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Full text of "Die letzte Zarin : ihre Briefe and Nikolaus II. und ihre Tagebuchblätter von 1914 bis zur Ermordung"

HAROLD ». LEP LIBRARY 

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PnOVO. UTAH 



"die letzte "^arin 



IHRE BRIEFE AN NIKOLAUS II. 
UND IHRE TAGEBUCHBLÄTTER 
VON 1914 BIS ZUR ERMORDUNG 



HERAUSGEGEBEN UND EINGELEITET 

VON 



JOACHIM KÜHN 




IM VERLAG ULLSTEIN / BERLIN 



übertragen ins Deuts die 

von 
VIKTOR BERGMANN 

Copyright 1922 by ULLSTEIN, A.-G. 



ßRJOHAf,; YCU.MG ü:^!VeRSITY 

PROVO, UTAH 



INHALT 



Die Zarin Alexandra. Von Joadiim Kühn 5 

BRIEFE 

1914 27 

1915 45 

1916 142 

Das TagebuA der gefangenen Zarin <ToboIsk und Jekaterinburg) . . 221 



Die Zarin Alexandra 



I am but a woman fighting for her Master 
and Child, her two dearest ones on earth. 

Alexandra Feodorowna an den Zaren, 
13. November 1916. 

Mit diesem Buch erschließt sich eine zeitgenössische Geschichtsquelle von 
unerschöpflicher Tiefe. Denn was sie gibt, ist mehr als das abgeblaßte 
Erinnerungsbild, das eine alte Hofdame oder ein verbannter General zu bieten 
hat ; was sie gibt, ist mehr als das sorgfältig zurechtgestutzte Tagebuch eines 
Ententebotschafters, der die Ereignisse immer nur durch das Prisma seiner 
eigenen Persönlichkeit betrachtet; was sie gibt, ist die Wirklichkeit selbst, 
ihr Niederschlag, der in den täglichen Notizen einer mitten in den Dingen 
stehenden Persönlichkeit automatisch zusammenrinnt. Und da diese Persön- 
lichkeit niemand anders ist als die letzte Zarin, so steigern sich die in den 
folgenden Blättern wiedergegebenen Briefe und Tagebuchblätter zu mensch- 
lichen Dokumenten von erschütternder Wucht. Denn die Zarin war keine 
zünftige Politikerin, die die Dinge mit kühlem Auge an sich vorüberziehen 
läßt; sie war überhaupt keine Politikerin, war an der Politik nur insofern 
interessiert, als sie das Schicksal ihres Gemahls und ihrer Kinder bedeutete ; 
und so verwandelte sich das Schicksal Rußlands in ihrem Herzen zu einer 
ganz persönlichen Angelegenheit, die sie nach ganz persönlichen Maßstäben 
zu beeinflussen und möglicherweise sogar zu entscheiden suchte. 

Das gibt ihren Briefen den Charakter, hebt sie über die Trockenheit mo- 
derner Staatspapiere in jene Sphäre, in der Verstand und Seele zu einer un- 
lösbaren Synthese leidenden Menschentums zusammenschmelzen. Sie hören 
auf, politische Akte zu sein, sind nur noch Entladungen eines übervollen 
Frauenherzens, das sich täglich und stündlich auswirken muß, weil es sonst 
zerspringen müßte vor Unruhe und Sorge und Sehnsucht. Und so wollen sie 
in erster Linie als Liebesbriefe gelesen werden — Liebesbriefe einer Frau von 
vierzig Jahren, die noch immer so mädchenhaft und so bräutUch empfindet 
wie in jenen nie vergessenen Frühlingstagen in Friedberg und Koburg, wo der 
Zar ihr scheues Herz gefangennahm; Liebesbriefe einer Frau von vierzig 
Jahren, die in den zwei Jahrzehnten ihrer Ehe erfahren hat, daß sie ihrem 
Gemahl eine Stütze sein muß, eine Mitarbeiterin, die ihm in allen Fragen 



nicht nur des häuslichen, sondern auch des politischen Lebens helfend und 
beratend und möglicherweise sogar richtunggebend zur Seite treten muß. 
Denn Nikolai IL, der auch nach der Revolution von 1905 die Geschicke seines 
Hundertachtzig-Millionen-Volkes fast unumschränkt beherrscht, Nikolai IL 
ist ein schwankender, weichherziger, schüchterner Mensch, der nur selten auf 
seinen Entschlüssen beharrt und imstande ist, am Morgen Entscheidungen 
zu treffen, die er bereits am Nachmittag widerruft; ein kleiner, bürgerlicher 
Charakter, der seinem Amt nicht gewachsen ist und unter der ungeheuren 
Last seiner Verantwortung fast zusammenbricht. Und so mischt sich in die 
strömende Zärtlichkeit ihrer Briefe ein starker Einschlag hingebender Mütter- 
lichkeit. ,,Jede Frau empfindet mütterlich auch gegen den Mann, den sie 
liebt," schreibt sie einmal, ,,das ist ihre Natur, wenn es wirklich tiefe Liebe 
ist." Diese Erkenntnis gibt ihren Briefen zu Zeiten etwas Dringhches, Trei- 
bendes, Vorzeichnendes; und doch ist sie immer wieder so durchglüht von 
innerer Demut und Reinheit, daß sie unmöglich mißdeutet werden kann. 
Niemals hat eine Frau ihren Mann mehr geliebt als die Zarin den Zaren; 
niemals ist eine Liebe ausschließlicher gewesen, selbstloser, verzehrender als 
die Liebe dieser Frau. Gewiß sind ihre Briefe in Momenten der Trenmmg ent- 
standen, gewiß füllen sie Pausen eines Ehelebens, das zwei Jahrzehnte lang 
kaum unterbrochen worden ist, denn seit die Zarin im Herbst 1894 russischen 
Boden betreten hat, ist sie dem Zaren kaum von der Seite gewichen, und 
wenn der Zar eine Reise unternahm oder ins Ausland ging, so hat sie ihn regel- 
mäßig begleitet ; aber gerade dieses ständige Zusammensein hätte abschleifend 
wirken können und erkühlend. Bei der Zarin ist das nicht der Fall gewesen. 
Nikolai Alexandrowitsch ist ihr der Inhalt ihres Lebens gewesen und geblieben, 
kein Brief, in dem sie ihn nicht mit Küssen imd Kosenamen überschüttete, 
kein Brief, der nicht wie die Besiegelung eines Verhältnisses wirkte, das über 
alle Stürme und Launen und Ablenkungen des Tages erhaben ist. Wenn er 
sie verläßt, xmi an die Front zu reisen, so gräbt sich sein , .einsames, bleiches 
Gesicht mit den schweren, trüben Augen am Waggonfenster" in ihr Herz, imd 
tagelang muß sie daran denken; ist er fem, so starrt sie sein leerer Sessel 
traurig an, mag die Sonne noch so hell ins Zimmer scheinen; jeden Morgen 
und jeden Abend segnet und küßt sie sein leeres Kissen und verrichtet vor 
seinem Gnadenbilde ein Gebet. ,,Ich segne Dich immer, wenn Du schläfst." 
Und wenn sie dann fröstelnd zusammenfährt, so greift sie zu seinen alten Brie- 
fen und liest sie Blatt für Blatt, und dann wärmen seine Worte ihr schmerzen- 
des Herz und es ist ihr, als höre sie seine Stimme. ,,Ich möchte mich in Dir 
vergraben", schreibt sie einmal aus einer solchen Stunde heraus und ein 
andermal: ,, Zuweilen ist mir, als ob ich Dich in meiner Seele trüge und Dich 
mit aller meiner Liebe Gott entgegenbrächte." 

Aber freilich verläßt sie niemals das Gefühl, daß den Zaren ein schweres 
Schicksal überschattet, das ihn seit seiner Thronbesteigung mit dämonischer 



Hartnäckigkeit verfolgt; niemals verläßt sie der Gedanke, daß er am 6. Mai 
geboren ist, dem Tage Hiobs, den der Böse mit Arglist zu betrügen trachtete; 
niemals vergißt sie, daß sie wach sein muß, um ihn nicht zugrunde gehen zu 
lassen, um dem kleinen Thronfolger, den sie ihm nach unsagbaren Leiden 
und Enttäuschungen während des russisch- japanischen Krieges geboren hat, 
ein tragbares Erbe zu hinterlassen. „Babys wegen dürfen wir nicht schwach 
sein," schreibt sie einmal in dieser Richtung an den Zaren. ,, Sonst wird er 
eine noch schwerere Herrschaft haben, wenn er unsere Fehler gutmachen 
und die Zügel, die Du verloren hast, wieder anziehen muß. Du hast für Fehler 
zu büßen aus der Zeit Deiner Vorgänger, und Gott weiß, welche Schwierig- 
keiten Du bekämpfen mußt. Laß unsere Erbschaft für Alexei leichter 
werden. Er hat einen festen Willen und starren Kopf. Laß die Dinge nicht 
Deinen Fingern entgleiten, damit er nicht wieder alles aufzubauen hat." 

Diese Aufgabe sieht sie vor sich, denn im Kabinett ist niemand, der sie 
übernehmen könnte: Goremykin, der Ministerpräsident, mit dem Rußland in 
den Krieg hineingeht, ist ein Greis von fast 85 Jahren, der bei aller Geschäfts- 
kenntnis und bei aller Feinheit des Urteils, beim besten Willen nicht die Tat- 
kraft und die Aktivität aufbringt, die zu einer durchgreifenden Beratung des 
Zaren notwendig wäre; seine Ministerkollegen sind unfähig oder intrigant, 
niemand zieht an einem Strange, niemand hat Zivilcourage genug, um dem 
Zaren wirklich zur Seite zu stehen. Die verschiedenen Veränderungen, die 
während des Krieges getroffen werden, ändern nichts an dieser Sachlage; 
höchstens verschlimmem sie sie, denn die neuen Männer sind entweder energie- 
los oder suchen hinter dem Rücken des Zaren mit der Duma in Fühlung zu 
treten. 

Da muß sie selbst in die Lücke treten und dem Zaren das sein, was sie 
nicht sind: Mitarbeiter, Berater, Freunde und möglicherweise sogar Lenker. 
Freilich würde sie vor der Riesenverantwortung dieser Rolle zurückschrecken, 
wenn sie nicht felsenfest auf die Hilfe eines Mannes vertraute, der ihr seit 
Jahren als unmittelbarer Sendbote Gottes gilt — Rasputin. 

Sie liebt es nicht, wenn man ihn mit diesem Ncmien nennt. Er stammt 
aus seiner sündigen Jugend, die sich in den verlorenen Dörfern der Tobol- 
sümpfe drüben in Westsibirien abspielte. Er ist von Rasputnik abgeleitet, 
dem russischen Wort für Schürzenjäger, und böse Zungen in Petersburg und 
Moskau gebrauchen ihn noch heute ; in Wirklichkeit heißt er Grigori Efimo- 
witsch Novy, und die Zarin nennt ihn am liebsten Grigori oder auch nur — 
und dieser Name kehrt am häufigsten unter ihrer Feder wieder — ,, unser 
Freund". Mit ihm verbindet sie jenes mystische Verhältnis, das im 18. Jahr- 
hundert die ,, schöne Seele" mit ihrem Erwecker verknüpfte; jenes Gefühl 
unergründlicher Verbundenheit, das die ersten Christen an die Apostel schmie- 
dete. In ihren Augen ist er vom Himmel selbst gesandt, um den gesalbten 
Zaren über die feige Bequemlichkeit der Minister und über die züngelnde 



Gehässigkeit der „Gesellschaft" hinweg die Stimme der nissischen Erde hören 
zu lassen. Niemals hat sie an ihm gezweifelt; niemals ist ihr Glaube an ihn 
erschüttert worden. Als er ihr kurz nach der Revolution durch den damaligen 
Beichtvater des Zaren, den Archimandriten Theophan, zugeführt wurde, da 
ist es durch sie hindurchgegangen wie eine Erlösung, denn ihre Seele war 
damals durch die grauenhaften Eindrücke der Revolutionsjahre tief zer- 
wühlt. Die Kartätschenschüsse auf das kaiserliche Zelt bei der Wasser- 
weihe im Januar 1905 ; die furchtbaren Metzeleien, die sich kurz darauf am 
,, blutigen Sonntag" vor ihren Fenstern abgespielt hatten; die Ermordung 
ihres Schwagers, des Großfürsten Sergius, der im März 1905 auf dem Roten 
Platz in Moskau durch die Bombe eines Terroristen in Atome zerfetzt wurde ; 
die Ermordung des Ministerpräsidenten Stolypin, die ein Jahr später während 
einer Festvorstellung im Theater von Kiew vor ihren Augen erfolgte ; die ent- 
setzliche Entdeckung, daß ihr Sohn die Bluterkrankheit geerbt hatte, die in 
ihrem väterlichen Hause wie ein Fluch forterbte; — alle diese Tatsachen hatten 
ihre Nerven dem Zusammenbruch entgegengetrieben, und aus ihrer Depression 
war dann das Bedürfnis herausgewachsen, mit dem Übersinnlichen in Ver- 
bindung zu treten, um dieses unerträglich schwere Dasein überhaupt noch 
weiterleben zu können. Schon vorher hatte sie ein französischer Thaumaturg — 
jener Monsieur Philippe, der in den folgenden Briefen wiederholt genannt 
wird — zum erstenmal mit transzendentalen Kräften in Verbindung 
gesetzt. Als er gegangen war, hatte er ihr ein Heiligenbild hinterlassen 
mit einem Glöckchen, das seiner Angabe nach die Kraft besitzen sollte, 
von selbst zu läuten, wenn sich schlechte Menschen bei ihr sehen ließen. 
Dies Vermächtnis hatte ihr aber nicht genügt, um sich für sicher zu 
halten, und so war Grigori Monsieur Philippe gefolgt. Seine mystischen 
Lehren nahmen sie gefangen, und als sich dann herauszustellen schien, daß 
seine Gebete die Kraft besaßen, die Krankheit des kleinen Zarewitsch zu er- 
leichtem — am Hofe flüsterte man sich zu, daß seine Blutungen durch Pulver 
gestillt würden, die Rasputin einem Freunde verdanke, dem burjatischen 
Wunderarzte Badmajew — , da wurde ihr der Beistand dieses blassen, hageren 
Mannes, der mit seinen hellgrauen Augen auf den Grund ihrer Seele zu schauen 
schien, vollends unentbehrlich. Nicht so dem Zaren, der sich — wenigstens 
zunächst — nur schwer dazu entschließen konnte, in Rasputin den Gott- 
gesandten zu sehen, der gekommen war, um ihm die Lasten der Herrschaft 
leichter zu machen; und so hatte sie sich im Frühjahr 1911 zu ihrem tiefsten 
Schmerz vorübergehend von ihm trennen müssen, als in Petersburg bedenk- 
liche Gerüchte über sein persönliches Leben auftauchten, denen er nichts 
entgegenzusetzen hatte als banale Behauptungen und matte Ausreden. Den 
felsenfesten Glauben aber an seine apostolische Kraft hatte die Zarin damals 
nicht verloren ; seine Weibergeschichten waren in ihren Augen nichts als Prü- 
fungen; wenn man ihr von Küssen sprach, die ihm zur Last gelegt wurden, 

8 



so verwies sie auf die Bruderküsse, die die ersten Apostel ausgeteilt hatten, 
und so schenkte sie ihm, als er nach einer Wallfahrt ins heihge Land im Win- 
ter 1911 nach Petersburg zurückkehrte, von neuem jenes rückhaltlose 
Vertrauen, das ihr reines, weltfremdes Herz zu schenken fähig war. Daß der 
Zar auch jetzt zurückhaltend blieb, war ihr ein stechender Schmerz, denn in 
ihren Augen war es eine Sünde, den Gottesmann mit Zurückhaltung zu emp- 
fangen, Gott hatte ihn nicht umsonst geschickt, er sollte dem Zaren sein Volk 
näher bringen, sollte ihm direkt offenbaren, was in der Seele seiner Russen 
vorging, er war die Duma, er war der Reichsrat, er war das Kabinett in einer 
Person ; und wie ihrer Überzeugung nach der Zar als gekrönter Kaiser vom 
Himmel mit Einsichten gesegnet wurde, die keinem andern Sterblichen zuteil 
wurden, so erhielt auch Grigori in ihren Augen seine Weisungen von oben. 
Furchtbares drohte dem Zaren, wenn er die Empfehlungen des Gottesmannes 
in den Wind schlug. So nahm sie es auf sich, ihren geliebten ,,Nicky" all- 
mählich an Rasputin zu gewöhnen, ihm in seinem Vertrauen die Stellung zu 
erringen, die ihm ihrer Meinung nach gebührte; denn ihn zu verehren war 
ihr ebenso gut Gottesdienst wie ein Gang in die Kasansche Kathedrale oder 
ein Gebet vor dem geweihten Ikon, das ihr Zimmer schmückte. 

Als dann der Krieg am Himmel aufstieg, lag Grigori krank in seinem 
Heimatsdorf Pokrowskoje; ein Weib, die Petersburger Prostituierte Kinia 
Gussewa, hatte ihn erdolchen wollen, ihr Messer war jedoch an ihm abgeglitten, 
es hatte ihn nur verletzt, und so befand er sich nach Vornahme einer glück- 
lichen Operation auf dem Wege der Besserung. In fliegender Aufregung be- 
gann sie damals durch den Draht mit ihm in Verbindung zu treten, und was 
er ihr zurücktelegraphierte, ließ sie sofort den Zaren lesen. Es lautete sehr 
ernst, sehr sorgenvoll, riet energisch von einer Fortsetzung des Katastrophen- 
kurses ab, der in Petersburg eingesetzt hatte. Daß Rußlcind trotzdem mobil 
machte, daß sich der Zar durch den Kriegsminister General Suchomlinow 
und den Generalstabschef General Januschkiewitsch um die Zurückziehung 
der Mobilmachungsorder betrügen ließ, daß dadurch die deutsche Kriegs- 
erklärung imvermeidlich wurde, alles das war ihr ein brennender Schmerz. 
Nicht weil sie um Deutschland sorgte; die Zarin war längst keine Deutsche 
mehr, war es vielleicht nie gewesen, denn der Hauptteil ihrer Jugend war 
infolge des frühen Todes ihrer Mutter, der Prinzessin Alice von Großbritan- 
nien und Irland, am enghschen Hof verflossen, und ihre Muttersprache war 
Englisch, nicht Deutsch; mit Recht konnte sie von sich sagen, daß sie rus- 
sischer sei als mancher cindere. Aber gerade weil sie Russin, Altrussin geworden 
war mit Leib und Seele, gerade weil sie als solche orthodox geworden war bis 
zur Mystik, gerade darum zerschmetterte es sie, daß Rußland gegen den Rat 
des gottgeweihten ,,Staretz" in den Weltkrieg eintrat. Die Überreichung 
der deutschen Kriegserklärung hat sie, wie der schweizerische Erzieher des 
Zarewitsch Pierre Gilliard berichtet hat, in fassungslosen Schmerz versetzt, und 



dieser Schmerz galt nicht so sehr der Einsicht in all die furchtbaren Opfer und 
Gefahren, die Rußland mit diesem Tage auf sich nahm, sie galt in erster Linie 
der Überzeugung, gegen den durch Rasputin kundgetanen Willen Gottes ver- 
stoßen zu haben. Und als dann der Zar an die Front reiste — die in den fol- 
genden Blättern wiedergegebenen Briefe setzen erst in diesem Augenbhck mit 
ganzer Breite ein — , da wurde ihr Rasputin, der kurz vorher nach Petersburg 
zurückgekehrt war, von neuem Stütze und Stab. Aus dem Umgang mit 
mit ihm schöpfte sie die Kraft, ihre Aufgabe mit verdoppelter Inbnmst 
zu verfolgen, und so taucht in ihren Briefen wieder und wieder die Beschwörung 
auf, den Bitten und Empfehlungen zu folgen, die Rasputin durch ihre Ver- 
mittlung dem Zaren zuteil werden läßt. ,,Gott eröffnet ihm alles," schreibt 
sie einmal an den Zaren. ,, Deswegen bewundem die Leute, die seine Seele 
nicht erfassen können, so unendüch seinen wundervollen Verstand — der bereit 
ist, alles zu verstehen, und wenn er ein Unternehmen segnet, so hat es Erfolg 

— und wenn er einen Rat gibt, so kann man beruhigt sein, daß er gut ist — 
wenn die Leute später schwanken, so ist das nicht sein Fehler. Aber er 
wird sich weniger in den Menschen irren, als wir es tun — Lebenserfahrung, 
gesegnet von Gott." Ein andermal sagt sie über ihr Verhältnis zu ihm: 
,,A11 meine Hoffnung liegt bei unserem Freund, der nur an Dich, Baby imd 
Rußland denkt. — Und geleitet durch ihn, werden wir durch diese schwere 
Zeit durchkommen. Es wird harte Kämpfe kosten, aber ein Mann Gottes 
ist nahe, um Dein Schifflein sicher durch die Klippen zu lenken — und Dein 
kleiner Sonnenschem steht wie ein Felsen hinter Dir, fest und unerschütter- 
lich, voll Entschluß, Vertrauen und Liebe, um für ihre Lieblinge und unser 
Land zu kämpfen." ,,Höre auf unseren Freimd," fleht sie gelegentlich, 
,, glaube an ihn, er hat Dein und Rußlands Interesse im Herzen — es geschah 
nicht ohne Grund, daß Gott ihn uns gesandt hat — nur müssen wir mehr 
auf das achten, was er sagt — seine Worte sind nicht leichthin gesagt — 
und die Gnade, nicht nur seine Gebete, sondern auch seinen Rat zu haben 

— ist groß." Und wenn der Zar dann durchblicken läßt, daß wieder einmal 
ungünstige Gerüchte über Rasputin an sein Ohr gedrungen sind, so schreibt 
sie überzeugt zurück: ,,Ein Prophet gilt niemals in seinem Vaterlande. Und 
wie dankbar müssen wir sein, wie viele seiner Gebete sind erhört worden. 
Und wo solch ein Diener Gottes ist, da kriecht das Böse um ihn herum, ver- 
sucht ihm Schaden zu tun und ihn hinwegzuziehen. Wenn sie nur wüßten, 
was sie für Schaden anrichten — denn er lebt für seinen Herrscher und für 
Rußland und hört alle Beschimpfungen um unsertwillen an." 

Die Gewißheit, daß Rasputin von oben her mit besonderen Einsichten 
und Femblicken begnadet wird, die Sicherheit, mit der er ihr dauernd gegen- 
übertritt — nicht zuletzt, weil die gläubige Hingebung der Zarin seine eigene 
Zuversicht immer wieder festigt — , die unerschütterliche Überzeugung, daß 
seine Gebete Rußland Glück bringen werden, weil sie aus der Tiefe eines 

IG 



schlichten und großen Herzens emporsteigen, alles das belebt sie allmählich, 
macht sie fester, bringt sie zu dem Entschluß, den Zaren immer entschiedener 
im Sinne einer starken und autoritären Politik zu beeinflussen. Sie kleidet 
das am liebsten in die Form behutsamer Anregungen oder flüchtiger Fragen, 
entschließt sich nur im äußersten Notfall, bestimmte Vorschläge vorzubrin- 
gen, springt leicht vom Thema ab, weil sie fühlt, daß der Zar empfindlich 
werden könnte, daß er ihre Empfehlimgen und Bitten als unberechtigte Ein- 
mischungen in Geschäfte betrachten könnte, die er allein zu regeln hat. Um 
seinem Mißtrauen zuvorzukommen, schreibt sie wohl am Schluß eines langen 
Briefes, er werde sie nun wohl für eine kleine Gans halten, die den Mund nicht 
halten könne, oder er werde nun denken, sie sei doch ganz die Schwester 
Ellas, der Großfürstin Sergius, die ihn so gern mit politischen und namenthch 
kirchenpolitischen Entwürfen quält. Aber dann weist sie auf die Gründe hin, 
die sie zu ihren Anregungen veranlassen, spricht von Rasputin, der dasselbe 
denkt wie sie oder vielleicht sogar ihren Gedanken inspiriert hat, kommt mit 
fliegender Feder auf die unkontroüierbaren Einflüsse schlechter und selbst- 
süchtiger Menschen zu sprechen, die sich im Hauptquartier an den Zaren an- 
drängen und denen er nur zu leicht Gehör schenkt, weil er immer nur an 
andere denkt und nie an sich selbst; und damit entwaffnet sie den Zaren, 
der sich in steigendem Maße daran gewöhnt, auf Rasputin zu hören und hie und 
da sogar durch den Draht mit ihm zu korrespondieren; seine Stirn, die sich 
vielleicht bei der einen oder anderen Empfehlung zuerst gerunzelt hat, glättet 
sich, er hört immer mehr auf ihre Worte, und so bildet sich mit der Zeit tat- 
sächlich jene Lage heraus, die den Führern der Dumaopposition, den Blättern 
der Oktobristen und Kadetten Anlaß oder Vorwand geboten hat, verschleiert, 
aber doch erkennbar gegen sie den Vorwurf zu erheben, daß sie sich Funktio- 
nen aneigne, die ihr nicht zuständen. Natürlich ist das rein formal gesehen; 
verständlich ist es trotzdem. Und wenn noch kürzlich alte Diener des Zaren- 
hauses den Versuch gemacht haben, die politische Ingerenz der Zarin mit 
einer Handbewegung als Legende abzutun, so beweisen die Briefe, die in 
diesem Bande zum erstenmal ans Licht treten, das strikte Gegenteil. Freilich 
ist von dieser Feststellung zu einer Anerkennung der Folgerung, die aus dem 
Vorwurf gezogen worden ist, ein sehr weiter Schritt. Denn wenn die Zarin 
den Eindruck gewann, daß der Zar von seiner Umgebung falsch informiert 
wurde, wenn die Adjutanten und Minister versagten, so ist es verständlich, 
daß sie es nicht nur für ihr Recht, sondern auch für ihre Pflicht halten mußte, 
den Zaren besser zu informieren. Und wenn sie mit ihren Informationen 
Empfehlungen und hier und da wohl sogar sehr dringliche Empfehlungen 
verbunden hat, wenn sie in sehr seltenen Fällen von Tsarskoje Selo aus Rege- 
lungen getroffen hat, die sie erst nachträglich durch den Zaren sanktionieren 
ließ, weil sie seiner Zustimmung von vornherein sicher sein zu können glaubte, 
so liegt doch die größere Schuld an der Herausbildung dieser Zustände an 

II 



den Ratgebern des Zaren und schließlich auch am Zaren selbst, weil er nicht 
einmal seiner eigenen Frau absolutes Vertrauen in die Festigkeit seiner Per- 
sönHchkeit, die Richtigkeit seiner Entschlüsse einzuflößen wußte. Gewiß, 
formal hat die Zarin durch ihre Teilnahme an den politischen Geschäften des 
Zaren gefehlt; aber menschlich gesehen ist ihr die Absolution gewiß. Wenn 
man an die Richtigkeit seiner Informationen glaubt, wenn man überzeugt ist, 
daß die Folgerungen, die man an sie knüpft, von höheren Kräften inspiriert 
sind, so ist es nicht nur eine menschliche, sondern auch eine religiöse Pflicht, 
diese Folgerungen mitzuteilen. Am Lenker des Staates ist es, sie zu prüfen 
und sie nötigenfalls nach Beratung mit den verfassungsmäßigen Instanzen zu 
verwerfen. Wenn der Zar und seine Ratgeber in dieser Richtung versagt 
haben, so ist es ihre Schuld, und die Verantwortung für die Folgen lastet auf 
ihrer Schulter. 

Was nun die Anregungen und Wünsche der Zarin an sich anlangt, so ist 
leider festzustellen, daß sie sich ihrer eigenartigen Entstehung entsprechend 
fast gradlinig im Sinne einer straff reaktionären Politik bewegt haben. Ihr 
Ausgangspunkt ist die Vorstellung, daß der Zar von Gott direkt die Leitung 
des russischen Reiches anvertraut erhalten habe und daß er ihm allein Rechen- 
schaft schuldig sei. Dementsprechend ist eine Heranziehung der Duma im 
breiteren Maßstabe genau so gut wie die Übergabe des Oberbefehls an den 
Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, die zu Anfang des Krieges erfolgte, 
eine Sünde. Duma wie Generalissimus haben stets im Auge zu behalten, 
daß der Zar als Herrscher von Gottes Gnaden allein zu verfügen und allein 
die Richtung der Politik zu bestimmen hat. Nimmt sich die Duma oder der 
Generalissimus heraus, in seine Anordnungen hineinzureden, so ist das ein 
Verbrechen, um so mehr, als das russische Volk über die Stellung des Herr- 
schers, seine Kraft, seine höhere Einsicht genau so denkt wie die Zarin. Aller- 
dings ist nicht von der Hand zu weisen, daß auch die i8o Millionen russi- 
scher Untertanen das Recht haben müssen, ihrer Stimme Gehör zu ver- 
schaffen. Sie hat sich aber weder durch die Duma noch durch den Gene- 
ralissimus zu äußern, sondern allein durch Rasputin. Wünscht er es, so ist 
die Zarin bereit, von ihrer ursprünglichen Abneigung gegen eine Ein- 
berufung der Duma abzugehen ; ihre Idiosynkrasie gegen das Parlament kon- 
zentriert sich von da ab auf die autonomen Kriegsorganisationen, die sich Mitte 
1915 bilden, das Oberkriegsindustriekomitee in Petersburg, den Semstwo- und 
Städteverband in Moskau und das ,, Besondere Komitee beim Kriegsmini- 
sterium", das den Verkehr der beiden Körperschaften mit der Regierung ver- 
mitteln soll. Im übrigen jedoch verstärkt sich ihreNeigung, demZaren die äußer- 
ste Energie zu predigen, und so lassen sich Dutzende von Briefstellen anführen 
die den Zaren veranlassen mußten, sein Ohr den verfassungsmäßig geäußerten 
Wünschen des Landes zu verschließen. So schreibt die Zarin im April 1915, 
als die Feldherrnkunst Nikolai Nikolajewitschs der überlegenen Strategie 

12 



Ludendorffs gegenüber zu verblassen beginnt: , .Manchmal können eine starke, 
laute Stimme und ein strenger Blick Wunder tun — sei mir zu Liebe mehr 
entschieden und selbstbewußt — , Du weißt ganz genau, was richtig ist, und 
wenn Du anderer Ansicht und im Recht bist, bringe Deine Meinung an die 
Front und drücke sie gegen die andern durch. Dein Wesen bezaubert jeden, 
aber ich wünschte, Du packtest sie durch Deinen Scharfsinn und Deine Er- 
fahrung . . . Demut ist Gottes größte Gabe — aber ein Souverän muß seinen 
Willen öfter zeigen." Einen Monat später mahnt sie: , .Gedenke, daß Du 
der Kaiser bist, und daß andere nicht soviel in die Hand nehmen dürfen." 
,,Wenn Du doch nur streng sein könntest, mein Lieb", klagt sie wieder einen 
Monat später, ,,es ist so notwendig, sie müssen Deine Stimme hören und 
den Unwillen in Deinen Augen sehen; sie sind zu sehr an Deine freundliche, 
verzeihende Güte gewöhnt... Sie müssen lernen, vor Dir zu zittern." Ende 
August 1915 heißt es in einem ihrer Briefe: ,,Es ist alles viel tiefer, als es 
dem Auge erscheint — wir haben gelernt, alles von der andern Seite anzu- 
sehen, zu sehen, was dieser Kampf wirklich ist und bedeutet — Du mußt 
Dein Herrentum zeigen. Dich selbst als der Autokrat erweisen, ohne das 
kann Rußland nicht bestehen — fest zu sein ist die einzige Rettung — ich 
weiß, was es Dich kostet, und habe schrecklich für Dich gelitten und leide 
noch immer, vergib mir." Immer wieder unterstreicht sie: ,,Du bist der Herr 
und Meister in Rußland und Gott der Allmächtige hat Dich eingesetzt, und 
die Anderen haben sich vor Deiner Weisheit und Festigkeit zu beugen, genug 
der Freundlichkeit, deren sie nicht würdig waren und die sie nur dahin aus- 
legten, daß sie Dich um den Finger wickeln können. Sie sind nichts, und 
Du bist alles, von Gott gesalbt." ,,Sei Peter der Große, Iwan der Schreck- 
liche, Kaiser Paul", schreibt sie noch ganz zuletzt, ,, zermalme sie alle unter 
Dir — nun lachst Du, Du Unartiger — aber ich sehne mich, zu sehen, daß 
Du so mit all denen umgehst, die Dich zu regieren versuchen — und das 
Gegenteil muß sein." 

Von diesem Wunsch ausgehend, kommt sie unaufhörhch auf die Not- 
wendigkeit zusprechen, den Großfürsten Nikolai zu entlassen und selbst den 
Oberbefehl zu übernehmen. In den Krisentagen des Sommers 1915 sucht sie 
den Zaren von Zugeständnissen an die parlamentarische Opposition zurück- 
zuhalten. Im Einverständnis mit Rasputin, den sie immer wieder als Kron- 
zeugen für die Richtigkeit ihrer Stellungnahme anführt, sucht sie die Er- 
setzung des streng reaktionären Oberprokurators beim Heiligen Synod, Sabler, 
und seine Ersetzung durch den liberalisierenden Moskauer Adelsmarschall 
Samarin zu hintertreiben. Als Samarin trotzdem ernannt wird, ruht sie nicht 
eher, als bis sein Rücktritt beschlossen wird imd nach einem kurzen Inter- 
regnum des Senators Wolzin erneut ein Vertrauensmann Rasputins, der bis- 
herige Inspektor des Volksschulwesens Professor Rajew an seine Stelle tritt. 
Gegen die Ernennung des Reichsrats und Senators Alexander Nikolajewitsch 

13 



Chwostow zum Minister des Innern macht sie Bedenken geltend, bis sie von 
Rasputin hört, daß er doch für den Posten in Betracht käme: ,,Nim, wo Gri- 
gori Chwostow empfiehlt, fühle ich, daß er der richtige Mann ist, und deshalb 
will ich ihn auch sehen." Die Absetzung des Kriegsministers General Suchom- 
linow und seine Ablösung durch den mit den Oktobristen und Kadetten be- 
freundeten General der Infanterie Alexis Andrej ewitsch Poliwanow stellt sie 
immer wieder als bedenklich hin ; als die Ernennung trotzdem vollzogen wird, 
läßt sie keine Gelegenheit vorübergehen, um Poliwanow der Unfähigkeit und 
der Verräterei anzuklagen, während sie bis zuletzt für eine Haftentlassung 
SuchomHnows eintritt. Die Kandidatur des Reichsratsmitglieds Boris Was- 
silj ewitsch Stürmer als Nachfolger des greisen Ministerpräsidenten Goremykin 
befürwortet sie aufs wärmste, obwohl er nichts für sich anzuführen hat als 
seine Bereitwilligkeit, ein Regime der straffsten Reaktion beginnen zu lassen. 
Und als er dann Ende 1916 gehen muß, weil er sich als absolut unfähig erwiesen 
hat, die infolge der ständigen Niederlagen immer schwieriger werdende innere 
Lage des Reiches zu bessern, da schreibt sie dem Zaren nervös, seine Entlassung 
habe ihr einen schmerzlichen Schlag versetzt. Gegen den neuen Minister- 
präsidenten Trepow legt sie von vornherein das stärkste Mißtrauen an den 
Tag, weil er liberale Tendenzen zeigt. ,, Trepow liebe ich nicht und kann für 
ihn niemals dasselbe empfinden wie für den alten Goremykin oder Stürmer, 
die von der guten alten Art waren", schreibt sie dem Zaren am 10. November 
1916, — ,,die beiden liebten mich und kamen in jeder Frage, die sie bedrückte, 
zu mir, um Dich nicht zu stören. Trepow wird sich kaum um mich kümmern, 
und wenn er es tut, so traut er weder mir noch unserm Freunde, die Dinge 
werden schwierig werden. Ich bat Stürmer, ihm zu sagen, wie er sich gegen 
Grigori zu verhalten hat, um ihn immer zu beschützen." Einen Monat später 
sagt sie über Trepow, von dem sie inzwischen geschrieben hat, daß ihm 
der Zar weder Vertrauen noch Achtung schenken könne: ,,Was Du auch 
immer sagst, Trepow benimmt sich jetzt wie ein Verräter und ist falsch wie 
eine Katze — traue ihm nicht, er kocht alles mit Rodzianko zusammen, das 
ist nur zu bekannt." 

Bei den verschiedenen Veränderungen, die 1915 und 1916 in der Besetzung 
des Innenministeriums vorgenommen werden, hat die Zarin ihre Hand regel- 
mäßig im Spiel. So geht beispielsweise die Ernennung des Senators Proto- 
popow zum Innenminister, die auf die Duma vernichtend gewirkt und die 
letzten Monate der Regierung Nikolais IL fast noch schwerer belastet hat als 
die Ernennung Stürmers zum Ministerpräsidenten, auf eine direkte Anregung 
zurück, die die Zarin am 7. September 1916 dem Zaren in der Form über- 
mittelt hat: ,, Grigori bittet Dich ernstlich, Protopopow zum Innenminister 
zu ernennen." Sie selbst empfiehlt ihn gleichfalls, und als Begründung für 
ihre Empfehlung fügt sie hinzu: ,,Er liebt unseren Freund seit mindestens 
4 Jahren, und das spricht viel für einen Mann... Ich kenne ihn nicht, aber 

14 



ich vertraue auf unseres Freundes Weisheit und Führung." Als eine Woche 
später Protopopow ernannt wird, schreibt sie dem Zaren: „Gott segne Deine 
neue Wahl mit Protopopow — unser Freund meint, Du hättest mit seiner 
Ernennung sehr klug gehandelt." Nichtsdestoweniger war Protopopow 
ein völUg unfähiger Streber, der in den ersten Stadien der Paralyse stand 
und den ganzen Krieg nur als eine einzigartige Gelegenheit auffaßte, um 
Ministerpräsident zu werden und vielleicht sogar Graf; an Rasputin hatte 
er sich ohne jede innere Überzeugung durch Vermittlung des Wunderarztes 
Badmajew herangedrängt, der ihn längere Zeit in seinem ,, Sanatorium" be- 
handelt hatte. 

Die genannten Fälle bilden natürlich nur einen verschwindend kleinen 
Bruchteil der Empfehlungen oder Kritiken persönlicher Natur, die die Zarin 
in ihre Briefe eingestreut hat. Es erübrigt sich, bei diesem Punkt zu verweilen ; 
sicher ist jedenfalls, daß der General Komarow-Kurlow irrt, wenn er sich in 
seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen dafür einsetzt, daß die Zarin mit 
Personalfragen niemals etwas zu tun gehabt habe. Die historische Wahrheit 
fordert leider die Feststellung, daß das Gegenteil richtig ist, und leider erfordert 
sie auch noch die weitere Feststellung, daß die Zarin in ihrer Personalpolitik 
nur selten von sachlichen Gesichtspunkten ausgegangen ist. Wenn sie eine 
Persönlichkeit empfahl oder anzweifelte, so genügte ihr gewöhnlich die Frage 
nach der Stellung, die sie zu Rasputin einnahm, um ihre eigne Einstellung zu 
regeln. Der Vermerk ,,likes our friend^' reichte in ihren Augen hin, um einen 
Staatsmann oder einen General für die höchsten Posten geeignet zu halten; 
der Vermerk: ,,hates our friend" war gleichbedeutend mit der Absprechung 
jeder Eignung. Psychologisch ist das nur so zu verstehen, daß sie sich immer 
mehr daran gewöhnt hatte, die Welt allein unter dem Gesichtswinkel des 
Staretz zu betrachten. Wer für Rasputin war, war ein guter Mensch, ein 
treuer Diener des Zaren und ein gehorsamer Verehrer seiner gottgewollten 
Autokratenstellung; wer gegen Rasputin war, war ein schlechter Mensch, ein 
Atheist und Revolutionär, der nur auf den Moment lauerte, wo er dem Zaren- 
tum den Todesstoß versetzte. Daß diese Einseitigkeit auf die Dauer ver- 
hängnisvolle Folgen zeitigen mußte, liegt auf der Hand. 

Auf der andern Seite ist freilich anzuerkennen, daß ihre Fingerzeige überall 
dort das Richtige trafen, wo es galt, die Sorgen und Nöte des einfachen Volkes 
zu vertreten; und wenn man wünschte, daß sie in Personalfragen zurückhal- 
tender gewesen wäre, so kann man in diesem Pimkt nur zugeben, daß die 
Zarin auf Grund ihrer Verbundenheit mit Rasputin sehr viel Gutes getan hat, 
denn Rasputin war tatsächlich die Stimme der russischen Erde, so weit es sich 
darum handelte, den Bedürfnissen der breitesten Schichten in Stadt und Land 
Gehör zu verschaffen. Auf Rasputins Rat hat die Zarin 1915 vor der sofortigen 
Einberufung des unausgebildeten Landsturms gewarnt, und diese Warnung 
hat dazu beigetragen, der schweren Krise, die infolge der Durchbruchsschlacht 

15 



von Gorlice-Tarnow und der damit verbundenen Räumung von Galizien und 
Polen eintrat, ihre größte Schärfe zu nehmen. Auf Rasputins Rat hat die 
Zarin damals femer die großen Bittgottesdienste angeregt, die dem russischen 
Volke wohltätiger gewesen sind als die Ablenkungspogrome, die einzelne 
findige Gouverneure inszenieren wollten. Was Rasputin der Zarin über 
die Lage in den Fabriken berichtet hat, was er ihr über die Stimmung im 
Heere zugetragen hat, ist dem Zaren zweifellos von Wert gewesen. Was 
er ihr über die Notwendigkeit berichtet hat, die Lebensmittelversorgung 
der Großstädte in die Hand zu nehmen, was er ihr gegen die Erhöhung 
der Fahrpreise in den Petersburger Vorortzügen gesagt hat und was 
die Zarin dementsprechend an den Zaren weitergegeben hat, hat Hand und 
Fuß gehabt, und auch militärisch sind Rasputins Ratschläge nützUch gewesen, 
obwohl sie im Grunde genommen banal waren, sprachen sie doch das aus, 
was der Mann in der Straße sagte und was aus dem Schwärm der Hofschranzen 
und Adjutanten niemand dem Zaren zu sagen wagte, weil es nicht immer 
angenehm zu hören war. So hat Rasputin beispielsweise vor der großen gali- 
zischen Offensive im Frühjahr 1915 gewarnt, weil es noch zu früh wäre und 
weil man doch wieder zurückgehen müsse, was dann einen schlechten Eindruck 
machen werde; ein Jahr später hat er von der Einleitung der großen Brussilow- 
Offensive abgeraten, und als sie trotzdem stattfand, ist er für ihre rechtzeitige 
Einstellung eingetreten, denn man könne geduldig sein ohne die Dinge zu 
forcieren, weil der Endsieg doch Rußland gehöre. ,, Unser Freund ist ganz 
außer sich", schreibt die Zarin am 24. September 1916 an den Zaren, ,,daß 
Brussilow nicht auf Deinen Befehl gehört hat, den Vormarsch einzustellen. 
Er sagt. Du hättest vom Himmel die Weisung erhalten, die Karpathen 
noch vor Eintritt des Winters überschreiten zu lassen, Gott würde es segnen 
— und nun wieder diese nutzlosen Verluste." Die Erfolglosigkeit der 
Brussilow-Offensive ist dann bekanntUch einer der Hauptgründe des rus- 
sischen Zusammenbruchs geworden. 

Aber gerade darum, weil sich Richtiges und Überspanntes in Rasputins 
Ratschlägen unlösbar verflocht, gerade darum, weil gewisse Ereignisse dem 
Staretz recht zu geben schienen, gerade darum hat die Zarin nie auch nur im 
Traume daran gedacht, ihr Verhältnis zu Rasputin zu lösen. Statt dessen hat 
sie alles getan, um ihn zu schützen und zu heben, sie hat sich in jeder Be- 
ziehung mit ihm identifiziert, und so hat sie immer entschiedener den Haß 
der Großfürsten auf sich geladen, die in Rasputin nichts anderes sahen als 
einen Schwindler, der die Autorität des Zaren für seine selbstsüchtigen Zwecke 
nutzbar macht. Die Zarin hat das gefühlt und festgestellt, und so zieht sich 
durch ihre Briefe wie ein roter Faden der Versuch, den Zaren gegen seine 
Verwandten einzunehmen. Die Absetzung des Großfürsten Nikolai Nikolaje- 
witsch ist ihr Werk. Solange er glücklich operiert, weiß sie ihre Abneigung 
zu dämpfen, um den Zaren nicht zu beunruhigen. Sobald aber die Nacken- 

16 




Der Zar mit seinen Kindern auf dem Dach des Hauses in Jekaterinburg. 



schlage chronisch werden, sobald sie fühlt, daß der Zar von seinem Oheim 
abrückt, tritt sie mit ihrer Stellungnahme hervor. Mit Andeutungen über 
die falsche Stellung Nikolaschas, seine Versuche, die Minister an die Wand 
zu drücken, seine Rechthaberei, die nicht davor zurückscheut, Kundgebungen 
und Befehle in einem Tone zu erlassen, der nur dem Zaren selber zusteht, 
mit Anspielungen auf den Schaden, den er der Autorität des Zaren zufügt, 
fängt es an. Und als sich dann das Kriegsglück immer entschiedener den 
Deutschen zuwendet, als die Dampfwalze Nikolaschas zerbricht und seine 
Heere immer weiter zurückfluten, als die polnische Festungskette aufgerollt 
wird und Galizien verloren geht, da läßt sie dem Zaren keinen Zweifel mehr 
darüber, daß alle diese Schicksalsschläge nicht anderes seien als die Strafe 
Gottes für seine Überhebung. Weshalb hat er nicht auf Grigori gehört, der 
nach den ersten Mißerfolgen jede Offensive in breiterem Ausmaß für verfrüht 
erklärte? Weshalb hat er sich nicht auf die rein militärische Rolle beschränkt, 
die French und Joffre spielen? Weshalb hat er Dinge auf sich genommen, 
die nur der gesalbte Selbstherrscher aller Reußen vollbringen kann, weil er 
allein durch Rasputins Hilfe die rechte Erleuchtung von oben erhält? Und 
als sich dann im Spätsommer 1915 der Zar entschließt, Nikolascha fallen zu 
lassen, als er ihn zum Vizekönig des Kaukasus ernennt und mit der Leitung 
der Operationen gegen die Türken betraut, da kennt sie nur noch einen Wunsch : 
daß ihm Gott im Kaukasus Erfolge versagen möge. Seine langsame Abreise 
nach dem asiatischen Kriegsschauplatz erregt ihr Mißtrauen; wiederholt 
macht sie den Zaren darauf aufmerksam. Als er dann endlich in Tifiis an- 
langt und seine mit ihm versetzten vertrautesten Mitarbeiter — den General 
von Drenteln, den General Dschunkowsky, den früheren Chef des kaiserlichen 
Militärkabinetts Fürst Wladimir Nikolaje witsch Orlow — um sich sammelt, 
da kommt sie immer wieder auf die Gefahren zu sprechen, die sie aus dieser 
Ecke für den Zaren erwartet. Steht es jetzt nicht fest, daß Nikolascha als 
Generalissimus sämtlicher russischer Heere den Plan verfolgt hat, wenn 
sich der Sieg an seine Fahnen heften sollte, den Zaren vom Throne zu 
stoßen, um sich selbst als Nikolai III. an seine Stelle zu setzen? Steht 
es jetzt nicht fest, daß er sie selbst in ein Kloster einsperren wollte, daß 
er alle Vorbereitungen getroffen hatte, um Rasputin umzubringen? Bis 
zuletzt sucht sie im Zaren absolutes Mißtrauen gegen Nikolascha wach- 
zuhalten. Wie weit dabei im Unterbewußtsein die Erkenntnis mitspricht, 
daß Nikolai Nikolajewitsch der einzige Großfürst ist, der die gewaltige 
Energie des ,, Eisernen Zaren" geerbt hatte, wie weit ihr Groll geheime 
Verzweiflung darüber ist, daß der Zar von der Autokratennatur seines 
Gegenspielers nur so wenig besaß, alles das steht dahin. Sicher ist 
jedenfalls, daß die Zarin in ihm bis zuletzt den großen Reichsverderber 
gesehen hat, dessen Absetzung eine Ruhmestat des Zaren gewesen ist, einen 
Verschwörer und Hochverräter, der am besten im Sommer 1915 an die 

2 Die letzte Zarin. I7 



Wand gestellt worden wäre, und dementsprechend hat sie auch den Zaren 
immer wieder zu beeinflussen gesucht. 

Mit ähnlicher Erregung hat die Zarin auf Nikolaschas Frau und Schwä- 
gerin hingewiesen, die Großfürstin Stana und die Großfürstin Militza Nikola- 
jewna, deren verhängnisvolle Rolle als Kriegstreiberinnen noch in diesen 
Tagen durch die Aufzeichnungen des französischen Botschafters Paleologue 
mit greller Deutlichkeit gekennzeichnet worden ist. Als Töchter des ehrgeizigen 
Königs Nikita von Montenegro, der von einer kriegerischen Auseinander- 
setzung der Großmächte eine Steigerung seiner eigenen Stellung erwartete, 
sind beide erbitterte Gegnerinnen Rasputins gewesen, der immer für die Er- 
haltung des Friedens eingetreten ist. Aus diesem Grunde hat sie den beiden 
Großfürstinnen schon vor dem Kriege nicht über den Weg getraut. Beweis 
der erste Brief dieses Bandes, der im Frühjahr 1914 geschrieben ist und trotz- 
dem bereits genau so bitter über die ,, schwarzen Weiber" spricht wie spätere 
Auslassungen der Zarin. 

Ein weiterer Gegner der Zarin, vor dem sie den Zaren wieder und iweder 
zu warnen sucht, ist der als Historiker bekannt gewordene Großfürst Nikolai 
Michailowitsch, wie Nikolascha ein Oheim des Zaren. „Er hat mich immer 
gehaßt und seit zweiundzwanzig Jahren schlecht über mich gesprochen, auch 
im Klub", schreibt sie über ihn, ,,er ist die Verkörperung von allem, was 
schlecht ist, wer uns ergeben ist, ekelt sich vor ihm, selbst diejenigen, die 
uns nicht sehr lieben, sind von ihm und seinem Gerede angewidert. Er und 
Nikolascha sind meine größten Feinde in der Familie, abgesehen von den 
schwarzen Weibern — und Sergei." Dieser Sergei ist der jüngste Bruder 
Nikolai Michailowitschs, der die Zarin nicht nur durch seine skandalösen Be- 
ziehungen zu der Tänzerin Krschezinska, sondern auch durch seine scharfe 
Zunge und durch sein taktloses Benehmen vor Fremden verletzt. 

Vor dem eigentlichen Haupt der Großfürstenfronde, der Zarinmutter 
Maria Feodorowna, macht die Zarin mit ihren Kritiken halt. Sie kennt die 
tiefe Verehrung, die Nicky seiner Mutter entgegenbringt, und darum kommt 
sie auch nur gelegentlich auf ,,motherdear" zu sprechen. Immerhin merkt 
man, daß sie gegen ihre Schwiegermutter Reserven hat, daß sie ihren Einfluß 
auf den Zaren fürchtet, daß sie ihre Tees im Elaginpalais für verderblich hält. 
Sie nimmt niemals daran teil, und wenn sie fühlt, daß die alte Kaiserin auf 
ihren Sohn einen Druck ausübt, so läßt sie in ihren nächsten Brief ein Wort 
des Bedauerns darüber einfließen, daß ,,die arme Mama" den Einflüsterungen 
ihrer Umgebung nicht die nötige Energie entgegensetze. Deutlicher wird sie 
nur, wenn sie hört, daß sie den Zaren gegen Rasputin einzunehmen versucht. 
,,Du mußt ihr ziemlich scharf zu verstehen geben", bittet sie da, ,,wie peinlich 
Du davon berührt bist, daß sie auf den Klatsch hört und ihn nicht unter- 
drückt, denn es stiftet Unheil und andere wären, dessen bin ich sicher, ent- 
zückt, wenn sie sie gegen mich aufbringen könnten." Der Angelpunkt ihres 

18 



Gegensatzes zu der alten Zarin ist mit diesen Worten klar umschrieben, wie 
denn überhaupt ihre Erregung gegen die kaiserhche FamiHe zutiefst auf ihre 
Einstellung zu Rasputin auf der einen Seite imd zu seinen Gegnern — imd 
das heißt mit andern Worten zu der Duma auf der anderen Seite zurückzu- 
führen ist. All diese Fürstlichkeiten sind seine Gegner; und wenn sie sich 
auch nicht durchweg so heftig und so deutlich gegen ihn aussprechen wie 
Nikolai Michailowitsch, der Ende 1916 ein ausführliches Protestschreiben 
gegen Rasputin an den Zaren richtet, so fühlt sie doch, daß keiner von ihnen 
das zwischen ihr und dem Staretz bestehende Verhältnis billigt. Und da jeder 
der Großfürsten eine ausgedehnte Klientel besitzt, so vergrößert sich der Kreis 
ihrer Gegner ins Unabsehbare; sie selber weiß, daß aus Nikolaschas Um- 
gebung die Generale Dschimkowsky, Drenteln, Orlow, Januschkiewitsch, 
Gadon gegen sie frondieren, ganz zu schweigen von dem Bischof Hermogen, 
den Nikolascha als Generalissimus aus seiner von Rasputin veranlaßten Ver- 
bannung in ein litauisches Kloster befreit und nach Wilna gebracht hat; aus 
der Umgebung der Zarinmutter hat sie mit ihrem Oberhofmeister Fürst 
Scherwaschidze zu rechnen, aus der Umgebung der anderen Mitglieder des 
Zarenhauses mit einem ganzen Schwärm von Adjutanten, Kammerherren, 
Hofdamen, und darüber hinaus mit den Oppositionsparteien der Dmna, die 
von den Großfürsten mit Material über Rasputin versorgt werden. Bei 
Nikolai Michailowitsch greift sie diesen Zusammenhang mit Händen, denn 
er ist beständig mit dem Dumapräsidenten Rodzianko zusammen; von der 
Großfürstin Militza weiß sie, daß sie mit dem Herausgeber der nationali- 
stischen ,,Nowoje Wremja" in Briefwechsel steht und seine Angriffe gegen 
Rasputin inspiriert. 

Weil sie trotzdem an ihm festhält — ihn fallen zu lassen würde ihr wie 
ein Verrat an Gott erscheinen — steht sie an ihrem eigenen Hofe fast allein. 
Erschreckend ist, wenn man sich der vielköpfigen Gruppe ihrer Gegner gegen- 
über nach den Menschen umsieht, die ihr persönlich befreundet sind. Es 
sind das ganz wenige, poHtisch fast bedeutungslose Menschen, und auch diese 
halten nicht vollständig durch. Wirklich enge Beziehungen unterhält die 
Zarin eigentlich nur zu einer Frau, und das ist eine junge, verwöhnte Aristo- 
kratin, die nach schweren ehelichen Enttäuschungen der Mystik in die Arme 
geflüchtet ist, Ania Alexandrowna Wyrubowa, eine Tochter des Oberhof- 
meisters und Staatssekretärs Alexander Sergejewitsch Tanejew, der dem Zaren 
als Chef des kaiserhchen Zivilkabinetts seit zwanzig Jahren nahesteht. Sie 
ist nicht schön, sehr stark, zu Zeiten leidend, und dann tyrannisiert sie die 
Zarin als wäre sie irgendeine Freundin, die auf sie angewiesen ist; zu Zeiten 
macht sie ihr sogar Szenen, und ihre nahen Beziehungen zimi Zaren erregen 
mehr als einmal die Eifersucht der Zarin. Und doch kommt es zwischen ihnen 
niemals zum Bruch, denn Ania Alexandrowna besitzt eine Eigenschaft, die 
sie der Zarin imentbehrhch macht, und das ist ihre enge Freundschaft mit 

2* 19 



Rasputin. In ihrer bescheidenen kleinen Villa in Tsarskoje Selo, an der Ecke 
der Sredniaja und der Tserkownaja, zweihvindert Meter vom Alexanderpalais 
gelegen, in dem die Zarin residiert, geht der Gottesmann ein und aus; hier 
kann ihn die Zarin treffen, denn solange der Zar im Felde ist, empfängt sie 
ihn nicht im Palais, um jedem Gerede die Spitze abzubrechen; hier trinkt sie 
nachmittags mit Rasputin Tee, hier führt sie mit ihm mystische Gespräche, hier 
spricht sie mit ihm über die Tagespolitik, hier eröffnet ihr der Staretz seine 
Visionen und seine Vorschläge, hier sieht sie seine Frau und seine Töchter. 
Und wenn sie ihn dringend sprechen will und er ist nicht zur Stelle, wenn sie 
ihn anweisen will, mit Goremykin zu konferieren oder mit Stürmer oder Proto- 
popow, so ist Ania jederzeit bereit, ihn telephonisch anzurufen oder nach 
Petersburg hineinzufahren, um ihm eine mündliche Botschaft zu überbringen. 
Das macht das Verhältnis der beiden Damen unverbrüchlich, und wenn im 
ersten Briefe ein Zerwürfnis angedeutet wird, das zwischen ihnen stattgefun- 
den hat, wenn es Anfang 1915 in einem Brief der Zarin heißt, daß sie Ania 
durch ihr Verhalten im letzten Jahre zu schwer enttäuscht habe, als daß das 
alte Verhältnis je wieder hergestellt werden könne, so spielt Ania trotzdem 
im letzten Briefe genau dieselbe Rolle wie im ersten, und dem Leser bleibt 
nur die Feststellung, daß diese launische und geistig nicht sehr hervorragende 
junge Frau, die ihr enges Vertrauensverhältnis zu der Zarin niemals zur 
Extrahierung irgendeiner Auszeichnung oder einer realeren Gunstbezeigung 
ausnutzt, am Zarenhofe einzig dasteht. 

Mit ihr ist der engste Kreis der Zarin eigentlich schon erschöpft. Niemand 
hat ihr näher gestanden als sie, nicht einmal ihre Töchter. Wohl erwähnt 
sie sie immer wieder mit zärtlichster Liebe, mit Stolz und Vertrauen in ihre 
Fähigkeiten; aber eine geistige Kommunion zwischen ihr und den vier Groß- 
fürstinnen, eine gegenseitige Ergänzung und Befruchtung findet nicht statt. 
Die Zarin liest ihnen vor oder läßt sich von ihnen vorlesen, während sie selbst 
eine Handarbeit macht; sie zeigt sich mit ihnen in Lazaretten und Wohl- 
tätigkeitskomitees; sie sorgt für ihre Gesundheit, sorgt für ihr persönliches 
Wohl, und rührend ist die Eindringlichkeit, mit der sie Olga vor dem Schick- 
sal bewahrt, mit dem abgelebten Großfürsten Boris — einem Sohne des 
Großfürsten Wladimir — zusammengekettet zu werden. Aber seelisch stehen 
ihr die Töchter nicht nahe, finden sie doch zu der ernsten Art der Mutter 
kein Verhältnis. ,,Die Kinder haben mit all ihrer Liebe doch ganz andere 
Ideen", schreibt sie darüber an den Zaren, ,,und verstehen nur selten die Art, 
in der ich die Dinge ansehe — sie haben immer recht, und wenn ich ihnen er- 
zähle, wie ich erzogen wurde und wie man auftreten muß, so können sie das 
nicht verstehen, finden es dumm . . . Olga ist immer sehr unhebenswürdig, 
wenn ich ihr etwas sage, obwohl sie schließlich immer das tut, was ich wünsche, 
imd wenn ich streng bin, zieht sie mich auf . . . wir haben alle unsere Art vmd 
unsere Gedanken und ich fühle mich manchmal so merkwürdig und nieder- 

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geschlagen — Sorge zieht einen nieder und beständige Bangigkeit, seit der 
Krieg angefangen hat . . . Ich nehme mir die Dinge zu tief zu Herzen — ver- 
suche das zu meistern — denke aber, daß mir dieses Herz, das mein ganzes 
Sein ausfüllt, von Gott gegeben ist." Außer mit Ania ist die Zarin zuweilen 
mit Anias Schwester zusammen, Alexandra von Pistohlkors; zuweilen sieht 
sie auch Alexandras Schwiegermutter, die Gräfin Hohenf eisen, die in zweiter, 
morganatischer Ehe mit dem Großfürsten Paul, einem Oheim des Zaren 
verheiratet ist. Sie zeigt ihr aber nur wenig Entgegenkommen, da sie die 
bewegte Vergangenheit der schönen Frau nicht vergessen kann. Lieber ist 
ihr der Großfürst selbst, mit dem sie sich gern unterhält und der sich auch 
mit Rasputin zu befreunden sucht; immerhin stellt sich auch mit ihm ein 
vertraulicheres Verhältnis nicht ein, da die Zarin herausfühlt, daß der Groß- 
fürst ein Opfer bringt, um sie für eine Standeserhöhung seiner Gemahlin zu 
gewinnen. Von den Ministem steht ihr außer Goremykin eigenthch nur der 
Staatssekretär Schtscheglowitow, der frühere Innenminister Maklakow, der 
Oberprokurator des heiHgen Synods Sabler, der Handelsminister Fürst Scha- 
kowskoi, der Wirkhche Staatsrat Bjeletzky — Chef des Polizeidepartements 
im Ministerium des Innern, — der Innenminister Protopopow und der Ober- 
prokurator im vollziehenden Senat Hof Jägermeister Dobrowolsky nahe, von 
der Geisthchkeit der Bischof Isidor und der Bischof Melchisedek von Kron- 
stadt, von den Generaladjutanten ihres Gemahls der Palastkommandant 
General Wojeikow, und auch dieser enttäuscht sie dann; von den Flügeladju- 
tanten schätzt sie eigentlich nur den Kapitän Nikolai Pawlowitsch Sablin, 
der mit Ania und Rasputin eng befreundet ist. Sein Takt, seine Reli- 
giosität und seine Verehrung für den Zaren tragen ihm ihre dauernde Ge- 
wogenheit ein, und wenn sich der Zar im Hauptquartier befindet, so vergißt 
sie selten, ihm Grüße an ihn aufzutragen. Mit diesen wenigen Persönlich- 
keiten ist aber auch schon die Liste des engeren Kreises der Zarin erschöpft; 
der furchtbaren Phalanx ihrer Gegner und Todfeinde gegenüber bei der 
Schwäche des Zaren eine niederdrückende Tatsache, die zum Verständnis der 
folgenden Briefe beiträgt. 

Denn wie bereits angedeutet worden ist : der kleine Clan der ,,Rasputinitsy" 
ist im Lande fast ohne Anhang und fast ohne Einfluß; die Zugehörigkeit 
zu ihm genügt schon, um den Einzelnen zu stigmatisieren; und so hat die 
Partei der Großfürsten, so hat die Duma draußen im Lande freies Spiel, um 
nach dem Sturze Nikolaschas in langsamer, zäher Minierarbeit gegen die 
Zarin anzugehen. Sie selber spricht wiederholt davon, daß über sie geredet 
wird; in einem ihrer Briefe erzählt sie, daß ein Freund Anias zwei Herren 
geohrfeigt habe, weil sie sie in der Eisenbahn verleumdeten. Gelegentlich 
erwähnt sie auch, daß man sie draußen im Lande ,,die Deutsche" nenne. 
Den ganzen Umfang der gegen sie gerichteten Angriffe hat sie kaum gekannt. 
Daß ihr kleiner Kreis in den Läden und Klubs, in den Kaffeehäusern und 

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Kasernen als „Potsdamer Clique" bezeichnet wurde, daß man von einer 
Telephonleitung fabelte, die vom Alexanderpalais in Tsarskoje Selo direkt 
ins Berliner Schloß führe, daß man die wenigen Minister, die ihr Vertrauen 
genossen, beschuldigte, von Deutschland bestochen zu sein, daß man ihr zu- 
traut, sie wolle, wie einst Katharina II. ihren Gemahl ermorden lassen 
und an seiner Stelle für den Zarewitsch die Regentschaft übernehmen, 
daß man ihr weiterhin zutraute, mit Deutschland einen Sonderfrieden zu 
schheßen, der die Zerstückelung Rußlands guthieß, alles das hat sie kaimi 
gewußt, und von selbst konnte sie auch kaum auf den Gedanken kommen, 
daß ihr solche Pläne zugeschrieben wurden, denn tatsächlich hat sich ihr 
ganzes Denken in absolutem Gegensatz zu diesen Zielen bewegt. 

Die vorliegenden Briefe beweisen es. Gewiß sprechen sie hier und da von 
Deutschland in einem Tone, der alles andre als feindsehg ist. Im Herbst 1915 
findet sich geradezu das Wort: ,,Es ist doch kolossal, was die Deutschen zu 
tun haben, und man kann nur bewundem, wie gut und systematisch alles 
bei ihnen organisiert ist." Im Frühjahr 1916 spricht die Zarin mit Interesse 
von den Abenteuern der ,,Möwe"; wieder und wieder kommt sie auf die Be- 
handlung der Deutschen in Rußland zu sprechen, um eine Abstellung der 
eingerissenen Mißstände zu erreichen. Sie legt ein Wort für die Balten ein, 
die von den russischen Behörden verfolgt werden, sie interessiert sich für die 
nach Sibirien verschleppten Ostpreußen und geißelt die Engherzigkeit des 
Synods, als dieser Weihnachten 1914 den Verkauf von Christbäumen ver- 
bietet, weil die Sitte aus Deutschland stammt. Wiederholt interveniert sie 
in Gefangenenfragen; um das Los der deutschen Gefangenen in Rußland 
zu bessern, steht sie über die Königin von Schweden mit dem Prinzen Max 
von Baden in ständigem Briefwechsel. Als sie hört, daß der Prinz Joachim 
von Preußen in russische Hände gefallen sein soll, bittet sie, die deutsche 
Kaiserin wissen zu lassen, daß er gesund ist. Alles das ist aber doch nichts 
als tätige Humanität. Im Falle des Prinzen Joachim treibt sie das Erbarmen 
der einen Mutter für die andere, und bei der Fürsorge für die deutschen Ge- 
fangenen verfolgt sie nicht zuletzt den Zweck, durch Fürsorge für ihre früheren 
Landsleute das Los der russischen Gefangenen in Deutschland zu lindem. 
Irgendeine Unsicherheit in ihrer nationalen Orientierung ist nirgends zu spüren, 
sie fühlt durchaus als Russin, und wenn sie auch die Liebe zu ihrer 
hessischen Heimat nicht ganz unterdrückt, wenn sie auch gelegentlich mit Trauer 
von den schweren Verlusten spricht, die ihre ,, kleine alte Heimat" erleidet, 
so äußert sie doch nirgends auch nur andeutungsweise z. B. den Wunsch, 
hessischen Offizieren oder Soldaten eine Sonderbehandlung zuteil werden zu 
lassen. Das Kapitel Deutschland ist für sie abgeschlossen: sie sieht es fast 
mit den Augen der „Nowoje Wremja", hält es für ein rettungslos verpreußtes 
und materiaUsiertes Land, das durch den Kaiser und seine russenfeindhche 
Umgebung zugrunde gerichtet wird. Freilich stellt sie sich wohl nationali- 

22 



stischer als sie ist, wenn sie dem Zaren gelegentlich als Gnind für die Für- 
sorge, die sie den deutschen Kriegsgefangenen zuteil werden läßt, die Worte 
schreibt: ,,Nach dem Krieg muß man von unserer Behandlung gut sprechen, 
wir müssen zeigen, daß wir höher stehen als sie mit ihrer , Kultur*." 

Oder doch nicht? Glaubt sie tatsächhch, daß Rußland höher steht als 
Deutschland? Möglich ist es. Denn diese Frau umfaßt ihr zweites Vaterland, 
das Reich ihres Gemahls, das zukünftige Reich ihres Sohnes mit brünstiger 
Zärtlichkeit, Sie täuscht sich nicht über seine Schwächen und Unvoll- 
konmienheiten ; sie kennt seine Diszipünlosigkeit, spricht wiederholt von der 
slawischen Schlaffheit, von der es sich nicht frei machen können, wiederholt 
wohl gar das alte Sprichwort, daß es die Peitsche brauche, um sich wohl zu 
fühlen und ganze Arbeit zu leisten. Diese Kritiken treffen aber doch nur 
Schattenseiten des Volkes, dessen weiche Seele, dessen reiche Begabung, 
dessen große Zukunft sie immer wieder freudig anerkennt. Rußland ist für 
sie dcis Land, an dem die Welt noch einmal genesen wird, wenn es durch 
diesen Krieg geläutert und verschönert vom Eismeer bis zu den Dardanellen 
reicht, wenn das Andreaskreuz von der Hagia Sophia strahlt und wenn die 
orthodoxe Kirche von Mißbräuchen und Schlacken gereinigt den Völkern 
des Westens eine reinere, vertief tere Lehre bringt. Diese Anschauungen 
beherrschen ihre Briefe, als die russischen Heere Galizien überschwem- 
men, als die Alliierten ihren Angriff gegen die Dardanellen beginnen und 
Konstantinopel entscheidend bedroht scheint. ,, Dieser Krieg kann in 
der sittlichen Regeneration unseres Landes und unserer Kirche so imge- 
heuer viel bedeuten", schreibt sie damals an den Zaren, ,,o was für ein 
Tag, wenn in der Hagia Sophia wieder Messe gelesen wird! Nur gib Befehl, 
daß nichts, was den Mohammedanern gehört, zerstört oder geraubt wird, sie 
können alles für ihre Rehgionsübungen weiter benutzen, denn wir sind Gott 
sei Dank Christen und nicht Barbaren! Wie gerne man in solchem Augen- 
blick dort wäre!" Daß sich Rußland nach dem Kriege in jedem Sinne des 
Wortes in Schönheit entwickeln möge, ist ihr innigster Wunsch. ,,Es ist 
eine neue Geburt, ein neuer Anfang, eine Läuterung und Reinigung der Geister 
und Seelen", schreibt sie einmal über die Gegenwart; ,,wenn man sie nur 
richtig und zielsicher führte ..." Weil sie für Rußland eine große Zukunft 
herbeisehnt, weist sie auch alle Friedensfühler von sich — ihr Herz blutet 
über all das Elend, das sie um sich herum sieht, aber sie bleibt fest, weil sie 
hofft und vertraut, daß ihre Haltung der Größe Rußlands und damit einer 
künftigen Genesung der Welt zugute kommen wird. 

Diese Haltung läßt sich nur begreifen, wenn man immer wieder die tiefe 
Religiosität der Zarin in Betracht zieht. Sie ist schon einmal im Zusammen- 
hang mit ihrem Verhältnis zu Rasputin erwähnt worden : sie muß hier noch 
eiiunal unterstrichen werden. Die Zarin ist ein tief religiöser Mensch ge- 
wesen : ihr ganzes Leben hat sie fast allein unter diesem Gesichtspunkt auf- 

23 



gefaßt, und der Sinn des Krieges ist für sie kein anderer gewesen als der, 
die Völker durch Leiden Gott näher zu führen. Diese Auffassung in die weite- 
sten Kreise zu verbreiten, jeden zu überzeugen, daß alles nur unter dem 
Gesichtswinkel der Ewigkeit zu betrachten sei, hat sie unermüdlich angestrebt. 
Daß sie dabei durchaus auf dem Boden der griechischen Orthodoxie ge-" 
standen hat, der sie sich 1894 unterworfen hatte, daß sie sich ihre Vor- 
stellungen in einem Maße zu eigen gemacht hat, wie man es für eine 
ursprünglich protestantische Prinzessin kaum für möglich halten sollte, geht 
aus jedem Blatt ihrer Briefe hervor. Nicht nur daß die Zarin immer wieder 
ganze Sammlungen von Heiligenbildern in das Feld schickt oder an der 
Front verteilt, wenn sie persönlich dort erscheint, nicht nur, daß sie den 
Truppen und den Gefangenen bei jeder Gelegenheit Gebetbücher schickt, 
nicht nur, daß sie von der beschützenden Kraft dieser Heihgenbilder und 
Gebetbücher überzeugt ist — sie glaubt auch an die übernatürliche Kraft 
geweihter Gegenstände, und so mahnt sie den Zaren mehr als einmal, vor 
wichtigen Beratungen im Hauptquartier einen Kamm zu benutzen, der ihm 
Weisheit und Stärke verleihen soll, je mehr, desto öfter er ihn durch seinen 
Scheitel zieht. Mit Recht hat der französische Botschafter Paleologue in 
diesem Zusammenhange bemerkt, die Zarin führe durch diese Seite ihre Per- 
sönlichkeit in die Zeit der letzten Ruriks und der ersten Romanows zurück, 
die um die Wende des 15. Jahrhunderts lebten: ,,elle s'encadre, pour ainsi 
dire, dans le decor byzantin de la Russie archaique" . . . 

Man mag darüber lächeln, wenn man über Dinge lächeln will, die nicht nur 
der Zarin, sondern Millionen Russen das Leben während des Krieges leichter 
gemacht haben. Sicher ist jedenfalls, daß die Zarin aus den Vorstellungen der 
griechischen Kirche, die ja auch hinter ihren Beziehungen zu Rasputin gestanden 
haben, die Kraft geschöpft hat, unendlich viel Gutes zu tun und unermüdhch für 
das Wohl der Kriegsopfer zu sorgen. Täglich hat sie, wenn es ihre schwache 
Gesundheit erlaubte, die Lazarette besucht, mit Vorliebe das von der Prinzessin 
Gedroitz geleitete Lazarett im Großen Palais von Tsarkoje-Selo, das ihr am 
leichtesten erreichbar war. Da hat sie mit Aufopferung Verbände zugereicht 
und bei Operationen geholfen, an das Bett jedes Einzelnen ist sie heran- 
getreten und hat ihm Trost gespendet und Mut zugesprochen, dankbar für 
die Möglichkeit, in die Verlassenheit dieser einfachen Soldaten etwas Wärme 
hineinzutragen. Und wenn ihre Kräfte zu versagen drohten, so hat sie sich 
immer wieder aufgerafft, um ihre Tätigkeit nicht zu lange zu imterbrechen. 
Weil die Zarin so gefühlt hat, weil sie damit ihren Weg auch dort beleuchtet, 
wo er nicht mehr ganz verständlich und vielleicht sogar in die Irre zu gehen 
scheint ; weil sie in ihren Briefen davon spricht ; weil sie mit ihnen Mittel an 
die Hand gibt, ihr getrübtes und bespieenes Bild in reineren Farben wieder 
herzustellen, darum ist ihre Veröffentlichung nicht nur fesselnd imd 
bedeutungsvoll, sondern auch notwendig. Gewiß, diese Frau hat in das 

24 



Leben Rußlands stärker eingegriffen als irgendeine Zarin, die seit der 
zweiten Katharina den russischen Thron innegehabt hat. Ihre Ratschläge 
haben das Dasein des alten Zarentums über seinen eigenen Tod hinaus ver- 
längert, haben verhindert, daß Nikolai IL rechtzeitig abdankte, haben ver- 
hindert, daß die absolute Monarchie der Romanows in eine moderne Regie- 
rungsform umgewandelt werden konnte, als es noch Zeit dazu war. Wäre sie 
nicht dagewesen, hätte sich ihr Einfluß nicht in der Richtung geltend ge- 
macht, wie es durch diese Briefe festgelegt wird, hätte Nikolai Nikolaje witsch 
im Bunde mit der Duma seine Palastrevolution im Sommer 1915 vollziehen 
können, so hätte Rußland wahrscheinhch das furchtbare Abenteuer der 
bolschewistischen Revolu^tion vermieden. Aber wer will darüber richten, 
daß sie nicht zurückgetreten ist, daß sie sich ganz dafür eingesetzt hat, ihrem 
Gemahl seine Krone ungeschmälert zu erhalten? Sie hat es getan, weil sie 
Nikolai IL unsagbar geliebt hat, weil sie ihrem Kinde die Last leichter machen 
wollte, die sich einst auf seine Schulter herabsenken sollte. 

Das war ihr Recht und ihre Pflicht. Und darum mag sie verurteilen, 
wer den Mut dazu hat. Ihr Bild wird trotzdem makellos weiterleben. Und 
wenn ihre Briefe nicht genügen sollten, um in diesem Sinne für sie zu zeugen, 
so werden es die Tagebuchblätter aus der Zeit der Gefangenschaft, aus Tobolsk 
und Jekaterinburg, tun, die diesen Band beschließen. Denn was in ihnen zu- 
tage tritt, ist nichts als grenzenlose Hingabe und gläubige Fügung in den 
Willen der Vorsehung. Kein Wort des Zorns steht darin über den Verlust 
ihres Einflusses; kein Wort des Vorwurfs gegen den Zaren, der ihren großen 
Traum zerbrochen hat; kein Wort des Grolls gegen die Kommissare, die sie 
einem furchtbaren Ende entgegenschleifen; kein Wort der Hoffnung, daß 
sich ihr Schicksal noch einmal wenden könnte. Mit weitgeöffneten Augen 
schreitet sie der Katastrophe entgegen, die für sie keine Katastrophe ist, 
ihre Arme schHeßen sich fest um die Lieben, die ihr in diesen letzten Stun- 
den nahe sind, und in ihrer Mitte empfängt sie klagelos den tödlichen Schuß, 
der ihre reine Seele der Ewigkeit zurückgibt. 

Joachim Kühn. 



Die Briefe imd Tagebücher der Zarin sind ursprüngKch in englischer Sprache ge- 
schrieben worden und waren bisher nicht veröffentlicht. Da sie für den deutschen Leser 
nicht in allen Teilen von gleichem Interesse sind, ist im folgenden eine Auswahl getroffen 
worden, die alles wesentliche mit besonderer Berücksichtigung des menschlich Wertvollen 
in deutscher Sprache bringt. Der unverkürzte Originaltext der Briefe erscheint unter 
Beifügung einer russischen Übersetzung in 2 Bänden im Slowoverlag. Eine Erläuterung 
der vorkommenden Eigennamen findet sich in den kurzen Zwischenbemerkungen, die 
einzelnen Briefen vorangestellt worden sind. 



BRIEFE 



1914 



Am 28. April a. St. (10. Mai) 1914 tritt der Zar, nachdem er in Livadia eine 
Sondergesandtschaft des Sultans empfangen hat, mit dem Ackerbauminister Kri- 
woschein eine Autoreise nach dem Gouvernement Cherson an. Die ,, Schwarze 
Familie" ist die aus der Einleitung bekannte Gruppe imi den Onkel des Zaren, den 
Großfürsten NikolaiNikolajewitsch; ,, schwarz" wegen der beiden Prinzessinnen 
von Montenegro: Nikolai Nikolajewitsch ist mit Anastasia (Stana) Nikolajewna 
verheiratet, der zweiten Tochter Nikitas, sein Bruder Peter Nikolajewitsch 
mit Nikitas ältester Tochter Militza. Ania ist die aus der Einleitung bekannte 
Freimdin der Zarin, Ania Wyrubowa. 

I,ivadia, 28. April 1914. 
Mein süßester Schatz, mein einzig Geliebter! 

Du wirst diese Zeilen lesen, wenn Du Dich an einem fremden Ort imd in 
einem unbekannten Hause zur Ruhe legst. So Gott will, wird die Reise an- 
genehm und interessant sein, und nicht zu ermüdend oder zu staubig. Ich 
bin so froh, daß ich die Landkarte habe und Dir Stunde für Stunde folgen 
kann. Du wirst mir schreckhch fehlen, aber ich bin um Deinetwillen froh, 
daß Du einmal zwei Tage fort bist, neue Eindrücke bekommst vmd nichts 
mehr von Anlas Geschichten zu hören brauchst. Mein Herz ist schwer und 
wund — muß denn unsere Güte und Liebe immer so bezahlt werden? Die 
Schwarze Familie, und jetzt sie? Es wird einem immer gesagt, daß man nie 
genug lieben kann — nun haben wir ihr unsere Herzen und unser Heim ge- 
geben, sogar unser Privatleben — und das haben wir dafür bekommen ! Es 
ist schwer, nicht bitter zu werden — es scheint so entsetzlich ungerecht. 

Möge Gott uns gnädig sein und uns helfen, das Herz ist mir so schwer! 
Ich bin auch verzweifelt. Laß uns diese zwei Tage alles zu vergessen suchen. 
Ich segne Dich und schlage ein Kreuz über Dich und halte Dich fest in meinen 
Armen — ich küsse Dich ganz und gar mit endloser Liebe und Hingebung. 
Morgen früh um 9 werde ich in der Kirche sein, hoffenthch auch Donnerstag — 
ich bete so gern für Dich, wenn wir getrennt sind — kann mich nicht daran 
gewöhnen. Dich für noch so kurze Zeit nicht im Hause zu haben, obgleich 
ich ja unsere fünf Lieblinge habe. 

Schlafe gut, mein Sonnenlicht, mein einzig Teurer, und tausend zarte 
Küsse von Deinem treuen Frauchen. 
Gott segne und schütze Dich. 

29 



Prinz Heinrich der Niederlande trifft an Bord des Kreuzers „Zeeland" am 
30. Juni a. St. (11. Juli) in Petersburg ein. Marie (geb. 1899) und Anastasia 
(geb. 1901) sind die jüngsten Zarentöchter; die älteren Olga (geb. 1895) und Tat- 
jana (geb. 1897). 

Peterhof, 29. Juni 1914. 
Mein Geliebter! 

Es ist sehr traurig, Dich nicht begleiten zu können — aber ich dachte, es 
würde besser sein, mit den Kleinen ruhig hierzubleiben. Herz und Seele 
sind Dir immer nahe mit zartester Liebe imd Leidenschaft, all meine Gebete 
umgeben Dich — darum bin ich froh, sofort zum Abendgottesdienst zu gehen, 
wenn Du abreist, und morgen früh um 9 zur Messe. Ich werde mit Ania, 
Marie und Anastasia dinieren und früh zu Bett gehen. — Hoffentlich hast 
Du eine ruhige See und Genuß von der Fahrt, damit Du Dich erholst — 
Du brauchst es, denn Du sahst heute blaß aus. — 

Werde Dich schmerzlich vermissen, mein einzig Teurer. — Schlafe wohl, 
mein Schatz, — mein Bett wird, ach, so leer sein. 

Gott segne imd küsse Dich. Die allerinnigsten Küsse von Deinem treuen 

Frauchen. 

Der folgende Brief ist der erste nach Ausbruch des Weltkriegs. ,, Unser Freund" 
ist, wie bereits in der Einleitung erwähnt, Rasputin. Er nie ist der Großherzog 
Ernst Ivudwig von Hessen, der Bruder der Zarin, Irene ihre dritte Schwester, die 
Prinzessin Heinrich von Preußen. Olga, die jüngere Schwester des Zaren, die damals 
noch mit dem Herzog Peter von Oldenburg verheiratet ist, hat, wie mehrere der 
Großfürstinnen und wie die Zarin selbst, ein I^azarett übernommen, und zwar nahe 
der Front, 

Tsarskoje Selo, 19. September 1914. 
Mein Einziger, mein wirklich einzig Geliebter I 

Ich bin um Deinetwillen so glücklich, daß Du es endlich ermöghchen 
kannst, abzureisen, denn ich weiß, wie tief Du die ganze Zeit über gelitten 
hast — auch Dein unruhiger Schlaf war ein Beweis dafür. Ich habe diesen 
Gegenstand absichtlich nicht berührt, obgleich ich Deine Gefühle kannte 
und sie durchaus verstand, denn ich sah zu gleicher Zeit ein, daß es besser 
ist, wenn Du nicht an der Spitze der Armee bist. — Diese Reise wird eine 
kleine Tröstung für Dich sein, und ich hoffe, daß Du es ermöghchen kannst, 
viele Truppen zu sehen. Ich kann mir ihre Freude, Dich zu sehen, und alle 
Deine Gefühle ausmalen — wie schade, daß ich nicht bei Dir sein und alles 
selbst sehen kann. Es ist härter als je, Dir, mein Engel, Lebewohl zu sagen — 
die Leere nach Deiner Abreise ist so groß! Und dann weiß ich, daß auch Du 
bei all der Arbeit, der Du Dich nicht entziehst, doch Deine kleine Familie und 
Deinen teuem armen Liebling vermissen wirst. Jetzt, da imser Freund ihn ge- 
sehen hat, wird es ihm schnell besser gehen, und das wird Dir eine Stütze sein. 

30 



Hoffentlich treffen während Deiner Abwesenheit nur gute Nachrichten 
ein, denn der Gedanke, daß Du schlimme Nachrichten allein tragen müßtest, 
macht mir das Herz bluten. Mich trösten die Besuche bei den Verwundeten, 
und deshalb verlangte ich sogar am letzten Morgen, während Du Empfang 
hattest, dorthin zu gehen, nur um stark zu bleiben und nicht vor Dir zu- 
sammenzubrechen. Ihre Leiden auch nur ein wenig zu lindem, hilft schon 
meinem wunden Herzen. Außer allem, was ich mit Dir, mit unserm geheb- 
ten Land und seinen Menschen durchmache, leide ich auch um meine kleine 
alte Heimat und ihre Truppen, um Emie und Irene und manchen Freund, 
der dort in Kummer ist — aber wie vielen geht es ebenso. Und dann die 
Schande, die Erniedrigung, wenn man denkt, daß die Deutschen sich so be- 
nehmen! — persönlich schmerzt es mich am meisten, von Dir getrennt zu 
sein — wir sind daran nicht gewöhnt, und ich hebe doch so endlos meinen 
einzigen, teuem, heben Schatzi. Es sind bald zwanzig Jahre, daß ich Dir an- 
gehöre, und welch ein Glück ist alles für Dein einziges, kleines Frauchen 
gewesen. — 

Wie lieb von Dir, daß Du Olga besuchen willst. Es wird sie aufmimtem 
und Dir gut tun. Ich werde Dir für sie einen Brief und Sachen für die Ver- 
wundeten geben . . . 

Ich segne Dich, und ich liebe Dich, wie wohl selten ein Mann geliebt worden 
ist. Ich küsse Dich, einzig Geliebter, und drücke Dich zärtlich an mein Herz. 

Für immer Dein einziges, treues Frauchen. 

Das Heiligenbild wird diese Nacht unter meinem Kissen liegen, bevor ich 
es Dir mit meinen innigsten Grüßen schicke. 



Am 20. September a. St. (4. Oktober) begibt sich der Zar auf eine Woche nach 
dem Kriegsschauplatz am Njemen. N. P. S., den die Zarin nennt, ist der aus der Ein- 
leitung bekannte Fregattenkapitän Nikolai Pawlowisch Sablin, Flügeladjutant des 
Zaren, und sein Kollege ist Oberst Anatol Alexandrowitsch Mordwinow. Mit Baby 
meint die Zarin den Großfürst-Thronfolger, mit Victoria ihre älteste Schwester, die 
an den englischen Admiral Prinz Ludwig von Battenberg verheiratet ist, Georgie ist 
Victorias ältester Sohn Georg, der als Unterleutnant z. S. auf dem britischen Linien- 
schiff ,,New-Zealand" dient. N. ist Nikolascha, der Großfürst Nikolai Nikola- 
jewitsch, Gr. (Grigori) Rasputin. 

Tsarskoje Selo, 20. September 1914. 
Mein einzig Geliebter! 

Ich habe mich vor dem Diner aufs Bett gelegt, die Mädchen sind zur 
Kirche gegangen, imd Baby beendet grade seine Mahlzeit. Er hat nur manch- 
mal leichte Schmerzen. O, mein Lieb! Es war ein schwerer Abschied, als 
ich Dein einsames, bleiches Gesicht mit den schweren, trüben Augen am 
Waggonfenster sah — mein Herz schrie danach. Du möchtest mich mit- 

31 



nehmen. Hättest Du nur N. P. S. oder Mordw(inow) bei Dir gehabt, wäre 
nur ein junges, liebendes Gesicht in Deiner Nähe gewesen, Du würdest Dich 
weniger einsam und wärmer gefühlt haben. Ich kam nach Hause und brach 
dann zusammen. Ich betete, — dann legte ich mich hin und rauchte, um 
mich wieder in Ordnung zu bringen. Als man meinen Augen nichts mehr an- 
sah, ging ich zu Alexei hinauf und lag im Dunkeln eine Weile in seiner Nähe 
auf dem Sofa. Die Ruhe tat mir gut, denn ich war völlig erschöpft . . . 

Während des Tees las ich Kriegsberichte, und dann bekam ich endlich 
einen Brief von Victoria, der vom 1./13. September datiert ist — er war 
lange unterwegs, weil er durch einen Boten gebracht wurde. Ich entnehme 
ihm, was, wie ich denke. Dich interessieren wird: ,,Wir haben während des 
langen Rückzugs der alliierten Armeen in Frankreich angstvolle Tage durch- 
gemacht. Ganz unter uns gesagt (es ist schon besser, wenn Du nicht darüber 
sprichst), ließen die Franzosen anfangs die englische Armee den ganzen 
Anprall des schweren Flankenangriffs der Deutschen allein aushalten, und 
wären die englischen Truppen weniger zäh gewesen, so wären nicht nur sie 
selbst, sondern auch die französischen Streitkräfte zerquetscht worden. Man 
hat das nun wieder in Ordnung gebracht, und zwei französische Generäle, 
die an der Sache schuld waren, wurden von Joffre entfernt und durch andere 
ersetzt. Einer von ihnen trug sechs Briefe des englischen Oberbefehlshabers 
uneröffnet in seiner Tasche — der andere hatte auf eine Bitte, Hilfe zu schicken, 
geantwortet, seine Pferde wären zu müde. Die Geschichte gehört jetzt der 
Vergangenheit an, sie hat aber Leben und Freiheit mancher guter Offiziere 
und Mannschaften gekostet. Zum Glück kam nichts an die Öffentlichkeit, 
und im allgemeinen wissen hier die Leute nichts davon . . . Georgie gab 
uns einen Bericht über seine Teilnahme an dem Seetreffen von Helgoland. 
Er kommandiert den vorderen Geschützturm und feuerte eine ganze Zahl 
von Schüssen ab, wie sein Kapitän sagt, mit Kaltblütigkeit und gutem Ur- 
teil, G. sagt, den Versuch, die Docks des Kieler Kanals durch Flieger zu zer- 
stören (die Brücken allein würde nicht viel nützen), behielte die Admiralität 
immer im Auge — aber es sei sehr schwierig, denn alles ist wohl verteidigt, 
und man müsse auf eine günstige Gelegenheit warten, sonst habe der Ver- 
such keine Aussicht auf Erfolg. Es ist traurig, daß der einzige brauchbare 
Weg für Kriegsschiffe nach der Ostsee durch den Sund geht, der für Schlacht- 
schiffe und schwere Kreuzer nicht tief genug ist. In der Nordsee haben die 
Deutschen bis weit hinaus Minen ausgestreut, wodurch sie rücksichtslos neu- 
trale Handelsschiffe gefährden. Auch werden jetzt, da die ersten starken 
Herbstwinde wehen, die Minen (denn sie sind nicht verankert) an die hollän- 
dische, norwegische und dänische Küste treiben (hoffenthch auch einige an 
die deutsche)." 

Victoria läßt freundlichst grüßen. — Die Sonne schien heute nachmittag 
so hell — aber nicht in mein Zimmer — die Teestunde war traurig und 

32 



einsam, und der Armstuhl sah ohne meinen Schatz darin so kummer- 
voll aus . . . 

Gr. liebt Dich eifersüchtig und kann nicht hören, daß N. eine Rolle spielt. 



Der Zar gibt den geplanten Besuch der von den Deutschen bedrohten Festung 
Ossowietz auf. ,,Mekk" ist der mit der Organisation der Lazarettzüge betraute 
Kollegienrat W. W. von Meck, Sekretär der Großfürstin Elisabeth Feodorowna, der 
Schwester der Zarin, „Ducky" die Schwester der Großfürsten KyriU. Boris und 
Andrei, die Großfürstin Helena Wladimirowna, verheiratet mit dem Prinzen 
Nikolaus von Griechenland. 

Tsarskoje Selo, 23. September 1914. 

Gott sei Dank, die Nachrichten sind fortdauernd gut, und die Preußen 
weichen zurück. Der Schlanllm jagte sie hinweg. Meck schreibt, daß in Lem- 
berg sehr viele Fälle von Cholera und Dysenterie vorkommen, aber sie er- 
greifen sanitäre Maßregeln. — Nach den Zeitungen hat es dort schwierige 
Augenblicke gegeben, ich hoffe aber, daß es nichts Ernsthaftes sein wird — 
man kann diesen Polen nicht trauen — schheßhch sind wir ihre Feinde, und 
die Katholiken müssen uns hassen, — Ich werde den Brief heute abend be- 
enden, ich kann nicht viel auf einmal schreiben. — Süßer Engel, Seele und 
Herz sind immer mir Dir. 

Ich schreibe auf Briefpapier von Anastasia, Baby küßt Dich sehr, er hat 
gar keine Schmerzen, er liegt, weil das Knie noch geschwollen ist, hoffenthch 
kann er auf sein, wenn Du zurückkommst. ... 

Tsarskoje Selo, 24. September 1914. 
Mein Herzensliebling! 

von ganzem Herzen danke ich Dir für Deinen lieben Brief. Deine zärt- 
lichen Worte haben mich tief berührt und mein einsames Herz erwärmt. Ich 
empfinde aufs tiefste Deine Enttäuschung, weil man Dir rät, nicht nach der 
Festung zu gehen — es würde eine wirkliche Belohnung für diese wunder- 
vollen, tapferen Männer gewesen sein. Man sagt, Ducky sei zum feierhchen 
Tedeum hingegangen und habe in der Feme das Donnern der Kanonen ge- 
hört. — In Wilna liegen viele Truppen in Ruhestellung, da die Pferde so er- 
schöpft sind, ich hoffe, daß Du sie besuchen kannst. Olga schrieb solch ein 
glückliches Telegranmi, als sie Dich gesehen hatte — das liebe Kind arbeitet 
so tapfer, und wie viele dankbare Herzen werden das Bild ihres strahlenden, 
guten Wesens nach vom bringen in die Front oder heim in die Dörfer, und 
daß sie Deine Schwester ist, wird das Band zwischen Dir und dem Volk noch 
stärker machen. — Ich lese so einen hübschen Artikel in einem enghschen 
Blatt — sie loben unsere Soldaten so sehr und sagen, daß ihre tiefe Rehgiosi- 

3 Die letzte Zaria. 33 



tat und die Verehrung für ihren friedliebenden Monarchen sie so tapfer und 
für eine heilige Sache kämpfen läßt. — Wie unendlich schändlich ist es, 
daß die Deutschen die kleine Großherzogin von Luxemburg in ein Schloß 
bei Nürnberg eingesperrt haben — solch eine Beschimpfung! . . , Anias Bein 
ist heute viel besser, und sie hat die Absicht, wieder auf zu sein, wenn Du 
zurückkommst. 

Für eine halbe Stunde floh ich mit Olga nach Anias Haus, da unser Freund 
den Nachmittag bei ihr verbrachte und mich zu sehen wünschte. Er fragte 
nach Dir und hoffte. Du würdest die Festung besuchen. Dann hatten wir 
unsere Lektüre mit Prinzeß Gedroitz. — Nach dem Diner gingen die Mädchen 
zu Ania, wo N. P. war, und ich folgte nach dem Gebet. Wir arbeiteten, sie 
leimte und er rauchte. Sie ist nicht übermäßig liebenswürdig in den letzten 
Tagen und denkt immer nur an sich und ihre Bequemlichkeit und läßt andere 
unter den Tisch kriechen, um ihr Bein auf einen Haufen Kissen zu legen, 
und macht sich kein Kopfzerbrechen, ob andere*bequem sitzen — verwöhnt 
und schlecht aufgelegt. Den ganzen Tag kommen Menschen zu ihr auf 
Besuch, so hat sie keine Zeit, allein zu sein. Aber wenn Du zurückkommst, 
wird sie stöhnen, sie sei die ganze Zeit über unglücklich gewesen. 

Man spricht noch immer von jenem Besitztum in den baltischen Pro- 
vinzen, wo der Boden mit weißen Kennzeichen versehen ist und ein Hydro- 
plan auf dem See liegt — obgleich Offiziere von uns, die Zivilkleidung an- 
zogen, ihn gesehen haben, ist es niemand erlaubt, dorthin zu gehen. — Ich 
wünschte, man prüfte die Sache einmal gründlich. — Es gibt überall so viele 
Spione, daß es wahr sein mag, aber es würde doch sehr traurig sein, weil es 
noch so viele wirklich loyale Untertanen in den baltischen Provinzen gibt. 
Dieser elende Krieg, wann will er jemals enden? Ich bin sicher, daß Wil- 
helm manchmal entsetzliche Momente der Verzweiflung durchmachen muß, 
wenn er begreift, daß er und besonders seine antirussische Umgebung es waren, 
die den Krieg begannen und ihr Land in den Ruin ziehen. All diese kleinen 
Staaten werden für Jahre fortfahren, an den Folgen zu leiden. Mir blutet 
das Herz, wenn ich daran denke, wie schwer Papa und Emie kämpften, um 
unser kleines Land in jeder Hinsicht zu dem gegenwärtigen Wohlstand zu 
heben. — Mit Gottes Hilfe wird bei uns alles gut gehen und ruhmreich enden. 
Der Krieg hat die Geister erhoben, hat so viele rückständige Köpfe geklärt, 
hat Einigkeit in unser Fühlen gebracht und ist im moralischen Sinne ein 
,, gesunder Krieg". Nur nach einem verlange ich, daß unsere Truppen sich 
in jedem Sinne vorbildlich benehmen und nicht rauben und plündern — daß 
sie diese Greuel den preußischen Truppen überlassen. Es wirkt demorali- 
sierend, und dann verliert man auch die Kontrolle über die Leute — sie 
kämpfen zu ihrem persönhchen Nutzen und nicht für den Ruhm des Landes, 
wenn sie auf der Stufe von Straßenräubem anlangen. — Es liegt kein Grund 
vor, schlechten Beispielen zu folgen — die Nachzügler, die „obozy", sind der 

34 



Fluch in diesem Falle, alle sprechen verzweifelt von ihnen, niemand kann 
sie in der Hand halten. — Es gibt immer an allen Dingen häßliche und schöne 
Seiten, und so ist es auch hier. — Solch ein Krieg müßte die Seelen reinigen, 
nicht sie beschmutzen; nicht wahr? — Ich weiß, daß einige Regimenter 
sehr streng sind und Ordnung zu halten suchen — aber ein Wort von oben 
würde nichts schaden, das ist meine eigene Idee, Liebster: denn ich möchte, 
daß man später einmal den Namen unserer Truppen in den Ländern mit 
Scheu und Respekt und mit Bewunderung nennen soll. Bei uns erfassen die 
Leute nicht immer ganz die Idee, daß das Eigentum anderer geheiligt ist und 
nicht berührt werden darf — daß Sieg nicht Plünderung bedeutet. — Laß 
auch die Priester in den Regimentern über diese Sache ein Wort zu den Leuten 
reden. — 

Jetzt belästige ich Dich mit Dingen, die mich nichts angehen, aber ich 
tue es nur aus Liebe zu Deinen Soldaten und ihrem Ruf. 

Liebster Schatz, ich muß jetzt schließen und mich erheben. All meine 
Gebete und meine innigsten Gedanken folgen Dir; möge Gott Dir Mut, Stärke 
und Geduld geben, — Glauben hast Du mehr als jemals, und er ist es, der 
Dich aufrecht erhält — ja, Gebete und blindes Vertrauen allein auf die Gnade 
Gottes geben uns Kraft, alles zu ertragen. Und unser Freund hilft Dir, Dein 
schweres Kreuz und die großen Verantwortlichkeiten zu tragen — und alles 
wird recht auslaufen, denn das Recht ist auf unserer Seite. Ich segne Dich, 
küsse Dein teures Anthtz, Deinen Hals und Deine Hände mit aller Glut 
eines unsäglich liebenden Herzens. Wie wundervoll ist es. Dich bald zurück- 
zuhaben. Dein einziges, treues Frauchen. 



Der Zar reist von neuem zur Front. Er kommt u. a. nach Minsk und Cholm. 

Tsarskoje Selo, 20. Oktober 1914. 

Ich fühle mich in diesen Tagen schon so niedergedrückt, und mein Herz 
ist so schwer — es ist eine Schande, da Hunderte danach verlangen. Dich 
bald zu sehen — aber wenn man so liebt, wie ich es tue — dann kann man 
sich nur nach seinem Schatz sehnen. Morgen werden es zwanzig Jahre, seit 
Du regierst und ich orthodox wurde ! Wie die Jahre verflogen sind, wie viel 
wir miteinander durchlebt haben! Verzeih mir, wenn ich mit dem Bleistift 
schreibe, aber ich sitze auf dem Sofa, und Du bist noch beim Beichten. Noch 
einmal vergib Deinem Sonnenschein, wenn er Dich irgendwie gekränkt oder 
beleidigt hat, und glaube ihm, er hat es nie absichtlich getan. — Danke Gott, 
daß wir morgen zusammen den Segen der Heiligen Kommunion haben wer- 
den — sie wird Kraft und Frieden geben . . . 

Ich schreibe Gr.s Telegramm ab für Dich zum Gedenken: 

3* 35 



„Als mir die heiligen Geheimnisse des Abendmahls gespendet waren, als 
ich Christus angefleht, seinen Leib und sein Blut genossen hatte, da wurde 
mir im Geiste eine Vision von himmlisch schöner Freudigkeit. Himmlische 
Mächte begleiten Dich gnadenvoll auf Deinem Weg, die Engel sind in den 
Reihen unserer Krieger, um unsere standhaften Helden mit Freude und Sieg 
zu beseligen." 

Ich segne Dich. 

Ich liebe Dich. 

Ich verlange nach Dir. 

Tsarskoje Selo, 22. Oktober 1914. 

Wie schändlich, daß auf König Alberts Villa, in der er grade jetzt lebt, 
Luftbomben geworfen worden sind — Gott sei Dank war kein Unheil 
geschehen, aber ich habe noch nie jemand gekannt, der einen Souverän zu 
töten versucht hat, weil er während des Krieges sein Feind war! 

Ich muß nun eine Viertelstunde vor dem Diner mit geschlossenen Augen 
ruhen und werde heute abend meinen Brief fortsetzen. 

Ania ist bei glänzender Laune und unterhält ihren operierten jungen 
Freund — sie hat ihm Deinen ,,Skopin S." zum Lesen gebracht. 



Die Zarin wünscht die Absetzung La wrinowskys, des Gouverneurs vonTaurien 
(in der Krim), und setzt sich mit dem Minister des Innern Maklakow hierüber in 
direkte Verbindung. Kniazewitsch ist Generabnajor älasuite des Zaren, Apraxin 
der der Person der Zarin zugeteilte Staatsrat Graf P. N. Apraxin. 

Tsarskoje Selo, 25. Oktober 1914. 

Unser Freund kam gegen Abend für eine Stunde ; er will Deine Rückkehr 
abwarten und dann auf eine Weile nach Hause reisen. — Er hat Madame 
Muftizade gesehen, die in einer schrecklichen Stimmung war, und Ania war 
bei ihr — es scheint, daß Lawrinowsky alles verdirbt, indem er gute Tataren 
gegen die Türken schickt und zu allem höchst ungerecht ist, so daß sie sie 
baten, nach ihrem Valideh zu kommen, um ihre Klagen auszusprechen, denn 
sie sind treu ergebene Untertanen. Sie möchten, daß Knicizewitsch an Lawri- 
nowskys Stelle träte, und unser Freund wünscht, ich sollte schnell mit 
Maklakow sprechen, indem er sagt, man dürfe nicht die Zeit bis zu Deiner 
Rückkehr verlieren. Ich werde ihn daher kommen lassen, verzeih mir, wenn 
ich mich in etwas einmische, was mich nichts angeht, aber es geschieht zum 
Besten der Krim, und dann kann Dir Maklakow sofort einen Erlaß zur 
Unterschrift senden — wenn Du Kniazewitsch nicht von der Armee fort- 
lassen kannst (obgleich ich glaube, daß er in der Krim nützlicher sein würde), 

36 



dann muß ein anderer gefunden werden. Ich werde Maklakow sagen, daß 
Du und ich schon über Lawrinowsky gesprochen haben. Er scheint sehr bru- 
tal gegen die Tataren zu sein, und jetzt, da wir Krieg mit der Türkei haben, 
ist es sicher nicht der rechte AugenbHck, sich so zu benehmen. Bitte, sei mir 
nicht böse und gib mir drahtlich irgendeine Antwort, daß Du meine Ein- 
mischung ,, billigst" oder , .bedauerst" — und ob Du Kniazewitsch für einen 
guten Kandidaten hältst, es wird mich beruhigen, und ich werde wissen, wie 
ich zu Mascha Muftizade reden soll. — Du erinnerst Dich, als sie mich sprechen 
wollten wegen der Absendung von Sachen nach dem Regiment, wie er da 
ärgerlich sagte, die Tataren dürften sich nicht in ihren Trachten vor uns zeigen, 
und sie so immerfort beleidigte. In einem andern Gouvernement wird er 
besser am Platze sein; ich weiß, Apraxin ist derselben Meinung, er war tief 
bekümmert über die Veränderung, die er vorfand. 

Der im folgenden Brief genannte Admiral Eberhardt ist der Kommandant der 
Flotte des Schwarzen Meeres. Georgie von Griechenland ist der älteste Bruder des 
Königs Konstantin von Griechenland, seine Frau die Prinzessin Marie Bonaparte. 

Tsarskoje Selo, 27. Oktober 1914. 
Mein einziger, liebster, teurer Nicky! 

Ich bin früher zu Bett gegangen, da ich sehr müde war — es war ein an- 
gestrengter Tag, und als um 11 Uhr die Mädchen schlafen gingen, sagte ich 
auch Ania Gutenacht. Sie hat mir heute morgen keine sehr liebenswürdige 
Laune gezeigt — sie war eher, was man ungezogen nennen würde, und abends 
kam sie bedeutend später, als ausgemacht war, und benahm sich mir gegen- 
über mürrisch. Sie flirtet stark mit dem jungen Ukrainer — sie vermißt Dich 
und verlangt nach Dir — sie ist manchmal kolossal lustig. Sie ging bei einer 
Gelegenheit mit einer ganzen Schar unserer Verwundeten in die Stadt und 
amüsierte sich imendlich im Zug — sie mußte eine Rolle spielen und sprach 
nachher die ganze Zeit von sich und den Bemerkungen, die man über sie ge- 
macht hatte. Beim ICriegsbeginn konnte an der Front nicht genug geschehen, 
jetzt langweilt es sie, weil es ihre Gedanken von ihrem Freunde abzieht, ob- 
gleich sie jeden Nachmittag zu ihm geht und des Abends noch einmal. 

Wenn Du zurückkommst, wird sie Dir erzählen, wie schrecklich sie in 
Deiner Abwesenheit gelitten habe, obgleich sie es gründlich genießt, mit ihrem 
Freund allein zu sein, ihn den Kopf zu verdrehen, und sie wird tun, als habe 
sie Dich nicht ein bißchen vergessen. Sei höflich und fest, wenn Du zurück- 
kommst, und erlaube ihr nicht mit den Füßen zu spielen und dergleichen! 
Sonst wird es hinterher mit ihr schlinuner werden — sie braucht immer eine 
Abkühlung . . . 

Ich bin gespannt, wie heute die Nachrichten sind — sie sagt, unser Freund 
sei etwas besorgt — vielleicht wird er morgen wieder alles besser sehen und 

37 



um so mehr für den Erfolg beten. Ich küsse und segne immer abends Dein 
Kissen und sehne mich nach meinem Liebsten . . . 

Ich sah in den Zeitungen, daß der griechische Georgie und seine Frau von 
Kopenhagen über Deutschland, Frankreich und Italien nach Griechenland 
gereist sind — ich bin erstaunt, daß man sie durchgelassen hat. 

Was macht Eberhardt? Sie haben Poti bombardiert. — 

O, dieser elende Krieg ! Manchmal kann man gar nichts mehr davon hören, 
das Elend und das Blutvergießen brechen einem das Herz; Glaube, Hoffnung 
und Vertrauen auf Gottes unendliche Gerechtigkeit und Gnade halten einen 
aufrecht. — In Frankreich geht es sehr langsam vorwärts — aber wenn ich 
von Erfolg höre, und daß die Deutschen große Verluste gehabt haben, dann 
bekomme ich einen solchen Stich ins Herz, weil ich an Ernie und seine Trup- 
pen denke und an viele bekannte Namen. 

Überall in der Welt Verluste ! Nun, irgend etwas Gutes muß doch heraus- 
kommen, und sie werden nicht alle ihr Blut vergebens vergossen haben. Das 
Leben ist schwer zu verstehen — ,,Es muß so sein — habe Geduld", das ist 
alles, was man sagen kann. — 

Man sehnt sich so, wieder ruhige, glückliche Zeiten zu haben ! Aber wir 
werden lange warten müssen, bevor wir wieder in jeder Weise Frieden be- 
kommen. Es ist nicht recht, niedergeschlagen zu sein, aber es gibt Augen- 
blicke, wo das Gewicht so schwer ist und auf dem ganzen Lande lastet. Und 
Du hast seine ganze Wucht zu tragen. 

Ich möchte Dir das Gewicht erleichtern, Dir helfen, es zu tragen — Deine 
Stirne glattstreichen. Dich an mich drücken. Aber wenn wir zusammen sind, 
was so selten vorkommt, zeigen wir nichts von dem, was wir fühlen — jeder 
hält sich um des andern willen aufrecht und leidet schweigend — aber ich 
sehne mich so oft, Dich fest in meinen Armen zu halten und Dein müdes 
Haupt an meiner Brust ruhen zu lassen. Wir haben in diesen zwanzig Jahren 
so viel miteinander durchlebt — und haben uns ohne Worte verstanden. 
Mein tapferer Junge, Gott helfe Dir, er gebe Dir Stärke und Weisheit, Glück 
und Erfolg. 

Schlafe wohl, Gott segne Dich — heilige Engel und die Gebete Deines 
Frauchens bewachen Deinen Schlummer. 



Tsarskoje Selo, 17. November 1914. 
Mein einzig Geliebter 1 

Der Zug trägt Dich weit von uns fort, wenn Du diese Zeilen liest. Wieder 
einmal ist die Stunde der Trennung gekommen — und jedesmal ist sie gleich 
hart zu ertragen. — Die Einsamkeit ist unendlich, wenn Du gegangen bist, 
obgleich ich unsere lieben Kinder habe — ein Stück von meinem Leben ist 
gegangen — wir zwei sind eins. 



38 



Gott segne und schütze Dich auf Deiner Reise. Hoffentlich hast Du gute 
Eindrücke, streust Freude um Dich aus und bringst den Leidenden Stärke 
und Tröstung. 

Du bringst immer „neues Leben", wie unser Freund sagt. Ich bin froh, 
daß sein Telegramm kam, denn es beruhigt mich, zu wissen, daß seine Ge- 
bete Dir folgen. — 

Es ist gut, wenn Du ein gründliches Gespräch mit N. haben kannst, ihm 
Deine Meinung über gewisse Leute sagst und ihm einige Gedanken mitteilst. 
Möge Deine Anwesenheit auch dort wieder unseren braven Truppen Glück 
bringen. — 

Mein Trost ist unser Arbeiten im Hospital und der Besuch der Schwer- 
verletzten im Großen Palast. — Ich fürchte nur Anias Stimmungen — als 
zuletzt unser Freund da war, sprach sie von ihrem schlimmen Bein und dann 
von ihrem kleinen Freund. 

Hoffen wir, daß sie sich zu beherrschen weiß. Ich nehme jetzt alles kühler 
und gräme mich nicht wie früher über ihre Ungeschliffenheit und ihre Launen. 
Durch ihr Benehmen und ihre Worte in der Krim ist ein Bruch entstanden — 
wir sind Freundinnen, und ich habe sie sehr gern und werde es auch in Zukunft 
tun, aber etwas ist dahin, ein Band ist durch ihr Benehmen gegen uns beide 
zerrissen — sie kann mir nie wieder so nahe stehen wie früher . . . Man ver- 
sucht, seinen Kummer zu verbergen und sich nicht damit zu brüsten — 
schließlich ist es härter für mich als für sie, obgleich sie das nicht zugibt — 
da Du alles für sie seiest und ich die Kinder habe — aber sie hat mich, die 
sie liebt, wie sie sagt. — Es ist nicht der Mühe wert, darüber zu sprechen, und 
es interessiert Dich ganz und gar nicht. . . 

Ich bin froh, daß Dich N. P. begleitet, es macht mich ruhiger, zu wissen, 
daß er Dir nahe ist, und für ihn ist das solche kolossale Freude. 

Unsere letzte gemeinsame Nacht, es ist so schrecklich einsam ohne Dich — 
und so still — niemand wohnt in diesem Stockwerk. 

Heilige Engel mögen Dich bewachen, und die süße Jungfrau breite ihren 
Mantel der Liebe um Dich. — Sonnenschein. 

Der in dem folgenden Brief erwähnte Mistschenko ist der General der Artillerie 
Paul Iwanowitsch Mistschenko, Generaladjutant des Zaren; Arseniew ist der Oberst 
Eugen Konstantinowitsch Arseniew, Flügeladjutant des Zaren, Schulenburg der 
Graf Wladimir !Eduardowitsch v. d. Schidenburg, Oberst a. D. und Chef des Invaliden- 
hauses in Peterhof, der die Zarin in Wohltätigkeitsangelegenheiten berät. 

Tsarskoje Selo, 19. November 1914. 
Mein ganz einzig Geliebter! 

Dein Brief war solch eine tiefe Freude und Tröstung für mich, Gott segne 
Dich dafür, und habe tausendmal zärtlichen Dank. Ich lese so gerne alle die 

39 



lieben Dinge, die Du sagst, es erwärmt mich wieder, denn ich fühle nun ein- 
mal Deine Abwesenheit schmerzlich, überall fehlt mir das Beste, das Leben 
meines Hauses. Ich frühstücke jetzt immer auf dem Sofa, wenn wir allein sind. 
Wie gut, daß man Rennenkampf vor Deiner Ankunft fortgenommen hat, ich 
bin froh, wenn sie nur einen guten Ersatz für ihn finden — könnte es nicht 
zufällig Mistschenko sein? Er ist so beliebt bei den Truppen und ein ge- 
scheiter Kopf, nicht wahr? , . . 

Um 9 Uhr gingen Olga, Anastasia, Baby und ich zu Arseniews Zug. Wir 
haben diesmal sehr schwer Verwundete, der Zug war in Suchatschew 6 Werst 
vom Schlachtfeld gewesen, und die Fenster hatten vom Artilleriefeuer gebebt, 
Aeroplane waren dort und über Warschau geflogen. Schulenburg sagt, daß 
die 13. und 14. Sibirier schrecklich entsetzt von allem waren und glaubten, 
Gott sei mit den Deutschen, weil sie nicht fassen konnten, was Aeroplane 
und dergleichen waren, und daß man sie nicht dazu bringen konnte, vor- 
zugehen — alles frische Truppen, und keine wirklichen Sibirier. 



Tsarskoje Selo, 20. November 1914. 

Heute morgen war ich bei unserer ersten schweren Amputation (der ganze 
Arm wurde abgeschnitten) — ich helfe immer, indem ich die Instrumente 
zureiche, und Olga fädelt die Nadeln ein. Dann hatten wir alle Verbinden 
(in unserm kleinen Hospital) und sehr ernsthafte Fälle in dem großen Ho- 
spital — ich hatte arme Burschen mit schrecklichen Wunden . . ., einer glich 
kaum noch einem Menschen, so zerfetzt war er, vielleicht muß man ihn ope- 
rieren, so schwarz war er, aber es besteht Hoffnung auf Rettung — der An- 
blick war schrecklich, ich wusch und reinigte und pinselte mit Jod und rieb 
mit Vaselin ein. Ich verband sie und wickelte sie ein — es ging ganz gut, und 
ich fühle mich glücklicher, wenn ich unter Leitung eines Arztes das alles tue 
— ich hatte drei solcher Verbände zu machen — und einer hatte eine kleine 
Kanüle darin. Das Herz blutet einem für sie — ich will nicht mehr Einzel- 
heiten beschreiben, es ist so traurig, aber da ich Frau und Mutter bin, emp- 
finde ich für sie ganz besonders . . . 

Im Großen Palast zeigte mir einer der Offiziere deutsche Dumdumgeschosse. 
Sie waren sehr lang, dünn an der Spitze und sahen aus, als seien sie aus rotem 
Kupfer gemacht. — Ich entbehre Dich, ich sehne mich so sehr nach einem 
Kuß. Liebster, mein Kind, ich verlange nach Dir, ich denke an Dich und bete 
unaufhörlich für Dich. Nun leb wohl, mein Süßester, und Gott segne und be- 
schütze Dich. 

Ich drücke Dich zärtlich an mein Herz, ich küsse Dich innig und verbleibe 
für immer Dein Dich tief liebendes, kleines Frauchen Sonnenschein. 

Die Kinder küssen Dich alle. 
40 



Tsarskoje Selo, 21. November 1914. 
Meine Taube! 

Ich möchte nicht, daß der Feldjäger morgen ohneeinenBrief von mir weg- 
geht. Dies ist das Telegramm, das ich grade von unserm Freund erhielt : „Wenn 
Du die Verwundeten tröstest, erhöhtGott durch Deine Güte undDein glorreiches 
Schaffen den Ruhm seines Namens." — Es ist traurig, die Kleinen zu verlassen ! 

Der ,, dicke Orlow", den die Zarin in den folgenden Zeilen erwähnt, ist der General- 
major a la Stute des Zaren Fürst Wladimir Nikola je witsch Orlow, der Chef des 
Militärkabinetts. Joachim ist der Prinz Joachim von Preußen. — Thora ist die Prin- 
zessin Victoria von England, die Schwester Georgs V. ; T. (Tante] Helena die älteste 
Schwester Eduards VII., die Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein ; T. Beatrice 
ist die jüngste Schwester Eduards VII., die mit dem Prinzen Heinrich von Batten- 
berg verheiratet war. Die Zarin ist bekanntlich die Tochter einer Schwester beider 
Fürstinnen, der Prinzessin AHce ("f 1878), — Georgie ist hier Georg V. von England. 

Tsarskoje Selo, 21. November 1914. 
Mein einziger, geliebter Schatz! 

Es ist nett, daß wir vor zwei Jahren zusammen in Smolensk waren (mit 
Graf Keller), so kann ich mir vorstellen, wo Du bist. Alexeis ,, Komitee" 
telegraphierte mir nach Deinem dortigen Besuch. Ich erinnere mich, daß sie 
Baby auf dem famosen Teeabend dort ein Heiligenbild gaben. — Seit Deiner 
Abreise noch keine Kriegsnachrichten vom dicken Orlow. Man erzählt sich, 
Joachim sei von unsern Truppen gefangengenommen — wenn das wahr ist, 
dann bin ich gespannt, wohin man ihn wohl geschickt hat . . . 

Wollte Gott, dieser entsetzliche Krieg könnte schneller enden, aber man 
entdeckt für lange Zeit keine Aussicht darauf. Natürlich sind die Österreicher 
wütend, weil sie von den Preußen angeführt werden, wer weiß, was für Ge- 
schichten sie sich jetzt gegenseitig nachreden. — Ich erhielt Briefe von Thora, 
T. Helena und T. Beatrice, alle lassen Dich vielmals grüßen und empfinden herz- 
lich für Dich. Sie schreiben dasselbe über ihre Verwundeten und Gefangenen, 
auch ihnen hat man dieselben Lügen erzählt. Sie sagen, daß am größten der 
Haß auf England ist. Nach den Drahtmeldungen ist Georgie in Frankreich 
und besucht seine Verwundeten. — Unser Freund hofft. Du würdest nicht zu 
lange so weit wegbleiben. — Ich sende Dir Zeitungen und einen Brief von Ania. 

Die russische OfiFensive gegen Ostpreußen ist zusammengebrochen. Die Berichte 
Nikolai Nikolajewitschs sind trotzdem Siegesmeldimgen, 

Tsarskoje Selo, 24. November 191 4 
Mein ganz einzig Geliebter! 

Ich bin so froh, daß Du solch einen herzUchen Empfang in Charkow ge- 
funden hast — es muß Dir gut getan imd Dich aufgeheitert haben. Die Nach- 

41 



richten von draußen machen einen so ängsthch — ich höre nicht auf das 
Stadtgeschwätz, das einen dabei noch ganz nervös machen kann, sondern ich 
glaube nur, was Nikolascha veröffenthcht. Trotzdem bat ich A., an unsem 
Freund zu telegraphieren, daß die Nachrichten sehr böse seien und wir um 
seine Gebete bäten. Ja, es ist ein starker Feind, der uns die Stirn bietet, und 
ein hartnäckiger . . . 

Ich sehne mich so nach Dir, mein Schatz — morgen wird es eine Woche, 
daß Du uns verlassen hast — Herz und Seele sind Dir immer nahe. Ich küsse 
Dich so zärtlich, wie ich es nur kann, und halte Dich fest in meinen Armen. 

Gott segne und stärke Dich und gebe Dir Trost und Vertrauen. 

Tsarskoje Selo, 25. November 1914. 
Mein einzig Geliebter! 

In aller Eile ein paar Zeilen. Wir hatten den ganzen Morgen zu tun — 
während einer Operation starb ein Soldat — es war zu traurig — , das erste 
Mal, daß es der Prinzessin passierte, und sie hat schon 1000 Operationen mit- 
gemacht; Verblutung. Alle benahmen sich gut, niemand verlor den Kopf — 
und die Mädchen waren tapfer — sie und Ania hatten nie jemand sterben 
gesehen. Aber er starb in einer Minute — es machte uns alle so traurig, wie 
Du Dir denken kannst — wie nahe ist doch immer der Tod! Wir fuhren 
mit einer anderen Operation fort. Morgen werden wir dasselbe wieder haben, 
und es kann ebenfalls imglücklich ausgehen, aber Gott verhüte das, imd wir 
müssen versuchen, den Mann zu retten. 

Tsarskoje Selo, 26. November 1914. 

Ich fühle, meine Briefe sind sehr langweilig, aber ich bin verwirrt und 
müde, und die Gedanken wollen nicht kommen. Das Herz ist voll von Liebe 
und endloser Zärtlichkeit für Dich. Ich erwarte ungeduldig Deinen ver- 
sprochenen Brief, ich sehne mich danach, mehr von Dir zu wissen, und wie 
Du nach den Empfängen und Besichtigungen die Zeit im Zuge verbracht hast. 
— Hoffentlich hast Du schönes Wetter und viel Sonne, hier ist es so grau 
und feucht. Bin seit Deiner Abreise nicht ausgewesen, nur in geschlossenem 
Auto. Nun leb wohl, mein Engel, Gott segne Dich. Möge St. Georg unsern 
Truppen besonderen Segen und Siege bringen. — Die Kinder und ich küssen 
Dich wie immer aufs zärtlichste. 



Der Skandal des Kriegsministers Suchomlinow, zu dessen Bestechungsaffären 
der schlechte ^Einfluß seiner Frau beigetragen hat, dringt zu Ohren der Zarin. 
Obolensky ist der Stadthauptmann von Petersburg Fürst Alexander Obolensky. 
Rost, ist der Kabinettschef der Zarin Wirklicher Staatsrat Graf Rostowzow. 

42 



Tsarskoje Selo, 29. November 1914. 



Ich wünsche Suchomhnow nichts SchMmmes, im Gegenteil, aber seine 
Frau ist wirklich im höchsten Maße mauvais genre und hat alle Welt, beson- 
ders die miütärischen Kreise, wütend auf sie gemacht, weil sie mich mit ihrer 
Ausstellung vom. 26. „hineingelegt" hat. Gegen den Tag war nichts einzu- 
wenden, und die Sänger wollten gratis in den Restaurants singen, um Geld 
für ihre Ausstellung zu sammeln. Ich erlaubte das auch. Zu meinem Schrecken 
sah ich dann in den Zeitimgsannoncen, daß in allen Restaurants und Kabaretts 
(von üblem Ruf) Getränke zum Vorteil ihrer Zweigausstellung verkauft wür- 
den (mein Name stand in fetten Buchstaben dabei), und zwar bis 3 Uhr mor- 
gens (wo jetzt alle Restaurants um 12 geschlossen werden), und daß Tango 
und andere Tänze zu ihrem Nutzen getanzt würden. Es machte einen schreck- 
lichen Eindruck — Du hast (Gott sei Dank) den Wein verboten — und ich 
verleite sozusagen dazu für die schreckliche Ausstellung, und mit Recht sind 
alle wütend, auch die Verwundeten. — Und die Adjutanten des Ministers 
mußten Geld sammeln. Es gab keine Möglichkeit mehr, die Sache zu ver- 
hindern — so baten wir Obolensky, zu befehlen, daß mit Ausnahme der 
besseren Lokale alles um 12 Uhr schließen mußte. 

Die Närrin schädigt ihren Mann und bricht sich selbst den Hals. — Sie 
sammelt Geld und Sachen in meinem Namen und gibt es in ihrem Namen 
aus — sie ist ein gewöhnhches Weib und eine gemeine Seele, deshalb geschehen 
solche Dinge. Zwar gibt sie sich viele Mühe und tut manches Gute — aber 
sie schadet ihm doch sehr, denn er ist ihr blinder Sklave — imd alle 
wissen es. Ich woUte, ich könnte ihn warnen, damit er sie am Zügel 
hält. Als Rost, ihm meine Mißbilligung erzählte, war er verzweifelt und 
fragte, ob sie ihre Ausstellimg schheßen müßte. Rost, verneinte natür- 
lich und sagte, daß ich das Gute, das sie täte, kannte, sie habe nur höchst 
verwerflich gehandelt. — Genug hiervon, ich woUte nur, daß Du die Ge 
schichte erführest, weil sehr scharfe Artikel darüber in den Zeitimgen ge- 
standen haben. — Deshalb würde eine neue Kollekte von ihrer Seite die 
Sache noch schlimmer machen. Man wünschte, daß ich eine Weihnachts- 
sammlung veranstalten möchte. Ich habe aber das Projekt abgelehnt, man 
kann nicht unaufhörhch weiter betteln, das ist nicht hübsch. 



Der folgende Brief der Zarin nennt den Leibarzt des Zaren Botkin und ,,Ella", 
die Schwester der Zarin, die GrolBfürstin Elisabeth Feodorowna. „Alek" ist der 
General der Infanterie Herzog Alexander von Oldenburg, Ehrendoktor der Medizin, 
oberster Chef des Sanitäts- und Evakuationswesens, Mitglied des Reichsrats und 
Senator. ,,Mme. Becker" ist ein gesundheitliches ..Schlafzimmerwort". 

43 



Tsarskoje Selo, 14, Dezember 1914. 
Mein ganz einzig Geliebter! 

Ein Feldjäger reist ab, deshalb beeile ich mich, Dir einige Zeilen zu sen- 
den. Unseres Lieblings Fuß ist ganz in Ordnung, er tut ihm nur beim Auf- 
treten etwas weh, deshalb zieht er es vor, ihn nicht zu gebrauchen, und bleibt 
auf dem Sofa. Maries Angina ist besser, sie schlief gut und hat 37 Grad, Ta- 
tjana hat Mme. Becker, sie steht nur zum Frühstück auf. Botkin hat mir 
Bettruhe verordnet, da mein Herz noch sehr erweitert ist und schmerzt und 
ich keine Medizin einnehmen kann. Auch fühle ich mich sehr müde und habe 
überall Schmerzen. Gestern blieb ich auf dem Sofa, mit Ausnahme der Zeit, 
wo ich zu Marie und Baby hinaufging . . . 

Wie schrecklich war unser Abschied in Moskau. Ich sah Dich unter einer 
Menge Menschen stehen (alle waren Dir in jeder Beziehung so ungleich), 
und ich mußte grüßen und sie anblicken und lächeln und konnte nicht 
meine Augen auf Dich gerichtet halten, wie ich es gewünscht hätte. — 
Du weißt, daß vor unserer Ankunft in Moskau drei Militärhospitäler mit 
deutschen und österreichischen Verwundeten nach Kasan überführt wurden 
— ich las die Beschreibung eines jungen Mannes (eines Russen), der sie 
übernahm — viele Halbsterbende, die auf der Straße starben und mit ihren 
entsetzhchen, brandig riechenden Verwundungen n^e hätten in Marsch gesetzt 
werden sollen. Seit Tagen waren sie nicht verbunden worden — und gerade 
während ihrer Weihnachtstage wurden sie in widerwärtigen Sanitätszügen so 
gefoltert. Von einem Hospital wurden sie sogar ohne einen begleitenden Arzt, 
nur mit Sanitätssoldaten, fortgeschickt. — Ich habe Ella einen Brief ge- 
schrieben, sie solle ich danach erkundigen und gehörigen Skandal machen, 
es ist schrecklich und mir völlig unbegreiflich . . . 

Man sagt, der Synod habe verordnet, es dürfte keine Weihnachtsbäume 
geben — ich werde die Wahrheit darüber feststellen und dann Lärm schlagen. 
Es geht weder sie noch die Kirchen etwas an, und warum soll man den Ver- 
wundeten und Kindern eine Freude nehmen, wenn sie auch ursprünglich aus 
Deutschland kam — die Beschränktheit ist zu kolossal. 

Tsarskoje Selo, 15. Dezember 1914. 

Ella schrieb voll Verzweiflung und versuchte, der Sache mit den Zügen 
und Hospitälern auf den Grund zu kommen — sie glaubt, die Befehle kamen 
von Petrograd. Die Befehle von dort sind manchmal sehr grausam gegen die 
Verwundeten in den Militärhospitälem. Wenn sie alles weiß, will sie an 
Alek schreiben. 



1915 

Der latente Konflikt zwischen der Zarin und dem Großfürsten Nikolai Niko- 
lajewitsch beginnt sich zu verschärfen. 

Tsarskoje Selo, 22. Januar 1915. 
Mein Geliebter! 

Ich habe gerade gehört, daß ein Feldjäger fortgeht, und beeile mich des- 
halb, einige Zeilen zu senden. Baby verbrachte den Tag sehr wohl und hat 
kein Fieber. Es beginnt aber jetzt etwas über sein Bein zu klagen und fürchtet 
sich vor der Nacht. — Von der Station ging ich bis 11 Uhr zu ihm und dann 
bis I Uhr zum Hospital, ich saß bei Ania, der es gut geht. Sie bat mich. Dir 
zu sagen, was sie von unserem Freund zu übermitteln vergaß: daß Du in 
Deinem Manifest bestimmt nicht ein einziges Mal den Namen des Höchst- 
kommandierenden erwähnen darfst — es muß einzig von Dir aus an das 
Volk gerichtet sein. — Dann ging ich hinein, um die Verwundung unseres 
Fähnrichs zu sehen — schrecklich, die Knochen waren ganz zerschmettert, 
er litt grauenhaft während des Verbindens. Aber er sprach kein Wort, er 
wurde nur bleich, und der Schweiß rann über sein Gesicht und seinen Körper. 
— In jedem Saal photographierte ich die Offiziere. Nach dem Frühstück 
verabschiedete ich mich, und dann ruhte ich aus und hielt ein kleines Schläf- 
chen, wonach ich zu Alexei hinaufging. Ich las ihm vor, wir spielten zu- 
sammen und tranken dann an seinem Bett Tee. 

Tsarskoje Selo, 27. Januar 1915- 
Mein einzig geliebter Nicky! 

Ich erhielt gerade Dein Telegramm aus Kiew und bin sicher, daß Du einen 
ermüdenden Tag hast. — Wie abscheulich, daß die , .Breslau" Jalta bombar- 
diert hat — nur aus Bosheit — Gott sei Dank gab es keine Opfer. Gewiß 
sehnst Du Dich danach, mit dem Auto hinzufliegen, um den angerichteten 
Schaden zu besichtigen. — Es wird an der Front wieder stark gekämpft, und 
es gibt auf allen Seiten schwere Verluste; diese Dumdumgeschosse sind teuf- 
lisch! — 

Heute früh hatten wir eine Operation — sie dauerte ziemlich lange, hef 
aber gut ab. — Ania geht es gut, obgleich ihr rechtes Bein schmerzt. Aber 
die Temperatur war abends fast normal. Nur spricht sie davon, wieder 

45 



nach Haus zu kommen. Ich kann mir dann mein Leben vorstellen ! Gestern 
abend ging ich ausnahmsweise zu ihr, um so nachher ein klein wenig mit 
den Offizieren zusammenzusitzen, wozu ich nie Gelegenheit habe. — Sie redet 
immer davon, wie mager sie geworden sei, obgleich ich ihren Leib und ihre 
Beine kolossal finde (und höchst widerwärtig) — ihr Gesicht ist rosig, aber 
ihre "Wangen sind weniger rund, und sie hat Schatten unter den Augen. Sie 
hat eine Menge Besuch; aber du lieber Himmel — wie fem steht sie mir 
jetzt seit ihrem abscheulichen Benehmen, besonders im Herbst, Winter und 
Frühling 1914 — für mich können die Dinge nie wieder so werden wie früher — 
sie hat das intime Band zerrissen, das so schön war in den letzten vier Jahren 
— ich kann mich nicht mehr wie sonst mit ihr froh fühlen — obgleich sie 
sagt, daß sie mich so liebt. Ich weiß, es ist viel weniger als früher, und 
alles bezieht sich nur auf sie selbst — und auf Dich. Wir müssen vorsichtig 
sein, wenn Du zurückkommst. Wie sehr wünschte ich, man könnte diese 
abscheuliche kleine ,, Breslau" versenken! — 



Die Winterschlacht in Masuren bringt der russischen 10. Armee eine schwere 
Niederlage, die Karpathenschlachten beginnen, die Duma wird mit einer patrioti- 
schen Rede ihres Präsidenten, des Oktobristen Rodzianko, eröffnet, nach dem der 
Ministerpräsident Goremykin und der Minister des Äußern Sassonow sprechen. 



Tsarskoje Selo, 28. Januar 1915. 



Nikolaschas langes Telegramm erfüllt das Herz mit Bewunderung und 
tiefster Bewegung — welche Tapferkeit, 22 Angriffe an einem Tage auszu- 
halten. 

Sie sind alle wirkhche Heihge und Helden. Aber was für grausige Ver- 
luste haben die Deutschen, und sie scheinen sich nichts daraus zu machen. — 
Vielen Dank für die Übersendimg dieser Telegramme. — 

Man sagt, Rodziankos Ansprache sei wundervoll gewesen, besonders zum 
Schluß, ich hatte noch keine Zeit, sie zu lesen. 



Der Zar besucht Sebastopol und das Schwarze-Meer-Geschwader. Fred, oder 
Fredr. ist der alte General der Kavallerie und Generaladjutant Graf Fredericksz, 
der Minister des Kaiserlichen Hauses. 

Tsarskoje Selo, 29. Januar 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Herzlichen Dank für die beiden lieben Telegramme. Ich kann mir vor- 
stellen, wie erhebend es war, an Bord unserer teueren Schiffe zu gehen, und 
wie Dein lieber Besuch ihnen neuen Mut für ihr schweres Werk gegeben hat. 



46 



Wie man sich danach sehnt, daß sie bald die „Breslau" zu fassen bekommen, 
ehe sie weiteres Unheil anrichtet. Wie gut, daß erst so wenige Verwimdete 
in dem Hospital waren . . . 

Ania geht es besser, aber ihre Laune ist nicht besonders — ich speiste sie, 
und so aß sie richtig und schläft jetzt ganz gut. — Heute konnte ich die 
meisten Verwundeten nicht besuchen, es war keine Zeit. — Ich bin so froh, 
daß Du Dich mit N. gut unterhalten hast. Freder. ist etwas verzweifelt (mit 
Recht) über manche unvernünftige Befehle von ihm, die alles nur schlimmer 
machen, und über Dinge, die man besser jetzt nicht bespricht — andere be- 
einflussen ihn, und er versucht, Deine Rolle zu spielen, was sehr unrecht ist — 
mit Ausnahme der militärischen Angelegenheiten. Man sollte dem ein Ende 
machen — vor Gott und den Menschen darf man Deine Rechte nicht so usur- 
pieren, wie er es tut — er kann alles in Unordnung bringen, und Du mußt 
später unter großen Schwierigkeiten alles wieder instand setzen. Mich ver- 
letzt das sehr. Man hat kein Recht, von seinen ungewöhnlich großen Vor- 
rechten so zu profitieren, wie er es tut. 

Das Wetter bleibt andauernd herrlich, aber ich kann es nicht wagen, 
in den Garten zu gehen. 

Tsarskoje Selo, 30. Januar 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Dies ist wahrscheinlich mein letzter Brief an Dich. So interessant alle 
Nachrichten aus Sebastopol sind, ich bedauere doch, nicht bei Dir zu sein. 
Wie interessant war alles, was Du gesehen hast. Du wirst mir eine Menge 
zu erzählen haben. Gott sei Dank gab es so wenig Verwundete. Aber es 
muß Dir wie ein Traum erschienen sein, mit der Dampfbarkasse um das Ge- 
schwader zu fahren, und so erhebend — Gott segne die Teuern und gebe 
ihnen Erfolg. Ich glaube, nachts muß die Finsternis sehr stark gewesen sein. 
— Leider sind die Nachrichten aus Ostpreußen nicht so gut, und wir mußten 
zum zweitenmal zurückgehen — nun, wir werden unsere Kräfte nur desto 
stärker beisammen haben. 

Tsarskoje Selo, 2. März 1915. 

Die Idee, in ein Hospital in der Stadt zu gehen, ist ziemlich unangenehm, 
aber ich weiß, es muß sein, und so werden wir morgen Nachmittag hingehen . . . 
In der Frühe wird Karangosows Blinddarm operiert. Wie froh bin ich, daß 
Du täglich Deinen Spaziergang machst. — Gott gebe, daß Du wirklich viel 
sehen und Dich draußen mit den Generälen besprechen kannst. — Ich habe 
Wiltschkowsky beauftragt, dem dicken Orlow ein gedrucktes Zirkular zu sen- 
den, das einer der Verwundeten von seinen Chefs bekommen hat — viel zu 
strenge, vollkommen ungerechte und grausame Befehle — , wenn ein Offizier 

47 



nicht zur bestimmten Zeit zurückkehrt, dann wird er diszipliniert, bestraft usw. 
Ich kann es nicht schreiben, das Zirkular sagt Dir alles. Man kommt zu der 
Einsicht, daß diejenigen, die verwundet sind, doppelt schlecht behandelt 
werden — dann ist es besser, zurückzubleiben oder sich zu verstecken, um 
nicht betroffen zu werden, und ich finde es höchst unschön. — Ich glaube 
auch nicht, daß es überall so ist, höchstens in einigen Armeen. — Vergib mir, 
mein Lieb, wenn ich Dich damit belästige, aber Du kannst in diesem Punkte 
helfen, und man möchte nicht, daß sich Bitterkeit in ihren armen Herzen 
festsetzt. — Ich muß schließen. — Grüße und Küsse ohne Ende. 

Immer Dein Sonnenschein, 



Tsarskoje Selo, 2. März 1915. 
Mein einzig Süßer! 

Ich beginne meinen Brief heute Abend, weil ich mit Dir plaudern möchte. 
Dein Frauchen fühlt sich entsetzlich traurig ! Mein armer, verwundeter Freund 
ist gestorben! Gott hat ihn still und friedlich zu sich genommen. Ich war 
wie gewöhnlich morgens und mehr als eine Stunde nachmittags bei ihm. Er 
sprach viel — immer im Flüstertone — und nur über seinen Dienst im Kauka- 
sus — er war schrecklich interessant und so strahlend mit seinen großen, 
glänzenden Augen. Vor Tisch legte ich mich hin und wurde von dem Gefühl 
gequält, es könnte sich während der Nacht plötzlich sein Zustand verschlim- 
mern, man würde mich nicht anrufen und so fort — so daß ich, als die Ober- 
schwester eins von den Mädchen ans Telephon rief, ihnen sagte, ich wüßte 
schon, was geschehen sei, und hinflog, um selbst die traurige Neuigkeit zu 
hören. Nachdem M, und A. zu Ania gegangen waren (um Anias Schwägerin 
und Olga Woronow zu sprechen), fuhren Olga und ich nach dem Großen Pa- 
last, um ihn zu sehen. Er lag da so friedlich, bedeckt von meinen Blumen, 
die ich ihm täglich brachte, mit seinem lieblichen, stillen Lächeln — die 
Stirne noch ganz warm. Ich konnte mich nicht beruhigen, so sandte ich Olga 
zu den andern und kam in Tränen nach Hause. Die Oberschwester kann es 
auch nicht fassen — er war ganz ruhig, guten Muts, sagte, er fühle sich ein 
klein wenig unbehaglich, und als die Schwester zehn Minuten, nachdem sie ge- 
gangen war, wieder hereinkam, fand sie ihn mit stieren Augen, ganz blau. Er 
atmete zweimal — und alles war vorbei — er blieb friedlich bis zum Ende. 
Niemals pflegte er sich zu beklagen, nie fragte er nach etwas, er war die Milde 
selbst, wie sie sagte — alle liebten ihn — und dann dieses strahlende Lächeln. — 
Du, mein Lieb, verstehst, was es heißt, wenn man täglich dort gewesen ist, 
nur daran gedacht hat, ihm Freude zu geben — und plötzlich — ist es aus. 
Und nachdem unser Freund von ihm gesagt hatte — erinnerst Du Dich? — 
daß ,,er uns nicht so bald verlassen" würde, da war ich so sicher, er würde 
sich erholen, wenn auch nur sehr langsam. Und er sehnte sich so, zu seinem 

48 



Regiment zurückzukommen — er war vorgeschlagen zum goldenen Schwert 
und dem St. G.-Orden und zu einer Beförderung. — Vergib, daß ich soviel 
über ihn schreibe, aber meine Besuche dort und die Pflege haben mir so über 
Dein Fernbleiben hinweggeholfen, und ich fühlte, daß Gott mich ein wenig 
Sonnenschein in seine Einsamkeit bringen ließ. So ist das Leben ! Wieder hat 
eine tapfere Seele diese Welt verlassen, um droben unter die strahlenden 
Sterne versetzt zu werden. — Und wieviel Kummer gibt es überall — Gott 
sei Dank, daß wir die Möglichkeit haben, wenigstens einigen in ihren Leiden 
Linderung zu bringen und ihnen in ihrer Verlassenheit das Gefühl eines Heims 
zu geben. Man sehnt sich, diesen tapferen Geschöpfen Mitgefühl und Hilfe 
zu erweisen und ihnen ihre lieben Angehörigen zu ersetzen, die nicht kommen 
können^ — Ich darf Dich nicht traurig machen durch meine Briefe, aber ich 
konnte es nicht länger ertragen — ich mußte es einmal aussprechen. 



Im folgenden Briefe nennt die Zarin ihren Schwager Mischa, den Großfürsten 
Michael Alexandrowitsch. Dieser jetzt siebennnddreißig jährige einzige Bruder 
des Zaren hat im Oktober 191 1 ohne Zustimmung Nikolaus II., eine morganatische 
Ehe geschlossen. Seine Gattin ist die geschiedene Frau eines Deutschrussen, des 
Hofpolizeimeisters v. Wulfert. Ein Manifest des Zaren hat ihn der Regentschafts- 
rechte, die ihm für den Fall eines vorzeitigen Todes seines Bruders zustanden, ent- 
hoben. Später ist der Gattin Michaels der Titel einer Gräfin Brassow verliehen 
worden. 

Tsarskoje Selo, 4. März 1915. 
Mein einzig teurer Liebling! 

Mit welcher Freude habe ich Deinen lieben Brief erhalten, ich danke Dir 
tausendmal dafür. Ich habe ihn schon zweimal durchgelesen und ihn 
wiederholt geküßt. — 

Wie Dich alle diese schwierigen Unterredungen ermüden müssen. Gebe 
Gott, daß die Kohlenfrage bald zur Zufriedenheit erledigt ist und die Ges<:hütz- 
frage auch. Aber die andern müssen ja auch bald mit ihren Vorräten zu Ende 
sein. — Wegen Mischas bin ich so glücklich, schreibe es an Deine liebe Mutter, 
es wird ihr gut tun, wenn sie es erfährt. Ich bin sicher, daß dieser Krieg ihn 
mehr zum Mann machen wird — wenn man sie nur aus seinem Bereich ent- 
fernen könnte, ihr diktatorischer Einfluß ist so schädlich für ihn. — Ich werde 
den Kindern sagen, Dein Briefpapier zu holen, und es mit diesem Briefe schicken. 
Baby hat französisch geschrieben. Ich habe ihn dazu veranlaßt, und er 
schreibt so ungezwungner als mit Peter Wassiliewitsch. Sein Bein ist fast 
ganz in Ordnung, er lahmt nicht — die rechte Hand ist verbunden, da sie 
etwas geschwollen ist, so daß er jetzt wahrscheinlich ein paar Tage nicht 
schreiben kann. Aber er geht zweimal täglich aus. 

4 Die letzte Zarin. 49 



Tsarskoje Selo, 6. März 1915. 



Gestern haben sie den armen Jungen begraben, und Schwester Liubuscha 
sagte, er hätte noch sein glückhches Lächeln gehabt — nur die Farbe war 
etwas verändert, aber der Ausdruck, den wir so gut kannten, war nicht ver- 
schwunden. Immer hatte er ein Lächeln, immer erzählte er ihr, er sei so 
glücklich und brauche nichts mehr — und seine strahlenden Augen trafen 
jeden, und er war nach einem auf- und ab wogenden Leben, nach romantischen 
Schicksalsschlägen, Gott sei Dank mit uns glücklich. 

Tsarskoje Selo, 7. März 1915. 
Mein einzig Geliebter I! 

Eine Woche ist es her, daß Du uns verlassen hast — es scheint mir viel 
länger. Deine Telegramme und lieben Briefe sind eine solche Tröstung, und 
ich lese sie fortwährend. — Du weißt, ich muß mich um mein müdes, altes 
Ich bekümmern, und heute stand ich wieder erst vor 8 auf. Ania will das nicht 
verstehen, der Doktor, die Kinder und ich erklären es ihr, und doch schickt 
sie jeden Tag fünf Briefe und bittet mich, zu kommen — sie weiß, ich liege 
zu Bett, und doch tut sie so, als sei sie erstaunt darüber — wie selbstsüchtig! 
Sie weiß, ich unterlasse es nie, zu ihr zu gehen, wenn ich nur kann, auch in 
totmüdem Zustande. Trotzdem murrte sie, weil ich zweimal täglich zu einem 
unbekannten Offizier ging, und kümmert sich nicht um die Bemerkung Bot- 
kins, daß er mich brauchte, und daß sie fast den ganzen Tag über immer 
Gäste hat. Meine Besuche bei ihr kommen ihr, glaube ich, wie eine Schuldig- 
keit vor, und deshalb scheint sie sie wohl manchmal nicht zu schätzen, während 
andere für jede Sekunde dankbar sind, die ich ihnen widme. Es ist ganz gut, 
daß sie mich einige Tage nicht sieht — obgleich der sechste Brief von gestern 
Abend klagte, sie hätte so lange keine Gutenachtküsse und Grüße gehabt. 
Wenn sie sich doch freundlichst einmal erinnern möchte, wer ich zufällig bin, 
dann würde sie vielleicht verstehen lernen, daß ich außer ihr noch andere 
Verpflichtungen habe. Hundertmal sagte ich ihr auch von Dir, wer Du bist, 
und daß ein Kaiser nicht zweimal täglich zu einer kranken Person geht — 
was man denn sonst denken würde, und daß Du zuerst Dein Land hast und 
an alles zu denken, und dann abgearbeitet bist und Luft brauchst und daß es 
gut wäre, wenn Du mit Baby draußen bist usw. Es ist, als spräche man zu 
einem Stein — sie will es nicht verstehen, weil sie allem vorangeht . . . Nun 
genug davon! 

Tsarskoje Selo, 8. März 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Hoffentlich erhältst Du regelmäßig meine Briefe, ich schreibe und nume- 
riere sie täglich, auch in meinem kleinen lila Buch. — Verzeihe, wenn ich Dich 

50 



mit der Übersendung einer Petition belästige, aber man möchte so gerne 
diesen armen Leuten helfen — ich glaube, es ist das zweitemal, daß sie 
schreiben — gib bitte eine Entscheidung und schicke sie dem Justiz- 
minister . . . 

Wie gut ist es, daß Memel genommen wurde, das haben sie sicher nicht 
erwartet, und es wird eine gute Lektion für sie sein. Und von überall her 
scheinen, Gott sei Dank, die Nachrichten gut zu sein, ich habe jetzt Zeit, 
sie alle durchzulesen, da ich zu Bett liege. Ich lege mich jetzt schon um 
halb fünf aufs Sofa, immer etwas länger, obgleich jeden Abend das Herz 
erweitert ist, und Ania bittet mich zu kommen. — Wundervoller Sonnen- 
schein, aber es soll sehr kalt sein . . . 

Ich verstehe nun, warum Du nicht weiter vorgegangen bist, aber sicherlich 
könntest Du vor Deiner Rückkehr noch irgend wohin fahren, es würde Dir 
gut tun und die andern irgendwie aufmuntern. Die Fahrt muß hübsch ge- 
wesen sein, aber ich verstehe den traurigen Eindruck, den solche leeren Häuser 
machen. Wahrscheinlich werden manche von ihnen nie wieder von denselben 
Leuten bewohnt werden. So ist das Leben — solch eine Tragödie! 



Die Zarin envähnt zurückhaltend eine augenblicklich im Ausland lebende Friedens- 
vermittlerin, die Fürstin Mascha (Maria) Wassiltschikow, die nach ihrer Rückkehr 
Ende 1916 willkürUch der Spionage beschuldigt wird und ihren Hof rang verliert. 

Tsarskoje Selo, 9. März 1915. 
Mein Männchen, mein Engel! 

Welch ein Glück, zu wissen, daß ich Dich übermorgen wieder fest in meinen 
Armen halte, daß ich Deiner teuren Stimme lausche und in Deine geliebten 
Augen schaue. Nur für Dich tut es mir leid, daß Du gar nichts hast sehen 
können. Wenn ich nur zur Zeit Deiner Rückkehr leidlich beisammen wäre. 
Diese Nacht kam ich erst nach 5 zum Schlafen, ich fühlte solches Herzdrücken, 
und das Herz ist ziemlich stark erweitert . . . 

Es ist kalt, aber heller Sonnenschein. — Ich lege einen Brief von Mascha 
(aus Österreich) bei, man hat sie gebeten, ihn in Sachen des Friedens an 
Dich zu richten. Natürlich beantworte ich jetzt nie ihre Briefe. Dann ein 
Brief von Ania; — ich weiß nicht, ob Du damit einverstanden bist, daß sie 
schreibt, aber ich kann nicht nein sagen, wenn sie mich einmal fragt, und es 
ist besser so als durch die Diener. Sie sandte gestern nach Kondratiew — wie 
töricht, die Angelegenheit zum Geschwätz für Dienstboten zu machen — ins 
Hospital. Sie wollte sie sehen — nur, um sich einen Spaß zu machen — , ich 
muß ehrlich gestehen, das ist nicht ladylike. Jetzt wird sie nach Deinen Sol- 
daten schicken, und das wird ganz ungehörig sein; — konnte sie sich nicht 

4* 51 



besser nach den armen Verwundeten erkundigen, die sie kennt, und mit denen 
sie nichts zu tun haben will? 

Ich erhielt gerade Dein Telegramm, es kam in 15 Minuten ; Gott sei Dank, 
Przemysl ist genommen ; ich gratuliere Dir aus vollem Herzen — das ist gut — , 
welche Freude für unsere geliebten Truppen ! Es hat lange gedauert, und ehr- 
lich gesprochen bin ich froh für die arme Garnison und die Bevölkerung, 
die fast vor Hunger gestorben sein muß. Jetzt haben wir diese Armeekorps 
frei, um sie an schwächere Stellen zu werfen. Ich bin zu glücklich für Dich! 



Der Zar reist nach dem Kriegsschauplatz m Galizien. Wojeikow ist der aus der 
Einleitung bekannte Palastkommandant und Generaladjutant General Wojeikow, 
der Schwiegersohn des Hausministers Graf Fredericksz. 

Tsarskoje Selo, 4. April 1915- 
Mein allereinziger Schatz! 

Wieder einmal verläßt Du uns, und ich glaube, mit Freuden, denn das 
Leben, das Du hier gehabt hast, war, mit Ausnahme der Gartenarbeit, mehr 
als peinlich und langweilig. Wir haben einander fast nicht gesehen, da ich 
bettlägerig war. Unendlich viele Dinge habe ich Dich nicht fragen können, 
und wenn wir abends spät beisammen waren, waren die meisten Gedanken 
wieder verflogen. Gott segne Deine Reise, mein Geliebter, und möge sie wieder 
unsern Truppen Erfolg und Ermunterung bringen. Hoffentlich wirst Du etwas 
mehr zu sehen bekommen, bevor Du ins Hauptquartier gehst, und wenn 
Nikolascha etwas wie eine Klage an Wojeikow richten sollte, dann unter- 
drücke das und zeige, daß Du der Herr bist. Vergib mir, mein Teurer, aber 
Du weißt, daß Du zu freundlich und gut bist — manchmal können eine starke, 
laute Stimme und ein strenger Blick Wunder tun — sei mir zu Liebe mehr 
entschieden und selbstbewußt — , Du weißt ganz genau, was richtig ist, und 
wenn Du anderer Ansicht und im Recht bist, dann bringe Deine Meinung an 
die Front und drücke sie gegen die andern durch. Sie sollen mehr daran den- 
ken, wer Du bist, und sich mehr nach Dir richten. Dein Wesen bezaubert 
jeden, aber ich wünschte. Du packtest sie durch Deinen Scharfsinn und Deine 
Erfahrung. Wenn auch Nikolascha noch so hoch gestellt ist. Du stehst über 
ihm. Dieselbe Sache hat unsern Freund wie mich verletzt, nämlich, daß Niko- 
lascha sich in seinen Telegrammen, in den Antworten an die Gouverneure usw. 
in Deinem Stil ausdrückt — seiner sollte einfacher, bescheidener usf. sein. — 
Du hältst mich für eine langweilige Nörglerin, aber eine Frau fühlt und sieht 
die Dinge manchmal klarer als mein zu bescheidener Schatz. Demut ist 
Gottes größte Gabe — aber ein Souverän muß seinen Willen öfter zeigen. 
Sei selbstbewußter und gehe voran — und habe keine Angst, daß Du zu- 
viel sagst! 

52 



Tsarskoje Selo, 4. April 1915. 



Alle Mädchen sind zu M. und A.'s Hospital in das Konzert gegangen, das 
Maries Freundin D. veranstaltet hat. — Baby ging in der Nähe vom Weißen 
Turm mit D.'s Kindern spielen. — 

Jedes Kind brachte mir Deine Botschaft — ach, mein Lieb, ich weine jetzt 
wie ein großes Kind — - und sehe Deine süßen, traurigen Augen so voll von 
Liebe vor mir. — 

Bleib gesund, mein Schatz, — Dein Frauchen ist Dir immer nahe in 
Gedanken und Gebeten. Tausend Küsse, Gott segne und beschütze Dich 
und bewahre Dich vor allem Übel. 

Immer Dein einziger treuer Sonnenschein. 



Tsarskoje Selo, 5. April 1915. 



Ich habe wieder gelesen, was unser Freund schrieb, als er in Konstanti- 
nopel war, es ist jetzt doppelt interessant — ganz kurze Eindrücke. O, was 
für ein Tag, wenn in der HagiaSophia wieder Messe gelesen wird. Nur gib Befehl, 
daß nichts, was den Mohammedanern gehört, zerstört oder geraubt wird, 
sie können alles für ihre Religionsübungen weiter benutzen, denn wir sind, 
Gott sei Dank, Christen und nicht Barbaren! Wie gern man in einem 
solchen Augenblick dort wäre! Die Zahl der Kirchen, die die Türken über- 
all für sich benutzt oder zerstört haben, ist schrecklich — denn die Griechen 
wurden nicht für würdig gehalten, solche Tempel zu besitzen und in ihnen 
Gottesdienst abzuhalten. Möge die orthodoxe Kirche jetzt würdiger und 
wieder gereinigt sein ! — Dieser Krieg kann so kolossal viel für die mora- 
lische Erneuerung unseres Landes und der Kirche bedeuten — wenn man 
nur die Menschen fände, die all Deine Befehle ausführten und Dir hälfen in 
all Deinen ungeheuren Unternehmungen! 



Der Besuch des Zaren in I<emberg und dem eroberten Przemysl steht bevor. 
,,Miechen", die hier erwähnt wird, ist die alte Großfürstin Maria Pawlowna, eine 
geborene Herzogin von Mecklenburg (daher ihr in der FamiHe gebräuchlicher deutscher 
Name). Sie ist die Witwe des Großfürsten Wladimir und Mutter von Kyrill, Boris, 
Andrei Wladimirowitsch und ,,Ducky" (Helena Wladimirowna) . Die Gräfin Hohen- 
f eisen, die sich um eine Rangerhöhung für sich und ihre Kinder an die Zarin gewandt 
hat, ist die morganatische Gattin des Großfürsten Paul Alexandrowitsch, eines 
Onkels des Zaren, geschiedene Frau von Pistohlkors, geborene Olga Valerianowna 
Karnowitsch. Erst 1912 hat der Zar den Großfürsten, der in Paris lebte, durch 
Wiederverleihung seiner militärischen Würden rehabilitiert. Die Gräfin Hohenfelsen 
wird dann Ende 1915 Fürstin Palei. — Die ,, kleinen Mädchen" sind die beiden 
jüngeren Töchter, Marie und Anastasia. 



53 



Tsarskoje Selo, 6. April 1915. 



Ich werde unsern Freund bitten, für Dich ganz besonders zu beten. Aber 
vergib, daß ich das sage — es ist nicht N.s Sache, Dich zu begleiten — Du 
mußt der Chef sein, wenn Du Dich zum erstenmal zeigst. Du hältst mich 
ohne Zweifel für eine kleine Gans, aber wenn andere an so etwas nicht denken, 
so muß ich es tun. Er muß zurückbleiben und seine gewohnte Arbeit tun — 
wirklich, nimm ihn nicht mit, denn der Haß gegen ihn muß dort groß sein — 
und Dich allein zu sehen, wird diese Herzen so erquicken, daß sie Dir in Liebe 
und Dankbarkeit entgegenschlagen. — Solch ein Sonnenschein! Die kleinen 
Mädchen fuhren zwischen ihren Lektionen aus — und ich werde Anias Besuch 
haben ! ! Der Arzt läßt mich jetzt häufiger auf sein, ich muß nur liegen, wenn 
die Temperatur steigt. Das Herz ist nahezu normal, aber ich fühle mich 
noch schrecklich schwach, und meine Stimme ist wie die Miechens, wenn sie 
müde ist. — Man brachte mir gerade einen endlosen Brief von der Gräfin 
Hohenfelsen — ich sende ihn Dir, damit Du ihn in einem freien Moment 
liest und ihn dann mir zurückschickst. Sprich nur zu Fredericksz darüber. 
Bestimmt nicht an meinem Namens- oder Geburtstag, wie sie es wünscht — 
aber alles kann sonst recht an ihrem Wunsch sein, nur nicht die „Prinzessin", 
es ist gemein, darum zu bitten. Ich denke, es wird gut khngen, wenn man 
sie zusammen mit ihm ankündigt, vielleicht sogar als Großfürstin. Nur, was 
soU man später zu Mischa sagen — beide hatten vorher Kinder, während sie 
mit andern Männern verheiratet waren, oder nein, Mischas Frau war schon 
geschieden. Und sie vergißt diesen ältesten Sohn — wenn man die Ehe vom 
Jahre 1904 anerkennt, dann war dieser Sohn, für alle erkennbar, ein unehe- 
liches Kind — um sie ist es mir nicht zu tun, laß sie ihre Schande offen tragen — 
aber der Junge? Du sprichst darüber mit dem alten Fred., er versteht solche 
Dinge, und erzähle ihm auch, was Deine Mama sagte, als Du es ihr gegenüber 
erwähntest. Vielleicht werden jetzt die Leute weniger darauf achten . . . 

Im Grunde würde unser Freund es für besser gehalten haben, wenn Du 
das eroberte Land nach dem Kriege besichtigst hättest, ich erwähne das 
nur gerade so. 

Der Mann wartet auf meinen Brief. 



Tsarskoje .Selo, 7. April igiS- 



Es gefällt Ihm nicht, daß N. mit Dir geht, Er hält es immer für besser, 
wenn Du allein gehst — und in dieser Hinsicht stimme ich Ihm ganz zu. 
Nun, jetzt ist ja alles festgesetzt, hoffentlich wird es ein Erfolg, und Du be- 
kommst alle Truppen zu sehen, wie Du es wünschst. Es wird eine Freude 
für Dich sein, und für sie eine Belohnung. Gott segne und schütze Deine Reise. 



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Tsarskoje Selo, 8. April 1915. 
Mein ganz einzig geliebter Mann! 

Zärtlich umgeben Dich an diesem teuem Jahrestag meine Gebete und 
dankbare Erinnerungen voll tiefster Liebe! Wie die Jahre entfliehen! 
Schon 21 Jahre! Weißt Du, daß ich das graue Prinzeßkleid, das ich an jenem 
Morgen trug, aufbewahrt habe? Und ich werde Deine liebe Brosche tragen. 
Mein Teurer, wie viel haben wir zusammen in diesen Jahren durchlebt — überall 
gab es schwere Heimsuchungen, aber zu Hause, in unserm Nest, war strahlen- 
der Sonnenschein! 

Ich sende Dir zum Gedenken ein Bild des heiligen Simeon — halte es 
immer als einen Talisman in Deinem Gemach — Du wirst den Duft des 
Holzes gern haben . . . 

Ich beende meinen Brief an Dich auf dem Sofa. Die großen Mädchen sind 
in der Stadt, die kleinen haben einen Spaziergang gemacht, dann gingen sie 
nach ihrem Hospital und haben jetzt Stunde. Baby ist im Garten. Ich lag 
dreiviertel Stunden auf dem Balkon — es ist ganz eigentümhch, im Freien 
zu sein, da es so selten vorkommt, daß ich in der frischen Luft bin. Die kleinen 
Vögel haben so gesimgen — die ganze Natur war am Erwachen und lobte den 
Herrn! Man fühlt dabei doppelt das Elend des Krieges und des Blutver- 
gießens — aber wie nach dem Winter der Sonnenschein kommt, so wird nach 
Leid und Kampf wieder Friede und Tröstung in diese Welt zurückkehren. 
Alter Haß wird weichen und unser geUebtes Land wird sich zur Schönheit in 
jedem Sinne des Wortes entwickeln. 



In Petersburg beginnt die Teuerung der Lebensmittel fühlbar zu werden. Der 
,,Rjetsch" klagt die Regierung und die Stadtverwaltung, deren Chef der Stadthaupt- 
mann Fürst Obolensky ist, als einzig Schuldige an. — Bobrinsky ist der Graf 
Alexei Bobrinsky, der vom Zaren zum Generalgouvemeur von Galizien ernannt wurde. 
Kaiser N. I. ist Nikolai I., der Urgroßvater des Zaren, der 1849 Kaiser Franz Joseph 
durch einen Einmarsch in das aufständische Ungarn die Krone rettete. Ziun Lohn 
dafür nahm Österreich während des Krimkrieges eine den Westmächten freundliche 
Haltung ein. — X e n i a ist die älteste, mit dem Großfürsten Alexander Michailowitsch 
verheiratete Schwester des Zaren. 



Tsarskoje Selo, 10. April 1915. 



Gr. ist sehr beunruhigt über die Fleischfrage. Die Kaufleute wollen den 
Preis nicht herabsetzen, obgleich die Regierung es wünscht, und es hat, wie 
man sagt, eine Art Fleischstreik gegeben. Er denkt, einer der Minister müßte 
einige der größten Kaufleute kommen lassen und ihnen auseinandersetzen, 
daß es unrecht ist, in einem solchen schweren Augenblick während des Krie- 
ges die Preise zu erhöhen, und daß sie sich vor sich selbst schämen sollten. 



55 



Tsarskoje Selo, ii. April 1915. 



Ich las in den Zeitungen Fred. 's kurzes Telegramm aus Lemberg, das 
von der Kathedrale erzählte, von dem Mahl für die Bauern usw. und von 
Bobr(inskys) Versetzung in Dein Gefolge — was für große historische Mo- 
mente ! Unser Freund ist entzückt und segnet Dich. — Jetzt habe ich in der 
Nowoje Wremja alles über Dich gelesen und fühle mich so ergriffen und so 
stolz auf meinen Liebsten. Und Deine wenigen Worte auf dem Balkon — es 
war gerade das Richtige. Gott segne und vereinige im vollen tiefen, historischen 
und religiösen Sinne des Wortes diese slawischen Länder mit ihrer alten Mutter 
Rußland. Alles kommt zur rechten Zeit, und jetzt sind wir stark genug, sie 
aufzuhalten, früher konnten wir dazu nicht imstande sein — trotzdem müssen 
wir im ,, Innern" noch stärker und in jedem Sinne einiger werden, um fester 
und mit mehr Autorität zu regieren. — Wie glücklich wäre Kaiser N. I. ! Er 
sieht seinen Urenkel diese Provinzen aus femer Vergangenheit zurückerobern 
— und die Rache für Österreichs Verrat gegen ihn. Und Du hast durch Deine 
Persönlichkeit Tausende von Herzen erobert. Ich fühle es, durch Dein süßes, 
weiches, demütiges Wesen und Deine strahlenden reinen Augen — jeder er- 
obert mit dem, was ihm Gott verliehen hat — jeder auf seine Art. Gott segne 
auch weiter Deine Reise — ich bin sicher, sie wird die Kraft unserer Truppen 
neu entflammen — wenn sie dessen bedürftig sind. Ich freue mich, daß Xenia 
und Olga diesen großen Augenblick gesehen haben ! — Wie lieb von Dir, daß 
Du zu Olgas Hospital gegangen bist — es war eine Belohnung für ihre uner- 
müdliche Arbeit! 



Tsarskoje Selo, 13. April 1915. 



Denke nur, da war ein ganz junger Mensch in Olga Orlows Hospital, 
Schwedow, mit dem St. Georgskreuz — irgend etwas Zweideutiges war letz- 
ten Endes an ihm, wie konnte ein Freiwilliger ein Offizierskreuz haben, und 
zu mir sagte er, er sei nie Freiwilliger gewesen. Er sah noch ganz wie ein 
Knabe aus — ging dann — man fand chiffrierte deutsche Schriftstücke auf 
seinem Tisch, und jetzt höre ich, daß er gehängt worden ist! Zu schrecklich, 
und er bettelte um unsere unterschriebenen Photographien, wie mir einfällt ; — 
wie konnte man nur ein solches halbes Kind festnehmen! — Baby brachte 
gerade einen von den deutschen Pfeilen, die man von Flugzeugen fallen 
läßt — wie schrecklich scharf sie sind — Romanowsky brachte ihn (ist er 
Flieger?) und bat um Babys Bild — der Aeroplan liegt hier irgendwo, Baby 
vergaß, von woher er gebracht worden war. — 

Jetzt bist Du also nach dem Süden abgereist — hast Du Deine Generäle 
nicht getroffen? Heute bist Du vielleicht schon in Odessa — wie braun Du 
werden wirst. — Ich flüstere Dir einen Wunsch Kyrills zu, den er N. P. sagte, 



56 



der ihn dann bei einer Gelegenheit Ania wiederholte (weil er dachte, er könnte 
ihn Dir nicht mitteilen). Er hofft nämlich, Du würdest ihn mitnehmen nach 
Nikolajew und Sebastopol — ich erwähne es nur so, weil ich nicht glaube, 
daß Du einen Platz für ihn hast . . . 

Unser Freund ist froh, daß Du nach dem Süden gereist bist. Er hat all 
diese Nächte so viel gebetet und kaum geschlafen — er war so besorgt um 
Dich — irgendein verderbter, böser Jude möchte Dir etwas zufügen. 

Tsarskoje Selo, 15. April 1915. 

Ich möchte wissen, wie es sich mit dieser Frauenlegion, die man in Kiew 
gebildet hat, verhält. Wenn sie wie in England nur dazu dient, Verwundete 
fortzutragen und als Sanitäter zu helfen, dann kann man nichts dagegen ein- 
wenden — aber ich persönHch würde nicht erlaubt haben, daß sie dort ,,en 
masse" ausziehen — die Schwesterntracht ist doch ein Schutz, und sie benehmen 
sich auch anders — aber was wollen diese sein? 

Wenn sie nicht in sehr strengen Händen und gut bewacht sind, dann 
werden sie ganz andere Dinge tun. Einige wenige von ihnen in Sanitäts- 
abteilimgen könnten gut sein, aber als eine Truppe — nein, das ist nicht 
ihr Platz. 



Eine furchtbare Explosion in der Ochtenski-Pulverfabrik alarmiert die Peters- 
burger Bevölkerung. Serge i ist der Großfürst Sergei Michailowitsch, Onkel des 
Zaren, der als Generalinspekteur der Artillerie in Petersbvirg residiert. — ,,W.", der 
von dem weiter unten erwähnten Friedensfühler des Großherzogs von Hessen nichts 
weiß, ist Kaiser Wilhelm. 

Tsarskoje Selo, 17. April 1915. 

Abends um 8.20 war die Explosion — ich schicke Dir Obolenskys Meldung. 
Jetzt habe ich an Sergei um Nachrichten telephoniert — man spricht von 150 
Schwerverletzten — wie viele getötet sind, kann man nicht sagen, da man 
die Überreste sammelt — , wenn die Überlebenden versammelt sind, wird man 
wissen, wer fehlt. In einzelnen Teilen der Stadt imd der Straßen hörte man 
gar nichts — hier fühlten es verschiedene sehr stark, so daß sie dachten, es 
sei in Tsarskoje geschehen. Gott sei Dank ist es nicht das Pulvermagazin, 
wie man zuerst sagte. 

Ich hatte einen langen Heben Brief von Emie — ich werde ihn Dir bei 
Deiner Rückkehr zeigen. Er sagt, ,,wenn jemand ihn (Dich) versteht und 
weiß, was er durchmacht, dann sei ich es". Er küßt Dich zärtlich. Er sehnt 
sich nach einem Ausweg aus diesem Dilemma, irgend jemand müsse anfangen, 
eine Brücke zu einer Diskussion zu schlagen. 

57 



Deshalb hatte er die Idee, ganz privat einen Vertrauensmann nach Stock- 
holm zu schicken, der einen Herrn, den Du (privat) schicktest, treffen sollte, 
um an der Wegschaffimg mancher augenblickücher Schwierigkeiten zu ar- 
beiten. Er hatte diesen Gedanken, weil in Deutschland kein wirklicher Haß 
gegen Rußland herrscht. Er schickte also jemand, der dort am 28. (das ist 
vor zwei Tagen, und ich erfuhr es erst heute) sein sollte, und er konnte ihn 
nur auf eine Woche entbehren. Deshalb schrieb ich sofort eine Antwort (und 
zwar durch Daisy) und sandte sie dem Herrn, indem ich ihm mitteilte. Du 
seist noch nicht zurück, und er sollte besser nicht warten, und daß, obgleich 
man sich nach dem Frieden sehnt, die Zeit dafür noch nicht gekommen sei. — 

Ich wollte, daß alles vor Deiner Rückkehr erledigt sei, denn ich weiß, es 
würde Dir unangenehm sein. 

W. weiß natürlich absolut nichts hiervon. — 

Er sagt, sie ständen wie ein fester Wall in Frankreich, und wie seine 
Freunde ihm mitteilten, im Norden und in den Karpathen auch. Sie glauben, 
daß sie 500000 Gefangene von uns haben. 

Der ganze Brief ist heb und zärthch , — ich war äußerst dankbar, ihn zu 
bekommen, obgleich die Angelegenheit mit dem wartenden Herrn in Deiner 
Abwesenheit kompliziert war. — Auch wird E. enttäuscht sein. 

Mein Herz ist wieder erweitert, deshalb verlasse ich das Haus nicht. 

Tsarskoje Selo, 18. April 1915. 

Unser Freimd sagt, die Katastrophe habe sich durch eine geplante Brand- 
stiftung ereignet, der Haß gegen Deutschland wird groß sein. 

Tsarskoje Selo, 19. April 1915. 

Wie heb, daß Du Baby zum Chef eines dieser glorreichen Bataillone er- 
nannt hast, Worontzow sandte mir ein entzücktes Telegramm. Ich erwartete 
ungeduldig Deine Rückkehr — ich bin einsam ohne Dich, mein Schatz, und 
Du wirst mir solch eine Menge zu erzählen haben. 



Hindenburg unternimmt zur Verschleierung offensiver Absichten in Galizien einen 
Vorstoß gegen Kurland; Schaulen und Libau werden genommen; die Russen fliehen 
auf Mitau. 

Tsarskoje Selo, 20. April 1915. 
Mein einzig geliebter Schatz! 

Dies ist mein letzter Brief an Dich. Für Deinen lieben und unerwarteten 
Brief und für die herrlichen Blumen zärthchsten Dank. Man fühlt Heimweh 
nach der schönen Krim, unserm irdischen Paradies im Frühhng! — Alles, was 

58 



Du schreibst, ist so interessant — wieviel hast Du getan — Du mußt sicherlich 
müde sein, mein lieber Schatz, mein Männchen! 

Ja, mein Herz, ich weiß. Du bist einsam, und es macht mich immer so 
traurig, daß Sonnenstrahl nicht alt genug ist, Dich überall hin zu begleiten . . . 

Anias Tante kam in aller Hast von Mitau zurück, und der Gouverneur mit 
allen Dokumenten — eine Panik — die Deutschen im Anmarsch! Bei ims 
keine Truppen ! — deutsche Kundschafter. 

Ich glaube, daß sie nahe bei Libau — ich halte es für sicher — mit ihren 
Massen von Matrosen (die unbeschäftigt sind) und anderen Truppen eine 
Landung machen wollen, um von da hinter unserm Rücken auf Warschau 
vorzustoßen oder sich an der Küste entlang mit den Deutschen zu vereinigen — 
das alles ist mir schon seit Herbst durch den Kopf gegangen. — Unser Freund 
findet sie schrecklich hinterhstig — nimmt alles sehr ernst, sagt aber, daß 
Gott helfen wird. — Meine bescheidene Meinung ist die, daß man einige Ko- 
sakenregimenter auf die Küste verteilen oder unsere Kavallerie ein bißchen 
mehr nach Libau hinziehen soll, um sie zu verhindern, alles zu ruinieren und 
eine Basis für das Festsetzen ihrer teufhschen Aeroplane zu finden. 



In Galizien glückt die Durchbruchsschlacht von Gorüce — Tamow, in der die 
russische 3. und 8. Armee vernichtend geschlagen werden. Am i. (14.) Mai stehen 
deutsche Vortruppen vor Przemysl. Durch besondere Verfügung werden aus dem Ge- 
biet nahe dem Kriegsschauplatz die Juden ausgewiesen. Die Maßnahme wird dann 
zurückgezogen. Am 6. (19.) Mai ist der Geburtstag des Zaren. „Drent." in dem Brief 
vom 7. Mai ist der Flügeladjutant Alexander Alexandrowitsch von Drenteln, Oberst 
im Leibgarde-Infanterieregiment Preobraschensk imd dem Militärkabinett des Zaren 
für besondere Missionen zugeteilt. 

Tsarskoje Selo, 4. Mai 1915. 
Mein einzig Allersüßester! 

Du wirst diese Zeilen vor dem Zubettgehen lesen — vergiß nicht, daß 
Dein Frauchen für Dich betet und, o, soviel an Dich denkt und Dich ganz 
schrecklich vermißt. Wie traurig, daß wir nicht Deinen lieben Geburtstag 
zusammen verleben — es ist das erste Mall Möge Gott Dich reichlich segnen, 
Dir Kraft und Weisheit, Tröstung, Gesundheit und Seelenfrieden geben, um 
auch in Zukunft tapfer Deine schwere Krone zu tragen — ach, es ist kein 
bequemes noch leichtes Kreuz, das Er auf Deine Schultern gelegt hat. Ich 
möchte, ich könnte es Dir tragen helfen, in Gebeten und Gedanken tue ich 
es immer. Ich verlange danach. Dir Deine Bürde zu erleichtern — Du hattest 
soviel zu leiden in diesen 20 Jahren — und Du bist dabei noch am Tage 
des langleidenden Hiob geboren, mein armes Lieb. Aber ich bin sicher, daß 
Gott Dir helfen wird, wenn Du auch noch viel Herzweh, Angst und schwere 
Arbeit tapfer durchmachen mußt, mit Entsagung und Vertrauen auf Gottes 
Gnade und unerforschliche Weisheit. Es ist hart. Dir keinen zärtlichen Ge- 

59 



burtstagskuß und Segen geben zu können ! — Man wird manchmal so müde 
von Leiden, Angst und Verlangen nach Frieden — o, wann wird er wohl 
kommen! Wie viele Monate Blutvergießen und Elend soll es noch geben? 
Sonne kommt nach Regen — und so wird auch unser geliebtes Land seine 
goldenen Tage des Wohlstands sehen, nachdem sein Boden mit Blut und 
Tränen getränkt worden ist — Gott ist nicht ungerecht, und ich setze all 
mein Vertrauen unerschütterlich auf Ihn — aber es ist so schmerzvoll, all 
das Elend zu sehen — zu wissen, daß nicht alle arbeiten, wie sie sollten, daß 
unbedeutende Persönlichkeiten oft die große Sache verderben, für die sie in 
Gemeinschaft arbeiten sollten. Sei fest, mein Lieb, zeige Deine eigene Mei- 
nung, laß die andern fühlen, daß Du weißt, was Du willst. Gedenke, daß 
Du der Kaiser bist, und daß andere nicht soviel in die Hand nehmen dürfen 
— um nur mit einer Kleinigkeit wie der Geschichte mit Nostiz zu beginnen — , 
er befindet sich in Deiner Suite, und darum hat N. absolut kein Recht, Be- 
fehle zu geben, ohne Dich zuerst um Erlaubnis zu bitten. 

Wenn Du so etwas tätest mit einem seiner Adjutanten, ohne es ihm an- 
zukündigen, würde er nicht Lärm schlagen, den Beleidigten spielen usw.? 
Und man kann doch, ohne sicher zu sein, nicht so die Karriere eines Mannes 
ruinieren. — Ferner, Liebster, wenn ein neuer Kommandeur der Nijegorod 
ernannt wird, möchtest Du nicht Jagmin vorschlagen? 

Ich mische mich in Dinge, die mich nichts angehen — aber es ist nur 
eine Anregung — (und es ist Dein eigenes Regiment, deshalb kannst Du dahin 
setzen, wen Du willst). 

Sorge, daß die Sache mit den Juden vorsichtig durchgeführt wird, ohne 
unnötige Härten, um nicht Unruhen über das Land zu verbreiten. — Laß 
Dich nicht zu unnötigen Ernennungen und Belohnungen für den 6. bereden — 
es liegen noch viele Monate vor uns ! — Kannst Du nicht nach Cholm fahren, 
um Iwanow zu besuchen, oder unterwegs halten, um die Soldaten zu besich- 
tigen, die darauf warten, zur Auffüllung der Regimenter abgeschickt zu werden? 

Man möchte, daß jeder Deiner Tage nicht nur eine Freude für das Haupt- 
quartier (ohne Truppen) wäre — sondern für die Soldaten oder für die Ver- 
wundeten, die Stärkung durch Dich brauchen, und außerdem wird es Dir 
auch gut tun. Tue, was Du willst, und nicht, was die Generäle wollen — 
Deine Anwesenheit gibt überall Kraft. 

Tsarskoje Selo, 6. Mai 1915. 

Alle fragen nach Neuigkeiten — ich weiß keine — aber das Herz ist 
schwer — durch Mecks Telegramm kann man den Bewegungen mehr oder 
weniger folgen. — Nawronsow sprach telephonisch mit uns, der Sünder reist 
erst heute abend ab — wie er mir sagte, hat er sechs Monate , .gefastet" und 
muß jetzt die Stadt genießen. Ich nannte ihn einen Heuchler, was er aber 

60 



nicht für wahr halten wollte — er meinte, es sei zu schade, daß es mit meiner 
Gesundheit jetzt besser gehe, weil er auf meine Gesundheit zu trinken pflegte. 
Ich erzählte ihm, daß ihn Prinzeß Gedroitz, die ihn gut leiden kann, 
enfant terrible nenne. — ... Bobrinsky ist in aller Eile nach Lemberg gereist. 

Tsarskoje Selo, 7. Mai 1915. 

Ging bis fünf Uhr zu A., sah dort unsern Freund — er denkt oft an Dich, 
betet, ,,wir saßen und sprachen zusammen, — und Gott hilft schließlich doch". 

Es ist schrecklich, zu einer Zeit, die so voll Herzweh und Angst ist, 
nicht bei Dir zu sein — wollte Gott, ich könnte Dir helfen — ein Trost, 
N. P. ist Dir nahe, und das macht mich ruhiger — ein natürliches, warmes 
Herz und ein gütiger Blick helfen, wenn Sorgen die Seele erfüllen ; nicht ein 
dicker O. oder Drent. ... 

Schatz meiner Seele, geliebter Engel, Gott helfe Dir, er tröste, stärke und 
stütze unsere braven Helden. — 

Ich küsse Dich aus vollem Herzen und segne Dich ohne Ende. Ich muß 
schließen. 

Immer Dein einziges Frauchen. 



Die Zarin erwähnt u. a. den Tod des Vizeadmirals v. Essen, Chefs des baltischen 
Geschwaders. 

(Witebsk), 8. Mai 1915. 

Wir gingen zur Kathedrale, ein Tedeum von fünf Minuten, ich muß sagen, 
der Bischof Kyrill schien sehr schwach zu sein. Dann fuhren wir in vier Hospi- 
täler. In einem arbeiten seit August die Schwestern von meiner Krestowoz- 
dwijensky-Gemeinde — in einem andern Schwestern und Ärzte aus Tasch- 
kent — , überall gute Luft, alles rein und hübsch und einfach. In einem Garten 
wurden wir mit vielen Verwundeten photographisch aufgenommen. Massen 
von Juden und Gepäck kamen mit ihnen von Kurland — ein peinlicher An- 
blick mit all ihren Säcken und ihren kleinen Kindern . . . 

Ich erhielt Dein Telegramm, daß Du Deine Reise aufgeschoben hast, was 
mehr als begreiflich ist — besser. Dir in diesen quälenden Tagen näher zu 
sein — wollte Gott, daß jener ,, Lichtstrahl" sich zu Sonnenschein erhellen 
möchte — man sehnt sich so nach Erfolg — und jetzt kommt Essens Tod, 
gerade der, den die Deutschen fürchteten, stirbt! Ach, welche Prüfungen 
sendet Gott — wen magst Du wohl an seiner Stelle ernennen, wer hat dieselbe 
Energie wie er im Kriege? Es ist abscheulich, daß ich nicht bei Dir bin, da 
ich doch weiß, wie Du leidest. Aber Gott der Allmächtige wird helfen, all 
unsere Verluste werden nicht vergeblich sein, all unsere Gebete müssen gehört 
werden, gleichgültig, wie hart es jetzt ist. Aber weit weg sein mit kaum ein- 

61 



mal einer Nachricht ist schwer, und doch kannst Du nicht näher kommen. 
Mein Süßer, ich kenne Deinen Glauben und Dein Gottvertrauen. St. Nikolais 
Fest morgen möge ihn bewegen, für unsere tapferen, kämpfenden Truppen 
einzutreten. 



In dem folgenden Brief nennt die Zarin die Großfürstin Mawra, Jelissaweta 
Mawrikiewna, geborene Prinzessin von Sachsen-Altenbvirg, die Gattin des Großfürsten 
Konstantin Konstantinowitsch (der bald darauf, am 2. Juni a. St., stirbt). 

Tsarskoje Selo, 10. Mai 1915- 

Miechen hörte durch die Prinzessin Oginsky und beauftragte Mawra, es 
mir mitzuteilen, daß den katholischen (verwundeten) Gefangenen erlaubt ist, 
Priestern (in Wilna) zu beichten, sie dürfen aber keine Kommunion empfangen 
— das ist sehr unrecht, aber Tumanows Befehl lautet so. — Wenn sie sich 
vor den Priestern fürchten, warum erlauben sie das Beichten — ich glaube, 
es sind Bayern. Wie die Protestanten behandelt werden, weiß ich nicht. 
Kannst Du nicht mit jemand sprechen, damit die Sache untersucht wird? 



Am 23. Mai 1915 (10. a. St.) erklärt Italien den Krieg an Österreich-Ungarn. 
Kämpfe an der Grenze von Tirol beginnen. Der Flügeladjutant Genera lm ajor Fürst 
Engalitschew sieht schon jetzt durch die an der Bzura und der Rawka stehenden 
deutschen Truppen Warschau bedroht. 

Tsarskoje Selo, 11. Mai 1915. 

Wir verbrachten den gestrigen Abend bei Ania, von 8 bis V211 waren 
einige Offiziere eingeladen und spielten — Alexei Hieb bis viertel 10 und 
amüsierte sich köstlich. Ich strickte. Sie gab mir dann Briefe von dem un- 
glücklichen Nostiz-Paar zu lesen — es scheint, diese häßliche Intrige wurde 
ihren amerikanischen Verwandten durch einen Herrn von der amerikanischen 
Botschaft mitgeteilt, der durch ihre Feinde aufgehetzt war — der Botschafter 
selbst ist ein Freund von ihnen. Sie glaubt, es ist alles durch Mme. Artzimo- 
witsch (eine geborene Amerikanerin) gekommen, und daß Eifersucht hinter 
der Geschichte steckt. Aber es war traurig, ihre verzweifelten Briefe über 
ihr ruiniertes Leben zu lesen — und ich bin sicher, daß Du darauf dringst, 
daß die Geschichte genügend aufgeklärt wird und ihnen Gerechtigkeit wider- 
fährt. Mir liegt an beiden nichts, aber die ganze Sache ist eine schreiende 
Schande, und N. hatte kein Recht, ohne Dich vorher um Erlaubnis zu fragen, 
an einem Mitglied Deiner Suite so zu handeln — es ist so leicht, einen guten 
Ruf zu zerstören, und mehr als schwer, ihn wieder herzustellen. 

6. ^ 



(Ohne Datum.) 
Mein einzig Geliebter! 

Als wir aus dem Hospital zurückkehrten, fand ich Deinen lieben Brief 
und danke Dir dafür aus der Tiefe meines liebenden Herzens. Es ist solche 
Freude, von Dir zu hören, mein Schatz. Ich danke Dir vielmals für alle 
Einzelheiten, ich sehnte mich so danach, wirkliche, genaue Nachrichten von 
Dir zu bekommen. Wie hart waren doch diese Tage, und ich mußte fern 
von Dir sein, und Du hattest so schwer zu arbeiten, so viel zu tun. Gott sei 
Dank, daß jetzt alles besser ist, und möge Italien einige von den Truppen 
wegziehen . . . 

Engal. sagte, man erwarte in den nächsten Tagen schwere Schlachten 
bei Warschau, aber er hält unsere zwei Generäle (ich erinnere mich nicht der 
Namen) für schwach und nicht für die Typen, die solch schwere Angriffe 
aushalten können. 



Ende Mai a. St. öffnet sich die innere Spannung ein Ventil: in Moskau brechen 
Pogrome gegen die Deutschen aus, die von der Menge der Brunnenvergiftung be- 
zichtigt werden. In Petersburg beschließt der Kongreß der russischen Kaufleute und 
Industriellen die Errichtung eines Kriegsindustrie-Komitees zur Abhilfe der 
Not an Kriegsbedarf, mit der sich dann auch in Moskau eine Tagung der Semstwos 
und des Städtebundes beschäftigt. Das Ministerium Goremykin ist uneins. Der 
Minister des Innern Maklakow soU abgehen. Er wird am 6. Juni a. St. entlassen; 
sein Nachfolger (als Verweser) ist der hberalisierende Chef des Reichsgestütwesens 
Fürst Schtscherbatow. ,,Mr. Ph.", der weiter unten erwähnt wird, ist der fran- 
zösische Hypnotiseur Mr. Philippe, Rasputins Vorgänger am Zarenhofe. Rasputin 
ist gegen die Einberufung des I<andsturms zweiter Klasse, die Nikolai Nikola je witsch 
verlangt. 

Tsarskoje Selo, lo. Juni 1915. 
Mein einziger Schatz! 

Mit schwerem Herzen ließ ich Dich diesmal fortgehen — alles ist so ernst 
und grade jetzt besonders schmerzlich, und ich sehne mich, bei Dir zu sein, 
mit Dir Kummer und Sorgen zu teilen. Du trägst alles so tapfer und ganz 
allein — laß mich Dir helfen, mein Schatz. Sicherlich gibt es einen Weg für 
eine Frau, zu helfen und zu nützen. Ich verlange so danach, es Dir leichter 
zu machen, und die Minister zanken sich alle untereinander zu einer Zeit, 
wo sie alle zusammenarbeiten und persönliche Kränkungen vergessen sollten 
— da sie als Ziel die Wohlfahrt ihres Souveräns und des Landes haben 
sollten — es macht mich wütend. Mit andern Worten, es ist Verrat, denn dcis 
Volk weiß es, es fühlt, daß die Regierung imeinig ist, und dann, was dadurch 
unnütz verloren geht. Wenn Du doch nur streng sein könntest, mein Lieb, 
es ist so notwendig, sie müssen Deine Stimme hören und den Unwillen in 

63 



Deinen Augen sehen; sie sind zu sehr an Deine freundliche, verzeihende Güte 
gewöhnt. 

Manchmal bringt ein freundlich gesprochenes Wort weit — aber in Zeiten, 
wie wir sie jetzt durchleben, muß man Deine protestierend erhobene Stimme 
hören. Du mußt tadeln, wenn sie fortfahren, Deinen Befehlen nicht zu ge- 
horchen, wenn sie zögern, sie auszuführen. Sie müssen lernen, vor Dir zu 
zittern — Du erinnerst Dich, daß Mr. Ph. und Gr. auch dasselbe sagten. 
Du mußt einfach befehlen, was geschehen soll, nicht sie fragen, ob es möglich 
sei (Du wirst nie etwas Unvernünftiges oder eine Torheit verlangen) — zum 
Beispiel, befiehl wie in Frankreich (einer Republik), daß andere Fabriken 
Granaten, Patronen machen (wenn Kanonen und Gewehre zu kompliziert 
sind) — laß die großen Fabriken Lehrer schicken — wo ein Wille ist, ist auch 
ein Weg, und sie müssen sich alle klarmachen, daß Du darauf bestehst, daß 
Deine Wünsche aufs schnellste erfüllt werden. Es ist ihre Sache, die Leute, 
die Fabrikanten zu finden, dafür zu sorgen, daß alles in Gang kommt. Laß 
sie umherlaufen und selbst danach sehen, daß die Arbeit getan wird. Du 
weißt, wie talentvoll unser Volk ist, wie begabt — nur ist es träge und ohne 
Initiative. Setze es in Bewegung, und es kann alles, nur frage nicht, sondern 
gib unbedingte Befehle, sei energisch um des Landes willen. 

Genau so steht es mit der Frage, die unser Freund sich so zu Herzen 
nimmt, und die um des inneren Friedens willen die ernsthafteste von allen 
ist — die Nichteinberufung der zweiten Klasse. Wenn der Befehl schon ge- 
geben ist, dann sage N., daß Du darauf bestehst, daß er widerrufen wird — 
daß auf Deinen Befehl damit gewartet wird, die gütige Order muß von Dir 
kommen — höre nicht auf irgendwelche Ausflüchte — (ich bin sicher, es 
geschah unbeabsichtigt, weil man die Stimmung des Landes nicht kannte). 
Darum fürchtet unser Freund Deine Anwesenheit im Hauptquartier, weil 
dort alle mit ihren eigenen Erklärungen kommen und Du ihnen unfreiwillig 
nachgibst, wenn Dein eigenes Gefühl das Richtige getroffen hat, aber ihnen 
nicht paßt. Erinnere Dich doch, daß Du lange regiert hast, daß Du weit 
mehr Erfahrung hast als sie. — N. hat nur an die Armee und den Erfolg zu 
denken — Du trägst die innere Verantwortung auf Jahre hinaus — wenn 
er Fehler macht (nach dem Kriege ist er nichts), dann mußt Du sie später 
in Ordnung bringen. Nein, höre auf unsern Freund, glaube an ihn, er hat 
Dein und Rußlands Interesse im Herzen — es geschah nicht ohne Grund, 
daß Gott ihn uns gesandt hat — nur müssen wir mehr auf das achten, was 
er sagt — seine Worte sind nicht leichthin gesag!; — und die Gnade, nicht 
nur seine Gebete, sondern auch seinen Rat zu haben — ist groß. Die Minister 
dachten nicht daran. Dir zu sagen, daß diese Maßnahme unheilvoll ist, aber 
er tat es. — Wie hart ist es, nicht bei Dir zu sein, ruhig alles zu besprechen 
und Dir zu helfen, fest zu sein. — Werde Dir folgen und Dir in Gedanken 
und Gebeten die ganze Zeit nahe sein. Möge Gott Dich segnen und beschützen, 

64 



mein Tapferer, Geduldiger, Demütiger. Ich bedecke Dein süßes Gesicht mit 
endlosen, zarten Küssen — liebe Dich über alle Worte, meine einzige, ganz 
einzige Sonne und Freude. — Ich segne Dich. — Schade, daß wir nicht zu- 
sammen beten, aber Botk. hält es für klüger, wenn ich ruhig bleibe, da ich 
ja bald wieder ganz gesund sein werde. 

Dein einziges Frauchen. 

Unsere Marie wird am 14. sechzehn Jahre, gib ihr deshalb ein Diamant- 
halsband, wie die andern beiden eins bekommen haben. 



Die Zarin berichtet, daß bei der Deutschenhetze in Moskau auch ihre Schwester 
Elisabeth insultiert worden ist. Felix ist der dreißigjährige Fürst Felix Jussupow, 
der einzige Sohn des Moskauer Generalgouverneurs Fürst Jussupow, der anderthalb 
Jahre später Rasputin ermorden wird. Er hat im Februar 191 4 die Prinzessin Irina 
geheiratet, die Tochter des Großfürsten Alexander Michailowitsch und der älteren 
Schwester des Zaren, der Großfürstin Xenia. 

Tsarskoje Selo, 11. Juni 1915- 

Ich numerierte Deine Briefe, den letzten aus dem Hauptquartier mit 176. 
Du willst, bitte, meinen gestrigen mit 313 numerieren — hoffentlich hat Dir 
mein Brief nicht mißfallen, aber ich bin von unseres Freundes Wunsch bedrückt 
und weiß, es wird unheilvoll für uns und das Land sein, wenn er nicht erfüllt 
wird. Er meint, was er sagt, wenn er so ernstlich spricht — er war sehr 
dagegen, daß Du nach L. und P. gingst — wir sehen jetzt, daß es zu früh 
war. — Er war sehr gegen den Krieg — war dagegen, daß das Volk in die 
Duma kam, ein häßlicher Akt von Rodz(ianko) — und die Reden (finde ich) 
hätten nicht gedruckt werden dürfen. 

Bitte, mein Engel, mache, daß N. es mit Deinen Augen sieht — erlaube 
nicht, daß auch nur ein Mann von der zweiten Klasse einberufen wird — 
verhindere es, solange es irgend möglich ist — sie haben in den Feldern, den 
Fabriken, auf den Dampfern usw. zu arbeiten ; lieber ziehe die Rekruten vom 
nächsten Jahrgang jetzt ein — bitte, höre auf seinen Rat, wenn er so ernst- 
haft erteilt ist und ihm schlaflose Nächte verursacht hat — ein Fehler, und 
wir alle werden dafür zu zahlen haben. — Ich bin neugierig, welche Stimmung 
Du im Hauptquartier gefunden hast, und ob die Hitze sehr stark ist. — 

Felix erzählte Ania, daß man (neulich) Steine nach Ellas Wagen geworfen 
und sie angespien hat, aber sie wünschte nicht, mit uns darüber zu sprechen — 
man fürchtete wieder in diesen Tagen Unruhen — warum, weiß ich nicht. — 
Die großen Mädchen waren im Hospital, gestern arbeiteten sie alle vier in 
den Vorratsmagazinen — an Bandagen — und gingen nachher zu Irina. 
Wie fühlst Du Dich, mein Lieber, Deine geliebten, traurigen Augen verfolgen 
mich noch immer. 

5 Die letzte Zarin. 65 



Mme. Hartwig ist die Witwe des russischen Gesandten in Belgrad. Der Rücktritt 
Suchomlinows, der allgemein gefordert wird, wird am 14. (27.) Juni bekannt- 
gemacht. Kriegsminister wird durch den EJinfluß des Großfürsten Nikolai Nikolaje- 
witsch der General der Infanterie Poliwanow, der der Zarin wegen seiner Bezie- 
himgen zu Gutschkow verdächtig scheint. Tatsächlich wird Gutschkow eine Woche 
später als Adlatus Poliwanows ins Kriegsministerium berufen. ,, Diese Weiber" sind 
wieder die beiden Montenegrinerinnen. 

Tsarskoje Selo, 12. Juni 1915. 

Ich sah gestern Mme. Hartwig — sie erzählte mir so viele interessante 
Dinge von ihrer Abreise aus Lemberg — und traurige Eindrücke von miß- 
gestimmten Soldaten, die sagten, sie wollten nicht zurückkehren, um den 
Feind mit leeren Fäusten zu bekämpfen — die Wut der Offiziere auf Suchom- 
linow ist ganz kolossal — der arme Mann — sie hassen seinen bloßen Namen und 
verlangen, daß er weggeschickt wird — nun, es wäre besser, wenn es geschähe, 
auch um seinetwillen, bevor ein Skandal ausbricht. Es ist die Spekulationswut 
seiner Frau, die seinen guten Ruf ganz untergraben hat — wegen ihrer Bestech- 
lichkeit und ähnlicher Dinge hat er zu leiden — man sagt, es sei seine Schuld, 
wenn es keine Munition gäbe, was jetzt unser Fluch ist usw. Ich erzähle Dir das, 
um Dir ein Bild von den Eindrücken zu geben, die sie mitgebracht hat. — 

Wie man nach einem Wunder verlangt, das Erfolg bringt, damit Munition 
und Gewehre doppelte Arbeit tun. — 

Was für ein Geist im Hauptquartier herrschen mag? — Wollte Gott, 
N. wäre ein anderer Mensch und hätte sich nicht gegen einen Mann Gottes 
gewandt, was immer ihrer Arbeit Unglück bringt, und diese Weiber ver- 
hindern, daß er sich ändert. Er hat endlose Dekorationen und Danksagungen 
für alles bekommen — viel zu früh — es schmerzt, wenn man daran denkt, 
daß er so viel erreicht hat, und daß alles wieder genommen ist. 

Aber Gott der Allmächtige wird helfen, und bessere Tage werden kommen, 
davon bin ich überzeugt. Daß Du solche Prüfungen zu tragen hast, mein ein- 
ziges Sonnenlicht ! Ich sehne mich, mit Dir zusammen zu sein, zu wissen, wie 
Du innerlich fühlst — tapfer und ruhig, wie gewöhnlich — der Schmerz imter- 
drückt, wie gewöhnlich. Gott helfe Dir, mein einzig süßer Dulder, und gebe 
Dir Stärke, Vertrauen und Mut. 



Am 9. (22.) Juni erobert die zweite österreichisch-ungarische Armee Böhm-ErmoUi 
Lemberg zurück. Rasputin verfügt sich auf Wunsch des Zaren nach Sibirien. 
S abier, den die Zarin nennt, ist der Oberprokurator des Heiligen Synods, Schawelsky 
der Großalmosenier des Heeres und der Flotte. 

Tsarskoje Selo, 12. Juni 1915. 

Mein Magazin ist jetzt von Lemberg nach Rowno übergesiedelt nahe der 
Station. — Gott gebe, daß wir nicht auch von dort vertrieben werden. — 

66 



Daß wir diese Stadt verlassen mußten, ist hart, aber sie war ja auch noch* 
nicht ganz die unsrige — trotzdem ist es traurig, daß sie in andere Hände 
gefallen ist. — Wilhelm wird jetzt im Bett des alten Fr(anz) J(oseph) schlafen, 
das Du eine Nacht besessen hast — mir ist das unangenehm, es ist erniedri- 
gend, — aber das kann man noch ertragen — nur der Gedanke, daß wieder 
einmal dieselben Schlachtfelder mit den Leichen unserer tapferen Mann- 
schaften bestreut werden — ist herzzerreißend. Doch ich sollte nicht in einem 
solchen Ton zu Dir sprechen, denn Du hast genug Sorgen — meine Briefe 
müßten aufheiternd sein, aber das ist etwas schwer, wenn Herz und Seele 
traurig sind. Ich hoffe, unsem Freund morgen einen Augenbhck in Anias 
Haus zu sehen, um ihm Lebewohl zu sagen — das wird mir gut tun . . . 

Dragomirow ist schuld, daß alles verkehrt gegangen ist. Man betet und 
betet, und doch nie genug — die Schadenfreude Deutschlands bringt mein 
Blut zum Kochen. Gott muß sicheriich auf unser Flehen hören und uns 
schließlich einigen Erfolg schicken; — jetzt haben wir sie im Anmarsch auf 
Warschau, und viele Truppen sind nahe bei Schaulen, o Gott, welch ein ent- 
setzlicher Krieg! Süße, tapfere Seele, wie sehr möchte ich, man könnte Dein 
armes, gefoltertes Herz mit etwas Hellem und Hoffnungsvollem erquicken. 
Ich sehne mich. Dich fest mit meinen Armen umklammert zu halten. Dein 
süßes Haupt auf meine Schulter gelegt — dann könnte ich meines Liebsten 
Gesicht und Augen mit Küssen bedecken und sanfte Liebesworte flüstern. 
Nachts küsse ich Dein Kissen, das ist alles, was ich habe — und segne es. — 
Jetzt muß ich mich schlafen legen. Ruhe wohl, mein Schatz, ich segne 
und küsse Dich so zärtlich, wie ich kann, imd streichle sanft Deine liebe 
Braue . . . 

Den 13. Juni. Gott sei Dank, N. hat die Sache mit der zweiten Klasse 
begriffen. — Verzeih mir, aber mir gefällt die Wahl des Kriegsministers nicht 
— Du erinnerst Dich, wie Du gegen ihn warst, und ganz bestimmt, glaube 
ich, war es N. auch. Dabei arbeitet er mit Xenia — aber ist er ein Mann, 
auf den man einige Zuversicht setzen, dem man trauen kann? Wie sehr 
wünschte ich, ich wäre bei Dir und könnte alle Gründe für seine Wahl hören. 
Ich fürchte N.s Ernennungen, N. ist durchaus nicht klug, er ist eigensinnig 
und wird von andern geleitet — Gott gebe, daß ich mich irre, und daß diese 
Wahl glücklich ist — aber wie eine Krähe krächze ich zu leicht Unheil. Kann 
sich der Mann so sehr gewandelt haben? Hat er Gutschkow fallen gelassen — 
ist er nicht der Feind imseres Freundes, was Unglück bringt? Laß den lieben, 
alten Goremykin gründlich mit ihm sprechen, das wird ihn moralisch beein- 
flussen. O, möchten doch diese zwei neuen Minister die rechten Männer am 
rechten Platz sein, das Herz ist einem so voll von Angst und man sehnt sich 
nach Einigkeit unter den Ministem, nach Erfolg. Mein Lieb, sage ihnen, daß 
sie nach ihrer Rückkehr vom Hauptquartier mich besuchen, einer nach dem 
andern, ich werde auch viel beten und mein Äußerstes versuchen. Dir von 

5* 67 



•wirklichem Nutzen zu sein. Es ist schrecklich, Dir nicht zu helfen und Dich 
alle die schwere Arbeit allein tun zu lassen . . . 

A. war grade bei mir, sie hat heute früh Gr. gesehen, seit fünf Nächten 
schlief er zum erstenmal besser und sagt, daß es im Felde ein wenig besser 
gehe. Er bittet Dich aufs dringendste, einen schnellen Befehl zu erlassen, 
daß an einem Tag im ganzen Land eine Kirchen prozession als Fürsprache 
für den Sieg stattfinden soll. Gott wird uns eher erhören, wenn sich alle zu 
ihm wenden — bitte, gib den Befehl, wähle jetzt irgendeinen Tag, da es ge- 
schehen soll — schicke Deinen Befehl (nicht wahr) telegraphisch (offen für 
alle, die ihn lesen können) an Sabler, daß Du es so wünschest — wir haben 
jetzt St. Peters Fasten, daher paßt es noch besser. Es wird den Geist heben 
und für die tapferen Kämpfer eine Tröstung sein, und sage dasselbe 
Schawelsky, mein Teurer — bitte, tu es, mein Lieb, und daß es grade ein 
Befehl von Dir ist, nicht vom Synod. — Heute konnte ich ihn nicht 
sprechen — hoffentlich morgen. 



Der französische Botschafter Paleologue sondiert den Großfürsten Paul wegen 
der Möglichkeit eines russisch-deutschen Sonderfriedens. Die Stellung des Justiz - 
ministers Schtscheglowitow (unter dem der berüchtigte Ritualmordprozeß in 
Kiew inszeniert worden ist) wankt. Als Nachfolger genannt wird der ehemalige Justiz- 
minister Manuchin. Die neue Spionage-Affäre im Hauptquartier betrifft den Ge- 
neralquartiermeister General Danilow. Rasputin spricht u. a. von dem Fürsten 
Schakowskoi, dem Minister für Handel und Industrie. 



Tsarskoje Selo, 14. Juni 1915. 



Paul kam zum Tee und blieb einunddreiviertel Stunde. Er war sehr 
nett und sprach aufrichtig und einfach, aus gutem Herzen, ohne sich in etwas 
einzumischen, was ihn nichts angeht. Er fragte nur nach allen möghchen 
Dingen, was ich Dir jetzt mit seinem Wissen wiederhole. Also, um zu beginnen, 
Paleologue dinierte vor ein paar Tagen mit ihm, und dann hatten sie ein 
langes Privatgespräch, und der letztere versuchte sehr geschickt von ihm 
herauszubekommen, ob er wüßte, daß Du irgendwelche Absichten hättest, 
mit Deutschland einen Separatfrieden abzuschließen, da er gehört hatte, daß 
über solche Dinge hier gesprochen wurde, und da man in Frankreich Wind 
davon bekommen habe — und daß sie dort beabsichtigen, bis zum wirklichen 
Ende zu kämpfen. Paul antwortete, er wäre überzeugt, es sei nicht wahr, 
um so mehr, als wir und unsere Verbündeten beim Ausbruch des Krieges 
festgesetzt hätten, daß Friede nur gemeinsam und in keinem Falle separat 
geschlossen werden könne. Dann erzählte ich Paul, Du habest dasselbe Ge- 
rücht über Frankreich gehört ; und er bekreuzigte sich, als ich sagte. Du däch- 
test nicht im Traum an Frieden und wüßtest, daß er bei uns Revolution 



68 



bedeute, und daß deshalb die Deutschen versuchten, uns dazu anzureizen. 
Er sagte, er habe sogar gehört, welche wahnsinnigen Bedingungen die Deut- 
schen uns auferlegt hätten. — Ich warnte ihn, er würde nächstens hören, 
daß ich wünschte, der Friede möchte geschlossen werden. 

Dann fragte er mich, ob es wahr sei, daß Schtscheglowitow abgesetzt und 
dieser anrüchige Manuchin an seiner Stelle ernannt sei — ich antwortete, ich 
wüßte nichts, was auch die Wahrheit ist . . . Dann erwähnte er zu mir eine 
andere Sache, wegen deren ich Dich, wenn sie auch peinhch ist, warnen 
möchte — nämlich, daß man seit sechs Monaten von einem Spion spricht, 
der sich im Hauptquartier befindet, und als ich ihn nach dem Namen fragte, 
nannte er Gen. Danilow (den schwarzen), daß man ihm von verschiedenen 
Seiten dieses ,, Gefühl" mitgeteilt habe, und daß man jetzt im Heer davon 
spräche. Mein Liebster, Wojeikow ist listig und klug, sprich zu ihm hier- 
über und laß ihn listig und klug den Mann und sein Tun beobachten — 
warum soll man ihn nicht überwachen? — natürlich hat man, wie Paul sagt, 
jetzt die Spionenmanie, aber da jetzt Dinge sofort im Ausland bekannt wer- 
den, die nur gut eingeweihte Leute im Hauptquartier wissen können, ist diese 
starke Vermutung entstanden, und Paul hielt es für anständig, mich zu fra- 
gen, ob Du dies jemals mir gegenüber erwähnt habest — ich sagte: nein. — 
Nur erwähne es nicht zu Nikolascha, bevor Du Dich erkundigt hast, da der 
durch seine aufgeregte Art alles verderben kann, es dem Mann vielleicht geradezu 
ins Gesicht sagt oder es gar nicht glaubt. Aber ich halte es nur für recht, 
obgleich der Mann vollkommen gut und ehrenhaft sein mag, ihn zu über- 
wachen. Während Du dort bist, können die gelben Leute und andere Augen 
und Ohren auf tun, seine Telegramme und seinen Verkehr usw. überwachen. 
Man behauptet, daß er auch oft große Summen empfängt. Ich erzähle Dir 
das alles, ohne zu wissen, ob es irgendwie begründet ist, aber es ist besser. 
Dich zu warnen. Viele lieben das Hauptquartier nicht und haben ein un- 
angenehmes Gefühl dagegen, und da wir leider Spione gehabt haben und ebenso 
auch unschuldige Leute von Nikolascha beschuldigt worden sind, so magst 
Du es, bitte, vorsichtig untersuchen. — Paul sagt, Schtscherbatows Ernennung 
sei mit Jubel begrüßt worden; er kennt ihn nicht. — Vergib, daß ich Dich so 
quäle, armes, müdes Lieb, aber man möchte eine Hilfe sein, und vielleicht 
kann ich etwas nützen, wenn ich solche Botschaften übermittle . . . 

Wir gingen heute abend auf einem Umweg zu A., so daß man uns nicht aus- 
gehen sah. Von lo bis 11V2 war Er mit uns in ihrem Hause. Ich sende Dir 
einen Stock (einen Fisch, der einen Vogel hält), der ihm von Neu-Athos ge- 
schickt worden ist, um ihn Dir zu geben. — Er benutzte ihn zuerst und sendet 
ihn Dir als einen Segen — es wäre nett, wenn Du ihn öfters benutzen könntest, 
und es würde auch gut sein, wenn Du ihn in Deinem Zimmer hieltest nahe 
bei dem, den Mr. Ph. berührt hat. Er sprach viel und schön — und was ein 
russischer Kaiser ist, daß, obgleich auch andere Souveräne gesalbt und gekrönt 

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werden, nur der russische seit 300 Jahren der wirkHch Gesalbte ist. Er sagte, 
Du würdest durch die Nichteinberufung der zweiten Klasse jetzt Deine Herr- 
schaft retten — sagte, Schakowskoi sei entzückt gewesen, daß Du davon 
gesprochen habest, denn die Minister stimmten zu. Hättest Du aber nicht 
begonnen, sie wären nicht auf den Gedanken gekommen, etwas zu sagen. 

Er findet, Du müßtest den Fabriken befehlen, Munition anzufertigen. 
Du müßtest einfach den Befehl geben und sogar, wenn man Dir die Listen 
vorlegt, die Fabriken auswählen, anstatt die Befehle an diese Kommissionen 
weiterzugeben, die wochenlang reden und zu keinem Entschluß kommen 
können. 

Sei mehr Autokrat, mein einziges Lieb, zeige Deinen Willen, 



Gerüchte über einen allgemeinen Ministerwechsel gehen um. Auch der Ober- 
prokurator S abier gilt als reif zum Rücktritt. Aussicht auf die Nachfolge hat der 
Moskauer Adelsmarschall Samarin, ein Gegner Rasputins imd bei der Zarin auch 
dadurch mißliebig, daß er mit Sophie Iwanowna Tiutschew befreundet ist, einer 
früheren Ehrendame der Zarin und E)rzieherin der Großfürstinnen, die 1912 gehen 
mußte, weil sie Rasputin den Eintritt in das Zimmer der Mädchen verbot. Samarin 
wird trotz des Einspruchs der Zarin ernannt. 

Tsarskoje Selo, 15. Juni 1915. 

Die Stadt ist voll von Gerede, als ob ein allgemeiner Ministerwechsel statt- 
finden solle — Kriwoschein Ministerpräsident, Manuchin an Stelle von 
Schtscheglowitow, Gutschkow als Gehilfe Poliwanows usw., und unser Freund, 
zu dem A. ging, um sich zu verabschieden, war begierig, zu wissen, wie weit 
das auf Wahrheit beruhte. (Grade wie auch Samarin an Stelle von Sabler, 
den man besser nicht entlassen sollte, ehe man einen sehr guten Ersatz ge- 
funden hat, sich sicherlich gegen unsern Freund wenden und für die Bischöfe, 
die wir nicht leiden können, eintreten würde — er ist so schrecklich mosko- 
witisch und beschränkt.) Nun, A. antwortete, ich wüßte nichts. Er gab für 
Dich die Botschaft mit, Du solltest weniger darauf achten, was die Leute 
über Dich sagen. Dich nicht von ihnen beeinflussen lassen, sondern Deinen 
eigenen Instinkt gebrauchen und ihm folgen. Du solltest selbstbewußter 
sein und andern, die weniger wissen als Du, nicht so viel zuhören noch 
nachgeben. Die Zeiten sind so ernst und schwer, daß all Deine persönliche 
Klugheit benötigt wird und Deine Seele Dich führen muß. Er bedauert, daß 
Du nicht mehr zu ihm über alle Deine Gedanken und Pläne gesprochen hast, 
und daß Du darüber, und über die Änderungen, die Du vorhast, mit Deinen 
Ministern sprichst. Er betet so inbrünstig für Dich und Rußland und kann 
mehr helfen, wenn Du offen zu ihm sprichst. — Ich leide furchtbar darunter. 
Dir fern zu sein. 20 Jahre haben wir alles miteinander geteilt, und jetzt, da 

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ernste Dinge vorgehen, kenne ich nicht Deine Gedanken noch Beschlüsse, 
und das ist solche Qual. Gott helfe Dir und führe Dich richtig, mein einzig 
süßer Liebling — auch ich bin viel ruhiger, wenn Du hier bist — ich fürchte, 
daß sie Dein gütiges Herz ausnützen und Dich zu Dingen veranlassen, die Du, 
wenn Du sie hier ruhig überdächtest, vielleicht ganz anders machen würdest . . . 

i6. Juni. Grade erhielt ich Deinen lieben Brief, für den ich herzlich danke. 
Ich bin froh, daß Du mit den Arbeiten und den Sitzungen zufrieden bist. 
Ja, Liebster, über Samarin bin ich viel mehr als betrübt, ich bin einfach ver- 
zweifelt. Grade einer aus Ellas nicht guter, sehr bigotter Clique, ein Busen- 
freund von Sophie Iw. Tiutschew. Diesen Bischof Trifon habe ich starken 
Grund, nicht leiden zu können, da er immer gegen unsern Freund geredet 
hat und es auch jetzt noch in der Armee tut — nun werden Nachreden über 
unsern Freund beginnen und alles wird sich zum Bösen wenden. Ich hoffe 
mit Herz und Seele, daß er nicht annimmt — Ella würde dadurch zu Einfluß 
kommen. Es quält mich vom Morgen bis zum Abend, und er ist gegen uns, 
sobald er einmal gegen Gr. ist. Er ist so schrecklich beschränkt, ein echter 
Moskauer Typ — ein Schädel ohne Seele. Mein Herz fühlt sich wie Blei, 
tausendmal besser noch ein paar Monate Sabler als Samarin. 

Laß die Kirchenprozession jetzt stattfinden, schiebe sie nicht hinaus, Lieb- 
ling, höre auf mich, es ist ernst, laß sie schneller eintreten, wir haben jetzt 
Fasten, darum paßt es besser. Wähle den Peter-und-Pauls-Tag, aber entscheide 
Dich schnell. O, warum sind wir nicht beisammen, um miteinander alles 
zu besprechen und Dinge verhindern zu helfen, die, wie ich weiß, nicht ge- 
schehen sollten. Es ist nicht mein Gehirn, das klug ist, sondern ich lausche 
auf meine Seele und wünschte. Du würdest es auch tun, mein Einziger, Süßer. 



„Unser erster Freund", der in dem folgenden Brief genannt wird, ist wiederum 
Mr. Philippe. 

Tsarskoje Selo, i6. Juni 1915. 

Er war so sehr dagegen, daß Du ins Hauptquartier gingst, weil sich die 
Leute da an Dich drängen und Dich zu Dingen veranlassen, die Du besser 
nicht getan hättest — hier in Deinem eigenen Hause ist die Atmosphäre eine 
gesündere, und Du würdest die Verhältnisse richtiger sehen — wenn Du doch 
nur schneller zurückkämst. Ich spreche nicht aus einem selbstischen Ge- 
fühl, sondern weil ich hier ruhiger über Dich bin und dort eine beständige 
Furcht vor dem habe, was man zusammenbraut — Du siehst, ich habe ab- 
solut kein Vertrauen zu N. — ich weiß, daß er durchaus nicht intelligent ist, 
und da er gegen einen Mann Gottes angegangen ist, kann sein Werk nicht 
gesegnet noch sein Rat gut sein. — Als Gr. gestern in der Stadt, bevor er ab- 

71 



reiste, hörte, daß Samarin ernannt war, die Leute wußten es da schon — da 
war er in äußerster Verzweiflung, da er doch an seinem letzten Abend hier, 
heute vor einer Woche, Dich gebeten hatte, nicht grade jetzt Sabler zu ent- 
lassen, weil man wohl bald den richtigen Mann finden würde. Und jetzt wird 
die Moskauer Gesellschaft wie ein Spinnennetz um uns herum sein, die Feinde 
unseres Freundes sind unsere, und Schtscherbatow wird sicher etwas mit 
ihm einbrocken. Ich bitte Dich um Verzeihung, daß ich Dir das alles schreibe, 
aber ich bin so zerschlagen, seit ich es gehört habe, und kann mich nicht 
beruhigen. Ich verstehe jetzt, warum Gr. nicht wollte, daß Du dahin gingst — 
hier würde ich Dir geholfen haben. Die Leute fürchten meinen Einfluß, Gr. 
sagte es (nicht zu mir) und Wojeikow auch, denn sie wissen, ich habe einen 
starken Willen, ich durchschaue sie schneller und helfe Dir, fest zu sein. Ich 
würde nichts unversucht gelassen haben. Dir abzuraten, wenn Du hier gewesen 
wärest, und ich glaube, Gott hätte mir geholfen, und Du hättest Dich der 
Worte unseres Freundes erinnert. Wenn er sagt, man dürfe etwas nicht 
tun, und man hört nicht, dann sieht man seinen Fehler immer nachher 
ein . . . 

Ich beschwöre Dich, bei der ersten Unterredung mit S., und wenn Du ihn 
siehst, mit ihm sehr bestimmt zu sprechen — tu es, mein Lieb, um Rußlands 
willen — Rußland wird sicherlich keinen Segen davon haben, wenn sein 
Souverän hilft, daß ein von Gott Gesandter verfolgt wird. 

Sage ihm aufs strengste, mit fester und entschiedener Stimme, daß Du 
alle Umtriebe gegen unseren Freund oder Nachreden über ihn oder die 
entfernteste Verfolgung verbietest, sonst würdest Du ihn nicht im Amt halten. 
Daß ein treuer Diener es nicht wagen dürfe, gegen einen Mann vorzugehen, 
den sein Souverän achtet und verehrt. 

Du kennst das üble Spiel, das Moskau spielt, sage ihm alles, seine Busen- 
freundin S. J. Tiutschew verbreitet Lügen über die Kinder, wiederhole das, 
und daß ihre vergifteten Unwahrheiten nicht viel Böses angerichtet hätten, 
daß Du aber eine Wiederholung nicht dulden willst. Das ist keine Frauen- 
einbildung — sondern einfache, klare Wahrheit. — Ich verehre Dich viel zu 
tief, um Dich in einer solchen Zeit mit einem Brief wie diesem zu ermüden, 
wenn mich nicht Seele und Herz dazu drängten. Wir Frauen haben manch- 
mal den Instinkt des Richtigen, Teurer, und Du kennst meine Liebe zu Deinem 
Land, das das meine geworden ist. Du weißt, was dieser Krieg für mich in jeder 
Hinsicht ist — und daß der Mann Gottes, der unablässig für Dich betet, wieder 
in Gefahr der Verfolgung sein könnte — • daß Gott uns unsere Schwäche und 
Sünde, ihn nicht zu beschützen, wohl schwerlich vergeben würde. — Du weißt, 
N.s Haß gegen Gr. ist tief. Sprich einmal mit Wojeikow, Lieber, er versteht 
solche Dinge, denn er ist Dir ehrlich ergeben. 

S. ist ein sehr eingebildeter Mann, im Sommer hatte ich Gelegenheit, das 
zu sehen, als ich mit ihm ein Gespräch über die Räumungsfrage hatte — 

72 



Rostow. und ich bekamen einen unangenehmen Eindruck von seinem Dünkel — 
seiner bhnden Anbetung Moskaus und seiner Verachtung Petersburgs. Der 
Ton, in dem er sprach, empörte Rost. sehr. Das zeigte ihn mir in einem andern 
Licht, und mir wurde klar, wie unangenehm es sein würde, mit ihm zu tun zu 
haben. — Als man ihn früher für Alexei vorschlug, sagte ich ohne Bedenken : 
nein; nur nicht solch einen engherzigen Menschen. Unsere Kirche braucht 
grade das Gegenteil — Seele, und nicht Gehirn. — Möge Gott der Allmächtige 
helfen und alles zum Guten wenden. Möge er unsere Gebete erhören und Dir 
endlich mehr Vertrauen in Deine eigene Weisheit geben, damit Du nicht 
auf andere hörst, sondern auf unsern Freund und auf Deine Seele. Noch ein- 
mal entschuldige diesen Brief, er ist mit wehem Herzen und brennenden Augen 
geschrieben. Nichts ist jetzt nebensächlich, alles ist schwerwiegend. Ich ver- 
ehre und liebe den alten Goremykin, hätte ich ihn gesehen, ich weiß, wie 
ich gesprochen hätte — er ist so gradeaus mit unserem Freund und faßt es 
nicht, daß S. Dein Feind ist, wenn er gegen Gr. spricht. — 

Ich bin sicher. Dein armes, liebes Herz schmerzt wieder, es ist erweitert 
und braucht Tropfen. Bitte, Teurer, geh' weniger — • ich habe meins 
ruiniert mit Gehen auf der Jagd, bevor ich mit den Ärzten sprach, und 
habe an wahnsinnigen Schmerzen, Atemnot und Herzklopfen gelitten. Achte 
auf Deine Gesundheit — mein armer Liebling, ich hasse es so, daß ich von 
Dir fern bin, es ist meine größte Strafe, besonders zu dieser Zeit — unser erster 
Freund gab mir jenes Bild mit der Glocke, um mich vor denen zu warnen, 
die böse sind; und es wird sie abhalten, sich mir zu nähern. Ich werde es 
fühlen und Dich so vor ihnen bewahren. — Sogar die Familie fühlt es und 
versucht deshalb. Dich allein zu haben, wenn sie weiß, es ist etwas Unrechtes, 
und ich würde es nicht billigen. Es ist nicht mein Verdienst, Gott wünscht, 
daß Dein armes Frauchen Dir eine Hilfe sei, Gr. sagt das immer und Mr. Ph. 
auch — auf daß ich Dich rechtzeitig warnen möchte, wenn ich Dinge erfahre. 
Nun, jetzt kann ich nur beten und dulden, ich drücke Dich fest an mein Herz, 
streichle zärtlich Dein Gesicht, presse meine Lippen auf Deine Augen und 
Deinen Mund und küsse voll Liebe diese feuern Hände, die mir immer weg- 
gezogen werden. Ich liebe, ich liebe Dich und wünsche Dir alles Gute, Glück 
und Segen. Schlafe gut und ruhig — ich muß versuchen, auch zu schlafen, 
es ist fast i Uhr. 

Mein Zug brachte viele Verwundete — Babys Zug hat eine Menge von 
Warschau gebracht, wo sie die Hospitäler leeren. Gott helfe uns. — 

Mein Lieb, vergiß nicht, mache schneller mit der Kirchenprozession, jetzt 
während der Fastenzeit ist grade der günstigste Moment, und es muß ganz 
von Dir ausgehen, nicht von dem neuen Oberprokurator des Synods — ich 
hoffe, diese Fasten zur Heiligen Kommunion zu gehen, wenn mich B. nicht 
daran verhindert. — Wenn Du diesen Brief liest, wirst Du sagen — man sieht, 
sie ist Ellas Schwester. Aber ich kann nicht alles in drei Worte fassen, ich 

73 



brauche eine Menge Seiten, um alles auszudrücken, und mein armes Sonnen- 
licht muß diesen langen Erguß lesen — aber, Schatz, Du kennst und liebst 
Dein einziges, treues Frauchen. 

17. Juni. Guten Morgen, mein Liebling. Ich schlief schlecht, und das 
Herz ist erweitert, so liege ich den Morgen über auf dem Bett und dem Bal- 
kon — ach, kein Hospitalbesuch, der Kopf schmerzt wieder zu sehr. Kirchen- 
glocken läuten. Werde nach dem Frühstück zu Ende schreiben. Die großen 
Mädchen gehen in die Stadt, Olga empfängt Geld, fährt dann in ein Hospital 
und nach Elagin zum Tee. 

Es ist sehr heiße und drückende Luft, aber kolossaler Wind auf dem 
Balkon, wahrscheinlich ein Gewitter in der Luft, und das erschwert das Atmen. 
Ich brachte Rosen, Maiglöckchen und spanische Wicken heraus, um ihren 
Duft zu genießen. Ich sticke den ganzen Tag für unsern Ausstellungsbasar. — 
Ach, mein Junge, mein Junge, wie ich wünsche, wir wären zusammen — man 
ist manchmal so müde, so bedrückt von Leid und Angst — beinahe 11 Monate 
— aber es ist ja nur der Krieg und dann die innere Politik, die einen auf- 
reiben, und das Unglück im Kriege, aber Gott wird helfen, wenn alles am 
trübsten zu sein scheint, ich bin sicher, daß bessere, sonnigere Tage kommen. 

Mögen die Minister nur ernsthaft zusammenarbeiten, Deine Wünsche und 
Befehle erfüllen und nicht ihre eigenen — eine Harmonie unter Deiner Leitung. 
Denke mehr an Gr., Liebster, vor jedem schwierigen Moment, bitte ihn, bei 
Gott zu vermitteln, daß er Dich richtig führt. — 

Vor wenigen Tagen schrieb ich Dir über Pauls Unterredung, heute schickt 
die Gräfin H. mir Paleologues Antwort: ,,Die Eindrücke, die S. K. H. der 
Großf. von seiner Unterhaltung berichtet hat, und die Sie mir in seinem Auf- 
trage übermitteln, berühren mich lebhaft. Sie bestärken mit größtmöglichem 
Gewicht, was ich schon innerlich für gewiß hielt, woran ich nie gezweifelt 
und wofür ich stets meiner Regierung gebürgt habe. Einem Pessimisten, der 
kürzlich versuchte, meinen Glauben zu erschüttern, habe ich geantwortet : 
,Meine Überzeugung ist um so stärker, da sie nicht auf irgendeinem Ver- 
sprechen, auf irgendeiner Abmachung beruht. In den seltenen Fällen, wo 
diese ernsten Fragen an mich herantraten, hat man mir nichts versprochen, 
sich zu nichts verpflichtet; weil jede förmliche Versicherung überflüssig war; 
weil man sich verstanden fühlte, wie auch ich zu hoffen wage, selbst verstan- 
den zu sein. In gewissen feierlichen Minuten gibt es Aufrichtigkeiten der Be- 
tonung, Redlichkeiten des Bhckes, in denen sich ein Gewissen ganz ent- 
hüllt, und die mehr wert sind als alle Schwüre.' — Nichtsdestoweniger lege ich 
ein hohes Gewicht auf die ausdrückliche Versicherung, die mir durch S. K. H. 
den Großf. kommt. Für meine persönliche Gewißheit war sie überflüssig. 
Aber wenn ich wieder Ungläubige treffe, so werde ich in Zukunft das Recht 

74 



haben, ihnen nicht nur zu sagen: Ich glaube, sondern: Ich weiß*." — Dies 
wegen der Frage einer separaten Friedensverhandlung. Hast Du mit 
Wojeikow über Danilow gesprochen, bitte tu es — nur sprich nicht mit 
Orlow, der mit N. kolossal befreundet ist — sie korrespondieren die ganze Zeit, 
wenn Du hier bist, B. weiß es. Das kann nichts Gutes bedeuten. Er ärgert 
sich zweifellos über Gr.s Besuche in unserm Hause, und deshalb will er Dich 
von ihm weghaben im Hauptquartier. Wenn sie nur wüßten, wie sie Dir 
Leid zufügen, statt Dir zu helfen, diese blinden Menschen mit ihrem Haß 
gegen Gr. Du erinnerst Dich, wie es in den ,,Amis de Dieu" heißt: Ein Land 
kann nicht verloren sein, dessen Souverän von einem Manne Gottes geleitet 
wird. O laß ihn Dich auch weiterhin führen. 



Der Zar ordnet für den August den Wiederzusammentritt der Duma an. 

Tsarskoje Selo, 17. Jimi 1915. 
Mein einzig Geliebter I 

Ich hatte grade meinen Brief beendet, als mir Dein lieber Brief gebracht 
wurde — meinen zärtlichsten Dank dafür. Du weißt nicht, welche Freude mir 
Deine Briefe machen, denn ich weiß, Du hast wenig Zeit zum Schreiben und bist 
so ermüdet. Dein Frauchen sollte Dir helle und fröhliche Briefe schicken, aber 
es ist schwer, denn ich fühle mich in diesen Tagen mehr als niedergeschlagen 
und bedrückt — mir m.acht so manches Sorge. Nun soll im August die Duma 
zusammentreten, und unser Freund bat Dich verschiedene Male, es so spät 
wie möglich zu veranlassen und nicht jetzt, da jeder auf seinem Platz zu ar- 
beiten hätte. — Und nun werden sie sich hier einzumischen suchen und über 
Dinge reden, die sie nichts angehen. Vergiß nie, daß Du selbstherrschender 
Kaiser bist und bleiben mußt, — wir sind nicht reif für eine konstitutio- 
nelle Regierung. Es war N.s und Wittes Schuld, daß die Duma existiert, und 
sie hat mehr Ärger als Freude verursacht. O, mir gefällt es nicht, daß N. 



* ,I,es impressions que S. A. I. le Gr. D. a rapportees de son en treuen & que vous voulez 
bien me comtnuniquer de sa part me touchent vivement. Elles confirment avec toute l'autorit^ 
possible ce dont j'etais moralement certain, ce dont je u'ai jamais dout6, ce dont je me suis 
toujours porte garant envers mon Gouvernement. A lui pessimiste qui essayait recemment 
d'ebranler ma foi, j'ai repondu: ,Ma conviction est d'autant plus forte qu'elle ne repose sur 
aucune promesse, sur aucun engagement. Dans les rares occasions oü ces graves sujets ont 
€t€ abordes devant moi, on ne m'a rien promis, on ne s'est engage ä rien; parceque toute 
assurance positive eüt ete superflue; parceque Ton se sentait compris, comme j'ose esperer avoir 
€t6 compris moi-meme. Ä certaines minutes solennelles, il y a des sinceritfe d'accent, des 
droitures de regard, oü toute ime conscience se rev^e & qui valent tous les serments'. — Je 
n'en attache pas moins un tr^-haut prix au t^moignage direct qui me vient de S. A. I. le Gr. D. 
Ma certitude personnelle n'en avait pas besoin. Mais, si je rencontre encore des incr^dules, 
i'aurai desormais le droit de leur dire, nonplus seulement: Je crois, mais; Je sais'. 

75 



irgend etwas mit diesen ausgedehnten Sitzungen zu tun hat, die sich mit 
inneren Fragen beschäftigen. Er versteht unser Land so wenig und beein- 
flußt die Minister mit seiner lauten Stimme und seinen Gestikulationen. Ich 
kann manchmal wild werden über seine falsche Stellung, Warum baten die 
Minister, daß das geändert wurde, was ihre Hauptpflicht war? Er hat kein 
Recht, sich in andere Dinge zu mischen, und man sollte seinen Fehler in Ord- 
nung bringen und ihn einzig auf die militärischen Angelegenheiten beschrän- 
ken — wie French und Joffre. Niemand weiß, wer jetzt der Kaiser ist — Du 
mußt zum Hauptquartier eilen und dort Deine Minister versammeln, als ob 
Du sie nicht allein hier haben könntest wie letzten Mittwoch. Es ist grade, 
als ob N. alles bestimmt, die Leute auswählt und entläßt — es macht mich 
ganz und gar zerschlagen. Ihm gefiel nicht, daß Kriw. Danilow beobachtete, 
und der Mann tat doch nur seine Schuldigkeit — es muß außer seinem schlech- 
ten Charakter noch einen Grund geben, daß die ganze Armee und der alte 
Iwanow ihn hassen — alle sagen, er hält N. und die andern Großfürsten völlig 
in der Hand. Vergib, daß ich das alles schreibe, aber ich fühle mich so äußerst 
elend, und alle geben Dir auch falsche Ratschläge und nützen Deine Gut- 
mütigkeit aus. Zum Henker mit dem Hauptquartier, nichts Gutes wird da 
ausgebrütet I Gott sei Dank, Du wirst in Mieladinje in Gottes herrlicher Na- 
tur, fern von den Intrigen, einen guten Tag haben — könntest Du an einem 
andern Tag zu Iwanow fahren , und dann wieder einmal irgendwohin , wo Truppen 
sind, nicht zur Garde, sondern wo große Massen in Wartestellung liegen? 
Du bleibst noch lange weg, Gr. bat nicht — es geht einmal alles gegen seine 
Wünsche, mein Herz blutet in Angst und Schrecken. — O, Dich zu bewahren 
und zu beschützen vor weiteren Sorgen und Elend, man hat genug, mehr als 
das Herz tragen kann — man sehnt sich danach, einen langen Schlaf zu tun . . . 

Ich danke Dir so herzlich für Dein liebes Telegramm, habe sofort Goremykin 
gebeten, morgen Donnerstag zu kommen, und werde glücklich sein, dem 
teuern, alten Mann zu lauschen, denn zu ihm kann ich offen sprechen. Ich 
kenne ihn, seitdem ich verheiratet bin, er ist Dir so tief ergeben und wird 
mich verstehen. — Plötzlich um 9 gab es solch einen Platzregen, zweimal kam 
ein sehr entfernter Donner, und jetzt regnet es unaufhörlich seit vier Stunden — 
es wird die Luft erfrischen, die den ganzen Tag so schwül war. Gr. telegra- 
phierte an A. von Wjatka: ,,Ich arbeite in ruhigem Schritt, Gott wird helfen, 
küsse alle." Gute Nacht, mein Kleiner, schlafe friedlich — heilige Engel be- 
wachen Deinen Schlummer und eines liebenden Frauchens ernsteste Gebete 
für seinen einzigen, teuern, sonnigen, großäugigen Liebling . . . 

Denke an uns in Bielowiesch ! Solche Erinnerungen an viele Jahre früher, 
als wir jünger waren und zusammenhielten — • und an die schreckliche letzte 
Zeit, als unser krankes Baby stundenlang auf dem Bett lag und auch mein 
Herz schlimm war — Erinnerungen an Schmerz und Angst — Du ganz weg — 
und die Tage endlos und voll von Leiden. 

76 



statt Schtscheglowitows nennt die Zarin nach einem Gespräch mit 
Goremykin dem Zaren als Justizminister den rechtsstehenden Senator Reichsrat 
A. A. Chwostow, ehemals Gehilfen Manuchins. A. A. Chwostow wird dann auch 
ernannt. 

Tsarskoje Selo, i8. Juni 1915. 

Der liebe alte Goremykin saß eine Stunde lang bei mir, und ich glaube, 
wir haben manche Frage berührt. 

Gott gebe ihm langes Leben ! — Ich fragte ihn wegen Poliwanows, er sagte, 
als man ihn für Warschau vorschlug, habe Nikolascha eine schreckhche Gri- 
masse geschnitten. Jetzt habe er ihn selbst vorgeschlagen, und als Goremykin 
ihn fragte, warum er jetzt seinen Namen erwähnte, antwortete er, er habe 
seine Meinung geändert. Er erzählte mir, was Samarin ihm gesagt und Dir 
nicht geschrieben hatte. Ich teilte ihm meine Meinung über ihn und Schtsche- 
glowitow mit, und dann überraschte er mich angenehm, indem er mir sagte. 
Du hättest ihm Deine Absicht, ihn zu entlassen, mitgeteilt — er hält Chwostow 
für einen guten Anwärter. — Er sieht und versteht alles so klar, daß es ein 
Vergnügen ist, mit ihm zu sprechen. Wir sprachen über die Deutschen- und 
die Judenfrage und die falsche Art, wie alles geregelt und wie durch die Gene- 
räle und Nikolascha Befehle gegeben wurden . . . Bin sehr müde, will deshalb 
enden und zu schlafen versuchen. Gott segne Deinen Schlummer . . . 

19. Juni. Wie steht es mit Warschau? Die Hospitäler sind geleert und 
einige sogar abgeschoben — ist das nur aus äußerster Vorsicht geschehen, denn 
sicherlich hatte man in Monaten Zeit gehabt, die Stadt wohl zu befestigen? 
Sie scheinen ihre Herbstbewegungen wieder zu beginnen, nur werden sie 
jetzt ihre allerbesten Truppen bringen, und es wird leichter sein, da sie den 
Boden genau kennen. Meine teuern Sibirier mit ihren Kameraden werden 
den Massenanprall auszuhalten haben — und wieder einmal Warschau retten 
müssen. Alles liegt in Gottes Hand, und solange wir können, müssen wir uns 
halten, bis genügend Munition da ist und wir mit voller Kraft auf sie fallen. 
Nur machen die fortwährenden großen Verluste das Herz sehr schwer — es 
ist wahr, sie gehen als Märtyrer gradenwegs in ihre himmlische Heimat, aber 
es ist deshalb doch hart. 



Die Zarin interveniert für Rasputin, der Dienstbefreiung seines (zum vmgedienten 
Landsturm gehörenden) Sohnes durchsetzen will. Der Bischof Warnawa ist Ra- 
sputins Parteigänger. Ein Bauernsohn aus einem nordrussischen Gouvernement, 
zuerst Gärtner von Beruf, dann Mönch, nach seinen Angaben himmhscher ,, Gesichte 
und Offenbarungen" teilhaftig, ist er durch den früheren Oberprokurator des Synods 
Sabler zum Bischof von Olonetz ernannt worden. Jetzt ist er Bischof von Tobolsk. 

n 



Tsarskoje Selo, 20. Juni 1915. 



Dieses Telegramm erhielt A, heute von unserm Freund aus Tiumen: „Traf 
Sänger, wir sangen zum Preis des Osterfestes, der Abt jubelte, gedenke, es ist 
Ostern, plötzlich erreicht mich ein Telegramm, daß mein Sohn eingezogen 
wird, ich sagte in meinem Herzen, ich bin wie Abraham aus vergangenen 
Zeiten ; da ich nur einen Sohn und Helfer habe, hoffe ich, man erlaubt ihm, 
unter mir zu herrschen wie bei den früheren Zaren." Geliebter, was kann man 
für ihn tun, wen geht es an — sein einziger Sohn hätte nicht genommen 
werden sollen. Kann nicht Wojeikow an den militärischen Ortsbefehlshaber 
schreiben, ich glaube, es fällt in sein Ressort — willst Du es ihm sagen, bitte. 

Der Zug mit Deinem Feldjäger hat 8 Stunden Verspätung, ich werde also 
Deinen Brief erst um 7 bekommen. Soeben telegraphiert mir Warnawa aus 
Kurgan : 

,, Unserer einzigen Kaiserin. Am 17., am Tage des Heiligen Tichon, des 
Wundertäters, erschien in dem Dorf Barabinsk während der Prozession um 
die Kirche plötzlich am Himmel ein Kreuz, das ungefähr 15 Minuten lang 
gesehen wurde, und da die heilige Kirche betet: Das Kreuz des Zaren ist 
der Schutz des Königreichs der Gläubigen, so wünsche ich Ihnen wegen dieser 
Erscheinung Glück und glaube, daß Gott diese Erscheinung und dieses 
Zeichen geschickt hat, um sichtbar mit seiner Liebe die ihm Ergebenen zu 
stützen. Ich bete für Sie alle." 

Gott gebe, es ist ein gutes Vorzeichen, Kreuze sind nicht häufig. 



Der folgende Brief der Zarin nennt als ihren Feind einen der schärfsten Gegner 
Rasputins im Hauptquartier, den General Dschunkowsky, Chef des Gendarmerie- 
korps und in dieser Eigenschaft Gehilfe im Ministerium des Innern. Dmitri ist 
Großfürst Dmitri, der jetzt dreiundzwanzigj ährige Sohn des Großfürsten Paul aus 
dessen erster Ehe mit der Prinzessin Alexandra von Griechenland. Alia (Alexandra) 
V. Pistohlkors ist die jüngere Schwester der Wyrubowa. Loman ist der Oberst 
I^oman, Flügeladjutant des Zaren. 

Tsarskoje Selo, 22. Juni 1915. 
Mein einziger Liebling! 

Ich möchte wissen, wie Du nach Bielowiesch gekommen bist und ob das 
Wetter so herrlich ist wie hier. So hast Du also Deine Rückkehr aufgeschoben. 
— nun wohl, da ist nichts zu machen; wenn Du wenigstens das ausnützen 
imd einige Truppen besichtigen kannst. Kannst Du nicht rasch wieder ab- 
fahren, so als ob es nach Bielowiesch wäre, aber nach der anderen Richtung 
fahren, ohne es irgend jemand zu verraten? Weder Nikolascha noch mein 
Feind Dschunkowsky braucht darum zu wissen. Ach, Liebling, er ist kein 
ehrlicher Mann, er hat das häßliche, schmierige Papier (das gegen unseren 



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Freund gerichtet ist) Dmitri gezeigt, der alles Paul wieder erzählt hat und 
dieser wieder der Alia. Solch eine Sünde, und das, obwohl Du ihm gesagt 
hattest, daß Du genug von diesen Schmutzgeschichten hättest, und seine 
schwere Bestrafung fordertest. 

Du siehst, wie er Deine Worte und Befehle verdreht — die Schwätzer 
sollten bestraft werden und nicht er — imd daß man im Hauptquartier ihn 
los sein möchte (das glaube ich) — ach, es ist so abscheulich — immerzu 
Lügner, Feinde — ich wußte schon lange, daß Dschunkowsky Grigori haßt, 
und daß die ,,Preobraschentsi" -Clique mich deshalb nicht leiden kann, weil 
er durch mich und Ania ins Haus kommt. 

Im Winter hat Dschunkowsky dieses Papier Wojeikow gezeigt und ihn 
ersucht, es Dir auszuhändigen, er hat aber abgelehnt, etwas so WiderHches 
zu tun, deshalb haßt jener Wojeikow und steckt sich hinter Drenteln. Es tut 
mir leid, solche Sachen auszusprechen, aber sie sind die bittere Wahrheit, und 
jetzt gehört Samarin auch noch zu der Gesellschaft — da kann nichts Gutes 
draus entstehen. 

Wenn wir zulassen, daß unser Freund verfolgt wird, so werden wir und 
unser Land dafür leiden, — vor einem Jahr haben sie schon versucht, ihn zu 
ermorden, und er ist hinreichend verleumdet worden. Wollten sie nicht 
die Polizei herbeirufen, um ihn auf offener Tat zu verhaften — solch eine 
Scheußlichkeit! Sprich bitte mit Wojeikow darüber, ich wünsche, daß er 
Dschunkowskys Benehmen und Mißbrauch Deiner Worte kennt. Wojeikow, 
der kein Dummkopf ist, kann, ohne Namen zu nennen, mehr darüber heraus- 
finden. Es darf nicht darüber geredet werden. Ich weiß nicht, wie Schtscher- 
batow verfahren wird — wahrscheinhch auch gegen unseren Freund, also 
gegen ims. Und die Duma darf den Gegenstand nicht behandeln, wenn sie 
zusammenkommt — Loman sagt, sie wollten es, so daß man gezwungen würde, 
Grigori und Ania fallen zu lassen. Ich bin so abgespannt, habe solches Herzweh 
und solchen Kummer von alledem — der Gedanke, daß jemand, den wir ver- 
ehren, wiederum mit Schmutz besudelt wird, ist mehr als schreckhch. 

Ach, mein Liebling, wann endlich wirst Du mit Deiner Hand auf den 
Tisch schlagen und Dschunkowsky und die anderen anfahren, wenn sie Übles 
tun — man fürchtet Dich nicht — und das muß man — sie müssen Angst 
vor Dir haben, sonst knien sie sich alle auf uns, und es ist genug. Liebster — 
laß mich nicht vergeblich reden. Wenn Dschunkowsky bei Dir ist, rufe ihn, 
erkläre ihm, daß Du weißt (keine Namen!), daß er das Papier in der Stadt 
gezeigt hat, und daß Du ihm befiehlst, es zu zerreißen, und daß er es nicht 
wagen soll, von Grigori zu sprechen, wie er es tut, und daß er als Verräter 
und nicht als getreuer Untertan handelt, der für den Freund seines Herrschers 
einstehen müßte, wie das in jedem anderen Lande geschieht. Ach, mein 
Jimge, laß sie vor Dir zittern — es ist nicht genug, wenn sie Dich lieben, sie 
müssen fürchten. Dich zu verletzen, Dir zu mißfallen. Du bist immer zu gütig, 

79 



und alle ziehen Nutzen daraus. Es kann so nicht weitergehen, Liebling, 
glaube mir einmal, es ist die reine Wahrheit, die ich ausspreche, alle, die Dich 
wirklich lieben, sehnen sich danach, Dich entschlossener imd Dein Mißfallen 
strenger äußern zu sehen, sei schärfer — so können die Dinge nicht gutgehen. 
Wenn Dich Deine Minister fürchten, würde alles besser gehen. Der alte 
Goremykin findet auch, daß Du Deiner Sache sicherer sein und energischer 
sprechen müßtest und es strenger zeigen solltest, wenn Dir etwas mißfällt. — 
Man hört so viel Klagen gegen das Hauptquartier, gegen die Umgebung 
Nikolaschas. 

Tsarskoje Selo, 22. Juni 1915. 

Manchmal möchte man schlafen gehen und erst aufwachen, wenn alles 
vorbei ist und überall wieder Friede herrscht — äußerer und innerer. — 

Überall wird Samarins Name schon erwähnt — so unangenehm, bevor 
seine Ernennung herauskommt — wie mich das mit der tiefsten Angst er- 
füllt! Ich fürchte, ich mache es Dir durch alles, was ich schreibe, schwerer, 
aber es ist nur ehrlich und wohl gemeint, mein Liebling — andere sagen nie 
etwas, und so muß Dein altes Frauchen seine Meinung offen äußern, wenn sie 
fühlt, daß es recht ist, das zu tun. Man sehnt sich danach, alles Unheil ab- 
wenden zu helfen, aber leider kommen oft unsere Worte zu spät, wenn schon 
nichts mehr geschehen kann. Jetzt muß ich versuchen, zu schlafen, es ist 
spät. Gott schütze Deinen Schlummer, sende Dir Ruhe und Stärke, Mut und 
Energie, Friede und Weisheit. 

23. Juni. Gräfin Hohenf eisen schrieb an A., um zu fragen, ob wir und die 
Kinder einen Lunch in ihrem Hause nach der Kirche annehmen würden — 
an Pauls Namenstag, zusammen mit den Leuten, die unter ihrem Dache leben, 
und wen wir sonst haben wollten. Ich habe ihr gesagt, sie solle antworten 
(ich mußte das ausfindig machen für den Fall einer Ablehnung, damit diese 
nicht auf eine reguläre Einladung erfolge), daß ich noch nicht wüßte, wann Du 
zurückkämst, und daß mein Herz mir wieder Beschwerden macht, so daß es 
zweifelhaft sei, ob ich bei einer großen Mahlzeit sitzen könnte. So töricht und 
taktlos zu fragen . . . 

Liebling, mir ist so einsam ohne Dich, mein Armer! 

Tsarskoje Selo, 24. Juni 1915. 

Ist es wahr, daß Warschau vollkommen geräumt wird? (Aus Vorsicht!) 

Hoffe, zur Heiligen Kommunion gehen zu können, an welchem Tag, hängt 

von meiner Gesundheit ab. Ich denke, am Sonntag zur Frühmesse unten mit 

Ania. Wann wirst Du zurückkommen? Heute ist es zwei Wochen her, es 

80 



scheint mindestens ein Monat (und unser Freund bat doch, für ganz kurze 
Frist, da er wußte, daß die Dinge nicht gehen würden, wie sie sollten, wenn 
man Dich festhielte und Deine Güte mißbrauchte). Gehst Du weg, unbemerkt, 
nach Bielostok oder Cholm, die Truppen besichtigen? Zeige Dich dort, bevor 
Du zurückkommst — mache ihnen und Dir selbst die Freude. Die aktive Armee 
ist Gott sei Dank nicht das Hauptquartier — sicherlich kannst Du einige 
Truppen sehen, Wojeikow kann alles arrangieren (nicht Dschunkowsky), 
niemand braucht zu wissen, nur dann wird es Dir gelingen — sage. Du 
gingest wieder auf einen Sprung fort ; — wenn ich dort wäre, hätte ich Dir ge- 
holfen, fortzukommen. LiebUng hat immer nötig, geschoben und daran er- 
innert zu werden, daß er der Kaiser ist und tun kann, was ihm gefällt — davon 
machst Du nie Gebrauch. Du mußt zeigen, daß Du einen eigenen Weg und 
Willen hast und nicht von N. und seinem Stab gelenkt wirst, der Deine Be- 
wegungen dirigiert und dessen Erlaubnis Du einholen mußt, bevor Du irgend- 
wohin gehst. Nein, gehe allein, ohne N. und ganz auf eigene Faust, bringe 
ihnen den Segen Deiner Gegenwart — sage nicht, daß Du Unglück brächtest — 
in Lemberg und Przemysl geschah das, weil unser Freund wußte imd Dir 
sagte, daß es zu früh sei, aber Du hast statt dessen auf das Hauptquartier gehört. 
Vergib mir, daß ich so geradeaus spreche, aber ich leide zu viel — ich kenne 
Dich — und Nikolascha. Gehe zu den Truppen, sage N. kein Wort. Du hast 
falsche Skrupel, wenn Du sagst, es sei nicht aufrichtig, ihm nichts zu sagen — 
seit wann ist er Dein Mentor, und inwiefern störst Du ihn? Laß sie endlich 
sehen, daß Du nach Deinem eigenen Kopf handelst, der so viel wert ist, wie 
alle die ihrigen zusammen genommen ! Gehe, Liebling — muntre auch Iwanow 
auf — so schwere Schlachten stehen bevor — segne die Truppen durch Deine 
kostbare Anwesenheit, — in ihrem Namen fordere ich Dich auf, zu gehen — 
gib ihnen den geistigen Aufschwung, zeige ihnen, für wen sie kämpfen und 
sterben — nicht für Nikolascha, sondern für Dich. Tausende haben Dich nie 
gesehen, dürsten nach einem Blick aus Deinen wundervollen, reinen Augen ! 
Solche Massen sind vorgerückt — man kann Dir nicht vorlügen, daß Du nicht 
zu den einen oder anderen hinkommen kannst. Nur wenn Du es Nikolascha 
sagst, werden die Spione, die im Hauptquartier sind — wer? — es sofort die 
Deutschen wissen lassen, und dann werden ihre Aeroplane an die Arbeit gehen. 
Aber sonst werden nicht einmal drei Motore zu sehen sein. Drahte mir nur 
etwas, das ich verstehen und unseren Freund wissen lassen kann damit er 
für Dich betet. Sage so : Gehe morgen wieder auf einen Ausflug — bitte, mein 
Liebling. Vertraue mir, ich will Dein Bestes, Du brauchst immer Ermutigung, 
und vergiß nicht, kein Wort vor Nikolascha, laß ihn denken, Du gingest irgend- 
wohin, Bielowiesch oder wo immer es Dir gefällt. Ein Hauptquartier, das Dich 
fernhält, anstatt Dich zum Gehen zu ermutigen, ist falsch. Aber die Soldaten 
müssen Dich sehen, sie haben Dich nötig, nicht das Hauptquartier, sie ver- 
langen nach Dir und Du nach ihnen. 

6 Die letzte Zarin. 8l 



Tsarskoje Selo, 25. Juni 1915. 



Ach, mein Liebling! Welchen Ärger mußt Du durchgemacht haben, als 
Nikolascha diese schlechten Nachrichten erhielt. Hier höre ich nichts imd lebe 
in Angst und Bängnis und hungere nach Nachrichten über das, was da draußen 
vorgeht. Gott wird helfen, aber wir werden noch viel Elend und Herzeleid 
durchmachen, fürchte ich. Diese Munitionsfrage kann einem graue Haare 
machen. 

Liebling, ich hörte, daß der scheußliche Rodzianko und andere zu Gore- 
mykin gegangen sind, um sofortige Einberufung der Duma bitten — o, bitte, 
tu es nicht, es ist nicht ihres Amtes, sie wollen Dinge erörtern, die sie nichts 
angehen, imd noch mehr Unzufriedenheit säen. — Sie müssen femgehalten 
werden — ich versichere Dich, daß nur Unheil daraus entstehen wird, — sie 
reden zuviel. 

Rußland ist Gott sei Dank kein konstitutioneller Staat, obwohl diese 
Kreaturen versuchen, eine Rolle zu spielen imd sich in Geschäfte zu mischen, 
die sie nichts angehen. Laß nicht zu, daß sie einen Druck auf Dich aus- 
üben — wenn man nachgibt, ist es Angst, und sie tragen ihre Köpfe um 
so höher. 

Du weißt, daß Gutschkow noch immer Poliwanows Freund ist — das war 
der Grund, warum Poliwanow und Suchomlinow auseinandergekommen sind. 
Seine Wahl gefällt mir nicht. Mich peinigt der Gedanke, daß Du und noch 
manche andere im Hauptquartier sind, weil das nicht auf ein Besichtigen 
der Soldaten, sondern auf ein Anhören von N.s Ansichten hinausläuft, das 
nicht gut ist und sein kann — er hat kein Recht, so zu handeln, wie er 
tut, sich in Deine Angelegenheiten einzumischen. Alle sind empört darüber, 
daß die Minister mit Berichten zu ihm kommen, als ob er jetzt der 
Souverän wäre. 

Ach, mein Nicky, die Dinge gehen nicht, wie sie sollten, und deshalb hält 
N. Dich in der Nähe, um Dich mit seinen Ideen imd schlechten Ratschlägen 
in der Hand zu halten. Willst Du mir noch nicht glauben, mein Junge? 

Kannst Du nicht einsehen, daß ein Mensch, der einem Gottesmann gegen- 
über glattweg zum Verräter geworden ist, nicht gesegnet sein kann, noch daß 
seine Handlungen gut sein können? Wenn er an der Spitze der Armee bleiben 
muß, ist nichts dagegen zu tim, und alle Mißerfolge werden auf sein Haupt 
kommen — aber Mißgriffe im Innern werden Dir heimgezahlt werden, da nie- 
mand im Innern des Landes denken kann, daß er neben Dir regiert. 

Es ist so unendlich falsch imd ungerecht. 

Ich fürchte, ich ärgere und beunruhige Dich mit meinem Briefe — aber 
ich bin allein in meinem Elend und meiner Angst, und ich kann das 
nicht hinvmterschlucken, was Dir zu erzählen ich für meine ehrhche Pflicht 
halte. — 



82 



Gestern abend lud ich Kusow (Ex-Ingenieur) von dem Moskauer Regi- 
ment aus Twer ein — und ich war frappiert davon, wie genau er das aussprach, 
was ich denke, und er kennt mich nicht, wir treffen uns erst zum zweitenmal — 
wie viele andere also müssen ebenso urteilen wie er. Er war drei Tage im 
Hauptquartier und brachte keinen günstigen Eindruck mit, ebenso wie Wo- 
jeikow imd N. P., die Dir am meisten ergeben sind. — Erinnere Dich, daß 
unser Freund Dich bat, nicht lange zu bleiben — er sieht und kennt Nikolascha 
durch imd durch und Dein zu sanftes und weiches Herz. — Ich habe hier, 
unfähig, zu helfen, selten eine solche Zeit des Jammers durchgemacht, im Ge- 
fühl und in der Gewißheit, daß die Dinge nicht gehen, wie sie sollten, — und 
unfähig, zu nützen — das ist bitter schwer; und sie, Nikolascha, kennen meinen 
Willen und fürchten meinen Einfluß (unter der Leitung Grigoris) auf Dich; 
das ist alles so klar. — Nun, ich darf Dich nicht länger ermüden, nur will ich 
mir mein Gewissen reinigen, was auch geschehen mag. — Ist es wahr, daß 
Jussupow seine Funktionen zur Hälfte verloren hat, so daß er jetzt eine unter- 
geordnete Rolle spielt? 

Mit der Hilfe seiner Kusine, der Königin Viktoria (,,Vicky") von Schweden, 
ist Prinz Max von Baden für die deutschen Kriegsgefangenen in Rußland tätig. 
Dies ist die zweite dynastische Verbindung, die die Zarin noch jetzt mit Deutsch- 
land unterhält. Für den russischen Armeebefehl, den sie kritisiert, ist Nikolai 
Nikolajewitsch verantwortl'ch. Sergei ist der bereits erwähnte Großfürst Serge i 
Michailowitsch, Generalinspekteur der Artillerie, die Balleriaa Krschezinska 
seine kostspielige Geliebte. 

Tsarskoje Selo, 25. Juni 1915- 

Ich habe den Amerikaner von der Young Men's Christian Association ge- 
sehen und war lebhaft beschäftigt durch alles, was er mir von unseren Ge- 
fangenen dort und den ihrigen hier erzählte. Ich lege seinen Brief bei, den 
er drucken lassen und in Deutschland zeigen wird (und Photos, die unsere 
vortrefflichen Baracken zeigen). Er beabsichtigt, nur das Gute auf beiden 
Seiten zu berichten, und nicht die schhmmen Dinge, und hofft, so alle Seiten 
zu einer humanen Behandlung zu veranlassen. Heute abend bekam ich einen 
Brief von Vicky, den ich Dir mit Briefen von Max sende (ich fürchte. Dich 
zu behelUgen, aber Du bist eher dort als hier an einem Abend frei, bitte, lies 
es, und wenn Du magst, erwähne dort das eine oder andere). Ich habe den 
Amerikaner, der morgen nach Deutschland abreist, wissen lassen, daß ich 
wünsche, er möge die Papiere Max zustellen und ihn aufsuchen und ihm 
alles erzählen, damit alle ihre falschen Eindrücke über die Art, wie wir unsere 
Gefangenen behandeln, berichtigt werden. 

Ich habe nie von so viel Krankheiten in Rußland gehört. — Ich glaube, 
er sagte (der Amerikaner), daß in Kassel 4000 an Flecktyphus gestorben 

6* 83 



seien. Schrecklich ! Lies vor allem das englische Schreiben von Max ; und in 
dem, das Vicky von Max bekommen hat, wirst Du unser Dokument finden, 
das, mein Lieber, idiotisch abgefaßt und ohne jede Erklärung ist — und 
scheußliches Deutsch. ,,Es ist befohlen, die lo ersten deutschen Kriegs- 
gefangenen — als Erfolg (Unsinn) der mörderischen Taten, die sich einige 
deutsche Truppen erlauben, zu erschießen*." Man hätte das in vernünftigem 
Deutsch schreiben sollen; mit der Erklärung, daß an der Stelle, wo man 
einen gefolterten Mann findet, zehn eben gefangene Leute erschossen wer- 
den. Es ist schlecht geschrieben — Erfolg steht statt ,, Folge", aber auch 
das klingt schlecht. Laß es in vernünftigem grammatischem Deutsch ordent- 
lich und ausführlicher niederschreiben. Außerdem ist doch nicht gemeint, 
daß jedesmal Leute erschossen werden sollen, das hast Du nie gewollt, das 
ist irgendwie ganz verkehrt, und deshalb verstehen sie nicht, was gemeint ist. 

Bitte, erwähne nicht, von wo die Briefe kamen, außer zu Nikolascha, mit 
Rücksicht auf Max, da er sich um unsere Gefangenen bekümmert; und sie 
schicken die Briefe durch einen Schweden an Ania, absichtlich nicht an eine 
Hofdame — niemand soll davon wissen, nicht einmal ihre Botschaft — weiß 
nicht, warum diese Furcht. Ich telegraphierte offen an Vicky, daß ich ihr 
für ihren Brief danke und sie bitte, Max von mir für all das zu danken, was 
er für unsere Gefangenen tut, und versichert zu sein, daß man sein Bestes 
hier für ihre Gefangenen tue. Ich kompromittiere mich dadurch nicht — 
ich tue nichts persönlich, und da ich alles für unsere Gefangenen tun will 
und dieser Amerikaner unsere Sachen mitnehmen und erzählen will, wo und 
was gebraucht wird, wird er soviel wie möglich helfen. — Gib die Briefe 
bitte zurück oder bringe sie Sonntag mit, wenn Du dann wirklich kommst. 

Ich hatte Paul zum Tee, und wir plauderten eine Menge. Er fragte, ob 
Sergei von seinem Posten abgelöst würde, da alle so sehr gegen ihn seien, 
ob mit Recht oder Unrecht — und die Krschezinska wieder damit zu- 
sammenhängt — es scheint, daß sie sich in bezug auf Bestechungsgelder und 
Artilleriebestellungen ebenso wie Frau Suchomlinow benommen hat — 
man hört das von vielen Seiten. Nur hat er mich darauf hingewiesen, daß 
es auf Deinen Befehl geschehen muß, nicht auf den Nikolaschas, da nur Du 
einen solchen Befehl erteilen oder andeuten kannst, daß er um seinen Abr 
schied einkommen möge, einem Großfürsten gegenüber, der kein Kind meh- 
ist, da Du sein Chef bist und nicht Nikolascha, sonst würde das der Familie 
sehr mißfallen. 

Er ist so anhänglich, Paul, und unbeschadet seiner persönlichen Abneigung 
gegen Nikolascha findet er, daß die Leute seine Stellung nicht verstehen 
können : eine Art von zweitem Kaiser, der sich in alles einmischt. Wie viele 
(und unser Freund) sagen dasselbe. 



* Im Original deutsch. 
84 



In den Zeitraum bis zum nächsten Brief fallen die folgenden Ereignisse: die Er- 
nennung A.A.Chwostows zum J ustizminister, die definitive Ernennung Schtscher- 
batows zum Minister des Innern, die Eröffnung der Duma, die ein Gesetz über die 
Bildung von Kriegsausschüssen annimmt. In erregter Debatte fordern alle Partei- 
vorstände (bis auf die Rechte und die Nationalisten) die Weiterarbeit der Duma. 
Die Zarin agitiert für einen Neffen A. A. Chwostows, den Kammerherm A. N. Chwo- 
stow, als Minister des Iimem, da Schtscherbatow von ihr bekämpft wird. Sie gibt 
Chwostow den Spitznamen ,,the Tail", ,,der Schweif", der im Russischen ,,chwost" 
heißt. Der wichtigste Kampf jedoch, der die Zarin heftig erschüttert, ist der gegen 
Nikolascha. Jetzt steht die Entscheidung vmmittelbar bevor. Am 24. August a. St. 
(5. September), zwei Tage nach dem hier folgenden Brief, erklärt der Zar in einem 
Armeebefehl, daß er den Oberbefehl übernommen habe. Nikolai Nikolajewitsch soll 
faktisch durch den bisherigen Oberbefehlshaber der Nordwestfront, General M. W. 
Alexejew, ersetzt und Armeekommandierender gegen die Türken im Kaukasus werden. 

Tsarskoje Selo, 22. August 1915. 

Es ist mehr als hart, Dich allein abreisen zu lassen, so völlig allein — aber 
Gott ist Dir sehr nahe, mehr als je. Du hast diesen großen Kampf für Dein 
Land und Deinen Thron ausgefochten — allein und mit Tapferkeit und Ent- 
schlossenheit. Nie zuvor haben sie solche Festigkeit an Dir gesehen, und es 
kann nicht ohne gute Früchte bleiben. 

Fürchte nichts für das, was zurückbleibt — man muß streng sein und auf 
einmal Schluß machen. Liebling, ich bin hier, lache nicht über das törichte, 
alte Weibchen, aber sie hat unsichtbare „Hosen" an, und ich kann den Alten 
kommen lassen und ihn im Gang halten, daß er energisch bleibt. Wenn ich 
je im geringsten nützlich sein kann, sage mir, was ich tun soll. Benütze mich — 
zu solchen Zeiten wird Gott mir die Stärke geben, mir zu helfen — weil unsere 
Seelen für das Recht gegen das Übel kämpfen. Es ist alles viel tiefer, als 
es dem Auge erscheint — wir haben gelernt, alles von der anderen Seite 
anzusehen, zu sehen, was dieser Kampf wirkhch ist und bedeutet — , Du 
mußt Dein Herrentum zeigen. Dich selbst als der Autokrat erweisen, ohne 
das kann Rußland nicht bestehen. Hättest Du jetzt in diesen verschiedenen 
Fragen nachgegeben, würden sie noch mehr von Dir herausgeholt haben. 
Fest zu sein ist die einzige Rettung — ich weiß, was es Dich kostet, und 
habe schrecklich für Dich gelitten und leide noch immer. Ich flehe Dich 
an, mein Engel, vergib mir, daß ich Dich nicht in Frieden gelassen und Dich 
so viel belästigt habe — aber ich kenne zu gut Deinen wundervoll zarten 
Charakter — und Du mußtest ihn diesmal abschütteln. Du mußtest Deinen 
Kampf allein gegen alle gewinnen. Die Geschichte dieser Wochen und Tage 
wird ein Ruhmesblatt in Deiner Regierung und in der russischen Geschichte 
sein — und Gott, der gerecht ist und Dir nahe, wird Dein Land und Deinen 
Thron durch Deine Festigkeit erretten. 

85 



Ein härterer Kampf ist selten ausgefochten worden als dieser, der Deine, 
und er wird von Erfolg gekrönt sein, glaube mir das nur. 

Dein Glaube ist auf die Probe gestellt worden — Dein Vertrauen — und 
Du bist stark wie ein Fels geblieben, dafür wirst Du gesegnet sein. Gott hat 
Dich bei Deiner Krönung gesalbt, er hat Dich dahin gesetzt, wo Du stehst, 
und Du hast Deine Schuldigkeit getan, sei dessen sicher, ganz sicher, 
und er verläßt nicht seinen Gesalbten. Unseres Freundes Gebete steigen 
Tag und Nacht zum Himmel, und Gott wird ihn erhören. 

Diejenigen, die Deine Handlungen fürchten und nicht verstehen können, 
werden durch die Ereignisse dazu gebracht werden. Deine große Weisheit 
zu erkennen. Es ist der Beginn des Glanzes Deiner Regierung, so sagte er, 
und ich glaube es unbedingt. Deine Sonne ist im Aufsteigen — und heute 
scheint sie hell. Und so wirst Du sie bezaubern, all diese großen Wirrköpfe, 
Feiglinge, Irregeführten, Lärmmacher, Blinden, Kurzsichtigen und unehr- 
lichen, falschen Geschöpfe, an diesem Morgen. 

Und Dein Sonnenstrahl wird erscheinen, um Dir zu helfen. Dein eigenstes 
Kind. Wird das nicht diese Herzen bewegen und ihnen klarmachen, was Du 
tust, und was sie gewagt haben, tun zu wollen. Deinen Thron zu erschüttern, 
Dich mit inneren schwarzen Vorahnungen zu erschrecken? Nur ein bißchen 
Erfolg da draußen, und sie werden umkehren. Sie werden sich nach Hause 
zerstreuen, in reine Luft, und ihre Gesinnung wird geläutert werden, und sie 
werden das Bild von Dir und Deinem Sohn im Herzen bei sich tragen. 

Ich hoffe sehr, Goremykin wird Deine Wahl Chwostows billigen — Du 
brauchst einen energischen Minister des Innern — sollte er der Unrichtige 
sein, kann er später gewechselt werden, — das schadet zu solchen Zeiten 
nichts. Aber wenn er energisch ist, kann er prächtig helfen, und dann kommt 
es auf den Alten nicht so an. 

Wenn Du ihn nimmst, dann telegraphiere mir nur: ,, Schweif (Chwostow) 
in Ordnung", und ich werde verstehen. 

Laß Dich durch keine Redereien verärgern. Bin froh, daß Dmitri jetzt 
nicht dort ist — weise Wojeikow, wenn er töricht ist, zurecht. Bin sicher, 
er fürchtet dort Leute zu treffen, die denken könnten, daß er gegen Niko- 
lascha und Orlow war, und daß er um des lieben Friedens willen bei Dir für 
Nikolascha bitten wird — das würde der größte Fehler sein und alles, was 
Du so mutig durchgeführt hast, ungeschehen machen, und der große innere 
Kampf würde ganz umsonst gewesen sein. Sei nicht zu gütig, ich meine 
nicht besonders, denn sonst wäre es unaufrichtig, weil da immer noch Dinge 
waren, wegen deren Du mit ihm unzufrieden gewesen bist. Erinnere die an- 
deren an Mischa, den Bruder des Kaisers, und überdies ist doch Krieg ! — 

Alles ist zum Guten, wie unser Freund sagt, das Schlimmste ist vorbei. — 
Sprich Du jetzt mit dem Kriegsminister, und er wird energische Maßnahmen 
treffen, sobald es nötig ist — aber Chwostow wird auch dafür sorgen, wenn 

86 



Du ihn ernennst. — Wenn Du abreisest, werde ich heute abend durch Ania 
dem Freunde telegraphieren — und Er wird besonders an Dich denken. Sorge 
nur dafür, daß Nikolaschas Ernennung schneller erfolgt — kein Hinziehen, 
es ist schädlich für die Sache und auch für Alexejew — und eine abgemachte 
Sache beruhigt die Gemüter, selbst wenn sie gegen ihre Wünsche ist, eher 
als dieses Warten in Ungewißheit und Versuchen, Dich zu beeinflussen — 
es macht einem das Herz schwer. 

Ich fühle mich vollständig erschöpft und halte mich nur mit Gewalt auf- 
recht — sie sollen nicht denken, daß ich entmutigt oder erschreckt bin, son- 
dern vertrauensvoll und ruhig. 

Es war eine Freude, daß wir zusammen durch die heiligen Stätten ge- 
gangen sind — sicherlich betet Dein teurer Vater ganz besonders für Dich. 

Gib mir einige Nachrichten, sobald es Dir möglich ist — bin für den 
Augenblick ängsthch, daß N. P. Ania telegraphiert, solange ich nicht sicher 
bin, daß nicht wieder jemand aufpaßt. 

Gib mir den Eindruck wieder, wenn Du kannst. Bleibe fest bis zum 
Ende. Laß mich dessen gewiß sein, sonst werde ich vor Besorgnis krank 
werden. 

Es ist bitteres Weh, nicht bei Dir zu sein — weiß, was Du fühlst, und 
daß das Zusammentreffen mit N. nicht angenehm sein wird. Du hast ihm 
vertraut und weißt jetzt, was uns schon vor Monaten unser Freund gesagt 
hat, daß er unrecht Dir gegenüber und Deinem Lande und Deiner Frau gegen- 
über handelt. Nicht das Volk ist es, das Deinen Leuten etwas antun möchte, 
sondern Nikolascha und die Bande Gutschkow, Rodzianko, Samarin usw. 

Liebling, wenn Du hörst, ich sei unwohl, sei nicht ängstlich, ich habe 
so schrecldich gelitten und mich in diesen zwei Tagen körperlich übernommen 
und moralisch gequält (und quäle mich noch, bis alles im Hauptquartier er- 
ledigt und Nikolascha gegangen ist). Erst dann werde ich mich ruhig fühlen 
— in Deiner Nähe ist alles gut — wenn Du außer Sichtweite bist, benutzen 
das andere sofort. Du siehst, daß sie mich fürchten und deshalb zu Dir kom- 
men, wenn Du allein bist. Sie wissen, daß ich einen eigenen Willen habe, 
wenn ich fühle, daß ich im Recht bin, und das bist Du jetzt — wir wissen 
es, so lasse sie denn zittern vor Deinem Mut und Willen. Gott ist mit Dir 
und unser Freund auf Deiner Seite — alles ist gut — und später werden 
wir alle danken, weil Du Dein Land gerettet hast. Zweifle nicht — glaube, 
und alles wird gut gehen — und die Armee bedeutet alles — ein paar 
Streiks nichts, im Vergleich hiermit, da sie unterdrückt werden können tmd 
sollen. Die Linke ist wütend, weil ihr alles aus den Händen gleitet und ihre 
Karten uns aufgedeckt sind, imd das Spiel, für das sie Nikolascha gebrauchen 
wollten — selbst Schwedow weiß es von da. 

Nun Gutenacht, Liebling! Ich gehe gleich zu Bett ohne Tee mit 
den anderen und ihren langen Gesichtern. Schlafe lang und gut, Du 

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brauchst Ruhe nach dieser Anstrengung, und Dein Herz braucht friedliche 
Stunden . . . 

Ich drücke Dich zärtHch an mein Herz, küsse und liebkose Dich ohne 
Ende — möchte Dir all die starke Liebe zeigen, die ich für Dich hege. Dich 
wärmen, aufmuntern, trösten und stärken und Deiner selbst sicher 
machen. Schlaf wohl, mein Sonnenlicht, Rußlands Erlöser! Gedenke an 
die letzte Nacht, wie zärtlich wir uns umklammerten ! Ich werde Deine Lieb- 
kosungen begehren, nie kann ich davon genug haben. Und ich habe ja noch 
die Kinder, aber Du bist ganz allein. Das nächste Mal muß ich Dir Baby 
ein bißchen mitgeben, um Dich aufzuheitern. Ich küsse Dich ohne Ende 
und segne Dich. Heilige Engel mögen Deinen Schlaf behüten. Ich bin nahe 
und bei Dir für immer und ewig, und niemand darf uns trennen. 

Der gegen Schluß des folgenden Briefes erwähnte Krupensky ist der Kammer- 
herr Paul Nikolajewitsch Krupensky, der der Duma als Deputierter angehörte. — 
Keller ist der Generalmajor Graf Teodor Arthurowitsch Keller, ä la Suite des 
Zaren stehend. 

Tsarskoje Selo, 23. August 1915. 

Ich möchte wissen, wie die Gemüter um Dich herum sind — Dein Friede 
muß sich ihnen mitteilen. Ich hatte eine Unterhaltung mit N. P. und bat 
ihn, Wojeikows wechselnden Launen nicht nachzugeben. — Heute machen 
den ganzen Tag diese gräßlichen Züge ihren Lärm, der Wind kommt von dieser 
Seite, aber mir scheint, als ob der große, neue Schornstein (wo die elektrischen 
Maschinen sind) denselben Lärm machte, da er seit langer Zeit mit Unter- 
brechungen anhält. Die Kirchenglocken läuten, ich liebe den Ton bei offenen 
Fenstern; ich werde um 11 Uhr gehen, da bis jetzt, obwohl Herz und Brust 
schmerzen, keine Erweiterung vorliegt und ich viele Tropfen einnehme. Ich 
fühle mich körperlich zerschlagen und weh. Ich habe von Botkin die Erlaubnis 
bekommen, daß Anastasia in der Sonne auf dem Balkon sitzen darf, wo 
20 Grad Wärme sind, das kann dem Kinde nur guttun. Es ist 10, und Baby 
ist noch nicht aufgetaucht, hat sicher einen guten Schlaf getan. 

Solcher Seelenfriede nach diesen sorgenvollen Tagen — und mögest Du 
fortfahren, das gleiche zu fühlen. — Wenn Du Gelegenheit hast, sage N. P, 
Liebes von uns und gib ihm Nachrichten, da ich A. jetzt eine Zeitlang nicht 
telegraphieren lasse, nachdem man so häßlich war, und sie ihm doch immer 
Nachrichten über meine Gesundheit gab. — Ich hoffe, der alte Fred, ist nicht 
zu eitel und wird nicht wegen Feldmarschall usw. zu bitten anfangen, was 
doch, wenn überhaupt, erst nach dem Kriege gegeben werden kann. — Verr 
giß nicht. Dein Haar vor allen schwierigen Unterredungen und Entscheidungen 
zu kämmen, der kleine Kamm wird seine Hilfe leihen. Fühlst Du jetzt nicht 
die Ruhe, nachdem Du , .Deiner selbst sicher" geworden bist — es ist kein 

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Stolz oder Engherzigkeit — sondern von Gott gegeben und wird Dir in Zu- 
kunft helfen und den anderen Stärke geben, Deine Befehle auszuführen. 
Ich habe dem alten Mann wissen lassen, daß ich ihn heute zu sehen wünsche 
und er die Stunde bestimmen soll. — 

So, Liebling, gerade war der alte Mann eine Stunde bei mir, er war so 
froh, Deine Nachricht zu erhalten, daß Du ruhig und still abgereist bist, 
und einen Brief von Fredericksz (ich wußte nicht, daß er geschrieben hatte). 
Aber er war empört und entsetzt über den Brief der Minister, der, wie er 
sagt, von Samarin geschrieben ist. Findet keine Worte für ihr Verhalten 
und sagt, wie schrecklich schwierig es für ihn sei, den Vorsitz zu führen im 
Bewußtsein, daß alle gegen ihn und seine Gedanken angehen, aber er würde 
nie daran denken, um Entlassung zu bitten, da er weiß. Du würdest es ihm 
sagen, wenn es Dein Wunsch wäre. Er muß sie morgen sprechen und wird 
erwähnen, was er über diesen Brief denkt, der so falsch und unwahr ist, wenn 
er ,,von ganz Rußland" usw. redet — ich bat ihn, so energisch wie möglich 
zu sein. Er will auch vorher mit dem Kriegsminister sprechen, um zu er- 
fahren, was Du ihm gesagt hast. Wegen Chwostow sagt er: besser nicht, 
er ist es, der in der Duma gegen die Regierung und die Deutschen gesprochen 
hat (ist ein Neffe des Justizministers). Findet ihn zu leger, wahrscheinlich 
in mancher Beziehung keine zuverlässige Persönlichkeit. Er wird über Namen 
nachdenken und mir eine Liste für Dich schicken oder bringen von Leuten, 
von denen er denkt, daß sie brauchbar seien. Findet, daß sicherlich Schtscher- 
batow nicht bleiben kann ; schon daß er keinen Einfluß auf die Presse gewann, 
ist ein Zeichen dafür, welch ungeeignete Person er für diesen Posten ist. — 
Er sagte, er würde nicht erstaunt sein, wenn Schtscherbatow und Sassonow 
um Enthebung von ihren Posten bitten würden, wozu sie kein Recht haben. 
— Sassonow läuft herum und flennt (der Dummkopf), und ich sagte, ich sei 
sicher, daß unsere Verbündeten Dein Vorgehen außerordentlich begrüßen wür- 
den, womit er auch einer Meinung war. 

Ich sagte ihm, er solle alles als Miasmen von St. Petersburg und Moskau 
ansehen, und daß alle eine gute Durchlüftung nötig hätten, um alles mit 
frischen Augen anzusehen und nicht von früh bis spät Geklatsch anzuhören. 
Er sagt, die Duma kann nicht vor Ende der Woche aufgelöst werden, da sie 
ihre Arbeit noch nicht beendet hat — er und andere fürchten besonders, 
daß sich die Linke über die Duma hinwegsetzen könnte. Ich bat ihn, sich 
darüber keine Sorgen zu machen, ich sei sicher, daß es nicht ernst sei und 
mehr Gerede als sonstwas, und daß sie Dich einzuschüchtern wünschten, 
und daß sie den Mund halten würden, wo Du ihnen jetzt Deinen eigenen star- 
ken Willen gezeigt hast. Es scheint, daß Sassonow sie gestern alle zusammen- 
berufen hat — Dummköpfe. Ich sagte ihm, daß die Minister alle Feiglinge 
seien, und er stimmte zu — denkt, daß Poliwanow gut arbeiten wird. Armer 
Kerl, es tut ihm weh, all die Ketzereien zu hören von denen, die die Unter- 

89 



Schrift gegen ihn abgegeben haben — und er tat mir so leid. Er sagt so 
richtig, jeder muß Dir ehrlich seine Meinung sagen, aber sobald Du Deinen 
Wunsch ausgesprochen hast, müssen ihn alle erfüllen und ihre eigenen Wünsche 
vergessen, wenn sie auch nicht einverstanden sind, ebensowenig wie der 
arme Sergei! 

Ich versuchte ihn aufzumuntern und glaube, daß es mir ein klein bißchen 
gelungen ist, da ich ihm zeigte, wie wenig ernsthaft im Grunde all dieser hohle 
Lärm ist. Jetzt haben sich die Gedanken und alles mit den Deutschen und 
Österreichern zu beschäftigen, und mit nichts sonst — und ein guter Minister 
des Innern wird Ordnung halten. Er sagt, in der Stadt sei die Stimmung 
gut und ruhig nach Deiner Ansprache und dem Empfang. Und so wird es 
bleiben, ich sagte ihm, was unser Freund erklärt hat. Er bat mich, Kru- 
pensky zu sehen, um zu hören, was er über die Duma zu sagen hat, da er 
jedermann kennt — bist Du einverstanden, dann will ich es sicher tun und 
ohne irgendwelches Geräusch. Telegraphiere nur: ,, Ein verstanden." — Ich 
erzählte ihm, daß Iwanow Dich auch gebeten hat, zu kommen, durch mich. 

Er findet, je mehr Du Deine Energie zeigst, um so besser. Ich stimme 
dem zu, und er fand auch den Gedanken gut, daß Du Deine ,, Augen" in 
die Fabriken schicken solltest, selbst wenn die Suite nicht viel versteht, aber 
es ist gut, zu zeigen, daß sie von Dir kommen — nicht nur die Duma, die 
nach allem sieht. — Ich ging mit Baby zur Kirche und betete so innig für 
Dich. Der Priester sprach wundervoll, und ich bedauerte nur, daß die Mi- 
nister nicht da waren, um es zu hören, und die Leute lauschten mit tiefstem 
Interesse. Was diese drei Tage bedeuten — und wie alle zusammenhalten 
und zusammenarbeiten müssen in Deiner Umgebung usw., wunderschön und 
so wahr, und alle hätten es hören müssen. — Anastasia blieb bis 4 Uhr drau- 
ßen — und ich schreibe auf dem Balkon. Baby kam von Peterhof zurück 
und ist zu Ania gegangen, wo Olga, Tatjana und Marie sind . . . 

Ich schreibe Dir zwei Telegramme von unserem Freunde ab. Wenn Du 
Gelegenheit hast, zeige sie N. P. — man muß ihn mehr über unseren 
Freund auf dem Laufenden erhalten, da er in der Stadt zu viel gegen ihn 
hört und anfängt, weniger auf seine Telegramme zu achten. Goremykin 
fragte, ob Du diese Woche zurück sein würdest (um dann die Duma aufzu- 
lösen). Ich sagte, ich könne es unmöghch jetzt schon zusagen. — 

Die Kinder und ich gingen um 3^ nach der Znamenia, und ich habe 
eine sehr große Kerze gestiftet, die sehr lange brennen und meine Gebete 
für Dich vor Gottes Thron und zur Jungfrau und dem heiligen Nikolaus 
tragen wird. — Jetzt muß ich schließen, mein Lieb. Gott segne und beschütze 
Dich und stehe Dir und allem, was Du unternimmst, bei. Zahllose Küsse auf 
alle lieben Stellen, ewig Dein ganz eigenes vertrauendes, stolzes Frauchen. 

Nur noch ein Wort en passant. Alias Gatte ist zurückgekommen und 
spricht jedesmal gegen Brussilow, wie es auch Keller tut. — Erkundige Du 

90 



Dich noch nach anderen Meinungen über ihn. — Das Hauptquartier hat den 
Befehl gegeben, daß alle in Städten dienenden Offiziere mit deutschen Namen 
an die Front geschickt werden, so auch Alias Gatte, obwohl Pistohlkors ein 
schwedischer Name ist und Du schwerlich einen ergebeneren Diener hast. 
Meiner Ansicht nach ist das wieder verkehrt gemacht — jeder General hätte 
diskret gesagt bekommen sollen, daß er jenen nahelege, zu ihren Regimentern 
zurückzukehren, daß sie andere haben wollten und diese wieder an der Reihe 
wären, zu kämpfen. Alles wird so plump gemacht. Ich werde Dir immer alles 
schreiben, was ich höre (wenn ich es für recht halte), da es Dir von Nutzen 
sein könnte, es jetzt zu wissen und Ungerechtigkeiten zu verhindern — kann 
mir vorstellen — , was Kusow schreiben wird, um der guten Sache zu dienen. 

Muß mich jetzt niederlegen, da ich sehr erschöpft bin — fühle mich wohler, 
geistig frischer und voll von Vertrauen, Mut und Hoffnung — und bin stolz 
auf mein Herzlieb. Gott segne, behüte und führe Dich. — 

Hoffe, Wojeikow hat Dir nicht den Unsinn erzählt, den er A. berichtet 
hat, er wollte Dich bitten, Nikolascha sein Ehrenwort geben zu lassen, sich 
nicht in Moskau aufzuhalten. Feigling, Wojeikow, und Dummkopf, als ob 
Du eifersüchtig oder furchtsam wärest — ich versichere Dich, mich verlangt 
es danach, diesen Feiglingen meine unsterblichen Hosen zu zeigen. 

Unter Vorsitz des Zaren beginnt eine Sonderkonferenz zur Vereinheitlichung 
der nationalen Verteidigung (Transportmittel, I^bensmittelversorgimg, Herbeischaf- 
fung von Kriegsmaterial und Munition). Der Zar eröflEnet sie mit einer Ajisprache, 
der Reden des Kriegsministers Poliwanow, des Präsidenten des Reichsrats Kulomsin 
und des Dvunapräsidenten Rodzianko folgen. Die Reichsduma stimmt in geheimer 
Sitzung für die Einberufung des Landsturms zweiter Ellasse. — Mr. Gilliard 
ist der schweizerische Erzieher des Thronfolgers. 

Tsarskoje Selo, 24. August 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Gott sei Dank, daß alles geschehen und die Konferenz so gut abgelaufen 
ist — so eine Erhebung. Gott segne Dich, mein Engel, und Dein tapferes 
Unternehmen und kröne es mit Erfolg imd Sieg, im Innern und Äußern. 
Ein so herzbewegendes Telegramm: No. 01 Kais. H. Qu. Ich habe mir den 
Vorschlag zurückgelegt, zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag . . . 

O, wie gern würde ich Dich sehen, wenn Du all das tust. Am liebsten hätte 
ich eine Tarnkappe, um in manches Haus zu gucken und die Gesichter zu 
sehen . . . 

Babys linker Arm tut weh und ist sehr geschwollen. Es hatte von Zeit 
zu Zeit Schmerzen, in der Nacht und heute am Tage — die alte Geschichte, 
aber es dauerte nicht lange, Gott sei Dank. Mr. Gilliard las laut vor, und 
dann zeigte er uns die Zauberlaterne . . . 

91 



Ich bekam einen reizenden Brief von Nikolascha über die Übernahme 
des Oberkommandos durch Dich und werde ihn Dir morgen senden. Heute 
muß ich ihn beantworten. — Ania sendet Dir ihre Liebe, sie küßt Dir die 
Hand und denkt immer an Dich. 

In der Dvima wächst die Opposition gegen die Fortdauer der Regiervmg Gore- 
mykins. Die Zarin bringt den Gedanken einer Neubesetzung des Kriegsministeriums 
mit einem „starken Mann" vor, der auch das Innenministerium als Diktator ver- 
walten würde. Sie nennt den Reichskontrolleur P. A. Charitonow. 

Tsarskoje Selo, 24. August 1915. 

Nur ein Wort. Man sagt, daß Donnerstag in der Duma sich alle Parteien 
an Dich wenden wollten, um Dich zu bitten, den alten Mann zu entlassen. 
Ich hoffe noch, daß, wenn endlich der Wechsel offiziell bekanntgemacht wird, 
die Dinge sich einrenken könnten, wenn nicht, fürchte ich, daß der alte Mann 
nicht fortfahren kann, zu arbeiten, wenn alle gegen ihn sind. Er wird es nie- 
mals wagen, um seine Entlassung zu bitten, wie er sagt, aber, ach, ich weiß 
nicht, wie die Dinge sich gestalten werden. Heute sieht er alle Minister und 
beabsichtigt, fester zu ihnen zu sprechen, das kann ihm den Rest geben, 
arme, gute, ehrliche Seele. 

Und wen soll man in solch einem Augenblick nehmen, der fest genug 
wäre, als Kriegsminister, damit er sie (ich liebe den Gedanken gar nicht) 
für eine kurze Weile straft, indem er, ohne etwas von den inneren Angelegen- 
heiten zu verstehen, eine gewisse Diktatur ausübt? Wie ist es mit Charitonow? 

Ich weiß nicht. Aber besser noch abwarten. Sie zielen natürlich auf 
Rodzianko ab, der der Ruin und Verderb alles dessen sein würde, was Du getan 
hast, und nie Vertrauen verdient. — Aber Gutschkow steckt hinter Poliwanow, 
und Du hast noch keinen Minister des Innern. — Vergib mir die Behelligung, 
aber es ist nur ein Gerücht, von dem man klugerweise Kenntnis nimmt. 

Unter dem 25. August (8. September) wendet sich die Zarin wieder gegen Nikolai 
Nikolajewitschs Stimmungsmache (durch eine Attentatsgeschichte in der ,,Nowoje 
Wremja") imd gegen Suworin (den Herausgeber des Blattes). Aufs äußerste ist ihre 
Ungedvdd erregt, weü sie noch immer nichts von einer offiziellen Bekanntgabe des 
Wechsels im Oberkommando weiß. Sie glaubt, daß Fredericksz und Wojeikow an 
dieser Verschleppung schuld sind. Frolow ist Gehilfe des Kriegsministers. 

Tsarskoje Selo, 25. August 1915. 

In den Zeitungen war ein Artikel, wonach Leute, zwei Männer und eine 
Frau, bei Warschau abgefaßt seien, die einen Anschlag auf Nikolaschas Leben 
hätten machen wollen — manche sagen, Suworin hätte es der Sensation 

92 



wegen erfunden (der Zensor erzählte A., das seien ,, Enten"). Vor einem 
Monat waren alle Redakteure von Petersburg im Hauptquartier, und Ja- 
nuschkie witsch gab ihnen seine Instruktionen, das erzählte der militärische 
Zensor unter Frolow A. — Samarin scheint fortzufahren, gegen mich zu 
sprechen, um so besser, auch er wird in die Grube fallen, die er für mich gräbt. 
Diese Dinge berühren mich nicht für ein Atom und lassen mich persönlich 
kalt, da mein Gewissen rein ist und Rußland seine Ansichten nicht teilt — 
aber ich bin ärgerlich, weil es mittelbar Dich berührt. Wir werden nach einem 
Nachfolger auf die Suche gehen . . . 

So besorgt, daß ich noch kein Telegramm habe, kann mir nicht vorstellen, 
warum der Wechsel noch nicht offiziell angekündigt ist. Es würde die Ge- 
müter gereinigt und ermutigt und die Gedankengänge in der Duma rascher 
geändert haben. Ich dachte, bis heute wäre das Äußerste, zu warten, da 
N. fortgeht — nun war Dein gestriges Telegramm vom Hauptquartier, am 
Sonntag abend vom Kaiserlichen Hauptquartier, das klang so hübsch und 
vielversprechend. Von morgen ab kommen die Fasttage, deshalb hätten die 
Nachrichten vorher eintreffen und das Tedeum kommen sollen. Es ist ein 
Mißgriff, daß alles zusammenfällt; es war vorher notwendig, verzeih mir, 
daß ich das sage. Wer Dich wieder gebeten hat, die offizielle Ankündigung 
zu verschieben, tat unrecht. Es schadet nichts, daß N. dort ist, da bekannt 
sein wird, daß Du schon mit Alexejew arbeitest. Es war ein schlechter Rat- 
schlag — wie sehr eine gewisse Partei dagegen ist, sieht man daran. Je 
schneller es amtlich bekanntgemacht wird, um so ruhiger sind alle Ge- 
müter. Alle werden nervös in Erwartung der Nachricht, die nie kommt. 
Solch eine Situation ist nie gut und scheint falsch — und nur Feiglinge können 
sie Dir vorgeschlagen haben, wie Wojeikow und Fredericksz, sie denken anN., 
bevor sie an Dich denken. Es ist unrecht, das geheimzuhalten, keiner denkt 
an die Truppen, die nach guten Nachrichten hungern. Ich sehe, daß meine 
schwarzen Hosen im Hauptquartier gebraucht werden. Zu dumm, Idioten! 
Und solch eine Gelegenheit, Jubilate und dann Fasten, um für Deinen Erfolg 
zu beten — und Dienstag geht vorüber, nichts. Aus Verzweiflung habe ich 
Dir früh heute morgen telegraphiert, erhielt aber keine Antwort, und es ist 
schon 7 Uhr. A. und ich gingen wieder zur Kas. K. und dann nach dem 
Hospital, wo ich mit den Verwundeten sprach. Wir frühstückten oben und 
werden da auch dinieren. Der Regen und die Dunkelheit machen einen ganz 
schwermütig. Baby hat viel weniger Schmerzen und schlief heute früh. 

Am 26. August (9. September) ist die freudige Nachricht in den Zeitungen. Der 
Erlaß des Zarea an Nikolai Nikolajewitsch wird veröffentlicht, in dem der Großfürst 
unter ,, tiefstem Dank" zum ,, Vizekönig des Kaukasus und Oberbefehlshaber des 
Kaukasus" ernannt wird. Zugleich verabschiedet sich der bisherige Generalissimus 
in einem Tagesbefehl von den Truppen. 

93 



Tsarskoje Selo, 26. August 1915. 
Mein einziger Liebling! 

Ich schreibe oben im Eckzimmer. Mr. Gilliard liest Alexei laut vor. Olga 
und Tatjana sind heute nachmittag in der Stadt. O, Liebling, es war wun- 
dervoll, die Nachricht heute morgen in den Zeitungen zu lesen, und mein 
Herz jubelte mehr, als ich sagen kann. Marie und ich gingen zur Messe in 
die obere Kirche, Anastasia kam zum Tedeum. Der Priester sprach herrlich, 
ich wünschte, eine recht große Menge in der Stadt hätte ihn gehört, es würde 
ihnen unendlich gutgetan haben, da er die inneren Strömungen so geschickt 
berührte. Mit Herz und Seele betete ich für Dich, mein Schatz. 



Die gemäßigten Parteien der Duma nehmen Fühlung, um einen fortschrittlichen 
Block zu büden. Hauptpunkte ihres Programms sind die E^insetzung einer Regierung, 
deren Mitglieder das Vertrauen des I^andes haben, und Amnestie. Bei der Beratung 
der Zensurfrage werden schärfste Angrifle gegen die Militärzensur erhoben. Suchanow 
erklärt, sie streiche alle Meldungen über den Fall des unzweifelhaften Verbrechers 
Suchomlinow aus den Zeitimgen. Die Volkswut habe bereits Maklakow verjagt und 
werde auch andere Hindemisse der Freiheit vernichten. Ein Redner der Polen klagt 
über das Eilend der Flüchtlinge aus der Umgebung von Wüna und Kowno. Unmengen 
von Vertriebenen und Kindern stürben vor Kälte. Der englische Botschafter Mr. 
Buchanan besucht die Zarin. 

Tsarskoje Selo, 27. August 1915. 

Buchanan hat mir wieder 100 000 Pf. gebracht, auch er wünscht Dir jeg- 
lichen Erfolg ! Er kann es in der Stadt nicht mehr aushalten. Sagt, wie schwer 
es sei, Holz zu bekommen, er möchte schon jetzt Vorrat haben, wartet seit 
zwei Monaten und hört jetzt, es sei nichts zu haben. Man sollte ein gutes 
Lager davon aufstapeln, wo doch nun diese Massen von Flüchtlingen da sind, 
die hungern und frieren werden. O, welches Elend sie durchmachen, Massen 
sterben am Weg und gehen verloren, und überall an der Straße liest man 
Kinder auf. 

Jetzt muß ich schließen. Ich segne und küsse Dich tausendmal sehr, sehr 
zärtlich, in sehnsüchtiger Liebe. Immer ganz Deine alte Alix. 

Wird die Duma nicht endlich geschlossen — weshalb brauchst Du dazu 
hier zu sein? Wie die Dummköpfe gegen die Militärzensur reden, zeigt, wie 
notwendig es ist. 

Alles Liebe von uns für N. P. 



Der Block der Dumaparteien ist gebildet worden. Die Regierung hat versprechen 
müssen, die Forderungen höheren Ortes vorzutragen. Goremykin ist im BegrifE, 
nach Mohilew ins Hauptquartier zu reisen. Die Zarin drängt auf den Schluß der 

94 



Duma. Neidhardt ist der Geheimrat Alexei Borissowitsch N., Mitglied des Reichs- 
rats, ein Schwager des ermordeten Ministerpräsidenten Stolypin und des Außen- 
ministers Sassonow. Papa Tanejew ist der Vater der Wyrubowa. 

Tsarskoje Selo, 28. August 1915. 
Geliebter ! 

Gerade sah ich den alten Mann, er muß Dich sehen, wird also morgen 
abfahren. Er hat wegen eines Ministers des Innern nachgedacht und findet 
keinen, außer vielleicht Neidhardt, und ich denke, er würde nicht schlecht 
sein (Papa Tanejew hat ihn auch erwähnt) — gehört zu Tatjanas Komitee, 
ist ein glänzender Arbeiter, hat es jetzt gezeigt, ist höchst klarblickend, ener- 
gisch; daß er ein Snob ist, kann man nicht ändern, seine Großtuerei kann 
der Duma gegenüber wirksam sein. Dann kennst Du ihn auch gut, kannst mit 
ihm sprechen, wie Du magst, brauchst Dich nicht bei ihm zu genieren — hoffe 
nur, daß er nicht zu der Dschunk.-Drent. -Gesellschaft gehört. Ich denke, 
er würde die anderen Minister in der Hand halten und so dem Alten helfen. 
Er findet es fast unmöglich, mit den Ministern zu arbeiten, die nicht mit ihm 
einverstanden sind, findet aber ebenso wie wir, daß er jetzt nicht fortgeschickt 
werden sollte, weil sie es wünschen — und wenn man einmal nachgegeben 
hat, werden sie noch schlimmer werden. Wenn Du es willst, dann aus eigenem 
Antrieb. Du bist Selbstherrscher, und sie dürfen es nicht vergessen. Er 
sagt, die Duma schließen sei gut, aber Sonntag Feiertag, deshalb besser Diens- 
tag; er spricht Dich vorher. Minister sind Feinde, schlimmer als die Duma. 
Mißbräuche bei der Zensur — man erlaube Unsinn zu drucken. Er sagt auch, 
daß das ,, Enten" seien mit den zwei Anschlägen auf Nikolascha. Findet es 
unmöglich, Schtscherbatow zu halten, besser, ihn schnell zu ersetzen. Ich 
denke, Neidhardt könnte man möglicherweise trauen — sein ziemlich deut- 
scher Name schadet, glaube ich, nicht, da man ihn in den Kreisen um Tatjanas 
Komitee überall lobt ... 



Der nachfolgende Brief erwähnt u. a. eine Aktion der Zarin für den Bischof War- 
uawa von Tobolsk, dessen Fall nunmehr zum kirchlichen Ärgernis wird. Wamawa 
greift als ..I^eiter des geistigen I/cbens in Sibirien" in die Rechte des Synods ein, 
indem er den Metropoliten Johan Maximowitsch (aus dem 17. Jahrhundert) heilig 
spricht. Samarin zieht ihn zur Rechenschaft. Der Konflikt wird die nächsten Monate 
andauern: der S3mod erklärt Wamawa für abgesetzt und verbannt ihn in ein Kloster; 
Wamawa jedoch, auf Rasputins Macht gestützt, erscheint nicht mehr und übt sein 
Bischofsamt weiter aus. Der Fall Wamawa wird dann die Ursache von Samarins 
Sturz werden. Die Zarin hat jetzt zwei Ministerkandidaten, den Fürsten Andro- 
nikow und den jüngeren Chwostow, den sie immer energischer empfiehlt. 
A. N. Chwostow ist 43 Jahre alt, hat als Gouverneur von Nischni-Nowgorod reak- 
tionär gewirtschaftet und gehört zur Rechten in der Duma, wo er soeben den 

95 



„Kampf gegen die deutsche Gewaltherrschaft" proklamiert hat. Er verkehrt — das 
gibt den Ausschlag — bei Ania Wyrubowa, und die Zarin läßt sich, obwohl Goremykin 
ihn nicht mag, für ihn gewinnen. 

Tsarskoje Selo, 29. August 1915. 

Die Hauptquartierberichte sind sehr tröstlich, die ich in den Zeitungen 
lese, und viel besser abgefaßt, man fühlt, daß eine andere Person sie schreibt . . . 

Du könntest wohl Samarin den kurzen Befehl geben, Du wünschtest, daß 
Bischof Warnawa die Lobpreisung des Johan Maximowitsch singt. Samarin 
will ihn entfernen, weil wir ihn lieben und er gut mit Gr. ist. — Wir müssen 
S. abschaffen, und je eher, um so besser, er wird keine Ruhe geben, bis er 
mich und unseren Freund und A. mattsetzt. Es ist so böse und scheußlich 
unpatriotisch und engherzig, aber ich wußte, das würde so kommen, und 
deshalb haben sie Dich gebeten, ihn zu ernennen, und deshalb schrieb ich 
Dir so verzweifelt darüber . . . 

Manche famosen, tapferen jungen Leute haben keine Auszeichnungen er- 
halten — und Hochstehende haben die Orden bekommen. Da Alexejew un- 
möglich alles tun kann, wie sich mein schwacher Kopf vorstellt, so müssen 
einige besondere Leute sich darum bekümmern, die ungeheuren Listen durch- 
sehen und aufpassen, daß keine Ungerechtigkeiten vorkommen. — Im Falle 
— da ich nicht im mindesten weiß, ob Du Neidhardt billigst — , daß Du ihn 
ernennst und er sich vorstellt, halte eine tüchtige und offene Aussprache 
mit ihm — sieh zu, daß er nicht in die Dschunk. -Richtung verfällt. Mache 
ihm die Stellung unseres Freundes von Anbeginn klar, er soll es nicht wagen, 
wie Schtscherb. und Sam. zu verfahren. Gib ihm zu verstehen, daß er direkt 
gegen uns handelt, wenn er ihn verfolgen oder Schlechtes über ihn schreiben 
oder sprechen läßt. Du kannst ihn bei seiner Eigenliebe packen. Und ver- 
biete die Fortsetzung des unbarmherzigen Herabsetzens der Barone. Hast Du 
Dich an, die Verteilung der lettischen Banden in die Regimenter erinnert? . . . 

Geliebter, A. hat gerade Andr. und Chwostow gesehen, und der letztere 
machte auf sie einen ausgezeichneten Eindruck (der alte Mann ist gegen ihn, 
ich kenne ihn nicht, weiß nichts dazu zu sagen). Er ist Dir tief ergeben, 
sprach zu ihr artig und gut über unsern Freund, erzählte, daß morgen eine 
Interpellation wegen Gr.s in der Duma sein sollte. Man wollte Chwostows 
Unterschrift, aber er verweigerte sie und sagte, wenn sie diese Anfrage 
herausgreifen würden, könne keine Amnestie gegeben werden — sie über- 
legten und verzichteten auf ihre Interpellation. Er erzählte grauenhafte 
Abscheulichkeiten über Gutschkow, war heute bei Goremykin, sprach über 
Dich, durch die Übernahme des Oberbefehls hättest Du Dich selbst gerettet. 

Der in dem folgenden Brief erwähnte Maxim, ist der General der Kavallerie 
Maximowitsch, Generaladjutant des Zaren. 

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Tsarskoje Selo, 30. August 1915. 
Mein eigenster Liebling! 

Wieder ein lieblicher, sonniger Morgen mit frischer Brise — man schätzt 
den hellen Himmel so sehr nach dem grauen Wetter, das wir hatten, und 
der Dunkelheit. Mit Eifer stürze ich mich jeden Morgen auf die ,,Nowoje 
Wremja" und danke Gott jeden Tag, daß gute Dinge über unsere tapferen 
Truppen zu lesen sind — solch ein Trost, immer, seit Du kamst, sandte Gott 
den Truppen durch Dich wirklich seinen Segen, und man sieht, mit welchem 
neuen Mut sie kämpfen. — Könnte man bloß dasselbe von den Fragen des 
Innern sagen. Gutschkow sollte man loswerden, nur wie, ist die Frage. 
Kriegsrecht — gibt es nichts, wo man einhaken könnte, um ihn zum Schweigen 
zu bringen? Er trachtet nach Anarchie und ist gegen unsere Dynastie, die, 
wie unser Freund sagt, Gott schützen wird — aber es ist peinlich, sein Spiel, 
seine Reden und sein unterirdisches Wühlen mit anzusehen. Am Donnerstag 
kommen ihre Anfragen in der Duma vor, glücklicherweise eine Woche zu spät 
— könnte man sie nicht vorher schließen? — Entlasse nur den alten Mann 
jetzt nicht, später, wann es Dir gefällt, Gorem. stimmt dem zu, Andron. 
und Chwostow — daß es ihnen in die Hände spielen hieße. Sie können über 
Deine Entschlossenheit nicht hinwegkommen, da sie geschworen hatten, daß 
sie Dich nicht gewähren lassen würden — jetzt bleibe stark in diesem Geist. 
Du bist immer noch so voller Energie und Entschlußkraft, nicht wahr, 
Liebling? 

Es ist schrecklich, nicht bei Dir zu sein. Ich habe so viele Fragen zu 
stellen und Dinge zu sagen und, ach, wir haben keinen Geheimschlüssel zu- 
sammen — durch Drent. kann ich nicht und durch den Telegraphen darf ich 
es auch nicht wagen — da andere ihn überwachen. Ich bin sicher, daß die 
Minister, die mir übelwollen, mich überwachen, und dann macht es einen 
nervös, was man schreiben möchte. 

Botkin erzählte mir, daß Gardinsky (Anias Freund), als er aus dem Süden 
zurückfuhr, wo er seine Mutter besucht hatte, im Zug zwei Herren schmutzige 
Worte über mich sprechen hörte, und daß er ihnen ins Gesicht schlug und sagte, 
sie könnten sich beschweren, wenn sie wollten, aber er habe seine Pflicht 
getan und würde ebenso gegen alle handeln, die sich so zu sprechen erlaubten. 
Natürhch verstummten sie. — Ja, Energie und Mut sind notwendig, und 
alles geht gut . . . 

Schließe nur schnell die Duma, bevor ihre , .Anfrage" herauskommt. 
Fahre fort, energisch zu sein. Maxim, war entzückt. Botkin habe ich eine 
Menge erzählt, um ihm die Dinge klarzumachen, da er nicht immer so ist, 
wie ich wünschen möchte — er sah, daß ich alles wußte und ihm die Dinge 
klarmachen konnte, über die er im Zweifel war. Ich rede drauflos, es ist 
notwendig, um sie alle aufzurüttein und ihnen zu zeigen, wie sie denken 
und handeln müssen. 

7 Die letzte Zarin. 97 



Die Reise Goremykins ins Hauptquartier fülirt zur Vertagung der Duma, die 
spätestens im November wieder zusammentreten soll. Sie protestiert in einer stür- 
mischen Schlußsitzung. Alle Fraktionen bleiben in Petersburg versammelt. Auch die 
Petersburger Stadtverordneten nehmen eine aufgeregte Protest-Resolution an und 
fordern eine Regierung, die nicht mit den Sünden der Vergangenheit behaftet sei 
und das Vertrauen des Volkes habe. Der Sozialdemokrat Tscheidse und 17 andere 
DumamitgUeder werden am 3. (16.) September in ihren Wohnungen verhaftet, Duma- 
gebäude und Bahnhöfe werden miHtärisch besetzt. Die Zarin kann die Vertagung 
nicht erwarten. Artikel gegen Ania und Rasputin beunruhigen sie. Sie bittet noch- 
mals für Grigori um Dienstbefreiung seines Sohnes; der ungediente Landstxirm ist 
durch kaiserliches Manifest einberufen worden. Der beurlaubte Orlow hat in der 
Petersburger Gesellschaft für sich agitiert. Gillhen (Gilchen) ist der Gouverneur 
von Bessarabien. 

Tsarskoje Selo, i, September 1915. 

Wird die Duma geschlossen? Alle Tage Artikel, daß man immöglich die 
Absicht haben kann, sie nach Hause zu schicken, wenn sie so sehr gebraucht 
wird usw. Aber Du siehst die Zeitungen auch — vor zwei Wochen wäre es 
höchste Zeit gewesen, sie zu schließen. 

Die Träger deutscber Namen werden weiter verfolgt, Schtscherbatschow, 
der mir erzählte, er wolle gerecht sein und sie nicht schädigen, beugt sich 
jetzt vor den Wünschen der Duma, schafft alle Deutschnamigen weg. — Der 
arme Gillhen wird eins, zwei, drei von Bessarabien verjagt, kam weinend zur 
alten Mme. Orlow. S, ist wirklich ein verrückter Feigling — all diese ehr- 
lichen Leute, überdies vollkommene Russen, hinausgeworfen — warum er- 
laubtest Du das, Liebling? . . . 

Man spricht von der Vertagung der Duma bis 15. Oktober. Schade, daß 
das Datum schon wieder so früh festgelegt ist, aber Gott sei Dank ist sie jetzt 
auseinandergejagt — nur muß man jetzt fest arbeiten, um zu verhüten, daß 
sie bei ihrer Rückkehr Unheil anrichtet. Die Presse muß wirklich besser in 
die Hand genommen werden — sie beabsichtigen, nächstens wieder Dinge 
gegen Ania in Umlauf zu setzen — d. h. gegen mich. Unser Freund war auch 
für mich, und so hat Ania heute einen Brief, den sie empfing, Wojeikow zu- 
geschickt, damit er darauf besteht, daß Frolow irgendwelche Artikel über 
unseren Freund oder A. zu schreiben verbietet. Sie haben die militärische 
Macht, und es ist leicht für sie — Wojeikow muß es allein auf sich nehmen, Dein 
Name darf nicht erwähnt werden. — In seiner Stellung hat W. unser Leben und 
alles, was uns schädigt, zu bewachen, und diese Artikel sind gegen uns. Nichts 
was man im geringsten zu fürchten hätte, nur müssen sehr energische Maß- 
nahmen ergriffen werden. Du hast Deinen WiUen gezeigt und keine Nachgiebig- 
keit in irgendeiner Richtung — einmal begonnen, ist es leicht, fortzufahren . . . 

Unser Freund ist in Verzweiflung, sein Junge muß in den Krieg, — der 
einzige Jvmge, der nach allem sieht, wenn er fort ist. — 

98 



Der dicke Orlow sagt, er habe den Befehl bekommen, nicht zurückzu- 
treten, bevor Du zurückkommst — er hofft immer noch zu bleiben. Seine 
EigenHebe ist scheußhch verletzt — er vergißt alles, was er gesagt imd 
zweifellos getan hat, und all seine schmutzigen Geldgeschichten. 



Tsarskoje Selo, 2. September 1915. 



Die Photos, die Hahn von Baby gemacht hat, waren mißlungen, imd der 
Idiot ließ ihn auf dem Balkon sitzen, obgleich er ein schlimmes Bein hatte. 
Ich habe verboten, daß sie verkauft werden, imd lasse nochmals welche machen. 
Meine Taube, wieder gute Nachrichten, Gott sei Dank. Es ist ein furchtbar 
harter Kampf, sie stoßen vor, aber werden immer zurückgeschlagen. — Jetzt 
wollen sich die Mitgheder der Duma in Moskau treffen, um alles zu besprechen, 
während ihre Arbeit hier geschlossen ist, — man soll das energisch verbieten, 
es wird nur große Schwierigkeiten hervorrufen . . . Wenn sie das tun, so sollte 
man sagen, daß dann die Duma erst viel später wieder eröffnet wird — sie 
einschüchtern, wie sie dcis den Ministem und der Regierung gegenüber ver- 
suchen, Moskau wird schlimmer sein als hier, man muß streng sein. Ach, 
könnte man nicht Gutschkow hängen? 

In Moskau tagt ein allgemeiner russischer Städtetag und zugleich ein 
Semstwo -Kongreß. Die Forderungen der Duma werden durch Gutschkow wieder- 
holt. Seine Worte sind eine neue Warnung an die Regierung. In Petersburg brechen 
Streiks aus, das Militär schießt. O. und T. sind die beiden älteren Großfürstinnen. 
— Gutschkows Bruder war Oberbürgermeister von Moskau. 

Tsarskoje Selo, 3. September 1915. 

Man muß ein Auge auf Moskau haben, sich im voraus vorbereiten und mit 
den Militärs in Fühlung halten, sonst werden wieder Unruhen entstehen. 
Schtscherbatschow ist eine Null, um nichts Schlimmeres zu sagen, und wird, 
wenn Unruhen vorkommen, nichts nützen, dessen bin ich sicher. Also nur 
schnell von ihm los und Dir Chwostow ansehen, ob er Dir zusagt, oder Neid- 
hardt (der solch ein Pedant ist). 

Gott sei Dank fährst du fort. Dich stark zu fühlen — laß es in allem emp- 
finden imd in all Deinen Befehlen hier in diesem schrecklichen Hinterland . . . 

O., T. und ich nahmen Tee bei Miechen. Auch Ducky kam, sah alt aus und 
sogar häßhch, hatte Kopfweh, fror und war schlecht frisiert. Wir sprachen 
viel, imd sie beschäftigten sich mit den Dingen, mit denen man sich jetzt zu 
beschäftigen hat ; sind auch ärgerlich über die allgemeine Furcht und Feigheit 
und daß niemand eine Verantwortung auf sich nehmen will. Sie sind wütend auf 
die „Nowoje Wremja". Finden, daß man strenge Maßregeln gegen Suworin er- 

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greifen müsse. Miechen weiß, daß eine Korrespondenz hin und her geht zwischen 
MiUtza und Suworin. Die Pohzei muß das aufklären, es wird Hochverrat. 

Große Streiks in der Stadt. Gott gebe, daß Rußkys Befehl energisch durch- 
geführt wird. — Meck ist auch sehr gegen Gutschkow — er sagt, daß auch 
der andere Bruder zu viel rede. 

Liebling, laß diese Versammlung in Moskau verbieten, sie ist unmöglich, 
wird schlimmer sein als die Duma, und es wird endlose Streitereien geben. 

Eine andere Sache, die ernstlich bedacht werden muß, ist die Holzfrage. 
Es wird keinen Brennstoff mehr geben und wenig Fleisch und kann infolge- 
dessen zu Geschichten und Aufruhr kommen. 

Mecks Eisenbahn bringt Haufen von Holz nach der Stadt Moskau, aber 
es ist nicht genug, und man denkt nicht ernstlich genug darüber nach. 

Vergib mir die Belästigung, Liebling, aber ich versuche zusammenzu- 
schreiben, was ich denke, das Dir von Nutzen sein könnte. Vergiß nicht, 
daß Suworins Artikel überwacht und gedämpft werden müssen ... 

Liebling, bitte, sende jemand von Deiner Seite nach den verschiedenen 
Fabriken, um sie zu inspizieren, als Dein Auge. Selbst wenn sie nicht viel 
verstehen, so werden doch die Leute fühlen, daß Du über sie wachst, ob sie 
Deine Befehle gewissenhaft ausführen — bitte, Lieber. 

Viele zärtliche Küsse, heiße Gebete und Segenswünsche meinem Gatten, 
von seinem einzigen alten Sonnenschein. 

Gott wird helfen — sei fest und energisch — rechts und links rüttle und 
wecke alle auf, imd schlage fest zu, wenn es nötig ist. Man muß Dich nicht 
nur lieben, sondern in Furcht vor Dir sein, dann wird alles gut gehen. 

Für die Angriffe der ,,Nowoje Wremja" macht die Zarin Samarin verantwortlich. 
Der Generalgouverneur von Moskau Fürst Jussupow beteiligt sich an der aristo- 
kratischen Militär-Fronde und reicht seinen Abschied ein. Die deutsche Armee Eich- 
horn besetzt Wilna. 

Tsarskoje Selo, 5. September 1915. 
Mein einziger Liebling! 

Graues Wetter. Wieder hatten Iwanow und die Südarmee Erfolg — aber 
wie schwer ist es im Norden! Aber Gott wird sicher helfen. Bekommen wir 
dorthin mehr Truppen? Ein Jammer, daß wir so wenig Bahnlinien haben! . . . 
Die Zeitungen beabsichtigen, den Namen unseres Freundes und den Anias 
zu bringen. Hier hat Schtscherbatow Masalow versprochen, er würde ver- 
suchen, sie daran zu verhindern, aber da es von Moskau kommt, wußte er 
nicht, wie. Aber es muß verboten werden; und Samarin wird sicherlich fort- 
fahren — solch eine ekelhafte Schande, und nur um auch mich hineinzuziehen. 
— Sei streng! Und was ist mit Jussupow — er beabsichtigt, nicht zurück- 
zukehren und hat seine Demission gegeben, obwohl man das während des 
Krieges nie tut. Gibt es denn keinen fähigen General, der ihn ersetzen könnte? 

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Nur muß er wirklich energisch sein. Alle Männer scheinen jetzt Unterröcke 
zu tragen . . . 

Die Fabriken haben wieder zu arbeiten begonnen — in Moskau nicht, 
fürchte ich. 

Die Streikunruhen in Petersburg rufen Gerüchte hervor, die auch der alten 
Königin Olga von Griechenland, der Witwe des Königs Georg, zu Ohren kommen. 
Spät abends besucht sie in Tsarskoje Selo die Zarin. 

Tsarskoje Selo, 6. September 1915. 

O Gehebter — zwei Wochen bist Du schon fort — ich hebe Dich so glühend 
und verlange danach, Dich in meinen Armen zu halten und Dein süßes Gesicht 
mit zarten Küssen zu bedecken imd in Deine großen, wimdervollen Augen 
zu bücken — jetzt kannst Du mich nicht daran hindern, es Dir zu schreiben, 
böser Junge. 

Wann werden ein paar Regimenter diese Freude haben? Wird es nicht 
eine Belohnung für sie sein, Dich zu sehen? , . . 

Es scheint, daß Tante Olga, bevor sie zu mir kam, halb von Sinnen zu Paul 
gestürzt war. Sie sagte ihm, die Revolution hätte begonnen, es würde Blut- 
vergießen geben, wir alle würden niedergemacht werden, Paul müsse zu 
Goremykin eilen imd so weiter — die arme Seele. Zu mir kam sie schon 
ruhiger und verließ mich ganz gefaßt — sie und Mawra haben sich wahrschein- 
lich erschrocken, die Atmosphäre von Petrograd ist auch hierher gedrungen. 

Der alte Mann ist zu mir gekommen — es ist so schwer für ihn, die Minister 
sind so häßlich zu ihm, ich denke, sie wollen ihren Abschied erbitten, und das 
wäre das beste. — 

Sassonow ist der schlimmste, er schreit, reizt alle auf (wenn es sich gar nicht 
um ihn dreht), kommt nicht zum Ministerrat, was ein unerhörtes Verfahren ist — 
Fred, müßte ihm von Dir aus erklären, daß Du davon gehört hast und sehr miß- 
fällig darüber denkst, finde ich. Ich nenne es einen Streik der Minister. Dann 
gehen sie hin und reden von allem, worüber geschwatzt imd was im Ministerrat 
erörtert wird, und sie haben kein Recht dazu, es macht ihn so ärgerhch. Du 
solltest dem alten Mann telegraphieren, daß Du ihnen verbietest, außerhalb 
von dem zu sprechen, was im Ministerrat behandelt wird und niemanden apgeht. 
Es gibt Dinge, die später bekannt werden können, aber nicht alles. — 

Wenn Du irgendwie fühlst, daß er Dich hindert. Dir ein Hemmnis be- 
deutet, dann laß ihn besser gehen (er sagt all das selber), aber wenn Du ihn 
behältst, so wird er alles tun, was Du befiehlst, und weiter sein Bestes ver- 
suchen — aber er bittet Dich, all das zu überdenken, für den Termin, an dem 
Du zurückkehrst, um ernstlich zu entscheiden, ebenso über Schtscherbatows 
Nachfolger und Sassonow . . . 

lOI 



Unser Freund telegraphiert, wahrscheinlich nachdem seine Frau ihm ihren 
(Anias) Brief gebracht hat, über alle die Schwierigkeiten im Innern: „Fürchte 
nicht unsere gegenwärtigen Hindemisse, der Schutz der Heihgen Mutter ist 
über Dir — gehe zu den Spitälern, obwohl die Feinde drohen — habe Glau- 
ben." Nun, ich habe keine Furcht, das weißt Du. In Deutschland haßt man 
mich jetzt auch, so sagt er, und ich verstehe es — es ist nur natürhch. 

Wie sehr ich es nachfühle, wie unangenehm es ist, Dein Quartier zu än- 
dern — aber Du mußt natürlich weiter weg von der Hauptfront sein. Aber 
Gott wird unsere Truppen nicht verlassen, sie sind so tapfer. 

Tsarskoje Selo. 7, September 1915. 

Es scheint mir nicht, als ob die Deutschen sich viel weiter vorwagen wer- 
den, es würde eine große Torheit sein, tiefer ins Land einzudringen — da 
später die Reihe wieder an uns kommen wird. — Geht es mit Munition, Gra- 
naten und Gewehren gut voran? Du wirst Leute schicken, um nachzusehen — 
Deine Suite? — Dein armer lieber Kopf muß schrecklich angespannt sein von 
all dieser Arbeit und besonders den inneren Fragen. Nun zu dem, was der 
alte Mann gesagt hat. Was die Erwägung über einen neuen Minister des In- 
nern betrifft, so erzählte ich ihm, Du habest Dich noch nicht für Neidhardt 
entschieden. Vielleicht kannst Du, wenn Du zurückkommst, nochmals an 
Chwostow denken: einen Nachfolger für Sassonow, den er ganz unmögHch 
findet. Scissonow hat den Kopf verloren, schreit und agitiert gegen Goremy- 
kin. Und dann die Frage, ob Du den letzteren behalten willst oder nicht. 
Nimm aber keinen Minister, der der Duma Rede steht, wie sie es wollen — wir 
sind nicht reif dafür, und es würde Rußlands Ruin sein — wir sind kein 
konstitutionelles Land und dürfen es nicht sein, unsere Leute sind nicht 
dafür erzogen, und Gott sei Dank ist unser Kaiser ein Autokrat und muß 
auf seinem Willen bestehen, wie Du es tust. Nur mußt Du mehr Macht imd 
Entschlossenheit zeigen. Ich würde schnell noch Samarin und Kriwoschein 
hinausgesetzt haben. Der letztere mißfällt dem alten Mann höchhchst, rechts 
und links zugleich und aufgeregt über die Maßen. 

Goremykin hofft, daß Du Rodzianko nicht empfangen wirst. (Könnte 
man bloß einen anderen statt seiner bekommen, ein guter Mann an seiner 
Stelle würde die Duma in Ordnung halten.) — Der arme alte Mann kam zu 
mir als einem ,,soutien" und weil er sagt, ich sei ,,renergie". Meiner Meinung 
nach schafft man viel besser Minister ab die streiken, und nicht den Präsiden- 
ten, der mit netten, energischen, wohlmeinenden Gehilfen noch ausgezeich- 
nete Dienste leisten kann. Er lebt nur für Dich und Dein Land und weiß, 
daß seine Tage gezählt sind, und fürchtet nicht den Tod durch Alter, Dolch 
oder Schuß — aber Gott wird ihn beschützen und die heilige Jungfrau. 
Unser Freund wünschte ihm ein ermutigendes Telegramm zu senden. 

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Der Gegensatz der Zarin zu Samarin — der in Wahrheit ein Gegensatz Rasputins 
zu Samarin ist — verschärft sich, da der Heilige Synod das Disziplinarverfahren gegen 
Wamawa fortsetzt. In diesem Verfahren spielt eine Hauptrolle der gemaßregelte 
Bischof Hermogen von Saratow, der früher zu Rasputins Förderern und Anhängern 
gehörte, bis er Ende 191 1 mit ihm brach und gegen ihn auftrat. Zur Strafe wurde 
er auf Antrag des Heiligen Synods in das Kloster Khirovitsy in Litauen verbannt. 
Während des Krieges ist er mit Nikolai Nikolajewitsch in Verbindung getreten, der 
ihn dem griechisch-katholischen Erzbischof von Wüna, Agathangel, zugeteilt hat. — 
Der von der Zarin gleichfalls erwähnte Pitirim ist der Rasputin ergebene Erz- 
bischof von Wladikawkas, der später Metropolit von Petersburg wurde. — 
W. J . Giurko ist der mit Gutschkow befreundete General Wassili J ossif owitsch Gurko, 
der später dem General Alexejew als Stabschef des Höchstkommandierenden folgte, 

Tsarskoje Selo, 8. September 1915. 

Mein Lieber, es ist so schwer, Dir gewisse Dinge direkt sagen zu müssen — 
und ich weiß nicht, ob nicht irgend jemand unsere Telegramme liest. Ich hatte 
Dir wieder einmal etwas Unangenehmes zu telegraphieren, aber es war keine 
Zeit zu verlieren. Ich habe sie (Ania) ersucht, so gut sie kann, die Disputation 
Susliks im Synod niederzuschreiben. Der kleine Mann hat sich wirklich wun- 
derbar energisch benommen, er ist für uns und unsem Freund eingetreten und 
hat ihre Fragen schlagend beantwortet. So imzufrieden der Metropolit auch 
mit Samarin ist, bei diesen Fragestellungen war er doch schwach und hat — 
leider — den Mund gehalten. Sie woUen Wamawa beseitigen und Hermogen 
an seine Stelle setzen; ist Dir je eine solche Unverschämtheit vorgekommen? 
Sie dürfen es aber nicht ohne Deine Genehmigung tim, da er auf Deinen 
Befehl bestraft worden ist. Das hat wieder einmal Nikolascha getan (von den 
Frauen dazu angestiftet), er hat ihn, ohne ein Recht dazu zu haben, von 
seinem Aufenthaltsort nach Wilna kommen lassen, wo er mit Agathangel zu- 
sammen leben sollte, und natürlich auch diesen letzteren. S. Phihpp und Nikon 
(der Mann, der so schreckliches Unglück über Athos gebracht hat) haben 
Wamawa drei Stunden lang wegen unseres Freundes zugesetzt. Samarin ist 
auf drei Tage nach Moskau gegangen, unzweifelhaft, um Hermogen zu sprechen. 
Ich sende Dir den Ausschnitt, wonach ihm im Namen Nikolaschas erlaubt 
worden ist, zwei Tage in Moskau zuzubringen. Seit wann hat er das 
Recht, sich in solche Fragen zu mischen, da er doch weiß, daß die Be- 
strafung Hermogens auf Deinen Befehl erfolgt ist? Wie dürfen sie es wagen, 
gegen Deine Erlaubnis hinsichtlich des ,, Grußes" vorzugehen — wie weit ist 
es mit ihnen gekommen? Selbst dort herrscht Anarchie, und auch dieses ist 
wieder einmal Nikolaschas Schuld, da er (absichthch) Samarin vorgeschlagen 
hat; denn er wußte, daß dieser Mann alles, was in seiner Macht steht, gegen 
Grigori und mich tim würde. In diesem Falle aber bist Du hineingezogen 
worden, und das ist verbrecherisch, und ganz besonders in einer solchen 

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Zeit. Der alte Mann hat Samarin wiederholt gesagt, diesen Gegenstand 
dürfe er nicht berühren, er ist deshalb sehr tief verletzt, und er sagte dies 
Wamawa. Er sagte ihm auch, seiner Meinung nach müsse Samarin sogleich 
von seinem Posten fort, sonst würde die Sache von ihnen in die Öffentlichkeit 
gezerrt werden. Nach meiner Ansicht müßten diese zwei Bischöfe sofort aus 
dem Synod entfernt werden — lasse Pitirim kommen und dort sitzen. Unser 
Freund fürchtete, Nikolascha würde ihm schaden, wenn er hören würde, daß 
Pitirim unsern Freund verehrt. Sieh zu, daß andere, würdigere Bischöfe hin- 
einkommen. Ein Streik des S5mods zu einer solchen Zeit ist zu unpatriotisch, 
unloyal — was geht das irgend jemanden an — jetzt mögen sie dafür büßen 
und erfahren, wer ihr Herr ist. 

Hier ist ein Ausschnitt, ,, wieder einer", wirst Du sagen, aber W. J. Gurko 
sagt (ich will es lieber abschreiben, als Dir das Papier schicken) — in Moskau 
also hat Lwow erlaubt, daß Gurko folgendes sagte: ,,Wir brauchen eine starke 
Autorität — wir meinen, eine Autorität, die mit außerordentlichen Voll- 
machten bewaffnet ist, eine Autorität mit einer Pferdepeitsche (nun mußt 
Du ihnen in jeder Hinsicht, wo Du es nur kannst, zeigen, daß Du ihr autokra- 
tischer Herr bist), aber nicht etwa eine Autorität, die selbst von einer 
Peitsche gelenkt wird." Ein verleumderischer Witz, der sich gegen Dich 
und unsern Freund richtet, möge Gott sie dafür strafen. Es ist unchristlich, 
dies zu schreiben, dann also besser: möge Gott ihnen vergeben, aber sie zuerst 
zur Reue zwingen. 

Wamawa hat Goremykin alles über den Gouverneur erzählt — wie freund- 
hch er zuGrigoriwar, bis er hierher kam und entsetzliche Befehle von Schtscher- 
batow, d.h. Samarin, erhielt. Von mirsagteer zuSuslik ,, ein närrisches Weib" 
und über Ania abscheuliche Dinge, die er nicht einmal wiederholen konnte. 
Goremykin sagt, er muß sofort abgesetzt werden. Lies meine Briefe von vor 
ungefähr fünf Tagen durch, dort habe ich einen Mann genannt, den unser 
Freund gern haben möchte. Nur muß alles das schnell geschehen, die Wir- 
kung ist dann größer. Samarin kennt Deine Ansicht und Deine Wünsche, auch 
Schtscherbatow kennt sie, aber sie kümmern sich nicht darum, und das 
ist das Gemeine daran. Gib dem alten Mann Befehle, und es wird ihm dann 
leicht sein, sie auszuführen. Er hat Wamawa gesagt, wie schlimm es sei, alle 
gegen sich zu haben; wenn Du ihm nur neue Minister geben wolltest, mit 
denen er arbeiten könnte. — Ssmiarin hat Wamawa befohlen, zu Dir zu gehen — 
das würde nun gut gewesen sein, er hätte Dir alles mitteilen können, nur würde 
es Deine Zeit in Anspruch nehmen, imd man muß seine Entschlüsse schnell 
fassen. Er ist, das siehst Du, unverbesserlich und engherzig. Er sollte an seine 
Kirchen, seine Geistlichen und Klöster denken und sich nicht darum kümmern, 
wen wir empfangen. Das kommt aber von seinem schlechten Gewissen. Noch 
einmal : ,,Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", wie Nikolascha. — 
Beschleunige auch den Wechsel der Minister, er kann mit ihnen nicht arbeiten. 

104 



Wenn Du ihm kategorische Befehle gibst, so kann er sie weitergeben, das ist 
leichter — mit ihnen sprechen kann er aber nicht. Es wäre ausgezeichnet, 
mehrere hinauszusetzen und ihn zu behalten, es geschähe ihnen recht, bitte, 
denke daran. 

Ich bin verzweifelt, daß ich nicht bei Dir sein und alles ruhig mit Dir be- 
sprechen kann. 

Was die Nachrichten vom Kriege betrifft, so schreibt unser Freund (füge es 
Deiner Telegrammliste hinzu), 8. September: , .Fürchtet nichts, es wird nicht 
schlimmer sein als es war, der Glaube und das Banner werden mit uns sein" . . . 

Wamawa kommt morgen zu mir. Sei weiter energisch, Liebling, fahre mit 
dem Besen drein, zeige Dich ihnen von Deiner energischen, bestimmten, festen 
Seite, von der sie bisher nicht genug gesehen haben. Jetzt gilt es den Kampf, 
Du mußt ihnen zeigen, wer Du bist, und daß Du nun gerade genug hast — 
Du hast es erst mit Sanftmut und Güte versucht, aber das hat nicht gewirkt, 
jetzt wirst Du ihnen das Gegenteil zeigen, den Herren willen . . . 

Hast Du die Absicht, Dmitri zum Regiment zurückzuschicken? Gib nicht 
zu, daß er müßig herumlungert, es ist sein Verderb, er wird nie etwas taugen, 
wenn nicht sein Charakter im Krieg geformt wird — er ist nicht mehr als 
einen oder zwei Monate draußen gewesen. 

Tsarskoje Selo, 9. September 1915. 

Du hattest einen besseren Eindruck von Schtscherbatow. Er ist aber gar 
nicht gut, wie ich fürchte, er ist so schwach und will mit dem alten Mann 
nicht ordentlich zusammenarbeiten. — Denke nur einmal daran, worüber sie 
in Moskau gesprochen haben, immer wieder diese Menschen ! Sie hatten be- 
schlossen, N. fallen zu lassen und einen verantwortlichen Minister zu fordern, 
was ganz unmöglich ist, sogar Kulomsin sieht dies klar ein — hatten sie 
wirklich die Unverschämtheit, Dir das beabsichtigte Telegramm zu schicken ? 
Wie sehr haben sie alle nötig, einen eisernen Willen und eine eiserne 
Hand zu fühlen — es ist eine Herrschaft der Sanftmut gewesen und muß jetzt 
eine solche der Kraft und Festigkeit sein — Du bist der Herr und Meister in 
Rußland, und Gott der Allmächtige hat Dich dorthin gestellt, und sie sollen 
sich vor Deiner Weisheit und Festigkeit beugen, genug der Güte, dort, 
wo sie ihrer nicht würdig waren und dachten, sie könnten Dich um ihren 
Finger wickeln. Was sie in Moskau gesagt haben, ist gestern gedruckt worden. 
— Ich habe den armen Warnawa heute gesehen, mein Lieber, es ist ab- 
scheulich, wie Samarin sich ihm gegenüber im Hotel und dann im Synod 
benommen hat — ein solches Kreuzverhör ist geradezu unerhört, und er 
sprach so gemein über Grigori, er gebrauchte beschimpfende Worte, als er 
von ihm sprach. Er veranlaßte den Gouverneur, alle ihre Telegramme zu über- 
wachen und an ihn zu leiten. Er sprach lästerhch über den ,,Gruß", daß Du 

105 



kein Recht hättest, so etwas zu gestatten — worauf Warnawa ihm gehörig 
geantwortet und gesagt hat, Du seiest der oberste Beschützer der Kirche, und 
Samarin sagte darauf impertinent, Du seiest ihr Diener. Eine kolossale Un- 
verschämtheit und mehr als ,,ungentlemanlike". Er hat sich mit übereinander- 
gekreuzten Beinen in seinem Stuhl flegelhaft zurückgelehnt und einen Bischof 
ins Kreuzverhör über unsern Freund genommen. Als Peter der Große gleich- 
falls von sich aus einen ,,Gruß" befahl, wurde es sofort ausgeführt, sowohl 
am Ort wie überall in der Umgebung. Nach dem Gruß hören die Bestattungs- 
feierlichkeiten auf (so wie damals, als wir in Sarow waren, wo der Gruß und 
die Glorifikation zusammen abgehalten wurden) — und sie haben den Be- 
gräbnisdienst wieder befohlen und gesagt, sie würden sich nicht darum küm- 
mern, was Du gesagt hast. Liebster, Du mußt fest sein und dem Synod be- 
stimmten Befehl geben, daß Du darauf bestehst, daß Dein Befehl ausgeführt 
werde, daß der Synod Deinen Befehl zu vollziehen hat, und daß der Gruß fort- 
besteht — man braucht diese Gebete jetzt mehr als je. Sie müssen erfahren, 
daß Du mit ihnen sehr unzufrieden bist, und gib nicht zu, bitte, daß Warnawa 
weggeschickt wird, er ist prächtig für uns und Grigori eingetreten und hat 
ihnen gezeigt, wie sie in allen diesen Dingen vorsätzlich gegen uns sind. Der 
alte Goremykin war mehr als verletzt und voll Abscheu und über alle Be- 
griffe entrüstet, als er hörte, daß der Gouverneur (den Dschunkowsky ver- 
anlaßt hat, seine Meinung zu ändern, und aufgestachelt hat) Warnawa gesagt 
hat, ich sei ein verrücktes Weib und Ania ein gemeines Weib — wie 
kann er danach noch im Amt bleiben? Du darfst so etwas nicht erlauben. 
Es sind dies die letzten Versuche des Teufels, überall Verwirrung anzurichten, 
und es darf ihnen nicht gelingen. Samarin hat sich mit höchstem Lob über 
Feofan und Hermogen geäußert und möchte den letzteren an Warnawas Stelle 
setzen. Das niederträchtige Spiel, das diese Männer treiben, liegt klar zutage. 
Vor einiger Zeit habe ich Dich gebeten, den Gouverneur zu entlassen, er 
spioniert für sie, er hat jeden Schritt, den Warnawa in Pokrowsk. unternommen 
hat, ausgekundschaftet, was unser Freund tut, welche Telegramme geschrieben 
werden. Es ist dies das Werk Dschunkowskys und Samarins, die dazu durch 
Nikolascha von den Schwarzen Frauen angestiftet worden sind . . . Dieser 
Suslik hat alles richtig gesagt und so dem S5mod eine gute Lektion und einen 
scharfen Tadel für ihr Benehmen erteilt. Also entlasse Samarin schnell. Jeden 
Tag mehr, den er im Amte verbleibt, ist er gefährlicher und richtet mehr Un- 
heil an. Der alte Mann ist derselben Ansicht, es ist nicht etwa Frauentorheit. 
Ich habe deshalb so furchtbar geweint, als ich hörte, daß sie Dich gezwungen 
hatten, ihn im Hauptquartier zu ernennen, und ich habe Dir in meinem Leid 
geschrieben, denn ich wußte, daß Nikolascha ihn vorgeschlagen hat, weil er 
mein Feind ist und auch der Feind Grigoris und dadurch auch der Deinige. 
Im Gespräch sagte der Metropolit Wladimir (sie haben auch ihn verrückt 
gemacht), als Warnawa sagte, Samarin breche sich den Hals durch sein Be- 

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nehmen, und er sei noch nicht Oberprokurator: „Der Kaiser ist kein Kind 
und muß wissen, was er tut." Er sagte auch. Du hättest „Samarin ernst- 
lich gebeten, anzunehmen". Ich habe damals Goremykin gesagt, daß dies 
falsch sei. Nun lasse sie erkennen und fühlen, daß Du wirklich kein Kind 
bist, und daß jeder, der Leute verleumdet und beleidigt, die Du achtest, auch 
Dich beleidigt, daß sie es nicht wagen dürfen, einen Bischof zur Rechenschaft 
zu ziehen dafür, daß er Grigori kennt. Ich kann Dir nicht alle die Namen 
nennen, mit denen sie unsern Freund belegt haben. Entschuldige, daß ich Dich 
mit all dem wieder behellige, es soll Dir aber beweisen, daß Du Samarin schnell 
entlassen mußt. — Wenn er bleibt, so werde ich darunter zu leiden haben, 
da ich es mir in den Kopf setzen werde. Du hast gehört, was der Gouverneur 
gesagt hat, und hier ist einer, der mir in mancher Hinsicht nicht wohlwill, und 
gerade jetzt ist die Zeit nicht danach angetan, den Souverän oder seine Frau 
in den Staub zu ziehen. Sei nur fest (Du wirst Dich erinnern, daß er gebeten 
hat, nicht lange zu bleiben) und befördere ihn nicht in den Reichsrat, das wäre 
ein Bonbon nach der Art und Weise, wie er sich benommen und wie er offen 
gesprochen hat von den Leuten, die wir empfangen, und in einem solchen 
Ton über Dich und Deine Wünsche — das kann nicht geduldet werden, und 
Du hast nicht das Recht, es zu übersehen. Es sind dies die letzten Kämpfe 
um Deinen inneren Sieg, zeige ihnen den Herrn . . . 

Fege alle hinaus, gib Goremykin neue Minister, mit denen er arbeiten 
kann, und Gott wird Dich und Dein Werk segnen. 

Bitte, meine Taube, tu dies, und zwar schnell. Ich habe ihm geschrieben, 
er solle eine Liste ausfertigen, wie Du sie verlangt hast, er hat aber gebeten. 
Du möchtest an einen Nachfolger für Sassonow denken und auch für Schtscher- 
batow, er ist bei weitem zu schwach, obgleich Du dieses Mal mit ihm zu- 
friedener warst. Ich glaube sicher, Wojeikow (sein Busenfreund) hat ihm ge- 
sagt, wie er sein soll. Höre nicht auf Wojeikow, er ist in dieser ganzen schweren 
Zeit immer im Unrecht gewesen und ist ein schlechter Ratgeber. Mag 
sein, er ist dünkelhaft und nur für seine Haut besorgt. — O, Lieber, die 
Menschheit ! . , . 

Mein Lieber, wieviel man nicht tun kann und möchte — ich wünschte, ich 
könnte meine Nase in alles hineinstecken (Ella tut es mit Erfolg) — das Volk 
aufrütteln, alles in Ordnung bringen und alle Kräfte vereinigen. Alles geht 
nur ruckweise und stoßweise — so unregelmäßig — mit so wenig Energie 
(meine Verzweiflung, ich habe genug davon, macht nichts, wenn ich mich 
auch krank fühle, was Gott sei Dank nicht der Fall ist) — ich bin klug und 
arbeite nicht zuviel. — Dieser endlose Brief muß jetzt endlich zum Schluß 
kommen. Schreibe ich zuviel? Mut — Energie — Festigkeit werden durch den 
Erfolg belohnt werden. Du erinnerst Dich, was er gesagt hat, daß der Ruhm 
Deiner Regierung heranbricht und bald kommt, wir werden zusammen dafür 
kämpfen, denn es bedeutet den Ruhm Rußlands — Du und Rußland sind eins. 

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Tsarskoje Selo, lo. September 1915. 



Wieder muß ich Dir eine häßliche Sache über Nikolascha erzählen. Die 
Barone entsandten ins Hauptquartier einen Baron Benkern (?) an Nikolascha. 
Er bat im Namen ihrer aller, daß diese Verfolgungen aufhören mögen, weil 
sie sie nicht länger ertragen könnten. Nikolascha antwortete, er sei ganz 
ihrer Meinung, könne aber nichts tun, da die Befehle von Tsarskoje Selo kämen. 
Ist das nicht zu gemein? S. Rehbinder von der Artillerie erzählte es Alia. — 
Reutern war erstaunt zu sehen, daß Suworin von Nikolascha empfangen 
wurde. Dies muß aufgeklärt werden, eine solche Lüge darf nicht auf Dir 
lasten; man muß ihnen sagen, daß Du gerecht bist gegenüber denjenigen, die 
loyal sind, und daß Du nie Unschuldige verfolgst. Ein Mann, der gegen 
Nikolascha geschrieben hat, ist auf acht Monate eingesperrt worden. Da 
wissen sie, die Presse zum Schweigen zu bringen, wenn es sich um Nikolascha 
handelt. — Als an diesen drei Fasttagen die Gebete für Dich verlesen wur- 
den, wurden vom Synod vor der Kasanschen Kathedrale Tausende von Bil- 
dern Nikolaschas unter die Menge verteilt. Was hat dies zu bedeuten? Sie 
hatten ein ganz anderes Spielbeabsichtigt, aber unser Freund hat rechtzeitig in 
ihre Karten gesehen. Er kam, imi Dich zu retten, indem er Dich dringend bat, 
Nikolascha wegzuschicken und das Kommando selbst zu übernehmen. Immer 
mehr hört man von ihrem scheußlichen verräterischen Spiel. M. und S. ver- 
breiten entsetzliche Dinge über mich in Kiew, und daß ich in ein Kloster ein- 
gesperrt werden soll. Die verheiratete Tochter eines der Trepows war so ver- 
letzt, als sie so sprachen, daß sie sie aufforderte, das Zimmer zu verlassen. Er 
schrieb dies der Gräfin Schulenburg. O, Geliebter, Iwanows Armee hat von 
diesen Gerüchten gehört — ist es nicht ein häßlicher Skandal? — Ich sehe, 
daß Dschunkowsky auf unbestimmte Zeit nach dem Kaukasus gegangen ist — 
nun ja: „Vögel desselben Gefieders scharen sich zusammen." Welche neue 
Sünde hecken sie wieder aus? Sie sollten sich dort wohl vorsehen! 

Tsarskoje Selo, 11. September 1915. 
Mein einziger Liebling, es war draußen so grau, daß mir ganz traurig zumute 
war, jetzt aber versucht die Sonne, sich einen Weg durch die Wolken zu bah- 
nen. Die Färbung der Bäume ist jetzt so lieblich, viele Blätter sind gelb, rot 
und kupferbraun geworden. Ein trüber Gedanke, daß der Sommer vorbei ist 
und ein endloser Winter unser harrt. Es war ein eigentümliches Gefühl, 
das gehebte Meer zu sehen, aber es war so schmutzig. Kummer erfüllte mein 
Herz, als ich die ,, Alexandria" von ferne sah und daran dachte, mit welcher 
Freude wir sie jedesmal sahen, da wir wußten, daß sie uns zu unserer gehebten 
„Standard" und zu den Fjorden bringen würde! Jetzt ist alles dieses nur 
ein Traum, Was ist mit den Bulgaren los, warum ist Sassonow ein solcher 
Waschlappen ? Es scheint mir, daß das bulgarische Volk mit uns gehen möchte 

108 



und daß nur der Minister und der verrottete Ferdinand mobilisieren, um 
sich den andern Ländern anzuschließen, um so Serbien zu zermalmen und sich 
gierig auf Griechenland zu stürzen. Entledige Dich unseres Gesandten in 
Bukarest, und die Rumänen könnten veranlaßt werden, mit uns zu marschie- 
ren, ich bin dessen sicher. — Ist es wahr, daß sie beabsichtigen, Gutschkow 
und einige andere von Moskau als Deputation zu Dir zu schicken ? Ein schwerer 
Eisenbahnunfall, bei dem er allein zu Schaden kommen würde, würde eine 
richtige Strafe Gottes sein, und eine wohlverdiente; sie gehen zu weit, und 
dieser Narr Schtscherbatow hat nichts dadurch gewonnen, daß er nur einzelne 
Teile von dem, was sie sagten, weggewischt hat — wahrlich eine durch und 
durch faule Regierung, die nicht mit ihrem Führer, sondern gegen ihn ar- 
beiten will. 

II. September 191 5. 

Nimm einen Zettel und notiere Dir, was zu besprechen ist, das letztemal 
vergaßest Du die Frage wegen Chwostows, und dann laß den alten Mann sich 
damit helfen, um an alles zu denken, i. Samarin, 2. Schtscherbatow-Synod, 
3. Sassonow, 4. Kriwoschein, der ein heimlicher Feind ist und die ganze Zeit 
falsch gegen den alten Mann, 5. wie Du die Barone unterrichten kannst, daß 
es eine große Unwahrheit war, wenn Nikolascha ihnen sagte, er habe den Be- 
fehl, die Barone zu verfolgen, von Tsarskoje — das muß klug und auf delikate 
Weise aufgehellt werden. Der alte Mann bittet immer. Du möchtest Dich be- 
eilen und Deine Entschlüsse fassen. Wenn Du ihm kategorische Antworten 
oder Befehle gibst, so ist es leichter für ihn, sie zu erfüllen, und sie müssen ge- 
horchen. Ich belästige Dich, armer Liebling, aber sie kommen zu mir, und ich 
kann nicht anders um Deinetwillen, für Baby und Rußland. Wenn Du dort 
bist, kann Dein Geist alles klar und ruhig sehen — auch ich bin ruhig und fest, 
nur wenn ein Wechsel notwendig ist, um weiteren Greuel und Unflat zu ver- 
hüten, wie jetzt im Synod, solange der soi-disant ,,gentleman" Samarin sein 
Haupt ist — dann werde ich wild und bitte Dich um Eile. Er darf es nicht 
wagen. Deine Worte als Staub zu behandeln, keiner der Minister darf sich be- 
nehmen, wie sie es tun, nachdem Du so mit ihnen gesprochen hast. Ich sagte 
Dir, Samarin ist ein unverschämter Bursche — erinnere Dich, wie impertinent 
er sich in Peterhof vorigen Sommer gegen mich betrug, bei der Frage der 
Räumung, als er Petersburg mit Moskau verglich, er hatte kein Recht, mit 
seiner Kaiserin so zu sprechen . . . 

Du bist der Autokrat, und sie dürfen das nicht vergessen. 

Zwischen dem 8. und 11. September a. St. (21. — 24.) befiehlt König Ferdinand von 
Bulgarien die allgemeine Mobilmachvmg. Die deutsche Heeresgruppe Mackensen 
hat Pinsk genommen imd verschwindet vom russischen Kriegsschauplatz, um als 
Balkanarmee wieder zu erscheinen. In Frankreich beginnt die große französisch- 

109 



englische Offensive im Artois und in der Champagne. — Der Brief vom i6. September 
nennt die Zarin-Witwe im Zusammenhang mit dem Blagin- Palais, wo man 
Rasputin feind ist. 

Tsarskoje Selo, 12. September 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Es gießt und es ist trübe. Habe sehr schlecht geschlafen, habe ziemliche 
Kopfschmerzen, bin noch müde von Peterhof, und mein Herz ist unruhig, er- 
warte Becker. — Wie ich mir die Zeit herbeiwünsche, da ich nur einfache, liebe 
Briefe zu schreiben brauchte, anstatt dieser belästigenden. Die Dinge gehen 
aber durchaus nicht so, wie es sein sollte, und der alte Mann, der gestern 
abend zu mir kam, war sehr traurig. Er sehnt sich danach, daß Du schnell 
kommst, wenn auch nur für drei Tage, um nach allem zu sehen und die nötigen 
Änderungen zu treffen, denn er findet es mehr als schwierig, mit Ministern zu 
arbeiten, die Opposition machen. Es muß Klarheit geschaffen werden — 
entweder er geht, oder aber er bleibt, und die Minister gehen, was natürlich 
das beste wäre. Er ist im Begriffe, Dir einen Rapport über die Presse zu 
schicken — diese richtet sich nach den Befehlen, die Nikolascha im Juni er- 
gehen ließ, daß jeder über die Regierung schreiben mag, was er will, nur Dich 
darf er nicht anrühren. Wenn Goremykin sich bei Schtscherbatow beklagt, 
so gibt er die Schuld Poliwanow, und umgekehrt. Schtscherbatow hat Dich 
belogen, als er Dir sagte, niemand würde drucken wollen, was man in Moskau 
sage. — Sie fahren fort, alles zu schreiben. Ich freue mich so, daß Du es ab- 
gelehnt hast, diese Kreaturen zu empfangen. Sie wagen es nicht, das Wort 
„Konstitution" auszusprechen, aber sie schleichen darum herum — wahrlich, 
es würde der Untergang Rußlands und mit Deinem Kjrönungseid unvereinbar 
sein, so scheint es mir, denn Du bist, Gott sei Dank, Autokrat... 

Der alte Mann sagte, daß Sassonow kläglich anzuschauen ist, wie ,,une 
poule mouille" — was ist mit ihm passiert? Er erzählt Goremykin überhaupt 
nichts, und er muß doch wissen, was vorgeht. Die Minister sind jammervoll, 
und Kriwoschein fährt fort, unter der Oberfläche zu arbeiten, so sagt er. All 
dies ist so häßlich und ,,ungentlemanly". Sie brauchen Deinen eisernen 
Willen, den Du ihnen auch zeigen wirst, nicht wahr? Du siehst, wie es ge- 
wirkt hat, daß Du alles selbst übernommen hast, nun, tu dies auch hier, 
d. h. sei entschlossen, tadle sie sehr streng wegen ihres Benehmens und 
dafür, daß sie Deine Befehle, die Du in jener Sitzung hier erteilt hast, nicht 
beherzigt haben. — Ich bin von diesen Feiglingen mehr als degoutiert. — Kann 
Alex. Dich bald auf drei Tage entbehren ? Bitte beantworte dies, wenn Du 
kannst. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie es zum Verzweifeln ist, wenn man 
nicht alles das telegraphieren kann, was man möchte und müßte, und wenn 
man keine Antwort erhält. Du hast keine Zeit, meine Fragen zu beantworten, 
von denen ich Hunderte an Dich richte, freilich immer dieselben, da sie dringend 
sind, und mein Kopf schmerzt mich vom vielen Denken, und weil ich die 

110 



Dinge so schwarz sehe, und weil es beginnt, sich im Lande zu verbreiten. 
Diese Typen gehen überall herum und sprechen gegen die Regierung und säen 
den Samen der Unzufriedenheit. Noch bevor die Duma in einem Monat 
zusammentritt, muß ein neues starkes Kabinett gebildet werden, und noch 
schneller, damit sie Zeit haben zu arbeiten und gemeinschaftlich alles vor- 
zubereiten . . . 

Ist es wahr, daß wir wieder nur 200 Werst von Lemberg sind? Gehen wir 
so eilig vorwärts, und können wir nicht rundherum gehen, um die Deutschen 
zu zermalmen? Wie steht es mit Bulgarien? Es wird mehr als schlimm sein, 
sie an unserer Flanke zu haben, aber sie haben Ferdinand sicherlich gekauft . . . 

Mackensen ist nicht der, den wir kannten. In Irkutsk ist ein Fürst Bent- 
heim (eine Art Verwandter der Marie Erbach). Ernie fragt im Namen von 
Max, ob es möglich ist, daß er ausgetauscht wird — er scheint der Letzte seiner 
Familie zu sein — vielleicht könnte einer von den Unsern im Austausch zurück- 
geschickt werden. Er fragt nur so an, da er nicht weiß, ob es sich tun läßt. 
Ich werde Rostowzow dasselbe mitteilen. Ich bezweifle, daß es möglich ist, 
außer wenn er sein Ehrenwort gibt, nie mehr gegen einen unserer Verbündeten 
zu kämpfen — nur unter dieser Bedingung, glaube ich, kann man ihn aus- 
tauschen. Ich werde dies Rost, schreiben, und alle, die es betrifft, werden 
wissen, was zu tun ist. Ich habe keine Idee, wen man für den Austausch ver- 
langen kann, auch nicht, ob es zulässig ist. — Was die Gase betrifft, ist auch 
Ernie degoutiert, aber er sagt, als er zu Anfang September letzten Jahres in 
Reims war, haben die Engländer dort die Gase benützt — und da die deutsche 
chemische Industrie besser ist, so haben die Deutschen schlimmere Gase 
hergestellt. 

Tsarskoje Selo, 14. September 1915. 

Paul fragte, warum Nikolascha noch immer da sei, und ob es wahr sei, daß 
Du geschrieben hättest, er solle im Kaukasus bleiben, in Borjom. Ich sagte, ja, 
und Du hättest ihm zehn Tage in Perschino erlaubt. Liebling, beordere ihn 
schneller nach dem Süden. Alle schlechten Elemente sammeln sich um ihn und 
wollen ihn als Flagge benützen (Gott wird es nicht zulassen), aber sicherer 
wäre es, er wäre schneller im Kaukasus ; und Du hast zehn Tage gesagt, und 
morgen sind es drei Wochen her, seit er vom Hauptquartier abgereist ist. Sei 
darin fest, bitte . . . 

Die heutigen Nachrichten über unsere Alliierten sind glänzend, wenn sie 
wahr sind — der Himmel sei bedankt, wenn sie jetzt zu arbeiten anfangen, 
es war eine schwere Zeit. 24 Geschütze erbeutet und Tausende von Ge- 
fangenen gemacht zu haben — wie schön! — Ich finde es so unrecht, daß die 
Minister nicht alle Erörterungen, die im Ministerrat gepflogen werden, für sich 
behalten. Wenn erst die Fragen entschieden sind, ist es Zeit genug, davon zu 
erfahren. Aber unsere ungebildeten Leute, die sich freilich einbilden, ein 

III 



intellektuelles Publikum zu sein, lesen alles zusammen, verstehen nur ein 
Viertel und fangen dann an, über alles zu sprechen, und die Zeitungen nörgeln 
an allem herum — der Teufel hole sie! 

Tsarskoje Selo, i6. September 1915. 

Möge Gott Dir, mein Geliebter, helfen, die richtige Lösung aller dieser 
schwierigen Fragen zu finden — dies ist mein ständiges ernstes Gebet. Aber 
ich glaube voll an die Worte unseres Freundes, daß der Ruhm Deiner Regierung 
heranbricht, ich glaube daran, seitdem Du an Deiner Entscheidung fest- 
hältst gegen den Wunsch aller — und wir sehen das gute Resultat. Fahre so 
fort, voll Energie und Weisheit, fühle Dich mehr Deiner selbst sicher und 
beachte weniger die Ratschläge anderer. Wojeikow ist diesen Sommer in 
meiner Meinung nicht gestiegen, ich habe ihn für geschickter und weniger 
ängstlich gehalten. Ich hatte nie eine Schwäche für ihn, aber ich schlage seine 
praktische Eignung für einfache Angelegenheiten und Ordnung hoch an. Er 
ist aber zu selbstbewußt, und das hat stets mich und auch seine Schwieger- 
mutter verstimmt. Wir wollen hoffen, daß all dies eine gute Lektion für ihn 
gewesen ist. Nur hält er zu sehr an Schtscherbatow fest, der eine Null ist — 
obwohl er ein ganz netter Mann sein mag — aber ich fürchte, daß er und 
Samarin eines Sinnes sind. — Ich werde aus ganzem Herzen für Dich beten. — 
Möge die Komiteesache gut ablaufen ! Sie haben mich das letztemal erzürnt, 
und als ich durch das Fenster blickte, haben mir ihre Gesichter ganz und gar 
nicht gefallen, und ich habe Dich aus der Ferne immer und immer wieder ge- 
segnet. Möge Gott Dir die Kraft, die Weisheit und die Macht geben, auf sie 
den nötigen Eindruck zu machen und sie erkennen zu lassen, wie schlecht sie 
in diesen drei Wochen Deine Befehle ausgeführt haben. Du bist der Herr und 
Meister — und kein Gutschkow, Schtscherbatow, Kriwoschein, Nikolai III. (wie 
einige Menschen Nikolascha zu nennen wagen), Rodzianko, Suworin, sie sind 
nichts, und Du bist alles, von Gott gesalbt... 

Ich bin so sehr neugierig, was die Engländer geschrieben haben, nachdem 
Du das Kommando übernommen hast. Ich sehe keine englischen Zeitungen 
und habe daher keine Idee. Sie und die Franzosen scheinen wirklich ihr Vor- 
dringen fortzusetzen, Gott sei Dank, daß sie endlich anfangen können, und 
wir wollen hoffen, daß dies einige Truppen von unserer Seite abziehen wird. 
Schließlich ist die Arbeit, die die Deutschen zu tun haben, doch kolossal, 
und man kann nur bewundem, wie gut und systematisch alles bei ihnen 
organisiert ist — würde unsere ,, Maschine" ebensogut arbeiten wie die deutsche, 
die lange trainiert und vorbereitet ist, und hätten wir ebenso viele Eisen- 
bahnen, so würde der Krieg sicher schon zu Ende sein. Unsere Generäle sind 
nicht gut genug vorbereitet — obgleich viele den japanischen Krieg mit- 
gemacht haben, und die Deutschen haben seit langen Jahren keinen Krieg 

112 



gehabt. Von dem Gedanken, wieviel wir von ihnen zu lernen haben, was für 
unsere Nation gut und notwendig ist, und auch andere Dinge, muß man sich 
mit Schrecken abwenden , . . 

Alle meine Gedanken sind bei Dir, Geliebtester, und bei diesen verhaßten 
Ministem, deren Opposition mich in Wut versetzt — möge Gott Dir helfen, 
auf sie den nötigen Eindruck zu machen durch Deine Festigkeit und durch 
Deinen Überblick über die Lage und Deine große Unzufriedenheit mit ihrem 
Vorgehen, das augenblicklich nichts Geringeres ist als hochverräterisch. Ich 
persönhch denke aber, daß Du gezwungen sein wirst, Schtscherbatow, Samarin, 
wahrscheinhch auch den langnasigen Sassonow und Kriwoschein zu entlassen — 
sie selbst wollen nicht gehen, und Du kannst solche Typen nicht gebrauchen 
im Kampf gegen eine neue Duma. 

Wie müde man wird aller dieser Fragen — der Krieg ist vollauf genug mit 
all dem Elend, das er gebracht hat, und man muß jetzt daran denken und 
arbeiten, alles gerade zu richten und danach zu sehen, daß den Truppen, den 
Verwundeten, den Krüppeln, den FamiHen und Flüchthngen nichts fehlt. Ich 
warte angstvoll auf ein Telegramm von Dir . . . 

Wenn Du Deine liebe Mama siehst, mußt Du ihr doch ziemlich scharf zu 
verstehen geben, wie peinlich Du davon berührt bist, daß sie auf den Klatsch 
hört und ihn nicht unterdrückt, denn es stiftet Unheil, und andere wären, 
davon bin ich sicher, entzückt, wenn sie sie gegen mich aufbringen könnten 
— die Menschen sind so gemein. 

Das kaiserliche Hauptquartier befindet sich jetzt in Kaluga. Noch immer hat 
der Zar in der Regierungskrise keine Entscheidung getroffen, obwohl ihm die Zarin 
unaufhörlich Chwostow präsentiert, der bei ihr für sich und gegen Schtscherbatow, 
Kriwoschein und den Verkehrsminister Ruchlow arbeitet. 

Tsarskoje Selo, 17. September 1915. 

Hast Du Chwostows Buch durchgesehen? Komme, so schnell Du kannst, 
und triff die Änderungen. Bis dahin werden sie fortfahren, gegen imsem 
Freund zu arbeiten, und das ist ein großer Übelstand. Er wird mit der Presse 
nicht, wie Schtscherbatow, nachsichtig sein, sondern sie überwachen und ein- 
stellen, so oft schlechte Artikel dies notwendig machen. Es ist überaus auf- 
regend, nicht zu wissen, was Du denkst, was Du beschließt — es ist ein Leidens- 
weg durch diese Angst aus der Feme — und vielleicht wirst Du keine Ände- 
rungen treffen vor Deiner Rückkehr, und ich ängstige mich unnötigerweise. 
Telegraphiere mir ein Wort, um mich zu beruhigen. Wenn noch keine Minister 
entlassen sind — telegraphiere einfach: ,,Noch keine Veränderungen" — , wenn 
Du an Chwostow denkst, sage: „Ich denke an Schweif", und wenn nicht: 
,, Brauche Schweif nicht", aber gebe Gott, daß Du gut von ihm denkst. Ich 

8 Die letzte Zarin. 113 



empfange ihn daher, wie er bittet, schneller — ich weiß nicht, warum er an 
meine Weisheit und Hilfe glaubt, es beweist nur, daß er den Wunsch hat. Dir 
und Deiner D3mastie gegen jene Briganten und Krakehler zu helfen. O, mein 
Lieber, wie teuer Du mir bist, wie unendlich ich mich danach sehne. Dir zu 
helfen und Dir wirklich von Nutzen zu sein, — ich bete so zu Gott — mich zu 
Deinem Schutzengel und Helfer in allen Dingen zu machen. Schon jetzt be- 
trachten mich einige als solchen, und andere finden nicht genug abscheuliche 
Dinge mir nachzusagen. Einige befürchten, daß ich mich in Staatsangelegen- 
heiten mische (die Minister), und andere betrachten mich als die einzige, die 
Dir hilft, solange Du nicht hier bist (Andronikow, Chwostow, Wamawa und 
einige andere). Dies zeigt Dir, wer wirklich Dir ergeben ist. Sie werden 
mich aufsuchen, und die andern werden mich meiden — ist das nicht wahr, 
Gelieb tester? . . . 

Wie abscheulich, daß Gutschkow, Riabuschunsky, Weinstein (sicherlich 
ein echter Jude), Laptor, Schukowsky von allen diesen Kerlen in den Reichs- 
rat gewählt worden sind. Es wird wahrlich sehr schön mit ihnen zu arbeiten 
sein ! Chwostow hofft, daß man mit Geschicklichkeit und Entschlußfestigkeit 
alles in zwei bis drei Monaten wieder in Ordnung bringen kann . . . 

Auf alle Fälle, so meint er, mußt Du die Minister schneller entlassen, vor 
allem Schtscherbatow und Samarin, da der alte Mann nicht mit ihnen der 
Duma gegen übertreten kann. Ich habe nun mit ihm gesprochen und kann 
Dir den ehrlichen Rat erteilen, ihn ohne jede Furcht zu nehmen. Er spricht 
gut und macht daraus kein Hehl, und dies ist ein Vorteil, da man Leute braucht, 
die leicht sprechen und immer bereit sind, mit einem richtigen Wort zu ant- 
worten, sofort und sachgemäß. Er könnte das Rededuell mit Gutschkow aus- 
kämpfen, und ich glaube, Gott würde ihn dabei segnen. Er selbst hatte natür- 
lich zuviel Takt und war zu klug, um auf sich selbst hinzudeuten. Er hat 
mir dafür gedankt, daß ich ihm erlaubt habe, seinem Herzen Luft zu machen 
über alles, was ihn bedrückte, da er seine ganze Hoffnung und sein Vertrauen 
auf mich setzt für die gute Sache, für Dich und Baby und Rußland. Alles, 
was schlimm ist, ist in Moskau und Petrograd — aber die Regierung muß 
vorausschauend in die Zukunft blicken und sich für die Zeit nach dem Kriege 
vorbereiten, und diese Frage hält er für die ernsteste. Und wenn er in der 
Duma steht, so muß er zum Besten des Vaterlandes alle diese Dinge sagen, und 
dann wird er wieder die Schwäche der Regierung und ihren Mangel an Voraus- 
sicht aufdecken. Wenn der Krieg vorüber sein wird, werden alle diese Tausende 
von Männern, die jetzt in den Fabriken für die Armee arbeiten, ohne Arbeit 
dasitzen und dann natürlich eine unzufriedene Menge sein, mit der man nichts 
zu tun haben will. — Man muß daher schon jetzt an all diese Dinge denken, 
alle Orte und Fabriken müssen aufgezeichnet werden, die Zahl der Arbeiter usw., 
imd es muß festgesetzt werden, was man ihnen dann zu tun geben wird, damit 
sie nicht auf der Straße liegen — und es wird lange Zeit in Anspruch nehmen, 



dies vorzubereiten und zu überdenken, und es ist natürlich von der größten 
Wichtigkeit, was das absolut Richtige ist. Es wird dann so sehr viele un- 
zufriedene Elemente geben; jetzt haben sie Geld, dann werden die Truppen 
zurückkehren, die Leute werden in die Dörfer gehen, viele von ihnen krank 
und verkrüppelt; viele, deren Patriotismus und Lebensmut sie jetzt aufrecht- 
erhält, werden dann entmutigt und unzufrieden sein und einen schlechten 
Einfluß auf die Arbeiter haben, an diese Leute muß man daher denken — und 
man kann sehen, er würde es tun. Er ist wunderbar geschickt, und es macht 
nichts, wenn er auch ein bißchen selbstsicher ist, es macht sich nicht auf an- 
stößige Art bemerkbar — ein energischer, ergebener Mann, der sich danach 
sehnt. Dir und seinem Lande zu helfen. Dann muß man sich im voraus auf die 
Wahlen in die Duma (später) vorbereiten ; die schlechten Elemente bereiten 
sich schon vor, und somit müssen auch die guteri ihre Wahlagitation betreiben. 

Tsarskoje Selo, 17. September 1915. 

Nun muß ich zu schlafen versuchen. Ich habe Dein leeres Kissen wie ge- 
wöhnhch gesegnet und geküßt und meinen Kopf darauf gelegt. Es kann nur 
meine Küsse nehmen, kann sie aber leider nicht erwidern. — Schlafe wohl, 
Geliebtester, und erblicke in Deinen Träumen Dein Frauchen und fühle ihre 
Arme liebkosend um Dich. Möge Gott Dich segnen und die heihgen Engel Dich 
beschützen, gute Nacht, mein Schatz, mein Sonnenschein, mein Dulder Hiob! 

18. September. Ich denke immer wieder mit Vergnügen an die Äußenmgen 
Chwostows und wünsche. Du wärest auch dabei gewesen — ein Mann, kein 
Unterrock — und dazu ein Mann, der nicht zugeben wird, daß irgend etwas 
gegen uns geschieht, und der alles, was in seinen Kräften steht, tun wird, um 
die Angriffe auf unsem Freund zum Einhalt zu bringen, wie er es schon damals 
getan hat. Jetzt beabsichtigen sie damit wieder anzufangen, und Schtscher- 
batow und Samarin werden sicher nichts dagegen tun, im Gegenteil, schon 
um der Volkstümlichkeit willen. Ich behellige Dich mit diesem Gerede, aber 
ich möchte Dich gern überzeugen, denn ich bin ehrlich und fest der Meinung, 
daß dieser sehr dicke junge Mann mit seiner vielen Erfahrung der ist, mit 
dem Du einverstanden sein wirst, genau so wie mit Deiner alten Frau, die 
Dir dies schreibt. Er kennt die russischen Bauern gut, und aus der Nähe, da 
er lange unter ihnen gelebt hat — aber auch andere Typen, und er fürchtet 
sie nicht . . . 

Ich habe Chwostow gesagt, wie traurig ich es finde, daß Leute, die Schlech- 
tes tun wollen, immer weit mehr Mut haben als die andern, und daß sie 
daher rascher Erfolg haben — worauf er richtig antwortete : Die andern aber 
haben den Geist und das richtige Gefühl, das sie leitet, und Gott wird in ihrer 
Nähe sein, wenn sie gute Absichten haben, und wird sie leiten. — 

8* 115 



Der Semstwo-Verband, der meiner Ansicht nach sich auch zu weit aus- 
gebreitet und zu viele Dinge in die Hand genommen hat, so daß man später 
wird sagen können, die Regierung habe sich nicht hinlänghch um die Ver- 
wundeten, Flüchthnge, um unsere Gefangenen in Deutschland usw. bekümmert, 
und erst die Semstwos hätten sie gerettet — er hätte ebenfalls von Kriwo- 
schein im Zaum gehalten werden sollen, da er die Dinge in Fluß gebracht hat. 
Eine gute Idee, die aber sorgfältig überwacht werden muß, da es draußen 
im Kriege in den Hospitälern und Emährimgsstationen viele schlechte Ele- 
mente gibt. Er findet, daß Kriwoschein in zu enger Fühlimg mit Gutschkow 
steht. — Chwostow hat in seiner Denkschrift niemals die deutschen Namen der 
Barone oder ergebener Diener angegriffen, wie sonst, wenn sie von deutschem 
Einfluß reden, er hat vielmehr die Aufmerksamkeit ganz auf die Banken ge- 
lenkt, was richtig war und was bisher niemand getan hatte. (Und die Minister 
haben ihre Irrtümer eingesehen.) Er sprach von der Emährungs- und Heizungs- 
frage — selbst Gutschkow, ein Mitglied der Petrograder Duma, hat das ver- 
gessen, wahrscheinlich absichtlich, damit die Leute der Regienmg die Schuld 
geben können. Und es ist wirklich ihr sehr verbrecherischer Fehler, daß sie 
nicht schon vor Monaten daran gedacht hat und große Vorräte von Holz 
beschafft hat — es könnten dadurch Wirren heraufbeschworen werden, und es 
wäre ganz begreiflich. Daher muß man erwachen und das Volk zur Arbeit 
anhalten. Es ist nicht Deines Amtes, Dich mit diesen Einzelheiten abzugeben; 
Schtscherbatow hätte danach sehen müssen, zusammen mit Kriwoschein und 
Ruchlow — aber die beschäftigen sich mit Politik und bemühen sich, den 
alten Mann wegzubeißen. 

Eine französische Sondermission unter dem General d'Amade ist im Haupt- 
quartier und in Petersburg zu Gast. Die Stadt hungert; die Zarin klagt den Stadt- 
hauptmann Fürsten Obolensky der Versäxminis an. 

Tsarskoje Selo, 19. September 1915. 

Ich werde die Franzosen Montag um halb 4 sehen, da sie im Elaginpalais 
frühstücken werden. Es ist ein Skandal — man kann weder in der Stadt 
noch hier Mehl bekommen — die Leute stehen in langen Reihen vor den 
Läden auf der Straße. 

Scheußlich organisiert, Obolensky ist ein Idiot — man muß vorausschauen 
und nicht warten, bis es soweit kommt. 

Tsarskoje Selo, 20. September 1915. 

Mit tiefster Freude habe ich Deinen lieben, zärtlichen Brief erhalten — 
Deine warmen Worte haben meinem sehnsüchtigen Herzen wohlgetan. Jawohl, 



116 



mein Schatz, durch die Trennung kommt man immer enger zusammen — man 
empfindet so sehr, was einem fehlt — imd Briefe sind ein großer Trost. Gr. 
hat tatsächlich sehr genau die Länge der Zeit vorausgesagt, die Du da 
draußen bleiben wirst. Doch bin ich überzeugt, daß Du Dich danach sehnst, 
mit den Truppen mehr Fühlung zu erhalten, und ich werde mich für Dich 
freuen, wenn Du imstande sein wirst. Dich etwas mehr zu bewegen. In der 
Tat war dieser Monat zu ernst — Du mußtest Dich mit Alexejew in Deine 
Arbeit und in Deine Pläne hineinarbeiten, vmd die Zeiten waren da draußen 
zu sorgenschwer — jetzt aber scheint alles Gott sei Dank zur Zufrieden- 
heit zu gehen . . . 

Ich bin neugierig, was Du von Sassonow denkst. Ich glaube, er ist ein sehr 
guter und ehrlicher (wenn auch eigensinniger) Mann, imd wenn er eine neue 
Sammlung von Ministem sieht, die energisch sind, so wird er sich aufraffen 
imd wieder einmal ein Mann werden. Die Atmosphäre, von der er umgeben 
ist, hat ihn ganz beeinflußt und zu einem Kretin gemacht. Es gibt Männer, die 
in Zeiten der Angst und der großen Schwierigkeiten wahre Wunder werden — 
und andere, die eine jämmerliche Seite ihres Charakters zeigen. Sassonow 
braucht ein starkes Reizmittel, und wenn er erst einmal sieht, daß die Dinge 
,,gut gehen", anstatt in Gärung zu sein und gleichzeitig in Stücke zu zerfallen — 
so wird auch sein Rückgrat stärker werden. Ich kann nicht glauben, daß er 
so schädlich ist wie Schtscherbatow und Samarin oder selbst mein Freund 
Kriwoschein — was ist ihm zugestoßen? Er hat mich bitterlich enttäuscht. 

Bulgarien tritt jetzt, nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur 
Entente, offen in den Krieg ein. Rasputin reist von neuem nach Pokrowskoje. 

Tsarskoje Selo, 3. Oktober 1915. 

Am Abend werden wir unsem Freund bei Ania sehen, wo er sich verab- 
schieden wird. Er bittet Dich dringend, ein Telegramm an den König von 
Serbien zu schicken, da er sehr fürchtet, daß Bulgarien ihnen den Rest geben 
wird — ich lege den Zettel noch einmal bei, damit Du ihn für Dein Tele- 
gramm verwenden kannst — den Inhalt in Deinen Worten, und natürhch 
kürzer mit einem Hinweis auf ihre Heihgen und so weiter. 

Der Ministerwechsel findet statt, aber nur ein geteilter: A. N. Chwostow wird 
an Stelle des Fürsten Schtscherbatow Minister des Innern (und zwar zunächst 
Verweser, dann endgültig). Zwei Tage darauf wird Samarin durch den Staatsrat 
Wolzin (Wolschin) ersetzt. Vom Hauptquartier aus unternimmt der Zar, den der 
kleine Thronfolger begleitet, eine Reise zur Front. Auch Dschunkowsky ist aus 
der persönhchen Suite des Zaren entfernt worden, er hat eine Gardebrigade erhalten. 
Die ,,Kuh" ist Ania. 

117 



Tsarskoje Selo, 6. Oktober 1915. 



Am Morgen hatte ich viel in den Hospitälern zu tun. — Mein Liebling, 
warum hat Dschunkowsky die Preobraschentsi und Semenowtsi erhalten 

— zu viel Ehre nach seinem schmählichen Benehmen — es verdirbt die 
Wirkung der Bestrafung; er hätte Linienregimenter haben sollen. Er hat 
andauernd schauderhaft gegen unsern Freund gewühlt, jetzt unter dem 
Adel — Schweif wird mir morgen die Beweise bringen. Ach nein, dies ist 
wirklich zu viel Güte. Du hast ihm eine so großartige Ernennung gewährt 

— ich kann mir vorstellen, welchen Schmutz er in diesen beiden Regimentern 
verbreiten wird, und alle werden ihm glauben. — Ich schicke Dir einen sehr 
dicken Brief von der Kuh, dieses liebeskranke Geschöpf konnte nicht länger 
warten, sie muß ihre Liebe ergießen, sonst platzt sie. Mein Rücken schmerzt 
mich, ich fühle mich sehr müde und sehne mich nach meinem Herzallerliebsten. 
Einer hält uns aufrecht, aber es gibt Augenblicke, wo es sehr schwer ist. 



Am 7. (20.) Oktober wird der Erlaß des Zaren über Bulgariens ,, Verrat an der 
slawischen Sache" veröfiEentlicht, der die Verräter der ,, gerechten Strafe Gottes" über- 
liefert. Der Finanzminister Bark, der zu Anleihezwecken in London war, beginnt mit 
der IBinführung von "Wertmarken. 

Tsarskoje Selo, 7. Oktober 1915. 

Dieses verderbte Bulgarien, jetzt werden sie sich vom Süden her gegen 
uns wenden, oder glaubst Du, sie werden sich nur gegen Serbien und dann 
gegen Griechenland wenden — es ist gemein. Hast Du an den alten König 
Peter telegraphiert? Unser Freund wollte es so sehr dringend haben . . . 

Unser Freund ist wegen Rigas ziemlich ängstlich, Du auch? 

Ich habe wegen der Wertmarken mit Bark gesprochen — er hat auch 
gefunden, daß sie nicht das richtige sind, und möchte, daß die Japaner für 
uns Münzen prägen, und daß wir anstatt der ärmlichen Marken Papiergeld 
haben, wie die italienischen Lirescheine, die wirkliches Papiergeld sind . . . 

Morgen werde ich versuchen, mehr zu schreiben, wenn ich ruhig alles in Worte 
bringen kann — ich bin heute abend zu idiotisch. — Unser Freund war mit 
Deinem Manifest über Bulgarien sehr zufrieden und fand, daß es gut stilisiert sei. 

Die wachsende Ernährungsnot wird von Chwostow weiter dem Verkehrs- 
minister Ruchlow zur Last gelegt. Zum Lohne wird Ruchlow einen Monat später 
entlassen werden. Inzwischen arbeitet die Zarin gegen den Kriegsminister Poli- 
wanow, an dessen Stelle sie seinen Gehilfen Beljajew empfiehlt. Der Ackerbau- 
minister Kriwoschein wird, da er für Samarin war, seines Postens enthoben. 
Gurko ist der schon früher erwähnte Generalleutnant Wassili Jossrfo witsch Gurko, 
der spätere Oberbefehlshaber der russischen Westfront. — Tatischtschew ist 

118 



der General und frühere russische Flügeladjutant beim Deutschen Kaiser Elias 
Leonidowitsch Tatischtschew. Die Deutschen bedrohen Riga. 

Tsarskoje Selo, 8. Oktober 1915. 

Ich habe mit „Schweif" wegen des Mehls und des Zuckers gesprochen, 
die sehr knapp sind, und der Butter, die jetzt in Petrograd nicht zu haben ist, 
während Wagenladungen voll in Sibirien festliegen. Er sagt, alles das gehe 
Ruchlow an. Dieser habe danach zu sehen und Befehl zu geben, daß die Wag- 
gons weiterrollen. Anstatt aller dieser notwendigen Lebensmittel verkehren 
Waggons mit Blumen und Früchten ungehindert, es ist wirklich eine Schande. 
Der gute Mann ist alt — er hätte selbst hingehen und alles inspizieren und 
die Dinge richtig in Schwimg bringen sollen. Es ist wirklich eine Schande, die 
zum Himmel schreit, und man fühlt sich gedemütigt vor den Fremden, daß 
eine solche Unordnung möglich ist. Kannst Du nicht jemand heraussuchen und 
hinschicken, damit er alles revidiert und die Leute dort draußen zwingt, ge- 
hörig zu arbeiten an den Orten wo die Waggons stehen und die Waren ver- 
faulen ? Chwostow nannte Gurko als den Mann, den man hinschicken und dort 
inspizieren lassen soll, da er sehr energisch sei und überaus schnell handele. 
Gefällt Dir aber dieser Typ? Es ist richtig, er ist von Stolypin ungerecht be- 
handelt worden. Auf jeden Fall sollten energische Maßnahmen ergriffen wer- 
den. — Ich habe Dir über Tatischtschew für die Gendarmerie geschrieben, ich 
habe nur vergessen, Chwostow zu sagen, daß er furchtbar gegen unsern Freund 
eingenommen ist, er sollte deshalb mit ihm erst über diesen Gegenstand 
sprechen, glaube ich. — Stelle Dir nur vor, wie abscheulich, das Kriegsmini- 
sterium beschäftigt eigene Detektive, um Spione ausfindig zu machen, und nun 
bespitzeln sie Chwostow und haben ermittelt, wohin er geht und wen er auf- 
sucht, und der arme Mann ist dadurch sehr erregt. Er kann keinen Lärm 
schlagen, da er es, wie ich glaube, durch einen Kanzlisten erfahren hat, der 
ihm alles erzählt hat, auch sein Onkel hat solche Dinge gehört, die von Poli- 
wanow kamen — der letztere ist nach wie vor Gutschkows Freund, und daher 
können sie Chwostow schädigen. Poliwanow muß sorgfältig überwacht wer- 
den. — Auch Bark mag ihn nicht leiden und gab ihm neulich eine sehr scharfe 
Antwort. Vielleicht bist Du mit Poliwanows Arbeit im Kriegsministerium 
zufrieden. Jedenfalls, solltest Du finden, daß er abgesetzt werden muß, so ist 
Beljajew da, sein Gehilfe, den jeder als einen sehr klugen, gründlichen Arbeiter, 
als einen wirklichen Gentleman und einen Dir äußerst ergebenen Mann lobt. — 
Von allen Papieren gegen unsern Freund, die im Ministerium des Innern 
aufbewahrt werden, hat Dschunkowsky Abschriften angefertigt (er hatte kein 
Recht dazu) und sie in Moskau unter dem Adel rechts und links herumgezeigt, 
nachdem er entlassen worden war. — Pauls Frau hat nochmals zu Ajiia ge- 
sagt, Dschunkowsky habe sein Wort gegeben, daß Du ihm im Winter den Be- 

119 



fehl erteilt hättest, Grigori sei streng zu richten. Er hat es Paul und seiner 
Frau gesagt und zu Dmitri und vielen andern in der Stadt wiederholt. Ich 
nenne so etwas Unehrlichkeit, Illoyalität im höchsten Grade, und er ist ein 
Mann, der keine Belohnungen oder hohe Ernennungen verdient. Ein solcher 
Mann wii'd gewissenlos fortfahren, Schaden zu stiften und gegen unsern Freund 
bei den Regimentern zu sprechen. Grigori sagt, er und seine Arbeit können 
niemals Glück bringen, ebensowenig wie Nikolascha, da sie gegen ihn auf- 
getreten sind — gegen Dich. — Welch eine prächtige Überraschung, Dein 
lieber Brief ist mir so früh zugegangen — ich danke Dir immer und immer 
wieder dafür, mein Liebling. Es ist sehr recht von Dir, Lieber, daß Du sofort 
befohlen hast, die drei Generäle, die die Schuld hatten, zu entlassen ; solche Maß- 
regeln werden für die übrigen eine Lehre sein, und sie werden ihren Geschäften 
größere Aufmerksamkeit zuwenden. Ich bin neugierig, wer diese drei sind. 
Aber Gott behüte, daß Riga genommen wird, sie haben genug. 



Bjeletzky ist der Wirkliche Staatsrat und Direktor des Polizeidepartements, 
Stephan Petrowitsch Bjeletzky. 

Tsarskoje Selo, 9. Oktober 1915. 

Bjeletzky wird sich morgen vorstellen. Er hat, wie es scheint, sehr 
energisch mit Poliwanow gesprochen und ihm gesagt, daß er von seiner 
Detektivtätigkeit und Spioniererei Kenntnis hat und daher auf der Hut ist, 
und das hat ihn ziemlich erregt. Mordwinow war voll der besten Ein- 
drücke von allem, was er gesehen hatte — wie gut es tut, hier draußen zu 
sein, weit weg von diesen grauen, häßlichen, schwatzenden Städten! 

Entschuldige meine schlechte Schrift, aber ich bin wie gewöhnlich in Eile. 
Ich werde unsern Freund heute abend um 9 Uhr in ihrem (Anias) Hause sehen. 

Liebling, wie gehen die Dinge in der Nähe von Riga, wer sind die drei 
Generäle, die Du abgesetzt hast? 

Ich kann mir nicht denken, was Nikolascha tut. Jetzt hat er Istomin (der 
Grigori haßt imd der Samarins Gehilfe war) zu seinem Kanzleichef gemacht. 

Tsarskoje Selo, 10. Oktober 1915. 

Unser Freund, den wir gestern Abend sahen, ist im allgemeinen ziemlich 
ruhig über den Krieg. Jetzt quält ihn ein anderer Gegenstand sehr, und er 
hat zwei Stunden lang kaum von etwas anderem gesprochen. Es ist dies: 
Du mußt Befehl geben, daß die Waggons mit Mehl, Butter und Zucker weiter- 
befördert werden müssen. Er hat das ganze in der Nacht wie eine Vision ge- 
sehen, alle die Städte, Eisenbahnlinien usw., es ist schwer, seine Worte wieder- 
zugeben, aber er sagt, es sei sehr ernst, und daß wir dann keine Streiks haben 

120 



würden. Nur müßte für eine solche Organisation jemand von Dir entsandt 
werden. Er wünscht, daß ich mit Dir über alles dieses sehr ernst spreche, 
nachdrücklich sogar, und die Mädchen sollen mithelfen, deshalb schreibe ichDir 
darüber schon jetzt im voraus, damit Du Dich an den Gedanken gewöhnst. 
Er würde vorschlagen, daß drei Tage lang keine andern Züge rollen dürfen 
als die mit Mehl, Butter und Zucker — dies ist gerade jetzt noch not- 
wendiger als Fleisch oder Munition. Er berechnet, daß man mit vierzig alten 
Soldaten einen Zug in einer Stunde laden kann. Man sollte einen Zug nach dem 
andern abschicken, aber nicht alle nach einer Stadt, sondern bald nach Petro- 
grad, bald nach Moskau, und einige Waggons sollen an verschiedenen Orten an- 
halten, so daß sie nach und nach herangebracht werden können. — Nicht alle 
nach einen Ort, das wäre unrichtig, sondern nach verschiedenen Stationen, ver- 
schiedenen Gebäuden. Personenzüge sollten nur in geringerer Anzahl erlaubt 
sein, alle vier Klassen sollten während dieser Zeit eingeschränkt werden, und 
statt dessen sollte man Waggons mit Mehl oder Butter aus Sibirien anhängen. 
Die Linien sind dort weniger besetzt, wo sie nach dem Westen gehen, und es wird 
scharfe Unzufriedenheit geben, wenn die Dinge nicht rasch vonstatten gehen. 
Die Leute, so sagt er, werden schreien und sagen, es sei unmöglich, um Dich 
abzuschrecken, wo es doch gemacht werden kann, und werden sich sträuben ; 
aber es ist notwendig und, obgleich ein Risiko, wesentlich. In drei Tagen 
kann man genug für sehr viele Monate heranschaffen. Es mag merkwürdig 
aussehen, wie ich das schreibe, wenn man sich aber damit beschäftigt, so sieht 
man die Wahrheit ein. Schließlich kann doch etwas geschehen, und man 
muß die Order für diese drei Tage im voraus geben, wie für eine Lotterie 
oder Kollekte — so daß alle sich richtig einrichten können — es muß jetzt 
und schnell geschehen. Nur solltest Du einen energischen Mann wählen, der sich 
nach Sibirien an die Hauptstrecke verfügt, und er kann einige andere mit sich 
nehmen, die bei den großen Stationen und Zweiglinien achtgeben und darauf 
sehen, daß alles richtig vor sich geht, ohne unnötige Stockungen. Ich nehme 
an, daß Du Chwostow vor mir sehen wirst, daher schreibe ich nicht alles. Er 
sagte mir, ich sollte darüber mit Bjeletzky sprechen und morgen mit dem 
alten Mann, so daß sie dies schneller durchdenken können. Chwostow sagt, 
es sei die Schuld Ruchlows, der alt sei und nicht selbst hingehe, um nach- 
zuschauen, was eigentlich vorgeht. Daher wäre es gut, wenn Du jemand 
hinschicken würdest, damit er danach sieht. — Wenn man auf die Landkarte 
sieht, so sieht man die Zweiglinien nach und von Wjatka. Auch müßte man 
Zucker aus Kiew beschaffen. — Aber ganz besonders das Mehl und die Butter, 
von denen Jalutorsk und andere Distrikte überfließen — alte Männer, Soldaten 
können verwendet werden, da sonst nicht genug Leute da sind, um das Packen 
und Beladen der Waggons zu besorgen. Das alles müßte wie ein Netzwerk 
ausgespannt werden — es sind hinlänglich Waggons vorhanden, bitte, denke 
ernstlich darüber nach. 

121 



Der Zar trifft, immer von „Baby", dem Zarewitscli, begleitet, in Reval ein, reist 
von dort nach Riga, nimmt dann bei Witebsk eine Truppenschau ab und besucht das 
Gebiet von Dünaburg. 

Tsarskoje Selo, 27. Oktober 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

So seid Ilir wieder fort, Ihr meine beiden Lieblinge, — möge Gott Deine 
Reise segnen und seine Engel schicken, um Dich zu beschützen und zu lenken! 
Mögest Du nur schöne Eindrücke empfangen und möge alles gut vonstatten 
gehen. Wie wird das Meer ausschauen ? Zieh Dich warm an, Geliebter, es 
wird sicherlich bitterkalt sein, hoffentlich hast Du keine schwere See. — Du 
wirst Baby auf einige Schiffe mitnehmen — aber nicht hinaus auf die See, 
und vielleicht in die Festungen. Es wird davon abhängen, wie Du seinen 
Gesundheitszustand findest. Ich fühle mich viel ruhiger um Dich, wo ich 
weiß, daß das prächtige Kind in Deiner Nähe ist, um Dich mit seinem leb- 
haften Geist und seiner Zärtlichkeit zu erwärmen und aufzuheitern. Es ist 
mehr als traurig ohne Euch beide. Wir wollen aber nicht darüber sprechen. 
Sieh zu, daß er sich warm genug anzieht. 

Tsarskoje Selo, 28. Oktober 1915- 
Mein einzig Geliebter! 

Die zärtlichsten Gedanken folgen Euch beiden Herzenslieblingen überall- 
hin. Ich freue mich, daß Du so viele Truppen gesehen hast. Ich dachte nicht, 
daß es in Reval sein würde. Wie neugierig ich bin, ob Du weiter gehen wirst 
nach Riga und Dünaburg. — Es ist bitterkalt, aber heller Sonnenschein. Ich 
vermisse Euch beide ganz schrecklich, ich fühle mich aber viel ruhiger um 
Dich, da Sonnenstrahl dort ist, um Dich aufzuheitern und Dir Gesellschaft zu 
leisten. Es ist nicht notwendig, jetzt mit Fred, und Wojeikow im Auto zu 
fahren. Lasse den alten Mann immer überwachen, unser Freund fürchtet, 
er könnte vor den Truppen irgendeine Dummheit begehen. Sieh zu, daß 
jemand ihm folgt und ein Auge auf ihn hat. — A. hat mir dieses Papier für 
Dich gegeben — sie hat vergessen, es mir zu sagen, sie hat wahrscheinlich 
nicht begriffen, was es für uns bedeuten würde, hinsichtlich der Gesundheit 
Babys und der großen Last, die endlich von unsern Schultern genommen ist 
nach elf Jahren unausgesetzter Angst und Furcht ! 

Tsarskoje Selo, 29. Oktober 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Ich habe soeben Dein Telegramm aus Wenden erhalten, das in einer 
Stunde kam. Ich vermute daher, daß Du in Riga bist. Alle meine Gedanken 
und Gebete umgeben Euch, meine Lieblinge. Wie interessant ist alles das, 
was Du in Reval gesehen hast — ich kann mir vorstellen, wie entzückt die 
englischen Unterseebootsleute darüber gewesen sein müssen, daß Du sie in- 

122 



spiziert hast. Sie wissen jetzt, für wen sie so tapfer kämpfen. Ich bin sicher, 
daß die Fabriken und Schiffswerften jetzt doppelt so schwer und energisch 
arbeiten. Ich möchte gern wissen, ob Baby Dich begleitet hat und was Du 
mit dem alten Mann gemacht hast. — Auch hier ist es ein kleines bißchen 
wärmer, 5 Grad Frost und Sonnenschein. Ich bleibe bis 12 Uhr im Bett, da 
das Herz ein wenig erweitert ist und seit gestern schmerzt, ebenso wie mein 
Kopf (es ist nicht allzu schlimm). Dann muß ich mehrere Herren mit Berich- 
ten empfangen, und das ist anstrengend, wenn der Kopf müde ist. 

Tsarskoje Selo, 30. Oktober 1915. 

Ich bin glücklich darüber, daß Du es ermöglicht hast, über Riga hinaus 
zu gehen — es wird den Truppen ein Trost sein und auf die Einwohner der 
Stadt beruhigender wirken. — War Baby aufgeregt, als er aus der Ferne 
das Schießen hörte? Wie anders ist jetzt Dein Leben, Gott sei Dank, jetzt, 
wo niemand Dich davon abhält, herumzureisen und Dich den Soldaten zu 
zeigen ! Nikolascha muß nun einsehen, wie falsch seine Ideen waren und wie- 
viel er persönlich verloren hat dadurch, daß er sich nie irgendwo gezeigt hat. 
Die alte Frau Beljajew sagte mir gestern, sie hätte einen Brief von ihrem Sohn 
aus England erhalten (alle sechs dienen in der Artillerie). Er ist Kitchener 
attachiert und hat dafür zu sorgen, daß Deine Befehle dort ausgeführt werden. 
Georgie hat ihn empfangen und mit ihm darüber gesprochen, daß Du 
bei den Truppen bist. Kitchener wolle ihm eine Frontreise nicht erlauben, 
obwohl keine Gefahr dabei sei. Beljajew antwortete ihm, das sei ganz etwas 
anderes, wir kämpften auf unserm eigenen Boden, was er nicht tue. Diese 
einfache Antwort schien ihn zu trösten, und Kitchener war sehr zufrieden, 
als Beljajew ihre Unterredung wiederholte. Ich bin sicher, es wird Georgie 
quälen, — aber er besichtigt doch von Zeit zu Zeit die Truppen in Frankreich. 



In Saloniki sind 18000 Mann französisch-englischer Truppen unter Sarraü ge- 
landet. König Konstantin hat Venizelos zum Rücktritt gezwungen. Das Ka- 
binett Zaimis hält trotz einer Aufforderung der von Mackensen überwältigten Serben 
an der Neutralität Griechenlands fest. Die abwartende Haltung Rumäniens wird 
rätselhaft. 

Tsarskoje Selo, 31. Oktober igiS- 

Was hat Griechenland vor ? Es klingt nicht sehr ermutigend. Alle diese Balkan- 
länder sollen zum Teufel gehen. Was wird j etzt dieses idiotische Rumänien tun ? 



Von neuem beschäftigt sich die Zarin mit der Fronde Orlow-Dschunkowsky-Dren- 
teln. Graf Fredericksz, der alte „Gaffeur", hat, wie der intrigante Chwoatow 

123 



auf Grund eines Briefes Drentelns, seines gewesenen Schwagers, der Zarin mitteilt, 
wieder einen Skandal verursacht. Er hat Drenteln zu sich gebeten und ihn gefragt, 
warum Chwostow gegen Dschunkowsky sei. Der Nachfolger des von Chwostow ge- 
stürzten Ruchlow wird das Reichsratsmitglied Senator Trepow. — Sawinsky, der 
am Schluß des Briefes genannt wird, ist der russische Gesandte ia Sofia WirkHcher 
Staatsrat Sawinsky; P. Kozel ist der russische Gesandte in Bukarest Wirklicher 
Staatsrat Poklevsky - Kozell ; Elim ist der russische Gesandte in Athen Fürst EUm 
Demidow. Wesselkin ist der Fregattenkapitän und Flügeladjutant des Zaren, 
,,Grigorowitschs Papiere" sind die regelmäßigen Situationsberichte des Marineministers. 

Tsarskoje Selo, i. November 1915. 

Ich bin so besorgt wegen Rumäniens, wenn es wahr ist, was Wesselkin tele- 
graphiert hat (Grigorowitschs Papiere), daß man sich in Rustschuk erzählt, 
Rumänien habe uns den Krieg erklärt. — Ich hoffe, daß es unbegründet ist, 
und daß sie solche Nachrichten nur verbreiten, um den Bulgaren gefällig zu 
sein. Es wäre schrecklich, denn dann würde Griechenland, fürchte ich, sich 
auch gegen uns wenden. Zum Teufel mit diesen Balkanländern, Rußland ist 
ihnen immer eine liebende und helfende Mutter gewesen, und dann wenden 
sie sich verräterisch gegen uns und kämpfen gegen uns. — Wirklich, man 
kommt aus der Angst und der Beklemmung nicht heraus . . . 

Geliebter, ich habe mich aufs Bett geworfen, daß es ächzte, nachdem 
mich Chwostow, der mich dringlich um einen Empfang bat, besucht hatte. 
Also der gute alte Fred, hat wieder eine ganz kolossale Dummheit gemacht, 
die zeigt, daß man ihm nichts Ernsthaftes mehr erzählen darf, nichts, was 
nicht weitergesagt werden soll. Chwostow bekam einen Brief von seinem 
früheren Schwager Drenteln — er wird ihn Dir bringen, damit Du siehst, in 
welchen Worten er geschrieben ist. Er erzählt darin, Fredericks habe nach 
ihm geschickt und ihm gesagt, er wünsche zu wissen, warum Chwostow über 
Dschunkowsky so ungerecht urteile usw. Drenteln, voll Wut, sieht dahinter 
die schwarze Macht (womit er unsern Freund meint) und sagt, er habe Mitleid 
mit Dir und Rußland, wenn Chwostow so jede Ordnung pervertiere. — Chwo- 
stow hat Fred, gesagt, man müsse sich vor Dschunkowsky hüten wegen seiner 
verschiedenen Aktionen bei der Polizei usw. und in der Adelsversammlung 
in Moskau, wo er sich selbst als einen Märtyrer hingestellt hat wegen Grigori 
und so weiter. Er findet, daß man seinen Reden in der Gesellschaft und in den 
Klubs Aufmerksamkeit schenken sollte, und daß er keine Ernennung im 
Kaukasus erhalten sollte. O, was für ein schrecklicher ,,gaffeur" — jetzt läuft 
das im Preobraschensk-Regiment herum, bei den Gouverneuren, früheren 
Kameraden, und behindert Chwostow ganz schrecklich. Dieser bittet Dich, 
Fredericksz nichts zu sagen, da dieser die Dinge noch schlimmer machen wird, 
auch nicht Drenteln, der wütend darüber sein wird, daß ich seinen Brief ge- 
sehen habe. Es ist das eine recht unglückselige Sache und bindet Chwostow 

124 



die Hände. Das Regiment ist leider nicht sehr berühmt und haßt unseren 
Freund, und er hofft, daß Du Drenteln bald entheben wirst. Gib ihm eine 
Armeebrigade, so daß er das Regiment nicht mehr beeinflussen kann ! Drenteln 
schreibt, daß Orlow Dschunkowsky zu sich habe kommen lassen (da angeb- 
lich sein Bruder sehr krank sei). Nikolascha machte ihm den Vorschlag, Het- 
man der Terekkosaken zu werden, aber Dschunkowsky hat abgelehnt. Nach 
einer abgefangenen Korrespondenz beabsichtigt Nikolascha ihm den Vor- 
schlag zu machen, sein Gehilfe zu werden. Verweigere um Gottes willen 
Deine Zustimmung dazu, sonst werden wir diese ganze Bande von Übel- 
tätern dort haben, wo sie Schaden und Unheil aushecken wird. Gib ihm lieber 
ein Kommando an der Front! Er ist ein gefährlicher Mann, der sich als 
Märtyrer aufspielt. 

Ich sagte, künftig solle Chwostow sich an Wojeikow wenden, statt an den 
alten verblödeten gaffeur — nein, es ist zu, zu schlimm! Sage es Wojeikow, 
wenn er verspricht, den Mund zu halten, bis er Chwostow gesehen hat . . . 

Chwostow kennt Trepow nicht. Viele Menschen sind gegen ihn, da er ein 
sehr schwacher und nicht energischer Mann sein soll. Unser Freund ist über 
seine Ernennung sehr betrübt, da er weiß, daß er sehr gegen ihn eingenommen 
ist, seine Tochter hat esGrigori gesagt, und es tut ihm leid, daß Du nicht seinen 
Rat eingeholt hast. Auch ich bedaure die Ernennung, ich glaube, ich habe es 
Dir schon gesagt, er ist kein sympathischer Mensch, — ich kenne ihn ziemlich 
gut. Seine Töchter waren geistesgestört und versuchten vor einigen Jahren 
sich zu vergiften. Der Bruder in Kiew ist weitaus besser. Man muß ihn 
eben zwingen, schwer zu arbeiten. 

Dem armen Serbien wird jetzt der Garaus gemacht — aber das war sein 
Schicksal, hätten wir Österreich es tun lassen, — jetzt ist nichts zu machen, 
es ist wahrscheinlich eine Strafe dafür, daß sie ihren König und ihre Königin 
ermordet haben. Wird jetzt auch Montenegro verschlungen werden, oder 
wird Italien helfen? — O, und Griechenland? Welches schamlose Spiel geht 
dort und in Rumänien vor sich? Ich wollte, man könnte klar sehen. Meine 
persönliche Meinung ist, daß unsere Diplomaten aufgehängt werden sollen. 
Sawinsky ist immer der größte Freund des langnasigen Ferdinand gewesen 
(man sagt, sie hätten denselben Geschmack) ; dies hat er schon immer gesagt, 
noch ehe er dorthin gegangen ist. P. Kozel hat auch nicht seine Pflicht getan, 
und Elim ist gleichfalls ein Narr. Hätten sie nicht kräftiger arbeiten können? 
Man sehe nur, wie die Deutschen nie eine Sache unversucht lassen und wie 
sie dadurch Erfolg haben. 

Unser Freund ist immer gegen diesen Krieg gewesen. Er sagte, die Balkan- 
länder seien nicht wert, daß die Welt um ihretwillen kämpft, und daß Serbien 
ebenso undankbar sein würde, wie Bulgarien sich gezeigt hat. 

Ich hasse den Gedanken, daß Du alle diese Kümmernisse durchmachst 
und ich nicht bei Dir bin. Ich finde, Sassonow hätte bei der griechischen 

125 



Regierung anfragen müssen, warum sie nicht an ihrem Vertrag mit Serbien 
festhält — diese gemeinen, falschen Griechen. 

Tsarskoje Selo, 2. November 1915. 

Wie ängstlich man auf Nachrichten wartet. In Athen ist eine österreichisch- 
deutsche Delegation empfangen worden, sie arbeiten kräftig, um ihr Ziel zu 
erreichen, wir aber sind immer vertrauensvoll und werden immer getäuscht. 
Man muß immer energisch hinter ihnen her sein und ihnen unsere Macht und 
Ausdauer zeigen. Ich sehe schreckliche Verwicklungen voraus, wenn der Krieg 
vorüber und die Frage der Balkangebiete spruchreif sein wird. Ich fürchte, 
daß dann Englands selbstsüchtige Politik mit unserer hart zusammenstoßen 
wird. Es gilt, alles im voraus gut vorzubereiten, damit dann nicht häßliche 
Überraschungen kommen. Gerade jetzt, da sie in großen Schwierigkeiten 
sind, muß man sie fest in die Hand nehmen. 



Etwa zwei Wochen nach dem hier folgenden Brief der Zarin wird der dem 
Reichsrat angehörige Adelsmarschall des Gouvernements Samara, Naumow, zum 
Verweser des Ackerbauministeriums ernannt. — Die gegen Schluß des Briefes ge- 
nannte iElena ist die einzige, seit 191 1 mit dem Prinzen Joan von Rußland ver- 
heiratete Tochter des Königs Peter von Serbien. 

Tsarskoje Selo, 3. November 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Ich fange meinen Brief heute abend an, um nicht zu vergessen, was Chwo- 
stow Ania gebeten hat, mir zu sagen. 

I. Es scheint, daß der alte Mann Naumow das Ministerium nicht in netter 
Form angetragen hat, so daß dieser sich gezwungen sah, abzulehnen. Seither 
hat Chwostow Naumow gesehen, er ist sicher, daß er annehmen würde. Er 
würde auch glücklich sein, wenn Du ihn einfach ernennen würdest. Ich 
glaube, Bjeletzky hat früher mit ihm gearbeitet. Da er sehr reich ist (seine 
Frau ist die Tochter des MilHonärs Uschkow), so ist er nicht der Mann, um 
Bestechxmgen anzunehmen — und der, den Goremykin in Vorschlag bringt, 
taugt nicht viel — habe seinen Namen vergessen. 

II. Jetzt zu Rodzianko von der Duma. Chwostow ist der Meinung, er sollte 
jetzt einen Orden erhalten, das würde ihm schmeicheln, und er würde dadurch 
in den Augen der Linksparteien verlieren, weil er eine Belohnung von Dir 
angenommen hat. Unser Freund sagt auch, daß es gut wäre, so zu handeln. 
Es ist gewiß äußerst unsympathisch, die Zeiten sind aber leider jetzt derart, 
daß man aus Klugheit gezwungen ist, manches zu tun, was man lieber nicht 
tun möchte. 

126 



III. Er bittet femer, daß der Polizeimeister von Moskau gerade jetzt 
nicht entlassen wird, da er viele Fäden in der Hand hält, denn er hat 
früher der Geheimpolizei angehört. Unser Spirido witsch wäre dort nicht am 
Platze, denn er soll jetzt in zweiter Ehe eine frühere Bänkelsängerin ge- 
heiratet haben — ich glaube, daß man ihn eher für einen Gouvemeurposten 
weit weg von hier in Aussicht nehmen sollte. 

IV. Er bittet Dich, Ksiunin nicht nach Sibirien verbannen zu lassen, da 
zwei Generäle ihm die falsche Nachricht von unserer Landung in Bulgarien 
gegeben haben (er wird Dir die Namen überbringen) — der Mann schreibt 
gut in den Zeitungen, und eine Rüge mag daher genügend sein. 

V. Hast Du ein Telegramm von einer Frau erhalten, in dem sie sagt, Du 
müßtest Ella vmd mich in ein Kloster sperren? Er habe etwas Derartiges 
gehört, und wenn es wahr sei, so müsse sie beobachtet werden, und man müsse 
ermitteln, was für ein Mensch sie ist. . . . 

4. November. 

Wenn Du sichere Nachrichten über Rumänien oder Griechenland erhältst, 
so sei so lieb und teile sie mir mit. Elena fürchtet um ihren Vater, denn 
er sagte, wenn das Schlimmste einträte, so würde er mit seiner Armee sterben 
— oder er würde Selbstmord begehen . . . 

Es ist gut, daß Du fem von hier bist. Hier ist die „Atmosphäre" so schwer 
und niederdrückend. Ich bedaure, daß Deine Mama in die Stadt zurück- 
gekehrt ist, fürchte, man wird ihre armen Ohren mit unfreundlichem Klatsch 
füllen. O Lieber, wie lebensmüde ist man in diesem Jahr, und die ständige 
Sorge und Angst — man möchte einen langen Schlaf tun und alles und den 
nächtlichen Albdruck vergessen. Aber Gott wird helfen. Wenn man sich 
nicht wohl fühlt, schlägt alles einen noch mehr nieder — andere sehen es 
freilich nicht. — Unser Freund findet, Chwostow sollte nicht Drenteln die 
Hand schütteln nach einem so beleidigenden Brief — aber ich denke, Dren- 
teln wird ihn von selbst meiden — bin so bekümmert für den armen Dicken . . . 

Lies diesen Zettel, bevor Du Chwostow empfängst. Er wünscht, daß ich 
Dich auf einige Fragen vorbereite. 



Der in dem folgenden Brief erwähnte Joy ist der Lieblingshund des Thron- 
folgers, ein brauner Spaniol. 

Tsarskoje Selo, 5. November 1915. 
Mein Engel! 

Wie reizend Alexeis Photographien sind, die eine stehende Figur sollte 
als Postkarte verkauft werden — nein, wirkhch, beide sollten es. Bitte, 
lasse Dich mit Baby aufnehmen, auch für das Publikum, und dann können 
wir die Bilder an die Soldaten verschicken. Wenn ihr im Süden seid, mit 

127 



Kreuz und Medaille, ohne Mantel mit Mütze, und wenn im Hauptquartier 
oder auf dem Wege dahin, in der Nähe eines Waldes in Mantel und Pelzmütze 
— Fredericksz hat mich um meine Ansicht gefragt, ob man erlauben sollte, 
Baby und Joy im Kino öffentlich zu zeigen ; da ich den Film nicht gesehen habe, 
kann ich darüber nicht urteilen, ich überlasse daher Dir die Entscheidimg. Baby 
hat Mr. Gilliard gesagt, es wäre albern, ihn zu zeigen ,,faisant des pirouettes", 
auch sähe der Hund auf dem Bilde klüger aus als er — mir gefällt das. 



Während in Rumänien die Rüstungen für den Eintritt in den Krieg fortgehen, 
wollen Alexe jew und sein Generalstab die russische Armee durch das noch neutrale 
rumänische Gebiet durchmarschieren lassen. Der englische Kriegsminister I/ord 
Kitchener reist ,,zur Besichtigting des neuen Kriegsschauplatzes im Orient" über 
Paris nach Athen, wo er von König Konstantin (Tino) empfangen wird, imd kehrt 
über Rom und Paris nach London zurück. Der Zar und der Thronfolger sind in 
Odessa bei der Flotte. 

Tsarskoje Selo, 6. November 1915. 

Mein Liebster! 

Herzlichste Glückwünsche zum Fest Deines lieben Regiments, — Es war 
mir eine außerordentliche Freude, als mir Dein lieber Brief heute früh über- 
bracht wurde, und ich habe ihn mit Küssen bedeckt. Ich danke Dir vielmals, 
daß Du mir geschrieben hast. Es ist ein solcher Trost, von Dir zu hören, 
wenn das Herz traurig und einsam ist und sich nach seinem Genossen sehnt . . . 

Es ist ein guter Plan, die Garden später nach Bessarabien zu schicken, 
nachdem sie neu formiert worden sind und geruht haben. Sie werden dann 
die Vollkommenheit selbst sein. Gott helfe den armen Serben — ich fürchte, 
daß es um sie geschehen ist, und wir können sie nicht rechtzeitig erreichen. — 
Diese gemeinen Griechen, es ist so unfair, sie in der Klemme sitzen zu lassen. 

Unser Freund, den wir gestern abend sprachen, als er Dir das Telegramm 
schickte, drückte die Besorgnis aus, wir könnten, wenn wir nicht eine große 
Armee haben, mit der wir durch Rumänien marschieren, von rückwärts in 
einer Falle gefangen werden. 

Alexejew ist 100 langnasige Sassonows wert. Dieser scheint, milde gesagt, 
ein wenig schwach zu sein. 

Tsarskoje Selo, 8. November 1915. 

Aus den Berichten, die Grigorowitsch schickt (ich bin so dankbar, daß 
Du sie mir zugänglich machst wie im allgemeinen alle interessanten Sachen), 
ersieht man, wie viele Kanonen und Truppen sie nach Bulgarien schicken. 
Zum Teufel mit diesen Unterseebooten, die die Flotte und die Landung bie- 
hindern, und sie haben Zeit, so viele zusammenzuziehen. 

Wenn eines Tages unsere Truppen in Konstantinopel einziehen, möchte 
er, daß eins meiner Regimenter das erste ist, ich weiß nicht, warum. 

128 



Tsarskoje Selo, 9. November 1915. 



In einer deutschen Zeitung steht, daß, ,, während die Verbündeten die 
Zeit mit Erörterungen über Rumänien vergeuden, wir imd die Bulgaren keine 
Zeit vergeuden, sondern unsere Vorbereitungen treffen". — Ja, sie trödehi 
nie, während unsere Diplomaten sich jammervoll benehmen. Ich bin neu- 
gierig, ob der energische Kitchener bei Tino etwas avisrichten wird. — Könnte 
man nur der deutschen Unterseeboote im Schwarzen Meere habhaft werden. 
Sie schicken immer mehr aus und werden unsere Flotte vollständig lähmen. 
Alles, was Wesselkin Dir mitzuteilen haben wird, ist interessant. Ich hoffe, 
daß sie überall gute Befestigungen usw. längs der rumänischen und bulgarischen 
Grenze anlegen. Es ist immer besser, sich auf das Schlimmste einzurichten, 
da die Deutschen jetzt alle ihre Kräfte dort unten zusammenzuziehen scheinen. 
Es erscheint unsinnig, daß ich alles dieses schreibe, da Du doch tausendmal 
besser weißt als ich, was zu geschehen hat; — ich habe niemanden, mit dem 
ich über solche Dinge sprechen könnte ; — aber welch eine Menge Menschen 
sie dort hinimterschicken, ich wünsche, wir könnten ims ein bißchen beeilen. 

Tsarskoje Selo, 10. November 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Es scheint jeden Morgen dimkler zu werden — der Schnee ist fast ganz 
fort, und wir haben einige Grad Wärme. — Jetzt müssen die Briefe viel 
früher abgeschickt werden, es scheint, daß die Züge geändert worden sind. — 
Beiläufig bemerkt, hast Du angeordnet, daß ein Senator die Eisenbaimen 
und Kohlenlager inspiziert und da zusieht, daß alles in Gang kommt — denn 
es ist wirklich eine Schande. In Moskau hat niemand Butter, und hier sind 
auch viele Sachen knapp, imd die Preise sehr hoch, so daß es selbst reichen 
Leuten schwerfällt, zu leben — und alles das ist in Deutschland bekannt, 
und man freut sich dort über unsere schlechte Organisation, was auch durch- 
aus wahr ist . . . 

Wolzin wird eine ordentHche ,,Aufmuntenmg" von Dir brauchen, er ist 
weich imd furchtsam. Wo die Sache mit Wamawa schon nahezu geregelt 
ist, schreibt er ihm plötzhch privat, er soUe um seine Enthebimg bitten. Der 
jüngere Chwostow sagte ihm, das sei sehr unrecht — aber er ist ein Feigling 
und hat Furcht vor der öff entheben Meinung. Wenn Du ihn also siehst, gib 
ihm zu verstehen, daß er zuerst Dir und der Kirche zu dienen hat — und 
daß das die Gesellschaft oder die Duma nichts angeht . . . 

Die im September vertagte Duma soll im November wieder zusammentreten. 
Aber unter Goremykin ist das nicht möglich; er würde niedergeschrien werden. 
Es wird nötig, sich nach einem andern Ministerpräsidenten umzusehen. Die Zarin 
sträubt sich gegen diese Einsicht, denn Rasputin hält ihn noch immer. 



Die letzte Zarin. 



129 



Tsarskoje Selo, ii. November 1915. 



Hier in der Stadt murrt man schrecklich gegen den guten alten Goremykin, 
der so verzweifelt ist. Morgen wird Grigori den alten Chwostow sprechen, und 
ich werde ihn am Abend sehen. — Er möchte mir sagen, ob er ihn für einen 
einen würdigen Nachfolger Goremykins hält. Der alte Chwostow empfängt 
ihn im Ministerium wie einen Bittsteller. 



Die Fürstin Olga Orlow liat um eine Audienz in Tsarskoje Selo nachgesucht, 
um für ihren Gatten zu bitten, den aus den früheren Briefen bekannten ,, dicken" 
Orlow. Die Zarin hat zuerst in Gegenwart der Großfürstinnen Olga und Anastasia, 
dann allein mit ihr gesprochen. Fürstin Orlow beschwört die Zarin, nicht an das 
verleumderische Gerede über ihren Mann zu glauben. ..TBitama" ist die jüngere 
Tochter des Grafen Fredericksz, Ehrendame der Zarin und der Zarinmutter, ,,die 
alte Gräfin" ist die alte Gräfin Fredericksz. Pitirim wird Nachfolger des bisherigen 
Metropoliten von Petersburg Wladimir, der nach Kiew versetzt wird. 

Tsarskoje Selo, 12. November 1915. 

Wir müssen alles mit Vertrauen imd gläubig in Gottes Hände legen. — 
Das Leben ist ein Rätsel, die Zukimft hinter einem Vorhang verborgen, und 
wenn ich unsere große Olga ansehe, so ist mein Herz bewegt, und ich 
möchte wissen, was ihr bevorsteht — was ihr Schicksal sein wird . . . 

Ania ist an ihren Krücken, von Schuk. geführt, vom Feodorow-Lazarett 
durch unseren Garten zur Znamenia gegangen, natürlich viel zu weit, schon 
zweimal, und jetzt ist sie sehr matt davon . . . 

Stelle Dir vor, Olga Orlow hat ihrer Freundin Emma telephoniert (sie 
hat mit Mimi gebrochen, weil diese an Wojeikow alles schlecht fand), daß sie 
mich gesehen und nicht ein Wort über ihre Angelegenheit mit mir gesprochen 
habe — solch eine Lüge ! Und wenngleich sie mir ihr Ehrenwort gab, daß sie 
nie etwas gegen mich gesprochen habe, sagte die alte Gräfin doch, daß sie 
tatsächlich gegen mich gesprochen habe; und sie sagte, sie habe in Livadia 
gegenüber ihrer Freundin Emma häßliche Andeutungen über mich gemacht, 
Sie aber, Olga Orlow, sagt, sie habe nie versucht, den Ruf einer Frau anzu- 
tasten, würde es auch nie tun. Ein Lügennest. Diese Lügen berühren mich 
aber nicht, weil ich weiß, daß beides Lügnerinnen sind, nur hasse ich Ehren- 
worte, weil man nicht weiß, was man darauf antworten soll . . . 

Liebling, ich vergaß. Dir von Pitirim zu sprechen, dem Metropoliten von 
Georgien — alle Zeitungen sind voll von seiner Abreise aus dem Kaukasus, 
und wie sehr beliebt er dort war! Ich sende Dir einen Ausschnitt, um Dir 
einen Begriff zu geben von der Liebe und Dankbarkeit, die man dort für ihn 

130 



hegt. Das zeigt, daß er ein würdiger Mann ist und ein großer „Arbeiter im 
Herrn", wie unser Freund sagt. Er sieht Wolzins Furchtsamkeit voraus, und 
daß er versuchen wird, Dir abzuraten, er bittet Dich aber, fest zu sein, da 
er der einzige taugliche Mann ist. Für seinen Ersatz hat er niemand zu 
empfehlen, bis auf den, der in Bielowiesch war, ich vermute, es ist der von 
Grodno. Ein guter Mann, sagt er, nur nicht S. P. oder A. W. oder Hermogen, 
sie würden mit ihrem Geist dort alles verderben. 

Der alte Wladimir spricht schon mit Sorge, daß er sicher sei, für Kiew 
emaimt zu werden — es wäre also gut, Du tätest es, sobald Du kommst, um 
Geklatsch und Bitten von Ella zuvorzukommen. 

Tsarskoje Selo, 13. November igiS- 

Ich habe unseren Freund gestern von 5^4 bis 714 bei Ania gesprochen. 
Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß der alte Mann fortgeschickt wird, 
er hat sich darüber Sorge gemacht und über die Frage endlos nachgedacht. 
Er sagt, er sei so sehr weise, und wenn andere Lärm machen und sagen: er 
sitze da zusammengesunken mit geneigtem Haupt, so ist dies, weil er wohl 
einsieht, daß die Menge heute heult, morgen jubelt, und daß man sich nicht 
von den wechselnden Wo^en erdrücken lassen dürfe. Er hält es für besser, 
zu warten, nach dem Willen Gottes sollte man ihn nicht wegschicken. 



Der im folgenden Brief erwähnte Besobrasow ist ein Jilter Günstling des 
Zaren, der bereits in der Vorgeschichte des russisch-japanischen Krieges eine RoUe 
gespielt hat. Er ist jetzt „Hohe Exzellenz", Wirklicher Geheimer Staatsrat und Staats- 
sekretär. — Aschappar, von dessen Tod die Zarin spricht, ist wohl Harry v. Ekesparre 
auf Olbrück, der Sohn des Reichsratsmitglieds Oscar v. E., der im Kriege fiel. 

Tsarskoje Selo, 14. November 1915. 

Ich bin so froh, daß Du Naumow endgültig ernannt hast, und bin voll 
Hoffnung, daß er der rechte Mann sein wird. Er hat mir immer gefallen, 
ich liebe seine offenen Augen, und er hat immer begeistert und eifrig über 
sein Gouvernement gesprochen und über die ganze Arbeit, die zu leisten ist, 
er ist auf alle Einzelheiten eingegangen. Aus ihm spricht die Kenntnis, die 
er persönlich durch Arbeit erworben hat. Besobrasow kam gestern zu mir, 
und wir hatten eine nette Unterhaltung — er sagte, Du habest ihn gerettet. — 
Dann hat sich der Dr. von meinem Zug, der die Leiche des armen Aschappar 
gebracht hat, bei mir eingestellt, um mir alle Einzelheiten zu erzählen, femer ein 
verwundeter Offizier, der zu seinem sibirischen Regiment Nr. 13 zurückkehrt, 
das Du in der Nähe von Riga gesehen haben mußt. — Habe wieder schlecht 

9* 131 



geschlafen, das Herz ist noch erweitert, und der Kopf tut mir ziemhch weh, 
muß aber trotzdem noch zu Paul gehen, da er gebeten hat, mich zu sehen. 



Im zweiten Teil des folgenden Briefes spricht die Zarin von der schweren Er- 
krankung des Großfürsten Paul, die für Leberkrebs gehalten wird, und von der 
Gräfin Hohenfelsen. Georgi ist Pauls Vetter, der zweiundfünf zig jährige Großfürst 
Georgij Michailowitsch, Generalleutnant und Generaladjutant, verheiratet mit der 
Prinzessin Maria von Griechenland. — Feodorow, den die Zarin erwähnt, ist der 
Staatsrat Professor Feodorow, der bekannte Petersburger Chirurg. 

Tsarskoje Selo, 15. November 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Herz und Seele waren überglücklich, als ich Deinen lieben Brief erhielt, 
und ich danke Dir auf das herzlichste dafür. Alles, was Du geschrieben hast, 
war höchst interessant, und es hat mir wohlgetan, zu sehen, wie zufrieden 
Du warst und wie angenehm es Dir war, die von Dir inspizierten Truppen 
in guter Verfassung zu sehen. Ich kann mir die wilde Freude Deiner „Nische- 
gorodsi" und aller übrigen, die hinter Dir herhefen, gut vorstellen — ihr 
Traum, Dich während des Krieges zu sehen, ist in Erfüllung gegangen! . . . 

Nun muß ich Dir, bevor ich es vergesse, eine Botschaft von imserem 
Freund übermitteln, zu der ihn eine nächtliche Vision veranlaßt hat. Er 
bittet Dich, den Befehl zu erteilen, in die Nähe von Riga vorzurücken. Er 
sagt, es sei notwendig, sonst würden sich die Deutschen den ganzen Winter 
hindurch so stark festsetzen, daß es endloses Blutvergießen und Mühe kosten 
wird, sie wieder fortzubringen. Jetzt aber würde es sie so einschüchtern, 
daß es uns gelingen würde, sie zum Rückzug zu veranlassen. Er sagt, gerade 
jetzt sei dies das Wichtigste, und er bittet mich ernstlich, unseren Leuten 
den Befehl zum Vormarsch zu geben. Er sagt, wir können es, und wir müssen 
es, und ich sollte Dir darüber sofort schreiben. — 

Dann etwas von Chwostow. Er sagt, Trepow sei sehr gegen die Revision, 
mit der Du Neidhardt beauftragt hast, und er wünscht nicht, daß dieser sich 
in seine Angelegenheit einmischt. Chwostow aber bittet Dich, an Deinem 
Befehl festzuhalten, und besteht darauf, weil alle Wohlgesinnten, auch in 
der Duma, hoch erfreut sind, da sie einsehen, daß dies die Situation retten 
imd vieles aufklären wird. Chwostow hat begeisterte Telegramme darüber 
gelesen und meint, das werde auch verschiedene Kommissionen betreffen, 
unter anderem werde Gutschkow in seiner wahren Gestalt gezeigt werden, 
und es sei absurd, wenn Trepow sich widersetze. Ich habe ein Schriftstück 
(eine Kopie) von Schakowskoi, in dem er Chwostow bittet, energische Maß- 
regeln zu ergreifen, sonst könne er für das Endergebnis keine Bürgschaft 
übernehmen. Trepow sollte froh sein — ihm wird keine Schuld gegeben, 

132 



denn er ist neu und versucht auch sein Bestes. Chwostow glaubt, es sei sehr 
ratsam, daß Du die Löhne des Eisenbahnpersonals erhöhst; bei der Post war 
das Ergebnis einer solchen Erhöhung eine überaus warmherzige, grenzenlose 
Dankbarkeit Dir gegenüber und hat auch Streiks verhindert, da sie von Dir 
persönUch bewilligt worden war, bevor sie Zeit hatten, sie zu verlangen. Er 
kam heute abend absichtlich zum Diner mit Ania und Bjeletzky, damit ich 
Dir dieses schreibe und damit Du es vor dem Bericht Trepows am Montag 
läsest. — Liebster, Du schriebst mir, daß die Eisenbahnlinie nach Reni alt 
und verfallen sei, bitte, gib kategorischen Befehl, daß sie sofort instand ge- 
setzt wird, damit Unglücksfälle verhindert werden; unsere Sanitätszüge, 
Munition, Nahrungsmittel und Truppen werden es brauchen. Kannst Du 
nicht veranlassen, daß schnell kleine Zweiglinien gelegt werden, um den Ver- 
kehr zu erleichtem, denn wir brauchen dort sehr dringend mehr Linien, sonst 
gerät unser Verkehr ins Stocken, und dies kann während der Winterkämpfe 
schreckliche Folgen haben. Ich schreibe dies aus eigenem Antrieb, weil ich 
sicher bin, daß es geschehen kann, und Du weißt, ach, wie wenig eigene 
Initiative unser Volk hat — sie blicken nie voraus, bis die Katastrophe plötz- 
lich über uns kommt und wir ahnungslos überrascht werden. Wir brauchen 
mehrere kurze Zweigbahnen nach der rumänischen Grenze imd nach Öster- 
reich ; sieh, daß Schwellen für breite Spurweiten im voraus vorbereitet werden ; 
Du erinnerst Dich, welche Mühe es gekostet hat, Lemberg zu erreichen. 

Ich bin bei Paul gewesen, er lag im Schlafzimmer, er darf im Zimmer 
herumgehen und ein wenig in ihrem Lehnstuhl sitzen — er ist schrecklich 
mager, hat aber nicht jene dunklen Flecke auf den Wangen, die mir miß- 
fielen, seine Stimme ist stärker, er ist gesprächig und interessiert sich für 
alles. Ich bat ihn, die Röntgenaufnahmen zu verschieben, bis Feodorow 
zurückkehrt ; Dmitri telegraphierte, Feodorow habe darum gebeten — sie 
betreibt die Dinge in zu großer Eile. Er setzt sein ganzes Vertrauen 
in Feodorow und überläßt es ihm, die Entscheidung über die Operation 
zu treffen. Ihm ist natürlich der Gedanke schrecklich, wenn aber Feo- 
dorow darauf besteht, so wird er es tun; ich würde es nicht riskieren. — - 
Ich habe mich den ganzen Tag wegen meines Herzens sehr elend gefühlt. 
Habe meinen Toll (Ulan) empfangen, der ein Regiment erhält, wie es heißt. 
Deine Pawlograd-Husaren — er weiß es aber noch nicht sicher. Auch Sa- 
moilow ist ein Kandidat für ein Regiment und Arseniew für unsere Brigade. — 
Paul meint, er werde sich wohl genug fühlen, um zu gehen, so sagt sie — 
ich sagte ihr, daß ich das bezweifle; ich habe nicht beruhigend darüber ge- 
sprochen, als wir allein waren, denn sie war so kühl dabei und ihre Augen 
so hart. Du weißt, wie merkwürdig es ist : am Abend, bevor er krank wurde, 
hatte er eine Unterredung mit Georgi im Hauptquartier über unseren Freund. 
Georgi sagte, die Familie nenne ihn einen Anhänger Rasputins, worüber Paul 
wütend wurde und sehr starke Ausdrücke gebrauchte, — und am selben Abend 

133 



wurde er krank. Ihre Nichte hat dies von ihr erfahren — hat es Grigori er- 
zählt, und dieser sagte, unzweifelhaft habe Gott ihm die Krankheit geschickt, 
weil er für einen Mann, den Du achtest, hätte eintreten müssen, und seine 
Seele hätte daran denken müssen, daß er alles von Dir erhalten hat. Er 
brachte auch einen Brief von seiner Frau, worin sie Grigori gebeten hat, mir 
zu schreiben, ich möge für sie beide bitten. Unser Freund war darüber betroffen. 



Die Wiedereinberufung der Duma wird nochmals hinausgeschoben. Die Zarin ist 
unsicher, da Rasputin schwankt. Sie erwähnt aber einen Rat Goremykins, der 
für den Entschluß des Zaren maßgebend wird, und der dann auch den gesuchten Vor- 
wand liefert : Duma und Reichsrat sollen zuerst die Kommissionsarbeiten zur Vorberei- 
tung des Etats erledigen. An der Südfront beginnt die russische Winteroffensive 
in Gahzien bis zum Dnjestr. 

Tsarskoje Selo, 15. November 1915. 
Mein einziger Herzensliebling! 

Ich hatte einen Brief heute schon begonnen, aber eben war Goremykin bei 
mir, und ich bin so in Furcht, bis morgen zu vergessen, was ich Dir zu über- 
mitteln habe. Er sollte heute abend eine Gesamtsitzung des Ministeriums abhal- 
ten, mußte sie aber aufschieben, da Du Trepow bestellt hast — er wird sie nun 
Mittwoch abend abhalten und bittet. Dich am Donnerstag besuchen zu dürfen. 
Er ist über die Ruhe im Innern ganz zuversichtlich, sagt, es wird nichts 
sein. Die jungen Minister, Chwostow und Schakowskoi, sind seines Erachtens 
etwas aufgeregt, bevor ein Grund dazu ist, worauf ich antwortete, es sei besser, 
die Dinge vorauszusehen, als zu schlafen, wie man hier im allgemeinen tut. 

Es fragt sich also, ob man die Duma jetzt zusammenberufen soll — er ist 
dagegen. Sie haben nichts zu tun, das Budget des Finanzministers ist vor 
5 bis 6 Tagen vorgelegt worden, und sie haben die Vorarbeit nicht begonnen, 
die notwendig ist, ehe es der ganzen Duma übergeben wird. Wenn sie müßig 
sitzen, werden sie über Wamawa und imsem Freimd zu schwatzen beginnen 
und sich in Regierungsfragen einmischen, wozu sie kein Recht haben. (Chostow 
und Bjeletzky haben Ania übrigens erzählt, daß der Mann, der die Absicht 
hatte, gegen Grigori zu sprechen, seinen Entwurf zurückgenommen hat, und 
sie sagen, der Gegenstand wird nicht berührt werden.) Gut, das ist also der 
Rat des alten Mannes nach langer Überlegung imd einem gestrigen Gespräch 
mit einem Mitglied der Dimia, dessen Namen er nicht zu erwähnen bat. Er 
möchte Dir raten, zwei Reskripte zu erlassen, das eine an Kulomsin (ich finde, 
den solltest Du absetzen) und das andere an Rodzianko, worin Du als Grund 
angibst, das Budget sei von den Kommissionen noch nicht durchgearbeitet, imd 
deshalb sei es zu früh, die Duma zu versammeln, Rodzianko soll seinen Be- 
richt machen, wenn sie mit ihrer Vorarbeit fertig sind. 

134 



Ich will jetzt zu Ania gehen und sie bitten, ganz privat mit unserm Freund 
darüber zu sprechen, der viel sieht und hört und ,,viel weiß", zu fragen, was 
er segnen würde — obwohl er neulich anders dachte. Goremykin wünscht, 
daß ich Dir all dies schreibe, bevor er Dich sieht, damit Du Dich auf diese 
Unterredung vorbereiten kannst. Immer ruhig, nur sehr unglückhch über seine 
Frau, die jetzt zu allem noch an Asthma leidet imd kaum atmen kann. 

Von Chwostow hörte er, daß alle Deine Befehle an Poliwanow oder seine 
Berichte an Dich Gutschkow gezeigt werden — das kann nicht so weitergehen, 
er spielt ja direkt Deinem Feind in die Hand. Er sagte mir. Du habest ihm 
gegenüber Iwanow erwähnt — dasselbe, glaube ich, sagten auch imser Freimd 
und Chwostow — besonders unser Freund — , dann würde alles in der Duma 
perfekt sein imd alles, was nötig ist, durchgehen. Beljajew ist ein guter Arbeiter, 
und das Prestige des alten Mannes würde das übrige tun. Und er hat sich 
genug geplagt im Krieg — und wenn ja, so hast Du jemand, um ihn zu er- 
setzen, imd es würde vielleicht jetzt gut sein. Dann berührte er andere Fragen, 
die Dich weniger interessieren. — Unser Freund bemerkte neuHch, daß, nur 
wenn wir einen Sieg hätten die Dmna nicht einberufen werden dürfe, sonst 
ja; daß nichts Schlechtes gesagt werden würde; daß der alte Mann ein paar 
Tage krank sein und nicht in der Duma erscheinen müsse — tmd Du solltest 
unerwartet zurückkommen imd ein paar Worte sprechen. Nun, wenn wir 
beisammen sind, werde ich Dir erzählen, was er jetzt sagt . . . 

P. S. Ich habe meinen Brief noch einmal geöffnet — sie sprach mit 
unserem Freund, der sehr betrübt war und meinte, es sei ganz unrichtig, was 
der alte Mann sage. Man müsse die Duma einberufen, und sei es nur für ganz 
kurze Zeit. Besonders wenn Du unerwartet für die anderen zurückkommst, 
wird es glänzend sein, so wie Du es Dir vorher gedacht hast. Es wird, so sagt 
er, gar kein Skandal sein. Man wird keinen Tumult machen, Bjeletzky und 
Chwostow werden sich darum kümmern. Wenn Du sie aber nicht zusammen- 
rufst, wird das unnützes Mißfallen und Geschichten verursachen. Ich war 
sicher, er würde so antworten, und es scheint mir ganz richtig. Wahrscheinhch 
hat man den alten Mann eingeschüchtert, er würde ausgepfiffen werden, näm- 
lich seine Leute, die für ihn persönlich in Sorge waren — weil, so verstand 
ich, die Abgeordneten weggeschickt worden sind, als sie es nicht erwarteten, 
und man sie nicht wieder zwecklos beleidigen kann. Natürhch verabscheut er 
ihre Existenz (wie ich es auch um Rußlands willen tue). Man muß zusehen, 
daß sie sofort und schnell das Budget erledigen. Ich fühle, auch Du wirst 
eher Grigori zustimmen als dem alten Mann, der in der letzten Zeit unrichtig 
handelt und ängstlich ist wegen Grigoris und Wamawas. 

Im Hauptquartier wird mit einer Ansprache des Zaren das Fest des St. Georgs- 
Ordens gefeiert. Die Zarin erfährt, daß der Palastkommandant Wojeikow gegen 
Chwostow arbeitet. 



Tsarskoje Selo, 28. November 1915. 



Lieber, lasse Spiridowitsch nicht zum Polizeichef von Petrograd ernennen — 
ich weiß, er undWojeikow (den Spiridowitsch — traurig, es sagen zumüssen — in 
der Hand hat) möchten diese Stellung für ihn. Ich würde es nicht tun, er ist 
nicht Gentleman genug, hat jetzt eine unnütze Heirat gemacht, und dann wegen 
der Geschichte mit Smolinin in Kiew, es würde nicht gut sein. Man hat ihn zum 
Gouverneur von Astrachan vorgeschlagen (ja?), und er hat abgelehnt ; und dann 
noch, warum, weiß ich nicht: Spiridowitsch hetzt Wo jeikow gegen Chwostow 
auf, mit dem alles zuerst so gut ging. Jetzt muß man erreichen, daß Trepow 
in Harmonie mit Chwostow zusammenarbeitet, es ist der einzige Weg, um die 
Dinge in Ordnung zu bringen, und damit die Arbeit glatt vorwärts geht. 



Tsarskoje Selo, 29. November 1915. 



Mme. Orjewsky will Deiner Mama vorschlagen, daß man sie hierherschicken 
soll, um die Gefangenen anzusehen, was ich vorzüglich finde, da es da Dinge gibt, 
die man sich genau ansehen muß. Unsere Regierung gibt genug Geld für Lebens- 
mittel aus, aber es scheint, daß es nicht so verwendet wird, wie es sollte, ich 
fürchte, unehrliche Leute halten es zurück, und das soll nicht geschehen ; ich bin 
froh, daß sie und ich dieselbe Idee hatten — ich habe kein Recht, mich einzu- 
mischen, und sie kann raten. Gott sei Dank geht es Baby besser, und ich hoffe, 
daß er die Reise gut überstehen wird. 



Sonja ist die Prinzessin Orbeliani, eine der Hofdamen der Zarin. Wladimir 
Nikolajewitsch ist der Leibarzt des Zarewitsch Dr. Derewenko. 

Tsarskoje Selo, i. Dezember 1915. 
Mein einzig Geliebter! 

Dunkel, kalt, 2 Grad Frost. Sonja ist krank geworden, Lungenaffektion 
und Erschöpfungszustand, sie spricht kaum, und wenn sie es tut, kann man 
sie kaum verstehen. Wladimir Nikolajewitsch ist gekommen und wird ihren 
Bruder auch herbringen. Wl. Nik. setzte Schröpfköpfe, während ich dabei 
war — sie nahm keine Notiz davon und hing wie ein Lappen in den Armen 
der beiden Mädchen — ein bemitleidenswerter Anblick, dieser gelähmte 
Körper. In der Nacht wurde es schlimmer, und man holte eine Schwester aus 
dem Großen Palast, um ihr Kampferinjektionen zu machen, und dann wurde 
das Herz ein bißchen besser. Ich weiß, daß sie gern die Heihge Kommunion 
nimmt, wenn sie so krank ist, und so wird man es versuchen und den Priester 
holen, Sie sagte gestern nur: „Wie Mama!" Sie denkt immer an den Tod 

136 



ihrer Mutter, wenn sie sich krank fühlt . . . Ich werde heute früh bald hinauf- 
gehen — auch wenn sie krank ist, ist sie gewöhnt, mich immer in ihrer Nähe 
zu haben. 

Tsarskoje Selo, 2. Dezember 1915. 
Mein Einziger, Süßer! 

Wieder ist ein treues Herz in das unbekannte Land gegangen ! Um ihret- 
willen bin ich froh, daß alles vorüber ist, da im künftigen Leben ein noch 
schlimmeres physisches Leiden auf sie gewartet hätte. Es ging so schnell, daß 
man es noch nicht recht begreifen kann. Sie hegt da wie aus Wachs, ich 
kann es nicht anders nennen, so imähnlich der Sonja, die voll von hellem 
Leben und blühenden Farben war, wie wir sie kannten. Gott nahm sie gnädig 
zu sich, ohne irgendwelche Qualen. Ich schrieb gestern während des Frühstücks 
an Dich, da begann gerade die Besprechung mit Wiltschkowsky, und ich wurde 
zu ihr gerufen. Das Herz war sehr schwach, 39,7, sie nahm gerade die Heilige 
Kommunion (2i4)> konnte ihre Augen nicht öffnen — das einzige, was sie 
sagte, war zu mir: ,, Vergib", das war alles, und dann achtete sie auf nichts 
mehr. Als man sie hielt, damit sie schlucken konnte, begann das Ende. 
Ich bat den Priester, die Gebete zu lesen und ihr die Letzte Ölung zu geben — 
es bringt Friede ins Zimmer, wenn gebetet wird, und ich denke immer, 
es hilft der scheidenden Seele. Sie veränderte sich sehr schnell. Um 4^4 bat 
ihre Tante mich zu gehen und auszuruhen — da legte ich mich in Isas Zimmer 
hin, wir tranken Tee, um 5 Uhr 10 riefen sie mich wieder. Der Priester las 
die Sterbegebete, und sie schlief ganz friedhch ein. Gott lasse ihre Seele in 
Frieden ruhen und segne sie für all ihre große Liebe zu mir diese langen Jahre 
hindurch. Niemals klagte sie über ihre Gesundheit — selbst als sie ge- 
lähmt war, freute sie sich ihres Lebens bis zum Ende. Es war das Herz, das 
aussetzte, sie gaben ihr Kampfer imd andere starke Injektionen, nichts wirkte 
auf das Herz. Was für ein großes Rätsel das Leben doch ist — alle ringsum 
erwarten die Geburt eines menschlichen Wesens — und dann erwarten wieder 
alle das Scheiden einer Seele. Da ist etwas so Großes darin, und man fühlt, wie 
klein wir Sterbhchen sind imd wie groß unser himmhscher Vater. Es ist schwer, 
meine Gedanken und Gefühle auf dem Papier auszudrücken. Ich fühlte, als 
man sie so allein in Gottes Hut entließ, da hätte ich ihrer Seele helfen mögen, 
glücklich zu werden. Die große Andacht und Heiügkeit des Moments über- 
kommt einen — • ein Geheimnis, wie man es sich nur da oben ergründen läßt. . . 

Der Zar reist, nachdem er eine Woche lang in Tsarskoje Selo verweilt hat, von 
neuem ab, diesmal ohne den Zarewitsch. Er geht an die Südfront. Durch einen 
Ukas hat er General Rußky des Oberbefehls der Nordarmee enthoben. Maria, die 
an den Großfürsten Paul schreibt, ist seine Tochter, die Herzogin von Södermanland ; 
Brujewitsch, mit dem sie spricht, ist Rußkys Generalstabschef Oberst Bontsch- 
Brujewitsch. 



Tsarskoje Selo, 12. Dezember 1915. 



Gott sei Dank, Dein Herz kann ruhig sein in bezug auf Alexei, und ich 
hoffe, daß Du ihn zur Zeit Deiner Rückkehr so rund und rosig wiederfinden 
wirst wie früher. — Er wird sehr traurig sein, zurückzubleiben, er wäre so 
gern mit Dir allein gewesen, ganz schon wie ein großer Junge. Trennung ist 
etwas Schreckliches, und man kann sich nicht daran gewöhnen. Nun hsist 
Du lange Zeit niemand, der zärtlich zu Dir ist und Dich küßt — in Gedan- 
ken werde ich das immer tun, mein Engel. Dein Kissen kriegt die Morgen- 
und Abendküsse und manche Träne. Meine Liebe wächst immer noch, und 
das Sehnen nimmt zu . . . 

Möge Deine wundervolle Gegenwart Segen bringen und Erfolg. 



Tsarskoje Selo, 13. Dezember 1915. 



Dinierte oben, imd dann wurde mir ein Brief von Paul gebracht und einer 
an ihn von Maria, alles überRußky, Verzweiflung usw., nach einem Gespräch, 
das sie mit Brujewitsch hatte, der natürlich klagte, daß man hier die Barone 
protegiere — daß, als er zwei vom Roten Kreuz wegschickte, Bjeletzky sie 
wieder geholt habe — daß Rußky gegen den Plan Alexe jews im Süden imd 
gegen den Irrtum Alexejews sei — so, daß Paul mir die Wahl ließ, ob ich seinen 
und Marias Brief Dir senden solle. Ich habe sie ihm mit kurzen Erklärungen 
zurückgegeben — da ich alles mißbillige, was sie schreibt. Als ob man Rußky 
nach seinem Brief an Pohwanow, den Dir dieser angeblich nie gezeigt hat, 
einfach weggeschickt hätte — verkommene Bande. 



Chwostow sucht den Finanzminister Bark aus dem Sattel zu heben; als seinen 
Nachfolger empfiehlt Rasputin einen Moskauer Bankier, den Fürsten Tatitschew, 
dem auch die Zarin ihre Stimme gibt. 



Tsarskoje Selo, 19. Dezember 1915. 



Wie gespannt bin ich, was für Nachrichten Du von der Front hast : Gehen 
die Bewegungen befriedigend vorwärts ? Schwarze Krähen krächzen Warums und 
Weshalbs. Im Winter ein solches Unternehmen! Aber ich finde, wir haben 
kein Recht, darüber zu urteilen. Du und Alexejew, Ihr habt Eure Berech- 
nungen und Pläne gemacht, imd wir können nur von Herzen und von ganzer 
Seele für den Erfolg beten, imd der wird gewinnen, der zu warten versteht. 
Es ist bitter schwer und hart, aber ohne große Geduld, Treue und Glauben 
kann nichts vollbracht werden. Gott versucht uns immer, und wenn wir es 
am wenigsten erwarten, sendet er seine Belohnung und seinen Trost. Und 



138 



wie anders wird alles im Innern sein, wenn unsere Waffen mit Erfolg gekrönt 
sein werden! 

Wir redeten lange mit Chwostow über die Zufuhrfrage. Er sagte, die 
Minister möchten wirklich gern zusammenarbeiten (außer Pohwanow und 
Bark), aber es liegt an der Duma, wo sich siebzigköpfige Kommissionen damit 
beschäftigen, die Macht des Innenministers ist infolgedessen sehr vermindert, 
denn er kann keine eigenen Maßnahmen treffen, ohne sie vor die Kommission 
gebracht zu haben. Sicherlich kann mit derartig gebundenen Händen wenig 
fertiggebracht werden — er sagte es neulich in der Duma, und sie hielten den 
Mund. Darum bat er mich, Dich an die Unterredung mit ihm zu erinnern, wo 
er Dich bat, einen Befehl zu geben — an den Ministerrat (glaube ich), damit 
das Volk erfahre, daß Du an seine Bedürfnisse denkst und es nicht vergißt — 
das würde sehr helfen, aber als ein moralisches Band, um ihnen zu zeigen, 
daß Du, obgleich Du im Kriege bist, an ihre Bedürfnisse denkst. Ich fürchte, 
ich erkläre die Sache nicht richtig, aber ich habe Kopfweh. Ich mußte soviel 
durchlesen, gestern war ich todmüde, denn ich mußte Sonjas Sachen mit ihrem 
Bruder durchsehen — und Weihnachtsgeschenke aussuchen und empfangen . . . 

Ein Mensch, von dem nicht nur „Schweif", sondern auch viele gutgesinnte 
Leute nichts halten, und den sie nicht auf der Höhe seiner Stellung finden, ist 
Bark. Er hilft Chwostow sicher nicht — man hat ihn so lange um Geld ge- 
beten, um die „Nowoje Wremja" teilweise zu kaufen (die Minister sagten es 
leider Bark statt Chwostow, der es sicherlich durchgesetzt hätte, während 
Bark aus persönlichen Gründen die Sache hinschleppt) — und das Resultat 
ist, daß Gutschkow mit Juden, Rubinsteins usw. das Blatt kauft und sie ihre 
eigenen frechen Artikel hineinsetzen. Er selbst fühlt sich nicht mehr sehr fest 
auf seinem Sitz, seitdem die anderen Minister, die jenen Brief mitunterzeich- 
neten, zum Teil abgegangen sind, und so versucht er es mehr oder weniger 
mit der Partei von Gutschkow zu halten. Man sagt, ein tüchtiger Finanz- 
minister könne Gutschkow leicht eine Falle stellen und ihn imschädlich 
machen, sobald er einmal kein Geld mehr von den Juden haben wird. 

Fürst Tatitschew, den ich gesehen habe (er war in der Kavallerieschule, 
nein, im Kadettenkorps, ich glaube mit dem Kommandanten, und er ist sein 
guter Freund), ein sehr maßgebender Mann, er kennt und verehrt imseren 
Freund tief und steht mit Chwostow ausgezeichnet, außerdem besteht eine 
gewisse Beziehung zwischen ihnen — ist ein sehr loyaler Mann, der Dir und 
Rußland nur Gutes wünscht. Sein Name ist in vieler Munde als der eines 
Mannes, der imstande ist, die finanzielle Lage zu retten und die Dummheiten, 
die Bark gemacht hat, gutzumachen. Er ist ein Mann mit eigener Meinung 
und sucht nichts für sich persönlich, ist reich, ist ein Fürst und ist ein Feind 
der Clique Tjutschew und Samarin. Er ist von unserer eigenen Partei und wird 
uns nicht verraten; und wie Chwostow sagt: daß er unseren Fretmd liebt, ist 
sicher ein Segen und ein Gewinn. Denk über ihn nach, und wenn Du Chwostow 

139 



siehst, sprich über ihn, da er natürhch nicht das Recht hat, sich in Dinge zu 
mischen, die ihn nicht betreffen, aber sie würden harmonisch miteinander 
arbeiten. Er haßt Gutschkow mid die Moskauer Typen. 



Der Zar wird (am i. Januar des Greg. Kai.) durch König Georg von England zum 
britischen Feldmarschall ernannt und hält tags darauf bei einer Parade in Petersburg 
eine Ansprache an die Ritter des St. Georgs-Ordens, worin er jeden Gedanken an 
einen Friedensschluß, ehe der Feind vom russischen Gebiet vertrieben sei, zurück- 
weist. An der bessarabischen Front dauert die russische Winteroffensive an; sie ist 
trotz blutiger Opfer erfolglos. 

Tsarskoje Selo, 20. Dezember 1915. 

Daß Du nun enghscher Feldmarschall bist ! Das ist hübsch. Jetzt werde 
ich ein hübsches Bild der englischen, schottischen und irischen Schutz- 
heiligen bestellen, Sankt Georg, Sankt Michael, Sankt Andreas, um die eng- 
hsche Armee damit zu segnen. Eigentlich ist Sankt Patrick der irische. Ich 
las heute in der Mappe, was Du über unseren Vormarsch nach dem Süden ge- 
schrieben hast, bis zu den Drahtverhauen imd so weiter. Gott segne unsere 
Truppen mit Erfolg. 



Der in dem folgenden Brief genannte Mitja Orbeliani ist der Bruder der Prinzessin 
Orbeliani, Oberst der Chevalier-Garden und Adjutant des Großfürsten Alexander 
Michailowitsch, des Schwagers des Zaren. 

Tsarskoje Selo, 21. Dezember 1915. 

Ich hatte Mitja Orbeliani hier, um die Juwelen der kleinen Sonja durch- 
zusehen und sie nach ihren Wünschen zu verteilen — es war schmerzlich, alle 
die kleinen Sachen zu sehen, die sie so gern hatte. 

Tsarskoje Selo, 22. Dezember 1915. 

Wie merkwürdig muß es für Dich gewesen sein, die Truppen an all den 
Orten zu sehen, die Du von dem alten Hauptquartier kennst. Gehen wir 
weiter vorwärts oder stecken wir fest seit dem Rückzug? Im Süden scheinen 
wir viele Gefangene gemacht zu haben und langsam, aber sicher, vorwärts- 
zukommen. 

30. Dezember 191 5. 
Mein einzig Geliebter! 

Nun bist Du wieder fort, aUein, imd mit einem sehr schweren Herzen 
trenne ich mich von Dir. Keine Küsse und zärtUchen Liebkosungen mehr für 
so lange, ich möchte mich in Dir vergraben, Dich fest in meinen Armen halten 

140 



— Dich meine innige Liebe fühlen lassen. Du bist mein wahres Leben, mein 
Süßer, und jede Trennung verursacht so endloses Herzweh — ein Losreißen 
von etwas, was einem das Teuerste und Heiligste ist. Gott gebe, daß es nicht 
für leinge ist. — Andere würden mich zweifellos närrisch und sentimental finden 

— aber ich fühle zu tief und innig und meine Liebe ist imergründhch tief, 
Lieber! Und ich weiß, daß Dein Herz von Sorgen und Weh beschwert ist — 
so vieles Ernstes, so eine schwere Verantwortung, die ich mit Dir teilen und 
deren Gewicht ich auf meine Schultern nehmen möchte. Man betet und hofft 
wieder und vertraut und ist geduldig, daß es zu seiner Zeit besser werden wird, 
imd daß Du und Dein Land für alles Herzweh und Blutvergießen entschädigt 
werden. Meine Gebete brennen wie Kerzen vor Gottes Thron. Ich habe 
um Sieg und Erfolg gebetet, und wo die gerechte Sache ist, wird sich ja schließ- 
lich zeigen. 



1916 



Tsarskoje Selo, i. Januar 1916. 



Ania brachte eine Blume von unserem Freund für Dich mit seinem Segen, 
seiner Liebe und vielen guten Wünschen. 



Die Briefe, die die Zarin übersendet, sind Schmähbriefe gegen Rasputin. — 
Boris Wassiltschikow ist der Fürst Boris Alexandrowitsch Wassiltschikow, Mitglied 
des Reichsrates und Stallmeister. 

Tsarskoje Selo, 3. Januar 1916. 

Ich bin betrübt, daß man Mascha den Hofrang nimmt, aber da das nun 
doch geschieht, so empfehle ich Dir Gentlemen, die sich allerlei Dinge erlauben 
und deren goldene Röcke und Achselstücke ihnen in Zukunft weggenommen 
werden könnten. Gib Maximo witsch Order, daß er auf den Adelsklub achtet. 
Chwostow hat Fredericksz gebeten, ihm zu helfen, aber der hat die Not- 
wendigkeit nicht begriffen oder wollte es nicht. — Ach, Boris Wassiltschikow 
hat sich sehr zum SchHmmen geändert und manch anderer auch — o, sie 
sollen Deine Macht fühlen, man muß streng sein . . . 

Ich schicke Dir eine ganze Sammlung Briefe. Entschuldige meine schlechte 
Schrift, ich weiß nicht, warum ich nicht schreiben kann, nicht einmal mit 
dieser Füllfeder, wahrscheinlich weil sie so hart ist. Ich lege eine Postkarte 
mit Babys Bild ein, das Hahn gemacht hat, als wir im Hauptquartier waren, 
es ist so gut. Es schneit. — Wie dumm ich schreibe. Aber ich bin nieder- 
geschlagen, und in düsterer Laune kann man nicht gut schreiben. Die Kinder 
essen im Nebenzimmer, plaudern und schießen mit ihren Spielpistolen. — 
O mein süßer Engel — mein Eigen, mein Eigenster — ich sehne mich so, daß 
Deine liebenden Arme mich umschließen, mich festhalten. Der Trost Deines 
lieben Briefes ! Ich lese ihn immerfort und danke Gott, daß ich Dir wirklich 
etwas sein kann — ich sehne mich danach — ich liebe Dich so innig mit jeder 
Fiber meines Herzens. Gott segne Dich, mein Sonnenlicht, mein Ein und 
Alles — ich kl'sse und küsse Dich ohne Ende, bitte unablässig, Gott möge 
unsere Gebete erhören und uns Trost, Stärke, Erfolg, Sieg, Frieden, Frieden 

142 



in jedem Sinne schicken — man ist so todmüde und schwach von all dem 
Elend. — 

Immer, mein geliebter Mann, Leben meines Lebens und Segen, Dankbar- 
keit für jede Sekunde der Liebe, die Du mir geschenkt hast. Dein Frauchen. 



Goremykins Verabschiedung wird jetzt immer gewisser. Zum erstemnal nennt 
die Zarin den Namen des streng reaktionären Hofmeisters Boris Wladimirowitsch 
Stürmer, Mitglied des Reichsrats. Er ist 67 Jahre alt, war Gutsbesitzer im Gou- 
vernement Twer, dann Gouverneur imd zuletzt Direktor der Allgemeinen Abteilung 
im Ministerium des Innern, hat jedoch seit der ersten Revolution keine leitende 
Stellung mehr begleitet. S. I. T. ist Sophia Iwanowna Tintschew. 

Tsarskoje Selo, 4. Januar 1916. 

Gutschkow ist sehr krank. Ich wünschte, er ginge ins Jenseits ab zum 
Segen für Dich und Rußland, so ist es kein sündiger Wunsch . . . 

Süßer, denkst Du nun ernstlich an Stürmer, ich glaube, es lohnt sich, daß 
man es trotz seines deutschen Namens mit ihm wagt, man weiß ja, was für 
ein redlicher Arbeiter er ist (ich glaube. Deine alte Korrespondentin sprach 
von ihm), und er wird gut mit den neuen energischen Ministern arbeiten. Ich 
sehe, sie haben sich alle nach verschiedenen Richtungen umgesehen, um zu 
prüfen und die Dinge mit ihren eigenen Augen zu sehen — das ist gut — 
auch daß die Mechtelei zwischen Moskau und Petrograd bald aufhören wird. 



An der Kaukasusfront greifen die Russen die vorgeschobenen Stellungen des tür- 
kischen Zentrums an. Ihre Umgehungsversuche scheitern. Der Großfürst Georgij 
Michailowitsch reist (mit dem Generaladjutanten Tatitschew) nach Tokio, um dort 
an der Krönungsfeier des neuen Mikado teilzunehmen und über eine Anleihe zu ver- 
handeln, die er auch erhält. Cettinje fällt. Die Erlaubnis zur Feier von Wilhelms II. 
Geburtstag bezieht sich natürlich auf die deutschen Gefangenen. 

Tsarskoje Selo, 5. Januar 1916. 

Wie erfreulich, daß die Dinge im Kaukasus gut gehen — was Grigorowitschs 
Berichte nach deutschen und österreichischen Quellen sagen, ist natürlich 
immer verschieden — und was die rumänische Front betrifft, so hatten sie 
Glück und wir schreckliche Verluste — aber das letztere wußtest Du schon 
hier, ja? Und um es nicht zu schrecklich werden zu lassen, hörtest Du 
auf. — Gutschkow geht es besser!! — 

Mit ja Benckendorff erzählte bei Paul, daß Mascha Briefe von Ernie mit- 
gebracht habe. Ania sagte, sie wisse nichts davon, und Paul sagte, das sei 

143 



wahr. Wer hat ihm das erzählt ? Sie finden alle, es sei richtig gewesen, daß ihr 
ihr Hofrang genommen wurde. (Ich persönHch finde, daß S. J. T. und Lili, 
die sich so schlecht benahmen und meine persönlichen Ehrendamen waren, 
viel eher hätten leiden müssen, und andere auch.) Es scheint, daß ein Brief 
von einer Prinzessin Galitzin an sie gedruckt worden ist, ein schrecklicher 
Brief, der sie anklagt, sie sei eine Spionin (was ich immer noch nicht glaube, 
obwohl sie sehr unrecht gehandelt hat aus Stupidität und, fürchte ich, aus 
Geldgier). 

Ich las einen endlosen Brief von Max an Vicky, er wünschte, daß ich ihn 
läse — er versucht, gerecht zu sein, aber es war mehr als schmerzlich, da 
manches leider wahr war über hier und die Gefangenen — ich kann nur wieder- 
holen, daß ich finde, man müßte einen höhergestellten Beamten mit Mme. 
Orjewsky absenden, um unsere Gefängnisse, besonders in Sibirien, zu in- 
spizieren. Es ist so weit weg, und leider erfüllen die Leute in unserem Lande 
nur selten ihre Pflicht, besonders wenn sie außer Sichtweite sind. Der Brief 
packte mich, viel Wahres war darin, und auch falsche Dinge, und er sagt, 
die Unseren wollen keine Vorwürfe gegen die Behandlung hier glauben (ebenso 
umgekehrt). Ich sah, was die Schwestern ihm erzählt hatten, auch über die 
Kosaken. Aber all dies ist zu schmerzlich, nur finde ich, daß er recht hat, 
wenn er sagt, sie haben nicht Lebensmittel genug, um ihre Gefangenen zu er- 
nähren, da alle ihnen die Lebensmittel von auswärts abschneiden (die Zufuhr 
aus der Türkei jetzt ist, glaube ich, ein großer Gewinn für sie), und wir können 
mehr Lebensmittel geben — und mehr Fett wird gebraucht, und in Sibirien 
gehen die Züge richtig — und wärmere Baracken und mehr Sauberkeit. Außer 
um der Menschlichkeit willen — , deshalb, weil nicht schlecht von unserer 
Gefangenenbehandlung gesprochen werden darf — , möchte man strenge 
Befehle geben, und daß die, die sie nicht erfüllen, bestraft werden — aber ich 
habe nicht das Recht, mich als , »Deutsche" darum zu kümmern, einige rohe 
und dumme Menschen nennen mich wahrscheinlich so, um meine Einmischung 
zu hindern. Unsere Kälte ist zu intensiv, mit mehr Nahrung kann man ihr 
Leben retten — looo sind gestorben — unser Klima ist so schrecklich ver- 
heerend. Ich hoffe, daß Georgi und Tatitschew auf ihrer Reise alles inspi- 
zieren werden — besonders die kleinen Städte, und ihre Nasen in alles 
hineinstecken werden, da man doch auf den ersten Blick nicht alles be- 
merken kann . . . 

Ich lese, daß Cettinje geräumt ist und daß ihre Truppen umzingelt sind 
— nun bezahlen der König und seine Söhne und seine schwarzen Töchter, 
die den Krieg so toll herbeiwünschten, für alle ihre Sünden gegen Dich und 
Gott, als sie gegen unseren Freund vorgingen und doch wußten, wer er ist ! 
Gott rächt sich ! Nur um das Volk tut es mir leid, solche Helden — und die 
Italiener sind selbstsüchtige Bestien, daß sie sie im Stich gelassen haben — 
Feiglinge ! 

144 



Tsarskoje Selo, 6. Januar 1916. 



Unser Freund ist betrübt über das Volk von Montenegro und daß der Feind 
alles nimmt, und ist so traurig, daß er so vom Glück begleitet ist — aber 
er sagt immer, der Endsieg wird unser sein, aber mit großer Schwierigkeit, 
denn der Feind ist so stark. Er bedauert, daß man mit den Operationen 
begonnen hat, ohne daß man ihn, glaube ich, gefragt hat — er würde zum 
Abwarten geraten haben. Er betet immer und denkt daran, wenn der richtige 
Augenblick gekommen ist, vorzugehen, um nicht nutzlos Leute zu verlieren . . . 

Ich schicke Dir eine Petition unseres Freundes, es handelt sich um eine 
militärische Angelegenheit. Er schickte sie ohne ein Wort der Erklärung. 
Und dann ein Brief von Ania . . . 

Lieber, Du verbrennst doch ihre Briefe, so daß sie niemals jemand in die 
Hände fallen? 

Tsarskoje Selo, 7. Januar 1916. 

Liebling, ich weiß nicht, aber ich würde immer noch an Stürmer denken, 
sein Kopf ist noch völlig frisch genug. Du siehst, daß Chwostow etwas darauf 
hofft, diese Stellung zu bekommen, aber er ist zu jimg. Stürmer würde es 
für eine Weile tun, und dann später, wenn Du einen andern finden willst, 
kannst Du wechseln, nur laß ihn seinen Namen nicht ändern, das würde 
ihm mehr Schaden tun, als wenn er seinen alten ehrwürdigen behielte. Wie 
Du Dich erinnerst, sagte Grigori das — und er schätzt Grigori sehr, was sehr 
bedeutungsvoll ist . . . 

Ich habe solches Verlangen nach Deinen Liebkosimgen, sehne mich danach. 
Dich in meinen Armen zu halten und meinen Kopf an Deine Schulter zu 
legen wie im Bett und mich festzunesteln und ganz still an Deinem Herzen 
zu liegen und mich friedlich und in Ruhe zu fühlen. So viel Sorge und Schmerz, 
Weh und Prüfungen, man wird so müde und muß sich aufrechterhalten und 
stark sein, um allem ins Gesicht zu sehen. Ich hätte so gern unsern Freimd 
gesehen, aber ich rufe ihn niemals ins Haus, wenn Du nicht da bist, denn die 
Leute sind so bösartig. Nun behaupten sie, er hätte eine Berufung an die 
F.-Kathedrale bekommen, was ihn auch verpflichte, alle Lampen im Palast 
in allen Zimmern anzuzünden ! Man weiß, was das bedeutet — aber das ist 
so idiotisch, daß jeder vernünftige Mensch nur darüber lachen kann; — und 
das tue ich auch . . . 

Ich schhef sehr schlecht und fühle mich idiotisch, darum will ich auf den 
Balkon hinausgehen — ein Grad Wärme — und Isa wird mir Gesellschaft 
leisten ... 

Hast Du den Befehl wiederholt, daß Wilhelms Geburtstag ebenso gefeiert 
werden darf, wie Dein Namenstag gefeiert worden ist ? — Hast Du wieder 
daran gedacht, daß es Leuten von der Duma wie z. B. Gutschkow nicht mehr 

10 Die letzte Zarin 145 



erlaubt werden sollte, an die Front zu gehen und zu den Truppen zu sprechen? 
Er ist genesen, ehrlich muß ich ,, leider" sagen. Man hat Messen für ihn in 
der Kathedrale angeordnet, und jetzt wird er in den Augen seiner Bewunderer 
erst recht ein Held. 



Nochmals drängt die Zarin auf eine Berufung Stürmers ins Hauptquartier. Sie 
führt neue, leidenschaftliche Beschwerde über die Militärfronde und ihre antidynasti- 
schen Umtriebe. Dmitri, der Sohn des Großfürsten Paul, erregt wiederum Ärgernis. 

Tsarskoje Selo, 8. Januar 1916. 

Könntest Du nicht Stürmer ruhig ins Hauptquartier kommen lassen 
— Du siehst so viele Leute — und eine ruhige Unterredung mit ihm haben, 
bevor Du etwas unternimmst? Wenn Du Dubensky siehst, frage ihn klug 
aus, damit er über den dicken Orlow spricht, und laß Dir Dinge über ihn 
erzählen — wenn er den Mut hat, die Feigheit des Mannes aufzudecken, 
der andere aus dem alten Hauptquartier hineinzieht, die für ihn zu hoch 
gestellt sind — Feodorow, glaube ich, weiß es auch. Zu mir sprach er 
immer als von ,,ona*" — und daß er sicher wäre, ich würde Dich nicht 
bald wieder ins Hauptquartier kommen lassen, nachdem ich Dir ,, meine" 
Minister aufgezwungen hätte. Frage ihn auch über Drenteln, der für mich 
zuletzt das Kloster in Aussicht genommen hatte. Dschunkowsky und Orlow 
sollten auf der Stelle nach Sibirien verschickt werden — nachdem der Krieg 
vorbei ist, solltest Du ein Strafgericht vollziehen. Warum sollten sie frei 
ausgehen und in guten Stellungen bleiben, wenn sie alles vorbereitet 
hatten. Dich abzusetzen und mich einzusperren; und die alles taten, 
niederträchtig gegen Deine Frau zu sein — sie gehen herum, und andere 
Leute denken, sie wären ungerecht weggeschickt, da sie straflos blieben. 
Es ist schauderhaft, an die Falschheit der Menschheit zu denken, obgleich 
ich es lange wußte und Dir mein Empfinden über sie erzählte. Gott sei 
Dank, Drenteln ist auch gegangen — nun sind saubere Leute um Dich, 
und ich wünschte nur, N. P. wäre auch dabei. Wir sprachen lange über 
Dmitri, er sagt, daß er ein ganz charakterloser Mensch sei und von jedem 
gelenkt werden könne. Drei Monate war er unter dem Einfluß von N. P. und 
hielt sich gut im Hauptquartier, und wenn er mit ihm in der Stadt war, be- 
nahm er sich korrekt und ging nicht in Damengesellschaft — aber so- 
bald er außer Sicht war, geriet er in andere Hände. Er findet, das Regiment 
verdirbt den Jungen, da ihre zotigen Unterhaltungen und Spaße schrecklich 
sind, selbst vor Damen, und sie ziehen ihn hinunter. Nun wird er als 
Adjutant verwendet. 

* Ona, russisch = sie. 
146 



Der Großfürst Sergei Michailowitsch, Generalinspekteur der Artillerie, soll 
ins Hauptquartier reisen. 

Tsarskoje Selo, 9. Januar 1916, 

Sergei geht bald ins Hauptquartier, höre ich — besser, Du behältst ihn dort 
nicht lange, denn er verbreitet immer Klatsch und hat so eine scharfe, kritische 
Zunge, und seine Manieren vor Fremden sind nicht erbaulich — und dann 
sind um ihn herum sehr unklare, unsaubere Geschichten und Bestechungs- 
affären, über die alle reden, auch im Zusammenhang mit der Artillerie. 

Tsarskoje Selo, 11. Januar 1916. 

Ich verstehe nicht ganz, was in Montenegro vorgeht — es heißt, der König 
und Peter seien über Brindisi nach Lyon gegangen, wo er seine Frau und seine 
zwei jüngeren Töchter trifft, und Mirko sei geblieben und wolle versuchen, 
die serbischen und albanischen Truppen mit den montenegrinischen zu ver- 
einigen. Aber grade jetzt hat Italien in Albanien 70000 Mann gelandet — 
ein häßliches Spiel. Aber wenn der König sich ergeben hat, wie steht es 
mit seinen Truppen? Wo sind Jutta und Danilo? Wieso erlaubt man ihm, 
nach Frankreich zu gehen? — alles höchst unverständlich für mich. — Ania 
war eine Stunde auf, lag abends auf dem Sofa und sprach mit ganz kräftiger 
Stimme. Sie träumt schon davon, herüber zu kommen — was hat sie doch 
für eine feste Gesundheit, sich in einer Sekunde aufzuraffen, nachdem sie 
eben noch gedacht hatte, sie wäre so schrecklich krank und elend. — 

Nun denke nicht, ich sei verrückt mit meiner armen Flasche, aber unser 
Freund hat ihr (Ania) eine von seinem Namensfest gesandt, und wir nippten 
jeder davon, und ich goß auch für Dich ein. Ich glaube, es ist Madeira. Ich 
schluckte um seinetwillen (wie Medizin), tue Du es auch, bitte, obwohl Du 
es nicht magst — gieße es in ein Glas und trinke es aus zu seinem Wohl, wie 
wir es taten. Das Maiblümchen und das Stückchen Baumrinde kommen auch 
von Ihm an Dich, mein süßer Engel. Man sagt, daß Haufen von Menschen 
zu ihm kamen, und daß er schön war. Ich gratulierte ihm telegraphisch von 
uns allen und erhielt die Antwort: ,, Unaussprechlich froh — Gottes Licht 
scheint auf Dich, wir wollen nichts fürchten." 

Tsarskoje Selo, 13. Januar 1916. 

Ich bin froh, daß der neue englische General nett ist. — Was für Geschich- 
ten gehen über die Montenegriner um? Daß er sein Land an die Österreicher 
verkauft habe, und darum würde man ihn weder in Rom noch in Paris emp- 
fangen — oder ist das alles Klatsch — er ist um Geld und um seinen persön- 
lichen Vorteil zu aUem fähig, obgleich er, wie ich glaube, sein Land liebte — 
in jedem Falle verstehe ich das nicht. 

10* 147 



Am 21. Januar a. St. (2. Februar) wird Goremykins Verabschiedung und Stür- 
mers Ernennung bekanntgegeben. Ein Erlaß des Zaren vom 27. Januar a. St. ver- 
fügt die Wiedereröffnung von Duma vmd Reichsrat innerhalb drei Wochen. Der Zar 
reist wieder ab. In ihrem nächsten Brief an ihn spricht die Zarin von der ihr ver- 
haßten Idee, ihre älteste Tochter, die jetzt einundzwanzigjährige Olga, an Kyrills 
Bruder, den achtunddreißig jährigen Großfürsten Boris, zu verheiraten. 

Tsarskoje Selo, 28. Januar 1916. 
Mein einziger Liebling! 

Wieder einmal hat der Zug meinen Schatz fortgetragen, aber ich hoffe, 
nicht für lange — ich weiß, ich sollte das nicht sagen, und für eine alte ver- 
heiratete Frau mag es lächerlich scheinen, aber ich kann mir nicht helfen. 
Mit den Jahren wächst die Liebe, und die Zeit ohne Deine liebe Gegenwart 
ist schwer erträglich. Wenn ich auf sein könnte und die Verwundeten pflegen, 
dann wäre es eher zu ertragen. Für Dich ist es schlimmer, mein Einziger. Ich 
bin froh, daß Du schon morgen Truppen siehst, das wird erfrischend und eine 
Freude sein, ich hoffe. Du wirst denselben Sonnenschein haben, der heute 
hier ist. — Es war so hübsch, als Du uns vorlasest, und ich höre Deine liebe 
Stimme noch immer! Und Deine zärtlichen Liebkosungen, o, wie tief danke 
ich Dir für sie — sie erwärmten mich und waren solch ein Trost; wenn das 
Herz schwer ist vor Sorge und Angst, gibt jede Zärtlichkeit einem Kraft und 
tiefes Glück. O könnten nur unsere Kinder gleich gesegnet sein in ihrem 
Eheleben! — Der Gedanke an Boris ist zu uns5mipathisch, und das Kind 
würde, ich bin überzeugt davon, niemals einwilligen, ihn zu heiraten, und ich 
würde sie vollständig verstehen. Nur laß niemals Miechen erraten, daß 
andere Gedanken des Kindes Kopf und Herz erfüllt haben — das sind heilige 
Geheimnisse bei einem jungen Mädchen, die andere nicht wissen dürfen, es 
würde Olga schrecklich verletzen, die so empfindlich ist. Diese Unterhaltung 
hat mich so gar nicht heiter gestimmt, ich fühle mich durch Dein Fortgehen 
sehr niedergedrückt, und mein altes Herz krampft sich in Schmerz, ich kann 
mich nicht an unsere Trennungen gewöhnen. — Hier, Babys Bemerkung 
wird Dich amüsieren. 

Tsarskoje Selo, 29. Januar 1916. 

Denke an Iwanow, es würde ein vorzüglicher Wechsel sein — und ein 
reinlicher Anfang für 1916. — Poliwanow hat nicht nötig, Dich mit der Bitte 
um eine Stellung zu belästigen, Schtscherbatow kann Iwanow ersetzen, und 
dann irgendein Energischer an seinen Platz. Wie lästig, daß der alte Rußky 
noch nicht wohl genug ist! 

Die Lebensmittelnot steigt. Der Lahdwirtschaf tsm in ister Naumow hat mit der 
Einführung fleischloser Tage begonnen. Menschikow klagt in der ,,Nowoje Wremja" 
über die Wucherpreise. 

148 



Tsarskoje Selo, i. Februar 1916. 



Viele Leute finden, es wäre gut, wenn Du für eine Zeitlang wenigstens die 
Frage der Lebensmittelversorgung Alek übergeben würdest, da es wirklich 
in der Stadt skandalös ist und die Preise unmöglich sind. Er würde seine 
Nase in alles stecken, die Kaufleute, die betrügen und unmögliche Preise 
verlangen, bestrafen und würde helfen, Obolensky loszuwerden, der wirklich 
zu gar nichts gut ist und kein bißchen hilft. Unser Freund ist besorgt, ob es 
noch zwei Monate so weitergehen wird, daß wir unangenehme Zusanunen- 
rottungen und Geschichten in der Stadt haben werden — und ich verstehe 
es, denn es ist schandbar, die armen Leute so leiden zu lassen — und die De- 
mütigung vor unseren Alliierten ! Wir haben alles in Mengen bekommen, nur 
wolkn sie es nicht herausgeben und wenn sie es tun, werden die Preise für 
alles unerschwinglich. Warum wollen wir ihn nicht bitten, für zwei Monate, 
oder wenigstens für einen Monat, alles in die Hand zu nehmen, er würde 
die Betrügereien nicht weitergehen lassen. Er ist ausgezeichnet in jeder 
Stellung, um Ordnung zu schaffen und die Leute aufzurütteln — aber nicht 
für lange. Ich schreibe Dir das, da Du ihn, glaube ich, Dienstag sehen wirst. 

Tsarskoje Selo, 4. Februar 1916, 
Mein einzig Geliebter! 

Von ganzem Herzen beglückwünsche ich Dich, daß Erzerum gefallen ist. 
Ein herrlicher Kampf muß es gewesen sein, und wie schnell es ging. Solch 
ein Trost — und für die anderen ein guter moralischer Schlag — möge es 
jetzt nur in unseren Händen bleiben! — 

Nun eine ganz private Frage aus mir selbst. Was wird, da man überall 
liest, daß die Deutschen fortfahren, Artillerie und Truppen nach Bulgarien zu 
schicken, wenn wir schHeßhch vormarschieren, und sie von hinten durch 
Rumänien kommen — wer deckt unserer Armee dann den Rücken? Oder wird 
die Garde an Kellers linken Flügel geschickt, um in der Richtung Odessa 
zu schützen? Das sind meine eigenen Gedanken, weil der Feind immer unsere 
schwachen Punkte herausfindet — sie bereiten überall alles und für alle Mög- 
lichkeiten vor, und wir meist sehr oberflächlich, darum haben wir auch in 
den Karpathen verloren, da wir unsere Positionen nicht genügend verstärkt 
hatten. Wenn sie nun ihren Weg durch Rumänien auf unsere linke Flanke 
forcieren — was bleibt dann, um imsere Grenze zu schützen? Entschuldige, 
daß ich Dich belästige, aber solche Gedanken kommen einem unwillkürhch. — 
Was sind nun unsere Pläne, wo Erzerum genommen ist, wie weit sind die 
englischen Truppen noch von uns entfernt? . . . 

Lebewohl, meine Taube, mein eigen und nicht ihr, wie sie Dich zu 
nennen wagt. Gott segne Dich, Kleiner, und halte Dir allen Kummer fem, 
führe Dich zu Erfolg und endlich zu glorreichem, ersehntem Frieden. Dein 
Mädel bedeckt Dich mit Küssen, süßes Märmchen. 

149 



Was macht der langnasige Ferdinand in Wien? 

Nun muß ich mich zum Frühstück anziehen, ich habe Ania eingeladen, 
denn sie fand, sie hätte mich gestern kaum gesehen, da eine Menge Leute 
da war. 

Der in den folgenden Brief erwähnte Derewenko ist der Bescliützer des Zarewitsch, 
ein früherer Matrose der Zarenjacht , .Standard" (gleichnamig mit dem I<eibarzt 
Dr. Derewenko). 

Tsarskoje Selo, 5. Februar 1916. 
Mein LiebUng! 

Null Grad heute morgen, windig — starker Schneefall. Gott sei Dank 
war Baby in der Nacht ganz wohl — wachte mehrmals auf, aber nicht für 
lange und klagte nicht. Seine beiden Arme sind verbunden, und der rechte 
tat gestern ziemlich weh — aber unser Freund sagt, es wird in zwei Tagen 
vorübergehen. Die letzte Nacht war sein Schlaf ruhelos, obgleich schmerzlos, 
und er klagte nicht über seinen Arm, obgleich er ihn nicht biegen konnte. 
Wahrscheinlich hatte er sich selbst gestoßen, als er sich an der Schnur des 
Schlittens festhielt, von denen mehrere zusammengebunden waren. Aber 
Derewenko sagt, er ist ganz vergnügt, ängstige Dich also nicht, meine Taube. 
Wir aßen oben, so daß er im Bett bleiben konnte und sich nur wenig zu 
bewegen brauchte. Je ruhiger er sich hält, desto besser . . . 

Warum haben unsere Truppen Galizien wieder geräumt? Es scheint mir 
so außerhalb von Rehbinders Berechnung, da so viele Offiziere der Regimenter 
die aus Galizien abmarschiert sind, nach Charkow in mein Magazin kom- 
men und Leinen imd Sonderpäckchen verlangen. Ich kann nicht verstehen, 
was unten passiert ist, oder sie sind mehr konzentriert, und das sind die 
Truppen, die bereitstehen, unsere Nachhut nach Süden zu verteidigen? . . . 

Bist Du ganz zufrieden mit Alexejew? Ist er energisch genug? Hier sagt 
mancher, daß er wieder ganz wohl ist, aber ich weiß nicht, ob es wahr ist oder 
nicht. Ich wünschte, es wäre so, denn die Deutschen fürchten ihn . . . 

Wie herrlich war das, was Du über Erzerum schriebst! Wirklich so 
wunderbare Truppen! 

Ja, ich bewundere diese Männer, die gegen die gemeinen Gase angehen 
und ihr Leben dabei wagen. O, zu denken, daß die Menschheit so tief gesun- 
ken ist. Technisch ist alles herrüch, aber wo bleibt die Seele bei alledem? 
Man könnte laut aufschluchzen über das Elend und die Unmenschlichkeit, 
die dieser entsetzliche Krieg verursacht hat. 

Der Zar trifft für zwei Tage in Petersburg ein. Am 9. Februar a. St. (22.) 
eröffnet er im Taurischen Palais die Duma mit einer Ansprache, auf die Rodzianko 
patriotisch erwidert, dann verläßt er die Sitzung. Auch im Reichsrat spricht 

150 



er zu den Mitgüedem ; der Präsident Kulomsin dankt. In beiden Kammern halten 
Stürmer, Sassonow, Poliwanow und Grigorowitsch, der Marineminister, längere Reden. 
In der Duma wird eine Erklärung des fortschrittlichen Blocks verlesen, die über die 
Hemmung der nationalen Kräfte und die Zerstörvmg des Wirtschaftslebens durch 
Bosheit und Unfähigkeit der Behörden Klage führt. Der folgende Brief der Zarin 
enthält Andeutungen über einen neuen Rasputin-Skandal, in den Chwostow ver- 
wickelt ist. Chwostow hat nämlich vor kurzem seinen Privatsekretär Rschewsky 
nach Christiania gesandt, um den bei Kriegsausbruch dorthin geflüchteten russischen 
Mönch niodor, einen Todfeind Rasputins, zu veranlassen, den Staretz durch Helfers- 
helfer, die er anwerben soll, ermorden zu lassen. Sind die Helfershelfer gedvmgen, 
so soll der Mord folgendermaßen vor sich gehen : Eine Hofdame der Zarin-Mutter 
soll Rasputin durch telephonischen Anruf in ein Automobil locken, Rschewski 
soll als ChauflEeur den Wagen lenken, und an einem einsamen Platz sollen dann die 
von Iliodor gedungenen Meuchelmörder in Erscheinung treten. Iliodor wird Am- 
nestie zugesichert. Diesen Plan durchkreuzt lUodor dadurch, daß er seine Frau 
mit dem belastenden Material nach Rußland schickt und die Zarin-Mutter einweiht, 
die ihm durch Telegramm den Empfang der Schriftstücke bestätigt. Zugleich plau- 
dert Rschewskis Geliebte ihrem zweiten Liebhaber, einem Ingenieur Heyne, die Sache 
aus. Rschewski wird daraufhin verhaftet. Chwostow warnt Rschewski vor der 
angeordneten Haussuchimg vmd gibt seinem Gehilfen Bjeletzky den Auftrag, sich 
aller Papiere, auch derjenigen, die schon den Gerichtsakten einverleibt sind, zu 
bemächtigen. Bjeletzky widersetzt sich diesem Auftrag und wird noch von Chwostow 
verabschiedet; er wird dann Gouverneur von Irkutsk. Auch Stürmer, der beschul- 
digt wird, nach Rschewskis Verhaftung mehrere Stunden lang in seinem Kabinett 
sich mit ihm unterredet zu haben, ist kompromittiert. Die russische Presse, vor 
allem der „Rjetsch", gibt die Enthüllungen Iliodors mit allen Einzelheiten wieder. 
Es scheint, daß die Zarin den Skandal zuerst nur ahnt, und auch dann, als alles 
Material veröflEentlicht wird, ist ihr Klarheit über ihn unwillkommen. 

Tsarskoje Selo, lo. Februar 1916. 
Mein einzig geliebtes Herz! 

Es war ein solches Geschenk, dieser Dein flüchtiger Besuch, mein GeUeb- 
ter — und obgleich wir uns wenig gesehen haben — ich fühlte doch, daß Du 
da warst. Und Deine zärtlichen Liebkosungen haben mich wieder erwärmt — 
ich kann mir vorstellen, was für einen tiefen Eindruck Deine Gegenwart in 
der Duma und im Reichsrat auf jedermann gemacht haben mag, Gott gebe, 
daß das ein Antrieb gewesen ist und alle nun tüchtig zusammenarbeiten 
werden zum. Segen und zur Größe unseres geliebten Landes. — Dich sehen, 
bedeutet so viel! — Du hast gerade die rechten Worte gefunden. 

Wir, Ania und ich, haben sehr harte Tage durchgemacht wegen dieser 
Geschichte gegen unseren Freimd — und kein Mann in der Nähe, um zu 
raten. Aber sie war tapfer und gut in alledem — bestand sogar eine häßliche 
Unterredung mit Wojeikow am Montag. Ich habe doch etwas Angst um sie 
— da sie durchschaut hat, daß man auch Chwostow in eine scheußliche Ge- 

151 



schichte hineinziehen will — die Juden — und gerade, um vor der Duma 
einen Wirrwarr zu machen, der so tendenziös ist. 

Dich zu sehen, hat einem wieder Mut und Stärke gegeben — wie doch die 
Menschheit niedrig ist, besonders unsere Umgebung und das ,, Hinterland" — 
die Geister sind noch immer böse. 



Alice, die in dem folgenden Brief erwähnt wird, ist die Prinzessin Alice von 
Battenberg, die 1885 geborene Kusine der Zarin, 1903 in Darmstadt mit dem 
Prinzen Andreas von Griechenland, dem dritten Bruder des Königs Konstantin, 
vermählt. 

Tsarskoje Selo, 12. Februar 1916. 

Aüce schreibt, daß die Engländer in Saloniki beliebt sind, die Offiziere 
sind höflich, die Mannschaften benehmen sich gut gegen die Franzosen. Es 
schmerzt mich, zu sagen, daß sie sagt, bei anderen sei es anders, und in einer 
kleinen Stadt hätten sie sich den Frauen gegenüber so schrecklich aufgeführt 
wie die Deutschen in Belgien, während die Offiziere in Saloniki vom General 
abwärts frech und grob sind, selbst gegen Andreas. 



Nach einem Kriegsrat mit allen Armeeführem hat der Zar den General Kuro- 
patkin statt Rußky zum Befehlshaber an der Nordfront ernannt. — Die Zarin 
kommt noch einmal auf die geplante Verbindung ihrer Tochter Olga mit dem Groß- 
fürsten Boris zurück und läßt sich dabei über den Verkehr der Großfürstin Maria 
Pawlowna aus. Die „Belos" sind die Angehörigen des Generalleutnants und General- 
adjutanten Fürst Belosselsky-Belosersky, eines Schwagers des bekannten Generals 
Skobeliew. 

Tsarskoje Selo, 13. Februar 1916. 

Ich bin so froh, daß Du mit dem Resultat des Kriegsrats zufrieden bist — 
es ist schön, daß Du sie alle gerufen und ihnen Gelegenheit gegeben hast, 
in Deiner Anwesenheit zu sprechen ... 

Je öfter ich an Boris denke, um so mehr wird mir klar, was für eine gräß- 
liche Clique seine imd Miechens Freunde sind, reiche Franzosen, russische Ban- 
kiers, die ,, Gesellschaft", Olga Orlow imd die Belos und ähnliche Typen 
— Intrigen ohne Ende — flotte Manieren und Unterhaltungen, und Ducky 
ist durchaus keine passende Schwägerin — und dann Boris' tolle Vergangen- 
heit . . . Doch, was schreibe ich Dir das alles, da Du es so gut weißt wie ich? 
Man würde einem halb verbrauchten, blasierten jungen Mann ein reines, 
frisches, junges Mädchen geben, das 18 Jahre jünger ist, und sie müßte in 
einem Hause mit ihm leben, in dem schon manche andere Frau sein Leben 
„geteilt" hat. Nur eine Frau, die die Welt kennt und mit eigenen Augen 

152 



wählen und urteilen kann, sollte seine Frau werden, und sie würde sich zu 
ihm zu stellen und einen guten Ehemann aus ihm zu machen wissen. Aber 
ein unerfahrenes junges Mädchen müßte schrecklich leiden, ihren Mann aus 
vierter oder fünfter Hand zu haben — eine reifere Frau könnte sich damit 
natürlich leichter abfinden, wenn sie liebte. 

Tsarskoje Selo, 15. Februar 1916. 

Die Franzosen machen um Verdun eine schwere Zeit durch. Gott gebe 
ihnen Glück — wie sehnt man sich für sie und die Engländer, daß sie endlich 
vorwärts kommen. 

16. Februar 1916. 

Wieder ein heller, sonniger Morgen, es waren 6 Grad Kälte. Ich traue 
mich nicht auf den Balkon, wegen meines Hustens. — Um 12^ kommt Witte 
mit seinem Bericht, nach dem Frühstück kommen andere und um 6 Stürmer. 
Heut wäre Sonjas Geburtstag — so traurig, ich bin noch nicht einmal an 
ihrem Grabe gewesen. 

Der Zar hat sich wieder in Tsarskoje Selo aufgehalten. Dem vom 2. März da- 
tierten Brief der Zarin folgt am 6. (19.) März die Entlassung Chwostows, an 
dessen Stelle Stürmer, unter Beibehaltimg des Vorsitzes im Ministerrat, Minister 
des Innern wird. 

Tsarskoje Selo, 2. März 1916. 

Ich bin so bedrückt, daß wir Dir durch Grigori Chwostow empfahlen; — 
es läßt mir keine Ruhe — Du warst dagegen, und ich ließ mich durch sie be- 
einflussen, obgleich ich zuerst Ania sagte, daß ich seine große Energie gern 
hätte, daß aber seine allzu große Eigenliebe und manches andere mir nicht ge- 
fiele; imd der Teufel nahm ihn in Beschlag, man kann es nicht anders nennen. 
Ich wollte darüber nicht an Dich schreiben, um Dich nicht zu belästigen, 
aber wir haben schwere Zeiten durchgemacht, und darum wäre ich ruhiger 
gewesen, wenn jetzt, da Du fortgehst, etwas geordnet werden könnte. So- 
lange Chwostow am Ruder ist und Geld und Polizei in der Hand hat — bin 
ich, offen gesagt, nicht ruhig für Grigori und Ania. 

Mein Gott, wie müde man ist ! Deine geliebte Gegenwart und Deine zärt- 
lichen Liebkosungen besänftigen mich, und ich fürchte Deine Abreise. Denke 
daran, daß Du das Bild unseres Freundes bei Dir hast, als einen Segen für 
den kommenden Vormarsch. O, wie wünschte ich, wir wären immer zu- 
sammen, um alles zu sehen, alles zu teilen! Welch schreckliche Zeit jetzt 
ist! und wann wir uns wiedersehen, ist unbestimmt. Alle meine Gebete 
werden Dir unablässig folgen, Liebling. Gott segne Dich und Dein Werk 
und jede Unternehmung und kröne sie mit Erfolg. 

153 



Die gute Zeit wird kommen, und Du bist geduldig und wirst gesegnet 
werden, ich fühle es so sicher, nur muß man noch hindurchgehen. Wenn ich 
höre, was die „Verluste" an Leben für andere bedeuten, kann ich mir vor- 
stellen, was Emie jetzt leidet. O, dieser grauenhafte, blutige Krieg! 

Entschuldige die schlechte Schrift, aber Kopf und Augen schmerzen, und 
das Herz ist schwach nach all dieser Pein . . , 

Möge er Dir helfen, für Chwostow einen guten Nachfolger zu finden, so 
hättest Du doch einen Kummer weniger. 

Tsarskoje Selo, 3; März 1916. 

Ania ist traurig, daß sie niemals eine Gelegenheit hatte. Dich allein zu 
sehen — ich persönlich glaube, sie wird ruhiger und normaler, weniger ag- 
gressiv, wenn sie weniger Glück hat — je mehr man hat, desto mehr 
verlangt man — , wenn Du mit ihr plaudern willst, dann ist es natürlich et- 
was anderes. Aber sie konmit über diese Dinge jetzt besser hinweg — Du hast 
sie trainiert, und infolgedessen ist ihr Temperament ruhiger, und wir haben 
keine Geschichten. Sie tötete einen mit Telephon und Besuchen imd Ge- 
schichten über unseren Freimd, schleuderte ihren Stock im Zimmer herum 
imd lachte auf — o, wie ich mich nach Dir sehne!! — 



Der ehemalige Kriegsminister Suchomlinow wird nach einem vom Zaren ge 
billigten Beschluß des Kriegsindustrie-Komitees, des obersten Ausschusses zur 
Untersuchung der Ursachen, die den Munitionsmangel herbeigeführt haben, dem 
Gerichtshof des Reichsrats überwiesen. 

Tsarskoje Selo, 4. März 1916. 

Ich bin wirklich in Angst um Ania. Sobald ein Mann fähig war, die Er- 
mordimg unseres Freundes zu versuchen und andere dafür zu kaufen, ist er 
auch fähig, sich an ihr zu rächen. Sie hatte am Telephon einen schrecklichen 
Auftritt mit Grigori, weil sie heute nicht hingegangen ist — aber ich riet 
ihr nicht dazu — außerdem hat sie furchtbaren Husten und Mme. B. 
Dann kam Grigoris Frau und machte ihr eine Szene, daß sie nicht in die 
Stadt gehe, und prophezeite ihr, daß ihr etwas passieren würde, was sie 
sicher noch nervöser macht. 

Dieser Krieg hat alles durcheinander geworfen und alle Geister verwirrt. — 
Ich las in den Zeitungen, Du habest gesagt, SuchomUnow soll abgeurteilt 
werden — das ist recht — laß ihm die Fangschnüre nehmen. Man sagt, 
es werden schlimme Dinge von ihm herauskommen — daß er für Bestechungen 
zu haben war, das gilt hier für sicher. Es ist so traurig. Mein Gott, was für 
ein Unglück man hat, keine „Gentlemen", das ist es — keine anständige 
Erziehung und keine innere Entwickelung und keine Prinzipien, auf die man 

154 



sich verlassen kann. — Man wird so bitter enttäuscht vom russischen Volk — es 
ist noch so weit zurück ! Wir kennen so viele, und doch ist niemand fähig, einen 
Ministerposten auszufüllen, wenn man einen braucht. Denke an Poliwanow. 



Massenverhaf tungen von Arbeitern in Petersburg beschäftigen in geheimer Sitzung 
die Duma. Es wird bekannt, daß 13 Arbeiter gehenkt und 100 von den Putilow- 
Werken, 30 von der Fabrik Nobel, ohne daß sie Soldaten gewesen wären, zur vor- 
dersten Front geschickt worden sind. Der Streikgefahr wegen sollen alle Fabriken 
militarisiert werden. Fürst Tumanow, der in diesem Zusammenhang erwähnt wird, 
ist der Oberbefehlshaber des Dünaburger MiHtärbezirkes. Der Vizeadmiral Rusin, 
Chef des Generalstabs der Marine, bringt aus England eine Einladimg an Mitglieder 
des russischen Lebensmittelkomitees mit. Fürst Alexander Obolensky, der Stadt- 
hauptmann von Petersburg, sucht seine Entlassung abzuwenden. Lili ist seine 
Schwester, die Prinzessin Elisabeth Nikolajewna Obolensky, Ehrendame der Zarin. 
— Bontsch-Brujewitsch ist der Stabschef des Generals Russky. — Mit dem ,, libera- 
len" Ignatiew meint die Zarin den Kultusminister. 

Tsarskoje Selo, 5. März 1916. 

Liest Du das französische Buch „La Dame au parfum"? Mir wurde heute 
eine Sammlung englischer Bücher gebracht, aber ich fürchte, es ist nichts 
sehr Interessantes darunter. Keine großen Autoren schon seit langer Zeit 
und auch in keinem anderen Land, auch kein berühmter Künstler oder Kom- 
ponist — eine merkwürdige Lücke. 

Man lebt zu schnell, die Eindrücke folgen sich in raschem Wechsel — Ma- 
schinen und Geld regieren die Welt und zerstören jede Kunst, und die, die sich 
für begabt halten, haben einen kranken Geist. 

Ich bin neugierig, was sein wird, wenn der Krieg vorüber sein wird ! Wird 
dann ein Wiedererwachen, eine Neugeburt erfolgen — werden mehr Ideale 
da sein, werden die Menschen reiner und poetischer sein, oder werden sie 
trockene Materialisten bleiben? So manches sehnt man sich zu wissen, aber 
solch schreckliches Elend, wie es die ganze Welt erlitten hat, muß die 
Herzen imd Geister reinigen imd die stockenden Gehirne und schlafenden 
Seelen läutern. — O, könnte man sie nur alle vernünftig in den richtigen und 
fruchtreichen Kanal leiten. 

Unser Freund kam gestern zu Ania, er findet es gut, daß die Putilow- Werke 
vom Kriegsministerium übernommen worden sind, imd bezweifelt, daß es 
noch mehr Unruhen geben wird — und andere die Arbeiter zum Streik hetzen 
werden. Er denkt, daß Du, noch bevor unsere Offensive beginnt, zurück- 
kehren wirst, da noch so tiefer Schnee hegt . . . 

Ich bekam gestern einen gemeinen anonymen Brief — zum Glück las ich 
nur die vier ersten Zeilen imd zerriß ihn sofort. Denke Dir, Andronikow 

155 



und Chwostow pflegten sich manchmal mit der Abfassung anonjoner Briefe 
zu befassen — imser Freund bekam einen vor einem Monat und ist überzeugt, 
daß Andronikow der Schreiber war. Wie gemein ist das — Ania bekommt 
fortwährend welche mit schwarzen Kreuzen, die ihr sagen, vor welchen Daten 
sie Furcht haben soll — so feig! 

Tsarskoje Selo, 6. März 1916. 

Also Stürmer war beinahe eine Stunde bei mir. Wir sprachen über die 
Streiks — er meinte, die Fabriken müßten während des Krieges militarisiert 
werden, und dieser Entwurf sei seit langem bei der Duma, aber er gehe nicht 
durch, da sie dagegen sind. Er ist eher gegen den Wunsch des Fürsten Tu- 
manow nach sehr strengen Maßregeln und würde es vorziehen, wenn Kuro- 
patkin einen tüchtigeren Mann an seinen Platz stellt. — In der Tat bringt 
ihn das Lebensmittelkomitee zur Verzweiflung, und es gab eine ernste 
Debatte über die Absendung von Vertretern des Komitees nach London, als 
Rusin die Einladung brachte. Danach zu urteilen, wie sich jene Delegierten 
in Amerika benahmen, ist klar, daß man ihnen nicht erlauben kann zu reisen, 
da sie gegen die Regierung arbeiten. Poliwanow, Grigorowitsch und Ignatiew 
(der Liberale!) sind dafür — aber Grigorowitsch nur, weil Rusin die Ein- 
ladung brachte. 

Poliwanow ist seine Verzweiflung — er sehnt sich danach, daß Du ihn ab- 
setzt, doch sieht er ein, Du kannst es nicht tun, ohne einen guten Nachfolger 
zu haben. Er sagt, der eine seiner Gehilfen sei ein schlechter Mensch imd tue 
solchen Schaden — ich habe seinen Namen vergessen, ein sehr energischer 
Mann, aber nicht gut. Poliwanow direkt hochverräterisch in der Art, wie er 
alles, was im geheimen im Ministerrat besprochen wird, sofort ausplaudert — 
es ist zu abscheulich! Er sprach von der verantwortlichen Regierung, die 
alle herbeiwünschten, selbst Gutgesinnte, die nicht begreifen, daß wir durchaus 
noch nicht reif dafür sind. (Wie unser Freund sagt, wäre es der völlige 
Ruin für alles.) 

Dann, wie schwach Obolensky ist. (Denke Dir, seine Frau, die geborene 
Prinzessin von Mingrelien, ist zu Grigori gegangen, um ihn zu bitten, daß ihr 
Mann nicht abgesetzt werden soll — beachte das, Lilis Schwägerin !) Wol- 
konsky findet er nicht gut an seinem Platz, auch mißbilligt er sein Herum- 
streichen hinter den Kuhssen der Duma. 

In dieser Weise gingen wir alle Minister und seine Gehilfen dtirch. 

Gott stehe ihm in seinem großen Vorhaben bei. Dir und seinem Lande 
gut zu dienen — es macht ihn auch traurig, daß ein so fähiger Mann wie 
Chwostow solches Unrecht getan hat. 

Es scheint, es war ein schrecklicher Artikel im ,,Rjetsch" gegen Ania — 
was für Feiglinge sind das, eine jvinge Frau derart hineinzuziehen! — 

156 



Ich bin froh, daß der neue Gouverneur ein netter Mann ist — wo war er 
vorher? — O, Du Lieber, daß Du mir wieder geschrieben hast, ich danke 
Dir so zärtlich und mit vielen Küssen. 

Ich habe gesehen, daß die Ernennung und der Wechsel diesen Morgen in 
den Zeitimgen erschienen ist — gestern um 6 wußte Stürmer noch nicht, 
wann er das Schriftstück von Dir zurückerhalten würde. — Ja, Chwostow 
sagte zu Stürmer, er verstände nicht, warum er gehen müsse, ob infolge 
der Affäre — Stürmer erwiderte nichts Besonderes. In jedem Falle hat er 
nicht erfüllt, was Du von ihm erwartet hast, er tat keine saubere Arbeit, — 
war vielversprechend am Anfang und dann ganz verändert. Jetzt benimmt 
er sich sicher nicht wie ein Gentleman. Er zeigte Mitghedem der Duma Anias 
Brief, in dem sie bittet, daß man in Grigoris Zimmer in einer gewissen Nacht 
keine Haussuchung abhalten sollte, „wenn es nicht wieder eine Erpressungs- 
geschichte ist", schrieb sie. Es stand nichts Böses in dem Brief, aber es ist 
häßhch, ihn anderen zu lesen zu geben. Er war im Begriff, den Brief an 
Stürmer zurückzugeben, als die Verwandten davon hörten — aber Chwostow 
tat es nicht. Nim sagte ein Freund von ihm, es sei unwahr; er sei böse, daß 
man so etwas sagte, und er habe erst jetzt die zerrissenen Briefstücke in sei- 
nem Papierkorb gefunden!! (er bekam den Brief über eine Woche vorher) 
und er wolle sie zusammenkleben und ihr morgen zurückschicken. Das kann 
nur eine grobe Lüge sein, die Antwort mit dem Korb — lege diese schmutzige 
Geschichte beiseite, und ich bin froh, Du bist sie los. 

Tsarskoje Selo, 8. März 1916. 

Sei klug und sage Kyrill, daß Du streng mißbilligst, daß Boris ein Fest 
geben will. Sein Ruf ist sehr schlecht — er ist aus der Marine ausgestoßen, 
von Kyrill fortgeschickt imd trotzdem in Babys ,,Atamantsi" aufgenommen 
worden. Die Ehre, diese Uniform zu tragen, ICriegsdekorationen zu erhal- 
ten und einen hohen Rang, war viel zu groß, denn er hat sie nicht durch 
militärische Leistungen und Taten erreicht, sondern durch irgendwelche 
schmutzigen Privatdienste. Sprich mit Kyrill und N. P. von ihm. Alle sind ent- 
setzt, und Petrograd redet genug über ihn. (Auch Miechens Ehrgeiz, ihn ganz 
nahe dem Thron zu wissen, ist wohlbekannt.) Viel Schmutz überall. — So traurig 
die Niedrigkeit der Menschen. — Sodom und Gomorra wahrhaftig — viele 
müssen noch persönhch durch den Krieg leiden, imd dann erst werden sie 
geläutert und geändert sein. Es ist alles sehr schmerzlich, und man kann 
so wenig Ehrerbietung oder Achtung vor irgend jemand haben. 

Hat Kuropatkin endlich Bontsch-Brujewitsch rehabihtiert? Wenn nicht, 
laß es schneller geschehen! Sei fester vmd autokratischer, mein Herzens- 
liebling, zeige Deine Faust, wenn es nötig ist — wie der £dte Goremykin 
noch das letztemal sagte, als er zu mir kam: ,,Der Kaiser muß fester sein, 

157 



man muß seine Macht fühlen." Und es ist wahr, Deine engelhafte Geduld, 
Sanftmut und Güte sind bekannt, und man nutzt das aus. Zeige, daß 
Du allein der Herr bist, und habe einen festen Willen! 



Tsarskoje Selo, lo. März 1916. 



Stürmer kam und sprach über diese Geschichte, da die Dinge ernstlich 
aufgeklärt werden müssen, und ich übergab ihm Briefe von Iliodor, die alles 
darlegten, und er wird eine Untersuchung einleiten, bis seine Angaben nach- 
prüfbar sind — leider scheinen sie wahr. Dann sagte er mir, damit ich 
Dich warnen könnte, daß Nikolascha Kriwoschein als Hilfe haben möchte. 
Zu Worontzows Zeiten gab es dafür einen gewissen Wikolsky, Kriwoschein 
hätte nötigenfalls Nikolaschas Interesse in der Duma und im Reichsrat zu 
vertreten und es wäre unmöglich, daß Kriwoschein einen solchen Posten 
übernimmt, es würde der Ruin des Kaukasus sein, denn er ist geschickter 
als jeder andere und jetzt auch völlig skrupellos — ein Freund von Niko- 
lascha und dem dicken Orlow und Januschkiewitsch — es wäre schrecklich. 
Da es zur Genehmigung an Dich kommen muß, warne ich Dich. 

Es ist Irrsinn von Nikolascha, einen Mann zu nehmen, den Du weggeschickt 
hast, und der damals lauter Übles tat. Stürmer war diesmal viel weniger scheu 
und ganz offen — man sieht, welche wahre Liebe und Ergebenheit er für Dich 
hat. — Er ist verstimmt über den Konvent in Moskau, der bald zusammen- 
treten soll. Er schickt nach dem dortigen General, um mit ihm die Dinge 
zu besprechen. Ich persönlich fürchte, daß der neurasthenische Schebeko 
seiner Aufgabe nicht gewachsen sein wird, wenn es Geschichten geben 
sollte. Natürlich findet er auch, daß ein Generalgouverneur dort sein müßte, 
ohne daß er irgendjemand in Aussicht hätte. — Er wünscht, ich könnte mich 
oft in der Stadt zeigen und in die Kasansche Kathedrale gehen — aber mein 
dummes Herz und nun das Gesicht verhindern es, und ich weiß, es würde gut 
sein. Deine Mutter kann es auch nicht, und Miechen macht sich in der Stadt 
beliebt, geht viel zu musikahschen Abenden und spielt ihre Rolle als „Char- 
meuse". Die Benckendorffs sind darüber auch verzweifelt, die Gräfin sagte 
es Ania. Sie kamen ganz krank zurück, nachdem sie ein paar Tage in der 
Stadt gewesen waren. 

Jeder ist entsetzt über Chwostow. — Ania nahm bei Paul den Tee (nach 
ewiger Zeit wieder) — guter Laune. Der Junge geht ganz grün herum, weil 
er heute wieder zum Regiment muß. Das schreckliche, forcierte Trinken bei 
den Husaren hat ihn krank gemacht und auf sein Herz gewirkt. Sie und die 
Gardes ä cheval trinken auch im Kriege kolossal, das ist ekelhaft und 
herabwürdigend vor den Soldaten, die wissen, daß Du es verboten hast. Bei 
Gelegenheit sage Besobrasow, er soll ein Auge auf die Regimenter haben und 
ihnen zu verstehen geben, wie scheußlich unmoralisch das in solcher Zeit ist. 



158 



Die Gräfin Benckendorif ist entrüstet über Dmitris Heimurlaube während 
des Krieges und findet, man müßte darauf bestehen, daß er zum Regiment 
zurückkehrt. Ich bin völlig derselben Ansicht, die Stadt und die Frauen 
sind Gift für ihn. — 

Die russische März-Offensive am Narocz-See bricht zusammen. Die Zarin unter- 
nimmt einen letzten Vorstoß gegen den Kriegsminister Poliwanow. Der reaktionäre 
frühere Minister des Innern Maklakow war bei ihr und hat ihn als Umstürzler 
denunziert. Am i6. (29.) März wird Poliwanows Verabschiedung bekanntgemacht. 
Sein Nachfolger wird gegen die Erwartung der Zarin der Chef der Intendantur und 
General der Infanterie Schuwajew. Der General Iwanow, den sie zusammen mit 
Beljajew nennt, wird im Sinne ihres oft dargelegten Wunsches einige Tage später 
der Person des Zaren zugeteilt. Wladimir Nikolajewitsch ist der Arzt Dr. Derewenko. 

Tsarskoje Selo, 12. März 1916. 
Meine Taube! 

Ich habe wenig geschlafen in der Nacht, weil ich wieder Schmerzen im Ge- 
sicht hatte. Es fing am Abend an, gerade als ich zu Wladimir Nikolajewitsch 
gesagt hatte, daß ich dächte, ich sei es los und könnte heute abend in die Kirche 
gehen, am Sonnabend vor Kreuz- Anbetung, es ist eine solche Enttäuschung ! 
Ich ließ mich heut früh wieder massieren und schmierte das Gesicht mit allen 
möglichen Sachen ein. Jetzt ist es etwas besser, aber es tut weh, und das 
Auge ist halb geschlossen. Ich habe wieder nach dem armen Zahnarzt ge- 
schickt — jetzt habe ich so viele Ärzte gehabt, daß ich glaube, es ist besser, 
er konunt und sieht es sich an, und vielleicht ändert er eine Füllung, es ist 
vielleicht eine neue Höhlung da. Natürlich fühle ich mich verblödet und muß 
Mrosowsky empfangen und unsere drei Schwestern, die von Österreich zu- 
rückgekommen sind und eine Menge zu erzählen haben. — Zwei von unseren 
Sanitätszügen sind voller Verwundeter zurückgekehrt. Ist es wahr, daß unsere 
Verluste so schwer sind? Natürlich, beim Angriff kann es nicht anders sein — 
wir machten auch noch viele Gefangene und machten Beute — (während die 
Deutschen sagten, sie ließen uns keinen Schritt vorwärtskommen, imd wir 
hätten riesige Verluste gehabt und sie 17 Offiziere und 800 Mann gefangen) . . . 

Maklakow war bei Ania und bittet, mich zu sehen, um mich zu ersuchen, 
daß ich Dich beschwören sollte, Poliwanow schnell zu entfernen, weil er einfach 
ein Revolutionär ist unter Gutschkows Fittich — Stürmer bittet um dasselbe. 
Sie sagen, daß sie in dem abscheulichen Kriegsindustriekomitee die Absicht 
haben, schreckliche Sachen zu sagen. Sie kommen in einigen Tagen zusammen, 
und Maklakow sagt darum, Poliwanow solle schnell entfernt werden, jeder 
ehrliche Mann sei besser als er. Wenn Du Iwanow nicht nehmen kannst, warum 
nicht den ehrlichen ergebenen Beljajew, und gib ihm einen guten Gehilfen. 
Stürmer mag den anderen Gehilfen von Poliwanow gar nicht, er sagt, er sei 
ein schlechter Mensch, ich habe den Namen nicht behalten. 

159 



Mein Lieb, zögere nicht, entschließe Dich, es ist viel zu ernst, und wenn 
Du ihn plötzlich absetzt, schneidest Du der revolutionären Partei die 
Flügel ab, nur sei schneller dabei. Du weißt, Du selbst wolltest ihn schon 
lange absetzen, beeile Dich, süßes Herz, Du brauchst Dein Frauchen, das 
hinter Dir steht und Dich vorwärts stößt. Du brauchst vor allem einen ehr- 
lichen, ergebenen Mann, und dieser Beljajew ist es, wenn Iwanow zu 
eigensinnig ist. Bitte, vollzieh die Absetzung sofort, dann kann die Propaganda 
und alles energisch unterdrückt werden. Maklakow betet Dich an und spricht 
zu ihr mit Tränen in den Augen von Dir, und ich werde ihn bald sehen. Ver- 
sprich mir, daß Du gleich den Kriegsminister absetzen wirst, um Deinet-, 
Deines Sohnes und Rußlands willen — und es ist hohe Zeit — sonst würde 
ich nicht so bald wieder in dieser Angelegenheit geschrieben haben. Du 
sagtest mir, daß Du es gleich tun würdest, und wer weiß, ob Gott unsere 
Truppen nicht eher segnet, wenn dieser Günstling des alten Hauptquartiers 
schnell abgeschafft wird. Rodzianko und Gutschkow wissen wohl, warum sie 
und Januschkie witsch Nikolascha bewogen, es Dir vorzuschlagen, und der 
dicke Orlow hinter allen. Maklakow verabscheut Orlow und sagt, er sei ein 
Mann, der vor nichts zurückschreckt, ebensowenig wie Chwostow . . . 

Unser Freund reist morgen ab, er konnte für den vorigen Mittwoch keine 
Billetts bekommen. Ich wünschte, mein Gesicht schmerzte nicht so, ich möchte 
gern viel mehr schreiben und kann nicht und möchte Dich soviel über die 
Truppen fragen. 

Herz und Seele sind bei Dir, sehnen sich nach dem Zusammensein mit 
Dir. — 

Da — Dein süßer Brief ist eben gekommen, ich danke Dir so zärtlich, 
süßes Herz. — Du glaubst also, daß Schuwajew der richtige Mann ist, ob- 
gleich weniger Gentleman als Beljajew; und ist er wirklich der rechte Typ? 
Ich habe ihn nur einmal gesprochen und fand ihn sehr eigensinnig, also kann 
ich nicht urteilen. Aber wer soll sein Nachfolger sein? In jedem Fall — raffe 
Dich auf, meine Taube! 

Ausgezeichnet, daß Du beabsichtigst, Iwanow Deiner Person zu atta- 
chieren, da alle es beklagen, daß der liebe Mann so müde und „alt geworden" 
ist. Ich kann nicht begreifen, warum Keller und Brussilow sich immer 
gehaßt haben. Wenn er nur kann, ist Brussilow ihm nicht recht — und der 
andere wieder schimpft auf ihn (privat). Werden die Minister nicht froh sein, 
wenn Poliwanow abgeht? O, die Erlösung! 

Ignatiew ist auch nicht der richtige an seinem Platz, er versucht den 
populären Mann zu spielen und ist ebenso links wie sein Schwager Boris 
Wassiljewitsch, eine reizende Clique. 

Ich kann mir vorstellen, wie aufregend interessant die Arbeit jetzt ist, 
und sehne mich danach, in Deiner Nähe zu sein, um alles auf der Karte zu 
verfolgen und Angst und Freude mit Dir zu teilen. 

i6o 



Tsarskoje Selo, 14. März 1916. 



Verzeih, daß es schien, als schmollte ich in meinem letzten Brief, es ist eine 
Schande — nun, ich fühlte mich so niedergedrückt und vergaß leider, es zu 
verbergen. Solche ständige Schmerzen bringen einen ein wenig herunter . . , 

Man sagt, daß der Onkel Chwostow seinen Neffen weißwaschen will, ob- 
gleich alle gegen ihn sind, daß erBjeletzky hineinziehen möchte, der in bezug 
auf die Verschwörung wirklich ganz unschuldig scheint, und daß er wünscht, 
er solle nicht länger Senator sein. Aber dann müßtest Du auch gerecht sein und 
Chwostow des Hofranges verlustig erklären. Ich bedaure tief, daß er ihm be- 
lassen wurde — wie sie in der Duma sagen. Wenn er Grigori beseitigen wollte, 
weil er ihm nicht gehorchte, so kann er dasselbe mit irgendeinem von uns tun, 
der ihm mißfällt. Ich habe für Bjeletzky nichts übrig, aber es wäre sehr un- 
gerecht, wenn er mehr leiden sollte als Chwostow. Er hat durch seine Un- 
klugheit Irkutsk verwirkt, aber das ist genug. Der andere hat einen Mord 
anzustiften versucht. Genug von dieser Geschichte . . . 

Es geht mich nichts an, aber als ich nicht schlafen konnte, dachte ich 
daran, was Du über Kedrow sagtest, wäre nicht M. P. Sablin besser an Stelle 
von Piaton (?), so ein ernster, ruhiger Mann und nicht ein ehrgeiziger „Stre- 
ber". Obgleich Kedrow klug und talentiert ist, ist er doch ein ziemlich frecher 
Bursche, nach seinen Briefen an den Admiral zu schließen — und der andere 
so diskret und ein älterer Mann für eine solche Stellung. Das ist meine eigene 
Meinung, nicht das Echo irgendeiner Unterhaltimg mit N. P., wie Du viel- 
leicht denken könntest. Wir erwähnten seinen Bruder in der letzten Zeit gar 
nicht, es war gar keine Zeit dazu. 

Tsarskoje Selo, 15. März 1916. 

Kopf und Augen tun immer noch weh, die Frau hat mein Gesicht massiert 
und Kopf, Hals und Schultern, und gleich stehe ich auf zur elektrischen 
Behandlung. Ich kann es nicht wagen, auszugehen, bis der Zahnajzt da war 
und ich sicher bin, daß meine Backe nicht anschwillt. — Mein Lieb, ich schicke 
Dir hier einen Brief, den ich von Rostschakowsky erhielt, wenn Du ihn ge- 
lesen hast und zustimmst, telegraphiere mir ,,gut", und ich telegraphiere es 
an ihn weiter. Er ist ein sonderbarer Bursche, nicht wie die anderen — aber 
sicher ergeben und energisch, und da er so komisch schreibt, muß er ver- 
wendet werden. — Ich wünschte, Du könntest das elende Kriegsindustrie- 
komitee schließen, da sie in ihrer Versammlung glatt antidynastische Fragen 
behandeln wollen. . . 

Hast Du gesehen, der Sultan hat von Wilhelm den Feldmarschallstab er- 
halten, solcher Hohn ! . . . 

Ich danke Dir zärtlich für Deinen süßen Brief, mein Geliebter, ich bin 
froh, daß Du wegen Poliwanow alles unternommen hast, Gott gebe, daß 

11 Die letzte Zarin. l6l 



Schuwajew der richtige Mann am richtigen Platz sein möge, jedenfalls ein 
Segen, daß Du ihn los bist. 

Ich werde Grigoris Telegramm mit Ania durchlesen, wenn sie aus der Stadt 
zurückkommt, und es Dir dann erklären. — 

Zum Teufel mit diesen Generälen, warum sind sie so schwach und zu nichts 
gut, sei streng mit ihnen ! Du hast wirklich viel zu tun, mein Liebling. 



Der in dem folgenden Brief erwähnte Igor ist der Prinz Igor Konstantinowitsch, 
der fünfte Sohn des Großfürsten Konstantin (geb. 1894). 

Tsarskoje Selo, 15. März 1916. 
Meine einzige Taube! 

Ich beginne meinen Brief an Dich heute Abend. Ich war so glücklich, von 
Dir zu hören, und ich kann mir vorstellen, wie erleichtert Du Dich fühlst, 
weil Du die Frage des Kriegsministeriums endlich erledigt hast. Gott segne 
Deine Wahl mit Erfolg, und möge er sich Deines Vertrauens würdig erweisen. 

Ist es wahr, daß es mit Suchomlinow sehr schlecht steht? Igor hat gehört, 
daß er erschossen werden soll, aber ich weiß nicht, woher er diese Nachricht 
bekommen hat. Sicher hatte er seine großen Fehler — aber sein Nachfolger 
ist meiner Ansicht nach noch ein größerer Verräter. Ich schicke Grigoris 
Telegramm Dir wieder zu. Er meint Bjeletzky, weil er es nicht richtig findet, 
daß der, der kaum zu tadeln war, so schwer leiden soll und der andere besser 
wegkommt, der die größte Sünde begangen hat, — 

Mein Auge tut mir alle Tage wahnsinnig weh (der Kopf auch) — es kommt 
vom Ternarnerv im Gesicht. Einer zweigt zum Auge ab in die obere Zahn- 
reihe, der andere in die untere, und der Knoten ist vor dem Ohr. Ich habe 
gehört, daß viele Leute jetzt an dieser Krankheit leiden. Neidhardt hatte es 
so schlimm, daß die Ärzte ihn zur Erholung nach dem Süden schickten. Es 
kommt von einer Erkältung der Gesichtsnerven, die Backe und die Zähne sind 
viel besser, der linke Kiefer schwillt heut abend an und ab, aber die Augen 
tun sehr weh — darum will ich jetzt nicht mehr schreiben . . . 

Man sagt, Chwostow sei in Moskau und spräche herum und sage, er sei 
fortgeschickt worden, weil er die deutschen Spione bei Gr. habe beseitigen 
wollen — so gemein ! Ach, er sollte wahrhaftig abgeurteilt oder sein gestickter 
Rock ihm fort genommen werden. Er [Rasputin] sagte, Du solltest die Leute 
bestrafen, die in den Klubs reden. — Ania kriegt immer noch anon5niie Briefe, 
ihr Vater und der arme Schuk. auch, worin ihm gesagt wird, er solle nicht mit 
ihr gehen, sonst würde er mit Ania eines gewaltsamen Todes sterben. Sie 
sprach mit Spirido witsch, und er will sie bewachen lassen, er weiß, es ist je- 
mand hinter ihr her. Er bittet sie, nur in unserem Garten spazierenzugehen, 
nicht zu Fuß in die Kirche zu gehen, auch nicht auf der Straße, schneller 

162 



in den Wagen zu steigen — er macht sie nervös. Stürmer erzählte ihrem 
Vater, daß er in der Stadt Sicherheitsmaßnahmen getroffen habe. 

Ich wünschte, ich könnte Ignatiews (von der Linken) populäxe Reden in 
der Duma über die Universitäten, die überall in Rußland nötig seien, unter- 
drücken, er bricht sich noch den Hals mit seiner Sucht nach Popularität . . . 

i6. März. Ich bin so gespannt, wie Schuwajew sich anstellen wird, ist er 
energisch? Was für ein Glück, wenn er der richtige Mann wäre! — Ja, leider 
sind unsere Generäle nie berühmt gewesen — woran kann das liegen? Wirf 
sie hinaus und ziehe junge, energische Männer heran, wie z. B. Arseniew — 
im Krieg muß man fähige Männer wählen und nicht nach Rang und Alter 
gehen, finde ich — es handelt sich um die ganze Armee, und man kann nicht 
dulden, daß Menschenleben durch aufgeblasene Generäle umsonst vergeudet 
werden. 

Ich bin gespannt, was Dir Admiral Filimore über den Norden erzählen wird? 

Ich bekam einen Brief von Malcolm, der den wilden Enthusiasmus ganz 
Englands über Erzerum schildert — in den Straßen und in den Klubs war es 
der herrschende Gesprächsstoff. Unglücklicherweise konnte er beim Englischen 
Roten Kreuz nicht erreichen, daß sie ihre drei Schwestern hinüber nach 
Deutschland schickten, so wie wir es taten, und er ist sehr enttäuscht. 

Dann verschaffte ihm Daisy ein Zusammentreffen mit Max in der Schweiz 
— als er dort ankam, war Max krank geworden und konnte nicht mit ihm 
zusammentreffen. Er besuchte unsere Kriegsgefangenen -Hilfsorganisation 
in Bern und fand sie ausgezeichnet. 

Ich werde diesen Brief nach dem Frühstück beendigen, denn jetzt muß ich 
aufstehen. Ich bedecke Dich mit Küssen, jede süße Stelle, und halte Dich fest 
ans Herz gedrückt — Schatz, süßester aller Gatten ! 



Der Zar hat (schon im Februar) das Reichsratsmitglied Pokrowsky vorläufig 
als Nachfolger Charitonows zum Reichskontrolleur ernannt; die Zarin kritisiert jetzt 
unter dem Einfluß des Reaktionärs Maklakow diese Wahl. Sie erwähnt in diesem 
Brief von neuem Mr. Philippe. 

Tsarskoje Selo, 17. März 1916. 

Kann man nicht sorgsamer sein mit der Versetzung in den Reichsrat? . . . 
Man braucht tüchtige Männer, und nicht irgendwen (sonst wird es so wie im 
Klub der ,, Ehemaligen Offiziere"). Es muß richtig zugehen. — 

Ich wußte nicht, daß der nette Pokrowsky ein bekanntes Mitglied der 
Linken ist (ihr nettestes zum Glück), ein Anhänger von Kokowzow und dem 
,, Block". Ich wünschte. Du könntest an einen guten Nachfolger für Sassonow 
denken, es braucht kein Diplomat zu sein! So daß wir uns schon jetzt ans 
Werk machen könnten und zusehen, daß wir von England nicht auf später ver- 

11* 163 



tröstet werden, und daß, wenn die Frage des Endfriedens kommt, wir fest 
sein können. Der alte Goremykin und Stürmer tadelten immer an ihm, daß 
er Europa gegenüber so feige und ein Parlamentär sei — und das wäre 
Rußlands Ruin. 

Um Babys willen müssen wir fest sein, sonst würde seine Erbschaft schreck- 
lich sein, denn mit seinem Charakter würde er sich nicht vor anderen beugen 
wollen, sondern sein eigener Herr sein wollen, und das muß man auch in Ruß- 
land sein, weil das Volk noch so unerzogen ist. Mr. Philippe und Grigori sagten 
das auch, — 

Und noch etwas. Lieb, verzeihe, daß ich Dich belästige, aber um Deinet- 
willen sprechen sie mit mir davon. Möchtest Du nicht Stürmer Befehl geben, 
nach Rodzianko (dem niederträchtigen) zu schicken und ihm bestimmt zu 
sagen. Du beständest darauf, daß das Budget vor Ostern fertig würde? Dann 
brauchtest Du sie nicht zusammenzuberufen, bis — Gott gebe es — alles besser 
ist — im Herbst — nach dem Kriege. Sie zögern es hin, um im Sommer wie- 
der mit all ihren schrecklichen liberalen Vorschlägen zu kommen. 

Viele sagen dasselbe und bitten Dich, darauf zu bestehen, daß sie es jetzt 
fertigmachen. Und Du kannst keine Konzessionen machen, ein verantwortliches 
Ministerium usw. und all den Unsinn, den sie wollen. Es muß Dein Krieg und 
Dein Friede sein und die Ehre unseres Landes und keinesfalls die Duma; sie 
haben in diesen Fragen kein Wort zu sagen. — O, wie wünschte ich, daß wir bei- 
einander wären, ich kann das alles nicht so schreiben, wie ich möchte. Die Feder 
läuft wie verrückt über das Papier, und die Gedanken ziehen meinen Kopf 
nieder. 



Die jüngere Schwester des Zaren, die jetzt vierunddreißig jährige Großfürstin 
Olga, hat die Absicht, sich von ihrem Manne, dem Herzog Peter (Petja) von Olden- 
burg, scheiden zu lassen, um ihren bisherigen Liebhaber, den Rittmeister bei den 
Gardekürassieren Nikolai Alexandrowitsch Kulikowski zu heiraten, der Peter 
von Oldenburg als Adjutant beigegeben war. 

Tsarskoje Selo, 26. März 1916. 
Mein einziges, teures Lieb! 

Wieder einmal trägt der Zug Dich fort von uns, wenn Du meinen Brief liest. 
Diese Woche ist nur so hingeflogen, es war eine unerwartete Freude, als Du 
kamst, und Du kannst Alexe] ew mit freundlichen Grüßen sagen, daß ich seiner 
mit dankbarem Herzen gedenke . . . 

Du kannst nicht mehr herkommen, ohne daß irgendeine Geschichte Dich 
schmerzt oder Dir Kummer und Sorge macht. Jetzt haben uns die Zukunfts- 
pläne der armen Olga aufgeregt, und ich kann nicht sagen, wie bitter mich das 
um Deinetwillen schmerzt. Deine eigene Schwester tut so etwas ! 



164 



Ich verstehe aUes und kann und will ihr nicht ihre Sehnsucht zunächst 
nach Freiheit und dann nach Glück übelnehmen, aber sie zwingt Dich, gegen 
die Famihengesetze zu handeln, und wenn es unsere nächsten Angehörigen be- 
trifft, ist es viel schhmmer. 

Sie, die Tochter und Schwester eines Kaisers ! Vor dem Lande, zu solcher 
Zeit, wo die Dynastie durch harte Prüfungen geht und viele Gegenströmungen 
am Werk sind : es ist traurig. Die Moral der Gesellschaft geht in Stücke, und 
unsere Familie, Paul, Mischa und Olga gehen dabei voran, nicht zu reden 
von dem noch schlimmeren Benehmen von Boris, Andrei und Sergei. 

Wie sollen wir nun die übrigen von solchen Heiraten zurückhalten? Es 
ist unrecht, sie bringt Dich in eine falsche Lage, und es kränkt mich, daß 
gerade sie diesen neuen Kummer über Dich gebracht hat. Was würde Dein 
Vater zu alledem gesagt haben? Wir sind viel zu schwach und gut gegen 
die Familie gewesen und hätten oft gegen die Jüngeren wettern sollen. Wenn 
möglich, suche eine Gelegenheit, mit Dmitri zu reden, über seine Urlaubs- 
fahrten und zu einer solchen Zeit. — Ich hoffte, — böserweise vielleicht — 
Petja würde in die Scheidung nicht einwilligen. Es mag grausam scheinen, 
und ich meine es nicht so, weil ich Olga zärtlich liebe, aber ich denke an 
Dich zuerst und daß sie Dich unrecht handeln läßt. 

Tsarskoje Selo, 29. März 1916. 

Ania las uns gestern abend vor, das arme Mädchen, sie liest nicht gut und 
macht im Englischen zahllose Fehler. 

Tsarskoje Selo, i. April 1916. 

Ich habe das Fenster ein wenig offen und höre einen kleinen Vogel im Da- 
vonfliegen zwitschern. In Gatschina sind die ersten blauen Blümchen draußen. 
Es ist schön, der Sonnenschein, und so ruhig heute. 



,, Tante Olga" ist die Königin-Witwe von Griechenland, Christo ihr jüngster 

Sohn Christoph. 

Tsarskoje Selo, 3. April 1916. 
Mein einziger Liebling! 

Oft habe ich Deinen lieben Brief wieder gelesen und geküßt, ich bekam ihn 
gestern, ja, es ist wie Sprechen, und eine ganze Woche ohne ein Wort in Deiner 
eigenen Schrift war traurig (was sehr verständlich ist). — 

Wie wünscht man manchmal so glückhche, friedvolle Augenblicke noch 
einmal zu erleben, wie die, als wir mit unserer heißen Liebe, die aUe Tage 
neue Enthüllimgen brachte, allein waren. Diese ständigen Trennungen er- 
müden das Herz so, weil man so leidet, aber die süßen Worte, die Du 



165 



dummer alter Junge sonst zu gebrauchen zu schüchtern bist, außer im Dun- 
kehi, füllen mein Herz mit stiller Wonne, und ich fühle mich jünger, und die 
Nächte, die wir jetzt zusammen verbrachten, sind so ruhig und voll liebender 
Zärthchkeit. Immer ungetrennt zu sein, jahrelang, da verliert man die Gre- 
wohnheit, seine Zärtlichkeit und seine Gefühle zu zeigen, aber jetzt kann man 
sie nicht zurückhalten, sie geben so unsagbare Tröstung und Freude. 

Marie hat Dir über den Unsinn auf dem Eise alles geschrieben. Ich bin 
in die Znamenia gegangen und habe Kerzen hingestellt und der Jungfrau 
Blumen gebracht. — Paul trank Tee mit uns, heute Dmitri, und in die Kirche 
und zum Frühstück kommen Tante Olga und Christo. D. kam mit der gräß- 
lichen Marianna und A. im Zuge, in Verzweiflung, zum Regiment zurück- 
gehen zu müssen und besonders vor den Feiertagen, er findet es zwecklos, 
im Regiment zu sein, nichts zu tun und beständiges Trinken. Er möchte 
in den Kaukasus geschickt werden, um etwas anderes zu sehen in warmem 
Klima und irgendeinen Befehl auszuführen. Und er ist enttäuscht, daß er 
nicht bei Dir im Hauptquartier belassen wurde. O diese jungen Leute in 
der Familie mit ihrer schlechten Gesundheit und ihrer Vergnügungssucht, 
statt Pflichtgefühl! Ich fühlte mich so elend ohne Dich in der Kirche, letz- 
tes Jahr war es nicht so . . . 

Wie war Brussilow? Sprach er seine Meinung aus und schien sie ihnen 
richtig? Ich bin neugierig, ob er fähig sein wird, einen so verantwortungs- 
vollen Posten auszufüllen. Gott gebe es! . . . 

Die Zeitungen sagen, Wilhelm sei vor Verdun durch Granatsphtter ver- 
wundet worden. Ist es wahr? Ich weiß es natürlich nicht. 

Tsarskoje Selo, 5. April 1916. 

Den ganzen Gottesdienst über dachte ich an Dich, all die Gebete und Deine 
Lieblings - Passionshymne wurden gesungen. — Ich kann nicht begreifen, 
warum Du nicht bei mir bist, und manchmal habe ich das Gefühl, als 
trüge ich Dich in meiner Seele und brächte Dich mit meiner ganzen Liebe 
Gott dar. — Wie muß Christus jetzt leiden, wenn er all das Elend und Blut- 
vergießen ringsum sieht! Er gab sein Leben für ims, wurde gepeinigt und 
verleumdet, trug alles und vergoß sein kostbares Blut zur Erlösung von un- 
seren Sünden. Und wie vergelten wir ihm dies alles, wie beweisen wir ihm 
unsere Liebe und Dankbarkeit? Die Schlechtigkeit der Welt nimmt immer 
noch zu. Während der Abendbibelvorlesung dachte ich soviel an unseren 
Freund, wie die Schrift gelehrten und Pharisäer Christus verfolgten, indem 
sie sich für vollkommen hielten (und wie weit sind sie davon entfernt !) . Wirk- 
lich, ein Prophet gilt niemals in seinem Vaterlande. Und wie dankbar müssen 
wir sein, wie viele seiner Gebete sind erhört werden. Und wo solch ein Diener 
Gottes ist, da kriecht dcis Böse um ihn herum, versucht ihm Schaden zu tun 

166 



und ihn hin wegzuziehen. Wenn sie nur wüßten, was sie für Schaden anrich- 
ten — denn er lebt allein für seinen Herrscher und für Rußland und hört 
alle Beschimpfungen um imsertwillen an. Wie froh bin ich, daß wir alle 
mit ihm zur Heihgen Kommunion gegangen sind in der ersten Fasten woche. 
— Brauchst Du kein Missal, um dem Gottesdienst zu folgen? Ich könnte 
Dir meins schicken, wenn Du es möchtest, denn ich benutze jetzt das, das dem 
Gebetshause gehört. — Ich habe die Fußbank wieder neben meinen Stuhl 
gestellt, damit Alexei darauf sitzen kann — aber an meiner Rechten ist der 
Platz so leer! 

Unser Freund ist so traurig, daß, da er von Petersburg fortgetrieben wurde, 
zu Ostern viele himgem werden. Er gibt den Armen so viel, jeden Pfennig, 
den er bekommt, geht zu ihnen, und das bringt denen Segen, die ihm das 
Geld gegeben haben . . . 

Für Deinen köstlichen Brief meine zärthchsten Küsse und Dank. Mein 
Lieb, Du kannst zu einem anderen Beichtvater gehen, wenn Du wo anders 
bist, und Pater Alexander wird das ganz gut verstehen — wenn Du es tust, 
telegraphiere mir direkt, und ich will dem Priester in der Beichte Deine Skrupel 
sagen, und ich bin überzeugt, er wird sich nur darüber freuen, denn er weiß 
ja, wie sehr Dir jetzt Stärke und Segen vonnöten sind — und mit Alexejew 
und Deinen Leuten hinzugehen, wäre ein besonderer Segen für Dich und Dein 
Werk. Wenn Schaw(elsky) über unseren Freund spricht, oder der Metropoht, 
so bleibe fest und zeige, daß Du ihn schätzest, und daß er, wenn er Geschich- 
ten über vmseren Freund hört, mit Energie dagegen aufzutreten imd ihre 
Klatschereien zu verbieten hat, und sie sollen nicht sagen, daß er irgend etwas 
mit den Deutschen zu tun hätte — imd er ist großmütig imd gütig gegen alle, 
wie Christus es war, gegen jedwede ReHgion, wie es ein echter Christ sein 
soll. Und wenn Du findest, daß seine Gebete helfen, so höre und imtersuche 
es — wir haben genug Beispiele gehabt — sie dürfen nicht gegen ihn reden, 
sei fest und stehe zu unserem Freund. 

Tsarskoje Selo, 6. April 1916. 
Mein einzig Geliebter! 

Ich beginne meinen Brief noch heute abend, nachdem ich Deinen Brief 
noch einmal gelesen habe. Den Nachmittag verbrachte ich in Babys Zimmer 
und malte, während Mr. G. ihm vorlas oder den Föhn hielt. Er hatte fast 
die ganze Zeit Schmerzen, dann schlummerte er für ein paar Minuten halb ein, 
und dann hatte er wieder starke Schmerzen. Er ißt beinahe nichts. Vorlesen 
ist das beste, weil es zeitweise seine Gedanken ablenkt, wenn die Schmerzen 
weniger heftig sind. Ich hoffe, er wird eine gute ruhige Nacht haben. Er 
beichtete mit den beiden Jüngsten, und der Priester wird ihm die Heilige 
Kommunion bringen, wie im letzten Jahr. A. speiste mit uns und blieb bis 
10 — sie war den ganzen Tag in der Stadt gewesen und fuhr mit dem Auto 

167 



zurück. — Ich saß mit Baby nach dem Diner zusammen ; der Arme ! Die Ge- 
schwulst hat weder zu- noch abgenommen seit der letzten Nacht, und ich 
hoffe, es wird bald vorübergehen. Wenn er so leidet, bin ich ganz außer mir. — 
Mr. G. ist so reizend und gut zu ihm und weiß ganz genau, wie er mit ihm um- 
zugehen hat. — Um 10 beichteten wir — traurig war's ohne meinen Engel, 
und ich vermisse Dich ganz schrecklich — ich hätte gewünscht, Du wärst zur 
Heiligen Kommunion gegangen, und der Priester wäre einverstanden gewesen. 
— Später las ich die Berichte durch und machte einige Osterpakete zurecht. 
Heut abend war sehr starker Nebel. 

Tsarskoje Selo, 8. April 1916. 

Christ ist erstanden! 
Mein einzig süßer, geliebter Nicky! 

An unserem heutigen Verlobungstage sind alle meine Gedanken bei Dir 
mit grenzenloser Dankbarkeit für all die tiefe Liebe und das Glück, das Du 
mir seit jenem denkwürdigen Tage vor 22 Jahren geschenkt hast. Gott möge 
mir helfen, Dir hundertfach all Deine zärtliche Liebe zurückzuzahlen. 

Ich bezweifle wahrhaftig, ob es noch mehr so glückliche Frauen gibt wie 
mich — solche Liebe, Treue und Ergebenheit, wie Du sie mir diese langen Jahre 
in Glück und Leid gezeigt hast. Alle Angst, alles Leiden und alle Ungewißheit 
wurden aufgewogen durch das, was ich von Dir empfing, mein teurer Bräuti- 
gam und Gatte. Heutzutage sieht man solche Ehen selten. Deine wunder- 
bare Geduld und Nachsicht sind unsagbar — ich kann nur Gott den Allmäch- 
tigen auf meinen Knien bitten. Dich zu segnen und Dir alles zu vergelten. 
Er allein kann es. Ich danke Dir, mein Herzliebling, fühle mein Sehnen, von 
Deinen Armen fest umschlossen zu sein und unsere schönen Hochzeitstage 
noch einmal zu erleben, die täglich soviel Zeichen der Liebe und Süße brachten. 
Die liebe Brosche werde ich heute tragen. Ich fühle noch Deinen grauen An- 
zug, seinen Geruch am Fenster des Koburger Schlosses. Wie lebhaft erinnere 
ich mich an alles, die süßen Küsse, von denen ich geträumt hatte und die ich 
so viele Jahre ersehnte, und die ich nie zu bekommen glaubte. Du siehst, so 
wie damals sind Glaube und Religion so wesentlich für mein Leben. Ich kann 
das nicht leicht nehmen — und wenn ich mich zu etwas entschließe, dann ist 
es schon für immer — dasselbe ist es mit der Liebe und der Zuneigung. Ein 
viel zu großes Herz, das mich verzehrt. Und dazu noch die Liebe zu Christus — 
und sie ist immer so fest mit unserem Leben verwachsen gewesen in diesen 
22 Jahren. Zuerst die Annahme des orthodoxen Glaubens imd dann unsere 
beiden Freimde, die uns Gott gesandt hat. Gestern abend erinnerte mich 
das Evangelium so lebhaft an Grigori und seine Verfolgung um Christi imd 
unsertwillen — jedes Wort hatte einen Doppelsinn, und ich war so traurig, 
daß Du nicht neben mir standest. 

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Tsarskoje Selo, 9. April 1916. 



Die Erleichterung und die Freude waren gestern groß, als ich las, daß 
unsere Truppen sicher in Marseille angekommen sind, und gerade zu Ostern. 

Gott segne sie und lasse sie große Taten begehen und auf französischem 
Boden Riesenerfolge haben. 

Tsarskoje Selo, 10. April 1916. 

Christ ist erstanden! 
Mein einzig Geliebter! 

Ein gesegnetes Ostern für Dich, Friede im Herzen und in der Seele — 
Kraft für alle Deine Werke und Erfolg und reichen Segen. 

Ich habe Deine Photographie in der letzten Nacht imd heute morgen 
dreimal geküßt, das große Bild, auf dem Du dreimal bist. — Deine Karte lag 
auf meiner Brust während des ganzen Gottesdienstes — ich kann Dir nicht 
sagen, wie unaussprechlich traurig ich mich die ganze Nacht fühlte, solches 
Leid im Herzen, und schwer hielt ich meine Tränen zurück. — Deine Einsam- 
keit ist zu hart — Gott segne und belohne Dich reich für all Deine Opfer. 

Tsarskoje Selo, 11. April 1916. 

Hier ist das reizende französische Lied, das mir Emma F. gegeben hat; 
„Partir c'est mourir un peu, c'est mourir ä tout ce qu'on aime" usw. So wahr 
ist das — man fühlt den Tod im Innern, wenn man Lebewohl sagt ! 

Baby schlief wieder prachtvoll — wachte erst um 9 auf und schlummerte 
bis IG weiter. — Er ist bleicher geworden durch die Schmerzen und den 
Mangel an Sonne, er fühlt sich sehr traurig ohne Dich! 

Tsarskoje Selo. 28. April 1916. 

Nein, was für ein Schneetreiben! — Ich habe nicht gut geschlafen. Irgend 
etwas war nicht in Ordnung mit meinem Minister des Innern. 

Wir haben gestern abend gearbeitet, und Olga und ich lasen abwechselnd 
laut eine enghsche Geschichte vor, die wir vor langer Zeit begonnen und ganz 
vergessen hatten. 

Was sagst Du zu Nikolascha, der dem Eröffnungskomi tee ,,über die Frage 
von Semstwos in Transkaukasien" präsidiert hat? . . . 

Ach, mein Blue Boy, wenn er doch bald an meine Brust käme, damit ich 
sein süßes Gesicht, seine Augen imd Lippen mit zärthchen Küssen bedecken 
könnte !!!... 

Hast Du daran gedacht, Befehl zu geben, daß die Heilige Mutter Gottes 
von Wladimir aus der Uspenski-Kathedrale ins Hauptquartier gebracht wird? 

169 



Suchomlinow ist wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt, verbrecherischer Fahr- 
lässigkeit, Verschleierung der Wahrheit und Hochverrats verhaftet und in der Peter- 
Pavds-Festung interniert worden. Da Rasputin für ihn bittet, tut die Zarin Schritte 
für ihn; so bei dem Justizminister A. A. Chwostow. 

Tsarskoje Selo, 2. Mai 1916. 

Also, Stürmer fand die Idee einer Anleihe für die Eisenbahnen ausgezeich- 
net und gerade im richtigen Moment, da alle jetzt über die Bahnen murren 
imd es rascher Geld für sie geben wird. Er will mir um 5 Bark schicken. — 
Dann sprach ich über Suchomlinow — er sagte, Fredericksz habe einen Brief 
von der Frau bekommen (wahrscheinlich wie meiner), aber er habe gesagt, es 
komme ihm nicht zu, darüber mit Dir zu sprechen, er habe ihn Stürmer 
gegeben, der ihn dem Justizminister gezeigt hat. Der letztere schrieb dann eine 
lange Antwort, warum es sein müsse, und Stürmer meinte, er möchte diese Ant- 
wort jetzt Dir vorlegen, aber ich sagte, Du würdest keine Zeit haben, ihn in die- 
sen Tagen zu empfangen, und er will nach Deiner Rückkehr um eine Audienz 
nachsuchen. Er war nie im Hauptquartier. Er wollte Dich nicht betrüben 
wegen Suchomlinows, da er weiß, Du hattest ihn gem. Ich bat ihn also, 
wieder mit Chwostow zu sprechen, ob man nicht Suchomlinow wenigstens 
an einem andern Ort halten könnte, nicht dort ; Chwostow kommt um ^5 Uhr 
zu mir. Wie alle Minister plötzlich bei mir sind! 

Stürmer hat nichts Besonderes — nur wenn Du Rodzianko empfängst 
(man bemerkt, daß er zu Dir geht), möchtest Du ihm sagen, Du bestehst dar- 
auf, daß die Duma ihre Arbeit in einem Monat zu Ende führt, und daß das 
seine Aufgabe ist, und alle übrigen sollen aufs Land gehen und nach ihren 
Feldern sehen. Er bilhgt nicht die Semstwos für den Kaukasus, da es sicher 
ist, daß sich die verschiedenen Nationalitäten immer bekämpfen werden. 
Ich dachte, Du wärst nicht damit einverstanden, aber nach Deinem Ant- 
worttelegramm an Nikolascha wünschst Du ihnen Glück. 

Im Zuge, 17. Mai 1916. 
Mein einzig Geliebter! 

In ein paar Stunden reisen wir ab — unsere reizende gemeinsame Reise 
ist zu Ende! O, wie ich es hasse. Euch beiden Lebewohl zu sagen, die Ihr 
mein Schatz seid, mein Sonnenlicht und mein Sonnenstrahl, und ich fühle 
schon mein Herz schwer und traurig. Aber es ist ein Trost zu wissen, daß 
Ihr beisammen seid, und so wirst Du Dich weniger einsam fühlen, und Baby 
wird in Dein ödes Dasein Leben bringen. 

Der schöne Süden hat ihm gutgetan — laß ihn im Sand spielen, aber 
sich nicht zu lebhaft bewegen. 

Ich bin gespannt, wann wir uns wiedersehen? 

170 



Mein Geliebter, es war ein Traum diese zehn Tage, und so lieb, so nah bei- 
einander zu sein — solch süße Erinnerungen an all Deine Liebe und zärtlichen 
Liebkosungen, die ich in Tsarskoje schwer vermissen werde. — Unser Hospital 
wird mein Trost sein; wenn nur das Wetter schön ist. 



Lord Kitchener ist unterwegs nach Rußland, um wichtige militärische und 
finanzielle Fragen zu besprechen. 

Tsarskoje Selo, 22. Mai 1916. 

Man sagt, Kitchener kommt am 28. hierher oder ins Hauptquartier. 



Für das Ministerium des Innern, das nach A. N. Chwostows Sturz Stürmer ver- 
waltet, wird Makarow vorgeschlagen, der es von 191 1 bis 1912 innegehabt hat, 
ein Bureaukrat vmd unversöhnlicher Gegner der Duma. Rasputin haßt ihn aus per- 
sönlichen Gründen. 

Tsarskoje Selo, 23. Mai 1916. 

Unser Freimd bittet sehr, daß Du Makarow nicht zum Minister des Innern 
ernennen sollst — eine Partei will es, und Du erinnerst Dich, wie er sich 
während der Geschichten mit Iliodor und Hermogen benommen hat und wie 
er niemals für mich eintrat — es würde wirklich ein großer Irrtum sein, ihn 
zu ernennen. 

Kitchener und sein Stab sind an Bord des ,, Hampshire" westlich der Orkney- 
Inseln bei stürmischer See untergegangen. Nach dem Bericht der britischen Admi- 
rahtät ist niemand gerettet worden. 

Tsarskoje Selo, 25. Mai 1916. 
Mein einzig geliebter Engel! 

Es ist ganz grau, ein kolossaler Gußregen — das wird die Luft erfrischen. 
Ich habe auf dem Balkon gefrühstückt. Zärtlichen Dank wie immer für Deinen 
geliebtesten Brief, Herzensliebling. 

Alle Deine Liebesworte erwärmen mich so, ich vermisse Dich schmerzhch — 
so einsame Nächte! — Wie schrecklich ist das mit Kitchener! Ein rich- 
tiger Albdruck, und welch ein Verlust für die Engländer. Wir waren in der 
Kirche — zum Tee kommen Miechen und Mawra. 



An der Südwestfront, zwischen Pruth und Styr, beginnt die große Offensive 
Brussilows, die die österreichisch-ungarische Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand 
zurückschlägt und Luck nimmt, dann jedoch stehenbleibt. Die Berichte des rus- 
sischen Generalstabs melden Siege und enorme Zahlen von Gefangenen. 

171 



Tsarskoje Selo,- 27. Mai 1916. 

Die guten Nachrichten machen mein Herz froh, für Dich besonders, so 

eine Ermutigung und Belohnung für all Deine harte Arbeit vmd Geduld. Für 

mich ist es wie ein zweiter Krieg, den wir beginnen. Möge Gott ihn und jede 

Handlung mit Weisheit und Voraussicht segnen! 

Tsarskoje Selo, 29. Mai 1916. 

Vielen Dank, meine Taube, für Deine liebe Karte, Gott sei Dank geht alles 
gut weiter. Wo können wir nur diese Menge Gefangenen unterbringen? 
In Sibirien ist viel Platz, nur gib Befehl, daß alles schnell und hygienisch 
für sie eingerichtet wird, damit sie vor Epidemien sicher sind. 

Tsarskoje Selo, 30. Mai 1916. 
Mein geliebtes Herz! 

Zärtlichsten Dank für Deinen teuern Brief. Wirklich, die guten Nach- 
richten erfüllen einem das Herz mit unendlicher Dankbarkeit. Wie gut, daß 
Du das heilige Bild zur Front gesandt hast, möge die Heihge Jungfrau allen 
Stärke und Weisheit geben und den Enderfolg segnen. Wie groß sind 
unsere Verluste? 

Tsarskoje Selo, 31. Mai 1916. 

Die Nachrichten sind wirklich wundervoll ! Das idiotische Petersburg weiß 
sie nicht annähernd zu würdigen. Gott segne Dich und unsere Helden — bin 
so froh, daß das heilige Bild zu ihrer aller Segen hinkam. Das Hochamt vor 
dem Haus muß ergreifend gewesen sein — das bringt ihnen Deine Liebe 
und Deine Gebete, und sie werden empfinden, wie nahe Du ihnen bist. Ein 
wundervoller Tag und kühler, was eine große Wohltat nach der kolossalen 
Hitze ist. 



In der Bukowina wird Czernowitz von den Russen erobert. 

Tsarskoje Selo, i. Juni 1916. 

Alle denken in ihrer Siegesfreude an Dich, der erste Gedanke aller Ver- 
wundeten hier war, wie glücklich Du sein mußt. Solcher Lohn für Dein tiefes 
Leiden, Dein geduldiges Ausharren und Deine schwere Arbeit. 

Heute ist es viel kühler, es regnete ein wenig. Die großen Mädchen sind 
in die Stadt gefahren, da Olga Spenden erhalten wird, und dann gehen sie 
zu Tatjana. 

172 



Tsarskoje Selo, 2. Juni 1916. 



Die guten Nachrichten sind so eine Wohltat und helfen einem zu leben. — 
Aber Miechen! Sie kann einen wild machen — ich werde heute Witte 
sehen und über alles mit ihm sprechen, was sie betrifft — nur möchte man 
sie nicht zwecklos kränken, da sie es gut meint, nur sie zerstört alles durch 
ihren eifersüchtigen Ehrgeiz. Laß sie nicht kommen und Dich belästigen, 
und vor allem gib ihr keine Zusagen. 



Tsarskoje Selo, 3. Juni 1916. 



Bitte, wenn Du etwas wegen Miechen verfügst, laß es an Senator Witte 
oder Stürmer schreiben, da es den Reichsrat angeht, und ich fühle, daß sie 
den Plan hat, einen Wirrwarr zu machen, indem sie hinter meinem Rücken 
zu Dir geht — eine häßhche Revanche. 



Tsarskoje Selo, 5. Juni 1916. 



Ania ist nach Terioki abgereist, ihre Familie besuchen, sie wird Dienstag 
nachmittag zurück sein. Sie vergaß Dir mitzuteilen, daß unser Freimd sagt, 
es sei gut für uns, daß Kitchener starb — da er später hätte Rußland schaden 
können, und daß keine wichtigen Papiere mit ihm untergegangen sind. Du 
siehst, er hegt immer Befürchtimgen wegen Englands, wenn der Krieg zu Ende 
sein wird und die Friedensverhandlungen beginnen werden. 

Tsarskoje Selo, 6. Juni 1916. 
Mein einziger Liebling! 

Ich beglückwünsche Dich aus ganzem Herzen zu imseren Erfolgen und 
zur Einnahme von Czemowitz — Dank sei Gott dem Allmächtigen. Nur daß 
wir nicht zu stürmisch vorgehen — legen wir Schmalspurbahnen, um Ver- 
pflegung und Munition näher an die Front heranzubringen? Ich ließ Tat- 
jana die Neuigkeit gleich nach dem Lazarett telephonieren — die Freude 
war ungeheuer. Wir verbrachten den Abend dort. 



Die Gesandten Frankreichs, Großbritanniens und Rußlands überreichen in Athen 
ein Ultimatum. König Konstantin sieht sich gezwungen, alle Forderungen der 
Entente anzunehmen. 

Tsarskoje Selo, 9. Juni 1916. 

Geliebter süßer Engel ! 

Bevor ich schlafen gehe, beginne ich diesen Brief an Dich. Ich habe A. 
beauftragt. Dir zu schreiben, denn sie hat Dir fünf Fragen zu übermitteln, 
und es ist für sie leichter, es zu schreiben, da sie sich dann erinnern muß. 

173 



Wünschest Du, daß ich Stürmer holen lasse und mit ihm über die vorzuberei- 
tenden Angelegenheiten spreche, wenn ]"a, telegraphiere nur: ,, Ein verstan- 
den mit Deiner Frage." Ich werde ihn dann Sonntag sehen, über alles 
sprechen und ihm sagen, er solle bei Dir anfragen, wann Du ihn empfangen 
kannst. Unser Freund hoffte, Du könntest für zwei Tage herkommen, um 
diese verschiedenen Fragen zu regeln, die er sehr wichtig findet, sie sollten 
schneller erwogen werden, ganz besonders 

1. Die Duma. Ich erinnere mich. Dir gesagt zu haben, daß er bat, Du 
solltest sagen, sie sollen schnell ein Ende machen und aufs Land gehen und 
die Feldarbeiten überwachen. 

Sende nur schnell nach Stürmer, da die Dinge hier so vertrödelt werden. 
Du kannst ihm Miechens Aufzeichnung zeigen, nur zum Durchlesen. 

2. Die Versetzung von Obolensky — warum ihn nicht irgendwohin zum 
Gouverneur ernennen — aber wer ist der rechte Mann, ihn zu ersetzen? Er 
war niemals gegen Grigori, so tut es ihm leid, seine Versetzung zu verlangen, 
aber er sagt, daß er wirkhch nichts tut — und man muß ernsthaft anfangen, 
die Verpflegung schneller sicherzustellen — die Leute stehen schon wieder 
vor den Geschäften in den Straßen an. 

3. Ob es nicht klüger wäre, die ganze Frage der Emährimg und Brennstoff - 
Versorgung dem Minister des Innern zu übertragen, den es mehr angeht als 
den Landwirtschaftsminister. Der Minister des Innern hat überall seine Leute, 
kann Befehle und direkte Anweisungen an alle Gouverneure geben — schließ- 
lich sind ihm alle untergeordnet, und Bobrinsky hat es nur aus Habgier selbst 
in die Hand genommen, und ich wünsche nicht, noch schlimmere Dinge zu 
unterstellen. Ich erinnere mich, der jüngere Chwostow dachte auch, es paßte 
besser ins Innenministerium. Dies ist eine der alleremstesten Angelegenheiten, 
sonst wird das Heizen zu schrecklich teuer werden. 

4. Bezüglich des Städtebundes, daß Du ihnen nicht mehr persönUch dan- 
ken solltest. Daß Mittel gefunden werden sollten, jetzt alles zu ver- 
öffenthchen, was sie tun und sagen, und besonders, daß Du, die Regierung, 
alles Geld hergibst, das sie reichhch ausgeben — es ist Dein Geld, und nicht 
ihres. Die Öffentlichkeit muß das erfahren. Ich habe mit Stürmer wieder- 
holt darüber gesprochen, wie das bekanntgemacht werden könnte — durch 
einen Erlaß von Dir an Stürmer oder durch ein Schreiben von ihm an Dich — 
will es nochmals mit ihm besprechen, da sie trachten, eine zu große Rolle 
zu spielen, und es wird zu einer pohtischen Gefahr, die man schon jetzt be- 
denken muß, sonst werden zu viel Dinge auf einmal zu regeln sein. 

Nr. 5, da konnte sie sich nicht mehr erinnern, was er ihr gesagt hat. 

Der Oberste Rat dauerte von 3 bis 4% — Rodzianko und Tschelnokow 
haben recht viel geredet, und Miechens Neidhardt hat mich gereizt — Stis- 
tschinsky sprach gut, Boris Wassiltschikow nicht besonders. Trepow über- 
brachte mir Deine Botschaft, Dank Dir, meine Taube ... — Der liebe alte 

174 



Goremykin war auch im Obersten Rat, so dünn, sehr mager, mit großen 
Augen — er sagte, die Hitze in Gogri hätte ihm nicht gutgetan, während 
seine Frau im Gegenteil sich sehr erholte und ihre Augen besser geworden« 
seien ... 

Schlaf wohl, mein Schatz, morgens und abends segne und küsse ich immer 
Dein Kissen — das ist alles, was ich habe ! Warum nur um alle Welt dieses 
Ultimatum an Griechenland, bin sicher, England imd Frankreich stecken da- 
hinter — meinem einfachen Verstand scheint es ungerecht und hart — kann 
mir gar nicht vorstellen, wie Tino darüber hinwegkommen soll, imd es kann 
seine Popularität schädigen. Noch eine Sache wollte ich Dir sagen, daß General 
Seiiwanow der Richter Suchomlinows ist, und man sagt, daß er nicht un- 
befangen sein kann, weil ihm früher von Suchomlinow Sibirien genommen wor- 
den ist, und daß es besser wäre, das Mitglied des Reichsrats General Schamilow 
dazu zu ernennen. Ich sage Dir dies nur, weil er das von mir wollte, aber 
ich sagte Ania, ich zweifelte, daß Du Dich in diese Sache einmischen wirst. 

Tsarskoje Selo, 12. Juni 1916. 

Gestern hatte ich die Freude, unseren Freund abends im kleinen Haus 
zu sehen, als ich auf dem Wege ins Lazarett war. Er war in ausgezeichneter 
Laune und so zugetan und freundlich — glücklich über die guten Nachrichten, 
er fragte viel nach Dir. Es tat mir gut, ihn zu sehen, und ich war froh, gerade 
von ihm zu unseren Verwundeten zu gehen. 

Tsarskoje Selo, 13. Juni 1916. 

Sah Stürmer, sagte ihm alles, er hat sich alle Fragen aufgeschrieben, will 
alles bereit haben, wenn Du ihn holen läßt. Er hofft, die Duma wird am 20. 
schheßen. 

Ich segne Dich, küsse Dich endlos in sehnender Liebe und Anbetung. 
Immer ganz Dein einziges altes Frauchen. 

Tsarskoje Selo, 14. Juni 1916. 

Unser Freund hofft, daß bald ein guter Sieg sein wird (vielleicht Kowel), 
und wenn, dann bittet er Dich, bei der Gelegenheit Suchomhnow gegen Bürg- 
schaft auf freien Fuß setzen zu lassen. Gib den Befehl privat ohne viel Auf- 
hebens an Chwostow oder den Senator, der sich um ihn zu kümmern hat, imd 
laß ihn zu Hause wohnen unter Aufsicht von zwei anderen. Er ist alt — 
natürlich bleibt das Urteil bestehen, aber das wird die schwere Last für den 
alten Mann erträglicher machen. — Er bittet Dich, dies zu tun, sobald 
wir einen großen Sieg haben. 



175 



Tsarskoje Selo, 15. Juni 1916. 



, Was für ein Regenguß! 

A. ist in der Nacht nach Finnland gereist, um (nach acht Monaten) ihren 
Bruder zu sehen, der für drei Tage gekommen ist. 

Miechen lebt jetzt hier!! 

Tsarskoje Selo, 17. Juni 1916. 
Mein einzig Geliebter! 

Ich schreibe noch immer schlecht, weil mich mein Finger hindert. Von 
ganzem Herzen beglückwünsche ich Dich zu den neuen guten Nachrichten, 
über IG 000 Gefangene! — Heute morgen bekam ich ein Telegramm von 
Keller aus Kimpolung: ,, Gestellte Aufgabe erfüllt, südliche Bukowina vom 
Feind gesäubert. Bin heute durch Beinschuß verwundet worden, Knochen 
nicht zerschmettert, aber angesplittert. Mit Gottes Hilfe hoffe bald zur Truppe 
zurückzukehren zu weiterem Dienst für Eure kaiserliche Majestät." . . . 

Hänge Miechen an 60 Apfelbäume! 

Nach fünfwöchiger Tagung wird die Duma bis zum November vertagt. 

Tsarskoje Selo, 20. Juni 1916. 

Ich sah Stürmer, der Dich bittet, etwas später kommen zu dürfen, da die 
Duma heute schließt, der Reichsrat am 22., und dann muß er noch eine Menge 
Leute empfangen — aber er möchte Dich gern vor allen andern Ministem 
sehen, da er Dir vorher verschiedene Angelegenheiten und Dinge sagen muß. 
Er sagt, jetzt werde er energisch werden, es sei schwer für ihn gewesen, so- 
lange er noch nicht ganz eingearbeitet war, und die Duma habe ihn nur in 
allem behindert. Er hat Antworten auf all die Fragen, die ich ihm stellte und 
von denen ich Dir sagte, eingeholt. Eine Sache, die ich diesmal ihm einzu- 
schärfen vergaß, ist das, was Nikolai vorbrachte und was äußerst wichtig 
ist — jetzt schon Leute auszuwählen, die die Leitgedanken für das künftige 
Parlament, wenn der Krieg zu Ende ist, studieren und ausarbeiten sollen — 
sie müssen sich schon jetzt eingehend vorbereiten und alles überdenken — 
sprich darüber, bitte, es ist so dringend. — Ich bin so froh, daß meine armen 
Sibirier jetzt Ruhe haben können . . . 

Habe das Vergnügen, Miechen zum Tee zu sehen! Und zweimal den 
Zahnarzt! So etwas Lästiges! 

Tsarskoje Selo, 22. Juni 1916. 

Ich finde. Du solltest Dir Boris kommen lassen und ihm den Kopf waschen 
— wie darf er sich unterstehen, solche Sachen zu sagen — denken kann er. 



176 



was er will, aber die Unverschämtheit zu haben, zu einem Engländer vor an- 
deren Leuten davon zu reden, das ist wirklich stark. Du mußt ihm das ver- 
weisen, daß er es wagt, sich so zu benehmen, der unverschämte Bursche. 



Der Lebensmittelnot des Volkes haben bisher nach Möglichkeit der Land- 
wirtschaftsminister Naumow und die Ernährungskomitees entgegengearbeitet. 
Es soll nun (nach deutschem Muster) ein besonderes Ernährungsamt geschaf- 
fen werden. Die Zarin ist gegen Naumow, Stürmer für den früheren Gouverneur 
von Charkow, Fürsten Obolensky, bisher Chef der Abteilung für zivüe Angelegen- 
heiten im Stabe des Höchstkommandierenden. Auch von einer militärischen I,eitung 
dieses Ernährungsamts und sogar von einer Diktatur des Großfürsten Sergei Mi- 
chailowitsch ist die Rede. Ein großer Ministerrat im Hauptquartier unter Vorsitz 
des Zaren schließt mit der Ernennung Obolenskys. Darauf nimmt Naumow 
seinen Abschied. 

Tsarskoje Selo, 23. Juni 1916. 

Stürmer hat über die Frage der Lebensmittelversorgung vernünftige An- 
schauungen. Wenn Du es nur seinem Ministerium übertragen willst, wohin es 
Hunderte von Jahren gehörte ; erst der schlaue Kriwoschein hat es an sich ge- 
rissen. Für das Innenministerium ist das alles leichter, da es die nötigen Leute 
und den Einfluß hat und einen guten, energischen Mann an die Spitze eines 
Sonderausschusses stellen kann. Ich höre jetzt, daß Naumow es bekommt, 
das wäre wirklich schade, denn er ist nicht energisch genug und kümmert sich 
zu viel um die Meinung der Duma und des Semstwo-Verbandes. Stürmer 
dachte an einen Fürsten Obolensky (den Gouverneur von Charkow), der fähig 
wäre, dem Ausschuß vorzusitzen und herumzureisen und alles zu besichtigen 
und energisch in alle Einzelheiten einzugehen. Ich weiß nicht, weshalb er 
heute kommt — er bat so sehr. Du möchtest ihn vor den anderen Ministem 
zu Dir kommen lassen, damit er in Ruhe mit Dir die Fragen besprechen könne, 
die ich ihm mit Deiner Erlaubnis gestellt habe. 

Es ist wieder sehr warm. Muß jetzt schließen, Liebster. Ich bange mich 
nach Dir und bedecke Dich mit brennenden Küssen, Gott segne und erhalte 
Dich. Immer D. ganz, ganz Eigene. 

Ich bedecke Deine Briefe mit Küssen und versuche zu denken. Ich höre 
Dich sprechen, o. Du fehlst mir schrecklich! 

Tsarskoje Selo, 23. Juni 1916. 
Mein einzig geliebter Engel! 

Es ist schon V21, und ich bin gerade zu Bett gegangen, aber ich möchte 
meinen Brief anfangen, solange ich mich noch an meine Unterhaltung mit 
Stürmer erinnere. Der arme Mann war schon durch Gerüchte irritiert worden, 
die ihm Leute überbrachten, die in Mohilew gewesen waren, aber als dann noch 

12 Die letzte Zarin. I77 



Rodzianko auf ihn losschoß, begann er vor Überraschung beinah die Fassung 
zu verheren. Es hieß, es werde eine mihtärische Diktatur mit Sergei Michailo- 
witsch an der Spitze errichtet werden, daß neue Minister ernannt werden 
sollen usw., und der Narr Rodzianko kam auf ihn losgestürmt, um seine Mei- 
nung darüber usw. usw. zu erfragen. Er erwiderte, er wisse von gar nichts und 
könne daher auch keine Meinung haben. Ich beruhigte ihn, sagte ihm, daß 
Du mir nichts Derartiges geschrieben hast, und daß ich überzeugt sei, Du 
würdest niemals einen Großfürsten auf einen solchen Platz stellen, am aller- 
wenigsten Sergei Michailowitsch, der gerade genug zu tun hat mit dem Be- 
mühen, seine eigenen Sachen in Ordnung zu bringen. Wir haben dann darüber 
gesprochen, daß es möglich sein könnte, daß die Generäle es für ratsam er- 
achteten, einen Militär an die Spitze einer solchen (Ernährungs-) Kommission 
zu stellen, um alles die Armee Betreffende in eine Hand zu bringen und 
militärische Strafmaßnahmen ergreifen zu können — freilich würden ganz 
sicherlich die Minister dadurch in eine sehr üble Position gebracht. — Dann 
sprachen wir von Naumow, der ihm wieder gesagt hat, er sei seines Amtes 
müde und fühle sich nicht wohl und würde gern seine Entlassung nehmen. 
(Er billigt nicht die Regierungsrichtimg, sieht die Dinge unter einem ganz 
anderen Gesichtspunkt. Und obwohl er ein treu ergebener und liebenswür- 
diger Mann ist, ist er doch auch hartköpfig und hält an den Ideen von Duma, 
Semstwo usw. fest und hält von deren Arbeit mehr als von der der Regierung. 
Das ist für einen Minister aber nicht rühmlich und erschwert das Zusammen- 
arbeiten mit ihm.) Er wünschte, Stürmer sollte Dir mitteilen, daß er seine 
Entlassung erbitte, aber Stürmer protestierte und sagte, das müßte er Dir 
schon selbst mitteilen. Obwohl er meint, Naumow habe kein Recht, während 
des Krieges Entlassung zu fordern, so wäre es für Stürmer doch ohne ihn 
leichtere Arbeit. Gestern war die letzte Sitzung des Reichsrats, unter dem 
Vorsitz von Golubew. Fast die ganze Rechte fehlte, war schon einige Zeit 
vorher abgereist, da sie genug davon hatten — Kokowzow vertrat die andere 
Partei und ist alles in allem ein abscheuliches Element. Diese Partei wagte 
die Absicht zu äußern, Trepow, Schakowskoi und Naumow zur Rechenschaft 
ziehen zu wollen für Dinge, die nicht seien, wie sie sein sollten, und sie wollten 
darauf bestehen, daß alle ihre Fragen beantwortet werden müßten. Trepow 
und Schakowskoi sagten, sie seien mit allen Belegen bereit; aber sie stimmten 
mit Stürmer überein, es dürften keine Fragen berührt werden, für deren Be- 
antwortung sie noch nicht vorbereitet seien. Naumow erklärte begeistert, 
er würde mit Freude auf jede einzelne Sache eingehen, und es würde keine 
Frage geben, die er nicht aufklären könne — es war recht unliebsam, aber 
Stürmer beharrte dabei, daß Golubew diese Fragen überhaupt nicht zulassen 
dürfe, und so kam zum Schluß alles doch noch zu einem ganz guten Ende. 
Nun eine andere Sache. Sergei Michailowitsch hat schon zweimal von 
Stürmer gefordert, daß alle Fabriken militarisiert werden sollten — aber Stür- 

178 



mer sagte, während der Dumatagung könne man das nicht machen — und 
jetzt hat er einen viel besseren Ausweg gefunden. Eine Fabrik (natürhch 
habe ich vergessen, in welcher Stadt) ist gerade ein Beispiel. Dort gab es 
Streiks, da hat man die sofortige Einberufung aller Leute und Arbeiter 
angeordnet, ließ sie wie bisher in der Fabrik weiterarbeiten, aber jetzt sind 
sie Soldaten, wenn sie wagen, einen Dienst zu verweigern, kommen sie vors 
Kriegsgericht. So kann man es weniger rauh und mit weniger Lärm machen, 
als wenn alle Fabriken gleichzeitig militarisiert werden. Es ist das beste Bei- 
spiel, und alle werden jetzt zittern, daß die Reihe auch an sie kommen kann. — 
Er (Stürmer) wird jetzt viel energischer und fühlt sich von schwerer Last 
befreit, seit die Duma nach Hause gegangen ist. — Was wird nur der odiose 
Rodzianko darüber gesprochen haben — es ist nicht unwahrscheinlich, daß 
er nicht wiedergewählt wird, denn seine Partei ist wütend, daß er die Sache 
so plump gemacht hat und verlangte. Du solltest die Duma schließen, als 
sie müde waren — und Stürmer nun sagte, sie müßten durch eigenen Beschluß 
auseinandergehen. Entschuldige, daß ich Dich mit all den Fragen belästige, 
aber ich wollte Dich im voraus warnen wegen Naumows und was den guten 
alten Mann bekümmert. 

24. Juni. Ich freue mich, daß der Heimarbeitsausschuß endhch verstanden 
hat, was er zu tun hat. Naumow hat eben mit mir lange darüber gesprochen — 
Witte hilft ihm viel — dieser Mann ist eine wahre Perle und meine rechte Hand 
in jeder Angelegenheit, und W. P. Schneider gibt nützlichen Rat, und sie 
wollen es an den Obersten Rat angliedern. Entschuldige, daß ich mit Blei- 
stift zu Ende schreibe, aber es ist keine Tinte mehr in der Füllfeder, und ich 
muß rasch fertig machen (ich sitze jetzt auf dem Balkon). Wir werden die 
Gouverneure dafür interessieren und es über das ganze Land ausbreiten und 
dann Kunst und Geschmack hineinbringen, wie in meiner Schule für Volks- 
kunst. 

O, Liebster, wieviel man doch tun kann, und wieviel wir Frauen helfen 
können, endlich sind alle erwacht und zu Hilfe und Arbeit bereit. 

Tsarskoje Selo, 25. Juni 1916. 

Kolossale Hitze. Hatte gerade eine lange Sitzung mit Witte, der 
Kopf dreht sich mir noch. Fred, war bei mir zum Frühstück, und ich sende 
Dir den eingeschlossenen Bericht über ein von Miechens Komitee arrangiertes 
Fest. Warum so kolossal offiziell — und vor wem defilieren unsere Truppen, 
vor den eroberten deutschen Geschützen oder vor Miechen? Bitte, sage, was 
Du wünschst, soll ich dabei sein oder nicht, vielleicht muß ich, sonst wird 
Miechen eine zu große Rolle spielen, nur hat sie die Medaille. 



12* 179 



Der Fall des Bischofs Hermogen lebt wieder auf. Die Zarin fordert unablässig 
den Rücktritt des Oberprokurators Wolzin, dessen Nachfolger der hier zuerst von 
ihr vorgeschlagene Professor Rajew, Inspektor des Volksschulwesens, werden wird. 

Tsarskoje Selo, 25. Juni 1916. 

Lieb, ich vergaß Dir zu sagen, daß ich gestern den Metropoliten gesehen 
habe, und wir besprachen die Angelegenheit Hermogens, der seit einigen Tagen 
in der Stadt ist und Zeitungsberichterstatter usw. empfängt. Er hat kein Recht, 
hier zu sein, da nicht Du ihm die Erlaubnis gegeben hast, sondern nur Wolzin 
und der Metropolit Wladimir, in dessen Kiewer Haus er lebt. Mehrere Zei- 
tungen schreiben über ihn, ,,Nowoje Wremja" sagt, der in Ungnade gefallene 
Bischof werde bald nach Astrachan ernannt werden, und zugleich behaupten 
sie, der Synod habe ihm erlaubt zu kommen. Auch Stürmer hörte zufällig 
davon und äußerte sein Mißfallen, so bat ich den Metropoliten, zu Stürmer zu 
gehen und ihn in seinem Namen zu ersuchen, er solle Wolzin sagen, er könne 
Dich zwar nicht mit dieser Sache belästigen, aber er finde es nicht richtig, 
und auch nicht den geeigneten Zeitpunkt, daß Hermogen hier ist, da man ja 
nicht vergessen kann, warum Du ihn abgesetzt hast, und daß nur wieder Ge- 
schichten daraus entstehen könnten ; gerade jetzt müssen alle solchen Sachen 
vermieden werden. Sie haben sich den Augenblick absichtlich gewählt, wo 
Grigori fort ist. Daß er schon einige Tage in der Stadt ist, und daß dies selbst 
Stürmer nicht erfuhr, dem es die Polizei gleich hätte melden müssen — das ist 
befremdlich. Ich schreibe all dies für den Fall, daß Du davon erfährst — er 
muß an seinen Platz zurückgeschickt werden, und ich hoffe, Stürmer sagte 
Wolzin Bescheid, frage Stürmer. Solange Wolzin bleibt, werden die Dinge nie 
richtig laufen, er ist für seinen Platz ganz ungeeignet, ist ein artiger Mann 
von Welt und arbeitet nur mit Wladimir zusammen. Montag empfange ich 
Rajew (den Bruder des Doktors, Sohn des alten Metropoliten Paladi) — ich 
glaube, er ist Professor — ein ausgezeichneter Mann, der die Kirche seit" seiner 
Kindheit in- und auswendig kennt. Notiere Dir, daß Du Stürmer nach ihm 
fragst, er fand ihn sehr tüchtig (er sieht wahrhaftig nicht wie Wolzin aus und 
trägt eine Perücke) — Du kennst ihn wahrscheinlich — , er hat die Frauenhoch- 
schule unter sich, und als es in allen Schulen und Universitäten Unfrieden gab, 
haben sich seine Mädchen glänzend verhalten. Es interessiert mich, ihn zu 
sprechen, da er sich in allen Kirchendingen so gut auskennt. Bitte denke 
daran, mit Stürmer von ihm zu sprechen. 

Tsarskoje Selo, 30. Juni 1916. 

Entschuldige, daß ich Dich immer noch wegen dieses scheußhchen Festes am 
Sonntag belästige, aber ich fürchte, man kann denken, daß ich nicht hingehen 

180 



will, weil es den Deutschen abgenommene Siegestrophäen sind — Miechen, 
Du siehst es, geht — und man hat über looo St. Georgsritter versammelt, 
die dabei sein sollen. — Schönes Wetter. — Ich mache heute Schluß mit dem 
Zahnarzt. — Nahm den Tee gestern bei Miechen — sehr liebenswürdig, sie 
sprach gar nicht von den Dingen. 

Tsarskoje Selo, 14. Juli 1916. 

Lieb, sag doch ein Wort, daß Suchomlinow nach Hause gelcLSsen wird, die 
Ärzte fürchten, daß er verrückt wird, wenn er noch länger eingesperrt bleibt 
— verfüge diese Milde aus Deinem eigenen süßen Selbst heraus. 



In Ostgalizien wird Brody von den Russen erobert. Der mit „Ducky", der Groß- 
fürstin Helena, verheiratete zweite Bruder des Königs Konstantin, Prinz Nikolaus, 
interveniert durch einen Besuch beim Zaren für Griechenland. Eine neue große 
Personenkrise verändert die russische Regierung: Sassonow, den die Rechte noch 
zuletzt der schwächlichen Passivität beschuldigt, wird enthoben, Stürmer übernimmt 
auch das Ministerium des Äußern. Der Justizminister A. A. Chwostow wird Mi- 
nister des Innern, Makarow, der frühere, ganz rechts stehende Minister des Innern, 
den die Zarin bekämpft hat, Justizminister. 

Tsarskoje Selo, 16. Juli 1916. 

Welch schöne Überraschung war Ritas Mitteilung im Lazarett — ich hatte 
noch keine Zeit gehabt, die Zeitungen zu lesen — Brody genommen — welches 
Glück — die direkte Linie nach Lemberg, und der Durchbruch begonnen — 
jetzt kommt das Gute, das unser Freund vorausgesagt hat. Ich freue mich so 
für Dich — ein großer Trost und Lohn nach all Deinen Sorgen und den schweren 
Vorbereitungsarbeiten! Und wie sind die Verluste? Herz und Seele sind bei 
Euch da draußen! 

Das ist recht, daß Du Nicky sich aussprechen ließest, es wird ihn beruhigt 
haben, und ich denke wirklich, die anderen Mächte werden nicht feig an Grie- 
chenland handeln, obwohl es ein niederträchtiges Land ist . . . 

Um ^6 nehme ich Wittes Bericht entgegen und morgen habe ich Stürmer, 
mit dem ich ernsthaft über die neuen Minister sprechen muß — schade, daß 
man Makarow genommen hat (wieder ein Mann, der gegen Dein armes, altes 
Frauchen ist, und das bringt kein Glück), und ich muß unseren Freund 
gegen sie und auch gegen Pitirim sichern. 

Tsarskoje Selo, 17. Juli 1916. 

Hatte einen langen Brief von Olga, sagt, Deine liebe Mama ist wohlauf, 
guter Laune, vergnügt sich in Kiew und spricht nicht davon, von dort weg- 
zugehen ; sie sieht sie aber nur selten und arbeitet sehr hart seit drei Monaten. 

181 



In drei bis vier Tagen geht ihr Freund an die Front zurück, und sie denkt 
daran schon mit Verzweiflung. Er kam zu ihrem Namenstag — er war irgend- 
wo mit den Pferden die letzten zwei Monate. — Wie die Zeitungen über 
Sassonow herfallen, es muß für ihn sehr unangenehm sein, nachdem er sich 
eingebildet hat, er sei viel wert, die arme Langnase. 



Deutschland und Österreich-Ungarn proklamieren Russisch-Polen zum selbstän- 
digen Königreich. Nikolai Nikolajewitsch hatte ihm, gestützt auf Personen wie 
den Grafen Zamoyski, Autonomie geben wollen. 

Tsarskoje Selo, 19. Juli 1916. 

Stürmer sprach mit mir über die polnische Frage — man muß sich da 
wirkhch sehr klug benehmen. Du weißt, daß ich Zamoyski gut leiden mag, 
aber ich weiß, daß er ein Intrigant ist, so muß man diese schwierige Frage gut 
überlegen. 

Tsarskoje Selo, 20. Juli 1916. 

Ich sah Wojeikow, der nach Zigarren riecht und voll ist von seinen Milhonen 
und Bauten und selbstbewußt wie immer — ganz positiv wird der Krieg im 
November zu Ende sein und jetzt im August wird das Ende beginnen — er 
reizt mich, und ich sagte ihm, Gott allein wisse, wann das Ende kommen 
wird, und viele hätten gesagt, es würde im November sein, aber ich bezwei- 
felte es — in jedem Fall ist es unklug, immer so unverschämt selbstsicher 
zu sein, wie er es ist. 

Vor dem nächsten Brief der Zarin sind weitere Personalveränderimgen vor sich 
gegangen. Admiral Eberhardt, der Chef der Flotte des Schwarzen Meeres, ist durch 
den Vizeadmiral Koltschak ersetzt worden. General Rußky hat die Nordfront 
wieder übernommen; Kuropatkin wird Generalgouverneur von Turkestan. Der 
Kriegsminister Schuwajew überträgt für die Dauer einer längeren Dienstreise die 
Leitimg des Kriegsministeriums seinem Gehilfen, General Frolow. Das konservative 
ReichsratsmitgUed Graf A. A. Bobrinsky, von Stürmer als Gehilfe ins Ministerium 
des Innern berufen, ist zum I^andwirtschaftsminister ernannt worden. Nur der 
Unterrichtsminister Ignatiew stört noch die Einheitlichkeit des konservativen Mi- 
nisteriums. 

Tsarskoje Selo, 3. August 1916. 

Ich möchte Dich gern vor allen überflüssigen Sorgen und Quälereien be- 
wahren, aber oft muß ich selbst mit langweiligen Schreibereien kommen — 
da kann man nichts machen. Gehebter, Gott der Allmächtige gebe Dir Weis- 

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heit und Erfolg — und den anderen Geduld, daß sie nicht hartnäckig vor- 
wärtsstürmen und alles durch nutzlose Verluste verderben — mit bedacht- 
samer Beharrlichkeit vorwärts, mit sicheren Schritten, keine Überstürzung, 
um nicht auf den eigenen Spuren wieder zurück zu müssen — das ist viel 
schlimmer. — Wenn nur Alexe jew das Heiligenbild von unserem Freund im 
rechten Geiste entgegengenommen hat, dann wird Gott sicherlich seine Arbeit 
mit Dir segnen. Du brauchst es nicht zu vermeiden, Grigoris Namen vor ihm 
zu nennen. Dank ihm, daß Du voriges Jahr festbliebst und selbst das 
Kommando übernahmst, als alle dagegen waren; sage ihm das, und er wird 
dann die Weisheit verstehen — und soviel wunderbare Errettungen von Leuten, 
für die er im Kriege betet, die ihn kennen — von Baby und Ania ganz 
zu schweigen. 

Bei der Fortsetzung der russischen Offensive hat die Garde unter Besobrasow 
schwerste Verluste. Rasputin begibt sich nach Sibirien, Anja Wyrubowa und Lili 
von Dehn begleiten ihn. 

Tsarskoje Selo, 4. August 1916. 

A. verbrachte den Abend mit uns — sie ist in dieser Woche abgemagert, 
sieht müde aus, und man sieht, daß sie viel geweint hat. Sie sprach kaum etwas 
— erst nachdem die Kinder zu Bett waren. Sie reist Montag mit unserem 
Freund und der lieben Lili nach Tobolsk ab, um vor den Reliquien des neuen 
Heiligen zu beten. Sie ist verzweifelt, daß sie ohne Deinen Segen so weit weg 
soll, und grade jetzt, wo ich eben erst zurück bin, aber er wünscht die Abreise 
jetzt, hält dies für den besten Augenblick. — 

Er fragt, ob die Zeitungsnachrichten wahr sind, daß die slawischen Kriegs- 
gefangenen freigelassen werden sollen, er hofft, daß dies nicht richtig ist, es 
würde ein großer Fehler sein. (Beantworte diese Frage, ja?) — Er ist auch 
verstimmt, weil es heißt, Gutschkow und Rodzianko hätten Befehl, das Kupfer 
einzusammeln, — wenn das wahr ist, sagt er, müßte man das aus ihren Händen 
nehmen, es sei nicht ihre Angelegenheit. Er bittet Dich, sehr streng mit den 
Generälen zu sein, die gefehlt haben. Du siehst, daß sich von allen Seiten 
Empörung gegen Besobrasow erhebt, weil er die Garde hinschlachten ließ — 
Lesch hatte Besobrasow fünf Tage vorher den Befehl zum Vorrücken gegeben, 
er verschob es immer wieder und verlor dann alles durch seine Dickköpfigkeit. 
Die verwundeten Schützen und andere haben aus ihrer Wut kein Hehl gemacht. 

Ania erhielt einen sehr interessanten, aber traurigen Brief von N. P. — er 
schreibt auch, was sie getan haben — aber verzweifelt über die Generäle — 
Besobrasow — die jetzt nicht weiter wissen — ließ die Garde dort vorrücken, 
wo man wußte, daß die Sümpfe nicht passierbar sind, und befahl, andere 
Sümpfe zu vermeiden, die man ganz gut durchschreiten kann. Er berichtet, 
das Schlimmste sei die Sorge, mich traurig zu machen, aber er bat sie, mir dies 

183 



zu sagen. — Hier hoffen alle, daß Du Besobrasow abberufen wirst. Ich hoffte 
es von Anfang an, es ist gewiß nicht schwer, einen Nachfolger zu finden, und 
zumindest einen, der nicht störrisch wie ein Maulesel ist. Die Garde wird es 
ihm nie verzeihen, und es würde ihr mißfallen, wenn Du zu ihm hältst, und 
würde sagen, er profitiere von seiner alten Kameradschaft mit Dir. — Ver- 
zeih mir, aber je länger ich im Zuge ruhig überdachte, was Paul geschrieben, 
Dmitri und die anderen gesagt haben, desto mehr finde ich wirklich, daß er 
gehen muß, und es wird ein glorreiches Beispiel Deiner Weisheit sein. Es ist 
Deine Leibgarde, die er verbrecherisch vertan hat • — und er wird sich wieder 
mit Lesch und Brussilow nicht vertragen. Du hast ihn nach der Geschichte 
vom vorigen Jahr so gütig gerettet und hast ihm eine herrliche Chance gegeben, 
die er schandbar mißbraucht hat — man darf so etwas nicht ungestraft tun . 
Laß ihn büßen und andere aus seinem Beispiel Nutzen ziehen. Es tut mir leid, 
daß ich im Hauptquartier und zu Alexe] ew nicht heftiger gesprochen habe. 
Dein Prestige wird gewahrt werden, sonst aber wird man sagen, daß Du schwach 
bist und nicht für Deine Garde eintrittst, die Du immer geliebt hast — und 
man kann nicht noch so ein Unglück riskieren. Die Generäle wissen, daß wir 
noch genug Männer in Rußland haben, und sparen daher nicht mit Menschen- 
leben — aber die waren so wundervoll ausgebildet und ausgerüstet — und alles 
umsonst, ich weiß, wie Dich das geschmerzt hat — aber sei vernünftig, meine 
Taube. — Höre auf dein Frauchen, die nur auf Dein Wohl bedacht ist imd 
weiß, daß dies der richtige Schritt ist — laß Alexejew anders darüber denken — 
nur entlasse ihn am besten gleich ganz, da Du selbst gesagt hast, daß eine 
scharfe Rüge ihn nur nervös machen würde. Tu's um Deiner tapferen Garde 
willen, und alle werden Dir dafür danken, sie sind tief verletzt durch seine 
Rücksichtslosigkeit, daß er sie alle hinmorden ließ. 

Tsarskoje Selo, ii. August 1916 
Mein 'einziger Liebling! 

Herzlichsten Dank für Deinen lieben Brief. Ich bin dankbar, daß Du 
Besobrasow abberufst, es hätte die Garde böse verletzt, wenn er geblieben 
wäre, denn alle wußten, daß er an den so großen und, ach! so nutzlosen Ver- 
lusten die Schuld hatte. 

Man spricht gut von dem einen Bruder Dragomirow — Gott gebe, daß 
er für den Platz geeignet ist und in Eintracht mit den anderen Generälen 
arbeitet. Aber sie müssen einen besseren Nachrichtendienst bekommen, er 
wußte so gut wie von nichts. 

Dmitri habe ich nicht gesehen, aber ich vermute, seine Nerven taugen 
wieder gar nichts, es ist wirklich ein Jammer. Laß ihn nicht so oft zu der Dame 
gehen — solcher Verkehr ist sein Verderben — nichts als Schmeicheleien, und 
er liebt das, und dann wird natürlich der Dienst schlapp. Du mußt ihn kürzer 
halten, und dulde auch nicht seine allzu lose Zunge. 

J84 



Tsarskoje Selo, 12. August 1916. 



Ich bin froh, daß die Dinge im Kaukasus gut gehen. Ja, es ist ganz gut, 
wenn Du immer zwei a. d. c. (aides de camp) je vierzehn Tage in Deinem 
Dienst hast und sie dann wechselst — aber behalte N. P. etwas länger, um 
auch einen von der Marine bei Dir zu haben, und er ist ja auch sonst nirgendwo 
nötig — imd ich bin Deinetwegen viel beruhigter, wenn er da ist — einer von 
den Unsrigen, und sein Einfluß auf Dmitri ist gut . . . 

Hatte eine interessante Unterredung mit Bobrinsky. 



Am 14. August a. St., abends ^A 9 Uhr, überreicht der rumänische Gesandte in 
Wien die Kriegserklärung Rumäniens an Österreich-Ungarn. Tags darauf er- 
klärt Deutschland an Rumänien den Krieg. 

Tsarskoje Selo, 13. August 1916. 

Dem Himmel sei Dank, daß die Rumänen endlich marschieren wollen — 
und was haben wir für den 15. für Operationspläne? 

Denkst Du also an Beljajew als Kriegsminister — ich denke, es würde nach 
allem eine kluge Wahl sein. Bobrinsky findet, die Arbeit kann nicht gut von- 
statten gehen, solange Stürmer soviel zu tim hat, er kann sich nicht einer Sache 
recht und ganz widmen, wie er sollte, und unser Freund fand das auch. 



Der von der Zarin protegierte Beljajew wird infolge eines Konflikts mit Schu- 
wajew entlassen. Gäste der Zarin sind die Prinzessin Irina und ihr Gatte, Fürst 
Felix Jussupow. 

Tsarskoje Selo, 14. August 1916. 

Irina imd Felix tranken Tee bei mir — sie waren sehr nett und natürhch, 
sie sehr braun und er sehr mager, das Haar kurz und wie ein Page, er sieht viel 
besser aus und hält sich sauber. — Dann hatte ich Stürmer . . . Wenn ich 
nur mit dem dummen, müden Kopf klar und ordentlich schreiben kann. — 
Also, um damit anzufangen, es war für ihn ein harter Schlag, daß Beljajew 
entlassen worden ist, da er ihm die Frage der Gefangenen übertragen hatte, 
die man im ganzen Land für die Kohlengruben usw. braucht, und er wollte, 
daß er mit den Armeeführern spräche, um zu regeln, wie viele sie entbehren 
können usw. Er übertrug ihm auch die dringende und wichtige Emährungs- 
frage. Jetzt ist er nicht mehr im Ministerium, unbeliebt bei Schuwajew, kann 
ihm nicht mehr helfen, und dabei ist er wirklich ein fähiger Mann und arbeitet 
viel mehr als Schuwajew, der niemals im Ministerrat erscheint, sondern seine 
Vertreter sendet. Ich hatte sehr gehofft, daß Du gerade ihn zum Kriegsminister 

185 



ernennen würdest — es ist ein echter Gentleman und kennt sich in allem aus, 
und ein wirklich fähiger Mann, wenn ihn auch Schuwajew nicht zu schätzen 
wußte. — Wir haben lange über die Emährungsfrage gesprochen und über- 
legten, ob es nicht angezeigter wäre, dafür einen Militär auszusuchen (z. B. 
Schuwajew selbst, der das sicher bewältigen würde, da es ähnlich ist dem, was 
er so gut für die Intendantur getan hat — statt Minister zu sein). Alexejew 
sieht nicht gern Stürmer damit betraut, er hat das den anderen Ministem deut- 
lich zu verstehen gegeben, vielleicht weil der ein Zivilist ist und ein Militär 
ihm lieber wäre. Er würde alle Rechte eines Ministers haben, würde bleiben, 
wozu Du ihn ernannt hast, an der Spitze des Ganzen, würde darauf achten, 
daß alles klappt, den Ministem helfen — und Du hättest nichts zu ändern. 
Er scheut keme Arbeit, ist frisch, wir dachten, daß Du selber vielleicht auch 
einen Militär vorziehen würdest. So sagte ich, ich würde das herauskriegen, 
und wenn Du mit Stürmer darüber sprechen willst, laß ihn bitte kommen — 
er will Dich nicht behelligen und möchte, daß die Anregung von Dir ausgeht. — 

Dann wegen Wolzin, er wird ihm den Bericht jetzt geben — und möchtest 
Du nicht Rajew sehen, ausführlich mit ihm sprechen, um zu sehen, ob er Dir 
paßt. Ich glaube, er mit Schewakow als Helfer wäre wirklich gottgesandt für 
die Kirche. Wenn Du ihn sehen willst, telegraphiere mir das Datum, ohne seinen 
Namen zu erwähnen, und Stürmer wird ihn verständigen. Die anderen Kan- 
didaten finde ich ganz ungeeignet und kirchlich ganz unwissend. 

Als ich mit Bobrinsky sprach, meinte er auch, daß ein besonderer Mann die 
Leitung der Verproviantierung haben sollte, der nichts anderes in seinem Kopf 
hätte, als nur dafür zu leben und zu denken. — Der alte Chwostow kommt 
sich morgen zeigen. 

Ich langweile Dich ungern mit so einem Brief, aber der alte Mann fühlt 
sich immer erleichtert, wenn er zu jemandem sein Herz ausschütten kann, und 
er ist froh, wenn ich nach dem Hauptquartier reise, ich bitte Gott täglich, mir 
zu helfen. Dir von Nutzen zu sein. Unser Freund ermutigt Stürmer, immer 
mit mir zu reden, da Du nicht hier bist, um die Dinge mit ihm zu besprechen. — 
Ich bin gerührt, daß der alte Mann soviel Zutrauen zu Deiner alten Frau hat. 

Warum wurde Beljajew entfernt? Ist es jetzt leichter für Dich, ihn zum 
Minister zu ernennen? 



Der in dem folgenden Brief erwähnte Sandro Li. ist der dem Zarenhause nahe 
verwandte Fürst Alexander Georgiewitsch Romanowsky, Herzog von I^euchtenberg, 
Rittmeister im Gardehusarenregiment und Flügeladjutant des Zaren. 



Tsarskoje Selo (Datum fehlt). 



Mein Krim-Regiment ist nicht sehr weit von Hahcz, Sedow hat sie schon 
erreicht. 



i86 



Ich höre, daß Sandro L, ein schreckhches Weib zu heiraten beabsichtigt, 
Ignatiew, eine geborene Cavalli, früher Kokotte mit einem furchtbaren Ruf 
— ihre Schwester ruiniert seit drei Jahren den alten Pistohlkors. Hoffenthch 
kann das verhindert werden — es wird dem närrischen Jungen großes Un- 
glück bringen. 

Kaiserliches Hauptquartier, 4. September 1916. 

Ich bitte, ich beschwöre Dich, mein Sonnenschein — überhaste die Ge- 
schichte mit Polen nicht — laß Dich nicht von andern drängen, es zu tmi, 
bevor wir die Grenze überschreiten. Ich vertraue ganz auf unseres Freimdes 
ihm von Gott verliehene Weisheit, zu raten, was das Rechte ist für Dich und 
Dein Land. Er sieht weit voraus, und deshalb kann man seinem Urteil ver- 
trauen. Deine Einsamkeit wird groß sein — und so trübe — kein wahrer 
Freund in Deiner Nähe — ich werde ruhiger sein, wenn N. P. zurückkehrt. 
Er ist einer von den Unsern, von unserm Freund gesegnet, um Dir zu nützen. 



Generalmajor Graf Grabbe befindet sich im persönlichen Gefolge des Zaren, 
Ressin gehört zu seinen Flügeladjutanten. 

Tsarskoje Selo, 6. September 1916. 

Liebling, bitte laß Dir Mme. Soldatenko nicht vorstellen — entsinne Dich, 
daß ich Dir gegenüber schon einmal meine Überzeugung von Grabbes dahin- 
gehender Absicht äußerte. Denke Dir, dieser schlechte Mensch ist so dumm 
und erzählt seiner Freundin Nini, er hoffte, ich ginge jetzt nicht ins Haupt- 
quartier, dann könne er sie mir Dir bekannt machen und sie Deine Mätresse 
werden. Wie beschämend, erniedrigend, so etwas zu sagen — sie war wütend 
und gab es ihm gehörig. (Kein Zweifel, warum er Dir diese aufreizenden 
Bücher zu lesen gibt.) Bitte, sage ihm nichts davon, aber sie halte Dir fem — 
sie versuchte, Isa zu sich kommen zu lassen, aber diese lehnte dankend ab. 
Ihr Ruf ist sehr schlecht — N. P. weiß, mit wem sie vorher ,, lebte" — dies 
ist ihr zweiter Mann — und er würde keinen Fuß über ihre Schwelle setzen. 
Sie versucht, die Großfürsten und ihr Gefolge zu kapern — um eine Rolle zu 
spielen — ich beobachtete, wie sie zu ihrer Loge hinaufsah, und fand es sonder- 
bar, daß sie unten stand, als wir vorübergingen. Damals sagte ich Dir, ich 
hätte die Empfindung, sie wolle vorgestellt werden. — Es ist von Grabbe ge- 
mein und schmutzig, nachdem wir so freundlich zu ihm waren. — Ich hätte 
ihr nicht erlaubt, länger im Hauptquartier zu wohnen — es herrscht dort ein 
schlechter Ton und gibt zu Gerede Anlaß. Sicherlich wird sie heute wieder 
im Kino erscheinen. — Entschuldige, daß ich Dir all dies schreibe, aber ich 
möchte Dich vor Grabbe warnen. Er sagte dann noch zu Ressin (all das weiß 
ich von Ania), daß Wojeikow gehen und daß man Grabbe seinen Posten an- 

187 



bieten und er ihn nicht annehmen wird. Dann soll Ressin vorgeschlagen wer- 
den, und er möchte den Posten doch annehmen, Ressin aber sagte, er täte es 
keinesfalls, denn er weiß, daß er nie dafür in Frage kommt — Grabbe war 
darüber höchlichst erstaunt. — Ich muß auf ihn achten — er spielt den Harm- 
losen, unterhält sich mit den Kindern, nicht gewandt aber schlau, und un- 
aufrichtig. 



Eine neue Krise im Ministerium des Innern: A. A. Chwostow muß gehen, da 
Stürmer dessen Gehüfen K limowitsch absetzen wül. Auch sind Stürmer und 
Chwostow iineins wegen der Frage der Neuwahlen zur Duma. Stürmer schlägt den 
Leiter des Ernährungsamts Fürsten Obolensky vor, Rasputin und mit ihm die Zarin 
sind für den Vizepräsidenten der Duma und Adelsmarschall der Provinz Simbirsk 
D. A. Protopopow, der auch zehn Tage nach dem hier folgenden Brief ernannt wird. 

Tsarskoje Selo, 7. September 1916. 
Mein einziger Liebling! 

Obgleich ich sehr müde bin, muß ich meinen Brief heute abend noch be- 
ginnen, damit ich nicht vergesse, was unser Freund mir sagte. Ich richtete 
ihm Deine Botschaft aus, und er sendet Dir seinen Gruß. Du sollest Dich nicht 
ängstigen, alles wird recht werden. — Ich erzählte ihm meine Unterhaltung 
mit Stürmer, der meint, Klimowitsch müsse auf alle Fälle fortgeschickt werden 
(er wird Senator), und dann will der alte Chwostow gehen, da er ohne ihn 
nicht fertig werden kann. Chwostow ist nervös und kränklich (ich weiß, er mag 
Stürmer nicht, ebenso wenig wie Klimowitsch, der ein schlechter Mensch ist, 
unseren Freund haßt und dennoch vor ihm kriecht und schmeichelt). Nun 
will Stürmer den Fürsten Obolensky von Kursk-Charkow vorschlagen (früher 
mit Nikolascha im alten Hauptquartier), jetzt arbeitet er an der Emährungs- 
frage, um Minister des Innern zu werden, aber Grigori bittet Dich ernst- 
lich, hierzu Protopopow zu ernennen. Du kennst ihn und hattest solch 
guten Eindruck von ihm — zufällig ist er in der Duma (er ist nicht links) und 
wird verstehen, mit ihnen umzugehen. Dieses wüste Volk ist zusammen- 
gekommen und verlangt, Rodzianko solle zu Dir gehen, vollständigen Minister- 
wechsel und Annahme ihrer Kandidaten fordern — unverschämtes Pack! 

Meiner Meinung nach könntest Du nichst Besseres tun, als ihn zu ernennen. 
Der arme Orlow war sein intimer Freund — ich glaube, Maximowitsch kennt 
ihn gut. Seit mindestens vier Jahren liebt er unseren Freund, und das spricht 
viel für einen Mann — und dieser Obolensky ist sicherlich wieder von der 
anderen Partei. — Ich kenne ihn nicht, aber ich vertraue auf unseres Freundes 
Weisheit und Führung. Er ist traurig, daß Du nie hierher kommst. Deine 
Gegenwart ist auch hier sehr nötig, sei es auch nur für zwei Tage, imerwartet, 
sie würden doch dann alle empfinden: der Herr ist gekommen, nach dem 
Rechten zu sehen. Es wäre schön und nicht schwierig für einen kurzen Be- 

188 



such, und würde die Leute glücklich machen. — Ich sagte ihm, daß Stürmer 
mit mir über die Veröffentlichung wegen Konstantins sprach: Du weißt, was 
Du zu Georgie sagtest. Er meint auch, es würde gut sein, da es Frankreich 
und England vor ganz Rußland verpflichtet, und nachher müßten sie dann 
ihr Wort halten. — Was Polen betrifft, bittet er Dich, abzuwarten, ebenso 
Stürmer; nur nicht, ehe wir die Grenze überschreiten. Höre auf ihn, der 
Dein Bestes will, und dem Gott mehr Einsicht, Erleuchtung und Weisheit ver- 
liehen hat als den ganzen Militärs zusammengenommen. Seine Liebe für Dich 
und Rußland ist so tief, Gott hat ihn Dir zur Hilfe und Führung gesandt, 
und er betet so innig für Dich . . . 

Jetzt muß ich schlafen gehen, es ist nach 12, und ich bin sehr müde. Von 
6 — 7 habe ich geruht, ging dann zur Kirche. — Gute Nacht, schlaf wohl, 
mein Liebling — ich denke dauernd an Dich — es ist hier so leer und ruhig. 
Vier Monate haben wir nicht zusammen geschlafen — nein, sogar länger. 

Tsarskoje Selo, 9. September 1916. 

Bitte, mache Protopopow zum Minister des Innern, denn er ist von der 
Duma, es würde große Wirkung auf sie ausüben und ihnen den Mund stopfen. 

Tsarskoje Selo, lo. September 1916. 
Mein einzig Geliebter! 

Heißesten Dank für Deinen lieben Brief. Es tat mir so leid. Dich mit all 
diesen Fragen zu belästigen, ich wollte Dich aber nur vorbereiten. Schakowskoi 
ist zu gut, als daß er abgeschoben würde, und Chwostow will gehen, Proto- 
popow ist der passende Mann, meint Grigori, das sollte ich Dir sagen, und 
Fürst Obolensky gehöre neuerdings wieder zu der anderen Clique und wäre 
kein ,, Freund". 

Tsarskoje Selo, 13. September 1916. 

Du weißt, daß Mischas Frau in Mohilew war ! ! Georgi erzählte es Paul, er 
saß im Kino in ihrer Nähe. Ermittle, wo sie gelebt hat (vielleicht im Waggon) 
und wie lange, und verbiete streng, daß das noch einmal geschieht. 

Tsarskoje Selo, 14. September 1916. 

Gestern hatte ich Stürmer hier und sprach alles mit ihm durch — ich bat 
ihn, schleunigst Obolensky abzusetzen, sonst erlebten wir die größten Straßen- 
tumulte. Gott segne Deine neue Wahl mit Protopopow — unser Freund 
meint. Du hättest mit seiner Ernennung sehr klug gehandelt. 

189 



Tsarskoje Selo, 15. September 1916. 



Gestern abend sah ich unseren Heben Freund im kleinen Hause bei mir. 
So glücklich über Protopopows Ernennimg — er meint, es ist eine äußerst 
kluge Berufung, natürlich würde es einige Unzufriedene geben — aber auf 
die nächste (nicht diese) Duma könne er viel Einfluß haben. — Er sagte mir, 
ich solle mit Rajew über die armen Mönche von St. Athos sprechen, die noch 
nicht amtieren könnten und sterben müßten, ohne die Heilige Kommunion 
empfangen zu haben . . . 

Tsarskoje Selo, 16. September 1916. 

Mir scheint, daß unsere Generäle furchtbar schlapp sind. Ach ja, er sagte, 
ich sollte Dir sagen. Du solltest Dich nicht grämen, einen General wegzu- 
schicken, auch wenn er schuldlos war. Du kannst ihm immer später verzeihen 
und ihn reaktivieren, und ihm wird es nicht schaden, daß er gelitten hat, 
und es lehrt ihn die Furcht Gottes. 



Die Scheidung der Großfürstin Olga und des Herzogs Peter von Oldenburg 
wird vom Zaren bestätigt. 

Tsarskoje Selo, 17. September 1916. 

Hast Du Petja wissen lassen, daß er frei ist? Was sagt Sandro über 
Olgas Absichten? 

Tsarskoje Selo, 18. September 1916. 

Lieb, ich höre, daß man Pahlen den Hofrang genommen hat, weil man 
einen Privatbrief von ihm an seine Frau gelesen hat, worin er die Gesandten 
Schurken nennt, und ich verstehe, daß er das sagt. Sicher ist es ein Miß- 
griff, man hat wieder einen mit deutschem Namen gepackt — und er ist 
in Wahrheit Dir so ergeben. 



Mit dem folgenden Brief beginnt die Zarin auf einen direkten Verkehr zwischen 
Gutschkow und Alexejew aufmerksam zu machen. Ebensosehr regt sie der 
Fall des Grafen Pahlen auf. 

Tsarskoje Selo, 20. September 1916. 

Bitte, Liebster, laß den guten Alexejew nicht darauf kommen, eine Partie 
mit Gutschkow spielen zu wollen, wie das im alten Hauptquartier Sitte 
war. Rodzianko und er sind jetzt eins und versuchen, Alexejew einzufangen, 
indem sie behaupten, niemand könne etwas leisten als sie. Er soll sich einzig 

190 



mit dem Krieg beschäftigen — die andern haben zu verantworten, was im 
Hinterland geschieht. — Protopopow kommt morgen zu mir, und ich habe 
einen Haufen Fragen an ihn, auch über einige Ideen, die in meinem alten 
Kopf entstanden sind, eine Gegenpropaganda gegen den Städtebund in der 
Armee zu machen — damit sie überwacht und die, die man abfaßt, sofort 
beseitigt werden. Das Ministerium des Innern muß nette, anständige Leute 
als seine , .Augen" draußen haben und mit militärischer Hilfe sehen, was 
sich tun läßt. Wir haben kein Recht, diesen zu erlauben, daß sie die Ohren der 
Soldaten mit schlechten Ideen füllen — ihre Ärzte (Juden) und Schwestern 
sind greulich . . . Ich sagte Stürmer, er solle dies Protopopow erzählen, und 
er wird bis morgen darüber nachdenken und sehen, ob irgend etwcis Prak- 
tisches getan werden kann. Ich sehe nicht ein, warum die Schlechtgesinnten 
immer für ihre Sache kämpfen und die Gutgesinnten klagen, aber mit gefal- 
teten Händen dasitzen sollen, und den Ausgang abwarten. — Du nimmst es 
mir nicht übel, wenn ich mit Ideen komme, nicht wahr, Liebling, aber ich 
versichere Dir, wenn ich auch krank bin, habe ich doch mehr Energie als die 
ganze Gesellschaft zusammengenommen und kann nicht ruhig dabeisitzen. 
Bobrinsky war froh, mich so zu sehen und sagt, ich bin deshalb unbeliebt, 
weil man (die Linke) fühlt, daß ich für Dich eintrete, für Baby und Rußland. 
Ja, ich bin mehr Russin als mancher andere, und ich werde nicht still sein . . , 
Sicher, wenn man auf Privatbriefe zwischen Mann und Frau aufpaßt — 
hat man weit mehr Grund, andere zu überwachen. Verzeihe mir, aber Fred, 
hat da sehr unrecht gehandelt — man darf einen Mann nicht so streng ab- 
urteilen wegen privater (geöffneter) Briefe an seine Frau — das ist niedrig, 
finde ich. Ich hätte Fred, zu verstehen gegeben, daß das äußerst unrecht ist. 
Chwostow hätte sofort seinen Kammerherrenrock verlieren müssen — die 
Beweise liegen offen zu Tage — und hier ist das ganz privat. Ich möchte, 
man könnte das zu Babys Namenstag in Ordnung bringen — zum Glück 
ist er noch Senator — und die Strafe hat lange genug gedauert — 
die Spioniererei geht manchmal zu weit — und ich bin fest überzeugt, daß 
weit mehr so schreiben und offen so sprechen — Kokowzow, Kriwoschein 
und viele andere sind straffrei geblieben — und sie sind gegen ihren Souverän 
vorgegangen und das Land, und die Pahlens ganz privat — ein schreck- 
licher Mißgriff von Fredericksz, und sicher nur, weil er einen deutschen Namen 
hat. — Dir steht der Kopf nicht nach all diesen Dingen. Du bist viel zu sehr 
beschäftigt — die anderen tragen die Verantwortung, Dich in die Sache hin- 
eingezogen zu haben, und es ärgert mich, daß sie Dich durch ihr Verhalten 
zwingen, ungerecht zu sein. 

Tsarskoje Selo, 21. September 1916. 

Poliwanow und Gutschkow arbeiten, so scheint es, wieder Hand in Hand. 
Zwei Abschriften von Gutschkows Briefen an Alexejew habe ich gelesen, der 

191 



eine soll Dir sauber abgeschrieben zugeschickt werden, damit du siehst, was 
für ein Kerl er ist. Jetzt ist mir auch klar, warum Alexejew auf alle Minister 
wütend ist. Mit jedem Brief (und es sind viele, wie man sieht) macht er den 
armen Alexejew wild, er schildert ihm oft die Tatsachen absichthch ganz 
falsch. Die Minister empfinden alle seinen Antagonismus im Hauptquartier 
imd sehen nun, warum. Wenn ich Dir den Brief schicke, rede einmal ernstlich 
mit Alexejew, da der Kerl in seinen Augen die ganze Regierung untergräbt — 
wirklich niederträchtig, und zehnmillionenmal schlimmer, als ein Pahlen an 
seine Frau hat schreiben können. — Er muß Gutschkows gefährlichem, schlauen 
Einfluß entzogen werden. Dann sah ich Bischof Antoni Akmonice Churisky — 
bezaubernder Eindruck! dieser warme georgische Tonfall in der Stimme — 
kennt unsern Freund länger als wir — war vor Jahren Rektor in Kasan. Er 
trug Bagration zu Grabe; ich bat ihn, mir bei der Sammlung von Leinen und 
allen möglichen Dingen für den Kaukasus und ebenso auch Apraxin behilf- 
lich zu sein, wenn ich ihn nächsten Monat nach dort schicke. Er spricht sehr 
scharf über Nikolascha und all die andern (zu Ania) — er ist zu streng und 
grob mit den Georgiern. — Jetzt habe ich herausbekommen, wer der Exarch 
ist — erinnerst Du Dich an Piaton aus Amerika — den wir in Livadia sahen 
und der das Russische mit amerikanischem Akzent sprach, unsjnnpathisch 
und schrecklich eingenommen von sich war, für die Amerikaner der geeignete 
Mann, aber nicht für den Kaukasus — und jetzt verstehe ich, warum Niko- 
lascha wünscht, daß er Metropoht wird! ! ! Darum zeigte sich der Mann immer 
ehrgeizig, gewandt und schlau und war immer um Nikolascha herirni. Man 
müßte ihn fortschicken, wenn er weiterhin so unbeliebt ist . . . Jetzt darf 
man in Tiflis keinen Metropoliten haben, es ist ihnen nur um einen großartigen 
Hofstaat zu tun und schließhch wollen sie auch noch besondere Minister 
haben. Nikolascha sagt, weil das Land unterworfen ist — Unsinn — Polen 
hat auch keinen. — Denke Dir, der Synod will mich mit einer Ehrengabe 
und einem Heiligenbild beschenken (ich glaube, für meine Tätigkeit für die Ver- 
wundeten). Stelle Dir vor, wie ich Ärmste sie alle empfangen muß! Seit 
Katharina hat sie noch keine Zarin persönlich allein empfangen. Grigori ist 
entzückt (ich weniger) — aber ist es nicht doch komisch, nicht wahr, ich, die 
sie immer fürchteten und mißbilHgten? Genug nun der Unterhaltung über 
Geschäfte . . . 

Auch ich bedaure, daß Olga sich jetzt zu verheiraten wünscht — und wie 
ist es mit ihrem Spital? Und im allgemeinen kann ich mir nicht helfen, ich 
bedaure diese Heirat tief, obgleich ich ihr schließlich doch Glück wünsche . . . 

Den Grund, weshalb wir nicht Zucker genug haben, weißt Du. — Butter 
wird jetzt in solchen Mengen ins Heer gesandt (mehr Fett und weniger Fleisch 
ist not), daß man hier nicht genug hat. — Fisch gibt's genügend, aber Fleisch 
nicht. Es interessiert mich, mich mit einem neuen Manne zu besprechen und 
zu hören, was er denkt. O, Kriwoschein hat alles auf seinem schlechten Ge- 

192 



wissen — und dennoch, ist's auch noch so schlimm, wir werden einen Ausweg 
finden; die Rodzianko, Gutschkow, PoHwanow und Konsorten stecken hin- 
ter viel mehr, als man sieht (ich fühle es), so daß sie den Ministem 
manches aus der Hand winden. Du wirst ja bald alles selbst sehen und 
durchsprechen, ich werde unsern Freund um Rat fragen. — So oft er ge- 
sunde Ideen hat, richten sich andere danach — Gott flößt sie ihm ein — und 
morgen schreibe ich Dir, was er gesagt hat. Sein Hiersein macht mich 
ruhiger, er meint, alles wird besser werden — die Leute verfolgen ihn weni- 
ger, sobald sie ihm mehr nachstellen, geht alles schlimmer. 



Von nun ab genießt das besondere Vertrauen der Zarin Protopopow. Von die- 
sem geht auch die Forderung nach der Demission des Fürsten Obolensky, des 
Stadthauptmanns von Petersburg, aus, der dann Rasputin flehenthch um Scho- 
nung bittet. 

Tsarskoje Selo, 22. September 1916. 

Es ist schwer, Unterredungen wiederzugeben, man ist immer in Angst, 
verkehrte Worte zu gebrauchen, und das gibt dann einen ganz anderen Sinn. 
Ich schicke Dir zunächst die Abschrift eines von Gutschkows Briefen an 
Alexejew, lies ihn bitte durch, und Du wirst dann verstehen, daß der arme 
General außer sich gerät. Gutschkow ist unaufrichtig und von Poliwanow, 
von dem sie beide unzertrennlich sind, aufgeputscht. Warne den alten Mann 
ernstlich vor dieser Korrespondenz, sie ist geeignet, ihn zu enervieren, und 
sie gehen ihn nichts an, d. h. weil für die Armee alles getan werden und nichts 
fehlen wird. — Unser Freund bittet Dich, Dir nicht zu viel Sorge über die 
Frage der Lebensmittelbeschaffung zu machen, darum telegraphierte ich 
gestern abend noch einmal — er sagt, es wird sich alles von selbst arrangieren, 
und die neuen Minister haben sich sofort an die Arbeit gemacht. Bobrinsky 
wird Dir über ihre gemeinsamen Telegramme an die Gouverneure berichtet 
haben, was klug war. Man muß sie zur Erkenntnis ihrer Macht und auch 
dahin bringen, daß sie mehr Gebrauch davon machen. 

Ich sagte Protopopow, er möchte das an Dich schreiben, er meinte aber, 
es sei gegen die Etikette, da er noch nicht vorgestellt wurde, und wolle Dich 
nicht belästigen. Ich sagte ihm, daß wir beide uns in offiziellen Dingen zwar 
an die Etikette hielten, aber es sonst vorzögen, immer über alles unterrichtet 
zu sein. — Ein anderer Fehler, sagt Protopopow, dem ich voll beistimme, ist, 
daß die Sachen nicht von einem Gouvernement nach dem anderen ausgeführt 
werden dürfen — das ist absurd. In dem einen ist kaum ein Stück Vieh und 
im anderen mehr, als sie brauchen. Natürlich muß man es hereinlassen usw. 
Den Gutsbesitzern sollen all ihre Wälder konfisziert werden (ich muß zu einer 
anderen Feder greifen, die alte muß neu gefüllt werden) . Das ist nicht gerecht, 

13 Die letzte Zarin. I93 



da manche nur von ihren Wäldern leben und das Leben sehr schwer für sie 
geworden ist. Da muß man eben etwas Verstand zur Hilfe nehmen, in einigen 
Besitzungen wenig einziehen und von anderen, die außer Wald noch sonstige 
Mittel zur Aufrechterhaltung ihres Besitzes haben, mehr. Das sagte er auch 
Schakowskoi. 

Wir redeten anderthalb Stunden — vorher nie solange ; ich entsann mich 
nicht einmal mehr seines Gesichts, des schüchternen Gesichts Brussi- 
lows, wenn er das eine Auge zukneift. Sehr klug, einschmeichelnd, gute Ma- 
nieren, spricht auch sehr gut Französisch und Englisch, man sieht, daß er zu 
sprechen gewohnt ist. Er gab mir sein Wort, nicht zu schlafen — (muß aber 
kurz gehalten werden, sagt unser Freund, damit der Stolz nicht alles ver- 
dirbt). Ich sprach sehr offen mit ihm, daß Deine Befehle ständig nicht befolgt, 
beiseitegelegt werden, wie schwer es sei, den Leuten zu glauben, Versprechen 
würden gemacht und nicht gehalten. Ich bin kein bißchen furchtsam mehr 
vor den Ministem und rede wie ein Wasserfall auf Russisch ! ! ! Sie sind auch 
freundlich genug, nicht über meine Fehler zu lachen. Sie sehen, ich bin ener- 
gisch und erzähle Dir alles, was ich sehe und höre, und daß ich ein Schutzwall 
hinter Dir bin, und zwar ein sehr starker. Durch Gottes Gnade hoffe ich. 
Dir ein ganz klein .wenig nützlich zu sein. Schakowskoi bat mich, kommen 
zu dürfen, wenn er irgendwelche wichtigen Anfragen hätte, auch Bobrinsky, 
dieser will es auch. Stürmer kommt jede Woche, und vielleicht kann ich sie 
so veranlassen, zusammenzuhalten. Ich bin eigensinnig und wiederhole immer 
imd immer dasselbe, unser Freund hilft mit seinem Rat (möchten sie fort- 
fahren, stets auf ihn zu hören!). — Alles wird und soll werden. Liebster. 

Protopopow sieht sich nach einem Nachfolger für Obolensky um, es ist 
mehr als nötig — er nannte Spiridowitsch, aber ich sagte ihm, daß wir beide 
schon vorher davon gesprochen hätten und ihn für Jalta geeigneter fänden 
als für die Hauptstadt. Er hat Obolensky gesagt, daß er jeden Morgen zu 
ihm kommen solle, gab ihm Befehle wegen der Tumultuanten in der Stadt, 
die Nahrungsmittel vorher einzuteilen — das Volk unter Obdach, in Höfen, 
imd nicht draußen auf den Straßen zu halten. Bisher hat er nichts getan, 
was ihm unangenehm gewesen wäre. — 

Ich möchte es nicht immer wiederholen, es wird Dir langweilig, aber 
er ist ein Mann, der arbeiten will; er versprach, aufrichtig zu sein, möchte er 
es beweisen (die Feder hat mich schmutzig gemacht) I Übergib es aber nicht 
militärischen Händen — ich bin überzeugt, Protopopow wird mit dieser Frage 
fertig werden, er wird alles tun, was in seiner Macht steht, damit es gelingt. 
Bobrinsky ist sehr ergeben, aber ziemlich alt — zusammen werden sie es 
schaffen. Schakowskoi, der Schafskopf, hatte gehofft, Minister des Innern 
zu werden, wie mir unser Freund sagt, deswegen hat er etwas gegen Proto- 
popow, trotzdem er ein alter Freund von ihm ist. Ich soll ihn dazu anhalten, 
mit den anderen zu arbeiten, er bat mich darum. (Ich tat es schon Diens- 

194 



tag.) Geliebter, alles, was in meiner Macht steht, werde ich tun, um Dir zu 
helfen, oft gelingt dies einer Frau, wenn der Mann auf sie sieht. Sie 
wissen, daß sie mit mir zu rechnen haben als Deinem Schutz, Deinem Auge 
imd Ohr hinter Dir. — Es ist besser, die Lebensmittelzufuhr bleibt in der 
Hand der Zivilverwaltimg und alles Militärische dem aktiven Heer. Dem 
Minister des Innern ist alles aus der Hand genommen, jetzt hat es Bobrinsky. 
Dafür werden sie nun gemeinsam handeln, wie sie schon mit dem Telegramm 
den Anfang gemacht haben. Ihre Gehilfen waren äußerst mißvergnügt, aber 
der Befehl, das Telegramm zu befördern, war gegeben. Man darf nichts provo- 
zieren, und militärische Maßnahmen können auch ungewollt zu hart sein, 
wenn sie am falschen Platze erteilt werden, imd sie könnten den Gouver- 
neuren, Vizegouvemeuren usw. keine Befehle geben. — Nein, ich glaube, über 
diesen Punkt kannst du jetzt ruhig sein, unser Freund meint es auch. 

Gestern hatten wir einen reizenden Abend und waren so sehr traurig, daß 
Du nicht bei uns sein konntest, es wäre für Dich ein Ausruhen, ein Aufrichten 
gewesen! Es war außerdem ein Bischof da, ein alter Mann und Freund von 
ihm. Sehr erleuchtet und daher verfolgt und angeklagt (Wjatka), weil er 
Frauen geküßt habe usw. Er tat das wie unser Freund, die Leute ver- 
gangener Zeiten küßten gleichfalls alle. Lies die Apostel, auch sie küssen 
alle zum Willkomm. Also gut, nun schickte Pitirim nach ihm und reinigte 
ihn vollkommen. Er steht viel höher als der Metropolit ... Es lag ein solcher 
Friede in der Luft, ich sehnte mich so nach Deiner geliebten Gegenwart — 
für Dich wäre es Ruhe gewesen, nach all Deinen endlosen Aufregungen und 
der Arbeit — so wunderschöne Gespräche! — 

Sie sprachen von der Heiligen Jungfrau — sie hat nie irgend etwas ge- 
schrieben, so wie sie auch war — schon ihre Existenz, ihr bloßes Sein 
war Wunder genug — mehr bedurfte es nicht — nie sprach sie von sich selbst 
(und ihr Leben ist unserem Geiste bekannt). — Eben erhielt ich Deinen kost- 
baren Brief — ich bin so sehr glücklich, daß Du weniger traurig bist. Wie 
schrecklich ist es uns, nicht bei Dir sein zu können, alles mußt Du allein tragen, 
hast keine Seele, die Deine Sorgen teilt. Sprich mit N. P., er soll Dir nützen, 
unser Freund hat ihn gelehrt, die Dinge leichter zu verstehen, und er hat sich 
die letzten Monate, mit der großen Verantwortung auf den Schultern, sehr 
entwickelt. Ja, ich glaube. Du tust recht, den Angriff aufzuhalten imd vom 
Süden aus ans Werk zu gehen. Wir müssen noch vor dem Winter nach den 
Karpathen vorstoßen, denn jetzt ist es dort schon sehr kalt . . . 

Dann sagte unser Freimd noch: General Suchomlinow solle freigelassen 
werden, so daß er nicht im Kerker sterbe, sonst wäre das unmild. Man solle 
sich niemals fürchten, Gefangene freizugeben und Sünder einem rechten 
Lebenswandel zurückzugeben, Gefangene würden durch ihre Leiden vor Got- 
tes Antlitz edler als wir. Das sind mehr oder weniger seine Worte. Jeder, 
auch der verworfenste Sünder, hat Momente, wo seine Seele sich erhebt und 

13* 195 



durch ihr furchtbares Leiden geläutert wird — dann muß ihnen die Hand 
gereicht werden, um sie zu retten, bevor sie verloren sind in Bitternis und 
Verzweiflung. Ich habe eine Bittschrift von Frau Suchomlinow an Dich — 
wünschst Du, daß ich sie Dir sende? Sechs Monate ist er im Gefängnis, 
Strafe genug — (da er kein Spion ist) für all das Unrecht, das er getan 
hat. Er ist alt, zusammengebrochen, und es wäre schrecklich, wenn er im 
Gefängnis stürbe. Befiehl, daß er geholt und unter starker Bewachung in 
seinem eigenen Hause gehalten wird, ohne viel Lärm, bitte, meine Taube. 

Tsarskoje Selo, 24. September 1916. 

Liebster, unser Freund ist ganz außer sich, daß Brussilow nicht auf Deinen 
Befehl gehört hat, den Vormarsch einzustellen. Er sagt, Du hättest 
vom Himmel die Weisung erhalten, die Karpathen noch vor Eintritt des 
Winters überschreiten zu lassen, Gott würde es segnen — und nun wieder 
diese nutzlosen Verluste. 

Hatte gestern Mme. Orjewsky eine Stunde bei mir und dann den Nicky 
von Griechenland. Er geht morgen fort — hofft. Du erhieltest seinen letz- 
ten Brief, da Du nicht telegraphiertest. Will heute wieder schreiben. — Ich 
muß sagen, unsere Diplomaten benehmen sich schamlos, und wenn Tino 
hinausgeworfen wird, ist es unsere Schuld — schrecklich und ungerecht. — 
Wie dürfen wir uns in die InnenpoUtik eines Landes einmischen und es 
durch Zwang dahin bringen, daß eine Regierung weggeschickt wird, und 
intrigieren, daß ein Revolutionär auf seinen Posten zurückkehrt? Ich denke, 
wenn Du die französische Regierung dazu bringen könntest, Sarrail abzu- 
berufen (das ist meine Privatmeinung), würden die Dinge da unten sich 
sofort beruhigen. Es ist eine schreckliche Intrige der Freimaurer, deren 
Mitglieder der fr. General und Venizelos sind — und viele Ägypter und reiche 
Griechen usw., die Geld gesammelt und sogar die ,,Nowoie Wremja" und 
andere Blätter bezahlt haben, um schlecht zu schreiben und gute Artikel 
über Tino und Griechenland zu verbieten. Pfui der Schande! 



Graf Alexander Paulowitsch Kutaissow, der im folgenden Brief erwähnt 
wird, ist Wirklicher Staatsrat und Kammerherr, Rauch Generalleutnant, K a 1 e - 
din ist der später durch seinen Feldzug gegen die Bolschewisten bekannt gewor- 
dene Kosakenhetman, Adrianow ist Generalmajor ä la suite des Zaren. General 
Komarow-Kurlow ist von Protopopow mit der Leitung des Polizeidepartements 
im Ministeriums des Innern beauftragt. 

Tsarskoje Selo, 25. September 1916. 
Mein einzig Geliebter! 

Graues, trübes Wetter — die Blätter fallen immer dichter, es ist so traurig. 
Liebling, gestern sah ich Kutaissow bei mir, und wir sprachen lange zu- 

196 



sammen — dann erzählte mir Paul von interessanten Briefen von Rauch und 
Rimsky; auch von anderen habe ich gehört, und alle sagen dasselbe, es wäre 
ein zweites Verdun, wir opferten Tausende von Leben für nichts aus purem 
Eigensinn. Bitte, gib Brussilow noch einmal Befehl — hemme dies nutzlose 
Gemetzel — die Jüngeren fühlen, daß ihre Vorgesetzten nicht den geringsten 
Glauben an Erfolg mehr haben — warum den Irrsinn der Deutschen vor Verdun 
wiederholen? Dein so kluger, von unserem Freund gebilligter Plan, Halicz, 
die Karpathen, die Donau, Rumänien, halte daran fest, Du bist der oberste 
Herr, und alle werden Dir auf den Knien danken. Unsere ruhmreiche Garde! 
Diese unbezwinglichen Sümpfe — offene Strecken, kein Verbergen möglich, 
wenig Wälder, bald fallen die Blätter, und dann ist kein rettender Schutz beim 
Vormarsch. Weit um die Sümpfe herum müssen die Leute geschickt werden, 
furchtbar ist der Geruch all der unbegrabenen Kameraden ! ! Unsere Gene- 
räle schätzen die Menschenleben gar nicht mehr — abgehärtet durch die Ver- 
luste — und das ist Sünde. — Etwas anderes, wenn Du von einem Erfolg 
überzeugt wärst. Gott segne Dein Vorhaben, führe es aus — schone all die 
Leben — Süßer, ich weiß ja nichts — aber ist Kaledin für den Platz der rich- 
tige Mann, wo alles so schwierig ist? 

Nun aber von was anderem. Ich suche nach einem Manne an Obolenskys 
Stelle (nebenbei bemerkt : er verlangte, mich aufzusuchen — sehr unangenehm, 
aber es ist nicht meine Sache, über ihn zu sprechen). Wäre es nichts mit 
Adrianow? Ist er noch in der Suite? Er war vollkommen rehabilitiert, und 
macht es was, daß er vor Gericht stand? Er ist ja durchaus rein daraus her- 
vorgegangen. Solltest Du nichts gegen diesen Vorschlag haben, so tele- 
graphiere umgehend als Zustimmung: No. I ja. Ich werde ihn dann St. 
vorschlagen, und er kann mit dem Minister des Innern sprechen; nicht, als 
wäre es Dein Befehl, sondern daß Du nichts gegen ihn hättest. In Moskau 
war er sehr gut, Dschunkowsky versuchte, ihm und Jussupow den Hals zu 
brechen — von allen war noch A. am wenigsten schuld. Du kannst das aber 
alles am besten selbst beurteilen. — Und wie wäre es, wenn man Obolensky, 
um mit ihm Schluß zu machen, an Komarows Stelle setzte? Ich glaube 
kaum, daß er alt werden wird, und wenn er mit dem Leben davon kommt, 
so wird er Invalide sein. Ein ausgezeichneter Platz, Preobraschensky, und 
ich halte ihn gerade dafür geeignet. Bist Du damit einverstanden, so 
telegraphiere: No. II ja . . . 

Die Kinder sind alle zur Kirche gegangen — mir ist es noch nicht möglich 
— wie ärgerlich! 



Der Bankier Rubinstein wird von der Geheimspionageorganisation des 
Generals Batjuschin ohne Angabe von Gründen verhaftet und fünf Monate ins 
Gefängnis gesperrt. Suchomlinow ist noch immer nicht freigelassen worden. 



197 



Tsarskoje Selo, 26, September 1916. 



Protopopow möchte Dich sprechen — sage ihm doch, er solle Suchoml. frei- 
lassen, er meint, es könne gleich geschehen, er wird es dem Justizminister 
sagen. Schreibe Dir es auf, damit Du daran denkst, wenn Du ihn siehst 
ebenso auch wegen Rubinstein, daß er stillschweigend nach Sibirien verschickt 
wird und nicht noch zur Aufreizung der Juden hierbleibt. — Protopopow ist 
mit der Art, wie unser Freund die Frage betrachtet, ganz einverstanden. 
Prot, ist der Meinung, es sei Gutschkow, der das Militär aufgehetzt habe, 
den Mann zu fassen, in der Hoffnung, Beweise gegen unseren Freund zu 
finden. Sicherlich hat er schmutzige Geldgeschäfte gemacht — aber nicht 
er allein. — 

Laß den Mann offen mit Dir sprechen, ich sagte ihm. Du wünschtest das 
immer, geradeso wie ich . . . 

Der Synod überreichte mir ein reizendes altes Heiligenbild, Pitirim verlas 
ein schönes Schreiben — ich murmelte eine Antwort, Ich freute mich sehr, 
den lieben Schawelsky zu sehen. Unser Freund grämt sich, daß man auf Dich 
nicht gehört hat (Brussilow). Dein erster Gedanke, eine Änderung herbei- 
zuführen, war der richtige, schade, daß Du nachgabst. Er nahm das Bild der 
Jungfrau, segnete Dich von fem und sagte: ,,Möge dort die Sonne aufgehen." 
A. brachte eben diese Nachricht aus der Stadt und küßt Dich. — Obolenskys 
Frau bestürmt unseren Freund mit Tränen, weil ihr Mann geht, und bittet 
irai eine gute Stelle für ihn. — 

Tsarskoje Selo, 27. September 1916, 

Warum kannst Du Poincare (den Präsidenten) nicht bitten, Sarrail ab- 
zuberufen, laß auch England und Frankreich darauf bestehen (dies meine 
Idee) — veranlasse, daß sie Tino, den König, verteidigen und es nicht mit 
Venizelos, dem Revolutionär imd Freimaurer, halten. Rufe Dir Stürmer, 
denn zu schreiben ist es zu schwierig — gib ihm scharfe Instruktionen. Wir 
benehmen uns sehr unfair, imd ich begreife, daß der arme Tino ganz wirr ist. 

Nimm meine kleine Liste zur Hand — unser Freund bittet Dich, über all 
diese Dinge mit Protopopow zu sprechen, imd es wäre sehr gut, wenn Du un- 
seren Freund erwähntest, daß er auf ihn hört und seinem Rat vertraut. Laß 
ihn fühlen, daß Du seinen Namen nicht scheust. Ich sprach sehr ruhig von 
ihm — er kam zu ihm, als er vor einigen Jahren sehr krank war . . . 

Sprich mit Pr. über: 

1. Such. Freilassung. 

2. Rubinsteins Verschickung. 

3. Präfekt. 

4. Erhöhung der Beamtengehälter, als durch Deine Güte gewährt, nicht 
von den Ministem. 



198 



5. Strikten Befehl wegen Lebensmittelzufuhr, ganz streng, daß alles in 
Ordnung gebracht wird, Du befiehlst es. 

6. Sage ihm, er solle auf unseres Freundes Ratschläge hören, es würde 
ihm zimi Segen gereichen und sein Werk fördern und das Deinige, — bitte, 
sage ihm dies, laß ihn sehen, daß Du auf ihn vertraust — er kennt ihn 
schon seit einigen Jahren. 

Lege diesen Zettel vor Dich hin. 

Tsarskoje Selo, 28. September 1916. 

Süßer, denke Dir nur, Obolensky bat unseren Freund um seinen Besuch 
und sandte ihm ein herrliches Auto. Er empfing ihn zunächst sehr nervös 
und dann sprach er mehr und mehr, bis er am Ende der Stunde zu weinen 
begann — dann ging Gr. weg, da er sah, daß dies der Moment war für die 
Umkehr einer Seele. — Er sprach über alles, offen, wie er sein Bestes ver- 
sucht habe, obgleich ohne Erfolg, daß er gehört habe, man wünsche von 
ihm, er solle ,,die Decken in den Palästen malen" (wahrscheinlich hat jemand 
sich dasselbe wie wir ausgedacht) — aber das sei kein Posten für ihn — er 
wünsche, an dem zu arbeiten, was er gewöhnt sei — und sein großer Traum 
sei, Generalgouvemeur von Finnland zu werden. Er würde immer unseren 
Freund bei allem um Rat fragen. Er schimpfte auf Ania imd war bestürzt, 
als ihm unser Freund sagte, sie sei von Gott, und sie habe so gelitten. Dann 
zeigte er die zwanzig Briefe, die ihm unser Freund in den letzten Jahren 
geschickt hat mit Petitionen, alle zierHch verschnürt — und sagte, er hätte 
sie erfüllt, wenn er gekonnt hätte — als Gr. ihn nach Bestechungsgeldem 
fragte, sagte er, nein, aber sein Gehilfe habe viel genommen. — Ich konnte 
nicht über den Gedanken hinwegkommen, daß er, der stolze Mann, umgekippt 
ist, weil er in seinem Jammer fühlte, daß er nur bei ihm Kraft finden würde. . . 

Ich bin so froh, daß an der Front nichts vorgekommen ist — war so ängst- 
lich ; die Linksbewegung ist die klügste, denn um Brody herum ist alles so 
furchtbar befestigt, es müßte sehr schwere Artillerie dagegen eingesetzt wer- 
den — eine wahre Mauer. 

Dank, Lieber, für die Erklärung über Brussilow, ich hatte es vorher nicht 
ganz erfaßt. Auf jeden Fall handle nach Deinen Ideen, sagt unser Freund, 
denn Deine ersten sind immer die richtigsten. 

Tsarskoje Selo, 29. September 1916. 
Mein einzig Geliebter! 

Grau und stürmisch, Barometer sehr niedrig seit zwei Tagen, imd jeder von 
ims, der mit dem Herzen zu tun hat, fühlt es mehr. Lag gestern bis 6 zu 
Bett. — St. saß dreiviertel Stunde bei mir. Nichts Besonderes. Er sprach 
von vielen Dingen — ich legte ihm mit Schärfe meine Meinung über Griechen- 

199 



land dar — Suchomlinow — die Minister — Teuerung — die Gefangenen 

— Gutschkow, alle einschließlich der Dumaleute wissen, daß er mit Alex, 
korrespondiert, und es wirft bei Gutgesinnten einen tiefen Schatten auf AI. 
Man sieht die Spinne G. und Poliw. ein Netz um AI. spinnen und sehnt sich 
danach, ihm die Augen zu öffnen und ihn herauszuziehen. Du kannst ihn 
retten — ich hoffe sehr ernstlich, daß Du mit ihm wegen der Briefe gesprochen 
hast. — Habe Dir nichts Interessantes zu erzählen — lasse meine Lampe 
brennen, gestern auch, es ist so schrecklich dunkel und trübe; — es gießt. 

Tsarskoje Selo, 12. Oktober 1916. 
Mein einziger Liebling! 

Mit sehr schwerem Herzen lasse ich Dich wieder ziehen — wie ich dies 
Abschiednehmen hasse, es reißt einen in Stücke. Gott sei Dank ist Babys Nase 
in Ordnung, so daß das wenigstens ein Trost ist. Mein Lieb, ich liebe Dich 
so über alle Worte ; 22 Jahre haben dieses Gefühl ständig verstärkt, und Deine 
Abfahrt schmerzt mich geradezu. Du bist so einsam unter dieser Masse 
Menschen — so wenig Wärme ringsum. Wie ich wünschte, Du hättest nur 
für zwei Tage kommen können, um unseres Freundes Segen zu empfangen, 
es würde Dir neue Stärke verliehen haben — ich weiß, daß Du tapfer bist 
und geduldig — aber menschlich — und eine Berührung Seiner Wange mit 
Deiner würde viel Schmerz gelindert und Dir neue Weisheit und Stärke von 
oben gegeben haben — das sind keine leeren Worte — sondern meine festeste 
Überzeugung. Alex, kann für ein paar Tage ohne Dich auskommen. O Männ- 
chen, Mann — tue diesem nutzlosen Blutvergießen Einhalt — warum rennen 
sie gegen eine Mauer, man muß den guten Augenblick abwarten und nicht 
immer und immer blind drauflos gehen. Vergib, daß ich das sage, aber alle 
fühlen es. — Du brauchst niemanden sonst zu empfangen, ausgenommen 
Protop. Das würde gut sein, oder schicke nochmals nach ihm, lasse ihn öfter 
zu Dir sprechen. Deinen Rat einholen, Dir seine Absichten erzählen, es wird 
dem Mann ungeheuer helfen. Es ist zu Deinem Besten und dem imserer tetiren 
Länder, daß ich all dies sage, nicht aus Sehnsucht, Dich zu sehen (dieser 
Wunsch, weißt Du, wird ewig bestehen). Aber ich kenne und glaube zu sehr 
an den Frieden, den unser Freund spenden kann, und Du bist moralisch er- 
schöpft. Du kannst Dein altes Frauchen nicht täuschen! 

Tsarskoje Selo, 16. Oktober 1916. 

Wärmer heute, aber grau. Waren während der Hälfte des Gottesdienstes 
in unserer unteren Kirche und gingen dann ins Lazarett. Sahen Wesselowsky. 

— Schlimm manche Dinge, die er erzählt und andere junge Leute, was da im 
Kriege geschieht — lieber Himmel, ich verstehe, daß ihre Nerven nachlassen, 

— keine Einigkeit, keine Zuversicht unter den Offizieren, Befehle, Gegen- 

200 



befehle, mangelndes Vertrauen zu dem, was sie hören — wirklich sehr 
schlimm. Ach, dieser Mangel an Erziehung ist ein Jammer — jeder für sich 
selber — nie zusammen. 

Tsarskoje Selo, 17. Oktober 1916. 

Ich bin so froh, daß Du an Tino telegraphiert hast, es wird ihm helfen 
und ihm Mut verleihen. 



Großfürst Nikolai Nikolajewitsch verläßt den Kaukasus und tritt eine Reise 
ins Hauptquartier an. 

Tsarskoje Selo, 25. Oktober 1916. 

Für Dich gibt es leider kein Ausruhen, so viel harte Arbeit! Und jetzt 
diese Geschichte wegen Polen, aber Gott schickt die Dinge zu unserm Besten, 
und so will ich hoffen, daß auch dies auf die eine oder andere Art zum 
Besten sein wird. Ihre Truppen werden nicht gegen uns kämpfen, es wird 
Aufruhr, Revolution, alles geben, was Du willst, — das ist meine persön- 
liche Meinung — werde herausfinden, was unser Freund zu sagen hat. 

Liebling, leb wohl, und Gott helfe Dir. — Es gefällt mir gar nicht, daß 
Nikol. ins Hauptquartier kommt — möge er mit seinen Leuten nichts Schlim- 
meres im Schilde führen. Erlaube ihm nicht, irgendwohin zu gehen, sondern 
schicke ihn direkt zurück nach dem Kaukasus — sonst wird die Revolutions- 
partei ihn wieder auf den Schild heben — und man fing gerade an, ihn zu 
vergessen ; ihm und Sassonow haben wir für die polnische Frage zu danken — 
schaffe Zamoyski weg, wenn er kommt. — 

Gott segne Deine Reise. Mein Herz ist sehr schwer. Ich überschütte Dich 
mit endlosen, glühenden Küssen. Kann es nicht ertragen, daß Du fortwährend 
Sorgen und Ängste hcist und weit weg bist — aber Herz und Seele sind Dir 
immer nahe, brennen vor Liebe. — Ewig, mein Liebling, mein Sonnenhcht, 
Dein einziges altes Frauchen. 

Tsarskoje Selo, 29. Oktober 1916. 
Mein geliebter Schatz! 

All meine zärtlichen Gedanken sind bei Dir. — Ich habe gelesen, was die 
deutschen Zeitungen über die polnische Frage sagen, und wie mißfällig sie 
darüber urteilen, daß Wilhelm es ohne Anhören der Meinung des Landes und 
seiner Gefühle tat, es werde für immer ein Gegenstand feindseliger Gefühle zwi- 
schen unseren beiden Ländern sein usw. Andere sehen es als ganz und gar 
nicht ernsthaft und höchst unbestimmt an — und ich denke, W. hat einen 
fürchterhchen Mißgriff begangen und wird schwer dafür leiden. Die Polen 
werden sich einem deutschen Fürsten nicht unterwerfen und einem eisernen 

201 



Regime unter vorgeblicher Freiheit. — Wie viele vernünftige Russen, u. a. Scha- 
kowskoi segnen Dich, daß Du nicht auf die gehört hast, die Dich baten, Polen 
die Freiheit zu geben, als es nicht mehr uns gehörte, da das vollkommen 
lächerlich gewesen wäre — und sie haben durchaus recht . . . 

Du weißt, daß Bontsch-Brujewitsch im ganzen einen guten Eindruck auf 
mich machte, und ich war doch nicht günstig ihm gegenüber gesinnt, nach 
all dem, was man gesagt hatte — und ich sagte es ihm ganz offen. Wir hatten 
etwa eine Stunde lang eine interessante Unterhaltung. Jetzt werde ich einige 
von den Sachen erwähnen, und Du ziehst Deinen Nutzen daraus und versuchst, 
die Dinge geregelt imd abgeändert zu bekommen, nur sage Alex, nicht, daß 
Du es von mir gehört hast — er hat genug Schaden damit angerichtet, daß 
er diese Lüge Iwanow erzählte, und ich fühle, dieser Mann liebt mich nicht. 
Wir sprachen über den schwarzen Danilow — er sagt, es ist nur ein Mann für 
die Kanzleiarbeit — keine lebendige Arbeit, immer Papier imd kein gutes 
Element, der alte Rußky, der ziemlich schwächlich ist (schlechte Gewohnheit 
des Kokainschnupfens) imd faul, hat eine starke und energische rechte 
Hand nötig, um die Dinge im Gang zu halten — gute Leute sind weggeschickt 
worden — und andere sind gegangen, da sie nicht unter Danilow weiter 
arbeiten wollen. 

Er erzählte mir, warum R. darauf bestand, daß Dan. bei ihm bleiben 
solle — Protektion, Beziehungen zu seiner Frau oder irgend etwas Derartiges 
(habe schon wieder vergessen, was er sagte), aber es war nicht wegen seiner 
Geistesgaben, daß er ihn nahm. — 

Unter Kurop, war der Nachrichtendienst fast völlig abgeschafft und ganz 
schwach. Früher wußten sie gewöhnlich aUes, was in Finnland, Schweden, 
den baltischen Provinzen vorging — jetzt wissen sie kaum etwas. Gegen- 
spionage wird kaum getrieben ; es wird nur geschrieben — Papiere, Papiere, 
Paragraphen] agd — kein Leben. — Die drei Leute von der Gegenspionage 
in Petr. arbeiteten früher unter B.-Br. mit einem Haufen anderer und sehr 
gut, wenn sie geführt und überwacht waren, aber als er fortgenommen wurde, 
hat das alles aufgehört. Die drei sind nun von Alex, eingesetzt, handeln als 
seine persönhche Stabsgegenspionage und verhaften nach seinen Befehlen 
Leute, sperren sie ein usw. und machen dann ihre Berichte nach Mohilew — 
das ist nicht nett, und jetzt verstehe ich allerhand Dinge, die nicht nach Recht 
vor sich gehen. 

Stelle Dir vor, Rußky und sein Stab haben keinen aktiven Operationsplan. 
Ich fragte, warum sie nicht vorrücken, da Du doch Kurop. und R. den Be- 
fehl gegeben hättest, das zu tun — er sagt, es wäre vollkommen möglich, 
wir hätten weit mehr Truppen als die Deutschen. Sie bildeten ihre jungen 
Soldaten nahe den Schützengräben aus, um ims vorzutäuschen, daß Mengen 
da sind. R. ist mit seiner Stellung zufrieden, seine ehrgeizige Frau würde es 
nicht ertragen, wenn er sie einbüßt, imd so zieht er es vor, ruhig festzusitzen, 

202 



arbeitet nur zwei Stunden am Tage — ein guter, ehrlicher Mann, braucht 
aber einen starken, richtigen Mann, um ihn in Gang zu setzen. 

Sie vernachlässigen vollständig die Frage des Lebensmittelnachschubs, 
sagen, das Zivilministerium muß ihnen liefern — ganz verkehrt. — 

Die Frage der Zivilverwaltung im Frontgebiet ist völlig vernachlässigt. 
Kannst Du Dir ein Bild aus dem machen, was ich schreibe? Es ist so schwer, 
Unterhaltungen wiederzugeben. Er schrieb mir die Punkte nieder, da ich sie 
zu vergessen fürchtete. Ich kann nur sagen, daß ich froh bin, seine Bekannt- 
schaft gemacht zu haben, und von Herzen wünsche, Du könntest ihn 
sehen, er würde Dir vieles erzählen, was ich nicht wiederholen kann, so kom- 
pliziert und lang ist das alles. Er erbittet und wünscht nichts, nur in Deinem 
Interesse und zu Deinem Besten bat er, mich zu sehen, um alles auszusprechen. 
Er ist sehr geschickt, und man kann leicht mit ihm sprechen — aber er sagte 
mancherlei trübe Dinge, die man auch anderswo hört. — 

Solche Unehrlichkeit überall. — Er sagt, in dieser Armee sei alles sehr 
schwach und desorganisiert, aber er glaubt, wenn der Alte eine starke Hilfe 
bekomme, könne vieles zum Guten gewandt werden. Und die Truppen 
monatelang ohne Bewegung zu halten, wenn sie Erfolg haben könnten, sagt 
er, sei demoralisierend. 

Immer Kontraste — Extreme. 



In Petersburg treten am i. November a. St. (14.) Duma imd Reichsrat wieder 
zusammen. Die Zarin sucht ihren Angriffen zuvorzukommen, indem sie mit Stürmer 
ein Reskript verabredet, das aus der Organisation für die I,ebensmittelversorgung die 
Selbstverwaltungsverbände ausschaltet imd sie ganz Protopopow überträgt. Dieser 
Plan mißlingt, Protopopow selbst zögert. 

Tsarskoje Selo, 30. Oktober 1916. 
Mein einziger Liebhng! 

Vergib mir, was ich getan habe — aber ich mußte es tun — unser Freund 
sagte, es sei unbedingt nötig. Protopopow ist in Verzweiflung, daß er Dir 
neulich das Patent gegeben hat, er dachte, das Rechte zu tim, bis Gr. ihm er- 
zählte, daß es ganz verkehrt sei. Nun sprach ich mit Stürmer gestern, und 
sie glauben beide vollständig an unseres Freundes wundervolle, gottgesandte 
Weisheit. St. schickt Dir durch diesen Boten ein neues Patent zur Unter- 
schrift, das die ganze Lebensmittelversorgung jetzt auf einmal dem Minister 
des Innern überträgt. St. bittet Dich, es zu unterzeichnen und sofort mit dem 
Zug 4% zurückzusenden, es wird zeitig kommen, bevor die Duma am Dienstag 
zusammentritt. Ich mußte diesen Schritt auf mich nehmen, da Gr. sagt, Protop. 
wird alles in Händen halten und all die Verbände aufheben und dadurch 
Rußland erretten. Deshalb muß es in seinen Händen liegen; obwohl es sehr 
schwierig ist, muß es getan werden. In Bobr.s Händen würde es nicht funk- 

203 



tionieren. Vertraue unserem Freunde. Er wird Protop. helfen, und St. ist 
ganz einverstanden. 

Vergib mir, aber ich mußte diese Verantwortung Dir zuUebe auf mich 
nehmen. Die Duma würde darauf bestehen, daß es in einer Hand, und nicht 
in drei Händen Hege, so ist es besser. Du gibst es vorher geradeswegs an 
Protop. Gott wird diese Wahl segnen. — 

St. hegt große Befürchtungen wegen der Duma, und ihre Tagesordnung ist 
übel, revolutionär — sie (die Minister) hoffen, ihren Einfluß dahin auszuüben, 
daß die geändert wird. Sie wollen z. B. sagen, daß sie nicht mit solchen 
Ministern arbeiten könnten — welch ungeheure Unverschämtheit. 

Es wird eine üble Duma sein — aber man muß sie nicht fürchten ; wenn 
sie zu übel wird, schließt man sie eben. Es ist Krieg auch für sie, und wir 
müssen stark bleiben. — Sage mir. Du bist nicht ärgerlich — aber diese Leute 
hören auf mich, und, wenn wir von unserem Freunde geleitet werden, muß 
es recht sein — sie, Pr. und St., beugen sich vor seiner Weisheit. 

Mein Kopf schmerzt, und ich fühle mich stumpfsinnig, schreibe also un- 
klar, fürchte ich. — Erhalte eben Deinen kostbaren Brief aus Kiew. 
Millionenmal herzUchen Dank. 

Tsarskoje Selo, 31. Oktober 1916. 
Geliebter Liebling! 

Unser Freund bittet Dich, unter allen Umständen die Geschichte mit 
Suchomlinow einstellen zu lassen, sonst haben Gutschkow und andere vor, 
häßliche Dinge zu sagen — tu es deshalb sofort, telegraphiere an Stürmer, 
ich denke, es geht ihn zunächst an? telegraphiere folgendes: 

,, Nachdem ich mich selbst mit den Grundlagen der vorläufigen Unter- 
suchung in Sachen des früheren Kriegsministers, General Suchomlinow, be- 
kannt gemacht habe, finde ich, daß absolut keine Gründe für die gegen ihn 
erhobene Beschuldigung vorliegen und ersuche daher, daß das Verfahren 
gegen ihn eingestellt wird." 

Diese Dinge müssen erledigt sein, ehe die Duma morgen nachmittag 
zusammentritt. 

Ich komme mir grausam vor, indem ich Dich behellige, mein süßer, ge- 
duldiger Engel — aber all meine Hoffnung liegt bei unserem Freund, der nur 
an Dich, Baby und Rußland denkt. — Und geleitet durch ihn, werden wir 
durch diese schwere Zeit durch kommen. Es wird harte Kämpfe kosten, aber ein 
Mann Gottes ist nahe, um Dein Schifflein sicher durch die Klippen zu lenken — 
und Dein kleiner Sonnenschein steht wie ein Felsen hinter Dir, fest und un- 
erschütterhch, voll Entschluß, Vertrauen und Liebe, um für ihre Lieblinge 
und unser Land zu kämpfen. Ich werde schnell eine halbe Stunde ausfahren, 
um meinen Kopf für Protopopow klarzumachen. Gott wird Deine Sache 
schützen. 

204 



Tsarskoje Selo, i. November 1916. 



Unser Freund ist furchtbar ärgerlich über Protopopow, der aus Feigheit 
nicht bekanntgegeben haben wollte, daß die Lebensmittelversorgung jetzt 
ihm übertragen werden würde — mit Rücksicht auf die Duma, und unser 
Freund hatte ihm gesagt, er könne erklären, er habe sie übernommen und 
hoffe, in etwa einer Woche würde alles befriedigend geordnet sein. Protopopow 
möchte sie erst in zwei Wochen übernehmen — was verrückt ist. 



Die Katastrophe rückt näher. Großfürst Nikolai Michailowitsch reist ins 
Hauptquartier nach Mohilew und sucht den Zaren unter Hinweis auf die Rolle 
Rasputins und ihre Beurteilung im Lande gegen die Zarin aufzuhetzen. Nach seiner 
Rückkehr bricht in der Eröffnungssitzung der Duma ein Sturm gegen den Minister- 
präsidenten los, der in Gegenwart des als Kronzeugen genannten britischen 
Botschafters Sir George Buchanan geheimer Verhandlungen mit Deutschland 
angeklagt wird. Der bisherige und jetzt wiedergewählte Präsident der Duma 
Ro dzi an ko erklärt in diesem Zusammenhang, Rußland werde seine Verbündeten 
nicht verraten, es weise jeden Gedanken an einen Sonderfrieden mit Entrüstung 
zurück. Miljukow, der Führer der Kadetten, beschuldigt Stürmer direkt des Ver- 
rats. Man habe ihm bei seiner Auslandsreise in London versichert, daß die Feinde 
Rußlands in letzter Zeit über alle wichtigen Geheimnisse genau auf dem laufenden ge- 
halten worden seien. Als ihre Informationsquelle nennt er nicht die Zarin, wohl 
aber ,,eine Handvoll mystischer Individuen", darunter Rasputin, Pitirim und 
Stürmer. 

Tsarskoje Selo, 4. November 1916. 
Mein einzig geliebter Engel! 

Wärmsten Dank für Deinen eben erhaltenen lieben Brief. Ich lese von 
Nikolai und bin im höchsten Grade empört. Du hättest ihn in der Mitte seiner 
Rede unterbrechen und ihm sagen sollen, daß, wenn er nur noch ein einziges 
Mal diesen Gegenstand oder mich hineinzieht. Du ihn nach Sibirien schicken 
wirst — da es an Hochverrat grenzt. Er hat mich immer gehaßt und seit 
22 Jahren schlecht von mir geredet, auch im Klub (diese selbe Unterhaltung 
hatte ich in diesem Jahre mit ihm) — aber im Kriege und in solchen Zeiten 
sich hinter Deine Mama und Deine Schwestern zu stecken und nicht tapfer 
(ob mit oder ohne Zustimmung) für seines Kaisers Weib einzutreten — ist 
scheußlich und verräterisch. Er fühlt, daß die Leute mit mir rechnen, mich zu ver- 
stehen beginnen und nach meiner Meinung fragen, und das kann er nicht ver- 
tragen. Er ist die Verkörperung alles dessen, was schlecht ist, alle ergebenen 
Leute hassen ihn, selbst die, die uns nicht sehr lieben, ekelt er mit seinen 
Reden an. — Und Fred, ist alt und nichts nutz, und kann ihn nicht einsper- 
ren und ihm den Kopf waschen, und Du, meinLieb, bist viel zu gut und nach- 
sichtig und weich — solch ein Mann muß in Furcht vor Dir gehalten werden — 

205 



er und Nikolascha sind meine größten Feinde in der Familie, abgesehen von den 
schwarzen Weibern — und Sergei. — Er konnte einfach Ania und mich nicht er- 
tragen — nicht so sehr die kalten Zimmer, das versichere ich Dir. Ich mache 
mir nichts aus persönlicher Unanständigkeit, aber als Dein erwähltes Weib — 
sie dürfen es nicht, mein Liebling, Du mußt für mich einstehen, in Deinem 
und Babys Interesse. Hätten wir Ihn nicht, wäre alles längst zu Ende, davon 
bin ich tief durchdrungen. — Ich sehe ihn einen Augenblick vor Stürmer. 
Der arme alte Mann wird über die gemeine Art sprechen, in der sie mit ihm 
und über ihn in der Duma reden. — Miljukows Rede gestern, als er Buchanans 
Wort zitierte, daß Stürmer ein Verräter sei, und Buch., dem er sich in seiner 
Loge zuwendete, hielt den Mund — häßliches Benehmen. Wir durchleben die 
härtesten Zeiten, aber Gott wird uns durchhelfen, ich bin furchtlos. Laß 
sie schreien — wir müssen zeigen, daß wir keine Furcht haben imd fest sind. 
Dein Frauchen ist Deine Stärke und steht wie ein Fels hinter Dir. Ich werde 
unseren Freund fragen, ob er denkt, es sei empfehlenswert, daß ich in etwa 
einer Woche fahre, da Du nicht wegkommen kannst — oder ob ich hierbleiben 
soll, um dem „schwachen" Minister zu helfen. Sie haben Rodzianko wieder- 
gewählt, und seine Reden und das was er zu den Ministem sagt, ist ganz übel. 
Und Alexejew krank — alles Ungemach zugleich — aber Gott wird Dich 
imd unser geliebtes Land nicht verlassen dank der Gebete und der Hilfe 
unseres Freundes. 

Tsarskoje Selo, 5. November 1916. 

Die Grundsteinlegung von Anias Kirche war nett, unser Freund war da 
und der nette Bischof Isidor, — der Bischof Melchisedek und unser Priester usw. 
waren da. — Ich werde heute Grigori einen Augenblick sehen. — Stürmer ist 
sehr verstimmt und unglückhch, daß sie Dich so ärgern, und obendrein 
seinetwegen. Ich munterte ihn auf und machte ihn ruhiger und voll guter Vor- 
sätze. Er findet, Rodzianko sollte sein Hofrang genommen werden, weil er 
diesen üblen Gesellen nicht Einhalt getan hat, als sie in der Duma so starke 
Dinge und häßliche Unterstellungen aussprachen — er hatte Fred, gesagt, 
er müsse ihm einen Verweis erteilen, aber der Alte hat es mißverstanden und 
Rodzianko geschrieben, er müsse in Zukunft dafür Sorge tragen, daß der- 
gleichen nicht wieder vorfällt. Willst Du mir nicht sagen, daß ihm sein Hof- 
rang sofort genommen wird oder für die nächste Sache, die er durchgehen 
läßt, die Dich wieder berührt — scheußlicher Mensch ! . . . Unser Freund 
ist so ärgerlich, daß Olga geheiratet hat — da sie Dir gegenüber unrecht ge- 
tan hat und ihr das kein Glück bringen kann. Ach, mein Lieb — auch ich 
empfinde mehr als Bedauern wegen dieser ihrer Handlung, obwohl ich ihr 
menschliches Glücksverlangen am Ende verstehe. — Liebling, Du wirst vor- 
sichtig sein, daß Du Dich nicht von Nikolascha mit einem Versprechen oder 
irgendwas anderm einfangen läßt — erinnere Dich, daß Grigori Dich vor 

206 



ihm und seinen schlimmen Leuten gerettet hat. Laß ihn nicht hier bleiben, 
sondern geradewegs nach dem Kaukasus zurückkehren, wo er bleiben muß 
— vergib mir, daß ich das schreibe — aber ich fühle, es muß so sein. — Sei 
kühl, nur nicht zu gütig, ihm und Orlow und Januschkiewitsch gegenüber — 
erinnere Dich um Rußlands willen, was sie tun wollten — Dich absetzen, es 
ist kein Geschwätz, Orlow hatte alle Papiere fertig — und ich sollte in ein 
Kloster — Du berührst die Sache nicht mehr — da sie vorüber ist — nur lasse 
sie fühlen, daß Du nicht vergessen hast und daß sie Dich fürchten müssen. 
Sie müssen vor ihrem Herrscher zittern — sei selbstsicherer — Gott hat Dich 
dahin gestellt, es ist kein Stolz, und Du bist ein Gesalbter, und sie dürfen 
das nicht vergessen. Man muß Deine Macht fühlen, es ist Zeit für die Er- 
rettung Deines Landes und des Thrones Deines Kindes. Gehebter, lebe wohl 
und Gott segne Dich! Ich überschütte Dich mit endlosen zärthchen Küssen. 

Tsarskoje Selo, 6. November 1916. 

Ich werde in Angst sein, solange Nikolascha im Hauptquartier ist. Hoffe, 
alles wird gut gehen, und Du wirst zeigen, daß Du der Herr bist. 

Tsarskoje Selo, 7. November 1916. 

Ich sah Protopopow am Abend lange und unseren Freund in Kürze, und 
beide finden, damit Ruhe in der Duma wird, müßte Stürmer sagen, er sei krank, 
und drei Wochen auf Urlaub gehen. Es ist wahr (habe mir eben den Ärmel 
ganz voll Tinte gespritzt) — er ist ganz imwohl und gebrochen durch diese 
gemeinen Überfälle — und da er das rote Tuch ist für dieses Irrenhaus, so 
würde er besser etwas verschwinden, und im Dezember, wenn sie weggejagt 
sind, kann er zurückkehren. 



Nikolai Nikolajewitschs Besuch im Hauptquartier bleibt nicht ohne Folgen. 
Offiziell wird bekanntgemacht, er werde statt des Kommandos im Kaukasus ,,ein 
wichtigeres Kommando in Europa übernehmen". Alexejew wird wegen schlechter 
Gesundheit beurlaubt und provisorisch durch General Gurko, den Kommandanten 
einer Reservearmee, ersetzt. 

Tsarskoje Selo, 8. November 1916. 

Gott sei Dank hat Nikolascha anständige Leute mitgebracht. — Es ist 
sehr richtig, daß man Alexejew zu einer guten Erholung nach der Krim schickt, 
es ist unbedingt nötig für ihn — Ruhe, Luft und wirkhche Erholung! — Ich 
hoffe, daß Gurko der richtige Mann ist — persönhch habe ich kein Urteil, da 
ich mich nicht erinnere, je mit ihm gesprochen zu haben — den Verstand hat 
er — Gott gebe ihm das Herz. Es freut mich, ihn jetzt zu sehen, wie ich hoffe, 

207 



sobald wir kommen. — Ressin ist in Quarantäne, Apraxin auf dem Land, 
Benckendorff krank — wen soll ich mitbringen? — Ich nehme Ania und 
Nastinka mit, nicht Botkin, wenn nötig Wladimir Nikolajewitsch, aber Gott 
sei Dank scheint Babys Bein viel besser. — Stürmer hat mich wissen lassen, 
daß er ins Hauptquartier reist und mich vorher zu sehen wünscht. — Ich werde 
ihm also hübsch erzählen, was ich Dir geschrieben habe (unser Freund bittet 
mich darum), und, wenn möglich, vor Freitag wissen lassen, daß er aus Ge- 
sundheitsrücksichten auf Urlaub geht — da an dem Tag die Duma zusammen- 
tritt und sie eine Attacke auf ihn für diesen Tag vorbereiten — sein Urlaub 
wird ihre brausenden Gemüter beruhigen. 

Ich finde, Grigorowitsch und Schuwajew fanden nicht die richtige Note 
in ihren Reden, aber Schuwajew tat das Schlimmste, er schüttelte Miljukow 
die Hand, der gerade jetzt Dinge gegen uns in Umlauf gesetzt hat. Wie sehr 
wünschte ich, wir hätten Beljajew (der ein wirkhcher Gentleman ist) an seiner 
Stelle. — Gutschkow hat seinen Posten verlassen, weil er sich mit Poliwanow 
einlassen will, bitte, stimme dem Schriftstück nicht zu, das Dir vom Staatsrat 
zugesandt werden wird. — Poliwanow, der es darauf anlegt, wieder Kriegs- 
minister zu werden und Freiheit für die Juden usw. verspricht, ist gefährlich 
und sollte keinen Posten in irgendeinem Komitee erhalten ; und Gutschkow 
gehört an einen hohen Baum. — Auch Andronikow wird dieser Tage nach 
Sibirien geschickt werden. 



Der Versuch der Zarin, Stürmer wenigstens als Vorsitzenden des Ministerkomitees 
zu halten, schlägt fehl. Sie erneuert ihn nocn am Vorabend des lo (23.) November, 
an dem bekanntgemacht wird, daß der Verkehrsminister Trepow zum Minister- 
präsidenten ernannt worden sei. Einige Tage danach wird Bobrinsky, der I<and- 
wirtschaftsminister, durch den Gehilfen im Landwirtschaftsministerium Rittich er- 
setzt. Die Duma wird für eine Woche vertagt. 

Tsarskoje Selo, g. November 1916. 
Meine Taube! 

Wärmsten Dank für Deinen süßen Brief. — Unser Freund sagt, Stürmer 
könne immer noch einige Zeit Vorsitzender des Ministerrats bleiben, da man 
ihm das nicht so sehr vorwirft, der Kampf begann erst, als er Minister 
des Auswärtigen wurde, was Grigori im Sommer feststellte. Er erzählte ihm 
damals schon, daß das sein Ende sein würde. Deshalb fleht er Dich an, daß 
er entweder sofort für einen Monat auf Urlaub geht oder ein anderer an seiner 
Stelle zum Außenminister ernannt wird, z. B. Schtscheglowitow, da er sehr 
geschickt ist (obwohl hart) und einen russischen Namen hat, oder Giers, Kon- 
stantinopel. In diesem Ministerium ist er das rote Tuch, es wird alles sofort 
ruhiger werden, wenn er geht. Aber belasse ihm den Vorsitz im Minister- 

208 



rat (wenn er auf Urlaub geht, vertritt ihn nach dem Gesetz Trepow), — Alle 
verfangen nach dieser Stellung und sind nicht geeignet dafür. Grigorowitsch 
ist tadellos, wo er ist. Andere und Ignatiew drängen ihn, den Präsidentenposten 
zu übernehmen, für den er nicht geeignet ist. Ignatiew ist daran schuld, daß er 
und Schuwajew die falsche Note in ihre Reden brachten, nachdem sie von den 
Ministern richtig vorbereitet waren. 

Jetzt rufen sie Mme. Suchomlinow für Freitag vors Gericht, und deshalb 
habe ich Dir telegraphiert, um Dich zu bitten, den Fall Suchomhnow sofort 
durch Senator Kusnin einstellen zu lassen. Es ist Rache, weil man den armen 
alten Mann aus dem Gefängnis entlassen hat. So schreckhch unfair . . . 

Sandro L. sagte, Nikolai Michailowitsch spreche scheußhch, alle sind 
wütend über das, was er im Klub sagt, und er sieht Rodzianko & Co. fort- 
während. Entschuldige meine unangenehmen Briefe, aber mein Kopf ist von 
Geschäften ermüdet. 

Tsarskoje Selo, lo. November 1916. 

Sah gestern Grigori, und dann telegraphierte er Dir, als ich ihm den Tod 
des alten Kaisers [Franz Joseph] erzählte. Er denkt, es sei sicherhch in jeder 
Hinsicht zu unserem Besten (ich auch), und hofft, der Krieg werde jetzt früher 
enden, da es Geschichten zwischen Deutschland und Österreich geben dürfte. 
Dank wegen Suchomlinow, anbei ein Brief von S. an Dich. 

Welche Freude, uns bald zu treffen — eine Menge zu besprechen. Bitte, 
lasse Nikolai Michailowitsch fortgehen, er ist ein gefährhches Element in der 
Stadt. — Muß schließen, looooooo Küsse und Segenswünsche von Deiner 

Einzigen. 



Mit letzter Energie spricht die Zarin nun für Protopopow, den der Zar nicht 
preisgeben dürfe. 

II. November 1916. 

So innigen Dank für Deinen Brief, Teuerster. Der alte Mann tat unrecht, 
mir nicht alles zu erzählen über Deine andere Absicht, sie haben mich scheuß- 
lich hintergangen. Vergib mir, Liebhng, glaube mir, ich flehe Dich an, setze 
Protopopow jetzt nicht ab, er wird sein Bestes tun, gib ihm die Möghchkeit, 
die Lebensmittelversorgung in die Hand zu nehmen, und ich versichere Dich, 
es wird alles gehen. Stürmer findet ihn lässig, weil Stürmer gezaudert und 
nicht schnell genug geantwortet und sie nicht alle genügend in der Hand hat. 
Ob Du Bobrinsky absetzen willst, ist gleichgültig, finde ich, nur nicht jetzt 
Protopopow, es ist nicht gut. Natürhch bedaure ich unendlich, daß Stürmer 
dasitzt (sehr unzeitig) und Trepow an der Spitze steht, aber wähle einen neuen 

14 Die letzte Zarin. 2O9 



Eisenbahn- und Verkehrsminister — er kann nicht zwei Dinge zugleich tun, 
jetzt, wo alles so ernst ist, — obwohl er natürlich sagen wird, er kann es. — 
Makarow könnte recht gut entlassen werden, er ist nicht auf unserer 
Seite, aber Protopopow ist ehrlich für uns. 0, Liebling, Du kannst mir ver- 
trauen. Ich mag nicht geschickt genug sein — aber ich habe ein starkes 
Empfinden, und das hilft oft besser als der Verstand. Entlasse niemand, 
bis wir uns treffen, ich flehe Dich an, laß es uns ruhig zusammen durch- 
sprechen. Laß Trepow einen Tag später kommen oder die Papiere und Namen 
zurückhalten, mein Liebling, — um Frauchens willen. Du weißt nicht, wie 
schwer es jetzt ist — so viel durchzumachen und solcher Haß von den ver- 
derbten Cliquen bei Hof. Die Lebensmittelversorgung muß in Protopopows 
Hand bleiben. — Andere intrigieren gegen ihn, er hörte die Nachricht aus 
dem Hauptquartier vor ein paar Tagen. Die Zeiten sind ernst — brich nicht 
alles auf einmal ab — Stürmer war ein großer Schlag — jetzt wähle — 
Trepows Nachfolger als Minister und einen Jüngeren an Stelle von Bobrinsky — 
aber lasse Protopopow in Ruhe. Sei nicht ärgerlich, ich sage all das Deinetwegen, 
und ich weiß, es würde nicht guttun. Herz und Seele sind erschöpft von 
Leiden, aber ich muß Dir die Wahrheit sagen. Leb wohl, mein Engel. Noch 
einmal, erinnere Dich, daß Du für Deine Regierung, Baby und uns die Kraft, 
die Gebete und Ratschläge unseres Freundes brauchst. Erinnere Dich, wie 
letztes Jahr alle gegen uns waren und für Nikolascha — und unser Freund 
Dir Hilfe und Kraft gab, daß Du alles übernehmen und Rußland retten konn- 
test — unser Rückzug hörte auf. Er hat Stürmer gesagt, daß er das 
Ministerium des Auswärtigen nicht hätte übernehmen dürfen, daß es ein Ruin 
sein würde — ein deutscher Name, und man würde sagen, alles hätte ich 
getan. — Protopopow verehrt unseren Freund und wird gesegnet sein. — 
Stürmer ließ sich erschrecken und hat ihn monatelang nicht gesehen — so 
unrecht, und er hat seinen Halt verloren. Liebling, ich bete so stark zu Gott, 
er möge Dich fühlen und empfinden lassen, daß er unsere Rettung ist ; wäre 
er nicht da, ich wüßte nicht, was sich alles ereignet haben könnte. Er rettet 
uns durch seine Gebete und weisen Ratschläge und ist der Felsen unseres Ver- 
trauens und unserer Hilfe. — Mme. Tanejew hat laut gesagt, daß Ignatiew, 
Kriwoschein, Sassonow (?) usw. beabsichtigten, Protopopow das Genick zu 
brechen, und daß sie alles tun werden, um Erfolg zu haben. Laß sie nicht! 
Er ist nicht verrückt, die Frau konsultiert Bechterew nur wegen ihrer Nerven. 
Um meinetwillen triff keine Veränderungen, bis ich dort bin, sage Trepow, 
Du wolltest es einen oder zwei Tage überdenken, und sage ihm, daß Du nicht 
die Absicht hättest, Protopopow wegzuschicken, und bitte, gib ihm die Le- 
bensmittelversorgung wie abgemacht, — glaube mir, er wird es schaffen. — Auf 
dem Lande fühlt man es schon, nur das gemeine Petrograd und Moskau 
sprechen gegen ihn. Beruhige mich, versprich, vergib, aber ich kämpfe für 
Dich und Baby. 

210 



Die Duma nimmt am 20. November a. St. (2. Dezember) ihre Sitzungen wieder 
auf. Nach einer Rede des neuen Ministerpräsidenten Trepow gegen einen Sonder- 
frieden hält der Abgeordnete der „Schwarzen Hundert", Purischkiewitsch, eine 
wilde Rede gegen Rasputin. Es sei Zeit, die Sturmglocken auf dem Turm Iwan 
Weliki zu läuten. ,,Die Geißeln des heutigen politischen Lebens sind die Zensur, die 
Unfähigkeit der Regierung imd die bedenkhchen Vorboten des schließlichen Obsiegens 
der deutschfreundlichen Strömungen. Ich habe darauf hingewiesen, was unsere 
Existenz ernstlich gefährdet und bedroht, aber ich wiederhole, daß der Grund des 
Übels nicht in unbedeutenden Personen wie Protopopow zu suchen ist. Ich nehme 
mir die Freiheit, von der Tribüne der Duma herab zu behaupten, daß der Kern des 
Übels in jenen dunklen Kräften liegt, die Personen wie Marionetten schieben und auf 
hohe Posten Persönlichkeiten schleudern, die ihnen nicht gewachsen sind. Jene 
dunklen Kräfte gehen von Rasputin aus. Die Existenz des russischen Reiches ist 
von Fäulnis bedroht. Die letzten Nächte konnte ich nicht schlafen. Ich sah im 
Geist zahllose Telegramme und Briefe, die dieser des Schreibens unkundige Mensch 
bald dem einen, bald dem andern Minister sendet, am häufigsten, wie man sagt, 
Protopopow. Und wir kennen Beispiele, daß die Nichterfüllung seiner Forderung 
den Sturz mächtiger und starker Personen zur Folge hatte. Wenn ihr (an die Mi- 
nister) treue Untertanen seid, wenn Rußlands Zukunft euch am Herzen liegt, die un- 
zertrennbar mit dem Glänze des kaiserlichen Namens verbunden ist, so werft euch 
dem Zaren zu Füßen und bittet, daß er euch gestatten möge, ihm die Augen für die 
entsetzliche WirkHchkeit zu öffnen." Ebenso greift in der zweiten Sitzung Mil j uko w 
die ,, dunklen, unverantwortlichen" Machthaber an. Der Reichskontrolleur Po- 
krowsky wird am i. (14.) Dezember zum Minister des Äußern ernannt. In einer 
Rede vor der Duma lehnt auch er den Frieden mit Deutschland pathetisch ab. Die 
Zarin ringt verzweifelt um ihren Einfluß. Unter ihren Widersachern nennt sie jetzt 
auch das ReichsratsmitgHed Ober Jägermeister Balaschew. 

Tsarskoje Selo, 3. Dezember 1916. 

Liebling, denk daran, daß es nicht auf den Mann Protopopow oder X., Y., Z. 
ankommt, sondern daß es eine Lebensfrage für die Monarchie und Dein 
Prestige ist, das in dieser Zeit der Duma nicht erschüttert werden darf. Glaube 
nicht, daß sie bei ihm haltmachen werden, sondern sie werden alle anderen 
beseitigen, die Dir ergeben sind, einen nach dem andern — und dann uns 
selbst. Denke daran, als Du letztes Jahr zur Armee abreistest — als auch Du 
mit uns beiden allein warst gegen alle anderen, die prophezeiten, die Re- 
volution würde kommen, wenn Du abreistest. Du erhobst Dich gegen alle, 
und Gott hat Deinen Entschluß gesegnet. Ich wiederhole nochmals: es kommt 
nicht auf den Namen Protopopow an, sondern darauf, daß Du fest bleibst 
und nicht nachgibst — der Zar herrscht, und nicht die Duma. — Verzeihe, 
daß ich wieder schreibe, aber ich kämpfe für Deine Herrschaft und Babys 
Zukunft. Gott wird helfen, bleibe fest, horche nicht auf Männer, die nicht von 
Gott sind, sondern Feiglinge. Dein Frauchen, für das Du alles in allem bist. 

Treu bis in den Tod! 

14* 2ir 



Tsarskoje Selo, 4. Dezember 1916. 
Mein Einziger, Teurer! 

Leb wohl, süßer Geliebter, es ist sehr schmerzlich. Dich gehen zu lassen. 
Schlimmer als je nach den harten Zeiten, die wir durchlebt und durchkämpft 
haben. Aber Gott, der die Liebe und die Gnade ist, hat die Dinge zu einem 
Besseren gewendet. Nur ein bißchen mehr Geduld und tiefstes Vertrauen 
auf das Gebet und die Hilfe unseres Freundes. Dann wird alles gut werden. 
Ich bin vollauf überzeugt, daß große und herrliche Zeiten für Deine Herr- 
schaft und Rußland kommen werden. Nimm nur Deine Energie zusammen, 
laß Dich nicht durch Gerede oder Briefe umwerfen. Laß so etwas an Dir 
vorübergehen wie etwas Unreines, das man schnell vergessen muß. Zeige 
allen, daß Du der Herr bist, und Dein Wille wird geschehen. — Die Zeit der 
großen Nachgiebigkeit und Großmut ist vorüber — jetzt kommt Deine Herr- 
schaft des Willens und der Macht, und sie sollen gezwungen werden, sich vor 
Dir in den Staub zu beugen und Deinen Befehlen zu gehorchen und zu 
arbeiten, wie und mit wem Du es willst. Du mußt sie lehren zu gehorchen, 
sie verstehen nicht den Sinn dieses Wortes. Du hast sie mit Deiner Freundlich- 
keit und Deinem Verzeihen verwöhnt. Warum haßt man mich? Weil man 
weiß, daß ich einen starken Willen habe und meinen Sinn nicht ändere, wenn 
ich überzeugt bin, daß etwas richtig ist (wenn ich im übrigen von Grigori ge- 
segnet bin), und das können sie nicht vertragen. Aber das sind die Bösen. 
Denke daran, was Mr. Philippe sagte, als er mir das Heiligenbild mit dem 
Glöckchen gab : da Du so gütig, vertrauensvoll und vornehm bist, müßte ich 
Dein Glöckchen sein. Wer mit bösen Absichten käme, würde sich mir nicht 
nähern können, und ich würde Dich warnen. Diejenigen, die mich fürchten, 
blicken mir nicht in die Augen. Sie sind auf Böses aus und lieben mich nicht. 
Sieh die Schwarze Famihe — dann Orlow und Drenteln — Witte — Ko- 
kowzow — Trepow, ich fühle es, auch Makarow — Kaufmann — Sofia Iwa- 
nowna — Sandra Obolensky usw. Aber diejenigen, die gut und Dir ehrlich 
und aufrichtig ergeben sind, — lieben mich. Sieh das einfache Volk und das 
Militär, die gute und die schlechte Priesterschaft. Es ist alles so klar und 
berührt mich daher nicht mehr so sehr wie damals, als ich noch jünger war. 
Nur wenn jemand sich erlaubt. Dir oder mir böse, impertinente Briefe zu 
schreiben — dann mußt Du strafen. Ania erzählte mir von Baiasche w (dem 
Mann, den ich nie leiden konnte). Ich verstand, warum Du so furchtbar spät 
zu Bett kamst und warum ich so angstvoll und schmerzlich wartete. Bitte, 
Liebster, laß Fredericksz an ihn einen scharfen Tadelbrief schreiben (er und 
Nikolai Michaile witsch und Basiljew sind eins im Klub). Er hat einen so 
hohen Rang bei Hof und wagt, ungefragt zu schreiben, und es ist nicht das 
erstemal — in vergangenen Tagen hat er es auch getan. Zerreiße den Brief, 
aber laß ihn energisch tadeln — sage Wojeikow, er möge an den alten Mann 
denken — solch ein Schlag für ein eingebildetes Mitglied des Reichsrates wird 

212 



sehr nützlich sein. Wir können nicht so auf uns herum trampehi lassen. Festig- 
keit über alles! — Jetzt, wo Du Trepows Sohn zum Adjutanten gemacht hast, 
kannst Du noch mehr darauf bestehen, daß er mit Protopopow zusammen- 
arbeitet. Er muß seine Dankbarkeit beweisen. — Denk daran, Gurko zu 
verbieten, daß er Reden hält und sich in die Politik einmischt — das hat 
Nikolascha und Alexejew ruiniert. Dem letzteren hat Gott diese Krankheit 
gesandt, offenbar um Dich vor einem Mann zu erretten, der im Begriff war, 
seinen Weg zu verlieren und Schaden zu stiften, indem er auf böse Briefe und 
Menschen horchte, anstatt auf Deine Befehle für den Krieg, und der sich 
widersetzlich zeigte. Man hat auch mir Widerstand geleistet — Beweis : was 
er zu dem alten Iwanow gesagt hat. 

Aber bald werden alle diese Dinge vorübergehen, alles wird klarer werden, 
auch das Wetter, was ein gutes Zeichen ist. Denke daran. 

Und unser Heber Freund betet so inständig für Dich, ein Mann, der Gott so 
nahe steht, gibt die Kraft, den Glauben und die Hoffnung, deren wir so dringend 
bedürfen. Und andere können diese große Beruhigung nicht verstehen und glau- 
ben daher, daß Du sie nicht verstehst, und versuchen Dich zu enervieren. Aber 
sie werden es bald müde werden. Sollte Deine liebe Mama schreiben, so denke 
daran, daß die Michaels hinter ihr stehen. Beachte es nicht und nimm es Dir 
nicht zu Herzen. Gott sei Dank ist sie nicht hier, aber freundliche Menschen fin- 
den Mittel und Wege, zu schreiben und Böses zu tun. — Alles wendet sich zum 
Guten. Die Träume unseres Freundes verkünden so viel, Süßer, gehe zu der Jung- 
frau von Mobile w und finde dort Friede und Kraft. — Gehe nach dem Tee hin, 
bevor Du empfängst, nimm Baby mitDir, ganz ruhig— es ist so friedlich dort, und 
Du kannst Deine Kerzen aufstecken. Zeige den Leuten, daß Du ein christlicher 
Souverän bist, und fürchte nichts — auch solch ein Beispiel wird anderen helfen. 

Wie werden die einsamen Nächte werden? Ich kann es mir nicht vorstellen. 
Der Trost, Dich eng in meine Arme gepreßt zu halten, hat die Qual der Seele 
xmd des Herzens betäubt, und ich habe versucht, alle meine endlose Liebe, 
Bitten und Glaube und Kraft in meine Liebkosungen zu legen. So unaus- 
sprechhch lieb habe ich Dich, Du Mann meines Herzens. Gott segne Dich 
und mein köstliches Baby — ich bedecke Dich mit Küssen. Wenn Du nieder- 
geschlagen bist, gehe in Babys Zimmer und sitze dort einen Augenblick ganz 
ruhig. Küsse das geliebte Kind, und Du wirst Dich gewärmt und beruhigt 
fühlen. All meine Liebe häufe ich auf Dich, Du Sonne meines Lebens. Schlaf 
wohl, mein Herz und meine Seele sind mit Dir, meine Gebete sind um Dich — 
Gott und die Heilige Jungfrau werden Dich nie verlassen. 

Immer ganz Dein eigen. 

Tsarskoje Selo, 5. Dezember 1916. 

Nach dem Diner zum Hospital gegangen — um mich selbst zu vergessen. — 
Ich danke Gott, daß ich Dir ein bißchen helfen konnte — auch Du, mein 

213 



Süßer, werde fest und unnachgiebig, zeige die Herrenhand und den Verstand, 
beuge Dich nicht herab zu einem Mann wie Trepow (dem Du nicht vertrauen 
und den Du nicht achten kannst). Du hast gesagt, was Du zu sagen hattest, 
und hast Deinen Kampf um Protopopow durchgefochten, und wir werden 
nicht umsonst gehtten haben. — Bleibe fest, gib nicht nach — sonst wird 
es nie wieder Frieden geben, denn sie werden Dich in Zukunft mehr quälen, 
wenn Du zustimmst, als wenn sie sehen, daß sie bei fortgesetzter Hartnäckig- 
keit Dich zwingen, dreinzuschlagen. Mögen sie noch so hartnäckig sein, 
ich meine, Trepow und Rodzianko auf der einen Seite — ich werde ihnen 
standhalten (mit dem heiligen Mann Gottes), halte Du nicht zu ihnen, sondern 
zu uns, die wir nur für Dich, Baby und Rußland leben. Den Ratschlägen 
unseres Freundes zu folgen, Geliebter — ich versichere Dich, das ist recht — 
er betet so inständig Tag und Nacht für Dich — und er hat Dich so weit ge- 
bracht, wie Du jetzt bist — sei nur ebenso überzeugt, wie ich es bin, und wie 
ich es Ella gezeigt habe und immer tun werde — dann wird alles gut gehen. 
In den ,,Amis de Dieu" sagt einer der alten Gottesmänner, daß ein Land, 
wo ein Mann Gottes dem Herrscher hilft, nie, niemals untergehen kann, und 
das ist wahr. Man muß nur glauben und seinen Rat erbitten — nicht glauben, 
daß er nicht weiß, Gott eröffnet ihm alles. Deswegen bewundern die Leute, 
die seineSeele nicht erfassen können, so unendlich seinen wundervollen Verstand 
• — der bereit ist, alles zu verstehen, und wenn er ein Unternehmen segnet, so 
hat es Erfolg — und wenn er einen Rat gibt, so kann man beruhigt sein, daß 
er gut ist — wenn die Leute später schwanken, so ist das nicht sein Fehler. 
Aber er wird sich weniger in den Menschen irren, als wir es tun — Lebens- 
erfahrung, gesegnet von Gott. Er bittet, daß Makarow rascher abgesetzt 
wird — und ich stimme ihm ganz zu. Ich sagte Stürmer, es sei unrecht, daß 
er ihn empfiehlt, ich sagte ihm, er sei durchaus nicht ergeben, und jetzt ist 
die Hauptsache, wirklich ergebene Männer zu finden — in Taten und nicht 
nur in Worten. Und auf die müssen wir bauen. Laß Dich nicht durch Trepow 
über die anderen täuschen. Protopopow und Schakowskoi sind nur für uns, 
ich meine, sie sind in erster Linie ergeben und lieben uns ehrlich und offen . . . 
Sollte Nikolai Michailo witsch abtrünnig werden (was Gott verhüten möge), 
so bleibe hart und gib es ihm für seinen Brief und seine Besuche in der Stadt. 
Ich sende Dir Grigorowitschs Nachrichten, die man mir geschickt hat. — 



Der in den folgenden Briefen von der Zarin mehrfach gebrauchte Name Kalinin 
ist ein Deckname für Protopopow. 

Tsarskoje Selo, 9. Dezember 1916. 

Ania hat gestern Kalinin gesehen. Er sagte, daß Trepow mit Rodzianko 
vereinbart hat, die Duma vom 17. Dezember bis 8. Januar zu entlassen, da- 



214 



mit die Abgeordneten keine Zeit haben sollten, Petrograd für die Feiertage 
zu verlassen und um sie hier sicher zu haben. Unser Freund und Kalinin 
raten Dir, die Duma nicht später als am 14. Februar oder vielleicht am 15. 
zu schließen, sonst wird es keinen Frieden für Dich geben, und keine Arbeit 
wird ausgeführt werden. In der Duma fürchten sie nur dies, eine längere 
Pause, und Trepow wünscht Dich zu fangen und Dir zu sagen, daß es schlimmer 
sein wird, wenn die Leute nach Hause zurückkehren und ihre Neuigkeiten 
verbreiten. Aber unser Freund sagt, daß niemand diesen Abgeordneten glaubt, 
wenn sie allein in ihrer Heimat sind. Sie haben nur Macht, wenn sie beisammen 
sind. Liebling, bleibe fest und vertraue dem Rat unseres Freundes. Es ist 
nur zu Deinem Guten, und alle, die Dich lieben, denken recht. Höre nicht auf 
Gurko oder Grigorowitsch, wenn sie um eine kurze Pause bitten. Sie ver- 
stehen nicht, was sie tun. Ich würde alles dies nicht schreiben, wenn ich nicht 
so besorgt um Dich wäre und um Deine liebenswürdige Freundlichkeit, die 
immer bereit ist, nachzugeben, wenn sie nicht durch Dein armes altes Frauchen. 
Ania und unseren Freund gestärkt wird. Darum hassen die Ungläubigen und 
Bösen unseren Einfluß (der nur zum Guten ist). Trepow hat Kalinins Vetter 
(Lamsdorf) besucht, aber wußte nicht, daß sie verwandt waren. Er sagte, er 
würde Dich am 11. besuchen und wollte darauf bestehen (der Dummkopf, 
der er ist!), daß Protopopow entlassen werden sollte. Liebling, sieh Dir die 
Gesichter an — Trepow und Protopopow — kann man nicht deutlich sehen, 
daß das des letzteren reiner, ehrlicher und aufrichtiger ist — Du weißt, daß 
Du recht hast. Behalte den Kopf oben. Befiehl Trepow, mit ihm zu arbeiten. 
Er darf nicht gegen den Befehl handeln. Schlage auf den Tisch! 

Lieb, willst Du, daß ich für einen Tag komme, um Dir Mut und Stärke zu 
geben? Sei der Herr. Man ist gegen Kahnin, weil er Versammlungen der 
Verbände gehindert hat. Er hat sehr recht daran getan. Unser Freund sagt, 
,,daß die Verwirrung, die in Rußland während des Krieges und nachher ein- 
treten mußte, eingetreten ist, und wenn er (Du) nicht den Platz von Nikolai 
Nikolaje witsch eingenommen hätte, würde er jetzt vom Thron gestürzt sein". 
Sei guten Muts, die Lärmmacher werden sich beruhigen — sende nur die Duma 
schneller und für längere Zeit fort — glaube mir — Du weißt, Trepow 
kokettiert mit Rodzianko, alle wissen das. Und Dich belügt er schlau, seine 
Weisheit hat ihn verlassen. Gehe zu dem geliebten Heiligenbild und werde 
dort stark und mächtig — denke immer an den Traum unseres Freundes, 
er bedeutet so, ach! so viel für Dich und uns alle. 



Vom 9. (22.) bis zum 11. (24.) Dezember finden in Moskau aus Anlaß des Kon- 
gresses des allrussischen Semstwoverbandes und des allrussischen Städteverbandes 
Demonstrationen statt, die der Polizeipräsident von Moskau, General Schebeko, 
mit Gewalt unterdrückt. Die Zarin fährt fort, gegen die Duma und gegen Trepow 



215 



zu eifern. Manuilow (Manussewitsch) ist der ehemalige Reporter der „Nowoje Wrem- 
ja", der zum Gehilfen Stürmers avanciert ist, vmd gegen den ein Verfahren wegen Er- 
pressung schwebt. Dieses Verfahren wird von dem Justizminister Makarow nieder- 
geschlagen. Statt seiner nennt die Zarin als Leiter des Justizministeriums schon den 
Senator Dobrowolsky, der es nach wenigen Tagen werden wird. 

Tsarskoje Selo, 13. Dezember 1916. 
Mein einziger, teuerster Engel! 

Innigsten Dank für Deine liebe Karte. Bin so begierig (da Du keine Zeit 
zum Schreiben hast), von Deiner Unterredung mit diesem schrecklichen Trepow 
zu hören. Ich lese in der Zeitung, daß er jetzt Rodzianko erzählt hat, daß 
die Duma vom 17. bis zur ersten Hälfte des Januar beschäftigt sein wird. Hat 
er ein Recht, dies zu sagen, bevor die offizielle Ankündigung durch den Senat 
erfolgt ist? Ich finde absolut nein, und man müßte ihm das sagen, und 
Rodzianko müßte einen Tadel bekommen, weil er erlaubt, daß so etwas in 
die Zeitungen kommt. Und ich habe so inständig früher und länger gebeten. 
Danke Gott, daß Du wenigstens kein Datum im Januar festgelegt hast und 
sie daher im Februar oder überhaupt nicht einberufen kannst. Sie arbeiten 
nicht, und Trepow kokettiert mit Rodzianko, das wissen alle. Sie treffen sich 
zweimal täglich — das schickt sich nicht — warum versucht er, mit ihm (der so 
falsch ist) zusammenzuarbeiten und nicht mit Protopopow (der treu ist) — das 
charakterisiert den Mann. Der alte Bobrinsky kennt die Fehler der Trepows — 
und er ist Dir so grenzenlos ergeben, und darum hat ihn Trepow entfernt. 
Mein Engel, wir haben gestern bei Ania mit unserem Freund gespeist. Es 
war so nett. Wir erzählten alle von unserer Reise, und er sagte, wir hätten 
direkt zu Dir gehen sollen, da wir Dir eine große Freude bereitet und Segen 
gebracht hätten und, wie ich fürchte, Dich gestört hätten. Er beschwört 
Dich, fest zu bleiben, der Herr zu sein und nicht immer Trepow nach- 
zugeben. Du weißt alles viel besser als dieser Mann — und läßt noch immer 
ihn Dich leiten — und warum nicht unseren Freund, der durch Gott lenkt. 
Vergiß nicht, warum ich unbeliebt bin — das zeigt, daß es richtig ist, fest und 
gefürchtet zu werden. Sei Du das gleiche. Du, ein Mann — nur glaube mehr 
unserem Freund (anstatt Trepow), er lebt für Dich und Rußland. Und wir 
müssen Baby ein starkes Reich übergeben und dürfen seinetwegen nicht 
schwach sein. Sonst wird er eine noch schwerere Herrschaft haben, wenn er 
unsere Fehler gutmachen und die Zügel, die Du verloren hast, wieder an- 
ziehen muß. Du hast für Fehler zu büßen aus der Zeit Deiner Vorgänger, und 
Gott weiß, welche Schwierigkeiten Du bekämpfen mußt. Laß unsere Erb- 
schaft für Alexei leichter werden. Er hat einen festen Willen und starren 
Kopf. Laß die Dinge nicht Deinen Fingern entgleiten, damit er nicht wieder 
alles aufzubauen hat. Bleibe fest, ich. Dein Schutzwall, bin hinter Dir und 
werde nicht nachgeben — ich weiß, er führt uns gut — und Du hörst auf 

216 



einen falschen Mann wie Trepow. Nur aus Liebe zu mir und Baby unternimm 
keine großen Schritte, ohne es mir zu sagen und über alles ruhig zu sprechen. 
Würde ich so schreiben, wenn ich nicht wüßte, daß Du so leicht Deinen Sinn 
änderst, und was es kostet, Dich zu veranlassen, bei Deiner Ansicht zu be- 
harren? Ich weiß, ich kann Dich verletzen, wenn ich so schreibe, und das ist 
mein Kummer und meine Sorge — aber Du, Baby und Rußland sind mir 
viel zu teuer. Was ist mit Suchomlinow und Manuilow? Ich habe alles für 
Dich vorbereitet. Und Dobrowolsky — ein sicherer Mann — und schneller 
weg mit Makarow, der, glaube mir doch endlich, ein schlechter Mensch ist. 
Gott gebe mir Kraft, Dich zu überzeugen. Es ist schwerer, Dich stark zu er- 
halten als den Haß der anderen zu ertragen, der mich kalt läßt. Ich ver- 
abscheue Trepows Hartnäckigkeit. Er waren viele Wetten in der Duma, 
Pitirim würde fortgeschickt werden — jetzt hat er das Kreuz bekommen. 
Sie waren zerschmettert und klein geworden (Du siehst, wenn Du Dich selbst 
als Herr zeigst). — Du hast mir nie über Balaschew geantwortet, fürchte, 
daß Du nichts getan hast, und Fredericksz ist alt und zu nichts gut, wenn ich 
nicht energisch mit ihm spreche — solch ein Fehler, die Duma nicht am 14. zu 
schließen, und dann könnte Kalinin wieder an seine Arbeit gehen, und Du 
würdest ihn sehen und mit ihm sprechen. Nur kein verantwortliches Kabinett, 
nach dem alle verrückt sind. Alles wird ruhiger und besser. Man wünscht nur. 
Deine Hand zu fühlen — wie viel Jahre hat man mir schon dasselbe erzählt — 
,, Rußland wünscht die Peitsche zu fühlen" — das ist ihre Natur — zarte Liebe 
und dann die eiserne Hand, um zu strafen und zu führen — wie ich wünschte, 
ich könnte meinen armseligen Willen in Deine Adern ergießen. Die Jungfrau 
ist über Dir, führt Dich, mit Dir, denke an das Wunder — die Vision unseres 
Freundes. 

Bald werden unsere Truppen in Rumänien stärker sein. Es ist warm, und 
es liegt dicker Schnee. Verzeihe diesen Brief, aber ich konnte heute Nacht 
nicht schlafen, in Gedanken um Dich — verbirg mir nichts — ich bin stark — 
aber höre auf mich, das bedeutet auf unseren Freund, und vertraue uns in 
allem — und hüte Dich vor Trepow — Du kannst ihn nicht lieben oder ver- 
ehren. Ich leide um Dich wie um ein zartes, weichherziges Kind, das Fühnmg 
braucht, aber auf schlechte Ratgeber hört, während ein Mann Gottes ihm 
sagt, was es tun soll. Süßester Engel, komme bald heim . . . 

Ach, Liebster, ich muß aufstehen. Weihnachtskarten den ganzen Morgen 
geschrieben. Herz und Seele brennen für Dich. Endlose Liebe. Ich liebe 
Dich zu tief und weine über Deine Fehler und freue mich über richtige Schritte. 

Gott segne und beschütze, behüte und führe Dich. Küsse ohne Ende. 

Dein treuestes Frauchen. 



217 



Die Zarin hat von dem Brief einer Prinzessin Wassiltschikow gegen Rasputin 
erfahren, der in der Hofgesellschaft zirkuliert. Der König von England interveniert 
zugunsten der Bildung eines verantwortlichen, parlamentarischen Kabinetts. 

Tsarskoje Selo, 14. Dezember 1916. 

Sei Peter der Große, Iwan der Schreckliche, Kaiser Paul ^ zermalme sie 
alle unter Dir — nun lachst Du, Du Unartiger — aber es verlangt mich, 
zu sehen, daß Du so mit all denen umgehst, die Dich zu regieren versuchen — 
und das Gegenteil muß sein. Die Gräfin Benckendorff war so empört über den 
Brief der Prinzessin W., daß sie der Reihe nach die älteren Damen in der Stadt 
besuchte, Prinzeß Lolo, Gräfin Worontzow usw., und ihnen ihre Meinung sagte 
und daß sie es eine Schande findet, bis wie weit die Gesellschaft herabgekom- 
men ist, alle Prinzipien vergessend . . . Ich könnte Trepow für seine schlechten 
Ratschläge henken . . . Und jetzt diese gemeinen, äußerst revolutionären 
Vertreterversammlungen in Moskau . . . Miljukow, Gutschkow und Poliwanow 
nach Sibirien ! . . . Es ist Krieg, und in solcher Zeit ist innerer Krieg Hoch- 
verrat. Warum siehst Du die Sache nicht so an? Das kann ich wirklich nicht 
verstehen. Ich bin nur eine Frau, aber meine Seele und mein Gehirn sagen 
mir, daß es die Rettung Rußlands sein wird — sie sündigen viel schlimmer, als 
die Suchomlinows jemals getan haben. — Verbiete Brussilow usw., irgendein 
politisches Thema zu berühren. Ein Narr, wer ein verantwortliches Kabinett 
verlangt, wie Georgie schreibt. 

Denke daran, daß sogar Mr. Philippe sagte, man dürfe keine Verfassung 
gewähren, da es Dein und Rußlands Ruin sein würde. Alle treuen Russen 
sagen dasselbe. Vor Monaten sprach ich mit Stürmer über Schwedow, er 
sollte Mitglied des Reichsrats werden. Auch der gute Maklakow — sie werden 
tapfer für uns eintreten. Ich weiß, ich belästige Dich — ach, würde ich Dir 
nicht viel, viel lieber nur Liebesbriefe und Zärtlichkeiten schreiben, von denen 
mein Herz so voll ist — aber meine Pflicht als Frau und Mutter und Rußlands 
Mutter zwingt mich. Dir alles zu sagen — gesegnet durch unseren Freund. 
Geliebter, Sonnenlicht meines Lebens, wenn Du in der Schlacht dem Feind 
gegenüberzutreten hättest, Du würdest niemals zögern, sondern wie ein Löwe 
vorgehen — sei auch jetzt ein Löwe in der Schlacht gegen die kleine Handvoll 
Bestien und Republikaner — sei der Herr, und alles wird sich vor Dir beugen. — 
Glaubst Du, ich würde mich fürchten? Ach nein. — Heute habe ich einen 
Offizier aus dem Hospital Maries und Anastasias entfernt, weil er sich erlaubte, 
sich über unsere Reise lustig zu machen, und behauptete, Protopopow habe 
das Volk bezahlt, damit es uns einen so guten Empfang bereite. Die Ärzte, 
die es hörten, rasten. Du siehst. Dein Sonnenschein ist im Kleinen energisch 
und im Großen so, wie du es wünschst. — Gott hat uns auf einen Thron gesetzt, 
und wir müssen ihn festhalten und ihn unversehrt unserem Sohn übergeben — 

218 



wenn Du daran immer denkst, wirst Du auch nicht vergessen, daß Du der 
Souverän bist — und wie viel leichter ist das für einen Autokraten als für 
einen, der eine Verfassung beschworen hat. 

Geliebter, höre auf mich, ja, Du kennst Dein altes treues Mädchen. ,, Fürchte 
Dich nicht", hat die alte Nonne gesagt, darum schreibe ich ohne Furcht an 
meinen armen Liebling. Jetzt wollen die Mädchen ihren Tee. Sie kamen er- 
froren von der Ausfahrt heim — ich küsse Dich und halte Dich fest an meine 
Brust gepreßt, liebkose Dich, liebe Dich, sehne mich nach Dir, kann ohne Dich 
nicht schlafen — segne Dich. Immer Dein einziges Frauchen. 



Am 15. (28.) Dezember bricht ein blutiger Aufstand in Moskau aus, meuterndes 
Militär beteiligt sich. Die Duma nimmt in einer Geheimsitzung, in der Miljukow 
seine AngriflEe wiederholt, eine Tagungsordnung gegen Trepow an. Sofort erläßt der 
Zar einen Vertagimgsukas. In der Nacht zum 17. (30.) Dezember wird Rasputin 
im Garten des dem Fürsten Jussupow gehörenden Palais am Moika-Kanal in Peters- 
burg erschossen. Sein Mörder ist Fürst FeUx Jussupow, der Gatte der Prinzessin 
Irina, der, wie es dann heißt, eine persönliche Beleidigung zu rächen hat. 
Beistand leisten ihm der Großfürst Dmitri vmd der brutale Abgeordnete 
Purischkiewitsch. Rasputin wird (ganz wie in dem Plan Rschewskis) in einem 
Auto hingelockt. Seine Leiche wird in der Kleinen Newa gefunden. Nachher wird 
Jussupow nach Rakitnoje im Gouvernement Kursk, Dmitri an die Front des Generals 
Baratow in Persien geschickt, Purischkiewitsch wird von der Ochrana (der Geheim- 
polizei) nicht ermittelt. Der nachstehende Brief der Zarin gibt nur das Gerücht 
wieder, das in den Morgenstunden des 17. umläuft. Batiuschin, der zum Schluß 
erwähnt wird, ist der Chef der Gegenspionage General Batiuschin. 

Tsarskoje Selo, 17. Dezember 1916. 

Ach, die Freude, der Trost, Dich wieder zu Hause zu haben ! 

In solcher Zeit getrennt zu sein, ist zeitweise, das versichere ich Dir, absolut 
zum Verzweifeln — wie viel leichter ist es, alles miteinander zu teilen und über 
alles zu sprechen, anstatt Briefe zu schreiben, die doch weniger Eindruck 
machen und Dich oft belästigt haben müssen, mein armer, geduldiger Engel. 
Aber ich muß es versuchen und das Gegengift für das Gift der anderen sein. 

Ist Baby seinen ,,Wurm" vollständig losgeworden? Dann wird er dicker 
werden und weniger durchsichtig — der teure Junge ! 

Wir sitzen zusammen — kannst unsere Gefühle verstehen — unsere Ge- 
danken — unser Freund ist verschwunden. Gestern hat ihn A. gesehen, und 
er sagte, Felix habe ihn gebeten, nachts zu kommen, ein Auto würde ihn ab- 
holen, um Irina zu sehen. — Ein Auto (MiUtärwagen) mit zwei Zivihsten hat 
ihn geholt, und er ist abgefahren. 

219 



Heute nacht großer Skandal in Jussupows Haus — große Gesellschaft, 
Dmitri, Purischkiewitsch usw., alle betrunken. Polizei hörte Schüsse. Pu- 
rischkiewitsch rannte heraus und schrie derPoUzei zu, unser Freund sei getötet. 

Polizei, die suchte, und Gerichtsbeamte betraten Jussupows Haus — sie 
durften das vorher nicht, weil Dmitri dort war. 

Der Pohzeichef hat nach Dmitri geschickt. Felix wünschte heute nacht in 
die Krim zu reisen. Er bat Kalinin, ihn aufzuhalten. 

Unser Freund war die letzten Tage guten Muts, aber nervös, auch für A., 
da Batiuschin wünschte, Material gegen Ania zu bekommen. Felix behauptet, 
er sei nie in das Haus gekommen, und er habe ihn nie gebeten. Scheint ein 
rechter Tölpel zu sein. Ich vertraue noch auf Gottes Güte, daß man ihn nur 
irgendwohin verschleppt hat. Kalinin tut, was er kann. Deshalb bitte ich um 
Wojeikow, wir Frauen sind allein mit unseren schwachen Köpfen. Ich will 
sie bei mir behalten — da sie sich jetzt an sie als nächste machen werden. 

Ich kann und will nicht glauben, daß er getötet worden ist. Gott sei 
gnädig. Solch übergroße Pein (bin ruhig und kann es nicht glauben). 



Das Tagebuch der gefangenen Zarin 

<ToboIsk und Jekaterinburg) 



Als die Nacliricht kam, daß Rasputin nicht nur verschleppt, sondern tatsächlich er- 
mordet worden sei, da brach die Zarin zusammen. Sein Schicksal stand für sie in direkter 
Beziehvmg zum Schicksal Rußlands: so lange er lebte, war eine Katastrophe nicht zu 
fürchten, es konnten Rückschläge eintreten und Verwicklungen, militärische Operationen 
konnten fehlschlagen, die innere I^age konnte schwierig werden, aber eine eigentliche Ge- 
fahr war nicht vorhanden. Mit Rasputins Ermordung hörte für die Zarin diese Sicherheit 
auf, das Band zerriß, das Rußland bisher mit Gott verknüpft hatte, der Himmel ver- 
dunkelte sich, die Erde sank in graue Nacht, und durch diese Nacht klang schwer und 
dumpf der Schritt einer unabwendbaren Fügung, die näher und näher rückte, bis sie da 
war, die Katastrophe, der Zusammenbruch, die Strafe für den Verrat, den Rußland an 
Gott begangen hatte, indem es seinen Geweihten erschlug. 

Nichtsdestoweniger hat die Zarin damals noch einmal versucht, die Entwicklung auf- 
zuhalten, indem sie den Zaren veranlaßte, den Stürmerkurs wieder aufzunehmen und das 
liberahsierende Kabinett Trepow durch ein Kabinett ihres Vertrauens, ein Kabinett der 
schroffsten Reaktion zu ersetzen. Als der Zar wenige Tage nach Rasputias Ermordung 
nach Tsarskoje Selo zurückkehrte, bestimmte sie ihn, einen Freund Stürmers und Pobe- 
donoszews, den Fürsten Nikolai Golizyn, zum Ministerpräsidenten ohne Portefeuille zu 
emetmen. Äußeres, Krieg, Finanzen, Kultus und Justiz wurden mit Gesinnungsgenossen 
des neuen Premiers besetzt. Die eigentliche Leitung des Kabinetts wurde Protopopow 
übertragen, der sein Portefeuille behielt. An die Spitze des Reichsrats, der am 9. Dezember 
mit großer Mehrheit eine Abkehr von der bisherigen Politik nahegelegt hatte, wurde 
Schtscheglewitow berufen, die liberalen Mitglieder wurden, soweit sie vom Zaren ernarmt 
waren, ausgestoßen, an ihre Stelle traten Beamte und PoUtiker, die der äußeren Rechten 
angehörten. Am 18. Januar wurde dann der Wieder zusammentritt der Duma auf den 
27. Februar verschoben, um Protopopow Gelegenheit zu geben, die Wirksamkeit des 
Semstwo Verbandes einzuschränken und die Arbeitergruppe im Oberkriegskomitee zu ver- 
haften. Der Rückschlag aller dieser Maßnahmen blieb nicht aus: die Unruhe im I,ande 
nahm zu, die oppositionellen Parteien der Duma, die sich in dem sogenannten ,, Fort- 
schrittsblock" zusammengeschlossen hatten, faßten immer entschlossener einen Sturz des 
Regimes ins Auge, in der Arbeiterschaft der Großstädte wuchs die Erregung in bedroh- 
licher Weise. Stockungen in der Lebensmittelzufuhr taten ein übriges, um die Lage un- 
erträghch zu gestalten. Die Wiedereröffnung der Duma brachte schwere Zusammenstöße 
mit der Regierung, selbst der Reichsrat war nicht gewillt, den scharfen Kurs schweigend 
mitzumachen; die gewählten Mitglieder liberaler Färbung verließen unter Protest den 
Sitzungssaal. Acht Tage später kam es dann in den Außenvierteln von Petersburg zu den 
ersten Krawallen, rote Fahnen entrollten sich, zwischen Arbeitern und Pohzeiagenten 
wurden Schüsse gewechselt. Am Abend des 10. März wurde eine Demonstration vor der 
Kasanschen Kathedrale auseinandergetrieben, sechzig Tote bheben auf dem Platze. 

223 



Der Zar hatte sich inzwischen am 8. erneut in das Hauptquartier nach Mohüew be- 
geben; die Zarin war mit den vier Großfürstinnen und dem Zarewitsch in Tsarskoje Selo 
zurückgeblieben, da drei Großfürstinnen und Alexei Nikolaje witsch an den Masern er- 
krankt waren. An ihrem Lager hörte sie am lo. vom Ausbruch der Unruhen in Peters- 
burg. Sie nahm sie verhältnismäßig gelassen auf, da sie von Protopopow gehört hatte, 
daß die Eisenbahner infolge sozialistischer Treibereien die Zufuhr namentlich von Brot 
nach Petersburg künstlich verhinderten. Sie hielt daher die entstandenen Schwierigkeiten 
für behebbar. Als üir jedoch am ii. gemeldet wurde, daß die Krawalle auf das Stadt- 
innere übergegriffen hatten und die Truppen nur schwachen Widerstand leisteten, da 
wurde sie tmruhig. Und als sie dann am 12. hörte, daß die Krawalle zur Revolution aus- 
wuchsen, daß die Arbeiter die Gefängnisse und Gerichte stürmten und die Ersatzforma- 
tionen der Garderegimenter zu sich herüberzogen, als sie weiter hörte, daß der Fort- 
schrittsblock eine provisorische Regierung gebüdet habe und die Sozialisten eine zweite 
provisorische Regierung der Arbeiter- und Soldatendeputierten ins Leben riefen, da ergriff 
sie die Entwicklimg der Dinge in ihrem ganzen Ernst. Äußerlich bewahrte sie zwar ihre 
Ruhe, um den Zustand ihrer Kranken nicht zu verschlimmern; innerlich jedoch erfaßte 
sie nervöse Unrast, und mit Aufatmen begrüßte sie am 13. ein Telegramm des Zaren, 
das ihr seine Abreise vom Hauptquartier ankündigte und bat, nach Gatschina über- 
zusiedeln oder ihm entgegenzureisen. Die Eisenbahnen sind jedoch bereits in Unordnung : 
die Zarin muß in Tsarskoje Selo bleiben, und nun bricht die Katastrophe Schlag um 
Schlag über sie herein. Am Abend meutert die Garnison der Residenz, der Park muß von 
der Leibwache geschlossen und besetzt werden. Die Verbindung mit dem Zaren wird 
unterbrochen. Vor dem Alexanderpalais fallen Schüsse, aufrührerische Truppen er- 
scheinen, auf Bitten der Zarin wird ein WaflEenstillstand mit ihnen geschlossen. Am 14. 
beruft die Zarin den Großfürsten Paul nach Tsarskoje Selo; angstvoll fragt sie ihn, wo 
der Zar bleibt; er weiß es nicht, und so vergeht der 14. und 15. in banger Ungewißheit. 
Bis dann am 16. nachmittags gemeldet wird, daß Nikolai II. in der Nacht vorher in 
seinem Salonwagen auf dem Bahnhof von Pskow seine Abdankung unterzeichnet 
habe. Für die Zarin ein furchtbarer Schlag, denn damit bestätigen sich die düsteren 
Ahnungen, die sie an die Ermordung Rasputins geknüpft hatte. Gott hat den Zaren 
fallen gelassen, weil er zu schwach gewesen ist, seinen Gesandten zu schützen. 

Was damals in der Zarin vorgegangen ist, weiß niemand, sicher ist nur, daß sie sich 
am nächsten Tage schon wieder gefaßt hatte. Die furchtbaren Eindrücke der letzten Tage 
haben sie gealtert, sie sieht blaß aus und schmal: aber sie hält sich aufrecht, denn alles 
ist ja nur so gekommen, wie es kommen mußte. Und so kennt sie nur noch einen Wunsch: 
mit dem Zaren vereinigt zu werden. Wie sie endlich erfährt, hat er sich von Pskow nach 
Mohüew begeben, nachdem er den Oberbefehl an Nikolascha abgetreten hat, und am 
Vormittag des 22. März trifft er in Tsarskoje Selo ein. Er ist der Gefangene der provi- 
sorischen Regierung, und mit ihm werden auch die Zarin und ihre Kinder als gefangen 
erklärt. 

Mit der Ankunft des Zaren wird die Zarin vollends ruhig. Er ist bei ihr; er ist gesund; 
er ist in Sicherheit; das genügt fürs erste. Und so findet sie sich ohne ein Wort des Vor- 
wurfs in ihre neue Lage hinein, überläßt sich ganz dem wohltätigen Gefühl der Entspan- 
nimg, das sie nach den drei furchtbaren Jahren, die hinter ihr liegen, mit doppelter Ge- 
walt ergreift. Sie spricht nur wenig, liegt viel auf ihrem Ruhebett im Zimmer der Groß- 
fürstinnen, plaudert mit ihnen, macht Handarbeiten, liest Erbauungsbücher oder leichte 

224 



Romane, pflegt die Großfürstin Marie, die als letzte der vier Mädchen an den Masern 
erkrankt, als die andern schon ihrer Genesung entgegengehen. Und als sich dann der 
Gesundheitszustand der jungen Großfürstin wieder bessert und das Wetter milder wird, 
da läßt sie sich im RoUstuhl in den Park hinausfahren, sieht dem Zaren zu, wie er sich 
mit der Anlegung eines Küchengartens beschäftigt, lächelt den Töchtern zu, die draußen 
Spazierengehen oder nut dem Vater zusammen graben und pflanzen und gießen. Sie ist 
nur noch Frau, nur noch Mutter. Der Krieg ist für sie zu Ende, und wenn sie auch nicht 
aufhört, dem Schicksal Rußlands mit schmerzlicher Anteilnahme zu folgen, so findet sie 
sich doch mit ihrer Ausschaltung vollkommen ab. Sie hat die Politik nie an sich geUebt; 
sie hat sie immer nur um Nickys und Babys willen getrieben. Nun ist das alles über- 
flüssig geworden, und damit entfällt auch für sie die Notwendigkeit, sich mit Geschäften 
abzugeben, an denen sie doch nichts mehr ändern kann. 

So vergeht das Frühjahr, der Sommer. Bis eines Abends — es ist der 9. August — 
die Nachricht eintrifft, daß die Zarenfamihe Tsarskoje Selo verlassen soU. Das ist etwas 
Unerwartetes, denn bisher hatte man damit gerechnet, nach England abgeschoben zu 
werden, das sich — wenn auch nur mit halbem Herzen — für das Schicksal des abgedankten 
Zaren und seiner Familie interessiert. Immerhin hofft man, nach der Krim überführt 
zu werden, wo sich bereits die Zarinmutter und ein Teil der Großfürsten aufhält. Zwei 
Tage später wird jedoch befohlen, warme Kleider mitzunehmen, und das deutet darauf 
hin, daß die Reise nicht nach Süden gehen soll, sondern ins Innere. Am 13. erfolgt dann 
die Abfahrt, nachdem sich der Großfürst Michael imd Kerenski vom Zaren verabschiedet 
haben. Das Gefolge bildet der Flügeladjutant General Tatischtschew, der vor dem 
Kriege als russischer Flügeladjutant des deutschen Kaisers in Berlin lebte und der vom 
Zaren gebeten worden ist, sein Exil zu teilen; das Gefolge bildete femer die Ehrendame 
der Zarin Gräfin Hendrikow, der Kammerherr Fürst Dolgoruky, der Leibarzt des Zaren 
Dr. Botkin, der Leibarzt des Zarewitsch Dr. Derewenko, der französische Sprachlehrer 
des Zarewitsch GiUiard, die Kammerfrauen Schneider und Demidow, der Kammerdiener 
des Zaren Tschemadurow, der Kammerdiener der Zarin Wolkow, der Kammerdiener der 
Großfürstinnen Sedniew, der Leibmatrose des Zarewitsch Nagomi, der Küchenchef Chari- 
tonow, der Küchenjunge Sedniew, der Lakai Trupp und eine beschränkte Anzahl weiteren 
Personals. Geführt wird der Transport durch den Obersten Kobylinski, der mit Ke- 
renski befreundet ist und seit Anfang Juni als Palastkommandant von Tsarskoje Selo 
fungiert hat. Die Bedeckung wird den Schützenregimentem entnommen, die in Tsar- 
skoje Selo in Garnison Uegen. 

Am 14. August um 6 Uhr morgens verläßt der Zug der Zarenfamilie den kleinen 
Bahnhof Alexandrowka, am 17. abends trifft er in T j umen ein. Dort wartet der Dampfer 
,,Russ", auf dem die Reise den Tobol aufwärts nach Tobolsk fortgesetzt wird. Am 
Nachmittag des 19. wird das Ziel erreicht. Da jedoch in der Stadt ein Quartier vorläufig 
nicht zu haben ist, so bleibt die kleine Gesellschaft bis zum 26. an Bord. An diesem 
Tage bezieht die Zarenfamilie mit einem Teil ihrer Begleitung den ersten Stock des Gou- 
verneurshauses; der Rest — Fürst Dolgoruky, General Tatischtschew, Gräfin Hendrikow, 
Fräulein Schneider, die beiden Ärzte und Mr. Gibbs, der englische Sprachlehrer des Zare- 
witsch, der im September eintrifft, — der Rest wird in dem gegenüberliegenden Hause 
des Kaufmanns Kornilow untergebracht. Die Begleitmannschaft übernimmt die mih- 
tärische Bewachung der Zarenfamilie. Kobylinski wird im September dem Kommissar 
Ponkratow zvu: Seite gestellt, der sich wie Kobylinski bemüht, die größten Härten ab- 

15 Die letzte Zarin. 225 



zubiegen. Freilich hindert das nicht, daß sich die Zarenfamilie in Tobolsk beengter fühlt 
als in Tsarskoje Selo. Ein Park steht ihr nicht mehr zur Verfügung, Spaziergänge darf 
sie nur noch in den Küchengarten des Gouvemeurshauses oder auf eine Straße hinaus 
unternehmen, die durch einen Palisadenzaun von der Stadt abgegrenzt ist. Von der 
Außenwelt hört sie nur noch wenig, obwohl die Einwohner des Komilowschen Hauses 
täglich im Gouvemeurshause Besuch machen dürfen; Briefe treffen nur noch spärlich 
und mit großer Verspätimg ein. Zeitungen fehlen fast ganz. Aus der Internierung ist 
eine Gefangenschaft geworden. 

So vergeht der Herbst. Mitte November erfährt der Zar, daß in Petersburg die provi- 
sorische Regierung durch die Bolschewisten gestürzt worden ist. Diese Wendung macht 
sich nach und nach auch in Tobolsk fühlbar; ein Teil der Bewachungsmannschaft bildet 
einen Soldatenrat, der Kobylinskis wohlwollende Anordnungen zu durchkreuzen sucht. 
Als Ende Dezember die mit der Zarin befreundete Baronin Buxhoeveden in Tobolsk ein- 
trifft — jene Isa, die in den Briefen der Zarin wiederholt Erwähnung findet — , da ge- 
stattet er nicht, daß sie die Zarin besucht, sie muß in der Stadt Wohnung nehmen. So 
kommt der Winter heran. Er verfließt unter langsamer Verschärfung der Überwachung. 
Vom I. März ab wird die Zarenfamüie auf Soldatenration gesetzt, ihr Unterhalt soll mit 
4200 Rubeln monatlich bestritten werden. Zur Verwaltung des Geldes bildet der Zar 
einen ,, Wirtschaftsrat", der sich aus dem Fürsten Dolgoruky, dem General Tatischtschew 
und Gühard zusammensetzt. Ein Teü des Personals muß entlassen werden, Butter und 
Kaffee verschwinden vom Frühstückstisch der ZarenfamiHe. Kurz darauf wird der Kom- 
missar Ponkratow auf Betreiben des Soldatenrats durch einen Bolschewisten ersetzt. Ein 
Teil der Bewachungsmannschaften wird abgelöst, an ihre Stelle treten Rotgardisten aus 
Omsk. Fürst Dolgoruky, General Tatischtschew und Gräfin Hendrikow werden in das Gou- 
vemeurshaus überführt und gleichfalls als Gefangene erklärt. Frl. Schneider und Mr. Gibbs 
begleiten sie. Am 22. April trifft dann der bolschewistische Kommissar Jakowlew aus 
Moskau ein, der drei Tage später mit dem Zaren, der Zarin imd der Großfürstin Marie ab- 
reist, nachdem sich die Zarin geweigert hat, den Zaren zu verlassen. Vom Gefolge begleiten sie 
Fürst Dolgoruky und Dr. Botkin, vom Personal Tschemadurow, die Demidow und Sedniew. 

Am 30. April langen sie in Jekaterinburg an, wo sie (wahrscheinlich mit dem 
geheimen Einverständnis der Moskauer Sowjetregierung) von der Regierung der Sowjet- 
republik Ural aufgefangen und im Hause des Kaufmanns Ipatiew festgehalten werden. 
Fürst Dolgoruky wird eingekerkert. Am 20. Mai wird dann auch der Rest der Gesell- 
schaft nach Jekaterinburg überführt. Am 23. trifft er am Bestimmungsort ein und wird 
zum Teü im Ipatiewschen Hause, zum Teü im Gefängnis untergebracht; die letzte 
Maßnahme betrifft General Tatischtschew, Gräfin Hendrikow, Frl. Schneider und den 
Kammerdiener Wolkow. Güliard und die Baronin Buxhoeveden, die sich der Gesell- 
schaft angeschlossen hat, werden freigelassen. Kommandant des Ipatiewschen Hauses 
wird der bolschewistische Kommissar Abdiew, der Anfang Juli durch Jurowsky 
ersetzt wird. Unter ihrem rohen Regime gestaltet sich nun die Lage der Gefangenen 
immer furchtbarer; und da ihre Umgebung immer weiter verkleinert wird — Tschema- 
durow wird ins Gefängnis gebracht, Nagorni und der Kammerdiener Sedniew folgen 
Tatischtschew und den übrigen ins Gefängnis — , so prägt sich ihnen das Bewußtsein ihrer 
Lage immer deuthcher ein. Dazu kommt, daß sie von der Außenwelt vollkommen ab- 
gsechnitten werden. Sie sind nicht mehr im Gefängnis, sie sind im Zuchthaus. Der Weg, 
der sie hinausführt, ist der Weg in den Tod. 

226 



Die Etappen dieses I/cidensweges waren bisher fast allein aus den Aufzeichnungen 
bekannt, die Güliard vor etwa einem Jahr veröffentlichte. Sie werden in den folgenden 
Blättern durch eine geschichtliche Quelle erster Ordnung ergänzt, die den in diesem Bande 
abgedruckten Briefen der Zarin ebenbürtig zur Seite tritt, das Tagebuch der Zarin aus 
ihrer Gefangenschaft in Tobolsk und Jekaterinburg. Was darin zutage tritt, ist der Kern 
der Ereignisse, die in der vorhergehenden Skizze lediglich nach ihrem äußeren Verlauf 
umrissen worden sind. Noch einmal tritt in ihm die tiefe Religiosität der Zarin, ihre 
hingebende Treue gegen den Zaren und gegen die Ihren mit erschütternder Deutlichkeit 
hervor; und wenn es sich auch nicht rechtfertigen ließ, ihre Notizen unverkürzt vor- 
zulegen — sie wiederholen sich häufig, geben zahlreiche Nebensachen, die auf die Dauer 
ermüden — , so dürfen sie doch als Abschluß dieses Buches nicht fehlen*. Sie lauten: 



Tobolsk 

1. Januar 1918 (Montag). Beschneidung des Herrn. 

Stand um 7^ auf. Um 8 zur Kirche. Olga zu Bett, 37,73 Grad. Tatjana 
ebenso, 38. Masern. Tatjana hat überall heftigen Hautausschlag, Kopfweh 
und Bluterguß in die Augen. Alexei wieder wohl. Saß mit den Mädchen 
und nähte. Frühstückte mit ihnen in ihrem Schlafzimmer um 12. 

Schönes, sonniges Wetter, saß 35 Min. auf dem Balkon und dann bei den 
Mädchen bis zum Tee. Ruhte von 6 — 8, las und schrieb. 

Aß um 8 mit Olga imd Tatjana. 

Spielte Bezigue mit N., dann las er uns vor, und ich strickte. 

2. Januar (Dienstag). Hl. Seraphim. 

Olgas Hautausschlag jetzt sehr stark. T. hustet imd niest. Ich saß bei 
den Kindern. 

Am 3.: Jahrestag von Anias Unfall. 
N. las zu Ende ,,Das adlige Nest". 

3. Januar (Mittwoch). 

Alexei 36,2 Grad. Hat auch die Masern bekommen. Saß bei den Kindern. 
Frühstückte mit Olga, Tatjana und Baby. Es schneite schwach, war eine 
halbe Stunde draußen. 

Tee — Bezigue mit Anastasia. 

Ruhte. Offiziere und Soldaten sind gezwungen worden, ihre Epauletten 
und Dienstabzeichen herunterzutrennen. Die Soldaten haben Isa und Made- 



* Soweit Eigennamen darin vorkommen, sind sie aus den obigen Ausführungen ohne 
weiteres zu verstehen, wenn man berücksichtigt, daß Valja (Valentin) Fürst Dolgoruky ist, 
Eugen Sergiewitsch Dr. Botkin, Wladimir Nikolajewitsch Dr. Derewenko, Kolja sein Sohn, 
gleichaltrig mit dem Zarewitsch. Isa ist die Baronin Buxhoeveden, Njuta Ania Demidow. 

15* 227 



leine, Annuschka und Njuta streng verboten, in unser Haus zu kommen. Die 
letzteren drei warten hier seit vier Wochen und Isa seit über einer Woche. 
N. las uns Turgeniew vor. 

4. Januar (17., Donnerstag). 

Marie hat auch die Masern bekommen. Saß bei den Kindern. 
9 abds. N. las ims vor, ich arbeitete wie sonst. 

5. Januar (18., Freitag). 

Frühstückte mit Olga und Marie. T. und AI. frühstückten unten. Ich 
ging eine halbe Stunde heraus in den Küchengarten, sprach mit den Soldaten 
(4. Regiment). 

3^. Besprengung mit heiligem Wasser und Abendgottesdienst, neuer 
Priester, weihte die Zimmer. 

N. las uns vor. 

6. Januar (19., Sonnabend). Taufe des Herrn. 

Ging um 8 zur Kirche mit N., T., A. und AI. Lieblicher, heller, sonniger 
Tag. Malte und arbeitete. Olga imd Marie sind auf. 

8. Aß mit Olga imd Marie in meinem Zimmer. N. las uns vor. 

7. Januar (20., Sonntag). 

Wieder hell und sonnig. Las Evangelium imd Gebete. 

8 abds. Aß mit Marie in meinem Zimmer, sie ist ganz wohl, nur noch 
Hautausschlag im Gesicht. N. las uns vor, beendete ,,Bretteur" und begann 
„Drei Porträts" von Turgeniew. Starker Wind. 

8. Januar (21., Montag). 
Schneesturm, schrecklicher Wind. 
10 — II. Marie, Psalm 94 — 104. 

12 — I. Alexei, Ev. Mark., Kap. 6 — 7 imd Heilige Liturgie. 

9. Januar (22., Dienstag). Großmama f 1901. 
Schrieb Briefe tmd malte. 

10. Januar (23., Mittwoch). Hl. Grigori. 

10 — II. Tatjcina, Jes. Sirach 22 — 27. Malte. 
Frühstückte unten. Ruhte wegen Kopfweh. 

11. Januar (24., Donnerstag). 

Schnee. 9 34 — 10. Anastasia: Römische Geschichte. Pulcheria. Markian. 
Attila. Honorius. Alarich. Genserich. Papst Leo. Kaiser Justinian. Er- 

228 



n 



höhung (unleserlich). Fünf Patriarchen des römischen Konzils. Alexander. 
Antiochus. Der jenisalemische Papst Nikolaus I. Patriarch Photius. Me- 
thodius und K5mll. Kirche filioque. Kirchengeschichte beendet. 

IG — II. Tatjana: deutsche Lektüre. „Freie Bahn" von Werner. 

12 — I. Olga half mir, mein Geld durchzusehen. 

I. Frühstückte unten. Malte. Der Optiker war bei mir wegen neuer 
Gläser. 

4%. Tee, Bezigue mit Olga. Heute wird Isa aus dem Komilow-Haus 
weggeschickt, sie hat mit Miß Mather und ihrer Zofe in einem kleinen Haus 
Zimmer genommen. 

13. Januar (26., Sonnabend). 

• 9%, — 10. Tatjana, Erklärung der Gleichnisse. 

IG — II. Marie: deutsche Lektüre, ,,Vineta" von E. Werner, 
9. Abendgottesdienst. 

14. Januar (27., Sonntag). Hl. Nina. 
11^. Vormittagsgottesdienst. 
4^. Tee. Herrliches Wetter. 

7. Theateraufführung. „Les Deux Timides", Comedie Vaudeville en 
I acte par Mm. Marc. E. Sales. 

Personnages : 

Thibaudier N. 

Jules Fremissin P. Güliard. 

Anatole Garadoux Valja Dolgoruky. 

C6cile, fille de Thibaudier Anastasia. 

Annette, femme de chambre Tatjana. 

Regisseur: P, Güliard. Souffleur: General Tatitschew. 

Sehr gut gespielt und amüsant. Außer dem Gefolge und zwei Ärzten und 
Kolja und Mr. Gibbs sahen nur imsere vier Zofen zu. Dauerte 30 Minuten. 

15. Januar (28., Montag). 

Anastasia hat jetzt die Masern, 36,9 Grad, und ist zu Bett. 

10 — II. Marie, Psalm 104 — 109. 

12 — I. Alexei, Ev. Marc. 7 — 8 und Gebete. 

Brachte den Nachmittag mit Anastasia zu. 

16. Januar (29., Dienstag). 

I. Frühstückte mit Anastasia im Schlafzimmer der Mädchen. War eine 
halbe Stimde draußen. Saß bei Anastasia. 
Überwachte die Probe eines neuen Stückes. 

8. Aß mit Anastasia und Baby. N. las uns vor. Strickte, Bezigue. 

229 



i8. Januar (31., Donnerstag). 

Sonnig und starker Wind. Anastasia 36,6. 

10 — II. Tatjana, deutsche Lektüre. 

12 — I. Marie, Heilige Schrift. 

Brachte den Nachmittag mit Anastasia zu. 

19. Januar (i. Februar, Freitag). 
Anastasia 36,4, stand auf. 

12. Malte. Herrhcher Sonnenschein. 
I. Frühstückte unten mit allen. Strickte. 

4/4 — %• Alexei: Freundschaft Davids mit Jonathan. David bittet den 
Priester. 

8. Aß in meinem Zimmer mit Anastasia und Alexei. N. las uns vor. 
Herrliche Mondnächte. 

20. Januar (2. Februar, Sonnabend). 

9 — 10. Tatjana: Heihge Euphemia. Jesus Sirach 21 — 27. Las, strickte. 
Strahlender, herrlicher Sonnenschein. 
714- Aß mit Alexei. 

9. Abendgottesdienst. Sehr starker Wind. 

21. Januar (3. Februar, Sonntag). 
Starker Wind und Schnee. 

11^. Vormittagsgottesdienst. Frühstückte unten. Strickte. 4^2- Tee. 
9. ,,A la Porte", Comddie en I acte par Eugene Vercoussin. 

Personnages : 

Roland Delaunay, artiste Mr. Gilliard. 

Une dame Tatjana. 

Balthazar Alexei. 

Un cocher Alexei. 

Regisseur: P. G. 
Gut gespielt. 
Der Wind wehte stark. 

22. Januar (4. Februar, Montag). 
Heller Sonnenschein, starker Wind. 

10 — II. Marie: Heihge Schrift. Schrieb Briefe. 
Auf dem Hügel über 30 Grad Kälte. 

23. Januar (5. Februar, Dienstag). 
Starker Wind, Schrieb Briefe. 

434. Tee in N.'s und Babys kleinem Ankleidezimmer, da dort wärmer. 
Ruhte — der Wind läßt nach. 

230 



24- Januar (6. Februar, Mittwoch). Xenias Geburtstag. 

10 — II. Tatjana: Heilige Schrift, Jesus Sirach 33 — 35. Schrieb. 

6 — 7. Alexei: Ev. Marc, g — 10. Abendgottesdienst, Erkläning der Li- 
turgie. 

26. Januar (8. Februar, Freitag). 

Schrieb — sah mit Olga Zeitungen durch. 

I. Frühstückte unten. Strickte und sah mit Gilliard Rechnungen durch. 

7. Alexei : David schont das Leben Sauls in der Höhle. David und Abner. 
Tod des Nabal. David nimmt Abilaig zum Weib. 

8. Aß mit Baby. N. las uns vor. AI. ging nicht heraus, da die Sehne 
hinter seinem linken Knie gezerrt ist, aber ohne Schmerzen. 

Der Kommissar Ponkratow und sein Gehilfe Nikolski sind vom Soldatenrat 
aus dem Komilow-Haus weggeschickt worden und haben nichts mehr mit 
uns zu tun. 

27. Januar (9. Februar, Sonnabend). 

Frühstückte in Babys Zimmer, da er den Tag über zu Bett lag. Saß nach- 
mittags bei ihm, stickte. 

28. Januar (10. Februar, Sonntag). 

II ^4- Vormittagsgottesdienst. Baby auf. Frühstückte mit Alexei in 
meinem Zimmer. Ging eine halbe Stunde heraus. Strickte und zeichnete. 
Kolja kam. 

414- Tee. Ruhte. 7^. Essen in meinem Zimmer mit Alexei und Kolja. 

9^4- ..La B6te Noire", ComMie en I acte par M. M. E. Mandel et Cordier. 

Personnages : 

I,e Docteur Dorthey General Tatitschew. 

Prüderie Dorthey, son neveu Marie. 

Mme. de Bellemare, veuve Tatjana. 

Cyprienne, sa fille Nastinka. 

Maman Miette, gouvemante de la maison Dorthey . Olga. 

Regisseur: P. Gilliard. 

La sc^ne se passe de nos jours ä Pau, dans la maison de sant6 du Dr. D. 
Sehr nett gespielt. N. las uns vor. 

29. Januar (ii. Februar, Montag). 

9 — 10. Tatjana: Heilige Schrift. Deutsche Literatur. Die Meistersinger. 
Hans Sachs, Hans Folg. Das Volkslied im 14., 15. Jahrhundert („So viel 
Stern' am Himmel stehn"). Satirisches Gedicht „Reineke Fuchs". Das 
„Narrenschiff" von Seb. Brant. Die „Narrenbeschwörung" von Th. Mumer. 

231 



Evangelisches Kirchenlied. Martin Luther. Geistliche Lieder. 37 Kirchen- 
lieder, „Herr Gott, Dich loben wir." „Ein' feste Burg" etc. Nik. Decius, 
P, Speratus. 

I. War über eine Stunde draußen. 

8. N. las uns Leskow vor. 

30. Januar (12. Februar, Dienstag). 

Baby blieb im Bett, weil er sich gestern den Fuß durch Stoß verletzt hat, 
schlief kaum — hatte Schmerzen. Saß bei Alexei, nähte. 

I. Frühstückte mit Baby, spielte Karten mit ihm, stickte. 

4%. Tee. Spielte Karten mit Alexei. 

8. Aß mit Baby. N. las uns vor. Der Wind heulte. 

31. Januar (13. Februar, Mittwoch). 

Sonnig und windig. Baby schlief schlecht. 

8. Aß mit Baby, sein Fuß schmerzte stärker. N. las uns vor. Saß bei Baby. 

1. Februar (14., Donnerstag). 

Frühstückte mit Baby, saß und arbeitete in seinem Zimmer, spielten zu- 
sammen Karten. Den ganzen Tag Schneesturm. Viele von den nettesten Sol- 
daten sind fort. 

9%. Abendgottesdienst. Morgen ist kirchlicher Feiertag, sie lassen uns 
nicht in die Kirche gehn. 

2. Februar (15., Freitag). 

II ^. Vormittagsgottesdienst. Frühstückte mit Alexei. Herrliches, son- 
niges Wetter, war dreiviertel Stunden draußen. Stickte in Babys Zimmer 
und spielte Karten mit ihm. 

Feb ruar (16., Sonnabend). Anias Geburtstag. 

4. Februar (17., Sonntag). 

Vormittagsgottesdienst. Frühstückte unten mit allen. Baby war wieder 
draußen mit Kolja. Ging heraus, sonnte mich auf der Bank. 

8%. Tatjana, Mr. G. und Alexei spielten ,,A la Porte" zum zweitenmal, 
sehr gut, und dann folgte ,,Packing up". Schwank in einem Akt von H. Gattan. 

Personnages: 

Mr. Chugwater Anastasia. 

Mrs. Chugwater Marie. 

Luggageman Alexei. 

Regisseur: S. Gibbs. 
Schrecklich amüsant imd wirklich gut und spaßig gegeben. — N. las 
uns vor. 

232 



7. Februar (20., Mittwoch). 

I. Frühstückte unten. War eine Stunde draußen. 6 Grad in der Sonne. 
4%. Tee, Bezigue wie gewöhnhch mit Olga. 

6. Alexei: David verschont zum zweitenmal das Leben Sauls. Saul be- 
fragt die Hexe von Endor. Der Tod Sauls. Vorherbestimmung Davids zum 
Königtum. David geht nach Jerusalem. David nimmt die Festung ein, bleibt 
dort wohnen und nennt sie Davidsburg. David spielt, singt und tanzt vor 
der Bundeslade. Sein Weib verlacht ihn. 

8. Februar (21., Donnerstag). 

914 — 10- Anastasia: Jesaias 5, 21 — 29. 

IG — II. Tatjana: Heilige Schrift. Deutsch. Lit. Hans Sachs, 1494 Nürn- 
berg. Johann Fischart. Eulenspiegel, Die Schildbürger, Der ewige Jude. 
Aß mit Baby. N. las uns vor. 

9. Februar (22., Freitag). 
Schrieb Briefe, malte. 

10. Frühstückte mit Baby in N.'s Zimmer. Arbeitete. War eine halbe 
Stunde draußen, ideales Wetter, herrlicher Sonnenschein. 
4. Tee, häkelte und schrieb. 

IG. Februar (23., Sonnabend). 

Noch mehr von den netten Soldaten gehen morgen fort. Sah mit GiUiard 
mein Geld durch. 

II. Februar (24., Sonntag). 

II. Vormittagsgottesdienst. 

12. Frühstück. Ging eine halbe Stunde heraus, sah, nachdem ich gestickt 
hatte, den Scharfschützen zu. 

714- Aß unten. Spielte Chicane mit Trina. Windig, heller Mond. 
9^. Zum zweitenmal ,,Le Fluide de John". (6. Dez.) 

Le Fluide de John 
Comedie en un acte par M. (unleserlich). 

Personnes : 

Duplaque Mr. Gilliard. 

John, son domestique Alexei. 

Luden, neveu de Duplaque Marie. 

Regisseur: P. Gilliard. 

233 



In and out of a port by H. V. Esmond. 

Dramatis personae: 

Margaret Tatjana. 

Haigh Mr. Gibbs. 

Stage managet: S. Gibbs. 

Sehr amüsant und nett gespielt. 

12. Februar (25., Montag). 

9^ — 10. Tatjana: Volksbücher im 16. Jahrh. Hessen pl. 1488. Ulrich 
V. Hütten, v. Sickingen. Burchard Waldis, Erasmus Alberus, B. Ringwald, 
G. Rollenhagen (Froschmäusekrieg). 

10 — II, Marie: Heilige Schrift. Schrieb. 

12 — I. Alexei: Ev. Mark. 13 — 14. Erklärung der HeiUgen Liturgie. 

2 — 5. Sah mit Gilliard Rechnungen durch. Tee. Ruhte, Kopfschmerz. 

13. Februar (26., Dienstag). 

8. Aß mit Baby. Sprach über Geldsachen mit Valja. N. las uns vor. 
Hörte, daß der liebe alte General Iwanow in Kiew getötet worden ist und 
ebenso der Metropolit Wladimir. 

14. Februar (27., Mittwoch). 

10 — II. Tatjana: Jesaias 6 — 10. 

I. Sah mit Gilliard Rechnungen durch. 

6. Alexei, Evangelium des Tages. — David führt glückliche Kriege. David 
begehrt das Weib des Urias. Der Prophet Nathan sagt, daß David am Tode 
des Kindes von David und Bathseba schuldig sei. David verläßt mit seinem 
Haus Jerusalem. Er geht auf den ölberg. Simei verflucht David und wirft 
ihn mit Steinen. 

8. Aß mit Baby. Hatte Besprechung mit (unleserlich). Er sagte heute 
unserer Dienerschaft, daß wir nur 4000 monathch bekommen sollen, 600 jeder 
von uns 7, daß wir uns daher von 10 von ihnen trennen und viel eingeschränkter 
leben müßten — und daß wir vom i. März neuen (bolschewistischen) Stils 
alles selbst in die Hand zu nehmen hätten, N. las uns vor. 

15. Februar (28., Donnerstag). 

9^ — 10. Anastasia: Jesaias 10 — 13. 

10 — II. Tatjana: Deutsche Lektüre. 

12 — I. Marie: Sprüche Salomonis i — 5. 

2^ — 5- Sah mit Gilhard Rechnungen durch, Bezahlung aller Löhne. 

16. Februar (i. März, Freitag). 

Hörte, daß G. Januschkiewitsch im Zug nahe bei Gatschina getötet worden 
ist, Fürst Orlow bei Jalta einen Schlaganfall gehabt hat, und daß u, a. Sergei 
(Rotes Kreuz) dort getötet wurde. 

234 



I 



i8. Februar (3. März, Sonntag). 

War eine Stunde draußen. Hielt Andacht und sang mit den Mädchen und 
Nagomi, da der Chor nicht mehr singen will. Tee. War zugegen bei der 
Probe des russischen Stückes. 

734- Aß unten, auch Kolja. Spielte Kabale mit Trina, ^ Stunde. 

The Chrystal Gazer 
A Comic sketch by Leop. Montague. 

Dram. pers. : 

Miß Bessie Blank Marie. 

The Chrystal Gazer Mr. Gibbs. 

Stage manager : Mr. Gibbs. 

19. Februar (4. März, Montag). 

Hörte, daß der Cousin von Felix in Kiew getötet worden ist, auch Pod.'s 
Sohn!!! Sah mit GiUiard und Tatjana Rechnungen durch. Schrieb und 
arbeitete. 

21. Februar (6. März, Mittwoch). 

Kalt und sonnig. Frühstückte unten, arbeitete, schrieb, sang. 

6^. Alexei: Davids Übergang über den Jordan. Der Tod Absaloms. 
Joabs Kriege mit den Phihstem. König David gebietet, seinen imd Bathsebas 
Sohn zum König auszurufen und ihm zu helfen. David übergibt dem Salomo 
alle Pnmkstoffe und Vorhänge des Tempels, den er ihm geboten hat zu bauen. 
David kniet vor Gott nieder. David stirbt nach vierzigjähriger Regierung. 
— Psalme. 

22. Februar (7. März, Donnerstag). 

Kurzer Schneesturm. Übten uns im Gesang, wieder kam der Chorregent 
nicht. — Ruhte. 

8. Aß mit Baby. N. las ims vor. Hörte, daß mein alter Kondratiew 
tot ist. 

24. Februar (9. März, Sonnabend). 

9. Abendgottesdienst, der Chor singt jetzt wieder. Hörte, daß der liebens- 
würdige Gubariew getötet worden ist. Der Chor von 4 Frauen, i Tenor und 
der Regent singen jetzt gratis. 

25. Februar (10. März, Sonntag). 

8. Aß allein. Spielte Chicane mit Trina. 
9^. Zum zweitenmal: ,,Packing up". 

235 



Mr. Chugwater Anastasia. 

Mrs. Giugwater Marie. 

I/Uggageman Alexei. 

Sehr heiter gespielt. N. las uns vor. 

26. Februar (11. März, Montag). 

Frühstückte mit Baby. Brachte den Nachmittag (schreibend) mit ihm 
zu, da er sich an die Zehe gestoßen hat und so den Fuß hochhalten oder auf 
dem Boden liegen muß. Es schneite. 

27. Februar (12. März, Dienstag). 

Frühstückte mit Baby. Schrieb. Baby sah in die Zeitungen. 

28. Februar (13. März, Mittwoch). 26. Jahrestag von Papas Todestag. 
Frühstückte mit Baby. Brachte den Nachmittag wie gestern zu. 

6 — 8. Alexei : Gebet Salomos zu Gott. Weisheit Salomos. Salomos Urteil. 
Predigt Salomos. Erbauung des Tempels in 7 Jahren. Die Königin von Saba 
besucht Salomo. Salomo sucht Jerobeam zu töten, der sich verbirgt Salomos 
Tod nach vierzigjähriger Regierung. Sein Sohn Rehabeam besteigt den Thron. 

2. März (15., Freitag). 
Schrieb Briefe. 

Frühstückte mit Baby. Er war heute wieder draußen. Malte und schrieb. 
Jahrestag von N.'s Abdankung!!! 

5. März (18., Montag). 

9 — 10. Andacht. O., T., M., A. und ich sangen mit dem neuen Diakon — 
nicht gut natürlich, da wir nicht geprobt hatten. Er blieb nach der Andacht, 
um einiges für den Abendgottesdienst durchzugehen. Schrieb. 

Saß mit Nastinka in der Sonne auf dem Balkon. 

Aß mit Alexei. Brachte den Abend ohne Gefolge zu. N. las das Leben 
des Hl. Nikolaus vor. Früher zu Bett. 

7. März (20., Mittwoch). Großpapa f. 

8. März (21., Donnerstag). Großmama t. 

Aß mit Alexei. N. las uns das Leben des Hl. Eulogius vor. 

9. März (22., Freitag). 

8. Vormittagsgottesdienst in der Kirche. Mußte den ganzen Weg zu Fuß 
gehen, da er im Rollstuhl zu schlecht passierbar war. 

9^ — 12 abds. Beichte, wir 7, Nastinka, Valja, Tatitschew, Lisa und 11 
von unseren Leuten. Die Kinder begannen, und wir zuletzt. 

236 



I 



10. März (23., Sonnabend). 

7^4- Messe und Heiliges Abendmahl. Gingen zu Fuß in die Kirche und 
zurück. Der Chor sang schön. Malte und las. 

8% abds. Abendgottesdienst, kleiner Chor. Gefolge blieb zum Tee, und 
um II V2 trennten wir uns. 

13. März (26., Dienstag). 

Saß auf dem Balkon, herrhcher Sonnenschein. Schrieb. 

14. März (27., Mittwoch). 

6 — 7. Alexei : Vernichtung von Salomos Königreich. Rehabeam und Jero- 
beam übertreten Gottes Gebot. Tod des Kindes von Jerobeam. Sisak, der 
König von Ägypten, kommt nach Jerusalem und tötet alle Widersacher. Tod 
Rehabeams. Sein Sohn Abiam wird König. Krieg Abiams mit Jerobeam. 
Beider Tod. Jerobeams Sohn Nadab xmd Asa. Asa verbrennt die Götzenbilder. 

15. März (28., Donnerstag). 

10 — II. Tatjana: Johann Amd, ,, Wahres Christentum" — Periode der 
Nachahmung. Martin Opitz, 1517 — 1639. Paul Fleming. Andreas Gryphius. 
Friedrich von Logau (Epigramme), Simon Dach (,,Ännchen von Tharau"). 
Evangel. Kirchenhed im 16., 17. Jahrh. Paul Gerhardt („Wach auf, mein 
Herz, und singe". ,,0 Haupt voll Blut imd Wunden". „Befiehl du deine 
Wege"). Luise Henriette (G. des Kurf. von Brdnb.), „Jesus meine Zuversicht". 
Georg Neumark, „Wer nur den heben Gott läßt walten". Rinkart, „Nun 
danket alle Gott". Die 2. schlesische Schule. Hoffaicinn v. Hoffmannswaldau. 
Lohenstein. Christian Günther. Gryphius. Wemicke. Joh. v. Canitz (Hof- 
poet). Chr. Weiße. Prosa-Satire und Roman des 17. Jahrh. Chr. v. Grim- 
melshausen (d. Simphzissimus). Haller und Hagedom. Gottsched. Bodmer, 
Leipziger [!] Bund. — Deutsche Lektüre. 

Frühstückte mit Baby. Er geht nicht aus, da er Husten hat. Las ihm 
vor: Leikin, ,,Wo die Apfelsinen reifen". Malte und arbeitete, 

16. März (29., Freitag). 

Las Baby vor. Heilige Liturgie. 

8. Aß mit Baby. N. las uns laut vor. Den ganzen Tag Schneesturm. 

20. März (2. April, Dienstag). 

Saß den ganzen Nachmittag strickend auf dem Balkon, 20 Grad in der 
Sonne, in dünner Bluse und seidener Jacke. 

Sah mit Gilliard Rechnungen durch. 

237 



21. März (3. April, Mittwoch). 

Saß auf dem Balkon und schrieb. 

6^2 — 7- Alexei: Tod von Asa. Sein Sohn Josaphat. König Ahab, Er- 
bauung der Stadt Jericho. Elias. Die Frau von Zarpath speist ihn, und er 
erweckt ihren Sohn. Isebel schickt nach dem Propheten Elias. Gott erscheint 
ihm auf dem Berge Horeb. Tod des Ahab. Isebel wird von den Hunden 
zerrissen. 

8. Aß mit Baby. Sagte 3 von unseren Leuten Lebewohl, die uns einen 
Monat vorher verlassen haben, aber nun nach Hause gehen. N. las uns vor. 

28. März (10. April, Mittwoch). 

Saß mit den Kindern imd nähte dann meine Juwelen ein. 

Liebliches, sonniges Wetter. Saß % Stunde draußen, dann wurde ich auf- 
gefordert, hineinzugehen. 

30. März (12. April, Freitag). 

Heller Sonnenschein. Baby bleibt im Bett, da er von seinem heftigen 
Husten einen leichten Bluterguß im Unterleib hat. Las und schrieb ab. 

I. Frühstückte mit Baby in seinem Zimmer. Kobylinski übermittelte uns 
den Befehl von Moskau, daß wir Trina, Nastja, Tatj., Valja, Mr. Gibbs in 
unser Haus aufzunehmen hätten mit ihren Dienstboten. Daher großer Wirr- 
warr durch den Umzug. 

Aß mit Baby, starke Schmerzen. 

31. März (13. April, Sonnabend). 

Brachte den ganzen Tag mit Baby zu, sehr starke Schmerzen und krank, 
schlief nur 3mal 20 Minuten, etwas besser 2 Stunden am Abend und dann 
wieder schlimmer. 

I. April (14., Sonntag). 

Saß den ganzen Tag bei Baby, jede halbe Stunde krampfartige Schmerzen 
3 Min. lang, gegen Abend besser. 

Von morgen ab dürfen unsere Männer nicht mehr aus dem Haus. 

4. April (17., Mittwoch). 

Es schneite ein wenig. Baby schlief gut bis 5 und dann mit Unterbrechun- 
gen. Die Schmerzen dauern an, obgleich nicht so stark. Gill. las ihm viel vor, 
er aß ein bißchen Fisch und Beerenkompott. 

5. April (18., Donnerstag). 

Baby hatte eine schlechte Nacht. 

238 



8. April (21., Sonntag). Unser Verlobungstag (vor 24 Jahren). 

N. ist gezwungen worden, seine Achselstücke abzulegen, wird sie aber 
im Haus noch tragen. Baby 38,1. Schmerzen ab und zu. 

9. April (22., Montag). 

Verbrannte Briefe, ordnete Papiere. Saß wie gewöhnlich bei Baby. Nach 
dem Frühstück schlief er bis 4, schrecklich bleich und mager. Später spielte 
er sogar Karten. Fast täglich kommen mehr Soldaten zu Fuß und zu Pferde 
von überall her an. 

10. April (23., Dienstag). 

Baby hatte wegen starker Schmerzen schlechte Nacht. 36,6. Wieder 
Schnee. Am Morgen kam der neue Kommissar Jakowlew uns besuchen (Ein- 
druck eines intelligenten, sehr nervösen Arbeiters, Ingenieur). Brachte den 
Tag bei Baby zu. 

12. April (25., Donnerstag). 

Nach dem Frühstück kam der Kommissar Jakowlew, anscheinend, weil 
gewünscht, wegen Herrichtung der Pohodn. -Kirche für die Passionswoche. 
Statt dessen machte er bekannt, daß er auf Befehl seiner (der bolschewisti- 
schen) Regierung uns alle fortzuschaffen hätte. (Wohin?) Da er sah, daß 
Baby zu krank ist, wünschte er N. allein wegzuschaffen (falls er nicht willig 
folge, sei er gezwungen, Gewalt zu gebrauchen). Ich hatte mich zu entscheiden, 
mit dem kranken Baby zu bleiben oder N. zu begleiten. Entschloß mich, ihn 
zu begleiten, da dies nötiger sein kann und er in Gefahr ist, da wir nicht wissen, 
wohin imd wozu (wir vermuten Moskau). Leiden furchtbar. Marie kommt 
mit uns, Olga will für Baby sorgen, Tatjana für den Haushalt und Anastasia 
will alles abrechnen. Nehmen Valja, Njuta, Eugen Sergiewitsch mit, die sich 
anboten, mit uns zu gehen. Sedniew nahm die Mahlzeiten mit Baby, wir 
legten wenige Sachen zusammen, ganz geringes Gepäck. Nahmen Abschied 
von aUen unsem Leuten nach dem gemeinsamen Abendtee. Saßen die ganze 
Nacht mit den Kindern, Baby schlief, und um 3 gingen wir zu ihm, bis zum 
Abschied. Um 4 in der Frühe brachen wir auf. Schrecklich, die lieben Kinder 
zu verlassen. Acht von unseren Scharfschützen gingen mit uns. 

Von Tobolsk nacfi Jekaterinburg 

13. April (26., Freitag). Reise im Wagen. 

Marie in einer Landkutsche. N. mit dem Kommissar Jakowlew. 

Kalt, grau und windig. Setzten über den Irtisch nach Pferdewechsel 
um 8, machten um 12 halt in einem Dorfe und nahmen Tee mit unsem Vor- 
räten. Straße ganz grauenhaft, gefrorener Boden und Schlamm, Schneewasser 

239 



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Faksimile von zwei Seiten aus dem 









Tagebuch der Zarin <1. und 2, Juli 1918) 



bis zum Bauch der Pferde, furchtbar geschüttelt, alles tat uns weh. Nach 4 
sprang die Tscheka, die abgelöst wurde, herunter, und wir mußten in einen 
andern Korbwagen hinüberklettem. Wechselten fünfmal die Pferde und 
kamen in einen andern Korbwagen. Die andern wechselten jedesmal auch 
die Kutsche. Um 8 kamen wir nach Jewlewo, wo wir die Nacht in einem 
Haus zubrachten, in dem vorher der Kaufladen des Dorfes war. Wir 3 schliefen 
in einem Raum, wir auf unsern Betten, M. auf der Diele auf ihrer Matratze, 
Njuta in dem Wohnzimmer, wo wir von unsern Vorräten aßen und unser 
Gepäck aufgestapelt war. V. und E. S. in einem Raum, unsere 2 Männer in 
einem andern, alle auf der Diele. Gingen zu Bett um 10, halbtot und überall 
Schmerzen. Man sagt uns nicht, wohin wir von Tjumen aus gehen, einige 
denken Moskau, die Kleinen sollen baldigst folgen, wenn der Fluß frei und 
Baby wohl ist. Bei jeder Gelegenheit verlor jede Kutsche ein Rad, oder irgend 
etwas anderes knackte. Gepäck immer verspätet. Herz schmerzt, erweitert, 
schrieb an die Kinder durch unsern ersten Kutscher. 

14. April (27., Sonnabend). Auferweckung des Lazarus. 

Standen auf um 4, bekamen Tee, packten, überschritten den Fluß um 5 
zu Fuß auf Brettern und dann auf einer Fähre. Warteten eine Ewigkeit, bevor 
wir weiterkamen, um 7 14 (der Kommissar rannte indessen ruhelos umher, 
telegraphierte). Liebhches Wetter, Straße grauenhaft. Wechselten die Pferde 
wieder sechsmal und unsere Kutscher öfters, da beide Tage dieselben Leute, 
Um 12 kamen wir nach Pokrowskoje, wechselten die Pferde, standen lange 
vor dem Hause unseres Freundes, sahen seine Familie und Freunde zum 
Fenster hinausgucken. In dem Dorfe Borki nahmen wir Tee und von unsern 
Vorräten in einem netten Bauernhaus. Als wir das Dorf verließen, sahen 
wir plötzlich Sedniew auf der Straße! Wechselten noch einmal die Kutsche. 
Wieder allerlei Zwischenfälle, doch weniger als gestern. Machten halt vor 
einer Dorfschule, tranken Tee mit unsern Soldaten. E. S, lag danieder mit 
schreckhchem Krampf in den Beinen. Als es dunkel wurde, schnallte man 
die Glöckchen unserer Troika an, lieblicher Sonnenuntergang und Mond. 
Fuhren mit wilder Schnelligkeit dahin. Als wir uns Tjumen näherten, bil- 
dete eine Schwadron eine Kette rund um uns und begleitete uns bis zur Sta- 
tion. Wir setzten über den Fluß auf einer beweghchen Brücke, 3 Werst von 
der dunklen Stadt. Um Mitternacht kamen wir in den Zug. Schrieb am 
Morgen zwei Briefe an die Kinder, 

15. April (28., Sonntag). Im Zug nach Osten. 
Jesu Einzug in Jerusalem. Palmsonntag. 

Um 4^ verließen wir Tjumen, kaum geschlafen. Herrliches, sonniges 
Wetter, N, und ich in einem Abteil, mit einer Tür in das von Marie und 
Njuta, nächste Tür Valja und E. S., dann unsere 2 Männer, dann 4 von 

242 



unsem Scharfschützen. Auf der andern Seite die beiden Koljas und ihre Ge- 
hilfen und eine Garderobe. Zur Teestunde brachte man den andern Suppe 
und ein warmes Gericht, im übrigen leben wir von unserra Tee und den Vor- 
räten, die wir von Tobolsk brachten. 

9. Aßen davon zum Tee. Sedniew briet ihnen Koteletts. Station Nasi- 
walskoje. Marie und Njuta gingen ein- oder zweimal heraus, um etwas Be- 
wegung zu haben. Schrieb an die Kinder. 

16. April (29., Montag). Im Zug nach Westen, 

Karmontag. 

9 14. Ausweichgeleise. Liebhcher Sonnenschein, erreichten Omsk nicht, 
wieder zurück. 

II. Wieder dieselbe Station Nasiwalskoje. Nahrung wurde gebracht für 
die andern. Ich bekam etwas Kaffee. Auf der Station Nisjnskaja gingen die 
andern heraus, Bewegung zu machen — bald darauf gingen sie wieder, da 
die Achse eines der Waggons Feuer fing und er abgekettet werden mußte. 
Sedniew richtete uns wieder eine nette Abendmahlzeit her. Schrieb unsem 
5. Brief an die Kinder. N. las mir das Evangehum des Tages vor. (Die Sowjets 
wollen uns nicht über Omsk hinaus lassen, da sie fürchten, man möchte uns 
den Japanern übergeben.) Fühlte mein Herz sehr erweitert. 



Jekaterinburg 

17. April (30., Dienstag). Im Zug — Jekaterinburg. 

8,40. Jekaterinburg. Wir standen Ewigkeiten und bewegten uns auf und 
ab mit dem Zug, während der Kommissar Jakowlew und Gusakow mit den 
Sowjets von hier sprachen. Um 3 wurde uns gesagt, wir sollten den Zug ver- 
lassen, Jakowlew sollte uns den Ural-Sowjets übergeben. Ihr Führer nahm 
uns 3 in ein ofiEenes Auto, ein Lastauto mit Soldaten, die bis an die Zähne 
bewaffnet waren, folgte uns. Sie fuhren durch Nebenstraßen, bis wir ein 
kleines Haus erreichten, um das ein Zaun von hohen Holzpfählen errichtet 
ist. Unsem Soldaten wurde nicht erlaubt, uns zu begleiten. Hier sahen 
eine neue Wache und ein Offizier und Zivilisten unser ganzes Gepäck durch. 
Valja ist noch nicht hereingelassen worden. Bekamen unser Frühstück um 
4^ (Ration) aus einem Hotel, Borscht imd ein Gericht, wir 3, Njuta, E. S. 
und unsere 2 Männer aßen zusammen. Nach uns bekamen die Soldaten ihre 
Nahrung. Wir 3 schlafen zusammen im nächsten Zimmer (ohne Tür), Njuta 
im Eßzimmer, in dem E. S. und unsere Männer schlafen. (Die Kanalisation 
funktioniert nicht.) Bekamen Tee um 9^. Dann brachte man Betten für 
die andern und fand für uns ein Waschbecken. Gingen zu Bett um 11. Wetter 
war herrlich, so warm und sonnig. N. las uns aus der Bibel vor. 

16a Die letzte Zarin. 243 



i8. April (i. Mai, Mittwoch). Haus Ipatiew. 

Wieder sonniger Morgen. 25 Grad in der Sonne. Blieb im Bett wegen 
Herzerweiterung, matt, Kopfweh. 

i^^- Den andern wurden Suppe und Eier gebracht. Ich bekam etwas 
gutes Brot. Marie las mir aus der Heiligen Schrift vor. 

314- Tee, Brot imd Malzextrakt. Marie las mir vor, N. saß an seinem 
Schreibtisch, der auch in unserm Schlafzimmer steht, las und schrieb. 

8%. Tee. Schrieb an die Kinder. Unser Kommissar heißt Abdiew (be- 
gleitete uns von Tobolsk, wie es scheint), sein Gehilfe Ukrainzew (ein ehe- 
mahger Soldat, war Treiber, wenn Mischa nahe von Borjom Jagd hatte, als er 
ein kleiner Junge war; vor 15 Jahren spielte Olga mit ihm in Gagti, er arbeitet 
in einer Fabrik, bekommt monathch 300 Rubel, hat eine zahlreiche Familie). 

19. April (2. Mai, Kardonnerstag). 

Schön, warm, sonnig, aber windig. N. las uns das Evangeliirai für den 
Tag vor. Die Soldaten tranken alles Wasser aus dem Samowar aus. 

10. Sie brachten Wasser zum Tee. Herz weniger erweitert. Schrieb Post- 
karten. Marie machte mir das Haar. Blieb im Teagown auf dem Bett Hegen. 

2. Sie brachten Frühstück aus einer Eßstube. Die andren gingen eine 
Stunde in dem winzigen Garten umher. M. las mir vor. 

614- Tee. N. las mir Hiob vor. Stellten unsere Heihgenbilder auf einen 
Tisch im Wohnzimmer für die Lesestunde, später Abendessen. Wir saßen 
alle beisammen, und N, und E. S. lasen abwechselnd bis 12 aus dem Evan- 
gelium vor. Schrieb an die Kinder. 

20. April (3. Mai, Karfreitag). 

Es schneite ein wenig in der Nacht und am Tag, später heller Sonnen- 
schein. N. las uns beiden das Evangelium und Hiob vor. Stand auf und blieb 
dann im Teagown auf meinem Bett liegen. 

3,20 brachten sie uns endlich Frühstück. Tee. Die andern gingen zuvor 
eine halbe Stunde umher. N. las uns vor ,,Das Große im Kleinen" und dann 
das Evangelium für den Abend. 

10,20. Abendessen gebracht. Sedniew bereitete mir Fadennudeln. Schrieb 
an die Kinder. 

21. April (4. Mai, Karsonnabend). 

Leichter Schneefall. Schrieb zum achtenmal an die Kinder. N. las uns 
das Evangelium und aus dem Buch vor. Um 1,40 brachten -sie ihr Frühstück. 
N. bekam ein Bad. 

2. Sedniew kochte wieder Fadennudeln für mich. 

3. Bekam ein Bad, auch Njuta. Legte mich wieder hin. Schrieb an die 
Kinder. Die andern waren 20 Min. draußen. 

244 



5 ^. Tee. N. las uns vor. Wir stellten unsere Heiligenbilder auf den Tisch. 
8,20. Priester und Diakon kamen und hielten Abendgottesdienst — auch 
die Soldaten von der Wache kamen. 

22. April (5. Mai, Ostersonntag). 

Marie las mir aus der Heihgen Schrift, N. aus dem Evangelium und einem 
französischen Buch vor. 

I. Sedniew bereitete uns von gestern aufgewärmtes Frühstück. Ich war 
auch auf und legte mich dann wieder. Schrieb an die Kinder. Die andern 
gingen etwas umher. Bekam Kakao. N. las mir ,,Das Große im Kleinen" vor. 

8. Abendessen, ich bekam es mit ihnen. Wir saßen eine Stunde in E, S.'s 
Zimmer und redeten mit Ukrainzew. Wieder früh zu Bett. 

23. April (6. Mai, Ostermontag). Hl. Alexei. Hl. Georg. 

Leichter Schnee lag und Sonnenschein. N. las uns das Evangehum und 
,,Das Große im Kleinen" vor. Schrieb an die Kinder. 

Abendessen wie Frühstück, nur blieb ich liegen; später saßen wir in Bot- 
kins Zimmer. 

24. April (7. Mai). Heller Dienstag. 

Abwechselnd Sonnenschein und Wolken. Schrieb an die Kinder. 

3 — 4. Die andern gingen draußen umher. Kakao. N. las uns Maeter- 
linck vor. 

8^. Aß Abendessen mit den andern, spielte dann Bezigue mit N., und 
auch M. und E. S. spielten Karten. 

25. April (8. Mai, Mittwoch). 
Sonnenschein und starker Wind. 

I y^' Es schneite ein wenig. Schrieb an die Kinder. Lag mit geschlossenen 
Augen, da ich fortwährend Kopfschmerz hatte. 

8. Aßen zu Abend — bekamen ein erstes Telegramm von den Kindern. 
Spielten Bezigue. Können sie nicht dazu bringen, uns irgend etwas über Valja 
zu sagen. 

26. April (9. Mai, Donnerstag). 

Schrieb zum 14. Mal an die Kinder. Sonne und Wolken. Schlafe an- 
dauernd schlecht und habe Kopfschmerz. N. las uns das Evangelium und den 
Predigttext des Tages vor. Jeden Morgen müssen wir aus dem Bett wegen 
des Wachältesten und des Kommissars, die nachsehen, ob wir da sind. 

1. Sedniew bereitete mir Fadennudeln. 

2. Endhch wurde den andern ihre Nahrung gebracht. Marie und Njuta 
wuschen mir das Haar. Leichter Schneefall, dann trat die Sonne hervor. 

16a* 245 



27- April (lo. Mai, Freitag). 

834 befahlen sie uns, aufzustehen, da der Kommissar den Wunsch hatte, 
uns zu sehen, bevor in einer Viertelstunde die Wache abgelöst würde, und 
die Zimmer zu kontrollieren. Gestern dreimal Ablösung der Wache. Graues 
Wetter — leichter Schneefall. Schrieb zum 15. Mal an die Kinder. M. las mir 
aus der Heiligen Schrift vor. N. las uns vor. 

4^. Wieder kamen Leute, die uns fragten, wie viel Geld wir alle hätten, 
und wir alle mußten die Summe aufschreiben und dem Sowjet übergeben, 
damit er das Geld verwahrte. N. las uns Leikin vor. 

8^. Aßen mit den andern. Spielten Karten in E. S.'s Zimmer und 
redeten mit dem Wachältesten. 

28. April (11. Mai, Sonnabend). 

Heller Sonnenschein. Schlief besser. N. las uns das Evangelium und den 
Predigttext vor. Schrieb zum 16. Mal an die Kinder. 
Bekam ein Telegramm von Olga. 

29. April (12. Mai, Sonntag). 

Sonnig und windig und Wolken. Schrieb eine Postkarte an die Kinder, 
Nr. 17. Der Kopfschmerz dauert an, schlafe sehr wenig. 
8. Abendessen — spielten Karten. Bekam ein Bad. 

30. April (13. Mai, Montag). Hl. Thomas. 

Herrlicher Sonnenschein. Schrieb zum 18. Mal an die Kinder. 

1. Mai (14., Dienstag). 

Schöner, warmer Morgen. Schrieb zum 19. Mal an die Kinder. 
Jetzt lassen sie uns nur zweimal täglich ^ Stunde draußen liegen. 
Nach einer Woche hat nun die Wache gewechselt. 

2. Mai (15., Mittwoch). 

Schrieb zum 20. Mal an die Kinder. N. las uns wie gewöhnlich das Evan- 
gelium vor. Strahlendes Wetter, ein angenehm sanfter Wind. Heute morgen 
wurde allen verboten, hinauszugehen. Ein alter Mann malte alle Scheiben 
von draußen weiß an, so daß man nur am oberen Rand einen Streifen vom 
Himmel sehen kann und es aussieht, als wäre vor den Fenstern ein dicker 
Nebel, wahrhaftig nicht sehr behaglich. 

Sedniew fühlt sich unwohl und liegt. 

Um 3 14 wurden wir auf eine Stunde in den Garten gelassen. N. las wieder 
vor, und wir legten Patiencen. 

246 



3- Mai (i6., Donnerstag). 

Sie überschmierten das Thermometer, so daß man die Temperatur nicht 
sehen kann ; anscheinend ist schönes Wetter. N. las uns vor. Immer schmerzt 
mich der Kopf. 

3 — 4. Saß im Garten. 

5. Tee. Schrieb zum 21. Mal an die Kinder. 

8 34- Abendessen, 3 Kerzen in Gläsern — Kartenspiel — beim Licht einer 
Kerze. Sedniew ist halb wieder anf . Bekam Kaffee und Schokolade von Ella. 
Sie ist von Moskau weggeschickt worden und jetzt in Perm (wie wir in der 
Zeitung lasen). 

4. Mai (17., Freitag). 

Große Hitze, eine Tasse Kaffee. Es regnet ein wenig — habe ein Feuer 
brennen, da es drinnen so feucht ist. 

Heute vor 3 Wochen verließen wir Tobolsk. M. schrieb zum 22. Mal an 
die Kinder — und an Ella und Sinotschka (nicht abgesandt). 

Hörte, daß die Kinder schon unterwegs sind. 

8. Abendessen wieder bei Kerzenlicht. Karten. 

6. Mai (19., Sonntag). Johannes der Märtyrer. 
Herrlicher, strahlender Sonnenschein. 

II ^4- Ostergottesdienst. Die andern gingen heraus. 
Ich kann nicht ermitteln, ob die Kinder abgereist sind oder nicht — be- 
komme von niemandem Briefe. 

7. Mai (20., Montag). Hl. Myron. 
Sonnenschein und Wolken. 

Zum erstenmal wurde das Frühstück pünktlich gebracht. Wache und 
Wachkommandant nach einer Woche gewechselt. 

Der Kommissar hat vom Thermometer die aufgemalte Farbe abgekratzt, 
so daß man jetzt wieder die Grade sehen kann. Seit einer Woche keine Nach- 
richt von den Kindern. 

8. Mai (21., Dienstag). 

Es gießt. M. las aus der HeiUgen Schrift, N. wie gewöhnlich Evangeliimi 
und Predigttext für den Tag. Heute sind wir drei Wochen hier. Frühstückten 
spät. Hörten, daß die Kinder wahrscheinlich morgen oder Donnerstag kom- 
men. Haben uns ein Zimmer für Baby, eins für die Herren und eins für die 
Mädchen gegeben (wo zuerst die Wache war). 

Sonnenschein nach schwachem Gewitter. 

9. Mai (22., Mittwoch). Hl. Nikolaus der Wundertäter. 

Keine Nachricht von den Kindern. 

247 



10. Mai (23., Donnerstag). 

Alles mit Schnee bedeckt. Vor 4 Wochen verließen wir Tobolsk. Gegen 
II zeigten sich plötzlich die Mädchen mit Alexei — Gott sei bedankt für solche 
Freude, sie wiederzuhaben. Kein anderer wurde den ganzen Tag eingelassen, 
außer dem Koch Charitono w und dem Küchenjungen Sedniew — nur Hand- 
gepäck mitgebracht — keine Nachricht von den andern. 

Frühstück, Tee, Abendessen wie gewöhnlich. Ging 14 Stunde heraus, 
Schnee und Schlamm lag. — Legten Baby in Maries Bett und machte den 
4 Mädchen Lager auf Mänteln und Kissen auf der Diele im Nebenzimmer, 
Char. auf einem kurzen Sofa, Wardin auf 2 Stühlen. In der Nacht wachte 
Baby alle Stunden vor Schmerz an seinem Knie auf, er glitt aus und verletzte 
es, als er ins Bett stieg. Wahrscheinlich Sehnenzerreißung. Kann noch nicht 
gehen, wird getragen. Hat 14 Pfund seit seiner Erkrankung verloren. — 
In der Nacht sah ich fem eine große Feuersbrunst. 

11. Mai (24., Freitag). Ludwigs Geburtstag. 

Baby und ich bekamen unsere Mahlzeiten in unserm Schlafraum. Seine 
Schmerzen waren ungleich heftig. Frühstückten um 2. Wladimir Nikolaje- 
witsch kam, nach Baby zu sehen und seine Kompresse zu wechseln, jedoch 
in Abdiews Gegenwart, so daß er kein Wort sagen konnte. Tschemadurow 
ist fort, da er sich nicht wohl fühlte. Wurde völlig ausgezogen und durch- 
sucht, bevor er das Haus verließ. Nach dem Abendessen kamen Nagomi und 
Trupp (mit Joy) — 2 Stunden ausgefragt und durchsucht. Alle unsere an- 
dern Leute werden nach Tobolsk zurückgeschickt, wissen nur nicht, wohin. 
Trina, Nastinka, Tatitschew, Wolkow sind uns genommen worden. Eug. Serg. 
schrieb eine Bittschrift an Abdiew, Gilliard zuzulassen als völlig unentbehr- 
lich, er müsse bei Baby sein, der sehr leidet. Baby schlief in seinem Zimmer 
mit Nagomi. Die 4 Mädchen vor der Tür, da noch nicht alle Betten gebracht 
wurden. Baby hatte wieder eine schlechte Nacht. 

12. Mai (25., Sonnabend). 

Baby brachte den Tag wie gestern zu, Schwellung ein klein wenig geringer, 
jedoch ab und zu starke Schmerzen. Tränk nur eine Tasse Tee und eine Schüssel 
dicke Milch. Wlad. Nik kam mit Abd. und dem Komm. Nachher sahen 
4 Leute vom Komitee herein. Sie durchsuchen die Sachen der Kinder, nur 
notwendige Koffer werden her auf gebracht. Baby ging mittags umher. Starker 
Schnee. Sie wollen Gilliard nicht hereinlassen, habe wieder darum gebeten. 
Baby nahm etwas Speise und kam dann zum Schlafen. Spielte Bezigue mit 
N. und dann früh zu Bett. 

13. Mai (26., Sonntag). 

Alles mit Schnee bedeckt, heller. Baby hatte wieder eine schlechte Nacht, 
fühlte sich aber den Tag über besser. Mehrmals hatte er Krämpfe, aß ein 

248 



wenig mehr. Er lag den ganzen Tag in unserm Zimmer. Das Frühstück 
wurde wieder zu spät gebracht. Die andern gingen ein wenig heraus. Als 
Wlad. Nik. kam, war noch ein Arzt im Zimmer. Der Kommissar und der 
Wachkommandant durchsuchten wiederum alle Sachen der Kinder. Die Ge- 
schwulst ist ein wenig verringert. Keine Nachricht von unsem Leuten. 

14. Mai (27., Montag). Krönungstag. 

Heller Sonnenschein. Baby hatte wieder eine schlechte Nacht, E. S. saß 
einen Teil der Nacht auf, damit Nagomi schlafen konnte. 

Um 2 wurde Frühstück gebracht. Baby brachte den Tag in unserm Zim- 
mer zu. Wlad. Nik. kam nicht, weiß nicht, warum. Die Kinder stopften 
Wäsche mit Njuta. 

Um 6 ^ wurden Sedniew und Charitonow zu dem Kreiskonmiissar geholt, 
aus imbekanntem Grund. Die andern spielten Karten mit Baby. Im ganzen 
geht es ihm besser, obwohl manchmal sehr starke Schmerzen. E. S. brachte 
die Nacht bei Baby zu. 

15. Mai (28., Dienstag). 

In der Nacht goß es. Baby schlief im ganzen gut, obwohl er alle Stunden 
aufwachte — Schmerzen weniger stark. Er kam wieder in unser Zimmer. 
Sie bekamen ihr Frühstück erst um 2,25. Sie gingen eine Stunde heraus. 
Wlad. Nik. kam endlich, ich kann nicht mit ihm sprechen, da Abdiew immer 
zugegen ist. Ich fragte, wann endlich Char. wieder eingelassen werden wird, 
da wir nicht wissen, wie wir ohne ihn auskommen sollen — Abd. antwortet, 
das wisse er nicht — ich fürchte, wir sehen weder ihn noch Sedniew wieder. 
Baby litt eine Zeitlang sehr, dann nach Medizin, und als ich eine Kerze an- 
zündete, ging es ihm besser. Nach dem Tee schnitt ich zum erstenmal N. 
das Haar. 

16. Mai (29., Mittwoch). 

Babys Nacht war besser. HerrHches Wetter. Tatjana nähte meine 
J(uwelen) ein. 

Baby und ich frühstückten in seinem Zimmer, und dann kam er in das 
unsere, schlief ein wenig, bevor Wlad. Nik. kam (ein neuer Wachkommandant 
ist da) und ihm einen Gipsverband mit Schiene anlegte. Die andern gingen 
wie gewöhnlich umher, auch am Morgen. Baby wurde zum Essen in sein 
Zimmer zurückgetragen, ich legte mich nach der Abendmahlzeit mit starkem 
Kopfschmerz zu Bett. 

18. Mai (31., Freitag). 

In der Nacht goß es. Babys Nacht, war besser. 36 Grad. Ich blieb zu Bett, 
da ich mich schwindlig fühlte und die Augen so schmerzen. Um i wurde 

249 



Baby zu uns herübergebracht. Leichter Regen, die andern gingen heraus. 
Es wurde laut gehämmert, sie machen die Pfähle vor Babys Fenstern höher. 
W. N. darf nicht herein, da Abd. nicht da war. Ich blieb den ganzen Tag 
mit geschlossenen Augen, mein Kopfweh wurde gegen Abend schlimmer. 
Das Abendessen wurde um 6 gebracht, doch aßen sie es erst um 8, aufgewärmt. 
Nach dem Abendessen wurde Baby in sein Zimmer getragen — er hatte wieder 
ziemliche Krämpfe im Knie. 

19. Mai (i. Juni, Sonnabend). 

Nacht besser. Am frühen Morgen, noch vor dem Frühstück, kam die 
Sonne bis zu mir. Ich brachte den Tag im Bett zu, da ich mich schwach fühlte 
und elend im Kopf. Baby 37,6. Er schhef bei Tag ein wenig. Die andern 
gingen heraus. Graues Wetter. Die Kinder wuschen wieder Taschentücher. 

22. Mai (4. Juni, Dienstag). 

Baby schlief gut, doch weniger als die Nacht zuvor. Schöner, heller Mor- 
gen. Baby brachte den Tag in meinem Zimmer zu — Appetit noch schlecht. 
Die andern gingen am Nachmittag heraus. Wlad. Nik. und Abd. kamen um 7. 
Knie viel weniger geschwollen (3 Zent.), er darf morgen hinausgetragen wer- 
den. — Ich bekam um 10 ein Bad. — Abdiew hat befohlen, daß die Uhren 
2 Stunden vorgestellt werden sollen (um elektrisches Licht zu sparen), so daß 
wir um 10 glauben sollen, es sei 12. Um 10 starkes Gewitter. Das Komitee 
hat für Alexei nicht die Erlaubnis gegeben, während er krank ist, so lange 
draußen zu sein, wie er will, sondern für uns alle nur eine Stunde, wie zuvor! ! 

23. Mai (5. Juni, Mittwoch). 

Sie setzen noch höhere Planken vor alle unsere Fenster, so daß nicht ein- 
mal die Spitzen der Bäume zu sehen sind. Dann sollen die Doppelfenster weg- 
genommen werden, und wir können endlich die Fenster öffnen. 

Um 6 kamen Wlad. Nik. und Abd. Er legte ihm wieder Gipsverband und 
Schiene an, da das Knie mehr geschwollen ist und wieder so weh tut, 

24. Mai (6. Juni, Donnerstag). Mein richtiger Geburtstag. 

Herrliches Wetter. Baby hatte eine bessere Nacht. Frühstück wurde um 
2,30 gebracht. M. trug Baby heraus und legte ihn eine halbe Stunde auf 
meinen Rohr-Streckstuhl. O. und ich saßen bei ihm, und dann kamen N. 
und die andern 3 heraus in den Garten. Sehr heiß, gräßhch stickig in den 
Zimmern. Wlad. Nik. kam nicht. Aß zu Abend um 8^, dann wurde Baby 
in sein Zimmer zurückgetragen. Spielten ein wenig Bezigue. 

25. Mai (7. Juni, Freitag). 

Schönes Wetter. N. bleibt heute im Bett, da er zwei Nächte vor Schmer- 
zen (Blase) schlecht geschlafen hat und es besser ist, wenn er ruhig liegt. 

250 



Um 12 nahmen wir Baby mit den Mädchen heraus, ich bUeb ^ Stunde, und 
dann löste T. mich ab. Um i mußte ich wieder hineingehen. Eine angenehme 
Brise, sehr warm. Frühstück wurde um 2% gebracht. N. und AI. bekamen 
ihres im Bett in unserm Zimmer, ebenso Tee und Abendessen. Nachmittags 
schhefen wir ein wenig. N. 37,3, AI. 36,7. Wlad. Nik. kam wieder nicht. — 
N. fühlte sich morgens besser, setzte sich ein wenig auf. N. yjVi- N. begann 
Jod zu nehmen, 5 Tr. Tatjana begann die ,, Kreuzritter" von Sienkiewicz 
laut vorzulesen. 

26. Mai (8. Juni, Sonnabend). 

Wlad. Nik. kam wieder nicht, sie sagen, in seinem Hause sei Scharlach, 
und er könne nicht vor Donnerstag kommen. Um uns her ist heute große Un- 
ruhe, seit 3 Tagen geben sie uns keine Zeitung zu lesen und machen vielen 
Lärm in der Nacht. 

30. Mai (12. Juni, Mittwoch). 

Wlad. Nik. kam mit Abd., aber er rührte Baby nicht an, da er sich fürchtet, 
es zu tun, bevor seine Quarantäne vorüber ist. 

31. Mai (13. Juni, Donnerstag). Himmelfahrt. Fest meiner Ulanen. 
Grauer Morgen, Sonne und Regen. Nahmen Baby in das große Zimmer 

und stellten den Tisch mit den Heiligenbildern auf. Sie sagten uns, kein 
Priester könne kommen, da ein so hoher Feiertag sei ! ! T. las uns vor. 

2,45. Frühstück gebracht. Die andern sagten, daß sie nicht spazieren 
gehen dürften. — Abd. kam und sagte, wir müßten packen, da wir vielleicht 
jeden Moment fortkämen. Wir brachten den Rest des Tages und den ganzen 
Abend mit Packen zu. 

Um Mittemacht kam Abd. wieder und sagte, wir kämen nicht vor ein 
paar Tagen fort. Er versprach uns Sedniew und Nagomi für Sonntag und 
Wlad. Nik. für die Reise. Er sagte, unsere andern Leute und Baby hätten 
3 Tage früher nach Tobolsk abzureisen. 

I. Juni (14.. Freitag). 

Schönes, sonniges Wetter. 

Sie sagen jetzt, wir müßten hier bleiben, es sei ihnen gelungen, den Führer 
der Anarchisten abzufassen, ihre Druckerei und die ganze Bande. Spielte 
Bezigue mit N., immer ohne elektrisches Licht, da es so spät ist, 11, in Wirk- 
lichkeit 9 Uhr. 

4. Juni (17., Montag). 

Liebliches Wetter. Tatjana: Daniel 8 — 10. 
12 — I. Saß draußen mit Baby, T. und An. 

251 



1,20. Frühstück hergerichtet von Charitonow, der jetzt für uns zu kochen 
hat. Arbeitete, sehr heiß, stickig, da keine Fenster offen sind und überall 
starker Küchengeruch. Baby fährt in meinem Rollstuhl durch die Zimmer. 
Männer kamen mit Abd. und sahen die Fenster nach. Wlad. Nik. und Abd. 
kamen. 

8. Abendessen. Sah Charitonow beim Brotbacken zu. 9^. Baby wurde 
in sein Zimmer geschafft. Spielte Bezigue mit N. Die Mädchen wurden ge- 
braucht, den Brotteig zu machen. 

5. Juni (18., Dienstag). Anastasias 17. Geburtstag. 

Schönes Wetter. Die Kinder rollten weiter den Teig und machten das 
Brot, und jetzt wird es gebacken. Baby wurde früher zu uns gebracht. T. las 
uns aus der Heiligen Schrift vor, und ich arbeitete. 

I. Frühstückten, ausgezeichnetes Brot. 

3%. Fuhr Baby in den Garten, und wir alle saßen dort eine Stunde, sehr 
heiß, schöne Fliederbüsche und dünnes Geißblattgerank, ganz hübsches Laub, 
aber völlig verwahrlost. Ich ruhte, matt, Atemnot. 

8. Abendessen. Spielte Karten mit Baby — dann wurde er in sein Zimmer 
geholt. Spielte Bezigue mit N. Kurzes Gewitter, aber sehr stickig in den 
Zimmern. Freimdliche Nonnen schicken jetzt Milch und Eier für Alexei, und 
für uns Sahne. 

7. Juni (20., Donnerstag). 

Schönes Wetter. Ich schnitt N. das Haar. 

4. Tee. Spielte Karten, arbeitete. T. las mir aus der Heiligen Schrift 
vor. Ich bekam ein Sitzbad, da man nur das heiße Wasser aus unserer Küche 
bringen konnte. Vor 4 Wochen kamen die Kinder. 

8. Juni (21., Freitag). 

Stand früher auf, da 6 Frauen kamen und in allen unsern Zimmern den 
Boden aufwuschen. Dann kam Baby zu uns herüber. Arbeitete. 

3^ — 4>50- Heraus in den Garten, furchtbar heiß, saß unter den Büschen. 
Sie haben uns erlaubt, eine halbe Stunde länger draußen zu sein. Wlad. Nik. 
kommt niemals ohne Abd., so ist es unmöglich, ihm auch nur ein Wort zu 
sagen. Er kam und elektrisierte Babys Bein. Sein linker Arm ist wieder 
geschwollen. 

Gewitter — Hitze, die Schwüle in den Zimmern ist erstickend. 

9. Juni (22., Sonnabend). 

Wieder kamen Leute (wahrscheinlich vom Komitee) und sahen die Fenster 
nach. 

8. Abendessen. Spielte Karten mit N., er las Nekrassow. 

252 



10. Juni (23., Sonntag). Pfingstsonntag. 

Herrliches Wetter. Ging mit T. zu E. S., der Leberkolik hatte, und sie 
machte ihm eine Morphiumeinspritzung. Er leidet sehr seit 6 Uhr früh, liegt 
zu Bett. 

Zwei von den Soldaten kamen und nahmen ein Fenster in unserm Zimmer 
heraus, solche Freude, endhch schöne Luft und nicht mehr das weißgetünchte 
Fenster. 

II ^4- Erfuhr den großen Segen eines richtigen Mittags- und Abendgottes- 
dienstes, die erste Messe seit 3 Monaten — ganz einfach auf dem Tisch mit 
allen unsern Heiligenbildern und Birkenzweigen. Der alte Erzpriester am- 
tierte. Im Zimmer 20^4- 

11. Juni (24., Montag). Pfingstmontag. 

Fenster die ganze Nacht offen, gute Luft, aber solcher Lärm. Ich lag so- 
viel wie möglich auf dem Bett, da mein Herz erweitert ist. Um 3 gingen alle 
heraus, nur Marie blieb bei mir. Ich lag nahe von unserm Fenster und las, 
und sie spielte bei Babys Bett Karten. 

13. Juni (26., Mittwoch). 

Baby schläft heute nacht in unserm Zimmer — mehr Luft für ihn, imd 
um ihn näher zu haben. M.'s Bett steht hinten auf seinem alten Platz. Tags- 
über kolossale Hitze, obgleich es ein wenig regnete. Ich ging früh zu Bett, 
schlief aber nur zwei Stunden, da sie draußen solchen Lärm machten. 

14. Juni (27., Donnerstag). Maries 19. Geburtstag. 

Am frühen Morgen 22 Grad im Zimmer. Räumte den ganzen Tag auf, 
häkelte. E. S. saß oft bei mir, da er jetzt aufsitzen darf; Baby fuhr herum. 

I. Frühstück; dann gingen die andern heraus, Olga blieb bei mir — • 
Wlad. Nik. kam nicht, aber wieder der Kriegskommissar und der Vertreter 
des Komitees, um die Zimmer zu durchsuchen. Sie wollen kein anderes Fenster 
öffnen. Daher werden Charitonow und der kleine Sedniew in Babys Zimmer 
schlafen, wo es weniger heiß ist als in ihrem bei der Küche. Hitze groß. 

8. Abendessen. 23 im Zimmer, kaum geschlafen. 

15. Juni (28., Freitag). 

Alle gingen früher zu Bett, da sie sehr matt waren und die Hitze groß — 
24 14 im Zimmer. In der Sonne waren morgens 39 Grad. Wir hörten, wie nachts 
der Wache unter unsern Zimmern anbefohlen wurde, besonders scharf jeden 
Augenblick an unserm Fenster zu wachen — sie sind wieder sehr argwöhnisch 
geworden, seit unser Fenster offen ist, und erlauben uns jetzt nicht einmal, 
auf dem Fensterbrett zu sitzen. 

253 



i6, Juni (29., Sonnabend). 

Der Kriegskommissar sah abends nach, ob wir alle da sind. Ich gehe wegen 
der Hitze und meines Herzens nicht heraus. 

17. Juni (30., Sonntag). 

Schlief kaum 4 Stunden, die Wache machte solchen Lärm. Ich kann leider 
keinen Gottesdienst mehr haben. Räumte auf, stickte, Herz erweitert. Die 
andern gingen heraus, Anastasia blieb bei mir. 

18. Juni (i. Juli, Montag). Allerheihgen. 

20 im Zimmer, ziemlich grau, Luft viel frischer, den ganzen Tag kam 
eine liebliche Brise in unser Zimmer hinein. Räumte auf. 

19. Juni (2. Juli, Dienstag). 

Abd. muß morgens und abends kommen und nachsehen, ob wir alle da 
sind. Bei Tag kamen sie heute nachfragen, ob ich wegen meiner Gesimdheit 
nicht herausgehe, es scheint, das Komitee will das nicht glauben. 

21. Juni (4. Juli, Donnerstag). 

Sehr heiß, 21 14 im Zimmer um 9. Während des Frühstücks kam der Gou- 
vemementskommissar mit einigen Leuten. Abdiew wird abgelöst, und wir 
bekommen einen neuen Kommandanten (der schon einmal da war, um nach 
Babys Bein zu sehen, und ein andermal, um unsere Zimmer zu durchsuchen) 
mit einem jungen Gehilfen, der anständig scheint, während der andere gewöhn- 
lich und ungefällig scheint. Alle unsere Wachen drinnen sind fort (wahrschein- 
lich hat man entdeckt, daß sie unsere Sachen aus dem Schuppen heraus ge- 
stohlen haben). Beide Männer ließen sich dann alle unsere Juwelen zeigen, 
die wir anhatten, und der jüngere schrieb alles genau nieder, und dann wurden 
sie uns weggenommen (wozu, auf wie lange, wohin? Ich weiß es nicht). Mir 
ließen sie nur 2 Armbänder von Onkel Leopold, die ich nicht abnehmen kann, 
und jedem von den Kindern ein Armband, das wir ihnen geschenkt haben 
und das nicht abgezogen werden kann, auch N.'s Verlobungsring, den er nicht 
abnehmen konnte. Daher gingen die andern nur von 6 — 7 heraus. O. blieb bei 
mir. Sie nahmen uns alle unsere Schlüssel, die sie uns noch gelassen hatten, von 
den Kisten auf der Diele, versprachen aber, sie uns zurückzugeben. Sehr heiß. 
Ging früh zu Bett, da ich schrecklich matt war und das Herz mir sehr weh tat. 

22. Juni (5. Juli, Freitag), 

Brachte den Tag wie gewöhnlich zu. Der Kommandant kam mit unsern 
Juwelen, versiegelte sie in unserer Gegenwart und ließ sie auf unserm Tisch. 
Er wird täglich kommen, nachzusehen, daß wir das Paket nicht geöffnet haben. 

23. Juni (6. Juli, Sonnabend). 

Sonnig mit Wolken, einige Regenschauer am Tage. 2 Frauen kamen und 

254 



wuschen den Boden auf. Die andern gingen nachmittags spazieren, Anastasia 
blieb bei mir. Spielte nach dem Tee mit Baby und E. S. Karten. Der Kom- 
mandant brachte N. seine Armbanduhr im Lederetui, die er im Zimmer der 
Dienerschaft fand, und die aus N.'s Koffer heraus gestohlen worden ist. Spielte 
Bezigue. Bekam ein Bad. Der Kommandant heißt Jurowsky. 

24, Juni (7. Juli, Sonntag). Johannisnacht. 

Abends war ein Gewitter, obgleich die Luft ganz kühl war, und es goß. 
Wlad. Nik. kam nicht. 

25. Juni (8. Juli, Montag). 

Frühstückten erst um i y<^, weil das elektrische Licht in unsem Zimmern 
nachgesehen wurde. T. machte mir das Haar, während sie arbeiteten. Noch 
immer kein Wlad. Nik., obwohl wir täglich nach ihm fragen. Baby ißt gut 
und wird schwer für die andern zu tragen, grausam, sie wollen uns Nagomi 
nicht zurückgeben. Er bewegt sein Bein leichter, wenn er mit E. S. nach 
der Massage Gehversuche macht. Spielte Bezigue. In der Nacht goß es. 

27. Juni (10. JuH, Mittwoch). 

Sehr starke Schmerzen im Rücken und Bein, wahrscheinlich von den Nieren. 

Seit 2 Tagen bekommen die anderen keine Mahlzeit und leben von dem 
Rest der mageren Vorräte von Charitonow aus Tobolsk. Nahm ein Bad. 
Bezigue. Sie fänden immer noch Ausreden dafür, daß sie uns Wlad. Nik. 
nicht bringen. 

28. Juni (11. Juli, Donnerstag). 

Der Oberkommissar bestand darauf, uns alle um 10 zu sehen, aber ließ 
uns 20 Min. warten, da er frühstückte und Käse aß. Sie wollen uns nicht 
erlauben, noch Sahne zu bekommen. 

10^. Draußen erschienen Arbeiter und legten Eisenstäbe vor unser ein- 
ziges offenes Fenster. Sicher fürchten sie immer, daß wir herausklettem oder 
daß wir in Berührung mit der Wache kommen. Die starken Schmerzen dauern 
an. Graues Wetter. Sie brachten mir für 6 Tage Eier, aber so wenig, gerade 
um in die Suppe zu tun. Byk sehr roh zu Charit. Blieb den ganzen Tag im 
Bett. Frühstückte nur, da sie die Mahlzeit so spät brachten. Anastasia las 
mir vor, während die andern herausgingen. Liebliches Wetter. 

29. Juni (12. JuH, Freitag). Hl. Peter und Paul. 

Heller Sonnenschein. Am Nachmittag gab es einige Schauer und kurze 
Gewitter. Die andern gingen zweimal heraus. M. blieb bei mir. Ich brachte 
den Tag auf meinem Bett zu und legte mich um 9^ wieder hin. Einsamer 
Abend. Jeden Tag liest eins von den Mädchen mir aus der Heiligen Schrift 
vor, d. h. aus einem Jahresring, der etwas über jeden Tag im Jahr enthält 
(vom Grafen Djatschenko). 

255 



Andauernd hören wir Artillerie vorbeiziehen, Infanterie und zweimal in 
dieser Woche Kavallerie. Auch Truppen, die mit Musik marschieren. Zweimal 
scheinen es die österreichischen Kriegsgefangenen zu sein, die gegen die Tsche- 
chen marschieren (auch frühere Kriegsgefangene von uns), die mit den Truppen 
kommen, die durch Sibirien marschieren und jetzt nicht weit von hier stehen. 
Täglich kommen Verwundete in die Stadt. 

30. Juni (13. Juli, Sonnabend). Luises 29. Geburtstag. 

Schöner Morgen. Ich brachte den Tag wie gestern, auf dem Bett liegend, 
zu, da der Rücken mich schmerzt, wenn ich mich bewege. Die andern gingen 
zweimal heraus. Anastasia blieb am Nachmittag bei mir. Es heißt, daß Na- 
gomi und Sedniew aus diesem Gouvernement fortgeschickt worden sind, statt 
daß man sie uns zurückgegeben hätte. Um 6^ bekam Baby sein erstes Bad 
seit Tobolsk. Es gelang ihm, allein hinein- und herauszukommen, er klettert 
auch allein ins Bett und heraus, kann aber noch immer nur auf einem Fuß 
stehen. Um 9% ging ich wieder zu Bett. Nachts regnete es. Hörten nachts 
drei Revolverschüsse. 

1. Juli (14., Sonntag). 

Schöner Sommermorgen, schlief kaum wegen Schmerzen in Rücken und 
Beinen. Um 10^ hatte ich die Freude eines Mittagsgottesdienstes. Brachte 
den Tag wieder auf dem Bett zu. T. bheb am Nachmittag bei mir. Heihge 
Schrift. Buch von Joseph, Kap. 4 — 14. Hl. Johannes i bis zu Ende. 

Stickte den ganzen Tag und legte Patiencen. Spielte abends eine kleine 
Partie Bezigue, dann legten sie ein langes Strohlager in das große Zimmer, 
so daß es für mich weniger ermüdend war. 

2. JuH (15., Montag). 

Grauer Morgen, später Sonnenschein. Frühstückte auf dem Strohlager 
im großen Zimmer, da Frauen kamen, den Boden aufzuwaschen, dann lag 
ich wieder auf meinem Bett und las mit Marie Jesus Sirach. 

2 — 3. Sie gingen wie gewöhnlich zweimal heraus. Am Morgen las mir T. 
aus der Heihgen Schrift vor. Noch immer kein Wlad. Nik. Um 6^4 bekam 
Baby sein zweites Bad. Bezigue. Ging zu Bett um 10^. Hörte nachts den 
Widerhall eines Kanonenschusses und mehrere Revolverschüsse. 

3. Juli (16., Dienstag). 

Grauer Morgen, später liebhcher Sonnenschein. Baby hatte eine leichte 
Erkältung. Alle gingen morgens eine halbe Stunde heraus. Olga und ich rich- 
teten unsere Medizinen her. T. las uns aus der Heihgen Schrift vor. 

Sie gingen heraus. T. bheb bei mir, und wir lasen aus dem Propheten 
Obadja. Stickte. Jeden Tag kommt der Kommandant in unsere Zimmer. 

256 



8. Abendessen. Plötzlich wurde Lewka Sedniew geholt, er dürfe seinen 
Onkel sehen und flog weg — möchte wissen, ob es wahr ist, und ob wir den 
Jungen wiedersehen werden ! ! 

Spielte Bezigue mit N. lo^^ zu Bett. 15 Grad Wärme. 

Wenige Stunden, nachdem diese Zeüen niedergeschrieben wurden — es war mittler- 
weile Mitternacht geworden — , drang Jurowsky mit seinem Adlatus NikuUn in die 
Zimmer der Zarenfamilie ein und befahl ihr, sich anzukleiden, da die Tschechoslowaken 
ihren Vormarsch fortsetzten und die Verbringung der Gefangenen an einen neuen Inter- 
nierungsort notwendig machten. Denselben Befehl erteilte er auch den letzten Getreuen 
der Zarenfamilie, der Demidow, Dr. Botkin, dem alten Lakaien Trupp und dem Küchen- 
chef Charitonow, die im selben Stockwerk wohnten. Als alle bereit waren, führte er sie 
über die Hintertreppe in das Erdgeschoß und dort zur linken Hand in ein kleines Zimmer, 
das neben dem Hauseingang lag. Dann verschwand er. Da die kleine Gesellschaft an- 
nahm, daß er Automobile oder Wagen heranhole, machte sie es sich bequem. Der Zar 
setzte den Zarewitsch, den er getragen hatte, auf einen Stuhl. Die Zarin ließ sich in der 
Nähe des Fensters nieder, eine der Großfürstinnen — wahrscheinlich Tatjana — stellte 
sich hinter sie. Die drei andern lehnten sich an die Wand. In der Ecke nahm die Demi- 
dow Platz. Charitonow und der alte Trupp hielten sich im Hintergrunde. Als es der 
Zarewitsch auf seinem Stuhl nicht aushielt, trug um der Zar in die Mitte des Zimmers 
und lagerte sich links neben ihn. Botkin trat an seine rechte Seite. 

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Auf der Schwelle erschien Jurowsky 
mit den Sowjetkommissaren Jermakow und Waganow; hinter ihnen drängten sich sieben 
Bewaffnete. Jurowsky hielt einen gespannten Revolver in der Hand. Er ging auf den 
Zaren zu und schrie um an: ,,Ihre Leute haben Sie befreien wollen, es ist ümen nicht 
gelungen. Wir müssen Sie beseitigen." Dnd damit hob er die WafFe und schoß ihn nieder. 
Sein Schuß war das Signal zu einer Salve auf die übrige Gesellschaft, die wie vom Blitz 
gemäht zu Boden sank. Als sich der Rauch verzog, sah Jurowsky, daß der Zarewitsch 
nur verwundet war; er sprang auf ihn zu und gab ihm einen Fangschuß. Seine Helfers- 
helfer töteten inzwischen die junge Großfürstin Anastasia und die Demidow, die durch 
die Elissen, die sie im Arm trugen, vor den Kugeln geschützt worden waren. Als die 
furchtbare Arbeit getan war, wurden die blutenden Leichen beraubt und dann in Bett- 
laken gehüllt auf ein draußen vorgefahrenes Lastauto geschleppt, das sie in sausender 
Fahrt durch die schlafende Stadt in eine Waldlichtung bei Koptiaki führte. Dort wurden 
sie dann mit Schwefelsäure und Benzin übergössen und schließlich eingeäschert. Am 
20. Juli war das Werk vollendet. Die Scheiterhaufen wurden abgetragen und die Aschen- 
reste, soweit sie nicht verstreut werden konnten, in einen Minenschacht geschüttet. Zur 
selben Zeit wurden Tatisch tschew vmd Dolgoruky in Jekaterinburg erschossen; Nagomi, 
Sedniew und Tschemadurow waren schon vorher beseitigt worden. Die Gräfin Hendrikow 
und Frl. Schneider wurden nach Perm überführt, wo sie in der Nacht vom 3. zum 4. Sep- 
tember 1918 an die Wand gestellt wurden. Von allen, die die Zarenfamüie nach Jekaterin- 
burg begleitet hatten, blieben nur vier am Leben: die Baronin Buxhoeveden, GiUiard, der 
Kammerdiener Wolkow, der geflohen war, und der kleine Küchenjunge Leonid Sedniew, 
den Jurowsky einen Tag vor der Mordnacht aus dem Ipatiewschen Hause entfernt hatte. 



VERLAG ULLSTEIN / BERLIN 
BERNSTORFF 

DEUTSCHLAND UND AMERIKA 

Der Beitrag, den der frühere Botschafter des Deutschen Reiches in Washington zur Vor-= 
gesdiidite des amerikanisAen Kriegseintritts geliefert hat, vielleicht das spannendste, was 
die deutscfaeBekenntnisIust der Nadikriegszeit bisher zutage zu fördern wußte. KöIn.Ztg. 

CZERNIN 

IM WELTKRIEGE 

Aus jedem Wort fühlt man, hier ist ein Mann, der der Welt nodi vieles zu geben 
hat, einer, der viel zu jung ist, um zu ruhen und zu rasten und seine Kräfte nicht 
zu brauchen. Das Buch Czernins ist das Werk eines Mannes, der Zukunft hat. Es ist 
eine der wichtigsten Bereicherungen unserer Kenntnisse des Krieges. Neue Freie Presse 

HELFFERICH 
DER WELTKRIEG 

Hier wird nach streng historischer Methode von einem urteilsfähigen, vorsichtigen 
und mit vollem Recht auf Anerkennung seines „aufrichtigen Willens zur Wahrheit" 
Anspruch machenden Augenzeugen der unwiderlegliche, bis in die Bismarcksche Ära 
die Fäden des ursächlichen Gewebes zurückverfolgende Beweis erbracht, daß der 
deutsche Kaiser und das deutsche Volk den Frieden wollte. Deutsche Tagesztg., Berlin 

» 

BRIEFE WILHELMS IL AN DEN ZAREN 

1894-1914 

Die Briefe sind von dem Leipziger Historiker Walter Goetz in musterhafter Weise 
herausgegeben, eingeleitet und mit fortlaufendem Kommentar versehen worden. Da 
sie in englischer Sprache geschrieben sind, hat der Herausgeber dem Abdruck des 
englischen Textes eine sehr wohl gelungene, glatt lesbare deutsche Übersetzung 
vorausgeschickt. Prof. Hans Delbrück in den Preußischen Jahrbüchern 



VERLAG ULLSTEIN / BERLIN 



JULIUS ANDRASSy 
DIPLOMATIE UND WELTKRIEG 

Das Werk erhält seine Bedeutung niAt nur dadurch, daß eine Persönlichkeit das 
Wort nimmt . . . deren persönliche Beziehungen die ungewöhnlicfisten und weitest- 
reidienden waren, sondern daß der Staatsmann, der hier zur Feder greift, eine 
Persönlichkeit ist, an deren Lauterkeit, an deren Vaterlandsliebe und an deren Wahr= 
haftigkeit niemand zu zweifeln wagen darf. Neues Wiener Journal 



AUFFENBERG-KOMAROW 

AUS ÖSTERREICH = UNGARNS TEILNAHME 
AM WELTKRIEGE 

Es sind Operationen von größtem Interesse inmitten einer sehr gespannten Lage, 
die General von Auifenberg uns schildert. Niemand wird dieses ruhig gehaltene, 
abgeklärte Buch, ohne reiche Belehrung empfangen zu haben, aus der Hand legen. 

Deutsche Rundschau, Berlin 



LADy NORAH BENTINCK 

DER KAISER IM EXIL 

Die Nichte des Schloßherrn von Amerongen über: Die Ankunft des Kaisers in Holland 
— Die Abdankung — Das tägliche Leben in Amerongen und Doorn — Den Freundes* 
und Familienkreis — Des Kaisers Unterhaltungen über: Den Krieg, die Revolution, 
die Schuldfrage, die Fehler der Vergangenheit, die Zukunft der Hohenzollern usw. 



WINDISCHGRAETZ 
VOM ROTEN ZUM SCHWARZEN PRINZEN 

Freunde von Aktualität vibrierender und unstreitig ideenreicher Memoirenliteratur, 
Liebhaber der persönlichen Note auch im Welthistorischen werden die Aufzeich« 
nungen des Prinzen mit hohem Genuß lesen. Neue Züricher Zeitung 



Ullstein A.»G., Berlin SW. 



DATE DUE 


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DEMCO 38-297 



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