel krach'n. 
Tschiff — 

Den Annunzio und Sonnino 
Den machma a no hino. 
Tschiff — 

Den Vittorio Emanuele, 

Dem gerb' ma jetzt das Felle. 

Tschiff — 

Nun werd'n sie fest gedroschen 
Auf ihre freche Goschen. 
Tschiff — 



314 



Und anstatt Trieste, 
Da kriagns Hiebe feste. 
Tschiff — 

Und im Land Tirol, 
Kriagns a den Hintern voll. 
Tschiff — 

Niente per Villaco 
Du talkatar Macaco. 
Tschiff — 

Nun habn sie voll ihrn Hefn, 
Weil wir sie alle treffn, 
Tschiff — 

Da liegn sie nun die Schurken, 

Mit eingedroschner Gurken. 

Tschiff, tscheff, tauch, der Wallisch liegt am Bauch. 

Beinsteller (der jede Strophe mit Gesten und Inter- 
jektionen begleitet hat, hingerissen): Tschiff, tscheff, tauch! 
Du das is aber schon großartig! Ah — ah — du — 
na hörst! Weißt, so ein Humor, das is nur auf deutsch 
möglich, das ham s' nicht in ihnera dalkerten Sprach, 
das bringen s' nicht heraus! 

Fallota: No und der Humor im Felde — in 
der Nummer — also das mußt lesen! 

Beinsteller: Pomali — kennst das schon? 
Ich bin nämlich Sammler. (Zieht ein Notizbuch hervor) 
Du, das is aus der Kriegszeitung der Heeresgruppe 
Linsingen: »Ein Glücklicher.« Feldgrauer (dessen 
Angebetete seinen Heiratsantrag angenommen hat): 
Glaub mir, Geliebte, so glücklich hab ich mich nicht 
mehr gefühlt, seit ich entlaust worden bin. 

Fallota (wälzt sich): No kennst schon das 
neue Büchl »Das Lausoleum« ? 

Beinsteller: Natürlich. 

Fallota: Momenterl — kennst das schon? Ich 
bin nämlich Sammler. (Zieht ein Notizbuch hervor) Du, 



315 



das is aus der Kriegszeitung der 2. Armee: 
»Weitermachen!« Ein Rekrut, der erst seit wenigen 
Wochen im Felde ist, muß eine Notdurft verrichten — 

Beinsteller: Der hats aber eilig, hätt nicht 
warten können, der Schweinkerl. 

Fallota: Wart, der Witz kommt erst. Muß 
also eine Notdurft verrichten und geht auf eine 
Latrine, die sich unmittelbar an der Dorfstraße 
befindet. Da gehn zwei Leutnants vorbei. Unser 
Rekrut ist erst unschlüssig, was er machen soll. 
Schließlich steht er auf und erweist stramm die 
vorschriftsmäßige Ehrenbezeigung. Lachend erwidert 
da der eine Offizier: »Sitzenbleiben, weitermachen!« 
Du, das war was für die Fannitant! 

Beinsteller (wälzt sich): Momenterl — kennst 
das schon? Du, das is aus der Kriegszeitung der 
10. Armee, weißt, mehr ein feiner Witz, Kindermund, 
aber gspassig, Alstern »Kindermund.« Ich trage 
einen Vollbart. Ich gehe nun eines Tages etwas 
spazieren und begegne dabei einem allerliebsten 
Knirps von etwa drei bis vier Jahren. Ich sehe mir 
den jungen Herrn an — er sieht mich an. Plötzlich 
streckt er die Hand aus: »Du Mann«, sagt er, 
»warum hast du so viel Haare im Gesicht?« Zois. 

Fallota (wälzt sich): Ja der Zois, der hat halt 
einen Humor! 

Beinsteller: Der regidiert dir die Kriegs- 
zeitung, daß' ein Vergnügen is. Schon sein Name 
is so gspassig — Baron Michelangelo Zois — 
Michelangelo — 

Fallota: Weißt das is ein Maler, so a 
italienischer, weißt der Zois is aber nicht verwandt. 

Beinsteller: Woher denn, mJt an Katzei- 
macher! 

(Verwandlung.) 



316 



4. Szene 

In Jena. Zwei Studenten der Philosophie begegnen einander. 

Der erste "Student der Philosophie: 
Ach Junge ich sage dir, das Leben ist doch schön, 
der Sieger vom Skagerrak ist Ehrendoktor unserer 
Fakultät! 

Der zweite: Offenbar wegen seiner Stellung 
zu Goethe. 

Der erste: Nanu? 

Der zweite: Ja Menschenskind weißt du denn 
nicht, er hat sich doch über das U-Boot-Gedicht 
von Goethe geäußert! 

Der erste: Wie, Goethe hat prophetisch 
erkannt — ? 

Der zweite: Nee, nicht Goethe selbst, ich 
meine das berühmte Gedicht: 

Unter allen Wassern ist — »U«. 

Von Englands Flotte spürest du 

Kaum einen Hauch ... 

Mein Schiff ward versenkt, daß es knallte. 

Warte nur, balde 

R— U— hst du auch! 

Der erste: Gottvoll! 

Der zweite: Also scheinbar sagt das 'n 
englischer Kapitän, aber es ist doch eigentlich von 
Goethe, nicht? 

Der erste: Na und Scheer? 

Der zweite: Scheer hat sich darüber begeistert 
geäußert, er findet es famos und wünscht, daß die 
Befürchtung des englischen Kapitäns bald in Erfüllung 
gehen möge. 

Der erste: Hurra! Ja nun verstehe ich, warum 
gerade eine so klassische Falkultät wie unser Jena — 
das hätte Schillern gewiß gefreut. Unser Rektor hatte 
knapp vorher so 'nem faulen Friedensfatzke das Verbot 
des Generalkommandos vorgelesen, worin dem Kunden 
das Handwerk gelegt wird. Hast du die Rede gelesen. 



317 



die unser Rektor auf der Lautcrberger Weltanschauungs- 
woche gehalten hat? Fein. Ich sage dir, es geht 
vorwärts. Wie sagt doch Kluck? Das Haupt der 
Feinde in das Herz zu treffen, ist unser Ziel! Ja, ja, 
nun ist also Scheer Doktor in Jena. 

Der zweite: Schiller war Feldscheer. Dafür hat 
Hindenburg leider gar keine Beziehung zur Schön- 
wissenschaft. 

Der erste: Nee. Seitdem ihn damals Königsberg 
zum Doktor der Philosophie honoris causa gemacht 
hat, als er die Panjebrüder in die Tunke setzte — 
na ja, das mußte man anstandshalber, aber sonst? 
Nie hat man auch nur 'n Wort von ihm gehört — ■ 

Der zweite: Na hin und wieder doch 'ne 
Sentenz wie »Immer feste druff!« oder »Vorwärts!« 

Der erste: Ach, das wird vielleicht nicht von 
ihm sein. 

Der zweite: Aber eben jetzt hat er das Wort 
geprägt: »Ich warne vor den Miesmachern.« 

Der erste: Da hätte höchstens die Universität 
Berlin — in dem. Wort ist so gar kein deutscher Zug. 

Der zweite: Ja wie hätte er's denn sagen 
sollen? 

Der erste: Wie? Ganz einfach: Ein Hundsfott, 
wer 'n Miesmacher ist! 

Der zweite: Nun ja — es scheint tatsächlich 
nur die Marine in der Philosophie verankert zu sein. 

Der erste: Oder umgekehrt. 

Der zweite: Wieso? 

Der erste: Na — da sieh mal (er liest eine 
Zeitungsnotiz vor:) In Kiel hat ZU Pfingsten die 
Schopenhauer-Gesellschaft getagt, die es sich zur 
Aufgabe gestellt hat, die Gedanken dieses großen, 
ebenso populären wie verkannten Philosophen zu 
verbreiten und im Bewußtsein der Menschen zu 
vertiefen. Den Abschluß der Tagung bildete der 
Besuch des Kriegshafens, wobei die kaiserliche 
Marine, vertreten durch Korvettenkapitän Schaper, 



318 



die Teilnehmer durch Vortrag und unmittelbare 
Anschauung, einschließlich wiederholter Tauchungen, 
über die Geheimnisse eines U-Bootes größeren Typs 
unterrichtete. 

Der zweite: Ich wußte nicht, daß Schaper 
Schopenhauerianer ist. 

(Verwandlung.) 

5. Szene 

Hermannstadt. Vor einem versperrten deutschen Buchladen. 

Ein preußischer Musketier (schlägt an die Tür): 
Machen Se man uff, sonst schlagen mer Ihnen die 
Bude ein — wir Deutsche haben Hunger nach Büchern ! 

Der deutsche Buchhändler (öffnet): Aus 
Freude über diese Drohung, nicht aus Furcht 
gehorche ich ihr. Mein Ehrgeiz als deutscher Buch- 
händler ist es, recht viele deutsche Brüder mit 
deutschen Büchern versorgen zu können. Denn für 
uns Deutsche ist das Beste gerade gut genug. Was, da 
staunt ihr deutschen Brüder, so fern vom deutschen 
Vaterlande 'nen Laden voll guter deutscher Bücher zu 
finden! Stillen Se immer mang ungeniert Ihren echt 
deutschen Bildungshunger, während ich mich stracks 
hinsetzen will, um dem Börsenblatt für den deutschen 
Buchhandel dieses deutsche Erlebnis zu berichten. 

(Verwandlung.) 

6. Szene 

In der Viktualienhandlung des Vinzenz Chramosta. 

Chramosta (zu einer Frau): Der Schmierkas? 
Zehn Deka vier Kronen! — Was, zu teuer? Auf 
d' Wochen kost er sechse, wanns Ihna net recht 
is, gehn S' um a Häusl weiter und kaufn S' 
Ihna an Dreck, der wird nacher bulliger sein, 
Schamsterdiener! — (Zu einem Mann) Wos wolln Sö? 



319 



Kosten wolln So? So Herr So, was glaubn denn So? 
Jetzt is Kriag! Wann Ihna a Dreck besser schmeckt, 
probiern S' 'n! — (Zu einer Frau) Was stessen S' 
denn umanand, a jeder kummt dran! Wos wolln S'? 
A Gurken? Nach'n Gwicht, aber dös sag i Ihna 
glei, zwa Kronen die klanste! — (Zu einem Mann) 
Wos? A Wurscht? Schaun S' daß weiter kummen 
So Tepp, wo solln mir denn jetzt a Wurscht her- 
nehmen — was sich die Leut einbilden, wirklich groß- 
artig! — (Zu einer Frau) Wos Schaun S' denn? Dös 
is guat gwogn, 's Papier wiegt aa! Jetzt is Krieg! 
Wann's Ihna net recht is, lassen S' es stehn, 
kummen S' mr aber net mehr unter die Augen, So 
blade Urschl, dös sag i Ihna! — (Zu einem Mann) So, 
räsonniern S' da net allaweil herum, glauben S' i hörs 
net? So kriagn heut überhaupt nix — solche Kund- 
schaften wia So aner san hob i scho gfressn, schaun S' 
daß außi kummen! — (Zu einer Frau) Der Gmüs- 
salat kost zwölf Kronen! — Wos? Angschriebn? ja 
angschriebn san acht Kronen, dös kann scho sein, 
aber kosten tuat er halt zwölfe. Dös san meine Höxtpreis, 
da wird net a luckerter Heller abghandelt! Wann S' ihn 
heut net wolln, kummen S' muring, da kost er 
vierzehne, habdjehre. So Drahdiwaberl So — olstan, 
firti, verstanden ? (Murren unter den Kunden.) Wos hör i 
do? Aufbegehren? Wann i no an Muckser hör, loß 
i olle wias do san einspirrn! War net schlecht! 
Für heut könnts gehn olle mitananda. Gfreut mi 
nimmer. So aner notigen Bagasch verkauf i über- 
haupt nix! (Die Anwesenden entfernen sich murrend. Ein 
Marktamtskommissär tritt ein.) 

Der Marktamtskommissär: Revision! 

Chramosta (verblüfft): Refision — ? 

Der Marktamtskommissär: Ich bitte um 
die Faktura vom Gemüsesalat. 

Chramosta (sucht lange herum, überreicht sie zögernd) : 
Ja — dös is — aber net — maßgebend. I hob extra 
no zohln müassn, daß i 's überhaupt kriag! 



320 



Der Marktamtskommissär (notiert): Einkaufs- 
preis 4 Kronen 50 Heller. Wie ist der Verkaufspreis? 

Chramosta: No — achtl Können S' denn 
net lesen? Ja glauben denn So, unserans kriagt die 
Fiktualien gschenkt? Überhaupt — die Preise ham 
mir zu bestimmen, mirken S' Ihna dös! Do 
san mir kompatent! Wanns meinen Kunden recht 
is, gehts die Behörde an Schaß an! Jetzt is Kriag! 

Der Marktamtskommissär: Hüten Sie sich, 
in diesem Ton fortzufahren! Ich mache die Anzeige 
wegen Preistreiberei! 

Chramosta: Wos? So Hund So elendiger! 
So wolln mi umbringen? I bring Ihna um! 
(Er schleudert eine auf dem Verkaufspult stehende Porzellan- 
schüssel mit Streichkäse im Gewichte von zwölf Kilogramm auf 
den Beamten, ohne ihn zu treffen.) 

Der Marktamtskommissär: Die Folgen 
dieser Handlungsweise werden Sie sich selbst zuzu- 
schreiben haben! 

Chramosta: Wos? i — ? So Herr — hab ich 
Ihna vielleicht beleidigt? No olstan! Liaber Herr, 
do müassen S' früher aufstehn! Wer san denn So? 
I wir Ihna scho zagn, wer i bin und wer So san! 
Mi wern S' net aufschreiben — mi net! I hob Kriags- 
anleih zeachnet, wissen S' wos dös heißt? Überhaupt — 
wos wolln denn So bei mir hier herin? I bin Steuer- 
zahler, daß S' es wissen! I scheiß Ihna wos! Dös hab i 
scho gfressen, wann aner do einakummt, in die Preis 
umanandstierln — so a urtanärer Mensch, schämen 
S' Ihna — wann S' net auf der Stöll mein Logal 
verlassen, bin i imstand und vergreif mi an Ihna! 
(Er ergreift zwei Messer.) 

Der Marktamtskommissär (zur Tür retirierend): 
Ich warne Sie! 

Chramosta: Wos, warnen a no? So Amts- 
person So! So Hungerleider! I bring Ihna um! 
(Wirft ihm einen Korb mit Haselnüssen nach.) A SO a Beidll 
(Verwandlung.) 



321 



7. Szene 



Zwei Kommerzialräte aus dem Hotel Imperial tretend. Ein 
Invalide humpelt vorbei. 

Erster Kommerzialrat (sich umsehend) : Is kein 
Wagen da? Schkandaal! 

Beide (mit ihren Stöcken auf ein vorüberfahrendes 
Automobil zielend): Auto — ! 

Der erste (einem Fiaker nachrufend): Sie — sind 
Sie frei? 

Der Fiaker (achselzuckend): Bin bstöllt! 

Der zweite: Das einzige was ma noch hat, 
daß ma überhaupt noch was zum essen kriegt 
(sie werden von Bettlern aller Art umkreist) — Der junge 
Rothschild wird auch alt. Er kann doch höchstens 
— wie lang is das her, warten Sie — 

Der erste: No is das eine Stimmung in dem 
Wien? Wissen Sie, was die Leut sind? Ich wer Ihnen 
sagen, was die Leut sind. Kriegsmüde I Das sieht 
doch ein Blinder! (Ein blinder Soldat steht vor ihnen.) 
Schaun Sie schnell, wer is die was jetzt hereinkommt? 

Der zv.'^eite: Das wissen Sie nicht? — 
warten Sie — das is doch die — vom Ballett, wie 
heißt sie — die Speisinger! wissen Sie, die mit dem 
roten Pollack I — Also richtig, was sagen Sie, der 
alte Biach hat Kriegspsychose! 

Der erste: Was Sie nicht sagen. Wieso zeigt 
sich das? 

Der zweite: Jedes zweite Wort von ihm is 
aus dem Leitartikel — überspannt! 

Der erste: Überspannt war er doch immer. 
Zerreißt sach für die Nibelungentreue. Schigan I 

Der zweite: Noja aber so wie jetzt? Er is 
aufgeregt, wenn man sich nicht gleich erinnert. Er 
redt sich ein, die Sticheleien der Entente sind auf 
ihm. Außerdem hat man Zeichen von Größenwahn 
konstatiert. 

Die letzten Tage der Menschheit. 31 



322 



Der erste: Wieso zeigt sich das? 
Der zweite: Er bildet sich ein, er is Er. 
Der erste: Das is traurig. 
Der zweite: No was is, no harn Sie Ihren 
Buben in dem Dingsda — Kriegsarchiv untergebracht? 

Der erste: Ja, aber er hat doch einen Bruch, 
und da hoff ich, daß sie ihn bald wieder auslassen. 
Er will höher hinaus, Sie wissen doch, Ben Tiber 
will ihn als Dramaturg nehmen. Er hat einen Bruch, 

Der zweite: Mein Jüngster hat Talent. Ich 
hoff auch — Aber jetzt zitter ich nur, daß mir das 
gelingt mit dem Lepold Salvator, morgen bin ich also 
in Audienz — meine Frau kriegt einen Breitschwanz. 

(Eine Bettlerin mit einem Holzbein und einem Armstumpf 
steht vor ihnen.) 

Beide (mit ihren Stöcken auf ein vorüberfahrendes 
Automobil zielend) : Auto — ! 

(Verwandlung.) 

8. Szene 

Der alte Biach erscheint sinnend. 

Der alte Biach: Die Nase der Kleopatra 
war eine ihrer größten Schönheiten. Sibyl war die 
Tochter einesArbeiters. (Sich vorsichtigumblickend)Tell sagt, 
jeder geht an sein Geschäft und meines ist der Mord, 
(Nach einer Pause, mit raschem Entschluß und heftiger Bewegung) 
Das erste muß jetzt sein, daß der Reisende die 
Fühlhörner ausstreckt und die Kundschaft abtastet. 
(Mit Genugtuung) Iwangorod röchelt bereits. (Mit schlecht 
verhohlener Schadenfreude) Poincare ist erschüttert und 
Lloyd-George gedemütigt. (Mit Qewure) Engländer und 
Deutsche werden sich in Stockholm begegnen, (ab.) 

(Verwandlung.) 



323 



9. Szene 

Kriegsarchiv. 
Ein Hauptmann. Die Literaten, 

Der Hauptmann: Sie da, Sie arbeiten mir also 
die Belobungsanträge aus, als Theaterkritiker vom 
Fremdenblatt wird Ihnen das ja nicht schwer fallen. 
— No und Sie, also Ihr Föleton über die franzesische 
Büldhauerin, Auguste, wie heißt sie nur, also so 
ähnlich wie Rodaun, sehr fesch war das gschriebn, 
also mit Ihrer Feder wird Ihnen das ja nicht 
schwer fallen, das Vorwort für unsere grundlegende 
Publikation »Unter Habsburgs Banner«, aber wissen S', 
was Packendes muß das sein, was halt ins Gemüt geht 
und daß S' mir also naturgemäß nicht auf Ihre kaiser- 
liche Hoheit die durchlauchtigste Frau Erzherzogin 
Maria Josef a vergessen! — Und Sie, Müller Robert, was 
is denn mit Ihnen, mir entgeht nichts, Ihr Artikel damals 
übern Roosevelt war sehr frisch gschrieben, bißl zu viel 
Lob, schaun S' also daß Sie mir den Aufsatz »Was 
erwarten wir von - unserem Kronprinzen?« bald 
abliefern! Sie haben sich ein bißl zu stark für die 
Ameriganer engagiert, aber das soll Ihnen weiter 
nicht schaden. — Sie, was is denn mit dem Doppelaar, 
is der noch nicht fertig? Lassen S' an frischen Wind 
durch die stählernen Schwingen des Doppelaars 
sausen! — Ja aber was is denn mit Ihnen mein Lieber? 
Seit Sie aus dem Hauptquartier zurück sind, legen Sie 
sich auf die faule Haut! Sie ham sich dort ein Leben 
angewöhnt! Ich will Ihnen aber was sagen. Daß 
Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr 
Erzherzog Friedrich von Ihren Kriegsgedichten 
begeistert ist, kann Ihnen genügen, mir genügt 
das noch lange nicht! Also schaun S' dazu, daß 
der Weihegesang an die verbündeten Heere bald 
abgliefert wird, sonst kommen S' mir zum Rapport! — 
Na, Werfel, was is denn mit'n Aufruf für Görz? 
Nur net zu gschwolln, hören S'? Alles mit Maß! 

21* 



324 



Sie haben viel z'v^iel Gfühl, das is mehr fürs Zivül. 
— Na ja Sie dort, selbstverständlich! Sie san ja ein 
Expressionist oder was, Sie müssen immer eine 
Extrawurscht haben. Aber das nutzt Ihnen nix, grad 
von Ihnen erwart ich, daß die Skizze »Bis zum 
letzten Hauch von Mann und Roß«, die ich Ihnen 
aufgegeben habe, endlich in Angriff genommen 
wird, fix Laudon! Der »Durchbruch bei Gorlice« 
is Ihnen ja nicht übel gelungen. — (Zu einer Ordonnanz, 
die eben eintritt) Was is denn scho wieder? Ah richtig. 
(Er übernimmt Photographien) Sehr drastisch! Das sind 
nämlich die Aufnahmen von der Hinrichtung vom 
Battisti. Ah, ah, unser Scharfrichter Lang is aber zum 
Sprechen ähnlich getroffen! Also das is für Sie dort 
zum Einreihen! Beschreiben S' es und tun S' es zu 
die andern, zu die tschechischen Legionäre und die 
Ukrainer und so. — Und das? ja wie soll man denn 
das rubrizieren? Das is nämlich das prächtige 
Gedicht über den Mullatschak bei Seiner kaiserlichen 
Hoheit dem durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Max 
am Monte Fae, das is ein Fressen für unsere Lyriker, 
passen S' auf: 

Am Fae der Kommandant 
Hoheit freundlich und charmant. 
Froh begrüßt er seine Gäste 
Und bewirtet sie aufs beste. 
Offen hält er Küch' und Keller. 
Jeder sitzt vor seinem Teller. 

Ujegerl aber nacher gehts schief. Da is dann die 
gspaßige Stelle, wie's immer mehr aufladnen, bis einer 
also naturgemäß nicht mehr weiter kann — 

Knöpft sich auf und macht sich los 
Das Krawattl und die Hos'. 

Na und am End wird also naturgemäß gspieben. 
Das is gspaßig! Und was da noch alles passiert! 



325 



Doch die Ordonnanz, schau, schau, 
Hält er für 'ne Kammerfrau — 
Kneift mit zärtlichem Verlangen 
Ihr den Arm und die Wangen. 
Doch darauf für alle Zeiten 
Wollen wir den Mantel breiten. 

Sehr gut! Am nächsten Tag wird dann also natur- 
gemäß weitergsoffen. ^^ 

Aus dem Faß der letzte Tropfen. 
Was, den Magen sie zu stopfen, 
Jeder sich aufs Brot geschmiert 
Und an Fetten konsumiert — 

no das kann man sich ja denken, also darüber 
versteht sich waren dann also naturgemäß die Köche 
sehr ärgerlich, - aber die kaiserliche Hoheit hat a 
Freud ghabt. Na und wie s' nacher in ihre Stellungen 
zruckkommen, ujegerl — 

Jeder hat mit seinem Affen 
Eine schwere Last zu schaffen. 

Ausgschaut hams! — Also, dieses Gedicht kommt 
schon deswegen für das Kriegsarchiv in Betracht, 
also naturgemäß nicht bloß wegen dem Humor im 
Felde und weil darin die Gastfreundlichkeit Seiner 
kaiserlichen Hoheit gefeiert wird, sondern auch 
deshalb, weil es eine Raridät is! Es is nämlich in der 
Frontdruckerei im schwersten Trommelfeuer gedruckt 
vvorn, da kriegt man einen Reschpekt, no und man 
muß zugeben, daß es ein sehr ein geschmackvoller 
Druck is. — Sie Korpral Dörm.ann, da nehmen 
S' sich ein Beispiel, geben S' Ihnerem Musenroß die 
Sporen, seit damals wo Sie die Russen und die Serben 
in Scherben ghaut ham, sind Sie schweigsam gworn. 
Was is denn? Das war doch so kräftig: 
Und einen festen Rippenstoß 
Kriegt England und der Herr Franzos. 
Da waren S' der reine Dörmann in Eisen! 



326 



Wir werden 's euch schon geben. 

Jetzt sollt ihr was erleben. 

Das große Maul habt ihr allein, 

Wir aber, wir, wir pfeffern drein. 
Alstern — pfeffern S' drein! Was san S' denn so 
melankolisch? Na ja, ich kanns Ihnen nachfühlen, 
daß Sie sich also naturgemäß lieber draußen 
betätingern möchten als wie herint. Das is zwider. 

,1 Dörmann: 

Ich neid es jedem, der da draußen fiel. 

Die Pflicht allein trennt mich vom letzten Ziel! 

Der Hauptmann: Das is brav, wie Sie mit 
gutem Beispiel vorangehn. — No und Sie Müller Hans, 
bei Ihnen braucht man keine Aufmunterung, Sie 
sind ja eh tüchtig. Haben S' wieder eine Fleißaufgabe 
gmacht? Da schau her, »Drei Falken über dem Lovcen« ! 
Das is viel. Ich werde nicht verfehlen, über Sie mit 
dem Herrn Generalmajor zu sprechen. 

Hans Müller: Wir haben die größere Süßig- 
keit der Pflicht erkannt, wir zerbrechen unter ansern 
Taktschritten ein unnützes Leben, das dem bunten 
Schein näher war als der Wirklichkeit. 

Der Hauptmann: So is recht. Aber wissen S', 
was mich intressieret? Jetzt möcht ich einmal aus 
Ihrem eigenen Mund eine authentische Auskunft 
darüber, wie Sie bei Kriegsausbruch Ihren Mann 
gstellt hab'n. Also das wunderschöne Feuilleton vom 
Cassian im Krieg, also wie S' da das Ohrwaschel 
auf die russische Ebene legen, also das weiß man, 
das ham S' also naturgemäß in Wien g'schrieben, 
also da war' mr alle paff wie S' das troffen hab'n. 
Aber beim Kriegsausbruch — da waren S' doch 
persönlich zugegen, in Berlin? Da ham S' doch also 
naturgemäß die Verbündeten abpusselt — wissens S' 
da gibts aber Leut, die reden herum, daß Sie das 
auch in Wien tan hab'n, auf der Ringstraßen, der 
Fackelkraus und so, wissen S' die Leut ham halt 



327 



eine böse Goschen. Jetzt sagen S' mir also, wie sich 
das verhaltet und ob Sie damals in Berlin oder nur 
in Wien waren — das is doch etwas, was also 
naturgemäß für das Kriegsarchiv wichtig is! 

Hans Müller: Herr Hauptmann melde ge- 
horsamst, männiglich weiß, daß ich den Kriegs- 
ausbruch effektiv in Berlin mitgemacht habe und 
daß es sich genau so verhält, wie ich es in meinem 
Feuilleton »Deutschland steht auf« am 25. August 1914 
geschildert habe. Wir standen keines Überfalls 
gewärtig, an der Neustädtischen Kirchstraße, soeben 
war, ich sehe es vor mir, ein russischer Spion vom 
Rachen aer Menge verschlungen worden — da sehe ich, 
wie sich ein Zug von einfachen Leuten, unsere gute 
schwarzgelbe Fahne vorantragend, stracks gegen das 
Brandenburger Tor bewegt. Sie singen unsere geliebte 
Volkshymne. Ich, nicht faul, singe mit. »Gott erhalte, 
Gott beschütze« singe ich laut zur nächsten Strophe. 
Da schaut ein Marschiernachbar mich eine Sekunde 
herzlich an, dann legt er seinen Arm unter den 
meinen, preßt ihn kameradschaftlich an sich — 

Der Hauptmann: Aha, Schulter an Schulter. 

Hans Müller: — und singt nun von meinen 
Lippen den gleichen Text ab, den ich selber singe. 
Diesen Wackeren — er war ein schnauzbärtiger Gesell, 
war nicht gerade schön und auch nicht das, was man 
hochelegant nennt — habe ich vor der österreichisch- 
ungarischen Botschaft auf den Mund geküßt. 

Der Hauptmann: Hörn S' auf! Also wann 
das der Szögyeny vom Fenster gsehn hat, wird er 
a Freud ghabt hab'n. 

Hans Müller: Wahrscheinlich klingt das in 
der Nacherzählung pathetisch — 

Der Hauptmann: Ah woher denn. 

Hans Müller: — und der Beifall der Ultra- 
ästheten dürfte mir dafür nicht beschieden sein — 
(Murren unter den Literaten, Oho-Rufe.) 

Der Hauptmann: Stad sein! 



328 



Hans Müller: Aber ich weiß, daß, wenn die 
Gioconda dereinst selbst aus ihrem Rahmen stiege 
und mir das einzige Lächeln ihrer Lippen darböte, 
ihre Umarmung mich nicht so im Innersten beglücken 
und erschüttern würde, wie der Bruderkuß auf die 
Lippen dieses wunderbaren deutschen Mannes. 

Der Hauptmann (gerührt): Das is brav von 
Ihnen! No und was ham S' in dera großen Zeit 
sonst noch erlebt? 

Hans Müller: Herr Hauptmann melde gehor- 
samst, ewig unvergeßbar wird mir die Sommermittags- 
stunde bleiben, da Männer und Frauen im königlichen 
Dom zum Altar traten, den Gott der deutschen 
Waffen anzurufen. Auf der Empore des Domes sitzt 
der Kaiser, aufrecht, den Helm in der Hand. Zu 
seinen Füßen, ein schwarzes Meer — 

Der Hauptmann: Aha, da war er schon in 
Konschtantinopel. 

Hans Müller: — wogen die Gläubigen. Die 
Orgel braust gewaltig von oben herab, durch die 
Fenster bricht die Sonne i^'id wie ein heiliger Schrei 
hebt sich — 

Der Hauptmann: Is scho guat, wissen S' die 
Stimmungsmalerei intressiert mich weniger als was 
Sie damals persönlich geleistet hab'n. 

Hans Müller: Frauen und Männer fassen 
sich an den Händen, die Orgel braust — 

Der Hauptmann: Zur Sache! 

Hans Müller: Zu Befehl. Ein heißes Würgen 
steigt mir in die Kehle, noch nehme ich mich fest 
zusammen, denn ich stehe inmitten von lauter tapferen, 
beherrschten Männern, und in diesen Tagen darf man 
sich nicht als Schwächling zeigen. Aber jetzt sehe 
ich auf den Kaiser Wilhelm, der wie in einem 
unbeschreiblichen Übermaß von Erregung den 
bleichen Kopf senkt, tief hinab, die erschütternden 
Klänge läßt er über seine Stirn hinziehen — 

Der Hauptmann: Ah ia schaurija! 



329 



Hans Müller: — mit einer inbrünstigen Gebärde 
preßt er den Helm dicht vor seine Brust. Da kann 
ich mich nicht mehr retten — 

Der Hauptmann: Ja was is Ihnen denn 
gschehn? 

Hans Müller: — ich schluchze laut hinaus — 

Der Hauptmann: Gehst denn net. 

Hans Müller: — und siehe, die tapferen 
Männer neben mir, grauhaarig und beherrscht, sie 
alle schluchzen ohne Scham mit mir mit. Wissen 
sie auch, was dem armen unmilitärischen Gast in 
ihrer MÜte das Herz aufwühlt? Durch den Schleier 
der jäh hervorstürzenden Tränen sehe ich neben 
ihrem edlen Herrn einen anderen stehen, meinen 
eigenen Kaiser, meinen ritterlichen, alten, gütigen 
Herrn — 

Der Hauptmann: Net plaazen Müller! 

Hans Müller: — imd aus tiefster Seele 
mische ich jetzt mein Gebet brüderlich mit dem 
ihren: »O Gott, der du über den Sternen bist, segne 
in dieser Stunde auch Franz Joseph den Ersten, 
segne mein altes, teures Vaterland, daß es stark 
bleibe und blühe — für und für — segne meine 
Brüder, die jetzt für unsere Ehre hinausziehen zu 
Not und Tod, segne uns alle, unsere Zukunft, unsere 
Faust, unser Geschick — Herr und Gott, der du 
die Lose der Menschen und Völker in deinen Händen 
hältst, aus heißester, inbrünstigster Heimatliebe 
rufen wir alle, alle zu dir . . .« — Herr Hauptmann, 
melde gehorsamst, das ist der Schluß vom Feuilleton. 

Der Hauptmann: Da steckt noch eine echte 
Empfindung drin. Sag'n S', was zahlt jetzt die Presse 
für ein Gebet — ah — für a Feuilleton wollt ich 
sag'en. 

Hans Müller: Herr Hauptmann melde 
gehorsamst, 200 Kronen, aber wahrlich, ich hätte es 
auch um Gottes Lohn getan! Hei. 



330 



Der Hauptmann: Nein, Sie hab'n ja mehr 
dafür kriegt, Ilinen is die höchste Ehre zuteil geworden, 
die einem Herrn von der Presse zuteil werden kann — 
der deutsche Kaiser hat Sie in der Wiener Hofburg 
empfangen, er is ein Verehrer Ihrer Muse, ich verrat 
Ihnen da kein Geheimnis, man munkelt sogar, daß 
Sie den Lauff ausgstochen haben. Ich benütze die 
Gelegenheit, Ihnen dazu meine Gratulation auszu- 
sprechen. Hörn S', wie waren die Begrüßungsworte 
Seiner Majestät, Sie hab'n das ja so schön beschrieben — 

Hans Müller: Der Kaiser kommt mir bis an 
die Tür entgegen, er streckt mir die Hand hin, 
er blickt mich aus seinen großen, strahlenden Augen 
mit dem gütigsten Lächeln an und sagt: »Sie haben 
uns im Kriege eine so schöne Dichtung geschenkt — 
was dürfen wir im Frieden von Ihnen erwarten?« 

Der Hauptmann: Einen schweinischen 
Schwank — hätten S' sagen solln. 

Hans Müller: Herr Hauptmann, melde 
gehorsamst, vor dieser Stimme schwindet sogleich 
jede Befangenheit — aber den Mut habe ich doch 
nicht aufgebracht, Herr Hauptmann! 

Der Hauptmann: No ja, 's is a hakliche 
Situation. Sagen S' mir jetzt nur, was hat Ihnen denn 
den stärksten Eindruck am deutschen Kaiser gmacht? 

Hans Müller: Herr Hauptmann melde 
gehorsamst — alles! 

Der Hauptmann: Und sonst nix? 

Hans Müller: Ich bin noch so erschüttert, 
daß ich nicht imstande wäre, die zaubervolle Macht 
der Persönlichkeit, diese ganz selbstverständliche 
Würde, die Leuchtkraft dieser Augen, die einen 
nicht loslassen und wie der Spiegel einer klaren, 
im tiefsten Sinne sittlichen Natur — 

Der Hauptmann: Hörn S' auf! No also 
wissen S' — daß der deutsche Kaiser auf einen 
Brünner Juden hereinfallt, das is schließlich also natur- 
gemäß kein Wunder. Aber daß ein Brünner Jud auf 



1 



331 



den deutschen Kaiser hereinfallt — das is unglaublich! 
(Eine Ordonnanz kommt und überbringt einen Brief.) Was is 
denn scho wieder? (Er liest.) Also da legst di nieder. Das 
betrifft S i e Müller. (Müller erschrickt.) Der Herr General- 
major befiehlt, daß Sie sofort aus dem Kriegsarchiv 
zu entlassen sind. (Müller erbleicht.) Es ist ein Hand- 
schreiben Seiner Majestät des deutschen Kaisers ein- 
gelangt, worin er ersucht, daß man den Dichter der 
»Könige« nicht durch Verwendung im k. u. k. Kriegs- 
archiv seinem eigenen Schaffen entziehen möge. 
(Murren unter den Literaten.) Stad sein! — Leben S' wohl, 
Müller! Aber wissen S', was? (Mit Rührung) Die drei 
Falken über dem Lovcen — die schreiben S' uns 
noch fertig! Und wenn Sie dann wieder für sich 
arbeiten können, und sich also naturgemäß auf die 
Friedensproduktion emsielln — dann wern S' doch 
manchmal an die Stunden Ihrer Dienstzeit zurück- 
denken, dann wern S' sagen können: schön wars 
doch — und sich hoffentlich auch weiterhin mit dem 
Kriegsarchiv verbunden fühlen. 

Hans Müller: Auf Gedeih und Verdeib! 

(Verwandlung.) 

10. Szene 

Ein chemisches Laboratorium in Berlin. 

Der Geheime Regierungsrat Professor 
Delbrück (sinnend): Die englischen Zeitungen ver- 
breiten seit einiger Zeit wieder mal allerlei Mitteilungen 
über den angeblich schlechten Ernährungszustand 
der deutschen Bevölkerung. Es spricht nicht gerade 
für die große Kriegsfreudigkeit unter dem englischen 
Volke, wenn seine Stimmung immer wieder durch 
die Verbreitung solcher Nachrichten gehoben werden 
muß, die allesamt mit den Tatsachen in direktem 
Widerspruch stehen. Ärztlicherseits wurde ausdrücklich 
die Bekömmlichkeit der gegenwärtigen Kriegskost 



332 



festgestellt, der wir es zu verdanken haben, daß die 
Erkrankungen, bei Männern wie bei Frauen, in 
ständigem Rückgang begriffen sind. Von den 
Säuglingen gar nicht zu reden, für die in völlig 
ausreichender und vorbildlicher Weise gesorgt wird. 
Sogar das Wolffbüro muß zugeben, daß unsere 
Krankenhäuser im Kriege weit weniger belegt sind 
als in Friedenszeiten und daß die vereinfachte 
Lebensweise für viele Personen direkt gesundheits- 
fördernde Vv'irkungen gehabt hat. Und nun gedenke 
ich in der 66. Generalversammlung des Vereines der 
Spiritusfabrikanten Deutschlands auseinanderzusetzen, 
daß wir diesen Erfolg zuvörderst der Mineralnährhefe 
zu verdanken haben. (Stellt sich in die Positur des Redners.) 
Der Eiweißgehalt der Mineralnährhefe, der ihren 
Nährwert bestimmt, wird vorzugsweise durch die 
Verwendung von Harnstoff gewonnen. Meine Herrn! 
Wir erleben hier einen Triumph des reinen Geistes 
über die rohe Materie. Die Chemie hat das Wunder 
bewirkt! Eine schon 19 15 begonnene Arbeitseinrichtung 
wurde aufs neue mit großem Erfolge aufgenommen: 
die Ersetzung des schwefelsauren Ammoniaks bei der 
Erzeugung der Hefe durch Harnstoff. Meine Herrn! 
Ist aber der Harnstoff so zu verwenden, so liegt 
auch die Möglichkeit vor, in derselben Richtung den 
Harn und die Jauche heranzuziehen. (Ab). 
(Verwandlung.) 

11. Szene 

Vereinssitzung der Cherusker in Krems. 

Pogatschnigg, genannt Teut: — Wodan 
ist mein Schwurzeuge, nicht mehr fern sind die 
Tage, wo wieder Speise und Trank reichlich 
vorhanden sein werden, wo uns wieder vom 
feisten, knusperigen Schwein ein artig Lenden- 
stücklein erfreuen wird, mit zartgebräunten Erd- 
äpfeln, in wirklicher und wahrhaftiger Butter duftig 



333 



gebraten, kleine zierliche Gurken, wie sie Znaims 
Wonnegefilden holdselig entsprießen, dazu ein dunkler 
Gerstensaft aus Kulmbachs bajuvvarischen Gauen (Heil- 
Rufe. Es klingt wie »Hedl!<) — ein herzhaft Brot, aus Roggen 
schmackhaft geknetet und gebacken, und ein leckerer 
Salat! Stolze Vindobona am. alten Nibelungenstrom, bis 
dahin heißt es durchhalten! (Rufe: Wacker!) Der herrliche 
Angriff auf die Welschen, der diese Abruzzenschufte aus 
Tirols ewigen Bergen hoffentlich für immerdar hinaus- 
befördert, ist uns gelungen! (Rufe: Hedl!) Zuversichtlich 
erwarten wir, daß auch der moskowitische Bär mit 
blutenden Pranken weidwund heimschleicht! Und ihm 
nach die Knoblauchduftenden, unsere Kohnnationalen! 
Heil! (Rufe: Bravo! Hedl! Hoch Teut! Hoch Pogatschnigg!) 
Eine Stirn. me: J idelach! (Heiterkeit.) 
Frau Pogatschnigg (ergreift das Wort): Nicht 
rasten und nicht rosten, lautet ein gutes deutsches Wort. 
Wie sagt doch BarbaraWaschatko, dieDeutschesteunter 
den Deutschen, in der Ostdeutschen Post: Strickend 
haben wir das alte Jahr beendet, strickend fangen 
wir das neue wieder an. Nie sind unsere Gedanken 
mehr bei denen draußen im Felde als jetzt, wo 
Schnee mit Regen und Glatteis abwechselt und wo 
wir uns fragen, was für unsere tapferen Krieger das 
Härteste ist: die rote Sonnenkugel, die Hornungs 
an einem kalten Himmel hängt, oder das Wasser, das 
unaufhörlich und trübselig in die Schützengräben rinnt 
— tuk tuk tuk. (Rufe; Hedl! Wacker!) Aber bei uns Frauen 
mischt sich nun einmal das Lächeln gern unter die 
Tränen, und selbst im Schmerz zeigen wir noch das 
Bedürfnis, schön zu sein. Schmückte sich nicht auch 
Kleopatra zum Sterben? (Rufe: So ist es! Wacker! Hedl Resitant!) 
Winfried Hromatka i. a. B.: Ehrenfeste 
Bundesbrüder und Bundesschwestern! Als Vertreter 
der Jungmannschaft ist es nicht nur meine Pflicht, den 
Treuschwur zu erneuern, wonach wir den uns auf- 
gezwungenen Kampf bis zum siegreichen Ende, 
scilicet bis zum letzten Hauch von Mann und Roß 



334 



durchführen werden. (Rufe: Hedl!) Denn, Ehrenfeste, 
ein deutscher Friede ist, wie unser Altmeister Hinden- 
burg so treffend gesagt hat, kein weicher Friede. 
(Rufe: Hurra!) Nein, es ist auch unsere Pflicht, unserer 
Walküren zu gedenken, welche den Heide« trost- 
reich beistehen und als deren vornehmste Vertreterin 
ich meine ehrenfeste Vorrednerin begrüßen möchte. 
(Hedl !) Dem Feinde Trutz, aber dem schönen Geschlechte 
Schutz! Die Resitant lebe hoch! (Rufe: Hurra! Hedl 
Resitant!) 

Kasmader (erhebt sich): Meine ehrenfesten 
Bundesbrüder und Bundesschwestern! Wir haben heute 
wahrhaft zu Herzen gehende deutsche Worte ver- 
nommen. Als Vertreter der deutschen Postler m.öchte 
ich eine Anregung geben in den Belangen der 
Selbstbeschränkung, indem daß wir, eingekreist von 
britischem Neid, welschem Haß und slawischer 
Arglist, mehr denn je auf Selbstbefriedigung im 
deutschen Haushalt angewiesen sind. (Rufe: Wacker!) 
Ich möchte diesbezüglich den Vorschlag machen, 
durch Freigabe der weiblichen Bediensteten in 
deutschen Haushaltungen deutsche Kämpfer für 
das Heer frei zu bekommen und überdies noch 
Mittel für padriotische Scherflein zu gewinnen. 
Auch werden wohl alle deutschen Frauen 
und Mädchen die in Kriegszeiten innegehabten 
Stellen um so lieber den heimkehrenden Helden 
wieder überlassen, als dieselben ihnen für die 
Beschützung des deutschen Herdes diesbezüglich zu 
größtem Danke verpliichtet sind. (Rufe: Wacker! Hedl!) 
Erst wenn dieselben nicht ausreichen, ist in diesen 
Belangen auf die weiblichen Kräfte zu greifen. Die- 
selben aber würden den schönsten Lohn in dem 
erhebenden Gefühle finden, im Hinterlande auch 
ihr Scherflein zu der erreichten Errungenschaft beige- 
tragen zu haben. Denn fürwahr, ein jedermann nimmt 
mit der größten Opferwilligkeit hier im Hinterlande an 
dem Kampfe teil. Und so schließe ich denn mit 



335 



der Aufforderung zum Durchhalten, die ich in einem 
selbstverfaßten Gedichte niedergelegt habe. (Rufe: 
Hört! Hört!) 

Gut ist, wenig Seife brauchen, (Rufe: Wacker! Bravo 

Kasmader!) 
Besser noch ist, gar nicht rauchen. (Gelächter) 
Aber weite Kleider tragen (Rufe: Pfui!) 
Öfter gar mit vielen Kragen, 

Hohe Lederschuh' am Bein (Rufe: Pfui! Welsche Sitten!) 
Das muß wahrlich auch nicht sein! (Rufe: Sehr richtig!) 
Statt darauf das Geld zu wenden, 
Soll dem Vaterland man's spenden. (Rufe: Hedl! Hedl! 
Redner wird beglückwünscht.) 

Übel hör (erhebt sich und liest von einem Blatt): 
Wenn ich mir etwas wünschen sollt. 
Ich wüßt' schon lange, was ich wollt! 
Ein Knödel müßt' es sein, 
Aus Semmeln gut und fein! 
(Heiterkeit. Rufe: Wir auch! Hedl! Hedl!) 

Homolatsch (erhebt sich, blickt durch seine goldene 

Brille starr vor sich hin und spricht mit erhobenem Zeigefinger): 

Mein deitsches Weip — mein Heim — mein Kind — 

Mir das Liebste — auf Erden — sind. 

(Setzt sich schnell nieder. Rufe: Hedl! Bravo Homolatsch! Hedl!) 

(Verwandlung.) 

12. Szene 

Tanzunterhaltung in Hasenpoth. Baltischer Herr und baltische 
Dame im Gespräch. 

Herr: Fräilen. 
Dame: Was mäinen Se. 
Herr: Se tanzen nich. 
Dame: Näin. 
Herr: Warum. 

Dame: Tanz ich, so schwitz ich. Schwitz ich, 
so stink ich. Tanz ich nicht, schwitz ich nicht, stink 

(Verwandlung.) 



336 



13. Szene 

Revisionsverhandlung des Landgerichtes Heilbronn. 

DerStaatsanwalt: Im Juni dieses Jahres 

hat die Angeklagte ein Kind geboren, dessen Vater 
ein französischer Kriegsgefangener ist. Der Franzose, 
von Beruf Kellner, ist schon seit 1914 in Gefangen- 
schaft geraten. Er war vom Ende 1914 bis 1917 auf 
dem Schloßgut. Hier wurde er mit den verschiedensten 
Arbeiten, vor allem mit Feld- und Gartenbestellung 
beschäftigt. An dieser Betätigung nahm die ange- 
klagte Freiin selbst regelmäßig Anteil. In der Ver- 
handlung vor der Strafkammer versuchte die Ange- 
klagte, den französischen Vater ihres Kindes der 
Vergewaltigung zu beschuldigen. Damit fand sie 
beim Gericht allerdings keinen Glauben. Auffällig 
war, daß die Angeklagte diese Verteidigung zum 
erstenmal vorbrachte. Die Angabe war schon deshalb 
hinfällig, weil der gefangene Franzose nach dem 
Eintritt der Schwangerschaft noch volle sechs Monate 
auf dem Schloßgut beschäftigt blieb. So kam das 
Gericht zur Verurteilung der angeklagten Freiin. Sie 
erhielt eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten. Wegen 
Fluchtverdachts wurde die sofortige Verhaftung der 
Angeklagten verfügt. In der Urteilsbegründung wurde 
betont, daß die bei der Verhandlung beliebte Art der 
Verteidigung (Beschuldigung des Gefangenen, er 
habe ein Verbrechen begangen) sowie die soziale 
Stellung und die Erziehung der Angeklagten er- 
schwerend in Betracht komme, während ihre bis- 
herige absolute Unbescholtenheit und ihre Unwissen- 
heit in geschlechtlichen Dingen als Milderungsgrund 
angeführt wurden. — Hoher Gerichtshof! Angesichts 
der zum Himmel schreienden Milde dieses Urteils 
kann ich es mir ersparen, viel Worte zu machen. 
In materieller Beziehung ist der Tatbestand, der 
naturwidrige Verkehr mit einem Kriegsgefangenen, 
hinreichend klargestellt. Es erübrigt sich, 



337 



die unmoralische Wirkung, die von einem so empören- 
den Beispiel ausgeht, zu kennzeichnen. Ich zweifle 
nicht, daß der hohe Gerichtshof mit mir das Gefühl 
teilen wird, vor einem Abgrund zu stehen, vor dem die 
beleidigte Sittlichkeit sich durch nichts retten kann 
als durch die Erkenntnis: Wo käme das Vaterland 
hin, wenn jede deutsche Hausfrau so tief sänkel 
(Bewegung.) In diesem Sinne bitte ich den hohen 
Gerichtshof, die Nichtigkeitsbeschwerde der Verteidi- 
gung zu verwerfen, dagegen die Strafe auf zwei 
Jahre zu erhöhen. 

(Der Gerichtshof zieht sich zur Beratung zurück.) 
Einer aus dem Auditorium (reicht einem 
Nachbarn die Zeitung): Kolossale Erfolge unsererBomben- 
flieger nordwestlich von Arras und hinter der Cham- 
pagnefront. Insgesamt wurden während der letzten 
drei Tage und Nächte 25.823 Kilogramm Bomben 
abgeworfen. 

Der Nachbar: Die moralische Wirkung war 
gewiß nicht geringer als die materielle. 
(Verwandhing.) 

14. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Die Entwicklung der Waffe 
bis zu Gas, Tank, Unterseeboot und 120 Kilometer- 
Kanone hat es so weit gebracht — 

Der Nörgler: — daß die Armee wegen 
Feigheit vor dem Feind aus dem Armeeverband zu 
entlassen wäre. Aus dem militärischen Ehrbegriff 
heraus müßte die Welt für alle Zeit zum Frieden 
gelangen. Denn was die Eingebung eines Chemikers, 
die doch schon die Wissenschaft entehrt, mit der 
Tapferkeit zu tun haben soll und wie der Schlachten- 
ruhm sich einer chlorreichen Offensive verdanken 
kann, ohne im eigenen Gas der Schande zu ersticken, 
das ist das einzige, was noch unerfindlich ist. 

Die letzten Tage der Menschheit. 22 



338 



Der Optimist: Aber ist es denn nicht gleich- 
giltig, welche Waffe den Tod bringt? Bis wohin gehen 
Sie in der technischen Entwicklung der Waffe noch mit? 

Der Nörgler: Keinen Schritt weit, aber 
wenn's denn sein muß, bis zur Armbrust. Natürlich ist es 
für eine Menschheit, die es fürs Leben unerläßlich 
findet, einander zu töten, gleichgiltig, wie sie's 
besorgt, und der Massenmord praktischer. Aber ihr 
romantisches Bedürfnis wird von der technischen Ent- 
wicklung enttäuscht. Es sucht seine Befriedigung doch 
nur in der Auseinandersetzung von Mann zu Mann. 
Der Mut, der dem Mann mit der Waffe zuwächst, mag 
auch der Quantität gewachsen sein; er entartet zur 
Feigheit, wenn der Mann für die Quantität nicht mehr 
sichtbar ist. Und er wird vollends zur Erbärmlichkeit, 
wenn auch für den Mann die Quantität nicht mehr 
sichtbar ist. So weit halten wir. Aber es wird, in jenem 
Ratschluß des Teufels, der in Laboratorien erforschlich 
ist, noch weiter kommen. Tanks und Gase werden, 
nachdem sich die Gegner darin einander unauf- 
hörlich übertroffen haben, den Bakterien das Feld 
räumen und man wird dem erlösenden Gedanken nicht 
mehr wehren, die Seuchen statt wie bisher nur als Folge- 
erscheinungen des Kriegs gleich als Kriegsmittel zu 
verwenden. Da aber die Menschen selbst dann der 
romantischen Vorwände für ihre Schlechtigkeit nicht 
werden entraten können, so wird der Befehlshaber, 
dessen Pläne der Bakteriologe ins Werk setzt wie heute 
der Chemiker, noch immer eine Uniform tragen. 
Den Deutschen dürfte der Ruhm der Erfindung, den 
andern die Schurkerei der Vervollkommnung zu- 
zuschreiben sein, oder auch umgekehrt — wie es Ihnen 
hoffnungsvoller scheint. 

Der Optimist: Durch ihre hochentwickelte 
Kriegstechnik haben die Deutschen schließlich 
bewiesen — 

Der Nörgler: — daß sich die Eroberungskriege 
und Siegeszüge Hindenburgs von denen Josuas doch 



339 



vorteilhaft unterscheiden. Dem Zweck, die Feinde 
zu vernichten und auszurotten, ist die neuere Methode 
besser angepaßt und ein Durchbruch nach »Ver- 
gasung« von drei italienischen ßrip^aden übertrifft 
eine jener entscheidenden Wunderwafientaten Jehovas. 

Der Optimist: Sie wollen also eine Ähnlich- 
keit des neu-deutschen und des alt-hebräischen 
Eroberungsdranges behaupten? 

Der Nörgler: Bis auf die Gottähnlichkeit! 
Es sind unter den Völkern, die eine welthistorische 
Rolle gespielt haben, die beiden einzigen, die sich 
der Ehre eines Nationalgoltes für würdig halten. 
Während heute alle einander gegenüberstehenden 
Völker dieser verrückten Erde nur die Ver- 
blendung gemeinsam haben, im Namen desselben 
Gottes siegen zu wollen, haben die Deutschen wie 
einst die Hebräer sich auch noch ihren Separatgott 
zugelegt, dem die furchtbarsten Schlachtopfer dar- 
gebracht werden. Das Privileg der Auserwähltheit 
scheint durchaus auf sie übergegangen und unter 
allen Nationen, denen die Vorstellung, eine Nation 
zu sein, das Hirn verbrannt hat, sind sie diejenige, 
die sich am häufigsten agnosziert, indem sie sich unauf- 
hörlich selbst als die deutsche anspricht, ja »deutsch« 
für ein steigerungsfäiiiges Eigenschaftswort hält. Aber 
der Zusammenhang zwischen der alldeutschen und 
der hebräischen Lebensform und Expansionsrichtung 
auf Kosten der fremden Existenz ließe sich noch 
ausbauen und vertiefen. Nur daß die alten Hebräer 
doch wenigstens ihr »Du sollst rieht töten!« im 
Munde führten und zur höheren Ehre Gottes mit 
dem Sittengesetz Mosis in einen so grauenhaften, 
aber immer wieder gefühlten und bereuten Wider- 
spruch gerieten, während die neuen Deutschen den 
Kant'schen kategorischen Imperativ frisch von der 
Leber weg als eine philosophische Rechtfertigung 
von »Immer feste druff!« reklamiert haben. In der 
preußischen Ideologie ist freilich auch der Herr der 

22» 



340 



Heerscharen durch landesübliche Begriffsverknotung 
zum Allerobersten Kriegsherrn und Vorgesetzten 
Wilhelms II. ausgeartet. 

Der Optimist: Er ist eigentlich nur sein 
Verbündeter. Wer aber außer Ihnen geriete auf den 
sonderbaren Einfall, einen geistigen Zusammenhang 
zwischen Hindenburg und Josua zu entdecken? 

Der Nörgler: Schopenhauer: der die Institution 
des Separatgottes, welcher die Nachbarländer ver- 
schenkt oder »verheißt'<, in deren Besitz man sich 
dann durch Rauben und Morden zu setzen hat, des 
Nationalgotts, dem die Lebensgüter anderer Völker 
geopfert werden müssen, schon als gemeinsam 
befunden hat. Kant: der die Anrufung des Herrn 
der Heerscharen durch den Sieger als eine gut 
israelitische Sitte getadelt hat und jenem Wilhelm, 
der den Gedanken hatte, in emem Atemzuge Kant 
und den Herrn der Heerscharen anzurufen, schon 
antizipando übers Maul gefahren ist. Ich werde 
eine Gegenüberstellung, wie dieser Kantianer 
sich auf seinen Verbündeten dort oben bombenfest 
verlassen will und wie Kant ihn ermahnt, von 
solchem Treiben, das mit der moralischen Idee des 
Vaters der Menschen so sehr in Widerspruch stehe, 
abzulassen und den Himmel lieber um Gnade für 
die große Versündigung durch die Barbarei des 
Kriegs anzurufen — ich werde diese vernichtende 
und geradezu ausrottende Kontrastwirkung demnächst 
und zwar unter dem Titel »Ein Kantianer und Kant« 
in einem Berliner Vortragssaal erproben. 

Der Optimist: Da könnte es Ihnen passieren, 
als lästiger Ausländer ausgewiesen zu werden. 

Der Nörgler: Der bleibe ich auch im Inland. 
Und bliebe bei der Überzeugung, daß nach allem, 
was wir erlebt haben, »unser Herrgott entschieden 
mit unserem deutschen Volke noch etwas vor hat«. 
Und bliebe dabei, daß sich die Wesensverwandtschaft 
der beiden »Völker Gottes« bis in die äußersten 



341 



Lebenstatsachen, in welche der den beiden Kulturen 
eigentümliche Verbindungsgeist einer geldromanti- 
schen Weltansicht ausstrahlt, noch verfolgen ließe. 
Sozusagen bis ins dritte und vierte Glied. Denn hier 
und dort wirken sie an dem Gesamtkunstwerk einer 
Lebensanschauung, nach welcher das, was der Welt 
ist, von dem, was des Geistes ist, betrieben wird, 
so daß Kriege wie Geschäftsbücher geführt werden, 
nämlich »mit Gott«. Und die alttestamentarische Regle- 
mentsvorschritt des »Aug um Aug, Zahn um Zahn« 
ließe sich bis in ihre buchstäbliche Anwendung als 
das Leitmotiv neudeutscher Kriegführung nachweisen, 
und es ist gewiß kein Zufall, daß kürzlich in einer 
offiziellen Verlautbarung unseres Kriegspressequartiers, 
das so gelehrig ist wie der dumme August hinter 
dem Schulreiter, jene Formel zur Rechtfertigung 
von Fliegerangriffen dienen konnte. Sie bringt in 
Wahrheit den Begriff der »Repressalien« zur Geltung. 
Und wer außer Ihnen spürte nicht die echt biblische 
Monotonie, mit der dieser Vergeltungs- und Ver- 
nichtungsdrang in den täglichen Berichten von der 
Sinai-Front zum Ausdruck kommt? 

Der Optimist: Sinai-Front? Von der liest 
man doch selten genug. 

Der Nörgler: Täglich! 

(Verwandlung.) 

15. Szene 

Eine protestantische Kirche. 

Superintendent Falke: Dieser Krieg 

ist eine von Gott über die Sünden der Völker ver- 
hängte Strafe, und wir Deutschen sind zusammen 
mit unsern Verbündeten die Vollstrecker des göttlichen 
Strafgerichts. Es ist zweifellos, daß das Reich Gottes 
durch diesen Krieg gewaltig gefördert und vertieft 
werden wird. Und man muß hier klar und bestim^mt 
eingestehen : Jesus hat das Gebot »Liebet eure Feinde !« 



342 



nur tür den Verkehr zwischen den einzelnen Menschen 
gegeben, aber nicht für das Verhältnis der Völker 
zueinander. Im Streit der Nationen untereinander 
hat die Feindesliebe ein Ende. Hierbei hat der 
einzelne Soldat sich gar keine Gewissensbisse zu 
machen! Solange die Schlacht tobt, ist das Liebes- 
gebot Jesu völlig aufgehoben! Es gilt nicht für die 
Stunde des Gefechtes. Das Gebot der Feindesliebe 
hat für uns auf dem Schlachtfelde gar keine Be- 
deutung mehr. Das Töten ist in diesem Falle keine 
Sünde, sondern Dienst am Vaterlande, eine christliche 
Pflicht, ja ein Gottesdienst! Es ist ein Gottesdienst 
und eine heilige Pflicht, alle unsre Gegner mit 
furchtbarer Gewalt zu strafen und wenn es sein 
muß, zu vernichten! Und so wiederhole ich euch, 
solange in diesem Weltkriege die Kanonen donnern, 
hat das Gebot Jesu »Liebet eure Feinde!« keine 
Geltung mehr! Fort mit allen Gewissensbedenken! 
Aber saget mir: Warum wurden so viele tausend 
Männer zu Krüppeln geschossen? Warum wurden 
so viele hundert Soldaten blind? Weil Gott dadurch 
ihre Seelen retten wollte! Schauet um euch und betet 
im Angesicht der Wunder des Herrn: Bring uns, 



Herr, ins Paradies! 



(Verwandlung.) 



16. Srene 

Eine andere protestantische Kirche. 

Konsisto rialrat Rabe: Darum mehr 

Stahl ins Blut! Und den Zaghaften sei gesagt: 
Es ist nicht nur das Recht, sondern unter 
Umständen sogar die Pflicht gegen die Nation, 
mit Kriegsbeginn Verträge und was es sonst 
auch sein mag, als Fetzen Papier zu betrachten, 
den man zerreißt und ins Feuer wirft, wenn man die 



343 



Nation dadurch retten kann. Krieg ist eben die 
Ultima ratio, das letzte Mittel Gottes, die Völker 
durch Gewalt zur Raison zu bringen, wenn sie sich 
anders nicht mehr leiten und auf den gottgewollten 
Weg führen lassen wollen. Kriege sind Gottesgerichte 
und Gottesurteile in der Weltgeschichte. Darum ist 
es aber auch der Wille Gottes, daß die Völker im 
Kriege alle ihre Kräfte und Waffen, die er ihnen in 
die Hand gegeben hat, Gericht zu halten unter den 
Völkern, zur vollen Anwendung bringen sollen. 
Darum mehr Stahl ins Blut! Auch deutsche Frauen 
und Mütter gefallener Helden können eine sentimentale 
Betrachtungsweise des Krieges nicht mehr ertragen. 
Wo ihre Liebsten im Felde stehn oder gefallen sind, 
wollen auch sie keine jammerseligen Klagen hören. 
Gott will uns jetzt erziehen zu eiserner Willensenergie 
und äußerster Kraftentfaltung. Darum noch einmal: 
Mehr Stahl ins Blut! 

(Verwandlung.) 



17. Szene 

Eine andere protestantische Kirche. 

Pastor Geier: Und schauet um euch: 

Glänzende Leistungen des deutschen Tatengeistes 
reihten sich wie die Perlen einer schimmernden 
Schmuckkette aneinander. Er schuf sich das Wunder- 
werk des U-Bootes. Er stellte jenes märchenhafte 
Geschütz her, dessen Geschoß bis in die Äther- 
regionen des Luftmeeres aufsteigt und Verderben 
über mehr als hundert Kilometer in die Reihen des 
Feindes trägt! Aber nicht nur daß der deutsche 
Geist uns mit Waffen versorgt, er wird nicht müde, 
auch an der Schutz- und Trutzwehr des Gedankens 
zu schaffen. Wie ich euch heute mitteilen kann, arbeitet 
Schulze in Hamburg im Auftrage unseres Auswärtigen 



344 



Amtes an einer grundlegenden wissenschaftlichen 
Arbeit über »Leichen- und Grabschändungen durch 
Engländer und Franzosen«, eine Arbeit, die zu 
internationalen Propagandazwecken verbreitet werden, 
die uns die Sympathien des neutralen Auslandes erobern 
soll und der wir nur vom Herzen einen Widerhall 
bei den noch zweifelsüchtigen Nachbarn wünschen 
müssen. Allüberall in deutschen Gauen erwachen 
die Geister, bereit, für unsere gerechte Sache zu 
werben, die Trägen zu ermuntern, die Abtrünnigen 
zu bekehren und uns neue Freunde zu gev/innen. 
Unsere Regierung hat in weiser Voraussicht erkannt, 
daß die Schweiz nicht nur als Durchgangsstation für 
unsere Bombentransporte in Betracht kommt, sondern 
auch dankbar dafür sein mag, in Wort und Bild 
der Erkenntnis der Methoden unserer Kriegführung 
teilhaft zu werden. Die Versenkung ungezählter 
Tonnen von Lebensmitteln durch unsere U-Boote, 
in Filmdarstellungen vorgeführt, ist von einer derart 
packenden Wirkung, daß das neutrale Publikum, 
zumal die Frauen, die ja für den Verlust solcher 
Schätze besonders empfänglich sind, ohnmächtig 
werden, und allmählich bricht sich die Einsicht Bahn, 
daß der Schaden, den wir unsern Feinden zufügen, 
nachgerade unermeßlich ist! Das deutsche Wort bleibt 
dabei keineswegs im Hintertreffen. »Champagne- 
schlacht« ist der Titel einer vom Sekretariat sozialer 
Studentenarbeit in Stuttgart herausgegebenen Bro- 
schüre, die vornehmlich den Schweizer Intellektuellen 
zugedacht ist. Nehmet euch die Worte zu Herzen 
in dem herrlichen Gedicht, dem Soldatengebet, das 
ich in dieser trefflichen Propagandaschrift gefunden 
habe, welche unsre Regierung bereits nach dem 
neutralen Auslande versandt hat, um dort Aufklärung 
über deutsche Eigenart zu verbreiten, Verständnis 
für deutsches Wesen zu erwecken und so allmählich 
zum Abbau des Hasses, mit dem man uns verfolgt, 
beizutragen: 



345 



Hört ihr die Soldaten beten? 
Unser Gott ist unsre Pflicht! 
Aus den Schlünden der Kanonen 
Unsre stärkste Liebe spricht. 
Schießen wir ihm die Patronen- 
Vater-Unser durch den Lauf, 
Und ein Kreuz soll darauf thronen: 
»Bajonette pflanzet auf!« 

Kameraden, laßt Schrapnelle- 
Kugeln als Weihwasser streun, 
Laßt Granaten Weihrauch qualmen, 
Laßt die Sünden uns bereun: 
Unverschoßner Minen Psalmen 
Unterlassungssünden sind; 
Wenn die erst den Feind zermalmen, 
Löst die Sünde sich geschwind. 

Hängt die Kugel-Handgranaien- 
Rosenkränze um die Brust. 
Wenn die Perlen jäh zerknallen. 
Stirbt des Feindes Kampfeslust. 
Laßt die Wacht am Rhein erschallen, 
Unsres Zornes Stoßgebet, 
Händefalten wird zum Krallen, 
Wenn's um Gurkhagurgeln geht. 
Wir sind einmal Henkersknechte, 
Gott hat selbst uns ausgewählt! 

Und so schauet denn um euch und betet im 
Angesicht der Wunder des Herrn: Bring uns, Herr, 
ins Paradies! 

(Verwandlung.) 

18. Szene 

Wallfahrtskirche. 

Der Mesner: Hier sehen Sie ein interessantes 
Weihegeschenk für unsere Wallfahrtskirche, das zwei 
Soldaten aus Lana verehrt haben: einen Rosenkranz, 



346 



dessen Korallen aus italienischen Schrapnellkugeln 

bestehen. Das Material für die Kettelung stammt von 

Drahtverhauen. Das Kreuz ist aus dem Führungsring 

einer geplatzten italienischen Granate geschnitten 

und hat drei italienische Gewehrkugeln als Anhängsel. 

Der Christus ist aus einer Schrapnellkugel gebildet. 

Auf der Rückseite des Kreuzes steht eingraviert: 

Aus Dankbarkeit. Zur Eiinnerung an den italienischen 

Krieg, Cima d' Oro, am 25. 7. 1917. A. St. und 

K. P. aus Lana. Dieser Rosenkranz wiegt mehr als 

ein Kilogramm, erfordert also für ein längeres Beten 

eine starke Hand. Wollen die Herrschaften vielleicht 

versuchen? 

Der Fremde (versucht es): Uff! — Nee, nich 

zu machen. 

(Die Glocke läutet) 

Der Mesner: Hören Sie! Zum letztenmal! 
Gleich wird sie abgenommen. Man macht aus 
Schrapnellkugeln Rosenkränze und dafür aus Kirchen- 
glocken Kanonen. Wir geben Gott, was des Kaisers, 
und dem Kaiser, was Gottes ist. Man hilft sich 
gegenseitig, wie man kann, 

(Verwandlung.) 

19. Szene 

Konstantinopel. Eine Moschee. Man hört jenseits des Moschee- 
vorhanges lautes Lachen. 

Eine der Stimmen: Wat, die jroßen Stroh- 
schlappen solln wa überziehn? Nee Menschenskind, 
das is doch jottvoll! 

Zweite Stimme: Ach sieh dir mal den 
Koranonkel an — 

(Zwei junge Leute, Vertreter von Berliner Handelshäusern, treten 

geräuschvoll ein. Sie behalten die Hüte auf dem Kopf. Hinter 

ihnen, mj.t gesenktem Haupt, die Hände in seinen weiten 

Ärmeln versteckt, lautlos gleitend, der Imam.) 

D er er ste:Siehste, SO sieht 'ne Moschee aus — nu 
benimm dir Fritze und achte auf die Jebräuche! (Lachen.) 



347 



Der zweite: Also, in 'ncr Moschee warn wa 
und 'n richtich gehender Imam is ooch dabei — 
jottvoll! 

Der erste: Famose Chose! 

Der zweite: Vadrehter Kram! (Die Hände in 
den Taschen, füliren sie eine Art Schliuerpartie auf ihren 
Strohsclilappen auf, sie verlieren diese beständig, worüber sie 
jedesmal in lautes Lachen ausbrechen.) 

Der erste: Weeßte, wenn wa hier mal erst 
festen Fuß fassen, wird schon 'ne tüchtje Ordnung 
in die schlappe Wirtschaft kommen — wir schaffen 
es! (Er stößt den andern) Fritze, falle nich — 

D e r z w e i t e : Na, stark besucht ist det Etablisse- 
mang nu jrade nich, Metro is voller. Weit und 
breit nur een Mensch und selbst der ist weiblichen 
Jeschlechts — (er zeigt auf eine Dame und stößt den andern) 
vorbeijelungen! — Aujust mit die langen Beene — 
(Lachen.) 

Der erste (trällert): Ja so 'ne Fahrt am 
Bosporus is doch fürwahr 'n Hochjenuß — 

Der zweite (will losplatzen) : Du ahnst es nicht — 
Ach Jottejottejottedoch — Mensch benimm dir! 

Der erste: Du, ist heutVollmondoder Halbmond? 
(Beide platzen los.) 

Der zweite: Jemütliches Völkchen das — nur 
'n bisk'n schlapp, bisk'n schlapp — na wollen ihnan mal 
unter die Arme greifen und etwas Zucht beibringen. 
Verloren is da noch nischt. Wa wolln det Kind schon 
schaukeln. (Lautes Lachen. Er grüßt den Imam, der in einiger 
Entfernung steht, parodistisch) Tach ! 

Der erste: Morjen! (Der imam versucht öfter 
durch Pantomime, sie auf ihre Kopfbedeckungen aufmerksam 
zu machen.) Kick mal — was will denn der ulkje 
Kunde? 

Der zweite: Der Mann ist taubstumm — 
(sie lachen und stoßen einander.) 

Der Imam (zu der Dame): Sage ihnen, sie seien 
im Hause des Gebets. 



348 



Die Dame (sich ihnen nähernd): Der Imam bittet 
mich, Ihnen zu sagen, Sie seien im Hause des Gebets; 
wollen Sie darum nicht Ihre Hüte abnehmen? 

Der erste: Aber jewiß doch, wenn's ihm 
Spaß macht — Morjen! (Sie grüßen und lachen.) 

Die Dame: Ich würde Ihnen raten, etwas 
leiser zu sein; in einer Kirche würden Sie doch 
auch nicht so laut lachen. 

Der zweite (laut lachend): Ja aber was hat denn 
dieses hier mit 'ner Kirche zu tun? 

Die Dame: Es ist eben ein Gotteshaus. 

Der erste: Gottvoll — diese varückte Bude hier? 

Die Dame: So verletzen Sie wenigstens nicht 
die Gefühle derjenigen, denen es ihr Heiligstes ist! 

Der zweite: Ach, den Kismetknöppen ist 
ja doch alles wurscht. Na schön, Morjen! (Sie gehen 
laut lachend und polternd ab.) 

Der Imam (zu der Dame): Gräme dich nicht um 
jener Kinder Torheit; so sicher, wie Gott über sie 
lächelt, lasse es auch uns tun. 

Die Dame: Sie meinen es nicht böse. 

Der Imam: Gott gab dem Europäer die 
Wissenschaft, dem Orientalen die Majestät. Jene 
sind nicht das, was einer wird, der im Schatten des 
Höchsten wandelt. 

(Verwandlung.) 

20. Szene 

Redaktion in Berlin. 

Alfred Kerr (an seinem Schreibtisch, ein Rumänen- 
lied dichtend): Ich bin . . . fertig. Das heißt: mein 
Rum . . . änenlied. 
(Er liest laut) 

In den klainsten Winkelescu 
Fiel ein Russen-Trinkgeldescu, 

Fraidig ibten wir Verratul — 
Politescu schnappen Drahtul. 



349 



Alle Velker staunerul, 

San me große Gaunerul. 
Ungarn, Siebenbürginescu 

Mechten wir erwürginescu. 

Gebrüllescu voll Triumphal 
Mitten im Korruptul- Sumpful 

In der Hauptstadt Bukurescht, 
Wo sich kainer Fiße wäscht. 

Leider kriegen wir die Paitsche 
Vun Bulgaren und vun Daitsche; 

Zogen flink-flink in Dobrudschul, 
Feste Tutrakan ist futschul! 

Aigentlich sind wir, waiß Gottul, 

Dann heraingefallne Trottul, 
Halte noch auf stolzem Roßcu, 

Murgens eiris auf dem Poposcu! 

Ku . . . unst ist mir zugleich M . . . use und versorgt mich mit 
Bu . . . utter. Zu diesem Behu . . . fe habe ich nie denVerdacht 
u . . . ungewaschener Versfiße gescheut. Und so ist mein 
Ru...hm und] auch mein Rumänenlied entstanden. 

Denn es dichtet Alfred Kerrul 

täglich was sich reimt für Scherul. 

Doch er ist kein solches Rossul, 

sondern kerrt zurück zu Mossul. 

Ecco. 

(Verwandlung.) 

21. Szene 

Ordinationszimmer in Berlin. 

Professor Molenaar (zum Patienten): Ja, Sie sind 
herzkrank. Da haben Sie kaum Aussicht, für tauglich 
befunden zu werden, 'ne schöne Geschichte. Nu sehn 
Sie, das kommt vom Rauchen! Trotz aller Verbote des 
Oberkommandos in den Marken wird fortgeraucht. 
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir durch das 



350 



unmäßige Rauchen im Allgemeinen und das vorzeitige 
Qualmen der Jugendlichen im Besonderen bis jetzt 
mindestens zwei Armeekorpc in diesem Kriege ein- 
gebüßt haben. Es ist erschreckend, wie viele Männer 
in verhältnismäßig jungen Jahren herzkrank sind und 
dadurch dem Heeresdienste, der Ehe und der Fort- 
pflanzung entzogen werden. Im Interesse unseres 
Heeresersatzes wäre ein Verbot des Rauchens bei 
uns dringend erwünscht. Ob der Tabak im Kriege 
selbst, etwa bei Sturmangriffen, mehr nützt als 
schadet, bleibe dahingestellt, so viel ist aber sicher, 
daß Hunderte, wenn nicht Tausende von Nichtrauchern 
die Strapazen des Felddienstes ebenso gut ausgehalten 
haben wie die Raucher, Hat man doch auch Jahrtausende 
lang Krieg geführt, ohne den Tabak zu kennen. 
Nu also, warum ist's denn damals gegangen? Was 
jetzt auf den Schlachtfeldern für'n Rauch ist, das 
ist nicht zu sagen! Muß das sein? Es ist bekannt, 
daß hervorragende Heerführer, wie der Graf v. Haeseler, 
Conrad v. Hoetzendorf und Mackensen ausgesprochene 
Tabakgegner sind. Und haben sie die Strapazen 
des Felddienstes nicht ebenso gut ausgehalten wie 
die Raucher? Ich denke da an Falkenhayn, Boroevic 
und Hindenburg. Durch den Tod fürs Vaterland 
werden erfahrungsgemäß viele junge Leute dem 
Heeresdienste entzogen, weshalb es gerade im Inter- 
esse des Heeresersatzes wie der demselben dienenden 
Fortpflanzung sehr zu beklagen ist, daß die Unsitte 
des Rauchens ein Übriges tut. Sie junger Mann 
haben sich ein Herzleiden zugezogen, weshalb Sie 
kaum Aussicht haben dürften für tauglich befunden 
zu werden. Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen. 
Es kann sich ja bessern. Kriege wirds immer 
geben. Freilich scheint auch Ihre Lunge nicht in 
Ordnung zu sein. Atmen Sie auf! (Er horcht.) Nee, 
nich zu machen. Höchstens für die Etappe, 20 Em 
sind Sie schuldig. 

(Verwandlung.) 



351 



22. Szene 

Bureauzimmer bei einem Kommando. 

Ein Generalstäbler (beim Telephon): — Servus, 
also hast den Bericht über Przemysl fertig? — Noch 
nicht? Ah, bist nicht ausgschlafen — Geh 
schau dazu, sonst kommst wieder zu spät zum 
Mullattieren — heut wird aber ja mullattiert — Also 
hörst du — Was, hast wieder alles vergessen? — Paß 
auf, Hauptgesichtspunkte: Während unsere Besatzung 
bekanntlich durch Hunger — jetzt ganz was andreas — 
der Feind unserer Gewalt gewichen — also keines- 
wegs durch Hunger überwältigt, Feind hat nie 
gehungert! verstehst? nur wir! Russen hatten immer 
genug Proviant — konnten sich aber gegen den 
Elan unserer braven Truppen nicht halten, selbst- 
verständlich — Gewalt unseres Angriffs — Ferner: 
Festung vollkommen intakt, unversehrt in unsern 
Besitz gelangt — modernste Geschütze — Wie? 
m.an kann nicht vergessen machen? altes Graffeiwerk? 
Aber nein, jetzt nicht mehr natürlich! Alles kann man 
vergessen machen, lieber Freund! Also hör zu und 
mach kan Pallawatsch — modernste Festung — 
Österreichs alter Stolz — unversehrt zurückerobert. 
Nicht durch GewaH, sondern durch Hunger, ah was 
red ich, nicht durch Hunger, sondern durch Gewalt! 
No wirst scho machen — wenns nur den Leutein 
einleuchtet — jetzt is ja eh leicht — also servus! 
Schluß! (Ab.) 

(Zwei alte Generale treten auf.) 

Der erste: Ja, die Deutschen! Jetzt hams den 
Falkenhayn zum Dokter gmacht! Sixt, unsereins 
kommt zu so was nicht. 

Der zweite: Erlaub du mir, der Borevitsch — 

Der erste: No ja, no ja, aber unsereins kommt 
zu so was nicht, 

(Ein Journalist geht vorbei.) 

Der erste: Hab die Ehre, Herr Doktor! 



352 



Der Journalist: Exellenz, gut daß ich Sie 
treff, ich brauch Sie wie einen Bissen Brot — was 
is mit Brody? 

Der erste: Brody? Was soll denn mit 
Brody sein? 

Der Journalist: No wegen der Schlacht bei 
Brody? 

Der erste: Ah, a Schlacht is bei Brody? 
Hörst auf! 

Der zweite: Marandjosef! 

Der erste: Also eine Schlacht. Ah so was! 
No und da wollen S' halt wissen — (nach einigem 
Nachdenlien) No wissen S' was? Wer' mr scho machen. 

Der Journalist (liastig): Ich kann also melden, 
noch ist Brody in unserem Besitze — ? Oder nein 
wissen Sie was, ich weiß schon ich v/er' melden 
Brody is so gut wie entsetzt! (Ab.) 

(Verwandlung.) 



23. Szene 

Hauptquartier. 

Erzherzog Friedrich (ablesend): Und so — 

schließe ich mit den Worten: Seine Majestät unser 
Oberster Kriegsherr lebe hoch hoch — (umblätternd) 

hoch. (Hoch-Rufe. Nach einer Pause, in welcher er, feixend und 
die Zähne bleckend, die vor ihm stehende Reihe junger Offiziere 
mustert, an deren einem sein Blick haften bleibt) Ah — das is — 
der Buquoy! Der — hat schon — eine Auszeichnung! 
(Nach einer Pause, in der sein Blick weitergeht, um an einem 
andern haften zu bleiben) Und — das da — is auch — 
ein Buquoy! Der — hat auch eine Auszeichnung! 
(Pause des Nachdenkens) Jetzt — ham — zwei Buquoys — 
— eine Auszeichnung! 



353 



Der Adjutant (gelit auf den Armeeoberkomman- 
danten zu und meldet): Kaiserliche Hoheit, der Rektor 
der Wiener Universiiät mit dem Dekan und Prodekan 
der philosophischen Fakultät warten untertänigst auf 
die Erlaubnis, Euer kaiserlichen Hoheit das Ehren- 
doktorat der philosophischen Fakultät verleihen zu 

dürfen. 

(Verwandlung.) 

24. Szene 

Zvpei Verehrer der Reichspost treten auf. 

Der erste Verehrer der Reichspost: 
Hast schon das Buch glesen »Unsere Dynastie im 
Felde«? Da muß man tulli sagen! Es zeigt den 
unmittelbaren Anteil, den die Mitglieder unseres 
angestammten Herrscherhauses an diesem Kriege 
nehmen, in einer Reihe anmutiger Bilder führt es 
uns alle die fürstlichen Soldaten vor, die draußen im 
Felde mit dem einfachen Manne Mühsal und Gefahr 
kameradschaftlich teilen. Mit dem allerhöchsten Kriegs- 
herrn fängt die Reihe an. 

Der zweite Verehrer der Reichspost: 
Hörst net auf, Seine Majestät unser erhabener — ? 

Der erste: Weilst mich nicht ausreden lassen 
tust. Wohl verbieten ihm Alter und gesundheitliche 
Rücksichten, hoch zu Roß bei seinen Feldgrauen zu 
weilen, wie er es in früheren Jahren so gern — 

Der zweite: Hörst net auf — wann denn? 

Der erste: Weilst mich nicht ausreden 
lassen tust. Wie er es in früheren Jahren so gern 
im Manöver tat. Aber inniger kann niemand 
mit diesem Kriege verwoben sein als dieser 
höchste und erste Soldat des Reiches, dessen 
Liebe und Sorge bei Tag und Nacht draußen im 
Feldlager weilt, bei seiner Armee, die in all ihrer 
Herrlichkeit und Schlagkraft vornehmlich seine 
Schöpfung ist. Von diesem Bewußtsein sind aber 
auch alle seine Soldaten, seine Braven, durchdrungen. 

Die letzten Tage der Menschheit. 23 



354 



mitten im Schlachtenbraus spüren sie die segnende 
Nähe seiner väterlichen Fürsorge. Also verstehst, also 
teilt er doch mit dem einfachen Manne draußen im 
Felde kameradschaftlich Mühsal und Gefahr? No bist 
vielleicht ein Tepp, daß d' das nicht verstehst? 

Der zweite: No und w^as is nacher mit'm 
Thronfolger? Was weiß der Verfasser von höchst- 
demseiben zu berichten? 

Der erste: Überaus anziehende Episoden. 
Kaltblütig verweilte er auf einer vom Feuer der 
feindlichen Artillerie bestrichenen Anhöhe, lächelnd 
sprach er mit den Soldaten, studierte er die Karte. 

Der zweite: Sein Humor und seine gute 
Laune wirkt wie elektrisierend auf seine Umgebung. 

Der erste: In der Kriegsstimmung der Feuer- 
linie verzehnfacht sie sich. Ein Starkstrom, vor dem's 
keine Stimulanten gibt. 

Der zweite: Was is denn mit unserem 
Generalissimus Erzherzog Friedrich? 

Dererste: Der Schlachtendenker? der mit dem 
Generalstabschef Baron Conrad lange Nächte über 
die Karten gebückt sitzt? Unbegrenztes Vertrauen 
haben die Truppen zu ihm. »Unser Feldmarschall 
wird's schon machen!« sagen sie. 

Der zweite: Natürlich, er wirds schon machen. 

Der erste: Weißt wie sie ihn nennen? 

Der zweite: Ihren Soldatenvater nennen s' ihn 
halt, wie denn sonst? 

Der erste: So is. Der Verfasser des Buches 
»Unsere Dynastie im Felde« — du, der hat dir was 
erlebt! Ich stand zufällig in der Nähe, sagt er, in 
einer durch einen Hügel gedeckten kleinen Gruppe 
in Gesellschaft eines alten Rauhbarts, sagt er, aus 
der im Aussterben begriffenen Generation der in 
mehreren Feldzügen wetterhart gewordenen Veteranen, 
verstehst? Auch er beobachtete den Generalissimus in 
der Ferne. Ich bemerkte auf seinen harten Zügen — 

Der zweite: Du, das bitt ich mir aus — 



355 

Der erste: Aber er hats doch bemerkt, nicht 
ich — 

Derzweite: No aber wer hat denn harte Züge? 

Der erste: No der ahe Rauhbart! 

Der zweite: Ah so, der alte Rauhbart, das 
is was andreas. 

Der erste: Also der Verfasser des Buches 
»Unsere Dynastie im Felde« hat auf den harten 
Zügen des alten Rauhbarts eine Bewegung bemerkt, 
die er augenscheinlich zu unterdrücken suchte. Dann 
fuhr er mit seinem wetterfesten Kavalleristenhand- 
schuh über die Augen, in welchen etwas Verdächtiges 
blinkte — 

Der zweite: 0ha, Lichtsignale oder was, 
p. V. — ! 

Der erste: Weilst mich nicht ausreden lassen 
tust — herstellt! Und sagte mit einer bei ihm 
vorher nie wahrgenommenen Rührung: »Der Soldaten- 
vater . . .« (Er schluchzt.) 

Der zweite (gleichfalls bewegt): No was is mit'n 
Josef Ferdinand? 

Der erste: Jedem seiner Soldaten gehört sein 
Herz und alle Soldatenherzen gehören ihm. Ein 
Feldherr von unvergleichlichem Ruhme und ein 
schlichter, treuer, abgöttisch geliebter Soldaten- 
kamerad. So wird sein Bild weiterleben in der unver- 
gänglichen Geschichte dieses Krieges. 

Der zweite: Das is schön. Und der Peter 
Ferdinand? 

Der erste: No also — kolossal. Wie er den 
Feind von den Höhen wirft, wie er im Schneesturm 
eiserne Wacht hält — also das sind Episoden von 
mitreißender Wucht und Größe. 

Der zweite: No und der Erzherzog Josef 
is nix? 

Der erste: Der Heldenhafte! Die Soldaten 
erzählen sich, er sei unverwundbar. 



23* 



356 



Der zweite: Geh! — Noja, darum hat er glaubt, 
daß auch seine Soldaten unverwundbar sind, und hat 
sie halt bißl mit Maschingwehren von hinten — 

Der erste: Halts Maul. Und alle beten ihn an, 
der Ungar wie der Schwab, der Rumäne, der Serbe — 
alle, wie's da sind. 

Der zweite: Was, auch der Serbe? 

Der erste: No und ob! Herzzerreißende Szenen 
sollen sich abgspielt haben. Kaum angedeutet kann 
dies werden. 

Der zweite: No was is denn mit'n Eugen? 

Der erste: Der edle Ritter! 

Der zweite: No und der Max? 

Der erste: No halt ein Feschak! 

Der zweite: Und der Albrecht? 

Der erste: So jung wie er is, er teilt schon 
mit die Soldaten all die schweren Mühseligkeiten, 
kotige Wege, durchnäßte Kleider, schlechte Unterkunft, 
verdorbenes Brot, alles teilt er mit ihnen. 

Der zweite: Das sind die Helden der Tat. 
Was is mit den Helden der Barmherzigkeit? 

Der erste: Hier wird der unvergängliche Ruhm 
geschildert, den sich Erzherzog Franz Salvator durch 
seine organisatorische Riesenleistung für das Rote 
Kreuz errungen hat, hier wird das hehre Beispiel 
geschildert, mit dem die Erzherzoginnen Zita, Marie 
Valerie, Isabella, Blanka, Maria Josefa, Maria Theresia, 
Maria Annunziata und viele andere Mitglieder 
des angestammten Herrscheiiiauses der öffentlichen 
Wohltätigkeit vorangingen. Worte glühender Be- 
wunderung sind dem segensreichen, aufopfernden 
und heldenhaften Walten der Erzherzogin Isabella 
Maria gewidmet. 

Der zweite: Was is denn mit'n Leopold 
Salvator? 

Der erste: Er hat sich verdient gemacht! 

Der zweite: Ein paar hast noch vergessen. 



357 



Der erste: Erzherzog Karl Stephan entfaltet 
eine rastlose Tätigkeit, Erzherzog Heinrich Ferdinand 
verrichtet ermüdende Melderitte, ErzherzogMaximilian 
ist eingrückt und gleich den Erzherzogen Leo und 
Wilhelm, Franz Karl Salvator und Hubert Salvator 
zum Leutnant ernannt worden und alle sind uner- 
schrocken. 

D e r z w c i t e : Fürwahr ein reicher Lorbeerstrauß. 

Der erste: Das Buch, das keinen Anspruch 
auf Vollständigkeit erheben kann, wird seinen Ehren- 
platz in der Literatur dieses Krieges behaupten. 

Der zweite (schluchzt) 

Der erste: Was hast denn? 

Der zweite: Ich denk an das Prothesenspital. 

Der erste: No deshalb mußt doch nicht 
weinen, Krieg is Krieg mei Liaber — 

Der zweite: Das weiß ich doch — es is auch 
nicht destwegen, es is wegen — 

Der erste: No was denn? Was hast denn? 

Der zweite (weinend): Weilst mich nicht aus- 
reden lassen tust. Ich denk halt allaweil an die Erz- 
herzogin Zita im Prothesenspital! Einen Freudentag, 
der so manche Stunde des Schmerzes aufwiegt, 
brachte den Verwundeten der 8. Mai. Oft klang es 
an mein Ohr: »Wenn nur Erzherzegin Zita einmal 
käme!« — »Könnte ich doch Erzherzogin Zita sehen!« 
Endlich brach der ersehnte Tag an. Freudige Erregung 
vibrierte durch das ganze große lichte Haus. Um 
3/4 10 Uhr vormittags fuhr das kaiserliche Auto vor, 
dem die Erzherzogin entstieg. Es war soeben ein 
neuerTransport Verwundeter angekommen (er schluchzt). 

Der erste: No aber deshalb mußt doch 
nicht — Krieg is Krieg, mei Liaber — 

Der zweite: Das weiß ich — es is doch nur 
wegen der Zita — Also — Mit unvergleichlicher 
Anmut richtete die junge Erzherzogin an jeden der 
Neuankömmlinge das Wort. Es strahlte undleuchtete auf 



358 



in diesen wettergebräunten Gesichtern, in welchen 
das Leid und der Schmerz so manche Furche gezogen. 
Deutsche und Ungarn, Polen und Tschechen, Rumänen 
und Ruthenen fühlten sich wieder inniger verkettet 
durch ein neues Band. 

Der erste: No ja schön is schon mit die 
Prothesen — 

Der zweite: Die gleiche Freude machte ihre 
Herzen rascher schlagen. Jedem einzelnen brachte 
die hohe Frau, in der sie die gemeinsame Landes- 
mutter erkannten, warmes Interesse entgegen, und 
wenn Patienten vorgeführt wurden, denen beide Füße 
durch künstliche ersetzt waren, mit denen sie sich 
flott vorwärts bewegten — (er weint.j 

Der erste: Hör auf, Krieg is Krieg! 

Der zweite: Aber das weiß ich doch — es is 
ja wegen der Zita ! Also wie sie sich flott vorwärts- 
bewegten, folgte der Erzherzogin Blick ihnen und 
man sah Freude in ihren Augen schimmern. Und 
alle vergaßen ihre Schmerzen, ihr Leid, es war 
der Frühling, das Hoffen, die Freude eingezogen. 
Als Erzherzogin Zita das Spital gegen 1 Uhr mittags 
verließ, blieb das Leuchten und Strahlen noch auf 
den Gesichtern, stolze Freude in den Herzen. 

Der erste: Das kann ich ihnen nachfühlen. 
So ein Krieg is doch eine Passion. Wann einer das 
Glück hat und er kommt ins Prothesenspital und es 
trifft sich grad, daß ihm die kaiserliche Hoheit — 

Der zweite: Ja so einer kann von Glück 
sagen — aber weißt, es is und bleibt doch eine halberte 
Gschicht. Denn wanns einen nicht vergunnt is, für 
das angestammte Herrscherhaus zu sterben — ! 

Der erste: Ja, mei Liaber, das wird nicht 
jedermann zuteil! Man darf nicht unbescheiden sein. 
Was soll denn unsereins sagen? 

(Verwandlung.) 



359 



25. Szene 

Vor dem Kriegsministerium. 

Ein junger Mann: Servus! Wo gehst hin? 

Zweiter: Hinauf. 

Erster: Wozu? 

Zweiter: Mirs richten. Und du? 

Erster: Ich auch. 

Zweiter: Gehn mr halt mitanander. (Ab.) 

(Verwandlung.) 

26. Szene 

Ringstraße. 

Fünfzig Drückeberger (treten auf, die alle 
mit Fingern auf einander zeigen): Der sollte genommen 
wern! 

(Verwandlung.) 

27. Szene 

Vor dem Kriegsministerium. 

Ein junger Mann: Servus! Wo gehst hin? 

Zweiter: Hinauf. 

Erster: Wozu? 

Zweiter: Einfuhr. Und du? 

Erster: Ausfuhr. 

Zweiter: Gehn mr halt mitanander. (Ab.) 

(Verwandlung.) 

28. Szene 

Landesverteidigungsministerium. Ein Hauptmann sitzt an einem 
Schreibtisch. Vor ihm steht ein Zivilist. 

Der Hauptmann: Alstern ob Sie enthoben 
wern können oder nicht, das können S' am ein- 
fachsten aus der Verordnung sehn, ich will Ihnen 
da entgegenkommen, daß Sie sich selber überzeugen, 
alstern hörn S' zu : »Das k. k. Ministerium für Landes- 
verteidigung fand mit Erlaß vom 12. Juli 1915, 



360 



Nr. 863/XIV, im Einverständnis mit dem k. u. k. 
Kriegsministerium zu verfügen, daß im Hinblick auf 
den dermaligen Kriegszustand — in gleicher Weise, 
wie bereits seinerzeit mit dem Erlaß des genannten 
k. k. Ministeriums vom 13. Jänner 1915, Dep. XIV. 
Nr. 1596 ex 1914, h. o. Erlaß vom 18. Jänner 1915, 
ZI. 1068, hinsichtlich der Begünstigung nach § 31 
und 32 W.-G. (als Familienerhalter) angeordnet — 
auch der nach § 109 I, 1. Abs. § 118 I und § 121 I 
W.-V. I., im Juni 1915 zu erbringende Nachweis 
des Fortbestandes der die Begünstigungen nach 
§ 30, § 32 (als Landwirt) und § 82 W.-G. 
(§ 32 W.-G. von 1889) begründenden Verhältnisse 
bis auf weiteres aufgehoben wird, wobei die 
bezeichneten Begünstigungen einstweilen — die 
Begünstigungen nach § 30 und nach § 32 mit der 
gemäß § 108 I, zweiter Absatz W.-V. I, dem termin- 
gemäß eibrachtenFortbestandsnach weiszukommenden 
Wirkung — als fortbestehend anzusehen sind.« No 
alstern — jetzt wem S' mich aber entschuldigen, 
andere wollen auch drankommen, nicht wahr? Also 
djehre, djehre — (Der Zivilist verbeugt sich und geht ab.) 

(Verwandlung.) 



29. Szene 

Innsbruck. Ein Restaurant. An einem Tisch drei Damen, die 

schwedisch sprechen. Von einem Nebentisch stürzt ein Oberst 

mit zorngerötetem Kopf auf sie los. 

Der Oberst: Ich verbiete Ihnen, hier englisch 
zu sprechen! (Seine Gattin will ihn auf den Sessel zurückziehen.) 
Erlaube mir — ich als Schwager des Generalstabs- 
chefs — 

Die Oberstensgattin: Aber sie sprechen ja 
\iur schwedisch! 

Der Oberst: Ah so — (er setzt sich.) 

(Verwandlimg.) 



361 



30. Szene 



Marktplatz in ürodno. Die Bevölkerung ist versammelt, voran 
eine Schar von Mädchen. 

Ein Beamter der Stadthauptmaiinschaft 
(verkündet): Einem auf einen von dem Herrn Ober- 
befehlshaber der XII. Armee ausgesprochenen Wunsch 
unter Bezugnahme auf dessen Verfügung vom 
29. April 1916, Zahl 6106 ergangenen Ersuchen des 
Cheffs der deutschen Verwaltung zufolge erläßt der 
Stadthauptmann den Befehl, daß die Mädchen 
angeleitet werden, die deutschen Offiziere und 
Beamten sou^ie auch die einheimischen Respekt- 
personen durch Knicksen zu begrüßen. (Die Mädchen 
knicksen. Respektpersonen gehen vorbei) Knicksen! (Die 
Mädchen knicksen. Deutsche Beamte gehen vorbei) Tiefer 
knicksen! (Die Mädchen knicksen tiefer. Deutsche Offiziere 
kommen) Jetzt am tiefsten knicksen! (Die Mädchen 
knicksen am tiefsten.) 

(Verwandlung.) 

31. Szene 

Briefzensur bei einem deutschen Frontabschnitt. 

Der Zensuroffizier: Nee, heute ist aber 
mächtich viel zu tun! Ich habe seit neun Uhr 
1286 Karten und 519 Briefe zensuriert und die 
meisten waren an Otto Ernst. Wer noch heute 
drankommen will, möge mirs ohne An- und Unter- 
schrift vorlesen. Meine Sehkraft ist alle. (Sie lesen der 
Reihe nach vor und erhalten den Zensursteinpel.) 

Ein Hauptmann: Eine Gnade Gottes, ein 
unschätzbarer Segen sind Ihre Werke für uns 
Deutsche in dieser schweren Zeit! Sie sind für 
mich die Bestätigung, die Verkörperung des 
männlich-deutschen Glaubens der Gegenwart. Darum 
kann ich nicht anders, ich muß Ihnen, gerade Ihnen 
mein Herz ausschütten. 



362 



Ein Flieger: Ohne Phrasen dreschen zu 
wollen: Ihr Buch war mit das Schönste, Tiefste und 
Erhebendste, was ich seit Jahren gelesen habe. 

Ein Vizeieldwebel: hmigeu Dank für den 
»Gewittersegen«, der mich erfrischt und erquickt 
hat. Der Teufel hole alle Flaumacher und Nörgler! 
Wie hat das Buch mir und allen in Feldgrau aus 
der Seele gesproclien! 

Ein Unteroffizier: Heute haben wir Oster- 
sonntag. Am Nachmittage wollen uns benachbarte 
Unterstände besuchen, und zur Feier des Tages 
wird Ihr »Sonntag eines Deutschen« vorgelesen. Das 
soll uns die schönste Osterfeier ersetzen! 

Ein Landsturmmann: In den Freistunden 
findet ein richtiges Wettlesen statt. Jeder möchte 
zuerst dieses oder jenes Ihrer Bücher lesen, und 
da wir bisher drei Stück erhielten, muß hübsch 
gewartet werden, bis ein Kamerad das Buch zu 
Ende hat. 

Bedienung der 9 cm-Geschütze, genannt 
»Die Sturmkolonne« (unisono): Unser Dienst läßt 
es nicht immer zu, daß alle daran teilnehmen, und 
so lesen wir Ihren Roman doch lieber einzeln. 

Sechzehn Kraftfahrer: Sechzehn Kraftfahrer 
der 10. Armee haben mit Entzücken Ihren »Offenen 
Brief an Annunzio« gelesen — er drückt in Worten 
unsere Gefühle aus! 

Ein Oberleutnant: Jede tapfere Zeile zündet 
wie eine pünktlich krepierende Granate. 

Ein Flieger-Beobachter: Gerade Sie, der 
Sie sich als Lebensbejaher erwiesen, sind ein Erlöser 
in diesem Stumpfsinn des täglichen Einerlei. 

Ein Leutnant: Ich habe wieder mal herzliche 
Freude über Ihren Humor und hoffe, daß die 
Wirkung auch im Granatfeuer nicht nachläßt. 



363 



Ein Militär musiker: über die Zeit der 
Trennung sollen meiner lieben, armen, unglücklichen 
Braut Ihre so wunderbar heilkräftigen, tröstlichen 
Werke hinweghelfen. 

Ein Gefreiter: Sie können mit Ihrer 
von Gott gesegneten Feder unserm Vaterlande mehr 
nützen als mit dem Bajonett. 

Ein Soldat: Ihre jedes brave Herz erhebenden 
Gedichte werden bestehen, solange die Welt 
deutsche Treue und englische Falschheit kennt. 

Ein Stabsarzt: Ich las Ihren offenen Brief 
an d' Annunzio. Mir aus dem Herzen gesprochen! 
Ich kämpfe mit dem Messer, Sie mit der Feder, 
jeder nach seinen Kräften. Die Hauptsache ist, daß 
wir durchdringen. Gott strafe England! 

Ein Kanonier: Ich habe mir den Kopf 
zerbrochen, wie ich Ihnen durch Taten Dank 
abstatten könnte. 

Ein Kompagnieführer: Ihr ausgezeichneter 
Humor half uns über m.anche trübe Stimmung 
hinweg und förderte den Unternehmungsgeist. 

Ein Offizier-Stellvertreter: Wir lagen 
im Schützengraben, Ob noch ein Angriff zu 
erwarten sei, konnte niemand sagen; doch übten 
wir die größte Wachsamkeit. Um unsere Nerven, 
die wieder einmal ihr Teil erhalten hatten, etwas zu 
beruhigen, krochen wir in den Unterstand, wo ich, 
um uns auf andere Gedanken zu bringen, etwas 
vorlesen mußte. Ich wählte Ihre Plauderei »An die 
Zeitknicker«, die auch viel Anerkennung fand. 
Eben wollte ich die »Anna Menzel« beginnen, als 
wir zu unsern Zügen gerufen wurden mit der 
Meldung: am Waldrande habe man feindliche Schützen 
erkannt. Der Tanz begann. Immer mehr Angreifer 
kommen aus dem Walde hervor. Unser Maschinen- 
gewehr, welches sich zwischen meinem und dem 
ersten Zug befand, fängt nun auch an mitzuwirken. 



364 



Ebenso war unsere Artillerie auf der Hut gewesen 
und sandte nun gruppenweise ihre Schrapnells 
auf den Gegner. Mir fiel die Unruhe meiner 
Leute auf; der Gegner hatte schon teilweise den 
Drahtverhau erreicht. Unter meinen Leuten waren 
sehr viel junge Krieger, die heute zum erstenmal 
im Feuer standen. Was konnte ich als Zugsführer 
anderes tun als ihnen zurufen, ruhig zu feuern? 
In diesem AugenbHck dachte ich an die Worte aus 
der Mahnung an die Zeitknicker: »Ruuuhig, nur 
immm-mer ruuuhig!« Gebückt von Mann zu Mann, 
von Gruppe zu Gruppe kriechend, rief ich ihnen zu. 
Die Wirkung war bald zu merken. Die Feinde, die 
schon im Begriff waren, unsern Drahtverhau zu 
überwinden, wurden von den nun sichtbar ruhig 
feuernden Schützen niedergeknallt. Der Angriff war 
glatt abgewiesen; wir hatten nur v/enig Verluste. 
So ist es uns geglückt, dem Gegner wieder mal eins 
auf die Nase zu geben dank unserer Wachsamkeit 
und dem ruhigen Feuern der Schützen, das ich 
wiederum in erster Linie Ihrer Erzählung verdanke. 
Sie hat eine ungeahnte Wirkung gehabt! 

Ein Pionier: Von der Walstatt aus entbiete 
ich Ihnen, großer Meister und Freund der Jugend, 
meine herzlichsten Grüße! Möge es uns bald vergönnt 
sein, den schon aus vielen Wunden blutenden Feind 
röchelnd zu unseren Füßen zu sehen. Heil dem 
Künstler, dessen Feuergeist für seines Volkes Ehre 
ficht! 

Ein Kriegsfreiwilliger: In der Telephonbude 
liegt ein Buch von Otto Ernst. Die Sonnenflecke spielen 
über die Seiten. Ich hab' so 'ne Freud' an Ihnen 
gehabt, so 'ne Freud' überhaupt bekommen am Morgen, 
daß ich ein Ventil haben muß für all den Frühlings- 
übermut in mir. Fortlaufen, durch den Wald laufen, 
in die Welt laufen möcht' ich! Verflucht, das möchte 
ich, wenn ich nicht meinen Posten hätt'! Was denn 
dann tun? Singen! Jawohl, das hilft immer! 



365 



Gleich will mir niclil einfallen, was nun am besten 
zu schmettern war'. Husch — da ist der Gedanken- 
blitz — schwupp, da liegt der Befehlsblock! Raus 
mit dem Bleistift — Otto Ernst soll einen Gruß 
haben! Guten Morgen, Otto Ernst! Wissen Sie auch, 
daß Sie ein ganz alter Bekannter von mir sind? 
Jawohl, Sempersjung, das sind Sie! 

(Ein Generalmajor erscheint.) 

Der Zensuroffizier: Ah, auch Herr General? 

Der Generalmajor (liest): Gestern habe ich mich 
an Ihrer »Weihnachtsfeier« erquickt. Leider habe ich 
in Ihren Büchern nicht finden können, ob Sie — 
wenn Sie sich mal zur Arbeit stärken müssen — 
dies mit Rot- oder Weißwein tun. (Lachen.) Bei Ihren 
prächtigen Charaktereigenschaften und Ihrem Humor 
würde ich (als Mecklenburger ! !) auf Rotwein schließen I 
Eins aber weiß ich: sollte es im Himmel Sofaplätze 
geben, dann bekommen Sie einen solchen! 

(Immer neue Offiziere und Soldaten aller Waffengattungen 
erscheinen.) 

Der Zensuroffizier: Nee Kinder, morjen 
ist auch 'n Tach! 

(Verwandlung.) 

32. Szene 

Eine stille Poetenklause im steirischen Wald. 

Ein Kernstoc k-V e r e h r e r : Pst — leise — 
da sitzt er, ganz versunken — 

Ein zweiter Kernstock-Verehrer: Von 
hier aus sendet er seine Lieder ins Land, Lieder 
von kraftvoller, dabei doch sinniger und oft unbe- 
schreiblich zarter Eigenart, Lieder — 

Der erste: Ei, es sollte mich wundern, wenn 
er nicht eben — 

Der zweite: So scheint es. Still! Alle seine 
Hörer werden, entflammt an seiner Flamme, das 



366 



Empfangene dereinst als Lehrer tausendfältig weiter- 
geben und in die Herzen einer neuen Jugend wird 
versenkt werden, was dieser eine Mann auf seiner 
waldumrauschten, einsamen Burg in jahrzeiintelanger 
Arbeit ergründete. 

Der erste: Fürwahr, der Pfarrherr von der 
Festenburg ist ein Mann, der mit feuriger, begnadeter 
Zunge alle lebendigen Schönheiten der Gotteswelt 
zu preisen versteht. Still! 

D e r z w e i t e : Pst — es scheint über ihn gekommen 
zu sein. Wird es ein Gedicht oder ein Gebet? 

Kernstock (murmelt) : 

Bedrängt und hart geängstigt ist 
Dein Volk von fremden Horden, 
Durch Übermut und Hinterlist 
Mit Sengen und mit Morden. 

Der erste: Ei das kenne ich schon. Das ist 
ja das Gebet vor der Hunnenschlacht. 

Kernstock (murmelt) : 

O Herr, der uns am Kreuz erlöst, 

Erlös' uns von der Hunnenpest! 

Kyrie eleison! 

Der zweite: Kein Wunder, daß er die Berufung 
nach Wien angenommen hat. Geadelt durch seinen 
Priesterberuf, muß er auch als Mensch die allertiefste 
und nachhaltigste Wirkung auf seine jugendlichen 
Zuhörer ausüben. 

Kernstock (murmelt): 
Mit uns sind die himmlischen Scharen all, 
Sankt Michel ist unser Feldmarschall. 

Der erste: Einen Augenblick lang wird ja 
der Pfarrherr von der Festenburg gezögert haben, 
seine verträumte, stille Poetenklause im steirischen 
Wald mit dem Lärm der Großstadt zu vertauschen. 
Einen Augenblick lang nur — 



367 



Kernstock (murmelt) : 
Da winkte Gott — der Rächer kam, 
Das Racheschwert zu zücken 
Und, was dem Schwert entrann, im Schlamm 
Der Sümpfe zu ersticken. 

Der zweite: Dann aber wird wohl die 
Erkenntnis in ihm gesiegt haben, welch hoher 
Beruf sich ihm hier erschließt, welch neue Möglich- 
keiten ethischer, künstlerischer, kulturfördernder 
Betätigung sich ihm in Wien bieten. Und die 
Stimme dieser Erkenntnis wird bald die Oberhand 
gewonnen haben über das verlockende Rauschen 
der Tanuenforste um die Festenburg. 

Beide: Still! 

Kernstock (wie überwältigt) : 

Steirische Holzer, holzt mir gut 

Mit Büchsenkolben die Serbenbrut! 

Steirische Jäger, trefft mir glatt 

Den russischen Zottelbären aufs Blatt! 

Steirische Winzer, preßt mir fein 

Aus Welschlandfrüchtchen blutroten Wein! 

Der erste: Es ist nichts Neues, aber es reißt 
immer von Neuem fort. Der Augenblick ist da. Wenn 
wir ihn jetzt beim Wort nehmen und ihm als 
schwärmerische Jünglinge unsere Stammbücher 
hinhalten, so wär's eine Erinnerung fürs Leben. 

Der zweite: Fürwahr, das wollen wir! 
(Verwandlung.) 

33. Szene 

Bei einem Abschnittskommando. 
Die Schalek: Als wir vom Kriegspressequartier 
gestern in die Stellungen kamen, erlebte ich etwas 
Seltsames. Allnächtlich marschieren die alten Arbeiter 
mit ihren Tragtieren durch die Feuerlinie, um den 
Proviant zu den Stellungen zu bringen. Ich war 
gerade in diesen Anblick versunken. Da unterbrach 



368 



der Kommandant meine andächtige Bewunderung 
durch den kräftigen Zuruf: »Ihr Hornviecher, ihr 
gottverdammten! Werds auseinanderrücken! Müßt 
ihr von einer Granate alle gleichzeitig hin werden?« 
Das galt natürlich nicht uns vom Kriegspressequartier, 
sondern den alten Arbeitern, und er entschuldigte 
sich auch gleich darauf, denn er begrüßte uns 
lachend mit den Worten: »Entschuldigen Sie den 
temperamentvollen Empfang!« Ich kann nur bei 
allem Mitleid mit jenen armen alten Helden 
konstatieren, daß ich der Schneid und der Liebens- 
würdigkeit der Offiziere meine Anerkennung nicht 
versagen kann. Ein unvergeßliches Bild bot sich uns. 
Alle Herren waren zu unserem Empfange versammelt. 
Sonst hockt jeder wohlgedeckt oder er schläft, jedenfalls 
hütet er sich sehr, hier offen spazieren zu gehen. 
Aber weil der erste Kriegsberichterstatter angekündigt 
worden ist, sitzen die Herren gemütlich wie im 
Rathauskeller beisammen und erwarten uns. Mehr 
als das. Man hatte mit der Beschießung gewartet, 
bis wir oben angelangt waren, weil sonst das 
Vergeltungsschießen uns den Weg recht unangenehm 
hätte gestalten können. Dieses Verfahren hatte also 
nicht nur für uns von der Presse, sondern auch für 
die Offiziere die Annehmlichkeit, daß sie sich einmal 
im Freien zeigen konnten, und es hätte schließlich auch 
den armen alten Arbeitern einen gefahrlosen Marsch 
gesichert, wenn sie gleichen Schritt mit dem Kriegs- 
pressequartier gehalten hätten und mit dem Proviant 
nicht später angekommen wären als wir. Ich kann 
aber daraus den Schluß ziehen, daß es ihnen bei 
einiger Einteilung ganz gut ginge, nämlich wenn 
jeden Tag Pressebesuch bei den Stellungen wäre, 
und daß dann die Gefahren der Kriegführung für 
die Offiziere, für die Mitglieder des Kriegspresse- 
quartiers und last not least für den einfachen Mann 
wesentlich abgeschwächt wären. 
(Verwandlung.) 



369 



34. Szene 



Berlin, Tiergarten. 

Ein Austauschprofessor und ein nalionalliberaler Abgeordneter 

treten auf. 

Der Austauschprofessor: Wir führen einen 
Verteidigungskrieg. Molti^e hat zu 'nem amerikanischen 
Aushorcher gesagt, daß unser Generalstab niemals 
irgendwelche raubgierige militärische Eroberungs- 
pläne gehegt hat, von denen unsere Feinde immerzu 
schwatzen. Wie hätten wir einen Krieg gegen so 
überlegene Kräfte, sagte er, wie diejenigen unserer 
mächtigsten Militär- und Seenachbarn es sind, in 
frivoler Weise herbeiwünschen können! 

Der nationalliberale Abgeordnete: Sehr 
richtig, und wir haben den festen Willen, heraus- 
zuholen aus diesem Kriege, was unsere Heere und 
was unsere blauen Jungens herausholen können, 
und nicht zu ruhen, bis Englands Weltmachtsdünkel 
vollständig niedergebeugt ist. Heute ist der Moment 
gekommen, wo das Ergebnis des Krieges nur der 
Friede sein kann, der uns eine Erweiterung unsrer 
Grenzen in Ost und West und Übersee bringt, 
wo deutsche Weltpolitik das Gebot der Stunde 
sein muß. 

Der Austauschprofessor: Sehr richtig, der 
englische Weltm.achtsdünkel muß gebrochen werden 
und wer an unserer Friedfertigkeit zweifelt, der soll 
uns von einer andern Seite kennen lernen! Der 
Deutsche hat keine andere Sehnsucht, als im Lande 
zu bleiben und sich redlich von seinen Kolonien 
zu nähren. Dafür geben wir doch der Welt unsre 
Bildung! 

Der nationalliberale Abgeordnete: Ja, für 
unsere kulturelle Eigenart hat die Welt bisher zu 
wenig Verständnis gehabt und das wollen wir ihr 
jetzt mal gründlich einbläuen. 

Die letzten Tage der Menschheit. 24 



370 



Der Austauschprofessor: Bis dahin wird's 
leider noch lange Weile haben, und daran ist aus- 
schließlich Amerika schuld. Moltke hat zu jenem 
Amerikaner gesagt, der Krieg werde so lange dauern, 
bis Amerika aufhören werde, Waffen und Munition für 
unsere Feinde zu liefern. Moltke gibt ja zu, daß diese 
Lieferungen das Werk eines Privatkonzerns seien, 
aber er ist überrascht, daß so viele Amerikaner 
wegen materieller Vorteile einen unneutralen Handel 
zu treiben gewillt sind und daß die Regierung dem 
kein Ende bereitet. Daß die deutschen Waffenfabriken 
selbst, im Frieden, an unsre Feinde geliefert haben, 
sei ja etwas ganz anderes. Das tut die Waffenindustrie 
allerorten. Wir waren also in derselben Lage wie 
unsere Gegner, der Unterschied liegt nur darin, daß 
wir, sagt Moltke, gezwungen waren, uns selbst zu 
helfen, während für unsre Feinde außer unseren 
Waffenfabrikanten noch die amerikanische Industrie 
einsprang. 

Der nationalliberale Abgeordnete: Ja, das 
habe ich gelesen. In der gleichen Zeitungsnummer 
wird auch von der sogenannten »Enthüllung« des 
,World' Notiz genommen, daß wir gleichfalls 
Versuche gemacht hätten, aus Amerika Munition zu 
bekommen. Und das nennen die naiven Leutchen 
'ne Enthüllung! Gottvoll! Als ob das nicht selbst- 
verständlich wäre. 

Der Austauschprofessor: Jewiß doch, und 
da wir nichts bekommen haben, haben wir wohl ein 
heiliges Recht, uns wenigstens über Neutralitätsbruch 
zu beklagen! 

Der nationalliberale Abgeordnete: Jewiß 
doch, und umsomehr, als keiner vorliegt. Denn sehen 
Sie, die Vereinigten Staaten erklären ausdrücklich, 
es liege im Wesen ihrer Neutralität, daß sie uns 
ebenso gern Waffen und Munition verkaufen würden 
wie unsern Feinden. Und warum sollten wir von 



371 



dieser Neutralität nicht Gebrauch machen, wenn uns 
die Fabriken liefern wollten? Das ist auch der 
Gedankengang der .Frankfurter Zeitung', die die 
famose Enthüllung des ,World* bespricht. Bedauerlich 
ist dabei eben nur, daß wir die Munition, die wir 
aus Amerika haben wollen, nicht von den dortigen 
deutschen Fabriken, weder von den deutsch- 
amerikanischen noch von den reichsdeutschen 
Fabriken beziehen können, die an unsre Feinde 
liefern. 

Der Austauschprofessor: Wie? Deutsche, 
reichsdeutsche Unternehmungen sind das? Nicht 
englische? 

Der nationalliberale Abgeordnete: I wo, 
von den englischen sollen es etliche verweigert haben. 
Na, vermutlich würden die uns auch nichts liefern. 
Das ist eben das Pech, die feindlichen liefern uns nichts 
und die deutschen haben sich schon an unsre Feinde 
vergeben. Nun ja, eine Fabrik als solche muß ja 
nicht das Neutralitätsprinzip wahren. Die deutschen 
Fabrikanten verletzen es doch gewiß nicht, wenn sie 
Waffen an unsere Feinde liefern! 

Der Austauschprofessor: Nee. Aber — ja — 
doch — ach is das 'n Wirrwarr 1 Man vertauscht in 
diesem Kriege alle Begriffe. Wenn nur schon Friede 
wäre, da könnte man sich wenigstens selbst wieder 
vertauschen lassen und alles wäre in Ordnung. 

Der nationalliberale Abgeordnete: Na 
beruhigen Sie sich. Es ist dafür gesorgt, daß die 
Bäume nich in den Himmel wachsen. Die Debatte 
dürfte bald überholt sein. Zum Glück wird ja 
Amerika in den Krieg eintreten, und da werden 
unsere Landsleute drüben wohl oder übel sich 
besinnen müssen und werden statt an unsre Feinde 
an Amerika Waffen liefern. 

Der Au stau seh Professor: So muß es kommen! 

(Verwandlung.) 



24* 



372 



35. Szene 

Berliner Vortragssaal. 

Der Dichter: 

— Und ob jeder Schritt über Fleischfetzen steigt, 
Kartätschen und Stacheldraht: 

Die befohlene Linie wird erreicht — 
Schwatzt nicht von Heldentat! 
Wir tun unsre Pflicht, das genügt. 

(Rufe: JawoU!) 

— Über Kampfbefehle, jäh belebende, 
Schmettern die Geschütze ihre schwebende 

Sphärenmusik. 

(Rufe: So ist es!) 

— Marsch marsch, ruft Gott, schützt euer Land, 
Schützt eurer Kinder Vaterland! 

(Lebhafter Beifall.) 

— Unsre grauen Kähne 
Haben weiße Zähne. 

Die blitzen los auf jeden Schuft, 
Der nach des Kaisers Flagge pufft, 
Unterm deutschen Himmel. 

(Stürmischer Beifall. Bravo-Rufe.) 

ll Der Kaiser, der die Flotte schuf, 

*' Der steht mit Gott im Bunde — (Rufe: So ist es?) 

Denn das ist Deutschlands V/eltberuf : 

Es duckt die Teufelshunde. 

Unsre blauen Jungen 

Haben rote Zungen; 

Die zischen durchs Kanonenrohr, 

Dann fliegt der Feind durchs Höllentor 

Unterm deutschen Himmel. 

(Stürmischer Beifall.) 



373 



Sprung! Vorwärts marsch! Herausausdem Bau! 

Durch! Durch! Knirscht's, knattert 's im Draht- 
verhau, 
Und Lerchenjubel im Blauen. 
Nur hurra, hurra! schweig, Wehgekreisch! 
Marsch marsch, blankes Eisen, insFeindesfleisch! 
Und Lerchenjubel im Blauen. 
(Donnernder Beifall.) 
— — Kriegsgenossen, laßt uns singen: 
Sei geheiligt, Graus auf Erden! 
(Nicht endenwoilender Beifall. Rufe: Hoch Dehmel!) 
(Verwandlung.) 

36. Szene 

Wiener Vortragssaal. 

Der Nörgler: 

Mit der Uhr in der Hand. 

»Eines unserer Unterseebote hat am 17. Sep- 
tember im Mittelmeer einen vollbesetzten 
feindlichen Truppentransportdampier versenkt. 
Das Schiff sank innerhalb 43 Sekunden.« 

Dies ist das Aug in Aug der Technik mit dem Tod. 
Will Tapferkeit noch Anteil an der Macht? 
Hier läuft die Uhr ab, aller Tag wird Nacht. 
Du mutiger Schlachtengott, errett uns aus der Not! 

Nicht dir, der du da dumpf aus der Maschine kamst, 

ein Opfer war es, sondern der Maschine! 

Hier stand mit unbewegter Siegermiene 

ein stolzer Apparat, dem du die Seele nahmst. 

Dort ist ein Mörser. Ihm entrinnt der arme Mann, 
der ihn erfand. Er schützt sich in dem Graben. 
Weil Zwerge Riesen überwältigt haben, 
seht her, die Uhr die Zeit zum Stehen bringen kann! 



374 



Geht schlafen, überschlaft's. Gebt Gnade euch und Ruh. 
Sonst sitzt euch einst ein Krüppel im Büro, 
drückt auf den Taster, hebt das Agio, 
denn grad flog London in die Luft, wie geht das zu ! 

Wie viel war's an der Zeit, als jenes jetzt geschah? 
Schlecht sieht das Aug, das giftige Gase beizen. 
Doch hört das Ohr, die Uhr schlug eben dreizehn. 
Unsichtig Wetter kommt, der Untergang ist nah. 

Entwickelt es sich so mit kunterbunten Scherzen — 
behüte Gott den Gott, daß er es lese! 
Der Fortschritt geht auf Zinsfuß und Prothese, 
das Uhrwerk in der Hand, die Glorie im Herzen. 

Ein Zuhörer (zu seiner Gattin): Man kann 
sagen auf ihm was man will — eine Feder hat er! 

(Verwandlung.) 

37. Szene 

Der Abonnent und der Patriot im Gespräch. 

Der Patriot: Kein Badezimmer in Downing 
Street! Also was sagen Sie! 

Der Abonnent: Was soll ich sagen, es 
rieselt im Gemäuer. 

Der Patriot: Kein Badezimmer in Downing 
Street ! 

Der Abonnent: No und wem haben wir 
diese befremdliche Entdeckung zu verdanken? Ihm! 

Der Patriot: Natürlich, aber eigentlich hat 
Frau Lloyd George diese befremdliche Entdeckung 
gemacht, das muß man zugeben. 

Der Abonnent: Noja, aber er hat gebracht! 

Der Patriot: No und wissen Sie, was daraus 
mit zwingender Logik folgt? 

Der Abonnent: Er schreibt ja ausdrücklich, 
die britischen Premierminister, die seit hundert und 



375 



mehr Jahren in Downing Street residieren, haben 
also auf den Luxus eines Bades entweder verzichtet 
oder eine öffentliche Badeanstalt aufsuchen müssen. 

Der Patriot: Recht geschiehts ihnen, denen 
Schmutzianen, ich hab a Freid. 

DerAbonnent: Und bitte, nicht wie bei uns, 
wegen dem Krieg — nein, über hundert Jahr haben 
sie dort die Schweinerei anstehn lassen! 

Der Patriot: Asquith hat dort mit seiner 
Familie neun Jahre lang verlebt. 

DerAbonnent: So hat er also neun Jahr 
nicht gebadet, er und die ganze Familie. 

Der Patriot: No, das kann man nicht sagen. 
Vielleicht ham sie eine öffentliche Badeanstalt t)esucht. 

DerAbonnent: Bitte, das wurde nie gemeldet ! 
Oder ham Sie je gelesen — 

Der Patriot: Nicht daß ich mich erinner. 

Der Abonnent: No also! 

Der Patriot: Aber wissen Sie was doch 
möglich is? Gut, es is kein Badezimmer in Downing 
Street. Gut, es is nachgewiesen, sie sind auch nie 
in eine öffentliche Badeanstalt gegangen — aber 
daraus folgt doch noch nicht, daß sie überhaupt 
nicht gebadet haben seit hundert Jahr? 

Der Abonnent: Wieso? Mir scheint Sie 
sind etv/as e Skeptiker! 

Der Patriot: Schaun Sie her, die Lloyd 
George hat es entdeckt, schreibt er, wie sie ein- 
gezogen sind. No wenn sie so etwas entdeckt — 
was wird sie tun künftig? 

Der Abonnent: Weiß ich? Mei Sorg! 

Der Patriot: Sie wird tun, vermut ich, was 
höchstwahrscheinlich auch die Asquith getan hat — 

Der Abonnent: No was hat sie getan? 

Der Patriot: Was sie getan hat? Sie hat 
getan, vermut ich, was höchstwahrscheinlich alle getan 
haben was dort gewohnt haben seit hundert Jahr. 

DerAbonnent: No was ham sie getan ? 



376 



Der Patriot: Was sie getan harn? No is 
in Schönbrunn ein Badezimmer? 

Der Abonnent: Was denn is dort?! 

Der Patriot: No — ich hab mir sagen 
lassen — also ich will ja nichts gesagt haben — 
aber nehmen wir an — also hat sich der Kaiser seit 
hundert Jahr nicht gebadet oder glauben Sie, daß 
er ins Zentralbad geht? 

Der Abonnent: Schöner Patriot was Sie sind! 
Aber wie kommt das zu dem, sagen Sie lieber was 
sie in Downing Street getan haben. 

Der Patriot: Was sie getan haben? Schon 
der einfache Laie muß das erkennen — sie ham 
der Schickse geschafft, daß sie ihnen Wasser holt 
und ham sie geschickt um e Schaff und dadarin 
ham sie sich gebadet! 

Der Abonnent (hält sich die Ohren zu) : Ich 
kann so etwas nicht hören! Sie nehmen einem die 
letzte Illusion! 

Der Patriot: Bitte, das is nur eine Vermutung. 
Ich glaub ja auch eher, daß er recht hat — daß sie 
also entweder überhaupt nicht gebadet haben oder 
gezwungen waren, eine öffentliche Badeanstalt auf- 
zusuchen. 

Der Abonnent: Und ich sag Ihnen, sie ham 
überhaupt nicht gebadet! Punktum. Poincare ist 
erschüttert und Lloyd George gedemütigt. Engländer 
und Deu-sche werden sich in Stockholm begegnen. 

Der Patriot: Was heißt das? Wie kommt 
das zu dem? Sie kommen mir schon vor wie Biach. 

Der Abonnent: Sie, das sollten Sie aber 
ja wissen, so schließt doch ein Leitartikel! 

Der Patriot: Natürlich — ich weiß doch! 
Wissen Sie was ich glaub? Es rieselt im Gemäuer. 

Der Abonnent: Wem sagen Sie das! Aber 
nicht von der Wasserleitung! In der ganzen Entente 
hörich is kein Badezimmer. 



377 



Der Patriot: No das is übertrieben, haben 
Sie nicht gelesen die Zarin in der Badewanne? 

Der Abonnent: No ja, aber sie hat sie 
bekanntlich mit Rasputin teilen müssen! 

Der Patriot: Wissen Sie, worauf ich 
gespannt bin? 

Der Abonnent: Worauf? ich bin gespannt. 

Der Patriot: Ob in Downing Street ein 
Klosett is! Oder ob sie seit hundert Jahren 
gezwungen waren, entweder auf den Luxus zu 
verzichten oder eine öffentliche Bedürfnisanstalt 
aufzusuchen. Gott strafe England. 

Der Abonnent: Ma werd doch da sehn. (Ab.) 
(Verwandlung.) 

38. Szene 

In einem Coupe. 

Ein Geschäftsreisender: Köstlich ist die 
neue Operette »Ich hatt einen Kameraden«. 

Zweiter Geschäftsreisender: Kenne ich. 
Vertrete den Honigfliegenfänger »Hindenburg«. 
Marke: »Einen bessern findst du nicht«. Und Sie? 

Der erste: Diana-Kriegs-Schokolade. Auf- 
machung mit den Bildern unsrer Heerführer. Ver- 
kosten Sie mal — (Öffnet den Musterkoffer.) Vordem war 
ich Verkaufskanone bei verschiedenen Brancher:. 

Der zweite: Ich bin so frei. (Er ißt.) Außer- 
ordentlich wohlschmeckend. Nährmittelpräparate ver- 
trete ich übrigens auch. Zum Beispiel Hygiama — 

Der erste: Was, Sie vertreten Hygiama? 
Allerlei Hochachtung! 



378 



Der zweite (öffnet den Musterkoffer): Verkosten 
Sie mal — 

Der erste: Ich greife zu. Ach, mit 'ner 
Gebrauchsanweisung. (Er ißt und liest): 

Verfolgst du kämpfend den Franzosen, 
So gib ihm tüchtig auf die Hosen, 
Begegnest du dem Söldner-Britten, 
So reguliere ihn mit Tritten, 
Siehst du von weitem schon den Ruß, 
So vorbereite dich zum Schuß. 
(Zu große Nähe mußt du meiden, 
Weil Mitbewohner ihn begleiten). 

Gelungen! 

Doch ist zu diesen Heldentaten 

Vorherige Kräftigung anzuraten. 

Stockt einmal Zufuhr von Provifint, 

Bewahr als eisernen Bestand 

Hier diese Schachtel m.it Tabletten, 

Die dich vor dem Verhungern retten. 

Gebrauche sie nur in der Not, 

Verzehre sie nicht wie das Brot, 

Laß langsam sie im Mund zerfließen, 

Du stärkst dich und kannst dabei schießen. 

Sie stillen Hunger dir und Durst, 

Ersetzen Fleisch und Brot und Wurst, 

Genieße sparsam Stück für Stück, 

Kehr siegreich und gesund zurück. 

Wir wären dir zu Dank verpflichtet. 

Schriebst du uns, was du ausgerichtet. 

Dr. Theinhardts Nährmittel-Gesellschaft 
Stuttgart-Cannstatt. 

Die Verse sind nicht weniger bekömmlich als die 
Ware. Famose Aufmachung! Wir Deutsche sind nu 
mal das Volk der Dichter, nee da könn' se nischt 
dawider. 



379 



Der zweite: Nich wahr? Ja, das solln se 
uns nachmachen mit ihrem britischen Krämergeist! 
Das ist made in Germany, auch wenns just nicht drauf 
steht, 's ist alles da, in zugkräftiger Verbindung. 
Fürs Vaterland und fürs Geschäft, und wenn es mal 
uffs Janze jeht, auch die Kunst im Dienst des Kauf- 
manns steht! Sehn Se, da mach ich fix selbst nen 
Reim druff. 

Der erste: Sollten die köstlichen Verse von 
Ihnen sein? 

Der zweite: Ach nee, meine Firma beschäftigt 
nur erstklassige Dichter. Augenblicklich bin ich nicht 
mal in der Lage, Ihnen Bescheid zu geben. 

Der erste: Darf man auf Presber raten oder 
etwa auf Bewer? 

Der zweite: Ich kann's wahrhaftich nich 
sagen. Jedenfalls freut es unsre Feldgrauen. Wenn 
der Deutsche Ernst macht, dann darf auch der 
Humor in seine Rechte treten. Schießt sich leichter 
und erhält gesund. Ist von Ihrer Firma schon einer 
gefallen? 

Der erste: Gewiß, unser jüngerer Scheff hat 
den Heldentod fürs Vaterland erlitten. Da haben Sie 
die Anzeige. 

Der zweite (liest): » — Sein weiter kaufmännischer 
Blick ließ ihn früh die großen Kampfesziele erkennen 
und freudig zog er hinaus pro gloria et patria. Nun 
hat ihm die Norn die Wege verlegt, die treue Liebe 
in rastloser Arbeit für ihn geebnete. Donnerwetter! 
Aufmachung imposant! 

(Verwandlung.) 

39. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Worüber denken Sie nach? 
Übe. ein Sprachproblem? 



380 



Der Nörgler: Jawohl. Ich habe heute gelesen, 
daß die Deutschen die feindlichen Vorstellungen 
genommen haben. Da fiel mir eben ein, daß sie 
auch die eigenen genommen haben und vollständig 
unbrauchbar gemacht. Es sind noch Trichter da. 

Der Optimist: Wie meinen Sie das? Sachlich 
oder wörtlich? 

Der Nörgler: So und so, also wörtlich. Ich 
glaube, Schopenhauer hätte über die Welt als Wille 
zur Macht und deutsche Vorstellung nachgedacht. 

Der Optimist: Na aber Nietzsche? 

Der Nörgler: Hätte den Willen zur Macht 
mit Bedauern als falsche Vorstellung zurückgezogen. 

(Verwandlung.) 



40. Szene 

Das deutsche Bad Groß-Salze. Vorn ein Kinderspielplatz. Ausblick 
in eine Allee, vor deren Eingang rechSs eine Tafel: »Macht 
Soldaten frei!«, links eine Tafel: »Für Verwundete kein Zutritt.< 

Links die Villa Wahnschaffe, ein mit Zacken, Zinnen und 
Türmchen verziertes Gebäude, von dessen Giebel eine schwarz- 
rotgoldene und eine schwarzweißrote Fahne flattern. Unterhalb 
des Giebels in einer Nische die Büste Wilhelms II. Über dem 
Eingang eine Inschrift mit den Worten: »Mit Herz und Hand 
für Gott, Kaiser und Vaterland!« Ein karges Vorgärtchen, in 
welchem Figuren von Rehen und Gnomen aufgestellt sind, 
mitten unter ihnen eine alte Ritterrüstung. Vor dem Eingang, 
rechts und links zwei Modelle von Mörsergeschossen, das 
eine mit der Inschrift: »Immer feste druff!«, das andere mit: 
»Durchhalten!*. Die Spitzbogenfenster an der Front haben 
Butzenscheiben. 

Kommerzienrat Ottomar Wilhelm Wahnschaffe tritt aus der Villa 

und singt das folgende Couplet, dessen musikalisches Nachspiel 

zu jeder Strophe von einem unsichtbaren Chor mitgesungen wird, 

der das Gelächter des Auslands vorstellt. 



381 



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Ob unter See, ob in der Luft, 

wen Kampf nicht freut, der ist ein Schuft. 

Doch weil das Schuften ich gewohnt, 

so schuft' ich nicht bloß an der Front, 

ich kämpf auch schneidig und gewandt 

und halte durch im Hinterland, 

ich schufte früh, ich schufte spat, 

die Schufte das erbittert hat. 

Nur feste druff! Ich bin ein Deutscher! 

Im Frieden schon war ich ein Knecht, 

drum bin ich es im Krieg erst recht. 

Hab stets geschuftet, stets geschafft, 

vom Krieg alleine krieg' ich Kraft. 

Weil ich schon vor dem Krieg gefrohnt, 

hat sich die Front mir auch gelohnt. 

Leicht lebt es sich als Arbeitsvieh 

im Dienst der schweren Industrie. 

Heil Krupp und Krieg! Ich bin ein Deutscher! 



382 



Ich scheue keine Müh' und Plag', 
zu wenig Stunden hat der Tag. 
Daß fester steh am Rhein die Wacht, 
hab' ich die Nacht zum Tag gemacht. 
Weil vor dem Krieg ich nicht geruht, 
drum gibt es Krieg und uns gehts gut. 
Wir schlagen uns mit Vehemenz 
und schlagen kühn die Konkurrenz. 
In Not und Tod: Ich bin ein Deutscher! 

Ich geb' mein deutsches Ehrenwort: 
wir Deutsche brauchen mehr Export. 
Um an der Sonne 'nen Platz zu haben, 
gehn wir auch in den Schützengraben. 
Zu bessrer Zukunft Expansionen 
hilft uns so unbequemes Wohnen. 
Einst fragt' ich nicht nach Gut und Geld, 
der neue Deutsche ist ein Held. 
Der neue Deutsche ist ein Deutscher! 

Krieg dient uns, damit Waffen sind, 
wir drehn den Spieß, wer wagt gewinnt. 
Das Lebensmittel ist uns Zweck, 
drum nehmen wir vorlieb mit Dreck. 
Wir mischen Handel mit Gebet, 
die Kunst im Dienst des Kaufmanns steht. 
Es war einmal, doch jetzt ist's aus, 
Walhalla ist ein Warenhaus. 
Für Ideale lebt der Deutsche! 

In solchem Leipziger Allerlei 

lebt es sich fromm, jedoch nicht frei. 

Fehlt es dann aber auf dem Tisch, 

lebt es sich fröhlich, doch nicht frisch. 

Lebt von der Hand sichs nur zum Mund, 

so ist das Leben ungesund. 

Denn mehr noch von dem Mund zur Hand 

hält durch des Deutschen Vaterland. 

Von Idealen lebt der Deutsche! 



383 



Für dies Prinzip, und es ist gut, 
sciiwimml heute der Planet in Blut. 
Für Fertigware und Valuten 
muß heut' die ganze Menschheit bluten. 
Nehmt Gift für Brot, gebt Gold für Eisen 
und laßt den deutschen Gott uns preisen! 
Gebt Blut — habt ihr das nicht gewußt? — 
für Mark: das ist kein Kursverlust! 
Darum erhofft Profit der Deutsche! 

Steht unsre Sache mal so so, 

gibt Wahrheit uns das Wolffbüro. 

Doch geht die andre Wahrheit aus, 

verköstigen wir uns doch im Haus. 

Fehlt selbst das Fremdwort Surrogat, 

wir Deutsche wissen dennoch Rat. 

Wir setzen prompt an seinen Platz 

das gute deutsche Wort Ersatz. 

Auf deutsch gesagt: Ich bin ein Deutscher! 

Der Hungerplan wird ausgelacht, 

den Willen haben wir zur Macht. 

Im U-Boot sitzend lachen wir 

und sagen einfach: Machen wir; 

um Zeit zu sparen, auch: m. w. 

Die Schiffahrt lernt man auf der Spree. 

Was nützt den Feinden alle List, 

die Mahlzeit machen wir aus Mist. 

Nicht unterkriegt der Krieg den Deutschen! 

Und wenn die Welt voll Teufel war', 

die Fibel sagt: Viel Feind, viel Ehr. 

Drum: Deutschland über alles setzt 

sich kühn hinweg zuguterletzt. 

Weil bei uns alles schneidig ist, 

die ganze Welt uns neidig ist. 

Gott weiß allein, wir sind so brav, 

wir wünschen, daß er England straf. 

Beim deutschen Gott, ich bin ein Deutscher! 



384 



Wir preisen Gott auf unsre Weise 

wie vor dem Krieg zum alten Preise. 

Zur Ehre Gottes, des gerechten, 

woll'n wir auch gern im Schatten fechten. 

Gäb's alleweil nur Sonnenschein, 

man könnt' des Lebens sich nicht freun. 

Das wahre Glück bringt Schießen nur, 

drum gaudeamus igitur. 

Ein muntrer Bursche bleibt der Deutsche! 

Das eine aber weiß ich nur, 

wir Deutsche haben mehr Kultur. 

Kultur, bei allen andern Gaben, 

ist mit das Beste, was wir haben. 

Wir schwärmen für die Schlachtenlenker, 

doch sind wir auch das Volk der Denker. 

Gern woU'n für Schillern und selbst Goethen 

wir ein »Denn er war unser« beten. 

Mit Bildung schmückt sein Heim der Deutsche! 

Deutsch ist das Herz, deutsch der Verstand, 
mit Gott für Krupp und Vaterland! 
Die Grenzen sichert Hindenburch, 
im Innern halt ich selber durch. 
Wir Deutsche haben zu viel Glück; 
gehn wir bescheiden drum zurück, 
nimmt man, des Sieges sich zu freun, 
die eigne Siegfriedstellung ein. 
Hurra! sagt in dem Fall der Deutsche! 

Wir sagen stolz: Viel Feind, viel Ehr'l 

Belegte Brötchen gibts nicht mehr. 

Und mangels derer unentwegt 

die Welt mit Bomben wird belegt. 

Uns hilft die deutsche Wissenschaft 

nebst Gott, der eben England straft 

und der den Menschen nur erschuf, 

zu dreschen immer feste druff. 

Denn Gottes Ebenbild ist nur der Deutsche! 



385 



Noch lieber laßt uns als den Feind 
die Phrase dreschen, die uns eint. 
Am Ende wird die Wahrheit stehn: 
Der Kampf wird bis zum Ende gehn! 
Wir sorgen, daß uns nicht entgeh' 
das erzne Becken von Briey. 
Der Friede uns nicht intressiert, 
eh wir die Welt nicht annektiert. 
Die wenigstens gehört dem Deutschen! 

Es geht uns doch nur um die Ehr'. 

Nein, Belgien geben wir nicht her! 

Wir halten rein das Ehrenkleid; 

in Ehre wissen wir Bescheid. 

Der Endsieg unser Recht beweist: 

die Welt wird von uns eingekreist! 

So muß und wird es uns gelingen, 

die Pofelware anzubringen. 

Ja, made in Germany ist doch der Deutsche! 

Nur weil man etwas Sonne braucht, 

haben wir die Welt in Nacht getaucht. 

Mit Gift und Gasen, Dunst und Dämpfen 

woll'n bis zum jüngsten Tag wir kämpfen. 

Denn bis wir Gottes Donner hören, 

muß unsrer uns Ersatz gewähren. 

Drum überall und auf jeden Fall 

braust unser Ruf wie Donnerhall. 

Ist das nicht praktisch von dem Deutschen? 

Schon brennt die Erde lichterloh 
dank unserm Fenriswolff-Büro. 
Solang es andere Völker gibt, 
ist leider unsres nicht beliebt. 
Wo man nichts auf die Waffe setzt, 
wird unsre Leistung unterschätzt. 
Die Welt will weniger Krawall, 
und unsrer braust wie Donnerhall. 
So hört man überall den Deutschen! 

Die letzten Tage der Menschheit. 25 



386 



Nach'm Krieg wird noch mehr Arbeet sein 

und noch mehr Krieg und noch mehr Pein. 

Wie freue ich mich heut' schon drauf, 

die Liebe höret nimmer auf. 

Ach, wenn nur schon der Friede war', 

damit ich seiner müde war' ! 

Es gilt die Technik auszubaun. 

Zum U-Boot haben wir Vertraun. 

Den Fortschritt liebt nun 'mal der Deutsche! 

Wir woll'n die Wehrpflicht dann verschärfen, 

die Kleinen lehren Flammen werfen. 

Wir woll'n indes auch für die Alten 

die Kriegsdienstleistung beibehalten. 

Was wir gelernt, nicht zu verlernen, 

laßt uns vermehren die Kasernen. 

Die Welt vom Frieden zu befrein, 

steht fest und treu die Wacht am Rhein 

Aus der Geschichte lernt der Deutsche! 

Und wenn die Welt voll Teufel war', 

und wenn sie endlich menschenleer, 

wenn's endlich mal verrichtet ist 

und jeder Feind vernichtet ist, 

und wenn die Zukunft ungetrübt, 

weil es dann nur noch Preußen gibt — 

nee, darauf fall'n wir nicht herein! 

Fest steht und treu die Wacht am Rhein! 

Und weiter kriegt und siegt der Deutsche! cAb.) 

Nachdem er abgegangen ist, erscheint seine Gattin, Frau 

Kommerzienrat Auguste Wahnschaffe mit ihren Kindern, die 

sich sogleich auf dem Spielplatz verlieren, um sich mit einem 

Kriegsspiel zu beschäftigen. 

Frau Kommerzienrat Wahnschaffe: Ich 
habe nur zwei Kinder, die leider noch nicht miütär- 
tauglich sind, umsoweniger als das eine zu unserem 
Leidwesen ein Mädchen ist. So muß ich mir mit 
'nein Ersatz behelfen. indem ich mich der Vorstellung: 






387 



hingebe, daß mein Junge schon an der Front war, aber 
selbstverständHch bereits den Heldentod gefunden hat, 
ich müßte mich ja in Grund und Boden schämen, 
wenn's anders der Fall, wenn er mir etwa unver- 
wundet heimgekehrt wäre. Keinesfalls dürfte er mir in 
der Etappe sein, wiewohl sich ja auch dorthin eine Kugel 
leicht verirrt. Diese Vorstellung, die mit der beste Trost 
ist, den ich habe, und die ich gegen jeden Zweifel 
behaupte, indem ich den Zweifel mühelos abweise, 
diese Vorstellung befestige ich in der Zeit, die 
Ottomarchen zu schaffen hat. Ich bin also eigentlich 
immer beschäftigt, bis auf die halbe Stunde, die sich 
Manne, der soeben schaffen gegangen ist, zum 
Essen Zeit nimmt. Was nun dieses Essen anlangt, so 
behelfe ich mir als tüchtige Hausfrau auch hier mit 
Vorstellungen. Heut waren wir in diesem Punkte 
gut versorgt. Es gab allerlei. Wir hatten da eine 
bekömmliche Brühe aus Hindenburg-Kakao-Sahne- 
Suppenwürfel »Exzelsior«, einen schmackhaften 
Falschen Hasen-Ersatz mit Wrucken-Ersatz, Kartoffel- 
puffer aus Paraffin und 'nen Musbrei nach Haus- 
mannsart, versteht sich alles auf der Bratpfanne 
»Obu« bereitet, und zum Schlüsse Schillerlockenersatz, 
der uns trefflich gemundet hat. Eine deutsche Hausfrau 
weiß, was sie ihrem Gatten in dieser ernsten, aber großen 
Zeit schuldig ist. Zwar Manne machte Männchen, 
weil er seine leckern Hausmacher-Eiernudeln nicht 
bekam. Is nich; so mußte er sich dreinfinden. Was 
uns anfangs sehr abging, war Margarineersatz, aber 
da wir Obu haben, so fehlt es uns jetzt an nichts 
mehr. In der Hausfrauenvereinigung haben wir 
neulich einstimmig beschlossen, daß die Mineral- 
nährhefe, deren Eiweißgehalt vorzugsweise durch 
die Verwendung von Harnstoff gewonnen wird, in 
Bezug auf Nährwert der Brauereihefe gleichkommt 
und darum nicht mehr ausschließlich an die Volksküchen 
verteilt werden dürfe. Es ist heute Mode, den breiten 
Schichten der Bevölkerung entgegenzukommen. Diese 



25* 



388 



einseitige Bevorzugung muß ein Ende iiaben. Die 
bürgerliclien Kreise wollen auch leben. Die Mies- 
macher, die selbst hier was dawider haben, wenden 
ein, dafl das Ding einen Heringsgeruch und einen 
Petroleumgeschmack habe und dadurch imstande sei, 
Ekel zu erregen. Wir deutschen Hausfrauen wissen 
aber Bescheid und wir hoffen, daß sich diese Eigen- 
tümlichkeiten beim Kochen vollständig verlieren 
werden, ja wir sind überzeugt, daß die Mineral- 
nährhefe den Speisen einen feinen Wohlgeschmack 
verleiht. Ist das Mittachbrot vorbei, so kommt 
wieder die Sorge um's Amdbrot. Zum Amdbrot gibts 
heut wie immer Eintopfgericht, zur Abwechslung 
aber Leberwurst aus Stärkekleister und rotgefärbtem 
Gemüse und als Käseersatz Berliner Quark mit 
Paprikaersatz, auch erproben wirheutedas vielgerühmte 
Alldarin mit Eiersatz Dottofix aus Schlemmkreide 
mit Backpulver und etwas Salatfix, ein köstlicher 
Zusatz, den ich dem Salatin wie dem Salatol beiweitem 
vorziehe. Denn für den deutschen Familientisch ist 
das Beste gerade gut genug und es ist alles da, nich 
so wie bei arme Leute. Zur Vesper versuchten wir 
gestern Deutschers Teefix mit Rumaroma und waren 
recht angenehm überrascht. Zwar die Kinderchen 
machten Radau, weil sie ihre Rumgranaten Marke 
»Unsern Kriegern stets das Beste« nicht hatten. 
Manne bekam sein Eichelwasser, das beinahe so 
schmackhaft ist wieTutti-Gusti-Kaffe Marke Schützen- 
graben, der ja nun alle ist. Leider aber mußten 
wir uns ohne Süßstoffwasserersatz behelfen, so daß die 
Spritze leer neben jestanden hat. Ich wollte, einer 
raschen Eingebung folgend, sie mit Wasserstoffersatz 
füllen, um Manne die Vorstellung zu erhalten; es hieße 
aber den Gatten betrügen und wenn mal ein Schritt 
vom Wege getan ist, so folgt bald der zweite nach. 
So tat Jch's denn nicht. Die schönen Zeiten sind nu 
mal vorbei, wo man's noch bequem hatte und einfach 
zu spritzen brauchte, um den Kriegskaffee-Ersatz zu 



389 



versüßen. Da man aber sonst überhaupt nicht wüßte, 
daß es jetzt durchzuhalten gilt, so nehmen wir 
solch kleine Entbehrungen gern in Kauf. Umso 
lieber, als man ja anderes jetzt gar nicht in Kauf 
nehmen kann, so daß wir das viele Geld, das Manne 
verdient, glatt zurücklegen können. Der faule Friede 
kommt früh genug, wo man's wieder für Tand aus- 
gibt. Hoffentlich aber wird der Krieg noch lange 
genug dauern, daß auch darin ein Wandel zum 
Bessern eintritt. In der letzten Tagung der Vater- 
landspariei hat Manne beantracht, daß der Krieg, den 
britischer Neid, französischer Revangschedurst und 
russische Raubgier uns aufjezwungen haben, auch 
nach Friedensschluß fortgesetzt werden soll, und 
mit diesem Antrach 'ne erdrückende Mehrheit erzielt. 
Nun heißt es durchhalten und je länger je lieber. Wir 
schaffen es. Kein Tag, der nicht 'ne Nachricht brächte, 
die das Herz lauter schlagen ließe. Wie sagt doch 
Emmi Lewald? »Dreitausend tote Engländer vor der 
Front! Keine Symphonie klänge mir jetzt schöner! 
Wie das angenehm durch die Nerven rinnt, fröhlich, 
hoffnungerweckend. Dreitausend tote Engländer vor 
der Front! — bis in die Träume klingt es nach und 
surrt wie eine schmeichelnde Melodie ums Haupt.« 
Bei Velhagen & Klasing ruft sie es aus. Ich fühle 
auch so. Lliid wie liebe ich die wundervolle 
Anny Wothe, die ihre prächtige Soldatenfrau dem 
Manne die Geburt eines gesunden Jungen mitteilen 
läßt: »Jott sei Dank wieder een Soldat! Der Junge 
soll Willem heißen, er soll einmal so fest werden 
wie unser Kaiser und druffschlagen, dat de Stücken 
man so fliegen. Die andern Jungen aber, sie beten 
alle Dage, du solltest recht ville Franzosen dot- 
schlagen. Ik bete ooch, aber nicht um dein Leben. 
Det steht bei Gott. Ik beet, det du ordentlich deine 
Pflicht tust, det du nicht zuckst, wenn die Kugel 
kommt, un det du ruhig stirbst, wenn et sein muß, 
vor unser Vaterland, un unsern Kaiser, un nich an 



390 



uns denkst. Und wenn du vor deinen Hauptmann 
sterben kannst, so denke ooch nicht an uns. Die 
fünfe grüßen dir mit mir. Bei der Taufe von Willem 
wollen sie Heil dir im Siegerkranz singen, womit 
ik verbleibe deine treue Jattin!« — Ach weiß Jott, der 
einzige Grund, warum ich meinem Jatten nicht auch 
so schreiben kann, ist, daß er leider nicht im Felde 
ist, weil er zum Glück unabkömmlich ist, und ferner, 
daß ich nur einen Sohn habe, denn das jüngste ist 
wie gesagt leider 'n Mädchen. Für das Opfer, fürs 
Vaterland kein Opfer bringen zu können, müssen 
einen die geschäftlichen Erfolge entschädigen. Wahn- 
schaffe hat soeben eine wirklich interessante Kriegs- 
neuheit geschaffen, die schon in Deutschland und 
in dem mit uns Schulter an Schulter kämpfenden 
Östreich-Ungarn patentamtlich geschützt ist und 
deren Vertrieb an tüchtige Herren gegen hohe Provision 
vergeben wird. Es ist »Heldengrab im Hause«, zugleich 
Reliquienkästchen und Photographieständer und bietet 
somit nicht nur'n artiges Schmückedeinheim, sondern 
auchreligiöseErhebung. Es berührt mich wehmütig, (laß 
wir selbst leider füifo zeitgemäßen Totenkult im Zimmer 
keine Verwendung haben. Meine Kinder, nicht 
alt genug, um schon für den Kaiser sterben oder 
sich sonst für das Vaterl^ind opfern zu können, 
iiaben aber leider auch den Nachteil, daß sie nicht 
erst nach Kriegsausbruch zur Welt gekommen sind. 
Sonst sollte mir der Junge Warschau heißen und das 
Mädchen Wilna oder er Hindenburg und sie Zeppeline! 
Denn daß der Junge Willem heißt, hat sich auch 
vor dem Krieg von selbst verstanden, ich sehe darin 
keine besondere patriotische Huldigung. Ach, da 
kommen sie ja gelaufen, die niedlichen Jöhren! 
"Was is'n los? Spielt ihr denn nich Weltkrieg? 

Willichen (veeinend): Muttelchen, Mariechen will 
nich dot sein! 

Mariechen: Wir haben Einkreisung jespielt, 
denn Weltkrieg, und nu — 



391 



Willichen (weinend): Ich wollte doch nur 'nen 
Platz an der Sonne, da — 

Mariechen: Er lügt! 

Willichen: Ich hab ihren Punkt erfolgreich 
mit Bomben belegt und nu will se nich dot sein! 

Mariechen (weinend): Nee, is nich, is ne 
feindliche Lüge, echt Reuter! Zuerst hat er meine 
Vorstellung genommen und nu kommt er von der 
Flanke! Ich habe den Angriff mühelos abjewiesen 
und nu sagt er — 

Willichen: Mariechen lügt! Ihr Gegenangriff 
ist in unserem Feuer zusammengebrochen. Jetzt sind 
übahaupt die letzten Engländernester gesäubert. 
Fünf der Unsrigen sind nicht zurückgekeiirt. 

Mariechen: Bei Smorgon erhöhte Gefechts- 
tätigkeit. 

Willichen: Wir haben Gefangene gemacht. 

Mariechen: Wir haben eine gewisse Anzahl 
Gefangener eingebracht. Die in unserem Feuer 
gebrochenen Angriffswogen mußten, viele Leichen 
auf unserem Gelände zurücklassend, in Unordnung 
zurückfluten. 

V/il liehen: Das ist die schonungslose Methode 
der Russen, die bei ihren Offensiven die Massen 
vorwärtstreiben. Die Stellungen blieben in unseren 
Händen. Wir haben Volltreffer erzielt. 

Marieclien: Ich bin zur Offensive übergegangen. 

Willichen: Ich bereite mich auf einen dritten 
Winterfeldzug vor. 

Mariechen: 's ist ja gottvoll! Fatzke! 

Willichen: Na wart, ik kämpfe bis zum 
Weißbluten! 

Mariechen: Du farbiger Engländer und 
Franzose du ! 

Willichen: Es gelang dem Russen, in unseren 
Gräben erster Linie Fuß zu fassen, aber ein von uns 
bei Tagesanbruch ausgeführter Gegenangriff — 

Mariechen: — warf ihn wieder hinaus. 



392 



Wil liehen: Mehrere Gegenangriffe, die der 
Feind im Laufe des Nachmittags versuchte — 

Mariechen: — wurden durch einen kühnen 
Handstreich vereitelt. (Sie schlägt ihn.) 

Willichen: Sie lügt! Das sind übrigens die 
typischen Anfangserfolge jeder Offensive. (Er schlägt sie.) 

Mariechen: Man hüte sich, die optimistischen 
Voraussichten über die Offensive zu übertreiben. 

Willichen: Beim letzten Luftangriff auf die 
Festung London — 

Mariechen: — habe ich sogleich Repressalien 
geübt! Karlsruhe — 

Willichen: Ja, drei Zivilisten sind tot, darunter 
ein Kind. Der militärische Schade ist unbedeutend. 
Es ist immer dasselbe. 

Mariechen: Na und du? Zwei Zivilisten und 
eine Frau! Der militärische Schade ist unbedeutend. 
Es ist immer dasselbe. 

Willichen: Sie hat die Flagge des Roten 
Kreuzes nicht respektiert! Es ist immer dasselbe. 

Mariechen: Er auch nicht! Es ist immer dasselbe. 

Willichen: Wer hat angefangen? 

Mariechen: Ich auch nicht! 

Frau Kommerzienrat Wahnschaffe (die bis 
jetzt leuchtenden Auges zugehört hat): Mariechen, sei du 
man ganz stille, Vater sagte, ihr dürftet V/eltkrieg 
spielen, aber die Grenzen der Humanität müßtet ihr 
einhalten. Willichen kann keiner Fliege 'n Haar 
krümmen, er schützt seinen Besitzstand so gut er 
kann. Er führt einen heiligen Verteidigungskrieg. 

Willichen (weinend): Ich habe es nicht gewollt. 

Mariechen: Wer denn? 

W i 1 1 i c h e n : Immer feste druff ! (Er schlägt sie.) 
Icli habe einen Volltreffer erzielt. 

Mariechen (schlägt ihn): Komm nur in meine 
Riegelstellung ! 

Frau Kommerzienrat Wahnschaffe: Laß 
doch Puppe! 



393 



Willichen: Wart man, ik hol meinen Flammen- 
werfer ! 

Frau Kom m erzien r at Wahnschaffe: 
Kinderchen spielt, aber haltet die Grenzen ein! Wenn 
Willichen weiter so brav ist, bringt ihm Papelchen 
das Eiserne Kreuz aus dem Kontor mit. 

Willichen: Hurra! Da haste mein belgisches 
Faustpfand! (Er stürmt sich auf Mariechen und verprügelt sie, 
Marieclien weint.) 

Frau Kom m e r zienr at Wahnschaffe: 
Willichen, immer human! Vergiß deine gute Erziehung 
nicht! (Sie geht mit einem Taschentuch auf Mariechen zu.) 

Nu, Kinder, nu geht in die Stellung zurück, 

Doch zuvor putz ich dir noch die Nase. 

Mariechen (weinend): 

Der Bengel beschießt meine Zuckerfabrik 

Und verwendet giftige Gase I 
(Sie erhebt sich und schlägt Willichen in die Flucht.) 

Willichen: Der Rückzug ist nur strategisch. 
(Im Laufen) In Erwartung dieses Angriffes war die 
Räumung des der beiderseitigen Umfassung aus- 
gesetzten Bügens seit Jahren ins Auge gefaßt und 
seit Tagen eingeleitet worden. Wir kämpften den 
Kampf daher nicht bis zur Entscheidung durch und 
führten die beabsichtigten Bewegungen aus. Der 
Feind konnte sie nicht hindern. (Aus der Entfernung) 
Hurra, ich nehme die Siegfriedstellung ein! 
(Zwei Invaliden humpeln vorbei, in die Richtung zur Allee.) 

Frau Kommerzienrat V/ ahnschaffe: 
Nun muß ich aoer zum Rechten sehn. Wir scheuem 
heute mit dem Seifenersatzpräparat »Kriegskind«. 
(Sie erblickt die Invaliden.) Schon wieder! Das ist denn 
doch zu lästich! Wenn die jetzt die Tafel nicht wahr- 
nehmen, mache ich die Anzeige beim Ortsvorsteher. 
(Die beiden bleiben vor der Tafel stehen und kehren um.) 

Der eine: Also wohin? 

Der andere: Zurück ins Feld. Dahin lassen 
sie einen. (Sie humpeln ab.) 



394 



(Eine Bonne kommt mit einem dreijährigen Knaben, der in 
der Nase bohrt.) 

Die Bonne: Fritze, sciiämst du dich nicht? 
Na wart, das sag ich Hindenburch! 

(Fritze zieht erschrocken den Finger zurück.) 

(Manschen begegnet Trudehen.) 

Hänschen: Gott strafe England! 
Trudehen (ihn fest anschauend : Er Strafe es! 

(Sie gehen Schulter an Schulter ab, indem sie Lissauers Haß- 
gesang anstimmen.) 

(Hans Adalbert, 3 Jahre, begegnet Annemariechen, 2'/2 Jahre.) 

HansAdalbert: Ich höre, du hast Kriegs- 
anleihe gezeichnet. 

Annemariechen: Gewiß, ich hielt mich für 
verpflichtet. Den Gesprächen der Erwachsenen entnahm 
ich die ganze Größe der Bedeutung der Kriegsanleihe, 
und nun bestand ich darauf (sie stampft und gestikuliert 
heftig) Kriegsanleihezeichnung nicht etwa nur zu 
spielen, sondern mit ihr auch Ernst zu machen. Auf 
meinen dringenden Wunsch entnahmen die Eltern 
meiner Sparbüchse den ganzen Inhalt, 657 M, und — 

Hans Adalbert: Mit oder ohne Lombardierung? 

Annemariechen: Natürlich mit! 

Hans Adalbert: Donnerwetter! 

Annemariechen: Es soll dir und jedermann 
ein Beispiel sein. 

Hans Adalbert: Ein Hundsfott, wer anders 
denkt! (Ab.) 

(August und Guste treten auf.) 

Guste: In zwei Monaten ist England auf die 
Knie gezwungen. 

August: Glaubst du? Ich bin kein Flaumacher, 
aber was sagst du zu Amerika? 

Guste: Na die Kunden kenn' wa doch! 

August: Unsre Stimmung ist ernst, aber — 

Guste: — zuversichtlich! (Ab.) 



395 



(Eine Bonne kommt mit einem dreijährigen Mädchen, da? in 
der Nase bohrt.) 

Die Bonne: Mieze — wart, wenn das der 
jroße Jeneralstab sieht! 

(Mieze zieht erschrocl<en den Finger zurück.) 

(Klaus begegnet Dolly.) 

Klaus: Wir waren einjekreist, das eri<ennt 
doch heute schon jedes Kind. 

Dolly:BritischerNeid,französischerRevangsche- 
durst und russische Raubgier — da weiß man doch 
Bescheid. Die Frage nach der Kriegsschuld beantwortet 
sich von selbst. Deutschland wollte 'nen Platz an der 
Sonne. 

Klaus: Europa war ein Pulverfaß. 

Dolly: Der belgische Vertrag war ein Fetzen 
Papier. (Ab.) 

(Walter begegnet Marga.) 

Marga: Mein Vater hat den Protest der 
93 Intellektuellen unterschrieben. Er sagte aber, er 
habe ihn nicht gelesen, er wolle blind unterschreiben. 
Und dein Vater? 

Walter: Mein Vater hat ihn gelesen. 

Marga: Und was sagte er? 

Walter: Er unterschreibe doch. (Ab.) 

(Paulchen begegnet Paulinchcn.) 

Paulchen: Bethman Hollweg ist offenbar für 
'nen Verzichtfrieden zu haben. 

Paulinchen: Das kann Tirpjtz pipe sein. 

Paulchen: Mir auch. Und du? 

Paulinchen: Ausjeschlossen! Ist ja zum 
Schießen! (Ab.) 

(Jochen und Suse treten auf.) 

Jochen: Was wir vor allem brauchen, ist 
Übasee. Ich sage dir, wenn wir mit dem Welthandel 
nicht vorwärtskommen, hat Deutschland in diesem 
Krieg schlecht abjcschnitten. 



396 



Suse: Olle Kamellen, Wir müssen Festland 
annektieren. Wir brauchen Belgien als Fliegerbasis 
und etwa noch das Erzbecken von Briey, sonst — 

Jochen: Du sprichst vom Minimum. (Ab.) 

(Eine Mutter mit ihrem Töchterchen, neben ihr ein Herr.) 

Die Mutter: Na Elsbeth, willst du nich spielen ? 

Das Töchterchen: Nee. 

Die Mutter: Na spiel doch Kind. 

Das Töchterchen: Nee. 

Die Mutter: Was das Kind für 'ne komische 
Mentalität hat! Warum nur nicht? 

Das Töchterchen: Das haben wir eben vor 
den Engländern voraus und darum sind sie neidisch 
auf uns. 

Die Mutter: Ach hören Sie nur — was denn 
Kinding? warum sind denn die Engländer neidisch 
auf uns — na sag das mal dem Onkel, Elsbethchen! 

Das Töchterchen: Die Engländer sind 
neidisch auf uns, weil wir im Begriffe sind, aufwärts 
zu steigen, sie aber abwärts. Das kommt daher, weil 
die Deutschen nach der Arbeit noch weiter arbeiten, 
die Engländer sich aber an Spiel und Sport erfreuen. 

Die Mutter: Goldene Worte, Elsbeth. Nee, du 
mußt wirklich nicht mehr spielen, Elsbeth. So 'n 
Kind beschämt einen. 

Der Herr: Kindermund. 

Die Mutter: Das will ich der B. Z. mitteilen! 

Der Herr; Nee, besser für die Sammlung 
»Das Kind und der Krieg«, Kinderaussprüche, Auf- 
sätze, Schilderungen und Zeichnungen. (Ab.) 
(Ein Vater mit seinem Söhnchen.) 

Sohn: Vata, im B. T. steht 'ne W.T.B.-Meldung, 
daß durch den Krieg eine sehr erfreuliche Abnahme 
der Säuglingssterblichkeit stattjehabt hat, wenigstens 
in den deutschen Städten, für das offene Land 
lägen entsprechende Statistiken noch nicht vor, 
na und daß dort die Verhältnisse noch günstjer 



397 



liegen, kann man sich ja denken. Der Krieg sei über- 
haupt 'ne Quelle der Verjüngung jeworden. Vala, ik 
begreife, daß durch den Krieg die Säuglinge nich alle 
jeworden sind, da sie ja noch nicht in dem Alter 
sind, um sich dem Vaterlande nützlich zu machen, 
aber erkläre mir Vata, wie es kommt, daß der Krieg 
die Säuglingssterblichkeit geradezu herabsetzt? 

Vater: Der durch den Krieg bedingte Ausfall 
in den Geburtenziffern — 

Sohn: Ach quatsche nich, da müßten ja eher 
weniger Säuglinge als mehr — 

Vater: Halte die Schnute. Der durch den Krieg 
bedingte Ausfall in den Geburtenziffern wurde jeden- 
falls durch die bessere Erhaltung des Aufwuchses 
wenigstens teilweise ausgeglichen. 

Sohn: Ach Unsinn, im Krieg herrscht doch 
'ne Lausewirtschaft, wie sollte denn da der Aufwuchs 
besser erhalten werden als im Frieden? Wo nehmt 
ihr denn die Milch her? 

Vater: Wülste man stille sein, du Dreikäsehoch I 

Sohn: Is nich! So kannste mich nich mehr 
nennen — 

Vater: Wülste gleich — warum denn nich? 

Sohn: Drei Käse! Ja Menschenskind, ik bin 
alt genug, um schon vajessen zu haben, wie hoch 
'n einziger ist! 

(Der Vater gibt ihm eine Maulschelle. Ab.) 

(Ein anderer Vater mit seinem Söhnchen.) 

Vater: Jawoll mein Junge, immer feste — wie 
sagt doch Schiller, ans Vaterland ans teure schließ 
dir an ! 

Sohn: Vata — 

Vater: Nanu? 

Sohn: Vata, is denn det Vataland jetzt auch 
teurer jeworden? 

Vater :Unerschwinglich,Junge, unerschwinglich! 

(Verwandlung.) 



398 



41. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Die Neue Freie Presse hebt 
mit Recht hervor, wie vornehm es vom Grafen 
Berchtold ist, daß er nun selbst an die Front abgeht, 
um mit dem Säbel in der Hand jenem Erbfeind, 
der seiner Politik die größten Schwierigkeiten bereitet 
hat, Aug in Aug gegenüberzutreten. 

Der Nörgler: Sie meinen den treulosen 
Bundesgenossen, den der Conrad schon seit Jahren 
überfallen wollte? Was aber den Berchtold anlangt, 
so ist es wirklich fair von ihm und jetzt kann in 
der Tat eine Wendung zu unsern Gunsten ein- 
treten, wiewohl ich, wie Sie wissen, über die Mög- 
lichkeit der Verwendung von Säbeln in diesem 
Krieg sehr pessimistisch denke. Sollte aber der 
Berchtold wider Erwarten keine Gelegenheit und 
den Erbfeind nicht zu Gesicht bekomm.en, weil der- 
selbe den Stabsfressereien der k. u. k. Armee nicht 
zugezogen wird, so hat unser ehemaliger Minister 
des Äußern jedenfalls seine Pflicht erfüllt; denn er 
hat sich ja gestellt. 

Der Optimist: Ich sehe, Sie bleiben Ihrer 
Gewohnheit, alles niederzureißen, selbst vor den 
heroischen Vorbildern unserer kriegerischen Epoche 
treu. Hier haben Sie es in der , Woche', den 
Grafen Berchtold in feldmäßiger Adjustierung. 
Dieses Bild — 

Der Nörgler: — ist der Kriegsgrund. 

Der Optimist: Wieso? Die Photographie 
wurde doch später als das Ultimatum — 

Der Nörgler: Gewiß, ein andres öster- 
reichisches Antlitz, eh sie geschehn, ein anderes zeigt 
die vollbrachte Tat; und doch sind beide identisch. 
Die Serben konnten das Uhimatum nicht annehmen, 
weil ihnen die Photographie vorgeschwebt hat. Die 
Furcht Österreichs, daß sie es vielleicht doch 



399 



anneliinen würden, war ganz fjrundlos. Auch an 
eine ^ Lokalisierung« des Kriegs, die Österreich erhofft 
hatte, weil es ungestört von der Welt Serbien 
trischacken wollte, war nicht zu denken, denn die 
Welt sah dieses Antlitz im Traum. 

Der Optimist: Ich verstehe Sie wieder 
einmal nicht. 

Der Nörgler: Da tun Sie recht daran. Aber 
das Plateau von Doberdo, wo hunderttausend Leben 
verwelkt und verwestsind, ist trotzdem eine Freudenau! 

Der Optimist: Ich verstehe Sie nicht. Diese 
Photographie sagt Ihnen also — 

Der Nörgler: — daß ein Renngigerl die 
Welt in den Tod geführt hat! 

Der Optimist: Nun beginne ich Sie zu 
verstehen, kber das hat er doch nicht mit vollem 
Bewußtsein getan! 

Der Nörgler: Nein, sonst wäre er keines 
und sonst hätte er's nicht getan. Das Nieder- 
schmetternde ist, daß er nicht bei vollem Bewußt- 
sein war. Und daß dieses Argument ein Milderungs- 
grund für Staatsmänner ist und für Staatsoberhäupter, 
die doch schon von Gesetzeswegen für ihre Handlungen 
nicht verantwortlich gemacht werden können. Sie 
waren alle nicht bei vollem Bewußtsein. Österreich 
kann nichts dafür! Es hat sich bloß von Deutsch- 
land Mut machen lassen, dieses in den Krieg zu 
zerren. Und Deutschland hat Österreich in jenen Krieg 
getrieben, den es nicht gewollt hat. Die dort sind 
die verfolgende Unschuld und mir san eh die reinen 
Laniperln. Beide können nichts dafür. 

Der Optimist: Dieses Gesicht spricht wirklich 
für ein gutes Gewissen. 

Der Nörgler: Das ein sanftes Ruhekissen 
abgeben würde, wenn im Stabsquartier nicht ohnehin 
ein solches vorhanden wäre. .Aber man ist vor dieser 
schlichten Uniform überzeugt, daß der Mann auch im 
Schützengiaben vorlieb nehmen würde. Ein schlichter, 



400 



wenngleich beherzter Zugsführer, ein Wiener Biz, der 
mit den Händen an den Hüften, zwinkernd »Schau mir 
insAugee!« zum Erbfeind sagt, der nur herkommen 
soll, wann ersieh traut. Der einfache Staatsmann an der 
Front, ohne Ohrringeln, aber mit Armbanduhr, statt des 
Säbels eventuell ein Spazierstöckl, statt der Virginier 
das goldene Vließ, das aber wie gesagt vom reinen 
Lamperl bezogen ist. Er meint's nicht so, aber er 
stellt, wenn's sein muß, seinen Mann, und dank 
seiner eigenen Entschließung vom August 1914 muß 
es bekanntlich sein. Alles in allem, weit entfernt 
von Hochmut und von Schwäche, weiter als von 
der Front; kein Tachinierer, aber ein Feschak. 

Der Optimist: Diese Photographie — 

Der Nörgler: — ist dem Verbrecheralbum 
der Weltgeschichte entnommen und wird bei der 
Verhandlung vor dem Weltgericht bei der Agno- 
szierung der Kriegsurheber gute Dienste tun. Das 
Original wird natürlich wegen Unverantwortlichkeit 
oder verminderter Zurechnungsfähigkeit freigesprochen 
werden. 

Der Optimist: Wie wird sich die erweisen 
lassen? 

Der Nörgler: Es wird unter anderm fest- 
gestellt werden, daß ein harmloser Rennstall- 
besitzer das Grey'sche Angebot an die öster- 
reichisch - ungarische Monarchie, zur Erlangung 
der von ihr angeblich gewünschten Genugtuung 
Belgrad und noch etliche serbische Orte zu 
besetzen, zwischen seinen Rennprogrammen versteckt 
hatte. Denn England wollte wirklich die »Lokali- 
sierung«, die sich Österreich auf andere Weise 
erhofft hat, weshalb es den einzigen Ehrenmann 
dieses Kriegs den »Lügen-Grey« nennen ließ. Die 
Photographie wird zur Entlastung des Täters bei- 
tragen, aber zur Überführung seiner sämtlichen 
Landsleute. Sie rechtfertigt in ihrer vollkommenen 
Schamlosigkeit die aggressiven Absichten unserer 



401 



Feinde für den Fall, daß wir wirklich einen heiligen 
Verteidigungskrieg geführt haben sollten. Denn wenn 
es selbst bewiesen wäre, daß wir ein Recht hatten, 
uns an Serbien zu vergreifen, weil die ungarischen 
Schweine den serbischen den Markt gesperrt hatten, 
so würde noch immer dieses Dokument aufstehn 
und gegen uns zeugen! 

Der Optimist: Ich bitte Sie — eine Photo- 
graphie! Eine zufällige Aufnahme! Da haben wir 
im Krieg noch ganz andere Bilder zu sehen 
bekommen. 

Der Nörgler: Sie meinen alle die andern, 
die im Weltkrieg gelächelt haben. Die Heerführer, 
die vor den Wunden ihrer Mannschaft verbindlich 
gelächelt haben. Ach, dieses Lächeln im Krieg war 
erschütternder als das Weinen ! Der Photograph mußte 
sie nicht erst bitten, ein freundliches Gesicht zu 
machen, sie fanden ohnehin die Welt in Ordnung. 
Der Erzherzog Friedrich, harmlos, als ob er nicht 
bis drei Galgen zählen könnte; Karl Franz Josef, 
der Frontlächler, der dem Heldentod nicht gram 
sein kann und dem die große Zeit wie ein Walzer- 
traum vergeht; der deutsche Kronprinz, weit und 
breit beliebt als das »lächelnde Mosquito«, und alle 
die andern Lächler. Schreibtafel her, ich muß mirs 
niederschreiben, daß einer lächeln kann, und immer 
lächeln, und doch ein General sein! Und dann die 
Damen dieser Feldredoute! Zum Beispiel die Erz- 
herzogin Augusta, die Soldatenmutter, die, nach- 
dem der Soldatenvater seine Söhne mit Maschinen- 
gewehren vorgetrieben hat, den Menschen rasch noch 
vor dem Heldentod antritt und ihm als ein Symbol 
hingebender Vaterlandsliebe vorschwebt. Gegen 
diese Verschärfung der Pflicht, für die ungarische 
Sache zu sterben, gibt es keinen Schutz und es ist 
ein Schauspiel, von dem sich der Genius der Mensch- 
heit, wenn's noch einen solchen gibt, zwar abwendet, 
aber die Ansichtskartenindustrie profitiert. 

Die letzten Tage der Menschheit. 26 



402 



DerOptimist: Die aufopfernde Tätigkeit der 
Rote Kreuz-Schwestern dient doch in erster Linie dem 
Zweck, vor der Operation eines Schwerverwundeten — 

Der Nörgler: — sich mit ihm photographieren 
zu lassen. 

Der Optimist: Solche Photographien sind 
gestellt ! 

Der Nörgler: Dann ist die Verächtlichkeit 
umso besser getroffen. Auch die Photographie 
Berchtolds ist nur gestellt, um die abgründige 
Leere dieser Visage sinnfällig zu machen — die 
Leere, in die wir alle gestürzt sind und die uns ver- 
schlungen hat. 

Der Optimist: Sie übertreiben. Ich gebe zu, 
daß diese Photographie uns zwar nicht schmeichelt — 

Der Nörgler: Ausgestellt vor den Leichen- 
feldern, deren Hintergrund das sympathische Modell 
selbst beigestellt hat, trifft sie uns tödlich. Ich denke 
sie mir als einziges Lichtbild in diesen unsäglichen 
Finsternissen und habe die tröstende Gewißheit, 
daß diese Züge des österreichischen Antlitzes seine 
letzten sind. Wie wär's, wenn wir es mit dem Bilde 
jener ungezählten Märtyrer konfrontierten, die in 
Sibirien warten oder in französischen Munitions- 
fabriken geschunden werden, die auf Asinara leben 
oder die vom Todeszug aus der serbischen Gefangen- 
schaft in die italienische am Straßenrand verwest 
sind. Einer steht schon als Skelett da und öffnet 
noch den Mund wie ein verhungerter Vogel. Dies 
Bild hat ein Menschenange geschaut und ich schaue 
es wieder. Wie wär's, wenn wir es diesem lächelnden 
Berchtold verführten und alles Grausen einer Evakua- 
tion und alle lebendig Begrabenen und lebendig 
Verbrannten, die Schändungen halbmassakrierter 
Frauen, die von mitleidigeren Mördern erschossen 
werden! Ward nichts dergleichen für Welt und Haus 
photographiert? Und Berchtold, lächelnd, ward auf- 
genommen, als er's mit dem Feind aufnehmen wollte ! 



403 



Der Optimist: Aber bedenken Sie, er ist 
doch nicht verantwortlich — 

Der Nörgler: Nein, nur wir sind es, die es 
ermöglicht haben, daß solche Buben nicht verantwort- 
lich sind für ihr Spiel. Wir sind es, daß wir in einer 
Welt zu atmen ertragen haben, welche Kriege führt, für 
die sie niemanden verantwortlich machen kann. Ver- 
antwortlich für das einzige, was wirklich verantwortet 
werden muß: die Verfügung über Leben, Gesund- 
heit, Freiheit, Ehre, Besitz und Glück des Neben- 
menschen. Größere Kretins als unsere Staatsmänner 
sind doch — 

Der Optimist: — die unserer Feinde? 

Der Nörgler: Nein, wir selbst. Mit unseren 
Feinden haben wir nur die Dummheit gemeinsam, 
einen und denselben Gott für den Ausgang des 
Kriegs verantwortlich zu machen, statt uns selbst 
für den Entschluß, ihn zu führen. Was die Staats- 
männer der Feinde betrifft, so können sie nicht 
dümmer sein als die unseren, weil es das in der 
Natur nicht gibt. 

Der Optimist: An den unseren läßt sich 
allerdings die Wahrnehmung machen — 

Der Nörgler: — daß wir uns die Kriege 
ersparen würden, wenn wir sie an die Front schickten, 
also dorthin, wohin der Berchtold oder seinesgleichen 
nie gelangen wird. Noch weiter aber als diese von 
der Front sind wir von einer Einrichtung des Staats- 
lebens, wie sie die Spartaner gekannt haben, die 
bekanntlich auch solche Durch- und Durchhalter 
waren wie wir. Sie setzten ihre Kretins auf dem 
Taygetus aus, während wir sie an die Spitze des 
Staats und auf die verantwortlichen diplomatischen 
Posten stellen. 

Der Optimist: Dort sind sie dann freilich 
in manchen Fällen — 

Der Nörgler: — nicht verantwortlich! 
(Verwandlung.) 



26* 



404 



42. Szene 

Während der Somme-Schlacht. ParKtor vor einer Villa. Eine 

Kompagnie, mit todesgefaßten Mienen, marschiert vorbei, in 

die vordersten Oräben. 

Der Kronprinz (am Parktor, Tennisanzug, winkt 
ihnen mit dem Rakett zu): Machts bravl 

(Verwandlung.) 

43. Szene 

Kriegsministerium. Ein Zimmer an der Ringstraßenfront, 

Ein Hauptmann sitzt an einem Schreibtisch. Vor ihm steht ein 

Zivilist in tiefer Trauer. 

Der Hauptmann: Alstern was wolln S' denn 
noch? Eine Evidenzhaltung is in solchen Fällen ein 
Ding der Unmöglichkeit. Wir können doch net wissen, 
ob einer tot is oder verwundet in Gefangenschaft 
geraten? Da müssen S' ins italienische Kriegs- 
ministerium gehn mein Lieber I Na alstern! Was 
sollen wir denn noch alles tun? Es ist doch einfach 
unglaublich, was die Leut von uns verlangen! 

Der Zivilist: Ja — aber — 

Der Hauptmann: Lieber Herr, ich kann 
Ihnen nicht mehr sagen. Außerdem is gleich drei Uhr, 
da muß doch ein Einsehn sein, die Amtsstunden 
sind beendet. Das is doch wirklich großartig. — 
No alstern, was is denn? — Alstern schaun S', 
privat kann ich Ihnen das eine sagen : Sie ham jetzt 
sechs Wochen von Ihrem Sohn nix ghört, nehmen 
Sie also getrost an, daß er tot is. 

Der Zivilist; Ja — aber — 

Der Hauptmann: Da gibts kein Aber. 
Wo kämen wir hin, wenn wir in solchen Fällen — 
Sie können sich doch denken, daß so etwas 
tausendmal vorkommt! Jetzt is Krieg, mein lieber 
Herr! Da muß der Staatsbürger schon auch ein bißl 
was dazu tun! Schaun S' uns an, die wir hier 
sitzen! Wir stehen hier auf unserem Posten! Und 
außerdem, lieber Herr — also Sie werden doch 



405 



wohl wissen — aber das sag ich Ihnen wieder 
privat und ganz unverbindlich — , daß es für einen 
Soldaten keinen höheren Ehrgeiz und keinen 
schöneren Lohn geben kann als für das Vaterland 
zu sterben. Also djehre djehre — 

(Der Zivilist verbeugt sich und geht ab.) 

(Verwandlung.) 

44. Szene 

Kastelruth. Nachts nach einem Abschiedsfest der Offiziere einer 
Maschinengewehrabteilung. Einige liegen unter dem Tisch. 

LeutnantHelwig: Noch — was — zum essen I 
Wein herl 

Die Kellnerin: Es geht schon auf zwei, 
Herr Leutnant, die Küche — 

Leutnant Helwig: Wein her — sag ich! 

Die Kellnerin: Is schon Schluß, Herr Leut- 
nant — nix mehr da ! 

Leutnant Helwig: Du — Fähnrich — ! (Er 
entreißt dem diensthabenden Fähnrich die Dienstpistole und 
erschießt die Kellnerin.) 

Die Kellnerin: Jesus Maria! (Sie stürzt hin.) 

Ein anderer Leutnant: Aber Helwig — 
was machst denn? Is der Mensch unvorsichtig! 
Dafür kannst Zimmerarrest kriegen! 

(Verwandlung.) 

45. Szene 

Ein Wiener Nachtlokal. In der Nacht nach der zweiten Einnahme 
von Czernowitz durch die Russen. Offiziere, Buffetdamen, Lebe- 
männer, Herren vom Roten Kreuz, polnische Legionäre, Personal, 
Mitwirkende. Die Salonkapelle Nechwatal und die Zigeunerkapelle 
Miskolczy Jancsi. 

Rolf Rolf, der Stegreifdichter (ist soeben, 
halb singend, mit der Konzeption eines Gedichtes beschäftigt, 
das sich auf hingeworfene klassische Zitate und Huldigungen 
für anwesende Truppengattungen aufbaut): 



406 



Die Legionäre haben viel geleistet — 
Das liegt schon so in der Natur. 

Rufe: Bravo! Bravo! 

Und sehn Sie — wenn ich das betrachte — 

So fällt mir vom Herzen eine Last — 

Wenn ich sage — zu der Dame dorten — 

Du doch Diamanten und Perlen hast! 

Und hier — zu diesem deutschen Soldaten 

Sag ich: Es zogen nach Frankreich zwei Grenadier'. 

Heut aber — das muß ich schon sagen — 

Ist es — fürwahr — doch sehr — stier! 

Gelächter. Rufe: Oho! Bravo! Bravo! Beim Eintreten zweier 
Offiziere intoniert dieSalonkapelle: Wir sind vom k. u. k. Infanterie- 
Regiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4. Alles singt mit. 

Frieda MoreUi, die Sängerin (tritt auf 
und singt, die Hände abwechselnd vom Busen in die Richtung 
zum Publikum führend): 

Ja, mein Herz gehört nur Wien! 
Doch sehr schön ist auch Berlin! 
Denn sehn Sie, so ein Leudenant — 

(die Oberlippe streichend) 
So indresant und auch charmant, 
Ich geb ihm gern ein Rangdewu, 
Doch noch lieber — hab ich Ruh. 
Denn ach, denn ach, denn ach. 
Man wird so leicht ja schwach. 
Ja drum sag ich, mein Herz gehört Wien, 
Doch sehr schön ist auch Berlin ! 

Rufe : Bravo ! Bravo ! 

Eine Stimme: Rosa, wir fahren nach Lodz! 

(Die Musik intoniert diese Melodie, um nach einiger Zeit in 
die Melodie: >Der guate alte Herr in Scliönbrunn« überzugehen.) 

Ein ungarischer Viehhändler (zum 
Besitzer des Nachtlokals) : Ober dos is jo glänzend WOS 
hier olles geboten wird! 



407 



Der Besitzer des Nachtlokals: Ja, ich 
schmeichle mir ein erstklassiges Ensemble zu haben. 
Jeder Besucher meiner Lokalitäten wird zugeben 
müssen, daß die Bezeichnung »42-Mörser-Programm« 
auf dem Plakat nicht zu viel versprochen hat. 

Der Viehhändler: Ober nain, 42 Mörser is 
Kinderipiel gegen so ein Progromm! 

Der Besitzer: Der Feind selbst müßte 
zugeben, es is ein Bombenerfolg. 

Der Viehhändler: Wos Bomben! Bomben 
sind Krepierln gegen solche Schloger! 

Der Besitzer: Herr Kommerzialrat, zum 
Dank für die so schmeichelhafte Anerkennung 
werde ich mir sogleich erlauben, eine separate 
Huldigung darzubringen. 

(Die Musik intoniert den Rakoczy-Marsch, um, nachdem der 
Viehhändier eine Cnampagnerflasciie zerschlagen hat, in den 
Radetzkymarsch überzugehen, während dessen einer der Offiziere 
eine C ha npagnerf lasche zerschlägt, worauf der Prinz Eugen-Marsch 
intoniert wird, um in die Volkshymne überzugehen. Sämtliche 
Gäste und Animiermädchen erheben sich von ihren Plätzen und 
bleiben auch während des sich anschließenden »Heil dir im 
Siegerkranz« und der abschließenden >Wacht am Rhein« stehen. 
Das Oarderobepersonal und die Toiiettefrau sind im Saal 
erschienen und nehmen an der Huldigung teil ) 

Ein Getreidehändler (ruft in den Saal) : 
Es lebe die Nibelungentreiei 

Alle: Hurra! Hurra! Hurra! 

Der Besitzer (zu einem Stammgast) : Ist Ihnen 
der Herr bekannt, was jetzt gerufen hat? 

Der Stammgast: Selbstredend, das is doch 
der Kammerrat Knöpfelmacher! 

(Der Besitzer stürzt auf die Zigeunerkapelle los, die nunmehr 
»Ich hatt' einen Kameraden« intoniert.) 

Ein betrunkener Funktionär des 
Roten Kreuzes: Sie — bringen Sie noch einen 
Whisky mit Soda und eine Tra — Trabucco mit 
Spitz, Du — (Aufstoßen.) 

Ein Kollege: Geh, was hast denn? 



408 



Der Funktionär: Dort siech ich einen 
Verwundeten von uns — den Mann schick ich 
morgen nach Neuhaus — den Mann schick ich 
morgen zur Konschtatierung — 

Der andere: Geh laß'n gehn! 

Der Funktionär: Erlaube mir — das gibts 
nicht — den schick ich an die — (Aufstoßen) Front! 

Ein Offizier (zu einem zweiten): Was steht 
heut im Bericht? 

Der zweite: Nix Neues. 

Der erste: No ja, aber Czernowitz! 

Der zweite: No das is doch nix Neues. 

Ein Regimentsarzt (zu einem andern) : 
Oiweh, da schau her, der dort in der zweiten Loge. 
Dem hab ich gestern einen C-Befund gegeben. 
Heut draht er schon. Mieser Baldower, aber so viel 
Zehner möcht ich haben, wie dem sein Alter 
Tausender. 

Der Kollege: Ich versteh dich nicht, 
da bin ich ganz anders. Von mir kommt keiner 
zur Konschtatierung. Ausnahmen kann man ja 
machen. Aber im allgemeinen, das is doch einmal 
ein Gefühl, das man hat, wenn man die Burschen 
so vor sich zittern sieht. Wie einer anfängt zu 
zittern, ruf ich schon »Tauglich!« Da kann er Gift 
drauf nehmen. Umsomehr, wo wir doch jetzt nicht 
unter 50 o/o gehn dürfen, da wird das eo ipso 
erschwert mit den Ausnahmen. Besonders bei der 
Neunerkommission von der K-Musterung. 

Der Regimentsarzt: Du, was ich dir 
erzählen wollte. Gestern war eine Hetz im Spital! 
Die Schwester Adele hat nämlich noch immer eine 
kolossale Angst vor mir und laßt dir die Leibschüssel 
fallen von einem Bosniaken mit Beckenschuß. Hättest 
die Freud sehn solin, was die andern ghabt haben. 
Das war dir ein Gekicher! No, bis ich aber dazwischen 
gefahren bin! Man muß den Weibern imponieren. 
Gestern war überhaupt ein Tag bei uns — 



409 



Der Kollege: Bei uns is das auch so. 
Der Ehrgeiz von so einer Aristokratin is mir 
unverständlich. Die andern machen Wäschekammer, 
Servieren und so. Die aber reißen sich förmlich um 
die Leibschüsseln. 

Der Regimentsarzt: Ich muß gestehn, 
im Anfang hat mich das gereizt, so zu sehn, wie so 
feine Mädeln — aber man wird auch gegen das 
abgestumpft. Ich hab nachgedacht — warum tun 
sie das? No ja, sie wolln sich betätigen — 
Patriotismus und so. Wo hab ich nur gelesen, daß 
gerade wir Ärzte dagegen sein müßten, wegen dem 
Chok. den das weibliche Nervensystem bekommt, 
und weil sie für die Ehe verdorben wern. Probleme! 
Meschugge wird man sein und sich um Probleme 
kümmern im Krieg. Wir Praktiker — 

Der Kollege: Was ich sagen wollte, gestern 
war ein Tag bei uns, wo man wirklich geglaubt hätt, 
man is in kan Spital, sondern in an Narrenhaus. 
Postarbeit! Fünf Fälle mit Zitterneurose hab ich an 
die Front gschickt. 

Der Regimentsarzt: No und ich fünf 
Darmverwachsungen und drei Tabes. Ich sag jedem 
ins Gesicht: Schwindel! Er kann doch keine Antwort 
geben, also ist der Schwindel so gut wie bewiesen. 
(Die Salonkapelle intoniert den Prinz Eugen-Marsch.) 

Der Kollege: Jetzt fang ich mir noch andere, 
da sind vor allem die typischen Schußverletzungen 
der linken Hand — ich wüßt auch wirklich nicht, 
wie man es anders machen sollt, wenn einem der 
Oberstabsarzt fortwährend am Gnack sitzt und dem 
der Teisinger auf dem Puckel. 

Der Regi in en tsarzt: Ja, es is ein Kreuz. 
Gestern hab ich einer wunderschönen Nephritis mit 
akuter Herzschwäche einen A-Befund gegeben. No 
also daß sie singend in den Krieg ziehn, davon hab 
ich bisher wirklich nicht -'iel bemerkt. Sehr animiert 
is 1 eut das Lokal — 



410 



Der Kollege: Es geht. Es is unglaublich, 
wie man verroht. Man kommt faktisch gar nicht 
mehr dazu, human zu sein. 

Der Regimentsarzt: Ein guter Arzt, hat 
es immer geheißen für den, der zu Füßen Nothnagels 
gesessen is, hat vor allem ein guter Mensch zu sein. 
Ja, das verlernt man gründlich, ich gesteh es offen, 
und das ist das erste was man im Krieg verlernt. 
Konträr, ein guter Militärarzt darf gar kein guter 
Mensch sein, sonst kann er schaun, wie er vorwärts 
kommt, das heißt in den Schützengraben. No über 
mich wird sich der Teisinger in dem Monat nicht 
beschweren können. Ich liefer ihm, ohne daß er 
bestellt. Von mir aus! 

Der Kollege: ßitt dich, wenn ma oben paar 
hundert Ruthenen so an einem Vormittag hat baumeln 
gsehn und unten paar hundert Serben wie ich, gwöhnt 
sich der Mensch an alles. Was is das einzelne Menschen- 
leben wert? Du kennst doch den Fall, einer schreibt 
an seine Eltern, sie sollen unbesorgt sein, für den 
Notfall hat er ein weißes Tuch immer bei sich — 
der Brief kommt an mit dem Vermerk — 

Der Regimentsarzt: Ich weiß: Absender 
standrechtlich erschossen. Bei uns is Ärgeres 
vorgekommen. 

Der Kollege: Und bei uns ? Ich schau nicht 
rechts, ich schau nicht links, ich schau vorwärts ! 
Man müßt sich umbringen. Man will aber leben. 

(Alles ist aufgestanden. Die Salonkapelle spielt »O du mein 

Österreich«, um sodann in die Melodie »Da habts mein letztes 

KranU überzugehen.) 

Der Regimentsarzt: Sehr animiert is heut 
das Lokal. 

Der Kollege: Ja, wahrscheinlich wegen 
Czernowitz. 

Der Regimentsarzt: Wieso? Weil die 
Russen — 



411 



Der Kollege: Ja so — nein — oder doch. 
Oder — ich versteh das nicht — Schau die Paula 
an, bei dem Deutschmeisteroberleutnant. Die 
assentieret ich sofort. 

Der Regimentsarzt: Du fliegst auf die? 

(Rufe: Tango! Gegenrufe: Pfui! Nieder mit Tango! Walzer! 
Das is ein deutsclies Lokal ! Einerruft: Wonstep ! Antwort: Tepp!) 

Ein Betrunkener: Gott — strafe — Spielts 
Walzer, Scheißkerln, mir san in Wean! 

Der Besitzer (auf den Stammgast einsprechend): 
Wissen Sie, wer der Fähnrich is, der jetzt herein- 
gekommen is? Sehn Sie, das wissen Sie nicht. Das 
is der, von dem man doch gelesen hat, russische 
Soldaten haben ihn mit Strickleitern aus einem Sumpf 
gerettet. Jetzt kommt er jede Nacht zu uns! 

(Verwandlung.) 



46. Szene 

Nacht. Der Graben. Es regnet. Menschenleer. Vor der Pestsäule. 
Man kann in eine Seitengasse blicken. 

Der Nörgler (tritt auf): 

So merk' ich wieder, wie's von unten regnet. 

Aus Schlaf und Schlamm die alte Schlamperei, 

sie spricht den schlaff zerlassenen Dialekt 

des letzten Wieners, der ein Pallawatsch 

aus einem Wiener ist und einem Juden. 

Hier ist das Herz von Wien und in dem Herzen 

von Wien ist eine Pestsäule errichtet. 

(Er bleibt vor der Pestsäule stehen.) 

Dies Wiener Herz, es ist aus purem Gold, 
drum möchte ich es gern für Eisen geben! 
O ausgestorbene Welt, das ist d'e Nacht, 
der nichts mehr als der jüngste Tag kann folgen. 



412 



Verschlungen ist der Mißton dieses Mordens 
vom ewigen Gleichmaß sphärischer Musik. 
Der letzte Wiener röchelt noch im Takt 
und läßt die Seele irdischen Behagens 
rauschend, den letzten Regen dieser Welt 
durchdringend, auf das nasse Pflaster fließen. 

(Er blickt in die Seitengasse und gewatirt dort einen Betrunkenen, 
der mitten auf der Straße ein Bedürfnis verrichtet.) 

Hier steht er, eine Säule seiner selbst, 
in riesenhafter Unzerstörbarkeit! 
Er kann nicht untergehn, es überlebt 
dies Wahrzeichen der staubgebornen Lüge 
das Ende aller Schöpfung und er weiß, 
nur er allein ist von dem allen übrig, 
das Sterben geht ihn einen Schmarren an, 
sein innerstes Bedürfnis muß er stillen, 
es bleibt die Spur von seinen Erdentagen, 
und dieses ist der Weisheit letzter Schluß. 
Und gierig lausch' ich seinem letzten Willen, 
er hat dem Kosmos noch etwas zu sagen — 

Der Betrunkene (steht unverändert da und spricht 
in rhythmischer Begleitung, immer wiederholend): 
Ein Genuß! — Ein Genuß! — Ein Genuß! 



IV. Akt 



415 



1. Szene 

Wien. Riiigstraßenkorso. Sirk-Ecke. Larven und Lemuien. Alles 
erscheint Arm in Arm zu fünft. Grundlose Fröhlichkeit wechselt 
mit dumpf brütendem Schweigen. Ein Knäuel von Böcken steht 
da, je zwei Stirn an Stirn, einander anstarrend, wie durch ein 
Geheimnis miteinander verbunden. Soweit die Masse in Bewegung 
ist, zieht sie durch ein Spalier von Zivil, Krüppeln, Invaliden, 
deren Köpfe und GliedniaÜen in unaufhörlichen Zuckungen 
begriffen sind, von Fragmenten und Freaks aller Arten, Bettlern und 
Bettlerinnen aller Lebensalter, von Blinden und von Sehenden, die 
mit erloschenen Blicken die bunte Leere betrachten. Dazwischen 
gebückte Gestalten, die das Trottoir nach Zigarrenresien absuchen. 

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Varnichtete Niedalage der Italiena! 

ZweiterZeitungsausrufer: Extraausgabee — ! 
Die ameril<:anisclie Note von Wülson! 

Ein Offizier (zu drei anderen): Grüß dich 
Nowotny, grüß dich Pokorny, grtiß dicli Powolny, 
also du - du bist ja politisch gebildet, also was 
sagst zu Amerika? 

Zweiter Offizier: (mit Spazierstock) : Pluff! 

Der dritte: Weißt — also natürlich. 

Der vierte: Ganz meine Ansicht — gestern 
hab ich mullattiert — ! Habts das Bild vom Schönpflug 
gsehn, Klassikaner! 

Der erste: Weißt, ich glaub, es is nur eine 
amerikanische Reglam oder halt so w?.s. 

Der vierte : AGschäft wollen s' machen einfach, 
steht heut in der Zeitung. Für ihnern Pusiness! 

Der dritte: Weißt, wann s' rüsten, rüsten s' 
gegen China. 

Der zweite: Woher denn, gegen Japan! 

Der dritte: Oder gegen Japan natürlich, 
das is doch dasselbe, weißt ich verwechsel die immer. 



416 



Der zweite: Pluff sag ich. Erstens können s' 
niclit wegen die U-Boot — 

Der vierte: Natürlich, jetzt wo's noch dazu 
verschärft sein. 

Der zweite: No weißt und wenn s' schon 
herüberkommen — mit denen ihre Divisionen wird 
ein Regiment von uns spielend fertig, aber spielend 
mein Lieber — rrtsch obidraht. 

Derdritte: Höchste Zeit, wann amal Frieden is. 

Der zweite: Erlaub du mir! 

Der dritte: No, daß man wieder in die 
Gartenbau kann! 

Der zweite: Ah so, das is was andreas. 

Der erste: Also du, du bist doch politisch 
gebildet, also ich lies da immer, sie machen eine 
Blockade, du was is das? 

Der zweite: Weißt das is so — also wir und 
die Deutschen wir sind ein Block, den s' nicht 
besiegen wern, no und dafür sperrn s' uns halt die 
Lebensmitteln und so. 

Der erste: Ah, so is das — du is das wahr, 
daß die Sozi schuld sind an dem Hofverrat von die 
Böhm? — Du — mir scheint — das Mensch kenn 
ich, schau — du was is das eigentlich Belange? 

Der dritte: Herstellt — das is die von 
gestern — ein Gustomenscherl — warts, ich — (ab.) 

Die andern (ihm nachrufend): Kommst also 
nacher zum Hopfner! 

Dritter Zeitungsausrufer: Tagblaad! Un- 
widastehliches Vurdringen unsara Truppeen! 

Eine Komtesse (einen der Offiziere bemerkend, zn 

ihrer Begleiterin): Schau, die vielen Auszeichnungen, 
der hat sich gewiß gut geschlagen! Ich hab's rasend 
gern, wenn sich die Leut gut schlagen. (Ein blinder 
Soldat in zerlumpter Uniform in einem Rollwagen erscheint.) 
Wie ich noch im Palffy-Spital war — 



417 



Ein Intellektueller (zu seinem Begleiter): Ich 
versicher Sie, solange die Feinde eine Mentalität 
haben — (ab.) 

Ein Automobil hält vor dem Hotel Bristol. Ein Riesenbaby 
lehnt darin. 

Poldi Fesch (erscheint am Wagenschlag): L'exacti- 
tude la politesse des rois. Du, noch eine Minute, ich 
hab meine Gründe. 

Das Riesenbaby: Wie viel Gedecke? 
Kommt sie? 

Poldi Fesch: Qui vivra verra. Ich bin heut 
kolossal montiert, wiewohl ich gestern verloren hab — 
im Chapeau — zu blöd — also seitdem ich den 
großen Verlust damals an der Südwestfront gehabt 
hab, is mir das nicht passiert. 

Das Riesenbaby: Ich versteh dich wirklich 
nicht, warum du dich mit solche Leute — das ist 
doch keine Klasse! 

Poldi Fesch: Erlaub du mir — dafür wird 
morgen wieder mit dem Sascha Kolowrat gedraht — 
übrigens — da mußt du noch viel lernen, bevor 
du mich — du wie alt bist du? 

Das Riesenbaby: Zwauundzwanzig. 

Poldi Fesch: Also da red nicht — ein erst- 
klassiges Tripot, sag ich dir! Solang ich hier hocken 
muß, bin ich angewiesen. Aber da kannst du Gift drauf 
nehmen — ich wart nur auf denMoment, wo der Frieden 
unterschrieben is, selbstredend wird es eine partie 
remis — so oder so, wie immer die Entscheidung fällt, 
so bin ich der erste, der mit'n Orient nach Paris 
kommt! — Jetzt können wir schon herein Burscherl — 
(er winkt. Der Hotelneger öffnet den Wagenschlag.) 

Das Riesent)aby: Du ich flieg kolossal auf 
die Lona, glaubst du, wird sich da was machen lassen? 

Poldi Fesch: Qui vivra verra. (Ab.) 

Aite Männer ziehen vorbei. Man hört den Gesang: In der 
Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehen — 

Die letzten Tage der Menschheit. 27 



418 



Ein Berliner Exporteur (mit Importe im Mund, 
zu seinem Begleiter): Ach, unsere Jungens Überwinden 
diese Eindrücke spielend. Einer unserer hervor- 
ragendsten Professoren hat festjestellt, die psychische 
Ümschaltung tritt schon in der Etappe ein. Ihr hier 
seid ja im Hinterland lausiger als wir an der Front! 
Nee Kinderchens, bei euch siehts nich nach nem 
Siegfrieden aus! Is det ne Stimmung in eurem lieben 
Wien? Da staunt der Fachmann und der Laie wundert 
sich. Nee, hätt ich mir doch anders vorjestellt. Ihr 
faulen Brieder macht ja nen Klamauk um den Frieden, 
als ob ihrs jaarnich erwarten könntet — ! (Ab.) 

Ein Passant geht auf einen andern mit aufgehobenen Händen 
zu und deutet auf den Zigarettenrest, den dieser im Mund hat. 

Eine Offiziersgattin (zu ihrem Begleiter): Dort 
stehn s' schon angestellt für morgen. Von mir aus 
könnte der Krieg noch zehn Jahr dauern, mein 
Mann schickt mir alles, was ich brauch — (ab.) 

Ein Spaziergänger: Hält man sich nicht an 
die Vorschriften, muß man zahlen. Hält man sich ja 
an die Vorschriften, is man zum Tod verurteilt. 

Ein zweiter: Wieso? 

Der erste: No ham Sie nicht heut gelesen, 
intressant, ein Professor verhungert? 

Der zweite: Wieso ein Professor? 

Der erste: Mittelstand. Er hat sich nicht 
verschaffen können im Schleichhandel, er hat gelebt 
nach der Rationierung. 

Der zweite: Schigan. (Ab.) 

Erster Verehrer der Reichspost: Wenn 
jetzt die Offensive kommt, dann paß auf — rrtsch 
obidraht ! 

Zweiter Verehrer der Reichspost: Und 
nacher mit die Juden — ramatama! (Ab.) 

Ein EigenbröHer: Sehn Sie, gestern hab 
ich hier im Rostraura vorzüglich gegessen. Wann 



419 



aber wird endlich diese Bezeichnung »Bristol« ver- 
schwinden? Unsere Sprache muß von diesen 
welschen Bezeichnungen gesäubert werden! Früher, 
ja, da hab ich 10 Prozent genommen, jetzt nehm ich 
grundsätzlich nur 40 vom Hundert. 

Sein Begleiter: Da haben Sie recht. Da — 
schaun Sie sich die an — 

Der Eigenbrötler: No wenn Sie einen 
Gusto, pardon einen Geschmack haben — gehn Sie 
ihr nach, vielleicht gibt sie Ihnen ihre Anschrift. (Ab.) 

(Eine korpulente Dame in Rote Kreuz -Tracht mit Lorgnon 
entsteigt einem Elektromobil.) 

Lenzer v. Lenz brück (in Rittmeisteruniform): 
Küß die Hände, gnädigste Kommerzialrätin — Wie, 
noch nicht auf die Länder? Eine Sensation für Wien! 
Kann Ihnen gar nicht sagen, wie famos Ihnen die 
Tracht steht! 

Frau Back v. Brünnerherz: No und Ihnen 
doch auch! Gehn Sie herein frühstücken? Mein 
Mann wartet. 

Lenzer v. Lenzbruck: Der Göttergatte? 
Rasend gemütlich! Also daß Sie sich entschlossen 
haben zu pflegen, ist die größte Sensation von Wien! 

Frau Back v. Brünnerherz: Ich bin sehr 
zufrieden, wir können dadurch das Auto behalten, 
zwei Jahre hat mein Mann darum gekämpft, so hab 
ich micn schließlich entschlossen zum Roten Kreuz zu 
gehn. Ihnen kann ich ja sagen, es is mehr pro forma 
und wegen dem guten Ton. Nämlich ich pflege — 

Lenzer v. Lenzbruck: Also doch! 

Frau Back V. Brünnerherz: Wiesoo, ich pflege 
nur hinzufahren, wenn ich grad Lust hab. Jetzt 
wo der Krieg sich sowieso seinem Ende zuneigt, 
stehts so nicht mehr dafür. Gestern hat mich die 
Annunziata angesprochen — 

Lenzer v, Lenzbruck (faltet die Hände): Bitti 
bitti erzählen, Baronin — ! 



27* 



420 



Frau Back v. Brünnerherz: Ich protz nicht 
gern, soll Ihnen mein Mann erzählen. Apropos, ich 
hab gelesen, Sie sind doch Rittmeister geworn, ich 
gratuliere. Wissen Sie, daß Sie viel fescher sind 
wie in Zivil? Wahrscheinlich gehn Sie deshalb in 
Uniform herum! No hab ich erraten? Die Männer! 

Lenzer v.Lenzbruck (geschmeichelt): FindenSie? 

Frau Back v. Brünnerherz: Und das 
Verdienstkreuz! Sigilaudis! Da schauts her! 

Lenzer v. Lenzbruck (abwehrend): Nicht der 
Rede wert. 

Frau Backv. Brünnerherz: Fehlt nur noch — 
no Sie sind imstand und gehn noch an der Front! 
Waren Sie schon einmal? 

Lenzer v. Lenzbruck: No kann ich denn? 

Frau Back v. Brünnerherz: Wieso? 

Ein Blumenweib: Veigerl! 

Lenzer v. Lenzbruck: Der Verwaltungsrat 
laßt mich doch nicht! Ich hab aufgedraht — (beide ab.) 

Ein Herr: Ja richtig, sagen Sie, was macht 
denn eigentlich Ihr Freund, der Maler? Der hat 
doch einen leichteren Dienst? 

Zweiter Herr: No eigentlich ja. Zuerst hat er 
Qrabkreuze gezeichnet — 

Der erste: No also! 

Der zweite: Aber da wars auf einmal aus mit 
der Herrlichkeit und er hätte in ein Marschbataillon — 

Der erste: Oivve, no und — ? 

Der zweite: No und da ist eine glückliche 
Wendung eingetreten. Es hat sich nämlich heraus- 
gestellt, daß der Hauptmann kunstsinnig ist. 

Der erste: No und? 

Der zweite: No und jetzt zeichnet er nackte 
Weiber für den Hauptmann. 

Der erste: No also! 



421 



(Storm kommt.) 

Fräulein Löwenstamm: Da kommt der 
Storm ! 

Fräulein Körmendy: Und noch dazu in 
Uniform ! 

Ein Herr steigt aus einem Wagen. 

Der Fiaker (die Hand aufhaltend): Aber gnä Herr, 
WOS gebn S' mr denn do? (Die Hand umdrehend) 
Schaun S' iier — dö Narben! 

(Verwandlung.) 

2. Szene 

Der Optimist ur.d der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Gehen Sie bald wieder in 
die Schweiz? 

Der Nörgler: Von Herzen gern, wiewohl 
man sicher sein kann, das Publikum, dem man 
hier entflieht, dort anzutreffen. Nun, wenigstens 
verliere ich das Milieu nicht ganz aus den Augen, 
wenn ich an dem Drama dieses Untergangs arbeite. 
In Bern ist man wieder in Wean, ein verwesender 
Staat exportiert seine Fäulnisprodukte, Falloten und 
Diplomaten, Schieber und Schreiber, deren unge- 
hindertes Reisen sich von selbst versteht und die 
für die Hassenswürdigkeit dieses weltaufreizenden 
Staatsgebildes noch die Schweizer Propaganda 
besorgen. Aber unsereins hat's nicht so leicht 
und die Formalitäten, die nötig sind, um weg- 
zukommen, hindern mich daran. 

Der Optimist: Ja, die Paßgeschichten. Ein 
Amt weiß nicht, was das andere verlangt. Aber 
schließlich, Krieg ist — 

Der Nörgler: Krieg, das ist ja bekannt. Aber 
noch lästiger als sich von diesem Staat etwas verbieten 
zu lassen, ist, sich von ihm etwas erlauben zu lassen. Und 
dann muß man ja einen »triftigen Grund« angeben. 



422 



Der Optimist: Nun, und Sie haben keinen? 

Der Nörgler: Eine Fülle. Die Aussicht in der 
Schweiz ein Butterbrot zu bekommen, möchte ich 
nicht geltend machen. Eher schon die Summe aller 
Gründe: das Bewußtsein, in Österreich zu leben. Die 
Behörden würden sich Schreibereien ersparen, wenn 
man vor der Ausreise einen triftigen Grund anführen 
müßte, um hier zu bleiben. Aber ein triftiger Grund, 
um auf und davon zu gehen, ist allein schon die 
Frage, ob man einen hat. Sie ist allerdings nicht 
bloß ein triftiger Grund zur Ausreise — 

Der Optimist: Sondern? 

Der Nörgler: Zur Auswanderung. 

Der Optimist: Sie werden also leicht einen 
finden. Wofür würden denn Sie mit Ihrer Dialektik 
keinen triftigen Grund finden! 

Der Nörgler: Zur Rückkehr. 

(Verwandlung.) 

3. Szene 

Ein Bahnhof bei Wien. 

Eine fünfhundertköpfige Herde steht vor dem herabgelassenen 

Kassenschalter seit zwei Stunden. 

Ein Wiener: In zehn Minuten kummt er. 

Ein zweiterWiener (zum Portier; : Bitt schön 
wann kummt er denn? 

Der Portier: No so um a siebene kummt 
er gern. 

Ein dritter: No aber jetzt is eh scho drei- 
viertel auf acht. 

Der Portier: Richti, do schau. No heut hot 
er eh zwarahalb Stund Verspätung. Is eh ongschrieben. 

Der Nörgler: Kann man sich darauf verlassen? 

Der Portier (gereizt): Ah wos, wos waß denn i, 
die wissen an Dreck, und wonn s' wos wissen, wern s' 
es do net dem Publikum auf d' Nosn binden! 

Der Nörgler: Ja aber warum denn nicht? 



423 



Der Portier: Weil s' selber an Dreck wissen! 

Der Nörgler: Aber es is doch angeschrieben. 

Der Portier: Jo, ongschrieben, ongschrieben, 
aber kummen tut er deßtwegen halt do später! 

Der Nörgler: Is das die Regel? 

Der Portier: Na, a Regel is grad net, aber 
dös müßt rein a Ausnahm sein, daß er pünktlich 
nach der Verspätung kummt. 

Der Nörgler: Ja, aber warum wird denn dann 
die Verspätung angeschrieben? 

Der Portier: Weil dös eben ka Mensch net 
wissen kann. Dö draußt mölden 's net herein und 
dö herint sogen nix. 

E i n V i e r t e r : Mir scheint gar, jetztn kummt er! 

Der Portier: No olstan, sehn S', dös is rein 
der reine Zufall. 

Der Nörgler: Ja, aber wie kommt denn das? 

Der Portier: Mei liaber Herr, do nutzt ka 
Nürgeln, da müassn S' wem ondern frogen. Dös san 
halt die Verspätungen! Wir herint kriagn kane 
Möidung nicht und dö draußt sogen nix — ietzn bei 
dem Verkehr kann ma halt nix machn, jetzt is Kriag! 

Ein fünfter: Der Zug kommt! 

Ein sechster: Der Kassier schloft! 

Rufe: Was is denn?! — Aufmachen! — (Der 
Nörgler schlägt mit dem Stock auf den Schalter.) So is recht! 

(Der Schalter geht in die Höhe. Das österreichische Antlitz 

erscheint. Es ist von außerordentlicher Unterernährtheit, jedoch 

von teuflischem Behagen gesättigt. Ein dürrer Zeigefinger scheint 

hin- und herfahrend alle Hoffnung zu nehmen.) 

Das österreichische Antlitz: Wird kane 
Koaten ausgeben! Wird kane Koaten ausgeben! 

(Murren, das sich zum Tumult steigert. Es bilden sich Gruppen.) 

Ein Eingeweihter: Kummts, i zeig enk ein 
Hintertürl! Da brauch' mr überhaupt kane Koaten! 
^AUe ab durch das Hintertürl.) 

(Verwandlung.) 



424 



4. Szene 

Kohlmarkt. Vor dem Schaufenster einer Büderhandhitig. 

Margosches: Eines unserer gediegensten 
Geschäfte für Künste und so. 

Wolffsohn: PräChtich! (Er betrachtet die Auslage.) 
Was mir in eurem lieben Wien sympathisch auffällt, 
ist, daß ihr noch im vierten Kriegsjahr an den 
Sinnbildern der Nibelungentreue festhaltet. Überall 
sieht man doch euern guten alten Kaiser Schulter 
an Schulter mit dem unsern; er will nicht loskommen, 
denn er kann nicht, sie sind unzertrennlich. Ach 
und da ist ja S. M. im Reichstach, die historische 
Sitzung, in der er das Schwert zieht. Na wissen 
Se, lieber Kommerzialrat, das war 'n Tach! — Wer 
ist denn der olle Dicke da? 

Margosches: Das is doch der Erzherzog 
Friedrich ! 

Wolffsohn: Ttichtjer Mann! 

Margosches: Sehn Sie sich an, das ganze 
Erzhaus ! 

Wolffsohn: Sieh mal, lauter Charakterköpfe, 
jeder 'ne Nummer. Ach, und da habt ihr sogar das 
schöne Bild, wie unser Kaiser weint. 

Margosches: No und das Bild, wo unser 
Kaiser weint? Dorten! 

Wolffsohn: Nicht doch, das is nur 'n 
Schangerbild, er könnte auch beten. Aber der unsre 
ist an der Front bei seinen Soldaten und da hat 
denn der Maler richtje Tränentropfen rinjemalt. 

Margosches: Das da is eines der greßten 
Malereien, »Die große Zeit«. Da is auch unser 
Kaiser mitten drin in der Schlacht! 

Wolffsohn: Ja, so siehste aus. Mächtich 
intressant. Da reiten se alle feste druff, euer alter 
Kaiser und S. M., unser Hindenburch und euer 
Hützendorf — da könnte sich manch ein Drücke- 
berger 'n Beispiel nehmen. 



425 



Margosches: Kennen Sie das hier, Herr 
Kommerzienrat? Das hab ich mir sagen lassen, soll 
von Theodor Körner sein. 

Wolffsohn: Doch. Ist ja berühmt! 'ii 
stimmungsvolles Bild, 'n prächtjer Junge. (Er liest) 
»Vater, ich rufe dich, 's ist ja kein Kampf um die 
Güter der Erde!« (im Abgehn.) Ja, ich sage Ihnen, 
siegen müssen wa, siegen! Denn geht die Valuta 
von alleine in die Höhe. 

(Verwandlung.) 



5. Szene 

Zwei Dichter im Gespräch. 

Der Dichter Strobl: — Und all das Grün 
mit Mondlicht durchwirkt, weit hinaus ergossen, bis 
zu fernen, weißglänzenden Häusern und dunklen 
Bergen, wie Eichendorffs allerholdseligstes Somm.er- 
nachtsgedicht . . . (versinkt in Träumerei) Wie ich wieder 
aus dem dunklen Saal auf die Terrasse trete, hat der 
Fähnrich sein großes Taschenmesser in der Hand, 
schneidet ein Stück Geselchtes herunter und sagt so 
beiläufig und obenhin: »Mit diesem Messer hab ich 
ein paar Katzeimachern den Hals abgeschnitten.« 
(Nach einer Pause, versonnen) War ein braver Junge! 

Der Dichter ErtI: Welch ein Erleben! Ich 
beneide Sie. (Er sinnt.) Ich habe einen Plan fjefaßt. 
Ich werde vorschlagen, die siebente Kriegsanleihe 
»Wahrheilsanleihe« zu nennen. 

Der Dichter Strobl: Fürwahr ein sinniger 
Gedanke. Aber warum? 

Der Dichter Ertl: Weil unser Sieg der 
Wahrheit endlich doch zu ihrem Rechte verhelfen 
muß und wird! Weil die Bedingung erfolgreicher 
Friedensverhandlungen die Wahrheit sein muß, 
nämlich : amtliche Richtigstellung aller Lügen und 



426 



Verleumdungen, mit denen unwürdige Machthaber 
und Zeitungsschreiber der Ententeländer ihre eigenen 
Völker und die Welt betrogen, vergiftet und mißleitet 
haben. (Strobl drückt ihm stumm die Hand. Sie schreiten fürbaß.) 

(Verwandlung.) 

6. Szene 

Kommers. Hindenburg-Feier. 

Ein A. H.: Bierehrliche Seelen! So 

beherziget denn, was euch die Deutsche Korpszeitung 
ans Herz legt. (Liest vor.) Und die Möglichkeit des 
Vieltrinkens und des Vieltrinkenlassens ist auch 
notwendig. Verbieten wir das Resttrinkenlassen, so 
kann jederzeit jeder trinkfeste Fuchs jeden weniger 
vertragenden Korpsburschen in Grund und Boden 
trinken, und die Autorität ist hin, oder aber wir 
schaffen die Bieiehrlichkeit und damit die Grundlage 
jeder Kneipgemütlichkeit ab. Verbieten wir das 
Vollpumpen, so geben wir ein Erziehungsmittel aus 
der Hand. (Rufe: »So ist es!« »Tempus für Platz und Stoff!«) 
Ich bitte, diese Worte nicht aus dem Zusammenhang 
gerissen zu zitieren. Unser Korpsleben soll doch 
eine Kette von Erziehungsversuchen darstellen. Und 
jeder Korpsstudent wird bestätigen, daß er nie mehr 
im Leben so deutlich, so ungeschminkt, so unglaub- 
lich grob manchmal die Wahrheit zu hören bekam 
wie im Korps. Und wie kam's, daß er sich das 
gefallen ließ? So lächerlich es klingt: infolge der 
Kneipe! Die Kneipe ist für uns, was der vielgelästerte 
Kasernenhofdrill, der Parademarsch für den Soldaten. 
(Rufe: Hurra!) So wie dort das hundertmal wiederholte 
»Knie beugt!« nacheinander Faulheit, Wurstigkeit, 
Trotz, Wut, Schlappheit und Ermattung überwindet 
und aus dem Gefühl hilfloser Ohnmacht und völliger 
Willenlosigkeit vor dem Vorgesetzten die Disziplin 
hervorgehen läßt (Rufe: Hurra!) — SO bietet bei uns das 
»Rest weg!« dem Älteren vor dem Jüngeren immer 



427 



eine Gelegenheit, seine unbedingte Überlegenheit 
zu zeigen, zu strafen, Abstand zu wahren, die Atmo- 
sphäre zu erhalten, die für das ständige Erziehungs- 
werk des Korps unbedingtes Erfordernis ist, wollen 
wir nicht Klubs werden. (Rufe: Beileibe nich!) Das 
»Rest weg« ist natürlich nicht immer, nicht bei 
jedem angebracht, aber es muß über der Kneipe 
schweben wie das »Knie beugt ! « über jedem 
Kasernenhof! 

Alle: Hurra! Hurra I Hurra! (Anstoßen) Rest weg! 

Ein Fuchs (schwingt das Hindenburg-Heft der 
(Jugend' und singt nach der Melodie >Als die Römer frech 
geworden«): 

Darauf hat er kurz besonnen, 
Gleich den Feldzugsplan begonnen. 
Schon im Eisenbahncoupe 
Sprach er: »In den Narewsee!« 

Und kaum daß er angekommen, 
Sind die Russen schon geschwommen 
In dem See bei Molch und Lurch. 
Ja, so war der Hindenburch ! 

Dreimal so zu Frosch und Unke 
Tauchte er sie in die Tunke. 
Jeder Tümpel, Sumpf und Teich 
War verrußt bis an das Aich ! 

Alle: Hindenburch Hurra! Hurra! Hurra I 
Rest weg ! 

(Verwandlung) 

7. Szene 

Ärzteversammlung in Berlin. 

Ein Psychiater: Meine Herrn! Der 

Mann ist der eigenartigste Fall, der mir bis heute 
untergekommen ist. Ein gütiges Geschick hat mir ihn 
aus der Schutzhaft zugeführt. Da es offenbar so viele 
Jahre Zuchthaus gar nicht gibt, als der Mann für 



428 



seine Verbrechen zu erwarten gehabt hätte, so mußte 
man nolens volens an die Psychiatrie appellieren. 
Hier ist mal ein Fall, wo nicht gefragt werden muß, 
ob der Verbrecher für die Tat subjektiv verantwortlich 
ist, vielmehr ist die Tat selbst der Beweis für die auf- 
gehobene Verantwortlichkeit. Um Ihnen, meine Herrn, 
gleich die volle Anschauung der Unzurechnungs- 
fähigkeit des Patienten zu vermitteln, will ich nur 
hervorheben, daß der Mann coram publico die Ansicht 
ausgesprochen hat, daß die Ernährungslage Deutsch- 
lands ungünstig sei! (Bewegung.) Mehr als das: Der 
Mann zweifelt am Endsieg Deutschlands! (Unruhe.) 
Aber nicht genug daran — der Mann behauptet 
dieUnzweckmäßigkeit des verschärften U-Bootkrieges, 
ja des U-Bootkrieges überhaupt — denn ich habe 
mich sogleich überzeugt, daß er die Waffe als solche 
ablehnt und zwar nicht nur weil er sie für unzweck- 
mäßig, sondern weil er sie geradezu für unsittlich 
hält! (Erregte Zurufe.) Meine Herrn, wir als Männer der 
Wissenschaft haben die Pflicht, kaltes Blut zu bewahren 
und dem Gegenstand unsrer Entrüstung nur als 
einem Objekt unsrer Forschung gegenüberzustehn, 
sine ira, jedoch cum studio. (Heiterkeit.) Meine Herrn, 
ich erfülle hier die traurige Pflicht, Ihnen ein 
volles Bild der Geistesverwirrung des Patienten zu 
entwerfen und ich muß Sie bitten, weder diesen 
Unglücklichen noch auch mich als den zufälligen 
Demonstranten einer abscheuerregenden Form von 
Irresein verantwortlich zu machen. Seine Verantwort- 
lichkeit ist durch die Krankheit, meine durch die 
Wissenschaft aufgehoben. (Rufe: >So ist es!«) Meine 
Herrn, der Mann leidet an der fixen Idee, daß Deutsch- 
land durch eine »verbrecherische Ideologie«, wie er 
den hehren Idealismus unsrer Obrigkeiten nennt, dem 
Untergang entgegengetrieben werde, er findet, daß 
wir verloren sind, wenn wir uns nicht auf dem 
Höhepunkte unsres Siegeslaufs für geschlagen erklären, 
daß unsreRegierunfr,unsre militärischen Machthaber — 



429 



beileibe nicht die englischen (Oho!-Rufe) — Schulddaran 
tragen, daß unsre Kinder sterben müssen! (Pfuü-Rufe.) 
Schon durch die Behauptung, daß unsre Kinder sterben 
müssen, daß also unsre Ernährungslage ungünstig sei, 
wäre ja die SinnesverwirrungdesMannes glatt bewiesen. 
(Rufe: »So ist es!«) Ich habe Ihnen nun, meine hochverehrten 
Kollegen von derinterncnMedizin, denFall entwickelt, 
damit Sie den Versuch machen mögen, auf den 
Patienten durch Mitteilung Ihrer Erfahrungen über 
den Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung 
im Kriege einzuwirken. Von der Art seiner Reaktion 
erhoffe ich mir eine Vervollständigung des klinischen 
Bildes, wenn nicht dessen Berichtigung nach jener 
Richtung, in der sich vielleicht doch die kriminelle 
Verantwortlichkeit nachweisen ließe, da man ja nichts 
unversucht lassen darf — in der Hoffnung also, daß 
der Patient unter der Einwirkung Ihrer maßgebenden 
Darlegungen sich zu Äußerungen hinreißen lassen 
werde, die uns die Entscheidung nach der einen 
oder der andern Richtung leichter machen. (Ein Ruf: 
»Wir wolln det Kind schon schaukeln!«) 

Der Irrsinnige:Wenn unter Ihnen einervonden 
93 Intellektuellen ist, verlasse ich den Saal! (Oho!-Rufe.) 

Der Psychiater: Ich will hoffen, meine 
Herrn, daß Sie diesen Ausbruch weniger als Insulte, 
denn als Symptom werten werden. Ich selbst habe, 
wie Sie alle wissen, jenen Protest, der als ein Mark- 
stein aus großer Zeit in den Annalen fortleben wird, 
unterzeichnet, und ich bin stolz darauf. Ich bitte 
nunmehr den verehrten Kollegen Boas, einen Versuch 
mit dem Patienten vorzunehmen. 

Professor Boas (tritt vor): Ich habe schon 
wiederholt die Erklärung abgegeben und ich bekräftige 
aufs neue, daß eine Beeinträchtigung unsrer Volks- 
gesundheit durch die Einschränkung der Lebens- 
mittel nicht stattgefunden hat. (Rufe: »Hört! Hört!«) Als 
Tatsache kann betrachtet werden, daß wir mit der 
Hälfte der früher verbrauchten Eiweißration unsrer 



430 



Nahrung, ohne Beeinträchtigung von Kraft und 
Arbeitsfähigkeit auskamen, ja sogar unser Gewicht 
und körperliches Wohlbefinden noch steigern konnten. 

Der Irrsinnige: Sie versorgen sich vermut- 
lich im Schleichhandel! (Erregte Zurufe.) 

Der Psychiater: Meine Herrn, bedenken 
Sie den Geisteszustand — bitte Herr Kollege, wie 
steht es mit der Säuglingssterblichkeit, ein Punkt, 
der in der Phantasie unsres Patienten ständig 
wiederkehrt. 

Professor Boas: Es hat sich gezeigt, daß 
von einer ungünstigen Einwirkung der Ernährungs- 
verhältnisse auf die Säuglingssterblichkeit keine 
Rede sein kann. 

Der Irrsinnige: — sein darf, mein Herr! 
(Rufe: >Maul halten!«) 

Der Psychiater: Was erhoffen Sie sich, 
Herr Kollege, von einer Fortsetzung des Krieges? 

Professor Boas: Wir haben mit steigender 
Wohlhabenheit und Zunahme der Luxusernährung 
Raubbau an unsrer Gesundheit getrieben; jetzt 
haben Millionen von Menschen unter dem Druck der 
Entbehrungen den Weg zur Natur und Einfachheit 
der Lebensführung zurückzufinden gelernt. Sorgen 
wir dafür, daß die heutigen Kriegslehren unsrer 
zukünftigen Generation nicht wieder verloren gehen. 
(Rufe: Bravo!) 

Der Irrsinnige: Der Mensch hat ganz recht — 
die vom Kurfürstendamm haben vor dem Krieg 
zu viel gefressen. Sie fressen aber auch jetzt noch zu viel. 
Da hat sich die Ernährungslage tatsächlich gar nicht 
verschlechtert. Was aber die zukünftige Generation 
der übrigen Bevölkerung anlangt, jener Kreise, die 
nicht Boas wegen Fettleibigkeit konsultieren — was 
die zukünftige Bevölkerung Deutschlands anlangt, 
so sehe ich sie rhachitisch zur Welt kommen! 
Kinder als Invalide! Wohl denen, die im Krieg 
gestorben sind — die im Krieg geboren sind, tragen 



431 



Prothesen! Ich prophezeie, daß der Wahnsinn des 
Durchhaltens und der elende Stolz auf die Verluste 
der Andern, der deutsche Männer ebenso auszeichnet, 
wie deutsche Megären die Begeisterung für den Helden- 
tod ihrer Söhne — daß dieser perverse Geistes- 
zustand einer Gesellschaft, die in einer organisierten 
Glorie atmet und sich von Selbstbetrug nährt, 
ein verkrüppeltes Deutschland hinterlassen wird! 
(Pfui-Rufe!) Was diesen Boas betrifft, so fordere ich 
ihn auf, zu bestreiten, daß bisher rund 800.000 Personen 
der Zivilbevölkerung Hungers gestorben sind, im 
Jahre 1917 allein um 50.000 Kinder und 127.000 alte 
Leute mehr als im Jahre 1913; daß im Haibjahr 1918 
mehr Deutsche — um 70 Prozent mehr — an Tuber- 
kulose starben als damals im ganzen Jahr! (Rufe: 

»Schluß! Schluß!« »Jemeinheitl«) 

Der Psychiater: Sie sehen meine Herrn, 
wie es um den Mann steht. Ich danke dem verehrten 
Kollegen Boas und ersuche nunmehr Herrn Kollegen 
Zuntz, einen Versuch anzustellen. Ich bitte den ver- 
ehrten Kollegen, sich dahin zu äußern, ob die deutsche 
Lcistungsfähigkeit,dieses kostbarste Nationalgut,durch 
die Ernährung auch nur im mindesten gelitten hat. 

Professor Zuntz: Verminderte Leistungs- 
fähigkeit kommt bei der jetzigen Ernährung nicht 
in Furage. Allerdings wird in weiten Kreisen eine 
Unterernährung dadurch herbeigeführt, daß die Leute 
keine Lust haben zur Aufnahme ausreichender Mengen 
der wenig konzentriert vegetabilischen Nahrungsmittel. 

Der Psychiater: Wenn ich den verehrten 
Kollegen recht verstehe, so hätte es sich die Be- 
völkerung selbst zuzuschreiben. Denn zu einer 
Unterernährung läge objektiv keine Ursache vor? 

Professor Zuntz: Nein. 

Der Psychiater: Aber die Unterernährung, 
soweit sie herbeigeführt wird oder sagen wir: wenn 
sie überhaupt herbeigeführt wird, hat keine nach- 
teiligen Folgen? 



432 



Professor Zuntz: Nein. 

Der Psychiater (zum irrsinnigen): Darauf wissen 
Sie wohl nichts zu erwidern? 

Der Irrsinnige: Nein. 

Der Psychiater: Zu allem hat er seine 
koddrige Schnauze, aber da schweigt er betroffen! 
Ich danke dem verehrten Kollegen Zuntz und ersuche 
nunmehr Rosenfeld-Breslau, den wir als Gast der 
Berliner Falkuliät zu begrüßen die Ehre haben, einen 
Versuch anzustellen. 

Professor Rosenfeld, Breslau: Unsre 
Bevölkerung ist bei aller Unterernährung gesünder 
geworden und die große Angst um die Unter- 
ernährung hat sich als müßig erwiesen. Im Gegenteil: 
die Überernährung der Friedenszeit stellt eine 
größere Gefährdung des Lebens dar als die 
Kostknappheit der Kriegsjahrc. Die Statistik hat 
gezeigt, daß in der weiblichen Bevölkerung fast alle 
Krankheiten in den Kriegsjahren weniger Todesfälle 
gezeitigt haben als im Frieden. Jedenfalls können 
wir unsre Betrachtungen dahin zusammenfassen, 
daß die Kriegskost die Widerstandsfähigkeit des 
Volkes weder gegen die überwiegende Mehrzahl der 
Krankheiten noch gegen Erkrankungen noch gegen 
Anstrengungen in irgendeinem erkennbaren Maße 
herabgesetzt hat. 

Der Irrsinnige: Nur gegen die Verlogenheit 
der Professoren! (Lebhafte Entrüstungsrufe.) 

Eine Stimme: Machen Sie sich hier nicht 
unnütz! 

Zweite Stim.me: Rraus mit dem Kerl! 

Dritte Stimme: Da müßt 'n Schutzmann ran! 

Der Vorstand des Ärzteausschusses von 
Groß-Berlin: Ich benütze die Gelegenheit dieses 
Skandals, um meine Stimme zu einem nachdrücklichen 
Appell zu erheben. Kollegen! Ihr seid die Beichtväter 
eurer Kranken, ihr habt die vaterländische Pflicht, 
mündlich und in jeder andern Form aufklärend und 



433 



belehrend zum Durchhalten zu ermutigen! Den Klein- 
mütigen müßt ihr aufs schärfste entgegentreten! 
Unbegründete und oft böswillig oder leichtfertig 
verbreitete ungünstige Gerüchte weiset zurück! Wir 
Heimgebliebenen können, sollen und werden durch- 
halten! Kollegen! Die einfache Lebensweise und 
Kost, das Maßhalten in der Aufnahme von Eiweiß- 
körpern und Fett ist vielen gesundheitsdienlich 
gewesen ! 

Der Irrsinnige: Den Wucherern und den 
Ärzten! (Rufe: »Das ist Unjebühr!< »Rraus mit dem Kerllc) 

Der Vorstand des Ärzteausschusses von 
Groß- Berlin: Schulärzte haben einwandfrei fest- 
gestellt — 

Der irrsinnige: — daß Deutschland erfolgreich 
mit Lügen belegt worden ist! (Pfui-Rufe!) 

Der Vorstand des Ärzteausschusses von 
Groß-Berlin : — daß die erste Jugend keine gesund- 
heitliche Schädigung gegen früher erkennen läßt! 

Der Irrsinnige: Die Zunahme der Sterblichkeit 
beträgt nur 37 Prozent! (Rufe: >Maul halten!« •-. Vaterlands- 
loser Jeselle!«) 

Der Vorstand des Ärzteausschusses von 
Groß-Berlin: Die Kindersterblichkeit ist zurück- 
gegangen. Erst kürzlich hat ein erster Fachmann 
nachgewiesen, daß es den Säuglingen noch nie so gut 
gegangen ist wie jetzt. (Rufe: >So ist es!«) Die Kranken- 
häuser sind weniger überfüllt als früher. 

Der Irrsinnige: Weil alle tot sind! (Lärm.) 

Eine Stimme: Das soll der Kerl beweisen! 

Der Irrsinnige: Die Berichte mancher Anstalts- 
ärzte klingen verzweifelt, wenn sie den Hunger der 
Insassen schildern, die weggeworfene Kohlstrünke 
und allerlei Unverdauliches zu verschlingen suchen, 
um nur die Hungerqual zu stillen. Der von einem 
Siechenhaus eingeforderte Bericht lautet lakonisch: 
Die Insassen sind alle gestorben. — Die aber lebend 

Die letzten Tage der Menschheit. 28 



434 



hier versammelt sind, sind zu Gutachten kommandiert 
worden und werden erst nach dem unvermeidlichen 
Zusammenbruch der Lüge und des Reichs den Mut 
zur Wahrheit finden! Dann aber wird es zu spät sein 
und kein Geständnis wird ihnen die Verachtung des 
Auslands ersparen. Denn die deutsche Wissenschaft 
ist eine Prostituierte, ihre Männer sind ihre Zuhälter! 
Was hier versammelt ist, um im Dienste der großen 
Lüge des Generalstabs das Kindersterben in Abrede 
zu stellen und aus schwarz weiß zu machen, trägt 
mehr Blutschuld als jene, die rot gemacht haben! Die 
93 Intellektuellen, die da einst ausriefen »Es ist nicht 
wahr!« und »Wir protestieren!«, die das Pathos der Lüge 
mit ihrem Protest gegen die deutsche Ehre eröffnet 
haben, und jene, die zu ihnen gestoßen sind, haben 
die deutsche Kultur von Goethe und Kant und allen 
guten Geistern Deutschlands weiter abgezogen als 
selbst die romantischen Mordbrenner, unter deren 
Zwang sie lügen! Unter der Hand solcher Ärzte wird 
die Welt, die vom deutschen Wesen angesteckt zu 
werden fürchtet, an ihm sicher nicht genesen — und 
daß bei so viel Professoren das Vaterland verloren 
ist, sagt ein deutscher Reim! (Es erhebt sich ein unge- 
heurer Lärm. Man hört' die Rufe: »Es ist nicht wahr!« und >Wir 
protestieren!« Einige Professoren wollen sich an dem Irrsinnigen 
vergreifen und werden von anderen zurückgehalten.) 

Der Psychiater: Meine Herrn! Wir waren 
soeben Zeugen des wildesten Ausbruches eines Vater- 
landshasses, der unmöglich auf deutschem Boden 
gewachsen sein kann. Die Reaktion des Patienten 
auf die Experimente der verehrten Kollegen Boas, 
Zuntz und Rosenfeld-Breslau, und namentlich auf 
die gehalt- und lichtvollen Darlegungen des verehrten 
Vorstandes des Ärzteausschusses Groß-Berlin, für die 
ich dem verehrten Kollegen noch wärmstens danken 
muß, hat mir klar bewiesen, daß der Mann nicht 
geistesgestört, sondern von der Entente bezahlt ist! 
Wir haben es mit einem akuten Fall von Northcliffe- 



435 



Propaganda zu tun, deren chronische Ausbreitung 
zu verhindern gerade die Ärzteschaft Groß-Berlins 
verpflichtet ist. Schon hat das Gift des Pazifis- 
mus auch in gesunde Hirne Eingang gefunden, 
und der zu weit getriebene Idealismus der Kriegs- 
gegner ermutigt Weichlinge und Drückeberger zu 
einem Verhalten, das mit das schlimmste Übel ist, 
an dem der deutsche Volkskörper krankt. Tritt dazu 
noch eine verbrecherische Propaganda, so ist alsbald 
ein Zustand geschaffen, der danach angetan ist, knapp 
vor dem Endsieg unsern Unternehmungsgeist zu 
lähmen. Es ist der Geist der Flaumacherei, der dem 
Feind den Rücken stärkt und uns die Schwingen 
lähmt in einem Verteidigungskrieg, den britischer Neid 
(Ein Zwischenruf: >Britischer Krämergeist!«), französischer 
Revanchedurst (Zwischenrufe: >Und russische Raubgier!«) 
— und russische Raubgier uns aufgezwungen 
haben. Hier haben wir einmal einen typischen Fall 
vor uns. Ich kann nicht umhin zu betonen, daß 
der Mann mir von vornherein bedenklich war, 
und nunmehr habe ich die Überzeugung gewonnen, 
daß wir es mit einem ganz schweren Jungen zu 
tun haben. So spricht kein Geisteskranker, meine 
Herrn, so spricht ein Vateriandsverbrecher! Ich 
kann Ihnen, meine Herrn, des weiteren verraten, 
daß der Mann durch sein reueloses Verhalten während 
der Schutzhaft, wo er die empörenden Angriffe 
gegen alles was dem Deutschen heilig ist fortsetzte, 
ja sich sogar zu einer abfälligen Bemerkung über 
das Wolffsche Büro hinreißen ließ (Bewegung) — die 
Aufmerksamkeit der höchstenKreise erregt hat und daß 
sogar eine Persönlichkeit, die uns allen ehrwürdig ist 
(Die Versammelten erheben sich) — unser Kronprinz, die 
Äußerung getan hat, man sollte dem Kerl eins in 
die Fresse hauen. (Rufe: »Hurra!«) Es wird von der Ent- 
schließung der betreffenden höchsten Stelle abhängen, 
ob eine solche Remedur, die etwa als Strafverschärfung 
in Aussicht zu nehmen wäre, zur Anwendung gelangen 



28* 



436 



soll. Unsres Amtes, meine Herrn, ist es, uns glatt für 
inkompetent zu erklären, da die medizinische Wissen- 
schaft mit diesem Fall nichts zu schaffen hat, und ihn 
der Obhut der maßgebenden kriminellen Faktoren 
zu übergeben. (Öffnet die Tür und ruft) Schutzmann! 

Schutzmann Buddicke (erscheint): Im Namen 
des Gesetzes — na kommen Se man miti 

(Ab mit dem Irrsinnigen. Die Versammelten erheben sich und 
stimmen die Wacht am Rhein an.) 



8. Szene 

Weimar. Frauenklinik. 

Professor Henkel: Ist nichts mehr zum 
operieren da? Seine Hoheit wird gleich da sein 
und ich habe ihm zugesagt — ich wollte ihm 
Gelegenheit geben, mal einer Operation als Zuschauer 
beizuwohnen. Also? 

Professor Busse: Wir haben nichts. 

Henkel: Wir müssen aber noch etwas operieren. 

Busse: Es ist nichts da. 

Henkel: Sie haben doch noch einen Fall. 
Bringen Sie den mal rein. 

Busse: Aber — die Patientin hat gerade 
gefrühstückt. 

Henkel: Das macht nichts. (Die Patientin wird 
hereingebracht. Zu einem Assistenten) Bereiten Sie den 
Fall vor und pumpen Sie ihr den Magen aus. 

Die Patientin (wehrt sich in großer Erregung): 
Nein — nein — ich — will nicht — 

Henkel: Keine Faxen! Die blamiert einen noch 
vor Seiner Hoheit! (Der Prinz zu Lippe erscheint mit Ge- 
folge. Begrüßungszeremonie. Die Operation wird vorgenommen.) 
Es geht sehr schön, Hoheit — da — so — 



437 



Eine Schwester (zupft den Assistenten am Rock): 
Ach — Himmel — 

Henkel: Was is'n los? (Der Assistent gibt eine 
Kampferinjektion.) 

Der Assistent: Herr Professor — 

Henkel (abwinkend): Pst — 

Der Prinz zu Lippe (zu Henkel): Da haben 
Sie ganz ausgezeichnet operiert, ich werde das sofort 
meiner Schwester mitteilen. 

(Verwandlung.) 



9. Szene 

Bei einer deutschen Reserve-Division. 

Ein Oberst (diktiert): Von einem französischen 
Arbeitstrupp am Hindernis Planquadrat 4674 wurden 
durch den (jrabenbeobachter Gefreiten Bitter, 7. Komp., 
R.- Inf.- Regt. 271, mit drei Schuß zwei Franzosen 
niedergeschossen. Ich spreche dem Gefreiten Bitter 
für die gute Leistung meine Anerkennung aus. 

(Verwandlung.) 



10. Szene 

Isonzofront. Bei einem Brigadekommando. Nach Tisch. 

Die Schalek (steht umgeben von Offizieren): Schritt 
für Schritt bin ich jetzt die Front am Isonzo längs 
des Görzer Abschnittes abgegangen. Alles haben sie 
mir gezeigt! Also was ich da erlebt hab! Die im 
Hinterland sitzen, können sich das gar nicht 



438 



vorstellen. Nach langem Bitten bekam ich also 
die Erlaubnis mitzugehen. Ich fühlte, wie die Frei- 
willigkeit die Last erschwert. Daß ich nicht mitgehen 
muß, verursacht den Innern Hader. Zur angegebenen 
Stunde, um 5 Uhr nachmittags, melde ich mich 
beim General als abmarschbereit. Ich bitte darum, 
mit einem Herrn gehen zu dürfen, der ohnedies 
heute in Stellung muß. Durch mich soll keiner 
gefährdet werden, von dem es der Dienst nicht 
verlangt! Ein blutjunger Leutnant, der über die sich 
eröffnende Abwechslung seelenvergnügt ist, biegt mit 
mir am Fuße des Berges ab, den wir umgehen, um 
ihn dann von der Flanke anzufassen. Vorher bekomme 
ich den Befehl, punkt 9 Uhr wieder an der Aus- 
gangsstelle zu sein. Tiu, tiu, tiuuu — geht es uns 
von der Seite an. Und plaudernd bummelten wir 
durch die Mondnacht wiederum heim. Abev dann! 
Beim Artilleriebeobachter der Podgora bin ich 
gesessen, atemlos harrend, was sich in seinem 
Abschnitte begeben würde. Nun, eine Bejahung der 
Instinkte, eine Betonung der Persönlichkeit hat Platz 
gegriffen, wie sie nie vordem hätte gezeigt werden 
dürfen. Oberhalb der Parkmauer des Schlosses bin 
ich beschossen worden. Wir stehen da, ohne Regung. 
Mag der Feind uns sehen! Kein Wort haben wir 
noch gesprochen. Jetzt sehe ich ihn an. Dünn ist 
er und blaß. Nicht viel über Zwanzig. Etwas Sonder- 
bares geht in mir vor. Ich sehe den Leutnant an; 
Volksschullehrer ist er in einem ungarischen Dorf. 
Und wie ein blendendes Licht steigt in mir eine 
Erkenntnis auf. Während des Trommelfeuers auf dem 
San Michele erleuchtet ein neues Verstehen jede 
Windung meines Gehirns. Der Leutnant ahnt nicht, 
wie seine Haltung auf meine Erkenntnis wirkt. Er 
sieht mich an und lächelt. Er fühlt, daß ich mit ihm 
denke, unsere Nerven schwingen während des 
Trommelfeuers im Takt. Es klingt wie eine Solo- 
nummer im Orchester . . Tk, tk, tk — geht es los . . 



439 



Der erste Ton ists des Morgens, wenn ich um 
halb vier aufstehe, um in die Stellung zu gehen . , 
Tiu, tiu, tiu — tk, tk, tk — kings! . . Aber auch 
nicht der Gedanke daran, daß man ungehorsam sein, 
den Befehl mißachten könnte, kommt einem von 
uns beiden in den Sinn. Die ungeheure Triebkraft 
eines Befehls verspüre ich jetzt am eigenen Leib. 
Der Leutnant bleibt stehen. Eine Nachtigall lockt und 
die Akazien duften betäubend. Jetzt freilich kommt es 
von der andern Seite; nicht mehr so peitschend 
und eilig, sondern langsam brüllend, fast hohnvoll 
singend. Der Leutnant zerrt mich an die Wand. 

Wu — wu — wu Ein Blindgänger war's . . 

Kein Gedanke daran, stehen zu bleiben oder Deckung 
zu suchen. Befehl: Um neun Uhr stellig zu sein. 
Zum erstenmal kann ich ganz mit der Mannschaft 
fühlen. Was für eine Erleichterung ist ein Befehl! 
Wunderbar leicht kommt man durchs Feuer, wenn 
der Befehl es heischt. V/ohl jenem Volk, das im 
Befehl leben dürfte, vertrauend, gläubig, daß der 
Befehl auch der richtige sei, von den Besten der 
Besten ersonnen ; so wie es hier der vorwärtsdrängende 
und jeden Rückfall abschneidende, das Eigentum 
schützende Befehl vom Isonzo ist! Verwundete holen 
uns ein . . Einer ist taubstumm geworden. Er winkt 
und deutet, was ihm geschah . . Die Autos warten 
und bald sind wir im Quartier. Der Tisch ist gedeckt 
und in dampfenden Schüsseln wird das Mahl auf- 
getragen. In jedem Auge steht noch der Abglanz 
des Erlebnisses. Aber wir essen ganz tüchtig und 
schlafen prächtig und nächsten Mittag spielt die 
Militärmusik bei der Offiziersmesse auf. Wir haben 
ja den benötigten Graben. Im Freien wird gespeist, 
die Spargel schmecken gar köstlich und süße Walzer- 
melodien wetteifern mit dem Kuckuck und mit dem 
Specht . . In Rom erfährt Salandra wohl nichts, als daß 
er heuie einen Graben verlor. Nun, das Trommel- 
feuer auf dem Monte San Michele hatte ich 



440 



hinter mir. Am nächsten Tag aber gings nöch einmal 
hinaus. Interessant sind die Verwundetenzüge. Die 
Leichtverletzten nehmen noch Haltung an und 
salutieren, andere heben matt den Blick und ver- 
suchen, mit der Hand nach der Mütze zu fahren, 
viele aber liegen unbeweglich, haben den Mantel 
übers Gesicht gezogen und sehen und hören nichts . . 
Das Gefecht ist zu Ende. Wir können also gehn. 
Andern Tags dachte ich, ach was, den Monte 
San Michele lä8t du heute rechts liegen. Heute führt 
mich mein Weg zurNachbardivision,zu den ungarischen 
Truppen des Heeres. Leichengeruch weht über die 
Straße weg. Kein Korso einer Großstadt ist so 
menschenbelebt wie diese granatenbestrichene Straße. 
Hier liegen seit acht bis zehn Monaten zwischen 
den Stellungen ganz mumifizierte, durchlöcherte 
Leichen . . Die Gräben sind eng, fast nur manns- 
breit und die Leute schlafen langausgestreckt auf 
ihrem Grunde. Man steigt über sie weg, aber sie 
wachen nicht auf . . Sechs Einschläge zählen wir 
und eine rasche Aufnahme gelingt . . Ich darf durch 
einen Panzerschild hinausschauen und den Trichter 
bestaunen . . Beim Bataillonskommandaiiten bekomme 
ich ein Glas Eierschnaps. Das tut wohl. Die Nerven 
vibrieren doch von dem ewigen Krachen ringsum. 
»Decken Sie frisches Zeitungspapier auf«, ruft der 
gastfreie Offizier. (Offenbar eine Galanterie für mich.) 
Sechs Schüsse — sechs Volltreffer . . Platte auf Platte 
fülle ich mit Bildern für die Zukunft . . Und dann 
zurück hieher. Beim Brigadier wartet ein Frühstück 
auf uns; dankbar nehme ich's an. Das war aber ein 
Frühstück — ! Weil mich Cadorna heute wiederum 
verschonte, weil die Granate wiederum gerade um 
ein Viertelstündchen zu spät kam, gab's eine Flasche 
echten Champagners und als besonderen Lohn eine 
Dose wirklichen Kaviars. Knusprige Kipfel und bunte 
Blumen, Radieschen und ein Damastgedeck — solche 
Kontraste gibt's nur an der Front! 



441 



Die Offiziere: Weil sie Cadorna heute 
wiederum verschonte, weil die üranate wiederum 
gerade um ein Viertelstündchen zu spät kam — 





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gab's Blumen, Kipfel, Kaviar, 

so muß es sein, das ist doch klar. 

Wir sind die bessern Herrn vom Stab, 
in diesem Punkt geht uns nix ab. 

Wir gehn nicht in den Schützengraben, 
weil s' dorten keinen Schampus haben. 

Statt Kaviar auf Butterbrot 
gibt's nix als einen Heldentod. 

Wir fressen, die dort müssen zahl'n. 
Fürs Vaterland is's schön zu falTn. 



442 



Und das weiß heut doch jedes Kind: 
Wir fall'n nur, wenn wir b'soffen sind. 

Cadorna, der hat uns schon wieder verschont. 

[: Sehn S', solche Kontraste gibt's nur an der Front!:] 

(Verwandlung.) 



11. Szene 

Divisionskommando. 

Ein Kommandant: Exzellenz, gerade dieses 
Unternehmen war mangels entsprechender Artillerie 
aussichtslos. Der Feind hat geradezu ein Scheiben- 
schießen auf die abgelassenen Pontons und deren 
Besatzungen veranstaltet. Hunderte von Leichen 
sind an jenem Tag im San versunken und dann 
mußten wir doch die Forcierung des Flusses auf- 
geben. Wir stehen jetzt vor derselben Situation. 

Der Kaiserjägertod: Sie müssen unbedingt 
aushalten. 

Der Kommandant: Exzellenz, die Truppen 
erfrieren in den von Grundwasser erfüllten eisigen 
Löchern. 

Kaiserjägertod: Wie hoch schätzen Sie die 
voraussichtlichen Verluste? 

Der Kommandant: 4000. 

Kaiserjägertod: Die Truppen sind befehls- 
gemäß zu opfern. 

Der Kommandant: Wenn sie herauskommen 
werden, waten sie bis zu den Knieen im Schnee 
und sollen dabei eine überhöhende Stellung des 
Feindes angehen. 

Kaiserjägertod: Haben Sie denn keinen 
Feldkuralen, der die Leute aufpulvern könnte? Die 
Offensive darf um keinen Preis verzögert werden! 



443 



Der Kommandant: Exzellenz, es liegt ja 
so viel Schnee, daß ein ganzes Regiment auf- 
gerieben wird. 

Kaiserjägertod: Ein Regiment? Was macht 
mir ein Regiment! 

Der Kommandant: Die Leute stehen mit 
hungrigem Magen im Wasser. Sie kämpfen verzweifelt 
gegen die gewaltigen unausgesetzten Anstürme der 
Russen. 

(Der Kaiserjägertod wird zum Telephon gerufen.) 

Kaiserjägertod: Was? Ablösung oder Ver- 
stärkung? Herr Oberst, Sie haben auszuhalten bis 
auf den letzten Mann, ich habe keine verfügbare 
Mannschaft, und ein Zurück kenne ich nicht, koste 
es was es will! Was? Einen Tag Ruhe wollen s' 
zum Trocknen der Kleider? Was sagen Sie? Ihre 
armen, braven Tiroler liegen erschossen draußen und 
schwimmen im Wasser? (Brüllend.) Zum Erschießen sind 
sie da ! Schluß ! — So und Ihnen habe ich nichts anderes 
zu sagen. Die Truppen haben in ihren Stellungen 
auszuharren, es geht um meine Existenz! (Ab.) 

Ein Major (zum Kommandanten): Da ist nichts 
zu machen, Exzellenz pflegt eben seine Kerntruppen 
wegen ihrer vorzüglichen Eigenschaften gerade bei 
den schwierigsten Aufgaben einzusetzen. Exzellenz 
ist ein überaus energischer, zielbewußter, impulsiver 
General, derstrengdienstfordernd, persönlich tapfer, von 
seinen Untergebenen unbedingte Aufopferung verlangt. 

(Verwandlung.) 

12. Szene 

Rückzug. Eine Ortschaft. 

Kaiserjägertod (zu einem Obersten): Niemand 
darf austreten und niemand darf sich etwas kaufen! 
(Aus einem Geschäft tritt ein hungernder Soldat, der ein Stück 
Brot in der Hand hält. Kaiserjägertod züchtigt ihn mit der 
Reitpeitsche.) Herr Oberst, was führen Sie hier für 



444 



einen Sauhaufen, lassen Sie jeden Mann, der aus- 
getreten ist, drei Stunden anbinden! Verlautbaren 
Sie, daß auf Leute, die beim Vormarsch oder 
Rückzug zu den Bauern Brot und Milch kaufen 
gehn, geschossen werden soll! (Er reitet ab. Da und dort 
verlassen Leute die Einteilung. Die Offiziere schießen der 
Mannschaft nach. Panik. Schreckensrufe: >Die Russen kommen!«) 
Oberleutnant Gerl (stellt sich in Positur): Ihr 
könnts krepieren vor Hunger, ich werde aber noch 
immer etwas zum essen haben! 
(Verwandlung.) 

13. Szene 

Spital neben einem Divisionskommando. Man hört die Regiments- 
musik lustige Weisen spielen. 

Ein Schwerverwundeter (wimmert): Nicht 
spieln — nicht spieln! 

Ein Wärter: Stadsein! Das is die Tafelmusik 
vom Exzellenzherrn Feldmarschalleutnant von Fabini! 
Die wird er euretwegen net aufhören lassen, was 
glaubts denn?! 

(Die Tür geht auf. Man hört Gesang: Ja so ein Räuscherl is 
mir lieber als wiara Krankheit, wiara Fieber.) 

(Verwandlung.) 

14. Szene 

Bei einer deutschen Reserve-Division. 

Ein Oberst (diktiert): — Jetzt den Schluß 
vom Tagesbefehl. Notiz! Aus der Masurischen Wasch- 
anstalt in Lötzen hat Herr General von Schmettwitz 
drei weiße Stehkragen, Marke Maingau, Weite 42 Zenti- 
meter, ohne Zeichnung zurückerhalten, die ihm nicht 
gehören. Dagegen fehlen drei weiße Stehkragen, 
Weite 43 Zentimeter, zwei davon gezeichnet v. Seh., 
und alle drei mit grauem Faden im hinteren Knopfloch 
versehen. Um Austausch wird gebeten, 

(Verwandlung.) 



445 



15. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Vor einem möchte ich Sie 
warnen: zu generalisieren. 

Der Nörgler: Sie meinen, ich solle mich 
hüten, jeden Schurken für einen General zu halten? 

Der Optimist: Nein, Sie sollten nicht die 
Fülle der Beispiele von Pflichterfüllung und von 
Opfermut übersehen — auch bei den Offizieren — 

Der Nörgler: Man darf nicht generalisieren. 
Da doch jene Beispiele in ihrer Fülle offenbar gar 
nicht zu übersehen sind, so bleibt nichts übrig, als 
sein Augenmerk auf die Ausnahmen zu heften. 
Wollte man statt dessen auf solche, die im Krieg ihre 
Ehrenhaftigkeit nicht verloren haben, aufmerksam 
machen, so würde man das Selbstverständliche hervor- 
heben und der Institution vollends nahetreten, indem 
man den Eindruck erweckte, als ob die Ehren- 
haftigkeit eine Ausnahme sei. Gerade indem man 
auf die Schurken hinweist, bleibt man frei von dem 
Vorwurf, zu generalisieren, den nur die Geti offenen, 
nicht die andern erheben können. Nahetreten möchte 
ich keinem einzigen, nur der ganzen Institution, indem 
ich weniger zu ihren Gunsten gelten lasse, daß sie einen 
Ehrenmann nicht verdirbt als zu ihren Ungunsten, daß 
sie einen Schwächling in einen Schurken verwandelt. 
Glauben Sie ja nicht, daß ich diese feigen Philister, 
die jetzt die Machtgelegenheit benützen, um sich 
für ihr Minus an Mannheit an der Mannschaft zu 
rächen, für bewußte Tyrannen halte. Sie vergießen 
nur Blut, weil sie keines sehen können und es nie 
gesehen haben, sie handeln im Rausch des Erlebnisses, 
plötzlich ihre eigenen Vorgesetzten zu sein und 
einmal Dinge tun zu dürfen, für die sie nicht 
in ihrer Persönlichkeit, nur in der Gelegenheit die 
unentbehrliche »Deckung« finden. Und die meisten 
dieser Schubbjacks werden dereinst nicht einmal 



446 



zu fassen sein, weil sie bei ihrem Handeln von 
jenem Kodex gedeckt waren, der ihnen alles 
das erlaubt und gebietet, was ihnen bis dahin das 
Strafgesetzbuch verboten hat : vom Reglement. Groß 
war die Zeit, in der einer für Rauben, Morden und 
Schänden mit dem Verdienstkreuz davonkam, und 
für die Bestellung dieser Taten mit dem Maria- 
theresienorden! 

DerOptimist: Man darf nicht generalisieren. 
Erst heute habe ich gelesen, daß sich die Mannschaft 
mit den Offizieren, die ihr frisches Herzblut dem 
Vaterlande opfern, durch eine oft bis zur Freund- 
schaft gesteigerte Kameradschaft — 

Der Nörgler: — angebunden fühlt. 

(Verwandlung.) 



16. Szene 

Frachtenbahnhof in Debreczin. Ein Waggon, von Posten bewacht. 

Mit Kreide angeschrieben: 40 Mann, 6 Pferde. Neugierige im 

Umkreis. 

Ein Posten (zur Bevölkerung) : Gehts weg da! 

Oberleutnant Beinsteller: Wie lang hängen 
die jetzt drin? 

Leutnant Sekira: Erst anderthalb Stunden. 

Beinsteller: Also noch eine halbe Stund! 
Wie viel sinds? 

Sekira: 20. 

Beinsteller: Also noch Platz für 20! Den 
Frontschweinen gehts zu gut. 

Sekira: Ich hab s' eh schon trocken rasiern 
lassen und nacher geohrfeigt. Wenn das Anbinden 
verboten wird, weiß ich schon was ich mach. In ein 
Schilderhäusl — und nacher drin mit Stacheldraht 
so umatum, daß der Kerl nur habtacht stehn kann! 

(Verwandlung.) 



447 



17. Szene 

Wiener Magistrat. 

Der Beamte (zu einer vor ihm stehenden Partei): 
Also wann S' aufs Land gehn wolln — das wem mr 
o^leich haben, da brauchen S' sich nur nach der folgenden 
Vurschrift zu richten, passen S' auf (er liest, wobei er 
ein bestimmtes Wort besonders lebendig hervorhebt, aber 
unaufhörlich mit dem Zeigefinger der rechten Hand eine 
Bewegung vornimmt, die jede Hoffnung abzuweisen scheint): 
»Personen, die im Jahre 1917 ihren Wohnort vor- 
übergehend in ein Heilbad oder auf die Dauer von 
mindestens vier Wochen in einen Kurort oder in 
eine Sommerfrische verlegen, haben bis längstens 
1. Juni bei der Bezirksbehörde ihres ständigen 
Wohnortes mittelst des dort erhältlichen amtlichen 
Formulars eine Abmeldung zu erstatten, in der der 
Name, der ständige Wohnort, der Ort des Sommer- 
aufenthalts, der Tag des voraussichtlichen Eintreffens, 
die Anzahl der Begleitpersonen und die beabsichtigte 
Dauer des Aufenthalts anzugeben sind; eine gleich- 
lautende, zweite Ausfertigung dieser Abmeldung ist 
der Bezirksbehörde des gewählten Sommeraufenthalts 
zuzusenden. Die Personen haben noch vor der Abreise 
bei ihrer Brotkartenausgabestelle den Lebensmittel- 
kartenabmeldeschein zu beheben und sohin 
den Bezug derjenigen Lebensmittel, deren Verkauf 
rayoniert ist, gegen Bestätigung auf dem Lebens- 
mittelkartenabmeldeschein bei der betreffenden 
Verschleißstelle abzumelden. Der Verschleißer 
rayonierter Lebensmittel hat eine Liste zu führen, in 
welcher Name, Wohnort, Tag der Abreise und Zahl 
der Begleitpersonen der sich Abmeldenden sowie die 
Menge der in Abfall kommenden Lebensmittel ein- 
zutragen sind; diese Liste ist derjenigen Stelle, von 
der die Zuweisung rayonierter Lebensmittel erfolgt, 
am Ende jeder Woche vorzulegen. In dem Heilbad, dem 
Kurort oder der Sommerfrische haben sich die Personen 



448 



unter Vorweisung des Lebensmittelkarten- 
abmeldescheines (Die Partei verschwindet) bei der 
Brotkartenausgabestelle sowohl nach dem Eintreffen 
als auch vor dem Verlassen dieser Orte zu melden. 
Die Ausfolgung von Lebensmittelkarten darf 
im Orte des Sommeraufenthalts sowie nach der 
Rückkehr im ständigen Wohnort nur auf Grund des 
mit den entsprechenden Amtsvermerken versehenen 
Lebensmittelkartenabmeldescheines 
erfolgen. Die politischen Bezirksbehörden sind 
ermächtigt worden, den Einkauf von Lebensmitteln 
durch die Fremden zu rayonieren und außerdem 
die Verabfoigung von Speisen in den Speise- 
wirtschaften der Heilbäder, Kurorte und Sommer- 
frischen zu regeln. Gastwirtschaften haben auf die 
Mehrzuweisung von Lebensmitteln für die Verpflegung 
von Heilbäder- und Kurortebesuchern sowie Sommer- 
frischlern im Allgemeinen nur dann Anspruch, wenn 
sie den erhöhten Bedarf durch Abgabe der von den 
Kostteilnehmern eingezogenen Kartenabjchnitte nach- 
weisen. Für Ausflügler, die nur auf kurze Zeit 
Heilbäder, Kurorte und Sommerfrischen besuchen, 
können besondere Verpflegsvorsorgen nicht getroffen 
werden. Weiters sind die politischen Bezirksbehörden 
ermächtigt worden, den Besuchern von Heilbädern, 
Kurorten und Sommerfrischen zur Verhinderung des 
Hamsterns von Lebensmitteln den unmittelbaren 
Einkauf gewisser Lebensmittel beim Produzenten 
zu verbieten.« — Na alstern, jetzt wissen S' es, jetzt 
können S' — (er blickt auf) Wo is denn der hin ver- 
schwunden? (F.rsuchtauf dem Boden.) Sie Herr, warten S' 
auf den Lebensmittelkartenabmeldeschein ! (Kopf- 
schüttelnd) Mirkwirdiger Mensch das. Was sich die 
Leut herausnehmen ! (Er sucht weiter. Dann erhebt er sich.) 
Der hats net erwarten können. Am End is er gar 
schon am Land! 

(Verwandlung.) 



449 



18. Szene 



>X''ohnimg der Familie Durchhalter. 

Die Mutter: Ziagts z'haus die Sandalen aus, 
man hört sein eigenes Wort nicht! 

Ein Kind: Mutter, gibt's heut wieder nix 
z' essen? 

Die Mutter: Du frecher Bub, ich werd dir 
lehren — (sie will auf ihn losgehen. Es läutet.) Das is der 
Vater! Er hat sich angstellt um Wrucken, hoffentlich — 

(Man hört das Klappern von Sandalen. Der Vater, in Papier- 
anzug, erscheint in der Tür.) 

Die Kinder: Vater, Brot! 

Der Vater: Kinder, Rußland verhungert! 

(Verwandlung.) 

19. Szene 

Der Abonnent und der Patriot im Gespräch. 

Der Abonnent: No jetzt wern wir doch 
schon bald Getreide aus der Ukraine haben. 

Der Patriot: Der Czernin hat eine Gewure! 
Jetzt ham wir den Brotfrieden! Und jetzt solln sie 
probiern, uns auszuhungern. 

(Verwandlung.) 

20. Szene 

Sofia. Ein Bankett deutscher und bulgarischer Schriftleiter. 

Der deutsche Gesandte Graf Oberndorff 
(erhebt sich): Meine verehrten Gäste! Ich freue mich 
jedesmal, wenn mir vergönnt ist, hier im Hause, über 
dem das schwarz-weiß-rote Banner weht, deutsche 
und bulgarische Freunde zu gemütlichem (jedanken- 
austausch zu vereinen. Heule aber freue ich mich 
ganz besonders. Denn Sie, meine verehrten Herren 
von der deutschen und bulgarischen Presse, darf ich 
als — Kollegen willkommen heißen. 

Die letzten Tage der Menschheit. 29 



450 



Rufe: Bravo! Prösterchen, Hv'^rr Kollege! 

Der deutsche Gesandte: Ja, mögen wir 
auch ein oder das andere Mal etwas an einander 
auszusetzen haben, wie das zwischen Zunftgent sen 
vorkommen kann, Diplomatie und Presse gehören 
eng zusammen. 

Rufe: Bravo! Bravo! 

Der deutsche Gesandte: Kein guter Journalist 
ohne diplomatisches Empfinden, und kein brauch- 
barer Diplomat, der nicht mit einem vollen Tropfen 
Druckerschwärze für seinen Beruf gesalbt wäre. 

Rufe: Famos! 

Der deutsche Gesandte: Ich sage Beruf, 
das Wort ist zu gering. Es ist eine Kunst, eine hohe 
Kunst, die wir ausüben, und das Instrument, auf 
dem wir spielen, ist das edelste, das sich denken 
läßt, es ist die Seele der Völker! 

Rufe: So ist es! 

Der deutsche Gesandte: Was Diplomatie 
und Presse geeinigt vermögen, hat uns dieser Welt- 
krieg gezeigt. 

Rufe: Jawoll! 

Der deutsche Gesandte: Vom Feinde soll 
man lernen. Wenn wir die Reihe der diplomatischen 
Größen der Anktankte an unserem Sinn vorüber- 
ziehen lassen und dabei Namen wie Times und 
Reuter, Matin, Havas, Nowoje Wremja hören, nicht 
zu gedenken der kleinen Satelliten in Rom, Bukarest, 
Belgrad, dann müssen wir gestehen, daß hier ein 
Bund auftrat, der Erfolge aufweisen kann. Erfolge 
an Lüge und Verblendung — 

Rufe: So ist es! 

Der deutsche Gesandte: — Wut und Haß, 
wie sie die Welt nie zuvor gesehen. Ja, es ist ein 
mächtiger Bund und schreckhaft anzuschauen, und 
dennoch nur ein künstlich aufgetriebener Koloß, der 



451 



eines Tages bersten wird. Denn es fehlt ihm der 
Leben spendende und erhaltende Geist, die Wahrheit. 
Die ficht auf unserer Seite. 

Rufe: Jawoll! 

Der deutsche Gesandte: Mit ihr und für sie 
streiten Sie, meine Herren von der bulgarischen und 
deutschen Presse, in der stolzen Erkenntnis, daß 
jeder Erfolg, den die Wahrheit erringt, auch einen 
Erfolg für unsere gemeinsame Sache bedeutet. Ja, 
an dem Tag, an dem den Völkern, die man gegen 
uns in einen vergeblichen Kampf treibt, endlich die 
Schuppen von den Augen fallen, am Tage, an dem 
sie erkennen werden, wie wir wirklich dastehen — 

Rufe: Hurra! 

Der deutsche Gesandte: — wie unüber- 
windlich gerüstet von innen und von außen, an dem 
Tage endet der Weltkrieg! (Setzt sich. Allgemeines 
Anstoßen.) 

Rufe: Hurra! — Pröstchen Herr Kollege! — 
Herr Graf, Pupille! 

Kleinecke-Berlin: Mir scheint, Herr Kollege, 
die Balkanonkels machen flau. Haben Se bemerkt, 
keen Ton — ! 

Steinecke-Hannover: Ist mir nicht entgangen. 
Na und wenn schon. Oberndorff war famos. 

Kleinecke-Berlin: Eine Poenkte neben der 
andern. Der Mann ist in der Tat mit 'nem vollen 
Tropfen Druckerschwärze jesalbt. 

Steinecke-Hannover: Der Mann ist mit 
der beste Redner, den wa jetzt haben. Die Wahrheit, 
die ficht auf unserer Seite — wie schlicht und wahr 
zugleich! 

Kleinecke-Berlin: Ja, seit dem Tage, da wir 
melden konnten, französische Flieger hätten Bomben 
auf Nürnberch jeworfen. Das war der Anfang. 

Steinecke-Hannover: Ja, seit damals stehn 
wa im Kampf gegen die Lügen unserer Feinde. 



29* 



452 



Kleinecke-Berlin: Was Diplomatie und Presse 
geeinigt vermögen, hat uns dieser Weltkrieg gezeigt, 
den britischer Neid, französischer Revangschedurst 
und russische Raubgier uns aufgezwungen haben. 
Goldene Worte. 

Steinecke-Hannover: Es erinnert an das 
treffende Wort eines großen Kollegen. Wie sagt doch 
Ernst Posse? Der Krieg hat offenbart, welche Macht 
der moderne Zeitungsschreiber in der Hand hält. 
Man denke sich, sagt Ernst Posse, wenn man kann, die 
Zeitung weg in diesem internationalen Aufruhr der 
Gemüter; wäre ohne sie der Krieg überhaupt möglich 
geworden, möglich in seinen Entstehungsursachen, 
möglich auch in seiner Durchführung? 

Kleinecke-Berlin: Wie wahr! Ernst Posse 
schaltet sogar die Diplomatie aus. 

Steinecke-Hannover: Er spricht eben als 
Journalist. Oberndorff ist Diplomat und gibt darum 
der Presse, was der Presse ist. 

Kleinecke-Berlin: Nu sagen Sie aber Kollege, 
diese faulen Balkanfritzen — 

Steinecke-Hannover: Ach, das wolln wa 
uns nich anfechten lassen. Gucken Se mal, Oberndorff 
trinkt uns zu — 

Beide: Herr Graf, Pupille! 
(Verwandlung.) 

21. Szene 

Ministerium des Äußern. 

H a y m e r 1 e (zu einem Redakteur) : Wenn er das 
erlebt hätt der Selige, daß ich über seinen Todestag 
einen Artikel in die Neue Freie Presse schreib — die 
Freud, was er ghabt hätt! Ich bin zur Zeit im Felde 
und eigens hereingekommen — denn draußen 
hab ich keine Ruh zum Schreiben. Aber da is 



453 



mir gleich lieber, ich diktier's Ihnen. Also — ich 
denks wie heut. Also — ich war Ihnen also dankbar, 
wenn Sie nachstehende Zeilen in Ihr geschätztes 
Blatt aufnehmen wollten. 

Ich hatte die Ehre, seit Ende Januar 1914 als 
k. u. k. Botschaftsrat in Berlin unter dem Befehle 
Sr. Exzellenz des Grafen Szögyeny-Marich zu stehen. 

Näheres über die Zeit kurz vor Ausbruch des 
Weltkrieges zu sagen, liegt nicht in meiner Absicht, 
noch bin ich dazu berechtigt; ich möchte nur eine 
für den großen Staatsmann charakteristische und 
zugleich ehrende Episode erwähnen. 

Es war am Abend der Kriegserklärung zwischen 
Serbien und der k. u. k. Monarchie. 

Ich war, mit der Bitte um eine Unterschrift, 
noch um 1/2 9 Uhr abends zu Sr. Exzellenz aus der 
Kanzlei hinuntergekommen. 

Der Botschafter war eben im Begriffe, aus dem 
Eßzimmer in sein Schlafzimmer zurückzukehren. 

Als er mich sah, trug er mich, seiner Gewohnheit 
gemäß, auch dann immer zuerst seine Besucher oder 
Beamten zu fragen, ob etwas Neues los sei, selbst 
dann, wenn er selbst Wichtiges mitteilen wollte: 
»Was gibt's Neues?« Auf meine Antwort, mir sei 
nichts Wichtiges bekannt, sah mich der alte Herr 
mit einem ganz eigentümlichen, halb stolzen, halb 
wehmütigen Blicke an — Wissen S', so kwieß — 
und sagte, mir tief ergriffen die Hand reichend: 
»Soeben haben wir Serbien den Krieg erklärt.« 

Der Redakteur: Herr Botschaftsrat haben das 
also um V29 Uhr abends noch nicht gewußt? Aber 
die Bevölkerung scheint bereits informiert gewesen 
zu sein? 

Haymerle: Warten S'. Buchstäblich in dem 
gleichen Augenblicke ertönte bereits in der Moltke- 
straße (die zwischen dem Botschaftspalais und dem 
preußischen Kriegsministerium hindurchführt), ein 
donnerndes vielfaches Hoch und gleich darauf wurde 



454 



unsere geliebte Volkshymne von Hunderten von 
Menschen aller Stände — Offiziere, Herren im 
Zylinder, Damen in Abendtoilette — 

Der Redakteur: Intressant, also sie haben 
sich schon massiert. 

Haymerle: Frauen aus dem Volke, Arbeiter, 
Soldaten und Kinder — 

Der Redakteur: Wie, auch Kinder? 

Haymerle: Naturgemäß. Oh Kinderln sind oft 
gscheit! Er speziell war immer ein großer Kinderfreund! 
Also -wo sind wir — angestimmt, und alles rief wie 
aus einem Munde nach dem Botschafter. »Ans 
Fenster«, »ans Fenster«, »er soll sich zeigen«, 
»wir wollen ihn sehen!« 

Der Redakteur: Offenbar hat das Volk nicht 
so sehr aus Information wie aus Instinkt gehandelt. 

Haymerle: Versteht sich. Es fühlte eben 
bereits damals mit dem der großen Menge eigenen 
Spürsinn das deutsche Volk, wie innig die beiden 
Reiche in Not und Tod mit einander verbunden sein 
sollten. 

Se. Exzellenz war so tief ergriffen, daß ich nur 
mit Mühe ihn dazu bewegen konnte, ans Fenster 
seines Schreibzimmers zu treten. 

Graf Szögyeny war so erschüttert, daß er der 
begeisterten Menge nur mit der Hand seinen Dank 
zuwinken konnte. Doch Tränen rannen ihm über die 
Wangen. Und ich schäme mich nicht, einzugestehen, 
daß auch mir — (mit tränenerstickter Stimme) der im 
Hintergrund stehend diesen erhebenden Moment 
miterleben durfte, die schweren Tränen rannen. 

Für den Botschafter war es aber wohl der größte 
und schönste Moment seines schicksalsschweren 
Lebens, als der bedeutende Staatsmann kurz vor dem 
Scheiden aus seinem seit zweiundzwanzig Jahren 
innegehabten Amte noch erleben konnte, welche für 
unser geliebtes Vaterland unschätzbaren Früchte — 
(kann vor Rührung nicht weitersprechen.) 



455 



Der Redakteur (ero:riffen) : Herr Botschaftsrat, 
fassen Sie sich, wir von der Presse empfinden ganz mit 
Ihnen! Das weitere mach ich in der Redaktion. Ich ersehe 
aus Ihrer bewegten Schilderung, daß schon vor Beginn 
des Weltkrieges Tränen vergossen wurden. Wenn es 
auch glücklicherweise nur Freudentränen waren, so hct 
die Diplomatie damit doch die Aufgabe, die weiterhin 
den Völkern überlassen war, intuitiv vorgezeichnet. 
Aber glauben Sie mir, Herr Botschaftsrat — die 
Journalistik ist nicht unbeteiligt beiseite gestanden. 
Ein von Natur liberaler Beruf, hat sie im Gegenteil 
alles dazu beigetragen, den Tränen, die seit jenem 
großen Moment geflossen sind, freien Lauf zu lassen. 

Haymerle (ergriffen): Wir danken es Ihnen. 

(\^erwandiung[.) 

22. Szene 

In der fönten Stube bei Wahnschaffes. 

Frau Pogatschnigg: Also ich kann nur 
sagen, daß »Heldengrab im Hause« bei uns die 
weiteste Verbreitung gefunden hat und alles 
begeistert ist. 

Frau Wahnschaffe (bescheiden abwehrend): Ach, 
das war ja nur für die Toten. Aber jetzt hat Manne 
das Heldenkissen erfunden, das schönste Geschenk 
für unsere heimkehrenden Krieger, um auszuruhn 
von ihren Taten. Es enthält: 1. die sinnreiche Anrede: 
Siegreiche Krieger. 2. Das eiserne Kreuz. 3. Den 
Namen des Kriegers, von einem Eichenkranz umgeben 
als Sinnbild deutscher Stärke. 4. Deutsche und öster- 
reichische Fähnchen als Zeichen der Bundestreue — 

Frau Pogatschnigg: Wacker! 

Frau Wahnschaffe: 5. Willkommen in der 
Heimat! M. 3,50. 

Frau Pogatschnigg: Preiswert. Was gibt 
es in Kinderbüchern und Kinderspielen Neues bei 
euch im Reich? 



456 



Frau Wahnschaffe: Wir spielen Weltkrieg. 

Frau Pogatschnigg: Wie? 

Frau Wahnschaffe: Wir spielen Weltkrieg, 
ein zeitgemäßes Bilderbuch für unsre Kleinen. Nun 
und von richtich gehenden Spielen — na der 
42 cm Brummer, aber der ist ja eigentlich von euch — 
warten Sie — ach ja, kennt ihr »Verteilung der 
Beute «? 

Frau Pogatschnigg: Ja, aber da ist man 
bei uns wenig befriedigt, ich weiß nicht, wie das 
kommt. 

Frau Wahnschaffe: Ach, 's ist doch 'n 
entzückendes Spiel. Meine Jöhren sind ganz selig. 
Ja, für uns Deutsche ist das Beste — 

Frau Pogatschnigg: — gerade gut genug. 
Wir haben dafür jetzt den »Russentod«, etwas 
Erstklassiges. 

Frau Wahnschaf fe: Das muß fein sein. 

Frau Pogatschnigg: Der »Russentod«, 
eine sinnreiche Erfindung der Gräfin Taaffe, ist ein für 
Groß und Klein interessantes Geduldspiel, ein Erzeugnis 
der Verwundeten des Roten Kreuz-Lazaretts auf der 
Prager Kleinseite, wo die Gräfin als Oberschwester 
Samariterdienste versieht. In einem sehr geschmackvoll 
ausgeführten Osterei erscheint eine Miniaturfestung 
mit Drahthindernissen und Sumpf dargestellt, nebst 
kämpfenden verbündeten und russischen Soldaten. 
Durch Schütteln des Eies müssen die Verbündeten 
in die Festung hereingebracht und die Russen in 
den Sumpf getrieben werden. 

Frau Wahnschaffe: Etsch! 

Frau Pogatschnigg: Der »Russentod« bildet 
ein geeignetes Ostergeschenk nicht nur für die 
Jugend, sondern auch für die Soldaten in den 
Spitälern, denen es eine angenehme Zerstreuung 
und spannende Unterhaltung bietet. Das »Russentod«- 
Osterei, in sehr geschmackvoller schwarz-gelb-seidener 



457 



Ausführung, kostet K 3-60 und ist in der 
Prager Zentralverkaufsstelle des Kriegsfürsorgeamtes 
erhältlich. 

Frau Wahnschaffe: Zu niedlich. Und wie 
fein die hochgeborne Samariterin den Geschmack der 
Verwundeten berücksichtigt hat! Ja der östreichische 
Adel! Da ist denn doch noch bei aller Schlappheit 
mehr Grazie als bei uns, das muß sogar ich zugeben. 
Wie ist das also, liebe Pogätschnigg — man schüttelt 
das Ei und denn müssen unsre Braven in die 
Festung, die Russen aber in den Sumpf — etsch! 
Das ist ja das Ei des Columbus! 

Frau Pogätschnigg: Die Gräfin ist seit 
dieser Erfindung der Gegenstand von Huldigungen 
der Gesellschaft. Und Sie im Reich — haben Sie 
nichts dergleichen an die Seite zu stellen? 

Frau Wahnschaffe: Na, ich sollte eigentlich, 
was Wahnschaffe schafft, nicht anpreisen — Sie wissen 
ja, Eigenlob — aber ich kann nicht umhin, Ihnei 
den neuen Kriegsspielkreisel wärmstens zu empfehlen. 
Dieses neue Spiel darf in keinem deutschen Hause 
fehlen und gewährt in jeder Familie, jeder Gesellschaft, 
bei jeder Gelegenheit eine spannende Unterhaltung für 
Jung und Alt. Zunächst wird von jedem Teilnehmer 
ein Einsatz in die Kasse gemacht. Sodann wird der 
Kreisel von jedem Teilnehmer der Reihe nach mit den 
Fingern in kreisende Bewegung versetzt. Die Buch- 
staben und Zahlen haben nachstehende Bedeutung: 
R. g.O: Rußland — gewinnt nichts. E.v. Vi: England — 
verliert den ganzen Einsatz. F. v. V2 : Frankreich — 
verliert den halben Einsatz. T. g. V3 : Türkei — 
gewinnt ein Drittel von der Kasse. Ö. g. V2 : Öster- 
reich — gewinnt die Hälfte von der Kasse. D. g. a. : 
Deutschland über alles — gewinnt die ganze Kasse. 

Frau Pogätschnigg: Bravo! Wenn aber 
Österreich die Hälfte der Kasse gewonnen hat, wie 
kann dann Deutschland über alles verfügen? Nimmt 
denn Deutschland auch — 



458 



Frau Wahnschaffe: Nanu ihr oberfaulen 
Östreicher, das paßt euch wieder mal nicht — das 
ist also der Dank, daß wir euch so oft aus dem 
Dreck rausgezogen haben ! Die letzte Offensive 
ist euch wieder rnal glücklich vorbeigelungen! 

Frau Pogatschnigg (drückt ihr die Hand): Sie 
haben mich überzeugt. Österreich gewinnt zwar nur 
die Hälfte von der Kasse, aber — ich bin eine 
deutsche Hausfraul (Sie gehen Schulter an Schulter, 
»Deutschland, Deutschland über alles« singend, ab.) 

(Verwandlung.) 

23. Szene 

Drei deutsche Modedamen bei Betrachtung eines deutschen 
iModejournals. 

Erste deutsche Modedame: Sieh mal, 
4393, Kostüm »Glockenelfe« aus hellila Seidenstoff. 
Bauschender, in Zacken geschnittener Rock; eine 
Glocke als Kopfputz — das ist mein Fall für den 
Karneval ! 

Zweite deutsche Modedame: Nicht doch, 
4389, Kostüm »Mörsergeschütz« aus glattem Satin, 
mit Mörserapplikationen; ein großes Mörsermotiv 
als Kopfputz — das ist mein Fall. Und wir sind 
doch mitten im Karneval! 

Dritte deutsche Modedame: Man tut ein 
Übriges. Man bringt ein Opfer. Man ,;iacht aus 
einem Glockenkostüm ein Mörserkostüm. 

(Verwandlung.) 

24. Szene 

Der Abonnent und der Patriot im Gespräch. 

Der Patriot: Was sagen Sie zur Übertreibung, 
mit der in den feindlichen Ländern die versuchte 
Meuterei von drei, sage drei deutschen Matrosen 
beurteilt worden ist? 



459 



Der Abonnent: Da gibt es nur eine Antwort: 
Eine große Meuterei in der englisciien Flotte. 

Der Patriot: Wo, wieso? 

Der Abonnent: In Spithead in the Nore. 

Der Patriot: Was Sie nicht sagen — da 
war eine Meuterei ? 

Der Abonnent: Und was für eine! Meuterei 
is gar kein Ausdruck! Die Meuterei ergriff fast die 
ganze Flotte des Admirals Duncan. Die Meuterer 
blockierten die Themse mit sechsundzwanzig Kriegs- 
schiffen. 

Der Patriot: Hören Sie auf, wo steht das, 
was war das für eine Meuterei? 

Der Abonnent: Die Meuterei schien das 
Vorspiel einer Revolution zu sein. 

Der Patriot: Was Sie nicht sagen! Was für 
eine Revolution, was für eine Meuterei?! 

Der Abonnent: Was für eine Meuterei? Die 
Meuterei, an die der geehrte Einsender erinnert! 

Der Patriot: Ja richtig — aber wann war das? 

Der Abonnent: In den letzten Jahren. 

Der Patriot: Davon hat man doch gar nie 
etwas gehört? Jetzt kommt das heraus? Sagen Sie 
bittsie wann war das? 

Der Abonnent: 1797. 

Der Patriot: No — das is doch aber nicht 
in den letzten Jahren!? 

Der Abonnent: Bitte, des achtzehnten Jahr- 
hunderts! 

Der Patriot: No — aber was ham wir 
davon? 

Der Abonnent: No — es redt sich herum! 

Der Patriot: No ja, wenn es noch dazu wahr 
is! Wissen Sie, wenn es auf die Stimmungen der 
Entente wirkt, möcht ich mich freun, besonders 
wenn zum Beispiel in Frankreich — 



460 



Der Abonnent: No was wolln Sie haben — 
in Frankreicli is die französische Revolution au«^- 
gebrochen! 

Der Patriot: Hören Sie auf — wo steht das?! 

(Verwandlung.) 

25. Szene 

Mittagtisch bei Hindenburg und Ludendorff. 

Hindenburg (drückt Paul Goldmann die Hand): 
Ah, da sind Sie ja. 

Paul Goldmann (beiseite): Eine Löwenpranke. 
Er begrüßt mich mit der herzgewinnenden Güte, die 
ihm eigen ist. 

Ludendorff (drückt Paul Goldmann die Hand): 
Ah, da sind Sie ja. 

Paul Goldmann (beiseite): Sein Aussehen ist 
unverändert das gleiche wie vor einem, vor zwei, 
vor drei Jahren, nur daß sein Charakterkopf noch 
durchgeistigter geworden ist. 

Hindenburg und Ludendorff (beiseite): Er 
hat sich nicht verändert. 

|Sie nehmen Platz, Goldmann sitzt zwischen ihnen. Sie sprechen 
von rechts und links abwechselnd auf ihn ein.) 

Hindenburg (seufzend): Jetztheißtesdurchhalten. 

Ludendorff (seufzend): Es ist schwer, aber 
es muß gelingen. 

Hindenburg: Es steht alles gut. 

Ludendorff: Die Lage berechtigt zur größten 
Zuversicht. 

Hindenburg: Überwintern müssen wir freilich, 

Ludendorff: Den Termin des Friedens 
bestimmen können wir natürlich nicht. 
^Goldmann nickt nach beiden Seiten und macht sich Notizen.) 

Paul Goldmann (zu sich): Über das Wann 
des Friedens bestimmte Angaben zu machen ist 
natürlich unmöglich. Aber vielleicht über das Wie — ? 



461 



ich werde jetzt eine Frage stellen, die wohl jedem 
daheim am Herzen liegen mag. (Laut.) Durch welche 
Mittel wird der Friede am sichersten herbeigeftihrt? 

Hindenburg: Der Friede wird umso eher 
herbeigeführt werden 

Ludendorff: je günstiger unsere Kriegslage 
wird. Noch steht die Tat 

Hindenburg: über dem Wort. 

Ludendorff: De ;halb sollten wir jetzt nicht 

Hindenburg: vom Frieden sprechen. Den 
Anfang 

ludendorff: scheinen die Russen machen 
zu wollen. 

(Es tritt eine Pause ein, während welcher sich Qoldmann 
Notizen macht.) 

Paul Goldmann (zu sich): Was im Anschluß 
hieran über den Frieden gesprochen wurde, entzieht 
sich in seinen Einzelheiten der Veröffentlichung. 
Nur so viel darf vielleicht mitgeteilt werden, daß 
Hindenburg und Ludendorff einen Frieden wünschen, 
der möglichst sichere und stabile Verhältnisse schafft, 
einen solchen Frieden, der uns gesicherte Grenz- 
verhältnisse und eine freie wirtschaftliche Betätigung 
in der Welt und auf dem Weltmeer bringt. 

Ludendorff: Fahren Sie fort! 

Paul Goldmann: Gestatten Sie noch — 

Ludendorff: Ach so — Hindenburg, fahren 
wir fort! 

Hindenburg und Ludendorff: Ich bin 
der Meinung, daß die Ansichten über den Frieden 
nicht unveränderlich sein können, da sie von der 
Kriegslage abhängen. 

Hindenburg: Auch über die Lage an der 
Westfront kann ich mich 

Ludendorff: mitvollerBeruhigung aussprechen. 



462 



Paul Goldmann: V/as ist von dem Obersien 
Kriegsrat zu erwarten, den die Entente jetzt einzu- 
setzen im Begriffe ist? (Zu sich) Hindenburg lacht. (Er 
notiert dies und legt dann den Finger auf die elsaß-lothringische 
Frage.) 

Ludendorff: Für die Franzosen mag es eine 
elsaß-lothringische Frage geben 

Hindenburg: für Deutschland gibt es keine. 

Paul Goldmann: No und was ist mit Amerika? 

Hindenburg: Die Reklame 

Ludendorff: mit der Amerika seine Kriegs- 
leistungen ankündigt 

Hindenburg: ist imposant und des Landes 
würdig, das einen Barnum 

Ludendorff: hervorgebracht hat. Nun wollen 
wir erst einmal abwarten 

Hindenburg: ob die Leistungen selbst ebenso 
imposant sein werden. 

Ludendorff: Na und wenn schon — erstens 
haben die Amerikaner ihr Heer gegen Japan auf- 
gestellt — 

Hindenburg: zweitens leiden sie an Tonnage- 
mangel — 

Ludendorff: drittens haben wir die U-Boote. 

Hindenburg und Ludendorff: Kurzum, das 
große amerikanische Heer steht noch in nebelhafter 
Ferne. 

PaulGoldmannrIch habe eine Frage auf dem 
Herzen, die an das Problem des U-Bootkrieges streift. 

Ludendorff: Na, Hindenburg, wolln Se mal 
alleene antworten? 

Hindenburg: Nee. 

Ludendorff: Wir haben nie daran gedacht, 
daß unsere U-Boote England in ein paar Monaten 
aushungern würden. Unser Ziel war nicht, England 
auszuhungern, sondern es zum Frieden geneigter 
zu machen. 



463 



Paul Goldmann: Na schön, unterhalten wir 
uns jetzt mal von den Operationen in Italien, 

Hindenburg: Im Wetteifer mit unseren 
Deutschen haben sich die österreichisch-ungarischen 
Soldaten tapfer 

Ludendorff: geschlagen. 

Paul Goldmann: Von allen Kriegsschau- 
plätzen war schon die Rede, ich vermisse jetzt nur 
noch den Balkan. 

Hindenburg (ihn beruhigend): Die Lage dort ist 

Ludendorff: unverändert. 

Paul Goldmann (zu sich): Ich bin beruhigt. 
Das Mittagessen war von militärischer Einfachheit, 
wenngleich der Kaffee aus echten Bohnen. 

(Hindenburg und Ludendorff erheben sich. Paul Goldmann 
bleibt sitzen.) 

Hindenburg (sich von dem Gaste verabschiedend, 
halb zu Ludendorff gewendet): Wenn wir noch eine 
Zeitlang Kraft und Geduld haben, bringen wir's zum 
guten Ende. (Sich zu Goldmann wendend) Das Sagen Sie 
in Österreich-Ungarn mit einem schönen Gruß von mir! 

(Goldmann ist aufgestanden und wartet zögernd.) 

Ludendorff (auf ihn zutretend, jedes Wort betonend): 
Sie sind heute vielleicht zum letztenmal bei uns 
gewesen. 

Paul Goldmann (beiseite): Die Abschiedsworte 
des Generalquartiermeisters spielen darauf an, daß 
ich bisher in jedem Kriegsherbst einmal an der Tafel 
des Feldmarschalls habe sitzen dürfen. 

(Verwandlung.) 

26. Szene 

Semmering. Auf dem Hochweg. 

Der kaiserliche Rat: — Also was soll ich 
Ihnen sagen die zehn Waggon sind mir nur so in die 
Hand geflogen. In Marienbad also was soll ich Ihnen 



464 



sagen man kriegt alles, nur natürlich fufzn Mal so 
teuer aber was schadt das? Gediegen — auf der 
Südbahn, wie ich hinkomm, alles gesteckt voll, lauter 
Soldaten und so, ein Geschrai und ein Gedränge, 
Menschen sag ich Ihnen so etwas war noch nicht 
da — no was heißt das, i c h wer nicht Platz kriegen, 
also was soll ich Ihnen sagen bin ich einfach mitten 
durchgegangen und von vorn herein und von hinten 
herum, hat der Verkehrsbeamte gesagt ich soll mich 
verlassen, er versorgt mich, hab ich das Gepäck einem 
Soldaten gegeben, also was soll ich Ihnen sagen ein 
Coup^ ganz allein bis herauf am Semmering, die Leute 
sind am Korridor gestanden wie die Häringe — phü 
die Hitze — (zieht eine Düte hervor) Billig — ! vom Zuckerl- 
könig! das Stück zwei Kronen, ein Preis wo jeder 
staunen muß. Was sagen Sie zum heutigen Bericht? 

Der alte Biach: Das kann nicht ohne Rück- 
schlag auf die Stimmungen der Entente bleiben. 

Der kaiserliche Rat: Ich weiß nicht — ich 
kann mir nicht helfen — der heutige Bericht — 
also was sagen Sie zu Luzk? 

Der alte Biach: Zunehmendes Schwäche- 
gefühl in der Entente. 

Der kaiserliche Rat: Wieso? 

Der alte Biach: Die Entente verbirgt sich 
noch hinter großen Worten, aber sie fühlt bereits 
ihre Schwäche. 

Der kaiserliche Rat: No und Luzk? 

Der alte Biach: Der Friede sichert ein 
Frühstück ohne Rußland. 

Der kaiserliche Rat: Erklären Sie — 

Der alte Biach: In Milliarden ausrechnen 
können wir das nicht. Es gibt jedoch Milliarden, 
die sich nicht zahlen lassen. 

Der kaiserliche Rat: Allesgeht, wenn man will. 

Der alte Biach: Hundert Milliarden Mark im 
Jahr sind ein Ungetüm von Leviathan, an dem nichts 
klein ist. 



465 



Der kaiserliche Rat: Wo nehmen Sie die 
Milliarden her? Heutzutag ! 

Der alte Biach: Die Zeiten sind hart. 

Der kaiserliche Rat: No also was folgt 
daraus? 

DeralteBiach: Kerenski hat gesagt, Rußland 
ist erschöpft. 

Der kaiserliche Rat: So. Aber Luzk — ? 

Der alte Biach: Die Schlacht am oberen 
Isonzo hat erst heute früh begonnen und wir möchten 
ihrem Verlauf nicht vorgreifen. 

Der kaiserliche Rat: Ich mein aber Luzk — I 

Der alte Biach: Wir wollen nicht in Zukunfts- 
träumen schwelgen, doch ein solcher Beweis wäre 
des Einsatzes wert. 

Der kaiserliche Rat: Luzk — ! 

Der alte Biach: Wir spüren aus den Worten 
des Kriegspressequartiers den Anhauch des Geschicht- 
lichen. Nun werden sie schreien nach der amerika- 
nischen Unterstützung, nach diesem Irrlicht der 
Entente, dem sie nacheilt und das sie immer tiefer 
hineinführt in den Sumpf, in Niederlage und Ver- 
derbnis. 

Der kaiserliche Rat: Selbstredend, aber — 

Der alte Biach: Aber schon jetzt empfinden 
wir den Geist des Sieges — 

Der kaiserliche Rat: Nu na nicht. Das 
heißt — unten! Aber oben?? 

Der alte Biach (ausbrechend): Das erste muß 
jetzt sein, daß der Reisende die Fühlhörner aus- 
streckt und die Kundschaft abtastet. 

Der kaiserliche Rat: Das leuchtet mir ein, 
aber — 

Der alte Biach: Wenn wir die Bilanz ziehen, 
so ergibt sich noch immer zu unseren Gunsten ein 
Plus von zirka 40.000 Mann. 

Der kaiserliche Rat: Unten! Aber oben—?? 

Die letzten Tage der Menschheit. 30 



466 



DeralteBiach: Man vernimmt den Kanonen- 
donner und weiß, wie viele von den Toten, Ver- 
wundeten und Gefangenen auf die Lastenseite zu 
verrechnen sind. 

Der kaiserliche Rat: Also nehmen Sie 
schon an — 

Der alte Biach: London und Paris dürften 
heute recht verdrossen sein. Konsols sind auf dem 
Tiefstand. 

Der kaiserliche Rat: No ja, der Krieg — 

Der alte Biach: Der Krieg schlägt die Völker 
dreifach: Schlechtes Geld, Mangel und Höchstpreise. 

Der kaiserliche Rat: In dem Punkt — 
wer sich — 

Der alte Biach: Wer sich in die Italiener 
hineindenkt — 

Der kaiserliche Rat: No und? 

Der alte Biach: Schrecken dürfte sich bereits 
unter den Bewohnern ausbreiten. 

Der kaiserliche Rat: Ich fürchte stark. 

Der alte Biach: Ohne die Möglichkeiten 
schon jetzt, ehe das Werk vollendet ist, in den 
Einzelheiten und in den Details zu erörtern — 

Der kaiserliche Rat: Was halten Sie von 
den Konferenzen in Rom? 

Der alte Biach: Kühle Aufnahme in Paris. 

Der kaiserliche Rat: Erinnern Siesich noch — 
damals — bei der Affaire mit der Lusitania — 

Der alte Biach (unwillig den Kopf hin und her 
bewegend): Übertreibung der ganzen Angelegenheit. 

Der kaiserliche Rat: Wissen Sie, was uns 
gesund war? Wie damals wo es geheißen hat — 
Gott das waren doch Zeiten — Umfassung der 
russischen Truppen durch die deutsche Armee — 

Der alte Biach (rabiat): — und Hereinwerfen 
in die masurischen Sümpfe. 

Der kaiserliche Rat: No und Rumänien? 



467 



Der alte Riach: Geputzte Frauen saßen an 
den Tischen in öen hellerleuchteten Sälen der 
Bukarester Hotels. Wir können uns vorstellen — 

Der kaiserliche Rat: No und was war da? 

Der alte Biach: Die bemalten Weiber in 
Bukarest erbleichen. 

Der kaiserliciic Rat: Das sind Schmonzes. 

Der alte Biach: Schrecken breitet sich aus 
über die Stadt. Die Fenster haben gezittert — 

Der kaiserliche Rat: Nu na nicht. Aber 
was ham wir zu erwarten? 

Der alte Biach: Beginn einer großen Zeit. 
Die Blicke der Völker nach dem Westen gerichtet. 

Der kaiserliche Rat: Wenn Sie das sagen, 
glaubt man e Titel von ihm zu hören mit Untertitel 
im Abendblatt. Aber — 

Der alte Biach: Die Frauen von Paris horchen 
nach dem Osten. 

Der kaiserliche Rat: Wieso? 

Der alte Biach: Frauen mit verweinten Augen 
sind in den Straßen von Paris zu sehen. 

Der kaiserliche Rat: Bittsie, wir ham auch 
nix zu lachen. 

Der alte Biach (mit Elan): Hymnen tönen im 
Herzen. Der Philosoph Fichte war zum Landsturm 
eingerlickt. 

Der kaiserliche Rat: Wie kommen Sie 
dadarauf? 

Der alte Biach (fabulierend): Er machte seine 
Übungen gemeinsam mit Buttmann, Rühs und dem 
Theologen Schleiermacher. Buttmann und Rühs 
konnten nicht erlernen, rechts und links zu unter- 
scheiden. Diese Zeit, die so viel Ähnlichkeit mit 
unserer hat, reizt die Neugierde, und vielleicht kann 
die Vergangenheit auf die Frage antworten: Wie ist 
der Verlauf von wirtschaftlichen Krisen, die von 
einem Kriege hervorgerufen werden? Der Vergleich 

30* 



468 



führt zu auffallenden Übereinstimmungen bis in die 
Einzelheiten. Erleben wir jetzt nicht das Schöpfungs- 
wunder in der Stickstoffindustrie? 

Der kaiserliche Rat: Ich versteh. Aber 
wissen Sie, was wir braucheten? 

Der alte Biach (stürmisch): Starke Männer, 
die alles von sich werfen und sich den Trieben der 
Gegenwart hingeben wie die Braut dem Bräutigam. 

Der kaiserliche Rat: Je nachdem. 

Der alte Biach: Der Krieg hat besondere 
Absatzstockungen und der Friede auch, und so 
schwingen die Einflüsse fort und der Wechsel 
braucht eine Leitung des Staates, die in das Volk 
hineinhorcht und aus ihm heraushört und in den 
zittrigen Augenblicken dieser Veränderung in den 
Bedürfnissen und in der Erzeugung auf der Höhe 
ihrer Pflicht ist. Das Jahr der Erfüllung kommt. 

Der kaiserliche Rat: Ob Sie da nicht bißl 
übertreiben — ? 

Der alte Biach (frohlockend): Herrlich ist alles 
geworden, frei ist das Land, zurückgeworfen sind die 
Feinde, ausgemerzt die serbischen Truppen, zerstört 
die russischen Festungen. 

Der kaiserliche Rat: No — no! Und Luzk?! 

Der alte Biach (betroppezt, doch gefaßt): Trauer- 
fahnen müssen herausgehängt werden. Aber wozu 
solche Äußerlichkeiten? 

Der kaiserliche Rat: Jetzt sprechen Sie 
wieder, wie wenn ma scho ganz — 

Der alte Biach (aufatmend): Rußland gebeugt, 
Serbien zertreten, Italien beschämt! Die Menschheit ist 
für Jahrzehnte entlastet, das Bohren in den Nerven 
wird nicht mehr empfunden werden, und das muß 
ein Wohlgefühl verbreiten und die Einleitung zu 
Abschnitten sein, in denen das Staunen über die 
wirtschaftliche Entfaltung uns wieder gefangennimmt. 

Der kaiserliche Rat: Apropos gefangen- 
nimmt. Bei Luzk — 



469 



Der alte Biach: Der Geschichtsforscher wird 
nach Mitteilungen über die Aufnahme der Nachrichten 
von dem Siege in Ostgalizien suchen, ob nicht 
Freudenfeuer auf den Spitzen der Berge angezündet, 
brennende Kerzen in die Fenster der Häuser gestellt 
wurden — 

Der kaiserliche Rat: Gestatten Sie eine 
Laienfrage. Wo nehmen Sie die Kerzen her? 

Der alte Biach: — ob nicht berauschende 
Musik die Stimmungen ausgedrückt habe — 

Der kaiserliche Rat: Das sind Schmonzes 
über Tarnopol. Bleiben wir bei Tachles über Luzk! 

Der alte Biach (nachdenklich): Der verstorbene 
Generalsekretär der Österreichisch-ungarischen Bank, 
Wilhelm v. Lucam, ist nahezu vergessen. 

Der kaiserliche Rat: Traurig. 

Der alte Biach: Der jetzige Gouverneur, 
Herr v. Popovics, hat eine Vergangenheit, die zu 
einer Zukunft berechtigt. 

Der kaiserliche Rat: Schön. Aber warum 
sagen Sie das? 

Der alte Biach: Wir stellen uns den Offizier 
und den Soldaten vor, der von Cattaro über Geröll 
und Felsblöcken, in den höheren Lagen über Eis 
und Schnee, beständig von den Geschossen des 
Feindes bedroht, auf den Lovcen gestiegen ist. Er 
muß ein anderer geworden sein. 

Der kaiserliche Rat: Ich glaub auch. Aber 
mir imponiert nur Ihre lebhafte Phantasie — 

Der alte Biach: Die Einbildungskraft 
schwelgt in der Vorstellung — 

Der kaiserliche Rat: Moment. Sie springenauf 
die Österreichisch-ungarische Bank und von da auf den 
Lovcen. Mich intressieret aber Ihre Ansicht über Luzk — 

Der alte B i a c h (scheu) : Wir möchten in den 
Erinnerungen nicht zurückgreifen auf Tyrtäus. 

Der kaiserliche Rat: Warum nicht, tun Sie 
sich keinen Zwang an. 



470 



Der alte Biach (stichelnd): Clemenceau wird 
verwundert sein. 

Der kaiserliciie Rat: Das gönn ich ihm! 

Der alte Biach (tändelnd): Der russische Dichter 
Puschkin heiratete ein junges Mädchen aus einer 
vornehmen Familie. Natalie Goncharow war gefall- 
süchtig und der Dichter eifersüchtig. Der Sohn des 
niederländischen Gesandten in Petersburg, Baron 
George Heckeren, reizte durch seine Werbungen um 
die Gunst der schönen Frau den Verdacht des 
Mannes — 

Der kaiserliche Rat: Ich erinner mich. 
Puschkin is nebbich im Zweikampf gelötet worn. 
Aber worauf wolln Sie hinaus? 

Der alte Biach (sinnierend): Die Nachwelt hat 
ihn nicht vergessen, und bei der Enthüllung seines 
Denkmals wurde Dostojewski eingeladen, die Gedenk- 
rede zu halten. Er sagte, der innerste Gedanke der 
russischen Volksseele ist: Dulde! Der Bericht der 
deutschen Obersten Heeresleitung erzählt, daß die 
Verluste des Feindes bei Postawy — 

Der kaiserliche Rat: No ja, aber bei Luzk 
schätz ich — 

Der alte Biach: Die Spaziergänger auf den 
Straßen streifen sich gegenseitig mit den Blicken 
und wollen in den Augen die Gedanken über 
Durazzo, Verdun und die Champagne lesen. 

Der kaiserliche Rat: No und über Stanislau 
doch auch! Was sagen Sie zu Stanislau? 

Der alte Biach (mit Überzeugung): Stanislau ist 
ein Rufzeichen, das den Übermut des Generals Brussilo w 
dämpfen und ihn erinnern muß, wie vergänglich an 
dieser Stelle russische Eroberungen gewesen sind. 

Der kaiserliche Rat: Und was sagen Sie zu 
Brody? 

Der alte Biach (kleinlaut): Brody ist ein Schmerz. 

Der kaiserliche Rat: No und Görz? 

Der alte Biach (obenhin): Görz ist ein Hautritz. 



471 



Der kaiserliche Rat: Glauben Sie mir, es 
kommt immer anders wie man sich vorstellt. 

Der alte Biach: Die Linien und die Flächen 
sind in der Wirklichkeit vom Körper nicht zu trennen, 
und dennoch arbeitet das Denkvermögen mit ihnen 
und baut Sätze auf mit unbedingter Wahrheit, obgleich 
die Breite und Tiefe vernachlässigt werden. Die 
Schlachten an der Somme sind eine der schlimmsten 
Enttäuschungen. 

Der kaiserliche Rat: Aber schließlich — 
die Leute müssen doch wissen, was sie wollen!? 

Der alte Biach: Vielleicht wird sich die 
Erkenntnis verstärken, daß es auch im Völkerdasein 
nichts ganz Gradliniges gibt und daß tiberall die 
Kreuzungsflächen sich schneiden. 

Der kaiserliche Rat: Moment. Die 
Diplomaten der Entente — 

Der alte Biach (lebhaft): Die Diplomaten der 
Entente sind wie die Söhne des Noah, welche die 
Blöße ihres trunkenen Vaters zugedeckt haben. 

Der kaiserliche Rat: Gelungen. Aber seit 
Rumänien — 

Der alte Biach (übersprudelnd): Als die Kriegs- 
erklärung in Bukarest beschlossen worden ist, haben 
sich die Führer der Entente benommen, als hätten 
sie Dämpfe von indischem Hanf eingeatmet. 

Der kaiserliche Rat: Meschugge. Aber was 
wolln Sie heut von Bratianu? 

Der alte Biach: Bratianu wird jetzt böse 
Nächte haben. 

Der kaiserliche Rat: Wieso glauben Sie? 

Der alte Biach: Wenn eine Schraube auf 
die Offensive gestellt ist und zur Defensive umgedreht 
werden soll, kann sie leicht brechen. 

Der kaiserliche Rat: Glaub ich auch. No 
aber in Wien wird sich doch heut etwas tun — I 



472 



Der alteBiach: In den Straßen von Bukarest 
werden jetzt manche herumgehen mit dem Zweifel 
im Herzen. 

Der kaiserliche Rat: Erlauben Sie, wir 
können — 

Der alte Biach: Wir können uns die Wirkung 
auf das rumänische Volk vorstellen. 

Der kaiserliche Rat: No aber das is doch 
schon alles vorbei ~ jetzt hat ma doch wieder andere 
Sorgen — ! 

Der alte Biach (gedeftet): Die Sorge beginnt 
wieder. 

Der ka iser liehe Rat: Sie, jetzt hören Sieschon— ! 

Der alte Biach: Jetzt hören sie schon 
den Kanonendonner von Tutrakan und oilistria in den 
Straßen von Bukarest. 

Der kaiserliche Rat: Das is doch aber eine 
erledigte Sache — ! 

Der alte Biach: So endet der erste Abschnitt 
eines Krieges, für dessen Ausgelassenheit in den 
Beweggründen und in den Formen jedes Maß fehlt. 

Der kaiserliche Rat: Ich wer Ihnen sagen, 
v/as Sie sich vorstellen, das — 

Der alte Biach (bestimmt): Das kann in England 
nicht ohne Eindruck bleiben. 

Der kaiserliche Rat: Sagt Er 1 Heut hat ma 
doch wirklich andere Sorgen wie Tutrakan!? Der 
bulgarische Sieg hat damals Aufsehn gemacht — 

Der alte Biach (vibrant) : — weil er mit solcher 
Frische aus dem Handgelenk gekommen ist. 

DerkaiserlicheRat: Was heut intressiert — 
is Luzk! 

Der alte Biach (schäkernd): Beim Melkender 
Kuh denkt Vroni, ob es nicht schön wäre — 

Der kaiserliche Rat: Lassen Sie mich aus! 



473 



Der alte Biach (versunken): Alix von Hessen 
ist der Mädchenname der Kaiserin Maria Feodorowna. 
Sie war noch in der Baumschule des Lebens und 
bereits in der Rinde gekerbt. 

Der kaiserliche Rat: Biach, was is Ihnen? 

Der alte Biach (wehmütig): Was ist aus Alix, 
die auch nicht beten darf, wie die verstorbene 
Mutter sie es gelehrt hatte, geworden, nachdem sie 
hinausgestoßen wurde in die düstere Verlassenheit 
an der Seite eines Zarenthrones. 

Der kaiserliche Rat: Meine Sorg! Was 
intressieren Sie sich? 

Der alte Biach: Der Anlaß zu dieser Frage 
ist die eigentümliche Meldung, daß die Kaiserin bis 
in die vordersten Linien der russischen Front, wo 
die deutschen Stellungen bereits in Sicht waren, 
gegangen sei. 

Der kaiserliche Rat: No und? 

Der alte Biach (sinnend): Vielleicht sind auch 
jüngere und ältere Männer aus Hessen in den Schützen- 
gräben gewesen, die Maria Feodorowna bei dem 
Besuche auf dem Schlachtfelde gesehen hat; vielleicht 
hat ein Zufall es gefügt, daß es Freunde aus der Jugend- 
zeit waren, Söhne oder Gatten ihrer Gespielinnen, 
Nachbarskinder — 

Der kaiserliche Rat: Vielleicht. Das müßte 
aber schon e besonderer Zufall sein! 

DeralteBiach: — und jedenfalls Landsleute 
und Deutsche. 

Der kaiserliche Rat: Also Deutsche jedenfalls. 
Aber ausgerechnet Söhne und Gatten ihrer Ge- 
spielinnen? Also so müssen Sie sich das nicht vor- 
stellen, daß sich die grad vorn in die Schützengräben 
hereinlegen wern — und Nachbarskinder hat sie wahr- 
scheinlich überhaupt keine gehabt und wenn ja und 
wenn sie zufällig wirklich vorn waren in die Schützen- 
gräben, sagen Sic mir bittsie wie soll sie sie erkennen 



474 



nach so viele Jahr und auf die Entfernung?! Aber — 
warum lassen Sie sich das so nah gehn? 

Der alte Biach (elegisch): Alix stand am 
Rande des russischen Drahtverhaues und schaute 
hinüber nach Wiesen und Feldern, die nur wenige 
Meter von ihr entfernt gewesen sind — 

Der kaiserliche Rat: Ausgerechnet! So nah 
wird ma sie gehn lassen! Und wo sind da Wiesen 
und Felder, wie stellen Sie sich das vor?! Wo — 

Der alte Biach (träumerisch): — wo eiti Windstoß 
manchen Laut zu ihr hinübertragen könnte, der ihr 
trotz aller Wandlungen vertraut bleiben mußte. 

Der kaiserliche Rat: Biach, Sie sind etwas 
ein Phantast! 

Der alte Biach (beharrend;: Alix lebt noch in 
der Kaiserin Maria Feodorowna. 

Der kaiserliche Rat: Sagen Sie bittsie Sie 
sind doch ein vernünftiger Mensch — was geht Sie 
Alix an?! 

Der alte Biach (teilnehmend) : Sie ist eine 
unglückliche, gebrochene Frau, beständig von einem 
Kummer gequält, der sich in ihren Kopf hineinbohrt. 

Der kaiserliche Rat: Sagen Sie mir nur 
um Gottesv/illen — was geht das Sie an?! 

Der alte Biach: Mit gerungenen Händen 
hat sie zum Himmel aufgeschrien. 

Der kaiserliche Rat: Wieso, was is ihr 
passiert? 

Der alte Biach (schmerzlich, doch mit verhaltener 
Gewure): Den Namen konnten die Russen ihr ausziehen, 
als wäre er nur ein Kleid. Ein Gebetbuch konnten sie 
ihr aufzwingen, aber das deutsche Gemiet war nicht 
aus ihr herauezureißen. Eine Spur von Alix muß 
noch vorhanden sein. 

Der kaiserliche Rat:No nehmen Sie schon 
an! Aber woher wissen Sie, was in Alix vorgeht? 



475 



Der alte Biach (verloren): Und schaute hinüber 
zu den Deutschen, wo auch kostbares Blut iließt, 
und dachte vielleicht an ihre Großmutter. 

Der kaiserliche Rat: Vielleicht. Warum sagt 
sie aber dann nicht, sie solln aufhören mit dem Krieg? 

Der alte Biach (bitter): Weil die Kaiserin 
Maria Feodorowna der Alix nicht zu viel nachgeben 
darf. Sie schaute hinüber und auf ihren verschlossenen 
Lippen mochte das Wort vom Frieden schweben. 

Der kaiserliche Rat: Aber glauben Sie 
wirklich, daß man sie direkt in der Schlacht hinein- 
geführt haben wird? Vielleicht — 

Der alte Biach (versonnen): Vielleicht haben sie 
den Ausschnitt eines Salonkrieges für sie hergerichtet. 
Das langsame Abklingen der Krise mag in Petersburg 
nach dem Aufschäumen des Erfolges noch nicht 
erkannt werden. Der Zar hört auf sie, und Alix, die 
weggetauft wurde, ist ihm mehr als Maria Feodorowna. 

Der kaiserliche Rat: Warum hat sie sich 
wegtaufen lassen? No also schön, wenn Sie das 
glücklich macht, stelln Se sach vor. 

Der alte Biach (entschlossen): Stellen wir uns 
das Hauptquartier des Zaren vor, wenn die Nach- 
richten kommen. 

Der kaiserliche Rat: No was ham Sie schon 
davon?! Aber wegen Alix will ich Sie aufmerksam 
machen — sie heißt gar nicht Maria Feodorowna 1 

Der alte Biach (pikiert): Das sind Sticheleien. 

Der kaiserliche Rat: So wahr ich da leb, sie 
heißt, v.äe heißt sie nur, sie heißt Alexandra Feodorowna! 

Der alte Biach (mißmutig): E Druckfehler. 

DerkaiserlicheRat: Apropos, was sagen Sie 
zu Nikolajewitsch? Dem is auch schon mies. 

Der alte Biach (schadenfroh): Da kommen die 
Stiche in der Leber und es melden sich die 
Erscheinungen einer verderbten Galle. 

Der kaiserliche Rat: Das sind auch Sticheleien. 
Aber was nutzt das alles — Brussilow is gesund! 



476 



Der alte Biach (verklärt): Die Einnahme von 
Bukarest bringt uns einen jener seltenen Augenblicke, 
in denen der Mensch glaubt, die Schwingen des 
Talents über sich rauschen zu hören. 

Der kaiserliche Rat: Was heißt Talent, das 
war schon genial! No aber — Brussilow is e Hund? 
Was möchten wir heute drum geben — I Also wenn 
die Nachricht — 

DeralteBiach (ekstatisch) : Wenn die Nachricht 
kommt, daß die Siege in Rumänien die verbündeten 
Truppen bis in die Palästestraßen von Bukarest 
geführt haben, so beugen wir uns in Ehrfurcht vor 
dem menschlichen Geiste. 

Der kaiserliche Rat: Ja, die ham damals 
gut abgewirtschaftet, der rumänische König und sie! 

Der alte Biach (phantasierend): Wer spricht 
von den Verschollenen und vielleicht ist ihre einzige 
Spur ein Parfüm, der noch an der Wandverkleidung 
der Zimmer haftet, irgend ein verstreutes Merkmal 
des einstigen Luxus und des Übermutes. 

Der kaiserliche Rat: Meine Sorg. Der Sieg — 

Der alte Biach (entschieden): Der Sieg hat ein 
Bedürfnis befriedigt. 

Der kaiserliche Rat: Lassen Sie's gut sein, 
was möchten wir heute — 

Der alte Biach (bedächtig): Wir möchten heute 
zu den mächtigen Herren vom Rat der Vier sprechen. 

Der kaiserliche Rat: Von Ihnen wern sie 
sich zureden lassen! Was Sie sich einbilden! 

Der alte Biach (einschmeichelnd): Wir möchten 
nicht — 

Der kaiserliche Rat: Ob Sie möchten oder 
nicht möchten, liegt dem Rat der Vier stagelgrün auf. 

Der alte Biach (eifernd): Weil sie die Ein- 
bildungen und die Stimmungen nicht geschont und 
mit solchen Reizungen die Luft zum Atmen vergiftet 
haben. Die Begehrlichkeit ist jedoch auch in den 
Berechnungen — 



477 



Der kaiserliche Rat: No passen Sie auf, sie 
kommen noch bis Konstantinopel. 

Der alte Biach (leidenschaftlich): Die Hagia 
Sophia ist die Fata Morgana für die russische 
Vergrößerungspolitik. Das Versprechen der Beihilfe 
zur Verwirklichung dieses Spiegelbildes ist der 
Nasenring, an dem die englische Politik den 
russischen Bären führte und noch führt. 

Der kaiserliche Rat: Sie mir scheint 
Sie ham etwas einen Pick auf England. 

Der alte Biach (kategorisch): England ist nicht 
bedroht. Teil sagt, jeder geht an sein Geschäft 
und meines ist der Mord. 

Der kaiserliche Rat: Ihres? 

Der alte Biach: Seines! 

Der kaiserliche Rat: Seines? 

Der alte Biach: Teils! 

Der kaiserliche Rat: Wieso Teils? 

Der alte Biach: Englands! 

Der kaiserliche Rat: Is denn England 
Teil? England is doch konträr Geßler und Deutsch- 
land is Teil! Teil sagt, ich lebte still und harmlos. 

Der alte Biach: Sie? 

Der kaiserliche Rat: Er! 

Der alte Biach: Er? 

Der kaiserliche Rat: Teil! 

Der alte Biach: Wieso Teil? 

Der kaiserliche Rat: No Deutschland! Man 
hat ihm doch hörich in ein Drachengift verwandelt 
die Milch! 

Der alte Biach (bitter): Das ist Verderbtheit. 

Der kaiserliche Rat: Da ham Sie recht. 

Deralte Biach (dumpf): Wir können uns 
vorstellen, wie er dort sitzt auf der Regierungsbank, 
im Palaste des Monte Citorio, ein düsterer, schweig- 
samer Mensch. 

Der kaiserliche Rat: Wer? Gar ka Spur! 



478 



Der alte Biach: Spuren von Gedrücktheit 
werden erkennbar. DieNeutralen werden nachdenklich. 

Der kaiserliche Rat: Also gut. Aber vielleicht — 

Der alte Biach: Vielleicht geht jetzt schon 
ein Flüstern durch die englische Gesellschaft, daß 
der Krieg sich nicht mehr bezahlt macht. Die Politik 
der Einkreisung ist zahlungsunfähig. 

Der kaiserliche Rat: Davon bin ich über- 
zeugt. Aber Lloyd George — 

Der alte Biach: Lloyd George hat jedoch 
die Politik — 

Der kaiserliche Rat: Geben Sie ihrn Elzes. 
Was sagen Sie zu Rußland? 

Der alte Biach (schwer): Im Flügel ist Blei. 

DerkaiserlicheRat: Was kauf ich mr dafür. 

Der alteBiach(mehrzu sich): Schreckliche Zeiten! 

Der kaiserliche Rat: Wem sagen Sie das? 

Der alte Biach: Man kann sich vorstellen, 
wie die Bomben herunterdonnern. 

Der kaiserliche Rat: Schön. Aber was 
hani wir davon? 

Der alte Biach (zufrieden): Verdrossenheit in 
der Entente. 

Der kaiserliche Rat: Sie spielen darauf an, 
daß Lloyd George broiges wird mit Clemenceau. 
Wenn das Deutschland gelingt — schön. Aber — 

Der alteBiach (nicht ohne Tarn) : Lloyd George 
können wir uns vorstellen, wie er von seinem Kirchen- 
stuhle sich erhebt und als Prediger zu reden beginnt, 
weil nach den Worten der Heiligen Schrift der Geist 
des Herrn über ihn gekommen ist. Das ist bei 
Clemenceau undenkbar. 

Der kaiserliche Rat: Reden wir vonTachles — 

Der alte Biach: Präsident Wilson hat einmal 
gesagt, ich lege das Ohr auf den Boden und horche 
auf die Wünsche des Landes. 

Der kaiserliche Rat: Sie? Ja so Wilson! 
No was hats ihm genützt? 



479 



Der alte Biach (achselzuckend): Wilson ist 
vielleicht ein Reisender, der den Zug versäumt hat. 

Der kaiserliche Rat: Das verdrießt die Firma. 

Der alte Biach (eindringlich): Lloyd George 
hat jedoch einen Beweggrund für seine Politik, der 
nicht minder wichtig ist. 

Der kaiserliche Rat: Man kann sich vorstellen. 

Der alte Biach: Wir können uns vorstellen, 
welchen Eindruck die Nachricht in Wien hervorrufen 
würde, daß eine große Schlacht in Gloggnitz oder 
Neunkirchen stattfinde. 

Der kaiserliche Rat: Gott soll schützen. 
Aber was halten Sie von — 

Der alte Biach (geheimnisvoH': Es rieselt im 
Gemäuer. 

Der kaiserliche Rat: Habachaachgehört. 
Ich mein aber, was halten Sie von Luzk? 

Der alte Biach (betroppezt) : Wir müssen uns 
in Rußland hineindenken. 

Der kaiserliche Rat: No was kommt schon 
dabei heraus? Schaun Sie, Luzk — 

Der alte Biach (feurig): Die Psychologie der 
Angriffsschlacht ist wichtig. 

Der kaiserliche Rat: Wo steht das? 

Der alte Biach (betamt): Ein Soldat steht in 
den Bergen bei Asiago auf der Wache. 

Der kaiserliche Rat: No und — ? 

Der alte Biach (verdrossen): Das ist Entartung. 

Der kaiserliche Rat: Wieso? Die Entente — 

DeralteBiach (broiges) : Die Entente will kränken. 

Der kaiserliche Rat: Wie versteh ich das? 

Der alte Biach (ächzend) : Was hat die 
Monarchie Wilson getan, daß er — 

Der kaiserliche Rat: Moment — 

Der alte Biach (stöhnend): Was hat die 
Monarchie England getan, daß six. — 

Der kaiserliche Rat: Jetzt handelt es sich 
aber — 



480 



Der alte Biach (aufschreiend) : Was hat die 
Monarchie Serbien getan, daß es — 

Der kaiserliche Rat: No no beruhigen 
Sie sich schon! 

Der alte Biach: Die Entente weiß, daß sie 
uns nicht mit den Waffen besiegen kann, aber 
(zwinkernd) sie stichelt. 

Der kaiserliche Rat: Das wird ihr einen Tineff 
nützen. Wissen Sie was man heut schon sagen kann? 

Der alte Biach (dezidiert): Voraussichtlicher 
Heldentod der Besatzung von Kiautschau. 

Der kaiserliche Rat: Das is passee! Intressant 
steht heut in der Presse: Die Entscheidung der Krise 
bevorstehend. 

Der alte Biach: Wahrscheinlich morgen. 

Der kaiserliche Rat: No ham Sie gelesen: 
Die Abreise des Grafen Clzernin nach Bukarest? 

Der alte Biach: Übermorgen Samstag. 

Der kaiserliche Rat: Wissen Sie was das be- 
deutet? Die Annäherung zum Frieden. No und wodurch? 

Der alte Biach: Durch die heutemitgeteilteNote. 

Der kaiserliche Rat: Ich konstatiere: Leichte 
Entspannung der Krise. 

Der alte Biach: In den gestrigen Londoner 
Blättern. 

Der kaiserliche Rat: Bewegte Zeiten. 

Der alte Biach: Deren Merkmale in den 
vorliegenden Nachrichten. 

Der kaiserliche Rat: Grad les ich da den 
Artikel: Die Räumung Asiagos. Wissen Sie, von wem? 

Der alte Biach: Von der Zivilbevölkerung. 

Der kaiserliche Rat: Der Untertitel is die 
Hauptsache, weil man da ganz genau erfährt. Aber 
manchmal genügt ein Satz — 

Der alte Biach (tändelnd): Sibyl war die 
Tochter eines Arbeiters. 

Der kaiserliche Rat: Sie, wenn Sie wüßten, 
wie mies mir is. 



481 



Der alte Biacli (gereizt): Das ist ein Henim- 
bohren in der offenen Wunde. 

DcrkaiserlicheRat: Passen Sie auf, ich sag 
Ihnen, Sie wem sehn, die Situation — 

Der alte Biach (herb) : Das ist ein Hissen 
der Pestflagge, des Bankerotts. 

Der kaiserliche Rat: No was sagen Sie dazu, 
daß wir zurückgeworfen sind? 

Der alte Biach: Sie tändeln mit dem Krieg. 

Der kaiserliche Rat: Konträr, es scheint ihnen 
blutiger Ernst zu sein — wenn man bedenkt, wo 
wir stehn — wir sind doch heute weit entfernt — 

Der alte Biach: Weit entfernt von Hochmut 
und von Schwäche. 

Der kaiserliche Rat: Das war doch ganz 
am Anfang!? Gott waren das Zeiten, gar nicht denken 
soll ma — ! 

Der alte Biach (fest): Ein Anzug kostet zwei- 
tausend, eine Lokomotive sechzigtausend Rubel. 

Der kaiserliche Rat: Bei uns — ? Das war 
doch billig! Aber sagen Sie mir nur, wer brauch 
jetzt eine Lokomotiv? Waggons brauch man ! 

Der alte Biach: LaienfragenundLaienantworten. 

Der kaiserliche Rat: Bitt Sie, erinnern Sie 
einen nicht! 

Der alte Biach (unerbittlich): Wenn der Vertrag 
über den Sonderfrieden unterzeichnet wird, ist Lloyd 
George verloren und vielleicht auch Clemenceau. 

Der kaiserliche Rat: No und wir? 

Der alte Biach (einlenkend): W^ir müssen uns 
in die Entente hineindenken. 

Der kaiserliche Rat: Weit gebracht. Stellen 
wir uns vor — 

Der alte Biach (mit Genugtuung): Stellen wir 
uns vor, daß die Gefangenen zurückkehren, eine 
Million, vielleicht noch mehr — 

Der kaiserliche Rat: Es können doch 
höchstens schätz ich alles in allem fufzntauscnd sein ! 

Die letzten Tage der Menschheit. 31 



482 



Der alte Biach (bechowet): — darunter meistens 
junge Leute, gehärtet im Klima von Sibirien. 

Der kaiserliche Rat: No und wie! Aber 
jetzt halten wir vorläufig bei Luzk — der heutige 
Bericht — also lassen Sie ein vernünftig Wörtl 
mit sich reden — 

Der alte Biach (abtastend): Hier fällt uns 
vor allem das Wörtchen »noch« auf und das Auge 
bohrt sich förmlich hinein in den Bericht und man 
kann sich vorstellen — 

Der kaiserliche Rat: So wahr ich da leb 
das war das erste was ich früh sie is noch gelegen 
zu ihr gesagt hab sie hat noch gesagt Sprech mit 
Biach! Sehn Sie, Sie sind auch ein Pessimist geworn. 
Nach meiner Ansicht — was soll ich Ihnen sagen — 
Luzk — schließlich — also was is Ihre Ansicht? 

Der alte Biach (schlicht): Die Familie Brodsky 
ist eine der reichsten in Kiew. (Ausbrechend) Dadaran 
glaub ich und dadavon geh ich nicht ab! 

Der kaiserliche Rat: Moment. Wie kommt 
das zu dem? 

Der alte Biach (erregt): Das wissen Sie nicht? 
das wissen Sie nicht? also den Anfang vom heutigen 
Leitartikel ham Sie — 

Der kaiserliche Rat: Gott richtig, natürlich — 
nur so aus dem Zusammenhang heraus war es mir bißl 
fremd — ich kenn doch jeden Satz auswendig — 
wie er in die Stimmungen hereinkommt — heut gibt 
er es ihnen ordentlich, er stichelt gegen Wilson und 
er tändelt mit Czernin. Aber offen gestanden — die 
Geschichte mit Luzk gefällt mir etwas nicht. 

Der alte Biach (schwärmend): Die Nase der 
Kleopatra war eine ihrer größten Schönheiten. 

Der kaiserliche Rat: Ihnen gesagt. 

Der alte Biach (erregt): Das wissen Sie nicht? 
das wissen Sie nicht? also den Anfang vom gestrigen 
Leitartikel — 



483 



Der kaiserliche Rat: Gott richtig,natürlichdas 
war doch so packend — aber — Luzk gefällt mir nicht! 
Es is natürlich ein prima strategischer Rückzug — 
aber — 

Der alte B lach (bündig): Ein Volk muß essen. 

DerkaiserlicheRat: Selbstredend, aber wie 
kommt das zu — 

Der alte Biach (erregt) : Das wissen Sie nicht? 
das wissen Sie nicht? also den Schluß vom heutigen — 

Der kaiserliche Rat: Gott richtig, natürlich — 

Der alte Biach (bitter, jedoch mit edlem Anstand): 
Das Schicksal des Blattes ist es schon wiederholt 
gewesen, daß die Persönlichkeiten, die ihm angehören, 
die Mitarbeiter und Korrespondenten, von den 
Wirkungen der Weltbegebenheiten unmittelbar und 
persönlich getroffen Ä^erden. 

Der kaiserliche Rat: Selbstredend kommt aber 
dabei immer ein großer Kowed für das Blatt heraus. 
Aber wissen Sie, wenn man die heutige Situation be- 
trachtet, welcher Gedanke sich auch dem einfachen 
Laien aufdrängt? Einen Bismarck braucheten wir! 

Der alte Biach (kategorisch): Ein Demosthenes 
wäre nötig, um Einsicht und Klarheit zu schaffen. 
Wir hoffen, daß unser Ministerium des Äußern die 
Angehörigen der Monarchie mit allem Nachdruck 
schützen werde. 

Der kaiserliche Rat: Moment. Wenn noch — 

Der alte Biach (resigniert): Wenn noch Raum 
wäre für einen Gentz in der heutigen, so stark 
veränderten Gesellschaft, würde er boshaft lächeln. 

Der kaiserliche Rat: Intressant. Aber warum 
soll nicht Raum se'n? 

Der alte Biach (resolut): Ein Talent wird immer 
Raum finden. Beethoven war auch ein Teilnehmer 
des Kongresses durch eine Kantate, Wiens glor- 
reichster Augenblick. 

Der kaiserliche Rat: Was nutzt das alles, 
man is doch schon sehr betroppezt! 

31* 



484 



DeralteBiach (mit einem Bück gen Himmel; ; Wo 
ist heute ein Fichte, der die gebeugten Seelen wieder 
aufrichten, dem deutschen Volke ein Lehrer und 
Wegweiser zugleich sein könnte! 

Der kaiserliche Rat: Das is aber jo wehr! 
(auf die Uhr sehend) Gott halber acht! 

Der alte Biach (im Abgehn^dumpi): Iwangorod 
röchelt bereits. 

(Verwandlung.) 

27. Szene 

Berliner Tiergarten. 

Padde: Die gefilmte Schlacht, die gefilmte 
Majestät des Sterbens und des Todes! Daß die 
Engländer eine unwissende und ungebildete Gesell- 
schaft sind, wissen wir ja; der vorliegende Fall 
zeigt aber auch, bis zu welcher Gefühlsroheit 
Neid und Lüge führen. 

Kladde: Wäre es nicht erwünscht, daß 
man auch dem Deutschen hinter der Front solche 
lebenswahre Bilder der jüngsten Ereignisse 
vorführte? An Gelegenheiten, die geeignete Bilder 
zur Aufnahme bieten, dürfte kein Mangel sein. 
Die Taten unserer Soldaten, im Bilde vorgeführt, 
gäben wahrhaftig Stoff genug für mehr als einen 
Film, und das Volk, das am Bilde manchmal mehr 
hängt, als am Worte, würde solchen Vorführungen 
ein gewaltiges Interesse entgegenbringen, auch wenn 
wir auf die Ausschmückungen im Interesse nationaler 
Selbstverhimmelung, die Engländer und Franzosen 
nötig haben mögen, gern verzichten. 

Padde: Machen wir. Was sagen Sie zum 
Hias? Unter dem Krachen aller Feuerwaffen 
und mit Sturmgeschrei ging gestern abend »Der 
Hias«, ein feldgraues Spiel in drei Akten, über die 
Bretter des Berliner Theaters. Der Zettel verschwieg 



485 



den Namen des Verfassers; aber ein Feldgrauer 
soll das Stück geschrieben haben, und Feldgraue 
(Offiziere und Mannschaften Berliner und bayrischer 
Ersatz-Truppenteile, unter denen gewiß einige von 
schauspielerischer Herkunft waren) führten es auf. 
Für die Frauenrollen stellten sich Frauen der 
Aristokratie zur Verfügung. 

Kladde: Wacker! 

Padde: Das Stück gab Gelegenheit, Lager- 
leben und blutige Kämpfe mit erstaunenswertem 
Naturalismus vorzuführen. Die echten Soldaten auf 
der Bühne spielten, als ob sie an der Front wären. 
Dort, wo die kriegerischen Vorgänge der technischen 
Mittel der Bühne spotteten — 

Kladde: — sprang der Film ein. 

Padde: Na sehn Sie, treffen wa ooch! Und der 
Apparat rollte (im letzten Akte) eine Reihe von 
geschickt in die Szene des Stückes eingelegten 
Schlachtbildern ab. Erhöht wurde der Eindruck durch 
den Lärm der Maschinengewehre und Handgranaten 
und durch das Ächzen und Stöhnen der Gefallenen. 

Kladde: Ein Kulturskandal erster Güte — 

Padde: Wie? 

Kladde: — ist die englische Denkmünze auf 
die Seeschlacht im Skagerrak. 

Padde: Ach so. 

Kladde: Nachdem die Engländer ihre 
schwere Niederlage vom Skagerrak auf dem 
Piipier allmählich in einen Sieg umgemodelt haben, 
setzen sie diesem Lügenverfahren dadurch die Krone 
auf, daß sie eine Denkmünze auf die Seeschlacht 
prägen. »Der ruhmreichen Erinnerung derer, die an 
jenem Tage fielen«! 

Padde: Ja, sie treiben's doli. Wir Deutsche 
brauchen keene Denkmünzen ! 

Kladde: Im Vergleich mit neueren deutschen 
Denkmünzen kann diese englische als gedankenarm und 



486 



unkünstlerisch bezeichnet werden. Der Text, der nichts 
von Sieg enthält, ist für englische Verhältnisse ziemlich 
bescheiden. Die Denkmünzen sollen käuflich sein — 
die goldene zu 230 Mk., und der Gesamtertrag soll 
den Hinterbliebenen der gefallenen Seeleute zukommen. 
So verabscheuungswürdig diese englische Verlogenheit 
auch ist, kann man es nicht in Abrede stellen, daß 
sie System hat und sicher auch Erfolg haben wird, 
denn es unterliegt keinem Zweifel, daß auch auf 
diesen englischen Schwindel wieder eine ganze Menge 
neutraler Untertanen hereinfallen wird. 

Padde: Marke Lügen-Grey. Wir hätten jetzt 
eine Gelegenheit zu 'ner Denkmünze! Kaiser 
Wilhelm als Feldarbeiter. Bekanntlich reiste der 
Kaiser an die Ostfront. Seine schlesischen Truppen 
erfreute Seine Majestät durch persönliche Anerkennung 
und durch seinen Dank für ihre Tapferkeit. Des freute 
sich ganz Schlesien. Aber ganz Schlesien freute sich 
noch über etwas anderes. 

Kladde: Weiß schon. Das lassen Sie mich 
erzählen. Was rennt das Volk, was läuft die 
Schar hinaus auf die abgemähten Felder? Den 
Kaiser zu sehen. Nachmittags zwischen 5 und 7 Uhr 
ist es. Munteres Volk bringt die kostbaren Ährengarben 
auf bereitstehende Wagen. Plötzlich ruhen alle Hände, 
Stille tritt ein, alle Mützen fliegen vom Kopfe, 
Staunen ergreift alle: Der Kaiser kommt! 

Padde: Er ist schon da, zieht den Rock aus 
und, hastenichgesehn, in Hemdärmeln beginnt des 
Deutschen Reiches Oberhaupt mit Hand anzulegen an 
die Feldarbeit. Auf dem mit goldenen Getreidegarben 
besäten durchfurchten Boden unseres lieben Vater- 
landes erheitert das durch die Sorgen der Kriegs- 
jahre tief durchfurchte Antlitz Seiner Majestät munteres 
Lächeln. 

Kladde: Wie ist das? — Na, jedenfalls 'n 
herzerquickendes Momentchen. 



487 



Padde: Er hilft selbst, mit höchsteigener 
Person, den »von oben« gespendeten Segen für sein 
Volk einzuheimsen. 

Kladde: Wie der Herr, so der Knecht. Dem 
Kaiser tun es seine Begleiter, hohe Herren und Offiziere, 
nach. »Siehst du da nicht auch unsern Reichskanzler 
bei der Feldarbeit?« — »Wahrhaftig, er ist's.« 

Padde: Das lassen Sie mich mal fortsetzen. 
Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß bei 
solcher Arbeit. Überrascht schaut das zuschauende 
Volk, wie Seine Majestät den von der Stirne perlenden 
Schweiß mit dem Hemdärmel ein übers andre Mal 
abwischt; denn in brennender Sonnenhitze mit der 
Garbengabel Wagen vollzuladen, wenn auch mit auf- 
gestreiften Hemdärmeln, macht schwitzen -undDurst! 

Kladde: Weiß Gottchen. 

Padde: Und so haben wir wieder das schöne 
Bild: Seine Majestät sitzt mitten in seinem ihm treu 
ergebenen oberschlesischen Volk auf — 

Kladde: Wie? 

Padde: — auf das er sich verlassen kann, 
sitzt auf — 

Kladde: Wie? 

Padde: — auf einem Feldrain und trinkt aus 
einem gewöhnlichen Kruge frisches Wasser. — Na? 
Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. 
Das war 'n Vorwurf für 'ne Denkmünze! 

Kladde: — den uns die Engländer machen 
könnten — nee, nachmachen könnten! Wenn sie 
könnten! 

Padde: Was Denkmünze! Das sollte jefilmt 
werden ! 

Kladde: Ja richtig, hören Sie mal, in den 
nächsten Tagen wird in den Kinos der höchst- 
interessante Film: Die Sommeschlacht, das größte 
Ereignis in diesem Kriege, dem Publikum vorgeführt. 



488 



Padde: Dieser Film kann in der Tat das 
größte Ereignis in diesem Kriege genannt werden. 
Es ist dies die erste und zugleich die letzte 
Aufnahme, die das Archiv des Generalstabes für das 
Publikum freigibt. Der Film ist im größten Kampf- 
gewühl zustandegebracht worden. Vier Operateure 
sind bei der Aufnahme des Films gefallen, aber 
immer wieder traten neue an ihre Stelle, bis endlich 
das ganze Werk vollendet war, das unseren Nach- 
kommen den Ruhm der heldenmütigen Kämpfer 
künden soll. iVlit atemloser Spannung machen wir 
Sprengung und Erstürmung eines Blockhauses und 
nach mächtigem Trommelfeuer einen Sturmangriff 
von nervenerschütternder Eindruckskraft mit. Wir 
sind mitten drin in den gewaltigen Erdfontänen von 
Minensprengung und Einschlägen schwerster Kaliber 
und in den weißen Rauchschwaden der Handgranaten 
und bewundern fast noch mehr als den Todesmut 
der Truppen — den Mann oder die Männer, die im 
Geschoßhagel und Feuerregen die Ruhe gehabt 
haben, in vorderster Linie, mit eisernem Pflichtgefühl 
auch dem Befehl zu gehorchen, die Kurbel des 
kinematographischen Apparates zu drehen. Auf allen 
Seiten sieht man die höchste Anspannung aller Kräfte, 
das Ausnützen, aber auch Abnützen der menschlichen 
Energie — wir sehen den siegenden Tod ! 

Kladde: Dieser Film wird sicher in allen Kinos 
Deutschlands großen Anklang finden. Wie hieß es 
doch jüngst so schlagend in einem kiiegspresse- 
amtlichen Bericht unsrer östreichischen Bundes- 
brüder? Unsere Sturmtrupps rücken vor — 

Padde: — unmittelbar gefolgt von unsern 
Filmtrupps. So soll es sein. Der siegende Tod! 
Das sollen uns die Vettern überm Kanal mal nach- 
machen! Da staunt der Fachmann — 

Kladde: — und der Laie wundert sich. 

(Verwandlung.) 



489 



28. Srene 

Kino. 

Auf dem Progranmi: »Ach, Amalia, was hast du gemacht?« 

und der Detcktivsclilager »Mir kommt keiner aus«. Die Musik 

spielt > Puppchen, du mein Augenstern«. 

Der Kinoregisseur (tritt vor): Nun folgt die 
erste Vorführung des großen Sommefilms. Sie 
werden in diesem Film die Sommehelden zu selien 
bekommen, blühende Jugend und ergraute Männer 
in gleicher Weise verwittert und kampfgestählt 
stürzen und springen, stürmen und kämpfen zwischen 
fliegenden Feuern und hagelnden Geschoßen, und 
schwankem, von Minen zerstäubtem Erdreich, in der 
zermalmenden Werkstatt des brüllenden, unsichtbaren 
Krieges. In drei Teilen entrollen sich Szenen der furcht- 
baren Herbstschlacht 1916, mit der die große Hoffnung 
der Feinde ins Grab sank. Imponierend dröhnen die 
Tritte unübersehbarer deutscher Reservisten. Im Feuer 
der eigenen Landsleute bringen deutsche Krieger behut- 
sam französische Frauen, Greise und Kinder in Sicher- 
heit. Wo vordem blühende Dörfer sich hinzogen, wo alte 
malerische Städte in ihrer historischen Schönheit das 
Auge erfreuten — Bapaume und Peronne und wie sie alle 
heißen — sind nunmehrTrümmerhaufen, zerschossen in 
Schutt und Staub durch die Ententebatterien. Und dann 
flimmert auf zuckenden Bildern, dank einzig da- 
stehendem Mute tapferer Kinooperateure, deren vier 
in treuer Pflichterfüllung bei den Aufnahmen den 
Heldentod fanden, ein erhabenes Beispiel zielbewußter 
Exaktheit: »Das Divisionskommando hat um 8 Uhr 
30 Minuten die Sprengung und den Sturm befohlen!« — 
Alles ist bereit gestellt. — Die Sturmtruppen fiebern. 
— Die Ungeheuer moderner Kriegsmaschinen öffnen 
ihre blitzenden Mäuler, die furchtbarsten Waffen 
unseres technischen Zeitalters spielen auf — aber 
dahinter stehen die Menschenleiber, die den toten 
Maschinen Leben einhauchen. Über Minenfelder, 
Hindernisse, durch sprengstoffsciiwangere Gassen des 



490 



Todes hinein zum heißen Nahkampfe! — Die Hand- 
granate mäht! . . . Von Graben zu Graben in die 
Hauptstellung hinein! Die eigene Artillerie schöpft 
Luft und streut Entsetzen in die feindlichen Reserven, 
Graben auf Graben wird erobert. Dieser Film reiht 
sich zu den schönsten, zu den eindrucksvollsten aus 
dem jetzigen Weltkriege. 

Eine weibliche Stimme: Emil, benimm dir! 

(Verwandlung.) 



29. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Also die harmlosen Parodien 
auf Goethes »Über allen Gipfeln«, die jetzt bei uns 
und in Deutschland im Schwang sind, in Deutsch- 
land wegen der U-Boote und bei uns wegen der 
Kipfel — das bringt Sie auch schon aus Rand 
und Band? 

Der Nörgler: Das tut es. Mit der Kriegs- 
dichtung wollen wir uns abfinden. Die Gegen- 
wartsbestie, wie sie gemütlich zur todbringenden 
Maschine greift, greift auch zum Vers, um sie zu 
glorifizieren. Was in dieser entgeistigtesten Zeit 
zusammengeschmiert wurde — es ergäbe täglich eine 
Million Tonnen versenkten Geistes, die wir einmal 
an den geschädigten Genius der Menschheit werden 
zurückzahlen müssen; und hierin war nicht nur die 
Schuld der vielen Schreiber enthalten, die auf die 
Fahne der Bestialität spekuliert haben, sondern 
auch der wenigen Dichter, die sich von ihr fortreißen 
ließen. Aber sehen Sie: wenn zugunsten Deutsch- 
lands nichts weiter geltend gemacht würde, als daß 
auf seinem Boden das Gedicht Ȇber allen Gipfeln 
ist Ruh'« gewachsen ist, so würde das wahre Prestige, 
auf das es schließlich mehr ankommt als auf jene 
zeitgebundenen Vorurteile, zu deren Befestigung 



491 



Kriege geführt werden, heil aus der Affäre hervor- 
gehen. Was unsere Lage vor dem Wellgericht 
gefährden könnte, wäre eine einzige vom Ankläger 
enthüllte Tatsache. Daß nämlich dieses Zeitalter, 
das als verstunkene Epoche preiszugeben und glatt 
aus der Entwicklung zu streichen wäre, um die 
deutsche Sprache wieder zu einer gottgefälligen zu 
machen, sich nicht damit begnügt hat, unter der 
Einwirkung einer todbringenden Technik literarisch 
produktiv zu sein, sondern sich noch an den Heilig- 
tümern seiner verblichenen Kultur vergriffen hat, um mit 
der Parodie ihrer Weihe denTriumph seiner Unmensch- 
lichkeit zu begrinsen. In welcher Zone einer Mensch- 
heit, die sich doch überall mit dem Mund gegen 
ein Barbarentum sträubt, dessen die Hand sich 
beschuldigt, wäre ein Satanismus möglich, der das 
heiligste Gedicht der Nation, ein Reichskleinod, 
dessen sechs erhabene Zeilen vor jedem Windhauch 
der Lebensgemeinheit bewahrt werden müßten, der 
Kanaille preisgab! Wo in aller Welt ließe sich so 
wenig Ehrfurcht aufbringen, den letzten, tiefsten 
Atemzug eines Dichters zu diesem entsetz- 
lichen Rasseln umzuhöhnen? Die Ruchlosigkeit des 
Einfalls, der den Sieg jener Richtung bedeutet, die 
mit dem Abdruck von Klassiker-Zitaten auf Klosett- 
papier eingesetzt hat, übertrifft alles, was uns das 
geistige Hinterland dieses Krieges an Entmenschung 
vorgeführt hat. Bei Goethe! Es ist der Augenblick, 
aus einer Parodie ein großes Gedicht des Abschieds 
zu machen. 

Der Optimist: Glauben Sie mir, zwei fleisch- 
lose Tage in der Woche sind ein größeres Übel, 
und dennoch muß auch dies ertragen werden. 

Der Nörgler: Gewiß. Aber sieben geist- 
lose — da halte ich nicht durch! Und ich sehe 
aus dieser Unterernährung keinen rettenden Ausweg. 
Die kriegerische Verblödung der Menschheit, der 
Zwang, der die Erwachsenen in jene Kinderstube 



492 



zurückführt, in der sie noch das schaurige Erlebnis 
haben, keine Kinder mehr vorzufinden — ja, uns hier, 
die wir die Versuchsstation des Weltuntergangs 
bewohnen, hat die Entwicklung dort, wo sie uns 
haben wollte! 

Der Optimist: Solange Krieg ist, muß alle 
Geistigkeit auf ihn eingestellt sein. 

Der Nörgler: Sie befähigt uns eben noch, 
die Begriffe »Menschenmaterial«, »durchhalten«, 
»Scherflein«, »Hamstern«, »Mustern«, »Nachmustern«, 
»Tachinierer«, »einrückend gemacht«, kurz den ganzen 
ABC-Befund unseres Zustandes in seiner abgründigen 
Tiefe zu erfassen, ohne doch die völlige Aussichts- 
losigkeit eines Tuns ermessen zu können, zu dem 
wir uns innerhalb dieses Mechanismus verurteilen 
ließen. Aber die feigen Büromörder, die unsere 
Zukunft an ihr Fibelideal verraten haben — 

Der Optimist: Sie glauben also wirklich, 
daß der Weltkrieg von ein paar bösen Menschen 
beschlossen worden ist? 

Der Nörgler: Nein, sie waren nur die Werk- 
zeuge des Dämons, der uns und durch uns die 
christliche Zivilisation in den Ruin geführt hat. Wir 
müssen uns aber an sie halten, da wir den Dämon, 
von dem wir gezeichnet sind, nicht fassen können. 

Der Optimist: Wie würden wir denn aus- 
sehen, wenn wir von einem Dämon gezeichnet sind! 

Der Nörgler: Wie vom Schönpflug. 

Der Optimist: Sollten wir so talentlos 
gezeichnet sein? 

Der Nörgler: Eben. Doch diese Talentlosigkeit 
hat tiefere Bedeutung. Wir hängen genau so in der 
Luft, wenn wir zu stehen vermeinen, und stehen 
genau so, wenn wir glauben, wir seien im Fort- 
schreiten begriffen. Die grundlose Feschität, die 
dieses neuwienerische Dasein so beliebt macht wie 
die Figuren jenes teuflischen Antitalents, die tiefe 
Unfähigkeit, im Raum zu stehen, die die niedrigste 



493 



Kunst und das niedrigste Leben zu vollkommener 
Deckung bringt, diese Leichenstarre der Lebendig- 
keit — das ist es, was nocii unscrn Untergang zum 
stehenden Motiv des kolorierten Mißhumors macht. 
Ich ziehe die Luftlinie von einem verknödellen 
Leben, von einem Punkt der Entwicklung, wo Lehar- 
töne und Schönpflugfarben uns bedrohen, zu einem 
Ultimatum, mit dem ein bodenloser Kretinismus die 
Welt aulfordert, den k. k. Misthaufen abzuräumen, 
zu dessen Prestige er ausgerückt ist. Und ich lechze 
der Stunde entgegen, da es geschehn sein wird — 
mag nachher das herausgeforderte Weltgewissen als 
die Machtfratze eben jenes Siegerwahns triumphieren, 
der uns hier unser Leben vernichtet hat. Möglich, 
daß das mitteleuropäische Verbrechen so groß war, 
noch die Welt zu korrumpieren, die da auszog, es zu 
züchtigen. Was immer geschehe — Österreicher 
zu sein war unerträglich! 

Der Optimist: Die österreichisch-ungarische 
Monarchie ist eine historische Notwendigkeit. 

L^er Nörgler: Vielleicht, weil dieser ganze 
nationale Gemischtwarenkram, der uns in kulturelle 
Schmach und materielles Elend gebracht hat, in 
irgendeinem verfluchten Winkel der Erde verwahrt 
sein muß. Aber diese Notwendigkeit wird sich durch 
alle revolutionären und kriegerischen Versuche, ihn 
los zu werden, abschwächen, und gelingt es diesmal 
nicht, erweist sich der k. k. Gedanke zunächst als 
unausrottbar, so wirds neue Kriege geben. Aus 
Prestigerücksichten hätte diese Monarchie längst 
Selbstmord begehen müssen. 

Der Optimist: Wäre dem Kaiser Franz 
Joseph ein längeres Leben beschieden gewesen, so 
wäre der Zusammenhalt — 

Der Nörgler: Ehrfürchtiger Schauder läßt 
mich vor der Konsequenz dieses Gedankens zurück- 
beben, ehe Sie ihn zu Ende gedacht haben. Aber 



494 



Sie übersehen dabei, daß jenem ja tatsächlich ein 
längeres Leben beschieden war und daß trotzdem — 

Der Optimist: Der Kaiser ist doch voriges 
Jahr gestorben — ? 

Der Nörgler: Woher wissen Sie das? 

Der Optimist: Ich verstehe Sie nicht — er 
hat doch gelebt bis — 

Der Nörgler: Woher wissen Sie das? 

Der Optimist: Ja, spielen Sie vielleicht auf 
die in der Entente beliebten Scherze an, daß in 
Österreich-Ungarn eine Zucht von Kaisern bestehe 
und daß immer ähnlich aussehende — 

Der Nörgler: Da könnte schon etwas dran 
sein. Wissen Sie, wenn ich mich auch entschließen 
könnte, an den Tod Franz Josephs zu glauben, 
keineswegs glaube ich, daß er je gelebt hat. 

Der Optimist: Erlauben Sie einmal, diese 
siebzig Jahre sind doch nicht in Abrede zu stellen? 

Der Nörgler: Ganz und gar nicht, sie sind 
ein Alpdruck von einer Trud, die dafür, daß sie 
uns alle Lebenssäfte und dann noch Gut und Blut 
abgezogen hat, uns das Glücksgeschenk zukommen 
ließ, in der Anbetung eines Idols von einem Kaiser- 
bart grundsätzlich zu verblöden. Nie zuvor hat in 
der Weltgeschichte eine stärkere Unpersönlichkeit ihren 
Stempel allen Dingen und Formen aufgedrückt, so daß 
wir in allem was uns den Weg verstellte, in allen Miseren, 
Verkehrshindernissen, im Querschnitt jedes Pechs 
diesen Kaiserbart agnoszierten. Sie war die ange- 
stammte Schlamperei, die das Justament zum funda- 
mentum regnorum erkoren hatte, sie war das graue 
Verhängnis, das sich durch die Zeiten frettet wie ein 
chronischer Katarrh. Ein Dämon der Mittelmäßigkeit 
hatte unser Schicksal beschlossen. Nur er vertrat 
diesen Anspruch, die Welt mit unserer nationalen 
Mordshelz zu belästigen, begründet in der Gott- 
gewolltheii des Pallawatsch unter Habsburgs Szepter, 
dessen Mission es schien, als Damoklesschwert über 



495 



dem Weltfrieden zu schweben. Er ermöglichte dieses 
budgetprovisorische Gebilde, dessen ewiges Völker- 
problem nur durch die innere Amtssprache des 
Rotwelsch »tunlichst« zu lösen war und dessen Ver- 
ständigung durch ein Kauderwelsch versucht werden 
mußte, wie es die hohnlachende Epoche noch nicht 
gehört hatte. Eine siebzigjährige Gehirn- und 
Charaktererweichung der nur um solchen Preis und 
selbst dann nicht zu verbindenden Völker ist der 
Inhalt der so regierten Tage, eine Verflachung, Ver- 
schlampung und Korrumpierung aller Edelwerte 
eines Volkstums, die in der Weltgeschichte ohne 
Beispiel ist und zumal ohne Beispiel durch die 
Verlogenheit, mit der dank dem einzigen Fortschritt 
dieser Zeit, nämlich der entwickelten journalistischen 
Technik, ein Schein vor ein Unwesen gestellt und 
die Legende der Gemütlichkeit über eine tödliche 
Realität der Leere gebrehet werden konnte. Welch 
unerbittliche Berichtigung und gleichwohl Bestätigung 
eines zwischen Fibel und Presse orientierten Denkens, 
daß ein blutiges Fanal am Aufgang wie am Abgang 
dieser gemütlichen Majestät errichtet war! 

Der Optimist: Wie? Der Friedenskaiser 
katexochen, der in seiner sprichwörtlichen Leut- 
seligkeit alles für's Kind getan hat, der ritterliche 
Monarch, der gute alte Herr in Schönbrunn, dem 
nichts erspart geblieben ist — so sprechen Sie über 
ihn, und noch dazu, wo er tot ist? 

Der Nörgler: Er ist tot? Nun, abgesehn 
davon, daß ich es, selbst wenn ichs wüßte, nicht 
glaubte, muß ich Ihnen schon sagen, daß es vor dem 
Weltgericht wirklich keine Würschtel gibt; daß es 
da einmal keine Protektion gibt, aber auch keine 
Pietät; daß man es sich dort wirklich nicht richten 
kann und vor allem, daß dort der Tod nicht so sehr 
einen Strafausschließungsgrund als eine Voraus- 
setzung für das Urteil bildet. Auch möchte ich 
glauben,daß es gottgefälliger ist, der Majestät des Todes 



496 



an den Gräbern von zehn Millionen Jünglingen und 
Männern Ehrfurcht zu bezeigen, von hunderttausenden 
Müttern und Säuglingen, die Hungers sterben 
mußten — als vor dem einen Grab in der Kapuziner- 
gruft, das eben jenen Greis bedeckt, der das alles 
reiflich erwogen und mit einem Federstrich herbei- 
geführt hat; und daß vor jener Instanz auch das 
Qualenantlitz der überlebenden Menschheit gegen 
den einen Toten unerbittlich zeugen müßte. Denn 
dieses blutgemütliche Etwas, dem nichts erspart 
blieb und das eben darum der Welt nichts ersparen 
wollte, justament, sollen s' sich giften — beschloß 
eines Tages den Tod der Welt. 

Der Optimist: Aber Sie glauben doch nicht, 
daß der Kaiser den Krieg gewollt hat? Er soll ja 
geäußert haben, daß man ihn drangekriegt hat! 

Der Nörgler: So ist es. Das gibt es. Ich 
meine nicht ihn, den man drankriegen konnte. Ich 
meine die den Wahnsinn dieser monarchischen Weiten 
erschöpfende Möglichkeit, daß man ihn und uns 
drankriegen konnte. Ich meine jenen blutdürstigen 
Dämon seines verfluchten Hauses, dessen Walten 
sich justament in diesem Kaiserbart manifestierte und 
in einer Gemütlichkeit, die eben das Blut, das sie 
nicht sehen konnte, vergossen hat. Ich weiß nicht, wer, 
ich weiß nur, was uns regiert hat; und daß dieser 
Lemurenstaat durch sieben Dezennien der Welt das 
Schaustück eines als Thron kachierten Leibstnhls bot, 
worauf sich die legendäre Dauerhaftigkeit eines 
Nichtvorhandenen breitmachte. Von ihm in persona 
v/eiß ich nur, daß er mittelmäßig war und in Formen 
erstarrt. Aber eben diese Gaben mußten im Verein mit 
den tödlichen Giften der Zeit und dieses national 
verwirrten Landes ein übermäßiges Unglück herauf- 
beschwören. Der finstere Franz Ferdinand, dessen 
Wille es gebannt hätte — denn nicht was einer 
will, bloß daß er etwas will, vermöchte dieses 
Chaos zu hemmen — , war nur bestimmt, über seinem 



497 



Ende die schadenfrohen Flammen aus dem monarchi- 
schen Hexenkessel aufschlagen zu lassen. Wenn man 
diesen Franz Joseph, dem nichts erspart geblieben ist 
außer der Persönlichkeit — wenn man ihn nicht zum 
Weltkrieg drangekriegt hätte, er wäre mit einer reinen 
Freude an der wohlerhaltenen k. k. Jammerwelt ge- 
storben. Dem Nachfolger war es zuzutrauen, daß er sie 
unblutig zurechtgesetzt hätte. Das ist jenem — dank 
den für Thronfolgerreisen vorgesehenen Sicherheits- 
maßnahmen — denn doch erspart geblieben. Er hat 
es vorgezogen, ihr durch den Weltkrieg und die 
unausbleibliche Niederlage ein vollkommenes Ende 
zu bereiten. 

Der Optimist: Er hat sich nicht anders zu 
helfen gewußt. 

Der Nörgler: Gewiß nicht, man hat ihn 
drangekriegt, während die mehr aktive Rolle des 
Bundesgenossen diesen zu festem Draufgehn ver- 
anlaßt hat. 

Der Optimist: Worauf spielen Sie mit Ihrer 
Bemerkung über die für Thronfolgerreisen vorge- 
sehenen Sicherheitsmaßnahmen an? 

Der Nörgler: Darauf, daß man bezüglich des 
Ergebnisses der Sarajewoer Reise in Sicherheit war. 

Der Optimist: Das sind Legenden. Gewiß 
ist es erstaunlich, daß der mächtigste Mann der 
Monarchie keinen vermehrten Schutz für diese Reise 
durchsetzen konnte, aber — 

Der Nörgler: — es ist begreiflich. Denn als 
er sich darum bemühte, war's nicht mehr bei seinen 
Lebzeiten. Ein Mächtiger, der dahin ist, hat keinen 
Einfluß. 

Der Optimist: Er wurde aber doch erst 
ermordet, nachdem — 

Der Nörgler: — seine Bemühungen erfolg- 
los geblieben waren, ganz richtig. Also, wenn Sie 
auf der Chronologie bestehen: ein Mächtiger kann 
alles, nur nicht verhindern, daß er umgebracht wird. 

Die letzten Tage der Menschheit. 32 



498 



Der Optimist: Sie wollen gewiß nicht 
behaupten, daß Franz Joseph, dem nichts erspart 
geblieben ist, seinen Neffen aus dem Weg räumen 
ließ. Dagegen ließe sich wohl beweisen, daß er die 
Nachricht von der Ermordung — 

Der Nörgler: — mit einem nassen, einem 
heitern Auge aufgenommen hat. Aus allerhöchstem 
Ruhebedürfnis wurde die Trauerfeier eingeschränkt 
und der Weltkrieg eröffnet. Die Menschheit hat ein 
Begräbnis erster Klasse erhalten. 

Der Optimist: Die Ermordung eines Thron- 
folgers ist doch ein hinreichender Grund — 

Der Nörgler: — das Angenehme mit dem 
Nützlichen zu verbinden. Daß die Spekulation miß- 
glückt ist und Österreich auf der Suche nach dem 
verlorenen Prestige in Verlust geriet, ist ein anderes 
Kapitel. Vor dem Weltgericht wird noch nach dem 
dolus eventualis judiziert. 

Der Optimist: Aber Sie werden doch 
schließlich nicht die persönlichen Eigenschaften des 
Monarchen — 

Der Nörgler: Die interessieren mich wenig. 
Er war wohl nur ein Pedant und kein Tyrann, 
nur kalt und nicht grausam. Wäre ers gewesen, 
so hätte er vielleicht noch in hohem Alter so 
viel Geisteskraft gehabt, sich nicht drankriegen 
zu lassen, sondern zu wissen, was er wagen konnte. 
Er hat nur die Knöpfe auf der Uniform gezählt — 
und eben darum mußte sie sich bewähren. Er war 
ein unermüdlicher Arbeiter und hat unter den Hin- 
richtungsakten einmal auch einen unterschrieben, der 
die Menschheit fällte. Sie alle haben es nicht gewollt. 
Aber da wir andern es ganz gewiß nicht gewollt 
haben, müssen wir uns doch an sie halten. Der 
imperatorische Beruf bringt es eben mit sich, daß 
wir einem, der seine Ruh haben will und zu diesem 
Behufe einen Weltkrieg anfängt, die volle welt- 
gerichtliche Verantwortung aufpelzen, ja daß wir 



499 



einen pensionierten Landbriefträger, der sich per Zufall 
als Vampir betätigt, für eine Maske ansehen. Ein 
sterbender Christ darf die Gefahr, seiner Pfründe 
verlustig zu gehen, für kein größeres Übel halten als die 
Gefährdung seiner sämtlichen Nebenmenschen, und 
sein Seelenheil nicht mit dem Unheil Aller belasten. So 
glaube ich doch mindestens, daß der Genius seines 
Hauses an dieser Entschließung beteiligt war und 
gewiß an der Möglichkeit, daß ein paar phantasiearme 
Schurken ihn jenes Manifest unterschreiben lassen 
konnten, das mit vollendeter Stilkunst ein blutiges 
Alterserlebnis einem friedliebenden Greis zuschiebt, 
der sich nicht anders zu helfen weiß. Der, den 
man drangekriegt hat, hat alles reiflich erwogen. 
Es ist halt ein echt österreichisches Pech, daß das 
Ungeheuer, das diese Katastrophe heraufführen sollte, 
die Züge eines guten alten Herrn trägt. Er hat alles 
reiflich erwogen, aber er kann nichts dafür: und das 
eben ist die letzte, grausigste Tragödie, die ihm 
nicht erspart geblieben ist. Daraus habe ich ein 
Lied gemacht, das so lang ist wie sein Leben, eine 
unendliche Melodie, die ich ihm in den Mund lege, 
wenn er in meinem Weltkriegsdrama auftritt. Ich 
habe dieses tragische Couplet wie einen großen Teil 
des Dramas im Jahre 1915, also noch bei seinen 
Lebzeiten, geschrieben — wenn Sie es denn wirklich 
wahr haben wollen, Sie Phantast, daß jetzt ein Karl 
und kein Franz Joseph mehr über uns waltet. 

Der Optimist: Werden Sie ihm nicht 
wenigstens als dern ritterlichen Monarchen und als 
Kinderfreund Gerechtigkeit widerfahren lassen? 

Der Nörgler: Nein, denn die Szene, wie er, 
da er zum erstenmal die Nachbarschaft der Gemahlin 
Franz Ferdinands an der Hoftafel dulden muß, ihr 
den Rücken zukehrt und auf die Mahnung seiner 
Tochter, sich doch schandenhalber auch einmal nach 
links zu wenden, justament und mit jähem Ruck 
es erst zu voller Anschauung bringt: diese Szene 

32« 



500 



kommt im Drama nicht vor. Auch die Szene nicht, 
wie er in Weißenbach sich von einem allerliebsten 
vierjährigen Knirps ein Begrüßungssprüchlein anhört 
und dann — 

Der Optimist: — als ein vorbildlicher 
Urgroßpapa, jedoch elastischen Schrittes auf das 
Pauxerl zugeht und ihm ein Zwickerl gibt? 

Der Nörgler: — nein, sich salutierend, 
wirklich salutierend, abwendet: diese Szene kommt 
auch nicht vor. Nur das Couplet kommt vor. Aber seien 
Sie ganz beruhigt. Wäre er ein Privatmann, dem 
die häßlichsten Eigenschaften nachgewiesen werden 
könnten, und etwa einer, dessen Gemeinschaft eine in 
Hysterie verirrte Gattin als Kreuz durchs Leben 
schleppen mußte — der Tod gliche alle Rechnung aus 
und der Rest wäre Schweigen. In der Weltgeschichte 
macht kein Zeitpunkt die Verantwortlichkeit erlöschen 
und da muß auch der beste alte Herr noch nach seinem 
Tod in der Gestalt auftreten, zu der ihn einmal der 
Fluch seines Hauses verdammt hat. Ich lasse nicht 
Franz Joseph, sondern den leibhaftigen habsburgischen 
Dämon auftreten. Ein Lemur erscheint uns und 
sich selbst im Schlafe. Siebzig Jahre singen ihr Miserere, 
und da sind schließlich auch alle Vorgänger mit 
inbegriffen, die Kanaille die Franz heißt — der 
Spielbergprofos — , und so weiter die ganze Ahnen- 
galerie zurück bis ins Stammschloß, aus dem man 
der Sippe nie die Einreise nach Österreich hätte 
bewilligen sollen. 

Der Optimist: Wann wird Ihr Drama erscheinen? 

Der Nörgler: Wenn der Feind besiegt ist. 

DerOptimist: Wie ? Sie glauben also doch — 

Der Nörgler: — daß Österreich in einem Jahr 
nicht mehr besteht! Ich hatte das Manuskript in das 
Stammland der Habsburger, in die Schweiz gebracht — 

Der Optimist: Um es in Sicherheit zu 
bringen? 



501 



Der Nörgler: Nein, um es auszuarbeiten. 
Ich habe es wieder zurückgebracht; denn ich fürchte 
mich nicht vor dem Feind. Er hat in seiner Blut- 
wirtschaft eine solche Schlamperei einreißen lassen, 
daß ich dieses Manuskript schon zweimal über die 
Grenze und wieder zurückbringen konnte. Immer- 
hin kann es jetzt nicht erscheinen. Das würde dem 
Autor doch wohl die Freiheit kosten und wenn die 
Generaille vor Schluß der Vorstellung noch Appetit 
auf eine Diktatur bekäme, sogar jenen Kopf, den er 
sich trotz den Offensiven des Schwachsinns durch 
einen vierjährigen Krieg hindurch bewahrt hat. Es 
wird erscheinen, wenn dieses technoromantische 
Abenteuer, die Menschheit durch die Quantität heraus- 
zufordern, von der größeren Quantität erstickt ist. 
Wenn der glorreiche Unfug, der in der Stunde, da 
wir hier sprechen, für nichts und wieder nichts 
tausende Menschen in Leichname oder Krüppel ver- 
wandelt, beendet und nicht mehr vom verblöden- 
den Basiliskenblick eines Kriegsüberwachungsamtes 
behütet sein wird. Kurzum, wenn die Schalek ihr 
letztes Wort gesprochen hat. 

Der Optimist: Was haben Sie gegen die 
Schalek? 

Der Nörgler: Nichts als daß der Weltkrieg 
sie gezwungen hat, von mir überschätzt zu werden. 
So muß ich sie für die eigenartigste Erscheinung dieser 
Apokalypse halten. Wenn aber der tragische Karneval 
verrauscht ist und ich ihr beim Katzenjammer unsres 
Tages irgendwo im Hinterland begegne, werde ich 
sie für eine Frau halten. 

Der Optimist: Sie haben nun einmal die 
heillose FähigKeit, das Kleinste — 

Der Nörgler: Ja, die habe ich nun einmal. 

Der Optimist: Und daraus wird wohl das 
ganze Drama entstanden sein. Aus diesem unseligen 
Hang, die kleinen Erscheinungen und die großer 
Tatsachen zu verbinden. 



502 



Der Nörgler: Ganz gemäß dem satanischen 
Verhängnis, das uns von den kleinen Tatsachen zu den 
großen Erscheinungen der realen Tragödie geführt hat. 
Die meine läßt uns an den Formen und fönen einer 
Welt mit ihr selbst zugrundegehen. Sie werden mir 
die Frage, was ich gegen den Benedikt habe, nicht 
schuldig bleiben. 

Der Optimist: Und Sie mir nicht die Antwort. 

Der Nörgler: Er ist nur ein verantwortlicher 
Redakteur des Weltkriegs, Er ist nur ein Zeitungs- 
herausgeber und triumphiert dennoch über unsere 
geistige und sittliche Ehre. Seine Melodie allein hat 
mehr Opfer gefordert als der Krieg, den sie erregt 
und befeuert hat. Der gellende Ton des Schlacht- 
bankiers, der der Welt an die Tasche und an die 
Gurgel fuhr, ist die elementare Begleitung dieser 
blutigen Aktion, Auch der orts- und zeitferne Leser 
wird fühlen, daß wir hier Besonderes durchlitten 
haben. Ich lasse an dieser Sprache, in der der alt- 
jüdische Sinn der neudeutschen Handlung sich rabiat 
zur Geltung bringt, einen alten Abonnenten sterben. 
Sie überwältigt das Leben, und da tritt denn der 
erlösende Gehirnschlag ein. 

Der Optimist: Um das zu verstehen, muß 
ich schon auf Ihre Tragödie warten. Sie kommt also 
heraus — 

Der Nörgler: — wenn die andere zu Ende 
ist. Eher ist es nicht möglich. Auch sie ist nicht fertig, 
und ich brauche eben meinen Kopf, um sie fertig 
zu bringen. 

Der Optimist: Da wäre wohl nur Ihre 
Freiheit bedroht. 

Der Nörgler: Solange Wien im Hinterland 
liegt. Hochverrat, Verbrechen gegen die Kriegsmacht, 
Majestätsbeleidigung, Beleidigung von Dörrgemüse- 
spekulanten und sonstigen Persönlichkeiten, die nur 
das Objekt und nie das Subjekt einer strafbaren 
Handlung sein können und bei Abwicklung ihrer 



503 



Wachergeschäfte vom Ehrfurchtsparagraphen ge- 
schützt sind — nun, die allerhöchste Majestät, die 
Österreich hat, ist ja doch der Galgen! Er ist 
aber nicht nur ein Inventarstück des spanischen 
Zeremoniells, sondern auch ein wichtiges Requisit 
meiner szenischen Handlung. Bedenken Sie, daß 
unter dem Arn>eeoberkommando des Erzherzogs 
Friedrich allein — den ich für ein noch ausgiebigeres 
Phantom halte als die Schalek — 11.400, nach einer 
andern Version 36.000 Galgen errichtet worden 
sind. Einer, der nicht bis drei zählen konnte! 
Und eine kriegerische Erscheinung, vor deren 
Tatenruhm Napoleon als der erste Defaitist 
erscheint — im Martialischen wie im Erotischen 
wahlverwandt und verbündet jenem Scheusal von 
einem Barbarenkaiser, dem Imperator der geistigen 
Knödelzeit, der kerne Quantität von Fleisch und 
Blut unberührt lassen konnte und dazu seinen eigenen 
Schenkel klatschend schlug und sein gröhlendes 
Wolfslachen ertönen ließ : so lachte der Fenris- 
wolf, als die Welt in Flammen aufschlug. Zwischen 
assyrischen Backsteinen und Generalstabskarten, 
zwischen aller Halbwissenschaft, die das stundenlang 
stehende Gefolge peinigte, immer wieder mit obszönen 
Scherzen um Körperformen kreisend. Sich weidend 
an der Verlegenheit, wenn er auf der Jagd oder bei 
offiziellstem Anlaß, durch einen Hieb auf den Hintern, 
durch einen Tritt aufs Bein, durch eine Frage nach 
seinem Sexualgeschmack den Partner überraschte. 
Das waren die Blutgebieter. Der eine im Format 
dem öden Sinn dieses Weltmords gewachsen, verant- 
wortlich für die Tat; der andere mit ahnungslosem 
Behagen in der Wanne eines Blutmeers plätschernd. 
Dieser Heros, der »Bumsti!« rief, als er im Kino 
Soldaten fallen sah, dieser Ehrendoktor der Philosophie, 
dieser Kretin war der Marschall unseres Verhängnisses. 
So verschieden beide, dennoch Busenfreunde, sich 
begegnend in einer Kennerschaft, im Austausch 



504 



feinschmeckerischer Wahrnehmungen, und wenn's die 
Formen der Germania und der Austria betraf, in 
einem Seufzer über den Wandel der Zeiten. Das tritt, 
wie es leibt und lebt, aus der Kriegsgarderobe gleich 
in die kulturhistorische Erscheinung, weist auf die 
Quantität der Zeit, in Freuden und Leiden; und zur 
stündlich empfundenen Qual wird. das Bewußtsein, 
von solchem Minus regiert zu sein, und das Wissen um 
die niedrigste Lebensart, die an höchster Stelle sich 
auslebend der leidenden Menschheit spottet, zur 
Mitschuld. Maitressen und Hausmeisterinnen konnten 
sich über den intimen Einfluß unterhalten, wenn die 
wehrlose Mannheit sich ans Ende aller Lebenslust 
zerren ließ, geweihte Bündnisse reiner Herzen blutig 
zerrissen wurden und Unschuldige in der letzten 
Stunde vor dem Galgen nach einem Gnadenblick 
bangten. Wissen Sie, wofür wir jetzt büßen? Für 
die Ehrfurcht, zu der uns solche Gestalten heraus- 
gefordert haben! 

DerOptimist: Aber das österreichische Antlitz 
ist doch noch ein anderes als das preußische. 

Der Nörgler: Das österreichische Antlitz ist 
jederlei Antlitz. Es lauert hinter dem Schalter der 
Lebensbahn. Es lächelt und greint je nach Wetter. 
Doch dieser Gorgonenblick hatte die Kraft, was 
er ansah, in Blut oder in Dreck zu verwandeln. 
Wo hätten wir es nicht geschaut? Stand es 
nicht vor dem, der ratsuchend in ein Amt kam 
und Unrat fand? Muß ich es in den Aborten der 
Wiener Kriminalität aufspüren, in den Wanzen- und 
Bazillenräumen der Wiener Garnisonsarreste, an den 
verv/ahrlosten Spiialsbetten, wo graduierte Profosen 
und akademische Henkersknechte nervenkranken 
Soldaten mit Starkstrom zusetzten, um den Verdacht, 
sich von der Front zu drücken, auf sie abzuwälzen? 
War es nicht in jeder Schmach und Unappetit- 
lichkeit jeder Amtshandlung und vor allem in der 
Gerechtsame jener Feldgerichte, deren eines die noch 



505 



über den Justizmord unsittliche Forderung aufgestellt 
hat, daß der österreichische Staatsbürger seinen 
Behörden, diesen Behörden, »mit Ehrfurcht und 
Liebe zu begegnen habe«? Und solche Härte noch 
verschärft durch die Gewißheit, daß hier nicht 
Naivität, sondern ein Justament der Schurkerei 
am Werke war und die diabolische Lust einer 
letzten Belastungsprobe auf unsere Geduld. Das 
von der italienischen Regierung längst verbotene 
Experiment der Hundsgrotte ist von der österreichi- 
schen tagtäglich Millionen Menschen zugemutet 
worden, und das Antlitz zwinkerte bei dem gelungenen 
Gspaß, um nach eingetretener Erstickung in voller 
Heiligkeit zu erglänzen. Das österreichische Antlitz, 
mit dem zugekniffenen linken Auge, hat man in 
diesen vier Jahren Schulter an Schulter neben dem 
mehr martialischen Gesicht so oft in den Schau- 
fenstern gesehn, daß es wohl vierzig Friedensjahre 
brauchen wird, um die Erinnerung loszuwerden. 
Nein, es ist nicht wie das preußische, wenngleich es 
jedem gleicht und alles ist, nur eben nicht das, was 
die Feuilletonisten singen und sagen. Zumal aber 
ist es das des Henkers, Des Wiener Henkers, der 
auf einer Ansichtskarte, die den toten Baitisti zeigt, 
seine Tatzen über dem Haupt des Hingerichteten 
hält, ein triumphierender Ölgötze der befriedigten 
Gemütlichkeit, der »Mir-san-mir« heißt. Grinsende 
Gesichter von Zivilisten und solchen, deren letzter 
Besitz die Ehre ist, drängen sich dicht um den 
Leichnam, damit sie nur ja alle auf die Ansichts- 
karte kommen. 

Der Optimist: Wie? So eine Ansichtskarte 
gibt es? 

Der Nörgler: Sie wurde von amtswegen her- 
gestellt, am Tatort wurde sie verbreitet, im Hinter- 
land zeigten sie »Vertraute« Intimen, und heute ist 
sie als ein Gruppenbild des k. k. Menschentums in 
den Schsafeiibtern aller feindlichen Städte ausgestellt, 



506 



ein Denkmal des Galgenhumors unserer Henker, 
umgewertet zum Skalp der österreichischen Kultur. 
Es war vielleicht seit Erschaffung der Welt zum 
erstenmal der Fall, daß der Teufel Pfui Teufel! rief. 

Der Optimist: Aber die Zeugen der Hin- 
richtung haben sich doch nicht absichtlich mitphoto- 
graphieren lassen?! 

Der Nörgler: Es bildeten sich Gruppen. 
Und zwar, um nicht nur bei einer der viehischesten 
Hinrichtungen dabei zu sein, sondern auch dabei 
zu bleiben; und alle machten ein freundliches 
Gesicht. Dieses, das österreichische, ist auch auf 
einer andern Ansichtskarte, der unter vielen ähn- 
lichen eine nicht geringere kulturhistorische Bedeutung 
zukommt, in zahlreichen Soldatentypen, die zwischen 
zwei hängenden Rutheninnen Schulter an Schulter 
die Hälse recken, um nur ja ins Dokument 
zu kommen. Gott weiß, an welcher satanischen 
Blähung eines Generals, den vielleicht ein 
Zwischenfall beim »Sautanz« zu einer furiosen 
Aufarbeitung von »Wird vollzogen« gestimmt hatte, 
die beiden unglücklichen Frauen gestorben sein 
mögen. 

Der Optimist: Ja, ja, von Ihnen wird es 
einmal heißen, daß ein Vogel, der sein eigenes 
Nest — 

DerNörgler: — niederreißt anstatt ein fremdes 
aufzubauen, ich weiß schon. Mit dieser Ansicht würde 
man gewiß den Vogel auf den Kopf treffen. Aber 
mit Unrecht, da er eben in Erfüllung der sittlichen 
Aufgabe gehandelt hat, vor der eigenen Tür zu kehren. 
Diese schmutzige Welt behauptet von dem, der ihr 
den Schmutz wegräumt, er hätte ihr ihn gebracht. 
Mein Patriotismus — eben ein anderer als der der 
Patrioten — vertrüge es nicht, einem feindlichen 
Satiriker die Arbeit zu überlassen. Das hat meine 
Haltung während des Krieges bestimmt. Ich würde 



507 



einem englischen Satiriker, der uns mit Recht unmög- 
lich fände, raten, sich um die Angelegenheiten seines 
eigenen Landes satirisch zu bemühen. Allerdings 
gibt es keinen englischen Satiriker. 

Der Optimist: Shaw. 

Der Nörgler: Nun eben. Aber selbst der 
betätigt jenen echten Patriotismus, der es vorzieht, 
seine Landsleute zu tadeln statt sie zu betrügen. 
Doch wem die allgemeinen Dinge über die staat- 
lichen gehen, der muß die Gemeinheit der Dinge, 
die Abscheulichkeit dieser Kriegswelt an den 
nächstliegenden Beispielen darstellen und die 
Aussage eines, der in ihrer Atemnähe lebte, wird 
unverdächtig sein. 

Der Optimist: Sie sind aber ein unerbitt- 
licher Staatsanwalt. 

Der Nörgler: Gegen solche Staaten. 

Der Optimist: Wenns nach Ihnen ginge, 
wäre Österreich längst zum Tod verurteilt. 

Der Nörgler: Leider wird es das erst sein, 
nachdem es die Österreicher zum Tod verurteilt 
hat, und nicht schon vorher. Hier denke ich an 
die überlebenden Österreicher, die dank der Zu- 
ständigkeit zur Monarchie einem Schicksal entgegen- 
gehen, das sie als Volk nicht verdient haben. An 
den andern, die sich gegen solche Zuständigkeit 
gewehrt, oder zumeist nicht einmal das getan haben, 
hat Österreich selbst ja die Todesstrafe noch bei 
seinen Lebzeiten vollzogen. 

Der Optimist: Und glauben Sie, daß der- 
gleichen bei den Feinden nicht vorgekommen ist? 
Die Engländer haben auch ihre Hochverräter hin- 
gerichtet. Denken Sie an Casement. 

Der Nörgler: Ich besitze von diesem Fall 
keine Ansichtskarte. Abgesehen davon, daß Casement 
von einem Gerichtshof zum Tode verurteilt und hierauf 



508 



erschossen worden ist, während mit Battisti der 
kürzere Prozeß gemacht wurde, indem man ihn 
gefangen und aufgehängt hat, nachdem man ihn 
allerdings noch zur Verschärfung der Todesstrafe 
gezwungen hatte, das Gotterhalte stehend anzu- 
hören — dürften bei der Hinrichtung Casements, die 
England ja nicht als Kirmes gefeiert hat, kaum amtliche 
Photographien hergestellt worden sein. Bilder, die 
nicht nur eine Galgenprozedur, sondern auch die 
bestialische Assistenz als Triumph verewigen, Bilder, 
die einen strahlenden Henker im Kreise animierter 
oder verklärt blickender Offiziere zeigen, dürften 
selbst in der Heimat der farbigen Engländer schwerlich 
aufgetrieben werden. Ich aber möchte speziell einen 
Preis aussetzen auf die Agnoszierung des gräßlichen 
Klotzes von einem k. u. k. Oberleutnant, der sich 
direkt vor einen hängenden Leichnam gestellt und 
seine aussichtslose Visage dem Photographen dar- 
geboten hat, und auch jener dreckigen Feschaks, 
die heiter wie an der Sirk-Ecke versammelt sind 
oder mit Kodaks herbeieilen, um nicht nur in 
betrachtender, nein in photographierender Stellung 
auf das Bild zu kommen, in dem der sogenannte 
Seelsorger in der Runde von hundert erwartungsvollen 
Teilnehmern nicht fehlen darf. Denn es wurde nicht 
nur gehängt, es wurde auch gestellt; und photo- 
graphiert wurden nicht bloß die Hinrichtungen, 
sondern auch die Betrachter, ja sogar noch die 
Photographen. Und der besondere Effekt unserer 
Scheußlichkeit ist nun, daß jene feindliche Propa- 
ganda, die statt zu lügen einfach unsere Wahrheiten 
reproduziert hat, unsere Taten gar nicht erst photo- 
graphieren mußte, weil sie zu ihrer Überraschung 
unsere eigenen Photographien von unsern Taten 
schon am Tatorte vorgefunden hat, also uns »als Ganze«, 
all in unserer Ahnungslosigkeit — die wir nicht spürten, 
daß kein Verbrechen uns so vor der Umwelt entblößen 
könnte wie unser triumphierendes Geständnis, wie 



509 



der Stolz des Verbrechers, der sich dabei noch 
»aufnehmen« läßt und ein freundliches Gesicht macht, 
weil er ja eine Mordsfreud hat, sich selbst auf 
frischer Tat erwischen zu können. Denn nicht daß 
er getötet, auch nicht daß er's photographiert hat, 
sondern daß er sich mitphotographiert hat; und daß 
er sich photographierend mitphotographiert hat — 
das macht seinen Typus zum unvergänglichen Licht- 
bild unserer Kultur. Als ob, was wir getan haben, 
nicht für sich selbst sprechen würde! Die Auditoren 
der Hölle, die sich durch ihre Leistungen vom Zwang 
zum Heldentod befreit haben wie nu-r die Dichter 
des Kriegs, haben wahrlich ganze Arbeit geleistet. Aber 
nach dem Henker mußte noch der Photograph heran. 
Nein, die für ein k. u. k, Kriegsarchiv gestellten 
Gruppen behaften die Erinnerung an Österreich mit 
einem Schandfleck, der in Äonen nicht untergehn wird ! 

Der Optimist: Von all dem hat sicher der 
Kaiser Franz Joseph nichts gewußt. 

Der Nörgler: Er hat seit jeher nur gewußt, 
daß sein Henker den letzten, einzigen und wahren Hort 
der Zentralgewalt bedeute. Als ihr leuchtendes, 
lachendes Symbol, in voller Kaffeesiederwürde und 
Weltrichiergemütlichkeit steht jener da, weit entfernt 
von Hochmut und von Schwäche, denn mir wcrn 
kan Richter brauchen, wohl aber einen Scharfrichter. 
Der Optimist: Er als ritterlicher Monarch — 
Der Nörgler: — hat schon in seiner Jugend 
die Abordnung der Mütter, Gattinnen und Töchter 
von Mantua, die in Trauerkleidern für ihre Söhne, 
Gatten und Väter um Abwendung der Galgenstrafe 
herangewallt kamen, abgewiesen. Doch haben sie 
nachher die Henkerrechnung bezahlen müssen. 
Das Andenken Österreichs ist bis heute in jenen 
Gegenden unverwischt und das weltgeschichtliche 
Motiv der '^Treulosigkeit« mag seine Erklärung in 
dem nachzilternden Grausen finden, mit dem man 



510 



dort noch jetzt von jenen Taten spricht, und in der 
diplomatischen Überlieferung: »la corde savonnee«, 
diese Spezialität, sei der einzige österreichische Export- 
artikel gewesen. In hoc sigrip wollte es siegen! Seine 
letzte Henkerrechnung wirdÖsterreich selbst bezahlen. 

Der Optimist: Wie das? Wann? 

Der Nörgler: Nach seiner Hinrichtung! 

(Verwandlung.) 



30. Szene 

Standgericht. 

Hauptmann-Auditor Dr. Stanislaus 
V. Zagorski (verkündet das Urteil. Man hört die folgenden 
Sätze, die er besonders betont) : 

Mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte 

Hryb 26 Jahre alt und des Lesens und Schreibens 
unkundig ist, somit keine Bildung hat, sowie ange- 
sichts dessen, daß die Schuld des Angeklagten Hryb 
dem Standgericht die kleinste mit Rücksicht auf die 
Sciiuld der anderen Mitangeklagten zu sein schien, 
hat das Standgericht beschlossen, daß die gegen den 
Angeklagten Hryb gemäß §444 M.-St.-P.-O. ausge- 
sprochene Todesstrafe dieser Angeklagte als erster 
abzubüßen hat. 

Die über den Angeklagten Struk ver- 
hängte Todesstrafe soll derselbe als zweiter abbüßen, 
weil seine Schuld im Verhältnis zur Schuld des Erst- 
angeklagten krasser ist. 

Mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte 

Maeyjiczyn durch längere Zeit mit den Russen in 
Verbindung gestanden ist, wurde beschlossen, daß 
er als dritter die Todesstrafe abzubüßen hat. 

— — Unter einem wurde beschlossen, daß 
dieser Angeklagte in Würdigung der ihm zur Last 
gelegten Tat die Todesstrafe als vierter in der Reihe 
abzubüßen hat. 



511 



Die über ihn gemäß § 444 M.-St.-P.-O. 

verhängte Strafe soll Angeklagter Dzus als fünfter 
verbüßen, weil seine lügnerische Verteidigung darauf 
hinwies, daß er den Russen vollauf ergeben war. 

— — und hat diese Strafe in Würdigung 
seiner Handlungsweise als sechster abzubüßen. 

— — Die Todesstrafe hat der Angeklagte 
Kowal als der siebente abzubüßen. 

— — Nachdem dem Fedynyczyn zwei straf- 
bare Handlungen zur Last fallen, soll er die Todes- 
strafe als achter verbüßen. 

— ~ Mit Rücksicht auf die Schwere der dem 
Fedor budz zur Last gelegten Tat soll derselbe die 
Strafe als neunter abbüßen. 

Die auferlegte Strafe hat Petro Dzus 

als zehnter abzubüßen, mit Rücksicht auf die Schwere 
seines Verschuldens. 

hat das Standgericht angenommen, daß 

seine Schuld die größte ist und daß er eben die 
gegen ihn verhängte Todesstrafe als letzter abzu- 
büßen hat. Die Verhandlung ist geschlossen. 
(Die Delinquenten werden abgeführt.) 

Ein Offizier: Gratuliere. Das war saftig. 
Spürt ma halt gleich, daß du ein Advokat bist. Du, 
wieviel Todesurteil' hast eigentlich schon hinter dir? 

Zagorski: Das is akkurat das hunderste — 
also das heißt das hundertzehnte. 

Die Offiziere: Gratulieren! Jubiläum! Ja 
warum sagst das nicht? 

Zagorski: Danke, danke ! Und jeder Exekution 
hab ich persönlich beigewohnt, das kann ich mit 
Stolz sagen. Und wie oft hab ich noch bei den 
Exekutionen fremder Todesurteile assistiert! 

Zweiter Offizier: Geh. Da überanstrengst 
dich aber! Nimmst es zu gewissenhaft. 

Zagorski: Ja das is ein aufreibender Dienst ! 



512 



Erster: Weißt, er is halt ein gelernter Jurist 
das is nicht aso — 

Zagorski: No ja, da muß man so ein Todes- 
urteil sorgfältig begründen — ein Vergnügen ist 
das nicht. 

Zweiter: Ujegerl, da ham wir schon Schererein 
ghabt, früher mit dem Obersten! Der war dir ein 
geschworener Feind vom Standrecht. Er hat immer 
gsagt, das is eine verbohrte juristische Klügelei. 
Einfach niederm.achen! hat er gsagt. 

Erster: No das is nix gegen den Ljubicic, 
weißt, elftes Korps wo ich war. Der hat doch den 
Wild, da erinner ich mich, der Wild hat doch zwischen 
Weihnachten und Silvester 1914 zwölf p. v. hängen 
lassen, an einem Tag sechs. Der sagt, er braucht 
überhaupt kein gerichtliches Urteil als K- Offizier. 
Er hat auch viel abstechen lassen. 

Zweiter: No und der Lüttgendorff! Der hat 
auch immer gsagt, er braucht kein Gericht, dafür hat 
ers abgekürzte Verfahren, hat er gsagt. Einmal hat 
er drei Kerle, weil s' bsoffen warn, durch'n Korprai 
abstechen lassen. Das war in Schabatz, zum aller- 
höchsten Geburtstag, ich denk's wie heut. Und fesche 
Bastonnaden hats geben und schöne Evakuierungen! 
No und Brandlegungen, da muß man schon tulli sagen! 
V/eißt damals in Syrmien, wie's jedes zweite Haus 
niederbraniit habn! Also da hat er amal ein Exempel 
schtatuiernv/olln.da habn s' ein ganzes Dorf ausghoben 
zum Niedermachen, weißt mit hochschwangere Frauen 
und so, alle habn s' zu Fuß bis nach Peterwardein 
müssen. Ob s' nacher alle niedergmacht habn, weiß ich 
nicht. Jedenfalls habn s' bei der Nacht bei die 
Niedergmachten bleiben müssen, die Angehörigen 
und so, die was frei kommen sind. Weißt, die 
ungarischen Gendarmeriewachtmeister, die Komman- 
danten der Streifabteilungen, habn die Strafsachen 



513 



gern im ab'kürzten Verfahren erledigt, die Leichen 
sind alle liegen blieben, von die Lehrer, Geistlichen, 
Crtsnotäre, Förster und so. 

Erster: No bei die Internierungen hat mehr 
herausgschaut! 

Zweiter: Das war später, wo sie 's dann 
plangemäß ausgerottet habn. Dafür waren aber auch 
die ungarischen Lager erstklassig eingerichtet. 
Hunger, Stockhieb und Flecktyphus — das gibt 
scho was aus bei die Serben! 

Dritter Offizier: No ja, aber alles was recht is, 
ein Justizverfahren is das halt doch nicht mehr. 

Zweiter: No ja natürlich, das is mehr admini- 
strativ. Daß du aber nicht glaubst — weißt beim 
Lüttgendorff war jeder Fall mit einem Dienstzettel 
belegt: Justifizierung verfügt! No für eine Ver- 
handlung wie bei uns hier, war dir der Lüttgen- 
dorff halt zu nervös. Mit die Richter hat er gschimpft, 
ujegerl! Da hats immer gheißen: Hofrat! Bandler! 
Patzer! Weißt, gleich aufhängen war ihm das Liebste, 
natürlich nur bei mildernde Umstand, sonst hat er 
hauptsächlich mit 'n Bajonett arbeiten lassen. 

Erster: Habts ihr schon amal an Nazarener 
ghabt? 

Zweiter: Was is das? So was gibts doch 
nicht mehr! 

Erster: Aber ja, Nazarener, weißt, das sind 
so Kerle, die sich aus Religion weigern, ein G'wehr 
zu nehmen, eh scho wissen. Da hab ich einmal einen 
solchen Kerl ghabt, der war a Landwirt und is als 
Fuhrmann verwendet worn. Seine bisherige Aufführung 
war eine gute, also nach der Konduite war er unbe- 
scholten und bis auf das, daß er beim Formieren 
ka G'wehr nicht hat nehmen wolln, is eigentlich nix 
gegen ihn vorglegen. Aber wie er so vor uns 

Die letzten Tage der Menschheit. 33 



514 



gstanden is, hat er mir halt einen höchst ungünstigen 
Eindruck gmacht. NämHch wie er schon gewußt 
hat, daß er zum Tod verurteilt wird, hat er, aber 
weißt ohne die geringste Reue zu zeigen, also hat 
er dir einfach erklärt, er nimmt 's Gwehr auch 
dann nicht, wann er dafür erschossen wird. Also da 
hats naturgemäß auch keine Gnadengründe gegeben 
bei solcher Verstocktheit! No der Stöger-Steiner hat's 
naturgemäß bestätigt, wegen dem höchst ungünstigen 
Eindruck, den der Mann gmacht hat. Aber jetzt — 
das war dir a hakliche Gschicht. Später hat nämlich 
der Oberst-Auditor, weißt der Barta, gsagt, im 
Bericht an den Obersten Militärgerichtshof — daß das 
Urteil auf einen unliebsamen Versehn beruht hat. Weil 
angeblich nur auf gewalttätige Widersetzung Todes- 
straf is und das KM hat halt schon 1914 für die 
Nazarener vorgsorgt, daß sie ohne Waffen in die 
Front einzuteilen sind und erst nach 'm Krieg 
militärgerichtlich abgeurteilt wern. Aber der Erlaß is 
halt bei uns erst nach der Hinrichtung, 1916, einglangt, 
kann man halt nix machen. Der Barta hat drei Wochen 
Profosenarrest kriegt. 

Zweiter: Das war ihm unterm Lüttgendorff 
nicht passiert. Da war so a Nazarener — (Geste) 
rrtsch obidraht, mei Lieber! 

Zagorski: Ja, unsereins hat nicht so freie 
Hand als Jurist, verstehst du. Ich laß mir Zeit — 
no und ich hab doch schon mehr geleistet wie sogar 
der Wild! 

Zweiter: No ja du! 

Zagorski: Mein intressantester Fall war in 
Munkacs, das war im Herbst 1914 — da war man 
noch mit Leib und Seele dabei. Da waren drei 
galizischeFlüchtlinge, einPfarrer Roman Beresowszkyi, 
ein gewisser Leo Koblanskyi und der Ssemen Zhabjak, 
die hab ich natürlich zum Tod verurteilt, no und in 
Vollzug gesetzt — 



515 



Zweit er: Hast dabei auch so schön arranschiert — 
nach der Reih — ? 

Zagorski: Woher denn, die haben ja alle 
drei lesen und schreiben können und außerdem 
waren s' alle gleich schuldig — das heißt, wenn 
mans genau nimmt, waren s' alle unschuldig. 

Erster: Unschuldig — waren s', wieso? 

Zagorski: Ja, das is eben das Intressante. 
Die Sache ist nämlich vom Militärgericht in Stryi 
wieder aufgenommen worden, und da stellt sich 
heraus, daß sie unschuldig sind. 

Die Offiziere: Das is a Pech. 

Zagorski (lachend): Wieso? Der ukrainische 
Nationalrat hat sich doch über mich beim AOK 
beschwert! No da könnts euch denken — 

Erster: Ah so! No was warst damals? 

Zagorski: Oberleutnant. 

Erster: Und wann bist du Hauptmann gworn? 

Zagorski: No v/ie sich herausgestellt hat, 
daß sie unschuldig waren! 

Zweiter: Glaubst, daß da also ein direkter 
Zusammenhang is — daß man dir aiser quasi 
hat eine Genugtuung geben woUn? 

Zagorski: Das will ich nicht grad behaupten, 
so feinfühlig sind sie beim AOK nicht — aber 
durch die Beschwerde is man auf mich aufmerksam 
geworden, da hat man gesehn, was ich für eine 
Arbeitskraft bin, no und dann — wenn sich eine 
p. u.- Nation über unsereinen beschwert! Verstehst, 
wenn ein Ruthene uns schaden kann, so schadet 
er uns nicht durch eine Beschwerde, sondern 
höchstens dadurch, daß er noch am Leben is. 



33» 



516 



Dritter: No glaubst am End — daß die elf, 
was wir heut verurteilt ham, auch unschuldig sind? 
Also wenn mas genau nimmt, bewiesen is eigent- 
lich nur — 

Zagorski: — daß sie Ruthenen sind. No das 
wird doch genügen! Ein Uhr — gehmr in die Menage. 

(Verw:indlung.) 



31. Szene 

Schönbrunn. Arbeitszimmer. Der Kaiser sitzt vor dem Schreib- 
tisch und schläft. Ihm zur Seite steht je ein Kammerdiener. 

Der rechte Kammerdiener: Arbeit' scho 
wieder unermüdlich. 

Der linke Kammerdiener: Jetzt is drei- 
viertel auf neun, sieben Minuten vor halber zehn fangen 
die Audienzen an, das is ein rechtes Kreuz is das. 

Der rechte: Pst — hör zu — der Weiland 
sagt was — 

Der Kaiser (spricht aus dem Schlaf) : Justament 
nicht — grad nicht — ich mach keinen Frieden mit 
die Katzeimacher — mei Ruh will i haben — man hat 
mich drangekriegt — es war sehr schön — gehts 
weg — 's zweite Knopfloch is um ein Millimeter zu 
hoch — was? Der Franz is wieder da? — schmeiß'n 
außi — es hat mich sehr gefreut — der Rudolf soll 
net alleweil mit die Fiaker — ghört sich denn das? 
— mir bleibt doch nichts erspart — warten solln s', 
ich fang erst dreizehn Minuten vor dreiviertel an — 
was sagst Kathi? Bist gscheit, daß d' die Preißn 
nicht schmecken kannst — das is ein Elend — 
man hat mich drangekriegt — no ja, kann man halt 
nix machen — (er erwacht) Was — was wollts denn — 
ich — unterschreib eh schon. (Der linke Kammerdiener 
reicht die Feder. Der Kaiser unterschreibt mehrere Aktenstücke.) 
Du, wer kommt denn heut? 



517 



Der rechte: Majestät, der Emanuel Edier 
von Singer für die Erhebung in den Adelsstand — 

Der Kaiser: Ah der Mendl, das is gscheit. 

Der linke: Und dann der Riedl fürn Franz 
Josefs-Orden. 

Der Kaiser: Ah der Riedl, das gfreut mich, 
wie gehts ihm denn dem Riedl? 

Der rechte: Er is nicht mehr der Alte. Letzte 
Wochn soll er g'legen sein. Es is unsicher, ob er 
heut kommt. 

Der Kaiser: Was, war net schlecht, so ein 
junger Mensch ! 

Der linke: Ja, Majestät, um dreißig Jahr 
jünger wie Majestät, aber was Rüstigkeit anbelangt — 

Der Kaiser: Ja, da hast recht — du Ketterl, 
wie gehts denn dem Beck? 

Der rechte: Ujegerl Majestät ! (Er kopiert die 
Haltung eines zitterigen Greises). 

Der Kaiser: Was, mit seine 84 Jahr, der 
Bua soll sich schämen — (er lacht und bekommt einen 
Hustenanfall, die Kammerdiener halten ihn.) Is SCho guat. 
(Der linke Kammerdiener verläßt das Zimmer.) Wohin 
gehst denn? 

Der rechte: Er holt nur 's Pulver. 

Der Kaiser: Ich brauch kein Pulver, justament 
nicht — 

Der linke (kommt mit dem Pulver und gibt es ihm ein): 
Grad hör ich — 

Der Kaiser (nimmt das Pulver): Man hat mich 
drangekriegt. 

Der linke: Grad hör ich Majestät, daß der 
Riedl krankheitshalber verhindert is. 

Der Kaiser: Horts auf. M4r bleibt doch 
nichts erspart. 

Der rechte (zum linken): Uje, jetzt kommt das 
lebenslängliche Couplet, das kennen mr eh. 



(Der Kaiser schläft wieder ein. Die beiden Kammerdiener 
entfernen sich auf Zehenspitzen. Schlafend singt er das folgende) 




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Wie ich zur Welt bin 'kommen, 
da war a Schlamperei. 
Ich hab mir vorgenommen, 
mir is alles einerlei. 
An Pallawatsch hats 'geben 
von einer eigenen Art. 
Was? Ich soll in das Leben? 
Mir bleibt doch nichts erspart. 



Als Bub spiel ich Theater: 
von Barrikaden schauen s' zu. 
Ich spiel, hilf Himmelvater, 
»Wirrwarr« von Kotzebue. 
Das Volk, es schreit sich heiser, 
noch fehlt des Kaisers Bart — 
da bin ich schon der Kaiser. 
Mir bleibt doch nichts erspart. 



Diyi 



Nach Ruh nur allweil lechz' ich, 
daß ich von nix nix weiß, 
denn spiel ich Sechsundsechzig, 
den Preis gewinnt der Preiß'. 
Ja, das muß ich doch sagen, 
das Glück war mit mir hart. 
Mein Reich lag mir im Magen 
und mir blieb nichts erspart. 



Ich kann mich nicht erinnern, 
daß ich erlebt nicht hätt' 
im Äußern und im Innern 
ein Kreuz und halt ein Gfrett. 
Der Sohn, die Frau, der Otto 
bis in die Gegenwart 
bleibt meines Lebens Motto: 
Mir bleibt doch nichts erspart. 



Nur Pech in der Verwandtschaft — 

längst hätte ich es satt, 

hätt' ich nicht die Bekanntschaft 

mit ihr, der Kathi Schratt. 

Mit ihr allein ich's aushalt, 

obschon sie schon bejahrt 

und kostspielig der Haushalt — 

auch ihr bleibt nix erspart. 



Doch find ich, sie und alles 
in Österreich war sehr schön. 
Das Reich hat zwar den Dalles, 
doch hoff ich, 's wird schon gehn. 
Die Ehre ist oft bitter, 
von Gold die Schande starrt. 
Ich mach den Jud zum Ritter — 
er hat sich was erspart. 



520 



Nur Ärger, nix als Kummer, 
oft krieg ich eine Wut. 
In Ischi nur, im Summer, 
da g'freut mich mancher Jud. 
Der denkt, wie er nur Geld krieg' 
was der zusammenscharrt 
in diesem säubern Weltkrieg! 
Hätt' ich mir den erspart! 



Nur einem Freudenfeste 

hab ich einst beigewohnt: 

das war der Fall des Este — 

der hat sich doch gelohnt! (Er erwacht.) 

Wie man es hinterbracht hat 

ganz schonend mir und zart, 

mein linkes Aug' gelacht hat: 

Schaut's, der bleibt uns erspart! 



Es war sehr schön, so meint' ich 

und grüßte alle Leut, 

leutselig lacht' und weint' ich, 

es hat mich sehr gefreut. 

Recht g'schichts ihm, schmecks, nun büß' er, 

weil auf mein' Tod er g'wart'. 

Der Geizhals war kein Grüßer 

hat am Gemüt gespart. 



Ein freudiges Erlebnis 
für mich und für das Land 
war das spanische Begräbnis 
des Neffen Ferdinand. 
Wir folgten unsrem Hasse 
auf lustiger Leichenfahrt. 
Begräbnis dritter Klasse — 
da blieb mir was erspart. 



521 



Die G'schichte war erledigt, 
erlöst hat uns der Tod. 
Für den Verlust entschädigt 
hab ich das Reich durch Not. 
War' das Malheur nicht gschehen 
durch Geistesgegenwart, 
war' ein Malheur geschehen! 
So blieb es uns erspart. 



Laßt Gott uns dafür preisen! 

Mein Kreuz ist endlich rot. 

Gold geben sie für Eisen, 

Gift nehmen sie für Brot. (Er schläft ein.) 

Nachdem ich so viel Leid trug, 

mein Reich liegt aufgebahrt. 

Das Volk sein Scherflein beitrug, 

auch ihm bleibt nichts erspart! 



Doch spür ich keine Reue, 

doch geb ich keine Ruh. 

Durch Nibelungentreue 

drückt mich nicht mehr der Schuh. 

Der Wilhelm, hätt' Geduld er! 

Der Treubund ist sehr hart. 

Jetzt drückt mich nur die Schulter. 

Da wird mir nix erspart! 



Die Schulter statt zu stützen, 
sie drückt mich noch zu Tod, 
und zu den faulsten Witzen 
gehört der Nibelungen Not. 
Das Schicksal hat, man weiß es, 
mich oft und oft genarrt — 
sein Essen, ach der Preiß' es 
von meinem Munde spart! 



522 



Was hab ich von dem Bund doch! 
Es geht mir glorreich schlecht. 
Beim deutschen Gott, kein Hund doch 
so länger leben möcht'! 
Ach ums Panier der Treue 
haben wir uns schön geschart — 
der Freund frißt meine Säue, 
mir bleibt ein Dreck erspart. 



Es ist ein Bund des Pferdes 

mit einem Reiter toll 

und für den Schutz des Herdes 

verlangt er hohen Zoll. 

Das Volk, es preist das Deutsche. 

Es war sehr schön beim Start. 

Mich aber peitscht die Peitsche — 

das Ziel bleibt mir erspart. 



In dem Kalkül ein Loch ist: 
der Preiß', er macht mir heiß. 
Hoch ruft das Volk, doch hoch ist 
von allem nur der Preis. 
Ein Roß nicht ahnen kunnte, 
wohin es ging' der Fahrt. 
Der Preiß', man wanen kunnte, 
der bleibt mir nie erspart! 

Wie immer ich mich wende, 
ich sitz dem Reiter auf 
und kehr mit blutiger Lende 
von seinem Siegeslauf. 
Der Preiß' sitzt mir im Nacken, 
die Treu er mir bewahrt. 
Mein Thron ist seine Tacken, 
kein Tritt bleibt mir erspart. 



523 



Nicht endet meine Klage, 
nicht endet mein Verdruß, 
auf meine alten Tage 
ich holienzollern muß! 
Wozu, das möcht' ich fragen, 
hab so ich mich gepaart — 
nur um wiederamal zu sagen: 
mir bleibt doch nichts erspart? 



Was sind denn das für Sachen? 
Bin ich nicht Herr im Haus? 
Da kann man halt nix machen. 
Sonst schmeißt er mich hinaus. 
War' ich im Sommer sieben 
gefolgt dem Eduard, 
so wäre mir geblieben 
so mancherlei erspart. 



Mit Hurra gehts herunter 
bis auf den Kladderadatsch. 
Jetzt geht der Wiener unter! 
Wir heißen 's Pallawatsch. 
In diesem Weltenkriege 
krieg ich den schoflen Part 
und wie ich immer siege, 
der Sieg bleibt mir erspart. 



In der Geschichte steht es, 
was immer mir geschah. 
Seit siebzig Jahren geht es 
in einem Pfui k. k. ! 
Mit Justament regier ich 
auf eine eigene Art, 
und meine Völker führ ich, 
daß uns ka Hetz erspart. 



524 



Ihr dürft noch lang nicht hoffen 

aufs End von mein' Couplet. 

Es hat noch Katastrophen — 

Euer Gnaden wissen eh. 

Mir wem kan Richter brauchen 

nach dieser Praterfahrt! 

Wenn erst die Trümmer rauchen, 

wird am Tabak gespart. 



In der Geschichte steht es, 
was immer mir geschieht, 
und wie man immer dreht es, 
sie bleibt das Weltgericht. 
Den Narren gab ich Titel 
dem Volk des Kaisers Bart. 
Die blutigsten Kapitel 
hab ich mir aufgespart. 



Mir war seit Kindesbeinen 
schon alles einerlei. 
Doch g'freut mich heut wie keinen 
die blutige Schlamperei! 
Heut bin ich ja noch rüstich, 
noch rüst ich nicht zur Fahrt, 
noch nicht für alles büßt ich, 
noch viel bleibt euch erspart! 



Noch bisserl Blut sehn will ich, 
man nimmt an Weisheit zu, 
und justament erst spiel ich 
Wirrwarr von Kotzebue! 
Noch bin ich ja der Alte, 
Lorbeer den Kopf behaart. 
Dem Volk mich Gott erhalte! 
Ihm, dem ja nichts erspart. 



525 



Erhalt' er mich in Plagen! 

Noch ists nicht an der Zeit, 

»Es war sehr schön« zu sagen, 

»es hat mich sehr gefreut*. 

Die Welt muß erst verzweifeln, 

worauf ich gnädig wart. 

Dann fragen s' mich bei den Teufeln, 

ob mir noch was erspart! 

Und der nur Ruh wollt haben, 
geht endlich selbst zur Ruh. 
Doch eh' sie mich begraben 
und eh' der Sarg fallt zu — 
»So jung noch, soll ich«, frag ich, 
»schon auf die letzte Fahrt?« 
Und noch einmal g'schwind sag ich: 
Mir bleibt doch nichts erspart! 
(Die beiden Kammerdiener nähern sich auf Zehenspitzer.) 
(Verwandlung.) 

32. Szene 

Kragujevac, Militärgericht. 

Der Oberleutnant-Auditor (hinausrufend): 
Solln sich aufhängen! (zum Schriftführer) Sind die drei 
Todesurteile ins Reine geschrieben? Die über die 
drei Burschen aus Karlova mein ich, die Gewehre 
gehabt haben. 

Der Schriftführer: Jawohl, aber (zögernd) 
da — möchte ich auf einen Umstand aufmerksam 
machen, da — hab ich die Entdeckung gemacht — 
daß sie erst achtzehn Jahre alt sind — 

Der Oberleutnant- Auditor: Nun und? 
Was woHen Sie damit sagen? 

Der Schriftführer; Ja — da dürfen sie 
aber — nach dem Militärstrafgesetz nicht hingerichtet 
werden — da muß das Urteil — auf schweren Kerker 
abgeändert werden — 



526 



Der Oberleutnant-Auditor: Geben S' her! 
(Er liest.) Hm. Da wem wir nicht das Urteil, sondern 
das Alter abändern. Es sind sowieso stattliche 
Burschen. (Er taucht die Feder ein.) Da schreiben wir 
halt statt achtzehn einundzwanzig. (Er schreibt.) So, 
jetzt kann man sie ruhig aufhängen. 

(Verwandlung.) 

33. Szene 

Ischler Esplanade. Eine teilnehmende Gruppe umgibt den alten 
Korngold. 

Der alteKorngold (händeringend): Er is doch 
nicht gesund! Er is doch nicht gesund! (Wird von der 
Gruppe abgeführt.) 

Ein Kurgast (spricht einen andern an): No Sie 
wern mir doch sagen können, Sie sind doch intim 
in Theaterkreise, also is es wahr was man hört 
oder is es bloß ein Gerücht? 

Der andere: Der alte Biach? 

Der erste: Konträr, der junge Korngold! 

Der andere (ernst): Es is wahr. 

Dererste: Hören Sie auf — also den jungen — 
Korngold — ham sie genommen? 

Der zweite: Wenn ich Ihnen sag! Was sagen 
Sie z.u Biach? (Beide ab.) 

Dritter Kurgast (kopfschüttelnd zu seinem 
Begleiter): Einen Mozart! Und wo er doch bei der 
Presse is! 

Vierter (sich umsehend): Ein Racheakt. (Beide ab.) 

(Fräulein Löwenstamm und Fräulein Körmendy treten im Dirndl- 
kostüm auf.) 

Fräulein Löwenstamm: Es hat aufgehört 
zu regnen! 

Fräulein Körmendy: Also was is? Gehts 
ihr nactimittag am Nussensee? 



527 



Fräulein Löwen stamm: Wenn es so bleibt, ja, 
sonst selbstredend zu Zauner! Was is abends? 
Gehts ihr? Wir ham Sitze, der Schalk dirigiert von der 

Oper. (Ein anderes Dirndl geht vorbei.) Du — SChaU 

dir sie jetzt an — ! 

FräuleinKörmendy: Möcht wissen, worauf 
herauf sie so herumgeht. 

Fräulein Löwenstamm: Ihr Bruder verehrt 
doch die Wohlgemuth! 

Fräulein Körmendy: Dort kommt der 
Bauer mit dem Lehar. (Ab.) 

Bob Schlesinger (Janker, nackte Knie) : Was da 
hergemacht wird! Wetten, nächste Woche is er ent- 
hoben! Ein Wort wenn ich dem Hans Müller sag! 

Baby Fanto (Tenniskostüm): Aber! Ein Wort 
vom Papa! In unserem Haus in Baden verkehrt 
doch bekanntlich das ganze Aokah! Der Arz 
wälzt sich, wenn der Tury einen Witz macht, und ich 
kopier ihm die Konstantin. 

(Ein Hofwagen fährt vorbei. Sie grüßen.) 

Bob Schlesinger: Ich glaub, er war leer. 

Baby Fanto: Ich glaub, der Salvator, (Ab.) 

Ein alter Abonnent: Was sagen Sie zum 
jungen Korngold? 

Der älteste Abonnent: Das kann in 
England nicht ohne Eindruck bleiben. (Ab.) 

(,Man hört von ganz fern die Rufe des alten Korngold.) 
(Verwandlung.) 

34. Szene 

Wachstube. 

Der Inspektor: Aha, da is sehe wieder so a 
syphilitischer Schlampen! Und verlaust is'! 

Ein Wachmann: Die kenn i eh. Die is wegen 
Diebstahl abgstraft und wegen Vagabundasch war's 
aa eingliefert. Im Spital war s' eh scho. 



528 



Der Inspektor: Wie alt bist denn? Wem 
ghörst denn? 

Die Siebzehnjährige: Der Vater is eingrückt, 
die Mutter is gstorben. 

Der Inspektor: Seit wann bist denn bei 
dem Leben? 

Die Siebzehnjährige: Seit 1914. 

(Verwandlung.) 

35. Szene 

Ei« Berliner Nachtlokal. 

Eine gröhlende Stimme (aus dem Hintergrund): 
Das Dünnbier ist ein scheußliches Geschlampe 

Und als Getränk mau mau! 
Gießt du davon zuviel in deine Wampe, 
Dann wird dir tlau ! 
Bringt Burgeff-Grün, ihr Hundejungen! Friedelchen 
bleib man da, süße Toppsau — bewahre Sitzfleisch — 
ihr Vatalanusverräter — wat? — nu mal rin in die 
Sommeschlacht — 

Frieda Gutzke (spuckt ihm auf die Glatze) : Hopla, 
Vata siehts ja nich — (geht nach vorn.) 

(Sally Katzenellenbogen, Export, Frankfurt a./O. tippt seinem 
Nachbarn, dem Rechtsanwalt Krotoschiner II an die Schulter.) 

Katzenellenbogen: Wie sagt doch Nietzsche? 
Jehst du zum Weibe, vajiß de Peitsche nich! 

Krotoschiner II: Na hörn Se mal, lassen Se 
mich man bloß mit dem Mann zufrieden, der 
Mann is mir nich maßgebend, der hat doch 
bekanntlich 'n böses Ende jenommen. Oberfauler 
Kunde, sage ich Ihnen. Kenn Se Dolorosa? 

Katzenellenbogen: Nee. Sitzt dort nich 
Hertha Lücke vom Palais de danx, Kantstraße fünfzehn 
Belletahsche, Kurfürst achthundertvierundfunfzigtau- 
sendsiebenhundertsiebenundfunfzig? 



529 



Krotoschiiier II: Acli Unsinn, Jejenteil, das ist 
Gerda Mücke vom Lindenkasino, Leibnizstraße neun- 
undfunfzig zwei Treppen, Lützoo neunhundertsieben- 
undfunfzigtausendachtliundertdreiundfunfzig.Teelefonn 
mit Warmwasser, Luftschiff im Hause, zu jedem 
Appartemang 'n Kuiturbatt, tipptopp I Kann famos 
pieken! 

Katzenellenbogen: Jewiß doch, mit das 
schickste Mädchen, das wa jetzt in Berlin haben — 
un wissen Se, wer neben sitzt? Motte Mannheimer, 
Kunststück — wickelt se alle in blaue Lappen. 

(Die Musik spielt das Lied »Ach Puppe sei nicht so neutral !«) 

Frieda Gutzke (geht vorbei und sagt zu Katzenellen- 
bogen): Na horste, sollst nich so neutral sein — was 
sitzt ihr beiden denn so miesepetrich da, halli hallo 
hopsaßa — (zu Krotoschincr II; na Puppe? Oller mit'n 
Kneifer ! 

Krotoschiner II: Totschick ! Na komm mal ran. 

Frieda Gutzke: Nich zu machen, schließt 
von selbst — weeßte, der Rittergutsfritze, der 
Pommernhengst, immer mit'n roten Kopp, guckt 
rüber — andermal — du schenk mr'n braunen Lappen, 
ik will Hindenburch benageln. (Sie geht nach hinten.) 

Die gröhlende Stimme: 
Und was das Schönste ist bei dieser Schose: 

Das Reichsbekleidungsamt 
(Frieda Guizke singt mit) Gibt uns pro Jahr bloß 

eine Unterhose — 
Verdammt! Verdammt! 

(Verwandlung.) 

36. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Nörgler: Dasnenne ich einmal Propaganda 
für eine gute und gerechte Sache! 

Der Optimist: Was ist es denn? 

Die letzten Tage der Menschheit. 34 



530 



Der Nörgler: Ein Aufruf, der lautet 
»Schluß der Kriegsanleihezeichnung!« Ein gutes Wort 
zu rechter Zeit. 

Der Optimist: Es freut mich, daß Sie so 
einsichtsvoll denken. Alles Gerede von einem Ver- 
ständigungsfrieden hat sich eben als müßig erwiesen. 

Der Nörgler: Es ist, wie Sie sagen. Und 
immer klarer stellt sich heraus, daß Deutschland 
recht behalten wird: Der Krieg wird militärisch 
entschieden werden. 

Der Optimist: Daß Sie das sagen! Darin 
stimmen wir einmal — 

Der Nörgler: - vollkommen überein. 

Der Optimist: Ich hoffe Sie auch zu meiner 
Ansicht über patriotische Jugenderziehungzu bekehren. 
In diesem Punkte kann, da es sich eben darum handelt, 
alle Gedanken auf den Endsieg einzustellen, gewiß 
nicht genug geschehen. Ich habe Ihnen aber den 
Jahresbericht der Kaiser Karls-Realschule mitgebracht, 
damit Sie sich überzeugen, daß die Mittelschüler 
durchaus nicht zur Beschäftigung mit kriegerischen 
Themen gezwungen werden. Es wird ihnen vielmehr, 
in den meisten Fällen jedenfalls, die Alternative 
gelassen. Zum Beispiel in der V. b Klasse: »Eine 
Ferienwanderung« oder »Kriegsmittel neuester Zeit«. 
In der VI. a: »Warum ist Lessings Minna von 
Barnhelm ein echt deutsches Lustspiel?« oder 
»Durchhalten!« Was würden Sie wählen? 

Der Nörgler: Durchhalten! 

Der Optimist: Da haben wir zum Beispiel: 
»Gedanken nach der achten Isonzoschlacht« oder 
»Herbstwanderung«. Dann »Inwiefern vermag das 
Klima die geistige Entwicklung der Menschheit zu 
beeinflussen?« oder »Unser Kampf gegen Rumänien«. 

Der Nörgler: Hier wählte ich, um mir's leichter 
zu machen, beide Themen auf einmal. 

Der Optimist: »Die Hauptgestalten in Goethes 
Egmont« oder »Der verschärfte U-Bootkrieg«. 



531 



Der Nörgler: Ich würde sagen, daß wenn der 
verscliärite U-Bootkrieg nicht hinzugetreten wäre, 
die Deutschen mit Goethes Egmont England auf 
die Knie gezwungen hatten. 

Der Optimist: Sie sind ein Optimist. Dann 
hätten wir noch: »Schicksal des Menschen, wie 
gleichst du dem Wind! (Goethe)« oder >,Wir und die 
Türken — einst und jetzt«. 

Der Nörgler: Hier wählte ich ganz bestimmt 
beide Themen; denn mir scheint, als ob mir just 
aus der Verknüpfung ein artiges Stück von einem 
Aufsatz gelingen sollte. 

Der Optimist: Wie stellen Sie sich zu der 
Alternative: »Meine Gedanken vor Radetzkys Stand- 
bild« oder »Seine Handelsflotte streckt der Brite 
gierig wie Polypenarme aus und das Reich der freien 
Amphitrite will er schließen wie sein eignes Haus 
(Schiller)«. 

Der Nörgler: Was das zweite Thema anlangt, 
so würfe ich es dem Deutschprofessor an den Kopf, 
würde ihm raten, für seinen pädagogischen Zweck 
lieber Lissauer zu zitieren, und ihm beweisen, daß 
ich auch die Anfangsstrophe des Schillerschen 
Gedichtes kenne: »Edler Freund! Wo Öffnet sich 
dem Frieden, wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? 
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden, und das 
neue öffnet sich mit Mord.« 

Der Optimist: Und das erste Thema, »Meine 
Gedanken vor Radetzkys Standbild«? 

Der Nörgler: Würde ich ohneweiters und mit 
Erfolg bearbeiten, denn ich habe vor Radetzkys 
Standbild meine eigenen Gedanken. Zum Beispiel, 
daß dort schon mehr Schieber vorbeigekommen sind, 
als für den Nachruhm Conrads von Hötzendorf 
unbedingt erforderlich war. 

Der Optimist: Da bemerke ich eben — der 
Jahresbericht verzeichnet: »An die Schülerbibliothek 
wurden 2 Exemplare Schalek, ,Tirol in Waffen' 



34* 



532 



geschenkt von ürätinBienerth-Schmerling, 1 Exemplar 
von der Verfasserin an die Lehrerbibliothek.« Na, das 
ist gewiß gut gemeint, aber — 

Der Nörgler: Sie sind ein Nörgler. Die heran- 
wachsende Generation kann nicht früh genug erfahren, 
wie man Schützengräben ausputzt. Ist denn kein 
Aufsatz da, der solche Anregungen schon unmittel- 
bar verwertet? 

Der Optimist (blättert): Etwa der da, fü^ die 
Vl.b: »Welcher von unseren Feinden scheint mir 
der hassenswerteste?« ^ • 

Der Nörgler: Das Thema ist so anziehend, 
daß es keiner Alternative bedurft hat. Aber es läßt 
ja selbst eine zu, die allerdings schwierig genug ist. 

Der Optimist: Und wie hätten Sie gewählt? 

Der Nörgler (nachdenkend): Warten Sie — nein, 
ich wäre nicht imstande, zu einer endgültigen Ent- 
scheidung zu kommen. 

Der Optimist: Wenn Sie sich streng an das 
Aufsatzthema halten, das da den Sextanern der 
Kaiser Karls-Realschule gestellt wird — 

Der Nörgler: — so sage ich: Östei reich! 
Wenn ich aber wieder auf diese Annonce hier blicke, 
so erscheint mir der Militarismus unserer Jugend- 
erziehung als ein Kinderspiel gegen das ausge- 
wachsene Vorbild. 

Der Optimist (liest): »Verkaufs-Kanone, 
Christ, militärfrei, repräsentabel und doch dezent, 
bisher Reklame-Akquisiteur für Ost- und West- 
deutschland und Berlin mit effektiven Erfolgen 
und nur prima Referenzen, sucht Generalvertretung 
eines ausdehnungsfähigen kapitalskräftigen Unter- 
nehmens — — « Nun und? 

Der Nörgler: Da weiß ich als Patriot, welcher 
von unseren Feinden mir der hassenswerteste scheint! 

(Verwandlung^.) 



b'66 



37. S^ene 

Deutsches Hauptquartier. 

Wilhelm II. (zu seinem Gefolge): Morjen, meine 
Herrn! 

Die Generale: Morjen Majestät! 

Wilhelm II. (in Positur, mit Autblick zum Himmel): 
Es hat unser Herrgott entschieden mit unserem 
deutschen Volke noch etwas vor. Wir Deutsche, 
die wir noch Ideale haben, sollen für die Herbei- 
führung besserer Zeiten wirken. Wir sollen 
kämpfen für Recht, Treue und Sittlichkeit. Mit den 
Nachbarvölkern wollen wir in Freundschaft leben, 
abv.r vorher muß der Sieg der deutschen Waffen 
anerkannt werden. Es hat das Jahr 1917 mit seinen 
großen Schlachten gezeigt, daß das deutsche Volk 
einen unbedingt sicheren Verbündeten in dem Herrn 
der Heerscharen dort oben hat. Auf den kann es 
sich bombenfest verlassen, ohne ihn wäre es nicht 
gegangen. Was noch vor uns steht, wissen wir nicht. 
Wie aber in diesen letzten vier Jahren Gottes Hand 
sichtbar regiert hat, Verrat bestraft und tapferes 
Ausharren belohnt, das habt ihr alle gesehen, und 
daraus können wir die feste Zuversicht schöpfen, 
daß auch fernerhin der Herr der Hee; scharen mit 
uns ist. Will der Feind den Frieden nicht, dann 
müssen wir der Welt den Frieden bringen dadurch, 
daß wir mit eiserner Faust und mit blitzendem 
Schwerte die Pforten einschlagen bei denen, die 
den Frieden nicht wollen. Ein Gottesgericht ist über 
die Feinde hereingebrochen. Der völlige Sieg im 
Osten erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Er läßt 
uns wieder einen der großen Momente erleben, in 
denen wir ehrfürchtig Gottes Walten in der Geschiente 
bewundern können. (Mit erhobener Stimme) Welch eine 
Wendung durch Gottes Fügung! Die Heldentaten 
unsrer Tr^ippen, die Erfolge unsrer großen Feld- 
herren, die bewunderungswürdigen Leistungen der 



0Ö4 



Heimat wurzeln letzten Endes in den sittlichen 
Kräften, die unserm Volk in harter Schule anerzogen 
sind, im kategorischen Imperativ! Glauben sie noch 
immer nicht genug zu haben, dann weiß ich, werdet 
ihr — (Der Kaiser macht eine soldatische Bewegung, die ein 
grimmiges Lächeln auf den Gesichtern seiner Mannen hervorruft.) 
Der sichtbare Zusammenbruch des Gegners war ein 
Gottesgericht. Unsern Sieg verdanken wir nicht zum 
mindesten den sittlichen und geistigen Gütern, die 
der große Weise von Königsberg unserm Volke 
geschenkt hat. Gott helfe weiter bis zum endgültigen 
Siege ! 

(Der Kaiser streckt die rechte Hand vor, die Generale und Offiziere 
küssen sie der Reihe nach. Er stößt während des Folgenden, 
in der Erregung wie in der Belustigung, einen Ton aus, der 
wie das Bellen eines Wolfes klingt. Im Moment der Erregung 
bekommt er einen roten Kopf, der Ausdruck wird der eines 
Ebers, die Backen sind aufgeblasen, wodurch die Schnurrbart- 
enden völlig senkrecht aufstehen.) 

Erster General: Majestät sind nicht mehr 
das Instrument Gottes — 

Wilhelm II, (prustend und pfuchzend): Ha — 

Der General: — sondern Gott ist das Instru- 
ment Eurer Majestät! 

Wilhelm II. (strahlend): Na 's is gut. Ha — I 

Zweiter General: Wenn wa jetzt mit Gott 
und Gas durchbrechen, so haben wir das ausschließlich 
Eurer Majestät genialer strategischer Umsicht zu 
danken. 

Wilhelm II. (tritt an die Generalstabskarte heran) : 
Ha — Von hier bis hier sind fünfzehn Kilometer, 
da werfe ich fünfzig Divisionen hinein ! Kolossal — was? 
(Er blickt um sich. Beifälliges Murmeln.) 

Dritter General: Majestät sind ein Welt- 
wunder strategischen Weitblicks! 

Vierter General: Majestät sind nicht nur 
der größte Redner, Maler, Komponist, Jäger, Staats- 
mann, Bildhauer, Admiral, Dichter, Sportsmann, 



535 



Assyriologe, Kaufmann, Astronom und Theaterdirektor 
aller Zeiten, sondern auch — sondern auch (er beginnt 
zu stottern) — 

Wilhelm II.: Nanu? 

Der General: Majestät, ich fühle mich außer- 
stande, die Liste der Meisterschaften zu erschöpfen, 
die Majestät auszeichnen. 

Wilhelm II. (nickt befriedigt) : Na Und ihr andern? 
(Sie lächeln verlegen.) Was, ihr verfluchten Kerls, wollt 
ihr euern Obersten Kriegsherrn — ha — auslachen? 
Ich werde euch — Seckendorff! 

(Er gellt auf einen Adjutanten zu und tritt ihm öfter auf den 
Rist des Fußes.) 

Der Adjutant (hüpft verlegen) : Majestät — 
Majestät — 

Wilhelm II: Ha — Hacken zusammen- 
schlagen! — Na 's is gut, Seckendorff, habe Sie 
bloß 'n bisken pisacken wollen. Sekt! 

Ein Offizier: Zu Befehl! (Ab.) 

Wilhelm IL: Kaviar! (Ein Offizier will abgehen.) 
Ha halt! Es ist des Deutschen unwürdig, reichlich 
zu leben! — Kaviar! (Der Offizier ab.) 

Vierter General: Majestät — 

Wilhelm 11: Na was is'n los? 

Der General: Majestät — sind auch der 
feinste Gourmand aller Zeiten! 

Wilhelm II. (strahlend): Na 's is gut. (Sekt und 
geröstete Kaviarschnitten werden gebracht. Er trinkt.) Das ist 
ja französischer Sekt! Pfui Deibel! 

Ein Offizier (klebt eine Eükette >Burgeff-Qrün« auf): 
Nein Majestät, es ist deutscher Sekt! 

Wilhelm II.: Das ist ja ein famoser deutscher 
Sekt! — Ha — Hahnke, möchten wohl auch Sekt — ? 
Hurra — (er schwippt den Rest auf das Gefolge und lacht 
dröhnend.) 

Die Generale (sich tief verbeugend): Zu gnädig. 
Euer Majestät! 



536 



Wilhelm II. (schmiert mit dem Zeigefinger der 
rechten Hand den Kaviar und die Butter von einer Schnitte 
herunter und streicht sie sich in den Mund): Ha — Hahnke» 
möchten wohl auch Kaviar haben — ? (Er wirft das 
leere Stück Brot unter die Generale und lacht dröhnend, wobei 
er sich mit der rechten Hand auf den Schenkel schlägt.) 

Die Generale (sich tief verbeugend): Zu gnädig, 
Euer Majestät! 

Wilhelm II. (sich an einen Adjutanten wendend) : 
Ha — Duncker, nu sagen Se mal, was ist Ihr 
Geschmack in der Liebe? Sind Sie mehr für Dicke 
oder für Dünne? (Duncker lächelt verlegen. Wilhelm II. zur 
Umgebung.) Er schwärmt für Dicke. Er liegt gern weich. 

Die Generale: Köstlich, Euer Majestät! 
(Der Kaiser lacht wie ein Wolf.) 

Wilhelm II. Ha — Krickwilz! (indem er ihn in 
den Bauch pufft) Wie macht der Hahn? 

Krickwitz (kräht): Kikeriki — Kikeriki — 

Vierter General (zu seinem Nachbar): S. M. ist 
ein Gott. 

Wilhelm II: Ha — Flottwitz — gucken Se 
mal dorthin, was dort los ist — (Der Admiral dreht sich 
um. Der Kaiser pirscht sich an ihn heran und schlägt ihm mit aller 
Wucht auf den Hintern. Der Admiral krümmt sich vor Schmerzen.) 

Wilhelm II: Sind Sie verrückt geworden? 
Pissen Se mir doch nicht immer auf die Stiebein! 
(Zum Generalarzt Martius) Ha — Martius, gucken Se 
mal dorthin, was dort los ist. (Der Generalarzt dreht sich 
um. Der Kaiser pirscht sich an ihn heran, springt dann auf 
ihn los und greift ihm mit der Rechten zwischen die Beine. 
Der Generalarzt taumelt vor wahnsinnigem Schmerz und hält 
sich an einem Stuhl fest. Er ist kreidebleich. Der Kaiser bricht 
in ein tolles Gelächter aus und wendet sich dann, wie er die 
Wirkung seines Zugriffs bemerkt, erzürnt ab. Mit rotem Kopf und 
aufgeblasenen Backen, prustend und pfuchzend): Kerls sind 
ZU dösig — ha — keen Humor bei die Kerls! 



I 



537 



Die Generale: Köstlich, Euer Majestät, 
köstlich! 

Der erste General (zu den andern): Amor et 
deliciae huniani generis. 

(Verwandlung.) 



38. Srene 

Winter in den Karpathen. Ein Mann an einen Baum gebunden. 

Kompagnie führer Hiller: Wie viel Grad 
hats woll? 

Ein Soldat: An die 30. 

Hill er: Na, denn könnt ihr'n losbinden. 
(Die Soldaten tun es. Der Mann — Füsilier Helnihake — bricht 
ohnmächtig zusammen. Hiiler schlägt ihm mit der Faust mehrmals 
ins Gesicht.) Nu mal ins Erdloch neben! (Es geschieht.) 
Aber ist es denn auch feucht und stinkend genug? 

Der Soldat: Jawohl. 

Hiller: Fiebert woll schon tüchtich? 

Der Soldat: Jawohl. 

Hill er: Doppelposten — nu mal ran — das 
Schwein bekommt nichts zu fressen und zu saufen. 
Darf auch weder tags noch nachts austreten. (Lachend) 
Hat er denn freilich auch nich nötich! Also wie gestern. 
V.^er was dawider hat, den zerschmettere ich! (Er geht 
mit den Leuten ab. Zwei Soldaten bleiben vor dem Erdloch 
zurück. Man hört Wimmern.) 

Der zweite Soldat: Meinst du nicht auch, 
daß wir gottgefälliger handelten, wenn wir statt 
seiner — ihn — ? 

Der erste: Jawohl. 

Der zweite: Zwei sind schon tot. Thomas, 
den er bei ebensolcher Kälte gezwungen hat, sich 
nackt auszuziehen, und Müller, der krank auf Wache 
mußte. Noch fünf andere hat er — (Man hört Stöhnen. 



538 



Es klingt wie »Durst!«) Ach was — das halte ein anderer 
aus! Ich will ihm einen Schneeball an den Mund 
halten. (Er kriecht in das Erdloch und kehrt weinend zurück.) 
Noch nicht zwanzig Jahre alt — freiwillig ins Feld 
gegangen — ! (Hiller erscheint mit Leuten.) 

Hiller: Ich habe mir die Sache überlegt. Ich 
will mal sehn — der Kerl soll rauskommen ! — 
Na wirds? 

Der zweite Soldat: Er — kann wohl nicht 
mehr, Herr Leutnant. 

Hiller: Was is'n los? 'raus mit dem Mistvieh! 
(Einige Soldaten zerren Helmhake heraus und schleifen den Reglosen 
wie ein Stück Vieh.) So siehste aus. Ach die Drecksau 
verstellt sich ja bloß, trampelt ihn doch in den 
Hintern! (Er tritt ihn mit dem Stiefelabsatz.) Willst du 
laufen, du Schwein!? Ist denn das Aas noch nicht 
verreckt?! 

Der zweite Soldat (beugt sich zu dem Miß- 
handelten nieder, den er berührt, streckt seine Hände wie 
abwehrend zu Hiller empor und sagt) : Soeben. 

(Verwandlung.) 

39. Szene 

Ebenda im Unterstand Hillers. 

Unterarzt Müller: Tod durch Erfrieren. 
Wiederbelebungsversuche vergebens. Das Bedenk- 
lichste ist, daß er keine Verpflegung bekommen hat. 

Hill er: Wir müssen die Sache so deichseln, 
daß uns keiner an den Wagen fahren kann. 

Müller: Kein Zweifel, das Menschenmaterial 
ist erschöpft und krank. Nichts als Konservensuppe 
und die ist gesundheitsgefährlich. Es zeigt sich 
ein direkter Erschöpfungswahnsinn. Die Leute buddeln 
im Schnee und springen wie die Besessenen herum. 

Hiller: Ich gebe ja selbst zu, daß Hunger, 
Schläge und Anbinden nicht mehr zureichen, um 
den Kampfesmut zu beleben. Was soll man tun? 



539 



Was Helmhake betrifft, so kann ich sagen, daß ich 
alles Erdenkliche getan habe. Dem Vater schreibe 
ich so: 

Werter Herr Helmhake! 

Hierdurch erfülle ich die traurige Pflicht, Sie 
von dem plötzlichen Ableben Ihres Sohnes, des 
Gardefüsiliers Carl Helmhake, in Kenntnis zu setzen. 
Der Arzt stellte blutigen Dünndarmkatarrh fest. 

Während seiner kurzen Krankheit ist Ihrem 
Sohne die bestmöglichste körperliche und ärztliche 
Pflege zuteil geworden. 

Wir verlieren in dem Dahingeschiedenen einen 
tüchtigen Soldaten und guten Kameraden, dessen 
Verlust wir schmerzlich betrauern. Seine Überreste 
ruhen auf dem Friedhofe in Dolzki. 

(Verwandlung.) 



40. Szene. 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Lesen Sie, mit welch 
erhebenden Worten die Waffenbrüderliche Ärzte- 
tagung eröffnet wurde: Ein wohltuendes Gefühl, ein 
erhebendes, echt bundesbrüderliches Bewußtsein soll 
es für uns alle sein, daß wir in dem Momente, wo 
draußen an unseren Fronten noch der Kampf wütet, 
hier mit kaiserlicher Erlaubnis darüber beraten dürfen, 
wie am besten und erfolgreichsten für unsere sieg- 
reichen Krieger vorgesorgt werde, um die Schäden 
an ihrer Gesundheit durch sachgemäße Pflege wieder 
zu tilgen und zu beraten, wie den siech gewordenen 
Helden frische Arbeitskraft, neuer Lebensmut — 

Der Nörgler: Todesmut! 

(Verwandlung.) 



540 



41. Szene 



Ein Militärspital. Rekonvaleszente, Verwundete aller Grade, 
Sterbende. 

Ein Generalstabsarzt (öffnet die Tür): Aha, da 
sind s' ja alle schön beisamm, die Herrn Tachinierer. 
(Einige Kranke bekommen schwere Nervenzustände.) Aber 
gehts, nur kein Aufsehn. Das wem wir gleich 
haben — Momenterl! (Zu einem Arzt.) No wird's? 
Wo bleibt denn heut der Starkstrom? Gschwind, 
daß mr die Simulierer und Tachinierer heraus- 
kriegen. (Die Ärzte nähern sich einigen Betten mit den 
Apparaten. Die Kranken bekommen Zuckungen.) Der dort, 
das is ein besonders verdächtiger Fall, der Fünfer! 
(Der Kranke beginnt zu schreien.) Da hilft nur ein Mittel, 
das verordnen wir im äußersten Fall. Ins Trommel- 
feuer! Jawohl, das Beste wäre, alle Nervenkranken 
in einen gemeinsamen Caisson stecken und dann 
einem schönen Trommelfeuer aussetzen. Dadurch 
würden s' ihre Leiden vergessen und wieder frcnt- 
diensttaugliche Soldaten wern! Da wern euch schon 
die Zitterneurosen vergehn! (Er schläft die Tür zu. 
Ein Kranker stirbt. E: erscheint der Kommandant Oberstleutnant 
Vinzenz Demmer Edler von Drahtverhau.) 

Demmer von Drahtverhau: Ah, heut wird 
zur Abwechslung wieder einmal schlampert salutiert! 
Ja die Herrschaften machen sichs halt im Hinterland 
kommod in die Betten. Aber grad diesbezüglich 
bin ich heut unter euch erschienen. Sie Regimentsarzt 
pulvern S' die Leut auf, daß s' jetzt zuhören, ich habe 
eine wichtige beispielgebende Mitteilung zu machen. 
Es handelt sich um die neuen Vurschriften wegen 
dem Salutieren, aber nicht wegen dem Salutieren hier 
in der Anstalt, sondern wenn die Leut wieder aufstehn, 
daß s' sich in der Zwischenzeit gewöhnen, bevor s' 
wieder einrückend gemacht wern. Also aufpassen ! 
(liest vor) Direktive, Ehrenbezeigungen betreffend: 

Die Ehrenbezeigung muß stets mit voller 
Strammheit bei Annahme der vorgeschriebenen 



541 



Haltung geleistet werden; jedem Vorgesetzten und 
Höheren ist die vorgesciiriebene Ehrenbezeigung zu 
leisten, wenn sich dieser nicht mehr als 30 Schritt 
vom Untergebenen oder Niederen befindet. Dieselbe 
ist durch ungezwungene Erhebung des rechten Armes 
gegen den Kopt, die Hand mit der inneren Fläche 
derai-t seitwärts des rechten Auges gegen das Gesicht 
gewendet, daß die Spitzen der geschlossenen Finger 
den Schirm der Kopfbedeckung (bei Kappen oiine 
Schirm den Rand der Kappe) berühren, zu leisten. 
Bei Begegnung des zu Begrüßenden, oder geht der 
zu Begrüßende an dem Grüßenden vorüber, ist die 
Ehrenbezeigung so zu leisten, daß diese drei Schritt 
vor dem zu Begrüßenden vollzogen ist, sie endet, 
sobald sich der Begrüßte drei Schritte entfernt hat. 
Trägt der Soldat etwas in der rechten Hand, 
so salutiert er mit der linken, hat ei in beiden 
Händen etwas, so leistet er die Ehrenbezeigung 
durch eine stramme Kopfwendung. Letzteres gilt auch 
bei allen Gelegenheiten des Grußes. Beim Begegnen 
einesVorgesetzten oder Höheren hat der Soldat es zu ver- 
meiden, näher als einen Schritt an demselben voriiberzu- 
kommen. Andere eingerissene Arten derSalutierungen, 
wie zum Beispiel Erheben der rechten Hand mit der 
Fläche nach rechts auswärts, die Finger gespreizt und 
Antippen des Kappenschirmes mit dem Zeigefinger 
womöglich vor der Nase, Leistung der Ehrenbezeigung 
mit der Zigarette oder Zigarre (kurzer Pfeife, soge- 
nannter Nasenwärmer) in der zum Gruß erhobenen 
Hand oder gar im Munde, dann Leistung der Ehren- 
bezeigung im Freien mit unbedecktem Kopfe, die 
Kappe in der Hand durch eine Verbeugung, sind 
streng untersagt und werden solche Militärpersonen, 
welche die Ehrenbezeigung nicht nach der Vorschrift 
leisten oder diese — sei es aus was immer für einem 
Grunde — unterlassen, einer strengen Ahndung unter- 
zogen; Urlauber nebst Anzeige an ihr vorgesetztes 
Kommando einrückend gemacht. — 



542 



Alstern, merkts euch das, wer nicht, die Hand 
mit der inneren Fläche derart seitwärts des rechten 
Auges gegen das Gesicht gewendet, daß die Spitzen der 
geschlossenen Finger den Schirm der Kopfbedeckung 
(bei Kappen ohne Schirm den Rand der Kappe) 
berühren, den rechten Arm ungezwungen gegen den 
Kopf erhebt, kann dazu gezwungen wern! Merkts 
euch das! Das is beispielgebend! Was die andern 
Salutiervurschriften betrifft, nämlich die was noch für 
die Anstalt gelten, solang ihr hier herumliegts, so müßts 
ihr auch mit gutem Beispiel vorangehn und ich brauch 
euch nicht erst einschärfen, daß ihr unbeschadet eurer 
p. t. Krankheiten jeder vurschriftsmäßig zu salutieren 
habts, wenn einVurgesetzter hereinkommt. Jetzt habts 
ihr keine Kappen, aber a Stirn hat a jeder und so 
wirds ihm auch net schwer fallen die Hand, wann 
er a Hand hat, an die Stirn z' führen, verstanden? 
Also — rechts schaut! Sie, was is denn dort — 
der dort von Bett 5 — mir scheint, der kanns net 
erwarten, daß er wieder zum Marschbaon — (der 
Regimentsarzt macht ihm eine Mitteilung) Ah SO — no ja 
— also von mir aus — aber im allgemeinen — 
also daß mir das nächste Mal alles in Ordnung is! 
Sie überhaupt Regimentsarzt schaun S' mir daß 
die Leut hinauskommen! Sie sind ohnedem 
schlecht angschriebn oben — machen S' mr keine 
Spomponadeln und treiben S' nicht die Humanität 
auf die Spitze! Was ein patriotischer Arzt ist, hat 
ein Frontlieferant zu sein! Nehmen S' sich ein 
Beispiel am Dr. Zwangler, der hat einem Zitterer 
einen Fetzen in den Mund gsteckt und ihn mit 
zwei elektrischen Behandlungen B - Befundtauglich 
gemacht. Oder der Dr. Z Wickler! Der hat einen 
Ehrgeiz, von dem stammt bekanntlich die Idee, die 
Geschlechtsteile zu faradisieren, er will halt möglichst 
viele und rasche Erfolge erzielen, und es gelingt ihm! 
Nehmen S' sich ein Beispiel! Jetzt muß man halt 
bißl anfauchen! Bei die Deutschen hams den 



543 



Sinusstrom — mir san ja eh die reinen Lamperlnl 
Humanität hin, Humanität her, das is ja alles 
recht schön, aber wie reimt sich das mit dem 
Patriotismus? Jetzt is Krieg und da ist es die 
oberste Pflicht des Ärztestandes, mit gutem Beispiel 
voranzugchn und das Menschenmaterial aufzufüllen. 
Der Oberstr.bsarzt beklagt sich, daß Sie den medizi- 
nischen Standpunkt hervorkehren. Er hat Ihnen 
kollegial begreiflich zu machen gesucht, daß ein 
C-Befund in den Schützengraben ghört, er sagt, daß 
das immer ein Gwirks mit Ihnen is. Da möcht ich 
Sie nur fragen — haben Sie vielleicht Lust, in ein 
Fleckspital nach Albanien abzugehn? Na alstern! Vom 
medizinischen Standpunkt können S' ja von mir aus 
recht haben — wie neulich wo Sie sich kapriziert 
haben, weil also der Mann Lungenbluter is und 
Familienvater und so — aber hier ist ausschließ- 
lich der militärische Standpunkt maßgebend! Die 
Verantwortung übernehmen wir! Oder der Nieren- 
kranke — hammcr ein Gspaß ghabt — tun S' Ihnen 
nix an ! Der Mann hat seine fünfzig Schuß zu 
machen, nacher kann er hin sein I Der Aller- 
höchste Dienst erfordert, daß jeder, der gehn kann, 
nicht länger hier herumliegt, als wie unbedingt 
nötig ist — die Schkrupeln heben Sie sich für 
den Frieden auf ! Solange das Vaterland in Gefahr 
ist, hat jeder auf seinem Posten zu stehn, wie ich 
selbst, da kenn ich keinen Unterschied, krutzitürken I 
— Jetzt wem die Feldwebeln die Salutierübungen 
mit euch vornehmen, und daß ich von kein' 
Anstand hör also — über mich hat sich noch keiner 
zu beklagen ghabt — ja wenn statt meiner der 
Medinger von Minenfeld hier regieren tat oder 
der Gruber von Grünkreuz, ujegerl ! Was wollts 
haben? Zu essen habts, Suppen, feins Dörrgemüse 
und a Schalerl Tee a no, da hat sich noch 
keiner beschwert. No ja die Zeit wird euch lang, 
bis ihr wieder hinauskommts, um euch gut zu 



544 



schlagen. Aber eben dafür sind die Salutierübungen! 
Und die, denen es nicht vergönnt ist, die was also 
nicht mehr hinauskönnen, um sich gut zu schlagen, 
für das Vaterland, für die hat das Vaterland 
vorbildlich gesorgt. 6 Heller per Tag, ohne was 
arbeiten zu müssen, no is das vielleicht nix? No 
und wenn einer brav is, kriegt er sogar eine Prothesen 
und nachher wenn er mit gutem Beispiel vorangeht, 
wird er zu seinem Ersatzkörper zurückinstradiert. 
Mir San ja eh die reinen Lamperln — könnts eh 
noch froh sein, daß mr nicht bei die Deutschen 
sein, sonst müßt ich euch habtacht liegen lassen! 
Das bißl Salutieren, bevor einer wieder hinaus- 
kommt, hat noch keinen umbracht. So — gut is 
für heut! (Ab.) 

(An einem Bett nimmt der Feldwebel Salutie''r;bunpen vor. An 
einem andern ist der Feldl<iirat besciiäftigt.) 

(Verwandlung.) 



42. Srene. 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräcli. 

Der Optimist: Die bekannte Frage »Was 
suchen wir in Albanien ?« — 

DerNörgler: — kann ich Ihnen beantworten. 
Die Malaria. 

Der Optimist: Glauben Sie, daß in Albanien 
nichts anderes zu holen ist? 

Der Nörgler: O ja, auch Fleckt^'phus. 

Der Optimist: Dort unten aber — 

Der Nörgler: — ist's fürchterlich. 

Der Optimist: Albanien diente uns doch 
vorwiegend als — 

DerNörgler: — Strafkolonie. »Nach Albanien 
mit ihnen!« war eine Verschärfung dei Ehre, fürs 
Vaterland zu sterben. 



545 



Der Optimist: Wenn wir nach Albanien 
gehn, so ist eines sicher — 
Der Nörgler: Der Tod. 

Der Optimist: Unter unsern Truppen in 
Albanien herrschte, und dafür bürgt schon der Name 
Pflanzer-Baltin — 

Der Nörgler: —Ein Massensterben. 

Der Optimist: Wir hatten bekanntlich große 
politische Interessen in Albanien und außerdem — 

Der Nörgler: Verwanzte Baracken. 

Der Optimist: Aber unsere Offiziere in 
Skutari sollen sehr gut untergebracht gewesen sein 
und waren bekannt durch — 

Der Nörgler: Hurentreiben. 

Der Optimist: Was die Sanitätsverhältnisse 
in Albanien betrifft, die Sie in so düsteren Farben 
schildern, so habe ich mir im Gegenteil sagen 
lassen, daß die Feldspitäler leer standen. 

Der Nörgler: Weil man die Malariakranken 
ohne Behandlung sterben ließ. 

Der Optimist: Der Armeesanitätschef der 
Armeegruppe Albanien hat sich im Gegenteil da- 
gegen gesträubt — 

Der Nörgler: — daß die Kranken im 
Sommer abgeschoben werden. 

Der Optimist: Er war aber dafür bekannt, 
daß er gesunde Soldaten — 

Der Nörgler: — ohne Aburteilung erschießen 
ließ, wenn sie Konserven stahlen. 

Der Optimist: Es wurde immerhin dafür 
gesorgt — 

Der Nörgler: — daß für die Offiziere ein 
Feldkino errichtet werde. 

Die letzten Tage der Menschheit. 35 



546 



Der Optimist: Der Krankenabschub, von 
dem Sie sprechen, ist tatsächlich durchgeführt 
worden, allerdings erst — 

Der Nörgler: — bei der Flucht. 

Der Optimist: Sie mein.en den strategischen 
Rückzug. Was die Transportmittel anlangt, die 
dabei in Verwendung kamen, so war es freilich 
schwer, die ungeheuren Massen Kranker — 

Der Nörgler: — die es bis dahin nicht 
gegeben hat, zu übersehen. 

DerOptimist: Man half sich aber, indem man, 
da die paar Spitalschiffe zum Abtransport nicht 
ausreichten, in Automobilen — 

Der Nörgler: — die Offiziersbagage des 
Armeekommandos beförderte. 

Der Optimist: Was meinen Sie? 

Der Nörgler: Ich meine die gestohlenen 
Möbel. 

Der Optimist: Ach so. Die kranken Mann- 
schaften freilich — 

Der Nörgler: — hatten durch Dreck und 
Kot zu marschieren. 

Der Optimist: Es war ihnen aber gestattet — 

Der Nörgler: — am Straßenrand liegen zu 
bleiben, um eine längere Ruhe zu finden. 

Der Optimist: Dies geschah ausnahms- 
weise, ohne daß — 

Der Nörgler: — ohne daß Kaisers Geburts- 
tag oder ein Jubiläum des Regierungsantrittes voran- 
gegangen war. Denn sonst pflegt der Rückzug einer 
österreichischen Armee, speziell ein albanisches 
Schrecknis tausendfältigen Qualentods in Hunger 
und Dreck, mit einem dynastischen Datum verknüpft 
zu sein ; als ob es nicht selbst eines wäre. 

Der Optimist: Wie das? 



547 



Der Nörgler: Seit Belgrad hat das Bedürfnis 
österreichischer Generale, nebst ihrer eigenen ver- 
brecherischen Dummheit Seiner Majestät auch noch 
eine Stadt zu Füßen zu legen, aus der sie am 
nächsten Tag wieder heraus müssen, dort unten 
Feste gefeiert. 

Der Optimist: Sie scheinen nicht zu wissen, 
daß derartige Gelegenheiten dem Opfermut des 
Frontkämpfers zugleich ein Ansporn und eine 
Entschädigung sind. Wenn es auch in der weiteren 
Entwicklung eines solchen Ereignisses, das im 
Kalender des Vaterlands rot angestrichen ist, an 
Transportmitteln, Labestationen, Verpflegung und 
Unterkunft gemangelt haben mag — Krieg ist 
Krieg — , so ist doch nicht zu leugnen — 

Der Nörgler: — daß der persönliche Train 
des Armeekommandanten fünfundzwanzig Fuhrwerke 
betrug, für die ein Hauptmann zu sorgen hatte. 

Der Optimist: Woher weiß man das? 

Der Nörgler: Aus dem Tagebuch eines 
Arztes, der in Albanien, wo es keine Gesunden gab, 
keine Kranken für sein Spital bekommen konnte. 

Der Optimist: Es muß nicht so arg gewesen 
sein, wenn er selbst davongekommen ist. Wie ist 
er denn zurückgelangt? 

Der Nörgler: Fieberkrank, in einem Last- 
automobil, hoch oben auf der Kiste, die das Klavier 
der Korpsmesse enthielt, gestohlen bei — 

Der Optimist: Nun, wenn ich auch leider 
zugeben muß, daß die Frage, was wir in Albanien 
suchen, durch die Ereignisse in ziemlich ungünstigem 
Sinne beantwortet worden ist, wiewohl wir doch 
unstreitig in Albanien große politische Interessen 
haben, so sollten Sie doch nie vergessen, das Letzte, 
was dem Stabsoffizier geblieben ist, ist — 

Der Nörgler: Sein Klavier! 

(Verwandlung.) 



35* 



548 



43. Szene 

Kriegspressequartier. 

Ein Hauptmann (zu einem von den Journalisten): 
Dokterl, heut gibts keine Wurschteln, heut müssn S' 
einen Artikel schreiben, was sich gewaschen hat, 
und zwar Hygienische Betrachtungen. Alstern 
notiern S' Ihnen die Richtlinien. (Er liest ab) 

Der Siegeszug in Galizien, die Eroberung von 
Lemberg waren mitbestimmend für die weitere 
Entwicklung der Hygiene bei unserer Armee. Was, 
da schaun S'I 

Der Journalist: Is denn Lemberg schon 
wieder noch in unserem Besitz? 

Der Hauptmann: Wie Sie das ausführen, is 
Ihre Sache. Solange in den Karpathen das heiße 
Ringen währte, gab es also naturgemäß weniger 
Möglichkeit für die Organisation hygienischer Detaü- 
arbeit. Unter dem schweren Drucke der allgemeinen 
Situation konnte die Sorge um den einzelnen Mann 
nicht in dem gewünschten Maße zur Geltung kommen. 
Die Parole war: Durchhalten um jeden Preis, ohne 
Rücksicht auf den einzelnen Mann, welcher in der 
Front nur so lange von Bedeutung war, als er kämpfte. 
Es war in jener schweren Zeit nicht anders möglich. 
Da waren s' halt alle verlaust. Jetzt, wo wir aus'n 
Wasser sind, kann die Hygiene beispielgebend ein- 
setzen. In jenen schweren Tagen wurde die Saat 
gelegt für ein großzügiges Wirken zur Erhaltung 
des Mannes, welcher so schwer zu kämpfen und 
zu leiden hatte. In den Sonnentagen der Wieder- 
eroberung Lembergs kam der Keim zur ungehemmten 
Entfaltung. Das Gefühl unendlicher Dankbarkeit für 
die heldenmütigen Kämpfer, das Bewußtsein, nach 
schweren Verlusten unbedingt mit jedem Mann haus- 
halten zu müssen, gaben Veranlassung, mit allen Kräften 
und allen Mitteln zur Erhaltung der Gesundheit und 
Leistungsfähigkeit des einzelnen Mannes zu wirken. 



549 



Jetzt erzählen S', wie wir mit der Cholera fertig gworn 
sind. So wurde hygienisches Denken und Schaffen 
innig und überall mit der ärztlichen Tätigkeit verwoben. 
Aber jetzt! Jetzt kommt der Entlausungsdienst! Jeder 
Mann bekam etwa alle vier Wochen ein Bad oder 
wissen S' was, jede zweite Woche. Die Arbeit war 
überall eine systematische. Die Desinfektion war 
eine Prophylaxe gegen die durch Kontakt übertrag- 
baren Infektionskrankheiten. Großartig, was? Das is 
von einem Oberstabsarzt! Der verstehts! Das regel- 
mäßige Bad, oft gewürzt durch Kinovorstellungen, hatte 
einen hohen seelischen Einfluß auf die Mannschaften, 
hob ihre Leistungsfähigkeit und Dienstfreude. Ein 
wichtiger Schritt nach vorwärts zur Erhaltung des 
Mannes. Ich gib Ihnen nur die Richtlinien, das 
Weitere is Ihre Sache. Doch es gab kein Stillstehen. 
Die Front is mit der Zeit zu einem Erholungsheim 
ausgebaut worn. Oft waren s' in sonniger Wald- 
gegend, Freibad hätten s' g'habt und Sonnenbad 
und es war gedacht, diese Einrichtung auch durch 
Unterricht und Musik, Bibliothek, Sport und Theater 
auszugestalten, wo Gelegenheit gewesen wäre, 
manches wichtige volkshygienische Problem der 
jetzt so empfindlichen und aufnahmsfähigen Soldaten- 
seele näherzubringen, als elementare soziale Vorarbeit 
für die Zukunft. Das Projekt harrt noch der Ver- 
wirklichung! Wenn ruhigere Zeiten kommen, wird 
es unsere erste Arbeit sein. Das müssen S' sehr 
schön herausarbeiten. Wir sehen, daß ein Teil der 
Maßnahmen darauf hinzielt, dem Mann in der Front 
eine Heimat zu schaffen. Der stete fürsorgliche, 
kameradschaftliche Kontakt zwischen Offizier, Arzt 
und Mann schafft den Boden für ein günstiges 
Gedeihen. 

Der Journalist: Der Infektionskrankheiten, 
Herr Hauptmann? 

Der Hauptmann: Machen S' keine Gspaß. 
Die enge Zusammengehörigkeit zwischen Offizier, 



550 



Arzt und Mann ist nicht vielleicht ein Problem, das 
erst der Realisierung harrt. Der Arzt ist nicht mehr 
allein »Doktor«, sondern er ist bestimmt, über seine 
rein ärztliche Tätigkeit hinaus, den Mann in jenem 
körperlichen und seelischen Gleichgewicht zu erhalten, 
welches für Siegerringen und Leidertragen dauernden 
Rückhalt bietet. Die Zugänge an Infektionskrankheiten 
sind seit Monaten nur mehr vereinzelt. Einzig und 
allein die Geschlechtskrankheiten sind es, die uns 
noch Sorge bereiten. (Kichern.) Ihre erfolgreiche 
Bekämpfung ist jedenfalls das allerv/ichtigste Problem, 
das uns bisher entgegengetreten. Und doch dürfen 
wir wegen der scheinbaren Aussichtslosigkeit des 
Kampfes gegen die Geschlechtskrankheiten die 
Hände nicht in den Schoß legen. (Heiterkeit.) 
Bedenken wir, daß sich während dieses Feldzuges 
wohl schon eine namhafte Anzahl Soldaten venerisch 
infiziert haben, bedenken wir, daß die Volkszahl 
ohnehin unmittelbar durch den Krieg einen Verlust 
an vielen im kräftigsten Mannesalter stehenden 
Soldaten eingebüßt hat, so ist es klar, daß wir mit 
allen Mitteln den durch die Geschlechtskrankheiten 
bedingten Schäden entgegentreten müssen. Wenn 
auch die zur Erhaltung des Mannes geleistete Arbeit 
schon dem Volke zugutekommt, so ist die Bekämpfung 
der Geschlechtskrankheiten ein wichtiges Postulat 
zur Erhaltung des Volkes. Der große Ernst der 
Sachlage erfordert, überall tunlichst gleichsinnig 
und rücksichtslos energisch einzugreifen. Von den 
Maßnahmen zur Erhaltung des Mannes und im 
weiteren Sinne zur Erhaltung des Volkes, die unter der 
Ägide unseres Armeekommandanteii Sr. Exzellenz des 
Generalobersten von Böhm-Ermolli ergriffen wurden 
und auch den Stempel der Persönlichkeiten unseres 
Arm.eesanitätschefs sowie des Chefs der Quartier- 
meisterabteilung tragen, gehört nebst den prophylak- 
tischen Stationen und dem Zentralspital mit erst- 
klassigem Personal und therapeutischem Rüstzeug 



551 



eine Einrichtung, durch die wir speziell unentwegt 
werden wirken können für die Erhaltung des Mannes 
und für die Wiedererstarkung des Volkes, eine 
Einrichtung, in der die Sonnentage der Wieder- 
eroberung Lembergs reichliche Früchte getragen: 
Wir haben — und das können S' grad so schreiben, 
wie ichs sag und wie ichs vom Oberstabsarzt hab — 
wir haben Bordelle mit einwandfreiem Material unter 
strengster militärischer Kontrolle etabliert. 

(Verwandlung.) 



44. Szene 

Armee-Ausbildungsgruppe Wladimir- Wolinsky. 

Ein Hauptmann (diktiert einer Schreibkraft) : 

Es ist der gesamten Mannschaft an drei auf- 
einanderfolgenden Tagen zu verlautbaren, daß 
venerische Erkrankungen als Selbstbeschädigungen 
kriegsgerichtlich belangt werden, und um dieser 
Verfügung Nachdruck zu verleihen, sind in jedem 
einzelnen Falle die erkrankten Leute beim A. A.Grp. 
Kmdo. vorzustellen. 

Für die in letzter Zeit vorgekommenen Erkran- 
kungen, welche nachgewiesener Maßen künstlich 
erzeugt oder absichtlich herbeigeführt wurden, wird 
angeordnet, daß die Betreffenden körperlich zu 
züchtigen sind, und wird die Prügelstrafe, mit fünf 
Stockstreichen beginnend, täglich um einen Streich 
erhöht und so lange verabreicht, bis die Krankheits- 
symptome erlöschen. 

Die erste Züchtigung ist heute um 2*^ nachm. 
an nachfolgenden Leuten durchzuführen. — Da 
haben S' den Zettel, schreiben S' es ab. 

Vollzugsorgan ist der Profoß, dem zwei kräftige 
Leute der technischen Kompagnie zur Verfügung 
zu stellen sind. * 

(Verwandlung.) 



552 



45. Szene 

Bei Graf Dohna-SchJodien. Um ihn zwölf Verlreter der Presse. 

Ein Vertreter der Presse: Wir schätzen 
uns glücklich, Herr Graf, aus dem Munde eines 
unserer unsterblichsten Helden eine authentische 
Schilderung der glorreichen Fahrt mit der »Möwe« 
zu empfangen, von der noch die Kinder und Kindes- 
kinder den Enkeln in den fortlebenden Annalen 
erzählen werden. (Sie setzen die Bleistifte an.) 

Dohna: Meine Herrn, ich bin ein Mann 
der Tat und nicht der vielen Worte. Als wesentlich 
mögen Sie das Folgende festhalten. Auf Grund der 
eingegangenen Aufklärungsnachrichten hatte ich mir 
für meine Fahrt einen ziemlich genauen Plan gemacht. 
Ich hatte denn auch gleich am ersten Tage das 
Glück, einen großen Dampfer zu sichten. Es war 
dies, wie bereits bekannt, der Dampfer Voltaire. 
Ich ließ die Nacht vergehen, ehe ich mich an den 
Voltaire heranmachte. 

Eine Stimme aus der Gruppe: Bravo! 

Dohna: Später konnte ich dann den Voltaire 
unschädlich machen. Ich kreuzte dann etwa zehn Tage 
im Nordatlantischen Ozean, konnte aber in den 
ersten drei Tagen kein weiteres Schiff sichten; später 
jedoch habe ich jeden Tag etwa einen Dampfer 
abtun können. Die Schiffe hatten sämtlich wertvolle 
Ladung, zum Teil Kriegsmaterial; eines von ihnen 
hatte eine Ladung von 1200 Pferden. 

Ein Vertreter der Presse: Richtich gehende 
Pferde? 1200 Pferde, Herr Graf? 

Dohna: 1200 — ! (Gebärde des Unterlauchens.) 

Die Vertreter der Presse (durcheinander): 
Donnerwetter noch mal ! — Richtich gehende Pferde I — 
Hurra! — Schneidiger Rekord! — Elegant! 



V. Akt 



1. Szene 

Abend. Sirk-Ecke. Naßkalt. Es regnet von unten. Tonloses Starren 
des Rudels Böcke. Spalier der Verwundeten und Toten. 

Stimme eines Zeitungsausrufers: Der 
Aabeend, Aachtuhrblaad! 

Ein Offizier (zu drei anderen): Grüß dich 
Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, 
also du — du bist ja pohtisch gebildet, also was 
sagst zu Bulgarien? 

Zweiter Offizier (mit Spazierstock): Weißt, ich 
sag, gar net ignorieren ! 

Der dritte: Weißt — also natürlich. 

Der vierte: Ganz meine Ansicht — gestern 
hab ich mullattiert — ! Habts das Bild vom Schönpflug 
gsehn, Klassikaner! 

Stimme eines Zeitungsausrufers: Friedens- 
versuche der Eenteentee ! 

Dtr dritte: Stier is heut. 

Der erste: Weißt, im KM hat heut der 
Schlepitschka von Schlachtentreu gesagt, wir nähern 
uns dem Riesen mit Friedensschritten — oder nein, 
wir nähern uns dem Frieden mit Riesenschritten, du 
is das wahr? Das is doch optimistisch? 

Der zweite: Pessimistisch ist das. 

Der erste: Pessimistisch. Weißt, er hat gesagt, 
in der Türkei is ein kranker Mann, dann kommen 
wir dran, du also wieso? 

Der zweite: Er meint halt die Lage und so. 

Der erste: Ah so. 



556 



Der dritte: Heut sind keine Menscher. 
Der zweite: Der Fallota kommt heut. 

Qreise ziehen vorbei. Man hört den Gesang: !n der Heimat, 
in der Heimat, da gibts ein Wiedersehen — 

Poldi Fesch (zu seinem Begleiter) : Morgen wird 
mit dem Sascha Kolowrat gedraht — (ab.) 

(Man hört die Fiakerstimme: Im Kriag kriag i's Fuchzichfache!) 

Der vierte: Wißts ihr, wie s' ihn drin nennen 
im KM den Fallota? Held nennen s' ihn. 

Der erste: Wieso? 

Der vierte: No verstehst nicht, er war doch 
an der Front! Er sagt, dort war ihm lieber. 

Der erste: No solln s' ihn nicht zrückhalten. 
Leben und leben lassen! No is doch wahr? 

(Turi und Ludi erscheinen.) 

Turi: Du Ludi, spielt der Rudi Nyäri nur im 
Lurion? (Ab.) 

Fallota (tritt auf): Grüß euch! 

Der erste: Grüß dich Held! 

Alle: Grüß dich Held! 

Fallota: Wieso Held? Pflanzts wem andern! 

Ein Blumen weib: Veigerl ! 

Der vierte: No du wie is gegangen? Bist 
froh? Erzähl beim Hopfner! 

Der erste: Aber ja, kommst mit, bist a 
Fesch ak — 

Der zweite: No wie wars draußen? 

Fallota: Fesch wars. 

Der dritte (versunken): Der Strich is wie aus- 
gestorben. 

Der erste: No du, wie gehts also? 

Fallota: Man lebt. 

Zwei Beinstümpfe in einer abgerissenen Uniform treten in den Weg. 

Der zweite: Kommts weg da, nix wie 
Tachinierer! (Ab.) 



i 



557 



Stimme eines Zeitungsausrufers: Extra- 
ausgabee — ! Die Millionenverluste der Eenteentee ! 

Eine flüsternde Stimme: Komm her, ich 
sag dir was. 

Stille. Plötzlich ein brausender Ruf, donnerhallartig : Hoooch ! 
Hierauf : Schleeschaak — ! Der Ruf scheint von der Gegend des 
Operngebäudeszudringen. Ein Wagenschlag fällt. DannScIi VC eigen. 

(Verwandlung.) 

2. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Nörgler: 

»Gott, wer darf sagen: schlimmer kanns nicht werden? 

's ist schlimmer nun, als je. 

Und kann noch schlimmer gehn; 's ist nicht das 

Schlimmste, 
Solang man sagen kann: dies ist das Schlimmste.« 

Kinder, die Gesichter haben, als hungerten sie 
schon ein Menschenalter — und noch kein Ende! 
Aber das Schlimmste ist in diesem Bericht über eine 
Nervenheilanstalt enthalten. Einer sitzt da im blau- 
gestreiften Kittel und büßt die Glorie von Asiago, 
wo er von einer Granate verschüttet wurde, mit 
unheilbarer Schwermut. Einem steckt die Kugel im 
Kopf; um den wahnsinnigen Schmerzen zu entgehen, 
mußte er Morphinist werden. Abends brüllt er ver- 
zweifelt nach der Pflegerin und alle beginnen vor 
Aufregung zu weinen. Ein hirnkrankes Kind schreit, 
zwei Monate nach dem Heldentod geboren, den die 
schwangere Mutter erwartet hat. Eine, deren Söhne 
heil zurückgekehrt sind, hat's nicht abgewartet und 
ist vorher wahnsinnig geworden. Doch wer darf sagen: 
schlimmer kanns nicht werden? 

Der Optimist: Ja, es ist nicht zu leugnen, 
der Krieg greift in die Lebensverhältnisse eines jeden 
ein. Wie lange, glauben Sie, wird es noch dauern? 



558 



Der Nörgler: Wir werden jedenfalls bis zum 
letzten Hauch von Mann und Roß lügen. Ob auch 
kämpfen, ist eine andere Frage. Es scheint, daß wir 
dem deutschen Druck durch etwas Nibelungenuntreue 
entweichen wollen. Wir werden uns an Deutschland 
dafür, daß es uns nicht verhindert hat, es in den 
Krieg zu treiben, durch ein bisserl Verrat rächen. 
Wer würde aber nicht jede Schmach des Vaterlands 
jener der Menschheit vorziehen, mit der sie sich 
durch jede Minute eines fortgesetzten Krieges belädt! 
Zum Glück verlängern ihn nicht mehr unsere Siege, 
sondern verkürzen ihn schon unsere Niederlagen. 
Sagte ich Ihnen nicht einst, daß der Durchbruch bei 
Gorlice, die ihm verdankte Fristerstreckung des 
Zusammenbruchs, mit Millionen Menschenleben 
bezahlt würde? Dies war ehedem paradox, aber nun 
bestätigt es die große Zeit. 

Der Optimist: Nun, was die Größe dieser Zeit 
betrifft, so muß selbst ich zugeben, daß sie seit 
dem Ultimatum an Serbien nicht erheblich gewachsen 
ist. Darin behalten Sie wohl recht, daß alles an ihr so 
klein ist, wie Sie es immer gesehen haben. Oder 
man könnte vielmehr sagen, daß eine große Zeit ein 
kleines Geschlecht gefunden hat. 

Der Nörgler: Das ist ein Pech. Aber auf 
welche Wahrnehmungen stützen Sie Ihre Ansicht? 

Der Optimist: Ich wollte es Ihnen nicht 
sagen, aber ich habe heute eine Annonce entdeckt, 
die in den Tagen, wo die Zeitung vorne Generalstabs- 
berichte von so gewichtigem Inhalt bietet, immerhin 
zu denken gibt. 

Der Nörgler: Wie kann man nur in den Tagen, 
wo die Zeitung vorne Generalstabsberichte von so 
gewichtigem Inhalt bietet, Augen für eine Annonce 
haben? 

Der Optimist: Urteilen Sie selbst. 



559 



Der Nörgler (liest): 

Mein Pipihendi ! 
Flast Du mich lieb? Sehr lieb? Wie sehr lieb? 
Werde warten, bis Du schreibst oder kommst. 

Mitzi. 

Sehen Sie, die Zeit hat noch Liebe. Und 
ich hatte geglaubt, nur ihr Haß sei gewachsen 
und mit ihm ihr Hunger. Was aber die Dumm- 
heit anlangt, so tritt sie nur klarer in den 
Dimensionen hervor, die ich ihr längst zuerkannt 
habe. Wollen Sie das österreichische Antlitz sehen? 
Es ist zwar durch eigene Schuld unterernährt, aber 
es spiegelt sich geistig in dem Knödel, den diese 
Ansichtskarte als ein Idealbild der Wiener Phantasie 
darbietet. Ich revanchiere mich, der Text dürfte von 
jenem Pipihendi sein. 

Der Optimist (h'est): 

Wenn ich mir etwas wünschen sollt, 
Ich wüßt' schon lange, was ich wollt! 
Ein Knödel müßt' es sein, 
Aus Semmeln gut und fein! 

Der Nörgler: Treuland- Verlag! Es spricht zum 
Herzen und sagt den Leuten mehr als »Nur wer die 
Sehnsucht kennt«. Im Jahr 1914 hat sich diese Bevöl- 
kerung zu einer Romantik des Knödelideals verurteilt 
und ich könnte es weltgerichtsordnungsmäßig be- 
weisen, daß die Epoche, die eine solche Ansichtskarte 
ermöglicht hat, identisch sein muß mit der Epoche, 
deren letzter realer Besitz die Fliegerbombe war. 
Wären die Machthaber, die ja so gottverlassen sind, 
nichts zu haben als die Macht, wären sie fähig, 
solche Zusammenhänge zu erfassen, so wäre der 
Krieg nie begonnen worden oder längst beendet. 

Der Optimist: Dazu besteht vorläufig keine 
Aussicht, jetzt kommt die fünfte Musterung. 



560 



Der Nörgler: Denn der Mensch könnte sonst 
vergessen, wozu ihn Gott erschaffen hat. 

Der Optimist: Das wäre? 

Der Nörgler: Damit er vor der Assent- 
kommission erscheine. Sie waren nackt, und sie 
schämten sich nicht. 

(Verwandlung.) 

3. Szene 

Vor dem Parlament. 
Einige Herrenhausmitglieder haben soeben das Haus verlassen 
und sind unterhalb der Pallas Athene in einer Debatte begriffen. 
Eine Elektrische ist stehen geblieben, aus der von beiden Seiten 
Gliedmaßen heraushängen. In einem unbeschreiblichen Tumult 
gellender Beschimpfungen, Flüche und unartikulierter Laute 
wird aus dem Beiwagen durch den Knäuel von Tornistern, 
Rucksäcken und zusammengequetschten Leibern, durch den 
Pferch einer unterernährten, ungewaschenen und abgerissenen 
Menschheit eine Frau gezerrt, die soeben vor Hunger zusammen- 
gebrochen ist. 

Pattai: Was ich ihm erwidert habe, davon 
nehme ich kein Jota zurück — das kann er sich ein- 
rahmen lassen, der Lammasch! Wir sind die Sieger, 
und wir verlangen auch die Palme! 

(Verwandlung.) 

4. Szene 

Ministerium des Äußern. 

Graf Leopold Franz Rudolf Ernest 
Vinzenz Innoeenz Maria (siehtin den Taschenspiegel): 
Gut schaun mr aus. Wenn ich das geahnt hätt, 
hätt ich mich gegen das Ultimatum ausgesprochen! 

Baron Eduard Alois Josef Ottokar 
Ignazius Eusebius Maria: Was hast denn? 

Der Graf: Gut schaun mr aus. Wenn man 
Krieg führen will, hätt man das voraussehn müssen! 



I 



;61 



Der Baron: Ich versteh dich nicht. Was willst 
denn noch? Grad les ich, die Piffkes haben wieder 
viertausend Tonnen versenkt und wir waren auch 
nicht faul. Fünf. 

Der Graf: Tausend? 

Der Baron: Tonnen ! 

Der Graf: Pflanz wem andern. Wenn uns 
nicht die Schweiz herausreißt — 

Der Baron: Was? Du hoffst jetzt noch auf 
die Neutralen? 

Der Graf: Noch nie hab ich den Kurier mit 
solcher Spannung erwartet. Ich bin rasend neugierig. 

Der Baron: Ja was is denn? 

Der Graf: Aber da sitzt man und wartet und 
wartet — auf unsere Leut in Bern is eben kein Verlaß! 
Meiner Seel, wenn ich hier nicht unentbehrlich war, 
ich setzet mich auf und geholfen war uns. Ich hab 
mir das entetiert. Auf Schritt und Tritt is man 
gehandicapt. Charmante Einrichtung dieser Krieg. 
Aber ich garantier dir, das wird jetzt anders wern 1 

Der Baron: Du warst immer ein rasender 
Optimist. Was stellst dir denn vor, daß die in Bern 
machen können? 

Der Graf: No ich habs ihnen doch genau 
aufgsch rieben! Aber nein, die müssen Bridge spielen 
den ganzen Tag — und bei der Nacht, da weiß man 
eh was sie tun. Übrigens haben s' dazu auch am 
Tag Zeit. 

D e r B a r n : No no, bist du aber auf einmal — 
Schau, schickt man wieder Leut hinaus, was nicht 
von der Gesellschaft sind, können s' nicht einmal 
repräsentieren. 

Der Graf: Laß mich aus — jede Woche beim KM 
für ein' Juden um ein' kontumazfreien Grenzüberlritt 
penzen, damit s' in Bern ihre Bridgewurzen haben, 

Die letzten Tage der Menschheit. 36 



562 



dazu is man ihnen gut! Und die Hitscherln, die 
ich hinausprotegieren muß! Ich sag dir, seit der Bubi 
Legationsrat is, is er rein zu gar nix mehr zu 
brauchen. Paß auf, wenn der Bubi und der Affi 
nach Wien kommen, wer' ich ihnen zeigen, wie viels 
gschlagen hat. Ich sag ihnen ins Gsicht, Burscherln, 
wer' ich ihnen sagen, ihr seids ja furchtbar charmant, 
aber im Ernstfall is eben kein Verlaß auf euch. 
Lächerlich. Der Krieg hat uns noch gfehlt! Weißt, 
jetzt wär's rasend tentant, die ganze Geschichte 
einfach hinzuschmeißen. 

Der Baron: Aber du hoffst doch auf die 
Neutralen ! 

Der Graf: Ich sag dir, die Neutralen sind 
die schwerste Enttäuschung. Holland laßt uns über- 
haupt im Stich — 

Der Baron: Ich weiß nicht wie du mir auf 
einmal vorkommst. Rasend komisch is das. Von uns 
allen warst du der Zuversichtlichste. Vom ersten Tag 
an. Wie der Berchtold damals zu uns gsagt hat: 
Jetzt hat die Armee ihren Willen! — da haben deine 
Augen noch mehr geleuchtet wie die seinigen, um 
den Hals wärst ihm gfallen. Das Ultimatum is prima, 
das war dein zweites Wort — rasend vernünftig — 
Geh, erinnerst dich nicht? 

Der Graf: Geh, erinner mich nicht! Das 
Ultimatum war saublöd. So können wir nicht weiter 
existieren. Wenn die Schweiz diesesmal versagt, dann 
weiß ich schon nicht — ich bin deschperat ! No aber 
morgen — also ich erwart den Kurier mit einer 
Spannung wie noch nie! (Sieht in den Taschenspiegel.) 
Gut schaun mr aus. 

Der Baron: Ja, Fixlaudon, was erwartest 
denn diesesmal eigentlich so bsonderes? 

Der Graf: Tepp — eine Colgate — !! 

(Verwandlung.) 



563 



5. Szene 

Bei Udine. 

Zwei Generale, jeder in einem über und über bepackten Automobil, 

von verschiedenen Seiten. 

Der erste General: Jetzt fahr i 's letzte Mal. 
Mehr is nicht zu holen. 

Der zweite General: Mehr is nicht zu holen. 

Der erste: Schad, so ein reiches Land! 

Der zweite: Ja, die Deutschen! 

Der erste: Mir san wieder amol zu spät kommen. 

Der zweite: Ja, die Deutschen! 

Der erste: Praktisch san s', das muß ihnen 
der Neid lassen. Beuteoffizier' ham s', da is alles 
urganisiert. Mit Sammeltranspurte. Unsereins muß 
sich alles kleinweis zsammklauben. 

Der zweite: Sie ham halt a Urganisation. 
Wie s' nach Udine kommen sein, ham sie 's gleich 
einteilt in Udine S und Udine N. In Udine S war 
Seide, das hat also den Deutschen ghört. 

Der erste: In Udine N war nix. Das hat also 
uns ghört. 

Der zweite: Und über die Demarkationslini 
derf naturgemäß unsereins nicht hinüber. 

Der erste: Traurig. 

Der zweite: Traurig. 

Der erste: Die deutschen Seidenhändler waren 
früher da als wie unsere Vorhut. 

Der zweite: Und die deutschen Beuteoffizier 
san gschwinder wie bei uns die galoppierende 
Schwindsucht. Da kriegt man an Reschpekt! 

Der erste: No, aber an Wein ham die Eigenen 
doch kriegt. Der is noch heut nicht verschwunden. 

Der zweite: Aber dafür die Eigenen im Wein. 
Das war der reine Russentod! 

Der erste: Hast was? Bißl a herrenloses Gut? 

Der zweite: Haßt net vül, halt so paar kleine 
Erinnerungen an die Front, no was halt net niet- und 
nagelfest war. 



36* 



564 



Der erste: I hab heut drei Teppiche, 30 Kilo 
Reis, bißl a Fleisch, zwa Sack Kaffee, drei Tür- 
füllungen und vier Heiligenbilder requiriert, schön 
gmalen, nach der Natur! 

Der zweite: I hab heut ein Grammophon, 
20 Kilo Makkaroni, bißl a Kupfer, 5 Kilo Käs, zwa 
Dutzend Sardinenbüchsen und paar Bildein, in Öl ! 
Servus. (Er fährt ab.) 

Der erste: Servus. — Dort siech ich einen 
Infanteristen von uns im Feld, der nimmt einen 
Kolben Kukuruz! Wart Kerl, stehlen! (Er steigt ab 
und gibt ihm eine Ohrfeige.) 

(Verwandlung.) 

6. Szene 

Etappe Fourmies. 

Landwehrmann Lüdecke: Na, wenn auch 
die Miesmacher von beiden Seiten kommen, von 
der Front und vom Hinterland, wir in der Etappe 
werden uns den Krieg doch nicht verekeln lassen. 
Bei uns sauft und hurt man ganz tüchtig, da deutet 
nichts auf 'nen Verzichtfrieden. DerKronprinz hat einen 
richtiggehenden Harem, er hat neulich einen famosen 
Zuwachs bekommen und die Eltern, die was dawider 
hatten, egal abschieben lassen. Die Sache im Westen 
wird gemacht. Und schließlich, was will denn das Hinter- 
land? Wir schicken ihm ja, was wir können. Ich höre, 
daß bei Wertheim schon die Kriegsbeute von Lille 
verkauft wird. Da muß ich nachhause schreiben, 
wie fein wir hier jetzt raus sind. (Er schreibt) 8. Mai. 
Lieber Freund! Ich bin dem Requisitionsdienst der 
Etappe Fourmies zugeteilt. Wir nehmen der 
französischen Bevölkerung alles Blei, Messing, 
Kupfer, Kork, Öl u. s. w., Kronleuchter, Kochherde 
fort, und alles, was von fern und nah zusammen- 
kommt, wandert nach Deutschland. Oft ist es sehr 



565 



unangenehm, den jungen Frauen ihre Hochzeits- 
geschenke wegzunehmen, aber die Kriegsnotwendig- 
keit zwingt uns dazu. Zusammen mit einem meiner 
Kameraden habe ich neulich einen hübschen Fang 
gemacht. In einem vermauerten Zimmer fanden wir 
fünfzehn Musikinstrumente aus Kupfer, ein ganzes 
Orchester, ein ganz neues Fahrrad, 150 Bettlaken 
und Handtücher und sechs kupferne Kronleuchter, 
die allein ein Gewicht von 25 Kilogramm ausmachen; 
außerdem noch ein Menge anderer Gegenstände. 
Du kannst dir die Wut der alten Hexe vorstellen, 
der die Sachen gehörten; ich habe sehr gelacht. 
Alles zusammen hatte einen Wert von mehr als 
10.000 Mark. Einige Ballen Schafwolle und viele 
andere Gegenstände. Der Kommandant war sehr 
zufrieden, und wir sollten sogar eine Belohnung 
bekommen. Vielleicht auch noch dazu das Eiserne 
Kreuz. Und dann gibt es hier junge Mädchen, die 
hübsch zu entjungfern sind. Es grüßt Dich — 

(Verwandlung.) 

7. Szene 

Zirkus Busch, Monstrevcrsammlung für einen deutschen 
Frieden. 

Pastor Brüstlein (mit ausgestrecktem Arm): 
— Im Westen: Longwy und Briey! Und die vlämische 
Küste wird nicht wieder herausgegeben! (Dröhnender 
Beifall.) Im Osten die bekannte Festungslinie, die 
Ostpreußen nie mehr bedrohen darf, muß in irgend- 
einer Form in unsrer Hand bleiben! (Lebhafter Beifall.) 
Kurland und ein Stück von Litauen wird nicht wieder 
herausgegeben! (Donnernder Beifall.) Verbunden sind 
mit Kurland: Livland und Esthland. (Die rechte Hand 
vorgestreckt.) Dort flattert die Notflagge! Da müssen 
wir helfen. 

(Rufe: Hurra! Hurra! Hurra! Redner tritt ab. Die Versammlung 
stimmt das Lied an: >Ein' feste Burg ist unser Gott«.) 



566 



Hauptschriftleiter Maschke: Verehrte 
Volksgenossen 1 Ich werde mich kurz fassen. Ich 
habe nur eine Forderung, die uns alle beseelt, 
vorzubringen: Fort mit dem Weltgewissen! (Hurra-Rufe.) 
Hinweg mit dem Weltbrüdergeist! Das deutsche 
Machtgewissen allein sei unser Gebieter und Führer! 
Sein Losungswort lautet: Mehr Macht! Mehr deutsche 
Macht! Wen sein Weltgewissen oder sein Verant- 
wortlichkeitsgefühl gegenüber der Menschheit etwas 
anderes reden oder schreiben läßt, als was des 
deutschen Schwertes Machtsprache gebietet — der ist 
und bleibt ein armseliger politischer Träumer, ein 
trüber Wolkenwandler! (Dröhnender Beifall.) 

Ein Mißvergnügter: Ich will der geehrten 
Versammlung nur eines zu bedenken geben. Die 
Schädigung der Volksmoral durch den Krieg hat 
kürzlich der Finanzminister durch den Hinweis auf 
die glänzenden Siegestaten unseres Heeres zu 
beschönigen gesucht. In der Bibel aber heißt es: 
Was hülfe es ihm, wenn er die ganze Welt gewänne, 
und nähme doch Schaden an seiner Seele! Mit 
dieser Auffassung der Bibel deckt sich die Auffassung 
der modernen Kultur, nämlich, daß die moralische 
Zersetzung des Volkskörpers durch Betrug, Diebstahl 
und Schwindel von dem Ruhm der Waffen nimmer- 
mehr vergoldet werden kann. Große Staatsinstitute 
wie die Post sind zu Diebeshöhlen geworden, 
ganze Klassen der Bevölkerung in den bodenlosen 
Abgrund geschleudert, alles aus der unersättlichen 
Gier nach Gewinn — (Rufe: Rraus mit dem Kerl! Redner 
wird hinausgeworfen.) 

Professorpuppe: Meine verehrten Anwesen- 
den! Ich werde mich kurz fassen, denn die Richt- 
linien für einen deutschen Frieden stehen so klar 
vor unser aller Augen, daß wir sie mit Händen greifen 
können. (Tut es.) Eine Versöhnung Frankreichs durch 
Güte ist unmöglich. (Rufe: Unmöglich!) Wir müssen 



567 



Frankreich so ohnmächtig machen, daß es niemals 
wieder angreifen kann! (Dröhnender Beifall.) Dazu ist 
notwendig, daß unsre Westgrenze weiter vorge- 
schoben wird, die nordfranzösischen Erzlager müssen 
uns zufallen! (Lebhafter Beifall.) Das ehemalige Belgien 
darf militärisch, politisch und wirtschaftlich nicht mehr 
aus der Hand gelassen werden! Wir brauchen ferner 
ein großes afrikanisches Kolonialreich! (Dröhnender 
Beifall.) Um dieses sicherzustellen, benötigen wir 
Flottenstützpunkte! Eine unerläßliche Bedingung ist 
die Vertreibung Englands aus den: Mittelmeer, aus 
Gibraltar, Malta, Cypern, Ägypten und seinen neuen 
Eroberungen im Mittelmeer! (Rufe: Gott strafe England!) 
Dazu käme natürlich eine Kriegsentschädigung 
(Orkanartiger Beifall) — namentlich in der Weise, daß die 
Feinde gezwungen würden, einen erheblichen Teil 
ihrer Handelsflotte uns zur Verfügung zu stellen, 
uns Gold, Nahrungsmittel und Rohstoffe zu liefern. 

(Rufe: Hurra!) Ferner — — 

(Verwandlung.) 



8. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch, 

Der Optimist: Was lesen Sie da? 

Der Nörgler: Hören Sie. Ein Irrsinniger 
auf dem Einspännergaul. Eine aufregende Straßen- 
szene hat gestern abend an der Kreuzung der Alser- 
und Landesgerichtsstraße eine geraume Zeit lang unter 
den vielen Vorübergehenden großes Aufsehen erregt. 
Gegen halb 8 Uhr fuhr ein Einspännerwagen mit 
zwei Damen als Fahrgästen und Gepäck, das auf 
dem Bocke verstaut war, in der Universitätsstraße 
gegen die Alserstraße. Als der Wagen im langsamen 
Tempo zur Kreuzung der Aiser- und Landesgerichts- 
straße fuhr, kam ein junger Mann in Infanteristen- 
uniform plötzlich im Laufschritt auf die Straße und 



568 



stürzte sich dem Einspännerrosse entgegen; er faßte 
es an dem Zügel und wollte das Pferd anhalten. 
Der Kutscher war überrascht, die beiden Insassen 
waren erschrocken. Der Kutscher schlug mit der 
Peitsche auf das Pferd ein, um es zu schnellerem 
Trabe zu veranlassen und dem jungen Menschen 
zu entkommen; das Pferd lief auch schneller, da 
sprang der junge Mensch wieder an den Gaul heran 
und schwang sich auf ihn. Mit der bloßen Hand 
trieb er das arme Tier zu noch schnellerem Laufe 
an, indem er dabei wiederholt »Hurra!« schrie. Nun 
hatte der Kutscher die Lenkung über das Pferd ganz 
verloren und der sonderbare Reiter ließ den Gaul 
ganz umkehren. Im Galopp kam das Tier mit dem 
schleudernden Wagen gegen die Kreuzung. Das 
Abenteuer hätte noch schlimm enden können, wenn 
nicht an der Kreuzung ein Sicherheitswachmann das 
Pferd am Zügel gefaßt und zum Stehen gebracht 
hätte. Der Wachmann zog den Reiter wieder auf 
den Boden herab. Kutscher und Fahrgäste atmeten 
auf. Um den Wagen sammelte sich gleich eine große 
Menge an. Der junge Mann, der offenbar geistes- 
gestört ist, wurde der irrenärztlichen Behandlung 
übergeben. 

Der Optimist: Nun? Eine Winzigkeit aus 
der lokalen Chronik. Warum befassen Sie sich mit 
so etwas? Jetzt gibt es doch gewiß größere Themen. 
Harden — 

Der Nörgler: Das dringendste ist aber doch 
die Frage, wann endlich der Wachmann kommt. Wenn 
man einmal einen braucht, ist natüdich keiner da! 

Der Optimist: Ja, aber warum regt Sie 
das auf? Dieser alltägliche Übelstand! 

Der Nörgler: Ich sage Ihnen, bei solchen 
lokalen Unfällen gibts keine Rettung. Der sonderbare 
Reiter sitzt nicht ab. Außer — wenn der Policeman 
kommt! 



569 



Der Optimist: Icii verstehe Sie nicht. Sie 
sind der richtige Wiener Raunzer. Weltpolitik ist 
doch wichtiger. 

Der Nörgler: Aber ein Umweg, um den 
Dingen auf den Grund zu kommen. Derlei liegt mir 
zu fern. Höchstens, daß m.ich Japan interessiert. 

D e r O p t i m i s t : Es ist bezeichnend, was Ihnen 
am nächsten liegt. Und warum Japan? 

Der Nörgler: Da — hören Sie — Die 
chinesisch -japanische Militärkonvention. 
Volle Herrschaft Japans in China. Der »Shanghai 
Gazette« zufolge haben die geheimen Abmachungen 
der eben zustandegekommenen Militärkonvention 
zwischen Japan und China folgenden Inhalt: Die 
chinesische Polizei wird von Japan neu organisiert. 
Japan übernimmt die Leitung sämtlicher chinesischer 
Arsenale und Werften. Japan erhält das Recht, in 
allen Teilen Chinas Eisen und Kohle zu fördern. 
Japan erhält alle Privilegien in der äußeren und in 
der inneren Mongolei, ferner in der Mandschurei. 
Schließlich sind eine Anzahl von Maßnahmen 
getroffen, die das Finanz- und Ernährungswesen 
Chinas japanischem Einfluß unterwerfen. — O ich 
interessiere mich für Weltpolitik! 

Der Optimist: Ja was geht uns denn aber 
Japan an? Das Verhältnis zwischen Japan und China 
scheint Ihnen — 

Der Nörgler: — ausgebaut und vertieft! 

(Verwandlung.) 

9. Szene 

Ischler Esplanade. Der Abonnent und der Patriot im Gespräch. 

Der Patriot: Es wurde im vollen Einvernehmen 
der Entschluß gefaßt, das bestehende Bündnis- 
verhältnis auszubauen und zu vertiefen. 

Der Abonnent: Also mit einem Wort: 
Ausbau und Vertiefung des Bündnisses. 



570 



Der Patriot: Hiebei ergab sich volles Ein- 
vernehmen in allen diesen Fragen und der Entschluß, 
das bestehende Bündnisverhältnis auszubauen und 
zu vertiefen. 

Der Abonnent: Also mit einem Wort: 
Ausbau und Vertiefung des bestehenden Bündnis- 
verhältnisses. 

Der Patriot: In welcher Form der Ausbau 
und die Vertiefung des Bündnisses geschehen sollen, 
wird heute noch nicht mitgeteilt. 

Der Abonnent: Der Krieg hat jedoch den 
Ausbau und die Vertiefung des Bündnisses zur 
Notwendigkeit gemacht. 

Der Patriot: In welcher Richtung der 
Ausbau und die Vertiefung sich vollziehen sollen, 
wird in der amtlichen Mitteilung nicht angedeutet. 

Der Abonnent: Gewi (3 wird es der Wunsch der 
beiderseitigen Generalstäbe sein, den Vorteil, den die 
Monarchie und Deutschland durch den Grundsatz 
hatten, der im Kriege Schulter an Schulter genannt 
wurde, auszubauen und zu vertiefen. 

Der Patriot: Haben Sie Mitteilungen von 
unterrichteter Seite? 

Der Abonnent: Ich kann Ihnen nur soviel 
sagen., wir müssen an dem Defensivbündnis festhalten 
und fiir einen Ausbau und eine Vertiefung dieses 
Bündnisses nur andere Vorbedingungen schaffen. 

Der Patriot (nach einer Pause): Was sagen Sie 
zu Ausbau und Vertiefung des Bündnisses mit 
Deutschland? 

Der Abonnent: Die von den Mittelmächten 
geschaffenen Tatsachen sollen durch Ausbau und 
Vertiefung zu: Regel für die Zukunft erhoben werden. 

Der Patriot: Wir brauchen nur den Ereig- 
nissen des Krieges zu folgen, um zu verstehen, 
warum der Ausbau und die Vertiefung des Bünd- 
nisses unvermeidlich geworden sind. 



571 



Der Abonnent: Die Einheit der Front für die 
Mittelmächte ist eine zureichende Ursache für die 
militärische Vertiefung des Bündnisses. 

Der Patriot: No und der Ausbau? 

Der Abonnent: Der Plan, den Mittelmächten 
die Rohstoffe auch nach dem Kriege zu entziehen, 
wird mit der Nachricht vom wirtschaftlichen Ausbau 
des Bündnisses beantwortet. Der Ausbau des Bünd- 
nisses mit Deutschland in wirtschaftlicher Hinsicht — 

Der Patriot: Der Ausbau und die Vertiefung 
des Bündnisses zwischen der Manarchie und Deutsch- 
land haben einen Zusammenhang mit der polnischen 
Frage. Da liest man aber Nachrichten über gefälschte 
deutsche Friedensangebote. Was ist wahr? 

Der Abonnent: Wahr ist der Ausbau und 
die Vertiefung des Bündnisses zwischen der Monarchie 
und Deutschland. Sag ich Ihnen! 

Der Patriot: Ihnen gesagt! Sie scheinen auf 
die amtliche Mitteilung anzuspielen, daß bei der 
Kaiserzusammenkunft im deutschen großen Haupt- 
quartier der Ausbau und die Vertiefung des zwischen 
Deutschland und Österreich-Ungarn bestehenden 
Bündnisses abgeschlossen worden ist. 

Der Abonnent: Wissen Sie was die Folge 
sein wird? Die Welt wird damit rechnen müssen, 
daß England mit seinen vierhundert Millionen 
Einwohnern die Beziehungen zu den Vereinigten 
Staaten ausbaut und vertieft, um seine Überlegenheit 
in der Versorgung mit Rohstoffen noch zu vermehren. 
Alles machen sie uns nach. 

Der Patriot: Selbstredend. Welchen Einfluß 
könnten die Nachrichten über den Ausbau und die 
Vertiefung des Bündnisses auf die Politik der Entente 
haben? Die Wirkung dürfte nachhaltig sein. 

Der Abonnent: Der Schluß ist gerechtfertigt, 
daß der wesentliche Zweck des Ausbaues und der 
Vertiefung in der Öffentlichkeit richtig erkannt 
worden ist. 



572 



Der Patriot: Was Sie nicht sagen! Ich hab 
stark den Eindruck, in dieser letzten Stunde der 
Monarchenbegegnung fühlten alle Zeugen dieses 
historischen Ereignisses, daß das Bündnis zwischen 
beiden Mittelmächten in des Wortes wahrster 
Bedeutung vertieft worden ist. Nämlich die Grund- 
lagen einer wesentlichen Vertiefung — 

Der Abonnent: Apropos, der Ausbau der 
Technischen Hochschule — 

Der Patriot: Der Ausbau des Bündnisses 
dürfte die polnische Frage — 

Der Abonnent: Der Ausbau des Bündnisses 
wird die Entente — 

Der Patriot: Der Ausbau und die Vertiefung 
des Bündnisses mußten unter solchen Umständen 
die Entente überraschen. 

Der Abonnent: Kunststück, auf der Börse 
wurde die große Bedeutung des politischen und 
militärischen Ausbaues des Bündnisses eingehend 
besprochen. Insbesondere wurde hervorgehoben, daß 
die Vertiefung — 

Der Patriot: Es ist anzunehmen, daß jetzt auch 
die Besprechungen über die zur Vertiefung und zum 
Ausbau des Bündnisses zu treffenden Vereinbarungen 
beginnen werden. Was speziell den Ausbau des 
wirtschaftlichen Bündnisses mit Deutschland anlangt, 
so hat doch soeben — 

Der Abonnent: Deshalb ist es von besonderem 
Interesse, zu hören, was dieses hervorragende Mitglied 
des Kabinetts Wekerle über die Beschlüsse betreffend 
den Ausbau des wirtschaftlichen Bündnisses mit 
Deutschland sagt. 

Der Patriot: Der? No der hat doch schon 
immer eine Vertiefung des Wirtschaftsverhältnisses 
angestrebt! 

Der Abonnent: Die Welt hörte die Verkün- 
digung, daß der Entschluß gefaßt worden sei, das 
Bündnis auszubauen und zu vertiefen. 



573 



Der Patriot: Die Vertiefung des Bündnisses 
werden die Monarcliie und Deutschland nach dem 
Kriege als Bedürfnis empfinden. 

Der Abonnent: Nutzt nix, Sicherheit kann nur 
werden durch Ausbau und Vertiefung des Bündnisses. 

Der Patriot: No aber — Budget, Anleihen 
und Steuern können nicht warten, bis das Bündnis mit 
Deutschland politisch, militärisch und wirtschaftlich 
ausgebaut ist. 

Der Abonnent: In Besprechung der Vertiefung 
des Bündnisses der Mittelmächte hat er ja erklärt — 

Der Patriot: Sie meinen Friedjung. Aber 
Friedjung konträr schloß doch mit einem dreifachen 
Hoch und Eljen auf den Ausbau des Bündnisses 
der beiden Mittelmächte mit der Türkei ! 

Der Abonnent: No und was is mit der 
Vertiefung? Die erste Frage galt der Vertiefung des 
Bündnisses der Mittelmächte, 

Der Patriot: Aber das is doch ganz etwas 
anderes! Da war vom Ausbau des österreichisch- 
ungarisch - deutschen Bündnisses in militärischer 
Beziehung die Rede. 

Der Abonnent: No ja, aber die Vertiefung 
des Bündnisses auch in militärischer Hinsicht ist 
darum eine unbedingte Notwendigkeit. 

Der Patriot: Ich weiß nur, wie sich Wekerle 
und Tisza über die Vertiefung des Bündnisses — 

Der Abonnent: Es sind nämlich Äußerungen 
von einer Seite gefallen, die gegen eine Vertiefung 
des Bündnisses Bedenken hegte. 

Der Patriot: Apropos, da fällt mir ein, was 
sagen Sie zum Ausbau des Sieges von Noyon? 

Der Abonnent: No haben Sie gelesen Burian 
über die Vertiefung des Bündnisses? 

Der Patriot: No haben Sie gelesen über die 
Beratungen in Salzburg über den Ausbau des 
Bündnisses? 



574 



Der Abonnent: Bitte, da war nur von den 
leitenden Auffassungen bei der wirtschaftlichen 
Vertiefung des Bündnisses die Rede! 

Der Patriot: Der deutsche Kaiser hat aber dem 
Hetman nachgerühmt, daß er schon begonnen hat. 
die Ukraine zu einem neuen geordneten Staatswesen 
auszubauen. 

Der Abonnent: Bitte, drauf hat aber der 
Hetman sofort der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß 
die Beziehungen zwischen dem mächtigen deutschen 
Reiche und der Ukraine sich immer mehr vertiefen 
werden! 

Der Patriot: Sagt er! Wissen Sie, vertiefen is 
riskant. Haben Sie nicht gelesen aus Berlin, wie aus 
dem Haag gemeldet wird, daß aus London gemeldet 
wird, sie melden aus Turin, daß die italienische Börse 
seit der deutsch-österreichischen Kaiserzusammenkunft 
flau ist und man glaubt, daß die Italiener durch die 
Tiefe des Bündnisses sehr enttäuscht sind? 

Der Abonnent: No wie tief is es schon! 
Trotzdem bin ich überzeugt, weil Sie von Haag 
sprechen, die Einrichtung der Schiedsgerichte wird 
nach dem Kriege stark ausgebaut werden müssen. 

Der Patriot: Meglich, Vorläufig sind erst 
Verhandlungen, die von dem Grundgedanken aus- 
gehen, das Bundesverhältnis zu vertiefen, und die 
sind zurzeit noch im Flusse. 

Der Abonnent: Dafür sind die Abwehr- 
maßregeln in unablässigem Ausbau begriffen. 

Der Patriot: Die Abwehrmaßregeln gegen 
die Diebstähle an Postgütern? weiß ich! Was nutzt 
das aber? Grad jetzt, in den Zeiten des Ausbaues 
und der Vertiefung, haben die Eisenbahndiebstähle 
so überhand genommen. 

Der Abonnent: Ein Ausbau der Bestimmungen 
über die Versicherung des Reisegepäcks ist heute 
umso dringlicher, als — 



575 



(Der alte Biach kommt atemlos.) 

Der alte Biach: Wissen Sie was passiert is? 
Ausgebaut und vertieft! 

Der Abonnent: No das is doch nix Neues? 

Der alte Biach: Wenn ich Ihnen sag, das 
Bündnis is ausgebaut und vertieft! Aber — 

Der Patriot: No wasis? Kommen Sie zu sich^ 

Der alte Biach: Das hat noch gefehlt — 

Der Abonnent: Was ham Sie? 

Der alte Biach: Gotteswillen — das is nicht 
so einfach — passen Sie auf — es is nämlich auch 
ausgelegt worn! Wissen Sie schon den Unterschied 
zwischen der Fassung in Wien und der Fassung in 
Berlin? (Außer Fassung) Eine genaue Prüfung des Textes 
der in Wien und Beilin veröffentlichten Mitteilung 
zeigt einen Unterschied, der in die Augen springt. 

Der Patriot: Wieso? 

Der alte Biach: Bitte, die beiden Communiques 
sind in den Sätzen, in den Ausdrücken und in den 
spärlichen Mitteilungen gleichlautend — 

Der Abonnent: No also! 

Der alte Biach: — mit einer einzigen Aus- 
nahme. Gappend) In Wien und Berlin wird gesagt — 
In Wien und Berlin wird erzählt — In Wien und 
Berlin wird mitgeteilt — Da ist volle Gleichheit im 

Inhalte und in der Form wird mit Genugtuung 

aufgenommen werden. Denn nichts kann wichtiger 
sein als der Felsblock — nichts kann das Gefühl 
der Sicherheit mehr befestigen — 

Der Patriot: No also, was wolln Sie, mehr? 

Der Abonnent: No sehn Sie, wo is also der 
Unterschied — Sie machen sich Gedanken — 

Der alte Biach (mit wachsendem Paroxysmus): 
Was nutzt das alles — das in Wien veröffentlichte 
Communique sagt, die Zusammenkunft der beiden 



576 



Kaiser habe auch festgesteüt, "»daß die erlauchten 
Monarchen an ihren im Mai gefaßten bündnis- 
vertiefenden Beschlüssen festhalten«. Das in 
Berlin veröffentlichte Communique sagt, die Zu- 
sammenkunft habe »auch die gleiche und 
treueste Auslegung des Bündnisses fest- 
gestellt«. Wenn der Satz über das Festhalten an 
den Maibeschlüssen, betreffend die Vertiefung des 
Bündnisses, im Wiener Communique in ein Verhältnis 
gebracht wird zu dem Satze über die gleiche und 
treueste Auslegung des Bündnisses im Berliner 
Communique, so ergibt sich kein Widerspruch, 
sondern nur die Tatsache, daß in jeder der beiden 
Mitteilungen von etwas anderem gesprochen wird. 

Der Abonnent: No also! 

Der alte Biach: Die gleiche und treueste 
Auslegung des Bündnisses kann nicht im Gegen- 
satze zu den Maibeschlüssen über die Vertiefung 
des Bündnisses sein und diese wäre undenkbar 
ohne die gleiche und treueste Auslegung des 
jetzigen Bündnisses. 

Der Patriot: Natürlich. 

Der alte Biach: Aber dem deutschen Publikum 
wird etwas mitgeteilt, was das Wiener Communique 
nicht sagt, und umgekehrt. Es handelt sich um 
Erklärungen, die, nebeneinandergestellt und in einem 
und demselben Communique veröffentlicht, nichts 
Auffallendes hätten. Sie fallen nur auf, weil in 
einem Communique vom Festhalten an der Bündnis- 
vertiefung nichts zu lesen ist und in dem anderen 
wieder nichts von der gleichen und treuesten 
Auslegung des jetzigen Bündnisses. Mitteilungen 
über die Zusammenkunft der Kaiser pflegen im 
Einvernehmen verfaßt und dem Publikum zugänglich 
gemacht zu werden. Graf Burian war somit einver- 
standen mit dem Hinweise auf die gleiche und 



577 



Ireueste Auslegung des Bündnisses und Graf 
Herlling hat der Feststellung zugestimmt, daß die 
beiden Kaiser an ihren im Mai gefaßten bündnis- 
vertiefenden Beschlüssen festhalten. Beide Staats- 
männer sprechen aus beiden Communiques und 
keiner von ihnen kann über die Zusammenkunft 
sagen, was der andere nicht billigt. 

Der Abonnent: Selbstredend. 

Der alte Biach: Aber die Ungleichheit der 
Fassung dürfte trotzdem nicht grundlos sein. Die 
Andeutung ist zu erkennen, daß die Monarchie bei 
der Vertiefung des Bündnisses nach den im Mai 
gefaßten Beschlüssen die polnische Frage zur Lösung 
bringen will. Graf Burian hat sie schon im Juni 
damit in Zusammenhang gebracht. Deshalb wird die 
Vertiefung des Bündnisses im Wiener Communiqu^ 
unterstrichen. Das Berliner Communiquö spricht von 
der gleichen und treuesten Auslegung des 
jetzigen Bündnisses. Es will dessen Bestand und 
Wirkung in keine Abhängigkeit von den schwebenden 
Fragen des Ausbaues sowie von der austro- 
polnischen Lösung bringen. 

Der Abonnent: Das is doch klar, die Vertiefung 
kann ausgelegt, aber der Ausbau kann nicht vertieft 
werden. Also ich versteh nicht, warum Sie sich 
Sorgen machen — 

Der alte Biach: Auch die treueste Aus- 
legung des Bündnisses ist, wie das Berliner 
Communique sagt, in der Monarchie und in 
Deutschland gleich. Graf Burian will die Vertiefung 
des Bündnisses und Graf Hcrtling auch. (Er beginnt 
zu stampfen.) Der deutsche Reichskanzler will aber 
das jetzige Bündnis^ selbst wenn es nicht vertieft 
werden könnte. Die Monarchie teilt diese Ansicht. 
Die Grundauffassungen über das Zusammenstehen 
kommen aus Notwendigkeiten. (Schon mit ermattender 
üewure) Die treueste Auslegung des Bündnisses ist 

Die letzten Tage der Menschheit. 37 



578 



wechselseitige Unterstützung an den Fronten gegen 
den Feind. Das tut die Entente; das sollten die 
Mittelmächte tun. (Erschöpft beginnt er zu taumeln. Der 
Abonnent und der Patriot stützen ihn.) 

Der Patriot: Aber sie tun es doch — kommen 
Sie zu sich — es wird sich schon alles aufklären — 
beruhigen Sie sich — man wird doch da sehn — 

Der aite Biach: Es is ein Unterschied — es is 
ein Unterschied — Sie glauben vielleicht es is kein 
Unterschied, aber ich sag Ihnen es is j a ein Unter- 
schied — (er weint.) 

Der Patriot: Natürlich is ein Unterschied — 
regen Sie sich um Gotteswillen nicht auf — man 
sieht doch, es is ein Unterschied! 

Der Abonnent: Zu was regen Sie ihn noch 
mehr auf? Es is kein Unterschied! 

Der Patriot: Es is kein Unterschied? 

Der alte Biach (stöhnend): Es — is — kein — 
Unterschied — ? 

Der Abonnent: Also das wissen Sie noch nicht? 
Also hören Sie zu! Aus Berlin wird gemeldet, 
gegenüber gewissen Auffassungen in der Presse wird 
in hiesigen informierten Kreisen betont, daß bis heute 
eine amtliche Erklärung über Einzelheiten der 
Besprechungen im Großen Hauptquartier nicht 
veröffentlicht wurde. Von einem Unterschied zwischen 
dem deutschen und österreichischen amtlichen Bericht 
über die Zusammenkunft könne keine Rede sein. 

(Der alte Biach sinkt um.) 

Der Abonnent: Gotteswilien — ihm is etwas 
nicht wie ihm sein sollte — 

Die Kurgäste (massieren sich): Was is geschehn? 
— Biach is unwohl — 

Der Patriot: Niix — er hat sich aufgeregt — 



579 



Der alte Biach (stöhnend): Alles — umsonst — . 
Es is — kein — Unterschied. Die — ganze — Müh — 

Der Abonnent: Gotteswillen — wenn ich 
geahnt hätte — schrecklich! 

Der Patriot: Daß ihm das so nah geht! 

Der Abonnent: No ja, ich bitt Sie, es is 
keine Kleinigkeit. 

(Es bilden sich Gruppen.) 

Die Kurgäste: Biach gefällt mir etwas 
nicht — man sollte um den Dokter schicken — 
man sollte um die Frau laufen — gestern war 
er doch noch — ich hab ihn noch gekannt, wie 
er — 

Der Patriot: Wissen Sie, was ich glaub? 
(sich vorsichtig umsehend) Er hat ihn am Gewissen! 

Der Abonnent: Versündigen Sie sich nicht! — 
Hören Sie, er sagt etwas — 

Der alte Biach (stöhnend): Ausgebaut — und — 
vertieft — 

Der Abonnent: Hören Sie nur — 

Der alte Biach (verklärt): Die Nase der 
Kleopatra — war eine ihrer größten Schönheiten. 

Der Abonnent: Er phantasiert. 

Der alte Biach (sich groß aufrichtend): Es — 
rieselt — im — Gemäuer. 

Der Patriot: Er prophezeit. 

Der alte Biach (sinkt zusammen): Das — is — 
der Schluß — vom — Leitartikel. 

Der Abonnent (aufschluchzend): Biach — ! 

(Er stirbt. Die Beiden verharren erschüttert. Schweigende Gruppe 
der Kurgäste.) 

Der Abonnent: Schad um ihm. 
Der Patriot: Er hat es überstanden. 

(Verwandlung.) 



37* 



580 



10. Szene 



Berlin, Weinrestaurant in der Passage. Man hört ein Orchestrion, 
welches abwechselnd die Lieder spielt: >Eniil du bist eene Pflanze« 
und »Sie sind doch bekannt mein Lieber als Schieber, als Schieber«. 
Das passierende Publikum besteht aus zumeist älteren Strichjungen 
mit großen Pranken. Ein Zeitungshändler ruft den »Heiratsonkel« 
aus. Ein Ausrufer ladet in Kastans Panoptikum. 

(Zwei freisinnige Politiker, Zulauf und Ablaß, sitzen an einem 

Tisch. Beide haben niedrigen Stehkragen mit übereinander- 

Ijegenden Enden, Fertigmasche und Hornkneifer.) 

Ablaß (erhebt sein Olas) : Auf die VerfassungS- 
reform! Pupille! 

Zulauf (erhebt sein Glas): Pupille! 

Ablaß: Hörn Se mal Zulauf, dieses Wort 
»Neuorientierung« behagt mir nu ganz und gar nich. 

Zulauf: Nanu? 

Ablaß: Ich würde »Neuaufmachung« vor- 
schlagen. 

Zulauf: Famos! Pupille! 

Ablaß: Pupille! 

Zulauf: Hörn Se mal Ablaß, haben Se heut 
schon den roten Tach jelesen? 

Ablaß: Doch. 

Zulauf: Hörn Se mal Ablaß, haben Se 
heut schon das B. T. gelesen? Da, 'n WTB — 
(zieht die Zeitung hervor.) 

Ablaß: Nee. 

Zulauf: Ist aber mächtich intressant, hörn Se 
mal: Brüssel 23. Juli (Wolff). Dem alten auch in 
der Geschichte Flanderns von Fürsten und ihren 
Vertretern geübten Brauche folgend, nahm der 
Generalgouverneur am 11. Juli, dem vaterländischen 
Gedenktage des flämischen Volkes, um ihn der 
Erinnerung der Mit- und Nachwelt einzuprägen, 
Anlaß zu einem besonderen Gnadenakte und entsprach 
der Bitte von 3000 zur Feier des Gülden-Sporen- 
Festes in Antwerpen versammelten Flamen. 

Ablaß: Sieh mal an! 



581 



Zulauf: Der Generalgouverneur wollte im Hin- 
blick darauf, daß der Erinnerungstach des flämischen 
Freiheitekampfes sich zum erstenmal seit seinem 
Amtsantritt jährt, ihm in diesem Jahre durch Maß- 
nahmen zur Durchführung der flämischen Volksrechte 
besondere Bedeutung verleihen. 

Ablaß: Fein! 

Zulauf: Demgemäß wandelte der General- 
gouverneur die vom Feldgericht des Gouvernemangs 
Antwerpen über fünf Flamen verhängte Todesstrafe 
in lebenslängliche Zuchthausstrafe um. — Na wat 
sagen Se nu? 

Ablaß: Doli! 

Zulauf: Wat? Ja 's weht ne andere Luft jetzt. 
3000 Flamen auf die Bitte von ftinfen begnadicht! 

Ablaß: Ach, Unsinn! 

Zulauf: Doch. Nee — ach so — na ejal. 
Jedenfalls, Begnadijung is Begnadijung. Die Kerls 
haben doch nu wenigstens lebenslänglich. Tja, die 
Volksrechte werden eben jetzt mal gründlich durch- 
jeführt. 

Ablaß: Kein Zweifel, daß es sich der Mit- 
und Nachwelt einprägen wird. 

Zulauf: 'ne schöne Handlung. Und zur 
Erinnerung, daß es der erste Erinnerungstach des 
flämischen Freiheitskampfes unter deutscher Herr- 
schaft ist! 

Ablaß: Kalassal ! 

Zulauf: Wat? Na — Pupille! Auf die 
deutsche Freiheit! 

Ablaß: Ich tue Ihnen Bescheid. Die deutsche 
Freiheit! Pupille! 

Zulauf (nach einer Pause) : Na, morjen sind wa 
bei Hindenburch und Ludendorff. 

Ablaß: Morjen? Morjen sind wa doch bei 
Schneider-Duncker ! 

Zulauf: Vormittach sind \va bei Schneider- 
Duncker? 



582 



Ablaß: Nee, abends! Vormittach sind wa doch 
bei Hindenburch und Ludendorff. 

Zulauf: Richtich. Na und fünfzehn Minuten 
sind jedem von uns zujemessen. Schlag 11 müssen 
wa antreten. 

Ablaß: Nackt? 

Zulauf: Nee, Frack! 

(Verwandlung.) 



11. Szene 

Kriegsgeneral Versammlung des sozialdemokratischen Wah'.vereins 
des Großberliner Riesenwahlkreises Teltow- Beskow- Storkow- 
Charlottenburg. 

Genosse Schliefke (Teltow): — — Als 
Generalredner der Kriegsgeneralversanimlung des 
sozialdemokratischen Wahlvereins des Groß- 
berliner Riesenwahlkreises Teltow-Beskovv-Storkow- 
Charlottenburg fasse ich mithin zusammen: Wenn 
preußische Sozialdemokraten der Einladung in das 
Reichsamt des Innern folgen und der Kaiser an dieser 
Besprechung teilnimmt, so ist dies keine Verletzung 
sozialdemokratischer Grundsätze. Auch der Genosse 
David handelte korrekt, wenn er der Einladung des 
Kronprinzen folgte. Die Sozialdemokratie ist eine 
revolutionäre Partei (Oho!-Rufe) — sie muß deshalb 
auch, wenn es die veränderten Verhältnisse erfordern, 
mit alten Traditionen brechen — 

Ein Zwischenrufer: Bei Hof? 

Schliefke: — ich meine mit ihren eigenen 
Traditionen! Sie muß in ihren eigenen Reihen 
revolutionieren. Sie ist eben eine durch und durch 
revolutionäre Partei! (Lebhafte Zustimmung.) 

(Verwandlung.) 



583 



12. Szene 

Bad Gastein. Der Abonnent und der Patriot im Gespräch. 

Der Ab onnent: Ich bin Überzeugt, daß durch den 
Ausbau des Bündnisses — 

Der Patriot: Ich zweifle nicht, daß dann der 
Abbau des Hasses — 

Der Abonnent: Vermuthch würde durch die 
Vertiefung des Bündnisses — 

Der Patriot: Ich glaube, daß dadurch eine 
Erhöhung der Preise — 

Der Abonnent: Ohne Zweifel könnte der 
Abbau der Preise — 

Der Patriot: Mir scheint, daß dafür eine 
Erhöhung des Hasses — 

Der Abonnent: Ich glaube aber, daß ein 
Ausbau der Preise — 

Der Patriot: Ich meine, daß dadurch eine 
Vertiefung des Hasses — 

Der Abonnent: Vermutlich würde durch eine 
Erhöhung des Bündnisses — 

Der Patriot: Mir scheint, daß dadurch ein 
Ausbau des Hasses — 

Der Abonnent: Anderere- eits bin ich überzeugt, 
daß sich durch einen Abbau des Bündnisses — 

Der Patriot: — unschwer eine Vertiefung 
der Preise herbeiführen ließe. 

(Verwandlung.) 

13. Szene 

Bureauziminer bei einem Kommando. 

Ein Generalstäbler (beim Telephon): — servus 

— aber nein — ich bins, der Kobatsch — der Peham 
is auf Urlaub — Also hörst — natürlich, a Massa 
Tote — danke, man lebt — Weißt wegen der phan- 
tastischen Gefangenenziffern, was die Russen angeben 

— no mußt halt schreiben, woher können s' denn das 



584 



so genau wissen, das laßt sich doch gar nicht 
zählen! — Was? — Noja, das is wirklich schwer 
den Leuten plausibel z'machen. Weißt, mußt halt 
sagen, solange sich die Angaben in bescheidenen 
Grenzen bewegt haben, also täglich 10.000, da hat 
mas hingehn lassen, aber wo's amal hundert- 
tausend übersteigt, also das geht nicht! — Was? — 
Noja, mußt halt schreiben, daß man das doch gar 
nicht zählen kann und so, wo also so viel sein! — 
Was? Wir zählen selber immer? Noja, wir, wir, aber 
der Feind, das is doch was andreas! — Was? Was 
wern s' sagen? Der Feind kann, wann s' so zuströmen, 
nicht so schnell zählen, aber wir können leichter unsere 
Verluste zählen — ? Herstellt pomali, wir harn ja 
gezählt und wir sind eben nach genauer Berechnung 
auf eine weit geringere Ziffer gekommen, verstehst! 
Die Hauptsach is, du sagst immer: phantastische 
Gefangenenziffern — du, das is sehr wichtig, daß d' 
das sagst. No wirst scho machen — wann drauf steht 
»amtlich«, so is's eh scho die halberte Wahrheit und 
die andere Halbscheid machst halt dazu, bist ja ein 
gscheiter Bursch, also servus servus — Schluß! 

(Verwandlung.) 

14. Szene 

Schlachtfeld bei Saarburg. 

Hauptmann Niedermacher: Immer wieder 
zögern unsre Jungens. Jeder von ihnen weiß längst, 
daß General Ruhmleben bei einer Besprechung der 
Kampflage den prägnanten Befehl gegeben hat, 
Kriegsgefangene, ob verwundet oder unverwundet, 
mit Gewehrkolben oder Revolver niederzumachen 
und Verwundete auf dem Feld zu erschießen, wie 
die Lügenpropaganda unsrer Feinde behauptet. 

Major Metzler: Ruhmleben handelt getreu 
der alten Devise unsres obersten Kriegsherrn: Pardon 



585 



wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! 
S.M. hat überdies befohlen, Spitalschilfe zu versenken, 
und da werden wir uns zu Lande nicht beschämen 
lassen ! 

Niedermacher: Ich habe den Brigadebefehl 
über die Erledigung der Kriegsgefangenen von 
Mund zu Mund an die Kompagnie weiter gegeben. 
Aber immer wieder zögern die Kerls, 

Metzler: Das wollen wir doch mal sehn, da 
gibts ja Gelegenheit. (Er stößt einen anscheinend toten 
französischen Unteroffizier mit dem Fuß an.) Na also, der Öffnet 
noch die Augen. (Er winkt zwei Soldaten heran. Sie zögern.) 
Ist euch der Brigadebefehl nicht bekannt? (Die Soldaten 
schießen.) Da hockt einer — mir scheint gar, der 
trinkt Kaffee! (Er winkt einen Soldaten heran.) Hör mal 
Niedermacher, du magst die Angelegenheit indessen 
erledigen, ich muß bei mir zum Rechten sehn. 
(Ab. Der Verwundete fällt vor Niedermacher auf die Knie und 
hält die Hände flehend empor.) 

Niedermacher (zu dem Soldaten, der zögert): 
Gefangene werden nicht gemacht! 

Der Soldat: Eben noch habe ich ihn verbunden 
und gelabt, Herr Hauptmann — ! 

Niedermacher: Er wird dir dafür die Augen 
ausstechen und die Kehle durchschneiden. (Der Soldat 
zögert. In Rage:) Sie schießen heimtückisch von hinten 
und von oben. Schießt sie von den Bäumen wie die 
Spatzen, hat der General gesagt. Alles muß zusammen- 
geschossen werden, hat der General gesagt. Soll 
ich es dir befehlen, Kerl? Zwanzig sind heute erlegt 
worden, und du Kerl hast Bedenken? Bist du ein 
deutscher Mann? Das wirst du zu verantworten haben! 
Muß man denn für euch Hosenscheißer immer selbst 
zugreifen? Da — sieh her, wie mans macht! 
(Er erschießt den knieenden Verwundeten.) 

(Verwandlung.) 



586 



15. Szene 



Bei Verdun. Deutsche Gefangene sind aufgestellt. Französische 
Uateroftiziere erteilen Faustschläge, Reitpeitschenhiebe und 
Kolbenstöße. Jene werden weiter getrieben. Verwundete sinken 
ermattet nieder. Einem quillt Blut aus Mund und Nase. Nachdem 
der Zug vorbei ist, erscheint der General Gloirefaisant. Er winkt 
und gefangene Offiziere werden vor ihm im Parademarsch vorbei- 
geführt. Einem schlägt ein französischer Offizier mit der Reit- 
peitsche auf die Schenkel. 

General Gloirefaisant (zu einem Hauptmann): 
Zu viel Gefangene! Meine Nettoyeurs liegen auf der 
faulen Haut. Uns fehlt ein Roland Campbell, dieser 
vorbildliche Lehrer für Bajonettübungen. Er macht 
das Blut der Jugend gerinnen durch seine Bered- 
samkeit über die Methoden des Angriffs, um die 
Leber, die Augen und die Nieren des Feindes zu 
durchstoßen. Wie sagte er doch? »Ihr könnt einem 
Deutschen begegnen, der sagt: , Mitleid, ich habe 
zehn Kinder!' . . . Tötet ihn, er könnte noch zehn 
bekommen.« Verlaß ist nur auf unsere Schwarzen. 
Ihre Rucksäcke mit abgeschnittenen Ohren und 
Köpfen, von denen die Lügenberichte der Boches 
erzählen, sind unwiderlegliche Trophäen. Wir sollten 
uns von unsern Hilfstruppen nicht beschämen 
lassen. (Ab.) 

Hauptmann de Massacre: Man kann es 
ihm nicht recht machen. 

Oberst Meurtrier: Wie? So wenig Gefangene? 
Zv/anzig? Ich glaubte, daß Sie eine ganze Kompagnie 
haben ! 

de Massacre: Ich hatte sie. Aber die 
übrigen sind da unten im Schützengraben verreckt. 
Ich habe meinen Leuten den Befehl erteilt, 180 mit 
dem Bajonett niederzumachen. Die braven Jungen 
zögerten wohl, aber ich stellte ihnen kurzen Prozeß 
in Aussicht und da gings mit Halsabschneiden und 
Bauchaufschlitzen. 

Meurtrier (ungehalten): 180? Das ist zu viel! 
Das wäre selbst dem General zu viel! Ich rate Ihnen, 



587 



über diese Sache nicht zu sprechen, wenn Sie nicht 
riskieren wollen, aus der Liste der Ehrenlegion 
gestrichen zu werden. 

de Massacre (selbstbewußt): Ich glaube im 
Gegenteil, Herr Oberst, daß ich in einigen Tagen 
das Kreuz der Ehrenlegion tragen werde! Und dann 
bekomme ich das Regiment von Korsika. Meine 
Taten eröffnen mir die Bahn und mein Ziel soll 
der Ausgangspunkt der gloire sein. 

(Vei Wandlung.) 

16. Szene 

Kriegspressequartier in Rodaun. 

D i e S C h a 1 e k (zu einem Kameraden): Die 208 Leiclien- 
photographien legitimieren mich wohl zur Genüge vor 
der Nachwelt; sie wird nicht zweifeln, daß ich mitten 
drin war im heroischen Erleben. Damit Sie sich aber 
ein Beispiel nehmen, damit Sie sehn, was wirkliche 
Schlachtcnschilderung ist, will ich Ihnen nur die 
Kernsätze aus meinem nächsten Feuilleton vorlesen. 
Ich gehe davon aus, wie aus 70 Batterien in vier 
Gruppen geschossen wird, eine beledert die Infanterie, 
die zweite die Artillerie, die dritte die Reserve- 
Stellungen und die vierte sperrt die Anmarschwege, 
verstehn Sie, also hören Sie zu: 

Die Hauptfrage ist: \Vie und wo und wann 
kann abgeriegelt werden. 

Beinahe wie ein eingelerntes Theaterstück rollt 
sich das ab. 

Waldkämpfe sind das Schauerlichste im 
Schauerlichen. 

Man hält sich für umzingelt und inzwischen 
hat anderswo die emgetroifene Verstärkung bereits 
»ausgeputzt«. 

Der Kamerad: Ausgeputzt? 



588 



Die Schalek: Hören Sie zu — Der Tote ist tot. 
Nur der lebend Gebliebene gewinnt den Ruhm. 

Der Kamerad: Glänzend! 

Die Schalek: In einen sechsspännigen Muni 
tionswagen geht ein Volltreffer. 

Der Kamerad: Ssss ! 

Die Schalek: Viele von den Leuten fliegen 
in Stücken in die Wipfel hinauf. 

Die Feinde werfen Handgranaten und es 
entspinnt sich ein rasendes Handgemenge; mit 
Dolchen, Kolben, Messern, Zähnen wird gerauft. 

Fliegen die Granaten zu weit, so werden die 
Kappen geschwenkt und den Geschossen Ver- 
beugungen gemacht. 

Der Kamerad: Ein Genrebild. 

Die Schalek: »Habe die Ehre« rufen sie ihnen 
nach. Und zwischendurch wird darüber geschimpft, daß 
die Russen ausgerechnet am Gagetag losgegangen sind. 

Der Kamerad: Ausgerechnet. 

Die Schalek: »Wollen die unserem Ärar die 
Löhnungen ersparen? Gerade hätte die Auszahlung 
beginnen sollen!« 

Der Kamerad: Humor im Felde. 

Die Schalek: Warum soll er nicht in seine 
Rechte treten? Hören Sie zu. 

Der Oberleutnant Radoschewitz ist jetzt ganz 
ruhig. Seine innere Krisis ist vorbei. 

Der Kamerad: Sic nennen ihn? 

Die Schalek: Warum nicht, wenn er geleistet 
hat? Hören Sie zu. 

Welche Freude! Eine Kiste deutscher Eier — 

Der Kamerad: Das glaub ich! 

Die Schalek: Lassen Sie mich ausreden. 

Welche Freude! Eine Kiste deutscher Eier- 
granaten ist dort, das sind kleine Wurfgeschosse, die 
man wie Steine schleudern kann. 

Der Kamerad: Ah, so is das! 



589 



Die Schalek: Einer hat einen Armschuö 
bekommen, einem ist das Trommelfell geplatzt. Der 
Oberleutnant ist wie taub. Er taumelt. Einer neben 
ihm hat einen Nervenchok. 

Feldwebel Janoszi brlillt eine Rede. 

Der Kamerad: Sie nennen ihn? 

Die Schalek: Warum nicht, das stille Helden- 
tum des einfachen Mannes — ? Hören Sie zu. 

Singend gehen sie los. »Stochere ihn aus dem 
Graben — « so beginnt das muntere Lied, das so 
wehmütig endet. 

Der Kamerad: Fesch! 

Die Schalek: Die Leute stürzen sich nun 
über die dritte Linie her und jetzt gehen die 
Sturmtruppen nach beiden Seiten vor und sie wird 
ausgeputzt. 

Die Methoden wechseln beständig, und die 
neueste unter den neuen ist die der »Sturmtruppen« 
und der »Grabenputzerei«. 

(Mit leuchtenden Augen.) Wer je eine Sturmtruppe 
nachts beim Ausmarsch gesehen hat, wird nie wieder 
ein Erlebnis romantisch, abenteuerlich, verwegen 
finden. Und wer je zu ihnen gehört hat, möchte 
um keinen Preis der Welt wieder fort. 

Der Kamerad: Das kann ich Ihnen nachfühlen! 

Die Schalek: Lauter ganz junge, unverheiratete 
Leute unter vierundzwanzig müssen sie sein. Schlank, 
beweglich, kühn und zu tollen Streichen geneigt. 

Der Kamerad: Ja die Jugend — ! 

Die Schalek: Genau nach dem Muster der 
wirklichen Front wird hinten ein Übungsplatz angelegt 
und das Ausputzen im wirklichen Feuer gelernt. 

Ist eine besondere Aufgabe im Feindesgebiet 
zu leisten, so wird sie mit allen Einzelheiten wie 
ein Theaterstück geprobt. Das Leichteste ist 
natürlich das gewöhnliche Putzen. 

Der Kamerad: Natürlich. 



590 

Die Schalek: Zwei Handgranatenwerfer gehen 
voran. 

Ist die Handgranate geworfen, so rennt die 
Gruppe um die Traverse herum. Die Infanterie, 
die folgt, besetzt dann die geputzten, das heißt, 
die eroberten Gräben, 

Die Sturmtruppen auf der Lysonia unter 
Führung des Oberleutnants Taiika, des Leutnants 
Kovacs und des Fähnrichs Sipos arbeiten wie in 
der Schule. Sie glühen vor Eifer und Wichtigkeits- 
gefühl. 

Die Exaktheit ihrer Bewegungen, das Ineinander- 
greifen ihrer Wirkungen ist erstaunlich, erschütternd, 
gewaltig. 

Bis zehn Uhr abends wird geputzt. 

Der Kamerad: No aber es muß doch schon 
endlich rein sein?! 

Die Schalek: Was fällt Ihnen ein, noch 
lang nicht! 

Da sind es insbesondere der Leutnant Pinter 
und die Gefreiten Juhasz und Baranyi, die ihre 
Sache so ganz besonders bedächtig und vorschrifts- 
mäßig durchführen. 

Die erste Linie aber wird noch drei Tage lang 
geputzt. Dort findet man am dritten Tage einen 
Verwundeten, dessen Heil es bedeutet, daß die 
»Putzerei« so lange gedauert hat. Er bekam einen 
Bauchschuß und ist nur durch das fürchterliche 
dreitägige Liegen und Fasten gerettet. 

Der Kamerad: Da sieht man erst wie gesund 
das Putzen is. 

Die Schalek: Selbstredend. 

Nun da die Sturmtruppen mit Handgranaten 
ihre Fuchslöcher ausräuchern, schreien sie um Gnade. 

Der Kamerad: Sagen Sie bittsie, das haben Sie 
alles mit eigenen Augen — 



591 



Die Schalek: Da könnte ich Ihnen noch ganz 
andere Dinge erzählen! Unterbrechen Sie mich nicht 
immer. 

Während der drei Tage, in denen vorne geputzt 
wird, säubert der Kommandant Oberst Sold von 
Dreihundertundacht mit seinen übriggebliebenen 
Truppen den Wald. 

Der Kamerad: Wo waren die andern? 

Die Schalek: So viel Leichen hat er noch 
nie gesehen. Tag und Nacht arbeitet man, alle zu 
verscharren. 

Ein paar Gänse retten sich aus dem zertrümmerten 
Käfig und spazieren nun wohlgemut im Trommel- 
feuer umher. — 

Also was sagen Sie? 

Der Kamerad: Ich bin begeistert. Wenn nicht 
das mit dem Putzen war — kein Mensch möcht 
merken, daß es eine Frau geschrieben hat! 

Die Schalek: Wie meinen Sie das? 

Der Kamerad: Ich meine, wie Sie das 
Ausputzen schildern — daß Sie so viel Wert auf 
Reinlichkeit im Schützengraben — 

Die Schalek: Wie? 

Der Kamerad: No — die Putzerei — wie Sie 
sich das loben I 

DieSchalek (ihm einen veräcH tlichen Bück zuwerfend) : 
Sie blutiger Laie! Putzen heißt Massakrieren! 

Der Kamerad (zurücktaumelnd und sie anstarrend): 
Wissen Sie — 1 

Die Schalek: Das haben Sie nicht gewußt? 
Die Herrn Kollegen! 

Der Kamerad: Aber — 

Die Schalek: Fassen Sie sich, ä la guerre 
comme ä la guerre. 

Der Kamerad: Da muß ich schon sagen — 
unsereins — 

Die Schalek: Nun? 



592 



Der Kamerad: Koschamadiener! (Nach einer 
Pause, in der er sie stumm betrachtet, ekstatisch.) So etwas 
ist nur in Rußland möglich ! Oder in Frankreich, bei der 
Jungfrau von Orleans! Wie sagt doch Sajten, wenn 
dann den Männern jegliches Hoffen entsinken wollte, 
stand solch ein Mädchen auf, geweckt und begeistert, 
von der Gewalt des Unglücks aus seiner eingebornen 
Natur gerissen, und trat hervor, um die Männer an- 
zufeuern. An diese einzelnen Gestalten geben wir 
unser Bewundern hin; sie sind vom Strahl des Ruhmes 
umleuchtet, sind vom Reiz großer Tapferkeit und 
poetischer Abenteuer umwittert, und gerade weil sie 
als seltene Ausnahmen gelten dürfen, fühlen wir 
uns so sehr bereit, sie durchaus zu idealisieren, daß 
der nüchterne Verstand gar nicht dazu gelangt, sich 
all der vielen furchtbaren, häßlichen und rohen Dinge 
zu besinnen, die sie doch zweifellos selbst getan 
oder mitangesehen haben müssen. 

Die Schalek: Es muß sein! 

Der Kamerad: Nein, das war nicht im 
Feuilleton »Es muß sein«, sondern im Feuilleton 
über das russische Todesbataillon. Da werden Weiber 
zu Hyänen. 

Die Schalek: Wie meinen Sie das — ? 

Der Kamerad: Unterbrechen Sie mich nicht. 
An solchen Ausartungen der weiblichen Natur können 
wir nicht schweigend vorübergehen, weil sie manches 
erklären, was zu den Erlebnissen des Krieges gehört. 
Diese abstoßende Unweiblichkeit, diese auf der Gasse 
zur Schau getragene Gemütlosigkeit sind Merkmale 
ernster Verwilderung — 

Die Schalek: Sie, erlauben Sie mir — Sie 
haben doch gerade — das ist sehr unkollegial von 
Ihnen — woraus ist das? 

Der Kamerad: Aus dem Leitartikel, von 
Ihm selbst, lassen Sie mich ausreden — Wie das 
immer zu sein pflegt, daß die Frau, wenn sie aus 
der Eigenart des Geschlechtes heraustritt, ihre Zartheit 



593 



abstreift und sich zum Mannweib verunstaltet, zu 
einer seltsamen Grausamkeit neigt, hat sich diese 
Erfahrung auch in England wiederholt. 

Die Seh alek: Ah so! 

Der Kamerad: Da werden Weiber zu Hyänen! 
Die Spinster — 

Die Schalek: Sie, wer gibt Ihnen eine Spinster 
ab? Ich beschwer mich beim Eisner von Bubna! 

Der Kamerad: Hören Sie zu — die Spinster 
darf nicht mit ihrer festländischen Schwester verglichen 
werden. Diese ist gewöhnlich ein liebes, gutmütiges 
und bescheidenes Wesen. 

Die Schalek (geschmeichelt): No SO einen Leit- 
artikel schreibt ihm heut doch keiner nach! 

Der Kamerad: Dem Himmel sei Dank, daß 
eine österreichische Frau im Kriege dort ihren Platz 
gewählt hat, wo Kranke zu pflegen, Müde zu erfrischen 
und Bedrückte zu trösten sind. 

Die Schalek: Was heißt das? Das steht so? 
Wissen Sie — er läßt sich manchmal doch von seinem 
Temperament fortreißen. Man darf nicht generalisieren. 
Alles zu seiner Zeit. Man kann nicht immer im 
Hinterland hocken. Bekanntlich hab ich das Schwarz- 
gelbe Kreuz angeregt zusammen mit der Anka Bienerth I 

Der Kamerad: Das weiß man, regen Sie sich 
nicht auf — 

Die Schalek (mit Tränen kämpfend, entschlossen) : 
Grad schick ich ihm das Feuilleton! 

Der Kamerad: Nu na nicht. Aber den Schluß- 
satz rat ich Ihnen streichen Sie. 

Die Schalek: Den Schlußsatz? (Sie blickt in das 
Manuskript) Ein paar Gänse retten sich aus dem 
zertrümmerten Käfig und spazieren nun wohlgemut 
im Trommelfeuer herum — Das soll ich streichen? 

Der Kamerad: Ja. 

Die Schalek: Warum? 

Der Kamerad: So. 

Die letzten Tage der Menschheit. 38 



594 



Die Schalek: Also sagen Sie — 

Der Kamerad (zögernd): Ja wissen Sie denn 
niclit — 

Die Schalek: Was denn? 

Der Kamerad: — daß das Kriegspressequartier 
beschlossen hat — 

Die Schalek: Ja was denn? 

Der Kamerad: — von jetzt an außer Ihnen 
noch ein paar Kriegsberichterstatterinnen zuzulassen ! 

Die Schalek (betroffen, dann bitter lachend): Dank 
vom Haus Österreich ! (Sif^ will gehen, vermag es aber nicht.) 

(Verwandlung.) 

17. Szene 

Der Abonnent und der Patiiot im Gespräch. 

Der Abonnent: Was sagen Sie zu den 
Gerüchten ? 

Der Patriot: Ich bin besorgt. 

Der Abonnent: In V/ien sind Gerüchte ver- 
breitet, daß in Österreich Gerüchte verbreitet sind. 
Sie gehen sogar von Mund zu Mund, aber niemand 
kann einem sagen — 

Der Patriot: Man weiß nichts Bestimmtes, 
es sind nur Gerüchte, aber es muß etwas dran sein, 
wenn sogar die Regierung verlautbart hat, daß 
Gerüchte verbreitet sind. 

Der Abonnent: Die Regierung warnt aus- 
drücklich, die Gerüchte zu glauben oder zu ver- 
breiten, und fordert jeden auf, sich an der Unter- 
drückung der Gerüchte tunlichst auf das energischeste 
zu beteiligen. No ich tu was ich kann, wo ich hin- 
komm sag ich, wer gibt auf Gerüchte? 

Der Patriot: No die ungarische Regierung sagt 
auch, daß in Budapest Gerüchte verbreitet sind, daß 
nämlich in Ungarn Gerüchte verbreitet sind, und 
warnt auch. 



595 



Der Abonnent: Mit einem Wort, es hat 
stark den Anschein, daß die Gerüchte in der ganzen 
Monarchie verbreilct sind. 

Der Patriot: Ich glaub auch. Wissen Sie, 
wenn mans nur gerüchtweise gehört hätte, aber die 
österreichische Regierung sagt es doch ausdrücklich 
und die ungarische auch. 

Der Abonnent : Es muß etwas dran sein. Aber 
wer gibt auf Gerüchte? 

Der Patriot: Selbstredend. Wenn ich wen von 
Bekannte treff, frag ich zuerst, ob er schon von den 
Gerüchten gehört hat, und wenn er sagt nein, sag 
ich ihm, er soll sie nicht glauben, sondern ihnen 
erfordeilichenfalls sofort tunlichst auf das energischeste 
entgegentreten. Das is das mindeste, was man ver- 
langen kann — die erste Pflicht der Loyalität! 

Der Abonnent: Es muß etwas dran sein, denn 
sonst v/ären doch nicht die drei Abgeordneten, wissen 
Sie, die immer zusamm ausgehn, beim Minister- 
präsidenten Seidler erschienen und hätten ihn auf die im 
Umlauf befindlichen Gerüchte aufmerksam gemacht. 

Der Patriot: No sehn Sie? Aber der Minister- 
präsident hat gesagt, daß ihm die in Frage stehenden 
und im Umlauf befindlichen Gerüchte wohl bekannt 
seien. 

Der Abonnent: No sehn Sie? Wissen Sie, 
was ich glaub? Ich sag Ihnen im Vertraun — 
die Gerüchte betreffen das angestammte — (er nimmt 
sich das Blatt vor den Mund.) 

Der Patriot: Was Sie nicht sagen! Ich weiß 
sogar mehr. Die Verbreiter der Gerüchte wollen 
den Glauben der Bevölkerung an dasselbe vergiften! 

Der Abonnent: Was Sie sagen! Und es heißt 
sogar, daß die Gerüchte zur Ursprungszeit jedesmal 
an ganz verschiedenen Stellen gleichzeitig zu ver- 
nehmen seien, weshalb — 



38* 



596 



Der Patriot: — die Annahme gerechtfertigt 
ist, daß man es mit einer Organisation der Gerüchte 
zu tun habe. 

Der Abonnent: Sagt man! Aber das sind 
doch schließlich nur Gerüchte, wer kann das so genau 
festgestellt haben — bittsie gleichzeitig an verschie- 
dene Stellen! 

Der Patriot: Sagen Sie das nicht. Die 
Regierung kann das. Wissen Sie was man sagt? 
Man sagt, die Verbreitung der Gerüchte sei ein 
neues Zeichen der aus den Reihen unserer Feinde 
kommenden Versuche, bei uns Verwirrung zu stiften. 
Aber da strengen sie sich vergebens an! 

Der Abonnent: Hab ich auch gehört. Man 
sagt sogar, die Gerüchte gehören in das Arsenal 
unserer Gegner, die kein Mittel scheuen, um das 
Gefüge der Monarchie zu erschüttern sowie die Bande 
der Liebe und Verehrung zu lockern, nämlich zum 
angestammten — (er nimmt sich das Blatt vor den Mund.) 

Der Patriot: Was Sie nicht sagen! No — 
da wern sie auf Granit beißen! 

Der Abonnent: Wissen Sie was? 

Der Patriot: No — ? 

Der Abonnent: Wissen möcht ich, was an 
den Gerüchten dran is! 

Der Patriot: Das kann ich Ihnen sagen: 
gar nix is dran und der beste Beweis is, daß 
man nicht einmal weiß, was es für Gerüchte sind. 
Wissen Sie was? 

Der Abonnent: No — ? 

Der Patriot: Wissen möcht ich, was es für 
Gerüchte sind! 

Der Abonnent: No was wern es schon für 
Gerüchte sein I Schöne Gerüchte das, von Mund zu Mund 
gehn sie, aber kein Mensch kann einem sagen — 

Der Patriot: Man is rein auf Gerüchte 
angewiesen! 

(Verwandlung.) 



597 



18. Szene 

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch. 

Der Optimist: Was sagen Sie zu den 
Gerüchten? 

Der Nörgler: Ich kenne sie nicht, aber ich 
glaube sie. 

Der Optimist: Ich bitt Sie, die Lügen der 
Entente — 

Der Nörgler: — sind bei weitem nicht so 
bedenklich wie unsere Wahrheiten. 

Der Optimist: Das einzige, was allenfalls 
den Gerüchten Nahrung geben könnte, wäre — 

Der Nörgler: — daß wir keine haben. 

(Verwandlung.) 



19. Szene 

Michaelerplatz. Die Burgmusik zieht vorbei. Hinter ihr die 
Pülcher. Trommelwirbel. 

Chor der Pülcher: 

KabrrottkamöU — karauchtabak — 

Kabrrottkamöll — karauchtabak — 

Stier — stier — stier. 

O — du mein — Österreich — Österreich — 

(Die Musik entternt sich.) 



20. Szene 

Militärkommando. 

Ein Hauptmann (diktiert ablesend): Reservat! — 
Kriegsgefangene, die von ihrer Arbeitsstelle nichtiger 
Ursachen wegen entflohen sind und wieder einge- 
bracht wurden, sind mit dem mindestens einmaligen 
zweistündigen Anbinden zu bestrafen — (es klingelt) 



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Was is denn? — Ah so — ja natürlich — 20 Kilo 
Nullermehi — na ja, wer' schaun — grüß dich! — 
Also wo sind wir? 

Die Schreibkraft: — mindestens einmaligen 
zweistündigen Anbinden zu bestrafen — 

Der Hauptmann: — und nach der Ver- 
büßung der Strafe