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Full text of "Die osteuropäischen Literaturen und die slawischen Sprachen"

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DIE KULTUR DER GEGENWART 



IHRE ENTWICKLUNG UND IHRE ZIELE 



HERAUSGEGEBEN VON 



PAUL HINNEBERG 



DIE KULTUR DER GEGENWART 

TEIL I ABTEILUNG IX 



DIE OSTEUROPÄISCHEN 
LITERATUREN 

UND 
DIE SLAWISCHEN SPRACHEN 



A. BEZZENBERGER • A. BRÜCKNER • V. v. JAGIC 
J. MÄCHAL • M. MURKO • F. RIEDL • E. SETÄLÄ 
G. SUITS • A. THUMB • A.WESSELOVSKY ■ E.WOLTER 



1908 

BERLIN UND LEIPZIG 

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 



SOI 




768672, 



PUBLISHED SEPTEMBER 24, 1908 

PRIVILEGE OF COPYRIGHT IN THE UNITED STATES 

RESERVED UNDER THE ACT APPROVED MAKCH 3, 1905, 

BY B. G. TEUBNER LEIPZIG 



ALLE RECHTE, 
EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN 



INHALTSVERZEICHNIS. 



I. DIE SLAWISCHEN SPRACHEN .... 1-39 
Von VATROSLAV VON JAGIC. 

Einleitung i — 2 

A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen 2 — 13 

1. Vorgeschichtliches 2 — 4 

II. Anfänge der Geschichte 4 — 6 

III. Slawische Sprachen in der neuen Heimat 6 — 8 

IV. Die Bekehrung der Slawen zum Christentum, die kirchenslawische 
Sprache 8 — 13 

B. Die slawischen Einzelsprachen 13—39 

I. Russische Sprache 13 — 18 

II. Ruthenische Sprache 18 — 19 

III. Bulgarische Sprache 19 — 22 

IV. Serbokroatische Sprache 22 — 26 

V. Slowenische Sprache 26 — 27 

VI. Böhmische Sprache 27 — 30 

VII. Slowakische Sprache 30 — 31 

VIII. Ober- und Niederlausitz-Sorbische Sprache 31 

IX. Polnische Sprache 32 — 35 

Schlußbetrachtung 35 — 36 

Literatur 37—39 



II. DIE SLAWISCHEN LITEFL\TUREN . . . 40-245 

I. DIE RUSSISCHE LITERATUR 40-152 

Von ALEXIS WESSELOVSKY. 

Einleitung 40—42 

A. Von den ältesten Zeiten bis zum 

Ausgang des 18. Jahrhunderts 42—51 

I. Von den Anfängen bis zu Peter dem Großen 42 — 47 

II. Von Peter dem Großen bis zu Alexander 1 47 — 51 



VI Inhaltsverzeichnis. 

• Seite 

B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts 51 — 88 

I. Alexandrinische Periode 51 — 58 

II. Das Zeitalter Nikolaus' 1 58—88 

C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts 88 — 146 

I. Epoche der Reformen 88 — 122 

II. Die achtziger und neunziger Jahre 122 — 136 

III. Neues Jahrhundert 136 — 146 

Literatur 147 — 152 



n. DIE POLNISCHE LITERATUR 153-175 

\'0N ALEX.A.NDER BRÜCKNER. 

Einleitung 153 — 154 

I. Die Literatur des 16. — 18. Jahrhunderts 154 — 157 

II. Die Literatur des 19. Jahrhunderts bis zum Aufstand von 1863 .... 157 — 165 

III. Die Literatur seit dem .\uf5tand von 1863 165 — 174 

Literatur 175 



m. DIE BÖHMISCHE LITERATUR 176-193 

\'0N JAN MÄCHAL. 

Einleitung 176 — 179 

I. Die altböhmische Literatur 179 — 180 

II. Die böhmische Reformation 180 — 184 

III. Das goldene Zeitalter (1527— 1620) 184 — 187 

IV. Der Verfall der Literatur 187—188 

V. Das 19. Jahrhundert 188 — 192 

Literatur 193 

IV. DIE SÜDSLAWISCHEN LITERATUREN 194-245 

Von M.A.TTHIAS MURKO. 

Einleitung 194 — 197 

A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache 

und unter dem überwiegenden Einfluß von Byzanz .... 197 — 210 

I. Die altkirchenslawische Periode 197 — 204 

II. Das kirchenslawische Schrifttum seit dem 12. Jahrhundert 204 — 210 

B. Die Literatur in den Nationalsprachen 

und unter dem Einfluß des Abendlandes 210—243 

I. Ältere Periode (bis zum Aufklärungszeitalter) 210 — 220 

II. Moderne Periode 220 — 243 

Schlußbemerkung 243 — 244 

Literatur 245 



Inhaltsverzeichnis. VII 

III. DIE NEUGRIECHISCHE LITERATLiR . . 246-264 
Von albert THUMB. 

Einleitung 246—247 

I. Die ältere gelehrte Literatur und die Wissenschaft . ■ 247 — 249 

II. Die Volkssprache und die Volkspoesie. . . - 249 — 252 

III. Die schöne Literatur bis zur Begründung des griechischen Staates . . 252 — 255 

IV. Die Literatur unter der Herrschaft der Schriftsprache 255 — 259 

V. Die Literatur im Zeichen des Sprachkampfes 259 — 261 

Schluß 262 

Literatur 263—264 



IV. DIE FINNISCH-UGRISCHEN LITERATUREN 265-353 

L DIE UNGARISCHE LITERATUR 265-308 

Von FRIEDRICH RIEDL. 

Einleitung 265—266 

I. Das Mittelalter 266—269 

II. Das Renaissance-Zeitalter 269 — 272 

III. Das Zeitalter der Reformation 273 — 278 

IV. Das Zeitalter der Gegenreformation 278 — 281 

V. Das 18. Jahrhundert 282—284 

VI. Das 19. Jahrhundert 284—307 

Literatur 308 

IL DIE FINNISCHE LITERATUR 309-332 

Von EMIL SETÄLÄ. 

Einleitung 309—310 

I. Die mittelalterliche \'olkspoesie 310 — 314 

II. Begründung und erste Schicksale der finnischen Schriftsprache (1542 

— 1642) 314—315 

III. Erwachen des Heimatgefühls (die Zeit der sogenannten Fennophilen, 

1642— 1809J 316—318 

IV. Die erste nationale Erweckung, der Kampf der Dialekte (1809 — 1835) 318 — 320 
V. Die Zeit der großen geschlossenen Werke der Volkspoesie und der 

neuen nationalen Erweckung (1835 — 1860) 320 — 323 

VI. Die Neuzeit (1860 bis zur Gegenwart) 323—33' 

Literatur 33- 

in. DIE ESTNISCHE LITERATUR . .' 333-353 

\-0N GUST.W SUITS. 

Einleitung 333 — 334 

I. Das katholische Zeitalter (13. bis 16. Jahrhundert) 334—337 

II. Das protestantische Zeitalter (16. bis 18. Jahrhundert) 337—341 

III. Das Emporkommen der genuin-estnischen Literatur (19. Jahrhundert) . 341—350 

IV. Die neueste Zeit 350—352 

Literatur 353 



Vni Inhaltsverzeichnis, 

Seite 

Y. DIE LITAUISCH-LETTISCHEN LITERATUREN 354-378 

I. DIE LITAUISCHE LITERx\TUR 354-371 

Von ADALBERT BEZZENBERGER. 

Einleitung 354 — 357 

I. Die litauische Literatur bis zum Anfang des 1 8. Jahrhunderts 357—302 

II. Die Literatur des 1 8. Jahrhunderts 362—364 

III. Die Literatur des 19. Jahrhunderts 364—368 

Literatur 369—371 

IL DIE LETTISCHE LITERATUR 372-378 

Von EDUARD WOLTER. 

Einleitung 372—373 

1. Die lettische Literatur bis zum Jahre 1850 373—375 

II. Von 1850 bis zur Gegenwart 375 — 377 

Schluß 377 

Literatur 378 

Register 379—396 



DIE SLAWISCHEN SPRACHEN. 

Von 
Vatroslav von Jagic. 



Einleitung:. Seit voreeschichtlichen Zeiten waren östliche Nachbarn Die Slawen öst- 

* ° . , ,^^ _ liehe Nachbarn 

der Deutschen die Slawen. Einst nicht weiter gegen den Westen Europas der Deutschen. 

. Ihre geofjra- 

als bis in das Weichselgebiet, an die Karpaten und die pannonische phische Grup- 
pierung. 
Ebene, gegen den Süden bis an die untere Donau reichend, drangen sie 

in den letzten Jahrhunderten der sogenannten Völkerwanderung viel 
weiter vor. Im Westen über die ganze östliche Hälfte Deutschlands bis 
gegen Hamburg an der Elbe, im Hannoverschen bis über die Elbe, in 
Mitteldeutschland bis an die Saale. Im Süden über den größeren Teil 
der Balkanhalbinsel bis an die nordadriatische Küstenstrecke und Inseln 
sowie an die alpinen Hinterländer. Der ungestörte Besitz in dieser Aus- 
dehnung dauerte jedoch nicht lange. Schon seit den Zeiten Karls des 
Großen begann die Verdrängung der politisch und wirtschaftlich schwachen 
slawischen Ansiedlung aus den den Deutschen nächst gelegenen Gebieten; 
mit der politischen Unterwerfung und der energisch betriebenen deutschen 
Kolonisation ging die Entnationalisierung der zahlreichen slawischen Volks- 
stämme Hand in Hand. Jetzt trifft man in Deutschland nur noch ganz 
geringe Überreste der einst weit verbreitet gewesenen slawischen Be- 
völkerung, so in Pommern, in Westpreußen, in der Ober- und Niederlausitz. 
Von diesen Oasen mitten unter der deutschen Bevölkerung sind allerdings 
zu unterscheiden jene durch die Machtentfaltung Deutschlands an dieses 
angegliederten Slawen, deren unmittelbare ethnische Fortsetzung außer- 
halb des deutschen Machtgebietes liegt, so die Polen und Cechen im 
Norden, die Slowenen im Süden. Wenn man heute von den Nordwest- 
slawen spricht, versteht man darunter zunächst alle Überreste der Slawen 
in Deutschland (die Sorben der Ober- und Niederlausitz, die Kaschuben 
und Slowinzen Westpreußens und Pommerns), ferner die Polen (auch Ma- 
suren genannt) und die Cechen (nebst den Slowaken Nordungams). Unter 
der Benennung Ostslawen sind immer die Russen gemeint, deren süd- 
russische Abzweigung, zumal in Galizien, Bukowina und Ungarn den 

Die Kultur der Gegenwart. I. 9. I 



2 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

Namen Ruthenen führt. Zu den Südslawen rechnet man Slowenen, 
Kroaten - Serben und Bulgaren. Die heutige Gesamtzahl aller Slawen 
dürfte rund 125 Millionen betragen. 



A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen. 
Der Gesamt- I. Vo r ßf 6 s chi ch 1 1 1 ch 6 s. Die fremdsprachigen Einwohner auf dem 

name Wenden * ... 

oder Slawen, jetzt deutschen Boden führen, soweit sie slawischer Zunge sind, in dem 
die Geschichte deutschen Munde, wenn man von den zur individuellen Geltung gekom- 
hmde^rt n. Chr. meuen Cechen und Polen absieht, die Benennung Wenden oder Winden. 
Oben in Sachsen und Preußen ist der Name in der ersten Form 
(als Wenden), unten in den innerösterreichischen Ländern (Steiermark, 
Kärnten, Krain) in der zweiten Form (als Winden) gebräuchlich. Die Be- 
nennung selbst ist uralt, sie reicht bis in die Zeiten eines Tacitus, Plinius 
und Ptolemäus zurück. Als „Venetae" oder „Venedae" tauchen die Slawen 
als östliche Nachbarn der Deutschen ungefähr zur gleichen Zeit in der 
Geschichte auf wie die Germanen, d. i. zu Beginn unserer Zeitrechnung. 
Doch kein Tacitus fand sich für sie. Sie vermochten nicht den Römern 
so zu imponieren wie die alten Germanen. Erst um mehrere Jahrhunderte 
später, seitdem auch sie begannen, die Grenzen des oströmischen Reiches 
durch Einfälle ernstlich zu beunruhigen, gedachten ihrer etwas eingehender 
zwei mittelmäßige Geschichtschreiber des 6. Jahrhunderts, ein lateinisch ge- 
bildeter Gote (Jordanes) und ein griechisch gebildeter Byzantiner (Prokopios). 
Bis zu dieser Zeit beschränkte sich die Kenntnis der griechisch-römischen 
Kulturwelt bezüglich der Slawen auf die Nennung einiger Namen; nichts 
von ihrem Leben, nichts von ihrer Stammesgliederung, nichts von ihren 
Einrichtungen. Das lange Stillschweigen erklärt sich zum Teil aus ihrer 
dem Gesichtskreis der antiken Welt entrückten geographischen Lage, zum 
Teil aber auch aus einigen wohlbekannten Zügen ihres Nationalcharakters: 
aus der Schwerfälligkeit, infolge deren sie statt des selbständigen Auf- 
tretens meist erwarteten, von anderen geschoben zu werden; aus ihrem 
Mangel an Initiative, der vieles durch ihre Massen aber unter fremdem 
Namen vollführt sein ließ. 

Seit den frühesten Zeiten bis auf unsere Tage fiel das Gemeinsame 
im Wesen der slawischen Völker stärker den fremden Beobachtern in die 
Augen, als es bei ihnen selbst zum Bewußtsein kam. Daher die Vorherr- 
schaft der Gesamtbenennung unter dem Namen „Venetae", wozu später 
der einheimische Name „Sclaveni" oder „Sclavi" (slawisch „Slovene") hin- 
zutrat. Beide Namen bleiben bei den byzantinischen und fränkischen 
Chronisten auch dann sehr geläufig, als die Einzclbenennungen nach den 
Stämmen (seit dem 8. und g. Jahrhundert) schon aufgekommen waren. 
Wenn im 6. Jahrhundert bei den Byzantinern abermals zwei Namen 
parallel nebeneinander genannt werden, Slawen und Anten, so liegt der 



A. Die slawische Sprachen im allgemeinen. I. VorgeschichtHches. 7 

Gedanke nahe, daß darin möglicherweise durch ein besonderes Medium 
übermittelt dieselben früher erwähnten Slowenen und Wenden wiederkehren. 
Jedenfalls ist auch diese Hervorkehrung zweier Namen nicht so zu ver- 
stehen, als ob nicht damals schon eine große Anzahl von Einzelstämmen 
unter ihren besonderen Benennungen vorhanden gewesen wäre, die sich 
teils aus geographischen oder physischen Verhältnissen ableiteten, teils gene- 
tischen Ursprungs waren. Doch in einer gewissen Entfernung konnten sie 
von den fremden Schriftstellern nicht gehört und nicht wahrgenommen 
werden. Daß das richtig ist, beweist ein wenige Jahrhunderte nachher 
niedergeschriebener geographischer Bericht über die Slawen, der von 
einem süddeutschen (bayerischen) Anonymus herrührt; in diesem wimmelt 
es geradezu von Stammes- und Gaubenennungen (zum Teil schwer er- 
klärlich). 

Versetzt man den Verlauf der Völkerwanderung, soweit es sich dabei inJividuaiisie- 
um die Slawen handelt, in das 4., 5. und 6. Jahrhundert n. Chr., so gewinnt gen slawischen 

T • Hauptsprachen 

man den ungefähren Zeitpunkt der zustande gekommenen Individualisierung um die Zeit der 

o r> * • T^ 1 • 1 ■ Völkerwande- 

der Slawen nach den Stämmen. Auch die Trennung der einst mehr ein- rung. 
heitlichen Sprache in größere Dialekte, aus denen später die jetzigen 
Hauptsprachen hervorgingen, mag spätestens in den ersten Jahrhunderten 
unserer Zeitrechnung sich vollzogen haben, jedenfalls vor dem Eintritt in 
die Völkerwanderungsepoche. Schon damals nämlich, als die Slawen noch 
in ihrer vorgeschichtlichen Heimat hinter den Karpaten und dem rechten 
Ufer der Weichsel per immensa spatia verbreitet waren, müssen sich in 
ihrer Sprache verschiedene Abweichungen, gleichsam die ersten Risse 
in dem einheitlichen Sprachbau, gezeigt haben. Wenn es auch damals 
noch keine ausgesprochenen nationalen und sprachlichen Individualitäten 
gab, die man heute unter den Namen Polen, Cechen, Serben, Kroaten, 
Russen, Bulgaren usw. versteht — einige von diesen Benennungen sind 
bekanntlich späten, fremden Ursprungs, andre lu-alt, vorgeschichtlich, be- 
gegnend an verschiedenen Orten — so ist man dennoch berechtigt zu 
glauben, daß die späteren slawischen Hauptsprachen schon damals, in 
der vorgeschichtlichen Urheimat, angefangen hatten, sich zu individuali- 
sieren. Charakteristische Eigentümlichkeiten des slawischen Sprachtypus 
im allgemeinen bildet die Vorliebe für die breiteren {c, s, s) und die 
engeren (c, s, z) Zischlaute, für die Zusammenziehung der Diphthonge in 
einfache Vokale {ni-oi in ^, ei in /, au-oii in u, eu in y), für den vokalischen 
Auslaut (Abfall der Konsonanten s, r, f, teilweise m-n). Durch diese 
Kennzeichen hebt sich die slawische Sprachgruppe aus der baltoslawischen 
vorausgegangenen Gemeinsamkeit ab. Unmittelbar vor der Wanderungs- 
periode müssen aber innerhalb dieser gemeinsamen Züge sich jene indi- 
vidualisierenden Merkmale entwickelt haben, die den heutigen Einzel- 
sprachen zugrunde liegen. Diese kamen freilich nicht alle auf einmal, 
nicht alle zur selben Zeit und in gleichem Umfang auf. Lange Daaer 

Viele Jahrhunderte dauerte die slawische gemeinsame Vorgeschichte, """^KinS. *" 



A Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

innerhalb deren die Absonderung des slawischen Sprachtypus aus der 
baltoslawischen Gemeinsamkeit und durch das allmählige Anwachsen der 
Differenzen die Trennung in die slawischen Hauptsprachen zustande kam. 
Im Verlaufe dieser Zeit machte alles Gemeinsame den natürlichen Weg 
der Evolution durch, die sich auch in der Sprache abspiegelt. Der ge- 
meinsame Wortvorrat aller slawischen Sprachen ist noch heute so um- 
fangreich, so tief eingreifend in alle Sphären des Volkslebens, daß das 
trennende Einzelsprachige dagegen fast ganz in den Hintergrund tritt. Ein 
sprechender Beweis für die lange Dauer des gemeinsamen Lebens aller 
Slawen, der engen Beziehungen der Gesamtheit zu ihren Teilen und der 
gemeinsamen Arbeit an der fortschreitenden Kultur. Einen stark bemerk- 
baren Einschlag in den gemeinsamen Wortschatz aller Slawen bilden die 
zahlreichen Entlehnungen aus den germanischen Sprachen, hauptsächlich 
wohl dem Gotischen, wodurch ein bedeutender uralter Kultureinfluß der 
Deutschen auf die Slawen konstatiert werden kann. Ausdrücke wie kniiczi 
(König) für die Bezeichnung der Fürstenwürde, lassen auf die Bekanntschaft 
der Slawen mit diesem Worte wahrscheinlich als Folge der politischen 
Abhängigkeit schließen, während in pcnczi (Pfennig) und stlezi-sklczi 
(Schilling) die Beeinflussung im Handelsverkehr, in user^gii oder iiser£zi 
(Ohrring) die Bekanntschaft mit fremden Schmuckgegenständen, in slcmü 
(Helm) mit fremder Bewaffnung, in clilcbü (Laib) mit der Nahrung, in 
chysi'i (Haus) mit dem Hausbau sich kundgibt. In Viehzucht und Ackerbau, 
in Waldwirtschaft, Bienenzucht und Fischfang erscheinen sie viel selb- 
ständiger, gaben auch einiges an die Nachbarn ab (z. B. skoft'i, plugü). 

Ticnnungdurcii II. Anfänge der Geschichte. Als für die Slawen die Zeit der Aus- 

äußere Erweitc- 

rung ohne innere breitung aus ihrer osteuropäischen Urheimat in der Richtung nach dem 
Gesamtbildes. Westeu (in das Oder- und Elbegebiet), nach dem Südwesten (nach Böhmen, 
Mähren und in das Flußgebiet der oberen Donau) und nach dem Süden 
(über Pannonien in die norischen und dinarischen Alpen, in die Hämus- 
länder hinter der unteren Donau) anbrach — die Ursachen dieser Bewe- 
gfung bleiben unaufgeklärt; es kann Übervölkerung, Hungersnot, es kann 
aber auch ein im Rücken auf sie ausgeübter Druck gewesen sein — 
ergossen sie sich in Massen, zuerst wahrscheinlich in jener Rich- 
tung, wo man ihnen keinen oder nur geringen Widerstand entgeg'en- 
setzte. Das war im Westen der Fall, wo sie öde, von den germanischen 
Stämmen verlassene Gebiete vorfanden. Etwas später, und zwar nachdem 
die südlicher gelegenen Teile derselben durch die Berührung mit den 
asiatischen Völkern (Hunnen, Avaren, Bulgaren) und mit einigen euro- 
päischen (Daken, Geten, Langobarden) verschiedene Erfahrungen gemacht 
und 'für die wirksame Offensive sich kampfbereit gefühlt hatten, eröfi'neten 
sie ihre Einfälle auch über die Grenzen des oströmischen Reiches. Doch 
selbst aus dieser verhältnismäßig .späten Zeit sind uns irgendwelche Nach- 
richten von ihrem Auftreten unter hervorragenden Anführern oder von 



A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen. II. Anfänge der Geschichte. c 

den Oberhäuptern einzelner Stämme nicht überliefert. Das ganze gleicht 
mehr einer Massenbewegung, vollzieht sich in der Art eines Elementar- 
ereignisses. Man darf dabei die Vermutung aussprechen, daß neben den 
ortsnachbarschaftlichen und vielleicht auch sakralen Verbänden hauptsäch- 
lich die Sprachverwandtschaft, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, für 
die Wahl des Anschlusses in der eingeschlagenen Richtung maßgebend 
war. Was sich durch größere Sprachverständlichkeit aneinander gebunden 
fühlte, zog nach einer Richtung zusammen aus, z. B. die ganze Masse der 
nordwestslawischen Stämme. Von gewaltsamen Durchbrüchen einzelner 
Stämme durch die Mitte anderer, wodurch die uralte Nachbarschaft und 
Angliederung zerstört worden wäre, erzählt die Geschichte der slawischen 
Völkerwanderung wenig oder gar nichts. Die bei einem byzantinischen 
Geschichtschreiber (dem Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos) aus dem 
10. Jahrhundert überlieferte Sage von dem angeblichen Zug der Kroaten 
und Serben aus der nördlichen Heimat (von jenseits der Karpaten her) 
nach dem Süden in ihre heutigen Wohnsitze , erregt in dieser Form bei 
den kritischen Geschichtsforschern unserer Tage ebenso starke Bedenken 
wie bei den slawischen Sprachforschem. Eine zweite Überlieferung ähn- 
licher Art, die von dem Zug zweier Stämme in Rußland, aus dem an die 
polnische Grenze anstoßenden Westen bis gegen Wolga, von den Radi- 
micen und Vjaticen, berichtet, hat sich in der ältesten russischen Chronik 
erhalten, und viele glauben, daß sie auf Tatsachen beruht. Das ist aber 
auch alles. Im ganzen und großen darf man doch sagen, daß die zwischen 
dem 4. und 6. Jahrhundert erfolgte Ausbreitung der Slawen über ihre 
früheren Grenzen hinaus dem alten ethnischen Bilde nur eine räumliche 
Ausdehnung verliehen hat, ohne die einzelnen Figuren des alten Bildes 
zu verwischen. Für diese Annahme einer nur räumlichen Verschiebung Verschiedene 

XTbergangs- 

ohne gewaltsame Umwälzungen im Innern spricht die noch jetzt wahr- diaiekte. 
nehmbare Harmonie zwischen der geographischen Gruppierung und den 
sprachlichen Verwandtschaftsverhältnissen der einzelnen slawischen Volks- 
stämme. Je zwei slawische Nachbargebiete befinden sich regelmäßig zu- 
gleich in den Beziehungen der nächsten Sprachverwandtschaft, wobei 
die Übergänge von der Sprache des einen zu der des anderen durch das 
Zusammentreffen beiderseitiger Züge vermittelt werden, so daß man in 
solchen Fällen mit Recht von den Übergangsdialekten sprechen darf. 
In dieser Weise wird das ganze nordwestslawische Sprachgebiet, von jetzt 
und einst, durch die charakteristische Aussprache c-dz{z) für die ursprüng- 
liche Lautgruppe ij-dj wie durch ein einigendes Band zusammengehalten, 
zum Unterschied von der Aussprache c-di{z) für dieselbe Lautgruppe bei 
den Ostslawen (Russen) und von c(c)-d'(J) oder sf-zd bei den Südslawen. 
In derselben Weise, nur durch ein anderes Merkmal, nämlich durch die 
Lautgruppe oro-olo-ere wird die ganze Masse der Ostslawen (Russen) ab- 
gesondert von den übrigen Slawen, die dafür bald ra-la, re-le sprechen 
(die südlichen und der böhmisch -slowakische Sprachstamm), bald ro-lo, 



Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 



Die Kette durch- 



Dio sprachliclu-n 
Vorgänge inner, 
halb der neuen 
Heimat lange 
Zeit dvmltel. 



re-lc (die Polen, Sorben und andere Slawen Deutschlands). Ein drittes 
Merkmal, die Anwendung der Konjunktion da (daß) zur Verbindung der 
Objektivsätze (wofür sonst cto, ze, i'z verwendet wird) charakterisiert alle 
südslawischen Dialekte. Man kann darnach, in den gröbsten Umrissen, 
von den slawischen d'ö-Sprachen (polnisch, böhmisch, sorbisch), von den 
slawischen Orö-Sprachen (russisch) und von den slawischen Z),?-Sprachen 
(südslawisch) reden. Was aber die Übergangsdialekte betrifft, so läßt sich 
schön konstatieren, daß innerhalb der russischen Sprachgruppe der am 
weitesten gegen Westen vorgeschobene weißrussische Dialekt schon 
einige Züge unverkennbarer Beziehung zur nächstbenachbarten polnischen 
Sprachgruppe aufweist; oder daß das Wendische (Sorbische) der Ober- 
lausitz Anlehnungen an das Cechische, das der Niederlausitz an das 
Polnische zeigt; oder daß das Slowakische Nordungams (und Ostmährens) 
schon den Übergang zur südslawischen Gruppe vermittelt; oder daß 
innerhalb der südslawischen Sprachgruppe der A'^^y-Dialekt (nach knj-quid 
so benannt) Nordkroatiens (Murinsel-Warasdin-Agram bis gegen Karlstadt) 
einen Übergang vom Slowenischen zum Serbokroatischen herstellt; daß in 
Mazedonien die Sprache der dortigen Slawen sowohl zum Serbischen als 
noch mehr zum Bulgarischen Beziehungen hat. Die Zahl solcher Über- 
gänge wäre noch größer, wenn nicht die vormals ununterbrochene Kette 
der slawischen Besiedelung durch fremde Einwanderung und die infolge 
davon eingetretene Entnationalisierung mehrere Verbindungsglieder ein- 
gebüßt hätte. Durch die allmähliche Rumänisierung der dakischen Slawen, 
die in Siebenbürgen, Bukowina und Walachei ansässig waren, war das 
Band zerrissen, das einst die östlichen Südslawen, nach heutiger Benennung 
Bulgaren, mit den südlichen Ostslawen (den Stämmen wie Tiverci, Ulici) 
verknüpfte. Die zu Ende des 9. Jahrhunderts erfolgte Einwanderung der 
Magyaren in die pannonische Ebene hob den Zusammenhang auf, der 
vormals zwischen den zu den Südslawen gerechneten parmonischen Slo- 
wenen und den Vorfahren der heutigen Slowaken, die noch jetzt ihre 
Sprache ebenfalls slowenisch nennen, bestand. Der gänzliche Untergang 
mehrerer slawischer Volksstämme in Deutschland verdunkelte einiger- 
maßen die verwandtschaftlichen Beziehungen der übrig gebliebenen zu- 
einander, so daß über das Verwandtschaftsverhältnis der Kaschuben zu- 
den Polen und der polabischen Slawen zu den Kaschuben und Polen noch 
jetzt unter den Gelehrten Meinungsverschiedenheit herrscht. Auch auf 
der Hämushalbinsel hat das Zurückweichen des slawischen Elementes teils 
vor dem griechischen, teils vor dem türkischen und albanesischen die 
Lockerung der Beziehungen hervorgerufen, die allerlei Streitfragen nach 
sich zieht, unter anderem auch die Lösung des Problems von der Heimat 
der kirchenslawischen Sprache fast unmöglich macht. 

in. Slawische Sprachen in der neuen Heimat, Zwischen dem 
Zeitpunkt der ersten Niederlassungen der Slawen in den neuokkupierten 



A. Die slawischen Sprachen im allgcnieinen. III. Slawische Sprachen in der neuen Heimat. y 

Ländern im zentralen und südöstlichen Europa und der ersten Verwendung 
ihrer Sprache für welche immer Aufzeichnung liegt ein Abstand von 
mehreren Jahrhunderten, der für die Geschichte der slawischen Sprachen 
fast nichts als unausfüllbare Lücken hinterlassen hat. Es entzieht sich 
nämlich unsrer Kenntnis ganz und gar, welche Entwicklungsphasen die 
einzelnen slawischen Sprachen während dieser Zeit bis zum Beginn des 
Schrifttums (frühestens im 9. Jahrhundert, zum Teil erst im 11., 12., 13. 
Jahrhundert) durchgemacht haben. Man tappt im Finstem herum. Es 
wurde sogar die Vermutung ausgesprochen, daß die heutigen Unterschiede 
zwischen den slawischen Sprachen, ihr Heraustreten aus dem Zustand der 
ursprünglichen Einheit, erst auf dem Boden der neu bezogenen Ansied- 
lungen vor sich gegangen sei. Allein sehr gewichtige Gründe sprechen 
gegen die Aimahme einer so späten Entstehung der slawischen Haupt- 
sprachen nach ihrem individuellen Typus. Anderseits liegt der Gedanke 
nahe, daß neu entstandene Lebensverhältnisse, ein andrer Boden, ein 
anderes Klima, die seitens der vorgefundenen früheren Bevölkerung aus- 
geübte Beeinflussung — daß alles das doch auch auf den Organismus der 
Sprache einwirken mußte. Aber wie, in welcher Richtung? Sichere 
Tatsachen liegen nicht vor. Man ist auf Vermutungen angewiesen, die 
mehr oder minder scharfsinnig lauten, aber nicht bewiesen werden können. 
Nach der Theorie, die den geringsten Abstand von der Ursprünglichkeit 
bei denjenigen slawischen Sprachen voraussetzen läßt, die bis auf diesen 
Tag auf ihrer uralten Scholle oder nicht weit davon ansässig sind, sollte 
man diejenige Entwicklungsphase für die ursprünglichste oder für die ihr 
am nächsten stehende halten, in welcher sich die polnische und russische 
Sprache befinden. Nur muß man dabei von der späteren Ausbreitung 
absehen und auf die nachweisbar uralten Sitze sich beschränken. Nehmen 
wir diese theoretische Kombination an und fragen wir, was dabei heraus- 
kommt. Die Probe führt zu keinem sicheren Resultate. Z. B. man wäre nicht 
abgeneigt, die Verhärtung des südslawischen Vokalismus (wo jedes e und i 
hart wie im deutschen klingt, nicht wie russisch-polnisches 'c, ■'/) oder den Die Gründe der 
Verlust des Unterschiedes in der Aussprache zwischen i und y (letzteres Differenzierung 
ungefähr wie ü auszusprechen) den Einflüssen des neuen Milieu zuzuschreiben. 
Allein schon die polnische und russische Sprache zeigen nicht einen 
gleichen Grad der Erweichung ihres Konsonantismus; dieser ist entschieden 
stärker entwickelt im Polnischen als im Russischen, und innerhalb des 
Russischen selbst steht der süd- oder kleinrussische Vokalismus, wenigstens 
bezüglich des Vokals e, heute schon ganz auf dem südslawischen Stand- 
punkt voller Verhärtung und hat auch den Unterschied zwischen i und y 
ebenfalls aufgegeben zugunsten eines dritten, harten Vokals. Oder man 
möchte vermuten, daß die Abneigung gegen das erweichte r (wie r' aus- 
zusprechen), die man in der Mehrzahl der südslawischen Dialekte wahr- 
nimmt, vielleicht auf Rechnung der südlichen Heimat zu setzen sei; 
allein dieselbe Erscheinung charakterisiert auch den weißrussischen Dialekt, 



8 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

der doch seit undenkbaren Zeiten auf derselben Scholle sitzt. Wie inner- 
halb der nächst verwandten Dialekte in lautlicher Beziehung Divergenzen 
herrschen können, zeigt das Böhmische mit seinem, allerdings erst in ge- 
schichtlichen Zeiten aus / entwickelten r (ri auszusprechen) gegenüber 
dem Slowakischen, das von f nichts wissen will. Es wurde auch betreffs 
/, das im Böhmischen in den letzten fünf Jahrhunderten aus der Übung 
gekommen, die Vermutung ausgesprochen, daß dieser Verlust auf den 
deutschen Einfluß zurückzuführen sei. Allein das Lausitzsorbische kennt 
noch heute /, und doch war dort der deutsche Einfluß mindestens eben 
so groß wie in Böhmen. Warum lebt der Nasalismus in der polnischen 
Sprache noch heute, während die nächsten Nachbarn gegen Osten und Süd- 
westen (die Russen und die Böhmen) diesen Charakterzug schon sehr früh, 
vor Beginn der Geschichte aufgegeben haben? Warum lebt im Russi- 
schen und in den südslawischen Sprachen noch heute die bewegliche Be- 
tonung, während die nächsten Nachbarn im Westen (die Polen und Böhmen) 
immer eine bestimmte Silbe (polnisch — vorletzte, böhmisch — erste) 
betonen? Warum ist im Polnischen und Russischen die Quantität (lange 
Vokale) im Verlaufe von Jahrhunderten verloren gegangen, während das 
Böhmische die langen Silben so belastet, daß sie stark in der Aussprache 
hervortreten? Warum unterscheidet sich das Bulgarische durch Quantitäts- 
losigkeit vom Serbischen? Auf alle diese Fragen haben wir augenblick- 
lich nur eine Antwort: ignoramus. Die verschiedenen Phasen der sprach- 
lichen Evolution kreuzen sich durcheinander, ohne daß man imstande 
wäre, überall den Grund ihrer Entstehung ausfindig zu machen. 

IV. Die Bekehrung der Slawen zum Christentum, die kirchen- 
slawische Sprache. Die früheste Bekehrung eines slawischen Volks- 
stammes zum Christentum geschah im 7. Jahrhundert, an der Ostküste 
des Adriatischen Meeres, im alten Dalmatien, wo sich kurz vorher die 
Kroaten und Serben im offenen Land ihr neues Heim gegründet hatten, 
während in den vielen befestigten Küstenstädten, kleineren und größeren, 
die romanische Bevölkerung fortlebte. Dem Einfluß dieser romanischen 
Christen und dem hohen Ansehen ihrer kirchlichen Organisation (Aquileia, 
Salona, Dioclea) ist wohl auch die so früh vor sich gegangene Bekehrung 
der Kroaten und Serben zu verdanken. Doch vermochte der bald darauf 
hier entstandene kleine christlich -kroatische Staat mit seinen halb slawi- 
schen, halb romanischen Einrichtungen auf die Entwicklung der Volks- 
sprache nicht den geringsten Einfluß auszuüben, um ihr zur literarischen 
Verwendung zu verhelfen. Nicht die geringste Spur eines geschriebenen 
Textes in der kroatischen Volkssprache ist zu finden, weder ein Gebet 
oder Predigt, noch eine Beicht- oder Eidesformel. Alles Geschriebene 
wurde in lateinischer Sprache geführt, wie überall im frühesten Mittel- 
alter, wo Roms Einfluß sich geltend machte. Um so höher ist ein Er- 
eignis des 9. Jahrhunderts anzuschlagen, durch welches neben den beiden 



A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen. IV. Die Bekehrung der Slawen zum Christentum. g 

Trägern der damaligen christlichen Kultur in Ost- und Westeuropa, der 
griechischen und lateinischen Sprache, noch eine dritte, d. h. die slawische 
Sprache zur Herrschaft in der Kirche und durch diese auch in den 
übrigen Zweigen des öffentlichen Lebens gelangte. Das war das Werk 
zweier gebildeter Männer aus Saloniki, Konstantin (Kyrillos) und Methodios. 
Beide Griechen von Geburt und durch Erziehung, von vornehmer Abkunft, 
waren infolge äußerer Verhältnisse mit der slawischen Bevölkerung der ihre Entstehung 

^ , , infolge von 

Gegend in Berührung und Verkehr gekommen. Beseelt von dem Missions- Missionstätig- 
eifer zur Verteidigung oder Verbreitung des Christentums, der namentlich 
bei dem jüngeren Bruder (Konstantin) stark hervortrat, beschränkten sie 
sich zuletzt, bei ihrer dritten und letzten Missionsreise, die in das Land 
der Slawen (mährisch -pannonischen) gerichtet war — die zwei früheren 
galten dem Orient, den Sarazenen nnd Chazaren — , nicht mehr auf die 
bloße Verkündigung des christlichen Glaubens. Sie benutzten jetzt die 
Gelegenheit, um für die ihnen von früher her bekannten Slawen, mit deren 
Sprache sie nach einem Dialekt schon längst vertraut gewesen sein dürften, 
etwas Größeres zu leisten, als man sonst von den gewöhnlichen Missionaren 
erwartet. Sie traten als Erfinder einer auf den griechischen Vorbildern 
beruhenden slawischen Schrift auf — in neuerer Zeit hält man das Glago- 
litische für ihre nach der griechischen Minuskelschrift gemachte Erfindung, 
das eigentliche Cyrillische aber für eine bald darauf erfolgte Umänderung 
nach dem Muster der griechischen Unzialschrift — und als Begründer 
einer slawischen Literatursprache durch die Übersetzung der Heiligen 
Schrift und verschiedener, den liturgischen Zwecken dienender Kirchen- 
bücher leisteten sie geradezu Bahnbrechendes. Als gelehrte Byzantiner, 
deren Blicke weit nach dem Oriente schweiften, kannten sie die kirchliche 
Organisation des christlichen Orientes, wo es auch solche christlichen 
Kirchen gab, die weder die griechische noch die lateinische Sprache ge- Verdrängung 

° ' ° r- o ^„5 Mahren und 

brauchten. Nach diesem Muster führten sie auch bei den ihrer Missions- Pannonien. 
tätigkeit anvertrauten Slawen eine ähnliche Organisation ein. Die groß- 
artigen Folgen ihres Schrittes werden sie damals wohl nicht geahnt 
haben, ja fürs erste gefährdete der Konflikt, in welchen sie wegen der 
slawischen Sprache mit Rom kamen, ihr Werk in Mähren und Pannonien 
so stark, daß es wohl gänzlichen Schiffbruch erlitten hätte, wenn ihm 
nicht anderswo, in den Ländern, die der deutschrömischen Machtsphäre 
entrückt waren — in Bulgarien und Mazedonien — , günstigere Aufnahme, 
nachdrucksvollere staatliche Unterstützung zuteil geworden wäre und wenn 
nicht die bereits früher zum christlichen Glauben bekehrten Kroaten und 
Serben, die sich unter der Botmäßigkeit der dalmatinisch-römischen Hier- 
archie nicht sehr behaglich fühlten, jetzt mit entschiedener Vorliebe eben- 
falls der kirchenslawischen Sprache sich zugewendet hätten. 

In der Geschichte der slawischen Sprachen, auf die es hier allein 
ankommt, hatte das erwähnte Ereignis die wichtige Folge, daß um die 
Mitte des g. Jahrhunderts ein slawischer Dialekt, durch die eigens für ihn 



jO Vatroslav von Jagiö: Die slawischen Sprachen. 

kombinierte Schrift graphisch fixiert, infolge der gleichzeitigen Über- 
setzungs versuche, zur Literatursprache aller zum Christentum bekehrten 
Slawen, soweit sie den orientalischen Ritus befolgten, erhoben wurde. 
Ähnlich wie einst die Goten, so bekamen jetzt die Slawen, zunächst 
wenigstens der südliche Zweig derselben, eine eigene liturgische und 
Sie budet den literarische Sprache, die um mehrere Jahrhunderte früher in der Schrift 
de^^wbsen- ' gepflegt wurde, als sich ähnliche Bedürfnisse bei anderen Slawen fühlbar 
'" Sprächt" machten. Seit dem Bestand der slawischen Philologie (d. h. seit dem 
orsc ung. j-^^^ ^^^ 1 8. Jahrhunderts) gibt diese Sprache die Grundlage des gesamten 
sprachwissenschaftlichen Studiums ab als der älteste Repräsentant des 
slawischen Sprachtypus überhaupt, ausgestattet mit feinen Lauteigentüm- 
lichkeiten und beachtenswertem Formenreichtum, die sowohl der ver- 
gleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen zugute kommen, 
wie sie auch die Einsicht in den grammatischen Organismus aller slawi- 
schen Einzelsprachen wesentlich fördern. Viele Erscheinungen der slawi- 
schen Einzelsprachen, die sich als kümmerliche Überreste eines früheren 
Zustandes der genauen Analyse nahezu entziehen, bekommen erwünschte 
Beleuchtung durch die reichen, von jenem alten Dialekt erhaltenen Paral- 
lelen, deren große Anschaulichkeit Tatsachen erschließt, die sonst nur 
durch theoretische Kombinationen und H3'pothesen erreichbar wären. 
Der Dialekt selbst als solcher muß einem slawischen Volksstamme, der 
irgendwo im Hinterland der ägäischen Meeresküste zwischen Saloniki 
und Konstantinopel angesiedelt war, abgelauscht worden sein. Die dor- 
tigen Volksstämme nannten sich ohne Zweifel mit dem so oft wieder- 
kehrenden Namen „Slowenen", und ihre Sprache war „slowenisch". Später 
Sie hat doppci- wurde diese ethnische Benennung durch den politischen Namen Bulgaren 
in den Hintergrund geschoben. So kommt es, daß die kirchenslawische 
Sprache in der Wissenschaft bald „altslowenisch" bald „altbulgarisch" 
heißt. Da sie aber zuerst bei den mährischen und pannonischen Slawen 
zur liturgisch -literarischen Anwendung kam — auch diese nannten sich 
damals wohl Slowenen, nur darf man aus der gleichen Benennung nicht 
gleich auf die volle Stammes- oder Sprachidentität schließen — , wurde 
von einigen namhaften Gelehrten des ig. Jahrhunderts die Ansicht von 
ihrer mährisch- pannonischen Abkunft vertreten. Namentlich die „panno- 
nische" Theorie wurde glänzend vertreten durch Gelehrte wie Kopitar 
und Miklosich; sie stützte sich hauptsächlich auf einige Germanismen im 
liturgischen Wortschatz der kirchenslawischen Sprache, die allerdings 
leichter in Pannonien oder Mähren als in Mazedonien Aufnahme finden 
konnten. Doch ist diese Tat.sache auch mit der Annahme der südlichen 
Heimat des Kirchendialektes ganz gut vereinbar. Einzelne liturgische 
Ausdrücke, die bereits vor der Mission der salonikischen Brüder und 
ihrer Jünger durch die deutschen Priester und Prediger der Salzburger 
Kirche in Mähren und Pannonien eingebürgert worden waren, konnten 
leicht nachträglich in die kirchenslawische Sprache aufgenommen werden, 



A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen. IV. Die Bekehrung der Slawen zum Christentum, i i 

selbst wenn diese ihrem sonstigen Charakter nach und von Haus aus ein 
mazedonischer Dialekt war. Übrigens ist es noch sehr fraglich, ob alle 
Germanismen der altkirchenslawischen Sprache, die in ihren ältesten Denk- 
mälern vorkommen, gerade aus dem Althochdeutschen des g. Jahrhunderts, 
und nicht schon früher, entlehnt sind. 

In der Eigfenschaft als liturgisch-literarisches Organ der Kirche bahnte ihre weite 

° '^ ° Verbreitung. 

sich der bevorzugte Dialekt schnell den Weg weit über die Grenzen 
seines ursprünglichen Geltungsgebietes. Er wanderte aus einem slawi- 
schen Land ins andere, überall dorthin, wo der Gottesdienst in der slawi- 
schen Sprache verrichtet wurde. Das bezog sich zunächst auf alle Süd- 
slawen, nur die pannonischen Slowenen kamen bald außer Betracht, es 
blieben aber die Bulgaren, Serben, Kroaten, vielleicht auch ein Teil der 
Slowenen, dann aber (seit dem i o. Jahrhundert) auch auf die Gesamtheit 
der Ostslawen (Russen). Überall hier fungierte die Kirchensprache nach 
den mittelalterlichen Begriffen zugleich als Staats- oder Gemeindesprache, 
ganz in der Art des Latein bei den romanischen und germanischen 
Völkern. In ihrer weltlichen Funktion unterlag sie, den mannigfaltigen 
Bedürfnissen entsprechend, verschiedenen lokalen Beeinflussungen in Laut- 
ausgestaltung, in Formen, namentlich aber im erweiterten Wortvorrat. 
Seit dem 1 1 . Jahrhundert kann man vom bulgarischen, russischen, serbi- 
schen, kroatischen „Kirchenslawisch" sprechen. Erwähnenswert ist außer- 
dem, daß der kirchenslawische Dialekt in seiner mittelalterlichen Ver- 
wendung für längere Zeit auch beträchtliche Gebiete nichtslawischer 
Zunge unter seine Herrschaft bekommen hatte. Das galt für Moldau und 
Walachei im Süden und für Litauen im Norden. 

Die Herrschaft des Kirchenslawischen als der mittelalterlichen Lite- nir allmähliches 

Zurückweichen 

ratursprache aller orthodoxen Slawen dauerte viele Jahrhunderte. In mit der Be- 

^ schränkung auf 

Rußland bis in die Zeiten Peters des Großen, bei den Serben und Bul- das Gebiet der 

Kirche. 

garen bis zum Ausgang des 1 8. Jahrhunderts. Während der ganzen Dauer 
mittelalterlicher Zustände war diese im Grunde tote Sprache ihr einziges 
literarisches Organ, allerdings nicht so einheitlich wie etwa das mittel- 
alterliche Latein. Der Gesamtinhalt des geistigen Lebens, mag dieses 
noch so arm gewesen sein, fand in dieser Sprache seinen Ausdruck. 
Dieser Umstand führte zu allerlei sprachlichen Mischungen, wobei die 
Volkselemente in sehr ungleichem Maße mitwirkten. Im Laufe des 15., 
16., bis zu Ende des 17. Jahrhunderts hatten sich in Rußland allein zwei 
merklich voneinander abweichende Literatursprachen entwickelt: eine nord- 
östliche, moskowitische, in sich einheitliche, dem echten kirchenslawischen 
Typus näher, und eine südwestliche (man könnte sie wilnaische nennen), 
in welcher das Kirchenslawische nicht bloß vom volkstümlichen Weiß- 
russischen, sondern auch von der polnischen Sprache stark beeinflußt war. 
Mit der letzteren berührte sich aufs engste auch die literarische Sprache 
der Kijewer scholastischen Gelehrsamkeit, nur daß hier statt der weiß- 
russischen die kleinrussischen Elemente mitspielten. Peter der Große gab 



j , Vatroslav von jAGid;: Die slawischen Sprachen. 

den ersten gewaltigen Stoß der bisherigen Alleinherrschaft der kirchen- 
slawisch-moskowitischen Literatursprache in Rußland. Er gestattete freie 
In Rußland. Anwendung neuer, unter dem holländischen Einfluß modernisierter Schrift- 
züge, der sogenannten grazdanskischen Typen, für den Druck geschicht- 
licher und Manufakturwerke, wie er sich selbst ausdrückte. Die bis dahin 
üblichen geschnörkelten, mit Abbreviaturen versehenen Schriftzüge und 
Typen blieben den Drucken kirchlichen Inhaltes vorbehalten. Dadurch 
kam der Dualismus einer weltlichen und einer geistlichen Literatur schon 
in äußerer Gestalt zum Ausdruck. Die mit rücksichtsloser Eile und Ge- 
schwindigkeit auf Betreiben des Zaren ausgeführten Übersetzungen ver- 
schiedenartigster Werke aus den europäischen Literaturen rissen auch in 
Anwendung der Sprache die Schranken der bisherigen toten Überliefe- 
rung nieder, die weltliche Literatur trieb durch ihren neuen, bisher un- 
erhörten Inhalt in die Bahn der lebendigen Volkssprache. So machten 
die Verhältnisse Peter den Großen selbst zum Hauptförderer der neuen 
Richtung in der russischen Literatursprache, was auch seine bisher wenig 
gewürdigte, in russischer Sprache geführte Korrespondenz bestätigt. Von 
nun an blieb die kirchenslawische Sprache in Rußland auf liturgische 
Zwecke beschränkt. Selbst die Theologie als Wissenschaft und die 
Kanzelberedsamkeit werden nunmehr ausschließlich in der russischen 
Sprache gepflegt, diese besprengt allerdings mit dem ins Kirchenslawische 
getünchten Weihwedel. 
Bei den Bei den orthodoxen Südslawen (Bulgaren, Serben), die anfangs, seit 

dem 10. Jahrhundert, nicht bloß für die eigenen Bedürfnisse sorgten, son- 
dern selbst Rußland fertige Produkte ihrer literarischen Tätigkeit über- 
mittelten, hörte nachher, seit dem politischen Untergang ihrer Staaten im 
14. und 15. Jahrhundert, allmählich die Pflege der kirchenslawischen Lite- 
ratur gänzlich auf. Einige während des 15. und 16. Jahrhunderts im Lande 
entstandenen Druckereien mußten wegen der Ungunst der Verhältnisse, 
unter dem drückenden Joch der Türkenherrschaft, ihre Arbeit einstellen. 
Den geringen Bedarf an liturgischen Büchern, soweit er nicht von Venedig 
aus oder durch Handschriften, die man noch immer fortsetzte, gedeckt 
werden konnte, lieferte in den letzten drei Jahrhunderten Rußland, dessen 
russisch gefärbte Kirchensprache allmählich den serbischen und bulgari- 
schen Tj'pus des Kirchenslawischen aus dem kirchlichen Leben Serbiens 
und Bulgariens ganz verdrängte. Viel trug" dazu auch die in Kijew er- 
haltene höhere Bildung der serbischen und bulgarischen Geistlichkeit bei. 
Als im Laufe des 18. Jahrhunderts bei den Serben Südungarns und Sla- 
woniens, die erst kurz vorher diese Gebiete besiedelt hatten, um Grenz- 
wachdienst gegen die Türken zu leisten, eine Bewegung zugunsten der 
Schulbildung und Literatur sich bemerkbar machte, erschien auch ihnen 
das Gemisch der Kirchensprache in russischer Fassung mit den serbi- 
schen Volkselementen als das nächstgelegene Mittel zur Begründung 
einer weltlichen Literatur. Man nannte diese Sprache „slawoserbisch". 



B. Die slawischen Einzelsprachen. I. Russische Sprache. I 5 

Ihre Herrschaft dauerte jedoch nicht lange. Das Ende des i8. Jahr- 
hunderts (Dositije Obradovic, ein Kind des Josephinischen Zeitalters) und 
vor allem die reformatorische Wirksamkeit Vuk Karadzics zu Anfang des 
19. Jahrhunders schafften auch bei den Serben die letzten Reste jener 
mittelalterlichen Zustände ab. Die reine serbische Volkssprache trat in 
ihre Rechte als das alleinige Organ des öffentlichen Lebens und der 
Literatur. In Bulgarien vollzog sich derselbe Emanzipationsprozeß etwas 
später und langsamer. So haben jetzt alle orthodoxen Slawen zwar noch 
immer eine und dieselbe kirchenslawische Sprache, nämlich den russischen 
T}^us derselben, doch beschränkt ausschließlich auf den liturgischen Ge- 
brauch. Diesem sind viel engere Grenzen gezogen als etwa der lateini- 
schen Sprache in der katholischen Kirche. 



B. Die slawischen Einzelsprachen. 

I. Russische Sprache. Keine von den heutigen slawischen Sprachen Die russische 
hat so enge Beziehungen zur kirchenslawischen aufrechterhalten wie die ste^'^ueziehua. 
moderne russische. Das erklärt sich nicht aus ihrer nächsten oder größten slawischen, " 
Verwandtschaft mit dem Kirchenslawischen, sondern aus der an den 
kirchenslawischen Elementen geübten Schonung zu der Zeit, als die lite- 
rarische Emanzipation der russischen Sprache begann. Das Kirchen- 
slawische war nämlich so in Eleisch und Blut des sehr religiösen und 
seine liturgische Sprache verehrenden großrussischen Volkes gedrungen, 
daß selbst dann, als man bewußt inssisch schreiben wollte, unbemerkt 
viele kirchenslawische Ausdrücke, ja selbst Sprachformen standhielten, da 
man sie nicht als etwas Fremdes in dem russischen Sprachorganisraus 
fühlte. Vieles davon ist selbst bis auf den heutigen Tag unangetastet 
geblieben, einzelnes tritt allmählich bei dem fortgesetzten Nationalisierungs- 
prozeß in den Hintergrund. Diese Tatsache allein würde schon aus- 
reichenden Grund abgeben, warum nach der kirchenslawischen zuerst die 
russische Sprache an die Reihe kommen und mit einigen Worten charak- 
terisiert werden soll. Aus Cherson, einer griechischen Stadt an der Nord- 
küste des Schwarzen Meeres, kam der Überlieferung zufolge das Christen- 
tum zu Ende des lo. Jahrhunderts nach Rußland, zunächst nach Kijew. 
Die russischen Slawen bezogen es in der slawischen Form, weil neben 
der höheren Hierarchie, die anfangs aus Griechen bestand, als die eigent- 
lichen Arbeiter an der Bekehrung die slawischen Priester aus dem byzan- 
tinischen und bulgarischen Reich tätig waren. Diese brachten das fertige 
Werk, die kirchenslawische Sprache und die in dieselbe übersetzten 
Werke, nach Rußland. Somit wurde jener oben geschilderte südslawische 
Dialekt, den die beiden salonikischen Brüder zur Kirchensprache machten, 
zugleich die Kirchen-, Literatur- und Staatssprache der Russen, allerdings 
mit geringfügigen Modifikationen hauptsächlich lautlicher Natur, welche 



14 



Vatroslav von Jagic: Die slawischen Spraclien. 



>ie Loslösung 

der Volks- 
sprache von 

slawischen. 



Drei Haupt- 

(lialoktc der 

russischen 

Sprache. 



den wesentlichen Eigentümlichkeiten des russischen Sprachorganismus 
Rechnung trugen. Die sonstigen Volkselemente, Sprachformen und Wort- 
schatz, treten in den in Rußland geschriebenen Sprach- und Literaturdenk- 
mälern nur sehr schüchtern zum Vorschein, in sehr ungleichem Maße sich 
einstellend, am zahlreichsten in solchen literarischen Leistungen, wo der 
ganze Gedankenkreis oder die genaue Bezeichnung der auf dem russi- 
schen Boden sich abspielenden Ereignisse mit den in der kirchenslawi- 
schen Sprache vorrätigen Mitteln nicht leicht wiederzugeben war, wie 
z. B. bei der Abfassung von Gesetzen oder Urkunden weltlichen Inhalts 
oder auch in der über äußere und innere Verhältnisse Rußlands berich- 
tenden Annalistik. Das Bemühen, überall die aus dem slawischen Süden 
übernommene Kirchensprache anzuwenden, entlockte einem alten russi- 
schen Schriftsteller den Ausspruch: die russische und slawische (d. h. 
kirchenslawische) Sprache sei ein und dasselbe. Das war in der Tat das 
Glaubensbekenntnis aller damaligen Schriftgelehrten Rußlands, zumal 
jener, die in dem Kijewer Höhlenkloster den Hauptsitz ihrer schriftstelle- 
rischen Tätigkeit hatten. 

Es gehört keineswegs zu leichten Aufgaben der geschichtlichen 
Sprachforschung, aus den über sehr viele russische Sprach- und Literatur- 
denkmäler zerstreuten volkstümlichen Elementen ein vollständiges Bild der 
durch das Kirchenslawische in den Hintergrund geschobenen Volkssprache 
in ihrer echten Gestalt zu gewinnen. In erwünschter Vollständigkeit liegt 
eine derartige wissenschaftliche Leistung noch gar nicht vor. Dennoch 
gestatten schon die bisherigen Forschungen, den Satz aufzustellen, daß 
bereits im ii. Jahrhundert — aus dieser Zeit besitzen wir neben vielen 
undatierten auch datierte Originaltexte von 1057, 1073, 1076, 1092, 1095 
usw. — die altrussische Sprache nicht nur im allgemeinen mit ihren 
heutigen Merkmalen, sondern selbst mit einigen, noch heute nachweis- 
baren dialektischen Eigentümlichkeiten ausgestattet war. Z. B. um Alt- 
nowgorod herum konnte man schon damals die Laute c und c verwechseln, 
wie noch heute; ebenso konnte man das gedehnte e als / aussprechen. 
Dieses Hervorschimmern zweier Eigentümlichkeiten, die noch heute leben, 
läßt mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Existenz noch anderer Züge 
schließen, die wir nicht belegen können, weil sie in den Sprachdenk- 
mälern jener Zeiten nicht vertreten sind. Also dialektische Züge gab es 
in der altrussischen Sprache schon in der ältesten durch Sprachdenkmäler 
kontrollierbaren Zeit, d.h. im 1 1. Jahrhundert und gewiß noch viel früher. 
Damit sei allerdings nicht gesagt, daß schon damals alles so entwickelt 
war wie heute. Heute unterscheidet man nämlich drei russische Haupt- 
dialekte: den großrussischen, der sich vom höchsten Norden (Archangelsk) 
südwärts hinter Moskau, ungefähr bis Kursk und Voronez erstreckt und 
östlich über Ural hinaus nach Sibirien reicht; den weißrussischen, der von 
der polnischen Sprachgrenze ostwärts bis gegen Smolensk geht, südwärts 
bis Prijiet und Pinsk; den klein- oder südrussischen, der unterhalb des 



B. Die slawischen Einzelsprachen. I. Russische Sprache. I e 

groß- und weißrussischen beginnt, den ganzen Süden bis ans Schwarze 
Meer und östlich bis an den Don einnimmt und außerhalb Rußlands noch 
in Bukowina, Galizien (bis Lemberg), ferner in dem an Galizien an- 
grenzenden ungarischen Gebirgsland gesprochen wird. Der gToßrussische 
Dialekt bildet die Grundlage der heutigen russischen Literatursprache, 
der klein- oder südrussische der heutigen ruthenischen Literatursprache; 
der mittlere, weißrussische, kam zwar durch einige Jahrhunderte in der ihre allmähliche 

Ausgestaltung. 

gewesenen Literatursprache des litauisch -weißrussischen Sprachgebietes 
(mit Wilna als Zentrum) zur Geltung, wenn auch nicht in der reinen, 
volkstümlichen Gestalt, nachher aber mußte er zuerst vor der Herrschaft 
der polnischen, dann vor der der russischen Sprache die Segel streichen. 
Nicht alle Unterscheidungsmerkmale dieser drei Dialekte in ihrer heutigen 
Gestalt reichen bis in die ältesten Zeiten zurück. Einige mögen schon 
in frühesten Jahrhunderten vorhanden gewesen sein, andere traten erst 
später hinzu. Die Scheidung zwischen den älteren und jüngeren Merk- 
malen zu treffen, ist die Aufgabe der Wissenschaft, die in diesen Fragen 
noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat. Es hat den Anschein, daß 
erst in den Jahrhunderten des politischen Sonderlebens der weiß- und 
kleinrussischen Sprachgebiete gegenüber dem nordöstlichen moskowitischen 
Rußland diese südwestlichen Dialekte, unter der anhaltenden Einwirkung 
des polnischen Staatswesens mit seiner Sprache, Religion und Kultur, 
ihre besondere, individuell ausgeprägte Gestalt erhalten haben. Innerhalb 
des Großrussischen unterscheidet man einen nördlichen, bis nahe an Moskau 
reichenden (?-Dialekt und einen südlichen (/-Dialekt. Dieser Zweiteilung 

können wir durch Belege erst aus dem Ende des 14. Jahrhunderts bei- Die russische 

Literatur- 
kommen. Der ^-Dialekt wird so genannt wegen der Aussprache jedes spräche beruht 

auf dem Mos- 

unbetonten breit und offen, ganz ähnlich dem Vokal a. In diesem Punkt i^aucr Dialekt. 
gehört auch das Weißrussische zum a-Dialekt, während das Süd- oder 
Kleinrussische die reine Aussprache des o wahrt. Die Moskauer Sprache, 
aus welcher im 18. Jahrhundert die gegenwärtige russische Literatur- 
sprache hervorging, kann als gemäßigter c?-Dialekt bezeichnet werden, 
sie bildet gleichsam den Übergang vom o- zum ^-Dialekt. In der Tat 
vereinigt die russische Literatursprache einige nordgroßrussische mit 
einigen südgroßrussischen Zügen. Die Aussprache des unbetonten o als a 
ist ein südgroßrussischer Zug (in einigen Worten wird selbst nach der 
Konzession der Orthographie in der Schriftsprache a statt des etymolo- 
gisch berechtigten o geschrieben, z. B. bar du, kaldc statt bordn, koldc), 
dagegen ist die harte Aussprache der dritten Person singularis und pluralis 
auf / (z. B. bildet, idi'it) ein nordgroßrussischer Zug, welchem im Südgroß- 
russischen das erweichte /' gegenübersteht {bi'idet\ id/tf). 

Einzelne Texte weltlichen Inhalts (z. B. Urkunden, die vielfach nach 
fremden mittelalterlichen Originalen ausgearbeiteten Erzählungen und Ro- 
mane, volkstümliche Schauspiele usw.) hatten schon während des 16. und 
17. Jahrhunderts den volkstümlichen russischen Sprachformen und Phrasen 



l5 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

weiten Spielraum gewährt. Doch erst die gewaltige Reform Peters 
des Großen, die den europäischen Einflüssen Tür und Tor öffnete, 
leistete auch der Europäisierung der Sprache entschiedensten Vorschub, 
sie förderte ihre Verweltlichung, ihre Nationalisierung. Da trat ein Mann 
Lomonosov ab auf, der in der russischen Literatur eigentlich als der Begründer der 
russischen Lite, modemeu Literatursprache gepriesen wird, in dessen Wirksamkeit auf 
dem Gebiet der Literatur, der Wissenschaften und der Sprache selbst 
sich die Reformgedanken Peters des Großen verkörperten. Das war 
M. Lomonosov. Aus dem hohen Norden stammend, dessen russische Be- 
völkerung sich damals vielleicht noch mehr als heute durch einen kräf- 
tigen Menschenschlag und reiche in epischer Behaglichkeit dahinfließende 
Sprache auszeichnete, verstand er seinen ihm angeborenen Sprachschatz 
mit dem in Moskau herrschenden Geschmack der damaligen Intelligenz 
(Hof, Adel, höhere Geistlichkeit, reicher Kaufmannsstand) in Einklang zu 
bringen und dadurch in seinen Werken, in welchen er als Prosaschrift- 
steller und Dichter zugleich tätig war, eine für seine Zeitgenossen und 
auch die nachfolgenden Generationen mustergültige russische Literatur- 
sprache zu schaffen. In der Tat bleibt seine Sprache in ihren wesent- 
lichen Zügen bis auf den heutigen Tag aufrecht. Nur stilistisch wurde 
ihr nachher größere Beweglichkeit, leichterer Gang, feinerer Schliff zuteil. 
Das erreichte sie namentlich durch die anhaltende Übersetzungstätigkeit 
und fleißige Nachahmung fremder, zumeist französischer Muster, wobei 
sich Karamzin als Schriftsteller feinsten Geschmacks und Puschkin als 
Dichter von klassischer Formvollendung auszeichneten. Diese beiden 
Neue Etappen Namcu bilden in der Entwicklungsgeschichte der russischen Sprache die 

in der Vervoll- ^ o r a i j- 

kommnunK. nächsten zwei nach Lomonosov erklommenen Stuten. Auch die spateren, 
nach Puschkin folgenden Vertreter der russischen Literatur in Versen und 
Prosa, deren Werke jetzt schon zumeist das Gemeingut der ganzen Kultur- 
welt bilden, gelten zugleich als weitere Etappen für die herrliche Ent- 
faltung der russischen Sprache. Reichtum und Kraft des Ausdrucks, 
Originalität des Stiles, gepaart mit der Plastik und Eleganz des ge- 
läuterten Geschmacks — das sind die sprachlichen Vorzüge der Werke 
eines Krylov, Gribojedov, Lermontov, Nekrasov, A. Majkov, Fet u. a. in 
Versen, eines Aksakov, Turgenjev, Goncarov, Tolstoj und Cechov in 
Prosa — , um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Ihrer bedeutenden 
literarischen Wirksamkeit verdankt die heutige russische Sprache nicht 
bloß den weiten Umfang eines reichen Wortschatzes, sondern auch die 
Präzision des Ausdrucks und große Schmiegsamkeit an den behandelten 
Stoff, mag es sich um die Schilderung der Natur und menschlicher Arbeit, 
um die Analyse psychischer Prozesse oder um philosophische Betrach- 
tungen handeln. 
Grammatische Für die .Sprache Lomonosovs, um sie grammatisch zu analysieren, 

Hehandlunt; . , -l j 

der Sprache, sorgte er selbst. Er schrieb eine Grammatik und eine Knetorik der 
russischen Sprache, die sich wesentlich im Rahmen seiner literarischen 



B. Die slawischen Einzelsprachen. I. Russische Sprache. I -j 

Leistungen bewegten. Die Sprache Karamzins und seiner Schule schwebte 
dem Grammatiker Grec vor, als er seine grammatischen Lehrbücher ver- 
faßte, die durch mehrere Dezennien den russischen Sprachunterricht in 
den Mittelschulen beherrschten. Der mächtige Aufschwung, den die 
Sprache seit Puschkin und nach ihm genommen, spiegelt sich zwar teil- 
weise in den neuen Lehrbüchern ab, allein erschöpfend kam er bisher in 
keinem sprachwissenschaftlichen Werk zur Darstellung. Dazu fehlen auch 
monographische Vorarbeiten, die erst in jüngster Zeit sich langsam ein- 
stellen. Derzeit besitzt man wenigstens die ersten Versuche einer Cha- 
rakteristik der Sprache Puschkins und Gogols. Die reiche Fundgrube 
späterer Schriftsteller, z. B. Turgenjevs, der selbst zu wiederholten Malen 
seinen Zeitgenossen den korrekten Gebrauch der schönen russischen 
Sprache ans Herz legte, blieb bisher unberührt. Etwas mehr wurde für 
die Hebung und Sichtung des Wortschatzes getan. Die zu verschiedenen 
Zeiten gelieferten lexikalischen Publikationen der gewesenen russischen 
Akademie und der jetzigen russischen Abteilung der kaiserlichen Akademie 
der Wissenschaften in St. Petersburg enthalten wertvolles Material sowohl 
für die Literatursprache wie auch für die großrussischen Dialekte. Eine 
imponierende, noch jetzt unübertroffen dastehende Leistung war das große 
Wörterbuch der heutigen großrussischen Volkssprache von Wladimir Dal; 
in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts abgefaßt, ist es jetzt in der 
dritten Auflage im Erscheinen begriffen. Unter den doppelsprachigen 
Hilfsmitteln (russisch-deutsch, russisch -französisch usw.) ragt durch den 
Umfang und innere Reichhaltigkeit das Wörterbuch Pawlowskis hervor. 
Bei aller Ungunst der inneren Verhältnisse Rußlands, die der freien Ent- 
wicklung der russischen Literatur große Hindemisse in den Weg legen, 
macht die russische Sprache so schnelle Fortschritte auf allen Gebieten 
der Literatur, der Wissenschaften und Künste, daß keines von den der- 
zeitigen lexikalischen Hilfsmitteln mit ihrer Entwicklung gleichen Schritt 
hält. Eine vor zwanzig Jahren begonnene neue Ausgabe des akademi- 
schen Wörterbuchs schreitet leider sehr langsam vorwärts. Die russische 
Sprache ist zugleich die einzige unter allen slawischen, die auch auf ihre intematio- 

. nale Bedeutung 

internationalen Verkehr rechnen kann. Obwohl von Rußland aus für ihre in Aussicht. 
Verbreitung außerhalb der Reichsgrenzen nicht das geringste geschieht, 
ja der Verkehr der russischen Werke mit dem Ausland sogar großen 
Schwierigkeiten seitens des mißtrauischen Polizeisystems unterworfen ist, 
macht dennoch die Verbreitung der Kenntnis der russischen Sprache im 
Ausland mit jedem Jahr neue Fortschritte. Deutschland steht in dieser 
Hinsicht obenan, soweit man das nach der großen Zahl der russischen 
Grammatiken und anderer zur Erlernung dieser Sprache bestimmten Hilfs- 
mittel beurteilen kann. Auch solche Tatsachen, wie der Zudrang zum 
russischen Sprachunterricht in Berlin, geben ein beredtes Zeugnis für den 
weiten Umfang des russischen Sprachstudiums in Deutschland ab. Leider 
bleibt die wissenschaftliche Pflege dieser Sprache im natürlichen Zu- 

DiE Kultur der Gegenw.\rt. I. 9. 3 



jg Vatroslav von Jagic: Die sla%vischen Sprachen. 

sammenhang mit dem ganzen Inhalt der slawischen Philologie an den 
deutschen Universitäten weit hinter den berechtigten Erwartungen zurück, 

Ruthenischoder 11. Ruthcnischc Sprache. Man bezeichnet den klein- oder süd- 

auch Ukrainisch russischen Dialekt, wenn vom ihm als einer Literatursprache die Rede ist, 
in deutscher Benennung gewöhnlich als ruthenische Sprache, wobei man 
hauptsächlich Galizien und Bukowina im Auge hat, wo sich dermalen 
diese Sprache freier als in Rußland entwickeln kann, wo sie sich nicht 
nur in der Literatur, sondern auch im niederen und höheren Schulunter- 
richt und auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gesetzliche An- 
erkennung verschafft hat. Und doch liegt ihre Wiege nicht hier, sondern 
in Rußland, in der Ukraina, weswegen man sie dann und wann auch 
ukrainisch nennt. Hier wurde ihr in der zweiten Hälfte des i8. Jahr- 
hunderts zuerst in rein volkstümlicher Gestalt die literarische Pflege zuteil. 

Kotijarevski als Was nämUch Lomonosov fürs Großrussische, das war Kotljarevski fürs 
Senischen"'^ Kleinrussischc oder Ruthenische: der erste Vertreter dieser Sprache in 
sprich". der Literatur und als solcher ihr Begründer. Seinem Beispiele folgten 
nachher viele, z. B. der volkstümliche Erzähler Kvitka-Ovsjanenko und 
der bedeutendste bisherige Dichter der Kleinrussen Sevcenko — beide 
ukrainische Musterschriftsteller, die auch von den Schriftstellern Galiziens 
und der Bukowina als feste Grundlage der ruthenischen Sprache an- 
gesehen werden. Das Verhältnis verschob sich allmählich und der 
Gravitationspunkt wanderte nach Galizien, wo seit der Mitte des ig. Jahr- 
hunderts das Ruthenische ein weites Feld der Betätigung gewonnen hat. 
Doch ist diese Wanderung in die westliche Peripherie mit einigen Miß- 
ständen verbunden. Gegenwärtig durchlebt die ruthenische Sprache in 
Galizien eine wahre Sturm- und Drangperiode. Die mit fast fieberhafter 
Hast betriebene Pflege derselben, selbst unter Anwendung auf die ent- 
legensten Gebiete der praktischen Wissenschaften, bevor noch bedeutende 
Talente für die einzelnen Fächer vorhanden sind, wirft Fragen auf, deren 
gelungene Lösung nicht immer leicht ist. Die Sprache wird zu eilig mit 
unzähligen Neologismen belastet, sie läuft Gefahr, ihre Natürlichkeit und 
Volkstümlichkeit einzubüßen. Sie entfernt sich immer mehr von den 
mustergültigen ukrainischen Vorbildern. Das Bestreben, die sprachliche 
Individualität und Selbständigkeit des Ruthenischen gegenüber dem Russi- 
schen möglichst stark zur Geltung zu bringen, verleitet so manchen 
Schriftsteller zu allerlei nach polnischen und deutschen Vorbildern aus- 
geklügelten Neologismen, denen man vor dem uralten gesamtrussischen 
Erbgut den Vorzug gibt, um nur etwas Neues, etwas vom Großrussi- 

Die ruthenische schcu Verschiedenes zu schaffen. Man kann diese, dem wohlverstande- 
zcichcn der ncu Intcrcssc für die natürliche Entwicklung der kleinrussischen Sprache 

Drangporiode. Zuwiderlaufenden Übertreibungen unmöglich gutheißen. Solchen Ge- 
fahren könnte durch möglichst große Beteiligung an dem Kulturwerk 
seitens der tüchtigen Kenner der Sprache Ukrainas in Rußland selbst am 



B. Die slawischen Eiuzelspiachen. II. Rutherische Sprache. III. Bulgarische Sprache. jg 

wirksamsten vorgebeugt werden. Leider waren bisher gerade solche Männer 
nur in verhältnismäßig geringer Anzahl anzutreffen, weil das in Rußland 
herrschende Unterdrückungssystem vielversprechende Talente von der 
Pflege des Einheimischen, Ukrainischen fernhielt. Man darf die Hoffnung 
auf Besserung dieser ungesunden Verhältnisse nicht aufgeben. Dann wird 
sich die Überzeugung Bahn brechen, daß neben der russischen Sprache 
und Literatur, die immer mehr den Charakter einer Weltsprache und 
Weltliteratur annimmt, auch eine kleinrussische oder ruthenische Literatur 
ebensogut bestehen kann, wie neben der deutschen Weltsprache das 
Vlämische oder Niederländische und Holländische, weiter das Dänische, 
Norwegische und Schwedische vmgestört leben und literarisch gepflegt 
werden, wie neben dem Französischen auch das Provenzalische, neben 
dem Englischen das Keltische in Wales oder Irland seine volle Existenz- 
berechtigung hat. In welcher Weise und mit welchem Erfolg das Ruthe- 
nische neben den übrigen slawischen Sprachen seine Aufgabe erfüllen 
wird, das läßt sich nicht voraussagen. Weder grammatisch noch lexika- 
lisch ist die Sprache bisher genügend erforscht, obwohl es an dialekti- 
schen Untersuchungen nicht mangelt. Für praktische Zwecke bestimmte 
Lehrbücher sind in genügender Zahl vorhanden. Ein den ersten Bedürf- 
nissen entgegenkommendes ruthenisch- deutsches Wörterbuch umfaßt bei 
weitem nicht den ganzen Sprachschatz. 



ni. Bulgarische Sprache. Der an Sprachformen unter allen sla- 
wischen Sprachen reichste kirchenslawische Dialekt stammt, wie bereits 
gesagt, aus den Gegenden, die heute zum bulgarischen Sprachgebiet ge- 
rechnet werden. Das charakteristischste Verwandtschaftsband zwischen 
dem Altkirchenslawischen und der heutigen bulgarischen Sprache besteht 
in den für das urslawische tj-dj eintretenden Lautgruppen sf-zd; nost-mezda = 
spricht noch heute der Bulgare, und zwar unter allen Slawen er allein, 
ganz so (nur vielleicht etwas härter), wie wir es für den Dialekt voraus- 
zusetzen haben, aus welchem die kirchenslawische Sprache hervorgegangen 
ist. Während aber das Kirchenslawische durch den größten Deklinations- 
und Konjugationsformenreichtum sich auszeichnet, hat das heutige Bul- 
garische unter allen slawischen Sprachen einzig und allein die einstigen 
Deklinationsformen gänzlich eingebüßt. Bei Anwendung eines postposi- 
tiven (an jede Art des Nomens anhängbaren) Artikels besitzt es eine 
einzige Singularform als Casus generalis für alle Verhältnisse des Singu- 
lars und ebenso eine einzige Pluralform für alle Verhältnisse des Plurals. 
Die verschiedenen Präpositionen kommen hier so wie in den romanischen 
Sprachen zu Hilfe. Die Übereinstimmung dieser Art der Kasusbildung 
zwischen dem Bulgarischen und Rumänischen, teilweise auch Albanesischen, 
führte einige Gelehrte, z. B. Miklosich, zu der Annahme einer Beein- 
flussung aller dieser Sprachen seitens der alten thrakischen Bevölkerung 
— eine Ansicht, die schon deswegen auf die bulgarische Sprache keine 



Bulgarische 
Sprache in 

nächsten 
Beziehungen 
um Altkirchen- 
slawischen. 



2 Vatroslav von Jagic; Die slawischen Spractien. 

Sie hat die alten Anwendung finden kann , weil ihr Deklinationsverlust in eine Zeit fällt, 
formen ein- da auf der Balkanhalbinsel keine thrakischen Volksstämme mehr lebten. 
Eher ließe sich die Ansicht hören, daß das Rumänische allein auf die 
besagte Neubildung der bulgarischen Deklination einen Einfluß ausübte. 
Die Bulgaren lebten in der Tat seit den ältesten Zeiten in inniger Be- 
rührung mit den Rumänen im Balkan- und Donaugebiet, ebenso in Maze- 
donien, und da diese ein älteres ethnisches Element auf der Halbinsel 
repräsentieren als die Slawen, so ist eine Einflußnahme ihrerseits auf die 
Entwicklung der bulgarischen Sprache keineswegs ausgeschlossen. In 
neuester Zeit zieht man allerdings vor, von jeder fremden Beeinflussung 
bei der merkwürdigen Neugestaltung der bulgarischen Deklination abzu- 
sehen und die Gründe dafür eher in dem lautlichen Charakter der Sprache 
selbst zu suchen, z. B. im Zusammenfallen verschiedener Vokale in einem 
einzigen trüben, etwas nach a ausklingenden Laut, wodurch wenigstens in 
den vokalisch auslautenden Sprachformen gleich mehrere Kasus des Sin- 
gulars zusammenfallen. Mag es sich damit so oder anders verhalten, 
jedenfalls spielt dabei der nachgesetzte Artikel nicht die Rolle eines nach- 
träglichen, erst nach dem Deklinationsverfall aufgekommenen Sprach- 
mittels, da wir vielmehr durch einige Dialekterscheinungen nachweisen 
können, daß auch der nachgesetzte Artikel mit verschiedenen Kasus- 
endungen versehen sein kann. Man wird bei diesem Vorgang einiger- 
maßen an die zusammengesetzte Deklination des Adjektivs in allen sla- 
wischen Sprachen erinnert, wo die Casus obliqui teilweise nur beim 
angehängten Pronomen volle Formen behalten, beim Adjektiv selbst aber 
nicht. Z. B. der Dativus plur. statt des vollen dobromü 4- ivm — dieses 
Bildungsprinzip lebt noch heute im Litauischen — kennt seit urslawischen 
Zeiten nur die Form dobrii -\- iinü. In ähnlicher Weise mag in einigen 
Casus obliqui der bulgarischen Deklination zunächst die Endung des Sub- 
stantivs aufgegeben worden sein, weil sie an dem postpositiven Pronomen 
sichtbar war, bis dann die Nominativ-Akkusativ-Form des Singulars und 
Plurals als Casus generalis alle anderen Endung-en sowohl beim Nomen 
als auch beim nachgesetzten Pronomen (Artikel) beseitigte. Diese moderne 
bulgarische Deklination — die Konjugation blieb bis auf den Verlust der 
Infinitivform sonst aufrecht erhalten — macht durchaus nicht den Eindruck 
eines in sehr früher Zeit fertig gewordenen Prozesses. Im Gegenteil, viele 
Überreste einstiger Kasusformen, die in der Volkssprache überall noch 
hervortreten, sehen einer vor nicht langer Zeit eingetrockneten Quelle 
ähnlich. 

Sie ist erst im Man muß im Bulgarischen ebenso wie im Altrussischen hinter der 

19. Jahrhundert ^ 

in Volkstum- Alleinherrschaft der kirchenslawischen Sprache in den Sprach- und Literatur- 
licher Form zur ^ ' 

Geltung denkmälern aller Jahrhunderte die Spuren des Volkstümlichen mühsam 

gekommen. ■' '■ 

aufsammeln — eine Arbeit, die noch nicht in ausreichender Weise aus- 
geführt ist. Das älteste Denkmal, in welchem schon viele Belege für die 
Evolution der bulgarischen Sprache in moderner Richtung zu finden sind, 



B. Die slawischen Einzelsprachen. III. Bulgarische Sprache. 2 I 

datiert aus der Mitte des 14. Jahrhunderts (die Troja-Sage). Doch erst im 
17. und 18. Jahrhundert schrieb man volkstümUche Texte, meist apokr\'phe 
Erzählungen, den biblischen Stoffen entnommen, in einer Sprache, die den 
modernen Charakter des Bulgarischen in Lauten und Formen schon ent- 
schieden hervortreten läßt. Der Grundsatz, in der Volkssprache Bücher 
zu schreiben, kam in Bulgarien noch später zur Anerkennung als in 
Serbien. Das geschah unter dem Einfluß der Romantik des vorigen Jahr- 
hunderts, die bekanntlich die Pflege des Volkstümlichen als einen hoch- 
wichtigen Faktor des Kulturlebens anerkannte. Zum Teil wirkte auch 
das Beispiel der Serben mit. Doch ging man in der bulgarischen Sprache 
nicht so energisch mit der Ausschaltung aller nichtvolkstümlichen Ele- 
mente vor, wie es im Serbischen durch Vuk Karadzic geschah. Die Geltend- 
machung der Rechte der Volkssprache schreitet dort langsamer vorwärts, 
die Literatursprache bewegt sich konservativer. Die moderne bulga- 
rische Sprache steht außerdem noch immer unter sehr starkem Einfluß des 
Russischen; dieses gilt in Bulgarien als die nächstgegebene Kultursprache 
zur Stütze der einheimisch-nationalen, ungefähr in der Weise, wie bei den 
übrigen Süd- und Nordslawen die deutsche, beziehungsweise für Dal- 
matien die italienische Sprache die Signatur fremder Beeinflussung bildet. 
Die konservative Richtung der bulgarischen Literatursprache spiegelt sich 
auch in der Orthographie wieder, die sich im russischen Fahrwasser be- 
wegt und nicht alle phonetischen Eigentümlichkeiten der Sprache sichtbar 
werden läßt. 

Die bulgarische Sprache zerfällt in mehrere Dialekte, die erst in 
neuester Zeit fleißig erforscht werden, weniger direkt in wissenschaftlichen 
Abhandlungen, als indirekt durch die Publikation des folkloristischen 
Materials mit möglichst treuer Bewahrung aller sprachlichen Eigentümlich- 
keiten. Man unterscheidet vor allem die ostbulgarischen Dialekte von 
den westbulgarischen. Die ersteren, die wieder in nord- und südost- 
bulgarische Mundarten zerfallen, sind in mancher Hinsicht origineller, 
selbständiger als die letzteren. Auch die gegenwärtige Literatursprache 
stützt sich auf das Ostbulgarische, das im Süden des Balkans (Panagjuriste, 
Koprivstica, Kotel usw.) gesprochen wird, etwas gemäßigt durch die 
nächste Nähe des Westbulgarischen. Die Residenzstadt Sofia selbst liegt 
im Bereich des Westbulgarischen, der sogenannten Schopen. Eine etwas 
abgesonderte Stellung nehmen die mazedonischen Dialekte ein, die sowohl 
in lautlicher Beziehung als im Wortvorrat manche Anklänge an das Serbische 
zeigen. Durch den Verlust der Deklination und den Gebrauch des post- 
positiven Artikels (sogar in dreifacher Gestalt) schließt sich dennoch das 
Mazedonische im überwiegenden Teil näher an das Bulgarische als an 
das Serbische an. Der neuerdings gemachte Vorschlag, einen Dialekt 
Mazedoniens zur Schriftsprache des Landes zu machen, müßte, selbst wenn 
er gut gemeint ist, als überflüssige Zersplitterung der geistigen Kräfte 
entschieden zurückgewiesen werden. Welches Schicksal immer dem viel- 



2 2 Vatroslav von Jagi6: Die slawischen Sprachen. 

geprüften Land in nächster Zukunft beschieden sein mag, geistig ist es 
schon jetzt durch Kirche und Schule an Bulgarien, so wie Altserbien, so 
weit es noch slawisch ist, an Serbien gekettet. 

Während an der grammatischen Erforschung des Bulgarischen in 
neuester Zeit recht fleißig gearbeitet wird — kleine Lehrbücher zu prak- 
tischen Zwecken sind in genügender Zahl vorhanden - — läßt die lexi- 
kalische Bearbeitung noch sehr viel zu wünschen übrig. Das in Rußland 
vor mehr als 20 Jahren erschienene Wörterbuch von Duvernois genügt 
weder dem heutigen Zustande der Literatursprache noch den gegen- 
wärtigen Kenntnissen der Dialekte. 

Dia angestrebte IV. Serbokroatische Sprache. Was man heute unter dieser Be- 

Eiaheit der ^ * ^ ^ 

serbokroati- neonung Zusammenfaßt, ist das noch nicht vollständig erzielte Resultat der 

sehen Sprache. 

Einheitsbestrebungen, die sich zu verschiedenen Zeiten mit ungleicher 
Kraft äußerten, namentlich im vorigen Jahrhundert bewußt zum Durch- 
bruch kamen, als der Vuksche Panserbismus und der Gajsche Illyrismus 
unter verschiedenen Fahnen auf dasselbe Ziel lossteuerten. Vollständige 
Einheit der Literatursprache zwischen den Serben und Kroaten ist zwar 
jetzt in der Theorie erreicht, doch nicht in der Rückwirkung auf das Volk. 
Die Serben bedienen sich bei gleicher Sprache einer durch Vuk reformierten 
cyrillischen, die Kroaten der im Geiste der böhmischen Orthographie orga- 
nisierten lateinischen Schrift, und da hinter diesem Unterschied der Schrift 
der religiöse Dualismus (Orthodoxie, Katholizismus) und der Dualismus 
des Namens (Serben, Kroaten) mit divergierenden Zukunftsidealen steckt, 
so sind die äußeren Kennzeichen nicht so indifferent hier wie etwa der 
doppelte Schriftgebrauch in der deutschen Sprache. Die weitesten Kreise 
des Volkes betrachten vielmehr noch immer nur die literarischen Erzeug- 
nisse einer Schrift als ihr geistiges Eigentum, wodurch sie selbst den Ab- 
satz und damit zugleich die Produktionsfähigkeit auf die Hälfte reduzieren. 
Statt einer Literatur bei einem sieben bis acht Millionen zählenden Volk, 
die unter günstigen Umständen Beträchtliches leisten könnte, bestehen in 
der Wirklichkeit zwei kleinere Literaturen, mit je drei bis vier Millionen 
Die voUe Eini- Anhängern eine jede derselben. In früheren Jahrhunderten, da der Religions- 
Faktoren: unterschied noch viel tiefer in das Leben des Volkes eingriif, nahm die 

Religion, Name, 

Schrift. Absonderung der orthodoxen Serben von den katholischen Kroaten noch 
viel schärfere Formen an. Die Anhänger der orientalischen Orthodoxie 
anerkannten während ihrer einstigen staatlichen Selbständigkeit und auch 
nachher, unter dem türkischen Joch, die ausschließliche Geltung der 
kirchenslawischen Sprache, die ihre Kirchen-, Staats- und Literatursprache 
zugleich war. Ganz anders gestaltete sich das Leben bei den Katholiken, 
die im kirchlichen und staatlichen Leben unter der Herrschaft der latei- 
nischen Sprache standen, dafür aber zu Ende des 15. Jahrhunderts, die 
westeuropäischen, zumal italienischen Einflüsse auf sich einwirken lassend, 
in nationaler Sprache eine Literatur zustande brachten, die zum Teil aus 



B. Die slamschcn Einzelsprachen. IV. Serbokroatische Sprache. 23 

allerlei Erbauungsbüchem in Prosa, vorwiegend jedoch aus Dichtungen 
weltlichen und geistlichen Inhalts bestand, in denen lateinische und italieni- 
sche Muster nachgeahmt wurden. Diese in den dalmatinischen Küsten- 
städten und einigen Inseln des Adriatischen Meeres (vor allem Lesina), 
hauptsächlich jedoch in Ragusa aufgekommene Literatur, brachte es im 16. 
und noch mehr im 17. Jahrhundert zu einer solchen Blüte, daß einige von 
ihren poetischen Produkten zu den hervorragendsten Leistungen aller sla- 
wischen Literaturen jener Zeit gerechnet werden dürfen. Sie zeichnen 
sich durch wohlklingende, mit der Weichheit des Italienischen wetteifernde 
Sprache aus, die den ragusanischen Lokaldialekt durch die Rücksicht- 
nahme auf die schöne Volkssprache Bosniens und Herzegowinas veredelte. 
Man nannte diese Literatursprache der Ragusaner slowinisch {slovinski). 
Der größere Teil dieser literarischen Produktion blieb allerdings hand- 
schriftlich beschränkt auf den engen Leserkreis derselben Stadt und per- 
sönlicher Freunde; selbst das große Epos „Osman" erschien erst im 
IQ. Jahrhundert im Druck. Nur Stoffe geistlichen Inhalts fanden Verbrei- 
tung durch den Druck, der in Venedig, Rom, Ancona usw. besorgt wurde, 
mit lateinischen Buchstaben in ungeregelter Orthographie. Nur ein ge- 
ringer Bruchteil wurde in cyrillischer Schrift für die katholischen Hinter- 
länder Dalmatiens (Bosnien und Herzegowina) zurechtgelegt, bis später die 
Franziskaner, als die einzigen Träger der katholischen Kultur in diesen 
Ländern, auch hier der lateinischen Schrift unter den Katholiken des 
Landes Verbreitung verschafften. 

Wenn auch diese literarische Produktion, soweit sie Norddalmatien Die Haupt- 
und die Inseln umfaßte, in dem sogenannten ca - Dialekte (die Wörtchen Sieg des 

. , , . ■ T 11 1 .■ -n -s/ti-Dialektes. 

ca = quid, sfo = quid-, kaj = quid dienen zur allerkürzesten Benennung 
der dialektischen Unterschiede innerhalb der serbokroatischen Sprache) 
geführt wurde, zogen doch manche Schriftsteller den wohlklingenden und 
mehr verbreiteten i/ö-Dialekt vor, selbst wenn sie von Haus aus den rauheren 
t:>-Dialekt sprachen. Man pflegte sich immer wieder auf Bosnien und 
Herzegowina als das Land mit der schönsten Volkssprache zu berufen. 
So gab sich schon im 17. Jahrhundert die Tendenz kund, eine einheitliche 
Literatursprache auf Grund des i/ö-Dialektes zu schaffen, mag man sie 
slowinisch oder illyrisch oder kroatisch genannt haben. Ja selbst in die 
orthodox-serbischen Länder wurde von Ragusa aus der schriftliche Ge- 
brauch der reinen Volkssprache hineing-etragen. Der kleine Freistaat 
unterhielt nämlich mit den serbischen und bosnischen Hinterländern sehr 
regen Handelsverkehr, der häufig genug zu schriftlichen Abmachungen, 
in der Form von Urkunden und Verträgen, führte. Zu diesem Zwecke 
hatten die klugen, weitblickenden Ragusaner eine eigene serbische Kanzlei 
in ihrer Stadt errichtet, die mit den Vertretern der besagten Länder und 
auch einzelnen vornehmen Persönlichkeiten den schriftlichen Verkehr be- 
sorgte, alle Vereinbarungen der betreffenden Parteien mit cyrillischer Schrift 
in ihrem Dialekte, sozusagen nach ihrem Diktat niederschrieb und ein 



24 



Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 



)er kroatischt 
früher slowe- 
nische 
/^-^y-Dialekt. 



Die Aufgabt 
des lllyrisniu 



Exemplar davon in dem Archive von Ragusa aufbewahrte. Dieser hoch 
entwickelten Sorgfalt der Republik für das Archivwesen verdankt die 
Geschichte der serbischen Sprache ihre ältesten, edelsten Perlen. Durch 
Ragusas Vermittlung besitzen wir Dokumente der Sprache in ihrer reinen 
Gestalt aus einer Zeit, da sonst weder im Osten noch im Westen des 
serbokroatischen Sprachgebietes die echte Volksprache zur Anwendung 
gekommen war. 

In Nordkroatien, nördlich von dem Fluß Kulpa und Korana bis zur 
Mur, und östlich über Sissek hinaus bis Virovitiz herrscht seit jeher der 
sogenannte /C-rty'- Dialekt, mit dem der westlichen Nachbarn in Steiermark 
nahe verwandt, doch nicht identisch. Jetzt heißt er im Munde des Volkes 
„chorvaiisck^^ {horvaiski), vor dem Ende des 17. Jahrhunderts führte das 
ganze Land zwischen Save und Drave den Namen Slawonien; dieser latei- 
nisch-magj'arischen Form des Namens entsprach im Munde des Volkes 
augenscheinlich die Benennung „Äö^^^wj/'ö kraljcsfvo" oder „Slovciiski orsag", 
daher auch der Name des Dialektes „slovenski j'czit^, wie er in den 
ältesten, aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammenden Druckwerken aus- 
drücklich genannt wird. Einst mag dieser Dialekt unter dem letzt- 
genannten Namen weiter gegen Osten, über Virovitiz hinaus, sich erstreckt 
haben. Allein während der Türkenherrschaft bekam das heutige Slawonien 
eine neue von jenseits der Save eingerückte Bevölkerung, die den sfo- 
Dialekt spricht. Daher bleibt jetzt der /'^/-Dialekt auf den nordwestlichen 
Teil des einstigen Regnum Sclavoniae, der seit dem Ende des 17. Jahr- 
hunderts den Namen Kroatien führt, beschränkt. In diesem Dialekt hat 
sich seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine kleine, nicht un- 
interessante Literatur entwickelt, die mit dem Siege des lUyrismus und 
mit ihm des i/ö-Dialektes, ihren Abschluß fand. Dieser Wechsel in der 
Benennung einzelner Provinzen, der auch auf den Namen der Sprache 
reagierte, erzeugte in der sprachwissenschaftlichen Literatur nicht geringe 
Verwirrung, in der sich selbst hervorragende Kenner, wie Safafik oder 
Kopitar, nicht ganz zurechtzufinden vermochten. Von nun an führten alle 
drei Dialekte des westlichen, sogenannten kroatischen Sprachgebietes den- 
selben Namen. Der t^?-Dialekt Norddalmatiens, Istriens und der Inseln 
hieß seit jeher kroatisch (Itrvatski, harvatski). Der i/ö-Dialekt der Katho- 
liken Dalmatiens und Bosniens (mit Ausschluß jener von Ragusa und 
Bocche di Cattaro) nahm aus Gründen der religiösen Zusammeng-ehörigkeit 
denselben Namen an, um sich von den Anhängern der orientalischen Ortho- 
doxie, die sich Serben nannten, abzusondern. Endlich der /v?y-Dialekt 
Nordkroatiens erhielt denselben Namen {/lorvnfski) seit der politischen Um- 
benennung seines Sprachgebietes als Kroatien statt Slawonien. An die 
Stelle dieser drei Dialekte eine einheitliche Literatursprache zu schaffen, 
' xrnd zwar auf Grundlage des durch die literarische Pflege am weitesten 
gediehenen und geschichtlich im gTÖßten Ansehen stehenden ragusanischen 
iVf-Dialektes, der zugleich die Brücke bildete zur Einigung in der Sprache 



B. Die slawischen Einzelsprachen. IV. Serbokroatische Sprache. 25 

mit den Serben — das war das nächste angestrebte Ziel des Gajschen 
Illyrismus in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. 
Um keiner Provinz mit ihrem Sondernamen den Vorzug zu geben und 
den Neid der übrigen zu erwecken, einigte man sich auf den nicht ganz 
fremden Namen „illyrisch", einmal darum, weil diese Benennung seit Jahr- 
hunderten in den wissenschaftlichen Werken, zumal wenn sie lateinisch 
oder italienisch geschrieben wurden, sich eingebürgert hatte (selbst ein- 
heimische Schriftsteller nannten dann und wann ihre Sprache so), dann 
aber auch wegen der damals noch vielfach geglaubten Ansicht, daß die 
alten Illyrier Slawen waren. Der Illyrismus erreichte in der Tat sein 
nächstes Ziel: das literarische Leben der Katholiken Kroatiens, Slawoniens, 
Dalmatiens und Bosniens nahm eine einheitliche sprachliche Form an. Nun 
konnte auch der tote illyrische Namen in den Hintergrund treten und dem, 
genetischen, im Volke lebenden (wenn auch nicht überall) kroatischen 
Platz machen. Da aber die Wirksamkeit Vuks und seiner Anhänger im Der Vuksche 

Panserbismus. 

Wesen für dieselbe Sache, nur in anderer Form und unter dem anderen 
Namen, Propaganda machte, war auf die Dauer der Konflikt zwischen 
den beiden Einheitsbestrebungen, der großserbischen und gToßkroatischen, 
unausweichlich. Er spitzte sich zum nationalpolitischen Antagonismus 
zwischen den Serben und Kroaten zu, wobei den führenden Geistern mehr 
die Vergangenheit als die Zukunft vor Augen schwebte. Glücklicherweise 
blieb bei allen widerwärtigen Zänkereien die errungene Einheit in der 
Literatursprache als etwas Selbstverständliches unangetastet, ja sie macht 
schöne Fortschritte, nachdem alle Teile des ganzen, politisch elend zer- 
rissenen Sprachgebietes an der gemeinsamen Kulturarbeit sich lebhaft be- 
teiligen. 

Wie schon gesagt, die serbo-kroatische Sprache zerfällt in drei Haupt- J^'"^^^^' 
dialekte: den s/o-, ca- und /{'öy-Dialekt. Der erste, der wohlklingendste 
vokalreichste, ist auch zugleich der verbreitetste : er umfaßt Serbien bis 
nach Altserbien hinein, Bosnien, Herzegowina, Dalmatien und Monte- 
negro, die südöstlichen Teile Kroatiens, ganz Slawonien und Teile von 
Südung-am. Der zweite, hinter dem ersten zurückweichend, lebt jetzt noch 
in Norddalmatien (bis hinter Spalato) und auf den gegenüberliegenden 
Inseln, im küstenländischen Kroatien (bis gegen Karlstadt nach Norden) 
und in Istrien. Diesen Dialekt sprechen auch die Kroaten Ungarns um 
Odenburg herum und an der Leitha. Der dritte umfaßt, wie schon erwähnt, 
das nordwestliche Kroatien, etwa von Karlstadt bis an die Mur (die Komi- 
tate Agram, Kreuz, jetzt Belovar, Warasdin und die ganze Murinsel). Der 
j/c-Dialekt, für den sich Vuk und Gaj eingesetzt hatten, beherrscht gegen- 
wärtig die ganze serbokroatische Literatur. Doch gibt es auch in diesem 
Dialekt kleine Verschiedenheiten in der Aussprache; eine derselben bildet 
noch jetzt den toten Punkt, über den die Literatursprache nicht zur Ein- 
heit gelangen konnte. Das ursprachlich lange c wird bald als /, bald als c 
(beide kvirz oder lang), jbald als ije-je (das erste lang, das zweite kurz) 



26 Vatroslav von JagiÖ: Die slawischen Sprachen. 

ausgesprochen. Darnach unterscheidet man drei Unterdialekte, einen /-, 
einen r- und einen ;k'-Dialekt. Der erste lebt im Westen (z. B. in Sla- 
wonien, Bosnien, in Südungarn — fast ausschließlich bei den Katholiken) 
und wird in der Literatur nicht mehr angewendet. Der zweite beherrscht 
den Osten (Syrmien und Teile Südungarns, Serbien nebst Altserbien) und 
gilt jetzt als der literarische Dialekt der Serben, soweit sie Belgrad als 
ihr Zentrum ansehen. Der dritte (genannt der südliche) lebt in Monte- 
negro und Herzegowina, im Ragusagebiet und Bocche di Cattaro, bei den 
Orthodoxen Kroatiens, Bosniens und Slawoniens. In diesem Dialekt 
werden alle Bücher, die in lateinischer Schrift erscheinen, gedruckt, aber 
auch die mit cyrillischer Schrift gedruckten, wenn sie in Kroatien, Bos- 
nien und Montenegro erscheinen, wenden diesen Dialekt an. Die Begründer 
der modernen serbischen Literatursprache, Vuk Stefanovic Karadzic und 
Grjuro Daniele , hatten zwar auch den Serben des Königreichs den süd- 
lichen Dialekt anempfohlen, doch konnten sie damit nicht auf die Dauer 
durchdringen. 
Fein entfaltete Die scrbokroatischc Sprache ist reich an feinen Betonungsunterschieden, 

Betonung. . . . ^ . * ' 

wie keine andere slawische. Sie besitzt betonte und unbetonte Längen, 
und auf jeder Quantität kann die Betonung steigend oder fallend sein. 
Für alle diese Unterschiede besteht seit der zweiten Auflage des Vuk- 
schen Wörterbuches genaue graphische Bezeichnung, deren Durchführung 
nebst Vuk namentlich Daniele zu verdanken ist. Im gewöhnlichen Ge- 
brauch wendet man allerdings die Bezeichnung nicht an. Die dialektische 
Erforschung der Sprache macht Fortschritte, der lexikalische Reichtum 
wird fleißig gesammelt (in Belgrad), das große historische Wörterbuch der 
Agramer Akademie schreitet langsam vorwärts (jetzt in L). 

Der Protestan- V. Slowcnlsche Sprachc. Die in Steiermark (südlich der Drau), 

tismus der Er- ^ ^ '' 

Wecker der Kämten (nur noch in einigen Tälern), Krain, Nordistrien und im Küsten- 

slowenischen ^ 6 /> ) 

Sprache. land von Triest bis Görz (teilweise auch in Norditalien) wohnenden Slawen 
bilden jetzt den Volksstamm der Slowenen, von den Deutschen „Winden" 
oder die „Windischen" genannt, die sich literarisch um Laibach als ihr 
geistiges Zentrum gruppieren. Sie sind sehr rührig in der Pflege ihrer 
Sprache, deren erste Anfänge in die Zeit der protestantischen Bewegung 
fallen. Die neue Lehre hatte in Krain starken Anklang gefunden und 
zur Übersetzung der Bibel und einiger anderer Werke (Postillen, Gesang- 
buch) geführt. Große Schwierigkeiten waren dabei zu überwinden, ohne 
grobe Germanismen kam das Werk nicht zustande (es wimmelte nicht 
nur von deutschen Fremdwörtern, sondern selbst der deutsche Artikel 
wurde durch ein demonstratives Pronomen mitübersetzt!). Die im 17. Jahr- 
hundert nachgefolgte katholische Reaktion trug sehr wenig zur sprach- 
lichen Berichtigung der ersten literarischen Versuche des Protestantismus 
bei. Auch das 18. Jahrhundert blieb unproduktiv. Erst zu Ende des- 
selben zeigten sich die ersten Anzeichen einer neuen geistigen Bewegung, 



B. Die slawischen Einzelsprachen. V. Slowenische Sprache. VI. Böhmische Sprache. 2 7 

die vor allem die Pflege der arg vernachlässigten Sprache bezweckte. 
Vodnik und seine Zeitgenossen, unterstützt von dem edel gesinnten Baron 
Zois, warfen sich auf das Studium der Volkssprache, um zunächst für ihre 
eigene ganz deutsche Denk- und Ausdrucksweise erträgliche slowenische 
Sprachformen und Wendungen ausfindig zu machen. Neben Vodnik sind 
namentlich Suppan und Ravnikar zu nennen. Doch übertraf sie alle an Neuer Auf- 
ausgezeichneter Kenntnis seines krainischen Dialektes der begabte lyrische <ion dreißiger 
Dichter Presem. Die zu seiner Zeit aufgekommene illyrische Bewegung 19. jahrhun- 
in Agram, die auch die Slowenen in den Kreis der sprachlich-literarischen 
Einheitsbestrebungen hineinziehen wollte, stieß bei Presem auf entschiedene 
Gegnerschaft, die ihr hier den Todesstoß gab. Doch in einer anderen 
Form ging der Illyrismus auch für die Slowenen nicht ganz verloren. In 
gemäßigter Weise befürwortete Bleiweis den Anschluß an das Illyrische 
(Kroatische), so vor allem in der Orthographie, dann aber auch in vielen 
Punkten der grammatischen Formen, der Syntax und des Wortschatzes. 
Es war ein Grundsatz der Bleiweisschen Richtung, bei jeder unerläßlichen 
Neuerung der slowenischen Schriftsprache vor allem das benachbarte 
Illyrische sich gegenwärtig zu halten. Nachher trat dagegen eine Reaktion 
auf, deren Postulat in der größeren Selbständigkeit der slowenischen 
Sprache und dem fleißigen Studium der Sprache des Volkes nach ein- 
zelnen Gegenden gipfelte. In neuerer Zeit gibt es auch Anhänger einer 
stärkeren Rücksichtnahme auf das Böhmische oder Russische, doch sind 
die Erfolge der letzteren Richtungen nur gering. 

Das Slowenische ist reich an dialektischer Mannigfaltigkeit. Man Dialektische 
unterscheidet vor allem das Ober- und das Unterkrainische, femer das 
Görzische und das Resjanische (in Norditalien). In Kärnten die Gailtaler 
und Jauntaler Mundart. In Steiermark hat der östliche Dialekt gegenüber 
dem südwestlichen seine Eigentümlichkeiten, an ihn schließt sich am 
nächsten das Slowenische der Bewohner Ungarns jenseits der Mur. Eine 
Reihe guter kleiner Monographien über diese Dialekte ist bereits ge- 
schrieben worden. Die Schriftsprache basiert hauptsächlich auf der imter- 
krainischen Mundart. Praktische Grammatiken sind in genügender Zahl 
vorhanden, auch ein gutes Wörterbuch (von Pletersnik). 

VI. Böhmische Sprache. Geringe Spuren des einstigen Lebens uje böhmische 
der kirchenslawischen Sprache auch in Böhmen können zwar nachgewiesen sehr fruh lite- 
werden, doch begann hier die literarische Anwendung der echten Volks- 
sprache, ganz unabhängig von der kirchenslawischen Beeinflussung, schon 
sehr früh, spätestens im 12. Jahrhundert. Den ersten Anstoß gaben aller- 
lei lateinische Texte, die zunächst mit böhmischen oder böhmisch-slawischen 
interlinealen Glossen versehen wurden. Als nächstes Bedürfnis stellte sich 
die Übersetzung des Psalters und anderer Teile der Bibel ein. Schon im 
1 3. Jahrhundert tauchten versifizierte Legenden in reicher Anzahl auf. Aber 
auch weltliche Stoffe, z. B. der Roman von Alexander dem Großen, blieben 



2 8 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

dem Interesse der böhmischen Schriftsteller jener Zeiten nicht fern. Im 
13. und 14. Jahrhundert erreichte die böhmische Literatur eine so reiche 
Entwicklung in dieser Richtung, daß für diese Zeit keine andere slawische 
Literatur ihr zur Seite gestellt werden kann. Die damalige altböhmische 
Sprache war noch reich an Sprachformen, die nachher gänzlich außer 
Gebrauch kamen und verloren gingen (z. B. Aorist und Imperfekt). Die 
verschiedenen Umlautsprozesse,- die zum Teil erst damals ins Leben traten, 
wie der Übergang von ja in //, behandelte die Sprache mit großer Fein- 
fühligkeit ohne störendes Eingreifen der Analogie. Häufiger Gebrauch 
der lateinischen Graphik für böhmische Laute erzielte auch gewisse Unter- 
scheidungen, denen erst das vertiefte Studium der Originaltexte in neuerer 
Zeit auf die Spur kam. Allerdings waren derartige Versuche zunächst 
Hus' orthogra- individuell, ohne Schule zu bilden. Erst Jan Hus führte das Prinzip der 
p isc e e orm. ■(jjj^gj.g(,j^gj(j^j,g slawischer Zischlaute durch diakritische Zeichen mit ziem- 
licher Konsequenz durch (er bediente sich der Punkte) und gilt darum als 
der Vater der heutigen böhmischen Orthographie. Die zentrale Lage 
Prags, das sehr früh über ganz Böhmen dominierte, war der Entfaltung 
großer Dialektunterschiede in Böhmen nicht günstig. In den altböhmischen 
Texten haben dialektische Verschiedenheiten nur schwache Spuren hinter- 
lassen. Auf mährischen Ursprung glaubt man allerdings bei manchen 
Denkmälern aus gewissen Lauteigentümlichkeiten schließen zu dürfen. 
Sicher ist, daß schon damals sowohl in Böhmen wie in Mähren Dialekte 
vorhanden waren, die im Laufe von Jahrhunderten wenigstens in Böhmen 
eher ab- als zunahmen. In Mähren können spätere Verschiebungen der 
Bevölkerung stattgefunden haben. Noch jetzt gilt Mähren als das Land 
von reich entfalteten Dialektunterschieden, worüber wir vortrefflich unter- 
Reiche diaiek- richtet sind. Die Forschimgen Bartos' u. a. veranschaulichen uns das ganze 
in Mähren. Bild mundartlicher Differenzen sozusagen von Dorf zu Dorf. Man weiß 
daraus, daß einige Hauptmerkmale des Slowakischen schon durch Ost- 
mähren stark verbreitet sind, so daß man in dialektischer Beziehung das 
ganze Land in eine böhmische und eine slowakische Hälfte einteilen 
könnte. War es auch in alter Zeit so oder sah einst Altmähren in seinem 
ganzen Umfange dem heutigen östlichen Teil gleich? Das letztere anzu- 
nehmen liegt um so näher, da ja die meisten dieser Züg-e, wodurch sich 
das Ostmährische vom Böhmischen unterscheidet, einen älteren Sprach- 
zustand vorstellen. Dann würde für das altmährische Reich des 9. Jahr- 
hunderts eine größere sprachliche Einheitlichkeit in seinem ganzen Um- 
fang, mit Einschluß des heutigen sogenannten slowakischen Sprachgebietes, 
anzunehmen sein, und die Sprache Altmährens würde sich nicht ganz un- 
beträchtlich jenem kirchenslawischen Dialekt nähern, den die salonikischen 
Brüder seinerzeit hierher brachten. Doch ist damit nicht gesagt, daß die 
Sprache Altmährens, selbst wenn man die heutigen slowakischen" Dialekte 
als ihre wahren Deszendenten bezeichnet, aus der böhmischen Sprach- 
gruppe ausgeschieden und in ein näheres Verwandtschaftsverhältnis zu 



B. Die slawischen Einzelsprachen. VI. Böhmische Sprache. 2 g 

der südslawischen Sprache gebracht werden dürfte. Wenn in neuester 
Zeit bezüglich des Slowakischen diese Theorie aufgestellt wird, so kann 
man sie auf sich beruhen lassen, solange keine Beweise dafür erbracht 
werden können. Einzelne mit den südslawischen (slowenischen, kroatischen) 
Dialekten übereinstimmende Erscheinungen, die ganz der Stellung des 
Slowakischen auf dem Grenzgebiet und Übergang zum Südslawischen ent- 
sprechen, können das Schwergewicht der Gesamtheit nicht aufheben, die 
dem Slowakischen innerhalb der böhmischen Sprachgruppe den Platz 
anweist. 

Während das Altböhmische bis zu Ende des 14. Jahrhunderts haupt- Das goldene 

rr -TT 1 • T T T Zeitalter der 

sächlich Legendenstorfe, meistens in Versen behandelte, erweiterte Jan Hus böhmischen 

, . Sprache und ihr 

die Aufgaben der böhmischen Sprache für die Behandlung theologisch- Niedergang, 
dogmatischer und philosophischer Fragen in Prosa; dazu kam auch die 
juridische Prosa. In der Dichtung trat man bei der Wahl weltlicher, 
mittelalterlich-ritterlicher .Stoffe in die Fußstapfen der deutschen Literatur; 
originell wurde dagegen das Kirchenlied gepflegt, das unter den Böhmischen 
Brüdern gToßen Aufschwung nahm. Das war auch das goldene Zeitalter 
der böhmischen Sprache, in welchem auch schon die ersten Betrachtungen 
über den grammatischen Charakter derselben angestellt wurden. Werke, 
wie Jan Blahoslavs grammatische, stilistische und selbst dialektologische 
Beobachtungen über die böhmische Sprache würde man vergebens in den 
übrigen slawischen Literaturen jener Zeit suchen. So fein war damals 
der Sinn für die richtige Anwendung der Sprache entwickelt. Der bald 
darauf folgende Humanismus hat für die böhmische Sprache keine große 
Bedeutung, wenn auch durch gelehrte lexikalische Vergleichungen jetzt 
die ersten Bausteine für ein etymologisches Wörterbuch gegeben wurden. 
Dann kam aber (nach 162 1) eine traurige Zeit der Bedrückung und Ver- 
folgung der böhmischen Sprache. Alles böhmisch Geschriebene oder 
Gedruckte wurde unter dem Vorwand, daß dahinter etwas Antikatholisches 
stecken könnte, mit Bann belegt, zahllose Sprach- und Literaturdenkmäler 
fielen der Verfolgungswut zum Opfer. Die freie Entwicklung der böh- 
mischen Sprache -wrirde gehemmt, in den wenigen Leistungen dieser 
traurigen Epoche zeigte sich Gedankenarmut und Geschmacksverirrung. 
Wo der freie Gedanke fehlte, stellte sich Wortklauberei ein. Diese 
Periode der Erniedrigung der böhmischen Sprache hielt an bis zu den 
Zeiten Kaiser Josephs IL Da begann infolge der auf die Volksbildung 
verwendeten Sorgfalt, mag auch diese zunächst die Form des germani- 
sierenden Zentralismus angenommen haben, ein neues Leben auch in 
Böhmen sich zu regen. Die Befreiung vom kirchlichen Druck kam auch 
der böhmischen Sprache zugute. Aufgeklärte Männer, darunter der geniale Die wieder- 
Dobrovsky, erhoben ihre Stimme zugunsten der Pflege der böhmischen geleitet durch 
Sprache, wobei zugleich der Wunsch laut zum Ausdruck kam, daß man schenReformea. 
nicht an die unmittelbar vorausgehende Periode traurigen Andenkens an- 
knüpfen, sondern in die Fußstapfen der böhmischen Brüder treten und die 



^O Vatroslav von JagiC: Die slawischen Sprachen. 

Sprache der Kralicer Bibel sich zum Muster nehmen solle. Dieser Rat 
wurde auch befolgt und trug reichliche Früchte. Die grammatische Ana- 
lyse der böhmischen Sprache bekam durch das große kritische Talent 
Dobrovskys neue Gestalt, die Grundsätze der böhmischen Versifikation 
wurden auf neue Basis gestellt. Die .Sprache zog in die Schulen von der 
untersten bis zur Universität als Lehrgegenstand ein, Gesellschaften zur 
Pflege derselben bildeten sich, die romantische Liebe für das Volkstüm- 
liche überschritt selbst die Grenzen des Erlaubten und führte zu den be- 
kannten Fälschungen. Besser wurde der Sprache durch reichliche Über- 
setzungen aus modernen Literaturen (deutsch, französisch, englisch) gedient, 
sie bereicherte sich an Wort- und Phrasenschatz. Die schöpferische Kraft 
origineller Talente blieb hinter der Menge der Produktion allerdings stark 
zurück. Die Sprache gewann dadurch allmählich einen hohen Grad der 
Ausdrucksfähigkeit für alle Bedürfnisse des modernen Kulturlebens, doch 
die Originalität des Stiles nahm nicht in gleichem Grade zu. Die moderne 
böhmische Sprache ist sehr reich, aber etwas farblos geworden. Sie kann 
sich in der Urwüchsigkeit der Ausdrucksweise weder mit der russischen 
oder polnischen noch mit der serbischen messen. 
Grammatisch- Das mit Vorliebe gepflegte ethnographische Studium neuerer Zeit 

Behandlung, kommt natürlich auch der Sprache zugute, die Dialekte werden erforscht, 
das folkloristische Material fleißig gesammelt, wodurch auch dem lexi- 
kalischen Vorrat neue Schätze zufließen. Die Anzahl der den praktischen 
Zwecken dienenden Lehrbücher ist sehr groß, die wissenschaftliche Er- 
forschung der Sprache ruhte zuletzt fast ganz auf den Schultern eines 
Mannes (f Gebauer), dem die slawische Sprachforschung eine historische 
Grammatik und ein historisches Wörterbuch der böhmischen Sprache ver- 
dankt (beides noch unvollendet). Die lexikalische Aufnahme des gegen- 
wärtigen Sprachschatzes steht noch nicht auf der Höhe, um allen Bedürf- 
nissen zu entsprechen. 



Trennung der 
Slowaken von 
der böhmische 
Literatur- 
sprache. 



VII. Slowakische Sprache. Die der slawischen Rasse angeborene 
Zersplitterungssucht brachte im Laufe des 19. Jahrhunderts auf dem farben- 
reichen Sprachenteppich einige neue Figuren zum Vorschein, darunter 
auch die slowakische Literatursprache. In dem von den Slowaken be- 
wohnten nordungarischen Gebirgsland geht es allerdings dialektisch recht 
bunt zu, doch alle Mundarten der Slowaken werden durch Ostmähren als 
das Verbindungsglied mit Böhmen zu einer großen SprachgTuppe ver- 
bunden, die unter normalen Verhältnissen, nach dem Beispiele anderer 
Völker und Länder (Deutschlands, Frankreichs, Italiens) ganz gut und ver- 
nünftig mit einer Literatursprache sich hätte begnügen können. Und doch 
kam es anders. In der Slowakei hielten die Protestanten, worunter sich 
viele Exulanten aus Böhmen befanden, an der böhmischen Sprache, die 
sie als liturgische verehrten, fest. Schon aus religiösem Gegensatz dazu 
unternahmen die Katholiken, seitdem sie im 18. Jtdirhundert aiiflngen zu 



B. Die slawischen Einzelsprachen. VII. Slowakische Sprache. Vni. Sorbische Sprache. 31 

schreiben, das lokale Slowakische zu pflegen. Nach verschiedenen Schwan- 
kungen hin und her — man war nämlich in der Wahl des Dialektes, der 
zur Schriftsprache auserkoren werden sollte, nicht gleich einig — bekam 
die Ansicht jener Oberhand, die für die Slowaken eine eigene slowakische 
Literatursprache zu haben wünschten. Das geschah um die Mitte des 
vorieen Jahrhunderts, während Böhmen mit sich selbst zu Hause genug Begünstigung 

^ J ' ^ der Trennung 

ZU schaffen hatte, um mit gehörigem Nachdruck davor zu warnen. Die durch die 

Magyaren. 

bald darauf durch den Dualismus in der Monarchie wiederhergestellte 
Herrschaft der Magyaren in Ungarn akzeptierte und sanktionierte die 
Trennung der Slowaken von den Böhmen um so bereitwilliger, als ja die 
Slowaken dadurch der Magyarisierung zugänglicher wurden. So existiert 
seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine eigene slowakische 
Literatursprache, für welche die slowakischen Philologen grammatische 
Regeln vorschrieben, nach denen sie sich zu richten hat. In neuester 
Zeit wird behauptet, die gegenwärtige Literatursprache sei noch immer 
nicht rein slowakisch, es müsse noch so mancher Bohemismus ausgemerzt 
werden. Selbst wenn auch das geschieht, wird die gereinigte slowa- 
kische Literatursprache, solange sie gänzlich Jausgeschlossen ist aus 
der Schule und dem politischen Leben, nur ein kümmerliches Dasein 
fristen können. 

Vin. Ober- und Niederlausitz-Sorbische Sprache. Solche zwei lausitz-sor- 

bische Dialekte 

winzige Literatursprachen, in noch mehr verkleinertem Maßstabe, als es beim infolge der 

^ kirchlichen 

Slowenischen und Slowakischen der Fall ist, birgt Deutschland sogar zwei Spaltung, 
in seiner Mitte, eine in der Oberlausitz und die andere in der Niederlausitz. 
Freilich sind das jetzt nur die letzten Überreste des einst (vor tausend 
Jahren) mächtig gewesenen Volksstammes der Sorben, der nördlich bis 
Köpenick, dann über Zossen nach Dahme und an der Elbe gegenüber 
der Saalemündung bis in die Gegend von Fulda reichte und westwärts 
bei Kissingen an die fränkische Saale und an die Grenze Württembergs. 
In diesem Gebiete liegt die Wiege so bedeutender Städte, wie Leipzig, 
Dresden, Meißen u. a., deren Namen slawischen Ursprungs sind. Das 
wenige, was von alledem den „Wenden" heute übrig geblieben, zerfällt 
infolge der religiösen Trennung in die katholische Oberlausitz und die 
protestantische Niederlausitz, und da das Schrifttum der beiden Ländchen 
erst nach dieser Trennung begann, so trennten sich gleich anfangs die 
Katholiken von den Protestanten im Dialekt, was vor der Glaubensspal- 
tung kaum geschehen wäre, weil die Unterschiede zwischen Ober- und 
Niederlausitzischem ganz unbedeutend sind, z.B. was der eine c'ic/iy spricht, 
lautet beim andern sichy, der eine sagt proso, der andere psoso u. ä. m. 
Die Kompromißversuche, jetzt eine einheitliche Schriftsprache zu gründen, 
dürften wohl zu spät kommen. 



X2 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

Spätes Auf- IX. Polnische Sprache. Auffallend spät gelangte nach unserer 

kommen der pol- ^ . ^ j~, - . ^ . . ^^ 

nischen Sprache Kcnntnis die polnische Sprache zur schriftlichen Anwendung. Obgleich 
' alle Bedingungen da waren, ein nationalpolnischer Staat, frühe Bekehrung 
zum Christentum, verwandtschaftliche Beziehungen zu der christlichen 
Umgebung (den Böhmen, Russen und Deutschen), und obgleich das Bei- 
spiel der Nachbarn zur Nachahmung hätte anregen können (die böhmischen 
Slawen besaßen ganz gewiß um das Jahr 1200 schon viele böhmisch 
geschriebene Texte), beginnt es sich bei den Polen doch erst um die Mitte 
des 14. Jahrhunderts zu regen. Soll man der Vermutung Raum geben, 
daß die christlichen Polen anfangs mit den zu ihnen gebrachten böhmischen 
Büchern sich begnügten? Beweise dafür liegen nicht vor, wenn es auch 
bekannt ist, daß in den ältesten polnischen Texten (aus dem 14. und 15. 
Jahrhundert) Bohemismen nachgewiesen werden können. Man schließt 
daraus entweder auf unmittelbare böhmische Vorlagen oder auf die aus 
der Lektüre böhmischer Texte geschöpfte literarische Übung und Vor- 
bereitung. Weniger wahrscheinlich wäre die Annahme, daß die Priester 
böhmischer Nationalität selbst bei der Abfassung der ältesten polnischen 
Texte sich beteiligt haben. Kurz und gut, polnische Texte, kleineren und 
größeren Umfangs, tauchen vor der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
nicht auf. Sie sind auch in dieser Zeit noch große Seltenheit, wenigstens 
für uns. Man muß vorsichtshalber diesen Zusatz hinzufügen, da ja vieles, 
wovon wir keine Ahnung haben, verloren gehen konnte. Sind ja doch 
keine zwei Dezennien vergangen seit der Zeit, daß Bruchstücke, polnischen 
Text enthaltend, entdeckt wurden — ganz in böhmischer Art zur Ein- 
falzung lateinischer Manuskripte verwendet — , die dem bis dahin immer 
an erster Stelle genannten Psalter von St. Florian den Vorrang" streitig 
machen. Die schmalen Streifen stellen das Bruchstück einer Predigt in 
polnischer Sprache dar und gestatten die Vermutung, daß es solche Dinge 
zu jener Zeit in größerer Anzahl gab. Doch über die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts führt uns auch diese Entdeckung nicht hinaus. Die polnische 
Sprache war gerade damals in einem Stadium des Übergangs von dem 
beinahe ganz schon aufgegebenen Inventar alter Sprachformen in den 
neuen, heutigen Zustand begriffen. Mit der im Altböhmischen noch reich- 
lich angetroffenen Herrschaft der alten Aoriste und Imperfekte war es 
hier im Polnischen schon vorbei; kaum wenige Beispiele haben sich noch 
erhalten, um in dieser Beziehung den Vergleich zwischen den altböhmischen 
und altpolnischen Formen zu ermöglichen. Der noch heute lebende Na- 
salismus, der jetzt das Polnische als das Französische des Nordens er- 

SchwicriBkcit scheinen läßt, war selbstverständlich auch damals vorhanden, doch seinem 

der polnischen 

Graphik, damaligen lautlichen Charakter ist wegen der ganz unzulänglichen 
Graphik sehr schwer beizukommen. Das sehr früh eingeführte Zeichen O 
kann alle möglichen Lautnüanzen ausdrücken, gewiß ist damit nicht ge- 
meint, daß es damals nur einen Nasallaut gegeben habe. Vieles spricht 
dafür, daß die damalige polnische Sprache noch Quantitätsunterschiede 



B. Die slawischen Einzelsprachen. IX. Polnische Sprache. 23 

bei den Vokalen kannte. Diese mögen schon damals den polnischen 
Nasalismus aus der urslawischen Phase in ein anderes, dem heutigen 
Zustand näher stehendes Stadium gebracht haben. Auch dialektische 
Unterschiede treten im Altpolnischen nur sehr schwach entgegen (etwa 
in den sogenannten Gnesener Fragmenten und in städtischen Eides- 
formeln). In den Literaturdenkmälern polnischer Sprache scheint von 
allem Anfang an die Sprache des Adels, der sich um den Hof gruppierte, 
maßgebend gewesen zu sein; das Vulgäre, aber auch das Dialektische, 
wurde femgehalten. Der Charakter der altpolnischen Denkmäler während 
des 14. und 15. Jahrhunderts war aufs Praktische, auf die Bedürfnisse des 
Lebens gerichtet (Psalmen und Gebetbücher, beides zumeist für edle 
Frauen bestimmt, dann Eidesformeln und die Übertragung der Gesetze 
ins Polnische), für die geistige Unterhaltung vermittelst des geschriebenen 
Wortes scheint man noch wenig Sinn gehabt zu haben. Selbst die in 
der böhmischen Literatur so zahlreich vertretenen versifizierten Legenden 
kommen im Altpolnischen nur in ganz geringer Anzahl vor. 

Die feinen Unterschiede in der Aussprache polnischer Vokale und 
mouillierter Konsonanten waren mit den gewöhnlichen Mitteln der latei- 
nischen Schrift nicht leicht wiederzugeben. Daraus erklären sich die früh 
begonnenen und öfters wiederholten Versuche, darin Ordnung zu schaffen. 
Die der böhmischen Orthographie abgeborgten diakritischen Zeichen 
drangen nicht überall durch, man wollte i und c nicht, obschon man z 
hatte und selbst c s i hinzukamen. Auch die Bezeichnung der sogenannten 
gesenkten (ursprünglich gedehnten) Vokale als d ö e (ausgesprochen bei- 
nahe wie 0, ZI, i) unterlag verschiedenen Schwankungen, bis man zuletzt 
bei a die Bezeichnung aufgab und nur noch ö e übrig blieb. 

Die protestantische Bewegung führte auch bei den Polen zu bedeuten- Goldenes Zeit- 
den Resultaten, die sich in der Literatur und Sprache abspiegelten. Im Ricbtuagen. 
ganzen war die Sprache der Anhänger des neuen Glaubens grobkörniger, 
volkstümlicher, jene der katholischen Humanisten feiner, aristokratischer. 
Als tjrpische Repräsentanten könnten auf der einen Seite Rej, auf der 
andern Kochanowski gelten. Der Humanismus brachte Polen in nähere 
Beziehung mit Frankreich und Italien, wovon der feine Geschmack des 
sogenannten goldenen Zeitalters der polnischen Literatur viel g-ewann. 
Doch diese Schule der schönen Form und des feinen Geschmacks dauerte 
nicht lange. Die parlamentarische in lateinischer Sprache geübte Bered- 
samkeit, die von der Klassizität weit entfernt war, brachte auch in den 
Gebrauch der polnischen Sprache im Leben und in der Literatur eine 
übermäßige Fülle lateinischer Elemente, die sich geradezu bis zum Mak- 
karonismus steigerte. Im 18. Jahrhundert trat unter dem französischen 
Einfluß eine Reaktion dagegen ein, doch zugleich wurde die Sprache 
bis zur unnatürlichen Steifheit durch räsonnierende Spitzfindigkeiten ge- 
maßregelt. Erst die nationale Romantik zu Ende des 1 8. und in der Neuer Anf- 
ersten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts gab durch die Bereicherung der Lite- der Romaatii 

Die Kultur der Gegenwart. I. 9. 3 



■lA Vatroslav von jAGi(i: Die slawischen Sprachen. 

ratur mit neuen Stoffen auch der polnischen Sprache neuen Schwung, 
der noch andauert. 

Die pohlische Literatursprache wollte seit ihrem frühesten Auftreten 
vorzüglich den vornehmen Kreisen der Gesellschaft dienen. Auch ihr 
erster Grammatiker war von vornehmer, polnisch-französischer Abkunft. 
Nur für die praktischen Bedürfnisse der nächsten Nachbarn, der Deutschen, 
wurden auch Lehrbücher in deutscher Sprache abgefaßt. Im i8. Jahr- 
hundert unterzog sich ein angesehener Piarist (Kopczynski) der wichtigen 
patriotischen Aufgabe, den Unterricht der polnischen Sprache in den 
Schulen nach verschiedenen Altersstufen zu regeln, verschiedene Lehr- 
bücher abzufassen und philosophisch-pädagogische Kommentare dazu zu 
schreiben. Ihm schwebten französische Muster vor, seine grammatischen 
Grundsätze richteten sich nach der französischen Grammaire raisonnee. 
Die Folgen dieser Auffassung pflanzten sich in der polnischen Grammatik 
fort bis in die Mitte des ig. Jahrhunderts. Eine gewisse klassische Steif- 
heit beherrschte wenigstens die Theorie auch dann noch, als es im Leben 
der Sprache viel freier zuging. Sehr spät schloß sich die polnische 
Grammatik der neuen auf Vergleichung verwandter Sprachen, zumal der 
Die dialektische altkirchenslawischcn, basierten Richtung an. Auch für das Studium der 

Erforschung 

mangelhaft, polnischcn Dialekte wollte man sich lange Zeit nicht besonders erwärmen, 
was zum Teil in der Besorgnis, daß dadurch die Einheit der Literatur- 
sprache Schaden leiden könnte, begründet gewesen sein mag. Erst die 
letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts suchten das früher Versäumte 
nachzuholen (die Schule Malinowskis). Man unterscheidet ein Großpolen 
(mit uraltem Mittelpunkt Gnesen) und ein Kleinpolen (mit Krakau als 
Zentrum), doch sind damit keine ausgesprochenen Dialekte bezeichnet, da 
vielmehr auf beiden Seiten mehrere dialektische Unterschiede vorhanden 
sind. Auch das sogenannte Masurische, d. h. die Aussprache der breiten 
Zischlaute c i i eng zugespitzt zu c s z, ist eine Eigenschaft, die sich 
über verschiedene Dialekte erstreckt. Manches Eigentümliche, namentlich 
im Nasalismus, charakterisiert die schlesische Mundart, die auch zu den 
best erforschten gehört. Das gesamte polnische Sprachgebiet ist dialek- 
tisch bei weitem noch nicht erschöpfend durchforscht. Verhältnismäßig" 
viel Aufmerksamkeit wurde dem Kaschubischen in grammatischer und 

Das Kaschu- lexikalischer Hinsicht gewidmet. Es steht unzweifelhaft dem Polnischen 

bischo und ° . ^ . T . . . 

Poiabisciic. am nächsten, allein man könnte es dennoch nicht auf g'leiche Linie mit 
irgendeinem polnischen Dialekt stellen. Wenn man die von Hilferding 
und Schleicher vorgeschlagene umfassendere Benennung „lechisch" für 
beides gelten lassen wollte, so wäre nichts dagegen einzuwenden, nur 
bleibt es auch dann noch fraglich, ob das Polabische ebenfalls dazu 
gehört oder nicht, da es jedenfalls vom Polnischen weiter absteht als das 
Kaschubische. 

Eine umfangreichere, geschichtlich angelegte Grammatik der polnischen 
Sprache geht uns noch ab, Vorarbeiten dazu (Übersicht der Formen) sind 



B. Die slawischen Einzelspraclicn. X. Schlußbctrachlung. ßj 

vorhanden. Für praktische Erlernung der Sprache liegen genug Lehr- 
bücher vor. Lexikalisch war die Sprache fleißig durchstudiert (nach lite- 
rarischen Quellen) schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts durch Linde, 
dessen umfangreiches Wörterbuch für seine Zeit eine musterhafte Leistung 
war. Ein neues geschichtlich angelegtes Wörterbuch erwartet man von 
der Krakauer Akademie. Gegenwärtig lenken die Aufmerksamkeit auf 
sich das von dem verstorbenen Karlowicz leider nicht zu Ende gebrachte 
Wörterbuch der polnischen Dialekte und das neue in Warschau erscheinende 
Wörterbuch der polnischen Sprache, dessen Hauptzweck der möglichst 
erschöpfende Wortreichtum bildet, jedoch ohne geschichtlichen Hintergrund. 

X. Schlußbetrachtung. Wie die gegebene Übersicht zeigt, ist die Große Zahi de 

° = * ° ' slawischen 

Zahl der slawischen Sprachen, die auf das Recht, als Literatursprache zu sprachen. 
gelten, Anspruch erheben, gar nicht klein. Neun verschiedene vSprachen 
bekommt man, selbst wenn man Ober- und Niederlausitz als eine Einheit 
zählt; zwölf sogar, wenn man diese zwei Sprachen voneinander trennt 
und auch das Kaschubische vom Polnischen absondert, endlich auch das 
Kirchenslawische mitzählt. Dabei sind gewesene, oder nicht mehr zur 
literarischen Anwendung kommende Sprachen gar nicht mitgerechnet, wie 
das Westrussische des 16. und 17., das Kirchenslawische auf dem rumä- 
nischen Gebiet, das Slawoserbische des 18. Jahrhunderts, das Kaj-'Kxoa.- 
tische des 16. und der folgenden Jahrhunderte (bis 1840). Durch die 
Größe der Bevölkerung, die ja als natürliche Grrundlage wesentlich ins 
Gewicht fällt, steht die russische Sprache obenan, sie allein könnte sich 
in dieser Beziehung mit den größten europäischen Sprachen messen, zu- 
mal wenn man die ihr zur Verfügung stehenden staatlichen Mittel in Be- 
tracht zieht. Sie ist auch die einzige, die auf eine Rolle im internationalen 
Verkehr rechnen kann, wenn nicht schon jetzt, so in nicht ferner Zukunft, die 
durch die Wendung der inneren Zustände Rußlands zur freieren Entfaltung 
der geistig'en Kräfte des Volkes wesentlich näher gerückt werden könnte. 
Zu kleineren, doch mit reichhaltigem literarischen Hintergrund ausgestatteten 
Sprachen gehören die polnische und böhmische. Alten Datums ist auch ""re Zukunft 
die wohlklingende serbokroatische Sprache, die unter vernünftiger Aus- 
beutung der gegebenen Bedingungen es zur kräftigen Literatur mittlerer 
Größe, gleich etwa der polnischen oder böhmischen, bringen könnte. 
Ob es der ruthenischen Sprache gelingen wird, den vollen ethnischen 
Umfang in den Dienst einer einheitlichen Schriftsprache und Literatur zu 
bringen, das bleibt der Zukunft vorbehalten; sie würde dann nach der 
Zahl der Bevölkerung selbst die polnische übertreffen. Jungen Datums, 
aber durch glückliche geographisch-politische Lage begünstigt, wird die 
bulgarische Sprache jedenfalls den ihr gebührenden Platz behaupten. 
Unbedingt schwach und klein bleiben die slowenische und slowakische 
Sprache, beide außerdem in ihrer Existenz bedroht von den mächtigen 
Nachbarn nichtslawischer Zunge. Das Sorbische der Ober- und Nieder- 

3* 



•35 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

lausitz kann sich nur halten, solange Deutschland diese ethnographischen 

Oasen begünstigt. 

Notwendigkeit Das gegenseitige Verwandtschaftsverhältnis unter allen slawischen 

icre" Versen- Sprachen ist allerdings viel inniger als bei den germanischen und roma- 

un'|™cht"t"der nischen Sprachen. Dennoch können sich die Gebildeten, deren Gedanken 

wrndt^schaft'^der Über die Grenzen der täglichen Lebensbedürfnisse hinausgreifen, nur zur 

Sp7ädien" Not untereinander verständigen, mit der größten Anspannung der ganzen 

Aufmerksamkeit. Die allgemeine Kenntnis einer slawischen Sprache ist 

derzeit unter den Slawen noch nicht vorhanden, wenn auch die russische 

teils durch Zwang (in Polen), teils durch kulturellen Einfluß (in Bulgarien) 

einige Eroberungen bereits gemacht hat auch außerhalb ihrer natürlichen 

Grenzen. Für jetzt noch läuft ihr die deutsche Sprache im internationalen 

Verkehr der Slawen entschieden den Rang ab. 



Literatur. 

Einleitung. Über die Slawen als Ostnachbam der Deutschen bleibt noch imnier 
als ein klassisches Orientierungswerk das Buch von K. Zeuss: „Die Deutschen und ihre 
Nachbarstämme" (1837). Für die gegenwärtigen Kenntnisse manches Veraltete oder Über- 
flüssige enthalten die „Slawischen Altertümer" von P. J. Safari'k (1837). Auch der zweite 
Band der „Deutschen Altertumskunde" von K. Müllenhoff (1887) kommt in Betracht. In 
neuester Zeit ist das in böhmischer Sprache erscheinende, ausführhch angelegte Buch 
L. NlEDERLEs (1904 — 1906J dazu bestimmt, alles Frühere zu ersetzen. Geistreich in russischer 
Sprache geschrieben ist das kleine Werk PoGODlNs (1901). Dieser kritischen Richtung in 
der slawischen Altertumskunde steht eine nationalistische gegenüber , deren Hauptgedanke 
darin gipfelt, daß die Slawen seit uralten Zeiten über die ganze östliche Hälfte Germaniens 
fals Sueven usw.1 verbreitet waren. Die zwei hauptsächlichsten Vertreter dieser Richtung im 
ig. Jahrhundert waren A. Sembera (1868) und J. Pervvolf (1884— 1885), in neuerer Zeit 
der ungemein fleißige und belesene, aber unkritische BoGUStAWSKi. 

A. Die slawischen Sprachen im allgemeinen. 

1. Vorgeschichtliches. II. Anfänge der Geschichte. III. Slawische Sprachen 
in der neuen Heimat. Nach dem Vorbilde A. Kuhns und Ad. Pictets hat man auf lin- 
guistische Kombinationen aufgebaute Kulturbilder der alten Slawen vielfach gezeichnet. Der 
bedeutendste Versuch in russischer Sprache von A. BUDILOVIC (1878— 1882) ist nicht zu 
Ende geführt. Eine urslawische Grammatik geht uns noch ab. Etwas nähert sich der Auf- 
gabe die vergleichende Slawische Grammatik von W. VONDRÄK (1906). FORTUNATOV und 
seine Schüler (Uljanov, PORZEZiriSKi, Lj.^punov) bearbeiten einzelne Partien der slawischen 
Grammatik mit besonderer Rücksicht aufs Litauische. Nach dieser Richtung ist auch ZUBATY 
in Prag tätig. Ein et>'mologisches Wörterbuch der slawischen Sprachen ist bis jetzt nur in, 
der Bearbeitung MiklOSICHs (1886) vorhanden (reiches, unverarbeitetes slawisches Material). 
Eine neue Leistimg auf diesem Gebiet verspricht Berneker zu liefern. Die Entlehnungen 
des slawischen Wortschatzes aus orientalischen Sprachen haben MiKLOSiCH (1884^1890) 
MeliORANSKIJ und KORä (1902 — 1905) behandelt; aus den germanischen Uhlenbeck (1899, 
im Archiv für slav. Ph.), allgemein Matzenauer (1870) und neuerdings Strekelj. Die 
Klassifikation der slawischen Sprachen, von Dobrovsky begonnen, später von Maksimovic, 
Safari'k, Kopitar, Miklosich, namentlich von Schleicher nach seiner Stammbaumtheorie 
behandelt, trat durch die Theorie des Johannes Schmidt in ein neues Stadium ein; jetzt 
erfreut sich die Annahme von Übergangsdialekten großer Verbreitung, vgl. Baudouin DE 
Courtenays Ausführungen in einer Dorpater Vorlesung (1884) und in dem russischen enzy- 
klopädischen Wörterbuch (Bd. XXXj. Die Frage über die Entstehungszeit der slawischen 
Dialekte hat nach Hirts Vorgang und Muster Lj. Stojanovic in einem Vortrage der serbischen 
Akademie (1896) behandelt, doch ist er auf Widerspruch gestoßen (Jagic, Oblak, Arch. f. 
sl. Ph. XIX), vgl. auch eine Kombination Sobolevski.Is im Archiv für slawische Philologie, 
Bd. XXV). 

IV. Die kirchenslawische Sprache. Zur Frage über den Ursprung und die Heimat 
vgl. jetzt Jagic, ,,Zur Entstehungsgeschichte" (erschienen in den Denkschriften der Wiener 



^8 Vatroslav von Jagic: Die slawischen Sprachen. 

Akademie 1900). Über die Tätigkeit der Slawenapostel hat zuletzt in böhmischer Sprache 
Pastrnek (1902) geschrieben, ohne alle dunklen Punkte aufgehellt zu haben. Subjektive 
Einfälle verschiedener Gelehrter (Friedrich, Götz, L.wianskij, Brückner) müssen zurück- 
gewiesen werden. Eine Geschichte des Einflusses der kirchenslawischen Sprache auf die 
einzelnen slawischen Sprachen geht uns noch ab, nur bezüglich der russischen Sprache ist 
von BULIÖ 1893 ein Werk erschienen. Auch eine ausführliche Grammatik der kirchen- 
slawischen Sprache mit Berücksichtigung ihres Entwicklungsganges nach Jahrhunderten fehlt 
noch. Nach den ältesten Denkmälern ist die Sprache analysiert seit dem großen Werke 
MiKXOSiCHs in dem Handbuch A. Leskiens (4. Aufl. 1905) und in dem Buch VONDRÄKs (1900). 
In russischer Sprache ist das Buch Sobolevskijs (1891) zu erwähnen. 

B. Die slawischen Einzelsprachen. 

I. Die russische Sprache. Die geschichtliche Erforschung der russischen Sprache 
nach Jahrhunderten haben seit KoLOSOV (1872) hauptsächlich Sobolevskij und Schachmatov 
behandelt. Die , .Vorträge" des ersteren sind bis jetzt (1903) in drei Auflagen (russisch) er- 
schienen. Schachmatov zeichnet nebst Einzelforschungen das Bild der Entstehung der 
russischen Dialekte (etwas subjektiv) in einem knappen Vortrag (wiederholt erschienen, zu- 
letzt 1899). Die Erforschung der jetzigen großrussischen Dialekte hat neuerdings die russische 
Abteilung der Akademie der Wissenschaften in die Hand genommen, leider ohne ein be- 
sonderes Organ dafür bestimmt zu haben. Ein kurzes Resümee über die bis in die neunziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts gemachten Forschungen hat SoBOLEVSKIJs ,, Versuch" (in 
russischer Sprache 1897) geliefert. Fürs Weißrussische hat grammatisch und ethnographisch 
das Hervorragendste Karskij (1893— 1905) geleistet. Die Analyse der sprachlichen Eigen- 
tümlichkeiten der bedeutendsten Schriftsteller seit LOMONOSOV behandelt jetzt monographisch 
E. BUDUE. Als Lautphysiologiker verdient Bogoridickij aus Kasan und Broch aus Chri- 
stiana erwähnt zu werden. 

II. Ruthenische Sprache. Großen Wert haben fürs Kleinrussische die Leistungen 
Potebnjas (seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrh. bis 1S83) und die flott geschrie- 
benen Skizzen ZiTECKIJs (1876, 1893). Manchen guten geschichtlichen Rückblick enthalten 
die Studien Ogonowskis (1890), dessen kleinrussische Grammatik, nach Osadcas Buch, die 
meiste Verbreitung in Galiziens Schulen gefunden. Über die Dialekte gab vor 35 Jahren 
eine zusammenfassende Darstellung MichalCuk (1872) in dem großen Werke Cubinskis. 
Seither sind neue Beiträge erschienen namentlich von Werchratskij und Hnatjuk haupt- 
sächlich für Galizien, für Ungarn auch von OLAF Broch. 

III. Bulgarische Sprache. Sie wird seit MiKLOSICHs (1852) und BlLjARSKls (1859, 
russisch) Einzeldarstellungen geschichtlich von P. Lavrov (1893) erforscht, für die Gegen- 
wart und die dialektische Erforschung kommen die Arbeiten MiLETICs und CONEVs haupt- 
sächlich in Betracht. Fürs Mazedonische war äußerst wertvoll der dialektologische Beitrag 
von V. Oblak (1896). 

I\'. Serbokroatische Sprache. Sie beruhte bis in die siebziger Jahre wesentlich 
auf den Leistungen (praktischen und theoretischen) VUK Karad2ic5s und den Forschungen 
seines jüngeren Freundes und Beraters GjURO DaniciÖs, der neben einer guten Formen- 
lehre der modernen Sprache auch eine Geschichte der Deklination und Konjugation (1874), 
dann über die Wurzeln (1877) und Stämme (1876) geschrieben hat. P'ein sind seine Analysen 
der Betonung, worin später A. Leskien (1885, 1893) weiter geforscht hat. Zur Dialekt- 
forschung haben Re.^etar (1900, 1907), Belic (1905) und O. Broch (1903) viel beigetragen. 
Jetzt ist die ausführlichste Grammatik der modernen Literatursprache von M. MARETl<i (1899) 
und das beste Wörterbuch neben jenem VuKs das von Broz-Ivekovk!: (1901). Für den 
sogenannten /t^/'-Dialekt bietet eine Zusammenfassung der bisherigen Erforschung das russisch 
geschriebene Buch von Lukjanenko (1905). 

V. Slowenische Sprache. Sie ist nach den im Laufe des 19. Jahrhunderts er- 
schienenen Grammatiken von Kopitar, Dajnko, Metelko, Jane^iö, Levstik am reich- 



Literatur. ^g 

hakigsten vertreten in dem betreflenden Abschnitt der vergl. Grammatik MiKLOSiCHs. Viele 
feine Beobachtungen lieferte auch Pat. St. Skrabec auf den Umschlägen seiner dem Kultus 
des heiligen Franziskus gewidmeten Monatsschrift. Die Erforschung der Dialekte kann 
einige gute Beiträge (von Strekelj, Oswald u. a.) aufweisen. Die Sprache der Bewohner 
des Resiatales in Nordostitalicn hat BaudOUIN de Courtenay zu wiederholten Malen be- 
handelt. 

VI. Böhmische Sprache. Sie wurde grammatisch auf wissenschaftliche Grundlage 
gestellt durch DOBROVSKV'. Fürs Altböhmische waren lange Zeit störend die vielen Fäl- 
schungen, durch die das Bild der echten Sprache in den Analysen Safaäi'ks (1847) und 
Jos. JireCeks (1870) verschoben wurde. Erst in neuerer Zeit hat J. Gebauer ein ausführ- 
liches Gebäude der geschichtlichen Laut- und Formenlehre errichtet (1894 — 1898), im Zu- 
sammenhang mit seinem altböhmischen Wörterbuch (bis zum Buchstaben M gelangt), für 
dessen Vollendung wohl gesorgt werden wird. Die Dialektologie hat ihren reichen Nähr- 
boden in Mähren: nach dem noch immer nicht unbrauchbar gewordenen Buch .Sember.\s 
(1864) hat darin Hervorragendes Bartos (1886 — 1895) geleistet. Das für seine Zeit klassische 
Wörterbuch JUNGMANNs (1835 — 1839) ist durch das neue von KOTT nicht in den Schatten 
gestellt. 

VIL Slowakische Sprache. Das Slowakische als Schriftsprache wurde nach Ber- 
NOLÄK zu Ende des 18. Jahrhunderts, im vorigen Jahrhundert durch Stur (1846) behandelt. 
Im Schulgebrauch war lange Zeit die Grammatik von Hattala (1864). Jetzt sucht den 
Purismus auf die Spitze zu treiben Czambel (1906). Die Erforschung der Dialekte hat 
Pastrnek in den neunziger Jahren mit Erfolg betrieben, doch nicht zu Ende geführt. 

VIII. Ober- und Niederlausitz ^ Sorbische Sprache. Die beiden lausitz- 
sorbischen Dialekte haben in Pfuhls Grammatik (1867) und W'örterbuch (1866), dann in dem 
schönen Werke Muckes ('1891) (einer von der Jablonowskischen Gesellschaft preisgekrönten 
Grammatik der niederlausitzsorbischen Sprache) ihre Behandlung gefunden. Für die letztere 
Sprache ist jetzt auch das Wörterbuch von Dr. E. MucKE druckfertig. 

IX. Polnische Sprache. Eine ausführliche geschichtlich angelegte Grammatik bildet 
noch eine Lücke. Das ältere Buch von M.AiECKi (1863 u. 1879) wird jetzt durch Krynski 
(1903 die 3. Auflage) verdrängt. Die wissenschaftliche Dialektologie hat Luc. Malinowski 
mit seiner Druckforschung der schlesischen Mundart 1873 begonnen und begründet, woran 
jetzt fleißig fortgearbeitet wird (z. B. von Kaz. NitSCH). Ein feiner Beobachter der laut- 
physiologischen Erscheinungen ist Rozwadowskl Fürs Kaschubische und Slovinzische sind 
die Forschungen BiSKUPSKis, BrONISCHs und namentlich Fr. Lorentz' zu nennen. Das 
Polabische beschäftigt auch nach dem grundlegenden Werke Schleichers (1871) noch 
immer verschiedene Forscher (Kalina, Mucke, Porzezinski, MikkOLA). 



DIE RUSSISCHE LITERATUR. 

Von 

Alexis Wesselovsky. 



Land und Leute. Einleitung. Unermeßliche, undurchdringliche Wälder, die noch in 

Setzung der den letzten Jahrhunderten sowohl den westeuropäischen als auch den ost- 
Bevüikerung. Esiatischcn Wanderer oder reisenden Kaufmann staunen machten, begrenzt 
von einer fast völlig gleichmäßigen, von zahlreichen Flüssen durchströmten 
Ebene, im Süden unabsehbare Steppen, im Norden unfruchtbares, melan- 
cholisches Sumpfland — das ist das Milieu des russischen Volkes bei 
seinem Erscheinen auf dem Schauplatz der Geschichte, die Umgebung, 
in der es, wenigstens in seinen Grundbestandteilen, trotz seiner Erobe- 
rungen und Kolonisationen, bis auf den heutigen Tag lebt. Das ist die 
zweite Heimat derjenigen slawischen Stämme, die auf der Suche nach 
günstigeren Lebensbedingungen ihre Wohnplätze an den Karpaten und 
am oberen Lauf der Weichsel im 8. Jahrhundert verließen, um im neuen 
Lande allmählich zu einem Volke zu verschmelzen und eine mehr als 
tausendjährige Geschichte zu erleben. Ihr ursprünglicher Bestand ver- 
änderte sich bald. Verschiedenartige Völkerschaften vermischten sich mit 
ihnen. Nach den beharrlichen kolonisatorischen Versuchen bei den 
schwachen Stämmen der Finnen floß ihnen finnisches Blut zu; ferner kam 
es zu einer Mischung mit Elementen asiatischer Horden, die, auf Erobe- 
rungszügen begriffen, von der Steppe her ins Land einfielen, und mit 
Elementen der in kultureller Beziehung aktiven, mit sozialer Tatkraft 
begabten Skandinavier oder Waräger. Letzteren war es beschieden, 
nachdem sie bei der Begründung der ersten Städte und eines internatio- 
nalen Handels eine einflußreiche Rolle gespielt hatten, an der Ausgestal- 
tung des Staatsbaues mitzuarbeiten und ihre Wirksamkeit in einer nicht 
stammverwandten Umgebung, der sie sich rasch assimilierten, durch Über- 
tragung ihrer speziellen Bezeichnung — Rhus — auf das gesamte Volk 

Hesiedelung und . 

staatenbiiJu.>g. ZU kroucn. 

kSÜu "ünTdie An die Stelle der primitiven Staatsform der Stammesgemeinschaften 

"^Hyzanz"" traten mit der Zeit kompliziertere staatliche Formen. Das weite Gebiet 



Einleitung. a I 

vom Dnjepr bis zum Wolchow und dem Ladogasee wurde mit einem Netz 
selbständiger kleiner Reiche überzogen, unter denen sowohl das Fürstentum 
mit beratender Volksstimme als auch — wie etwa in den Handelszentren 
Nowgorod und Pskow — eine fast republikanische Verfassung vertreten war, 
und vor äußeren Gefahren schützte ein föderativer Verband der Einzelstaaten 
unter der Hegemonie Kiews, dessen Herrscher, gleichsam zur Führerrolle 
prädestiniert, zur Würde von Großfürsten emporgestiegen waren. Dadurch 
hat, trotz feindseliger Überfälle und Verwüstungen, das russische Volk 
in den ersten Jahrhunderten seiner historischen Existenz mit erwachender 
Tatkraft die Eigenart seiner Lage sich nutzbar zu machen gewußt. Die pro- 
duktiven Kräfte wurden vermehrt, Wälder ausgeholzt, große Strecken Landes 
besät, Flüsse befahren, ihre Ufer besiedelt und weitgehende internationale 
Handelsbeziehungen angebahnt. Zwei Meere leuchteten und lockten in 
der Ferne wie Pforten, die in die Freiheit, in die große Welt führten, 
und sehr lange vor Peter dem Großen, der „ein Fenster nach Europa 
durchschla.gen wollte", hat der Unternehmungsgeist des Volkes zu jenen 
Ausgängen vorzudringen verstanden. Mutige Kriegszüge und Handels- 
interessen führten nach Konstantinopel; durch den Verkehr Nowgorods 
mit den skandinavischen und deutschen Ländern wurden anfänglich öko- 
nomische, später kulturelle Beziehungen zu Nordeuropa angeknüpft. Als 
sich von Byzanz und von der sich unter byzantinischem Einfluß befind- 
lichen südslawischen Welt aus ein Strom von Büchergelehrsamkeit und 
religiöser Propaganda über Rußland ergoß, stieß die aus der Fremde im- 
portierte Kultur auf urwüchsige Formen volkstümlichen Schaffens. 

Das waren reichhaltige Schätze einer primitiven Dichtkunst. Das Di« 
damals wie heute vorwiegend Ackerbau treibende Volk war mit dem 
Leben der Natur aufs innigste verwachsen und lieh seinen poetischen 
Vorstellungen von der Natur und ihren Kräften in Märchen, Gesängen 
und Spielen Ausdruck, die nicht selten von dramatischer Lebendigkeit 
erfüllt waren und im Laufe der Jahrhunderte seinem Gedächtnis nicht 
entschwunden sind. Das heroische Element, denkwürdige Begebenheiten 
aus den Kämpfen mit zahllosen Feinden, Heldentaten der mit hervor- 
ragenden Kräften begabten Verteidiger und Anführer verherrlichte es im 
Liede. Und wenn es ihm nicht gelungen ist, seine eigene Mythologie 
harmonisch auszubauen, so hat es doch seine Gesänge und deren Helden 
mythologisch gestaltet, indem es historische Tatsachen wunderbar deutete 
und reelle Persönlichkeiten mit übernatürlichen Eigenschaften ausstattete. 
Diesen Gesängen (Bylinen) war eine vielhundertjährige Geschichte be- 
schieden. Indem die Urgesänge, dank den zwischen den verschiedenen 
Stämmen bestehenden Beziehungen, mannigfache Elemente in sich auf- 
nahmen, aus der Sangeswelt der Nomaden Mittelasiens und den melan- 
cholischen Weisen der Finnen neue Anregung schöpften, indem das ira- 
nische Heldenepos durch Vermittlung der Tataren und Nordkaukasier in 
ihnen Widerhall fand und in der Folge den Bylinen sogar naheliegende 



4^ 



Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 



Motive der europäischen Literatur assimiliert wurden, entwickelten sie 
sich immer weiter und erhielten sich durch die Kunst ihrer Interpreten 
— der Rhapsoden. Sie folgten den Begebnissen des Volkslebens und 
wurden .später zu einer besonderen Art historischer Gesänge, die zum 
Beispiel den Einzug der russischen Truppen in Paris (1814) oder den 
Kampf mit den Engländern und Franzosen (1854 — 55) zu schildern ver- 
mochten, jedoch auch die sagenhafte Vergangenheit nicht vernachlässigten 
und in dieser zwiefachen Gestalt ins 20. Jahrhundert überkommen sind, 
so daß im Norden des europäischen Rußlands und in Sibirien Hunderte, ja 
fast Tausende dieser Gesänge niedergeschrieben werden konnten. 
Volkstümlich- Das dem Volksbewußtsein teure Erbe, die dichterische Deutung der 

keit und Bücher- ° 

Weisheit. Natur, die Sagen, Gebräuche, Märchen und Lieder, begegnete dem Einfluß 
der byzantinischen Kultur, die dem Volke mit dem Christentum nicht nur 
das Alphabet des Cyrillus, sondern auch die klassische Sprache der slawo- 
nischen Bibelübersetzung gebracht hatte, und fand vor der asketischen 
Mönchsweisheit und der weltfremden, abstrakten Büchergelehrsamkeit 
keine Gnade. Eine Aussöhnung der beiden Strömungen erschien unmög- 
lich. Unter dem Zwange der wachsenden Bedeutung der Gelehrsamkeit, 
die sich auf die Macht der Fürsten, auf die Autorität der Geistlichkeit 
und der Klöster stützte, zog sich das volkstümliche Element in die Ver- 
borgenheit zurück und gedieh dort in der bisherigen Weise oder lernte 
zu zwei Göttern beten, indem es unter dem Deckmantel des Christentums 
seine Liebe zur alten Überlieferung verbarg. Als es die Züge der 
letzteren in der geheimnisvollen Welt der von der Kirche verurteilten 
Apokryphen erkannte, schuf es aus apokryphischen Motiven und den 
Weisen des Volksliedes, durch Bearbeitung der Legenden, die es lieb- 
gewonnen hatte, da sie den Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur zu 
enthalten schienen, und aus Beschreibungen des Lebens edler, gerechter 
Männer, die für das Volk gelitten hatten, den bis auf den heutigen Tag 
existierenden Typus des „g-eistlichen Gedichts" (ein Mittleres zwischen 
dem mystischen Hymnus und dem epischen Gesänge). 



A. Von den ältesten Zeiten bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. 
Anfange der pro- j_ Von den Anfängen bis zu Peter dem Großen. Im Verlaufe der 

lanen Literatur. '^^ 

Erste wichtiüo 2git aber mußte notwendigerweise das reale Leben in den Gesichtskreis der 

-■Vnzcichen ihrer ^ 

sozialen Bcdeu- Bücherweisheit treten. Innere Unruhen, P'eindseligkeiten und Uneinigkeiten 
unter den Fürstentümern, äußere Gefahren und das Zunehmen sozialer Un- 
gleichheit und Willkür riefen die ersten weltlichen Schriftsteller auf den 
Plan und stellten sie vor das Problem des Kulturkampfes. Als Vorboten der 
gesellschaftlichen Satire, die im ig. Jahrhundert eine Reihe bedeutender 
Vertreter fand, machen sie sich ihre Vorgeschrittenheit zunutze und treten 
mit scharfen Anklagen hervor. Ihre Unfähigkeit, das Leben zu beschönigen, 



A. Von den ältesten Zeiten bis zumAusgang des i8. Jahrh. I.Von denAnfängen bis zu Peter d.Gr. ^3 

ihre unbedingte Wahrheitsliebe läßt in ihnen noch einen anderen charakte- 
ristischen Zug der späteren literarischen Entwicklung ihres Volkes in 
die Erscheinung treten — die starke Neigung zum Realismus. Die „Be- 
lehrung" von Wladimir Monomach enthält viele humane, an die Regenten 
gerichtete Ratschläge und Warnungen (u. a. einen entschiedenen Protest 
gegen die Todesstrafe) und ist mit Unzufriedenheit durchsetzt. In der 
„Bittschrift" eines unschuldig in einem entlegenen Kerker schmachten- 
den Arrestanten namens Daniel an seinen Fürsten kennzeichnet der un- 
bekannte Verfasser die sich breitmachende Ungerechtigkeit und Willkür. 
Der demokratische Unwille, der aus diesem Erzeugnis des 1 2. Jahrhunderts 
spricht, läßt es den politischen Streitschriften der Gegenwart dem Geiste 
nach verwandt erscheinen. Ein noch breiteres und ergreifenderes Bild 
von dem Zustand des Landes zur Zeit seiner beginnenden Zerstückelung 
und seiner politischen Erniedrigung entrollt sich in der „Mär vom Feld- 
zuge des Igor" aus demselbea Jahrhundert. Ein Häuflein kühner Fürsten 
opfert sich mit seiner Heerschar für die Befreiung des Volkes von ge- 
fährlichen Feinden, dem tapferen Steppenvolke der Polowzen oder Ku- 
manen. Teilnahmlos läßt man sie untergehen. Die ehemalige Solidarität 
besteht nicht mehr. In seiner Trauer und Entrüstung fordert der Dichter 
alle abtrünnigen oder selbstzufriedenen und egoistischen Machthaber vor 
seinen Richterstuhl und zerschmettert sie im Namen des russischen Volks 
durch seinen Wahrspruch. Er offenbart zugleich ein großes dichterisches 
Talent; die lebendige und dramatische Schilderung des Feldzuges, der 
Schlachten und der Gefangenschaft, die poetische Zeichnung der Natur, 
die psychologische Charakterisierung des Haupthelden, die reiche Symbolik 
des Stils, die sich hauptsächlich an die Volksgesänge anlehnt, weist der 
Dichtung, abgesehen von ihrer sozialen und satirischen Bedeutung, einen 
hohen Rang in der alten russischen Literatur an. Was die Chanson de 
Roland den Franzosen und das Nibelungenlied den Deutschen ist, das ist 
diese Mär dem russischen Volke. Ihre Entdeckung und Veröffentlichung 
(1800) übte eine starke Wirkung auf die russische Gesellschaft aus, und 
die gleiche Wirkung wurde überall erzeugt, wo diese Schöpfung in Über- 
setzungen bekannt wurde. Man erinnere sich der feinen Äußerungen 
Wilhelm Grimms über diesen Gegenstand (Wilhelm Grimms kleinere 
Schriften). 

Das Aufblühen einer weltlichen, von der geistlichen Bildung un- Schicksal der 

' ° ^ . Bildung zur Zeit 

abhängigen Literatur, die sich schon frühzeitig zu Schöpfungen einer der Tataren- 
50 hohen ideellen Reife und künstlerischen Schönheit als fähig er- Nowgorod. 
wiesen hatte, wurde im Keime erstickt, als die Tataren ins Land ein- 
drangen und seine Herren wurden. Wegen der ständigen Gefahren, die 
den südrussischen Ländern drohten, fanden Übersiedelungen in die zen- 
tralen Gebiete und noch weiter bis hinter die Wolga hin in großem 
Umfange statt. Die ökonomischen Wirkungen dieser Verschiebung blieben 
nicht aus; es entstanden neue Fürstentümer, Städte und Klöster, und mit 



44 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



turellen Hell 
lam Moska 
Widerhall wo 


europäische 

Gedanken. 

.Maiim Gre 



der Kolonisation verbreiteten sich auch die Errungenschaften der Bildung. 
Die Auswanderer trugen ihre Gesänge, ihre Gebräuche, das belehrende 
byzantinische Schrifttum, die Lebensbeschreibungen der Streiter für die 
russische Kirche, die historischen Aufzeichnungen und Annalen in entlegene 
Gegenden, doch die Gefahr, die der Kultur drohte, war unabwendbar. Die 
Ahnungen des Dichters erfüllten sich. Das in kleine staatliche Einheiten 
zerfallene Land konnte keinen einmütigen Widerstand leisten. Mit dem 
politischen Niedergang trat in der kulturellen Entwicklung ein Stillstand 
ein. Zwei Jahrhunderte verliefen in erdrückender Abhängigkeit und 
hinterließen in den politischen Ansichten und in der Sitte des Volkes die 
Spuren des Siegers. Nur in Nowg-orod, das außerhalb der Einflußsphäre 
der Tataren lag, fand die Kultur gedeihlichen Boden: dort wurden die 
Beziehungen zur Hanse und zu Skandinavien befestigt, es entwickelte sich 
eine lokale Literatur, unter dem Einfluß der deutschen Gedankenwelt er- 
wachte das religiöse Freidenkertum, und die erste Sekte mit stark demo- 
kratischen Prinzipien wurde gegründet. 
Anfange der kni- Als die nationale Selbsttätigkeit wiedergeboren wurde, als sie sich 

im ganzen Lande organisierte, um das Joch abzuschütteln, und der Aus- 
gangspunkt der Befreiungsbewegung, Moskau, die jüngste unter den 
russischen Städten, die erst im 12. Jahrhundert auf dem Schauplatze der 
Geschichte erscheint, an Stelle der früheren, nunmehr längst erstorbenen 
Zentren der Kultur und des politischen Lebens rasch emporblühte, konnten 
die jäh abgerissenen Fäden der Zivilisation unter den günstigeren Lebens- 
bedingungen des Moskauer Großfürstentums, um das sich, dank der be- 
harrlichen Bemühungen seiner Regenten, ganz Rußland zu scharen be- 
gann, weiter gesponnen werden. Die ehemaligen Quellen der Bildung 
waren aber nicht mehr erreichbar oder versiegt. Für die russischen 
Schriftsteller gab es weder einen Weg zur Wissenschaft und Literatur von 
Byzanz, das von den Türken unterjocht worden war, noch zu den Süd- 
slawen oder den Schöpfungen der östlichen Kultur, die ihnen früher von 
byzantinischen Kompilatoren vermittelt worden waren. Der Gang der 
Ereignisse wies auf eine Annäherung an die westliche Kultur hin. Ein 
Widerschein der Gedankenwelt der Renaissance begann auch in Rußland 
leise aufzuleuchten. Die Verkündigung einer Aufklärung, eines sitt- 
lichen und sozialen Aufschwungs, ja selbst eine neue Kunst fand dort 
Eingang. Pioniere dieser Bewegung waren eine Gruppe italienischer 
Künstler, die unter Iwan ITI. aufgetaucht war und sowohl auf die Archi- 
tektur als auch auf die kirchliche Malerei einen starken Einfluß ausübte, 
und der unter dem Namen Maxim Grek in der Geschichte der russi- 
schen Bildung fortlebende Albanier, der seine hervorragenden Fähig- 
keiten in Italien zur Entfaltung gebracht hatte. Als leidenschaftlicher 
sozialer Agitator und Publizist entwickelte er in Hunderten von Schriften 
dem Volke, das ihm in seinen Träumen als Befreier des europäischen Ostens 
erschien, die Notwendigkeit vernünftiger Staatsformen, einer gerechten 



A. Von den ältesten Zeiten bis zum Ausgang des 1 8. Jahrh. I. Von den Anfängen bis zu Peter d. Gr. 4 5 

Gesetzgebung und einer Ausbreitung des Wissens. Einst hatte er voll 
Begeisterung den Reden Savonarolas gelauscht und sich von der Un- 
erschrockenheit dieses Mannes hinreißen lassen. Nun war auch er bereit, 
für seine Überzeugungen zu leiden, und hat auch tatsächlich dank der 
Unduldsamkeit der Kirche schwere Verfolgungen ertragen müssen. Seine 
Tätigkeit bedeutet eine neue Epoche in der Geschichte der Literatur, die 
sich zu Beginn der literarischen Entwicklung in den Dienst der sozialen 
Bestrebungen gestellt hatte und ihnen bis auf den heutigen Tag treu 
geblieben ist. 

Maxim Grek findet bereits aufmerksame Hörer; er wird das Haupt Der Kreis von 

. Maxim Grek. 

eines Kreises neuer Menschen, die sich mit der bisherigen Stagnation, iwan der 

' . . Sclireckhche. 

der nationalen Exklusivität und dem Absolutismus, diesen Grundprinzipien DieUteraturder 
der Moskauer Politik nicht zufrieden geben konnten. Der bedeutendste 
unter den Schülern Maxims, Fürst Kurbsky, wurde der erste russische 
Emigrant. Von seinem polnischen Zufluchtsorte aus geißelte er die 
Schwächen des Moskauer Staatsbaues und focht in einem höchst inter- 
essanten Briefwechsel mit Iwan dem Schrecklichen in sehr geschickter 
Weise ein Turnier aus. Die hohe Bedeutung des Buchdrucks wurde eben- 
falls von Maxim, der in Italien Aldo Manucci nahe gestanden hatte, ver- 
kündet, und aus dem Moskauer Kreise gingen die Urheber der russischen 
Buchdruckerkunst hervor. Unter den letzteren war es besonders der 
Diakonus Iwan FedorofF, der in seiner durchs ganze Land getragenen 
Propaganda für den Buchdruck einen solchen Idealismus und eine solche 
Begeisterung an den Tag legte, wie sie den Aposteln dieser großen Er- 
findung eigen zu sein pflegten. 

Die Überzeugung von der Notwendigkeit lebendiger Beziehungen 
zur westeuropäischen Kultur errang immer neue Siege. Sie übertrug 
sich sogar auf einen scheinbar unbedingten Vertreter des Absolutismus 
— auf Iwan den Schrecklichen, in dessen komplizierter, widerspruchs- 
voller, begabter, jedoch zerrütteter Seele eine starke Neigung zum Euro- 
päertum erwachte. Wenn sein Kampf mit den vermeintlich revolutionären 
Mächten zeitweilig ruhte und die unmenschlichen, vom Verfolgungswahn 
diktierten Hinrichtungen aufhörten, fand diese Neigung in der Entsendung 
geeigTieter Persönlichkeiten nach Deutschland zur Anwerbung von Spezia- 
listen aller Art, in den regen Beziehungen zu England und in einer de- 
mütigen Verehrung der Königin Elisabeth ihren Ausdruck. Die Aus- 
breitung der neuen Überzeugungen bedeutete bereits eine so große Gefahr 
für den orthodoxen Konservatismus, daß seine Anhänger es für nötig 
hielten, einen Kodex strenger Sittenregeln zu verfassen, um den schädi- 
genden Einflüssen entgegentreten zu können. Und dasselbe 16. Jahr- 
hundert, das im Leben des russischen Volkes zweifellos eine Zeit des 
Umschwimges bedeutet, sah das Erscheinen des „Domostroi", einer eigen- 
artigen Anleitung zu einem mustergültigen Leben in der Familie, in der 
Gesellschaft und im Staat, die von strenger Religiosität erfüllt war, un- 



a() Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

bedingte Unterordnung unter die Autorität, eiserne Zucht in der Familie, 
völlige Unterwerfung des Weibes forderte und Furcht vor aller Bildung 
an den Tag legte. 
Selbständige Aber selbst die breiteren Schichten des Volkes zeigten in jener Zeit 

Volks- . 

bestrcbungcn im eine Unverhohlene Neigung zur neuen Kultur, zwar nicht im Zarentum 
Biidungseinfluß Moskau, sondcm in dem von dem nationalen Kern losgerissenen, unter 
der Wissen" Polcns Herrschaft geratenen Grenzlande. Kiew, das einst die Wiege der 
russischen Bildung gewesen war, widmete sich nunmehr mit erneutem 
Eifer der Ausbreitung des Wissens. Das war die Tat und das Verdienst 
kleiner Leute, der Bürger und Bauern, die das Recht der Nationalität 
verteidigten, Brüderschaften gründeten, mit vereinten Kräften ein System 
von Lehranstalten — elementaren, mittleren und Hochschulen — schufen, 
der Bildungspropaganda des Polentums Widerstand entgegensetzten, ihr 
jedoch Methoden und Wissen entlehnten, um sie zum Nutzen des eigenen 
Volkes zu verwenden. Während Moskau sich noch im Vorstadium euro- 
päischer Kultur befand, wurde im südwestlichen Rußland schon am Ende 
des i6. Jahrhunderts das Kiewer Kollegium (später zu einer Akademie 
ausgestaltet) begründet, woselbst der Grundstein zur russischen Wissen- 
schaft gelegt und die Kunstdichtung geschaffen wurde, indem die Lehrer u. a. 
die ersten Schuldramen dichteten und sie zur Aufführung brachten. Die 
Einflußsphäre dieser Pflanzstätte der Bildung erweiterte sich bald. Die 
polnische Kultur wurde zur Vermittlerin zwischen den erwachenden literari- 
schen Bedürfnissen und der Produktion des Abendlandes. Ein frischer 
Zug weltlicher Anschauungen drang in die enge, sorgsam behütete Ab- 
geschlossenheit des gesamten russischen Lebens. Aus dem Polnischen 
übertragene Romane und Novellen sprachen von bisher verbotenen Dingen; 
die Leidenschaften, der Kultus der Frau, die realen Lebensverhältnisse, 
der Spott der Skepsis oder der harmlosen Heiterkeit, die Tragödie der 
Liebe oder der Sarkasmus des Decamerone Boccaccios — alles wurde 
nunmehr zugänglich gemacht und übte eine unwiderstehliche Anziehungs- 
kraft aus. 
Die Aufki.iru.ig Im 1 j. Jahrhundert übertrugen sich die Wogen der Aufklärung nach 

17. Jahrhundert. Moskau. Die anhaltenden revolutionären Erschütterungen der Periode der 

Politische ° 

Schriften. Wirren, die andauernde polnische Okkupation und der den Ausländern 
in weitem Umfange, wenn auch widerwillig g-ewährte freie Zutritt unter- 
gruben die ehemals gewahrte Isolierung. Das Bedürfnis nach neuen 
Ideen, Formen und Menschen, nach lebendigen Beziehungen zu der Außen- 
welt, sowie nach einer Entfaltung der Selbsttätigkeit war nach der Bei- 
legung der Wirren natürlich. Dennoch mußte ein volles Jahrhundert, die 
lange Zeit bis zum Erscheinen Peters des Großen, verstreichen, ehe diesem 
Bedürfnis Genüge geleistet wurde. Die südrussische Bildung- samt ihren 
europäischen Quellen wird endlich im zentralen Rußland heimisch. In 
Moskau wurde durch die Gründung einer geistlichen Akademie ein wissen- 
schaftlicher Mittelpunkt geschaffen. Mit Hilfe deutscher Lehrmeister (des 



A. Von den ältesten Zeiten bis zum Ausgang des iS.Jahrh. II. Von Peter d. Gr. bis zu Alexander I. ^y 

protestantischen Pastors Joh. Gottfr. Gregor)^) und ihrer russischen Zöglinge 
kam ein weltliches Theater zustande, auf dessen Bühne sowohl pathetische 
Dramen als auch heitere Komödien in Übersetzungen zur Aufführung ge- 
langten und selbst das Repertoire aus Shakespeares Zeiten (ein Drama 
Marlowes) Aufnahme fand. Die Verbreitung übertragener Novellen regte 
interessante Versuche einheimischer Schriftsteller an, und das Bild des 
zeitgenössischen Lebens spiegelte sich in den Werken dieser frühesten 
Vorgänger Gogols in ungeschminkter Treue. Das Volksleben wird jedoch 
auch der viel strengeren Kritik der erwachenden sozialpolitischen Be- 
trachtung unterworfen. In einer polemisch gehaltenen (in Schweden, 
während der Emigrantenjahre des Autors verfaßten) Beschreibung des 
ganzen russischen nationalen Systems, die ein Mitglied des auswärtigen 
Amtes, Kotoschichin, geliefert hat, wird der Stillstand der Entwicklung, 
die Unwissenheit und Knechtschaft erbarmungslos gekennzeichnet. Die 
Überzeugung von der Notwendigkeit umfassender Reformen, von der 
diese Arbeit getragen wird, kreuzt sich mit dem Traum der großen 
Befreiungsmission des wiedergeborenen Landes: von seinen alten Ge- 
brechen befreit, wird es stark und rein dem gesamten Slawentum als Retter 
erscheinen. Dieser Traum, der zum erstenmal den Gedanken der späteren 
Slawophilen zum Ausdruck bringt, war das Credo des Kroaten Krishanitsch, 
eines aus dem fernen Süden eingewanderten, äußerst talentvollen Fremd- 
lings, der den größten Teil seines Lebens der Verkündigung reformato- 
rischer Ideen und allslawischer Politik gewidmet hat und seine gefähr- 
lichen, aufrührerischen Reden mit einer langjährigen Verbannung nach 
Sibirien büßen mußte, woselbst seine hervorragendsten Werke zustande 
gekommen sind. 

IL Von Peter dem Großen bis zu Alexander I. Die Gedanken- Peter der GroSe 

uad seine Zeit. 

weit, aus der solche überzeugte Vertreter des Kulturfortschrittes heraus- 
gewachsen waren, trieb unaufhaltsam dem Europäertum entgegen. Die 
schäumende Energie Peters des Großen brachte in diese Bewegung jenes 
fieberhafte Treiben, das alles Zögern und alle Folgerichtigkeit in der An- 
eignung fremder Errungenschaften, die dem russischen Entwickelungsstande 
oft um ein oder zwei Jahrhunderte voraus waren, beiseite schob und den 
verschiedenartigsten Strömungen der abendländischen Kultur zu folgen 
suchte. Ein Programm der Volksbildung von noch nie dagewesenem Um- 
fange wurde entwickelt. Durch zahllose Übersetzungen wurden die Sozial- 
wissenschaften, die Geschichte, die exakte Forschung, die Technik, das 
Militär- und Seewesen dem Volke zugänglich gemacht. In Peter selbst, 
der durch keine Schule gegangen, aber mit genialem Verständnis begabt 
war und bei einem Leibniz und Christian Wolff Rat und Hilfe zu suchen 
pflegte, glühte eine unauslöschliche Begeisterung für die Wissenschaften. 
Der hingebende Kultus, den er mit ihnen trieb, läßt seine oft brutal hervor- 
brechende Eigenmächtigkeit in einem milderen Lichte erscheinen. Die 



,g Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

zwar nicht zahlreichen, aber aufrichtigen Reformenthusiasten aus allen 
Schichten der Gesellschaft widmeten sich nunmehr auch diesem Kultus 
und bemühten sich, wie z. B. der Publizist-Autodidakt Possoschkoff, ein 
Bauer aus Moskaus Umgebung, der in kunstloser Form treffende volks- 
wirtschaftliche Betrachtungen zur Darstellung brachte und ein System 
des Schulwesens, angefangen von der obligatorischen Volksschule bis 
zur Universität, entwarf, gemeinsam mit dem Zaren das Vaterland empor- 
zuziehen, während Millionen am Werke waren, den Aufschw^ung zu ver- 
hindern. Die Entwicklung der Literatur im engeren Sinne des Wortes 
rückte, inmitten dieser steten Sorge um das unmittelbar Nützliche, auf 
den zweiten Plan; der Zar-Reformator, dem auch auf diesem Gebiete die 
Führerrolle zuzufallen schien, war von schriftstellerisch nur mittelmäßig 
begabten Leuten umgeben. Der allgemeine Geist dieser Epoche, die den 
Kulturfortschritt auf ihr Banner geschrieben hatte und den kommenden Zeiten 
vermachte, sowie die Erkenntnis der hohen Bedeutung des gedruckten 
Wortes, erzogen jedoch ein Schriftstellergeschlecht, dessen Jugend zwar 
in die Blütezeit der reformatorischen Tätigkeit Peters fiel, dessen Schaffen 
aber der folgenden Periode angehörte. Diese Männer hatten Peter viel- 
leicht nie persönlich gekannt, doch griffen sie seine Anregungen auf und 
hielten ihm die Treue, als nach seinem Ableben die Reaktion hereinbrach, 
die seine wichtigsten Schöpfungen zu vernichten drohte. Sie waren das 
lebendige Glied, das die Epoche der Reformen mit dem Zeitalter der Auf- 
klärung, des Enzyklopädismus, verband, und zugleich die Stammväter der 
neuen russischen Literatur. 
Die Vollender Aus allen Gesellschaftsschichten waren sie hervorgegangen. An ihrer 

Peters des Spitze aber stand wiederum ein Vertreter des Bauerntums, Lomonossoff, 

Großen. 

Lomonossoff und der von den Ufern des Weißen Meeres um der Wissenschaft willen nach 
genossen. Moskau gekommen war und sich später in Deutschland der Natur- 
geschichte und der Philosophie gewidmet hatte. Er war ein hervor- 
ragender Geist von europäischem Ruf, Denker und Dichter zugleich, 
ein Reformator der russischen Dichtkunst, ein demokratischer Publizist 
und der Begründer der ersten russischen Universität in Moskau (1755). 
Auf den Grenzgebieten seines Arbeitsfeldes, auf dem Gebiete der Satire, 
des Drama.s, der Komödie, der Journalistik und Geschichtschreibung taten 
sich seine Zeitgenossen Kantemir, Ssumarokoff und Tatischtscheff hervor, 
Männer, unter denen oft Uneinigkeit herrschte, und die sich untereinander 
befehdeten, die jedoch alle in gleicher Weise den höheren Interessen der 
Kultur und der Arbeit zum Wohle des Volkes ergeben waren. Es hatte 
fast den Anschein, als erweitere die Entwicklung der Kunstdichtung die 
Kluft zwischen den ungebildeten Massen und den verfeinerten oberen 
Schichten der Gesellschaft, die von den Reformen Peters am meisten er- 
griffen worden waren. Dennoch wurden die allgemeinen Volksinteressen 
nie aus dem Auge gelassen und fanden in Lomonossoff einen fanatischen 
Verteidiger. Jene Männer fühlten die ganze Schwere der Verantwortlich- 



A. Von den ältesten Zeiten bis zum Ausgang des 1 8. Jahrh. II. Von Peter d. Gr. bis zu Alexander I. ^q 

keit ihres Berufes und unterwarfen sich nicht dem herrschenden Obskuran- 
tismus, der Schreckensherrschaft Birons. Als sie von der Bühne traten, 
stand die Sonne hoch, vom Westen her drangen der befreiende Geist 
einer neuen Philosophie, der streitbare Sarkasmus Voltaires, die staats- 
männische Weisheit Montesquieus und die aufklärenden Lehren der En- 
zyklopädisten ins Land. Die alten Prinzipien gerieten ins Wanken, und 
das Evangelium der Humanität wurde den rechtlosen, in Finsternis dahin- 
lebenden Volksschichten verkündet. 

Unaufhaltsam griff die Befreiungsbewegung um sich, gleichviel ob sie Die Epoche 
in der Person Katharinas IL eine demonstrativ leidenschaftliche Be- Der Enzykiopä- 
schützerin fand, oder ob sie von selten dieser „Semiramis des Nordens", Die literarischen 

' ^ Parteien. 

dieser Freundin der Philosophen, die den Glauben an ihre Ideale verloren 
hatte und durch das Selbstherrschertum vergiftet worden war, in der 
zweiten Hälfte ihrer Regierungszeit Bedrängnis und Verfolgung erdulden 
mußte. Anfangs hatte die Bewegung unter dem Protektorat der schrift- 
stellernden Kaiserin gestanden, die, ohne literarisch hervorragend begabt 
zu sein, sich auf allen Gebieten versuchte und die Führerrolle nicht aus 
der Hand geben wollte. Dann aber war es zu einem Zusammenstoß mit 
Individualitäten gekommen, die sich nicht von oben beeinflussen lassen 
wollten, sondern ihre eigenen Wege gingen und vor einer offenen Dar- 
legung ihrer Überzeugungen nicht zurückschreckten. Damals entstanden die 
ersten literarischen Parteien: die gemäßigt-fortschrittliche mit Katharina 
an der Spitze, die von der Idee der Nächstenliebe und der sittlichen 
Vervollkommnung getragene Richtung, die ihren Ausgangspunkt im Frei- 
maurertum nahm, femer die Partei der Anhänger des politischen Fort- 
schrittes, radikaler Reformen, allgemeineuropäischer Zivilisation, und 
schließlich die Gruppe jener Leute, die im Gegensatz zu den anderen an 
dem nationalen System festhielten, sich vor der alten Überlieferung beugten 
und es fertig brachten, eine äußerlich europäische Lebensform mit dem 
längst erloschenen Geiste der Vergangenheit zu erfüllen. Von diesem 
Hintergründe heben sich die Gestalten einiger Männer ab, die viel Talent, 
nicht wenig Originalität und — was noch wichtiger ist — als Bürger 
einen seltenen Mut besaßen. 

Die Regrentin, von der scheinbar alle Initiative ausging, suchte mit ?.<=■■ Kampf der 

ö ' o C" Literatur mit der 

den Koryphäen Europas in Verbindung zu treten, unterhielt mit Voltaire CeseWschafts- 
einen scharfsinnigen Briefwechsel, lockte Diderot nach Petersburg, lauschte yJ^°Y'.'^°^' , 
mit Interesse seinen geistvollen Improvisationen über die Wiedergeburt Radischtschew. 
Rußlands durch konstitutionelle Freiheit, um später keinen seiner Rat- 
schläge zu befolgen. Während sie sich im Ruhme des philosophisch- 
humanitären Glaubensbekenntnisses sonnte, das sie in der „Instruktion" für 
die zur Ausarbeitung von Gesetzen einberufene Kommission ausgesprochen 
hatte (obgleich die Lage des Volkes sich verschlimmerte, die angekündigten 
Reformen zurückgezogen wurden und die Willkür überall Platz griff), 
verkörperte sich der geistige Gehalt der Epoche in den begabtesten 

DiH Kultur der Gegenwart. I. o. 4 



50 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



Schriftstellern. Der tatkräftige Philanthrop und Freimaurer Nowikoff trat 
für wahre Bildung- ein, indem er die allgemeine Volksschule schuf, große Ver- 
lagsanstalten, die Rußland mit Übersetzungen nützlicher Werke versorgten, 
gründete, sich an die Spitze der besten russischen Zeitung stellte und eine 
Reihe von satirischen Zeitschriften ins Leben rief, um nicht nur die allgemein 
menschlichen Gebrechen ans Licht zu ziehen, sondern um vor allen Dingen 
die empörenden russischen Verhältnisse, insbesondere die Institution der Leib- 
eigenschaft, zu geißeln. Letztere hatte sich unter dem Einfluß volkswirt- 
schaftlicher Verhältnisse erst in den vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts 
entwickelt und entfesselte bereits ein Jahrhundert später einen Sturm der 
Entrüstung in der Literatur. Die Abhandlungen in den Zeitschriften Xowi- 
koffs stimmen in ihren abstoßenden Schilderungen der Leibeigenschaft 
mit der düsteren Tragik der Komödie Vonwisins „Nedorossl" überein und 
werden nur von dem leidenschaftlichen Protest des besten politischen 
Schriftstellers Rußlands im 1 8. Jahrhundert, Radischtschew, übertroffen. 
In der nach dem Muster der „Sentimental Journey" Sternes verfaßten 
„Reise von Petersburg nach Moskau" weist Radischtschew, der die belle- 
tristische Form um des leichteren Verständnisses willen wählte, mit äußerster 
Schärfe auf die bestehende Knechtschaft hin und schildert ausführlich, wie 
die Befreiung der Bauern in gerechter Weise vollzogen werden könnte. Für 
ihn ist dies wie im 19. Jahrhundert für Turgenieff die Kardinalfrage. Um 
das Übel zu bekämpfen, leistete er gleich dem Verfasser der „Memoiren 
eines Jägers" seinen „Hannibal-Schwur". Wie er in einem Kapitel über 
die Geschichte der Zensur die Freiheit des gedruckten Wortes kategorisch 
fordert, so kommt er durch zahllose Beispiele von Unterdrückung zur 
Überzeugung von der Notwendigkeit einer völligen Befreiung der Be- 
völkerung und der Zuweisung von Land an die Bauern. 
Verfolgung der Eine der besten Stellen des Buches ist die phantastische Schilderung 

Katharina, cines TrEumes : die Wahrheit kommt zu einem Herrscher, der von schein- 
bar ergebenen Höflingen umgeben ist und vom Elend seines Volkes 
keine Ahnung hat; sie öffnet ihm die Augen, und nun offenbart sich ihm 
die entsetzliche Lage des Landes und die Erbärmlichkeit der Höflinge in 
ihrer ganzen Blöße. Radischtschew hatte wahrscheinlich eine solche Er- 
leuchtung auch für Katharina erhofft. Doch die Wahrheit, die in ihm, 
Nowikoff, Vonwisin und anderen Verfechtern des Freiheitsgedankens ihre 
Vertreter fand, war im anscheinend philosophischen Zeitalter ein unliebsamer 
und gefährlicher Gast. Radischtschew büßte seinen politischen Liberalismus 
mit Verbannung in einen entlegenen Winkel Sibiriens, und der politisch 
neutrale Freimaurer Nowikoff wurde für seine Predigt der Humanität und 
Zivilisation in die Festung gesperrt, die er erst als gebrochener Greis 
wieder verließ. Jedes freiheitliche Wort in der Literatur, wie z. B. eine von 
Knjaschnin verfaßte Tragödie, „Wadim", die die alte republikanische Ver- 
fassung Nowgorods verherrlichte, war Verfolgungen ausgesetzt. Das schier 
endlose Martyrium der russischen Schriftstcllerwelt nahm seinen Anfang. 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Alexandrinische Periode. 51 

In trüber Stimmung beschloß die russische Gesellschaft und mit ihr Reaktion unter 

Katharina und 

die Literatur das 1 8. Jahrhundert. Katharina und ihr Nachfolger Paul, i'aui. Besinn der 

Aloxandrini- 

ein Fanatiker des Konservatismus, der sich nicht einmal wie seine Mutter sehen Epoche. 
wenigstens in den Jugendjahren für die Ideale seiner Zeit begeistert hatte 
und nun die sinnlose Aufgabe auf sich nahm, ihnen entgegenzutreten, das 
Leben rückwärts strömen zu lassen, schienen unter dem Eindruck der 
französischen Revolution und der Volksaufstände im eigenen Reiche alles 
tun zu wollen, um die soziale und literarische Bewegung zu schwächen 
und unschädlich zu machen. Endlich herrschte Schweigen, die Ruhe des 
Kirchhofs — aber das war nur Schein. Im geheimen gediehen die Ideen, 
die bereits Wurzel gefaßt hatten, und die Traditionen der leitenden lite- 
rarischen Kreise wurden treulich bewahrt, ja sie traten gelegentlich, sogar 
während der unerträglichen Regierungszeit des Zaren Paul, ans Tages- 
licht. Im Jahre 1801 machte die Palastrevolution der Tyrannei ein Ende 
und in Alexander L, der nach Katharinas Willen, den Neigungen seines 
Vaters zum Trotz, von einem ausländischen Pädagogen, Laharpe, in den 
Ideen der Menschlichkeit und Zivilisation erzogen worden war, bestieg ein 
Vertreter der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts den Thron. 
Jetzt endlich lösten sich die von der Reaktion niedergehaltenen Kräfte, 
der Zusammenhang der Gedankenevolution wurde wiederhergestellt und 
verkündete den Beginn eines goldenen Zeitalters. 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. 

(Zeitalter Alexanders I. und Nikolaus' I.) 
I. Alexandrinische Periode. Obgleich die Beseitigung aller »ie ersten 

=> 6 & SrhriftsteUerdes 

Entwicklungshemmnisse und die Befreiuner der im Volke schlummernden lu. Jahrhunderts. 

° ° .. Sliukowsky, 

Kräfte tatsächlich als Devise der neuen Ära gelten konnten, verliefen n^'™schko«F und 

° ' il.ro Nachfolger. 

die ersten Jahre farblos, ohne nennenswerte schöpferische Leistungen 
— so sehr hätten die andauernden reaktionären Einflüsse alle Energie 
und Schaffenskraft gelähmt. Als aber eine junge Generation heran- 
reifte, die, in größerer P"reiheit aufgewachsen, über eine seltene Aus- 
lese glänzender Talente verfügte, deren Ziel es war, die Förderung der 
sozialen Bestrebungen mit künstlerischer Reife zu verbinden, trat die Be- 
deutung der vollzogenen Umwälzung deutlich hervor. Der Weg wurde 
dieser Jugend von zwei Vorläufern, die bereits im 18. Jahrhundert auf- 
getreten waren, gewiesen: von Shukowsky, dem Dichter der „Gefühlsselig- 
keit", „des süßen Wahnes", der nebelhaften Träume, der zuerst unter dem 
Einfluß von Grray, Young und Bürger gestanden und sich dann für Schiller 
und die deutschen Romantiker begeistert hatte, und von dem Realisten 
Batiuschkoff, der ein Verehrer plastischer Schönheit und leidenschaftlicher 
Affekte war. Als Vertreter zweier entgegengesetzter Richtungen schienen 
sie besonders dazu geeignet, der Dichtkunst die nötige Mannigfaltig- 

4* 



52 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur 



keit und Fülle der Entwicklung zu verleihen, sowie ihre Befreiung aus den 
Banden des pseudo-klassischen Formalismus und des äußerlichen Glanzes, 
der besonders von dem begabten Dershawin, dem Barden Katharinas, in die 
Poesie hineingetragen worden war, zu vollziehen. Ihre Nachfolger waren eine 
Gruppe sie weit überragender Talente, die berufen waren, eine tiefe Spur 
im Leben und in der Kunst ihrer Zeit zu hinterlassen. In erster Reihe war 
es Gribojedoff, der seine Anklagen gegen die Gesellschaft im Gewände der 
Komödie vorzutragen wußte, femer Puschkin, der von einem ganzen Stabe 
von Dichtern, Kritikern und Publizisten umgeben war und über die literarisch 
tonangebenden Organe „Der Polarstern" und der „Moskauer Telegraph" 
verfügte, schließlich aber die liberalen Vertreter der Universitätswissen- 
schaften, insbesondere die Juristen. Ihre Nachfolger waren die Repräsen- 
tanten des bürgerlichen Typus, die sich eben durchzusetzen begannen, 
unter anderen der tiefsinnige, redliche und unabhängige Tschaadaew, 
dem es gelang, selbst Puschkin auf die Bahnen eines politischen Dichters 
zu führen. 
Der Kampf des Die fortschrittUche Strömung stieß aber bald auf den Widerstand der 

Nationalismus ° 

mit der fort- von ihr aufgerüttelten konservativen Kreise der Literatur und Gesell- 

schrittlichen 

Richtung. Schaft, die sich bereits im i8. Jahrhundert in der Bekämpfung zivili- 
satorischer und revolutionärer Ideen der Reaktion angeschlossen hatten. 
Den konstitutionellen Bestrebungen, den allgemeinmenschlichen Kultur- 
interessen, der politischen und religiösen Gedankenfreiheit wurde das 
Bild einer idealisierten Vergangenheit, das feste Gefüge der bestehen- 
den Staatsverfassung, die patriarchalische, unbegrenzte Macht des Allein- 
herrschers, die Ehrfurcht vor den unerschütterlichen Traditionen der recht- 
gläubigen Kirche entgegengehalten. In dem Widerstreben gegen den 
Geist der neuen Zeit begegneten sich die Nationalisten, Mystiker, Klerikalen 
und Dunkelmänner. Die drohende Gefahr einer napoleonischen Invasion 
und später der Einfall der französischen Armee ins Land gewährten ihnen 
die Möglichkeit, die Vertretung europäischer Kulturideale als Landesverrat 
zu kennzeichnen. Die Wirksamkeit patriotischer Pamphlete, politischer 
Tragödien und der hetzenden Propaganda der Presse, die Verspottung des 
Kosmopolitismus und der Gallomanie in der Komödie hatte aber im Jahre 
1812 keineswegs ihren Höhepunkt erreicht, sondern sie verschärfte sich 
noch, als der mächtige Feind vernichtet war, Europa von den revolutio- 
nären Ideen befreit schien und Rußland die unvorhergesehene Aufgabe 
zufiel, die Führerrolle bei diesem Rettungsversuch zu übernehmen. In der 
Reihe der Gegner allen Fortschritts stand der Historiker Karamsin, der 
mit den Idealen seiner Jugend gebrochen, seine bedeutende literarische, 
journalistische und kritische Begabung unter dem Druck der Reaktion 
erstickt hatte, um sich lange Jahre hindurch mit erstaunlichem Fleiße der 
Erforschung des Altertums hinzugeben, als deren Ergebnis neben der 
wertvollen Sichtung geschichtlicher Tatsachen seine Verehrung für die 
alten Grundlagen des Staates und seine konservativen Tendenzen zu be- 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Alexandrinische Periode. jj 

trachten sind, die (insbesondere in dem „Memorandum über das alte und 
neue Rußland") den anmaßenden Neuerungen gegenüber als sogenannte 
„Lehren der Geschichte" ihren Ausdruck fanden. 

Als Alexander den Thron bestieg, erklärte er im Geiste seiner Groß- nie Reaktu 

, , . unter AleL-ini 

mutter regieren zu wollen. Seine innere Politik wies tatsächlich eine und ihre u 

- . r, , , Sachen. 

gewisse Übereinstimmung mit derjenigen Katharinas auf: wie bei dieser 
folgte auch unter ihm einer Periode demonstrativer Hinneigung zu Fort- 
schritt und Freiheit die Reaktion. In den ersten Monaten seiner Regie- 
rungszeit hatte er den Mut gehabt, Radischtschew, diesem gefährlichen 
Radikalen aus der Epoche Katharinas, nicht nur die volle Freiheit wiederzu- 
geben, sondern ihn auch in ein Reorganisationskomitee zu berufen, ihm die 
Möglichkeit zu gewähren, seine erstaunlichen Fähigkeiten in den Dienst der 
Gesamtheit zu stellen und eine neue, vielversprechende Tätigkeit zu ent- 
falten. Leider setzte Radischtschew selber zum großen Leidwesen aller 
Freunde der Freiheit seinem Schaffen ein Ziel, indem er in einem Anfall 
von H}TDOchondrie, an der er seit seiner sibirischen Verbannung litt, Hand 
an sich legte. Im Laufe der Zeit aber änderten sich die Anschauungen 
des Zaren immer mehr — der liberale Regent selbst war nicht wiederzu- 
erkennen. Die mystische Stimmung, die sich seiner nach dem wunder- 
baren Ausgang einer furchtbaren Krisis bemächtigt hatte, der Wahn, daß 
ihm die Rolle der Vorsehung zugefallen sei, die Einflüsse der Schöpfer 
der Heiligen Allianz sowie inländischer und ausländischer Berater, die 
ihn einzuschüchtern suchten, das krankhafte Mißtrauen, das in Verfol- 
gungswahn auszuarten drohte, und endlich das langsam aber sicher 
wirkende Gift der unumschränkten Herrschaft brachten diesen Wechsel 
zustande. Sowohl die junge Literatur in ihrem allgemeinen Entwick- 
lungsgange als auch ihre wichtigsten Vertreter hatten die reaktionäre 
Schwenkung, die nunmehr konsequent durchgeführt wurde, bis auf die 
Neige auszukosten. 

Obgleich der literarischen Produktion beständig entgegengearbeitet Ryiejew 
wurde, hat sie dennoch ihre Pflicht erfüllt, indem sie nicht nur dem künstle- seine Komö( 
rischen Geist treu blieb, sondern auch eine Pflanzstätte des sozialen Fort- 
schrittes wurde. Die stetig wachsende politische Bewegung diente ihr, wenn^ 
sie auch nur in geheimen Verbänden gedieh, als Stützpunkt; ihre Repräsen- 
tanten waren in der Mehrzahl der Fälle loyal gesinnte Männer, die den 
deutschen Tugendbund zum Vorbild nahmen und anfangs keine revolutio- 
nären Ziele verfolgten, sondern lediglich von dem Streben beseelt waren, der 
Willkür und dem Obskurantismus die geschlossene Kraft der Kämpfer für 
eine freie Kulturentwicklung und das Wohl des Volkes entgegenzustellen. 
Mit der Hingabe an die Ideen einer neuen Zeit, die viele von ihnen wäh- 
rend eines Kriegsdienstes in Westeuropa sich zu eigen gemacht hatten, 
verbanden sie oft tiefe Pietät für die nationale Vergangenheit, in der sie 
nicht knechtische Ergebenheit und Quietismus, sondern Beispiele für 
heroische Begeisterung und Bürgermut fanden. So enthalten die politischen 



54 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



Dichtungen des edlen Rylejew, der nach dem Aufstand des Jahres 1825 
gehängt worden ist, einen Zyklus von historischen Liedern, die „Dumy", 
in welchem eine Reihe bedeutender russischer Männer von den ältesten 
Zeiten bis zum ig. Jahrhundert geschildert werden. Ebenso erging von 
Gribojedoff, dem eigentlichen Urheber der sozialen Komödie Rußlands, 
die Aufforderung an die charakterlose zeitgenössische Gesellschaft, sich 
sittlich zu erheben, von der ständigen Entlehnung fertiger Formen und 
Gedanken Abstand zu nehmen und den ihr eigentümlichen nationalen 
Gehalt zur Geltung zu bringen, obgleich Gribojedoff europäische Bildung 
zu schätzen wußte und die Rechte des Fortschritts den reaktionären An- 
griffen gegenüber verteidigte. Der Held seines Stückes „Verstand schafft 
Leiden", das trotz einer gewissen Ähnlichkeit mit Molieres „Misanthrope" 
und Wielands „Geschichte der Abderiten" eine selbständige Bearbeitung 
eines Themas von allgemein menschlichem Interesse, den Kampf einer 
hervorragenden Persönlichkeit mit der Gesellschaft, zur Darstellung bringt, 
ist der Repräsentant der Ansichten und Stimmungen der jungen Gene- 
ration. Der beißende Spott und die scharfen Anklagen, mit denen er 
die aristokratische Gesellschaft Moskaus, die höfische Kriecherei und den 
Bureaukratismus überschüttete, die zahlreichen Ausfälle gegen den blinden 
Bildungshaß und andererseits die glühenden Reden des Volksfreundes ver- 
liehen diesem Werk eine Bedeutung, die seine Zeit überdauert hat. Die 
Antwort der Regierung Alexanders auf das freie Wort des Dichters war 
ein Verbot der Aufführung des Stücks. Der Druck des Werkes durfte 
nur in Fragmenten, die zudem von der Zensur entstellt worden waren, 
erfolgen; doch in Zehntausenden von Abschriften wurde die Komödie 
Gemeingut aller, und ihre Verse prägten sich dem Gedächtnisse des Volkes 
ein. Noch jetzt, im 20. Jahrhundert, behauptet sie, obgleich die in ihr 
geschilderten Sitten und gesellschaftlichen Beziehungen sich scheinbar 
völlig geändert haben, ihren Platz unter den besten Erzeugnissen der 
Literatur, und sie hat nicht aufgehört, durch die Wahrheit der Grundidee 
sowie durch die sittliche Macht ihrer sozialen Lehren auf die Geister 
einer neuen Zeit zu wirken. 
Verschärfte ßig Kräfte einer Generation, aus deren Mitte Schriftsteller von solcher 

tjeheime poli- 

tuci.c Tätigkeit Bedeutung hervorgingen, erstarkten im Kampf mit der anwachsenden 
nhant'mitder j^eaktion. Die Volksbewegungen in Europa, die Revolution in Spanien 
und Neapel, die große Verschwörung der italienischen Karbonari, die 
Bewegung der griechischen Insurgenten und der deutschen studierenden 
Jugend erweckten in den fortschrittlichen Kreisen starke Sympathie, denn 
diese waren von jenem Kosmopolitismus beherrscht, dem jede freiheit- 
liche Bewegung, wo sie auch erstehen mochte, nahestand. Das Hinweg- 
sehen über nationale Schranken war ein charakteristisches Merkmal des 
europäischen Liberalismus der zwanziger Jahre. Die Schöpfungen Byrons, 
dem es in höherem Maße als irgendeinem anderen Dichter beschieden 
war, diesem großmütigen Kosmopolitismus mit Wort und Tat zu dienen, 



Literatur. 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Alexandrinische Periode. c = 

fanden damals in Rußland Eingang und entfesselten die ersten Stürme 
der Begeisterung. Im Toben der inneren Kämpfe und der allgemein- 
europäischen Bewegung verwandelten sich die Gesellschaftsgruppen, 
die die Wohlfahrt des Volks und die friedliche Entwicklung auf ihre 
Fahnen geschrieben hatten, in geheime politische Verbände. Die Lite- 
ratur folgte diesen Wandlungen und spiegelte die nervöse Unruhe und 
die fieberhafte Erregung wider. Wenn der Held der Gribojedoffschen 
Komödie, Tschazky, dessen Freidenkertum die Gesellschaft mit der bös- 
willigen Erfindung von seiner Verrücktheit rächte, den Entschluß faßt, 
diese Gesellschaft zu verlassen, in der es nicht möglich ist, ein ehr- 
licher und unabhängiger Mensch zu bleiben, so offenbart sich in diesem 
Entschluß die Stärke des in ihm ausgelösten Affektes. Die Verteidi- 
gung und Durchführung von Überzeugungen durfte aber in dieser Weise 
nicht gehandhabt werden. Rylejew und seine Genossen, die sowohl 
über hohe politische Begabung als auch über literarisches Talent ver- 
fügten und später den Aufstand vom 14. Dezember 1825 in Szene setzten, 
wählten einen anderen Weg; sie blieben in der Gesellschaft und entfal- 
teten da eine rege Propaganda für ihre Ideen. Gribojedoff stand diesem 
Kreise der zukünftigen „Dekabristen" nahe und wurde dort als genialer 
Mensch hoch geschätzt, doch enthüllte man dem Dichter, um ihn zu schonen, 
nicht alle Pläne. Da er als Diplomat häufig von Rußland abwesend war, 
in Persien und im Kaukasus lebte, war es ihm unmöglich, einen ständigen 
Konnex mit den Verschwörern aufrecht zu erhalten. Nicht ihm war es 
deshalb beschieden, der Tyrtäos der Partei zu sein. Das war vielmehr 
das Los des jungen Puschkin, der als politischer Dichter mit Glanz 
debütierte und bald an die erste Stelle trat. 

Die Traditionen eines adligen Milieu, eine französische weltliche Er- P"schkii 
Ziehung, ein literarischer Geschmack, der geistreichen Witz über alles "•steavi 
stellte, Galanterie und Frivolität, die aus der mächtigen Bewegung des 
18. Jahrhunderts in Frankreich nichts als eine Salonpoesie zu gewinnen 
vermocht hatten, könnten als Präludium zu dem müßigen Dasein eines 
epikuräischen Abbe, der mit der Dichtkunst spielte, oder eines Marquis, 
der mit Reimen Kunststücke zuwege brachte, gute Dienste leisten, sie 
passen aber wenig als Vorspiel zum Leben eines großen Dichters. Schon 
auf dem Lyzeum wurde Puschkin vom Geiste der neuen Zeit berührt, 
die freiheitlichen Ideen fanden in den Vorlesungen der jungen Profes- 
soren Widerhall; aus dem Leben der Gesellschaft, die von der Reaktion 
terrorisiert wurde, drangen allerlei Mitteilungen hinter die Mauern der 
privilegierten Anstalt und wurden von Puschkin mit beißenden Epigrammen 
aufgenommen.. Als er ins öffentliche Leben trat und die ganze Wirklich- 
keit sich vor ihm auftat, gewann in ihm zunächst die politische Richtung 
die Oberhand. Sein heißer Wunsch, die Knechtschaft vernichtet zu sehen 
und die „Morg'enröte der Freiheit" zu begrüßen, seine Anklagen gegen 
die Leiter der Reaktion und sein ironisches Verhalten dem obersten Ge- 



56 



Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 



walthaber gegenüber, verschafften den ungedruckten Werken des radi- 
kalen Dichters große Popularität. Die Schärfe dieser oppositionellen 
Lyrik ließ sie besonders gefährlich erscheinen.! Beinahe hätte er sie, ins- 
besondere die „Ode an die Freiheit", in der dem Tyrannen zur Warnung 
die Hinrichtung Ludwigs XVL gepriesen wurde, mit einer Verbannung 
nach Sibirien büßen müssen. Doch als Puschkin aus dem Kreise seiner 
Tätigkeit gewaltsam entfernt wurde und die Krim als Exil zugewiesen 
erhielt, übte er in seiner südlichen Einöde noch schärfere Kritik; seine 
Erregung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Da trat ihm zum ersten Male 
Byron entgegen. Sein persönliches Leben und seine Poesie erglühten 
nunmehr in einem neuen Lichte. 
Entwicklung der Die äußere Umgebung, in der Puschkins Begeisterung für Byron 

kins"Die"unter entflammte, war von exotischer Pracht. Die Schönheit der Berge des 
By'rons ierfaß- Kaukasus, die zarten Landschaftsbilder der Krim, die Poesie des Meeres 
lEligenOncgln"! Und endlich die Melancholie der Steppen Bessarabiens, auf denen schon 
einmal ein verbannter Dichter (Ovid) geweilt hatte, bildeten den Hinter- 
grund zu seinen Dichtungen im Genre des „Corsair", des „Giaur" und 
der „Bride of Abydos". Ln Mittelpunkt stand der Typus des Kämpfers 
gegen die soziale Ordnung, so wie er von Byron geschaffen worden 
war. Die kosmopolitische Freiheitsliebe, die Byron beseelt hatte, be- 
mächtigte sich auch Puschkins. Die Befreiung Griechenlands lag ihm 
ebensosehr am Herzen wie die Wiedergeburt seines unglücklichen Vater- 
landes: als die griechischen Freischaren in den benachbarten Moldau- 
ländem einen der zahlreichen verzweifelten Aufstände gegen die Türken 
ins Leben zu rufen versuchten, glaubte Puschkin darin das Vorspiel 
einer russischen Revolution zu sehen und schlug in seiner Lyrik noch 
leidenschaftlichere Töne an. Jedoch auch Byrons Satire veranlaßte den 
Jünger zu einer selbständigen Arbeit, die weit über seinen früheren 
Leistungen stand. Unter dem Einfluß des „Don Juan" begann Puschkin 
eines seiner bedeutendsten Werke, den in Versen geschriebenen Roman 
„Eugen Onegin", der von nun an in der Form lose zusammenhängen- 
der Bilder aus dem Leben der Hauptstadt und des Dorfes der zwan- 
ziger Jahre lange Zeit hindurch sein treuer Begleiter war. Das Gedicht 
enthielt Schilderungen nordischer Natur und Sitten mit geistreichen Ab- 
schweifungen und Auseinandersetzungen über alle möglichen sozialen, 
moralphilosophischen und literarischen Themata und prachtvolle Cha- 
rakterisierungsversuche, vor allem die anmutige Gestalt der Träumerin 
Tatjana, die sich in der Stille des Dorfes zur zarten Blüte entfaltet hatte, 
und den gelangweilten, lebensmüden Onegin, den „Moskowiter im Gewände 
des Childe Harold". In einer Fülle von Gedanken und einer in der 
russischen Dichtkunst bisher unerreichten Formenschönheit entfaltete sich 
das Talent des Dichters. Durch das eingehende Studium Shakespeares, 
Goethes und Byrons vermochte Puschkin seinen Arbeiten eine Grund- 
lage im Sinne der neuen Kultur zu geben. Das wachsame Auge der 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Alexandrinische Periode. 57 

geheimen Polizei erkannte aber bald bei dem in der Verbannung weilen- 
den Freigeist die Symptome trotzigen Beharrens in seinen Irrtümern: 
unvermutet wurde er aus dem Süden entfernt, auf seinem einsamen 
Stammgute im Nordwesten Rußlands angesiedelt und unter strenge Auf- 
sicht gestellt. 

Die neue Wendung seines Geschicks übte nicht nur auf seine Tätig- Puschkin wäh- 
keit, sondern auch auf die Richtung seiner Lebensziele eine tiefe Wir- t<-n Verbannung. 
kung aus. In der ländlichen Abgeschiedenheit verlor er den Zusammen- an die reine 
hang mit der fortschrittlichen Partei. Bei aller Begeisterungsfähigkeit 
war er aber wenig beharrlich und eignete sich daher nicht zu dauernder 
politischer Arbeit. Die maßgebenden liberalen Kreise durchschauten ihn 
in dieser Beziehung und zogen sich von ihm zurück. Das Mißlingen des 
griechischen Aufstandes wirkte niederschmetternd auf ihn und erschütterte 
seinen Glauben an die Möglichkeit eines Sieges politischer Bewegungen. 
Stille war um ihn her und ein Lebenszuschnitt wie zu großväterlichen 
Zeiten. Zum ersten Male jetzt trat er dem Sein und Denken des 
ihm bisher unbekannt gebliebenen Volkes nahe. Noch hatten sich die 
Stürme der Jugend nicht gelegt, doch senkte sich bereits der Segen 
eines Schaffens, das die Gegenwart und die ferne Vergangenheit, All- 
gemeinmenschliches und Individuelles miteinander zu verbinden wußte, 
auf die stille Zelle des Einsiedlers herab. Die lyrischen und satirischen 
Stimmungen wichen jetzt häufig der Gedankenarbeit des Dramaturgen 
und Romanschriftstellers. Die endgültige Hinwendung zur objektiven 
Kunst war noch nicht vollzogen, doch ist der Wandlungsprozeß schon 
angedeutet, wenn Puschkin in der Dichtung „Die Zigeuner" den von ihm 
bis jetzt bevorzugten Typus des Übermenschen verläßt und in dem histo- 
rischen Drama „Boris Godunoff" die Bilder der Periode innerer russischer 
Wirren wachruft. Nunmehr suchte er aus den Werken Shakespeares „das 
Geheimnis der freien und breiten Behandlung der Charaktere, des durch 
die Persönlichkeit bedingten dramatischen Konflikts, die Kunst der Ver- 
knüpfung individueller Tragik mit der Psychologie der Massen" zu er- 
gründen und das historische Drama an die Stelle der pseudoklassischen 
Tragödie zu setzen. Gleichzeitig wurde seine hervorragende Begabung 
für die epische Erzählung offenbar. 

Die soziale Bewegung, die ihren Dichter eingebüßt hatte, wuchs oerAufstandam 

14.Dezemb.1S25, 
nichtsdestoweniger unaufhaltsam weiter. Der Tod Alexanders und das seine Bedeutung 

° für die GeseU- 

Interregnum beschleunigten die Krisis: am 14. Dezember 1825 brach der schaft und die 
Sturm der Revolution los. Mit Waffengewalt wurde sie niedergeworfen, Die Memoiren 

^^ , „ . derDekabristen. 

entfachte aber im neuen Machthaber einen Haß gegen den Geist der Zeit 
und das freie Denken, der in ihm den Verdacht, daß die Lehren der 
Dekabristen in irgendeiner Form wieder auferstehen könnten, für alle 
Zeit Wurzel fassen ließ. Das Urteil des obersten Gerichtes, Hinrichtungen 
und Verbannungen vertilgten eine ganze Generation hervorragender 
Männer. Unter den 1 1 6 Angeklagten gab es nicht wenig talentvolle 



rg Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

Schriftsteller; die Verschwörer aus den Reihen der Armee und Gesellschaft 
waren hochentwickelte Persönlichkeiten ; die literarischen Begabungen 
mancher von ihnen entfalteten sich während ihres langen (dreißig Jahre 
dauernden) Aufenthaltes in Sibirien, der sich nur allmählich erträglicher 
zu gestalten begann. Auf diese Weise entstand die überaus interessante, 
größtenteils erst in letzter Zeit veröffentlichte Literatur der Memoiren 
der Dekabristen, die eine reiche Fülle dramatischer Momente und meister- 
hafte Schilderungen der inneren und äußeren Erlebnisse der Verfasser 
während ihrer Verbannung enthält. Diese Memoiren sind ein wertvolles 
Material zur Kulturgeschichte jener Zeit, und mancher moderne Schrift- 
steller hat aus ihnen Anregung geschöpft — so z. B. Nekrassoff, der in 
seiner schönen Dichtung „Russische Frauen" den Mut der treuen Gefähr- 
tinnen, die ihren Männern in die Verbannung gefolgt waren, besungen hat 
und L. Tolstoi, der einen Roman „Die Dekabristen" zu schreiben begann. 
Die wichtigsten Kennzeichen des nun einziehenden reaktionären Geistes 
war ein starkes Sinken des Niveaus der Literatur, die Entwicklung einer 
käuflichen Presse, die vor der Obrigkeit zu kriechen verstand, alles Große 
und Gute in den Staub zog, Männer wie Puschkin, Gogol und ihre Nach- 
folger verleumdete, schließlich die offensichtliche Betonung des Prinzips 
der unumschränkten Gewalt, welches in der berühmten Formulierung des 
Ministers Uwaroff den orthodoxen Klerikalismus mit einer „offiziellen 
Volkstümlichkeit" verband und dem neuen Regime als Grundlage diente. 
Während der in mancher Beziehung- trüben Zeiten Alexanders hatte es 
immerhin Lichtblicke gegeben, war der Widerschein einer humanen Er- 
ziehung und einer aufgeklärten Philosophie zuweilen aufgeflammt. Die 
neue Zeit — die Epoche Nikolaus' L — kannte nur militärische Zucht 
und rücksichtslose Energie. 

Der Hcginn der IL Das Zeitalter Nikolaus' L Die Epoche Nikolaus' drückte auch 

Epoche Niko- 

laus'. Ihr Einiiuß dem Leben des bedeutendsten Vertreters der Literatur, der nur durch 
Das Ergebnis Zufall der Vemichtung entgangen war, ihren Stempel auf. Wie Ludwig XIV. 

der Dichtkunst . f ,. ^ . 

Puschkins wiih- Moliere zu sich herangezogen hatte, so war es auch für Nikolaus ein fes- 
ictzten Lebens- seludcr Gedanke, einen Mann wie Puschkin an seiner Seite zu sehen 
und sein eisernes Zeitalter durch dessen Dichtkunst zu verschönern. Mit 
dem Versprechen, ihm nach jahrelanger Verbannung die Freiheit wieder- 
zugeben, lockte er ihn zu sich heran, sagte ihm völlige Zensurfreiheit zu 
und erweckte in ihm die Hoffnung auf wichtige Reformen, nachdem das 
anfangs unvermeidliche terroristische Regierungssystem seine Pflicht getan 
haben würde. Puschkin kehrte zu seiner ehemaligen Wirksamkeit zurück, 
als er sich absolute Überzeugungsfreiheit zugesichert, aber seinerseits der 
Regierung versprochen hatte, ihr in keiner Weise hinderlich zu sein. Sein 
stillschweigender Protest, der ein Festhalten an früheren Ideen erraten ließ, 
bewirkte jedoch, daß die Gesellschaft sich von ihm zurückzog- und die offi- 
zielle Welt ihm Mißtrauen entgegenbrachte. Bald sah er sich in seiner 



ß. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. en 

Hoffnung auf Reformen irgendwelcher Art getäuscht, und drückend kam 
es ihm zum Bewußtsein, daß er nunmehr an das harte Regiment gefesselt 
sei. Die Regierung war allerdings bemüht, die Bande, die ihn an die 
ihm fremde Welt des Hofes ketten sollten, zu vergolden, indem sie ihn 
gegen seinen Willen zum Kammerjunker machte, doch engte sie seine 
Selbständigkeit immer mehr ein. Seine einzige Zuflucht wurde die Dicht- 
kunst. Schon während der letzten Zeit seiner Verbannung hatte er 
sich der reinen, von jeder Tendenz freien Poesie gewidmet; nun gab 
er sich ihr für immer hin. Von seinen Zeitgenossen wenig gewürdigt, 
bestand er kaum vor der Kritik. Er unterwarf sich aber dem Richter- 
spruch seines künstlerischen Gewissens und suchte seinen Geschmack 
durch eingehende Studien der Weltliteratur zu bilden. Er erwarb sich 
dabei so umfassende Kenntnisse, daß er in dieser Beziehung mit dem 
alten Goethe verglichen werden konnte. Seine Phantasie trug ihn in un- 
absehbare Regionen: das mittelalterliche Leben, die Legenden des fernen 
Südens (Don Juan), die sagenhafte Vergangenheit Rußlands, die Epoche 
Peters des Großen, des von ihm am meisten bewunderten Helden der 
neueren russischen Geschichte, Bilder aus Katharinas Zeiten während des 
Pugatschoffschen Aufstandes, meisterhafte Bearbeitungen von Motiven der 
Volksdichtung, Pathos, Schmerz und Humor, ernste und heitere Schönheit, 
Lebenstreue des Realismus — dies alles umfaßte seine Kunst, in der der 
tief innige Lyriker, der Dramaturg („Boris Godunoff"; eine Reihe vorzüg- 
licher Einakter, „Der Steinerne Gast", „Mozart und Salieri", „Der geizige 
Ritter") und der Romanschriftsteller („Die Tochter des Hauptmanns", eine 
Schilderung Rußlands während der Pugatschoffschen Meuterei) sich im 
Wettkampf zu befinden schienen. Als nach dem Tode Puschkins die 
erste Ausgabe seiner sämtlichen Werke zusammengestellt wurde, offen- 
barte sich den überraschten Blicken eine Fülle unsterblicher Schöpfungen, 
die bis dahin eifersüchtig gehütet worden waren; die Kraft seines steten 
künstlerischen Fortschrittes erweckte zu spät Staunen und aufrichtige 
Bewunderung. 

Während seiner letzten Lebensjahre wurde es schon bemerkbar, daß die „'^"'<=*'^. Schuie 

^ 1 uscnkins. Der 

Gesellschaft und die literarischen Kreise sich ihm wieder zuzuwenden be- philosophische 

Kreis in Moskau. 

g-annen. Die schwere Krisis des Mißtrauens und der Entfremdung war i'uschkin als 

= '^ Journalist. 

Überwunden. Von der ersten Schule Puschkins waren kaum Spuren zu- "^^ Auftretea 

Gogols. 

rückgeblieben, und die Reihen jener Kämpen, die mit Puschkin unter dem 
Zeichen Byrons auf den Plan getreten waren, hatten sich stark gelichtet. 
Jetzt traten an ihrer Statt Männer auf, die einer jüngeren Generation an- 
gehörten, den Umschwung der Dezemberrevolution nicht selbst unmittelbar 
erlebt hatten und in ihren Sympathien unbefangen waren. Zuerst war es 
ein Kreis junger Moskauer Ästhetiker und Dilettanten der Philosophie, 
die Goethe und Schelling verehrten und dem Traume nachhingen, daß 
dem russischen Volke die Führerrolle in der Kulturentwicklung zufallen 
würde, nachdem sie Deutschland entglitten sei, und daß Puschkin den Ruhm 



5o Alexis Wessf.lovsky : Die russische Literatur. 

und die universale Bedeutung eines Goethe erlangen könnte. Der 
Idealismus dieser Jünglinge, deren nationale Hoffnungen sie zu Vorläufern 
der Slawophilen stempeln, fand in der Literatur noch keinen deutlichen 
Ausdruck. Ihre Sympathie, die sie Puschkin zu Beginn der Krisis bezeugt 
hatten, sowie die Freundschaft Puschkins mit dem damals nach Moskau 
verbannten großen polnischen Dichter Mickiewicz, der zu ihrem Kreise 
gehörte, hatten nur moralische Bedeutung. Es kam aber die Zeit, da 
frische, aktive literarische Talente sich um Puschkin scharten, eine neue, 
wichtigere Schule sich zu bilden begann und die von Puschkin nach 
Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten gegründete Zeitschrift der „Zeit- 
genosse" die Führerschaft innerhalb der neuen Literatur übernehmen 
konnte. Diese Zeit schlingt ein enges Band zwischen dem Dichter und 
der literarischen Bewegung der folgenden Periode. Sein Vermächtnis 
wurde von seinem größten Schüler, Gogol, treu gepflegt. 
Gogol. In jugendlichem Selbstbewußtsein, getragen von der Hoffnung „die 

Sein Talent und ... -,7. t~»i -li 

sein Charakter. Hauptstadt ZU erobem" und sich einen Weg zum Kuhme zu bahnen, 
basein inPeters- hatte der ehrgeizige Gogol die stille, gemütliche Ukraine verlassen und 
Erzhiüungen. slch in dcu Kampf ums Dasein gestürzt, um, wie alle unverstandenen 
Talente der Provinz, an den Stätten der Kultur nicht Lorbeeren, son- 
dern Enttäuschungen zu ernten. Er verfügte über eine unerschöpfliche 
Komik und Beobachtungsgabe; seine Phantasie vermochte so lebendige 
Bilder zu schaffen, daß sie gelegentlich den Charakter von Halluzinationen 
annehmen konnten; es kamen über ihn aber auch Zeiten einer tiefen ihm 
erblich überkommenen Melancholie. Auch in der Selbstanalyse war er 
Meister, der Humor, der „unter Tränen lächelt", stand ihm zu Gebote, 
doch alles das war noch unklar, unausgeglichen, ihm selbst kaum bewußt. 
Die Schule hatte ihm wenig gegeben, die erste Jugend hatte er sorglos 
verlebt, bis die Stunde des Erwachens schlug und es ihn zu selb- 
ständiger Arbeit drängte. Da raffte er alle Energie zusammen, der 
Glaube an sich selbst wies ihm den Weg, und mit wenig Groschen in der 
Tasche zog der unerfahrene Jüngling aus, um sein Glück zu suchen. Nicht 
das Schriftstellertum, sondern die praktische Tätigkeit des Juristen, des 
Verteidigers der Bedrückten zog ihn an. Naive Unkenntnis der Wirklich- 
keit, vor allem des damaligen Gerichtswesens, in welchem für das Ritter- 
tum eines Don Quixote kein Platz war, spiegelt sich in diesen Träumen. 
Das Petersburger Leben bereitete ihm einen rauhen Empfang; es verurteilte 
ihn zu allerlei Qualen und Mißerfolgen, zwang ihn an alle Türen zu 
klopfen, sich in allen Berufen zu versuchen, als Lehrer, als Beamter, als 
Zeichner, ja selbst als Schauspieler, zeigte ihm die nackte Wirklichkeit, 
brachte ihn mit Menschen aller Schattierungen in Berührung, sperrte ihn 
mit den ihm unsympathischen „Helden der Tinte" zusammen in Kanzleien 
ein — und lieferte dem zukünftigen Sittenschilderer ein reichhaltiges 
Material. Sein letzter Versuch, der ständigen Not zu entgehen — die Ver- 
öffentlichung einer Reihe von Skizzen aus dem Volksleben seiner engeren 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 61 

Heimat — änderte plötzlich die ganze Situation. In diesen Erzählungen 
spiegelt sich noch nicht die schwer erworbene Kenntnis des realen Lebens; 
auf ihnen ruht der Hauch der Dorfidylle, der Sentimentalität, der Romantik; 
inmitten aller Unbill war es ihm offenbar ein Trost gewesen, der fernen 
Heimat, des südlichen Himmels und des schlichten, unverdorbenen Volkes 
zu gedenken. Doch die Anzeichen der künstlerischen Meisterschaft machen 
sich bereits geltend, der Humor leuchtet auf, das Lachen geht in sanfte 
Wehmut über. Niemand hatte bisher in dieser Weise geschrieben; un- 
willkürlich horchte man auf. Der Erfolg, dessen sich diese Erzählungen, 
die bald in Buchform erschienen („Abende auf dem Landgut bei Dikanka"), 
zu erfreuen hatten, ihre sympathische Beurteilung seitens der Kritik, wiesen 
Gogol sein eigentliches Gebiet innerhalb der Literatur an. 

Damals wurde er von Puschkin entdeckt. Dieser erkannte sofort sein Puschkin und 

sein Einnuß auf 

hervorragendes Talent und beschloß, seinem Schicksal eine neue Wendung Gosoi. 
zu geben. Seine literarischen und gesellschaftlichen Freunde halfen ihm, 
und über den von der Not geplagten, hungrigen Glücksucher, den niemand 
kannte und den niemand brauchte, schüttete Fortuna nun ihr Füllhorn 
aus. Seine schriftstellerischen Erfolge bewegten sich in aufsteigender 
Linie. Ihn schwindelte, der Glaube an seine Kraft wurde zur Selbstüber- 
hebung, seine reiche Natur streute jetzt mit Leichtigkeit ihre Schätze 
aus. Puschkin aber gab auf seinen jungen Freund acht. Er durchschaute 
die Lücken seiner Bildung und erkannte die Gefahren eines Uber- 
wucherns der Phantasie und der Komik. Da er die Umbildung Gogols 
auf sich genommen hatte, wies er ihn auf das Studium der bedeutend- 
sten Schriftsteller der Satire, besonders auf Moliere und Cervantes hin, hieß 
ihn seine Begabung in den Dienst der Allgemeinheit stellen und veran- 
laßte ihn, statt gelegentliche Beobachtungen und Erfahrungen zu behandeln, 
künstlerische Probleme, die das ganze Leben umfassen, in Angriff zu nehmen. 
Es war Puschkin nicht beschieden, die Entwicklung des Talents Gogols 
bis zu seiner vollen Reife zu leiten, doch hat er ihn auf den rechten Weg 
gewiesen, hat eine große Reihe seiner Schöpfungen durch das Gewicht 
seiner Autorität unterstützt und ihm das Thema zu zwei seiner größten 
Werke in die Hand gegeben. Er war das künstlerische Gewissen und 
der Schutzengel Gogols. Nach dem Tode Puschkins war Gogol untröst- 
lich und glaubte, diesen Schicksalsschlag nicht überleben zu können. 

Die Romantik der kleinrussischen Erzählungen Gogols verglühte bald, ^^""^"'^fj"^^ 
Zum letztenmal war sie in seinem schönen Versuch, die epische Yer-^^''^°e°^- oie 

^ „Petersburger 

gangenheit seiner Heimat, den Heroismus des Kampfes der Kosaken mit u^j"^,!^'"^*''^",, 
den Polen in „Tarass Bulba" neu erstehen zu lassen, aufgeflammt. In dieser =•"♦ <^e° moder- 

^ nen Romaa. 

Erzählung scheinen die alten Volkslieder, die Gogol grenzenlos liebte, 
widerzuhallen. Andererseits zeigte sich in diesem Werke sein Interesse für 
das europäische Mittelalter, insbesondere für die chansons de gestes: die 
Schilderung der Schlacht, die schließlich durch Zweikämpfe zwischen 
tapferen Kosaken und polnischen Helden zum Austrag gebracht wird, ge- 



52 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

mahnt an die letzten Kämpfe der Gefährten Rolands mit den Mauren; 
endlich macht sich auch der Einfluß Walter Scotts bemerkbar. Das ganze 
Werk ist von einer nervösen Lyrik und einer tiefen Ehrfurcht vor dem 
Volkstum durchdrungen. Doch die erfreulichen Bilder des Dorflebens 
und die Gestalten der Vergangenheit verblaßten und verloren sich in der 
Dämmerung; das Leben der Gegenwart mit seinen Widersprüchen, seinen 
Gebrechen und seiner Ungleichheit lockte Gogol immer mehr zu sich 
heran und reizte ihn zum Kampfe. Wer so wie er die ganze Schwere des 
struggle for life ausgekostet hatte, der wußte von ihm zu erzählen und 
konnte den Zeitgenossen über manches die Augen öffnen. Am Leser 
zog nun eine Reihe enterbter, armseliger, rechtloser Leute, die unter 
einer allzu schweren Last zusammengebrochen waren, vorüber. Vor Balzac 
und Dickens und lange vor Dostojewsky, der in seinem ersten Roman 
„Arme Leute" die Bahnen seines großen Lehrers betrat, hat Gogol, nach- 
dem er sich von der Romantik befreit und mutig in das Meer des realen 
Lebens gestürzt hatte, in seinen „Petersburger Erzählungen" („Der Mantel", 
„Die Aufzeichnungen eines Geisteskranken", „Der Newsky Prospekt" 
u. a. m.) mit grellen, wahrheitsgetreuen Farben die Opfer der sozialen Ord- 
nung, die Parias, gezeichnet und ist im Namen der Gerechtigkeit und 
Menschlichkeit für sie eingetreten. Das war eine brüderliche, warm 
empfundene Tat, eine Predigt der Demokratie und Gleichheit, ein „didak- 
tischer Realismus", wie er seit jener Zeit für die neue russische Literatur 
charakteristisch ist. Doch die in den Dienst der Humanität gestellten 
Ideen beschwerten nicht die künstlerische Form; Gogols Humor stand in 
voller Blüte, ungezwungen und wahrheitsgetreu entrollte sich das Lebens- 
bild der Gesellschaft imd ihrer Stiefkinder; im „Newsky Prospekt" stehen 
im glanzvollen Getriebe der eleganten Straße hoch und niedrig, Reich- 
tum und Armut, Willkür und Schutzlosigkeit einander gegenüber. 

Die reiche Begabung Gogols erschöpfte sich aber nicht in der 
Kunst des Erzählers. Sainte-Beuve hat feinsinnig bemerkt, daß in den 
Menschen, die ein seelisches Gleichgewicht erlangt haben und vom 
Leben am meisten ernüchtert worden sind, oft „un poete mort jeune" ver- 
borgen sei. In Gogol, der hauptsächlich als großer realistischer Erzähler 
im Gedächtnis der Nachwelt fortlebt, ist von frühester Jugend an ein 
Hang zum Theater bemerkbar gewesen. In seinen Studentenjahren hatte 
er erstaunliches schauspielerisches Talent als Komiker bewiesen, und in 
der Zeit der Krisis hatte ihn dies Talent beinahe auf die Bühne geführt. 
Auch als er erfolglos versuchte, als Historiker die Laufbahn eines akade- 
mischen Lehrers zu betreten, lebte in ihm die Sehnsucht nach Bühnen- 
erfolgen und lenkte ihn von seinen Arbeiten ab; wenn er sich von seinen 
Vorlesungen und Folianten losriß, „sah er einen mit einem lachenden 
Publikum gefüllten Zuschauerraum vor sich", und der Traum, ein Lustspiel 
zu schreiben, ließ ihm keine Ruhe. Während der ganzen mittleren Periode 
seiner Wirksamkeit streiten sich in ihm der Erzähler und der Dramaturg. 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 63 

Mit dem Erscheinen der „Toten Seelen" gewann der Erzähler die Ober- 
hand, doch wird es immer eine offene Frage bleiben, ob in Gogol nicht 
„un ecrivain dramatique mort jeune" den höheren Ausdruck seines Talentes 
gefunden hätte. 

Nachdem er ein nicht zensurgemäßes Lustspiel, das uns nur in ein- uer Höhepunkt 

, , derBühneakunst 

z einen Bruchstücken erhalten ist, in kühnen Strichen entworfen hatte, in Gogols. 

,,Der Revisor" 

welchem er, wie in den Petersburger Erzählungen, die bureaukratische 
Welt der Hauptstadt vor Augen führte, fühlte er sich als echter Komiker 
angeregt, auf der Basis einer in damaliger Zeit recht banalen Fabel — 
der Mystifizierung einer entlegenen Provinzialstadt durch einen Aben- 
teurer, der sich außerordentliche Machtvollkommenheiten anmaßt — den 
Plan zu seinem Lustspiel „Der Revisor" zu entwerfen. Zwei Welten traten 
hier einander gegenüber: die der Provinzialbeamten, deren auf gegen- 
seitigem Einvernehmen beruhenden Willkür, Bestechlichkeit und Raub- 
gier das Volk preisgegeben ist, und die Welt des unerreichbar fernen 
Zentrums der Regierung, das bei völliger Unkenntnis des Landes von 
Falschheit, Glanz und dem leichtsinnigen Treiben der Großstadt um- 
geben ist. Jene beiden Welten kommen in unerwarteter Weise mit- 
einander in Berührung, wodurch große Aufregung entsteht. In einer 
Landstadt verbreitet sich das Gerücht, daß ein hoher Beamter zur 
allgemeinen Revision den Ort besuchen werde. Eine Panik bricht aus; 
die Einwohner des moralisch versumpften Nestes halten einen unbe- 
deutenden, zufällig anwesenden Petersburger jungen Mann für den ge- 
strengen Richter, der seine Mission inkognito zu erfüllen gedenkt, und 
legen es ihm nahe, die Rolle des Revisors zu übernehmen. Er nimmt 
daraufhin alle Ehrungen als den seinen Talenten gebührenden Tribut 
entgegen und läßt seiner Phantasie die Zügel schießen. Er ist aber 
kein gewerbsmäßiger Betrüger, kein bewußter Chevalier d'industrie, auch 
kein krankhafter Lügner, sondern ein virtuosenhafter Improvisator, der 
nie weiß, wohin ihn die Phantasie führen wird, der an seine eigene 
Größe tatsächlich glaubt, obgleich er in Petersburg als unbedeutendes 
Subjekt in der Masse verschwindet. Als ihm mitten in seinen sorg- 
losen Betrügereien der Gedanke kommt, daß man ihn möglicherweise 
mit einem anderen verwechselt habe und er daraufhin verschwindet, 
nachdem er kurz vorher verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Stadt- 
hauptmann angeknüpft hat, welchen er als Revisor in erster Reihe hätte 
revidieren und dem Gericht übergeben sollen, da erwachen die Leute aus 
der Hypnose. Ein zufällig aufgegriffener Brief des vermeintlichen Dik- 
tators klärt alles auf. Von der Tragikomödie des allgemeinen Betruges 
fühlen sich die Leute, die eine nicht geringe Lebenserfahrung besitzen, 
tief beschämt. Sie ahnen schon, daß ihr häuslicher Skandal Gegenstand 
allgemeiner Erheiterung werden wird, ja möglicherweise kommt jemand 
auf den Gedanken, ihn als Thema eines Lustspiels zu behandeln. „Warum 
lacht ihr? Ihr lacht ja euch selbst aus!" ruft der Stadthauptmann 



64 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



denen zu, die sich gescheuter dünken, und erinnert mit diesen Worten 
daran, daß die typischen russischen Mißstände hier an dem Gebaren in 
einem Provinzstädtchen illustriert worden sind. Die Theaterzensur ver- 
langte damals, daß die Tugend siegen müsse, deshalb erscheint, als das 
peinliche Erwachen den Höhepunkt der Verwirrung erreicht hat, ein 
Gendarm in der Tür und verkündet mit lauter Stimme, daß der echte 
Revisor nunmehr eingetroffen sei und alle zu sich entbiete. Das Lust- 
spiel schließt mit der stummen Szene des Erstarrens aller angesichts des 
nahenden Gerichts. 
Bedeutung des Die im Lustspiel geschilderten Verhältnisse der Verwaltung und der 

die russische Gesellschaft existieren jetzt ebensowenig wie die von Gribojedoff ent- 
worfenen Typen des Moskauer Lebens. Der Grundgedanke des „Revisors", 
der Einspruch gegen den Stillstand der Entwicklung und das Willkür- 
regiment, behält aber für alle Zeiten seinen Wahrheitswert und wird stets 
verstanden werden. Indem das Stück jede schroffe Äußerung vermeidet 
und die Schilderungen der entsetzlichen Rechtlosigkeit des Volkes in bei- 
nahe liebenswürdige Formen kleidet, hat es nicht nur für seine Zeit die 
Aufgaben einer wahren Komödie erfüllt. Eine ganze Reihe lebendiger 
Typen ist der Ertrag der feinen Charakterisierungskunst Gogols. In erster 
Reihe stehen der Stadthauptmann, ein alter Schurke und Tartüffe, und 
sein Besieger, der „Revisor" Chlestakofif Der unerschöpfliche Humor Gogols 
hat das Stück mit einer solchen Fülle geistreicher und heiterer Einfälle 
gewürzt, die sich dem Gedächtnis des Volkes für alle Zeit eingeprägt 
haben, daß das Lustspiel nicht nur soziale Bedeutung hat, sondern auch 
einen auf der russischen Bühne noch nicht dagewesenen Triumph der 
Das Schicksal Komik bedeutet. Gogol hatte aber viele Kämpfe zu bestehen, ehe es 

des „Revisors" . ° I- i 

auf der }!ühne. ihm gelang, die Bühne zu erobern und mit dem großen Publikum Fühlung 

Gogols Reise ins , , . , o • 

Ausland. ZU gewiuuen. Die Theaterzensur erklärte sich gegen ihn, von allen Seiten 
wurde er in feindselige Intriguen verwickelt, und das Verbot des „Revisor" 
schien unvermeidlich. Glücklicherweise wurde der gordische Knoten durch 
den Einspruch des Kaisers gelöst. Aber obwohl eine der seltenen wohl- 
tätigen Einmischungen Nikolaus' in literarische Dinge den „Revisor" rettete, 
gelang es doch nicht, die Regierungskreise mit dem Stück auszusöhnen, da 
diese die Bloßstellung der administrativen Zustände als blutige Beleidig"ung 
empfanden. Der ersten Aufführung (1836) wohnte die ganze vornehme Welt 
bei, die Demokraten waren nur in geringer Zahl vertreten. Das Mißfallen 
derjenigen Persönlichkeiten, die sich getroffen fühlten, wuchs von Akt zu 
Akt; zuweilen wurde gelacht, da es eben unmöglich war, nicht zu lachen, 
doch war es nur der Anwesenheit des Kaisers zu danken, daß das Stück 
nicht ausgepfiffen wurde. Diese feindselige Stimmung wirkte auf Gogol 
so stark, daß er in seiner Verzweiflung das Theater vor dem Schluß des 
Stückes verließ. In der nächsten Aufführung änderte sich das Bild; statt 
der vornehmen, aber korrumpierten Gesellschaft erschienen die gesunden Ele- 
mente des Volkes und bereiteten dem „Revisor" einen Erfolg, der sich 



tion. 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 65 

ZU einem wahren Triumphe gestaltete — aber die überstandene Pein hatte 
Gogol allzu stark erschüttert. Er hätte im Hinblick auf das, was Moliere, 
Lesage, Beaumarchais und GribojedofF vor ihm durchgemacht hatten, auf 
einen Kampf gefaßt sein sollen, aber offenbar hatte er eine derartig feind- 
selige Stimmung nicht erwartet. Er hielt sein Erlebnis für ein Ungemach, 
das das Schicksal gerade ihm aufbürdete, und in seinem krankhaften Zu- 
stande hegte er jetzt nur den einen Wunsch, die undankbare Gesellschaft zu 
verlassen und weit fort zu gehen, aber nicht um seiner Tätigkeit zu entsagen, 
sondern um in der Fremde „über seine literarischen Verpflichtungen reif- 
lich nachzudenken". Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande! rief er 
aus, als er Rußland verließ, um eine große Reise durch das westliche 
Europa anzutreten, die zum Vorspiel einer fast ständigen Abwesenheit von 
der Heimat wurde. Erst kurz vor seinem Tode kehrte er heim. Beständig 
gedachte er aber der Heimat und arbeitete zu ihrem Nutzen, ganz wie 
es nach ihm Turgenjeff getan hat. 

Während an den umflorten Augen Gogols die Landschaften Mittel- Gogol ahRoman- 

^ ^ scliriftsteller. 

deutschlands, des Rheins und des Genfer Sees vorüberflogen, war der „Die toten 

' . Seelen". Ihre 

Plan zu einem neuen Werke, das gleichzeitig mit dem „Revisor" ent- erste Konzep- 
worfen, aber nur in den ersten Kapiteln ausgeführt worden war, sein 
ständiger Begleiter, wenn es auch seinem Gedächtnis stark entrückt und 
unter den mitgenommenen Schriftstücken ganz vergraben war. Es handelte 
sich bei dem neuen Werke nicht um eine Komödie, die sowohl in der Fabel 
begrenzt, als auch an eine bestimmte Form gebunden ist, vielmehr sollte nun 
das ganze Leben geschildert werden. Ein Sittenepos wuchs heran, in dem alle 
Schichten der Gesellschaft, im Lichte eines in die Tiefe dringenden Humors 
gezeichnet, ihre Stelle fanden. Der äußere Zusammenhang der geschilderten 
Begebnisse wurde durch eine Anekdote hergestellt, die in den damaligen 
Verhältnissen der Leibeigenschaft ihre Begründung fand: ein betrügerischer 
Spekulant, dem es bekannt ist, daß die Zählung der Bauern nur alle zehn 
Jahre erfolgt, und daß die während dieser Frist Verstorbenen unter den 
Lebenden verzeichnet werden, kauft die toten Seelen für einen Spottpreis 
auf, um sie in einer Bank als Eigentum zu verpfänden und auf diese 
Weise zu Reichtum zu gelangen. Der reisende Spekulant kommt natür- 
lich mit einer Menge Menschen zusammen, wodurch Gogol Gelegenheit 
findet, alle möglichen Typen zu schildern. Als Gegenbild des „Ritters 
von der traurigen Gestalt", der umherreist, um menschliches Leiden zu 
lindern und die Unglücklichen und Verfolgten zu beschützen, ist der Held 
dieser Erzählung schon an sich ein interessantes Objekt für psychologische 
Studien. Durch den Zickzackkurs, den er auf der Jagd nach Beute durch 
den Sumpf des menschlichen Lebens nimmt, bekommt der Leser Gelegen- 
heit, in die verborgensten Winkel des Volkstums zu blicken. Dieses 
Sujet wurde in der ersten Fassung des Romans mit kühnem Humor be- 
handelt. Der Verfasser, der ein unnachahmlicher Vorleser war, machte 
Puschkin mit seinem Werke bekannt und war höchst erstaunt, als auf 

DiB Kultur der Gegenwart. L 9. 5 



56 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

dem Antlitz seines aufmerksamen Zuhörers, vor dessen innerem Auge sich 

eine Reihe urkomischer Szenen abspielten, das Lächeln allmählich schwand, 

und dem Ausdrucke der Trauer Platz machte: „Mein Gott, wie traurig 

Ausführung des steht's um unser Rußland!" rief dieser plötzlich aus. Dem Humo- 

„Toten Seelen", risten, der sich selbst unbewußt, Ankläger und zugleich Erzieher seines 

„Göttlichen Volkes War, wurde das Wesen der von ihm vollbrachten Tat und seines 

Soziale und lite- ferneren Berufs immer klarer. Sein Gesichtsfeld erweiterte sich, die 

rarische Bedeu- ^-.^ ...,.,, t-, -t 

tung der Dich- Romanform genügte mm nicht mehr, zum Erstaunen der Leser und der 
Kritik benannte er die „Toten Seelen" ein „Poem". Er vergleicht die- 
jenigen Schriftsteller, die das Große, Edle, Heroische darstellen, die der 
Masse schmeicheln, mit denen, die sich voll Selbstverleugnung zur 
Schilderung des Traurigen, Niedrigen und Abstoßenden verurteilen; wäh- 
rend jene Lorbeeren ernten, müssen diese die Gleichgültigkeit und 
Ablehnung der Gesellschaft, die die Bedeutung des Lachens nicht zu 
fassen vermag, auf sich nehmen. Die schwere Arbeit, die er über- 
nommen hatte, suchte er mit seiner begeisterten Hingabe an die Heimat 
zu verschmelzen, deren Zukunft er in leuchtenden Farben malt. Die 
„Toten Seelen" sind ein erstes Manifest des russischen Realismus, der 
von Seiten Gogols noch in einigen anderen Werken verschärft wurde 
(z. B. in dem Stücke „Beim Verlassen des Theaters nach der Auf- 
führung eines Lustspiels"). Andererseits wird in den „lyrischen" Epi- 
soden des Romans eine krankhafte Neigung zur Mystik offenbar, die 
früher von jugendlichem Frohsinn übertönt worden war, aber nur ver- 
stummte, um mit besonderer Kraft wiederzuerstehen, als Gogol den 
Finger der Vorsehung auf sich gerichtet zu sehen vermeinte und sich 
zum erstenmal zum großen geheimnisvollen Werk der allgemeinen Er- 
weckung berufen fühlte. Die Mystik trübte ihm den Blick und so ver- 
knüpfte er seine Ideale mit den zurzeit gegebenen Zuständen in Rußland, 
ohne gewahr zu werden, daß die Willkür, der Militarismus, der Bureau- 
kratismus und das Bestehen der Leibeigenschaft mit dem Fortschritt un- 
vereinbar waren. In einem späteren Teile der Dichtung sagt der kranke 
und schwache Gogol, daß alles, was im zeitgenössischen Rußland Bewußt- 
sein hat, auf welcher sozialen Stufe es auch sei, danach schmachte, das 
magische Wort „Vorwärts!" zu vernehmen. Er selbst hat damals dieses 
Wort seinen Zeitgenossen nicht zugerufen, er bestand nicht darauf, daß 
mit der überlebten Ordnung der Dinge radikal gebrochen werden müsse, ja 
er versuchte sogar in den letzten Jahren vor seinem Tode sich und andere 
davon zu überzeugen, daß innerhalb der Grenzen des Bestehenden Ver- 
besserungen und Erleichterungen möglich seien, und brachte durch seine 
versöhnenden Tendenzen sowohl die junge Generation als auch die Lite- 
ratur gegen sich auf. Wenn auch seine theoretischen Begründungen schwach 
waren, so hat er doch in der Analyse des Lebens, seiner Formen und Typen 
Großes geleistet. Mit Ausnahme einiger Seiten des russischen Volkslebens 
(z. B. des Bauernstandes, der zuerst von Turgenieff geschildert worden ist) hat 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 57 

er das ganze zeitgenössische Milieu in seinen Roman „Die Toten Seelen" 
aufgenommen. Das war das eigentliche Rußland, aber doch ein vorsintflut- 
liches, in seiner Brutalität und Rückständigkeit mißgestaltetes Rußland, 
das dort geschildert wurde. Von dem allgemeinen Hintergrunde heben sich 
einzelne Gestalten ab, eine Reihe prächtiger Porträts, vor allem der Held 
des Romans Tschitschikoff, der nicht mit den harten Zügen des Verbrecher- 
tums ausgestattet ist, sondern im Gegenteil, mit den einschmeichelnden, 
gewinnenden Manieren eines anständigen Menschen mit gemäßigter Welt- 
anschauung. Der milde Ton der Satire wird hier wie im „Revisor" an- 
geschlagen, doch aus der Fülle moralisch mißgestalteter Persönlichkeiten 
gewinnt man eine Vorstellung von den geradezu entsetzlichen Zuständen 
des realen Lebens. Im Plan des Romans ist ein Widerhall von Dantes 
„Divina Commedia" bemerkbar. Bei Gogol, der viele Jahre in Italien 
zugebracht und eine große Verehrung' für Dante gewonnen hatte, konnte 
wohl der Gedanke auftauchen, sein Werk nach dem Plane seines großen 
Vorgängers zu gestalten. Je weiter die „Toten Seelen" gediehen und er 
— wie er sich ausdrückte — durch einen bescheidenen Eingang, den Vor- 
raum einer Hütte, in die hellen Räume eines wunderbaren Gebäudes ge- 
langte, desto mehr befreite er sich von der Formlosigkeit einer Erzählung, 
der gar keine Disposition zugrunde lag, um die großartige Architektur 
eines dreibändigen Werkes an ihre Stelle zu setzen. Der zweite Band 
war als ein Gegenstück zum Purgatorio geplant; den Menschen, die in 
diesem Teile geschildert werden sollten, eröffnet sich die Möglichkeit 
einer Läuterung im Geiste der Nächstenliebe. Der Held selbst ist 
sittlich erschüttert und bereit, sein Kreuz auf sich zu nehmen. In der 
Ferne winkt die völlige Erlösung, das irdische Paradies, das Reich der 
Wahrheit und des Guten. Gogol war von diesem zweiten Bande nicht 
befriedigt, ließ ihn unvollendet und vernichtete sogar einen Teil davon 
vor seinem Tode. Glücklicherweise ist er an die lichtvollen Bilder 
des dritten Bandes, in welchem Himmelsbewohner in menschlicher Ge- 
stalt erscheinen sollten, überhaupt nicht herangetreten. Die großartige 
Mystik des Paradieses von Dante war nur in den Zeiten des unmittel- 
baren, reinen Glaubens möglich. Den idealen Helden Gogols, die 
einer realen Basis ermangelten, wäre nicht nur das Los ähnlicher 
mißlungener Versuche Turgeniefi^s, Gontscharoffs und Tolstois be- 
schieden gewesen, sondern solche Fiktionen hätten am Schlüsse eines 
durch und durch realistischen Romans diesem geradezu sein Todesurteil 
besiegelt. 

Der große Fortschritt, der in der sozialen Tendenz der „Toten Seelen" SchnftsteUer- 
lag, hatte ebensolche Schwierigkeiten zu überwinden, wie die Neue- „Die natürliche 
rungen des „Revisor". Gogol, der das Manuskript des ersten Bandes Angreifer. "^^ 
aus dem Auslande heimgebracht hatte und die überspannte Hoffnung 
hegte, daß sein heißer Wunsch, dem allgemeinen Wohl zu dienen, sympa- 
thisch aufgenommen werden würde, war empört über die Engherzigkeit der 

5* 



Leb, 



58 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

Zensur, die den Roman verbot und eine Reihe Anklagen gegen ihn erhob. 
Sie warf Gogol Untergrabung der Gesetze und Beleidigung der Stände vor; 
im Grundgedanken des ganzen Werkes erblickte sie eine Verhöhnung der 
Dogmen, da die Seelen ja unsterblich seien. Als das Buch nach langen 
Kämpfen, nach vielen Unterredungen und Zugeständnissen endlich er- 
scheinen konnte, vergiftete die feindselige Haltung der konservativen 
Kreise und die Kritik ihrer Presse Gogol die Freude an der aufrich- 
tigen Begeisterung, die ihm von allen Freunden einer freiheitlichen, 
humanen Literatur entgegengebracht wurde. Die tadelnden Kritiker und 
rückständigen Journalisten faßten Gogol und seine jungen Nachfolger 
zu einer Gruppe zusammen, die sie mit ihrem Haß verfolgten. Um den, 
wie sie es nannten, extremen und schamlosen Realismus dieser Richtung 
zu brandmarken, legten sie dieser den Spottnamen „die natürliche 
Schule" bei, ein Name, der aber wirklich bezeichnend war und der 
also schon einige Jahrzehnte vor dem Auftreten der naturalistischen 
Schriftsteller in Frankreich, an deren Spitze Emile Zola stand, zum 
Panier wurde, um das sich Turgenieff, Gontscharow, Dostojewsky und 
Saltykoff scharten. 
letzte Die große Verantwortlichkeit, die Gogol auf sich lasten fühlte, ver- 

"cogois. mochte er nicht zu ertragen; die harten Prüfungen, die er in seiner 
als Moralist und schriftstellerischen Tätigkeit zu überstehen hatte, untergruben seine Ge- 
Brief Beiinskys. sundheit, da seine Nervenkonstitution ihn für alle Unbill empfänglich 
machte. Nach einer schweren Krankheit ließ seine Energie und Schöpfer- 
kraft nach. In dem Geiste dieses einsamen Mannes, der sich beständig 
auf Reisen befand, begannen sich religiöse Wahnideen und mönchisch- 
asketische Neigungen zu entwickeln. Sein Werk aber war fest begründet 
und konnte nicht vernichtet werden. Als einige Jahre später aus seiner 
Feder die „Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden" er- 
schienen, eine Sammlung von Betrachtimgen über zeitgenössische Fragen, 
die von pietistisch-versöhnendem Geiste durchweht waren, erhob sich 
wider den Verfasser alles, was ihm sein geistiges Wachstum zu verdanken 
hatte, und der beste Erklärer Gogols, das Haupt der kritischen Schule, die 
sich im Zusammenhang mit Gogols Richtung entwickelt hatte, Belinsky, 
schrieb ihm aus Salzbrunn, also fern von der russischen Postzensur, einen 
Brief voller Anklagen, der ihm die Augen öffnen und ihm zeigen sollte, 
daß er am Rande eines Abgrundes stehe, daß Rußland „weder Mj-stizis- 
mus noch Pietismus und Asketismus, sondern Zivilisation, Bildung und 
Humanität benötige". Trotz alledem betonte in diesem leidenschaftlichen 
Briefe der strenge Kritiker, der die Mißbilligung mit wehem Herzen aus- 
gesprochen hatte, die Größe der künstlerischen Tat Gogols. Gogol war 
durch den Zwiespalt, den er selbst ins Leben gerufen hatte, tief erschüttert; 
er schien aus einem Traum zu erwachen, kehrte zur Arbeit zurück, wurde 
schmerzlich gewahr, daß er das Leben noch nicht genügend kannte, unter- 
brach seine Reise und widmete sich in der Heimat neuen Studien. Doch 



B. Die erste Hälfte des I<). Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 6g 

seine Energie und Schöpferkraft waren gebrochen, der Tod stand vor 
der Tür. Die Episode mit Behnsky, unter der alle gebildeten Lands- 
leute moralisch gelitten, hatte aber den Erfolg, die literarische Be- 
wegung zu kräftigen. Seit der von Puschkin ausgegangenen Anregung 
hatte sie nun ein zweites höchst wichtiges Entwicklungsstadium durch- 
gemacht und entfaltete um die Mitte der vierziger Jahre eine neue, 
reiche Blüte. 

Da Puschkin in der meisterhaften Handhabung der künstlerischen Schicksal der 
Prosa und der Sittenschilderung im Roman schon so bald in Gogol Puschkin. Das 
einen Nachfolger gefunden hatte, war es möglich, daß der wichtigste Lermontoff" 
Zweig seines literarischen Vermächtnisses, die Lyrik, die Offenbarung 
des inneren Seelenlebens des Dichters, in Verfall geraten konnte. Weit- 
sichtige Beobachter prophezeiten auch bereits angesichts des ungeheuren 
Aufschwungs, den jetzt der Roman nahm, daß die Lyrik für lange 
Zeit verstummt sei und daß die Zukunft dem Roman mit seiner all- 
seitigen Wiedergabe des Lebens gehöre. Das Auftreten einer glänzen- 
den, ja phänomenalen Persönlichkeit strafte diese Prophezeiungen Lügen. 
Inmitten der allgemeinen Erschütterung, infolge des Todes Puschkins 
(1837), der im Duell mit einem leichtfertigen, den höheren Kreisen ange- 
hörenden Abenteurer, dem — wie eine Clique anonymer Verleumder und 
Feinde des Dichters behauptete — glücklichen Verehrer seiner Frau, ge- 
fallen war, ertönte plötzlich eine starke, mutige Stimme, die den Hin- 
geschiedenen in herrlichen Worten pries und diejenigen, welche ihn zu- 
grunde gerichtet hatten, verdammte. Die kraftvollen, mächtigen Verse 
und die Aufrichtigkeit der Entrüstung, die in ihnen ihren Ausdruck fand, 
ergriffen alle. Der offiziellen Welt, die durch ihre lügnerische Haltung 
Puschkin gegenüber der üppigen Entwicklung feindseliger Ränke den 
Boden bereitet hatte und sogar dem toten Dichter so viel Mißtrauen ent- 
gegenbrachte, daß sie eine öffentliche Bestattung verbot und seine Leiche 
heimlich, bei Nacht, in Begleitung von Gendarmen in ein Kloster der 
Provinz schaffen ließ — dieser offiziellen Welt samt ihren Knechten 
wurde der Fehdehandschuh zugeworfen. Sie nahm ihn auf und war be- 
reit, sich mit der ganzen Schwere ihrer Repressalien auf den Beleidiger 
der Ehre des Staates, des Adels und des Militärs zu stürzen. Mit Ver- 
folgung und Gericht bedrohte sie ihren Ankläger, einen jungen Garde- 
Offizier. 

So trat Lermontoff, einer der größten Dichter, die das russische Volk Charakteristik 
hervorgebracht hat, in die Öffentlichkeit. Wie ein Meteor tauchte er Seine ersten 
am literarischen Himmel auf, offenbarte eine poetische Begabung-, die fungcn und die 

Dramen seiner 

vielleicht diejenige Puschkins übertraf, eine scharf gezeichnete Persönlich- Jugendjahre. 
keit voller Kontraste und Leidenschaften, ein Talent, das in der Sehnsucht 
nach unerforschten Gebieten des Gedankens und Gefühls mit titanenhaftem 
Mut den Raum durchmaß und — stürzte, von einem blinden Zufall ge- 
troffen, der ebenso sinnlos war wie das Duell, in dem Puschkin ums Leben 



70 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



kam. Früh schon hatte er die Bitterkeit und die Lüge des Lebens kennen 
gelernt; durch Erfahrung und Bücher belehrt, sah er bald Ungleichheit 
und Ungerechtigkeit um sich her, bahnte sich einen Weg zur Freiheit 
und behauptete seine Persönlichkeit trotz aller Schranken der hochmütigen, 
vornehmen Gesellschaftsklasse, der er angehörte. Mit dem Denken er- 
wachte auch das Gefühlsleben; frühzeitig, wie Dante, verliebte er sich. 
In seinen ersten dichterischen Versuchen als Knabe und in seinen Jugend- 
dramen, die den Einfluß Schillers und Lessings nicht verleugnen können, 
glühte bereits ein unruhiges Feuer: der Trieb nach Erkenntnis und des 
Zweifels Stachel ist in ihnen lebendig. Da er immer auf sich allein an- 
gewiesen war und in seinem Inneren schwere Kämpfe ausfocht, von denen 
niemand etwas wußte, glaubte er zum Unglück prädestiniert zu sein, doch 
trat er dem Schicksal stolz entgegen. Er fühlte, daß in seiner Natur ein 
verhängnisvoller Zwiespalt vorhanden war: der erbarmungslose Verstand 
negierte das, wozu ihn der Sturm der Leidenschaften drängte. So trat er 
ins Leben. Als auch er dem Einfluß Byrons unterlag und mit Staunen 
und Beben erkannte, daß sich in diesem Dichter derselbe Kampf ab- 
gespielt hatte wie in seiner Seele, war sein Schicksal entschieden. Seine 
kampflustige, protestierende Dichtung spiegelte nunmehr deutlich den Ein- 
fluß Byrons wieder, und zwar zuletzt in so hohem Grade, daß der scharf- 
sinnige Kritiker Georg Brandes das beste Werk Lennontoffs, den Roman 
„Ein Held unserer Zeit", das vollkommenste Ergebnis der Wirkung Byrons 
auf die europäische Dichtkunst nennen konnte. 
Die Gedichte Er war nicht imstande, mit der bestehenden Ordnung, die Puschkin 

Puschkins Tod Verhängnisvoll geworden war, ein Kompromiß zu schließen; vom Geist 
des Liberalismus ergriffen, der in Rußland von Radischtschew und den 
Dekabristen ausging und infolge der Julirevolution beträchtlich erstarkt 
war, gab er sich nicht nur in seinen Jugendwerken, sondern auch im 
Leben dem Kultus der machtvollen Persönlichkeit hin, doch offenbarte er 
vorerst nur in temporären Aufwallungen politischen Spürsinn. Seine 
Helden waren Räuber vom Typus des „Corsair" oder ein altrussischer 
Krieger, ein geheimnisvoller Unbekannter, der der Welt Trotz bietet, ein 
ergrimmter Fanatiker, der sich an die Spitze eines Bauernaufstandes stellt, 
der rachsüchtige und verwegene Kaukasier Ismael-bey, der den tragischen 
Konflikt zweier Rassen, zweier Zivilisationen in sich erlebt — oder ein 
finsterer Dämon, ein gefallener Engel, der einem reinen und schönen Ge- 
schöpfe Gottes naht, um es durch Erweckung der Liebe dem Verderben 
zu weihen und dann stolz im unendlichen Raum zu entschwinden. Der Tod 
Puschkins und das abstoßende Bild gesellschaftlicher Verrottung, das sich 
bei dieser Gelegenheit entrollt hatte, übten eine befreiende Wirkung auf 
den Dichter aus. Die vom Schicksal gezeichneten Helden fesselten jetzt 
seine Phantasie nicht mehr. Nur der „Dämon", der als lebendige Erinnerung 
an einen Jugendtraum Lermontoff teuer war, blieb bis zu seinem Tode sein 
treuer Begleiter und wurde vielen Neubearbeitungen unterworfen, deren 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. U. Das Zeitalter Nikolaus' I. 71 

letzte Fassung eine hohe Stufe der Vollendung erreichten. Die Verpflich- 
tungen dem Vaterlande gegenüber, die Notwendigkeit, die eigenen Fähig- 
keiten in dessen Dienst zu stellen, erhielten nun entscheidende Bedeutung. 
Als Lermontoff strafweise in den Kaukasus versetzt worden war, wo er sich 
in harter militärischer Umgebung, gleichzeitig aber auch inmitten einer groß- 
artigen alpinen Natur befand, und das freie Leben der Berge, das seit seiner 
ersten Reise als Knabe in seinem Gedächtnis fortgelebt hatte, zum zweiten 
Male beobachten konnte, beschritt er neue Bahnen. Von nun an war nicht 
mehr der einseitig erfaßte Byronismus, der ihn bisher beherrscht hatte, 
sein Leitstern, sondern der wahre Geist Byrons, des Kämpfers für Fort- 
schritt und Freiheit. Die Berührung mit dem Leben und den fortschritt- 
lich gesinnten Geistern der Literatur, von denen er sich früher, als Dichter- 
dilettant, ferngehalten hatte, förderten ihn jetzt in seiner Arbeit. Als er in 
den Norden zurückkehrte, war er in seiner Entwicklung bereits weit vor- 
geschritten, und diese Umwandlung fand in einer scharfen Selbstkritik, 
in der Verurteilung seiner Vergangenheit — kurz in einer öffentlichen 
Beichte ihren Ausdruck. Das war der Sinn des Romans „Ein Held unserer 
Zeit«. 

In einer sehr ungewöhnlichen Form, die scheinbar gar keinem be- ■.£« HeU 

° ° _ ^ unserer Zeit". 

Stimmten Plane entsprang (Erzählung, Episoden, Erinnerungen), erschien die Seine avito- 
Schilderung der seelischen Entwicklung einer hochbegabten Persönlichkeit, künstlerische 
die sich einer großen Kraft bewußt ist, ohne für sie Betätigung zu finden, Bedeutung. 
und an Egoismus und stolzer Selbstüberhebung zugrunde geht. Es ist das 
Charakterbild eines Märtyrers seiner eigenen Erregungen und Stimmungen, 
die dann auch anderen, insbesondere den Frauen, die in den Bann der 
dämonenhaften Erscheinung geraten, zur Qual g-ereichen. Petschorin ist 
kein Repräsentant seines Jahrhunderts, er ist nur „Einer der Helden seiner 
Zeit", wie ihn der Verfasser anfänglich mit wehmütiger Ironie nennen wollte, 
einer der Unbefriedigten, die zu gemeinnütziger Tätigkeit untauglich 
sind und den Kampf mit dem Bösen nicht auf sich zu nehmen vermögen. 
Wenn aber dieser Held eines verfehlten Lebens von der Bühne tritt und 
das traurige Antlitz des Wanderers, der in freiwilliger Verbannung die 
Einöden des Ostens aufsuchen will, zum letztenmal auftaucht, erweckt er 
unwillkürlich das Mitgefühl des Lesers. Solche Feinheit der Analyse, 
die nur dadurch möglich war, daß dem Roman Erlebtes, Autobiographi- 
sches zugrunde lag, war in der russischen Literatur noch nicht dagewesen. 
Doch nicht nur der Held allein, sondern auch die ihn umgebenden Per- 
sönlichkeiten, stärkere Charaktere, Alltagsmenschen und schöne Frauen- 
gestalten, sind mit gleicher Meisterschaft gezeichnet; ebenso ist das Leben 
und die Natur des Kaukasus — das Milieu der letzten Phase im Leben 
des Helden — mit ungewöhnlicher koloristischer Kunst geschildert. Die 
sich in einem solchen Rahmen abspielende tragische Geschichte eines 
begabten Menschen ist das erste bedeutende Ereignis in der Chronik 
des russischen psychologischen Romans. Wie die realistische Sitten- 



^2 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

Schilderung in erzählender Form als das literarische Vermächtnis Gogols 
zu betrachten ist, so führt vom „Helden unserer Zeit" eine ununter- 
brochene Stufenfolge bis zu den psychologischen Studien Turgenieffs und 
seiner Zeitgenossen. 
Der übertritt Die Beichte hatte Lermontoff das Herz erleichtert, das Urteil war ge- 

das Lager der sprocheu — nun trat der Dichter endgültig in die Weite des Lebens 
Literatur. Sein hinaus. Die Tiefe und Innigkeit seiner hinreißenden Lyrik, die Schön- 
voikswohi und heit seiner Verse ist später niemals übertroffen worden, der Schwung seiner 
piütziicbcr ioi. Phantasie zeigte eine hohe künstlerische Reife und erstrahlte in den 
Dichtungen, die im Kaukasus entstanden waren, in vollem Glänze. Ler- 
montoff wurde nunmehr von der liberalen literarischen Bewegung mit fort- 
gerissen. Eine neue Strafverfügung, laut der er nach einem kurzen 
Aufenthalt im nördlichen Rußland wiederum, und zwar für immer, in den 
Kaukasus verschlagen wurde, verschärfte seine oppositionelle Stimmung; 
stärker denn je fühlte er die Bande, die ihn mit dem Volke verknüpften, 
und wurde sich der Verpflichtungen bewußt, die ihm daraus erwuchsen ; 
mit jeder Schöpfung erklomm er, getragen von der allgemeinen Sympathie, 
eine höhere Stufe der Vollkommenheit — da endete ein verhängnisvolles 
Duell im Jahre 1841 dieses reiche Leben und vernichtete die Hoffnungen, 
zu denen es berechtigt hatte. 
Die geistige Das Etwachen des Volks zur Selbsttätigkeit , das trotz aller 

dreißiger Jahre. Hemmnissc in Gogol und Lermontoff eine hohe künstlerische Kraft 

Dieliterariscliea 

Kreise Moskaus, zum Ausdruck gebracht hatte, offenbarte sich auch in dem Aufkeimen 
Ästhetiker und einer neuen Bewegung im Reiche der Gedanken. Die Moskauer Uni- 
versitätsjugend, die jener älteren Generation philosophierender und 
ästhetisierender Dilettanten, welche Puschkin in der Zeit der BedrängTiis 
mit ihren Sympathien unterstützt hatten, gefolgt war, wurde zum Fer- 
ment, das den geistigen Gehalt der fortschrittlichen Literatur der vier- 
ziger Jahre zur Entwicklung brachte. Im idealen Streben nach Bildung 
und Wissen fanden sich Menschen verschiedener Herkunft und ver- 
schiedener Bildungsgrade zusammen, die miteinander dem gemeinschaft- 
lichen Ziele friedlich zusteuerten. Unter diesen Studenten ragten bereits 
zwei ]\Iänner hervor: das zukünftige Haupt der Kritik, der Sohn eines 
armen Kreisarztes, Belinsky, der die Provinz samt ihren minderwertigen 
Schulen verlassen hatte, um in der alma mater die wahre Wissenschaft zu 
suchen — und die Zierde der russischen Publizistik, Alexander Herzen, 
der aus den aristokratischen Kreisen Moskaus stammte. Ursprünglich 
war es das philosophisch-ästhetische Gebiet, auf dem sich die Mehrzahl 
dieser Enthusiasten begegnete; die deutsche Philosophie gewann wieder 
mächtigen Einfluß, namentlich war es Hegel, der die Geister beherrschte. 
Doch neben den Philosophen machte sich ein kleiner, unabhängiger Kreis 
bemerkbar, der sich durch das abstrakte Denken nicht befriedigt fühlte, 
um so mehr aber von den politischen und sozialen Problemen angezogen 
wurde. 



Politikc 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. 11. Das Zeitalter Nikolaus' I. yß 

Herzen, der von Kindheit an das Freidenkertum eines Voltaire und Alexander 
die Gedankenwelt der französischen Revolution in sich aufgenommen hatte 
und unter dem starken Eindruck des Unterganges der Dekabristen zur 
Reife gelangt war, hing freiheitlichen Träumen nach und erwärmte sich samt 
seinem besten Freunde Ogareff, der später sowohl das Schicksal des Emi- 
granten als auch die Tätigkeit des Publizisten mit ihm teilte, an den 
politisch gefärbten Dichtungen Schillers. Er unterlag nicht dem Einfluß 
Hegels, vielmehr zogen ihn die Naturwissenschaften an, die auch während 
seiner Universitätsjahre sein Sondergebiet waren; unter den zeitgenössi- 
schen sozialen Systemen fesselte ihn dasjenige Saint-Simons, und über 
seinem Kreise wehte schon die Fahne der sozialen Bewegung. Die Ver- 
bannung in einen entlegenen Winkel des nordöstlichen Rußlands (Wjatka), 
die Herzen bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben, gleich nach der 
Absolvierung seiner Studien, traf und ihn aus der Zahl der Anführer der 
Jugend strich, trennte ihn nur äußerlich von seinem Kreise. Seine Dienst- 
jahre in der Provinz gaben seinen reformatorischen Forderungen eine reale 
Basis, da er nun Gelegenheit fand, die entsetzliche Rückständigkeit des 
russischen Lebens genau kennen zu lernen. Als er zurückkehrte, besaß 
er das volle Rüstzeug der Erfahrung, war gereift und hatte sich durch 
Lektüre weiter gebildet. In Moskau und später in Petersburg scharten 
sich die oppositionellen Elemente, die sich in ihrem nationalen Kampfe 
mit der allgemeinen europäischen Beweg'ung der Zeit vor 1848 solidarisch 
fühlten, wieder um ihn. 

Während Herzen sich kraftvoll den Weg zu einer Tätigkeit, die r.eiiasky; seine 

*-• ^ ersten kritischen 

seinem Charakter und seiner glänzenden Begabung entsprach, bahnte, J;>|^|''^g°" 
befand sich Belinsky, diese leidenschaftliche Kämpfernatur, die Herzen 
an Einfluß gleichkam und sich später mit ihm vereinigte, noch völlig im 
Bann der Philosophie, baute mit seinen Freunden Luftschlösser, die von 
Optimismus getragen waren, suchte in einseitiger Anwendung der Lehre 
Hegels die Vemünftigkeit der Wirklichkeit, also auch vor allen Dingen 
der russischen Verhältnisse, zu beweisen, trotz der Sorge und Not, die 
er seit früher Jugend kannte, trotz der Rechtlosigkeit und Finsternis, die 
ihn umgaben und die sich gegen jeden Quietismus und alle Versöhnlich- 
keit aufzulehnen schienen. Doch schon in den ersten Abhandlungen 
dieses jungen Mannes, der wegen „Unfähigkeit" aus der Universität 
gewiesen worden war, trat so viel kritischer Scharfsinn, so viel Liebe 
zur Literatur seines Volkes, deren falsche Götzen er zu vernichten, 
deren Ideengehalt er zu erweitem suchte, kam ein so flammender Glaube 
an die Literatur des russischen Volkes zutage, daß ein Verharren solcher 
originellen Kraft in den Nebeln der Abstraktion ausgeschlossen erschien. 
Und in der Tat, als der geradsinnige, logisch veranlagte Belinsky das System, 
durch dessen Folgerichtigkeit er geblendet worden war, zu Ende gedacht 
hatte, sah er mit Entsetzen, wohin es führte. Er brach nun mit den 
Illusionen, die jetzt seinen Haß erregten, und wandte sich der geistigen 



,74 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



Führung der erwachenden Massen zu, eine Laufbahn, die seine erstaun- 
lichen Fähigkeiten zur Entfaltung brachte. Hier wartete seiner auch 
der Ruhm. 

Neue Organisa- Während Belinsky nach der Unterdrückung des „Teleskop", dessen 

Kreise. Die hervorragender Mitarbeiter er war, nach Petersburg übersiedelte, fand in 

'und die siawo- den Kreisen der Moskauer Jugend eine weitere Differenzierung der Kräfte 
statt. Es handelte sich nicht nur um die Scheidung einer philosophisch- 
ästhetischen und einer politischen Richtung, sondern es entwickelte sich 
auch ein weiterer Zwiespalt auf dem Boden des alten Gegensatzes von 
Europäertum und nationalem Gedanken. Daß die Anhänger beider Prinzipien 
ursprünglich von der westeuropäischen Kultur beeinflußt worden sind, 
ist nicht zu bezweifeln. Die von der deutschen Wissenschaft angeregten 
philosophisch -historischen Träume hatten eine Gruppe der ehemaligen 
Freunde Belinskys und Herzens, an deren Spitze der edle Enthusiast 
Aksakoff stand, zur Theorie von einer im höchsten Grade originellen 
russischen Kultur geführt , während die Auffassung der deutschen 
Romantik vom Volkstum und Altertum dem Kultus, den sie mit der 
russischen Vergangenheit trieben, den Stempel aufdrückte. Da sie die 
Vergangenheit, so wie sie wirklich war, nicht kannten, erschien sie 
ihnen im milden Lichte des Friedens und Glücks. Die wissenschaftlich 
historische Forschung wurde durch sie fast gar nicht gefördert. Dafür 
wurden sie gewissermaßen zu Nachfolgern der reaktionären Russo- 
philen, die zu den Zeiten Katharinas aufgetaucht waren und am Anfang 
des Jahrhunderts in Schischkoff einen fanatischen Vertreter gefunden 
hatten. Weder diese jungen Schwärmer noch einzelne Denker einer 
älteren Generation, wie z. B. der Dichter, Redner und Theologe Chom- 
jakoff, die sich jenen anschlössen, sind jemals zum Obskurantismus über- 
gegangen, doch wurde in der Hitze der Polemik und dank dem maß- 
losen Eifer ungebetener, einseitiger Kampfgenossen viel Überflüssiges und 
Unduldsames gesagt. Belinsky mit seinem Petersburger Kreise und der 
humane Gelehrte Professor Granowsky, der in Moskau an die Stelle 
Belinskys getreten war, bildeten das Lager der „Westeuropäer", als dessen 
Vorläufer der Denker Tschaadajeff mit seinem vernichtenden Urteil über 
die russische Vergangenheit und seinem Drange nach westlicher Kultur 
angesehen werden kann. Die „Westeuropäer" wurden mit der Zeit als 
hoffnungslose, in den Bann des Freidenkertums geratene Verräter Ruß- 
lands betrachtet. Ihr Streit mit den Slawophilen zog sich Jahrzehnte 
hindurch hin und ist eigentlich bis zum heutigen Tage nicht ver- 
stummt, da sich hinter der Maske der modernen Slawophilen oftmals 
jene Gegner der freiheitlichen Bewegung verbergen, die den Westen als 
den Krater verdammen, aus dem sich das revolutionäre Gift über das 

Anföng'ij"einer° friedliche Rußland ergießt. 

'Kritik!"''Dir Dtis große organisatorische Talent Belinskys, das sich oft'enbarte, als 

^Tt liciin^kv^ er die Leitung der besten Zeitschrift jener Zeit, der „Vaterländischen 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. yj 

Annalen", übernahm und begabte Schriftsteller und Dichter in großer Zahl 
zu ihm strömten, verlieh der Schule der „Europäer" eine hervorragende 
Bedeutung. Während die Moskauer Slawophilen die Zeiten der Groß- 
väter in lockenden Farben malten, stellten sich die „Westeuropäer" an 
die Spitze der Literatur und gestalteten sie zu einem wichtigen Rüstzeug 
der sozialen Wiedergeburt. Ihr Führer, der das künstlerische Richter- 
amt der Kritik gewahrt wissen wollte, sprach ihr außerdem den ver- 
antwortungsvollen Beruf einer Erzieherin des Volkes zu. Angesichts der 
Farblosigkeit der Tagespresse und der Unmöglichkeit, aktuelle Fragen 
in ihr zu verhandeln, hatten derartige Arbeiten die Aufgabe, sowohl Leit- 
artikel zu sein als auch kritische Analyse zu bieten. Auf diese Weise 
entstand die für russische Verhältnisse typische „publizistische Kritik", die 
nach Belinsky eine ganze Reihe hervorragender Kräfte aufwies und erst 
in neuester Zeit den wichtigsten Teil ihrer Verpflichtungen einer kampfes- 
mutigen, energischen Presse übergeben konnte. Indem Belinsky den 
künstlerischen Wert der literarischen Werke in seinen Kritiken tiefsinnig 
abschätzte, dabei aber auch die in ihnen berührten Lebensfragen zur 
Sprache brachte, auf die geringsten S3'mptome des Fortschritts in Ruß- 
land reagierte, die Entwicklung des Denkens und Schaffens im übrigen 
Europa mit scharfem Auge verfolgte, durch seinen meisterhaften Stil, 
seinen wannen, überzeugungsvollen Ton und den sittlichen Adel seiner 
Persönlichkeit wirkte, war er jedem denkenden Menschen Freund und 
Lehrer. Seine gewöhnlich nicht mit Namen gezeichneten Aufsätze 
drangen in die entlegensten Orte des Reichs. Während Gogol in seiner 
mystischen Ekstase die Augen aller in Rußland auf sich gerichtet ge- 
glaubt hatte, befand sich Belinsky tatsächlich in dieser Lag"e. In solcher 
Schule wuchs jene Generation von Künstlern heran, der es beschieden 
war, der russischen Literatur die Welt zu erobern. Die neue Bewegung 
machte sich zuerst in der Entwicklung des Romans geltend. Als 
Sammelpunkt für hervorragende Neuerscheinungen auf dem Gebiete 
des Romans dienten zu der Zeit, da Belinsky an der Spitze ihres kriti- 
schen Teiles stand, die „Vaterländischen Annalen" und später der ganz 
in den Händen der jungen Schriftstellergruppe befindliche „Zeitgenosse", 
der Belinsky — allerdings zu spät, erst kurz vor seinem Tode — größere 
Freiheit gewährte. 

Das erste bedeutungsvolle Ereignis innerhalb dieses Kreises war eine Entwicklung 

des Komans. 

Erzählung aus der Feder Herzens. Sie trug den Titel „Wer ist schuld?" Herzen; sein 

. . . Roman „AVer 

und ragte unter den mit dem Pseudonym Iskander gezeichneten Artikeln ist schuld?- und 

^ die MemoireD '. 

Herzens, seinen geistreichen Causerien über Zeitfragen, seinen Schilde- „Gedanken und 

Krionerungen'*. 

rungen aus dem Leben der Provinz, seinen meisterhaften Essays aus dem 
Gebiete der Naturwissenschaften oder der sozialen Ethik, als das beste 
Erzeugnis der „russischen Periode" dieses Schriftstellers hervor. Die 
Fabel, deren Kernpunkt in einem unlösbaren Konflikt der Gefühle lag, 
war einfach und von warmer Sympathie mit dem leidensreichen Los des 



76 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



Weibes durchweht. Mit feinem psychologischen Takt wird der Seelen- 
zustand der drei HauptjDersonen geschildert: der begabten, feinsinnigen, in 
der Öde des Provinzlebens hinwelkenden Heldin, ihres Gatten, eines 
Lehrers, dem es einst gelungen war, sie aus einer ihrer unwürdigen Lage 
zu befreien, der ihr aber kein Verständnis entgegenbringt und sie ins 
alltägliche Sein herabzieht, und schließlich eines zufällig in der Umgegend 
als Gast weilenden Mannes, der viel gereist, viel gesehen und viel ge- 
dacht hat und sich durch die verhängnisvolle Macht der Wahlverwandt- 
schaft zu der jungen Frau hingezogen fühlt. Der unlösbare Konflikt dieses 
Dramas ist von der Hand eines psychologisch denkenden Künstlers ge- 
zeichnet und spielt sich im Rahmen ländlicher und provinzstädtischer 
Verhältnisse ab, die wahrheitsgetreu und mit Humor geschildert sind. 
Hierin verrät sich vielleicht im allgemeinen der Einfluß Gogols, doch 
offenbart sich in diesem Werke Originalität und außerordentlicher Scharf- 
sinn. Im Schaffen Herzens, dieses vielseitig- begabten Menschen, bei dem 
damals das publizistische Talent noch nicht zum Durchbruch gekommen 
war, bildete der Roman „Wer ist schuld?" samt einigen Novellen gleich- 
sam eine belletristische Oase; seine Hauptkraft entfaltete sich auf anderem 
Gebiete, doch in der Geschichte des russischen psychologischen Romans 
ist dies nach Lermontoff die zweite bedeutsame Etappe. Innerhalb der 
künstlerischen Tätigkeit Herzens ist es das Vorspiel zu seinem umfang- 
reichen, epochemachenden Memoirenwerk „Gedanken und Erinnerungen" 
(in den Jahren 1853— 1868 verfaßt), in welchem die Geschichte der russi- 
schen Gesellschaft und der politischen Bewegung in Europa vom Beginn 
des Jahrhunderts bis zum Ende der sechziger Jahre und die Autobio- 
graphie des Verfassers mit einer Schärfe und Wahrheitstreue dargestellt 
ist, die der historischen Schilderungskunst Tolstois in „Krieg und Frieden" 
nicht nachsteht. 
TurBenicff. Als Iwan TuTgeuicff, noch vor kurzem Student der Berliner Universi- 






Schöpfuiigen. tat, sich Bclinsky vorstellte und sich durch sein lebhaftes Interesse für die 

„Die Me — ■"" ■' 



Jägers" Kulturprobleme, durch seine Begeisterung für die Reformbestrebungen, 

imd ihre soziale 

Bedeutung, insbesondere für die Aufhebung der Leibeigenschaft, durch die Ver- 
schmelzung von Europäertum und volkstümlicher Gesinnung', als ein Ver- 
treter der jungen Generation erwies, die nun zur Arbeit schritt, und als 
der feine Beobachter Belinsky in den Gedichten und Erzählungen des 
Jünglings die Kennzeichen seines Talents entdeckte, da war eine neue lite- 
rarische Epoche angebrochen, der es beschieden war, mit der Zeit die 
reformatorische Bewegung zu inspirieren. Die ersten Versuche Tur- 
genieffs trugen, trotz der Reife der Gedanken, den Stempel der Un- 
erfahrenheit und Nachahmung; sowohl in der Wahl der Themata als auch 
in ihrer Bearbeitung kreuzten sich die Einflüsse Puschkins, Lermontoffs, 
Byrons und George Sands. Er schilderte problematische Naturen; aus 
seinen Schriften sprach die Enttäuschung, daß es keine Arbeit zum 
Wohle der Allgemeinheit gibt. Eine kleine Skizze aus dem Dorf- 



B. Uie erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 77 

leben, die in Belinskys „Zeitgenossen" abgedruckt war, deutete auf die 
Möglichkeit solcher Arbeit als Mittel zur Befreiung hin und wies damit 
Turgenieff den Weg zu seiner Wirksamkeit. Es war die Zeit, als in 
den bedeutendsten Literaturen Europas das Interesse für das Dorfleben 
lebendig wurde; Auerbachs Dorfgeschichten, die Bauernromane der George 
Sand, „Les Paysans" von Balzac schufen eine neue Richtung. Turgenieff, 
der die neuen Strömungen in der Literatur aufmerksam verfolgte, hätte 
sich aus allgemeinen Gründen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit dieser 
Richtung ansschließen können; tatsächlich waren für ihn die russischen 
sozialen Verhältnisse, die der Literatur erblich überkommene Aufgabe, der 
Befreiung zu dienen, und eigene trübe Erfahrungen von entscheidender Be- 
deutung. Denn zu derselben Zeit, als im Westen an der Rehabilitierung 
der von der kapitalistischen Gesellschaftsordnung vernachlässigten Be- 
völkerungsklasse gearbeitet wurde, gestaltete sich im Vaterlande Turgenieffs 
die Verteidigung der Interessen des Bauernstandes zum Protest gegen die 
Leibeigenschaft und zum Rufe nach Freiheit. Nicht mit sentimentalen, 
idyllischen Schilderungen, wie sie in der deutschen und französischen 
Literatur im Überfluß vorhanden waren, sondern mit einer realistischen 
Wiedergabe des Lebens, mußte man auf das Publikum zu wirken suchen, 
wie dies Radischtschew, Vonwisin und Nowikoff getan hatten. Turgenieff 
verfügte in dieser Beziehung über eine fast erdrückende Sachkenntnis. 
Von Kindheit an hatte er die Wirkungen der Leibeigenschaft vor x\ugen 
gehabt, in seiner eigenen Mutter war die Härte gegen die Untergebenen 
in einer ganz besonders krassen Weise, die bei den Augenzeugen geradezu 
Entsetzen erregte, zum Durchbruch gekommen, so daß er schon früh 
den Entschluß faßte, Vergeltung zu üben, und sich gelobte, alle seine 
Kräfte der Bekämpfung der Leibeigenschaft zu weihen, deren Abschaffung 
ihm als erstes Erfordernis aller Reformen erschien. Die Macht der Ver- 
hältnisse gab ihm das Programm für eine Reihe von Skizzen in die Hand, 
deren erste im Jahre 1847 gleichsam die Rolle eines Versuchsballons 
spielte (um dieselbe Zeit erschien auch eine Bauernnovelle Grigorowitschs 
„Das Dorf"). Im Laufe einiger Jahre entstand die umfangreiche Samm- 
lung von Erzählungen, die unter dem Namen „Memoiren eines Jägers" 
bekannt sind und mannigfache Seiten des Provinzlebens berühren, in erster 
Reihe aber die wahrheitsgetreue Schilderung der bäuerischen Lebensart 
vor der Emanzipation zum Gegenstande haben. Als sie einzeln erschienen, 
wurden sie geduldet, als sie aber im Jahre 1852 zu einem Bande ver- 
einigt wurden, entrollte sich ein so niederschmetterndes Bild, daß die Ver- 
folg-ung des Verfassers in die Wege geleitet wurde. Auf den „Memoiren 
eines Jägers", die ganz offenbar eine Tendenz befolgten, gleichzeitig aber 
eine reiche Auswahl künstlerischer Porträts und prachtvolle Natur- 
schilderungen enthielten, ruht heute noch der Stempel jener Stimmung, 
der sie ihre Entstehung verdankten und die so stark war, daß sie auch 
während Turgenieffs Aufenthalt in Frankreich, woselbst die meisten von 



Weitere Ent- 


wicklung des 


Romans. Gon- 


tscharoff und 


seine „Gewöhn 


liehe Ge- 


schichte". 



y8 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

ihnen verfaßt wurden, nicht abklang. In der Agitation für die Leibeigenen- 
befreiung spielten sie dieselbe Rolle, die „Onkel Toms Hütte" in der Ge- 
schichte der Negeremanzipation beschieden war. 

Außer der vornehmen Gestalt Turgenieffs, den die Schule des Lebens 
und der Einfluß sozialer Ideen aus seinem privilegierten Milieu gerissen 
hatten, tauchten im Kreise Belinskys auch andere Typen moderner Menschen 
auf. Von der Wolga her war Nekrassoff um der Wissenschaft willen in 
die Hauptstadt gekommen. Hier wurde ihm bald das Los eines obdach- 
losen Proletariers zuteil. Bettler fanden ihn ohnmächtig auf offener Straße 
liegend und retteten ihn vom Hungertode; er kämpfte dann verzweifelt 
um seine Existenz, indem er sich der entnervenden journalistischen Klein- 
arbeit unterzog. Unter dem starken Einfluß Belinskys raffte er sich auf 
und fand, nachdem er einige romantische Gedichte geschrieben hatte, den 
würdigen Ausdruck für die Bitterkeit, den Kummer und den Zorn, die sich 
in ihm angehäuft hatten. Durch die Veröffentlichung einiger Dichtungen 
ganz neuer Art, die dem Leben des Volkes ebenso nahe standen wie die 
Skizzen Turgenieffs, lenkte er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Die 
Schöpfungen Lermontoffs erschienen neben der Lyrik des neuen Poeten 
wie ein herrlicher Prolog; Lermontoff hatte erst kurz vor seinem Tode 
jene enge Fühlung mit dem Leben des Volks gefunden, die Nekrassoff 
von Anfang besaß. Doch war er kein Autodidakt von der Art des 
russischen Burns, Kolzoff, dessen naive Lieder mit dem Gepräge echten 
Dorflebens, vom Aroma der südrussischen Steppe und von unbestimmter 
Melancholie durchweht, bis zum heutigen Tage unvergessen sind. Dank 
Nekrassoff fand eine Demokratisierung der Dichtung statt. Die kunst- 
volle Dichtung- wurde zur Domäne einiger Jünger der „reinen Kunst", 
unter denen Apollon Maikoff, Tiutschew und A, Tolstoi zu erheblicher 
Bedeutung gelangten; der Hauptstrom aber schlug die Richtung ein, 
welche die aufklärende Bewegung der Literatur zugewiesen hatte. 

Die satte, friedlich schlummernde Kaufmannschaft des Wolgagebietes, 
- welche in der Person Nekrassoffs einen Kämpfer für des Volkes Not ge- 
*n- liefert hatte, vervollständigte nun die Schar moderner Schriftsteller durch 
Entsendung eines eigenartigen Vertreters ihrer unberührten Kräfte — 
Gontscharoffs. In einem malerisch gelegenen Ort jener Gegend hatte er 
eine sorglose Kindheit verträumt und erwachte erst, als er auf der 
Universität Moskau mit der Kultur in Berührung kam, als seine träge, 
phlegmatische Natur die elektrisierende Wirkung spürte, die einerseits 
von der Schule Gogols, andererseits von der ihr verwandten sozialen 
Richtung der we.steuropäischen Literatur ausging. Die Träume seines 
Idealismus zerrannen bald angesichts der Wirklichkeit, die er in Peters- 
burg kennen lernte, wo er, statt eine gemeinnützige Tätigkeit auszuüben, 
Karriere zu machen suchen sollte. Den schweren Konflikt, den er durch- 
lebt hatte, schilderte er mit großer psychologischer Treue in seinem ersten 
Roman, der an autobiographischen Zügen reich ist; der Titel desselben 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. yn 

„Eine gewöhnliche Geschichte" khngt traurig-, wie die Erkenntnis von dem 
unvermeidlichen, alltäglichen Untergang idealer Bestrebungen. Das Thema 
des Erstlingswerkes Gontscharoffs war demjenigen des „Pere Goriot" 
Balzacs verwandt. Im übrigen hielt er dem Vermächtnis Gogols die Treue, 
indem er das ihm verhaßte hauptstädtische Leben bis in die Details, die 
Lebensart, die Charaktere und auch die Sprache in allen ihren Fein- 
heiten berücksichtigte, wobei der Humor nur gelegentlich zum Durchbruch 
kam. Doch zu dem Protest gegen den verknöcherten Bureaukratismus, 
der diesem gleichmäßigen Menschen fast unwillkürlich entschlüpft war, 
gesellte sich der Wunsch, auch eine andere Seite der Frage zu beleuchten. 
Gleichzeitig mit der „Gewöhnlichen Geschichte" hatte Gontscharoff den 
Plan zu seinem besten Roman „Oblomoff" gefaßt und seine Ausarbeitung 
begonnen. Hier handelte es sich um die Schilderung des Lebens der 
russischen Landedelleute vor der Einführung der Reformen — jener 
Klasse, die im Geiste der Leibeigenschaft und der Standesvorurteile groß- 
gezogen worden war und auf Kosten von Sklavenarbeit träge vegetierte. 
Der Verfasser zeichnete in einer vorzüglichen Episode „Der Traum 
Oblomoffs" das Bild der auf dem Lande verbrachten Kindheit seines 
Helden, der sich von hindämmernder Tatenlosigkeit umgeben sieht, führte 
ihn dann in das Milieu der Hauptstadt und schildert seine kläglichen 
Versuche, sich aufzuraffen, auf die Höhe seiner Zeit zu gelangen, 
um schließlich das alte Prinzip der Passivität triumphieren zu lassen. 
Indem er auch den geringsten seelischen Makel seines unglücklichen 
Helden schonungslos aufdeckte, hat Gontscharoff noch am Ende der 
vierziger Jahre durch die abschreckende Schilderung der Trägheit, die 
er an sich selbst beobachten konnte, zur Energieentfaltung, Selbsttätigkeit 
und reorganisatorischer Arbeit veranlassen wollen. Es gelang ihm zu- 
nächst ebensowenig, sich in diesem Sinne völlig auszusprechen, wie es 
Turgenieff in seinen „Memoiren eines Jägers" oder Nekrassoff in seinen 
volkstümlichen Dichtungen gelungen war. Den Höhepunkt ihres Könnens 
erreichten diese Autoren in den sechziger Jahren, während der Reform- 
periode. Doch darf die Bedeutung der ersten Versuche jener Generation, 
die das Werk Gogols aus seinen ermattenden Händen übernommen hatte, 
nicht unterschätzt werden. 

In den gebildeten Schichten der Gesellschaft machte sich parallel Das Anwachsen 

. , ,. • t T~t 1 • n ^^^^ politischen 

mit den literarischen Bestrebungen ein verschärftes sozialpolitisches Inter- Interesses. 
esse bemerkbar. Schon Herzen, der Rußland, wie man damals annahm, BakuninimAus- 
nur für eine Weile verlassen hatte, lenkte seine Schritte nach Frankreich, Jer jungen PoU- 
um dort den herannahenden Umschwung von 1848 in der Nähe kennen bürg. 
zu lernen. In journalistischen Briefen aus Paris, die würdig sind, den ''"^^^'^ """^ ''' 
Briefen Heines vmd Börnes an die Seite gestellt zu werden, führte er 
dem Leser das innere Leben des erregten Landes und die herrschenden 
sozialen Lehren vor Augen. Dieselbe Anziehungskraft übte Frankreich 
auf Turgenieff aus, der in den radikalen Kreisen von Paris einem der 



8o Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

ersten Führer der ehemaligen philosophischen Gemeinde in Moskau, dem 
späteren Apostel des Anarchismus, Michael Bakunin, begegnete. Dieser 
war vom orthodoxen Hegelianismus zunächst zum linken Flügel der 
Hegeischen Schule und dann zur aktiven revolutionären Arbeit über- 
gegangen, die ihn zu den exzentrischen Taten in Baden, Dresden, Prag, 
verleitete, und wurde nun neben Herzen ein Vermittler zwischen dem 
erwachenden politischen Denken in Rußland und dem europäischen Fort- 
schritt. Jedoch auch in Rußland selbst bildeten sich, fast vor den Augen 
der Machthaber, Verbände junger Leute, die sich dem Studium der 
wichtigsten politischen Theorien widmeten, den Gang der Befreiungs- 
arbeit im Westen beobachteten, den für Rußland wünschenswerten Staats- 
bau theoretisch ausarbeiteten und die Taktik zu seiner Realisierung ent- 
warfen. Der bedeutendste dieser Verbände, dessen Seele Petraschewsky 
war, der in seiner kraftvollen Natur an die Besten unter den Dekabristen 
erinnerte, verfügte auch über zahlreiche literarische Talente; viele Schrift- 
steller der folgenden Periode haben hier ihre geistige Taufe erhalten. Auch 
in diesem Kreise war Belinsky die Rolle des Beschützers zugefallen. Bis zu 
seinen letzten Tagen lagen ihm, trotz seiner Krankheit, die höchsten Auf- 
gaben seiner Zeit am Herzen, und er begrüßte freudig die Versammlungen 
der Jugend zur bewußten politischen Tätigkeit. Als aus jenem Kreise 
ein erstklassiges literarisches Talent hervorging, das sich der Gruppe 
Turgenieff, Nekrassoff, Gontscharoff einfügte, trat der Zusammenhang 
zwischen künstlerischem, literarischen Schaffen und dem politischen Denken 
noch deutlicher zutage. Dieses Talent war Dostojewsky. 
Dostojewski. Er steuerte der Bewegung die ungewöhnliche, nervöse Feinfühligkeit 

Seine Charakte- S 6 .s ' fe 

risicrung. Seine seines Temperamentes bei, das sowohl auf die Erscheinungen des öffent- 

literarischen. 

sozialen und liehen Lebens des Volkes als auch auf die Geheimnisse der psychischen 

moralpbilosophi- 

scbeuinteressen. Welt reagierte, femer seine ekstatische Verehrung der Macht des W^issens, 

Sein erster ^ ^ _ 

Roman. die berufen ist, die Menschheit im Geiste der Brüderlichkeit und Gleichheit 
neu erstehen zu lassen, und seine aufrichtige Sorge um „die Erniedrigten 
und Beleidigten", deren trauriges Los durch eine ideale Staatsordnung un- 
möglich gemacht werden sollte; die Gedanken des jungen Studenten der 
Ingenieurschule galten am allerwenigsten seinem Spezialfach, er hing viel- 
mehr sozialen Träumereien nach, die mit einer eigentümlichen poetischen 
Religiosität verwebt waren, begeisterte sich für die edlen Reden der Helden 
Schillers, für die Größe Shakespeares, den Realismus Gogols, sympathisierte 
mit den Romanen von Balzac und Eugene Sue, die die Hefe der Gesellschaft 
schilderten, ihr Schicksal beleuchteten, ihre Greuel und ihre Gebrechen 
aufdeckten, um für die Untergehenden in die Schranken zu treten. Im 
Kreise Petraschewskys fand Dostojewsky neue Anhaltspunkte für das, 
was in einsamen Grübeleien und bei leidenschaftlicher nächtlicher Lektüre 
in ihm wogte und sich zu formen begann. Der erste Versuch Dostojewskys, 
sein Roman „Arme Leute", der von einem belehrenden Ton völlig frei 
war, jedoch in jeder Zeile der anspruchslosen Erzählung das Mitgefühl für 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. gi 

die Parias der Gesellschaft wachrief, war eine Offenbarung: das Thema 
war scheinbar von Gogol vorbereitet, auch die beiden handelnden Per- 
sonen in ihrer hoffnungslosen Armut und Ergebenheit, die sich trotz ihres 
harten Loses menschliche Würde und die Unmittelbarkeit des Gefühls ge- 
wahrt haben, sind dem Geiste nach dem Helden einer der besten der 
Petersburger Erzählungen Gogols, nämlich des „Mantels" verwandt, doch 
ist das ähnliche Thema von dem jungen Romanschriftsteller mit einer 
so ergreifenden Innigkeit und ungewöhnlichen Schlichtheit behandelt, 
daß diese Erzählung durchaus den Eindruck eines originellen Kunst- 
werks machte. 

Mit der glanzvollen Erscheinung Dostojewskys war der erstaun- Die ersten 
liehe Zufluß von Kräften zur neuen Schule nicht abgeschlossen. Einige rikers'^Sa'itykoC 
Gedichte, zwei recht gute Erzählungen, die starke Schlaglichter auf die nung. 
herrschende Gesetzlosigkeit und Bestechlichkeit warfen, einige Über- 
setzungen aus Byron, sind noch keine literarischen Heldentaten, und doch 
mußte der große Satiriker Saltykoff nur um ihretwillen leiden. Er wurde 
aus seiner Tätigkeit in brutaler Weise herausgerissen und viele Jahre 
lang, bis zum Beginn des neuen Regimes, durch unfreiwillige Dienste 
an das ferne Gebiet Wjatka gefesselt, wo auch Herzen die realen 
russischen Verhältnisse kennen gelernt hatte. Reich an Erfahrung kehrte 
Saltykoff aus der Verbannung zurück. Die ersten bedeutenden Proben 
seines Talentes, die „Skizzen aus der Provinz", stammen zwar aus den 
Jahren 1856 — 57, doch berührt sich der Dichter seiner geistigen Entwick- 
lung nach, die einerseits durch den Einfluß Gogols und Belinskys, anderer- 
seits gleich der Dostojewskys durch die französische sozialpolitische Be- 
wegung vor der P'ebruarrevolution bedingt war, mit der ruhmvollen Periode 
der vierziger Jahre. 

Der reformatorische Gedanke scheint damals auch bei den Verfechtern Konzessionen 
des alten Regimes Wurzel gefaßt und sie zu Konzessionen im Geiste an den Geist der 
der Zeit geneigt gemacht zu haben. Die Regierung, die schon eine ge- schroffer über- 
wisse Milde in der Handhabung der Zensur bewiesen und das Anwachsen tion.DasSchick- 
der sozialen Energie in der Literatur geduldet hatte, deren Vertreter, Petraschewskys. 
Schüler Belinskys wie eines Valerian Maikoff, für die politische Auf- 
klärung der Massen kämpften, begann sogar die Befreiung der Bauern 
vorzubereiten. Freilich betrieb sie ihre Vorbereitungen in sehr geheimnis- 
voller Weise und machte nur rätselhafte Andeutungen, wie zum Beispiel 
in der Rede Nikolaus' an die Edelleute, die dem Wunsch „dem Menschen 
alles Menschliche wiederzugeben" Ausdruck lieh. Der erschütternde Ein- 
druck der Februarrevolution, die aus den wichtigsten europäischen Ländern 
fortgesetzt einlaufenden Nachrichten von der Krisis, die die alte Ordnung 
durchzumachen hatte, und von der Ausbreitung des revolutionären Brandes 
bereiteten jedoch den versöhnenden Tendenzen ein schnelles Ende. Alle 
Ansätze zur Neugestaltung wurden wieder aufgegeben, an die Stelle der Duld- 
samkeit traten die schärfsten Maßnahmen zur Bändigung der aufrührerischen 

Die Kultur der Gegenwart. I. 9. 6 



82 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

Geister, die Literatur wurde von neuem das Opfer einer schonungslosen 
Zensur, die Universitätswissenschaften wurden aufs äußerste beschränkt, 
die gefährlichen Lehrgegenstände, z. B. die Philosophie, verboten und eine 
nur begrenzte Anzahl von Studenten zum Besuch der Hochschulen zu- 
gelassen. Die Gefährten Petraschewskys wurden zu Staatsverbrechern 
gestempelt; eine weitläufige Untersuchung-, welche die Wurzeln des Übels 
aufdecken sollte, endete mit der Verurteilung aller Beschuldigten zum Tode. 
Dies Urteil wurde ihnen auf einem öffentlichen Platz bekannt gegeben, 
dann aber in Verbannung, Zwangsarbeit und andere Strafen umgewandelt. 
Die Maßnahmen gegen die einzelnen Vertreter der Literatur sollten letztere 
von den gefahrlichen Elementen befreien. Die Verbannung Saltykoffs hatte 
hierzu das Vorspiel gebildet. Dostojewsky, dem auf dem Platze des Seme- 
noffschen Regimentes gleichzeitig mit seinen Gesinnungsgenossen das 
Todesurteil verkündet worden war, wurde nach Sibirien deportiert, in 
jenes „Totenhaus", das seine Gesundheit untergrub, und von dem der 
Dichter eine so erschütternde Schilderung gegeben hat. Der jugendliche , 
Pleschtscheew wurde zum Soldaten der Linientruppen an der Grenze der 
asiatischen Steppen gemacht. Die Unterdrückung wurde folgerichtig und 
energisch durchgeführt; sie währte sieben Jahre lang, bis zur Thron- 
besteigung Alexanders IL Die Ruhe war hergestellt, sie glich aber, wie 
zu Pauls Zeiten, der Stille des Kirchhofes. 

Inmitten des allgemeinen Schweigens pulsierte das Leben nur in der 
Die Belletristik schöuen Literatur, die bei der neuen Ordnung der Dinge mehr oder 
Reaktion, Die Weniger geduldet wurde. Sie war genötigt, sich von den Banden, die sie 
Turgenieffs. mit den sozialen Problemen verknüpften, zu befreien, und wurde zur rein ob- 
jektiven Kunst. Doch die Begabung und die zielbewußte Vorbereitung der 
bedeutendsten Schriftsteller ließ es nicht zu, daß sie sich dem Leben völlig 
entfremdeten. Ihre Studien gingen in die Tiefe, der Roman wurde im 
wesentlichen psychologisch und galt der Geschichte der Persönlichkeit. 
Diese war aber durch die allgemeinen Lebensbedingungen bestimmt; 
die Nachkommen des Lermontoffschen Petschorin, müde, unter der Ziel- 
losigkeit des Lebens leidende Schiffbrüchige, erwiesen sich als die Opfer 
der Rückständigkeit und der Unterdrückung. Zugleich wurde der Roman 
durch eine Fülle neuer Beobachtungen bereichert. So kam Turgenieff, 
der nach dem Erscheinen der „Memoiren eines Jägers" in Buchform zu- 
erst in Polizeiarrest genommen und dann nach seinem Gute verschickt 
worden war, mit der heimatlichen Scholle wieder in engere Berührung, 
trat nicht nur dem Leben der Bauern, sondern auch demjenigen der be- 
sitzenden Klassen näher und fand darin neue Inspiration für sein S chaffen. 
Damals wurden in komplizierten Dispositionen die später ausgearbeiteten 
Werke entworfen, die den Übergang von den Miniaturnovellen des Jägers 
zu den großen Romanen bilden. In Petersburg, im Arrest, hatte er 
noch seine in ihrer Schlichtheit und Innigkeit wunderbare Studie nach 
der Natur, die Erzählung „Mumu" geschrieben, einen neuen Beitrag zur 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 83 

Literatur der Emanzipation, doch ließ er dieser rührenden Geschichte vom 
armen taubstummen Bauer und seinem einzigen Freunde, einem Hündchen, 
keine Versuche der Genremalerei mehr folgen, sondern Erzählungen aus 
dem mit dem Bauerntum verwachsenen Leben des Landadels, die wegen 
der Feinheit der Analyse und der Einheitlichkeit der Gedankenführung 
als Vorläufer seines „Rudin" und des „Adeligen Nestes" zu betrachten 
sind. Auch das Talent Nekrassoffs wuchs und reifte; der Sänger des 
traurigen Loses des Volkes vermochte zwar nicht sich völlig auszu- 
sprechen, doch leuchtet aus seinen Schilderungen des Lebens der arbeiten- 
den Klassen, aus seinen lyrischen Improvisationen, die in eigenartige volks- 
tümliche Formen geprägt sind, die Stärke seiner humanen Sympathien. 

In jener schweren Zeit offenbarte sich das seltene Talent desjenigen Fortschritte <ier 
Mannes, der berufen war, an dem Fortschritt der Komödie mitzuwirken, Ostrowsky und 
die, seitdem Gogol den Roman zu pflegen begonnen hatte, verwaist war. Schriften 
Ostrowsky hatte sich nicht unter dem Einfluß Belinskys entwickelt; ein 
Zufall fügte es, daß die Gegner des letzteren, die Slawophilen, dieses ur- 
wüchsige Talent entdeckten. Daß es ihnen gelang, in die ersten Arbeiten 
Ostrowskys für das Theater Moralisierendes und Theoretisierendes hinein- 
zutragen, tut seinem Realismus, der Lebenstreue seiner Milieuschilderungen, 
seinem unerschöpflichen Humor und seiner herrlichen Sprache keinen 
Abbruch. Er debütierte mit einem Theaterstück, wie es mancher andere 
erst beim Abschluß seiner Laufbahn zu leisten vermag. Ostrowsky war 
in jenem patriarchalischen Teil Moskaus aufgewachsen, der mit einer rück- 
ständigen, vorsintflutlichen Kaufmannschaft bevölkert war, inmitten zweifel- 
hafter, kommerzieller Manöver, die sein Vater, ein im Handelsressort be- 
schäftigter Anwalt, überwachen mußte, und er hatte Gelegenheit gehabt, 
die Menschen und Sitten jener Kreise-, die in den „male bolge" der 
Hölle Dantes ihre Stelle hätten finden können, kennen zu lernen. In 
seiner Komödie „Der Bankrott" brachte er ihre Schliche ans Tageslicht 
und wurde in bezug auf die bisher von der Literatur unberührte kauf- 
männische Sphäre in derselben Weise zum Entdecker, wie es Turgenieff 
in bezug auf die Bauernschaft gewesen war. In Ostrowskys Stück wurde 
keine einzige politische Frage behandelt, auch gab es darin keine gefähr- 
lichen Reden über gesellschaftliche Gebrechen und über die Notwendig- 
keit, ihnen ein Ende zu bereiten, doch lag in der Geißelung einer der 
Stützen der alten Ordnung so viel verborgene Kraft, daß die Hüter dieser 
Ordnung sich durch das unbedingte Verbot des Stückes für die Bühne 
rächten. Wiederum wuchs ein Talent, das die Epoche der Reaktion er- 
leben mußte, trotz aller poliz?eilichen Aufsicht, mit jedem Werke. Der Fall 
des alten Regimes fand Ostrowsky gerüstet. Nachdem er mit seinen ehe- 
maligen Lehrmeistern gebrochen hatte, stürzte er sich in den Strudel der 
aufklärenden und reformatorischen Bewegung der sechziger Jahre. schichte seiner 

Der große geistige Vorrat der vorangegangenen, an Aufregvmgen nTcb'seine? 
reichen Epoche unterstützte offensichtlich die Schriftsteller, die an der Spitze E^Sungen. 



84 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



der literarischen Entwicklung standen, in ihrer schöpferischen Arbeit. Die 
Reaktion wäre sonst zweifellos imstande gewesen, mit ihrem giftigen Atem 
jedes aufstrebende Talent zu ersticken, dessen Jugend in die Periode ihrer 
Herrschaft fiel. In der allertrübsten Zeit offenbarte sich die Volkskraft in 
einer unerwarteten Erscheinung, in einem der bedeutendsten Schriftsteller 
nicht nur Rußlands, sondern der ganzen Welt, nämlich in Leo Tolstoi. 
Er hatte sich einsam entwickelt und stand den Ideen und Unruhen jener 
Epoche fem. Zur Zeit des Umschwunges vom Liberalismus zur Reaktion 
und zum Stillstande im sozialen Leben war er noch jung und allzusehr 
durch seine persönlichen Erlebnisse in Anspruch genommen gewesen. 
Belinsky stand nicht mehr im Zenith seiner einflußreichen Wirksamkeit. 
Die literarischen, sozialen und sittlichen Anschauungen Tolstois scheinen 
sich unabhängig von Raum und Zeit geformt zu haben. Für die Poesie, die 
Phantasie, den Kultus der Schönheit, hatte er nur Hohn oder Verachtung. 
Die Wissenschaft, die ihre Geheimnisse weder dem Schüler fremdländischer 
Hauslehrer, noch dem Studenten einer der mangelhaftesten Universitäten, 
nämlich der Kasanschen, offenbart hatte, der in fieberhafter Unruhe von einer 
Fakultät zur andern überging, um schließlich das akademische Studium auf 
halbemWege abzubrechen, die Wissenschaft flößte ihm wegen ihrer Ziellosig- 
keit, Leblosigkeit und Pedanterie die gleiche Verachtung ein. Frühzeitig 
verwaist und dem Drange seiner Neigungen preisgegeben, schwamm er mit 
dem Strom und opferte einige Jahre seiner Jugend und Frische dem Epi- 
kuräertum des weltlichen und gutsherrlichen Lebens. In der reumütigen, 
schonungslos scharfen Beleuchtung der späteren „Beichte" erscheint diese 
Zeit in tiefste Finsternis gehüllt; sie war dem „Egoismus, der Eitelkeit 
und der Sinnlichkeit" geweiht, sie beraubte ihn des ihm in der „fried- 
vollen, poesiereichen Kindheit" anerzogenen religiösen Gefühls; „kein 
Laster, keine verbrecherische Handlung blieb damals unversucht, was die 
Angehörigen seines Kreises nicht hinderte, ihn dennoch für einen recht 
moralischen Menschen zu halten". Jedoch weder der Lebensüberdruß von 
Puschkins Onegin, noch das Dämonenhafte eines Petschorin waren das 
Ergebnis dieses stürmischen Lebensgenusses. Inmitten des Chaos däm- 
merte das Licht der Wiedergeburt. Die Selbstanatyse setzte ein; dunkle 
Neigungen und Gedanken über den Sinn und die Ziele des Lebens, die 
ihm, wie er in den kürzlich erschienenen, hochinteressanten Fragmenten 
seiner Memoiren bezeugt, schon in der Kindheit aufgetaucht waren, kämpften 
mit den Einflüsterungen des Egoismus; immer deutlicher fühlte er die 
Bande, die ihn mit dem unglücklichen, geknechteten Volk, in dessen Mitte 
er seit seiner frühen Jugend gelebt hatte, verknüpfte. Aus einer system- 
losen Lektüre, die sowohl Puschkin, Gogol, Lermontoff, als auch Montes- 
quieu, Rousseau, Sterne und Dickens galt, begannen ihm Anregungen zu 
erwachsen, die ihn auf eine neue Bahn wiesen. Rousseau, der Tolstoi 
seit seinen Jugendjahren gefesselt hatte und der bis auf den heutigen Tag 
seinen Zauber auf ihn ausübt, offenbarte sich ihm in seiner Predigt von 



B. Die erste Hälfte des ig. Jahrhunderts. II. Das Zeitalter Nikolaus' I. 85 

der Brüderlichkeit, der Rückkehr zur Natur, der Vereinfachung des Lebens 
und der sittUchen Vervollkommnung'. Es trieb Tolstoi fort aus dem Milieu 
und von den Menschen, denen er die Verderbnis seiner Seele verdankte. 
Für einen radikalen Versuch, das Leben nach völlig anderen Prinzipien 
neu zu gestalten, war die Zeit noch nicht gekommen; für die Freigebung 
seiner Bauern, wodurch ihm eine schwere Sünde von der Seele genommen 
worden wäre, fehlte ihm noch das richtige Verständnis und die nötige 
Energie, doch mit der Befreiung seiner selbst durfte er nicht zögern. Die 
Rückkehr seines älteren Bruders aus dem Kaukasus, wo er im Heere 
gedient hatte, veranlaßte ihn plötzlich, im Jahre 1851, der vornehmen 
Welt Valet zu sagen und sich in die Abgeschiedenheit der kaukasischen 
Berge zurückzuziehen. 

Durch viele Generationen war dies der Weg, der verfehlte und über- Tolstoi im Km- 

kasus, im 

flüssige Existenzen zum Heldentod im Kampfe mit den Bergbewohnern Türkenkriege 

o "1 1 r"i T X 1 • 1 und bei Sebasto- 

oder doch zur kriegerischen Stählung rührte; dieses Los schien auch poi. 

Tolstoi beschieden zu sein: der künftige Apostel des Friedens, der große 
Ankläger des Krieges ist nicht leicht im Volontär-Artilleristen oder dem 
späteren Kanonier, den das Schicksal in eines der unbedeutendsten 
Kosakendörfer des nördlichen Kaukasus an der Grenze des Tscherkessen- 
landes verschlagen hatte, wiederzuerkennen. Auch der junge Offizier 
verrät ihn nicht, der sich nach seinen eigenen Worten an dem großartigen 
Kampfe bei Silistria während des Türkenfeldzuges nicht satt sehen konnte, 
oder der während der Belagerung Sebastopols „Gott dafür dankte, daß 
es ihm vergönnt sei, so viel Heldenmut zu sehen und in einer so ruhm- 
vollen Zeit zu leben", und der meinte, „daß das Bombardement vom 
5. November die glänzendste und ruhmvollste Tat nicht nur der russischen, 
sondern auch der Weltgeschichte sei . . ." Offenbar bedurfte es dieser 
letzten Lehre, um die begonnene Umbildung Tolstois für alle Zeit zu 
sichern und ihn einen Ausweg finden zu lassen. 

Mit dem Kaukasus stehen jedoch nicht allein die vorübergehenden Die icrzahiung 

„Die Kosaken" 

militärischen Neigungen Tolstois in Zusammenhang. In der primitiven als Markstein 

eines seelischen 

Umgebung, in der er sich dem kriegerischen Berufe widmete, kamen ihm Wendepunktes 
die ersten Inspirationen und Ideen, die sich in der Folgezeit zu einer 
selbständigen Lehre entwickeln sollten. Eine der besten Erzählungen 
Tolstois „Die Kosaken", die viel später, im Jahre 1860, in Hyeres in 
Frankreich geschrieben worden ist, jedoch mit der im Kaukasus zu- 
gebrachten Zeit im engsten Zusammenhang steht und durchaus autobio- 
graphischen Charakter hat, spiegelt das damals Erlebte und Empfundene 
deutlich wieder. Auf den Helden der Erzählung, Olenin, der sich vom 
lauten, lockeren städtischen Treiben losgerissen hat, macht das naive, 
unberührte Leben im Kosakendorf an der Grenze Rußlands einen starken 
Eindruck. Die dort herrschenden Gebräuche und Sitten, der arglose 
kriegerische Heldenmut, die physische und sittliche Kraft, die Unbefangen- 
heit des Gefühls, das der Natur angepaßte Leben, die harmonischen Ge- 



85 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

sänge des Volkes, das alles ist ihm neu und erhebt sein Gemüt. Es ist nicht 
leicht, in diese verschlossene Welt einzudringen, doch fühlt er sich leiden- 
schaftlich zu ihr hingezogen; die Liebe zu einem jungen Kosakenmädchen, 
die mit elementarer Gewalt in ihm aufflammt, verstärkt sein Verlangen 
mit der Vergangenheit zu brechen und unter den schlichten Menschen, 
die von den Gebrechen der großen Welt frei sind, ein neues Leben zu 
beginnen. Das alles sind Stimmungen und Gedanken, die der Verfasser 
selbst durchlebt hat. Die Darstellung des ersten Versuches Tolstois, sein 
Leben zu vereinfachen, die mit vorzüglichen nach dem Leben gezeich- 
neten Porträts aus dem Volke und prachtvollen Schilderungen der Natur 
des Kaukasus, die ihn in ihrer Majestät tief ergriffen hatte, geschmückt ist, 
gewährt einen tiefen Einblick in die Entwicklungsgeschichte seiner Seele. 
Das Mißlingen einer Annäherung an das Volk, die romantische Episode, 
die darin ihren Abschluß fand, daß der verwöhnte Bezwinger von Frauen- 
herzen einem schlichten, tapferen Kosaken das Feld räumen mußte, die 
traurige Entdeckung, daß sich hinter dem scheinbaren Vertrauen und der 
Freundschaft der Kinder der Natur Berechnung und Argwohn verbargen, 
schließlich die sich ihm aufdrängende Notwendigkeit, seinem Traum zu 
entsagen und fortzugehen, ohne zurückzuschauen — das alles ist ein Ge- 
misch von Dichtung und Wahrheit, in dem die Hoffnungen und Zweifel 
eines Menschen vibrieren, der auf der Grenzlinie zweier Welten steht 
und das für ihn unerreichbare gelobte Land vor sich liegen sieht. 
„Kindheit" un.i Doch die Arbeit der Selbstanalyse ließ, bevor sie in dieser künst- 

lerisch abgefaßten Beichte zum Ausdruck kam, in Tolstoi noch während 
seines Aufenthaltes im Kaukasus den Plan reifen, sein ganzes Leben in 
der Erinnerung durchzublättern und den Verlauf der „vier Lebensalter" 
zu reproduzieren. In den Ruhepausen zwischen kriegerischen Expeditionen, 
inmitten von Mühen und Gefahren, trug ihn die Phantasie in seine Kind- 
heit zurück, rief Gefühle und Gedanken wach, die damals in ihm lebendig 
gewesen waren, versetzte ihn in die Übergangszeit der ersten Jugendjahre 
mit ihren Zweifeln, Träumen, Verfehlungen und Schroffheiten, der be- 
ginnenden Entwicklung seines noch unsteten Charakters. Die beiden 
ersten Lebensperioden, die „Kindheit" imd die „Knabenjahre", deren auto- 
biographischer Bearbeitung Tolstoi sich zunächst unterzogen hatte, schickte 
der Anfänger auf dem Gebiete der Literatur ohne Namensnennung, nur mit 
seinen Initialen versehen, an den „Zeitgenossen". Wie die ersten Versuche 
Gontscharoffs und Dostojewskys machte auch das Erstlingswerk Tolstois 
einen starken Eindruck und ließ ein vielversprechendes literarisches Talent 
erkennen. Der Verlust Gogols war noch nicht verschmerzt, die Kunde 
vom Tode des Mannes (1852), der das energische Wollen zu entflammen 
gewußt hatte und selbst geschwächt und seelisch zerschlagen der finsteren 
Askese anheimgefcillen war, hielt die Geister noch in Erregung, als im 
Juni desselben Jahres die „Kindheit" erschien und neue Hoffnungen auf 
die Fortentwicklung der Literatur erweckte. Mit einem kargen Material 



B. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. 11. Das Zeitalter Nikolaus' I. 8? 

ausgerüstet, ohne den Rahmen der Darstellung des Seelenlebens eines 
Kindes zu verlassen, unter Vermeidung alles Effektvollen, Sentimentalen 
und Moralisierenden, ohne irgendwelche Vorbilder zu haben, trug der 
Verfasser, indem er sich ausschließlich auf Selbstanalyse stützte, über 
eine fest gefügte Geschmacksrichtung, die auf romantischen Erfindungen, 
dem Heldentum Byrons und der sozialen Satire basierte, den Sieg 
davon. Abgesehen von einer leichten Retouche und wenigen Zusätzen 
offenbarte er das, was er gesehen und erfahren, was ihm sein künst- 
lerisches Gedächtnis bewahrt hatte. Seine später erschienene „Jugend" 
blieb ein unvollendeter Torso; die autobiographische Aufgabe, die sie er- 
füllen sollte, ist in der Folge in einer ganzen Reihe von Werken, ein- 
schließlich der „Kreutzersonate", erledigt worden. Angeregt durch die 
Bekenntnisse des genialen Schriftstellers aus seinen Kindheit- und Knaben- 
jahren entstand in der Weltliteratur bald eine ganze Gruppe kinderpsycho- 
logischer Darstellungen, doch hat sich das Erstling'swerk Tolstois bis zu 
dem heutigen Tage eine erstaunliche Frische und unnachahmliche Origi- 
nalität bewahrt. Die unklaren Regungen und Träume des Knaben sind 
das einleitende Kapitel zur Geschichte des komplizierten Entwicklungs- 
ganges der Seele eines der Lehrer der Menschheit. 

Der Name Tolstois beschließt eine Reihe der bedeutendsten Ute- Neue Kritiker, 
rarischen Persönlichkeiten, älterer und ganz junger Kräfte, die das ver- schewsky. 
antwortungsvolle Amt auf sich genommen hatten, die Überlieferungen der Journalistik. 
Literatur inmitten der Herrschaft der Reaktion zu überwachen. Ihnen nehmen des 
wurde die Unterstützung einer ihrer würdigen Kritik nicht zuteil; die 
Nachfolger Belinskys erwiesen sich als nörgelnde Pedanten, die für die 
Ideen ihrer Zeit gar kein Verständnis hatten, vor ihnen zurückschreckten 
und den Wunsch hegten, die Literatur wieder in das sichere Fahrwasser 
der objektiven Kunst zu lenken. Erst am Schluß dieser Periode erstand 
der Journalistik in der Person eines jungen Lehrers, der aus dem Kreise 
der Provinzgeistlichkeit stammte und ins arbeitsreiche Leben eines Peters- 
burger Pädagogen eine heiße Liebe zur Wissenschaft und gediegene 
Selbstbildung, der die Routine der Universität nicht genügte, mitgebracht 
hatte, wieder ein begabter Kritiker. Als der Name Tschernischewsky 
auf den Seiten des Nekrassoffschen „Zeitgenossen" zu erscheinen begann, fand 
das klägliche Interregnum der literarischen Kritik sein Ende, indem aus 
einer Reihe von Abhandlungen über die nach Gogol benannte Periode 
der Literatur von neuem eine führende, erziehende Stimme ertönte. Das 
Schicksal dieser Abhandlungen bietet anschauliche Beweise für die be- 
stehenden anormalen Verhältnisse und die Unduldsamkeit der Zensur. Sie 
verstümmelte die Abhandlungen nicht nur, sondern verbot auch den Namen 
Belinskys zu nennen. Letzterer durfte nur unter der umschreibenden Be- 
zeichnung eines „Kritikers der Epoche Gogols" zitiert werden. Überhaupt 
wurde es immer schwieriger, sich über irgendein beliebiges Thema zu 
äußern; die Politik der Bezähmung der Geister führte zu einer ungeheuren 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



eineFolgen, 



Vermehrung der Zensuren, die bei allen erdenklichen Behörden eingeführt 
und auf diese Weise in den Stand gesetzt wurden, kein wahres Wort 
über diese Institutionen laut werden zu lassen. Schließlich gab es nicht 
weniger als siebzehn Zensuren. 

Während die öffentliche Meinung zum Schweigen gebracht worden 
war, wurde unter dem Einfluß des selbstzufriedenen Militarismus, der sich 
die ersten Stellungen im Staate zueigen gemacht hatte, und der religiösen 
Herrschsucht, die nach der Macht im Orient strebte, der unglückselige 
Türkenkrieg unternommen, der in einen hoffnungslosen Kampf mit einer 
starken europäischen Koalition ausartete. Der früher in Zusammenstößen 
mit unkultivierten Gegnern oder mit den Volksheeren Polens und Ungarns 
leicht erworbene Kriegsruhm wurde Nikolaus untreu — sein glücklicher 
Stern war untergegangen. Zwar bewiesen zahllose Heldentaten die Un- 
erschöpflichkeit der geistigen Stärke des Volkes, die sich trotz aller 
Unterdrückung erhalten hatte, doch vereinigten sich die Unfähigkeit der 
Heeresleitung, der völlige Mangel an Kriegsbereitschaft, die Rückständig- 
keit der militärischen Organisation, entsetzliche Unterschlagungen und 
Veruntreuungen, um das Land, nachdem es sich in dem Wahn gewiegt 
hatte, die führende Rolle in der Weltpolitik zu spielen, die Schmach 
eines feindlichen Einfalles, die heldenhafte aber fruchtlose Verteidigung 
Sebastopols und einen drückenden Friedensschluß erleben zu lassen. Der 
alte morsche Staatsbau, der zuschanden geworden war, erzitterte in 
seinen Fugen, der klägliche Zusammenbruch seiner hochmütigen An- 
sprüche spannte den wachsenden Unwillen der Bevölkerung aufs äußerste. 
In den Reihen der Verteidiger Sebastopols, die für ihr unglückliches 
Vaterland starben, wurden die ersten Anklagen gegen die Anstifter 
alles Unheils laut — die von Leo Tolstoi und einigen jungen Kriegs- 
genossen im volkstümlichen Ton verfaßten satirischen Lieder, die die 
unfähigen Generäle Nikolaus' verspotteten. 



Das Nahen eine 

Periode der 

sozialen Wiedei 

geburt. 

Alexander 11. 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. 
(Von Alexander II. bis zur Gegenwart.) 

I. Epoche der Reformen. Es war allen ersichtlich, daß die Befreiung 
nahte. Die lange gefesselten Volkskräfte drängten der Freiheit entgegen; 
das Erwachen zu einem tätigen Leben nach der Lethargie war süß und 
erweckte schöne Hoffnungen; wie am Schluß der .Schreckensherrschaft 
Pauls und zu Beginn der Ära Alexanders I. herrschte eine optimistische 
Stimmung. An der Notwendigkeit radikaler Reformen konnte kein Zweifel 
bestehen, der Hauptschuldige an der neuen Katastrophe, die er zu über- 
leben nicht imstande war, hatte dies schon vor 1848 eingesehen. Die 
grausame Lehre, die sie erteilte, persönliche Erfahrungen und die Er- 
kenntnis der Schädlichkeit des alten Systems, der Selbsterhaltungstrieb, 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. gg 

die zwar nicht wissenschaftlich pädagogische, aber humane Erziehung, 
die der Dichter Shukowsky dem nachmaligen Alexander II. vor den 
Augen seines strengen Vaters zuteil werden ließ, endlich die Probleme, 
die innerhalb des Lebens der Gesellschaft und der Literatur erwuchsen 
— alles dies prädestinierte diesen Prinzen zum Befreier und Friedens- 
fürsten. Umgeben von den Helfershelfern und Kreaturen seines Vor- 
gängers, vor deren Überzahl die wenigen Anhänger des neuen Regimes 
weichen mußten, wie einstmals die Mitglieder des Comite de salut publique 
unter Alexander I. vor den unwissenden Reaktionären, die Katharina 
und Paul überlebt hatten, hat Alexander IL, der keine genügende 
Willensstärke besaß und anfangs kein klares Programm aufgestellt hatte, 
die auf ihn gesetzten Hoffnungen zuerst nicht voll erfüllt. Die vorsich- 
tigen Schritte zur wichtigsten reformatorischen Tat — der Befreiung der 
Bauern — wurden erst zwei Jahre , nachdem das neue Regime ans 
Ruder gekommen war, unternommen, und es kostete einen fünf Jahre 
langen bitteren Kampf zwischen den liberalen Elementen der Gesellschaft 
und dem Bunde des reaktionären Adels und der alten Hofpartei, ehe die 
Reform zur Durchführung gelangen konnte. Wenn aber auch die Neu- 
gestaltungen noch lange keine festen Formen annahmen, so war doch die 
Richtung der inneren Politik durch eine gewisse Duldsamkeit Forderungen 
und Auffassungen gegenüber, sowie durch einige Zugeständhisse an die 
Bildung und durch die Bereitschaft gekennzeichnet, Mißbräuche, die sich 
während der früheren Regierung eingebürgert hatten, der Kontrolle der 
Öffentlichkeit anheimzugeben, wodurch eine Neuordnung des Lebens vorbe- 
reitet werden sollte. Die liberalen Anschauungen in Taten umzusetzen, war 
nicht leicht; die allmächtige bureaukratische und militärische Partei lei- 
stete bei den ersten Versuchen Widerstand; sie protestierte und suchte 
auch fernerhin die Befreiungsbewegung aufzuhalten. Unter diesen unsteten 
Verhältnissen mußte die Literatur bis zum Jahre 1866 sich durchringen, 
als zwar nicht die lang ersehnte Preßfreiheit, wohl aber gewisse Erleich- 
terungen gewährt wurden, die sich in einem Aufschwung der Publizistik 
kundgaben. Allerdings mußten auch sie, gleich den übrigen Reformen, 
bald einschränkende Bestimmungen über sich ergehen lassen. 

Dennoch war der Wert der Umkehr so bedeutend, daß das Ende wieder- 
des unglückseligen Krieges und der Herrscherwechsel als der Beginn Liberalismus. 
einer neuen Epoche auch in der Literatur betrachtet werden kann. Vor Kekabristenund 

. anderer Ver- 

allen Dingen wurde eine Verbindung mit den besten Vertretern einer bannten 

früheren Periode, die in der Verbannung schmachteten, hergestellt. Die- Saitykoff). ' 
jenigen Dekabristen, die die Befreiung erlebten, kehrten aus Sibirien und 
vom Kaukasus zurück. In dem ehrfurchtgebietenden Zuge der ergrauten 
Patriarchen der Freiheit, die sich das Heiligtum ihrer Überzeugungen 
gewahrt hatten, lag etwas sittlich Erhebendes. Auch ihre jüngeren Nach- 
folger, die Opfer der Unterdrückungen der vierziger Jahre, Saitykoff, 
Dostojewsky, Pleschtscheew, der Dichter Schewtschenko, der bedeutendste 



QO 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



Repräsentant der selbständig- sich entwickelnden kleinrussischen Litera- 
tur, konnten endlich Wjatka, Sibirien oder das kaspische Gebiet ver- 
lassen und ihre ung-ebrochenen Kräfte, ihre ganze Energie wiederum in 
den Dienst der literarischen Arbeit stellen, während die greisen Deka- 
bristen für die neue Gesellschaft zu Reliquien wurden. Außerdem tauch- 
ten ganz neue Menschen auf. 
Die Deraokrati- Dic Veränderung in dem Bestände der literarischen Kräfte, die sich 

ratur in 'ihren bereits früher bemerkbar gemacht hatte, tat sich nun, da alles, was Leben 
in ihren Auf- uud Begabuug in sich fühlte, zur Mitarbeit berufen schien, in einem Zu- 
fluß von Talenten aus allen Schichten der Gesellschaft kund. Schon da- 
mals als Belinsky, der Sohn eines Arztes, oder der schlichte Bürger Kolzoff 
gleichwertige Mitglieder der russischen „Republique des belles lettres" 
wurden, hatte die Demokratisierung der vornehmen Literatvu:, deren füh- 
rende Geister Leute privilegierter Stände und feiner Bildung waren, be- 
gonnen; jetzt fand plötzlich eine Überflutung mit demokratischen Ele- 
menten statt, die dem Schriftstellertum Kräfte aus bisher unberührten 
Volksschichten zuführte. Auch die Themata und Probleme der Lite- 
ratur wurden sämtlichen Gesellschaftsklassen entnommen. Es genügte 
nicht mehr, für die Geringen und Enterbten einzutreten, wie es früher 
menschenfreundlich gesinnte Kreise getan hatten. Jene sollten für sich 
selbst reden, ihr Leben und ihre Bedürfnisse sollten durch sie selbst 
offenbar werden. An die Stelle der problematischen Naturen, der dämonen- 
haften Helden, der „Überflüssigen", traten nun arbeitende Menschen, denen 
ein dunkles, freudloses Dasein beschieden war, die den Lebenskampf 
des Alltag-s kämpften. Gogols Studien hatten nicht alle Lebensformen 
umfaßt, die neuen Welten, die Turgenieff und Ostrowsky erschlossen 
hatten, konnten nur als ein Präludium gelten — mm sollte sich das 
ganze Leben in der Literatur spiegeln. Die nivellierende Bewegung, 
die in den sechziger Jahren begann, ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ge- 
wachsen, um in der Gegenwart zur Hefe der Gesellschaft herabzusteigen 
und ihre Leiden, ihr Elend sowie ihre Rache zu beleuchten. 
DieEnt^yicklung Mit der Schilderung der nackten Wirklichkeit war eine eifrige Be- 

sehen Arbeit, arbeitung der Probleme, die sie nahe legte, verknüpft. Während ihre 
seine „Glocke". Behandlung früher für unerlaubt und g'efährlich gegolten hatte, nahm 
scbaftiichen slc uunmchr eine hervorragende Stelle im Leben des Volkes ein. Freilich 

Unteisuchungcii ,,,,. .... ,.,Ty j 

in Rußland. Der versuchte mau schon bald, sie zu unterdrucken und in den Hintergrund 
laktenWisscM- ZU drängen — jedoch ganz ohne Erfolg. Die Gedanken, die sich inmitten 
retrograder Strömungen in den Geistern lebendig erhalten hatten, die 
freiheitlichen Ideen, die vom Westen her ins Land eingedrungen waren, er- 
blühten unter dem Einfluß der europäischen Sozialwissenschaften und der 
sozialen Praxis. Die erste freie russische Druckerei, die Alexander Herzen 
in London geschaffen hatte, seine Zeitschrift „Der Polarstern" und die leiden- 
schaftliche publizistische Zeitung „Die Glocke", vor deren erbarmungslosen 
Anschuldigungen alles erbebte, was die alte Ordnung in Rußland zu ver- 



schafte 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. qi 

teidigen wagte, ergänzten in kraftvoller Weise die schwere Arbeit der nur 
teilweise befreiten russischen Presse. Die reiche Begabung Herzens offen- 
barte neue Seiten. Dank ihm erstand endlich die politische Journali.stik. 
Die bürgerlichen Wirren während der Revolution von 1848 in Frankreich 
hatten ihn tief erschüttert, und da ihm der Glaube an die Heilkraft des 
europäischen Liberalismus verloren gegangen war, verband er von nun 
an mit seinem Anklägeramt schöpferische Arbeit, indem er in dem histo- 
rischen Entwicklungsgang des russischen Volkes jene Grundlagen zu er- 
forschen suchte, auf welchen ohne starke Erschütterungen die Realisierung 
der großen Aufgaben des Sozialismus möglich wäre. Die bevorstehende 
Befreiung der Bauern veranlaßte auch die heimatliche Journalistik zu 
derartigen Studien — soweit sich dies bewerkstelligen ließ. Indem sie 
die Leser in das Wesen des Systems Robert Owens einweihte, die „Natio- 
nalökonomie" John Stuart Mills (in der Bearbeitung Tschernischewskys) 
frei kommentierte und die soziale Bewegung in Deutschland samt der 
Tätigkeit Lassalles aufmerksam verfolgte, schuf sie zugleich eine ganze 
Literatur nationalökonomischer und juristischer Werke über den gemein- 
samen Grundbesitz der Bauern und über andere Spezialfragen der Volks- 
wirtschaft. 

Gleichzeitig mit der Ausbreitung sozialpolitischer Ideen erblühten die 
exakten Wissenschaften, die einerseits wegen ihrer positiven Ergebnisse, 
andererseits wegen des Einspruchs, den sie veralteten klerikalen Anschau- 
ungen und der Unduldsamkeit in Fragen der Moralität gegenüber er- 
hoben, besonders wertvoll erschienen. Unter ihrem Einfluß schwand alles 
Wahnhafte, Chimärische, das die Geister bedrückte. Das Tatsächliche, 
Gemeinnützige, das was eine vernünftige Wirklichkeit schafft, .sollte nun 
die alten Lebensformen ersetzen. Sogar Tschemischewsky hielt es da- 
mals für zweckmäßig, in dem Roman „Was tun?" seine Ansichten über 
eine künftige normale Ordnung der Dinge dem lesenden Publikum in 
belletristischer Form auseinanderzusetzen. Einer der begeisterten An- 
hänger der Bewegung, der junge und phänomenal begabte Kritiker 
Pissarew, hielt den Realismus in der weitesten Bedeutung des Wortes 
für ihre Lösung. In einer solchen geistigen Atmosphäre konnte die Lite- 
ratur nur eine ausgesprochen realistische Richtung einschlagen, um so 
mehr als sie durch das Vermächtnis der Schule Gogols hierzu prädesti- 
niert war. 

Schon die ersten Erzeugnisse der neuen Periode tragen dieses Ge- uie wichtigsten 

° ° Ergebnisse der 

präge. Die „Skizzen aus der Provinz" von Saltykoff schildern die Fäulnis Entwickiungs- 

. - T-i • o ^-^ L;escbichte des 

und Finsternis des Provinzlebens; später schwang der Satiriker seine Geißel Romans der 
gegen die Gewissenlosigkeit und Gesetzlosigkeit, gegen den falschen Glanz saitykoff. Dosto- 
der großstädtischen Kreise, die den Reformen gegenüber in feindseliger Hai- „Memoiren aus 
tung verharrten. Ostrowsky befreite seine urwüchsige Begabung von den iiausc. 
Fesseln des ihm aufgezwungenen Joches einer nationalen Idealisierung 
altrussischer Prinzipien und gab, nachdem er eine Reise ins Innere Rußlands 



92 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



gemacht und dasselbe so gesehen hatte, wie es tatsächlich war und nicht 
wie es unter dem Gesichtswinkel der Slawophilen erschien, in dem Stücke 
„Die Pflegetochter" eine Schilderung der Unmenschlichkeit der Leibeigen- 
schaft. In seinem ergreifenden Drama „Das Gewitter" führte er den Zu- 
schauer in die Tiefen einer entlegenen, in Unwissenheit, Unduldsamkeit 
und Roheit verkommenen alten Stadt, in deren Atmosphäre „helle Licht- 
strahlen" wie die Heldin des Stückes, die nur im Selbstmord einen Aus- 
weg findet, erlöschen und untergehen. Dostojewsky kehrte mit einer er- 
schütterten Gesundheit, mit kranken Nerven, mystischen Träumen und 
einer Vorliebe für die finsteren Seiten des Daseins aus Sibirien zurück, 
doch hatte er die „Memoiren aus einem Totenhause" in Händen, jene 
Anklageschrift gegen das ganze barbarische System des Gerichts und des 
Strafverfahrens. Diese Beichte eines Menschen, dessen einzige Schuld 
in der Unabhängigkeit seiner Gesinnung bestanden hatte und der für vier 
Jahre mit Mördern und Verbrechern zusammen eingesperrt worden war 
(später mußte er als Soldat in Sibirien dienen), ist voll so ungekünstelter 
Wahrheit, daß der Leser von den Schilderungen des Lebens der Aus- 
gestoßenen, Unglücklichen, Elenden und Verlorenen geradezu überwältigt 
wird. Die neuere europäische Literatur besitzt nicht wenig Memoiren 
und Beichten von Gefangenen und künstlerische Schilderungen des 
Gefängnislebens; auch in der modernen russischen Literatur hat nach 
Dostojewsky der talentvolle Dichter Jakubowitsch (Melschin) über seine 
Erfahrungen, die er im Gefängnis gesammelt hatte, berichtet, und Tschechow 
hat eine Beschreibung der Insel Sachalin, auf der Verbannte angesiedelt 
wurden, geliefert, in der uns die bleichen Schatten trauriger oder Ent- 
setzen erregender Menschen in großer Zahl entgegentreten. Doch in der 
Reihe derartiger Schöpfungen werden die Erinnerungen Dostojewskys 
stets ihre selbständige und hervorragende Bedeutung behalten. Indem 
er den wahren Grund seiner Verbannung, daß es ein politisches Ver- 
brechen war, verbarg und der Erzählung die Form von Aufzeichnungen 
eines ihm Unbekannten gab, der wegen der Ermordung seiner Frau zur 
Zwangsarbeit verurteilt worden war, nahm er ihr jedes persönliche Mo- 
ment; auch die rührende Poesie der Selbstverleugnung und Religiosität, 
welche „I miei prigioni" Silvio Pellicos erfüllt und zu dessen ehemaligem 
Leben im Dienste der Freiheit seines Vaterlandes in Gegensatz tritt, 
fehlt hier vollständig. Es finden sich auch keine Äußerungen des Un- 
willens, keine scharfen Verurteilungen, keine Appellationen an die Mensch- 
lichkeit, keine bestimmten Forderungen von Reformen; in ungewöhnlich 
schlichter Weise entrollt sich vor unseren Augen das Bild des Lebens 
im „Totenhause" mit all seiner Bitterkeit und seinem Leid, mit seinen 
kurzen Lichtblicken und naiven Freuden; eine lange Reihe Menschen 
zieht an uns vorüber, wir hören ihre Stimmen, ihre groben Reden und 
vernehmen das Stöhnen grausam Gestrafter, die nach 2000 Knuten- 
hieben halbtot in das Gefängnisspital geschafft werden. Das ist kein 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. gj 

Roman, obgleich der Verfasser das Werk in der Überschrift so nennt, 
kein belletristisches Pamphlet, keine tendenziöse Anklageschrift, doch er- 
tönt aus der Wiedergabe des Erlebten und Gesehenen der Ruf nach 
Brüderlichkeit und sozialer Gerechtigkeit. Von Zeit zu Zeit dringen Licht- 
strahlen durch die Finsternis; der Verfasser will nicht wie seine Vorgänger 
Eugene Sue und Dickens unter allen Umständen einen göttlichen Funken 
in der Seele des Verbrechers entdecken, doch übersieht er nicht die ein- 
fachen freundschaftlichen Beziehungen, die ihn mit einigen Zwangsarbeitern 
verbanden, und vergißt nicht das Aufleuchten von Zärtlichkeit und Mit- 
leid inmitten einer Umgebung, die ihm, dem „Adligen", wie sie ihn 
nannten, größtenteils feindselig gegenüberstand. In Freiheit gesetzt, 
trauert er nicht wie der Gefangene von Chillon um das verlassene 
Gefängnis, schließt aber seinen düsteren Bericht in schmemiütiger Stim- 
mung ab. 

Indem er sich auf dies Gebiet begab, das noch kein russischer Schrift- 
steller berührt hatte, folgte Dostojewsky einmal den menschenfreundlichen 
Neigungen seines ehemaligen Kreises und dem Triebe seiner eigenen Näch- 
stenliebe, die in der Folgezeit einen krankhaften Charakter annahm, so 
daß er sogar in den letzten Jahren vor seinem Ende seine Verurteilung 
zur Zwangsarbeit um der Erleuchtung willen, die seinem Geiste durch sie 
zuteil geworden war, segnete. Gleichzeitig entsprach er damit aber auch der 
traditionellen, weichen Volksstimmung den Arrestanten, Gefangenen und 
namentlich den nach Sibirien Verbannten gegenüber, die die schlichten Leute 
als „Unglückliche" betrachten, denen zu Hilfe zu eilen sie immer bereit sind. 
Eine solche Vertiefung in die Welt des Verbrechens, vmd eine solche Ver- 
schmelzimg mit der Volksseele hatte der Realismus Gogols, der doch so 
kraftvoll und allumfassend schien, nicht gekannt. 

Inmitten der allgemeinen Wiedergeburt machte die literarische Evo- Neue Emwicic- 
lution große Fortschritte. An erster Stelle stand der Roman, der für der Kunst Tur- 

geniefFs. 

lange Zeit dominierende Bedeutung gewann. Er brach mit den überlebten, „Rudin-, „Das 

^ ^ ^ , ,. Adelsnest" und 

verblaßten Typen des schiffbrüchigen Helden und der unverstandenen, dahm- „Am Vorabend". 
welkenden Frau und widmete sich der Erforschung uud Darstellung neuer 
Lebenserscheinungen der Gesellschaft. Turgenieff, den das Erwachen 
des Vaterlandes mit neuen Kräften zu beleben schien und der eine Zeit- 
lang sogar bereit war, die Dichtung mit der praktischen Publizistik und 
der Mitarbeit an der Reform der bäuerlichen Verhältnisse zu vertauschen, 
verkörperte in seinen Werken die einander folgenden Entwicklungsstadien 
der Individualität. Schon in den „Memoiren eines Jägers" findet sich 
neben den realistisch gehaltenen Typen die meisterhaft skizzierte Gestalt 
eines willenlosen, tatenlosen „Hamlet der Provinz". Ihr folgt an den 
Grenzmarken einer neuen Epoche der Typus der Übergangszeit, Rudin, mit 
seiner glänzenden, sieghaften Dialektik, seiner beredten Verkündigung von 
Ideen, die zu verwirklichen ihm nicht beschieden ist. Nachdem er seine 
reichen Kräfte in unfruchtbarer Erregung verzehrt und in der Heimat 



94 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



kein Feld der Tätigkeit gefunden hatte, stirbt er auf den Barrikaden von 
Paris für die Freiheit eines fremden Volkes; damals dachte Turgenieff, 
daß ein Mann vom Schlage Bakunins, des Prototyps Rudins, sein Leben 
in gleicher Weise beschließen könnte. Traurig auch ist zu jener Zeit das 
Los der Frau, deren Streben zum Licht und zu neuem Leben unter der 
Bürde der sittlichen und religiösen Traditionen zusammensinkt. Das ist 
Lisas Schicksal in der Erzählung „Das Adelsnest". Es handelt sich hier 
um die Geschichte einer träumerischen Persönlichkeit mit humanen Be- 
strebungen und aufrichtigem Gefühl , die jedoch nicht den Mut hat, die 
Schranken der Moral zu durchbrechen; Rudin sucht einen ehrlichen Tod, 
um sich seines freudlosen Geschicks zu entledigen, Lisa aber begräbt ihr 
junges Leben im Kloster. Doch die Befreiung nahte. Nur ein Jahr liegt 
zwischen dem „Adelsnest" und dem Roman „Am Vorabend", und doch 
macht sich hier schon die fieberhafte Erregung, die sich der Gesellschaft 
bemächtigt hatte, stark bemerkbar. Turgenieff konnte den russischen Typus 
des für das Gemeinwohl Arbeitenden vorläufig ebensowenig mit festen 
Umrissen zeichnen, als er dessen crcdo bestimmt anzugeben vermocht 
hätte, und machte daher einen jener bulgarischen Patrioten zu seinem 
Helden, die in Rußland eine Zuflucht fanden und nach gründlicher Vor- 
bereitung den kühnen, verzweifelten Versuch wagten, ihr Vaterland zu 
befreien. Die zielbewußte, energische Persönlichkeit Jnssarows scheint 
berufen zu sein dem echten russischen, politischen Romanhelden den Weg 
zu bahnen; die dialektischen Künste Rudins sind in unermeßliche Fernen 
gerückt. Neben dem fremdländischen Agitator und Anführer der Lisur- 
genten steht aber bereits das feurige russische Mädchen, das sich durch 
seinen Idealismus und seine Selbstaufopferung hinreißen läßt, das um der Idee 
willen alle vertrauten Beziehungen löst und an der Seite des ihr teuren 
Gesinnungsgenossen furchtlos Gefahren entgegengeht. Mit seiner Helene 
macht Turgenieff den ersten bedeutenden Versuch, die Psychologie des 
aktiven weiblichen Heldentums zu entwickeln. Helene ist die Vor- 
läuferin jener Generation heroischer Frauen, welche in der modernen 
russischen Literatur (wie auch in der skandinavischen Dichtung im Drama 
Ibsens und seiner Genossen) an die führende Stelle getreten sind. Ob- 
gleich dieser Roman Turgenieffs in der Sprache der sechziger Jahre 
tendenziös genannt werden müßte, da er sich eine erziehliche Aufgabe 
stellt, so weist er dennoch in künstlerischer Beziehung einen großen Fort- 
schritt auf; die Zeichnung der Charaktere, die psychologische Treue, die 
meisterhaften Schilderungen und die Prägung eines originellen „Turge- 
nieffschen" Stils übten eine bezaubernde Wirkung aus, — vielleicht war 
das die einzige Epoche, in der die Bedeutung Turgeniefts einstimmig 
und unbestritten anerkannt wurde. 
Gontscharoffunj Das Grundproblcm jener Zeit — der Bruch mit der Vergangenheit 

?dri'rotcst°g(t'en uud der Sieg der Freiheit, der wahren Zivilisation, sowie die Verteidigung 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. gj 

ins Leben. Er war längst geplant und langsam niedergeschrieben worden, 
so daß er das Licht der Welt erblickte, als der Frühling ins Land gezogen 
war und der Drang zu neuem Leben sich auf Schritt und Tritt geltend 
machte. Das in ihm gezeichnete Bild träger Untätigkeit, die sich auf 
Kosten von Sklavenarbeit breit macht, erschien der in der Erneuerung 
begriffenen Gesellschaft wie ein Vorwurf. „Oblomoif" hat zu seiner Zeit 
der fortschrittlichen Bewegung keinen geringen Dienst erwiesen — nicht 
dadurch freilich, daß GontscharofF dem willenlosen Helden, dieser typischen 
nationalen Erscheinung, einen Deutschen namens Stoltz, die Verkörperung 
rastloser, praktischer Arbeit, an die Seite stellte — denn er hatte letzteren 
lediglich zu einem unternehmenden, sich stets bereichernden Kapitalisten 
gemacht, ohne ihm Interesse für das Wohl der Allgemeinheit ein- 
zuhauchen — , sondern durch die entschlossene und zugleich ruhige Kritik 
des ganzen Systems der ehemaligen Lebensformen, das er nicht mit Phrasen, 
sondern durch die Konsequenzen, zu denen es führte, widerlegte. 

Auch die Kritik beeilte sich auf die soziale Bedeutung dieses Romans Der Fortschritt 

der literarisch 

hinzuweisen, die neueste Charakterisierung der eingewurzelten Gebrechen sozialen Rich- 
zu studieren und die Vorgänger des Helden Gontscharoffs zu kennzeichnen. DobroHuboff. 
So kehrten für die Kritik jene ruhmvollen Tage wieder, da sie die Führerin 
der geistigen Bewegung gewesen war. Mehr denn je mußte sie nun die 
Pflichten der Publizistik erfüllen; hatte sie sich eines hervorragenden 
Werkes bemächtigt, so WTirden die sozialen Bedingungen, die zur Be- 
arbeitung des betreffenden Themas Veranlassung gegeben hatten, sowie die 
angeregten Fragen und ihre Beziehungen zum Volksleben in noch größerer 
Vollständigkeit, als dies zur Zeit Belinskys der Fall gewesen war, erörtert. 
Die Polemik gegen die Anhänger des alten Regimes wurde mit großer 
Schonungslosigkeit und Leidenschaft gefülirt, und die neu erblühte satirische 
Journalistik sekundierte der Kritik mit ihrem Hohn. In den Reihen der 
Scharfschützen dieser satirischen Hilfstruppen befanden sich nicht selten 
hervorragende Schriftsteller und Kritiker. Sogar der „Zeitgenosse" hielt 
es für angebracht, eine vortreffliche humoristische Beilage herauszugeben. 
In den sechziger Jahren war aber, wie zuzeiten Voltaires, das Lachen nur 
eines der mannigfachen, gleichberechtigten Kampfmittel. Seine Benutzung 
tat der strengen Ausarbeitung der reformatorischen Überzeugnngen in 
keiner Weise x'Vbbruch. Die beste, eigenartigste Verbindung von an- 
klagendem Humor mit dem Ernst einer liberalen Propaganda und der 
Führung des literarischen Fortschrittes lieferte die kurze aber bedeutungs- 
volle Tätigkeit Dobroliuboffs, des würdigen Nachfolgers Belinskys. Der 
junge Kritiker hatte bereits bei seinem literarischen Debüt eine hervor- 
ragende Stellung gewonnen, doch ging er, weil er die Kräfte seines 
zarten Organismus in leidenschaftlicher Arbeit rasch erschöpfte, zugrunde, 
als sein Talent und sein Einfluß ihren Höhepunkt erreicht hatten. Es war 
Tschernischewsky, dem sein Ruf bereits die führende Rolle in der Lite- 
ratur eingetragen hatte und der nach Abschluß seiner kritischen Tätigkeit 



q5 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

durch große volkswirtschaftliche und soziologische Werke die Lorbeeren 
eines populären Publizisten erntete, der in DobroliubofF ein kritisches 
Talent von Gottes Gnaden entdeckt und ihm die Herrschaft überlassen 
hatte. Dobroliuboff wurde tatsächlich das wichtigste Bindeglied in der 
Literatur jener Zeit. In seinen Erklärungen und Analysen schlössen sich 
die bedeutenden Erzeugnisse der neuen Periode zu einem anschaulichen 
Bilde der literarischen Bewegung zusammen; ihr kulturhistorischer Hinter- 
grund und ihre Ideenfolge traten klar hervor; die Betonung der sozialen 
Aufgaben der Kunst durch den jungen Kritiker bekehrte die Zögernden 
und Schwankenden, und nicht selten gelangen ihm wirkliche Eroberungen, 
indem er solche, die sich (wie einst Gogol) weder der Schätze, über die 
sie verfügten, noch der falschen Bahn, auf der sie sich bewegten, bewußt 
waren, seinem Lager zuführte. So hat er mit seinen erstaunlichen 
Aufsätzen über das von Ostrowsky entdeckte „dunkle Reich" den talent- 
vollen Dramaturgen besiegt, mit seiner Studie über das durch die Leib- 
eigenschaft bedingte, sich fortpflanzende psychische Übel, das im „Oblo- 
moff" geschildert wird, Gontscharoff mit starker Hand unterstützt, als 
dieser von der nüchternen, satirischen Behandlung der Sitten zum Kampfe 
überging. Der Roman Turgenieffs „Am Vorabend", der von Ahnungen 
und Erwartungen erfüllt ist, aber den noch nicht ausgeprägten T3rpus des 
politisch tätigen Russen durch einen Fremdling ersetzt, hat Dobroliu- 
boff ebenfalls zu einer Studie mit der charakteristischen Überschrift 
„Wann wird es wirklich Tag?" veranlaßt, die zum Vorwärtsschreiten auf- 
fordert und vom Glauben getragen ist, daß die Entfaltung der Selbst- 
tätigkeit des Volkes unter allen Umständen erfolgen müsse. Wie die 
überzeugten „Westeuropäer" der vorangegangenen Periode sah er in der 
europäischen Kultur den Weg, der zum Ziele führte; die freiheitlichen 
Bestrebungen der zeitgenössischen Völker, insbesondere der heldenhafte 
Kampf der Italiener im Jahre 1859, erfüllten ihn mit Begeisterung, doch 
gehörten seine besten Gedanken dem Wohle des eigenen Volkes; ihm 
wünschte er nicht nur nach westeuropäischem Muster veredelte Staats- 
formen, sondern eine radikale Wiedergeburt. Dieser Wunsch sollte nicht 
zu seinen Lebzeiten in Erfüllung gehen. Der Tod ereilte ihn am „Vor- 
abend" der Reformen und der wachsenden politischen Gärung. Als einige 
Monate vor seinem Ende die von den Feinden der Freiheit geschmälerte 
und abgeschwächte Befreiung der Bauern verkündet wurde, erlosch er 
allmählich nach einer Reise in den Süden Europas, auf der er vergeblich 
Heilung gesucht hatte. Ein kurzes, schwermütiges Gedicht, das er vor 
seinem Tode verfaßt hat, gibt dem Gedanken Ausdruck, daß er sterben 
müsse, weil er sein Vaterland ehrlich geliebt und ihm alle seine Kräfte 
geopfert habe. 
lieRimi der Ära Es nahte dlc Zeit der Verwirklichung längst angesagter Reformen. 

Charakteristik Das Streben der Regierung, während der Ausarbeitung und Einführung 
st,-n Vertreter, der neuen Lebensformen eine Annäherung an die liberalen, ja sogar an 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. q-j 

die oppositionellen Elemente zu erreichen, trug Früchte, die für das öffent- 
liche Leben von Bedeutung waren, der Regierung selbst aber bald unbe- 
quem wurden, so sehr sie sich auch bemühte, das Banner der Kultur auf- 
recht zu halten. In den Provinzkomitees, die die Grundlagen der Bauem- 
emanzipation vorzubereiten hatten, sogar im Zentralkomitee, das sie 
endgültig ausarbeitete, wurden Reden und Vorschläge laut, die in gewissen 
Kreisen für gefährliche, nur vorübergehend zu duldende Volksverführung 
galten; so erklärten z. B. energische Männer die Ständeordnung und 
die Privilegien für einen der größten Schäden des russischen Lebens 
und waren zur radikalen Umgestaltung des Bodenbesitzes, zu einer Ver- 
schmelzung mit dem Bauerntum bereit. Um die Justizreform bemühten 
sich ehrliche, charakterfeste Männer, Gegner jener empörenden Rechts- 
pflege, die vom Volke verwünscht und von der Literatur an den Pranger 
gestellt wurde. Wenn sich in der Auffassung der Bauernfrage der Ein- 
fluß der neuen volkswirtschaftlichen Theorien und gleichzeitig die Achtung 
vor der russischen Organisation des gemeinsamen Grundbesitzes (Obsch- 
tschina) bemerkbar machte, so brachten die Schöpfer der Justizreform dem 
durch Ungerechtigkeit und Bestechlichkeit erdrückten Volke die öffent- 
liche, unabhängige Rechtsprechung, die demokratische Institution der 
Geschworenen- und wählbaren Friedensgerichte, sowie die Gleichheit vor 
dem Gesetz. Auch in den Projekten der anderen Reformen, in der Orga- 
nisation der lokalen Selbstvertvaltung', in den Versuchen, die Preßfreiheit 
durchzusetzen, offenbarte sich derselbe freiheitliche Idealismus, der die 
führenden Geister der sechziger Jahre beseelte, jener Epoche, die von 
den Freiheitsgegnem als eine Zeit des gewaltsamen Umsturzes und unter- 
schiedsloser Verneinung geschildert worden ist. 

Nicht nur die praktischen Politiker, die ihre ganze Kraft für die Aus- i^'«J'^''g«Gene- 

^ . . . rat.on 2u Beginn 

Gestaltung des Lebens einsetzten, wurden von diesem aktiven Idealismus ^^<^^ sechziger 

° ° . Jahre in ihrem 

getragen. Auch jene neue Gruppe junger Männer, die bald über das Kampfe gegen 

° ° ■' ff i b > moralische und 

ganze Land verbreitet war und wirklich in der Negation das erstrebens- ■■eiigiose vomr- 
werte Ziel zu sehen schien, entfaltete eine kraftvolle Tätigkeit, indem 
sie einen Kreuzzug gegen die veralteten sittlichen und religiösen An- 
schauungen eröffnete, während die Politik für sie auf den zweiten Platz 
rückte. Die Stützen, die ihr die westliche Kultur bot, waren die Natur- 
wissenschaften, die Erfolge des Materialismus, sowie die radikalen Rich- 
tungen in der historischen Erforschung des Christentums und der dog- 
matischen Kritik. Mit Hilfe dieser tödlichen Waffen versuchte sie die Vor- 
urteile und drückende altväterliche Überlieferungen, die Vorschriften einer 
finsteren Moral zu zerstören, die Gefühle und Triebe zu befreien und die 
Forderung der individuellen Selbstbestimmung, sowie der Frauenemanzi- 
pation aufzustellen. Sie lag mit der Ästhetik und Metaphysik im Kampfe, 
warf der Dichtkunst älteren Typus' Weichlichkeit, Unwahrheit und Un- 
kenntnis des Lebens vor und schien in ihrer Polemik die Grundlagen der 
Kunst zu untergraben. In den literarischen Werken und noch mehr in 

Die Kultur der Gegenwart. I. 9. 7 



qg Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

den Neuerungen, die überall, in der Familie, in dem Verhalten der Jugend 
der älteren Generationen gegenüber zutage traten, machte sich nicht 
wenig herausfordernde Überspanntheit geltend, und manchem gemäßigten 
Manne standen die Haare zu Berge, wenn er von den Prinzipien hörte, 
die von den Neuerem verkündet wurden. Dieser kampflustigen Be- 
wegung lagen aber dieselben freiheitlichen Gedanken zugrunde, die von 
den Anhängern der Reform vertreten wurden; sie war vom Glauben 
an die Erlösung durch eine wissenschaftliche Weltanschauung getragen, 
und leuchtete ihr die Zukunft der zur freien Kraftentfaltung gelangten 
Gesellschaft in lichten Farben — so schufen die Bilderstürmer, die sich 
gegen die schönen Träume einer älteren Generation auflehnten, neue 
Ideale. In dieser Schule erwuchsen die Streiter für Freiheit und Kultur 
einer neuen Zeit. Die Extreme und Einseitigkeiten wurden später fallen 
gelassen, und als den Grundlagen aller Entwicklung Gefahr drohte, be- 
gaben sich auch jene Männer auf die Arena des politischen Kampfes. 
Eine starke geistige Kraft, die noch nicht völlig ins Gleichgewicht ge- 
kommen ist, tritt uns in der meisterhaften Schilderung einer solchen 
Persönlichkeit in Turgenieffs Roman „Väter und Söhne" entgegen, dann 
aber auch im Kritiker Pissarew, der das Urbild eines solchen Typus im 
realen Leben verkörperte und mit seiner leidenschaftlichen Verkündigung 
der neuen Ideale die reine und lichtvolle Erscheinung Dobroliuboffs in 
den Schatten stellte. 

Verschiedene Die gelstigc Regsamkeit der Epoche tat sich auch in der verstärkten 

der Literatur: Tätigkeit zweier literarisch-sozialer Richtungen kund. Der romantische 
die iTaTik'aicn Natioualismus der Slawophilen, der absolut nicht gefährlich war, zu Niko- 

näre Presse, laus' Zeiten aber für verdächtig gegolten hatte und bedrängt worden war, 
trat nun frei hervor. Obgleich er an den Geist der Zeit Zugeständnisse 
machte, indem er die Befreiung der Bauern und die Abschaffung des 
alten Gerichtsverfahrens forderte, brachte er immer wieder seine alten 
Argumente vor, die die Gefahren des Europäertums dartun sollten. Mit 
mystischer Feierlichkeit wies er auf die Grundlagen des Volkslebens hin, 
die zu Unrecht dem Vergessen preisgegeben wurden. Ihm kam Dosto- 
jewsky mit seinen zwei Zeitschriften auf halbem Wege entgegen, der 
mit Bedauern darauf hinwies, daß man das russische Volk der heimat- 
lichen Scholle entfremdet habe, und eine Rückkehr zu ihr als das wich- 
tigste Erfordernis des Augenblicks bezeichnete. Immer gewaltiger tönte 
von London her die „Glocke" Herzens, die in Rußland über eine große 
Anzahl hervorragender anonymer Mitarbeiter verfügte. Die reaktionäre 
Presse aber, die die offiziösen Publizisten der Epoche Nikolaus' bei weitem 
überflügelt und den früheren Genossen Herzens und Bakunins, den ehe- 
maligen Universitätslehrer, Philosophen und Dichter Katkoff, zu ihrem 

ErSnungen. Führer auserschen hatte, schmiedete bereits die Waffen zum Kampfe mit 
iSjewsky, dem gefährlichen Gegner. 

'zritgenossen'" Indem sich die einzelnen Richtungen voneinander schieden, fand eine 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. gg 

neue Verteilung der literarischen Kräfte statt. Turgenieff schritt in der 
ersten Reihe der fortschrittlich Gesinnten und erweiterte immer mehr den 
Kreis sozialer Erscheinungen und Typen, die er zu ergründen suchte; 
Ostrowsky unterstützte diese Bewegung, indem er sich in seinen Lustspielen 
nicht mehr auf die Schilderung des Lebens der Kaufmannschaft beschränkte, 
sondern die Zustände der gesamten Gesellschaft jener Epoche beleuchtete. 
Die Lyrik Nekrassoffs, die der von Belinsky empfangenen Anregung treu 
geblieben war, entfaltete nun sowohl in intellektueller als auch in moralischer 
Beziehung größere Mannigfaltigkeit. Die Sympathie, die sie dem Volke 
entgegenbrachte, ihr Glaube an den endlichen Triumph der allgemeinen 
Freiheit, die Aufrufe und Ermunterungen, die sie denjenigen, welche für 
Fortschritt und Aufklärung kämpften, zuteil werden ließ, die zornigen An- 
griffe, die sie gegen das alte System führte — alles dies verschaffte ihr 
eine hervorragende politische Bedeutung, ohne ihre künstlerische Entwick- 
lung zu hemmen. Die zahlreichen Gedichte Nekrassoffs, die das Leben 
der Bauernschaft in lebendigen Farben, mit feinem psychologischen Ver- 
ständnis schildern, gehören auch ihrer Form nach zu den besten literarischen 
Studien dieser Art. Gleichzeitig trat auch die publizistische Bedeutung 
Nekrassoffs zutage. Sein „Zeitgenosse", der nicht nur über bedeutende 
belletristische Mitarbeiter, sondern auch über solche Meister der Publizistik 
wie Tschemischewsky verfügte, übernahm innerhalb der legalen Presse 
dieselbe führende Rolle, die die „Glocke" in der Emigrantenliteratur inne- 
hatte. Gontscharoff war nicht imstande, der rasch vorwärts schreitenden, 
kampfesmutigen literarischen Bewegung zu folgen; er wanderte langsam 
auf dem Pfade wohlwollender Gesinnung, ersann und verfaßte seinen 
letzten großen Roman „Der Absturz", der eine meisterhafte Schilderung 
der alternden Lebensformen enthält, zugleich aber ein geringes Verständnis 
für die neue Lebensgestaltung an den Tag legt. Die Mystik, der Dosto- 
jewsky schon während der Verbannung verfallen war, entwickelte sich 
immer mehr; mit Abscheu wandte er sich von den „Demagogen" ab, die 
er später in seinen „Dämonen" heftig angriff, und gab sich der Schöpfung 
großer Romane hin, die den politischen Wirren fem standen, vielmehr 
tiefgründende pathologische Studien über die Leiden, Schrecknisse und 
Krankheiten der Menschheit waren. Auch Leo Tolstoi wandte sich von 
der öffentlichen Tätigkeit ab, obgleich er anfänglich an den sozialen Fort- 
schritt geglaubt, als einer der ersten „Friedensvermittler" an der Bauern- 
emanzipation teilgenommen und mit Feuereifer die Bestrebungen der Volks- 
bildung sich zu eigen gemacht hatte, für die das Tolstoische Gut „Jassnaja 
Poljana" mit seiner Musterschule und der pädagogischen Zeitschrift gleichen 
Namens einer der wichtigsten Stützpunkte zu werden versprach. Mangel 
an Verständnis und Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Ständen 
machten ihm die schwierigen Verpflichtungen des Vermittlers zur Bürde, 
und er warf sie infolgedessen ab. Die Schulfrage ließ er im Stich, 
weil ihn die Erkenntnis quälte, daß er die richtige Methode der Volks- 

7* 



• lOO Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

belehrung nicht zu finden vermochte, während er alle vorhandenen 
Theorien über diesen Gegenstand für falsch hielt. Die ersten Autoritäten 
der europäischen, insbesondere der deutschen Pädagogik, gewährten ihm 
in den Unterredungen, die er mit ihnen pflog, keine Befriedigung, auch 
billigte er nicht die Einrichtungen der von ihnen gegründeten Schulen. 
Insbesondere empörte ihn die Einmischung der Regierung, die in seiner 
erzieherischen Tätigkeit rebellische Hintergedanken witterte und während 
einer Abwesenheit Tolstois die pädagogische Oase von Jassnaja Poljana 
vernichtete. Tolstoi, der sich durch die Anteilnahme am aktuellen 
Leben von der sich in seiner Seele vollziehenden sittlichen Wandlung 
nicht mehr ablenken lassen wollte, kehrte wieder zur literarischen Tätig- 
keit zurück, die jene innere Arbeit in aller Vollständigkeit widerspiegeln 
sollte. Zu einer Zeit, als die brennendsten Fragen des russischen Lebens 
entschieden wurden und der Kampf mit der Reaktion im vollen Gange 
war, ließ Tolstoi die „Kosaken" drucken und entwarf den Plan zu seinem 
Roman „Krieg und Frieden". 
Die äiLßerste Das Waren die Rollen, die die bedeutendsten Vertreter der älteren 

Linke in der ^ ^ . . 

Literatur, pissa- Schriftstellergeneration mnerhalb der sozialen Bewegung übernommen 
Bedeutung, hatten. Wieviel Leben und Entschlossenheit war hingegen in dem ganz 
jungen Lager, das sich um die Zeitschrift „Das russische Wort" und seinen 
Leiter Pissarew scharte! Hier schrak man vor keiner Opposition zurück, 
und keine Hoffnung auf ein besseres, freieres Leben war zu kühn. Pissarew, 
der sich mit dem langsamen Fortschreiten der offiziellen Reform nicht 
zufrieden geben konnte, stellte sich das Ziel, die sozialen Anschauungen 
unabhängig von ihr umzugestalten und die Rechte der Persönlichkeit zu 
erweitern. Indem er zur Fahne der alleinseligTnachenden Wissenschaft 
schwor, schien er in der Hitze der Polemik fähig zu sein, alles zu ver- 
neinen, was dem Volke nicht zum offensichtlichen Nutzen gereichte und 
seine Entwicklung nicht zu fördern vermochte. Vor seinen Augen fand, wie 
es schien, weder die Poesie, noch irgend eine andere Kunst Gnade. Der 
junge Kritiker unternahm es sogar, mit seinen kampfesmutigen Artikeln 
den Kultus Puschkins zu vernichten, doch bald sah er ein, daß er extreme 
Forderungen stellte, zog sie zurück und kam zu einer präziseren und 
klareren Formulierung seines credo. Er kämpfte nun für die Hebung 
des Ideengehaltes der Literatur und hoffte, daß sie in dieser Beziehung 
den Literaturen des Westens, die er sehr hoch schätzte, in würdiger 
Weise nacheifern würde. Er suchte ihr Kraft und Freiheit zu verleihen, 
gleichwie er auf dem Gebiete der Sittlichkeit die Vorurteile und die 
engherzigen Schranken der alten Moral niederriß und der persönlichen 
Freiheit Geltung verschaffte. Die Abhandlungen Pissarews waren glän- 
zend geschrieben, erregten die Geister und blendeten auch dann, wenn 
sie in der Polemik übertrieben. In ihnen offenbarte sich sowohl ein 
starkes kritisches Talent als auch die Fähigkeit zu tiefgründender Analyse. 
Unter den Meistern der russischen Kritik gebührte ihm ein hervor- 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. loi 

ragender Platz; er war der wahre Vorkämpfer der äußersten Linken in 
der literarisch-sozialen Bewegung^ der sechziger Jahre; reiche Hoffnungen 
wurden durch seinen frühen Tod zerstört. 

Die Entwicklung der Reformen stieß bei den ersten Versuchen, den Reform und 
Worten Taten folgen zu lassen, auf große Hindernisse. Die Hofpartei und 
die adelige Opposition hatten eine Taktik ausgearbeitet, mit deren Hilfe 
es ihnen gelang, den Reformator unschlüssig und schwankend zu machen 
und Abänderungen allzu liberaler Gesetzentwürfe zu erlangen. Ein inter- 
essantes Dokument jener Zeit ist das Tagebuch von A. Nikitenko, der 
es verstand, als Professor und Kritiker der Wissenschaft zu dienen und 
gleichzeitig bei der Zensur im Interesse der reaktionären Politik als ein- 
flußreiche Persönlichkeit tätig zu sein. Dieses Werk gewährt einen 
Blick hinter die Kulissen jener Zeit und beweist, daß beim Zaren, der 
scheinbar darauf bedacht war, dem Volke zur freien Meinungsäuße- 
rung Gelegenheit zu geben und ihr Rechnung tragen zu wollen, eine 
starke Neigung vorhanden war, Verbote zu erlassen und die, wie es 
hieß, zügellose Literatur in die gehörigen Schranken zu weisen. Dasselbe 
galt bezüglich aller anderen Reformen. Als nach der Verkündigung der 
Bauememanzipation und nach der Verzögerung der tatsächlichen Durch- 
führung dieser Reform an verschiedenen Orten Unruhen sich bemerkbar 
machten und die Repression allenthalben begann, stellte sich die innere Poli- 
tik die sonderbare Doppelaufgabe, das Programm der Reformen einzuhalten, 
gleichzeitig aber das Freidenkertum zu unterdrücken. Das frische Leben, das 
in den Universitäten aufkeimte, die Gärung unter der Jugend, die vorläufig 
durchaus keinen revolutionären Charakter trug, die Gründung einer „freien 
Universität" in Petersburg, in welcher die ganze Stadt zusammenströmte, 
um den Vorlesungen der beliebtesten Professoren beizuwohnen, schließlich 
die rätselhaften, zahlreichen Feuersbrünste in Petersburg im Jahre 1862, 
die eine Panik hervorriefen und deren Entstehung auf die Initiative einer 
Organisation von Rebellen zurückgeführt wurde, dies alles diente als Vor- 
wand, um Verbote zu erlassen, Arrest und Verbannung zu verhängen. 
Auch die Reihen der Literaten lichteten sich. Tschernischewsky, der eine 
imgeheure Popularität genoß, wurde in die Festung gesperrt und dann auf 
Grund eines gesetzlosen Strafverfahrens, dessen Motivierung bis zum heu- 
tigen Tage unaufgeklärt geblieben ist, nach Sibirien verschickt. Erst 
Ende der siebziger Jahre verbesserte sich sein Los. 

Auch Pissare w wurde, da sein Einfluß auf die junge Generation als 
höchst unbequem empfunden wurde, in der Festung interniert, doch wurde 
ihm gestattet, journalistisch tätig zu sein. In seiner Zelle verfaßte er Abhand- 
lungen, die seine Überzeugungen in keiner Weise verleugneten. Auch 
die moderne Dichtkunst wurde in der Person des talentvollen Michailoff, 
des vorzüglichen Übersetzers Heines und Berangers, des ersten Vorkämpfers uer polnische 
der Frauenbewegung in Rußland, nicht geschont. seine^^wirkLg 

Die reaktionäre Politik erhielt noch größeres Gewicht, als sich zu '"ofseiuchaft!'^ 



I02 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

der Gärung der Geister in der russischen Gesellschaft die Vorboten des 
polnischen Aufstandes gesellten und die maßgebenden Kreise beständig 
von der Furcht geplagt wurden, daß die radikalen Elemente beider Völker 
gemeinsame Sache machen könnten, eine Furcht, die sich als begründet 
erwies, als Herzen nach langem Zögern oifen aussprach, daß er mit der 
polnischen Sache vollständig sympathisiere. Die Regierung wurde von einer 
eifrigen, reaktionären, in Unterstellungen unerschöpflichen Fresse unter- 
stützt, die den Zusammenschluß aller wahren Patrioten befürwortete und 
sich nicht scheute, sogar die eiserne Diktatur des Generals Murawieff zu 
verherrlichen. Dieser suchte alle Spuren des Polentums in Litauen aus- 
zurotten, indem er sich einerseits auf militärische Gewalt, andererseits auf 
freiwillige Mitarbeiter stützte, die seinem Rufe folgten, um ihrer ver- 
krachten Existenz im unglücklichen Lande zu neuem Glänze zu verhelfen. 
In den Kreisen, wo noch vor kurzem das Wohl des Volkes als die treibende 
Kraft aller Maßnahmen gegolten hatte, herrschte jetzt ein Chaos, in welchem 
bald die Fähigkeit Freund und Feind, Gut und Böse zu unterscheiden, 
verloren ging. Die Unduldsamkeit der regierenden Klassen schien sich 
auch auf ihre Gegner zu übertragen. Bei der geringsten Veranlassung 
brausten sie auf und protestierten im Kreise der eigenen Bundesgenossen. 
Turgenieffs Der Roman Turgenieffs „Väter und Söhne", der in objektiver Weise 

andSöhn6";'de? den GegBnsatz zwischen den Generationen klarzulegen suchte, jedoch 
Geneliogie^e's der neu erstehenden Typus, dessen Vertreter Basaroff war, in den 
Mittelpunkt des Interesses stellte, freilich ohne die beiderseits bestehen- 
den Schwächen zu verhüllen, wurde als ein Verrat an der russischen 
Jugend betrachtet. Der Verfasser, der, als er Gelegenheit gefunden hatte, 
einen Repräsentanten der neuen Generation genau zu beobachten, von der 
Eigenart eines solchen Charakters derartig in Bann geschlagen worden 
war, daß er keine Ruhe mehr gefunden, und ihr Leben, ihr Wagen und 
Leiden in Gedanken mit durchlebt hatte, der als er den frühen Tod dieses 
kraftvollen Menschen beschrieb, so ergriffen war, daß er sich abwenden 
mußte, um das Manuskript mit seinen Tränen nicht zu benetzen, der den 
Tod Basaroffs zu einer Apotheose gestaltet hatte — dieser Mann wurde als 
Feind der Jugend gebrandmarkt und ein Bundesgenosse der Gewalt genannt. 
Als Turgenieff nach der Drucklegung des Romans nach Petersburg kam, 
wurde er einerseits der Gegenstand heftiger Angriffe seitens der Liberalen, 
andererseits wurde er von den Konservativen mit Liebenswürdigkeiten und 
Lobpreisungen überschüttet. Das von ihm völlig unbekannten Würden- 
trägern gelegentlich gespendete Lob erfüllte ihn mit Entsetzen. Nur eine 
Stimme erhob sich zur Verteidigung Basaroffs, als eines positiven Cha- 
rakters, und seines Schöpfers Turgenieff — das war die Stimme Pissarews. 
Der Kritiker freute sich über die Kraft und den Mut, mit dem Basaroff 
sich von den Banden der Autorität zu befreien wußte, über seine For- 
derung, den natürlichen Drang gewähren zu lassen und der Persönlichkeit 
zu ihrem Rechte zu verhelfen. Während Pissarew in Basaroflf die Hoff- 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. 



103 



nung des jungen Rußlands sah, verband man mit seinem Namen am ent- 
gegengesetzten Pol der Gesellschaft die Vorstellung von gefährlicher 
Sittenverderbnis, von der Verneinung der Grundlagen der bestehenden 
sozialen Ordnung, ja von politischem Freidenkertum, das fast an revolutio- 
näre Propaganda grenzte. Die aus der Phraseologie der zwanziger Jahre 
stammende, von einem journalistischen Aristarchen geprägte Bezeichnung 
„Nihilist"' für solche junge Literaten, die den Gesetzen der Ästhetik Hohn 
sprachen, wurde, nachdem sie von Turgenieff den Vertretern der Jugend 
in den Mund gelegt worden war, für lange Zeit ein Synonym für das 
Wort Empörer. Sie trat an die Stelle der Bezeichnungen „Voltairianer", 
„Freimaurer", „Jakobiner", „Carbonaro", mit denen in früheren Zeiten ge- 
fährliche Leute in der russischen Gesellschaft belegt worden waren. 

Turgenieff, der ganz unabsichtlich durch eine vorurteilslose Betrach- 
tung der Dinge ein so beklagenswertes Mißverständnis hervorgerufen ; 
hatte und zum Anhänger der Reaktion gestempelt worden war, hatte 
unter den Folgen des mangelhaften Verständnisses schwer zu leiden. 
Mit der großen Popularität, deren er sich erfreut hatte, war es vorbei, 
man vermied es, seinen Namen im Druck zu nennen, oder gab ihm, wenn 
man ihn envähnte, beleidigende Epitheta. Diese Kränkungen brachten 
ihn auf den Gedanken, der literarischen Tätigkeit zu entsagen. Die 
geistige Abspannung", die Erkenntnis der Zwecklosigkeit der dichterischen 
Tat, wenn das Band zwischen dem Schriftsteller und dem Publikum so 
leicht zerrissen werden kann, veranlaßten ihn zu dem traurigen Ausruf: 
„Es ist genug!" Der Ausruf wurde zur Überschrift einer kleinen, wert- 
vollen autobiographischen Skizze. Diese Energielosigkeit konnte aber 
nicht lange anhalten, der Glaube an seine Kraft mußte neu erstehen. 
Die Neigungen des Künstlers, des Psychologen und Beobachters gewannen 
wieder die Oberhand, doch lag auf Turgenieffs Schaffen der folgenden 
Jahre der untrügliche Widerschein seiner Enttäuschung und seiner Skepsis. 
Als Turgenieff, nachdem er einige Novellen verfaßt hatte, im Jahre 1867 
mit seinem „Rauch" zum Typus des umfangreichen Romans zurückkehrte, 
durchwob er die künstlerisch ausgesponnene Liebesgeschichte, die ihm als 
Vorwurf diente, mit zahlreichen scharf satirischen Schilderungen. Er 
geißelte in ihnen die Nichtigkeit und Hohlheit der höheren Gesellschafts- 
kreise, die glänzenden Generäle, die sich zur Bezähmung und Unterwerfung 
der Widerspenstigen immer bereit fanden, die zynischen, unwissenden 
Administratoren und Streber, die sich unter dem „arbre russe" in Baden- 
Baden zusammenfanden, daneben aber auch die radikalen, selbstbewußten 
unbedeutenden Schreier. Eine der Hauptpersonen des Romans ist Potugin, 
ein objektiver Zeuge und Beurteiler der menschlichen Komödie, mit einem 
unerschütterlichen Glauben an die Heilkraft der Zivilisation. In seinen 
polemischen Ausfällen werden Irrtümer und Abgeschmacktheiten der ex- 
tremen Nationalisten und Slawophilen, aber auch die schwachen Seiten 
ihrer Gegner, der radikalen Doktrinäre, erbarmungslos ans Licht gezogen. 



Turgenieffs 
.eiden wegen 
eines Romans 

„Väter und 
Söhne". 



104 



Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 



Als der Held des Romans Litwinoff Baden-Baden verläßt, wo er manches 
gehört und erlebt hatte, was ihn an die Ungereimtheiten seiner heimat- 
lichen Verhältnisse gemahnte, und in Gedanken versunken die Stadt samt 
allem, was ihn dort erregt und empört hatte, in den Rauchwolken der 
Lokomotive verschwinden sieht, scheint es ihm, daß alles, alle Anschau- 
ungen und Überzeugungen sämtlicher Schattierungen nichts weiter sind als 
trügerischer Rauch, der in nichts zerrinnt. 
Die Abwesen- In der krankhaften Sucht TurgeniefFs, von nun an fem von der 

von Jer Heimat Heimat ZU leben, zeigte es sich, daß die ihm beigebrachte Wunde, die 
tere Aussöhnung von Seinen Gegnern immer wieder aufgerissen wurde, noch nicht ver- 
liehen Meinung, narbt war. Die Beobachtungen, die Turgenieff an den im Auslande leben- 
den Russen anstellte, und die er bei Gelegenheit seiner kurzen Reisen in 
die Heimat ergänzte, bewahrten den großen Schriftsteller aber vor den 
Folgen einer dauernden Abwesenheit, wie sie sich bei Gogol geltend ge- 
macht hatten, und erhielten seinem künstlerischen Schaffen die Lebens- 
treue. Seine Aussöhnung mit den tonangebenden Persönlichkeiten, den 
Kritikern, Publizisten und der Jugend, nicht aber mit der großen Masse 
des Publikums, das sich dem Zauber seiner Schöpfungen nie hatte ent- 
ziehen können — erfolgte spät, erst vier Jahre vor dem Tode Turge- 
niefFs, als sich die Heimkehr des geächteten Dichters zu einem Triumph- 
zug gestaltete. 
Die Demoraii- Die Gesellschaft, in der einem Manne wie Turgenieff ein Vergehen 

Gesellschaft, vorgeworfen worden war, das er nicht begangen hatte, und in der ihm 
andererseits um seines den Konservativen tatsächlich nie erwiesenen 
Dienstes willen demonstrative Ehrungen zuteil geworden waren, offen- 
barte eine starke Verwirrung der Begriffe. Die Ideen des Fortschrittes 
und der Freiheit liefen Gefahr, vergessen oder durch die Sorgen des 
Alltags in den Hintergrund gedrängt zu werden. Die beiden ersten Atten- 
tate auf das Leben Alexanders IL, die weder von der polnischen noch 
von der russischen Aktionspartei veranlaßt worden waren, sondern einer 
persönlichen Initiative entsprangen, boten den Führern der Reaktionäre 
eine willkommene Veranlassung, unter Benutzung aller Erfahrungen, die 
sie im Kampfe mit Polen gewonnen hatten, Ruhe und Ordnung im Inneren 
Rußlands herzustellen. Die Lage der Literatur, der erprobten Gefährtin 
der sozialen BewegTing', gestaltete sich immer trauriger; die Schläge, die 
gegen die liberale oder die radikale Partei geführt wurden, schädigten 
gleichzeitig die literarischen Kräfte. Nicht die Geistesarbeit, sondern die 
finanzielle Spekulation, das einträgliche Konzessionswesen beim Eisenbahn- 
bau, das Gründertum im Bankfache wurden von oben herab gefördert. 
Es tauchten Finanzgenies auf, die geschickt zu mystifizieren verstanden; 
man handelte mit allem, in erster Linie mit seinen Überzeugungen. Die 
Demoralisation und die Käuflichkeit drang in die höchsten Kreise der 
Gesellschaft. Um das Volk vor dem Freidenkertum zu bewahren, wurde 
ein äußerlich dem klassischen Bildungsideal huldigendes, tatsächlich aber 



C. Die zweite Hälfte des ig. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. 105 

vom Geiste des Obskurantismus durchwehtes Mittelschulsystem aus- 
gearbeitet, welches das hohe Erbe der antiken Gedankenwelt zum Gegen- 
stand einer stumpfsinnigen geistigen Gymnastik degradierte, die jungen 
Köpfe ausdörrte und gegen das Gift des freien Denkens immun machte. 

Unter solchen Umständen erschien die Ausgestaltung des einst geplanten AUschwächung 

und Umäade- 

Reformwerkes wie ein seltsamer Widerspruch. Inmitten der Repressalien, rung der Refor- 

nien. Die ersten 

der polnischen und russischen Konspirationen und Wirren gelangten so schritte der 

1 r^ • 1 Tx^* „freien" Presse 

wichtige Reformen wie die Umgestaltung des Gerichtswesens, die Jtm- und ihre Be- 

. T • • kämpfung. 

führung der Selbstverwaltung der Provinzen durch die Institution des 
Semstwo, das in der Befreiungsbewegung am Anfang des 20. Jahrhun- 
derts eine hervorragende Rolle spielte, und die Milderung der Preß- 
gesetze, zur Durchführung. Die Gesellschaft kam jedem dieser Kultur- 
fortschritte entgegen, hielt das Ideal eines humanen und öffentlichen Ge- 
richtes hoch, war bereit, jeden Mißbrauch ans Licht zu ziehen, geneigt, 
die Semstwoidee auf breiter Basis zu verwirklichen, und wußte zur Er- 
reichung der kulturellen Ziele die Freiheit der Presse zu benutzen. Die 
unabhängige und unparteiische Rechtsprechung, die in den sechziger 
Jahren selbstlose Vertreter fand, die Beredsamkeit hervorragender Advo- 
katen und einige großartige Prozesse, die das Übel bis in seine Wurzeln 
verfolgten, führten jedoch zu einer Einschränkung der Jurisdiktion der 
Geschworenen, zu einer privilegierten Stellung der Vertreter der Gewalt 
und der höheren Stände dem Gerichte gegenüber und zum Ausschluß 
der Öffentlichkeit in unbequemen, kompromittierenden Fällen. Die be- 
freite Presse büßte ihre ersten Taten mit Konfiskationen, mit der Ein- 
führung der dreifachen Verwarnung nach französischem Muster und mit 
dem Erscheinungsverbot. Die beiden wichtig.sten Organe, der „Zeit- 
genosse" und „Das russische Wort", hatten bereits ihr Erscheinen ein- 
stellen müssen, eine der politisch harmlosen Zeitschriften Dostojewskys 
hatte dasselbe Los, und dieser Maßregelung- folgten zahlreiche andere, 
die sowohl periodischen Zeitschriften wie auch Büchern galten. Doch 
das Bestreben, die Presse völlig mundtot zu machen, war ein Unding, die 
literarische Beeinflussung der Gesellschaft konnte nicht mehr lahm gelegt 
werden. Unter dem Druck der Verhältnisse nahm letztere für lange Zeit 
eine sehr eigenartige Form an, die in den Literaturen anderer Völker 
nicht ihresgleichen findet. Zwischen dem einflußreichen Schriftsteller und 
seinem Publikum entwickelte sich ein geheimes Einvernehmen. Die 
großen und starken Gedanken, die Anklagen gegen die bestehenden Die Allegorie 
Zustände, wurden zwischen den Zeilen gelesen; der Leser hatte unter äsopische Aus- 
bestimmten Namen und Bezeichnungen gewisse Persönlichkeiten zu ver- SaitykoC 
stehen, und wenn er die leichte Hülle der Allegorie einer scheinbar 
harmlosen Erzählung lüftete, erkannte er die Schilderung realer Verhält- 
nisse. Dieses Verfahren erinnerte an die Technik der Fabeln des Alter- 
tums, nur daß man die Tiere aus dem Spiele ließ. Derjenige Schrift- 
steller, welchem es am besten gelang, die Masse auf diese Weise erziehlich 



. io6 Alexis "Wesselovsky : Die russische Literatur. 

ZU beeinflussen und zu lenken, war Saltykoff. Er eiferte aber beständig 
gegen den Druck, der ihm die freie Rede unmöglich machte und ihn 
zwang, zu einer „sklavischen" Allegorie zu greifen, die er als eine „äsopische" 
zu bezeichnen pflegte. 
charakterisie- Doch wie gestaltete sich diese Sprache unter seiner Feder, was wurde 

tischen Satire aus der Satire, diesem Lieblingskinde der neuen russischen Literatur, als 
die Spottlust Saltykoffs sich ihrer bemächtigt hatte! Zu Beginn der neuen 
Epoche hatte noch in seinen Werken der Gogolsche Humor, das Lachen 
unter Tränen, Widerhall gefunden, nun aber verschwand er völlig. An die 
Stelle des melancholischen Humoristen trat ein galliger Pessimist, ein Tadler 
und Verächter, in der Kunst des Entlarvens ein zweiter Swift, der die 
Niederträchtigkeit, das Verbrechen, die Raubsucht, den Obskurantismus, 
die Verschwörung gegen das Volkswohl als solche kennzeichnete. Und 
dies alles wurde mit scheinbar geringen, ja beschränkten Mitteln, unter 
dem stets wachen Auge der Zensur erreicht. Es hatte den Anschein, daß 
diese satirischen Experimente, die sich auf dem gefalirvollen Grenzgebiete 
bewegten, das die Anklage wegen Hochverrats nicht ausgeschlossen er- 
scheinen ließ, halbe Maßnahmen, unvollendete Reden bleiben sollten. Allein, 
im Gegenteil, für ein Regierungssystem, in dem die Reaktion mit den Jahren 
immer mehr die Oberhand gewann, gab es keinen furchtbareren Ankläger. 
Die geistige Führerschaft, die infolge von Mißverständnissen anläßlich des 
polnischen Aufstandes den Händen Herzens entglitten war, ging auf Salty- 
koff über. Bis an das Ende seiner Tage wußte er seine hervorragende 
Stellung zu wahren und schilderte während mehr als drei Jahrzehnten in 
zahlreichen Werken die Geschichte der russischen Gesellschaft. Selbst 
als er physisch erschüttert und von den Ärzten schon völlig aufgegeben 
war, schwang er noch die Geißel der Satire. Es wird die Zeit kommen, 
da man die Satiren Saltykofi^s gleich den Schriften Rabelais' und Swifts 
„Gulliver" mit Kommentaren und Erläuterungen der Personen und Verhält- 
nisse, auf die sie gemünzt waren, herausgeben wird. Vorläufig sind noch 
die Anzüglichkeiten und Hinweise im Gedächtnis aller lebendig, und die 
Lebensarbeit des mutigen Vertreters des öffentlichen Gewissens steht uns 
in vollendeter, einheitlicher Form vor Augen. Weil Saltykoff unter seinem 
verächtlichen Lachen, im Gegensatz zu Swift, scharf umgrenzte sozial-poli- 
tische Ideale hegte, waren die Grundgedanken seiner Werke mit seltener 
Folgerichtigkeit durchgeführt und trug sein Schaffen den Stempel un- 
wandelbarer Überzeugungen. Wenn er den Schleier, unter dem er seine 
Ideale verbarg, gelegentlich lüftete und vom eigenen Leben etwas verlauten 
ließ, offenbarte sich in dem Pessimisten ein Mann, der von der Befreiung des 
Volkes und seinem Wohl träumte, Gesinnungen, mit denen er unter dem 
Einfluß der europäischen Bewegung, am Ende der vierziger Jahre, ins 
öffentliche Leben getreten war. Der langwährende Kampf mußte not- 
wendig im Laufe der Zeit die dunklen Farben in seiner Satire verschärfen 
und sie allmählich vorherrschend werden lassen, obgleich Saltykoff' in 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. 107 

nicht geringerem Maße als Gogol, Gribojedoff und Ostrowsky über 
sprudelnden Humor verfügte. Wie frisch und treffend war der Witz des 
sarkastischen Beobachters zu Beginn des Kampfes! Unter dem Eindruck 
der russischen Eroberungen in Mittelasien, der Besetzung Taschkents und uieXhemataSai- 

.-_.. »1 1 tvkofFs und ihre 

anderer Heldentaten, die eine förmliche Invasion von Ausbeutern und Behandiung.oie 
Glückssuchern zur Folge hatten, gestaltete Saltykoff das Bild der „Herren "dic„Pompa-' 
Taschkenter"; er schildert darin verschiedene Formen der Gewinnsucht und schichte einer 
des Parasitismus; so zählt er auch Murawieffs Schergen zur Familie der „Goiow'iefFs« 
„Taschkenter", deren Mitglieder wie hungrige Wölfe durch Rußland strichen 
und zusahen, ob sie aus der Unterdrückung oder den Eroberungen Vorteil 
ziehen könnten. Um das System der inneren Politik zu geißeln, das unfähige 
hauptstädtische Günstlinge, die nach einem epikuräischen Leben trachteten, 
zu bevollmächtigten Provinzgouverneuren machte, entwarf Saltykoff eine 
Reihe geistreicher Skizzen nach der Natur, die er unter dem gemeinsamen 
Namen „Die Pompadours" zusammenfaßte. Auch die praktische Philosophie 
der „Mäßigkeit und Akkuratesse" machte der Satiriker zum Gegenstande 
seiner Studien. Er schilderte seinen vermeintlichen Freund GlumofF, der die 
Sinnlosigkeit und die Gefahren der liberalen Ideen einzusehen gelernt hat, 
um nunmehr mit einflußreichen und wohlgesinnten Leuten freundschaftlich 
zu verkehren und sich als reuiger Sünder im Geiste des Konservatismus 
auszusprechen. Fast schien es, als wollte sich Saltykoff völlig vom ak- 
tuellen Leben abwenden und Historiker werden. Aus einer Reihe sati- 
rischer Erzählungen erwächst „Die Geschichte einer Stadt", doch blicken 
unter dem Deckmantel des Märchens und des humoristischen Beiwerks 
die Begebenheiten des russischen Lebens bis zur jüngsten Vergangenheit 
in so untrüglicher Weise hervor, daß „Die Geschichte einer Stadt" im 
Grunde nichts anderes ist als die humoristische Geschichte des Landes 
und seiner bedeutenden Politiker und Regenten im ig. Jahrhundert. Be- 
vor Salt)-koff von dieser Abschweifung zu seiner publizistischen Tätigkeit 
zurückkehrte, schuf er seinen einzigen großen Roman, dem die Miseren 
des Tages fern lagen, nämlich „Die Golowleffs". Diese Erzählung, die 
düstere Schilderungen der aufgehobenen, jedoch noch nicht verschwun- 
denen Leibeigenschaft und mit starker Hand gezeichnete Charaktere der 
Sklavenbesitzer, insbesondere des raubgierigen Hypokriten und Quälgeistes 
„Juduschka", enthält, tat nicht nur die hohe Bedeutung des Verfassers dar, 
sondern erwies auch der Gesellschaft einen großen Dienst, indem sie ein 
System an den Pranger stellte, dessen Wiederherstellung die Gegner des 
Fortschritts wünschten. 

Die Satire Saltykoffs wurde in ihrer umfassenden Lebensfülle und uie Beteiligung 

der Komödie an 

Originalität niemals übertroffen, doch fanden ihre Themata in der zeit- der sozialen 

. Bewegung. 

genössischen Komödie Widerhall. Der durch seinen Roman „Tausend Pissemsky, 

* ... Ostrowsky und 

Seelen" bekannte Pissemsky kämpfte in einigen Lustspielen gegen den Xoistou 
Verderb der finanziellen Spekulation. Ostrowsky brachte die Anklagen 
der Reaktionäre gegen die Reformen auf die Bühne und zog die Sitten- 



schritte 



jo8 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

losigkeit und Straflosigkeit der höheren Stände ans Licht. Obgleich 
Ostrowsky nicht so stark wie Saltykoff von Mitgefühl für die Leiden 
seiner Heimat ergriffen war, auch nicht wie jener über eine Sprache ver- 
fügte, die die Herzen der Menschen zu entflammen verstand, so konnte er 
doch der Mißgestalt des Lebens nicht als müßiger Zuschauer gegenüber- 
stehen. Der Anteil, den er, eingedenk des Vermächtnisses Dobroliuboffs, 
an der Verteidigung der Kultur nahm, verhalf der russischen Komödie zu 
einer neuen Blüte, die im Laufe ihrer späteren Entwicklung nur noch 
einmal erreicht wurde, und zwar als aus der Feder des Verfassers von 
,,Anna Karenina" ganz unerwartet die soziale Komödie „Die Früchte der 
Bildung" erschien. Außer einer scharfsinnigen Verhöhnung des in der 
großen Welt zur Mode gewordenen Spiritismus bot sie eine charakteri- 
stische Schilderung des bestehenden Gegensatzes zwischen dem vermeint- 
lich zivilisierten Herrenstand und den völlig unkultivierten Bauern, die 
sich in der Komödie den vom Schicksal Bevorzugten gegenüber ironisch 
verhalten. Auf diese Weise ist der Verkündigung der Tolstoischen Lehre 
ein heiteres Blatt hinzugefügt worden. 
Fort- Wenn der politische Kampf der Literatur zu Beginn der siebziger 

Demokratisie- Jahre sich immer schwieriger gestaltete, so war doch ihr soziales Programm 
ratur. in genügender Vollständigkeit gekennzeichnet, und dies war das nicht ge- 
ringe Verdienst derjenigen Talente, die aus den niederen, rechtlosen, wirt- 
schaftlich unterdrückten Schichten des Volkes hervorgegangen waren. 
Ihre Jugend war in die Zeit des Aufdämmerns eines neuen Tages ge- 
fallen; als sie auf der Höhe standen, war es wieder finster geworden. Als 
Abkömmlinge von gebildeteren Bauern, Handwerkern und der mittellosen 
Geistlichkeit der Provinz, als Leute ohne Profession, sind sie die ersten 
Vertreter des Proletariats, einige von ihnen, wie z. B. der begabte Belletrist 
Lewitoff, können sogar als Vorgänger der von Maxim Gorki geschilderten 
„Barfüßler" gelten. Mit wenigen Ausnahmen sind sie alle zeitlebens 
Schiffbrüchige geblieben. Eine höhere Stufe der Kunst vermochten sie 
nicht zu erreichen; die freiheitlichen Gedanken, die in den sechziger 
Jahren in der Luft lagen, ersetzten ihnen die höhere Bildung, jedoch die 
Kraft des Realismus war ihnen eigen. Sie wußten von den traurigen 
Lebensbedingungen der Kreise, denen sie entstammten, und von dem 
eigenen bitteren Lose zu erzählen. So schilderten die Proletarier, während 
die tonangebende Literatur mit der Klärung großer kultureller Fragen 
beschäftigt war, in ihren oft kunstlosen und unbeholfenen Erzählungen und 
Skizzen Dinge und Verhältnisse, von denen die große Mehrzahl des Publi- 
kums überhaupt keinen Begriff hatte. Der Eindruck, den sie hervor- 
riefen, war so stark, daß die Leser vom Genuß der hohen Kunst eines 
Turgenieff abgelenkt wurden und sich der etwas ungeschliffenen „nüch- 

verschicdene temeu Prosa" eines Reschetnikoff mit ihrer niederdrückenden Düsterheit 

Richtungen in j . 

der üeiietristik zuwandtcn. 

des Proletariats. D^r näclistc Schritt auf dem Wege der Demokratisierung der Lite- 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. log 

ratur zeitigte noch nicht die theoretische Begründung der neuen Richtung, 
doch näherte man sich ihr bereits. Die innere Arbeit begann; aus der 
Fülle des vorhandenen Materials wurden Anklagen gegen die Gesellschaft 
und den Staat laut. Was die Erzähler aus dem Volke vorbrachten, hatten 
sie erlebt; es war mit ihnen verwachsen und erstand in unverfälschter 
Lebenstreue; nicht um des Effektes willen, sondern weil es sich um die 
Wahrheit handelte, scheuten sie sich nicht. Entsetzliches, Abstoßendes und 
Unmenschliches zu schildern. Der eine führte die Leser in die Kirchen- 
schule, wo stumpfsinnige Lehrbücher in barbarischer Weise, mit Hilfe 
von Schlägen und anderen Martern eingebläut wurden, wo der Trunk 
herrschte und ganze Generationen zugrunde richtete; ein anderer lüftete 
die Geheimnisse der Werkstatt, schilderte die unmenschliche Überbürdung 
der Arbeiter, die Tyrannei der Meister, die völlige Nichtachtung jeglicher 
persönlichen Rechte; ein dritter beschrieb die Zufluchtsorte der vom Leben 
Zerschlagenen, in den großen Städten, die Masse von Herumtreibern, die 
Enterbten der Gesellschaft; ein vierter, der begabte Lyriker Ssurikoff, im- 
provisierte zuerst als Setzer, dann als Händler mit altem Eisen, seine 
melancholischen Weisen und suchte sich zum Licht und zur Freiheit durch- 
zuringen, während andere Mitglieder dieser Gruppe in ihren Skizzen die 
Verhältnisse der Bauernschaft behandelten. Einige von ihnen (Nefedoff), 
die als Bauernsöhne ihre Beziehungen zum Dorfe aufrechterhalten hatten, 
lebten und schrieben dort lange, nachdem sie sich bereits einen Namen 
gemacht hatten, andere (Gleb Usspenski, Slatowratski) wurden, nachdem 
sie die dünne Scheidewand, die sie vom Bauerntum trennte, niedergerissen 
hatten, mit ihm so vertraut, daß sie für spezielle Kenner der bäuerlichen 
Lebensart gelten konnten. Die einen vermieden eine idealisierte Dar- 
stellung der unverdorbenen Kräfte des Volks, um durch unverhohlene 
Hinweise auf seine Unwissenheit, Lasterhaftigkeit und Roheit überzeugend 
zu wirken, andere hingegen entdeckten unter der rauhen Schale ungeahnte 
Schätze, obgleich auch sie die Gebrechen des Volkes erkannten. Schon 
begannen sich in der volkstümlichen Belletristik zwei verschiedene Rich- 
tungen geltend zu machen, die sich in den achtziger Jahren zur künst- 
lerischen und philosophisch-sozialen Schule ausgestalteten. 

Es war fast ein Ding der Unmöglichkeit, von der Bewegung, welche Das streben 

1 j 1 nach einer 

die Geister beherrschte, nicht mit fortgerissen zu werden, und dennoch reinen Kunst. 

' ° • /- -Alexis Tolstoi 

wurden m den sechziger Jahren Versuche gemacht, mi Gegensatz zum und Mai-koir. 
utilitaristischen Geiste der Zeit die reine Kunst zu pflegen. Graf Alexis 
Tolstoi war es, der den Niedergang der Schönheit in der Kunst beklagte 
und zu ihrer Verteidigung einen Kreuzzug ins Leben rief. In seelenvollen 
Gedichten richtete er an die Freunde des Schönen die Aufforderung, 
„gegen den Strom zu schwimmen", in lyrischen Improvisationen suchte er 
ferne Zeiten auf, bearbeitete alte Legenden und wurde zu einem nationa- 
listischen Romantiker. Das Interesse, das er dem Altertum entgegen- 
brachte, veranlaßte ihn, sich der dramaturgischen Tätigkeit zuzuwenden. 



I j O Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

In einer Trilogie, die Boris Godunoff, eine der wichtigsten Persönlich- 
keiten der „Periode der Wirren", in ihrem Aufstieg, auf der Höhe der 
Macht und in ihrem Fall behandelt (ihr zweiter Teil, das Drama „Zar 
Feodor Joannowitsch" ist kürzlich durch die Aufführungen des Moskauer 
Theaters in Deutschland bekannt geworden), offenbarte er eine nicht g^e- 
ringe dramatische Begabung, doch gelang es ihm nicht, eine Schule zu 
begründen. Auch ApoUon Maikoff gelang dies nicht, dessen pracht- 
volle Neubelebungen der antiken Welt, anthologische Dichtungen und 
Schilderungen aus dem römischen Leben, einer einsamen Insel inmitten 
eines aufgeregten Meeres glichen. Während Maikoff die herrschende Rich- 
tung in Rußland scharf verurteilte, stand A. Tolstoi, trotz seines Priester- 
amtes am Altare der Schönheit, den Vorgängen um ihn her nicht so 
fremd gegenüber, als es den Anschein haben konnte. Seine kleinen sati- 
rischen Gesänge, deren einer das erste Jahrtausend der russischen Ge- 
schichte in so grellen Farben zeichnet, daß er in der Saltykoffschen „Ge- 
schichte einer Stadt" seine Stelle hätte finden können, seine später auf- 
gefundenen Briefe und Bekenntnisse angesichts des verschärften Obsku- 
rantismus bewiesen, daß die Ästhetik sein Gefühl für die Leiden des 
Vaterlandes nicht zu ertöten vermocht hatte. 

Nicht durch den Kultus des Schönen, sondern durch die Hingabe an 
eine große Idee wurden auch zwei geniale Künstler der allgemeinen Be- 
wegung immer mehr entfremdet. Jenseits der Schranken des gegebenen 
Augenblicks beschritten sie ohne Zaudern den Weg, den jeder von ihnen 
selbst erkoren hatte. Die sechziger Jahre mit ihrer leidenschaftlichen 
Negation und der eilfertigen Umgestaltung des Lebens, die siebziger 
Jahre mit ihrer revolutionären Agitation, dem Anwachsen des Kon- 
servatismus und ihren zwei Kriegen zogen vorüber, und jene zwei un- 
beugsamen Denker gingen ihre einsame Straße. Das waren Dostojewsky 
und Leo Tolstoi. 
Dostojewsky. Es hätte weulg Zweck, das Schaffen Dostojewskys nach seiner Rück- 

SeineAbneigung c^ . . . . ^ , • i '7 • 1 • 1 i i_ 

gegen die zeit- kehr aus Sibirien im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte zu betrachten. 
Bewegung. Der Eine solchc Studie würde nur Zwiespalt und Ablehnung, die sich schließ- 

Dostojewsky- . ^.,.,. ,,-'■• • rri j-i 

Kultus lieh ZU Gereiztheit und Lntrustung steigern, oiienbaren und nicht nur zu 
einer verzerrten Darstellung" der gegfnerischen Parteien, sondern auch zu 
einem vernichtenden Urteil über eine ganze Generation führten. Der 
krankhaft erregten Phantasie Dostojewskys schien bisweilen das Ringen 
um den Fortschritt eine dämonische Eingebung zu sein. Das Heer der 
Teufel, das bei Gogol in seinen krankhaften Zuständen zur Erklärung der 
Laster und Mängel der Menschen in die Erscheinung trat, ist auch seinem 
Schüler zu Willen und führt im Roman „Die Dämonen" mit den Betrügern 
und Betrogenen einen wilden Totentanz auf. Von diesem Standpunkte 
wich Dostojewsky nicht mehr ab. Als er sich am Ende seines Lebens 
wieder als Publizist betätigte, indem er die einzig in ihrer Art dastehende, 
von Anfang bis zum Ende von ihm selbst verfaßte Zeitschrift „Das Tage- 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. i i j 

buch des Schriftstellers" herausgab, fanden die Leser neben musterhafter 
Belletristik belehrende und polemische Auseinandersetzungen, die den 
zeitbewegenden Ideen kalt gegenüberstanden. Die Macht dieses höchst 
eigenartigen Schriftstellers war aber so groß, daß die Gesellschaft sich 
trotz der ständigen Meinungsverschiedenheiten dem Zauber seines Schaf- 
fens, das in die geheimsten Winkel des Menschenherzens hineinleuchtete 
vmd der Literatur eine Reihe bisher unbekannter Typen mit tiefen Kon- 
flikten und einer komplizierten Psychopathologie schenkte, nicht zu ent- 
ziehen vermochte. Wenn er selbst öffentlich auftrat, was sehr selten 
geschah, schien ein hypnotischer Zwang von ihm auszugehen. Dies war 
auch der Fall, als er bei Gelegenheit der Enthüllung eines Denkmals für 
Puschkin in Moskau im Jahre 1880 unter den Koryphäen der literarischen 
Welt als Redner auftrat und in mystisch verzückten Worten die ge- 
heimnisvollen Tiefen der russischen Seele pries. Die Erregung der Zu- 
hörer war eine derartig starke, daß einige ohnmächtig wurden, während 
andere so sehr im Banne des Redners standen, daß sie erst später, 
nachdem sie aus der Hypnose erwacht waren und den Gedankengang der 
Rede wiederherstellten, sich von der Gewalt des Eindrucks Rechenschaft 
zu geben und ihre Nichtübereinstimmung mit den geäußerten Ansichten zu 
formulieren vermochten. 

Eine ununterbrochene, während des ganzen Lebens geübte Selbst- Psychologie, 

•L-Li T^ ■ i'ic -IT'- .^ l'sycliopatlio- 

beobachtung setzte Dostojewsky m den Stand, die temsten Schattierungen ^gie und 
krankhafter Seelenzustände zu ergründen; pathologische Erscheinungen Oostojewskys. 
zogen ihn an; er wurde unwillkürlich einseitig, dafür konzentrierte er aber 
auch seine ganze Kraft auf die Bearbeitung dieses Gebietes. In seinen 
Werken schilderte er durchweg krankhaft veranlagte, von den Unzuläng- 
lichkeiten des Lebens gequälte und gebrochene, erbitterte Menschen, my- 
stische Träumer, religiös Erregte, Leute, die ihre Kraft in einem lockeren 
Lebenswandel aufreiben und niederen Lüsten frönen, und Verbrecher. Sein 
Schaffen wurde zu einer Heimstätte für die große Schar der Geistes- 
kranken. Obgleich er bei der Abfassung „menschlicher Dokumente", die 
er dem realen Leben entnommen hatte, kein wissenschaftliches Ziel ins 
Auge faßte, wie dies Zola oder Ibsen getan hätten, so unternahm er 
dennoch, ohne vor dem Äußersten des anormalen Lebens zurückzu- 
schrecken, tiefdringende Analysen und entwickelte dabei einen solchen 
Scharfsinn, daß die Psychiatrie seine künstlerische Arbeit später mit ihrer 
Autorität zu decken vermochte. Das „Totenhaus" hatte ihn gegen die 
Schrecknisse der Geisteskrankheiten gestählt, die Jahre der Verbannung, 
während welcher er überdies an Epilepsie gelitten hatte, ließen sich 
nicht aus seinem Leben löschen; die Krankengeschichte mancher seiner 
Helden weist die Züge seines eigenen Leidens auf Doch der Künstler 
griff auch zur Fiktion, schilderte das Seelenleben erfundener Persönlich- 
keiten, und dennoch war das Bild von ergreifender Wahrheitstreue. Merk- 
würdigerweise berichteten die Zeitungen über die Ermordung eines ver- 



112 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

ächtlichen, habgierigen Wucherers durch einen vom Mißgeschick ver- 
folgten jungen Mann unmittelbar nach dem Ercheinen von „Schuld und 
Sühne" und entsprach das Drama im reellen Leben vollständig den Schil- 
derungen der Fiktion. Wenn Dostojewsky die Macht der Überlegung 
überschätzte, die dem Mörder die soziale Nutzlosigkeit einer alten reichen 
Frau, die Notwendigkeit, ihr brachliegendes Kapital zum Wohle der 
Menschen zu verwenden und der ungerechten Verteilung der Güter zu 
steuern, vor Augen führte, und hierin wohl die größte Schwäche des 
Werkes liegt, so ist doch das komplizierte Seelendrama des den in- 
telligenten Kreisen angehörigen Verbrechers, die Fixierung des Mord- 
gedankens, das verhängnisvolle Zusammentreffen verschiedener Umstände, 
die den Entschluß rasch reifen lassen, die wahnwitzig schnell vollzogene 
Ermordung und Beraubung und die unaufhörliche Qual, das Auftreten von 
Halluzinationen und sinnlosen Handlungen, der Kampf der Finsternis mit 
dem noch nicht verlöschten Licht und schließlich das freiwillige Bekenntnis 
des Mörders mit ergreifender Kraft geschildert. Das ist der Vorwurf des 
besten Romans Dostojewskys „Schuld und Sühne", dessen Schilderungen 
der Seele des Verbrechers unmittelbar entnommen zu sein scheinen, und 
der deshalb von zahlreichen Kriminalisten, Psychiatern und Soziologen 
studiert worden ist. 
Sittliche, Obgleich Dostojewsky sich dem zeitgenössischen Leben immer mehr 

deraokra^tischo entfremdete und der künstlerischen Psychopathologie zuwandte, hielt 
Dostojewskys. er dennoch an den Überzeugungen seiner Jugend fest. Ihm blieb das 
Bewußtsein von der Gleichheit der Menschen, der gegenüber Besitz-, 
und Standesunterschiede nichts bedeuten, stets gegenwärtig, und sein 
aufrichtiger Demokratismus veranlaßte ihn, seine Sympathien vorzugs- 
weise den Armen, Rechtlosen und Verfolgten zuzuwenden. Inmitten der 
sittlichen Zerrüttung und Liederlichkeit der höheren Schichten der Gesell- 
schaft und des Kampfes ums Dasein der Plebejer fühlen sich die Gleich- 
gesinnten und Leidensgefährten zueinander hingezogen. Im „Idioten" wen- 
det sich Fürst Myschkin, der sich der Vorurteile und der Unduldsamkeit 
seines Kreises schämt, seinen armen Mitbrüdern zu, entsagt seinen Privi- 
legien, um mit der Masse zu verschmelzen und wird infolgedessen für 
geisteskrank gehalten. Seine nivellierenden Anschauungen finden bei 
einem gefallenen, aber mit einem starken sittlichen Gefühl begabten 
Mädchen Widerhall. In „Schuld und Sühne" fühlt sich RaskolnikofF 
zum elenden, dem Trünke ergebenen Marmeladoff und seiner Tochter, 
die sich, um ihre Familie zu retten, der Prostitution ergeben hat, hin- 
gezogen. Alexis Karamasoff, ein Mann von reinster Gesinnung und 
Nächstenliebe, der berufen scheint, das Leben der Gesellschaft merklich 
zu beeinflussen, findet den Schlüssel zu den Seelen der sinnlichen, launischen, 
aber dennoch zu gToßmütigen Handlungen fähigen Gruschenka, des vom 
Unglück niedergedrückten, bettelarmen Stabskapitäns und seines sterbenden 
kleinen Sohnes. Das Auftreten hochherziger Regnangen erweist sich als 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrliunderts. I. Epoche der Reformen. 11^ 

von dem Bildungsgrade der Menschen unabhängig; auch die Geringen ver- 
mögen einen moralischen Halt zu bieten und einen tiefgreifenden Einfluß 
auszuüben. So führt die fast gänzlich ungebildete Sonja Marmeladoff 
Raskolnikoff durch ihr allumfassendes Verzeihen zur Wiedergeburt und 
zur Erlösung. Die Neigung Dostojewskys, der Lasterhaftigkeit und Härte 
der Menschen ein Gegengewicht zu bieten, wuchs unaufhaltsam und ver- 
anlaßte ihn schließlich dazu, rein ideale Charaktere zu schaffen. Natürlich 
steuerte er auf diese Weise demselben Mißerfolge entgegen, den seine 
nicht weniger bedeutenden Vorgänger erlitten hatten. Er begab sich auf 
denselben Pfad, den Gogol in seiner letzten Lebenszeit betreten hatte, 
suchte die Offenbarung bei den Predigern mönchischen Heldentums und 
gewährte ihren Gestalten Einlaß in seine Romane. Jedoch der Geist 
der Aufrichtigkeit und Schlichtheit, der in Dostojewsky lebte, sein Haß 
gegen den Aberglauben, die Gewalttätigkeit und den Betrug, die im 
Namen der Religion verübt werden — jener Haß, der in einer Episode 
der „Brüder Karamasoff", welche das zornige Verhör Christi durch den 
Großinquisitor schildert, zum Ausdruck kommt — bewirkten, daß das im 
Roman gezeichnete Bild eines greisen, ehrwürdigen Mönches, der voller 
göttlicher Eingebungen und Vorahnungen ist, die Züge volkstümlicher 
Schlichtheit trägt und die Aufgabe zu haben scheint, auf den Ersatz 
der toten klerikalen Moral durch einen demokratischen Zusammenschluß 
schlicht gläubiger Menschen unter der Führung geliebter Hirten hinzu- 
weisen. Wie Dostojewsky das Problem der religiösen, auf die Kultur- 
arbeit eines seelisch reinen Laien und nicht auf mönchische Entsagung 
gegründeten Wiedergeburt der Menschheit gelöst hätte, läßt sich schwer 
sagen. Der dritte Band der „Brüder Karamasoff", der die weitere Ent- 
wicklung des einzigen moralisch intakten Mitgliedes dieser entarteten Fa- 
milie, Alexis, behandeln sollte, blieb ungeschrieben. 

Wenn auch der Kreis der unbedingten Verehrer des großen Roman- 
schriftstellers seine Beantwortung der wichtigsten Lebensfragen gläubig 
hinnimmt und in den von ihm geschaffenen positiven Persönlichkeiten den 
Zielpunkt der seelischen Entwicklung sieht, so wird doch der unbefangene 
Beurteiler stets zu der Überzeugung kommen, daß seine Stärke nicht in 
lichtvollen Phantasien, in seiner Theorie von einer besseren Zukunft und in 
seiner religiösen Predigt liegt, sondern in seinen erstaunlichen Schilderungen 
der dunklen Seiten des psychischen und sozialen Lebens, in seiner Sezier- 
kunst, die die Schäden der Menschheit offenbart, in seiner Fähigkeit, 
boshaften Eigenwillen, sinnlichen Egoismus und Roheit ohne Scheu ans 
Licht zu ziehen, einer Fähigkeit, um derentwillen er von einem der 
besten russischen Kritiker der Neuzeit, Michailowsky, als ein „unbarm- 
herziges Talent" bezeichnet worden ist. Nachdem er sein Leben lang 
für die Leidensgeschichte der Menschheit Material gesammelt und in 
seinen Romanen vorzügliche psychiatrische und kriminalistische Studien 
veröffentlicht hatte, wollte er seine sämtlichen Beobachtungen zu einem 

Die Kultur der Gegenwart. I. g. 8 



IIA Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

Bilde der sozialen Geschichte von den zwanziger Jahren an zusammen- 
fassen. Dieser Plan wurde nicht verwirklicht; selbst im kleineren Maß- 
stabe, in den auf drei Bände berechneten „KaramasofFs", gedieh er 
nicht zur vollkommenen Ausführung, doch enthält die Geschichte dieser 
kranken Familie, in der sich starke Leidenschaften, sinnloser Eigenwille, 
sinnliche Gier und Roheit vererben — eine Geschichte, die die Schilde- 
rung einer Reihe anderer anormaler Persönlichkeiten einschließt, die 
mit den Brüdern und dem verachteten, schamlosen Vater, dem Urheber 
alles Übels und aller Leiden, in Berührung kommen — überaus merk- 
würdige „menschliche Dokumente". Sie drücken nieder und quälen und 
fesseln dennoch. Zeitweise scheint der Erzähler zu ermüden; es stellen 
sich Längen, Abschweifungen und überflüssige Episoden ein, aber dann 
wandelt sich das Bild plötzlich: mit übermenschlicher Kraft fesselt er 
wieder die Aufmerksamkeit, führt erschütternde Szenen vor Augen und 
schreitet über die bodenlosen Tiefen menschlicher Bosheit und Leiden. 
Dostojewsky, der auch für zarte, weiche Schilderungen begabt war, 
der einige wunderbare, der kindlichen Seele gewidmete Studien hinter- 
lassen hat, vermochte in der Sphäre gerade entgegengesetzter Affekte 
eine unvergleichliche Macht zu entfalten. Seine Lorbeeren, die er als 
Prophet und Philosoph geerntet hat, sind jetzt verwelkt; der späteren 
Generation wurde sein Konservatismus zur Last; immerhin gibt es in 
der Weltliteratur der neueren Zeit wenige psychologisch vorgehende Ro- 
manschriftsteller, die einen Vergleich mit Dostojewsky nicht zu fürchten 
brauchen. 
Leo Tolstoi In den bewegten Zeiten der sechziger und siebziger Jahre ging ein 

inmitten der 

Bewegung der anderer großer Denker und Künstler, Tolstoi, seme eigenen Bahnen. 
Siebzigerjahre. Nachdem er aufgehört hatte, sich an der Bauernreform und der Organi- 
seiner seibstän- sierung der Volksbildung zu beteiligen, hatte er die praktische Tätigkeit 
anschauung. Überhaupt aufgegeben und sich um so mehr der Gedankenarbeit zugewandt. 
In den Werken der Übergangszeit spiegeln sich seine Zweifel und sein 
Schwanken. Sein Glaube an den Fortschritt war erschüttert. Zwei 
Reisen durch Europa hatten in ihm einen ungünstigen Eindruck hinter- 
lassen. Die europäische Zivilisation war ihm kleinbürgerlich und seelen- 
los erschienen; die Begegnungen mit Ausnahmeerscheinungen, mit Leuten, 
die sich einer intensiven geistigen Tätigkeit oder der sozialen Arbeit hin- 
gaben, vermochten ihn nicht auszusöhnen. Tolstoi legte sich keine 
Rechenschaft darüber ab, daß sich gerade damals im Westen bedeutende 
Bewegungen vorbereiteten, die am Ende des 19. Jahrhunderts zum Aus- 
bruch kamen, und sprach, besonders in seiner Erzählung „Luzem", ein 
entschiedenes Verdammungsurteil über die europäische Welt aus — über 
die Welt, die ihm später sowohl als Künstler als auch als Moralist so viel 
Verständnis entgegengebracht hat. Es waren aber keine nationalistischen 
oder slawophilen Betrachtungen, die ihn auf den Gegensatz der nutz- 
losen Verfeinerung der Kultur — auf die naive Weltanschauung der Volks- 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. 115 

massen hinwiesen. Sein Olenin hatte schon längst versucht, zu dieser 
Lebensquelle vorzudringen; Rousseau hatte ihm bereits vor langen Jahren 
den einzigen Weg, der zur Gesundung führt, bezeichnet. Tolstois Ge- 
danken schlugen jetzt immer wieder diese Bahnen ein. Die Tendenz 
offenbarte sich nicht nur dann, wenn er in seinen Erzählungen die Welt 
der „Bauern" und die Welt der „Herrschaften" einander gegenüber- 
stellte, sondern machte sich auch in jenem monumentalen Werke gel- 
tend, das damals entstand, und, wie es schien, berufen war, nicht das 
neue Leben zur Darstellung zu bringen, sondern längst Vergangenes 
wieder zu erwecken. Jene Gedanken erwiesen sich nicht nur als Pfand 
für eine lichtere Zukunft, sondern auch als Schlüssel zum Verständnis 
der Vergangenheit. 

Der Gedanke, die Geschichte der Gesellschaft durch mehrere Gene- Tolstois „Krieg 

und Frieden". 

rationen hindurch in einer umfangreichen Erzählung zu schildern, der be- Die Prinzipien 
reits sowohl Puschkin und Lermontoff als auch Dostojewsky gefesselt sehen Romans. 
hatte, wurde im Roman „Krieg und Frieden" zu einer Zeit realisiert, als 
das Bedürfnis nach der Lösung moralischer Probleme in Tolstoi stark 
gärte. Eine Periode der Seelenruhe nach seiner aus Liebe erfolgten Ver- 
heiratung ermöglichte ihm, die große Arbeit, die er schon längst geplant 
hatte, in Angriff zu nehmen, und seine neue Geistesrichtung ließ ihm das 
Vergangene in einem eigenartigen Lichte erscheinen. Die Künstler, von 
denen die Vergangenheit bearbeitet worden war, hatten, einschließlich 
Puschkin, einige erprobte Methoden hinterlassen. Dem historischen Drama 
dienten die Königstragödien Shakespeares als Muster, auf dem Gebiete 
des Romans gab Walter Scott den Ton an, für die historische Darstellung 
war Karamsin maßgebend. Der Verfasser von „Krieg und Frieden" 
lehnte aber sämtliche Autoritäten ab, ging selbständig vor und schuf sich 
seine Formen selbst. Ihm lag die Tradition, die gangbare Handhabung 
der politischen und Kriegsgeschichte ebenso fem, wie das Dichten nach 
einem gegebenen Muster. Er verstand, aus Ereignissen und Strömungen 
den Geist der Völker und Zeiten hervorzuzaubern. Die Aureole, die die 
großen Persönlichkeiten umstrahlt, hielt ihn nicht ab, ihren menschlichen 
Eigenschaften, ihrem Seelenleben als Forscher näher zu treten. Im Rahmen 
der Schilderung einer langen Spanne Zeit (von 1805 — 1813, im Epilog 
das Jahr 1820) wird eine Reihe psychologischer Skizzen aus dem Leben 
aller Schichten der Gesellschaft gegeben; auf breiter Basis wird die Bio- 
graphie der einzelnen Persönlichkeiten, die mit der Fabel des Romans in 
Zusammenhang stehen, entwickelt, und Szenen voll dramatischen Lebens 
werden zur Darstellung gebracht. Im Laufe jener denkwürdigen Jahre 
gestalten sich aber die einzelnen Menschenschicksale zu einer zusammen- 
hängenden Geschichte von ganzen Familien und Generationen. Napoleon, 
Kutusoff, die Schlacht von Borodino, der Brand Moskaus im Jahre 1812, 
der tragische Vorabend des Untergangs, der Rußland drohte — anderer- 
seits Szenen aus dem Dorfleben, Soldatensitten, patriarchalische Verhält- 



Il6 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

nisse des Provinzadels, humorvolle Dialoge zwischen gefangenen Fran- 
zosen und ihren gutmütigen Besiegem, das Sprachgewirr der inter- 
nationalen Petersburger Salons, die angesichts der historischen Ereignisse 
so leichtfertig und so nichtig erscheinen — kurz, das Hohe und Alltäg- 
liche, das Bleibende und das Flüchtige bildeten das Material, aus dem 
Tolstoi ein wunderbares Gebäude schuf. Ihm genügte aber nicht die 
Harmonie der einzelnen Teile des Werkes, die Folgerichtigkeit des Plans, 
Das moraiisciie die Wahrheit des Kolorits. Die Erzählung vom gigantischen Kampf der 
„Krieg und Völker und der Staaten gibt ihm aufs neue Veranlassung, den Gesetzen, 

Frieden". ° S > > 

die das Leben der Menschheit beherrschen, forschend nachzusinnen. Nicht 
der geniale Scharfblick der Heerführer und Regenten, nicht die Taktik 
des Generalstabs, nicht die toten Konstruktionen der Staats- und Kriegs- 
wissenschaften, sondern der Geist der Volksmassen, die vereinten Willens- 
regungen der schlichten Leute, ihr unbemerktes Heldentum und ihre 
Passivität sind für die großen Ereignisse entscheidend und als die trei- 
benden Faktoren der Geschichte zu betrachten. Als Wortführer der 
Masse erscheint der Soldat Piaton Karatajew mit seiner wenig kompli- 
zierten Moralphilosophie, die vom Geiste der Brüderlichkeit, Duldsam- 
keit und Selbstaufopferung getragen ist. Vor ihm beugt sich ein so 
blasierter Weltmann, wie der Graf Pierre Besuchoff, der zufällige Ge- 
nosse seiner Gefangenschaft. Der Reichtum, die Privilegien der Kultur, 
die moderne aus Frankreich überkommene Lebensanschauung erscheinen 
ihm nun nichtig und trügerisch; die sanften, gleichmäßigen und auf- 
richtigen Reden Karatajews, denen alle Gelehrsamkeit fernliegt, ergreifen 
dagegen die Seele und geben ihr die „innere Freiheit". Karatajews 
letzte Erzählung, eine Parabel, die er im Kreise der Gefangenen in 
der Nacht am Lagerfeuer vorträgt, erscheint Pierre später in der Er- 
innerung wie die Verkündigung eines neuen Evangeliums. Karatajew ist 
der erste Vertreter der von nun an bei Tolstoi häufig vorkommenden 
Verkündiger einer ausgleichenden, allvergebenden Moral und zugleich das 
Urbild eines in der neuesten russischen Literatur heimischen Typus, der 
neuerdings in der bekannten Gestalt des alten Luka im „Nachtasyl" in 
die Erscheinung getreten ist. Als er von französischen Marodeuren in 
verräterischer Weise erschossen wird, trauert nur sein Hund, sein unzer- 
trennlicher Begleiter, an seiner Leiche. Mit seinem Verschwinden erstirbt 
der Lebensnerv der Erzählung. 
Die Selbst- Das Ideal Karatajews, das demjenigen des „stolzen Verstandes, der 

analyse Tolstois ■' ' Ja " 

und der Wende, selbstzufriedenen Wissenschaft, die sich anschickt, die ewigen Geheimnisse 
„Die Beichte", ^jd Offenbarungen des Glaubens zu zergliedern und zu erklären", und 
der Theorie des Fortschrittes, die „alle Völker auf das gleiche Niveau der 
Entwicklung zwingen will", gerade entgegengesetzt ist, dieses Ideal „des 
Lebens in Gott", „des Lebens um der Seele willen", ist von nun an von 
Tolstoi unablösbar. Der sittliche Kern dieses Ideals ging immer mehr 
in sein Bewußtsein über, regte ihn immer wieder zu neuen Forschungen 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. 117 

an, brachte ihn den Lehren derjenigen russischen Sekten näher, die die 
Moral der Brüderlichkeit hochhalten, führten ihn mit einzelnen Persön- 
lichkeiten aus dem Volke zusammen, die über das Wesen des Lebens 
gegrübelt hatten, veranlaßte ihn zum Studium der unabhängigen Sitten- 
lehrer aller Völker und aller Zeiten, zu einer noch eingehenderen Beschäf- 
tigung mit der frühesten Periode des Christentums und führte den Wahrheits- 
sucher schließlich zu einer reinen, geläuterten, religiösen Anschauung. Sein 
ganzes Leben, sein Irren und Fehlen erschienen nun vor dem Richterstuhl 
seines Gewissens, und das Ergebnis war Tolstois erschütternde „Beichte". 
Doch in dieser Krisis wurde neues Leben gewonnen. Die von aller kleri- 
kalen Verzerrung freie christliche Moral, der Glaube an die Macht der 
Liebe und der Selbstvervollkommnung lassen die eitlen Sorgen und 
Lockungen der Welt in nichts zerrinnen. Die Peripetien des sozialen 
und politischen Lebens Europas und Rußlands ließen von nun an den 
Denker unberührt. Weder die Wendung der Geschicke Frankreichs und 
Deutschlands nach 1870 noch der Kampf mit der Reaktion in Rußland 
und die revolutionären Erschütterungen, noch der serbische und der Orient- 
krieg 1877 — 78 spiegeln sich in seinen Werken wieder. Er spinnt gelassen 
seine Gedanken aus, stellt den Irrungen der Menschheit die allein er- 
lösende Lehre entgegen, postuliert als eines der Grunddogmen, dem uns 
zugefügten Bösen keinen Widerstand zu leisten, verhält sich seiner künstle- 
rischen Tätigkeit gegenüber, die nur leichtfertigen und sündigen Zwecken 
gedient hatte, immer schroffer und sucht seine schriftstellerische Begabung 
in den Dienst der Moralpredigt zu stellen. 

Tolstois letzter Roman älteren Typus' „Anna Karenina" trägt be- „Anna Kare- 
reits den Stempel des sich vollziehenden Wandels. Auf der einen Seite 
findet sich hier eine breite, für jemand, der den Flitter der Welt bereits 
abgelegt hat, allzu breite Schilderung der sittenlosen höheren Gesellschaft, 
in deren Mittelpunkt Anna und der Gegenstand ihrer unglückseligen Liebe, 
der glänzende, physisch kraftvolle, jedoch oberflächliche Wronsky stehen. 
Auf der anderen Seite wird in Parallele hierzu die seelische Entwicklung Das romantische 
Levins, eines aus dem gleichen Milieu stammenden Mannes, geschildert, Element des 
der unter dem Gesichtswinkel des Romans betrachtet kein besonderes In- künstlerische 
teresse einflößt, jedoch als Gegenbild zur allgemeinen Sittenverderbnis, in 
seinem Irren und endlichen Siege ein neues autobiographisches Bekenntnis 
zur Darstellung" bringt. Die künstlerische Bearbeitung ist diesen Elementen 
nicht in gleicher Weise zuteil geworden. Das Sündhafte, Eitle, Sinnliche 
und Tragische steht durchaus im Vordergrunde des künstlerischen Inter- 
esses, während das belehrende Moment sich ausschließlich auf die Ver- 
kündigung von befreienden Wahrheiten stützt. In der erprobten Weise 
des großen Realisten wird das müßige, verzärtelte Leben, das Anna mit 
ihrem korrekten, hochgestellten, aber beschränkten Manne führt, das plötz- 
liche Aufflammen der Leidenschaft bei der ersten Begegnung zwischen Anna 
und Wronsky, ihr Kampf mit ihrem Gatten und der Welt für ihr Gefühl 



Il8 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

und das Aufkeimen der Enttäuschung, die sie an ihrem Geliebten erleben 
sollte, geschildert. Das Werk, das höchstwahrscheinlich um der mora- 
lischen Belehrung willen ersonnen worden war, und ein hartes, von der 
Rache der Gottheit handelndes Bibelwort als Motto trägt, wurde zur Er- 
zählung vom tragischen Geschicke einer Frauenseele, die unwillkürlich 
Sympathie erregt. Die letzten Stunden Annas, in denen sie zum Selbst- 
mord getrieben wird, ihr Irren durch die Straßen Moskaus in der Hoff- 
nung, Wronsky wiederzusehen, die Gedanken, Entschlüsse und tausend 
nichtige Details ihres Lebens, die sich in ihr Bewußtsein drängen und ihr 
Gehirn zu sprengen drohen, als sie auf ihrer Wanderung an das Eisenbahn- 
geleise kommt imd sie sich plötzlich in die Erinnerung zurückruft, daß 
ihre erste Begegnung mit Wronsky mit dem Selbstmord eines Unglück- 
lichen zusammenfiel, der sich von einem Zuge hatte töten lassen, das 
Aufleuchten der Erkenntnis, wo für sie der Ausgang liegt, und ihr Tod 
auf den Schienen — das alles gehört nicht nur zu den besten Partien 
des Romans, sondern wird allezeit ein Beispiel tiefer psychologischer 
Analyse und künstlerischer Meisterschaft bleiben. 
Levin und die Levln, der berufen ist, inmitten der sündigen Welt die positiven Prin- 

Philosophie des . . ... . p... . , t^- i r 

schlichten zipicn ZU Vertreten, ist nicht mit verführerischen Eigenschaften ausgestattet; 
Nächsteoiiebc. bei ihm ist alles ungekünstelt und ordnet sich den natürlichen Trieben 
unter. Er kann sich mit den „falschen Ergebnissen des Fortschrittes und 
der Reformen und mit den Lehren der Wissenschaft, die von der Unzer- 
störbarkeit der Materie, der Erhaltung der Kraft und von dem Kampf 
ums Dasein redet, aber unfähig ist, den Sinn des Lebens zu erklären, 
nicht aussöhnen", ihn stößt der „Stolz und die Spitzfindigkeit des Verstandes" 
ab, dagegen lauscht er auf die Stimme des Richters in seiner eigenen 
Brust. Die Verarbeitung seiner Anschauungen ist schwerfällig, sein Werk 
gedeiht langsam. Während einer gefahrvollen Niederkunft seiner Frau eilen 
seine Gedanken zu Gott, „der allein verzeihen und retten kann". Als er 
bei Gelegenheit eines Gespräches mit einem ganz einfachen Manne diesen 
in schlichter Weise sagen hört, daß unser gegenwärtiges Leben Gott, der 
Wahrheit und unserem Nächsten geweiht sein müsse, verschwinden alle 
seine religiösen Zweifel und das sittliche Ziel seines Lebens wird ihm klar. 
Weder die Theologie, die sich „gegen das Gute, diese einzige Bestimmung 
des Menschen", gleichgültig" verhält, noch der Verstand, sondern die ge- 
heimnisvolle Kraft, die „alle Menschen, Millionen verschiedenartigster Na- 
turen, Weise und Thoren, Kinder und Greise, Bauern, Bettler und Könige 
einander nahebringen kann, indem sie alle dasselbe begreifen lehrt und 
ihnen das Ziel des Lebens weist, um dessentwillen es sich allein zu leben 
verlohnt", diese geheimnisvolle Kraft gibt ihm die sittliche Freiheit — , 
und wiederum ist es ein unkultivierter Mensch, der das rechte Wort für 
Die Propaganda sis ZU finden Weiß. 
"'"Lehr"*'"* Für die Entwicklung der von Tolstoi verkündeten Lehre sind die 

eSiungen. Darlegungen Levins zweifellos von Bedeutung; in künstlerischer Beziehung 



B. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. ijq 

erscheinen sie farblos und deuten den beginnenden Zerfall der Produktion 
Tolstois in zwei fast heterogene Elemente an. Es ist Tolstoi nie gelungen, 
die genialen Grundlagen seiner Kunst zu paralysieren, so oft er auch die 
Bedeutungslosigkeit seiner früheren Schriften behauptet haben mag. Von 
Zeit zu Zeit bricht der unsterbliche Funken, selbst wenn die belehrende 
Tendenz ihre höchste Spannung erreicht, mit neuem Glanz hervor, so 
z. B. in „Iwan Iljitschs Tod", in der „Macht der Finsternis" und in der 
„Auferstehung". Die geistige Energie Tolstois ist aber von nun an auf 
den Ausbau eines sozial-ethischen Systems gerichtet. Um dieses Systems 
willen hat der Wahrheitsucher manche harte Polemik ausgefochten. Er 
glaubte, daß die Wissenschaft durch seine Lehren bis in ihre Grundlagen 
erschüttert würde und war, wie sein Vorbild Rousseau nach der Veröffent- 
lichung der Dissertation über die Schädlichkeit der Wissenschaft, gelegent- 
lich genötigt, Äußerungen zurückzunehmen, die auf ihn den Schein werfen 
konnten, ein moderner Herostratus zu sein. Die Nationalökonomie mit 
ihrer, wie es ihm schien, falschen Sorge für das Gemeinwohl, nannte er 
einseitig, listig, eine Sklavin des Kapitals, und richtete seine Pfeile gegen 
sie. Die Philanthropie, die sich anschickt, die Not durch materielle Hilfe- 
leistung zu lindern, empörte ihn, und als er einst zur Zeit einer Volks- 
zählung in Moskau die Zufluchtsstätten der Ärmsten besuchte und die 
Schrecknisse der Verlumpung und Verkommenheit sah, suchte er andere, 
rein seelische Heilmittel gegen das soziale Elend. Das Bild einer von 
der Schmach der Ungleichheit befreiten Arbeitsgemeinschaft, die Leute 
aller Berufe und aller Bildungsgrade vereinigen, keinen religiösen oder 
polizeilichen Zwang', keine Gewalttätigkeit, keinen Krieg und kein Blut- 
verg'ießen dulden sollte — ein Ansatz zu einem normalen, von der Lehre 
Christi getragenen Leben — begann anfangs in unklaren, dann aber in 
immer deutlicheren Umrissen hervorzutreten. In einzelnen Gegenden Ruß- 
lands bildeten sich bereits Gruppen von Anhängern dieser Lehre, auch 
wurden ihrem Geiste entsprechende soziale Reformen versucht; es ent- 
stand eine neue Sekte, der „Tolstoismus", und die Zahl der Typen in 
der russischen Gesellschaft wurde durch den „Tolstowetz" bereichert. Die 
schriftstellerische Begabung des Meisters wurde in den Dienst der Pro- 
paganda seiner Lehre gestellt. Seine ketzerische Ästhetik, die er später 
in dem Traktat „Was ist die Kunst?" formuliert hat, indem er nicht 
das Schöne als die Grundlage des künstlerischen Schaffens gelten ließ, 
sondern das sittlich Veredelnde, das die Menschen durch das ewige Prin- 
zip der Liebe vereinigt, diese Ästhetik fand in seinen Werken praktische 
Anwendung. Er schrieb zahlreiche kleine Erzählungen, die bis auf die letzten 
politisch erregten Jahre in Millionen von Exemplaren verbreitet wurden 
und dem Volksbewußtsein die Grundbegriffe seiner Lehre in der leicht- 
faßlichen Form von Gleichnissen einprägten. Diese Lehre hat mancherlei 
Wandlungen erlebt, ehe sie die Bahnen des neuesten friedlichen Tolstoi- 
schen Anarchismus einschlug' — jenes Anarchismus, der jegliche Gewalt- 



J20 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

tätigkeit, jeden staatlichen Zwang ausschließt, und um der Brüderschaft 
aller Menschen willen alle nationalen und patriotischen Leidenschaften 
von sich weist. Der Einfluß seiner Predigt, die von einer eminenten 
künstlerischen Begabung getragen wurde, drang weit über die Grenzen 
Rußlands. In der Eroberung Europas durch die russische Literatur, die 
in den achtziger Jahren zu einem bedeutenden Kulturfaktor wurde, fällt 
Tolstoi wohl eine der wichtigsten Rollen zu. 

Während Dostojewsky und Tolstoi sich von den Wirren der Gegen- 
wart abwandten und ihre eigenen Wege gingen, stellte die große Mehrzahl 
der Schriftsteller ihre Kraft in den Dienst des Augenblicks. Die Be- 
„Der Gang zum wegung, die sich in den siebziger Jahren der Jugend bemächtigte und als 
Turgenieffs „Gang zum Volke" bezeichnet wurde, war die Antwort auf verschärfte reak- 
" ^" " " tionäre Maßnahmen. Hunderte von meist noch recht unerfahrenen jungen 
Leuten, Männer und Frauen, legten Bauemtracht an und trugen die frei- 
heitlichen Gedanken unter die breite Masse des Volks. Oft hatten diese 
Enthusiasten ihre Selbstverleugnung nicht nur mit Einkerkerung- und 
Verbannung zu büßen, sondern wurden auch von denen gerichtet, für 
die sie litten, weil das Volk die Propaganda nicht verstand und durch sie 
aus seiner Ruhe aufgeschreckt wurde. Diese schwere Übergangszeit ist 
von Turgenieff, der die Rolle des Zeitgeschichtschreibers wiederum über- 
nahm, in seinem letzten Roman „Neuland" geschildert worden. Das Motto 
dieses Werks, das fast agronomisch klingt, gibt schon den Schlüssel zum 
Verständnis des Mißerfolges jener Bestrebungen in die Hand. Sie mußten 
fehlschlagen, da die Saat auf unbeackerten Boden fiel. Wiederum traten 
in diesem Romane Junge, heißblütige Menschen auf; in vieler Beziehung 
gelang es Turgenieff, das Typische und Charakteristische zu erfassen; daß 
seine Sympathie auf selten derjenigen war, die dem Untergange entgegen- 
gingen, war ersichtlich, aber die Zeichnung des positiven Charakters, 
Solomins, mit seiner geheimnisvollen Ausführung des Planes einer steten 
Arbeit im Dienste des wahren Fortschritts, war ebenso mißglückt, wie 
diejenige des Stoltz bei Gontscharoff. Wenn auch die öffentliche Mei- 
nung die Objektivität der Beurteilung der „illegalen" Bestrebungen an- 
erkannte, die damals von einer Gruppe konservativer Schriftsteller mit 
Schmähungen überhäuft zu werden pflegte, so war sie doch unzufrieden, 
daß Turgenieff die mangelhafte Vorbereitung und die betrübende Nutz- 
losigkeit der jungen Bemühungen betont hatte. Jetzt, nach Jahren, weiß 
man, daß er recht hatte; nicht solche Leute wie sein Neschdanoff 
haben die Siege der Befreiungsbeweg-ung errungen. Die Verbindungen, 
die Turgenieff während seines dauernden Aufenthaltes in Paris mit den 
russischen radikalgesinnten Kreisen im Auskmd gewann, insbesondere seine 
Bekanntschaft mit Peter Lawroff, einem Manne von umfassender Gelehr- 
samkeit und großer Tatkraft, ersetzten ihm die Beziehungen, die er ehe- 
mals mit Herzen, Ogareff und Bakunin unterhalten hatte, und brachten 
ihn mit den Männern des Tages in Berührung. Nach dem Erscheinen 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. I. Epoche der Reformen. 121 

des „Neuland" gelangte seine Kompetenz in politischen Fragen bald 
wieder zur Anerkennung", und seine letzte Reise nach Rußland führte 
zu einer völligen Aussöhnung. Wiederum lauschten alle seiner Stimme. 
Kurz \'0r seinem Tode schrieb er „Senilia" oder „Gedichte in Prosa", „Gedichte in 

. j T-* Prosa". 

in welchen in der Form von Gedankensplittern, Lrmnerungen und Be- 
urteilungen die Tagesfragen, der Chauvinismus und das Märtyrertum der 
jung-en Generation behandelt wurden. Eines von diesen Gedichten, „Die 
Schwelle", das erst im Jahre 1905 gedruckt werden konnte und die Ver- 
achtung schildert, die ein Teil des Volkes denjenigen, welche um seinet- 
willen leiden, entgegenbringt, während ein anderer Teil des Volkes sie 
für heilig hält, klingt wie ein Segen, den der Dichter dem Umschwung, 
den er ahnend kommen sieht, erteilt. 

Während Turgenieff von seiner Pariser Warte aus die soziale Be- „DioVateriändi- 

^ ^ , sehen Annalen" 

wegfunsf verfolgte, wich Saltykoff nicht von seinem Posten inmitten des unter Saitykoff. 

° = => ' ^ Der Fortschritt 

Kampfes. Seine Satiren hatten nun mehr denn je die Bedeutung des der Kritik und 

^ -' f N.Michailowsky. 

höchsten publizistischen Tribunals. Als er Redakteur der „Vaterländischen Zwei Rich- 
tungen in der 
Annalen" geworden war, verschaffte er ihnen den Einfluß eines tonan- Erforschung des 

* ' . Volks. 

gebenden Organs, den die Zeitschrift unter Belinsky bereits besessen hatte. ciobUsspensky. 
Die besten belletristischen Talente wurden seine Mitarbeiter. An die 
Spitze des kritischen Teiles trat der letzte bedeutende russische Kritiker, 
Nikolai Michailowsky, ein Mann, der mit einem Feingefühl für die 
Neuerscheinungen in der Literatur völlige Unabhängigkeit des Urteils den 
Korj^phäen gegenüber verband, über eine umfassende philosophische 
Bildung verfügte, dabei aber den Naturwissenschaften und der Soziologie 
lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Seine Hingabe an den politischen 
Radikalismus kann erst gegenwärtig voll gewürdigt werden, da manchedei 
Intimes aus seinem Wirken erst nach seinem Tode bekannt geworden ist. 
Die Zeitschrift war der Erforschung sämtlicher Lebenserscheinungen, vor 
allem dem Studium der Bauernfrage gewidmet. In ihr kamen die beiden 
Richtungen zu Wort, die sich bereits in den sechziger Jahren unter den 
Männern, die dem Dorfe ein besonderes Interesse entgegenbrachten, 
geltend gemacht hatten. Der Vertreter der einen dieser Richtungen war 
Gleb Usspensky, der anfangs das städtische Proletariat geschildert hatte, 
dann aber, nachdem er unter Bauern gelebt und zahlreiche Beobach- 
tungen gesammelt hatte, den Entschluß faßte, in seinen Erzählungen 
den Bauer, so wie er wirklich ist, ohne seine schwachen Seiten zu be- 
mänteln, und die Gedankenwelt, von der er beherrscht wird, zur Darstel- 
lung zu bringen. Lange vor dem Erscheinen von Zolas „La Terre" und 
Polenz's „Büttnerbauer" hat er in seiner „Macht der Erde" auf den ge- 
waltigen Einfluß, den die Mutter Erde auf das Denken und Tun des 
Ackermannes ausübt, auf seine Liebe zu ihr und seinen leidenschaft- 
lichen Wunsch, sie zu beherrschen, hingewiesen. Die andere Richtung-, 
die in Slatowratsky ihren Vertreter fand, stellte der in den zivilisierten 
Schichten der Gesellschaft bestehenden Fäulnis die gesunde Kraft des 



122 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

Bauerntums entgegen und forderte zu einer Wiedergeburt im Schöße 
des Volkes auf. In der Erzählung „Bauern als Geschworene" wird die 
Unbefangenheit, das Wahrheitsgefühl und der natürliche Gerechtigkeits- 
sinn gekennzeichnet, den die ersten bäuerlichen Teilhaber an der tief- 
greifenden Reform der Rechtspflege bewiesen hatten. Unter all diesen Mit- 
arbeitern der „Vaterländischen Annalen", die das Leben und seine Be- 
dürfnisse zu erforschen suchten, nahm der Redakteur Saltykoff eine maß- 
gebende Stellung ein. Sein Weg war schwer und dornenvoll. Die 
Machthaber konnten nur durch eine entscheidende Tat — durch die 
Unterdrückung der Zeitschrift, die bereits im Jahre 1884 erfolgte — dieses 
gefährlichen Gegners Herr werden. Einige Novellen und Skizzen Salty^- 
koffs, von denen fast keine in ihrer ursprünglichen Gestalt erschien, 
konnten überhaupt nicht veröffentlicht werden. Als er eine Serie „Briefe 
an eine Tante" (d. h. Rußland) zu schreiben begann, in denen er die 
wichtigsten Tagesfragen streifte, fragte er witzig bei seiner verehrten 
Verwandten an, was denn aus dem oder jenem besonders interessanten 
Briefe geworden sei? Die Post sei wohl nachlässig gewesen und habe ihn 
nicht bestellt. 

s IL Die achtziger und neunziger Jahre. In dieser Zeit hatte 

man das Gefühl, als lebte man in einem Kreise, dem nicht nur alle 
Fröhlichkeit und aller Sinn für Komik abhanden gekommen war, sondern 
der es überhaupt verlernt hatte, freudvolle Stimmungen zu erleben. Über 
ihm hingen, wie über den Träumen der Patrioten, der Mystik Dostojewskys 
und der Predigt Tolstois schwere Wolken, die den Verstand und das Ge- 
wissen bedrückten. Die Anstrengungen des orientalischen Krieges, zahl- 
lose politische Prozesse, kühne Anschläge, außerordentliche Maßnahmen 
zur Aufrechterhaltung der Ordnung, endlich die „Diktatur des Herzens" 
von Loris-Melikoif, die niemand befriedigte — dies alles übte einen 
ständigen Druck auf die Gesellschaft aus und ließ jede Hoffnung auf 
bessere Zeiten verstummen. In dieser Stimmung lag die Wurzel des 
Pessimismus, der in den achtziger Jahren, da tatsächlich alles im Nebel 
versank und die Ausmerzung des liberalen reformatorischen Geistes als 
politische Losung galt, epidemisch wurde. Die Symptome der heran- 
nahenden Melancholie machten sich bereits bei der jüngeren Genera- 
tion bemerkbar, welche ins Leben trat, als die Reaktion Wurzel ge- 
schlagen hatte und ihre vernichtende Wirkung von Jahr zu Jahr in ver- 
stärktem Maße geltend machte. Die krankhafte Reflexion war nicht die 
Folge eines tapferen Zusammenstoßes, wie er den älteren Schriftstellern 
beschieden war, oder eines verzweifelten revolutionären Zweikampfes, wie 
er nur von wenigen fanatisch begeisterten Persönlichkeiten ausgefochten 
wurde, sondern lediglich das Ergebnis der traurigen Zeitverhältnisse. 
Wenn eine solche Stimmung über eine zerrissene kranke Seele kam, so 
war vorauszusehen, wohin dies führen mußte. Dies war das Schicksal 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Die achtziger und neunziger Jahre. 123 

Wssewolod Garschins, des talentvollsten Belletristen der siebziger und 
achtziger Jahre. 

Garschin, der in der beklemmenden Atmosphäre ersticken zu müssen wssewoiod 
glaubte, begeisterte sich anfangs für den Gedanken einer slawischen Be- 
freiung, der, wie er meinte, dem Kriege von 1877 zugrunde lag. Er 
glaubte, dem Kampfe nicht fem bleiben zu können, an dem die große 
Masse seiner Landsleute notgedrungen sich beteiligen mußte. So trat 
er als Volontär in die Armee ein. Während seines Heeresdienstes sah 
er alle Schrecknisse eines unmenschlichen Schlachtens, den Triumph 
des Todes, Unterschlagungen und allerlei andere Mißbräuche. Das un- 
gewöhnliche Schicksal eines Soldaten aus seinem Regiment, der verwundet 
vier volle Tage lang auf dem Schlachtfelde gelegen und namenlos ge- 
litten hatte, diente Garschin als Vorwurf zu der Erzählung „Vier Tage 
auf dem Schlachtfelde", welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich 
zog. Sowohl aus dieser Erzählung als auch aus den „Memoiren des Ge- 
meinen IwanofF" sprachen viel dramatische Kraft, tiefe Humanität und eine 
starke Abneigung gegen den Krieg. In den Schriften Garschins offen- 
barte sich ein dem Antimilitarismus Tolstois verwandter Ideengang'; da er 
äußerst feinfühlig und psychisch belastet war, entwarf er traurige Schilde- 
rungen in Fällen, in denen eine gesundere Natur lebhaften Protest erhoben 
hätte. Kaum war Garschin von einer Wunde geheilt, hängte er das Kriegs- 
handwerk an den Nagel und wandte sich wieder dem gesellschaftlichen 
Leben zu, dessen er überdrüssig geworden war. Sein zerrüttetes Nerven- 
system vermochte aber die herrschenden Laster nicht mehr zu ertragen. 
Er erbebte angesichts der sozialen Ungleichheit, des schweren Loses der 
Arbeiter und der Armut des Volkes und begann nun Erzählungen zu 
veröffentlichen, die das verborgene Leiden der Unterdrückten und Un- 
glücklichen darstellen. Sie sind oft sehr eigentümlich in der P~orm, ent- 
halten schroffe Übergänge, Sprünge in der Darstellung, sogar Schilde- 
rungen von Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Einige von ihnen 
erschöpfen sich in der Wiedergabe von Psychosen, die fast immer aus 
der Betrachtung des Übels und der Leiden erwachsen und in einem 
tiefen Weltschmerz wurzeln. Die Lösung ist immer tragisch; oft haben 
die Bilder eine düstere Größe. In der „Roten Blume", die im Garten 
einer Irrenanstalt erblüht, ist, wie ein Kranker glaubt, „alles Böse der 
Welt enthalten: alles unschuldig vergossene Blut, alle Tränen und alle 
Galle hat sie in sich aufgesogen". Dies geheimnisvolle, schreckliche 
Wesen, Ariman genannt, ist das Gegenbild Gottes, das eine bescheidene, 
unschuldige Gestalt angenommen hat. Diese Blume muß ausgerissen und 
vernichtet werden; dabei ist aber zu verhüten, daß sie sterbend alles Böse, 
das sie enthält, über die Welt ausströmt. Gegen diesen allgemeinen Feind 
zieht der irrsinnige Menschenfreund in den Kampf, trunken vor Stolz bei 
dem Gedanken, daß vor ihm noch keiner das Übel der ganzen Welt auf 
einmal zu bekämpfen gewagt hat. Völlig erschöpft geht er in der Nacht 



124 Alexis Wessfxovskv : Die russische Literatur. 

hinaus, um die letzte Blüte zu vernichten, sinkt dann bewußtlos auf sein 
Bett und nimmt die Blume, die er fest umklammert hält, mit in sein 
Grab, während sein Gesicht helle Freude ausdrückt. In einer anderen 
Erzählung malt der Künstler Rjabinin alle Schrecknisse des Martj'riums, 
das der Arbeiter einer Kesselfabrik zu erdulden hat, wenn die schweren 
Schläge des Hammers auf den Kessel, in dem er arbeitet, niedersausen, 
in Brust und Kopfe dröhnen, ihn des Gehörs berauben und schließlich 
seinen frühen Tod herbeiführen. Dieses Bild ist ein stummer Zeuge der 
Grausamkeit der Menschen, ein Symbol der Ungleichheit, die Rjabinin 
fast um den Verstand bringt. Kaum hat er sich von seinem nervösen 
Zusammenbruch etwas erholt, so entsagt er der Kunst, die ihm große 
Erfolge verhieß, und wird Dorflehrer, um dem Volke dienen zu können. 
Der hoffnungslos kranke Verfasser brachte den Personen seiner Erzäh- 
lungen ein unendliches Mitgefühl entgegen. Er kannte sein Los, flüchtete 
mit seinen Gedanken mehrfach in Sanatorien und schrieb dann wieder Er- 
zählungen, deren Düsterheit nur selten durch ein lichtes Bild oder durch 
wehmütigen Humor erhellt wird. In einem seiner Krankheitsanfälle hing 
er beständig Selbstmordg-edanken nach, schließlich konnte er ihrer nicht 
mehr Herr werden, trat aus seiner Wohnung- auf die Treppe hinaus und 
stürzte sich durch ihre Lichtung. So wurde das Verzeichnis der talent- 
vollen russischen Schriftsteller der Gegenwart, die vorzeitig' starben und 
reiche Hoffnungen mit sich begruben, um einen teuren Namen bereichert. 
Der nächste in dieser Reihe war Nadson. Die ersten Eindrücke von 
den sozialen Zuständen erhielten er und Garschin zu gleicher Zeit. Die 
verschärfte Reaktion der achtziger Jahre vermochte hier wie dort nur 
eine Tendenz zur Entwicklung zu bringen, zu der der Grund bereits 
früher gelegt worden war. In Nadson lebte ein leidenschaftliches Sehnen 
nach Licht, Freude und Schönheit. Seiner jüdischen Abstammung ver- 
dankte er die üppige Phantasie und die seelenvolle Tiefe seiner Lyrik. 
Es kränkte ihn, daß seine Ideale und Träume den im Leben triumphie- 
renden Prinzipien zuwider waren — daher das melancholische Kolorit vieler 
seiner Dichtungen. Epikuräertum lag' seiner Kunst fern, ihn lockten keine 
persönlichen Genüsse. Die Freiheit und das Gute rief er an und glaubte, 
„daß die Welt, der Qualen müde, ihre Augen voll traurigen Flehens zur 
ewigen Liebe erheben werde". Die Kämpfer für das Wohl des Volks ehrte 
er nicht weniger, als es die eigentlichen politischen Dichter taten. In seinem 
Gedicht, in dem er das in Nizza auf dem Grabe Herzens errichtete Denk- 
mal verherrlichte, entwarf er ein schönes Bild vom großen Publizisten. 
Im breiten Strome der von ihm gepredigten Wiedergeburt erklingt seine 
junge lyrische Beichte in Tönen wahren Gefühls. Früh schon erregte er 
die allgemeine Aufmerksamkeit, begegnete maßloser Begeisterung aber 
ebensoviel unverhohlener Mißgunst. Wie ein glänzender Stern war er am 
Himmel der russischen Dichtkunst erschienen, aber auch er war, wie 
Garschin, dem Siechtum verfallen. Das Gift der Tuberkulose wütete in 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Die achtziger und neunziger Jahre. 125 

seinem Körper. Erschöpft verließ er die Heimat und suchte im milderen 
Klima Heilung. Hilfsbereite Freunde überhoben ihn aller Sorgen und 
verzögerten auf diese Weise das Ende. Der Dichter wurde zum Schatten 
seiner selbst. In seiner Lyrik sprach sich die Vorahnung der nahe be- 
vorstehenden ewigen Trennung vom Leben aus. Die menschliche Bosheit 
beschleunigte ihren Eintritt, indem sie aus der Tatsache bereitwilliger 
Hilfeleistung Material zu Unterstellungen gewann. Wenn der Tod John 
Keats' mit der niederschmetternden Wirkung der feindseligen Kritik, die 
seine Dichtkunst erfuhr, zusammenhing, so hat auf Nadson, den russischen 
Keats, der sich in der warmen Luft der südlichen Krim zu erholen 
schien, eine der in der Presse verbreiteten Insinuationen wie ein vernich- 
tender Schlag gewirkt. Bis auf den heutigen Tag hat die Popularität 
Nadsons keine Einbuße erlitten; selbst in der politisch bewegten Gegen- 
wart wird das Wenige, das er in seinem kurzen Leben zu schaffen ver- 
mochte, da es den Stempel wahrer Kunst trägt, in zahlreichen Ausgaben 
verbreitet. Die jüngsten Generationen haben nicht wenige dichterische 
Beeabuneen hervorgebracht, aber wenn auch der beste unter den Der äußerste 

* ° o ' Nationalismus 

modernen Dichtern, P. Jakubowitsch, mehr philosophische Gedankentiefe und seine 

^ theoretische 

und politischen Radikalismus besitzt, so ist doch in Aadson der letzte »egrUnduns. 
begnadete Lyriker Rußlands zu Grabe getragen worden. 

Die Krisis des Jahres 1881 kam nicht nur in einer Änderung des 
Regimes und in dem Wechsel der machthabenden Persönlichkeiten zum 
Ausdruck, sondern auch in der Richtung, die die Entwicklung des 
Volkes von nun an nehmen sollte. Die Konzessionen, die dem Libe- 
ralismus gemacht worden waren, das ehemals vorhanden gewesene 
Streben nach kultureller Solidarität mit Europa, wurden nunmehr als 
Verrat an den Grundlagen des Volkstums betrachtet. Die Ermordung 
Alexanders IL wurde mit der Reformbewegung, an die eine gewisse 
Duldsamkeit der Presse gegenüber, die ländliche Selbstverwaltung, die 
neu organisierte Gerichtsbarkeit noch gemahnten, in einen schier unbe- 
greiflichen Zusammenhang gebracht. Alledem mußte ein Ende bereitet 
und der Fehler mit der Wurzel ausgerottet werden. Europa und dem 
Kosmopolitismus sollte ein scharf umgrenzter Nationalismus gegenüber- 
treten; das Ideal einer patriarchalischen Macht, wie sie vor dem Zeitalter 
Peters bestanden hatte, sollte neu erstehen und mit ihm die friedlichen 
Tugenden gehorsamer Bürger. Mit der Austilgung alles dessen, was an 
das Zeitalter Alexanders IL erinnerte, wurde ein idealisiertes 17. Jahrhun- 
dert an die Stelle des 19. gesetzt. Wenn das offizielle Programm auf diesen 
Ton gestimmt war, so machte sich auch in der Gesellschaft und in der 
Literatur eine ähnliche nationalistische Bewegung geltend; die Romane 
Boborykins, eines feinfühligen Beobachters des Gesellschaftslebens, spie- 
gelten diese neue soziale Strömung, als pathologische Erscheinung, wider. 
Die Epigonen der Slawophilen, deren Vorfahren einen demokratischen, 
oppositionellen Standpunkt vertreten hatten, schlössen sich der herrschenden 



126 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

Richtung an und erklärten Westeuropa den Krieg, um die Wiedergeburt 
des nationalen Lebens in die Wege zu leiten. Es trat eine konservative 
literarische Schule der „Volkstümlichkeit" auf den Plan, die mit der 
Volksseele einen mystischen Kultus trieb. Wenn ihr auch jeder mora- 
lische Zwang bei der Verbreitung ihrer Ideen fern lag, so erwies sie 
sich doch als sehr unduldsam. Sie kannte das Dorf leben, vertrat eine 
gewisse Richtung der volkstümlichen Belletristik und verfügte über zwei 
oder drei gute journalistische Kräfte. Unter der Fahne solcher und ähn- 
licher Strömungen wurde die „russische Idee" und die russische Selb- 
ständigkeit verfochten, als wenn sie nicht schon im Laufe von anderthalb 
Jahrhunderten von den besten Schriftstellern ohne jegliche aggressive 
Tendenz verkündet worden wäre, sondern erst die Überwindung der re- 
volutionären Wirren die Organisation des Volkslebens dem Verständnis 
nahe gebracht hätten, während doch bereits zahlreiche Generationen von 
Historikern, Ethnographen, Juristen und Statistikern an seiner Erforschung 
gearbeitet hatten. 
Turgenieffs und Der Einfluß des Nationalismus und der politischen Reaktion lastete 
„Vcrgesseno schwer auf der allgemeinen Bildung, der Wissenschaft und Literatur. Das 
höhere Schulwesen sank immer tiefer, die Entwicklung' der akademischen 
Tätigkeit wurde durch neue Universitätsstatuten und durch die Entfernung 
gefährlicher Elemente aus dem Professorenkollegium eingeschränkt. Daß 
auf diese Weise eine Reihe glänzender, wissenschaftlicher Begabungen 
brachgelegt wurden, wurde nicht berücksichtigt. Das außerordentlich 
imposante Begräbnis Turgenieffs in St. Petersburg, das Hunderte von 
Deputationen in die Hauptstadt führte , deren Prozession sich mehrere 
Meilen weit bis zum Friedhof von Wolkowo hinzog, woselbst, wie im 
Poets Corner in der Westminster-Abtei, die großen Schriftsteller und die 
anderen um das öffentliche Wohl verdienten Männer vereint ruhen — diese 
Kundgebung der allgemeinen Sympathie für die fortschrittliche Literatur 
war die letzte zulässige Demonstration zu Ehren des alten Liberalismus. 
Im folgenden Jahre wurde die Zeitschrift Saltykoffs verboten. Der große 
Satiriker war nun genötigt, für seine Arbeiten in anderen Zeitschriften, 
sogar in den Feuilletons der Zeitungen Unterkunft zu suchen. Er wählte 
jetzt noch öfter die Form eines Märchens. Seine Märchen klingen aber 
traurig, und tief ist die Moral, die aus ihnen spricht. Als Saltykoff 
bereits von den Ärzten aufgegeben war, schleuderte er noch von seinem 
Krankenlager aus Anklagen gegen das neue Regime. Er war empört, 
daß die Grundbegriffe, die ehemals die Welt gelenkt hatten, daß die 
Worte Gewissen, Vaterland, Menschheit und andere mehr in der allge- 
meinen Demoralisierung abhanden gekommen waren. Er beschloß, sie 
den Menschen ins Gedächtnis zurückzurufen, und tatsächlich fand man 
nach seinem Tode auf dem Schreibtisch den Anfang seiner Arbeit: „Ver- 
faß d^Wsson- gessene Worte". 
"^'"sloWj'cff."'" Auch die Wissenschaft schickte sich an, die verloren gegangenen Be- 



C. Die zweite Hälfte des ig. Jahrhunderts. II. Die achtziger und neunziger Jahre. 127 

griife durch ihre humanisierende Predigt zu retten. Unter den Vertretern 
der Philosophie war es der beredte und sowohl durch seine sittliche Rein- 
heit als auch durch seinen Idealismus fesselnde Wladimir Ssolowjeff, 
der diese Aufgabe auf sich nahm. Er erkannte das tödliche Gift des un- 
duldsamen Nationalismus und trat für die Idee des allgemein Menschlichen 
in die Schranken, lehnte sich gegen die Intoleranz auf, stand unerschütter- 
lich auf dem Boden der Gewissensfreiheit und bekämpfte inmitten der 
Judenhetzen den Antisemitismus. Im Namen der Menschlichkeit wandte 
er sich gegen die harten Kriminalstrafen und hielt zu Beginn der neuen 
Periode eine bemerkenswerte öffentliche Vorlesung ab, in der er sich 
gegen die Todesstrafe aussprach. Auch aus Jassnaja Poljana ertönte der 
Mahnruf, der Liebe, des Guten, der Brüderlichkeit eingedenk zu sein, und 
ein lebhafter Protest gegen die Hinrichtungen, doch schien nichts die er- 
nüchternd wirkende konservative Bewegung aufhalten zu können. Ein 
Nachlassen der Energie, das sich schon früher in einem niederdrückenden 
Pessimismus bemerkbar gemacht hatte, bemächtigte sich einer ganzen 
Generation in ihren Hoffnungen getäuschter Menschen. Dies spiegelte 
sich in der Belletristik wieder, die auf diesem pathologischen Boden er- 
wuchs, insbesondere im Schaffen Anton Tschechoffs, eines der Koryphäen 
der modernen Literatur. 

Abseits vom Wege dieser Schule des Pessimismus steht jedoch ein Koroienko and 
Mann von großer Begabung, der sich unter dem Einfluß der voran- Schriften. 
gehenden liberalen Periode, fern von den literarischen Zentren selbst- 
ständig entwickelt hatte und inmitten der herrschenden Depression und 
Mutlosigkeit an das ewig bewegende, lebendige Prinzip gemahnte. Die 
Verbannung in das östliche Sibirien, welche die Jugend Wladimir Koro- 
le n kos verdüsterte, hatte ihn nicht geschwächt, sondern seine Begabung 
und seine Gedanken konzentriert und gestählt. Aus einer kleinrussisch- 
polnischen Ortschaft gebürtig, wurde er in ein Milieu verpflanzt, das dem 
„Totenhause" Dostojewskys glich, und lernte im entlegenen, völlig anders 
als seine engere Heimat gearteten Lande das traurige Los der von der 
Gesellschaft Verstoßenen, der Bewohner der Gefängnisse und der „An- 
siedler" kennen. Diese Erlebnisse machten auf ihn einen starken Ein- 
druck, und als er in das europäische Rußland zurückkehrte, trat er mit 
einer Erzählung hervor, die dem Leser eine unbekannte Welt erschloß. 
„Makars Traum" eröffnete in der Belletristik die Reihe künstlerischer 
ethnographischer Studien über Sibirien, die später in den meisterhaften 
Erzählungen des russisch-polnischen Schriftstellers Seroschewsky, in den 
Novellen Tans, sowie in anderen literarischen Erzeugnissen von Verbannten 
ihre weitere Entwickelung fanden. „Makars Traum", der sich in einer 
völlig kulturlosen Umgebung abspielt, enthält feine psychologische Beob- 
achtungen. Makar ist ein Nachkomme ehemaliger russischer Ansiedler in 
einer weltverlorenen, öden Gegend, die sich mit heidnischen Aboriginem, 
den Jakuten, vermischt hatten und sich in ihren Lebensgewohnheiten, ihrer 



128 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

Sprache und ihren Anschauungen wenig von ihnen unterschieden. Schwach 
glimmt in ihm der Glaube an eine große göttliche Macht, die für ihn die 
Gestalt des Tojon der Jakuten angenommen hat; seine Begriffe von dem 
Sittlichen, von Gut und Böse, sind primitiv. Mit dem Vermittler zwischen 
Gott und den Menschen, einem alten, heruntergekommenen Priester, wird 
gesungen, gezankt und geprügelt. Nach einem solchen berauschenden 
Abenteuer sieht Makar einen sonderbaren Traum. Ihm träumt, daß er 
gestorben und daß der Tag der Abrechnung- gekommen sei. Von allen 
Seiten strömen die Toten, zu Fuß oder beritten zu Tojon. Makar tritt 
gleichzeitig mit dem armen Pfäfflein Jwan, der bereits vor mehreren Jahren 
gestorben war, vor den gestrengen Richter, und da fallen ihm alle seine 
begangenen Sünden ein, seine Schelmenstreiche, seine heftigen Begierden 
und seine Roheit. Die Schale, die von seinen Sünden belastet wird, sinkt 
tief. Aber im Herzen des Wilden gibt es auch menschliche Regungen: 
seiner Seele ist das Streben zum Guten nicht fremd; alle Unbill, alle Gewalt- 
tätigkeit und alles Unglück, das ihm in so reichem Maße zuteil geworden 
war, erwacht in ihm im schmerzlichen Erinnern. Und er wundert sich, daß 
ihm, dem Wortkargen, der fast das Sprechen verlernt hat, plötzlich die Zunge 
gelöst wird, daß seine Rede frei von seinen Lippen fließt und alle die 
Erniedrigten und Verfolgten vor Gott verteidigt. Die Schale der Wage, 
welche die guten Gedanken enthält, sinkt jetzt immer tiefer . . . Die Be- 
schreibung dieses Traumes eines armen beschränkten Mannes, der in einer 
rauhen Natur lebt, ist in einem so warmen Tone gehalten und so voll 
Mitgefühl mit den Verstoßenen, daß sie, da sie überdies in künstlerischer 
Form abgefaßt war, große Sympathie für den Verfasser erweckte. Korolenko 
bekennt in seinen Erinnerungen, daß anfangs Turgenieff, dann Nekrassoff 
und Dobroliuboff, schließlich die ganze Literatur jener Zeit auf ihn ein- 
gewirkt und ihm eine neue Welt erschlossen haben. Tatsächlich rief 
zweito Periode, seine Erzählung die Erinnerung an die größten Meister wach. Es folgte 
eine Reihe Novellen aus dem sibirischen Leben. In ihnen wurden nicht 
nur die bekannten Typen der Gefängnisse und Bergwerke geschildert, 
sondern auch eigenartige Charaktere von Ansiedlem, die das Verlangen 
nach kühnen Abenteuern, nach einem heldenhaften Kampf mit der Natur, 
starke Leidenschaften, Eifersucht und Rachsucht in die sibirische Einöde 
verpflanzten. Korolenko zeichnet auch weibliche Gestalten, die den Stempel 
der Willensstärke und des Kampfesmutes trugen, wilde Ehen, Ansätze zu 
neuen Formen des Familienlebens, Flüchtlinge aus Sachalin, verschiedene 
Typen von Arrestanten, unter ihnen einen Mann, der durch Zufall zum Mörder 
geworden war und dem Verfasser die Anregung zu einer seiner besten Schil- 
derungen gegeben hatte. Neben den sibirischen Bildern, die mit der jüng- 
sten Vergangenheit Korolenkos in Zusammenhang standen, tauchten andere 
auf, — Bilder aus seiner in der Ukraine zugebrachten Kindheit und Jugend; 
es entstand eine neue Serie von Erzählungen, mit farbigen Schilderungen aus 
dem Leben der kleinrussischen, polnischen und jüdischen Volksslämmc, mit 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Die achtziger und neunziger Jahre. 120 

poetischen Naturbeschreibungen und einer Seelenanalyse, die in den kinder- 
psychologischen Studien „In schlechter Gesellschaft" und „Der blinde Musi- 
kant" besonders zur Geltung kommt und weder von Tolstoi noch von 
Dostojewsky, diesen bedeutendsten Darstellern der Kindesseele, in den 
Schatten gestellt wird. Endlich fühlte er sich zu den großrussischen Verhält- 
nissen, insbesondere zu denen der Wolgagegend hingezogen, woselbst er, 
nachdem er kurze Zeit die Freiheit genossen hatte, angesiedelt wurde und 
wirken durfte. Damit beginnt die dritte Periode in Korolenkos Schaffen, das Die dritte 
sich nunmehr auf der Grenze der literarischen und publizistischen Tätigkeit Vorwiegen der 
bewegt. Die Träume des Romantikers, die psychologischen Beobachtungen, sozialen 
die er einst mit einer stark realistischen Schilderung der Schattenseiten 
des Lebens zu verbinden gewußt hatte, treten jetzt in den Hintergrund 
und machen der praktischen Wirksamkeit zum Wohle des Volkes Platz. 
Das Elend des „Hungerjahres" spannte seine Energie: er besuchte die 
notleidenden Ortschaften, organisierte Hilfsaktionen und sammelte durch 
die ständige Berührung mit dem Volke ein reiches Beobachtungsmaterial, 
das er aber selten in künstlerische Formen prägte. Er ließ es vielmehr 
die überzeugende Sprache des Tatsächlichen reden. Nishni-Nowgorod, 
wo der Schriftsteller lange leben mußte, wurde eines der in intellektueller 
Beziehung vorgeschrittensten Zentren der Provinz. Die Organisation 
statistischer, ethnographischer und ökonomischer Untersuchungen über das 
Bauerntum, die von jungen Kräften ausgeführt wurden, eine Belebung der 
gesamten Wolgapresse, die bald darauf den ersten Arbeiten Maxim Gorkis 
Unterkunft gewähren sollte, das waren die Tatsachen, die die Bedeutung 
Korolenkos auf das soziale Gebiet verlegten und seinen Ruf als Publizisten 
außer Frage stellten. Als er endlich die Freizügigkeit erlangte und in 
die Hauptstadt übersiedelte, begleitete ihn bei seinem Scheiden von Nishni- 
Nowgorod der Ausdruck allgemeiner Sympathie und Liebe. Der Verlust, 
den die Literatur als Kunst dadurch erlitt, daß ein erstklassiges Talent 
sich der aktiven Arbeit des Alltages zuwandte, war groß. Offenbar war 
Korolenko der Meinung, daß der gegebene Augenblick anderes als Pflege 
der Belletristik erheische. Die Sorge um das Wohl des Volkes stand für 
ihn im Vordergrunde des Interesses. Die publizistische Tätigkeit, die 
Korolenko nun in seiner Zeitschrift „Russischer Reichtum" entfaltete, er- 
hebt sich hoch über das Durchschnittsniveau der von der Presse geleisteten 
sozialen Arbeit. In den letzten Jahren des verschärften Kampfes hat sie 
große Kühnheit bewiesen und nicht wenig zur Aufdeckung veralteter 
Übel beigetragen. Wenn Korolenko von Zeit zu Zeit zur Kunst zurück- 
kehrt und ein großrussisches Sittenbild schafft, eine Erzählung aus dem 
sibirischen Leben niederschreibt, oder in autobiographischen Aufzeich- 
nungen, denen er die Form der „Geschichte eines Zeitgenossen" ge- 
geben hat, seine Kindheit, seine halbpolnische Erziehung, seine Eindrücke 
vom polnischen Aufstande 1863 und die ersten Anzeichen des Einflusses 
der freiheitlichen Literatur der sechziger Jahre in lebhaften Farben 

Die Kultur der Gegenwart. L 9. q 



I30 



Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 



schildert, dann fühlt man, daß eine große Kraft eingedämmt und der prak- 
tischen Nützlichkeit geopfert wird. 
Koroienko und Dicsc Kraft erlag nie dem Drucke des Pessimismus, wie schwierig 

Vertreter die Verhältnisse sein mochten, unter denen Koroienko schaffen mußte. 



gegengesetzter Wenn auch die Tatsachen, über die er berichtete, düster und abschreckend 
waren, so leuchtete doch aus der Art ihrer Darstellung und ihrer Be- 
wertung der unerschütterliche Glaube an eine bessere Zukunft und an die 
Notwendigkeit des Kampfes. Während der freudlosen Zustände der 
siebziger und achtziger Jahre war eine solche unwandelbare Überzeugungs- 
treue eine seltene Ausnahme, deshalb war auch nicht Koroienko der Dol- 
metsch der herrschenden Stimmung, sondern Anton Tschechoff, ein 
wahrer Sohn seiner Zeit, der sich von ihrem bedrückenden Einfluß nie zu 
befreien vermochte, sich vergeblich nach Licht, Freude und Freiheit sehnte 
und nach dem negativen Ausfall seiner am eigenen Volke angestellten 
Beobachtungen zu einer pessimistischen Beurteilung der allgemein mensch- 
lichen Verhältnisse gelangte. 
TschechoBf. Tschechoff war nicht mit trüben Erfahrungen belastet oder mit einer Prä- 

Der Huraor in " 

seinen frühesten dispositiou zur Melancholie ins Leben getreten, auch hatte er den mensch- 
lichen Chimären nicht immer als kühler Skeptiker gegenüber gestanden. 
Auf seiner schönen Stirn spiegelte sich Heiterkeit, mit unerschöpflichem 
Humor hatte er alle Zufälligkeiten und Wunderlichkeiten des Lebens in 
scharfsinnigen Parodien, amüsanten Sittenbildern und lebendigen Dialogen 
beleuchtet und mit einigen Strichen Charaktere gezeichnet. Die Erstlings- 
werke Tschechoffs muß man in humoristischen Blättern suchen; er hat 
ihnen später die Aufnahme in die Sammlungen seiner Werke schroff ver- 
wehrt. Aus ihnen sprach harmlose Fröhlichkeit, und sie hatten dem Ver- 
fasser, einem unbekannten Neuling, im Kampf ums Dasein in erster Linie 
als Erwerbsquelle gedient. Das Leben zeigte sich ihm nicht von der an- 
ziehenden Seite; die nüchterne medizinische Bildung, die er erhielt, 
schien dazu angetan, seine heitere Spottlust in Fesseln zu schlagen. 
Aber Tschechoff suchte schon in seiner Jugend, wie einstmals Gogol, der 
nach seinem eigenen Bekenntnis seine Begabung für die Komik gerade 
dann, wenn das Schicksal sich besonders trübe gestaltete, stark auszu- 
beuten pflegte, im Lachen, im Ersinnen amüsanter Situationen Vergessen 
und Ablenkung von allzu unerfreulichen Eindrücken. Der Humor blieb 
ihm auch über die Jug'end hinaus treu, war während seiner ganzen Wirk- 
samkeit sein Begleiter und erlahmte erst in den letzten Jahren völliger 
Kränklichkeit; er ist einer der Hauptzüge seines Talents. Von jeher zeigte 
Tschechoff Neigung für die Miniaturform der Novelle und hat eine große 
Menge solcher Skizzen nach der Natur hinterlassen. Lange fesselte ihn 
das Spiel mit Kontrasten: nach der Schilderung einer traurigen, tragischen 
oder schmachvollen Seite des Lebens griff er wieder zu seiner mutwilligen 
Manier und bereicherte seine „comt^die humaine" um neue Züge. Mit den 
Jahren aber büßte sein Humor an Feuer ein, und hinter der scheinbaren 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Die achtziger und neunziger Jahre. jji 

Ruhe, mit der der Satiriker heitere Episoden aus dem Leben schilderte, 
verbarg sich ironische Verachtung. 

Die trüben Erfahrungen der siebziger und achtziger Jahre lenkten Die allmählich 
TschechofF immer entschiedener von der ursprünglichen Richtung seiner Pessimismus bei 
Gedanken und Studien ab. Die Kritik, die in seinen humoristischen 
Skizzen die Anzeichen eines großen Talents zu entdecken glaubte, welches 
das Leben, wie es tatsächlich ist, ins Auge faßt, unterstützte die sich in 
Tschechoff vollziehende Wendung und wies ihm neue Wege. Tschechoff 
brach mit der ephemeren Arbeit für humoristische Blätter, ging im Jahre 
1888 zur künstlerischen Erzählung über, befreite sich von den beengenden 
Forderungen eines bestimmten literarischen Genres und folgte den großen 
Meistern des Wortes in der Darstellung des gesamten Inhalts des Volks- 
lebens. 

Saltykoff hatte nicht lange vorher dasselbe Leben, dieselbe Gesell- Die FüUe und 
Schaft geschildert, in der Darstellung Tschechoffs lag aber weniger kampfes- ueit der Lebens- 
mutige Gereiztheit und Anklage. In unendlicher Reihe entrollte sich die den Werken 
Geschichte der sozialen Schäden. Mit der Wißbegier und Konzentration 
eines Naturforschers oder Arztes, der seine Diagnose zu stellen hat, 
studierte und reproduzierte er ihre Symptome. Für ihn gab es keine ver- 
pönten Gebiete, nichts, was ihn aufhalten konnte; die Gesellschaftsschichten 
aller Gegenden Rußlands, die ganze Mannigfaltigkeit der Differenzen eines 
großen Landes machte er zum Gegenstand seiner Studien. Aus dem Süden 
gebürtig, war er durch seinen Entwicklungsgang mit den nordrussischen 
kulturellen Verhältnissen verwachsen, stand seiner Herkunft nach dem 
Volke nahe und nahm dennoch an allem teil, was auf den Höhen der 
Kultur gedacht und geschaffen wurde, war Zeuge des üppigen, faden 
Lebens der privilegierten .Stände und andererseits ein freiwilliger Besucher 
Sachalins, das er bereiste, um dem gleichgültigen Publikum über die bar- 
barische Organisation des Lebens der Verbannten die Augen zu öffnen — 
ein Unternehmen, das seine Gesundheit untergrub — , und dies alles trug 
er in sein Schaffen hinein, das sich nicht bestechen ließ und keine Nach- 
sicht kannte. Wie ein Spiegel reflektierte er das Bild welker, willenloser, 
niedergeschlagener Leute, die Herrschaft des satten Egoismus, die Un- 
wissenheit und Rechtlosigkeit des Volkes. Nirgends winkte Erlösung. Das 
Sinken der Energie, die seelische Verstocktheit und Erstarrung, in der die 
Gesellschaft lebte, nahm bei einzelnen Naturen einen krankhaften Cha- 
rakter an. Leute, die in Freiheit lebten, befanden sich in einem ähn- 
lichen Zustande wie solche Kranke, die man in Irrenanstalten unter- 
zubringen pflegt. Tschechoff, dem das medizinische Interesse nahelag, 
ging, nachdem er die pathologischen Erscheinungen der Gesellschaft 
studiert hatte, zu psychiatrischen Studien über. Er schreckte vor der 
Wiedergabe der schlimmsten Krankheitssymptome nicht zurück und 
brachte ihnen mehr wissenschaftliches Verständnis entgegen als seine 
Vorgänger Gogol, Dostojewsky und Garschin, so daß die russische psy- 

9* 



132 



Alexis Wesselotsky: Die russische Literatur. 



chopathologische Erzählungskunst, die bereits hervorrag'ende Leistungen 
zutage gefördert hatte, mit dem Erscheinen von TschechofFs Erzählungen 
.Zelle Nr. 6" und „Der schwarze Mönch" einen starken Fortschritt ver- 
zeichnen konnte. 
Die Themata Was ist das aber für eine Gesellschaft, deren Helden Neurastheniker 

uad TypeD in 

den Erzähiuugeu sind, Und deren Stimmung durch Langeweile und Niedergeschlagenheit 

Tscbechoffs. 

charakterisiert ist! Der melancholische Vertreter der Intelligenz, der zu 
jeglicher Tätigkeit unfähig ist, pflegt sich, wie der Held der Erzählung 
„Das Duell" tut, mit dem Bewußtsein zu trösten, daß er ein außergewöhn- 
licher, unverstandener Mensch, der direkte Nachkomme jener Leute sei, 
die ehemals als problematische Naturen bezeichnet wurden. Derjenige aber, 
der sich physische Kraft und Initiative bewahrt hat, blickt verächtlich auf 
jenen herab, wie dies Von Koren, die zweite Hauptperson derselben vor- 
züglichen Erzählung, tut, der sogar ein Duell nur deswegen provoziert, um 
dem verachteten Simulanten und Komödianten eine Lehre zu erteilen und 
sich am eigenen Siege zu ergötzen. Ob die Rettung nur bei solchen 
Kraftnaturen liegt, die selbstbewußt und despotisch ins Leben greifen, ist 
eine offene Frage. Möglicherweise wird die Erlösung durch die Frau er- 
folgen, die sich jahrhundertelang in der Selbstaufopferung geübt hat und 
von einem heißen Tatendi-ang beseelt ist. Tschechoff stellte aber nicht 
wie Turgenieff und Ibsen den einseitig weiblichen Heldentypus in den 
Vordergrund. In vielen seiner besten Erzählungen aus dem Dorfleben 
oder aus dem Leben der Gesellschaft schildert er das ständige Leiden und 
die Erniedrigung des Weibes und seinen Hang zur Lüge und Liederlichkeit, 
der sich durch Auflehnung gegen sein Geschick entwickelt hat. Unerfahrene, 
eigenwillige Persönlichkeiten, die sich mühselig zur Freiheit und Selbstän- 
digkeit durchringen, zeichnet er selten. Eine solche Persönlichkeit ist die 
Heldin der Erzählung „Die Frau", die zur Unabhängigkeit erwacht und nach 
einer nützlichen Tätigkeit verlangt. Inmitten der Not des Hungerjahres ver- 
mag sie das formelle Verhalten ihres bureaukratisch gesinnten Mannes der 
Volksnot gegenüber nicht zu billigen. Zwischen ihr vmd den Dorfleuten 
entwickeln sich Beziehungen der Solidarität; der Aufruhr in ihr wächst, 
der Kampf gegen die despotischen Ansprüche ihres Mannes führt fast 
zum Bruch, doch die Aufrichtigkeit ihrer Selbstverleugnung erweckt 
schließlich in ihrem Manne und strengen Verurteiler ein verwandtes Gefühl, 
und fast widerwillig schließt er sich ihren philanthropischen Bestrebungen 
an, denen sie, um des Leidens und der Gerechtigkeit willen, alles zu 
opfern bereit ist. In der Schar der welken, vom Leben gebrochenen oder 
unpersönlichen Frauenseelen könnte diese kleine Siegerin einen erfreulichen 
Eindruck machen. Aber die Hoffnungen, die sie erweckt, sind schwach 
und nichtig, denn die überwiegende Mehrzahl der Frauen ist zu einem 
freudlosen Dasein verdammt. Um sie her feiern der Egoismus und die 
Sinnlichkeit Orgien. Wer sich aller Greuel solcher Zustände bewußt wird, 
läuft Gefahr, den Verstand zu verlieren und Selbstmord zu verüben. So 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Die .-ichtziger und neunziger Jahre. ij^ 

erleidet der Student Wassilieff, der von Kameraden in ein verrufenes 
Haus gelockt wird, einen Nervenanfall, als er die unmenschliche Zügel- 
losigkeit vermeintlich anständiger Leute gewahrt, welche die Seele, die 
Würde und die Gesundheit armer, hungerleidender Frauen mit Füßen 
treten. Ein derartiger Zeitvertreib dünkt ihm ein organisiertes Morden; in 
einer Gesellschaft zu leben, die solches duldet, ist ihm ein unerträglicher 
Gedanke, und nur mit Mühe gelingt es, ihn einem gewaltsamen Tode zu 
entreißen. 

Bei der erschütternden Schilderung dieses hilflosen Protestes macht Eigentümiich- 
der Verfasser eine Bemerkung, die sich zweifellos auf ihn selbst bezieht. Be'^Vbua'g'^ 
Sein Wassilieff hat, wie es heißt, schriftstellerisches Talent, doch finden sein'^ ,!mensch- 
seine Freunde, daß die Begabung dieses Anfängers sehr eigentümlich ge- 
artet ist. „Es gibt Leute mit literarischer, szenischer, künstlerischer Ver- 
anlagung, sein spezifisches Talent aber ist die sympathische Einfühlung. 
Er hat ein feines Verständnis für den Schmerz. Wie ein guter Schau- 
spieler Stimme und Bewegungen anderer wiederzugeben vermag, so ver- 
.steht Wassilieff fremdes Leiden in seiner Seele neu erstehen zu lassen; 
wenn er Tränen sieht, weint er; in der Nähe eines Kranken wird er 
selbst krank und stöhnt; wenn er irgendwo Vergewaltigung sieht, so 
glaubt er, sie an sich selbst zu erleben." Ebenso ist TschechofF, wenn 
er in seinen Erzählungen eine unübersehbare Reihe verwerflicher Er- 
scheinungen vorführt, nicht bloßer Berichterstatter, aber auch kein erbitterter 
Ankläger oder Moralist, der gelegentlich gute Lehren vorträgt. Der Reiz 
seiner Kunst liegt eben darin, daß er sympathisch mitempfindet, daß 
die Schmerzen, Tränen, Leiden und Gewalttätigkeiten, die er schildert, 
scheinbar von ihm selbst erlebt sind und in dem Leser die gleiche Illu- 
sion erwecken. 

Es gehörte viel Mut und gleichzeitig aufrichtiges Mitgefühl dazu, um, Tschechoä uad 

T.T^,,PP. . -r-.. ,, T--V-T-» 1 • 1 • Tolstoi als Schil- 

wie dies ischechon m semer Erzählung „Die Bauern" tat, das niedrige derer jes Volkes 
Niveau der Sittlichkeit und der geistigen Entwickelung im Dorfe, das leicht und „Die M.icht 
zur Idealisierung Anlaß gibt, zur Darstellung zu bringen. „Die Bauern" 
stellen mit den freimütigen Enthüllungen Usspenskys und mit Tolstois 
düsterer „Macht der Finsternis" eine bedeutsame Gruppe in der literarischen 
Erforschung des Lebens der Landbevölkerung dar. Durch die von Tolstoi 
geschilderte Finsternis bricht aber ein heller Strahl, wenn einer der Bauern 
die Moral der Brüderlichkeit des großen Schriftstellers in schlichter Form 
verkündet; Tschechoff kennt dergleichen nicht. Die nackte Lebenswahrheit 
soll nach ihm durch sich selbst auf ihr Gegenbild, das Licht, den Fortschritt 
und die Menschlichkeit verweisen, sie scheint ihm nicht philosophische 
Belehrung, sondern praktische Fürsorge für das Dorf zu fordern. Seine 
Sympathien sind zweifellos demokratisch gefärbt; er wäre ja auch den 
Traditionen der gesamten modernen Literatur untreu geworden, wenn er 
sich auf die Seite des kulturellen Hochmuts der Herrschenden geschlagen 
hätte. Zu den Niedrigen und in bescheidenen Verhältnissen Lebenden 



134 



Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur, 



fühlt er sich hingezogen. Unter ihnen hofft er noch einige wenige Men- 
schen zu finden, auf welche sich das allgemeine Verdammungsurteil nicht 
erstrecken darf. Aber auch, solange der Mensch noch nicht erwachsen 
ist, solange die Gemeinheit von ihm noch nicht Besitz ergriffen und die 
sinnlichen Triebe nicht erwacht sind, lohnt es sich, sein Seelenleben mit 
Die Psychologie Aufmerksamkeit und Teilnahme zu ergründen. Daher sind die Kinder für 
Tschechoff. Tschechoff freundliche Oasen in der Wüste. Mit Liebe versenkt er sich in 
Tierlebens, ihr naives Selbstbewußtsein und schildert gern ihre Eindrücke bei der Be- 
rührung mit den sie umgebenden Menschen und Dingen. Die stark auto- 
biographisch gefärbte Erzählung „Die Steppe" ist durch ilire Schilderung des 
Erwachens einer Kinderseele inmitten der freien Steppe, auf welcher der 
Knabe seine erste Reise unternimmt, der „Kindheit" Tolstois ebenbürtig. 
Die Urwüchsigkeit der kindlichen Eindrücke regt leicht dazu an, den 
Versuch zu wagen, das Seelenleben der Tiere, die ebenfalls zu den Lieb- 
lingen Tschechoffs gehören, zu enträtseln. Die Geschichte der kleinen 
„Kaschtanka" und ihrer Dressurgenossen, einer Gans, eines Schweines und 
eines Katers, die Zeichnung ihrer Charaktere, die Heiterkeit und Beweg- 
lichkeit des Hündchens, die Nachdenklichkeit und Kränklichkeit der alten, 
schwindsüchtigen Gan.s, deren plötzlich eintretender Todeskampf und Tod 
meisterhaft geschildert sind, gehört zu den besten künstlerischen Leistungen 
auf dem Gebiete der Tierpsychologie. 
Tschechoff als In Seiner letzten Periode versuchte sich Tschechoff als Dramaturg. 

Die junge Generation, die sich erst jetzt an das Studium Tschechoffs 
macht, sieht in seinen szenischen Werken, die vom Moskauer „Künst- 
lerischen Theater" meisterhaft dargestellt werden, die Krone dessen, was 
er geschrieben hat. Der plötzliche Durchbruch einer entschiedenen drama- 
tischen Begabung, ein starkes Hervortreten des szenischen Elements ist 
aber bei Tschechoff nicht zu verzeichnen. Wenn man an seine Stücke 
den üblichen Maßstab anlegt, offenbart sich mancher Fehlgriff. Ibsen hat 
auf der Höhe seines Schaffens mehr künstlerisches Geschick im Aufbau 
des Ganzen bewiesen und in der packenden Kraft des Konfliktes leiden- 
schaftlichere Töne angeschlagen. An die Bühnenwerke Tschechoffs muß 
man mit ganz anderen Erwartungen herantreten; ihre Eigenart weist ihnen 
einen besonderen Platz an. Seine Dramen kennen keine starken Persön- 
lichkeiten, die mit der gesellschaftlichen Ordnung oder mit dem Schicksal 
im Kampfe liegen, keine Kollision von Pflicht und Gefühl; auch treten 
sie nicht in den Dienst einer Tendenz. In ihnen leben dieselben traurigen, 
willenlosen oder farblosen Persönlichkeiten, die seine Erzählungen be- 
völkern. Ihre Anziehungskraft beruht nicht auf der Tragödie einer mäch- 
tigen Individualität, sondern auf der Mutlosigkeit und den Seufzern eines 
verfehlten Loben.s. Das, was die Novelle mit Hilfe von Beschreibungen 
und einem meisterhaften Dialog nicht wiederzugeben vermag, wurde greif- 
bar und plastisch in der szenischen Illusion; des Zuschauers bcmächtig't 
sich tiefe Melancholie. Vor seinen Augen ziehen Leute vorüber, die vom 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. II. Die achtziger und neunziger Jahre. xjj 

Leben aufgerieben und mürbe gemacht worden sind. Die Handlimg spielt 
sich meistens auf dem Lande ab, wo ehemals geistig rege Menschen durch 
die Mühsal des Alltags in der Einsamkeit zu denken und zu kämpfen ver- 
lernt haben. Wenn sie sich dem Trunk ergeben, so bedeutet dies einen 
kleinmütigen Protest gegen den Mißerfolg ihres Lebens. Doch auch die 
Persönlichkeiten, die zufallig ins Dorf verschlagen werden, sind nicht 
besser — da handelt es sich einmal um einen unbedeutenden Gelehrten, 
der ein Vierteljahrhundert lang die Gedanken anderer auf dem Katheder 
breitgetreten hat und durch Scheinerfolge verwöhnt worden ist (in „Onkel 
Wanja"), oder um einen „bekannten Schriftsteller", der ohne Glauben an 
seine Sache seine vielgelesenen Werke mechanisch neu bearbeitet, oder 
um einen jungen dekadenten Dichter, der seiner Sucht nach Originalität 
nicht Einhalt zu gebieten vennag (in der „Möwe"). Die „naufrages de la 
vie" treten in Tschechoffs Dramen in Scharen auf. Der Umschwung, den 
die Befreiung der Bauern für den Herrenstand bedeutet, die Notwendig- 
keit, sich mit dieser Tatsache abzufinden, und die Unfähigkeit, sich mit ihr 
auszusöhnen, sind für den Dichter ein dankbares Motiv, und in der Tat 
handelt das letzte Drama Tschechoffs „Der Kirschgarten" vom Nieder- 
gang und Verfall eines alten Geschlechts , das nicht imstande ist, die neue 
Zeit zu verstehen. Sogar die Träume und Hoffnungen, die selbst bei die- 
sem Menschengeschlechte nicht verstummen wollen, tragen den Stempel 
des Krankhaften. In den „Drei Schwestern" träumt der Oberst Werschinin, 
der selbst im Leben Schiffbruch gelitten hat und von der allgemeinen 
Not niedergedrückt worden ist, von den glücklichen Zuständen, die in 
zwei- oder dreihundert Jahren realisiert sein werden. In „Onkel Wanja'* 
vertiefen sich der Held des Stückes und seine traurige Gefährtin, ein 
alterndes Mädchen, nach der Abfahrt der Petersburger Gä.ste, die einen 
Lichtstrahl in ihrem Leben bedeutet hatten, wiederum in ihre eintönige, 
stumpfsinnige wirtschaftliche Tätigkeit und hängen dem Gedanken nach, 
daß die Erlösung einmal kommen, daß das Erbarmen alles irdische Leid, 
alles Übel überfluten und daß das Leben dann zart und süß wie eine Lieb- 
kosung sein wird. Die Hingabe an eine Hoffnung, einen trügerischen 
Wahn ist aber das Los nicht vieler dramatischer Gestalten Tschechoffs. 
Andere werden von dem Gedanken beherrscht, „daß man leben und sein 
Kreuz auf sich nehmen müsse". Eine der „Drei Schwestern" wird Volk.s- 
schuUehrerin, will „ihr ganzes Leben denen weihen, die ihrer vielleicht 
bedürfen und arbeiten, arbeiten!" Die jüngere Schwester, die selbst „noch 
leben möchte", kann nicht umhin, die Frage aufzuwerfen: „Warum leben, 
warum leiden wir? Wenn man das wüßte!" Dieses ungelöste Rätsel 
quält manche der schwachen, willenlosen Persönlichkeiten; oft endigen die 
Dramen mit einem Selbstmord. 

Sowohl die Dramen Tschechoffs als auch die lebenswahre, traurige T3chl?choff?°in* 
Chronik seiner Zeit, die er in seinen Novellen niederlegte, sind mit jenen "'iefchen'^de'^'' 
schweren Tagen, die Rußland damals durchlebte, unlösbar verknüpft. Im ^"'"'J-eban!"''^'^' 



j ,(j Alexis Wessfxovsky : Die russische Literatur. 

■ Starken Aufschwung der befreienden Bewegung, deren Augenzeuge zu 
sein ihm nicht vergönnt war, verblaßten seine Bilder. Auch in dem 
Lande, von dem er einst so viel Trauriges berichten mußte, erwachte 
das Leben; nicht Willensschwäche und Neurasthenie ist nunmehr das 
Zeichen der Zeit, sondern Kampf der Kräfte und Leidenschaften. Das 
wahrhaft Künstlerische, das niemals stirbt, wird auch in den Schöpfungen 
Tschechoffs unvergänglich bleiben, die Negation und der niederdrückende 
Pessimismus, die aus ihnen sprechen, werden aber in besseren Zeiten 
traurige Erinnerungen an ehemalige Leiden und Nöte sein. 

Die neunziger III. Neues Jahrhundert. Der tief wurzelnde Pessimisinus hatte 

E^che des Auf- offenbar den Blick des kranken Schriftstellers getrübt; weder bemerkte 
"vX°kraf" er die Anzeichen der nahenden Wiedergeburt, noch glaubte er, der die 
Überzeugung hatte, daß die Fäulnis und Ungerechtigkeit der Gesellschafts- 
ordnung unabänderlich seien, an die Realisierbarkeit idealer Träume. In 
seinen Dramen schlug er immer wieder dieselben Töne an; nur in den 
allerletzten Erzählungen scheint etwas Licht durchzubrechen: der Typus 
des hingebenden, sich selbstverleugnenden Weibes taucht gleichsam als 
Vorbote eines besseren Menschenschlages auf. Das Leben aber schritt 
weiter. Die neue Ära, die versucht hatte, sich auf die Traditionen 
des vorangehenden Regimes zu stützen, stieß bald auf Tatsachen, welche 
die völlige Unhaltbarkeit jener Prinzipien und das Anwachsen der 
sozialen Kräfte dartaten, welch letztere zur Zeit der Reaktion nicht ge- 
rostet, sondern im Gegenteil sich konzentriert und vermehrt hatten. Es 
war, als wenn elektrische Ströme die Gesellschaft durchzuckten und 
hier und da helle Funken schlugen. Diejenigen Volksschichten, welche 
von der Bildung, von der Teilnahme an der allgemeinen Kultur fern- 
gehalten worden waren, leisteten jetzt Gegenwehr. Nach der Stag- 
nation der achtziger Jahre wies das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahr- 
hunderts einen Zufluß von Lebensenergie auf. Die Literatur spiegelte die 
soziale Strömung wieder. Mehr denn je war sie demokratisch. Der 
DcrWiderschein morsche soziale Bau, von dem Tolstoi in seinem Roman „Auferstehung" 
Schwungs in" der ein entsctzUches Bild entworfen, in welchem er den oberen Schichten 
^Auferstehung'' der Gescllschaft, der Regierung, dem Adel, dem Gericht, der Kirche, 
'°'Auftre't'e„/"'die christHchen Gebote der Liebe und Menschlichkeit entgegengehalten 
Maxim Gork.s. j^^^^^^ ^^-^ ^.^ Kräfte Überall emporstreben, um sich an der Umgestal- 
tung des Lebens zu beteiligen. In diesem Roman, der die Propaganda 
Tolstois unvermittelt unterbrach, heben sich zwei Hauptfiguren vom 
dunklen Hintergrunde ab: der von den Lastern der Gesellschaft beinahe 
vergiftete Ncchljudoff und ein von ihm einst verführtes Landmädchen, das 
der Prostitution zugeführt und dann in eine Kriminalangelegenheit ver- 
wickelt wird. Die Moral des Romans läuft wieder darauf hinaus, daß 
den Lockungen der Welt, den sozialen Vorrechten und dem Reichtum 
entsagt werden muß. Der Aristokrat Ncchljudoff nähert sich brüdor- 



C. Die zweite Hälfte des IQ. Jahrhunderts. III. Neues Jahrhundert. i ^y 

lieh der verbannten Plebejerin und folgt ihr freiwillig nach Sibirien, um 
sie nie wieder zu verlassen. Jedoch nicht nur auf dem Boden der Sitt- 
lichkeit, der seelischen „Auferstehung", die alle gesellschaftlichen Unter- 
schiede aufhebt, kündete sich die demokratische Tendenz der Literatur 
an. Mehr denn je ergriffen Angehörige derjenigen Schichten der Gesell- 
schaft, deren Stunde gekommen war, das Wort. Es handelte sich nicht 
mehr um Vertreter des Bauernstandes, die sich einige Bildungsbrocken 
zu eigen gemacht hatten und nun die Nöte und Wünsche ihres Standes 
zum Ausdruck brachten; sondern auch dem Proletariat entstammende 
Schriftsteller erhoben selbstbewußt und vernehmlich ihre Stimmen. Im 
Laufe der letzten Dezennien hatte das Proletariat nicht nur durch das 
Wachsen der Industrie, sondern auch durch die Schar der aus der Ge- 
sellschaft ausgestoßenen, schiffbrüchigen, heimatlosen und verarmten Leute, 
die den Nacken v'or der privilegierten Sattheit nicht beugen wollten, 
eine Zunahme erfahren. 

Als Alexis Peschkoff unter dem Pseudonym Maxim Gorki anfänglich Das Proletariat 

■^ . . '^^ und die Lebens- 

in bescheidenen Provinzblättem, dann in der einflußreichen Presse die art der „BarfuB- 

' ler" in der Dar- 

ersten Schilderungen des Proletariats zu entwerfen begann, war sein Stellung Goricis. 

Seine Beziehun- 

Erfolg in gleichem Maße durch sein Talent als auch durch die Eigen- gen zur äueren 

^ . ° '^ Literatur und 

tümlichkeiten der sozialen Schicht, der er entstammte, und die er seine selbstän- 
dige Beisteuer. 

meisterhaft darzustellen verstand, verbürgt. Bereits die Realisten der 
sechziger Jahre hatten die „Hefe" darzustellen begonnen; Dostojewsky, Koro- 
lenko, in jüngster Zeit Melschin (der Dichter Jakubowitsch) hatten mit 
ihren Schilderungen der Gefängnisse und zahlreicher Typen der Parias 
der Gesellschaft einen wichtigen Beitrag zu ihrer Psychologie geliefert 
und die Rolle, die sie im sozialen Organismus spielen, gekennzeichnet! 
die westeuropäische Literatur hatte hier schon in den vierziger Jahren 
Bresche geschlagen. Daß aber aus der Mitte dieser Geächteten ein Mann 
hervorging, der nicht nur reich an bitteren Erfahrungen -war, sondern 
auch über Talent verfügte und kühne Gedanken über eine neue, bessere 
Gesellschaftsordnung zu äußern wagte, war noch nicht dagewesen. Gorki, 
der die Schwere des Kampfes ums Dasein ausgekostet, sich in ge- 
ringen Gewerben versucht und das Schicksal der „Arbeitslosen" geteilt 
hatte, führte die Leser mitten in diese Welt hinein und wußte sie, 
trotzdem der Boden durch die realistische Schule bereitet worden war, 
zu erschüttern. Vor ihren Augen zog eine lange Reihe von Persönlich- 
keiten vorüber: die Hefe der großen Städte und der südlichen Hafen- 
plätze, die Bewohner von Verbrecherhöhlen und Nachtasylen, Herum- 
treiber, die, jeder Menschenwürde bar, sich in Lumpen hüllen. Doch in 
den verrohten, halb trunkenen „Barfüßlern" spielen sich starke seelische 
Erregungen ab, Unwille über die herrschende Ungleichheit und Ungerech- 
tigkeit und Sehnsucht nach einem besseren Leben. Trotz aller Ver- 
kommenheit liegt in ihnen etwas Lichtes und Hoffnungsvolles. Zu diesen 
Leuten muß man herabsteigen, wenn man von der Zivilisation ausruhen 



i;8 Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 

will. Es handelte sich bei Gorki nicht um eine Variation über das Thema 
der „Chanson des gueux", die, inmitten der kapitalistischen Gesellschafts- 
ordnung, laut verkündet, daß „les gueux sont des gens heureux", sondern 
um die Wiedergabe von Licht und Schatten in der Welt der Armut 
und der Rechtlosigkeit. Es war bedeutungsvoll, daß der Aufruf zum 
Ausgleich der sozialen Ungerechtigkeit gerade aus den Reihen jener 
Leute ertönte. 

Ein Zyklus von Erzählungen, deren Motive sämtlich demselben Milieu 
entnommen waren, bereicherte den Bestand des russischen Realismus 
nicht nur um lebhafte Charakterisierungen, sondern auch um eine lebendige 
Sprache. Das ganze Personal des Barfüßlertums war auf dem Plan. Schon 
drohte die Gefahr der Einseitigkeit. Auch machte sich mit der Zeit die 
Neigung zur Idealisierung dieser Volksschicht bemerkbar, die ja ebenso 
nahe lag, wie ehemals die Idealisierung des Bauerntums. Der Glaube, 
daß alle Tugenden und gesunden Kräfte der Gesellschaft lediglich unter 
den Schiffbrüchigen heimisch seien und daß alle Hoffnungen ausschließ- 
lich auf ihnen ruhen, wäre ebenso unbegründet, wie die vor hundert 
Jahren von der Räuberromantik aufgestellte Behauptung, daß die Bildung 
von Räuberbanden eine hervorragende Form des Protestes gegen die 
gesellschaftliche Ordnung sei. Andere Seiten des Proletariats, insbesondere 
die Arbeiterbewegung-, hat Gorki anfangs nicht behandelt. Sein humanes 
und gerechtes Eintreten für die Parias war nicht nur mit einer leiden- 
schaftlichen Feindseligkeit gegen eine Lebensordnung, die sie aus der 
Gesellschaft verstoßen hatte, gepaart, sondern auch mit einer starken Ab- 
neigung gegen die Kultur überhaupt und gegen diejenige hervorragende 
Gruppe ihrer mannigfachen Vertreter, die in der russischen Termino- 
Gorkis Ver- logie Seit den siebziger Jahren als „Intelligenz" bezeichnet wird. In der 
„Intelligenz". Hitze dcs Protestes und der Herausforderung entfuhren ihm manche Aus- 
sprüche, die er später, als er in der Selbsterziehung weiter vorgeschritten 
war, in den Neuauflagen seiner Erzählungen abschwächte oder strich. 
Der Eindruck, den das unvermittelte Auftreten eines solchen Verteidigers 
der Enterbten, der mächtigen Gegnern den Fehdehandschuh zuwarf, her- 
Die große Popn- vorrief. War, trotz aller Unklarheiten, ein gewaltiger und übertrug sich 

larität Gorkis. ' ' ' o o es 

von Rußland aus auf das übrige Europa und die Neue Welt Zahlreiche 
Übersetzungen vermittelten die Bekanntschaft mit den Werken desjenigen, 
der augenscheinlich berufen war, der Neuorganisation des Lebens als 
Apostel zu dienen. In der russischen Literatur erstand eine Gruppe 
junger Schriftsteller, die sich eng an Gorki anschlössen, seine Unzufrieden- 
heit, seinen Radikalismus teilten, das Ungezwungene seiner Kunst an- 
nahmen, jedoch nicht über sein bedeutendes Talent verfügten und infolge- 
dessen ihn nur mit mehr oder weniger Geschick nachzuahmen vermochten. 
In den neunziger Jahren standen zwei literarische Schulen in seltsamem 
Kontrast einander gegenüber: einerseits die extremen Realisten, Bilder- 
stürmer lind Demokraten und andererseits die Vertreter des künstlich 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jalirhunderts. III. Neues Jalirhundert. j ^g 

aus Frankreich verpflanzten „Symbolismus", die sich in demonstrativer Zwei 

TTT- T-vii 1-1 1 ^j • • «1 nebeneinander 

Weise „Dekadenten" nannten und sich vor der Zeitstimmung- in das bestehende 
Gebiet der romantischen Mystik hinüberflüchteten. In ihrer virtuosen- radikai-iemo- 
haften Handhabung des Verses, einer geheimnisvollen Verworrenheit die symbou- 
der Form und einer übernatürlichen Kombination der Farben und Töne 
waren sie ebenso gekünstelt und aristokratisch, als die Schule Gorkis 
das Erzeugnis und das letzte Wort des demokratischen Realismus 
war. Einige Dichter der älteren Generation, die zum Teil, wie z. B. 
N. Minsky und Mereschkoffsky, der Schöpfer mehrerer historisch - philo- 
sophischer Romane, sehr talentvoll waren, gingen zu den Dekadenten 
über. Diese hatten in ihren Reihen geschickte Übersetzer (K. Balmont) 
und nicht unbegabte Lyriker (Valery Briussoff), doch war Vereinsamung 
ihr Los. Als das ganze Land von der Freiheitsbewegung ergriifen wurde, 
warfen mehrere von ihnen ihre Lyra beiseite, stiegen von ihrem Sockel 
herab und schlössen sich dem kampfesmutigen Radikalismus an. Nunmehr 
schufen auch sie eine politische Lyrik, die den Schöpfungen ihrer ge- 
wohnheitsmäßigen Vertreter in bezug auf die Kühnheit des Tones um 
nichts nachstand. 

Die Entwicklung der entgegengesetzten Richtung und ihres wichtigsten 
Vertreters nahm einen folgerichtigeren Verlauf. Gorki ließ eine Zeitlang 
die Form der Novelle beiseite und schrieb umfangreiche Romane; auch Gorkis Romane, 
beschränkte er sich nicht mehr auf die Darstellung der Welt des Proletariats, 
sondern zog die Gesamtheit des Lebens in den Kreis seiner Betrachtung. 
In den ersten Romanen „Foma GordejefF" und „Die Drei" offenbarte sich 
wiederum die Eigenart seines Talents und seiner geistigen Entwicklung. 
Dort, wo er Beobachtetes und Erlebtes schilderte, wo es sich um aus 
dem Leben gegriffene Menschen, Szenen und Sitten handelte, besonders 
aber wo persönliche Erinnerungen, autobiographische Momente in Frage 
kamen, trat eine hohe Meisterschaft zutage, die den Traditionen der besten 
Belletristik früherer Zeiten folgte. Ein beträchtlicher Teil des Romans 
„Foma Gordejeff", der in der Wolgagegend spielt, ist in dieser Weise 
kraftvoll und lebendig geschrieben. In der Schilderung des Lebensschick- 
sals der „Drei", das sich inmitten des Verbrechertums, der Ausschweifung 
und aller Leiden des Gewerbestandes, des Kleinbürgertums und der städti- 
schen Armut abspielt, schreckt Gorki ebensowenig vor dem Entsetzlichen 
zurück, wie dies vor ihm Dostojewsky getan hatte. Jedoch die Feder, die 
diese lebenswahren Bilder zu zeichnen verstand, war ungeschickt, wo es, 
wie in „Gordejeff", darauf ankam, sogenannte zivilisierte Menschen zu 
schildern. Jene zornige Erregung, mit der Gordejeff einer Versammlung 
namhafter Kaufleute, aus deren Mitte er hervorgegangen ist, die nackte, 
fürchterliche Wahrheit ins Gesicht schleudert, ist vom sozialen Stand- 
punkt aus vollkommen begreiflich und sehr eindrucksvoll, aber man fühlt, 
daß hinter dieser Herausforderung keine greifbare Überzeugung steht, 
daß der Mann, dem sie in den Mund gelegt wird, die Wahrheit ergründen 



140 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



will, ihr nahe ist und sie dennoch nicht klar zu formulieren vermag-. Die- 
selbe kampfesmutige Lyrik durchdrang auch Gorkis kurze, packende Er- 
güsse, die, oft in das lichte Gewand einer Allegorie gehüllt, sich wie Ge- 
dichte in Prosa lasen. Ihre Deutung war nicht schwer, ihr Zielpunkt lag 
zutage, und wer diese Improvisationen, wie z. B. „Das Lied vom Falken" 
oder „Der Sturmvogel", las oder hörte, mußte sie um ihres Feuers und 
ihrer Kraft willen freudig begrüßen. Neben dem Pessimismus TschechofFs, 
der in den sozialen Verhältnissen wurzelte, erstand in derselben Gesell- 
schaft eine aktive, kampfesfrohe Kraft. 

Gleich TschechoflF verließ auch Gorki die vielversprechende Laufbahn 
, des Romanschriftstellers, um sich dem Drama zu widmen. Aus den ersten 
Versuchen war ein rasches Wachsen seines Verständnisses und Könnens 
ersichtlich. Dem Drama „Die Kleinbürger", das noch ein Motiv aus 
den sechziger Jahren — den niederdrückenden Einfluß des spießbürger- 
lichen Geistes auf die Entwicklung freiheitlicher Ideen — mit nicht ge- 
ringem Feuer behandelte und sowohl hinreißende Reden als auch eine 
Reihe lebendiger Porträts enthielt, jedoch szenische Unerfahrenheit dartat, 
folgte sofort Gorkis bestes Stück, dessen Titel in der jetzt populären 
deutschen Übersetzung insofern entstellt worden ist, als er nur den Ort 
der Handlung — „Das Nachtasyl" — bezeichnet, während eigentlich die 
ganze Hefe der Gesellschaft im Drama gezeichnet werden soll. Wiederum 
tauchten in der Erinnerung Gorkis Personen und Geschehnisse aus dem 
Leben der Proletarier auf, und die Bühne bevölkerte sich mit Gestalten, 
die wegen ihres Realismus und ihrer psychologischen W^ahrheit unver- 
gänglich sein werden. Plötzlich war dem Verfasser auch die Bühnen- 
technik aufgegangen; das Wehklagen, die zornigen Reden, Proteste 
und Forderungen, die von der Bühne her erschallten, vereinigten sich 
zu einem mächtigen, drohenden Chorus. Das belehrende Element erwies 
sich auch hier als am wenigsten wertvoll. Der an sich vorzüglich 
charakterisierte Raisonneur des Stückes, Luka, der in seiner Person ein 
Gemisch von Herzlichkeit, Humanität, scharfsinniger Beobachtungsgabe 
und feinem Humor vereinigt, verfügt über eine Philosophie, die, da sie in 
den Anschauungen der Bewohner des Nachtasyls eine Umwälzung hervor- 
ruft, auch dem Zuschauer als befreiende Wahrheit imponieren müßte. 
Aber diese Philosophie trägt in die bereits bekannten moralphilosophischen 
Lehren der verschiedenen Sittenprediger der Tolstoischen Werke keine 
neuen Gesichtspunkte hinein, und die Behauptung Lukas, daß „Alle um 
des Besseren willen leben" oder die Reflexionen Satins, der sich Lukas 
Auffassungen angeeignet hat, daß „alles in dem Menschen und alles für 
den Menschen ist", sind zu allgemein gehalten und zu unbestimmt. Den- 
noch bedeutet dieses Stück, das überall, wohin es vom Ruhme Gorkis ge- 
tragen wurde, vermöge seiner sozialen und künstlerischen Bedeutung einen 
starken Eindruck hervorgerufen hat, bis zum heutigen Tage den Höhe- 
punkt in Gorkis Schaffen. Seitdem geht es mit seiner dramatischen Kunst 



C. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. III. Neues Jahrhundert. 141 

bersrab. In einigen Stücken gfriff er wieder auf sein früher behandeltes Die Evolution 
° '^ '^ Gorkis. Rück- 

Thema — die Nutzlosigkeit der „Intelligenz" zurück, doch beschränkte er nang seiner lite- 

_ rarischeu Tätig- 

sich auf die Rolle des Satirikers, und es gelang ihm nicht, die nötige keit. Diese wird 

" ^ .der Politik ge- 

szenische Belebung zu erzeugen. Die schroffe Verurteilung der Führerin opfert. 

des geistigen und sittlichen P'ortschrittes der Gesellschaft, der Intelligenz 
im wahren und besten Sinne des Worts, jener Kulturmacht, die kraft 
ihres erleuchtenden Einflusses auch die Wiedergeburt Gorkis selbst er- 
möglicht hatte, war ein unfruchtbares Unternehmen. Seine Anklagen 
richteten sich jetzt entweder gegen die große Klasse der Privilegierten, die 
europäische Tracht tragen, Handel treiben, dem Gewinn nachgehen, dem 
Kapitalismus und der Exploitation frönen, kurz gegen die Bourgeois, die 
sich ungerechtfertigterweise zur Intelligenz rechnen, oder gegen die Empor- 
kömmlinge aus dem Arbeiterstande, die im Dünkel ihres vermeintlichen 
Bildungsbesitzes ihre frühere Lebensart verleugnen, oder schließlich gegen 
die Gleichgültigkeit der Wissenschaft und ihrer Vertreter, der „Kinder der 
Sonne", die die Nöte und Leiden des Volkes und die geistige Finsternis, 
in der es lebt, ignorieren. Die dramatische Kraft des „Nachtasyls" kehrte 
aber nicht wieder; öfters kommen Mißgriffe vor: wenn Gorki z. B. in den 
„Kindern der Sonne" den Gegensatz zwischen der Wissenschaft und der 
Kunst einerseits und dem Leben andererseit schildert, so wählt er als 
Vertreter der ersteren nicht etwa Gelehrte und Künstler, sondern Dilet- 
tanten, die auch im besten Falle nichts für das Wohl des Volkes zu tun 
imstande sind. Jedoch auch mit der absoluten Idealisierung" der Masse ist 
es vorbei. In demselben Drama wird Gorki von einem gesunden Instinkt 
getrieben, den Konflikt des Wissens mit der Unwissenheit, dem Vorurteile, 
dem elementaren Herdengefühl, zur Darstellung zu bringen, indem er 
schildert, wie die durch den Ausbruch einer Epidemie hervorgerufene 
Panik die Masse gegen ihre Helfer, die Arzte, aufbringt. Auf dieser Bahn 
hätte der begabte Autor neue Möglichkeiten finden können, die Grund- 
gedanken seiner Kunst zu entwickeln. Aber das Leben nahm ihn in Be- 
schlag. Der politische Kampf, der sich immer mehr zuspitzte, wies ihm 
einen neuen Weg. Der Romanschriftsteller und Dramaturg wich dem 
politischen Satiriker und Propagandisten. Als solchen sehen wir ihn in 
seinem neuesten Roman „Die Mutter", in welchem die stark idealisierte 
Gestalt einer von der Freiheitsbewegung hingerissenen älteren Frau aus 
dem Volke im Mittelpunkte sozialer Kämpfe und Bestrebungen steht, und 
die von der Strömung ergriffenen Arbeiter häufig in schwungvoller, 
ihrem Bildungsgrad nicht entsprechender, literarischer Form den Ge- 
danken des Schriftstellers Ausdruck geben. Die Evolution Gorkis ist 
aber noch lange nicht abgeschlossen. Man hat Amerika „das Land der 
unbegrenzten Möglichkeiten" genannt. Dieses Epitheton paßt auch auf 
das Schaffen Gorkis. 

Der anfänglich enge Freundeskreis Gorkis, der mit ihm oder neben Der literarische 

. Kreis Gorkis. 

ihm literarisch tätig war, und in dessen Arbeiten an der Scheide zweier 



142 



Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 



Jahrhunderte sich das sozialpolitische Erwachen der Gesellschaft aus langer 
Lethargie spiegelte, erweiterte sich immer mehr. Das Vermächtnis der 
großen Vorgänger, die Idee eines sozialen Berufes der Literatur, machten 
sich in weitestem Umfange geltend. Die Begebnisse des aktuellen Lebens, 
die sich entweder neu entwickelten oder zur Reife gelangten, bildeten jetzt 
den fast ausschließlichen Hintergrund der literarischen Schöpfungen. Es 
entstand eine Gruppe talentvoller Belletristen, die sich die Lebensschick- 
sale der russischen Juden nicht nur deshalb zum Gegenstand ihrer Be- 
handlung wählten, weil viele von ihnen, wie Juschkewitsch und Aisman 
aus diesem Milieu stammten, sondern weil ihr Gewissen sie dazu trieb. 
So bringt z. B. das Drama Tschirikoffs „Die Juden" Tatsachen aus den 
Judenmetzeleien zur Darstellung. Die Arbeiterbewegung fand ihre eifrigen 
Interpreten. Die Schattenseiten des Militärlebens wurden mutig ans Licht 
gezogen; und die Erzählung „Der Zweikampf" von Kuprin, die diese 
Aufgabe in Angriff nimmt, gehört zu den besten Erzeugnissen der mo- 
dernen Literatur. Endlich war es Leonid Andrejeff, der sich in seinem 
Schaffen nicht auf enger umgrenzte Gebiete und Fragen beschränkte, 
sondern das ganze zeitgenössische Leben zu umfassen suchte tmd sein 
Talent in üppiger Weise zur Entfaltung brachte. 

Leonid Andrejeff. Es War nicht scin Los, in früher Jugend den Kampf ums Dasein 
und die langsame Selbstbildung, die dem Strebenden läng-st von der 
Kultur assimilierte Wahrheiten zu offenbaren pflegt, auf sich nehmen 
zu müssen. Ihm war es vergönnt, sowohl seine Geistesgaben und seine 
Empfänglichkeit für das Schöne als auch seine altruistischen und freiheit- 
lichen Neigungen normal zu entwickeln. Seine Tätigkeit als Rechts- 
anwalt brachte ihn mit den negativen Lebenserscheinungen in unmittel- 
bare Berührung. Er gab sich dem Studium der Menschen, ilirer Leiden- 
schaften, Kämpfe und Krankheiten hin und bewies einen Scharfblick, der 
eines Naturforschers oder Arztes, namentlich eines Psychiaters würdig ge- 
wesen wäre. Schon in seinen ersten Erzählungen, die dem Alltagsleben 
schlichter Leute entnommen sind, tritt außer einer erstaunlichen Beobach- 
tungsgabe das Tschechoffsche „menschliche Talent" und eine hervorragende 
stilistische und künstlerische Begabung, die in Bildern, aber auch in lebens- 

DicBei^chtunK voller Prosa zu reden weiß, zutage. Bald offenbarte sich bei Andrejeff die 

und Psychologie > ö .... V ■ , 

in seinen Eriäh- Neipfungf, sich in die kranke Seele zu versenken und die smnhchen Triebe, 

hingen. ö o> ' 

das Verbrecherische, Grausame und Anormale zum Gegenstande seiner 
Forschungen zu machen. Mit einer Willensstärke, die an diejenige Dosto- 
jew.skys gemahnte, aber bisweilen sie auch übertraf, scheute er nicht vor 
Bildern und Situationen zurück, die den Leser an die Grenze des Erträg- 
lichen führen; dies geschah aber nicht aus Freude an der Sensation, 

Die Periode der ^ tit« • i i ■ TA- 

Bevorzugung sondern lediglich im Interesse der wahren Wirklichkeit. Die geistige 

psychopatholo- . , . ., t'ti - j 

gisciier Umnachtung eines armen Dorfpriesters in ihren übergangen von der 
religiösen Skepsis zur Gotteslästerung und endlich zur Ekstase (im 
„Leben Wassili Fiweiskys") ist mit einer Meisterschaft geschildert, die 



C. Die iweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. III. Neues Jahrhundert. 14J 

Tschechoffs Leistungen in seinen psychiatrischen Erzählungen die Wage 
hält, doch ist die Analyse der Krankheitssymptome vielleicht allzusehr in 
den Vordergrund gerückt, so daß die äußerste Grenze für dieses literarisch- 
medizinische Genre als erreicht betrachtet werden muß. Allein die un- 
glückseligen Verhältnisse der jüngsten russischen Vergangenheit bewogen 
Andrejeff, noch weiter zu gehen. Das Gewissen des Volkes und die aufs 
höchste gesteigerte sittliche Entrüstung über den endlosen japanischen 
Krieg fanden einen würdigen Ausdruck in der Literatur. Während zahl- 
reiche Schriftsteller freiwillig auf den Kriegsschauplatz eilten, um als 
Augenzeugen die Greuel des Krieges zu beschreiben, und Leo Tolstoi in 
einem Pamphlet Sieger und Besiegte aufforderte, um des christlichen Ge- 
botes der Liebe willen den Kampf einzustellen, äußerte sich der Antimili- 
tarismus bei Andrejeff in einer seiner scharfsinnigsten Studien zur sozialen 
Pathologie, in dem „Roten Lachen". Dieser Krieg, in welchem, dank der ..d^is rote 
chronischen Niederlagen und endlosen Metzeleien, öfters als je zuvor Grenzmarke 

° •' zwischen der 

Geisteskrankheiten in der russischen Armee auftraten, dient hier als psychopathoio- 

gischen und 

Rahmen für die Geschichte mehrerer Fälle von Irrsinn. Da Andrejeff nicht sozialen Rich- 
tung Andrejeffs- 

wie Garschin alle Phasen des blutigen Kampfes miterlebte, so entwarf er 
auf Grund von Erzählungen und Korrespondenzen mit flammender Phan- 
tasie Bilder und Szenen aus diesem Kriege, der in ein Chaos der Ver- 
nichtung ausgeartet war, und zeigte, wie solche Erlebnisse zu einer Ein- 
buße des Verstandes führen können. Bei einem der unglücklichen Helden 
der Andrejeffschen Erzählung bewirkt der Anblick des in Strömen fließen- 
den Blutes das Auftreten einer fixen Idee. Wie dem von Garschin ge- 
schilderten Irrsinnigen alles Übel der Welt in der roten Blume sj'mboli- 
siert erscheint, so sieht jener Unglückliche bei allen Menschen das stumpf- 
sinnige „rote Lachen". Er sieht es auf den Gesichtern der verstümmelten 
Leichen, am Himmel, an der Sonne, ja schließlich meint er, es ergösse 
sich über die ganze Erde. Hiermit zahlte der begabte Schriftsteller zum 
letztenmal der Neigung, die Finsternis, die Psychose, das Furchtbare zur 
Darstelltmg zu bringen, seinen Tribut. Gleichzeitig trat er mit dieser Er- 
zählung in den Dienst der Allgemeinheit. In ihm selbst vollzog sich 
eine wichtige Wendung. 

Seit jener Zeit spiegeln sich in seinen Werken die Probleme und °''\\?^,fg'*" 
Sorgen des gegenwärtigen Lebens in Rußland. In seiner Erzählung „Die s'^e'^Erz^h 
Christin" zieht er mit dem Feuer eines Tolstoi den Formalismus und '^f^" "J"* 
die Verlogenheit der herrschenden Moral ans Licht; indem er schildert, 
wie ein gefallenes Weib die Eidesleistung vor Gericht verweigert, weil 
ihr das Entsetzliche ihrer Lage zum Bewußtsein kommt und sie sich 
nicht für würdig hält, Christin zu heißen, kennzeichnet er den Kon- 
trast zwischen diesem Herzensschrei und dem Geist einer falschen 
Kultur, die ihr kein Verständnis entgegen zu bringen vermag. Die Er- 
zählung „Der Gouverneur" ist dagegen dem Strudel der Revolution ent- 
nommen, steht, indem sie die an einem Vertreter der Gewalt vollzogene 



144 



Alexis Wksselovskv . Die russische Literatur. 



Heimzahlung für seine Repression zur Darstellung bringt, ganz auf dem 
Boden des politischen Kampfes und ist von den Leidenschaften des ge- 
gebenen Augenblicks durchglüht. Andrejeff tat noch einen weiteren 
Schritt, als er zu allgemeinen Fragen überging und sein Erstlingswerk 
„Zu den auf dem Gebiete des Dramas, „Zu den Sternen", veröffentlichte. Ohne die 
Zivilisation, das Wissen, die höhere Bildung und Intelligenz mit den end- 
losen Leiden und Nöten des Volkes in einen schroffen Gegensatz zu 
bringen, schildert Andrejeff den Ernst, die Weltabgeschiedenheit der reinen, 
hohen Wissenschaft und den unaufhaltsamen Kampf des Volkes um seine 
Freiheit, der von jener wenig verstanden und nicht unterstützt wird. In 
einem phantastischen Bergschloß, aber nicht in demjenigen Manfreds, in 
welchem sich die nicht erloschenen Leidenschaften eines starken Menschen 
verbargen, sondern in einem Observatorium, das nahe den Sternen gelegen 
ist, lebt eine Anzahl Streiter der Wissenschaft, die unter der Leitung eines 
großen Astronomen die Erscheinungen und Gesetze der himmlischen Welt 
zu erforschen trachten. In der Ferne aber, tief unten auf der sündigen 
Erde fließt Blut und lehnen sich Menschen voller Verzweiflung gegen die 
Unterdrückung auf. Die Nachrichten, die aus dem Krater der Revolution 
nach oben dringen, stören zunächst die vornehme Ruhe des Gelehrten, 
der wichtigen Entdeckungen auf der Spur ist, wirken dann aber nieder- 
schmetternd auf ihn, als er erfährt, daß Menschen, die ihm nahe stehen, 
dem Untergange geweiht sind. Persönliche und allgemein menschliche 
Gefühle müssen sich also notwendigerweise geltend machen, aber trotz 
alledem ist die Wissenschaft groß und heilig, ihre Entwicklung unendlich, 
das Leiden einzelner Menschen, ja ganzer Generationen, angesichts der Offen- 
barungen der Weltgesetze, nichtig, und es gibt keinen Tod, nur ewiges, 
unvergängliches Leben. Die himmlischen Leuchten erhellen die Welt, es 
strahlt die majestätische Natur, die Wankelmütigen und Zweifelnden aber, 
die es zu irdischen Götzen treibt, verwünschen ihre Stummheit, ihre Kälte 
und ihre Priester. . . . Eine Lösung des Problems gibt Andrejeff nicht, 
doch zeigt er es in seiner ganzen Bedeutung. Derjenige, welcher ein 
solches Problem aufzuwerfen und zu beleuchten versteht, der im Schau- 
spiel „Savva" oder „Ignis sanaf' einen fanatischen Anarchisten mit mäch- 
tigen Strichen zeichnet und in seinem allerneuesten, tief empfundenen, 
symbolischen Drama „Das Leben des Menschen" ein Bild der Tragik des 
Menschenschicksals in solcher Weise entrollt, beweist hervorragende Be- 
gabung. Sie tritt übrigens in allen seinen mannigfachen Studien und in 
seiner ganzen Entwicklung zutage. Leonid Andrejeff ist daher zweifellos 
eine der größten Hoffnungen der neuen russischen Literatur. 
Die i.eutiBe Die Literatur, die sich als Zeugin und Gefährtin der sozialen Be- 

üpllctristik, ^ . 

Nieiicrsang der wcgung vom Streite marxistischer, idealistischer und tolstoischer Ideen 

küusticrischen 

und vorwicücii umgcben sah, den Zusammenprall der konservativen, konstitutionellen und 

essen, sozialistischer Parteien erlebte, und schließlich in Gemeinschaft mit dem 

Volke zum Kampfe überging-, mußte notwendig die Folgen der allgemeinen 



schluu. 1^5 

Anspannung der Kräfte an sich selbst verspüren. Da diese Kräfte sich auf 
einem ganz anderen Gebiet entluden, hatte die Literatur scheinbar eine Ein- 
buße zu verzeichnen. Es hieß sogar, daß sie nicht in Betracht käme, wenn 
die wichtigsten Existenzfragen eines Volkes zur Entscheidung drängten. So 
wurde der Literatur ein neuer Weg gewiesen, und wie immer in derartigen 
historischen Momenten machte sie sich mit fieberhaftem Eifer ans Werk. 
Es entstand sowohl eine Belletristik als auch eine Poesie, die mit den 
Ereignissen des Tages eng verknüpft waren. Letztere sind voller Tragik, 
so daß sie, wenn ihnen eine geschickte literarische Form gegeben wird, 
schon von selbst starken Eindruck machen und die Frage nach dem Grade 
des künstlerischen Könnens des Verfassers in den Hintergrund drängen. 
Unter solchen Umständen konnte z. B. der jüngste der Belletristen, Arzy- 
bascheff, zum beliebten Schriftsteller werden. In seinen Erzählungen 
werden einzelne Momente aus der Geschichte der Attentate und der „Straf- 
expeditionen" dargestellt. Aber auch inmitten der allgemeinen Erregung 
und der Inanspruchnahme sämtlicher Interessen durch die Tragödie, die sich 
im realen Leben abspielt, schwindet im künstlerischen Schaffen nicht alle 
Tradition. Allerdings gibt es keine „reine", leidenschaftslose Kunst, für 
deren Harmonie im gegebenen Augenblick tatsächlich kein Raum ist, da- Die Möglichkeit 
für findet aber eine Verquickung von Kunst und Leben statt. Unter den quickung beider. 
jüngeren Schriftstellern bürgt schon der Name Andrejeff hierfür, aber auch lioroienko, 

' ^ , "" . Schemtschu- 

die ältere Schrittstellergeneration steht nicht nach: das Schaffen Koro- srimikow, 

^ Boborykin. 

lenkos gehört jetzt ebensosehr der sozialen Bewegung als der Kunst; die 
höchst originelle lyrische Satire des greisen Alexis Schemtschuschni- 
kow ist von L^nabhängigkeitssinn und Vaterlandsliebe durchdrungen; 
der vielseitige, philosophisch gebildete Boborykin, der fast ein halbes 
Jahrhundert lang die verschiedenen Phasen des russischen Lebens verfolgt 
und in seinen zahlreichen Romanen eine lebendige Chronik der mannig- 
faltigen Strömungen, Leiden und Errungenschaften niedergelegt hat, tritt 
jetzt als mitfühlender Beobachter und Beurteiler der historischen Ereig- 
nisse auf; er ist in seiner publizistischen Tätigkeit ein leidenschaftlicher 
Ankläger und z. B. in seinen neuesten novellistischen Skizzen „Die an 
der Heimat Krankenden" ein warmer Anwalt seines Vaterlandes. 

Schluß. Im Zustand höchster Erregung durchlebt die russische Literatur Allgemeine 
die Gegenwart. Da sie schon jahrhundertelang die Leiden, Bestrebungen Aufgaben der 
und Kämpfe des Volkes mit ihm geteilt hat, mußte sie auch die schwerste fang des 2o.jahr- 
Krisis seiner Geschichte mit ihm durchmachen. Von Anfang an waren blick auf ihre 

Zukunft. 

die besten Vertreter des Volksgedankens in ihren Forderungen und 
Äußerungen demokratisch gewesen. Die Literatur hatte stets, im Zeitalter 
Iwans des Schrecklichen, während der Reaktion unter Katharina, unter 
Nikolaus I. und später, Apostel der Kultur, der Bildung und Gerechtigkeit 
ins Treffen geschickt. Eine Beschützerin der Lebenswahrheit in der künst- 
lerischen Darstellung, hat sie sich von jeher zum Realismus bekannt, und 

Diu Kultur der Gegenwart. I. 9. 10 



146 Alexis Wesselovsky: Die russische Literatur. 

die unendliche Reihe seiner Anhänger, vom Verfasser des Liedes vom 
Feldzug Igors an bis zu Gogol, Turgenieff und Saltykoff hat aus dem 
Volkstum große Reichtümer gehoben. Auf das reale Leben des Volkes 
gestützt, war es ihr möglich, die realistische Zeichnung mit der Satire zu 
verbinden. Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte betrachtete sie sich 
im engen Zusammenhang mit der geistigen Bewegung, unterstützte alle 
wichtigen reformatorischen Ideen ebenso wie das Suchen nach neuen 
Bahnen, spiegelte sie das selbstbewußte Vorgehen der Bilderstürmer 
während der sechziger Jahre, den Pessimismus der achtziger Jahre und 
die gegenwärtige Freiheitsbewegung wider, nahm die Verkündigung der 
Vereinfachung des Lebens und des Tolstoischen Evangeliums der Liebe 
auf sich und verstand gleichzeitig die Schönheit Puschkinscher oder Ler- 
montoffscher Dichtung zu pflegen. So war sie zu allen Zeiten die wich- 
tigste Erzieherin des Volkes. Anfangs bedurfte sie der Unterstützung 
abendländischer kultureller Werte, aber dann erlangte sie einen so hohen 
Grad von Selbständigkeit, daß sich ein rückläufiger Einfluß auf Westeuropa 
geltend machte, der ihr einen hervorragenden Platz in der Geschichte der 
Weltliteratur sicherte. Die trostlose Behauptung Tschaadaeffs , des ein- 
samen Denkers aus der Zeit Nikolaus' I., daß die russische Kultur un- 
fruchtbar sei und daß ihre einzige Rettung in einer völligen Verschmelzung 
mit der westeuropäischen liege, ist durch die Tatsachen widerlegt worden. 
Die Bahn, welche die russische Literatur von nun an einschlägt, ist durch 
die Folgerichtigkeit ihrer gesamten Entwicklung und durch die von ihr 
heilig gehaltene Überlieferung bestimmt. Wenn erst die gegenwärtige 
schwere Krisis überstanden ist und das Land auf dem Boden einer freien, 
friedlichen Entwicklung seine Wiedergeburt feiert, dann wird sich auch die 
Literatur wieder als die wichtigste Stütze und Verteidigerin der Kultur 
erweisen. 



Literatur. 

Die wissenschaftliche Bearbeitung der russischen Literaturgeschichte begann erst in 
den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Ihr gingen seit dem Ende des 17. Jahr- 
hunderts einzelne V'ersuche von Beschreibungen des Barbestands der Literatur voraus, 
die teils die Form bibliographischer Verzeichnisse hatten , teils mit Angaben über das 
Leben und die Werke der Schriftsteller versehene Wörterbücher waren. Der Stamm- 
vater der russischen bibliographischen Forschung war Sylvester Medwedeff, einer der 
ersten Vertreter der Bildung in Moskau unmittelbar vor dem Zeitalter Peters des Großen; 
wegen seiner freien Anschauungen lud er den Haß der alten kirchlichen Partei auf sich 
und wurde infolge von Denunziationen hingerichtet. Unter seinen gelehrten und pole- 
mischen Schriften befindet sich eine interessante Übersicht des Schrifttums, ,,Ein Ver- 
zeichnis der Bücher und ihrer Verfasser". Es ist bemerkenswert, daß NOVHKOFF, nach 
Medw'EDEFF die bedeutendste Erscheinung auf dem Gebiete der hterarischen Forschung im 
18. Jahrhundert, ebenfalls ein hervorragender Pionier der Kultur war. Sein , .Versuch 
eines historischen Wörterbuches der russischen Schriftsteller" und sein , .Dramatisches 
Lexikon", die viele wertvolle, durch die Zufälligkeit der alphabetischen Ordnung ihres Zu- 
sammenhangs beraubte Angaben über die neue Literatur, den Lebensgang der Verfasser, 
ja sogar über die Entstehungsgeschichte der Werke, insbesondere der dramatischen, ent- 
halten, aber den Stoff nicht zu einer Darstellung der Epochen, Richtungen und Schulen 
verarbeiten, bildeten den Übergang zu wissenschaftlichen Forschungen und Darstellungen. 
Die alte Literatur und die Volksdichtung wurden zwar in diesen Werken nicht berücksichtigt, 
doch die sich am Ende des 18. Jahrhunderts geltend machende Bewegung zugunsten der 
Herausgabe und Erläuterung der Denkmäler aus alter Zeit, sowie der Sammlung von 
X'olksliedem und Sagen, förderte die Erforschung der Literatur der früheren Jahrhunderte. 
Wiederum begegnen wir hier der Mitarbeit Nowikoffs, der in seiner vielbändigen ,, Alt- 
russischen Bibliothek" außer historischen und diplomatischen Dokumenten viele Werke 
,, alter Dichter" abgedruckt hat. Die epochemachende Entdeckung und Herausgabe eines 
so hervorragenden Nationalgutes wie „Das Lied vom Feldzuge Igors", bemerkenswerte 
.•\rbeiten einer Gruppe von Gelehrten, die sich am Anfang des ig. Jahrhunderts in Peters- 
burg um den Kanzler Grafen RUMJANZEW scharten, unter ihnen die des Vaters der russischen 
Philologie Wostokoff, und die ersten Sammlungen von Volksliedern erweiterten beträchtlich 
den Horizont. Der Ertrag der Bearbeitungen der neuen und alten Literatur fiel aber merklich 
zugunsten der letzteren aus. Der Kampf der neuen Richtungen — der Romantik, des 
Byronismus, der Puschkinschen Schule — mit dem klassischen ancien regime gewährte 
weder für eine objektive Betrachtung noch für eine wissenschaftliche Bewertung der jüngsten 
Vergangenheit Raum. Jedoch innerhalb der Universitäten begann sich eine Art historisch- 
literarischer Wissenschaft auszubilden. Der beredte Nadeshdin, der Lehrer des nachmaligen 
Kritikers" Belinskv, [riß die Moskauer studentische Jugend hin, indem er die Entwicklung 
der russischen Literatur in den Rahmen der Weltliteratur einfügte. Er ließ von dem po- 
lemischen Tone, den er in seiner Dissertation „De poesi romantica" angeschlagen hatte, ab 
und kam der modernen Dichtung entgegen. In jenem Werke hatte er die russische Poesie 



1^8 Alexis Wksselovskv: Die russische Literatur. 

mit der Weltliteratur auch schon in Zusammenhang gebracht, aber lediglich um einen 
parteiischen Streit gegen Byron und seine russischen Anhänger auszufechten. Während die 
dilettantenhaften Versuche Nadeshdins den Prolog zur wissenschaftlichen Behandlung der 
Literatur auf den Universitäten bilden, erstanden in den kritischen Arbeiten Belinskys 
die Grundlagen der historischen Entwicklung der neuen Literatur nach Peter dem Großen 
in klarer und wohldurchdachter Form. Der Serie seiner feurigen Abhandlungen ,, Lite- 
rarische Phantasien" diente die Geschichte der gesamten Literatur als Hintergrund. Die 
Analyse der bedeutenden Theaterstücke Gribojedoffs und Gogols wurde mit einer Reihe 
Charakterbilder älterer Komödiendichter eingeleitet. Die klassischen Abhandlungen über 
Puschkin legten den Zusammenhang seines Schaffens mit der älteren russischen Dichtkunst 
dar und waren zugleich die erste Monographie über den Dichter, die sich auf die Analyse 
seiner Schöpfungen gründete. Das Beispiel Bf.LINSKVS wirkte noch in den fünfziger Jahren 
nach, indem TschernySCHEWSKY in seinem ,, Umriß der Gogolschen Periode der russischen 
Literatur" den Spuren seines großen Vorgängers folgte und Belinskys eigener Wirksamkeit 
einen hervorragenden Platz in der Geschichte der jüngsten literarischen Epoche anwies. 
Unterdessen hatte sich auch das Sammeln von wertvollem Material verstärkt, auf das sich die 
Forschung über die alte Literatur und die Volksdichtung stützen konnte. Gleichzeitig 
mit der Herausgabe vieler Denkmäler der alten Buchliteratur erschienen eine von Peter 
KiREjEWSKY zusammengestellte Volksliedersammlung, eine von Afanasjeff herausgegebene 
Sammlung von Märchen und Dahls ,, Erläuterndes Wörterbuch der großiüssischen 
Sprache", das zum ersten Male das ausdrucksvolle Werkzeug der Literatur, die lebendige, 
von Tltrgenjeff später in so beredten Worten gepriesene Sprache in ihrem ganzen Um- 
fange zur Darstellung brachte — Werke, die eine Lebensarbeit bedeuten. Aus dem 
Staube der Jahrhunderte erstanden die Gestalten vergessener, doch bemerkenswerter 
Schriftsteller, wie z. B. des Emigranten Kotoschichin. Die Arbeiten des Moskauer 
Professors SCHEWYREW, eines der Pioniere auf diesem Gebiete, trugen aber den Stempel 
slawophiler Romantik und einer einseitigen Bevorzugung der kirchlichen Literatur. Allein 
zwei Schülern ScHEWVREWS, Busl.\je\v und Tichonrawoff, war es beschieden, die 
Untersuchungen über die Literatur vor Peter dem Großen und die Volkspoesie aus 
diesen Banden zu befreien und sie auf wissenschaftlichen Boden zu stellen. Der Einfluß 
der deutschen Forschung, insbesondere der Brüder Grimm, und die Anwendung der 
vergleichenden Methode regten zur Selbsttätigkeit an. Der Klerikalismus Schewyrews 
wurde bald überflügelt, und da sich Gelehrsamkeit und Talent in Buslajew vereinigt fanden, 
nahmen seine „Historischen Studien über die volkstümliche Literatur und Kunst" (1861) 
bald nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in weiten Kreisen der Gesellschaft 
eine hervorragende Stellung ein. Zum erstenmal war in diesen vorzüglichen Studien der 
Geist der ehemaligen Kultur des eigenen Volkes lebendig geworden. Als sich den beiden 
Begründern der literarhistorischen Wissenschaft ALEXANDER Pypin hinzugesellte, der mit 
seiner an vergleichendem Material außerordentlich reichen Dissertation über ,,Die Literatur- 
geschichte der alten Erzählungen und Märchen" vom Jahre 1857 aus der Schar der Peters- 
burger Universitätsjugend hervortrat und mit jeder neuen Arbeit den Horizont seiner For- 
schungen erweiterte, war das Schicksal der Geschichte der Literatur gesichert. Die Be- 
arbeitung der Peter dem Großen folgenden Epoche und der neuen Literatur, die in der 
zweiten Hälfte der fünfziger Jahre einen lebhafteren Aufschwung nahm, stellte das Gleich- 
gewicht wieder her, das durch die übliche einseitige Beschäftigung mit dem Altertum er- 
schüttert worden war. Nunmehr wurde eine kritische Ausgabe der Werke der großen 
Schriftsteller (PUSCHKIN in den Jahren 1855 — 57, Gogol im Jahre 1860), eine Veröftcnt- 
lichung des auf sie bezüglichen biographischen Materials und das Erscheinen der ersten 
Arbeiten über ihr Leben und Wirken möglich. Die ,, Geschichte der alten und neuen russischen 
Literatur" von Galachoff, die bei Gribojedoff abbricht, war der erste Versuch einer Dar- 
stellung der gesamten Entwicklung der Literatur, von ihren ersten Anfängen bis zur 
klassischen Zeit. Die Mängel dieses Werkes, das von einem Spezialisten auf dem Gebiete 
der neuen Literatur, ohne genauere Kenntnis der älteren Zeit, verfaßt worden war, sind von 



Literatur 



149 



Tu HONRAWOFI" in einer eingehenden, bemerkenswerten Kritik ans Licht gezogen worden. 
Infolgedessen wurde eine zweite Auflage des Buches veranstaltet, in der ganze Teile aus 
der Feder anerkannter Speziahsten stammten. Die umfangreiche (jeschichte der alten No- 
velle war z. B. von Alexander Wesselovsky verfaßt. Jedoch, trotz dieser wesenüichcn 
Verbesserungen, war es Galachoff nicht beschieden , als Geschichtschreiber der gesamten 
Literatur an erster Stelle zu stehen. Hierzu war PvpiN berufen, der sich zu dieser Arbeit 
lange vorbereitet hatte. Nach dem Erscheinen seiner Dissertation wandte er sich der 
systematischen Bearbeitung der wichtigsten von der Literatur der Neuzeit gestellten Fragen 
zu. Die Geschichte des Freimaurertums, die ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts (,,Die 
soziale Bewegung unter Alexander L"), die Strömungen der dreißiger und vierziger Jahre 
(,, Charakteristik literarischer Schulen"), sowie die biographischen Studien über Belinsky, 
SaLTYKOFF und Nekrassoff dienten dem Forscher als Übergangsstufen zur Bearbeitung 
der jüngsten Vergangenheit. Das Ende des vorigen Jahrhunderts zeichnete sich überhaupt 
durch eine besondere Belebung des Interesses für die letzten Epochen der Literatur aus. 
Die Schöpfungen der bedeutendsten Schriftsteller erschienen in monumentalen Ausgaben mit 
dem gesamten Apparat der Kritik und umfangreichen Koinmentaren (die Puschkinausgabe 
wurde im .Auftrage der Akademie der Wissenschaften von Efremoff und MOROSOFF unter- 
nommen, die Gogolausgabe wurde von Tichon'RAWOFF und ScHöNROCK, die Werke Belinskys 
von Wengerow redigiert). Die biographische Bearbeitung erfuhr große Modifikationen; das 
Verhältnis der Schriftsteller zu den Geistesströmungen und den Grundfragen des Lebens, 
wie 2. B. zur Emanzipation der Leibeigenen, ihre Stellung zu den Kämpfen der sechziger 
Jahre um soziale und sittliche Ideale oder zur Lehre Tolstois, wurde zum Gegenstande spezieller 
Untersuchungen. Die vergleichende Methode, die bei der Erläuterung der alten Literatur 
so viele Resultate zutage gefördert hatte, wurde nun auch bei der Behandlung der Neuzeit 
angewandt und die Frage nach der Bedeutung des westeuropäischen Einflusses auf das 
russische Leben scharf formuliert. Es wurde nicht nur die Geschichte der neueren Literatur, 
sondern die der neuesten geschaffen. Jedoch ein noch größerer und fruchtbarerer Fortschritt 
wurde vielleicht durch die allseitige Erforschung der älteren Zeit erzielt. Ganze Schulen von 
Forschern machten sich an die Untersuchung der Volksdichtung, ihrer Elemente, ihrer 
Quellen, ihrer historischen Grundlagen, ihrer Beeinflussung durch das Epos des Orients 
fSTA.ssoFF, Wsewolod Miller, Potanin) oder durch die westeuropäische Literatur (Alex- 
ander Wesselovsky, Shdanoff, Jagiö). Eine derartige Fülle wissenschafdich bearbeiteter 
Materialien mußte notwendig zu einer Gesamtdarstellung der Uterarischen Entwicklung von 
den Anfängen bis zur Gegenwart führen. Diese Aufgabe löste Pypin in seiner umfang- 
reichen ,, Geschichte der russischen Literatur". Er zog das Fazit alles dessen, was je zur 
Erforschung dieses Gegenstandes geschehen war, indem er diejenigen Ergebnisse einer 
.Arbeit von anderthalb Jahrhunderten ans Licht zog, welche von nun an für das Ver- 
ständnis der Evolution maßgebend werden mußten; er verband mit seinen Forschungen 
eine Untersuchung der sozialen Strömungen , dieses für das Schicksal der russischen 
Literatur so bedeutsamen Faktors, wobei die durchsichtige Klarheit seiner Darstellungen 
und seine umfassenden Kenntnisse sich die Wage hielten. Pypin, der seine Kräfte 
außerdem an ähnlichen Arbeiten, wie z. B. an der ,, Geschichte der russischen Ethno- 
graphie" oder an der ,, Geschichte der slawischen Literaturen" bereits erprobt hatte, machte 
sich mit Begeisterung an das letzte Werk seines an wissenschaftlichen Leistungen reichen 
Lebens. Die zweite Auflage, die bald erforderlich wurde, wies Verbesserungen auf; für eine 
Fortentwicklung des W^erkes war bereits gesorgt, als der Tod den unermüdlichen Gelehrten 
ereilte. Die posthumen Erinnerungen seines Lebens, das ihn mit allen literarisch be- 
deutenden Persönlichkeiten in Berührung gebracht hatte, lieferten selbst ein wertvolles, ein 
halbes Jahrhundert umfassendes Kapitel zur Geschichte der Literatur. Durch PVPINS Werk 
hatten die wissenschaftlichen Untersuchungen die erforderliche Reife erlangt. Noch steht viel 
Arbeit bevor, namentlich bezüglich der komplizierten Erscheinungen am Ende des ig. und 
zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die den Inhalt der Literatur der Gegenwart bilden. Sie 
sind am Schlüsse des Pypinschen Werkes nur in ihren Hauptzügen kurz erwähnt. Es werden 



I50 



Alexis Wesselovsky : Die russische Literatur. 



bereits Versuche unternommen, die Entwicklung des russischen sozialen Gedankens zur Dar- 
stellung zu bringen, die Philosophie der russischen Literatur zu ergründen, den Klassenkampf 
im Laufe ihrer Geschichte zu verfolgen oder sie m den Rahmen der gesamten Entwicklung 
des Volkes einzufügen, wie dies der zur Zeit beste Kulturhistoriker Rußlands, MiliUKOFF 
und neben ihm in allerneuester Zeit der begabte junge Gelehrte JWANOW - Rasltmnik 
getan haben. 

Pypin, Geschichte der russischen Literatur, 2. Aufl. (St. Petersburg, 1902 — 3; russisch). 

Galachoff, Geschichte der alten und neuen russischen Literatur, 2. Aufl. (St. Peters- 
burg, 1880; russisch). 

Skabitschewsky, Geschichte der neusten Literatur (1891; russ.l. 

Orest Miller, Die russische Literatur nach Gogol, 2. Aufl. (1906; russ.). 

OVSJANIKO-KULIKOWSKI, Geschichte der russischen Intelligenz (Moskau, 1906; russ.j. 

IwanOFF-Rasumnik, Geschichte der russischen sozialen Ideen (St. Petersburg, 1907; russ.). 

Alexis Wesselovsky, Der Einfluß des Westens auf die neue russische Literatur, 
3. Aufl. (Moskau, 1906; russ.). 

MlLIUKOFF, Abriß der russischen Kulturgeschichte (St. Petersburg, 1896 — 1902; russ.). 

Alex, von Reinhold, Geschichte der russischen Literatur von ihren Anfängen bis 
auf die neueste Zeit (Leipzig, 1886). 

P. KrOPOTKIN, Ideals and realities in russian literature (London, 1905). 

Prof. Alex. Brückner, Geschichte der russischen Literatur (Leipzig, 1905). 

Melchior de VOGÜß, Le roman russe (1886). 

DUNLOP, Hislory of prose fiction. New edition by H. Wilson (.Abschnitt über die 
Geschichte des russischen Romans; (London, i888j. 

Georg Br.andes, Menschen und Werke (1894) (Puschkin, Lermontoft', Dostojcwsky, 
Tolstoi). 

E. Zabel, Russische Literaturbilder (Berlin, 1907) (Gogol, Puschkin, Dostojewsky, 
Gontscharoff, Tolstoi, TurgeniefF, Gorki etc.). 

DUPUY, Les grands maitres de la litterature russc au 19 sifecle (1885). 

SeidlITZ, W. A. Joukofisky, ein russisches Dichterleben (1870). 

Alexander Wesselovsky, W. A. Schukoffsky (St. Petersburg, 1904; russ.). 

Raina TyrnÄva, Nicolas Gogol, ecrivain et moraliste (Ai.x, 1901 1. 

Ernst BorkOWSKY, Turgenjew (,, Geisteshelden") (Berlin, 1903). 

Zabel, Turgenjew, Eine literarische Studie (Berlin, 1884). 

Emile Aumant, Ivan Tourguenief. La vie et l'oeuvre (Paris, 1906). 

SaitsCHIK, Die Weltanschauung Dostojewskis und Tolstois (Dresden, s. a.) 

N. Hoffmann, Dostojewski (1899). 

J. Müller, Dostojewski (Straßburg, igo2j. 

Gaston Loygue, Un homme de genie. Th. M. Dostojewsky. Etüde me'dico-psycho- 
logique (Lyon, 1904). 

O. Sperber, Die sozialpolitischen Ideen Alexander Herzens (Leipzig, 1894). 

Raph. Löwenfelü, Leo N. Tolstoi, sein Leben, seine Werke, seine Weltanschauung 
(1892). 

Derselbe, Gespräche über und mit Tolstoi (Leipzig, 1901). 

Ward, Prophets of the nineteenth Century (Carlyle, Ruskin, Tolstoi; (1900}. — Karl 
RÖSSNER, Moderne Propheten, 1907 (u. a. Tolstoi). 

BlRlUKOFF, Tolstois Biographie und Memoiren (Wien, 1906). 

H. OSTVVAl.n, Maxim Gorki („Die Literatur") (1905). 

E. Dii.i.oN, Max. Gorky. His life and writings (London, 1902). 

Reich an literarischen Proben aus der russischen Literatur von den ältesten Zeiten bis 
zur Gegenwart ist die Anthology of russian literature from the earliest period to the present 
time, by Leo Wiener, profcss. at Harvard University (New-York, 1903); viele Übersetzungen 



Literatur. I ^ I 

russischer Gedichte bietet auch das dilettantenhafte Buch von Newmarch, „Poetry and pro- 
gress in Russia" (London, 1907). 

S. 41 — 42. Von der Volksdichtung: 

Wilhelm Wollner, Untersuchungen liber die Volksepik der Großrussen (Leipzig, 1879). 

V. jAGid, Die christlich -mythologische Schicht in der russischen Volksepilc (Archiv 
für slawische Philologie, I). 

S. 44 — 49. Zur Geschichte der Annäherung Rußlands an Westeuropa: 

A. Brückner, Die Europäisierung Rußlands (Gotha, 1888). 

S. 46. Die Zeit der Wirren ist dargestellt von 

K. WaLISZEWSKI, La crise revolutionnaire, 1584 — 1614 (Paris, 1906). 

Von der Geschichte der Leibeigenschaft handelt: 

Engelmann, Die Leibeigenschaft in Rußland (1884). 

Einen Umriß der Literatur der Bauememanzipation gibt 

W. Semewsky, Die Bauemfrage in Rußland im XVIII. und XIX. Jahrhundert (St. Peters- 
burg, 1888; russisch). 

S. 48. Die gesamte Literatur des Zeitalters Peters des Großen ist bearbeitet und biblio- 
graphisch verzeichnet von 

PekarSKY, Die Wissenschaft und Literatur zur Zeit Peters des Großen (St. Petersburg 
1862; russisch). 

S. 48. Über die sozial-politischen Anschauungen Possoschkoffs: 

A.Brückner, Ideen und Zustände in Rußland zur Zeit Peters des Großen (Leipzig, 1878). 

S. 49. Zum Verhältnis Katharinas II. zur europäischen Gedankenwelt: 

M.\urice Tourneux, Diderot et Catherine II (1899). 

LARivifeRE, Catherine II et la revolution fran(;aise (1895). 

Die Memoiren Katharinas (im französ. Texte) erschienen 1907 in St. Petersburg. 

Das Buch RadischtschefiTs ist zum erstenmal mit Varianten in Petersburg 1905 wieder 
abgedruckt worden. 

Zur Charakteristik der Gesellschaft, der politischen Bewegungen und der Literatur unter 
Alexander I.: 

Th. Schiemann, Geschichte Rußlands unter Kaiser Nicolaus I. (Berlin, 1904). (Der 
erste Band handelt von der Regierungszeit Alexanders.) 

S. 50 — 55. Über den Byronismus Puschkins, Lermontoffs und anderer russischer 
Dichter: 

Alexis Wesselovskv, Studien und Charakteristiken, 3. Aufl. Moskau, 1907 (Studien 
über den Byronismus.) 

Zur Charakteristik des Realismus in der russischen Literatur in seinem Zusammenhang 
mit der realistischen Richtung in Westeuropa: 

David Sauv.^GEOT, Le realisme et le naturalisme dans la litterature et dans l'art (1889). 

Zur Charakteristik Lermontofis: 

Fried. Bodenstedt, Erinnerungen aus meinem Leben (Berlin, 1888). 

S. loi und 105. Die Zeit der Reformen unter Alexander II. in ihrer Bedeutung als 
Hintergrund der Literatur: 

GOLOWATSCHOFF, Ein Jahrzehnt der Reformen (1872). 

Dschanschieff, Aus der Zeit der großen Reformen (Moskau, 1894; russisch). 

Unter den nicht zahlreichen deutschen Übertragungen der Werke SaltykofFs befindet 
sich die Übersetzung seines einzigen Romans ,,Die Golowljeffs" in der Reclam-Ausgabe. 

Zur Literatur über Tolstoi : 

Albert Sorel, Tolstoi historien. Conference (1888V 

Iwan Strannik, La religion de Tolstoi (Revue de Paris, 1902';. 

W. BODE, Was ist uns Tolstoi? (Freies Wort, 1902; 11). 



15^ 



Alexis Wesselovskv : Die russische Literatur. 



S. 114 — 119. Von der sittlichen Idee bei Tolstoi und Usspensky handelt: 

G. PoLONSKV, Gewissen, Ehre und Verantwortung. Liter-psychologische Studien 

(Ibsen, Gleb Usspensky, Tolstoi), München, 1899. 

S. 131 — 142. Zur Literatur über Tschechofi" und Gorki siehe die Abhandlungen von 
M.V.Brandt (Deutsche Rundschau, 1902); Leo Berg (Westermanns Monatshefte, 1902.) 
Krausold, Naturgenie und Kuhurgeist bei Gorki (Freistatt, 1902; 4). — PORITZKY, 

H. Heine, Dostojewsky, Gorkij. Essays (Leipzig, 1902). 
P. POLLAK (Umschau, 1903; VII). 
Ostwald (Nord und Süd, 1904); A. Tschechoff als Diagnostiker (Neue Bahnen, 

1904; IV). 

A. Frh. V. Engelhardt, Der russische Maupassant (A. TschecholT; i'Liter. Echo, 

1898; 3). 

E. DiLLON, Max. Gorky, his life and writings (1902;. 



DIE POLNISCHE LITERATUR. 

Von 
Alexander Brückner. 



Einleitung. Ein eigenartiges Schauspiel, nicht nur unter den sla- Spate Anßn 
wischen Literaturen, gewährt die polnische, die, allein unter ihnen, eine 
ununterbrochene Vergangenheit in stetem Zusammenhang mit der abend- 
ländischen Kultur aufzuweisen hat, ohne sich jedoch vor dem 19. Jahr- 
hundert über die Bedeutung" einer bloßen Landesliteratur erhoben zu 
haben. Allerdings hat sie sich erst spät entwickeln können. Polens 
Lage, nicht weit genug, um, wie Rußland, vor jeder Umklammerung 
durch fremde Elemente gesichert zu sein, nicht nahe genug an den 
Brennpunkten der Kultur; der Ausschluß von Meer und Gebirge; die 
einförmig weite Ebene, die zur Zerstreuung der Wohnsitze einlud und 
das Aufkommen von Stadt und städtischem Leben hinderte; verspäteter 
Eintritt in die Geschichte — ist doch das Christentum fast anderthalb 
Jahrhunderte nach der Bekehrung des benachbarten Mähren angenommen; 
ungünstige äußere Verhältnisse, namentlich die Zersplitterung des alten 
Piastenreiches in Teilgebiete und infolgedessen frühe bedeutende Ver- 
luste, Schlesiens, Pommerns, des alten Preußen, das nach Ausweis seiner 
Sprache auf dem besten Wege war, polnisch zu werden: — alles das 
hinderte ein Gedeihen auch der nationalen Literatur. Allerdings wurde 
diese, in Polen wie in Ungarn, noch mehr durch die Vorherrschaft des 
Latein in Schrift und Schule, Amt und Kirche, sowie durch die fremden 
Elemente in den Städten mit ihrer zum Teil deutschen Bürgerschaft 
zurückgehalten; der allmächtige Druck des Lateinischen fand längere Zeit 
keinerlei Gegengewicht. Das änderte sich, als die politische Machtent- 
faltung des großenteils wiedervereinten Landes der Plasten im friedlichen 
Bunde mit dem Litauen-Rußland der Jagellonen die nationalen Grund- 
lagen für immer festete und als geistige Tätigkeit schon durch die an- 
sehnliche wissenschaftliche Arbeit, die an der Leuchte des Nordens, an 
der Universität Krakau, geleistet wurde, erwachte. Jetzt erst, seit dem 
16. Jahrhundert, im Zeichen von Humanismus und Reformation, erfolgte 
die Entwicklung' einer nationalen Literatur, sofort die aller Nachbarländer, 



l CA Alexander Brückner: Die polnische Literatur. 

nicht nur Ungarns oder Böhmens, weit überragend. Diese Literatur wurde, 
was der Staat ward — eine ständische und ländliche; sie repräsentierte 
den Adel, seine Interessen' und Ideale, mit stark ausgeprägten nationalen 
Zügen, denen sich bald auch konfessionelle zugesellten. 
Der ständische Der Adel uämllch hatte jeglichen Einfluß des — national längst assi- 

Charakter des 

alten Staates miliertcn — Burg'ertums (um von dem schließlich zur Hörigkeit herab- 
Literatur. gesunkenen, einst halbfreien Bauern zu schweigen) aufgesogen, die königliche 
Macht atomisiert, eine Adelsrepublik mit einem Wahlkönig an der Spitze 
geschaffen. Im ungetrübten Genuß seiner „goldenen Freiheit" — galt doch 
allein durch diese dem polnischen Adel jeder ausländische, auch Fürsten- 
adel, als ein inferiorer — diesen Schatz argwöhnisch vor jeglichen Unter- 
nehmungen der Krone hütend, betrachtete sich der Adel als eine Brüder- 
schaft, durch keinerlei Vorrang, Orden, Titel unterschieden, dem slawischen 
Gleichheitstriebe auch hierin getreu. Aller Rechte sich erfreuend, der 
Pflichten sich entschlagend, hauste er auf den Einzelhöfen und verlor 
so allmählich die Aktionsfähigkeit, seinen politischen Ehrgeiz und Instinkt, 
endlich die militärische Tüchtigkeit. Er hing zähe an dem Hergebrachten 
trotz offenkundiger Schäden; hielt sich sicher, weil er niemand bedrohte; 
verachtete, slawischer Ungebundenheit frönend, städtisches und höfisches 
Leben, ohne zu ahnen oder zu achten, was alles um ihn herum vorging, 
bis er sich schließlich von großen Militärdespotien umgeben sah, die sich 
das nunmehr wehrlose Land zur sicheren Beute erwählten, indem sie ihre 
angeblichen Rechte aus ihrer Übermacht herleiteten. Diesem allmählichen 
Niedergang von der Höhe politischer Macht, auf der die Jagelionen Herr- 
scher auch noch Böhmens und Ungarns gewesen waren, entsprach der 
Niedergang von Kultur und Literatur. 

Auch hier schied das bürgerliche Element im 1 7. Jahrhundert völlig 
aus, nur in Literatur und Leben einen Einschlag urkräftigen, sarmatischen 
Humors zurücklassend; die Reaktion vertilgte durch die Jesuiten jegliche 
protestantische Elemente, löschte sogar das Andenken an die alte Ge- 
wissens- und Glaubensfreiheit aus, welche Polen zu einem Asyl für alle 
Neuerer gemacht hatte, wo schon 1565 — 1585 die modernen Gewissens- 
kämpfe eines Tolstoi, zum Teil mit seinen Argumenten sogar, ausgefochten 
wurden; wo die Juden, in ungestörter Pflege ihres talmudischen Wissens, 
die Waffen gegen das Christentum schmiedeten, deren sich nach zwei 
Jahrhunderten die französischen Enzyklopädisten erfolgreich bedienen 
sollten; wo das orthodoxe Russentum zum ersten Male den Anschluß an 
europäisches Denken und Wissen fand, was nur in dem damals polnischen 
Kiew, nicht in Moskau, geschehen konnte. 

Das 16. und 1. Die Literatur des 16. — 18. Jahrhunderts. Von dieser 

Vielseitigkeit geistiger Interessen gab auch die schöne Literatur be- 
redtes Zeugnis. Wohl war ihre rein nationale Entwicklung durch das 
Eingreifen des Humanismus gestört; sie bildete sich fortan nur an 



I. Die Literatur des l6. — 18. Jahrhunderts. 1^5 

klassischen, später ausschließlich an römischen, zuletzt auch italieni- 
schen Mustern. Formen, ja Stoffe waren fremd, aber rein nationales 
Fühlen und Denken sprach, zumal im 17. Jahrhundert, sogar aus den 
Umdichtungen des Horaz oder Tasso. Schon 1560 — 1580 war diese 
nachahmende Literatur durch Jan Kochanowski, ihren Ronsard, auf 
hohe künstlerische Stufe gebracht, doch glitt sie hinab, als Dilet- 
tanten die ästhetischen Forderungen herabdrückten, die Kritik schwieg 
und geistiges Interesse zu erlahmen begann. Alles im Lande, oft von 
König, Ministern und Magnaten an, dichtete, ohne doch den Musen 
treu fürs Leben zu bleiben, ohne nach Vollkommenheit zu ringen, das 
Können merklicher zu steigern, eigene Wege zu suchen. Nur ver- 
schwindend wenige machten Ernst mit ihrer Poesie — Prosa existierte noch 
nicht für ästhetische Zwecke; aber auch die in der Poesie ihren Lebens- 
beruf fanden, dienten mit ihrer Feder nicht der Schönheit, sondern der 
Wahrheit, patriotischen Pflichten und eigenen Herzensbedürfnissen. Ganz 
ausgeschaltet, beim Mangel höfischen vmd städtischen Lebens, blieb das 
Theater, bis auf die Schulkomödie der Jesuiten, mit ihren drastischen 
Intermedien voll derben, altpolnischen Witzes. Neben der religiösen und 
erotischen Lyrik, die in den Bahnen des Marinismus erfolgreich wandelte, 
obgleich dem Leben selbst sentimentale Anwandlungen und jeglicher 
Frauenkult noch völlig fremd waren, blühte das didaktische und nament- 
lich das epische Gedicht. Das 17. Jahrhundert, mit seinen stolzen Triumphen, 
seinem erschütternden Heroismus und tiefsten Fall, schwellte von selbst 
die epischen Segel, und in den langatmigen historischen und romantischen 
Epopöen, nach dem Muster der Pharsalia oder des Befreiten Jerusalem, 
Rasenden Roland und Adone — alles frühzeitig trefflich übersetzt — 
kam das Charakteristische von Sprache und Denken zum vollsten Aus- 
druck. Sonst spiegelte sich in der satirischen Poesie, die noch auf 
jenen Kochanowski zurückgriff, der Niedergang der Zeit; in der epi- 
grammatischen und anekdotenhaften, der saftige und kömige Humor 
des alten Polen. Die Prosa, im 16. Jahrhundert durch die bedeutendsten 
Kanzelredner aller Konfessionen und politische Schriftsteller imposant 
vertreten, fand immer geringere Pflege, verrohte im Ausdruck und ver- 
knöcherte im Geiste. Großen Schaden wirkte die andauernde, schul- 
mäßige Huldigung lateinischen Musen, welche die besseren Köpfe so 
fesselte, daß das Polnische förmlich zu einer Sprache zweiten Grades, 
für Frauen und Volk herabsank, daß man für alles im größeren Stil Ge- 
dachte, in Historie, Politik, Epistel der fremden Sprache sich bediente, 
daß die Jesuitenlyriker, z. B. Sarbiewski, der christliche Horaz, nur 
lateinisch dichteten. Zwar hielten religiöse und politische Beredsamkeit 
an der Landessprache fest, aber sie verhunzten sie durch ihre lateinischen 
Brocken, einer Mischsprache, einem „Makkaronismus" die Wege ebnend, 
der noch heute im polnischen Stil nachklingt. Je weniger im Leben zu 
preisen übrig blieb, desto höher stieg in der Literatur die panegyrische 



1 c5 Alexander Brückner: Die polnische Literatur. 

Flut, die den Maßstab für Verdienste und Anerkennung verrückte und mit 
dem Gifte der Schmeichelei kritische Regungen der Gewissen betäubte. 
Trotzdem blieb bis an das Ende des 1 7. Jahrhunderts die Geschichte der 
Literatur wie die des Landes reich an interessanten Erscheinungen. 
Uasis.jahrhiin- Anders ward dies erst in der Zeit der Sachsenkönige, 1698 — 1763, 

keform. als der Adel die Hände in den Schoß legte, jeden Gedanken an Reformen 
aufgab und Rußland die Erhaltung polnischer Anarchie gewährleistete, 
als man in der Kultur noch weiter zurückblieb, in der Literatur nur die 
alten Formen und Stoffe immer gedankenloser und trivialer wiederkaute, 
z. B. immer noch fremde Romane, den Telemaque oder die Dionea, in 
Verse brachte, religiöse Gedichte in Unmassen fabrizierte und allem 
Aberglauben frönte. Der Zusammenhang Polens mit dem Abendlande 
war jedoch viel zu alt und innig, als daß er auf die Dauer hätte unter- 
bunden bleiben können. Die zusehends größere Verarmung des Landes 
und Verödung des Geistes rief zur Umkehr, die, jetzt nach französischen 
Mustern und Vorbildern geleitet, dem Lande die Segnungen der Kultur 
zuwenden sollte. Das Wirken des Königs Leszczynski (le philosophe bien- 
faisant) und anderer Patrioten leitete die moralische und materielle Wieder- 
geburt ein. Aber für die politische und militärische war die lange ver- 
säumte Zeit nicht mehr einzuholen. Als das adlige Volk mit seinen Privi- 
legien und Vorrechteii selbst aufräumte und den modernen Staat ohne 
jegliche Revolution aufzurichten begann, erwürgte fremde Übermacht 
Polen. Sein letzter König, Stanislaw August, und dessen Berater waren 
der schwierigsten aller Lagen nicht gewachsen. Aber wenn sie auch den 
Staat selbst nicht mehr zu retten vermochten, schufen sie in wetteifernder 
Arbeit neue, unzerstörbare Kulturgüter, französischer Losung folgend; 
riefen doch Rousseau wie Mably den um Rat fragenden zu: Klärt euch 
auf, dann wird man euch verschlingen, doch niemals verdauen können. 

Auch die Literatur brachte während dieser letzten Periode einer viel- 
fach nur scheinbaren politischen Selbständigkeit noch nicht das große 
nationale Werk. Aber der geistige Bann der Sachsenzeit, ihre Isolierung, 
das Zurückgebliebensein Polens — wie übrigens anderer katholischer 
Staaten — war gebrochen. Die Literatur streifte alte Einseitigkeit und 
Vorurteile ab , behielt ihren männlichen patriotisch-politischen Zug, und, 
ohne in den Schlachtruf der Enzyklopädisten einzustimmen, wirkte sie für 
Aufklärung der Geister. Und wie die politische Reformbewegung in der 
Konstitution des 3. Mai (1791), einem Denkmal humaner und fortschritt- 
licher Gesinnung, und in Kosciuszkos energischer und demokratischer 
Tätigkeit gipfelte, so konnte auch die jetzt in französische, pseudoklas- 
sische Bahnen gedrängte Literatur sich rühmen, die sächsische Ig-noranz 
und Intoleranz überwunden, die Sache des bon sens, in allen (politischen 
und privaten) Verhältnissen, des guten Geschmackes, einer gefälligen 
Sprache und zierlicher Formen zum Siege geführt zu haben. Bei diesem 
weder plötzlichen noch gewaltsamen Abbruch alles Alten ragte natürlicher- 



II. Die Liti'ralur des 10. Jahrhunderts bis zum Aufstand von 1863. 15^ 

weise die Pflege der Satire hervor, einer mehr moralisierenden übrigens, 
weil noch immer Geistliche das Hauptkontingent der Literaten stellten; 
allen voran der ermländische Bischof Krasicki, kein Glaubenseiferer mehr 
wie sein großer Vorgänger (Hosius), dafür ein bei esprit, ausgezeichneter 
Satiriker und Fabeldichter ersten Ranges. Jetzt erstand eine Publizistik; 
ein Theater mit eigenem, hauptsächlich komischem Repertoire; der didak- 
tische Roman in der Prosa, die endlich in ihre während der Sachsenzeit 
völlig verlorenen Rechte wieder eintrat; auch hörte das Einschütten pol- 
nischen Wassers in das Meer der lateinischen Literatur auf. Bei dem 
ausschließlichen Hervorkehren des Verstandesmäßigen vertraten das Ge- 
fühl nur sentimentale Ergüsse mehrerer Lyriker. Phantasie fand keinen 
Spielraum, und im Dienste kosmopolitischer Aufklärungsideen betätigte 
sich das nationale Element oft nur in Sprache und Wahl des Stoffes; es 
trat gegen die Weise des 1 7. Jahrhunderts stark zurück. Eingeleitet 
ward nunmehr die Vorherrschaft des Französischen. Konnte auch fran- 
zösische Politik in Polen keine Erfolge aufweisen, so siegten französischer 
Ton, Sitte und Sprache. Man fühlte die nationale Wahlverwandtschaft 
heraus, z. B. im Frauenkult, der immer bezeichnender die Polen vor den 
übrigen Slawen heraushob (heute noch mehr wie zuvor). Übrigens gipfelte 
die Literatur der letzten Jahre (1788 — 1792) in der politischen, in dem 
Kampfe um das Reformwerk der Maikonstitution. Auf das fruchtlose 
Ringen mit der Übermacht folgte baldige Erschöpfung, und in unheim- 
licher Stille wurden Staat und Selbständigkeit zu Grabe getragen. 

IL Die Literatur des iq. Jahrhunderts bis zum Aufstand von Die Warschaus 

^ •' Pseudoklassik. 

1863. Das ig. Jahrhundert brachte die Umwälzung in der Lage des Volkes 
und in der Bedeutung seiner Literatur. Die ersten Dezennien verliefen 
noch in den alten Bahnen, wenigstens für die Literatur. Die Welt war in 
Trümmer geschlagen, aber noch herrschte in Warschau wie in Paris un- 
angefochten der pseudoklassische Zopf in Ode und Tragödie, im epischen 
und beschreibenden Gedicht. Freilich, die einst viel bewunderten, geleckten 
und gezierten Sächelchen dieser „Klassiker" überlebten nicht einmal ihre 
Schöpfer, und alles ward vergessen bis auf dasjenige, was damals die 
literarische Salonzunft über die Achseln ansah, weil das Genre kein 
„höheres" war: die Komödien des Grafen Alexander Fredro sind noch 
heute nicht veraltet, sie verkörpern unvergängliche nationale Typen der 
Gentry, eine ganze Galerie prächtiger Gestalten, obwohl der Graf, der 
letzte Dilettant großen Stiles, keinerlei Fühlung mit der Bühne unterhielt 
und, durch Kritik der Gegner sowie Stillschweigen der Freunde gereizt, 
seine Feder zerbrach. 

Die Hauptleistung dieser Zeit, zumal der Jahre 1815 — 1830, als der 
Kriegslärm endlich verrauscht war, lag nicht auf literarischem Gebiete. 
Nicht genug kann bewundert werden, was das durch die Napoleonischen 
Kriege ausgesogene und an den Rand des Bankrotts gebrachte Land, das 



j cg Alexander Brückner: Die polnische Literatur. 

kleine „Kongreßpolen", das sich allein durch Kaiser Alexanders I. Rechts- 
gefühl einer weitgehenden Autonomie erfreute, in der kurzen Spanne Zeit 
an Kulturarbeit geschaffen hat, für Schule, Justiz, Finanzen, Militär. 
Da bewiesen die Polen, daß sie, sich selbst überlassen, ohne fremde Be- 
vormundung, den gebildetsten Völkern es gleichmachen konnten. Mit den 
Warschauer Klassikern wetteiferte, wenigstens im Unterrichts wesen, die 
Wilnoer Hochschule: unverwüstlich blieb, was beide leisteten, mochte dabei 
auch die schöne Literatur leer ausgehen. Dafür wurden die Bedingungen 
ihres Wachstumes neu geschaffen. In den Schulen der Klassiker reiften 
die künftigen Romantiker heran. In die Jahre 1820 — 1830 fallt nämlich 
das Eindringen der romantischen „Pest" über die bis dahin sorgsam ge- 
hüteten Grenzen des polnischen Parnasses. 

Die Entwicklung der vorausgegangenen Jahrhunderte hatte über das alte 
polnisch-litauisch-russische Reich einen gleichmäßigen adeligen Firnis ge- 
breitet. Der politischen Union von Lublin 1569, dieser in der Geschichte 
einzig dastehenden friedlichen Eingliederung gewaltiger, ethnographisch und 
konfessionell disparater Massen, war eine moralische und kulturelle Union 
gefolgt. Das Polentum machte friedliche Eroberungen weit über seine 
Grenzen. Adel und Bürger in Litauen, Wolhynien, Podolien wurden 
polnisch, und nur der Bauer behielt sein litauisches, weiß- oder klein- 
russisches Idiom, seinen orthodoxen Glauben, seine altslawischen Sitten 
und Traditionen. Polnischer Einfluß, Sprache, Buch und Sitte er- 
streckten sich bis Moskau und Jassy. Die alte, durch Adel und Geistlich- 
keit vertretene „klassische" Literatur kannte nun keinerlei provinziale 
Unterschiede; sie mied alles Charakteristische, Niedere, Vulgäre als nicht 
vereinbar mit ihrem Rationalismus und Kosmopolitismus; sie reinigte 
sorgfältig die Sprache — ganz wie in Frankreich. Für sie existierte nur 
ein Polen, mochte auch das staatliche Gefüge auseinandergerissen sein; 
ein Geist der Aufklärung; eine Sprache, die salonmäßige; eine Poetik, 
die Boileaus; eine Reihe von Mustern, Horaz und Racine, Vergil und 
Voltaire; sie bequemte sich nie zum Volke herab, blieb seinem Wesen 
völlig und absichtlich fremd. 

r Es war nun die Romantik, die im Namen des Originalen und Natio- 

nalen den Partikularismus zu Ehren brachte; die das Volk und dessen 
Traditionen in Geg^enwart und Vergangenheit pietätvoll aufsuchte, seinem 
Treiben ahnungsvoll lauschte; die Charakteristisches hervorhob; die trennte, 
statt zu einigen. Als Verwirrung und Benebelung der Köpfe, als Rück- 
kehr zum Geister- und Aberglauben, als Aufruhr der Gefühle und Phan- 
tasie gegen die alleinseligmachende „raison" wurde die Romantik von 
den Wortführern der Salonliteratur, von den Warschauer Klassikern und 
Wilnaer Freimaurern beargwöhnt und befehdet. Ungestüme Jugend 
faßte die neue Geistesrichtung, anders als in Deutscliland oder Frankreich, 
nicht nur als ästhetischen Protest des national fühlenden Individuums gegen 
seichte Aufklärerci, sondern verflocht mit der literarischen die politische 



11. Die Literatur des 19. Jahrhunderts bis zum Aufstand von 1S63. j cg 

und soziale Revolution, und der Sturm auf die drei Einheiten wie auf 
den Cours des Laharp'e wurde zu einem Sturm auf das Belvedere des 
Großfürsten-Statthalter, die romantische zur politischen Umwälzung: auch 
dies hatten die Klassiker vorausgesehen, doch nicht zu beschwören ver- 
mocht. 

Rufer im Streit war der große „Litauer", Urpole seinem Blute nach, Adam iiickie- 
Adam Mickiewicz. Aufgewachsen noch unter der pseudoklassischen naie' Erhebung 
Poetik hatte er sich früh dem idealen Überschwange Schillers, dann dem "'' ^ 
Pessimismus Byrons (Goethes überlegene Ruhe hat auf die temperament- 
volle polnische Literatur, ebenso wie die Objektivität Shakespeares, nur 
wenig Einfluß geübt), zugewendet. Unglückliche Liebe, politische Ver- 
folgungen, glühender Patriotismus wiesen seinem poetischen Schaffen neue 
Bahnen. Von Balladen und Romanzen, einem phantastischen Werther- 
drama („Die Ahnenfeier"), wandte er sich nationalen Stoffen zu. In seinem 
romantischen Epos „Konrad Wallenrod" opferte der Litauer-Hochmeister 
Ehre und Gewissen, Liebe und Glück, eigenes und fremdes, nur um das 
Vaterland zu rächen; das Gedicht, trotz der fernsten Vergangenheit des 
Vorwurfes, mit seinem glühenden Kolorit und loderndem Gefühl, zündete 
wie ein Blitzstrahl. Der „Litauer" stand nicht vereinzelt da; ebensolche 
„Ukrainzen" hoben ungeahnte Schätze poetischer Motive aus dem Leben 
und Weben der Steppe, aus den Traditionen der Kosaken. Jetzt erst fand 
die einstige Union von Lublin poetische Verkörperung; die litauischen 
und russischen Marken dankten dem Mutterlande erst jetzt die jahrhundert- 
alte Pflege geistiger Güter — trotz aller Ungunst und allen Umschwungs 
der Zeiten. So zersprangen die engen Fesseln konventioneller Kunst; so 
wurde nationaler Gehalt, oder was als solcher erschien, der Poesie er- 
stritten; von selbst wurde sie volkstümlicher und slawischer, in der ein- 
zigen Periode, da in Polen slawophile Tendenzen aus dem Umlaufe nicht 
ausgeschlossen waren. 

Da brach die politische Katastrophe herein. Ein nie gesehenes Schau- 
spiel bot sich dem erstaunten Europa: die im ganz ungleichen Kampfe 
nach tapferer Gegenwehr Überwundenen ergaben sich nicht, verließen das 
Vaterland, und unter einmütigem Beifall der gesitteten Welt zog die pol- 
nische Emigration, Aristokraten und Demagogen, Abgeordnete und Geist- 
liche, Generale und Professoren, Beamte und Publizisten, Fürsten und 
Bürger, nach Frankreich, in der sicheren Erwartung, möglichst bald wie- 
der in den Kampf „für unsere und euere Freiheit" zu ziehen. Und als 
diese Aussicht in immer nebelhaftere F"erne rückte, wurde der Pole zu 
einem „ewigen Revolutionär", jedem Freiheitsruf froh entgegenjauchzend, 
sein bloßer Name eine Losung für den Tyrannenhaß, ein Greuel für jede 
Polizistenseele. Auf fremder Wahlstatt, sogar in der Türkei und Ägypten, 
verspritzte er jetzt sein Blut, und 1848 errang in Ungarn die größten Er- Mch'^i'sj^/^nd 
folge der polnische General von 1831. Mckiewi'cz^a^f 

Mit dieser Emigration verlegte auch die Literatur ihre Penaten nach "^"^schaffenT" 



l6o Alexandkk BrCcknkk: Die polnische Literatur. 

Paris. Durch zwei Dezennien ward die fremde, ungeliebte Stadt, die der 
ländliche Pole schon ihres Lärmes wegen mied, Sitz der polnischen füh- 
renden Geister. Und unter Entbehrungen aller Art, materiellen und drücken- 
deren moralischen; in der zehrenden Sehnsucht nach dem verlorenen Pa- 
radies, nach der trauten Heimat; in Schmerz und bangen, immer wieder 
getäuschten Hoffnungen; auf dem heißen Boden des Welttrubels sind alle 
die Perlen nationaler Literatur, die jetzt erst wahrhaft groß werden sollte, 
entstanden: ein einziges Schauspiel der Geschichte der Weltliteratur, eines 
der vielen polnischen Rätsel. 

Obenan stand Mickiewicz , in rastloser Tätigkeit, den nationalen 
Kampf mit der Feder jetzt aufnehmend. In evangelischen Parabeln und 
messianischen Verheißungen (die Lamennais nachahmte) sprach er den 
Verbannten Trost zu; schilderte in lebhaft bewegter, dramatischer Form, 
was ihm als Anfang der Verfolgungen und Kämpfe galt, die Verhöre und 
Gefängnisse in Wilno von 1824; rechnete mit russischen Gewalthabern 
in der blutigen Satire „Petersburg" (auch einer „Winterreise") ab. Sein 
Konrad — zu diesem hatte sich der liebegirrende Gustav der früheren 
„Ahnenfeier" gehäutet — forderte in titanischem Trotz Himmel und Gott als 
den Zaren, nicht den Vater der Welt, in die Schranken. Aber nicht dem 
vermessenen Lästerer, sondern dem demütig zerknirschten Pater wurde 
die Gnade der Prophetie und tröstender Zukunftsvisionen zuteil. Denn mit 
dem Dichter selbst, der in Rom seinen Glauben wiedergefunden hatte, 
war eine tiefe religiöse Veränderung vorgegangen. Zuletzt flüchtete 
Mickiewicz vor dem unfruchtbaren Politisieren und Konspirieren, aus dem 
Fegefeuer der Parteien und Losungen, vor den Beschuldigungen und Ver- 
dächtigungen, in die frohen Visionen seiner Jugend: aus dem, was daheim 
das sinnende Kind, der träumende Knabe erschaut und erlauscht hatten, 
erwuchs das größte poetische Werk slawischer Literaturen, „Herr Thaddäus", 
die schönste moderne Epopöe: ein „Hermann und Dorothea", transponiert 
in adeliglitauisches, ländliches Leben; seine zwölf Gesänge eine Reihe 
von Bildern und Szenen: aus der Natur — bis zum Gequak der Frösche und 
Gesumme der Fliegen; aus der Menschenwelt, mit ihren Durchschnittstypen, 
die nur von dem freiwilligen Büßer im Mönchshabit überragt und geleitet 
werden. Was diesen heiteren Bildern, voll des Glanzes der Abendsonne, die 
zum letzten Male eine für immer versinkende Welt beleuchtet, den Wert 
leiht, der sie weit über alle modernen Epen stellt, ist, neben der außer- 
ordentlichen Kunst des Meisters, seines Naturgefühles und Farbensinnes, 
neben der unübertroffenen Plastik seiner Landschaften und Gegenden, das 
bewegte Gefühl; die Tränen unter dem Lächeln, ja unter der leichten 
Ironie; die innige Sympathie, die sich dem Leser mitteilt. Stellenweise 
übermannt den Verbannten, Heimatlosen das Gefühl. Aber kaum hat er 
dem gepreßten Herzen Luft gegeben, weist er wieder in epischer Ruhe 
und Gemächlichkeit seine Bilder, der Hasen- oder Bärenjagd, des Politi- 
sierens in der Schenke, des Kampfes mit den Russen, der Anschläge 



II. Die Literatur des 19. Jahrhunderts bis zum Aul'stand von 18O3. 161 

einer Kokette, der lieblichen Unschuld vom Lande. Ein ländliches Epos, 
wie es dem ackerbauenden Volke zukommt, von dem patriarchalischen 
Treiben litauisch-polnischer Vergangenheit am Vorabende der gewaltigen 
Völkerflut von 1812, deren Wellen an das stille, weltentrückte Eiland 
schlagen; wie jedes Meisterwerk von täuschender Leichtigkeit in der Aus- 
führung, doch vergebens blieben die Versuche anderer, es nachzuahmen 
oder fortzusetzen. 

Von der klassischen, ruhigheiteren, sonnigklaren Größe des Mickiewicz, juUus Ste«.icki. 
von den scharf umrissenen Konturen sogar seiner Traumbilder und Vi- 
sionen, von der Innigkeit und Tiefe seines Gefühls, von den patriotischen 
Tendenzen seines Schaffens, sticht doppelt ab das Werk seines großen 
Rivalen, Julius Siowacki, des Chopins (mit dem er außerordentlich vieles 
teilte) unter den Dichtem. Beweglicher, erregbarer vertritt er förmlich 
das musikalische Element. Von unendlich reicher Phantasie, mit Vorliebe 
nach dem Phantastischen greifend, voller Scheu vor allem Banalen, schuf 
er sich selbst ein unglückliches, aber poetisches Leben. Er ersehnte den 
Nachruhm, weil er unverstanden dahin ging; denn dem Philister blieb seine 
große Kunst ein Buch mit sieben Siegeln, und erst die Nachwelt flocht ihm 
ihre Kränze. Slowacki ist Dichter der Moderne; er hat ihre Entwicklung 
förmlich vorweg genommen; den vollendeten Bau von Vers und Strophe, 
dagegen die von Mickiewicz hausbacken erscheinen; die unübertroffene 
Meisterschaft der Sprache, des geftigigsten Werkzeuges in seinen Händen; 
das Suchen nach entlegenen Stoffen; das Symbolisieren und AUegorisieren; 
die melancholische Grundstimmung, die Müdigkeit, den Weltschmerz, das 
Gegenstück zum Optimismus des Mickiewicz. Dabei wahrt Slowacki sich 
das Recht, die Wege nach dem Ideal zu weisen, ewige Wahrheiten zu ent- 
schleiern und zu künden. So rivalisiert mit dem litauischen Homer der 
wolhynische Ariosto, doch nicht nur den romantischen Epiker, wir bewundem 
in ihm auch den Lyriker und Dramatiker. Hat er auch kein technisch voll- 
endetes Bühnenstück — mit der Bühne hatte der Emigrant keinerlei 
Fühlung — geschaffen: seine polnischer Urzeit entnommenen Tragödien sind 
doch im größten Stile gehalten und die vollendetsten Visionen einer imagi- 
nären Welt, die hoch über der werktäglichen prangt, ihren eigenen Ge- 
setzen folgt und auch uns durch das Walten ihres Verhängnisses erschauern 
läßt. Gegenüber der männlichen Ruhe und Sicherheit des aus den litau- 
ischen Wäldern hervortretenden Riesen ist er gleichsam die schillernde 
Sirene (aus Warschaus Wappen) mit ihrem Unbestand und Launen, die 
Adel und Priester des Volkes bitter spüren müssen; mit ihrer berückenden, 
geheimnisvollen Schönheit. Doch umzittert seine farbensprühendsten Visionen 
ein Hauch tiefer Schwermut; unstillbare Tränen umfloren ihm Blick und 
Stimme. Neben gewaltigen, düsteren und grellen Bildern, neben den ge- 
wagtesten satirischen Ausfällen (zumal in seinem „Beniowski", einem Pen- 
dant zum Byronschen „Don Juan") liebt er die diskreteste Pinselführung 
und Liebesidyllen, wie „In der Schweiz", sind das Zarteste und Keuscheste 

Die K-jltur dkr Gegenwart. I. q. i i 



j()2 Alexander Brückner: Die polnische Literatur. 

■ der erotischen Poesie aller Zeiten — auch ihr Untergrund kein Granit, 
sondern ein Tränenmeer. So ist Slowacki Schmelz und Wohllaut selbst; 
was er berührt, fremde oder eigene Motive, löst poetische Wellen aus; 
er schafft Stimmung wie kein anderer, in romantischen Landen der treff- 
lichste Führer. Seine Kunst ist nicht für die Menge, ist Kaviar fürs 
Volk. Es fehlt ihr die einfache Klarheit, Ghreifbarkeit; sie quält eher und 
beunruhigt den naiven Leser, daher zählt er unter Ästheten und ihren 
Adepten die überzeugtesten Bewunderer, denen die derbere Kost des Li- 
tauers nicht mehr munden mag. Auch Siowacki, trotz seiner poetischen 
Extravaganzen, stellte sich in den Dienst des Ideals, der Menschenvervoll- 
kommnung; die Brotesser zu verengein ist seiner Kunst höchstes Ziel ge- 
wesen; er diente Fortschritt und Wahrheit, und niemand war strengerer 
Richter über das eigene Volk, als dieser Feind der Klerisei und der 
Aristokraten. 

Neben den Verherrlicher altruistischer Gefühle , neben den Epiker 
Mickiewicz; neben den Egotisten und Phantasten Siowacki, trat der Dichter 
der Reflexion, Graf Zygmunt Krasinski, der — übrigens nicht einzige — 
„anonyme Dichter" der Polen, ein Sohn masowischen Bodens. Gegenüber 
der robusten, normalen Entwicklung des Mickiewicz; gegenüber der zarten 
Pflege durch Frauenhände, die Siowackis Feminismus groß zog, imponiert 
die treibhausartige Frühreife des Krasinski, die an Shelley mahnt. Den 
Knaben, der bändereiche historische Romane verbrach — Walter Scott 
hatte es ja vor 1830 allen angetan — überraschte die Novemberrevolution, 
an der er nicht teilnehmen durfte. Nachdem er in allen möglichen pro- 
saischen Formen (er scheute lange den Vers) die Russen verwünscht 
hatte, erhob sich schließlich vor dem sinnenden Christen die eine Frage: 
wie weit denn Rache gehen dürfe und was sie schaffe; vor dem Aristo- 
kraten die andere: was bringt uns die Zukunft, die unvermeidliche soziale 
Revolution mit dem Untergange aller alten Ordnung, was ist ihr Endziel? 
Jenes engere, polnischem Verständnis besonders nahe Problem behandelte 
sein „Iridion", das dramatische Gedicht (in fast rhythmischer Prosa) von 
dem Griechen, der sein entwürdigtes Vaterland an dem völkerverderbenden 
Rom, und wäre es um den Preis seiner Seele (Einschlag des Faustmotivs) 
rächen wird; der zur Rache alle Gegner Roms, auch die unterirdischen, 
die Christen aufruft. Aber das Werk der Rache muß mißlingen, mag es 
sogar Heilige betören. Den, der es geplant, rettet vor der ewigen Ver- 
damnis nur die heiße Liebe zum Vaterlande, doch muß er seine Verirrung 
in harter, entsagender Arbeit büßen; die Lösung ist somit eine andere, 
als die im „Konrad Wallenrod" gebotene, eine christliche, keine heidnische. 
Meisterhaft ist die Vision des Heliogabalschen Roms: Roms Poesie hat 
unter Polen die trefflichsten Künder gefunden. Das zweite, heute so ak- 
tuelle Problem behandelt das noch freier und loser gebaute Drama „Die 
ungöttliche Komödie", deren größte Schwäche das Fehlen des Verses 
ausmacht, den sie gebieterisch heischt; es ist dies das Werk eines 2 1 jäh- 



II. Die Literatur des Hl. Jahrhunderts bis /.um Aufstand von 1863. 15-1 

rigen Jünglings, 1834 vollendet, doch als nach vielen Dezennien von Er- 
fahrungen und Versuchen Bjömson das gleiche Thema behandelte, hat 
der bejahrte Norweger den Krasiiiski nicht zu überbieten, kaum zu er- 
reichen vermocht. Die Namen der kämpfenden Parteien („Aristokraten" 
und „Demokraten") sind in diesem Pendant zur Göttlichen Komödie (einer 
Lieblingsdichtung der Polen) zwar unzeitgemäß, desto zeitgemäßer da- 
gegen der Kampf selbst, der Besitzlosen gegen die Besitzenden. Es han- 
delt sich um keine Ideale, nur um einen Tausch, auf daß die Hungrigen 
die Stelle der Satten einnehmen, worauf bei der Ungleichheit mensch- 
licher Veranlagung das alte Spiel von neuem beginnen wird. Morsch und 
feige ist die „Aristokratie" — niemand hat die Philippika des Grafen gegen 
seine Standesgenossen zu übertreffen vermocht: nach ihm gebührt ihr nur 
Vertilgung und Vergessen; aber die „Demokratie" steuert demselben Ziele 
zu, trotz aller Tiraden von Gleichheit und Brüderlichkeit, und ebenso 
schonungslos reißt Krasinski diese Larve von ihrem Gesicht. Über dem 
Abgrund, in den die Repräsentanten beider versinken, erhebt sich das 
Zeichen des Kreuzes, des Sieges des Galiläers, der christlichen Liebe; 
eine bessere poetische Lösung ist ausgeschlossen. Krasinski blieb jedoch 
bei diesen großen Konzeptionen stehen; der Philosoph und Publizist töte- 
ten schließlich den Dichter, der sich in pantheistischen Visionen und in 
Bekämpfungen der ihm unsympathischen politischen und sozialen Tages- 
losungen verlor, nvir selten noch zu großem lyrischem Schwünge sich 
erhebend. 

Philosophie oder richtiger Mystik hatte auch die Pfade der Mickiewicz Die mystische 
und Slowacki und so vieler anderer gekreuzt. Unter dem Einfluß des Emigrations/ 
„Messianismus" des Litauers A. Towianski schwor Mickiewicz das Dichten MessiaAismus 

des A. To- 

ab, um Apostel der neuen Lehre vom Katheder der Sorbonne aus zu wiän'ski. 
werden; derselbe Einfluß schuf das eitle Weltkind Slowacki zum grübelnden 
Anachoreten um. Mystische Einschläge, die noch höher in der polnischen 
Literatur hinaufreichen, sind ihr bis heute, auch bei Gegnern und Be- 
kämpfem dieser Mystik, immanent. Ein mystischer Glaube an die be- 
sondere Mission des neuen auserwählten Volkes ließ, wie das alte den 
Monotheismus, so das neue das Evangelium der Gerechtigkeit und Liebe 
vertreten, um dafür zum Opfer verurteilt zu werden; nur so ließen sich mit 
dem Glauben an eine weise und gütige Vorsehung die schweren Schicksals- 
schläge, die die Nation trafen, versöhnen; man verherrlichte die Einrich- 
tungen der glorreichen Republik, die allerdings für Engel, kaum für Sterb- 
liche bestimmt schienen; man begeisterte sich mit Recht für die eigene 
Geschichte und Polens werbende Kraft, für seine schmählich gelohnte 
Opferfähigkeit, als z. B. den Entsatz Wiens die Losung, welche Maria 
Theresia zur ersten Teilung Polens gab, vergalt. So entstand der Glaube 
des polnischen Messianismus, daß das Volk berufen sei, das neue Evan- 
gelium der Liebe zu predigen, der höchsten Evolution, dem Reiche 
des Heiligen Geistes durch das Sicherheben und Festhalten am „Ton" 



l54 Alexander Brückner: Die polnische Literatur. 

vorzuarbeiten, die Beziehungen der Staaten und der Menschheit, nicht 
nur der Individuen, zu verchristlichen; das Opfer schnödesten Ver- 
rates am Christentum im Namen materiellster Herrschsucht, die Unter- 
legenen, schienen eine neue moralische Weltordnung dem Sieger künden 
zu sollen. Bei allen Überschwenglichkeiten und Einseitigkeiten, die diese 
Lehre stark diskreditieren, darf nicht übersehen werden, welche hohe An- 
forderungen sie an den einzelnen stellt, und das Ziel, dem sie zustrebt, 
die Veredlung der Menschheit, könnte nicht höher und schöner gesteckt 
werden. Der Messianismus setzte sich über offizielle Kirche und Staat 
hinweg, leugnete engen Patriotismus, verschmähte die liberalbourgeoisen 
Institutionen, den Schacher der Parlamente, jegliches Politisieren und Kon- 
spirieren und spaltete nur noch mehr die an sich schon zersplitterte Emi- 
gration. Nach dem Jahre 1850 glitt ihr die führende Leitung aus den 
Händen; die großen Dichter waren verstummt; Tod oder Amnestie 
lichteten rasch ihre Reihen; der bedeutendste Epigone dieser Emigration, der 
treffliche Publizist Julian Klaczko, gab das Schreiben polnischer Artikel 
auf, um in geistreichen Essays über Politik und zuletzt über Dante und 
Renaissance in französischer Sprache sich ein größeres Publikum zu er- 
obern. 

Während die Poesie der Emigration nach dem Höchsten rang, sorgte 
man daheim (1831 — 1863) für den täglichen Bedarf der Literatur; besonderes 
' Verdienst erwarb sich der vielseitige, überaus fruchtbare Romanschriftsteller 
Jözef Kraszewski; erst seine polnischen Werke verdrängten die fran- 
zösischen aus der Lesewelt; dann der Romanschriftsteller und Dramatiker 
Jözef Korzeniowski, der zuerst nach Fredro ein solides polnisches Re- 
pertoire zimmerte; neben ihnen brachte eine stattliche Reihe von Epikern 
und Romanciers die altadeligen Traditionen zu Ehren, in förmlichem Wett- 
streit mit dem „Herr Thaddäus", oder huldigte demokratischen Tendenzen, 
indem sie den Kreis adeliger Ausschließlichkeit durchbrach und die 
Sache des Volkes, der Freiheit, ja der Revolution vertrat. Gepflegt wurde 
der historische Roman, der nur aus dem 1 8. Jahrhundert bedeutende, lebens- 
frische Bilder brachte; der Künstlerroman, der soziale und Bauernroman, 
der der Emanzipation von 1 86 1 vorausgriff; der satirische blieb unbedeutend. 
Mit dem historischen Drama rang man vergebens; auch das historische 
Epos leistete desto weniger, mit je größerem Applomb es auftrat. Desto 
besser gelangen einem Pol oder Syrokomla die kleineren Genrebilder 
aus der Vergangenheit und ihrem ländlichen patriarchalischen Treiben; 
unter den Lyrikern reichte nur der jugendliche Ujejski mit seinen tief 
erschütternden und doch versöhnenden Klagen des Jeremias (infolge der 
Vorgänge von 1846) an die Höhe der Emigrationspoesie. Zahlreicher 
traten jetzt auch Schriftstellerinnen hervor; es ist merkwürdig, wie spät 
das schöne Geschlecht, das in Polen so oft das stärkere ist, in die Lite- 
ratur eingreift; das 17. und 18. Jahrhundert bieten nur ganz vereinzelte 
Erscheinungen, im iq. Jahrhundert mehren sie sich, aber bis 1863 war man 



III. Die Literatur seit dem Aufstand von 1S63. 165 

von der modernen Invasion des polnischen Parnasses durch die Frauen 
weit entfernt. Das Gedankenreichste und Formvollendetste leistete die 
„Enthusiastin" Zmichowska, doch mied sie schließlich jede Exaltation, 
verurteilte die Träumereien und fand den Weg zu ersprießlicher Förde- 
rung, nicht den der Emanzipation nach Art der G. Sand, sondern den 
der Humanität. 

III. Die Literatur seit dem Aufstand von 1803. In dieses Ute- Die Katastrophe 

von i86j und 

rarische Leben, das offenbar einer Erneuerung, Verjüngung entgegentrieb der.n Folgen. 

TT- • T^n 1 1 Bankrott der 

— die alten Losungen verloren ihre Wirkung, die Pflege der exakten aitin Romantik. 
und sogar der historischen Wissenschaften blieb arg zurück, Philosophie 
fehlte völlig, der Anschluß an die europäische Gedankenwelt war wieder- 
um recht lose geworden — schlug nun, die notwendige Entwicklung 
überstürzend, eine neue politische Katastrophe herein, der Aufstand von 
1863, der eigentliche Abschluß der polnischen Romantik. Schmerzliche 
Enttäuschungen ernüchterten die Nation; sie brach mit der romantischen, 
abenteuerlichen, unverantwortlichen Politik; jetzt hieß es, unter neuen, 
ungleich schwierigeren Lebensbedingungen, nach dem Verluste jeglicher 
Autonomie, nach zahllosen Einbußen an Blut und Mitteln, die tiefen 
Wunden heilen, das Versäumte nachholen, der Entwicklung des sozialen 
Lebens sich anpassen, in den Rahmen der neuen Welt, ihrer Industrie, 
ihres Verkehrs sich eingliedern. Mit einem Male verlor die Romantik 
ihren Kredit; die noch unlängst so gefeierten Traditionen, die konfessionelle, 
ständische, nationale Engherzigkeit und Einseitigkeit, verleugnete man im 
Namen des Fortschrittes und der „organischen Arbeit'', die die nationalen 
Grundlagen umgestalten sollten. Die „positivistische" Jugend räumte mit 
altväterlichem Erbgut auf, begeisterte sich für Darwin und Comte, für 
Buckle und Mill, für Büchner und Vogt, verpönte Träumen, Phantasie und 
Poesie, zumal die lyrische und epische. Gelten ließ sie nur die dramatische 
Literatur, um von der Bühne herab Propaganda für die neuen Ideen zu 
treiben, und den tendenziösen Roman. In der Tat verstummte die Poesie, 
d. h. sie fand keine Hörer mehr; nur die wenigsten, wirklichen Künstler, be- 
sonders Asnyk, ließen sich durch dieses lärmende Treiben nicht beirren, 
und von Siowackis Bahnen ausgehend, rang sich dieser Lyriker zu einer 
neuen evolutionistischen Weltauffassung durch, doch mied er die Kämpfe des 
Tages. Desto breiteren Raum nahm das Drama ein, Thesenstücke nach Art 
der Franzosen (Augier, Dumas), obwohl der Tendenz gerade dasjenige nicht 
huldigte, was allein bleibenden Wert behalten sollte, Bliziiiskis Bilder 
aus dem Treiben der Gentry, der er selbst angehörte und die er mit 
Sympathie und doch wahrheitsgemäß darstellte, in köstlicher Sprache und 
mit viel Laune, national und charakteristisch in jedem Zug, tieferen Kon- 
flikten jedoch aus dem Wege gehend. Noch intensiver pflegte man den 
Roman: der alternde Kraszewski imponierte auch ferner durch seine un- 
glaubliche Arbeitskraft und -lust, doch trat er jetzt mit Vorliebe mit 



j56 Alexander Brückner: Die polnische Literatur. 

ungezählten historischen Romanen auf; neben ihm der demokratische 
und revolutionäre Jez, der als erster unter den Polen die Freiheits- 
kämpfe der Balkanvölker zu historischen Romanen verwertete oder in 
sozialen Erzählungen die Schwächen polnischer Gesellschaft bis zur Kari- 
katur entstellte und seine eigenen demokratischen Ideale verherrlichte. 
Diese Vertreter des Alten, die den Forderungen der neuen Zeit sich an- 
paßten, wie Kraszewski und Jez, oder sie ignorierten, wie Blizinski im 
Tendenziöse, Drama Und manch anderer im Roman, übertraf weit durch seinen Einfluß 
''Titeratur. " auf die Warschaucr Jugend, die ihn blind verehrte, Alexander Swieto- 
wi^toc °™5'- (,j^Q^\-g].j^ einer der glänzendsten Stilisten. Kein Dichter, im Grunde Dia- 
lektiker und Sophist, Meister des epigrammatischen Stiles, an Voltaire 
oder Herzen erinnernd, wagte er sich, abgesehen von seiner Publizistik, 
an große dramatische Konzeptionen, und die Lesedramen, die er schuf, 
gehören zu den interessantesten der Weltliteratur. Unübertroffen bleibt 
seine Wiederbelebung des alten Athen, die Darstellung der rhetorischen 
Leistungen des Perikles und der Wortgefechte der Sophisten, trotz des Ein- 
mischens allermodernster Losungen; weniger befriedigt sein Dramenzyklus, 
der die Entwicklung der Menschheit von der primitiven Horde bis zur Kultur 
und Humanität darstellt; seiner 'Apotheose der Liebe und ihrer veredelnden 
Wirkungen, sowie seinen Anklagen der Religion, d. i. des Aberglaubens 
und der Pfaffen, fehlt nur, wie den Dramen des ICrasinski, rhythmischer 
Zauber und Wucht der Verse; die stahlharte und haarscharfe Klinge seines 
Geistes führt er im sozialen Drama gewandter. Doch auch hier interessierte 
ihn nicht Aktion oder Charakteristik, nur die dialektische Entwicklung, 
das Hinüber- und Herüberwerfen von Paradoxen, Sarkasmen, Aphorismen, 
das Rededuell von Meistern des geistigen Rapiers: eine Kunst, nicht für 
die Menge geschaffen, die sich von den verstandesmäßigen Deduktionen 
des Darwinisten und Individualisten trotz ihrer blendenden Form nicht 
angezogen fühlte. 
Rückschläge. Diese Gunst der Menge eroberte spielend ein anderer, der bis heute 

SeinJ^Epen'Tn ein Liebling der Massen geblieben ist, Henryk Sienkiewicz, obwohl oder 
KuHurronTane. vielleicht Weil im Grunde seine Kunst einen Rückfall in avitische Tradi- 
tionen und Illusionen bedeutete; sein eigentliches Auftreten in der Lite- 
ratur, nach 1883, bedeutete bereits die nahende Überwindung des positi- 
vistischen Momentes. Auch er hatte noch vor einem Dezennium, wie die 
übrigen Zöglinge der Warschauer „Hauptschule", der einstigen Universität, 
als Positivist mit realistischen Novellen und als Publizist mit geistreichen 
und satirischen Feuilletons begonnen, und frühe schon fiel die Vielseitig- 
keit seines Könnens auf; sein eigentliches Feld fand er jedoch erst, 
als er, dem angeborenen Naturell nachgebend, unbekümmert um die 
Mahnungen einer doktrinären Kj-itik, von der unbefriedigenden klein- 
lichen Gegenwart, der Belebung vergangener Zeiten, ihres nationalen 
Glanzes, ihrer erschütternden Katastrophen und erhebenden Triumphe 
sich zuwandte, der neue Homer der altpolnischen Epopöe. Erst hier kam 



III. Die Literatur seit dem Aufstand von 1863. 167 

ZU ihrem Rechte seine unglaubliche Erzählerkunst, die unübertroffene 
Plastik und Lebhaftigkeit seiner Vision der Vergangenheit. Das von rea- 
listischer und tendenziöser Kleinmalerei übersättigte Publikum, nicht nur 
das polnische, verschlang mit Heißhunger seine schier endlosen historischen 
Romane. In einer Trilogie, „Mit Feuer und Schwert", „Die Sintflut", „Herr 
Wolodyjowski", schilderte er Gipfel und Abgrund polnischen Ringens mit 
den Feinden im 1 7. Jahrhundert, wobei er der Zensur wegen die Russen 
beiseite lassen mußte, sich dadurch der effektvollsten Züge beraubend — 
der erste Teil der Trilogie errang beispiellosen Erfolg-, wie ihn nur 
Walter Scott 1815 zu verzeichnen gehabt hatte. Des Gegensatzes halber 
stieg er zu modemer Haarspalterei herab, das Seelenleben eines Deka- 
denten in „Ohne Dogma" analysierend; etwas philiströse Moral verzapfte 
er in „Familie Polaniecki", aber bald riß er sich wieder von dieser 
intimen und modernen Kunst ab und wandte sich großen historischen 
Kompositionen zu. Nun ließ er in „Quo Vadis" über Macht und Sinnes- 
rausch des kaiserlichen Roms das unterirdische mit seiner Askese und 
Liebe, mit seiner Demut und Ergebenheit siegen: es ist dies derjenige 
Roman, der in der gesamten Weltliteratur den größten Erfolg errungen 
hat, nicht nur etwa in Nordamerika und England, sondern auch in so 
exklusiven, gegen alles Fremde unzugänglichen Literaturen, wie die 
französische. Mit den „Kreuzrittern" betrat er wieder die Bahn, auf der 
er mit Matejkos Polens Vergangenheit glorifizierenden Gemälden wett- 
eiferte; doch legte er bald die Feder nieder. Zu bewundern bleibt 
die Unerschöpflichkeit des Erzählers; das sich Überbieten von Bildern 
und Szenen; das meisterhafte Knüpfen und Lösen von Schwierigkeiten; 
die Fülle charakteristischer Gestalten, jede mit ihrer besonderen Sprache 
und Geste, ob es mm eine schwärmerische Jungfrau, ein Falstaff oder 
ein Ritter ohne Furcht und Tadel ist; die Anpassungsfähigkeit des 
Künstlers an jegliche Lage, ob er nun perverse Raffiniertheit einer 
absterbenden Zivilisation oder frisch pulsierendes Leben derbsten Mittel- 
alters, heroische Instinkte eines jugendfrischen Volkes oder antike sinn- 
liche Grazie verkörpert. Sein Talent ist, wie es ja Slawen zukommt, 
ausschließlich episch, und man merkt, wie der Meister selbst Gefallen 
findet am ausführlichsten Schildern und Erzählen, an den farbenprächtigen 
Bildern mit ihrem bewegten Fonds zahlloser, stets eigenartiger Figuren. 
Seine Kunst stellte sich immer ausschließlicher in den Dienst der Ver- 
gangenheit, ihrer Sympathien und Antipathien; kein Wunder daher, daß 
er bei der eigenen Nation, deren Aufmerksamkeit er für immer fesseln 
zu sollen schien, namentlich bei der Jugend, auf wachsende Opposition 
stieß, auf ein Auflehnen gegen seinen Einfluß, ein Ablehnen seines Stand- 
punktes, ja seiner Kunst sogar. 

Die eigentliche Entwicklung der modernen Literatur, seit 1890, geht der^^Serae^ 
denn auch auf anderen Bahnen vor sich, nicht in dem adelig-traditionellen ^"^Xo' ""' 
Geiste, sondern dem demokratischen Zuge der Zeit folgend. Dieser kün- K'ofz^zko.' 



158 Alexander Bkickner: Die polnische Literatur. 

dete sich bereits an in dem jetzt vierzigjährigen Schaffen der Frau 
E. von Orzeszko, einer der bedeutendsten, beliebtesten Schriftstellerinnen 
der Weltliteratur, die z. B. in Rußland besonders geschätzt wird. Trotz der 
Unzahl ihrer Romane und Novellen hat sie bezeichnenderweise niemals 
(außer in Judenerzählungen aus römischer Zeit) an dem historischen Altar 
geopfert. Sie begann als Tendenzschriftstellerin, die, unabhängig von 
der Warschauer Bewegung, für die Emanzipation des Weibes eintrat; 
aber auf polnischem Boden nahm auch die Emanzipationslust eine be- 
sondere, engere Form an. Im Grunde genommen ist die Orzeszko bis 
heute tendenziös in ihrem Schaffen geblieben, aber wie hat sich ihre 
Kunst vervollkommnet, wie ist ihr Stil präziser und energischer geworden, 
ihr Horizont erweitert, ihr Naturgefühl verfeinert — nur das Herz, die 
Sympathie für alle Unterdrückten, Unwissenden, Verlassenen hat die 
ursprüngliche Tiefe bewahrt. Für Polen wurde sie Ruferin im Streit, 
und trotz aller ihrer Mäßigung verdarb sie es für immer mit kon- 
servativen und klerikalen Kreisen; wagte sie es doch z. B. die Unlöslich- 
keit der Ehe und ihre Folgen zu beleuchten; von Herzens- und Familien- 
geschichten stieg sie zur Darstellung von Land und Leuten, Juden und 
Bauern, doch mit Vorliebe verblieb sie in ihren eigentlichen Kreisen, 
auf den Adelshöfen in der entlegenen Provinz. In den breit angelegten 
Romanen zeichnet sie die polnische Welt in ihren litauischen und weiß- 
russischen Winkeln am Niemen, mit dem lebhaftesten Sinn für das Land- 
schaftliche, ausgehend von den seit der Bauernbefreiung 1861 und dem 
Aufstande 1863 von Grund aus veränderten Bedingungen, die Muster und 
Ideale weisend, nach denen jeder sein Verhalten zum Nächsten und zum 
Boden einrichte. Sie betonte stets die einigenden und humanen Motive, 
fand sich ab mit den Schwächen und Unvollkommenheiten in wehmütiger 
Resignation, die sich mit dem Alter bis zum Pessimismus verdüsterte, 
und trotzdem mahnte sie unverzagt zur Mühe und Aufopferung für die 
„alten Scherben" (den bildlichen Stil lehrte sie der russische Zensor), in- 
dem sie gegen jegliches frivole Lockern der traditionellen Bande prote- 
stierte und die Jagd nach der „Pastete", nach dem Lebensgenüsse, sowie das 
Huldigen vor fremden Götzen, die Preisgabe des Heimes und Volkes ver- 
urteilte. Sie sucht moderne Losungen mit den traditionellen zu versöhnen, 
predigt das Evangelium der Arbeit und Liebe, trachtet den unter den Füßen 
zusehends weichenden Grund zu retten und zu sichern, lenkt die Aufmerk- 
samkeit auf den Juden mit seinem Fanatismus und seiner Unwissenheit, auf 
den Bauer mit seinem Aberglauben und seiner Gefühlstiefe, auf den Klein- 
adeligen mit seinem Stolz und seiner Zähigkeit, auf die Vornehmen, die 
großen Kinder, die verirrten und verführten, doch ohne didaktische Aufdring- 
lichkeit; trotz ihrer Ausführlichkeit; der Gehobenheit einer fa.st dichterischen 
Sprache ; der Neigung zum Idealisieren, erzielt sie mitunter durch die knappste 
Diktion, strengste Objektivität und die einfachsten Züge den größten Er- 
folg, zumal wo jegliche Tendenz sich in der epischen Fülle verflüclitigt. 



III. Die Literatur seit dem Aufstand von 1863. i6q 

Während in der Frauenliteratur der ^Velt Parallelen zur Orzeszko sich Maria 
ohne weiteres finden ließen, bleibt Maria Konopnicka unübertroffen, ja 
unerreicht. Sie ist, was bei Frauen so selten, eine Dichterin von männ- 
licher Kraft, ihren modernen Sangesbrüdern weit überlegen, ein großes 
episches und lyrisches Talent, eine Meisterin des Ausdrucks, die auf dem 
Boden der Tatsächlichkeit haftend, allem Exotischen, Phantastischen aus- 
weicht. Die Warschauer Positivisten zählten auch sie zu den ihrigen; 
ihren fortschrittlichen und demagogischen Melodien legte sie förmlich die 
Texte unter, aber bald streifte sie alles Tendenziöse ab, verherrlichte 
heimisches Land und Leute, schilderte Eindrücke der Fremde, zumal italie- 
nischer Kunst und Natur, und schuf schließlich das einzige, das Bauern- 
epos großen Stiles, das die Lücke in der Weltliteratur ausfüllt, das den 
Vergleich mit allen heroischen, romantischen, religiösen, historischen und 
bürgerlichen Epen siegreich besteht. So schuf die „aristokratische" pol- 
nische Literatur — diesen Vorwurf formulierten mit Nachdruck und einst 
nicht mit Unrecht Russen — das Bauern- und zwar das Auswandererepos. 
Denn die Rhapsodien und Oktaven des „Herr Balzer in Brasilien" schil- 
dern nicht Kämpfe und Nöte auf der heimischen Scholle; die aus allen 
Gegenden Polens bunt zusammengewürfelte Schar müht sich im verg'eb- 
lichen Ringen mit den Elementen, mit dem Klima, mit Pest und Hunger, 
mit Nagern und Schlangen, bis der Haufe von Skeletten im panischen 
Entsetzen und doch im tiefsten, unwandelbaren Gottvertrauen den Weg 
zur Küste, nach der Überfahrt, zu dem trauten Glockengeläut der Dorf- 
kirche sich bahnt, um den sicheren Tod zu finden: alles in den Mund des 
ehrbaren Dorfschmiedes gelegt, der die selbsterlebten Wunder und 
Schrecken mit erstaunlicher Anschaulichkeit, überwältigendem Gefühl, 
herber Einfachheit, ohne einen weibischen Zug, mit männlicher Kraft 
wiedergibt. Daß ein solches Werk Frauenhände schufen, ist nicht das 
geringste der W^under, an denen polnische Literaturgeschichte reich ist. 

Dieses Bauernepos wird nun bezeichnend für einen Hauptzug modern- Die voikstum 
ster polnischer Literatur, für ihre Volkstümlichkeit. Zwar haben auch im Leben und in 
die Alteren, schon wegen ihres ausgeprägten ländlichen Charakters, Ba 
Bauernleben und -typen dargestellt, in den Idyllen des Simonides (1612), 
die neben Nachahmungen des Theokrit und Vergil rotrussisches Dorf- 
leben ungeschminkt wiedergaben, wie im „Wiesiaw" des Brodzinski (1820), 
einem bäuerlichen „Hermann und Dorothea", der von sentimentalen An- 
wandlungen nicht frei war; der litauische Bums, Syrokomla, Kraszewski 
mit seinen Bauernromanen, arbeiteten der Bauememanzipation kräftig vor; 
es wurden sogar in den Mundarten polnischer Bauern, im Kaschubischen 
oder Oberschlesischen, meist humoristische Sachen geschrieben. Heute 
geht jedoch der volkstümliche Zug ungleich tiefer, ist keine zufallige 
oder vorübergehende Anwandlung mehr, ist die notwendigste Voraus- 
setzung oder Ergänzung jeglicher nationalkultureller Arbeit geworden. 

Lange nämlich war man in der gröbsten Täuschung über Stärke und 



lyo Alexander Brückner : Die polnische Literatur. 

Beschaffenheit polnischen nationalen Wesens befangen. Man nahm als 
selbstverständlich an, daß man mit dem Adel durch Expropriationen und 
Konfiskationen fertig werden, die Geistlichkeit durch Druck von Rom aus 
mürbe machen, das bürgerliche Element durch Amt und Schule ent- 
nationalisieren und den Bauer gegen seinen Bedrücker-Herrn ausspielen 
könne, indem man ihm das Polentum mit den „polnischen Zeiten" der 
Rechtlosigkeit und Robot als Greuel, die Fremden als die Erlöser von 
diesem Drucke, als seine Retter darstellte. Alles stimmte vorzüglich; 
übersehen war nur eine Kleinigkeit, das Nationalgefühl, und dieses machte 
den Strich durch die ganze Rechnung. Denn als der Bauer merkte, wo- 
hin das System schließlich abzielte, daß er seiner Sprache und Natio- 
nalität wegen verfolgt wurde — zahlte man doch schon im i8. Jahr- 
hundert Prämien für Entnationalisierung an Geistliche und Lehrer, etwa 
wie Schußprämien für Wölfe, und erklärte sogar Ortsnamen den Krieg 
— da erkannte der bis dahin loyalste und frömmste Untertan auf der 
ganzen Welt, in Regierung und Geistlichkeit seinen gefährlichsten Feind, 
und heute wächst täglich diese Entfremdung, die nur den Monarchismus, 
die Loyalität und sogar den Katholizismus selbst gefährdet, ohne der 
fremden Sache zu nützen. 

Auf diesem Granit des Polentums nun, auf der polnischen Bauem- 
welt, baut sich zum Teil die Literatur selbst auf. Es zeigt sich dies 
schon in der Sprache: die modernen Schriftsteller verjüngen und kräftigen 
sie, schöpfend aus dem Jugendbrunnen der Bauernsprache, zum Ent- 
setzen der zünftigen Puristen, die nur das salonmäßige Polnisch, wie es 
durch die Romantiker nach der klassischen Starrheit aufgefrischt ward, 
gelten lassen wollen. Es zeigt sich dies in der Wahl der Stoffe: Bauern- 
novellen, -romane und -dramen nehmen einen immer größeren Raum ein; 
ja, Schriftsteller gehen aus dem Volke unmittelbar hervor, sind Bauern- 
söhne oder steigen zu ihm herab, sie heiraten z. B. Bäuerinnen und leben 
auf dem Dorfe. Diese Bauernliteratur erst dringt in die Tiefen der 
Volksseele; sie begnügt sich nicht mehr mit dem äußerlichen ethno- 
graphischen Aufputz in Brauch, Lied, Sprache; sie erschließt die Gefühls- 
welt und Denkweise des Bauern, jegliche sentimentale oder idjdlische 
Anwandlung verpönend. Die meisten modernen Schriftsteller schöpfen 
aus der Volksliteratur oder steuern ihr bei; Sienkiewicz hat nur seine 
alte Sprache ihr angemodelt; die Orzeszko entnahm dem Volksleben ihre 
schönsten Schöpfungen; mit Konopnicka wetteifert Reymont, der große 
Epiker in Prosa, namentlich in seiner Epopöe „Die Bauern", die das gesamte 
Dorfleben, nicht nur seine tragischen, komischen oder idyllischen Ausschnitte, 
mit wunderbarer Plastik zur unübertroffenen Darstellung bringt. Von be- 
sonderer Bedeutung für die Literatur ward dann die Tatra, das Gebirge, 
sein Volk und dessen Sprache, für die Verjüngung" der Lyrik wie für die 
Bereicherung der Stoffe; ein Sohn der unwirtlichen Berge selbst, Orkan, 
schildert in hnmer größer angelegten Werken ihr Elend, die Starrheit 



III. Die Literatur seit dem Aufstand von 1863. lyi 

der grandiosen Natur, die Träumer und Propheten, die in dieser Um- 
gebung- entstehen. So schmilzt das Eis, das wie diese Berge, so diese 
Bauernwelt bedeckt hielt; das polnische Bauerntum ist nationalem Be- 
wußtsein gewonnen. 

In dieser unabwendbaren, natumotwendigen Bauemmanie und Bauern- Die altruistische 
manier geht jedoch die polnische Moderne nicht auf. Ein anderer sie be- Vertreter',- Prus 
herrschender Zug ist der Altruismus, das Einschärfen der Pflichten 
gegen die Gesamtheit. Die bedeutendsten Vertreter dieser Richtung sind 
der alte Prus und der junge Zeromski. Prus hatte als Positivist, Feuille- 
tonist und Humorist begonnen, ehe er seine Beobachtungen des täglichen 
Lebens und seiner Triebkräfte in größeren Schöpfungen verwertete: auch 
er errang mit einer Bauerngeschichte, die das zähe Haften des Bauern 
an der Scholle verherrlicht, den ersten großen Erfolg; er wandte sich 
dann sozialen Romanen zu, von grandioser Gedankentiefe, mit wunderbaren 
Gestalten („Die Emanzipantinnen"); in seinem Roman aus der Zeit der 
Pharaonen, mit dem der Dichter den Professor (Ebers) um viele Längen 
schlug, huldigte er dem Evolutionismus, denn sein Reformator unterliegt, aber 
seine Überwinder selbst werden diese Reformen ausführen müssen. Ungleich 
eigenartiger ist Zeromskis großes Talent; er ist kein Epiker, kein Fabu- 
list, wie Sienkiewicz; seine Romane zerflattern in lose Schilderungen, die 
auf einen Grundton gestimmt sind: gallige Ausfälle gegen bourgeoise 
Heuchelei, erschütternde, mit innerlichen Tränen und Blut geschriebene 
Schilderungen menschlichen Unglückes; sein Held in den „Heimlosen" 
wird, anders als Ibsens „Volksfeind", von vornherein den Versuchungen 
eigenen Glückes, eigenen Herdes an der Seite der Geliebten, widerstehen, 
um zum sozialen Kampfe die Arme sich frei zu erhalten. Die losen 
Stimmungsbilder Zeromskis ergreifen mächtiger, als die abgerundetsten 
Schöpfungen anderer; seine energische, konzentrierte Diktion — ganz wie 
sein Gefühl — , in ihrer oft schneidenden Schärfe, sticht von dem tempe- 
ramentlosen Wortgeschwall anderer förmlich befremdend ab; er bleibt 
Meister der Schilderung, wenn er auch die Gebote der Komposition 
verachtet. 

Zeit und Umstände bedingen allerlei Spezialisierungen — so die Andere Batmen 
sibirischen Novellen und Skizzen eines Szymaiiski oder Sieroszewski, „MoJeme«. 
die auf Grund eigener Anschauungen verfaßt sind, endigen doch so vieler 
Polen Zukunftsträume in dem Eis der Tundren; Sieroszewski ist zugleich 
hervorragender Ethnograph, seine Schilderungen Ostasiens unübertroffen. 
Lange vor Kipling pflegte Dygasinski das Tierepos, die heimische Tierwelt 
behandelnd und der Allegorie weniger huldigend. Satirische Romane aus 
der besten Gesellschaft bringt Weyssenhoff, ausgezeichnet durch diskrete 
Pinselführung, so daß das satirische Element kaum durchleuchtet und die 
Schilderungen dadurch nur naturwahrer werden. Von historischen Romanen 
wimmelt es geradezu; der eigentliche realistische Roman — trotzdem alle 
Genannten Realisten sind — mit seinen Kraßheiten erotischer Art ist 



iy2 Alexander Brückner: Die- polnische Literatur. 

ausgeschlossen: die slawischen Musen sind immer keusch. Das äußerste 
wagte noch eine Frau (Zapolska); erst Stanislaw Przybyszewski, von 
der deutschen Literatur und ans dem Kreise Strindbergs kommend, 
infizierte die polnische Literatur mit dem Kultus der nackten Seele, der 
Androgyne, der sexuellen Verirrungen, des Übermenschen; der Romancier 
jedoch, der in der deutschen Sprache die gewagtesten Probleme behandelte, 
schien auf dem polnischen Boden sich eines anderen zu besinnen, 
wenigstens behandeln seine polnischen Dramen sämtlich die Folgen, die 
die Verletzung moralischer Satzungen nach sich zieht; er schreckte jetzt 
eher ab, als daß er verführte und verwirrte. 

Unverhältnismäßig groß ist die Zahl der Lyriker, die die Gleichgültig- 
keit des großen Publikums gegen Verse endlich gebrochen haben. Diese 
Neubelebung der Poesie ging von fremden Anregungen aus; die Par- 
nassier, Symbolisten, Satanisten sogar fanden in Polen gelehrige Schüler, 
die sich selbst zu Meistern entwickelten. So Kazimierz Tetmajer (die 
deutschen Namen besagen nichts; schon der Urgroßvater dieses Moder- 
nisten huldigte polnischen Musen, wie Weyssenhoffs Ahne an der Mai- 
konstitution von lyqi mitwirkte), der in der Verherrlichung der Tatra sich 
den Geist gesund badete von Pessimismus und Sinnlichkeit, dem die 
größte Mannigfaltigkeit von Tönen und Bildern zu Gebote steht — im 
Gegensatze zu der Herbheit und Schroffheit des Sohnes der Kujawischen 
Hügellandschaft, J. Kasprowicz, der vom Volksdichter und Sozialisten 
ausgegangen, für seinen Weltschmerz den erschütterndsten, nicht den har- 
monischsten Ausdruck fand; beide Lyriker wandten sich mit großem Er- 
folg dem Roman und Drama zu. 

Eine besondere Stellung nimmt der Maler und Dichter Stanislaw 
Wyspianski ein, der Maler, der dem Dichter die fertigen Tableaus stellt; 
der an Slowacki erinnert nicht nur durch die Macht des Wortes, die 
befremdenden, ja beängstigenden Konzeptionen, sondern durch die Auf- 
fassung- von der Aufgabe des Dichters als ■;wi/cs, als geistiger Führer 
seines Volkes. Er findet die eigenartigsten Effekte, grandiose oder nur 
groteske; ist tief und geheimnisvoll, dunkel mit Absicht und kapriziös 
und bizarr zugleich. Überall scheint er zu Hause zu sein; antike Stoffe 
(Meleager, Protesilaus) verwertete er in der Art eines Maeterlinck und 
doch gab er eine imposante Vision heroischer Zeit; er behandelte die 
nationale Sage um des Stimmungszaubers willen, den er ihr willkürlich 
lieh; er setzte die Rhapsodien des Slowacki fort, den Konflikt zwischen 
König und Bischof (Stanislaus), in epischer und dramatischer Form, und 
erzielte die prächtigsten malerischen Wirkungen, schuf im einzelnen wahre 
Perlen der Poesie. Im gewaltigen Sprunge versetzte er sich in das 
19. Jahrhundert, in die Schilderung militärischer, politischer, geistiger 
Kämpfe der polnischen Generale, Diplomaten und Dichter; unterwarf in 
seinen phantastischen Dramen der schärfsten Kritik, die Geißel des Slo- 
wacki schwingend über Gerechte und Ungerechte, die Schlagworte des 



]H. Die Literatur seil dcni Aufstand von 18(13. I -_5 

Tages, sogar die „Bauernmanie", die Schwächen der Nation, das selbst- 
gefällige Wiegten in Träumen, die Abwendung des Blickes zur Vergangen- 
heit, zu den Gräbern, wovon nichts zu erhoffen ist; so wirft er sich als 
Führer und „Befreier" auf, im einzelnen unklar und widerspruchsvoll, in 
vielem treffend und packend. Seinen Dramen ist nicht gleicher Erfolg 
beschieden gewesen; den größten erzielte „Die Hochzeit'', trotz ihrer Alle- 
gorien und Symbole, durch die satirischen Ausfälle, den wirbelnden Rhyth- 
mus der Form, die aufs höchste gesteigerte Spannung-. Trotz aller Phan- 
tastik und Kaprizen ist seine Poesie durchaus bodenständig, im Grunde 
selbst eine Poesie der Gräber, möglich nur in den Stimmungen, die 
Krakaus ehrwürdige Denkmäler auslösen. 

An diese Kor^'phäen reiht sich eine beängstigend große Reihe von Koma., umi 
Dichtern und Belletristen. Da nämlich dem Polen die Tätigkeit in Amt 
und Heer meist unmöglich gemacht wird, muß sich der Überschuß geistiger 
Kräfte auf literarischem Gebiete ausladen; Dekadenten, Komödianten, 
Reporter wenden sich hierher; mit Männern wetteifern Frauen, weniger 
in L3'rik und Drama, als in Roman und Novelle, die bekannten Eigen- 
heiten weiblicher Belletristik meist wahrend, die süßen Herzensbedräng- 
nisse, das Idealisieren, zumal der Männer, die Weitschweifigkeit. x\m 
leersten geht das Drama aus; noch immer ringt man mit dem historischen 
in zahllosen Schöpfungen, die es über einen Achtungserfolg nie gebracht 
haben; Ibsen und Maeterlinck, Hauptmann und Wolzogen werden nach- 
geahmt, oft mit großem Glück; so erregfte Kisielewski mit seinen Dramen 
von Bildungsphilistern, von ihren Netzen, in die sich der Aufstrebende 
verstrickt, von dem intelligenten „Lumpengesindel", berechtigtes Aufsehen; 
einzelne Volksstücke imponieren durch die Konsequenz der Durchführung, 
einzelne soziale durch das unbeabsichtigte Zusammentreffen mit Tages- 
ereignissen — aber alles bietet eher vielversprechende Ansätze, Anläufe 
ist immer noch nicht die entscheidende dramatische Tat, der das slawische 
weichere, träumerischere Naturell, seine wesentlich lyrische und epische 
Veranlagung, noch immer nicht gewachsen scheint. 

Im Leben des polnischen Volkes nimmt die Literatur eine ungleich Bedeutung una 

Rolle der Litc- 

hohere, umfassendere Bedeutung an, als dies bei anderen Volkern der ratür im natio- 

, naien Leben. 

Fall ist. Die über zwanzig Millionen Köpfe zählende Nation ist seit Die Literatur als 

^ . seine Weckerin 

Über einem Jahrhundert jeglicher politischen Selbständigkeit beraubt, und Hüterin. 
Zwar fügte es ein gütiges Schicksal, daß bis jetzt wenigstens abwechselnd 
auf je einem Teilgebiete die Möglichkeit ungehinderterer Entfaltung geboten 
war. So war zuletzt an Galizien die Reihe gekommen, einer Autonomie 
sich zu erfreuen, eine führende Rolle einzunehmen. Die alte Königstadt 
Krakau, so lange eine Stadt der Ruinen und Traditionen, erhebt in Kunst, 
Wissenschaft und Literatur berechtigten Anspruch, als Dolmetscherin 
nationalen Geistes und geistiger Arbeit zu gelten. Das materiell, an 
Menschenzahl und Mitteln, ungleich reichere Kongreßpolen ist gelähmt 
durch das herrschende Russifikationssystem, das die materielle und geistige 



lyA Alexander BRf<rKNER: Die polnische Literatur. 

Entwicklung der Nation nur auf jede erdenkliche Weise unterdrückt. 
Kein Wunder daher, daß wegen der schmerzlichen Überraschungen, die 
sie täglich an den slawischen „Brüdern" (Bruder war Kain auch) erleben, 
bei den Polen slawophile Tendenzen vollständig verraucht sind; daher die 
Gleichgültigkeit oder Abneigung anderer Slawen gegen die Polen, die 
erst jetzt, nicht ohne den mächtigen Einfluß der polnischen Literatur, 
langsam zu weichen beginnt. Naturgemäß sind es die katholischen Slawen, 
Kroaten und Böhmen, die sich noch am ehesten angezogen fühlen, die 
orthodoxen scheidet ja schon die Konfession. Im Posenschen werden die 
heute gegen früher ungleich geringeren Mittel durch den Kampf gegen 
die Entnationalisierung ganz in Anspruch genommen. 

Unter solchen Umständen ist die Literatur das wichtigste nationale 
Band. Buch, Zeitung, Theater, ja Predigt und Kirchenlied haben für den 
Polen somit eine ganz andere Bedeutung als z. B. für den Deutschen; 
wäre es möglich, könnte der Deutsche dieser Dinge ganz entraten, da er sein 
Volkstum durch das nationale Amt, Heer, Schule usw. völlig gesichert 
weiß, sich hier ungestört voll ausleben kann. Von alledem hat der Pole 
nichts, das alles muß ihm seine Literatur ersetzen. Ein notdürftiger, gar 
fragwürdiger Ersatz; man könnte sogar zweifeln, ob auf die Dauer dieser 
Ersatz das nationale Bewußtsein aufrecht zu erhalten vermag; die Erfah- 
rung eines ganzen Jahrhunderts lehrt jedoch, daß in der Tat auch ohne 
politische die nationale Selbständigkeit gewahrt bleiben kann, freilich 
muß sie auf breiter kultureller und nationaler Basis gestützt sein. 

Die Literatur ist nun der glänzendste und einwandfreieste Zeuge der 
Jahrhunderte alten Kulturarbeit der polnischen Nation; unter den slawi- 
schen allen ragt sie durch die Fülle und Größe ihrer Talente hervor; ihr 
makelloses Schild haben stets reine Hände hoch gehalten; zweideutige 
Existenzen oder Richtungen sind ihr fremd. Sie steckt sich die höchsten 
Ziele und ruht auf der sichersten Basis; sie verkörpert den großen demo- 
kratischen und realistischen Zug der Zeit, ohne ihren alten Idealen untreu 
geworden zu sein; die reiche Elite ihrer Geister trägt vor der Nation 
die Leuchte wahrer Humanität. Mag auch Polens politische Sache unter- 
legen sein, aus seiner Literatur ertönt ihm allezeit das siirsum corda. Trotz 
fremden Druckes hält sie unentwegt an den abendländischen Grundlagen 
der nationalen Kultur fest, läßt sich durch keine slawophilen Velleitäten 
beirren und vergibt doch nichts ihrem slawischen Charakter, der ja in der 
Starrheit griechischer Kirche, in der Barbarei kyrillischer Schrift, im 
julianischen Kalender und mongolischen Despotismus durchaus nicht auf- 
geht, wie man es der Welt weismachen möchte. Niemals revolutionär 
und zerstörend, niemals aufreizend und minierend; immer mäßigend und 
warnend, aufklärend und erhebend, tröstend und stärkend zieht diese 
Literatur ihre eigenen Wege. Keiner anderen Literatur der Welt ist eine 
gleich schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen worden; 
keine andere zeigt sich dieser Aufgabe gleich gewachsen. 



Literatur. 

Die vorstehende Monographie ist im Jahre 1903 verfaßt und vor dem Druck nur kurz 
revidiert. 

Nachdem die polnische Literaturgeschichte, seit des Simon Starowolski Hekatontas 
vom Jahre 1625, sich hauptsächhch mit bio- und bibliographischen Ausführungen begnügt 
hatte, ist sie durch die bändereichen Werke des M. WisZNIEWSKi und W. A. MaciejowSKI, 
die beide jedoch nur bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts vordrangen, seit den vierziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts auf wissenschaftliche Grundlage gestellt worden. .Seit 1870 beson- 
ders setzte dann eine monographische Bearbeitung des reichen Stoffes ein , die sich gleich- 
mäßiger auf die Vergangenheit erstreckte und die Neuzeit verständnisvoll berücksichtigte. 
Die Ergebnisse dieser Forschungen sind zusammengefaßt in den beiden ,,Historja literatury 
polskiej" des P. Chmielowski (Warschau, 1900; 6 Bände) und des Grafen St. Tarnowski 
(Krakau, igooff. ; 6 Bände); ihnen war vorausgegangen eine knappe, sehr anziehend ge- 
schriebene Darstellung von Wi. SPASOWICZ in dem Gesamtwerke über slawische Litera- 
turen von Pypin -Spasowicz, das auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Vgl. außerdem 
A. Brückner, Geschichte der polnischen Literatur (Leipzig, IQ02) in der Amelangschen 
Sammlung ,, Literaturen des Ostens". Die Bibliographie der polnischen Literatur erschöpfte 
Karl Estreicher in seiner vielbändigen Bibliografja polska f Krakau, 1880 ff.). 



DIE BÖHMISCHE LITERATUR. 

Von 
Jan Mächal. 

Einleitung. Die böhmische Sprache gehört zu der westlichen Gruppe 
der slawischen Sprachen; ihr Gebiet erstreckt sich über Böhmen, Mähren, 
Schlesien, die Slowakei (im nordwestlichen Teile Ungarns) und spora- 
disch auch Niederösterreich. Auf diesem weiten Gebiete unterscheidet 
man noch heutzutage drei besondere Dialektgruppen: die tschechische, 
die mährische und slowakische mit verschiedenen Mundarten. Die mittel- 
tschechische Mundart in der Umgebung Prags als die Sprache des mäch- 
tigsten böhmischen Stammes (der Tschechen) wurde zur allgemeinen Litera- 
tursprache erhoben. 

Die Slowaken, die seit dem 1 1. Jahrhundert von den Böhmen für 
immer politisch getrennt und mit der Geschichte des ungarischen Staates 
verbunden waren, blieben doch in enger geistiger und literarischer Ver- 
bindung mit den Böhmen und bedienten sich bis zu Ende des i8. Jahr- 
hunderts der böhmischen Schriftsprache. Erst im Laufe des ig. Jahrhun- 
derts trennten sie sich von der böhmischen Literatursprache ab und be- 
gannen in eigener Mundart zu schreiben. 
Die älteste Nach der alten Überlieferung, welche der älteste böhmische Chronist 

Böhmens. Kosmas (f 1125) verzeichnet hat, waren die Böhmen, von ihrem Stamm- 
vater Cech geleitet, in einer weit zurückliegenden Epoche nach Böhmen 
gekommen. Aber der genaue Zeitpunkt der Besitznahme Böhmens und 
Mährens durch die böhmischen Slawen läßt sich bei dem völligen Mangel 
historischer Quellen nicht mit Gewißheit ermitteln. Gewöhnlich nimmt 
man an, daß sie erst in den ersten Jahrhunderten n. Chr. nach dem 
Abzüge der Markomannen und Quaden eingewandert waren. Aber die 
neueren archäologischen Forschungen belehren uns, daß ein Teil Böhmens 
bereits in der vorchristlichen Epoche von einem Volke slawischer Abkunft 
bewohnt war, und man kann mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß 
dies Slawen böhmischen Stammes waren. Die Besiedelung einzelner Ge- 
biete erfolgte natürlich nicht auf einmal, sondern dauerte längere Zeit, 
indem ein Stamm oder Geschlecht nach dem anderen seine ursprüngliche 



tinleituiig. lyy 

Heimat jenseits der Karpaten verließ und neue Länder in Besitz nahm. 
Die neuen Ansiedler bildeten anfangs keine politisch organisierten Ein- 
heiten, sondern waren in einzelne Stämme zersplittert, welche eigene 
Herrscher hatten und sich sprachlich durch dialektische Eigentümlich- 
keiten voneinander unterschieden. 

Die Slawen hatten ursprünglich nur einen Teil des heutigen Böhmens 
inne; neben ihnen wohnten in Böhmen und in den benachbarten Ländern 
zwei der berühmtesten Zweige zweier Hauptvölker des alten Europa, die 
gallischen Bojer (im 4. — i. Jahrhundert v.Chr.) und nach ihnen die deut- 
schen Markomannen und Quaden (in den ersten Jahrhunderten n. Chr.). 
Von den Bojern erbte das Land den Namen „Boiohemum, Böheim". In 
welchem Verhältnisse sich die böhmischen Slawen zu ihren Nachbarn, den 
Bojern und Markomannen, befanden, läßt sich nicht ermitteln, wahrschein- 
lich ist es aber, daß sie die Oberherrschaft derselben anerkennen mußten. 
Im 6. Jahrhundert wurden die Böhmen, sowie mehrere andere slawische 
Stämme von den wilden Awaren abhängig gemacht. Von dem drücken- 
den Awarenjoche hat sie erst der fränkische Feldherr Samo im Jahre 623 
befreit. Dem halb mythischen König Samo wird auch die Gründung eines 
großen slawischen Staates, dessen Kern Böhmen war, zugeschrieben. Sein 
Reich löste sich aber nach seinem Tode auf. Der älteste Herzog in 
Böhmen, dessen Andenken die böhmische Sage bewahrt hat, war Krok, 
dessen Tochter Libusa sich mit Pfemysl vermählte. Pfemysl wird nicht 
bloß als Ahnherr des in Böhmen lange regierenden Geschlechtes der 
Pfemysliden, sondern auch als Gesetzgeber des Landes in der böhmischen 
Sage gepriesen. 

In Mähren herrschte im g. Jahrhundert der Herzog Mojmir, welcher Großmähr. 
den ersten Grund zu dem Großmährischen Reiche gelegt hatte. Er be- 
wältigte die kleineren Fürsten in Mähren, besetzte das ganze nördliche 
Ufer der Donau vom Mannhardsberge an bis zum Einflüsse der Gran, 
machte auch Böhmen von sich abhängig und vereinte in seinem Reiche 
die sämtlichen Kräfte der Mährer, Slowaken und Böhmen. Sein Neffe 
Rastislav befestigte noch mehr die Macht Großmährens und faßte den 
Plan, dasselbe ganz unabhängig von dem fränkischen Reiche zu machen. 
Er kämpfte glücklich mit Ludwig dem Deutschen und berief die Slawen- 
apostel Cyrill und Method in sein Land (863), um dies auch in kirch- 
licher Hinsicht von dem Einflüsse der Deutschen zu befreien. Es gelang 
ihm wirklich, seinem Lande politische Unabhängigkeit zu verschaffen; 
als er auf dem Gipfel seiner Macht stand, wurde er von seinem ehr- 
geizigen Neffen Svatopluk verraten und den Deutschen ausgeliefert. Nach 
ihm herrschte Svatopluk, der die Macht und den Glanz des Groß- 
mährischen Reiches nicht nur erhalten, sondern auch ansehnlich vermehrt 
und befestigt hatte. Nach Svatopluks Tode entstanden aber infolge der 
Zwietracht seiner Söhne große Wirren im ganzen Lande, die böhmischen 
Herzoge fielen vom mährischen Reiche ab und die vordringenden Magyaren 

Die Kultur der Gegenwart. I. 9. 12 



178 



Jan Machai.: Die böhmische Literatur 



rc-hi-n- 
lie L 
I Mühn: 



machten im Jahre go6 dem Bestände Großmährens ein traurige? Ende. 
Das Land wurde eine Beute der Magyaren, nur der westhche Teil Mährens 
gelangte später an Böhmen. 

Nach dem Tode des mächtigen Svatopluk konnte auch Böhmen als un- 
mittelbarer Nachbar des großen Deutschen Reiches seine Unabhängigkeit 
von Deutschland nicht lange behaupten. Die böhmische Nation unterwarf 
sich teils freiwillig dem deutschen Einflüsse, teils verteidigte sie beharr- 
lich ihre nationale Selbständigkeit. Somit bildet die gegenseitige, bald 
freundschaftliche, bald feindliche Berührung des slawischen und deutschen 
Elements und der Widerstand gegen die gänzliche Germanisierung den 
wesentlichen Inhalt der ganzen böhmischen Geschichte bis auf unsere Zeit. 

Über das geistige Leben und die Bildung des böhmischen Volkes 
vor dessen Bekehrung zum Christentum ist uns aus dem Altertum nichts 
Genaueres überliefert worden. Die älteren, angeblich noch aus heidnischer 
Zeit stammenden Denkmäler, wie z. B. das Gericht der Libusa und die 
Königinhofer Handschrift, erwiesen sich als neuere Fälschungen. Die 
ersten Versuche, die Böhmen, Mährer und Slowaken zu christianisieren, 
fallen vor die Mitte des 9. Jahrhunderts. Unter den Mährern erwarb sich die 
christliche Lehre wenigstens zu Anfang des 9. Jahrhunderts schon einzelne 
Anhänger und Bekennen Doch erst unter Mojmir, der sich zum christ- 
lichen Glauben bekannte, faßte das Christentum festere Wurzeln. Im 
Jahre 830 nahm der slowakische Fürst im Neitraer Gebiete, Pribina, das 
Christentum aus deutsch - römischer Quelle an. Im Jahre 845 wurden 
14 böhmische Stammesfürsten samt ihrem Gefolge in Regensburg ge- 
tauft. Aber die allgemeine Verbreitung des Christentums unter dem Volke 
begann erst mit der segensreichen Tätigkeit der Slawenapostel Cyrill und 
Method, welche den Völkern Großmährens die griechische Liturgie und 
slawische Kirchensprache brachten und den Sieg des Christentums über 
das Heidentum vollendeten. Aus den Händen Methods nahm auch der 
böhmische Fürst Bofivoj (um das Jahr 873) die Taufe an. In Böhmen 
machte sich jedoch schon unter Borivoj neben der griechisch-slawischen 
Liturgie der deutsch - lateinische Ritus geltend, welcher allmählich der 
herrschende wurde. Die letzte Zufluchtsstätte der slawischen Liturgie in 
Böhmen, das Kloster von Säzava, wurde im Jahre 1097 den lateinischen 
Mönchen ausgeliefert. 

Obwohl die kirchenslawische Literatur unter den Böhmen keine große 
Verbreitung erlangte, so gibt es doch einige alte kirchenslawische Denk- 
mäler, welche Spuren von Bohemismen aufweisen und ohne Zweifel auf 
dem böhmisch-slowakischen Boden entstanden sind; zu ihnen gehören die 
Kiewer und Prager glagolitischen Fragmente und die altslawischen 
Legenden vom heiligen Wenzel und Ludmila. 

Mit dem Siege des deutsch-lateinischen Kirchentums machte sich bei 
den Böhmen auch der Einfluß der germanisch-romanischen Kultur für 
immer geltend. Unter diesem Einflüsse entstanden die ersten Anfänge 



I. Die altböhmische Lileralur. lyg 

der literarischen Tätigkeit in Böhmen. Zu den ältesten literarischen Denk- 
mälern gehören Legenden von böhmischen Heiligen (Wenzel und 
Ludmila) und Chroniken — die älteste von Kosmas (1045 — 1125) — , 
welche lateinisch geschrieben sind. Böhmisch geschriebene Denkmäler 
stammen erst aus dem 13. Jahrhundert. 

In der folgenden Darstellung will ich bloß die großen leitenden Ideen, 
welche die böhmische Literatur bewegten, und die bedeutsamsten führen- 
den Geister innerhalb der Literaturbewegung herausheben. 

I. Die altböhmische Literatur. Nach ihrer Bekehrung zum christ- 
lichen Glauben schlössen sich die Böhmen eng an die christlich-europäische 
Kultur an und nahmen eifrig an den heilsamen Früchten derselben teil. 
Das geistig regsame und für fremde Einflüsse leicht empfängliche Volk ergriff 
begierig und verfolgte mit seltenem Eifer alles, was ihm die damalige Zeit 
in bezug auf Bildung und Gesittung darbot. Unter den mächtig^en Ein- 
drücken der christlichen Kultur entstanden auch die ersten Anfänge der 
literarischen Tätigkeit in Böhmen. Die große hierarchische und theolo- 
gische Beweg-ung des 11. und 12. Jahrhunderts, welche im benachbarten 
Deutschland eine reiche nationale Literatur hervorrief, konnte nicht anders 
als belebend und fördernd auf die Anfänge der böhmischen Literatur 
wirken. 

Die Geistlichen in Böhmen entwickelten seit dem 13. Jahrhundert Geistliche 

Dichtun^ 

eme rege literarische Tätigkeit, übersetzten einzelne Teile der Heiligen 
Schrift, dichteten Kirchenlieder, biblische Geschichten, Legenden, be- 
lehrende Gedichte usw. Ihrem Bemühen ist es zu danken, daß eine 
blühende geistliche Dichtung erstand und eine volkstümliche poetische 
Sprache und Verskunst ausgebildet wurde. 

Bei der nahen politischen und kulturellen Berührung mit dem christ- Ritterliche 
liehen Westen, besonders mit Deutschland, hatten die Böhmen auch bald 
Gelegenheit, neben der geistlichen Dichtung die romantische Poesie des 
Mittelalters kennen zu lernen. Es ist bekannt, daß an den Höfen der 
böhmischen Könige Wenzel L, Ottokar IL und Wenzel IL deutsche Dichter 
und Sänger sich besonderer Gunst erfreuten und auf Schutz und Förderung 
rechnen konnten. Reinmar von Zweter, Meister Sigeher, Heinrich von 
Freiberg u. a. hielten sich in Böhmen auf und trugen viel dazu bei, hier 
das Interesse für die ritterlich-romantische Dichtkunst zu wecken. Ihrem 
Beispiele folgten einheimische Dichter, welche, von der ritterlichen Poesie 
begeistert, mittelalterliche Sagenstoffe in böhmischer Sprache bearbeiteten. 
Alexander der Große, Tristan, Tandarois, Laurin, Dietrich von Bern, Her- 
zog Ernst, Reinfried von Braunschweig und andere Helden wurden in die 
böhmische Literatur eingeführt und ihre abenteuerlichen Schicksale in 
langen Gedichten besungen. 

Als dann mit dem Verfalle des Rittertums die ritterliche Poesie ge- Didaktische und 

, dramatische 

sunken war und verschiedene Gattungen der Spruchdichtung und des Dichtung. 



jgo Jan Machai.: Die böhmische Literatur. 

Lehrgedichtes auftauchten, fanden auch diese Dichtuugsarten in Böhmen 
zahlreiche Vertreter, welche didaktische, satirische und allegorische Ge- 
dichte verfaßten. Namentlich das kirchliche Drama stand im 14. Jahr- 
hundert in hohem Ansehen; zahlreiche Marienspiele, Oster- und Passions- 
spiele wurden in dieser Zeit gedichtet und aufgeführt. Der böhmische 
„Quacksalber" (Mastickäf) ist überhaupt das älteste bisher bekannte Denk- 
mal eines entwickelten Osterspieles in der ganzen europäischen Literatur. 
Unter der Regierung Karls IV. gelangte die altböhmische Literatur 
zur höchsten Blüte. Sie ist zwar unter dem Einflüsse lateinischer, deutscher 
und französischer Vorbilder und Muster entstanden, aber man darf darin 
nicht immer bloße Nachahmungen sehen. Die böhmischen Dichter wußten 
auch die von außen erhaltenen Eindrücke mit selbständiger Geisteskraft 
und dem Nationalgeiste gemäß zur weiteren Entwicklung zu bringen. Wie 
stark das Nationalgefühl schon damals entwickelt war, davon zeugen z. B. 
die warm empfundenen national -patriotischen Kundgebungen, welche in 
dem böhmischen Alexanderliede und in den didaktischen Gedichten des 
Smil Flaska von Pardubic enthalten sind. Aber besonders nachdrucks- 
voll tritt das nationale Moment bei dem Verfasser der Dalimil sehen 
Reimchronik hervor, der bei jeder Gelegenheit seine Antipathie gegen 
die Deutschen ausspricht, die Vorliebe für die Fremde und die Nach- 
ahmungssucht seiner Landsleute tadelt und leidenschaftlich für die Er- 
haltung der nationalen Ehre und der heimischen Sitten eintritt. Selb- 
ständig und originell sind auch die ältesten Denkmäler der Rechtsliteratur 
(Das Buch des alten Herrn von Rosenberg und Erklärungen des böh- 
mischen Landrechtes von Andreas v. Dube), welche, die ältesten Rechts- 
gebräuche in Böhmen enthaltend, urwüchsigen böhmischen Geist bekunden. 

IL Die böhmische Reformation. In die Regierungszeit Karls IV. 
fallen auch die ersten Anfänge einer großen geistigen und religiösen Be- 
wegung, welche nicht nur zu den großartigsten Erscheinungen im Geistes- 
leben der böhmischen Nation gehört, sondern auch in der Geschichte der 
europäischen Zivilisation eine hervorragende Rolle spielt. Es ist dies die 
böhmische Reformation, welche der deutschen um fast ein Jahrhundert 
voranging. Natürlich entsproß auch diese mächtige Reformbewegung, der 
sogenannte Hussitismus, dem damaligen Zeitgeiste und den geistigen 
Interessen der Christenheit überhaupt, welche von der Notwendigkeit einer 
Kirchenreform überzeugt war, aber in Böhmen fand diese Zeitströmung" 
zuerst einen imposanten und zugleich volkstümlichen Ausdruck. 
Die Stiftung der Während früher die europäische Kultur den Böhmen nur einseitig 

PraRcr Univcr- . ^ * 

sität. vermittelt war, erschloß ihnen Karl IV. die geistigen Schätze der ganzen 
gebildeten Welt. Von Italien aus strömte schon damals nach Böhmen 
der frische Hauch der wiedererwachenden klassischen Bildung, welche 
den Geschmack läuterte und eine neue Weltanschauung mit sich brachte. 
Nach dem Mustor der Pariser Universität, die damals in gelehrten 



11. Die böhmische Refoimation. l8l 

Dingen tonangebend war, wurde die Universität zu Prag eingerichtet 
(1348) und übernahm von ihrem Vorbilde neue Ideen, namentlich auch die 
gelehrte Opposition gegen die Autorität des Papstes und der Hierarchie. 
Für die allgemeine Verbreitung der wissenschaftlichen Bildung, sowie 
für kirchenreformatorische Bestrebungen war die Stiftung der Prager Uni- 
versität von unermeßlicher Bedeutung. Die Universität, welche die oberste 
Leitung des ganzen Unterrichtswesens im Lande innehatte, förderte und 
unterstützte das bereits bestehende Bestreben, auch Nichtgeistlichen und 
Laien die Möglichkeit zu bieten, sich literarisch ausbilden und religiöse 
vSchriften, besonders die Heilige Schrift, lesen und auslegen zu können. 
Eine kurze Spanne Zeit erwies sich als hinreichend, die allgemeine Bildung 
dermaßen zu heben, daß die Böhmen zu den gebildetsten Völkern Mittel- 
europas gezählt wurden. 

Die philosophisch - morahschen Schriften des Ritters Thomas von &Mni: 
Stitny (1331 — 1401) liefern den besten Beweis davon, daß es schon zu 
Zeiten Karls IV. unter den gebildeten Laien Männer gab, die es wagten, 
religiöse Fragen selbständig zu erörtern und mit den Geistlichen und ge- 
lehrten Doktoren in betreff der Aufklärung und Erziehung des Volkes zu 
wetteifern. Stitny ist einer der bedeutendsten Männer des 14. Jahrhunderts. 
Er hat sich das gesamte philosophisch- theologische Wissen seiner Zeit 
zu eigen gemacht und war ernstlich bestrebt, in seinen Schriften eine ab- 
geschlossene und einheitliche Weltanschauung, soweit dies damals über- 
haupt möglich war, zu entwerfen. Darum wird er gewöhnlich als der erste 
slawische Philosoph bezeichnet, womit aber nicht gesagft werden soll, daß 
er der Stifter irgendeines neuen philosophischen Systems gewesen wäre. 
Seine Schriften, welche für die weitesten Kreise der Leser bestimmt 
waren, verfaßte er nur böhmisch, weshalb ihm die Schulgelehrten und 
Theologen Vorwürfe machten, daß er es wagte, über theologische und 
philosophische Dinge in der gemeinen Volkssprache zu schreiben. Stitny 
beherrschte die Sprache seines Vaterlandes mit so bewundernswerter 
Meisterschaft, daß er mit Recht als der beste altböhmische Prosaiker an- 
gesehen wird. Als begeisterter Anwalt der Sittenreinheit und echten 
Religiosität schließt er sich eng an die frommen Sittenprediger in Böhmen 
an, die als die Vorkämpfer des Magisters Hus bekannt sind. Karl IV. 
bemühte sich nämlich, eine Reform des Klerus in seinem Lande einzuführen, 
und unterstützte die Tätigkeit eifriger Kanzelredner, welche gegen die 
weltliche und kirchliche Verderbnis predigten und die Rückkehr zu der 
wahren apostolischen Kirche forderten. Die bedeutendsten unter ihnen 
waren Konrad Waldhauser, Johann Milic und der Pariser Magister 
Mathias von Janov. Obgleich diese Eiferer wesentlich von den Lehren 
der katholischen Kirche noch nicht abwichen, gehören sie doch zu den 
unmittelbaren Vorkämpfern der nahen religiösen Bewegung. 

Johann Hus (1369— 1415) vereinigte in seiner Person als Professor hus. 
der Prager Universität und als populärer Prediger an der Bethlehems- 



jg, Jan Machal: Die böhmische Literatur. 

kapelle die beiden Hauptströmungen, welche auf die Entstehung des Hussi- 
tismus am meisten eingewirkt haben. In seinen Predigten eiferte er für 
die sittliche Hebung des Volkes sowie für die Besserung der kirchlichen 
Zustände. Zum Konflikte mit der Hierarchie kam es erst dann, als Hus 
die Lehrsätze Wiclifs öffentlich verteidigte. Er fand in ihnen, klar und 
systematisch ausgedrückt, fast dieselben reformatorischen Ideen, welche 
auch der böhmischen religiösen Bewegung zugrunde lagen. In seinen 
lateinischen und böhmischen Schriften verfocht er das wahre Christen- 
tum und verbreitete die Wiclifische Lehre, daß die Kirche nur aus einer 
Gemeinde von Auserwählten und Gerechten bestehen solle und daß zu 
ihr nur diejenigen gehören können, die ein wirklich christliches Leben 
führen und durch Gottes Gnade und ihre Rechtlichkeit zum Heile be- 
stimmt seien. Das Oberhaupt dieser wahren Kirche könne nicht der 
Papst sein, sondern nur Christus selbst, dessen Lehre unverdorben in der 
Heiligen Schrift enthalten und einzig für den Christen bindend sei. Für 
die wirkliche Erkenntnis der wahren christlichen Lehre genüge der eigene 
Verstand des Menschen; darum solle niemand verfolgt werden, wenn er 
sich nach seinem Verstände die Heilige Schrift auslege. Indem also Hus 
zum ersten Male die Idee der Gewissens- und Denkfreiheit proklamierte 
und die Autorität der Hierarchie entschieden verwarf, gehört er zu den 
edlen Vorkämpfern einer neuen Epoche in der Entwicklung des mensch- 
lichen Geistes. 

Die religiöse Bewegung in Böhmen hatte gleich von vornherein infolge 
besonderer politischer und sozialer Umstände auch eine scharfe nationale 
Färbung angenommen. Hus war demnach nicht nur ein großer Refor- 
mator, sondern auch ein begeisterter Patriot, der die Rechte der böhmischen 
Nation unerschrocken verteidigte. Um die Hebung der vaterländischen 
Sprache und Literatur hat er sich große Verdienste erworben. Er ersann 
ein neues, einfaches und präzises System der böhmischen Orthographie, 
kämpfte gegen den inneren Verfall der Sprache, sorgte für die Reinigung 
der Schriftsprache, und noch vor seinem Tode ermahnte er die Fürsten, 
Herren, Ritter, Geistlichen und Bürger, dafür Sorge zu tragen, „daß die 
böhmische Sprache nicht untergehe". Seine zahlreichen böhmischen Schriften 
zeichnen sich durch sprachliche Reinheit, stilistische Vollkommenheit und 
kernigen Ausdruck aus und gehören zu den hervorragendsten Produkten 
der Literatur. 
ijie Husjit.n- Dem Konstanzer Konzil erschienen die neuen Bestrebungen der 

böhmischen Reformation entschieden verwerflich und verdammenswert. 
Hus wurde als Ketzer zum Tode verurteilt, verbrannt und die zurück- 
gebliebene Asche in den nahen Rhein gestreut. Durch diese Gewalttat 
wurden die aufgeregten Gemüter in Böhmen und Mähren noch mehr ge- 
reizt. Es folgten dann die stürmischen Hussitenkriege, der Anfang einer 
ergreifenden historischen Tragödie, welche erst nach 200 Jahren mit der 
Katastrophe am Weißen Berge ihr Ende fand. Die Hussiten ergriffen das 



kriege. 



n. Die böhmische Reformation. 183 

Schwert für die höchsten Ideale der Menschheit, für Religion, Nationalität 
und Freiheit. Aber die Resultate ihrer Bestrebungen und Opfer waren 
für sie selbst nicht so erfreulich, als man hätte erwarten können. Groß 
und von längerer Dauer waren bloß die nationalen Erfolge ihres Kampfes. 
Denn die böhmische Sprache, die böhmische Nationalität überhaupt, ge- 
wannen im ganzen Lande die Oberhand, das nationale Bewußtsein wurde 
gesteigert, das politische Ansehen Böhmens befestigt und erhöht. Aber 
die Bestrebungen nach einer durchgreifenden kirchlichen Reform erfüllten 
sich kaum halbwegs. Nach der Niederwerfung der Taboritenpartei, welche 
die Ideale der ersten Reformatoren am treuesten bewahrt hatte, wurde 
die hussitische Bewegung eigentlich zum Stillstande gebracht. Auch die 
geplanten sozialen Reformen wurden mit Ausnahme der Säkularisation 
der geistlichen Güter nicht durchgeführt. Nach der Schlacht bei Lipan 
hörte das demokratische Element auf, eine selbständige Rolle im Lande 
zu spielen, und das gemeine Volk blieb geknechtet wie früher. 

Trotzdem fielen die ursprünglichen Ideale der böhmischen Reformation cheicicky. 
nicht gänzlich der Vergessenheit anheim. Ein hervorragender Denker und 
Schriftsteller, Peter Chelcicky (f 1460), der in die Fußstapfen der ersten 
Reformatoren trat, ergriff und erhob die verlassene Fahne von neuem. 
Chelcickys Anschauungen wurden zwar in gewisser Hinsicht von den ein- 
heimischen Urhebern der hussitischen Bewegung, von Wiclif und der 
Sekte der Waldenser beeinflußt, aber er unterwarf sich ihrer Autorität 
nicht, sondern vertiefte sich in die Heilige Schrift und schöpfte aus dieser 
reinen Quelle seine Ideen. Darum ist seine Lehre namentlich in ihren 
letzten Konsequenzen ziemlich selbständig und neu. Zur Belehrung frommer 
Christen schrieb er zuerst eine „Postille", in welcher bereits die Grund- 
ideen seines ganzen Systems enthalten sind; später führte er die dort aus- 
gesprochenen Ansichten in seinem wichtigen Werke „Das Netz des Glaubens" 
erschöpfend aus. Alles, was menschlichen Ursprungs ist — politische und 
kirchliche Einrichtungen, hundertjährige Traditionen, philosophische und 
theologische Lehren — verwirft er unbarmherzig. Er kennt nur ein Ziel 
— Christi Gesetz zu erfüllen. Nach seiner Überzeugung hatten nur die 
ersten Christen den echten Glauben, und ihre Organisation war ein Muster 
und sollte es für alle Zukunft bleiben. Der Abfall von diesem Vorbilde 
wurde durch die Vereinigung der Kirche mit der staatlichen Macht ver- 
ursacht. Aber der Staat ist für die wahren Christen nur ein notwendiges 
Übel. Der echte Christ soll sich daher auf keinerlei Weise an der welt- 
lichen Macht beteiligen, sondern alle Ungerechtigkeiten demütig ertragen 
dem Übel nicht widerstreben, nicht Rache üben. Besonders scharf spricht 
sich Chelcicky gegen den Krieg aus: „Widerrief denn Gott seine Gebote: 
Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht fremdes Gut begehren, an deinem 
Nächsten keine Gewalt üben?" Unter den Christen sollen auch keine 
„Rotten", d. h. verschiedene Stände vorkommen ; ihre soziale Ordnung soll 
auf Freiheit, Gleichheit und Liebe gegründet sein. 



] 34 Jan Machal: Die böhmische Literatur. 

Die Ansichten Chelcickys erscheinen in mancher Beziehung ganz 
modern, und die Fragen, welche er aufwirft und löst, stimmen nicht selten 
mit den heutigen sozialen Problemen überein. Obwohl seine Begeisterung 
und sein ganzer Charakter noch im Mittelalter wurzeln, verläßt er doch 
bei vielen Fragen das Milieu des Mittelalters und betritt den Boden der 
Neuzeit. Selbst sein Stil hat einen Anhauch moderner Art; zwar ist er 
hie und da etwas weitschweifig, aber zugleich stark, bilderreich und nicht 
ohne poetischen Schwung. Bald fand seine Lehre eifrige Anhänger, welche 
eine ideale Kirchengemeinde, wie er sie im Sinne hatte, zu stiften be- 
strebt waren. 

Die religiöse Bewegung gab der gesamten Literatur dieser Zeit eine 
vorwiegend theologische Richtung. Die Katholiken sowie die Anhänger 
der kirchlichen Reform, welche sich im Laufe der Zeit in verschiedene 
Sekten geschieden hatten, verteidigten in lateinischen und böhmischen 
Schriften ihren Glauben, suchten mit aufrichtiger Liebe und gesundem 
Verstände nach religiöser Wahrheit und schufen eine reiche theologische 
Literatur. Selbst die Poesie trat in den Dienst der Kirche und ward ein 
Widerhall der religiösen und sozialen Streitigkeiten. 

III. Das goldene Zeitalter (1527 — 1620). Neue Ideen und neue 
Formen kamen in die Literatur durch zwei neue Kulturströmungen, den 
Humanismus und die böhmische Brüdergemeinde, welche zu Ende des 
1 5. Jahrhunderts die leitende Rolle in der Fortentwickelung der Literatur 
übernahmen und in der Folgezeit einen außerordentlichen Aufschwung 
der Nationalliteratur verursachten. Dazu kam noch die befreiende Wir- 
kung der deutschen Reformation. Bisher standen die Böhmen als „Ketzer" 
isoliert, überall gehaßt und geschmäht, fast von der Welt abgeschnitten; 
selbst die Schulen des Auslandes blieben ihnen verschlossen. Luther, 
den die Gegner spöttisch „einen Hussiten und Ketzer" schmähten, rehabi- 
litierte gleichsam ihre nationale Ehre — wenigstens in Deutschland, so 
daß es ihnen wieder ermöglicht wurde, ausländische Universitäten zu 
besuchen und an dem Fortschritte der Wissenschaften teilzunehmen. 

Die ersten Keime der humanistischen Bewegung brachte nach Böhmen 
Francesco Petrarca selbst, der sich am Hofe Karls IV. einer besonderen 
Gunst und Verehrung erfreute; aber erst als sich der Sturm der Hussiten- 
kriege gelegt hatte und Böhmen wieder in nähere Verbindung mit Italien 
getreten war, machte sich der Einfluß des neuen Zeitgeistes geltend. Einen 
hervorragenden Vertreter fand der Humanismus inBohuslav Hassenstein 
von Lobkovic (1460 — 1512), der sich längere Zeit an den Hochschulen 
Italiens aufgehalten hatte und für die klassische Bildung aufrichtig be- 
geistert war. Er widmete sein ganzes Interesse dem Studium der Alten, 
der Anlegung einer der wertvollsten Bibliotheken seiner Zeit und der 
Pflege der Dichtkunst. In brieflicher Verbindung mit allen bedeutenden 
Männern seiner Zeit stehend, verfaßte er zahlreiche lateinische Gedichte, 



III. Das goldene Zeitalter (1527 — 1620). ige 

die ihm damals und auch in der Folgezeit europäischen Ruhm eintrugen. 
Seinem Beispiele folgte eine Reihe anderer Humanisten, welche später die 
lateinische Poesie in Böhmen zur üppigen Entfaltung brachten, aber auf 
die Fortschritte der Nationalliteratur gar keinen Einfluß ausübten. 

Viel tiefer erfaßten jedoch den Geist der klassischen Renaissance 
jene böhmischen \'ertreter des Humanismus, welche im Einklänge mit den 
reformatorischen Bestrebungen in Böhmen die scharfen Waffen der neu- 
erwachten Kultur gegen den Verfall der Kirche und der Gesellschaft 
richteten und die Erfolge der klassischen Bildung zur Hebung und Be- 
reicherung der Nationalliteratur verwerteten. An der Spitze dieser be- 
geisterten Verehrer der klassischen Literatur stand der wackere Patriot 
und geistreiche Jurist Viktorin Kornel von Vsehrd (1460 — 1520). 
Wie tief er von dem Geiste der klassischen Bildung durchdrungen war, 
davon zeugt sein monumentales Werk „Neun Bücher vom Recht und Ge- 
richte in Böhmen", welches ein anschauliches Bild des böhmischen Landes- 
rechtes und der damaligen sozialen Verhältnisse entwirft und in der 
Methode, Auffassung und Form echte humanistische Tendenzen kundgibt. 
Auch in anderen Schriften hinterließ Vsehrd wahre Muster klassischen 
Stils. Seine patriotische Gesinnung und sein edles Einstehen für die 
Hebung der nationalen Literatur ist in folgenden Worten enthalten: „Ob- 
gleich ich auch lateinisch schreiben könnte wie andere meinesgleichen, so 
will ich doch, da ich weiß, daß ich ein Böhme bin, zwar lateinisch lernen, 
aber böhmisch schreiben und sprechen." Ähnlich wie Vsehrd dachten 
auch andere böhmische Humanisten, denen die klassische Gelehrsamkeit 
nur als Mittel dazu diente, ihren Landsleuten einen neuen Vorrat von 
Bildungselementen zu erschließen und die nationale Sprache und Literatur 
nach dem Muster der klassischen zu heben. Zu diesen patriotisch ge- 
sinnten Humanisten gehören besonders Gregor Hruby von Jeleni, 
Wenzel Pisecky, Sigismund Hruby, Nikolaus Konäc von Ho- 
distkov u. a. 

Zur selben Zeit, als die meist aus Mitgliedern der Aristokratie und D'« böhmische 

* Brüder- 

gelehrter Kreise zusammengesetzte humanistische Gesellschaft wissen- trememde. 

schaftliche und ästhetische Ideale verfolgte, entwickelte sich aus dem 

Schöße der niederen Volksschichten die böhmische Brüdergemeinde, 

welche für religiöse und sittliche Ideale begeistert war. Die Begründer der 

Brüdergemeinde waren ernstlich bestrebt, nach der Lehre Chelcickys zu 

leben, eine ideale Kirchengesellschaft zu stiften und das Himmelreich auf 

Erden zu begründen, welches aus der inneren Wiedergeburt des Menschen 

im Geiste der tätigen Liebe, Demut, Einfalt und Güte bestehen sollte, wie 

es in den ersten Zeiten des Christentums der Fall gewesen war. Um das 

sittliche Ideal des Christentums verwirklichen zu können, sollte der wahre 

„Bruder" der Welt und ihrer Macht entsagen und nur das Gesetz der 

christlichen Liebe erfüllen. Niemand sollte Anteil an der weltlichen Macht 

nehmen, indem er Staatsämter bekleidete, Richter wäre, Kriegsdienste 



l86 Jan Mächax : Die böhmische Literatur. 

leistete, Handel triebe usw. Aber im Laufe der Zeit entstanden im 
Schöße der Unität Zweifel über die asketische Lehre, welche die Brüder- 
gemeinschaft für immer zu einer Art von Klostergemeinde verwandelte 
und dadurch ihre freie Entwicklung hemmte. Einige gelehrte Brüder und 
Theologen versuchten es daher, die Unität zu reorganisieren und ihre 
Lehre mehr den Bedürfnissen des wirklichen Lebens anzupassen. In dieser 
neuen Gestaltung nahm die Beliebtheit der Brüdergemeinde bei Adeligen 
und gelehrten Männern so zu, daß sich die Zahl ihrer Anhänger in 
Böhmen und Mähren mit jedem Jahre mehrte. Da sich die Brüder er- 
folgreich bemühten, den nationalen Geist in der größten Reinheit zu er- 
halten, überall Schulen errichteten und aufrichtig für die Ausbildung 
der Muttersprache sorgten, erwarben sie sich große Verdienste um die 
Fortschritte der nationalen Literatur, 
uie Literatur. Der Humanismus und die Brüdergemeinde, obwohl in bezug auf 

ihren Ursprung, Zweck und Mittel ganz verschieden, ergänzten sich doch 
gegenseitig und griffen entscheidend in die Entwickelung der Literatur 
ein, welche unter ihrem Einflüsse zu üppiger Blüte gelangte, so daß die 
Periode 1527 — 1620 mit Hinsicht auf den äußeren Umfang der literari- 
schen Produktion und die klassische Ausbildung der Sprache oft „das 
goldene Zeitalter" genannt wird. Aber die eigene nationale Inspiration 
trat in dieser Epoche doch allmählich zurück, und dem Inhalte nach stand 
die Literatur wieder unter fremden Einflüssen. 

Die Poesie wurde sehr fleißig gepflegt, aber nur kirchliche und reli- 
giöse Lieder haben eine selbständige Bedeutung. Sie wurden meist von 
den Mitgliedern der Brüderunität zur geistigen Erbauung und zum Gebrauche 
beim Gottesdienste gedichtet und in umfangreichen Kanzionalen sorgfaltig 
gesammelt, welche prachtvoll au.sgestattet auch für die Geschichte der 
Musik und Malerei einen hohen Wert haben. Den Mittelpunkt der lite- 
rarischen Tätigkeit bildeten verschiedene Zweige der Wissenschaften. 
Der bedeutendste Schriftsteller der Brüderunität war Johann ßlahoslav 
(1523 — 1571), einer der aufgeklärtesten und edelsten Geister jener Zeit, 
welcher um seiner Gelehrsamkeit und seines theologischen Scharfsinnes 
willen die Unität in der Fremde erfolgreich vertrat und ein neues Auf- 
blühen derselben herbeiführte. Er übersetzte das Neue Testament aufs neue 
aus dem Griechischen und gab dadurch den Anstoß zu einer musterhaften 
Übersetzung der ganzen Bibel aus dem Originaltexte, wodurch die be- 
rühmte Kralicer Bibel, das unvergängliche Denkmal der böhmischen 
Sprache, entstanden ist. Seine literarische Tätigkeit war überaus fruchtbar; 
er verfaßte eine böhmische Grammatik, schrieb die Geschichte der Brüder- 
unität, dichtete und sammelte Kirchenlieder, entwarf eine Theorie der 
Musik und Dichtkunst usw. Der Geschichte hatte sich eine lange Reihe 
von Schriftstellern zugewandt, die teils zeitgenössische Begebenheiten 
schilderten (Bartes Pisaf, Sixt von Ottersdorf, Blahoslav, Cer- 
venka, Budovec von Budov, Dacicky von Heslov) oder Chroniken 



IV. Der Vci-raU der Literatur. jg? 

von Böhmen verfaßten (W. Häjek von Libocan, Kuthen von Springs- 
berg-, Lupäc von Hlavacov), teils ihre Landsleute mit der Weltgeschichte 
bekannt machten (Kocin von Kocinet, P. Vorlicny, Hozius). Besonders 
große Verdienste um die Förderung der historischen Literatur erwarb sich 
Daniel Adam von Veleslavin (1545 — -1599), der berühmte „architypo- 
graphus Pragensis", welcher historische Werke schrieb, seine Freunde zur 
literarischen Tätigkeit aufmunterte, ihre Schriften verbesserte und verlegte. 
Er stand längere Zeit an der Spitze der Literatur als ihr charakteristischer 
Vertreter, und B. Baibin konnte mit vollem Rechte von ihm sagen: „Quid- 
quid doctum et eruditum Rudolphe IL imperante in Bohemia lucem aspexit, 
Veleslavinum vel autorem vel interpretem vel adiutorem vel ad extremum 
typographum habuit." Sein Stil und seine Sprache galten lange Zeit als 
Muster der Klassizität. Sehr reich war die Literatur dieser Zeit auch an geo- 
graphischen Büchern und Reisebeschreibungen, welche, von einheimischen 
Wallfahrern (Kabätnik, Joh. Hassenstein von Lobkovic, Prefat 
von Vlkanov, Harant von Polzic, Wratislaw von Mitrovic) ver- 
faßt, interessante Nachrichten über fremde Länder und Völker enthielten. 
Aber zu den wichtigsten literarischen Denkmälern gehören juristische und 
sozialpolitische Werke der Rechtsgelehrten Ctibor Tovacovsky von 
Cimburk, Kornel von V.sehrd, Christian von Koldin und Karl 
von Zerotin. Auch in anderen Zweigen der Wissenschaften erschienen 
mehr oder weniger wichtige und selbständige Arbeiten, namentlich in der 
Philologie, Mathematik, Astronomie, Botanik, Medizin u. a. 

IV. Der Verfall der Literatur. Auf dieser Höhe erhielt sich die 
Literatur nicht lange. Die verhängnisvolle Schlacht am Weißen Berge 
(1620) versetzte der nationalen Selbständigkeit und der Literatur einen 
furchtbaren Schlag. Nach den schrecklichen Hinrichtungen und Landes- 
verweisungen der Anführer des Aufstandes begann eine unbarmherzige 
Verfolgung aller Akatholiken. Die besten Geister der Nation sahen sich 
gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und begaben sich in die Verbannung. 
Das Land wurde schändlich verwüstet, die Bevölkerung in jeder Hinsicht 
entkräftet und unterdrückt. Die böhmischen Bücher, die für Ausflüsse 
und Stärkungsmittel der Ketzerei galten, wurden überall massenhaft ver- 
nichtet. Die Literatur lebte fast nur von den Überresten der früheren 
Entwickelung und verfiel mit dem Nationalgefühl einem allmählichen 
Absterben. 

Aber auch in diesen traurigen Zeiten gab die Vorsehung dem böhmi- 
schen Volke einen großen Schriftsteller und Denker, der sich in der Ge- 
schichte der menschlichen Bildung einen unsterblichen Namen erworben 
hat. Es ist dies der weltberühmte Begründer der modernen Pädagogik, 
Johann Arnos Komensky (Comenius 1592 — 1670), eine der geistig' her- 
vorragendsten Persönlichkeiten jener Zeit. Er war der letzte erhabene Ver- 
treter der religiös-sittlichen Bewegung", die sich seit dem 13. Jahrhundert 



l88 Jan Mächal: Die böhmische Literatur. 

in Böhmen vollzogen hat. Komensky gehörte der Gemeinde der böhmi- 
schen Brüder an, war lange Zeit ihr Hauptvertreter und Verteidiger und 
blieb durch sein ganzes Leben den Idealen der Brüdergemeinde treu. 
Die Verbesserung der menschlichen Dinge war das Ziel, welches er 
sich als Lebensaufgabe gesteckt hatte; diese erhabene Idee bildet das 
Grundmotiv seiner theologischen, pädagogischen und philosophischen Werke. 
Da er in der Erziehung der Jugend das beste und sicherste Mittel sah, 
eine Verbesserung der menschlichen Dinge im weitesten Umfange herbei- 
zuführen, so war er unermüdlich bestrebt, neue unfehlbare Grundlagen 
für eine bessere Jugendbildung zu finden. Und wirklich gelang es ihm, 
ein Erziehungsideal aufzustellen, das allgemein anerkannt und überall 
angenommen wurde. Wodurch er sich aber namentlich als ein gott- 
begnadeter Erzieher der Menschheit auszeichnet, das ist das erhabene Ziel, 
welches er seinem pädagogischen System gesteckt hatte: nicht das Wissen 
selbst, sondern wahres Menschentum, die auf Gott gerichtete Sittlichkeit, 
ist ihm das letzte und eigentliche Ziel jedes Unterrichtes und jeder Er- 
ziehung. Seine pansophischen und irenischen Bestrebungen, welche der 
Verbreitung wahrer Humanität, der Verträglichkeit und evangelischen 
Liebe zusteuern, haben ihm eine hervorragende Bedeutung in der Ge- 
schichte der Reformbestrebungen der Menschheit gesichert. Mit Recht 
nannte er sich selbst „einen Mann der Sehnsucht", denn viele seiner Ideale 
sind erst in der Folgezeit zum Gemeingute aller Wohlgesinnten und Wür- 
digen in Europa geworden. Bei allen seinen kosmopolitischen, nach dem 
Glück der ganzen Menschheit trachtenden Bestrebungen war Komensky 
ein feuriger Patriot und betonte nachdrücklich in seinem Erziehungs- 
system das Prinzip der Nationalität und der Muttersprache. Seine „Didaktik" 
entstammte eigentlich einer patriotischen Gesinnung; er schrieb sie ur- 
sprünglich in der Muttersprache, für seine Nation und in der Hoffnung, 
dadurch der vaterländischen Sprache zu einer hohen Blüte zu verhelfen, 
Kenntnisse, Sitten und Frömmigkeit in seinem Vaterlande zu verbreiten. 
Die böhmische Sprache bereicherte er durch zahlreiche Schriften, welche 
zu den Perlen der vaterländischen Literatur gehören. 

Das Wieder- V. Das IQ. Jahrhundert. Zu Ende des i8. Jahrhunderts erreichte 

Sprache und der Verfall der Nationalität und mit ihr auch der Literatur seinen Kulmi- 
nationspunkt. Der siegreichen Gegenreformation war es wirklich gelungen, 
alle Spuren der früheren Bildung fast gänzlich zu vertilgen und das Volk 
geistig zu unterjochen; aber das Nationalgefühl und die Geschichte ver- 
mochte sie dem Volke trotz alledem nicht zu nehmen. Bei der ersten 
günstigen Gelegenheit konnte das unterdrückte Nationalgefühl wieder auf- 
leben. Und diese Gelegenheit sollte sich bald darbieten. Den ersten 
Anstoß dazu gab die aufklärerische und philanthropische Bewegung im 
1 8. Jahrhundert, als im Namen der Humanität, Toleranz und Aufklärung der 
Kampf gegen den Obskurantismus sowie für die Religions- und Gewissens- 



V. Das 19. Jahvhundeil. i8q 

freiheit von neuem aufgenommen wurde. Die vom Kaiser josef IL, einem 
begeisterten Anhänger der Aufklärung, unternommenen freisinnigen Re- 
formen, namentlich die Befreiung der Bauern und das Toleranzedikt, boten 
zunächst die Möglichkeit einer Wiedergeburt der böhmischen Nationalität. 
Es traten gelehrte Historiker und Philologen auf, welche die literarische 
Bedeutung und die Rechte der böhmischen Sprache verteidigten, sich mit 
der vaterländischen Geschichte beschäftigten und ältere Literaturdenkmäler 
herausgaben. Dadurch wurde die von der Gegenreformation gewaltsam 
unterbrochene Verbindung mit der ruhmreichen Vergangenheit wieder 
hergestellt. 

Unter den gelehrten Männern, welche die Wiedergeburt der böhmischen 
Nation vorbereiteten, ragt besonders die erhabene Gestalt eines genialen 
Forschers Josef Dobrovsky hervor, dessen wissenschaftlicher Ruf weit 
über die Grenzen des Vaterlandes hinausdrang. Seine philologisch-histo- 
rischen Arbeiten lieferten nicht nur feste Grundlagen zur weiteren Er- 
forschung der slawischen Sprachen und Literaturen, sondern sie gaben 
auch der ganzen nationalen und literarischen Bewegung eine gesamtslawische 
Richtung. Die Böhmen begannen sich als ein Teil der großen slawischen 
Welt zu fühlen und suchten in der slawischen Idee Schutz und Stütze für 
ihre nationalen Bestrebungen. Auf den von Dobrovsky gelegten Grundlagen 
baute dann der um die Hebung der Nationalliteratur hochverdiente Schrift- 
steller und unermüdliche Forscher Josef Jungmann weiter, indem er in 
seinem großen Wörterbuche den ganzen Wortschatz der Sprache sammelte 
und in der ausführlichen Geschichte der böhmischen Literatur zuerst doku- 
mentarisch nachwies, wie reich und mannigfaltig die ältere literarische Pro- 
duktion gewesen. Eine epochale Bedeutung hatten auch die gelehrten 
Arbeiten P. J. Safai^iks, welche sich mit der Erforschung slawischer 
Altertümer, Literaturen und Sprachen befaßten und gleichsam eine wissen- 
schaftliche Apologie des Slawentums enthielten, wodurch sie das Inter- 
esse aller Slawen weckten und somit die Idee der Wechselseitigkeit be- 
deutend förderten. Hierauf stellte sich der vaterländische Historiker und 
anerkannte politische Führer der Böhmen Franz Palacky (1798 — 1876) 
zur Lebensaufgabe, seinem Volke ein ausführliches und pragmatisches 
Bild der böhmischen Historie zu geben. Seine monumentale „Geschichte 
von Böhmen" gehört zu den bedeutendsten und einflußreichsten Werken 
der neueren Literatur. 

Die gelehrten Arbeiten der genannten Schriftsteller und Patrioten 
stützten und befestigten den Bau der böhmischen Renaissance. Die 
Schriftsprache wurde neu ausgearbeitet und veredelt, das historische Be- 
wußtsein erwachte mehr und mehr, Vaterlandsliebe und Nationalgefühl 
wuchsen und wurden stark. 

Die ersten Schritte der neuböhmischen Poesie dagegen waren sehr Poetische 
mühsam und schwankend. Bei dem gänzlichen Mangel an älteren poe- 
tischen Überlieferungen mußte man völlig von neuem anfangen. Anfangs 



igo Jan Machai.: Die böhmische Literatur. 

griff man darnach, was am nächsten lag, nämlich nach den deutschen 
Mustern und Vorbildern, welche man übersetzte oder nachahmte, wo- 
durch teils einzelne Gattungen der anakreontischen und idyllischen Dich- 
tung, teils phantastische Ritterromane in die Literatur eingeführt wurden. 
Zu weiterer Entfaltung kam die böhmische Poesie erst durch den bereits 
als .Sprachforscher ■ genannten Josef Jungmann, einen ausgezeichneten 
Kenner der europäischen Literatur, welcher durch musterhafte Übersetzungen 
aus Bürger, Goethe, Schiller, Milton, Chateaubriand u. a. die einheimische 
Literatur bereicherte, neue Dichtungsarten in die Literatur einführte und 
eine klangvolle poetische Sprache ausbildete. Gleichzeitig mit den ersten 
Anfängen einer intensiveren literarischen Tätigkeit äußerte sich auch das 
Verlangen nach einer selbständigen Nationalliteratur, welche im Volke 
selbst wurzelnd den geistigen Bedürfnissen des Volkes entspräche, und 
man fand zwei Mittel, die Verwirklichung dieses Bestrebens anzubahnen: 
erstens einen näheren Anschluß an die slawischen Literaturen und zweitens 
die Volkspoesie. Der patriotische Dichter J. Kollär, welcher als Student 
in Jena an dem berühmten Wartburgfeste teilgenommen, rief, angeregt 
durch die Stimmung der jungen deutschen Generation, in scliwungvollen 
und begeisterten Sonetten auch die zerstreuten Slawen zur Eintracht und 
Einheit auf und feuerte sie an zu dem großen Werke der Humanität, 
welches ihnen nach Herders Andeutungen bevorstand. Seine von heißer 
Vaterlandsliebe überquellenden Gesänge machten auf alle Gemüter tiefen 
Eindruck, sie weckten die Schlummernden und spornten die Kalten an 
und stärkten das Nationalgefühl. Dann übernahm F. L. Celakovsky die 
Aufgabe, die vaterländische Poesie in nationalem und slawischem Geiste 
zu erneuem und den Böhmen die poetischen Quellen anderer slawischer 
Stämme zugänglich zu machen. Aus seinen kunstvollen Gedichten klingen 
uns zuerst die reinsten Töne der slawischen Volkslieder entgegen. An 
diese zwei bedeutendsten Dichter der böhtnischen Renaissance reihten sich 
andere Schriftsteller, und ihrem Bemühen ist es zu danken, daß nament- 
lich die volkstümliche Balladendiclitung und der historische Roman eine 
hohe und kunstmäßige Ausbildung erreichten. Erben als Balladendichter, 
Tyl, Marek und Chocholousek als Novellisten, Klicpera und Tyl 
als Dramatiker gehören zu den einflußreichsten Vertretern der poetischen 
Literatur in der ersten Hälfte des ig. Jahrhunderts. 
Weitere Ent- Das Rcvolutionszeitalter 1 830 — 1848, welches das politische uud soziale 

Wicklung der . 

Poesie. Leben in ganz Europa tief erschütterte und die Literatur mit neuen Fragen 
und Problemen überhäufte, hatte auch in Böhmen trotz dem schweren 
politischen Drucke einen Umschwung der Gesinnung zur Folge. Der bis- 
herige zahme und idyllische Patriotismus belcam eine schärfere politische 
Färbung. Das stürmische Jahr 1848 brachte zwar den Böhmen die er- 
sehnte Befreiung nicht, aber der neue Zeitgeist war doch von gewaltiger 
Wirkung auf den Inhalt der Literatur. Unter dem Einflüsse Byrons, George 
Sands und besonders des jungen Deutschlands nahm die Literatur eine 



V. Das 19. Jahrhundert. igi 

neue Richtung. Man hörte auf, volkstümliche und patriotische Motive ein- 
seitig zu bearbeiten, und nahm in den Kreis der Poesie allgemein mensch- 
liche Ideen und Probleme auf. Das Programm der neuen Dichterschule 
lautete folgendermaßen: „Lernen wir von anderen Völkern, erkennen wir 
den Grad ihrer Entwicklung, befreunden wir uns mit ihrer Gedankenwelt 
und verarbeiten wir dann in uns alles dies mit dem, was wir schon mit 
der Muttermilch eingesogen und in unserem Vaterlande erkannt haben, zu 
einem neuen Ganzen; gewiß wird es dann slawisch sein, weil wir als 
Slawen nicht anders bilden können." Unter den Vorkämpfern dieser 
neuen Richtung waren Mächa, der erste böhmische Byronist, und 
Havlicek, ein geistreicher Satiriker, Kritiker und Publizist, besonders 
einflußreich. 

An die Spitze der neuen literarischen Schule traten zwei begabte 
Dichter, Hälek und Neruda. Hdlek bezauberte die Zeitgenossen durch 
seine Produktivität, Vielseitigkeit, schwung-volle Phantasie und wohllautende 
Sprache; von höherer Bedeutung für den Fortschritt der Literatur war 
jedoch Neruda. Tiefe Reflexionen über die Naturerscheinungen und die 
Schicksale der leidenden Menschheit, realistische Detailmalerei, kerniger 
Humor sowie eine künstlerische Sprache sichern seinen Gedichten und 
Erzählungen einen dauernden Wert. An die genannten Dichter schlössen 
sich andere Schriftsteller und Novellisten an, welche einen neuen Auf- 
schwung der ganzen Literatur veranlaßten. Heyduk, ein Sänger voll 
tiefen Gemüts, Pfleger-Moravsky, Nemcovä, Svetlä, Tfebizsky, 
Vlcek, Schulz, §milovsky als hervorragende Vertreter des Romans, 
Jeräbek und Bozdech als Dramatiker verdienen noch ausdrücklich 
genannt zu werden. 

In den siebziger Jahren trat eine neue Dichtergeneration auf, welche 
noch konsequenter als ihre Vorgänger den Gesichtskreis der böhmischen 
Poesie erweiterte und die poetische Produktion zu einer ungeahnten Höhe 
erhob. Die Führerrolle dieses Dichterkreises übernahm Vrchlicky, ein 
überaus elastischer und universeller Geist, welcher der vaterländischen 
Poesie die geistigen Schätze anderer Völker erschloß und ein ganzes Meer 
von neuen Tönen in dieselbe einführte. Staunenswerte Produktivität, 
leichtbewegter Schwung der Phantasie, Großartigkeit der Konzeption und 
blendender Reichtum des poetischen Ausdruckes sind die hervorstechend- 
sten Merkmale seines außerordentlichen Talentes. Während Vrchlicky 
durch die blendende Farbenpracht seiner Poesie die ganze jüngere Gene- 
ration an sich riß, war Zeyer, eine sensitive und träumerische Dichter- 
seele, eher ein Vorgänger der Moderne in der böhmischen Poesie. Aber 
am treuesten bewahrte die nationalen Traditionen Svat. Cech, der popu- 
lärste böhmische Dichter, dessen echt nationale Poesie nicht nur patriotische 
Motive in meisterhafter Vollendung wiedergibt, sondern auch von hohen 
sozialen und politischen Ideen der Gegenwart durchdrungen ist. Andere 
namhafte Repräsentanten dieses Dichterkreises, der sich besonders um die 



IQ2 Jan MAchal: Die böhmische Literatur. 

Zeitschrift „Lumir" gruppierte, sind: Slädek, Mokry, Quis, Pokorny, 
Stasek, Kvapil, Klastersky, Kaminsky, Herites u. a. 

In den achtziger Jahren begann der Realismus erfrischend auf die 
Literatur einzuwirken. Unter seinem Einflüsse erreichte namentlich der 
Roman und das Drama eine hohe künstlerische Entfaltung. Der überaus 
fruchtbare Schriftsteller Jiräsek schuf in seinen großartigen Gemälden 
aus der vaterländischen Geschichte eine neue kunstvolle Art historischen 
Romans. Realistische Skizzen und Erzählungen aus dem Volksleben 
zeichnen Rais, Klostermann, Slejhar, Sumin, Noväkovä, AI. Mrstik, 
Holecek u.a. Soziale und politische Romane schreiben Arbes, Simäcek, 
W. Mrstik, Svoboda, Herrmann, Laichter, Vikovä-Kunetickä, 
Svobodovä, Hladik, Dyk usw. Die Eröffnung des großen National- 
theaters in Prag (1881) bewirkte auch einen neuen Aufschwung der dra- 
matischen Poesie. Stroupeznicky, Preissovä, Mrstik, Simäcek, 
Svoboda, Hubert, Stolba, Kvapil, Jiräsek, Hilbert, Dyk gehören 
nebst Vrchlicky und Zeyer zu den fruchtbarsten dramatischen Autoren. 
Als hervorragende Vertreter der realistischen und impressionistischen 
Richtung in der Poesie können besonders die Dichter Machar und 
Sova genannt werden. 

Der Modernismus fand unter der jüngeren Generation zahlreiche be- 
geisterte Vertreter, welche ein neues Klang- und Schönheitsideal in der 
Poesie verbreiteten und die künstlerische Kritik zu einer hohen Entfaltung 
brachten, aber der bisherige Gang der Literatur w^urde durch ihr Bemühen 
nicht wesentlich beeinflußt. Die Literatur der Gegenwart zeigt vielmehr 
Vorliebe für die nationalen Ideen, welche seit Neruda die Literatur be- 
herrschten, und bringt dieselben im modernen Zeitgeist zur weiteren Ent- 
wicklung. 

Obgleich sich die ganze neuere Literatur unter den schwersten poli- 
tischen und sozialen Umständen entwickelte, machte sie doch in einer 
verhältnismäßig kurzen Zeit einen ungeheueren und bewunderungswürdigen 
Fortschritt. Ihre eigene nationale Eigenart und Individualität sorgfältig 
wahrend, wußte sie sich die bedeutendsten Ideen und literarischen Werte, 
welche in der europäischen Literatur herrschten, zu eigen zu machen und 
die tiefe Kluft, welche das neuerwachte böhmische Schrifttum von der 
Weltliteratur trennte, allmählich auszugleichen. So hat sich das böhmische 
Volk mit eigner Kraft wieder den Platz in der Reihe der gebildeten 
Völker errungen, um die geistigen Schätze der Menschheit vermehren zu 
helfen. 



Literatur. 

Ältere Werke: 

J. DOBROVSKY, Geschichte der böhmischen Sprache und älteren Literatur (Prag, 1818). 

J. Jungmann, Historie literatury ceske, 2. Aufl. (Prag, 1849). (Bibliographisch geordnet.) 

A. V. Sembera, Dejiny feci a literatury Ceskoslovenske. 1. 4. Aufl. (Wien, 1878); 
II. 3. Aufl. (Wien, 1872). (Bibliographische Übersicht.) 

K. TlEFTRUNK, Historie literatury ceske, 2. Aufl. (Prag, i88o> (Schulbuch.) 

J. JlREtEK, Rukovet k dfijinäm literatury feske de konce XVlIl. vfeku (Prag, 1874 — 76). 
(Ein wertvolles biographisches und bibliographisches Nachschlagebuch.) 

F. PALACKf , Geschichte von Böhmen (Prag, 1836 ff.). 

Neuere Werke: 

A. N. Pypin, Geschichte der slavischen Literaturen. II. B., 2. Hälfte. Cecho-SIowaken. 
Übertragen von T. Pech (Leipzig, 1884). (Der erste gelungene Versuch einer pragmatischen 
Geschichte der böhmischen Literatur.) 

Jaroslav Vlcek, Dfejiny ceske literatury (Prag, 1897 ff.). fDie beste böhmische Lite- 
raturgeschichte, welche noch nicht beendet ist.) 

V. Flajshans, Pfsemnictvi ceske slovem i obrazem (Prag, 1901). (Eine populäre Dar- 
stellung der böhmischen Literatur mit Illustrationen.) 

J. JakubeC und A. NovÄk, Geschichte der cechischen Literatur. Die Literaturen des 
Ostens V. 1 (Leipzig, 1907). 

Der Darstellung der neueren böhmischen Literatur ist ein großes Sammelwerk ge- 
widmet: ,,Literatura ceskä 19. stolet!", welches seit dem Jahre 1902 in Prag (J. Laichters 
Verlag) erscheint. 



Gegenwart. I. 



DIE SÜDSLAWISCHEN LITERATUREN. 

Von 

Matthias Murko. 



Einleitung. „Südslawen" ist ein geographischer Begriff für die 
Slowenen, Kroaten, Serben und Bulgaren, die trotz verschiedenartiger 
historischer Schicksale sprachlich sehr nahe verwandt sind, so daß die 
Kroaten und Serben, die doch unter der Spaltung zwischen Rom und 
Byzanz am meisten gelitten haben, sogar dieselbe Schriftsprache besitzen. 
Der Unterschied äußert sich heute nur in der Schrift, da die katholischen 
Kroaten die lateinische, die orthodoxen Serben die cyrillische gebrauchen. 
Doch kommt man mit diesem Kriterium des Alphabetes und der Religion 
selbst für die Gegenwart nicht aus, in der Vergangenheit waren aber 
die Verhältnisse noch viel komplizierter, denn weder gehörten die 
Kroaten ausschließlich dem Okzident, noch die Serben nur dem Orient 
an, sondern bildeten nach ihrer Lagerung die Zwischenstufe zwischen den 
Slowenen, die frühzeitig ganz dem romanisch-germanischen Kulturkreise 
zufielen, und den Bulgaren, bei denen sich die Einflüsse von Byzanz und 
des Orients überhaupt am meisten geltend machten. Trotz dieser großen 
kulturellen Unterschiede gab es immer lebhafte Wechselbeziehungen 
zwischen den Südslawen, einzelne Literaturperioden sind mehreren Stämmen 
gemeinsam, die heutigen Völkemamen hatten im Laufe der Zeiten einen 
verschiedenen Umfang, die Bildung der vier Nationalitäten mit drei Schrift- 
sprachen ist überhaupt erst ein Produkt des 1 9. Jahrhunderts (früher waren 
neben dem allgemeinen slawischen und dem pseudogelehrten illyrischen 
Namen noch die landschaftlichen Bezeichungen krainerisc h, dalmatinisch , 
ragusanisc h. bosnisch , slawonisch u. a. üblich), die Grenzen zwischen Bul- 
garen und Serben sind noch strittig, zwischen Serben und Kroaten über- 
haupt unbestimmbar. Daß bei solchen Streitfragen die sprachlichen 
Merkmale nicht allein maßgebend sind, folgt schon aus den modernen 
linguistischen Vorstellungen, denn auch die südslawischen Sprachen bilden 
in der Tat eine Kette allmählich ineinander übergehender Dialekte. Das 
beste Beispiel bietet Proyinzialkroatien, das sprachlich zur slowenischen 



Einleitung. IQ5 

Dialektengruppe zu schlagen ist, historisch und kulturell aber immer einen 
Bestandteil des kroatischen Volkes bildete. 

Aus diesen Gründen empfiehlt sich eine von der üblichen Betrachtungs- 
weise abweichende synchronistische Darstellung der südslawischen Litera- 
turen, bei welcher der Anteil der einzelnen Landschaften an der Über- 
nahme und Ausbildiuig der großen, die Menschheit bewegenden Ideen in 
den Vordergrund zu stellen ist. Dabei ergibt sich eine Teilung in zwei 
große, durch die Befestigung der Türkenherrschaft unter den Südslawen 
in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts getrennte Perioden: in der 
ersten herrscht die kirchenslawische Sprache und überwiegt der Einfluß 
von Byzanz, in der zweiten kommen unter westeuropäischem Einflüsse die 
Nationalsprachen zur Geltung. 

Die Vorfahren der heutigen Südslawen, welche ihre Gebiete im 6. und 
7. Jahrhundert bevölkerten, treten bei den griechischen und abendländischen 
Schriftstellern unter dem Namen der Slowenen (ZKXaßrivoi, ZKXdur|VOi, 
ZKXaßivoi, ZKXdßoi, Sclaveni, Sclavini, Sclavi) auf, der auch in allen älteren 
einheimischen Quellen erscheint, erst allmählich durch die staatlichen 
Namen bulgarisch, serbisch und kroatisch verdrängt wurde, im Westen 
noch lange üblich blieb und bei dem am meisten vorgeschobenen Stamm 
noch fortlebt (ebenso in der Gesamtbezeichnung der Slawen). Schon in 
ihrer Heimat jenseits der Karpathen traten die Südslawen mit der römi- 
schen Kulturwelt hauptsächlich durch Vermittlung der Germanen in Be- 
rührung und besiedelten nun Länder, in denen bedeutende Reste der 
griechischen und römischen Kultur erhalten blieben und von ihren Aus- 
strahlungspunkten, Byzanz und Rom, aus neu belebt wurden. So finden 
wir die Südslawen frühzeitig auf einer verhältnismäßig hohen Kulturstufe, 
wovon namentlich die zahlreich en slawisch en Fr emdwörter im Magy a- 
rischen ein beredtes Zeugnis ablegen. 

Die altslawische zügellose Demokratie begann bald dem römischen staaten- 
Staatsbegriii zu weichen, wenn wir vom meteorartig auftauchenden west- 
slawischen Staat des rätselhaften Samo absehen, müssen wir allerdings 
hervorheben, daß den ersten und mächtigsten südslawischen Staat der .süd- 
türkische — nicht finnische — Volksstamm der Bulgaren (überschritt die 
Donau 67g) zwischen der Donau und dem Balkan gründete und nach dem 
Süden und Nordwesten ausbreitete. Das Herrschervolk ging im Laufe 
von mehr als zwei Jahrhunderten in den slawischen Volksmassen vollständig 
auf. Bulgariens größter Herrscher Symeon (893 — 927), der Byzanz beerben 
wollte und bis zum Adriatischen Meere vordrang, war ganz und gar ein 
Slawe mit byzantinischer Bildung. Die Entstehung eines großen süd- 
slawischen Staates verhinderten die Folgen der Spaltung zwischen Ost- 
und West-Rom. In den westlichen Gebieten des alten Dalmatien bildete 
sich der kroatische Staat, in dem sich byzantinische, fränkische und rö- 
mische Einflüsse bekämpften, bis mit dem Regierungsantritt Branimirs (879) 

ein vollständiger Umschwung zugunsten Roms und des Abendlandes ein- 

,3, 



iq5 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

trat. Im Flußgebiet der Tara, des Lim und_Ibar übernahm der Stamm 
der Serben in der ersten Hälfte des lo. Jahrhunderts die Führung über 
die Dynasten, die bis an die Adria herrschten, so daß die Anfänge des 
serbischen Staates ebenfalls in der Sphäre der römischen Kultur und 
Kirche lagen. Nur die Slowenen brachten es zu keiner dauernden Staaten- 
gründung, kamen schon ge^en Ende des 8. Jahrhu nderts unter fränkische 
Herrschaft und teilten weiter die Schicksale der deutschen Alpenländer. 
Keine geringe Rolle spielte immerhin in der Begründung der slawischen 
Liturgie und Literatur ein slowenisches Fürstentum am Platt ensee in 
Unter-Pannonien, das teilweise nach Steiermark bis Pettau herüberreichte. 
Auch in der Annahme des Christentums gingen die Südslawen ihren 
zahlreicheren Brüdern im Norden voran. Die römische Staatskirche lebte 
an der adriatischen Küste kräftig fort, aber auch im Innern der Balkan- 
halbinsel war sie nicht ganz erloschen, weshalb die Christianisierung hier 
mit geringen Ausnahmen ganz friedlich vor sich ging. Verhängnisvoll 
gestaltete sie sich nur für die Slowenen, gegen welche die Bayernfürsten 
Religions- und zugleich Unterwerfungskriege führten; eine heidnische 
Reaktion wurde 772 endgültig unterdrückt. Die Taufe der Kroaten wird 
gewöhnlich zu früh datiert, denn die Begleitumstände setzen bereits eine 
höhere staatliche Organisation voraus, die erst für das Ende des 8. Jahr- 
hunderts beglaubigt ist. Der „Bischof von Kroatien" hatte keinen festen 
Sitz. Die Mehrzahl der Bischöfe befand sich aber in den romanischen 
Küstenstädten, und die erzbischöfliche Gewalt über ganz Dalmatien und 
Kroatien bis zur Donau strebte schon um 8.'i2 die Kirche vo n Spalat o an. 
x\us diesem Verhältnis werden die heftigen Kämpfe um die slawische 
Liturgie im 10. und 11. Jahrhundert begreiflich. Die oströmischen und 
bulgarischen Serben erhielten ihr Christentum von Byzanz, aber ein großer 
Teil derselben wurde in den Küstengebieten von Rom bekehrt und bis 
zur Konsolidierung des serbischen Staates am linde des 12. Jahrhunderts 
beherrscht, was für die Frage von der Bildung der serbischen Nationalität 
sehr wichtig ist. Zuletzt nahmen das Christentum die bereits sehr mäch- 
tigen Bulgaren an, im Jahre 864 oder Anfang 865. Fürst Bori s legte 
sich auch den Namen seines kaiserlichen Paten in Byzanz, Michael, bei, 
trat aber aus Furcht für seine Unabhängigkeit mit Rom in Berührung, 
das jedoch durch Starrsinn in Personalfragen Bulgarien und damit auch 
andere Slawen für inim er verlor (870) . 
i Leben Über das geistige Leben der heidnischen Südslawen haben wir wenig 

Sudslawen. Nachrichtcn. Über ihre religiösen Anschauungen, Sitten und Bräuche 
können wir aus heutigen Volksliedern, Sagen, Märchen, Sprichwörtern, 
abergläubischen Gebräuchen, Zaubersprüchen und Rätseln keine weit- 
gehenden Schlüsse ziehen. Mag auch der Bulgare oder Serbe bei der 
Ausübung seiner religiösen Bräuche in Wirklichkeit mehr an einen Heiden 
als Christen erinnern, so hängen diese doch auf das innigste mit dem 
Christentum, namentlich mit seinem Festkalender, zusammen. Die Pro- 



hcidn 



A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache. 1. Die altkirchenslawische Periode. igj 

dukte des Volksgeistes verraten auch zahlreiche mündliche und literarische 
Einflüsse von Ost und West, namentlich die der apokryphen Literatur, so 
daß sie nicht mehr an die Spitze der Literaturgeschichte gestellt werden 
können. 



A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache und unter dem 
tiberwiegenden Einfluß von Byzanz. 

I. Die altkirchenslawische Periode. Die Südslawen gehen Die altslawische 

. Kirchensprache. 

ihren nördlichen Brüdern namentlich in der Literatur weit voran. Die 
römischen und griechischen Buchstaben, mit denen sie zu schreiben an- 
fingen, wurden bald durch zwei slawische Schriften abgelöst; ein süd- 
slawischer, wahrscheinlich ein makedonischer oder auch ostbulgarischer 
Dialekt wurde zur slawischen Kirchen- und Literatursprache erhoben. 
Diese kirchenslawische, in den einheimischen Quellen „slowenisch" ge- 
nannte Sprache spielte die Rolle des mittelalterlichen Latein bei allen 
orthodoxen slawischen Völkern bis ins i q. Jahrhundert und lebt noch heute 
im Gottesdienst bei den orthodoxen Serben, Bulgaren und Russen, bei 
den mit Rom unierten Ruthenen, auch bei kleinen Bruchteilen unierter 
Bulgaren, Kroaten und sogar Magyaren, überdies bei einem beträchtlichen 
Teil römisch-katholischer Kroaten am Adriatischen Meere fort, so daß sie 
nach der lateinischen die am meisten verbreitete liturgische Sprache der 
christlichen Welt bildet. Eine große Rolle spielte die kirchenslawische 
Sprache auch im geistlichen und staatlichen Leben der Rum änen, eine 
weniger bedeutende bei den Albanese n und Litauern. 

Merkwürdigerweise wurde die Konzession einer slawischen Liturgie uie siawen- 

° ° apostel Cyrill 

zuerst nicht Byzanz, sondern Rom abgerungen, dazu auf einem überwiegend und Method. 

■' ' 6 S '_ ° Die slawische 

nordslawischen Gebiet, im großmährischen Reiche, das am rechten Donau- Liturgie in 

*' o • Mähren und 

ufer allerdings au^h die pannonischen Slowenen , also Südslawen, be- Pannonien. 
herrschte. Fürst Rastisl av wollte sich vom fränkischen Reiche unabhängig 
machen und eine Landeskirche mit Hilfe von Byzanz organisieren, erhielt 
aber zuerst nur eine der üblichen religiös-politischen Missionen (863), für 
welche die Machthaber in Konstantinopel (Mich ael III. . Bardas. Photius) 
allerdings die besten Kräfte auswählten, den frommen Priester Konsta ntin, 
der wegen seiner großen Gelehrsamkeit der^J'hilosoph genannt wurde, 
und seinen Bruder, den diplornatischen Laienmönch Method. Diese 
„Slawenapostel", die aber weder die Mährer noch die Südslawen zu be- 
kehren brauchten (in alten slawischen Quellen werden sie richtiger „Lehrer 
der Slawen" genannt), stammten aus Thessalonike (Saloniki) und beherrsch- 
ten sehr gut die Sprache der nächsten Umgebung oder sonst einen sla- 
wischen Dialekt des byzantinischen Reiches. Wenigstens Bruchstücke des 
Evangelistars brachten sie schon nach Mähren, dessen Bevölkerung ihre 
Sprache leicht verstehen konnte, und übersetzten hier die wichtigsten, für 
den Gottesdienst notwendigen Bücher, speziell auch die Messe. Diese 



log Matthias Mürko: Die südslawischea Literaturen. 

Neuerung stieß auf den größten Widerstand der lateinisch-deutschen Geist- 
lichkeit, hinter der die fränkische Großmacht stand. Die Brüder brauchten 
daher zur Krönung ihres Werkes einen höheren Schutz und wanderten, 
mit der Macht der Verhältnisse rechnend, nach Rom (867), wohin sie 
ohnehin eine Berufung erhalten hatten. 

*- Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß bereits Ha drian II. die sla- 

wische Liturgie billigte. Das Werk der Brüder erlitt jedoch einen großen 
Schaden durch den Tod Konstantins in Rom (14. Februar 86g), der kurz 
zuvor in ein Kloster eingetreten war und den Namen Cyril l angenommen 
hatte, wurde aber auch von Method allein mit Erfolg fortgesetzt. Fürst 
Kocel am Plattensee erbat sich ihn als Erzbischof. Die Idee, für Panno- 
nien und Mähren das alte Bistum Sirmium und d as Exarchat für I llvricum 
wiederherzustellen, ist natürlich nicht dem Kopfe des bescheidenen slo- 
wenischen Fürsten und fränkischen Vasallen entsprungen, sondern der 
„Stuhl des heiligen Andronikus" sollte für Rom den Rechtsgrund für eine 
neue kirchliche Organisation auf dem Boden der Missionstätigkeit bayrischer 
Bischöfe bilden und durch den Exarchen von Illyricum der Anspruch auf 
die Donauslawen gegen Byzanz, das u nter Photius die erste Kirchen - 
spal tung versuchte (867 1. behauptet werden. 

Wegen der Wirren in Mähren , wo Rast islav von seinem Neif en 
Svatoplu k an die Deutsch en ausgeliefert worden war, blieb Method am 
Plattensee, wurde aber bald von den benachbarten deutschen Bischöfen 
gefangen genommen, bis ihn nach dritthalb Jahren Joha nnes VII I. befreite. 
Er hatte aber auch unter Svatopluk keinen leichten Stand, doch der ge- 
nannte große Diplomat auf dem päpstlichen Stuhle billigte (880) in feier- 
licher Weise die slawische Liturgie mit der Bedingung, daß bei der Messe 
das Evangelium zuerst lateinisch gelesen werde. Die fortwährenden Kämpfe 
hinderten Method nicht an einer weiteren Übersetzungstätigkeit. Nach 
seinem Tode (6. April 885) wurde jedoch infolge der Umtriebe seines 
Suffragans und Gegners Wichi ng die slawische Liturgie von Stephan V. 

<jl verboten, wofür eine Erklärung auch in den großen Wirren am päpstlichen 

Hofe zu suchen ist, und die Methodianer wurden von Svatopluk, der immer 
eine Antipathie gegen den Schützling seines Oheims und gegen die reli- 
giösen Streitigkeiten hatte, aus dem Lande gejagt. Den größten Schaden 
hatte von seiner Inkonsequenz Rom, denn die slawische Liturgie wurde 
in der Folgezeit zum stärksten und ausgiebigsten Kampfmittel gegen 
seinen Einfluß im slawischen Osten. 
Zwei slawische Paläographische, sprachliche und historische Gründe sprechen dafür, 

Alphabete. ^^^ Konstantin das glagolitische Alphabet zusammengestellt hat. Man 
erkennt darin eine Stilisierung der griechischen Minuskel und Kursive; 
für die zahlreichen speziell slawischen Laute wurden Zeichen durch Ver- 
änderung oder Kombinierung der griechischen hergestellt oder neu er- 
funden oder aus einem, vielleicht sogar aus mehreren orientalischen Alpha- 
beten entlehnt. Das fälschlich cyrilli.sch genannte Alphabet, welches mit 



A. Die Literatur in der kirclienslawisclien Spraclie. I. Die altkirchenslawische Periode. iqq 

der griechischen Unzialschrift bis auf die slawischen, meist aus der glago- 
litischen Schrift entlehnten Schriftzeichen geradezu identisch ist, kam erst 
in Bulgarien auf. Die älteste, in Makedonien gefundene cyrillische In- 
schrift stammt aus dem Jahre 993. Die Glagoliza stand jedoch bei allen 
Südslavven einige Zeit in Gebrauch und war sogar in Rußland nicht un- 
bekannt. Heute lebt sie nur noch in den römisch-katholischen liturgischen 
Büchern der Kroaten an der Adria fort, bei denen sie im Laufe der Zeit 
eine eckige Gestalt annahm, doch ist diese „kroatische" Glagoliza mit der 
älteren runden „bulgarischen" identisch. 

Der Umfang des Übersetzungswerkes der Slawenapostel steht nicht Die ersten 
fest. Auf jeden Fall hat auch Method nicht alle Bücher des Alten Testa- „slawischen 
ments übersetzt. Zur Grundlage diente natürlich der griechische Text, 
und zwar in der Lukianischen Redaktion. Abgesehen von nur geringen 
Freiheiten gaben die Brüder das Original genau wieder, wurden aber dem 
Geist der „slowenischen" Sprache, namentlich ihrer Syntax, gerecht, wodurch 
sie sich ungemein vorteilhaft von späteren sklavischen Übersetzern unter- 
scheiden. Bemerkenswert ist die Reinheit für christliche BegriiTe, mit 
denen keine heidnischen Reminiszenzen verknüpft sind. Zu diesem Zwecke 
behielten sie allerdings griechische Wörter mehr als billig bei und nahmen 
auch mehrere in Pannonien und Mähren bereits nationalisierte lateinisch- 
deutsche Ausdrücke auf. Überhaupt blieben die ersten Übersetzungen 
von lateinischen und sogar deutschen Texten nicht unberührt. Fraglich 
ist, ob auf Method bereits die Anpassung an den römischen Ritus zurück- 
geht, aber jedenfalls sind die ersten Versuche in dieser Hinsicht sehr alt. 

Daß sich auch die lateinisch-deutsche Geistlichkeit in den slowenischen Die ältesten 

Denkmäler der 

Gebieten nicht bloß auf die Predigt in der Volkssprache beschränkte, lehren Slowenen. 
die Freisinger Denkmäler (in München), eine Beichtformel, eine Homilie 
über die Beichte und ein Beichtgebet, die von Paläographen in das 10. 
oder II. Jahrhundert verlegt werden. Diese Abschriften stehen den 
ältesten erhaltenen glagolitischen und cyrillischen Denkmälern an Alter 
durchaus nicht nach und repräsentieren die erste bekannte, allerdings sehr 
unbeholfene Aufzeichnung" irgend einer slawischen Sprache in lateinischer 
Schrift; ebenso sind sie die ältesten Denkmäler einer lebenden slawischen 
Sprache. Eine Beeinflussung" derselben durch altkirchenslawische Vor- 
lagen ist fraglich, wohl ist aber das zweite in die älteste kirchenslawische 
Literatur geraten. 

Eine dauernde Zufluchtsstätte fand die kirchenslawische Sprache und Biute der ait- 
Literatur südlich der Save und der Donau, wo sie sofort im „goldenen sehen Literatur 
Zeitalter" des bulgarischen Reiches unter Symeon, einem „neuen Ptolo- 
maeus", wie ihn die Zeitgenossen nannten, am Hofe von Preslav ihre 
höchste Blüte erreichte. Bald nach dem Tode Methods kamen Kliment 
und einige andere Jünger nach Bulgarien, wo sie in den makedonischen 
Gebieten um Ochrida herum im Geiste der pannonisch-mährischen Tradition 
fortwirkten, so daß wir auf allen Gebieten eine konservativere makedo- 



2 00 Matthias Murko; Die südslawischen Literaturen. 

nische Schule gegenüber der von Byzanz mehr abhängigen ostbulgarischen 
unterscheiden können. Das Westreich dauerte auch länger, aber selbst 
nach seiner Vernichtung (1018) ließ Basilios II. die autokephale bulga- 
rische Kirche in Ochrida bestehen, die allerdings schon im 12. Jahr- 
hundert zu einem Bollwerk des Hellenismus wurde. Damit erreichte auch 
die bedeutendste Periode der kirchenslawischen Literatur und ihrer alter- 
tümlichen Sprache ein Ende. 

Groß ist die Zahl bekannter und noch mehr unbekannter Übersetzer 
und Kompilatoren in ganz Bulgarien, gering die der originellen und volks- 
tümlichen Leistungen. Am besten ist die einheimische Homiletik ver- 
treten, namentlich durch Kliment und Presbyter Kozma, der die Sekte der 
Bogomilen bekämpfte. Die beiden Apostellegenden, von denen die Me- 
thods gewiß nach Makedonien zu verlegen ist, bewahren ein schönes 
Gleichgewicht zwischen Rom und Byzanz, weshalb sie sehr alt sein 
müssen, und haben bezüglich ihrer historischen Glaubwürdigkeit durch 
neuere Urkundenfunde nur gewonnen. Später kamen noch Legenden 
bulgarischer Heiliger dazu, die als Eremiten hinter ihren orientalischen 
Mustern durchaus nicht zurückblieben. Der bedeutendste ist Joann von 
Ryl (-}- 946). Eine glänzende Leistung ist die Verteidigung der slawischen 
Schrift und Bibelübersetzung gegen die Griechen durch den Mönch Hrabr 
aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts. 

Bezüglich der neu übersetzten biblischen Bücher fällt es auf, daß die 
kommentierten Propheten dem Text der alexandrinischen Redaktion folgen. 
Überhaupt tritt speziell Makedonien durch die Athosklöster mit Palästina 
und dem Sinai früh in Verkehr, so daß eine Reihe alter glagolitischer 
Denkmäler nicht zufällig im Sinaikloster und in Jerusalem aufgefunden 
worden ist. 

Große Werke der theologischen Literatur wurden wegen ihrer 
Schwierigkeit und auch mit Rücksicht auf ihr Publikum nicht immer ganz 
übersetzt. So nahm Joann Exarch von Bulgarien aus der Theologie des 
Johannes von Damaskos nur den dritten Teil „über den wahren Glauben", 
aber selbst von dessen 100 Kapiteln nur 48, die ihm zur Aufklärung des 
bulgarischen Volkes besonders wichtig erschienen. Charakteristisch ist 
aber für diesen Hauptvertreter des symeonischen ostbulgarischen Kreises 
eine große Kompilation Si's/odiirv (Hexaemeron), der Versuch einer 
theologisch-philosophischen Erklärung der Schöpfungsgeschichte. Symeon 
selbst vereinigte Auszüge aus den Predigten des Johannes Chrysostomos, 
der auch bei den Slawen eine dominierende Stellung gewann, im Zlafosfnij 
(Goldbach). Besonders charakteristisch ist aber eine auf seinen Befehl 
angefertigte große Katene, die in dem Izhornik des Kiewer Fürsten 
Svjatoslav aus dem Jahre 1073 erhalten ist; 25 Kirchenväter des Abend- 
und des Morgenlandes, Dogmatiker wie Exegeten, sind neben anderen 
Artikeln in dieser Kompilation vertreten. 

Daß die Übersetzer nicht immer ihrer Aufgabe gewachsen waren. 



A. Die Literatur in der kirclienslawischen Sprache. I. Die altliirchenslawisclie Periode. 201 

zeigt die Behandlung der Kirchenpoesie, die ohnehin schon in der Zeit 
der Nachblüte und des Verfalles zu den Slawen geraten ist. So wurden 
zu Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrhunderts in Bulgarien oder auf 
dem Athos die liturgischen Menäen in der Redaktion des Klosters 
Studion (in Konstantinopel) buchstäblich, ohne Beachtung des Sinnes, 
des Rhythmus und des poetischen Schmuckes der Akrosticha übersetzt. 
Solcher Stumpfsinn war allerdings nicht allgemein, denn man hatte im 
9. und 10. Jahrhundert in Bulgarien auch ein recht gutes Verständnis für 
die Feinheiten der griechischen Kirchenpoesie, wie ihre Nachahmungen 
in rhythmischen, zwölfsilbigen, mit einer Zäsur nach der fünften Silbe 
versehenen und durch Akrosticha gebundenen Versen ohne Reim und 
Refrain beweisen. 

In dem Überwiegen mönchischer Interessen übertrifft schon die alt- 
bulgarische Literatur ihr byzantinisches Muster. Besonders auffällig tritt 
das bei der Behandlung geschichtlicher Werke hervor. Nicht ein einziger 
der zahlreichen und bedeutenden byzantinischen Geschichtschreiber ist 
übersetzt worden, nicht einmal Bruchstücke aus solchen, die über die 
Slawen handeln. Dafür finden wir aber die Mönchschroniken des Johannes 
Malalas und des Georgios Hamartolos und dürftige Chronographen. Die 
Existenz bulgarischer Chroniken ist bloß bezeugt. Eine Kompilation 
„Hellenischer und römischer Chronograph", in dessen älterer Redaktion 
die Namen türkisch-bulgarischer Fürsten und Reste ihrer Sprache erhalten 
sind, wird noch dem Zeitalter Symeons zugeschrieben. 

Sonst sucht man aber, wenn man noch von einer Übersetzung des 
Physiologus absieht, vergebens Spuren wissenschaftlicher Interessen. Be- 
sonders zu bedauern ist die Tatsache, daß vom klassischen Altertum so 
gut wie gar nichts in den schriftlichen Besitz der Slawen übergegangen 
ist. Nur Aristoteles wurde auch bei ihnen der Philosoph der Kirche. 
Man darf jedoch das Bildungsniveau der Balkanslawen nicht bloß nach 
ihren Übersetzungen beurteilen, denn einzelne Persönlichkeiten, wie der 
Zar Symeon und der Mönch Hrabr, standen auf der Höhe der damaligen 
griechischen Bildung, die Beziehungen zu den Griechen waren immer leb- 
haft und viele hervorragende griechische Schriftsteller hüteten slawische 
Herden. 

Die umfangreiche theologische Literatur konnte aber ebensowenig Ltoatur^ 
wie anderswo die fromme Neugierde und das Gemüt der Slawen be- 
friedigen und ihnen die früheren religiösen Vorstellungen ersetzen. Da- 
her finden wir allen Indices und Verboten der „lügenhaften", „geheimen", 
„verworfenen" Bücher zum Trotz eine ungemein reichhaltige und stark 
verbreitete apokryphe Literatur, die ihnen hauptsächlich vom Orient, aber 
auch vom Okzident, vermittelt wurde. 

Zur Verbreitung der Apokryphen trug sehr viel die .Sekte der Bogo- ° 3/^^'!;^^ 
milen bei, die gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts unter dem Zaren 
Peter in Bulgarien auftauchte, durch fünf Jahrhunderte die Geschichte der 



20 2 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

Balkanslawen mächtig beeinflußte und auch im Abendlande bis zu den 
Pyrenäen und dem Niederrhein und selbst in England zahlreiche An- 
hänger (Manichäer, Patarener, Katharer, Albigenser usw.) fand. Durch 
armenische und syrische Grenzwächter und Kolonisten in Thrakien ver- 
mittelte Byzanz die Lehren orientalischer Sekten, namentlich der Pauli- 
kianer, die den Manichäismus ins Land brachten. Der Polemist Kozma 
beschuldigt einen Popen Bogumil als Urheber der „manichäischen Häresie", 
doch wir wissen nicht, inwieweit er die nach ihm genannte Sekte organi- 
siert hat, da sich ihre Lehre im fortwährenden Fluß befand und uns zum 
Teil nur aus byzantinischen und späteren lateinischen Quellen (über Bos- 
nien, Dalmatien, Slawonien) bekannt ist. Nach Kozma führten die Bogo- 
milen ein sehr strenges und ernstes Leben, verwarfen den üblichen Gottes- 
dienst, die Hierarchie und das ganze Alte Testament, waren stolz auf ihre 
Bücherweisheit und Kenntnis zukünftiger Dinge, verbreiteten neue Lehren 
und Fabeln, verdammten die Reichen und predigten Ungehorsam gegen 
die Boljaren und den Zaren samt seinen Beamten. Wir sehen darin An- 
klänge an die altslawische Demokratie und einen Protest gegen die unter 
Peter byzantinisierte Kirche und den byzantinisierten Feudalstaat. Diese 
Opposition bekam durch die byzantinische Herrschaft noch neue Nahrung. 
Übrigens finden wir schon am Ende des lo. Jahrhunderts eine Spal- 
tung: die bulgarische Kirche näherte sich mehr dem christlichen Stand- 
punkte, die Drag'ovicer Kirche in Makedonien hielt sich strenger an die 
paulikianische Lehre. Die ursprünglich nationale Sekte wirkte zersetzend 
auf die südslawischen Staaten, und beim Vordringen der Türken wurden 
ihre in Bulgarien und Bosnien verfolgten Anhänger zu Volksverrätern. 
Der mohammedanische Adel in Bosnien und Herzegowina hat meist bogo- 
milische Vorfahren. Die Reste der Paulikianer in Bulgarien wurden im 
I 7. Jahrhundert katholisch. 

Es ist schwer zu bestimmen, welche Apokryphen direkt auf die 
Bogomilen zurückgehen. Auch die Bestimmung des Alters und der 
Herkunft der kirchenslawischen Apokryphen gehört zu den wichtigsten 
Fragen der Zukunft. Auf jeden Fall stammt der größte Teil von den 
Südslawen und aus dieser Periode. Darunter gibt es mehrere, deren 
griechisches Original nicht bekannt ist. Zu den ältesten Übersetzungen 
gehört das Nikodemus-Evangelium nach einer lateinischen Vorlage; für 
spätere Übersetzungen kommen auch andere abendländische Quellen in 
Betracht. 
Prosa- Die Leidenschaft der Byzantiner, Verse zu machen, eigneten sich die 

Slawen nicht an. Dafür fanden aber von den mittelalterlichen Prosa- 
dichtungen ihren Weg auch zu ihnen der Alexanderroman des Pseudo- 
Kallisthenes (Redaktion B') und die orientalischen Erzählungen von Bar- 
laam und Joasaph, Stephanites und Ichnilates, die in griechischer Fassung 
unbekannte Geschichte vom „weisen Akyrios" (hebr. Achikar, arab. Haikar), 
die Sagen von Salomon und Kitovras und vom babylonischen Reich. 



A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache. I. Die altkirchensla^rische Periode. 203 

Die byzantinische Kaisersage ist durch die Revelation des Methodios 
„von Patara" vertreten. 

Schon zu Methods Zeiten hatte die slawische Liturgie auch bei den DieaitsiawUche 

. . Kircbensprache 

Kroaten der adnatischen Küste festen Fuß gefaßt, wo sie vom Bistum bei den Kroatien 
Spalato bis an die Grenzen der Slowenen in Istrien noch heute als ein in 
der römischen Kirche einzig dastehendes Privilegium ein allerdings 
kümmerliches Dasein fristet. Vorübergehend war sie eine Bundes- 
genossin Roms gegen die zu Photius haltenden dalmatinischen Bischöfe, 
die ihr nach ihrer Aussöhnung mit dem Papste den heftigsten Krieg er- 
klärten. Doch konnten sie die Beschlüsse der Synoden von Spalato (925, 
928, 1059/60) nicht vernichten, denn selbst Gregor VII. wagte an den 
Grenzen des byzantinischen Einflusses keine gefährlichen Experimente. 
Ausdrücklich wurde sie auch nie verboten, wohl aber durch Innocenz IV. 
1248 anerkannt. Um diese Zeit war schon der römische Ritus durch- 
geführt; dementsprechend wurden auch allmählich Änderungen der glago- 
litischen Kirchenbücher nach dem Texte der Vulgata vorgenommen. Die 
dialektischen Eigentümlichkeiten der serbokroatischen Sprache fanden 
ebenfalls schon bis zum 13. Jahrhundert Eingang. Das älteste Denkmal 
dieser Sprache ist eine glagolitische Inschrift der Kirche der heiligen 
Lucia bei Baäka auf Veglia (1100). Die allgemeine Literatursprache des 
Abendlandes herrschte jedoch auch in Kroatien, denn alle erhaltenen Ur- 
kunden seiner nationalen Fürsten und Könige sind lateinisch geschrieben. 

Die slawische Kirchen- und Schriftsprache fand dauernde Ausbreitung SchiuSbetrach- 

tuiigen über das 

fast bei allen Balkanslawen; nur die romanischen Städte des alten Dal- aitkircheo- 

slawische 

matien und teilweise auch ihre slawischen Gebiete, namentlich die des Schrifttum. 
Erzbistums Ragusa, ' entzogen sich diesem Einfluß. Ein Jahrhundert nach 
ihrer Begründung kam sie auch nach Rußland, das noch lange die 
literarischen Erzeugnisse der Südslawen bezog, seit dem 13. Jahr- 
hundert aber ihnen auch die seinigen lieferte; diesen Wechselverkehr 
vermittelten namentlich Athos und Konstantinopel. Bei einer so großen 
Verbreitung nahm die gemeinsame Schriftsprache seit dem 11. Jahr- 
hundert überall lokale Eigentümlichkeiten an. Die literarische Einheit 
erhielt jedoch einen großen Riß durch die definitive Kirchenspaltung im 
II. Jahrhundert, doch hörte der Wechselverkehr zwischen den Anhängern 
der griechischen und römischen Kirche auch nach dieser Zeit nicht ganz auf. 
Die altkirchenslawische Sprache trug wesentlich zur Ausbreitung und 
Stärkung der christlichen Zivilisation bei; durch sie erhielten die Süd- 
slawen einen bedeutenden Vorsprung vor anderen Völkern des Südostens, 
ihre nationale Unabhängigkeit fand an ihr eine bedeutende Stütze. Für 
die Wissenschaft bildet sie heute den Ausgangspunkt jeglichen Studiums 
der slawischen Sprachen, denn sie ist drei bis vier Jahrhunderte vor 
anderen Slawinen aufgezeichnet worden. Bis zur Reformation bildete sie 
neben der lateinischen und griechischen die einzige liturgische Sprache 
Europas; an Alter und Bedeutung ihrer literarischen Denkmäler steht sie 



204 



Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 



zwar hinter den liturgischen Sprachen des Orients zurück, doch kann sich 
keine derselben mit ihr messen, was ihre Verbreitung und den Umfang 
ihrer Literatur anbelangt, namentlich der übersetzten, die nicht bloß für 
textkritische Studien der griechischen Originale von Bedeutung ist, son- 
dern uns manche sogar allein erhalten hat. Man kann dieser Übersetzungs- 
literatur trotz aller Schwächen auch die Bewunderung nicht versagen, 
wenn man bedenkt, wie lange die lateinische Kirche brauchte, um reden 
zu lernen. Dagegen ist es verkehrt, von einem besonderen slawischen 
Kulturtypus neben dem griechischen und lateinischen des Mittelalters zu 
sprechen, denn die Slawen haben einfach die durch fortwährende Orientali- 
sierung entstellte und absterbende Kultur von Byzanz übernommen. Und 
selbst von der byzantinischen Mumie haben sie nur Bruchstücke erhalten, 
dabei aber auch die Abneigung gegen die „Lateiner", so daß mit dem 
Falle von Konstantinopel für sie schon alle Kulturquellen versiegten. So 
wurde die Kirchensprache für die orthodoxen Slawen allmählich aus 
einem vSegen zum Fluch, ein Organ des Rückstandes und Rückschrittes; 
jeder Fortschritt der Nationalsprachen und einer wirklich slawischen Kultur 
auf Grundlage der allgemein-europäischen wurde durch den Kampf gegen 
sie und durch ihre endgültige Zurückdrängung in die Kirche (im 19. Jahr- 
hundert!), durch die Emanzipation vom Orient und durch die Annäherung 
an den Okzident erreicht. 

Mjtteibuipi- IL Das kirchenslawische Schrifttum seit dem 12. Jahrhun- 

riscbe Literatur. r^ . , -ht« i it ■•i-äci t-ij 

dert. Seit dem Niedergange der byzantinischen Macht gegen Lnde des 
12. Jahrhunderts wurden in den neuen slawischen Balkanstaaten abermals 
günstige Bedingungen für die kirchenslawische Literatur geschaffen, die 
sich inhaltlich ganz in den alten Geleisen fortbewegte und nur durch dia- 
lektische Merkmale ihre Herkunft verrät. 

So hat auch der Ausdruck „mittelbulgarische" Literatur hauptsächlich 
sprachliche Bedeutung. Das wieder aufgerichtete bulgarische Reich (1186 
bis 1393) mit dem Sitze in Trnovo erhielt jedoch erst im Zaren Joann 
Alexander (1331 — 1365) abermals einen mächtigen Förderer der Literatur, 
für den auch künstlerisch reich ausgestattete Werke geschrieben wurden, 
und erreichte vor seiner Vernichtung durch die Türken eine beachtens- 
werte Stufe geistiger Kultur, die mit den religiösen Strömungen des 
byzantinischen Reiches in innigstem Zusammenhange steht. Namentlich 
das Hesychastentum fand von Athos aus sofort Eingang in Bulgarien; 
sein Begründer Gregorios Sinaites begab sich auf einige Zeit sogar unter 
den Schutz des Zaren Joann Alexander und fand daselbst bedeutende 
Schüler. Die Mystik der Hesychasten, die allerdings durch starken Aske- 
tismus entstellt wurde, siegte über die rührigen Bogomilen und andere 
Sekten; ihr Vertreter war auch der letzte Patriarch von Trnovo, Euthymij 
(seit ungefähr 1373), zugleich der bedeutendste Schriftsteller der ganzen 
mittelbulgarischen Periode. Euthymij übersetzte liturgische Bücher (u. a. 



A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache. II. Das kirchenslawische Schrifttum. 205 

die Liturgie des Johannes Chrysostomos und des hl. Jakob) und schrieb 
Lobreden, Legenden, Offizien bulgarischer und griechischer Heiliger, 
namentlich solcher, deren Reliquien die neuen Zaren nach Trnovo ge- 
bracht hatten, und Sendschreiben über religiöse Fragen. Er hielt sich in 
jeder Hinsicht streng an die zeitgenössischen byzantinischen Mu.ster und 
ahmte ihre gekünstelte Rhetorik so sklavisch nach, daß seine kirchen- 
slawische Sprache wie eine Kopie der griechischen erscheint. Von dem- 
selben Geiste war auch seine Reform der Kirchenbücher getragen, deren 
Orthographie und Sprache er überdies archaisierte. Diese unvolkstüm- 
lichen Bestrebungen gelang'ten durch bulgarische Flüchtlinge in Serbien, 
in der Moldau und Walachei, besonders aber in Rußland zur Geltung: 
einer von ihnen, Camblak, gehört sogar der Literatur aller dieser Länder an. 

Bulgarien hat auch in dieser Periode zahlreiche Übersetzungen auf- 
zuweisen, die hauptsächlich dem Gebiete der Asketik und Mystik ange- 
hören. Viele „Übersetzungen" sind aber nur Modernisierungen der alten 
im Geiste des Euthymij, der aber schon Vorgänger hatte. Das älteste 
Denkmal ist ein 121 1 übersetztes Synodikon des Zaren Boril, das gegen 
die Irrlehren gerichtet ist und erst im 14. Jahrhundert Zusätze über bul- 
garische Zaren, Zarinnen, Patriarchen, Bischöfe und Boljaren erhalten hat. 
Sonst ist für das geschichtliche Interesse wichtig der Umstand, daß ein 
für den Zaren Joann Alexander 1345 geschriebener Kodex neben der neu 
übersetzten Chronik des Manasse (mit wertvollen Illustrationen zur bul- 
garischen Geschichte) auch eine trojanische Sage enthält, die nach einer 
lateinischen oder italienischen Vorlage mit Zügen mittelalterlicher Romantik 
bei den Kroaten am Quarnero übersetzt worden ist. Immerhin haben wir 
auch wichtige Bruchstücke einer bulgarischen Chronik aus dieser Periode. 

Den wichtigsten Mittelpunkt erhielt die kirchenslawische Literatur am ^l" kirchen 
Ausgang des Mittelalters in Serbien, das seit dem 14. Jahrhundert auch Literatur 
die christliche Vormacht der Balkanhalbinsel bildete und Bulgarien über- 
lebte, denn nach der verhängnisvollen Schlacht am Kosovo polje (138g) 
bot es als türkischer und seit 1 403 auch als ungarischer Vasallenstaat der 
Literatur und Kunst noch eine hervorragende Zufluchtstätte, bis es zu 
einer türkischen Provinz wurde (1459). Aber auch nach dieser Zeit be- 
wahrten die Serben besser das alte Erbe als die Bulgaren, denn die ser- 
bischen Flüchtlinge in Ungarn und Slawonien erfreuten sich einer privi- 
legierten Stellung und die Klöster der Fruska gora, die meistens aus dem 
16. Jahrhundert herrühren, wurden zu einem serbischen Athos. 

Der eigentliche Begründer des serbischen Staates, Stefan Nemanja, 
der dessen Mittelpunkt von der Adria nach Rascien (heute Novi pazar) 
verlegte, wurde in Ribnica (bei Podgorica in Montenegro) katholisch ge- 
tauft (1122 oder 1123), erhob aber aus politischen Gründen die Orthodoxie 
zur Staatsreligion und starb (1200) als Mönch Symeon auf dem Athos, 
wohin er seinem jüngsten Sohne Sava gefolgt war. Sein ältester Sohn 
und Nachfolger, Stefan der Erstgekrönte, holte sich aber noch immer die 



Serbi< 



2o6 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

Königskrone aus Rom (12 17), während Sava in Nikaea zum autokephalen 
Erzbischof von Serbien geweiht wurde (12 19) und als tüchtiger Organi- 
sator der Orthodoxie endgültig zum Siege verhalf. Symeon und Sava 
gründeten auf dem Athos das Kloster Chilandar, das noch unter den 
Türken längere Zeit den geistigen Mittelpunkt des serbischen Volkes 
bildete. Die übrigen Kulturzentren (Klöster, Bischofsstühle, Residenzen 
der Könige und Zaren) lagen in Altserbien und in den umliegenden Ge- 
bieten; auch der Sitz des serbischen Patriarchats (seit 1346) Pec (Ipek) ist 
heute auf albanesischem Boden zu suchen. Von ihrem Stammlande aus 
richteten die serbischen Herrscher ihre Blicke hauptsächlich nach dem 
Südosten — Zar Dusan wollte sogar Byzanz erobern — so daß Makedonien 
auch seine serbische Kulturperiode hatte. Erst nach der Schlacht an der 
Marica (137 1) gelangte der Mittelpunkt des serbischen Staatswesens in 
das heutige südliche Serbien und endlich im 15. Jahrhundert an die Donau 
(Belgrad, Smederevo). 

Dieser Vergangenheit entsprechend ist die serbische Kultur nicht ein- 
heitlich, denn starke abendländische Einflüsse blieben im Lande immer 
mächtig. Das gilt namentlich von der kirchlichen Architektur und Malerei, 
auf welchen Gebieten eigentlich erst das unselbständige Serbien ganz 
byzantinisch wurde. Von der größten Wichtigkeit ist diese Tatsache für 
alle Erzeugnisse des Volksgeistes. Die geschriebene Literatur ist natur- 
gemäß byzantinisch, wurde aber einfach fertig aus Bulgarien und Make- 
donien herübergenommen. Die serbische Redaktion der Bücher entstand 
allmählich und ist durchaus nicht das Werk des ersten bekannten ser- 
bischen Schriftstellers, des hl. Sava. 

Ihre Abhängigkeit vom Athos verrät die serbische Literatur durch 
ihren ganz mönchischen, namentlich asketischen Charakter. Auffällig ist 
auch eine besondere Bevorzugung der Mönche von Syrien, speziell des 
Sabbasklosters bei Jerusalem und des Berges Sinai. Erzbischof Nikodim 
führte auch das gottesdienstliche Typikon von Jerusalem ein (131g), das 
wie alles Südslawische seinen Weg nach Rußland fand. Das reiche hand- 
schriftliche Übersetzungsmaterial serbischer Redaktion wurde noch wenig" 
gewürdigt, namentlich für die theologische Literatur der Byzantiner, und 
die Frage, was speziell in Serbien übersetzt worden ist, kann nicht ge- 
nügend beantwortet werden. Von den Übertragungen byzantinischer 
Chroniken gehört die des Zonaras hierher. Poetische Leistungen der 
Byzantiner, wie das Lehrgedicht Spaneas und die Menandersentenzen, 
wurden auch jetzt, wahrscheinlich in Makedonien, ihres künstlerischen 
Gewandes entkleidet. 

Selbständige Leistungen hat vSerbien auf dem Gebiete der Hagio- 
graphie, in den Lebensbeschreibungen seiner Herrscher und Erzbischöfe, 
die aber ihrem Charakter nach auch zur Hagiographie gehören und nur 
in Ermangelung besserer Quellen historisch wertvoll sind, in der Annalistik, 
Gesetzgebung und Grammatik aufzuweisen. Die besten Biographien sind die 



A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache. II. Das kirchenslawische Schrifttum. 207 

erste und letzte. Sava schildert schlicht, natürlich und mit Angabe histori- 
scher Daten das Leben seines Vaters, während schon sein gekrönter Bruder 
Stefan denselben Gegenstand ganz legendarisch behandelt und durch An- 
häufung von Zitaten und Phrasen anschwellen läßt. Den engsten Anschluß 
an die byzantinischen Muster verrät Konstantins von Kostenec (mit dem 
Beinamen der Philosoph) Biographie des Despoten Stefan Lazarevic (ge- 
schrieben 1431/32), die sprachlich zwar ungenießbar ist, inhaltlich aber die 
bedeutendste historische Leistung der Südslawen repräsentiert. Derselbe 
Konstantin brachte aus Bulgarien auch die reformatorischen .sprachlichen 
Bestrebungen des Euthymij, die er in einem ausführlichen Traktat verewigte. 
Charakteristisch für die serbischen Verhältnisse ist das einheimische und 
mitteleuropäische Elemente enthaltende Gesetzbuch des Zaren Stefan Duäan 
aus dem Jahre 1349, bei dessen Abfassung als Muster wahrscheinlich nicht 
so sehr die systematisch angelegten Nomokanones samt dem darin ent- 
haltenen weltlichen Recht der Byzantiner als die Statuten der Städte des 
adriatischen Küstenlandes dienten. 

Einen Pufferstaat zwischen Orient und Okzident bildete Bosnien (mit Bosnien. 
Herzegowina), in dem meist die beiden Kirchen feindliche Sekte der 
Bogomilen (Patarener) herrschte. Ihnen haben wir altertümliche, auf gla- 
golitische Quellen zurückgehende cyrillische Texte des Neuen Testamentes 
und der Psalmen zu verdanken, denn wie in manchen anderen Punkten 
näherten sie sich auch in der Anerkennung einzelner Bestandteile des 
Alten Testaments ihren abendländischen Genossen. Der Cyrillismus in 
Bosnien ging seine eigenen Wege und bewahrte auch eine altertümliche 
Orthographie, doch die Sprache der bosnischen Urkunden — die älteste 
und zugleich erste cyrillische, stammt aus dem Jahre 1189 — und In- 
schriften ist sehr volkstümlich, was auch bezüglich der slawischen Kor- 
respondenz der Ragusaner gilt. Die eigenartige bosnische cyrillische 
Schrift war auch bei den Katholiken des Landes, in den österreichischen 
Grenzgebieten und teilweise in Dalmatien bis ins 18. Jahrhundert üblich. 

Die Periode vom 1 3. bis 1 5. Jahrhundert ist auch die Blütezeit der Glagolitische 
glagolitischen Literatur der nordwestlichen Kroaten an der Adria. Ihre Kroaten. 
Trägerin, die slawische Liturgie innerhalb der römischen Kirche, drang 
aus den Küstengebieten sogar in das Innere von Kroatien und in die 
nordwestlichen Gegenden Bosniens vor; auch in den küstenländischen 
slowenischen Gebieten und selbst in Krain war sie sporadisch vertreten. 
Karl IV. bevölkerte das von ihm gegründete (i347)"'Emauskloster in Prag 
mit kroatischen Benediktinern, die auch nach Krakau geholt wurden (1390). 
Diese Episoden blieben jedoch ohne Bedeutung. Nur ein 1395 in Prag' 
geschriebener glagolitischer Evangelientext brachte es zu einer großen 
Berühmtheit: mit einer älteren cyrillischen Handschrift zusammengebunden 
kam er über Konstantinopel nach Rheims, wo die französischen Könige 
auf diesen geheimnisvollen Texte Ja sacre den Krönungseid leisteten. 

Die Handschriften und ältesten Drucke liturgischer Bücher (Missale 



2o8 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

in Venedig 1483) sind wichtig für das Studium der altkirchenslawischen 
Texte und ihrer Sprache. Der Wechselverkehr mit den Balkanslawen 
wurde auch durch die Kirchenspaltung nicht ganz unterbrochen, denn wir 
finden bei den Kroaten auf Makedonien zurückgehende Handschriften, 
wichtige Apokryphen, darunter eine dem bulgarischen Popen Jeremija 
zugeschriebene Sammlung, den weisen Akyrios u. ä. Die Literatur befand 
sich auch hier fast ausschließlich in den Händen der Geistlichkeit, aber 
mehr in den der weltlichen, und beschränkte sich auf Kompilationen und 
Übersetzungen (natürlich aus dem Lateinischen) von Ordensregeln, Legen- 
den , Moralisationen , Traktaten , Sendschreiben (auch apokryphen) und 
Predigten, sowie auf Handbücher für Geistliche. Beachtenswert sind 
Kirchengesänge in achtsilbigen Versen mit Reimpaaren und in Zwölf- 
silbern, die durch paarweise Binnen- und Endreime gebunden sind. In 
diesen Gedichten herrscht schon ganz die Volkssprache, die auch sonst 
die kirchenslawischen Elemente immer mehr verdrängt. 

Besondere Wichtigkeit für die Sprachgeschichte und das Volksleben 
haben zahlreiche Privaturkunden und Rechtsdenkmäler, die neben den 
lateinischen und italienischen Statuten dalmatinischer Städte Beachtung 
verdienen. Das älteste erhaltene ist das Statut von Vinodol im kroatischen 
Küstenlande (1288), das ein schönes Beispiel bietet, wie Gewohnheitsrecht 
von der Bevölkerung selbst kodifiziert wird. Sogar Orte unter öster- 
reichischer Herrschaft, wie Kastav, Veprinac und Trsat, weisen solche 
Denkmäler auf. In bosnischer cyrillischer Schrift ist das Statut von 
Poljica (südlich von Spalato) geschrieben, das sich ausdrücklich kroatisch 
nennt. 

Die westliche Literatur ist durch Übersetzungen einer romantischen 
Trojasage (s. mittelbulg. Literatur), der Visio Tundali, des Liicidarius (aus 
dem Böhmischen) und des Buches des weisen Cato vertreten. 

Aus den westlichen Gebieten der Kroaten und Serben stammen noch 
ein Alexanderroman, in dem der Welteroberer als christlicher Held er- 
scheint, die „Sage vom indischen Reich" (Epistel des Presbyters Johannes) 
und die Ritterromane von Tristan und Buovo d'Antona (Bueves d'Hanstone). 
Die drei letzten Werke sind aber nur in der russischen Literatur erhalten, 
der also auch ihre westeuropäischen Stoffe zuerst durch die Südslawen 
vermittelt wurden. 

Im 15. Jahrhundert wurden die slawischen Balkanstaaten vernichtet 
(zuletzt Bosnien 1463, Herzegowina 1483), im 16. Jahrhundert gelangten 
selbst Slawonien und der größte Teil des dalmatinischen Festlandes unter 
die Herrschaft der Türken, nur von Kroatien blieben größere Reste übrig. 
Die Türkenzeit hatte schwerwiegende Folgen auch für das geistige Leben 
der Südslawen. Die Literatur verlor die Stütze des Adels und der Fürsten, 
von den letzten Literaten wanderten mehrere nach Rußland aus; die ortho- 
doxen Klöster erfüllten noch einige Zeit ihre literarische Mission und 
machten sich sogar in der südöstlichen Herzegowina die Buchdruckerei zu 



A. Die Literatur in der kirchenslawischen Sprache. II. Das liirchenslawische Schrifttum. 20Q 

eigen (angeblich der erste cyrillische, aber unbekannte Druck, ein Horolo- 
gium, wurde in Venedig 1493, der zweite, ein Oktoich, 1494 in Cetinje her- 
gestellt), aber sie verarmten bald oder verschwanden ganz. Zum Türkenjoch 
kam aber das vielleicht noch schlimmere der ohnehin zum geistigen Still- 
stande verurteilten griechischen Kirche, denn der Phanar machte mit der 
Pforte gute Geschäfte auf Kosten seiner meist slawischen Ausbeoitungsobjekte 
und erwirkte zuletzt nicht bloß die Vernichtung des serbischen Patriarchates 
von Ipek, sondern auch der gräzisierten autokephalen Kirche von Ochrida 
(1767). Ein Glück war es für die Balkanslawen, daß die Griechen wegen 
des großen Unterschiedes zwischen ihrer künstlich konservierten Literatur- 
und der Umgangssprache keine besondere Assimilationsfähigkeit besaßen. 
Die Türken selbst verfolgten mit besonderem Mißtrauen die Katholiken 
wegen ihrer Zugehörigkeit zur abendländischen Christenheit und hinderten 
nach Kräften den Zufluß europäischer Bildungsmittel, so daß z. B. die auch 
für die türkischen Slawen bestimmten cyrillischen und glagolitischen 
Drucke der Protestanten fast gar nicht über die Grenzen gekommen sind. 
Einheimische Leistungen haben nur die bosnischen Franziskaner aufzu- 
weisen, deren Erbauungsschriften in Italien gedruckt wurden. Die ortho- 
doxen Serben und Bulgaren richteten aber ihre Blicke nach Rußland, das 
ihnen durch Büchersendungen und andere fromme Gaben die Dienste, die 
sie sich für die Grundlage seiner Kultur erworben hatten, vergalt. 

Die Türkenherrschaft bedeutet anderseits für die große Mehrzahl der 
Südslawen eine ethnographische Rekreation. Die Türken brachten aller- 
dings eine ganz verschiedenartige, nicht geringe Kultur, die sich nament- 
lich in zahlreichen türkischen Fremdwörtern und in den arabischen und 
persischen Elementen der Volksliteratur, besonders in der sinnlichen Glut 
und Farbenpracht der mohammedanischen Volkslyrik äußert, aber sie ent- 
nationalisierten nicht gewaltsam, vielmehr wurden die eingewanderten 
Osmanen namentlich in den bosnisch-kroatischen Grenzgebieten slawisiert, 
und mengten sich überhaupt in das Leben der Raja nicht ein. Daher 
konnte sogar eine Rückkehr zu jenen Sitten und Gebräuchen erfolgen, 
welche die mittelalterliche Gesetzgebung und Staatsgewalt bekämpften. 
Durch diese Verhältnisse und durch die zahlreichen Wanderungen, nament- 
lich der Serben, nach dem Norden und Westen, wurden auch die kul- 
turellen Unterschiede verwischt, was viel zur ethnischen Einheit der 
Kroaten und Serben beitrug. 

Die Kriege und die fortwährenden Grenzkämpfe mit den Türken Das epische 

1-111 1 * r- Zeitalter der 

bilden aber auch das epische Zeitalter aller Südslawen, dem selbst die sudsiawea 
Slowenen ihre schönsten Balladen zu verdanken haben. Mit den ersten 
Zusammenstößen in Makedonien beginnt die mündlich erhaltene Helden- 
sage der Serben und Bulgaren, ihre Stoffe und Lieder wandern mit der 
Verlegung der Kampfplätze nach dem Norden und Westen, und die groß- 
artige Volksepik der Serben und Kroaten erhält ihre hohe künstlerische 
Ausbildung durch die Verbindung mit romanischen Kulturelementen der 

Die Kultur der Gegenwart. I. 9. 14 



2IO Matthias Murko; Die südslawischen Literaturen. 

westlichen Gebiete, aus denen sie wieder nach den östlichen zurückflutet. 
Das Volkslied einigt sogar die Bekenner der drei Religionen, denn es 
bietet nicht bloß dieselbe Sprache und Form, sondern auch den gleichen 
Inhalt, allerdings in verschiedener Beleuchtung. Für das Studium des 
Werdens und der Lebensbedingungen der Volksepik bietet das schönste 
Beispiel das konservative Epos der bosnischen Mohammedaner. 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen und unter dem Einfluß 
des Abendlandes. 

I. Altere Periode (bis zum Aufklärungszeitalter). Mit dem Anbruch 
der Neuzeit trat auch bei den Südslawen ein großer Umschwung auf 
geistigem Gebiete ein, denn Humanismus und Renaissance, Reformation 
und Gegenreformation übten in den westlichen und nordwestlichen Gebieten 
eine große Wirkung auf sie aus: die Grundlagen der modernen Kultur 
fanden aus dem Okzident bald ihren Weg dahin, die Volkssprache kam 
zur Herrschaft und so wurde erst die Möglichkeit für nationale Literaturen 
auf südslawischem Boden geschaffen. Diese Errungenschaften blieben ur- 
sprünglich allerdings auf die Anhänger der römischen Kirche beschränkt, 
doch machte sich ihr Einfluß allmählich auch bei denen der griechischen 
geltend, die dann im Zeitalter der Aufklärung und Romantik vollständig 
dem europäischen Kulturleben zugeführt wurden. 

Da ganz Dalmatien im lebhaftesten Verkehr mit Italien stand, so 
nahm es auch an seiner Kulturentwicklung starken Anteil; so wurden 
z. B. die ersten Klöster des populären Franziskanerordens, der sich für 
die Balkanslawen in den Türkenzeiten besondere Verdienste erwarb, in 
Dalmatien von seinem Stifter selbst gegründet. Immerhin fand Italiens 
Einführung der „Vulgärsprache" in die Literatur nicht sofort Nachahmung, 
denn die ostadriatischen Küstengebiete hatten ja ihre slawische Kirchen- 
sprache in glagolitischer und cyrillischer Schrift; die eigentlichen Sitze 
der Kultur, die Städte, sprachen aber noch ihren besonderen romanischen 
Dialekt und wurden erst gegen Ausgang des Mittelalters durch ihre Um- 
gebung vollständig slawisiert. Für die geistigen Bedürfnisse dieser städti- 
schen slawischen Bevölkerung begann man nun die Volkssprache in 
lateinischer Schrift zu schreiben. Ein derartiges Lektionar, das nut- 
wendigste Handbuch der Geistlichkeit, können wir bis ins 1 4. Jahrhundert 
verfolgen; im Jahre 1495 erschien es als das erste, in der „Gotik" ge- 
druckte Buch. Die Buchdruckerkunst und die von ihr getragene mäch- 
tige geistige Bewegung förderten überhaupt die Ausbreitung der lateini- 
schen Schrift, der zuerst die glagolitische Schrift der Kroaten, die natio- 
nalste von den „nationalen" Alphabeten Europas, zum Opfer fiel und auf 
die liturgischen Bücher beschränkt wurde. 

Dalmatien hatte wie Italien blühende Munizipien, von denen sich 



B. Die Literatur in den Natiomilsprachen. I. Altere Periode. 2 I I 

namentlich Nona, Zara, Sebenico, Trau, Spalato, Lesina und Cattaro einen 
Ehrenplatz in der südslawischen Literaturgeschichte sicherten. In der 
ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts befanden sich bereits alle diese Städte 
unter der Herrschaft Venedigs, das mit seinen Beamten auch die italie- 
nische Sprache importierte, die aber erst allmählich zur Umgangssprache 
wurde, denn im 16. Jahrhundert sprach man zu Hause noch überall slawisch. 
So wird trotz der Herrschaft der lateinischen und italienischen Sprache 
im öffentlichen Leben die Pflege einer slawischen Literatur begreiflich, 
denn auch die Patrizier gaben ihren innigsten Gefühlen in der Mutter- 
sprache Ausdruck, namentlich wenn sie sich an die Frauen wendeten, die 
also auch in der Entwicklung der südslawischen Literatur eine bedeutende 
Rolle spielen. Immerhin wurden die slawischen Musen in den oberdalma- 
tinischen Städten meist bereits im 1 7. Jahrhundert zum Schweigen ge- 
bracht, wozu die fortschreitende Italianisierung derselben besonders viel 
beitrug. 

Die stärkste und dauerndste Pflege fand aber die serbokroatische Kagusa. 
Literatur in Ragusa (slawisch Dubrovnik), die schönsten Blüten trieb die 
Kunstdichtung in diesem ,,südslawischen Athen". Unter byzantinischer 
(bis 1205), venezianischer (bis 1358), ungarischer (bis 1526) und türkischer 
(bis 1806) Oberhoheit entwickelte sich im südlichen Dalmatien eine zwar 
kleine (in ihrer Glanzperiode zählte sie 1587 ungefähr 30000 Einwohner), 
aber reiche Adelsrepublik, die den ganzen Handel der Balkanländer mit 
dem Abendlande vermittelte, die Konkurrenz mit dem übermächtigen 
Venedig aushielt und selbst in der Türkenzeit durch kluge Politik ihre 
Freiheit bewahrte, so daß sie das einzige christliche Staatswesen auf dem 
Balkan blieb. Diese Stadt, deren Bewohner noch im 13. Jahrhundert 
schlecht slawisch sprachen, bildete sich, obgleich auch hier Lateinisch und 
Italienisch das öffentliche Leben beherrschten, am meisten zu einem slawi- 
schen Gemeinwesen aus und bewahrte diesen Charakter bis zur Vernich- 
tung ihrer Freiheit durch die Franzosen (1806). 

Man spricht mit Recht von einer dalmatinisch-ragusanischen Literatur, Daimatinisch- 

ragusanische 

die durch Sprache, Form und Ideen em Ganzes bildet, aber nicht einheit- Literatur. 
lieh ist, denn sie repräsentiert einen langen Entwicklungsgang des mensch- 
lichen Geistes vom Ausgange des Mittelalters bis zu den Ideen des 
18. Jahrhunderts; doch ihren eigentlichen Ruhm bildet die Zeit der 
Renaissance, die unter italienischer Einwirkung in ganz Dalmatien früher 
(um 1500) begann, als in irgend einem Lande, den bedeutendsten Ver- 
treter in Ragusa aber erst im 17. Jahrhundert hervorbrachte. Dieser Re- 
naissance auf dem verhältnismäßig kleinen dalmatinischen, speziell ragu- 
sanischen Gebiete hat unter den slawischen Literaturen nur die polnische 
etwas Ahnliches an die Seite zu stellen. 

Auch die südslawische Renaissance geht mit dem Humanismus einher. Hamamsmas in 
Im 15. und 16. Jahrhundert gab es von Istrien bis Budua (der südlichsten ^Kroatien"" 
Spitze Dalmatiens) und auch in Kroatien und Slawonien zahlreiche Lieb- 

14* 



2 12 Matthias Murko : Die südslawischen Literaturen. 

haber des klassischen Altertums, die häufig unmittelbare Schüler der her- 
vorragendsten italienischen Humanisten waren und sich auch die Würde 
eines poeta laureatus aus Italien geholt hatten; viele von ihnen wirkten 
wenigstens vorübergehend als Professoren und Rektoren in Italien, selbst 
die Sorbonne, I.öwen und deutsche Universitäten (Matthias Garbitius Illy- 
ricus in Tübingen) hatten südslawische Lehrer; die Humanisten, deren sich 
der ungarische König Matthias Corvinus für seine wissenschaftlichen Be- 
strebungen bediente, stammten meist aus Dalmatien und Kroatien. Über- 
haupt finden wir Südslawen (auch aus Bosnien) auf verschiedenen Gebieten 
des staatlichen Lebens, der Wissenschaft und Kunst zu Hause und in der 
Fremde in hervorragender Weise tätig; sogar der Verfasser der ersten 
italienischen Grammatik (15 16), Fortunio, war ein dalmatinischer „Schia- 
vone". Naturgemäß waren namentlich die ersten Vertreter der Türken- 
literatur Südslawen, von denen der bedeutendste, Bartholomäus Georgijevic, 
aus dem südwestlichen Kroatien stammte. Auf ihre „illyrische" (die 
Wiederbelebung dieses und anderer klassischen Namen beginnt im 
1 5. Jahrhundert und geht auf die Humanisten zurück) Herkunft waren die 
meisten Humanisten stolz; manche wollten echte Nachkommen der Römer 
sein und den „scythicus sermo" ihrer Vaterstadt verdrängen, wie der 
Ragusaner Aelius Lampridius Cerva (1463 — 1520), der als Schüler des 
Julius Pomponius Laetus im 22. Lebensjahre in Rom zum Dichter gekrönt 
wurde und unter dem Beifall der Kardinäle die Komödien des Plautus 
erklärte; viele brachten aber der einheimischen Sprache und Volksliteratur 
große Liebe entgegen, wie Georgius Sisgoreus aus Sebenico, der die 
Silvae des Statins vor Poliziano nachahmte und uns eine begeisterte 
Schilderung der slawischen Volkslieder und Gebräuche hinterließ (De situ 
Illyriae et civitate Sibenici a. 1487); andere schrieben lateinisch und sla- 
wisch, ja es gibt Dichter und Schriftsteller, die sich überdies noch der 
italienischen Sprache bedienten. 

Der Humanismus bekam zwar durch die Jesuiten und andere Ordens- 
schulen einen anderen Inhalt, doch behauptete sich die lateinische Sprache 
in Dalmatien und Kroatien sogar als Organ der Poesie bis ins iq. Jahr- 
hundert viel zäher als anderswo. Ragusa lieferte noch im 1 8. Jahrhundert 
einen würdigen Schüler des Lukrez, Benedikt Stay, der die Philosophie 
des Cartesius (erste Ausgabe 1744) und Newtons (1755, vollendet 17Q2) 
in Verse brachte, und während Voß den Homer verdeutschte, übertrugen 
die Ragusaner R. Kunic die Ilias und B. Zamagna die Odyssee noch ein- 
mal in die lateinische Sprache; diese Übersetzungen, wie die anderer 
griechischer Dichter, erfreuen sich allerdings der Wertschätzung der 
Philologen. Eine Gesamtdarstellung des südslawischen Humanismus wäre 
eine verdienstvolle Tat und die Agramer Akademie wird ihren „alten 
kroatischen Srhriftstollern" wohl bald eine Sammlung „Scriptores latini 
Slavorum meridionalium" hinzufügen müssen, denn namentlich die poetischen 
Leistungen der älteren Humanisten sind meist nur in Handschriften zerstreut. 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen. I. Ältere Periode. 2 1 3 

Als „Vater der kroatischen Literatur" wird der Spalatiner Marko Anfanger der 

'Kunstdichtung 

Marulic gepriesen, dessen lipos Judita 1501 vollendet und 1521 zum in SpaUto. 
erstenmal gedruckt wurde; doch beruft sich er selbst auf Vorgänger, und 
mittelalterliche Kirchengesänge wurden schon erwähnt. Marulic war ein 
Polyhistor, der durch seine moralphilosophischen Schriften, besonders 
durch das Werk „De institutione bene beateque vivendi" (gedruckt 1511 
und noch neunmal, übersetzt ins Deutsche, Französische, Italienische, 
Spanische und Böhmische) einen Weltruf genoß. Seiner Gesinnung nach 
steckt er noch im Mittelalter als tief fühlender Mystiker, während er in 
seinen kroatischen Gedichten als trefflicher Realist erscheint, also eine 
echt slaw'ische Mischung repräsentiert. Die biblische Geschichte der 
Judith (ebenso die der Susanna) „schmückte" er (nach eigenem Geständnis) 
durch zahlreiche gelungene Zusätze aus und gab ihr eine antitürkische 
Tendenz (das erste deutsche Drama dieser Art erschien 1544). Den In- 
halt seiner lateinischen Werke gab er durch populäre slawische Gedichte 
wieder, die zum Teil direkt für seine Schwester und andere Nonnen des 
Benediktinerinnenklosters in Trau bestimmt waren. Daneben dichtete er 
aber schon recht lustige Faschingsscherze (Contrasti). 

Zur Zeit Marulics gab es in Spalato und Trau schon geistliche Geistliche 
Schauspiele, meist Übersetzungen italienischer Rappresentazioni (slawisch 
prikazanja); einfachere Mysterien dürften älter sein und aus mehr nörd- 
lichen Gebieten stammen. Besonders gepflegt wurde das geistliche Schau- 
spiel noch im 1 7. Jahrhundert auf Lesina, wo es nicht wie in Italien für 
Höfe, sondern für das Volk bestimmt war, für dessen Felder und Wein- 
gärten der Engel im Epilog Gottes Segen erbittet. In Ragusa zeigt da- 
gegen die Bearbeitung ähnlicher biblischer Stoffe schon zu Beginn des 
1 6. Jahrhunderts den Charakter des Kunstdramas. 

Einen Abklatsch der Liebeslyrik der Ritter der Provence finden wir Troubadoure in 
am Ausgang des Mittelalters auch in Dalmatien. Dem Ende des 15. Jahr- 
hunderts gehören noch die „ersten Sänger" von Ragusa an, Sisko Men- 
cetic(i457— 1527) und Gjore Drzic, echte Troubadoure (nicht Petrarchisten), 
deren formvollendete und geschmeidige Sprache jedoch schon eine längere 
Vorbereitungsperiode voraussetzt. Ähnlich müssen die Verhältnisse auch 
in anderen Städten gewesen sein, denn Dichternamen werden mehrfach 
auch aus Oberdalmatien überliefert, und auf Lesina finden wir einen her- 
vorragenden Petrarchisten, H. Lucic, dessen Dichtungen 1505 — 1515 in 
Trau entstanden sind. Natürlich nimmt sich die Ritterpoesie im Munde 
des ragusanischen Patriziers und Bürgers — die beiden Dioskuren sind 
auch ihrem Stande nach vorbildlich für die übrigen Dichter Ragusas — 
noch sonderbarer aus als an den italienischen Höfen. Auf dieser Grundlage 
und unter dem Einfluß Petrarcas entwickelte sich die Liebeslyrik in Ragusa 
weiter, bekommt dann einen klassizistischen Einschlag und findet in Dinko 
Ranjina, dessen „Verschiedene Lieder" 1563 in Florenz erschienen, und in 
Dinko Zlataric Vertreter, die schon ganz den klassischen Mustern folgen. 



214 



Matthias Muuko: Die südslawischen Literatui- 



Die daiuiati- Einen ähnlichen Entwicklungsgang finden wir auf allen übrigen Ge- 

lische Literatur bieten. Beachteuswert ist es, wie früh die bedeutendsten Muster in Dal- 
rnatien Nachahmung fanden. So kam die Karnevalsdichtung aus Florenz 
gleich nach Ragusa, Sannazaros Arcadia (1502) wurde von dem Zaratiner 
Zoranic in den Planinc (1536) früher nachgeahmt als in irgend einer 
Literatur, Torquato Tassos Schäferspiel Aminta wurde in einer gelungenen 
Übersetzung (unter dem Titel Ljubmir) des Ragusaners Dinko Zlataric 
ein Jahr früher gedruckt (1580) als das Original, auch Guarinis Pastor fido 
wurde zum erstenmal bereits 1592 von dem Ragusaner Lukarevic über- 
setzt. Daneben bemerken wir aber in der dalmatinischen Renaissance 
auch einen starken Konservatismus, der sich namentlich in der Form 
äußert. Die Kunstdichtung beginnt mit dem bereits aus den Kirchen- 
gesängen bekannten, durch paarweise Binnen- und Endreime den Dichter 
beengenden Zwölfsilber, dessen Herkunft noch nicht klargestellt ist, und 
mit dem Achtsilber (der Rhythmus ist in beiden überwiegend trochäisch), 
die fast alleinherrschend blieben, auch in den Übersetzungen aus dem 
Italienischen. Es darf allerdings nicht übersehen werden, daß auch andere 
Verse (vom Fünf- bis Sechzehnsilber), Reimstellungen und künstliche 
Strophenformen vorkommen, sogar in den volkstümlichen geistlichen 
Schauspielen. 

Die dalmatinischen Schüler der Italiener haben ihre Eigenart in der 
Poesie stark zur Geltung gebracht und übertreffen ihre Lehrer häufig 
durch erfreulichen Realismus und Humor. So schrieb gleich zu Beginn 
des 16. Jahrhunderts der Ragusaner Goldschmied A. Cubranovic ein oft 
nachgeahmtes Faschingsgedicht Jegjiipka (Agj-pterin = Zigeunerin), die 
mit dem italienischen Muster nur den äußeren Rahmen gemeinsam hat, 
sonst aber ungleich schöner ausgefallen ist und eine ragusanischen Frauen 
weissagende echte Zigeunerin darstellt, die der Dichter zuletzt dazu be- 
nutzt, um der von ihm angebeteten Frau die Liebe zu erklären. Ebenso 
überragt P. Hektorovic (aus Lesina) mit seinem Ribai/jc (gedruckt 1568) 
die italienischen Fischeridyllen durch lebenswahre Schilderung dreier mit 
Fischern zugebrachter Tage, aus deren Munde er die ersten Volkslieder 
(sogar mit Noten) aufgezeichnet hat. Die Schäferspiele wurden in Ragusa 
aus Tragödien zu Komödien, die sich durch humoristischen Realismus aus- 
zeichnen und im Hirtenkostüm die Liebesdichtung geradezu persiflieren. 
Die höchste Stufe erreichte hierin Marin Drzic, wohl der bedeutendste 
Dichter Ragusas im 16. Jahrhundert, der auch als Nachahmer der plauti- 
nischen Komödie, in welcher er den Dienern die Hauptrolle im Gegen- 
satz zu den Italienern wiedergab, den damaligen italienischen Komödien- 
dichtern durchaus gewachsen war. In keiner italienischen Stadt, selbst 
nicht in Florenz und Venedig, finden wir eine solche Fülle von lokalen 
Anspielungen. Auf diese Weise wurden sogar in Übersetzungen nicht 
bloß die Namen nationalisiert. 

Dagegen konnte der auf das Positive gerichtete Sinn der Dalmatiner 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen. I. Altere Periode. 2 1 5 

Dantes Adlerflug- in die Höhen dichterischer Phantasie nicht mitmachen. 
Immerhin verdient Beachtung das allegorische Epos Pclegrin, eine Dar- 
stellung des Menschen in den drei Zuständen der Sünde, Besserung und 
Vervollkommnung, des Ragusaner Benediktiners Mavro Vetranic, einer 
vielseitigen dichterischen Individualität, eines Zeitgenossen der ersten 
Troubadoure, dem aber das klassische Altertum bereits eine unerschöpf- 
liche Quelle der Poesie bot. Auffällig ist auch der mosaikartige Charakter 
mancher Nachahmungen (z. B. Zoranics Planine), worin aber die Italiener 
ebenfalls als Muster dienten. In der pseudoklassischen Tragödie blieben 
die Ragusaner allzusehr von ihnen abhängig-. 

Das 17. Jahrhundert, das schon stark von der jesuitischen Schul- 
bildung und dem Marinismus beeinflußt war, gab dem Slawentum den 
größten Dichter vor dem 19. Jahrhundert in dem Ragusaner Ivan Gun- 
dulic {1588 — 1638). Besonderen Ruhm sicherte er sich durch das letzte 
und beste Hirtenspiel Diibravka (1628), das einen Hymnus auf die Frei- 
heit Ragusas bildet. Die reiche dalmatinische Türkenliteratur erreichte 
den Höhepunkt in seinem christlichen romantischen Epos Osmrii, das 
dem Ideal eines solchen näher steht als sein Vorbild, Tassos „Befreites 
Jerusalem". Der auch mit der südslawischen Volkspoesie genau vertraute 
Dichter gibt im knappen achtsilbigen Metrum eine historisch wahre und 
psychologisch tiefe , ungemein poetische Schilderung der Niederlage 
Osmans bei Chocim (162 1) durch den polnischen Königssohn Vladislav 
und seines darauffolgenden Sturzes. Der strenge Katholik, bei dem die 
Liebe eines christlichen Helden zu einer Heidin ausgeschlossen war, hat 
den türkischen Geist so tief aufgefaßt, wie kein Dichter vor und wenige 
nach ihm. Auch in dem Urteil über den Untergang Griechenlands steht 
er viel höher als Tasso. 

Ein Nachfolger Gundulics ist Gjon Palmotic (1606 — 1657), der als 
der fruchtbarste ragusanische Dramatiker hervorragt und noch mehr durch 
seine Krisfijiidi:, eine auf die Hebung der religiösen Gefühle berechnete 
Nachdichtung der humanistischen Christias des M.H.Vida, berühmt geworden 
ist. Der letzte große Dichter Ragusas ist Ignjat Gjorgjic (1675 — 1737)' 
ursprünglich Jesuit, dann Benediktiner, der vorher Liebeslieder gesungen 
hatte und dann die fast bei allen Dichtern obligate religiöse Lyrik durch 
seine „Seufzer der Büßerin Magdalena" und seine Nachdichtung des 
ganzen Psalters würdig abgeschlossen hat. Sein Spottlied „Marunko" ist 
ein gelungenes Beispiel der heroisch-komischen Dichtung. Er führte die 
Ballade in Ragusa ein und gebrauchte zuerst die Muttersprache für 
wissenschaftliche Prosa, in der man sich immer der lateinischen oder 
italienischen Sprache bediente. 

Viel stärker machte sich im 17. und 18. Jahrhundert der Geist der Wirkungende 

, Gegenreforraa 

Gegenreformation in der Poesie des übrigen Dalmatien geltend, obgleich tion. 
sie unter dem Einfluß Ragnsas stand. So dichtete der Curzolaner P. Kana- 
velic eine religiös-romantische Epopöe von monströsem Umfang über das 



2i5 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

Leben des heiligen Ivan von Trau; der Spalatiner J. Kavanjin be- 
handelte in ähnlicher Weise die Geschichte vom armen Lazarus mit vielen 
Exkursen über kroatische Könige und Helden. Umdichtungen von Legenden, 
theologische Erbauungsschriften und Psalmen finden wir außerhalb Spalatos 
noch auf Brazza, Lissa und in Sebenico. Auch geistliche Schauspiele sind 
aus verschiedenen Orten bezeugt. Weltliche Dichtungen über das Erd- 
beben von Ragusa und die Befreiung Wiens, sowie zu Ehren des Polen- 
königs Johann Sobieski und des Prinzen Eugen von Savoyen haben nur 
historischen Wert. Den Helden von Siget, Nikola Zrinjski, besang schon 
1584 (nach 18 Jahren!) der Zaratiner B. Karnarutic, der im 17. und 
18. Jahrhundert einige Nachfolger im Barockstil fand. 

Aus denselben Ursachen wie in Italien folgte auch in Dalmatien der 
Renaissance ein geistiger Rückgang; er wurde nur noch verstärkt durch 
die Italianisierung der venezianischen Städte, namentlich aber durch die 
Vernichtung des Wohlstandes Ragusas, das sich von dem großen Erd- 
beben 1667 nie mehr erholen und die Konkurrenz mit den großen abend- 
ländischen Handelsstaaten nicht aushalten konnte. Iminerhin wirkten in 
Ragusa die guten literarischen Traditionen bis ins ly. Jahrhundert fort; 
schon in der ersten Hälfte des i8. Jahrhunderts wurden daselbst fast alle 
Stücke Molieres in Prosa übersetzt, beziehungsweise bearbeitet und stark 
lokalisiert; ebenso wählte man auch später die besten Werke der fran- 
zösischen und italienischen Dramatik, während selbst Agram noch kein 
Theater hatte oder sich mit Bearbeitungen untergeordneter deutscher 
Stücke begnügte. 

Die unmittelbaren Wirkungen der dalmatinisch-ragusanischen Literatur 
waren durch die politischen Verhältnisse auf ein enges Gebiet beschränkt. 
Überdies wurden ihre Werke zum großen Teil bis ins i8. Jahrhundert nur 
handschriftlich verbreitet, und gerade einige der besten blieben ungedruckt 
(z. B. Gundulics Osman erschien ganz erst 182b). Daran war vor allem 
der Umstand schuld, daß es in ganz Dalmatien noch keine Druckerei gab; 
Venedig hinderte in seinen Gebieten diese und andere Bildungsmittel aus 
egoistischen Gründen, Ragusa wälzte aber die Verantwortlichkeit für die 
Zensur vor dem türkischen Suzerän von sich ab und ließ seine Bücher, 
die den Türken häufig nicht genehm sein konnten, in Italien drucken. 
Berechnet war aber diese Literatur für alle Südslawen, speziell für die 
auf dem Balkan, von dem namentlich die Ragusaner Handelsleute sehr gute 
Vorstellungen hatten ; in der Tat übte sie auf Bosnien, Kroatien, Slawonien, 
ja sogar auf weiter im Osten gelegene Gebiete eine viel größere Wirkung 
aus, als man gewöhnlich meint, und die Periode der „kroatischen Wieder- 
geburt" oder des „lUyrismus" im ly. Jahrhundert beruht zum größten Teil 
auf ihr. In dieser südslawischen Kunstdichtung begegnen wir aber auch 
allerdings unklaren panslawistischen Anschauungen, wie sie bei den übrigen 
Slawen jener Zeit nur in Chroniken und lexikalisch-grammatischen Arbeiten 
vorkommen. Und nicht genug kann die in der romantischen Begeisterung- 



B. Die Literatur in den Nationalsprachcn. I. Altere Periode. 2 17 

tiir das Volkstum ganz übersehene Tatsache betont werden, daß die hohe 
geistige Kultur der dalmatinischen Städte den größten Einfluß auf die 
gesamte mündliche Volksliteratur der Südslawen ausgeübt, wie umgekehrt 
die Kunstdichtung von ihr sehr viele Elemente angenommen hat; 

Wie überall wirkte auch bei den Südslawen die Reformation belebend Kc.tormation. 
auf die Nationalsprachen, ja die Slowenen, die seit dem lo. Jahrhundert 
wieder im 15. kleine sprachliche Denkmäler aufzuweisen haben, verdanken 
ihr die Begründung ihrer („neuslowenischen") Schriftsprache und Literatur. 
Dank den starken Beziehungen der innerösteri;eichischen Länder zu 
Deutschland fand die neue Lehre auch auf slowenischem Sprachboden 
große Anhängerschaft unter dem Adel, in den Städten und bei der niederen 
Geistlichkeit. Zu ihrer Befestigung und Weiterverbreitung bediente man 
sich der Volkssprache. Der Prediger Primus Trüber (geb. 1508 in 
Rasica in Unterkrain, starb als Pfarrer von Derendingen in Württern- , 
berg 1586) flüchtete aus Laibach nach Württemberg (1548), wo er unter 
Patronanz seines Landsmannes Michael Tiffernus, des Kanzlers des Herzogs 
Christoph, und des kroatischen Humanisten Matthias Garbitius lUyricus ein 
Abecedarium und einen Katechismus mit Erklärungen in Versen drucken 
konnte (1550, nur diese in deutscher Schrift, alle späteren in der latei- 
nischen). Die Mittel für die Fortsetzung dieses Werkes sammelte Peter 
Paul Vergerius, der gewesene Bischof von Capodistria, dann nahmen sich 
der Sache die Stände von Steiermark, Kärnten und Krain und mit be- 
sonderem Eifer der gewesene steirische Landeshauptmann Baron Johann 
Ungnad aus Kärnten an, der in Urach und Tübingen eine Druckerei für 
südslawische Bücher, speziell auch für glagolitische und cyrillische, er- 
richtete. Die slowenischen Protestanten wollten nämlich mit Unterstützung- 
deutscher Fürsten und Städte nicht bloß die katholischen und orthodoxen 
Kroaten, Serben und Bulgaren, sondern auch die konnationalen „Türken" 
auf dem ganzen Balkan bekehren. 

Den Slowenen brachte diese Bewegung einzelne Bücher der Heiligen pie protestan- 
Schrift, Kirchenordnungen, Katechismen, Postillen (Spangenberg, Luther), der Slowenen. 
geistliche Gesangbücher, den ersten Kalender, das ganze Neue Testament 
(1582) von Trüber, die ganze Bibel „aus den Brunnquellen der Original- 
sprachen" von Georg Dalmatin, die erste Grammatik (Arcticae horulae, 
beide Wittenberg 1584) mit einem weiten Ausblick über die slawischen 
Sprachen von Adam Bohoric, einem Schüler Melanchthons, und das 
erste Wörterbuch des deutschen Historiographen Hieronymus Megiser 
(Dictionarium quattuor linguarum, Graz 1592). Unter die geistlichen 
Lieder fanden auch katholische und volkstümliche Aufnahme, Spottlieder 
gegen die katholische Geistlichkeit werden erwähnt, Anfänge weltlicher 
Poesie findet man in dem letzten, ebenfalls in Tübingen gedruckten 
Buche (1595), in J. Snojlsiks Übersetzung des Llitherschen Katechismus 
des Philipp Barbatus. Um 1600 war die Gegenreformation unter den 
Slowenen schon durchgeführt, eine große Menge Bücher wurden in diesem 



2i8 Matthias Mirko: Die südslawischen Literaturen. 

und im folgenden Jahre verbrannt. Sogar Bohorics Grammatik wurde 
verboten, nur die Bibel Dalmatins durften Geistliche mit besonderer Be- 
willigaing gebrauchen. Dadurch eigneten sich auch alle katholischen 
Schriftsteller die protestantischen Grundlagen der aus Unterkrain stam- 
menden Schriftsprache an. Ein Katechismus des Cisterciensers Leonhard 
Pachenecker erschien schon 1574 in Graz. 
Die protestanti. Nur propagandistischen Zwecken dienten auch die in Urach und 

für die Kroaten Tübingen mit latciulscher, glagolitischer und cyrillischer Schrift gedruckten 
serbokroatischen Bücher (1561 — 1564), darunter das Neue Testament (glago- 
litisch 1562, cyrillisch 1563). Die Leitung hatte Trüber, die eigentlichen 
Arbeiter waren Anton Dalmatin und Stefan Konzul aus Istrien, die 
aber seinen Intentionen, die Bücher der großen Mehrzahl der Kroaten und 
Serben verständlich zu machen, nicht entsprachen, denn sie legten auch den 
cyrillischen Texten die glagolitischen mit ihren nordwestlichen Lokalismen 
zugrunde. Ihre Übersetzung ist überdies keineswegs einheitlich, denn sie 
bedienten sich des lateinisch gedruckten, volkstümlichen Lektionars und 
des kirchenslawischen Missais, die fehlenden Teile übertrugen sie aus der 
Vulgata mit Hilfe der slowenischen Übersetzung Trubers. Einige prote- 
stantische Drucke wurden auch in Nedeljisce auf der Murinsel (südwest- 
liches Ungarn) hergestellt. Diese ganze Tätigkeit hatte jedoch selbst bei 
den Kroaten keinen unmittelbaren Erfolg, obwohl die Reformation bei 
ihnen viele offene und geheime Anhänger, namentlich in den humanisti- 
schen Kreisen, hatte und die deutsche Kirche einen ihrer bedeutendsten 
und streitbarsten Theologen, Matthias Flacius Illyricus, aus Istrien erhielt. 
GcBcii- Die literarische Tätigkeit der Gegenreformation beschränkte sich bei 

den Slowenen auf umfangreiche Predigtensammlungen und Erbauungs- 
schriften. Nur geistliche Schauspiele werden aus Krain und auch aus 
Steiermark (bei den Jesuiten in Maria Rast bei Marburg" um ijotj) bezeugt. 
Auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft erhielt jedoch Krain sehr 
viele Anregungen aus Italien; z. B. gab es italienische Opern Vorstellungen 
in Laibach zehn Jahre früher als in Paris. Ein treues Bild des damaligen 
slowenischen Volkslebens hinterließ J. W. Valvasor in seiner „Ehre des 
Herzogtums Krain" (1689). 

Bedeutend waren dagegen die Wirkungen der Gegenreformation bei 
den übrigen Südslawen, denn Rom selbst nahm die Durchführung der 
entsprechenden Beschlüsse des Tridentinischen Konzils in Angriff, um die 
slawischen Bücher der Häretiker zu paralysieren, den Katholizismus in 
der Türkei zu stärken und die „Schismatiker" in den venezianischen, öster- 
reichischen und türkischen Provinzen zu gewinnen. Zu diesem Zwecke 
wurden besondere illyrische Kollegien zur Heranbildung der Geistlichkeit 
in Rom, Loretto, Bologna gegründet (die Ordensgeistlichkeit bekam ohnehin 
die höhere Bildung meist in Italien), die Propaganda förderte oder besorgte 
selbst die Herausgabe der entsprechenden Bücher in lateinischer, glagoli- 
tischer und cyrillischer Schrift (seit 1582) und schickte tüchtig geschulte 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen. I. Ältere Periode. 2 IQ 

Missionäre und Visitatoren in die türkischen Provinzen. Im Vordergrunde 
stehen auch hier die Jesuiten, die namentUch aus ihrer Niederlassung in 
Ragusa, gegen die sich der Senat lange wehrte, einen Angelpunkt zur 
Wiedergewinnung des Balkans machen wollten. In Ragusa fanden sich 
sogar Politiker, welche meinten, daß wie im Okzident die römische im 
.slawischen Grient die ragusanische Sprache herrschen sollte. Diese uni- 
versalen Bestrebungen der katholischen Kirche trugen auch wesentlich 
zur Einheit der serbokroatischen Schriftsprache bei; denn wie in Süd- 
deutschland die Jesuiten Luthers Sprache in ihren Schulen lehrten, so 
wählten sie auch im slawischen Süden den am meisten verbreiteten Dialekt, 
den schon der erste Grammatiker B. Kasic (Cassius: Institutionum linguae 
illyricae libri duo, Romae 1604), ein Jesuit von der Insel Pago, in Bosnien 
suchte, worin ihm andere Grammatiker und die Lexikographen (darunter 
waren Micalia und Dellabella gebürtige Italiener), sowie viele Schrift- 
steller (namentlich Gj. Palmotic) auch in der Praxis folgten, die alle den 
bosnischen Dialekt für den schönsten hielten; gebildete Männer mußten 
allerdings an den zahlreichen Italianismen und Latinismen der dalma- 
tinischen Städte Anstoß nehmen und an der eigenartigen, jedoch von tür- 
kischen Elementen nicht freien Volkssprache des Binnenlandes ihre Freude 
haben. Auf diese Weise gewinnen auch die cyrillisch und lateinisch (in 
diesem Alphabet zuerst 16 13) gedruckten Erbauungsschriften der bosnischen 
Franziskaner erhöhte Bedeutung. Da überdies die meisten Südslawen 
in der Türkei vereinigt waren, so gelangte die Literatur der adriatischen 
Küstengebiete und Bosniens nach Slawonien, das noch nach seiner Be- 
freiung (169g) der bosnischen Franziskanerprovinz bis 1757 angehörte, nach 
Südungarn und selbst bis nach Bulgarien, wo in den Missionsschulen die- 
selben „illyrischen" Bücher gebraucht wurden. Sogar einheimische Schrift- 
steller in serbokroatischer Sprache hat Bulgarien aufzuweisen (P. Baksic, 
K. Pejkic, F. Stanislavov). Bezüglich der Volkssprache machte Rom 
sogar auf rituellem Gebiete den Katholiken weitgehende Konzessionen, 
wie Ritual rimski des erwähnten Jesuiten Kasic (Rom 1640) beweist, weil 
viele Geistliche der lateinischen Sprache nicht genügend mächtig waren. 
Nur eine verkehrte Maßregel hatten die Unionsbestrebungen Roms zur 
Folge, denn ihnen zuliebe wurden die glagolitischen Kirchenbücher russi- 
fiziert (seit 1648, am stärksten das Missale von 1741; erst 1893 wurde 
unter Leo XIII. die kroatische Redaktion wiederhergestellt). 

Etwas abseits und zum Teil im Zusammenhang mit Ungarn stand die 
Literatur dieser Periode in den Resten Kroatiens. Unter den Dichtern 
finden wir zwei historische Persönlichkeiten, die beiden in Wiener 
Neustadt 1671 hingerichteten kroatischen Magnaten, den Banus Grafen 
Peter Zrinjski, der in seiner Gedichtsammlung „Adrianskoga mora 
Sirena" auch eine „Belagerung Sigets", eine Paraphrase des magyarischen 
Epos seines Bruders Nikolaus, hinterließ, und seinen Schwager Franz 
K. Frankopan, der noch im Kerker verschiedene Lieder sang. Zrinjskis 



2 20 Matthias Murko: Die südslawischen Literaluren. 

ehrgeizige Gemahlin Katharina ist auch die erste bekannte Schriftstellerin 
(von den Gedichten der von den Zeitgenossen viel gefeierten Flora Zuzoric 
aus Ragusa ist nichts erhalten), die ihren „Reisegefährten" (Venedig 1661) 
aus patriotischem Gram, daß es so wenige kroatische Bücher gäbe, drucken 
ließ. Kroatien hat beachtenswerte lexikographische (Habdelic, Belostenec, 
J&mbresic) und historische Arbeiten aufzuweisen. 
A Kacic. Eine merkwürdige Blüte trieb das Interesse für vaterländische Ge- 

. schichte in dem Razgovo'r iigodni naroda sloviiiskoga (die älteste bekannte 
Ausgabe 1759, die angeblich zweite ist für 1756 bezeugt) des Franzis- 
kaners Andrija Kacic-Miosic aus der Umgebung von Makarska in 
Dalmatien, der seinem Volke, das lateinische und italienische historische 
Werke nicht lesen konnte, die Taten der „slawischen Helden" ganz im 
Stile des serbokroatischen Volksepos besang, auch einige echte Volks- 
lieder aufnahm (vor Percy!) und dadurch eines der bis auf den heutigen 
Tag gelesensten Volksbücher schuf, aus dem die Welt durch die Über- 
setzungen Herders die ersten Vorstellungen von der südslawischen Volks- 
poesie erhielt. 
Anfänge Jes Als in Österreich noch die Ideen der Gegenreformation herrschten, 

Westeuropa!- 

sehen Kultur- wurdcn die Serbischen Ansiedlungen im östlichen Slawonien und südlichen 
Serben. Ungam durch die große Einwanderung der Serben unter dem Patriarchen 
von Pec, Arsenije Camojevic, der mit den sich zurückziehenden kaiser- 
lichen Truppen gemeinsame Sache gemacht hatte, verstärkt und erhielten 
eine kirchlich nationale Autonomie (1690); der Metropolit (seit 1848 Patriarch) 
dieser neuen serbischen autokephalen Kirche nahm seinen Sitz in Karlo- 
witz. Vorübergehend kam noch Serbien bis Nis unter österreichische 
Verwaltung (17 18 — 1739). Auf diese Weise traten die Serben mit dem 
europäischen Kulturleben in Berührung und mußten nun auf die Sicherung 
ihrer Religion und Nationalität, die identische Begriffe waren, bedacht 
sein. Da man für ihre geistigen Bedürfnisse nicht rechtzeitig zu sorgen 
verstand (die erste Druckerei wurde erst 1771 in Wien bewilligt) und sie 
durch Unionsbestrebungen kopfscheu machte, so blieben ihre Blicke auch 
in Österreich auf das glaubensverwandte Rußland gerichtet. An die Kar- 
lowitzer Lateinschule kam 1726 Maksim Suvorov aus Moskau mit russisch- 
kirchenslawischen Lehrbüchern, 1733 wurden fünf Lehrer aus Kiew be- 
rufen. So wurde die lateinisch-polnische Scholastik der Kleinrussen auch 
zu den Serben gebracht, und in den Jahren 1730 — 1740 wurde die „slaweno- 
serbische Sprache", ein kirchenslawisch-russisch-serbisches Gemisch, be- 
gründet, das einer normalen Entwicklung der serbischen Literatur so viele 
Hindemisse bereitete. Auch die Anfänge der Kunstdichtung weisen pol- 
nisch-russische syUabische (13) Verse auf. 

Das zeiuuer O. Modcmc Periode. Fortan nimmt Österreich einen ent- 

scheidenden Einfluß auf die kulturelle Entwicklung der Südslawen und 
mit dem Steigen seines geistigen Niveaus im Aufklärungszeitalter be- 



R. Die Literatur in den Nationalsprachen. II. Moderne Periode. 22 1 

ginnt auch bei ihnen neues Leben. Die auf die materielle und morali- 
sche Hebung des Volkes berechneten Maßregeln der Kaiserin Maria 
Theresia und Josefs II. mußte man den breiten Schichten mundgerecht 
machen, und so wurden zahlreiche volkswirtschaftliche und medizinische 
Schriften, Katechismen und allerlei andere Lehrbücher von der Regie- 
rung selbst in der Volkssprache herausgegeben oder wenigstens von 
ihr angeregt. Das Germanisierungssystem schuf also eine bei den Süd- 
slawen bis dahin fast unbekannte Literatur. Natürlich stellten sich die 
daran beteiligten Männer, von denen viele große Bewunderer Josefs IT. 
waren, auch höhere Aufgaben, um so mehr, als die literarische Pro- 
duktion Wiens den Provinzen ein gutes Beispiel bot. Übrigens bezog 
man die Aufklärungsphilosophie und ihre Literatur durch österreichische 
Vermittlung nicht bloß aus Deutschland, sondern auch direkt aus Frank- 
reich und zum Teil über Italien. Die französische Herrschaft in Dalmatien 
und dann in den „illyrischen Provinzen" (1809 — 1813) wirkte nur auf die 
Slowenen belebend, die patriarchalischen Kroaten und Serben hatten für 
ihre Ideen wenig Verständnis. Die Literatur der Slowenen, in Kroatien 
und Slawonien sowie bei den österreichischen Serben hat daher in der 
zweiten Hälfte des 18. und zu Anfang des iq. Jahrhunderts sehr viele ge- 
meinsame Züge, was namentlich durch Übersetzungen und Bearbeitungen 
derselben Werke zum Ausdruck kommt. 

Die Slowenen erhielten die Anfänge der Kunstpoesie im Laibacher nei 
Almanach „Pisanice" (1779 — 1781), in dem man noch zwischen quanti- 
tierender und akzentuierender Metrik schwankte, vortrefflich lokalisierte 
Übersetzungen zweier Lustspiele, die von den Dilettanten der besten 
Stände in Laibach 1789 aufgeführt wurden, darunter Beaumarchais' „Hoch- 
zeit des Figaro" (gedruckt 1790), den Vorboten der französischen Revo- 
lution, von dem Historiker A. Linhart, den ersten Dichter V. Vodnik 
(1758 — 181 9), einen Anakreontiker im Volkston, von ihm die erste Zeitung 
(1797 — 1800), eine katholische Übersetzung der Bibel (1784 — 1802) von 
J. Japelj und B. Kumerdej. Diese und andere Männer versammelte 
der hochgebildete Baron Sigismund Zois um sich, der auch Vodnik 
die Weisung gab, „im Volkstone und fürs Volk" zu schreiben. An diesem 
kleinen Beispiel sieht man es besonders deutlich, wie sehr „die Wieder- 
geburt" der slawischen Völker schon ins 18. Jahrhundert fällt. 

Bei den Kroaten steht Slawonien mit einigen aus der Lika in Bei de 
Kroatien stammenden Schriftstellern im Vordergrunde. Die charakte- 
ristischeste Erscheinung ist der Grenzeroffizier Matija Reljkovic, der die 
im Siebenjährigen Kriege in Preußen (als Gefangener in Frankfurt a. O.) 
und Sachsen gesammelten Erfahrungen dazu benützte, um seinen slawo- 
nischen Landsleuten im Safir (Dresden 1761) ein Bild vorzuhalten, wie sie 
sind und sein sollten. Das mit großem Erfolg und starker Polemik aufge- 
nommene Werk schrieb er im Metrum (zehnsilbig) und Stil der serbo- 
kroatischen Volkspoesie, „weil alle meine Landsleute Sänger und von 



2 22 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

Natur Dichter sind". Für die epischen Zustände seines Volkes war er 
jedoch durchaus nicht begeistert, denn in den Unterhaltungen der Spinn- 
stube, in nachbarlichen Zusammenkünften und im Kolotanz erblickt er 
Reste der Türkenherrschaft, und von den Volksliedern nennt er die über 
den Lieblingshelden des Volkes Kraljevic Marko ausdrücklich „nichtsnutz". 
Ebenso eifert er gegen andere Sitten und Gebräuche, die von den Roman- 
tikern des 19. Jahrhunderts als Nationalheiligtümer betrachtet wurden, und 
gibt z. B. ganz nüchterne Vorschriften über Hochzeiten. In der zweiten 
Auflage (1779) konnte er seinen Slawoniern nachrühmen, daß sie sich 
schon manchen Fortschritt angeeignet haben. Außerdem veröffentlichte 
er eine populäre Darstellung des Naturrechtes, eine Sammlung („Allerlei") 
moralphilosophischcr Aufsätze, Fabeln des Bilpai (aus dem Französischen) und 
Äsops, eine Schrift über die Schafzucht und eine slawonisch-deutsche 
Grammatik. In einem pseudoklassischen Epos verherrlichte Jos. Krmpotic 
Josefs II. Reise in die Krim, verschiedene Episoden seines Türkenkrieges 
und heldenmütige Offiziere fanden aber Sänger im Stile der Volkspoesie. 
Auch der gelehrte Archäologe P. Katancic schlägt in seinen pseudo- 
klassischen Oden und Idj'llen starke nationale Töne an. 

Bei den Serben. Besonders eifrig waren im Herausgeben von Büchern die Serben, die 

viel nachzuholen hatten und zur Belehrung ihres Volkes auch deshalb 
mehr Übersetzungen und Bearbeitungen lieferten, weil bei ihnen die 
Kenntnis der lateinischen und deutschen Sprache weniger verbreitet war. 
Und dieses Volk, das noch ganz in einer orientalischen religiösen Exklu- 
sivität lebte, brachte den radikalsten Vertreter der Aufklärungsideen unter 

D. obradovir. den Südslawcu hervor, Dositije Obradovic (1739 oder 1744 — 1811). 
Nach dreijährigem Aufenthalt in dem Kloster Hopovo (Syrmien), in dem 
er sich unter sehr weltlichen Mönchen der strengsten Askese befleißigte, 
floh er (1760), von Wissensdurst getrieben, in die Welt, um sich als „ser- 
bischer Anacharsis" seine Bildung aus ganz Europa, hauptsächlich aus 
W^ien und von der Universität Halle zu holen und sie als popularisierender 
Schriftsteller und zuletzt als Erzieher der Söhne Karagjorgjes und als 
erster Verweser des serbischen Unterrichtswesens zu verwerten. 1783 er- 
schien in Leipzig seine Autobiographie (2ivot i prikljucenija), ein durch 
Inhalt und Form revolutionäres Buch, ergänzt durch die Briefe (1788), die 
zusammen zu den intimsten Bekenntnissen des 18. Jahrhunderts gehören. 
In diesen und in anderen Werken (die wichtigsten: Ratschläge der ge- 
sunden Vernunft, Fabeln, Sammlung moralischer Belehrungen, Ethik des 
Italieners Soave) steht er nicht bloß auf dem Standpunkt der Aufklärungs- 
philosophie, sondern häufig auf dem der protestantischen Theologie, ist 
ein Kosmopolit, obwohl ihm der „Nationalstolz'' nicht fremd blieb, und 
predigt religiöse Toleranz, namentlich gegenüber den Katholiken und 
mohammedanischen Brüdern derselben Sprache, was für jene Zeit fast 
kühner erscheint als das Eifern gegen Fasten, Reliquien, Klöster und un- 
nütze Kirchenbauten, die durch Unterrichtsanstaltcn und Spitäler zu er- 



B, Die Literatur in den Nationalsprachen. II. Moderne Periode. 2 2 "i 

setzen wären. Bis an sein Lebensende blieb er ein glühender Verehrer 
Josefs II. Er wollte eine dem einfachen Volke verständliche Sprache 
schreiben, konnte sich aber von kirchenslawischen und russischen Ele- 
menten nicht freimachen und überließ eine Reform der Orthographie 
künftigen Geschlechtern. 

Unter einem Volke, dessen Bischöfe Maria Theresia nicht einmal 
einen Katechismus liefern konnten, ist Obradovic eine besonders hervor- 
ragende Erscheinung. Er fand natürlich starke Gegnerschaft unter der 
Geistlichkeit, doch die allerdings spärliche weltliche Intelligenz und 
namentlich die folgende Generation brachten ihm große Verehrung ent- 
gegen und sein Beispiel wirkte ungemein anregend: seit dem hl. Sava 
nahm er in der Tat den größten Einfluß auf die Richtung der serbischen 
Kultur. So gab sein unmittelbarer Schüler E. Jankovic den Serben die Anfänge der 
erste Komödie (1787), eine Übersetzung von Goldonis „I mercanti", um Dramatik, 
ihre Vorurteile gegen das Theater zu bekämpfen. Doch der eigentliche ratur und Lyrik. 
Schöpfer des serbischen Theaters ist Joakim Vujic, der in den Jahren 
1805 — 1847 zahlreiche Stücke von Kotzebue, Iffland und weniger be- 
deutenden Dramatikern übersetzte und bearbeitete ; die erste Vorstellung" 
gab er mit Dilettanten 18 13 in Pest, wanderte dann mit Truppen in Süd- 
ungarn herum und kam 1835 nach Kragujevac in Serbien, um den Fürsten 
Milos zu ergötzen. In ähnlicher Weise erzog man sich auf dem Gebiete 
der Erzählungsliteratur das Publikum durch Übersetzungen und Nach- 
ahmungen moralphilosophischer Schriften, der Robinsonaden und Ritter- 
romane, die äußerlich oft ganz serbisch aussehen. Die Kunstdichtung be- 
ginnt mit der Frühlingspoesie (1765) und folgt weiteren deutschen Mustern 
des 18. Jahrhunderts; besonders zäh hielten sich bis in die ersten Jahr- 
zehnte des ig. Jahrhunderts S. Gessners Idyllismus und die pseudoklas- 
sische Odenpoesie, die den bedeutendsten von Klopstock stark beeinflußten 
Vertreter in dem Mönch und späteren Bischof Lukijan Musicki (1777 
bis 1837) fand. 

So wurde endlich auch der serbische Parnaß mit griechisch-römischen Romantik. 
Göttern bevölkert. Unterdessen wogte schon der Kampf um eine ganz 
neue Richtung, welche die reine Volkssprache in die Literatur einführen 
und diese ganz auf Grundlage der Erzeugnisse des „Nationalgeistes" auf- 
bauen wollte. Diese Bestrebungen bedeuten den größten Umschwung im 
geistigen Leben der Südslawen, und noch mehr als bei den Nordslawen 
wurden sie durch die deutsche Romantik, namentlich durch die jüngere, 
patriotische, hervorgerufen, die während der Befreiungskriege ihren Sitz 
in Wien aufgeschlagen hatte. Aus ihren Zeitschriften und aus den Vor- 
lesungen der Brüder Schlegel erschollen auch zu den Südslawen die 
Rufe nach Pflege der Muttersprache, der nationalen Eigenart und der 
Liebe zum engeren Vaterlande; doch wurde gerade in dieser Richtung 
ein ganz neuer Begriff des Patriotismus geschaffen, denn die wahre Heimat 
erblickte man nun in der Sprache. Von besonderer Bedeutung war aber 



224 



Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 



noch die volksfreundliche Wirksamkeit des Erzherzogs Johann in den 
Alpenländem. Die deutschen Zeitschriften der südlichen Provinzen inter- 
essierten sich liebevoll für das slawische Volkstum und öffneten ihre 
Spalten auch slowenischen und kroatischen LiteraturerzeugTiissen. Die 
ersten Äußerungen des neuen Geistes waren die Gründung einer „societas 
slovenica" (1810) durch Grazer Studenten und einer „windischen Lehr- 
kanzel" durch die steirischen Stände, ein Zirkular des Agramer Bischofs 
M. Vrhovac (eines Josefiners!) an seine Geistlichkeit in Kroatien und 
Slawonien (18 13), sie möge Volkslieder und andere Erzeugnisse des Volks- 
geistes sammeln, und eine 1815 in Wien gedruckte Broschüre des Kroaten 
Ant. Mihanovic über die Nützlichkeit und Notwendigkeit einer Literatur 
in der vaterländischen Sprache. 

Doch hatten alle diese Bemühungen keinen unmittelbaren Erfolg, 
denn der Boden war noch zu wenig vorbereitet. Während z. B. Napoleons 
Auftreten überall die nationalen Kräfte weckte, wurde der aus Paris 
zurückkehrende kroatische Banus im Namen des „senatus populusque 
Zagrabiensis" noch lateinisch angesungen. Von der größten Wichtigkeit 
war dagegen die Wirksamkeit des Slowenen B. Kopitar in Wien, der 
aus dem Laibacher Kreise des Barons S. Zois kam, als Beamter der Hof- 
bibliothek und slawischer Zensor aber ganz in das Fahrwasser der 
Romantik geriet, in deren Organen er slawistische und slawische Inter- 
essen mit großem Eifer vertrat. In seiner slowenischen Grammatik (1808) 
und in seinen Aufsätzen setzte er sich für die reine Volkssprache, die 
nur der Bauer habe, und für eine vernünftige Graphik ein, in der jedem 
Laut ein eigenes Zeichen entspreche, schwärmte für Dialekte und suchte 
Sammler für alle Erzeugnisse des Volksgeistes. Das Schicksal führte ihm 
nur einen zu, aber ein zum Glück von der Schule unverdorbenes Genie 
aus Serbien, durch dessen Ausbildung zum Reformator der serbischen 
Schriftsprache und Literatur der Gründer der Wiener slawistischen Schule 
mehr fortlebt als durch seine bedeutenden philologischen Leistungen. 

Vuk Stefanovic Karadzic (1787 — 1864) wurde in Trsic im nord- 
westlichen Serbien geboren, seine Eltern stammten aber aus Drobnjak in 
der Herzegowina (heute Montenegro), so daß er den „südlichen" Dialekt 
sprach. Nach dem unglücklichen Ausgang des ersten serbischen Aufstandes 
kam er nach Wien (18 13), wo er Kopitars Aufmerksamkeit durch einen 
volkstümlich geschriebenen Artikel auf sich lenkte. Auf seine Anregung 
schrieb er eine Grammatik der Volkssprache (18 14) und gab zwei Bänd- 
chen Volkslieder heraus (18 14, 181 5), die sofort Aufsehen erregten. Doch 
von der Tradition in Schrift und Sprache konnte auch er sich nicht gleich 
frei machen, und erst unter Kopitars dauernder Anleitung stellte er sich 
auf den Standpunkt, daß man die reine Volkssprache vollkommen pho- 
netisch schreiben müsse, weshalb er aus der cyrillischen Schrift eine 
Menge Buchstaben beseitigte, dafür aber neue, glücklich gebildete und 
das lateinische j einführte. Diese Reform wurde in seinem serbischen 



B. Die Literatur in den NatiunaUprachen. II. Moderne Periode. 225 

Wörterbuch (Rjecnik 1818), das eine gründlich umgearbeitete Grammatik 
enthielt und auch durch seine ethnographischen Artikel hervorragte, sowie 
durch die neue große „Leipziger" Ausgabe der serbischen Volkslieder 
(drei Bände 1823 — 1824, der vierte 1833 in Wien) festgelegt. Maßgebend 
war dabei der herzegowinische Dialekt seines Vaterhauses. Die Geistlich- 
keit mit dem gelehrten Metropoliten Stratimirovic an der Spitze war über ein 
solches Beginnen, das angeblich die serbische Kirche und Nation bedrohte, 
entrüstet; besonderes Ärgernis erregte das häretische / und die Einführung 
des „Ochsenhirtenjargons" an Stelle der alten ehrwürdigen Kirchensprache. 
Doch Karadzic ging seine Wege, gestützt auf Kopitar und Jakob Grimm, 
und besonders ermuntert durch die enthusiastische Aufnahme der ser- 
bischen Volkslieder in Deutschland (Übersetzungen des Frl. Talvj 1825, 
1826, W. Gerhards 1828 u. a.) und in der übrigen gebildeten Welt, wobei 
namentlich die lebhafte Teilnahme Goethes ins Gewicht fiel. Er schuf 
auch Muster serbischer Prosa, sammelte in klassischer Weise alle Erzeug- 
nisse des Volksgeistes und beschrieb die nationalen Sitten und Gebräuche. 
Nach seinen Reisen in Dalmatien und Montenegro stützte er sich mehr 
auf den südwestlichen Dialekt, der mit der Schriftsprache der Ragusaner 
geradezu identisch war. Da unterdessen auch die Kroaten in Agram ihre 
Literatur hauptsächlich auf die Basis der alten dalmatinisch-ragusanischen 
gestellt hatten, so konnte unter Teilnahme Karadzics in einem Wiener 
Manifest (,1850) der angesehensten Philologen (darunter des Slowenen 
Miklosich) und Schriftsteller beider durch die Geschichte getrennter Stämme 
erklärt werden, daß die Kroaten und Serben eine Schriftsprache haben. 
Die Ideen Karadzics fanden jedoch lange keinen allgemeinen An- 
klang, namentlich in Serbien nicht, wo seine Orthographie seit 1832, seit 
1852 sogar seine Werke verboten waren; die Orthographie wurde erst 
1860 für Privatdrucke und 1808 ganz freigegeben, obgleich der Kampf 
wissenschaftlich durch den Philologen Gj. Daniele und in der Literatur 
durch den Dichter Branko Radice vic, den Abgott der Jugend, schon 1847 
entschieden war. Ganz abgesehen von politischen Gründen handelte es 
sich dabei nicht bloß um Orthographie und Sprache, sondern um den 
Kampf zweier Weltanschauungen, einer demokratischen romantisch-natio- 
nalen und einer oligarchischen pseudoklassischen, welche in Österreich 
ihre Stütze an der Hierarchie, in Serbien aber an der aus Osterreich be- 
zogenen Intelligenz hatte. Karadzic wollte eine wirkliche nationale Lite- 
ratur und bekämpfte daher die pseudoserbischen Romane eines Vidakovic, 
während seine Gegner, die sich um die Jahrbücher der „Matica Srpska" 
(seit 1826) scharten, veralteten Mustern folgten und gegen ihn auch Dos. 
Obradovic ausspielten, von dem er ausdrücklich erklärte, daß sein und 
Reljkovics Eifern gegen die nationalen Sitten und Gebräuche eine „Dumm- 
heit" gewesen sei. Was aber der endgültige Sieg der Volkssprache zu 
bedeuten hat, zeigt das Beispiel der Griechen, die den gleichzeitig be- 
ginnenden Kampf bis auf den heutigen Tag nicht ausgefochten haben. 



226 Matthias Murko : Die südslawischen Literaturen. 

Der Nationalis- Wie schwcr sich der reine Nationalismus in der Literatur die Bahn 

bischen Kunst- brach, zeigt Sima Milutinovic aus Sarajevo, ein nicht besonders glück- 
licher Berater Goethes und W. Gerhards, der in seinem Epos „Srbijanka" 
(1826) die serbischen Freiheitskämpfe unter Karagjorgje im Geiste der 
Volkspoesie besang, dabei aber des griechisch-römischen Olymps und 
anderer klassischer Akzidenzien nicht entbehren konnte. Diesen Einfluß 
seines Lehrers überwand selbst das Genie des größten serbischen Dichters, 
des letzten geistlichen Fürsten von Montenegro, Petar II. Petrovic 
Njegos (1813 — 1851), erst in seinen späteren Dichtungen, von denen 
namentlich der „Bergkranz" hervorragt, worin er Bilder aus dem montene- 
grinischen Leben zu Anfang des 18. Jahrhunderts schuf, als das Land an 
einem Weihnachtsabend gewaltsam von den Türken befreit wurde. Diese 
lyrisch-epische „serbische Iliade" in dramatischer Form bringt die montene- 
grinische Volksseele am besten zum Ausdruck. Wie ungünstig jedoch 
die Bedingungen für eine Literatur in Montenegro waren, zeigt die Tat- 
sache, daß die Typen der von ihm errichteten Druckerei im nächsten 
Türkenkriege (1852 — 1853) zu Gewehrkugeln umgegossen wurden. 
Die Romantik Allmählich und vielseitiger wurde die „nationale Wiedergeburt" der 

bei denSlowenen 

nnd Kroaten. Sloweneu Und Kroaten vorbereitet, um im Jahre 1830 sofort mit großem 
Erfolge in Erscheinung zu treten. Das allgemeine Interesse für die ser- 
bische Volkspoesie, die romantische Literatur der Tschechen, Polen und 
Russen, die politische Gärung in Europa, namentlich der Aufstand der 
Polen, von denen einige in Graz und Laibach interniert wurden und 
direkt die polnischen romantischen Ideen verbreiteten, trugen viel dazu 
bei. In Kroatien und Slawonien kam das Beispiel der Magyaren, noch 
mehr aber die Opposition gegen ihre Expansionsgelüste hinzu, doch wird 
ihr Einfluß auf die Entstehung des Agramer Illyrismus überschätzt, denn 
die Gründe dafür lagen viel tiefer. Ganz sinnlos aber ist die magyarische 
Darstellung, die im Illyrismus, der naturgemäß zu einer politischen Be- 
wegung werden mußte, ein Werk des russischen Panslawismus und der 
österreichischen Kamarilla erblickte. 
Die romantische Mit wirklichen literarischen Leistungen traten zuerst die Slowenen in 

Slowenen, dem Laibaclicr Almanach „Kranjska Cbelica" (vier Bändchen 1830 — 1833, 
das fünfte erschien wegen der Zensurverhältnisse erst 1848) hervor; sein 
geistiger Vater war der gelehrte Bibliothekar Cop, sein bedeutendster 
Mitarbeiter der Advokaturskandidat Franz Preseren (1800 — 1849), der 
größte Dichter der Slowenen und der beste Lyriker des slawischen Südens 
(ihm gilt Anast. Grüns Ode „An meinen Lehrer"). Beide waren echte 
Kinder der deutschen Romantik mit ihrem Interesse für die Weltliteratur. 
Als ergreifender Sänger der Disharmonie zwischen Ideal und Wirklich- 
keit erinnert Preseren namentlich durch seine Betonung des majestätischen 
und Märtyrerberufs des Dichters an Byron und Mickiewicz, folgt aber 
doch mehr Petrarca und den deutschen Romantikern. Besonders groß 
erscheint er in der meisterhaften Handhabung aller möglichen Kunst- 



B. Die Literatur in den Nationalsprachcn. II. Moderne Periode. 227 

formen, so daß der nicht besonders umfangreiche Band seiner „Poezije" 
(1847) geradezu eine vollständige slowenische Poetik ausmacht (ohne 
Drama), in der ein Sonettenkranz und Ghaselen (die ersten wurden 1833 
gedruckt) nicht fehlen. An Formenreichtum übertraf die kleine slowenische 
Literatur damals sogar alle slawischen, was um so auffälliger ist, als 
Preseren ohne heimische Muster dastand. Trotzdem ist er aber in seinem 
innigsten Wesen, nicht bloß der Sprache nach, die ebenfalls unsere Be- 
wunderung hervorruft, durchaus national, denn im Geiste der Romantik 
vertiefte er sich ganz in sein Volk, für das er auch nur aus Liebe 
schrieb. 

Nach vielen Bemühungen (seit 1824) gelang es mit Protektion des 
Erzherzogs Johann endlich auch den Slowenen, die Bewilligung zur Her- 
ausgabe einer von J. Bleiweis redigierten Zeitschrift „Novice" (1843) zu er- 
langen, die neben landwirtschaftlichen und gewerblichen (seit 1848 auch 
politischen) Interessen auch die literarischen vertreten konnte und es 
immer mehr tat, bis es zur Gründung eines ausschließlich der Literatur 
gewidmeten Organs „Slovenski Glasnik" (1858 — 1868) kam. Als Dichter 
der „Novice" ragt Jovan Vesel- Koseski hervor, der romantischen 
Nationalismus mit Schillerschem Pathos predigte. 

Die interessanteste Erscheinung ist der Agramer „Illyrismus". Den Der lUy'- 
bisherigen landschaftlichen Literaturen, der dialektischen und orthographi- 
schen Zersplitterung wollte man durch eine gemeinsame Schriftsprache 
des „dreieinigen Königreichs" (Kroatien, Dalmatien, .Slawonien) abhelfen, 
bezog dann Bosnien und die Herzegowina ein, suchte die Serben und Slo- 
wenen zu gewinnen und dachte auch an die noch ganz unbekannten Bul- 
garen. Der ganze slawische Süden sollte also literarisch geeinigt werden 
und eine nationale Gruppe neben Tschechen, Polen und Russen im Sinne 
der „slawischen Wechselseitigkeit" Jan Kolldrs bilden. Dabei bewiesen 
die Hauptstadt und ganz Provinzialkroatien, das im Mittelpunkt dieser Be- 
wegung stand, eine große Selbstentäußerung, denn sie entsagten ihrem 
gutentwickelten und literarisch durchaus nicht armen Dialekt und wählten 
den der Mehrzahl „der drei Königreiche" und der übrigen serbokroatischen 
Sprachgebiete. Als Muster wählte man hauptsächlich die alten dalmati- 
nischen und namentlich die ragusanischen Schriftsteller, ließ aber auch die 
Volkslieder V. Karadzics nicht unbeachtet; ja ein so konsequenter Roman- 
tiker wie Stanko Vraz wollte die neue Literatur theoretisch ganz auf 
dem Volkslied aufbauen; praktisch folgte auch er den Ragusanern, obgleich 
er in ihnen nur Italiener im slawischen Kleide sah. Diese Bestrebungen 
mußten naturgemäß zur einheitlichen Schriftsprache führen, obwohl die- 
meisten Serben vom Illyrismus nichts wissen wollten, denn die tiefen viel- 
hundertjährigen historischen, religiösen und kulturellen Unterschiede konnte 
alle brüderliche Begeisterung nicht überbrücken. Dazu beruhte der Name 
„Illyrier", der als nationaler alle historischen ersetzen sollte, nur auf einer 
pseudogelehrten Kombination, die allerdings seit dem Humanismus stark 

15* 



2 28 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

in Umlauf war (man machte in Osterreich sogar die orthodoxen Serben 
offiziell zu Illyriern, Napoleon schuf die „provinces illyriennes" und Öster- 
reich behielt das Königreich Ill3Tien bei), und ganz falsch war die Meinung, 
daß die alten Illyrier, zu denen man bei der romantischen Flucht in das 
graue Altertum die berühmten Vorfahren fand, Slawen waren. Der Name 
trug also den Todeskeim in sich, bevor ihn die österreichische Regierung 
verbot (1843, er wurde übrigens auch in Schulbüchern in der Ära Bach 
weiter gebraucht). Eine dauernde Errungenschaft war dagegen Lj. Gajs 
Reform der lateinischen Schrift (1830, 1835), wobei man die auf Hus zurück- 
gehenden diakritischen Zeichen der böhmischen „organischen Orthographie" 
wählte, jedoch an der etymologischen Schreibweise festhielt (Hauptunter- 
schied gegenüber V. Karadzic). Diese Orthographie ging auch zu den 
Slowenen, die vorübergehend stark in das illyrische Fahrwasser gerissen 
wurden, über. 

Das Hauptverdienst am Illyrismus wird Ljudevit Gaj (i8og — 1872) zu- 
geschrieben, doch bezieht sich das hauptsächlich auf die allerdings schwer 
durchgesetzte Gründung einer Zeitung mit einer literarischen Beilage 
„Danica" (seit 1835), sonst war aber der rührige Journalist und Agitator 
literarisch und noch mehr wissenschaftlich unbedeutend; sogar das Pro- 
gramm des Illyrismus wurde von anderen, namentlich vom Grafen Janko 
Draskovic, dem politischen Kopf der Bewegung, früher und besser defi- 
niert, die Durchführung lag aber ohnehin in den Händen der Mitarbeiter 
Gajs. In der Nationalisierung des gesamten Kulturlebens gingen die 
Kroaten am weitesten, denn sie schufen sich sogar ihre Oper und Musik 
(auch Kleidung!), petitionierten um eine gelehrte (iesellschaft und hatten 
im slawischen Süden die erste und lange unerreichte Revue „Kolo". Im 
Landtage gebrauchte jedoch der Schriftsteller und Historiker I. Kukuljevic 
die Nationalsprache zum erstenmal 1843, und erst 1847 wurde die Kroati- 
sierung der Ämter beschlossen, während die Kroaten bis dahin die 
Magyarisierungsbestrebungen durch das Festhalten an der lateinischen 
Sprache aufzuhalten suchten. 

Auch in der schönen Literatur versuchten sich die Illyrier auf allen 
Gebieten erfolgreich. Unter den zahlreichen Liebes- und Vaterlands- 
dichtern — die romantische Überschätzung der Poesie finden wir auch 
im slawischen Süden — gebührt der erste Platz Stank o Vraz (1810 bis 
1851), einem aus Steiermark gebürtigen Slowenen, der hauptsächlich seine 
Heimat in der Sprache der Illyrier verherrlichte. Dieser allseitige Kenner 
der den Romantikern zusagenden Weltliteratur, ein Jugendfreund des 
Meisters der Slawistik, Fr. Miklosich, erinnert mehrfach an die den Slawen 
überhaupt sympathische schwäbische Schule, sucht alle europäischen Formen 
der Lyrik einzuführen, huldigt der romanischen Auffassung der Ballade 
und Romanze, läßt orientalische Einflüsse auf sich einwirken und pflegt 
schon die politische Satire; besondere Verdienste erwarb er sich auch als 
Sammler slowenischer Volkslieder (gab nur einen Teil heraus 1839) und 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen. II. Moderne Periode. 22g 

erster Kritiker. Als Epiker ragt hervor Ivan Mazuranic (Banus 1873 
bis i88o), der den mehrhundertjährigen Gegensatz zwischen Christentum 
und Islam in einer Episode der türkisch-montenegrinischen Kämpfe („Smail 
Cengic Agas Tod") mit dramatischer Knappheit zusammenfaßte {1846) und 
dabei die Nachahmung klassischer Muster (er ergänzte auch zwei fehlende 
Gesänge des Gundulicschen Osman) und des Volksliedes in glücklichster 
Weise vereinigte. Angesichts des Kreuzes über dem Lovcen ruft er den 
Völkern des Erdballs auch die Verdienste der südslawischen Vormauer 
des Christentums ins Gedächtnis: „Nie mehr nannten sie euch dann Bar- 
baren, Daß ihr starbet, als sie müßig waren." Der ideenreichste und zu- 
gleich bedeutendste Dichter der Kroaten ist Peter Preradovic (1818 bis 
1872), der als Offizier (zuletzt General) deutsch zu singen angefangen 
hatte, wie so viele Südslawen, dann aber als „Wanderer" (eine herrliche 
Allegorie!) zu seinem Volke zurückkehrte und einem mystischen Patriotis- 
mus in der Art der polnischen Messianisten und russischen Slawophilen 
huldigte; er war zu reflexiv und nicht so kühn wie die Polen, wirkte da- 
her auch nicht so hinreißend und verhängnisvoll. 

Was die Wirkungen des Illj^rismus anbelangt, verdient noch hervor- 
gehoben zu werden, daß zwar die bosnischen Franziskaner sofort zu seinen 
Anhängern zählten, dagegen Dalmatien sich nur zögernd und mit Vor- 
behalt anschloß. Die alten Traditionen, lokaler Patriotismus und besonders 
die starke Italianisierung der höheren Schichten, die unter der österreichi- 
schen Herrschaft noch Fortschritte machte, waren dafür maßgebend. Be- 
zeichnend ist die Tatsache, daß Italien einen großen demokratischen 
Patrioten und Schriftsteller N. Tommaseo aus Sebenico erhielt, der aber 
seine „Scintille" teilweise zuerst in seiner Muttersprache schrieb und sie 
auch „illyrisch" veröffentlichte (1844), überhaupt mit rührender Treue an 
seinem dalmatinischen Vaterlande und seiner slawischen Bevölkerung hing 
und sie namentlich wegen ihrer Volkslieder idealisierte. Wenige ein- 
heimische Schriftsteller impften den Slawen so messianistische Vorstellungen 
ein, daß sie Europa enieuem werden, wenn sie sich nur nicht vom fremden 
Wesen verderben lassen. 

Die großen Enttäuschungen des Sturmiahres 1848 — am bittersten Lange Dauer der 

=> ° J T ^ südslawischen 

waren die der Kroaten — hatten eine starke Depression auch in der Komantik 
Literatur zur Folge. Doch die Grundlagen der modernen nationalen 
Kultur waren schon so fest, daß sie auch die germanisatorische Ära des 
Bachschen Absolutismus nicht mehr erschüttern konnte, vielmehr zu einer 
unerwünschten Stabilisierung der Schattenseiten derselben beitrug. Während 
nämlich der Romantismus in Westeuropa um 1850 abgestorben war, ließ 
man bei den Südslawen die Phantasie weiter über den Verstand herrschen 
und huldigte im verstärkten Maße dem Kultus der Vergangenheit und 
der Idealisierung des eigenen Volkstums. Als dann die Verfassungsära 
in Österreich wieder eine freiere Entfaltung der nationalen Kräfte ermög- 
lichte (seit 1860), bediente man sich derselben Mittel in den Kämpfen um 



230 



Matthias Mukko: Die südslawischen Literaturen. 



Siowe 



die „Nationalität", welche in der Tat zu einer fortschreitenden Sozialisierung" 
der Gesellschaft führten (das ist der tiefere Sinn der österreichischen 
Nationalitätenkämpfe), die nur nicht so schnell vor sich gehen konnte wie 
z. B. einst die Nationalisierung der deutschen Fürsten und höheren Stände. 
Darin liegt der Grund, daß die Literatur, die also ebenso nationale wie 
soziale Aufgaben zu erfüllen hatte, noch Jahrzehnte unter der Herrschaft 
der romantischen Ideen blieb, obgleich sie sich verschiedenen neuen Strö- 
mungen nicht verschloß. 
Spätromantik Am Wenigsten machte sich der romantische Historismus bei den 

mungen bei den Sloweuen bemerkbar, da sie keine selbständige Vergangenheit hatten und 
höchstens für urslawische Zeiten oder für einen nebelhaften Panslawismus 
schwärmen konnten. Um so enger ist dagegen ihr Anschluß an das Volk, 
an seine unverdorbene Sprache, die man fern von den Städten suchen 
mußte, und namentlich an das Volkslied, wobei auch Gesänge anderer 
slawischer Völker, speziell die der Kroaten und Serben, eifrig nachgeahmt 
wurden. Darauf beruhen die Vorzüge der naiven, gemütvollen und 
plastischen Lyrik und der Skizzen aus dem Volksleben des Unterkrainers 
Franz Levstik. Die idyllischen Felder und die majestätischen Berge 
Oberkrains fanden in dem Pessimisten Simon Jenko ihren berufenen 
Sänger (von ihm stammt die slowenische, bei den übrigen Slawen stark 
verbreitete Marseillaise „Naprej zastava Slave"). Auf dem Gebiete der 
Erzählung und des Romans ragt Jos. Jurcic hervor, der sich zwar Walter 
Scott zum Muster nahm, in der Schilderung des Bauernstandes und der 
aus ihm hervorgegangenen Intelligenz aber schon echte realistische Züge 
aufweist. 

Eine Kritik der durch nationale Engherzigkeit und Rücksichten auf 
konservative Kreise gebundenen Literatur versuchte schon Levstik, aber 
der eigentliche Reformator wurde sein und Jurcics engster Landsmann 
Jos. Stritar (geb. 1836, Gymnasialprofessor in Wien). Es ist bezeichnend, 
daß er in einer klassischen Vorrede zu einer neuen Ausgabe der Poesien 
Preserens (1866) den Slowenen ihren größten Dichter sozusagen entdecken 
und dann die Berechtigung einer Liebeslyrik überhaupt verteidigen mußte. 
Seine „Lieder" (1869), seine Zeitschrift „Zvon" (1870, 1876 — 1880) und die 
„Wiener Sonette" (1873) leiten eine neue Epoche ein. Stritar ist der 
Schöpfer einer mustergültigen Prosa und der vielseitigste slowenische 
Schriftsteller, der immer einen europäischen Horizont und ein slawisches 
Herz verrät und seinen Landsleuten die Hochhaltung der Kunst, nament- 
lich der Poesie, die aber „Herrin" und nicht „Dienerin" sein soll, und der 
Ideale des Lichts und der Freiheit verkündet. Von den Slawen, den 
ewigen Duldern, erwartet er eine Lösung der sozialen Frage im Geiste 
der Liebe. Nur in diesem Punkte erinnert er noch an die verschiedenen 
slawischen Romantiker. 

Die Weiterentwicklung der slowenischen Literatur mit Laibach als natür- 
lichem Zentrum, wo 1864 die literarische Gesellschaft „Slovenska Matica" 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen. II. Moderne Periode. 23 1 

gegründet wurde, steht im Zeichen Preserens und Stritars. Die Lyrik 
förderte besonders Simon Gregorcic, die „Görzer Nachtigall", die sich 
aus der geistlichen Zelle nach dem entschwundenen Paradies der Gebirgs- 
welt zurücksehnt. Als prinzipieller Realist hat Anton Askerc Dauerndes 
in seinen Romanzen und Balladen geschaffen, die volkstümlich bleiben, 
selbst wenn ihnen der Dichter die Form „orientalischer Legenden" gibt, 
z. B. um eine Satire auf den bewaffneten Frieden oder auf die sozialen 
Reformen eines „Chans" vorzubringen. Auch in seinen jüngsten Dich- 
tungen, in denen er die slowenischen Protestanten mit moderner Tendenz 
feiert, gelingen ihm nur die realistischen Schilderungen des Treibens der 
Zeit. Ein Realist ist auch Janko Kersnik in seinen Erzählungen und 
Romanen aus dem Bauern- und Kleinstädterleben. Den Gesellschafts- und 
historischen Tendenzroman vertritt Ivan Tavcar. 

Bei den Kroaten wurde der Illyrismus zum Teil von denselben Per- ; 
sonen, aber unter „südslawischem" Namen und mit größerem Ernst nament- 
lich auf wissenschaftlichem Gebiete weitergeführt. So wurde der frühere 
patriotische Dichter und Vaterlandssänger Ivan Kukuljevic jetzt ein 
verdienstvoller Historiker, speziell auf dem Gebiete der Literatur- und 
Kunstgeschichte, der in seinem „Archiv für südslawische Geschichte" (seit 
1851) der Gründung der „südslawischen Akademie der Wissenschaften" in 
Agram (1867) vorarbeitete, die dann in ihren Publikationen hauptsächlich 
auf dem Gebiete der Geschichte und Philologie der Süd.slawen Bedeuten- 
des leistete. Diese mit großer Begeisterung und mit vielen Opfern ver- 
bundenen wissenschaftlichen Bestrebungen wurden durch die Eröffnung der 
„kroatischen" Universität (1874) gekrönt. Über beiden Instituten waltete 
der Geist und die freigebige Hand des Bischofs Strossmayer in Djakovo, 
des großen Mäcens der künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen 
bei allen Südslawen, des berühmten oppositionellen Redners des Vatikani- 
schen Konzils, dessen tolerante Anschauungen, die er auch dem Protestan- 
tismus entgegenbrachte, nicht bloß ein Ausdruck seiner hohen Geistes- 
bildung, sondern auch des kroatischen Milieus und einer gewissen Tradition 
waren, denn zwischen Katholiken und Orthodoxen bestehen in den gemischten 
südslawischen Ländern Beziehungen, die z. B. Russen und Polen nie ver- 
stehen können. Immerhin stießen der Name „südslawisch" und überhaupt 
das ganze Wesen des alten „Illyrismus" auf Widerstand der von E. Kvaternik 
und Anton Starcevic begründeten „Rechtspartei", die ursprünglich auf 
politischem Gebiete die ungarische Unabhängigkeitspartei kopierte (seit 
i86i), dann aber die historische kroatische Individualität auch in allen 
kulturellen Fragen immer mehr in den Vordergrund rückte, also dieselben 
Konsequenzen des romantischen Nationalismus zog, von dem die Mehrzahl 
der Serben nie abweichen wollte. Es kann jedoch betont werden, daß 
gerade auch in dieser Periode viele Serben aus Kroatien und Dalmatien 
an den belletristischen und wissenschaftlichen Publikationen der Kroaten 
Anteil nahmen. 



232 



Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 



Von den Dichtern der absolutistischen Ära verdient der beste, Luka 
Botic, Beachtung, weil er in auffälliger Weise das romantische Interesse 
für den Orient mit dem Nationalismus vereinigte: acht Jahre nach dem 
antitürkischen Epos Mazuranics feierte dieser Dalmatiner, der sich in Bos- 
nien und Herzegowina nach Katalonien und Andalusien in den Zeiten der 
Araber versetzt fühlte, in seiner epischen Dichtung „Pobratimstvo" eine 
Verbrüderung des mohammedanischen Elements mit dem christlichen. Da- 
neben beginnt um diese Zeit der bosnische Franziskaner Grgo Marti c die 
zeitgenössischen Kämpfe zwischen Türken und Christen zu besingen und 
schließt mit der Okkupation von Bosnien und Herzegowina. In diesem 
volkstümlichen Epos gibt es meisterhafte Episoden, das ganze Werk wurde 
aber überschätzt. Romantische Novellen, halb ethnographische Skizzen, 
Dramen aus der kroatischen Geschichte im Stil Shakespeares (M. Bogovic) 
und Anfänge eines nationalen Lustspiels (besonders I. Jurkovic) vervoll- 
ständigten das Bild. 

Im Jahre 1860 bekam die Dramatik einen festen Boden durch die 
Einführung der kroatischen Sprache (an Stelle der deutschen) im Agramer 
Theater. Ein eigentliches Lesepublikum schuf durch seine Novellen und 
Romane erst August Senoa (1838 — 1881), der sich seine Stoffe aus 
Kroatiens, namentlich Agrams Vergangenheit holte, auch die Gegenwart 
nicht vernachlässigte, alle Stände mit Sympathie schilderte und seine Per- 
sonen idealisierte, so daß der Literatur auch bei ihm noch die Rolle einer 
nationalen Erzieherin zufällt. Neben ihm ragt besonders als Novellist der 
fruchtbare und vielseitigere Jos. E. Tomic hervor. Durch seine patrio- 
tischen Romanzen und Balladen und durch seine feinsinnigen kritischen 
Würdigungen der bedeutendsten Erzeugtiisse der kroatischen Poesie vom 
Standpunkte der Herbartschen Ästhetik blieb Fr. Markovic lange maß- 
gebend (vgl. besonders Gj. Arnold, Jovan Hranilovic). 
i Realistische Schilderungen waren bei Schriftstellern, die dem Volke 

nahe standen, schon öfters anzutreffen (Jurkovic, Senoa u. a.), doch der 
Realismus, der die Literatur dem wirklichen Leben nahe brachte, hielt 
seinen Einzug erst zu Anfang der achtziger Jahre, gelangte aber bald zur 
Herrschaft, die er bis 1895 behauptete. Die wichtigsten und größten 
sozialen Romane erschienen seit 1886. Von dem französischen Naturalis- 
mus eignete sich E. Kumicic nur eine größere Kühnheit in der .Schilde- 
rung pikanter und brutaler Episoden an, die wir auch in seinen viel- 
gelesenen romantisch-historischen Romanen antreffen, sonst übten aber die 
großen Russen, namentlich Turgenjew, den entscheidendsten Einfluß aus. 
Ein scharfer .Satiriker war A. Kovaöic, der erste Literat, der in Oppo- 
sition gegen die ganze Gesellschaft trat. .§andor Gjalski (Pseudonym für 
Ljubomir Babic) schilderte besonders anziehend den Kleinadel des nord- 
westlichen Kroatien (Zagorien) aus dem Vormärz und den sechziger 
Jahren und stürzte sich dann auch auf psychologische, philosophische und 
soziale Probleme. Das Thema der „Toten Kapitalien" (Mensch und Boden) 



B. Die Literatur in den Nationals|)rachcn. I]. Moderne Periode. 233 

im fruchtbaren Slawonien behandelte mit besonderem Ernst Jos. Kozarac. 
Der letzte bedeutende Realist ist der Form nach Leskovar, der aber 
schon die feinsten Nuancen seelischer Kämpfe etwas einförmig schildert. 

Die Literatur dezentralisiert sich. Ihre realistischen Darsteller fanden 
außer den bereits genannten Landschaften auch Istrien, das kroatische 
Küstenland (V. Novak), Ragusa, die ehemalige Militärgrenze und zuletzt 
auch Bosnien. Hier tritt in den Vordergrund das Problem, wie sich das 
Land mit der neuen Zivilisation abfinden soll, das auch die ersten moham- 
medanischen Erzähler Osman-Azis und Edhem Mulabdic behandeln. 

In der Poesie blieb auch in der Periode des Realismus die frühere Niueste Poesie 
idealistische Richtung herrschend, verfiel aber dem Radikalismus und zu- 
letzt der Resignation und dem Pessimismus, der den talentvollsten Ver- 
treter in dem gedankentiefen, auf den Höhen der Menschheit wandelnden 
S. Kranjcevic fand, der sich zum bedeutendsten modernen Dichter ent- 
wickelt hat. Der Poesie des Absterbens seiner Vaterstadt Ragusa gab 
Ivo Vojnovic Ausdruck (Dubrovacka trilogija). Überhaupt tritt neben 
Agram und Kroatien eine größere Gruppe dalmatinischer Dichter auf, bei 
denen sich klassische, italienische und andere romanische Einflüsse stark 
geltend machen, besonders in dem Kultus der Form und des Wohlklanges. 
Den Anfang macht der in allen Farben schillernde A. Tresic-Pavicic, 
der auch ein Thema wie das Ende der römischen Republik (Finis rei- 
publicae) dramatisch bearbeitet hat. 

Bei den Serben entwickelt sich die Literatur dies- und jenseits der Die romantische 

„Oinladina" der 

Donau unter ähnlichen Verhältnissen, denn auch in Serbien, wo 1848 Serben. 
ebenfalls das Wort „Reform" bekannt wurde, folgte eine Reaktion und 
dann eine freiere Ära nach dem Dynastiewechsel im Jahre 1858. Übrigens 
blieb die literarische Führung noch bis 1870 bei den österreichischen 
Serben, deren Intelligenz sich nach 1848 in der neugeschaffenen serbischen 
Vojvodina ansammelte und ihr Kulturzentrum von Pest nach Neusatz ver- 
legte, wohin 1864 auch die Matica Srpska übersiedelte. Nach 1860 ist 
ein großer Umschwung bemerkbar, der sich vor allem in der Gründung 
mehrerer rein literarischer Zeitschriften (die bisherigen waren Zeitungs- 
beilagen) äußerte; in den Vordergrund tritt die Jugend der ungarischen 
Anstalten, des Belgrader Lyzeums und der Universitäten Wien und Prag, 
die sich in der „Omladina" (Jug'end) eine feste Organisation schafft (1866 
bis 1872) und dabei ausdrücklich an den Belgrader „Verband der serbi- 
schen Jugend" des Jahres 1847 anknüpft. Der serbische nationalpatriotische 
Romantismus erreichte seinen Höhepunkt in diesem Jugendbunde, der von 
der serbischen Regierung wegen seiner liberalen, von der ungarischen 
wegen seiner panserbischen Tendenzen verfolgt und 1872 in Ungarn auf- 
gelöst wurde, nachdem er schon 1870 einen Stoß durch den Einbruch der 
aus Rußland importierten positivistischen Ideen erlitten hatte. 

Man kann in der Tat diese ganze romantische Periode von 1848 bis 
1871 unter dem Namen der Omladina zusammenfassen. Ihr Ideenkreis 



234 



Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 



war natürlich Wandlungen unterworfen und nicht einheitlich. Ursprüng- 
lich begeisterte man sich für die tschechisch-slowakischen-panslawistischen 
Theorien Jan Kolldrs und L. Stürs, nicht für die der Moskauer Slawo- 
philen, denn auch für die orthodoxen Serben war Prag das slawische 
Mekka, und im Jahre 1863 stand die Jugend auf selten der Polen, aus deren 
Literatur anfangs wie bei den Kroaten viel mehr übersetzt wurde als aus 
der russischen. Neben diesen slawischen Einflüssen waren aber besonders 
mächtig die deutschen, namentlich die des Jungen Deutschland, an das 
schon der Name Omladina erinnert, und gleich darauf die magyarischen. 
Die Ideen der europäischen Demokratie fanden schon 1848 Anklang, in 
den sechziger Jahren hatte die Omladina direkte Beziehungen zu ihren 
hervorragenden Vertretern und hoffte namentlich mit Hilfe der revolutio- 
nären Emigranten eine Einigung der Serben herbeizuführen. Beachtens- 
wert sind auch die besonderen Sympathien der Omladina für das legen- 
darische Montenegro. Den serbischen Romantismus charakterisieren da- 
her ein liberaler Nationalismus, Kultus der Vergangenheit, Vorliebe für 
die Volkspoesie und orientalische Dichtung, Überschätzung der Poesie, 
die aber bezeichnenderweise hauptsächlich bei den österreichisch-ungari- 
schen Serben in Erscheinung tritt, Bevorzugung der Lyrik und überhaupt 
exaltierte Begeisterung. Aus den ursprünglichen „Slawen" wurden ex- 
klusive Serben, bei denen die Idee einer rein serbischen Kultur bis zum 
Wahnwitz gesteigert wurde, so daß man unter anderem ein Zeichen echten 
Serbentums, das ebenfalls das morsche Europa erneuern sollte, sogar in 
der türkischen Kleidung und speziell in dem Fez erblickte, den übrigens 
schon Vuk Karadzic auch in der Kirche nie ablegte. Seit 1860 sind alle 
bedeutenderen Männer einer ganzen Generation und die ersten politischen 
Parteien aus der Omladina hervorgegangen. 

Den Reformen V. Karadzics verhalf die Omladina zum Siege und 
Branko Radicevic (1824 — 1853) war ihr erster und lange überschätzter 
Dichter, der an Stelle der klassizistischen Kunstformen mit jugendlicher 
Kühnheit das leichtere moderne Metrum und die Strophe der damaligen 
deutschen Dichtung und der serbischen Volkspoesie einführte, worin er 
übrigens schon Vorgänger hatte, und sich als Liebeslyriker in ähnlicher 
Weise Heines Lied zum Muster nahm. Durch seine nicht besonders ge- 
lungenen Nachahmungen der Epen Byrons machte er die Hajduken, deren 
Verherrlichung die Mehrzahl der jüngeren Volkslieder gewidmet ist, auch 
in der Literatur populär. Besonders wirkungsvoll war seine Satire „Put" 
auf die pseudoklassische Literatur und Vuks Gegner. Einen durch- 
greifenden Erfolg hatte er aber erst in den sechziger Jahren, als die 
literarische Physiognomie einer Reihe noch Jahrzehnte wirkender Dichter 
zur Ausbildung gelangte. Darunter finden wir den berühmtesten und be- 
liebtesten, fruchtbarsten und universellsten Vertreter des serbischen Par- 
nasses, Zmaj Jovan Jovanovic (1833 — 1904), der trotzdem noch kein 
Dichter im europäischen Stil ist. Zmaj, ein Schüler Radiöevics und des 



ß. Die Literatur in den Nationalspraclicn. U. Moderne Periode. 2 5 i 

Magyaren Petöti, ist ein ausgesprochener Lyriker, bei dem die Tendenz- 
poesie des Jungen Deutschland, die orientalische Dichtung, namentlich 
Nachdichtungen Bodenstedts, und besonders Heine tiefe Spuren hinter- 
lassen haben. Verdienste erwarb er sich auch als Übersetzer und es 
charakterisiert ihn und das serbische Volkslied die Tatsache, daß einige 
seiner Übersetzungen aus Petöfi Volkslieder geworden sind. Das stärkste 
dichterische Temperament ist Gjuro Jaksic, bedeutender als Epiker und 
einer der fruchtbarsten Erzähler, der das Mittelalter und die Türken- 
kämpfe idealisierte und den Bauer liebte, ohne seine Natur erkannt zu 
haben. Durch große literarische Kultur zeichnet sich Laza Kostic aus, 
ein tüchtiger Shakespeareübersetzer und Shakespearomane, der das erste 
serbische Drama „Maksim Crnojevic" nach einem bekannten Volksliede in 
Jamben schrieb (1863, in Buchform 1866), also vom Metrum der Volkspoesie 
abwich, obwohl sie gerade er zum „nationalen Evangelium" stempelte. Der 
absoluteste Verehrer der Volkspoesie war J. Novic aus Otocac, der Sohn 
eines adeligen Grenzeroffiziers, Student in Halle und Jena, der fünfzehn Jahre 
ein Hajdukenleben auf dem nordwestlichen Balkan führte, daher besondere 
Gelegenheit fand, in den Geist des Volksepos einzudringen, das er nach- 
ahmte, als er die Kosovoschlacht (Lazarica 1847) '^"d andere Ereignisse 
der serbischen und montenegrinischen Geschichte und sogar den Krim- 
krieg besang, ohne in dieser Nachahmung glücklich zu sein. Auch für 
die orientalische Dichtung- hatten die Serben ihre Muster zu Hause, da 
ihnen die Liebeslyrik der Mohammedaner in Fleisch und Blut über- 
gegangen war; das beste Beispiel dafür bietet Jovan Ilijc, ursprünglich 
ein Didaktiker und Halbklassiker. 

Zur nationalistischen Romantik gehört auch Fürst Nikola von Monte- 
negro, der sich seinen großen Vorgänger zum Muster genommen hat, ihn 
aber in keiner Weise erreicht; der Inhalt seiner Dichtungen verrät einen 
guten Politiker auch in der Poesie. 

In der Erzählimgsliteratur gibt es sehr viel Romantik und Sentimen- 
talität; nicht umsonst wurde Goethes „Werther" 1844 übersetzt. Immer- 
hin gab es Schriftsteller, die den mittelalterlichen Feudalismus zurück- 
drängten und zeitgenössische Zustände mit einem gewissen Realismus 
behandelten; so schilderte Bogoboj Atanackovic in dem Roman „Zwei 
Idole" (1852) den Kampf zwischen Serben und Mag^'aren und Milorad 
Sapcanin hinterließ das Zeitbild eines dichtenden romantischen „Träumers" 
(Sanjalo). 

Einen heftigen Gegner erhielt die ganze bisherige Literatur in Sve- Positiv ismus be 
tozar Markovic, der mit dem Bulgaren Ljuben Karavelov den Sozia- 
lismus als letztes Wort der Wissenschaft aus Rußland nach Serbien ver- 
pflanzte. Der russische Student kannte zwar die deutschen Sozialisten, 
doch propagierte er hauptsächlich die Doktrinen Cernysevskijs, Dobroljubovs 
und Pisarevs. Daher auch seine scharfen Ausfälle gegen die „Ästhetiker" 
und gegen die serbische Kunstpoesie. Das Heil Serbiens erblickte er in 



2 36 Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 

der Hauskommunion (Zadruga) und in anderen primitiven Zuständen, so 
daß er wider seinen Willen zu einem reaktionären Nationalisten wurde. 
Er starb schon im 28. Lebensjahre, sonst wäre er wohl wie viele Ge- 
sinnungsgenossen ein gewöhnlicher radikaler Politiker geworden. In der 
bei Literatur überwog der Einfluß Gogoljs und anderer Russen, um so mehr 
als der Realismus auch von Westeuropa vordrang. Auch das konsequente 
Studium des Volkes führte zu demselben Ziele. So erfreuten sich einer 
großen Anerkennung die Erzählungen Milan Milicevics aus Serbien, 
die eigentlich nur folkloristische Skizzen sind, und die viel höher stehen- 
den Erzählungen vStefan M. Ljubisa's aus Süddalmatien und Montenegro. 
Der eigentliche Begründer der künstlerischen realistischen Erzählung 
wurde der Arzt Laza Lazarevic (1851 — 1891), der die patriarchalischen 
Zustände, wie sie in den Jahren 1860 — 1885 in den Städten und auf dem 
Lande des reichen Savegebietes herrschten, mit großer Treue und offen- 
kundiger Sympathie verewigte. Den realistischen Roman begründete 
Jaksa Ignjatovic. 

Skizzen, Idyllen, Novellen und auch Romane aus dem Dorf-, seltener 
aus dem Stadtleben verschiedener serbischer Gebiete, Bosnien, Herzego- 
wina und sogar Altserbien nicht ausgeschlossen, folgten in großer Zahl 
und bilden ein literarisches Genre, das Beste, was Serbien aufweisen kann. 
Zu den hervorragendsten Vertretern dieser Richtung gehören der poesie- 
und liebevolle Janko Veselinovic, Ilija V. Vukicevic, Svetislav Rankovic, 
dessen Roman „Zar der Berge" (ein Hajduke, d. i. Räuber) sich beson- 
derer Anerkennung erfreut, Borisav Stankovic, Kocic u. a. Mit Humor 
und scharfer Satire geißelt Stefan Sremac die gesellschaftlichen Zustände. 
Als der beste Satiriker gilt Radoje Domanovic, der das letzte Jahrzehnt 
der Obrenovice verewigt hat. Eine besondere Stellung nimmt der Dal- 
matiner Simo Matavulj ein, dem Erzählungen und Romane aus Dal- 
matien, Montenegro und der Herzegowina viel besser gelungen sind 
als die aus dem Belgrader Leben, bei dessen Schilderung er schon 
modernen Strömungen folgt, 
■csie Eine realistische Poesie haben die Serben nicht erhalten. Den Über- 

eil, treibungen einförmiger Nachahmungen des Volksliedes und der Verhöh- 
nung der Poesie (Sv. Markovic) folgte ein Rückschlag zum Klassizismus 
durch den Reflexionslyriker Vojislav Ilijc (i86i — 1894), der damit Schule 
machte, speziell auch bei einem Kreis junger Talente in der Herzegowina, 
wo doch die Volkspoesie in höchster Blüte steht. Sogar die Kosovo- 
schlacht besingt N. Gjoric in einem groß angelegten Epos in gereimten (!) 
Hexametern. Im Drama, das 1869 durch Eröifnung eines ständigen 
Theaters in Belgrad eine feste Stütze erhielt, wurde die starke Über- 
wucherung historisch-romantischer Stücke hauptsächlich durch Lust.spiele 
aus dem zeitgenössischen Leben (in deutschen Übersetzungen sind Bra- 
nislav Nu.sic und Milovan Gli.sic zugänglich) zurückgedrängt. Sehr stark 
ist bei den .Serben die literarische Kritik vertreten. 



B. Die Lilenitur in den Nationalsprachen. II. Moderne Periode. 



Die Wissenschaft fand in Serbien eine Pflegestätte in der „Gesell- 
schaft der serbischen Literatur" (1847), die dann in die „serbische gelehrte 
Gesellschaft" und endlich in die serbische Akademie der Wissenschaften 
{1886) umgestaltet wurde. Auch die „Matica Srpska" in Neusatz bringt 
namentlich in neuester Zeit streng wissenschaftliche Publikationen. Einer 
besonderen Vorliebe erfreuen sich noch immer die das nationale Leben 
berührenden Disziplinen. Die aus einem unbedeutenden Lyzeum (1838) 
hervorgegangene „Hochschule" in Belgrad wurde iqo5 zur Universität 
erhoben. 

Schon der bisherige Entwicklungsgang zeigt, daß die Literatur der 
Südslawen immer mehr zu einem organischen Teil des nationalen Lebens 
wird, aus dem engen nationalen Vorstellungskreis heraustritt und sich 
dem Ideenkreis des europäischen Kulturlebens anschließt. Einflüsse ver- 
schiedener Literaturen sind bemerkbar, besonders aber die der französi- 
schen seit den neunziger Jahren. Meist im Zeichen des französischen 
Symbolismus wird auch der Kampf um die Freimachung der Kunst von 
allen Nebenzwecken und um die Individualität des Künstlers geführt. 

Bei den Slowenen, die Zolas Naturalismus nur vorübergehend kennen 
lernten, fanden junge lyrische Talente von Verlaine u. a. bald den Weg 
zu ihrem Volkstum (so Aleksandrov-Murn über Pu.skin, Koljcov und 
Mickiewicz). An der Spitze dieser Richtung, die den feinsten Gefühlen 
in geläuterten heimatlichen Tönen Ausdruck zu geben versteht, steht 
jetzt O. Zupancic. Auf erzählendem und dramatischem Gebiete kämpft 
der überaus fruchtbare I. Cankar unermüdlich gegen alle hergebrachten 
Anschauungen der „Philister" und erreicht als symbolistischer und im- 
pressionistischer Erzähler — seine Lieblingshelden sind Träumer und 
ewige Vagabunden — eine solche künstlerische Höhe, daß er der be- 
deutendste Vertreter der Moderne unter den Südslawen genannt werden 
kann. Es verdient Beachtung, daß ein so kleiner und in seiner Existenz 
am meisten bedrohter Volksstamm wie der slowenische eine Literatur, in 
der das Prinzip l'art pour l'art auf die Spitze getrieben wird, verträgt 
und erhält. 

Seit den achtziger Jahren macht sich bei den Slowenen eine spezi- 
fisch katholische Richtung stark bemerkbar, die ursprünglich sehr negativ 
war, sich aber dann den nationalen Verhältnissen anpaßte und mit ihren 
Literaturerzeugnissen hauptsächlich den breiteren Massen entgegenkommt. 
Eine katholische Moderne unter tschechischem Einfluß kam über die An- 
fange nicht hinaus. 

Der heftigste Kampf um die Moderne wurde bei den Kroaten seit 
1895 durch zehn Jahre geführt. Dabei kreuzten und paralysierten sich 
die verschiedenartigsten, von Nord (hauptsächlich aus Prag und Wien) 
und West kommenden Strömungen mit den einheimischen. Es ist charak- 
teristisch, daß sich zu den „Jungen" auch der Schöpfer des modernen 
sozialen und psychologischen kroatischen Romans, Sandor Gjalski, schlug. 



Katholische 
Richtung bei 



238 



Matthias Mdrko: Die südslawischen Literaturen. 



welcher meinte, daß die jungen Elemente den deduktiven und ideologi- 
schen Standpunkt verlassen und dem Evolutionsprinzip huldigen, dabei 
aber auf einem konsequent nationalen Standpunkt stehen müßten. In 
Wirklichkeit wollte jedoch diese neue Generation viel mehr modern sein, 
kam aber in ihren erzählenden Leistungen über Skizzen und dilettanten- 
haften Impressionismus nicht hinaus und führte ihren Kampf auch nicht 
mit der nötigen Ausdauer. Am besten ist sie in der Poesie durch den 
Lyriker Mihovil Nikolic, durch den Neohellenisten Vladimir Vidric und 
durch den Verehrer der italienischen und dalmatinisch - slawischen Re- 
naissance Milan Begovic (Pseudonym: Xeres de la Maraja!) vertreten. 
Siegreich blieb eine dalmatinisch -romanische, idealistische Reaktion und 
der Agramer idealistische Traditionalismus, der in der literarischen Ge- 
sellschaft „Matica Hrvatska" seine stärkste Stütze hat. Die dalmatinische 
Richtung verrät teilweise einen starken katholischen Einschlag, in Agram 
hat aber speziell der Neokatholizismus etwas Anklang gefunden. 

lei den Serben. Unter den Serben wurde der Herzegowiner Jovan Ducic aus einem 

patriotischen Sänger ein beachtenswerter Anhänger der französischen 
Svmbolisten und Dekadenten. Neben ihm steht an der Spitze der 
heutigen Dichtung der Belgrader Milan Rakic, der sich für seinen Pessi- 
mismus Alfred de Vigny, Leconte de Lisle, Baudelaire zum Muster ge- 
nommen hat. 

•teuere Litera- Dje ucuere Literatur der Bulgaren erfordert eine abgesonderte Dar- 

orderBulgareii. 

Historischer stcUung, da sic sehr jung ist und sich nicht organisch im Gefolge 
der europäischen Geistesstromungen entwickelt hat. Der lange geistige 
Stillstand des Volkes, das mit seiner kirchenslawischen Literatur an der 
Spitze der Slawen stand, illustriert am besten die Folgen des weltlichen 
Joches der Türken und des geistlichen der Griechen. Nicht einmal die 
Buchdruckerkunst ist bis zu den Bulgaren gekommen, das erste mittel- 
bulgarische Evangelium wurde in der Walachei gedruckt (15 12), sonst 
bezogen die Bulgaren ihre Kirchenbücher von den Russen und Serben. 
Das erste für Bulgaren bestimmte Büchlein („Abagar" von F. Stanis- 
lavov) mit apokryphen Gebeten in der Volkssprache erschien in Rom 
(1641) in der Gestalt der cyrillischen Drucke der bosnischen Franzis- 
kaner und ist im Grunde g-enommen serbo-kroatisch (s. o. Gegenreforma- 
tion). In Sammelhandschriften kirchlichen und apokryphen Inhaltes sind 
auch Neuübersetzungen zu finden. Nur handschriftlich wurde auch die 
an die Spitze der neubulgarischen Literatur zu stellende „Slavobulga- 
rische Geschichte" des Mönches Pajsij (1762) verbreitet, der im Atho.s- 
kloster Chilandar die Anregung zu dieser hochpatriotischen, aber un- 
kritischen Chronik von dem serbischen Historiker J. Raic, einem Kiewer 
Zögling, erhielt. Nach dem Muster griechischer und serbischer Aufklärer 
übersetzte der Bischof Sofronij von Vraca den „Syntipas" (1802) und 
Asops Fabeln; nur seine ebenfalls aus dem Griechischen übersetzten 
Sonntagspredigten wurden 1806 als erstes bulgarisches Buch in der Wa- 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen. 11. Moderne Periode. 2 XQ 

lachei gedruckt. Der eigentliche Wiedererwecker und geradezu Entdecker 
der Bulgaren war J. Venelin, ein ungarischer Ruthene, der sich an der 
Lemberger Universität romantische Anschauungen angeeignet, die Bul- 
garen in Bessarabien kennen gelernt und dann in Moskau weitere An- 
regungen für sein russisches Werk „Die alten und gegenwärtigen Bul- 
garen" (1829) erhalten hatte. Wichtiger als seine weiteren Arbeiten war 
sein Verkehr mit bulgarischen Kaufleuten in Odessa. V. Aprilov, der bis 
dahin wie alle Bulgaren mit einiger Bildung für den Hellenismus ge- 
schwärmt hatte, wurde nun von der Liebe für seine Nationalität ergriffen 
und gründete im Verein mit Palauzov 1835 die erste bulgarische Schule 
in ihrer Vaterstadt Gabrovo unter Leitung des um die Aufklärung in 
Bulgarien hochverdienten Mönches Neofit. Da wollten auch andere Orte 
nicht zurückbleiben (in zehn Jahren gab es schon fünfzig neue Volks- 
schulen), und seit 1840 besuchten immer mehr Bulgaren höhere Schulen 
im Ausland. 1S50 wurde ein bulgarisches Seminar für Lehrer und Geist- 
liche in Philippopel gegründet. Die nötigen Lehrbücher und andere Bil- 
dungswerke wurden aus dem Griechischen, Serbischen, Russischen und 
Französischen übersetzt. 1844 gründete K. Fotinov die erste Zeitschrift 
in Smyrna, 1846 Bogorov die erste Zeitung „Blgarski Orel" in Leipzig, 
die 1848 als „Caregradski Vestnik" nach Konstantinopel übersiedelte und 
dazu beitrug, daß die türkische Residenz das geistige Zentrum der Bul- 
garen wurde, die sich zuerst von den Griechen freizumachen suchten und 
schon 1845 in einer Petition an den Sultan die Wahl der Bischöfe durch 
das Volk und eine Vertretung in der Patriarchatssynode und im Laienrat 
forderten. Nach dem Pariser Frieden, der einige Erleichterungen auch 
der bulgarischen Raja brachte, vertrieben viele Städte ihre griechischen 
Bischöfe, und 1860 wurde am Ostersonntag in Konstantinopel die Tren- 
nung von der griechischen Kirche proklamiert. Nicht bloß die Unnach- 
giebigkeit der geistlichen und weltlichen Elemente des Patriarchats 
drängte die Bulgaren zu diesem Schritte, sondern auch der Umstand, daß 
in der Türkei mit der Kirche die Nationalität rechtlich identisch war. 
Nach langen Kämpfen, bei denen auch eine Union mit Rom als Mittel 
diente, wurde 1870 mit einem Ferman des Sultans das bulgarische Ex- 
archat in Konstantinopel errichtet und 1872 das erste Oberhaupt der 
bulgarischen Kirche gewählt. Durch diese Organisation gewannen die 
Bulgaren einen großen Vorsprung unter den Slawen der Türkei, denn im 
Ferman waren sogar Bischofsitze in Nis und Pirot im heutigen Serbien 
vorgesehen. Dieser geistigen Befreiung folgte die von Emigranten und 
Revolutionären vorbereitete politische durch Rußland. Das vom Berliner 
Kongresse geschaffene Fürstentum Bulgarien (1878), mit dem sich 1885 
das autonome Ost-Rumelien vereinigte, ermöglichte dem bulgarische Volke 
erst eine vollständige Entwicklung seiner geistigen Kräfte. Dabei schuf 
Bulgarien in kluger Weise keine Staatskirche nach dem Beispiel Griechen- 
lands, so daß das Exarchat auch weiter alle Bulgaren vereinigt. 



240 



Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 



Der Charakter der Literatur wurde durch den skizzierten Entwicklungs- 
gang des bulgarischen Volkes beeinflußt. Ursprünglich wollten die Schrift- 
steller nur aufklären und im nationalen Patriotismus erziehen, ohne an 
eine Verletzung der Loyalität gegenüber der Türkei nur zu denken. In 
Literatur- der Sprachc hielten sich lange die russisch-kirchenslawischen Elemente, 
später übte auch das Altbulgarische einen starken Einfluß auf die viel- 
umstrittene und bis heute nicht rationell gelöste Frage der Orthographie 
aus, die russische Sprache ließ durch die an ihrer Literatur genährten 
und durch direkt in Rußland erzogene Schriftsteller und später durch die 
russische Verwaltung starke Spuren zurück. Der ostbulgarische Dialekt, 
der die Oberhand gewann, fand schon in die Fibel des P. Berovic (1824) 
Eingang. 
Die Liter.-itur Das Geburtsjahr der bulgarischen Kunstpoesie ist 1845, als eine 

und politischen größere, auf dem Volkslied beruhende Ballade „Stojan und Rada" in 
kämpfe.' Odessa erschien. An das Volkslied schloß sich auch der rührige Jour- 
nalist Petko Raco Slavejkov an, der die Lyrik der Russen nachahmte 
und sich Motive auch aus griechischen und serbischen Dichtern holte. 
Die Lieder dieses Dichters, dessen eigentliches Gebiet die Liebeslyrik 
war, bildeten eine nationale Tat, denn sie verdrängten die griechischen. 
Dasselbe Verdienst haben auch andere Sänger, darmiter der Anakreontiker 
Zafirov, der Venus und Amor bulgarisierte. Das erste ganz kunstlose 
Epos lieferte G. Rakovski in seinem „Bergwanderer" (1857), worin Balkan- 
hajduken erzählen, wie sie die Tyrannei der Türken und Griechen von 
ihrer Heimstätte vertrieben habe. 

Rakovski ist auch der Typus eines romantischen Archäologen und 
Folkloristen und zugleich der Stammvater der bulgarischen Revolutionäre, 
die seit dem Krimkriege im Auslande, namentlich in Rumänien, eine leb- 
hafte Tätigkeit als Journalisten und .Schriftsteller entfalteten und ein Über- 
gewicht über die einheimische loyale und durch Zensurfesseln beengte 
Literatur erlangten. Die Poesie der Emigranten enthält nicht bloß Zornes- 
ausbrüche gegen die Türken, sondern schlägt auch viel stärkere Akzente 
gegen die Griechen und die reichen Bulgaren, die mit beiden paktierten, 
an. Auf Seiten aller Verfolgten steht schon Ljuben Karavelov, noch 
mehr aber ist der ihn an Talent überragende Hr. Botjov ein Sänger der 
sozialen Sklaven. Dieser Freiheitskämpfer, der ein abenteuerliches Land- 
streicherleben führte, endete im Einklang mit seiner Poesie (1876), nach- 
dem er sich des österreichischen Dampfschiffes „Radetzky" bemächtigt 
hatte, um in Bulgarien einzufallen. Mit revolutionären Gedichten trat auch 
der .spätere Ministerpräsident St. Stambulov zuerst in die Öffentlichkeit 
(1877). Für das Epos fehlte die Stimmung; nur Balladen und Romanzen 
im Volkstone konnten gedeihen. Begreiflich ist die Vorliebe für die 
Satire. Die erste Originalerzählung, welche die schrecklichen Schicksale 
einer bulgarischen „Armen Familie" schilderte, veröffentlichte 1860 in 
Konstantinopel V. Drumev, der .später als Politiker bekannt gewordene 



B. Die Literatur in den Nationalsprachen. II. Moderne Periode. 24 I 

Metropolit Kliment. Der fruchtbarste Erzähler war aber der erwähnte 
Ljuben Karavelov (1837 — 1879), der als rücksichtsloser Kämpfer gegen 
Türken, Griechen und einheimische Ausbeuter des Volkes, als Beschützer 
der Liebe, der verfolgten Unschuld und der Gefallenen und als Lobredner 
der nationalen Sitten und der nationalen Vergangenheit häufig so über- 
treibt, daß er zum Pamphletisten wird. In seinen russisch geschriebenen 
Erzählungen — zwei von moralischer Entrüstung gegen das Belgrader 
Leben strotzende sind serbisch — hält er noch Maß, aber in ihren bul- 
garischen Bearbeitungen paßte er sich dem Geschmack seiner Landsleute 
durch einen zügellosen Stil an, der Schule machte. 

Eine große Rolle spielten dramatische Vorstellungen. Das erste 
Originallustspiel, das die Korruption eines griechischen Bischofs in Bul- 
garien zum Gegenstande hat, erschien 1863. Der eigentliche Begründer 
des bulgarischen Theaters ist D. Vojnikov (1833 — 1878), ein Lehrer mit 
französischer Bildung, der zuerst Schulbücher über Literatur, bulgarische 
Sprache und Geschichte schrieb und sich auch die künstlerische Ausbil- 
dung der Jugend zum Ziele setzte; mit seinen eigenen Deklamations- und 
Gesangstücken hatte er noch Glück, aber das erste europäische Konzert 
in Bulgarien im Jahre 1863 nahmen ihm die Bürger von Sumen sehr übel, 
weil er ihre Jugend zu — Zigeunern erzog. Daher wanderte er zu den 
fortschrittlicheren Bulgaren im rumänischen Braila, wo er eine Dilettanten- 
truppe gründete und mit ihr 1866 die erste Vorstellung in Bukarest in 
Anwesenheit des rumänischen Fürsten gab. Sein Beispiel fand in Rumänien 
und Bulgarien starke Nachahmung. Vojnikov lieferte auch die nötigen 
Stücke, historische Dramen und Sittengemälde, wobei er sogar Moliere 
nachahmte. Künstlerisch sind seine Dramen ohne Bedeutung, groß war 
dagegen ihre Wirkung auf die Hebung des bulgarischen Nationalbewußt- 
seins. Unter den vielen nicht höher stehenden Nachfolgern finden wir 
auch L. Karavelov mit einem revolutionären Drama; nur V. Drumevs 
„Ivanku, der Mörder Äsen I." (erschien 1872 in ßraila) ragt durch Sprache 
und Komposition hervor und gehört bis auf den heutigen Tag zu den 
besten Originalschöpfungen. Beachtenswert ist in dieser Periode die nicht 
geringe Zahl der Übersetzungen der bedeutendsten Erzeugnisse europäischer 
Literatur; so sind unter den Dramatikern vertreten Voltaire, Moliere, V. Hugo, 
Schiller (Räuber), Lessing (Emilia Galotti). 

Die Folgen der politischen Befreiung der Mehrzahl der Bulgaren DieLitcratur seit 
traten in der schönen Literatur nicht gleich in Erscheinung. Nicht bloß Selbständigkeit. 
die Zöglinge aller möglichen europäischen und sogar amerikanischen 
Schulen, sondern alles, was lesen und schreiben konnte, drängte sich in 
den Staatsdienst und in die Reihe der Politiker. Eine echt orientalische 
Atomisierung des öffentlichen Lebens und eine maßlose Parteiwut machte 
sich in den politischen und satirischen Zeitungen bemerkbar, deren im 
Laufe von 20 Jahren mehr als 300 zu erscheinen anfingen und meist ein 
kurzes Leben fristeten. Mit geringen Ausnahmen waren und sind sie arm 

Die Kultur der Gegenwart. I. q. i6 



242 



Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 



an verschiedenartigen Nachrichten, aber reich an politischem Tratsch und 
Gezänk. Auch allerlei Zeitschriften, deren man schon über loo zählt, 
erreichten keine besondere Höhe, doch gibt es in der letzten Zeit schon 
tüchtige literarische und Fachorgane. Die Wissenschaft fand ihre Pflege 
in der „Bulgarischen literarischen Gesellschaft", die bereits 1869 in Braila 
gegründet und 1882 in Sofia erneuert wurde. Für die Vaterlandskunde 
erwarb sich auf allen Gebieten besondere Verdienste das Ministerium für 
Volksaufklärung durch Herausgabe eines „Sbomik", in dem neben Ab- 
handlungen über bulgarische Geschichte, Sprache und Literatur nament- 
lich zahlreiche folkloristische Materialien hervorragen. In dieser Richtung 
ist auch in Einzelpublikationen Beachtenswertes geleistet worden. Immer- 
hin verfügen die Bulgaren noch heute über kein entsprechendes Wörter- 
buch und sind auch in der Grammatik nicht über sehr gute Vorarbeiten 
hinausgekommen. Die in Sofia 1888 eröffnete „Hochschule" wurde 
1894 als Universität organisiert. 

Das Bedürfnis und Verständnis einer höheren Literatur machte all- 
mählich Fortschritte, besonders mit der Heranbildung einer zahlreicheren 
Intelligenz im In- und Auslande. Die Sprache der Poesie und Prosa und 
der Vers weisen bereits eine schöne Ausbildung auf, dagegen fällt es den 
Dichtern schwer, sich über die Tageseindrücke zu erheben, und noch 
schwerer, größere Stoffe künstlerisch zu gestalten. 

Von diesen Mängeln ist auch der fruchtbarste, vielseitigste und be- 
deutendste bulgarische Schriftsteller Ivan Vazov (geboren 1850) nicht frei. 
Dieser Südbulgare verließ den Kaufmannsstand und ergänzte seine ein- 
heimische Schulbildung durch russische und französische Lektüre. Als 
Lyriker besang er noch die Leiden des bulgarischen Volkes, dann die 
folgenschweren weiteren Ereignisse, den serbisch-bulgarischen Krieg nicht 
ausgenommen, und holte sich auch schon Eindrücke aus Italien (1884). 
Wichtiger als zwei Bauernidjdlen, welche die Türkenzeit schildern, sind 
seine größeren und kleineren Prosaerzählungen, die das alte und neue 
Bulgarien als dankbaren Gegenstand behandeln. Die beste Leistung ist 
sein in viele Sprachen übersetzter Roman, „Unter dem Joche", in dem 
das bulgarische Leben am Vorabend des russisch-türkischen Krieges ver- 
ewigt ist. Vazov versuchte sich auch als Lustspieldichter, aber ohne be- 
sonderen Erfolg. 

Hinter diesem Meister des bulgarischen Verses bleibt K. Velickov in 
seinen „konstantinopolitanischen" und „italienischen" Sonetten zurück, über- 
trifft ihn aber an innerer Tiefe. Der Satiriker und Refiexionslyriker, 
dessen Tendenz die nationale Selbsterkenntnis ist, St. Mihajlovski, behandelt 
in dem Gedichte vom „Übel" den Sündenfall. Des volkstümlichen Epikers 
Penco Slavejkov „Blutiges Lied" ist die bedeutendste Leistung auf diesem 
Gebiet. Den Liebeslyriker K. Hristov hat Vazov selbst als „Stolz unserer 
Literatur" eingeführt. Dem ganzen Elend eines jungen Menschen unserer 
Zeit gibt P. Javorov Ausdruck. 



Schlußbemerkung. 243 

Eine Abschließung- von der Kulturwelt kann man der jüngsten sla- 
wischen Literatur nicht vorwerfen, eher ein zu schwaches Eindringen in 
die bulgarische Volksseele. In dieser Hinsicht ist jedoch ein Fortschritt 
zu verzeichnen, namentlich in den kleineren Erzählungen und Skizzen 
aus dem Volksleben (vgl. die Serben), die den jüngeren Belletristen, wie 
Veselin (d. i. T. Vlajkov), M. Georgiev, A. Strasimirov, O. Todorov, Elin- 
Pelin (d. i. D. Ivanov), G. Stamatov u. a. besonders gelingen. Der heitere 
Satiriker A. Konstantinov hat in dem Typus des „Baj Ganju" die bul- 
garischen Schwächen vereinigt. A. Strasimirovs Roman „Die Schreckens- 
zeit" schildert die Periode nach dem Sturze des Fürsten Alexander. 
Die schwächste Seite der Literatur bildet wie bei allen Slawen auch 
bei den Bulgaren das Drama. Ein ständiges Theater wurde in Sofia 
1907 eröffnet. 

Schlußbemerkung. So stehen am Anfange des 20. Jahrhunderts auch .M^i^^'Jschen 
alle Südslawen im Getriebe der allgemeinen europäischen Kultur und be- Literaturen, 
rechtigen zur Hoffnung, daß sie zur Vermehrung der Güter der Menschheit 
auch ihr Scherflein beitragen werden. Die Slowenen, deren Volksmassen 
kulturell am meisten entwickelt sind, die künstlerisch hochbegabten Kroaten 
und Serben und die fleißigen und arbeitsamen Bulgaren zeigen immer mehr 
Interesse und Verständnis für Kunst und Wissenschaft, und mit der steigenden 
Sicherheit ihrer nationalen Existenz werden auch die in ihnen schlummern- 
den Kräfte für höhere Aufgaben frei. Die Literatur wird sich natürlich 
auf den nationalen Grundlagen entwickeln müssen, sich aber von fremden 
Einflüssen nicht abschließen dürfen, wobei eine Einseitigkeit schon des- 
halb nicht zu befürchten ist, weil die Slowenen, Kroaten und Serben 
unter deutschem und italienischem, überhaupt romanischem Kultureinfluß 
stehen und noch immer viele Serben und Bulgaren ihre Bildung an ver- 
schiedenen Hochschulen Europas genießen. Zur Selbstkritik innerhalb der 
einzelnen Stämme wird auch eine unbefangene Wertschätzung und Kon- 
trolle der sprachlich so nah verwandten Nachbarn treten müssen. Nament- 
lich auf dem Gebiet der Wissenschaft sind die Südslawen viel mehr gegen- 
seitig auf sich angewiesen, als sie es wegen ihrer politischen und religiös- 
nationalen Eifersüchteleien fühlen. Das beste Beispiel bietet das dringende 
Bedürfnis eines kritischen Zentralorganes. Vor allem wird aber die Aus- 
breitung und Vertiefung der modernen Kultur die bestehenden Gegensätze 
zwischen Kroaten und Serben immer mehr ausgleichen, so daß einer 
Schriftsprache auch wirklich eine Literatur entsprechen wird. Der Unter- 
schied zwischen der cyrillischen und lateinischen Schrift, welch letztere 
einen starken Gewinn bei den Mohammedanern zu verzeichnen hat, wii"d 
auf den zwischen der „deutschen" und lateinischen herabsinken. Lehrreich 
ist auch der Einfluß, den Bosnien und Herzegowina in jüngster Zeit auf 
die Orthographie ausgeübt haben. Als die Länder, deren Sprache schon 
Jahrhunderte mustergültig war, der europäischen Kultur erschlossen wurden 

i6» 



244 



Matthias Murko: Die südslawischen Literaturen. 



(1878), brachten einsichtsvolle Männer auch die phonetischen Grundsätze 
Vuk Karadzics vollständig zur Geltung, so daß alle amtlichen Publikationen 
auch dem Buchstaben nach in beiden Schriften identisch sind. Diesem 
Beispiel folgten dann die kroatische und österreichische Regierung, so 
daß heute alle Kroaten und Serben eine phonetische Orthographie besitzen, 
die dem Ideale einer solchen bei den europäischen Völkern am nächsten 
kommt. Da die Kroaten und Serben mehr als acht Millionen zählen, so 
sind die Bedingungen für einen Aufschwung ihrer Literatur besonders 
günstig. Für ihr Verhältnis zu den Slowenen ist bezeichnend die Tat- 
sache, daß die slowenische „Matica" (literarische Gesellschaft) in Laibach 
seit 1906 ein Werk in serbisch -kroatischer Sprache und die kroatische in 
Agram ein solches in slowenischer Sprache herausgibt und daß volkstüm- 
liche Universitätsvorträge in Laibach von Professoren der Agramer Uni- 
versität gehalten werden (seit 1906/7). 



Literatur. 

Die südslawische Literaturgeschichte liegt noch im argen. Eine einheimische, modernen 
Anforderungen entsprechende Gesamtdarstellung irgend einer südslawischen Literatur, wie 
sie bei Nordslawen mehrfach vorhanden sind, gibt es nicht. Auch gute Monographien über 
einzelne Perioden und Schriftsteller sind nicht genügend vorhanden. Für die ältere Literatur 
kommen die Arbeiten der Russen, die ja die literarischen Erzeugnisse der Südslawen besser 
aufbewahrt haben als sie selbst, sehr stark in Betracht. 

Die erste ,, Geschichte der südslawischen Literatur" schrieb der böhmische Slawist 
P. J. §.\FAftfK. während seines Aufenthaltes unter den Serben in NeusaU (bis 1833). Dieses 
gründliche Werk ist leider erst nach seinem Tode erschienen (Prag, 1864), hat aber noch 
heute wegen der nach dem Inhalt geordneten bibliographischen Angaben seinen Wert nicht 
verloren. Paralleldarstellungen der bulgarischen, serbokroatischen und slowenischen Lite- 
ratur gab der Russe A. N. Pypin in seiner im Verein mit dem Polen W. D. SPASOWICZ 
herausgegebenen ,, Geschichte der slawischen Literaturen", L Band (Petersburg, 1879), die 
deutsche Übersetzung von Traugott PECH (Leipzig, 1880). Das Werk war für seine Zeit eine 
vortretfüche Leistung, besonders mit Rücksicht darauf, daß es mit den in Petersburg vor- 
handenen literarischen Hilfsmitteln geschrieben wurde ; am schwächsten ist der slowe- 
nische Teil. 

Die beste Übersicht der Einzelliteraturen geben zwei Schulbücher: Istorija srpske 
knjizevnosti von StOJAN NovakoviÖ (2. umgearbeitete Auflage, Belgrad, 187 1), der sein 
Werk zum Nachteil der serbokroatischen Literaturgeschichte im Stiche gelassen hat; 
Blgarska literatura von A. Teodorov (die i. Auflage, die wegen der Literaturangaben für 
wissenschaftliche Zwecke mehr zu empfehlen ist, Philippopel, 1896, die 2., abgekürzte und 
verbesserte, 1901). 

Eine fleißige, aber nicht immer verläßliche Sammlung biographischer und bibliogra- 
phischer Materialien bietet die vierbändige slowenische Literaturgeschichte von Dr. K.Glaser 
(Zgodovina slovenskega slovstva, Laibach, 1894 — 1898). Der biographisch -bibliographischen 
Methode folgt sehr auch die illustrierte kroatische und serbische Literaturgeschichte von 
Dr. DURO SuRMlN (Povjest knjizevnosti hrvatske i srpske. Agram, 1898). 

Eine Gesamtdarstellung der südslawischen Literaturen im Stile dieser Übersicht wird 
der Verfasser in der Sammlung ,,Die Literaturen des Ostens" (Leipzig, C. F. Amelangs Ver- 
lag) veröffentlichen. 

Bibliographische Werke : 
Franc Simoniö, Slovenska bibliografija, I. del: Knjige (1550 — 1900) (Laibach, 1903 — 1905). 
Ivan KukuljeviÖ Sakcinski, Bibliografia hrvatska. I (Agram, 1860). — Dodatak (Nach- 
trag), 1863. 
StOJAN NOVAKOV16, Srpska bibliografija za noviju knjiiSevnost 1741 — 1867 (Belgrad, 1869). 
Ergänzungen vom J. 1868^1884 (mit Unterbrechungen) im Glasnik der serbischen ge- 
lehrten Gesellschaft. 
A. Teodorov, Blgarski knigopis, I (1641 — 1877) im IX. Bande des Sbornik za narodni 
umotvorenija nauka i knizina des Ministeriums für Volksauf klärung (Sofia, 1893). Er- 
gänzungen im PeriodiCesko Spisanie. 



DIE NEUGRIECHISCHE LITERATUR. 

Von 
Albert Thumb. 



Einleitung. Die Literatur des heutigen griechischen Volkes steht 
unter einem Zwiespalt der sprachlichen Form, wie er sonst in Europa 
nirgends in gleicher Weise vorkommt. Zwei Sprachen, die innerlich, d. h. 
in ihrem lautlichen, flexivischen, syntaktischen und lexikalischen Gefüge 
durch eine Kluft von fast zwei Jahrtausenden voneinander getrennt sind, 
bilden geradezu zwei Literaturen, die etwa dem Nebeneinander der Sans- 
krit- und Prakritliteratur, des mittelalterlichen Latein und der romanischen 
Volkssprachen zu vergleichen sind. Die beiden Kreise schneiden sich 
wohl da und dort, wie auch die beiden Sprachformen auf der mittleren 
Linie Kompromisse schließen — aber der Inhalt der beiden literarischen 
Strömungen zeigt doch grundsätzliche Verschiedenheiten, deren Ursachen 
nicht andere sind als diejenigen, welche die „Diglossie" der heutigen 
Griechen bedingen. Seit jener geistigen Bewegung der ausgehenden An- 
tike, die man mit dem Schlagwort des Attizismus bezeichnet, und der 
eine allgemeine starke Neigung zu jeglicher Art des Archaisierens zu- 
grunde liegt, seit den Tagen einer sinkenden Kultur, wo Redekünstler 
die mangelnde Originalität durch äußerliches Nachahmen der klassischen 
Form zu ersetzen suchten, hat das griechische Schrifttum den Anschluß 
an die Sprache des Lebens verloren. Die neue Entwicklung, die* mit 
Polybios einsetzte, wurde unterbrochen; noch verhängTiisvoUer war aber 
für die Folgezeit, daß auch das Christentum, das in der Bibel und in 
seinen frühesten Schriftwerken sich über die Regeln der literarischen 
Sprache hinweggesetzt hatte, mit seiner inneren Hellenisierung auch die 
äußere Form änderte und ganz in die Bahnen des herrschenden profanen 
Schrifttums einlenkte. So sind die Erzeugnisse der Vulgärsprache bis in 
die jüngste Zeit immer nur sprunghaft auftretende Erscheinungen, während 
die Hauptmasse der Literaturprodukte in ununterbrochenem Zusammenhang 
aus der Werkstätte einer abgestorbenen Sprache hervorgeht, in der nur 
ab und zu, widerwillig und oft unbewußt, Elemente der lebenden Sprache 
verwendet werden: so entstand eine Sprache, die weder alt- noch neu- 



I. Die ältere gelehrte Literatur und die Wissenschaft. Zi^."] 

griechisch ist, die vollends unter den Händen ungebildeter und geschmack- 
loser Skribenten zu einem makkaronistischen Gemengsei alter und neuer 
Wörter und Fonnen wird — eine Sprache von Epigonen ohne Originalität 
und Geschmack. 

I. Die ältere sfelehrte Literatur und die Wissenschaft. In Die Herrschsaft 

ö der archaisie- 

der griechischen Literatur spielt quantitativ die archaisierende Schrift- rcnden Sprache. 
spräche, die sogenannte Kaöapeucuca (die „Reinsprache"), eine so vor- 
herrschende Rolle, daß der Literarhistoriker die in ihr geschriebenen 
Werke nicht ignorieren darf, selbst wenn er nur den Regungen der 
Volkssprache den echten Titel „neugriechisch" zuerkennt. In der Prosa 
stehen die Richtungen am schroffsten einander gegenüber. Von der Un- 
geheuerlichkeit, dem Volk das Altgriechische wieder aufzwingen zu wollen, 
ist man allerdings abgekommen , aber die Sprache, welche heute in ge- 
lehrten Werken, in Zeitungen, Gesetzen, Verordnungen usw. angewendet 
wird, ist gerade noch altertümlich genug. Je weiter wir zum Mittelalter 
hinaufsteigen, um so mehr tritt die Volkssprache hinter den Erzeugnissen 
der überkommenen Sprache zurück. Von welchem Zeitpunkt an soll man 
überhaupt von einer neugriechischen Literatur sprechen? Wie ein fein- 
sinniger griechischer Schriftsteller einmal bemerkt hat, beginnt für die 
heutigen Griechen die Neuzeit erst mit ihrem Freiheitskampf — und daß sie 
den Übergang zur neuen Zeit noch nicht völlig gefunden haben, das ergibt 
sich aus der Tatsache, daß man noch um eine moderne Literatursprache 
kämpft; die Griechen haben jene Umwälzung noch nicht vollzogen, die am 
Ausgang des Mittelalters den lateinischen Völkern mit der lingua volgaris 
das Bewußtsein des eigenen Volkstums brachte. Die Ereignisse, welche 
für Westeuropa das Anbrechen einer neuen Zeit bedeuten, sind für die 
geistige Entwicklung des Ostens ohne positive Wirkung gewesen. Das 
Jahr 1453 brachte eine schwere Zeit der Knechtschaft, die jede weitere 
und neue Entwicklung hemmte, den Sinn für die höheren Güter des Lebens 
unterdrückte. Wo sich geistiges Leben auch fernerhin zeigt, wandelt es 
weiter in den Bahnen der Byzantiner. Männer wie Laskaris oder Bessarion, 
welche nach dem Fall Konstantinopels griechische Wissenschaft und Lite- 
ratur nach dem Westen brachten, sind natürlich echte Byzantiner, aber 
auch die folgende Zeit bedeutet keine Änderung: das beweisen die ge- 
lehrten Griechen, die im 16. Jahrhundert mit dem Tübinger Professor 
Martin Crusius im Briefwechsel standen, das zeigt die Schriftstellerei des 
in Chios geborenen, im Westen aufgewachsenen Leo AUatios, der neben 
einer vielseitigen gelehrten Tätigkeit auch als panegyrischer Dichter im 
alten Stil hervortrat (Gedichte auf Papst Urban VIII., die Königin Christine 
von Schweden). Der geistige und materielle Aufschwimg des 18. Jahr- 
hunderts, der die Griechen wieder aus der dumpfen Resignation der 
Knechtschaft herausriß, erzeugte keine geistige Revolution, sondern nur 
die Wiederbelebung alter Tradition: dem Volke die geistigen Güter der 



i8. und iQ.Jahi 



2a8 Albert Thumb: Die neugriechische Literatur. 

entschwundenen Zeit wieder zugänglich zu machen und es dadurch auf 
ein höheres Niveau der Bildung zu heben, war die Aufgabe der Männer, 
welche durch Gründung und Leitung nationaler Schulen sich die größten 
Verdienste um ihr Volk erworben haben. Die Phanarioten, welche im 
Dienste der Pforte Einfluß und Reichtum gewannen, die Kauf laute von 
Chios, Hydra und Spetsa und anderen Inseln, die durch ihren regen 
geschäftlichen Sinn den Handel des Mittelmeeres an sich zogen, verwen- 
deten ihre Reichtümer, um Schule und Wissenschaft zu fördern; an die 
alte Patriarchenschule zu Konstantinopel schlössen sich seit Ende des 
17. Jahrhunderts Neugründungen an, von denen einige (Chios, Patmos, 
Dimitsana im Peloponnes) als höhere Bildungsstätten in der griechischen 
Welt großes Ansehen gewannen. Neue Bahnen wurden freilich weder 
der Literatur noch der Wissenschaft eröffnet; die byzantinische Gelehr- 
samkeit wirkte weiter und schuf eine Form der Bildung, welche der Masse 
des Volkes fremd bleiben mußte. Der Augenblick wurde wieder einmal 
versäumt, wo durch eine gründliche Reform dem Schrifttum neues Leben 
eingehaucht werden konnte, und der esoterische Charakter der Bildung 
verhinderte bis zum heutigen Tage, daß die Schule Trägerin einer natio- 
nalen und lebendigen Sprache wurde. 

Der Dichter, den man aus dem 18. Jahrhundert nennen muß, Kon- 
stantin Dapontes {1707 — 178g), zeigt zwar keine Abneigung gegen die 
Volkssprache und verwendet sie sogar, seltsam gemischt mit altgriechischen 
Formen, in seinen moralisierenden und panegyrischen Dichtungen („Frauen- 
spiegel", Xpr)CTor|9eia u. a.); aber er ist doch mit dem Besten seiner Kunst, 
den Kirchenliedern (besonders Hymnen auf die Mutter Gottes) nur ein 
Nachfahr der byzantinischen Kirchenpoesie. 

1 In der Wissenschaft nehmen theologische Fragen immer noch einen 

großen Raum ein; im übrigen herrscht die Neigung zu polyhistorischer 
Umfassung weiter Wissensgebiete; daraus ergab sich eine oft erstaunliche 
Produktivität, aber keine Originalität. Es ist byzantinischer Geist, nur 
daß jetzt nicht mehr das Wissen des Altertums, sondern das des fort- 
geschrittenen Westens bearbeitet wird. Eugenios Bulgaris (17 16 — 1806) 
ist ein hochbegabter und universal gebildeter Vertreter dieser Schrift- 
stellerei; Theologie und Philosophie sind die Mittelpunkte seiner Tätig- 
keit. Ein anderer, Konstantin Oikonomos (1780 — 1857), ein gefeierter 
Theologe, Lehrer und Kanzelredner, der schon in die Zeit des neuerstan- 
denen Hellas hinüberreicht, ist ein griechischer Humanist, dem das Alt- 
griechische näher stand als die Frage, wie Wissenschaft und Bildung den 
wirklichen Bedürfnissen des Volkes anzupassen seien. 

Bis zum heutigen Tag beruht die Wissenschaft der Griechen auf un- 
selbständiger Nachahmung der „Franken"; große Entdeckungen hat sie 
nicht aufzuweisen — ja sie bedeutet nicht einmal eine Summe hervor_ 
ragender Kleinarbeit, welche Europa unbedingt nötigte, von ihr besonders 
Kenntnis zu nehmen. Nicht einmal in der archäologischen Erforschung 



n. Die Vollissprache und die Volkspoesie. 24g 

des eigenen Landes und im Studium der byzantinischen Philolog-ie haben 
die Griechen die Führung, wenngleich sie hier einige tüchtige Kräfte be- 
sitzen; Altertum und Byzanz sind Schlagwörter, an denen man sich wohl 
oft begeistert, die aber bis jetzt keinen originellen Inhalt zu erzeugen 
vermochten. Doch gibt es eine glänzende Ausnahme: Georg Hatzidakis 
hat die wissenschaftliche Erforschung des Neugriechischen und seiner Dia- 
lekte begründet — aber er ist so gut wie ohne Schüler und findet nur 
im Ausland Interesse für seine Tätigkeit, weil die Masse seiner Lands- 
leute die Volkssprache viel zu sehr verachtet, als daß man sie ernsthafter 
Studien würdigte. 

Doch es ist hier nicht der Ort, die Entwicklung der griechischen 
Wissenschaft weiter zu verfolgen. Sofern es sich aber um die literarische 
Form handelt, müssen wenigstens zwei Geschichtswerke genannt werden, 
Spyridon Trikupis' Geschichte des griechischen Aufstandes (1853) und 
K. Paparrigopulos' Geschichte des griechischen Volkes (2. Aufl., 1886 
bis 1887), deren mittelalterlicher und neuzeitlicher Teil auch als das Er- 
gebnis eigener Forschung wertvoll ist. 

Die Einheitlichkeit der griechischen Kunstprosa seit den Anfängen Das Künstliche 

*^ ^ . (-, ^^^ Schnft- 

von Byzanz bis heute hat gewiß etwas Imponierendes; daß eine Sprach- spräche. 
form über einen Zeitraum von nahezu zwei Jahrtausenden die Literatur 
beherrscht und in ihre Fesseln zwingt, ist in Europa einzig. Man darf 
sich freilich «icht darüber täuschen, daß doch nur die Äußerlichkeiten 
der Sprache, meist nur die flexivische Form und die Wortwahl, alt ge- 
blieben sind. Wer aber nicht Altgriechisch gelernt hat, versteht diese 
Sprache nicht; kein Wunder, daß ein lebendiges Sprachgefühl ihr gegen- 
über nicht besteht. Wie das Mönchslatein mischt sie die Formen, Wörter 
und Konstruktionen verschiedener Zeiten. Im Prinzip ist die Kaöapeücuca 
natürlich durchaus puristisch und sucht Lehnwörter oder vulgäre Wörter 
des täglichen Lebens durch antikisierende Neubildungen zu ersetzen, wo 
immer es möglich ist; eine immense Arbeit wurde auf diese scheinbare 
„Verbesserung" der Sprache verwendet. Und doch, wie illusorisch ein 
solcher Purismus ist, zeigt gerade diese Schriftsprache in der viel tiefer 
ins Sprachleben eingreifenden Gestaltung des Ausdrucks, wo fremde Idio- 
tismen, besonders Gallizismen, nicht selten sind. Dieser Fehler wird be- 
sonders durch die Zeitungen und die zahlreichen, oft nachlässig gemachten 
Übersetzungen französischer Romane begünstigt, wie denn auch die ein- 
heimische Romanproduktion, die das Lesebedürfnis der Halbgebildeten zu 
befriedigen hat, meist den Stempel nachgemachter ausländischer Ware 
trägt. 

II. Die Volkssprache und die Volkspoesie. Während die Schrift- Die voiks- 

* spräche. 

spräche in toten Formen weiter überliefert wurde, folgte die lebende 
Sprache dem Gesetz einer stetigen Entwicklung; die Keime der neu- 
griechischen Volkssprache finden sich bereits in der sogenannten Koine, 



250 



Albert Thumb: Die neugriechische Literatu 



der gesprochenen Sprache des hellenistischen Zeitalters; aus dieser Sprach- 
form, die im wesentlichen auf attischer Grundlage ruht, erwuchsen — mit 
Ausnahme des tsakonischen Dialekts — alle neugriechischen Dialekte, 
auch die eigenartigen und altertümlichen Mundarten vom Pontes, von 
Kappadokien und Cypern. Die Differenzierung der Dialekte hat jeden- 
falls schon im Laufe des ersten christlichen Jahrtausends begonnen; die 
Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit derselben wird von den Anhängern 
der Schriftsprache als Beweis dafür angeführt, daß es keine einheitliche, 
für die Literatur verwendbare Volkssprache gebe. Aber die Gesamtheit 
der Dialekte stellt eine Sprachform dar, die in ihrem Charakter moderner 
ist als die Schriftsprache; außerdem gibt es eine „Durchschnittssprache", 
die überall verstanden und auch literarisch verwendet wird: im Volks- 
lied und in der Kunstpoesie. 

Die volkstümliche Prosa, zu der schon im Mittelalter auf Cypern ein 
beachtenswerter Anlauf genommen worden war, hat erst in der aller- 
jüngsten Zeit eine gewisse Bedeutung gewonnen: denn die Chroniken und 
Volksbücher (z. B. über Alexander den Großen oder die Schwanke des 
Bertoldos u. dgl.) sind von geringem literarischen Wert — ganz abgesehen 
davon, daß sie in ihrem makkaronistischen Griechisch nur sehr unvoll- 
kommene Vertreter der Volkssprache sind. Diese fand ihren echtesten 
Ausdruck in der Volkspoesie, deren reicher Schatz das kostbarste Er- 
zeugnis neugriechischen Geisteslebens ist; sie steht auf einem hohen dich- 
terischen Niveau und enthält nicht wenige Perlen. Der Liederschatz des 
Volkes ist nicht erst das Produkt der jüngsten Zeit; doch nur selten ist 
es uns möglich, das Alter einzelner Stücke zu bestimmen — schon des- 
halb nicht, weil die schöpferische Phantasie des Volkes die Texte be- 
ständig um- und weiterdichtet. Aber daß in der Tiefe des Volkslebens, 
abseits von der offiziellen Literatur, sogar Motive des klassischen Alter- 
tums fortgepflanzt wurden, das sehen wir bei einem neugriechischen Tanz- 
lied, dem sogenannten „Schwalb enlied": das ihm zugrunde liegende Motiv 
findet sich schon in einem bei Athenäus überlieferten Lied, das einst die 
Kinder bei der Ankunft des Frühling-s auf Rhodos sangen. Ein ziemlich 
hohes Alter der erotischen Lyrik ergibt sich ferner aus dem inhaltlichen 
und formalen Zusammenhang, der zwischen „rhodischen" Liebesliedern des 
14. Jahrhunderts und verschiedenen neugriechischen Volksliedern besteht. 
Andererseits ist aber das byzantinische Nationalepos von Digenis Akritas, 
dem Grenzfürsten, der das Christentum im Osten des Reiches gegen die 
Sarazenen verteidigte, in Trümmer zerschlagen, von denen nur noch einige 
Stücke im Osten des griechischen Sprachgebietes zu finden sind. Das 
historische Bewußtsein des Volkes ist überhaupt jung. Einen tiefen und 
erschütternden Eindruck machte der Fall von Konstantinopel, so daß er 
nicht nur unmittelbar eine Reihe von Klageliedern (epnvoi) hervorrief, 
sondern auch mit einem Kranz von Legenden umsponnen wurde, die das 
Volkslied weiter erzählte. Die Mehrzahl der historischen Volkslieder be- 



II. Die Volkssprache und die Volkspoesie. 251 

schäftigt sich jedoch mit einer viel jüngeren Zeit: sie besingen die Kleften, 
jene tollkühnen und todesmutigen Freischärler, die in den Zeiten der elen- 
desten Knechtschaft in den Bergen die Freiheit suchten und mit den 
Türken in unaufhörlichem Kampfe lagen. In diesen Liedern lebt noch 
die epische Begabung, welche einst die Heldengesänge von Achill und 
Aias geschaffen hat. 

Nicht nur historische Stoife, sondern auch freie Schöpfungen der Lied vom toten 
Phantasie werden im Volkslied dichterisch gestaltet. Von allgemeiner 
literarischer Bedeutung ist das düstere Lied vom toten Bruder, das durch 
Bürgers „Lenorenritt" auch unserer Literatur angehört; im griechischen 
Volkslied dürfen wir, wie neuere Forschungen gezeigt haben, die Urform 
des Motivs sehen. Seine Wurzel ist der unheimliche Vampyrglaube, 
die Vorstellung, daß ein von Sünden oder irgendeinem Fluch geplagter 
Mensch im Grabe nicht Ruhe finde, sondern nächtlichenveile auf der Erde 
umherwandeln müsse, um die Menschen und gerade seine Angehörigen 
zu schrecken. 

Leidenschaft, wilder Schmerz und rührende Klage finden ihren eigen- Miroiogien und 

Charos - Lieder. 

artigen Ausdruck in den Mirologien oder Klageliedern, die von den 
Frauen an der Bahre eines teuren Toten gesungen werden. Diese Miro- 
logien bewegen sich nicht immer in festen Formen; sie sind oft nur ge- 
hobene Prosa, wie sie persönliches Erleben eingibt, bald episch das Schicksal 
des Verstorbenen erzählend, bald traute Zwiesprach mit dem Toten hal- 
tend oder dem Gefühl des Schmerzes Ausdruck verleihend. Solche Dich- 
tung des Augenblicks läßt sich nicht leicht wiedergeben; einige Lieder 
von fester Form dienen den klagenden Frauen als Ausgangspunkt ihrer 
Improvisationen. Die schönsten Vertreter der Gattung zeichnen sich durch 
dramatische Kraft und pointierte Kürze aus und verraten eine lebhafte 
Phantasie, die Gemälde von ergreifender Anschaulichkeit zu schaffen weiß. 
Diese Züge steigern sich vielleicht zu höchster Wirkung in der Gruppe 
von Liedern, die sich mit Charos, dem Todesgotte, beschäftigen; Name 
und Vorstellung sind mit dem alten Charon, dem Fährmann des Hades, 
identisch. Der Tod wird nicht etwa als Skelett dargestellt, sondern als 
ein kräftiger Mann, der auf schwarzem Rosse auszieht, um seine Opfer 
zu suchen, für die er nur grausamen Hohn übrig hat. Wie der kraft- 
und jugendstrotzende Mensch mit dem Tode ringt, wird als Allegorie in 
mehreren Variationen dargestellt („Charos und der Hirte", „Charos und 
das Mädchen"). Eines der Charoslieder ist durch Goethes Übersetzung 
berühmt geworden: es beschreibt den Zug des Todes und vereinigt er- 
habene Naturschilderung mit feinem Sinn für allegorische Darstellung. 

Das Lied begleitet den Griechen von der Wiege bis zur Bahre, im Liebespoesie. 
Liede singen Jüngling und Jungfrau von der Liebe Lust und Leid, Hoch- 
zeitslieder begleiten das junge Paar in das eheliche Heim; der Schmerz 
der Trennung, das Leben in der Fremde und deren Verlockungen werden 
verschiedentlich behandelt. Das Düstere und Unheimliche, Schilderung 



2C2 Albert Thumb: Die neugriechische Literatur. 

von Kampf und Tod sind nicht etwa der einzige Grundzug der Volks- 
poesie. Selbst der Klefte ist empfänglich für die Freuden des Daseins: 
ein epirotisches Lied schildert uns die Kleften, wie sie freudig den Früh- 
ling erwarten, um den auf die Berge ziehenden Hirtenmädchen Küsse zu 
rauben. Hierbei ist das erotische Element nur angedeutet; aber die Zahl 
der Lieder, welche die Liebe zum Inhalt haben, ist fast unerschöpflich; 
dichterische Begabung, lebhaftes Empfinden und Phantasie, Scherz und 
Ernst, Witz und Pointe äußern sich in den mannigfachsten und anmutigsten 
Formen. Die Gemütstiefe des deutschen Liedes findet sich nur selten; 
das rein sinnliche Moment tritt in den Vordergrund, jedoch ohne die las- 
zive Ausdrucksweise der südslawischen Erotik; und es ist seltsam, wie 
neben dem einfachen Ausdruck natürlichen Empfindens sich oft ein Re- 
flektieren, eine Selbstironie zeigt, die an die Lyrik Heines erinnert. Man 
beobachtet die Eigenart der Volksdichtung auf kleinstem Raum in den 
zahlreichen Zweizeilen (Disticha), die mit unseren Schnadahüpfeln ver- 
glichen worden sind; in wenigen Worten, meist in anschaulichen Gleich- 
nissen, die gern der umgebenden Natur entnommen werden, geben sie 
kleine Momentbildchen, die durch die Kühnheit des Gedankens (Beseelung 
der Natur) und treffende Charakteristik überraschen: allgemeine Sentenzen 
wechseln mit Liedchen, die das einzelne Erlebnis schildern; die ganze 
Skala der Empfindungen, besonders der schmerzlichen, alle Variationen 
des vielseitigen Themas werden berührt. Von den Sprüchwörtern ab- 
gesehen (deren Zahl ungeheuer ist) sind diese Zweizeilen vielleicht am 
besten geeignet, einen Einblick in die griechische Volksseele zu geben. 

IIL Die schöne Literatur bis zur Begründung des griechischen 
Staates. Die neugriechische Volkspoesie ist des Interesses würdig, das 
ihr Goethe einst geschenkt hat; die Weltliteratur darf an diesen Erzeug- 
nissen menschlichen Geistes nicht vorübergehen. An diese nationale 
Poesie und Sprache muß sich daher die Kunstliteratur anlehnen, und in 
ihren schönsten Blüten tut sie es auch. Freilich entwickelte sich die neu- 
griechische Poesie an fremden Mustern — aber diese wirkten nur dann 
fördernd, wenn sie sich mit dem Geist vermählten, den das Volkslied 
atmet. Das gilt von den Dichtungen, welche im Laufe des i6. und 
17. Jahrhunderts in Kreta entstanden und für die Insel das Aufblühen 
einer neuen Literatur ankündeten. 
Literatur Kretas An der Spltze Steht eine dramatisierte Geschichte vom Opfer 

17. Jahrhundert. Abrahams (16. Jahrhundert), die zwar die Bearbeitung eines italienischen 
Mysterienspiels zu sein scheint, aber durch die der Volkspoesie ent- 
nommenen Motive und besonders durch die psychologische Behandlung 
der Mutterliebe durchaus als ein Erzeugnis griechischer Literatur zu be- 
trachten ist. Viel stärker tritt das italienische Element in zwei andern 
Werken hervor. Schon der Name des einen der beiden Dichter, 
Vitzentios Kornaros, verrät das Milieu, in welchem diese Literatur 



in. Die schöne Literatur bis zur Begründung des griechischen Staates. 253 

gedieh: außer den Jonischen Inseln hat itahenische Kultur nirgends so 
tiefe Wurzeln geschlagen wie auf Kreta. Wie sehr aber auf dieser Insel 
doch das griechische Element den Grundton der dortigen Kultur angibt, 
erhellt wiederum aus der Tatsache, daß eine venezianische Familie einen 
griechischen Dichter hervorgebracht hat. V. Komaros (Cornaro), der 
wahrscheinlich zu Beginn des 16. Jahrhunderts lebte, gehörte der be- 
rühmten Dogenfamilie an, der auch Tasso entstammte. Sein Epos „Eroto- 
kritos" (fünf Gesänge in etwa 10 000 gereimten Versen), ein Ritterroman, 
der die romantische Liebe und die Abenteuer des Helden erzählt, ist eine 
naive Mischung von abendländischem Rittertum, neugriechischer Volksart 
und antikem mythologischem Beiwerk; als Ganzes künstlerischen An- 
forderungen nicht genügend, zeigt es doch dramatische und lyrische 
Schönheiten im einzelnen. Mag auch der Dichter durch italienische Vor- 
bilder geleitet sein, so fehlt es ihm doch nicht an Originalität; das beweist 
er schon durch seine Beherrschung der Sprache; der Dichter hat durch 
die Verwendung des kretischen Dialekts ein Vorbild geschaffen, wie die 
Volkssprache literarisch zu gestalten sei. Das Epos ist ein beliebtes 
Volksbuch geworden, von dem einzelne Episoden in entlegenen Dörfern 
sogar wie Volkslieder behandelt werden. 

Ein gleicher Ruhm ist einem andern kretischen Dichter, dem Georgios 
Chortakis (um 1600), nicht zuteil geworden; seine Tragödie „Erophile" ist 
ein mord- und greuelreiches Schauerdrama, dessen nächstes Vorbild in einem 
seinerzeit berühmten Drama des i6. Jahrhunderts, der Orbecche des 
Giraldi, zu suchen ist. Auch in der Technik, so z. B. in den lyrischen 
Intermezzi (ivTep^ebia) verrät der Dichter italienischen Einfluß, zeigt aber 
doch gerade in dem stark hervortretenden lyrischen Element die Eigenart 
seines Volkes. 

Von Kreta aus hätte ein Aufschwung der neugriechischen Literatur, 
vor allem die Schöpfung einer modernen Literatursprache erfolgen können, 
wenn nicht die schöpferischen und poetischen Kräfte, die sich dort zu 
entfalten begannen, durch die türkische Eroberung (1669) in ihrer Ent- 
wicklung jäh gehemmt worden wären. Die neue Literatur, welche etwa Literatur 
um 1800 einsetzt, knüpfte nicht an Kreta an; sie stand entweder unter 
dem Einfluß des Klassizismus (besonders des sprachlichen) und des Aus- 
landes, oder sie lehnte sich unmittelbar an die Volkspoesie an. Eine 
scharfe Scheidung dieser Elemente ist übrigens gerade bei den beiden 
ältesten Dichtem, die wir nennen müssen, kaum vorzunehmen. So ist der 
Thessalier Rigas (als Vorkämpfer der griechischen Freiheit 1798 von den 
Türken hingerichtet) mit seinen patriotischen Liedern in Sprache und In- 
halt stark durch die Antike beeinflußt, aber im Gefühl ein Vertreter seines 
Volkes; Athanasios Christopulos aus Kastoria in Mazedonien (1770 — 
1847) verdient zwar wegen seiner gewandten und anmutigen Handhabung 
der Volkssprache erwähnt zu werden; aber seine leicht tändelnden Lied- 
chen in der Art unserer Anakreontiker sind ohne Tiefe des Gefühls oder 



2=4 Albert Thumb: Die neugriechische Literatur. 

der Gedanken. Ernsteren Inhalts und in der Form an das heimische 
Volkshed und die heimische Mundart sich anschließend sind die lyrischen 
Gedichte, Fabeln und Satiren des Epiroten Joannis Vilaras (177 1 — 1823); 
indem Vilaras die Volkssprache auch in der Prosa verwendete, ging er 
seinen Landsleuten mit gutem Beispiel voran — freilich ohne damit 
sonderlichen Eindruck zu machen. Denn die Sprachfrage hatte schon die 
Richtung genoinmen, welche der Literatur des 19. Jahrhunderts den 
Stempel aufdrücken sollte. Man war bereits eifrig dabei, die Sprache zu 
„reinigen"; darunter verstand man nicht nur die Beseitigung italienischer 
und türkischer Lehnwörter, sondern auch die Verbannung echt griechischer, 
aber „vulgärer" Wörter, und man schreckte selbst vor dem äußersten 
nicht zurück, wenn es galt, allgemein gebrauchte aber „häßliche" (xubaToc) 
Wörter durch solche von antiker Form zu ersetzen. Diese schulmeister- 
liche Tätigkeit wurde von Jakobos Rizos Nerulos in einem Lustspiel 
KopaKicTiKd (18 13) köstlich verspottet: es werden uns zwei alte Pedanten 
vorgeführt, welche mit ihrer Jagd nach altgriechischen Ausdrücken der 
Schrecken ihrer Umgebung sind; der junge Mann aber, der die Tochter 
des einen dieser Sonderlinge liebt, weiß die Schwäche der beiden Alten 
auszunützen, um zum Ziele zu kommen — ganz wie es sich in einem 
Lustspiel geziemt. 

Der Mann, auf den mit dem Titel KopaKicTiKÖ (eigentlich zu KÖpaKac 
„Rabe") angespielt wird, ist der ausgezeichnete Philologe Adamantios 
Korais aus Chios (1748 — 1803), einer der glühendsten Patrioten, ein Er- 
zieher seines Volkes, das er durch Bildung für die Freiheit reif zu machen 
bestrebt war. An den Übertreibungen jener Eiferer, die, wie z. B. Dukas, 
für eine nahezu altgriechische vSprachform eintraten, ist er unschuldig: 
Korais vertritt den cu|aßißac|aöc, den Kompromiß zwischen Volks- und 
Schriftsprache, und hat über Wesen und Aufgabe einer Literatursprache 
gesündere Anschauungen als die Mehrzahl der Puristen, welche die Prin- 
zipien jenes Mannes zu vertreten glauben. Aber wie dem auch sei, 
Korais ist der Vater des herrschenden Systems. Als der griechische 
Freiheitskampf zu einem freien griechischen Staate geführt hatte, sah 
sich die Nation vor die Aufgabe gestellt, in europäischer Weise alle ihre 
öffentlichen Angelegenheiten zu regeln — und dazu gehörte auch die 
Entscheidung über die sprachliche Form, in der die Äußerungen des 
öffentlichen Lebens zum Ausdruck kommen sollten. Zwischen Korais und 
Vilaras entschied man sich für jenen, ja man ging noch über ihn hinaus. 
Für die Prosa blieb die Volkssprache ausgeschlossen, und es ist z. B. sehr 
zu bedauern, daß der frische Zug, welcher durch Perrävos' Geschichte 
von Suli und Parga (1815) geht, nicht auch die Wahl der Sprache beein- 
flußte. Die Memoiren, welche der Freiheitskämpfer Theodor Kolokotronis 
Sieg der in der Volkssprache verfaßte (1851), haben nicht den Wert eines Litcratur- 
"äXprTJhe" Werkes, 
j'iofer'^vaw. Wenn sich die Griechen zu Beginn ihrer „Neuzeit" anders entschieden 



Sprachreforn 



rV. Die Literatur unter der Herrschaft der Schriftsprache. 2 "i S 

haben als die übrigen Völker Europas, bei denen nationale Sprache und 
nationale Literatur zusammen erwuchsen, so haben hierbei nicht rein lite- 
rarische Motive den Ausschlag- gegeben. So mag zunächst darauf hin- 
gewiesen werden, daß den national empfindenden Griechen die Volks- 
sprache „verekelt" wurde durch die Art und Weise, wie die Jesuiten bei 
ihrer Propaganda davon Gebrauch machten. Viel wichtiger ist aber ein 
anderes Moment. Der europäische Philhellenismus, der aus der Be- 
geisterung für das klassische Altertum erwachsen ist, hatte eigentlich den 
Freiheitskampf der Griechen zu einem glücklichen Ende geführt, und 
man begreift den Wunsch der Griechen, durch eine dem Altgriechischen 
nahestehende Schriftsprache aller Welt und besonders den philhellenischen 
Kreisen zu zeigen, daß sie die natürlichen Erben der alten Hellenen 
seien. Denn J. Ph. Fallmerayer hatte 182g den Satz ausgesprochen, daß 
es überhaupt keine Griechen mehr gebe, daß die alte Bevölkerung von 
Hellas durch die Slawenflut hinweggeschwemmt worden sei. Europa 
hatte die Griechen unterstützt, weil es sich für die Nachkommen der alten 
Marathonkämpfer zu erwärmen glaubte — und nun sollte das nur eine 
Illusion gewesen sein. Kein Wunder, daß sich die Grriechen um die 
schlimmen politischen Folgen bangten, welche die Enttäuschung Europas 
für den jungen Staat haben konnte. Wenn jedoch die Griechen nur ihre 
Schriftsprache als Legitimation ihrer Herkunft hätten, dann wäre es um 
diese schlimm bestellt. Wenn irgend etwas, dann beweist die griechische 
Volkssprache, das neugriechische Volkstum den innem Zusammenhang 
alter und neuer Nationalität, und heute herrscht unter den Kundigen kein 
Zweifel, daß Fallmerayers Hypothese verfehlt ist. Die heutigen Griechen 
dürfen mit vollem Recht die Nachkommen der alten genannt werden, 
wenngleich sie durch Mischung fremdes Blut in sich aufgenommen haben 
— wie jedes andere Volk Europas. Die Aufregung der Griechen über 
Fallmerayer ist verständlich, aber zu bedauern ist, daß sie den Wahn be- 
festigen half, der die literarische Entwicklung des Volkes hemmte und 
schädigte. 

IV. Die Literatur unter der Herrschaft der Schriftsprache. 
Die im Jahre 1837 eröifnete Universität Athen ist von Anfang an der 
Mittel- und Stützpunkt der gelehrten Sprache und Literatur gewesen und 
bis zum heutigen Tage geblieben. Als Professor gehörte ihr eine Zeitlang 
Alexander Rangavis (Rangabe, 1810 — 1892) an, der „bewußteste und 
ausgeprägteste Verfechter des Klassizismus". Mit Deutschland verknüpft 
ihn seine Jugend und sein Alter; in München als Kadett erzogen, be- 
kleidete er in -der letzten Periode seines Lebens lange Jahre den Posten 
des griechischen Gesandten am Berliner Hof. Er ist ein ebenso viel- 
seitiger wie feingebildeter Geist. Zum Offizier bestimmt, als Diplomat im 
Staatsdienst verwendet, widmete er sich außerdem philologischen und 
archäologischen Studien und bereicherte die Literatur seines Volkes nicht 



256 Albert Thumb: Die neugriechische Literatur. 

nur mit Übersetzungen fremder Meisterwerke, sondern auch mit eigenen 
Dichtungen, Dramen („Die dreißig Tyrannen", „Phrosyni", „Hochzeit des 
Kutrulis"), Romanen („Fürst von Morea" — übrigens ein guter Vertreter 
des historischen Romans), epischen und lyrischen Gedichten. Aber da 
Rangavis ganz im Bann einer exklusiven Sprachform stand und in erster 
Linie ein Gelehrter war, so ist er trotz seiner poetischen Fähigkeiten 
kein nationaler Dichter geworden. Nur in wenigen Gedichten hat er 
Sprache und Inhalt des Volksliedes mit der geläuterten Form der Kunst- 
dichtung verschmolzen, hat aber — man muß sagen leider — diese Rich- 
tung nicht weiter verfolgt. 

Die pedantische und unnatürliche Sprachform rächte sich am bittersten 
im Drama. Auch den heutigen Griechen ist dramatische Begabung nicht 
abzusprechen: pointierte Rede und Gegenrede findet sich häufig im 
Volksliede (s. oben). Aber eine Büchersprache kann nur ein Buchdrama 
hervorbringen, das zwar sehr schöne pathetische Reden enthalten mag, 
aber der Seele, des Lebens ermangelt. Und solche Werke bleiben Buch- 
dramen auch dann, wenn sie alle sonstigen Vorzüge dramatischer Rich- 
tung besäßen. Weder Rangavis (der Vater und der Sohn) noch Dimitrios 
Vernardakis („Maria Doxapatri", „Merope" und besonders „Fausta") haben 
ein nationales Drama geschaffen, so packend bisweilen ihre Stoffe sind. 
Die Zahl der Dramen ist zwar verblüffend groß — eine Preiskonkurrenz 
ruft jährlich mindestens ein Dutzend hervor, aber ihre Menge steht in um- 
gekehrtem Verhältnis zu ihrem Wert. 

Zu dem steifen Prunk der Tragödien eines Rangavis stehen einige 
Lustspiele in erfrischendem Gegensatz: hier darf sich die Natur eher 
hervorwagen. Die „Korakistika" des Rizos Nerulos wurden schon er- 
wähnt (N. ist auch Verfasser von zwei Tragödien in Versen, „Polyxena" und 
„Aspasia"), und es ist bezeichnend, daß gerade die Sprachfrage den Stoff 
zu einem Lustspiel liefert: wo philologische Fragen so unmittelbar wie in 
Griechenland die Fragen des Lebens berühren, ist eben dafür bei allen 
Gebildeten Interesse vorhanden. So wählte auch Dimitrios Vyzantios 
dieses Thema für sein Lustspiel „BaßuXiuvia" (1840), das freilich mehr durch 
Komik im einzelnen als durch seine burleske Handlung- interessiert. Der 
Dichter führt uns in die sehr gemischte Gesellschaft von Griechen der 
verschiedensten Landschaften, die über ihre gegenseitigen sprachlichen Miß- 
verständnisse in heftigen Streit geraten; die Hauptfigur aber, der gelehrte 
Pedant (XoTiiuTaTOc), wird mit seinem sonderbaren Gerede von keinem ver- 
standen, von allen verspottet. 

So wichtig für die Gestaltung eines Dramas eine lebensvolle Sprache 
ist, so macht sie doch von selbst noch kein Drama. Denn auch die jüngste 
Bewegung, von der weiter unten zu handeln ist, hat noch keinen großen 
Wurf aufzuweisen: die dramatischen Versuche von Psichari und Eftaliotis 
sind an sich interessant, aber kaum von dramatischer Wirkung. Eftaliotis 
hat den bemerkenswerten Versuch gemacht, den volkstümlichen Stoff der 



rV. Die Literatur unter der Herrschaft der Schriftsprache. 257 

Lenorenballade (s. oben) dramatisch zu bearbeiten; aber der über drei 
Akte eines Dramas verfolgte Stoff hat dabei an seiner packenden Wirkung 
stark eingebüßt. Das Zeug zum Dramatiker steckte in dem früh verstorbenen, 
talentvollen Jannis Kambisis (1872 — 1902), der in einigen Dramen („Farce 
des Lebens", „Miß Anna Couxley", „Die Kurden") nach der Art Ibsens 
die athenische Gesellschaft schildert, in einem Märchenspiel („Der Ring 
der Mutter") von Gerhart Hauptmann beeinflußt ist. Kambisis stand über- 
haupt stark unter fremdem, besonders deutschem Einfluß : er war ein glühen- 
der Verehrer Goethes und Nietzsches — allerdings auch ein Vertreter des 
modernen Symbolismus. Als er starb, war er noch ganz in der Entwick- 
lung. Als Kritiker ging er seine eigenen Wege ; mit Psichari und anderen 
Anhängern der Volkssprache war er nur durch diese, nicht aber durch 
seine sonstigen Anschauungen verbvmden. 

Dasjenige Literaturgebiet, das am wenigsten unter dem Sprachkampf i-yrik. 
zu leiden hatte, ist auch am besten und reichsten ausgebaut, die Lyrik; 
hier wo die Sprache des Herzens Grundbedingung ist, wurde die Herr- 
schaft der Volkssprache nie ernstlich bestritten. Dabei wirkte mit, daß 
die Lyrik im neunzehnten Jahrhundert gleich durch zwei hervorragende 
Dichter eröffnet wurde, und daß die Führung- Männern zufiel, die unter 
natürlichen literarischen Verhältnissen aufgewachsen waren: Dionysios 
Solomos (1798 — 1857) stammte aus Zante, Aristotelis Valaoritis (1824 
— 1879) aus Santa Maura (Leukas). Den Jonischen Inseln verdankt das 
moderne Griechenland in künstlerischer Beziehung sehr viel; denn die 
wenigen Maler und Musiker, welche das Land aufzuweisen hat, stammen 
ebenfalls von dort. Als Besitzungen Venedigs der türkischen Barbarei 
entrückt, genossen die Jonischen Inseln die Vorteile einer großen Kultur; 
und wenn die „Heptanesier" sich in allen künstlerischen Dingen durch 
geläuterten Geschmack auszeichnen, so ist gewiß die italienische Luft 
daran schuld. An der italienischen Sprache, mit der diese Griechen von 
Kind auf vertraut waren, lernten sie die Vorzüge einer dem Leben ent- 
stammenden Schriftsprache kennen und schätzen; gab es doch Männer, 
die der griechischen und italienischen Literatur angehören (wie z. B. Fos- 
kolos und Solomos). 

Solomos ist der bedeutendste Dichter der heutigen Griechen; aber soiomc 
erst die jüngste Generation lernte ihn verstehen und würdigen. Auch 
Solomos gehörte wie Koniaros einer Familie italienischen Ursprungs an; 
durch seine Erziehung wurde er überdies mit italienischem Wesen völlig 
vertraut, und in seinen Dichtungen verbindet er die Bildung eines alten 
Kulturvolkes mit der Eigenart eines neu aufstrebenden Volkes. Die neu- 
griechische Volkspoesie war ihm der Born, aus dessen klarer Flut er 
schöpfte. Am berühmtesten ist sein großer Dithyrambus auf die Freiheit, 
der durch patriotische und poetische Begeisterung, durch die Kühnheit 
der Phantasie und die Kraft einer edlen, aber natürlichen Sprache die 
Ehre verdient hat, zum Nationalhymnus des jungen Griechenland zu wer- 

DiE Kultur der Gegenwart. I. q. 17 



2 1:8 AXBERT Thumb: Die neugriechische Literatur. 

den. Eine andere größere Dichtung, der Hymnus auf Byron, ist ein 
würdiger Ausdruck der Dankbarkeit, den das griechische Volk dem großen 
Philhellenen schuldet. Aber auch in seinen kleineren Gedichten (so in 
dem Stimmungsbild „Die Vergiftete") schlägt er die ergreifenden Töne 
des wahren Dichters an, und in einer lyrischen Rhapsodie „Lambros", die 
unvollendet geblieben ist, behandelt er in neuer und origineller Weise 
die Schuld eines ahnungslosen Incestes, also jenes ethische Thema er- 
schütternder Tragik, das Sophokles' Oedipus und Schillers Braut von 
Messina zugrunde liegt. 
valaoritis. Solomos ist ein Vertreter des echten Klassizismus, nicht jenes fal- 

schen, den die Anhänger der KaOapeüouca wünschen. Als Romantiker 
darf Valaoritis bezeichnet werden. Das seiner Heimat benachbarte 
Epirus mit seinen Kleften und Kleftenliedern lieferte ihm Form und Stoff 
seiner Dichtungen; sie sind zur Kunstdichtung erhobene Volkspoesie: den 
Charosliedern hat er ein „Totenlied" (NeKpiKfi ibbn) zur Seite gestellt, das 
in Empfindung und Stimmung ganz den Geist des Volksliedes atmet. 
Seine epischen Werke (in denen freilich die lyrischen Partien am besten 
sind) sollten die Begeisterung für die jüngste Heldenzeit des Volkes 
lebendig erhalten: die „Phroso" führt uns an den Hof des mächtigen und 
blutgierigen Ali Pascha von Jannina, der „Diakos" schildert die Helden- 
taten des gleichnamigen Kleften und Freiheitskämpfers. 
Sonstige Lyriker. Der Boden, dem Solomos entstammt, hat auch noch andere, jenem 
verwandte, wenn auch nicht ebenbürtige Dichter hervorgebracht; der 
Raum verbietet es, mehr als die Namen zu nennen; es sind der mystisch- 
empfindsame Julios Typaldos aus Cefalonia (1814 — 1883), der dem Vala- 
oritis verwandte Georgios Tertsetis aus Zante, sowie zwei Männer, die die 
Verbindung mit der Gegenwart herstellen, G. Markoras aus Korfu (geb. 
1826) und Stephan Martzokis aus Zante (geb. 1855). 

Nur einer der jonischen Griechen, Andreas Kalvos aus Zante, folgt 
in seinen patriotischen Oden den Bahnen desjenigen Klassizismus, der im 
griechischen Königreich offiziell war. Neben ihm und dem schon ge- 
nannten Rangavis sind zwei Brüder aus einer fürstlichen Phanarioten- 
familie, Alexander (1803 — 1863) und Panagiotis (1806 — 1868) Sutsos, 
tonangebende Vertreter dieser Richtung — beide lyrisch begabt, aber doch 
keine wirklichen Dichter; der eine, Alexander, ein überspannt temperament- 
voller Chauvinist, der in Satiren und halb-epischen Dichtungen „Der Ver- 
bannte", „Das türkenkämpfende Hellas" seinen verbissenen Haß gegen 
Kapodistrias, gegen die bayrische Regentschaft und gegen die Türken 
zum Ausdruck brachte, der andere eine sentimentale und pessimistische 
Natur, die sich tatenloser Empfindung hingibt (vgl. die zwei größeren 
Werke „Der Wanderer" und „Leandros"). 

Daß bei dem bis in die siebziger Jahre herrschenden Geist die Poesie 
des Herzens, die Lyrik, nicht gedeihen konnte, kann nicht überraschen. 
Wirkliche Talente wie Zalakostas (1805— 1888) oder Achilleus Para- 



V. Die Literatur im Zeichen des Sprachkampfes. 2 SQ 

schos (1833— 1895) wurden durch die akademischen Preisgerichte hübsch 
im Zaum gehalten, so daß sich ihr dichterisches Empfinden nur gelegentUch 
ausleben konnte — dann natürlich in der Sprache, die durch das Volkslied 
geadelt ist; den akademischen Preis erhielt aber z. B. Zalakostas nicht für 
solche Leistungen, sondern für das Gedicht auf die ruhmvolle Verteidigung 
von Mesolongi (Tö MecoXÖYTiov), das mit seinen abgestorbenen Formen und 
Versen ein Anachronismus gegen jene Männer ist, die, vom Kleftengeist 
beseelt, die zähe Verteidigung der hartbedrängten Stadt durchführten. 

V. Die Literatur im Zeichen des Sprachkampfes. SprachUche Der Kampf i 
Unnatur führt zur literarischen Verödung. Aber der Genius eines Volkes ^Sprach^ 
läßt sich durch akademische Vorschriften auf die Dauer nicht unter- 
drücken. Ende der siebziger Jahre brach der Sturm los, der von Jahr zu 
Jahr heftiger wurde und immer mehr zum reinigenden Gewitter zu werden 
scheint. E. Roidis forderte in scharfer Kritik der bestehenden Zustände, 
daß die Poesie in die Bahnen einlenken müsse, welche durch das Volks- 
lied und einen Dichter wie Solomos vorgezeichnet sind. Und es erstanden 
bald in Georg Drosinis und Kostas Palamas zwei Lyriker, die echter 
poetischer Empfindung in einer natürlichen Sprache Ausdruck zu geben 
wissen. Die Zahl der Lyriker, welche seit 1880 mit wechselndem Glück 
die gleichen Forderungen erfüllten, ist recht beträchtlich; über die Einzelnen 
zu sprechen verbietet der Raum, auch ist die Lyrik nicht mehr die 
charakteristischste Erscheinung in der Literatur des modernen Griechen- 
lands. Als naXXiapoi, d. h. als Dichter mit der „langen Mähne" von den 
Gegnern der neuen Bewegung verspottet, haben es diese „Jüngst-Griechen" 
erreicht, daß in der lyrischen Poesie heute die Herrschaft der Volkssprache 
kaum bestritten wird. A.ber nachdem diese Position erobert war, galt es 
für die Anhänger der Opposition, weitere Gebiete zu gewinnen. Es war 
von großer Bedeutung, daß die von Drosinis und Politis geleitete Zeit- 
schrift 'GcTia der neuen Richtung eine Heimstätte bot; mit Geschmack 
und Zurückhaltung vertrat sie die neuen Ideen. Sie ging leider 1894 ein, 
die Zeitschriften, die folgten, sind radikaler und weniger vorsichtig; daß 
beim Eingehen der einen Zeitschrift immer wieder neue in den Kampf 
einrücken, zeigt, daß die Sprachfrage nicht mehr zur Ruhe kommt, bis 
eine Entscheidung herbeigeführt sein wird. Der Kampf trat in eine ent- 
scheidende Krisis durch die Tätigkeit von Jean Psichari, einem in j. Psichari. 
Paris als Professor der neugriechischen Philologie wirkenden Griechen. 
Mit der teils empfindsamen, teils stark räsonierenden und satirischen Be- 
schreibung einer Reise nach Griechenland (Tö xaSibi |uou, 1888, 2. Aufl. 1905) 
übernahm er die Führung im Kampf und gab das Zeichen zu einem neuen 
Stunn gegen die Kaöapeüouca. In diesem Buche, dessen „vulgäre" Sprache 
bei den Anhängern der bestehenden Ordnung helle Entrüstung hervorrief, 
predigte er das Evangelium der Volkssprache in glühenden Worten; im 
Gegensatz zu anderen, wie Roidis, die in ihren Erörterungen sich der 

17* 



2 5o Albert Thumb: Die neugriechische Literatur. 

Schriftsprache bedienten, verband Psichari die Propaganda des Wortes 
und der Tat: in wissenschaftlichen Aufsätzen wie in Novellen, Romanen 
und Dramen schuf er eine Sprachform der Prosa, die nicht nur jeglichen 
Gedankenausdrucks fähig ist, sondern auch durch ihren eleganten und 
leichten Fluß wohltuend berührt gegenüber der toten Steifheit der Ka6a- 
peuouca. Als Schriftsteller ist er schwer zu beurteilen, da er zu vielseitig 
schillernd ist; in seinem „Roman der griechischen Seele" (Toveipo lou 
fiawipri, 1897) nimmt er den höchsten Flug, indem er uns einen Helden 
des Geistes schildert — eine Art Faustnatur, der doch eigentlich das 
fehlt, was zum Helden in erster Linie gehört, der Tatendrang, die höchste 
Aktivität; denn sein Janniris ist schließlich doch nur ein Gelehrter, ein 
Schriftsteller, ein Dichter, ein homme d'esprit, mögen diese Gaben auch 
in höchster Potenz vorhanden sein — und so hat Psichari vielleicht wirk- 
lich die geheimste Natur seines Volkes idealisiert. Es ist übrigens be- 
merkenswert, daß Psichari in dem Kampfe, den er entfesselt hat, von 
seinen Geg'nern immer nur als Sprachreformer, nicht als Schriftsteller an- 
gegriffen wird; nur der schon genannte Kambisis hat in mehr schwärme- 
rischen als klaren Ausführungen die literarische Richtung von Psichari 
bekämpft, indem er ihr den lebendigen Geist des neugriechischen Volks- 
tums abstritt. Aber Kambisis vertritt selbst einen so ungriechischen 
Symbolismus und steht so sehr unter der Herrschaft einer fremden Ideen- 
welt, daß man diesem Urteil keine allzugroße Bedeutung beimessen kann. 
Hat doch Psicharis Auftreten wie mit Zauberkraft eine bodenständige 
Literaturgattung zum Leben erweckt, die bis dahin fast ganz fehlte: die 
heimatliche Dorf- und Seenovelle. 

Im Bann des Klassizismus hatte die Erzählungskunst (die durch einige 
historische Romane und Novellen vertreten war) wenig Eigenart: griechi- 
scher Ursprung wäre ihnen in fremder Übersetzung kaum anzusehen. Das 
gilt auch noch von Drosinis' anmutiger Novelle „Amaryllis" (1886), die 
durch ihre ungekünstelte Sprache den Übergang zu einer neuen Technik 
der erzählenden Prosa bildet. Aber in anderen Erzählungen zeigt dieser 
Schriftsteller ein feines Verständnis für die Regungen der Volksseele, 
ebenso wie der schon genannte Palamas mit seinem „Tod eines Palli- 
karen". Aber erst das Beispiel von Psichari hat eine Reihe jüngerer 
Talente ermutigt, sich in den Dienst dieser heimischen Novelle und der 
Volkssprache zu stellen; gewandte und gemütvolle Erzähler wie z. B. 
Chatzopulos, Christovasilis, Eftaliotis, Epachtitis, Karkavitsas schildern uns 
in anschaulichen Farben die Bauern des Peloponnes oder die Hirten von 
Epirus oder die aus Rauheit und Weichheit seltsam gemischten Seeleute 
der Inseln; das Denken und Fühlen des Volkes, seine Freuden und 
Schmerzen, sein Tun und Treiben wird uns bald in ausgeführten Novellen, 
bald in kleinen Skizzen vor Augen geführt. Sie sind das Gegenstück 
zum Volkslied, das sie in der trefflichsten Weise illustrieren. Die objek- 
tive Darstellung ist ein bemerkenswertes Kennzeichen dieser Schilderungen: 



V. Die Literatur im Zeichen des Sprachkampfes. 201 

das persönliche Empfinden des Erzählers tritt hinter dem Erzählten fast 
ganz in den Hintergrund. 

In der Pflege solcher Heimatskunst reifte die Volkssprache heran, um Sonstige Prosa 
für größere Aufgaben Verwendung finden zu können. Zwar ist der natio- 
nale Roman großen Stils (von Psichari abgesehen) noch nicht gepflegt 
worden, aber schon wagt man sich an die Kunst der wissenschaftlichen 
Prosa. Auch hier ist Psichari vorangegangen; seinem Beispiel folgte vor 
allem die Geschichte des neugriechischen Volkes von Eftaliotis (McTopia 
Tric Ptuiaioctjvric I. igoi). Man bewundert in diesem Werke die Eleganz 
und Beweglichkeit des Ausdrucks, die glückliche Wiedergabe wissen- 
schaftlicher Termini und die Kraft der Sprache, die sich besonders in der 
psychologischen Charakterschilderung bewährt. 

Die allerjüngste Phase in der Entwicklung einer neuen Sprache und Bibei- 

■> '=' o i Übersetzung vo: 

Literatur wird im Jahre igoo durch den Kampf um die Bibelübersetzung 1900 und ihr 
eingeleitet. A. Pallis, ein in England lebender Grieche, veröffentlichte 
eine Probe seiner Übersetzung des Neuen Testamentes und rief dadurch 
eine Studentenrevolte hervor, die sich gegen die Neuerer und Ketzer 
richtete ; die Hintermänner des Putsches sind in den Kreisen der Reaktio- 
näre zu suchen. Vulgärgriechische Bibelübersetzungen gab es zwar schon 
vorher, und man regte sich darüber nicht besonders auf; aber dieser neue 
Versuch wurde von den Puristen mit religiösen und politischen Fragen 
verquickt, und mit der brutalen Gewalt verband man die Androhung des 
kirchlichen Bannfluches, um die Übersetzung und ihre Anhänger unmög- 
zu machen. So wenig verständlich es für uns erscheint, daß eine litera- 
rische Bewegung zum Blutvergießen führt, so können wir doch verstehen, 
warum die Anhänger des Alten gerade eine volkstümliche Übersetzung 
der Bibel für gefahrlich halten und gegen sie mit allen Mitteln vorgehen : 
ein Buch wie die Bibel wirkt vorbildlich auch in seinem äußeren Ge- 
wand; da die neugriechische Literatur noch keinen Dante oder Goethe 
hervorgebracht hat, so versuchen es die Vertreter des Neuen, durch 
Übersetzung fremder Meisterwerke die literarische Lebensfähigkeit der 
Volkssprache zu erweisen. Als IQ03 eine volkstümliche Bearbeitung von 
Äschylos' Orestie in Athen aufgeführt wurde, griffen die Gegner wieder 
zum gleichen Kampfmittel; es gab im Theater eine Revolte, die nur nicht 
so blutig verlief wie diejenige um die Bibel. So hat sich schließlich die 
Sprachfrage zu einem Kampf um die Übersetzungen zugespitzt; in der 
jüngsten Zeit (1Q04) hat Pallis die schon i8g2 begonnene Iliasübersetzung 
zu Ende geführt, ja er hat sich zusammen mit Marketis an eine noch 
schwierigere Aufgabe gewagt, an eine Übertragung der einleitenden Ab- 
schnitte von Kants Kritik der reinen Vernunft; sie überrascht durch ihre 
Klarheit und die meist sehr glückliche Wiedergabe philosophischer Ter- 
mini. Diese Aufgabe ist vielleicht vorläufig noch eine Kraftvergeudung, 
aber sie zeugt von dem Mut und der Zuversicht, welche die Anhänger 
der neuen Richtung in sich fühlen. 



202 Albert Thumb: Die neugriechische Literatur. 

Die sprachlich- S c h 1 u ß. Die neugriechischc Literatur steht zurzeit mitten in einer 

literarische . t t^ 

Krisis und ihre Krisis. Seit dem Altertum ist die Entstehung einer durchaus neuen Lite- 

nationale 

Bedeutung, raturform und Literaturblüte immer wieder gehemmt worden. Auf Poly- 
bios und die frühchristliche Literatur folgten die Sophisten der Kaiser- 
zeit; neue Keime der frühbyzantinischen Epoche werden durch die rein 
äußerliche Renaissance der Komnenen erstickt, die auf Kreta einsetzende 
Vulgärliteratur wird durch die Türkenherrschaft gestört; aufSolomos folgt 
endlich zum drittenmal ein pedantischer Klassizismus. Die jüngste Literatur 
lenkt nun wieder unter dem starken Widerspruch der „Akademiker" in 
die Bahn ein, welche zuletzt von Solomos beschritten worden war; die 
Leidenschaft des Kampfes und das Interesse des Volkes scheint stärker 
denn je zu sein. Die Anhänger des Neuen kämpften für die höchsten 
Güter ihres Volkes, für eine nationale Sprache, eine nationale Literatur 
und überhaupt für nationale Eigenart. 

Das Recht des Lebens ist auf der Seite der Neuerer, und man muß 
dem Genius des Volkes wünschen, daß nicht wieder Gewalt und Unver- 
stand die Weiterentwicklung guter Keime hemmen. Mehr als die Literatur 
allein steht auf dem Spiele; die Sprachfrage berührt nicht nur die Literatur 
und die nationale Erziehung, sondern auch die politische Stellung des 
griechischen Staates: die Expansionskraft des Volkes ist (z. B. in Make- 
donien) durch die unerquicklichen Sprachverhältnisse gehemmt, die sich 
natürlich am meisten in den Schulen der Diaspora störend bemerkbar 
machen. Ein Volk, das seine Muttersprache preisgibt und sogar be- 
schimpft, verzichtet schon halb auf seine Existenz — wenigstens in Europa. 
Im politischen und kulturellen Wettbewerb mit den übrigen Völkern des 
Balkans wird Griechenland nur dann auf die Dauer erfolgreich konkurrieren 
können, wenn es in allen Gebieten des Lebens und so auch im Ausdruck 
seiner Gedanken nicht erstarrt, sondern dem Fortschritt und der natür- 
lichen Entwicklung huldigt. 



Literatur. 

Erst die jüngste Zeit hat eine Darstellung der neugriechischen Literatur gebracht, 
welche auf die innere Entwicklung und die treibenden Kräfte hinweist (s. u.). Die Ge- 
schichte der neugriechischen Literatur von P. NICOLAI (Leipzig, 1876) kommt nur als stoffliches 
Repertorium in Betracht; die Literaturgeschichten von Rangavis und Sanders sind nur 
eine dürftige Aneinanderreihung literarischer Tatsachen; sie stehen übrigens ganz im Bann 
der Schriftsprache, mit deren Maßstab die Schriftsteller gemessen werden. Eine kurze, aber 
geistvolle Würdigung der neugriechischen Poesie gab G. Meyer, der ausgezeichnete Kenner 
der ganzen Balkanphilologie, in den Essays und Studien zur Sprachgeschichte und Volks- 
kunde I (18S5) S. 309 ff. und II (1893) S. 260 ff. K. Dieterich, Geschichte der byzantinischen 
und neugriech. Literatur (Leipzig, 1902), hat zuerst in einer größeren Darstellung den Ver- 
such 'gemacht, das Thema innerlich und wissenschaftlich zu erfassen; so konstruktiv der 
\''erfasser in vielen Punkten ist (eine Folge des Mangels an eindringenden Detailarbeiten), 
so hat er doch die Haupttriebkräfte der Entwicklung, besonders die Wirkung der zwie- 
spältigen sprachlichen Verhältnisse, richtig gezeichnet. Die Anmerkungen geben Auskunft 
bibliographischer Art. Wichtige Repertorien für die ältere Zeit sind: E. Legrand, Biblio- 
graphique hellenique ou description raisonnde des ouvrages publies par des Grecs au 15. et 
16. si^cle, 2 Bde. (Paris, 1885), bzw. ... au 17. sifecle, 5 Bde. (1894— 1903); K. N. Zdeac, 
Neoe\Xr)viKti OiXoXoyia. BiOTpciq)iai tiIiv iv toTc YP^I-'^aci 6iaXa|an)(ivTyuv 'EWrivujv, 1453 — 
1821 (Athen, 1868). — Über neuere Erscheinungen der neugriech. Philologie (Sprache und 
Literatur) seit 1890 orientieren meine Berichte im Anzeiger der Indogerm. Forschungen I. 
VI. IX. XIV. XV. 

Ausgaben: Unternehmungen wie unsere Reclambibliothek sind schon in den An- 
fängen stecken geblieben, so die 'CWriviKr') BißXioSiiKri von Barth und Wilberg, i i Hefte, 
und ZaK£\Xapiou BißXio6riKr| toO XaoO, 8 Hefte. 

Chrestomathien: M1TSOTAKIS, Chrestomathie der neugriech. Schrift und Umgangs- 
sprache (Berlin, 1895), Legr.\ND und Pernot, Chrestomathie grecque moderne (Paris, i8g8). 
Eine reichhaltige Auswahl lyrischer Stücke bei A. TaTKÖTTOuXoc, N^a XaiKr] ävSoXo-fia 
(Athen, 1899). 

S. 249. Über die neugriechische Volkssprache vgl. die orientierende Skizze von 
A. Thumb, Die neugr. Sprache (Freiburg, 1891); femer desselben Handbuch der neugr. 
Volkssprache (1895); weiteres in den schon genannten Berichten. Über die ,, Sprachfrage" 
handelt am ausführlichsten K. Krumbacher, Das Problem der neugriech. Schriftsprache 
(München, 1902) und zuletzt A. Thumb in den Neuen Jahrb. f. d. klass. Altertum XVII (igo6). 

S. 250. Der tsakonische Dialekt, der an der Ostküste des Peloponnes in der alten 
Kynuria gesprochen wird, ist ein Nachkomme des alüakonischen Dialekts. 

S. 250. Volkspoesie: Die reichhaltigste Sammlung ist Passow, Popularia carmina 
Graeciae recentioris (Leipzig, 1860). Treffliche deutsche Übertragungen von G. Meyer 
(Stuttgart, 1890) und H. LÜBKE (Berlin, 1895). 

S. 250. Zum Epos von Digenis Akritas: Gegen die Bezeichnung als byzantinisches 
Nationalepos erhebt K. Dieterich a. a. O. Widerspruch, doch sehe ich keinen zwingenden 
Grund, davon abzugehen. 



264 Albert Thumb: Die neugriechische Literatur. 

S. 250. Die Lieder auf den Fall Konstantinopels sind zuletzt behandelt von 
Krumbacher in den Sitzungsberichten der Bayer. Akademie 1901. 

S. 251. Zur epischen Begabung des neugriech. Volkes vgl. G. Mever, Essays I, 312. 

S. 251. Über die Gestalt des Charos vgl. besonders Hesseling, Charos (Leiden, 1897). 

S. 252. Sprichwörter: N. f. TToXiTric, MeXdToi Tiepi toO ßiou ToO '6\\r|viKoO XaoO. 
TTapoiniai (seit 1899; erschienen sind 4 Bde.). 

S. 252. Über das Opfer Abrahams vgl. Psichari, Revue de Paris 1903 (April). Das 
italienische Vorbild ist noch nicht gefunden. Auf die griechischen Elemente des Stückes 
weist besonders K. Dieterich hin. 

S. 253. Zu Rigas; bei den ihm zugeschriebenen Liedern steht nicht immer dessen 
Urheberschaft fest. 

S. 254. Über die Memoiren des Kolokotronis vgl. Rev. des Etudes grecques VI, 92 ff. 

S. 254. Daß erst mit dem Freiheitskampf für die Griechen die Neuzeit begonnen 
hat, ist eine treffende Bemerkung von A. BiK^Xac, Aia\iit\c Kai dvanviiceic (."Vthen, 1893) 
S. 100 ff. 

S. 256. Dramen von Psichari in dessen Buch fiä tö PtunaiiKO G^arpo (Athen, 1901). 
Das Buch enthält ein Drama und eine Komödie. 

S. 256f. In allerjüngster Zeit ist ein zweites Volkslied, die Sage von der , .Artabrücke", 
dramatisiert worden: Tö dvexTiiun'^o v" TT. Xöpv (1906); zwar gilt hier ähnliches wie für 
den Versuch von Eftaliotis; aber im 3. Akt erweckt der Verfasser durch eine teils psycho- 
logische, teils allegorische Vertiefung des Sagenstoffes das Interesse des Lesers. 

S. 257. Über die Schätzung von Solomos bei der heutigen Generation vgl. z. B. 
K. TTaXafiäc, rpafi^ara I (Athen, 1904), ferner Pal.'\MAS' Vorrede zur Gesamtausgabe des 
Dichters (Athen, 1901). 

S. 258. Daß Valaoritis als Romantiker zu bezeichnen sei, erkannte K. DiETERICH. 

S. 259. Werke von Drosinis: 'IcToi dpdxvric (1880), ZxaXaKTiToi (1881), €i60XXia (1885), 
'A|adpavTO (1890), Airifrii-iaTa Kai dvaiaviiceic (1886) u. a. 

S. 259. Werke von Palamas: Td Tpafou&ia Tf|c iraTpiöoc (lou (1886), Td ludria xfic 
ijiuxnc nou (1890), "iaiußoi Kai dvdTraicToi (1897), 'H dcdXcurr) Zuuri (1904), '0 6uj&6KdXofo<; toö 
rOq)TOU (1907) u. a. 

S. 259. Über die Zeitschriften, welche die moderne Bewegung vertreten, vgl. Krum- 
BACHER, Sprachfrage, S. 121 f. Gegenwärtig wirkt die Wochenzeitung ,,'0 Noundc" in 
diesem Sinn. Die neuste Gründung (1907) ist eine Monatschrift „'HTil<J'Jf'" f"'' lyrische Poesie. 

S. 259. Werke von Psichari (fidvvric Vuxdpr|c) außer den schon genannten: Zu)i?i 
Kl dfdiTri CTi^ novaSid (1905); kleine Schriften: Pö&a Kai (ifjXa, 4 Bde. (1902 — 1907); Töveipo 
ToO fiawlpri ist von Ps. auch französisch bearbeitet (Le Reve de Yanniri, 1898). 

S. 260. Kambisis contra Psichari: '0 Vuxapiciuöc k' i*| Zwf\. Tö TTcpio&iKÖv |aac I 
(1900). Gegen Kambisis wendet sich G. VOKOS in derselben Zeitschrift III, 182 ff. 

S. 260. Romanliteratur aus älterer Zeit: außer Rangavis (s.S.255f.) sind zu nennen 
Vikelas' ,,Lukis Laras" (in Übersetzung bei Reclam) und Kalligas' ,,Thanos Vlekas"; 
Xenos' ,, Heldin des Freiheitskampfes" verrät zwar einen phantasievollen und fesselnden 
Erzähler, gehört aber doch mehr in die Kategorie der Kolportageromane. 

S. 260. Auswahl aus der neueren Erzählungsliteratur in den 'CXXiiviKO ^lll■f'l^aTa 
(Athen, 1896). 

S. 261. Pallis' Übersetzung der Evangelien erschien Liverpool, 1901. Über die ein- 
zelnen Motive des Kampfes gegen die Übersetzung vgl. A. Thumb in den Grenzboten 1902 
(I) S. 137 ff 

S. 261. Zur Aeschylosrevolte vgl. Krumbacher, Beilage zur Allgemeinen Zeitung 
1904, Nr. 4. 



DIE UNGARISCHE LITERATUR. 

Von 
Friedrich Riedl. 



Einleitung. Vor mehr als tausend Jahren vollzog sich in dem Teil 
Europas, den die Karpathen umgürten und die Donau und Theiß durch- 
strömen, ein erstaunliches, in seinen Folgen überraschendes Ereignis: 
plötzlich erscheinen hier zum allgemeinen Entsetzen in dem Herzen des 
christlichen Europa, wilde, heidnische Reiterscharen, besetzen das Land 
und machen es zum Mittelpunkt ihrer unglaublich weit reichenden Beute- 
züge. Bald erscheinen sie hoch im Norden und äschern Bremen ein, 
bald dringen sie südwärts bis zur athenischen Akropolis, schlagen ihr 
Lager im Angesichte des ewigen Rom unter den Riesenbogen des 
Aquäduktes auf (bis wohin es selbst Attila der Gottesgeißel nicht ver- 
gönnt war vorzudringen), hausen zu Subiaco in den Gärten Neros und 
pochen selbst an die goldene Pforte der Konstantinus-Stadt. Im Westen 
übersteigen sie sogar die Pyrenäen und verbreiten überall zu Lande auf 
ihren Pferden das nämliche Entsetzen wie ihre Zeitgenossen, die Wikinger 
auf ihren Schiffen zur See. Aber noch erstaunlicher ist es, daß diese 
berittenen Horden, welche ihre kleinen flinken Rosse in dem Ilissus und 
dem Ebro, in der Elbe und dem Tiberis tränkten, im Zentrum ihrer 
Raubzüge, in Ungarn, einen bleibenden starken Staat zu bilden im- 
stande waren. 

Das ist um so bemerkenswerter, da vor den Ungarn kein einziges 
Volk hier seßhaft werden konnte. Es wohnten hier die Kelten, gründeten 
Städte und verschwanden. Unter dem ersten römischen Kaiser, unter 
Augustus, erscheinen dann die Erzadler der römischen Legionen in den 
panuonischen Urwäldern: hier arbeitet der weiseste aller Regenten, Marcus 
Aurelius, an seinen philosophischen Schriften; hier wird der letzte Nach- 
kömmling des großen Augustus, der kleine Augustus, Romulus Augustulus, 
geboren. Und mit seiner Jammergestalt verschwindet die römische Herr- 
schaft aus Ungarn. Es kommen und verschwinden die Hunnen, deren 
mächtigster Fürst, Attila, seine Holzpaläste zwischen der Donau und der 
Theiß erbaut; es kommen und verschwinden die Longobarden, die Ge- 



266 



Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 



charakterzug 

der ungarischei 

Literatur. 



Alleste 

Erwähnung de 

ungarischen 

Literatur 



piden, die Jazygen und die ringbewohnenden Avaren. Endlich erscheinen 
die Ungarn, und es geUngt ihnen, was noch keinem gelang: sie bilden 
hier unter feindlichen Völkern einen bleibenden und mächtigen Staat, der 
im 14. und 15. Jahrhundert, als die großen nationalen Staatsgebilde 
Europas noch kaum existieren, unter genialen Königen, wie Ludwig von 
Anjou und Mathias Corvinus, eine Rolle ersten Ranges spielt. 

Jedes europäische Volk hat eine besondere Gabe. Die Griechen und 
die Italiener die Kunst, die Römer das Recht, die Deutschen die Meta- 
physik und die wissenschaftliche Methode, die Engländer die bürgerliche 
Freiheit und die Gabe der Kolonisation, die Franzosen den Geschmack 
und den Stil. Das Meisterwerk des ungarischen Volkes war die Bildung 
und die Erhaltung des ungarischen Staates, welcher das Produkt eines 
tausendjährigen mühsamen, oft verzweifelten Kampfes ist. 

Damit hängt auch der Hauptcharakterzug der ungarischen Literatur 
zusammen. Die treibende Kraft in ihr ist das Bestreben der Erhaltung der 
Rasse: die ungarische Poesie ist in erster Reihe Ausdruck des National- 
gefühls. Diese stark nationale Tendenz, dieses Vorwiegen des Gattungs- 
gedankens erklärt sich zur Genüge aus dem Schicksale des stets um seine 
nationale Existenz und um seine Unabhängigkeit kämpfenden ungarischen 
Volkes. Der Grundsatz: l'art pour l'art fand hier keine Anwendung: 
das Allgemein-Menschliche tritt zurück. Alle bedeutenden Dichter der 
Magyaren, von der ältesten Zeit angefangen, stehen im Dienste der 
nationalen Idee; die Poesie wird zum Mittel der Stammeserhaltung. Es 
gibt vielleicht keine andere Literatur, deren Inspiration so einheitlich 
wäre wie die der ungarischen. Das Gefühl der nationalen Existenz ist 
das Fundament aller dichterischen Erzeugnisse. 

Die älteste Erwähnung der ungarischen Poesie linden wir in Ekke- 
hards Annalen. Im Jahre 926 besetzte ein Schwärm ungarischer Reiter 
das Kloster St. Gallen am Bodensee. Nach der Mahlzeit „begannen sie 
weinwarm ein ungefüges Singen" — wie Scheffel in seinem Roman Ekke- 
hard die Chronik getreu überträgt. Sie sangen zu ihren Göttern. (Scheffel 
setzt eigentümlicherweise voraus, daß die Ungarn die Liebesgeschichte 
Attilas und der byzantinischen Prinzessin Honoria besangen.) 

Auch die Legende des heiligen Gerhard weiß von ungarischer Poesie. 
Als der Heilige, einer der Apostel Ungarns, ein kleiner Venezianer voll 
Geist und Feuer (-{- 1047), einmal mit seinem Gefährten Walther in einer 
waldigen Gegend Ungarns bei einem Bürger übernachtet, hört er das 
Geräusch einer Mühle und Gesang. Es war eine Bäuerin, welche die 
Arbeit an ihrer Handmühle mit Gesang, vielleicht mit einem Arbeitslied 
begleitete, worüber der Heilige und sein Begleiter lächelten. x\udis 
symphoniam Ungarorum? fragte Gerhard. 



I. Das Mittelalter. Als die Ungarn sich in der jazygischen Tief- 
ebene, in der deserta Avarorum, wie der Annalist Regino sagt, und 



I. Das Mittelalter. 267 

in Pannonien bleibend niederließen und ihren Staat gründeten, traten sie 
zugleich in das europäische Mittelalter ein und wurden der mittelalter- 
lichen Kultur teilhaftig. 

Die Literatur des Mittelalters hat in ganz Europa gemeinsame Eigen- 
tümlichkeiten, welche darauf beruhen, daß die Religion, die Kultusformen 
und die Kultussprache gemeinsam waren. Das Mittelalter ist vor allem 
ein religiöses Zeitalter: die religiöse Literatur war im Mittelalter eben in- 
folge der Gemeinsamkeit des Kultus einig'ermaßen eine internationale. 
Die mittelalterliche Literatur in ungarischer Sprache ist beinahe aus- 
schließlich religiös, und so werden wir es natürlich finden, daß sie viel 
aus dem gemeinsamen lateinischen Poesieschatz des Mittelalters schöpfte: 
aus der Legendenliteratur, besonders aus der Leg-enda Aurea und der 
Hymnenpoesie. 

Das erste ungarische Buch (d. h. eigentlich der erste große Kodex), Legenden. 
der nach seinem Besitzer so genannte Ehrenfeldkodex, enthält die Legende 
des hinreißenden Schwärmers, des liebenswürdigsten Heiligen: des St. Fran- 
ciscus von Assisi. Es ist eine kompilierte Übersetzung aus dem Anfang 
des 15. Jahrhunderts. Unter den Legenden finden wir auch die in den 
meisten europäischen Literaturen eingebürgerte von Barlam und Josaphat, 
der bekanntlich eigentlich Buddha ist, und damit ist die Gestalt des 
großen Religionstifters vom fernen Ganges bis an die Ufer der Theiß vor- 
gerückt. Diese Legende von Buddha-Josaphat (dessen Kirche übrigens in 
Palermo steht und dessen Reliquien in Amsterdam aufbewahrt werden) 
findet sich in einem Kodex vom Anfang des 16. Jahrhunderts, beruht je- 
doch auf einer älteren Vorlage: überhaupt wird die Literatur des Mittel- 
alters großenteils aus Handschriften des i6. Jahrhunderts, welche aber auf 
ältere Originale zurückgehen, erschlossen. 

Unter den Legenden nehmen die ungarischen Heiligenlegenden be- 
sonderes Interesse in Anspruch. Es hat vielleicht keine Herrscherfamilie 
gelebt, welche der Kirche so viel Heilige gegeben wie die der Arpäden 
(11. — 13. Jahrhundert). Stefan, der Begründer des Christentums, sein früh- 
verstorbener Sohn Emmerich, der König Ladislaus (f 10Q5), Margarete, 
die Tochter Belas IV., und Elisabeth, ihre Nichte — alle diese Heiligen 
stammen aus der Arpädenfamilie. Der Lieblingsheilige des ungarischen 
Volkes war Ladislaus, von dem die Legende erzählt, daß er kurz vor seinem 
Tode zum Führer des ersten Kreuzzuges gewählt wurde. Hymnen in 
ungarischer und lateinischer Sprache, Legenden in der Kirche und im 
Volksmunde, Malereien auf Pergament in den Codices und Fresken auf 
den Kirchenwänden verherrlichen seine ritterliche Gestalt, in der das 
nationale und das religiöse Ideal sich vereinigen. Wir finden ihn auf den 
mittelalterlichen Goldmünzen ebenso wie in der Bildhauerkunst: in Nagy 
Värad (Großwardein) stand sein Erzbild zu Pferde — die einzige und erste 
erzene Reiterstatue des Mittelalters, die auf einem öffentlichen Platz zu 
sehen war — , das Werk zweier Künstler aus Kolozsvär (Klausenburg). 



2 68 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

„Dein Bild — so singt die alte ungarische Hymne — steht auf hohem 
Steine, wo es strahlt wie die Sonne, wo es gleißt wie das Gold." 

Wie mehrere andere Literaturen besitzt auch die ungarische eine 
große Darstellung der Katharinen-Legende in Versen. In derselben Zeit, 
in welcher Pinturicchio in den Prachtsälen des Papstes das Leben dieser 
in der Renaissance so beliebten Heiligen mit heiterer Lebenslust an die 
Wände malte, schrieb ein ungarischer Mönch, dessen Namen wir nicht 
kennen, in asketischem Sinne die Legende der Katharina von Alexandrien 

— die erste große ungarische Kunstdichtung, die uns erhalten ist. 

Sage von der Die einzigc geistige Lichtquelle des ungarischen Mittelalters war die 

Religion. Was sich aus dem Mittelalter in ungarischer Sprache erhalten 

— Legenden, Hymnen, Gebete, Bibelfragmente — alles weist auf diese 
Vorherrschaft des religiösen Geistes hin. Auch das älteste erhaltene 
Sprachdenkmal ist ein religiöses: eine Grabrede (um 1200). Es gab je- 
doch, wenn auch keine weltliche Kunstdichtung, doch eine Volkspoesie. 

Unermüdlich schaffte der Volksgeist mit ewiger Seele. Seine Erzeug- 
nisse müssen wir in lateinischen Quellen suchen. Die Chroniken haben 
uns ohne Absicht, vielleicht sogar wider Willen, Bruchstücke der alten 
nationalen Sagen erhalten. Das älteste Produkt der ungarischen Phan- 
tasie, welches sich, wenn auch nicht eben wörtlich, doch wie es scheint 
in ziemlich getreuer Überarbeitung erhalten hat, ist wohl die Sage von 
dem weißen Pferde, eine Sage, welche die Besitzergreifung des Landes 
im g. Jahrhundert behandelt. Am schönsten und treuesten wird sie in 
der Chronik des Marcus erzählt. Als die Ungarn in ihr heutiges Vater- 
land kommen, fordern sie den dort herrschenden Slawenkönig Svatopluk 
auf, ihnen Wasser, Erde und Gras zu übersenden. Mit Freuden tut er es, 
da die Ungarn ihm dafür ein weißes Pferd, mit goldenem Zaum und Sattel 
schenken. Als er es annimmt, erklären sie, daß das Land nun ihnen gehört, 
da er es mit seinem Geschenk, das sie symbolisch auffassen, ihnen für das 
weiße Pferd zum Tausch gegeben. 
Hannensagen. Die mittelalterlichen ungarischen Chroniken fassen die Ungarn als 

Nachkommen der Hunnen auf und erzählen auch in sagenhafter Weise 
die Geschichte Attilas und seiner Nachkommen. Was hier erzählt wird, 
deckt sich teilweise mit der deutschen Heldensage, es sind aber auch 
merkwürdige Abweichungen zu verzeichnen. Es ist viel darüber gestritten 
worden, woher diese ungarischen Hunnensagen stammen. Zweifellos gehen 
sie großenteils in letzter Instanz auf die germanischen Sagen zurück: die 
Art der Vermittelung ist noch nicht bestimmt nachgewiesen. 

Am wichtigsten ist unter diesen ungarischen Hunnensagen die von 
Csaba, weil sie zweifellos eine nationale Tendenz hat. Die Chroniken er- 
zählen von zwei Gemahlinnen Attilas: die eine ist Kriemhild, die andere 
Honoria, die Tochter des griechischen Kaisers. Der Sohn der Kriemhilde 
heißt Aladar; Honoriens Sohn heißt Csaba, ein Name der auch in unga- 
rischen Ortsbenennungen vorkommt. Nach Attilas Tode entsteht ein 



II. Das Renaissance-Zeitalter. 2 00 

Kampf zwischen den zwei Brüdern: die Germanen ergreifen natürlich die 
Partei der Kriemhilde, während die Hunnen für Csaba kämpfen. Eine 
Schlacht wird geschlagen, wie sie die Welt noch nicht gesehen. Sie 
dauerte 15 Tage. In dieser Schlacht, welche Klriemhildens Schlacht 
(proelium Crumhelt) heißt, werden die Hunnen besiegt. Nach dieser furcht- 
baren Völkerschlacht flieht Csaba zu seinem Großvater, dem Kaiser von 
Byzanz. Doch vergebens versucht der Kaiser seinen Enkel zum Bleiben 
zu bewegen: Csaba kehrt nach Scythien zurück. Dreitausend Hunnen 
retteten sich aus der Riesenschlacht und zogen nach Siebenbürgen, wo 
sie, damit man sie weiterhin nicht verfolge, den Namen Sz ekler an- 
nahmen. Als die Ungarn dann unter Arpäd in das einstmalige Land ihres 
Vorfahren Attila zurückkehren, schließen sich ihnen die Szekler, die gleich- 
sam Vorposten gebildet, an. 

In dieser Csabasage, wie wir sie in den mittelalterlichen ungarischen 
Chroniken finden, sind sichtbarlich weltgeschichtliche und sagenhafte Ele- 
mente in eine stark nationale Beleuchtung gerückt. 

Aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt auch die älteste Erste Bibel- 
ungarische Bibelübersetzung, die sich in drei Fragmenten erhalten hat. " ^"° "°^' 
Ein Fragment bewahrt die Münchener, eins die Wiener Hofbibliothek, eins 
das Szekler- Museum in Siebenbürgen. 

Diese erste Bibelübersetzung hängt mit der geistigen Revolution zu- 
sammen, die Huß bewirkte. Huß wollte die Bibel unter das Volk bringen: 
die Bibel fürs Volk! Unter den Hörern, die an der Prager Universität 
seinen Feuerworten lauschten, waren auch Ungarn: zwei dieser, zwei Fran- 
ziskaner, Valentin von Ujlak und wahrscheinlich Thomas von Pecs (Fünf- 
kirchen), unternahmen es, den Anweisungen ihres Meisters folgend, die 
Bibel in das Ungarische zu übersetzen. Der Hussitismus verbreitete sich 
nun rasch in Ungarn. Es war zu befürchten, daß Ungarn, wie Böhmen, 
hussitisch würde. Man mußte energisch auftreten. Der Papst sandte, um 
den Hussitismus auszurotten, den Inquisitor Jacobus de Marchia aus, der 
dann nicht nur die Lebenden, sondern auch solche Toten verfolgte, die 
des Hussitismus verdächtigt wurden: man brach ihre Gräber auf und ver- 
brannte die Leichname. Kamenic (bei Peterwardein) besonders war ein 
Nest der Hussiten: hier wirkten auch die zwei Franziskaner, die vor der 
Verfolgung des päpstlichen Inquisitors nachts nach der Moldau flüchten 
mußten, wo damals viele ungarische Hussiten lebten, für welche sie die 
Bibel — zum erstenmal in eine ural-altaische Sprache — übersetzten. 

IL Das Renaissance-Zeitalter. Ungarn war eines der ersten Mathias 
Länder, welche von dem Frühlingshauch der Renaissance berührt wurden. Re 
Es ist dies dem König Mathias Corvinus (f 1490) zu verdanken, der eifrig 
bestrebt war, einen Kanal zu graben, welcher die neue Strömung aus 
Italien nach Ungarn leiten sollte. Auf Mathias, den bedeutende Huma- 
nisten erzogen und der ein echter Renaissance-Fürst war, ruht all der 



2yo Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

Glanz und all der Schatten seines großen Zeitalters. Den Bestrebungen 
und dem Chrakter nach gibt es sogar in Italien keinen typischeren Ver- 
treter der Renaissance. Mathias Corvinus ist der erste moderne Mensch 
in Ungarn. Sein Charakter und seine Bildung, seine Neigungen und seine 
Vorurteile, seine Phantasie und sein Temperament wurzeln alle gleicher- 
maßen im Renaissance-Boden. 

Im Menschen der Renaissance sind unbezähmbare Leidenschaften mit 
Pracht- und Kunstliebe eng verknüpft: wir finden in ihm lebhafte Phan- 
tasie, vielseitige Geistesfähigkeiten, dabei aber Hinterlist und leeren 
rhetorischen Prunk; neben dem begeisterten Verständnis der Antike rohen 
Aberglauben, neben feinen Umgangsformen grausam-wilde Energie. So 
war dies auch bei Mathias. 

Seine Phantasie hat etwas Gewalttätiges und Exzentrisches: ein 
Schmelzofen, in dem edle Metalle zwischen rauchenden Schlacken zischend 
glühen. Bald will er König von Böhmen, bald deutscher Kaiser werden, 
dann will er die Donaureiche erobern, die Türken christianisieren und in 
den Kaukasus drängen. Er, der Ungarn mit so viel positivem Sinn neu 
organisiert, glaubt unter abenteuerlichen Vorwänden ein Anrecht auf den 
Thron des Sultans zu haben, weil einst eine seiner Verwandten in den 
Harem kam. 

Das in der Renaissance erwachte Gefühl der Individualität steigert 
sich bei ihm wie bei den Fürsten Italiens zu einem Überwuchern des 
Willens und der Persönlichkeit. Einmal verleiht er einem kleinen sieben- 
jährigen italienischen Knaben die höchste geistliche Würde Ungarns. 
Einer Urkunde zufolge sendete man dann aus Italien Spielzeug dem neuen 
Primas von Ungarn. Seine Lieblinge erhebt er rasch in die höchsten 
Stellungen, schmettert sie aber, wie sie sein Mißfallen erregen, gleich 
wieder in den Staub. 

Er ist Renaissance-Tyrann auch in der bewußten Auswahl der Mittel, 
um große Ziele zu erreichen. Seine Politik wie seine Phantasie haben 
einen großartigen Zug. Seine Politik beruht auf internationalen Berech- 
nungen, deren feine Fäden von Karl dem Kühnen bis Teheran 
reichen. Alle sind für ihn Figuren seines Schachbrettes. Seine vielseitigen 
Kombinationen werden durch seine leicht erregbare Phantasie und kalt 
berechnenden Verstand gelenkt Im Dienste seiner außerordentlichen 
Pläne steht seine Schlauheit. Er rechnet immer mit den zwei Haupt- 
schwächen der Menschen: mit ihrer Eitelkeit und ihrer Geldgier. Er 
streut überall goldene Worte und goldene Münzen. Er ist ein Meister 
der feinen Form; aber wenn diese ihr Ziel nicht erreicht, tritt gleich seine 
gewalttätige Raubtiematur auf. Er gehört auch als Staatsmann der 
Renaissance an und ist ein Schüler Macchiavells vor Macchiavell. In 
ihm sehen wir die zügellose Energie und reiche Phantasie einer Renais- 
sance-Natur in ihrer furchtbar- schönen Urkraft in Tätigkeit. 

Der Kunstinstinkt seines Zeitalters offenbart sich bei Mathias in 



n. Das Renaissance-Zeitalter. 27 1 

Staatsbildungen und politischen Kombinationen. Er ist ein Künstler in 
der Politik, wie Benedetto da Majano oder Giovanni Dalmata an seinem 
Hofe Künstler im Steine sind. 

Mathias Corvinus war ein begeisterter Freund der Renaissance, und 
seine Liebe zu ihr zeigte sich in vielfacher Hinsicht. Er versammelte an 
seinem Hof berühmte Humanisten: in seinem Auftrag schrieb dort sein 
Hofastronom, der große Regiomontanus, seine Ephemerides, welche die 
großen geographischen Entdeckungen ermöglichten; dort verfaßte Antonius 
Bonfini seine ausführliche ungarische Geschichte (Decades); dort trieb 
sich auch der wohlbeleibte, redegewandte Renaissance - Bummler Marzio 
Galeotto herum, der ein ganzes Buch über den großen König schrieb. 

Mathias berief auch bedeutende Künstler nach Ofen: Giovanni Dal- 
mata war sein Leibarchitekt, aber auch der junge Benedetto Majano, der 
später den Palazzo Strozzi in Florenz erbaute, und der Ferrarese Ercole 
de Roberti und Fierevanti aus Bologna waren auf den Ruf des Königs 
nach Ungarn gekommen. Diejenigen Künstler, die persönlich nicht kommen 
konnten, sendeten wenigstens ihre Werke: so Verrocchio, Filippino Lippi, 
Lionardo da Vinci — um nur die größten Namen zu nennen. Mathias, 
wollte eine neue Dynastie gründen; darum hatte er in diesem kunst- 
liebenden Zeitalter die Glorie, welche ihm die Kunst verlieh, nötiger als 
ein Sprößling einer alten Herrscherfamilie. 

Mathias Corvinus wäre kein echter Renaissance-Fürst gewesen, wenn 
er nicht antike Überreste gesammelt hätte: Statuen, Inschriften, Säulen- 
fragmente und Gemmen. Wichtiger als seine Antikensammlung war seine 
Bibliothek, die berühmte Corvina, die größte und prächtigste Bücher- 
sammlung diesseits der Alpen. In dieser wunderbaren Kollektion standen 
Kodices, welche der größte Miniaturenmaler, Attavantes, verfertigt hatte 
und welche ihm teurer bezahlt wurden als dem Rafifael ein Gemälde. 
Der König — so berichtet ein damaliger Humanist — liest auch nachts, 
und man findet zwischen seinen Polstern den Curtius Rufus und den 
Livius. Die Agenten des Mathias bereisten sogar Kleinasien, um klassische 
Handschriften für ihn zu kaufen. Seit dem furchtbaren Schiffbruch des 
ungarischen Staates im i6. Jahrhundert sind jedoch die Schätze der 
Corvina wie die Teile eines Wrackes weithin zerstreut. 

Übrigens fand auch die Buchdruckerkunst unter Mathias in Ofen eine 
Stätte — früher als z. B. in England. 

In der Residenzstadt Ofen lebten damals neben den gelehrten Ita- 
lienern auch ungarische Gelehrte und Schriftsteller, so der berühmte 
Historiker Johann von Thürocz, der aus Quellen erster Hand arbeitete. 
Besonders zwei hervorragende Männer sind es, die unsere Aufmerksam- 
keit fesseln. Beide schrieben lateinisch; doch ihr Gegensatz war so groß, 
als ob ein weltgeschichtliche Epochen trennender Abgrund zwischen ihnen 
klaffen würde. Der erste, der Dichter Janus Pannonius, eine strahlende 
Erscheinung, lebte in Macht und Ehren am Hofe, ein Liebling des mäch- 



2^2 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

tigen Königs. Der andere, Pelbartus, wohnte als armer Predigermönch 
im Franziskanerkloster in der Nähe des prachtvollen königlichen Palastes, 
ohne ihn zu betreten. Der eine ist die Verkörperung des Renaissance- 
Geistes, der andere ist das typische Mittelalter. 
janusPaanonius Janus Pannonius (Johann von Csezmicze) war Humanist, Schüler des 

berühmten Guarino und lateinischer Dichter im Geiste der Renaissance. 
Er wurde in Italien erzogen. Der Florentiner Vespasiano Bisticci sagt 
von ihm: er war so hinreißend liebenswürdig, daß jeder, der mit ihm 
sprach, ihn liebgewann, selbst in Italien glich ihm niemand, er war le 
delizie del mondo. 24 Jahre alt kam er in seine Heimat zurück, wo 
er gehoben durch sein Talent und seine Liebenswürdigkeit schon zwei 
Jahre später Bischof von Fünfkirchen mit einem ungeheuren Einkommen 
wird. Er wurde schnell der Liebling des Mathias und verfaßte die in 
klassischem Latein geschriebenen Briefe des Königs. Doch schon wenige 
Jahre später finden wir ihn, nachdem er in eine Verschwönmg verw-ickelt 
war, geächtet von seinem Protektor, als Flüchtling in Kroatien, wo er 
38 Jahre alt stirbt. Sein Hauptwerk ist ein lateinisches Epos, dessen 
Held der jetzt in der Frarikirche in Venedig begrabene Feldherr Marcello 
ist. In einem anderen Werke, einer Epistel an dem Humanisten Constanti 
besingt er die Eroberung der bosnischen Feste Jaitza durch Mathias Cor- 
vinus. Daß er auch die Lieblingsdichtgattung der Humanisten, das Epi- 
gramm, eifrig pflegte, ist natürlich. 
Pelbartus Ein ganz anders gearteter Geist als Janus Pannonius war Pelbartus 

von Temesvar => *= ^ ^^ 

(t 1504). von Temesvar. Ihm lächelte die neu aufgegangene Sonne Homers noch 
nicht, er war ein leidenschaftlicher Gegner des Humanismus. „Homer ist 
berühmt — schreibt er — und noch berühmter ist Virgil, aber beide sind 
ungläubig und voll böser Sitten. Die Logiker und Aristoteles sind ver- 
flucht." Pelbartus war einer der allerberühmtesten Prediger des Jahrhun- 
derts: seine im Ausland oft aufgelegten lateinischen Reden wurden in 
ganz Europa als Muster betrachtet. Sein Hauptwerk ist das Pomerium, 
der Obstgarten, eine Sammlung von Predigten, nach der er sich pomerius 
nannte. Er wählte diesen Namen, „weil wie in dem pomerium, dem 
Obstgarten, Obst und Blumen zu finden sind, so sind in meinem Werke 
viele Predigten, gottgefällige Früchte und Blumen der Wissenschaft". Die 
Werke des Franziskanermönches waren auch eine Hauptquelle der zeitge- 
nössischen Prosaliteratur in ungarischer Sprache. 
Ungarische Dlc erstcn Strahlen der ungarischen weltlichen Poesie fallen auf die 

weltliche Poesie . ^^ ,-, . 

unter Mathias großc Gestalt dcs Mathias Corvinus. Eine kleine Gruppe von Gedichten, 
die ältesten weltlichen, haben ihn zum Mittelpunkt. Das erste dieser Ge- 
dichte ist ein kurzer Lobgesang bei Gelegenheit der Königswahl (1458); 
das ausführlichste ist ein episches Gedicht, welches erzählt, wie Mathias 
die Grenzfestung Schabatz an der Save von den Türken eroberte. Dieses 
Gedicht ist vielleicht eins von denjenigen Heldenliedern, welche dem Zeug- 
nisse Galeottos zufolge bei den Gastmählern des Königs gesungen wurden. 



III. Das Zeitalter der Reformation. 



273 



III. Das Zeitalter der Reformation. Das 16. Jahrhundert steht 
in Ungarn unter dem Doppeleinfluß der Schlacht von Mohäcs (1526) und 
der Reformation. 

Die Schlacht von Mohäcs, in welcher der König, die Blüte des Adels 
und der Bischöfe fällt, ist eine der größten Katastrophen der Weltge- 
schichte. Der eigentliche Zusammenbruch erfolgt aber erst im Jahre 1547, 
in welchem das unglückliche Land in drei Teile geteilt wird. Das Herz 
des Landes mit der Hauptstadt gehört nun der Türkei an; ein Streifen 
im Norden und Westen kommt unter österreichische Oberhoheit, Sieben- 
bürgen bildet einen kleinen selbständigen Staat. Die Schlacht von Mohäcs 
und ihre Folgen haben der ungarischen Lyrik Jahrhunderte hindurch ihren 
bleibenden Charakter verliehen: sie ist von nun an vorwiegend patriotisch 
und melancholisch. Diesen melancholischen Grundzug behält sie bis zum 
Auftreten des Neuschöpfers von Ungarn, Stephan Szechenyis. 

So wie die Türkenkriege das patriotische, so entfachte die Reforma- 
tion das religiöse Gefühl. Je mehr ein teurer Besitz bedroht ist, um so 
mehr lieben wir ihn. Die neue Lehre faßt sehr schnell Wurzel in Ungarn. 
Schon 1523 findet man es nötig ein Gesetz zu erlassen, welches die 
Anhänger Luthers mit dem Tode bestraft. Übrigens versuchte schon zwei 
Jahre früher der einflußreichste Politiker und der größte Jiu-ist Ungarns, 
Stephan Werböczy, Luther selbst in Worms bei einem Gastmahl, zu dem 
er den Reformator eingeladen, von seinen Grundsätzen abzubringen. Die 
Reformation übte einen großen Einfluß auf die Entwicklung der ungari- 
schen Literatur aus. Sie gab vor allem Anlaß zu einer polemischen Lite- 
ratur: zuerst griffen die Protestanten an, die Katholiken verteidigten sich, 
und diese Streitliteratur wurde eine wahrhafte Gymnastik der ungarischen 
Prosa, welche im Kampf schnell heranreifte. 

Auch die vielfältigen Bibelübersetzungen dieses Jahrhunderts sind der B'bei- 

Übersetzungen. 

Reformation zu verdanken, welche die Bibel, diese ewige Quelle der 
Poesie, auch in Ungarn eifrigst verbreitete. Großen Einfluß auf die Ver- 
breitung der Reformation hatte Melanchthon, der praeceptor Germaniae, 
von dem man sagen kann, daß er auch praeceptor Hungariae war. 
Er hatte in Wittenberg etwa 500 ungarische Hörer, die dann seinen Geist 
in Wort und Schrift verbreiteten. Der Gesandte Ferdinands schreibt im 
Jahre 1540: „Das ungarische Volk und der Adel sind überall verfinstert 
von den neuen Lehren, und die Geistlichen und die Lehrer kommen bei- 
nahe alle aus der Schule Melanchthons." Unter den Bibelübersetzem 
dieses Jahrhunderts sind die folgenden die interessantesten: Johann Sylvester 
war Professor der hebräischen Sprache an der Universität Wien und über- 
setzte das Neue Testament. Er ist eigentlich noch nicht Lutheraner, son- 
dern Erasmianer, wie denn Erasmus von Rotterdam das Vorbild der ersten 
Bibelübersetzer war. In der Einleitung der Bibelübersetzung des Sylvester 
kommen die ersten ungarischen auf Silbenlänge und -kürze beruhenden 
Distichen vor, wodurch bewiesen war, was später zu glänzender Entfaltung 

DiB Kultur dxr Gbgbnwart. I. 9. 18 



274 



Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 



Stoffkreise t 

poetischet 

Erzählunge 



kam, daß die ungarische Sprache ebenso für den quantitierenden wie für 
den akzentuierenden Rhythmus geeignet ist. 

Ein Impressionist, der mit jeder Strömung schwamm, w^ar der Bibel- 
übersetzer Kaspar Heltai. Er war Geistlicher, Missionar, Buchdrucker, 
Pamphletist, Historiker, Fabeldichter, Übersetzer; er war katholisch, dann, 
nachdem er in Wittenberg Melanchthon gehört, Protestant, dann Kalvinist, 
endlich Unitarier. Von Geburt ein Sachse aus der Umgegend von Her- 
mannstadt lernte er erst spät, i6 Jahre alt, ungarisch und zeichnete sich 
dann durch vielseitige, unermüdliche ungarische Schriftstellertätigkeit aus. 
Fünfzehn Jahre arbeitete er und seine Gefährten an der ungarischen Bibel, 
ohne sie ganz vollenden zu können. Dem reformierten Geistlichen zu 
Gönz (in der Nähe von Kaschau), Kaspar Kärolyi, gelang es endlich, nach- 
dem so viele es vor ihm vergebens versucht hatten, in den Jahren 1587 
— 1590 zuerst die ganze Bibel ungarisch zu veröffentlichen. Diese Bibel- 
übersetzung ist noch heute das verbreitetste ungarische Buch. 

Aber nicht nur die Prosaliteratur reifte unter der Einwirkung- der 
Reformation, sondern auch die Poesie. Luthers Bestreben, den Gläubigen 
in der Kirche nicht passiv zu belassen, sondern ihn durch Kirchengesang 
zu einem tätigen Teilnehmer des Gottesdienstes zu machen — dieses Be- 
streben bewirkte auch in Ungarn ein Aufblühen des Kirchenliedes. Doch 
nicht nur die Lyrik war zum Gesang bestimmt. 

Die herrschende Dichtungsgattung in diesem Jahrhundert ist die sang- 
bare poetische Erzählung. Ich weiß nicht, ob es bei anderen Völkern in 
diesem Zeitalter vorkommt, was in Ungarn eben nicht selten war, daß 
Dichter aus dem Kreise der hohen Aristokratie ihre eigenen Novellen im 
Gesänge vortragen. 

Der Kreis, aus dem die Stoffe dieser kleinen zum Gesang bestimmten 
Epen bestehen, ist dem Geist des Zeitalters entsprechend ein vielfacher. 
Das meiste Interesse erregten diejenigen Erzählungen, welche die Vor- 
fälle der Gegenwart, die Ereignisse der Türkenkriege behandelten. Wir 
werden die Beliebtheit dieser Gattung natürlich finden, wenn wir die ent- 
scheidende Wichtigkeit der damaligen Vorgänge auf dem Kriegsschau- 
platze bedenken. Unter diesen wandernden und singenden Journalisten — 
wenn ich sie so nennen darf — ragt in der Mitte des Jahrhunderts am 
meisten Sebastian Tinödi hervor. Tinödi war der berühmteste der fahren- 
den Sänger, der Fiedler, die sich nach ihrem Musikinstrument lantos nannten 
{lant = Laute, eine Art Mandoline). Tinödi war kein echter Dichter: 
er war ein gewissenhafter, oft auf Grund von Akten arbeitender Bericht- 
erstatter, der die Zeitereignisse in patriotischem Geiste, aber ohne Inspi- 
ration in Versen ausführlich erzählte. 

Am sympathischsten sind uns diejenigen Vers-Chroniken Tinödis, welche 
die heroischen Kämpfe gegen die Türken schildern: das Häuflein Soldaten 
des Szondi in der Feste Dr6gely, das sich nicht ergeben will; vergebens 
bietet der türkische Pascha den Abzug der Besatzung an: sie wählen den 



III. Das Zeitalter der Reformation. 



275 



Tod. Eine andere Verschronik berichtet von der Belagerung Erlaus, 
welches durch den Heldenmut des ungarischen Befehlshabers Stephan 
Dobö alle Angriffe siegreich zurückschlug. Sogar die Frauen Erlaus 
nahmen an dem verzweifelten Kampfe teil. Die minutiöse Genauigkeit, 
mit der Tinödi diese Belagerung erzählt, macht ihn zu einer wichtigen 
Quelle für die Geschichtschreiber dieser Zeit, von denen ihn aber manche, 
wie z. B. Nikolaus Istvänfi (der Sohn des unten erwähnten Dichters Paul 
Istvänfi) in Schilderung dieser Ereignisse an Erzählertalent, ja sogar an 
Poesie übertreffen. 

Der zweite Stoffkreis der Epiker ist der biblische. Er hängt mit der 
Reformation zusammen, die starkes Interesse für die Bibel erweckte. 
Aber auch diese biblischen Gegenstände werden von nationalem Stand- 
punkt aus behandelt: bei David, der den Riesen niederschlägt, bei Judith, 
die ihre Vaterstadt von dem fremden Eroberer errettet, denkt man an 
Ungarn, das um seine Existenz mit den Türken kämpft. 

Ein dritter Stoff kreis ist der antike; mit Gier trinken die Menschen 
aus den neu eröffneten Quellen, die man der Renaissance zu verdanken 
hat. Als Vorlage benutzten die Dichter nicht immer klassische Werke, 
sondern mittelalterliche, wie Guido da Columna. 

Die eigentlichen novellistischen Stoffe werden Boccaccio, Petrarca 
und Aeneas Sylvius entnommen, die mit der Verbreitung' der Buchdrucker- 
kunst bekannt wurden. Paul Istvänfi, der in Padua studierte und zu den 
vornehmsten Männern gehörte, behandelte die Geschichte der Dulderin 
Griseldis in Versen nach der Prosabearbeitung des Petrarca. Ein anderer 
angesehener Würdenträger, der auch bei Mohäcs gekämpft, der Ober- 
gespan Kaspar Raskai, verfaßte zur Unterhaltung seiner Gastgeber die 
„schöne Chronik" vom Ritter Francisco und seiner Frau — welche auf 
Boccaccio beruht. Das größte poetische Talent des 16. Jahrhunderts, 
Valentin Balassa, übersetzt Euryalus und Lucretia des Papstes Pius IL 
(Enea Sylvio), eine mit vielen klassischen Reminiszenzen erzählte schlüpf- 
rige Liebesgeschichte, die sich wirklich in Siena ereignete, als der Kaiser 
Siegmund, in dessen Gefolge auch der größte Türkenbesieger, Johann 
Hunyadi, war, dort weilte: ihr Held war der Kanzler des Kaisers, Kaspar 
Schlick, der auch in Ungarn reich begütert war; die Heldin war wahr- 
scheinlich die Frau eines berühmten sienesischen Rechtsgelehrten. 

Von größerem Interesse sind diejenigen poetischen Erzählungen, die Ungarische 
einen ungarischen Stoff bearbeiten. Die poetischste unter diesen ist die fuhrung der 

Sultanstochter 

Erzählung von Szilägyi und Hajmäsi, das Werk emes Ungenannten, und XoWi. 
der im Gefängnis dichtete. Zwei ungarische Helden schmachten im Ge- 
fängnis zu Konstantinopel. Die Tochter des Sultans hört den einen im 
Kerker singen, sucht die zwei Gefangenen auf und verspricht sie zu be- 
freien und mit ihnen zu fliehen. Sie tun es und es gelingt. An der 
Grenze aber kämpfen die zwei Ungarn, mit denen die Kaiserstochter 
flieht, einen Zweikampf, denn jeder liebt das schöne Mädchen. Der eine, 



2t6 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

Hajmäsi, wird besiegt, worauf ihn Reue erfaßt, um so mehr da er Weib 
und Kind zu Hause hat, und er läßt die Sultanstochter seinem glücklichen 
Gefährten. 

Diese Erzählung, die auch den Stoff einer Szekler Volksballade bildet, 
lehnt sich an historische Persönlichkeiten an. Im Jahre 1432 kam ein 
blinder Türke nach Ungarn, der auch seine Familie mit sich brachte. Es 
war der wegen Thronstreitigkeiten geblendete Bruder des furchtbaren 
Bajazid. Die Tochter dieses nach Ungarn übergesiedelten Thronpräten- 
denten wurde vom Volke Katharina Kaiser genannt und trat in Beziehung 
zu einem Hajmäsi, der Obergespan, war und zu dem Onkel des Königs 
Mathias Corvinus, Michael Szilägyi, der zweimal in Konstantinopel ge- 
fangen saß. 

Auch Peter Ilosvay hat uns in seiner Reimchronik von Nikolaus Toldi 
einen altungarischen Sagenstoff erhalten. Ilosvay verlegt die Handlung 
in die glänzende Zeit Ludwigs des Großen, unter dessen Herrschaft tat- 
sächlich ein Nikolaus Toldi gelebt hat. 

Toldi zeichnet sich durch ungeheure Kraft aus; wir sehen ihn zuerst 
auf dem Lande unter Feldarbeitenr; dann finden wir ihn in der königlichen 
Residenz, wo er durch seine Stärke dem Könige auffällt. Er besiegt 
einen böhmischen und einen italienischen Ritter, welche für unbesiegbar 
galten. Als Kaiser Karl IV. von Ludwig dem Großen so wie von 
einem Vasallen Tribut verlangt, begleitet Toldi seinen König nach Prag 
und flößt dem Kaiser und den um ihn versammelten elf Königen Respekt 
ein, während die Ungarn Prag einnehmen. 

Eines der Motive, die in Toldis Geschichte vorkommen (der Held fällt 
infolge der List einer Witwe nachts zum Fenster hinaus und geht dann 
mit Gefährten ein Grab ausrauben) findet seine Analogie in einer Novelle 
des Boccaccio; ein anderes Motiv (vor dem Zweikampf, den Toldi mit 
dem böhmischen Ritter auf der Margareten-Insel ausficht, stößt er den 
einen Kahn in die Donau: „Nur ein Kahn ist notwendig, da nur einer von 
uns lebend die Insel verläßt") kommt auch in der Tristansage und bei 
Gottfried von Straßburg vor. 
Valentin Baiassa Der größte Dichter des 16. Jahrhunderts ist der Lyriker Valentin 

Balassa, der gewalttätige Sohn dieser gewalttätigen Zeit. Eine stürmische 
Natur, die nirgends ihr Bleiben hatte und sich in wilder Leidenschaft und 
in Melancholiekrisen verzehrte. Wie der junge Sophokles bei der Sala- 
misfeier zieht auch Balassa zuerst die Aufmerksamkeit als Tänzer auf 
sich. Bei der Krönung Rudolfs II. wird er als geschicktester Tänzer 
ausgewählt, den nationalen Schäfertanz vorzuzeigen. x\ls Jüngling finden 
wir ihn in Erlau, in der Stadt, die so heroisch den Sturm der Türken ab- 
geschlagen. Erlau war für Balassa, wie er selbst sagt, die Schule der 
Tapferkeit, sie war aber auch die Schule der Leiden. Die unglückliche 
Liebe zur Frau des Festungskommandanten (der Tochter des von Tinödi 
besungenen Stephan Losonczy, der im Türkenkampfe fiel), verbitterte 



III. Das Zeitalter der Reformation. 277 

Balassas Leben. Sie ist der Hauptgegenstand seiner Liebeslyrik: als sie 
nach Jahren Witwe wird, weist sie den wilden und gewalttätigen Freier 
von neuem ab. 

Charakteristisch für Balassa ist die Art, wie er heiratete. Eines 
schönen Tages erscheint Balassa mit seiner Base aus der Heldenfamilie 
der Dobö in Sdrospatak, geht zur Kirche und tritt nach der Messe mit 
den Mädchen und seinen Reisigen vor den Altar und läßt sich durch 
einen eigens mitgebrachten Geistlichen trauen. Hierauf fordert er die 
Schlüssel der Festung, geht auf den Burgplatz und erklärt dem erstaunten 
Volk, daß er Herr der Frau imd der Festung sei. Doch konnte er weder 
die eine noch die andere behalten. Sein Leben ist von nun an eine Kette 
von Verfolgungen. Die Verwandten seiner Frau setzen es durch, daß die 
Ehe als eine blutschänderische für ungültig-, sein Sohn für rechtlos erklärt 
werde. Man beschuldigt ihn (vielleicht weil er g-ut türkisch spricht) so- 
gar, daß er Mohammedaner geworden. Man bestreitet seine Besitzungen. 
Seine Leibeigenen, die er übrigens furchtbar behandelte, verklagen ihn. 
Überall Prozesse und Haß. Da verläßt ihn, den alle verlassen, auch seine 
Frau, um derentwillen er so viel gelitten. Nachdem er viel herumgeirrt, be- 
steigt er einmal nachts sein Roß und flieht nach Polen, bis nach Danzig (das 
damals noch zu Polen gehörte). Nach drei Jahren kehrt er zurück. Er 
fühlt, daß ihm nur eines geblieben: für sein Vaterland zu sterben. Bei 
der Belagerung von Gran wird er tödlich verwundet und stirbt in dieser 
protestantischen Zeit als frommer Katholik. 

V. Balassa ist der bedeutendste Lyriker bis auf Petöfi. Der Kreis, 
aus dem er seine Stoffe wählt, ist nicht sehr reich, aber vom Gefühl 
durchglüht. Hauptsächlich besingt er seine ruhelose, leidenschaft- 
durchwühlte Liebe. Sein zweiter Kreis ist das Soldatenleben, welches 
damals noch poetischer war als heute, weil es nicht so sehr unter dem 
Drill der Kaserne stand, sondern mehr frischer, abenteuerlicher Wagemut 
unter freiem Himmel war. Eine dritte Gruppe bilden seine Wanderlieder; 
wandern heißt bei ihm so viel als von dem Dämon seines eigenen 
Temperamentes und von unerbittlichen Feinden getrieben ruhel<JS herum- 
irren. In der Zeit der Verfolgung hat er nur einen Trost: die Religion. 
Balassa ist dem religiösen Charakter des 16. Jahrhunderts entsprechend in 
erster Linie religiöser Dichter, dessen weltliche Lieder bloß handschrift- 
lich verbreitet wurden, während seine religiösen Lieder die am häufigsten 
aufgelegten Gedichte der folgenden zwei Jahrhunderte waren. 

Was ihn im Leben unglücklich machte, das eben gibt seiner Poesie 
den hohen Wert: die Stärke seiner Affekte. Er hat auf das dürre Stoppel- 
feld seines theologisch-polemisierenden Zeitalters die Lavaglut seiner Ge- 
fühle ergossen. Überraschend ist auch seine graziöse Verstechnik, die 
teilweise auf Volksweisen, teilweise auf romanischen Mustern beruht. 

Balassa führte auch das Naturgefühl in die ungarische Poesie ein: 
vor ihm war die Natur noch stumm in unserer Poesie — eine unentdeckte 



2y8 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

Welt wie Amerika. Balassa ist der erste, der die Erscheinungen der 
äußeren Natur mit den Erscheinungen der Seele in Parallele stellt. 
Fabeldichtung. Da die Hauptrichtung dieses Jahrhunderts eine reflektierende und 

moralisierende ist, werden wir es für natürlich finden, daß die Aesopische 
Fabeldichtung mehrere Vertreter fand, unter denen Kaspar Heltai, dem 
Boner, Steinhöwel und Burckard Waldis als Muster dienten, der beste 
Erzähler ist. 

IV. Das Zeitalter der Gegenreformation. Die erste Hälfte des 
17. Jahrhunderts ist in Ungarn wie in dem größten Teile Europas die 
Zeit der Antireformation. Am Anfange des Jahrhunderts war der Pro- 
testantismus in Ungarn sehr verbreitet. Der größte Teil des Adels, sogar 
der Palatinus, der Stellvertreter des Königs, war protestantisch. Der 
päpstliche Gesandte berichtet mit Verzweiflung nach Rom, daß im ganzen 
Lande nur 300 katholische Geistliche zu finden sind — also ungefähr so 
viele wie in einer einzigen größeren Stadt Italiens. Da trat als Haupt der 
Peter Pazmany Gegenreformation der Kardinal Peter Päzmänv auf. Man kann ohne QToße 

(I57O-1637). .. * ., T^, , , . . - . , , * 

Übertreibung' sagen: Pazmany wurde in einem protestantischen Ungarn 
geboren und starb in einem katholischen Ungarn. 

Päzmäny wurde in Großwardein geboren. Sein Geburtsort prädesti- 
nierte ihn schon einigermaßen für seinen Beruf: diese Stadt war die erste 
Feste der Jesuiten, hier wirkte der erste ungarische Jesuit Szantö, der 
auch den von kalvinischen Eltern stammenden Päzmäny beeinflußte. Der 
jung-e Päzmäny kam dann als Jesuit nach Rom, wo Bellarmin, der große 
Jesuitenprediger und Theologe, entscheidenden Einfluß auf ihn übte: er wollte 
eine Art Bellarmin für Ungarn werden. Diesem großen Zwecke dienen 
dann seine glänzende Feder, seine hinreißende Rhetorik und rücksichts- 
lose Energie. Nach 16 jähriger Abwesenheit kehrt er in sein Vaterland 
zurück. Mit 46 Jahren ist er der höchste geistliche Würdenträger Ungarns 
und hochangesehener Ratgeber des Kaisers. Es wäre ein Irrtum, in 
Päzmäny nur einen hochbegabten Jesuiten mit internationaler Tendenz zu 
sehen: dieser Jesuit war ein echt ungarischer Edelmann mit stark aus- 
gesprochenem Nationalgefühl, der sogar das protestantenfreundliche Sieben- 
bürgen im Interesse des Ungarntums für eine politische Notwendigkeit 
hielt. Päzmäny ist der erste bedeutende ungarische Prosaschriftsteller. 
Er hat, um es kurz zu sagen, der ungarischen Prosa Kraft verliehen. 
Seine Vorgänger hatten alle etwas Flaches, Kompliziertes und Unbe- 
stimmtes. Sie waren primitiv und doch zugleich geziert — wie dies bei 
Anfängern zu sein pflegt. 

Sein vorzüglichstes Werk sind seine Predigten, worin Päzmäny die 
Gabe der großen katholischen Prediger, die oft mystischen Dogmen 
mit plastischen, oft aus dem Alltagsleben entnommenen Vergleichen zu 
verdeutlichen und allgemein verständlich zu machen, glänzend bewährt 
Die abstrakten Begriffe werden bei ihm sichtbar. Sein theologisches 



TV. Das Zeitalter der Gegenreformation. 2 7Q 

Hauptwerk ist der „Führer zur göttlichen Wahrheit". Die erste 
Hälfte erklärt die christlichen Lehrsätze, die zweite polemisiert mit der 
protestantischen Auffassung. In seinen polemischen Schriften ist er der 
Zeitrichtung entsprechend oft derb, übertriift aber seine Gesinnungsgenossen 
und Gegner an Schlagfertigkeit und Geistesschärfe. 

Um den Geist der Antireformation zu verbreiten, hat Päzmäny auch 
viele Schulen ins Leben gerufen. Er gründete auch eine Hochschule in 
Tymau, aus deren Stamm die heutig"e Budapester Universität herauswuchs. 

Diesen großen katholischen Stiftungen gegenüber verdoppelten die 
Protestanten, welche auch schon früher große Schulstifter waren, ihren 
Eifer. Ihre zwei wichtigsten Hochschulen waren die in Gyulafehervar 
(Karlsburg) in Siebenbürgen und die in Saröspatak. Die Karlsburger 
Hochschule gründete der größte Fürst, den Siebenbürgen besessen, der 
Schwager Gustav Adolfs, Gabriel Bethlen, der auch an dem Dreißigjährigen 
Kriege teilnahm. In die von ihm gegründete Hochschule berief er 
den Dichter Martin Opitz, der hier drei Jahre weilte; hier unterrichtete 
später auch der erste ungarische Philosoph, der sympathische und unglück- 
liche Bauemsohn, Johann Cseri von Apäcza (1625 — 1659), der in Holland, 
wo er seine Studien betrieb, mit der Philosophie des Cartesius bekannt 
wurde und dann in ungarischer Sprache eine Ungarische Enzyklo- 
pädie schrieb, in welcher er die Philosophie ganz im Descartes'schen 
Sinne behandelt — eine der ersten Darstellungen der Prinzipien des 
großen Denkers im Ausland. 

Unter der Obhut des großen Kardinals Päzmäny studierte in der vonNii 
ihm begründeten Schule zu Tymau zwei Jahre der Urenkel des berühmten ( 
Helden von Sziget, Nikolaus Zrinyi. 

Nikolaus Zrinyi gehört zu den interessantesten Dichtergestalten der 
Weltliteratur. Er ist der größte ungarische Poet dieses Jahrhunderts; er 
ist aber zugleich auch sein größter ungarischer Feldherr. Der gelehrte 
Holländer Tollius, der ihn in seinem königlich eingerichteten Schloß zu 
Csäktorn3'a aufsucht, preist ihn als Humanisten, während die ungarischen 
Zeitgenossen den Staatsmann und glühenden Patrioten in ihm verehren. 
Man könnte die Worte Geibels auf ihn anwenden: „Ein Sänger und ein 
Held wie Walter, und rein sein Schild wie sein Gedicht!" 

Seine ganze Laufbahn hat etwas ganz Außerordentliches. In dem 
Alter, wo andere Kinder mit Holzsäbeln Holzsoldaten fällen, nahm er 
schon an wirklichen Gefechten teil und lernte so früh die Türkenkämpfe 
kennen, die er später besang. In seinem achten Jahre ist er Bannerherr, 
dessen Unterschrift zur Gültigkeit der neuen Gesetze notwendig war. 
Noch als Kind verliert er seinen noch jungen ritterlichen Vater, der, wie 
man glaubte, durch Wallenstein aus Neid vergiftet starb. Mit 16 Jahren 
bereist er Italien, wo er wohl desjenigen Dichterwerk kennen lernte, 
welcher sein Vorbild wurde: Das befreite Jerusalem, und besucht den 
Papst, der den Sprößling des berühmten Heldengeschlechtes freundlich 



28o Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

empfing. Mit z i Jahren ist er Banus von Kroatien. Als Feldherr zeichnete 
er sich besonders in den Türkenkriegen des Jahres 1663/64 aus. Empört 
über den unwürdigen Frieden von Großwardein zieht er sich noch in dem- 
selben Jahre (1664) in seine Feste Csäktornya zurück und beginnt in der 
Überzeugung, daß Ungarn von dem Kaiser seine Befreiung nicht erhoffen 
kann, mit den Feinden Österreichs zu verhandeln. Man verspricht ihm die 
Königskrone von Ungarn. Da stirbt er plötzlich auf einer Jagd: ein Eber 
hatte ihm mit seinen Hauern den Hals durchstoßen. Das Gerücht be- 
hauptete, sein Todfeind, der österreichische Feldherr Montecuccoli habe 
ihn meuchlings ermorden lassen. Die Devise Zrinyis war: Sors bona, 
nihil aliud, tatsächlich fehlte jedoch ihm und seiner ganzen Familie 
nichts als das Glück. Der jüngere Bruder des Dichters, Peter Zrinyi, der 
auch das Epos des Nikolaus ins Kroatische übersetzte, starb auf dem Schafott; 
dessen Tochter, die herrliche Helene Zrinyi, die heldenmütige Verteidigerin 
von Munkäcs, starb verbannt in Kleinasien; ihr Sohn, der Freiheitsheld 
Fürst Franz Räkoczi, starb auch im türkischen Exil am Marmarameere. 
Der Sohn des Nikolaus Zrinyi fiel von Türkenhand, der Sohn Peters wurde 
in lebenslänglicher österreichischer Haft wahnsinnig. 

Das Hauptwerk Zrinyis ist ein großes Epos: Die Belagerung von 
Sziget. Das Gedicht verherrlicht den Heldentod des Nikolaus Zrinyi, des 
Urgroßvaters des Dichters, der mit kleiner Besatzung die Feste von 
Szigetvär verteidigte und endlich, da sie der riesigen Übermacht des 
Sultans Soliman gegenüber nicht mehr zu halten war, in einem Ausfall 
mit der ganzen Besatzung den Heldentod fand. Der Auffassung des 
Dichters zufolge ist Ungarn in Sünden versunken; als Strafe sendet Gott 
die Türken, doch Zrinyi opfert sich für das Ungarntum, tötet bei 
seinem letzten Ausfall den Sultan (was ein sagenhafter Zug ist) und stirbt 
mit allen seinen Gefährten den Heldentod. Vor den Augen Zrinyis 
schwebte das große Muster Virgils und Tassos. Er hat aber auch von 
Ariosto und einem kroatischen Dichter Karnarutic, der dasselbe Thema 
behandelte, manches gelernt. 

Seine Sprache ist etwas rauli, manchmal noch unbehilflich, aber 
voller Kraft, in der sich der große Charakter des Verfassers ausdrückt. 
Die Komposition verrät den energischen Feldherm, der jede Abteilung 
an den gehörigen Platz zu stellen weiß. Er ist Rassenkenner und schildert 
türkische und ungarische Charaktere in ihren unterschiedlichen Merkmalen. 
Das Lagerleben, die Schlachten, den Kriegsrat, das alles beschreibt er 
wie jemand, der mit diesen Sachen auf das genaueste vertraut ist. Zrinyi 
hat vielfach Tasso nachgeahmt, im Grunde aber ist er Ungar geblieben. 
In seinem Werke sehen wir den wortkargen, stolzen, gefühlvollen, tat- 
kräftigen und großmütigen Magnaten und Feldherm vor uns, während 
uns aus dem Gcrusalcmmc liberata das religiös-exaltierte, sinnlich-schmach- 
tende Auge des Italieners glühend anblickt. 

Das Leben und die Werke Zrinyis bilden eine geschlossene Einheit; 



IV. Das Zeitalter der Gegenreformation. 28 1 

der Dichter und der Prosaiker verfolgt ein und dasselbe Ziel wie der 
Feldherr und Staatsmann Zrinyi: die Befreiung Ungarns von der Türken- 
herrschaft mit nationaler Kraft. 

In demselben Jahre, in welchem Nikolaus Zrinyi, die Hoffnung und der Stefan 

Gyöngyösy 

Stolz Ungarns, in dem Walde bei Kursanecz verblutend gefunden vmrde, (1625—1704). 
erschien ein episches Gedicht, welches berufen war, eine viel größere 
Wirkung auszuüben als das Zrinyi-Epos. Es war die Venus von Murdny 
des Stefan Gyöngyösy, der ein zeitgenössisches Ereignis behandelte, 
das in ganz Europa Aufsehen erregte. Der zur kaiserlichen Partei ge- 
hörige Feldherr Franz Wesselenyi belagerte die fast uneinnehmbare natio- 
nale Festung Muräny, deren Befehlshaber eine wegen ihrer Schönheit und 
ihres Geistes berühmte Frau, die Gräfin Marie Szechy war. Als sich die 
zwei feindlichen Führer, der Belagerer und die Kommandantin der Feste, 
einmal begegneten, verliebten sie sich ineinander: Marie Szechy ermög- 
lichte es dann, daß Wesselenyi nachts insgeheim mit einem Teile seines 
Heeres auf einer Strickleiter in die Festung drang und mit einem Schlag 
Herr der schönen Frau und der berühmten Feste wurde. 

Gyöngyösy ist Barockdichter, ein Zeitgenosse der architektonischen 
Schöpfungen, welche die edlen Linien der Renaissance durchbrechen und 
verbiegen, der Bildwerke, welche durch eine unmotivierte Bewegung auf- 
fallen, der unnatürlichen Gärten, welche die geraden Flächen der Gebäude 
fortsetzen wollen, der Allongeperücken, welche falsche Würde verleihen. 
Dem Geschmack seines Zeitalters entsprechend, arbeitet Gyöngyösy fort- 
während mit einem mythologisch-allegorischen Apparate, wie dies schon 
der Titel seines Werkes zeigt: Die dem Mars gesellte Venus von 
Muräny. Auch in seinen Metaphern zeigt sich das Gezierte, Unnatürliche, 
Schwülstige der Barockzeit. Gyöngj'ösy ist der Epiker der Eheschließung. 
Neben der überraschenden Heirat der Marie Szechy behandelte er in 
einem anderen Werke: Der aus der Asche entstandene Phönix das 
Liebesverhältnis und die Ehe des siebenbürgischen Magnaten, späteren 
Fürsten von Siebenbürgen Johan Kemeny mit Anna Lönyay. Den Hinter- 
grund des mittleren Teiles bildet ein furchtbares Ereignis der Siebenbürger 
Geschichte: die ganze Armee, die zur Hilfe des schwedischen Königs 
Karls X. nach Polen zog und in der sich auch Kemeny befindet, fällt in 
Gefangenschaft und alle werden Sklaven der Tataren. Ein drittes Ge- 
dicht handelt von der Hochzeit der früher erwähnten Helene Zrinyi (der 
Tochter Peter Zrinyis) mit dem berühmten Kuruczenführer Thököly. 

Gyöngyösy ist der Gegensatz Zrinyis: statt der männlichen Herbheit 
finden wir bei ihm schwülstigen Prunk, statt der einheitlichen Kompo- 
sition ein bloßes Nacheinander der Ereignisse. An Wohllaut der Sprache, 
Schönheit der Beschreibungen, fesselndem Interesse der Handlung über- 
trifft jedoch Gyöngyösy, der Barockschüler des Ovid, seinen Vorgänger 
Zrinyi, den Spätrenaissanceschüler Virgils. 



282 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

V. Das 18. Jahrhundert. Zweiundzwanzig Jahre nach dem Tode 
des Dichters Nikolaus Zrinyi war Ofen wieder in Christenhand: Ungarn 
war von dem türkischen Joch befreit. Man sollte glauben, daß nach 
diesem glücklichen Ereignis gleich ein großer Aufschwung aller nationalen 
Kräfte eingetreten sei: statt dessen sehen wir eine tiefe Depression, besonders 
nach dem Mißlingen der Freiheitskämpfe des Franz Raköczi (1703 — 1711); da 
scheint es, als ob alle Quellen der Kunst ausgetrocknet wären, nur der 
ewige Brunnen der Volkspoesie rauscht in der Stille. Was sind die Ur- 
sachen dieser auffallenden Erscheinung? 

Ungarn war nach der Türkenherrschaft und den Türkenkriegen er- 
schöpft, da es besonders an Menschenmaterial furchtbare Einbuße erlitten. 
Aber auch finanziell war es erschöpft, die Soldaten der Christenheere 
haben ebensoviel Schaden verursacht wie die Türken; außerdem machte 
die Zollpolitik Österreichs das verarmte und entvölkerte Land zu einer 
Ausbeutekolonie. Die Aristokratie Ungarns geriet in den Bannkreis des 
Wiener Hofes und vergaß um die Mitte des Jahrhunderts ihre Mutter- 
sprache. Der gebildete ßürgerstand sprach zumeist deutsch, die Gelehrten 
schrieben lateinisch. Nach dem Räköczischen Kriege gab es Jahre, in 
welchen nur 3 — 4 ungarische Bücher erschienen. Viel geistigen Schaden 
richtete auch die sogenannte Revision an, welche die besten ausländischen 
Bücher verbot, und die Zensur, welche inländische Geistesprodukte hemmte. 
Das Verzeichnis der verbotenen Bücher wurde amtlich veröffentlicht, später 
aber wurde sogar dieses Verzeichnis verboten, weil das Publikum daraus 
die Titel der gefährlichen Bücher ersehen konnte. 
Aufblühen der Doch konnte selbst in dieser Periode des geistigen Stillstandes das 

Volkspoesie. , . 

große nationale Pathos der Räköczischen Freiheitskriege nicht verrauschen, 
ohne in der Dichtkunst Spuren zurückzulassen. Der Impuls der großen 
politischen Ereignisse zeigt sich in dem Aufblühen der Volkspoesie am 
Anfang des Jahrhunderts. Unter den Soldaten Räköczis entwickelte sich 
eine eigentümliche, oft wilde, aber dennoch tiefgefühlte und hochpoetische 
Lagerpoesie, die sogenannte Kuruczendichtung. Kuruczen hieß man die 
ungarischen Aufständigen, die gegen Osterreich kämpften; besonders 
nannte man so die Soldaten Thökölys in der zweiten Hälfte des 1 7. und 
die Franz Räköczis am Anfang des 18. Jahrhunderts. Diese Kuruczen- 
gedichte — Lieder und Balladen — gehören zu den schönsten Erzeug- 
nissen der ungarischen Volksdichtung. Das ungarische Stammgefühl, der 
Haß gegen die Unterdrücker, der Schmerz über das Elend des Vater- 
landes, die nationale Exaltation lodern darin in hellen Flammen. 

Kiemeas Mikes ^.n den pfroßen Namen Räköczis knüpft sich auch das bedeutendste 

(1690— 17611. ° ^ ^ _ 

Prosawerk dieser Epoche, die Briefe aus der Türkei des Klemens 

Mikes, welche allerdings erst viel später, am Ende des Jahrhunderts, im 
Druck erschienen. Als Franz Räköczi 1 7 1 1 ins Exil ging, aus dem er nie 
mehr zurückkehrte, als er seine Familie, seine Zukunftsträume, seine uner- 
meßlichen Reichtümer zurückließ, begleitete ihn der junge Mikes überall- 



V. Das i8. Jahrhundert. 283 

hin. Er war sein treuer Gefährte in Frankreich am Hofe des Sonnen- 
königs; er folgte seinem Fürsten in die Türkei, lebte — ein treuer Diener 
seines Herrn — an seiner Seite im traurigen Exil zu Rodosto am Marmara- 
meer; und als sein Fürst starb, drückte er ihm die Augen zu. Wie der 
Vater starb später auch der Sohn, Joseph Räköczi, in den Armen des 
Klemens Mikes. Die Eindrücke des Rodostoer Lebens, die Ereignisse 
im nahen Konstantinopel, die Früchte seiner vielseitigen Lektüre, das sind 
die Gegenstände, die Mikes in seinen türkischen Briefen mit einer 
liebenswürdigen Schalkheit, und in einem durchsichtigen Prosastil be- 
handelt, der in dieser traurigen Zeit nicht seinesgleichen hat. Die Briefe 
des Mikes sind keine wirklichen Briefe, er wählte die Briefform, um in 
ihr seine Memoiren zu schreiben, eine literarische Form, die für solchen 
Zweck vielleicht einzig dasteht. 

Der Schlaf der Literatur dauerte bis 1772. Er war übrigens — wieuas Erwachen 
der Schlaf des Körpers — zugleich ein Kräftesammeln. Das Erwachen (1747—1811). 
geschah folgendermaßen: In der ungarischen Leibgarde, welche die Kaiserin 
Maria Theresia in Wien errichtete, befand sich als Offizier ein junger, 
schöner Landedelmann mit wenig Schulbildung: Georg Bessenyei. In 
Wien, wo er seiner geistigen Zurückgebliebenheit inne wurde und wo er 
dann mit gToßer Ambition und Empfänglichkeit sich zu bilden anfing, 
lernte er die französische Literatur und die damals auch in Wien herrschende 
Geistesrichtung der Aufklärung kennen. Sein Ideal ist Voltaire. Sein 
Bestreben ist, eine ungarische Literatur, ungarische Geistestätigkeit ins 
Leben zu rufen. Zu diesem Zwecke bildete er mit mehreren seiner Ge- 
fährten aus der ungarischen Leibgarde einen literarischen Kreis. Im 
Jahre 1772 erschien sein erstes Werk: Die Tragödie des Agis, ein 
ganz im französischen klassischen Stil geschriebenes Drama, dessen aus 
der spartanischen Geschichte entlehnten Stoff auch Gottsched behandelt 
hatte. Es finden sich darin die drei Einheiten, der elegante reflektierende 
Dialog und der g-alante Ton des französischen Dramas ohne die feine 
Psychologie und glänzende Diktion. Wie Voltaire wollte auch Bessenyei 
von der Bühne weitschallend die Ideen der Aufklärung verkünden — was 
sonderbar ist, da damals noch keine ungarische Bühne existierte. 

Trotz aller Mängel war die Tragödie epochemachend, denn mit ihr 
fängt das literarische Leben in Ungarn wieder an. Wenn in einem Zimmer 
mehrere schlafen und einer erwacht, so weckt er durch seine Bewegungen 
auch die übrigen. So geschah es auch hier. Bessenyei erweckte die 
Geister; er schrieb noch mehrere Dramen, die für sich keine große Be- 
deutung haben: die Wichtigkeit seiner Mission bestand darin, daß er den 
Impuls gab. Er und seine Gefährten, welche die damals in Wien wie 
übrigens auch in ganz Europa in höchstem Ansehen stehende französische 
Literatur zum Muster nahmen, bilden die sogenannte firanzösische Schule. 
Die Geistlichkeit dagegen, die natürlicherweise eine lateinische Bildung 
hatte, ahmte, als das literarische Leben sich zu entfalten begann, in erster 



284 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

Reihe Horaz und Virgil nach. Die Dichter dieser Richtung' nennt man 
die klassische Schule. Der bedeutendste Erbe dieser Dichtergruppe war 
Daniel Berzsen}'! (1776 — 1836), der größte Odendichter Ungarns, der in 
die Horazsche Form glühenden ungarischen Patriotismus goß und unter allen 
Ungarn am meisten das Erhabene zu erreichen wußte. Aber nicht alle 
Dichter wendeten sich nach dem Auslande: die ungarischen Traditionen, 
vor allem das Muster Gyöngyösys wirkten noch fort; ungarische Stoffe, in 
ungarischem Versmaß mit nationaler Tendenz — das war das Ziel der 
nationalen Schule. Das Zentrum der nationalen Bildung in dieser Zeit war 
Debreczin, das kalvinistische Rom, die größte echt ungarische Stadt. Hier 
wurde Michael Csokonai, der bedeutendste Dichter der nationalen Gruppe 
geboren; hier starb er im Alter von 31 Jahren. Sein Leben war ein un- 
stetes Wanderleben, und doch ist er die einzige wahre Dichterindividualität 
des 1 8. Jahrhunderts. Er erinnert an Bürger, aber er bleibt, auch wenn er 
nachahmt, immer Ungar. Verschiedene Richtungen sind in seiner Lyra 
vertreten: derber Humor und tiefes Naturgefühl, anakreontisches Ge- 
tändel und echt volkstümlicher Liederton. In seinem komischen Epos 
Dorothea oder Sieg der Damen über den Prinzen Karneval finden 
sich in etwas fadem, allegorischem Rahmen viele komische Beobachtungen 
und prächtige ungarische Typen. Das Epos erzählt eine komische Schlacht 
zwischen den alten Jungfern, deren Führer Dorothea ist, und dem personi- 
fizierten Karneval. 

Die Resultate. VI. Das IQ. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert hat in Ungarn 

eine größere Bedeutung als alle früheren seit der Eroberung des Landes. 
Herodot sagte: Ägypten sei ein Geschenk des Nils, ähnlicherweise könnte 
man sagen: Ungarn ist ein Geschenk des 19. Jahrhunderts. 

Als sich die Sonne des 19. Jahrhunderts erhob, war wenig Hoffnung 
am Horizonte Ungarns. Herder hält in seinen Ideen die Ungarn für ein 
Volk, das im Aussterben begriffen ist. Bekümmert fragten sich die 
Patrioten, ob Herder nicht recht behalten werde. Wie die edelsten 
Geister Ungarns über das Schicksal ihres Vaterlandes dachten, ersehen 
wir aus der berühmten Ode Berzsenyis: An die Ungarn. Ungarn ist 
dem Gedichte zufolge einem langsamen Tode geweiht. Wir müssen 
diesen Verfall und Untergang der Nation mit Resignation erdulden, denn 
nach dem ehernen Gesetz der Weltgeschichte gehen alle großen Staaten, 
wie Troja, Babylon, Karthago und Rom zugrunde. Ein angesehener 
Dichter schrieb an Kazinczy: „Auch ich bin genötigt, meinem Volke den 
Untergang zu prophezeien." 

Da trat plötzlich eine große Wendung ein. Am Anfange des Jahr- 
hunderts schien es — als ob alles verloren sei, und doch war alles gerettet. 
Das große Zeitalter war schon vorbereitet. Während äußerlich noch 
nichts zu sehen war, fing es unten im Schöße der Erde schon an, unsicht- 
bar zu keimen, Wurzeln zu treiben, die Lebenssäfte begannen zu kreisen. 



VI. Das iq. Jahrhundert. 285 

und die Pflanze entwickelte sich: unsichtbar, weil im Herzen der Menschen. 
Als ob die Natur eine letzte große Anstrengung machen würde, dieses 
Volk zu retten, und die großen Männer auf die erste Hälfte des Jahr- 
hunderts konzentrieren würde. Vörösmart}', Petöfi, Arany, die größten 
ungarischen Dichter, sind Zeitgenossen der größten ungarischen Staats- 
männer: Szechenyi, Kossuth und Deäk. Binnen kurzer Zeit, während 
2 — 3 Jahrzehnten erwecken diese Männer ihr Volk aus dem tatenlosen, 
dumpfen Schlummer, gießen Selbstvertrauen und Hoffnung- in sein Herz, 
gestalten es zur Nation, sichern mit ihrer Weisheit seine Zukunft und 
verklären es mit der Glorie ihrer Poesie. 

Die größte Umgestaltung Ungarns zeigt sich besonders in drei Rich- 
tungen: in der Politik, in der Literatur und in der Volkswirtschaft. Die 
große Veränderung in der Politik besteht darin, daß Ungarn unter der 
Führung Kossuths aus einem Ständestaat zu einem nationalen Staate wird, 
in welchem die Reste der Leibeigenschaft, die Klassen und Stände mit 
ihren verschiedenen Rechten aufhören. Die konstitutionelle Selbständig- 
keit dieses neugebildeten Nationalstaates, Österreich gegenüber, sicherte 
dann Deäk in dem Ausgleiche von 1867. 

In diesem neuorganisierten Staate blüht die Literatur auf einmal in 
ungeahnter Fülle und Schöne empor. Zuerst schafft sich die Literatur durch 
die Spracherneuerung Kazinczys ein neues Organ zur Vervollkommnung 
der Prosa; gleich darauf begründet der 25jährige Vörösmarty eine glänzende 
poetische Sprache und Diktion: mit seinem Epos die Flucht Zaläns 
hebt sich strahlend die Sonne dieser Glanzzeit, in den vierziger Jahren 
brennt sie ihren heißesten Mittag und geht goldglühend mit dem Epos 
Toldis Liebe von Arany (1879) unter. Das dritte Gebiet, auf welchem 
Ungarn eine wesentliche Umgestaltung erleidet, ist das der materiellen 
Kultur. Es ist das Werk Stefan Szechenyis, der im Gegensatz zu den 
übrigen genialen Staatsmännern Ungarns einen lebhaften Sinn für die 
praktischen Fragen, für Kredit und Assoziation hatte. Ihm ist es in erster 
Reihe zu verdanken, daß aus dem Ungarn, welches Herder für einen im 
Sterben begriffenen Staat hielt, dasjenige Ungarn geworden, welches 
Kaiser Wilhelm IL am 21. September 1898 zu Ofen „in sympathischer 
Bewunderung" mit dem Ausspruch charakterisierte, daß es seine Millen- 
niumsfeier in „überraschender Herrlichkeit" feierte. 

So große Resultate wären unmöglich gewesen ohne große Tugenden. Die Gefühle. 
Dem ungarischen Volksglauben gemäß muß ein Haus, um fest bestehen 
zu können, in seinen Grundmauern mit einem Opfer von Menschenblut 
benetzt werden. Solch ein Gebäude ist das heutige Ungarn. Das Opfer 
bei seiner Grundsteinlegung war das selbstaufopfernde Leben seiner edelsten 
Söhne in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Außergewöhnliche Talente 
und Charaktere mußten kommen, um in dieser Welt des Egoismus und der 
Lässigkeit solche außergewöhnliche Resultate zu erzielen. Welche Be- 
geisterung, welche Opferwilligkeit ist in diesem Heroenzeitalter der ungari- 



2 86 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

sehen Kultur bei den Führern zu finden, von Kazinczy angefangen, der 
am Ende des i8. Jahrhunderts seine Notizen in dem Gefängnisturm von 
Kufstein mit seinem eigenen Blut schreibt, bis zu Petöfi, der 1849 mit 
26 Jahren glorreich auf dem Schlachtfelde stirbt! Die Dichter Verseghy, 
Bacsänyi, SzentjöbiSzabö, Czüczor, Madäch mußten im Gefängnis schmachten, 
Kossuth mußte im Exil sterben, der größte Staatsmann Ungarns, Graf 
Stefan Szechenyi, mußte verzweifelt über das Schicksal seines Vater- 
landes zum Selbstmörder werden — billiger war es Ungarn nicht gegeben, 
sich die Freiheit und das Leben zu erringen. 

Es bedurfte großer Herzen und glühender Exaltation, um diese Nation 
neu zu gründen. Im Jahre 1795 wurden in Ofen auf dem Felde, welches 
seitdem im Ungarischen das Feld des Blutes heißt, die Mitglieder der 
sogenannten Martinovicsischen „Verschwörung" enthauptet; nachdem der 
aufgeregte Henker dreimal auf Sigray geschlagen, ehe sein stolzes Haupt 
fiel, wurde Laczkovics, dann der die Marseillaise singende Szentmarjai, 
dann der schwärmerische Hajnoczy und endlich der gelehrte Martinovics 
hingerichtet; am nächsten Tage fand man an blutiger Stelle festgewurzelt 
einen duftenden Rosenstrauch. Auf solche Weise erblühte auch die unga- 
rische Literatur aus dem Blute der Märtyrer. — Am Ende des 1 8. Jahrhunderts 
reiste ein junger Edelmann nach Siebenbürgen. „Gegen Abend — schreibt 
er in seinem Tagebuch — kam ich auf einen hohen Berg, wo Ungarn an 
Siebenbürgen grenzt. Unter mir sah ich eine überraschende, prächtige, 
aber mein Herz zerschmetternde Szenerie: im Westen sah ich die ung-ari- 
sche Ebene in reinem Abendgolde; im Osten brandete das Wäldermeer 
von Siebenbürgen. Auch mein Herz geriet in Brandung, ich warf mich 
auf die Grenzlinie unter Tränengüssen nieder und schwur: Ich, ein armer 
ungarischer Edelmann, doch Abkomme derjenigen, die hier eine glorreiche 
Nation gegründet, werde aus meinem Herzblut und meinen innigsten 
Gefühlen wie die Seidenraupe aus ihrem Innern einen P'aden spinnen, mit 
welchem ich unsere aussterbende Nationalität durch Sprache, Gefühl und 
Schrift weiter am Leben erhalten werde." 

Dieser Jüngling begann wirklich „den Faden zu spinnen". Es war 
Alexander Kisfaludy. 

Ein junger ungarischer Magnat sah auf seiner Orientreise im Jahre 18 18 
in Athen erschüttert die Ruinen der schönsten Gebäude der Welt. Sollte 
sein Vaterland auch so untergehen? Er leistete sich den Schwur: „Wenn 
nötig, werde ich allein mein armes Volk aus seinem Verfall erheben und 
einer schönen Zukunft entgegenführen." 

Er hielt den Schwur. Es war Stefan Szechenyi. 
Die Sprach- Ehe die Literatur ihre Blüte erreichen konnte, mußte sie ein voll- 

erncucruog am 

Anfang des kommenes Organ für den Ausdruck haben. Dies zu schaffen, war das 

19. Jahrhunderts. '^ 

Ziel der Spracherneuerung, die eng mit dem Namen Franz Kazinczys ver- 
knüpft ist. 

Es ist nicht leicht, einem Ausländer einen Begriff von der Sprach- 



VI. Das 19. Jahrhundert. 287 

erneuerung zu geben, so daß er ihre Bedeutung, ohne sie zu überschätzen, 
doch richtig erkenne. Spracherneuerung nennen wir das Bestreben einer 
Gruppe von Schriftstellern, die ungarische Sprache mit neuen Wörtern 
und Stilwendungen zu bereichern. Franz Kazinczy war der Führer dieser 
Bewegung, welche jedoch schon früher anfing und ihn überlebte. Die 
Worte erfanden die Schriftsteller selbst, teilweise den ungarischen Wort- 
bildungsgesetzen gemäß, teilweise auf eine höchst willkürliche Weise. Das 
Resultat war die künstliche Transfusion von etwa zehntausend neugebildeten 
Wörtern in den Körper der ungarischen Sprache. Es war eine ganze Revo- 
lution, die wie jede Revolution zu Übertreibungen führte. Die Wort- 
fabrikation nahm so sehr überhand, daß beinahe schon die Reinheit der 
Sprache bedroht war: die Zahl der neugebildeten Wörter, welche man in 
die ungarische Sprache hineinzuschmuggeln versuchte, welche jedoch die 
gesunde Xatur der ungarischen Sprache gleich abgestoßen hat, betrug 
vielleicht mehr als 20000. 

Es entstand eine große Reaktion gegen die Übertreibungen der 
Spracherneuerer, der Neologen, bis endlich (wie gewöhnlich nach großen 
Umwälzungen) ein Kompromiß zustande kam, welcher einen Teil der neu- 
geschaffenen Wörter als bleibenden Bestandteil des ungarischen Sprach- 
schatzes akzeptierte. 

Der Führer dieser wichtigen Bewegung, Franz Kazinczy, war kein Franz Kazinczy 
Dichter von hohem Rang, aber doch ein Bahnbrecher, ein Inspirator und 
Meister des Geschmackes. Er war sehr wohlbewandert in der Weltliteratur 
und wohl einer der ersten außerhalb Deutschlands, die Schillers und 
Goethes Bedeutung erkannten. Sein Ideal war das Allgemein-Menschliche, 
wie es etwa Goethe in der Iphigenie verklärt. Mit Schmerz mußte 
Kazinczy am Ende seines Lebens bemerken, daß die junge Generation, vor 
allem der geniale Michael Vörösmarty, sich von diesem abstrakten allgemein- 
gültigen Ideal lossagt und eine entschieden nationale Tendenz verfolgt. 
Man suchte nicht mehr das allgemein rein Menschliche, sondern das speziell 
rein Ungarische. Kazinczy war wie ein Vater, der die Sprache seiner 
Söhne nicht mehr versteht. 

Der Sprachemeuerung' sieht man es an, daß ihr Führer ein Zeit- 
genosse der französischen Revolution war. Wie die Revolutionäre die 
Tradition nicht zu schätzen wußten und die Resultate tausendjähriger 
Entwicklung mit einem Schlage beseitigen und alles der raison pure 
gemäß umgestalten wollten, so mißachtete auch Kazinczy die Sprach- 
tradition, das durch Jahrtausende langsam Gewordene, und trachtete es 
einem abstrakten Ideal zuliebe plötzlich umzuändern. 

Kazinczy suchte nicht nur die Sprache zu verschönern und zu be- 
reichem, er wollte auch den Geschmack veredeln. Zu diesem Zwecke 
übersetzte er vieles aus dem ausländischen Literaturschatz und suchte auch 
durch Rat auf die Zeitgenossen zu wirken. Ein Hauptmittel dazu war seine 
Korrespondenz. Er war die höchste Autorität in literarischen Angelegen- 



2 88 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

heiten. Alles wendete sich an ihn. Seine Korrespondenz, welche viel- 
leicht die größte der Weltliteratur ist und nur mit der Voltaires ver- 
glichen werden kann, ersetzte eine literarische Zeitschrift. Es ist eine für 
ihn charakteristische Tatsache, daß die Portospesen seiner Riesenkorre- 
spondenz viel zur Vermehrung seiner finanziellen Kalamitäten beitrugen. 
Aieiander An der Schwclle der Blütezeit stehen die Gebrüder Kisfaludy, die 

Kisfalady ■' ' 

(1772— 1844). ungefähr zu derselben Zeit wirkten wie die Brüder Schlegel. Der ältere 
Alexander ist der größte Lyriker seines Zeitalters. Seine Liebeslieder 
(Die Liebe Himfys) haben das Publikum im Sturm erobert — was bis 
dahin kein einziger ungarischer Dichter sagen konnte. „In den sonnigen 
Tälern der Provence ist der Minnesang entsprossen" singt Uhland. Auch 
die Liebespoesie Kisfaludys stammt aus der Provence und hat vielleicht 
daher ihre Glut, ihre süße Melodie und ihre Formschönheit. Er kam in 
den Napoleonischen Kriegen als Kriegsgefangener in die Provence und 
sah auch Avignon, was für ihn von um so größerer Bedeutung war, als er 
in der Poesie als Vorbild den Sänger von Vaucluse: Petrarca betrachtete. 
In seinen kleineren epischen Gedichten, Sagen der ungarischen Vor- 
zeit, wendet er sich, wie die zeitgenössische Romantik überhaupt, zum 
Mittelalter, zum Ritterwesen; jedoch sieht Kisfaludy im Mittelalter nicht 
das hehre religiöse, sondern das nationale Zeitalter. Er liebt die Ver- 
gangenheit, weil in ihr Ungarn frei und mächtig war. 
Karl Kisfaludy Während Alexander Kisfaludy, der Dichter der unglücklichen Liebe, 

'' " als Muster eines klugen Landedelmannes gemächlich und angesehen auf 
seinem Landgut lebte, kämpfte sein Bruder Karl schwer um seine Existenz 
und um den Lorbeerkranz. Als Maler bereiste er Italien; zurückgekehrt lebte 
er in Pest notdürftig' von seinen Malereien, die der Schuhmacher, bei dem 
er wohnte, verkaufte. Im 31. Jahre betrat er die Laufbahn, für die er 
prädestiniert war: die des dramatischen Dichters. 
Das Drama. Das ungarischc Drama war eben damals zu Anfang des 19. Jahr- 

hunderts in der Jugendgärung. Unter allen Dichtungsarten hatte sich das 
Drama am spätesten entwickelt, da das städtische Leben — welches die 
Vorbedingung des Dramas ist — eben bei dem ungarischen Element 
späteren Ursprunges ist. Auch war die Entwicklung des Dramas keine 
kontinuierliche: das weltliche Drama entsprang nicht aus dem alten 
geistlichen. In einem Legendenkodex vom Anfang des 16. Jahrhunderts 
findet sich die wörtliche Übersetzung eines Dramas der Roswitha: des 
Dulcitius, nur daß der Dialog durch erzählenden Text verbunden 
ist. Das 16. Jahrhundert war übrigens in Ungarn wie auch in Deutsch- 
land die Zeit des satirisch-theologischen Tendenzdramas. In dieser 
Gattung ist das interessanteste Produkt das Drama: Der Verrat des 
Meinhard Balassa, vielleicht das Werk eines unitarischen Predigers, 
welches nicht ohne Kraft einen mächtigen und gewalttätigen Raub- 
ritter (einen Verwandten des Dichters Balassa), dem für Geld Ehre 
und Rehgion feil ist, an den Pranger stellt. Im 17. und 18. Jahr- 



VI. Das 19. Jahrhundert. 28Q 

hundert ist es bloß die Schule, welche in Ungarn das Drama pflegt. Die 
erste öffentliche Theatervorstellung von Bedeutung fand im Jahre 1790 
zu Ofen in einem Klostergebäude statt, welches Joseph II. zu einem 
Theater umgestalten ließ. Ein Enthusiast, Ladislaus Kelemen, stand an 
der Spitze der Truppe, welche nicht nur des Erwerbes halber, sondern 
aus Patriotismus, um die ungarische Sprache und Literatur zu verbreiten, 
spielte. Das Kelemensche Theater, welches in sein Repertoire auch Lessing, 
Schiller und Goethe aufgenommen hatte, hielt sich nicht lange, aber das 
Eis war gebrochen: das Bühnenwesen verbreitete sich immer mehr und 
mehr, und nun war es an den Dichtern, die Bühne mit ungarischen Pro- 
dukten zu versehen. In dieser Zeit, im günstigen Augenblicke, trat Karl 
Kisfaludy auf. Sein epochales Hauptverdienst besteht darin, daß er auf 
die Bühne nicht nur Stücke in ungarischer Sprache — wie seine Vor- 
gänger — sondern wirklich (und nicht bloß hieher lokalisierte) ungarische 
Sujets und ungarische Charaktere brachte. Er ist mit seinen Lustspielen 
der Begründer des wahrhaft ungarischen Dramas. Die Lustspielform und 
Technik dagegen ist ganz die damals modische, die von Kotzebue und 
Kömer. Unter seinen Tragödien ragt am meisten Irene hervor. Den 
Stoff entnahm Kisfaludy dem großen Mathematiker Wolfgang von Bölyai, 
der außer seinen großartigen mathematischen Werken auch Dramen schrieb. 
Irene ist ein schönes Griechenmädchen, welches nach der Eroberung von 
Konstantinopel als Gefangene in das Serail Mahomets IL kommt. Der 
Sultan vergißt über ihre Liebe den Krieg, als er jedoch die Unzufrieden- 
heit der Krieger sieht und an der Liebe Irenes zu zweifeln anfängt, er- 
sticht er sie. 

Ein weiteres Hauptverdienst Karl Kisfaludys, neben der Begründung 
des ungarischen Dramas, ist die Herausgabe eines jährlich erscheinenden 
Almanachs, der Aurora, wodurch er ein Mittel fand, der ungarischen Lite- 
ratur ein Publikum heranzubilden und zugleich die talentiertesten Schrift- 
steller in einen Kreis in die Hauptstadt zu konzentrieren. Ungarn hatte bis 
dahin kein literarisches Zentrum: vermittelst des Taschenbuches Aurora 
gab Kisfaludy dem literarischen Leben auf einmal einen Führer und einen 
Mittelpunkt. 

Neben diesen bahnbrechenden Geistern steht noch eine edle tief- ^'^"^ ^°'"°^ 

(1790— 1838). 

sympathische Gestalt: Franz Kölcsey. Ein schwärmerischer Idealist, wie 
aus einem Drama Schillers herausgehoben, der in seine Studien und in 
seine Gedanken versunken, einmal ein ganzes Jahr sein Haus nicht verläßt. 
Er hatte in seiner Jugend ein Auge verloren und das gab seinem feinen 
"blassen Gesicht mit der hohen Stirn einen überirdisch-melancholischen 
Ausdruck, Auch in seiner Lyrik finden wir eine feine, unbestimmt 
nebelhafte Melancholie und Sentimentalität. Was ihn jedoch weit über 
seine sentimentalen deutschen Zeitgenossen, z. B. Matthisson, erhebt, ist der 
große Zug des Patriotismus, der tiefe patriotische Schmerz, der ihn seinen 
eigenen Schmerz vergessen läßt. Kölcsey war unter den großen Rednern 

Die Kultur der Gegenwart. I. 9. I9 



2QO Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

■ des damaligen politischen Lebens der poetischste, das Vorbild des größten 
Redners: Kossuths. Das berühmteste Gedicht Kölcseys ist seine Hymne, 
der Nationalhymnus der Ungarn, dessen Hauptgedanke folgender ist: 
Ungarn hat im Laufe der Geschichte so viel gelitten, daß es durch seine 
Leiden die Sünden der Vergangenheit und die der Zukunft gesühnt hat. 
Die Blütezeit Die Blütezeit der ungarischen Literatur fällt in die Jahre 1820 — 1880, 

" LuTratur. °° in welchen die zwei größten Dramatiker, Josef Katona und Emerich 
Madach, ihre Meisterwerke veröffentlichen, Michael Vörösmarty die 
poetische Sprache begründet, Alexander Petöfi, der größte Lyriker, 
Johann Arany, der größte Epiker, und Maurus Jökai, der berühmteste 
Romanschriftsteller leben und wirken. In dieser glorreichen Zeit treten 
auch die drei größten Staatsmänner auf: der Begründer des modernen 
Ungarn: Stefan Szechenyi, der Führer der Unabhängigkeitsbewegung: 
Ludwig Kossuth, und der Weise des Landes, der Stifter des Ausgleiches 
zwischen Ungarn und Österreich: Franz Deäk. 
Konstitutive Ihre Sonnenhöhe erreicht die ungarische Literatur in den zwei Jahr- 

BUHezeit/'^ Zehnten vor dem Freiheitskampfe (1848). Diese Glanzperiode entstand 
durch die Vereinigung zweier Faktoren: der nationalen patriotischen Be- 
geisterung mit der allgemeinen europäischen demokratischen Strömung. 
Jede große Idee, jedes große Gefühl ist anfangs der Besitz eines kleinen 
Kreises, aus dem sie dann leuchtend und wärmend weiter dringen. So 
war es auch mit der patriotischen Exaltation: zuerst zündet sie bei den 
an der Spitze der Nation stehenden Männern, dann dringt sie in die 
weiteren Kreise und ergreift die Nation. Diese Jahre waren die Zeit der 
Begeisterung und des Pathos; das Gemeingefühl erreicht einen Grad 
von Wärme wie nie zuvor. Die Poesie Vörösmartys, Petöfis und Aranys 
entfaltet sich dann schnell in diesem günstigen Klima. 

Zu diesem nationalen Hochgefühl gesellt sich als zweites konstitutives 
Element die Wirkung der demokratischen Ideen, welche sich damals in 
ganz Europa verbreiteten. Das Volk kommt in die Mode. Die Poesie 
Aranys und Petöfis beruht auf der Volkspoesie. „Die Volkspoesie — schreibt 
Petöfi seinem Freunde Arany — ist die wahre Poesie. Vereinigen wir 
uns, daß sie die herrschende werde! Wenn das Volk in der Poesie herrscht, 
wird es auch bald in der Politik zum Herrschen kommen, und das ist die 
Aufgabe dieses Jahrhunderts." 

Um es zusammenzufassen: Den warmen ungarischen Frühling durch- 
brauste unter erhebenden Donnerschlägen und befruchtendem Regenschauer 
das Gewitter der europäischen Demokratie. 

So entstand die reiche Vegetation der Blütezeit. 

Joseph Katona Im Jahre 182 1 erschien Bank Bän von Joseph Katona, die beste 

>79o >3o- 'pj.^gQ^jg^ (jie je ein Ungar geschrieben. Sie übte damals gar keine 

Wirkung und kam bei Lebzeiten des Verfassers auch nicht auf die Bühne, 

da die Zensur das Stück verbot, wahrscheinlich weil darin eine Königin 

ermordet wird, was den Untertanen als schlechtes Beispiel hätte dienen 



VI. Das 19. Jahrhundert. 2QI 

können, stand doch das Schicksal der Marie Antoinette, die eine nahe 
Verwandte des damals regierenden Königs war, noch allseits in lebhaftem 
Andenken. 

Katonas Bank Bän behandelt denselben Stoff wie Grillparzers Ein 
treuer Diener seines Herrn. Beide Dichter entnahmen ihn dem Ge- 
schichtswerke des Bonfini. Der Unterschied ist im Grunde genommen 
darauf zurückzuführen, daß aus Grillparzers Drama der beleidigte Beamte, 
aus dem des Katona der verletzte Patriot spricht. Bdnk Bdn ist das 
Drama des nationalen Pathos, das Drama des Ungamtums, welches sich 
gegen jede Fremdherrschaft auflehnt. Es ist dies das immer wieder- 
kehrende Grundthema der ungarischen Geschichte mit den bleibenden, 
echt ungarischen Charaktertypen, der aufbrausenden, im Grunde aber doch 
loyal gesinnten Opposition. Auch die demokratische Tendenz ist in Bank 
Bän vertreten in der Gestalt eines Bauers, der das Elend und die Leiden 
des Volkes verkörpert. 

Bei Katona tötet der Palatinus Bank Bän die Königin Gertrudis (die 
Mutter der heiligen Elisabeth) in Abwesenheit ihres Gatten, des Königs 
Andreas IL Der Reichspalatin tötet die Königin, er, der Stellvertreter 
des Königs tötet dessen Frau, der Ritter ein schwaches Weib, der loyale 
Untertan seine Herrin — wie war das möglich? Katona macht es uns 
durch seine dramatische Kunst verständlich. Wir sehen in Bank Bän die 
Leidenschaft keimen, wachsen und furchtbar explodieren: wir sehen in ihm 
den beleidigten Gatten, der die Ehre seiner Frau, den Patrioten, der sein 
Land rächt, wir sehen den edlen, doch leidenschaftlichen Mann, den 
außer dem erlittenen Unrecht auch momentane Ursachen tief erregen und 
den die Königin noch im entscheidenden Moment furchtbar reizt. 

Katonas Werk ist voll erschütternder Tragik und in der einfachen, 
manchmal holprigen Sprache erreicht es doch oft eine Wucht und Erhaben- 
heit des Ausdruckes, wie die allergrößten Tragiker. In Bank Bän zeichnet 
er nicht nur die Geschichte einer verzehrenden Leidenschaft, sondern das 
Wechselwirken verschiedener, miteinander furchtbar kämpfender Gefühle. 
Katonas Drama ist nach dem Vorbilde Shakespeares geschrieben, aber 
ganz von nationalem Geiste erfüllt. 

Im Gegensatz zu dem unbekannt gestorbenen Joseph Katona machte Michael 
der junge Michael Vörösmarty mit seinem Epos: Die Flucht Zaläns (1800—1855). 
epochale Wirkung. Sprachlich und stilistisch hat dieses Werk eine ähn- 
liche Bedeutung wie die Messiade Klopstocks. Vörösmarty begründete 
mit diesen majestätisch flutenden, der antiken Prosodie folgenden Hexa- 
metern, vielleicht den klangschönsten seit Virgil, die Sprache der ungari- 
schen Poesie. Der Stoff dieses heroischen Epos ist aus der Geschichte 
der Eroberung Ungarns genommen: Zalän ist ein in Ungarn residierender 
bulgarischer Fürst, den Arpäd mit seinen Ungarn besiegt, zur Flucht 
über die Donau zwingt und dadurch den Ungarn ihr heutiges Vaterland 
erwirbt. 

19* 



2Q2 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

Zaläns Flucht ist ein Werk des patriotischen Schmerzes. Um es zu 
verstehen, müssen wir nicht nur in des Dichters Land, sondern auch in 
des Dichters Zeit zurückgehen. In den Jahren, als Vörösmarty sein Epos 
schrieb, versuchte Metternich die ungarische Konstitution zu suspendieren: 
der ungarische Reichstag wurde nicht einberufen, die verbrieften Rechte 
der ungarischen Nation wurden nicht beachtet. Vörösmarty wollte in 
seinem Epos der Nation ein Bild der alten Heldengröße vorhalten. Auf 
die düstere und leidenschaftliche Pracht der Diktion war neben diesen 
politischen Umstand noch ein anderer von Einfluß: des Dichters unglück- 
liche Liebe zu Etelka Perczel, die ihn tief erregte und die er in allen 
seinen Jugendwerken verherrlicht. Auch die Stoffwahl ist leicht erklär- 
lich: Arpäd war damals sozusagen in der Mode, eine ganze Reihe von 
Zeitgenossen trug sich mit dem Gedanken, Arpäd zum Helden eines Epos 
zu machen, wurde doch die Chronik des Anonymus, welche die Er- 
oberung" Ungarns ausführlich erzählt , eben damals lebhaft kommen- 
tiert und auch übersetzt. Als Vorbild für die Darstellung diente das 
ewige Muster des heroischen Epos: Virgil; auf den Ton war auch Ossian 
von Einfluß, den Kazinczy zu jener Zeit übersetzte. Zu der erregten 
patriotischen Stimmung gesellten sich noch die erregenden Eindrücke des 
griechischen Freiheitskampfes. 

Der durch das Beispiel Virgils gebotene mythologische Apparat be- 
reitete große Schwierigkeit, weil der Glaube der alten Ungarn, der Zeit- 
genossen Arpäds, so gut wie ganz unbekannt war. Da man die Ungarn 
als orientalisches Volk damals gern in Verbindung mit den Persem 
brachte, nahm Vörösmarty ein dualistisches Prinzip an: einen Gott der 
Ungarn, den Hadur (Herr des Kampfes) und seinen Gegner, das Prinzip 
des Bösen vertretend: den Armäny (Ahriman). 

In den ersten Jahren seiner Dichtertätigkeit schrieb Vörösmarty Epen. 
Nach Zalän behandelte er in Cserhalom den populärsten Helden des 
Mittelalters, Ladislaus den Heiligen {■\ iog2). Cserhalom ist der Name des 
Ortes, wo er die Kumanier besiegte. In Eger erzählt er die helden- 
mütige Verteidigung Erlaus gegen die türkische Übermacht. Mit düsterer 
Glut beleuchtet er in dem Epos Die zwei Nachbarschlösser mittel- 
alterliche Schreckenszenen: Aus dem Kriege zurückgekehrt findet der junge 
Ritter Tiham^r das Familienschloß leer, denn die feindliche Nachbarfamilie 
der Käldor hat die Bewohner alle getötet. Wir sehen nun die Rache 
Tihamers: er tötet im Zweikampf die Mitglieder und Angehörigen des 
Nachbarschlosses, zwei Brüder töten sich nachts aus Irrtum gegenseitig, 
das letzte Mitglied der Familie Käldor, die holde Enikö, stirbt vor Ent- 
setzen, als Tihamer in dem Panzer ihres Vaters zu ihr eintritt und sie erst 
dann, als er das Visier zurückschlägt, sieht, daß ihr Vater durch Tihamer 
getötet worden. Aber auch Tihamer findet keine Ruhe mehr im Leben; 
nach diesem furchtbaren Ereignis wird er von wahnsinniger Reue erfaßt. 
Ein Zeitgenosse, der Dichter Berzscnyi, nannte dieses Werk Vörösmartys, 



VI. Das 19. Jahrhundert. 293 

wegen seines Stoffes, ein kannibalisches; jedoch kuhniniert die Plastik der 
Sprache, die Kraft der Beschreibung des Dichters eben in diesem Werk. 

Vörösmarty war in der zweiten Hälfte seiner Laufbahn vorwiegend 
Dramatiker. Er besaß jedoch weder genug psychologische Kraft, lebens- 
warme Charaktere zu schaffen, noch die Gabe, eine Kette von Ereignissen 
wahrscheinlich darzustellen. Seine Neigung, Dramen zu schreiben, erklärt 
sich aus seiner großen Vorliebe für alles Leidenschaftliche und aus dem 
Aufblühen des Theaterwesens und der dramatischen Literatur in dieser 
Zeit. Besonders die romantische Schule Frankreichs mit Viktor Hugo an 
der Spitze war damals in Mode und übte großen Einfluß auf Vörösmartys 
Dramen aus. Die edle Sprache Vörösmartys wurde maßgebend für das 
ungarische Drama. Seine berühmtesten Dramen sind Banus Marot, 
welches zur Zeit der Türkenherrschaft spielt und besonders stark den Ein- 
fluß des romantischen Dramas verrät, sowie das Märchenspiel Csongor 
und Tünde, im Geiste von Shakespeares Sommernachtstraum, sprach- 
lich ein melodiöses Meisterwerk. Am größten ist er als Lyriker. Seine 
Phantasie hat etwas Visionäres, das hier vollständig zur Geltung kommt. 
Wie vom Fieber ausgebrütet ziehen aufgeregte Traumbilder an ihm vorüber. 
Auch in seinem berühmten Gedicht, dem Aufruf (Szözat), welches neben 
dem Hymnus Kölcseys zum Nationallied der Ungarn wurde, sehen wir 
diesen Zug seiner Phantasie. Wie im Frühjahre kalte und warme Luft- 
strömungen, so kämpfen in diesem Lied Hoffnung und Verzweiflung, der 
Geist der neuen Zeit, der Geist Szechenyis mit dem alten Fatalismus. Das 
Gedicht ermahnt die Ungarn zur Treue gegen ihr Vaterland, in welchem sich 
die großen Taten ihrer Geschichte abgespielt. Der Wendepunkt ist nahe. 
Die bessere Zeit muß heranbrechen, denn es ist unmöglich, daß so viel 
Kraft, Geist und Wille vergebens gestrebt hätten. Oder wenn es so sein 
muß, wird der großartige Tod kommen und die Nationen Europas werden 
tränend das ungeheuere Grab umstehen, in welches man das ganze 
ungarische Volk begTäbt. — Das Exzentrische von Vörösmartys Wesen 
zeigt sich auch darin, daß neben den hochpathetischen, visionären Gedichten 
seine schönsten die ganz einfachen, beinahe naiven sind. Die große Be- 
deutung Michael Vörösmartys läßt sich folgendermaßen zusammenfassen: 
Vörösmarty, mit dem das goldene Zeitalter der Poesie anfängt, gab der 
ungarischen Literatur das Sprachorgan, welches alle Späteren benutzten. 
In seiner Dichtung fließen, wie in einem gewaltigen Strome, die früher 
getrennten Richtungen, die klassische, die formschön aber kalt war, und 
die nationale, die warm, aber nicht edel genug war, zusammen. Unter 
allen Dichtern Ungarns hat Vörösmarty die glühendste Phantasie, die höchste 
Inspiration: er ist wirklich ein vates, ein Dichter, dessen im heiligen 
Wahnsinn rollendes Auge vom Himmel seiner Träume immer wieder zur 
ungarischen Erde niederblickt. 

Vörösmarty war der erste Dichter, der von dem Ertrag seiner Feder 
leben konnte. Eine Zeit hindurch war er auch Abgeordneter, aber der un- 



2QA Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

glückliche Ausgang des Freiheitskampfes von 1848 hat ihn dann ganz ge- 
brochen. Er starb von innenaus. 
Aieiander jjti Jahrc 1844 besuchte Vörösmarty ein ganz junger Wanderkomödiant, 

(1823— 1849). um ihm ein Manuskript Gedichte zu überreichen. Dem blassen Jüngling 
sah man die kaum überstandene schwere Krankheit und das viele durch- 
littene Elend an: aber in seinen großen, schwärmerisch-wilden Augen 
glühte die Ahnung zukünftigen Ruhmes. Das Schicksal gewährte diesem 
Anfänger nur noch fünf Jahre Lebenszeit: doch in dieser kurzen Spanne 
Zeit sollte er das Reich der ungarischen Dichtung umgestalten und den 
höchsten Gipfel des Ruhmes und der Poesie erreichen. Es war Alexander 
Petöfi, dessen erste Gedichte dann unter der Ägide seines großen Vor- 
gängers Vörösmarty erschienen. 

Das Leben Petöfis war ein unstetes Wanderleben: wir finden ihn in 
seiner Kindheit beinahe jedes Jahr, in seiner Jünglingszeit beinahe jede 
Woche an einem anderen Ort. Er schwankt jahrelang zwischen zwei 
Laufbahnen: der des Dichters und der des Schauspielers. Nachdem sein 
Vater, ein Fleischhauermeister, ihm wegen seiner Bühnenneigung jede 
Unterstützung versagt, wird er mit siebzehn Jahren plötzlich Soldat; in 
den Entbehrungen und der Krankheit, die er da ausstehen muß, tröstet 
ihn nur die Poesie. Nachdem er dann als Schauspieler mit Wandertruppen 
viel herumgeirrt, entschließt er sich, 21 Jahre alt, ganz dem Schriftsteller- 
beruf zu leben. Das bezwingende Feuer und die Unmittelbarkeit seiner 
Poesie verschaffen ihm schnell Dichterruhm. Mit 24 Jahren heiratet er, und 
es gibt wohl keinen Dichter der Weltliteratur, der die Poesie der Ehe so 
durchgefühlt und so vielfach besungen hätte wie Petöfi. Am Anfange 
der ungarischen Revolution, die er voraussah und ersehnte, spielt er eine 
hervorragende Rolle, so besonders am 15. März 1848, als man in einem 
unblutigen Volksaufstande die Preßfreiheit erringt. Am Ende des Jahres 
nimmt er ..als x\djutant Berns an der Verteidigung Siebenbürgens gegen 
die der österreichischen Armee zu Hilfe eilenden Russen teil: am 31. Juli 
1849 wird der 26jährige Dichter in der Schlacht bei Schäßburg von Ko- 
saken, die das Heer Bems umzingelten, getötet. Er starb, wie er es 
wünschte und prophetisch in mehreren Gedichten vorausgesagt, im Frei- 
heitskampf und ruht mit seinen Honv^dgefährten im namenlosen Massen- 
grabe. 

Außerordentlich wie sein Leben ist auch seine Dichtung-. Er ist der 
größte Lyriker Ungarns und eine der hinreißendsten Gestalten der Welt- 
literatur überhaupt. Auf dem Boden der Volkspoesie stehend, übernimmt 
er aus ihr die Komposition und den Stil des Volksliedes: er pfropft die 
wilde Rose des Volksliedes in das edle Reis der Kunstpoesie. Und eben 
weil er vom Volksliede ausgeht, ist er auch der Dichter der Natur und 
Natürlichkeit überhaupt, eine wahrhaft lyrische Natur. Fortwährend zittern 
in ihm Gefühle und suchen Ausdruck im Liede. Indifferenz ist ihm un- 
bekannt. Er ist Impressionist im höchsten Sinne des Wortes, übervoll mit 



VI. Das 19. Jahrhundert. 205 

tiefen Gefühlen und Begeisterung. Alle Gefühle, alle Neigungen: der 
Patriotismus, die Freundschaft, die Liebe, politische Sympathien, die Poesie, 
dies alles wird bei ihm gleich zur Leidenschaft. „Wie das Echo der Wüste", 
sagt er selbst, „antworte ich auf einen Ruf mit hunderten." Er übergibt 
sich schrankenlos den Eindrücken des Momentes, genießt und leidet mit 
einer Intensität wie vielleicht niemand. Opportunität und Zwang sind ihm 
unleidlich; er will auch die Freiheit bis zum Extrem genießen. Im Privat- 
leben zeigt er eine befremdende Unruhe, manchmal sogar eine übermütige 
Oberflächlichkeit; im Dienste seines Freiheitsideales jedoch ist er gründ- 
lich und ausdauernd. Auch hier ging er bis zum Äußersten, bis zum 
Heldentode für die Freiheit. 

Eben weil seine Seele fortwährend bewegt, fortwährend von Gefühlen 
durchflutet und hochgestimmt ist, vermag er auch immer aufrichtig zu sein 
wie das Volkslied. Er gibt uns seine Individualität ohne Hinterhalt und 
ohne Rest; er darf uns alles sagen, er wird nie trivial, weil er eine 
poetische Natur von Grund aus ist. So erzählt er uns, was vor ihm 
keiner gewagt hätte, daß er kein Geld hat, daß er hungert, daß er zer- 
fetzte Kleider trägt, daß sein Vater ihn geprügelt — und bleibt dennoch 
hochpoetisch. Wenn man Apollo ist, kann man auch nackt erscheinen. 

Weil er so natürlich und aufrichtig ist wie das Volkslied, besitzt er 
auch dessen Einfachheit und Durchsichtigkeit: im Gegensatz zur rheto- 
rischen Poesie seiner Zeit spricht aus ihm Naivität und instinktive Wahr- 
heitsliebe. Hellodemde, tiefinnige Gefühle äußerst einfach ausgesprochen 
— das ist die Petöfische Poesie. Bei aller Einfachheit ist er jedoch nie 
matt, seine Poesie ist immer lebhaft, beinahe fieberhaft durchfühlt und 
erreicht schnell den Siedepunkt der Exaltation. Seine Einfachheit und 
Aufrichtigkeit ergeben vereint jene Unmittelbarkeit, die seine Dichtung 
ebenso wie die Volkspoesie in hohem Grade auszeichnet. 

Petöfi, der zuerst wagte, schrankenlos aufrichtig zu fühlen, war auch 
der erste, der wagte, aufrichtig zu sehen. Alle seine Vorgänger haben 
das ungarische Alföld gekannt, sie haben die Pußta, die melancholischen 
Tsarden, seine Pferdehirten und Herden, die Betyaren und die Bauern 
gesehen, ohne darin Poesie zu finden. Petöfi hat das Alföld für die Poesie 
entdeckt: seine schrankenlose Unermeßlichkeit war für ihn Sinnbild der 
Freiheit. Aber auch die ganze Natur sah er mit andern Augen als seine 
Vorgänger: sie ist ihm Erweiterung des Ichs, ein teurer Lebensgefährte. 
So sagt er einmal seiner Geliebten: „Küsse mich, doch leg' die Lippen 
an meine Lippen sachte nur — wir dürfen aus dem Traum nicht wecken 
die sanft entschlummerte Natur." 

Da die Freiheit der natürliche Zustand der Menschen ist, so folgt für 
Petöfi aus seiner Natürlichkeit auch sein Freiheitssinn. Freiheit geht ihm 
über alles. Das Motto seiner Gedichte wie seines Lebens ist: „Ich be- 
darf beider, der Freiheit und der Liebe. Für meine Liebe opfere ich mein 
Leben, für die Freiheit opfere ich meine Liebe." 



296 



Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 



Auch seine lyrische Form entspringt dem Volksliede. Das ungarische 
VolksUed bedient sich als Eröffnung mit Vorliebe eines Bildes aus der 
Außenwelt, z. B.: „Hoch oben ziehen die Kraniche und rufen laut, doch 
du, mein Mädchen, bist mir böse und rufst mich nicht." [Die Kraniche 
werden weiter nicht erwähnt.] Petöfi veredelt diese Form, indem er das 
vorangestellte Bild der Außenwelt in organischen Zusammenhang mit 
dem Grundthema des Gedichtes bringt. Am Septembersende sieht er 
z. B. vom bergumkränzten Koltoer Schloßparke aus, wo er seine Flitter- 
wochen verlebt, Frühschnee auf den Gipfeln: „Noch blühen im Tale die 
Blumen des Parkes, vor dem Fenster grünen noch die Pappeln, doch 
siehst du dort oben die Winterswelt? Schon deckt der Schnee die hohen 
Firne! Ein Sommer mit flammenden Strahlen, der ganze Lenz blüht noch 
in meinem Jugendherze, doch schon sprenkelt Grau mein dunkles Haar, 
der Reif des Frühwinters fiel schon auf mein Haupt." Auch hier dient 
ein Bild der Außenwelt als Eröffnungsakkord, nur daß es hier vergeistigt 
zur Innenwelt, zu einem Symbol des Seelenlebens wird. 

Petöfi schrieb auch epische Gedichte, er war aber eine zu subjektive 
Natur, um wahrhaftig Epiker sein zu können. Sein berühmtestes episches 
Gedicht Held Jänos ist ganz in volkstümlichem Stil gehalten. Die 
Hauptperson ist ein Schäfer, der Soldat wird und nach wunderbaren 
Abenteuern sich mit seiner Geliebten, von der er lange getrennt war, ver- 
einigt. Die Personen, der Ton, der Hintergrund — alles ist echt volkstüm- 
lich: auch die Elemente des Wunderbaren, die in dem Gedicht vorkommen, 
sind nicht mythologische Kombinationen, wie z. B. in dem großen National- 
epos von Zrinyi oder Vörösmarty, sondern aus der Phantasie des ungarischen 
Volkes, seinem Märchenschatze entnommen, 
johan Araoy Wie im Leben, so steht auch in der Poesie neben Petöfi sein Freund 

' ''"' ^ ' und Mitarbeiter Johan Arany. Auch Arany steht auf dem Grunde der 
Volkspoesie. Während Petöfi das Volkslied veredelte, schöpfte Arany aus 
dem Reichtum der Volkssprache und wendete den Stil der epischen Volks- 
dichtung an. 

Arany war der Sohn eines armen Landmannes, der zwar ein Adels- 
diplom besaß, jedoch es nicht zur Geltung bringen konnte. So wie Petöfi, 
verließ auch Arany das Kollegium, um Wanderkomödiant zu werden. 
Doch sah er schnell seinen Irrtum ein, kehrte voll Reue in seine Heimat- 
stadt zurück, wo er zuerst Schullehrer, dann städtischer Notar wurde. Kr 
trat spät als Dichter auf, mit 29 Jahren, einem Alter, das Petöfi gar nicht 
erreichte. Nach dem unglücklichen Ausgange des Freiheitskampfes vom 
Jahre 1848/49 verlor er Amt und Vermögen. Verzweiflung und Melan- 
cholie ergriff ihn, er sah sich und sein Vaterland dem Abgrunde nahe. 
Im Jahre 1851 wurde er als Gymnasialprofessor nach Nagj'-Körös be- 
rufen, wo er neun Jahre verblieb. „Ich mache wenig Besuche", schrieb 
er in einem Briefe, „all meine Unterhaltung ist der Friedhof, unter 
dessen schattigen Bäumen ich frische Frühlingsluft, den süßen Hauch der 



VI. Das 19. Jahrhundert. 207 

Wiesen einatme. Vielleicht bin ich darum so selten heiter." Die letzten 
22 Jahre seines Lebens verlebte Arany in der Hauptstadt. Aus dem 
prächtigen Palaste der Akademie der Wissenschaften, in welchem er 
später als Generalsekretär wohnte, sehnte sich der Dichter fortwährend 
nach dem einfachen Städtchen zurück, wo er seine Jugend verlebte. 

Der größte Schmerz, den dieser zur Melancholie neigende Mann er- 
litt, war der Tod seiner erwachsenen Tochter. Man tröstete ihn, daß mit 
den Jahren sich der Schmerz lindern werde. „Ich fühle", antwortete der 
Dichter, „daß dieser Schmerz gleich einer großen La.st um so schwerer 
wird, je weiter man ihn trägt." 

Arany war der geborene Epiker, wie Petöfi der Lyriker par excel- 
lence: schamhaft verbarg er seine Gefühlswelt und erschien trotz aller 
Sensibilität äußerlich ruhig, wie er denn auch kein einziges Liebesgedicht 
hat. Alle Gefühle richteten sich bei ihm nach innen und gelangten nicht 
leicht zum äußeren lyrischen Ausdruck. Sein Hauptcharakterzug ist eine 
realistische Kontemplation, welche sich mit Vorliebe dem Geg^enstande 
der Epik: der Vergangenheit zuwendet. Er ist ein vorzüglicher Beob- 
achter, eine gewisse nüchterne Klarheit des Geistes verbindet er mit tiefer 
poetischer Inspiration. Die Verbindung dieser grundverschiedenen Eigen- 
tümlichkeiten verleiht seiner Poesie einen höchst originellen Charakter. 

Arany dichtete sein ganzes Leben hindurch an zwei großen epischen 
Kompositionen. Der Held der einen ist der sagenhafte mittelalterliche 
Recke Nikolaus Toldi; die andere behandelt den hunnischen Sagenkreis, 
Attila und seine Nachfolger. Doch bloß die Tolditrilogie wurde ganz 
fertig. Den Stoff zum ersten Teil des Toldi entnahm Arany der alten 
Reimchronik des Ilosvai, vertiefte ihn jedoch psychologisch. Die Hand- 
lung, welche sich in acht Tagen abspielt, ist einfach und volkstümlich 
wie die Gestalten des Epos. Nikolaus Toldi entzweit sich mit seinem 
älteren Bruder, der ihn, um ihn von der väterlichen Erbschaft auszu- 
schließen, gleich einem Bauer erziehen ließ und schlecht behandelte. Von 
seinem arglistigen Bruder gereizt, tötet Nikolaus, ohne es zu wollen, dessen 
Diener, wird flüchtig, erreicht die Hauptstadt, wo er einen riesenstarken, 
bisher immer siegreichen Tschechen im Zweikampf besiegt und dafür von 
dem König Ludwig dem Großen zum Ritter geschlag-en wird, während 
sein Bruder die verdiente Strafe empfängt. Diese Geschichte des Empor- 
ringens einer edlen Natur ist ihrem Gegenstand, ihrer Sprache und 
ihrer Vortragsweise nach ganz volkstümlich. 

Der nachträglich eingefügte zweite Teil der Tolditrilogie, Toldis 
Liebe, behandelt das Mannesalter des Helden, seine unglückliche Liebe 
zu Piroska Rozgonyi und die Abenteuer, welche er in dem italienischen 
Feldzug Ludwigs des Großen besteht. Toldis Liebe ist ein romantisches 
Epos, welches uns in die an Kämpfen reiche mittelalterliche Ritterwelt 
hineinführt. 

Der letzte Teil, Toldis Abend, führt uns das Lebensende Toldis vor. 



2q8 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

Zerfallen mit dem Hofe, der einer neuen Ordnung der Dinge huldigt, 
wähnt der Greis sein Leben abgeschlossen und gräbt sich selbst ein Grab. 
Da kommt ein Bote und ruft ihn zu einem Zweikampf mit einem italie- 
nischen Ritter, der die Ungarn straflos verhöhnt. Der Alte reitet als 
Mönch verkleidet wirklich nach Ofen und züchtigt den Übermütigen. 
Aber er sieht immer deutlicher, daß er in die neue Zeit nicht paßt. Er 
stürzt zusammen, der letzte stolze Baum eines schon abgeholzten Waldes. 
Im letzten Gesang bestattet man ihn in das Grab, das er sich selbst be- 
reitet. In Toldis Abend sehen wir den melancholischen Humor des 
Verfalles. Der alte Toldi ist ebenso im Verfall begriifen wie das Haus, 
in dem er wohnt, wie sein Garten, wie sein treuer Diener, sein Roß, ja 
wie seine Zeit, das Mittelalter. Der Verfall hat immer etwas Komisches, 
da er die Idee des Gegensatzes hervorruft, hier jedoch wird er durch 
Liebe und Sympathie, die der alte Toldi erweckt, zum Humor gemildert. 

BudasTod ist das Anfangsstück der zweiten epischen Trilogie. Auf 
Grund von Andeutungen, welche in alten Chroniken versprengt sind, stellt 
Arany den Bruderzwist Attilas und Budas (Bledas, den die deutsche Sage 
Blödelin nennt) dar. Infolge tragischer Schicksalsfügung ermordet Attila 
seinen Bruder. Doch auch ihn erreicht das Verhängnis: Krimhilde er- 
mordet ihn und sein Weltreich geht unter seinen Söhnen zugrunde. Doch 
die Nachfolger der Hunnen, die Ungarn, werden wiederkehren und das 
Land Attilas, Ungarn, zurückerobern. 

Jedes dieser Epen hat eine andere Vortragsweise: inBudasTod einen 
altertümlichen orientalischen Schmelz, als ob es ein die Bildung des 
19. Jahrhunderts besitzender Zeitgenosse Attilas geschrieben hätte. Doch 
nicht nur im Stil, sondern auch in der Art der Charakteristik unterscheiden 
sich die Epen. In Toldis Liebe wendet Arany schon eingehende psy- 
chologische Analyse an, welche den modernen Roman kennzeichnet. Doch 
in allen seinen Epen haben seine Charaktere wie seine Auffassung etwas 
ursprünglich Magyarisches. 

Die berühmtesten Gedichte Aranys sind seine Balladen. Sie sind ganz 
in volkstümlichem Stil gehalten, als Muster dienten die schottischen und 
ungarischen Volksballaden. Alle sind fieberhaft pulsierend, lückenhaft auf- 
zählend und schildern nicht so sehr das tragische Ereignis, als seine er- 
regende Wirkung. Die Form ist vorwiegend dialogisch, die Ereignisse 
sind in mysteriöses Dunkel getaucht. Arany ist der Dichter des Ge- 
wissens und liebt es daher, die Vergeltung in das Gewissen des Ver- 
brechers zu verlegen: daher kommt auch das Motiv des Wahnsinns in 
seinen Balladen so oft vor. 

Arany ist der größte Meister der ungarischen Sprache. Kein anderer 
Dichter erreicht seinen Sprachreichtum: alle Quellen der ungarischen 
Sprache rauschen in seinen Werken. Er greift bis ins Tiefste des Volks- 
idioms und beutet auch die halbvergessene Sprache vergangener Jahr- 
hunderte aus. 



VI. Das 19. Jahrhundert. 2QQ 

Seine Phantasie hat drei auffallende Eigentümlichkeiten: sie hat etwas 
Realistisches. Arany hält als ausgezeichneter Beobachter immer, sogar im 
höchsten poetischen Flug, die Wirklichkeit vor Augen. Mit seinem Be- 
obachtungstalente hängt auch ihre zweite Eigenschaft zusammen: der 
Detailsinn; er bemerkt und beschreibt jede charakteristische Kleinigkeit. 
Drittens: er sieht und zeichnet mit Vorliebe die seelischen Erscheinungen 
auch in ihrer körperlichen Wirkung; bei den Affekten schildert er auch 
die äußerlichen körperlichen Veränderungen, welche sie hervorrufen. Er 
ist der Dichter der Ausdrucksbewegungen. 

Das Zeitalter der großen Dichter war auch das goldene Zeitalter der 
Redner und Staatsmänner, deren Wirken in engem Zusammenhang mit 
dem Aufblühen der Literatur steht. Die Dichter Franz Kölcsey und der 
Baron Josef Eötvös gehören zu den bedeutendsten Rednern; die großen 
Staatsmänner Stefan Szechenyi, Ludwig Kossuth und Franz Deäk sind 
wieder ihrerseits literarisch tätig. Gemeinsam ist ihnen allen, den Dichtern 
wie den Rednern, die patriotische Begeisterung, das nationale Pathos und 
das Streben, die Nation aufzuwecken. 

In demselben Jahre, in dem Vörösmartys Epos, Die Flucht Zaläns, Gr. Stefan 
mit welchem die Blütezeit der ungarischen Literatur anhebt, erschien, tritt (1791— 1860). 
auch Graf Stefan Szechenyi auf, indem er durch eine große Stiftung die 
Errichtung einer Akademie der Wissenschaft ermöglichte. 

Szechenyi ist der große Reformator Ungarns. Es gibt vielleicht kein 
Beispiel in der neueren Zeit, daß ein Mann eine so große Wirkung auf 
ein ganzes Volk ausgeübt hätte als Szechenyi. Szechenyi ist eine äußerst 
interessante, romantisch angehauchte tragische Persönlichkeit. Er schwankt 
fortwährend zwischen Schmerz und Entzücken, zwischen peinigendem 
Zweifel und schwärmerischer Beg-eisterung für seine große Mission: ein 
Volk zu erheben. Eine grüblerische, tieffühlende Natur, welche ihre Rosen 
mit den Domen des Spottes und der Ironie beschützt. Seit seinem Jüng- 
lingsalter kämpfte er fortwährend mit dem Selbstmordgedanken, dessen 
Opfer er schließlich im Jahre 1860 wurde. Er war sehr ähnlich den ro- 
mantischen Helden seines Lieblingsdichters Byron: melancholisch, schwär- 
merisch, unter dem Gewissensdruck einer eingebildeten Sündentat furchtbar 
leidend, doch dabei leidenschaftlich, tatkräftig und energisch. 

Im Anfang war die Tat. Szechenyi begann seine Reformtätigkeit 
mit der Gründung gemeinnütziger Institutionen, bald griff er jedoch zur 
Feder und schrieb seine drei wichtigen Werke: Kredit, Licht und 
Stadium, mit welchen er dem Leben seiner Nation eine neue Richtung 
g'ab. Diese Werke sind nach dem Ausdruck Aranys drei zum Himmel 
ragende Pyramiden an der Grenze unseres Seins und Nichtseins. Schon 
sein erstes Werk Kredit legt Zeugenschaft ab, daß dieser romantische 
Schwärmer auch einen vorzüglichen praktischen Sinn hat. Die Not- 
wendigkeit eines leichtzugänglichen Kredits, die Schwerfälligkeit des 
Prozeßwesens, die Unzweckmäßigkeit des feudalen Großbesitzes, dje Auf- 



■3QQ Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

hebung der Lehnsarbeit, die Schaffung von besseren Verkehrsmitteln — 
das waren die behandelten praktischen Probleme. Szechenyi hat in der 
Irrenanstalt von Döbling (wo auch Lenau seine letzten Jahre verbrachte) 
ein deutsches Buch, Blick auf den anonymen Rückblick, geschrieben, 
welches im geheimen in London gedruckt wurde. In einem etwas wiene- 
risch gefärbten Deutsch greift er in nervöser, aphoristischer Weise, bald 
mit Ironie, bald mit Pathos das Regime Bachs an, als dieses in einem 
Rückblick betitelten offiziösen Werk mit Lob überhäuft wurde. 

Sz6chenyis Verdienste sind epochemachend. Vor allem lenkte er die 
Aufmerksamkeit auf die stark vernachlässigten Fragen der materiellen 
Kultur. Ungarn muß reicher werden, dann wird es auch freier und ge- 
bildeter sein. Epochal wirkte Szechenyi auch dadurch, daß er seiner 
Nation wieder Vertrauen einflößte. Vor ihm glaubte man, daß alles Große 
in der Vergangenheit liegt, auf welche der Verfall folgen muß. Szechenyi 
gab dem modernen Ungarn sein Losungswort: Ungarn war nicht, sondern 
wird! Wir müssen unseren stärksten Fehler, die Indolenz, besiegen, die 
Schuld nicht immer in der österreichischen Politik, sondern in uns suchen, 
wir müssen praktischer und tätiger sein, um frei zu werden. Szechenyi be- 
zeichnete aber nicht nur das Ziel, sondern auch die dahin führenden Wege. 
Das Hauptwerk Szechenyis war die Erhebung und Stärkung der unga- 
rischen Nation durch die Mittel der westlichen Kultur. Seine ungeheure 
Wirkung erklärt sich daraus, daß aus ihm der mächtigste Instinkt des 
ungarischen Volkes, die Rassenerhaltung, mit der Kraft des Genius 
spricht. 
Ludwig Kossuth In den vierziger Jahren begann Szechenyi unpopulär zu werden, und 

(I 02-1 94). ^^^^ verführerischem Glänze erhob sich das Gestirn des großen Agitators 
Ludwig Kossuth. Wie Szechenyi den Glauben an die Zukunft Ungarns, 
so verkörpert Kossuth das nationale Pathos, den Gedanken der Unab- 
hängigkeit Ungarns. Er wirkte anfangs als Journalist, wurde aber bald 
Führer der Nation und die Hauptgestalt des ungarischen Freiheitskampfes 
von 1848/49. Seine zwei Hauptbestrebungen in dieser fieberhaft erregten 
Zeit, deren größter, hinreißendster Redner er war, bildeten die Befreiung 
des Leibeigenen und die vollständige Sicherung der ungarischen Konsti- 
tution. Nach der Waffenstreckung von Vilägos verließ er Ungarn, das er 
niemals wiedersah, und lebte 45 Jahre im Exil, wo er auch seine wich- 
tigen Memoiren verfaßte. Wie das ungarische Volk ihn verehrt, dafür 
genügt ein Beispiel: Als man seine Leiche nach Ungarn brachte, kamen 
ganze Dorfgemeinden an die Eisenbahnstrecke und erwarteten kniend mit 
entblößtem Haupt den Trauerwaggon. 
Franz DeAk Neben Kossuth ist der größte Redner Ungarns Franz Deäk. In den 

' °^~' ' ■ konstitutionellen Kämpfen der sechziger Jahre ist er der Führer. Sein 
wichtigstes Werk ist der Ausgleich zwischen Ungarn und Osterreich. 
Sein Talent ist in vieler Hinsicht dem Kossuths entgegengesetzt. Der 
Ton Deäks ist ruhig, während Kossuth tief vibrierend auf die Phantasie 



VI. Das 19. Jahrhundert. -JOI 

und die Leidenschaften wirkt. Die klare Argtimentation Deäks überzeugt 
die Hörer, während die rhetorische Verve Kossuths sie hinreißt. Die 
Nation zu gToßen Taten zu entflammen war die Aufgabe des einen, wäh- 
rend es Deäk g"egeben war, sein Volk aus verhäng'nisvoller Lage mit 
weiser Mäßigung und freimütiger Festigkeit hinauszuführen. Er ist wahr- 
haftig der „Weise der Nation", der alles mit altklassischer Klarheit und 
Standhaftigkeit abwägend seine Politik auf das Gewissen und den Ge- 
rechtigkeitssinn gründet. 

In dieser Blütezeit der Literatur reifte auch rasch die modernste aller Der Roman. 
Dichtungsgattungen, der Roman, heran. 

Die Geschichte des ungarischen Romanes spiegelt mehrere Ent- 
wicklungsphasen der europäischen Romanliteratur zurück. Ln 18. Jahr- 
hundert trat der heroische Roman in der für die ungarische Prosa wich- 
tigen Übersetzung von Calprenedes endloser Kassandra auf. Der Über- 
setzer Alexander Bdröczy war ein Mitgenosse des Bahnbrechers Bessenyei. 
Eine Art Robinsonade in Versen mit Reiseabenteuern in einer exotischen 
Welt schrieb der pensionierte General Josef Gvadänyi: sein Paul Rontö 
ist Reisebegleiter des weltberühmten Abenteurers Moriz Benyovszky, der 
in Sibirien gefangen war und als König von Madag-askar starb. Den senti- 
mentalen Roman vertrat auf echt poetische Art der feurige Josef Kärmän 
mit der Novelle Der Nachlaß Fannys. Es ist dies das Tagebuch eines 
armen Mädchens, das in Liebesschmerz verwelkt. Ihrem Vorbilde Werther 
gegenüber hat die Novelle einen Vorteil: die sentimentalen Ergüsse sind 
in den Mund eines jungen Mädchens gelegt. 

Im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erscheint der erste Gesell- 
schaftsroman, der den Kampf des neuen Szechenyischen und des alten 
Ungarns darstellt, Haus Belteky von Andreas Fäy. 

Ungefähr in dieselbe Zeit fällt auch die Begründung des historischen 
Romanes durch den siebenbürgischen Baron Nikolaus Jösika, der unter 
der Einwirkung Walter Scotts schrieb. Viel tiefer drang in die Geschichte 
Baron Josef Eötvös ein, der nicht nur als Romanschriftsteller, sondern Br.josefEötvös 
auch als lyrischer Dichter, Gelehrter und Staatsmann von hervorragender 
Bedeutung war und zweimal auch an der Spitze des Unterrichtsministe- 
riums stand. Seine literarische Tätigkeit wie sein Leben hat eine ideale 
Richtung; seine Reflexionen sind immer von Gefühlen erwärmt, so daß 
von ihm wirklich der Satz Vauvenargues gilt: Les grandes pensees vien- 
nent du coeur. Sein erster Roman, Der Karthäuser, gehört zu derselben 
Familie zu der Chateaubriands Renee, welche das mal de siecle inspiriert. 
Doch hat der Roman des Eötvös eine moralische Basis, welche den ver- 
wandten Romanen fehlt; sein Hauptgedanke ist: nur der Egoist findet 
keinen Trost. In seinem Helden Gustav sehen wir das Bekämpfen und 
allmähliche Besiegen des Egoismus. Der Roman hat die Form einer 
Selbstbiographie, welche ein Mönch in der furchtbaren Grand -Chartreuse 
schreibt. Gustav ist ein junger und reicher französischer Graf, der nach 



302 Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 

vielen Verführungen dem Leben, in welchem er so bittere Früchte ge- 
pflückt, entsagt und Karthäuser wird. 

Nach diesem bilderreichen und schwärmerischen Roman schrieb Eötvös 
den Tendenzroman Der Dorfnotar, einen heftigen Angriff gegen die 
damalige Komitatsmißwirtschaft und gegen die Unterdrückung der Leib- 
eigenen. Sein dritter Roman ist ein historischer, Ungarn im Jahre 15 14, 
und schildert auf Grund eingehender historischer Studien eines der furcht- 
barsten Ereignisse der ungarischen Geschichte: den großen Bauern- 
aufstand. 

Das soziale Problem, welches Eötvös in diesem Roman behandelt, 
analysiert der Philosoph Eötvös eingehend in dem staatswissenschaftlichen 
Werke Der Einfluß der herrschenden Ideen des 19. Jahrhunderts 
auf den Staat. Sein Ausgangspunkt ist, daß die drei Hauptideen un- 
serer Zeit, die Freiheit, die Gleichheit und die Nationalität, welche als 
mächtige Volksinstinkte die Führung der Geister übernommen haben, sich 
einander widersprechen. Wie Montesquieu, neigt auch Eötvös dem eng- 
lischen Staatsideale zu. 

Ein schönes Buch, das auch den deutschen Aphorismensammlungen 
oft als Quelle dient, ist das Buch der Gedanken. Mehrere hundert 
Aphorismen eines tiefreligiösen und feingestimmten, poetischen Idealisten, 
der das Gefühl für einen sichereren Wegweiser hält als die Vernunft. 
Auch in seinen klassischen Denkreden wie in seiner Lyrik zeigt sich ein 
gewisser sentimentaler Idealismus. 

Wie sein Zeitgenosse Eötvös schrieb Sigismund Kemeny Romane, 
Br. Sigismund kämpfte für die parlamentarische Regierungsform und war wie Eötvös 
(1814— 1875). Mitarbeiter an dem großen Werke des Ausgleiches mit Österreich. In 
seinem Wesen liegt etwas Schwerfälliges, er zeichnet sich jedoch da- 
durch aus, daß er für jedes Problem die tiefste Lösung sucht. 

Die vorzüglichsten Werke Sigismund Kemenys sind seine historischen 
Romane. Er wendete die analytische Methode Balzacs auf den historischen 
Roman an. In der Geschichte interessiert ihn der innere Mensch, die Ge- 
fühle und Leidenschaften des Zeitalters. Sein Grundsatz war, daß ein 
Zeitalter nur dann verständlich ist, wenn man die seelische Konstitution 
seiner Menschen kennt. Die religiöse Schwärmerei und Sektenbildung 
studiert er in dem Roman Die Schwärmer. Diese Schwärmer sind die 
Sabbatianer, deren geringe Überreste noch heute in Siebenbürgen, wo sie 
auch im 16. Jahrhundert entstanden, zu finden sind. 

Der berühmteste Roman Kemenys ist Düstere Zeit, welcher nicht 
die Tragödie einer Sekte, sondern die eines ganzen Volkes darstellt. Die 
düstere Zeit ist diejenige, in welcher die Türken zur Zeit der Königin 
Isabella die Hauptstadt Ofen in Besitz genommen haben. Wie sich dieses 
allertraiirigste Ereignis der ungarischen Geschichte vorbereitete, wie sich 
Volk, Königin und alle Staatsmänner täuschen, wie sich das tragische 
Verhängnis gleich einem Riesenvogel mit dunkeln Flügeln immer tiefer 
auf das unglückliche Land herabsenkt, wie aller Edelmut, aller Verstand, 



VI. Das ig. Jahrhundert. ^03 

alles Bestreben vergebens ist — dies alles wird von Kem^ny mit tra- 
gischer Gewalt und mit einer bis zu den Wurzeln des Herzens dringenden 
Psychologie dargestellt. 

Der gelesenste und liebenswürdigste ungarische Romanschriftsteller Maurus jokai 
_, (1825 — 1904). 

ist Maurus Jökai. Er nahm an den Freiheitsbewegungen von 1848 

als Freund Petöfis teil und spielte später auch als Redakteur und Ab- 
geordneter eine angesehene Rolle. Bei seinem 50jährigen Schriftsteller- 
jubiläum überreichte man ihm ein Nationalgeschenk von 200000 Kronen. 

Jökai ist einer der produktivsten Romanschriftsteller der Neuzeit. 
Seine hervorragendste Eigenschaft ist seine unerschöpfliche Erfindungs- 
gabe. Er hat viele hundert fesselnde Erzählungen erdacht, von denen 
keine der anderen gleicht. Nicht minder bestrickend ist sein Erzählungs- 
talent, das an die großen Novellisten der romanischen Literaturen gemahnt. 
Er hat die Erzählungsart der ungarischen Anekdote veredelt und gehoben: 
daher stammt sein Feuer, seine Lebhaftigkeit, seine Leichtigkeit (vielleicht 
auch seine Oberflächlichkeit). Seine Liebenswürdigkeit wird noch ge- 
steigert durch seinen Humor, der, ohne Tiefe und Bitterkeit zu kennen, 
anmutig, leicht und lebensfrisch ist. Wie seine Erfindungsgabe, so scheint 
auch seine buntschaukelnde Phantasie schier unerschöpflich. 

Doch nicht nur seine Vorzüge, auch seine Schwächen sind leicht zu 
bemerken. Jökai ist eigentlich kein großer Menschenkenner, er sieht nicht 
in die Tiefe des Herzens. Seine Psychologie hat nicht selten etwas Aben- 
teuerliches. Jökai sucht das Überraschende, und seine Personen ändern 
manchmal demzulieb plötzlich ihren Charakter. Seine historischen Romane 
sind bunt und unterhaltend, dringen aber nicht in den Zeitgeist ein. Die 
gelungensten seiner Romane sind diejenigen, welche das Ungarn seiner 
Zeit schildern. An erster Stelle steht unter diesen Der neue Guts- 
herr, welcher das Zeitalter des Absolutismus und die Akklimatisierung 
eines magyarenfeindlichen Österreichers in Ungarn in höchst unterhalten- 
der Weise malt. Die indolente, hochmütige Aristokratie vor der Zeit 
Szechenyis porträtiert er in dem Roman Der ungarische Nabob; die 
darauf folgende Generation, welche, von Szechenyi elektrisiert, lernen und 
fortschreiten will, schildert Zoltän Kdrpäthy. 

Die Gabe des außerordentlich leichten Fabulierens bei Jökai erinnert 
an seinen berühmten französischen Zeitgenossen Dumas, doch erhebt er 
sich über ihn durch seinen echt poetischen Zug: seinen liebenswürdigen 
Humor und seine Naturliebe. 

Die demokratische Bewegung der vierziger Jahre hat den Bauern r>as Drama, 
niclit nur in der Politik, in der lyrischen und epischen Dichtung, sondern 
auch in der dramatischen in Mode gebracht. Der Schöpfer des Volks- 
schauspieles, welches uns die Welt des ungarischen Bauers vorführt 
und einen angenehmen Kontrast zu den wahnsinnigen Leidenschaften 
des damals so beliebten und viel nachgeahmten romantischen Dramas 
bildete, ist Eduard Szigligeti, der in seiner Jugend selbst Schauspieler war Szigifeti. 



304 



Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 



und mit viel Glück die verschiedenen ungarischen Volkstypen auf die 
Bühne brachte. 
Gregor Csiky Szig"ligeti schricb auch bürgerliche Schauspiele, auf deren Gebiet sein 

bedeutender Nachfolger Gregor Csiky war, ein Geistlicher, der jedoch den 
geistlichen Stand verließ und sich dann ganz dem Drama widmete. Wenn 
man ihn fragte, woher er als Geistlicher seine Weltkenntnis geschöpft, 
pflegte er zu antworten: „Ich war Referent in den Heiratsangelegenheiten 
beim Konsistorium und habe da so viel verborgenes Elend kennen ge- 
lernt." Csiky war nicht so sehr Gefühlsmensch wie Logiker; er hatte starkes 
Gefühl für charakteristische Züge und kräftigen Aufbau der dramatischen 
Handlung. Seine Genregestalten erinnern manchmal an Dickens. Beson- 
ders exzelliert er in der Charakteristik der fragwürdigen und verdächtigen 
Großstadttypen, welche er in scharf naturalistischer Beleuchtung vorführt. 
So besonders in den Dramen Die Proletarier und Glänzendes Elend, 

Emerich Madach Der letzte Ausläufer der Blütezeit gehört auch der dramatischen Lite- 
(1823— 1864). ° 

ratur an. Es ist Emerich Madäch, der, 38 Jahre alt, im Jahre 1861 

als reicher Edelmann und Abgeordneter das dramatische Gedicht die 
Tragödie des Menschen veröffentlichte. Es war sein erstes Werk, das 
im Druck erschien. Während die übrigen Meisterwerke der ungarischen 
Literatur der patriotische Schmerz inspirierte, spricht aus der Tragödie 
des Menschen die Melancholie der Weltgeschichte. Madäch faßt in der 
Tragödie des Menschen die ganze Weltgeschichte als ein Trauerspiel 
auf. Der Held dieser Tragödie ist die ganze Menschheit, wir sehen ihre 
ganze Vergangenheit, ihre Gegenwart, sogar ihre Zukunft, bis die Mensch- 
heit auf dem ausgekühlten Erdball ausstirbt. 

Wir sind in dem Werk auf biblischem Boden: nachdem der erste 
Mensch Adam auf den Rat Luzifers von dem Baume der Erkenntnis ge- 
gessen und aus dem Paradies vertrieben wurde, wünscht er in dem Elend 
des Exils einen Blick in die Zukunft seines Geschlechtes zu werfen, damit 
er sehe, wofür es leidet und kämpft. Luzifer, der die Menschheit ver- 
derben will, senkt nun einen Schlaf auf das erste Menschenpaar, während- 
dessen sich ihm die Zukunft in Traumbildern entrollt. Adam träumt dem- 
nach die Weltgeschichte, indem Luzifer ihn die Hauptepochen der Ge- 
schichte im Traume durchleben läßt. Der Held jedes Traumbildes ist 
Adam, der Repräsentant der Menschheit, in dem sich die charakteristischen 
Ideen der betreffenden Epoche verkörpern. Adam sieht sich dermaßen in 
jedem Traumbild in einem anderen Zeitalter und durchkämpft die geistigen 
Kämpfe aller Generationen. In jedem Traumbild, in jeder Epoche sehen 
wir Adam, unzufrieden mit dem gegenwärtigen Zustand der Menschheit, 
sich ein neues Ideal zum Ziel setzen: das nächste Traumbild erfüllt den 
Wunsch Adams, aber enttäuscht ihn immer wieder. Die Weltgeschichte 
erscheint als eine Kette von verlorenen Illusionen oder, um einen Aus- 
druck Schopenhauers zu gebrauchen, als der schwere Traum, das Alp- 
drücken der Menschheit. 



VI. Das ig. Jahrhundert. '^O', 

Adam durchlebt nun im Traume als ägyptischer Pharao die orienta- 
lische Despotie, als Miltiades die athenische Demokratie, als Römer die 
Verfallszeit des kaiserlichen Roms, als Kreuzfahrer die Zeit des toten Buch- 
stabenglaubens und des F"anatismus im mittelalterlichen Byzanz. Dann 
ist er Keppler und dann wieder Danton, in der Erfüllung seines neuen 
Ideals immer nur Enttäuschung findend. Nun kommt er in das Zeitalter, 
da das Geld allmächtig ist: in das moderne London. Und von nun an 
übertritt er die Schwelle der Gegenwart: er sieht den sozialistischen Zu- 
kunftsstaat; er sieht den Phalanstere, wo die Welt nur mehr eine große 
Kaserne ist. Am Ende des Traumes findet Adam die Menschheit ihrem 
Aussterben nahe: die ausgekühlte Sonne, deren rote Scheibe Adam für 
den Mond hält, beleuchtet eine ewige Winterlandschaft, in der die letzten 
Menschen als Eskimos kümmerlich ihr Leben fristen. 

La farce est jouee. Adam, der an der Wiege und dem Grabe der 
Menschheit gestanden, erwacht. Der Traum war ein Leben — das Leben 
der Menschheit. Doch erscheint ihm, was er gesehen, so entsetzlich, daß 
er diesen zukünftigen Qualen durch seinen Tod vorbeugen will. Da 
naht sich ihm Eva und flüstert ihm verschämt das erste Geheimnis zu: 
daß sie sich Mutter fühle. Adam fällt reuig auf die Knie: „Herr, du hast 
gesiegt!" Am Ende erscheint Gott und verweist als Trost im Drangsal 
der zukünftigen Geschicke auf die Ideale, die in der Seele des Menschen 
vorhanden sind. Kämpfe und vertraue! 

Gott verweist also gegenüber dem Pessimismus der Weltgeschichte 
auf die Tröstungen des individuellen Lebens, auf Liebe, Vertrauen und 
Poesie. 

Der Pessimismus Madächs hat zweierlei Quellen: die eine ist der 
x\bsolutismus des Bach'schen Regimes, der das Ungartum mit Vernich- 
tung bedrohte; die andere entspringt aus dem Familienleben des Dichters. 
Während der Freiheitskriege hatten walachische Rotten die Schwester 
des Dichters und ihre Familie mit furchtbarer Grausamkeit niedergemetzelt. 
Nach dem Freiheitskampfe saß Madäch selbst im Gefängnis, und kurze 
Zeit darauf verließ ihn seine junge Frau schmählich für immer. 

Auf Madäch haben besonders Goethes Faust (Luzifer— Mephisto) und 
Byrons Kain gewirkt. Die Tragödie des Menschen ist groß in der Auf- 
fassung und geistreich im einzelnen, doch sind die Reflexionen nicht 
immer durch das Medium der Phantasie durchgegangen, sie bekommen 
nicht immer poetische Flügel. Die Komposition des Werkes nötigt den 
Dichter zu starken Verkürzungen in der Charakteristik: die Umwandlungen 
Adams könnten eigentlich bloß das Resultat einer längeren Entwicklung 
sein und nicht in dem Verlauf eines Aktes vor sich gehen. Wenn in 
Adam — Pharao die Idee des demokratischen Staates erwacht, so sind zur 
Entstehung dieser Idee andere psychologische Vorbedingungen notwendig, 
als sie bei einem Pharao vorhanden sind. 

Um Arany gruppiert sich ein Kreis von Dichtern, die ihm auch °Aranj's." 

Die Kultur der Gegenwart. I, g. 20 



3o6 



Friedrich Riedl: Die ungarische Literatur. 



Michael Tompa persönlich nahestanden. Der bedeutendste unter ihnen ist Michael Tompa, 
' ''""' ■ eine äußerst gefühlvolle, elegische Natur, die in rauhem Leben viel litt. 
Er war Sohn eines armen Schuhmachers, rang sich empor und lebte als 
reformierter Pfarrer in der Provinz. Neben der volkstümlichen Richtung, 
in welcher er Arany und Petöfi verwandt ist, zeichnete er sich auch im 
allegorischen Gedicht aus, dessen Aufblühen die damaligen politischen 
Verhältnisse erklären: durfte man doch viele patriotische Wahrheiten nur 
in allegorischer Hülle ausdrücken. Eine Spezialität seiner Poesie sind die 
Blumenmärchen, in denen Blumen als handelnde Personen auftreten: 
fleurs animees. Trotz aller Sinnigkeit und Zartheit machen jedoch diese 
Gedichte in größerer Zahl einen etwas erzwungenen und süßlichen Ein- 
druck. Frischer und kräftiger ist Tompa in seinen poetischen Erzäh- 
lungen und am poetischsten in seinen elegisch-religiösen Dichtungen. 

Zum Freundeskreise Aranys gehörte auch der vorzüglichste Kritiker 
Paul Gyuiai der ungarischcn Literatur: Paul Gyulai, der gegenwärtig als pensionierter 
"^^ ' ' ^ ' Universitätsprofessor und als Redakteur in Budapest lebt. Eine scharf 
ausgesprochene, intransigente, durch und durch wahrhafte, stark polemische 
Individualität. Als ob er die Unpopularität suchen wollte, nahm er immer 
Stellung gegen beliebte Vorurteile. Ihn, der aufrichtig und bescheiden ist, 
verletzte die Selbstbewunderung und Charlatanerie, welche er oft sogar 
bei sehr talentierten Zeitgenossen fand. Die meisten Einschätzungen der 
ungarischen literarischen Werte gehen auf ihn zurück. Gegenüber den 
neueren Snobs war er auch immer Hüter der guten ungarischen Tradition. 

Paul Gyulai ist nicht nur der bedeutendste Kritiker, sondern überhaupt 
der größte Meister der literatur-historischen Prosa. Seine Novellen, unter 
welchen „Der letzte Gutsherr des Herrenhauses" die vorzüglichste ist, 
zeichnen sich nicht so sehr durch Erfindungsgabe und Phantasie, als durch 
eingehende liebevolle Charakteristik und poetische Stimmung aus. Seine 
lyrischen Gedichte sind einfach, gedrungen, ohne jede Emphase. Über 
den Gefühlen schwebt bei ihm mildernd und besänftigend die Reflexion. 
Doch spürt man an einer gewissen Bitterkeit nicht selten den leidenschaft- 
lichen Kritiker. Neben Gyulai wirkten als Kritiker der scharfsinnige 
Franz Salamon und Eugen Peterfy, der tragisch angehauchte, feinsinnigste 
Essayist unserer Literatur. Wie Gyulai war auch der harmonisch ge- 
stimmte, liebenswürdige Ästhetiker August Greguss ein Herold von 
Aranys Größe. 

Eine ähnliche Richtung wie Gyulai verfolgten seine Freunde: Karl 
Szdsz, der treffliche Übersetzer, Ladislaus Arany, der Sohn des großen 
Dichters, der in seinem unter dem Einfluß Puschkins geschriebenen Epos 
„Der Held der Fata Morgana" eine Art ungarischen Don Quixote-Typus 
zeichnet, und Josef Levay. Kristallhelle Gedanken in kristallener Form, 
Kunstverständnis und große Sorgfalt in der Ausführung charakterisieren 
die Gedichte des letzteren. 

Gegenüber diesem Freundesbund, über dem das Gestirn Aranys 



VI. Das 19. Jahrhundert. ^oj 

leuchtet, stehen zwei pessimistische Lyriker: der leidenschaftliche, bizarre, 

ins Maßlose und Großartiofe strebende Johann Vaida, der unser Zeitalter Johann vajda 

(1827— 1897). 
„eine organisierte Verschwörung der Mittelmäßigkeit gegen das Außer- 
ordentliche" nannte, — und der pessimistische, frühverstorbene Julius Re- 
viczky, der Schüler Schopenhauers und Heines, der, mit verzehrender 
Krankheit und Armut kämpfend, bald die Nichtigkeit des Seins und die 
Resig-nation, bald fieberhaften Willen zum Leben aussprach. 

Die gegenwärtige Literatur ist durch folgende Eigentümlichkeiten ge- Die zeitgenös 

^. .-r^. ., Tir'T-' ■ sische Literat! 

kennzeichnet: Sie ist vor allem eine Lpigonenliteratur. Wie Lpigonenzeit- 
alter überhaupt, nimmt sie die letzten Klassiker, in diesem Falle besonders 
Arany, zum Muster und zeichnet sich vor allem durch Ausbildung der 
dichterischen Technik aus. Das volkstümliche Element tritt etwas in den 
Hintergrund, die Behandlung allgemeiner Probleme nimmt zu; auch kann 
man ein Aufblühen der kurzatmigen Feuilletonnovelle verzeichnen, was 
dem wachsenden Einfluß der Tagesblätter zuzuschreiben ist. Auch die 
sezessionistische Symbolik erhebt mit affektiertem Augenaufschlag ihr 
Haupt in der Lyrik. Unter den jetzt wirkenden Romanschriftstellern sind 
die bedeutendsten die auch in Deutschland durch Übersetzungen vorteil- 
haft bekannten Koloman Mikszäth und Franz Herczeg. Ihre Werke, 
sowie die auch in Deutschland oft gespielten Dramen Ludwig Döczis 
treten jedoch aus dem Rahmen meiner Darstellung heraus, welche sich 
auf die noch in reicher Tätigkeit befindlichen zeitgenössischen Schriftsteller- 
individualitäten nicht erstreckt. 

Ebensowenig" kann eine Charakteristik der historischen Literatur oder Die wissen- 

° . Schaft. 

Überhaupt der wissenschaftlichen Leistungen meine Aufgabe sein. Im all- 
gemeinen will ich bloß erwähnen, daß besonders diejenigen wissenschaft- 
lichen Disziplinen gepflegt werden, welche sich auf Ungarn beziehen, so 
in erster Linie ungarische Geschichte und Sprachwissenschaft. Das größte 
wissenschaftliche Genie Ungarns war der Sprachforscher Nikolaus Revai 
(-j- 1807), der Begründer der historischen Grammatik der ungarischen 
Sprache, mit welcher er seiner Zeit und der europäischen Wissenschaft 
vorausgeeilt war. 

In allen Epochen, in allen bedeutenden Erscheinungen dieser Literatur ScWuß. 
war die treibende Kraft der nationale Impuls, der Gedanke der Rassen- 
erhaltung. Ohne Verständnis dieser treibenden Kraft wäre die ungarische 
Literatur ebenso unverständlich, wie ein großer Maschinenfabrikraum ohne 
Kenntnis der Dampfkraft, welche die Räder treibt und die Kurbel bewegt. 

Über die Bedeutung der ungarischen Literatur ist natürlich ein ob- 
jektives Urteil schwer zu fällen, doch kann man, wie mir scheint, durch 
den Vergleich mit anderen Literaturen etwa zu folgendem Resultate 
kommen: Die Prosaliteratur entspricht den Erwartungen, die man einem 
Volke gegenüber stellen kann, welches die Geschichte und die Seelenzahl 
des ungarischen Volkes hat; die poetische — glaube ich — übertrifft 
diese Erwartungen. 



Literatur. 

Ich berücksichtige hier bloß die Literatur der ungarischen Literaturgeschichte in 
deutscher Sprache. 

Der Begründer der ungarischen Literaturgeschichte, Franz Toldy (Schädel), hat sein 
erstes grundlegendes Werk deutsch geschrieben: Handbuch der ungarischen Poesie, 
2 Bde. (Pest und Wien, 1828). Es ist dies eine Anthologie ungarischer Gedichte teilweise 
mit deutscher Übersetzung. Die Einleitung gibt eine kurze Geschichte der ungarischen 
Dichtung; darin legte der damals 23jährige TOLDY wenigstens in großen Zügen die Grund- 
lagen der ungarischen Literaturgeschichte dar. 

Von den späteren eingehenderen Werken TOLDYs sind zwei auch ins Deutsche über- 
setzt: Geschichte der ungarischen Dichtung von der ältesten Zeit bis auf 
Alexander Kisfaludy. Übersetzt von G. Steinacker (1863). Es sind dies \'orträ^e, 
welche jedoch bloß bis zum Anfang der Blütezeit der ungarischen Dichtung reichen. 

Das zweite, ein umfangreiches Spezialwerk TOLDYs, ist seine Geschichte der unga- 
rischen Literatur im Mittelalter, übersetzt von M. Kolbenhayer (1865). — Toldys 
grundlegendes Werk ist heute in mancher Beziehung schon veraltet. 

Ausführlich behandelt die ungarische Literatur bis auf die neueste Zeit J. H. SCHWICKER 
in seiner Geschichte der ungarischen Literatur (1889), 944 Seiten. ScHWiCKER war 
eigentlich kein Fachmann: sein Buch, welches auch Proben in Übersetzung enthält, ist nicht 
ohne Verdienst, aber nicht immer verläßlich. 

Knapper, auch die neueste Literatur berücksichtigend, ist I. KONT, Geschichte der 
ungarischen Literatur (1906) (Literaturen des Ostens III). 

Essays und Monographien über ungarische Dichter finden sich in den Zeitschriften: 
Literarische Berichte aus Ungarn (1877 — 80), Ungarische Revue (1881 — 95), wo 
auch viele Übersetzungen, Register dazu 1894; ferner in; Das moderne Ungarn, Essays 
und Skizzen herausgegeben von A. Nem^.nyi (1E883). (Über Alex. Kisfaludy, Arany, Petöfi.) 
Auch Adolf Dux gibt einige Charakteristiken von ungarischen Dichtem in seinem Buch: 
Aus Ungarn (1879). (Über Vörösmarty und die jüngste Literatur.) Weitere Literaturangaben 
in dem erwähnten Werke von J. Kont (S. 262 — 265). 



Aussprache, ä, i = ah, eh; cz, <r = z; f j = tsch; ny = nj ; gy =• A]\ sz = ss; 
s = seh; z = i. Ausnahmen: Szechenyi (sprich Sehtschehni); Eütvös (sprich Ötwösch); 
Madäch (sprich Madätsch). Betont ist immer die erste Silbe. 



DIE FINNISCHE LITERATUR. 

Von 
Emil Setälä. 

Einleitung. Das Finnische ist ein Zweig der finnisch-ugrischen ^Die^finnkch-^ 
Sprachfamilie, von deren Gliedern, außer dem Finnischen, nur das Un- famiUe. 
garische und Estnische Literatursprachen im eigentlichen Sinne des Wortes 
sind. Die Verwandtschaft der finnisch-ugrischen Sprachen, die wissen- 
schaftlich bewiesen ist, obwohl das Verhältnis des Sprachstammes zu den 
sogenannten uralaltaischen Sprachen einer- und zu den indogermanischen 
anderseits noch unaufgeklärt ist, weist natürlicherweise auf das Vor- 
handensein einer finnisch-ugrischen Ursprache hin. Wo diese Ursprache 
entstanden ist, bildet eine ebenso umstrittene Frage wie das Problem der 
indogermanischen Urheimat. 

Mit viel srrößerer Gewißheit darf man dagegen schließen, daß die Die Urheimat 
o ^ ^ _ _ der Ostsee- 

Ursprache, von der die heutigen im engeren Sinne zusammengehörigen finnen. 

ostseefinnischen Sprachen, darunter das Finnische und Estnische, zunächst 

ihren Ursprung herleiten, in dem Gebiete südlich des Finnischen J\Ieer- 

busens ihre Heimat gehabt hat. Nachbarn der Ostseefinnen waren in 

diesen Zeiten engerer Gemeinschaft einerseits Balten, anderseits und zwar 

etwas später Germanen; die Spuren dieser Berührungen sind in der 

Sprache und Kultur der Ostseefinnen deutlich zu erkennen. 

Der Besfinn der Einwanderung der Finnen in Finnland scheint in die Die Einwande- 

ö o ^ ^ ning der Finnen 

ersten nachchristlichen Jahrhunderte verlegt werden zu müssen; sie ist -»ch Finnland, 
offenbar nach und nach im Verlauf mehrerer Jahrhunderte vor sich ge- 
gangen, ganz in ähnlicher Weise wie die friedliche Eroberung Binnen- 
finnlands für die Kultur in historischer Zeit. Die Finnen fanden in Finn- 
land eine Bewohnerschaft vor — die archäologischen Denkmäler bezeugen, 
daß Finnland wenigstens schon ein paar Jahrtausende vor Christi Geburt 
besiedelt gewesen ist, wahrscheinlich teils von Germanen, teils von Lappen; 
die ältesten germanischen Einwohner Finnlands scheinen wenigstens der 
Hauptsache nach in den Finnen aufgegangen zu sein, wogegen die heute 
in den verschiedenen Küstengegenden von Finnland ansässigen Schweden 
im wesentlichen Nachkommen späterer Zuwanderer sind, während die 



310 



Emil Setälä: Die firmische Literatur. 



Lappen vor der finnischen Kolonisation immer weiter nach Norden zurück- 
gewichen oder fennisiert worden sind. Von den nächsten Stammverwandten 
der Finnen bUeben die einen in der Nähe der früheren gemeinschaftlichen 
Wohnsitze im Süden des Finnischen Meerbusens zurück, andere rückten 
in die heutigen Gouvernements Olonez und Archangel im Osten ein. 
Die sprachliche Gemeinschaft löste sich natürlicherweise mit der Erwei- 
terung des Wohngebietes auf. Es entstanden besondere, deutlich unter- 
schiedene sprachliche Typen (wie z. B. das Estnische, Livische, Wepsische), 
in anderen Fällen ganze Dialektketten, zwischen denen keine scharfe 
Grenze bestand. 

Das finnische Die politischen und kulturellen Verhältnisse schlössen, nachdem Finn- 

land mit Schweden vereinigt worden war, die verschiedenen nach Finn- 
land übergesiedelten finnischen Stämme zu einem Volke zusammen, wel- 
ches eine im wesentlichen einheitliche Sprache besitzt. Heute wird finnisch 
von ungefähr drei Millionen gesprochen; außer kleineren Sprachgebieten 
bzw. Kolonien in Ingermanland, Sibirien, Schweden, Norwegen und Nord- 
amerika lebt die große Mehrzahl der Finnen im Großfürstentum Finn- 
land. Bemerkenswert ist jedoch, daß nach Osten hin keine scharfe Sprach- 
grenze vorhanden ist, sondern daß die karelischen Dialekte östlich der 
finnländischen politischen Grenze eine direkte Fortsetzung der östlichen 
Dialekte Finnlands bilden, ebenso, daß die Sprachformen auf der Grenze 
zwischen dem finnischen und estnischen Gebiet einander so nahe stehen, 
daß ohne besondere Schwierigkeit ein gegenseitiger Gedankenaustausch 
stattfinden konnte — ein Umstand, der von großer Bedeutung ist, da er 
den dauernden und befruchtenden Austausch des Folklorematerials über 
die Sprachgrenze hinüber ermöglichte. 

Die finnische Der äußcrc Klang der finnischen Sprache, ihr Vokalreichtum und die 

gleichmäßige Verteilung der Konsonanten und Vokale machten das Fin- 
nische wie von selbst zu einer geeig'neten Sprache der Dichtung, sobald 
nur das Metrum mit der Sprache im Einklang stand. Dazu kam der 
große Reichtum der Sprache an lautmalenden Wörtern, die nach vor- 
handenen Mustern bis ins Unendliche neug-ebildet werden konnten und 
die mit ihrem sprachlichen Stimmungswert die Laut- und Farbennüanzen 
der Natur wiederzugeben geeignet waren. Das Volk hatte für Poesie 
einen offenen Sinn und reiche dichterische Begabung; Liedersänger und 
Wortbildner waren schon in alten Zeiten ganz besonders geachtet. 

Die Volkspoesie L Die mittelalterliche Volkspoesie. Die Volkspoesie darf mit 

und Kunstdich- . ,-, , 

tunt'. vollem Recht emen Platz m der Literaturgeschichte beanspruchen. Sie 
ist in Wirklichkeit ebenso gut individuell, ebenso gut eine künstlerische 
Hervorbringung wie das poetische Produkt irgendeines bekannten Autors. 
Natürlich ist ein Unterschied in dem Maß von Bewußtsein, das ein „Volks- 
dichter", und dem, das ein „Kunstdichter" von seinen Mitteln und seinen 
Zwecken hat, in diesem Punkt kann wohl aber niemand eine bestimmte 



I. Die mittelalterliche VolUspoesie. j I I 

Grenze ziehen. Spezifisch Icennzeichnend für den Volksdichter ist, daß 
der unbekannte Autor, da er keinen Aufzeichner oder „Verleger" hat, 
unmittelbar sein Publikum als „Abschreiber" und „Verleger", das Ge- 
dächtnis seiner Zuhörer als die „Bücherei" benutzt, die seine Werke 
aufbewahren soll. Weiter ist zu beachten, daß der „Abschreiber" oder 
„Verleger" in diesem Fall selbständiger als ein gewöhnlicher „Abschreiber" 
oder „Verleger" ist oder sein kann: er kann die Werke verschiedener 
Dichter — meist nur durch unabsichtliche Gedankenassoziation, aber auch 
bewußt — nicht nur zu einem „Bande" vereinigen, sondern sie sogar 
gewissermaßen zu einem Werke zusammenschweißen; und wenn er selbst 
etwas von einem Dichter in sich hat, kann auf diese Weise ein ganz 
neues Werk entstehen, das sich jedoch auf die Arbeit seiner Vorgänger 
stützt. 

In welche Zeit die ersten Anfänse der finnischen Volkspoesie zurück- Anfänge der 

* '^ Volkspoesie. 

gehen, läßt sich nicht auch nur annähernd feststellen; in dieser Beziehung 
entscheiden weder die formalen noch die stofflichen Argumente etwas. 
Da von der Dichtung der älteren Zeiten in den Tagen, wo sie gesungen 
worden, nichts aufgezeichnet ist, kann die Frage nach ihrem Alter im 
allgemeinen nur auf dem Wege der Schlußfolgerung entschieden werden. 

Die finnische Volkspoesie hat nur eine einzige Liedform geschaffen, Die Liedform. 
die in dichterischen Produkten aller Gattungen zur Anwendung gekommen 
ist, aber eine Liedform, die sowohl in ihrem Bau als in ihrem Schmuck 
eigenartig ist und von den antiken wie den modernen abweicht. Ihr 
Metrum ist achtsilbig, aus vier Trochäen aufgebaut — dem Anschein nach 
überaus einfach, in Wirklichkeit aber recht kunstvoll, da das Ringen 
zwischen Wort- und metrischem Akzent und die Zäsur einen sehr ab- 
wechslungsreichen Eindruck hervorrufen. Als äußerer Schmuck dient die 
Alliteration, der Stabreim, und als Verstärkung und Füllung des Gedankens 
der Parallelismus der Glieder, der Gedankenreim. Es kann kein Zweifel 
darüber bestehen, daß dieses Metrum ein finnisch-estnisches ist; gewisse 
Kennzeichen scheinen darauf hinzuweisen, daß es in einer primitiveren 
Form finnisch-mordwinisch sein könnte, also in die Jahrhunderte vor un- 
serer Zeitrechnung zurückgehen würde, obwohl es natürlich in diesem 
Punkte keine Sicherheit gibt. 

Was die stoffliche Seite dieser Poesie betrifft, so gibt sie ebensowenig ^'^ s?°'ff '•'"■ 

' ö o ünnischen 

Aufschluß über den ersten Ursprung der Dichtungsart. Die ältesten voikspoesie. 
Lieder, die auf uns gekommen sind, sind allerdings in heidnischen Zeiten 
gesungen worden. Die heidnischen Finnen wußten von Väinämöinen und 
Ilmarinen zu erzählen, beides nach der ursprünglichen Auffassung des 
Volkes Götter, jener der Gott des Wassers, dieser der der Luft. Man 
darf aber nicht vergessen, daß das Heidentum in Karelien und Ingerman- 
land bis fast in die Neuzeit reichte, weshalb sich also auch hierfür kein 
sicherer Terminus ex quo fixieren läßt. Außerdem liefert das Vorkommen 
von heidnischen Namen in einem Liede keinen absoluten Beweis für den 



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Emil Setälä: Die finnische Literatur. 



heidnischen Ursprung des Liedes, vielmehr finden sich manche Beispiele 
dafür, daß heidnische Namen in Liedern mit katholischen Motiven an die 
Stelle von katholischen gesetzt worden sind. Anderseits läßt es sich auch 
durchaus nicht beweisen, daß das finnische Lied nicht in sehr alten Zeiten 
wurzeln kann; das Erbe jener Zeiten haben hauptsächlich nur die späteren 
Stoffe im Gedächtnis des Volkes verdrängt. 

Die Stoffe, die die Phantasie des Volkes besonders angeregt haben, 
waren dieselben, die die Legenden- und Ritterpoesie des Mittelalters dar- 
bot. Wir finden hier die gleichen Motive, die in der Legendendichtung 
anderer Völker auftreten, wir finden aber auch häufig Motive erhalten, die 
ohne Zweifel durch andere Völker hierher gelangt, anderwärts jedoch 
spurlos verschwunden sind. Und selbst in den Fällen, wo sich die ent- 
sprechenden Lieder anderswo behauptet haben, hat das Gedächtnis des 
finnischen Volkes mehrfach mit wunderbarer Genauigkeit ursprüngliche, 
anderswo verwischte Züge bewahrt. Und was noch bemerkenswerter ist: 
jene anderswoher eingewanderten Motive sind nicht bloß sklavisch nach- 
gebildet worden, sie treten uns in finnischem Geiste umgedichtet, mit 
spezifisch finnischen Zügen ausgeschmückt und in eine finnische Umgebung 
verlegt entgegen. Insbesondere verraten die nordkarelischen Liedersänger 
poetisches Talent: in ihrer Darstellung gewinnt der Dialog- eine hin- 
reißende Lebendigkeit und beginnen die Gestalten zu leben. 
Legenden. Um aus den behandelten Motiven ein paar Beispiele herauszugreifen, 

sei erwähnt, daß das Leben der Jungfrau und des Heilands eine ganze 
Serie von Liedern geschaffen hat, die im Munde der nordkarelischen 
Sänger die deutliche Tendenz zeigen, sich zu einer ganzen umfangreichen 
Messiade auszugestalten. Wir begeg-nen auch hier unter dem bleichen 
nordischen Himmel der Maria Magdalena, der stolzen sündigenden Jung- 
frau, die Jesus in der Hülle eines karelischen Hirten am Brunnen findet 
und der er ihre Sünden vorhält Wir begegnen hier dem reichen Manne 
und Lazarus als dem Hausherrn und dem von ihm hartherzig behandelten 
Knecht. Christi Tod erscheint als Legende vom Tode des finnischen 
Helden Lemminkäinen, den der blinde Hirt tötet, um dann seinen Leichnam 
in den Strom von Tuonela zu werfen, aus dem ihn die Mutter rettet und 
zu neuem Leben erweckt. Zu den allerschönsten Legenden gehört ein 
ingermanländisches Lied, in dem erzählt wird, wie Gottes Sohn zur Zeit, 
als noch keine Sonne und kein Mond am Himmel stand, Sonne und Mond 
als Lichtspender den Menschen schenkte; er setzte die Sonne in eine 
Tanne mit goldenem Wipfel, zuerst auf einen unteren Ast, wo sie nur den 
Reichen schien, dann aber auf die Bitte der Armen auf einen höheren 
Ast, wo sie auf Reiche und Arme, Wohlhabende und Bettler gleichmäßig 
strahlte. Ein einheimisches Legendenmotiv finden wir in dem Liede vom 
Tode Bischof Heinrichs behandelt, in der Erzählung von dem ersten 
Glaubensboten in Finnland, den ein finnischer Heide ums Leben brachte. 
Ritterbaii.idc. Auch die Ritterballade hat Ableger in Finnland — sie ist über 



I. Die mittelalterliche Volkspoesie ^I_j 

Schweden hierher gekommen, wo sie um das 14. Jahrhundert ihre höchste 
Blüte erreichte. Wir haben hier die Erzählung von der jungen Maid 
Inkeri, deren Bräutigam gerade anlangt, als sie einem anderen Manne 
vermählt werden soll; ähnlich das Lied von Anterus, der sich aus Gram 
das Leben nimmt, als sein junges Weib stirbt, und mit ihr in einem Grabe 
begraben wird — beides Motive, die zunächst aus Schweden stammen. 
Auf einheimischer geschichtlicher Grundlage ist die Ritterballade er- 
wachsen, die von allen am höchsten gestellt werden muß, Elinas Tod, die 
Erzählung von dem Ritter, der aus Eifersucht sein anmutiges Weib und 
seinen kleinen Sohn verbrennt und sich danach in seinen Gewissensqualen 
selber umbringt; dieses Lied ist wegen seiner Charakteristik und seiner 
dramatischen Kraft — seine knappe Diktion nähert sich der dramatischen 
Darstellungsart — die schönste Perle der finnischen mittelalterlichen 
Dichtung. 

Wie angedeutet, ist das Alter der Lieder häufig schwer genau zu 
bestimmen, da sie nicht in der Zeit aufgezeichnet sind, wo sie zuerst ge- 
sungen wurden. Die reichen Stoffe des Mittelalters vermischten sich mit den 
alten Vorstellungen, und da sproß eine vielgestaltige Dichtung empor, die 
sich bis in die neuere Zeit weiter entfaltet hat; die Frucht dieser Ent- 
faltung waren die epischen Lieder, die den Hauptbestandteil des finnischen 
Volksepos Kalevala bilden. 

Von den anderen Gattungen der Dichtung reicht ohne Zweifel die weitere 
reiche lyrische Poesie, in welcher die meisten Ereignisse des finnischen voikspoesie. 
Volkslebens, meistens aber die traurigen, ihre poetische Behandlung ge- 
funden haben, in frühe Zeiten zurück, wiewohl sie natürlich durch immer 
neue Gebilde vermehrt worden ist. Dasselbe gilt von der didaktischen 
Poesie, welche die Sprichwörter und Rätsel bergen, und den Sagen und 
Märchen in Prosa, unter denen wir fast alle allgemein internationalen 
Motive, verfinnischt und nach Finnland verlegt, wiederfinden. 

Eine ganz eigentümlich finnische Gattung der Poesie stellen die Zauberiieder. 
Zauberlieder dar, in denen manche ein uraltes Erbe eines uralten Scha- 
manismus erblickt haben. Soviel die Forschung indessen bisher ermittelt 
hat, sind sie in ihren Urmotiven als westeuropäische, aus katholischer 
Zeit stammende Zaubersprüche zu betrachten, die auf finnischem Grund 
und Boden beträchtlich vermehrt und ausgebaut worden sind und, was 
das merkwürdigste ist, vielfach ein von echtem Naturgefühl zeugendes 
poetisches Gewand erhalten haben. 

Aus gewissen Umständen zu schließen war unter den Adeligen, Geist- Die Urheber 
liehen und Bürgern Finnlands das Finnische die Hauptumgangssprache; 
dies wird u. a. dadurch bewiesen, daß die mittelalterliche Dichtung Mo- 
tive aus dem Leben dieser Stände aufweist, und ohne Zweifel ist zum 
mindesten ein beträchtlicher Teil der fraglichen Poesie von Vertretern 
dieser Bevölkerungsklassen hervorgebracht worden. Sie standen jedoch 
in ihrer Bildung nicht besonders hoch über dem finnischen freien Bauer; 



314 Emil Setälä: Die finnische Literatur. 

die Kenntnis des Schreibens war selten, es gab offenbar niemand, der 
finnische Lieder hätte aufzeichnen können oder sie als dessen wert an- 
gesehen hätte. Die besten Hüter des Gesangs waren die gedächtnisstarken 
Männer aus dem Volke, die den Zuhörern Hand in Hand mit einem Be- 
gleiter die alten Überlieferungen vortrug-en. Unter ihnen waren jedenfalls 
auch begabte Individuen, die selber als schaffende Dichter den Reichtum 
der Volkspoesie vermehrten. 

In der Wanderung der Volkspoesie lassen sich zwei Strömungen er- 
kennen, eine von Süden nach Norden, vom estnischen Sprachgebiet über 
Ingermanland nach Karelien, und eine zweite von Westen nach Osten. 
Oft entwickelten sich ganz einfache estnische Motive in Karelien, wo sich 
der südliche und der westliche Liederstrom vereinigten, zu epischen Lied- 
schöpfungen mit Gestalten, die der heidnischen Zeit angehörten, West- 
finnland hat hauptsächlich Legenden- und Balladenpoesie aus mittelalter- 
lichen Motiven geschaffen. 

IL Begründung und erste Schicksale der finnischen Schrift- 
sprache (1542 — 1642). Außer der Volkspoesie hat das ganze Mittelalter 
in Finnland weiter keine Literatur hervorgebracht als eine Anzahl latei- 
nischer religiöser Lieder und Schulgesänge, die von finnischen Bischöfen 
und Geistlichen herrührten, sowie eine lateinische Bischofschronik. Auch 
in schwedischer Sprache ist in Finnland während des Mittelalters, von amt- 
lichen Dokumenten abgesehen, nichts geschrieben worden als Übersetzungen 
von Stücken des Alten Testaments und Heiligenbiographien von einem 
wahrscheinlich aus Schweden stammenden Mönche. Und die einzigen 
gleichzeitigen Denkmäler des Finnischen sind die finnischen Namen, die 
in lateinischen oder altschwedischen Urkunden vorkommen; mitunter findet 
man in diesen ganze finnische Sätze, woraus zu entnehmen ist, daß die 
mündliche Verhandlung" vor Gericht damals wie auch stets in späterer 
Zeit auf Finnisch vor sich ging, obwohl das Protokoll nicht finnisch ge- 
führt wurde. Die Namen und Sätze der betreffenden Urkunden, deren 
älteste dem 13. Jahrhundert angehören, sind mithin die frühesten direkten 
Denkmäler der finnischen Sprache. 

Obwohl das Latein die Sprache der Kirche war, heißt es doch, die 
geistlichen Würdenträger hätten am Ausgang des 15. Jahrhunderts die 
Anordnung getroffen, daß einige Gebete allsonntäglich in den Kirchen 
auf Finnisch hergesagt und ihre Übersetzung, um gedächtnisstörender 
Vertauschung" von Wörtern vorzubeugen, schriftlich festgelegt werden 
sollte. Hiervon hat sich jedoch in der gleichzeitigen Niederschrift nichts 
erhalten, obwohl es möglich ist, daß einige Niederschriften des 16. Jahr- 
hunderts auf den Übersetzungen aus katholischer Zeit fußen. Daß sich 
im Gebrauch der finnischen Sprache irgendeine bestimmte Gewohnheit 
herausgebildet hatte und daß eine Art finnische „Gemeinsprache" ent- 
standen war, können wir daraus schließen, daß, als die finnische Schrift- 



n. Begründung und erste Schicksale der finnischen Schriftsprache. ^ j ; 

spräche gegründet wurde, alle Schriftsteller ohne bedeutendere Ab- 
weichungen derselben Sprachform folgten. 

Der Erstling der finnischen gedruckten Literatur ist die von dem eigent- Michael 
liehen Glaubensreformator Finnlands, dem Bischof Michael Agricola, 
wahrscheinlich 1542 herausgegebene finnische Fibel. Er ließ auch einige 
andere Bücher auf Finnisch erscheinen: ein ziemlich umfangreiches Gebet- 
buch, ein Rituale, eine Liturgie und Teile der Bibel; am aller wichtigsten 
war das 1548 veröffentlichte Neue Testament. Agricolas Bücher waren 
Übersetzungen oder fremden Vorbildern nachgeschaffene Werke, doch 
begegnet man in ihnen auch Äußerungen seiner eigenen kräftigen Per- 
sönlichkeit, Partien, in denen die markige, oft mit Sprichwörtern gewürzte 
Diktion an den Lehrmeister der Reformation, Luther, erinnert. Er war 
seiner ganzen Veranlagung nach ein Mann