Skip to main content

Full text of "Die philosophie des Krieges"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



A ' 



r 



" T - " »^ 



föarbarö College liörarg 




FROM THB BSqpBST OF 

JAMES WALKER, D.D., LL.D. 

(Class of 18x4) 

FORMER PRBSIDBNT OP HARVARio COLLEGB 



** Preference being given to works in the 
Intellectual and Moral Sciences*' 



V 



i 






1 

J 

r 



. _ \ 



■ ^ '-> 



t 

1. 

I 



i i 






u 



f 




f ^' ' ' 



Verlag von Johann Ambrosius Barth in Leipzig. 



MOLLER, iLOTS. Düsseldorf, Elementare Tneorle der EntstehunQ der Gezeiten. 
IV 88 S. mit 21 Abb. 1906. 

J TT _* .«511 Auroh Hie vorlieffende Schrift einerseits die Andeutungen O. 

per Verfasser ^lU d^ch ^;e j^^^'^f^^^^tm und weiter ausbauen, andererseit« die 
H. Darwins ^t>er ^« ^^^f "tf.rS voro'ouaJenV pbvsikaliHelie unrichtige Thooiie der Knt- 
bieher in deutschen Lehrbüchern vorgetr^^^^ ersetzen. Kür den Absat» 

Äen« d'^£e?S^Äo^«?Ä P^>-^^-' «-^^«^ -^ ^«^'^'^^'"^^'^ 

. in Betracht aa Biehen sein. __^^_««..— — — — ^— — 

mechaniscben Naturaul^^»8unB stellte sich aRUumb er L-.r IJ^,„e^ungen meiUani.cl.ea 
. durch Analogiebeweise, ,'»a""{"°' ^.'If "hl;l™t^^horX ü von lim angelül.rtoa Vt-r- 
i Kinfiassen Pb^'^'f '^^^" Äeic^rd darften namentlicb denen zu denfen ^ohon, di e 
ß suche Bind gewiß auBerst """*'1'^."° Biut^ellen gar nicht als echte BcBtonaieile des 
l "ZnLhiS:h^n"l^r° p4rB0°de'nVTrUch"e Amöbe! anzusprechen. . 

1 HABERLiHDT. Dr. 6.. Professor der Botanik an der Universität^ G^az, Die 

* H «innAfinraane der Pflanzen. 46 s. 1904. *^arx. »ik. i. 

ÄafgS>tVÄ;H£HSHirwS^^^^^^^^^^ 

den Mechanismus des <>»'«^S^«^**^5^n|en pfv^ologisch elöffnen und wie sich durch dioso 
sich für die Beurteilung der pnanzen^^^^^ 

Forschungsergebnisse ^« *""fM'''^/J^o^^^^^ bedeutende Vortrag dürfte als horvor- 

^r^^.^^^X^s der ^Si'Äen'vlrräLfun« deutscher Naturforscher und Ärzte zu 
bezeichnen sein. ^___^_^________^^_ 




Mm «PH Br HANS Professor der Botanik an der Universität Prag, D.e 
"^KfinKwuno In den Pflanzen. 32 s. 1905. Kart. Mk. i.- 

LlCnteniWlCKlUnU r* """/,. ..„^^iekiung der Pflanze, zu denen er auf Grund , 
Seine Erfahrungen über «^«^.^^^^^f "l'J'^^ jefv vor kurzem in ciucui Bucl.e 

einer vieljährigen Beschäft.gung gelangte^^^ ^.^^^ ^ 

II LieD6W69«a. vr. R^trachtuna W.s ist die Darstellung der Bewegung»- ' 

Berliner T«l?ebUtts ^era der Betrachtung >^^^^ Zusammenhange hiermit 

Organe^ der Tierkörper unter^d^^^ ^^^^ ^^ Gestaltung der geisügea 
^"/e t^nZn^s ^^^o^^^ nicht unbe^einfluM bleiben. ' 

WRHUami Bf Professor an der Techn. Hochschule in Karlsruhe, FlÜSSlOÖ 

iTrSe und die Theorien des Lehens. 05 s. mit 30 Abb. ux)6. ^^^ ^ ^ 

In den Lehrbüchern t'/^Äx^^fefz^^^safglr^ 
fluchtige Andeutungen ß^f ^^°' .^VXeTuna def Lscheinungen vollkon!men fehlen, 
während Abbildungen unH ^«-^^^f® J^®1^^^^^^^ Äußerungen in der Presse 7ufolge die 



\ 



X 



-—w 



Die 



Philosophie des Krieges 



Verlag von Johann Ambrosius Barth in Leipzig. 

Natur- und kulturphilosophische Bibliothek. 

Die neue Bibliothek wird Monographien zur Philosophie der Natur- und 
GeiBteswissenschalten bringen. Schon lange hat bei den Forschem wie bei 
den weiteren Kreisen der Gebildeten das Genügen an der Spezialität aufgehört, 
man strebt wieder eine „Weltanschauung" zu gewinnen. Aber man will nicht 
mehr, wie ehedem, spekulieren,, auch nicht fertige Dogmen empfangen, sondern 
auf der Kenntnis der Ergebnisse der Natur- und Geisteswissenschaften sich 
seine Weltanschauung aufbauen. Dafür will die Natur- und kulturphilosophische 
Biblioth^ Bausteine liefern, indem sie mancheriei Gebiete der Natur und der 
Kulturwelt in philosophische Beleuchtung bringt Erschienen sind bisher: 

Band I. Philosophie der Botanik von Professor Dr. J. Reinke 

in Kiel. (VI, 201 S.) 1905. Mk. 4.—, geb. Mk. 4.80 

Jouraal f. ieoroioole «. Ptyoholople: Der besonders neuerdinffs durch seine naturphilo- 
sophischen Schriften in weiteren Kreisen bekannt gewordene Kieler Botaniker eröffnet mit 
der vorliegenden „Philosophie der Botanik" eine Serie von monographischen Schriften, 
deren Aui^abe es sein soll, dem Leser Material zum Aufbau einer eigenen Weitanschauung 
aus den verschiedensten Gebieten menschlicher Geistesarbeit zusammenzutragen. Dieser 
AuJ^abe wird Reinke durchaus gerecht. 

Zeittohr. f. pbytlkal. Chemie: Die eifrige naturphilos. Arbeit des Kieler Botanikers 
bringt immer erfreulichere Früchte zutage. 

Band n. Die 0eistl0e OberbOrdung In der modernen Kultor von 

Maria von Manac6ine. Übersetzung, Bearbeitung und 
Anhang: Die Überbürdung in der Schule von Dr. med. Ludwig 
Wagner, Oberlehrer und approb. Arzt in Oberstein (Nahe). (Vt 
200 S.) 1905. Mk. 4.-, geb. Mk. 4.80 

Alloemeliie Deuttohe Lehrerzeitong: Das Buch ist vor zwei Jahrzehnten von einer 
inzwischen verstorbeneiv russischen Arztin geschrieben worden und ist heute noch lesens- 
wert. Besonders spricht der ideale Schwung und die männliche Kraft an, mit welcher an 
die Leidenden appelliert wird. 

Band m. Der Tltallsmos als Geschichte and als Lehre von 

Dr. Hans Driesch. [X, 246SJ 1906. Mk. 5.— , geb. Mk. 5.80 

Deutsche LK.-Zeltuiio : Das Buch bietet, wie es von dem Verf. nicht anders zu er> 
warten ist, eine große Menge anregender und aufklärender Ideen und scharfsinniger Über- 
legungen, die jeder, der ein Belbständiges Urteil in den gedachten Fragen besitzt, wird 
schätzen müssen. 

Band lY. Leib und Seele. Darstellung nnd Kritik der neueren 
Theorien des Verhältnisses zwischen physischem und 
psychischem Dasein von Dr. Rudolf Eisler. [VI, 217 s.) 1906. 

Mk. 4.40, geb. Mk. 6.20 

Deutsche Lit.-Zeituno : Die Arbeit zeichnet sich durch Knappheit und Übersichtlichkeit, 
aus ; sie ist wohl geeignet, einen umfassenden Einblick In den gegenwärtigen Stand der 
betreffenden Frage zu ermöglichen .... 

Band v. Raum und Zelt In Geooraphle und 6eolO0le. Naturphilos. 

Betrachtungen von Prof. Dr. Friedeich Ratzel. Herausgeg. 

von Prof. Dr. P aul Barth. Vin, 177 S. 19G7. Mk. 3.60, geb. Mk. 4.40 

Frankftirter Zeltuno: Kein naturwissenschaftlich Gebildeter wird diesen neuesten 
interessanten Band der ,, Natur- und kulturphilosophischen Bibliothek'* ohne mannigfache 
tiefgehende Anregung daraus empfangen zu haben, aus der Hand legen. 

In Vorbereitung sind: 

Professor Dr. A. Goette, Straßburg i. E.: Die Grenzen des Lebens. 
Professor Dr. H. Haas, Kiel: PhUosopUe der Erdgeschichte. 



^ 



IT 



/">, 



Jtatiir- ttfld KtiltiirpMlosopMsclK BiMlotlick 

=^±=^==^=^ Band VI. ' 



Die 



Phflosophie des Krieges 



Von 



Dr. S. Rttdolf Steinmetz 

im Haag. 




Leipzig 1907. 

Verlag von Johann Ambrosius Barth. 



A 



1 




Walker f Tind 



^ t 
• 



Vorwort. 



Mit schwerem Herzen habe ich mich der Angabe 
unterzogen, eine „Philosophie des Krieges^ zu schreiben. 
Nicht weil ich schon mehr als einmal meine Gedanken ftber 
den Gegenstand veröffentlicht habe,^) auch nicht so sehr 
weil die Literatur darüber jetzt bereits ziemlich ausgedehnt 
ist, sondern des Gegenstandes selbst wegen. Ich weiß 
natfirlich sehr wohl, daß mein Buch nicht einen Erleg mehr 
oder weniger verursachen wird, und doch ergreift und drückt 
mich die Verantwortung. Ich meine, das ist bei einem 
solchen Thema selbstverständlich. Meine schwache Stimme 
ist doch auch eine Stimme. 

Seit Jahren beschäftigt mich also das Problem des 
Krieges und immer aufs Neue wälze ich es in meinem 
Geiste hin und her. Ich glaube nicht, daß berufliche oder 
nationale Vorurteile mich blenden. Der Einfluß des Charakters 
kann natürlich nicht ausgeschaltet werden. Weil aber der 
Leser nur auf die objektiven Gründe, die ich anführe, acht 
zu geben hat, wird der Wert meiner Schlußfolgerungen da- 
durch kaum beeinträchtigt. Ich hoffe, mein Buch wird dem 
Leser, der selbst nach einem objektiven Urteile strebt^ be- 



^) Zuerst: L* Abolition de la Guerre, reponse ä une Enquete de 
L'Humanite NouveUe, Paris 1899 ; dann Der Krieg als soziologisches 
Problem, Amsterdam 1899, und endlich: Oorlog of Eeuwige Vrede 
in De Tydspiegel 1899. Das zweite wird jetzt in französischer 
Übersetzung durch den Kürassierrittmeister Constantin bei Alcan, 
Paris, erscheinen. 



— VI — 

weisen, daß ich mit dem vollsten Ernste alle Seiten der 
Sache ins Auge zu fassen gesucht habe. Nicht eine Streit- 
schrift zn liefern war mein Ziel, sondern eine Philosophie, 
d. h. eine Anstrengung nach allseitiger und tiefster Er- 
fassung der Probleme. Ob mir das gelungen ist? Jch 
fühle mich klein und schwach der großen Aufgabe gegen- 
über. 

Haag (Holland), Januar 1907. 

S. Rudolf Stefaiinetz. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 
Vorwort. 

Kapitel 1. 

Einleitung 1—15 

Notwendigkeit aller Kriege S. 1. Dennoch Beurteilang mög- 
lich S. 1. Einfluß dieser Beurteilung S. 2. Jetzt zeitge- 
mäß S. 2f. Bekämpfung aus Gefühlsgründen S. 4. Wert 
derselben S. 4f. Abstrakt moralische Beurteilung S. 6. 
Ungenügen der abstrakten Moral S. 6 f. Sozialer Utili- 
tarismus Inhalt aller Moral S. 7. Notwendigkeit der 
Beachtung künftiger Bedürfnisse S. 8. Interesse des Einzel- 
menschen und der Gruppe immer fest verbunden S. 9. 
Liebe zum Nachwuchs, eine Hauptvorbedingung der mensch- 
lichen Entwicklung S. ^. Moralische Wirkung des Ahnen- , 
kultes S. 9. Größerer Wert des Enkelkultes S. 10 f. 
Interesse der Rasse, höchstes Ziel S. 11. Wert des Krieges 
zu beurteilen aus den Folgen vergangener Kriege S. 11. 
Geschichtsphilosophie leider noch mangelhaft S. 12. Des- 
halb eigene Nachforschung in Vergangenheit und Gegen- 
wart S. 13 f. 

Kapitel 2. 

DerKriegals kulturelle Triebkraft .. . . 16 — 46 
Zur Erforschung der ersten. Kriegsursachen Kenntnis des 
Charakters des Urmenschen erfordert S. 16. Seine ersten 
Angreifer waren die Tiere S. 17. Selbsterhaltungstrieb 
und Mut führten zur Verteidigung S. 17 f. Aggressivität, 
notwendig zur Behauptung und Entwicklung S. 18. Deshalb 
auch Grausamkeit und Begehrlichkeit Eigenschaften des 
Urmenschen S. 18 f. Dazu die Not eine Triebkraft zum 
Kampfe S. 20« Diese trieb auch zum Kampfe mit den 
Arigenossen S. 20. Dieser förderte die Intelligenz, ver- 
stärkte die Sympathie und nötigte zum Anschluß 
S. 21 f. Engere Familie als Keim dieses Anschlusses 



— vin — 

S«ito 
S. 22. Dieser Haaptbedingang höherer Bntwioklaiig 
S. 28. Kampf der Gmppe fahrt zam Altmiamus 
innerhalb derselben S. 28f. Als Triebkraft cor 
Gruppenbildong genügte der Kampf mit den wilden 
Tieren nicht, sondern nur der gegen sich anch an- 
schließende Artgenossen S. 25. Kri^ der größeren 
Oroppen ermö^chte die Erwerbung Ton Sklaven 
S.26. Damit Arfoeitsabschiebang S. 27. Und schließ- 
lich Erweiterung der Arl>eitspflicbt S. 28. Ohne 
Aggressivität keine Ausbreitung S. 29 f. Kampf mit 
Menschen schärferer Stachel als der mit der Natur 
8. 80 f. Die Kleinheit des Stammes swang zur An- 
strengung der Kräfte aller Mitglieder S. 81. So 
wurden individuelle und soziale Tugenden verstärkt 
durch indirekte Selektion S. 82. Dadurch auch die 
Gruppenorganisation gefördert S. 88. Einfluß des 
Krieges auf die Verfassung S. 84 f. Zufolge der 
Aggressivität isolierte Gruppen S. 88. Folge dieser 
Isolierung war Durchbildung der Eigenart S. 86. 
Aggressivität der Gruppen begründete höhere Reli- 
gionen S. 87. Resultat war auch die Bildung 
größerer Reiche S. 87. Belege dafür S. 88 ff. «Größere 
Reiche der Kultur förderlich S. 411 Vergrößerung 
der kämpfenden Gruppen führt zur Pazifikation 
S. 42. Ohne Krieg und die zu ihm führenden Eigen- 
schaften keine Erhebung des Menschen S. 48. Ent- 
wicklung der altruistischen Wertgefühle abhängig 
von der intellektuellen und emotionellen Entwicklung 
S. 44 f. 

Kapitel 3. 

Die Nachteile des Krieges 46 — 164 

§ 1. Beabsichtigte Menschenopfer 47 — 74 

Verluste im deutsch-französischen Kriege von 1870—71 
S. 48f. Verluste im preußisch-österreichischen Kriege 
von 1866 S. 49. Verluste im italienischen Kriege 
S. 49. Verluste im Krimkriege S. 49. Kriege im 
19. Jahrhundert S. 60 ff. Kriege der Naturvölker 
S. 62 ff. Kriege der Barbaren in Asien S. 671, in 
Amerika S. 69, in China S. 60, in Europa S.601 
Kriege des Mittelalters S. 68 1 Kriege der Renaissance 
S. 641 Dreißigjähriger Krieg S. 66. Zunehmende 



— IX — 

Seite 
Blutigkeit der Kriege bis zur Festigung der Staaten 
und Differenzierung der Regierung S. 66 t. Letztere 
führte zur Differenzierung der Ejiegfühning S. 67. 
Demzufolge eine mehr friedliebende Stimmung S. 66. 
Bei größeren Gruppen Abnahme der Kriegsveran- 
lassungen S. 69. Bei den heutigen Kriegen Zunahme . 
der -absoluten Blutigkeit und Abnahme der relativen 
Verluste S. TQf. Die normalen Schwankungen in 
der aDgemeinen Sterblichkeit größer als die Kriegs- 
yerluste S. 71 f. Je absolut blutiger die Kriege, je 
seltener S. 73. 

§ 2. Unbeabsichtigte Kriegsopfer 74^85 

Leiden indirekt durch den Kampf yerursacht S. 74 f. 
Grausamkeiten an den Nichtkombattanten verübt 
S. 76 f. Ursache, die Zusammensetzung der Armee 
und die besonderen Umst&nde 8.781 Trostgründe 
S. 80 ff. Weitere Leiden und deren Linderung in 
künftigen Kriegen S. 83 f. 

§ 3. Die ökonomischen Nachteile der Kriege .... 85 — 104 
Die akuten Kriegslasten S. 86ff. Militärische Zer- 
störungen S. 86. Zerstörungen öffentlicher und 
privater Besitzungen S. 87 f. Diese noch immer un- 
vermeidlich S. 88 f. Das Kriegstheater aber meistens 
klein S. 90. Bei einem gesunden Volke diese Ver- 
luste schnell ersetzt S. 90 f. Dirdite Kriegskosten 
Frankreichs im Jahre 1870—71 S.92. Kosten des 
Krimkrieges S.93, des russisch-türkischen Krieges 
S.93, des Burenkrieges* S. 93, des russisch-japanischen 
Krieges S. 93. Folgen des letzten Krieges S. 93 f. 
Die konstanten Kriegslasten S.95ff. Friedensbudgets 
in den Jahren 1904/1906 S. 96. Volkseinkommen 
und Militarausgaben S. 96f. Alkohol- und Tabak- 
ausgaben S. 98. Kriegsbudget im Vergleich mit 
anderen Ausgaben S. 99 f. ökonomischer Zustand 
ohne Krieg S. 101 f. Entziehung von Arbeitskräften 
aus der Produktion S. 103 f. 

§ 4. Die durch die Kriege verursachten ökonomischen 

Verwirrungen 105—108 

ökonomische Nachteile der napoleonischen Kriege 
S. 105. Die des Burenkrieges und der Kriege über- 
haupt S. 106. ökonomische Vorteile der Kriege 
S. 106f. 



— X — 

Seite 

§ 5. Die Demoralisation im Kriege und im Heere . . 108 — 199 
Verrohende Wirkung wahrscheinlich S. 1061. Kriege 
immer weniger grausam S. 109. Ursachen davon 
S. 109 ff. Verrohende Wirirang bleibt wahrsohein- 

^ lieh S. 111 f. Urteil Mniger Kriminalsosiologen 
S. 118 f. Krieg und Kriminalstatistik in Krankreich 
S. 114 ff. In Deutschland S. 117 f. Verrohungs* 
Wirkung des heutigen Krieges unbedeutend S. 119. 
Zunahme der jugendlichen Kriminalit&t S. 119. Der 
Krieg nicht Schuld daran S. 120. Demoralisierender 
Einfluß des Heeres im Frieden S. 122 f. Eine 
moralisch gereinigte Disziplin notwendig S. 124 f. 
Die Gesellschaft braucht moralisch kraftige Mit* 
gUeder S. 126 f. Die jetzige Kasemenerziehung 
ungenügend S. 128. Traurige Folgen des Kasernen- 
lebens S. 129. Moralische Zustände bei den Fabrik- 
arbeitern S. 130. Bei den Dienstmadehen in den 
Großstädten S. 130 f. In der Studentenwelt S. 181 f. 
In den Kolonien S. 132 f. Allgemeine Ursachen 
dieser Immoralität S. 133. Wie dieser in der Armee 
abzuhelfen S. 134 f. Das Heer eine Volksbildungs- 
anstalt S. 135. Bürgerliche und militärische Be- 
dürfnisse fordern Verbesserung der militärischen 
Erziehung S. 136 f. Das moderne Heer Volks- nicht 
Standesheer S. 138. 

§ 6. Die Wehrverfassung als Stütze der Feudalität und 

der absoluten Monarchie 189—164 

Embryonale Anfänge stehender Heere im Mittelalter, 
Stützen des Adels S. 140. Funktion des damaligen 
Adels S. 141 u. 143. Seine jetzige Wertlosigkeit 
S. 142 f. Vom Fürsten besiegter Adel, Kern des 
Heeres S. 144. Wert des Adels für die Armee 
S. 145. Heutiger Blilitarismus S. 146 f. Volksheer 
essentiell demokratisch und konstitutionell S. 147ff. 
Modemer Krieg dem intellektuellen Fortschritt 
günstig S. 151. Modernes Heer, weil der Gesell- 
schaft angepaßt, keine Gefahr für die Nation 
S. 152 f. 

Kapitel 4. 

Zusammenfassendes Urteil über die Nach- 
teiledesKrieges 155>-162 



— XI — 

Seite 

MenschQDYwhiste S. 156L Cnbeabsiditigte hrndm S. 157. 
Die Freuden des Krieges S. 158. Seine wiitschafUichen 
Nachtttle S. 1591 Kompoisatioii und TrostgrÜBde 

& leos. 

Kapitel 5. 

Die wesentliche, noch heute giltige Funktion 
des Krieges 16B— 237 

Geschichtsphilosophie der Friedenssch wärmer S. 1631. 
Kriegsreranlassang an sich nnbedeatend S. 165. Ohne 
tieferen Grand und Funktion hätte der Krieg längst 
aufgehört S. 166. ürsadien des Sieges und der Nieder- 
lage S. 1661 ^) Bevölkorongszahl S. 168. Diese historisches 
Produkt S. 1691 *) Reichtum der Völker S. 171. Vielfach 
historisch bedmgt S. 1721 *) Staatsform S. 176. Auch 
Folge der Vergangenheit S. 177. *) Ph3rsische Gresundheit 
des Volkes S. 178. Folge von allerlei Bedingungen u. m. 
des Volksreichtums S. 17a ') Hohe Moralität S. 179. 
Volksarmut wirirt audi moralisch nachteilig S. 179. 
^ Geistige Blähung, Bildung und Entwicklung^S. 180. Ein- 
fluß von Kirche und Staat darauf S. 1811 ^ Das ganze 
Sein und Haben des Volkes S. 184. Dies Ausfluß der 
Vergangenheit S. 1850. Wert des Sieges S. 188. Vor- 
teUe des Krieges S. 1891 

^) Ohne Krieg kein Staat S. 190. Wert des Staates S. 1901 
Art der Staatenentstehung an sich bedeutungslos S. 192. 
Der Staat das weiteste Kollektivleben des Volkes S. 193. 
Seine festeste Kraft wird erreicht, wenn alle Individuen 
sich an seinem Leben beteiligen S. 194. Erzieherischer 
Wert des Staates S. 195. Der Staat muß sich behaupten 
und erweitem können S. 1961 Dadurch Ldebe erwecken 
S. 1971 Vaterlandsliebe mehr wert als allgemeine 
Menschenliebe S. 199. 

*) Der Krieg ist die essentielle Anwendungsform der Ge- 
samtkräfte S. 200. Aufgabe des Staates S. 200 ff. Der 
Krieg die einzige Kollektivwaffe S. 2031 Hingebender 
Heroismus Bedingung des Sieges S. 204 1 Kampf der 
Kollektivitäten altruistisch, der Individuen egoistisch 
S. 206. Der Krieg die einzige wirkliche Staatenkonkurrenz 
S. 207. Jetzige Indifferenz dem staatlichen Kollektivleben 
gegenüber S. 2081 Der Patriotismus muß gestärkt 
werden S. 2091 



— xn — 

Seite 
') Der Krieg ist die ioBente, die allerhöchste Anstreoguiig 

und darf als solche niemals aufgehoben werden S. 211. 
Unterschied zwischen Privatfehden nnd Staatenkri^gen 
S. 211 f. Würde die ganze Menschheit zu einem einzigen 
Staate, so finge die Geschichte yon neuem an S. 214. 
Weil Privatfehden' abgeschafft, branchen nicht alle 
Kämpfe dieses Schicksal zn teilen S. 214. Die Einzel- 
personen müssen auf die äußerste Hilfe ihrer Staaten, 
nötigenfalls durch den Krieg, zurückgreifen können S. 216. 
Die KoUektivkraft darf als letztes Mittel den individuell 
Schwachen nicht genommen werden S. 216. Die Kon- 
kurrenz nicht weniger schmerzlich als der Krieg S. 217. 
Äußerste Kraftanstrengung von großer pädagogischer 
Bedeutung S. 218f. Der Krieg schafft ein Kollektivleid 
S. 220. Völker wie Individuen brauchen Leid und (Gefahr 
zu ihrer Erziehung S. 221. 
^) Der Krieg als Weltgericht S. 222. Das alte Preußen 
verdiente seine Besiegung im Jahre 1806 S. 228. Gründe 
S. 228ff. Frankreich verdiente in 1870—71 seine Nieder- 
lage S. 228. Ursache seiner schnellen Erholung S. 228. 
Die verlorenen Kriege haben den Fortschritt Rußlands 
gefördert S. 229. Der Burenkrieg S. 280. Seine wahr- 
sdieinlichen Folgen S. 281. Die staatliche Auflösung 
Polens war völlig verdient S. 232 f. Die Bedrohung mit 
einem Kriege verfrühte Japans Emanzipation um vieles 
S. 234. Die Kriegsentscheidungen sind die notwendigen 
Resultanten der inneren Entwicklung der Völker S. 284 f. 
Dies vermögen die Friedenstheoretiker nicht zu sehen 
S.235f. 

Kapitel 6. 

Die Ersetzung der Staatenkriege durch die Wir- 
kung der freien Vereine 238—245 

Die Freiheit der Vereine hindert eine opferfreudige Hin- 
gebung S. 239 f. Durch ihre Gesinnungseinheit verarmt 
ihr inneres Leben S. 240. Der freie Verein verfolgt nur 
einen einzigen Zweck S. 240. Des Staates Ziele sind 
zahllose S. 241. Minderwertigkeit der freien Vereine im 
Vergleiche mit dem Staate liegt auch in ihrer Kleinheit 
S. 241 f. Des Staates Größe nur durch Zwang, Tradition 
und Gegensatz zu anderen erhalten S. 242. Freie Vereine 
erwecken, weil nicht genügend in Gegensatz zueinander, 



i 



— xm — 

Seite 
kein so kräftiges Gefühl als die Staaten S. 243 f. Weil 

der Krieg fehlt, keine völlige Hingebnog der Individuen 

S. 244. Schätzung eines sozialen Zustandes abhängig 

von dessen Werte für die Erhöhung des menschliphen 

Gefühlslebens S. 245. 

Kapitel 7. 

Die Kollektivauslese durch die Kriege . . 246—266 

Das Wesen der Individual-und der Kollektivselektion S. 247 ff. 
Erblichkeit der Gruppencharaktere S. 250. Verschwinden 
ganzer Rassen mitsamt ihrem erblichen Charakter S. 251. 
Anteil der Kriege der Vorzeit und der Barbarei daran 
S. 252. Zukünftiger Ringkampf zwischen Asien und 
Europa S. 252. Demzufolge eine direkte Auslese durch 
den Krieg S. 253. Ebenso zwischen Afrika und Europa 
S. 253 f. Kriege zwischen Kulturvölkern noch immer 
von selektorischer Wirkung S. 255 f. Aber nur sehr 
aUmählicher S. 257 f. Krieg darf nur im Notfall geführt 
werden S. 257. Kultureller Rückschritt bisweilen von 
biologischem Aufleben begleitet S. 258 f. Ersetzung 
der Auslese durch Invalidenversorgung hätte vermehrtes 
Leiden zur Folge S. 259. Folgen der Kollektivauslese 
durch den Krieg S. 260. Die Rasseneigenschafien größten- 
teils erblich S. 260. Drei Eigenschaftsarten machen die 
Gruppe stark S. 262. Kinderreiche Völker werden die 
mit dem Zweikindersystem vernichten S. 262. Harmonische 
Mischung von Altruismus und Egoismus dem Staate 
nötig S. 263. Einseitigkeit darin vom Kriege bestraft 
S. ^4. Ohne Krieg nur Personalauslese S. 265. Die 
durch menschliche Einsicht gelenkte Personalauslese 
ungenügend S.265f. 

Kapitel 8. 
Die Kontraselektion 267—279 

Die alten Kriege übten schon kontraselektorische Einflüsse 
S. 268. Die jetzigen aber mehr S. 269. Weil im Volks- 
heere alle Stände gleichmäßig vertreten, fallen mehr Be- 
gabte S. 269. Ihre Zahl dennoch klein S. 270. Die 
gesunden jungen Männer werden in die Armee gesteckt 
S. 271. Dienstzeit aber kurz und Verehelichungsalter 
immer mehr erhöht S. 272. Die Heiratchance günstiger 
S. 272 f. Die Besten und Tapfersten zuerst getroffen 



— XIV — 

S. 273. Diese vertragen aber besser Verwandong und 
Kriegsstrapazen S. 274. Es fallen mebr Offiziere S. 274. 
In nichtmilitirischen Ländern diese meistens die weniger 
Begabten S« 275. In militärischen Landern verhält es 
sich anders S. 275 f. Vom selektorischen Standpunkte 
dennoch nicht sehr wichtig, weil die Zeugungspflicht zum 
größten Teil erfüllt S. 277. Die Sterblichkeit des BfUitars 
auch im Frieden erhöht S. 277. Aber auch hier kommen 
die kräftigsten am besten davon S. 278. Für die Evolution 
der menschlichen Beanlagung ist die Bedeutung dieser 
Kontraselektion nicht groß S. 278 f. 

Kapitel 0. 

Das eherne Gesetz des steigenden Kriegs- 
budgets 

Bfilitärausgaben Europas haben immer zugenommen S. 280 f. 
Werden sich aber nicht auf Kosten der anderen Aus- 
gaben vermehren S. 281. Kriegstüchtigkeit wird nur 
erreicht, wenn das Kriegsbudget in Harmonie mit den 
anderen Staatsausgaben ist S. 282. Einseitigkeit zu 
seinen Gunsten vom Kriege selbst bestraft S. 283. 
Dennoch muß es bei zunehmendem Reichtum mit den 
anderen Ausgaben steigen S. 288 f. 

Kapitel 10. 

Der künftige Krieg 

Die größere Treffsicherheit der Waffen beeinflußt die Ver- 
lustgröße des Krieges nicht S. 285. Die Verluste stehen 
im geraden Verhältnisse zur Kraft des Siegeswillens 
S. 286. Der Schwächere gibt nach, wenn ihm die Kriegs- 
opfer schwerer dünken als die Nachteile des Friedens- 
abschlusses S. 287. Von großem Einfluß ist die fried- 
liebende Masse der Bevölkerung und die Frauen, die bald 
zum Frieden neigen S. 288. Entscheidend wirkt die 
Bedeutung des betreffenden Krieges für die Nation S. 288. 
Auch das Temperament des Volkes von großem Einflüsse 
S. 289. Die erhöhte Vemichtungskraft der Kriegsmittel 
wirkt nur erschreckend, die Seelen entscheiden S. 288. 
Modemer Krieg auch kürzer weil mehr seelenanstrengend 
S. 290. Weniger grausam weil er keine Ausrottung 
sondern Unterwerfung beabsichtigt S. 291. Wirksame 
Waffen erschrecken und bekürzen demzufolge den Krieg 
S. 292. 



Seite 



— XV — 



Seite 



Kapitel 11. 
Die Abnahme des kriegerischen Geistes . . • 294—822 
Das Verfahren bei dieser Untersnehung S. 295 f. Die Elemente 
der kriegerischen Gesinnung S. 296 f. Egoismus im Sinne 
von Selbstbehauptung und Erweiterungssucht hat nicht 
abgenommen S. 298 f. Auch nicht die Wagelust S. 300 f. 
Weder der Mut 301 f. Noch die Grausamkeit S. 302 f. 
Noch kein einziges Element des kriegerischen Geistos 
fehlt S. 303. Dies auch von der Geschichte erwiesen 
S. 303 ff. Die Friedensbewegung und ihre Vorkämpfer 
S. 306 f. Die Friedensvereine S. 308. Ihre geringe Be- ' 
deutung S. 309. Umstände, die der Fortdauer des 
kriegerisehen »Geistes entgegenwirken S. 309. Unge- 
achtet des zunehmenden Verkehrs, Verbrüderung der 
Völker noch immer Schein S. 310. Der Intellektualismus 
breitet sich nicht sonderlich aus S. 811. Demokratie 
auch kriegslustig S. 312 f. Die Wirkung der absoluten 
Sozialdemokratie würde keine friedliche sein S. 313. 
Frauen unter Umständen auch dem Kriege wohlgesinnt 
S. 314. Dennoch alle diese Tendenzen kriegshemmend 
wirkend S. 314 f. Einwirkung der modernen Gesellschaft 
auf die Möglichkeit des Krieges S. 315. Einige Schrift- 
steller darüber S. 315 ff. Ferguson unterscheidet „warlike" 
und „commercial" Völker S. 315 f. Saint-Simon und 
Spencer bauen ihre Theorie darauf auf S. 316. Spencers 
Irrtum an En^and selbst bewiesen S. 317 f. Er legte 
auch dem Staate eine zu geringe Bedeutung bei S. 319. 
Er beachtete die Gegensätze der Völker und der Rassen 
nicht S. 319. Brooks Adams teilt die Völker in Bankiers 
und Arbeiter ein S. 319. Der kriegerische Typus ist 
aber auch noch anwesend S.320. Bardoux entdeckt in 
England einen ausgeprägt kriegerischen Geist S. 321 f. 

Kapitel la 

Die Friedenskongresse und die Schranken ihrer 
Wirksamkeit 323—334 

Abrüstung als Mittel den Kriegen ein Ende zu machen 
S. 323. Festhaltung des jetzigen Budgets und Soldaten- 
zahl ungerecht S. 324. Die anderen Faktoren der Kriegs- 
tüchtigkeit können nicht festgelegt werden S. 324. JCrieg 
würde doch erfolgen, nur improvisiert statt vorbereitet 
S.325. Bedeutung der Schiedsgerichte S.326. Veranlassung 



— XVI — 

Seite 
des Krieges kein darch denRichterapruch zu begleichender 
Zwist S. 827. Der Krieg bestimmt die Zakunft der V6U[er- 
geschichte S« 828. Der menschliche Richterspraoh d»- 
zn unfähig S. 328 f. Die Arbitrage, wenn auch ans* 
gedehnt, würde dennoch die Zahl der Kriege nicht 
wesentlich yermindem S. 880. Ersetzung des Krieges 
dnrch Schiedsgerichte würde die Staatsmacht aofheben 
S. 881. In der daraus erfolgenden chaotischen Masse 
finge die Menschheitsgeschichte von neoem an S. 882. 
Aufgabe des Kriegrechts 882 f. 

Kapitel 18. 

Endurteil 88&-889 

Das Wesen der Kriegsgegner S. 885. Mitleid und mangeUi- 
des VerstäadBis für das Wesen des Staates, die sie be- 
seelenden Tendenzen S. 886. Verständnisvolles Mitleid 
kann den Krieg nicht verurteilen S. 386. Verurteilung 
des Krieges rührt von zu wenig Staatsgefühl her S. 887. 
Wert des Staates S. 888. Verkennung der Lebenstragik 
und Oberschätzung des menschlichen Könnens ebenfalls 
Ursache der Kriegsfeindschaft S. 889. 






1. Kapitel. 

Einleitimg. 



Jeder Krieg ist eine Notwendigkeit wie jede andere 
Erscheinung, wie alles was geschieht notwendig ist. Das 
Weltganze gegeben wie es war, war jeder einzelne Krieg 
unvermeidlich. Können wir, dies aus vollster Überzeugung 
anerkennend, dennoch den Krieg als allgemeine Erscheinung 
beurteilen? Ist der Versuch dieses Urteils nicht schon 
widersinnig, überflüssig? Die Bejahung dieser Frage beruht 
auf einem noch immer ganz gewöhnlichen Mißverständnisse. 
Warum sollten wir nicht irgend einen konkreten Krieg 
unserem Fühlen und unseren Idealen gegenüberstellen 
können, d. h. beurteilen, so gut wie wir einen Sonnenunter- 
gang schön, irgend eine Frucht schmackhaft nennen 
können, obwohl es keinem einfällt, die naturgesetzliche 
Notwendigkeit dieser Erscheinungen anzuzweifeln. Der 
nächste Krieg könnte notwendig, unvermeidlich und doch 
schrecklich sein, unser Fühlen verletzen wie das nächste 
große Erdbeben! 

Unsere Beurteilung einer anerkannt notwendigen Er- 
scheinung, andere als notwendige gibt es ja gar nicht, be- 
sagt weiter nichts, als daß wir die angenehmen oder un- 
angenehmen Gefühle äußern, die diese Tatsache in uns 
hervorruft, und den Widerspruch oder die Übereinstimmung 
mit unseren Bestrebungen. Mehr bedeutet unser Urteil 
nicht, und die Notwendigkeit der betreffenden Erscheinung 

Steinmetz. 1 




— 2 — 

hebt die Möglichkeit und Rationalität dieses Urteils gar 
nicht auf. 

Bleibt diese Beurteilung aber wirkungslos wie die des 
Sonnenuntergangs und des Gewitters, wenigstens auf diese 
Vorgänge selbst, denn auf unser Verhalten ihnen gegen- 
über sind auch diese nicht ohne Einfluß? Oder hat unsere 
Bewertung eine größere Macht wie wenn sie eine Frucht 
betrifft, deren Züchtung durch die Tatsache unseres Ge- 
schmacks geändert resp. zunehmen oder aufhören kann. 
Ich brauche kaum zu sagen, daß das letztere der Fall ist. 
Die Kriege, obwohl notwendige Erscheinungen, sind unserem 
Einflüsse keineswegs entzogen. Sie sind schließlich nichts 
anderes als die Resultanten menschlicher Vorstellungen, 
Gefühle und Bestrebungen; ändern sich diese durch die 
Veränderung der Umstände, durch bestimmte Erfahrungen 
und daran geknüpfte Überlegungen, so muß ihr notwendiges 
Resultat auch notwendige Veränderungen erfahren. Offenbar 
ist dieses nicht im Widerspruch mit der Überzeugung der 
allgemeinen Notwendigkeit, sondern ist es vielmehr eine 
logische, nicht abzulehnende Folgerung aus derselben. Was 
für den einzelnen Krieg gilt, ist auch für den Krieg als 
allgemeine Erscheinung gültig. 

Die Beurteilung des Krieges ist also logisch unanfecht- 
bar und praktisch wertvoll, weil dieses Urteil unser Ver- 
halten ihm gegenüber beeinflussen kann, ja sogar unver- 
meidlicherweise bestimmen wird. Es ist aber auch zeit- 
gemäß, daß wir den Krieg vor unseren wissenschaftlichen 
und moralischen Richterstuhl laden, weil die gebildeten 
Völker erstens Volksheere besitzen, zweitens auch eine 
Volksregierung, d, h. sich selbst regieren, denn ein Volk 
kann unmöglich gebildet, erwacht heißen, das die Gestaltung 
des eigenen Lebens und Schicksals anderen überläßt, so 
nötig diese Überlassung zu anderen Zeiten gewesen sein 
mag. Und drittens sind alle diese Völker mehr oder 
weniger in das Stadium der kritischen Überlegung einge- 



— 3 — 

treten.^) Sie nehmen nicht mehr ohne Murren ruhig hin, 
was die Verhältnisse, geschweige die Eegierungen, ihnen 
bieten. 

Ich weiß sehr wohl, daß man sich in dieser Be- 
ziehung keine Illusionen machen darf, daß nur wenige unter 
den gebildet genannten Völkern zu freiem Leben ganz er- 
wacht sind, daß die politische Emanzipation auch bei den 
freiesten Völkern noch sehr mangelhaft ist, Byzantinismus 
und Bureaukratismus sind ja eigentlich nirgends ganz be- 
seitigt und bedrohen uns aUe immer aufs neue, aber 
dennoch möchte ich aufrechterhalten, daß die Besseren 
und sogar ein Teil der anderen den politischen An- 
forderungen kritisch gegenüberstehen. 

Es ist nur selbstverständlich, daß diese Kritik so ge- 
waltigen und entsetzlichen Erscheinungen als dem Krieg 
gegenüber zuerst laut wird und sich nicht länger ablehnen 
läßt. Wir wollen uns auch mit vollem Herzen hierüber 
freuen. Der zum hellen Bewußtsein erwachte Mensch kann 
so Schreckliches nicht länger wie ein unabwendbares Fatum 
über sich ergehen lassen, er muß prüfen, urteilen, ob er 
diese Last nicht von sich abwälzen kann. Es läßt sich 
nicht leugnen und nicht aufschieben: dem Kriege wird der 
Prozeß gemacht, der Gewaltige muß sich zur Verantwortung 
bequemen. 

Die Beurteilung des Krieges ist also zeitgemäß. 

Großartiger Augenblick! Der Krieg, der die Jahr- 
hunderte mit seinem Schrecken erfüllte, der einen so großen 
Teil der menschlichen Kräfte beanspruchte, dessen Lenker 
unsere angebeteten Heroen gewesen, denen keiner zu 
widerstehen wagte, der ganze Krieg mitsamt seinen Apparaten 
wird jetzt zur Verantwortung gezogen, auf seinen Wert 
geprüft. Die Entscheidung, wie sie ausfallen möge, wird 



*) Vgl. Vierka ndt, Naturvölker und Kulturvölker, 1896, 
S. 407 ff. 



— 4 — 

jedenfalls einen Faktor zu seiner künftigen Entwicklung 
abgeben. 

Ich werde jetzt näher untersuchen, wie wir unseren 
Prozeß fuhren werden. 

Wir können ohne weiteres unsere subjektiven Gefühle 
als letzten Maßstab anlegen, wie das zahllose Bearbeiter 
der öffentlichen Meinung getan haben und immer wieder 
tun. Die ganze populäre Bekämpfung des Krieges tut 
eigentlich nie etwas anderes. Und gewiß ist sie hiermit 
Yollständig in ihrem Rechte, ja handelt sie ihrem Charakter, 
ihrer Aufgabe gemäß. Letztere ist aber sehr beschränkt 
Die öffentliche Meinung horcht nur auf 6ef ßhlsgründe und 
sie ist wenig fähig ihren Wert abzuschätzen. Ich meine, 
es ist von großer Bedeutung, daß die öffentliche Meinung 
aufgerüttelt wird, es ist gut, daß auf die riesigen Opfer 
des Krieges aufmerksam gemacht wird, und die volkstüm- 
liche Agitation wider den Krieg hat das getan und hat hier 
noch immer eine Aufgabe zu erfüllen. Aber hier hört ihre 
Kompetenz auf. Nur eine Seite, und zwar nur die ober- 
flächliche Gefühlsseite kann sie vollwertig beleuchten. Di 
künstlerisch wertlosen, seichten Romane Bertha v. Suttn ers 
haben hier mit dem größten Erfolge gewirkt. Wer aber 
einigermaßen tiefer über das Problem nachsinnt, der muß 
doch begreifen, daß die Sache hiermit nicht abgetan ist. 
Es kommt hier nicht allein auf die an erster Stelle be- 
troffenen Gefühle an. Schließlich sind es immer unsere 
Gefühle und nur sie, die unsere Urteile bestimmen, aber 
nicht ein einziges Gefühl und erst recht nicht seine ober- 
flächlichste Reaktion darf hier das letzte Wort sprechen. 

Ein Beispiel! Als die Abschaffung der Todesstrafe an der 
Tagesordnung war, haben alle die gefühlsseligen Vorleuchter 
der öffentlichen Meinung nur an die schaurigen letzten 
Stunden der Mörder gedacht, an die der Ermordeten dachte 
keiner, sie hätten es als Roheit verschrieen, auch dieser zu 
gedenken. Die arme unvorbereitete Seele des Mörders! 



— 5 — 

Aber an die ebensowenig präparierte Seele des Opfers 
dachte keiner. Mitleid mit den Verbrechern hat hier die 
Sache einseitig entschieden, es wnrde nicht an allererster 
Stelle gefragt, ob die Morde durch diese Veränderung ab- 
nehmen würden, und ich glaube kaum, daß diese Erwägung 
bei der Entscheidung über die vielen Gnadengesuche vor- 
liegt. Und nicht nur die eventuellen Opfer und ihre An- 
gehörigen erfordern unser Mitleid, sondern auch alle die- 
jenigen, welche durch die nicht mit voller Kraft unterdrückten 
Mordgelüste in Furcht und Abhängigkeit erhalten werden, 
wie so manche Frauen und schwache Gemüter in den be- 
treffenden Kreisen. Wenn die Gesetzgeber ihnen näher 
gestanden hätten, ich denke, die Todesstrafe wäre noch nicht 
abgeschafft oder praktisch aufgehoben. Und ob das jetzt, 
nachdem das hitzige Mitleid etwas abgekühlt ist, über- 
haupt geschehen würde? Man sollte jetzt doch eingesehen 
haben, daß hier noch mehr in Betracht kommt, als nur das 
Gefühl erster Instanz. 

Diese oberflächliche, sentimentale Beurteilung ist also 
die allemiedrigste, völlig unzureichende. Sie bietet auch 
in den einfachsten FäUen gar keine Gewähr dafür, daß das 
Angestrebte erreicht, das betreffende Gefühl selbst auch 
nur befriedigt wird. Der gerade Weg ist hier nicht der 
kürzeste. Welcher nur halbwegs vernünftige Mensch würde 
daran denken, die Schmerzen und die Strafen aus der Welt 
schaffen zu wollen, weil sie auch Wehe tun, ungeachtet 
des viel größeren Wehes, das sie uns ersparen! 

Die sentimentale, populäre Beurteilung des Krieges 
genügt also nicht, weil sie subjektiv, oberflächlich, ein^ 
seitig ist und ihrer Art gemäß sein muß. Ihre Aufgabe 
kann nie mehr als eine vorbereitende, präludierende sein. 
Sie macht eine neue Stimmung, bricht die alte Denk- 
gewohnheit, schüttelt die Fühl- und Denkfaulen aus ihrem 
Schlummer auf, sie bereitet die echte bewußte Behandlung 



— 6 — 

des Problems vor, mehr kann und darf sie nie und 
nimmer. Bertha y. Sattner nnd ihre Genossen haben ein 
Gewicht auf die Wage gelegt, ein schweres, aber das ist 
noch kein Wägen 1 

Eine ganz andere Behandlung erfährt das Problem 
durch die Bemfong an die abstrakte, die altgefeierte Moral. 
Ihre Sätze, dnrch Beligion und Metaphysik approbiert, sind 
über alle Prüfung weit erhaben. Und da sie tatsächlich 
auf uralten Erfahrungen der Menschheit beruhen, durch die 
Erlebnisse und die neuen Einsichten der Jahrhunderte 
einigermaßen kontrolliert wurden, dürfen sie unsere volle 
Achtung beanspruchen. Aber ihre Gebote sind viele, ihre 
Anwendung ist gar nicht einfach und selbstverständlich, 
die Wahl zwischen ihnen bleibt dem subjektiven Ermessen 
überlassen. Bei ihrer Anwendung muß noch gar manches 
hinzukommen. Da spürt man bald, daß die erhabenen 
Sätze sekundäre, abgeleitete Schlüsse sind, die ihren In- 
halt bestimmten zeitlichen Verhältnissen und deren An- 
schauungen und Wertungen, also ganz anderen und höheren 
Maßstäben entnehmen. Wer es unternehmen wollte, eine 
Gesellschaft auf das ewige Gebot der Gerechtigkeit auf- 
zubauen, der würde die Wahrheit dieser Behauptungen 
bald anerkennen. Welcher Preis, welche Entlohnung ist 
eben die gerechte? Sollen Frage und Angebot hier ent- 
scheiden? Welchen Maßstab soll man anlegen? Welche 
Schätzung soll entscheiden? Wessen Bedürfnis? Das der 
Menge? Da bliebe das Höchste oft ungelohnt! Das der 
besten? Wer zeigt sie auf? Was ist gerechter: der In- 
dividualismus mit seinen vielen begabten Armen und 
dummen Millionären oder der Kommunismus mit gleicher 
Entlohnung ungleicher Werte? Das Gebot der Gerechtig- 
keit, schön und ehrwürdig wie es ist, belehrt uns nicht, 
wie zu entscheiden. 

Die abstrakte Moral durchschaute ihre eigenen Sätze 
nicht, sie gab den zufälligen Zeitinhalt für eine ewige 



— 7 — 

Wahrheit aus, oder besser ihre abstrakte Leere ftQlte sie 
jedesmal mit den sehr konkreten Wertangen der Zeit aus, 
die, weil zeitentsprechend, nicht diskutiert wurden; so schien 
das Gebot ganz scharf bestimmt, indem und weil es nebel- 
haft und vieldeutig war. Es nützt uns nichts, wenn die 
abstrakte Moral uns die Anwendung der Gewalt versagt, 
während sie zugleich die Strafe, die ohne Gewalt undenk- 
bar, zuläßt und zulassen muß, ja aus einem anderen ebenso 
abstrakten Grunde sogar fordert! 

Oberflächliches Gefühl und abstraktes Räsonnement 
führen uns nicht zum Ziele. 

Und doch sind menschliche Gefühle die Voraussetzung 
überhaupt jeder Beurteilung, nur muß nicht auf ein einziges 
sondern auf alle, und nicht auf eine oberflächliche Forderung 
sondern auf die tiefste Konsequenz aus ihrer Gesamtheit 
geachtet werden. Und anderseits: wir sahen, wie die ab- 
strakte Moral auf menschliche Gefühle und Bedürfnisse 
zurückgreift, wie sie tatsächlich nur bestimmte soziale Er- 
fahrungen hypostasiert, zu ewigen Wahrheiten aufbläht^) 

Der soziale ütilitarismus tiefster Fassung wäre also der 
eigentliche Inhalt aller Moral. Es kann gar nicht anders 
sein. Was anderes könnte der Menschheit je vorgeschrieben 
werden als ihr eigenes Heil ? die Befriedigung ihrer eigenen 
eigentlichsten und wesentlichsten Bedürfnisse? Aber nicht 



^) Der oberflächliche UtiUtarismus stand in dieser Beziehung 
hinter der abstrakten Moral zurück, er kannte nur den Einzelmenschen« 
der tatsächlich nicht existiert. Wie die Soziologie ausführlich nach- 
gewiesen hat, sind alle menschlichen Gefühle und Bestrebungen nur 
aus dem Zusammenleben der Menschen mit ihren Artgenossen zu er- 
klären. Sehr eingehend wird dies erörtert durch Ree, Der Ursprung 
der moralischen Empfindungen, 1877, und Die Entstehung des Ge- 
wissens, 1885; Rolph, Biologische Probleme, 1884; Guy au, Esquisse 
d'une Morale sans Obligation ni sanction, 1885; Ribot, La Psycho- 
logie des Sentiments, 1896; und natürlich durch Spencer und die 
evolutionistischen Ethiker; vgl. Überdieseiben Williams, Aieview 
of the Systems of Ethics founded on the theory of evolution, 1893. 



— 8 — 

die einer einzigen beschränkten Seite unseres Seelenlebens, 
nicht nur die materiellen oder nur die geistigen, sondern 
die des ganzen sozialen Menschen resp. die der ganzen 
Menschheit Es versteht sich, daß diese Bedürfnisse sich 
ändern, und dafi auch die Einsicht in dieselben nicht eine 
immer gleiche Größe ist. Die Bedurfnisse müssen aber 
selbstverständlich nach der jeweilig erreichten Einsicht be- 
urteilt werden. Keiner kann mit der Weisheit handeln, 
die er im nächsten Jahre besitzen wird. Wohl aber müssen 
die künftigen Bedürfnisse, so gut wir jetzt dazu fähig sind, 
mit in die Rechnung aufgenommen werden. Es ist das 
unbedingt nötig, weil unsere Entscheidungen nun einmal 
das Wohl der Zukunft im höchsten Grade beeinflussen, und 
weil die Bedingungen ihres Glückes nun einmal in unserer 
Gegenwart liegen. Wir müssen also im voraus die Arbeit 
verrichten, die sie vorzunehmen nötig achten wird, weil 
sie selbst dazu zu spät konunen wird. Wir sind ihr Säe- 
mann. Sie kann nur ernten. Von unserer Bestellung des 
Ackers, von der Güte unseres Samens, von unserem Jäten 
hängt der Reichtum ihrer Ernte ab. 

Ich meine, der evolutionistische Utilitarismus tiefster 
Fassung, um das Rassenideal bereichert, bildet die höchste 
und weiteste Ejthik, die wir uns denken können, die einzige 
auch, die uns kritisch befriedigen kann.^) 

Die Vorwelt lebt nicht mehr, die Mitwelt lebt so kurz, 
die Nachwelt lebt ewig. Das Fühlen der ersteren ist uns 
nur Objekt des Studiums, es muß mit dem eigenen ver- 
glichen uns dienen um die Zukunft vorzubereiten. Der 



^) Paulsen in seiner bekannten Einleitung in die Philosophie 
S. 457 ff. hängt ihr auch an, ebenso wie in seinem System der Ethik ; 
vgl. auoh Schallmayer, Vererbung und Auslese im Lebens- 
lauf der Völker, 1903, S. 241 ff. und mein Artikel Bedeutung und Trag- 
weite der Selektionstheorie in den Sozialwissenschaften, in Zeitschr. 
f. Sozialwissenschaft, 1906, S. 549. 



— 9 — 

Mensch war nie yoUständig egoistisch, er hat immer in 
der Gruppe, in irgend einem Ganzen, nie absolnt isoliert 
gelebt. Das Interesse der Gruppe ging ihm immer zu 
Herzen, schon weil es unverbrüchlich mit dem seinigen 
verbunden war, wenigstens zum TeiL Fest verbunden 
waren die beiden Interessen immer, ganz zusammen fielen 
sie nie. Der absolute Einzelmensch und der absolute 
Sozialmensch sind beide Fiktionen. Und so ging das * 
Fühlen der Menschen auch zeitlich über das eigene hinaus. 

Die Menschen waren nie ohne Liebe zum Nachwuchs, 
weil derselbe ohne diese Liebe nie hätte existieren können. 
Warme Hingebung an die eigenen Kinder gehört zu den 
Hauptvorbedingungen der menschlichen Entwicklung, wie 
Sutherland in vorzüglicher Weise nachgewiesen hat.^) 
Absolute Egoisten müssen immer die seltene Ausnahme 
gebildet haben, die eigene Gruppe und das eigene Kind 
hätten sonst nie existieren, ja nie entstehen können.*) 

Und auch nach rückwärts wandte sich die Sympathie des 
Menschen^ die Toten entschwanden nicht sofort aus seinem 
Gedächtnisse. Schon sehr früh und fast allgemein hat sich 
aus der Totenfurcht der Ahnenkult entwickelt. Wohl 
keine Religionsform hat je eine so weite Herrschaft ge- 
übt als diese, und für die gesunde Kraft der Japaner 
ist es gar nicht ohne Bedeutung, daß sie noch im Besitze 
dieser urwüchsigen, natürlichen Religion sind.*) Der Ahnen- 
kult hat eine hochbedeutende moralische Wirkung ausge- 
übt, indem er den Willen der Ahnen zur lenkenden Macht 



^) The Origin and Growth of the Moral Instinct, 1898, in Deutsch- 
land zu wenig beachtet. 

^) Bücher in seiner Entstehung der Volkswirtschaft vergaß 
das in merkwürdiger Weise, wie ich in meinem Artikel Das Verhältnis 
zwischen Eltern und Kindern bei den Naturvölkern, in der Zeitschr. f. 
Sozialw., 1898, nachgewiesen habe. 

^) Vgl. die schönen Bücher Hearne's Glimpes of unfamiliar 
Japan, und Out of the East. 



— 10 — 

erhob, die Befolgung der alten Sitten znr heiligen Vor- 
schrift, die von der nnbeünlichen Macht der Ahnen nnter- 
stfitzt wnrde. Die Folgen waren wohl sehr gute, wenigstens 
znm Teil. Der Friede nnd die Einheit innerhalb der Gruppe 
worden durch diesen Kult in tatkräftiger Weise gefördert, 
die bestehende Moral befestigt, aber der Einfluß des Ahnen- 
kultes war wesentlich konservativ: die Erhaltung des Alten 
. war sein höchstes ZieL^) Wir brauchen mehr. 

Die Erweiterung der Sympathie über die Toten beruhte 
auf der Annahme ihres Fortlebens, die wir aufgegeben 
haben. Das Leben des Nachwuchses ist aber eine Gewiß- 
heit. Entweder die Toten leben nicht, oder sie kfimmem 
sich nicht um uns, und jedenfalls ist ihr Wohlergehen nicht 
von uns abhängig. Das Glück unserer Nachkommen aber 
wird bis in weite Zukunft durch unser Verhalten bedingt, 
deshalb verlangen sie im Voraus gebieterisch unsere Liebe, 
unsere Wahrung ihrer Interessen. So sind wir zum 
Enkelkulte verpflichtet. Unsere Menschheitsliebe muß 
zum Enkelkulte werden. 

Wir leben zu kurz, um nur egoistisch zu sein. Wir 
müssen die Nachwelt in unser Fühlen aufnehmen. Die 
Enkel sind unser Morgen, unsere reale Ewigkeit. Für sie 
können vdr hofEen, sie werden erreichen. 

Auf keinem anderen Fundamente können wir eine so 
weitsichtige Moral aufbauen als auf unserer Liebe zu unserem 
Nachwüchse. Unser tiefstes Wissen kann keine höhere Auf»- 
gäbe haben als uns vorzuleuchten über die wahrscheinlichen 
Bedürfnisse unserer Kinder und Enkel. Im Gegensatze zum 
Ahnenkulte wird sich der Enkelkult als fortschrittlich er- 
weisen. Und zwar fordert er zugleich den bedachtsamsten 



^) über das Wesen des Ahnenkultes vgl. die bekannten Werke 
von Tylor und Spencer, über seinen moralischen Einfluß mein 
Buch, Erste Entwicklung d. Strafe, 1894, I S. 278 ff. ; über seine all- 
gemeine Verbreitung daselbst S. 141 ff.; vgl. auch Fustel DeCoulanges, 
La cite antique, 1878, p. 15 ff. 



— 11 — 

t 

wie den schnellstmöglichen Portschritt. Denn das Kind 
kann nicht warten und der Enkel würde zu lange unter 
den schlechten Folgen eines vorschnellen FehlgriflEes leiden. 
Die Mitwelt darf sich über solche Folgen nicht beklagen; 
denn sie teilt gewöhnlich die verursachende falsche Ein- 
sicht und sie genießt von den anfänglich guten Folgen. 
So zwingt uns der Enkelkult zur tiefsten Überlegung der 
weitesten Konsequenzen unserer Handlungen. Die rasche 
Oberflächlichkeit des Egoismus und die der Sentimentalität 
werden beide durch ihn ausgeschlossen. 

Die primäre Einheit im Fundamente unserer Moral ist 
also das eigene Gefühl; dieses muß sich über die ganze 
Menschheit und ihre Interessen ausbreiten und wird das 
notwendig tun, sofern es gesund ist; aber es darf und 
kann hierbei nicht stehenbleiben, die Folgen unserer 
Taten und unsere Liebe reichen weiter, sie umfassen in 
ihrer weitesten Umarmung auch unsere Nachkommen, und 
zwar die entfernteren so gut wie die eigenen Kinder. Das 
Interesse der Kasse, d. h. aller Rassen, wird so zum eigent- 
lichen Maßstabe, ein weiteres Objekt gibt es nicht. 

Da wir jetzt im Besitze unseres Prüfsteins sind, 
können wir uns fragen, wie wir unsere Untersuchung ein- 
richten wollen. 

Unser Problem ist also der Wert des Krieges. Wir 
können hierüber gar nicht gerecht urteilen, bevor wir die 
Folgen der Kriege in der Vergangenheit erkannt haben. 
Wir wollen verstehen, was die Eriege früher als Triebkraft 
geleistet haben, wir wollen sie als Kulturmacht aus der 
Geschichte kennen lernen. Es wird uns dies um so eher 
gelingen, als wir dieser Vergangenheit und ihren herr- 
schenden Mächten weit objektiver als unserer Gegenwart 
gegenüberstehen. Die Gegenwart ist so kurz, die Ge- 
schichte schon so lang, der große Eeichtum an Ersclieinungen 
wird uns die Vergleichung und damit die Analyse, die 



- '^ - • 

Trennimg des Wesentlichen vom Nebensächlichen erleichtern. 
Natürlich wird uns hier der große Übelstand Schwierig- 
keiten bereiten, daß die Gesetze der Geschichte noch nicht 
ermittelt sind. 

Noch wird dem großen Zweige der Soziologie, der 
Philosophie der Geschichte, so gut wie ihr selbst das 
Existenzrecht bestritten. Die Historiker begreifen noch 
immer nicht, daß wir doch nicht anf ewig in den konkreten 
Beschreibungen stecken bleiben können, daß die Organi- 
sation selbst unseres Denkens uns unerbittlich weiter 
zwingt. Es ist keine Unart, daß wir auch hier nach Ver- 
allgemeinerungen (und was anders sind denn Gesetze?) 
verlangen. Warum sollten wir hier nicht weiter kommen 
können als bis zur Materialsammlung? Auch die Natur- 
wissenschaft kann uns nie mehr als empirische Gesetze 
offenbaren, nie abstrakte d. h. die regelmäßigen Beziehungen 
zwischen den faktisch letzten Elementen, weil diese nie 
etwas anderes sein können als eben bloße Hypothesen.^) 

Die jetzige kritische Betrachtung der Naturwissenschaft 
wird uns hoffentlich von der falschen übertreibenden 
Wertung ihrer Resultate befreien, die mehr vielleicht noch 
als die Abneigung der Supranaturalisten der objektiven 
Würdigung der Soziologie und der von ihr erreichbaren 
Resultate im Wege stand. Merkwürdiges ZusammentrefiEen I 
Das Erwachen aus dem naturwissenschaftlichen Traume 
wird der Soziologie zur Existenz verhelfen, deren höchste 
Aufgabe es sein wird, die Methoden und den ganzen Geist 
der Naturwissenschaft auf dem Gebiete der sozialen und 



^) G. S i m m e 1 , Die Probleme der Geschichtsphilosophie, 1905, 
S. 67 ff. scheint dies nicht genügend zu berücksichtigen ; vgl. dazu 
R. Thurnwald, Historisch-soziale Gesetze« in Arch. f. Rassen- and 
Gesellschaftsbiologie, 1906, S. 568. Richtiger als Simmeis Ansichten 
scheinen mir die von Breysig, Der Stufenbau u. die Gesetze d. 
Weltgeschichte, 1905, und die von L i n d n e r , Geschichtsphilosophie, 
1901. 



— 13 — 

historischeiilVBrscheinnngen zur Anwendung zu bringen. 
Wie ein junger Baum, der erst recht dem hohen Nachbar 
nachstreben kann, wenn dieser ein bißchen von seiner 
Krone eingebüßt hat 

Die Naturwissenschaft vermag nicht alles und die 
Geisteswissenschaft ist nicht ganz unvermögend, das wird 
die schließliche Überzeugung der Zukunft sein, die sich 
immer wieder zur hofEnungsvoUen lebensmutigen Skepsis 
hinaufarbeiten wird. 

Wir können also nur zum kleinen Teile auf die Resul- 
tate der Sozialwissenschaft zurückgreifen, wir werden die 
uns nötigen Einsichten uns selbst erwerben müssen.^) Die 
Vergangenheit wird uns also die Kenntnis von dem 
Wesen des Krieges als eines Rades im Mechanismus der 
Kulturentwicklung verschaffen, anderen Seiten seines 
Wirkens werden wir hauptsächlich in der Gegenwart nach- 
spüren, weil ihre Untersuchung uns hier leichter wird. 
Besonders wird das der Fall sein bei den üblen Folgen 
der Kriege, schon weil wir die von uns selbst empfundenen 
Nachteile viel schwerer einschätzen als die in längst ver- 
gangenen Zeiten erlittenen. Also gerade das Umgekehrte 
als bei dem Studium der Kriege als kultureller Triebkräfte! 
Hier nützt die Femsicht, dort würde sie vielmehr schaden. 
Auch kommt es gerade und allein auf unsere Schätzung 
der dem Kriege inhärenten Nachteile bei der schließlichen 
Abwägung seiner guten und schlechten Folgen an. 

Es versteht sich, daß nichts uns femer liegen wird als 
die Vertuschung der unseligen Konsequenzen eines jeden 
Krieges; denn nicht Lobreden, sondern Untersuchen ist unsere 
Absicht, und, es sei erlaubt es zu bemerken, die eigent- 
lichste Neigung unseres Geistes. Wir werden uns an- 



^) Einen merkwürdigen Beleg für die unreife und mangelhafte 
Systematik der soziologischen Handbücher bildet die Tatsache« daß 
Prof. Giddings in seinem Principles of Sociology, 1896, den Krieg 
gar nicht erwähnt. 



— 14 — 

strengen, den üblen Folgen der Kriege und^denen ihrer 
Voraussetzung, des gewafineten Friedens, nach allen 
Seiten und so vollständig wie nur möglich gerecht zu 
werden, denn nur so wird es uns gelingen, zu einem 
hilligen und erschöpfenden Urteile, das mehr als subjektiven 
Wert haben wird, zu kommen. Und danach streben wir 
in aller Bescheidenheit und in allem Ernste. 

Wir werden die beabsichtigten und die eigentlich 
nicht gewollten aber doch unvermeidlichen Schmerzens- 
folgen der Kriege eingehend und ausführlich beleuchten, 
die ökonomischen Nachteile aufdecken, und auch hier die 
indirekten, nicht weniger schlimmen keineswegs vernach- 
lässigen. Die Frage der Demoralisation infolge der Kriege 
und der militärischen Zustände auch im Frieden werden 
wir so unparteüsch wie nur möglich zu lösen versuchen. 

Wir werden uns fragen, ob das Kriegswesen notwendig 
mit politischer Rückständigkeit und mit Mangel der vollen 
gesellschaftlichen Freiheit verbunden ist. Alle diese Nach- 
teile des Unfriedens werden wir endlich zusammenfassen, 
um ihr volles Gewicht richtig abwögen zu können. So- 
dann werden wir die wesentliche Funktion der Kriege, 
welche für alle Zeiten gültig ist, zu entdecken versuchen, 
und uns danach fragen, ob die friedliche Wirkung der 
freien Vereine die Kämpfe der Völker nicht zum Vorteile 
der Menschheit ersetzen könnte? 

Ein bestimmter Vorteil, die strenge Kollektivauslese 
wird für den Krieg besonders geltend gemacht: wir werden 
untersuchen, welche Bedeutung ihr wirklich zukommt und 
ob die Nachteile der angeblichen Kontraselektion im Kriege 
sie nicht fiberwiegen. Auf die große Fatalität der immer 
steigenden Kriegsausgaben im Kriege wie im Frieden 
werde ich speziell aufmerksam machen und die plasti- 
schen Grenzen dieser Steigung angeben. Ob der künftige 
Krieg sich durch ein nicht länger zu ertragendes Übermaß 
von Schrecken auszeichnen wird, werden wir uns ernsthaft 



r^ 



— 15 — 

fragen. Vielleicht auch wird der Krieg mehr oder weniger 
bald durch das völlige Schwinden des ihn einzig ermöglichen- 
den Geistes zur Vergangenheit gehören ; ob dies nicht bloß 
denkbar, sondern auch mögUch und wahrscheinlich ist, 
werden wir prüfen. Über die Aufgaben der Friedens- 
kongresse und über das, was sie tatsächlich werden er- 
reichen können, werden wir uns aussprechen. 

Und endlich werden wir den Schluß aus allen diesen 
Betrachtungen und Untersuchungen zu ziehen versuchen, 
wir werden uns klarmachen, welche Antwort wir auf die 
große Frage zu geben haben, ob der Krieg für unsere Ge- 
sellschaft und ihre Entwicklung noch einen wesentlichen 
Wert habe oder keinen. 

Und hiermit wäre unsere Aufgabe, die einer Philosophie 
des Krieges, vollständig gestellt. 



2. Kapitel. 

Der Krieg als kulturelle Triebkraft. 

Wir wollen jetzt die Bedeutung des Krieges als 
treibende Kraft in der menschlichen Entwicklungsgeschichte 
betrachten. 

Unsere erste Frage muß da sein: was hat das Krieg- 
führen unter den Menschen verursacht? Nicht alle Tiere, 
nicht einmal alle höheren Tiere, .kämpfen untereinander 
und mit fremden Arten. Zahllose Arten sind friedfertig 
wie die Hasen, die Kaninchen und die Gazellen. Warum 
kämpfen gerade die Menschen? Wir wollen uns in diesem 
Abschnitte auf unsere Vorfahren beschränken. Also warum 
haben die ältesten Ahnen der heutigen friedfertigen 
Generation sowie die näheren durch alle Jahrhunderte ein- 
ander mit den Waffen in der Paust befehdet, und zwar 
nicht bloß notgedrungen, durch Despoten gepreßt, nein 
auch in derber Lust, aus reiner Liebe zur Sache? Das 
ist durchaus nicht selbstverständlich, sondern ein Problem, 
das wir zu lösen versuchen wollen. 

Spencer hat uns ein gutes Vorbild gegeben. Als er 
die primitive Religion sowie die primitive soziale Verfassung 
schildern wollte, hat er erst das intellektuelle und emotio- 
nelle Wesen des Naturmenschen dargestellt, weil dieses in 
Verbindung mit der weiteren Natur die Quelle aller jener 
Erscheinungen abgegeben haben muß. So fragen wir uns 
jetzt: wie muß der primitive Mensch beschaffen gewesen 
sein, damit er zum verteidigenden und anfallenden Krieger 
wurde? 



— 17 



I 



j Die Frage ist zweiteilig. Weshalb leistete er seinen 

ersten Angreifem, den Tieren, Widerstand? nnd wie wurde 
er selbst zum Angreifer von Menschen und Tieren? Es 
ist gar nicht selbstverständlich, daß er den angreifenden 
Tieren Widerstand leistete. Hätte er die Natur eines Hasen 
oder Tolstois Charakter besessen, so wäre er bloß geflüchtet 
oder hätte er sich gar zum Fräße hingegeben. Im letzteren 
Falle ergaben sich zwei Möglichkeiten : entweder das leb- 
lose, langweilige Fleisch des Ur-Tolstoi wäre den Löwen 
und Hyänen widerlich geworden und die Menschen so 
weiterhin geschont geblieben, oder andernfalls, was auch 
möglich, es gäbe längst keine Menschen mehr. Eine dritte 
Möglichkeit wäre noch die, daß sie ihren Charakter ge- 
ändert und, nehmen wir erst an, zur Flucht gegriffen 
hätten. Wir werden sehen, daß sich in diesem Falle allerlei 
nicht ereignet hätte, was so ziemlich die ganze Welt- 
geschichte ausgemacht hat. 

Es bleibt uns die Frage : wie war der Urmensch doch 
eigentlich beschaffen, daß er sich nicht Buddha-gleich dem 
Tiger zum Fraß hingab und ebensowenig das Hasenpanier 
ergriff? Indem wir sein Wesen zu ergründen versuchen, 
wollen wir zugleich den Folgen des Besitzes dieser Eigen- 
schaften nachspüren. Der bloße Trieb nach Selbsterhaltung 
genügt zur Erklärung seines Handelns nicht; denn dem 
hätte die passive Flucht genug getan, obwohl auch nur in 
den allerännsten Zeiten, denn bei solcher widerstandslosen 
Flucht muß natürlich alles Besitztum im Stich gelassen 
werden. So würde die Schaffeigheit, wäre sie das Ange- 
binde unserer Urahnen gewesen, schon die allerbescheidenste 
Entwicklung äußerer Kultur unmöglich gemacht h^ben! 
Ein Glück, daß Tolstoi nicht unser Stammvater gewesen! 
Welche Eigenschaften mußten also zum Selbst- 
erhaltungstriebe hinzutreten, um wenigstens die Verteidigung 
gegen angreifende Tiere zu ermöglichen? Dieselbe Eigen- 
schaft, die dem Menschen ermöglichte, in die Welt hinaus 

Steinmetz. 2 



— 18 — 

zu schreiten und die Natur, die riesige unbekannte, auf die 
Mittel zur Erfüllung seiner Bedürfnisse hin zu durchspähen, 
der Mut allein schon hieß ihn nicht flüchten, sondern den 
Tieren gegenüber wenigstens standhalten. Damit war 
aber schon viel gewonnen. Unserer jetzigen Voraussetzung 
nach gab es also, vorläufig, keine aggressiven Menschen, 
Menschen aber auch Tiere wurden vom Menschen nicht 
angegrifEen; es gab noch weiter nichts als bloß defensive 
Selbstbehauptung den wilden Tieren gegenüber. Es ist 
leicht einzusehen, daß die guten Folgen für die Entwicklung 
der Menschheit dementsprechend sehr beschränkte waren. 
Nicht einmal der Wettbewerb mit den Tieren war dem 
gebundenen Menschen so recht offengestellt. Er suchte sie 
ja nicht auf, er jagte ihnen ihre Beute nicht ab, er rang 
nicht mit ihnen um den besten Platz. Und dann, wer sich 
allein verteidigt, ist auch hierin den Angreifern gegenüber 
im Nachteil. So geartet, hätte der Mensch sich wohl nie 
weit, wenn überhaupt, über die Tiere erhoben, er hätte 
sich nicht einmal auf dem Boden aufrechterhalten können, 
er hätte sich auf sein Urgebiet, die Bäume, beschränken 
müssen. Welch ein ungeheurer Nachteil für die Entwicklung 
seiner sonstigen ihn zu Höherem befähigenden Eigen- 
schaften ! Nicht einmal ein sehr schlaues Tier wäre er so 
geworden. 

Glücklicherweise fehlten ihm die von uns hypothetisch 
weggedachten Eigenschaften keineswegs. Welche waren 
diese, die zum passiven Selbsterhaltungstriebe hinzutreten 
mußten, um den Menschen aggressiv zu machen? Neben 
dem Mute, der an sich noch nicht hinaustreibt, der allein 
noch nicht zum Angriffe führt, brauchte er noch eine ge- 
wisse, wenigstens negative Grausamkeit und eine mehr 
dehnbare Begehrlichkeit. Im Besitze dieser Eigenschaften 
war er endlich voll ausgerüstet zum Kampfe um das Da- 
sein, befähigt, seine weitere Natur, auch seine schönsten 
Anlagen, bis zur hohen Vollkommenheit zu entwickeln. 



- 19 — 

Seine angeerbte Anlage enthielt alle diese Eigenschaften, 
wenn wir annehmen, wozu die vorurteilsfreie Wissenschaft 
*ininier aufs neue hingedrängt wird, daß der Stammvater 
des Menschen mit den anthropoiden Affen mehr oder weniger 
nahe verwandt war.^) 

Diese Affen sind aber als Omnivoren zri betrachten, 
obwohl gerade die anthropoiden Affen diese Eigenschaft 
am wenigsten deutlich aufzeigen.*) Der Urmensch war 
also aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls Omnivor, d. h. 
auch Karnivor. Er griff seine Beute an, er mußte dieselbe den 
Wettbewerbern abjagen, das alles setzt Aggressivität vor- 
aus und fördert diese Eigenschaft zugleich in nicht ge- 
ringem Grade.*) Die negative oder passive Grausamkeit, 
die zur Aggressivität unentbehrlich ist, fehlte dem Ur- 
menschen gewiß nicht, wie seine auffallende Geschmacks- 
anästhesie, seine Geringschätzung des Menschenlebens 
schon beweisen würden, wenn dieselbe nicht bereits aus 
seiner ganzen psychischen Struktur gefolgert werden 
müßte.^) Die Affen gehören nach Römanes zu den sehr 
wenigen positiv grausamen Tieren. Die zweite Voraus- 
setzung, die wachsende Begehrlichkeit des Menschen, war 



^) Man vgl. bloß Huxley, Stellung des Menschen in der 
Natur, 1^68; Wiedersheim, Der ßau des Menschen als Zeugnis 
iür seine Veigangenheit, 1693; Dubois, Pithecanthropus erectus, 
1894; Schwalbe, Die Vorgeschichte des Menschen, 1904, und die 
g]§n7erde Be^läiigurg dieser Theorien durch die Serumexperimente 
Friedenthals (Ublenhuth, Ein neuer biologischer Beweis für 
die Blutsverwandtschaft zwischen Menschen und Affengeschlecht, im 
Arch. f. Rassen- u. GeselJschaftsbioIogie, 1904, S. 688f.). 

2) Vgl. mein Buch „Endokannibalisnuis", Wien 1695, S. 35 und 
Sarrasin, Die Weddahs \on Ceylon S. 401 ; Junker, Reisen in 
Afrika Bd. 3 S. 299 erzählt von einem Schimpansen, der nach Fleisch- 
kotelettchen verlangte. 

^) Mein „Endokannibalismus" S. 36 ff. 

^) Vgl. meine Ethnol. Stud. z. ersten Entw. d. Strafe, 1894, 
Bd. 1 S. 5— 98 und meinen „Endokann." S. 39ff.; Dimitroff, Die 
Geringschätzung des menschlichen Lebens bei den Naturvölkern, 1891. 

2» 



— 20 — 

wahrscheinlich zuerst nicht in demselben Grade erfüllt, an 
ihre Stelle trat aber die herbe Not, die den kamivoren 
Menschen, das Kaabtier Mensch za immer gefährlichereif 
Kämpfen mit seiner Beute und seinen Mitbewerbern zwang.^) 

Die Lust am Kampfe und am Siege maßte zu einer posi- 
tiven Eigenschaft werden, um des Menschen Streitfähigkeit 
auf immer höhere Stufen zu heben. Diese ganze Ent- 
wicklung wurde noch in nicht unerheblicher Weise dadurch 
gefördert, daß auch die Verteidigung durch die Fähigkeit 
und die Neigung zum Angreifen ganz bedeutend gewinnt. 
Wer sich nur verteidigt, kann sich nicht einmal verteidigen . 

Die Ernährung des aggressiven, kamivoren Urmenschen 
wurde reichlicher, die Hungersnot trat infolgedessen nicht 
so leicht an ihn heran, seine Gesundheit und seine Kraft 
mußten sich heben. Mit immer größeren Tieren konnte 
und mußte er sich bald messen. Die selektorische, unaus- 
bleibliche Folge war die Verstärkung seiner Fähigkeiten 
in der Richtung, worin der Wettbewerb das meiste forderte 
und sie gemäß seiner bisherigen Anlage am ehesten ein- 
treten konnte. Richtung und Höhe der Veränderungen, 
durch die Selektion verursacht, werden ja vollständig durch 
die Höhe und die Art der Mitbewerber bestimmt. Gerade 
deshalb war es von großem, ja unermeßlichem Vorteile, daß 
der Urmensch vermöge seiner Aggressivität auch mit 
Menschen und nicht nur mit Tieren in den Ringkampf trat. 
So wahr es ist, daß Englands militärische Macht zu Lande 
deshalb so gering ist, wie im Burjenkriege klar zutage 
trat, weil England seit sehr langer Zeit keinen Krieg mit 
einem ebenbürtigen Feinde zu führen hatte, ebenso wahr 
ist es, daß die Urmenschen, wenn sie aus mangelhafter 
Aggressivität auf den Kampf mit den Tieren beschränkt 
geblieben wären, nie diejenige Förderung gerade ihrer 

^) Vgl. über die große Bedeutung des intervarietalen und inter- 
spezialen Kampfes als artbildender Faktoren Müller de la Fuente, 
Die Vorgeschichte der Menschheit, 1906, S. 86. 



— 21 — 

menschlichsten Eigenschaften erfahren hätten, die der harte 
Kampf der Not mit deji Artgenossen mit sich fährte. 

Es wäre zweifellos hübscher gewesen, wenn es anders 
hätte geschehen können, aber es konnte nur so geschehen, wie 
es eben geschah. Nur im Kampfe mit dem Löwen brauchte 
er nur den Löwen, den einseitigen, anscheinend wenig 
entwicklungsfähigen zu besiegen; er wäre zu keinen 
weiteren Fortschritten gezwungen worden, solange und so- 
bald er nur dem Löwen überlegen blieb. Dem vielseitigen, 
reich beanlagten Menschen gegenübergestellt, mußten sich 
beide wechselseitig immer höher entwickeln 

Es war damals schon des Menschen größter Vorteil, daß 
ei* den Menschen zum Feinde bekam. Die notwendige Voraus- 
setzung war ein nicht zu stark entwickeltes Artgefühl, die 
Möglichkeit passiver Grausamkeit gegenüber Artgenossen. 
Dieser anscheinende Mangel hatte aber die reichsten Folgen; 
denn nur so konnte der Mitmensch zu seinem Gegner 
werden, der aber das intelligenteste aller Tiere war. Zu 
den besten Gottesgaben gehört ein guter Feind. Nichts 
anderes auf der Welt hätte so sehr die Übung sowie die 
Selektion gerade dieser Eigenschaften fördern können, als 
der stetige Wettbewerb mit dem Allerintelligen testen. 

Ein wenig mehr Artbewußtsein ^) hätte die Aggressivität 
durch Aufhebung der Grausamkeit unmöglich gemacht und 
damit die intellektuelle Entwicklung des Menschen zurückge- 
halten ohne die Sympathie für die Mitmenschen dauernd zu 
erhöhen, die ja eine ganz erhebliche Entwicklung der In- 
telligenz zur Vorbedingung hat. Natürlich müssen wir uns 
hüten, uns die Menschen willkürlich ganz anders zu denken 
als sie nun einmal waren. Der menschliche Intellekt muß 
damals im Anfange seiner Geschichte sehr beschränkt ge- 
wesen sein, es galt seine Fähigkeit zu vergrößern und zu- 

^) Die „consciousness of kind" von Giddings, Principles of 
Sociology, 1896 p. 17 sq. und Waxweiler „Esquisse d'une Socio- 
logie« 1906 p. 51 sq. 



— 22 — 

gleich die Sympathie, d. h. die Grundlage alles höheren 
moralischen Lebens zu verstärken. Wir werden sehen, daß 
dies durch nichts besser als gerade durch den Kamp 
mit seinesgleichen geschehen konnte. 

Je aggressiver die Menschen wurden und durch die 
Not des Lebens werden mußten, um so mehr mußten sie 
sich zur Offensive wie zur Defensive zusammenschließen. 
Der erste Keim der Gruppe war aber durch die engere 
Familie, die doch eine gewisse Höhe der sympathischen 
Gefühle bedingt, gegeben. Die Anforderungen des An- 
griffes wie die der Verteidigung nötigten zum weiteren 
Anschlüsse. 

Die elterlichen Gefühle waren unbedingt notwendig, 
als die Periode der Kindheit länger dauerte und die Zahl 
des Nachwuchses kleiner wurde, ^) sie setzen die Vermögen 
der Liebe und der Sympathie voraus, aber nur in be- 
schränktem Grade. Eine sehr gering entwickelte Phan- 
tasie genügte, um den Eltern die Bedürfnisse sowie die 
Wünsche der eigenen Kinder verständlich zu machen, be- 
sonders da beide stetig zusammen lebten. Mit dem Ver- 
ständnis war der Drang zur Befriedigung von selbst ge- 
geben, die Selektion der besten Eltern durch die erhöhte 
Lebenschance der bestgesicherten Kinder tat das ihrige, 
um diese Sympathie für die eigenen Kinder zu erhöhen, 
aber immer nur bis zu der Grenze, die das vitale Be- 
dürfnis des Nachwuchses setzte. Wären die Eltern nicht 
aggressiv gewesen, so hätten sie sich mit den geliebten 
Kindern geflüchtet, aber zur Erweiterung der Sympathie 
über die sehr enge Grenze der eigenen Familie hinaus 
brauchte die elterliche Liebe allein nicht zu führen. Eben- 
sowenig hätte sie die Selektion in die Richtung zur Hebung 
und Schärfang des Intellektes geleitet. 



^) Suthcrland, Origin aod Growth of the Moral Instiact, 
1S98, Bd. 1 p. 30sq. 



— 23 — 

Also direkt führte die Aggressivität zur Vergrößerung 
der ursprünglich kleinen Gruppe mittels der Anforderungen 
des Kampfes, und indirekt durch die Erhöhung der intel- 
lektuellen Befähigung, selbst eine Folge des gesteigerten 
Wettbewerbes. Erreicht wurde dies alles auf dem Wege 
der Auslese ebensowohl als auf dem der Übung. 

Ohne Aggressivität also keine Erweiterung der Gruppe 
über die ersten Anfänge hinaus! Da diese Zunahme des 
menschlichen Zusammenlebens aber die Hauptbedingung 
der höheren Entwicklung in allen möglichen Richtungen 
war, so können wir uns der anscheinend paradoxalen 
Folgerung nicht verschließen: ohne Aggressivität keine 
Erhebung des Urmenschen über den tierähnlichen Zustand 
hinaus! 

Hiermit hörte die Wirkung dieses Faktors aber gar 
nicht auf. Die etwas vergrößerte Gruppe mußte also fort- 
während kämpfen; ob man selbst angreifen oder sich ver- 
teidigen mußte wider anderer Angriffe, immer aufs neue 
drohte Gefahr, der man sich durch kein erreichbares Mittel 
wirksamer entgegensetzen konnte als durch den engst- 
möglichen Anschluß aneinander. So wiederholte sich hier, 
aber innerhalb viel weiterer Grenzen, dasselbe Verhältnis 
wie zwischen Eltern und Kindern : fremde Gefahr wird zur 
eigenen, fremder Verlust wird als eigener empfunden, nur 
Treue macht stark. Es müssen diese Zusammenhänge den 
Leuten selbst klar geworden sein, wenigstens finden wir 
schon frühzeitig die Bestrafung der Untreue und des Ver- 
rats.^) Aber auch ohne diese bewußte Schätzung besorgte 
die notwendig eintretende Selektion schon die hereditäre 
Verstärkung dieser Gefühle und Triebe, was natürlich von 
viel größerem Werte ist, weil erst in dieser Weise ihre 
Erwerbung zu einem ganz sicheren Besitze wird. Die 



*) Steinmetz, Erste Entwicklung der Strafe, 1894, Bd. 2 
S. 320 ff. 



— 24 — 

Oruppe, deren Mitglieder zu egoistisch waren, mußte 
untergehen.^) So ermöglichte gerade die Beschränkung der 
Sympathie auf ein Gebiet von mittlerer Weite ihre 
wachsende Intensität. 

Es ist vielleicht nicht ohne Interesse zu bemerken, 
daß wir diesen Zustand von ausgeprägtem Altruismus im 
engen Kreise der eigenen Gruppe, die wir uns immerhin 
nicht allzu klein vorzustellen haben, unter den jetzigen 
Naturvölkern noch vielfach antreffen. Kulischer hat ihn 
schon mit dem Namen „Dualismus der Ethik" angedeutet.*) 
Die Literatur bietet aber eine unendlich größere Zahl von 
Fällen als die, auf welche er sich stützte. Die Erschei- 
nung selbst jedoch hat er ganz richtig charakterisiert : über- 
all warme und tatkräftige Sympathie für die Genossen und 
dagegen die roheste Gleichgültigkeit und die herzloseste 
Grausamkeit den Stammfremden gegenüber! 

Man könnte geneigt sein hier einzuwerfen: gerade 
der Krieg habe diese Gegensätze im Empfinden für Freund 
und Feind verursacht! Dementgegen möchte ich aber be- 
tonen, daß doch tatsächlich unter dem Regime des Krieges, 
also bis auf unsere Zeit, die Sympathie sich immer er- 
weitert und verstärkt hat, und vor allem: wenn der 
Mensch mit großer und weiter, alle umfassender Sympathie 
angefangen hätte, ja da wäre der Kampf zwischen Men- 
schen gewiß auf immer unmöglich gewesen und, soviel 
unsere jetzige Argumentation anbetrifft, auch unnötig. 
Unser Ausgangspunkt muß aber festgehalten werden, weil 
er der der Wirklichkeit gewesen ist: der Urmensch fing 
im Gegenteil gerade mit sehr geringer intellektueller 
und emotioneller Anlage an, die universelle Sympathie war 



^) Steinmetz, Les selections indirectes ou coroUaires, in 
ÄDiiales de Tlnstitut International de Sociologie Bd. 4, 1898. 

^) Kulischer, Der Daalismus der Ethik bei den primitiven Völ- 
kern, in Zeitschr. f. Ethnologie 1885. 



J 



— 25 — 

ihm eo ipso versagt, dazu hätte es einer ganz anderen 
Begabung bedurft, als er nun einmal hatte ! Wir versuchten 
dann darzutun, wie er nur durch den Krieg über diesen 
Anfang hinaus gelangen konnte. 

Ein anderer Einwurf wäre: hätte die engere Familie 
nicht als Triebkraft dieses ganzen Entwicklungsganges nur 
verbunden mit dem Kampfe wider die wilden Tiere ge- 
nügt? Ich möchte hierauf folgendes antworten: Nein. 
Denn erstens ist die Voraussetzung falsch: die Aggressi- 
vität, die zum Kampfe mit den Tieren fährte, genügte ^uch, 
um den Kampf zwischen den Menschen entbrennen zu 
machen, dieser war also bei der Annahme unvermeid- 
lich, und zweitens wäre nie abzusehen gewesen, weshalb 
der Familiensinn mit seiner sehr speziellen Grundlage sich 
sonst je hätte erweitem müssen. Den sich nicht ver- 
einenden Kaubtieren gegenüber wäre die engere Familie 
allein stark genug gewesen; hier gab es keine Nötigung 
zum Anschluß und erst recht zu keinem stetigen, treuen 
Anschlüsse, der aus sich selbst heraus zu immer größerer 
Ausbreitung drängte. 

Auf einer ganz anderen Linie hatte das Streben nach 
Selbstbehauptung, der feste Wille, nicht in andere zu zer- 
fließen, zukunftschwere Folgen, namentlich auf dem Ge- 
biete der ehelichen Verhältnisse. Sutherland bemerkt, 
daß bei nicht „self-assertive peoples", wo die Männer ohne 
Eifersucht sind, Promiskuität herrsche, keine Familie sich 
bilde und die Moral dementsprechend schlaff bleibe.^) Wahr- 
scheinlich hat er recht. Ohne den Willen, die eigene Frau 
für sich zu behalten, wäre ein feineres Familienleben, die 
endliche Entwicklung der beiden größten Genüsse des 
Lebens und zugleich der beiden sichersten und höchsten 



») Sutherland 1. c. Bd. 2 S. 130-133, 138, und mein Artikel: 
Die neueren Forschungen zur Geschichte der menschlichen Familie, 
in Z. f. Sozialwiss. 1899 S.820. 



— 26 — 

Leiter unseres Ffiblens, der Ehe und der elterlichen Gre- 
fühle, unmöglich gewesen. Zerfließen wäre auch hier die 
allergrößte Gefahr gewesen. Im Anfang, bevor viele an- 
dere Motive entwickelt, viele andere Schranken aufge- 
richtet waren, mußte der frische Egoismus des Mannes 
die engere Familie, in der allein die feineren Gefühle sich 
ausbilden konnten, vor den Einfällen anderer schützen. 
Das vorzeitige Aufkommen allumfassender Sympathie, die 
Neigung, alle in die Arme zu schließen und in das Ehe- 
bett ^zuzulassen, wäre gar kein Vorteil gewesen. 

Wie hier, so werden wir immer wieder auf den großen, 
viel zu wenig geschätzten Wert der wenigstens im An- 
fang kleinen Kreise stoßen. Antizipation wäre hier wie 
überall vom Übel gewesen. Auch ist das Weiteste gar 
nicht immer das Beste, es ruht sich nicht am schönsten 
im weitesten Stuhle. 

Kehren wir jetzt zu der weiteren Entwicklung der 
Gruppe zurück. 

Nieboer hat uns gezeigt, wie bald nach der Ent- 
wicklung der größeren Arbeitsteilung es der Krieg war, 
der die Erwerbung von Sklaven ermöglichte.^) Wir sehen 
jetzt die Sklaverei nicht mehr mit denselben Augen wie 
vor fünfzig Jahren an, obwohl unser Mitleid mit ihren 
scheußlichen Folgen gar nicht abgenoiumen zu haben 
braucht. Ich glaube, wir können jetzt in der Sklaverei 
eine der großen erzieherischen Mächte der Weltgeschichte 
erblicken und würdigen. Unser Gefühl mag sich anfangs 
dagegen sträuben, in dem so unheilschwangeren Institute 
eine Macht zum Guten zu erkennen, aber tatsächlich sehen 
wir doch »fortwährend, wie aus Bösem Gutes hervorgeht. 
Die Geschichte der Staaten wie der Individuen ist nur 
eine lange Bestätigung dieses Erfahrungssatzes. Wer möchte 



^) Nieboer, Slavery as an Industrial System, 1900. 



— 27 — 

sich oder sein Vaterland gegen alle bösen Erfahrungen ge- 
feit wissen? wer sie seinem Kinde vollständig ersparen? 
Wes Menschen Erziehung war denn je ein unausgesetztes 
Vergnügen ? 

Perrero^) hat uns auf die langwierige Erziehung 
aufmerksam gemacht, die der Mensch, unser armer Urahn, 
durchmachen mußte, um sich an stetige Arbeit zu gewöhnen,, 
um sich also in die Möglichkeit zu versetzen, die unent- 
behrlichen Mittel zu aller höheren Kultur, sowie zur Unter- 
haltung seiner stets zunehmenden Zahl zu erwerben. 

Dem Jäger war alles stetige Arbeiten, wie jede dauer- 
hafte Anstrengung, verhaßt, ja fast unmöglich: die Spanier 
haben mit ihrer Erzwingung solcher Arbeit im Anfange ihrer 
amerikanischen Kolonisation diese Erfahrung gemacht, und 
doch waren diese Völker schon über das Jägerstadium hin- 
ausgeschritten. Es versteht sich, daß die Naturvölker nach 
allen Mitteln griffen, um dieser unangenehmen Notwendig- 
keit der schweren nicht halb spielenden Arbeit zu ent- 
gehen, aber die Not drängte unaufhaltsam. Die meist vor der 
Hand liegende Rettung war die, die Arbeitspflicht anderen 
zu übertragen, schwächeren, solchen, die man zwingen konnte- 

Wie unendlich viel Gutes, ja Notwendiges wäre un- 
getan geblieben, wenn der, welcher das Bedürfnis fühlte 
oder die Einsicht hatte, die Arbeit immer selbst hätte 
unternehmen müssen! wie gut, daß es sich so fügte, daß 
der eine befehlen konnte, der andere ausführen mußte! 
Ich halte diese Arbeitsteilung für die nützlichste und folgen- 
reichste in der ganzen Menschengeschichte. Es ergibt 
sich so ein Gesetz der Abschiebung der Arbeitspflicht : auf 
Frauen, Sklaven, Tiere, Arbeiter, Maschinen .... Es blieb 
aber nicht bei der Abschiebung. Durch sie wurde nicht 



^jFerrero, La M orale primitiva e ratavismo del delitto, in 
Archivio di Psichiatria, Scienze Penali ed Antropologia Criminale» 
1895, p. 1 ff. 



— 28 — 

nur die Arbeitsleistung auf dem bisherigen Wege bedeutend 
vergrößert, sondern wurden auch neue Wege beschritten, neue 
Arbeitsweisen wurden versucht, vor allem eine neue und er- 
giebigere Arbeitsteilung und Arbeits Vereinigung durchgeführt. 

Die beabsichtigte und erreichte Folge war eine ganz 
enorme Steigerung der Arbeitsleistung und des weiteren 
eine bedeutende Erhöhung der allgemeinen Wohlfahrt mit 
ihren unausbleiblichen Folgen: Vermehrung und Verfeine- 
rung der Bedürfnisse und Zunahme der Bevölkerung. 

Zum Schluß mußte sich hieraus jedesmal wieder eine 
größere Intensität des ganzen wirtschaftlichen wie über- 
haupt alles sozialen Lebens ergeben, die eine Bück 
wälzung der erschwerten Arbeitspflicht auf zuvor nicht von 
ihr gedrückte Kreise zur endlichen Folge hatte. So leitete 
die Abschiebung der Arbeitspflicht die Zwangserziehung aller 
zur Arbeit ein, ja letztere kann füglich als ein Ergebnis 
der ersteren betrachtet werden, ohne sie hätte man von 
vornherein zu ganz anderen evasiven Mitteln gegriffen. 

Der Instinkt der Fortpflanzung gehört nicht zu 
den festesten, sein Drängen läßt bedeutend eher nach als 
das Verlangen nach sexueller Lust, womit man ihn zu 
oft verwechselt hat.*) Schon primitive Völker haben rohe 
Mittel zur Beschränkung des Nachwuchses angewendet, 
der Neo-Malthusianismus ist gar keine Äußerung modemer 
Hyperkultur, sondern vielmehr eine allgemein-menschliche 
Erscheinung.^) Höherer Luxus und Komfort, aber auch 
aUe höhere Kultur wurden erst möglich, als die Arbeits- 
leistung größer wurde, was erst mit der Sklavenarbeit ge- 



^) Vgl. Lasch, Ober Vermebrungstendenzen bei den Naturvöl- 
kern und ihre Gegenwirkungen, Zeitschr. f. Sozialwiss. 1902, und 
Nieboer, Die Bevölkerungsfrage bei den Naturvölkern, in Korresp.- 
Blatt d. Deutschen anthropol. Gesellschaft 1903. 

') Nieboer 1. c. sagt sogar; , Die kleinsten Veranlassungen ge- 
nügen, um die Kinder zu töten oder ihrer Geburt vorzubeugen**, 
S. 149. 



— 29 — 

schab. Als die schwere Arbeit auf die Sklaven abgewälzt 
werden konnte, wurden die freien Frauen wieder höher 
geachtet, und zugleich erhielten wenigstens die vorneh- 
meren Männer Muße zu höherem Leben und zu edlerer 
Arbeit. ^) 

Diese sind einige der kulturfördernden Folgen der 
Sklaverei, die aber ohne den Krieg wohl nie entstanden 
wäre, und die jedenfalls schon selbst die Aggressivität,, 
die Neigung des Menschen, zum eigenen Nutzen Gewalt 
zu gebrauchen, zur Voraussetzung hat. Ich betone noch 
einmal, daß ich gar nicht für die Sklaverei schwärme,, 
daß ich alle ihre gräßlichen Auswüchse so sehr verab- 
scheue und mit ebensoviel Mitleid wahrnehme wie irgend 
ein anderer, nur behalte ich deßungeachtet ein weit 
offenes Auge für ihren Wert als Faktors in der Sozialge- 
schichte. Es sind nun einmal nicht allein schöne, ethische 
Mittel gewesen, welche die Menschheit emporgehoben 
haben. *) 

Nicht allein nach Seibätbehauptung ging des Menschen 
Sinn, sondern auch nach Selbsterweiterung. Je mehr seine 
Bedürfnisse befriedigt wurden, desto mehr neue traten hinzu ; 
die Gruppe, der die Selbstverteidigung gelang, mußte an 
Zahl zunehmen, die beschränkte Heimat konnte ihr nicht 
länger genügen, sie mußte einen weiteren Eaum erwerben, 
wenn nötig ihn anderen abgewinnen. Hier zeigte sich das 
große tragische Glück der Beschränktheit aller wirtschaft- 
lichen Güter. Die Gruppe, die sich auszubreiten gezwungen 
sah, stieß nach allen Seiten auf Widerstände der Natur 
und Widerstände der Menschen. So übte sich ihr Mut 
und stählte sich ihr Intellekt, mußte ihre Erfindungsgabe 
zunehmen. Es gehörte Mut dazu, immer wieder die Natur 



^) Nieboer, Slavery, p.214, 223. 

^) Bagehot, Ursprung der Nationen, S. 89 : ,,Es ist dem Wesen 
des Fortschritts eigen, daß seine Anfänge für diejenigen nicht an- 
ziehend sein können, die weitab davon leben/' 



— 30 — 

auf neue Befriedigungsmittel zu erproben, und Mut auch, 
um immer weiter von der Heimat abzuschweifen. Wie 
hätte je der Mensch ohne aggressive Eigenschaften dieser 
Sachlage genügen können? Der emplBndliche, zarte, feige 
Mensch hätte sich zurückgezogen und wäre in Armut 
untergegangen. Dieses Leben, und kein anderes war eben 
möglich, forderte einen aggressiven Menschen und zugleich 
machte es ihn stets aggressiver, immer mehr dem süßen, 
faulen Frieden abgeneigt. 

Bei dem noch sehr mangelhaften Intellekte, bei dem 
dürftigen Kulturbesitze war es dem Menschen unmöglich, 
nur durch Anstrengung seiner Erfindungsgabe und seines 
Verstandes seine wachsenden Bedürfnisse zu befriedigen, 
die Bedingungen ihrer Entwicklung waren offenbar so 
gestaltet, daß eine höhere Stufe erst sehr spät erreicht 
werden konnte; der Kampf mit den Artgenossen gehörte 
aber zu diesen Bedingungen, nichts zwang so sehr zur 
Anstrengung aller und besonders der höchsten Kräfte als 
gerade dieser Kampf. ^) 

Wer im Kampf mit der Natur unterliegt, wird in 
seinem Verlangen nicht befriedigt, vielleicht, in seltenen 
Fällen, verliert er sogar sein Leben, aber wie unendlich 
viel mehr steht im Kampfe mit Menschen auf dem Spiele: 
entsetzliche Marter oder bestenfalls Sklaverei, nicht nur 
eigene, sondern auch der Frau und des Kindes, Verlust 
alles Besitzes, jedenfalls Schande und Erniedrigung, auch 
wenn das Leben gerettet wurde. Und umgekehrt welcher 
Lohn, wenn der Sieg errungen wurde, wie mußte alles 
andere dagegen verblassen! Keiche Beute, Frauen, Sklaven, 
Befriedigung der mächtigen Eachsucht, Ruhm und Ehre, 



*) Headley, Problems of Evolution, 1900, betont, wie die Wil- 
den fast immer Krieg führen (wenn ein Afridi der Ruhe bedürftig 
ist, soll er in englischen Kriegsdienst treten), und wie Mut, Energie, 
Lust Schwierigkeiten zu überwinden die Folge dieses Zustandes 
sind, p. 207. 



— 31 — 

alles das erwarb sich der Sieger. Wie anders als jeder 
Sieg über die Natur muß das den Menschen zur äußersten 
Anstrengung aller Kräfte angestachelt haben! Und man 
bedenke, dieser Mensch war ein Naturmensch von kurz- 
sichtiger Phantasie, bald ermattet, der unmöglich lang vor- 
aussehen, den nur ein schneller Sieg verführen konnte.^) 
Ja, wenn er ganz anders gewesen wärel Es galt nun 
einmal, ihn, wie er war, zu Höherem zu erziehen. Da 
nützten allein für ihn geeignete Mittel. An Menschen-, 
nicht an Engelserziehung haben wir zu denken. 

Es war ein Glück, daß die alten Stämme klein waren 
und wegen mangelnden Kittes klein sein mußten, so waren 
ja alle Männer ohne Ausnahme gezwungen alle Kräfte an- 
zustrengen und mußte die Auslese auch alle ohne Aus- 
nahme unerbittlich treffen: die absichtliche sowohl wie die 
natürliche. Wer nicht focht, wurde ausgestoßen: ein 
Stamm, mit auch nur wenigen Feiglingen beschwert, konnte 
sich nicht erhalten; glücklicherweise galt damals noch 
nicht, je tapferer die eine Hälfte, je erbärmlicher dürfe 
die andere sein, wie das in unseren sentimentalen Ge- 
meinschaften der Fall sein mag, wo die Starken eine 
Menge Schwacher mit sich schleppen. In den martialischen 
kleinen Gruppen der Urzeit war das unmöglich, hier wurden 
die Kräfte aller zu sehr in Anspruch genommen, und außer- 
dem war die Stimmung zu ungebrochen. Jedermann war 
erfüllt von den Bedürfnissen des Ganzen, die Feigen und 
Elenden waren sehr verhaßt und wurden dementsprechend 
behandelt. Welch ein Glück, daß damals wenigstens und 
während vieler Jahrhunderte ein strenges Regime gehand- 
habt wurde. Wir hätten es nie bis zur Sentimentalität 



*) Vgl. Spencer, Principles of Sociology vol. 1, 1893: The pri- 
mitive Man p. 40— 92, und F. Schultze, Psychologie der Natur- 
völker, 1900, S. 36 ff. 



— 32 — 

gebracht, wenn unsere Ahnen nicht zur Härte gezwungen 
gewesen wären !^) 

Nicht nur die individuellen Tugenden wurden so ge- 
züchtet, sondern auch die-sozialen erfuhren in dieser Weise 
eine tiefgehende Verstärkung. Weil die Gruppe mit den 
schwachen Mitgliedern zugrunde gehen mußte, wurden auch 
alle diese Individuen ausgerottet, und zwar mußten mit dem 
Untergange einer an Schwachen zu reichen Gruppe immer 
eine größere Zahl derselben vernichtet werden, als beim 
Siege der starken Gruppe erhalten blieben, weil eine solche 
Gmppe natürlich an Schwachen arm war. So mußten die 
persönlich stark machenden Eigenschaften durch Gruppen- 
selektion sich heben und vermehren. Aber nicht allein solche 
Eigenschaften der Individuen machten den Stamm stark, 
sondern ebensowohl ganz andere, nämlich die, welche die 
einzelnen zusammenkitten, wie Treue, Achtung vor den 
Genossen, Selbstbeherrschung, und später Liebe zum 
Ganzen, Patriotismus. Ein Stamm mit lauter starken Mit- 
gliedern ohne diese Eigenschaften, ohne Zusammenhang also, 
mußte genau so wie ein aus schwachen Feiglingen bestehender 
zugrunde gehen. Die indirekte Selektion besorgte die Hebung 
dieser Eigenschaften, obwohl das Individuum an sich durch 
sie keine Verstärkung erfährt. So mußten die persönlichen 
wie die moralischen Qualitäten durch direkte und indirekte 
Auslese stets mehr gekräftigt werden.^) 

Aber viel weiter noch reichte das Gebiet der indirekten 
Selektion! Um im Kampfe bestehen zu können, verlangt 
die Gruppe noch andere Eigenschaften als solche, die an 
den Personen haften, sie selbst muß gewisse Qualitäten 
aufzeigen, die sie als neue Einheit stark machen. Mehr 



^) Vgl. zu allen diesen Ausführungen Bagehots noch immer 
wertvolles Buch Der Ursprung der Nationen, 1883, S. 49—93: Der 
Nutzen des Kampfes. 

*) Vgl. meinen Artikel „Les Selections indirectes ou coroliaires"» 
Ann. Institut Intern, d. Sociologie vol. 4, 1898. 



— 33 — 

als bei irgend einer anderen Veranlassung muß das Be- 
dürfnis einer guten Organisation sich im Wettbewerb der 
Gruppen empfindlich gemacht haben.^) 

Das zwingende Bedürfnis zu siegen muß fast mit gleicher 
Macht eine gute Regierung erwünscht gemacht haben.^) Eine 
kräftige Regierung und weitere Organisation können aber 
unmöglich improvisiert werden, sie sind nicht nur Ergebnisse 
vieler nicht immer angenehmer Erfahrungen, sondern auch 
nur als Ausflüsse bestimmter Charaktere denkbar. Ja, hier 
wie überall sind manche Erfahrungen ohne gewisse Eigen- 
schaften der Subjekte von vornherein unmöglich, ohne 
andere würden sie doch unfruchtbar bleiben. Es gehören 
hierzu an erster Stelle Eigenschaften, die im Besitze des 
ganzen Volkes sein müssen, und dann solche, die sich be- 
sonders bei den Regierenden vorfinden, und andere, welche 
die Regierten speziell auszeichnen müssen. Weil im Kampfe 
die schlechtestorganisierten Völker untergehen mußten, war 
es eine notwendige Folge, daß diejenigen Volkseigen- 
schaften, welche zur Organisation führten, durch indirekte 
Auslese eine erhebliche Förderung, die entgegengesetzten 
eine ebenso bedeutende Beeinträchtigung erfuhren. Außer- 



^) Die sonst tapferen Araber wurden im algerischen Kriege durch 
die Franzosen hauptsächlich darum besiegt, daß sie nur individuelle 
Heldentaten verrichteten, aber keine vereinten Anfälle ; vgl. Rambaud 
in „L' Armee ä travers les äges" vol. 3, 1902, p. 355. — Sehr richtig er- 
innert Von der Goltz, Das Volk in Waffen, S. 148, an Darwins 
Bemerkung, daß die Wilden vor allem deshalb den Truppen der 
Kulturvölker gegenüber schwach sind, weil sie einander gegenseitig 
nicht vertrauen und deshalb nicht eigentlich zusammenwirken. 

^) Headley, Problems of Evolution, 1900, p. 343 meint, daß 
auch jetzt die Möglichkeit der Kriege die staatliche Korruption zurück- 
halte und schreibt die der Vereinigten Staaten dem Mangel an Kriegen 
zu, die Tüchtigkeit der preuß. Regierung umgekehrt der stetigen 
Kriegsgefahr, S.344; nur diese soll die französische Republik imstande 
halten. — Ob es ein Glück, daß die Türkei durch die Eifersucht 
Europas vor Kriegen behütet ist? 

Steinmetz, 3 



- 34 — 

dem mußte das Streben nach der widerstandsfähigsten 
Organisation durch Übung aller Seelenkr&fte diese ge- 
kräftigt haben, soweit dies eben möglich.^) 

Abgesehen von dieser Entwicklung der zugrunde 
liegenden Eigenschaften, hat wohl nichts mehr zur Aus- 
bildung der Verfassung beigetragen als gerade die An- 
forderungen, die der Krieg stellte, y. Jhering und Ba- 
gebot haben dies seinerzeit yorzflglich dargestellt. ^ 
Von den primitiven Perioden gilt gewiß: ohne Krieg kein 
Staat! Die Regierung mußte gekräftigt und differenziert 
werden, Kriegshäupter entstanden, an die Verwaltung 
wurden immer höhere Ansprüche gestellt, der Staat mußte 
sich mit der Rechtspflege befassen, denn keine Kraft nach 
außen ohne Frieden im Innern. Nichts hat die Verstaat- 
lichung der Blutrache mehr gefördert als dieses zwingende 
Bedürfnis nach innerer Eintracht, und damit wurden erst 
die barbarischen Blutfehden beseitigt, das friedliche, ge- 
sittete Leben ermöglicht, die höhere Auffassung der Strafe 
vorbereitet. 

Man könnte hier füglich einwerfen: ohne die Aggressi- 
vität hätte es überhaupt keine Fehden, keine Rache gegeben ! 
Aber hiermit hätte man unsere Ausführungen vergessen. 
Jene waren unbedingt nötig, um die kleine Gruppe auszu- 
bilden, ja eigentlich um sie überhaupt entstehen zu machen. 
Man vergesse nur nicht die sehr geringe Kraft der damaligen 
Sympathie, und im allgemeinen nicht, daß die Menschen 



^) Die Fra^e nach der Erblichkeit erworbener psychischer 
Eigenschaften wurde leider noch gar nicht in Angriff genommen. 
Die psychische Erblichkeit selbst erhielt eine prächtige Förderung 
darch die Arbeiten von Hey m ans nnd Wiersma in Z. f. Psycho- 
logie 43. Bd. 1906. 

*) V. Jhering im Geist desröm. R. Bd. I S. 245 ff., besonders S. 
262 ff. über den kulturhistorischen Einfluß der militärischen Disziplin 
auf das römische Volk: „Ein Volk, das etwas Großes erreichen will, 
bedarf der militärischen Erziehung"; S. 263: der Krieg lehrt Ordnung. 



— 35 — 

waren, wie sie nun einmal waren und nicht wie wir sie 
gern gesehen hätten. 

Dieses ganze Staatsleben nach allen seinen Seiten 
hatte aber noch ganz andere Folgen als eben die Erfüllung 
der Aufgaben, wofür es geschaffen wurde. Fast ebenso 
hoch möchte ich seine erzieherische Wirkung anschlagen. 
Es würde uns zu weit führen, dies im Detail durchzugehen, 
ich möchte es nur in wenigen Worten zusammenfassen. 
Verwaltung, Rechtspflege, Heer lehrten alle Gehorchen, 
Disziplin, Zusammenwirken, Unterwerfung unter höhere 
Zwecke, und zwar mit viel größerem Nachdruck als alle 
anderen erzieherischen Agentien, eben weil am Ende der 
Krieg diesen Nachdruck verlieh. Und hiermit wurde das 
ganze höhere Kulturleben mit allen höchsten Leistungen 
des gesellschaftlichen Wirkens vorbereitet. Wie der ver- 
schrobene Unsinn der Scholastik den europäischen Geist 
zu der wissenschaftlichen Arbeit der Neuzeit vorbereitet 
hat, so konnten wir nur durch Rache und Fehde hindurch 
zu unserer heutigen intensiven Kooperation gelangen. Das 
menschliche Geschlecht brauchte nun einmal eine ganz 
andere Erziehung, als unsere Pädagogen sie für unsere 
Jugend träumen, die wirkliche Erziehung derselben durch 
das Leben gleicht der der Menschheit in ihren weiten Um- 
wegen und kostspieligen Opfern gewöhnlich mehr. Die 
regelrechte Schnellerziehung ist wohl die weniger nach- 
drückliche und dementsprechend die weniger erfolgreiche! 

Auf allen diesen verschlungenen Wegen führte der 

Krieg die minimale Sympathie, die ursprünglich zwischen 

den Menschen herrschte, zur maximalen hinüber. Die 

marxistischen Geschichtsphilosophen bilden sich ein, daß 

die Arbeitsteilung, das Bedürfnis gegenseitiger Hilfe der 

Kitt der primitiven Gesellschaft gewesen seien, dieselben 

waren aber damals und noch lange nachher viel zu gering, 

um diese schöne Rolle spielen zu können; mit alleiniger 

Ausnahme des Krieges konnten die Leute allein oder im 

3* 



- 36 — 

kleinsten Kreise viel zu gat aaskommen, am einer größeren 
Gesellschaft zu bedürfen, erst viel später ffihrten die wirt- 
schaftlichen Faktoren die Menschen zusammen . 

Hier aber hört die Fährerrolle des Krieges gar nicht 
auf. Unter seinem Einflasse and dem seiner grandlegenden 
Eigenschaft, der Aggressivität, hatten sich die Menschen 
za festgefügten selbständigen Qrappen gebildet, die in der 
Hauptsache ein isoliertes Leben führten. Die natürliche 
Folge davon war die Entwicklang des Selbstbewußtseins 
dieser Gruppen, und die der besonderen Gruppencharaktere. 
Psychische Erblichkeit, Isolierung, verschiedene geogra- 
phische Umstände, die aus den dreien sich ergebende ver- 
schiedene Geschichte mußten andersgeartete Volkscharaktere 
zur unausbleiblichen Folge haben. Die geographische Ver- 
schiedenheit wurde durch die Migration gefördert, die selbst 
manchmal eine Folge des Krieges war. Hauptbedingang 
war aber die Isolierung, die Trennung der Völker. In 
einem späteren Abschnitte werde ich näher auf die prinzi- 
pielle Bedeutung dieser Isolierung für den ganzen Mechanis- 
mus der Kulturentwicklung eingehen, vorderhand möchte ich 
nur darauf hinweisen, daß diese reiche Fülle in ihrer Ver- 
schiedenheit vollausgebildeter Völker wohl in sehr bedeutender 
Weise zur Entfaltung der höheren Kultur beigetragen hat. 

Ohne Aggressivität und Krieg keine Isolierung, ohne 
diese keine Durchbildung der Eigenart, denn nur in der 
Trennung von anderen, nicht im ewigen Hinüberfließen 
kann ein Charakter sich entwickeln, und keine kräftigere 
Stütze gibt es hierbei als gerade den Kampf mit den 
anderen, die Anstrengung, sich selbst aufrechtzuhalten. 
Genau wie in der Ausbildung des Individuums der Kampf 
um die Selbsterhaltung, mit anderen kräftigen und aggres- 
siven Individuen geführt, unendlich nützlicher ist als 
das friedliche Zerschmelzen in andere Weichlinge, genau 
so verhält es sich im Völkerleben. Reichtum des Ganzen 

k 

ist nur möglich bei reicher Entwicklung aller zusammen- 



— 37 — 

setzenden Teile. Zusammenschmelzung der ganzenMenschheit 
war im Anfang, wie wir gesehen haben, unmöglich, sie wäre 
aber auch zum allergrößten Nachteile für die weitere Ent- 
wicklung gewesen. 

Erst viel später, als die Völkerindividualitäten sich in 
der Sonderung ausgebildet hatten, war es der Krieg, der 
sie wieder zusammenfügte. Wie anders waren aber jetzt 
die Folgen ! Sehen wir sie uns einmal auf einem besonderen 
Gebiete an. Die getrennten Völker hatten alle ihre be- 
sonderen Götter entwickelt. Hätten sie immer alle ein 
Ganzes gebildet, so hätten sie auch alle dieselben Götter 
gehabt, jedenfalls wären ihre Götter im Eange einander 
gleich geblieben, hätte es keinen Grund zur Konsolidation, 
zur höheren Vereinigung gegeben, die jetzt mit der Er- 
oberung einiger ihrer Anbeter durch andere gegeben wurde, 
und deren Folge die Hierarchie der Götter in den Gesamt- 
staaten war, aus welcher sich endlich der Monotheismus 
ergeben mußte. Die Menschheit hätte es sicher ohne 
Aggressivität, Sonderung, Kampf, Unterordnung der Völker 
nie zu höheren Religionen gebracht. 

In derselben Weise wurden die großen Völker gebildet. 
Als die ganz kleinen Einheiten ihre erzieherische Wirkung 
erfüllt hatten, brauchte die Menschheit zu ihrer weiteren 
Entwicklung der größeren Zusammenballungen. Die Habsucht 
der Völker, ihre Gier nach Land und Gütern aller Art, die 
Herrschsucht der Fürsten war die Veranlassung zahl- 
loser ünterwerfungskriege, deren Folgen man nur nicht 
nach diesen Gelegenheitsgründen beurteilen soll. Die Re- 
sultate, nach deren Wert für die Weltgeschichte sie allein 
beurteilt werden dürfen, waren erstens die von uns schon 
geschilderte Auslese, und zweitens die Bildung größerer 
Reiche. Allerdings für den optimistischen Geschichtsphilo- 
sophen ist ♦das letzte gar kein Verdienst, ohne die ent- 
setzlichen Kriege wären die großen Völkerverbindungen 
wohl auch zustande gekommen, meinen sie, wohl nur durch 



— 38 — 

die inhärente Verbrüderungssucht der Menschen. Sie ver- 
gessen dabei, daß diese Neigung in diesem Stadium keine 
sehr große war und durch die Nichterfüllung ihrer psy- 
chischen und kulturellen Bedingungen auch keine große sein 
konnte. Zu diesen Bedingungen gehörte die höhere geistige 
Entwicklung der Menschheit, nicht allein die intellektuelle^ 
sondern besonders die emotionelle: die Menschen waren noch 
gar nicht fähig, größere Massen mit ihrem Denken und 
Fühlen zu umfassen. Die abstrakte Ethik der Moralisten 
und Philosophen hat uns dran gewöhnt, die moralische 
Befähigung der jeweiligen Menschen als Idealgummi zu 
betrachten, dem alle Anforderungen, die dem Philosophen 
eben einfielen, mit Erfolg gesteUt werden könnten. Da 
experimentelle Neigungen diesem ebensowohl als eigent- 
licher moralischer Ernst fehlten, fiel es ihm nie ein, einmal 
nachzusehen, ob die hohen Anforderungen denn auch tat- 
sächlich erfüllt wurden, worauf einem realen Menschen 
gerade alles angekommen wäre. Jenem aber genügte die 
erhabene Forderung, er moralisierte mehr zu eigenem Ver- 
gnügen als der armen Menschheit zu Willen. Die war ihm 
offenbar ein viel zu niedriges Objekt. 

Die andere Bedingung des Zusammenschlusses einer 
größeren Menschenzahl sind der intensivere Verkehr und 
die Arbeitsteilung gewesen, diese konnten sich aber erst 
nach der vorläufigen Vereinigung entwickeln. Der Trieb 
hierzu fehlte, die Kenntnis von den nachträglichen guten 
Folgen ebenso. Eine ganz andere Kraft mußte da die 
Menschen zusammenschweißen und so lange zusammen- 
halten, bis die Bedingungen erfüllt, das eigene Verlangen 
nach Vereinigung entstande'n war. 

Diese Kraft, eine von den vielen, die das Böse wollen 

/ und das Gute schaffen, war die Eroberungssucht. Diese 

gab wahrlich ein kräftiges Motiv in der Menschenseele 

ab, und darum war es zunächst zu tun. Ein kräftiges 

niedriges nützte unendlich viel mehr als ein kraftloses hohes 



— 39 — 

Motiv, selbstverständlich, aber man vergißt es doch 
immer. 

Wir können uns hier auf die Zeugnisse der Historiker 
berufen, die, jeder für sein Gebiet, zu demselben Schlüsse 
gekommen sind, und gerade das gibt ihnen eine große 
Wahrscheinlichkeit. Wellhausen spricht sich gleich ganz 
allgemein aus: „Der Krieg ist es, was die Völker macht." ^) 
Die zerstreuten Niederlassungen der Phönizier wurden 
durch die Gefahr, welche ihnen von der hellenischen Seite 
her drohte, bewogen, sich um Karthago zu einem Staate 
zusammenzuschließen, jedenfalls wurde Karthago das Werk 
der Einigung dadurch wesentlich erleichtert.*) In der 
Geschichte Japans finden wir dasselbe. Sie „beginnt mit 
der Zeit des Kampfes des Yamatostammes um die Herr- 
schaft über Japan. Das durch diese Kämpfe gegen fremde 
Stämme und gegen das Ausland gesteigerte Stammesbewußt- 
sein und die daran sich knüpfende Weckung der gesamten 
Sp9.nnkraft haben mit der Zeit die Yamatos befähigt, ein 
Herrschervolk zu werden, und bereiteten den Weg zur 
Entstehung des japanischen Staates vor." *) Genau so soll 
sich in Frankreich das nationale Gefühl erst im hundert- 
jährigen Kriege gebildet haben, wodurch der französische 
Staat bedeutend gekräftigt wurde.^) Ich brauche kaum 
darauf hinzuweisen, daß die leider ungenügende Einheit, 
die sich in der Republik der Vereinigten Niederlande fand, 
dem achtzigjährigen Kriege mit Spanien zu verdanken war, 
genau so wie die deutsche Einheit erst im Kampfe mit 
Frankreich, und nicht allein in dem letzten, zustande kam* 



\ 



^) Wellhausen, Israelitische und Jüdische Geschichte, 1901, 
S. ^ 

«) J. Beloch, Griechische Geschichte, 1893, Bd. 1 S. 187. 

') Tokuzo F u k u d a , Die gesellschaftliche und wirtschaftliche 
Entwicklung in Japan, 1900, S. 4; vgl. dazu Nach od, Geschichte 
von Japan Bd. 1, 1906, S. 100. 

*) A. Coste, L'Experience des Peuples, 1900, p. 137. 




— 40 ~ 

Die neueste Zeit hat hierin also keine Veränderung ge- 
bracht, wie noch dadurch bestätigt wird, daß auch die 
Buren nicht vor dem ersten Kriege mit England das 
Bewußtsein ihrer Volkseinheit gewannen.^) 

Wie der große siebenjährige Krieg eigentlich das König- 
reich Preußen und das preußische Nationalgefühl gebildet 
hat, ist allbekannt, aus einem Aggregat von Provinzen 
und Provinzensplittern machte er ein einheitliches Gemein- 
wesen, oder legte er wenigstens ein Fundament zu 
diesem Bau.*) 

Umgekehrt wurden das alte Ägypten, Rom, China bald 
altersschwach, als sie nicht länger mit gleichwertigen Feinden 
zu kämpfen hatten. 

Ich glaube, Fairbanks hat vollständig recht, wenn er, 
nachdem er an die Einigung Nordamerikas durch die Revo- 
lution vom Jahre 1776 erinnert hat, folgenderweise schließt: 
Auch die Menschen einer Rasse erkennen ihre angeborene 
Gleichheit nur, nachdem sie dieselbe kennen gelernt haben; 
erst der äußere Zwang führt zur festeren Einigung. Er 
erhebt sich sogar zu dem allgemeinen Gesetze: jede Form 
des Kampfes hat zur Folge, eine größere oder kleinere 
Gruppe zum festeren Zusammenschlüsse zu bringen.*) 

Eine bloß trennende, brüdermordende Macht ist der 
Kampf also wohl nicht, im Gegenteil, er führt die sich 
bisher verkennenden Brüder zusammen. Erst Alexanders 
Eroberung gab den Ländern der alten Kultur eine all- 
gemeine Sprache, eine lingua franca, und damit erhielten 
alle das Verlangen, der gemeinsamen Kultur teilhaftig, 
in die große Einheit aufgenommen zu werden. Es war 
kein geringer Gewinn, wie Mahaffy bemerkt, jeden- 
falls eine Tatsache von ungeheueren Folgen, daß Paulus 

*) Jorissen, Transvaalsche Herinneringen, 1897. 
-) Vgl. R. Koser, König Friedrich der Große Bd. 2, 1900, S.331, 
334, und Lehmann, Freiherr von Stein Bd. 2, 1903, S. 12, 13. 

8) A. Fairbanks, Introduction to Sociology, 1899, p. 72/73. 



— 41 — 

in der griechischen Sprache predigen konnte vor Juden, 
Ägyptern, Griechen, Römern. Mit dem Griechischen konnte 
man von Gades bis nach Ceylon kommen.^) Und haben 
die Römer mit ihren Kriegen, vor allen Cäsar, nicht die- 
selbe Aufgabe für Europa erfüllt? Rom hat zweifelsohne 
die spätere Allgemeinherrschaft der römischen Kirche vor- 
bereitet, die während eines Jahrtausends der einzige kräftige 
Kitt der europäischen Völker war. Nur in dieser Periode 
besaß Europa eine lingua geral, das Lateinische, und die 
verdankte es ebenfalls der römischen Weltherrschaft. Wie 
lange hätte es dauern können, ehe der Handel und der 
friedliche Verkehr dasselbe zuwege gebracht hätten? Man 
vergleiche bloß den Kultureinfluß des kriegerischen Roms 
mit dem des friedlichen Karthago ! ^) 

Vor kurzer Zeit würde der Hinweis auf die staaten- 
bildende Tendenz des Krieges an sich genügt haben, wie , 
großen Wert man weiter dem Argumente auch noch beimessen 
wollte. Der Staat galt damals als ein unantastbar wert- 
volles Gut, die Anarchisten der Theorie, die viel zahlreicher 
sind als man meint, und die Kosmopoliten habeif das 
geändert.^) Ich möchte das nicht bedauern, es ist eine Ver- 
anlassung, Worte einmal wieder durch Begriffe zu ersetzen. 
Also der Vorteil der größeren Reiche für die Menschheit 
und die Kulturentwicklung! Ich könnte die Sache kurz 
abfertigen, indem ich sagte : Alles was die soeben genannten 
Träumer von dem Menschheitsstaate erwarten, das wurde in 
den größeren Staaten, soweit es eben zur Zeit möglich, 
bereits zur Realität. Keine Kleinigkeit fürwahr ! Wirtschaft- 



^) J. P. M a h a f f y , The Progress of Hellenism in Alexander's 
Empire, 1905, passim. 

2) Headley, Problems of Evolution. 1900, p. 342, 356. 

^) Ein prächtiges Beispiel von vollständiger Verkennung der 
Bedeutung des Staates bietet J. M. Robertson, in mancher Be- 
ziehung ein sehr verdienstvoller Schriftsteller, in seinem „ Patriot ism 
and Empire*". 



— 42 — 

lieh, politisch, geistig entstand hier eine wirkliche, lebendige 
Einheit, dadurch, daß die Lente in allen diesen Beziehungen 
miteinander zusammentrafen und zusammenwirkten, einander 
wahrhaftig kennen und verstehen lernten. So wurden sie sich 
ihrer Einheit bewußt, indem dieselbe zur nfitzlichen Realität 
wurde. Durch die harten und derben Mittel dieser Realpäda- 
gogik wurden eine sehr große Anzahl Menschen zu wirk- 
lichen Grenossen, von denen der eine das Leid des anderen 
mitempfand. Zugleich hob die Bildung der größeren Reiche 
die im vorhergehenden Stadium noch notwendigen Entwick- 
lungsopfer auf, die kleineren Gruppen kamen zum Frieden, 
sie durften jetzt dazu kommen, weil die Kriege der 
großen Staaten genügten; wir werden später sehen, 
warum. 

Die Ersetzung der Fehden kleiner und ganz kleiner 
Gemeinschaften durch die Kriege größerer war von erheb- 
licher Bedeutung, weil die größeren Verbände nicht so 
leicht durch Kriegswut ergriffen und hingerissen wurden: 
die Zahl der bei der ursprünglichen Veranlassung Be- 
teiligen war ja eine viel kleinere. Die Häufigkeit der 
Kriege nahm also ab, die Gemüter waren nicht so heftig 
dabei interessiert. Die Vergrößerung der kämpfenden 
Gruppen, die Vergrößerung der Kriege selbst war also 
doch ein Schritt in der Richtung der Pazifikation.^) 

Nicht allein die ganz großen Reiche zeigten diese 
Vorteile, vielleicht wurden sie in diesen sogar am meisten 
durch die inhärenten Nachteile der Riesenreiche kompensiert, 
sondern alle Staaten von den kleinsten aufwärts, die über 
die ursprünglichen Stammstaaten hinausgingen. Welche 
Größe nun gerade die vorteilhafteste war, läßt sich nicht 
im aUgemeinen bestimmen, das hing von den geographischen 



^) In meinen Ethnologischen Studien zur ersten Entwicklung der 
Strafe Bd. 2 S. 130 ff. habe ich zn zeigen versucht, daß die Fehden 
den kleinen Gruppen viel schädlicher sind, ja sie manchmal ganz 
aufreiben. 



— 43 — 

Umständen ab.^) Sie alle waren, wenn auch in verschiedenem 
Grade, höhere Organisationen mit allen Vorteilen derselben. 
Weil infolge des nun einmal erreichten psychischen 
Niveaus das ganze menschliche Geschlecht nicht zu einer 
lebendigen Familie werden konnte, kam hier die jeweilig 
mögliche weiteste Annäherung daran zustande. Mit blutigen 
Opfern, durch Gewalt und Zwang, gewiß, aber beruhten 
die anderen Familien auf idyllischerer Grundlage, oder auf 
Raub- und Kaufehe ? Die damals zur Verfügung stehenden 
Menschheitserziehungsmittel waren eben keine sehr lieb- 
lichen. Die so gegründete Individualfamilie erfüllte dennoch 
ihren Zweck und hat zweifelsohne die Menschheit zu einer 
höheren Stufe hinaufführen geholfen, genau dasselbe muß 
meiner Überzeugung nach der Volksfamilie, dem größeren 
Staate nachgerühmt werden. 

Machen wir uns noch einmal ganz klar, wie sich die 
Menschheit entwickelt haben müßte, wenn der Krieg und 
die Eigenschaften, die notwendig zu ihm führen mußten, 
von Anfang an gefehlt hätten ? ^as hätte aus dem feigen, 
sich nicht erhaltenden, nicht emporstrebenden Geschöpfe 
werden können? Menschen hätte es nicht angegriffen, 
gegen Tiere hätte es sich nicht verteidigt, die Bäume / 
wären wohl auf ewige Zeiten seine Zuflucht geblieben !| 
Und doch war die Bedingung zum Menschwerden das 
Hinuntersteigen auf die Erde, ohne das wäre der Urmensch 
ewig Urmensch geblieben. Aber denken wir uns ihn bereits 
ein bißchen weiter entwickelt, zum Menschen geworden, 
obwohl das, wie gesagt, ohne Hilfe des Kampfes und der 
ihn bedingenden Eigenschaften eigentlich schon unmöglich ! 
Der Sporn zur Gruppen-, ja sogar zur dauerhaften Familien- 
bildung wäre viel, sehr viel schwächer gewesen. Denn 
wir dürfen nur nicht vergessen, und deshalb wage ich 



^) Vgl. Schneider, Die großen Reiche, 1904, über die Be- 
dingungen ihres Werdens, S. 51ff. 



— 44 — 

nochmals es zu wiederholen, daß der primitive Mensch auf 
jeden Fall ein beschränkter Egoist geblieben wäre, weil 
die Bedingungen des Altruismus nun einmal nicht erfüllt 
waren; der Urmensch, wenn auch nicht aggressiv, wäre 
dennoch jedenfalls stumpf, träge, gedankenlos gewesen!^) 

Die Gmppe hätte er wohl nie gekannt, jedenfalls 
wäre sie ohne den festen Kitt des Kampfes schwach ge- 
blieben, zur Menschheit, zur allgemeinen Sympathie hätte 
er sich gleichwohl nicht erhoben. Alle die sehr realen 
Vorteile der Sonderung, der Übung im Zusammenleben 
innerhalb enger Grenzen wären ihm in jedem Falle ent- 
gangen. Im Fühlen wie im Denken wäre er ein Sttimper 
geblieben. 

Der Gewinn war also die ganze Kultur, alles, was 
uns von ziemlich niedrigen Tieren unterscheidet, — aber ich 
gestehe, der Preis ist ebenfalls ein ungeheuer hoher ge- 
wesen. Wie unendlich viel Leid wurde den Menschen 
durch das Bachebedflrfnis allein schon zugefügt! Aber die 
Eache war unvermeidlich, wenn Angriffe möglich waren, 
d. h. wenn der Mensch mit Mut, Hunger und Selbstgefühl 
beseelt war. 

Eigentlich ist die ganze Frage eine verkehrte: 
der Mensch wie er nun einmal war, war aggressiv, er 
griff an, er war egoistisch und grausam, wir haben bloß 
zu erkennen, wie er durch die Wirkung dieser Eigen- 
schaften selbst zu ihrer teil weisen Überwindung kam. 
Eine andere Einsicht, die wir hierbei gewinnen, ist diese : 
die Sympathie, der Altruismus konnten sich nur innerhalb be- 



^) Wie auch von Th. L i p p s , Die ethischen Grundfragen, 1905, 
S. 34 anerkannt wird : die Entwicklung der altruistischen Wertgef ühle 
sei abhängig von der Entwicklung der Beziehungen zwischen den 
Individuen. Nur beruht der Gedanke an Beziehungen zwischen 
Individuum und Menschheit wohl nicht auf den Tatsachen: bei 
zahllosen Primitiven bedeutet der eigene Stammesname: Mensehen, 
nur die Genossen kennen und erkennen sie als Menschen an. 



— 45 — 

stimmter Organisationen, nicht zwischen lockeren, unver- 
bundenen Individuen entwickehi. Sie können ja nie etwas 
anderes als ein Gleichgewicht zwischen den Individuen 
und ihren notwendigen Ansprüchen darstellen, und dieses 
Gleichgewicht konnte erst allmählich gefunden werden, 
um so mehr, weil es selbst von den jeweiligen Verhältnissen 
vollständig abhängig, durchaus keine feststehende Größe war. 
Es bedeutet also nichts, daß unsere Phantasie voll- 
ständig unfähig ist, einerseits die Vorteile der Kultur- 
förderung, andererseits die durch die Aggressivität und 
den Krieg verursachten Leiden gegeneinander abzuwägen. 
Der Mensch, wie er war, mußte mit Gewalt angreifen 
und sich behaupten, er mußte notwendig, unausbleiblich 
Krieg fähren, und gerade hierdurch mußte er sich zur 
höheren Gesittung erheben. Er hat sich dais nicht gewählt, 
so wenig wie wir, die Kultur war ,nicht seine Vorliebe,, 
sondern sein Verhängnis. 



3. Kapitel. 

ie Nachteile des Krieges. 

Bevor wir uns klar zu machen versachen, was die 
kultnrelle Funktion and damit die Berechtigung des Krieges 
in unserer Periode sein kann, ist es gut, daß wir erst den 
furchtbaren Schäden des Krieges in die Augen sehen. Bei 
einer solchen Erscheinung ist es ja selbstverständlich, dafi 
wir nie mehr tun können, als Vorteile gegen Nachteile ab- 
wägen. Zwar sind die Kosten des Krieges in der letzten 
Zeit häufig zusammengezählt worden und wohl jedem gegen- 
wärtig, aber dennoch scheint es nicht überflüssig, sie 
nochmals ohne Übertreibung und ohne Schönmalerei uns 
vorzuführen. Es drängt uns förmlich dahin, wir können 
über diesen gewaltigen Gegenstand nicht sprechen, ohne 
uns seine Nachtseite recht deutlich, scharf beleuchtet vor- 
zustellen, sonst käme unsere eigene Untersuchung uns als 
eine Verteidigungsrede vor, was sie in keiner Weise 
sein will. 

Wir wollen jetzt den Hintergrund, das Gegengewicht 
zu unseren Betrachtungen gewinnen. Durch dieses und 
die folgenden Kapitel werden wir auch einen tieferen 
Einblick in das Wesen des modernen Krieges erwerben: 
wir werden nicht aUein erfahren, was er direkt verursacht, 
auch über seine indirekten Folgen werden wir nicht im 
unklaren bleiben. Die Kräfte, die sich gegen ihn erheben, 
werden wir kennen lernen und auf ihre Stärke prüfen, 
w^ir woUen dem Krieg den Prozeß machen; so sind wir 



— 47 — 

schließlich am besten befähigt, unser Urteil über ihn zu 
fällen. 

Um tiefer in unseren schmerzlichen Gegenstand ein- 
zudringen, müssen wir das ungeheuere Leid des Krieges 
in seine Komponenten zerlegen. Die verschiedenen Opfer, 
die er auferlegt, wollen wir gesondert betrachten. Unsere 
spezielle Absicht wird dabei sein, aus den erschreckenden 
Deklamationen und nebelhaften Vorstellungen heraus und 
zu einem möglichst genauen Kriegsbudget im weitesten 
Sinne zu kommen. Wir wollen genau wissen, wie hoch 
alle die Opfer sind, wir wollen sie gar nicht unterschätzen, 
aber wir möchten uns auch nicht erschrecken lassen; wir 
werden uns anstrengen festzustellen, ob sie tatsächlich so 
ioch sind, als die Friedensprediger uns einreden wollen. 



§ 1. 
Die beabsichtigten Menschenopfer. 

Betrachten wir zunächst unsere Zeit. 

Über den ersten mit modernen Hilfsmitteln ausge- 
f ochtenen Völkerkampf zwischen Russen und Japanern kamen 
mir leider noch keine genauen Ziffern zu Gesicht.^) Der 
Burenkrieg, obwohl sehr bedeutsam als Symptom für die 
tatsächlich erreichte Höhe der Kriegsmoralität und als 
solches unten von uns gewürdigt, ist zu wenig typisch, um 
uns hier zu interessieren. Dasselbe, genau dasselbe gilt 
für den Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten 
sowie für den zwischen Spanien und Cuba, über den russisch- 
türkischen wurden mir wieder keine genauen Zahlen be- 



^) W. Fischer, Die Greuel des russisch- japanischen Krieges 
S. 135, gibt die russischen Verluste mit 450000 Toten und Verwundeten 
an, die japanischen mit 250000, es sind die Toten hier nicht von 
den anderen getrennt, und eine Gewähr für die Richtigkeit der 
Zahlen besitzen wir gar nicht. 



— 48 — 

kannt. Wir kommen so zu dem deutsch-französischen 
Kriege als erstem uns genau bekannten Falle. Allerdings 
wird der Zukunftskrieg ihm in mancher Beziehung sehr 
unähnlich sehen: die Hilfsmittel waren noch keine so ge- 
waltigen, und andererseits waren die therapeutischen und 
hygienischen Verhältnisse schon aus dem einen Grunde, 
daß damals die Antisepsis noch unbekannt, viel schlechtere, 
als sie in der Zukunft voraussichtlich sein werden. Über 
den künftigen Krieg werden wir uns unten näher aussprechen. 

Der Gesamtverlust der deutschen Heere im Kriege 
von 1870/71 betrug: 24 031 Tote und 89 728 Verwundete, 
zusammen mit 14138 Vermißten 127 897 Mann, von denen 
schließlich 40 881 als Tote blieben, das heißt 1 von Tausend 
der im Jahre 1871 ermittelten Bevölkerung Deutschlands oder 
2,03 von Tausend der männlichen Bevölkerung.^) Von Bloch 
gibt ohne weiteres eine Gesamtverlustzahl von 127,897 an,^ 
wobei die Toten mit den Verwundeten zusammengerechnet 
sind, was nur verwirrend wirken kann. Allerdings bleiben 
manche der Verwundeten zeitiebens Krüppel, zur Arbeit 
wie zum Lebensglücke gleichmäßig unfähig, ihren Ange- 
hörigen zur wachsenden Last. Aber wir dürfen ebensowenig' 
vergessen, daß unter den Verwundeten auch manche mit 
gar leichten Verletzungen angegeben werden, die keinen 
weiteren Schaden davontragen. Besonders bei unter- 
liegenden Armeen wird die Zahl derjenigen, die sich jetzt 
als verwundet beurlauben lassen, unter anderen Umständen 
tapfer weitergekämpft hätten, unkontrollierbar groß sein. 

Lagneau nennt die französischen Verluste im Kriege 
von 1870/71 unbekannt, er rechnet aber einen Gesamt- 



^) E. Engel, Beiträge z. Statistik des Krieges von 1870/71, in 
Zeitschr. d. königl: preuß. Statist. Bureaus 1872, S. 27 u. 293; 
Levasseur, La Population fran^aise vol. II, 1891, p. 141 gibt etwa» 
höhere Zahlen. 

«) Von Bloch, Der Krieg Bd. VI, S. 170. 



— 49 — 

Verlust in der Armee von 139 000 Toten und 143 000 Ver- 
wundeten zusammen.^) 

Der ganze Krieg hätte also an französischen und 
deutschen Toten eine runde Zahl von 180 000 Mann ge- 
kostet. Berndt bestreitet aber die Eichtigkeit der hohen 
französischen Berechnung und warnt überhaupt vor der 
Neigung diese Zahlen zu hoch anzugeben.^) 

Im preußisch-österreichischen Kriege von 1866 verloren 
die preußischen Armeen 2910 Mann an Toten und 15 554 
an Verwundeten.*) Es starben aber außerdem an Krank- 
heiten 6427 Mann, während von den Verwundeten noch 
1519 Mann starben. Nach der verbesserten Statistik be- 
trug die ganze Verlustzahl an Toten 10 877.^) Die öster- 
reichischen Verluste waren gewiß bedeutend größer. 

Im italienischen Kriege beti'ugen die französischen, 
italienischen und österreichischen Verluste zusammen an 
Toten 8963 und an Verwundeten 48 125 Mann.^) 

Der Krimkrieg soll insgesamt 175 000 Tote und Ver- 
wundete gekostet haben.*) Nach Berndt verloren die 
Westmächte an Toten im Kampfe zusammen 17 200, es 
starben ihnen aber an Krankheiten 69 200 Mann, bei den 
Eussen wurden 21 000 getötet, ihren Wunden erlagen 
14 700 und an Krankheiten starben hier 37 500 Mann.') 

Diese vier Kriege waren gewiß die bedeutendsten und 
verlustreichsten in der zweiten Hälfte des neunzehnten 
Jahrhunderts in Europa, obwohl noch manche andere aus- 



^) Lagneau, Les GoDsequeoces des Guerres, in Seances etTra- 
vaux de TAcademie des Sciences Morales et Politiques 1892, p. 487 ; 
Levasseur 1. c. rechnet etwas niedriger. 

3) Berndt I.e. S. 141. 

») E n g e 1 ibidem, 1866, S. 230. 

*) Engel ibidem, 1867, S. 159. 

^) Levasseur 1. c. p. 140 nach Chenu. 

^) Ibidem. 

') Berndt I.e. S. 139. 
Steinmetz. 4 



— 50 — 

gefochten wurden. Wenn wir annehmen, dafi im preußisch- 
österreicliischen Kriege anf die österreichiscbe Seite etwa 
dreimal so viel Tote kamen als anf die preußische, wie 
wir nach dem Verlustverhältnisse in der Schlacht von 
Sadowa ungefähr tun dürfen,^) und daß die Toten im 
Erimkriege ein Drittel des Gesamtverlustes ausmachten, so 
haben die genannten vier E^riege zusammen 284 721 Tote 
gekostet I 

In der ersten Hälfte des Jahrhunderts wurden nicht 
viele Kriege außer den gewaltigen der ersten 15 Jahre 
geffihrt. Genaue Statistiken über die Verluste gibt es 
nicht, die Schätzungen verschiedener Schriftsteller ergeben 
aber die ungeheuere Zahl von 3 000 000 für ganz Europa.^ 
Diese Zahl soll aber nicht allein die ins neunzehnte Jahr- 
hundert fallenden Kämpfe betreffen, und manche der 
blutigsten Schlachten Napoleons wurden doch noch im acht- 
zehnten Jahrhundert geliefert. Dire Verluste müßten also 
noch in Abzug gebracht werden. 

Es wurden weiter im verflossenen Jahrhundert noch 
manche bedeutende Kriege durch Kulturvölker außerhalb 
Europas geführt, wie der sehr hJutige zwischen den Nord- 
und Südstaaten der Vereinigten Staaten, die englischen 
Kolonialkämpfe und die Hollands, besonders der Sepoy- 
Aufstand, der verlustreiche Ringkampf Frankreichs um 
Algerien, Hinterindien und Madagaskar, die Kriege Ruß- 
lands in Zentralasien, die ihm so große Verluste brachten, 
der russisch-türkische Krieg und die Kämpfe der Balkanvölker 
gegen die Türken, und noch so manche andere! Leider 
wurden mir keine Zusammenstellungen ihrer Verluste bekannt. 
Wir besitzen aber eine solche für die Periode zwischen 
1813 und 1863, die als relativ friedlich gelten darf. 

^) Ibidem. 

*) Lagneau 1. c. p. 488 und Levasseur 1. c. p. 140; Berndt 
1. c. S. 140 hegt auch hier ,,stille Zweifel", daß die Zahlen zu hoch 
gegriffen wurden. 



— 51 — 

Hansuer schätzt die Einbuße an Menschenleben für diese 
Periode in 113 von Europäern geführten Kriegen auf 
2 148 000 Europäer und 614 000 Nicht-Europäer. Diese 
Zahl kommt mir jedoch überraschend hoch vor, und wenn 
wir die von ihm gegebene Verlustzahl für den Erimkrieg 
von mehr als einer halben Million mit der oben nach 
L e vasseur mitgeteilten von 175 000 Toten und Verwundeten 
vergleichen und seine Zahl von 200 000 für die beiden 
italienischen Kriege mit der obigen nach derselben Autorität 
für den letzten italienischen Krieg berechneten, von rund 
9000 Toten, und wenn wir dazu der Bern dt sehen Kritik 
eingedenk sind, so werden wir zu der Ansicht gedrängt, 
daß Hausner jedenfalls alle Verwundete als endgültig ver- 
loren mitgezählt und wohl auch außerdem gehörig über- 
trieben hat.^) 

Ich glaube, wir sind jetzt einigermaßen befähigt, eine 
allgemeine Schätzung der Kriegsverluste an Menschenleben 
zu beurteilen. Der gewiß geistreiche aber phantastische und 
überall kritiklose De Lapouge kommt für die gebildeten 
Völker auf den Gesamtverlust von 13 Millionen offiziell 
anerkannten Toten*) im 4 9. Jahrhundert. Diese Zahl scheint 
mir aber, verglichen mit den obengenannten mehr sicheren 
Zahlen, ganz ungeheuerlich übertrieben. Wenn er sich nun 
aber auf einmal zu der Zahl von 40 Millionen für die Verluste 
per Jahrhundert versteigt, vergißt er, daß die Gefechte der 
Barbaren und Wilden manchmal weniger blutig sind als 
die unsrigen, und verliert er außerdem ganz aus den Augen, 
daß die Bevölkerung nicht nur Europas, sondern der ganzen 
Erde in früheren Zeiten bedeutend geringer gewesen 
sein muß.') 



^) A. von Oettingen, Moralstatistik, 1882, S. 732. 

^) De Lapouge, Les SelectioDs Sociales, 1896, p. 221/23. 

*) Vgl. Bei ochs Studien in der Zeitschr. für Sozialwissenschaft 
1899 und 1900: Die Bevölkerung im Altertum und Die Bevölkerung 
Buropas im Mittelalter. 

4* 



— 52 — 

Ebenso leichtfertig nimmt Tolstoi für unser Jahrhun- 
dert die Zahl von 30 Millionen im Kriege (Gestorbenen an.^> 

Ich möchte mich selbst an keine Schätzung wagen^ 
unten werde ich eine ganz andere und sicherere Veran- 
schlagung versuchen. 

Die erste Frage, die wir jetzt beantworten wollen^ 
ist die nach der Zu- oder Abnahme der Eriegsverluste. 
Sind die Kriege jetzt blutiger als ehemals oder umgekehrt? 
Soviel ich weiß, gibt es keine gründliche Behandlung dieses 
interessanten Problems. Ich werde versuchen, aus den Tat- 
sachen zu einem einigermaßen zuverlässigen Schlüsse zu 
kommen. 

Die Gefechte der Australier sind sehr wenig blutig,, 
nach geringen Verlusten werden sie schon beendet, wie 
aus den Nachrichten der verschiedensten Eingeborenenkenner 
hervorgeht*) Ob diese Friedensliebe der Australier ihnen 
aber zum unvermischten Segen gereicht hat? Sie haben 
immer in bitterster Armut ohne jegliche Kultur gelebt, sie 
werden bald alle von der Erde verschwunden sein. Ich 
schreibe dieses ihr Schicksal zwar nicht allein dem Fehlen 
des echten Krieges zu, wohl aber in der Hauptsache der 
Nichterfüllung der Bedingungen, die sonst zu Kriegen 
führen. 

Ähnliche Verhältnisse mögen bei einigen anderen sehr 
niedrigen Stämmen obgewaltet haben. Wo die Menschen 



1) Tolstoi, Pensees, 18d8, p.87. 

^) Lumholtz, Among Cannibals, 1889, p. 258; Haie, Ethno- 
graphy and Phllology, United States Ezploring Expedition, 1846, 
p. 115; Collins, An Account of the EngUsh Colony in N. S. Wales, 
1796, p.586; Bonney, Castoms of the Aborigines of the River Darling 
N. S. Wales, in Jonrn. Anthrop. Institute vol. 13 p. 136; Woods, The 
nativeTribes of South Australia, 1879, p. 35, 245; Dawson: Austra- 
lian Aborigines, 1881, p. 77;Brough Smyth, The Aborigines ot 
Victoria, 1878, App. C. p. 295. 



— 63 — 

sehr weit getrennt in gleichmäßig armer Gegend ohne 
jeglichen Besitz lebten, warum sollten sie dort eigentlich 
kämpfen? Als sich das änderte, die Menschen sich zur 
eigentlichen Jagd aufschwangen, später entweder der Boden 
bebaut oder große Herden gesammelt wurden, da stießen 
die Menschen oft aufeinander, da erhielt der Boden einen 
höheren Wert, da konnte man allerlei Reichtümer, Vieh 
und vor allem Sklaven rauben. Mit der Berührung der 
Menschen entstanden vielerlei Zusammenstöße feindlicher 
Art, deren notwendiges Ergebnis ein nie endender Strom 
von Racheübuiigen war. Aus allen diesen Faktoren ent- 
standen die ewigen Kriege der höheren Wilden, die mit 
großer Erbitterung, wenn auch meist nicht ritterlich und 
■offen, sondern mehr mit Hinterlist und Tücke geführt 
wurden. Auf Neu-Guinea werden die Dörfer dezimiert und 
sind manche ganz ausgestorben,^) die Fidschier werden zur 
Eache und zum Kriege erzogen und sind furchtbar grausam. 
Fast immer gibt es Krieg auf ihren Inseln; wer nur eine 
Waffe führen kann, kämpft mit. Bisweilen wird kein Blut 
vergossen und nur Eigentum vernichtet; eine eroberte Stadt 
wird grausam geplündert^) 

Moerenhout spricht von den ewigen Kriegen der 
Polynesier, die an nichts anderes denken als ihre Feinde zu 
ermorden und zu verspeisen. Ganze Dörfer werden oft 
ausgemordet und vernichtet.^) Das höchste Glück eines 
jungen Mannes war die Eroberung eines feindlichen Kopfes.*) 



^) R. Semon, Im australischen Busch und an den Küsten des 
Korallenmeeres, 1896, S. 415, 422; Letourneau, La Guerre dans les 
diverses Races humaines, ^895, p. 40; Goudswaard, De Papoewa's 
van de Geelvinksbaai, 1863, p. 51/52. 

*) W i 1 1 i a m s , The Fiji-Islands and their Inhabitants, 1859, 
p. 44/45. 

') Moerenhout, Voyages aux iles du Grand Ocean, 1837, 
vol. 2 p. 186, 39. 

^) Turner, Samoa a hundred years ago, 1884, p. 192. 



— 64 — 

Die Neu-Ealedonier vernichten und töten alles in ihren 
Kriegen, die Besiegten werden selten geschont.^) Bei den 
Tamnl in Deutsch-Nen-Gninea waltet die Absicht vor, den 
Gegner völlig zu vernichten.*) 

Die ewigen Kriege haben zweifelsohne dazu beigetragen, 
die Bevölkerung des vorkolumbischen Amerikas so klein za 
halten, wie sie wahrscheinlich immer gewesen ist. Los- 
kiel (1789) sagt: „Nach dem zuverlässigen Zeugniß der 
ältesten Indianer waren ihre Kriege vorzeiten weit an- 
haltender und heftiger als heutigen Tages, und bey einigen 

Nationen gleichsam erblich G^emeiniglich hatten dabey 

beyde Theile viele Todte", viele zerstörte Dörfer zeugen 
laut von den früheren Kriegen und ihrer grausamen Füh- 
rung.^ Morgan, der große Kenner der Irokesen, spricht 
von ihrem früheren „universal spirit of aggression", und 
wie sie sich durch „incessant strife^ emporrangen, er er* 
kennt „the terrible and ferodous characteristics of Indian 
warfare^; die Adirondacks, die Atikameken und die Eries 
wurden fast ganz durch sie ausgerottet; jeder Kriegs- 
gefangene wurde entweder adoptiert oder in grausamster 
Weise zu Tode gemartert Die alten Jesuiten-Missionäre 
haben uns auf ergreifenden Seiten den unglaublichen, fast 
dämonischen Heroismus dieser Märtyrer geschildert.^) Die 
anderen indianischen Völker waren nicht besser. So lesen 



^) De Rochas, La NouvelleCaledonie, 1862, p. 204/06; Letour- 
neau 1. c. p. 48/49. 

*) Valien tin, Kaiser Wilhelmsland, Neue Deutsche Randschao 
1897 S. 634. 

') Loskiel , Geschichte d. Mission d. evang. Brüder u. d. Indianern 
in Nordamerika. 

^) Morgan, League of the Ho-de-no-sau-nee or Iroquois, 1851» 
p. 89, 13, 341 ; L o s k i e 1 S. 185 ; CharleToix, Histoire de la 
NouveUe France, 1744, vol. 3 p. 186, 253; H. Haie, The Iroquois Book 
of Bites, 1883, p. 94. 



I 



— 55 — 

wir von den Otchagras oder Pnans, daß sie in einer Schlacht 
gegen die Illinois ihr ganzes Heer von 600 Kriegern ver- 
loren, von welchem Verluste sie sich nicht mehr erholten.^) 
Die Algonqnins haben in einem einzigen Kriege das Volk der 
Iroquets derartig ausgemordet, daß nur sehr wenige übrig- 
blieben.^) Adair allein rühmt den südlichen Indianern, den 
Choktaws und Chickasaws, nach, daß sie nur ungeme Krieg 
fuhren und dann mit einer kleinen Beute, einigen Kopf- 
häuten und einem Gefangenen, zufrieden sind.») Hecke- 
welder behauptet, daß bei den östlichen Indianern das 
Martern der Feinde nicht die Kegel gewesen sei, wie es 
gewöhnlich vorgestellt wird, er selbst gibt aber als aus- 
gesprochenen Zweck ihrer Kriege die Ausrottung des Feindes 
an ^) und nennt sie auch in der Eegel sehr grausam gegen 
ihre Feinde und Gefangenen.*) 

Auf der anderen Seite des großen Kontinents sind 
die Apachen lange Zeit der Schrecken der Weißen gewesen, 
sie töteten die Hirten, schleppten die Frauen und Kinder 
mit, raubten die Herden ; sie sind sehr grausam gegen ihre 
Gefangenen, notzüchtigen die Frauen und Mädchen; das 
ganze Land wird durch ihre Einfälle verödet; die Tiere, 
die sie nicht brauchen können, und jeden, dem sie begegnen, 
töten sie.*) Die Fox-Indianer kämpften mit den Irokesen, 



>) Charlevoix I.e. p. 292. 

') C h a r 1 e y o i X 1. c. p. 111. 

') Adair, Geschichte der amerikanischen Indianer, 1782, 
S. 287—302. 

^) Heckewelder, Account of tbe History of the Indian 
Nations, 1817, p. 40, 21 L 

^) H e c k e w e 1 d e r 1. c. p. 91. 

^) Bartlett, Personal Narrative of Explorations . . in Texas etc., 
1864, vol. 1 p. 266; Schoolcraft, Hist. and Statist. Information resp. 
the History etc. of the Indian Tribes of the United States, 1851—1860, 
vol. 5 p. 212 ; U h d e , Die Länder am unteren Rio bravo del Norte, 1861» 
S. 168-170. 



— 66 — 

bis sie fast alle erschlagen waren.^) Die Kite-Indianer 
waren die kriegerischsten des Westens, sie ergaben sich 
nie nnd schonten keinen Feind, daher war ihr Stamm auf 
eine sehr kleine Zahl reduziert.^ 

Wir können jetzt Waitz beistimmen, wenn er den 
Krieg für die Indianer ein „regelmäßig wiederkehrendes 
Geschäft** nennt, nnd wir bezweifeln, ob Dellenbangh 
recht hat, wenn er die Kriege vor der Ankunft der Weißen 
selten nennt*) 



In Afrika befinden sich zum Teil kleine and sehr kleine 
Dorfstaaten, zum Teil aber auch größere staatliche Gebilde 
unter der Führong mächtiger Tyrannen. Bei den ersteren, 
z. B. bei den Betschnanen, sind die Kriege ganz nnbedentend 
und die Verluste nur gering,*) bei den zweiten geht es 
aber ganz anders zu. Die verheerenden Kriege der großen 
Zulu-Tyrannen sind allgemein bekannt, zur Ehre von 
Tschakas toter Mutter sollen Tausende von Menschen hin- 
gemetzelt worden sein, im Kriege zwischen Umbelasi und 
Ketsch wäyo wurde das ganze Heer des ersten vernichtet.^ 
Die Kiakka unternehmen Raubzflge in Banden von mehreren 
tausend Männern, sie vernichten alles mit Feuer und Schwert 
und kehren mit Sklaven beladen wieder heimwärts.") Die 
Massai leben nur für den Krieg, ihre ganze Verfassung ist 
auf ihn zugeschnitten. Wenn sie ihre Nachbarn nieder- 
gemacht haben, bekämpfen sie einander bis auf den Tod.^ 



^) M ' K e n n e y , Memoirs and TraveU, 1846, vol. 1 p. 86. 

') Lewis and Clarke, Journals of the Expedition, ed. 1902 
vol. 1 p. 73. 

3) Waitz, Anthropologie der Naturvölker Bd. 3 S. 149 ; D e 1 1 e n - 
baugh, The North Americans of Testerday, 1901, p. 866. 

^) G. Fritsch, Die Eingeborenen Südafrikas, 1872, S. 183. 

<^) Ratzel, Völkerkunde Bd. 1 S. 258, 263. 

^) Maggyar, Reisen in Südafrika S. 126. 

7) Krapf , Reisen in Ostafrika Bd. 1 S. 2a3. 



— 57 — 

Die Abessinier yernichten die Provinzen, die keine Steuer 
zablen wollen, vollständig, die Männer werden getötet, die 
Frauen als Sklavinnen verschleppt, die Herden geraubt.^) 
Die Geschichte der Galla kennt die dina oder den Kampf 
bis zur Ausrottung des Gegners, welcher immer geführt 
wurde, wenn Gefallene verstümmelt waren.^) Bei der Er- 
oberung von Coobly raubten die Falatah die ganze Ernte, 
töteten alle, die Widerstand leisteten, und schleppten die 
anderen als Sklaven mit') 

Wir haben konstatieren können, daß die Wilden, wahr- 
scheinlich nach der allerersten Stufe, blutdürstig waren und 
ihre Kriege in der grausamsten Weise mit ungeheueren Ver- 
lusten an Menschen führten. Wir werden sehen, daß die 
Kämpfe der Barbaren womöglich noch blutiger waren. 

Die Tartaren haben die Gewohnheit, die eroberten 
Städte ganz auszumorden, ihre Feldzüge bilden eine Beihe 
von Scheußlichkeiten. Die Kriege auf Java dauerten lange 
und forderten viele Opfer, erst seit der holländischen Herr- 
schaft hat die Bevölkerung auf der sehr fruchtbaren Insel 
stark zugenommen und ihre natürliche Höhe erreicht.*) 

Gebietserweiterung wurde auf dieser Stufe das eigent- 
liche Ziel aller Kriege, die Herrschsucht der Fürsten suchte 
hierin vor allem Befriedigung. Der erheblich gewachsene 
Reichtum lud zu Raubzügen im großen Stile ein. Die 
Heere wurden zwar etwas besser organisiert, sahen aber 
immer noch mehr bewaffneten Völkerschaften ähnlich als 
den modernen strategischen Werkzeugen : die Disziplin war 
dementsprechend sehr locker, schrankenlose Plünderung 
war die Belohnung der nicht bezahlten Soldaten und Führer. 



^) Ibidem S. 92. 

^) Paulitschke, Ethnographie Ostafrikas. Geistige Kultur, 
1896, S. 292. 

') Richard and John Lander, Discovery of the Terminati on of 
the Niger, 1832, vol. 1 p. 267, 269. 

*) L e t o u r n e a u 1. c. p. 207, 210, 226! 



— 68 — 



Alles wurde erbeutet: Gfiter und Herden, Frauen, Kinder, 
Männer, der Sieger schleppte sie alle als Sklaven mit 
So waren die grausamen Kriege der alten Ägypter, die 
Hand der Pharaonen lastete schwer auf den besiegten 
Völkern, alle gefangenen Männer wurden getötet, ihre 
Phalli und rechte Hände dem Könige geschickt^) Be- 
kanntlich waren die Israeliten nichib viel sanftmütiger: 
Josua rottete den ganzen Stamm Ai aus, an einem Tage 
wurden 12000 Männer und Frauen ermordet, alles Vieh 
wurde geraubt, die Stadt verbrannt; ähnlich machte er es 
mit aUen Städten, die er eroberte, keine Seele wurde ge- 
schont, nichts, was Atem hatte, ließen die Israeliten am 
Leben.^) Die Richter machten es nicht viel besser : Ehud 
tötet zehntausend streitbare Männer, das ganze Heer 
Siserahs wird bis auf den letzten Mann erschlagen.^ Es mag 
nun sehr viel Großsprecherei hierbei sein, aber man lobt 
doch nur, was man zu tun geneigt ist. Es dürfte charakte- 
ristisch sein, daß Samuel, im Namen Jehovahs, befiehlt alle 
Amalekiten zu töten bis auf die Frauen und die Säuglinge, 
und der Herr zürnt, daß sein Befehl nicht buchstäblich 
erfüllt wird.*) Ich glaube, daß wir, von allen Übertreibungen 
abgesehen, mit Letourneau annehmen dürfen, daß 
die alten Israeliten wie alle Völker ihrer Kulturstufe sich 
die gänzliche Vernichtung des Gegners als Zweck des 
Krieges setzten.^) Ihre Nachbarn, die Phönizier und 
Assyrer, waren nicht besser : die Ernten des Feindes wurden 
vernichtet, die Frauen und Kinder geraubt und verkauft, 
die Gefangenen verstümmelt und zu Tode gemartert, die 
Städte verbrannt.*) 



^) Letourneau p. 286. 
«) Josua 8: 22—25; 10: 28—43; 11: 14. 
») Richter 8: 29; 4: 14. 16. 
*) 1, Samuel 15: 8, 18. 
^) Letourneau p. 889. 

*) Letourneau p. 849 ; J ä h n s, Heeresverfassungen und Völkei- 
leben, 1885, S. 209. 



— 59 — 

Auf der anderen Seite der Welt finden wir genau die- 
selben Zustände. Ich bin der Überzeugung, daß die ahen 
Mexikaner und Peruaner sich tatsächlich zu der Höhe der 
anfangenden Halbkultur emporgeschwungen haben. Ihre 
Eriegsffihmng stimmte genau mit der ihrer Eulturgenossen 
aus der alten Welt überein. So lesen wir in der merk- 
würdigen Geschichte der Könige von Tezcuco vom Prinzea 
Ixtlilxochitl, wie nach einigen Siegen alle Kriegsge- 
fangenen im Tempel zu Mexico den Göttern geopfert wurden; 
wie die Heere des Königs von Tezcuco fortwährend nach 
neuen Siegen verlangten und wie eroberte Städte ausge- 
mordet und geplündert wurden; Völker und Provinzen wurden 
derartig mißhandelt, „daß sie sich gar nicht mehr bewegen 
konnten."^) Brühl erzählt, wie nach einer Eroberung 
Alte, Frauen und Kinder niedergehauen wurden; die paar 
Überlebenden schleppte man in die Gefangenschaft; er 
spricht von der „unbändigen Tapferkeit und Blutgier" der 
mexikanischen Krieger. Auch in Nicaragua wurden alle 
Kriegsgefangenen öffentlich geopfert. Die Chibchas mietzelten 
die von ihnen Besiegten erbarmungslos nieder, ihre Pueblo» 
wurden niedergebrannt, die Frauen als Sklavinnen, die 
Knaben und Jünglinge als Opfer für die Götter in die Ge- 
fangenschaft geschleppt.^ 

Nur bei den Chinesen und Peruanern scheint manch- 
mal eine mehr staatsmännische Behandlung der Besiegten 
obgewaltet zu haben.^ Die Chinesen zogen es oft vor, in 
der Weise der allzu kriegskundigen Condottieri die Strategie 
zu einer Art Entfliehungskunst auszubilden.*) Nur ver- 



^) Ixtlilxochitl, Histoire des Chichimeques, 1840, vol. 2 
p. 19, 72. 

«) B r ü h 1 . Die Kulturvölker Alt-Amerikas 1875—87, S. 385, 
586, 890. 

«) Brühl S. 892. 

*) Letourneau p. 289/40. 



— 60 — 

bürgt solche Feigheit gar keine größere Sanftmut, denn 
bekanntlich sind die Chinesen vielmehr ein sehr gransames 
Volk zn nennen, was sich in ihren Strafen aufs deutlichste 
zeigt. Ihre Kriege scheinen manchmal von ungeheuren 
Verlusten begleitet gewesen zu sein, z. B. in einem großen 
Kriege, der von 223 bis 263 dauerte, schmolz die Be- 
völkerung von 50 Millionen auf 8 Millionen zusammen, in 
den Jahren 754 bis 760 reduzierte ein Bfirgerkrieg die 
Bevölkerung von 45 auf 9 Millionen, der Kampf mit den 
Mongolen kostete den Chinesen wieder die Hälfte der Be- 
völkerung, an 50 Millionen (13. Jahrb.). Der Aufstand der 
Taiping wurde in derselben blutigen Weise unterdrttckt: 
der Mantschu-General Jih soll in einem Monat 70000 Bebellen 
umgebracht haben, umgekehrt verloren die Mantschu vor 
Nanking in einer Schlacht 60000 Mann, die Stadt Ngan- 
king wurde 1869 ganz ausgemordet durch die Mantscho, 
Nigpo durch die Taiping; entsetzlich wüteten die Mantschu, 
uis sie mit den Engländern und den Franzosen vereint die 
Taiping zerschmetterten, alle Vorräte wurden vernichtet, 
alle Dörfer verbrannt, alle Bewohner ermordet^) 

Wenden wir uns jetzt nach Europa! 

Die Kriege zwischen den kleinen griechischen Staaten 
kosteten natürlich nicht viele Menschenleben, wie sollten 
sie auch? Dagegen wütete der Krieg fast fortwährend. 
Von den 85 Jahren seit 431 waren nicht weniger als 
55 Jahre mit großen Kriegen erfüllt, obendrein gab es 
noch zahllose kleinere Kämpfe, die nur einzelne Teile der 
griechischen Welt berührten.*) Wenn man die sehr niedrige 
Bevölkerung in Betracht zieht, ist der Verlust von 3900 
Mann bei Korinth schon nicht so gering zu nennen; vor 



^) Spielmann, Die Taiping-Revolution in China, 1900, S. 22, 
23, 26, 61, 101, 110, 112, 142ff., 152. 

2) B e 1 o c h , Griechische Geschichte, 1897, Bd. 2 S. 337. 






— 61 ^ 

Syrakas sollen die Athener 20000 Mann eingebüßt haben, 
ihre ganze Stadt zählte aber etwa 30000 erwachsene 
Bürger!^) 

In der Schlacht bei Telamon töteten die Römer 40 000 
Kelten ; Mommsen teilt mit, daß während des Hannibalischen 
Krieges die römische Bürgerschaft fast auf den vierten 
Teil zusammengeschmolzen war ; die Angabe der in diesem 
Kriege gefallenen Italiker auf 300 000 Köpfe nennt er nicht 
übertrieben, eine Menge blähender Ortschaften war ver- 
nichtet oder verwüstet.^) Man vergesse dabei nicht, daß 
die Bevölkerung Italiens damals noch eine sehr geringe 
war. Die Römer selbst waren nicht gerade sanft im 
Kampfe. Metellus mordete die Stadt Vacca im jugur- 
thinischen Kriege ganz aus, Numidien vernichtete er mit 
Feuer und Schwert vollständig und tötete alle wehrbaren 
Männer.^ Wie hat Cäsar in Gallien gewütet! Die Stadt 
der Atuaten wurde nach der blutigen Einnahme ganz in 
die Sklaverei verkauft: 43 000 Einwohner! Dasselbe ge- 
schah mit Veneta, in Avaricum wurde die ganze Be- 
völkerung getötet.*) Von 60 000 Nerviern kamen nur 500 
mit dem Leben davon, Ariovistus soll 90 000 Tote auf 
dem Schlachtfelde gelassen haben. Plutarchus berichtet, 
daß Cäsar in dem zehnjährigen Kriege in Gallien von 
drei Millionen Feinden eine Million getötet hat. Es war 
damals allgemeine Sitte, die Kriegsgefangenen — Frauen und 
Kinder rechnete man auch als solche — in die Sklaverei zu ver- 
kaufen.*) Cäsar galt nicht einmal als besonders grausam.*) 



') Beloch I.e. S. 339. 

^j Mommsen, Römiäche Geschichte, 1888, Bd. 1 S. 558, 663. 

') Sallustius, Jugurtha c. 54. 

*) Caesar, Commentarii de BeUo GaUico Üb. 2 c. 33; lib. 3 
c. 16; lib. 7 c. 28; Plutarque, Les Vies des Hommes Dlustres, trad. 
Ricard, 1858, vol. 2 c. 23, 21, 16. 

*) J, A. Froude, Caesar, 1890, p. 553. 

•) Ibidem p. 444. 



— 62 — 

^enn die von Plntarchus gegfebene Zahl Vertraaen ver- 
•diente, hätten wir in ihr eine prächtige Statistik Ober die 
Eriegsverlnste zn seiner Zeit! Ein Drittel derfFeinde wäre 
«omit anf dem Schlachtfelde geblieben! Beloch nnd Del- 
l)rück haben nns aber gegen solche Zahlen ein wenig 
skeptisch gemacht. Der letzte hat gewiß vollständig 
recht, wenn er warnt : „In den Vorstellungen von Heeres- 
zahlen ist die Menschheit zn aUen Zeiten dieselbe geblieben 
nnd gewesen."^) 

Er wendet *seine Warnung zuerst auf die alten Ger- 
manen an, die als vorwiegende Viehzfichter und Jäger 
jinmöglich sehr zahlreich gewesen sein können ; man soUte 
das Heer eines wandernden Germanenvolkes nie zahlreicher 
als höchstens 15000 Mann einschätzen.*) Demnach war 
T a c i t u s' Mitteilung Aber die 60 000 gefallenen Bructerer 
wohl sehr fibertrieben.*) Die Germanen scheinen den 
Krieg aber mit elementarer Leidenschaft geführt zn haben, 
ganz anders als die allmählich verzärtelten Römer. Die 
Bömer konnten Urnen nicht widerstehen. „Man kann sich 
•das Wüten dieser Goten, Alemannen, Franken, Vandalen, 
Alanen, Sueven, Longobarden unter der friedlichen römischen 
Bevölkerung kaum entsetzlich genug vorstellen. Die alte 
Kultur sank in Asche, die Menschen wurden abge- 
schlachtet"*) 

Es ist wohl allgemein bekannt, wie schrecklich die 
Merovinger haushielten, wie blutdürstig sie untereinander 
wüteten.^) Einige Jahrhunderte später waren die Wikinger 



^) H. Delbrück, Geschichte der Kriegskunst, Teil 2 erste Hälfte, 
1901, S. 306. 

^) Ibidem S. 808. 

') Tacitus, De Origine etc. Qermanomm liber c. 88; Marina, 
Romanentum und Germanen weit, 1900, S. 112 erachtet hier Über- 
^eibung auch für wahrscheinlich. 

^) Delbrück I.e. 8.809. 

^) Vgl. Gregorius von Tours, Zehn Bücher Fränkischer 



— 63 — 

die Plage Europas. Sie plünderten die Städte, verheerten 
das Land, verbrannten die Klöster, töteten die Männer. 
In den düstersten Farben wird der Zustand des französischen 
Landes im nennten Jahrhundert geschildert, das flache 
Land war ganz verlassen, weil man nur noch in den be^ 
festigten Städten zu wohnen wagte.^) 

Auf eine merkwürdige Übertreibung in der Schätzung 
der Kriegsverluste macht uns Delbrück aufmerksam. 
Eine normannische Quelle gibt das angelsächsische Heer 
Harolds in der Schlacht bei Hastings auf 1200000 Mann 
an, es soll aber wahrscheinlich nicht mehr als 7000 Mann ge- 
zählt haben. Ein großer Teil des Heeres blieb auf der 
Wahlstatt, weil das ganze Heer so klein war, können das 
aber nur sehr wenige gewesen sein!*) 

Die Kämpfe zwischen den schwerbewaffneten Rittern 
•des Mittelalters scheinen nicht sehr blutig gewesen zu 
sein: in der großen Schlacht von Crecy, wo nach den 
Chroniken auf englischer Seite 25000 oder gar mehr Fuß- 
gänger kämpften, fielen auf französischer Seite ungefähr 
3800 Mann ; die Stadt Caen wurde vorher durch die Eng- 
länder genommen, sie wurde durch 500 bis 600 „hommes 
d'armes" verteidigt, außer diesen durch die tapferen Bürger 
der Stadt, die für die damalige Zeit groß war; es fielen 
in dem einen Tage der Belagerung 100 Ritter, von den 
Bürgern starben aber Tausende, die Stadt war mit ihren 



Geschichte übers, von W. v. Giesebrecht, B. 3 c. 7: Die Frankeo 
machten 531 so viele Thüringer nieder, daß das Bett des Flusses 
von der Masse der Leichname zugedämmt wurde; Narses rieb bei 
€apua 553 das fränkische Heer derartig auf, daß nur 5 Krieger dem 
Blutbade entkamen, B. 4 c. 10; in der Schlacht bei Limoges verlor 
Desiderius 24 (XX) Mann, B. 5 c. 13 usw. 

,^) Strinnhqlm, Wikingszüge, Staatsverfassung und Sitten der 
Alten Skandinavier, 1839, Bd. 1 S. 34, 45ff. 

^) Delbrück, Geschichte der Kriegskunst, Bd. 3, 1907, S. 153 ff. 



— 64 — 






Leichen bedeckt. „Die Plfindenmg war scbrecklich.^') 
Bei Azinconrt war die französische Armee etwa 50000 
Mann stark, die englische nor 13000, leider werden von 
der ersten nor die Verluste an adligen Rittern ange- 
geben, sie sollen 7000 betragen haben ; von den Engländern 
starben nnr 400 bis 500 Mann. Die Verluste der Franzosen 
müssen aber nach der genannten Zahl zu urteilen unge- 
heuer gewesen sein.^) Das Bestreben, möglichst viele 
Kriegsgefangene zu machen, um sie gegen ein hohes Löse- 
geld einzutauschen, hat wahrscheinlich viel dazu bei- 
getragen, die Kriege für die Reichen weniger blutig za 
machen, für die Armen galt das entschieden nicht*) 

Selbstverständlich waren die Religionskriege, durch 
die blutliebende Kirche Roms inspiriert und arrangiert^ 
ganz besonders blutig. Die Kreuzfahrer haben in Jeru- 
salem entsetzlich gewütet, die ganze Bevölkerung wurde 
ausgemordet, die Frauen vorher geschändet^) Eb^tso 
schlimm, mit derselben christlichen Barmherzigkeit, wurde 
gegen die Albigenser gewütet auf Befehl des Papstes 
Innocentius m.^) 

Die Renaissance kannte neben den verlustlosen Spiel- 
kriegen der Condottieri noch fürchterliche Äußerungen der 
militärischen Wut: so ließ Sforza nach der Eroberung 
Piacenzas seine Truppen 40 Tage lang in der Stadt wüten. 



^) Letourneau I.e. p. 515; Lavisse, Histoire de France, 
tome 4 par Coville p. 68 seq. 

*) L a V i s s e L c. p. S68ff . 

*) Lavisse 1. c. tome 8 par Luchaire, p. 248. 

*) V. Sybel, Geschichte des ersten Kreazzugs 8.213; Lavisse 
1. c. tome 2 par Lochaire, p. 243: „ . . massacre methodique des 
prisoDuiers, des femm3s, des enfant et des vieillards . . . trois jours 
apres". 

^) Lavisse tome 3 par Luchaire p. 269: Die Truppen wurden 
durch Bischöfe gefuhrt, in einer Kirche wurden 7000 Frauen und 
Kinder ermordet, Beziers wurde ganz verbrannt, jeder w^tere Schritt 
der frommen Heere war eiue Abschlachtuog. 



— 65 — 

bis sie ganz entvölkert war, so daß sie mit Gewalt mit 
neuer Bevölkerung versehen werden mußte. Die spanischen; 
Truppen taten sich wie in Amerika und in den Nieder- 
landen als besonders grausam hervor. Die Venetianer 
ließen nach der Schlacht bei Cagliari alle genuesischen 
Gefangenen abtöten/) 

Die entsetzlichen Verheerungen des dreißigjährigen 
Krieges sind nur zu bekannt, Angaben über die Verluste 
in den besonderen Schlachten sind hier am wenigsten 
charakteristisch, unendlich viel mehr sagt uns die Schätzung 
des Gesamtverlustes an Menschenleben: die Bevölkerung 
Deutschlands soll auf ein Drittel zurückgegangen sein.^ 

Genaue Angaben haben wir aus den uns näherliegen- 
den Zeiten, z. B. aus dem Zeitalter Friedrichs des Großen. 
Seine Armee soll von 1758—63 1500 Offiziere und 180000 
Soldaten eingebüßt haben. Österreich soll im siebenjährigen 
Kriege 136 000 Tote an Krankheiten und vor dem Feinde 
verloren haben.^ Im sehr blutigen amerikanischen Sezessions- 
kriege verlor die Nordarmee an Toten, Verwundeten und 
Kranken zusammen 359 000 Mann, es starben davon auf 
den Schlachtfeldern 67 000 Mann. Im dänischen Kriege 
zählte das preußische Heer 39 200 Mann, es starben davon 
1048 an Wunden, Krankheiten und auf dem Felde. 

Ich glaube, wir sind jetzt imstande, die Kriegsver- 
luste an Menschenleben in den verschiedenen Perioden der 
Geschichte untereinander zu vergleichen. Eine allzugroße 
Eegehnäßigkeit dürfen wir hier wie überhaupt in den 
historischen und sozialen Erscheinungen kaum erwarten, 
es wirken dazu zu viele Faktoren hier ein. Aber ander- 
seits, auch hier werden wir gewisse Eegelmäßigkeiten 



^) Burckhardt, Kultur der Renaissance Bd. 1 S. 96. 
^) Grün, Kulturgeschichte des siebzehnten Jahrhunderts, 1880, 
S. 283. 

3) B e r n d t , Die Zahl im Kriege, 1897, S. 138. 
Steinmetz. 5 



— 66 — 

entdecken können, wie solche denn anf jedem Gebiete des 
sozialen Lebens nachgewiesen wurden. Schon jetzt, obwohl 
die soziale Wissenschalt erst seit karzem bessere Methoden 
zu ihren Aufgaben verwendet, lassen sich zahllose soziale 
Snkzessionsgesetze nicht länger verkennen, sie vmrden 
induktiv und einwandsfrei demonstriert Ich möchte das 
Gesetz der abnehmenden Eriegsverlnste ihnen anreihen. 
Ich werde versuchen, es an der Hand der mitgeteilten Tat- 
sachen zu beweisen. 

Es scheinen die Kämpfe der aUemiedrigsten Stufe 
sehr wenig blutig zu sein, wie die der Australier und 
einiger anderer Stämme dartun. Auf der nachfolgenden Stufe 
werden nicht nur die Kriegsveranlassungen immer häufiger, 
sondern es wird der kriegerische Sinn viel schärfer aus- 
geprägt und die Kriege werden bedeutend blutiger, nicht 
nur der Absicht nach, sondern auch im Erfolge. Typisch 
hierfür sind die nordamerikanischen Indianer. Ich möchte 
die Veränderung neben der psychischen und politischen 
Entwicklung hauptsächlich den veränderten ökonomischen 
Verhältnissen zuschreiben. 

Die Urproduktion wurde durch technische Besserungen 
erfolgreicher, Reichtum und Bevölkerung nahmen zu, der 
siegreiche Kampf mit den größeren Tieren konnte nicht 
verfehlen, Einfluß auf die ganze Gesinnung der Menschen 
auszuüben. So nahmen zu gleicher Zeit die Zahl der 
Zusammenstöße und die Neigung sie blutig zu machen 
zu. Es wird dementsprechend die Periode der mitt- 
leren und höheren Wildheit durch verlustreiche Kriege 
1 ausgezeichnet Durch die kreuzende Einwirkung noch 

anderer Faktoren können wir uns die Ausnahmen von 

dieser Regel ohne Schwierigkeit erklären, denn tatsächlich 

gibt es Völker auf eben dieser Stufe, die nur wenige und 

[ immer sehr unblutige Kriege führen. So die friedfertigen 

\ Völkchen, die Spencer namhaft gemacht hat, und noch 



— 67 — 

mehrere andere/) ßassenanlage, besondere geographische 
Umstände wie Isolierung nnd dergleichen mehr mögen hier 
gewaltet haben. Die Regel wird aber durch diese Aus- 
nahmen keineswegs aufgehoben. Diese Regel ist der sehr 
häufige, fast nie aufhörende, möglichst blutig geführte Krieg 
mit der bestimmten Absicht, den feindlichen Stamm aus- 
zurotten. Die gänzliche Ausmordung des Feindes ist das 
häufig erreichte Resultat der indianischen Kriege. Dieselbe 
Stimmung mag die ungefähr auf gleicher Stufe stehenden 
Germanen beseelt haben. Die Stammagglomerate, als welche 
sich die afrikanischen Despotien darstellen, bringen hierin 
noch keine Veränderung: gänzliche Vernichtung, Ausmerzung 
des Feindes bleibt das eifrigst erstrebte Ziel. Nur die 
Sklaverei bringt hierin einige Linderung, obwohl sie die 
Veranlassungen zu den äußerst grausamen Raubzügen be- 
deutend vermehrt. 

Eine tiefeingreifende Veränderung trat erst mit der 
Festigung und Vergrößerung der Staaten ein. Die Fürsten 
und der kleine Kreis ihrer Berater erhalten jetzt die 
führende Macht im Staate. Voraussetzung hiervon und 
Folge zugleich, auch direktes Interesse der Herrscher, 
war die Beschränkung der Zahl der regelmäßigen Mit- 
streiter: solange alle mitstritten, mußten alle auch teil- 
nehmen an der Regierungsgewalt; ein bewaffneter Mann, 
den der Staat zur Selbsterhaltung braucht, läßt sich nicht 
unmündig machen. Die Differenzierung in der Regierung 
mußte also unausbleiblich mit der Differenzierung der Kriegs- 
führung zusammengehen. Ohne die erste war die höhere 
Ausbildung des Staates unmöglich, es mußte also die Praxis 



^) Spencer, Political Institutions, 1886, p. 615 und The Principles 
of Ethics, 1892, vol. 1 p. 396 usw. Ich erwähne noch unter vielen 
anderen, die ich hinzufügen könnte, die Dajaken nach Low, Sarawak, 
1848, S. 212; Schwan er, Bomeo, 1853, Bd. 1 S. 169; die Fan nach 
Lenz, Westafrika, 1878, S. 91; die Somali nach von der Decken, 
Reisen in Ostafrika, 1871, Bd. 2, S. 852. 

5» 



— 68 



des Kampfes auf relativ wenige beschränkt werden, die 
Kitter nnd ihre Mannen wurden damit beauftragt. Es war 
diese Differenzierung wohl eine der folgenreichsten in der 
Weltgeschichte. Früher k&mpften alle, hinfort nur relativ 
wenige. Früher teilten alle die kriegerische Stimmung, 
die Freuden und Vorteile des Kampfes, hinfort nur wenige. 
Es mögen diese wenigen anfangs über diese angenehme 
Ausschließung gefrohlockt haben, die aber die Ausge- 
schlossenen um ihre poUtischeu Bedeutung und damit um 
ihre ökonomische Freiheit und ihren Einfluß brachte. Die 
militärische Ausschließung, zum Teil wohl auf eigenen 
Wunsch, war, wenn nicht der erste Keim der sozialen 
Spaltung, doch der fatale Schritt, der die Spaltung immer 
klaffender machte. Aber es wurden hiermit noch ganz 
andere Entwicklungen vorbereitet, die, wenn auch erst 
nach Jahrhunderten vollzogen, das Antlitz der Gesellschaft 
noch viel gründlicher ändern sollten. Es kam die Kugel 
jetzt so recht ins EoUen. Wir haben uns hier nur mit 
der einen unmittelbar eintretenden Folge zu befassen, der 
Entstehung einer dem Kriege fremden, bald feindlich ent- 
gegengesetzten Stimmung in dem nur friedlich beschäftigten 
Teile der Bevölkerung, der unvermeidlichen Folge der 
sonst so nützlichen Differenzierung. Es gesellten sich zu 
dieser Erscheinung noch ganz andere, die alle zum selben 
Resultate beitrugen. Die fürstliche Regierung wurde immer 
staatsmännischer, als Folge ihrer speziellen Beschäftigung 
mit Regierungssachen, sie brauchte immer mehr Geld und 
strebte immer mehr nach Gebietserweiterung. Die wachsende 
Wohlfahrt einer wachsenden Untertanenzahl wurde ihre 

vornehmste Sorge. 

Das Gesamtergebnis war: eine kleine Anzahl von 
Berufskriegern, die ihre aggressiven Neigungen vielleicht 
immer mehr ausbildeten, eine Regierung, die diese 
Krieger für sich verwendete, aber sie auch im Zaume 
halten mußte, und die zwar bestrebt war, ihr Gebiet zu 



— 69 — 

vergrößern, aber immer mehr abgeneigt, die alten und die 
neuen Bürger in Zahl und Wohlfahrt zu reduzieren^ womit 
sie sich selbst ja schwächen, die Kriegerkaste verstärken 
und zu Unbotmäßigkeit stacheln würde, und endlich eine 
unter diesen Umständen stets wachsende friedliebende Be- 
völkerung, die niit ihrer Wohlfahrt auch ihren politischen 
und überhaupt sozialen Einfluß wachsen sah. Der kriege- 
rische Adel hatte jetzt Grund, das Danaergeschenk seines 
Kriegsmonopols zu bedauern. Die Ausrottung des Feindet 
konnte jetzt unmöglich länger das Ziel des Krieges bleiben. 
Der Gewinn neuer Untertanen galt den Fürsten bald als 
ein höheres Ziel als die Ausmerzung des Feindes. 

Es traten noch manche Umstände hinzu, die die Kriege 
weniger blutig machen mußten. An anderer Stelle habe 
ich nachzuweisen versucht, daß schon der Rachekrieg des 
größeren Stammes weniger grausam geführt werden mußte 
als der der kleinen Horde, wenn nur erst das wenig blutige 
Anfangsstadium überschritten war.^) Der von mir haupt- 
sächlich zur Erklärung dieses Tatbestandes angeführte Um- 
stand war die bei Vergrößerung der Gruppe zunehmende 
Zahl nicht direkt bei der Veranlassung des Haders be- 
teiligter Personen. Diese alle teilten nicht die ursprüngliche 
Wut, sie blieben der Sache gegenüber auch später etwas 
kühler. Es entstand so auf beiden Seiten ein mehr neu- 
trales, dem Frieden zugeneigtes Publikum. Sind die Horden 
sehr klein, so sind alle sozusagen Grenzbewohner und reiben 
sich alle fortwährend mit den Mitgliedern der gegnerischen 
Gruppe, wie das nun einmal das Schicksal aller Grenzler 
ist. Vergrößerte sich die Gruppe, so wurde das Umgekehrte 
der Fall : die Zahl der Unbeteiligten wuchs, die Zahl der 
Eeibungen nahm pro Kopf der Bevölkerung bedeutend ab. 
Das Ergebnis war eine Abnahme der Kriegsveranlassungen. 

Je größer der Staat und das Heer, desto länger dauerte 



1) Mein Buch Erste Entwicklung der Strafe, 1894, Bd. 2 S. 118ff. 



— 70 — 



die Beise der zasammengezogenen Mannschaften dorch das 
eigene Gtebiet, das sie, je geordneter der Staat war, nm 
so weniger brandschatzen durften, aber nm so nötiger war 
andi die wachsende Wohlfahrt des eigenen Landes, um 
das immer größere Heer unterhalten zu können. Alles 
dieses erhöhte unumgänglich die friedfertige Neigung der 
Bevölkerung und machte diese Neigung audi bei den 
Kriegern mehr gesdiätzt Zuletzt mußte diese so einge- 
leitete Tendenz auch zur Respektierung des feindlichen 
Besitzes ftthren. 

Wir begreifen jetzt, wie mit der Vergrößerung und 
der festeren Organisation der Staaten sowie mit der Ent- 
wicklung von Berufssoldaten, der Trennung zwischen Eriegem 
und Bürgern, die Kriege allmählich weniger blutig werden 
mußten. 

Wenn wir die Verlustzahlen der verschiedenen Kriege 
betrachten, so sehen wir zwar, daß die absoluten Zahlen 
zugenommen haben, aber die Größe der kämpfenden Staaten 
und Heere und an erster Stelle die Bevölkerungen nahmen 
in viel höherem Maße zu. Die Bevölkerungszunahme 
wurde bei Wilden und Barbaren entschieden durch die 
enormen Menschenmorde ihrer Kriege zurückgehalten, seit 
dem zehnten Jahrhundert ist die Bevölkerung West-Europas 
aber in Zunahme begriffen, und zwar seit den mit den neueren 
Vertilgungsmitteln geführten Kriegen, seit dem achtzehnten 
Jahrhundert hauptsächlich, in Besorgnis erregender Weise ! 
Das menschliche Geschlecht hat nie dauernd so sehr zu- 
genommen als gerade in den letzten zwei Jahrhunderten.^) 

Die früheren Kriege bezweckten Ausrottung des Feindes 
und hielten die Bevölkerungszunahme zurück, die heutigen 
zielen nur auf einen vorteilhaften Frieden ab, und die 
Bevölkerung nimmt viel mehr als je zuvor zu. 

Vielleicht erlauben die mitgeteilten Tatsachen uns noch 

^) Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre 
Bd. 1, 1900, S. 171. 



— 71 — 

folgende Gesetze aufzustellen: die absolute Blutigkeit der 
einzelnen Schlachten nimmt zu, weil die teUnehmenden 
Heere zugenommen haben, die relativen Verluste, im Ver- 
hältnis zur Bevölkerungszahl, nehmen aber ab, und auf 
diese kommt es eigentlich allein an. 

Wir wollen jetzt etwas näher auf diese Menschen- 
verluste eingehen. Wir müssen uns möglichst scharf vor- 
zustellen versuchen, wieviel sie nun eigentlich betragen 
Ich glaube, wenn wir den deutsch-französischen Krieg als 
Beispiel wählen, so haben wir keinen zu günstigen Fall 
ausgesucht. Und es liegt hier der sehr vorteilhafte Um- 
stand vor, daß die Verluste dieses Krieges wenigstens von 
der einen Seite, der deutschen, besser als die in irgend 
einem früheren großen Kriege bekannt sind. Vergleichen 
wir diesen großen Völkerkampf mit anderen, so können 
wir annehmen, daß die Verluste durchaus keine ausnahms- 
weise geringen waren, wenigstens die von Berndt zu- 
sammengestellten Zahlen weisen gar nicht darauf hin.^) 

Der deutsche Verlust an Toten in den Jahren 1870/71 
betrug, wie oben erinnert wurde, 40 000 Mann, das macht / 

nicht mehr als 1 auf 1000 der gesamten Bevölkerung 
dieser Jahre. Ungefähr 12 000 von dieser Zahl starben 
aber an Krankheiten, und hierzu läßt sich zweierlei 
bemerken. Es würden in den sechs Monaten des Krieges 
von einer Menschenmasse von 1 100 000 doch manche 
auch ohne Krieg gestorben sein, und zweitens wird gerade 
diese Zahl der Krankheiten sowie der an Krankheiten 
Sterbenden in der Zukunft bei der mit Sicherheit zu er- 
wartenden immer besseren Verpflegung der Heere und 
der ebenso wahrscheinlichen Erhöhung der Volksgesundheit 
durch Hebung der Wohlfahrt stetig und bedeutend ab- 
nehmen. Auch die Verwundeten werden weniger oft ihren 



^) Berndt, Die Zahl im Kriege, 1897, S,87ff. 



1 



I 



I 



I 



,1 



I 



— 72 — 

Wunden erliegen, weil die Wondbehandlnng ongehenere 
Fortschritte gemacht hat und voraossichilidi noch machen 
wird. Andere Umstände könnten aber nngfinstiger sein, 
halten wir also vorläufig an unserer Zahl von 1 pro 
Tausend fest.^) 

Es sind die normalen Schwankungren in der all- 
genoieinen Sterblichkeit von Jahr zu Jahr viel srröfier! 
Es stieg die Sterblichkeit für das Gebiet des heutigen 
deutsdien Beiches von 26,6 im Jahre 1861 auf 29,9 in 
1852 auf 1000 Einwohner, von 26,6 in 1856 auf 28,7 in 
1857, von 24,8 in 1860 auf 27,1 in 1861, von 21,7 in 
1898 auf 22,6 in 1899.*) Wurde da ein großer Alarm ge- 
macht? Von 1886 auf 1887 sank die Mortalität im deut- 
schen Eeiche um 2 auf 1000 Einwohner, dachte einer daran 
darüber zu jubeln? In Europa war die Sterblichkeit von 
1821 — 1830 nur 30 pro Mille, sie stieg in den Jahren 
1831 — 1840 zu 31,3, und doch waren das gerade Priedens- 
jahre!') In Preußen war die Mortalität in 1816 27 pro 
Tausend, sie stieg im Jahre 1819 auf 3 IM) 

Was wir an den Kriegsverlusten so schrecklich finden, 
ist also nicht die entsetzlich hohe Zahl der Toten, sondern 
andere Umstände, wahrscheinlich an erster Stelle die Art 
des Sterbens, die Menge der Toten an einem Orte, durch 
eine einzige uns genau bekannte Ursache, die Tatsache, 
daß wir selbst, unsere menschlichen Entschlüsse so direkt, 
80 offenbar die Ursache dieser vermehrten Totenzahl bilden. 
Hiervon abgesehen müssen wir die Zahl der Opfer keine 



^) V. B lo ch 1. c. Bd. 6, S. 214 meint: ein neuer Krieg der Deutschen 
mit besser vorbereiteten Franzosen unter besseren politischen Ver- 
hältnissen würde den ersteren bedeutend größere Opfer kosten, . . . was 
eigentlich selbstverständlich ist. 

^) Nach W. J. Ashley, Das Aufsteigen der arbeitenden Klassen 
Deutschlands im letzten Vierteljahrhundert, 1906, S. 121. 

») V. M a y r , Statistik u. GeseUschaf tslehre Bd. 2, 1897, S. 224, 226: 

*) Schmoller L c. S. 167. 



— 73 — 

«0 sehr große nennen. Ziehen wir weiter in Betracht, daß 
die Zahl der Friedensjahre, sogar sehr streng berechnet, wie 
Berndt das tut, die der Kriegsjahre weit tibertrifft/) 

Je absolut blutiger und je ökonomisch nachteiliger die 
Kriege werden oder auch nur der Menschheit erscheinen, je 
seltener müssen sie unbedingt vorkommen. Die Eriedens- 
jahre werden einen immer größeren Überschuß ausmachen. 
Wenn Deutschland alle 50 Jahre einen Krieg wie den von 
1870 — 1871 zu bestehen hätte, so verlöre es noch keine 
1000 Menschen jährlich im Kampfe! Eine Zahl und ein 
Verlust, die eigentlich gar nicht in Betracht kämen, . . . 
wenn die Kriege für das betreffende Volk und für die 
Menschheit nützlich sind. 

Es kommt alles hierauf an: sind die Menschenopfer 
im Kriege nutz- und zwecklos, dann sind sie abscheulich, 
nicht genug zu verurteilen, dann dürfen sie keinen Augen- 
blick länger geduldet werden, dann sind die Friedensfreunde 
wegen ihrer zu schwachen Bekämpfung derselben nicht 
genug zu tadeln. Überhaupt begreife ich nicht, daß Leute, 
die den Krieg nun einmal als Massenmord ohne weiteres 
betrachten, wie es deren doch so viele gibt, in manchen 
Ländern vielleicht die Mehrzahl der Gebildeten, daß diese 
Leute nicht unendlich energischer gegen ihn auftreten. Er 
muß doch in ihren Augen so unsagbar entsetzlich sein, so 
durchaus unduldbar. Wer könnte zusehen, daß ein un- 
schuldiges Tier, ein Mensch zwecklos geschunden und ge- 
martert würde? Und vieltausendfach schlimmer ist der 
Krieg! 

Nein, wenn ich nicht aus durchaus rationellen Gründen 
überzeugt wäre, daß die Kriege für die Menschheit in un- 
absehbarer Zeit unersetzlich sind, einen ihre riesigen 
Schäden weit überragenden Vorteil bieten, ich wäre ein 
Kriegsbekämpfer aus tiefster Seele. 



') Vgl Berndt I.e. S. 17. 












— 74 — 

Bevor ich aber die Grönde dieser Überzeagang darzu- 
legen yersnche, mössen wir einen recht klaren Einblick in 
die weiteren kanm geringeren Nachteile, die die Kriege mit 
sich führen, gewinnen. 



§2. 

Die unbeabsichtigten Kriegsopfer. 

Die Soldaten will man im Kriege töten und verwenden, 
in dieser Weise dem Feinde Leid und Schaden zufügen und 
ihn dadurch niederwerfen, die anderen, die nicht mitstreiten- 
den Männer, die Frauen und die Kinder sollen im Prinzip 
unbehelligt bleiben. Tatsächlich müssen sie kaum weniger 
schwere, ja manchmal viel schwerere Opfer bringen als die 
direkt am Kampfe Beteiligten. Ich denke hier noch gar 
nicht an die ökonomischen Schäden und deren Folgen, die 
ich gesondert besprechen werde. 

Um uns so tief wie nur möglich von der Größe dieser 
Opfer zu durchdringen, werde ich sie einigermaßen zer- 
gliedern. 

Absolut unvermeidlich ist die Sorge, die Angst aller 
Anverwandten und Freunde um die am Kriege Teilnehmen- 
den, und wer je Angst und Sorge gekannt hat, weiß, wie 
fürchterlich ihre Schmerzen sind. Ich denke, seelisch ge- 
litten wird von diesen Personen viel und viel mehr als 
von den Kriegern selbst. Die letzteren sind größtenteils 
jung, unbesorgt, sehr angestrengt; sie machen die Freuden 
des ungewohnten Lebens, die Lustigkeit der Strapazen 
auch mit^) Die zu Hause Sitzenden bekommen nichts Kom- 



^) Überaus charakteristisch ist in dieser Beziehung die Erzählung 
des bayrischen Leutnants v. Laßberg, Mein Kriegstagebuch, 1906, 
S. 186, wie er am 14. Nov. mit seinen Kameraden lustig bis tief in die 
Nacht hineinzecht, nachdem er am 10. Nov. seinen Bruder verloren 
hatte, was er sogar erst am 11. erfuhr, und dennoch liebte er diesen 
Bruder sehr! Am 1. Dez. nach der Schlacht bei Villepion saßen sie 



i 

i 



— 75 — 

pensierendes, ihre Angst malt ihnen alles in den schreck- 
liebsten Farben ans, was in der Nähe betrachtet gar nicht 
immer so schlimm ist. Wenn Friedrich Ratze 1 mit Recht 
behauptet: „Der durchschnittliche Soldat lebt der Gegen- 
wart, und auch für mich und Reiske war das Festhalten 
der Gedanken an der einfachen Aufgabe des Tages da» 
Selbstverständlichste", wenn das letztere verallgemeinert 
werden darf, woran ich aus allgemeinpsychologischen 
Gründen nicht zweifle, und wenn auch sein weiterer Aus- 
spruch das Fühlen der Mehrzahl der Krieger richtig wieder- 
gibt: „Lenau ahnte wohl, wie fördernd dieses Leben (in der 
kämpfenden Armee), wie tätig und im Grunde wie heiter 
es ist, trotzdem daß der Tod immer in Reih und Glied mit 
aufmarschiert",^) so gilt das alles doch wahrlich nicht für 
die liebenden, angstverzehrten Herzen daheim. 

Die Zeit der Angst, wenn sie auch lange dauern mag, 
geht vorüber, der Krieg nimmt ein Ende. Wer seine Ge- 
liebten dann lebend und nicht allzu verstümmelt heim- 
kehren sieht, der mag in dem ungeheueren Jubel, in dem 
Kontrastgenusse, wie ihn das gewöhnliche Leben kaum je 
bietet, eine sehr reale Kompensation erhalten, aber die 
vielen, deren Freunde und Verwandte gestorben oder für 
das Leben unbrauchbar gemacht wurden ! Ihnen blüht kein 
Trost, sie haben einfach ihr Opfer zu bringen, ihr Leid zu 
leiden. Und dieses Leid wird manchmal eine vernichtete 
oder verfehlte Existenz sein. Wie viele Eltern leben ihr 
Leben nur in der Liebe zu einem Kinde, der Krieg kann 
es ihnen genommen haben; wie viele Bräute werden nie 
andere Liebe als die des Erschossenen kennen, manche, 
weil sie nicht mögen, manche, und die sind nicht weniger 
zu bedauern, weil kein anderer Mann um sie anhält. Der 



ebenfaUs lustig beisammen, obwohl sie gerade an diesem Tage 
ihre liebsten Kameraden verloren hatten, S. 234; wie der Verfasser 
bemerkt: „Der Krieg stumpft die Gemüter ab." 

^) R a t z e 1 , Glücksinseln und Träume, 1905, S. 152, 176. 



W' 



— 76 — 

Krieg macht viele ewige Bräute. Wie mühselig, so recht 
ohne Hoffnung schwer, schleppen manche Witwen ihr 
Leben weiter, weil der Krieg den Gatten raubte! Und 
alle die tüchtigen Männer, die für ihre Lieben lebten und 
arbeiteten, der Krieg rafft zahllose von ihnen hinweg, auf 
immer, ohne Ersatz. 

Der Staatsmann, der sich alles dieses bewußt wii*d 
und dennoch den Krieg zu verursachen oder zu erklären 
wagt, der muß entweder ein Schuft und ein abgestumpfter 
Dummkopf sein, oder ein großer Mann. Wir werden später 
sehen, daß es für die kulturelle Funktion der Kriege nichts 
111 zur Sache tut, ob der mächtige Staatsmann vielleicht zur 

ersten Gattung gehörte. 

Alle die genannten Leiden sind absolut unvermeidlich, 
es gibt aber eine ganze Kategorie von Schmerzen, die 
zwar im Prinzip sehr wohl vermeidlich, dennoch eine regel- 
mäßige Folge der Kriege sind. Ich meine die durch das 
Militär in Kriegszeiten verübten Roheiten und Grausam- 
keiten. Manche machen einen Teil der Kriegsoperationen 
aus und geschehen auf Befehl, manche sind die natürliche 
Folge der besonderen Verhältnisse. Die der ersten Art 
haben bestimmt im Laufe der Zeiten abgenommen,^) sie 
sind jetzt wohl meist nur notwendige Nebenfolgen gewisser 
Maßnahmen, z. B. vom Niederbrennen von Dörfern, von 
der Belagerung von Städten, der Vernichtung von Feldern, 
von den so häufigen Requisitionen usw. Diese alle werden 
nie abnehmen, sie sind tatsächlich unvermeidliche Folgen 



t\ 



■A 






r 



i 



I iti l 



I • 



l 



'MI 



' i 






t 



l'l: 

V ■ '' 



I 



^) Wer es noch bezweifeln möchte, lese einmal die ergreifenden 
Worte A. Bar ine's in Louis XIV. et la grande Demoiselle, 1905, p. 87: 
,»on a peine aujourd'hui ä se representer l'etat oü le simple passage 
d'ane armee, appartenant ä un peuple civilise, pouvait mettre il y a 
deux ou trois siecles une terre franQaise ou allemande. Lldee de 
restreindre les souffrances de la gaerre a Tinevitable est nouveUe ..." 
Die Hanptursache findet der Verfasser in der Verachtung, die der 
damalige Edelmann für den Bauern hatte, den er kaum als Menschen 
betrachtete, p. 100. 



— 77 — 

des Krieges.^) Das dürfte wohl nicht von gewissen absicht- 
lichen Maßregeln gelten, die direkt wider die Freiheit und 
die Gesundheit der Nichtsoldaten gerichtet sind. Ich 
rechne hierzu die konzentrierten Lager der Spanier auf 
Kuba und die der Engländer in Süd-Afrika, in welchen so 
kolossale Mengen von Frauen und Kindern starben und 
sterben mußten. Man hat, wohl nicht ohne Recht, dieses 
grausame Auftreten gerade dieser als grausam be- 
kannten Völker mit Abscheu und Entrüstung verurteilt. 
Die Engländer konnten nur einen Umstand zur Ent- 
schuldigung anführen, nämlich daß die Buren, obwohl 
großmütige Feinde, dennoch in einer Weise Krieg führten, 
die den Engländern diese Maßregel nahelegte. Alle Buren- 
männer kämpften mit, das ganze Volk war Heer, und es 
erhielt vielfache Unterstützung von ihren zu Hause ge- 
bliebenen Verwandten, kein Wunder, daß die nicht gerade 
glückliche englische Heerführung zu solchen äußersten Maß- 
regeln ihre Zuflucht nahm.^) Schwäche führte hier wie so 
oft zur Grausamkeit! Die Marter mußte die Besiegung 
ersetzen. 

Die englischen Kriegssitten in Natal machen uns 
wieder zweifeln, ob wir tatsächlich so große Fortschritte 
auf diesem Gebiete gemacht haben. 



^) Claus ewitz, Vom Kriege S. 5, meint zwar, unsere intelli- 
gentere Kriegführung kenne wirksamere Mittel zur Anwendung der 
Gewalt als die Zerstörung von Stadt und Land. S. 4 sagt er aber 
ausdrücklich, daß ein Prinzip der Mäßigung nie in den Krieg hinein- 
getragen werden darf. 

2) V. B 1 u n t s c h 1 i , Das moderne Völkerrecht in dem französisch- 
deutschen Kriege von 1870: »Die Schonung der Bürger ist freilich 
dadurch bedingt, daß sie sich der Teilnahme an feindlichen Hand- 
lungen enthalten.** Dieses Prinzip darf ja selbstverständlich genannt 
werden und muß die Grundlage der so wertvollen Unterscheidung 
zwischen Kombattanten und- Nichtkombattanten ausmachen; vgl. 
A. B r e n e t , La France et PAUemagne devant le droit international etc., 
1902, p. 3. 



— 78 — 



In einem späteren Abschnitte kommen wir anf die 
Frage der Eiiegsmoral zar&dL 

Abgesehen von allen diesen befohlenen nnd infolge- 
dessen berechenbaren und immerhin in gewissen, wenn 
auch weiten Schranken gehaltenen Grausamkeiten, werden 
zahllose spontan durch die Mannschaften verilbt, größten- 
teils ohne Mitwissen der Offiziere. Schon im Interesse der 
Disziplin muß es das eifrigste Bestreben der Heerftthnmg 
sein, diese Roheiten und Willkürakte der Soldaten mögliebst 
einzuschränken, aber sie gänzlich zu unterdrücken wird sich 
immer als unmöglich zeigen, auch im siegreichen Heere, 
um wieviel mehr in der besiegten Armee, in welcher die 
Disziplin unausbleiblich mehr oder weniger in die Brüche 
gehen wird. Alle diese Ausschreitungen, die gewiß 
einen nicht geringen Teil der Eriegsleiden ausmachen, 
sind zu gleicher Zeit einer seiner begreiflichsten Aus- 
wüchse. Sie rühren von der Zusammensetzung jeder 
Armee und von den besonderen Umständen her. In jedem 
Heere findet sich notwendigerweise eine sehr große Anzahl 
der niederträchtigsten Charaktere, einfach schon aus dem 
Grunde, daß jedes Volk eine Menge derselben enthält. In 
Söldnerheeren, wie das englische, gibt es natürlich eine 
mehr als normale Anzahl gerade dieser Leute, sie ziehen 
sich hier zusammen. Diese gefährlichen Charaktere befinden 
sich im Kriege in einer zur vollen Entfaltung ihrer Eigenart 
ungewöhnlich günstigen Lage. Nach den Gesetzen der 
Psychologie der Menge müssen ihre Eigenschaften schon 
durch die bloße Tatsache, daß hier viele derselben Art 
zusammentreffen, zur üppigen Blüte kommen. Zehn Schufte 
zusammen sind nun einmal gefährlicher als zehn vereinzelte. 
Denken wir uns jetzt diesen Menschentypus unter den ganz 
besonderen Umständen des Krieges, in Feindesland! Für 
sie ist ihrem Charakter gemäß der Gegner so recht der 
verhaßte Feind, wider den alles erlaubt ist; außerdem 
werden sie durch den Wechsel von Entbehrung und Üppig- 



I 



— 79 — 

keit, durch die riesigen körperlichen Anstrengungen stark 
animalisch angeregt. Der Stolz Soldat zu sein all den jetzt 
wenig bedeutenden Zivilisten gegenüber, das Bewußtsein, 
daß dem Sieger mancherlei gestattet sei, manchmal die 
Schwäche und die Furcht des Besiegten, ja der ganzen 
Bevölkerung, das Fehlen aller einschränkenden Hemmnisse 
des heimischen Lebens, alle diese Umstände müssen eine 
sehr starke und höchst ungünstige Wirkung auf die rohen 
Charaktere ausüben. Die Eohen müssen grausam, die Grau- 
samen tierisch werden. Bei allerlei Veranlassungen wird 
das zum Ausdrucke kommen. 

Anders, aber vielfach schlimmer wird sich das alles 
in einem besiegten Heere gestalten. 

Wer schaudert nicht, wenn er eine Bevölkerung der 
brutalen Hoheit solcher Elemente ausgesetzt denkt? Und 
erst recht die Mädchen und die Frauen! Wer sich ohne 
Schönfärberei vergegenwärtigt, wie rücksichtslos im. Frieden 
in der eigenen Umgebung ungeachtet aller sozialen Hem- 
mungen die Frauen von sehr vielen Männern behandelt 
werden, dessen Herz muß zusammenkrampfen, wenn er sich 
die Entfesselung der tierischen Natur so vieler Männer im 
Feindeslande vorstellt. Es muß da auch bei der besten 
Disziplin geradezu unendlich viel Entsetzliches sich abspielen. 

Es sprechen und urteilen sogar in den besseren Männer- 
kreisen, ja hier vieUeicht mehr als in anderen, gar manche 
viehisch, roh und brutal egoistisch über Frauen : wenn alle 
diese Gespräche einmal laut, die mit ihnen übereinstimmenden 
Handlungen bekannt würden, wir würden vor Ekel und Ab- 
scheu hoffnungslos werden. Und das alles wird im Kriege, 
ja schon sehr begreiflicher Weise beim Militär in Friedens- 
zeiten vielfach potenziert. Schon im Frieden ist die Wirk- 
lichkeit des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen 
so ganz, so fundamental anders, als unsere gesellschaftliche 
Heuchelei und unsere Idealmoral es uns vortäuschen möchten, 
^och immer gilt ja die Lüge, das Vertuschen als die Grund- 



I n 



1 I 



— 80 — 

läge unserer Gesellschaft Im Kriege muß das alles aber 
I unendlich viel schlimmer werden! 

Es gibt nur sehr Weniges, das wir hier zur Milderung: 






> I 

\ r 
t 



: I 



11 
il 

■ I 






.'l ■' 



in Ansatz bringen könnten. Unter den getöteten Soldaten 
mag es manche geben, die keine zärtlichen Verwandten und 
Freunde hinterlassen, sehr viele auch, die keine Trauer 
verdienen. Liebe und Zärtlichkeit sind gar nicht solche 
allgemein verbreitete Eigenschaften, als unsere neblig'e 
Menschenbetrachtung uns vordichtet Die meisten Toten 
werden furchtbar schnell vergessen, und wie wenige besitzen 
unvergeßliche Eigenschaften ! Grob und ordinär sind meist 
die Toten, grob und ordinär auch die Zurückbleibenden. 

Manchmal würde das weitere Leben Grund gegeben 
haben, den frühen Tod nicht zu bedauern : einen gar nicht 
unbeträchtlichen Teil dieser jungen Toten würde das Leben 
11 schmählicher entstellt haben, als es jetzt der Tod tat Es 

I i I gehen ja so sehr viele junge Männer aus allen Klassen der 

1 Gesellschaft jährlich zugrunde, manche ganz, die zu Ver- 

brechern, Säufern, Invaliden aus eigener Schuld, echten 
Schurken werden, zu einem Schaden und einer weit- 
reichenden Gefahr für ihre Angehörigen und für das 
Ganze; andere nicht so vollständig, die nur nicht zu dem 
auswachsen, wozu ihre Freunde und ihre eigenen Er- 
wartungen sie bestimmt hatten. Ob nicht mancher Vater, 
dessen Sohn gesund zurückkehrte, später meint: wäre er 
doch wie jener auf dem ruhmvollen Schlachtfelde geblieben? 
Und würde sich nicht mancher selbst, wenn er gewußt hätte, 
was sein Charakter und das Leben aus ihm machen würden, 
den frühen, schönen, beweinten Tod erwählt haben ? Aber 
auch abgesehen von allen Fehlem und selbstverschuldetem 
Unglück, ist die Zahl derer nicht sehr* groß, die später 
allen Grund hätten, auf ihre frühgestorbenen Kameraden 
eifersüchtig zu sein ? Ist nicht für sehr viele allein die Jugend 
schön? Ich fürchte, daß diese Zahlen alle viel größer 
sind, als der triviale öffentliche Optimismus gestehen will. 






l :( 



:! ! 



■1 : i 



■-1 



— 81 — 

Und was schließlich die Todesart betrifft, das Maß der 
Qualen, bevor der Tod eintritt? Es ist so gang und gäbe, 
die Leiden des Schlachtfeldes als ungeheuer groß zu be- 
trachten, ob aber auch begründet ? ob sie im Durchschnitt 
schlimmer sind als die auf dem Krankenbette ? Eine Abwä- 
gung wäre hier sehr schwer, wenn nicht ganz untunlich. So 
viel ist aber gewiß, daß mancher WafEentod urplötzlich 
eintritt wie der vielbeneidete Tod durch einen Schlaganfall, 
mancher andere doch sehr schnell. Allerdings werden auch 
sehr vielen Todesfällen manche Stunden der höchsten Qual 
vorangehen. Es scheint mir aber nur einem Vorurteile zu 
entspringen, wenn diese Schmerzen so in Bausch und Bogen 
viel schlimmer als die auf dem Bette genannt werden. Die 
ersteren werden eingehender geschildert, sie wirken mehr 
auf unsere Phantasie, aber die zweiten dauern schon durch 
die günstigeren Umstände viel länger, und schließlich dürften 
die direkten Schmerzen einander so ziemlich aufwiegen. 
Sehr zum Nachteile des gewaltsamen Todes ist natürlich 
das Fehlen der pflegenden, tröstenden Liebe, obwohl bei 
längerer Dauer der Todesqualen auch diese Liebe, wenn 
auch nur durch Fremde ausgeübt, Gelegenheit erhält, ihre 
besänftigende Macht auszuüben. 

Was die Leiden betrifft, die die Feineren — ich denke 
nicht daran, sie ausschließlich unter den höheren Klassen 
zu suchen — im Kriege zu erdulden haben und die kaum 
erträglich sein dürften, wir müssen, wenn wir zunächst 
objektiv urteilen woUen, ihnen gegenüber die wilden, rohen, 
aber nicht geringen Freuden in Anschlag bringen, die von 
den anderen genossen werden. Die Lockerung aller Bande 
verursacht Schmerzen, aber sie selbst geht aus Genußsucht her^ 
vor und dürfte wahrlich üppige Genüsse mit sich führen. Aber 
sogar abgesehen von diesen unsittlichen Freuden, das freiere 
Leben, die Umwälzung aller langweilig gewordenen Ver- 
hältnisse, die größere Abwechslung, das alles dürfte zahllos 
vieleü die Kriegszeit zu einer lustigen, einer sehr lebenswerten 

Steinmetz. 6 



82 — 






I 



Periode in ihrem Leben machen.^) SelbstverstSndlich gilt 
das eigentlich nnr ffir das siegende Volk, beim unter- 
liegenden und erst recht bei dem, anf dessen Gnmdgebiet 
der Kampf zum Anstrag kommt, müssen die Nachteile und 
der Verdroß fiberwiegen.') Ein Trost hierbei ist nnr, daB 
wahrscheinlich gerade beim Sieger die Disziplin die strengste 
sein wird, schon ans dem Grande, daß sie doch zweifellos 
zn den Hanptbedingnngen des Sieges gerechnet werden darf, 
nnd weil sie hier auch am besten aufrechterhalten werden 
kann. Der Besiegte dagegen befindet sich meist im eigenen 

Lande. 

Die nebensächlichen Leiden des Krieges dfirften also 

im großen nnd ganzen schwerer wi^fen als die genannten 



u 



^) Ich kenne z. B. einen boUändtsoh-indischen Offizier, dem die 
abenteuerlich-wilden Kämpfe in den Tropen unter vielfach schwierigen 
Umständen zu einer wahren Lust sind, der mit keinem anderen 
tauschen möchte! Das zitierte Buch v. Laßbergs gibt ein sehr 
gutes Bild auch von den Freuden des Soldaten. Wie sehr charak- 
teristisch drückt sich der fromme und gelehrte Geograph Ratzel 
aus, der den Krieg von 1870 aus eigener Erfahrung kannte: «Wer 
sich einmal an die Waffen gewohnt hat, mag aus mancherlei Gründen 
sagen: Schade, daß es nicht mehr Kriege gibt. Em Philister, der 
diese Ansicht überhaupt nicht für möglich hält oder sie als frivol 
in Bausch und Bogen verdammt! Darf ich nicht das Gefühl haben, 
daß, wenn alle die gewöhnlichen Werte des Lebens rings um mich 
sinken, mein unverlierbarstes, mein ,selbstes Selbst*, wie einmal 
Lenau es nennt, um ebensoviel steigt?** (Glücksinseln und Träume, 
1905, 8. 199). „Ich habe erfahren, wie dieses Leben die ewigen 
Grundlagen menschlicher Gleichnatur im tiefsten Grunde männlicher 
Seelen aufgräbt und Quellen erschließt, die für gewöhnlich nur in 
engen Spalten mühsam tröpfeln oder rieseln. Not und Grefahr ver- 
einigten entlegene QueUadem, und als starker Strom, der großer 
Leistung fähig ist, traten sie zutage. Was alles sich unter diesen 
Verhältnissen an Beziehungen von Mensch zu Mensch entwickelt, 
will ich gar nicht mit dem allgemeinen Namen Freundschaft 
decken ** (S. 141). 

') Auch im besiegten Heere wie wenig traurig die frischen Ein- 
drücke ! z. B. auf S. 72, 73 von „Glückliche Episoden 1806**, 1906. 



— 83 — 

angenehmen Nebenprodukte, weil die letzteren zum großen 
Teile sehr oberflächlicher Natur sind; für alle dürfte das 
aber nicht zutreffen ; Freuden und Leiden werden manchmal 
ungefähr derselben Natur sein'; der eine Lebensinhalt wird 
gefördert, der andere benachteiligt, sie kompensieren ein- 
ander. Auf die moralischen Vor- und Nachteile kommen 
wir später zurück. 

Zu den schlimmsten ungewollten Leiden der Kriege 
gehört die Verbreitung von gefährlichen Epidemien. 
Erstens sterben sehr viele Soldaten durch diese Krank- 
heiten, Engel meinte sogar, die Verluste an Epide^iien 
betrügen in kürzeren Feldzügen das Drei-, in längeren sogar 
das Fünffache der Schlachtverluste.^) Im Krimkriege starben 
75 000 Franzosen an Krankheiten, durch den Feind 20 000;*) 
im deutschen Heere in 1870 — 71 ändert sich das Ver- 
hältnis: es starben an Krankheiten 10 710, an Wunden 
17 572 Menschen.*) Ich glaube, wir dürfen annehmen, daß 
der künftige Krieg in dieser Richtung fortfahren wird; 
unsere hygienische Kenntnis nicht bloß, sondern auch 
unser prophylaktisches Können nehmen bedeutend zu, 
und voraussichtlich wird das noch lange der Fall sein. 
Dasselbe gilt für die noch so viel schlimmere Verbreitung; 
dieser epidemischen Krankheiten über die Zivilbevölkerung 
infolge der Kriege. In Paris war die Sterblichkeit in den ersten 
Wochen der Belagerung zweimal so groß als in dem ganzen 
Jahre vorher;*) die französischen Kriegsgefangenen ver- 
l)reiteten die Blattemepidemie über ganz Europa.^) 

Wir können hier nur betonen, daß die Völker solchen 



^) Engel in der Z. d. k. Preuß. Stat. Bur. Bd. 7, 1867, S. 157; 
T. et t in gen, Moralstatistik, 1882, S. 780. 

^ Westergaard, Mortalität und Morbidität, 1904, S. 567. . 

>) Engel 1. c. Bd. 12, 1872, S. 293. 

^) Westergaard ibidem. 

'^j Westergaard 1. c. S. 223. Auch dfe Syphilis wird begreife 
licherweise durch Kriege stark verbreitet, S. 260. ) 

6* 



— 84 — 

Gefahren gegenüber keineswegs machtlos sind. Die medi«- 
zinische Wissenschaft nnd Ennst unserer Tage stellen nicht 
wenige Mittel dagegen zu ihrer Yerffigung, Wohlfahrt und 
sitOiche Energie, eine gate Verwaltung und ein ausge- 
bildetes Annenwesen tragen des weiteren dazu bei, solche 
Epidemien mit Erfolg zu unterdrücken. Das MaB dieses^ 
Erfolges hängt glücklicherweise von dem Maße ab, in 
welchem diese Faktoren in dem betreffenden Volke wirk- 
sam sind.^) 

Eigentlich wird hier der Kampf der Völker also fort- 
gesetzt, nur mit anderen Mitteln ! Auch hier wird der best- 
organisierte Staat, dessen Bürger mit dem opferfreudigsten 
Patriotismus beseelt sind, dessen Wohlfahrt und moralische 
und intellektuelle Kraft die ganze Vergangenheit des Staates 
und des Volkes am höchsten gehoben hat, die beste Chance 
für den endlichen Sieg besitzen. 

Es ist klar, daB die Nebenleiden des Krieges hiermit 
noch gar nicht zu Ende sind. Wir haben noch zahllose 
unerwähnt gelassen. Ich werde sie jetzt nui- flüchtig be- 
rühren, nur um sie bei unserer endlichen Abrechnung nicht zu 
vergessen. Überall, wohin die eigentliche Aktion des Krieges 
sich wendet, verbreitet sich ein hochgradiger Schrecken 
über alle Einwohner: sie wissen ja, daß ihre Sachen requi- 
riert, ihre Gärten, Äcker und Häuser verwüstet werden 
können. Manches, was ihnen lieb ist, werden sie verlieren, 
die ganze Gegend wird ihnen durch die Greuel der Schlachten 
und der Vernichtungen verleidet werden. Sie wissen das alles 
vorher, und diese Angst ist vielleicht noch schlimmer za 



^) Einen wunderbar scb6nen Erfolg hatte z. B. die Arbeit der 
organisierten Frauen Amerikas im Sezessionskriege. Die Sterblichkeit 
im Heere, besonders die an Krankheiten wurde dadurch bedeutend 
reduziert, und der Einfluß auf die Morid der Soldaten war ganz enorm ; 
vgl. Elisee Reclus, Une commission sanitaire de la guerre aux 
Etats-Unis, in Revue des^ deux Mondes, Mai 1864, p. 156 seq., 164. 



— 85 — 

ertragen als die endlich eintretende Wirklichkeit iPoltemde 
hngst mnfl in Kriegszeiten die dauernde Qual Zahlloser bilden. 



§ 3. ., 
Die ökonomischen Nachteile der Kriege. 

Der Krieg übt einen großen Einfluß auf die stofEUchen 
Mittel zur Befriedigung unserer Bedürfnisse aus, der fast 
verderblicher scheinen könnte als die Vernichtung dier 
Menschenleben und die direkte Gefährdung menschlichen 
Glückes. Es hat das darin seinen Grund, daß das ersteige; 
obwohl an sich das allerschrecklichste, doch immerhin ein 
seltenes Vorkommnis ist. Der ökonomische Druck des 
Krieges wirkt aber immerfort, ohne Aufhören, während er 
sich dann und wann noch beträchtlich steigert. Ein seltener 
Druck kann aber sehr schwer sein, ohne als unerträglich 
empfunden zu werden, ein unausgesetzter, obwohl an sich 
bedeutend leichter, träd schon bald zur unduldbaren Qual. 
Ich glaube die Bedeutung • dieses Unterschiedes so hoch 
einschätzen zu dürfen, daß ich meine, der Protest wider 
den Krieg wäre ohne die hohe jährlich wiederkehrende 
Kriegssteuer nie zum jetzigen Nachdrucke gekommen. 

Wir müssen also die einmaligen akuten und die regel- 
mäßigen chronischen ökonomischen Kriegsnachteile gehörig 
unterscheiden. Die ersteren umfassen nicht nur die eigent- 
lichen Kosten des Krieges, die in der zeitweiligen Erhöhung 
der Steuer zum klaren Ausdrucke kommen, sondern auch 
alle die unregelmäßigen Erhebungen an Geld und Natu- 
ralien, die der Feind gewöhnlich vornimmt,^) und wahrlich 



^) Vgl. über ihre Rechtmäßigkeit, Zorn, Das Kriegsrecht zu 
Lande, 1906, S. 272 über Requisitionen und Kontributionen ; über ihre 
Vornahme durch die deutschen Armeen in 1870—71, Brenet, La 
France et rAllemagne .devant le droit international, 1902, p. 51—87; 
über ihre Praxis und ihr peinliches Eingreifen in das Privatleben das 
zitierte Buch von L a ß b e r g passim, und zum Vergleiche G.Aubertin, 



I 



I 



— 86 — 

nicht zum geringsten Teile den Betrag aller Vemichtnngen 
nnd Verheenmgen» die im Feindeslande nun einmal praktisch 
nnyermeidlich scheinen. Die regelmäßigen Kriegslasten 
bilden das jfthrliche Eriegsbudget 

Behandeln wir die aknten Kriegslasten znerst! Ab- 
Schätzungen, sogar weniger genaue, ffir die yerschiedenen 
Kriege kenne ich nicht Aus den ganz allgemeinen Be- 
schreibungen der vom Feinde angerichteten Yemichtungeii 
können wir aber leicht auf ihren großen umfang schließen. 
Anstatt uns an eine plastische Schilderung zu wagen,, 
werden wir einige Unterscheidungen vornehmen, die zu- 
gleich geeignet sind, uns die gewaltige Ausdehnung und 
Bedeutung dieser Art Kriegsyerluste eindringlicher yorzu- 
ffihren. 

Zuerst möchte ich hier diejenigen Zerstörungen, die 
zur Erreichung des Kriegszweckes unvermeidlich sind, von 
denen, die zwar im gewöhnlichen Laufe eines Krieges 
vorzukommen pflegen, die aber vielmehr zu seinen Aus- 
wüchsen gehören, unterscheiden. YonClausewitz nennt 
„die Vernichtung der feindUcheu Streitkräfte'' den höchsten 
Zweck des Krieges, zu diesen Streitkräften gehören aber 
nicht nur die Menschen, sondern auch die materiellen 
Hilfsmittel, von den Waffen aller Art bis zu den Wällen 
der Festungen, den Kriegsschiffen, den Nahrungsmitteln 
des feindlichen Heeres und seinen Munitionsfabriken. Ohne 
diese und noch viele andere technische Hilf smittel vermag 



Les Allemands en Bourgogne, Revue d. d. Mondes, Mars, 1871, p. 354, 
855, 366. Er weiß eigenilich^cht so sehr viel Schlimmes mitzuteilen, 
was gewiß sehr bemerkenswert, nur einigen Chorälen wirft er vor: 
«maisoDS briiiees au petiole et le feu mis a la main dans les fauboui^s 
pendant l'attaque pour effrayer la defense, ... les contrlbutions de 
guerre frappees sur les villes, les campagnes affamees, ran^onnees, 
pressurees, les ötages enleves, les razzias execut^, en plein jour, le 
sabre au.poing, contre les citoyens paisibles . . .» p. 354. Ober die 
Requisitionen im modernen Kriege vgl auch Von derOoltz, Das 
Volk in Waffen, 1899, S. 396 ff. 



— 87 — 

I der Feind den Kampf nicht fortzuführen, ihre Vernichtung 

i gehört deshalb zu den ersten Zwecken jedes feindlichen 

j Heerführers. Die finanzielle Folge dieser absolut unver- 

meidlichen Zerstörung ist die Erhöhung der Eriegsbudgets, 
^ bis alles wieder in Stand gesetzt wurde. Es umfaßt aber 

i diese beabsichtigte Zerstörung nicht allein solche bloß mili- 

tärische Gegenstände, deren Vernichtung keinen weiteren 
Schaden als den der Notwendigkeit ihrer Ersetzung ver-^ 
ursacht, sondern sie greift unvermeidlicherweise auf ganz 
andere, nicht-militärische Sachen hinüber. Es können diese 
öffentlicher Natur sein, wie Eisenbahnen, Brücken, Hafen- 
anlagen, Magazine usw., aber auch private Besitzungen 
können in weitem Umfange, selbst bei der nachsichtigsten 
Kriegsführung, unmöglich geschont werden. Eisenbahnen 
in Privatbesitz werden für militärische Zwecke monopoli- 
siert, außer Betrieb gesetzt, zerstört, auf dem Felde stehende 
Ernten werden zertrampelt, Äcker durch Granaten aufge- 
wühlt, Obstgärten vernichtet, Häuser verbrannt und nieder- 
gerissen, Vieh getötet oder requiriert, aber wie unendlich 
viel mehr wird da noch zerstört! Die Bewohner können 
ihre bewegliche Habe nur selten in Sicherheit bringen, das 
meiste wird der Vernichtung anheimfallen. Was der Feind 
gebraucht, wird natürlicherweise schonungslos behandelt. 
Was bei gehörigem Gebrauche jahrelang standhalten 
könnte, wird jetzt in kürzester Zeit verbraucht. Dßr Feind 
ist verschwenderisch und rücksichtslos. Rohe, brutale 
Soldaten benutzen die besten Zimmer des Hauses, man 
darf sich glücklich schätzen, wenn sie nichts einstecken.^) 
Der Ärger, der durch alle diese Vernichtungen verur- 
sacht wird, ist vielleicht als ein noch schlimmeres Leid 



^) Auch bei der besten Disziplin muß in dieser Weise viel ge- 
stohlen werden; vgl. den zitierten Aufsatz von Aubertin p. 366 über 
die Diebstähle in Dijon, verübt durch die Armee Manteuffels während 
der zweiten Besatzung, aber nur an einem Tage ; die späteren Regi- 
menter waren schon viel ehrlicher! 







ii: 






'-.j 



I-. 



; Ii 



! 



;* 



ii I 



II 



l! 



J'i 



— 88 — 

als der Schaden aufzufassen. Und doch betrilEt das Gre- 
nannte allein die bei hergestelltem Frieden leicht ersetz- 
lichen Besitzungen, so manches wird aber zerstört, das nie 
wieder ersetzt werden kann. Es können das Sachen im 
öffentlichen oder auch im privaten Besitze sein. Alte Ge- 
bäude werden zerschossen, Gemäldesammlungen verbrannt, 
Bächereien eingeäschert. Manchen uns lieben Gegenstand 
müssen wir in der belagerten Stadt zurücklassen und er- 
halten ihn nie wieder. Der Eulturbesitz eines Volkes, ja 
der der Menschheit wird in dieser Weise manches uner- 
setzlichen Kleinods beraubt, und die Schatzkammer der 
Familienreliquien wird auf einmal geleert. 

Dies alles, wie erdrückend viel es uns vorkommen möge, 
macht doch nur das aus, was auch bei der humansten Eriegs- 
fübrung verloren geht, wo unausgesetzt nach Schonung 
des Feindes gestrebt wird, die Führer gebildete, großmütige 
Männer sind, die zugleich eine eiserne Disziplin handhaben, 
und die Soldaten im Durchschnitt anständig und gehorsam. 
Es kann der Krieg aber, auch durch ein Kulturvolk, anders 
geführt werden, die höheren und niederen Offiziere können 
sehr wohl rücksichtslos und habsüchtig, die Soldaten grau- 
sam, unehrlich und zuchtlos sein. Wenn die eigene 
Verwaltung schlecht für die Pflege der Truppen sorgt, 
wenn sie in Feindesland allerlei Mangel und Hunger leiden, 
dann muß die Disziplin unfehlbar nachlassen, die Mann- 
schaften bekommen sozusagen ein gewisses Recht, sich 
schadlos zu halten, am Feinde natürlich, die Führung kann 
diesen nicht länger beschützen, sie gibt ihn zum Ersätze 
preis, da entfesselt sich die Soldateska über das unselige 
Land. Ich brauche nicht an den entsetzlichen Jammer 
der zweiten Hälfte des dreißigjährigen Krieges zu erinnern, 
noch an die Verheerung der Pfalz durch Turenne und 
Melac. 

Man möchte gerne die Ansicht hegen, daß solche Zer- 
störungskriege in unserer Zeit unmöglich geworden sind, 



-i 



— 89 — 

isji unsere Humanität, die ja die Abschaffung aller Kriege 
plant, dazu, yiel zu hoch entwickelt ist Dann erinnern 
ms aber die Kriege Englands in Südafrika, sowohl die 
unmenschlichen Greuel, gegen die Burenfrauen und ]-kinder 
verübt, als die Abschlachtungen der NatalnegOt, daran, 
daß die alten Bedingungen der Unmenschlichkeit im Kiiege 
noch immer obwalten. Die erste davon ist wohl die Rück- 
sichtslosigkeit, der Mangel an Mitgefühl, an Achtung vor 
dem Gegner als Menschen.^) Das Auftreten der ver- 
bündeten Europäer in China scheint auch nicht zu großen 
Illusionen zu berechtigen. Es mögen aber durch die weite 
Entfernung dieser Kriegsfelder vom Mutterlande, im letzten 
Falle auch durch die fremde Rasse des Gegners, besondere 
Umstände obgewaltet haben. 

Die europäischen Kriege des vergangenen Jahrhunderts 
haben sich gewiß durch viel geringere Zerstörungen als 
die früheren gekennzeichnet, und ich halte dafür, daß wir 
auch ohne allen Optimismus fortschreitende Verbesserung 
in dieser Richtung als wahrscheinlich erwarten dürfen.^ 

Ein Glück ist es jedenfalls, daß diese schlimmen Aus- 
schreitungen der Kriege wenigstens auf das fremde Land, 
also gewöhnlich auf eines, beschränkt bleiben. Im eigenen 
Lande ist man durch die strengere Disziplin, die bessere 
Verpflegungsmöglichkeit der Heere und durch die Tatsache 
der Abschaffung der Söldnerheere gegen soldatische Roh- 



*) Mit musterhafter Objektivität weist Dr. W. J. Ley ds in seiner 
„Eerste Annexatie van Transvaal", 1906, S. 312 ff. nach, wie den Eng- 
ländern das Vermögen, sich in die Stelle anderer zu denken, voll- 
ständig abgeht, und wie sie deshalb mit der höchsten erreichbaren 
Unverfrorenheit anderen Völkern gegenüber ungerecht sind. 

^) Sonderbar nimmt sich gegenüber der Versicherung Clause - 
witz', daß die gebildeten Völker Stadt und. Land nicht mehr zer- 
stören, die Ansicht des Generals Sheridan aus, daß man auch der 
Bevölkerung ihre Augen nur lassen solle, um zu weinen und sie mög- 
lichst roh behandeln solle, damit sie den Frieden herbeiführe. Nach 
Brenet L c. p. 96.. ^. 



— 90 — 

heiten hinreichend geschfltzt ; nicht wenig mag hierzu aacli 
der allgemeine demokratische Zog unserer Zeit, die mehr 
verbreitete Anerkennung der allgemeinen Menschenwürde 
beigetragen haben. 

Die> Zerstörungen festen und beweglichen Besitzes und 
vor allem die kulturell höher zu bewertender Gegenstände 
sind eine sehr bedauerliche und leider unvermeidliche Folge 
des Krieges. Etwas eingeschränkt können sie zwar werden, 
aber sehr, sehr hoch wird der durch sie verursachte Ver- 
lust immer bleiben. 

Eiinigen Trost können wir hier sogar aus den histo- 
rischen Tatsachen schöpfen. Das S[riegstheater, auf welches 
sich die Eapitalverwüstungen beschränken, ist gewöhnlich 
nicht sehr ausgebreitet Die Größe des Kriegsschauplatzes 
von 1870/71 betrug noch nicht */» des heutigen Prank- 
reichs, ^/^^ des damaligen, ganz Deutschland und Vn ^^ 
gar des heimgesuchten Landes blieben von Feinden ver- 
schont Und je größer die Ausdehnung der Kriegsbühne 
sowie der feindlichen Besatzung, desto größer wird die Zahl 
der faktisch frei bleibenden Punkte. Der große, für die 
Zukunft der Welt so folgenschwere Krieg zwischen Ruß- 
land und Japan war eigentlich auf die Mandschurei be- 
schränkt. Bußland, Sibirien und Japan blieben frei, und 
sogar ein nicht geringer Teil der allerdings sehr ausge- 
dehnten Mandschurei. Es ist also gar keine Begel, daß 
das ganze Land, viel weniger daß beide Länder unter der 
einen schrecklichen Begleiterscheinung der Kriege, den 
Kapitalverwüstongen, zu leiden haben. Was übrig bleibt, 
ist übrigens wahrlich schlimm genug! 

Ein anderer Trostgrund, der aber ebenfalls, wie jeder 
Trost, die Ursache des Leides nicht aufhebt, ist der relativ 
schnelle Ersatz der vernichteten Kulturgüter. Wenn das 
betreffende Volk übrigens gesund ist, darf man durchaus 
nicht meinen, die Wunden des Krieges seien unheilbar, im 
Gegenteil, sie heilen eigentlich unerwartet, ja wunderbar 



— 91 — 

schnell. Ferrero selbst, einer der besten Sachwalter des 
Friedens, weist anf die wunderbar schnelle Blüte der Ver- 
einigten Staaten nach dem furchtbar verheerenden Kriege 
zwischen den Nord- und den Südstaateü in 1861 — 1865 
hin.^) Unbegreiflich ist diese Erscheinung aber gar nicht. 
Vergegenwärtigen wir uns die Tatsachen! Der Boden 
bleibt nach wie vor, wie er war, die immer bereite Quelle 
aller Reichtümer, die Volksmasse wurde nicht wesentlich 
verringert; wenn nur der Geist des Volkes nicht durch 
einen allzu grausamen, allzu lang dauernden Krieg ge- 
brochen wurde, so besteht eigentlich die ganze Verarmung 
in dieser Kapitalvemichtung. Das übriggebliebene Kapital, 
das, wenigstens in der modernen Zeit, die weitaus größte 
Masse beträgt, findet jetzt eine ganz außerordentlich 
günstige Verwendung, der Zinsfuß ist zwar vorläufig 
hoch, aber das Kapital um so williger, die Produktion 
steigert sich in ungeahnter Weise.^) Viel Altes, durch 
den Krieg Verdorbenes wird schleunigst ersetzt, und zwar 
durch Besseres. Hier, auf ökonomischem Gebiete öffnet sich 
wie in Moral und Politik und nicht wenig unter deren 
Einflüsse, ein neues, frisches, intensiveres Leben.*) Es 



^) n Militarismo, 1898, p. 53, er sucht besondere Gründe dafür 
anzuführen, vergißt aber, daß die Erscheinung gar nicht vereinzelt. 
Atkinson, The Industrial Progress of the Nation, 1890, p. 182/88 
gibt merkwürdige Zahlen. Der Krieg soU hüben und drüben zu- 
sammen 8 Milliarden Dollars gekostet haben oder die Arbeit von 
2 270 000 Mann zu 500 Dollars pro Jahr während 7 Jahren, und dennoch 
nahmen Industrie und Landbau im Norden auch während des Krieges 
fortwährend zu, und trat bald „the wonderful development of 
southem industry'' ein, p. 184; vgl. andere Zahlen bei Felix 1. c. 
S. 117 ff. 

*) Prof. A. Wagner spricht von dem „nach großen politischen 
Bewegungen . . . erwachenden Unternehmungs- und Spekulations- 
geiste'', Das Reichsfinanz wesen, in Jahrb. f. Gesetzg., Verw. u. Rechts- 
pflege, 1874, S. 252. 

^) Der spanische Handel nahm nach dem Kriege mit Amerika 
schnell zu; Amer. Journ. of Sociology, 1901, p. 856. 



— 92 — 

gibt ja überall so viel Altes und Morsches, and der Krieg: 
r&nmt auf wie kein anderer Besen. 

Wie schnell hat sich doch Frankreich von den derben 
Schlägen der Deutschen erholt 1^) Und wenn wirklich die 
Kriege der Zukunft immer weniger verheerend sein werden, 
so wird diese Wiederherstellung immer schneller stattfinden 
können. 



Wir wollen jetzt die Kriegskosten im engeren Sinne, 
das für die Führung des Krieges direkt ausgegebene Geld 
in Betracht ziehen. 

Die Kriegskosten für den französischen Staatsschatz 
werden amtlich für den Krieg von 1870/71 wie folgt an- 
gegeben: 

2081,6 MilL Fr. außerordentliche Kriegsausgaben (u. a. Ver- 
sorgung von Paris mit Lebensmittehi), 
Unterstützung an Familien der Soldaten, 
Kriegsentschädigung an Deutschland mit 
Zinsen, 
61,7 „ „ Ersatz deutscher Auflagen, 
248,6 „ „ Unterhalt deutscher Truppen, 

631.1 „ „ Kosten auf Anleihen, 

364.2 „ „ Verluste an Steuern usw. 



50 
6320,1 



n 



n 



8739,3 Mill. Fr. zusammen.*) 



^) Ein ganz nDbefaogener Zeuge, der italienische Kriminalist 
und Sozialist Ferri, beweist mit prächtigen Zahlen den bis 1873 
und 1878 zunehmenden Reichtum Frankreichs, Griminalita in Francia 
p. 183—185; vgl. weiter Felix, Der moderne Reichtum, 1906, S. 59, 
70 und sonst, und die interessanten Zahlen, welche A. de Malarce 
in, Les caisses d'epargne en France et en Angleterre depuis la guerre, 
in Revue d. d. Mondes, Juni 1872 gibt: Anfang 1870 enthielten die 
franz. Sparkassen 720 MiU. Fr., nach dem Kriege noch 526 MiU. Fr., 
die in Paris resp. 54 und 36 Mm. Fr., p. 929 u. 941. Nach v. B 1 o c h , 
Der Krieg, Bd. 4 S. 106 stieg der franz. Export ungeachtet des Ver- 
lustes von Elsaß-Lothrint^en von 1869—1878 mehr als von 1860—1869. 

^) Prof. A. W a g n e r , Die finanzielle Seite des deutsch-franz. 



— 9ä — 

Die deutschen Kriegskosten wurden durch die fränz; 
Entschädigung- wettgemacht Der nächste Krieg zwischen 
FraJÄkreich und Deutschland würde nach Schäffle 
25 Milliarden Mark kosten.^) Der Krimkrieg soll nach 
Leroy-Beaulieu 8,5 Milliarden Francs für die sechs 
beteiligten Nationen gekostet haben, der russisch-türkische 
Krieg von 1877/78 6452 Millionen Francs.'^) Die fünf 
großen Kriege in den Jahren 1852 — 1878 sollen zusammen 
30 534 Millionen Francs gekostet haben.*) 

Der Burenkrieg soll dem englischen Staate nach det 
Berechnung Giffens ungefähr 100 Millionen Pfd. Sterl. oder 
2 Milliarden Mark gekostet haben.*) 

Im russisch-japanischen Kriege betrugen die gesamten 
Kriegskosten Japans rund 1160 Millionen Yen oder 2416' 
Millionen Mark; dem russischen Reiche kostete der große 
Krieg aber die Summe von 1330 Millionen Rubel.*) 

Der Betrag mag für das nichts weniger als reiche 
japanische Volk sehr groß genannt werden. Dennoch 
scheint er das Volk gar nicht zu sehr gedrückt zu haben. 
„Der Krieg hat den Auf schwung der Volkswirtschaft nicht 
zum Stillstände gebracht, im Gegenteil ist während des 
Krieges eine weitere Ausdehnung der wirtschafflichen 
Tätigkeit und ein Erstarken der produktiven Kräfte ein- 
getreten . . . Japan steht nach dem Kriege mit unge- 
schwächter wirtschaftlicher Kraft der sehr stark gewachsenen 
industriellen Belastung gegenüber."*) Derselbe Verfasser^ 



Krieges, Jahrb. f. Gesetzgeb., Verwaltung und Rechtspflege d. D. 
Reiches, 1874, S. 92. 

1) V. Bloch 1. c. Bd. 4 S.317. 

«) V. Bloch 1. c. Bd. 4 S. 282, 286. 

») V. Bloch 1. c. Bd.4 S. 285. 

^) Sir Robert Giffen, Further Notes on the economic aspects 
of the war, Economic Journal, March 1901, p. 2. 

^) Helfferich nach Urba, Die Revolution in Rußland, 1906^ 
Bd. 1 S. 610. 

•) Urba 1. c. S. 511. 



— 94 — 

der sich hierbei auf die Aatoritftt Helfferichs stfitzt, 
führt des weiteren aus, wie der mssische Staatskredit sich 
in den schweren Zeiten des Krieges bemerkenswert 
gat gehalten hat nnd wie die inneren Unruhen ffir den 
finanziellen Znstand Bnfilands weit bedenklicher sind.^) 
Aber sogar für das Land, das in diesem letzten gewaltigen 
Völkerkampfe die nnyermeidlichen Eriegsschäden direkt zu 
tragen hatte, sogar ffir die Mandschurei, vernehmen wir 
jetzt schon hoffnungsvolle Trostworte. Schreibt doch der 
Oberst Gädke, der dort den Krieg auf russischer Seite 
mitmachte: „Es ist keine Frage, daß in dies schlafende 
Land mit der Ankunft der Küssen ein neues, frisch 
pulsierendes Leben gekommen ist Ich glaube, man kann 
sie um diese Erwerbung beneiden, wenn auch viele klagen, 
daß sie fiberaus teuer zu stehen kommt. Aber wer wird 
in zwanzig Jahren noch von diesen Kosten sprechen ?** *) 
Und wird jetzt die fieberhafte Anstrengung der Japaner 
das Land nicht gar bald aus seinem bisherigen Schlafe 
und aus der Niederwerfung durch den Krieg emporheben ? 
Die Nachrichten der Zeitungen weisen deutlich auf eine 
baldige Blüte der Mandschurei hin. Denken wir uns den 
russisch-japanischen Krieg fort, die Mandschurei wäre auf 
lange, lange Zeiten ihrem kulturellen Tiefstande fiberlassen 
geblieben! Natfirlich dfirfen wir nicht auf den russischen 
Einfluß hinweisen ; denn dieser war doch auch schon einem 
kriegerischen Eingreifen zu verdanken. 

Ich möchte mich aber nicht gern zu der Behauptung 
versteigen, daß die ökonomische Kriegsnot nicht schwer 
auf den heimgesuchten Völkern laste. Im Gegenteil, auch 
ich betrachte diese direkten Kosten jedes einzelnen Krieges 
als eiae furchtbar schwere Last, um so schwerer, weil sie 
zu all dem übrigen kommt. Wir werden sehen, daß die 



ij 



^) Ibidem. 

*) Gädke, Kriegsbriefe ans der Mandachurei, 1908, S. 84. 



— 95 — 

Kriege noch ganz andere Anforderungen an uns stellen, noch 
viel schwerere und schmerzlichere Opfer von uns fordern. 

Betrachten wir jetzt die vorbereitenden oder konstanten, 
chronischen Eriegskosten. 

Seitdem die Staaten stehende Heere besitzen, große 
Flotten unterhalten, die militärische Technik die viel- 
fältigsten und kostbarsten Streitmittel geschaffen hat, seit- 
dem muß jeder Staat, der nicht wehrlos sein will, jährlich 
große Summen ausgeben, um im Notfall bereit zu sein, um 
überhaupt an einem defensiven oder offensiven Kampfe 
teilnehmen zu können. Der Wetteifer, die Notwendigkeit, 
hinter dem möglichen Gegner nicht zurückzubleiben, nötigte 
die Staaten in ihrer Kriegsvorbereitung immer weiter zu 
gehen. Der allgemeine Fortschritt der Kulturvölker trug 
mit dazu bei, obwohl das manchen wie Hohn in die Ohren 
klingen mag. Die Völker wurden immer größer, immer 
reicher, die kritische Wissenschaft breitete sich über alle 
Gegenstände aus, die Kräfte der Natur wurden auf allen 
Gebieten zum ersten Male ausgenutzt, auch die Lenkung 
der Menschen zum Behuf bestimmter Zwecke wurde sub- 
tiler und mächtiger, wie hätte da die Kriegführung allein 
kleinlich, naiv und altmodisch bleiben können ? Wenn alles 
sich vorwärts bewegte, wie konnte da dieses eine stillstehen? 

Der Kampf der Völker ist, wie er immer war, der 
Ausdruck ihres ganzen Seins, eine Haupttat in ihrem 
Leben; also muß er doch die Proportionen dieses Lebens 
teilen, der Kampf der großen, reichen Völker muß mit 
kolossalen Mitteln geführt werden. Das Umgekehrte wäre 
undenkbar, widersinnig. So sind denn die Heere und die 
Flotten zuletzt riesig groß geworden. Ich werde nur einige 
wenige Zahlen nennen zur Illustration des Gesagten. Das 
französische Heer betrug i. J. 1906 mit der Marine zu- 
sammen in Friedenszeit 630000 Mann, das russische 1 160000, 
das deutsche 650 000. 



— 96 — 

Das Friedensbudget DeatschlaDds ffir 1904/1905 betrag 

für das Heer 717 371086 Mk. 

ffir die Flotte 233866502 „ 
Das Friedensbadget Frankreichs ffir 1904 betrag 

für das Heer 676 329 916 Fr. 

ffir die Flotte 312 828 637 „ 
England zahlte im Friedensjahre 1904 für Heer and Flotte 

zusammen 1443 060 000 Mk. 
Und was die kleineren Staaten betrifft : Italien zahlte i. J. 
1900 320 Millionen Mark für Heer nnd- Flotte zusammen, 
Österreich-Ungara 350 Millionen Mark. Es sind das wahr- 
lich ganz ungeheuere Summen! 

Man vergesse aber nicht, daß sie über sehr zahlreiche 
Bevölkerungen sich ausdehnen. Unsere Vorfahren hatten 
zwar keine Ahnung von solchen Riesenheeren, aber eben- 
sowenig von einem solchen Zuwachs der Bevölkerung,^) 
und erst recht nicht von dem enormen Wachstume des 
Kapitals, das in unserer Zeit stattgefunden hat. Wir bekommen 
doch schon ein ganz anderes Bild, wenn wir uns vergegen- 
wärtigen, daß der Unterhalt von Armee und Flotte in 
Deutschland pro Kopf der Bevölkerung in 1906 betrug: 
16,9 Mk., in Frankreich 22, in Großbritannien 33, in Ruß- 
land 7,6, in Österreich 9,3, in Italien 10 Mk. 

Leider sind die Berechnungen des Volkseinkommens 
nichts weniger als einwandfrei, außerdem wurden sie selten 
vorgenommen; sonst könnten wir genau ausdrücken, ein 
wie großer Teil des Nationaleinkommens für kriegerische 
Zwecke in den Kulturstaaten jährlich verausgabt wird. 
Für Großbritannien und Irland besitzen wir aber glück- 
licherweise eine jedenfalls sehr sorgfältige Berechnung des 
Nationaleinkommens durch den bekannten Finanzwissen- 




^) Vgl. über das Wachstum der europäischen Bevölkerung 
J. Belochs Aufsätze in der Zeitschr. I. Sozialwissenschaft, und 
Rauchberg im Handw. d. Staats wiss. Bd. 2 S. 657. 



— 97 — 

schaftler Sir Robert Giffen. Er berechnet das gesamte Volks- 
einkommen auf 554 Millionen Pfd. Sterl. für das Jahr 1885, 
und in demselben Jahre betrugen die Ausgaben für das 
Militär im ganzen die Summe von 45 Millionen Pfd. Sterl. 
ungefähr, das macht etwa 8®/o-^) Di^ berechnet das jähr- 
liche Volkseinkommen im deutschen Reiche bei Ausgang 
des neunzehnten Jahrhunderts auf 26 Milliarden Mk. Das 
gesamte Kriegsbudget betrug für 1894/95 657 Millionen 
Mark, also nur ^39 des Volkseinkommens. ^) Das französische 
Volkseinkommen betrug nach Mulhall für 1892 20 Milliarden 
Mark, das gesamte Kriegsbudget für 1893 750 Millionen 
Mark, das macht etwa Vae ^^s Einkommens.®) 

Wir können uns darauf verlassen, daß v. Bloch 
die Nachteile des Krieges nicht zu glimpflich vorstellen 
wird. Er gibt aber folgende Berechnung des Verhältnisses 
zwischen Militärlasten und Volkseinkommen: die ersteren 
sollen in England 2,44, in Deutschland 2,79, in Frankreich 
3,82, in Österreich 2,31% <ies Netto -Volkseinkommens 
betragen nach Pernandez, nach Effertz nicht mehr 
als 5%.*) 

Aus diesen beiden Reihen von Angaben, die den An- 
teil pro Kopf der Bevölkerung und sein Verhältnis zum 
Volkseinkommen betreffen, ersehen wir, daß die jährlichen 
Kriegskosten in geradem Verhältnisse zum Reichtume und 
zum Einkommen der Völker stehen. Jedenfalls eine er- 
freuliche, wenn auch eine sehr natürliche, ja selbstver- 
ständliche Tatsache! 

Obwohl diese Zahlen keineswegs einwandfrei sind, 
dürften sie uns doch die beste Einsicht in die eigentlichen 



^) Giffen Dach Mayo- Smith, Statistics and Economics, 
1899, p. 178, und Almanach de Gotha 1885. 

^ Felix, Der moderne Reichtum, 1906, S. 58, und Almanach de 
Gotha 1895. 

s) Schmoller, Grandriß, S. 596; Alm. de Gotha 1895. 

*) V. Bloch I.e. Bd. 4, S. 303, 306. 
Steinmetz. 7 



isten des Krieg^es gewähren. Der erste Eindruck maä 
r des Schreckens sein! Die Sammen sind ganz onge- 
nere, maßlose. Solche kolossale Sch&tze werden Mr den 
irderiscfaen Krieg aasgegeben! 

Veigleicben wir sie aber jetzt mit anderen, ebensowenig: 
m Leben direktnotwendigen Ausgaben I ÄnBier.Wein und 
'anntwein soll die deutsche Berölkenmg in einem Jahre 1911 
Uionen Mk. ausgeben, fast soriel als die ganze deutsche 
itreideemte wert istl') Belgien, Frankreich, D&nemark 
nieBen aber noch mehr alkoholische Getränke, geben 
10 auch wohl noch mehr Geld dafSr ans, und Groß- 
itannien nur wenig weniger. Dem Dentschen kostet 
in Alkohol 37,21 Mk., Heer und Flotte 13,4 Mk., pro 
>pf! Und doch ist der Alkohol, so gelinde als möglich 
si^ zum Teile nnd manchmal sehr schädlich. Der 
koholkonsum ist aber gewiß gleichmäßiger aber die ganze 
ivölkemng verteilt, da ja ein Reicher nicht bedeutend 
ihr trinken kann als ein Armer, die Kriegsstener dürfte 
gegen hauptsächlich die tragfähigsten Klassen treffen, 
enn aber ein Drittel weniger getrunken würde, so wäre 
s ganze Eriegsbudget erspart! 

Der französiche Tabakkonsnm im Jahre 1699 deckte 
; der Heereskosten, d. h. die Begie erhielt das hübsche 
Immchen von 410 Mi» Frcs.! „In Österreich decken die 
nnahmen ans dem Tabakmonopol gar die ganzen, and 
inn man die Unkosten abzieht, */, der Aasgaben fär 
3er und Marine, in Italien *j^ der Heereskosten ; in Eng- 
nd bracht« der Tabakzoll fast die Hälfte der Flotten- 
isten und über die Hälfte der Heereskosten auf." *) 

Es wird hierdurch gezeigt, daß die regelmäßigen Kriegs- 
isten zwar sehr hoch sind, was icb gar nicht leognen 

1) Handw. d. Staatswiss. Bd. 2, S. 807. 

■) R. E. Hay, Die Wirtachalt in VergaageDheit, Gegenwart und 
kvmtt. 1901, S. 140f. 



— 99 — 

oder bemänteln möchte, der Mensch aber vor solchen un- 
geheneren Ausgaben, obwohl siennprodnktiv sind, anch in 
voller Freiheit nicht znrttckschent Als Einkommen ver- 
wendet ist die Summe nicht so hoch, wie sie scheint. Die 
Armen zahlen natflrlich bedeutend weniger als den durch- 
schnittlichen Betrag, den Zuschuß zu ihrem Einkommen 
würden sie, wenn die Heeres- und Flottenkosten fortfielen, 
also kaum spüren, die Wohlhabenden entrichten natürlich 
in ihrer Steuer eine ganz beträchtliche Summe, aber sie 
würden sich kaum besser stehen, wenn sie dieselbe be- 
halten dürften. 

Unser Gefühl empört sich am meisten über die Größe 
des Kriegsbudgets, wenn wir es mit den anderen Staats- 
ausgaben vergleichen. Um 1900 ungefähr betrugen die 
Staatsausgaben Europas 19.800 Millionen Mk. insgesamt, 
für Heer und Flotte allein 4480 Mill. Mk., letztere besoi- 
spruchen also etwa ^j^ des Gesamtbudgets. Es ist aber 
leicht einzusehen, daß eine solche Vorstellung irreführend 
ist. Es werden ja alle Militärausgaben mitgezählt, die alle 
reine Staatsausgaben sind, nicht aber alle die Summen, 
die aus sonstigen öffentlichen Kassen zur Bestreitung 
anderer Kulturbedürfnisse verwendet werden. Das Bild 
erscheint uns also viel häßlicher, als es gerechterweise 
gemalt werden dürfte.^) Staatsausgaben und öffentliche Aus- 



^) Nach Brac belli gab Preußen für Volksscbulen in 1891 un- 
gefäbr 242.400.000 Mk. aus, wozu der Staat nur 69 Mill. beisteuerte, 
Statistische Skizze des Deutschen Reichs 7. Aufl. S. 539 ; alle öffent- 
lichen Schulausgaben Frankreichs stiegen von 25 Mill. Frcs. i. J. 1855 
auf 186 Mill. in 1892, nach Statesmans Yearbook 1896 p. 477. Vgl. 
V. Bloch, Der Krieg Bd. 4 S. 298—301, der auch nicht auf andere 
als Staatsausgaben für die Schulen achtet. Seine Angaben sind also 
als direkt irreführend zu betrachten: eine merkwürdige Urteilsfäl- 
schung! Dennoch gesteht sogar v. Bloch ziemlich unvermittelt, 
daß in Deutschland der Etat des Kultusministeriums um 460 ®/o, der 
des Kriegsministeriums nur um 75®/o zunahm in den Jahren 1872 bis 
1892. S. 300. 

7* 



— 100 — 

gaben decken sich in militärischen Dingen, aber sonst 
keineswegs! Es ergibt sich ein falsches Besoltat, wenn 
man die beiden ohne weiteres zusammenstellt. 

Wer behaupten möchte, Europa gebe für das Bil- ! 

dnngswesen nur ein Viertel seines Eriegsbudgets aus, ver- 
gißt außer den Gemeindebeiträgen die gewiß gar nicht un- 
beträchtlichen Zuschüsse aus Privat- und Stiftungskassen 
zu Bildungszwecken. In manchen Ländern wird der Unter- 
richt hauptsächlich aus solchen Einkünften bestritten, ein 
guter Teil der Reichtümer der Kirchen wird außerdem hierzu 
verwendet Und wie unendlich viel mehr gehört noch hierzu, 
wenn man den Begriff bloß weit genug faßt : Museen, Bil- 
dungsvereine, Ausstellungen, Theater, Kunst und Knnst- 
industrie im Hause, Vorträge, das ganze Bücher- und ein 
großer Teil des Zeitungswesens, und noch vielmdir! Erst 
weim wir wüßten und zusammenzählen könnten, was für 
alle diesen Zwecke ausgegeben wird durch den Staat und 
seine Organe, durch Vereine, vor allem durch die Kirche, 
durch Privatpersonen, und zwar direkt wie indirekt, erst 
dann wären wir wirklich imstande, die Kriegs- mit den 
Bildungskosten zu vergleichen. 

Tatsache bleibt es aber, daß der Staat unvergleichlich viel 
mehr für Bildungszwecke würde ausgeben können, wenn der 
Krieg nicht über einen so großen Teil seines Reichtums ver- 
fügte. Dasselbe gilt von allen möglichen Staatszwecken. ViTie 
unendlich viel Gutes muß hier ungenügend getan oder kann 
gar nicht angestrebt werden, weil es eben an Geld fehlt. 
Mit den Unsummen, die der Krieg im Frieden verschlingt, 
könnte das alles ohne weiteren Druck auf die Bevölkerung 
leicht bezahlt werden. Alle staatliche Werkstätten könnten 
zu Musteranstalten werden, das Bildungswesen könnte die 
jetzt überhaupt mögliche Vollkommenheit erreichen, sogar 
die Arbeiterversicherung aller Arten brauchte des Geldes 
wegen nicht eingeschränkt zu werden, jeder Staat könnte 
seine drückenden Schulden ablösen, die Gemeinden hätten 



i 



— 101 — 

Geld, ihre hygienischen und ästhetischen Veranstaltungen, 
die so unendlich viel zur Verschönerung des Lebens bei- 
tragen, auszudehnen. Alles, alles fast könnte getan wer- 
den, ohne neuen Druck aufzulegen. 

Sehen wir uns jetzt die Sache noch einmal von einer 
anderen Seite an. Im Kriege wird sehr viel Kapital ver- 
nichtet, und ein großer Teil des Kriegsbudgets im Frieden 
würde, wenn es nicht wie jetzt unproduktiv verwendet 
würde, nicht sofort verzehrt, sondern kapitalisiert, d. h. zu 
produktiven Zwecken benutzt werden. Also ohne Krieg 
ganz kolossale Vermehrung des produktiven Kapitals und 
infolgedessen erhebliche Steigerung der Arbeitslöhne, 
Hebung der allgemeinen Wohlfahrt, Zunahme alles Guten 
und Schönen, die davon die Folge sein kann ! Ich möchte 
dieser schönen Erwartung nicht ganz widersprechen, sie 
nur ein bißchen zurückschrauben. Wenn die große Er- 
sparung wirklich allen zugute kommt, also auch oder so- 
gar an erster Stelle den Nichtbesitzenden, dann wird zu- 
nächst das Meiste verzehrt, nicht kapitalisiert werden. Die 
auch hierzu nötige Produktions- und damit Kapitalszu- 
nahme findet ebenso bei der Produktion zu militärischen 
Zwecken statt. Übrigens gebe ich zu, ein großer Teil des 
jetzt, ökonomisch gesprochen, unproduktiv verwendeten 
Kapitals würde sich, bei Wegfall der Kriege, produktiven 
Zwecken zuwenden können. Ob das aber auch tatsächlich 
geschehen würde, hängt noch von anderen, von den Öko- 
nomen meist übersehenen, ja kaum prinzipieU anerkannten 
Umständen ab. Das zur Produktion bestimmte Produkt, 
das potentielle Kapital, wird erst aktuelles, wenn und so- 
weit es tatsächlich in der Produktion verwendet wird, 
was nicht von der Menge des verfügbaren Kapitals, noch 
von den Wünschen der Besitzer desselben, sondern von 
dem Hervortreten der geeigneten Männer abhängt. Von der 
Anzahl und der. Begabung der Unternehmer hängt es in 
einem Kulturvolke ab, ob und wieviel Kapital und Arbeits- 



— 102 — 



kraft zu lebendiger Wirksamkeit and Wechselwirkung im 
beiderseitigen Interesse gelangt Das Kapital allein ver- 
bärgt die Produktion so wenig wie die ArbeiterzaU allein, 
der Unternehmer erst macht beide wahrhaft produktiv. 
Klassische Ökonomie und Marxismus haben das beide 
durchgängig vergessen.^) 

Die Zahl dieser Produktionsffihrer ist nun aber keines- 
wegs unbeschränkt oder nach Bedflrfnis ausdehnbar, im 
Gegenteil, ihre Häufigkeit hängt von manchen, zum Teil 
noch nicht entdeckten Umständen ab, die aufzudecken sich 
die junge Wissenschaft des Sozialdarwinismus zur Aufgabe 
steUt') Wenn es sich nun aber nachweisen ließe, daß 
zwar das verfügbare Kapital durch die Kriege abnimmt, 
die verft^baren Männer jedoch zunehmen, so wäre hier 
ein Ausgleich zustande gekommen. Daß dies tatsächlich 
der Fall, hoffe ich später nachzuweisen. 

Wir gelangen immer wieder zu demselben Resultate: 
sind die Kriege bloß schädlich, so ist die durch sie ver- 
ursachte Kapitalverschwendung die größte ökonomische 
Sande und Dummheit, die man sich überhaupt vorstellen 
kann; sind die Kriege aber allgemein kulturell oder gar 
ökonomisch nützlich und zwar ihren Kosten proportionell, 
wenn auch nur im großen und ganzen, so kann hier von 
Verschwendung gar keine Eede sein. Wer für ein großes 



^) Prof. F. Fischer, Die wirtschaftliche Bedeutung Deutsch- 
lands und seiner Kolonien, 1906. S. 16: ,,E8 ist durchaus nicht die 
schwielige Faust des Arbeiters, von welcher das Gedeihen der In- 
dustrie abhängt, sondern das Wissen und technische Können der 
Fabrikleiter, welche dem Arbeiter den geeigneten Platz anweisen, 
wo er seine Fähigkeit betätigen kann**. Man denke doch an China 
mit seinen 350 Millionen guter Arbeiter, riesigen Kohlenminen- und 
seiner dennoch unbedeutenden Industrie! 

«) Vgl. meinen Artikel, Prof. Treub's Marx, De Gids 1904, S. 25ff .» 
und, Bedeutung und Tragweite der Selektionstheorie in den Sozial- 
wissenschaften, in Zeitschr. f. Sozialwiss. 1906 passim. 



— 103 — 

Gut viel zahlt, der verschwendet nicht. Immer die alte 
Frage: stiften die Kriege noch etwas Gutes? und von 
welchem Werte ist das? 

Auf eine Seite der Schäden, die der Krieg und noch 
mehr die Vorbereitung zu ihm dem ökonomischen Leben 
zufügen, haben wir noch nicht geachtet, ich meine die 
Entziehung von Arbeitskräften aus der Produktion. Das 
deutsche Heer zählt in Friedenszeit (1900): 613 000 Mann 
(inkl. Marine), im Krieg 2 600 000, das französische 660 OOÖ 
resp. 4000000, das russische 940000 resp. 3 500 000. Alle 
diese Männer arbeiten im Frieden wie in Kriegszeiten 
nicht produktiv. Das macht in Frankreich einen auf 
57 Seelen, der im Frieden nicht dem Gesetze der Arbeit 
gehorcht, sondern wie so viele sich mit mehr oder weniger 
Kecht von dem Produktionsüberschusse der anderen unter- 
halten läßt. Dieser eine auf 57 macht es wie die Reichen, 
wie die unterstützten Armen, die Invaliden, die Kinder 
und wie es viele Frauen tun, alle verheirateten tun 
sollten: er arbeitet nicht. Aber er faulenzt inzwischen 
keineswegs, sondern er übt sich, er bereitet sich zu der 
Erfüllung einer sehr schweren, sehr hohen Aufgabe vor, 
die plötzlich an ihn gestellt werden kann. Und zugleich 
ist diese Übungszeit durchaus nicht ohne Nützen für seine 
friedlichen Aufgaben, im Gegenteil, für die weitaus größte 
Mehrheit dürfte jetzt schon die Übungszeit in der Armee 
und auf der Flotte für ihr ganzes weiteres Leben ergebnis- 
reich sein. Und es muß das immer mehr der Fall werden. 
Die Übungszeit sollte für die allgemeine Erziehung der 
Eekruten, und zwar für arme und reiche, wenn auch in 
verschiedener Weise, so viele und gute Ergebnisse ab-^ 
werfen, daß sie damit allein schon gerechtfertigt wäre. 
Wo dieses noch nicht der Fall, fehlt etwas, das recht bald 
kommen kann und muß. 

Novicow rechnet, ohne weitere Angaben, aus, daß die 



— 104 - 

33 Staaten Europas drei nnd eine b& 
im Frieden auf den Beinen halten,') 
Tölkenmg Europas anf 395 Uillionei 
Mann anf 113 Seelen. Enropa Terlie 
noch dam die der j&hrlich anf kürzer 
Keserristen, aber es bekommt daffir 
znrtlck, die eine töcbtige, ja einzige S 
haben. Er selbst rechnet 300000 Ha 
Gendarmeriedienste in Enropa ab; er 
Offiziere nnd andere Berufsmilitäre, die 
damit die Armee im Augenblicke der ( 
erffillen könne, nicht mitzfthlen dfirfen. 
übergroße Mehrzahl dieser der direkt 
Entzogenen dfirfte zu den einfach 
EsekntiTen, gehören, ancb unter den 
diese die Mehrzahl ausmachen, besonc 
militftrischea Ländern Europas; die m 
anlagten werden hier diese Karriei 
wählen. In FreuSen ist das freilich 
mOssen im Offizierskorps aller Länder 
liehe Anzahl zu den leitenden Stellen 
Befähigte dieser Aufgabe entzogen 
müssen hierzu sogar nicht allein din 
inventive Geister gehören.*) An sich i 
sehr ins Gewicht fallender Schadenp 
sdieinlichkeit Dach sind aber gerade di 
behrlicben Ffthrer im Kriege, ihre 
ist ebenfalls unbedingt nötig, um d< 
mit Erfolg zu ffihren, die Frage nai 
Wendung ihrer Kräfte hängt also vollst 
dem Kulturwerte der Kriege ab. 

») Novicow I.c.p.2a4. 

*) Für diese sehr praktische Unterscl 
direktive und inventive Anlagen vergl. J. Vi 
hapitalistische OesellachaftBordnuog. 1892. S. : 



— 105 — 

§4. 

Die durch die Kriege verursachten ökonomischen 

Verwirrungen. 

Der durch den Krieg verursachte Schaden beschränkt sich 
nicht auf all das Genannte, es muß noch ein erheblicher 
Nachteil hinzugezählt werden, namentlich die wirtschaftliche 
Verwirrung, die infolge eines Krieges sehr leicht entsteht. 
Gewissen Industrien werden die Arbeitskräfte durch das 
Aufgebot entzogen, andere werden von den Führern aus 
Furcht verlassen. So werden Märkte verlegt, Handelswege 
geändert, Wohlfahrt in Armut verwandelt. Die Beispiele 
sind gar keine seltenen. Die Folgen sind um so mehr 
zu bedauern, weil sie im Gegensatze zu den bisher von 
uns behandelten Kriegsnachteilen keineswegs auf das 
eigene Land beschränkt bleiben, sondern weit und breit 
treffen, auch die Interessen der am Kriege gar nicht Be- 
teiligten verletzen. So verursachte der Bürgerkrieg zwischen 
den Nord- und den Südstaaten Nord-Amerikas eine wahre 
Kattunnot in Europa.^) Die napoleonischen Kriege, die zu 
einem guten Teile dem vergeblichen Widerstände des 
feudalen Europa gegen die Grundsätze der französischen 
Kevolution zu verdanken sind, haben Handel und Industrie 
auf dem Festlande auf lange Zeit lahmgelegt, zum Vorteile 
Englands.^) Dürfen wir diese kolossalen Nachteile als 
eine Strafe für den Despotismus der Fürsten und den 
Byzantinismus der europäischen Völker auffassen, wie 
überhaupt die Möglichkeit des Auftretens und des Waltens 
Napoleons gewiß Frankreich als strafwürdig angerechnet 
werden darf? 



^) Canningham, Western Civilisation in its Economic Aspects 
vol. 2, 19Ü0, p. 231. 

^) J. E. Thorold Rogers, The Economic Interpretation of 
History, 1888, p. 470, scheint den ganzen Sachverhalt ein wenig 
optimistisch einzusehen: hätte man doch Frankreich sich selbst 
überlassen! Ja, wäre Alt-Europa Neu-Enropa gewesen! 



— 106 — 

Der jüngste sfidafiikanische Krieg hat die Arbeit der 
Goldminen zeitweilig größtenteils aufgehoben, etwa 60 000 
Weiße und ebensoviele Schwarze wurden dadurch arbeits- 
los, die Aktienbesitzer auf der ganzen Erde wurden ge- 
schädigt, viele Tausende wurden dadurch ruiniert^) 

Ich werde nach keinen weiteren Beispielen suchen. 
Jeder Krieg hat solche Verwirrungen in seiner Folge, nur 
sind die Nachteile bald auf engeres Gebiet beschränkt, 
bald machen die Nachwirkungen sich weit über die Grenzen 
fühlbar. Es sind die entfernteren Folgen aber durchaus 
nicht immer bloß nachteilig. Die Kattunnot der sechziger 
Jahre hat andere Länder als die bisherigen zur Katton- 
produktion veranlaßt und dadurch das Areal dieser überaus 
nützlichen Produktion zum Vorteile Europas bedeutend 
vergrößert. Es hat sich hier der Krieg als umgestaltende 
Macht, als Traditionenbrecher bewährt Was sonst Jahr- 
zehnte hätte andauern können, wurde da mit einem Male 
umgeworfen. Wir woUen solche Neuerungen dem Kriege 
hoch anrechnen. 

In unendlich viel weiterem Umfange war das seine 
Funktion in der napoleonischen Periode. Alle Völker 
Europas wurden durcheinander geschüttelt, nicht nur 
politisch, sondern auf jedem Gebiete, nicht am wenigsten 
auf dem der Produktion. Wie lange hätten sich ohne 
diese etwas aufgezwungene Schulung die mittelalterlichen 
Arbeitsmethoden noch erhalten? Wie lange wären wohl 
sonst die Zünfte mit allen ihren veralteten Fesseln der 
Produktion noch wirksam geblieben? Die Völker sind ja 
ihrer ganzen Geistesanlage nach im erstaunlichen Grade 
konservativ, nur eine derbe Peitsche kann sie aufrütteln, 
eine solche Peitsche größter Art war Napoleon. Außerdem 



^) Sir R Giffen, Some economic Aspects of theWar, Econ. 
Journal 1900, p. 195/96. Die sachlichen Verluste der Buren beurteilt 
der Verfasser aber sehr — euglisch. 



— 107 — 

hat England bei der ganzen Sache ungeheuer profitiert. Ohne 
die europäische Konkurrenz zu fürchten, konnte es sich 
unbeschränkt ausbreiten, die Flotten Europas hatte es ja 
vorher vernichtet Das englische Weltreich dankt sein 
Entstehen der Schwächung Europas durch die Kriege der 
Revolution und Napoleons.^) Eine solche Folge macht den 
großen Krieg schon zu mehr als einem bloßen Mörder^ 
vielmehr zu einem großen Schaffer. 

Sir B. Qiffen sieht die ökonomischen Folgen, 
wenigstens die nächsten, des Burenkrieges sehr rosenfarbig 
an. Er meint, mit Ausnahme der unmittelbar betroffenen 
Distrikte bringe der Krieg viel Geld in das Land, ähnlich 
wie die Einführung einer neuen Industrie, im ganzen sei 
er weit entfernt von einem ungemischten Nachteil für die 
Gemeinden Süd-Afrikas.^) 

Rogers meint, daß auch nach einem sehr blutigen 
und vernichtenden Kriege, wenn die Parteien nur nicht 
ganz erschöpft wurden, eine mächtige Anregung für den 
Handel der Unbeteiligten folge.*) In wie weit der Nutzen 
dieser Neuerungen und Anregungen den durch die not- 
wendige Verwirrung verursachten Schaden übersteigt, 
hängt natürlich ganz von den Besonderheiten der Sachlage 
ab. Es läßt sich das nicht mit einem Worte ein für alle- 
mal entscheiden. Soviel dürfte aber gewiß sein, daß wir 
hier nicht bloß mit Nachteilen zu tun haben, ja daß diese 
nicht einmal in jedem Falle zu überwiegen brauchen. 

Eine eigentliche Abschätzung der Vor- und der Nach- 
teüe ist hier noch mehr als sonst unmögüch. Ich wäre ge- 
neigt, die Nachteile sehr hoch einzuschätzen, schon aus 



^) A. S u p a n , Die Territoriale Entwicklang der Europäischen 
Kolonien. 1906, S. 157—166. 

') Sir R. G i f f e n , Some economic aspects of the war, in The 
Economic Journal, June 1900, S. 197. 

*) J. E. Thorold Rogers, The Economic Interpretation of 
ffistory, 1888, S. 470. 



m 



— 108 — 



I I 



.'I t 



dem Gnmde, daß alle Erschfltterangen dem Handel und 
mit ihm der Industrie nnznträglich sind. Was der Kauf- 
mann nnd der Fabrikant an erster Stelle braacben, das 
ist ein mhiger, sicherer Geschäftsgang, bei dem sich die 
Znknnft berechnen l&ßt; was beide am meisten fflrchten, 
das sind Stockungen in der Zufnhr der Grundstoffe, im 
Absatz der Produkte, Unregelmäßigkeiten auf dem Geld- 
markte, und diese alle sind unausbleibliche Folgen eines 
jeden, auch eines räumlich beschränkten Krieges. Dem- 
gegenflber steht allerdings der Vorteil Dritter, mitunter 
im eigenen Lande selbst, und der nicht zu unterschätzende 
Vorteil der ümwerfung morscher Zustände und der Auf- 
frischung des ganzen ökonomischen Lebens, die beide 
ebenfalls nicht auf die gerade kriegfahrenden Nationen 
beschränkt bleiben. Der Gewinn dürfte manchmal länger 
nachwirken als der Verlust. Die Erwägung ist hier wohl 
auch angebracht, daß im Kriege wie in jeder Katastrophe das 
Alte und Faule eher fäUt als das Gesunde, Lebenskräftige. 



i 1 



.r1 



r'. 'I 



§5. 

Die Demoralisation im Kriege und im Heere. 

Neben den stofDichen Wirkungen der Kriege und des 
militärischen Lebens in Friedenszeiten erfordern auch die 
moralischen Folgen unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen 
die beiden genannten Verhältnisse unterscheiden, um so 
mehr, weil die Wirkungen beider durchaus nicht die näm- 
lichen zu sein brauchen. Wir werden sie gesondert be- 
sprechen. 

Von vornherein muß jeder geneigt sein, den Krieg 
selbst als einen demoralisierenden Faktor ersten Banges 
zu betrachten. Wie könnte er anders wirken ? Was sonst 
als Verbrechen gilt, Tötung und Brandstiftung, ist jetzt 
erlaubt, das Bestreben dem Nächsten Schaden zuzufügen 
wird herausgefordert, die Achtung vor Leben und Gesund- 



— 109 — 

heit des Mitmenschen wird gewaltsam abgewöhnt. Roheit, 
Grausamkeit, Frechheit werden aufs sorgfältigste gezüchtet, 
es gilt die umgekehrte Moral von sonst, was soll es uns 
wundernehmen, daß so die Charaktere verdorben, die 
Handlungen verbrecherisch werden. Das Schlimmste muß 
hier zur Selbstverständlichkeit herabsinken. 

Zwar muß dies alles für die alten Kriege unvergleichlich 
schlimmer gewesen sein, wie aus der ganz anderen Weise 
ihrer Führung hervorgeht, die wir oben beleuchtet haben. 
Die Kriege müssen immer weniger roh, um so geringer 
muß auch ihr demoralisierender Einfluß werden. Von ein- 
greifender Bedeutung müssen hier verschiedene Umstände 
sein, die unseren heutigen Krieg charakterisieren und dies 
immer mehr tun werden. Das Gefecht in der Nähe wird 
zur Ausnahme, die meisten und die blutigsten Gefechte 
werden in weiter Entfernung der Parteien voneinander 
geführt, und je weiter unsere Gewehre und Kanonen tragen 
und je sicherer ihr Schuß, je vernichtender die Wirkung 
unserer Explosivstoffe, um so weiter werden die Feinde 
voneinander rücken. Dieses Fechten aus der Feme lehrt 
aber keine Grausamkeit.^) Ein zweiter Umstand dürfte 
die Abnahme des eigentlichen Hasses zwischen den Feinden 
sein,^) rohe Ausbrüche desselben werden dementsprechend 



^) Leider bereiten die neuesten Berichte über den russisch- 
japanischen Krieg uns hier eine Enttäuschung, die Handgranaten 
wurden aus nächster Nähe geworfen und bildeten ein viel verwendetes 
Kampfmittel; vgl. Nörregaard, Port Arthur, 1S06, und ßarzini, 
Mukden, 1906, passim. Überhaupt trugen gar manche dieser Gefechte 
den Charakter größter Grausamkeit. Wir dürfen aber nicht vergessen, 
daß die beiden kämpfenden Parteien keine Europäer waren und auch 
keine Kulturvölker im westeuropäischen Sinne mit ihren eigentüm- 
lichen Fehlern und Tugenden. 

^ Schon Clausewitz meint, daß der Krieg gebildeter Völker 
mehr durch feindselige Absichten als durch feindselige Gefühle be- 
herrscht sein wird, im Gegensatze zu dem der rohen Völker. „Vom 
Kriege" S. 4-5. 



- 110 — 

ner seltener werden, diese Qoellen verbrecherischer 
l«n werden sieb darch den Krieg kein tieferes Bett 
ben. Die kämpfenden Armeen sind nicht ]&ng:er ans 
D Ansachnsse der Berttlkernng: zusammengestellt wie 
imals and noch gröStenteils in England die Söldner- 
tre; in den Reihen finden sich jetzt neben den gesunden 
idem des Volkes die Söhne der besten Familien, die 
)ildetsten jungen Minner. Welch ein TJntersdiied von 
bereu Zeiten, da vorzugsweise entlaufene Verbrecher, 
^abunden und dergleichen verlorene Existenzen in die 
nee gesteckt wurden.') Es kann ja gar nidit anders 
Q, solche andere Zusammenstellung muß den Geist des 
Dzen aufs grflndlichste ummodeln. Diese an Geist and 
tle gesunden jungen Leute werden im Kriege nicht anf 
mal zu Hyänen; die große Mehrzahl der relativ Guten 
•d die Schlechteren schon durch die bloße Tatsache ihrer 
^enwart bändigen, die besseren und sanfteren Gefühle 
ihnen erwecken. 

In dieselbe Richtung wirkt die jetzt übliche gute 
rpflegung der Trappen, die Hauptveranlassung zur 
jpMndenmg der eigenen oder feindlichen Bevölkemng 
t damit fort, die durch Hunger nnd Entbehrung ent- 
ndene schlechte Laune wird nicht länger an ünschnldigen 
gelassen, Verrohung durch Armut nnd Elend tritt nicht 
br ein, die alten Soldatenfurien werden immer mehr 
Geschiebte gehören. Dnrch den letztgenannten Umstand 
■d die strenge Disziplin, welche die alten Heerfahrer 
insowobl als die neuen anstrebten — , aber vergeblich, weil 
an ihrer Bedingung, der unausgesetzt gnten Verpflegung, 
Ite,*) — endlich zur vollen Wirklichkeit. 



') Owen PJ ke, History of Crime in Engload, vol. 2, 1876, p. 372. 
iach, Deutsches Leben in der Verguigenbeit, Bd.2, 1891, S. 848: 
iBwurf der Bevölkerung", „zusammengeraabteB Gesindel", daher 
ertieren sehr häufig. 

*) B. Haendcke, Dentoch« Kultur im Zeitalter des 30j&hr. 
iges, 1906, S. 201— 03. 



— 111 — 

Durch zwei Umstände wird dies weiter gefördert. Die 
andere bessere Zusammensetzung des Heeres erleichtert die 
Aufrechterhaltung der Disziplin im höchsten Grade, und die 
neuere Fechtweise, welche viel höhere Anforderungen an 
die einzelnen stellt, macht die innere, die reelle Disziplin, 
die Selbstbeherrschung und Selbstunterwerfung unter den 
Zweck stets mehr zu- einem dringenden Erfordernis. Endlich 
ein letzter, ebenfalls sehr günstiger Umstand : die modernen 
Kriege dauern nur kurz im Vergleich mit den früheren. 
Ihre 'intensive Führung, die neueren Verkehrsmittel und 
das vielverschlungene Wirtschaftsleben machen Kriege wie 
den dreißig- und den siebenjährigen in unserer Zeit zu 
einer Unmöglichkeit. 

Die Quellen der Verrohung im Kriege fließen also 
immer spärlicher, . . . aber sie fließen noch. Es kommen 
doch noch Nahgefechte vor, und sie werden nie verschwinden, 
die Kavallerie, obwohl sie in der heutigen Schlacht sehr 
viel weniger als in der früheren bedeutet, hat doch noch 
nicht ganz ihre ßoUe ausgespielt. Kavalleristen wie 
Artilleristen und Trainsoldaten werden von ihren Pferden 
manchmal das Äußerste fordern müssen mit Hintansetzung 
ihres Mitgefühls für die armen Tiere, das muß abstumpfend 
wirken. Die schwachen Gemüter werden leider überall 
eher durch die Niedrigen ./u Schlechtem verführt als durcji 
die Besseren zu Edlem erhoben. Auch die beste Truppen- 
verpflegung leidet an Unterbrechungen, die um so schmerz- 
licher empfunden werden und zu Ausschreitungen veran- 
lassen. Und endlich: auch die strengste, die reellste Disziplin 
läßt bisweilen nach; im besiegten Heere, erst recht wenn 
die Niederlagen gehäuft werden, wird sie überhaupt unver- 
gleichlich schwerer und wohl selten musterhaft aufrecht- 
zuhalten sein. Einen Trostgrund gibt es hier aber : das be- 
siegte Heer wird sich fast immer im eigenen Lande befinden, 
wo die sonstigen Verhältnisse die Disziplin erleichtem 
und die Übertretungen in gevnssen Grenzen zurückhalten. 



— 112 — 

Wägen wir dies alles gegeneinander ab, so kommen 
wir zu dem Schlosse, daß trotz aller sehr wertvoller Ver- 
bessenmg in dieser Richtung die EiiegfOhnrng dennoch 
aller Wahrscheinlichkeit nach einen verrohenden E^nflnß 
anf das Gemütsleben der Beteiligten ansflben moS. Sie 
werden doch an den Anblick selbstvenirsachter Leiden, des 
Todes und der Vernichtung gewöhnt Sie mflssen sich 
doch manchmal selbst helfen nnd hierbei fremdes Eigentum 
schonungslos behandeln,*) die eigenen Entbebrongen, die 
oft unvermeidlich sind, machen anderen gegenäber weniger 
rücksichtsvoll. Eline gewisse Abstumpfung und Verrohung' 
muß sich daraus ergeben. Der schauervolle Ernst des 
Todes wirkt dem vieUeicht nicht lange entgegen, man 
gewöhnt sich daran. 

Zwei weitere Folgen habe ich noch gar nicht berührt. Die 
Soldaten nnd in noch höherem Grade die Offiziere, besonders 
die des siegenden Heeres, fühlen sich allen anderen Menschen, 
erst recht den Zivilisten, gegenüber als eine höhere Uenschen- 
art. Jeder weiß, wie ordinäre Leute, wenn sie nur in 
irgend einer Beziehong ihre Umgebung überragen, sofort 
ZOT Selbstnberhebtmg hinneigen. Das Dienstmädchen, das 
ehrlich und treu ist, betrachtet sich als einen Übermenschen 
nnd sieht auf die anderen dementsprechend herab. Wie 
müssen sich da die siegenden Kri^er für Halbgötter halten! 
und . . . dementsprechend bandeln! Ich halte die Selbst- 
überhebung für die fruchtbarste Matter der Laster. Vor 
allem dürfte sie zn brutaler Verletzung der weiblichen 
Ehre führen und damit zur Unzucht. Zwei Umstände 
begünstigen die Verrohung in dieser Richtung: das Zusammen- 
leben so vieler Männer ohne gute weibliche Einflüsse, das 
einseitige Betonung des männlichen Standpmiktes im Ge- 
schlechtsverhältnis zur Folge hat, and die zeitweilige Üppig-- 

*) Der schon genannte t. LaBberg schildert dies alles auf 
mancheD Seiten seines Buches sehr deatUch, uod zugleich tritt dabei 
die Unvermeidlichkeit solcher Ebg" 



— 113 — 

keit des Feldlebens, frtther durch reiche Beute, jetzt durch 
hohen Sold gefördert. Die modernen Heere werden zwar 
nicht länger durch Huren begleitet, aber die Halbwelt 
fehlte doch ebensowenig in der Mandschurei als in der 
Nähe der deutschen Armee in Frankreich. Grobe Miß- 
achtung des Weibes in seiner Geschlechtsehre und -funktion 
muß aber überhaupt zur Mißachtung des Mitmenschen führen. 
Die Motive sind ja genau dieselben: dumme Selbstüberhebung 
und freche Selbstsucht, nur daß der Geschlechtstrieb sie 
dem Weibe, Habsucht und Herrschsucht mehr dem Manne 
gegenüber ausüben. 

Wir haben also vom Kriege bei den direkt beteiligten 
Soldaten und Offizieren eine Zunahme von Eoheit, Grausam- 
keit, Mißachtung fremden Eigentums und Lebens, Selbst- 
überhebung, Mißachtung fremder, besonders weiblicher Ehre 
und Persönlichkeit zu erwarten. Wir wollen jetzt die Tat- 
sachen befragen. Selbstverständlich bleiben die meisten 
Folgen solcher Neigungen verborgen oder können sie 
wenigstens nicht recht objektiv studiert und verglichen 
werden. Wenn aber, wie zu erwarten, die Veränderung 
zum Bösen hier einigermaßen große Dimensionen annimmt, 
so müssen die Folgen in der Vermehrung der Verbrechen 
oder wenigstens in der gewisser Kategorien sichtbar werden. 
Die Kriminalstatistik erlaubt uns dann ihr vergleichendes 
Studium. 

Da muß es uns zuerst auffallen, daß zwei der nam- 
haftesten Kriminalsoziologen den Krieg als ätiologisches 
Moment in ihren betreffenden Untersuchungen nicht einmal 
anführen, ich meine Lombroso und Aschaffenburg.^) Es 
darf diesem Umstände aber vielleicht keine weitere Be- 
deutung beigelegt werden, als daß der Krieg seiner relativen 



^) Lombroso, Die Ursachen und Bekämpfung des Verbrechens, 

1 902, und Aschaffenburg, Das Verbrechen und seine Bekämpfung, 

1903. Ebensowenig F e r r i in Studi sulla Criminalitä in Francia, in 
Annali di Statistica, 1881. 

Steinmetz. 8 



114 — 



Seltenheit wegen von den genannten Forschern fibersehen 
wnrde. Allerdings sehr merkwürdig! Ein anderer Kriminal- 
Soziologe, W. A. 6 o n g e r , ein leidenschaftlicher Marxist 
engster Orthodoxie/) läßt sich dagegen sehr bestimmt ans. 
Er erwartet von den täglich geübten Gewalttaten wider 
Personen und Sachen eine große Zunahme der Gewalttätig- 
keit; als Beispiel dafür zitiert er einen Mörder, der am 
Kriege von 1866 teilgenommen hatte und sich damit ver- 
teidigte, er habe so viele Personen sterben gesehen, auf 
eine mehr oder weniger käme es da nicht an ! Jede Kranken- 
Wärterin könnte sich genau so entschuldigen.') Übrigens 
erkennt auch Bonger, daß die Kriege, weil weniger zahlreich 
und kürzer als ehemals, einen bedeutend geringeren Einfloß 
üben müssen. 

Wir können unsere Frage an keinem Kriege so gut 
als an dem von 1870/71 studieren, weil die Kriminal- 
statistik beider Länder uns das betreffende Zahlenmaterial 
in großer Fülle liefert, in keinem Lande besseres, und weil 
die Verhältnisse hüben und drüben so ganz andere waren : 
ein mustergültiges Experiment! Sehen wir uns jetzt die 
betreffenden Statistiken einmal an. 

Wir müssen erwarten, daß die Verbrechen gegen die 
Person in Frankreich in den auf den Krieg folgenden 
Jahren bedeutend häufiger werden, wir müssen sie aber 
nicht mit den Kriegsjahren selbst vergleichen, sondern 
mit den Jahren vorher; in den ersten Jahren nach dem 
Kriege muß der korrumpierende Einfluß am kräftigsten 
wirken. Aschaffenburg gibt uns eine tabellarisclie 



^) Vgl. meine Kritik in März und Mai von Weekblad van het 
Recht, 1906. 

"jW. A. Bonger, Criminalite et Conditions Economiques, 
1905, p. 573. Weitere Argumente werden nicht gegeben, das ganze 
schwere Buch ist genau so kritiklos. G r o ß im Archiv für Kriminal- 
Anthropologie und Kriminalistik, 1905, S. 203 spendet diesem Buche 
ein unverdientes Lob. 



— 116 — 

Übersicht über die Verbrechen gegen die Person in den 
Jahren 1840 bis 1886, die erLafargue entnommen hat. ^) 
Wir finden tatsächlich gleich nach 1870 eine bedeutende 
Steigerung in den Zahlen, von 1561 Verbrechen in 1871 
sogleich zu 1669 in 1872, aber in 1869, als der Krieg 
unmöglich bereits seinen Einfluß geübt haben konnte und 
Frankreich seit lange keinen größeren Krieg, jedenfalls 
keinen innerhalb der eigenen Grenzen geführt hatte, in 
1869 wurden 1658 Verbrechen gegen die Person verübt,' 
also eigentlich genau ebenso viele ! Die Bevölkerung nahm 
in der Zeit kaum zu oder ab, das Gesetz blieb dasselbe. 
Vergleichen wir jetzt die mittlere Zahl dieser Verbrechen 
in den Jahren 1872 bis 1878 mit denen der Jahre 1863 
bis 1869, dann finden wir, was noch auffälliger sein dürfte, 
für die Jahre nach dem Kriege 1712, und für die Periode 
vor ihm 1708, also eigentlich absolut dieselbe Zahl! Das 
höchste Jahr nach dem Kriege war aber nicht, wie wir 
erwarteten, 1872 oder 1873, sondern erst 1876 mit 1849 
Verbrechen gegen die Person, umgekehrt sind die Jahre gleich 
nach dem Kriege nur sehr wenig höher als die vor ihm: 
in 1872 1669, und in 1873 1708, dagegen in 1869 1658, 
und in 1868 1697 Verbrechen gegen die Person. Ver- 
gleichen wir jetzt diese Statistik mit der etwas anders 
angeordneten Ferris.*) Diese betreffen die durch die 
Cours d'Assises abgeurteilten Verbrechen, die ebenf aUs gegen 
die Person verübt wurden. Die mittlere Zahl von 1863 
bis 1869 beträgt dann 1765, und die von 1872 bis 1878 
1784, also auch hier wieder eigentlich weder Ab- noch 
Zunahme ! 

Im schärfsten Gegensatze zu unserem bisherigen Er- 
gebnisse läßt sich der französische Kriminalstatistiker 
Bournet aus, er spricht von dem schrecklichen Jahre, 



^) Aschaffenburg 1. c. S. 89. 

*) In den genannten Annali di Statistica 1881. 

8» 



— 116 — 

in welchem der Blatdorst so lebhsft war, daS die Kurv 
der Morde sich mit einmal von 163 auf 324 hob!*) E 
geht noch weiter and versichert, ans der Mordkurve di 
Geschichte der inaeren politischen Wirren and der Kriegi 
ablesen zu können. Ich Mrchte aber, daß diese Gteschichb 
in sonderbarer Weise mit der wirklichen kontrastieret 
würde, z. B. sti^ die Kurve der TotschUge in 1866 nocl 
ein bißchen höher als in 1870, im ersten Jahre auf 324 
im zweiten auf 3161 Bei den Horden aber zeigt sid 
onmittelbar nach den Schreckensjabren eine erheblich 
Abnahme bis auf 154 in 1872 und 136 in 1873. Wi< 
l&Bt sich das aber mit der Lehre von der verrohendei 
Wirkung des Krieges vereinigen?*) 

Ferri nennt den Kriog unter den Faktoren, welche di< 
Znnahme der Kriminalität im 19 ten Jahrhundert in Frank 
reich erklären sollen, gar nicht, und ebensowenig Joly 
der nachdem er ähnlich wie Fern die scheinbare Abnahon 
in den Kriegsjahren aufgeklärt hat, die Znnahme der Jahn 
1867 bis 1869 sich in den Jahren 1872 bis 1874 fort 
setzen, dann eine geringe Abnahme eintreten sieht.*) 

Ungeachtet der direkten, moralisch besonders gefähr 
ichen Bdteiiigiiag der fraazösiscbea Berdlkernng am Kri^e 
(FraDC-TlrearsI) ungeachtet des Gemetzels der Kommune ont 
ihrer Unterdrücker, ungeachtet aller dieser Orfiode, einei 
ganz besonders starken Einfloß der beiden roten Jahre zi 
finden, nehmen tatsächlich die Verbrechen, bei welcbei 

*)BourDet. De U Crimiaalite en Fr&nce et eo lUlie, 1881 
p. 42, Bei Socquet, CoQtribntioa ä l'etuda stat. de In Crimiaalit« 
en France, 1894, Behau wir auf der erdt«D Tabelle die Kurre der Mordi 
and Tötschläge achon voa 18S4 ab forttrährend eteigea, nicht steilai 
nach 1871, and sogar nach 1872 wieder abnehmeD. Vor den Kriegei 
Napoleons III. war die Zahl der Morde gröfier als in 1876; vgl. § 6 

■) Die niednge Zahl in 1^70 UBt sich allerdings der natüilicl 
mangelhaften Verfolgung zuschreiben, aber eine charakteristiachi 
Erhöbung bildet sie doch nicht ! und die spätere Abn«hme I 

*) Joly, La Praace Crimiaelle, S. 11—12. 



— 117 — 

sich dieser verderbliche Einfluß am meisten zeigen müßte, 
nicht zu! Dagegen zeigt sich bei den Verbrechen gegen 
das Eigentum wirklich eine nicht unbedeutende Zunahme, 
in der siebenjährigen Periode vor 1870 jährlich 2089, in 
der nach 1871 dagegen 2372, also eine Vermehrung von 
etwa 10 ^o-^) Ob wir aber diese Veränderung dem Ein- 
flüsse des Krieges zuschreiben dürfen, da die natürlichste 
Einwirkung, die auf die Verbrechen gegen das Leben, 
nicht konstatiert werden konnte? Es scheint mir kaum 
wahrscheinlich. In den Jahren 1826 bis 1857 wurden ja 
viel mehr Verbrechen gegen das Eigentum verübt, jährlich 
weit über 3000 und oft sogar über 4000. Eine derartige 
Kurve weist aber auf ganz andere Einflüsse hin. Hier 
muß Ferris Erklärung der zunehmenden allgemeinen 
Kriminalität Frankreichs aus der Ausbreitung des Alkohol- 
mißbrauchs, der Vermehrung der Polizei, den Veränderungen 
der Gesetzgebung, der Auflösung der Familie, der Hebung 
des Eeichtums, der Erhöhung der Löhne und der Ver- 
besserung aller Lebensverhältnisse''^) Anwendung finden. 

Nehmen wir jetzt die deutsche Statistik vor, oder 
vielmehr die preußische! Was uns hier zuerst auffällt, 
ist die Zunahme der Gesamtzahl der Verbrechen und Ver- 
gehen in den alten Provinzen Preußens seit 1871, aber 
zugleich, daß diese Zunahme erst um 1876 die von 1868 
übertrifft! Betrachten wir jetzt, wie wir bei Frankreich 
taten, die für den Einfluß des Krieges besonders in Betracht 
kommenden Delikte, und zwar zuerst die schweren Körper- 
verletzungen.^) Es kam in den Jahren 1868 und 1869, also 
unmittelbar vor dem großen Kiiege, ein Fall von Mord 
und Totschlag auf 108 676 resp. 106 105 Einwohner vor, 



1) Ferri 1. c. S. 201. 

3) Perri 1. c. S. 181. 180, 169 f., 182. 183, 184; vgl. seine Tabelle 
und auch die von Starke, Verbrechen und Verbrecher in Preußen, 
1854—1878, S. 60 gegebene Tabelle, die „affaires correctionnelles** 
wurden erst in 1874 so zahlreich aTs in 1869. 

^) Starke, dieselbe Tabelle. 



— 118 — 

dagegen in den Jahren, in welchen dodi der verrohende 
Einfloß am deutlichsten wahrnehmbar sein müfite, in 187S 
nnd 1873, ein Fall erst auf 118 403 resp. 109523 Einwohner. 
Erst in 1874, gerade als die verderbliche Macht doch ein 
wenig nachlassen müßte, da fing die furchtbare ond an- 
danemde Steigerung an, die also auf alles eher als aaf den 
EinflnB des Krieges hinweist. 

Genan dasselbe Bild erscheint uns bei den schweren. 
Eörperverletznngen : in 1868 und 1869 ein Fall anf 35 764 
resp. 35 831 Einwohner, und in 1873 ond 1873 ein Fall anf 
50 36& resp. 41 797 Einwohner, also eine Abnahme; erst in 
1874 auch hier die bedeutende Zunahme, ein Fall auf 
33 573 Einwohner, und in 1875 auf 35 367, aber in 1876 
wird das alte Verhältnis ganz zerstört mit einem Falle 
auf 18 324 Einwohner. 

Was den nor 36 Tage dauernden Krieg zwischen Preußen 
nnd Osterreich betrifft, so kommen wir hier zu keinem anderen 
Besultate. Von vornherein läfit sich hier kein tiefgebender, 
moralischer Einfloß annehmen. Zwar finden wir in 1667 eine 
etwas größere Zahl von Verbrechen gegen das Leben als im 
vorigen Jahre, aber fast dieselbe Zahl wie in 1664, und 
bei den Körperverletzongcn sogar eine bedeutende Abnahme 
in 1867 mit 1865 vei^lichen: 9760 gegen 11 077; bei den 
schweren Verletzungen ist die Abnahme sehr gering, aber 
jedenfalls keine Zunahme! 

In allen diesen Zahlen können wir keinen einzigen 
Grund entdecken, die Zunahme der preußischen Eriminalltät 
dem demoralisierenden EinÖosse des Krieges zuzuschreiben, 
im Gegenteile drängen sie ans ganz andere, tiefer ein- 
wirkende Ursachen für die unverkennbaren Veränderungen 
anzunehmen.*) Starke hat in seiner musterhaften Unter- 

') Aus den von V. Oettingen, MoralsUtistik, 1882, S. 477 
Tab. 62 und aoast beigebrachten Tatsachen erhellt, daß die Krimi- 
naJität in Frankceich und in Deutschland von 1872 bis 1877 immer 
mehr zunimmt, je weiter man sich von den Knegsjabren entfernt! 



— 119 — 

suchung diese Ursachen bloßgelegt. Sie sind an erster Stelle 
die außerordentlich schwere volkswirtschaftliche Krisis des 
Jahres 1873, die nach der Gründerperiode und dem 
Milliardenrausche die Bevölkerung mit besonderer Wucht 
traf, dann die schlechten Ernten von 1875 an, die sozia- 
listische Bewegung und iLberhaupt eine gewisse Emanzipation 
von hergebrachten moralischen Anschauungen in allen 
Schichten des Volkes, bedeutende Veränderungen in der 
Repression, zunehmende Verdichtung der Bevölkerung, 
Verteuerung der Lebensmitel, und endlich der allmähliche 
Einzug der Großindustrie in Deutschland.^) Nur die beiden 
ersten Umstände sind noch als indirekte Folgen des Krieges 
zu betrachten, obwohl jeder andere etwas akute Aufschwung 
des Volkes eigentlich dieselbe Wirkung geübt haben könnte. 

Unsere kriminalstatistische Untersuchung bestätigt also 
den Schluß, zu welchem wir aus psychologischen Gründen 
schon gekommen waren, daß die heutigen Kriege keinen 
erheblichen Verrohungseinfluß mehr ausüben.^) Ich ver- 
mute, daß sogar in Japan die Kriminalität nach dem letzten 
Kriege, obwohl er mit nicht-mehr-europäischer Intensität 
geführt wurde, nicht zugenommen hat: die Stimmungen 
und die Charaktere, welche eine solche Kriegführung er- 
laubten, nahmen ja durch den Krieg nicht zu, die letzteren 
eher ab; der Krieg setzt sie voraus, er schafft sie nicht! 

Nur einen Vorwurf haben wir noch zu prüfen, nämlich 
den Kurellas, der daraufhinweist, daß „in Deutschland 
seit 1887 eine rapide Zunahme der jugendlichen Verbrecher 



1) Starke 1. c. S. 63-82, 127-131, woselbst die weiteren Gründe» 
143 u. 146; Sombart, Der moderne Kapitalismus, 1902, a. v. S.; 
V. Wartensleben, Veränderte Zeiten, 1906, S. 86 läßt den 
Kapitalismus ebenfaUs in Deutschland um die fünfziger Jahre de» 
19ten Jahrhunderts anfangen. 

2) Glückliche Episoden — 1866, 1906, S. 49/50. Eine KavaUerie- 
Attacke so schnell, alles so halbbewußt, kann weder demoralisieren 
noch sehr schmerzlich sein. 






— 120 — 



i 



I !i 



nachgewiesen worden ist. Hier mag der umstand mit- 
wirken, daß die Väter dieser Generation geschwächt und 
oft verwildert ans einem blutigen Kriege zurfickgekehrt 
waren ; ein Teil dieser Generation jugendlicher Verbrecher 
mag auch von schwächlichen Vätern abstammen, die ihre 
Ehe schlössen, während die kräftige männliche Jugend im 
Felde lag. So zeigte sich in Frankreich in dem Zeitraum 
Yon 1830/35, wo die in den schlimmsten Eriegsjahren 
zwischen 1810 und 1815 gezeugte Generation das Alter der 
kriminellen Reife erreichte, eine Zunahme der Verbrecher 
gegen die Person von 1824 Individuen (Lustrum 1826/30) 
auf 2371, im jährlichen Durchschnitt".^) Es kommt mir diese 
ganze Auffassung als schwach begründet und kaum durch- 
dacht vor. Zuerst wäre es doch ganz unbegreiflich, daß die 
jugendlichen Degenerierten Frankreichs sich nur auf die 
Verbrechen gegen die Person beschränkt hätten! In den 
Tabellen Ferris finde ich für diese Verbrechen gerade 
in den Jahren 1830 und 1831 eine Abnahme; der Anteil 
dieser Jugend kann doch auf die ganze kriminelle Be- 
völkerung nur ein sehr kleiner sein ; gerade um diese Zeit 
fand eine eingehende Veränderung in den französischen 
Kriminalgesetzen statt.*) Was aber die deutschen jugend- 
lichen Verbrecher betrifft, so bedenke man, daß diese 
Kategorie kein höheres Alter als das achtzehnte Jahr um- 
faßt, der von Kurella angenommene Einfluß mußte also 
mit dem Jahre 1889 aufgehört haben; die Zunahme der 
jugendlichen Verbrecher dauerte aber noch immer fort und er- 
reichte ihren vorläufigen Höhepunkt erst im Jahre 1892, auch 
datiert gerade von diesem Jahre 1889 die stärkere Zunahme, 
in dem der Kurellasche Faktor ausgewütet haben mußte.*) 
Am kräftigsten spricht wohl wider diese Hypothese 



^) Kur eil a, Naturgeschichte des Verbrechers, 1898, S. 151. 

«) Ferri 1. c. S. 171 ff. 

') Aschaffenburg 1. c. die Tabelle bei S. 122. 



— 121 — 

die Tatsache, daß die Zunahme der jugendlichen Kriminalität 
eine allgemein-europäische Erscheinung ist. Z. B. in Holland 
nahm die Zahl der Verbrecher unter 16 Jahren in 20 Jahren 
um 100 ®/o zu, und dieses Land hat doch seit dem Anfang 
des 1 9 ten Jahrhunderts keinen Krieg mehr geführt!^) Es 
läßt sich diese traurige Erscheinung so vollständig aus den 
veränderten Zeitumständen erklären, daß keiner der sich 
mit ihr beschäftigenden Kriminologen in dieser Erklärung 
eine Schwierigkeit erblickt, so mühsam ihnen die Besserung 
vorkommen mag. Zu den allgemein angenommenen Ursachen 
gehört wohl in erster Linie die Lidustrialisierung unserer 
Gesellschaft, welche die berufliche Beschäftigung Jugend- 
licher und damit wenigstens die Gefahr ihrer Loslösung 
von der elterlichen Gewalt mit sich führt.^) 

Ebenso unbegründet ist der Ausspruch v. Liszts, 
daß jede kriegerische Periode auf lange Jahre hinaus den 
kriegerischen Sinn gerade der jüngeren Generation wesent- 
lich verstärke. Er selbst hat auf derselben Seite die 
große Zunahme der jugendlichen Kriminalität in Deutsch- 
land erst vom Jahre 1882 ab datiert^): hat denn diese 
Generation bis dahin mit ihrer Verrohung durch den Krieg 
gewartet? Und wie stellt der ausgezeichnete Jurist sich 
die Sache eigentlich vor? Das Beispiel konnte auf die sehr 
Jugendlichen nicht einwirken, die ja dem Kriege gar nicht 
beiwohnten, und die heimgekehrten jungen Soldaten mußten 
doch sofort ihre verstärkte Gewalttätigkeit zum Ausdruck 
bringen, mit jedem Jahre hätte dann die hierdurch verur- 
sachte Kriminalität abnehmen müssen. Das gerade Um- 
gekehrte ist aber bekanntlich der Fall ! Die Kriminalität, be- 
sonders die, welche als Roheitsäußerung aufgefaßt werden 
kann, nimmt zu und nahm sofort nach dem Kriege wie 



^) Vgl. Morrison, Juvenile Off enders, 1896, p. 7. 
2) Aschaffenburg I.e. S. 119—121. 

*) V. Liszt, Das Verbrechen als sozial-pathologische Er- 
scheinung, 1899, S. 17. 



I 



4 



I 



— 122 — 

schon vor demselben zu; dagegen ist bis 1878 keine Er- 
höhung der jagendlichen Verbrecherzahl konstatierbar. ^) 

Es scheint die Schlnßfolgenmg onvermeidlich, daß die 
Kriege, wenigstens die modernen, keinen so verrohenden 
Einfluß auf die Männer ausfiben, weder direkt noch in- 
direkt, als die meisten Schriftsteller anzunehmen geneigt 
waren.*) umgekehrt lassen sich mehrere sehr günstige 
Einwirkungen des Krieges auf die Gesinnung des kämpfen- 
den Volkes kaum in Abrede stellen, wir kommen aber später 
auf diese zurfick. 



' Wir wollen jetzt versuchen, ganz anderen, doch eben- 

falls nur vermuteten Wirkungen, die durch die Tatsache 
des Krieges verursacht sein sollen, so objektiv wie nur 

I möglich nachzuspüren. Das Heer im Frieden wird nicht 

) weniger als der Krieg beschuldigt, eine demoralisierende Ein- 

wirkung auszuüben. Jede Armee ist eine Zusammenpackung 
vieler, größtenteils junger Menschen zu bestimmten Zwecken. 
Mehrere sehr gefährliche Einflüsse können hier sofort an- 
gezeigt werden. Die hänsUche Zucht hört auf einmal auf, 
sie wird durch die militärische nur sehr unvollkommen er- 
setzt, da diese sich auf ganz andere Handlungen des jungen 
Menschen bezieht und ihren Mitteln nach mehr äußerlich 
bleiben muß. Gute weibliche Einflüsse, ohne die jedes 
Leben, weil einseitig, zur Unsittlichkeit hinneigen muß, 
fehlen ganz. Aus dem engen Kreise des angewöhnten 
Lebens treten die jungen Leute auf einmal, ohne Über- 

1 gang, im sehr empfänglichen Alter in ganz andere Verhält- 

nisse, oft wird der Bauer in die Großstadt verpflanzt. AIb 



^) starke 1. c. S. 212ff. : Man bedenke, in 1878 hören seine 
Angaben auf; in 1871 wurde die Altersgrenze von 16 auf 18 Jahre 
erhöht, es sind aber gerade diese beiden Jahre die reichsten an Ver- 
brechen; nach 1871 ist die Kriminalität der Jugend wieder stabil bis 
1878, in welchem Jahre die Starkesche Tabelle aufhört. 

^ Man vgl. die Deklamationen P. Aubrys in LaOontagion du 
Meurtre, 1888, p. 156. 



— 123 — 

die eigentlichen Erzieher jeder Stunde treten die jungen 
Grenossen auf, die dazu am wenigsten geeignet sind, und 
die keineswegs erhebende Psychologie der Menge libt 
ihren Einfluß mittels der falschen Scham. Dazu geben die 
Unteroffiziere, die soldatische Roheit manchmal mit dem 
Größenwahn der Offiziere paaren, ihr wohl selten gutes 
Beispiel. Wer viele dieser letzteren in ihrem Verhältnis 
zu Mädchen beobachten konnte, wird von ihrer Wirkung 
auf das Gemüt der jungen Soldaten nur das Schlimmste 
erwarten. Obwohl der Verfasser, dessen Vater Oberst war, 
den wertvollen Einfluß mancher Offiziere auf das intimere 
Leben der Untergebenen gar nicht unterschätzen will, so 
fürchtet er doch, daß dieser Einfluß manchmal fehle, manch- 
mal aber eher ins Ungünstige entarte. Der dumme 
Standesstolz, die lächerliche Einbildung, die Anmaßung den 
Untergebenen gegenüber, das Kriechen vor den Vorgesetzten, 
das alles muß unvermeidlich einen verderblichen Einfluß 
auf die jungen Seelen ausüben. Das Schlimmste dabei ist 
vielleicht die Aufhebung des Glaubens an die Vorgesetzten : 
wer sie so täglich in ihrer kleinlichen Anmaßung nicht 
nur wahrnehmen, sondern ertragen muß und dennoch ihnen 
zu gehorchen gezwungen ist, leidet entweder seelisch 
furchtbar oder wird in seinem Charakter tief benachteiligt. 
Jeder Vorgesetzte, der nicht mit allen Kräften und unaus- 
gesetzt danach strebt, auf jedem Gebiete, vor allem aber 
in seinem Verhalten zu den Untergebenen, in ihren Augen 
musterhaft zu sein , bildet eine soziale Gefahr. Es gilt 
das für alle Betriebe überhaupt, am meisten aber für den 
militärischen, weil hier die Disziplin unbedingt durch- 
geführt und am strengsten sein muß. Jedesmal, wo ein 
Soldat ein erlittenes Unrecht im Angesichte 
des frechen Vorgesetzten schweigend hinunter- 
würgen muß, entsteht dem Heere und dem 
Kriegeein weit schlimmerer Feind , als durch 
das beste neue Buch über den Weltfrieden. Der 



— 124 — 

'cbaden greift aber noch viel weiter ■ om sdcb. Wer so in 
einem tiefsten Rechtsgefflhl gekränkt wurde, erfährt äber- 
lanpt eine moralische EinbnSe, die ihn nicht derselbe Mensch 
rie vorher bleiben läßt. Und wer das Unglfic^ bat, ähn- 
iches längere Zeit schweigend dulden oder aoch nur ansehen 
Q müssen, wird moralisch vielleicht mehr geschädigt, als 
renn er längere Zeit in einer Verbrecherbande zabrachte. 

Die Disziplin ist ganz sieber ein zweischneidiges 
Ichwert, mächtig im Guten wie im Bösen, im Heere 
ber absolut nnentbebrlicii. Gerade deshalb ist es nnbe- 
jeiflich and empörend, daß die höchsten und allerhöchsten 
/'orgesetzten in derBegeldie gefährlichsten Verbrechen gegen 
lie Disziplin, die schwersten, die es gibt, weil nur sie die- 
elbe prinzipiell untergraben, am gelindesten, ja Oberhaupt 
:aum ahnden, nämlich die durch die Befehlenden gegen die 
Jntergebenen verübten, die Mißbräuche der Befehlsgewalt 

Die ungenfigende Bestrafung der Soldatenmißhand- 
ingen möchte ich als eine schwere Versündigung an der 
irmee brandmarken. Wer sich deren schuldig macht, 
ergißt, daß sie in unserer Zeit der Verbreitung des Be- 
ruBtseins der Menschenwürde und gerade in einer hoch- 
atellektnalisierten Armee nicht mehr ohne furchtbare Nach- 
eile vorkommen könsen. Wo so hohe Anforderungen an 
en Charakter and an die Intelligenz der Offiziere nicht bloß, 
ondern auch der Soldaten gestellt werden, muß alles vermie- 
en werden, was die letzteren zu Maschinen und die ersteren 
n Maschinenführem erniedrigen könnte.') Bei cölibatären 
'riesteni sowie bei Söldnerheeren kann geraume Zeit eine 
om abrigen Volke losgetrennte Moral bestehen, bei ver- 
eirateten Priestern und im Volksheere ist das anf die 
)aaer anmöglich. Wenn nicht allein die schlechten, 
ondern auch die guten und sogar die besten Elemente des 
'olkes in die Beihen der Armee aufgenommen werden, da 
:ann diese moralisch nicht länger hinter dem besten Teile 

•) Bonger I.e. S. 671. 



— 125 — 



» 



des Volkes zurückbleiben. Die Achtung vor der all- 
gemeinen Menschenwürde hat in der ganzen Gesellschaft 
mehr als je vorher zugenommen, die Handhabung der Dis- 
ziplin muß hiervon den Eückschlag empfinden, wenn nicht 
der ganze Heerdienst als etwas mit modemer Kultur Un- 
vereinbares gerade durch die Besseren verurteilt werden 
soll. Ein unverbesserlicher Kasemenmann mag hierüber 
lachen, der Einsichtige weiß, daß solchen Gefühlen 
Eechnung getragen werden muß.^) Das Heer ist nun ein- 
mal Volks-, kein Söldnerheer, die Zugehörigkeit zur Ge- 
seUschaft bildet seine Kraft, legt ihm aber auch unabweis- 
bare Pflichten auf. Es nützt nichts, sich hiergegen mit 
der Faust am Degengriff zu empören. 

Weil die jungen Soldaten mit der Erfüllung ihrer 
Dienstpflicht keineswegs genug getan haben, sondern die 
Gesellschaft, und im Grunde auch die Schätze ver- 
schlingende Armee, noch ganz andere Anforderungen an 
sie stellt, so müssen wir auch auf die allgemein gesell- 
schaftlichen Polgen der Erziehung im Heere achtgeben. 
Die Gefahren, auf die wir hinzeigten, sind in der Haupt- 

^) Ich bin daher erstaunt, daß Dr. med. E. Lobedank, der in 
seinem „Rechtsschutz und Verbrecherbehandlung**, 1906, eine ärztliche 
Kriminalpolitik befürwortet, (S. 40—41) eine längere Freiheitsstrafe 
über den Soldaten verhängen will, der, obwohl dienstlich ganz unbe- 
scholten, von dem Vorgesetzten wiederholt gereizt und schwer miß- 
handelt, diesen tätlich angegriffen hat, als dieser im Begriff war, ihn 
wieder zu mißhandeln; die Begründung der Strafe ist allein das 
Interesse der Disziplin. Aber versteht dieser Arzt denn nicht, daß 
die Disziplin unendlich mehr durch solche Verbrechen der Vorgesetzten 
leidet? Denn diese untergraben sie wirklich, machen ihre Aufrecht- 
erhaltung auf die Dauer unmöglich. Die Disziplin ist ein zweiseitiges 
Verhältnis, das hier durch das Betragen des Vorgesetzten verletzt 
wurde. Dieser ist ein vielfacher Verbrecher, der sich an der Waffeu- 
ehre, an der Disziplin und an dem armen Soldaten vergangen hat. 
Er verdient schwerste Bestrafung und Ausstoßung aus der Armee, 
der Soldat nur geringe Strafe, weil der andere der eigentliche auctor in- 
tellectualis der Tat war. 



— 126 — 

Sache zweierlei Natur: erleichterte Verffihnuig und mora- 
lische Grscblaffimg, beide, wie wir sahen, natöiiiche, wenn 
nicht nnabänderliche Folgen der ikffillang: der Dienstpflicht, 
jedenfalls nnter den beotigen Umständen. Die Unzacbt, 
die infolge der ersteren entsteht, flbt die verderblichste 
Wii^ung auf die Familiengrfindong und weiter auf den ge- 
zeugten Nachwuchs ans. Die moralische EIrschlatfnng kann, 
und wenn sie schlimmer ist, moS sie auf die ganze Lebens- 
führong einen deprimierenden Einfluß ausüben. Das 
moderne Wirtschaftsleben verlangt für alle, die zn etwas 
Höherem als zu bloß exekutiven Arbeiten berufen sind, 
nicht allein, ja nicht einmal an erster Stelle, viel Wissen 
und eine lebhafte anpassungsfähige Intelligenz, sondern 
auch vor allen Dingen einen aufgeweckten Geist , ein 
selbständiges urteil, resoluten Untemehmoogssinn. Ob 
diese Eigenschaften aber durch das Easemenleben und 
durch nörgelnde Disziplin gefördert werden?^} 



'I Eine sehr merkwürdige Bestätigung dieser AuffasauDg finden 
wir in den Erfahrungen des letzten Krieges. Ein italienischer Eriegs- 
korrespondent, der der Scbl&cht bei Mukden beiwohnte, beschreibt, 
wie eine russische Truppe sich aus der Ferne ohne den geringsten 
DeckuDgs versuch niederschieBen läßt, die Japaner hätten das anders 
gemacht als die russischen FatalisteD. Die meinen: ,Ea ist unnütz, 
sieb dem Willen Gottes zu widersetzen, und auch eine Sünde. . . . 
Sind wir nicht auf der Erde zu einer kurzen und schmarzlicheD 
Prüfung? Selig der, den der Himmel zu sich ruft. Warum lebt man, 
«rbeitat man, geht in den Krieg, tötet, gehorcht? Wer befiehlt alles? 
Wer kann das wissen? Die Vorgesetzten wissen es. ... So ist der 
Russe; so haben sie ihn gemacht.* Und er worde besiegt! ,PQr 
ihn ist alles verboten. Etwas unternehmen, verboten I Wünschen, 
verboten! Denken, verboten! Was hat er dafür zum Ersatz? Den 
Himmel. Und dieser Mensch wird unnütierweise auf das Schlacht- 
feld geschickt, damit er Ideen, Initiative, Umsicht, echnellea E!nt- 
schlufi, intelligente Tätigkeit entfalte. Er weiB zu sterben, sonst 
nichts. Man hat ihn unwissend nnd stumpf gewoUt Wer in ihm 
besiegt worden ist, das ist das System." Die Kadaverdiaziplin hat 
zur Niederlage geführt. Siehe Barzini, Makden, 1906, S. fö. 



— 127 — 

Sollen die Arbeiter in ihrer ganzen Lebenshaltung 
fortschreiten, was wahrlich nicht nur für sie selbst, sondern 
auch allgemein menschlich im höchsten Grade erwünscht 
ist, so müssen zwei Bedingungen erfüllt werden : sie müssen 
zunehmen an Selbstachtung (nicht dasselbe als Selbstüber- 
hebung), und sie müssen einen lebhaften, tapferen Anteil 
nehmen an ihrem Vereinsleben. Mit dem letzteren er- 
füllen sie nicht bloß eine egoistische, obwohl auch diese 
«ehr wichtig ist, sondern auch eine öffentliche Pflicht. An 
das ganze Publikum, und besonders an das höher begabte 
und gestellte, ergeht in stets steigendem Maße die An- 
forderung, reell und kritisch sich am Leben der Gemein- 
schaft zu betätigen. Zu den vielen Kräften der Ver- 
gangenheit, die das Elend der Gegenwart verursachten, 
gehören gewiß mit an erster Stelle die Mißbräuche aller 
öffentlichen Gewalt. Diese Gewalt, die gerade in den 
fortgeschrittensten Kulturen anfing zurückgedrängt zu 
werden, breitet sich beim jetzigen Umschwünge aufs neue 
über alle Gebiete des Lebens aus. Jetzt gilt es achtzu- 
geben, damit die Mißbräuche nicht wieder die Oberhand 
gewinnen und in ungeahnter Weise Verderben bringen und 
vorbereiten. Die stetig zunehmende Staatseinmischung 
fordert von allen Bürgern nie erschlaffende Kontrolle aller 
Verwaltung und Gesetzgebung. Sonst droht der Staat, 
dessen Hilfe sie jetzt bei allem anrufen, bald nicht mehr 
entbehren können, ihr gefährlichster Feind zu werden, 
schlimmer noch als er schon früher gewesen ist, weil sein 
Arbeitsfeld das frühere weit zu übertreffen droht. Für 
die individuell zu schwachen Arbeiter sind die Vereine zu- 
gleich das beste Gegengewicht gegen einseitige Staats- 
einmischung und die einzige Weise, in welcher sie an der 
von allen verlangten, für sie erst recht nötigen Kontrolle 
des Staates teilnehmen können. Daß die Arbeiter tüchtige 
Mitglieder ihrer Vereine werden, ist also das Interesse der 
ganzen Gesellschaft und deshalb auch das des Staates. 



— 128 — 

Von allen Bttrgern werden alsc 
der Fall, zwei Tagenden verlangt: i 
Volke nnd der moralische Unt. E| 
haben die Note der Gesellschaft hera 
tismns und Mnt müssen ihre Verscli 
hindern. Ob die hente gepflegte 1 
diese Tagenden za erwecken? Zu d 
Gefahren gehört die von Zeit za Zeit 
Erschlaffung, die wie alle Keaktio 
vorhergehenden Zostandes proportion 
steht sich, daß hier große nioralisc 
Mancher Ansiedler wider Willen nei 
Bacchanal. Ob die in der Easem 
jetzt den nötigen Rückhalt bietet' 
Kaserne der rechte Weg sieb ansznli 
Bechte anderer Personen zu achten 
soll nur nidit einwerfen, die Easemi 
Ort zu solcher Elrziehung, denn v 
empfänglichen Jahren nicht erzieht, ^ 
die Kaserne der Ort dazu sein? Di 
kein von dem sonstigen Volke getre 

Der Aafenthalt in der Armee i 
meidlich fflr jeden jungen and erst n 
gebildeten Menschen die intensivst 
er je durchgemacht hat oder durcl 
unmöglich, auch wenn man es v 
militärischen Drill beizubrii^n, der 
hier tatsächlich nnendlich viel mehr 
das wünscht oder nicht. 

Das Was kann und darf uns nie 
Ich fürchte aber, dafi es in der Meh 
gut noch genügend ist. 

Hören wir jetzt einmal einige 
C. Waguer stimmt dem Gamisonsp 
bei, wenn dieser meint, es sei eine 



— 129 — 

S das „Heer, wiewohl es eine Schule der Zucht ist, doch 

HS für viele zu einer Hochschule der Unzucht wird".^) Eine 

Fi sehr schwerwiegende Beschuldigung scheint mir die be- 

i h deutend erhöhte Zahl der Selbstmorde im Heere verglichen 

en mit der zivilen Bevölkerung, die bekanntlich in allen Kultur- 

m Staaten sich zeigt, zu enthalten. In Frankreich töteten sich 

iL 1, 3, in Preußen 1, 8, in England 2, 2, in Italien 3 — 4, in öster- 

m reich 8 mal mehr Militäre als Zivilisten desselben Alters. 

ü Es liegt auf der Hand, daß die strenge Disziplin, die 

I Unzuchtsitten u. a. bei den einen, das ungemütliche Leben 

: bei anderen Individuen hier den größten Teil der Schuld 

ü tragen.^) 



e. 



tu 



lu 



Bevor wir aber auf die andere, die gute Seite des 
Kasemenlebens uiiseren Blick richten, bevor wir uns fragen, 
ob das militärische Leben im Frieden auch günstige Folgen 
ausübt, wollen wir erst zur Vergleichung einmal andere 
Seiten des Volkslebens beleuchten und die hier bestehen- 
den moralischen Schäden aufdecken. Wie verhält es sich 



[^ ^) Pastor C. Wagner, Die Sittlichkeit auf dem Lande, 1896, 

S. 77, 80. 

«) E. üurkheim, Le Suicide, 1897, S. 247-261. Es scheint 
mir der Verfasser, wie bei ihm eher Regel als Ausnahme, eine ganz 

^ verschrobene Erklärung des militärischen Selbstmordes zu geben, nl. 

als Ausflusses des übertriebenen Altruismus! Alle von ihm hervor« 
gehobenen Erscheinungen lassen sich viel ungezwungener durch die 
von uns angeführten Umstände erklären. Für seine Hypothese 
spricht nur, daß sie so schön zu seiner Theorie paßt. Z. B. die 
größte Frequenz bei Unteroffizieren, Freiwilligen und Offizieren: ist 
denn bei diesen die Disziplin manchmal nicht viel drückender ? geben 
sie sich dem Alkoholismus und der Unzucht nicht mehr hin? leiden 
sie nicht mehr unter Verschuldung? D. wundert sich, daß die Selbst- 
morde nicht mit den Dienstjahren abnehmen, aber nehmen denn die 
Folgen aus diesen Verhältnissen mit ihnen ab? Daß die militärische 
Selbstmordfrequenz abnimmt, dürfte durch die verminderte Strenge 
des alten miUtärischen Geistes, die er selbst S. 259 anführt, zu erklären 
sein. Durkheims Hypothese kommt mir ganz mystisch und unge- 
reimt vor; vgl. E. Mor sein, n Suicidio, 1879, S. 371-376. 
Steinmetz. 9 



— 130 — 

mit dem moralischen Leben tmserer jagendlicheo Fabrik- 
' bevölkenmg? Vernehmen wir hierüber als nnverdachtigren 
Zeugen Paul Göhre, der behauptet, „daß kaum ein jangrer 
Mann oder ein junges Mfidchen ans der Chemnitzer Ärbeiter- 
berölkenmg, das über 17 Jahre alt ist, noch keusch and 
jnngfräolich ist". Auf den Tanzböden verliert unsere 
Arbeiterjugend ihre beste Kraft ond ihre Tugend.') Er ver- 
gleicht das leichtfertige Leben des jongen Fabrikarbeiters mit 
dem des Studenten, dem wir sofort einmal auf den Zahn fühlen 
werden. Erschreibtden „erstaunlichen umfang" der Roheit, 
des Leichtsinns und der Verschwendungssucht der jungen 
Fabrikarbeiter den relativ günstigen Löhnungsverhältnissen 
und dem Mangel an Aufsicht za,'j also so ähnlichen Um- 
ständen, wie wir in der Kaserne antrafen, denn der niedrige 
Lohn wird hier durch freie Verpflegung und Zuschüsse 
aus dem Eltemhanse ausgeglichen. Göbre bedauert über- 
haupt in der modernen Fabrik die Abwesenheit aller nur 
einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.") 
Nur die eine gute Wirkung des schon Jahrzehnte wirken- 
den Schnapsverbotes in der Fabrik hebt er hervor,*) 

Was die Dienstmadehen anbetrifft, auch in diesem be- 
sonderen Teile der Bevölkerung finden wir keine glänzen- 
den sittlichen Verhältnisse, wenigstens nicht soweit die- 
selben in Großstädten leben. „Über ein Drittel der 
unehelichen Kinder Berlins wird von der Dienstbotenklasse 
geboren." Die Ursachen sind auch hier zu einem guten 
Teile dieselben wie beim Militär. Manchmal kommt das 
jnnge Dienstmädchen ganz unerfahren aus ihrem Dorfe in 
die Stadt; vorehelicher Geschlechtsnmgang galt dort aach 
als £egel, wurde aber meist durch nachherige Ehe grat- 
gemacht, somit seiner größten Gefahr enthoben, in der 



— 131 — 

Stadt wird er dagegen zum unehelichen Geschlechtsum- 
gange. Auch hier fehlen die Sittlichkeit fördernde Mächte. 
„Das Dienstmädchen verliert in frühem Alter seine eigene 
Familie und wird auch der Einflußsphäre derselben gänzlich 
entrückt**. Die fremde Familie ersetzt die eigene im Durch- 
schnitte keineswegs, wie jeder weiß. Die unbegrenzt lange 
Arbeitszeit treibt das Dienstmädchen dazu, die kurzen freien 
Stunden um so intensiver zu genießen. Die Analogie mit 
der Abspannung des Soldaten nach der strengen Disziplin 
liegt hier nahe genug.^) Das traurige Ergebnis, daß nach 
Weinhausen zwei Drittel aller Berliner Prostituierten 
ehemalige Dienstmädchen sind, kann uns kaum verwundern.^) 
Wenden wir uns jetzt einem anderen Kreise zu, wo 
wir erwarten müßten, alles auf das Schönste anzutreffen, 
zu der Studentenwelt. Diese jungen Leute stammen fast 
alle aus gebildeten, zu einem guten Teile aus den aller- 
besten Familien, sie sind alle wenn nicht im eigenen Hause 
so doch auf der Schule wohl erzogen, sie leben unter dem er- 
hebenden Einflüsse von Wissenschaft und Kunst, sie bereiten 
sich in angenehmer Weise ohne übennäßige Arbeit für 
einen hohen Beruf vor, sie verkehren der Theorie nach nur 
mit den Professoren, den Höchstgebildeten des Landes 
und mit einander, alle Einflüsse zum Guten wirkten und 
wirken hier anscheinend zusammen, und doch ist das 
Resultat ein ganz ungewöhnlich grober Umgangston, eine 
sehr hohe Kriminalität, die Aschaffenburg mit der 
allgemeinen Kriminalität verglichen recht bedenklich 

^) Dr. Othmar Spann, Die geschlechtlich-sittUchen Ver- 
hältnisse im Dienstboten- und Arbeiterinnenstande, Zeitschr. f. Sozial- 
Wissenschaft, 1904, S. 291, 301, 302; vielleicht rechnet S. nicht ge- 
nügend mit dem Umstände, daß die Arbeiterin sich prostituieren und 
erst recht sexuell frei leben und dennoch Arbeiterin bleiben kann, 
was dem Dienstmädchen zum Guten und zum Schlechten versagt 
ist; vgl. Aschaf f enburg 1. c. S. 77. 

^) Reinhold Stade, Frauentypen aus dem Gefängnisleben, 1903, 
S. 134 ff. über die weitere Verführung. 

9» 



w^ 









— 133 — 

seien Gewalttätigkeiten gar keine Seltenheit. Je mehr 
die allgemeinen Verhältnisse denen des Mutterlandes ähnlich 
{' . werden, je besser auch die sittlichen. Moral und Moralität 

ufe heben sich und zeigen aufs deutlichste, daß die Menschen 

nicht schlimmer waren als die Daheimgebliebenen, daß 
aber die besonderen Umstände einen demoralisierenden 
Einfluß ausübten. 
^ Jetzt wird die Fi-age unabweislich : gibt es vielleicht 

juj^ allgemeine Ursachen für die moralischen Eigentümlichkeiten 

der Fabrikarbeiter, der Dienstmädchen, der Studenten, der 
^ Europäer in den Kolonien, und der Soldaten in Friedens- 

zeit? Ich glaube ja, und ich meine sie auch nachweisen 
zu können in der Loslösung nicht nur von der elterlichen 
Zucht und Liebe, sondern zugleich von allen Traditionen 
und kontrollierenden Mächten der engeren Heimat, in der 
zu früh erfolgten Emanzipation ohne neue, selbsterkannte, 
das Gemüt erfüllende Pflichten, und dazu in der verhältnis- 
mäßig guten Entlohnung resp. der freien Lebenslage. Ich 
glaube, daß diese Umstände, die sich mutatis mutandis in 
allen fünf Lebenskreisen vorfinden, vollständig ausreichen, 
die ihnen gemeinsame Immoralität zu erklären. Die Dis- 
ziplin und das engere Zusammensein mit den Genossen 
wären das einzige für das Kasemenleben besonders Charak- 
teristische dabei. Der letztere Umstand dürfte aber, wenn 
die Disziplin einmal ideal gehandhabt würde, kaum mehr 
[ eine größere Gefahr darstellen. 

l Wir müssen jetzt die Frage beantworten, ob die auf- 

; gedeckten Schäden unzertrennbar mit dem militärischen 

if Leben in Friedenszeiten verbunden sind. Zur Antwort 

K möchte ich die Ansicht vertreten, daß umgekehrt von diesen 

fünf gefährlichen Umständekomplexen gerade das Kasemen- 
leben am ehesten eine gründliche, ja eine prinzipielle Besse- 
j rung erfahren könnte, die wenigstens viele Gefahren auf- 

f heben würde. Schon die eine Tatsache dürfte hier ent- 

scheidend sein, daß wir nur in diesem einen Falle die freie 



iL: 
t 

I: 



— 134 — 

Hand haben, am alles, was die Sache eriieischt, za rer- 
ffigen. Den anderen Umstftnden können wir mit unseren 
Vorschriften kanm auf den Leib räcken, die Soldaten da- 
g^^ sind nnn einmal der Öffentlichen Anfsicht im ans- 
gedehntesten Uafle nnterstellt, die mißliche Frage, ob ein* 
g^rriffen werden darf, braucht hier nicht mehr erörtert za 
werden. 

Der Staat, die höchste erzieherische Uacht, hat in 
seinen jnngen Soldaten das beste und der Erziehung am 
meisten zo^^ngliche wie am meisten bedürftige Uaterial 
nnter den Händen ; wie bat er bis jetzt diese ganz einzige 
Gelegenheit znr E^rziehni^; benntzt? Nor sehr wenige 
werden geneigt sein, hier dem Staate ihr TOlIes Lob zn 
spenden. Die Gelegenheit wird jedenfalls nicht ans- 
genntzt Es könnte in sittlicher und in intellektaeller Hin- 
sicht unendlich viel mehr geschehen. Warum wurden die 
Kasernen in die großen Städte mit ihren vielfachen Ge- 
fahren verlegt? Die Soldaten könnten dem GroBstadtleben 
femgehalten werden, ohne daß der Landaufenthalt den 
Offizieren zur dauernden Pflicht gemacht würde, was 
vielleicht eine größere Zahl von ihnen von diesem Bemfe 
fernhalten wflrde, als dem Staate erwünscht sein kann. 
Anch fflr die Unteroffiziere ließe sich hier irgend ein Aas- 
weg finden, wenn dieser mit Eifer gesucht wurde. Die 
Soldaten könnten mit viel mehr Ernst, als bisher geschieht, 
den unsittlichen Elementen wie Kneipen und Bordellen 
femgehalten werden. Den Unterricht der weniger ge- 
bildeten Soldaten sollte man mit vollem Emste in Ängiiff 
nehmen, die Dienstzeit sollte die ideale Wiederholungs- 
schole der Zukunft bilden. Offiziere wie Unteroffiziere 
sollten sich die sittliche Erziehung des Eekruten viel mehr, 
in ganz anderer Weise zo Herzen nehmen und natürlich 
selbst ganz anders dazu erzogen und angeleitet werden. 
Die Handhabung der Disziplin muß sich dementsprechend 
ändern. Sie soll memer Überzeugung nach beileibe nich 



f 



— 135 — 

abnehmen, nicht weniger streng werden, aber rationeller, 
nicht so auf Verdummung des Untergebenen gerichtet, den 
Menschen in ihm nicht bloß ehren, sondern geradezu erheben 
und erwecken. Der Rekrut soll zum Soldaten erhoben, 
nicht herabgedrückt werden. 

So erneuert, von ihren Fehlem gereinigt, wird die 
militärische Übungszeit ihren vollen Einfluß zum Guten 
ausüben können. Sie wird sich die immer zahlreicheren 
Angriffe der Moralisten, der Anti-Militaristen, der Sozia - 
demokraten zu Nutze machen. Aus diesem Grunde freue 
ich mich aller dieser Anfälle. Je kräftiger sie werden, 
je mehr die Regierungen und alle Behörden auf sie horchen 
müssen, je schneller wird hier Abhilfe geschafft werden. 
Und daß diese ebenso nötig wie möglich, hoffe ich im Vor- 
stehenden zur Genüge dargetan zu haben. 

Der Kriminalist v. L i s z t hat m. E. mit dem vollsten 
Rechte das Heer „die beste aller Volksbildungsanstalten" 
genannt.^) Seinen segensreichen Einfluß wird es aber erst 
vollständig entfalten, wenn alle die vorgeschlagenen Ver- 
besserungen angebracht sind. Wenn die Art und Weise der 
Disziplin in der erwünschten Richtung geändert ist, wird 
keine Fortbildungsanstalt einen gleich charakterformenden 
Einfluß ausüben können. Selbstbeherrschung, Ordnungssinn, 
Mut, Unterordnung unter das Ganze, männliche Tüchtigkeit 
werden nirgends besser gelehrt, und was sehr viel mehr 
heißt, eingeübt, zur bleibenden Eigenschaft gemacht. Eine 
bedeutende Bereicherung wird diese Erziehung gerade 
durch die Erwerbung der jetzt für den modernen Soldaten 
immer notwendiger werdenden Eigenschaften erfahren. 
Er braucht, um in der modernen Schlacht bestehen zu 
können, ein schnelles Anpassungsvermögen, bewegliches 
Urteil, größere Selbständigkeit, lauter Eigenschaften, die 
im modernen Leben jedem sehr zustatten kommen. Alles, 



*) V. Liszt 1. c. S. 19. 



— 136 — 

was der Soldat frfiber erlernte, wie Selbstbeberrschimg-, 
Unt, gutes Schießen, maß er sich jetzt, da er der Stötze 
dnrch die kompakte Masse immer mehr verlostig gehen 
wird, viel reeller, viel tiefer zd eigen macheiL Der Soldat 
der Ztikimft wird in allen genannten moralischen nnd müi- 
t&riscben Ferti^eiten eine bedeutend vertiefte Schulung' 
dnrchmachen. Wie schwer wird der Enndschaftsdienst der 
Kavallerie werden, wie große Terrainkenntnisse werden 
vom Unteroffizier und erst recht vom Offizier gefordert 
werden 1 Wie viele spezielle Dienste, wie Telegraph, Luft- 
ballon, Signalwesen usw. werden da allmählich entstehen! 
Wie viel besser wird das Schießen der Infanterie werden 



Es wird also nicht bloß aus allgemeinen Gründen der 
Volkserziebnng nnd zar Entwaffnong der Kritik eine Ver- 
besserung der militärischen Erziehung im Frieden erwünscht 
sein, denn in diesem Falle könnten wir wohl sehr langre 
vei^eblich auf sie warten, sondern das eigenste militärische 
Bedürfnis wird sie unbedingt zur dringenden Notwendigkeit 
machen, nnd zwar in den Heeren aller zivilisierten Völker, 
soweit dieselben nicht schon dem wachsenden Bedürfnisse 
Rechnnng trugen. Dem Drange der modernen büi^rlichen 
Gesellschaft, der durch die eigenen Bedürfnisse des Heeres 
nnterstätzt wird, mofl endlich auch die konservativste Heer- 
verwaltung nachgeben; sonst würde die Strafe dafür, durch 
das oberste hier zuständige Gericht, den Krieg, verhängt, 
recht schwer werden. 

Die Offiziere werden sich zur Anpassung an alle 
diese bald unabweislicben Forderungen bequemen mtlssen. 
Der künftige Truppenführer wird sich immer mehr znm 
technischen Führer aasbilden müssen. Seine Autorität wird 
in unserer Gesellschaft den Anforderungen unserer Kriege 
gegenüber sich immer mehr auf reell-technisch-wissenschaft- 
liche und moralische Überlegenheit stützen müssen. Die 
ganze Scheinbildung des Salons, der Tanzpfiichten, des 



— 137 — 

Paradetons wird da bald in nebelhafte Feme verschwinden. 
Die modernen Anforderungen werden moralisch wie tech- 
nisch-militärisch so tief ernst, so ungeheuer positiv werden, 
daß „die Schneidigkeit" einen ganz anderen Charakter wird 
annehmen müssen. Weder die moderne Gesellschaft, die 
alle kindische Naivität den Autoritäten gegenüber zu ver- 
lieren im Begriffe steht, noch der moderne Krieg, der erst 
recht keinen Spaß verstehen wird und jedes Zurückbleiben 
hier mit peinlichster und promptester Strafe treffen wird, 
werden sich mit Scheinreformen abspeisen lassen. Die 
russischen Offiziere, die mit Mätressen und Salonparapher- 
nalien reisten, haben uns den Liebesdienst des Beispiels 
erwiesen.^) 

Der Krieg wird mehr als je ein ernstes Handwerk 
bilden, die Vorbereitung zu ihm im Frieden wird immer 
ernsthafter, immer gehaltreicher werden müssen. Die 
Kaserne der Zukunft wird sich notgedrungen zur Muster- 
erziehungsanstalt ausbilden, Unteroffiziere und Offiziere 
werden sich zu würdigen, völlig ihrer Aufgabe angepaßten 
Lehrern entwickeln. Da wird alle Kritik aus diesem 
Grunde schweigen, das Friedensheer wird dem Kriege 
Freunde schaffen. 



^) W. Passek, Ein deutscher Kaufmann in der Mandschurei, 
1906, erzählt uns S. 1 ff., wie die russischen Offiziere nach dem Anfange 
des Krieges in Niutschwaug in den gemeiusten Orgien Schätze aus- 
gaben, und zwar solche, die sie durch die allgemein herrschende 
Korruption erhielten, S. 82, 30 ff. Die Japaner entfernten alles, was 
der Disziplin gefährlich sein könnte, die Russen machten es gerade 
umgekehrt, führten möglichst viele Prostituierte mit sich, S. 66; 
Alexejeff soll prächtige Feste mit Prostituierten während der Be- 
lagerung von Port Arthur abgehalten haben, während die Soldaten 
Hunger litten und die Verwundeten nirgendwo anständig auf- 
genommen werden konnten. Gol. Welle sley, früher Militärattache 
in Rußland, erzählt von der ungeheueren russischen Korruption bis 
in die höchsten Kreise der Armee, im Kriege sogar wurden Kanonen- 
sendungen gestohlen! „With the Russians in peace and war*", 1905, 
p. 111, 117. 



I 



I 



t 



li» 



' i' 



, 1 

I , 



I 

I ; ' 



— 138 - 

Die alten Traditionen sollte man aufgeben! Deutsch- 
land hat schon einmal schwere Strafe zahlen mfissen, weil 
es nicht darauf geachtet hatte, daß Krieg und Gesellschaft 
sich geändert hatten. Es vollzieht sich jetzt eine ähnliche 
Änderung, die Völker sollten die Warnung nicht überhören. 
Alles ändert sich, das Heer muß mit, bei Strafe der 
künftigen Niederlage. Die heiligsten Traditionen sind hier 
auch die gefährlichsten. Veraltete gesellschaftliche Ver- 
hältnisse dürfen nicht länger die Grundlage abgeben für 
das Heer der Zukunft, das ebensosehr den neuen Verhält- 
nissen angepaßt als den neuen Anforderungen gewachsen 
sein soll. 

Wie könnte Einer erwarten, daß die Offiziere die- 
selben bleiben könnten, indem sich doch die Soldaten, mit 
den früheren verglichen, so vollständig geändert haben 
und sich voraussichtlich noch bedeutend mehr und zwar 
bald ändern werden.^) 

Das moderne Heer muß vor allen Dingen das ganze 
Volk in Waffen darsteUen. Sobald oder solange es das 
Gepräge eines einzigen Standes erhält, wird es geschwächt 
Kein einziger Stand ist allein staatserhaltend, der Staat 
braucht sie alle, nicht allein die Hingebung und die 
Knochen der Junker, sondern auch die der immer zahl- 
reicheren Fabrikarbeiter, und das Geld des wohlhabenden 
Bürgerstandes, wie wir sahen, in nicht geringer Quantität. 
Das Heer unserer Zeit darf in keiner Weise, weder was 



^) Mit wie schwachen Gründen verlangt v. d. Goltz, Das 
Volk in Waffen, der übrigens so sehr gute Sachen über die Be- 
dingungen der Disziplin sagt, für den Offiziersstand eine hervor« 
ragende Stellung im Staate; wenn er die nicht hat, nennt er die 
Offiziere Sklaven, und erwartet von ihnen wie von Sklaven nur 
wenig Gutes, S. 471 Also sind die anderen Stände alle nur Sklaven l 
Solche Redensarten müssen ja einen unbesiegbaren Haß wider die 
preußische Auffassung bei allen freien und gebildeten Menschen her- 
vorrufen. 



«^ — -- 



— 139 — 

die Pflichten noch was die Vorrechte betrifft, ein Standes- 
heer bleiben, das wäre ja im Widerspruche zu unserer ganzen 
gesellschaftlichen Entwicklung. Solche Widersprüche 
können eine Zeitlang durch Tradition und Gewalt ge- 
duldet tverden, aber schließlich rächen sie sich. Wer das 
Heer liebt, muß es der Zeit angepaßt erhalten wollen.^) 

Die Erziehung der jungen Mannschaft gehört aber zu 
den wichtigsten Aufgaben der Armee in Friedenszeiten, 
wir haben also allen rationellen Grund, schnelle und tief- 
gehende Verbesserungen auf diesem Gebiete zu erwarten. 
Diese Eeformen liegen alle innerhalb der Möglichkeit; 
wenn sie vollzogen sind, werden wir von der Kaserne für 
die Erziehung unserer männlichen Jugend nur Gutes er- 
warten dürfen. Die militärische Vorbereitung wird dann 
nicht länger zu den Kriegsnachteilen gehören, unter welche 
wir ihr jetzt noch einen Platz einräumen mußten, sondern 

zu den Vorteilen. 

/ 

§ 6. 

Die Wehrverfassung als Stütze der Feudalität und 

der absoluten Monarchie. 

Ein nichtsnutziger, lumpiger Messerheld flößt durch 
rücksichtslose Frechheit der ganzen Nachbarschaft mit 
seinen Fäusten einen heillosen Schrecken ein, wenn er 
aber das Glück und das Einsehen hat, sich mit ein paar 
gleichgearteten Bruderzuhältern zusammenzutun, so wird 
er in dem ganzen Viertel unüberwindlich. Er kann sich 



^) Leider vernimmt man jetzt Stimmen, welche behaupten, daß 
das deutsche Heer aufs neue ein exklusivistisch rekrutiertes Offiziers- 
korps erhält, das österreichische dagegen soll sehr gute Offiziere aus 
den niederen Bürgelkreisen und sogar aus dem Volke erhalten. 
Deutschlands Heer in österreichischer Beleuchtung, 1906, S. 48. Der 
Verfasser rügt auch das kostspielige Leben der deutschen Offiziere, 
ihre Neigung zur Servilität und den Rückgang der Moralität, wenn 
sie mit der von 1870 verglichen wird. 




— W) — 



1 1 



W- 



' I 



:i 



geradezu als Tyrann aufspielen, alle empfinden öfter auf lange 
Zeit seinen Druck, und sogar die Polizei hat Muhe, ihn 
schliefilicli zu entfernen. Ähnliches geschah in größerem 
Maßstabe, wo immer ein militärischer Abenteurer sich in 
einer starken Burg, vielleicht anfangs bloß in einem kleinen 
Turm, einnisten konnte, ein paar Reisige unterhielt, all- 
mählich andere Raufbolde und Abenteurer zu sich herüber- 
zog und seine Macht aber die feigen Bauern immerzn ver- 
größerte und befestigte. Die Bedingungen einer solchen 
Macht waren nicht allein die Kampflust und die Streit- 
fähigkeit des Führers, auch nicht bloß der feste Tarm, 
obwohl zur Zeit der schwachen Belagerungsmittel zweifeis* 
ohne von großer Bedeutung, auch die besseren WafEen 
machten den Burgbesitzer noch nicht ffir die Baaem 
unüberwindlich, die Hauptsache, der Kern der Macht war 
schon damals die kleine, aber organisierte und für den Kampf 
spezialisierte Bande, welche die viel zahlreicheren Banem 
durch Kampffähigkeit und Kampfbereitheit immer wieder 
besiegen und unterjochen konnte. 

Die kleinen Kerne und embryonalen Anfänge stehen- 
der Heere bildeten bereits die Bedingungen und Stützen 
despotischer Macht. 

Das ganze Mittelalter aller Völker, die bis zu dieser 
Stufe emporgestiegen sind, also von der Stammverfassung 
bis zu den territorialen Fürstentümern, wird durch diese 
Vorgänge charakterisiert. Die Feudalität ist durchaus 
nicht auf das europäische Mittelalter beschränkt, sondern, 
wie auch leicht begreiflich, ein universalhistorischer Zug. 
Zwischen den Dorfeshäuptem und den souveränen Fürsten 
finden wir fast überall eine lange Periode, in welcher die 
zentrale Macht zwar nicht fehlte, aber durchgängig zu 
schwach war, dagegen die der Vornehmen auswuchs. In 
allen Weltteilen stoßen wir auf dieselbe Erscheinung.^) 



^) Was bei dem Studiam dieser politischen Formation viel za 



— 141 — 

Und überall ist ihre Hauptbedingung der Be^sltz einer 
kleinen stehenden Waffenmacht, der allzeit bereite Kern 
eines Heeres. Die Staatengrttndungen der Normannen be- 
ruhen hierauf,^) in Vorder-Indien machte erst die englische 
Übermacht allen solchen Gründungen ein Ende.^) Diese 
kleinen Heereskeme bewiesen überall die Allmacht der 
Organisation. Von der nicht immer kulturfördemden 
Macht des Adels weiß jeder zu erzählen, seine gute Seite 
wird aber nur zu oft übersehen. 

Solange die Organisation eines großen Staates un- 
möglich war, und es gehörte sehr vieles dazu, haben die 
adligen Burgbesitzer durch Erfüllung mehrerer Aufgaben 
während sehr langer Zeiten ihr Kecht auf Existenz er- 
wiesen. Sie verteidigten das schwache, nicht organisierte 
Landvolk gegen alle Feinde, in West-Europa besonders 
gegen die Normannen; sie pflegten die Justiz, sie waren 
die Führer auf allen Lebensgebieten.^) Erst als die terri- 
torialen Fürsten und die Städte die nützliche Arbeit des 
Adels überflüssig machten und seine Macht aufhoben, 
wurde er so allmählich zu einem vielfach schädlichen 
Eeste der Vergangenheit. Die Bedeutung des Adels wird 
jetzt in allen Kulturstaaten künstlich aufrechterhalten, 
eine lebendige Grundlage besitzt seine Macht kaum irgend- 



sehr übersehen wurde, z.B. von J. M. Robertson, Introduction to 
English Politics, 1900, S. 193, der die Feudalität durch eine Mischung 
von römischen und barbarischen Einrichtungen erklären will, was 
sehr unwahrscheinlich ist, wenn dieselbe eine universelle Ver- 
breitung hat. 

^) Vgl. W. Thomsen, Der Ursprung des russischen Staates, 1879. 

^) Noti, Das Fürstentum Sardhana, 1906. Auch Abd-el-Kader 
wurde durch sein stehendes Heer befähigt, alle Rebellie niederzu- 
werfen, dieses machte ihn erst eigentlich zum König. Rambaud, 
in L' Armee ä travers les äges, 1902 p. 358. 

^) Taine, Origines de la France Contemporaine Bd. 1 L'Ancien 
Regime, 188:^^ p. 9 suiv.; Breysig; Kulturgeschichte der Neuzeit, 
Mittelalter, 1901, S. 969, 1014, 1044. 



— 142 — 

wo. Er ist jetzt im Gegensatz zum Mittelalter wohl anf 
keinem Gebiete als solcher der FOhrer, womit natfirhch das 
hohe Verdiengt mancher Edelleute nirgends gelengnet wird, 
Handel, Wissenschaft, Industrie, Kunst, Religion, Ver- 
waltung brauchen den Adel als solchen nicht, wie dadurch 
leicht erwiesen wird, dafl, wo er fehlt oder schwach ist, 
auf allen diesen Gebieten wahrlich nicht weniger geleistet 
wird. Gerade da, wo künstliche Einflüsse am wenigsten 
durchdringen und den Edelleuten einen Scheinerfolg be- 
reiten könnten, also anf dem Gebiete der freien EOnste, 
der Wissenschaft, der technischen Erfindung und höheren 
Leitung der Industrie, sind die Leistungen des Adels 
gewiß nicht höher als die anderer Stände zu bewerten, un- 
geachtet ihnen der Weg zam Erfolge noch immer mehr 
als anderen geebnet wird.') Nur als Großgrundbesitzer 
können sie noch in einigen Lftndem eine gewisse führende 
Stellung beanspruchen. Diese hängt aber mit der künst- 
lichen Weise, in der dorch Majorate, Erstgeburtsrecht 
und dergleichen ihre Yermögensstellung geschätzt wird, zu- 
sammen; die Schwierigkeiten, mit welchen die Adeligen 
sonst als Gutsbesitzer zu ringen haben und deren sie sich 
immer in der verderblichsten Weise, darch Staatshilfe, die 
ihnen, von anderen angerofen, so verhaßt ist, zu entledigen 
suchen, beweisen ausreichend, daß der Adel als solcher 
«Qch in ländlichen Unternehmungen nicht gerade als 
mustergültiger Führer gelobt werden darf.") Die Eigen- 



') Ea ist gewiQ merkwürdig, daß anter 800 Hocbgeetellten ia 
Holland 59 dem Adel angebörten, von welchen nur 18 auBerhalb der 
jamtlichen Karriere stehen, aar etwa 6 danken ihre Stellung nicht 
amtlicher Ernennung. Unter mehr als 200 UniTersitätsprofeasoren 
gibt es nur 8 Adlige, im höchsten Oerichtehote nur 2, nnter den 
Künstlern, Technikern uaw. keinen einzigen, unter den bedeutenden 
Politikern nur einen; vgl. meinen Artikel Nachwuchs der Begabten 
in Zeitachr. f. SoiJaJw., 1904, S. 18. 

*) Eduard t. Hartmann, Zur Zeitgeechichte. 



— 143 — 

Schäften, die Ammon, der konservative Soziologe, am 
Bauern lobt, besitzt der Adlige eigentlich nicht/) 

Warum bleibt der Adel, der die Fährergaben nicht 
mehr besitzt, die Führerpflichten nicht mehr erfüllt, warum 
bleibt er dennoch in fast allen Kulturländern im Besitze 
der Führervorrechte, die zwar abgeschwächt, aber doch 
noch sehr erheblich sind, wie dadurch sichergestellt wird, 
daß sie nicht freiwillig aufgegeben werden, was gewiß ge- 
schähe, wenn sie wertlos wären? Die Antwort liegt wohl 
hauptsächlich darin, daß der Adel vom Widersacher zur 
Stütze und zum Liebling der Monarchie wurde. Eigentlich 
wurde aller Adel zum Hofadel, wenn dieser Vorgang auch 
in Frankreich sich am deutlichsten markierte. Was wäre 
der europäische Adel jetzt ohne die Höfe der Könige und 
Kaiser ? 

Das größte Verdienst des Adels, das wir noch nicht 
erwähnten, bestand in dem einst der zu weit gehenden 
Zentralisation des Staates geleisteten Widerstände. Wo 
Adel und Monarchie von Anfang an gleich stark, blühte 
die freie moderne Gesellschaft am schönsten auf; in 
Ländern, wo die Kraft des Adels dagegen ganz nieder- 
geschlagen wurde, wie in Rußland, wurde der Staat über- 
mächtig, was praktisch auf die Tyrannei der allmächtigen 
Bureaukratie ausläuft.^) Aber auch diese wertvollste Funk- 
tion des Adels hat in der heutigen Gesellschaft aufgehört. 
Wenn die Funktion aufhört, wird das Organ rudimentär. 



^) 0. AmmoD, Bedeutung des Bauernstandes für den Staat 
und die Gesellschaft, 1906, S. 26 ff. 

°) Vgl die englische Entwicklung z. B. in der kurzen Zusammen- 
stellung hei Boutmy, Le Developpement de la Constitution et de la 
Societe politique en Angleterre, 1903, mit v. d. Brüggen, Wie 
Rußland europäisch wurde, 1885, und. Das heutige Rußland, 1902, 
und Milioukov, Essais sur Thistoire de la Civilisation russe, 1901, 
p. 220 suiv. und vom selben Verfasser, Russia and its Crisis, 1906, 
p. 553. 



— 144 — 

and ausgiebige Emähnmg desselben auf Kosten des äbrigen 
Körpers zn einer Schädigung der anderen Organe nnd da- 
mit za einer Beeinträchtigung ihrer Funktionen. Wir können 
also auch aus diesem Grande die fortdanemde PriTÜegiemng 
des Adels, wo er selbst besteht, nicht gutheißen. Mehr 
als auf anderen Gebieten wird der Edelmann in den höheren 
militärischen Chargen dem Bfirgerlichen vorgezogen, in fast 
allen Ländern West- nnd Mittel-Europas. Zwischen dieser 
Tatsache and dem engen B&ndnisse zwischen Fürst nnd 
Heer besteht gewiß ein Znsammenhang. Dieser hat von 
Anfang an bestanden. Der Fürst konnte den Adel erst 
recht unterwerfen, wenn er eine größere Tmppenmacht 
als seine feudale Gefolgschaft wider ihn ins Feld führen 
konnte, was ihm nar mit der Hilfe der reichen Städte ge- 
lang. Die großen nationalen Kriege, die er bald zu fuhren 
hatte, machten seine Heere und damit seine königliche 
Gewalt beständig größer.') Sobald er aber den Adel 
dauerhaft und gnindsätzhcb besiegt hatte, machte er ihn 
zum Kerne seines stehenden Heeres. Der anabhängige, 
stolze Adel wurde von nan an zom ersten Diener des 
Forsten, zum Vollstrecker seiner Zwangsbefehle.^ Und so 
blieb mit der einzigen Ausnahme der französischen Revo- 
lutionsheere der Edelmann der geborene Offizier und wurden 
andererseits die höheren nnd höchsten Stellungen in der 
Armee ihm reserviert Nicht allein in Deutschland ist dies 
der Fall, und nicht nur hier sind in der neneren Zeit Ver- 
änderungen eingetreten. 

Dennoch besteht noch immer ein gewisser Zu- 
sammenhang zwischen Adel und Heer, wie in den 
letzten Jahren in Frankreich sehr deutlich hervortrat. Von 
manchen wird hierin eine Gefahr für die Sicherheit 

') Cber den ZuBammeDhang zwischen der Hoaarchle und den 
stehenden Heeren vgl. Jahns, Heeres verfasBun gen und Völkerleben, 
1885. S- 213 ff. 

*) ImbartdelaToar, LesOrigines delaRefonne, 1906, p. 59 



— 145 — 

der modernen Gesellschaft gesehen. Der Fürst könnte im 
Verein mit dem seinem ganzen späteren Charakter nach 
monarchischen Adel, der ja nur von ihm die Hochhaltung 
seines antiquierten Wesens zu erhoffen hat, und mittels 
des im Kerne adligen Heeres, einmal autokratische Gelüste, 
die wohl nicht jedem konstitutionellen Fürsten ganz fem 
liegen, entwickeln und durchführen. Auch abgesehen von 
diesem Extreme, fürchtet man vom Heere Verstärkung der 
feudalen und monarchischen Tendenzen, die sich im Wider- 
spruch mit den Bedürfnissen und höchsten Idealen unserer 
Zeit befinden. 

Bevor wir untersuchen, ob es einigen Grund für 
diese Befürchtungen geben kann, wollen wir mit einem 
Worte des vorzüglichen Wertes des Adels für die Armee 
gedenken, um alsdann gerechter über die künftige Bedeutung 
der Adligen in der bewaffneten Organisation des Volkes 
urteilen zu können. 

Zur Zeit der absoluten Fürsten und der häufigen, 
hauptsächlich um die territoriale Erweiterung geführten 
Kriege war ein allzeit bereites Heer eine erste Notwendig- 
keit; die aus seiner Kasse gezahlten Söldner hatte der 
Fürst zu stetiger Bereitschaft in der Hand, der seiner 
Eegierungs- und meist auch seiner Verwaltungsfunktion 
enthobene Adel gab zu diesem nichts weniger als nationalen 
Heere die bereitwilligen Offiziere ab. Wer die Leistungen 
der Heere Frankreichs im 17ten und im 18ten Jahrhundert 
und die Preußens in der zweiten Hälfte des 19 ten bewundert, 
wird gewiß bereit sein, die militärischen Tugenden dieser 
geborenen Offiziere hoch zu schätzen. Die jüngsten Siege 
Japans haben uns wieder die hohen Taten seiner Junker, 
der Samurai, vor Augen geführt. Eine unumgängliche 
Bedingung eines guten Heeres dürfen wir aber nicht in 
ihnen erblicken, dagegen würden doch die Siege Crom- 
wells und die der französischen Revolution, die Napoleons, 
und andererseits Jena ihre Stimme erheben. In 1870/71 
wäre dem deutschen Heere ungeachtet seiner großen, wohl 

Steinmetz. 10 



I 



von keinem veAannten Vorzüge, der Sieg 
relativ )eicbt geworden, wenn das imperi 
sich nicht in voUer Ao&ösang befanden bft 
nnd Sndstaaten Amerikas haben in dem 
blutigen and die Anstrengung aller Kr&fte 
Sezessionskriege beiderseits Heere ins Feld 
kriegerischen Leistungen und besonders an 
freadigkeit hinter keiner enropäiachen Armei 
und doch fehlten ihnen die BerafsofSziere 
die Gebnrtsoffiziere ToUstandig. 

Ungeachtet aller Bewunderung für d 
LeistUDgen der Junker und Samurai, sind 
Anerkennung gezwungen, daß es ohne sie 
immer schlechter geht. Aber die fortad 
bältnisse nötigen ans, noch einen Schritt 
So wie in der intensiven modernen 'Wirtsi 
angestammten Führer keine Führer bleiben k 
ihren Platz anderen Überlassen mußten, , 
Gesetzgebung and in der Verwaltung i 
Emporkömmlinge sie manchmal überflfigeli 
alles reaktionären Widerstandes an den h 
80 wird auch im bonservatiTsten Heere 
Siege, and die drohende Strafe der Nieder! 
Privileg des Adels zu Gunsten der Befthi 
Auch hier wird man notgedrongen und sich b 
dringend nötigen Talente den Vorrang lasE 

Der moderne Krieg wird vor allen Dinge 
der militärischen nnd technischen Talente 
gibt die Geburt ohne Begabung gewiß nicht di 
Krieg selbst wird hier sehr bald, wenn es ni 
durch eine Niederlage, mit allen Vorurteilen 
aufräumen. Der künftige Krieg wird immt 
so ernsten Sache werden, daß die besond 
des Adels hier ebenso unzulänglich erseht 
auf jedem andereuLebensgebiete. Sind denn ( 



— 147 — 

Schiffskapitäne, Ingenieure, Entdeckungsreisenden Edelleute? 
Das Talent zum Kommandieren erwirbt sich der wahrhaft 
Befähigte und deshalb von den Untergebenen mit Achtung 
Befolgte gar leicht, und man bedenke, die Soldaten der 
Zukunft werden immer weniger kritiklose Bauemjungen 
und kenntnislose Proletarier der Städte sein. Die Zeiten 
ändern sich: wer künftig siegen will, der braucht denkende 
Soldaten und Offiziere, die diesen überlegen sind.^) An- 
schnauzen genügt nicht mehr. Außerdem würde der ge- 
bildete Soldat der Zukunft das nicht länger ertragen. 

Man vergesse doch in keinem Zusammenhange, daß das 
künftige Heer Volksheer sein wird und daß ein solches Heer 
unmöglich außerhalb des Volkes stehen kann. Es wird seine 
Gedanken, seine Ideale, seine Kritik teilen. Wer ihm ein 
Junker-Offizierskorps aufladen möchte, würde ihm von vorn- 
herein das Vertrauen und die Liebe zu seinen Führern 
rauben, und ohne diese ist alle Disziplin eine leere Forderung. 
Je mehr Kastengeist sich im Heere finden und dort eine 
Stütze erhalten wird, desto mehr Kritik wird die Armee 
herausfordern, und diese muß schädlich auf den militärischen 
Geist zurückwirken.^ Die Gesellschaft, welche die Soldaten, 
die Talente und das Geld zur Armee hergibt, ohne die es 
gar keine Armee geben würde, wird schließlich in jedem 
Streite zwischen sich und dieser recht behalten, aber ein 
solcher Streit ist der Sieg des Feindes. 

^) Martin, Die Zukunft Rußlands, 1906, S. 45: ,,Die modernen 
Waffen verlangen einen gebildeten Soldaten", die Russen „mußten 
zurückweichen vor der höheren Kultur, die am anderen Ende Asiens 
entstanden war", wie einst die Mongolen vor der West-Europas. 
General v. Scherff, Die Lehre vom Kriege, 1897, S. 46: Die jetzt 
notwendige Schützenlinie sei allein möglich bei „erhöhter moralischer 
Erziehung der Einzelstreiter" ; er verlangt also eine mehr individuali- 
sierende Ausbildung des Einzelkriegers. 

^) Dennoch verlangt der konservative A m m o n , Die natürliche 
Auslese beim Menschen, 1893, S. 304 eine Bevorzugung des Offiziers- 
standes, damit der Offizier dem gemeinen Soldaten als ein höheres 

Wesen erscheine! Quos Deus perdere vult, prius dementat! 

10* 



— 148 — 

Nichts ist begreiflicher als die Einseitigkeit, m 
die Freimde wie die Feinde des Kri^es aat Pr 
die Verkörperung des kriegfährenden Staates in de 
HSlfte des 19. Jahrbonderts blicken, and alles, ^ 
in diesem Staate, der dnrch seine Spaltung in 
West eine sehr eigeatämliche Verfassung bat, nid 
dem Kri^e an sieb vorwerfen. Alte Volker all 
kämpften, nnd doch muß dieser eine Staat in die 
Periode als Muster herhalten. Da wird unter 
die Biatezeit Hollands vergessen, das nie gn 
Werke geschaffen hat als in den anderthalb Jabrli 
in welchen es anansgesetzt Krieg föhrte. E^gla 
im 19. Jahrbandert innerhalb Europas 31, Preoßt 
Kriegsjahre, und wie zahllose Kriege führte Engl 
außerhalb unseres Weltteils ! ') Der blutigste '. 
Jahrhunderts war der Bruderkrieg, den die freie 
Amerikas führte! 

Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnei 
Krieg und seine Vorbereitung keineswegs unze 
mit dem preußischen Typus von Staat und Gk 
verbanden sind: im Gegenteil! Dieser Typns h: 
Jena und Tilsit als Kömggr&tz und Sedan gekan: 
in Preußen ändern sich die sozialen Bedingnn 
während, denen ein Heer sich anzupassen hat, 
nicht selbst schwach und zu einer Giefabr für de 
Staat werden solL") Sagt Schallmayer doch 



') Robertson 1. c. p. 112 vergißt, daß das Deut« 
er verurteilt, die beiden Heroeu des von ihm so hocl 
So/.ialismug hervorgebracht hat, und ebenso den ihm wal 
Bympath lachen Kätbederaozialismus oder die Einführung 

in die Ökonomie und die deutschen Versieb erungsgesetze 
land aber vergißt er auf Chamberlain , Balfour, K 
Kipling und andere Priedonüprop beten hiuzuweisea. 

') Hiennit eind die Haupteinwürfe Ferreros, fl 
1898, beantwortet. 



— 149 — 

vollsten Eechte : „Der Krieg ist ein Gebiet, auf dem mangelnde 
Anpassungsfähigkeit am ofiEensichtlichsten Schaden stiftet."*) 

Militaristische Übergriffe vereinzelter Führer, wie wir 
in der Dreyfus-Periode so manche kennen lernten, Frech- 
heiten, wie die Zeitungen uns im Oktober 1906 aus Lud- 
wigswalde meldeten, wo höhere Offiziere sich heraus- 
nahmen, die Nichtaufführung eines ihnen nicht gefälligen 
Theaterstückes vom Direktor unter Drohungen zu fordern, 
sollten in einem geregelten Staate ganz unmöglich sein 
oder ihre Urheber für immer unmöglich machen. Das Heer 
hat im konstitutionell regierten Staate nie andere als ge- 
setzliche Pflichten zu erfüllen; kann es oder ein Mitglied 
desselben ungestraft über dieselben hinausgehen, so be- 
weist das einen krankhaften Zustand im Staate. Es darf 
sich kein Teil des Organismus herausnehmen, mehr als ein 
untergeordnetes Organ sein zu wollen, keines darf die 
Rechte beanspruchen, die nur dem Ganzen in seiner ge- 
setzlichen Organisation zukommen. Wenn Ähnliches in 
Deutschland möglich, so folgt daraus, daß Deutschland in 
dieser Beziehung rückständig ist. Die in Preußen so ein- 
flußreichen ostelbischen Junker scheinen zu vergessen, daß 
ihnen die Zukunft nicht gehört. Sie stellen schon längst 
nicht mehr das Geld, sie werden auch nicht allein das 
Talent zu dem von beiden so viel fordernden modernen 
Kriege stellen. 

Auf die Dauer kann im Heere kein anderes Ver- 
hältnis zwischen den sozialen Kräften herrschen als in der 
Gesellschaft. 

Das Volksheer, das uns vom unberechtigten Adelsein- 
flusse befreien wird, kann auch nie den möglichen Aus- 
schreitungen der königlichen Gewalt seine Stütze verleihen. 
Prätorianer und Strelitzer waren nur möglich, bevor die 



^) Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker, 1903, 
S. 269. 



— 150 — 

französische Revolntioa and die Reaktioii g^^n sie die 
Völker in ihrer Totalität zu den Waffen riefen. Es hat 
wohl nie eine ataatsrecbtUcb bedeutsamere ümwfilzni^ in 
der Atmeebildong gegeben als diese. Die rassischen Za- 
stände sind nnr in sdieinbarem Widerspräche hiermit 
Denn erstens ist das krankhaft groBe Reich aus mehreren 
Valkem zosammengesetzt, die gegen einander verwendet 
werden kOnoen, and zweitens bilden die Kosaken, ange- 
achtet der Verfindenmgen in ihrer Organisation, noch immer 
mehr oder weniger ein selir besonderes Korps von Berufs- 
soldaten, die als solche dem Volke gegenüberstehen und 
wider es gehetzt werden können. Und drittens : sogar die 
Kosaken scheinen sich nidit za allen Greueltaten wider 
das eigene Volk herzugeben, von mehreren Rebellionen 
der Kosaken dringt die Kunde zu ans, wie viele gibt es, 
von denen wir nie das geringste vemelunen t 

Wir brauchen uns gerade wegen onserer stehenden 
Riesenheere nicht mehr wie seinerzeit die Engländer gegea 
die Gefatir eines königlichen Hißbranchs zu verteidigen.') 
Das Volksheer ist wirklich das Volk in Waffen, es geiiört 
dem Volke, der Gesellschaft, welche die Männer, das Geld 
und das Talent zu ihm hergibt, nur aus Kourtoisie winl 
es das Heer des Fürsten genannt. Oder hie und da ans 
zäher Tradition. 

Als einmal ein paar Staaten die Volksheere einführten, 
mußten sie tiberall die alten, fflr die Tyrannei so gefügigen 
Söldnerheere verdrängen, weil sie ihnen militärisch so weit 
überlegen waren. Mit ihnen wurden die Grundlagen der 
konstitutionellen Staatsverfassung verbreitet Überall mofite 
die Armee die bewatEnete Organisation des ganzen Volkes 
werden. Jetzt treibt der Zwang des Krieges ans wieder 
einen Schritt weiter. Schon die EMolge der deatschen 
Waffen in 1866 und 1870,71 haben Europa die Beden- 



') Gneist, Uas englische VerwaltuDgsrechl, IBU, S.4Tl[f. 



— 151 — 

tong des deutschen Schulmeisters besser als tausend Kon- 
gresse demonstriert, die Niederlage Eußlands wird als ein 
unwiderlegliches Argument wider den Analphabetismus in 
die taubsten Ohren dringen.^) Die Lehren der Kriege 
werden schon befolgt, auch von den sonst Unwilligsten. 
Aber der moderne Krieg verlangt bedeutend mehr als 
bloßes Lesenkönnen. Der „beschränkte üntertanenver- 
stand^ reicht hier nicht aus, wer nur ihn von seinen 
Soldaten verlangt und nur ihn züchtet, der wird mitsamt 
seinen Muchiks dafür mit der Niederlage büßen. Die 
Kosaken sind ganz gute Henkersknechte, gegen den Feind 
erwiesen sie sich unzureichend. 

Die hohen und noch wachsenden Anforderungen des 
modernen Krieges sind uns eine Bürgschaft dafür, daß die 
Fürsten, um vom Adel gar nicht zu reden, nicht fähig 
sein werden, den intellektuellen Fortschritt der Völker zu 
hemmen oder ihre geistige und politische Freiheit zu 
fesseln. Nach der ersten Warnung durch die Revolutions- 
kriege hat der russisch -japanische Krieg uns den un- 
schätzbaren Dienst einer erneuten, besonders deutlichen 
Demonstration dieses Satzes erwiesen. 

Die Litensität der Konkurrenz in der wirtschaftlichen 
Produktion hat alle Unfähigen aus der Führung verdrängt 
und wird stets mehr auf diesem Gebiete das Ideal er- 
reichen machen, daß jeder die seiner Begabung und seinem 
Charakter entsprechende Stellung einnehme. ^) Der furcht- 
bare Ernst des modernen Krieges wird auch im Frieden 
das sehr ernsthafte Streben nach diesem Ideale in der 
kriegerischen Organisation zur unab weislichen Pflicht machen. 
Von einem derartig sanierten Heere, in dem jedes Talent 



^) Wie die Zeitungen berichteten, lehrten die Japaner den 
russischen Kriegsgefangenen russisch lesen! „Si non e vero, e ben 
trovatol'* 

^) Von mir verteidigt in, Kritiek op de Proletarische Moraal» 
1906, p. 167 seq. 



— 152 — 

den ihm gebührenden Platz einnimmt and das das ganze 
Volk in seinen gesündesten Mitgliedern repräsentiert, von 
einem solchen Heere, das die volle Knltnr, das ganze 
geistige Vermögen des Volkes in sich enthält, brauchen 
die Freiheit und die höchsten Güter der Nation nie etwas 
zu fürchten, es wäre denn, daß das Volk selbst schwach 
und feig geworden wäre. In einem solchen Heere kann 
auf die Dauer der Byzantinismus den Vorgesetzten und 
dem höchsten Befehlshaber gegenüber, der in einem Söld- 
nerheere am Platze sein mag, unmöglich Raum finden. 
Das Heer ist das Volk in Waffen, es gehört und gehorcht 
nur dem Staate, also dem Fürsten in seiner konsütatio- 
nellen Funktion. Die Redensart „mein Heer" ist in jedem 
Munde unpassend oder höchstens ein poetischer Ausdruck 
Kein einziger Mensch faßt ja in sich allein den Staat zu- 
sammen. Die freien Bürger bilden mit den schwersten 
Opfern an ihrem Gelde, ihren Körpern, ihren Geistern 
das Heer, welcher einzelne also darf sich unterfangen, das 
sein eigen zu nennen? 

Diejenige militärische Organisation wird die beste, die 
siegesfähigste sein, welche sich der modernen Gesellschaft 
am besten angepaßt, welche alle die realen Kräfte der Zeit 
in sich aufzunehmen verstanden hat. Wie könnte je ein 
Organ, das die Auslese selbst durchzuführen hat, ohne 
Strafe sich überholen lassen? Ein Heer, das in seiner 
Organisation auf veralteten, nicht mehr angepaßten poli- 
tischen Anschauungen und Verhältnissen beruht, ist schon 
deshalb schwach. Das schwache Organ macht den ganzen 
Körper schwach. Die Besiegung im Kriege wäre die ge- 
rechte Strafe, die zur neuen gründlichen Anpassung und 
Reformation zwingen wüi*de.^) Das beste Heer verliert 



^) Lavisse, der bekannte Historiker, sagt sehr richtig: „La 
transformation des institutions, des moeurs et des conditions politiques 
entraine necessairement la transformation des institutions, moeurs 
et conditions militaires." L' Armee a travers les ägeß, 1899, p. 8. 




— 153 — 

seine Anpassung und damit seine Kraft, wenn die rück- 
wirkenden Kräfte im Staate es auf dem alten Standpunkte 
festzuhalten vermögen. Die det Gesellschaft angepaßte 
Armee kann ihr nie gefährlicHer werden, als sie sich selbst 
nach ihren ihr anhaftenden Fehlem. Diese Lunge konnte 
doch diesen Körper nur zugrunde richten, weil dieser Körper 
sie so geschaffen hatte.^) 

Ich glaube, daß wir in dieser Weise schließen dürfen: 
in einem modernen Volke, das seine politische Verfassung 
seiner Kultur anzupassen verstanden hat, kann das Heer 
weder die veraltete Macht des Adels verstärken noch 
den Zug zum Absolutismus im Fürsten unterstützen. Eher 
umgekehrt, wie zu zeigen ich mich bemüht habe. Und je 
schwerer der Druck des bewaffneten Friedens lasten wird, 
je kolossaler die Opfer und die Schäden eines Krieges 
werden, um so mehr wird ein selbstbewußtes Volk darauf 
halten, seine Zukunft vollständig in eigener Hand zu bewahren, 
um so widersinniger wird jede andere als die freieste 
Selbstregierung. Kleine improvisierte Söldnerkriege können 
für lange Zeit die Macht des Fürsten zum Despotismus 
steigern, wenn aber das ganze Volk mit Geld und Leben 
beitragen, alle die Friedens jähre hindurch sich unter den 
größten Opfern vorbereiten soll, da verliert das Kriegs- 
wesen jede Tendenz nach rückwärts. 

Nichts wird auf die Dauer so sehr zur politischen Reife 
erziehen als gerade das moderne Heerwesen, das so unge- 
heuere Opfer von den Bürgern verlangt.^) Da wird auch der 



^) Spencer und Robertson vermögen sich dieser Einsicht 
nicht zu erschließen, wie denn beide viel zu sehr ihren vorgefaßten 
Meinungen unterworfen sind und bei Armee und Militär immer nur 
an ein junkerliches Preußen denken. 

^) Die Argumentation John M. Robertsons, Patriotism and 
Empire, 1900, p. 91 seq. gegen diesen Satz ist mehr als oberflächlich, 
alles Schlechte im griechischen und römischen Staatsleben schreibt 
er ganz bequem der Wirkung des Krieges zu! Wo findet er doch 



Gleicbgfijtigste, der Feigste zom bewnAten Nachdenk«!, 
zur Kritik gestachelt Und imiwiscben könnoi aar Völker, 
deren Btiig&r im Wettbewerb bestebai können, die farcbt- 
bar hoben Kosten des heatigen Müitarismiis erschwingeiL 
Der Fürst, der seine Armee nicht znr Niederlage ver- 
dammen vill, mnß seine Borger als reiche, denkende, froe, 
selbst&ndige, kritische Menschen zn sehen begehren. W«- 
da „Untertanen" vorziehen möchte, begehrt den ünt^^:aiig 
seiner Dynastie nnd seines Volkes. 

die friedlichen SUateo, mit welchen er die andereu vergleicht? .Tlie 
Uw of all miUtArism, oo the face «f all histoiy, is a Uw of decaLj* 
behauptet er p. 96. Aber dann muß überhaupt die Menschheit von 
Anfang an nur Rückschritt gekannt haben, denn es gab immer ond 
überall Krieg! Kann es einen schlimmeren VmtoB gegen alle Logik 
geben? 



4. Kapitel. 

Zusammenfassendes Urteil über die IVachteile des 

Krieges. 

Wir wollen jetzt das Saldo der EMegsschäden auf-^ 
machen, nachdem wir die sechs Hauptarten gesondert be- 
handelt und geprüft haben. Die Ergebnisse dieser Prüfung 
wollen wir hier jetzt zusammenstellen. Wir haben gar 
nicht versucht, die Sache schöner vorzustellen, als sie uns 
vorkam, im Gegenteil war unser ganzes Streben darauf 
gerichtet, jede Erscheinung so adäquat als möglich dar- 
zustellen. Aber wir wollen ebensowenig schwarzmalen 
als vertuschen, beides wäre in geradem Widerspruche mit 
dem Greiste unseres Buches, das eben eine soziologische 
Untersuchung und nichts weniger als ein Dithyrambus 
sein will. 

Es ist jetzt unsere Angabe, das gesamte Nettogewicht 
der Kriegsschäden zusammenzuzählen, denn in den speziellen 
Abschnitten haben wir schon versucht, alle die Übertreibungen 
und unrichtigen Vorstellungen abzustreifen. 

In unserem ersten Abschnitte entdeckten wir, daß die 
heutigen Kriege zwar absolut vielleicht mehr Menschen 
das Leben kosten als die früheren, weil die Bevölkerungen 
so sehr zugenommen haben, daß die relativen Verluste aber 
viel geringer sind und durch die geringere Brutalität der 
Kriegführung, die moralische Erhebung der Völker, die 
Verbesserung der sanitären Maßregeln noch immer geringer 
werden. Wir sahen auch, daß die Kriege wahrscheinlich 
immer seltener vorkommen, die Friedensjahre immer zahl- 



— 156 

reicher sein werden. Und endl 
scheinend etwas psradoze Wahr! 
MeDschenverlnst dorcb einen » 
mit der Größe der BeTölkerong 
groß ist! Der deutsche Gesamt 
60 Jahre angeschlagen, betrftgt i 
Eis sollen, wie nns die Zeitangei 
gebildet werden, nm zu verhinde 
Stacken etwa 4000 M&nner s\ 
französischen Fremdenlegion und 
armee begeben! In Italien fan< 
Morde nnd Totschläge statt! ^| 

Aber wir gaben der Tatsacl 
die Opfer des Krieges die sehn 
Entschlüsse der Völker in ihren o 
den Staaten, sind. Kein freies V< 
Entscheidung seines Fürsten öb€ 
schuldigen. Denn erstens wäre e 
eine Verfassung, die ihm hier m< 
liehen Entscheidong vorbehielt, 
auch kein Fürst hier dem festen 
gegen handeln. Wenn wir die i 
die jeder Krieg kostet, an sich 
nicht des Mitgefühls beraabte, ji 
unendliches Weh empfinden, ancl 
gründe auf sich einwirken läßt, 
nicht unterschätzten Gewichte i 
nicht so empfinden, so liegt das nu 
nicht stark genug ist, ihnen i 
Jammer auf einmal yor Augei 
doch Zola, Tolstoi, Margueritte, 
korrespondenten, die Büchlein d 
von W.Fischer, Kriegsgreuel al 

') BouTDet I.e. p. 42. 60. 



— 157 — 

die Bilder Wjereschtschagins, die scharfgeißelnden Satiren 
des Simplicissimns und anderer Blätter, so wird auch die 
engste und schwerfälligste Vorstellung endlich dazu be- 
fähigt werden, diese Leidensmassen in sich aufzunehmen 
und nachzuempfinden! 

Ich bin ein Feind der Jagd, weil sie mir keinen 
adäquaten Gewinn im Tausche für die Leiden der Tiere 
und die Verrohung der Menschen zu bieten scheint, — wie 
würde ich erst ein Feind des Krieges werden, wenn hier 
derselbe Fall vorläge! 

Im zweiten Abschnitte haben wir mehrere unbeab- 
sichtigte durch den Krieg dennoch verursachte Leiden in 
Betracht gezogen. Wir wiesen auf den großen Schmerz 
der Zurückbleibenden, ihre Angst zuerst, nachher ihre tiefe 
Trauer um die Verlorenen, wir vergaßen die vielen durch 
solche Liebesverluste ganz und auf immer zerstörten Leben 
nicht. Weiter versuchten wir auch die regelmäßig in der 
Folge von Kriegen auftretenden', aber nicht wesentlich 
zu ihnen gehörigen Roheiten zu unserem Urteile über 
den Krieg und seine Schäden in Rechnung zu ziehen; 
denn er darf nicht lediglich nach seinem idealen Wesen 
beurteilt werden.^) Wir wollen ihn in voller Realität sehen. 
Ein nicht geringes Gewicht wirft auch die mehr oder 
weniger disziplinwidrige, mehr oder weniger streng ver- 
folgte und bestrafte Roheit und Gemeinheit der Krieger 
den Bürgern, besonders den Feinden und unter ihnen erst 
recht den Frauen und Mädchen gegenüber in die Wagschale. 
Allen diesen Leiden, die im Kriege in der Hauptsache unver- 
meidlich sind, konnten wir nur einige wenige Kompen- 
sationen gegenüberstellen. Manchmal ist ein früher Tod 
ein rechter Segen für den Toten und für seine Freunde. 
Die Kriege werden immer weniger zu Ausbrüchen der 



^) Wie das Lasson, Das Kulturideal und der Krieg, meiner 
Meinung. nach viel zu sehr tut. 



— 158 — 

KobeJt fflbren, die znoebmende Bildong 
mit der besseren Verpflegtuie: der Heere 
brochene Disziplin verbfli^n ans das. l 
icb nicbt so genng anschlagen möchte, d 
direkt nicht nnr Leiden, sondern auch 
Lnst mit sich: den Graosamkeitsleiden stell 
genässe gegenüher, die wir zn verlengnt 
die aber auch in der Glflcksbilanz des 
keinen so niedrigen Post«n ausmachen, 
immer die Wirklichkeit des Lebens sehen, 
und Theologen zwar leben wie wir alle, i 
schildern. Anderen zuvorkommen, täe 
absolut ouTermeidlicben Konkurrenz, die < 
nicht nur das ökonomische, durchdringt, 
zn den lebhaftesten Freuden des Daseins 
doch, wie wohl es tut, schöner, gelehrter, i 
stärker, mehr geliebt zu sein als die an< 
kann dieser intensive GenuB intensiver si 
Kriege, im Kampfe am das Leben, um n 
den Sieg. 

Man soll diese Genüsse doch nur 
Schätzung dorch zn Hanse Bleibende n: 
teilen, sogar Männer, die ihre volle WoUue 
mögen sich später nur schwach daran er 
ihrer fast schämen. Verhält sich das n 
GeffUüen nicht genau so? Wie schnell i 
die rasende Leidenschaft ihrer Jngendlie 
die einzigen Augenblicke verdanken, in < 
als ein Tier gelebt haben. So wie hier dai 
dort die Zeitströmung, die jetzt einmal wiec 
umschlägt, mit sich, fiber solche Gefühle 
nrteilen. Solche Strömungen kommen un 
treffen nur die Oberfläche. Wir begeh' 
Fehler, sie allgemeiner und tiefer zu denk' 
lichkeit entspricht Man sagt, die Zeit sei 



— 159 — 

man doch nur den Unglauben bestimmter Volksgruppen 
andeuten will. 

So unmöglich es ist, die direkten Leiden, die der Krieg 
verursacht, auch nur annähernd abzuschätzen, nicht leichter 
wurde es sein, die durch ihn geschenkten Wonnen richtig 
abzumessen, und man beachte, wir haben ganz bestimmt 
die Neigung, die ersten zu über-, die zweiten zu unter- 
schätzen. 

Die direkten wirtschaftlichen Nachteile, die die Kriege 
verursachen, haben wir, ihrer großen Bedeutung gemäß, 
breit ausgemessen. Wir unterschieden dabei die einmaligen 
Kosten, die durch den Krieg selbst verursacht werden, von 
denen, welche die Vorbereitung erheischt, die deshalb 
regelmäßig wiederkehren. Wir trennten unter den ersteren 
wieder die absolut unvermeidlichen Zerstörungen, die die 
Ausübung der Kriegstechnik nun einmal mit sich führt, 
wie die Vernichtung von Feldern und Äckern in der 
Schlacht, die Zerstörung von Gebäuden mit ihrem In- 
halte in belagerten Städten, von der sehr erheblichen 
Verschlimmerung dieser Zerstörungen, die durch die außer- 
gewöhnliche Brutalität des Feindes herbeigeführt wird und 
sie bis zur unerträglichen Höhe steigern kann. Wir wiesen 
darauf hin, daß man sich auch in unserer Zeit keinen Illusionen 
über die jetzige Unmöglichkeit solcher Kriegsführung hin- 
geben darf. Die in Geld bezahlten Kosten der Kriege sind 
erschreckend hoch, die einiger neueren Kriege führten wir 
als Beispiele an; wir versuchten auch an der Hand der 
bekanntesten Kriegsfeinde die eigentliche Bedeutung dieser 
ungeheueren Kosten uns klar, sie unserer Phantasie zu- 
gänglich zu machen. 

Noch viel mehr müssen wir unsere Einbildung 
anstrengen, wenn wir uns die fabelhaften Summen vor- 
stellen wollen, die jene Vorbereitung zum Kriege, der 
bewaffnete Friede, im Laufe der Jahre in den Kultur- 
staaten verschlingt. Auch hier ließen wir nicht nach, auf 



.11 



— 160 — 

alles das aufmerksam zu machen, was der kolossalen Eri^- 
nnd Marinebadgets wegen vom Staate jetzt angetan bleib^ 
maß. Welch ein angeheaeres Kapital geht, hier unprodnktiy 
zagrande! Und endlich entziehen die Kriege and die 
Vorbereitang zn ihnen eine kolossale Anzahl Hände und 
Köpfe der Teilnahme an der wirtschaftlichen Prodoktioii, 
ökonomisch sind alle diese Handerttansende von Soldat^ 
and Offizieren den schlimmsten Fanlenzem gleichzasteDen, 
keia Höfling arbeitet weniger als sie and kein Pflastertreter. 
Dem allen gegenüber konnten wir anf nar wenige 
Kompensationen hinweisen, die wir hier aber aach zu- 
sammenstellen möchten. Zam Glücke ist es wahrscheinlich, 
daß die Zerstörungen im Kriegsinteresse jetzt erhebM 
geringer sind als sie in früheren Jahrhunderten waren, und 
wir dürfen ans zugleich der HofEnung hingeben, daß die 
Zukunft noch bedeutende Besserungen mit sich bringen 
wird. Die deutlich wahrnehmbare Entwicklung unseres 
Gefühlslebens macht sie wahrlich im hohen Grade wahr- 
scheinlich. Einen glücklichen Umstand nannten wir es, 
daß das Allerschlimmste wohl nur im besiegten Lande 
vorfallen, allein durch den Feind verübt werden wird ; leider 
müssen wir annehmen, daß ein besiegtes Heer auf neutralen 
Gebiete oder auf dem des Feindes erst recht zn den alier- 
ärgsten Ausschreitungen geneigt sein wird.^) Je besser die 
Heere künftig verpflegt sein werden, je höher Disziplin 
und Moral entwickelt sind, desto geringer wird die 
Neigung zu vermeidlichen Zerstörungen sein. Einen 
anderen höchst wertvollen Trostgrund bildet die viel- 
fach durch die Erfahrung selbst bestätigte Möglichkeit des 
überraschend schnellen Ersatzes dieser Art von Kriegs- 



') Barzini, Mukden, 1906, S. 170—180, 90: .Der Marsch einer 
siegreichen Armee in fremdem Lande ist ein großes Unglück, aber 
der Marsch eines geschlagenen Heeres ist unendlich viel fürchter- 
licher; denn das siegende Heer will nur leben, das besiegte aber sich 
auch rächen.* 




— 161 — 

schaden. Wir können das nur so recht verstehen, wenn 
wir uns klar machen, daß die Verlustsummen nur so unge- 
heuer groß sind, wo und wofern die betreffenden Völker 
kolossal reich sind : es ist ja klar, daß arme Völker nur wenig 
verlieren können. Bei den Völkern, wie bei den einzelnen! 
Arme sind bald wieder in der alten Lage, weil sie nie viel 
verloren hatten, Reiche erholen sich schnell, weil sie absolut 
viel, relativ wenig verloren. Dieser Reichtum der Kultur- 
völker wurde uns durch die ganz enorme Verschwendung 
für Genußmittel, z. B. für alkoholische Getränke, aufs ein- 
dringlichste vor Augen geführt. Die Menschen haben nun 
einmal viel Geld für ihre Genüsse übrig. Die Sozialdemo- 
kratie hat es zur Modebehauptung, fast zum Axiom gemacht, 
daß die große Masse des Volkes am Nötigsten Mangel hat, 
aber wer verzehrt denn die ungeheueren Mengen von ge- 
wöhnlichen Nahrungs- und Genußmitteln ? Der Kommerzien- 
rat ist kein Danaidenfaß für Schweinefleisch, Zucker, Roggen 
und Kartoffeln!^) 

Wer da meinen möchte, daß die Militärausgaben einen 
viel zu großen Teil des Staatsbudgets ausmachen, der ver- 
gißt — wir machten ihn darauf aufmerksam — zu dem, 
was der Staat z. B. für Bildungszwecke ausgibt, alles, was 
die Gemeinden, die Vereine aller Art, voran die Kirchen, 
die Privatpersonen hierfür verwenden, hinzuzuzählen. Für 
das Militär sorgt nun einmal allein der Staat. 

und endlich dem riesigen Kapitalverluste gegenüber, 
den wir keinen Augenblick zu vertuschen gedenken, er- 
innerten wir an die große, viel zu wenig erkannte Wahrheit^ 
daß das Kapital, obwohl unbedingt nötig zur Produktion, 
doch nur eine ihrer Bedingungen ausmacht; der größte 
Kapitalbesitz oder vielmehr der größte Reichtum verbürgt 



^) W. J. Ashley, Das Aufsteigen der arbeitenden Klassen 
Deutschlands im letzten Vierteljahrhundert, 1906, S. 112, 113; vgl. 
R. E. May, Die Wirtschaft in Vergangenheit, Gegenwart und Zu- 
kunft, 1901, S.29ff. 

Steinmetz. 1 1 



— 162 — 

allem nocb keüie blflhende Produkti 
allen Dingen eine zahlreiche und fl 
gabt« Unternehmerklasae.') Neben il 
demselben Werte möchte ich noch : 
kräftiger ProdoktioD, zunehmender 
gflnstige soziale nnd gesetzliche Ve 
an erster Stelle an das Fehlen ges 
im „Ancien R^me" und im jetz 
Beide Bedingongen werden aber um 
nnd wann das Volk wahrhaftig g€ 
oigaoisiert ist Kehr als irgend etv 
Krieg zn diesem Ergebnis beitragen. 
Entschnldigni^, sein Berechttgungsgi 
bewiesen werden, so ist er Temrteili 
Wenn der kolossale Schaden de 
ebenso gewaltige Vorteile wettgemac 
allmählich verschwinden, rudimentär v 
noch Krieg fähren, werden in diesem Fi 
friedliebenden, znrflckbleiben, die kri< 
selbst zugrunde richten, alle Mensch 
benere selbstmörderische Torheit bald 
wird allen als das größte, das nngl 
der Welt erscheinen ... In diesem 



') Die klaasischen OkuDonten schauen 
Bedingung der Produktion und der Woh 
kennen ebenso einseitig &ls solche nur i 
Handarbeit, die modernen Soziologen beseht 
die Führer und Beseeler der Arbeit und di 
als die bedeutendste die direktive und die ii 
Fischer sagt mit vollstem Rechte: -,Ei 
schwielige Paust des Arbeiters, von weld: 
dustrie abhängt, sondern dae Wissen unc 
Fabrikleiter' usw. . . Er weist aut Chii 
Arbeiterschar und sehr rückständigen Inda 
liehe Bedeutung Deutscblanda und seiner I 



5. Kapitel. 

Die wesentliche, noch heute gültige Funktion des 

Krieges. 

Die Friedensschwärmer reden immer über den Krieg, 
als ob er nur so eine reine Torheit wäre, oder ein V6r- 
brechen ohne weiteres, über dessen Größe man ver- 
schieden urteilen könne, das aber jedenfalls nur als solches 
in Betracht komme. Die riesengroße Tatsache, daß die Ge- 
schichte doch zu einem sehr guten Teile durch die Kämpfe 
der Völker gemacht wurde, stört sie nicht in ihren Be- 
trachtungen. Was schiert sie die Vergangenheit? Sie 
kennen nur die Zukunft! Sie gehören meist zu den 
Leuten, die von der Geschichte nichts zu lernen haben, 
ihre Zukunft wird ja aus ganz anderen weit schöneren 
Elementen aufgebaut, als es die häßlichen Jahrhunderte 
waren, die vorbei sind, ganz und gar vorbei! Das Jahr- 
hundert der Geschichte und der Wissenschaft hat solche 
Leute, solche Anschauungen dem neuen als Vermächtnis über- 
liefert. Werden sie das neue zu dem Jahrhundert der 
großen Illusionen und der großen Enttäuschungen machen ? 
Es gehört die grobe Täuschung, daß der Krieg weiter nichts 
als ein ungeheueres Verbrechen, der allergrößte Lrtum 
der Menschheit sei, so recht in diese Periode. 

Die ganze Weltgeschichte ist für diese kurzsichtigen 
Schwärmer weiter nichts als eine häßliche Dummheit, an 
der nur die Proportionen groß sind, oder sie wird damit 
geehrt, die Geburtswehen der neuesten Zeit sein zu dürfen. 
Die Jahrtausende waren nur dazu da, um ihr Schema 
auszuhecken ! Das ist die einzige Kontinuität, die sie an- 



Den. Ich glaabe an eine mächtigere, tiefere, der sich 
entzieht. Alle wültoriichen Pläne, alle Schwärme- 
— wir kennen sie nach Tausenden von Bxperi- 
n benrteUen — haben so gut als nichia gefruchtet, 
geändert, nie mehr, als den mächtigen, wahrhaft 
henden umständen entsprach, und der motivierenden 
der Ideale, also verschwindend wenig im Vergleich 
1 Wünschen der Urheber. Das war noch immer die 
ite Strafe für ehrfnrchüoses Bingreiten. Ich denke 
großen Sozialexperimentatoren, wie Peter den Großen, 
smten in Paraguay, Napoleon I. und Andere. 
;b habe mich immer über die häßUche, die grausame 
eit dieser Friodensschwärmer gewundert, die mit 
Znknnftstraume die Vergangenheit zum dämouisch- 
Jichen Unsinn stempeln. Wenn sie recht haben, 
! Menschheit bis auf sie in einer HöUe gelebt, und 
i zwecklos, nutzlos, eine endlose enisetzüche Ver- 
g.') Daß dieser wie Wahnsinn quälende (}e- 
sle nicht zu dem Verlangen peitscht, die Be- 
!, den Wert, die Punktion dieser Gotteageifiel zu 
len! 

ir haben den Nutzen des Krieges in froheren Zeiten, 
■eschichtlichc Punktion aufzudecken versucht, unsere 
e ist jetzt, an diese Untersuchung anknüpfend, die 
! Wjrkung des Kricifes und damit seinen heutigen 
u erforachen. Den Mut zu dieser Arbeit erhalten 

LT^-^"'^"^' '''' '"''' ^y^oioeo von einer 
ordeuttch viele Kräfte erfordernden, so viele Organe 
.geuden Tätigkeit, die außerdem von Anfang aTfür 

ll r^'™ ""' **""'=' " '"■^ >■">»" «ber- 
_™i bedeutet hat, annehmen wird, daß sie keine 

»«.'»."™ *'.*'*■,"?'" •"«"ä^""«!'. <1>B dt. Krieg, 
und voll,„od,g, wie „.. lh„ .i.b „„ «ünsoh» 



— 165 — 

Krankheit sein kann, und ebenso wenig ein gräßliches un- 
geheueres . . . Nichts, das überhaupt in der Physiologie 
kaum Anerkennung finden dürfte. Die Tätigkeit, die für 
die Entwicklung der Spezies und für die lebenden Indi- 
viduen so viel, so ungeheuer viel bedeutet, muß eine nach- 
weisbare Punktion besitzen: von diesem Forschungsmotiv' 
gehen wir in froher Zuversicht aus, um diese Wirkungs- 
weise aufzufinden. 

Ich möchte noch eine Bemerkung voranschicken. Die 
Einsicht in das Wesen des Krieges wird manchem dadurch 
erschwert, daß diese blutigen Kämpfe seiner Meinung nach 
aus Fürstenlaunen hervorgehen. Was einen törichten Grund 
hat, könne unmöglich einen vernünftigen Zweck haben! 
Ich möchte zur Berichtigung darauf hinweisen, daß 
Menschenseelen mit ihrer Schönheit und ihrem Schicksale 
meist einem sinnlichen Bedürfnisse ihre Existenz verdanken. 
Der Ursprung oder vielmehr die Veranlassung präjudiziert 
hier gar nicht über die Bedeutung des Wesens. Der Fürst 
oder sonst die über die Kriegserklärung entscheidende 
Autorität, die sie noch gar nicht verursacht zu haben 
braucht (Fürsten sind wahrscheinlich eher Marionnetten als 
andere Leute), muß das mit seinem Gewissen ausmachen, 
das ist eine individuell-moralische Frage, für die Funktion 
des Krieges im besonderen Falle und im allgemeinen tut 
das nichts zur Sache, kommt es überhaupt auf die ganze 
Veranlassung gar nicht an. Hierfür entscheidet nur der 
Ausgang. Und außerdem ist die nunmehr triviale Wahr- 
heit furchtbar wahr, daß zwischen dem Fürsten mitsamt 
seinen Launen und dem Volke ein enger Zusammenhang 
besteht. Ein Volk kann seinen Fürsten und überhaupt 
seine Regierung nicht als unverschuldet ablehnen, wenigstens 
nicht das Volk als Ganzes, das unlöslich mit seiner Ge- 
schichte zusammenhängt, so wie die verschiedenen Gruppen 
und Abteilungen eines Volkes in jedem Augenblicke mit- 
einander. 



— 166 — 

Gleichviel wie der Krieg yeranlaßt wurde, es kommt 
darauf an, wie er geffihrt wird, wie er endet, welche 
seine Folgen, n&here und entferntere sind. Wenn aach 
das aUes launenhaft und zufällig verläuft, ja dann hat 
Heine recht Dann ist die Welt der Traum eines be- 
trunkenen Gottes, aus der wir uns sobald wie möglich 
hinauszuschleichen haben. Dann war die Vergangenheit 
eine grauenhafte Dummheit, aus der wir für die Zukunft 
nichts Besseres hoffen können. Wenn die Menschheit bis 
jetzt ein geborener Idiot und Verbrecher gewesen, zn 
solchen zwecklosen Greueln f &hig, welche Zukunft läßt sich 
dann von ihr erwarten? Wenn wir alle die Jahrtausende 
hindurch in Wahnsinn und Laster gelebt haben, wie 
können wir dann jetzt eine bessere Zukunft als möglich 
erachten? 

Wir gehen, wie gesagt, von der entgegengesetzten 
Vermutung aus, daß, was so großen Platz einnimmt und 
immer eingenommen hat, ohne entsprechende Funktion 
nicht bestehen könnte, längst zugrunde gegangen wäre. 
Diese Hypothese scheint mir das Ergebnis der Erfahrung 
auf allen leichter zu kontrollierenden Gebieten gewesen 
zn sein. Jedenfalls beruht sie bei mir weder auf Optimis- 
mus noch auf teleologischer Mystik, von denen beiden ich 
mich frei weiß. 

Um die Bedeutung des Ejieges und der durch ihn 
herbeigeführten Prüfung der Völker recht verstehen zu 
können, ist die Einsicht unentbehrlich, daß es keine Eigen- 
schaft, keine Errungenschaft, keine Schwäche, auch keinen 
Fehler und keinen Vorzug der Völker gibt, der in ihrem 
Bingen ohne Einfluß bliebe. Es wird das gewöhnlich nicht 
genug beachtet. Man meint da mit roher Kraft, Blutdurst, 
übermächtiger Zahl und dergleichen alles abtun zu können. 
Der Priedensschwärmer ist von der Schönheit seines 
Strebens so sehr überzeugt, daß er auf alle Gründlichkeit 
in der Beweisführung verzichtet. Eine kurze Oberlegimg 



— 167 — 

könnte jeden sonst eines besseren belehren. Man klagt ja, 
wie wir sahen, über die großen Kosten der Kriege an 
Menschen, an Schmerzen, an Geld, und zwar mit dem 
vollsten Rechte, aber man vergißt zu gleicher Zeit, daß der 
Sieg nur demjenigen zufallen kann, der diesen Druck am 
längsten aushält Je größer die Opfer, die der Krieg 
fordert, je reicher, je stärker muß man sein, um ihn über- 
haupt führen zu können, und um zu siegen, muß man den 
Gegner in der Fähigkeit, alles dieses tragen zu können, 
notwendigerweise übertreffen. Wenn die Anforderungen 
des Krieges, besonders des modernen Krieges, ebenso viel- 
fältig als schwer sind, dann kann, was den Sieg herbei- 
führt, unmöglich einseitig und oberflächlich sein.^) 

Aber hierbei bleibt es nicht. Wir haben hiermit erst die 
oberste Schicht der Siegesursachen aufgedeckt. Auch sie 
hängen nicht in der Luft. Wir müssen auch ihren Ursachen 
und den Ursachen ihrer Ursachen nachspüren. Wir kommen 
so zu der Einsicht, daß weit entfernt von Zufälligkeit oder 
oberflächlicher Verursachung, welche unsere Gegner an- 
nehmen, Sieg oder Niederlage das Endergebnis der ganzen 
bisherigen Volksentwicklung sind, Es gibt in der ganzen 
Geschichte eines Volkes nichts Bedeutendes, das keinen 
Beitrag zum heutigen Schlachterfolge lieferte. 

Die Veranlassung des Krieges kann empörend unge- 
recht oder lächerlich oberflächlich sein, aber der Ausgang 
ist immer so, wie das Kräfteverhältnis ihn erfordert. Es 
siegt, wer siegen mußte.^) 



*) Robertson, Patriotism and Empire, 1900, p. 116 vergißt 
dieses alles vollständig, wenn er auf die Türkei als das meist mili- 
tärische und zugleich das wenigst fortschrittliche Land Europas hin- 
weist. Erstens genügt ein starkes Heer so wenig wie irgend eine 
andere Einseitigkeit, und zweitens ist es wohl nicht allein die Hyper- 
trophie des Militarismus, welche die Türkei schwächt; das Beispiel ist 
also durchaus nicht schlagend. 

2) Bagehot, Ursprung der Nationen, 1863, S. 59f., 165 f. 



Wir wollen dieses jetzt mehr im einzelneD t 
Ich brauche kaom auf den Faktor der Bevü 
zahl, der Größe des Staates hinzuweisoi, weil ( 
sehr dxd der Hand liegt Der Staat, der die me 
daten stellen kaim, siegt,... ceteris parifc 
sonst eDtschieden nicht. Bußland hat 142 Hill. E 
und Japan nur 46 MilL, Rußland also fast 100 1 
und wurde doch besiegt! Die Buren nötigten 
seine ganze Macht und sogar die seiner Kolonie 
falten, obwohl ihre Bevölkerungszahl nicht nur dei 
liehen Weltreiches gegenüber, sondern auch mit 
enghschen Hauptlandes verglichen, eigentlich versc 
klein genannt werden durfte. Es versteht sich, 
Größe des Staates sehr leicht zu einer Ursache von 
werden kann, weil die großen Staaten derR^el 
sammengesetzte Staaten sind, ohne einheitliche Be 
oder ohne Einheit der Kultur. Aaßerdem haben d 
Staaten die meisten Feinde, die Reibungsfl&che 
jedem Quadratkilometer größer. Außerdem wird 
schwieriger, die zu ungeheaereD Heeresmassen zi 
trieren, die Kosten dieser Unternehmung bilden 
fichwerwiegendes Hindernis. 

Aber hiermit hört die Zahl der inhärent' 
teile der Riesengröße gar nicht auf. Solch 
sind nun einmal, wie die Geschichte lehrt, ] 
die mittlerer Größe gestaltet: entweder werden 
gewöhnlich, tyrannisch n-giert, und dann zeige 
ganze Schwäche solcher Sklavcnmengen auf, 
hängen sehr locker zusammen und können dann 
der schweren Prüfung eines großen Krieges nie 
stehen. Man denke an die großen Despotien 
gangenheit, die nie eine ihrer Größe entspreche) 
besessen haben, oder an die der Gegenwart! 
Schwäche ist offenbar, das britische Weltreich 
stärker: Indien wird despotisch, büreaakratiscb re 



— 169 — 

trägt zur militärischen Kraft des Ganzen gewiß nicht bei; 
wie locker der Zusammenhang mit Canada und Australien 
ist, wurde durch verschiedene Äußerungen einflußreicher 
Personen sichergestellt. Es kommt endlich noch der Um- 
stand hinzu, daß alle Eiesenreiche Völker sehr ungleicher 
Kulturstufe umfassen, und zwar manche niedrigerer Kultur, 
die selbstverständlich einen ganz anderen und geringeren 
politischen und militärischen Wert besitzen als das herrschende 
Hauptvolk. Völker höherer Kultur würden sich wahrschein- 
lich nie in solcher Menge zu solcher wenig organischen 
Einheit zusammenschweißen lassen. Die Riesenreiche können 
also zu vielen Zwecken sehr nützlich sein, zur Unterbringung 
von Beamten, zur kommerziellen Ausbeutung, und sogar 
zur Erhaltung des Friedens unter zahlreichen sich sonst 
aufreibenden Völkerschaften (pax romana, pax britannica), 
aber militärisch sind sie nie im Verhältnis zu ihrer Größe 
zu fürchten.^) 

Immerhin bleibt die Bevölkerungszahl ein militärischer 
Machtfaktor von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Sie 
ist aber gar kein Produkt des Zufalls, im Gegenteil ist sie 
so recht das Ergebnis der ganzen Vergangenheit des be- 
treffenden Volkes, und zwar nicht bloß seiner staatlichen 
Geschichte, wie die einseitig politisch geschriebene Historie 
uns nahelegen könnte, sondern das zusammenfassende Er- 
gebnis der Vergangenheit aller Seiten des Volkslebens : 
ob das Volk energisch, inventiv, ob die Regierung klug, 
die Familienverhältnisse gesund, alles und unendlich viel 
mehr kommt in der Bevölkerungsdichtigkeit zum Ausdruck. 
Aber auch die absolute Bevölkerungszahl, durch die Aus- 
breitung der Staatsgrenzen bestimmt, ist kein zufälliges 
Produkt fürstlicher Heiraten , gewalttätiger Gebiets- 
erweiterungen und dergleichen. Erstens spielt hier das 
Verhängnis des eingenommenen Territoriums eine bedeut- 

^) Vgl. G.Schneider. Die großen Reiche, 1904, passim und 
S. 64. 



— 170 — 

same Rolle, die aber selbst eine Folge ^ter Wahl ist resp. 
der Eiierg:ie nnd Kraft, eine verkehrte Wahl räckgftnp; 
ZD machen. Die Bedentong der fOratlicheD Heiraten für 
das Gebiet des Staates ist fflr unser modernes Fühlen zwar 
etwas nngemem Sinnwidriges nnd H&ßliches, da Völker 
keine Erbschaftselemente sein BoUten nnd die Begiemng 
kein Besitztum. Aber tatsftchlich haben die Völker das 
viele Jahrhunderte lang ganz anders beurteilt oder 
wenigstens ihrem entgegengesetzten Gefühle keinen EünflnS 
zu verschaffen verstanden. Auch diese sonderbaren erb- 
rechtlichen Zusammenwürfelangen der .Staaten sind also ein 
Vennftclitnis realer Vergangenheit, dessen Folgen wir wie 
die Folgen des kleinsten Elementes dieser Vergangenheit 
nun einmal, ob wir das wollen oder nicht, zu tragen haben. 

Faktoren ganz anderer Art haben ebenfalls ihren Einöntl 
auf das Wachstum des Staatsgebiets geübt. Der Charakter 
des Volkes z. B. bleibt auch hier nicht ohne direkten EJin- 
fluß, ob es so individualistisch wie das holländische, so 
wenig zum Anschluß wie zum Festbalten geneigt, oder so 
solidarisch wie das englische ist, immer bereit, den Volks- 
genossen beizuspringen.') Die gewinnende Liebenswürdigkeit 
der Franzosen, der Novicow so hohe Bedeutung beimißt, 
wird hier nicht ohne Einfluß bleiben; wenn nicht die Er- 
werbung, so doch das Behalten neaer Gebietsteile werdeo 
solche Charakterzüge gewiß erleichtem.') 

Es versteht sich, daß die weiteren Folgen dieser Vor- 
gänge sich lawinenhaft steigern: nicht nur die einmal er- 
worbene Macht erleichtert die weitere Vergrößening, 
sondern auch der inhärente Vorteil der Zngehörigkeit zum 
großen Staate. Der Stolz des ,.civis romanus sum" warb für 

■) Lebon, Psychologie du Socialisme, 1898, p. 136 rübmt die 
augelsächsische Solidarität, die alle ihre üiplomateu beseelt und sie 
alle zusammenarbeiten macht zur Verteidigung der Interessen jedes 
beliebigen Engländers im Auslände. 

*) Novicow I.e. p. 120 u.a. 



— 171 — 

EoiD. Die partikularistischen Tendenzen der deutschen 
Teilstaaten werden wohl nicht znm kleinsten Teile durch 
die sehr realen Vorteile des Großstaates paralysiert. 

Die Größe des Staates ist also die natürliche, unver- 
meidliche und daher gerechte Folge seiner ganzen Ver- 
gangenheit. Gegen ihre Bedeutung als Siegesfaktors im 
Kriege können wir also keinen Einspruch erheben. Dennoch 
tun das Zahllose. Es treibt sie dazu dieselbe Neigung, 
welche sie die Möglichkeit der Zurechnung beim Deter- 
minismus, d. h. bei der Anerkennung der Tat als Ausflusses 
des Charakters, verkennen läßt. Der tiefe Fehler dieser 
Aktualisten ist ihr unhistorisches Denken, viel mehr noch 
ihr unhistorisches Fühlen. Sie möchten nur das Heute aur 
erkennen, die Vergangenheit ist wahrlich tot für sie. Dje 
Tatsachen aber belehren uns, daß die Vergangenheit nie 
stirbt. Ihr kleinster Teil behält einen ewigen Einfluß. 
Alles in der weitesten örtlichen und zeitlichen Vergangen- 
heit hängt unverbrüchlich zusammen, nur sind unsere 
Organe, ihre Hilfsmittel und unser Denken zu grob, um das 
im einzelnen überall nachzuweisen. 

Wir können uns also nie von der Vergangenheit, von 
der eigenen so wenig wie von der unseres Volkes, unserer 
Rasse und der Menschheit loslösen : was uns das vortäuscht, 
ist Selbstbetrug oder Schwindel. Es gilt das für die Völker 
und die Staaten genau so. Was uns und sie als Ausfluß 
der Vergangenheit triflit, muß als gerechte Folge hin- 
genommen werden. Das Gute weisen wir nicht ab, das 
Böse muß getragen werden. Alle Radikalen unserer Zeit be- 
sitzen eine Neigung, dem entgegen zu handeln und zu denken. 

Ein zweiter, sehr bedeutender Siegesfaktor ist der 
Reichtum der Völker und Staaten, wie jedem bekannt ist.. 
Da der Reichtum den -oberflächlichen Idealisten unserer 
Zeit, ja aUer Zeiten,^) verhaßt und von ihnen als etwas 



^) Nichts ist natürlicher, als daß, sobald ein Schlauer und Tuch- 



ll 



— 172 - 

Niedriges, eigentlich Wertloses betrachtet wird,^) und dieser 
Idealismas aufs neue seine Triumphe feiert, können wir 
nicht umhin, dieser Auffassung einige Worte zu widmen. 
Zahllos Viele halten den Reichtum, d. h. nicht den eigenen, 
sondern den des Nachbarn, im Grunde immer für unge- 
rechterweise erworben, eine Folge von Schlauheit und weitem 
Gewissen. Ich glaube, daß auch unter den Gebildeten die 
Zahl derer sehr groß ist, die in jedem reich gewordenen 
Mann eigentlich einen Schurken erblicken. Der Mandsmus 
mit der trivialdummen Lehre vom Mehrwert ist eigenthch 
jiichts als diese Oberzeugung, mit Wortschwall umgeben.') 

Selbstverständlich, möchte ich sagen, ist der Reichtom 
als Regel nicht die Folge sozial verwerflicher, sondern sozial 
sehr erwünschter Eigenschaften. Diebstahl, an Armen ver- 
übt, kann ja nie reich machen. Diebstahl an Reichen setzt 
aber schon Reichtum voraus, kann also nie den Anfang ge- 
macht haben. Von Erbschaften abgesehen, die ja nicht 
Reichtum schaffen, sondern bloß übertragen, macht nur der 
Besitz ökonomischer Eigenschaften reich, er allein schafft 
Reichtum ; alles andere kann ihn bloß übertragen, was etwas 
ganz anderes ist. Sogar die Erfüllung der objektiven Beding- 
ungen, selbst der geographischen, ist nicht von primärer 
Bedeutung: der ökonomisch Vollbegabte weiß sie sich zu 
verschaffen. 

Was vom einzelnen gilt, ist auch für Völker richtig. 
Das gut beanlagte, tüchtige Volk erobert sich den reichen 
Boden, und umgekehrt, was nützt der reichste Boden dem 

tiger mehr erwarb als die anderen, diese opponierten; tatsächlich 
findet sich von den frühesten Zeiten an, wo die Armutsgleichheit 
durchbrochen wurde, eine Neigung zur Verurteilung des Reichtums. 

^) Z. B. im Mittelalter, sobald die Vermögensungleichheit schärfer 
hervortrat, zeigte sich der Ebionismus, die Verherrlichung der Armut; 
vgl. Glaser, Die Franziskanische Bewegung, 1903, S. 12ff. 

*-) Es gereicht der heutigen Sozialwisseuschaft wahrlich nicht 
zur Ehre, daß der Hauptverkündiger dieser Lehre als eine theoretische 
Leuchte angestaunt wird. 



-^ 



— 173 — 

schlecht oder ungenügend begabten Volke ? Was haben die 
Spanier aus ihren Minen gemacht ? Die Germanen eroberten 
Mittel- und Süd-Europa, die Mongolen aus dem unwirtlichen 
Nord- Asien erwarben die reichsten Länder der Welt. Nicht 
auf äußere Bedingungen, sondern auf die guten Eigen- 
schaften kommt es für Völker wie für Individuen an. 

Nicht eine einzige Eigenschaft befähigt zur Er- 
werbung von Wohlfahrt und Eeichtum, sondern ein ganzer 
Komplex solcher. jEiS können sogar einige sonst sehr 
bedeutende fehlen, wenn die übrigen nur um so hervor- 
ragender sind. Welche aber diese Qualitäten sein müssen^ 
hängt von den historischen Umständen und von der 
geographischen Umgebung ab. Das eine Zeitalter, die 
eine Umgebung fordert mehr Kühnheit, z.B. das Zeitalter 
der Entdeckungsreisen, das andere mehr technische Kennt- 
nisse, wie unser eigenes. Viele Eigenschaften sind immer 
gleich nötig, wie Energie, Ausdauer, Sparsamkeit, heller 
Verstand und mehrere andere. Bei Völkern wie bei Indi- 
viduen ist das Fehlen verkehrter Neigungen genau so 
wichtig wie der Besitz der guten. Man ist geneigt, die Be- 
deutung des Egoismus zu überschätzen ; er allein macht gewiß 
nicht reich, aber als eine gewisse Konzentration auf die 
eigenen Zwecke ist er ihrer Erreichung förderlich, und das 
nicht allein, wo es Reichtum gilt, sondern bei jedem Streben. 
Kann einer ein tüchtiger Gelehrter werden, der nur an 
andere und ihre Interessen denkt? Die meisten Geister 
sind aber zu eng, um mehreres zugleich zu umfassen, eine 
gewisse Einschränkung ist für sie immer nötig. Wenn 
Hartherzigkeit eine Hauptbedingung zum Erfolge wäre, ja 
dann wären zahllos viele reich, die jetzt arm, den Reich- 
tum beschimpfend herumlaufen. 

Die allerverkehrteste Eigenschaft ist eigentlich das 
anderwärts gerichtete Interesse, das übrigens so berechtigt 
wie nur möglich sein kann. Das Höchste in irgend einer 
Richtung erreicht überhaupt nur, wer sich auf das eine Ziel 



— 174 — 

konzentriert. Das gilt hier wie äberail, Vielseitigkeit ist Er- 
schwenmg der Aufgabe, fordert also ein größeres Über- 
gewicht der anderen Eigenschaften. In diesem Falle kann 
sie zu einem noch schöneren Ergebnis beitragen. Das alles 
gilt ffir Völker wie für Individuen. 

Der Reichtum ist also wahrlich kein Produkt des 
Zufalls oder gar der Schurkerei zu nennen. Außer den 
ursprünglichen Eigenschaften, die über seine Erreichung 
yor allem entscheiden, sind viele weitere Umstände von 
Wichtigkeit, die aber alle durch die gegebenen Eigen- 
schaften ihre Rolle erhalten, wie überhaupt die ganze 
Geschichte in jeder Richtung doch nur die Entfaltung des 
Charakters in VTechselwirkung mit einer bestimmten Um- 
gebung ist,^) welche Umgebung, wie wir schon bemerkten, 
zu einem guten Teile bereits durch die Anfangseigenschaften 
bestimmt wird. 

Die Normannen lebten ursprünglich weder in Prank- 
reich noch in Sizilien und auch nicht in England, eben- 
sowenig die Peschäräh im Feuerlande oder die Busch- 
männer in der Ealahari. Der Boden allein macht nicht 
reich, sonst wären es die Süd-Amerikaner, die Chinesen^ 
die Javaner. Was haben die Ureinwohner Kaliforniens 
aus ihrem reichen Wohnorte gemacht? erst die Europäer 
holten die Schätze aus ihm hervor, die auch nur für sie 
Schätze waren. Reichtum und Armut sind als die gerechten, 
weil unvermeidlichen Folgen der bezüglichen Begabung 
der Völker zu betrachten. Die Folge dieser Folge, die 
Unterstützung durch den Reichtum im Kriege, darf also 
ebensowenig als eine Ungerechtigkeit verurteilt werden. 
Wer uns aber einwerfen möchte, daß die Handlungen 
unserer Urväter nicht ohne Einfluß auf unsere Wohlfahrt, 
ja sogar auf unsere Befähigung Reichtum zu erwerben 
sind, den verweisen wir nach unseren obigen Erörterungen 

■ ■ ■ ■■ ■ 

^) Vgl. für die richtige Auffassung des Determinismus, der so 
manchmal irreführend vorgestellt wird : Th. Lipps, Ethische Grand- 
fragen, 1906, S. 259 ff. 



— 175 — 

über den Einfluß der Vergangenheit auf die Größe der 
Staaten. Eeichtum wie Größe verdankt der Staat seiner 
Geschichte, die überhaupt seine ganze Persönlichkeit ge- 
staltet hat, ihre weiteren Konsequenzen kann er deshalb 
unmöglich als Unrecht empfinden, so wenig wie das Indi- 
viduum die guten und schlechten Polgen seines Charakters, 
d. h. des Ergebnisses seiner Geschichte, die Resultate seiner 
angeborenen Anlage und zugleich der Umstände. 

Eine glückliche Tatsache ist es, daß jedesmal der 
Charakter über das bisherige Resultat der Geschichte ob- 
siegen kann, genauer besehen : die Ergebnisse auf der einen 
Entwicklungslinie kommen den auf der anderen erworbenen 
zu Hilfe. Ich wähle ein frisches Beispiel. Japan hatte 
seiner bisherigen geringen ökonomischen Entwicklung zu- 
folge im Anfang des letzten Krieges einen geringeren 
Kredit als Rußland, das nun einmal infolge vieler Umstände 
für reich gehalten wurde. ^) Während des Krieges, der 
<Ioch die finanziellen Kräfte des jüngsten Kulturstaates 
aufs äußerste anstrengte, änderte sich dies infolge der 
japanischen Siege.^) Und umgekehrt nahm der russische 
Kredit infolge der Niederlagen und der darauffolgenden 
Revolution bedeutend ab. 

Die durch ein Volk jedesmal erreichte Höhe der Wohl- 
fahrt und des Kredits ist also keineswegs etwas Äußerliches 
oder Zufälliges, so wenig als das bei einem Individuum 
der Fall sein könnte. Nichts ist natürlicher, ja gerechter, 
als daß diese Errungenschaft ihrerseits weiteren Einfluß 
ausübt, auch im Kriege. 



') Martin, Die Zukunft Rußlands, 1906, hat uns von diesem 
Aberglauben in ausgezeichneter Weilte befreit, vor ihm schon von 
der Brüggen, Das heutige Rußland, 1902, S. 38ff., das merk- 
würdigerweise von Martin nicht genannt wird, und ebenso Alexander 
Ular, Russia from Within, 1905, p. 1S3 seq. 

^ Helfferich, Das Geld im rassisch-japanischen Kriege, 
1905. Vgl. weiter Ballod über Rußland und Rieß über Japan in 
von Halle, Die Weltwirtschaft, 1906, Bd. 3, S.72ff. und 248 ff. 



— 176 — 

Es braucht wohl keiner Beweisfährang, daß genau 
dasselbe in vollem Umfange von der Kraft gilt, die von 
einer gegebenen politischen Verfassung im Kriege ausgehen 
kann. Es läßt sich nicht mit einem Worte sagen, welche 
Staatsform in dieser Beziehung die beste sein wird, das 
hängt von den Umständen ab. Eine Despotie kann in 
einem barbarischen, zusammengewfirfelten Volke eine große 
Kraft entwickeln, sie kann hier die einzige angemessene 
Regierungsform sein, obwohl sie, wenn das Volk einer 
höheren Kultur teilhaftig und einigermaßen selbstbewußt 
wurde, gewiß nicht länger imstande ist, die höchste Kraft- 
leistung, deren das Volk überhaupt fähig, aus ihm heraus- 
zubringen. Das Einzige und zugleich das Höchste, was 
man von der Staatsform verlangen kann, ist ihr Angepaßt- 
sein an die Kultur und an die ganze Eigenart des Volkes, 
oder, wenn das Volk sehr heterogen ist, an die seiner 
besseren, einflußreicheren Teile. Sind diese Bedingungen 
nicht erfüllt, so wird die Schwäche des staatlichen Gefuges 
von großem Nachteil im Kriege werden. 

Die japanischen Studenten begehrten als höchstes 
Ideal den Tod für den Mikado, wie uns der beste Kenner 
Japans bezeugt.^) Die edelsten und begabtesten unter 
den jungen Russen dagegen verschwören sich wider 
die Regierung, ihr Ideal ist, den Zar, den Tyrannen, 
zu töten, dafür wollen sie sterben. Die Japaner wollten 
durchaus siegen, weil sie alle wußten, daß die Zukunft 
ihres Landes die Niederwerfung des Feindes forderte; die 
Russen der höchsten und gebildetsten Kreise begehrten 
die Niederlage ihrer Heere, da sie wußten, daß die Aufer- 
stehung ihres Volkes hierdurch am besten gefördert wurde.^ 



^) Lafcadio Hearn, Out of the East, 1904; vgl. auch seine 
hochinteressanten, Glimpses of Unfamiliar Japan, 1903. 

^) Hugo Ganz, Vor dem Znsammenbruche, 1905 ; Lord B r o o k e , 
An Eyewitness in Mandchuria, 1906, p. 809 seq. : Die Mehrheit der 
russischen Offiziere begehrte den Frieden, bei den Soldaten war der 



— 177 — 

Wie gewissenlos, wie tierisch abgestumpft muß eine Kegierung 
sein, die durch solche Stimmung der besten Bürger nicht 
bewogen wird, die gründlichste Eeformation durchzuführen ! 

Eine solche Eegierung ist natürlich eine gerechte Folge 
der Vergangenheit, so gut als die Enge des Gebiets oder 
die Armut des Volkes. Die ganze Geschichte, Ausfluß des 
ganzen Volkscharakters, hat zu dieser Eegierung geführt, 
ihre unvermeidliche Folge, die militärische Schwäche, muß 
als Strafe hingenommen werden. Es ist die erste und 
höchste Pflicht eines Volkes, über die eigene Eegierung 
zu siegen, falls diese schlecht ist. Denn nur so kann die 
weitere Pflicht, die Überwindung des Feindes, erfüllt werden.^) 

Jede einzelne Sünde der Eegierung wie der Verwaltung 
rächt sich im Kriege. Hätte Eußland eine unbestechliche, 
ehrliche Verwaltung wie Deutschland gehabt, wenigstens 
eine der Bedingungen der Niederlage wäre nicht erfüllt 
gewesen. Korruption und Nepotismus im weitesten Sinne 
bedeuten verkehrte Verwendung, ungenügende Ausnützung 
des vorhandenen Eeichtums an Kapital und, was viel 
schlimmer ist, aü menschlicher Begabung. Das arme Euß- 
land hat in jeder Eichtung Geld verschleudert und dadurch 
nicht erreicht, was ihm sonst bei seinen Mitteln möglich 
gewesen wäre ; ^) wenn das Ausland endlich von dieser Wahr- 



Krieg Die populär, ebensowenig bei den Kaufleuten und den Bauern^ 
es ist ein Krieg der Bureaukratie ! Clement de Grandprey, Le 
Siege de Port Arthur, 1906, p. 122 rechnet die große Abneigung der 
Russen gegen den Krieg und die Begeisterung der Japaner für ihn 
zu den wichtigsten Umständen in seinem Verlaufe. 

^) Die großen Fehler Napoleons des Dritten rächten sich im 
Jahre 1870; vgl. unter vielen A. Mezieres, Silhouettes de Soldats, 
1906, p. 227 : über die Unterlassung der Unterstützung der Öster- 
reicher ; „nous avons prepare Sadowa*^ ; p. 230 : über die unselige mexi- 
kanische Expedition ; p.248 : wie niemand die deutsche Invasion vorher- 
gesehen hatte und die Grenzfestungen in erbärmlichem Zustande waren. 

*) Passek I.e. S. 30f. teilt unglaubliche Beispiele russischer 
Korruption im Kriege mit Japan mit: die Bahnhofsvorsteher be- 
Steinmetz. 12 



— 178 — 

heit darchdrungen sein wird, maß es ihm den bis jetzt 
genossenen Kredit eDtzieben. Weder im Frieden nocb im 
Kriegre kommen durch die prinzipielle Korruption der 
mssiscben Terwaltnn^ die rechten Leate an die rechte 
Stelle. Hofgtinst and Cliquenwesen entscheiden hier alles, 
und wie niederdrückend mufl eine solche Sachlage auf die 
Entfaltung alles Charakters und alter Anlage wirken ! Ver- 
schleademng des Henschenmaterials ist hier die R^:e]. 
Wie verderblich ist eine solche Eegiernng, wie tief steht 
ein Volk, das sie duldet! Die Niederlage im Kriege bringt 
beiden die schwere, aber gerechte Strafe. 

Nicht nur die politische Gesundheit des Volkes ist 
Ton entscheidendem Werte fflr den Kampf, die physische 
hat nicht viel geringere Bedeutung. Ma schwaches, von 
Krankheiten untenniniertes, ungentlgend ernährtes Volk 
kann selbstverständlich keine kräftigen Uänner in genügen- 
der Anzahl zur Armee stellen, die schwachen Soldaten 
halten die ungeheueren Strapazen des Feldzages nicht aus, 
die Verwandungen und die vielen Krankheiten, die der Krieg 
mit sich führt, greifen sie Duvcrhältnismäfiig schärfer an, 
die Verlaste werden bedeutend größer sein, der ganze 
Krieg wird von ihnen mit geringerer Wucht geführt Diese 
Volksgesundheit ist keine unabänderliche Tatsache, sondern 
die natürliche Folge von allerlei Bedingungen. An erster 
Stelle kommt hier, neben den schon angefahrten Faktoren, 
die auch hier ihren Elinfiuß fühlbar machen, die Art und 
Gestaltuag des sozialen Lebens in Betracht. Je schlechter, 
je ungleicher der Reichtum in einem Volke verteilt ist, 
desto weniger gut wird die Gesundheit der zahlreichsten 
Klassen, die die große Masse des Heeres bilden, sein. 
Armut führt aber nocb viel mehr Häßliches und in diesem 
Falle GefÖirliches mit sich. Ein armes Volk ist fast immer 



fdrderten für vieles Geld die Waren der Ksufleute, die Voiräte für 
die Front ließt 



— 179 — 

ein dummes, schlecht erzogenes Volk. Je höher die An- 
fordernngen modemer Kriegsführung, was die Handhabung 
der feinen Kampfinstrumente und die neuere Taktik anbe- 
langt, die immer mehr die Auflösung der festgeschlossenen 
Reihen fordert, desto schwerer wird hier die Strafe des 
Kampfes treffen. Wenn die russische Regierung das Inter- 
esse des Vaterlandes über das eigene stellt^ wird sie 
endlich zur wirksamen Bekämpfung der Unwissenheit unter 
der ungeheueren Mehrheit des russischen Volkes schreiten. 

Aber nicht nur physische Schwäche und Dummheit 
sind die fatalen Folgen der Volksarmut, sondern auch die 
ungenügende Entwicklung der moralischen Eigenschaften. 
Ein armes Volk ist kein stolzes Volk, es kann sich selbst 
nicht achten, es nimmt alles von seiner Regierung hin 
und verfuhrt diese so in wirksamster Weise zur Pflicht- 
versäumnis. Sklavisches, dummes, armes, demoralisiertes 
Volk, schlechte, verschwenderische, korrupte Regierung, 
Bankrott und Niederlage das unabwendbare Ende. Es hängt 
nun einmal glücklicherweise alles zusammen. Ludwig XIV. 
konnte noch glänzende Siege feiern, aber schon nach fünf- 
undsiebzig Jahren erreichte seine Regierung die furchtbare 
und sehr gerechte Strafe der Revolution. Turgot nannte 
die französische Gesellschaft aus schlecht verbundenen 
Teilen locker zusammengesetzt, ohne jede Einheit, der 
jedes gemeinsame Interesse abging.^) Man lese bei Taine 
einmal nach, wie erbärmlich und haltlos die Armee dieser 
Gesellschaft war, kein Wunder, daß die Regierung sich 
gleich im Anfang der Empörung nicht auf sie stützen 
konnte ! ^) 

Jeder andere Fehler der gesellschaftlichen Organisation 
muß sich gleichfalls in der Wehrkraft des Volkes offenbaren 
und im Kriege unerbittlich rächen. Die Niederlage Preußens 



^) Tocqueville, L'Ancien Regime et la Revolution, p. 158. 
^) Taine, L'Ancien Regime, 1882, p. 511— 515. 

12* 



— 180 — 

bei Jena beruhte gewiß in erster Linie auf den groben 
Fehlern der damaligen sozialen Verfassung dieses Staates. 
Die großen Befreier Preufiens bemflhteD sich auch zuerst 
um die grändlicbe Reformatio" 'i'"«'" vamUafan imH vt^r. 
kehrten Zustände. Eine Ge\ 
kann wenigstens auf die Dai 
Heer herrorbriDgen, dazu i 
wirtschaftliche Kraft fehlen. 

Wenn die moralischen ^ 
nicht taugen, das Familienleb 
Gefahr laufen, dann wird i 
Heerwesens an der Wurzel 
liehen Egoismus fröhnende, 
nicht eingedenke Geseliscba 
Anzahl kräftiger Männer lii 
um zu siegen, braucht. 

Der Krieg verlangt eint 
telligenz, und zwar jeder Art 
bis zur niederen, imitativen, 
oder gesunde Staatsverfasst 
fähigung ein rasches Proda 
sie setzt gar vieles voraus, i 
Pflege verlangt. Ohne glücl 
diese nicht viel erreichen, 
genügt ebenfalls nicht. Dei 
und nicht das Bedeutendste 
wirken, die Enthaltung des 
größerem Werte. Die geis 
braucht vor allen Dingen F 
lieber und jeglicher Biomisc 
and elastisch auswachsen, n 

') Vgl. den Nachweis für I 
RuBlaDds, 1906, pasaiin uod S. 4-. 
Strafe für seine rückstAndige Laj 
Volkes, für den Mangel an Volka 



— 181 — 

Er muß seine eigenen Fehler machen dürfen, seine eigene 
Gefahr laufen. Ein Wickelkind bekommt keine kräftigen 
Muskeln, wie soll ein ewiges Wickelkind einen kühnen, 
großen Geist erhalten? Aber ohne diesen bleibt ein Volk 
erst im friedlichen Wettkampfe der Nationen in Wohlfahrt, 
Bildung, Naturbeherrschung, psychischer Kraft zurück, zu- 
letzt wird es im endgültigen Ringen des Krieges besiegt. 

Das Volk, das sich einst von den Geistesfesseln, die 
Kirche und Despotie anlegen, nicht zu befreien wußte, 
das vor den hierzu erforderlichen Opfern^) zurückscheute, 
muß später mit den viel schwereren Opfern des Krieges 
und der Armut büßen. Alle Eigenschaften, alle Taten im 
Charakter und in der Lebensgeschichte der Individuen 
wie der Völker hängen nun einmal unverbrüchlich zusammen. 
Alles rächt und lohnt sich. Der Staat, der dauernd zu 
siegen wünscht, soll sich also von früh an befleißigen alles 
zu tun, was nötig, und vor allem zu unterlassen, was 
hinderlich ist, um nicht einige wenige, sondern die Ge- 
samtheit oder wenigstens die große Mehrzahl seiner Bürger 
zu tüchtigen, starken Menschen zu machen. 

Auch die Kirche könnte hier eine gewaltige Macht 
zum Guten ausüben. Bis jetzt hat sie wohl nur gutes auf 
individual - eudämonistischem Gebiete geleistet, und auch 
hier durchaus nicht allein gutes. Wie viele Seelen hat 
sie nicht durch ihren widersinnigen Wahn die Ratschlüsse 
des Allerhöchsten zu kennen und durchführen zu müssen 
gequält und gemartert I Kulturell waren alle Kirchen nur 
zu oft eine bloß zurückhaltende Macht, zu oft haben sie 
Gott und die Menschen vergessen und nur den Macht- 
habern des Augenblicks gedient. Wenn die Kirche aller 



^) Die Revolution und ihr Begleitelend soll Frankreich eine MiUioa 
Menschen gekostet haben, vgl. Taine, La Revolution, Bd. 3 Abt. 2: 
p. 496, aber dafür hatte es sich denn auch freigekämpft 1 Wie viel 
mehr kosten Rußland die Hungersnöte, das tägliche Elend, die ver- 
lorenen Kriege! 



— 182 — 

L&ader einmal die frnchtloee Bekämpfung der Wissenschaft 
and des strebenden Uenschengeistes aufgeben and statt 
dessen die des Niedrigen im Menschen mit derselben Treae 
nnd mit dere"'*-"" TT-,-„_Kk-n»».i,»i* -„fc.»!.™™ «»lu» i rua. 
Kirche nicht 
flondem als 
wahrlich sei 
sie, dann dii 
im jungen 
Glauben an 

Die Kii 
Vorteil, daß 
machen, dnr 
die HoSnnn^ 
Bebe Todes! 
sehr löblichi 
Aber sie köi 
könnten den 
die echte, s 
Kirche sollte 
Forderungen 
Das wirklic 
Vorbilde die 
tismas aufs 

Selbstvt 
die Religion. 
weckt, wie 

'I Vgl. E 
Paulsen, Ei 
gegen diä Reli 

Wiesen Schaft 
ibr macheo, - 

') Manch 

'( U He) 



— 183 — 

hat.^) Hat denn nicht jede Überzeugung, jede große Liebe 
ihre Märtyrer gefunden? Besitzen die Besten unserer 
heutigen Sozialdemokraten und Anarchisten keine tat- 
kräftige Liebe für ihr Ideal? Beruht die russische Be- 
formationsbewegung, soweit sie ihren Ursprung in bewußten 
absichtlichen Anstrengungen hat, nicht hauptsächlich auf 
dem herrlichen, rein idealen Streben des besten Teils der 
russischen Gebildeten? 

Immerhin könnte die Religion durch moralische Mittel 
jede hohe Begeisterung schüren, sie könnte and sollte 
jeden selbstlosen Idealismus als religiös erkennen und 
unterstützen. Der Staat kann außer durch Enthaltung, die, 
wie gesagt, in mancher Beziehung das Allerbeste ist, durch 
seine kolossalen Machtmittel die Entwickelung der geistigen 
Begabung des Volkes unterstützen. Die materiellen Be- 
dingungen, wie Universitäten und Schulen, könnte und 
sollte er in freigebigster Weise schaffen, eins darf er aber 
nie und nimmer: die Kontrolle desjenigen sich anmaßen, 
was nur durch Freiheit zur Blüte kommen kann. 

Das Volk, das seine Geistesbewegung durch Regierung 
und Kirche bändigen und hemmen läßt, wird auf die Dauer 
nicht allein in seiner intellektuellen Entfaltung zurück- 
bleiben — das wäre noch nicht einmal das schlimmste — 
sondern noch viel mehr in der Kraft seines Charakters. 
Kein bewußten Denkens fähiger Mensch läßt sich die ab- 
solute Freiheit hierin durch andere ihm gleiche Menschen 
nehmen. Der Gedanke an diese Anmaßung muß ihn zu 
hellem Aufstande empören. Wer diese Entmannung duldet, 
ist des weiteren geistigen Lebens, also des besten im 
Menschen, unwürdig und unfähig. Aber auch ein Volk, 
das so dem höchsten Leben entsagt, kann nie seine volle 
Kraft entwickeln. Solange alle Völker gefesselt, schadet 
das sehr wenig; wenn aber auch nur eins, sogar nur ver- 



^) Kidd, Social EvolutioD, 1895, p. 97 seq. 



gleicbsweiso, zur Freiheit sich durchgening:en bat, so mfisse] 
die im besten räckständigen Völker gar bald ihre Schwäch^ 
empfindlich spüren. Die Siege der ersten französische! 
Republik, so wenig ideal diese und ihre Freiheit fibrigcni 
waren, haben diesen Satz Europa ad oculos demonstriert 
so deutlich, daß sogar die damaligen Regierungen einei 
Augenblick, leider nur einen kurzen Augenblick, aufhorchten 

Die geistige Begabung, Bildung und Elntwicklong einei 
Volkes maß nach allen mOglicheD Richtungen den tiefstei 
Einfluß auf die militärische Kraft desselben ausüben. Weni 
nicht direkt, so doch um so nacbdrficklicher mittels dei 
Wohlfahrt und des Kredits. Entfliehen läßt sich also dei 
Strafe fflr Vernachlässigung nicht. Hier gibt es keinei 
Ablaß und keine Gnade. 

Es würde etwas zu weit führen, in unserer Aufzählung 
der für die KriegsfÜhrung bedeutsamen Momente im Volks 
leben fortzufahren. Das ist auch kaum nStig; denn wi( 
gesagt, alle Eigenschaften, alle Erfahrungen, das ganze 
Sein und Haben des Volkes wirken zur Entscheidung: ii 
der endgültigen Prüfung mit.*) Alles wirkt, alles hall 
sich. Entnenrender und Neid erweckender Loxtis dei 
höhereu Klassen, Zwiespalt im Volke, ob durch religiöse 
Intoleranz erzeugt oder durch politische und andere Gegen- 

') Sehr richtige Worte sagt der bektuiDte Geograph F. Ratze' 
hierübei, der den Krieg noch immer als eine der wichtigsten Prüfungec 
des Völkerwertee betr^ichtet; er rühmt an ibm, daß er die letztei: 
und äußersten Hilfsmittel flüssig macht, der Krieg sei ein Momeiil 
der Steigerung im Leben der Völker; vod dem ganzen Leben in 
Frieden, von der Ernühruag, der Vermehrung, der Rüstung hängen 
Kraft und Wachstum der Völker und damit der Sieg im Kriege ab 
.Einige Aufgaben einer politischen Ethnographie" in Z, f. Sozialwiss 
1900,8.17. Richtig sagt auch Beloch, Griechische Oeachicbte. 
Bd. 1, 1892, S. 394'. „von ZufäUigkeiten hängt das Geschick dei 
Völker nicht ab. Die Griechen sind in dem Kampfe gegen das Perser- 
reich Sieger geblieben, weil sie ihren Feinden sittlich und inteUektaell 
überlegen waren." 



— 185 — 

Sätze/) Feigheit und Egoismus, die Früchte einer uns 
nicht unbekannten Überkultur, sie alle lähmen die Kraft 
des Volkes im Kriege selbst und auch schon in allem, was 
zu ihm vorbereiten und befähigen muß. Die Türken, die 
einst Europa bezwangen, sind jetzt zu schwach, um den 
Krieg mit ihren eigentlichen Feinden aufzunehmen, un- 
geachtet der großen Tapferkeit und sonstiger militärischen 
und anderen Eigenschaften des Volkes, weil sie in der 
Kultur tiberall zurtickbUeben, weil der Staat vollständig faul 
und die Bürger der Einsicht und der Energie ermangeln 
ihn zu reformieren. Der Krieg wird diesen Staat früher 
oder später zermalmen. 

Alle die genannten und erläuterten Kraft- und Schwäche- 
faktoren hängen untereinander zusammen, teils als Eigen- 
schaften, teils als Erwerbungen eines lebendigen Orga- 
nismus, sie sind das notwendige Ergebnis der ganzen Ver- 
gangenheit des betreffenden Volkes, sie bilden seine Per- 
sönlichkeit, sein Ich. Kein Volk kann mit Recht die Ver- 
antwortung für sie ablehnen, so wenig wie der Einzelne 
sich selbst verleugnen kann. Sie dürfen, sie sollen über 
Sieg und Niederlage im Frieden wie im Kampfe entscheiden. 

Ich stehe gar nicht an die Besiegung der Russen durch 
die Japaner als den sehr begreiflichen Ausfluß der ganzen Ge- 
schichte beider Völker zu bezeichnen. Wer ihre Entwicklung 
an der Hand von Schiemann und Herrmann, Von der 
Brüggen, Wallace und Leroy Beaulieu, anderseits an 
der von Fukuda und Nachod verfolgte, dem konnte der 
tatsächliche Ausgang nichts Befremdendes bringen. Die 
Russen, wie v. Hehn, Lanin, ihre eigenen wunderbar 
naturgetreuen Dichter und Romanschreiber sie so auffallend 
übereinstimmend schildern, sind das Produkt, das unver- 
meidliche, ihrer Anlage und ihrer weiteren Geschichte, so wie 
die Japaner nach der Darstellung Hearnes und Nippolds 

^) Vgl. Martin 1. c. S. 85ff. über die Gewalt der russischen 
Gegensätze. 



— 186 — 

das Ergebnis Qirer so sehr verschiedenen Anlage und 
gebang' mit daraus folgender EIntwickJimg. Das Itesi 
ihres ZnsammeDStoBes ist selbstverständlich das Erg-e 
der Messung ihrer angenblicklich erworbenen Glesaintkr} 
es maß unser historisches GerecbtigkeitsgeflUiI befriedig 
wenn wir nns anstrengen auf alle, aber anch alle kon 
nierenden Elemente der Vergangenheit achtzugeben. W 
die Gerechtigkeit nur tief genog blickt und weit genug 
scbant, müssen Notwendigkeit and Gerechtigkeit sich decl 

Von dem, der die Weltgeschichte nnd ihre ürb 
Sprüche begreifen will, darf gewiß eine etwas tiel 
Einsicht verlangt werden. Die Dinge brauchen sich nJ 
so einfach zn verhalten, wie das unserer Eänfalt beqi 
wäre. Die Gerechtigkeit der Geschichte ist nicht so ol 
flftcblich und einseitig, als wir uns die göttliche träui 
mJktbten. Wie idj nicht genug betonen kann, alles, a 
wirkt mit zum Resultate, das Positive wie das Negat 
das Bewußte wie das Unbewußte, das Äbaichtliclie wie 
Unabsichtliche. Ableugnen nützt hier nicht Nacbs 
wird nicht geübt. Was je fceschah, ist von ewiger Wirki 

Anscheinend sehr liebenswürdige oder wenigstens 
schuldige Eigenschaften werden ihre gefährliche Seite 
deutlicher als im Kriege zeigen. Die Niederländer, I 
gonen ihres großen Zeitalters, sind schon ein paar Jt 
hunderte lang bequeme, gemächliche, etwas weiche Lf 
geworden, eingefleischte Individualisten in jeder Kichtt 
Ihre Ironie verhindert sie, die Dinge so recht ernst 
nehmen, .- . . alles sehr unschuldig, es schadet keii 
Menschen, deshalb könnte es lange so bleiben. Aber 
Ansflnß dieser Neigung ist ancb die schlaffe, nngenüge 
Vorbereitung zum Kriege, recht viele glauben so gei 
daß die Kriege schon aus der Mode gekommen, 
Rüstung eigentlich schon überflüssig sei. Der erste bt 
Krieg, in den die Niederländer verwickelt werden, w 
sie unsanfterweise eines anderen belehren und mehr, 



— 187 — 

irgend etwas anderes vermöchte, dazu beitragen, sie einer 
neuen großen Periode zuzuführen. Das Jahrhundert ihrer 
unaufhörlichen Kämpfe machte sie groß, die zu lange 
Friedensperiode erschlaffte ihre gute Anlage, neue Kämpfe 
werden sie aufs neue stählen. 

Die Naturwissenschaften haben uns endlich gelehrt^ 
die Tatsachen zu beachten. Hoffentlich wird ihr ehrfurchts- 
volles Studium uns allmählich befähigen, die moralisch ent- 
scheidenden Eigenschaften der Individuen wie der Völker 
etwas tiefer zu erfassen als es die ekstatische Einseitigkeit 
der großen Schwärmer und die abstrakten Hypostasierungen 
der Philosophen zu tun vermochten. Die spekulativen Dogmen 
der letzteren sind nicht das letzte Wort der ethischen 
Weisheit, die aufmerksame Beachtung der Geschicke der 
Einzelpersonen wie der Völker wird uns den realen Wert 
der grundlegenden und der zusammengesetzten Eigenschaften 
enthüllen, da diese Geschicke doch eigentlich über diesen 
Wert entscheiden. Ich vermute, daß zu den ersten großen 
Lehren dieser auf den Tatsachen aufgebauten Ethik diese 
gehören wird, daß die Tugend der Person oder des Volkes 
nicht so sehr in seinen einzelnen Eigenschaften, sondern 
in ihrer Zusammenstellung, in ihrer Harmonie enthalten 
ist. Die umgekehrte Tendenz, die Überschätzung z. B. des 
Altruismus läuft auf den Kommunismus als letzte Kon- 
sequenz, als äußerste Übertreibung der Einseitigkeit aus,^) 
und doch kann der Kommunismus als dasjenige Zukunfts- 
ideal bezeichnet werden, das die Art des Menschen, die 
Bedingungen der Wohlfahrt und des höheren Geisteslebens^ 
und die ganze Menschheitsgeschichte aufs denkbar gröbste 
verkennt. 

Wenn, wie ich nachzuweisen versuchte, im Kriege 
alle Eigenschaften und Erwerbungen der Völker ihren 
Einfluß auf das Resultat üben, so wird kein Experiment 

^) Merkwürdigerweise ist auch der nicht-utilitaristische L i p p s in 
seinen „Ethischen Grundfragen" 1906, S. 178 zum Kommunismus geneigt. 



— 188 — 

geeigneter sein uns über die Bedentang dieser Einflösse 
anfznklären, unter der Voranssetzong, daß wir den Wert 
dieser Entscheidung anerkennen. Es kommt auf den Wert 
des Sieges an. Was besagt dieser eigentUch ? Was nützt 
er? Ich meine nicht im besonderen Falle, sondern im all- 
gemeinen. Sieger zu sein bedeutet die momentan wert- 
YoUsten Eigenschaften in der wertvollsten Weise vereinigt 
zu besitzen. Das tapfere Fechten, die gute BewaflEnnng, 
die überlegene Führung sind die Ausflüsse viel tieferer 
Verhältnisse, sie werden, wie wir nachwiesen, vollständig 
durch die Charaktereigenschaften und die Eulturerwerbnngen 
der Völker bedingt 

So viel dürften wir jetzt klargemacht haben, daß Sieg 
und Niederlage jedenfalls nichts Zufälliges, nichts Ober- 
flächliches sind. Die Frage bleibt aber unbeantwortet, 
wozu sie eigentlich da sind. Wenn wir über das Wesen 
des Krieges überhaupt sprechen, dürfen wir natürlich nicht, 
wie von der Goltz das tut,M den Angriff voraussetzen. 
Denn, wenn es überhaupt keinen Krieg gäbe, so fiele auch 
der Angriff fort! Wir fragen uns ganz allgemein, wozu 
Sieg und Niederlage? Gewiß nicht um theoretisch fest- 
zustellen, wer in allem Betreffenden der Stärkste sei. Wir 
können den Sieg nur seiner praktischen Folgen wegen 
gutheißen ; es siegt der wahrhaft Stärkere und die Fruchte 
des Sieges fallen ihm zu. Aber im Kriege steht gegenüber 
dem Siege wesentlich eine Niederlage. Beide sind wertvoll, 
weU sie die Entscheidung des Krieges ausmachen. 

So wenig als irgend etwas anderes hängt der Sieg vom 
Zufall ab, nicht einmal in dem einzig zulässigen Sinne 
dieses Begriffs, dem von dem Zusammentreffen unver- 
bundener Kausalreihen. Aber auch von Kleinigkeiten ist 
der Sieg nicht abhängig; es wäre denn in unbedeutenden 

1) Von der Goltz, Das Volk in Waffen, 1899, S. 7; dagegen 
betrachtet er S. 430 die Funktion des Krieges an sich, doch nur in 
wenigen Worten und sehr oberflächlich. 



— 189 — 

Truppenbegegnungen; wo aber solche Kleinigkeiten in ent- 
scheidenden Schlachten eine Rolle spielen können, da sind 
schon große Fehler gemacht worden. Eine Strategie, die 
mit dem Zufall rechnet, deutet auf einen abenteuerlichen 
Geist hin, entweder beim höchsten Befehlshaber oder gar 
beim Volke, das einen solchen zu der allerwichtigsten 
Stellung erhoben hat oder auch nur darin duldet ; wir sind 
nun einmal alle für alles verantwortlich, .was mit unserer 
aktiven oder passiven Mitwirkung zustande kommt. Wer 
sich von den Ursachen eines Sieges oder einer Niederlage 
Rechenschaft geben will, der soll sich nur nicht bei der 
ersten oberflächlichsten Schicht aufhalten, wozu auch keine 
andere Nötigung als die eigene Oberflächlichkeit vorliegen 
kann, sondern immer versuchen, zu den tieferen und tiefsten 
Ursachenschichten vorzudringen. 

Wir müssen zu der allgemeineren Frage übergehen^ 
welche die dem Kriege als Prüfungsform zukommenden 
Vorteile sind? 

Die Frage nach der Größe dieser Vorteile ist der 
Kern des ganzen Problems. 

Die Nachteile der Völkerkämpfe haben wir scharf 
beleuchtet, und ihre riesige Größe mit Grauen erkannt. 
Was wir zur Beruhigung und zur Kompensation anführten, 
erschien uns klein und unbedeutend im Vergleiche zu den 
ungeheuren Opfern, die der Krieg uns auflegt. Recht- 
fertigen kann ihn nie der bloße Hinweis auf seine tat- 
sächliche Existenz. Denn diese beweist nur, daß er augen- 
blicklich notwendig ist, rechtfertigt ihn aber nicht vor / 
unserem denkenden und fühlenden Geiste. Mit dieser 
Existenzfrage, die übrigens keineswegs ohne Bedeutung, 
haben wir uns nachher zu beschäftigen. 

Jetzt aber die große Frage nach den essentiellen 
Vorteilen der Kriege, die uns etwa zu der Überzeugung 
berechtigen würden: wenn es keinen Krieg gäbe, müßten 



— 190 — 

wir Um erfinden! oder anders aasgedr&ckt: die Kriege 
können seltener werden, in vielfacher Weise verändert 
und verbessert, den wechselnden Umständen angepafit, 
wie sie im Lanfe der Zeiten sich in allen möglichen 
Sichtangen geändert haben, sie dürfen aber nicht ver- 
schwinden I 

Der Krieg hat also, meiner Überzeugung nach, essen- 
tielle und unersetzliche Vorteile. Ich werde mich erst be- 
mühen, die Art und Größe dieser Vorteile klarzumachen, 
ihre essentielle Verbindung mit dem Völkerkampfe, und 
dann die Unmöglichkeit dartun, sie in anderer Weise als 
eben durch den Krieg zu erlangen. 



1. Ohne Krieg kein Staat. 

Sowie unzählige Apotheosen ttber den Staat geschrieben 
sind, ebenso häufig wurde er angegriffen. Der eine spricht 
von ihm mit mystischem Schauder, der andere betrachtet 
ihn als das größte Übel. Es ist für mich fast selbstver- 
ständlich, daß so weite Divergenzen nicht wirklich in ver- 
schiedener Schätzung desselben Objektes begründet sind, 
sondern in Verschiedenheit des Temperamentes einerseits, 
anderseits aber darin, daß auf ganz andere Sachen geaitchet 
wird. Ich glaube, daß bei einigem Realismus in der An- 
schauung eine gewisse Einigung erreicht werden könnte. 
Der Staat ist die weiteste reelle und lebendige Organisation 
der Menschen, die existiert. Es gibt keine weitere, ex 
deflnitione, die weiteste ist eben der Staat, eine weniger 
weite wäre nur ein Unterteil eines Staates, wenn sie ebenso 
reell und lebendig wäre. Die größte Weite mit der größten 
Realität vereint, macht den Staat aus. 

Von allen Philosophen hat ihn am meisten Hegel 
verherrlicht, Schäffle und Spencer machen ihn ihrer 
unglücklichen Marotte gemäß zu einem Überorganismus. 



— 191 — 

Betrachten wir ihn ohne ihre Analogien, ohne ihre 
Hypostasierang und ohne Mystizismus.^) 

Die tiefste Bedeutung des Staates liegt nicht in seinem 
praktischen Nutzen als Pflegers des Rechtes, von wie 
großem Werte der Rechtsstaat als solcher auch sein möge; 
ebensowenig in seiner Fürsorge für die Armen und 
Schwachen, einer delikaten Aufgabe, für die er sich nur 
zum Teil eignet, und die man jetzt, bis zur Gefahr über- 
trieben, zu seiner Hauptfunktion machen möchte; die 
Förderung der allgemeinen Wohlfahrt gehört ebenso gewiß 
zu seinen Aufgaben, als er nie zum volkstümlichen Arbeits- 
staate werden darf.^) All das und viel mehr kann der 
Staat verrichten, weil sein Kern etwas anderes ist. Er 
kann diese Pflichten erfüllen , weil er eine eigene 
Existenz führt, und zwar als weiteste real lebende / 
Oemeinschaft, die weiteste Expansion der Menschen mit 
dem intensivsten Leben vereint. Es gibt keine mehr 
umfassende und zugleich intensiver lebende Vereinigung. 
Die Menschheit umfaßt zwar viel mehr, aber ihr Band 
ist zu schlaff, sie hat kein eigenes Leben, sie ist , 
nicht organisiert, und kann, wie wir noch beleuchten 
werden, in absehbaren Zeiten kein reales Dasein führen. 
Sie ist den Höchsten ein Gedanke, für die Masse nichts! i 
Die Kirchen sind entweder zu schlaff organisiert oder sie , 
bilden wie die katholische Kirche zur Zeit ihrer Blüte 
•eigentliche Staaten, die aber als solche an großen und 
prinzipiellen Fehlem leiden; auch sind die Aufgaben der 
Kirchen zu bestimmter und eigentümlicher Natur um 



^) A. L a s 8 o D , Das Kulturideal und der Krieg, zuerst 1868 
'Und 1906, gehört leider auch zu den Staatsmystikem. Seine in 
mancher Beziehung ausgezeichnete Verteidigung des Krieges wird 
hierdurch und durch die Einseitigkeit, mit der er von abstrakten 
Prinzipien und übrigens vom preußischen Staate seiner Zeit ausgeht, 
-erheblich beeinträchtigt. 

^) A. Menger, Neue Staatslehre, 1904, S. 20, 21. 



— 192 — 

andere, ganz abweichende Funktionen damit zu verbinden. 
Der Staat allein ist der weiteste und zugleich kräftigste 
Verein, der alle Pflichten erfüllen kann, die einer Gemein- 
schaft gestellt werden können. Das Leben in ihm bringt 
die höchste Entäußerung des Egoismus mit sich, dessen 
der Mensch überhaupt fähig ist, und zwar nicht für 
Augenblicke — denn das ist auch für die Kirche oder einen 
sonstigen freien Verein möglich — sondern ständig, ohne 
'Aufhören, das ganze Leben lang.^) 

Man möchte mir vielleicht die etwas rauhe, gewalt- 
tätige Entstehungsweise fast aller Staaten entgegenhalten^ 
als wenig geeignet eine so ideale Verbindung zu erzeugen. 
Dem entgegne ich aber, daß die Geburt des Staates wenig 
zur Sache tut, daß alles auf sein Leben, sein Funktionieren 
ankommt. Die einzige, allerdings sehr bedeutende Frage 
ist hier, ob das Gefüge des Staates fest genug gekittet 
ist um nicht bloß ein normales, sondern auch ein intensives 
Funktionieren, ein kräftiges Leben zu ermöglichen. Hier 
mag denn die Entstehungsweise keineswegs ohne Einfluß 
bleiben. Es ist nicht zu erwarten, daß die polnischen 
Provinzen so bald ein normales Organ des deutschen 
Staates ausmachen werden,^) und dasselbe gilt von den 
Reichsländern in erhöhtem Grade, wenn wir den franzö- 
sischen Nachrichten über ihre Stimmung einigen Glauben 
beimessen dürfen. Die Buren machen noch keinen fest 
anhängenden Teil des britischen Reiches aus, und die Nach- 
kommen der tausende von Opfern der Konzentrationslager 
dürften das auf lange Zeit nicht tun. Solche Prozesse 
sollen nicht überhastet werden. Die Geschichte hat keine 
Eile. Tatsache ist, daß manche, wo nicht alle Teile 



^) Die Klöster gehen hierin freilich viel weiter, aber sie sind 
nur wenigen möglich und müssen wesentlich Ausnahmen bleiben, da 
sonst ihr Wesen der Kultur und der Menschheit zu schädlich wird. 

*) Vgl. H. Geffcken, Preußen, Deutschland und Polen seit 
dem Untergange des polnischen Reiches, 1906. 



— 193 — 

der heute einheitiüchsten Staaten in gewalttätiger oder 
schlimmerer Weise zusammenkamen, ich denke an Erb- 
recht, Heirat und Kauf, die Periode des Zusammenwachsens 
mag da etwas länger gedauert haben, das hängt gar nicht 
allein von der Zusammenfttgung ab, sondern von Rassen- 
und Kulturverwandtschaft, ob die Verbindung vorteilhaft 
in irgend einer Beziehung, ob eine Bltiteperiode bald 
darauf folgte, usw., — zu guter Letzt machten die einst 
getrennten Teile dennoch ein fest gefügtes Ganze aus, das 
eines einheitlichen Lisbens und Wirkens fähig ist. Darauf 
allein kommt es an.^) 

So sind 4ie Staaten die größten Einheiten, die unter 
allen gegebenen Umständen der Gegenwart und der Ver- / 
gangenheit möglich sind, d. h. die entstehen und bestehen 
konnten. Die Verkettung der Ereignisse aller Art machte 
nun einmal Holland klein, Frankreich mittel-, die Ver- 
einigten Staaten Nord-Amerikas sehr groß. Das ist nichts 
weniger als zufällig. Jeder Staat, ob klein oder groß, ist 
also die weiteste reale Organisation, zu der die Menschen 
an irgend einer Stelle unter den gegebenen Umständen 
kommen konnten. Und zugleich ist der betreffende Staat 
das weiteste Kollektivleben, wozu das Volk augenblicklich 
fähig ist. Die Staaten und ihre Substrate, die Völker, sind 
unter den Menschen, was die Individualisationen unter den 
Atomen,^) Die großen Staaten sind selbstverständlich 
weniger fest gefügt als die kleinen. Manche sind noch 
keine dauerhaften Gebilde, sie sind noch in ihrem Werden 
begriffen. Ob sie allmählich homogenere Einheiten werden, 
oder ob die Macht der Gegensätze, die sie bergen, schließ- 



^) Ed scheint mir gar nicht so sicher, daß Einheit der Kultur, 
wie Lassen 1. c. S. 23ff. und 51 ff. will, die Basis des Staates ab- 
gibt, es kommt mir vor, daß diese Auffassung, wie fast alle von 
Lasson, den Tatsachen wenig entspricht. 

^) Lipps 1. c. S. 214 scheint das zu verkennen, wo er die 
Völker „viele Einzelne*" nennt. 

Steiximetz. 13 



— 194 — 

lieh zu Spaltungen führen wird, das hftngt von denselben 
Kräften nnd Umstünden ab, welche die jetzt mehr oder 
weniger fertigen einst gestalteten. 

Jeder Staat stellt in seinem kollektiven Leben eme 
Überwindung des Egoismus dar, der ihn zu einem unent- 
behrlichen Gliede in der Reihe der menschlichen Gestaltungen 
macht Die Individuen können erst ihr volles Wachstmn 
erreichen, wo der Staat mit seinem Gesamtleben zu ihrer 
Individualexistenz hinzutritt und soweit sie an diesen) 
höheren Leben einen realen Anteil nehmen.^) Ebenso er- 
reicht der Staat erst seine höchste Blflte und Kraft, wenn 
alle Individuen sich innig an ihm beteiligen. Autokratie 
und Klassenherrschaft, die beide das letzte unmöglich 
machen, schwächen deshalb den Staat, den sie angeblich 
stützen, aufs empfindlichste, bis zur Besiegung durch andere 
und bis zum Untergange. Selbstherrscher und privilegierte 
Stände sind die ärgsten Feinde des eigenen Staates.') 

Der ganz einzige Vorzug des Staates, der ihn schon 
über alle freien Vereine erhebt, besteht in dem Umstände, 
daß er allein ein vollständiger Zwangsverein ist, nnd daß 
er nicht spezialisiert ist in seinen Zwecken und nie sein 
kann. Beides im Gegensatze zu den freien Vereinen jeder 
Art Ein Staat, der in seinen Zwecken auf eine bestimmte 
Funktion beschränkt wäre und aus dem der Austritt allen 
frei stünde, ein solcher Staat wäre eben kein Staat mehr, 
er könnte nicht souverän sein, er müßte ein umfassenderes 
und festeres Kollektivwesen über sich erkenneu. Mß 



^) Icli teile durchaus nicht die mystische Auffassung vom Staate, 
die L a s 8 o n vertritt, z. B. S. 22, 49 u. a. a. S., der Staat kann nie 
Selbstzweck sein, weil überhaupt nur der Mensch sich Zwecke setzen 
kann; übrigens läßt auch Lasson den Staat höheren Zwecken 
dienen; vgl. S. 22, 21 u. s. f. 

») H. V. Treitschke, Politik, Bd. 1 S. 6I/Ö2 läßt die Konse- 
quenz seiner eigenen Forderung, daß der Staat über den Farteiea 
stehen solle, nur zu sehr aus den Augen. 



— 195 — 

weiteste Organisation, zu der Menschen sich erheben 
können, muß sich auf ihre Mitglieder verlassen können, 
sie muß einen festen Bestand haben, und sich frei 
bewegen kOnnen, sie darf sich nicht anf eine Angabe 
beschränken, denn, was sie nicht mehr tun kann, kann 
Keiner tun, sie muß sich über alles ausbreiten können. 
Sonst wäre die Macht, die sich dieser Aufgabe annahm, 
über sie erhaben und würde sie ersetzen müssen. Daher 
der ewige Kampf zwischen der katholischen Erche und 
allen Staaten; wer nicht mit ihr gekämpft hätte, hätte 
als Staat abgedankt. Die Kirche mußte bei der allmäh- 
lichen Festigung der Staaten als Staatsmacht untergehen, 
wie es jetzt geschieht. Es bleibt eine der hohen Ehren 
des Protestantismus, diesen Kampf gegen die Übergriffe 
der Kirche eine lange Zeit geführt zu haben.^) 

Der Umstand, daß der Staat nun einmal kein freier, 
offener Verein ist, in den man ein- und aus dem man aus- 
treten kann, erhöht seine Bedeutung als Kollektivwesens 
ganz außerordentlich. Im freien Vereine verbleibt keiner 
länger als er eben Lust hat, im Staate muß man aus- 
harren. Den Verein wählt man nach seinem Geschmack, 
in den Staat wird man hineingeboren, man muß sich mit 
ihm abfinden, wie es eben geht. Wie unendlich erhöht 
das den Wert des Staates als Lebensschule, als Lebens- 
gemeinschaft ! Jede andere Gemeinschaft ist. Spielerei 
neben ihm, er ist der Ernst des Lebens, den man nicht 
wählt, sondern würdig und tapfer trägt. Er ist die Ehe, 
alle freien Vereine sind Konkubinate. 



*) Das hochbedeutende Werk von Prof. Götz, Der SyUa1)Us, 
1905, beweist, wie gefährlich die Tendenzen der römischen Kirche 
poch immer sind, und wie dieselbe noch keine ihrer Staats- und 
kulturfeindlichen Ansprüche hat fallen lassen. Wie schmählich, daß 
der Protestantismus in Holland wie in Deutschland seine historische 
Rolle, die Bekämpfung des Papsttums, aufgegeben, in ersterem 
Lande sich sogar zu einem ausdrücklichen Bündnisse mit Rom herbei- 
gelassen hat. . 

13» 



— 196 — 

Sollen die Staaten als KoUektivwesen ein frisches, 
echtes» intensiyes Dasein ffihren, sollen sie wirklieh die 
Individuen ans ihrer beschränkten Sonderezistenz empor- 
heben, so mässen sie eine eigene Kraft entwickeln könn^i, 
so muß ihr Bestand gesichert werden. Auch wenn wir nvr 
an die 80 notwendige Hilfe und Unt^rstfttzang denk^s^ 
die der Staat den Individuen in ihrem eigenen Leben an- 
gedeihen läßt, verlangen wir schon die kräftige Entwicklang 
der Staatsmacht. Nur wenn er eine starke» festgefügte 
Einheit bildet, kann er für seine konstituierenden Elemente 
segrasreich wirken. Soll der Staat also seine vielseitige, 
hohe Funktion erfällen, so mnS er em kräftiges eig-enes 
Leben führen. Das kann er aber nur, wenn er dieselben 
ISgenschaften besitzt, die das Individuum dazu befähigen 
und die wir früher kennen lernten; der Staat muß den 
festen Willen haben sich selbst zu behaupten, sich gegen 
andere abzugrenzen, aber auch sich selbst zu erweitem. 
Der Staat muß sich gegen fremde, unerwünschte Personen 
abschließen können. Ein Staat, der sich überfließen läßt, 
läuft Gefahr zu zerfließen, und damit würde seine Existenz 
aufhören. 

Wer einmal Individuen will, Sonder wesen mit eigener' 
Existenz, der muß die Erfüllung ihrer Lebensbedingangea 
nicht beanstanden. Zu diesen gehört aber an erster Stelle 
der Wille, den eigenen Charakter, die eigene Persönlichkeit 
zu behaupten, nicht in andere aufzugehen. Die hierzu 
unbedingt nötige Eigenschaft ist aber ein gewisser 
Egoismus, der, wenn er den hier erforderlichen Grad er- 
reichen soll, notwendig bis zur Aggressivität gesteigert 
werden muß. 

Jedes kräftige Individuum, ob Einzel- oder Kollektiv-, 
will sich selbst behaupten, sich ausdehnen, sich erweitem, 
ringen mit anderen. Wie könnte der Staat ohne eigenen 
Charakter, ohne scharf markierte Abgrenzung gegen andere, 
Liebe zu sich selbst bei seinen Angehörigen erwecke^? 



— 197 — 

und wenn er das nicht kann, da hat er eben seinen 
höchsten Zweck, seine Bürger an einem höheren, weiteren 
Leben, dem der KoUektivit&t, teilnehmen zu machen, 
verfehlt. 

Man kann nnn einmal den Staat nicht wirklich wollen 
und ihn zugleich zu einem leeren Dasein verurteilen. Soll 
er wirklich leben, so muß er einen eigenen Charakter be* 
sitzen, sich abschließen können, da muß er seine Grenzen 
verteidigen dürfen, da wird er Liebe und Haß erwecken, 
an die eigene Zukunft glauben, sich erweitem wollen, um 
all das mit anderen zu ringen begehren. Man kann nicht 
sein Leben wünschen und zugleich die Äußerungen dieses 
Lebens ihm untersagen. 

Weshalb erwecken die Kommunen, die Städte und 
Dörfer keine Liebe wie früher mehr bei ihren Angehörigen ? 
Nur weil sie nicht mehr souverän sind, weil sie keine ab- 
geschlossene Existenz führen, weil die durch den modernen 
Verkehr realisierte absolute Freizügigkeit das getrennte 
und damit das eigene Leben, den eigenen Charakter der 
Gemeinden aufgehoben hat. Die Hauptsache ist aber, daß 
die Kommunen unter einander, weil sie nicht mehr souverän 
sind, nicht kämpfen dürfen und deshalb die hingebende, 
die leidenschaftliche Liebe ihrer Angehörigen nicht mehr wie 
früher zur Stütze in den höchsten Nöten brauchen und 
sie deshalb auch nicht mehr erlangen.*) Nur noch kleine 
Dörfer, die sich mitunter einmal mit den Nachbardörfern 
herumschlagen, dürften echte heiße Liebe im Herzen der 
Insassen erwecken, und nur solche feurige Liebe, aber 
eine solche sehr entschieden, nimmt eine Stelle in unserem 
Leben ein, die wir nur nicht unterschätzen sollten. 

Um volle Kraft zur Erfüllung seiner Punktionen zu 
entwickeln, um warme, hingebende Liebe zu erwecken. 



^) Vgl. Macaulay, Macchiavelli, in, Gritical and Historical 
Essays, 1877, p. 48 über den notwendigen Lokalpatriotismus der 
alten Griechen. 



— 198 — 

muß der Staat ein volles Leben föhren, in Gefahr und 
Not verkehren, am sein Leben ringen mit allen seinen 
Kräften; mit einem Worte der Kampf darf ihm so wenig 
fehlen wie den Individuen. 

Ohne Kampf und Not kann keine Einzelperson ein 
lebenswertes, intensives Leben führen, Kampf und Not 
braucht das Kollektivwesen ebensosehr, ja noch viel mehr, 
weil seine Elemente nnn einmal viel lockerer zusammen- 
gekettet sind als die des Individuums. 

Es ist die große Gefahr unserer, oder vielmehr fast 
aller Zeiten, nach beiden Seiten leicht zu entgleisen, nach 
der des übertrieben egoistischen Individualismus wie nach 
der entgegengesetzten, ebenso gefährlichen des übertriebenen 
Kommunismus. Das häßlichste ist wohl das Ideal der 
heutigen Sozialdemokratie, das ich eine widernatürliche 
Mischung beider sich sonst widersprechender Extreme 
nennen möchte: einen individualegoistischen Kommunismus. 
Das Richtige ist die Harmonie zwischen Aufrechthaltang 
des Ichs in voller Kraft und Frische und echter selbst- 
loser Hingebung an das große Ganze, das zugleich die Zu- 
kunft vertritt. Aber die einen wollen vom Staate nichts 
wissen, weil sie meinen, ihn nicht nötig zu haben, und die 
anderen erwarten von ihm nur Förderung ihrer Eiinzel- 
interessen. Es mag wohl zu allen Zeiten nur wenige ge- 
geben haben, die im Staate viel mehr iind anderes sahen 
als eine milchende Kuh. So wenige sind von der echten 
Liebe zum Staate ergriffen, und doch ist diese Liebe so 
viel eher möglich als Liebe zur Menschheit, die eben, weil 
die Menschheit keine gesonderte sichtbare Existenz führt, 
so unendlich viel schwerer gefühlt wird. Die Menschheit 
muß leerer Schemen bleiben, wo das Vaterland, der eigene 
Staat heiße Liebe und Treue bis an das Grab erweckt.^) 



^) Wenn Lipps 1. c. S. 214 sagt: Der Patriotismus muß sich 
zur Menschheitsliebe erweitern, so spricht er eine ebenso selbstver- 
ständliche als leere Phrase aus. 



— 199 — 

Wer fühlte je für die Menschheit, die 1600 Millionen, wie 
so manche Polen für ihr verschwundenes Vaterland ? Diese 
echte Liebe zur großen, dennoch beschränkten Gemein- 
schaft ist ein hohes Gluck, das, die es nicht kennen, nicht 
beurteilen sollten. 

Die Vaterlandsliebe kann eine wirklich treibende Kraft 
sein, die über den engen Egoismus hinausdrängt und ist 
das bei relativ vielen, eben weil sie positive Aufgaben, 
deren Erfüllung uns möglich, stellt, weil ihr Objekt sicht- 
und umfaßbar, weil sie unseren psychischen Kräften, meistens 
Schwächen, angemessen ist. Die Menschheitsliebe über- 
steigt dieselbe um sehr vieles, und deshalb ist sie meist 
nichts weiter als eine freche Phrase. 

Wer einen illusionslosen Blick auf die Menschen wirft, 
wer nicht geneigt ist Wünsche mit Tatsachen zu verwechseln, 
der wird einen realen Patriotismus mit all seiner inhä- 
renten Beschränktheit dem leeren Scheine der Menschheits- 
liebe vorziehen. 

Wer die höchste Steigerung des menschlichen Lebens 
als Ideal betrachtet, der muß die Vaterlandsliebe behalten 
wollen und natürlich auch ihre Voraussetzung, den kräftigen^ 
seine Bürgfer mit leidenschaftlicher Liebe und Hingebung er- 
füllenden Staat, das ist denjenigen, der ein volles Eigenleben 
führt, mit Not und Kampf, der sich behaupten und aus- 
dehnen will und die Bedingung dazu, wie zu allem starken 
Leben, erfüllt, der assertiv und aggressiv zu sein wagt.^) 

Der Staat braucht, wie das Individuum, zu seiner vollen 
Existenz: Gefahr, Not und Kampf. Wer einen Menschen 
liebt, der soll ihm diese nicht ersparen wollen. Ich denkej 
das ist nun allgemeine, fast triviale Weisheit geworden. 
Dasselbe gilt für den Staat. Aber nur, wer wahrlich staat- 



^) Bei Godard, Patriotism and Ethics, 1901 findet man ganz 
bequem alle die modernen Dummheiten mit der liebenswürdigsten Ab- 
sicht beisammen: viel Gefühl und keine Kenntnis des wirklichen 
Menschen. 



— 200 — 

lieh zu denken fähig ist, kann diesen Satz verstehen nnd 
ihm beistimmen. Übrigens sollten auch die anderen, die 
vom Staate nur die Förderung ihrer ^o- oder altruistischen 
Sonderzwecke .verlangen, erwägen, daß nur der starke 
Staat ihnen nützlich sein kann nnd daß er, wie jedes 
lebende Wesen, der Kämpfe braucht um wahrhaft stark 
zu bleiben.*) 

Staat, Vaterland und Krieg sind nun einmal uner- 
setzlich, darum dürfen sie ihre Opfer fordern. 



2. Die essentielle, eigentlichste Anwendungsform 
der Gesamtkräfte ist der Krieg. 

Jeder andere Wettkampf der Staaten, also der größten 
Einheiten, ist eigentlich doch nur symbolisch, tatsächlich 
kämpfen hier die Individuen miteinander. 

Der Staat kann seinen Bürgern in allerlei Weise seinen 
Beistand leisten: durch Erziehung und Unterricht, durch 
Kreditgewährung, Verkehrserleichterung, durch Schutzzölle, 
durch direkte Ermunterung und Hilfe, seine Konsular- 
beamte können den Unternehmern den Weg zeigen. Auf allen 
diesen Wegen stärkt der wachsame Staat seine Bürger im 
Wettkampfe mit den Angehörigen fremder Staaten. Und 
indirekt kann der Staat ihnen noch auf ganz andere Weise 
und weit kräftiger zu Hilfe kommen. Gesetzgebung und 
Verwaltung des Staates üben den tiefsten Einfluß auf das 
ganze Leben nicht nur, sondern auf die Anlage, die Art 
der Individuen aus. Eine Regierung, die wirklich nicht 
an erster Stelle bestrebt ist sich selbst zu erhalten, die 



^) Es ist sehr merkwürdig, daß Novicow, der vom unersetz- 
lichen Nutzen des Kampfes so sehr überzeugt ist, daß er ihn nicht 
aufgeben will, dennoch den Kampf der Staaten leidenschaftlich ver- 
urteilt, wohl nur weil er meint, der Streit der Individuen ginge ohne 
Schmerz und Wertvemichtung ab! Naive Illusion 1 L. c, p. 39. 



— 201 — 

wahrlich nur das Volkswohl fördern will, mit der yolien 
Lienchte der jetzt schon erreichten Ergebnisse der Wissen- 
schaft, könnte hier bereits erstaunlich viel aasrichten. 

^* Ich schwärme durchaas nicht für Staatseinmischung und 
möchte den Staat so wenig wie nur möglich in die Sphäre der 
Individuen hinübergreifen lassen, aber dennoch bin ich über- 
zeugt, daß eine solche Regierung gar vieles und verschiedenes 
zum Wohle der Bürger erreichen könnte. Zuerst durch 
Aufhebung der Mißbräuche und der Ei^ebnisse früherer 
Mißbräuche, soweit das möglich: Erwerbung durch Un- 
recht, auch altes, scheint mir ein schwacher Eechtstitel 
zu sein. Zweitens durch sein Beispiel, der Staat ist nun 
einmal überall der Reichste von allen, der Vornehmste, der 
größte Unternehmer. wenn er einmal wirklich wollte, wenn 
er einmal mit dem alten Schlendrian bräche ! wenn er zum 
Beispiel bei seinen eigenen zahllosen Anstellungen einmal 
nur auf die Befähigung acht gäbe, und diese nicht kon- 
ventionell beurteilte! Das gäbe schon eine tief eingreifende 
Veränderung, die eine stetig wachsende Lawine von guten 
Folgen mit sich führen würde. 

Denken wir uns einmal eine Regierung wie einen klugen, 
edlen Weisen! Das ganze sittliche ^Milieu, das von viel 
größerer Bedeutung ist als das physische, würde anders 
werden. Stolze, vornehme Naturen würden dort erzogen 
werden, selbständig im Urteilen, hoch im Fühlen, stark im 
Wollen; wie solche den fremden Völkern schwere Kon- 
kurrenz machen würden ! Eine Regierung, welche die Ideale, 
die wir alle in unserer Jugend mitbekommen, für ihren 
Teil wahr zu machen bestrebt wäre ! Eine Regierung um 
bloß eins zu nennen, die von allen Beamten ohne Unter- 
schied die Ausübung der Tugenden forderte, die wir alle 
anerkennen und so selten ausüben dürfen : Wahrheitsliebe, 
Selbständigkeit, Stolz, usw. Selbstverständlich strebt eine 
Regierung, die aus der Bevorzugung eines Standes hervor- 
geht, nie nach einem solchem Ideale, ihre eigene Grundlage 



— 202 — 

genfigt ja der ersten Forderung politischer Sittlichkeit 
nicht, welche die freie Mitarbeit aUer einigermafien reifen 
Bfirger verlangt nnd jedes Privileg ansschlieBt Eine nach 
dem Ideal aufrichtig strebende Regierung ist von einem 
Jnnker-, so wenig wie von einem Arbeiterstaate zu erwarten, 
obwohl sich nicht verkennen Iftßt, das augenblicklich eine 
Arbeiterregienmg eine größere Aufgabe zu erfüllen hat, als 
ein gänzlich obsoletes Junk^regiment, schon weil an den 
Arbeitern gar vieles gutgemacht werden mufi nnd den jetzt 
dringendsten Regierungsaufgaben gegenüber ihre Einseitig- 
keit vielleicht am wenigsten gefShrlich wäre. 

Aber wo denke ich hin? Die besten Regieranjren, 
die wir sehen, sind einseitige Parteiregienmgen, gemein- 
sam sind ihnen allen ohne Ausnahme Trivialität nnd 
geringe Liebe zum Ideal. Kein Gewitzigter wird von 
ihnen, von welcher Partei sie sein mögen, was schließlich 
wenig zur Sache tun dürfte, ein rasches, ktQmes Streben 
erwarten.^) Ich erhoffe den größten Fortschritt von den 
automatischen Veränderungen, die nicht mit Rücksicht auf 
das später zu Erreichende unternommen werden. Eine 
ideale Regierung könnte allerdings auch mit ihren Mitteln, 
ohne mehr zu schaden als zu nützen, also ohne Staatstyrannei, 
unendlich viel Gutes erreichen, . . . aber die Regierungen 
sind nie ideal, und deshalb wird sehr wenig erreicht und 
ist es höchst gefährlich, ihnen zu viel anzuvertrauen. 

Doch kehren wir zu unserem Gegenstand zurück 
Durch Gesetzgebung und Verwaltung werden die Bürger 
immer mehr in der Förderung ihrer Anlagen unterstützt 
werden. Sogar die Selektion kann diese Einflüsse erfahren, 
die Vererbung kann einigermaßen gerichtet und korrigiert, 

') Man denke doch an die bitteren Worte, die Scharnhorst 
an seinen Sohn schrieb im Jahre 1805: «lerne diese Tugenden 
(Mut und Patriotismus) früh besiegen, sie haben mir von jeher mehr 
Kummer als irgend ein Laster gemacht. Bei M eh ring, Jena und 
Tilsit, 1906, S. 72. 






— 203 — 

die Individuen können so immer besser für den intei> 
nationalen Wettkampf ausgerastet werden, und zwar mit 
Hilfe und unter Opfern der nationalen Gemeinschaft. Aber 
der eigentiiche Kampf wird hier doch immer zwischen 
den beiderseitigen Einzelnen ausgef echten. Anstrengung 
und Kampf sind nicht kollektiv. Im Handel, bei indu- 
striellen Gründungen, bei der Aufsuchung neuer Wege und 
Vorteile, wo immer die Angehörigen verschiedener Staaten 
mit einander in Wettbewerb treten, überall konkurrieren 
schließlich doch nur die Individuen direkt mit einander, was 
dadurch am deutlichsten ausgedrückt wird, daß dieser 
Wettkampf sich von dem mit den eigenen Volksgenossen 
. in keiner Weise unterscheidet und fortwährend in ihn über- 
geht. Die ganze Art und Form dieses Kampfes ist 
egoistisch, individuell. Das streitende Individuum hat nur 
den eigenen Vorteil im Auge, es denkt nicht oder sehr 
wenig an die Bedürfnisse seiner Volksgenossen, es erfährt 
ihre Unterstützung nur in geringem Grade, sie sind keines- 
wegs auf einander angewiesen, von gemeinschaftlichem 
Ringen für ein gemeinsames höheres Ziel ist gar keine Rede! 

Allein im Kriege treten die Staaten selbst gegen 
einander in die Schranken. Alle Mittel, mit denen der 
Staat seinen Angehörigen den Fremden gegenüber sonst zu 
Hilfe kommt, nützen oder schaden ihnen auch in ihrer Kon-, 
kurrenz unter einander. Sie sind jeden Augenblick bereit, 
wenn es ihnen vorteilhafter, den Fremden und seinen 
Dienst, seine Hilfe vorzuziehen. Nur im Kriege ist das 
anders. Der Krieg ist nur Kollektivkampfmittel, er kann 
nur von einer Gesamtheit gegen eine andere Gesamtheit 
verwendet werden. Und umgekehrt: die einzige Kollektiv- 
wafEe ist der Krieg. Wer den Krieg aufhebt, macht den 
Kampf der Kollektivitäten unmöglich. 

Im Kriege werden die vollständigen Resultanten aller 
Kräfte der Staaten miteinander gemessen: das Kampfver- 
mögen der Heere und Flotten, das schon unendlich viel 



— 204 — 

umfaßt, aber auch die Anstrengung aller Produktivkräftej 
das Dulden sogar aller Frauen und Kinder, und das alles 
wird zu einer Gesaratleistung zusammengefügt. Die Kriegs- 
arbeit ist essentiell kollektiv. Nach dem Kriege gibt es 
kein Kampfmittel mehr für die Staaten und vor- dem 
Kriege haben sie ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. 

Die hier gemessenen Gesamtkräfte sind, wie wir oben 
sahen, die Resultanten aller Eigenschaften und Erwerbungen 
der Gesamtheiten: der Lage des einst nicht ohne An- 
strengung erworbenen Territoriums, der Zahl der Be- 
völkerung, ihrer Seelenkräfte, ihres Reichtums und Kredits, 
der Gesundheit aller moralischen Verhältnisse und derjenigen 
des staatlichen Lebens, der Vitalität der Rasse. Wir haben 
gesehen, wie alles, aber alles zum Siege oder zur Nieder- 
lage zusammenwirkt Die Hauptsache dabei ist jedoch, daß 
hier die -Einzelpersonen sich in die Gesamtheit verlieren. 
Das Egoistische wird hier zu einem guten Teile abgestreift 
und zwar wirklich, in höchster Wahrheit. Hier siegt, wer 
sein Leben zu verlieren wünscht. 

Man nenne mir doch eine andere so ungeheuere An- 
strenguilg, an der so viele teilnehmen, und wo ein zu 
wenig an heroischem Kollektivismus so schwer und un- 
nachsichtig gestraft wird! Ein wohlfeiler Zynismus kann 
die Tatsache nicht aufheben, daß ein Heer, reich an Helden, 
die für den Sieg des Vaterlandes zu sterben wünschen, die 
den Kameraden mit Gefahr des eigenen Lebens, ja mit 
Todesgewißheit zu Hilfe kommen, eine bedeutend bessere 
Siegeschance, als der Gegner ohne sie, hat.^) Tolstoi 
hatte vollständig recht, als er sagte — das Heer siegt, das 
zu sterben bereit ist.^) 



^) Robertson, Patriotism and Empire, 1900, p. 1 18 seq. macht 
allerlei vergebliche AnstreDgungen um zu beweisen, daß der Sieg nur 
auf . . . Schlauigkeit beruht! Die Pfiffigkeit bat also bis jetzt die 
Geschicke der Völker entschieden! 

2) Tolstoi in, «Krieg und Frieden" und auch in, Physiologie 



— 206 — 

Gewiß, den edelsten Philanthropen darf man vielleicht 
nachrühmen, daß auch sie für ihre Arbeit zu sterben ge- 
sinnt waren, manche haben diese Gesinnung wohl durch 
Taten bestätigt, ich vergesse das keinen Augenblick, ich 
bin sogar geneigt, die Zahl dieser stillen Helden höher als 
die Meisten anzuschlagen, aber wie gering bleibt sie 
dennoch! Ein Heer, in welchem der Heroismus so selten 
wäre als die todesfreudige Menschenliebe im Volke, wäre 
der Niederlage gewiß, es könnte kaum zum Kriege 
kommen. 

Es gibt unendlich viel entsetzliches in unseren Gesell- 
schaften. Man denke an den unverschuldeten Hunger, an 
die verwahrlosten Kinder, an die Engelmacherei, an die 
elenden Opfer der Prostitution, an all die Not, all die 
Verzweiflung um uns. Aber wer vernahm je von einer 
begeisterten, spontanen, zu allen Opfern bereiten, die 
Tausende hinreißenden Bewegung dagegen? Man läßt es 
bei Portemonnaie-Philanthropie, einigen Gesetzesvorschlägen 
und einigen öffentlichen Versammlungen bewenden; darauf- 
hin schlummert man wieder ein, bis aufs neue das öffent- 
liche Gewissen einen Rippenstoß erhält. Wenn es hoch 
geht, wird ein Verein gestiftet. Opferfreudige, sterbens- 
bereite Menschenliebe ist nun einmal keine Existenz- 
bedingung unseres gesellschaftlichen Lebens, Heroismus ist 
dagegen, wie alle Kriege bis auf den letzten in erhöhtem 
Maße beweisen, die Bedingung des Sieges im Völkerkampfe. 
Das macht einen ganz gewaltigen Unterschied, der von 
unseren gefühlsreichen, in sozialer, und Menschenkenntnis 
mehr als schwachen Friedensschwärmem ausnahmslos 
übersehen wird. Seine Bedeutung scheint mir aber ganz 
hervorragend. 



de la Guerre, 1888, p. 173 seq., nach Dragomirof, La Guerre et 
la Paix, 1896, p. 88 stammt die Behauptung^ die gewiß sehr einseitig, 
schon von J o m i n i ! 



— 206 — 

Nie wird der natürliche Egoismus durch Hundert- 
tausende so vollständig vergessen als eben im Kriege, Und 
das gilt nicht allein von den Soldaten, sondern von einem 
großen Teile der Zivilbevölkerung mindestens eben- 
so sehr, und die Begeisterung, das Selbstvergessen ergreift 
sogar fremde Völker. Seit vielen Jahrzehnten wurde das 
ganze holländische Volk von keinem so hohen, großen 
Gefühle beseelt als im letzten Burenkriege, wo sein 
Nationalgefühl erregt wurde, und es unter seiner Ohnmacht 
den verwandten Buren zu Hilfe zu eilen in tiefster Seele 
litt. Das ganze Volk war in jenem Gefühle eins, die Volks- 
seele hob und dehnte sich in schließlich sehr wohltuender 
Weise. 

Es kommt darauf an, ob man die Menschen, wie 
sie nun einmal sind, zu sehen versteht oder nicht Wer 
die nicht große und zugleich sehr bedingte Kraft ihrer 
^truistischen Neigungen zu würdigen weiß und zugleich mit 
kritischem Ernste bestrebt ist, sie zur höchsten erreichbaren 
Höhe zu erziehen, der wird auf das hervorragende und 
auf der Hand liegende Erziehungsmittel des Krieges nie 
Verzicht leisten wollen. Die Peitsche darf schon ein bis- 
chen derb sein. 

Jahrzehnte von Wohlfahrt und egoistischem Behagen 
können eine solche allgemeine Lebenserweiterung nicht 
erwecken, als der Kampf der Kollektivitäten das auf ein- 
mal vermag. Alle große, besonders alle sehr große Kraft- 
anstrengung hat etwas Erhebendes, die aber, welche im 
Verein mit den Volksgenossen möglich ist, hat diese 
Eigenschaft in ganz besonderem Maße. Der Kampf der 
Individuen unter einander ist nur Egoismus, der mit dem 
eigenen Volke gegen die Fremden ist zum größten Teile 
Altruismus, er fordert mehr ffingebung an die Interessen 
des Ganzen als Selbstsucht.*) Der Krieg ist der einzige 



^) Man denke an die schönen Worte General Okus, an die 
Offiziere des zweiten Armeekorps, die Barzini aus dem geheimen 



— 207 — 

altruistische Kampf, weil er der Kampf der Kollektivi» 
täten ist. 

Aber nicht nur das. Er bildet auch zugleich die 
einzige Form, in welcher die Staaten, d. h. die organisierten 
Völker, miteinander in die Schranken treten können, jede 
andere Form läuft auf Individuenkampf hinaus und besitzt 
deshalb auch entfernt nicht die hohen, erhebenden Eigen- 
schaften des Krieges. 

Der Krieg ist die einzige wirkliche Staatenkonkurrenz. 
Wer den unersetzlichen Nutzen der Konkurrenz, ungeachtet 
aller ihrer auf der Hand liegenden Schattenseiten allen 
oberflächlichen Zeitströmungen entgegen,^) anerkennt, der 
darf seine Augen vor dem ebenso unersetzlichen Werte 
ihrer Wirkung zwischen den Staaten nicht verschließen. 

Ohne Konkurrenz Erstarrung der Einzelpersonen, ohne 



Zirkular vom 20. Februar 1905 anführt : „Die Soldaten, welche immer 
auf das eigene Interesse und nicht auf das der anderen achten, ver* 
stehen nichts von der Kriegskunst.'' Barzini, Mukden, 1906, S. 4; 
er selbst bemerkt S. 84: die Soldaten werden nur durch ihr Zu- 
sammenwirken zu Helden. Vgl. Loirs Bemerkung „dans la bataille 
tout le monde est solidaire". Gapt. Loir, Etüde d'un cas concret de 
la guerre russo-japonaise, 1906, p. 40. Gerade der Umstand, daß 
solche Worte eigentlich taktische Vorschriften enthalten, erhöhen 
ihren Wert: wo sonst' wird eine solche Taktik eingeschärft? Etwas 
weiter sucht der letztgenannte die Ursache des Sieges in „runion 
des coeurs, la solidarite des armes, ... et le tout domine par une 
ferme volonte de vaincre," p. 40. 

^) Viele Sozialisten wollen wenigstens vorläufig die gleiche 
Entlohnung nicht in den Idealstaat einführen, vgl. z.B. Menger 
1. c. S. 64 ff., doch vergessen sie, daß damit in irgend einer Weise 
zugleich die Konkurrenz, d. h. das Streben nach den bevorzugten 
Stellen beibehalten wird. Auch Lütgenau, Darwin und der Staat, 
1905, S. 72,ff. verwehrt sich vergeblich dagegen, daß die notwendige 
Folge der Massenherrschaft über alles, und das ist die Quintessenz 
des Sozialismus und die praktische Hauptbedingung, ohne welche er 
keine 14 Tage bestehen kann, Beseitigung aller Ungleichheit sein 
müsse, ob die jetzigen Wortführer das gutheißen oder nicht. 



— 208 — 

Krieg Erstarrong der Staaten! Die wirkliche Aufhebung 
des Krieges wäre das erste Symptom des Todes! 

Der Krieg als die einheitlichste KoUektivanstrengung, 
als die einzige, die essentielle Form der Staatenkonkurrenz, 
kann ohne unersetzliche Verluste für die Menschheit nie 
aufgehoben werden. 

Ich möchte hier noch eine Bemerkung hinzufügen: 
in sonderbarem Widerspruche zu der zunehmenden Ver- 
breitung kommunistischer Sympathien in unserer Zeit steht 
die Indifferenz dem eigentlichen staatlichen Kollektivleben 
gegenüber. Ich neige dazu, die Erklärung hierin zu 
suchen, daß die kommunistische Tendenz eigentlich ein 
Ausfluß erstarkten Individualismus, daß sie also nur pseudo- 
kollektivistisch ist Die Einzelpersonen begehren vom 
Staate die Hebung ihrer Wohlfahrt, die Erweiterung ihrer 
Einflußsphäre, sie leben aber bedeutend weniger als früher 
im Ganzen. Und das ist sehr begreiflich. Die Erweiterung 
des Ganzen ging zu schnell vor sich, ihre Sympathie hielt 
keinen gleichen Schritt damit. Sie müssen noch in die 
großen Staaten der Gegenwart hineinwachsen, die Zerrüt- 
tung mancher wirtschaftlichen Verhältnisse macht sie vor 
allem nach Hilfe aussehen, um sich wieder zurechtzufinden. 
Der Widerspruch zwischen den natürlichen Anforderungen 
der Einzelnen und den bestehenden Verfassungen macht 
die Eegierungen und mit ihnen den ganzen Staat verhaßt, 
daher der eigentlich so weit verbreitete Anarchismus, die 
Abneigung gegen den Staat. Die ungeheueren Rück- 
ständigkeiten in manchen Verfassungen, die vielen Reste 
absolut unberechtigten , veralteten Ständewesens geben 
diesem Hasse einen sehr festen Grund. So sehen wir 
denn bei gar manchen Abneigung gegen den heutigen 
und übertriebene Erwartung vom Zukunftsstaate vereint 
Weil aber, wie wir eben sahen, auch das letztere, w^in 
nicht in der Theorie so doch im tatsächlichen Fühlen der 
großen Mehrheit und nicht nur der Ungebildeten schließ- 



— 209 — 

lieh mehr auf Hilfe der Individuen als auf Erhöhung des 
KoUektivlebens abzielt, geht die Neigung unserer Zeit zur 
Erweiterung des Staatswirkungskreises nicht mit größerer 
Intensität des Staatsgefflhls zusammen. Wir verlangen, 
daß der Staat für uns da sei, wir wollen nicht mehr für 
ihn leben. Die brutale Ausnützung des Staates zu persön- 
lichen Zwecken war früher auf die Fürsten und die Edeln 
beschränkt, da sie allein staatliche Macht besaßen, nicht 
weil die anderen besser waren. Jetzt kommen auch die 
egoistischen Gelüste der breiten Schar der bisher Ausge- 
schlossenen ans Wort, der Chorus klingt nicht schöner; 
nur daß jetzt alle mitsingen, ist ein unverkennbarer Gewinn. 
Auch nimmt die öffentliche Heuchelei mit der brutalen 
Offenheit der Massenansprüche erheblich ab, ebenfalls ein 
Gewinn, wir wissen jetzt viel besser, wer wir eigentlich 
sind, wir erkennen uns selbst, der erste Schritt bekanntlich 
zur Bekehrung und Besserung. Der Staatsbetrug der 
Armeelieferanten ist mir lieber als der der Staatsteile 
verschachernden Fürsten. Denn sie lügen nicht so salbungs- 
voll dabei, sie werden leichter entlarvt, es gehört nur ein 
guter Detektiv, keine Umwälzung dazu. 

Wir müssen aufs neue, oder besser, wir müssen jetzt 
einmal wirklich, im Ernste zum Staate, der unser aller 
Staat sein wird, erzogen werden. Die Liebe zum er- 
weiterten Ganzen muß uns zur festesten und besten 
- KeaJität werden, das scheint mir das schönste Ziel aller 
modernsten Erziehung. Der Patriotismus darf nicht auf- 
hören, er muß vielleicht zum ersten Male, seitdem er über 
die Nachbarschaft hinausging, zur harten Wirklichkeit 
werden. Früher mag er sich in den Kriegen offenbart 
haben, die Kriege müssen uns jetzt helfen ihn zu einer 
ständigen Eigenschaft zu machen. Ich weiß sehr wohl, 
daß gar mancher den Wert aller dieser Gefühle leugnet, ich 
meine dagegen, daß die hohe, selbstverständlich echte, 
tiefernste Begeisterung für ein großes Ganze die realste, 

Steinmetz. 14 



— 210 — 

für einen normalen Menschen mögliche Glücksvermehrung 
ist. Es gibt nun einmal nichts wertvolles für uns außer- 
halb unserer Gefühle, und dieses Gefühl kann, gerade 
weil es von vielen geteilt wird und zu Gesamttaten ver- 
anlaßt, den Gesetzen der Massenpsychologie gemäß ganz 
außerordentlich intensiv werden. Wer es abschwächt oder 
ihm seine Grundlage nimmt, beraubt unser Leben einer 
üppig springenden Glücksquelle, und das dürfen wir 
nimmermehr zulassen, es gibt kein schwereres Verbrechen 
gegen die einzelnen.^) 

Die großen Gefühle sind nun einmal, so nüchtern und 
zynisch wie nur möglich betrachtet, das Beste was die 
meisten haben. Ohne sie tritt bei allem Reichtum und 
aller Gesundheit bald der unheilbare Lebensüberdruß ein. 
Die schlimmste Gefahr, welche die Kulturvölker bedroht, 
und keine eingebildete! 

Nie wird das Vaterland mehr und feurigere Liebe 
entzünden, als wenn es um seine Existenz ringt, ein ewig 
sicheres Vaterland würde kaum Liebe][erwecken, Die Forde- 
rung großer Opfer erzeugt Liebe, und Liebe macht glücklich. 
Wer den Staat nur durch Stimm- und Steuerzettel kennt, 
der kann ihn unmöglich mit beglückender Leidenschaft 
lieben. Wer diesem gewaltigen, die Millionen beseelenden 
und beseligenden Gefühle nur die im Kriege zerschossenen 
Glieder und die verschwundenen Milliarden gegenüberstellt, 
der sieht dem gleich, der Liebe und Ehe sich versagt aus 
Furcht vor den Krankheiten der Kinder und dem Verluste 
der geliebten Frau! Aus Furcht vor Schmerz wird er 
unfähig zum Glücke. 



^) Von diesem Gesichtspunkte aus wurden die bekannten An- 
griffe gegen den Patriotismus nie geschrieben. Die Herren machten 
sich die Sache gar leicht, indem sie entweder die unechte Vater- 
landsliebe oder den Auswuchs des Jingoismus. verschrieen, gleichsam 
als ob einer die Liebe angriffe, weil er die Prostitution verurteilte. 
Vgl. z.B. Godard, Patriotism and Ethics, 1901 und Hobson, 
The Psychology of Jingoism, 1901. 



— 211 — 

8. Der Krieg: ist die äußerste, die allerhöchste An- 
strengungr und darf als solche nicht und niemals auf- 
gehoben werden. 

Man meint hier ein Hauptargument gegen den Krieg 
anführen zu können, indem man bemerkt: so gut als die 
Privatfehden und die kleinen Kriege der Stämme und der 
Städte schwanden, so gut kann und muß der Staatenkrieg 
dem gesellschaftlichen Fortschritt zum Opfer fallen; die 
körperliche Gewalt wurde als Hilfsmittel im Konkurrenz- 
kampfe der Individuen verboten und tatsächlich wird sie 
in der übergroßen Mehrzahl der Fälle auch des schärfsten 
Wettbewerbes nicht länger verwendet; sie wurde zur Ab- 
normalität, zum Verbrechen. Es gibt wohl nicht einen 
Friedensenthusiasten, der dem Kriege nicht denselben 
Verlauf wünschte und prophezeite. 

Auch diesem für sieghaft gehaltenen Argumente liegt 
die fatale Nichtbeachtung des Wesens der größten Kollek- 
tivität und die ebenso folgenreiche Verkennung des Unter- 
schiedes zwischen Einzelwesen und Kollektivwesen zugrunde. 
Es darf gar nicht ohne weiteres von der Einzelperson und 
ihrer historischen Entwicklung auf die Kollektivperson, den 
Staat, geschlossen werden ; beide haben ja ganz andere Auf- 
gaben zu erfüllen, und dementsprechend eine andere Organi- 
sation, andere Geschicke und ein anderes Recht. Was für 
den einen gut ist, taugt für den anderen nicht; was den 
einen traf, wird das Schicksal des anderen eben deshalb 
nicht sein. Immer derselbe Fehler des übertriebenen, ein- 
seitigen Individualismus oder vielmehr eines Individualismus, 
der die Bedingungen des individuellen Glückes nach der 
positiven Erfahrung in schroffer Weise verkennt. 

Es besteht ein großer Unterschied zwischen der Ge- 
waltübung der Einzelpersonen und den Kriegen der Staaten. 
Das blutige Gefecht ist nicht die einzige, nicht die essen- 
tielle Weise, in der die Konkurrenz der Individuen aus- 
getragen werden muß, im Gegenteil ist es nur ihre roheste 

14* 



— 212 — 

und primitivste Form, in der nicht die höchsten, sondern 
die niedrigsten Kräfte der einzelnen gemessen werden. 
Sobald der Intellekt sich genug entwickelt hat, wird diese 
Form des Streitens immer weniger verwendet ; es kommen 
die mehr bedeutenden Eigenschaften der Individuen in ihr 
nicht genügend zur Geltung, sie kann nicht länger in der 
gründlichsten und vielseitigsten Weise über das Verhältnis 
dieser Kräfte auf beiden Seiten entscheiden, sie taugt nicht 
länger als Entscheidungsmittel, aus inneren Gründen mußte 
sie verfallen, sie hatte keine Funktion mehr. Das Gefecht 
der einzelnen wurde zur Eohheit und zum Verbrechen oder 
zum Spiel. Bei den meisten Kulturvölkern kommt es unter 
gebildeten Erwachsenen kaum mehr vor, ohne daß es des 
Gesetzes und der Polizei bedürfte, sie davon zurückzuhalten. 
Es ist nicht der Entrüstung einer Minorität gewichen, sondern 
ausgestorben, weil seine Daseinsbedingungen und sein 
Daseinszweck nicht länger gegeben waren. Sein letzter 
Rest, der Zweikampf, steht überall auf dem Aussterbeetat, 
nur gehätschelte Traditionen halten ihn aufrecht. 

Ganz anders verhält es sich mit dem Staatenkrieg. 
Es gibt nun einmal keine andere Form für direkte Staaten- 
kämpfe als eben den Krieg, und im Kriege kommen durchaus 
nicht allein die niederen Eigenschaften der Völker zur Geltung, 
sondern im Gegenteile alle ohne Ausnahme: physische, geistige 
und soziale, die in der unmittelbaren Gegenwart erworbenen 
so gut wie die in der Vergangenheit aufgespeicherten. Der 
Krieg ist der einzige, wirklich entscheidende Kampf zwischen 
Staaten, weil er allein alle Kollektivkräfte mißt. Die Kriege 
allein sind vollgültige Entscheidungen, unanfechtbare 
Messungen, bei denen die Staaten wie die Individuen sich 
beruhigen können, sich beruhigen müssen, weil es nun ein- 
mal keine andere, größere Anstrengung gibt Es wurden 
ja alle Kräfte verwendet. 

Der Unterschied von den Privatfehden ist offenbar. 
Gerade um die Kriege zu ermöglichen, mußten die Fehden 



— 213 — 

aufhören; denn solange die einzelnen miteinander kämpften 
nnd einander töteten, konnte die weitere Einheit sich nicht 
festigen. Das Fehderecht ist ein natürlicher Ansfloß der 
Selbständigkeit; die einzehien und die kleineren Gruppen, 
wie Stämme und Städte und Geschlechter, mußten diese 
Selbständigkeit an die größere Gruppe verlieren, damit 
diese, die weiteste menschliche Organisation sich entwickeln 
konnte. Alle Greschichte erzählt uns diesen Prozeß. 

Der Gewinn bestand nicht allein in der Entstehung 
der größeren Organisation, obwohl auch diese kulturell 
und moralisch sehr bedeutend war, sondern ebenso groß 
war der Nutzen, der dem Individuum erwuchs, das erst 
im Staate des beengenden Schutzes der kleineren Gruppe 
enthoben wurde. Nur der Staat kann die einzelnen be- 
schützen, ohne sie zu gleicher Zeit zu erdrücken, eben weil 
er groß und weit ist. Die Maße sind gar keine gleich- 
gültigen Eigenschaften der Organisationen. In der Quantität 
steckt ein gutes Teil Qualität. 

Erst in unseren großen Staaten konnte der Indivi- 
dualismus erwachsen, der ihnen jetzt in jeder Weise zur 
Gefahr wird. Die kleine Gruppe, die einst dem einzelnen 
ausreichenden Schutz bot, wurde aufgegeben und der des 
Staates vorgezogen, der nützlicher und weniger gefährlich ; 
das Individuum entfaltete sich unter diesem mächtigen Schilde 
zur vollen Blüte. Ob jetzt ein neuer Wendepunkt dämmert, 
an dem der Staat für die organisierte Menschheit aufgegeben 
und vorläufig dem Staate wie einst der kleinen Gruppe 
seine Souveränität und sein Fehderecht genommen wird? 
Wir haben schon von mehr als einem Standpunkte die üner- 
wünschtheit dieser großen Neuerang nachzuweisen versucht, 
wir werden das noch weiter tun und auch die Unmög- 
lichkeit dieser Wendung beweisen, was schließlich viel 
wichtiger ist. Für jetzt möchte ich nur noch dies be- 
merken: wenn die Staaten zum Nutzen der Menschheit 
desorganisiert^ zu ihren abhängigen Teilen herabgesetzt 



— 214 — 

würden, so wäre das, wenn wirklich nnd nicht bloß im 
Scheine, in Worten vollzogen, der verhängnisFollste Schritt, 
den die Menschheit seit Jahrtausenden getan hat. Denn 
die Menschheit kann nun einmal nicht zn einem großen 
Staate auswachsen, eben weil sie die Menschheit, weil sie 
viel zu groß ist, weil sie sechszehnhandert Millionen zählt ! 
Aber auch, weil die Menschheit nun einmal keine Einheit 
bildet, weil die Verschiedenheit zwischen ihren Teilen so 
einschneidend groß ist, weil die Völker durch Lage, Be- 
anlagong nnd Geschichte zu Einheiten mit eigenem 
Charakter zasammengeschweißt wurden. Weil die Geschichte 
nnn einmal eine Realität, realer als unsere Träume! 

Schon wieder stoßen wir auf die Bedeutung der Zahl 
in moralischen Fragen. Die Menschheit kann nie zum 
Staate werden. Bei Aufhebung der alten Staaten mit 
ihrer Beschränkung, die inhärent und kein Fehler ist, gäbe 
es also gar keinen Staat mehr, die Geschichte finge von neuem 
an, wie wir sie in unserem 2. Kapitel skizzierten. Die 
Friedensschwärmer würden nicht frohlocken. Oder ist 
„apres nous le deluge" ihre eigentliche Losung? blicken 
sie nicht über Nasenlänge hinaus, ist ihr Mitleid ein gar 
sehr beschränktes, also grausames? 

Die Aufhebung der Kriege ist deshalb keineswegs ein 
weiterer Punkt in der Fortschrittslinie, die schon zum 
Verbot der Privatfehden führte ; diese ganze Argumentation 
ist weiter nichts als ein Fehlschluß, von der Verkennung 
des doch so ungeheuer großen Unterschiedes zwischen dem 
Staate einerseits und den Individuen und allen kleineren 
Gruppen andererseits ausgehend. 

Auch der Charakter des Krieges als äußerster, als 
letzter Anstrengung führt sowohl mit sich, daß diese An- 
strengung dem Staate allein, überhaupt nur einer Organi- 
sation und nicht einzelnen reserviert bleibe, als daß sie 
nicht unmöglich gemacht werde. Das äußerste Mittel darf 
nicht aus dem Arsenale schwinden. Die Einzelpersonen 



— 215 — 

haben den Kampf mit allen Mitteln nur deshalb an den 
Staat übertragen, weil der Staat ihnen mit seinen Mitteln 
Hilfe leisten kann. Nor bedingterweise konnten die Indi 
viduen auf die schärfste Waffe Verzicht leisten, nur damit 
die Existenz des Staates ermöglicht werde, und deshalb 
galt diese Verzichtleistung nur innerhalb des eigenen Staats- 
gebietes anfangs, später nur den fremden einzelnen gegenüber. 
Es lag kein Grund vor, den Kampf der Gesamtheiten unter- 
einander zu untersagen, auch kein moralischer, weil die 
Staaten zur Betätigung der altruistischen Gefühle groß und 
weit genug waren. Der Kampf der Staaten ist daher, wie wir 
sahen, essentiell ein Kampf mit allen Mitteln, auch mit den 
WaflEen der physischen Gewalt. Die Individuen, die ihr 
äußerstes Kampfmittel an den Staat abtraten und darauf 
den Volksgenossen und den einzelnen gegenüber ganz Ver- 
zicht leisteten, mußten dafür im äußersten Falle auf den 
Staat mit seinen vollen Machtmitteln rechnen können. 

Der Friede der einzelnen war von zu hohem Werte, um 
nicht die Vorteile des fortgesetzten Einzelkampfes ihm zu- 
liebe zu opfern ; sobald aber die Einzelinteressen bei einem 
ganzen Volke übereinstimmen, zum Kollektivinteresse 
werden, müssen die Kollektivkräfte angestrengt werden und 
zwar bis zum äußersten, der Staat muß Krieg führen. Ein 
Staat, der hier versagte, würde abdanken, seines essentiellen 
Existenzrechtes verlustig werden.^) Dementsprechend ist der 
Staat berechtigt, seine Grenzen unliebsamen Einwanderern 
zu verschließen, auch die Friedensschwärmer versagen ihm 
diese Mittel nicht, obwohl sie wissen, daß hier empfindliche 
Schmerzen zugefügt werden. Manchmal wäre ein Krieg 
zur Aufhebung dieser Sperre weniger grausam. 

Die durchgeführte individuelle Konkurrenz schließt in 
bestimmten, sehr wichtigen Fällen die Gruppenkonkurrenz 



^) Sehr schön und richtig hierüber L a s s o n , Das Kulturideal 
und der Krieg, S. 11 ff., 95. 



— 216 — 

in sich, und diese wird nun einmal mit den nachdrücklichen 
Mitteln des Krieges geführt. Die Individuen können die 
Hilfsmittel ihrer Gemeinwesen nicht unbenutzt lassen, ohne 
überhaupt auf Selbstbehauptung und Selbsterweiterung zu 
verzichten. Und dieser Verzicht, den manches weiche Herz 
hier gewiß mit Seelenruhe empfehlen würde, wäre die Hul- 
digung vor dem Schwachen nicht nur, sondern vor der 
Schwäche selbst, also die Förderung aller Leiden, unendlicher 
Schmerzen für die einzelnen, das Verderben der Menschheit. 

Ein Umstand macht die Berufung der Staatsangehörigen 
auf die Hilfe des Staates noch begreiflicher. Die größere 
kollektive Kraft fällt durchaus nicht immer mit der größeren 
Kraft der Individuen zusammen. Der Jude ist bekanntlich 
ein scharfer Konkurrent, einen jüdischen Staat gibt es gar 
nicht. Der Russe ist gewiß schwächer als mancher andere 
im individuellen Wettbewerbe, aber der russische Staat ist 
noch immer stärker als mancher andere. Da ist es wohl 
sehr begreiflich, daß der Jude keine staatliche Hilfe ver- 
langt und meist kein Freund der Kriegsgefahr ist, und daß 
umgekehrt der Russe auf die große kollektive Kraft seines 
Staates nicht gerne verzichtet, auch nicht seinen individuell 
stärkeren Gegnern zuliebe. Weshalb sollte doch nur diese 
Kategorie von Kräften unbenutzt bleiben ? Weil sie Opfer 
fordert ? aber tut das die individuelle Konkurrenz vielleicht 
nicht? Den Schwächeren in dem letzteren Kampfe darf 
man diese Waffe nicht versagen und die Sieger dürfen 
nicht verlangen, daß ihre Gegner, die sonst unterliegen 
würden, ihnen zu Gefallen diese letzte Wehr wegwerfen. 

Wer den Individuen die Konkurrenz gestattet, kann 
sie den Gemeinwesen nicht verbieten. Und wer den freien 
Wettbewerb der Einzelnen aufheben möchte, der sollte 
doch wenigstens den der Gesamtheiten zulassen, um nicht 
aller Vorteile der äußersten Kraftanstrengung auf einmal 
verlustig zu gehen. Das einzige Heilmittel sozialistischer 
Staaten würde der Krieg sein. 



— 217 — 

Es läßt sich gar nicht einsehen, wie Novicow für 
den Nutzen der individuellen Konkurrenz schwärmen kann 
tmd zugleich ganz blind bleiben für den hohen Wert des 
Ringens der Staaten und Völker. Es läßt sich kaum da- 
durch erklären, daß er den Wettbewerb der Einzelpersonen 
für ganz oder annähernd schmerzlos hielte. Denn so viel 
möchte die soziale Kritik des abgelaufenen Jahrhunderts 
und vor allem der Sozialismus doch klar gemacht haben, 
daß diese Konkurrenz unendlich schmerzlich für die Indi- 
viduen verläuft. Novicow erhebt sich aber nirgendwo 
zu dem erforderten Nachweise, daß die durch die Kriege 
verursachten Schäden und Leiden gefährlicher oder schlimmer 
als die des freien Wettbewerbes der einzelnen seien. Die 
letzteren werden seiner Meinung nach durch unersetzliche 
Vorteile aufgewogen, er hätte beweisen müssen, daß dies 
bei den Kriegen nicht der Fall sei. Das erste beste ein- 
seitige Buch über die ungeheueren Nachteile der wirtschaft- 
lichen Anarchie und des ökonomischen Krieges aUer gegen 
aUe bildet jetzt eine schlagende Widerlegung der 
Novicowschen Ansichten. 

Und übrigens wäre der Kampf ohne Schmerz kein 
Kampf mehr und würde er damit alle seine von Novicow 
anerkannten Vorteile verlieren. 

Wenn es aber den Individuen unbenommen sein sollte, 
die Kraft ihrer Gesamtheiten für sich in Anspruch zu 
nehmen, so ist es unmöglich, denselben den Krieg zu ver- 
bieten, das wäre ja ein Ringen mit gefesselten Armen. 
Der Kampf der Völker ist nun einmal der Krieg. Er allein 
gestattet die Anwendung aller auch der letzten Kräfte, das 
ist gerade seine Größe. Wer diese äußersten Mittel noch 
nicht erschöpft hat, der ist noch gar nicht besiegt, der 
kann seinen Gegner noch niederwerfen. Wenn die zahmen 
Hilfsmittel der Diplomatie zu Ende sind, wenn der Staat 
seinen Angehörigen in jeder Weise geholfen hat, da muß 
er zu seinem letzten, essentiellsten Hilfsmittel, dem Kriege, 



— 218 — 

greifen, will er seine Bürger nicht nnnotig, unbesiegt dem 
Gegner aasliefem. Weil dieser Gegner sich in diesem 
Falle gar nicht als der Stärkere gezeigt hätte, läge hier 
wieder ein Sieg des Schwächeren vor, ein Anheben der 
Anstrengung. 

Ich will jetzt dem Einwände begegnen, der manchem 
hier der allerrationellste nicht nur, sondern auch der aller- 
sympathischste ist: wozu diese Anstrengung aller Kräfte? 
Ist sie denn so nötig? Kann man es nicht bei etwas 
weniger Kraft bewenden lassen? Die sanften Seelen unserer 
Zeit schrecken vor der äußersten Kraftanwendung zurück 
und damit vor dem Kriege, der ihnen gerade deshalb so 
zuwider. Ihnen gilt meine Antwort. 

Worin besteht eigentlich die äußerste Anstrengung? 
Gerade in dem Gebrauche derjenigen Kräfte, die den 
Starken vom Schwachen unterscheiden, öder den Stärkeren 
vom weniger Starken. Ihre Nichtanwendung wäre also 
jedesmal ein Sieg des Schwächeren, was foi-tgesetzt das 
Unterliegen der Kraft bedeuten wurde! 

Es ist leider notwendig, angesichts der modernen 
sentimentalen und durchaus törichten Anschauung, hier eine 
Bemerkung über die Kraft einzuschalten. Diese Kraft ist 
gar nicht mit Rohheit gleichzustellen und dann verächtlich 
bei Seite zu schieben. Sie bedeutet: angepaßt sein, 
physisch und intellektuell zu leben befähigt sein. Verdient 
das die Geringschätzung unserer Neurastheniker? Nur wer 
lebt, kann genießen und kann nützen. Wer keine Kraft 
besitzt, kann der Menschheit durch seine Leistungen nicht 
nützen und schadet ihr durch seine Existenz. Physische 
und psychische Kräfte sind die Voraussetzung aller Leistungen, 
ohne sie weder Tugend noch Glück! 

Die psychische und pädagogische Bedeutung gerade 
dieses Äußersten von Kraftanstrengung soll nicht übersehen 
oder gering geschätzt werden. Ein jeder hat doch schon 



— 219 — 

im eigenen Leben erfahren, auf wie lange Jahre es wohltut, 
auch die letzten, die^ allerletzten Kräfte einmal angesprengt, 
irgend einem Bestreben das ganze Ich auch nur ein einziges 
Mal hingegeben zu haben. Es ist ein banausischer Irrtum, 
daß man später solche Perioden als zu anstrengend, zu er- 
müdend bedauern würde, im Gegenteil, sie stellen die 
Höhepunkte der meisten und der besten Lebensläufe dar, bei 
deren Erinnerung man später am liebsten verweilt. Gerade 
sie machen den Stolz einer ganzen Existenz aus, von ihren 
Mühen und Opfern und Siegen erzählt man dem Sohne, 
ihretwegen liebt uns die Frau, ohne sie wäre das Dasein 
gar zu flach und dumm! 

Von den Völkern gilt genau dasselbe, und solcher An- 
strengungen möchte man doch vor lauter Affenliebe die 
Völker berauben. Aber, wirft man mir vor, es kann ein Volk 
sich doch in anderer Weise anstrengen! Nein. Man nenne 
mir doch eine einzige koUektive Tat, die so das ganze 
Volk ergreift, in der so alle Kraft zur Anwendung kommt, 
an der alle, ohne Ausnahme, jeder in seiner Art, so sehr 
mitschajSen, als gerade den Krieg! 

Aber die Anstrengung sollte doch etwas weniger 
erschöpfend, weniger gefährlich, nur nicht blutig sein! 
Man vergißt bei dieser schlauen Sentimentalität, daß 
die Befriedigung notwendig der vorhergegangenen An- 
strengung, den gebrachten Opfern proportional sein 
muß. Ein Ausflug nach dem Grunewald kann unmöglich 
dieselbe hohe Wonne als die erste Fahrt des Columbus 
gewähren, als er endlich Land erblickte. Und das Blut! 
Ja, das ist doch nichts als eben ein Symbol der An- 
strengung, als ein Ausdruck für gewisse Schmerzen. Die 
physischen Leiden sind an sich nicht schlimmer oder ehr- 
würdiger als die anderen, es kommt nur auf ihr Maß an, 
und' das Leid, das Verwundung und Tod uns zufügen, 
braucht nicht schlimmer als anderes zu sein. Der naivste 
Friedensfreund wir.d das zugeben müssen. 



— 220 — 

Gerade weil der Krieg, ob er mit Niederlage oder mit 
Sieg endet, dem ganzen Volke ein tiefes, aber ein kollektives 
Leid schafft, gerade deshalb möchte ich ihn nicht aus der 
Lebenserfahrung der Völker streichen. Obwohl ich nicht 
mit Schopenhauer alle Freude als Aufhebung des 
Schmerzes erklären möchte, so läßt sich doch die tief- 
gehende Bedeutung der Kontrastwirkung für die Steigerung 
der Lust nicht verkennen. Mancher Genuß hört auf, weil 
er nur durch den Kontrast mit vorhergehendem Leide ent- 
steht ; wer freut sich denn in einem wohl gesitteten Staate 
seiner Sicherheit? Für welchen nicht Bettelarmen ist die 
Befriedigung des Hungers ein Hochgenuß? Nur zufällig 
oder beim Sport ist sie einmal ein solcher. Wer kennt 
noch die Löschung des Durstes als tiefste Wollust? Die 
Sicherheit unseres Lebens, die mehr Folge als Absicht war, 
hat uns mancher intensiven Genüsse beraubt. Es ist gar 
nicht so gewiß, daß wir, alles zusammengenommen, reicher 
an Genuß und Freuden geworden sind.^) Um himmelhoch 
jauchzen zu können, muß man erst zu Tode betrübt ge- 
wesen sein. Wir verwehren uns gegen das letzte, deshalb 
wird das erste uns selbstverständlich versagt. Wir ziehen 
Sicherheit und Langeweile der Gefahr und der Seligkeit vor. 

Die Richtigkeit dieser Lebenspolitik scheint mir nicht 
so sehr über jeden Einwurf erhaben, daß man berechtigt wäre, 
sie auch auf die Völker anzuwenden. Den Einzelpersonen 
bleibt durch die natürlichen Verhältnisse noch genug Material 
zum Gegensatze, die einzige essentiell kollektive Anstrengung 
ist aber der Krieg, jedenfalls gibt es kein einziges Ereig- 
nis, das in solchem Maße das ganze Volk aufrüttelte. 



^) Was anders treibt so Manche auf große und gefährliche 
Reisen als das heftige yerlangen, scharfe Reize, die einzig fesselnde 
Abwechslung von Gefahr und Sicherheit, Darben und Genuß zu finden, 
der Langeweile unserer Kultur zu entgehen? Aus denselben Gründen 
wird der Krieg noch von gar Vielen als Genuß empfunden, wie ich 
von Manchen, die den Buren- und den Atjehkrieg mitmachten, vernahm. 



— 221 — 

Nicht ganz ohne Grund hat die Geschichts- 
schreibung sich vorwiegend mit den Kriegen der Völker 
als mit den Höhepunkten ihres Lebens beschäftigt. 
Welches Volk möchte nachträglich diese Höhepunkte aus 
seiner Vergangenheit streichen? Den siebenjährigen Krieg 
und Jena aus der preußischen Geschichte, die Feldzüge 
Napoleons und Waterloo aus der französischen? Welcher 
Holländer möchte den achtzigjährigen Kampf mit Spanien 
ungeschehen machen, wenn er könnte? Es wäre, als ob 
ein Sohn die Periode der schweren Kämpfe aus dem Leben 
seines Vaters streichen wollte! Und ob ein kluger Vater 
dem Sohne die Sturm- und Drangzeit ersparen möchte, 
die doch ihn selbst zum Manne gemacht hat? 

Es herrscht jetzt in mehr als einer Beziehung die 
Neigung vor, das Völkerleben zur Kinderstube umzugestalten. 
Der „volkstümliche Arbeitsstaat" soll dem künftigen Bürger 
alle Mühe der Selbstbestimmung abnehmen, gegen alles 
Leid und alle Gefahr ihn sicherstellen, jede Einzelheit des 
Lebens für ihn regeln, ihn zum Nirwana so recht gründlich 
vorbereiten. Man vergißt ja, daß das Leben, wenn das 
gelungen wäre, so hübsch, so bequem, aber auch so ganz 
ohne Inhalt würde, wie das der indianischen Zöglinge der 
Jesuitenstaaten: es lohnte nicht länger die Mühe, es zu 
leben, die Leute starben vor Langeweile.*) Und doch 
wurde hier noch Krieg geführt. Völker wie Individuen 
brauchen Not, Leid und Gefahr zu ihrer Erziehung, wie 
zu ihrem Leben. Man soll sie ihnen nicht aus falschem 
Mitleid nehmen. 



^) Die IndiaDer der JestiiteDstaateD, für welche das ganze Leben 
hübsch, sogar abwechselnd arrangiert, aber eben arrangiert wurde, 
verloren schließlich alle Lust am Dasein, sie langweilten sich, vgl. 
Gothein, Der christlich-soziale Staat der Jesuiten in Paraguay, 
1883, S. 51 und I. Pfoteuhauer, Die Missionen der Jesuiten in 
Paraguay, 1891, Bd. 3 S. 291. 318, 325, 328, 335 und besonders 337, 
„der Anreiz zum Leben fehlte **, „er verläßt das Leben, ohne es zu 
bedauern, ohne gelebt zu haben.** 



— 222 — 

4. Der Krieg als Weltgericht. 

Noch in anderer, ebenfalls unersetzlicher Weise ist der 
Krieg der Volkserzieher. Die historische Gerechtigkeit 
wird durch ihn vollzogen. Er ist der Staatenhenker wie 
kein anderer. Der ganze Wert eines Volkes, wie er vor 
allem in seinen staatlichen Verhältnissen und in gesell- 
schaftlicher Kraft ausgedrückt wird, gelangt im Kriege zur 
richterlichen Entscheidung. Es gibt nichts Großartigeres, 
nichts Erhebenderes und nichts Nützlicheres als dieses un- 
erbittliche Urteil! Im Kriege, wie wir sahen, wirkt alles, 
geradezu alles ohne Ausnahme zum Erfolge oder zum Miß- 
lingen mit, die ganze Vergangenheit und die ganze Gegen- 
wart mit allen ihren Kräften und Schwächen kommen in 
ihm zur Abwägung, deshalb muß er gerecht sein wie 
nichts anderes auf der Welt, kein ßichterspruch kann den 
Vergleich mit seiner Gerechtigkeit bestehen. Der Krieg 
aber straft nicht nur, er macht auch dem Neuen, Besseren 
freie Bahn, indem er mit dem alten, verdorbenen unbarm- 
herzig aufräumt. Er ist Richter und Reformator zu gleicher 
Zeit. Und gerade seine Gerechtigkeit, ohne Gericht und 
Richterspruch, ist die allerhöchste, weil die allersicherste, 
sie beruht nur auf der inneren Notwendigkeit, der Gerech- 
tigkeit der Natur, die der äußeren, der vom Menschen ein- 
gesetzten so unendlich weit vorzuziehen ist. Jeder 
Richter urteilt einseitig, der Krieg allseitig, Sieg und 
Niederlage sind das Ergebnis der ganzen Geschichte. Wir 
werden ihn nachher mit dem Schiedsgerichte, dem Urteile 
einiger Juristen, vergleichen. 

Alle großen Kriege schließen ganze Perioden in der 
Völkergeschichte endgültig ab, sie können, sie dürfen das 
nach dem allgemeinen menschlichen Ermessen tun, eben 
weil sie abschließende Urteile enthalten, nein, weil sie un- 
endlich mehr als das, natürliche Katastrophen bilden. Das 
Alte hört damit auf, Neues tritt ein, oder wird vorbereitet. 



— 223 — 

Wurde je ein gerechteres Urteil gefällt als durch die 
Schlacht von Jena, im Tilsiter Frieden protokolliert? Kein 
weltweiser Richter hätte anders entschieden zwischen dem 
alten Preoßen und Frankreich, das mit der Revolution und 
unter Napoleon neue Bahnen nicht nur selbst betreten, sondern 
sie auch Europa gezeigt hatte, in die dieses nur widerstrebend 
und widerwillig einlenkte, und die dennoch der Weg der Zu- 
kunft waren. Das Mittelalter mit der Unfreiheit der Person 
war in Frankreich endlich aufgehoben, jeder konnte die 
ihm zusagende Stelle einnehmen und einem jeden konnte 
die seinen Talenten entsprechende Aufgabe zugewiesen 
werden, eine Änderung, welche die Leistungsfähigkeit der so- 
zialen Maschinerie unendlich erhöhte. Wir sind jetzt noch 
gar nicht weit genug vorgeschritten in der Schätzung der 
menschlichen Begabungsverschiedenheit und in der ent- 
sprechenden Verwertung der Individuen um die Bedeutung 
dieses Regimewechsels vollständig zu würdigen. Das alte 
Preußen hatte seine Besiegung in jeder Weise verdient, 
nur nicht in der Hauptsache, in der ungebrochenen Kraft 
seines Volkes, weshalb es sich so schnell erholen konnte. 
Die vollständige Regeneration, oder vielmehr die unbedingt 
nötige Anpassung an die neuen Verhältnisse nahm aber 
noch ein halbes Jahrhundert in Anspruch und hat in dem 
Preußen des persönlichen Regiments wohl noch nicht ganz 
aufgehört. Das alte Preußen war der Niederlage würdig. 
Der Ständestaat ohne Freizügigkeit hemmte die freie Ent- 
wicklung der Individuen sowie die volle gesellschaftliche 
Ausnutzung ihrer Anlagen, er nahm ihnen die Freudigkeit 
an der auf erzwungenen Arbeit und verhinderte die gerechte 
Entlohnung.^) Das Volk hatte keinen Anteil an der Re- 

^) M. Lehmann, Freiherr vom Stein, Bd. 2 1903 S. 15, der 
Staat beruhte auf der Idee, daß die Befähigung zu jedem Berufe 
erblich, der Fürst, die Minister und der Adel Ostpreußens wollten 
die Erbuntertänigkeit nicht abschaffen, die Freizvigigkeit nicht ein- 
führen, S. 46, der Bauernsohn sollte auf immer Bauer bleiben, S. 58—59, 
noch im Jahre 1800 hielten sie an der Leibeigenschaft fest, S. 61, 328. 



— 224 — 

gienmg des Staates, der Adel wurde in ganz ungerecht- 
fertigter Weise, wie Jena und' Auerstädt vollgültig erwiesen, 
privilegiert, die Gebildetsten mußten hinter den Junkern 
zurückstehen, das Interesse des ganzen Volkes an dem 
eigenen Staate konnte nur sehr gering sein, manche 
wünschten den Sieg der fremden Waffen als ihrer Erlöser 
herbei, genau wie 1904 die Russen.') Die Armee, durch 
das Eantonistenregime gebildet, war eines Sieges unfähig, 
Preußens große Männer, die es glücklicherweise unter seinen 
Bürgern besaß, die Stein, Hardenberg, Clausewitz, Scham- 
horst, mußten manche tief einschneidende Operation vor- 
nehmen, die nicht durch die freudige Mitarbeit der offi- 
ziellen Stützen des Staates erleichtert wurde, um hier 
ausreichenden Wandel zu schaffen.^ 

Nicht das Heer der Junker und der Kantonisten, die unter 
den Spießruten ihre Menschenwürde verloren und ihre Liebe 
zum Vaterlande gewiß nicht vermehrten,*) sondern das Genie 
Friedrichs hatte Preußen gegen die drei größten Mächte 



^) L e h m a n D 1. c. S. 353, wir werden an die Stimmung in 
Rußland erinnert, wie sie Ganz dargesteUt hat in „Vor dem 
Zusammenbruche' ^ 

^) Lehmann 1. c. Bd. 1 S. 167, 168, „der Adel . . . weigerte 
sich die Lasten des Gemeinwesens auf sich zu nehmen," im Jahre 
1794 und auch nach Jena wollte der Adel dem armen Staate keine 
Steuern zahlen, Bd. 2, S. 64. Es erinnert an die Gleichgültigkeit, mit 
welcher einst die niederländischen Städte die Versuche Wilhelms von 
Oranien, sie vom spanischen Joche zu befreien betrachteten, s. 
F r u i n , Verspreide Geschriften Bd. 2, 1900 p. 120, laO, 153. 

') Lehmann 1. c. Bd. 2 S. 63 meint, daß Jena „die Hinfällig- 
keit der bestehenden Ordnungen mit einer auch für das blödeste Auge 
ausreichenden Deutlichkeit bewiesen" hat. „Die charakteristischen 
Merkmale des Staates, die provinziale Trennung, der soziale Zwiespalt, 
die Bevormundung und Lähmung der individuellen Kräfte, sie wirkten 
nach bis auf das Schlachtfeld.'' Scharnhorst meinte im Jahre 
1806: „Kein Soldat ist so erbärmlich gepeitscht worden als der 
preußische und keine Armee hat weniger geleistet" ; bei Lehmann 
Bd. 2, S. 547. 



— 225 — 

Europas verteidigt, wie ein überaus kompetenter Richter 
sich äußerte.^) 

Auch das Genie dieses einzehien hatte nicht die Zukunft 
in der Weise zu durchdringen verstanden, wie das wohl 
überhaupt keinem gelungen wäre, daß er die Umwälzung 
vorzunehmen wagte, der er persönlich sehr abgeneigt war, 
und deren Versäumnis doch sein Lieblingsgebilde, den alt- 
preußischen Staat, dem Untergänge nahe brachte. 

Diese Umwälzung war dem Werke eines ganzen Volkes, 
der französischen Eevolution, gelungen. Es war die Schaffung 
eines wahrhaften Volksheeres, das in der Hand Napoleons, 
der Friedrich vielleicht noch überlegen, das Mittel wurde, 
um die morschen, todkranken Staaten Europas aufzu- 
räumen und, soweit sie dazu schon herangereift, die leben- 
strotzenden Grundsätze der Revolution ihnen einzuimpfen, 
wodurch sie späterer sehr schmerzlicher Operationen ent- 
hoben wurden. Der Nationalstolz der preußischen Unter- 
tanen durfte gerechterweise den, dem er allein zu ver- 
danken,-^) den großen König nicht überleben, er war 
antizipiert, nicht das selbsterworbene Produkt freier Staats- 
bürger, sondern ein Geschenk an Untertanen von einem 
Autokraten.*) Der Stolz durfte nur sehr kurz bestehen, 
bei Jena wurde er gründlich ins Gegenteil verwandelt. 
Einen stolzen Eindruck macht das Auftreten des Königs 



^) Kein andrer als Napoleon, bei K o s e r , König Friedrich der 
Große", Bd. 2, 1900, S. 333.; 

^) Koser 1. c. S. 334: Friedrich gab den Preußen ihren National- 
stolz mit seinen Siegen. Lehmann meint aber, das Preußen von 
1800 bilde noch keinen einheitlichen Staat, die Preußen seien noch 
keine Nation, das nationale Gefühl noch schwach, sogar bei den 
Beamten, 7 Minister schwuren Napoleon Treue. L. c. Bd. 2 S. 64. Sie 
wechselten ja nur den Herin! 

*) Friedrich II. war ein echter Autokrat, er und seine Nachfolger 
wollten die Nation gar nicht am Staate beteiligen. Lehmann 
Bd. 2 S. 62, 63. 

Steinmetz. 15 



— 226 — 

and der preußischen Diplomatie nicht gerade, lange vor 
Jena ließ der Stolz dieser Indien sich gar vieles bieten. 

Das Geschick des altprenßischen Staates mußte sich bei 
Jena voUziehen, als er einem moderneren Staate und einem 
neuen Heere sich gegenüber befand. Das Schwergewicht 
Preußens hatte bis dahin im Osten gelegen, weil seine 
Fürsten vor allen Dingen nach Gebietserweiterung gestrebt 
hatten. Den Junker hatten sie dabei als Werkzeug benutzt^ 
der sich dafür aber zu einer fast feudalen Macht aufge- 
schwungen hatte, zu einem Staat im Staate geworden war.*) 

Die freie Entwicklung der änderen Stände wurde ge- 
hemmt, der Landbau sogar blieb zurück ; der feudale Junker 
war nicht der rechte Bodenbesteller, weil er die eigentliche 
Arbeit doch anderen überließ und die unfreie Arbeit nun 
einmal nicht die produktivste ist. Die Intelligenz des Landes 
wurde unterdrückt,*) die Entwicklung des ganzen Volkes 
blieb weit hinter der Frankreichs zurück. Aber wie das 
immer der Fall, Fürst und Volk sahen es nicht ein, Jena 
konnte ihnen deshalb nicht erspart bleiben, die volle Not 
der Unterdrückung mußten sie durchkosten, bevor sie 
Wandel zu schaffen gewillt waren.*) 



^) Lord Malmesbury nannte das preußische Heer ein imperium 
in imperio; Lehmann Bd. 1 S. 169 Anm. L 

^) Die adligen Offiziere übten ., gewohnheitsmäßige Brutalität'^ 
wider die Zivilbevölkerung aus, kein tüchtiger Bürger woUte in einer 
kleinen Stadt Bürgermeister sein, da die Offiziere ihn bald grob be- 
handeln, ja sogar mißhandeln konnten, die Offiziere verachteten die 
Bürger und brutalisierten sie. Lehmann Bd. 1 S. 170 und Bd. 2 
S. 31 ff. 

^) Sogar nach Jena blieb der Adel starrsinnig und unverbesserlich, 
nach Lehmann Bd. 2 S. 57—61 : der Bauer sollte Bauer bleiben, der 
Unterricht schlecht, der patriarchale Staat und die Autokratie sollten 
bleiben, und doch „war die Hinfälligkeit der bestehenden Ordnung 
mit einer auch für das blödeste Auge ausreichenden Deutlichkeit be- 
wiesen worden'', S. 63. Es tat die Niederlage auf dem Schlachtfelde 
dringend Not. 



— 227 — 

Noch immer hat das konservative Preußen nicht 
mit aller Privilegierung des Adels gebrochen, obwohl 
es seine neuere Wohlfahrt ganz anderen Standen ver- 
dankt, und die Legende von dem einzigen Werte der 
Junker als der Führer der Armee doch den blödesten 
Augen als solche demonstriert wurde. In der großen 
Periode der Gefahr hat sich der Adel nicht bewährt,^) der 
Adel ist nicht mehr der Führer der Nation, alle Privi- 
legierung ist ein unrecht, und wird, wenn die anderen 
Stände nur halb erwacht sind, zu einer Gefahr für den Be- 
stand des Staates. Die Bevorzugung aber eines Standes, der 
die Führung des Volkes auf den Hauptleistungsgebieten 
der Periode tatsächlich nicht in den Händen hat, bildet 
eine dreifache Gefahr und .... eine noch größere Dummheit, 
übertriebene Dankbarkeit ohne Grund, nicht einmal in der 
vorletzten Vergangenheit. Bei Jena wurde die Frechheit, 
die den Begriff des „beschränkten Untertanenverstandes" 
geprägt hatte, bestraft, vielleicht werden das persönliche 
Regiment, das der Autokratie verzweifelt ähnlich sieht, 
und die Junkerprivilegierung, die beide in einem Volke 
von gebildeten Menschen unduldbar sind, sich künftig ebenso 
strafen. Eine Art Strafe ist wohl vorläufig die künstliche 
Züchtung der Sozialdemokratie. 

Preußen hatte sich durch die prächtigen Folgen der 
durch seine großen Männer, wie Stein und Schamhorst, 
eingeleiteten Politik und durch die Kraft seines Volkstums 
im Jahre 1870 so weit erholt, daß es endlich in natürlicher 
Vereinigung mit den meisten deutschen Ländern an Frank- 
reich die historisch gerechte Strafe vollziehen konnte. Die 



^) Niebuhr sprach von einem „verfaulten und verdorbenen 
Heere von Offizieren^' ; Stein meinte, ,,die militärischen Mißbräuche 
hätten die Monarchie zugrunde gerichtet^' ; Lehmann Bd. 2 S. 545, 
487, 513. Es ist merkwürdig, wie Me bring, Jena und Tilsit, 
1906, meinen konnte, dem strengen und begründeten Urteile der 
neueren bürgerlichen Historiker noch etwas hinzufügen zu können! 

15* 



— 228 — 

üb^raschend leichte Umwandlung der französischen Ke- 
giemng nach Sedan^) beweist, daß diese B^erong nicht 
fest im Volke gewurzelt war, der größte Fehler nnd der 
verhängnisvollste, der einer E^ening anhaften kann. Das 
Verbrechen von 1852 rächte sich 1870 nnd gerechterweise 
nicht allein an der Begienmg, sondern anch an dem Volke, 
das es sich hatte gefallen lassen.^ Der herrliche Patriotismns 
und die großartige psychische Ejraft des französischen Volkes, 
die im Kriege ungebrochen geblieben waren, erhielten ihren 
notwendigen, deshalb gerechten Lohn in der wunderbar 
schnellen Erholung des Staates und der Gresellschaft, die sich 
sowohl in dem bald erneuten Eeichtume als in der neaen 
Blüte der Kunst äußerte.^ Frankreich hatte hauptsächlich 
politisch gesündigt und politisch wurde es gestraft. Wer 
weiß, welche Strafe die Zukunft dem großen Verbrechen 
vorbehält, welches Frankreich durch seine Neo-Malthusia- 
nischen Sitten an seiner eigenen Volkskraft immerfort 
verübt? Vorläufig verbüßt das heutige Geschlecht diese Strafe 
in der Gestalt von unverhältnismäßig hohen Kriegssteuem 
an Geld und an Menschen. 

Die Russen traf bei Mukden dasselbe gütige, obwohl 
strenge Geschick als die Preußen bei Jena, die Sünden, 
die gebüßt wurden, sahen sich auch in manchen Punkten, 
aber nicht in allen ähnlich. Hier wie dort dumm gehaltenes 
Volk, das der eigenen Regierung und damit des Interesses 
an der Erhaltung des eigenen Staates beraubt wurde, mit 



^) Vgl. die Darstellung in Denis, Histoire Franpaise Contem- 
poraine vol. 1 und die betreffenden Bemerkungen von A. Mnzieres 
über die groben Fehler Napoleons III. in „Silhouettes de Soldats" 
1907, p. 220, 248, 281 f., 292. 

^) Vgl. die allerdings gefärbte Darstellung Victor Hugos in 
„Histoire d'uu Crime*'. 

^) Wie groß war doch der Einfluß der neueren französischen 
Kunst aller Art auf die deutsche „Moderne'' und überhaupt auf die 
Kunst Europas! 



— 229 — 

Ausnahme einer einzigen, brutal privilegierten und nicht 
entsprechend nützlichen Klasse, hier wie dort keine freie 
Volksregierung, sondern eine unfähige Autokratie. Unfähige 
Offiziere hüben wie drüben. Die russische Erholungsarbeit 
ist aber den viel schlimmeren Fehlem entsprechend un- 
vergleichlich schwerer als im alten Preußen, der Staat ist 
noch weniger eine Einheit, der im ganzen dort tüchtige 
Beamtenstand fehlt hier, ein allzu selbständiger Adel ist 
immerhin ein weit geringeres Übel als eine verdorbene, 
rohe Bureaukratie. Die russische Intelligenz sehnte die 
Niederlage herbei,^) wohl im richtigen Verständnis der 
Wahrheit, daß der soziale und politische Fortschritt in 
Rußland immer durch verlorene Kriege angebahnt wird. 
Die erste Verbesserung der russischen Verhältnisse brachten 
die Kämpfe mit Napoleon, Sebastopol führte die Bauern- 
befreiung herbei, Mukden wird nach den vorläufigen 
Scheinresultaten die immerhin geschwächte Regierung wohl 
noch zu reelleren Zugeständnissen zwingen.^) Wahrscheinlich 
wird der Krieg in Rußland noch mehr Henkerarbeit zu 
verrichten haben. Gewiß ! es wäre bedeutend schöner, wenn 
sich das alles durch Kongreßreden und Nobelpreise er- 
reichen ließe. Obwohl es doch nicht die schönsten Zeiten 
waren, als die Schwätzer so ganz die Oberhand erhielten ! 
Und vielleicht wäre es nicht einmal schön, wenn alles so 
schwach gewurzelt wäre, daß eine Rede es umstoßen 
könnte. Da ist ein forsches Leben mit starken Fehlem 
doch besser. 

Auch wenn der Richterspruch des Krieges uns am 
wenigsten gerecht erscheint, werden wir bei näherem Zu- 
sehen manchmal seine glückliche Wirkung entdecken 
können. Sehr schwierig scheint das zum Beispiel bei der 



^) Hugo Ganz, Vor dem Zosammenbruche. 
^) Vgl. Z i ] i a c u s , Geschichte der revolutionären Bewegung 
in Rußland, 1905 und M a r t i n , Die Zukunft Rußlands 1906. 



— 230 — 

mühevollen Besiegong der südafrikanischen Bepubliken 
durch das ihnen anscheinend doch so unendlich überlegene 
englische Weltreich. Der Kampf war aber nicht ganz so 
ungleich als er schien. Manche Umstände waren zum 
Vorteil der Buren, die man zum größten Teile nur nicht 
mit unseren Bauern vergleichen darf, da sie in ^o ganz 
anderen, für den Krieg unvergleichlich mehr disponieren- 
den umständen lebten, zum Teil noch die Kriege mit den 
KafiEem mitgemacht hatten, als Jäger eine große Übung 
im Schießen besaßen.^) Auf der anderen Seite waren die 
Buren in geschichtlicher Hinsicht nicht so ganz im Vor- 
teil, nicht einmal die Transvaaler waren so recht eine 
Nation und ihr Staat war von traurig schwacher Konstitution; 
von den beiden anderen Abteilungen, den Bewohnern des 
Oranje-Freistaates und denen der Kapkolonie waren nur die 
ersten bereit ihr Schicksal mit dem der Transvaaler zu ver- 
binden, die anderen keineswegs, auch hatten diese letzten 
den englischen Einfluß schon viel zu sehr erfahren. War 
es nun aber so ungerecht, daß Art und Begehren der 
größten Abteilung das Schicksal des ganzen bestimmten? 
Um so mehr als die anderen sich nun einmal nicht zu durch- 
geführtem Heroismus aufschwingen konnten. Die eigent- 
lichen Buren machten sich zu vieler Fehler schuldig um 
bei ihrer kleinen Zahl Süd -Afrika beherrschen zu dürfen. 
Der Verrat blühte üppig unter ihnen, die Disziplin fehlte voll- 
ständig, sie haben gar zu viele Dummheiten gemacht,^ und 



') Joteyko, Entrainement et Fatigue au point de vue mili- 
taire, 1905, p. 13 nennt die Buren ganz falsch „simples paysans" und 
will dennoch Schlüsse aus dem Burenkriege ziehen, die natürlich 
falsch sein müssen. Die eigentliche Militare haben die Buren nur 
mäßig bewundert, da ihnen die Hauptsache, die Disziplin, zum großen 
Schaden für ihre Sache vollständig fehlte. 

^) Mafeking, Kimberley und Ladysmith wurden nicht genommen, 
kein einziger Sieg wurde ausgenutzt, Cronje ergab sich ohne zwingen- 
den Grund! 



— 231 — 

zwar, was das Scliliminste war, auch dann, als die Eng- 
länder schon klüger geworden waren, eigentlich haben 
doch nur relativ Wenige unter ihnen die Sache so bitter 
ernst genommen als sie es verdiente. England dagegen 
wurde für seine Frechheit hinreichend bestraft, nicht so- 
sehr durch seine Verluste, die an Geld freilich doch nicht 
so ganz unbedeutend waren, als durch die tiefe Erniedrigung, 
die sein Heer dort erlitt. Es zahlte hier für seine insulare 
Bevorrechtung, die es ermöglichte, daß dieses Heer eigentlich 
nur an sehr schwachen, kolonialen Feinden sich üben und 
messen konnte. Die Buren haben seine Schwäche ganz 
Europa gegenüber aufs eindringlichste demonstriert, was 
nicht gerade ein Vorteil für England ist, das sich doch nicht 
zu einer gründlichen Eeform aufraffen wird. Dazu braucht 
es viel schärferer Schläge. Wahrscheinlich wird der Buren- 
krieg für den englischen Einfluß in Süd-Afrika sich auf die 
Dauer nicht vorteilhaft erweisen. Bothas Aussprüche und 
die anderer Burenführer scheinen anzudeuten, daß das 
Nationalgefühl eher erstarkt als geschwächt aus dem Kriege 
hervorging. Wenn das Volk seiner großen Männer und 
seiner vielen Helden würdig sein wird, dann werden die 
drei Abteilungen des Volkes einmal ein einheitliches Ganze 
vereint ausmachen, und wird Süd- Afrika ihnen gehören. 
Besitzen sie diese Kraft nicht, wer möchte ihnen dann 
ein anderes Schicksal wünschen, als das einen bescheidenen 
Teil eines hauptsächlich englischen Mischvolkes auszu- 
machen. Wenn die grausamen Wunden, die England 
schlug, um so grausamer, weil es schwach war, die Buren 
also eine gute Chance hatten, wenn diese Wunden wieder 
einigermaßen vernarbt sind, wird der Burenkrieg als ein 
kräftiger und nicht falsch wirkender Faktor in dieser 
Volkswerdung und Staatengeburt genannt werden. Ich 
wage diese Prophezeiung. Verbrannte Bauemhufen sind 
das letzte nicht. 

Ein anderes Volk, das durch Kriege alles verloren 



— 232 — 

hat, wird vielleicht schließlich Grund erhalten diesen Kriegen 
dankbar zu sein. Ich denke an das polnische. Keiner 
kann den Verlust seiner politischen Selbständigkeit mit 
allen seinen Nachwehen unverdient nennen. Die adlige 
Anarchie Polens mußte untergehen, weü sie nicht lebens- 
fähig war und das Leben nicht verdiente. Der erbärmliche, 
absolut unpatriotische, unglaublich frivole und verdorbene 
Adel hatte womöglich eine noch viel derbere Strafe ver- 
dient, das Vaterland verlieren konnte ihm ja nicht als Strafe 
erscheinen, denn er hatte es nie geliebt ; am empfindlichsten 
mußte ihn das treffen, was wirklich geschah, der Verlust 
der politischen Macht. Die Elemente zu einer sozialen 
und politischen Kevolution fehlten vollständig in Polen, 
das Einzige was hier Eettung bringen konnte, war die 
Auflösung des Staates, allmählich wurden so bessere Ver- 
hältnisse vorbereitet.^) 

Das russische Polen gehört zu den vorgeschritteneren 
Teilen des Zarenreiches; auch hier bildet sich allmählich 
der Bürgerstand aus, der den starren Gegensatz zwischen 
Adel und Bauern endgültig aufhebt, die freie moderne 
Gesellschaft bricht sich Bahn. 

Im preußischen Polen hat sich die Lage, wie nicht 
anders zu erwarten war, noch viel mehr gebessert. Halb 
durch die deutsche Kultur angeregt, halb durch die nationale 
Erhebung, die hier gute Wege einzuschlagen gezwungen 
war, wurde die Grundlage zu einem neuen polnischen 
Volke gelegt, wurde ein freier Bauernstand geschaffen. Ob 
der Adel und der Klerus das je zustande gebracht, ja es 
auch nur ernsthaft gewollt hätten, wenn sie selbständig 
geblieben wären? Die wirtschaftliche und kulturelle Er- 
hebung wenigstens dieses Teiles Polens dankt es der Auf- 
lösung des polnischen Nationalstaates und dem Mißlingen 



^) Vgl. von der Brüggen, Polens Auflösung, 1878. 






— 233 — 

der Aufstandsversuche.^) Ein guter polnischer Patriot, der 
Eektor der Lemberger Universität, schrieb 1901: „Die 
Schlachta wollte das alte Polenreich wieder herstellen, sie 
verlangte . . . ihre alten Privilegien, ihre frühere politische 
und soziale Stellung, sowie frühere politische Zustände 
zurück". Und „es gibt in den polnischen Ländern um- 
so viele soziale Reformen, als von den Teilungsmächten 
eingeführt wurden". Wo durch besondere politische Ver- 
hältnisse der polnische Adel allmächtig blieb, da dauerten 
die alten Zustände im Wesen unverändert fort.^) Die 
Herren schwärmen für die nationale Freiheit, für sich, 
aber die Rechte der Ruthenen werden von ihnen mit 
Füßen getreten.*) Keiner wird sich eine Prophezeiung 
über die Zukunft der Teile des ehemaligen polnischen 
Eeiches getrauen, aber gerecht erscheint uns das herbe 
Schicksal, das sie traf, im höchsten Grade : der Adel hatte 
die staatliche Auflösung verdient, und das Volk verlor 
nichts dabei Wenn das letztere der Fall, leidet der Staat 
immer an so schweren Fehlem, daß er einen ernsthaften 
Krieg verlieren muß und Auflösung, wenn nicht auf immer, 
so doch für längere Zeit, als notwendige Konsequenz er- 
scheint. Übrigens ist das Volk im weiteren Sinne nie als 
ganz unschuldig an einer derartigen Sachlage zu erachten. 
Wer sich treten läßt, ist schließlich ebenso schuldig als 
wer tritt. 

Manchmal wird der Entwicklungsgang Japans so dar- 
gestellt, als wäre die Umwälzung seit 1854 bloß eine letzte 
Entfaltung längst wirkender Prozesse gewesen, als ob das 
neue Japan sich allmählich aus dem alten entwickelt. 



^) Geffcken, Preußen, Deatschlasd und die Polen seit dem 
Untergang des Polnischen Reiches, 1906, S. 123, 148, 92, auch das 
preußische Polen besitze jetzt einen äußerst starken Mittelstand, S. 93. 

*) Roman Sembratowycz, Polonia irredenta, 1903, S. 8, 9, 36ff 

^) Sembratowycz passim. 



— 234 — 

Europa bloß einen letzten Stoß gegeben hätte.^) Andere 
schreiben das ganze Verdienst der Erwecknng Japans aus 
dem starren Schlafe der Jahrhunderte dem brutalen Auf- 
treten Europas und Amerikas zu.*) Wie dem auch sein 
möge, so viel dürfte gewiß sein, daß ohne diesen derben 
Stoß der Evolutionsprozeß gar lange, wer kann sagen wie 
lange, hätte dauern können! Einen eigentlichen Krieg 
hat es hier nicht einmal gekostet, die Bedrohung mit einem 
Kriege genügte den klugen Japanern, sie sahen ein, daß 
sie sich dem Fortschritte Europas nicht länger verschließen 
konnten, wenn sie überhaupt in einem Kriege mit einem 
europäischen Volke bestehen wollten. Ob ein Friedens- 
kongreßausspruch dasselbe geleistet hätte? ja, mit Zwangs- 
exekution ! 

Wir sahen also, wie die Kriege nicht nur das Alte 
und Morsche aufräumen, sondern auch das Neue vorbe- 
reiten. Das Urteil, das sie fällen, betrifft sowohl die 
Gesundheit der sozialen Verhältnisse als die Kraft der 
politischen Organisation. Beispiele vom ersteren bieten 
Preußen bei Jena, Rußland im 19. und 20. Jahrhundert, 
und Frankreich nach der Revolution, dieses aber im 
positiven Sinne: der Bruch mit dem Mittelalter, die Ab- 
streifung der Fesseln der Stände und Zünfte, die Befreiung 
des Individuums versprachen Frankreich im Kampfe mit 
den zurückgebliebenen Mächten den Sieg, bis der Erbe 
der Revolution zu weit ging, zum Bedrücker der Völker 
statt zu ihrem Befreier wurde und bis die anderen, wie 
Preußen, das Versäumte einigermaßen nachgeholt hatten. 
Sedan war hauptsächlich ein Beispiel der zweiten Gruppe: 
hier war der politische Zustand faul geworden, der Krieg 
mußte die Regierung fällen. 



^) Tokuzo Fukuda, Die gesellschaftliche und wirtschaftliche 
Entwicklung in Japan, 1900. 

^) P. Leroy-B e a u li e u, La Renovation de l'Asie, 1900, p. 187 seq. 



— 235 — 

Die Niederlage im Kriege kann aber anch die 
Strafe für die verkehrte Zusammensetzung des Staates 
sein, was z. B. der Fall war, als Spanien nach dem 
achtzigjährigen Kriege die nördlichen Niederlande verlor 
and diese gewiß auch durch die guten Folgen ihrer 
Unabhängigkeit von Spanien sowie durch die Nach- 
wirkung der gewaltigen Anstrengung im Eingen mit 
dem so viele Male größeren Staate zu einer beispiellosen 
Blüte gelangten. Ein weiteres Beispiel bieten die Nieder- 
lagen Österreichs im 19. Jahrhundert in Italien, deren 
Folge die Befreiung Italiens, seine Erhebung zum einheit- 
lichen und selbständigen Staate, die Zurückdrängung der 
Österreicher aus dem fremden Lande und die Aufhebung 
des weltlichen Gebietes des Papstes war, diese letzte eine 
durch jahrhundertelange Mißregierung ebenfalls wohlver- 
diente Strafe. 

Das kurzsichtige Publikum wird ungeduldig, wenn die 
Besserung der Zustände nicht sofort nach Beseitigung der 
Hindemisse durch den Krieg eintritt. Wie häufig wurde 
über die nicht eben glänzenden Verhältnisse Italiens in 
den ersten Jahrzehnten nach seiner Erhebung abgeurteilt! 
Es mag diese Ungeduld mit unserem in gewisser Be- 
ziehung übertriebenen Individualismus zusammenhängen, 
der uns den Blick auf die großen Kollektivwesen und ihre 
Lebenserscheinungen verlieren und alles nach unseren in- 
dividuellen Maßstäben beurteilen macht. Staaten leben 
länger aber auch langsamer als Einzelpersonen. 

Die Friedenstheoretiker sind zweifelsohne bereit, die 
ganze weltgerichtliche Funktion des Krieges ihrem Schieds- 
gerichte zu überweisen, wie sie überhaupt keinen Anstand 
nehmen ungeheuere Prozesse durch irgend ein ausgeklügeltes 
Mittelchen zu ersetzen. Sie vergessen allein, oder vielmehr 
sie vermögen gar nicht zu sehen, daß die Gerechtigkeit 
des Krieges darauf beruht, daß seine Aussprüche weiter 
nichts sind als die notwendigen Eesultanten der inneren 



— 236 — 

Entwicklung der Völker, nicht ersonnen, nicht der persön- 
lichen Einsicht oder Nicht-Einsicht einiger Menschen, seien 
sie noch so gelehrt, scharfsinnig und gerecht, entsprungen. 
Sieg und Niederlage sind die Endpunkte natumotwendiger 
Prozesse, Urteilssprüche sind Ergebnisse menschlichen 
Nachdenkens, menschlicher Vorurteile und Neigungen. 

Dieser Zug der Naseweisheit geht durch unsere ganze 
Zeit; den dummen Menschen wird Vertrauen, den natür- 
lichen Prozessen wird Mißtrauen entgegengebracht, unge- 
achtet der gänzlich unzureichenden Kenntnis der hier in 
Betracht kommenden Erscheinungen und Vorgänge ist die 
Neigung diese auszubreiten und zu vertiefen nach wie vor 
sehr gering. Im Widerspruch hiermit ist die Lust, die ganze 
Gesellschaft umzubauen und aufs neue zu konstruieren, bei 
manchen unbezwingbar groß. Über alles trauen sie sich ein 
Urteil zu, in alles möchten sie eingreifen ! Es fällt ihnen nicht 
ein, daß jeder Eichterspruch hier ein Sprung ins Dunkle 
wäre, weil die zum gerechten Urteile notwendigen Kenntnisse 
dem Eichter stets fehlen würden, und ebenso die weit 
genug reichende Einsicht, die absolute Unparteilichkeit. 

Der Krieg straft aber nicht allein, er läßt auch lange 
voraus seinen Wamungsruf hören, der, ernsthafter als 
irgend ein anderer, deutlicher vernommen und besser be- 
achtet wird. Wer im Kriege siegen will, muß sich 
lange vorher vorbereiten, die Zeit der improvisierten 
Überfälle ist auf immer vorüber. Die Vorbereitung kann 
sich aber glücklicherweise unserer vertieften Einsicht ge- 
mäß nicht länger auf die direkte Wehrbarmachung be- 
schränken. Wir fangen an, einen tieferen Blick in die 
Bedingungen dieser Wehrbarkeit zu werfen. Wer sich 
wahrhaft rüsten will, der macht sein Volk in allen den 
Eichtungen stark, deren Einfluß auf den Ausgang des 
Krieges wir beleuchtet haben. Er sorgt für eine gute 
Eegierung, zu der das Volk Vertrauen hegt, für die nicht 



— 237 — 

auf wenige beschränkte, sondern über die möglichst große 
Zahl verbreitete Wohlfahrt, für die hohe geistige Ent- 
wicklung der ganzen Bevölkerung, für die physische und 
moralische Gesundheit des Volkes/) 

Auf der Stufe, auf der wir jetzt noch stehen, wird 
erst der Krieg mit dem nötigen Nachdrucke diese Forde- 
rungen stellen können. Ihm werden die Regierungen ge- 
horchen wie keinem anderen Eufe. Denn er allein setzt 
auf die Nichtbefolgung der Mahnung eine furchtbare Sühne 
und Strafe, die Niederlage mit ihren schrecklichen Polgen. 



^) Countess of Warwick, ,A Nations Youth* 1906, p, 1 : 
ohne kräftiges Volk keine kräftigen Soldaten und keine gute Armee. 
Vgl. auch Joteyko 1. c. und Qu ertön, ,Le Rendement de la 
Machine Humaine' 1905, die ihre warnenden Beispiele hauptsächlich 
der Armee entnahmen. 



6. Kapitel. 

Die Ersetzung der Staatenkriege durch die Wirkung 

der freien Vereine. 

Wir wollen uns jetzt fragen, ob die freien Vereini- 
gungen und ihre friedliche Konkurrenz, ihr Kollektivstreben 
die blutigen Kriege der Staaten nicht ersetzen könnten? 
Diese freien, ofEenen Vereine umfassen in unserer Zeit 
manchmal eine große Anzahl Personen, die nur durch die 
Einheit des Zweckes miteinander verbunden sind, deren 
einheitliches Zusammenwirken also ohne weiteres verbürgt 
ist. Besitzen wir in ihnen nicht den idealen Ersatz der 
Staaten mit ihrem Zwange, sowie der Kriege mit ihren 
entsetzlichen Qualen? Bieten sie nicht alle die Vorteile, 
die wir, in der dummen Tradition befangen, äem Kriege 
zuschrieben? In der selbstlosen Hingebung an den Zweck 
des Vereins verliert ja das Individuum die enge Beschränkt- 
heit seines Ichs. Und das alles ganz zeitgemäß, lieblich, 
ohne Schmerz und Anstrengung: alles Vorteile, keine 
Nachteile ! 

Wir werden analytisch verfahren. 

Die Freiheit des Ein- und Austritts könnte bei diesen 
Vereinen leicht als ein besonderer Vorteil derselben er- 
scheinen, dem ist aber nicht so. Zur Erreichung ihrer 
Zwecke im gesamten Gesellschaftsleben, in welchem sie 
eine überaus wichtige Aufgabe zu erfüllen haben, ist diese 



^^A 



— 239 — 

Freiheit eine unumgängliche Bedingung/) von unserem 
jetzigen Standpunkte, dem der Hingebung an ein höheres 
Kollektivwesen, ein ebenso großer Nachteil. Der freie 
Verein verhält sich, was die Erhebung des Individuums 
aus seinem Egoismus betrifft, zum Staate, wie das Kon- 
kubinat zur Ehe. 

Wer jetzt mit Ellen Key in ihrer wohlwollenden 
Verständnislosigkeit *) und den Vielen, die denselben Illu- 
sionen anhängen, die freie Liebe für die Masse nicht nur 
als möglich ansieht, sondern als moralische Errungenschaft 
betrachtet, der wird der Einsicht verschlossen bleiben, daß 
gerade diese Freiheit die pädagogische Wirkung aufheben 
wird. Entweder sie wird nicht als Freiheit empfunden, 
dann existiert sie praktisch nicht, oder gerade diese wird 
im weiten Umfange geübt, was der viel wahrscheinlichere 
Fall, sobald die freie Liebe einmal zur Sitte, zur 
Wirklichkeit geworden (vorher existiert sie tatsächlich 
nicht), und dann hört die sittliche Wirkung auf. Wem 
die Sache nicht länger gefällt, der scheidet aus dem Ver- 
hältnisse aus: wo ist dann die Fesselung der Willkür, des 
Egoismus? 

Gerade so verhält qs sich im freien Vereine! Wer 
empfindet seine Mitgliedschaft je als Bändigung seines Egois- 
mus? Wir sind alle von zahllosen Vereinen Mitglied, wir 
können alle urteilen. Aber auch das Konkubinat ist 
eigentlich keine unbekannte Sache. Seine versittlichende 



^) Vgl. Otto Gierke, Das Wesen der menschlichen Verbände, 
1902 und sein Buch: Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 1, 1868, 
S. 882 ff. 

^) Ellen Key, Über Liebe und Ehe, 1904, das ganze Buch 
beruht auf absolutem Illusionismus, der mit Idealismus nur sehr 
wenig gemein hat, und auf erstaunlicher Verkennung der realen 
Menschen. Es ist doch geradezu bedauerlich, daß solche Träumer 
den Menschen, wie diese nun einmal sind, Ratschläge erteilen wollen. 
Sie sollten diese für Wolkenkuckucksheim aufheben! 



— 240 — 

Wirkung wurde aber trotz jahrtausendelanger Übung noch 
nicht entdeckt.^) Gerade weil der Verein frei ist, kann 
er nie eine große Liebe, eine opferfreudige Hingebung ver- 
ursachen, viel weniger die Masse zu derselben erziehen. 
Sobald der Verein einigermaßen erzieherische Opfer fordern 
würde, würden die Mitglieder austreten. 

Der Verein bringt nur Gleichgesinnte zusammen, seine 
Wirkungsart verlangt nichts anderes und wird sogar hier- 
durch bedingt, aber die erzieherische Wirkung wird gerade 
durch diese schöne Harmonie erheblich herabgesetzt. Hier 
keine Anstrengung um die anfangs divergierenden Ele- 
mente zu einer einheitlichen Arbeit zusammenzubringen^ 
keine Opfer an Eigensinn, kein feineres Ineinandergreifen 
der verschiedenartigsten Einsichten und Neigungen. Dem 
freien Vereine Gleichgesinnter fehlt die DifEerenzierung 
und damit die reichhaltige Gliederung, die in dem Staate 
unvermeidlich, und die ihn zu seinen höchsten Kultur- 
leistungen befähigt. Gerade die absolute Gesinnungseinheit, 
die dem Wesen des freien Vereins eigen, macht sein 
inneres Leben ärmer, stellt den unruhigen, immer durch 
seine reichen Gegensätze gährenden Staat unendlich hoch 
über den in Harmonie erstarrten Verein. 

Ein weiterer Nachteil des freien Vereins ist seine 
Einseitigkeit, die ebenfalls zu seinem Wesen gehört. Er 
verfolgt nur einen einzigen, ganz bestimmten Zweck, dessen 
Art seinen ganzen Charakter beherrscht und mit dessen 
Erreichung er erlischt. Nicht so der Staat! Seine Ziele 



^) Ich denke an Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, 
1907, S. 260ff. Ich bedaure es, daß, wenn einer über diesen Gegenstand 
schreibt, er es nur vom ärztlichen Standpunkte tut, denn das muß 
notwendigerweise sehr einseitig sein. Der Arzt, der glücklicherweise 
in unserer. Zeit bei manchen die Stelle des Priesters eingenommen 
hat, sollte nur nicht vergessen, daß er auch nicht überall kompetent, 
daß er soziologisch doch recht dürftig vorgebildet ist; sonst könnten 
wir seinen Vorgänger zurückwünschen. 



— 241 — 

sind zahllose, mit den Zeiten wechselnd, nie ganz erreich* 
bar. Dadnrch vermag er seinen Mitgliedern ein reiches 
Leben, eine endlose Tätigkeit zu bieten. Der freie Verein 
ergreift bestenfalls nur einen kleinen, sehr kleinen Teil 
des Menschen, der Staat verlangt bald diese, bald jene 
Leistung: wer nur seine Steuern zahlt, ist kein rechter 
Bürger, der Staat, der mit zahlenden Bürgern zulbieden 
ist, wird schwach und erbärmlich, er geht mit dem ersten 
besten Kriege zugrunde. Die von den Mitgliedern ge- 
forderte und erhaltene Hingebung und Tätigkeit bestimmt 
den Wert der Kollektivwesen. 

Weil der Staat souverän ist, weil er die höchste 
Machtfülle besitzt, weil alle Machtmittel ihm und nur ihm 
zu Gebote stehen, deshalb verfügt er unbeschränkt über 
seine Mitglieder und alle ihre Habe, über ihr ganzes 
Leben. Er braucht zwar nicht überall einzugreifen, er soll 
sich wahrlich nicht mit allem einlassen, im Gegenteil, aber 
er kann und darf alles. Gerade diese drohende Übermacht 
macht ihn, und nicht den schwachen, beschränkten, ihm 
unterworfenen Verein, zu dem ewigen Gegensatze, bald 
zum Feinde, bald zur Ergänzung des Individuums. Die 
einzelnen ringen miteinander, um seine Macht bald in 
dieser bald in jener Richtung anzuwenden. Das eine Mal 
ist der beste Bürger, wer blind gehorcht, das andere Mal 
der, welcher die Regierung umwirft. Alles Vereinsleben 
ist fade und belanglos mit der Geschichte der Staaten 
verglichen. 

Die freien Vereine sind, mit wenigen bestimmten 
Ausnahmen, über welche sofort zu reden sein wird, be- 
deutend kleiner als die kleinsten Staaten. Vielleicht aus- 
genommen einige ganz kleine Staaten, die aber kein 
eigenes Leben führen, und jedenfalls diesen Fehler der 
Kleinheit mit den Vereinen teilen. Diese Kleinheit ist 
gar kein so wertloser Faktor, als ein gewisser vermeint- 
licher Spiritualismus ihn vorstellen möchte. Gerade die 

Stemmetz. 16 



— 242 — 

Größe des Staates bringt; den Reichtom seines Lebens zum 
guten Teile mit sich. Man vergleiche doch das Leben. in 
einem altdeutschen Kleinstaaten oder wenn man das vor- 
zieht, das in einem altgriechischen Stadtstaate, mit dem 
eines modernen Großstaates oder mit dem des alten ßonu 
Athen mit seinen Kolonien and seiner Hegemonie war 
eigentlich kein rechter Kleinstaat. Die Enge des Gebiets, 
die kleine Zahl der zur Kollektivität vereinten Menschen, 
die Zwerghaftigkeit der Interessen heben fast alle Vor- 
teile des KoUektivlebens, die wir zur Genüge hervor- 
hoben, auf. 

Das kleine, zusammengepferchte Leben macht banau- 
sisch, egoistisch, platt und eng. Gewiß, die kleinen und 
die kleinsten Kreise haben ihre gesunde, wichtige Funktion, 
die allerkleinste, die Familie, sogar die allerwichtigste, die 
einzige absolut unentbehrliche; aber es soll auch weitere, 
sehr weite geben, wen^ übrigens nicht bloß einige, sondern 
die größtmögliche Zahl von Menschen ihre äußerste 
Wachstumsgrenze erreichen soll. Die Wenigen, die hoch 
Begabten können rein im Geiste, ohne jede stoflEliche Basis 
ein großes, weites Gedankenleben führen, die übergroße 
Masse aber braucht dazu die Erfüllung sehr wesentlicher 
Bedingungen, zu welchen an erster Stelle die Größe des 
Gemeinwesens, in welchem sie arbeiten und wirken, gehört. 

Ein Verein aber, der so groß wäre wie ein Staat, 
würde abbröckeln, sich auflösen; nur Zwang, Tradition 
und endlich der Gegensatz zu anderen vermögen dem 
Staate seine Größe zu bewähren, so große Mengen zu- 
sammenzuhalten. Wird aber der freie Verein weit, prinzi- 
piell größer, so sehen wir, daß er ohne eine gewisse 
Zwangsgewalt nicht auskommen kann, er verliert den 
Charakter der Freiheit, er wird zum schlecht abgegrenzten 
Staate. Die großen internationalen Kirchen bieten die be- 
kannten Beispiele dieser Vorgänge. Bald bilden sich 
zwischen diesen mit Zwangsgewalt versehenen, ihre Mit- 



/• 



— 243 — 

glieder mit Begeisterung erfflllenden Pseudostaaten, beson- 
ders wenn sie außerdem durch eine starke Zentralgewalt 
beherrscht werden, scharfe Gegensätze aus, erbitterte 
Fehden entstehen, die, wenn die umstände, an erster Stelle 
die Ohnmacht der Staaten, den Prozeß begünstigen, bald 
zu blutigen Kriegen fähren. Das Fehlen aller geographi- 
schen Beschränkung und damit die Vermischung der 
Xirchenanhänger verschiedener Bichtung auf einem Ge- 
biete machen die Religionskriege sehr wenig kulturfördemd. 
Zwar führen die Kirchen die Hingebung, die opfermutige 
Liebe ihrer Angehörigen bis zur höchsten Spitze, und er- 
fällen sie in dieser Beziehung dieselbe Aufgabe wie die 
Staaten, sogar besser, doch heben sie diesen Vorzug durch 
unverkennbare Nachteile wieder auf. Intoleranz, Religions- 
haß, Bürgerkrieg sind eben keine wünschenswerten Er- 
scheinungen, ich wüßte nur sehr weniges zu ihren Gunsten 
beizubringen, sie sind aber die unvermeidlichen Begleit- 
erscheinungen großer, kräftig organisierter Kirchen, wie 
die Geschichte uns bis zum Überdrusse deutlich gelehrt 
hat. Die Kirchen besitzen ihre eigene große Aufgabe, sie 
können aber durchaus nicht an die Stelle der Staaten 
treten, da sie deren Aufgaben nicht übernehmen können, 
und wenn sie das versuchen, der Nachteil die Vorteile 
weit überwiegt.^) 

Die Hauptursache, warum die freien Vereine nicht 
imstande sind, ein so kräftiges Gefühl zu erwecken, wie 
die Staaten, ist aber dieses: sie stehen, mit Ausnahme der 
Kirchen, nicht genügend im Gegensatz zueinander. Eine 
solche Behauptung mag einem übermodernen Menschen 
recht befremdlich vorkommen, er scheut vor Gegensätzen 
zurück, er träumt nur von Harmonie, auch wenn sie er- 
logen wäre! Die voraussetzunglose Erfahrung lehrt uns 
aber deutlich genug: nur der Gegensatz erweckt die große 



^) Vgl. V. Treitschke, Politik, 1899, Bd. 1 S. 342ff. 

16» 



— 244 — 

Liebe. Wird das Vaterland nicht am meisten geliebt, 
wenn ihm Grefahr droht? Die Konkurrenz, der Wetteifer 
mit anderen, der Ringkampf mit den anderen fehlen den 
' freien Vereinen, nnd gerade deshalb werden sie so schlaff, 
so sehr wenig geliebt, wie es tatsächlich der Fall ist. 

Der allergrößte Mangel der freien Vereine aber ist 
das Fehlen des Krieges selbst zwischen ihnen. Kein 
Krieg, also kein Kampf bis zum äußersten, mit der aller- 
größten Gefahr, mit den schwersten Opfern, kein Eingen 
mit der Anstrengung aller, auch der allerletzten Kraft 
Und deshalb keine äußerste Liebe, keine volle Hingebung, 
die das enge Individuum auf sich selbst und seiner 
schmerzenden Kleinheit heraushebt. Allerdings, der freie 
Verein schafft keine Toten, er vernichtet keine Völker, 
aber er entzündet auch keine Liebe, keine Hingebung, die 
den Tod als Seligkeit begrüßen macht. Zahllose haben 
den Tod für das Vaterland als das herrlichste Schicksal 
betrachtet, welchem Vereine ist es je gelungen, ein solches 
Gefühl einzuflößen? 

Gerade weil die Vereine in den Ruheperioden wie in 
den Ausnahmezeiten nur kleine Opfer von ihren Mitgliedern 
verlangen, gerade deshalb können sie nie dieselben mächtigen 
Gefühle in ihren Mitgliedern erwecken, wie es die Staaten 
erfahrungsgemäß so manchmal getan haben. 

Der freie, enge, schlaffe Verein mit seinen kleinen 
Zwecken und kleinen Opfern kann nie dieselben mächtigen 
Gefühle auslösen als der Staat, der seine Bürger in den 
Krieg führen kann, dessen Schiksal das ihrige größtenteils 
bestimmt, dessen Untergang ihren Untergang herbeiführen 
kann, der das Leben von ihnen fordern darf. Eine zahme 
kleine Freundschaft kann nun einmal nicht denselben Ge- 
fühlswert besitzen als eine große, alles verschlingende 
Leidenschaft ! 

Ich weiß schon, ein rechter Friedensfanatiker wird 
diese Auffassung nie teilen, ihm bleibt der Gedanke fremd, 



— 246 — 

daß die Schätznng eines sozialen Zustandes ganz von dem 
Werte desselben für die Erhöhung des menschlichen Ge- 
fühlslebens abhängig ist. Die Steigerung, die Intensifikation 
unseres Lebens, und zwar die der größtmöglichen Anzahl 
bleibt aber das einzig durchführbare und nicht subjektive, 
willkürliche Ejiterium. Mit diesem Maßstabe gemessen, 
bleibt der freie Verein unendlich weit hinter dem Staate 
zurück. Der friedliche Wettbewerb der Vereine oder ihre 
Fähigkeit ohne weiteres nebeneinander zu bestehen, ist 
als Erziehungsmittel mit dem blutigen Kriege der Staaten 
gar nicht zu vergleichen. Ja, wenn die Vereinigungen 
anwachsen, staatliche Macht erhalten, staatliche Funktionen 
übernehmen, wie die militärischen Orden im Mittelalter, wie 
einige staatähnliche Kirchen, ja dann werden sie in dem- 
selben Verhältnisse ebenso nützlich, wie der Staat, als sie 
ihm ähnlich werden. 



7. Kapitel. 

Die Kollektivauslese durch die Kriege. 

Wir haben bis jetzt die gerichtliche Fanktion der 
Kriege betrachtet, wie sie den verfehlten politischen und 
sozialen Verhältnissen den Garaus machen, wie sie die 
Rolle der fälschlich sogenannten sozialen Selektion über- 
nehmen. Diese Verwerfung, resp. Beibehaltung und Ver- 
breitung eines Instituts oder einer Maßregel möchte ich 
nicht als eigentliche Selektion auffassen, die nun einmal 
ihrem Begriffe nach immer mit Vererbung, Variation und 
Personenausmerzung operiert, sondern sie lieber mit der 
richterlichen Verurteilung vergleichen, die zu ihrer Durch- 
führung bewußte Urteile und absichtliche Handlungen ver- 
wendet. Die Hervorkehrung der allerdings immerhin be- 
stehenden Analogie mit dem biologischen Selektionsprozesse 
wirkt, da die Unterschiede die Übereinstimmung weit über- 
ragen, nur verwirrend.^) Die Sozialselektion befaßt sich 
nicht mit Gedanken und Produkten der Individuen, sondern 
nur mit deren Eigenschaften. Die Selektion wirkt durch 
Organänderung, nicht durch andere Verwendung gegebener 
Organe. Allein die Gedanken und Gefühle, die, wenn 
auch indirekt, einen fördernden oder hemmenden Einfluß 
auf die Fortpflanzung üben, gehören noch zum Wirkungs- 
gebiete der Selektion.®) 



^) Vgl. hierüber meinen Artikel, Bedeutung und Tragweite der 
Selektionstheorie in den Sozial Wissenschaften, in Zeitschr. f. Sozial- 
wissenschaft, 1906, Bd. 9 S. 424, 427. 

2) Ibidem S. 478. 



— 247 — 

Wir wollen jetzt untersuchen, ob die Kriege auch 
einen eigentlichen selektorischen Einfluß auf Rassen, Völker 
und Individuen, und zwar welchen, ausüben? 

Die selektorische Wirkung der Kriege können wir 
nie verstehen, wenn wir die Kollektivauslese nicht scharf 
von der Personalauslese unterscheiden. Die erste wirkt 
durch die Gesamtheiten auf die Individuen, die zweite 
direkt durch die Eigenschaften der Individuen selbst Das 
Gemeinsame in beiden ist die Ausmerzung von Individuen 
wegen untauglicher Eigenschaften, und damit als Folge 
verbunden die Augschaltung eben dieser Eigenschaften. 
Im scharfen Gegensatze zu dem vorhin geschilderten Vor- 
gange finden wir hier kein bewußtes Aufgeben resp. Um- 
ändern eines als verderblich erkannten Betragens, sondern 
das Schwinden von Eigenschaften mitsamt ihren Folgen 
ohne Vermittlung unseres Bewußtseins und unserer ab- 
sichtlichen Pläne, allein durch die Ausmerzung der Träger 
dieser Eigenschaften. 

Wir wollen jetzt die Bedingungen sowie die Wirkungs- 
weise dieses Vorganges, der bis jetzt die Aufmerksamkeit 
der Soziologen zu wenig auf sich gezogen hat und dem 
doch unserer Meinung nach eine sehr große Bedeutung 
zukommt, ein wenig untersuchen. 

Das Wesen der Individualselektion besteht darin, daß 
gewisse Organismen weniger als andere an der Fort- 
pflanzung teilnehmen. Das kann in verschiedenen Um- 
ständen seinen Grund haben: in dem frühen Tode des 
Geschöpfes, in Eigenschaften, welche die Fortpflanzung 
selbst verhindern oder im Verhältnis zu anderen ein- 
schränken. Der frühe Tod erhält nur dann selektorische 
Bedeutung, wenn er eine verminderte Zeugung oder die 
weniger gesicherte Existenz des Nachwuchses zur Folge 
hat, denn schließlich besteht die ganze Auslese nur in dem 
Schicksale des Nachwuchses, ob eine größere oder eine 
kleinere Anzahl desselben im Vergleich zu anderen in 



— 248 — 



seinerseits fortpflanzungsfUdgem Zustande zurückbleibt 
Hierauf kommt alles an, nicht auf das Schicksal der Eltern 
an sich ; wenn der Nachwuchs und dessen Nachwuchs nur 
gesichert sind, dürfen die Eltern zugrunde gehen. Auch 
die Eigenschaften, die dies letzte zur Folge haben, sind 
selektorisch gleichgültig, während umgekehrt die das erste 
verursachenden Qualitäten von höchster Bedeutung sind. 
Bei der Individualauslese sind diejenigen Eigenschaften 
entscheidend, welche direkt oder indirekt einen zahh-eicheren 
und lebensfähigeren Nachwuchs verhindern oder zur Folge 
haben. Personalsejektion findet jedesmal statt, wenn ein 
Individuum mit mehr resp. weniger Nachkommen als die 
anderen stirbt. 

In der Kollektivselektion verhält sich das aües ganz 
anders. Die Auslese tritt hier ein, sobald die Gruppe der- 
artige Veränderungen erfährt, daß die Zahl und die die weitere 
Fortpflanzung bedingenden Kräfte aller Art ihrer Mit- 
glieder gefördert oder herabgesetzt werden. Auch hier ist 
es nur um Zahl und Sicherheit der Nachkommen zu tun. 
Die Eigenschaften, die hier entscheiden, brauchen aber 
keine direkte Wirkung auf die Fortpflanzung auszuüben, 
wenn sie bloß das Schicksal des Volkes in dieser Richtung 
beeinflußen. Alle die Qualitäten, die der Gruppe zum 
Nachteil gereichen, verursachen schließlich entweder einen 
weniger zahlreichen oder einen weniger lebenstüchtigen 
Nachwuchs. Solange die das Schicksal des Volkes ändern- 
den Umstände diesen Einfluß nicht oder noch nicht 
üben, können sie noch nicht als selektorische Agentien 
gelten. So kann ein Volk durch einen schlecht ver- 
laufenden Krieg zerstreut, vielleicht zu Sklaven oder zu 
Proletariern gemacht werden, ohne daß die Natalität oder 
gar die Zahl der Nachkommenschaft darunter zu leiden 
braucht. 

Der Unterschied von der indirekten Personalauslese 
besteht also hierin, daß die die Ausmerzung verursachende 



— 249 - 

Eigenschaft einen noch weniger direkten Einfloß auf die 
Fortpflanzung auszuüben braucht. Alles was in der einen 
Weise oder vielmehr in der einen Richtung das Wohl und 
Schicksal des Volkes beeinträchtigt resp. hebt, übt eine 
gruppenselektorische Wirkung aus. 

Jedesmal wenn eine Nation resp. eine Easse erlischt, 
nimmt der Anteil der sie kennzeichnenden Eigenschaften 
in der Gesamterblichkeitsmasse der Menschheit um soviel 
ab, als das Verhältnis ihrer Bevölkerungszahl zu der ganzen 
Menschheit beträgt. Jede einzelne Eigenschaft dieses 
Volkes schwindet in demselben Mafie aus der Gesamtmasse, 
als sie einen breiteren Platz im betreffenden Volkscharakter 
einnahm. Diejenigen Eigenschaften aber, welche allen 
unterliegenden Völkern eigen sind, allen siegenden abgehen, 
werden allmählich ganz ausgejätet, die künftige Mensch- 
heit wird sie nicht mehr besitzen. 

Es brauchen diese Qualitäten nicht notwendigerweise 
den Untergang dieser Völker verursacht zu haben, sie 
können ihnen rein zufällig eigen sein. Die Voraussetzung 
liegt aber nahe, daß die die Niederlage immer begleiten- 
den Umstände nicht unschuldig an ihr sind. Und umge- 
kehrt, die Eigenschaften, welche den Völkern und ihrer 
Kraftentwicklung schädlich sind, werden bei jeder Zurück- 
drängung eines Volkes aus der Reihe der Zukunftsbildner 
jedesmal mitgetrofEen, einen immer geringeren Anteil aus- 
machen und zuletzt ganz verschwinden. 

Es drängen sich jetzt zwei Fragen auf. Die erste ist 
diese: ist die Menschheit eine homogene [Masse, deren 
verschiedene Teile, die Rassen und die Völker, nur ganz 
oberflächlich voneinander verschieden sind? Beruhen die 
nicht zu leugnenden Unterschiede in der psychischen An- 
lage nur auf ebenso schnell entstehenden, als -leicht ver- 
gehenden Umgebungseinwirkungen, oder machen sie Teile 
der erblichen Anlage aus, die zwar natürlich ebenfalls ein 
Produkt des Milieus, dennoch erst langsam entstanden 



— 260 — 

aach den veränderten Umständen erst sehr allmählich 
weichen? Mit anderen Worten: gibt es erbliche Sassen- 
nnd Volkscharaktere? Wir berühren hier die Hauptfrage 
der Rassentheorie, die aber darum noch keineswegs am 
gründlichsten untersucht wurde, wie das so manchen Haupt- 
fragen ergangen ist. 

Die bekannten Fanatiker dieser Theorie, und sie hatte 
das Unglück fast nur von fanatischen Anhängern oder 
Widersachern erörtert zu werden, haben dieses Haupt- 
problem nur oberflächlich und, wie es mir vorkommt, 
gänzlich unkritisch gestreift. Die Frage ist meines Er- 
achtens noch keineswegs spruchreif. Dennoch meine ich, 
daß die Erblichkeit der Gruppencharaktere die bei weitem 
wahrscheinlichste Hypothese ist. Es widerspricht doch aller 
unserer Erfahrung, daß Neger ohne weiteres, sagen wir in 
einer einzigen Generation, durch keine andere Einwirkung als 
Umgebuugsveränderung im weitesten Sinne den Europäern 
in intellektueller und moralischer Begabung gleich werden 
könnten. Keiner glaubt es, daß, wenn alle englischen und 
deutschen Säuglinge durch chinesische ersetzt würden, alles 
beim alten bliebe, die kulturelle Eigenart dieser Völker gar 
keine Einbuße erlitten hätte. Genau so sind erbliche Unter- 
schiede zwischen den Volkscharakteren, wenn auch weniger 
ausgeprägt und weniger fest eingegraben als die Eigentüm- 
lichkeiten der Rassen, die wahrscheinlichste Annahme.^) 

Wenn aber die erblichen Anlagen der Rassen und 
Völker vornehmlich in psychischer Beziehung eine Wirk- 
lichkeit sind, dann muß der Fortfall einer solchen sich 
von der übrigen unterscheidenden Erblichkeitsmasse einen 
mehr oder weniger entscheidenden Einfluß auf die physische 
und psychische Beanlagung der künftigen Menschheit aus- 



^) Ich habe das Problem in „Der erbliche Rassen- und Volks- 
Charakter" in Viertel] ahrschr. f. wissensch. Philosophie und Soziologie 
1902 und in „De Rassenkwestie", De Gids Jan. 1907 behandelt. 



— 251 — 

üben. Es schwindet damit eine Farbe aus dem lebenden, 
znknnftbestimmenden Mosaik. 

Die zweite Frage, die jetzt unsere Beantwortung er- 
heischt, lautet: verschwinden Völker und Bässen jemals 
in einer solchen Weise, daß ihre Nachkommenschaft und 
damit ihr erblicher Charakter, die Gesamtheit ihrer An- 
lagen, nicht länger für den Aufbau der Menschheit resp. 
einer Easse in Betracht kommt? Es sind unbestreitbare 
Tatsachen, daß die Tasmanier ganz und die Buschleute 
wie die Aino, die Miaotse und die ür- Australier fast ganz 
ausgerottet, die nordamerikanischen Indianer in erfolg- 
reichster Weise in ihrer Ausbreitung verhindert wurden.^) 
Der Untergang Griechenlands hat zweifelsohne den Anteil 
des griechischen Blutes an der Blutmischung der Mensch- 
heit herabgesetzt. Die Siege der germanischen Völker 
haben die Zahl der Römer auf Erden wohl nicht unerheb- 
Kch vermindert. Auf niederer Kulturstufe mag es auch 
nicht ohne Einfluß bleiben, daß die Besiegten in jeder 
Weise in ungünstige Lage versetzt, schon dadurch an Be- 
völkerungszahl verlieren. Wie gewaltig wirkte in dieser 
Weise das traurige Schicksal der Karaiben auf ihre Fort- 
pflanzung ein.*) Die Engländer haben die Zahl der Iren 
erst durch kriegerische Mittel, dann durch die furchtbarste 
Unterdrückung ganz erheblich herabgesetzt.*) Ich glaube 
es als sicher annehmen zu dürfen, daß von allen Völkern 



^) Ihr zahlreichster, kräftigster und bestangepaßter Stamm, die 
IrokeseD, zählten seit der Ankunft der ersten Europäer bis 1880 wohl nie 
mehr als 15000 Seelen und im Jähre 1660 nach der Schätzung kom- 
petenter Europäer 11000, 1890 aber 15870. Th. Donaldson, 
The six Nations of New York, 1892, p. 1. 

^) Sie verzichteten auf ihre Fortpflanzung ; vgl. GirolamoBen- 
zoni, History of the New World, ed. by Smyth in Hakluyt 
Society, 1857, p. 77, 111, und Posch el, Geschichte des Zeitalters 
der Entdeckungen, 1877, S. 431 f. 

8) Vgl. Robertson, The Saxon and the Celt, 1897, p. 148 seq. 



— 252 — 

und Rassen, die einst die Erde bevölkerten, gar manche 
entweder ganz oder doch zum größten Teile ohne Nach- 
kommenschaft zurückzulassen verschwunden sind. 

Es haben die Kriege der Vorzeit und die des barba- 
rischen Zeitalters zu dieser Ausjätung gewiß in beträcht- 
lichem Maße beigetragen. Es fragt sich aber, ob die 
heutigen Kriege dieselbe Funktion noch erfüllen können? 
Wenn wir diese Frage beantworten wollen, müssen wir 
nur nicht allein auf die Kulturvölker in ihrem Verhält- 
nisse zueinander achtgeben. Es stehen ihnen noch ganz 
andere Zusammenstoße bevor! Europa wird sich in nicht 
allzu langer Zeit in irgend einer Weise kriegerisch mit 
Asien auseinanderzusetzen haben. Die ungeheueren Massen 
der Asiaten werden sich in immer schnellerem Tempo 
modern organisieren, politisch und wirtschaftlich reformieren. 
Es war nur eine sehr bequeme Illusion, daß es dem barba- 
rischen Rußland und dem militärschwachen England auf 
ewige Zeiten gelingen würde, die vielen Hunderte Millionen 
Asiens in der Unmündigkeit zurückzuhalten. Die weitere 
Erhebung Asiens und die daraus erfolgende Emanzipation 
von Europa sind nur eine Frage der Zeit.^) Dabei wird 
es aber nicht bleiben. Die kolossale Bevölkerung wird 
sich auszubreiten versuchen müssen; die politische und 
militärische Umwälzung wird der wirtschaftlichen höchst- 
wahrscheiulich vorangehen und so werden diese Völker 
die Fähigkeit erlangen, andere Weltteile zu überströmen, 

^) Vgl. Capitaine D'Ollone, La Chine Novatrice et Guerriere, 
1906, p. 195 seq. Manche meinen, daß Japan jetzt schon seinen mili- 
tärischen Höhepunkt erreicht habe, z. B. glaubt GlementdeGrand- 
prey, Le Siege de Port- Arthur, 1906, p. 128 seq., daß der auf- 
kommende Industrialismus Japans militärische Kraft brechen werde, 
ebenso Jan Hamilton, A Staffofficers Scrapbook, 1905 und Graf 
von Wartensleben, Veränderte Zeiten, 1906, S. 54ff., 58 „das 
Volk von Kriegern verwandelt sich in ein Volk von Kaufleuten.' 
Aber wie lange, bis Japan so weit industrialisiert sein wird als das 
jetzige Deutschland, das doch noch eine beachtenswerte Armee stellt! 
Man mache sich doch keine Illusionen! 



— 253 — 

bevor sie durch intensivere Kultur ihren eigenen Gebieten 
eine höhere Bedürfnisbefriedigung abgewinnen können. 
Dann wird Europa, das Asien nur ausbeuten wollte und 
ihm widerwillig die höhere Kultur und die Anregung zu 
neuem Leben brachte, ihm erst noch die notwendige vor- 
läufige kriegerische Übung während der Emanzipations- 
kriege verschaffen und zuletzt mit dem völlig ausge- 
wachsenen Asien um die eigene Existenz ringen. Eine 
von den beiden ringenden Rassen kann in diesem Kampfe 
vollständig obsiegen, möglich ist auch, daß beide schließ- 
lich auf ungefähr ihr bisheriges Gebiet beschränkt bleiben, 
aber ohne gewaltige Messung der Kräfte wird das nie 
entschieden werden können. Diese Entscheidung wird das 
Verhältnis anweisen, in dem künftig die Menschheit aus 
Europäern und aus Asiaten zusammengesetzt sein wird. 
Also eine regelrechte Auslese durch den Krieg noch im 
20. oder 21. Jahrhundert! Zweifelsohne werden auch 
zwischen den asiatischen Mächten Ringkämpfe stattfinden^ 
die durch die Auslese der politisch kräftigeren Völker und 
durch gleichzeitige Ausmerzung der wertlosesten den Typus 
dieser Völker erheben und zum Kampfe mit Europa mittler- 
weile kräftigen werden. Der hier erreichte Kulturzustand 
wird diese Kriege noch echte Auslesekriege sein lassen. 
Andererseits werden europäische Staaten und Völker 
mit den Negern Afrikas noch manchen harten Streit zu 
bestehen haben. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so 
werden diese nicht immer so ganz ohne Anstrengung für 
die Europäer verlaufen. Nehmen wir an, daß die letzteren 
hier schließlich siegreich bleiben, daß es ihnen gelingt, sich 
zu behaupten, die Neger in Botmäßigkeit zu halten und 
als Arbeitsvölker dauernd zu verwenden, dann wird die 
Auslese vorläufig zu ihrem Vorteile ablaufen. Das letzte 
Wort wird das aber nicht sein. Entweder die Europäer 
werden sich vom Süden wie vom Norden her in Afrika 
akklimatisieren, dann werden sie sich allmählich auszu- 



— 254 — 

breiten versuchen und versuchen müssen, oder der heiße 
Weltteil bleibt ihnen auf die Dauer verschlossen,^) dann 
werden die Neger, in verschiedenster Weise vermischt, wohl 
nicht auf immer in der Sklaverei zurückgehalten werden 
können, der Kampf mit den Unterdrückern wird nicht 
ausbleiben, die Europäer werden um ihre Existenz, um 
ihren Anteil an der künftigen Menschheit zu ringen haben. 
Auch hier also Auslese ! Die Völker Afrikas aber werden 
von dem tötlichen Frieden der Unterdrückung befreit, um 
das Primat untereinander ringen, was die Schwächsten 
auch hier ausschalten, das Niveau aUer erhöhen wird. 

Auslese und Ausmerzung in Asien und Afrika und 
zwischen beiden und dem alten, müden, friedliebenden 
Europa! Schade um den schönen recht schläfrigen Traum, 
daß die grobe Entwicklung der Menschheit jetzt so un- 
gefähr zum Abschluß gekommen sei, und wir uns unge- 
stört an die innere Ausschmückung begeben können I Bevor 
der ewige Schlaf des Menschheitspensionats uns beglückt, 
werden wir noch ganz anderes, noch sehr lebhafte Sachen 
erleben. Asien und Afrika werden uns wach erhalten, 
wie Rußland sich jetzt schon die Augen ausreibt. 

Die Frage müssen wir jetzt noch beantworten, ob die 
Kriege zwischen Kulturvölkern untereinander ebenfalls noch 
eine eigentliche selektorische Wirkung ausüben können. 
Wie wir nachwiesen, auch wenn wir diese Frage ver- 
neinend zu beantworten genötigt wären, auch dann wäre 
die selektorische Rolle der Kriege nicht ausgespielt, weil 
wir nun einmal gar nicht allein stehen in der Welt, wie 
der Kulturphilister es sich so gerne denkt. Es bleibt aber 
immerhin von höchstem Interesse zu wissen, -ob diese 
Punktion für Europa wegfiele. 

In einem früheren Abschnitt haben wir nachzuweisen 
versucht, daß die Kämpfe der Kulturvölker untereinander 



^) C. H. Pearson, National Life und Character, 1893, p. 40 seq. 



— 255 — 

nicht mehr so blutig wie früher verlaufen und im Vergleiche 
zu der Größe der Bevölkerungen eigentlich nur wenige 
Opfer fordern; wenn dies aber tatsächlich der Fall, so 
können sie zu gleicher Zeit keine ausmerzende Wirkung 
üben. Ein Kulturvolk geht in einem Kriege mit einem 
anderen Kulturvolke nicht mehr förmlich zugrunde.^) 

Wohl aber kann durch immer aufs neue verlorene Kriege 
ein Volk derartig geschädigt und gelähmt werden, daß es 
allmählich an Spannkraft und Energie, an dem Vermögen 
sich in der Welt durchzusetzen zurückgeht ; seine Kolonien 
werden ihm abgenommen, nachteilige Handelsverträge wird 
es abzuschließen gezwungen, seine Angehörigen finden in 
der Fremde nicht mehr die nötige Unterstützung, die allein 
ein mächtiger Staat im Rücken gewähren kann, die großen 
Verluste, die der Krieg direkt und indirekt verursachte, 
werden nicht leicht ersetzt, das Selbstvertrauen senkt sich 
und damit die Unternehmungslust, der Schwung des wirt- 
schaftlichen, bald auch der des geistigen Lebens nimmt 
ab, das stagnierende Leben hat allerlei politische Miß- 
stände zur Folge, auf der ganzen Linie offenbaren sich 
Verfall und Verderben. 

Das erste Mittel, um die schwindende Wohlfahrt fest- 
zuhalten, das zugleich dem abnehmenden Vertrauen auf die Zu- 
kunft des Volkes und damit auf die individuelle entspricht, ist 
die Einschränkung des Nachwuchses. Schreitet der Verfall 
fort, so tritt die Vergrößerung der Sterblichkeit hinzu. Dem 
kulturellen Zurückweichen des Volkes gesellt sich der biolo- 



^) H e a d 1 e y , Problems of Evolution, 1900, p. 221 : zwar geht 
ein europaisches Volk infolge eines verlorenen Krieges nie derartig 
zugrunde, daß es keine Nachkommen zurückläßt, „yet the number 
of its descendants depends very largely on wars and menaces of 
war". Das siegende. Volk erobert mehr Kolonien, schickt mehr 
Emigranten aus, die energischer aufzutreten wagen, weil sie eine 
große militärische Macht im Rücken haben. 



— 256 — 

gische Verfall bei.^) Wie für die Enltur der Menschheit, so 
wird das erlöschende Volk anch für die Znsammensetznng der 
künftigen Menschheit einen immer kleineren Beitrag liefern, 
es gerät auf den Weg der Ansschaltong. Selbstverständ- 
lich werden mehrere schnell aufeinanderfolgende Kriege 
das fatale Endergebnis beschleunigen. Umgekehrt wird 
jede vorrätige soziale Kraft zu seiner Entfernung beitragen. 
Ein glücklich geführter Krieg wird genau in um- 
gekehrter Weise wirken. Das Ansehen des Volkes wird 
erhöht, neue Wohlfahrtsquellen werden geöfEnet, das ge- 
hobene Selbstbewußtsein verleiht aUen Unternehmungen^ 
einen ungekannten Schwung, das ganze Leben wird auf 
einen höheren Plan gestellt, das Volk gelangt zu heller 
Blüte, die Bevölkerung wächst kräftig, solange sie nicht 
der Versuchung zur Üppigkeit zum Opfer fäUt^ und durch 
Nachwuchseinschränkung den Luxus zu erhöhen sucht 
Tritt das ein, so nimmt zuerst das Verhältnis zwischen 
den Fortpflanzungsraten der verschiedenen Teile der Be- 
völkerung eine Wendung zum Schlechten, da in diesem 
Falle nicht die Ärmeren d. h. im Durchschnitte die sozial 
weniger gut Beanlagten, sondern die Wohlhabenden und 
unter ihnen sogar die Intellektuellen an erster Stelle mit 
der Einschränkung ihrer Fortpflanzung anfangen, wodurch 
sie dem sozialen Körper einen schweren Schaden zufügen.^) 
Wenn aber die Natur des Volkes zu harmonisch angelegt ist 
um einen derartigen Volksselbstmord zuzulassen, so wird die 
überflüssige Bevölkerung sich nach dem Auslande wenden. 



^) Vgl. N V i c o w 1. c. p. 438 über den biologischen Einfloß 
des ökonomischen Verfalls. 

') Etwa wie Holland im 18. Jahrhundert 

*) Vgl. meinen Artikel, Nachwuchs der Begabten« in Zeitschr. f. 
Sozialwissenschaft 1904 passim und W. Schallmayer, Die 
soziologische Bedeutung des Nachwuchses der Begabteren und die 
psychische Vererbung, im Archiv f. Rassen- und Gesellschafts-Biologie 
1905 passim. 



— 257 — 

Doch im Gegensatze zu der Annntsemigration verfallender 
Völker wird bei dieser Answandemng der strotzenden 
Volkskraft ein inniges Verhältnis zu dem Matterlande 
bestehen bleiben. Eoltnr und Menschentypns des siegenden 
Volkes werden sich in dieser Weise über die Welt 
verbreiten und einen schönen Fall der Volksauslese darstellen. 

Ich will nicht leugnen, daß die Sache gewöhnlich 
nicht so glatt verläuft. Der Sieg war ein gar zu kompli- 
ziertes Resultat gar vieler Faktoren, außerdem ist er nur 
das Ergebnis einer Kräftemessung zwischen zwei Völkern, 
"das siegende Volk kann sofort aller Gewinne seines Sieges 
verlustig gehen, wenn es im Vergleiche mit neuen Gegnern 
den kürzeren zieht. So Japan nach der Besiegung Chinas. 
Es kann aber nicht fehlen, daß im Laufe der Welt- 
geschichte dasjenige Volk obsiegen wird, das in allen den 
Faktoren des Sieges, die wir aufdeckten, kräftiger ist, 
mid das Endergebnis wird seiner Wohlfahrt, seiner geistigen 
Kraft und schließlich seiner Ausbreitung über die Erde, 
kulturell sowie biologisch, zugute kommen. 

Diese unverkennbare Selektion wird bei unseren ver- 
wickelten Verhältnissen, bei der Größe unserer Staaten, 
bei den vielen Faktoren, die zum Siege resp. zur Nieder- 
lage beitragen, nur sehr selten, wenn je, in einem einzigen 
Kriege erreicht werden. Sie wird vielmehr das Resultat 
der ganzen Geschichte bilden, erst sehr allmählich durch- 
geführt werden. 

Die Völkergeschichte scheint uns außerdem zu lehren, 
daß der Krieg, als bloß eines der Mittel, dem ein Volk 
sein Aufkommen und sein Blühen verdanken soll, nur im 
Notfall verwendet werden darf, soll er nicht, wenn auch 
siegreich verlaufend, dem Sieger zum Verderben werden. 
Auch hier bewährt sich der fast selbstverständliche Satz, 
daß ein Zuviel des Guten kein Gutes mehr ist. Jede 
Hypertrophie eines Organes muß durch die Entwicklung 
des ganzen Organismus erlaubt, ja verlangt werden, soll 

Steinmetz. 17 



— 258 — 

sie dem Ganzen zum dauernden Vorteile gereichen. Zu 
viele Siege erschöpfen so gut als Niederlage. Die Kraft- 
leistungen der E^ege dürfen durchaus nicht zur gewöhnlichen 
Existenzform werden, wenn der Körper gesund bleiben, 
sein Übergewicht über andere behalten soll. 

Der Verlust eines Krieges darf also gar nicht ohne 
weiteres als direkte Ausmerzung im Völkerkampfe um 
das Dasein betrachtet werden. Der jedesmalige Krieg 
kann nie etwas anderes sein als ein Loch im großen 

Siebe.^) 

Auf den niederen und noch auf den barbarischen 
Kulturstufen mag sich das etwas anders verhalten. Hier 
kann ein einziger verlorener Feldzug die Vernichtung 
eines Volkes herbeiführen. Je geringer die Kultur, je 
kleiner das Volk, um so schneller wird die Auslesung 
erreicht. Auch nach der positiven Seite. Der wilde und 
der barbarische Sieger tötet nicht nur die männlichen 
Gegner oder schleppt sie in die nicht immer hygienische 
Sklaverei, sondern er raubt auch ihre Frauen und zeugt 
mit ihnen Kinder in polygamer Ehe.*) Der Typus des 
Gegners wird so in doppelter Weise verbreitet. Bei 
steigender Kultur und zunehmender Volksmasse verlaufen 
alle diese Prozesse der Auslese immer subtiler. 

Mitunter scheint der kulturelle Rückschritt ein bio- 
logisches Aufleben zu begleiten, z. B. bei Völkern, die 
durch Aufnahme in das Kolonialgebiet eines kräftigeren 
Volkes zur Einhaltung des Friedens gezwungen, vielleicht 
in ihren ärgsten Nöten unterstützt und mit einigen wohl- 



^) Wirth, Volkstum und Weltmacht in der Geschichte, 1901. 
S. 198 macht darauf aufmerksam, daß „Eroberer, wenn ihre Kopfzahl 
schwach ist, von den Unterjochten aufgesogen werden, daß die 
Sieger den Besiegten weichen müssen'*. 

®) Wirth 1. c. S. 200 erzählt, wie ein gewisser Araber zur Zeit 
der arabischen Conquista der berberischen Länder mit seinen Berber- 
frauen 180 Kinder zeugte! 



— 259 — 

fahrtfördernden Hilfsmitteln der Kultur beschenkt werden; 
es mag dies alles durchaus egoistischen Motiven entspringen 
das ändert garnichts am Resultate, daß solche Völker 
an Bedeutung ab-, an Zahl vorläufig zunehmen. Ein be- 
kanntes Beispiel bietet uns Java, das, vor der Herrschaft 
der Holländer zahllosen Kriegen der kleinen Fürsten zur 
Beute, seitdem seine Bevölkerung in erstaunlicher Weise 
Weise zunehmen sah.^) Dennoch : hätte Java sich aus 
eigener Kraft zur Einheit aufschwingen und infolgedessen 
gegen die Holländer behaupten können, wie ganz anders 
wäre sein Schicksal gewesen, es hätte nach und nach die 
Nachbarinseln mit seiner überflüssigen Bevölkerung be- 
^tzen, die ansässigen wilden Stämme teils kultivieren, 
teils ersetzen können , ein großes selbständiges Reich 
javanischer Kultur wäre entstanden. Und jetzt? Jetzt 
wird die schlaffe, zum Siege und zum Durchdringen in 
jeder selbständigen Weise unfähige Bevölkerung der 
schönen Insel voraussichtlich auf lange Zeit hinaus irgend 
einer Kolonialmacht unterworfen bleiben, sie wird sich 
nicht oder nur sehr wenig ausbreiten, sehr langsam, mit 
geringem Erfolge. Und können wir es anders wünschen? 

Die Gegner des Krieges möchten seine Auslese durch 
die Invalidenversorgung ersetzen. Statt Ausmerzung zur 
eigenen Euthanasie, zur Leidensabkürzung, und zum Wohle 
der anderen wünschen sie allgemeine Aufpäppelung der 
Lebensunfähigen zur Vergrößerung aller Schwäche, zur 
Qual aller Schwachen, zum Nachteil aller anderen. 

Wenn nach Huxleys Wunsch die schrankenlose 
Sympathie an die Stelle der Auslese in der Menschheit 
träte, da müßte das Mitleid schließlich vor der eigenen 

■ * ' 

f ^) Wenigstens ist dies das wahrscheinlichste: vgl. Encyclopedie 
van Nederlandsch Indie s. v. Bevolking Bd. 1 p. 195. Einen Parallel- 
fall bietet Britisch-Indien, vgl. Washburn Hopkins, India Old and 
New, 1901, p. 333 seq., und W. S. Lilly , India and its Problems, 1902, 
p. 285 seq. 

17* 



— 260 — 

Emmgenschaft zuräckschaadeni, das Leiden würde sich 
vermehrt, nicht vermindert haben !^) 

Wir wollen jetzt untersuchen, welche die Folgen 
dieser Eollektivauslese durch den Krieg waren und noch 
heute sind? 

Wir haben oben gesehen, daß es soziale Kräfte und 
nur Kräfte sind, welche die Völker über andere siegen 
machen, und daß diese Kräfte eigentlich immer in letzter 
Instanz auf Volks- resp. Rasseneigenschaften zurüc^eführt 
werden können, soweit sie nicht den Umständen zuzu- 
schreiben sind. Diese Umstände sind aber von Volk zu 
Volk verschieden, sie können deshalb keinen dauernden 
Einfluß ausüben, so daß es schließlich die verschiedenen 
Komplexe von Eigenschaften sind, die in einem Kriege 
einander gegenüberstehen. Obwohl es vielfach bezweifelt 
wurde, dürfen wir annehmen, daß diese kennzeichnenden 
Eigenschaften zum größten Teile erblich sind, wie wir 
oben ausführten. Diese Vorfrage ist natürlich von der 
größten Bedeutung. Wenn es keine erblichen Eigenschaften 
gäbe, wenn alle Rassen und Völker vollständig gleich be- 
anlagt wären, ihre geistigen unverkennbaren Unterschiede 
nur auf wechselnden Umständen beruhten, wie es jetzt 
gar Viele auch von den Individuen behaupten, aller Er- 
fahrung zum Trotze, dann wäre auch die soziale, d. h. die 
kollektive Auslese so unmöglich wie die individuelle. Das 
Umgekehrte ist natürlich der Fall, wenn es tatsächlich 
erbliche Rassen- und Volkscharaktere gibt. Es muß dann, 
wenn einige Völker durch den Krieg in ihrer Zunahme 
gehindert, andere gefördert werden, notwendigerweise Aus- 
lese stattfinden. 

Von Völkern mit welchen Eigenschaften, also Selektion 
welcher Eigenschaften? Mit anderen Worten: welche 



^) Prof. G i d d i n g s , Democracy and Empire, 1900, p. 345. 



— 261 — 

Eigenschaften sind es, welche die Gruppen stark machen, 
ihnen den Sieg über andere Völker im Kriege sichern? 
Wir können diese in drei Arten einteilen : die Eigenschaften, 
welche das gütliche Zusammenleben der einzelnen zur 
Folge haben, die, welche die Kraft und den Bestand der 
Gruppe direkt fördern, und endlich solche, die das Wachs- 
tum der Gruppe sicherstellen. Zu den ersten Eigenschaften 
rechne ich alle diejenigen, deren Resultanten die bekannten 
altruistischen Tugenden ergeben, wie Ehrlichkeit, Mitleid, 
Wahrheitsliebe usw. ; zu den zweiten die psychischen Grund- 
züge, deren Zusammenspiel Vaterlandsliebe, Bürgersinn, 
politisches Interesse usw. zur Folge hat, und zu den dritten 
diejenigen Tendenzen, die den natürlichen Egoismus über- 
winden und zur Familiengründung treiben. Es ist klar, 
daß die individuelle Konkurrenz und die aus ihr folgende 
Auslese diese Eigenschaften nicht großzüchtet, das Indivi- 
duum hat ja keinen Vorteil aus ihnen. Umgekehrt beruht 
die Kraft der Gruppe außer auf der Kraft der einzelnen, 
die ebenso unentbehrlich ist, auf der hohen Entwicklung 
dieser zum Altruismus tendierenden Eigenschaften. 

Von den beiden ersten Eigenschaftsgruppen ist das 
ohne weiteres deutlich, nur bei der letzten werde ich mich 
einen Augenblick aufhalten. Bekanntlich breitet sich der 
Neo-Malthusianismus, die absichtliche Beschränkung der 
Kinderzahl, in allen Kulturvölkern aus, aber nicht überall 
gleichmäßig. Der Besitz einer großen Familie gereicht dem 
Individuum nicht mehr zum Vorteil, das älteste Kulturvolk, 
das französische, fing mit der Neigung zur Eindämmung der 
natürlichen Folgen der Ehe an, die Stadtbevölkerung und 
die höheren Stände folgen ihm überall. Auf die Frage, 
inwiefern auch hier die nun einmal unvermeidliche Personal- 
selektion eingreift und welche deren vielleicht sehr heil- 
same Folgen sein können, werde ich hier nicht eingehen,^) 

*) Vgl. meinen Artikel, Tragweite etc., S. 471 f. ; die indiv. Selek- 
tion ist hier teils günstig, insofern nur die Kinderliebenden sich 



— 262 — 

da nns hier nur die kollektive Selektion beschäftigt. Das 
Umsichgreifen maltiiasianischer Tendenzen muß für die 
Gemeinschaft direkt verderblich sein, da die Kraft der- 
selben hierdurch erheblich herabgesetzt wird. Die Gruppe, 
in der die Neigung zur Portpflanzung allzu sehr zurück- 
geht, nimmt an Zahl in verderblichster Weise ab und wird, 
lange bevor es zur endgültigen Bestrafung im Kriege kommt, 
durch erhöhten Militärdruck empfindlich ermahnt, die patri- 
otische Pflicht der Fortpflanzung nicht zu versäumen. 
N vi c w würde hier einwerfen, daß schon die Personal- 
auslese hier das richtige besorgt,^) dem ist aber nicht so. 
Zwar wird dieselbe den Typus der zeugungsfaulen Eltern 
durch die geringere Zahl ihres Nachwuchses an Ausbreitung 
verhindern, weil aber gerade diese Eltern zu den Ein- 
sichtigen und Wohlhabenden gehören, die in der Einzel- 
konkurrenz obsiegen, so wird diese Auslese langsam vor 
sich ^ehen. Die kriegerische Auslese der in der Port- 
.pflanzung zurückbleibenden Völker wird sie in wirksamster 
Weise unterstützen. Ein nicht zu unterschätzender Neben- 
vorteil ist hier die bereits zeitig auftretende Mahnung, die 
wir erwähnten. In Frankreich muß ein bedeutend größerer 
Prozentsatz der Bevölkerung dem Heere einverleibt werden, 
um ein gleich zahlreiches Heer als ein mehr fortpflanzungs- 
freudiges Volk zu ergeben, weil die französische Bevölkerungs- 
zunahme in erschreckender Weise nachgelassen hat. Auf 
die Dauer müssen die Völker mit zahlreichen Familien 
.die mit dem Zweikindersystem vernichten. Vielleicht wird 
es kein wirksameres Mittel zur Erhaltung der natürlichen 



iortpflanzen werden, teils ungünstig, da die Faulen und Gleichgültigen 
üas aus anderen Gründen ebenfalls tun werden, bis die- Beschränkung 
ihnen .gar zu bequem gemacht wird. 

^J Novicow 1. c.p. 482: Darwins Gesetz gelte auch in der 
Gesellschaft, nur soll der Daseinskampf hier kein Mord sein! Allein die 
Justiz dürfe dennoch die Unfähigen und die Lasterhaften eliminieren, 
p. 485. Vgl. meinen Artikel, Tragweite, S. 460, 476, 480. 



— 263 — 

Neigungen und aller guten Eigenschaften, die sie bedingen, 
geben, als gerade diese Auslese! 

Alle Völker, deren zentrifugale Neigungen, der indivi- 
duellen Konkurrenz entsprungen und dieser zugute kommend, 
das Wachstum der einzelnen fördernd, sich zu stark, zu 
einseitig entwickeln, sehen schließlich ihre Kollektivkraft 
abnehmen, wodurch sie mit Untergang resp. mit einem 
abnehmenden Anteil in der Zusammensetzung der Mensch- 
heit bedroht werden, zum Vorteile derjenigen Völker, deren 
zentripetale Tendenzen und Eigenschaften sich in richtiger 
Harmonie mit den anderen entwickelt haben. Gerade diese 
Harmonie wird durch die Gruppenauslese gefördert, denn 
die Kraft der Gruppe im Zusammenstoße mit anderen 
nimmt gleichfalls ab, wenn die sie zusammensetzenden 
einzelnen durch fehlende Einzelauslese und Einzelkonkurrenz 
an vitalen Eigenschaften zuviel eingebüßt haben. Die 
volle und harmonische Entwicklung beider Eigenschafts- 
gruppen ist eben unerläßlich. Kein kräftiges Volk ohne 
hochentwickelte Kollektivtugenden, ohne starke Elemente 
aber keine starke Einheit. Der Krieg braucht beide und 
wird beide durch seine unerbittliche Arbeit mehr als irgend 
etwas anderes fördern. 

Man könnte hier einwerfen, gibt es denn keinen Wider- 
spruch zwischen der Förderung der sozialen Tugenden, 
wie der des Mitleids, durch den Krieg und seinen eigenen 
Existenzbedingungen, zu denen zweifelsohne eine gewisse 
MiÜeidslosigkeit gehört? Anscheinend gewiß, tatsächlich 
bei genauerem Zusehen nicht. Ich glaube, eine einzige 
Bemerkung genüge, um diese Schwierigkeit aufzuhellen. 
Die Gruppe braucht, um ausreichend stark zu sein, im 
Kampfe mit den anderen gar keine übergroße Entwicklung 
des Altruismus, und der Krieg mit den Gruppenfremden 
verlangt keine große Grausamkeit. Ersteres schon aus 
dem Grunde nicht, weil gar keine dauernde und absolute 
Selbstvergessenheit verlangt wird, außerdem nicht alle Mit- 



— 264 — 

glieder die höheren Grade der Hmgebnng zu besitzen 
braacheiiy das zweite nicht, da die Grausamkeit aaf die 
Fremden beschränkt bleibt, nur unter heftiger Provokation 
auftritt, nicht positiv zu sein braucht. Tatsächlich sind 
bei den kollektiv kräftigsten Völkern die sozialen Tendenzen 
wie die kriegerische Grausamkeit nur bis zu einem praktisch 
ausreichenden mittieren Grade entwickelt. Wir reden zwar 
viel in unseren Theorien über die beiderseitigen Extreme, 
sie dürften aber beide gleich selten in der Realität vor- 
kommen. Ich möchte auch bezweifeln, ob diese äußersten 
Grade beider Neigungen noch als reale, sozial wünschens- 
werte Tugenden zu gelten hätten. Alles was irgend ein 
Philosoph oder ein Schwärmer mit Superlativen austüftelt, 
kann sich darum noch nicht als praktisch anwendbare Verhal- 
tungsregel bewähren. Was wir brauchen, ist gar nicht der 
absolute Altruismus oder der uneingeschränkte Egoismus, 
sondern die den jemaligen Verhältnissen best angepaßte 
harmonische Mischung beider und die möglichst zahlreiche 
Verbreitung dieses Typus im Volke. 

Der Krieg würde mit jedem Staate, der es mit der 
einseitigen Durchführung einer der beiden Tendenzen auch 
nur ernsthaft versuchte, gar bald und gründlich aufräumen. 
Jede kommunistische Tendenz über eine gewisse noch 
zuträgliche Grenze hinaus würde am Kriege ihre uner- 
bittliche, ausmerzende Strafe finden. Die egoistischen 
Neigungen einer Bevölkerung können sich aber kaum weiter 
entwickeln als zur Existenz und zur Erhaltung der einzelnen 
unumgänglich nötig ist; denn der Kampf der Gruppen 
setzt ihnen eine unübersteigbare Grenze. Ich bin überzeugt, 
daß es wie keinen dringenderen Mahner, so kein kräftigeres 
Mittel zur Auffindung des besten, aUem Fortschritte gunstig- 
sten Verhältnisses zwischen beiden Tendenzen gibt als den 
Krieg. 

Der ewige Friede wäre vielleicht die Wegnahme aller 
Auslesemittel kollektiver Tugenden, gewiß die Beraubung 



— 265 — 

des Menscbheitsf ortschrittes um das einzige kollektive Aus- 
leseverfahren. Es gäbe dann weiter nur Personalauslese. 
Ich behaupte gar nicht, daß diese bloß egoistische oder 
höchstens egotistische Eigenschaften züchtet, ich verkenne 
auch die Möglichkeit keineswegs, sogar ohne alle Selektion 
zu einer gewissen, wenn auch wahrscheinlich nicht erb- 
lichen Erhöhung unserer Eollektiveigenschaften, nur auf 
dem Wege der Erfahrung und der Erziehung, zu gelangen, 
aber es scheint mir schwer zu leugnen, daß bei dem be- 
kannten äußerst langsamen Gange dieses Fortschrittes wir 
uns eines kräftigen Hilfsmittels auf keinen Fall entäußern 
dürfen, am allerwenigsten im Namen der Humanität, die 
ja gerade hier die Ansetzung aller Hebel gebieterisch 
verlangt. 

Sonst sehnt man sich mit Kecht nach größerer Sehneilig- 
keit des Fortschritts, warum sollte man jetzt auf ein Be- 
schleunigungsmittel Verzicht leisten? 



Es erwarten manche, die über die Macht der Auslese 
hinlänglich aufgeklärt sind, daß die durch unsere Einsicht 
gelenkte Personalauslese die peinliche Gruppenauslese durch 
den Krieg bald überflüssig machen werde. Ich glaube mit 
Unrecht. Sie machen sich liebenswürdige Illusionen über 
die Ausdehnung unserer Kenntnisse auf diesem Gebiete 
einerseits, über unser Vermögen hier wohltuend einzugreifen 
anderseits. Die übergroße Mehrheit des Publikums verhält 
sich allen hier vorgeschlagenen Maßregeln gegenüber noch 
durchaus ablehnend. Vorläufig besitzen wir hier nicht viel 
mehr als eben diese Illusionen, die sogar nur von wenigen 
geteilt werden.^) Wie ist es nur möglich, solche Zukunfts- 



^) Ich brauche kaum zu sagen, daß ich mich übrigeus sympathisch 
zu ihnen verhalte; vgl. meine Vorrede zu der holländischen Obersetzung 
des Haycfaft sehen Büchleins: Darwinism and Race-progress, 1897, 
und mein: Tragweite etc., S. 637 ff. 



b^me ernsthaft 
Interessen anf c 
TOD hohem Ide 
Gib mir sofort d 



Es nimmt d 
Körper wie die ir 
den Dmck lenke 
daß der Natural 
zwar Unrecht hs 
liehen äberlejftei 
rischen Werdens 



Wendung: erwart« 
die bestimmende 
Kräfte einschließ 
Die Wahrheit wi 
Wille unter den 
nehmen, daß da: 
eine viel mächtig 
diese auch nnsen 
dies die automatii 
unabhängig,^) dii 
der Gestaltung i 
zuschalten wir 
unsere Kentnis i 
eine so überaus 

') Die revoluti 
ungeheuere lokoDsei 
Sozialismua, 1899, f 

') D. h. die s< 
bei der Einführung 
die Demokratie zu 



8. Kapitel. 

Die Kontraselektion. 

Der allerschwerste Einwurf, der gegen unsere Auf- 
fassung von " der selektÄrischen Wirkung des Krieges er- 
hoben werden kann, ist der der Kontraselektion, oder der 
nicht im Sinne des Portschritts verlaufenden Auslese. Ich werde 
es vorläufig dahingestellt sein lassen, daß es sehr schwierig, 
wenn nicht unmöglich sein dürfte zu bestimmen, was selek- 
toriscii, was kontraselektorisch zu heißen verdient. Es nützt 
nicht viel, ob wir die Ausmerzung der starken Konvarianten, 
die Auslese und Erhaltung der Schwachen „Kontraselektion" 
nennen, denn es bleibt die Frage, was wir auf dem wenig 
bekannten, kaum vorurteilsfrei zu betrachtenden Gebiete 
-der menschlichen psychischen Eigenschaften — und auf 
diese kommt es uns hier doch hauptsächlich an — schwach 
und was stark nennen.^) Wie gesagt, wollen wir uns mit 
der nebelhaften Auffassung begnügen, nach welcher wir 
im gewöhnlichen Leben die tüchtigen Leute von den 
Schwächlingen unterscheiden, die Begabten von den Un- 
begabten. 

Der Vorwurf wird dann ungefähr wie folgt formuliert: 
diejenigen die in einer heutigen Schlacht fallen, sind nicht 
schwächer als die welche überleben, die Offiziere erleiden 
bedeutend größere Verluste als die Mannschaften, die ge- 
sünderen Männer mußten ausziehen, die schwächeren blieben 
zu Hause. Der Vorwurf trifft besonders, oder vielleicht 
allein die Kriege unserer Zeiten. Der Unterschied der 



*) A. Plöetz, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der 
Schwachen, 1895, S. 40. ff. bietiät uns hierbei keine Hilfe. 



— 268 — 

früheren von den jetzigen Schlachten beruht hierauf, daß 
im Kampfe ohne oder fast ohne Femwaffen die Stärksten^ 
Behendesten und Schlauesten gewiß einen erheblichen Vor- 
teil genossen und mehr geschont wurden. Dagegen werden 
auch damals gerade die Edelsten und Tapfersten sich in 
den gefährlichsten Augenblicken am wenigsten geschont 
haben. Insofern war der Unterschied von den heutigen 
Verhältnissen nur gering. 

Solange die Heere hauptsächlich aus Freiwilligen und 
Mietsoldaten sich zusammensetzten, also aus abenteuer- 
lichen, wilden Gesellen, die wahrscheinlich unterdurch- 
schnittlich für das friedliche Leben beanlagt waren, konnte 
ihre Dezimierung als eine glückliche Ausjätung betrachtet 
werden,^) obwohl ihre Eigenschaften vielleicht nicht allzu 
sehr unterschätzt werden sollten: es waren wohl meistens 
kräftige Leute, von unabhängigem Sinne, mit Mut und 
einem gewissen üntemehmungsgeiste begabt ; ob die daheim 
geprügelten Bauern sich in jeder Beziehung günstig von 
ihnen unterschieden? Auch wenn wir annehmen, daß ihr 
häufiger Untergang zur Milderung der Sitten durch die 
Ausmerzung ihrer Anlagen beigetragen hat, so ist damit 
das letzte Wort nicht gesprochen: es ist auch möglich, 
daß wir, wenn sie länger gelebt hätten, eine bedeutend 
größere Anzahl kühner Leute besäßen, die wir wahrlich 
brauchen können. 

Bei der Werbung mittels Zwangs und Betrugs mögen 
die gesunden und kräftigen jungen Männer bevorzugt worden 
sein; wie viele derselben haben die deutschen Kleinfürsten 
ja nach dem Auslande verkauft!^) 



^) Wie Ploetz I.e. S. 62 tat; vgl. Coste, Experience des 
Peoples, 1900f p. 66f. und Taine, Origines de la France Contempo- 
raine, Le Regime Moderne, 1891, p. 286. 

^) Es wurden aber auch merkwürdig viele Verbrecher in die 
Armee und auf die Flotte gesteckt, vgl. Owen Pike, A History of 
Crime in England, 1876, vol. 2 p. 378, es geschah das noch sehr all- 
gemein am Ende des 18. Jahrhunderts, vgl. Taine 1. c. p. 286. 



— 269 — 

Den alten Kriegen dürfte es also an kontraselek- 
torischen Einflüssen anch schon nicht gemangelt haben. ^) 

Die Kriege unserer Zeit sollen in dieser Beziehung 
viel mehr verschulden. Nicht nur daß im heutigen Volks- 
heere, wie die meisten der europäischen Kulturstaaten es 
besitzen oder bald einführen müssen, alle Kreise der Ge- 
sellschaft gleichmäßig vertreten sind, und zwar durch ihre 
gesunden Exemplare, sondern der heute überwiegende 
Fernkampf schont die besten Kämpfer nicht mehr als die 
schlechten, und es werden übermäßig viele Offiziere ge- 
tötet und schwer verletzt, da diese sich den Kugeln häufiger 
darbieten müssen als die Soldaten. Also drei oder vier 
nonselektorische resp. kontraselektorische Umstände! 

Der erste Umstand ist also, daß im heutigen Volks- 
heere alle Stände und Charaktere gleichmäßig vertreten 
sind. Ich betrachte dies ganz entschieden als eine Gefahr 
vom Standpunkte der Auslese, da die höheren Stände^ ob- 
wohl gewiß nicht im Monopol der höheren Begabung, doch 
sowohl einen höheren Durchschnitt als einen größeren 
Prozentsatz höher begabter Individuen aufweisen dürften. 
Die tägliche Erfahrung, die Wirtschaftsgeschichte, die anthro- 
pologische Untersuchung, alle ergeben dieses Resultat.^) 
Das Aufsteigen niedrig geborener Personen zu höheren 
Stufen läßt sich sonst gar nicht begreifen. Daß die 
niederen Stände ebenfalls begabte Individuen besitzen 

^) Die Kantonisten Friedrichs waren gewöhnliche Bauern, vgl. 
Lehmann I.e. Bd. 1 S. 291: wer von den Söhnen am wenigsten 
geeignet für den Militärdienst, folgte dem Vater in der Wirtschaft 1 
]Jnd Max Jahns, Heeresverfassungen und Völkerleben, 1885, S. 340 ff. 
Lehmann teilt Steins Furcht mit, die langen Leute müßten in 
Preußen aussterben, weil so viel mehr mit Militärdienst gequält, 
ibidem S. 290. Vgl Schallmayer, Vererbung und Auslese im 
Lebenslauf der Völker, 1903, S. 111—121. 

') Vgl. Hertz, Moderne Rassentheorien, 1904, S.50f.;Buschan 
im Archiv f. Rassen- und Gesellschaftsbiologie Bd. 1 S. 689; Schall- 
mayer I.e. S. 130; Matiegka in Polit. Anthrop. Revue, 1904, 
Über die Beziehungen des Hirngewichts zum Berufe, S. 7 ff. 



— 270 — 

und immer aufs neue hervorbringen, ist sogar der Aus- 
gangspunkt dieser Hypothese. Ich bin auch gar nicht 
geneigt den Anteil der ohne weiteres sozial verderblichen 
Eigenschaften am Emporkommen zu allen Zeiten zu unter- 
schätzen, aber sie allein können doch die ganze höhere 
Produktion, den ganzen Fortschritt der Kultur, nicht er- 
klären!^) Überdies sind sie so zahlreich vorhanden, daß, 
wenn es von ihnen allein abhinge, viel mehr Personen auf- 
steigen würden. Die halb wünschenswerten Eigenschaften, 
wie Schlauheit, äußerste Beharrlichkeit und dergleichen, 
spielen hier schon eine bedeutende Rolle, nur von den 
gelehrten Schriftsteilem, die leider allein sich in solchen 
Sachen äußern, ignoriert. 

Die gleichmäßig verteilte Tötungschance im Kriege 
betrachte ich als unverkennbare Kontraselektion. Der 
Umstand, daß die Nachverpflegung der wohlhabenden Ver- 
wundeten wahrscheinlich sorgfältiger sein wird, dürfte 
nicht schwer ins Gewicht fallen. Von weit größerem Ge- 
wichte ist aber die Erwägung, daß die ganze Anzahl der 
so ausgejäteten begabten Mitglieder der höheren Klassen 
nicht groß sein wird, erstens weil überhaupt die Zahl der 
Gefallenen und Verstümmelten nicht sehr groß ist, zweitens 
weil die höheren Klassen einen numerisch kleinen Teil des 
Volkes ausmachen, drittens weil die wirklich Begabten, 
die hoch über dem Durchschnitte des Volkes Stehenden, 
wiederum nur einen kleinen Teil dieser Klassen ausmachen. 
Denn wenn dieser Teil hier auch gewiß bedeutend größer ist 
als in den anderen Gesellschaftsklassen, so ist er doch auch 
hier sehr klein zu nennen : wir werden uns allmählich zu der 
Erkenntnis bequemen müssen, daß begabte Leute, nicht nur 
Genies, recht seltene Leute sind. Von diesen Wenigen 
werden nun im Kriege nur sehr wenige getötet, eben weil 
ihre Chance dieselbe wie die der anderen, der großen 

^) Vgl. Labour and the Populär Wellfare, des zu viel verkannteD 
W.H.Mallock. 



— 271 — 

Masse ist. Der Verlust an Begabten, den jeder Krieg 
zweifellos bringen wird und der selbstverständlich kontra- 
selektorisch ist, dürfte also doch nicht übermäßig groß 
sein. *) Geschätzt oder berechnet kann er leider nie werden, 
da die Begabung der jungen Leute noch nicht zur Offen- 
barung gekommen sein dürfte, wenigstens nicht in der Mehr-. 
2jahl der Fälle. 

Der zweite kontraselektorische Umstand wäre dieser, 
daß gerade die gesunden jungen Männer in die Armee 
gesteckt und im Kriege zu einem guten Teile getötet 
oder verstümmelt werden, während die minderwertigen 
Elemente hübsch zu Hause bleiben, von den Frauen um- 
schwärmt, sich früh verheiraten und Kinder zeugen. Der 
Nachteil wirkt also schon in Friedensjahren, in Kriegs- 
zeiten aber mit erhöhter Kraft. Mehr Nachwuchs aus den 
weniger gesunden Männern ! eine nicht zu unterschätzende 
Kontraselektion. 

Ich glaube aber, daß hier mehrere mildernde Umstände 
vorliegen. Sehen wir uns die Sache einmal erst für den 
Friedensfall an! Zuerst möchte ich bemerken, daß in 
manchen Staaten schon sehr geringfügige physische Mängel, 
die öfter gar keinen weiteren gesundheitlichen Nachteil 
bedeuten, genügen, um vom Militärdienste auszuschließen, 
die Ausgeschlossenen stellen in diesen FäUen kaum einen 
minderwertigen Ausschuß dar. Natürlich ist das besonders 
in den Ländern der Fall, in welchen die Forderungen der 
Armee die Kräfte des Volkes nicht übersteigen ; daß es sich 
in den anderen anders verhalten dürfte, gehört also schon, 
wenn auch indirekt, zu der Kollektivauslese: gesteigerte 
Kontraselektion ! 



^)DeLapouge, Los Selections Sociales, 1896, p. 232 rechnet auch 
als Kontraselektion, daß die höheren Stände in der Kaserne so 
leicht infiziert werden usw., aber die Studenten, wie wir oben sahen ! 
Die Besseren gerade bleiben auch in der Kaserne rein! 



— 272 — 

Übrigens wird die ganze Sache wohl ein bischen zu 
sehr an^ebaoscht t ^) Die Dienstzeit dauert überall im 
Frieden nur kurz, vielleicht mit Ausnahme von Eußland, 
und es besteht ein allgemeines Bestreben, diese Zeit noch 
abzukürzen, das bei der jetzigen Sachlage wahrscheinlich 
zum Teil wenigstens Erfolg haben wird. Auf der anderen 
Seite wird das Verehelichungsalter immer mehr erhöht, 
auch bei den nichtmilitärischen Völkern;^ die höheren 
Klassen heiraten noch später, hier dürfte also gar keine 
Zurücksetzung der Dienstpflichtigen vorliegen. Aber auch 
die strebsameren Elemente aller Yolksklassen heiraten spät, 
sie suchen sich erst eine etwas bessere Stellung zu er- 
werben. Die kurze Dienstzeit wird bald nicht mehr schwer 
ins Gewicht fallen. 

Umgekehrt sind die Vorteile des B[riegers auf dem Heirats- 
markte auch nicht zu unterschätzen. Es wurde wohl kein zn 
Hause Gebliebener um seine Meinung in dieser Sache gefragt 
Ich glaube, er würde sich, besonders in militärischen Ländern, 
mit Neid über die armen zurückgesetzten Krieger äußern. 
Die Mädchen haben hier auch eine Stimme, und die ist ent- 
schieden militärgünstig. Nicht nur schon während ihrer 
Dienstzeit dürfte die Gunst, in welcher die Soldaten bei 
den Frauen stehen, zum Ausdruck kommen, auch nachher 
übt die erworbene Schneidigkeit noch in den bescheidensten 
Kreisen ihren Einfluß. Als gewandtere Kurmacher werden 
sie von den Mädchen vorgezogen, ihre körperlichen Vor- 



^) Besonders darcfa De Lapouge 1. c. dem Lagorgette 
1. c. p. 522 ff. kritiklos folgt, wenn z. B. die angebliche Schwäche 
der franz. und deutschen Rekruten der Jahre 1891 und 1892 von 
der Kontraselektion in 1870/71 herrühren sollte, so müßte sie doch 
viel länger als diese zwei Jahre dauern, sie scheint also eher die 
Folge akuter Schwächung durch die Kriegsjahre. Auch wurden die 
Rekruten von 1891/92 nicht aUein durch die in 1870 nicht Getöteten 
gezeugt, sondern auch durch viel ältere Männer. 

^) Das Verehelichungsalter wird höher, Mayo-Smith, Statistics 
and Sociology, 1895, p. 104. 



— 273 — 

Züge, denen sie ihre Einstellung verdankten, werden jetzt 
auch zum die Ehe begünstigenden Faktor, gerade sie werden 
die hübscheren, das sind die gesünderen Mädchen erhalten 
und mehr und bessere Kinder zeugen. Dieselbe Gesund- 
heit vereint mit dem Schliffe und der Entwicklung, welche 
die Garnison ihnen gab und in Zukunft in erhöhtem Grade 
geben muß^ wird den ehemaligen Soldaten das Fortkommen 
in der Welt erleichtem, zum Vorteile auch ihres Nachwuchses. 
Im militärischen Staate, wo der Offiziersstand eine sehr 
erhöhte Achtung genießt, werden die jungen Offiziere, das 
Vermögen als gleich vorausgesetzt, gewiß besser als die 
Zivilisten sich verehelichen können, mit hübscheren und 
reicheren Mädchen. Hier sind sie also gar nicht im Nach- 
teil, im Gegenteil. Übrigens bin auch ich der Meinung, 
daß der Staat im eigenen Interesse durch erhöhte Gehalte 
den Offizieren die Heirat erleichtern sollte. Wenn die 
Eekruten sich in ehelichen Sachen doch im Nachteil be- 
jfinden, so könnte allenfalls eine Art Wehrsteuer eingeführt 
werden, welche die vom Kriegsdienste Befreiten zu zahlen 
hätten und aus welcher den ehemaligen Soldaten bei jeder 
Geburt eines legitimen Kindes ein Zuschuß gezahlt werden 
soUte.^) 

Der dritte kontraselektorische Faktor ist die Gleich- 
heit aller Soldaten vor der Kugel: Geschick, Kraft, Mut 
sollen hier nichts bedeuten, die Kugel trifft alle ohne 
Kücksicht Ja, die Besten, die Tapfersten sind hier gewiß 
besonders im Nachteil.'^) Diejenigen, welche sich zu be- 
sonders gefährlichen Aufträgen freiwillig melden, laufen 
natürlich die meiste Gefahr. Kontraselektion ohne Fraget 
Die Kugel wählt nicht. Von der anderen im Kriege so viele 
wegraffenden Todesart, den Verwundungskrankheiten, den 



*) Vgl. Schallmayer 1. c. S. 297 und dazu mein, Tragweite usw. 
S. 629. 

«) Von der G o 1 1 z , Das Volk in Waffen S. 346 : Die Tapfersten 
sterben zuerst, sowohl durch die Kugel als durch Überanstrengung 
Steinmetz. 18 



— 274 — 

Entbehnmgeii, den Strapazen, den Krankheiten, gilt das 
aber gewiß nicbt Daß die physisch besser Veranlagten sie 
besser überstehen werden, ist sogar sdbstverstandlich, 
aber anch die intellektaelle nnd erst recht die moraUsche 
Anlage wird hier schwer ins Gewicht faUen^r Wie bei allen 
großen Anstrengungen kann der moralisch Höhere aushalten, 
was der niedrige Mensch nicht ertragen kann. Außerdem 
werden die durch Ausschweifung und Unzucht nicht ver- 
dorbenen Konstitutionen sich hier entschieden im Vorteil 
befinden. Wenn wir jetzt in Betracht ziehen, daß ein 
sehr großer Teil aller Kriegsverluste nicht aus den sofort 
Getöteten besteht,^) alle anderen aber der hier geschilderten 
sehr wählerischen Auslese unterworfen sind, so dürfen wir 
hierin eine wesentliche Milderung der von mir übrigens 
ausdrücklich anerkannten Kontraselektion der Schlacht er- 
blicken. 

Endlich der vierte Faktor der Kontraselektion. Aus 
dem Generalstabswerke über den deutsch-französischen 
Krieg ergibt sich nach A m m o n , daß die Offiziere in den 
großen Schlachten zwei bis dreimal stärker dem Feuer 
ausgesetzt waren als die Mannschaften, und daß sie mehr 
tötliche Wunden empfingen als diese.^ Haushofer gibt 
folgende Statistik über die Verluste dieses Krieges auf 
deutscher Seite: 

Generäle 46 von Tausend, 

Stabsoffiziere 105 

Hauptleute, Rittmeister 86 „ 

Leutnants 89 „ 

Unteroffiziere und Mannschaften 45 „ „ *) 



n n 



^) Von Bloch 1. c. Bd. 6 S. 178: in den letzten Kriegen rührten 
•/4 der Verluste von Krankheiten her, Vi von Wunden, und, soweit 
der Tod nicht unmittelbar eintritt, dürfte ein gesunder Körper doch 
eine bedeutend bessere Chance geben. 

') Ammon, Auslese S. 305; vgl. Ripley, Races of Europe, 
1899, p. 86/88. 

») Ploetz 1. c. S. 63; Mayo-Smith 1. c. p. 168. 



— 275 — 

Von Oettingen macht darauf aufmerksam, nach dem 
Vorgänge Engels, daß die Sterblichkeit an Krankheiten 
dagegen im Kriege für die Offiziere geringer ist als im 
Frieden, für die Soldaten nur etwas höher. ^) 

Welche ist nun die kontraselektorische Bedeutung 
dieses Mehrverlustes an Offizieren? Es kommt hier alles 
auf die Befähigung des Offiziersstandes im Verhältnis zu 
den anderen Ständen an. Wir müssen hier die adlig- 
militaristischen Staaten von den anderen unterscheiden. 
In den demokratischen, nicht oder sehr wenig militaristischen 
Liändem dürfen wir annehmen, daß die Offiziere entweder 
in der Hauptsache die weniger befähigten jungen Leute 
aus den wenig begüterten Familien sind oder die eben dort 
sehr seltenen, welche entschieden militärisch begabt sind. 
Alle die anderen fühlen sich zum Militär mit seinem 
geringen Gehalte, das nur mit dem Alter steigt, Eifer und 
Talent nur wenig lohnt, im Allgemeinen wohl nicht ange- 
zogen, besonders geehrt ist die Armee in diesen Ländern 
ebenfalls nicht, in manchen Kreisen eher wenig in Ansehn. 

In den erstgenannten Staaten verhält es sich ganz 
anders. Hier findet sich ein Stand, dessen Söhne, be- 
sonders die jüngeren, ob hoch oder niedrig begabt, der 
Tradition gemäß in die Armee eintreten. Und weil das 
ganze Militär hier hohe Ehren genießt, werden naturgemäß 
auch manche andere begabte uud hochgesinnte junge Leute 
zu dieser Laufbahn vor allem angezogen, ungeachtet aller 
finanziellen und sonstigen Nachteile. Das Selbständigkeits- 
gefühl ist hier bedeutend weniger entwickelt, die jungen 
Leute kennen den Widerwillen gegen die Disziplin und 
die sonstigen militärischen Sitten nicht, welche in anderen 
Ländern mit wenigen Ausnahmen nur die Militär werden 
läßt, denen sich gar keine andere ehrenvolle Laufbahn 
öffnet. Die Schlußfolgerung aus diesen Erwägungen, die 



^) V. Oettingen 1. c. S. 731. 

18^ 



— 276 — 

in der Hauptsache zutreffen dürften, ist folgende: Die 
Begabung der Offiziere in den militäriscben Ländern wird 
eher etwas oberhalb des allgemeinen Niveaus der gebildeten 
Stände stehen, obwohl die hier in Betracht kommenden 
adligen Kreise etwas unterhalb dieser Schwelle liegen 
dürften, da sie der Reinigung von unwürdigen Elementen 
und dem Zutritte würdiger viel weniger als die mehr 
freien Stände zugänglich sind — der prinzipielle, nicht 
abzustreifende Fehler aller geschlossenen, privilegierten 
Stände, aUes Adels, seine automatische Strafe und sein 
Verhängnis ! Umgekehrt wird die Beanlagung der Offiziere 
in den nichtmilitärischen Ländern wahrscheinlich etwas 
unter dem allgemeinen Niveau des gebildeten Standes 
stehen, obwohl es hier glänzende Ausnahmen geben kann; 
der militärische Beruf wird als Mittel sich emporzuheben 
benutzt, aber wohl nicht von den energischeren und 
intelligenteren jangen Männern, denen andere raschere 
Laufbahnen zu Grebote stehen. 

Die größere Mortalität der Offiziere ist also in den 
nichtmilitärischen Ländern wahrscheinlich kein so großes 
Übel als es scheint, in den militärischen können wir uns 
allein mit der Erwägung trösten, daß die Talente dieses 
militärischen Adels kaum die sein dürften, welche unsere 
moderne Gesellschaft am meisten braucht. Es erscheint 
fast als eine wunderschöne Schicksalsfügung, daß dieser 
Stand sich selbst in der Hingebung an den historischen 
Beruf eliminiert, gerade zu der Zeit, wo seine Talente 
dem Zeitbedürfnis weniger angepaßt erscheinen. Letztere 
Erwägung verliert aber allen Grund, wo der moderne Adel 
sich meist nicht scheut, sein Blut mit sehr bürgerlichen 
Elementen aufzufrischen. Es dürfte seine Begabung da- 
durch, wenn auch gesteigert, doch weniger einseitig mili- 
tärisch werden. 

Ob aber diese ganze erhöhte Sterblichkeit der Offi- 
ziere, abgesehen von allen Spekulationen über ihre Be- 



— 277 — 

gabungsunterschiede, so schlimme selektorische Folgen 
haben wird, als man das gerne ausmalt, möchte ich dennoch 
bezweifeln. Erstens ist besonders die Sterblichkeit der 
Stabsoffiziere eine so sehr hohe, und zweitens befinden 
sich gerade nnter ihnen die höheren Begabungen, aber 
diese höheren Offiziere werden in der Mehrzahl der Fälle 
ihre Zeugungspflicht schon vollständig oder nahezu so er- 
füllt haben, ihr Tod ist vom Standpunkte der Auslese also 
absolut gleichgültig. Und die anderen, die Hauptleute und 
die Leutnants, die immerhin zweimal so oft sterben, als 
die gewöhnlichen Soldaten? Manche würden leider bei 
der jetzt herrschenden Unsitte der Nachwuchsbeschränkung 
doch nicht mehr Kinder gezeugt haben, als sie jetzt schon 
zurücklassen dürften.^) 

Auch hier gebe ich zu, daß, allen Abzügen zum Trotze, 
eine kontraselektorische Tendenz nicht abgeleugnet werden 
kann. 

An fünfter Stelle muß ich hier einen Umstand nahm- 
haft machen, den v. Oettingenund nach ihm de Lapouge 
hervorheben,*) nämlich den der erheblich erhöhten Sterb- 
lichkeit des Militärs auch im Frieden. Es ist der Über- 
schuß der Militärsterblichkeit etwa in der Mitte der 60 er 
Jahre in Preußen 47 7o gewesen, in Frankreich 70 7o> ver- 
glichen mit der Zivilbevölkerung der entsprechenden Alters- 
klasse. 

Es dürfte sich hier aber sehr viel gebessert haben. 
Soweit aber das Betragen des einzelnen ein schwer ins 
Gewicht fallender Umstand, sowohl bei der Erkrankung als 
bei der Genesungschance, sein dürfte, stehen wir hier 
keineswegs einer reinen Kontraselektion gegenüber. Die 



^) Schallmayers Vorschlag 1. c. S. 339 der höheren Be- 
soldung der besseren Staatsangestellten würde noch viel wirk- 
samer sein. 

*) y. e 1 1 i n g e n 1. c. S. 734 ;de Lapouge, Selections, 
p.238f. 



— 278 — 

an Körper und Seele Gesündesten nnd Kräftigsten kommen 
natürlich auch bei dieser Siebnng am besten davon. 

Meine allgemeine Schlußfolgerung aus allem Vorstehen- 
den ist also die folgende: Die Indivldualselektion im Krieg-e 
sowie in der Priedensarmee ist entschieden kontraselektorisch, 
obwohl nicht in solchem Maße als es manchmal vorgestellt 
wird und viele Umstände verursachen dennoch eine richtige 
Auslese. 

Die Frage ist jetzt, ob die Bedeutung dieser Kontra- 
selektion für die Evolution der menschlichen Beanlagung 
groß genannt werden muß. Dieses, und es kommt am 
Ende nur hierauf an, möchte ich aber bezweifeln. Wir 
haben oben gesehen, daß die direkten Menschenverluste 
im Kriege gebildeter Völker überhaupt und mit wenigen 
Ausnahmen keine sehr große heißen dürfen. Die Sterb- 
lichkeit der höheren Stände ist im Kriege eine ungünstige, 
aber die Zahl der Begabten und zugleich körperlich Tadel- 
losen ist so klein, daß ihrer in den relativ seltenen Kriegen 
doch wohl nur äußerst wenige untergehen werden. Es 
starben ja von der männlichen Bevölkerung Deutschlands 
im großen Kriege von 1870/71 nur 2,03 auf 1000, wie ver- 
schwindend wenige Begabte müssen in dieser Zahl be- 
griffen sein! und da müssen noch, die auch sonst ge- 
storben wären, abgezogen werden.^) 

Bei Völkern, die besiegt werden, wird der ganze Ver- 
lust im allgemeinen größer sein, und damit auch der an 
Begabten, somit die Kontraselektion schwerer ins Grewicht 
fallen, was für das betreffende Volk um so schlimmer, da 
es seine tüchtigen Männer nie mehr als in solchen Perioden 
braucht. Für die Menschheit dürfte der Nachteil der in- 
dividuellen Kontraselektion aber durch die günstige Kollektiv- 



^) Zahlen über die erhöhte Sterblichkeit im Kriege verglichen 
mit der im Frieden gibt v. Oettingen 1. c. S. 731. 



— 279 — 

Selektion wettgemacht werden. Sie verliert mehr an den 
Begabten des besiegten Volkes als ohne Krieg der Fall 
wäre, dafür wird das siegende Volk aber emporgehoben. 
Es kommt also alles auf das Verhältnis des vom Kriege 
gestifteten Nutzens zu dem von ihm verursachten Schaden 
an. Es verhält sich damit nicht anders als mit allen Aus- 
gaben und Opfern. Das Verhältnis von Vorteil und Opfer 
entscheidet alles. Wenn wir zuletzt alle guten und 
schlechten Seiten des Krieges gegeneinander abwägen, 
werden wir das Fazit gewinnen. Vorher haben wir noch 
einiges in Betracht zu ziehen. 



9. Kapitel. 

Das eherne Gesetz des steigenden Kriegsbudgets. 

Die Militäransgaben Enropas betragen 

im Jahre 1886 4,5 Milliarden Fr. 

„ „ 1897 6,5 „ „ 

„ 1902 8,5 „ „ ^) 

Die Ausgaben für Heer und Flotte betragen in Pro- 
zenten des allgemeinen Staatsbudgets 

in 1895 in 1904 
in Frankreich 26,53 27,74 

„ Deutschland 34,68 40,29 

„ England 39,91 50,97 

„ ItaHen 25,86 22.50 

„ Rußland 22,53 21,77 

„ Vereinigten Staaten 19,18 31,98«) 

Auch wenn wir größere Zeitabschnitte vergleichen, 
ist die Zunahme sowohl der Kriegsbudgets als ihrer An- 
teile im Gesamtbudget unverkennbar, mit Ausnahme Italiens 
und Rußlands. 

Frankreich zahlte 1849 für seine Armee 378 Mill. Fr., 
1890 schon 556 Mill. Fr., und 1904 676 Mill. Fr., während 
in derselben Zeit die Kosten der Marine von 127 Mill. 
i. J. 1855 auf 203 i. J. 1890 und 312 MilL Fr. i. J. 1904 
stiegen. England zahlte für Heer und Marine 1849 nur 



^) Nach Messuny, Depute, in „Mise au Point Necessaire'', 
1906, p.6. 

^) Mise au Point p. 9. 



— 281 — 

16290000 Pfd. SterL, 1889 bereits 28 957 000 Pfd. Sterl., 
und in 1904 72150 000 Pfd. Sterl. Deutschland hatte 1885 
ein Heeresbudget von 367 Hill. Mk. und ein Marinebudget 
von 37 Mill. Mk., in 1904/05 aber ein Heeresbudget von 
717 Mill. Mk. und ein Marinebudget von 233 Mill. Mk.^) 

Die Zunahme ist wahrUch ganz erstaunlich groß! 
Es kann uns deshalb nicht Wunder nehmen, daß manche 
Schriftsteller durch diese kollossale Zahlen den Kopf ver- 
lieren und aus ihnen folgern, daß diese Zunahme gar nicht 
aufhören wird. Schlimmer noch, daß die Armee- und 
Marinekosten einen immer größeren Teil des ganzen 
Staatsbudgets verschlingen und die Staaten in dieser Weise 
unvermeidlich zum Bankrott geführt werden.^ Diese Leute 
werden durch die sehr verbreitete Neigung irregeführt, 
jede Tendenz bis ins endlose zu steigern. Wie Marx und 
seine Anhänger annahmen, es würde sich die Umwandlung 
des Kleingewerbes in die Großindustrie, das Wachstum 
der Vermögen wie der Betriebe, die Verschlimmerung der 
Krisen immerzu fortsetzen, so denken sich die Soziologen 
dieser Art jede Linie, die sie wahrnehmen, endlös ver- 
längert! Dennoch lehrt jede Erfahrung, daß gerade dies 
nie der Fall ist. . 

Wir sehen jetzt schon, daß allerlei Forderungen an 
den Staatssäckel gestellt werden, die nicht befriedigt 
werden können, ohne daß die militärischen Ausgaben ein 
wenig beschnitten werden. Alle Maßnahmen zur Förderung 
der Volkswirtschaft, der Volksbildung, der sozialen Ee- 
formen werden von so mächtigen Parteien verlangt, daß 
das militärische Interesse davor zurückweichen muß. Es 
kann das auch ohne Gefahr geschehen, weil sich diese 
Forderungen unvermeidlich in jedem Lande erheben, das 
der höheren Kultur teilhaftig wird. In allen Kulturländern 



^) Nach dem betr. Almanach de Gotha. 

^) Z. B. Mise au Point Necessaire, 1906, p. 9. 



— 282 — 

werden sich dieselben Interessen zu ihrer Befriedigung um 
die Staatskasse streiten, bis überall eine gewisse Harmonie 
hergestellt wurde. Der Staat, der einseitig sein wollte, in 
dieser oder jener Richtung, würde dadurch keine größere 
Kraft erwerben, sondern sich im Gegenteil wenn nicht für 
den Augenblick so doch für die Zukunft schwächen und 
an seinem Ziele vorbeistreben, was bekanntlich eine ganz 
verkehrte Manier es zu erreichen ist. Ja, wenn die mili- 
tärische Macht nur in der Bildung einer großen Armee be- 
stünde, wenn es gar nicht darauf ankäme, ob es in dieser 
Armee auch Treue gegen die Regierung, also Zufriedenheit 
mit den sozialen Zuständen gäbe, oder ob die finanzielle 
Kraft des Volkes ausreichte, oder ob die Offiziere begabt 
und die Soldaten entwickelt genug, die physische und die 
moralische Kraft aller Mannschaften groß genug, ja, wenn 
das alles nichts zur Sache täte, statt, wie es in Wirklich- 
keit der Fall, daß alle diese Faktoren dasselbe Gewicht 
besitzen, dann, aber nur dann wäre es möglich, daß die 
Ausgaben für Heer und Flotte alle sonstigen Staatsausgaben 
unmöglich machen würden. 

In der Wirklichkeit der Dinge ist die extreme Hyper- 
trophie des Kriegsbudgets eine Schimäre, . . . oder ein Weg 
zum Untergang, so gut wie ein verlorener Krieg! 

Das reichste Kriegsbudget macht nur kriegstüchtig, 
wenn es sich in Harmonie mit den anderen Staatsausgaben 
befindet und die dazu erforderlichen Steuern die Kraft des 
Volkes in keiner Weise übersteigen.^) Ein Staat, der sich 
gegen diese beiden Forderungen versündigte, erzielte damit 
keine erhöhte Kraft, sondern nur größere Schwäche. Daß 
aber alle Völker Europas diesem Selbstmorde zusteuern 
würden, ist geradezu unsinnig und deshalb unmöglich. Eine 

^) Es ist erstaunlich, wie v. B 1 o c h 1. c. Bd. 4 S. 299 absolut kein 
Verständnis dafür zeigte, daß diese Harmonie nicht bloß schön und 
angenehm, sondern auch durchaus notwendig ist bei Strafe militäri- 
scher Schwäche im entscheidenden Momente. 



— 283 — 

vereinzelte Regierung, die so etwas unternähme und un- 
geachtet des Einspruchs des Volkes fertig brächte, was 
fast undenkbar ist, würde sofort durch den Krieg selbst 
für ihre übertriebene Kriegslust gestraft werden. Sie 
würde zweifelsohne besiegt werden, wenn nicht sofort, so 
doch um so empfindlicher auf die Dauer, die Gerechtigkeit 
des Krieges würde ein Exempel an ihr statuieren, das 
allen anderen Regierungen die Lust ihr nachzufolgen be- 
nehmen würde. 

Die Gerechtigkeit des Krieges ist eine unfehlbare, nie 
aussetzende, eben weil sie eine automatische ist, eine,, die 
in der Natur der Dinge unwandelbar begründet und keines 
Richterspruchs bedürftig ist. 

Ich leugne somit nicht, daß das Kriegsbudget noch 
bedeutend steigen kann, glaube im Gegenteil, daß es mit 
dem immer gewaltiger zunehmenden Reichtum der Kultur- 
völker zunehmen darf und sogar zunehmen muß.^) Aber 
stets in Harmonie mit allen anderen Ausgaben, welche die 
Befriedigung der vielseitigen Volksbedürfnisse erheischt 
Wenn der Krieg ein notwendiges Element im Völkerleben 
bildet, wie ich darzutun versuchte, so darf er ebensowohl 
seine Kosten machen als alle anderen Bedürfnisse. Ihm 
sein Budget verweigern, weil es so teuer, ist genau ebenso 
lächerlich, als wenn man einem Menschen sagen wollte: 
es wäre doch viel billiger, wenn du nicht äßest und nichts 
für dein Vergnügen ausgäbst! ja, billiger wäre es schon, 
aber ... 

Je gesünder ein Volksleben, desto gleichmäßiger kommen 
alle Tendenzen, die in ihm leben, zur Äußerung, alle Be- 
dürfnisse, die die Kraft des Ganzen fördern, zur Befrie- 
digung, und zwar in harmonischer, zweckmäßig abgestufter 
Weise. Je gesünder aber ein Volk, desto stärker wird es 



^) Das französische Volk soll jährlich 2 Milliarden Francs er- 
sparen und vertraut sie sonderbaren Unternehmungen an! 



— 284 — 

auf die Dauer sein, auch den auswärtigen Feinden gegen- 
über; je stärker es sein wird, desto kriegstüchtiger in 
jeder Beziehung werden auch sein Heer und seine Flotte 
sein, desto gewisser wird es siegen, mit desto geringeren 
Verlu sten. Ein solcher Sieg aber wird, ungleich besser 
als "einer, der durch disharmonische Begünstigung einer 
Seite des Volkslebens errungen wurde, zur bleibenden Blüte 
des Volkes beitragen und seinen Einfluß in der Welt 
sichern helfen. 

Das eherne Militärbudgetgesetz ist also genau so 
richtig und unrichtig wie das eherne Lohngesetz; beide 
sind Produkte des übertreibenden und einseitigen Dog- 
matismus. Dieses auf ökonomischem Gebiete, jenes auf 
dem soziologischen. Beider Urheber vergaßen, auf die viel- 
seitig verschlungene Bedingtheit der Erscheinungen acht- 
zugeben. 

Der Krieg selbst würde die ungesunde, ja tötliche 
Hypertrophie der Kriegsausgaben schneller, nachdrücklicher, 
unvergeßlicher als sonst politische und soziale Fehler — 
denn das ist am Ende dasselbe — ihrer Strafe entgegen- 
führen. 



10. Kapitel. 

Der künftige Krieg. 

Mit einem Enäppel, mit der Faust sogar kann der 
Stärkere den Schwächeren töten, wenn dieser nur stehen 
bleibt, und auch wenn der Stärkere schneller läuft und 
durchaus töten will. 

Mit diesem selbstverständlichen Satze ist die Lehre 
V. Blochs über die ungeheueren Verluste, die der Krieg 
der Zukunft mit sich bringen müßte, schon gründlich wider- 
legt.^) Der eifrige, aber oberflächliche, mehr wohlwollende 
als urteilsfähige Schriftsteller meinte, die Waffen, welche 
die Zukunft verwenden wird, sind treffsicherer geworden, 
ihr Tötungsvermögen wurde furchtbar erhöht, die Verluste 
müssen also viel größer sein, wenn sonst alles sich gleich 
bleibt. Die letzte Bedingung wurde nun zwar nicht erfüllt, 
er selbst nimmt in hohem Grade die Veränderung in der 
Stimmung der Völker an, von der das Gelingen der Friedens- 
bewegung abhängig ist. Aber abgesehen hiervon, so liegt 
hier doCh ein grober Fehlschluß vor. Die technische Kraft 
des Vemichtungsmittels ist absolut gleichgültig bei der 
Bestimmung des in einem Kriege möglichen Verlustes. 
Dschingis-Khan hat mit einer einfach bewaffneten Armee 



') Vgl. seine große Kompilation „Der Krieg", 1899, Bd. 6 S. 168 
bis 179 und Bd. 1 S. 469 ff. H. D e 1 b r ü c k nennt das Buch v. B 1 o c h s 
mit unrecht „gewaltig", was nur von seinem Umfange gelten kann, 
er selbst fährt sonderbarerweise fort, „wissenschaftlich betrachtet, 
kann man nicht viel gutes von dem Werke sagen** und nennt es un- 
kritisch und dilettantisch. Preuß. Jahrb. 1899 S. 503. 



— 286 - 

dem Gegner ungeheuere Verluste zugefügt, weil er viel 
stärker und sehr blutdurstig war, und die Verluste der 
Buren und Engländer waren eigentlich sehr gering zu 
nennen, obwohl sie mit den modernsten Waffen versehen 
waren. 

Die Bewaffnung ist gar kein Faktor in der Verlust- 
größe des Krieges. Die Hauptidee des Bloch sehen 
Buches ist somit vollständig verfehlt. 

Worauf es dann ankommt? Nur auf die Höhe der 
Widerstandsschwelle, wenigstens im modernen Kriege. Ich 
füge das hinzu, weil im primitiven und barbarischen Ver- 
tilgungskampfe, auch die Blutgier des Siegers einen großen 
Einfluß ausübt, worauf ich in dem ersten Satze dieses Kapitels 
schon hinwies. Die Kulturvölker führen aber untereinander 
keine Vertilgungskriege mehr; ihr Zweck ist nur, den Gegner 
dahin zu bringen, daß man ihm seinen Willen auflegen kann, 
also seine militärische Kraft zu brechen, sein Widerstands- 
vermögen nachgeben zu machen. Sobald das erreicht ist, 
hört der Krieg sofort auf. 

Von den Kräften, welche die Erreichung dieses essen- 
tiellen Zieles des modernen Völkerringens bedingen, sind 
die Höhen der dabei zu erleidenden Verluste abhängig. 
Diese Kräfte sind einerseits der Wille zu siegen, anderseits 
der nicht besiegt zu werden. Sind beide gleich uner- 
schütterlich, dann erhalten wir Verlustmaxima, wie im 
jüngsten russisch-japanischen Kriege. Es stand« hier die 
gleichgültige Todesverachtung der Russen gegenüber der 
leidenschaftlichen Tapferkeit der Japaner, der Muschik 
gegenüber dem Samurai, die wenig übertünchte Barbarei 
gegenüber dem kaum verlassenen Mittelalter!^) Daher anf 
beiden Seiten die erstaunliche Festigkeit bei den ge- 
waltigen Verlusten.*) 

1) Wartensleben 1. c. S. 68, 76. 

^) Nach den Mitteilungen des japanischen Kriegsministers sollen 
di6 Japaner 82270 Tote verloren haben, die Russen zu Lande nur 



— 287 — 

Wenn der Stärkere durchaus siegen und der Unter- 
liegende mit demselben Starrsinne von keinem Nachgeben 
wissen will, da müssen die Opfer des letzten so groß werden, 
daß endlich sein fester Wille dennoch gebrochen wird. Es 
versteht sich, daß die Festigkeit dieses Willens auf beiden 
Seiten von gar vielen Umständen abhängig ist. Blicken 
wir zuerst auf die Seite des Siegers ! Sein Siegeswille wird 
fester sein, je nachdem ihm der Zweck des Krieges, die 
durch den Sieg zu erringenden Vorteile wertvoller dünken . . . , 
die Opfer ihn weniger schmerzlich berühren. Umgekehrt 
werden die Opfer durch den Verlierenden erst als zu schwer 
beurteilt werden, wenn der zu erwartende Nachteil beim 
Friedensabschlusse ihm nicht mehr noch schwerer erscheint. 
Es fragt sich also in jedem Kriege: wieviel können beide 
Völker beim Ringen um Sieg oder Niederlage ertragen, 
bevor sie nachgeben ? Es versteht sich, daß von der Wert- 
schätzung der Vor- und Nachteile, die der Friede voraus- 
sichtlich mit sich fähren wird, die Schätzung der Opfer 
abhängig sein wird. 

Die Tatsache, daß der moderne Krieg nach dem Frieden 
nicht mehr in Gemetzel fortgesetzt wird, wird offenbar 
den Abscheu vor dem Friedensabschlusse und damit das 
Verlangen, den Krieg zu verlängern, einigermaßen herab- 
setzen. Die immer demokratischere Regierung der meisten 
Kulturländer wird dieselbe Tendenz zur schnelleren Been- 
digung des Kampfes und damit zur Verminderung der Ver- 
luste und Greuel aufweisen. Die Zahl und der Einfluß 
derjenigen wird immer größer, welche zwar einen gewissen 
Anteil an der Regierung besitzen, aber zugleich sich durch 
den Kriegszustand am meisten gedrückt wähnen und den 
geringsten Profit vom Siege erwarten. Nicht die kriegerische 
Gesinnung eines Standes von Berufskriegern, auch nicht 



31 187 an Soldaten und Unteroffizieren (warum wurden die Verluste 
an Offizieren nicht mitgeteilt?). Raffalovich, LeMarche Financier, 
1906, p. 585, 586. 



— 288 — 

^ie höbe politische Ehrsacht und Spekulation eines Fürsten 
werden jetzt den größten Einflnß üben, weniger nocli die 
Eabale der Gamarilla, sondern die Stimmung und die Ge- 
danken der breiten Masse der Bevölkerong, die, am 
wenigsten kriegerisch erzogen, den Geftthlen der Furcht 
und der Entmutigung sehr zugänglich, wahrscheinlich schon 
nach wenigen harten Schlägen, sobald die Wahrscheinlichkeit 
einen raschen Sieg mit reichen Vorteilen zu gewinnen ver- 
blaßt, nach Frieden, Frieden unter allen Bedingungen, 
lechzen wird. 

Die jetzt so große Macht der Bankiers und der Kauf- 
leute kann sowohl nach rechts oder nach links drängen, 
der Krieg kann ja in ihrem Interesse, wie angeblich im 
Burenkriege der Fall war, unternommen sein. Eine andere 
moderne Großmacht, die Frau, wird wohl immer gar bald 
zum Frieden neigen. 

Es versteht sich, daß unter solcher politischer Kon- 
stellation die Wahrscheinlichkeit einen Krieg unter schweren 
Opfern lange auszuhalten, immer geringer wird. 

Die Umstände, die dann endlich über den Abschluß 
des Friedens oder die Fortsetzung des Krieges entscheiden, 
sind : der Haß, der die Völker getrennt hält und das Ma6, 
in welchem dieser Haß von allen Gruppen derselben geteilt 
wird, das Verlangen nach den mit dem Kriege erstrebten 
Vorteilen, die Furcht vor den wahrscheinlichen Friedens- 
bedingungen, beide bei den politisch maßgebenden Kreisen, 
die, wie gesagt, nicht ganz dieselben als ehemals geblieben 
sind. Wenn das ganze Volk oder wenigstens der in Wahrheit, 
nicht nach der Verfassungsillusion, führende Teil desselben 
von der entscheidenden Bedeutung des betreffenden Krieges 
für die Zukunft und den Bestand der Nation überzeugt ist, 
so kann der Kampf unvergleichlich länger und mit viel 
schmerzlicheren Opfern fortgesetzt werden, als wenn nur das 
Interesse eines kleinen Kreises dadurch gefördert wird oder 



— 289 — 

nur sehr wenige diese Bedeutung einsehen und ihre Über- 
zeugung den Mitbürgern nicht mitzuteilen vermögen. 

Charakter und Temperament des Volkes werden, 
wie es notwendig ist, einen tiefgreifenden Einfluß üben. 
Das nervöse Volk wird viel schneller entmutigt werden, 
das phlegmatische viel langsamer: man vergleiche die 
Franzosen und die Eussen! Das tapfere aber wird sich 
bald erholen, wie dieselben Franzosen im Gegensatze z. B. 
zu den Griechen bewiesen haben. Wenn langandauemde 
Kriegsentwöhnung und alte Wohlhabendheit ein Volk im 
ganzen weich gemacht haben, wie es u. a. in Holland der 
Fall ist, so wird die Abneigung gegen die Greuel des 
Krieges so groß sein, daß, wenn keine anderen Umstände 
einen entgegengesetzten Einfluß üben, langwierige Ver- 
heerungen und entsetzliche Verluste gewiß zur schnellen 
Friedensabschließung führen würden. 

Die riesig erhöhte Vernichtungskraft der modernen 
Kriegsmittel kann nur den einen Einfluß üben, die Massen 
zu erschrecken und ihnen den Krieg schnell und vollständig 
zu verleiden. Die neueren Explosivstoffe werden nicht 
einen Mann mehr töten als der Pfeil und Bogen der alten 
Zeit, tötlich sind eben alle Waffen, solange der Feind nur 
Stand hält. Hierauf allein kommt es an. Wenn der 
Widerstand gebrochen, hört der Krieg auf und werden 
die schlimmsten Handgranaten ungefährlich. Nicht die 
Waffen, sondern die Seelen entscheiden hier! 

Merkwürdig, daß gerade die Leute, welche den groben 
Materialismus des Krieges verabscheuen und verachten, 
so viel auf den Stand der Technik halten und so wenig 
auf den Zustand der Seelen. Diese werden durch den 
entsetzlichen Schrecken der modernen Schlacht mit seinem 
furchtbaren Getöse, der geheimnisvoll schauerlichen Wirkung 
unsichtbarer Waffen, der plötzlichen Vernichtung ganzer 
Truppen, und auf dem Meere erst recht durch das schnelle 
und rettungslose Versinken ganzer riesiger Schiffe, durch 

Steinmetz. 19 



— 290 — 

alle diese akuten Greuel weit mehr angegriffen als durch 
die langsame, obwohl ebenso sichere Vernichtung im alten 
Kriege. Das nicht direkt beteiligte Publikum sowohl als 
die wirksamen Soldaten werden in der modernen Schlacht 
sehr viel mehr Schrecken und Leid erfahren als in der 
früheren. 

Dazu wird das Behagen der letzteren am Waffen- 
handwerk entsprechend herabgemindert. Das fröhliche 
Draufschlagen macht einem furchtbar angreifenden Stand- 
halten oder einer wenig lustigen Femwirkung oder gar 
einem allzu furchtbaren Nahkampfe mit modernen Mitteln 
Platz. Nicht fröhlicher Übermut, sondern tiefernster Wille 
und unerschütterliche Willenskraft wird von unseren Sol- 
daten verlangt. Die modernen Kriege werden die Soldaten 
und die Offiziere und nicht am wenigsten die höhere und 
höchste Leitung durch ungeheuere Erschöpfung weit eher 
mürbe machen.^) Analog der modernen Industrie mit dem 
freundlichen Handwerke verglichen: sie fordert unendlich 
mehr Nerven- und Seelenanstrengung vom Arbeiter, sie 
erschöpft viel eher, sie verlangt ganz andere, vorläufig 
seltene Leute.^) Wer die Erzählungen von der Belagerung 
von Port Arthur und von der Schlacht bei Mukden gelesen 
hat, der wird sich von der Richtigkeit meiner Behauptung 
überzeugen können. Es dürfte aber doch selbstverständlich 
sein, daß Soldaten und Offiziere, fähig die entsetz- 
lichen Szenen moderner Kriege lange auszuhalten, sehr 
selten bleiben müssen, und daß deshalb ein solcher Krieg eo 
ipso nicht lange dauern kann. Je schrecklicher die Wirkung 



1) Von der Goltz 1. c. S. 347, 367 betont jetzt schon die bald 
einbrechende Kriegsmüdigkeit auch der besten Armee. Die Heerführer 
werden gezwangen sein, sie in Rechnung zu ziehen, und . . . sie in 
sehr gesteigertem Maße teilen, weil gerade die von ihnen geleistete 
Arbeit die Kräfte eines Titanen gar bald zerstören würde, vielmehr 
als das je früher der FaU. 

^) A. TUle, England in seinen Flegeljahren, 1901, S. 309£f. 



— 291 — 

der Waffen, desto kürzer wird der Krieg dauern, nnd das 
nicht einmal allein; es werden sich die Leute, Publikum 
und Soldaten, auch gar nicht an seine Wirkung gewöhnen 
können; es wird so leicht keine frivole Lust am Kriege 
entstehen ; er wird bleiben, was er sein muß, um nur seine 
heilsame Wirkung zu üben, eine furchtbar ernste Arbeit. 
Verglichen mit früheren Zeiten wird unser Krieg ernsthaft 
und intensiv sein, ganz so ^e unsere produktive Arbeit. 

Wenn es möglich wäre, gleich im Anfang des Feld- 
zuges durch irgend eine verborgene Mine 50000 Mann in die 
Luft zu sprengen, so würde der ungeheuere Schrecken 
den ganzen Krieg mit einem Male beenden, und damit all 
sein Jammer und Elend. Das entsetzliche Sprengmittel 
wäre somit eine große Wohltat. 

Der tiefe Fehler von Blochs war, daß er nur auf die 
Verluste der einzelnen Schlacht achtgab statt auf die des 
ganzen Feldzugs.^) Der moderne Krieg beabsichtigt gar 
nicht das feindliche Volk auszumorden, er will ihm nur den 
Nacken beugen, es zwingen, dem Willen des Siegers 
nachzugeben. Dazu genügt eine moralische Einwirkung 
zuerst auf das feindliche Heer durch seine Besiegung und 
endlich auf das ganze Volk. Sobald dessen Widerstands- 
schwelle erreicht wurde, gibt es nach. Dies wird dadurch 
erreicht, daß ein bestimmter, aber im voraus nicht be- 
kannter Prozentsatz des Heeres resp. der Bevölkerung 
getötet oder wenigstens kampfunfähig gemacht, ein Teil 
des materiellen Besitzes vernichtet, die Fortsetzung des 
Kampfes unmöglich wird. Aller psychologischen Wahr- 
scheinlichkeit nach wird diese Schwelle aber eher erreicht, 



^) Was aUes er weiter über die enormeD ökonomischen Verluste 
der künftigen Kriege vorbringt, hebt den Fehler nicht auf, daß er 
vergessen konnte: wenn die Verluste einem der Kriegführenden zu 
schwer werden, dann macht dieser schleunigst Frieden, wem es zuerst 
zu viel wird, der verliert. Vgl. Delbrück in Preuß. Jahrb. 1899, 
S. 510, 512. 

19» 



— 292 — 

wenn dieser Verlust auf einmal beigebracht wird, mit dem 
größtmöglichen Schrecken. 

Je schrecklicher also die Waffen, je blutiger die 
Schlacht, um so kürzer und weniger blutig der Krieg. 

Es kommt hier nicht einmal allein auf das Tötungs- 
vermögen der WafEen an, die Phantasie ist noch immer 
eine Macht, besonders im nervenerregenden Kriege. 
Nicht nur die Wilden werden zum Teil durch den Schrecken 
besiegt, der moderne Soldat und noch viel mehr der 
moderne Bürger und gar die Bürgerin sind ihm noch 
immer zum guten Teile unterworfen, und sie alle üben 
irgend einen Einfluß auf die Herbeiführung des Friedens, 
des Kriegsüberdrusses. Wer nicht nur tötet, sondern zu- 
gleich gehörig erschreckt, braucht weniger zu töten. Nichts 
verbreitet aber einen größeren Schrecken als die plötzliche 
Tötung großer Massen. Der praktische Erfolg ist an und 
für sich nicht größer, der zugefügte Schmerz eher geringer, 
aber der moralische Effekt ist ein außerordentlich viel 
wirksamerer.^) 

Wer schnell und deshalb human Krieg führen will, 
der wende wirksame, die wirksamsten Waffen an. Die 
Widerstandsschwelle wird um so eher erreicht, die Neben- 
leiden des Krieges werden jedenfalls abgekürzt, damit 
auch schon erhebUch vermindert, und sie sind wahrschein- 
lich das Schlimmste, was der Krieg an Leiden mit sich 
führt. 

Es versteht sich, daß dies alles nur ceteris paribus 
gelten darf : nicht die Furchtbarkeit der Waffen allein 
entscheidet über die Erreichung der Widerstandsschwelle. 



^) Was anders hat man wider die Anwendung z. B. der Hand- 
granaten und der wirksameren Sprengstoffe einzuwenden als die 
V^irkung auf die Phantasie, tötlicher sind sie nicht als ein alter 
Kavalleriesäbel, der oft genug gebraucht wird, es geht bloß schneller. 
Vgl. übrigens Nörregaard, Port Arthur, 1906, S. 184, 187, über grauen- 
hafte Gefechte mit Handgranaten in den Minen um Port Arthur. 



— 293 — 

Alle die obengenannten Faktoren wirken auch mit, sie er- 
höhen oder erniedrigen die Schwelle. Wenn sie aber un- 
verändert bleiben, wird der psychologische Erfolg der er- 
höhten Wirksamkeit der Waffen im weitesten Sinne nie 
ausbleiben, und er wird immer dahin gehen, die Wider- 
standsschwelle eher erreichen zu machen und mit Zufügung 
geringerer Leiden, also den Krieg schneller zu beenden.^) 
Eine interessante Folge der vor allem psychischen 
Wirkung dieser erhöhten Furchtbarkeit des modernen 
Krieges wird die sein, daß bestimmte Charaktere ihr leichter 
als andere widerstehen werden, vielleicht die sehr hoch 
stehenden und die sehr niedrigen am besten, die zweiten, 
weil sie unempfindlich sind, die ersten, weil sie ebenbürtige 
Gegenmotive besitzen. Wer könnte da vorhersagen, welche 
Auslese hieraus hervorgehen wird. Vorläufig sind wir viel- 
mehr das Produkt dieser Siebungen, als sie unser Produkt. 
Wir sind nicht nur nicht imstande, sie nach unseren Be- 
dürfnissen einzurichten, sondern wir ahnen ihre Wirkungen 
nicht einmal vorher. Noch immer steht das Ganze des 
Welt- und sogar des Menschengetriebes unendlich weit 
über uns und unseren Machenschaften erhaben da. Ob das 
eigentlich ein Unglück? Ob das je in großem Maßstabe 
sich ändern wird? 



') Bern dt, Die Zahl im Kriege, 1897, macht klar S. 132, daß 
eine auffallende Verringerung der Kriegsdauer sich im 19. Jahrh. nicht 
gezeigt habe, daß der Zukanftskrieg wohl nicht kürzer als der 
von 1870 dauern würde S. 133, 143, daß Millionenschlachten sehr 
unwahrscheinlich sind, schon weil es schwer, so große Massen zu- 
sammenzuführen, und S. 160, daß die Verlustprozente keine größeren 
sein werden als im letzten großen Kriege. Ganz anders als Joteyko, 
der wohl nur durch seine Phantasie verführt, behauptet „entre la 
guerre d'hier et la guerre de demain un abime est creuse", 1. c. p. 25. 



11. Kapitel. 

ie Abnahme des kriegerischen Geistes. 

Die Gestaltung der Zukunft wird nicht an erster 
Stelle von unserer Erlaubnis abhängen, weder vom Ideal 
und der Einsicht der Besten noch von den Begierden und 
Schwächen der Menge, obwohl diese alle nach den dyna- 
mischen Gesetzen der Geschichte ihren Einfluß mit ausüben 
werden. Alles wirkt eben mit, nichts wirkt allein. 

Die Geschichte ist unendlich größer als wir. Sie wird 
uns immer aufs neue überraschen. Wir haben deshalb 
recht ehrfurchtsvoll ihren Gesetzen und Erscheinungen 
nachzuforschen und sollen uns vor allen Dingen hüten, 
unsere Wünsche in sie hineinzutragen. Unsere Illusionen 
und Wünsche sind nur nicht mit den vermeintlichen End- 
zielen der Menschengeschichte und der Weltentwicklung 
zu verwechseln, nicht einmal unsere höchsten Ideale. 
Ihnen haftet doch unsere Beschränktheit und unser 
Egoismus gar zu sehr an. 

Um uns des Verständnisses der wirklichen Geschichte 
in ihrer realen Fülle wenigstens einigermaßen fähig zu 
machen, müssen wir jedenfalls die eigene subjektive 
Stimmung nicht sofort als eine allgemeine Tatsache be- 
trachten. Es liegt ja objektiv betrachtet nur eine sehr 
geringe Wahrscheinlichkeit vor, daß dies der Fall sein könnte. 
Eine zweite Illusion, vor welcher wir uns, falls wir den 
tatsächlichen Gang der Ereignisse verstehen lernen wollen, 
zu hüten haben, ist die, jede oberflächliche Kräuselung des 
Wassers für einen neuen Golfstrom zu halten. Ein dritter 



— 295 — 

denkbarer Fehler, der nicht gerade selten gemacht wird, 
besteht in der Tendenz, jede Linie sofort endlos verlängert 
zu denken. Die Erfahrung lehrt fast das Umgekehrte: 
das eine verläuft in das andere, nahezu jede Bewegung 
biegt ab, nie wurde, was angefangen war, bis zur Vollendung 
durchgeführt. Die Weltgeschichte ist ein Friedhof von 
Embryonen. Nichts wird ausgetragen, alles bloß angefangen, 
meist nur skizziert. 

Man befleißige sich doch, die realen Tatsachen zu sehen ! 
Illusionismus ist kein Idealismus^ sondern sein Erbfeind, 
denn wir wollen nicht Ideale sehen oder träumen, sondern 
machen. Dazu bedürfen wir der erkannten Wirklichkeit 
als Baumaterials. 

Um uns das Fehlgreifen bei dem schweren Problem, 
das uns jetzt beschäftigt, möglichst zu ersparen, woUen 
wir die Sache methodisch anfassen. Das Problem ist also 
folgendes: Ist die kriegerische Gesinnung, die Stimmung 
und Gefühlsrichtung, die den Krieg möglich macht, im Ab- 
nehmen begrifEen oder nicht, ist sie noch ebenso stark un- 
gefähr als früher und sind deshalb jetzt und in der näheren 
Zukunft ganz wie früher Kriege zu erwarten? Es wäre 
ja an und für sich sehr wohl möglich, daß, während wir 
über den Nutzen des Krieges debattieren, er schon un- 
möglich geworden wäre! Ich halte das im allgemeinen für 
sehr wohl denkbar, auch wenn unsere Entscheidung dahin 
ginge, dem Kriege einen seine Nachteile, die unverkennbar 
sind, überwiegenden Nutzen zuzusprechen. Es schwindet 
ja so manches Gute aus der Geschichte, ohne daß es in 
das Gegenteil umgeschlagen wäre. Dies zu leugnen, gehört 
ebenfalls zum Illusionismus. 

Möglich wäre, daß dies auch beim Kriege der Fall sei. 
Seine Existenzbedingungen könnten aufgehoben sein, ohne 
daß sein Nutzen verschwunden, ohne daß er ersetzt wäre, 
wie z. B. das leichte Gebären der Frauen, überhaupt die 



— 296 — 

erstaunliche Heilungsfähigkeit primitiver Völker bei ihrem 
Übergange zur Kultur schwindet, ohne daß sie uns im 
mindesten unangenehm geworden wäre: die Existenz- 
bedingungen dieser bleibend nützlichen Eigenschaften sind 
eben nicht gleichfalls bleibend, die Kultur hebt sie auf. 

Wir sind jetzt genügend vorbereitet, um unserem 
Problem auf den Leib zu rücken. Wir werden zuerst 
analytisch verfahren und einmal nachforschen, ob die 
komponierenden Elemente der kriegerischen Gesinnung sich 
in den uns interessierenden Gebieten, bei den Kulturvölkern 
also, noch deutlich nachweisen lassen oder ob sie schon 
Symptome der Abnahme aufzeigen. Es hat diese Methode 
den großen, hier gar nicht zu überschätzenden Vorteil, 
daß in dieser Weise die irreführende Wirkung unserer 
Vorurteile zum guten Teile eliminiert wird. Diese ver- 
finstern ja ungleich leichter unseren Blick für die uns direkt 
interessierende Gesamterscheinung als für ihre Komponenten, 
deren zusammenfassende Wirkung wir uns ja nur mittels 
psychologischer Überlegung vorstellen können. Weil aber 
diese Synthese uns trügen könnte, — die psychischen 
Produkte sind gar zu kompliziert — wollen wir nachher 
die Gesamttatsachen befragen, nachforschen, ob die Er- 
scheinungen der jüngeren und jüngsten Geschichte besser mit 
der Hypothese des Schwindens der kriegerischen Gesinnung 
oder mit der ihres Fortbestehens übereinstimmen. Und 
endlich an dritter Stelle wollen wir die Theorien der 
Soziologen über diese Erscheinung zu Rate ziehen und 
kritisch auf ihren Wert prüfen. 

Welche sind die Eleme'nte der kriegerischen Gesinnung? 
Diese Frage haben wir früher in anderem Zusammenhange 
schon zu beantworten versucht. Wir erblickten in der 
Aggressivität das Hauptelement, das wieder auf der Sucht, 
die eigene Persönlichkeit zu erweitern und zu behaupten, 
beruht und zugleich einen gewissen Egoismus im negativen 



— 297 — 

Sinne, einen gewissen Mangel an Mitgefühl wenigstens dem 
Fremden und dem Feinde gegenüber, aber auch Mut vor- 
aussetzt. Vielleicht dürften wir noch immer nicht alle 
Ingredienzien zusammenhaben, wenn wir die Abenteuer- 
lichkeit oder eine Abart der spekulativen Neigung nicht 
hinzuzählten: sie besteht in der Neigung, viel zu wagen, 
um mehr zu gewinnen, unterscheidet sich aber von der 
gewöhnlichen Spekulationssucht durch die Lust an dem 
gefährlichen Spiele selbst. Auf nebensächliche Bestandteile 
brauchen wir kaum achtzugeben, wie auf die Gering- 
schätzung von Mühen und Strapazen, obwohl ein aus- 
geprägter Sybaritismus wohl geeignet wäre, alle Lust am 
Kampfe zu verhindern. 

Densen wir uns einen Menschen, der die Neigung be- 
säße, die eigenen Bedürfnisse, wenn es nötig, auch auf 
Kosten seiner weiteren Mitmenschen zu befriedigen, der 
sich, anders ausgedrückt, nicht scheuen würde, sich durch- 
zusetzen, auch mit Aufopferung des Besitzes und des Lebens 
anderer, und dem dazu die Wagelust eigen, zu diesem 
Zwecke und obwohl der Ausgang ungewiß, sich allerlei 
Gefahren auszusetzen ; ein solcher Mensch würde ganz ge- 
wiß im Besitze der zur Kriegführung erforderlichen Ge- 
sinnung sein, und bald fremdem Eingriffe sich kriegerisch 
entgegenstellen, bald den im Wege Stehenden aus eigener 
Initiative angreifen. Denken wir uns eine Anzahl solcher 
Charaktere zu einem Volke vereint oder in einem Volke 
einen gewissen Prozentsatz derselben verbreitet, an Zahl 
und Bedeutung ausreichend, um das ganze Volk zu lenken,^) 
wir können uns darauf verlassen, daß ein solches Volk 
gegebenenfalls offensive und defensive Kriege führen wird. 
Und umgekehrt, ein Volk, dem solche Leute fehlen, kann 
an der Börse spekulieren, falls bloß der Mut fehlt, oder 

^) Vgl. meinen Artikel „Der erbliche Rassen- und Volkscharakter" 
in Viertel], f. wiss. Philos. u. Soziologie, 1902, S. 80 ff. und „De 
Rassenkwestie« in De Gids 1907 p. 24ff. 



— 298 — 

zum StÄatskommunismus tibergehen, wenn es sich einbildet, 
der Selbstsucht zu entbehren, oder auch sich auflösen in 
sentimentale, lebensfeindliche Überphilanthropie, vielleicht 
auch wird sich ihm ein Mischmasch dieser drei Möglich- 
keiten auftun, aber zum Kriege wird es sich nie mehr 
entschließen. 

Wir werden uns jetzt die Kulturvölker einmal ansehen, 
ob die verlangten Eigenschaften: Egoismus im Sinne von 
Selbstbehauptungs- und Erweiterungssucht, bedingtes Mit- 
leid Fremden gegenüber, Mut und Wagelust, ihnen in der ge- 
nannten Weise noch immer eigen sind oder annähernd 
vollständig fehlen. Mit der Gesellschaft früherer Jahr- 
hunderte verglichen, können wir getrost behaupten, daß 
die unserige sich weder durch Abnahme der Sucht nach 
Reichtum noch durch geringeres Streben nach Genuß 
kennzeichnet. Im Gegenteil, was früher vielleicht auf 
Wenige beschränkt blieb, hat sich jetzt über die Menge 
ausgebreitet. Ich glaube kaum, daß man früher in Wirk- 
lichkeit soviel selbstloser war als wir jetzt sind, aber man 
hegte damals mehrere hemmende Vorstellungen,, die jetzt 
entweder ausgefallen oder doch zum guten Tedle ihres Ein- 
flusses beraubt sind. Die traditionellen und gesetzlichen 
Schranken verhinderten manchen seiner Neigung nach 
Selbsterweiterung freien Lauf zu lassen ; der aktive Egois- 
mus war in jenen gesegneten Zeiten nur Auserwählten, wie 
den Fürsten und dem Adel, gestattet. 

Der an die Scholle gefesselte Bauer begehrte so gut 
wie der unserige nach hohem Lohne und Genuß, er bekam 
sie bloß nicht. Der Adel des alten Regime hat zwar bei 
naiven Leuten den Namen der Selbstlosigkeit,^) aber es 

^) Es wundert mich auch, den Grafen v. Wartensleben 
unter diesen letzteren anzutreffen wie doch aus S. 58, 74, 72 seines 
zitierten Buches hervorgeht, wo er dem Adel eine besondere Selbst- 
losigkeit und Mißachtung des Geldes zuschreibt ! wie erklärt er denn 
obige, unleugbare Erscheinungen? 



— 299 — 

geschah doch nicht aas reiner Selbstverleugnung, daß er 
„die Banem legte'', ihnen ihr Gut abnahm, sie mißhandelte 
und aussog, das er sich dem Staatsverbande entzog, sich 
Steuerprivilegien sicherte, die Töchter eines verachteten 
Standes heiratete, sich sklavischerweise für königliche 
Gunst samt deren sehr materieUen Vorteüen erniedrigte, 
wie es doch die Geschichte aller Kulturländer bezeugt hat. 

Demokratie und Individualismus, so weit und so reell 
wir sie jetzt besitzen, haben auch der Menge erlaubt, ihre 
Selbstsucht zu betätigen, und wir täuschen, von der religiösen 
Heuchelei ein wenig befreit, auch nicht mehr so viel 
Selbstlosigkeit vor. Zum Teil wird sich auch bloß die 
Bichtung des Egoismus geändert haben: wer früher um 
Gottes Gunst zu erwerben seine Brüder dem Henker über- 
lieferte oder wenigstens ihr Leben störte, der sucht sie 
jetzt durch unehrliche Konkurrenz niederzuschlagen. Die 
Neigung bleibt dieselbe, bloß die Mittel wechseln. 

Die tüchtigen Elemente unserer Gesellschaft sind jetzt 
wie früher an erster Stelle bestrebt sich selbst zu er- 
weitern resp. zu behaupten, sich durchzusetzen. Unsere 
ganze Wirtschaft, also der Existenzboden der einzelnen 
wie der Gruppen, beruht auf dem Wettbewerbe, zwar inner- 
halb gewisser sehr wertvoller und realer Grenzen, die 
aber zulassen und zulassen sollen, daß der eine zur Armut 
herabsinke und der andere sich nach Reichtum durchringe. 
Und die wirtschaftlich Schwachen ? Streben auch sie nach 
Befriedigung ihres Egoismus ? Man stellt es gern vor, als 
ob dies nicht der Fall wäre. Alle unsere Wohlhabenden 
und Reichen sind aber aus der armen Klasse, wenn auch 
vor langer Zeit, hervorgekommen, ihr Emporkommen selbst 
beweist schon ihre relative Selbstsucht. Die ärmeren, die 
zurückgebliebenen Leute sind natürlich zum großen Teile 
schlaff, matt in jeder Lebensäußerung, also auch in der 
Selbstsucht, deshalb scheint ihnen diese Eigenschaft abzu- 
gehen. Der Klassenkampf setzt aber einen allgemeinen Egois- 



— 300 — 

inus voraus, und was ist das Streben der Arbeiter in Fach- 
vereinen, was ist Sozialdemokratie anders als ein allerdings 
absolut berechtigter Egoismus? Daß dieser Egoismus mit 
dem vieler Schicksalsgenossen unter den jetzigen Um- 
ständen in derselben Kichtung geht, ändert an seinem 
Charakter nichts. 

Ich glaube, wir dürfen schließen, daß der Egoismus 
uns so wenig fehle, wie unseren Vorfahren, und zwar den 
niederen Klassen so wenig wie den höheren. 

Dieser Egoismus ist aber, weil aktiv, auch aggressiv, 
er scheut sich unter oft eintretenden Umständen keines- 
wegs Andere aufzuopfern. Ich behaupte keineswegs 
daß unsere Selbstsucht rücksichtslos sei, so wenig als 
ich meine, daß sie uns absolut und in allem beherrsche, 
nur daß sie groß sei und großen, weiten Einfluß übe. 
Ähnliches gilt von unserem Mitleid, also nicht, wie es sein 
soll, aber wie es — mit einigen Ausnahmen nach oben oder 
nach unten — tatsächlich ist. Darauf allein kommt es hier 
an. Manchen wird es fast unmöglich dieses Problem voraus- 
setzungslos zu erörtern, sie meinen unsere Tugend zu er- 
höhen, indem sie unsere Laster übersehen. Tatsächlich ist 
unser Mitleid ziemlich eng beschränkt und an viele Be- 
dingungen gebunden. Das Schicksal fremder Rassen be- 
rührt die übergroße Mehrheit kaum, das Elend fremder 
Völker, wenn es nicht sehr ergreifend dargestellt wird, 
trifft uns nicht tief und immer nur auf kurze Zeit und 
ohne je oder fast je zu Taten von einiger Bedeutung zu 
veranlassen. Die Buren wurden bemitleidet und ganz kleine 
Summen brachte man, obwohl der Fall sehr pathetisch 
war, für sie zusammen, außer in Holland, wo das Mitgefühl 
tief und leidenschaftlich war, hier war man aber auch 
egoistisch bei ihrem Schicksale interessiert und sich der 
Stammverwandtschaft sehr bewußt. 

Die Existenz der Wagelust bei unseren Kulturvölkern 
ist kaum fraglich. Werden nicht ungeheuere Summen in 



— 301 — 

Glücksspielen allerlei Art durch alle Klassen der Be- 
völkerung verloren und gewonnen ? Die großen und kleinen 
Lotterien, Pferderennen, die Börse, zahllose private Hazard- 
spiele befriedigen die Spielsucht und beweisen mit ebenso zahl- 
losen riskierten Unternehmungen und Handlungen vereint, 
daß sie wahrlich nicht erheblich abnahm. Die Zahl der- 
jenigen, die für ihre Verhältnisse große, sogar übergroße 
Summen aufs Spiel setzen, ist gar nicht so klein. Und 
nicht nur Geld, sondern auch Leben, Gesundheit, Ehre und 
Glück riskiert man gern und manchmal eines kleinen Ge- 
winnes oder Genusses wegen; man denke an die vielen 
erstaunlich unüberlegten Ehen, an die Gefahren der 
Prostitution! Bei zwei hochstehenden Kulturvölkern, den 
Nordamerikanem und den Engländern, ist die Neigung für 
Kraftspiele aller Art sowie für gefährlichen Sport und 
ws^ehalsige Abenteuer stark ausgeprägt.^) Die französischen 
Kolonialunternehmungen des vergangenen Jahrhunderts 
haben zur Genüge gezeigt, daß auch in diesem etwas 
alten Kulturvolke, dessen Mitglieder sonst nicht gern in 
die Weite schweifen, die Abenteuerlust noch keineswegs 
geschwunden ist. Die energischen Deutschen überströmen 
die ganze Welt, die Kultur hat sie wahrlich nicht furcht- 
sam gemacht; vielleicht sind sie jetzt abenteuerlicher als 
sie je waren; ihre Koloniengründungen zeigen keinen 
Schrecken vor gewagten Unternehmungen und fast eine 
Vorliebe für weit entfernten Gewinn. Die ungeheuere Aus- 
wanderung aus allen übervölkerten Kulturländern nach 
den abgelegensten Weltteilen legt gleichfalls ein beredtes 
Zeugnis für die Fortdauer des alten abenteuerlichen 
Geistes trotz aller Kultur ab. 

Genau dieselben Tatsachen beweisen aber auch 
den Mut der Kulturvölker, wenigstens den moralischen. 



^) Vgl. Boutmy, Essai d'une Psychologie Politique du Peuple 
anglais au 19 siecle, und, Elements d'une Psychologie politique du 
Peuple americain. 



— 302 — 

Der physische Mut läßt sich aas anderen Erscheinungen 
als gerade aus der Möglichkeit Krieg zu führen wenigstens 
für die Menge nicht recht beweisen. Wir kommen also 
später darauf zurück. Überhaupt könnte man mir entgegen- 
halten, daß, wenn auch die Existenz aller der angeführten 
Elemente der Kriegslust im europäischen Völkergeiste klar 
gemacht werden könnte, doch eines, ein essentielles, gewiß 
fehle, die Gleichgültigkeit gegen das Blutvergießen, gegen 
die Anwendung physischer Gewalt, die gewisse Roheit, die 
zum Kriegführen unbedingt notwendig ist. 

Ich habe diese Eigenschaft nicht gesondert angeführt, 
weil sie mir weiter nichts als ein notwendiges Erzeugnis 
der anderen zu sein scheint, namentlich ein Ergebnis der 
Mitleidlosigkeit unter bestimmten Umständen. Man wird sich 
aber auf die Abschaffung der Todesstrafe berufen, und diese 
als einen Ausfluß des zunehmenden Zartgefühls sogar den 
verhaßten Verbrechern gegenüber anführen. Wie viel 
weniger würde ein Kulturmensch einem unschuldigen 
Fremden wehtun können, wenn er nicht einmal einen Ver- 
brecher empfindlich zu strafen imstande ist? Ich halte 
dieses Argument nicht für sonderlich stark, weil ich die 
Abschaffung der Körper- und der Todesstrafe hauptsächlich 
aus dem Mangel an Furcht vor dem Verbrecher erklären 
möchte. Die Gebildeten hegen keine eigentliche, persönliche 
Furcht mehr vor dem gemeinen Verbrecher. Daher das 
Schwinden ihres Hasses, daher die sanftere Strafe. Kaum 
daß sie anfingen die anarchistischen Anschläge zu fürchten, 
da wurden die Forderungen energischer Bestrafung der- 
selben sofort laut.^) Man vergißt, daß das feindliche Volk 
eben unser Feind ist, daß wir ihn hassen und fürchten, 
sonst gäbe es ja keinen Krieg mit ihm! Daß wir aber 
dieser Gefühle noch sehr wohl fähig, haben doch die ganz 



^) Sogar der bekanote Kriminalist und Philosoph Gabriel Tarde 
sprach sich seinerzeit in der V^eise aus. 



— 303 — 

verrückten Ausbrüche der englischen Jingowut wider die 
Buren und ihre Verteidiger sogar im eigenen Volke zur 
Genüge bewiesen. 

Man meine doch nicht, daß die Engländer in dieser 
Beziehung so weit unter den anderen Völkern stünden! 
Wie bald waren die Franzosen 1870 in ihrem Hasse wider 
die Deutschen so weit, daß die Franc-Tireurs ganz spontan 
aufstanden! Diese Zeiten liegen nicht so weit hinter uns, 
als die Friedensillusionäre uns glauben machen möchten. 
Es bricht kein Krieg aus, ohne daß die Gemüter gehörig 
erhitzt sind und dann werden sie, wie aus dem ange- 
führten hervorgeht, so wenig Scheu vor Gewalttaten zeigen 
wie ihre Väter. 

Ich meine also schließen zu dürfen, daß nicht ein 
einziges der Elemente des kriegerischen Geistes, nicht 
eine der psychischen Bedingungen des Kriegführens den 
europäischen Kulturvölkern unserer Zeit abgehe. 



Jetzt wollen wir uns die historischen Begebenheiten 
der letzten Jahre einmal ansehen ! Welches Bild zeigt uns 
die Geschichte der Kulturvölker? England führt seine 
Kolonialkriege ohne je auszusetzen, die großen illustrierten 
Blätter bieten immer wieder die Bilder der gefallenen 
Offiziere, das Publikum verhält sich gewöhnlich ganz in- 
different, aber dann und wann bricht der Nationalstolz 
aus, nicht immer durch Großtaten veranlaßt, und das Volk, 
hoch und niedrig, berauscht sich an der vermeintlichen 
Kriegsglorie. So im Burenkriege, der überhaupt ein grelles 
Licht auf die so hochgerühmte englische Kultur warf! 
Die Kolonialkriege werden, wie ehemals, meist mit der 
äußersten Rücksichtslosigkeit geführt, ich denke an die 
Unterdrückung des Sepoyaufstandes, an Kitcheners Be- 
kämpfung der Mahdisten und an die Kaffernkriege in Süd- 
Afrika, zuletzt an die grausame Ausrottung der Mashona 



— 304 — 

vor einigen Jahren und an die der Natalkaffem i. J. 1906. 
Frischeres kann man kaum verlangen. 

Das zum Teile stammverwandte Volk der Vereinigten 
Staaten Nord-Amerikas, das in seiner Art auch an der 
Spitze der Kultur schreitet, hat nach einem „Jahrhundert 
der Schande** in seiner Ausmordung und Mißhandlung der 
Indianer^) in den sechziger Jahren einen der blutigsten 
Kriege, und zwar mit den eigenen Brüdern gefuhrt, der 
jedenfalls mit ganz besonderer Kraft die Fortdauer des 
kriegerischen Gefühls im amerikanischen Volke bewiesen 
hat; und zwar war diese Beweisführung um so beredter, 
als die absolute Demokratie dieses Staates die Einwirkung 
adliger und monarchischer Traditionen ausschloß. Außerdem 
mußte das Heer auf beiden Seiten improvisiert werden. 
Daß dies gelang, und zwar nach kurzer Zeit in ausge- 
zeichneter Weise, beweist ebenfalls, daß die kriegerische 
Anlage diesem Kulturvolke keineswegs abgeht. Dennoch 
ist dieses demokratische Kulturvolk der ßeligion und dem 
Erwerbsleben ergeben, wie kein anderes ! Offenbar schlössen 
beide Neigungen in diesem Falle die Liebe zum gewalt- 
tätigen Kampfe, die sich mit ihnen nicht vertragen soll, 
nicht aus. Die letzten Jahre haben, wie zu erwarten, 
das Bild nicht verändert. Der Krieg mit Spanien, die Er- 
oberung der Philippinen, die mit dem größten Eifer unter- 
nommen wurden, zeugten wahrUch von keinem Schwinden 
des kriegerischen Geistes in vollem Umfange.*) 



^) Vgl. die beredte Anklageschrift Helen Jacksons, A Century 
of Dishonor, 1881, und Friderici, Indianer und Anglo-Amerikaner, 
1900, beide passim. Andrew Carnegie in seiner Rede an der 
Andrews University, Voor de Arbitrage, S. 31 (ich benutze die hollän- 
dische Obersetzung von 1906) erwähnt die Tötung des Feindes durch 
vergiftetes Trinkwasser unter den Waffen, die wir jetzt nicht mehr 
verwenden können; seine Landsleute aber haben diese Methode den 
Indianern gegenüber noch mehrfach in Anwendung gebracht. 

^) Giddings, Democracy and Empire, 1900, p. 277: „more than 
once in the past twentyfive years the people of this country have 



— 305 — 

Welches Bild zeigt uns Frankreich? Der Krieg von 
1870 nicht allein, sondern alle die Kriege des zweiten 
Kaiserreichs wurden ohne tiefere zwingende Veranlassung, 
in leichtfertiger Weise und sehr schlecht vorbereitet, unter- 
nommen. Die Kolonialkriege der Republik zeugen wohl 
von keinem besseren Geiste und ebensowenig von Achtung 
vor den Rechten fremder Völker als von Scheu vor den 
großen Opfern an Gut und Blut, die das eigene Volk 
bringen mußte! Tonkin und Madagaskar sind wohl keine 
überzeugenden Beweise erhöhter ^Friedfertigkeit und von 
Abscheu gegen Blutvergießen. Dies alles tat die Republik! 
Die Unterdrückung der Kommune, so notwendig sie ge- 
wesen sein mag, geschah doch jedenfalls in der blutigsten 
Weise, vom Geiste Tolstois spürt man wenig dabei. 

Die deutschen Kriege in den sechziger Jahren, Bruder- 
kriege wie der amerikanische Sezessionskrieg, und der Krieg 
von 1870 haben zur Genüge dargetan, daß hier die psychischen 
Bedingungen des Kriegführens noch vollständig erfüllt sind. 
Auch hier brachte die Neuzeit keine erhebliche Änderung, 
wie aus der Möglichkeit des Kreuzzuges nach China her- 
vorgeht, und durch den Kampf mit den freiheitliebenden 
Hereros bestätigt wird. Vollends charakteristisch für die 
herrschende Volksstimmung darf das Ergebnis der Reichs- 
tagswahlen von 1907 angesichts dieser Ereignisse genannt 
werden. 

Die vier großen führenden Kulturvölker beweisen 



been in a state of mind that would have resulted in a declaration 
of war, if only the occasion had beeu one that they could conscien- 
sciously regard as adequate.'^ Auf dieser und den vorigen Seiten 
führt der Verfasser manche treffende Zeugnisse für die amerikanische 
Aggressivität an, auf welche auch H. Delbrück, Zukunftskrieg 
und Zukunftsfriede, in Preuß. Jahrb. 1899 S. 500 aufmerksam macht: 
es fehle hier Adel, Heer, Monarch, das Volk hege religiöse Ideale 
und dennoch breche es auf einmal einen Eroberungskrieg vom Zaun; 
Europa könne hierin seine Zukunft lesen! 

Steinmetz. 20 



— 306 — 

durch ihre Taten, daß sie die zum Kriegfahren anbedingt 
erforderlichen Eigenschaften noch in genügendem Maße be- 
sitzen. Der Krieg bleibt ihnen möglich, wie Psychologie 
und Zeitgeschichte gleichmäßig bezeugen. Die Friedens- 
männer, die das Entgegengesetzte dartun möchten, haben 
sich offenbar geirrt, ihre Illusionen haben ihren Blick für 
die Tatsachen getrübt, wie das eben das wesentliche Schick- 
sal der Illusionisten sein muß. 

Die meisten Friedensfreunde werden geneigt sein, 
mir an diesem Punkte die ganze Friedensbewegung als 
eine gewaltige Tatsache entgegenzuführen, wohl geeignet, 
alle die von mir angeführten über den Haufen zu werfen. 
Sie werden sich selbst als den schlagendsten Beweis für 
das Friedensbedürfnis der Menschheit zitieren. Haben 
sie recht? 

Ich werde versuchen, die Kraft dieser beachtenswerten 
Bewegung durch die gesonderte Betrachtung ihrer ver- 
schiedenen Elemente und ihrer mächtigsten Stützen in 
unserer Gesellschaft kennen zu lernen. 

Unter den ersten denke ich zuerst an die lange Reihe 
großer Denker und Menschenfreunde, die sich alle mit 
vollster Überzeugung wider den Krieg ausgelassen haben. 
Es gibt wohl keine friedensfreundliche Schrift, die nicht 
einige von ihnen anführt.^) Andrew Carnegie') macht 
eine ganze Reihe derselben namhaft und meint dann, daß 
hiermit das Verlangen der Menschheit nach Befreiung von 
dem Elende des Krieges genügend bewiesen sei. Aber 
die wenigen Männer, die er nennt, hauptsächlich Schrift- 
steller, machen doch wahrlich die Menschheit nicht aus! 
Wie viele gleichfalls berühmte Männer könnte man ihnen 
gegenüberstellen, welche den Krieg rühmen, vielleicht von 



^) Vgl. auf der anderen Seite die immer sehr beachtenswerte 
Schrift von Max Jahns, Über Krieg, Frieden und Kultur, 1893. 
2) Carnegie 1. c. S. 33. 



— 307 — 

ebenso einseitigem Standpunkte.*) Gründe, die jene zu ihrem 
Urteile bestimmt haben können, führt Carnegie nicht an, 
außer dem einen, charakteristischen, daß der Krieg Schmerzen 
mit sich führt, aber das tun der Handel und die Konkurrenz 
auch, und doch verurteilt er sie nicht I Wie unendlich viel 
Schmerz unschuldiger Menschen verursacht die Ansammlung 
eines einzigen großen Vermögens, und dennoch ist hiermit 
nur ein sehr einseitiges Urteil ausgesprochen! 

Solch eine Reihe von Zitaten beweist bloß, daß einige, 
nicht einmal viele, bedeutende Leute diese menschliche 
Lebenserscheinung verurteilt haben, wie andere anders 
taten. Sie können das getan haben entweder aus logischer 
Konsequenz einer einseitigen und falschen Theorie, aus 
dem Zwange ihrer Gedankenverkettung heraus, das imponiert 
uns weiter nicht. Oder aus eigenem Mangel an den von 
uns angeführten Kriegsqualitäten, was öfter als man meint 
der Fall sein wird. Man beurteilt die Verhältnisse und 
die Anforderungen des Lebens nach dem eigenen Charakter 
und hält sein Urteil für objektiv! Nur die Anwendung 
der besten Methoden der Untersuchung und der Beurteilung 
kann hiergegen Schutz gewähren. 

Möglich ist es aber auch, daß die großen Friedens- 
freunde an Hypertrophie des Altruismus litten, die natür- 
lich alle Sympathie mit dem Kriege, welche ein breiteres 
Lebensinteresse voraussetzt, ausschließt. Die ehrwürdige 
Reihe von Friedenspropheten, die Carnegie, der große 
Held des wirtschaftlichen Kampfes, anführt, kann also nur 
durch ihre Argumente Eindruck auf uns machen, ihre Zahl 
beweist gar wenig. 

Ein anderes Element der Friedensbewegung besteht 
aus den verschiedenen nationalen und internationalen Ver- 



^) J. Lagorgette, Le Röle de la Guerre, 1906, bespricht die 
Ansichten von manchen dieser. Leider konnte ich das bedeutende 
Werk nicht mehr genügend berücksichtigen. 

20» 



— 308 — 

einigangen, welche ilir dienen. Sie umfassen ganz gewiß 
mehrere Taasende von Menschen ans allen Kulturländern, 
und zwar meistens solche, die durch ihre höhere Bildung 
eine gewisse Beachtung ihrer Meinungen beanspruchen 
können. Ich bin keineswegs geneigt, ihre Bedeutung zu 
unterschätzen: wenn ihre Zahl etwa hundertmal größer 
wäre, so erwüchse dem Kriege gewiß eine gefährliche 
Gegnerschaft. Ich würde dann anzunehmen geneigt sein, 
daß der kriegerische Geist aus den Kulturvölkern ge- 
schwunden wäre. Aber einmal ist nicht hundertmal ! Jetzt 
werde ich nur dabei beharren, im Gegensatze zu diesen 
Symptomen wiederholt auf die von uns untersuchten Er- 
scheinungen hinzuweisen, die alle die Fortdauer der kriege- 
rischen Neigungen aufs entscheidendste dartun. 

Es hat ja immer Friedensapostel gegeben, sogar in 
den meist kriegerischen Zeiten. Carnegie zitiert in 
seiner Reihe auch den großen Papst Innocentius den Dritten, 
der in schönen Worten gegen den Krieg zwischen Frank- 
reich und England protestierte, was ihn keineswegs zurück- 
hielt, den grausamen Kjeuzzug wider die Albigenser zu 
predigen und ihre erbarmungslose Ausmordung zu veran- 
lassen.^) 

Sowie es einseitige Verteidiger des Krieges gibt, die 
aus innerer Anlage nur ihm geneigt sind, so gibt es auch 
einseitige Freunde des Friedens, welche allein die sanften 
Triebe anerkennen. Diese letzten dürfen aber so wenig 



^) Man kann eben unglücklich sein in seinen Zitaten. Vgl. 
Mirbt, Quellen zur Geschichte des Papsttums, 1901, S. 130 einen 
Brief vom päpstlichen Legaten an Innocentius den Dritten, in welchem 
er das Wüten der göttlichen Rache lobt, der 20000 von jedem Ge- 
schlecht und Alter zum Opfer fielen. Ein wahrer Friedensbote! 
Luchairein Lavisse, Histoire de France Bd. 3 Abt. 1, 1901, p. 268—276 
erkennt, daß der Papst den blutigen Kreuzzug befohlen und das 
Hetzen seiner Legatare gutgeheißen hat, später soll er müde vom 
Morden geworden sein. 



— 309 — 

hypertrophieren wie die ersteren. Die Einseitigkeit ist 
hier wie immer verfehlt. Ich habe oben nachzuweisen 
versucht, daß die Eulturentwicklung der Menschheit beide 
Eigenschaftsreihen, zu einer gewissen Höhe gediehen, 
gleichzeitig braucht. Ich werde nicht wiederholen. Wie 
natürlich aber, daß bald diese bald jene QuaUtätengruppe 
sich hypertrophisch, d. h. einseitig in einigen Individuen 
entwickelt. Dem Stanley-Typus steht der Tolstoi-Typus 
geg^enüber. Die extreme Betonung der einseitigen Tendenz, 
die eben nur durch ihre Einseitigkeit sündigt, kann sogar 
ihren Nutzen haben. Die Einseitigen werden am ehesten 
gehört. Die Propheten sollen einseitig sein, und sie sind 
es auch immer. Allein die Wissenschaft soll vielseitig sein. 

Wir brauchen uns also über die Bedeutung und die 
Zahl der Friedensvereine noch nicht zu entrüsten. Vor- 
läufig haben sie in unserer an Kriegen und Kriegsgefahren 
so reichen Zeit ihre sehr berechtigte Funktion in der 
möglichsten Ermäßigung der Frequenz und des Elends der 
Kriege zu erfüllen. Ihr Einfluß reicht noch nicht einmal 
so weit. Was hat ihr Auftreten den Buren genützt ? Haben 
sie die durch den Kriegszweck durchaus nicht gerecht- 
fertigten Leiden der Konzentrationslager zu verhindern 
gewußt? Sammlung aller Kräfte auf die Erreichung des 
Möglichen wäre auch ihnen gut. 

Wir müssen jetzt unsere Aufmerksamkeit auf die ver- 
schiedenartigen Umstände richten, deren Einfluß dem Be- 
stände des kriegerischen Geistes entgegengesetzt sein 
könnte, und von welchen die Friedensfreunde am meisten 
für ihre Bewegung und für die Vermehrung der friedlichen 
Gesinnung in der Menschheit erwarten. 

Diese Umstände sind in der Hauptsache die folgenden: 
der zunehmende Verkehr zwischen den Völkern, der sich 
ausbreitende Intellektualismus, der Industrialismus und die 
Weltwirtschaft, die Demokratie, der Sozialismus, die Frauen- 
emanzipation, vielleicht noch andere. 



— 310 — 

Nur ein kurzes Wort über alle diese Tendenzen unserer 
modernen Gesellschaft und ihre friedenfördemde Wirkung. 
Die Völker stehen jetzt in regerem Zusammenhange mit- 
einander, als sie je gestanden haben: die Wohlhabenden 
reisen hin und her, sogar kleine Leute werden zeitweise 
im fremden Lande beschäftigt oder bilden sich hier aus; 
die Geistesprodukte der Kulturvölker werden fortwährend 
ausgetauscht, obwohl die Wirklichkeit hier nicht so schön 
ist als die Trinksprüche ; die nie ablassende Auswanderung 
vermischt die Völker in wirksamster Weise. Dazu kommt 
die immer mehr zur Wirklichkeit gewordene Weltwirtschaft, 
alle Völker der Erde stehen im Verhältnisse von Produzent 
und Konsument zueinander. Es fehlen aber die Gegen- 
sätze keineswegs. Nach einer kurzen Probe kehrten alle 
Völker zum Protektionismus zurück, sogar England, der 
große Zwischenhändler, war auf dem Wege dahin, sie 
schließen sich wirtschaftlich voneinander ab und verlangen 
soviel als möglich ihre] wirtschaftliche Selbständigkeit und 
Selbstgenügsamkeit zurück. Das liberal-freihändlerische 
Ideal wurde fast von allen verlassen und gilt als rück- 
schrittlich. Die Verbrüderung der Völker ist noch immer 
hauptsächlich Schein, der uns von den Zeitungen vorge- 
täuscht wird, mit deren Hilfe überhaupt so eine Art Schein- 
geschichte und Scheinwelt entsteht. 

Jeden Augenblick kann der Haß zwischen den Völkern 
auflodern, wie manche aktuellen Ereignisse beweisen. 
Völker, die von den Staatsmännern und von den Zeitungen 
als die besten Freunde ausgerufen werden, werden durch 
ein Nichts verstimmt. Alle die Verbrttderungsfeste sind 
doch weiter nichts als oberflächliche Blumengirlanden, 
lustige Musik, die harte Wirklichkeit wird durch sie nicht 
verändert, sogar nur sehr blöden Augen verdeckt. Ich 
frage mich, für welches Publikum die schönen internationalen 
Phrasen ausgesprochen werden? Die sie hersagen, wissen 
schon besser Bescheid. Wird auf die Meinung der anderen. 



— 311 — 

von denen die Hingen ebenfalls verständnisvoll sein dürften, 
soviel acht gegeben? 

Ein anderer Faktor ist der Intellektnalismus, der sich 
angeblich unserer Menschheit bemächtigt. Ich fürchte, daß 
hier mehr Theorie als Wirklichkeit vorliegt Nachweisbar 
intelligenter wnrde die Menschheit wohl nicht, wenigstens 
nicht der Anlage nach. Wie sollte sie auch? Die Er- 
fahnmgsmasse nimmt allerdings zn, die Erziehung wird 
über größere Mengen ausgebreitet, die größere Intensität 
des wirtschaftlichen Lebens und des individuellen Kampfes 
um Wohlfahrt und Reichtum mag einige größere Anstren- 
gung des Intellekts zur Folge haben. Aber die übergroße 
Mehrheit kann sich nun einmal nicht hoch entwickeln, 
weil ihr die dazu erforderlichen Eigenschaften fehlen; 
dieselben Bedingungen des modernen Lebens fördern die 
Einseitigkeit obendrein und erschweren damit die höhere 
Bildung, einseitiges Fachwissen ist ja gar weit von Bildung 
entfernt Die Zeit, daß wir aus Übermaß von Bildung 
nicht mehr Krieg führen können, liegt wohl noch in nebel- 
hafter Ferne. Es war eine liberale Illusion, die Macht 
des Volksunterrichts so sehr zu überschätzen. Geben wir 
diese Illusion wie jede andere auf, sie blendet nur! 

Die Wirkung des Industrialismus werde ich sogleich 
im Verein mit Spencers Theorie behandeln. 

Europa wird allmählich demokratisch, einige Regierungen 
stemmen sich dieser Entwicklung zwar entgegen, aber, 
wie ich glaube, vergeblich, alle geschichtlichen Mächte 
wirken nun einmal in dieser Richtung. In den Kultur- 
völkern jedenfalls hat diese Tendenz zur Zeit fast ganz 
gesiegt. Ich werde an dieser Stelle nicht untersuchen, in- 
wieweit überhaupt eine jede Demokratie echt sein kann: 
die unbegabte Menge wird tatsächlich nie herrschen, die 
Begabten werden immer die Führer bleiben. Nur die 
Form, in der dies geschieht, ändert sich. Und was un- 
endlich viel mehr bedeutet: die Führerschaft ist nicht 



— 312 — 

länger an einen Gebnrtsstand gebunden, sondern nur an 
die erforderliche Begabung. Der Enkel herrscht nicht 
mehr, weil der Urahn ein tüchtiger Kämpe war, mit für 
unsere Verhältnisse sogar wenig geeigneten Eigenschaften. 
Das ist ein großer Fortschritt, weil eine bessere Anpassung. 
Hiermit notwendig verbunden wird die bedeutend größere 
Macht zur Kontrolle der Kegierung sein, die die Menge 
erlangen wird, ihre Interessen werden unvergleichlich 
besser vertreten werden als ehemals. In diesen beiden 
Eichtungen wird unsere GeseDschaft tatsächlich demokra- 
tisch. Die Arbeitervereine machen die Arbeiter mündig, 
soweit das überhaupt möglich. 

Wird diese Demokratie friedlicher sein als die bisherige 
Staatsgesellschaft? Befragen wir die einzig entscheidenden 
Tatsachen! Die erste französische Kepublik und der 
demokratische Cäsarismus Napoleons waren so kriegslustig 
wie irgend eine absolute Eegierung! Die große amerika- 
nische Republik hat sich kämpfend einen halben Weltteil 
erobert, den Preis eines mörderischen Bruderkriegs für die 
Erhaltung ihrer Einheit gezahlt und zuletzt durch Krieg 
ihre Kolonien erworben. Das heutige Prankreich scheint 
keinen Krieg zu wünschen, wohl auch, weil es, mit seiner 
stillstehenden Bevölkerung, bedeutend schwächer ist als 
seine Nachbarn. 

Gerade die ideale Demokratie, in der jeder aller ihm 
zukommenden Vorteile teilhaft wird, gerade diese Demo- 
kratie wird sich anderen Staaten gegenüber mit voller 
Kraft zu behaupten begehren. Wo alle im geraden Ver- 
hältnisse zu ihrer Begabung nach Wohlfahrt streben 
können, nach Selbsterweiterung, dort wird das Ganze durch 
die vereinten Begierden aller vorwärts getrieben, wenn 
nötig auch in den Krieg. Die Knechte einer herrschenden 
Klasse, die nie von dem Ertrage profitieren, sind dem 
Kriege selbstverständlich abgeneigt, aber die freien Bürger 
eines demokratischen Staates? Warum sollten sie? Die 



— 313 — 

Motive, die früher nur für den Adel gelten konnten, werden 
jetzt alle bewegen. Gerade weil sie schließlich doch nur 
die Eigenschaften der Masse besitzen und nicht an Über- 
maß von Intellektualismus leiden können, werden sie wahr- 
scheinlich durch dieselben Instinkte wie dareinst unsere 
Ahnen beherrscht, bleiben sie denselben Impulsen zugänglich. 

Aber der prinzipiell internationale Sozialismus! Er 
ist vorläufig international, weil er einen internationalen 
Feind oder vielmehr mehrere solcher hat. Solange aber 
ist die Politik nicht von ihm allein abhängig. Wenn er 
aber einmal herrschte, wenn die Kulturstaaten erst einmal 
volkstümliche Arbeiterstaaten bildeten, dann würden die 
Arbeiter, die Bürger dieser Staaten, sehr bald heraus- 
haben, daß die Interessen ihrer Staaten durchaus nicht 
immer zusammenfallen, im Gegenteil, daß die Kollision 
vielmehr die Regel ist. Und weil, wie oben schon gesagt, 
die herrschende numerische Mehrheit dieser Arbeitsstaaten 
doch nie andere als die Masseneigenschaften und -tendenzen 
besitzen kann, so werden hier die Veranlassungen zu 
gewalttätigen Zusammenstößen wahrlich nicht ausbleiben. 
Die Menschen werden hier eben auch Menschen sein. Die 
Panegyristen dieser Gesellschaftsform vergessen das nur 
zu leicht, und kritische Propheten sind seltene Leute. 

Übrigens glaube ich nicht §o recht an die praktische 
Zukunft der absoluten, ungemischten Sozialdemokratie. 
Wie dem auch sei, wenn sie kommt, wird auch sie den 
Krieg beibehalten, sie erst recht wird die Entfesselung 
aller Begierden sein, und das ist kein Friedensfundament. 

Eine ganz andersgeartete Friedenskraft entfaltet die 
moderne Frauenbewegung, was ihre geistige Seite betrifft, 
ein Produkt hauptsächlich der allgemeinen Emanzipation 
unserer Zeit. Solange die heutige Neigung fortbesteht, 
den Krieg nur nach individuellen Gesichtspunkten zu beur- 
teilen, ist es nur zu begreiflich, daß die Frauen ihm 



— 314 - 

absolut verständnislos gegenüberstehen, er erscheint ihnen 
als die reine Barbarei, höllisch gransam, menschenunwürdig. 
Es kann dieses Urteil erst anders werden, wenn die 
Frauen, wie das Publikum überhaupt, in ihm den kollek- 
tiven Ringkampf der Völker erblicken. Praktisch aber 
wird es eher vorkommen, daß die Frauen irgend einen 
besonderen Krieg, und jeder Krieg ist ein besonderer 
Krieg, mit großer Gunst betrachten. Ich kenne z. B. 
holländische Damen, die dem Kriege so sehr abgeneigt 
sind, wie nur irgend möglich, als Frauen und als Bürge- 
rinnen eines kleinen Staates, die dennoch jeder Kriegs- 
erklärung gegen England zur Zeit des Burenkrieges 
zugejauchzt hätten. Es wird eben kein Krieg mehr ge- 
führt werden ohne ein die Massen des Volkes hinreißendes 
Interesse, und gegen eine solche Zwangsvorstellung werden 
die Frauen am wenigsten standhalten. Eine durch- 
schlagende Macht gegen den Krieg sehe ich also nicht in 
der Frauenbewegung. 

Ich verhehle mir keineswegs, daß alle diese Tendenzen 
unter Umständen kräftige Stützen des so natürlichen Ver- 
langens nach Frieden sein können. Ich werde mich sehr 
freuen, wenn sie ihre volle Kraft in dieser Eichtung ent- 
falten. Ohne sie hätten wir bald der Kriege zu viele. 
Sie bilden die Form, in welcher in unserer Zeit und Kultur 
das allgemeinmenschliche Verlangen nach den Segnungen 
des Friedens sich äußert und geltend macht. 

Es gibt Neigungen in der normalen Menschenbrust, 
die zum Kriege drängen, andere, die einen Friedenseinfluß 
haben, die Resultante beider wird die Abwechslung von 
viel Frieden und wenig Krieg sein, die ich als den 
normalsten Zustand für uns betrachte. 

Früher gab es andere Einflüsse, die den Krieg in 
Schranken hielten, wie z. B. die allgemeine Armut, aber 
es gab doch dann und wann Krieg. Manche modernen Ver- 



— 315 — 

hältnisse sind auch nar scheinbar und zum Teile dem 
Frieden günstig. Die Ausbreitung der Weltwirtschaft 
z. B. macht jetzt zu einer Eriegsveranlassung, was früher 
keinen berührt hätte. Die ganze Welt wurde jetzt zum 
Nachbar, und mit dem Nachbar zankt man sich am 
häufigsten. Zum Zankapfel wurde jetzt, was man früher 
kaum kannte, wie der Osten Asiens, das Innere Afrikas. 
Dem wunderbaren Gewirre der Weltgeschichte soll man 
doch nicht zu schnell eine bestimmte Tendenz in dieser 
oder jener Richtung zuschreiben!^) 

So wie egoistische und altruistische Neigungen in 
ihrem Zusammenspiele die Kraft und die Gesundheit 
unserer Entwicklung verbürgen, so, als ein gerader Aus- 
fluß hiervon, werden Frieden und Krieg abwechseln in 
unserem staatlichen Leben. Die Neigung zu beiden ist 
gleich festgewurzelt und wird durch die wechselnden Um- 
stände gleichmäßig unterstützt. 

Seit den letzten Kriegen hat sich jedenfalls nicht so 
viel geändert noch droht sich so viel zu ändern, daß hier 
die begehrte Umwälzung wahrscheinlich wurde. 

Wir haben jetzt zwar die einzelnen Faktoren betrachtet, 
die in unserer Gesellschaft der Neigung zum Kriege entgegen- 
wirken, es erübrigt aber noch der Einwirkung des Gesamt- 
typus der modernen Gesellschaft und ihrer Erfordernisse 
auf die Möglichkeit des Krieges nachzuforschen. Wie 
gesagt, wollen wir dies zur Wahrung der größtmöglichen 
Objektivität an der Hand einiger Schriftsteller tun. 

Der erste Soziologe, der tiefer eingehende Betrach- 
tungen über den Einfluß des kriegerischen Lebens auf alle 
sozialen Verhältnisse veröffentlicht hat, ist wohl der Schotte 
Adam Ferguson gewesen, der 1767 seinen „Essay on the 
History of Civil Society" veröffentlichte, in dem er ein- 

*) Sehr richtige BemerkuDgen hierüber von Prof. Sombart 
in: Männer der Wissenschaf t über die Friedenskonferenz, 1899, S. 15. 



— 316 — 

gehend auf den großen Gegensatz zwischen „warlike" und 
„commercial" Völkern aufmerksam macht/) Saint-Simon, 
das weite aber verworrene Genie, hat diesen fruchtbaren 
Gegensatz schon zu einem der Eckpfeiler seines sozio- 
logischen Systems gemacht,^) und Spencer hat diese 
Theorie weiter entwickelt.^ Er führt aus, wie im mili- 
tärischen Gesellschaftssysteme der Zwang und das Interesse 
der Gesamtheit überwiegen und alles andere unterdrücken, 
im industriellen oder friedlichen umgekehrt die Freiheit 
herrscht und die Individuen ihren eigenen Interessen nach- 
gehen dürfen. Der erste Typus beruht auf dem Gegen- 
satze der Völker und fördert ihn, der zweite ist Produkt 
des Friedens und verlangt diesen zum Gedeihen. Breitet 
der Industrialismus sich aus, so werden die Grenzen 
zwischen den Staaten, welche den Verkehr hindern, nieder- 
gerissen, man verlangt nach einer Generalregierung ! *) Je 
mehr eine Gesellschaft nach der höchsten wirtschaftlichen 
Wirksamkeit strebt, um so mehr ist sie gezwungen zum 
industriellen Typus überzugehen, der sich veränderten Be- 
dingungen ungleich besser und schneller anpaßt; allmählich 
schwinden jetzt die militärischen Gefühle und Neigungen, 
die gegenstandslos geworden sind, sogar der militärische 
Menschentypus tritt immer weniger hervor.*) Grausamkeit 
und Gewalttätigkeit sind bald nicht mehr bekannt, das 



^) 2. Aufl. von 1768, p. 209, 224 ff., 288 ff. 

^) P. Barth, Philosophie der Geschichte als Soziologie, 1897, 
Bd. 1 S. 20 Anm. 2. 

2) In Spencers, Political Institutions, 1885, p. 568—642. Die 
weiteste Anwendung erhält die Lehre neuerdings bei C. Kinder- 
mann, Zwang und Freiheit, 1901. 

*) Spencer 1. c. p. 615. Eine bequeme Übersicht von Spencers 
Lehre findet man in C o 1 1 i n s , Epitome of Synthetic Philosophy, 
1901, und in L. von Wiese, Zur Grundlegung der Gesellschafts- 
lehre, 1906. 

'^) Spencer, Principles of Sociology, Political Institations, 
1885, p. 628 seq. 



— 317 — 

Unabhängigkeitsgefüh] und die Selbständigkeit der Individuen 
nehmen zu. 

Hat Spencer recht? Stimmt seine Schilderung mit 
den realen Vorgängen überein? Bedingt der wirtschaft- 
liche Fortschritt der Gesellschaft, der ebenso erwünscht 
wie wahrscheinlich ist, unter allen Umständen den in- 
dustriellen Typus im Spencerschen Sinne? Und wird die 
Entwicklung der Kulturvölker sie unabwendbar in diese 
Richtung fähren? Ich glaube, daß Spencer durch seinen 
einseitigen Individualismus und durch zu hohe Schätzung 
der ihm gerade vor Augen liegenden Entwicklungsphase 
der englischen Gesellschaft irregeführt wurde. Der 
Nationalstolz der Engländer mag ihm sogar die Feder ge- 
fuhrt haben. Spencer hat in ganz unmethodischer Weise, 
wie er denn überhaupt in methodischer Hinsicht uns fort- 
während enttäuscht, einen zu ^deinen Teil der sozialen 
Wirklichkeit als Modell betrachtet und alles andere mit 
diesem gemessen, was höchst gefährlich ist, und er hat 
nur auf die eine Seite des menschlichen Lebens acht- 
gegeben, die zu seiner Zeit in England so reiche Blüten 
entfaltete. Er war und blieb mit anderen Worten ein 
Kind seiner Zeit und seines Volkes.^) Seine ungenügende 
Methode hat ihn vor dieser Gefahr nicht schützen können. 
Das England, das er auf dem Wege nach dem reinen In- 
dustrialismus so schöne Fortschritte machen sah, ^ dasselbe 
England hat seitdem, und nur wenige Jahre später, neue 
Ausbrüche des Jingoismus erlebt, hat sich zum „Empire" 
ausdehnen und vom Auslande abschließen wollen! 

Dennoch hat sich England wirtschaftlich unausgesetzt 
und in vorher nie geahnter Weise entwickelt Die politische 
Entwicklung, wie die West-Europas überhaupt, nahm aber 



^) Vgl. B a r d u X , Essai d'une Psychologie de TAngleterre 
Contemporaine, 1906, passim. 
*) Spencer 1. c. p. 639. 



— 318 — 

eine ganz andere Wendung, und zwar die entgegengesetzte 
Richtung. Der Individualismus nahm ab, die Staaten 
flössen weniger ineinander, der Freihandel wurde einge- 
schränkt, die soziale Politik breitete sich gewaltig aus und 
steht im Begriff, noch mehr zu umfassen und noch tiefer 
einzudringen, die wirtschaftliche Freiheit nahm entsprechend 
ab, das Gebiet des Zwanges wurde aufs neue ausgedehnt. 
Die Macht der Gemeinschaft nahm wiederum zu. Die 
nächste Zukunft wird noch keine Richtungsänderung auf 
diesem Gebiete erleben, die wahre Harmonie zwischen 
Kollektivismus und Individualismus wurde noch nicht er- 
reicht, wahrscheinlich ist sie unauffindbar, die Entwicklung 
sucht immer das Gleichgewicht, findet es aber nie, weil 
die Bedingungen sich fortwährend ändern. Beide Tendenzen 
werden aber ewig bleiben, wie sie ewig waren, nie fehlte 
eine, nie wird die eine d^r anderen das ganze Feld über- 
lassen. Die richtige Mitte muß immer gesucht werden. 

Das ideal-industrielle Amerika hat sich als nur sehr 
bedingt friedliebend erwiesen, ungefähr so wie die anderen, 
solange es vorteilhaft warl^) 

Das militaristische Deutschland hat sich aller Er- 
wartung entgegen als einen sehr tüchtigen — seine Jugend 
in Betracht gezogen — , sogar als einen gefährlichen 
Nebenbuhler Englands auf dem ganzen Gebiete des Handels 
und der Industrie erwiesen. Das militaristische Japan 
entfaltet sofort nach dem Kriege eine ebenso fieberhafte 
als erfolgreiche Tätigkeit auf wirtschaftlichem Gebiete. 

Also : die industriellen Völker nicht so friedliebend als 
sie sein sollten, die militaristischen Völker wirtschaftlich 
viel betriebsamer und glücklicher, als die Theorie ihnen 



^) Aach in anderer Beziehung scheinen die V. S. nicht mehr so 
„industrieU'' und liberal im Spencerschen Sinne zu sein; vgl. E.Herr, 
Der Zusammenbruch der Wirtschaftsfrei heit und der Sieg des Staats- 
sozialismus in den Vereinigten Staaten von Amerika, 1906. 



— 319 — 

gestattet I Mir scheint die Theorie nach allen Regeln der 
logischen Kunst ad absurdum geführt I 

Spencer hat aber nicht nur die Entwicklungstendenz 
der europäischen GeseUschaft falsch beurteilt, er hat die 
Forderungen der Unbemittelten an die Staatsgewalt, welche 
deren Eingreifen verursachen, vollständig übersehen. Der 
Staat mußte eine viel wichtigere Aufgabe übernehmen, als 
Spencer ihm zudenkt. Mit der sozialen Politik nahm die 
Staatsmacht zu. Gerade die ausgedehnte Sympathie und 
die freie Vereinigung, die Spencer in der freien Gesell- 
schaft so sehr lobte, führten zur Erhöhung der Staatsmacht. 

Spencers Einseitigkeit hat ihn aber noch viel mehr 
übersehen lassen. Er beachtete die sehr realen Gegen- 
sätze der Völker und der Rassen nicht, er meinte, das 
wirtschaftliche Interesse allein könnte mit ihnen aufräumen, 
er überschätzte es wie seine ganze Zeit. Spencer, der 
die Anfänge der Kultur vielleicht etwas zu naturalistisch 
betrachtete, räumte der Fortdauer der alten automatischen 
Triebkräfte der Entwicklung entschieden zu wenig Raum 
ein. Er teilte den Bildungsrausch seiner Periode. Er sah 
nicht ein, daß es noch, so gut wie ehemals, der großen 
Bildner des Kampfes und der Auslese bedarf. 

Die spätere Entwicklung so gut als die Theorie geben 
Spencer entschieden unrecht. 

Brooks Adams sieht in der Geschichte den Kampf 
zweier Menschentypen : der eine soll emotionell, furchtsam, 
religiös und kriegerisch sein, der andere praktisch, nüchtern, 
berechnend und ökonomisch. Bei steigender Kultur macht 
der erste Typus dem zweiten Platz, wie der Verfasser 
für die alten und die neuen Kulturländer zu beweisen ver- 
sucht. Seiner Meinung nach stirbt der Krieger jetzt aus, 
die Welt wird zwischen die Bankiers und die Arbeiter 
verteilt.^) 

^) Brooks Adams, La Loi de la Civilisation et de la 
Decadence, 18d9, passim. 



— 320 — 

Der Beweis scheint mir aber nicht geliefert zu sein. 
Erstens kann ich die Kichtigkeit dieser Zweiteilung und 
der aufgestellten, übrigens sehr nebelhaften Typen nicht 
anerkennen, und zweitens stimmt die ganze Theorie nicht 
zu den Tatsachen. Adams vergißt, wie so mancher, daß 
gerade in unserer Zeit zwischen ökonomisch sehr hoch- 
stehenden Völkern mehrere gewaltige Kriege tatsächlich 
geführt wurden. Ich erinnere bloß wieder an den amerika- 
nischen Sezessionskrieg. Es scheint also der kriegerische 
Typus noch nicht ganz ausgestorben zu sein. Wenn er 
seine Typen charakterologisch etwas schärfer ausgeprägt 
hätte, würde er auch nicht so leicht einen Gegensatz 
zwischen beiden angenommen haben. Die Eigenschaften, 
die den unternehmungslustigen Kaufmann machen, werden 
dem Krieger nicht so fremd sein : eine gewisse Abenteuer- 
lichkeit, Kühnheit, Selbstsucht, praktischen Verstand, 
Schlauheit müssen beide besitzen. 

Adams irrt ganz auffallend, wenn er annimmt, der 
Streitinstinkt sei im modernen Leben überflüssig zur Er- 
haltung des Ichs.^) Er selbst schildert ja wiederholt die 
Intensität unseres wirtschaftlichen Kampfes: ist denn der 
freie Wettbewerb kein Streit und bedarf es nicht des 
Streitsinnes, um in ihm zu siegen? England sollte dem 
amerikanischen Professor nach seine kriegerischen Elemente 
längst verloren haben: wie wenig stimmt das aber zu der 
besten psychologischen Analyse des britischen Volks- 
charakters, die wir besitzen, ich meine zu der B o u t m y s. *) 
Diese rühmt im englischen Volke vor allen Dingen die Liebe 
zur Kraft, physischer wie psychischer, in allen Formen, so 
sehr, daß Carlyle dadurch veranlaßt wurde, in jedem Eng- 
länder einen Berserker zu erblicken.^) Bardoux spricht 



^) Brooks Adams I.e. p. 416/17. 

2) Boutmy, La Psychologie Politique du Peuple Anglais, 1902. 

') Carlyle, Past and Present, p. 141. 



— 321 — 

sogar von „le culte national de Finergie".^) Der letzt- 
genannte Schriftsteller schließt ans verschiedenen von ihm 
angeführten Tatsachen ans den letzten Jahren, daß es nicht 
angeht, die Britten nicht mehr kriegerisch zn nennen.*) 
Er leugnet entschieden ihre Ähnlichkeit mit den alten 
Karthagern. Das Bild, das er vom englischen Volke ent- 
wirft, ist zwar etwas zn schön gefärbt : gab es nicht sehr 
viele Fälle von überraschend leichter Übergabe englischer 
Soldaten an die Buren, war die fast komische Wut 
der Engländer gegen diese nicht auch eine Folge der 
Demütigung, die ihnen von dem kleinen Volke zu Teil 
wurde? Aber deutliche Zeichen der Erweichung dieses Volks- 
charakters vermag ich auch nicht aufzufinden. 

Bardoux macht uns auf sehr charakteristische Züge 
aufmerksam, die ein Volk zum Kriege mit den Nachbarn prä- 
destinieren und die zugleich beweisen, wie wenig der moderne 
Verkehr sogar in diesem ihm am meisten huldigenden Volke 
die angeborenen Züge verwischt hat. Er bemerkt, obwohl 
er diesem Volke sehr gut gesinnt ist, bei den Engländern ein 
deutliches Unvermögen, fremde Völker zu verstehen, und 
die starke Abneigung, sie ehrlich und gerecht zu behandeln.^) 
Er findet in der englischen Aristokratie, im städtischen 
Proletariat, in der englischen alttestamentlichen Religiosität 
einen ausgeprägt kriegerischen Geist. *) Die Zeit der reli- 
giösen Skrupeln und der idealistischen Träume ist vorbei, 



^) Jacques Bardoux, Essai d'une Psychologie de TAngleterre 
ContemporaiDe. Les Crises Belliqueuses, 1906, p. 9. 

^) Bardoux 1. c. p. 399 seq. und 12: ,Peut-on dire d'un homme, 
sur lequel le plus noble sentiment de Täme humaine, la pitie n'a 
par instants qu'une prise imparfaite, qui trouve dans les emotions 
du combat un stimulant pour sa sensibilite ; peut-on dire d'un peuple 
qoi, forme ä Tecole de Tenergie, fait de Texercice de cette volonte 
une joie, un devoir et un culte , qu'ils ne sont pas belliqueux ? Nous 
De le croyons pas." Mit Recht! 

«) Bardoux 1. c. p. 16-23. 

*) Bardoux I.e. p. 26 seq. 
Steinmetz. 21 



— 322 — 

die Literatur atmet in einer kriegerischen Atmosphäre, 
man denke bloß an den „poet lanreate" Austin, an Swin- 
bume und an Rudyard Kipling!^) Spencer selbst spricht 
sogar von der „Re-Barbarisation^ von England ! ^ Es gibt 
zwar im jetzigen England poUtische Strömungen, die auf 
eine gewisse Reaktion hinweisen, aber das ändert an der 
Tatsache nichts, daß das hochindustrielle Land sich der 
kriegerischen Gesinnung außerordentlich zugänglich ge- 
zeigt hat. 

Die höchste wirtschaftliche Entwicklung und mächtige 
Kriegsgelüste sind also vereinbar. Was in England möglich, 
wird sich auch in anderen Kulturländern ereignen können. 
Die moderne Kultur hat den Krieg bis jetzt nicht un- 
möglich gemacht. 



^) B a r d o u z 1. c. p. 554. 

>) Facts and Comments, 1902, p. 132, 188, 122 seq. z. B. spricht 
er von .this diffusion of military ideas, military sentiments, military 
Organisation, military discipUne' als überall im englischen Leben zu- 
nehmend. Diesen Betrachtungen und den sie stützenden Tatsachen 
gegenüber — man denke an den Mafeking-Jobel, an die Unmöglich- 
keit, burenfreundliche Bücher in England seinerzeit verlegt und aus- 
gestellt zu bekommen, an die Selbstvergötterung der Mehrheit auch 
der gebildeten Engländer — nehmen sich die übertriebenen Vorwürfe 
J. M. Robertsons gegen das seiner Ansicht nach vom Militarismus 
ganz verdorbene Deutschland etwas sonderbar aus, Patrioüsm and 
Empire, 1900, p. 111 seq. 



12. Kapitel. 

Die Friedenskongresse und die Schranicen ihrer 

Wirl(samlceit 

Wenn wir also schließen müssen, daß die Kriege nicht 
verschwinden, weil keiner mehr Krieg führen möchte, daß 
der schönste Traum der Friedensfreunde — voriäufig ein 
Traum bleibt, so müssen wir uns fragen, welchen Einfluß 
absichtliche Taten, zur Eindämmung der Kriege verrichtet, 
ausüben werden. Werden die Friedenskongresse, deren 
Reihe unter der Ägide des russischen Despoten eröffnet 
wurde, alle die Erwartungen, die sie erweckten, erfüllen? 
Wird vielleicht von dieser Seite der Fortexistenz des 
Völkerkampfes Gefahr drohen? 

Drei Probleme müssen hier gesondert studiert werden : 
die Abrüstung, die Schiedsgerichte und die Eeform des 
Kriegsrechtes. Das erste würde am tiefsten eingreifen, 
die weiteste Ablenkung vom bisherigen Wege darstellen, — 
fangen wir mit seinem Studium an. 

Carnegie, der Stifter des überflüssigen Friedens- 
palastes im Haag, erwartet, daß die Kriege etwa in einem 
Jahrhundert aufgehört haben werden!^) Wenn diese Worte 
des eminent praktischen Helden des gewaltlosen Kampfes 
in Erfüllung gehen sollen, dann werden wir baldigst mit 
den ersten Schritten zur Ausführung anfangen müssen! 
Diese werden wahrscheinlich in der Einschränkung der 
Rüstung bestehen müssen : die Staaten werden nicht länger 
fortfahren dürfen, ihre Heere und Flotten immer mehr zu 



*) Carnegie, Voor de Arbitrage, 1906, p. 29. 

21* 



— 324 — 

verstärken und zu vergrößern, es wird diesem Treiben eine 
Schranke gezogen! Es wird uns aber erlaubt sein, nach 
dem Wie und nach den Folgen zu fragen. 

Wie stellt man sich die Abrüstung eigentlich vor? 
Werden die Budgets und die Zahl der Soldaten für immer 
auf der jetzigen Höhe festgesetzt bleiben ? Dann wird das 
jetzige Machtverhältnis auf ewig den Sieg entscheiden! 
Das wäre eine ungeheuere Ungerechtigkeit. Oder die Staaten 
werden künftig nur ihrem wachsenden Eeichtume an Geld 
und Seelen gemäß ihr Heer und ihre Flotte ausbreiten 
dürfen? Die Ungerechtigkeit und die Willkür wären nicht 
geringer! Warum sollte der größere Patriotismus des einen 
Staates, sagen wir exempli causa einmal Frankreichs, seine 
geringere Bevölkerungszahl nicht durch größere Opfer 
kompensieren dürfen? Warum England sein schwaches Heer 
nicht durch eine teure Flotte wettmachen? WDlkür auf 
allen Seiten 1 

Warum sollten eigentlich nur diese beiden Elemente 
der künftigen kriegerischen Macht durch Kongreßbeschlüsse 
fixiert werden? Es gibt noch so viele andere Faktoren, 
die über den Sieg entscheiden, es wäre offenbar zu un- 
gerecht, nur diese beiden zu fesseln, und damit die Staaten, 
die hier stark, in anderem schwach sind, in eine ungünstige 
Lage zu versetzen ! Es müssen also der intellektuelle Fort- 
schritt, die Volkswohlfahrt, die innere Ausbildung der 
militärischen Angelegenheiten, die Gesundheit der Rasse, 
die Volksmoralität, und weiter alle anderen möglichen 
Faktoren des Sieges festgelegt werden, auf immer, und vor 
allem stetig kontrolliert werden. Wenn ein Volk sich unter- 
fängt, tapferer und disziplinierter zu werden, so wird es 
von allen anderen nach gehöriger Ermahnung mit Gewalt 
in den alten Zustand zurückversetzt werden! Wäre es 
nicht am besten, die gegenseitige Tapferkeit jährlich im 
Kriege zu erproben? 

Spott ist hier die einzig angemessene Form der Kritik! 



— 325 — 

Man könnte vielleicht darauf verfallen, um wenigstens 
der zunehmenden Kriegsrüstung eine Schranke zu errichten, 
ein gewisses pflichtmäßiges Verhältnis zwischen dem Volks- 
reichtume und der Heeresgröße festzustellen. Es bleibt 
aber die unduldbare Ungerechtigkeit, daß die anderen Macht- 
faktoren nicht in derselben Weise fixiert werden können.^) 

An die Schwierigkeiten der Kontrolle, an die Gewißheit 
der Umgehung aller Vorschriften hat man gewiß nicht ge- 
dacht! Sobald die Gefahr des Angriffs droht, wird ein 
Volk gezwungen sein, zu diesen Mitteln zu greifen, besonders 
wenn der Gegner durch den Zufall der Vorschi-iften eine 
günstigere Stelle einnimmt. 

Denken wir uns die Sache, ungeachtet aller prinzipiell 
unübersteiglichen Schwierigkeiten, so gut wie nur möglich 
durchgeführt, beachten wir augenblicklich die schreienden 
Ungerechtigkeiten einmal nicht, so wird die absolut un- 
ausbleibliche Folge die sein, daß der Krieg wieder zur im- 
provisierten statt zur vorbereiteten Affäre wird. Ob die 
Völker, die Kultur, die Humanität dabei gewinnen werden? 
Die Antwort scheint mir sehr fraglich. Oder werden 
schließlich nicht andere, mehr verborgene Vorbereitungen 
getroffen werden? 

Die absolute Abschaffung des Krieges und damit die 
Aufhebung aller Heere und Flotten scheint mir fast ratio- 
neller und eher durchführbar als dieser Mischmasch von 
Willkür, Ungerechtigkeit und Zufall, dessen glückliche 
Wirkung doch eine reine Glaubenssache ist! Die absolute 
Abschaffung des Krieges „sans phrase" würde aber nie mehr 
als eine bloße Phrase sein können, ein frommer Wunsch !^) 



^) L a g r g e 1 1 e 1. c. p. 666 hat offenbar absolut keine 
Ahnung von diesen Schwierigkeiten! Die Naivität dieser „Staats- 
männer", und das sollten sie doch sein, grenzt ans Unglaubliche. 

^)Lagorgette I.e. p. 665 sagt ganz richtig : „le desarmement 
moral doit preceder le desarmement materiel. Ce dernier ne saurait 
donc etre immediat.'' Wozu dann die Abrösti^gsvorschläge? 



n 



— 326 — 

Ich frage mich, welchen Zweck einige Regierungen mit 
dem anscheinenden Eingehen auf den Wunsch nach Ab* 
rustung verfolgen können? Pär wen wird die Komödie eigent- 
lich aufgeführt? Wollen sie weiter nichts, als einige unruhige 
Illusionisten zufriedenstellen, mit einer bewußten Lüge? 
So ist das ihrer wenig würdig und nicht zweckmäßig, da 
der Betrug nur so kurz dauern kann. Wollen sie in dieser 
Weise ihre Unschuld an künftigen Kriegsplänen beteuern, 
so sollten sie doch ein anderes Mittel wählen, es gibt deren 
ja so viele ! Bleibt das gebildete Publikum denn auf immer 
ein großes Kind, daß es solchen seichten Betrug akzeptiert' 
und eigentlich begehrt? Wird es denn nie die Wahrheit 
vertragen können? 

Die zweite Aufgabe der Friedenskongresse soll die 
Förderung der Schiedsgerichte sein. Wir wollen einmal 
festzustellen versuchen, welche Bedeutung diese völker- 
rechtlichen Schiedsgerichte überhaupt erlangen können.. 

Ihre begeisterten Freunde erwarten, daß sie künftig 
und zwar recht bald alle Zwistigkeiten zwischen Staaten 
auf jedem Gebiet erledigen und in dieser Weise alle Ver- 
anlassungen zu Kriegen aufheben werden. Zwar werden 
augenblicklich noch sehr viele Fälle von der schiedsgericht- 
lichen Entscheidung ausgeschlossen, auch durch die Staaten, 
welche übrigens sich zur gegenseitigen Arbitrage ent- 
schlossen haben, z. B. alle Ehrensachen, und was ließe sich 
nicht hierauf reduzieren ? Die Hoffnung ist aber einst alles, 
was einen Krieg entfachen könnte, dem internationalen 
Gerichte zu unterbreiten. Dieses Gericht soll in jeder 
Beziehung zum höchsten und ohne höhere Instanz, sogar 
zum letzten Arbiter der Völkergeschicke werden.^) 



^) Ich berufe mich wieder auf die zitierte Schrift Carnegies» 
die wahrscheinUch als vorzüglich typisch für die hier beurteilten 
Illusionen gelten darf, die gewiß von zahllosen und sehr hochstehen- 
den Leuten geteilt werden. Der Krieg, meint er, sei jetzt ohne jede 



— 327 — 

Fried erwartet vom zweiten Haager Friedens- 
kongreß einen tüchtigen Schritt in der Richtung der obliga- 
torischen Vermittlung, sowie der obligatorischen Schieds- 
verträge.^) Ernste Juristen wie 0. N i p p o 1 d hegen die- 
selbe Erwartung.*) 

Die Herren haben von der ganzen Sache eine durchaus 
falsche Vorstellung. Carnegie z. B. spricht nur von Zwisten 
und Streitigkeiten zwischen den Staaten und meint, daß 
eine Beleidigung nie durch Kampf, sondern nur durch 
Richterspruch gesühnt werden kann und darf!*) Er sieht 
in einem Staate weiter nichts als eine Ansammlung von 
Individuen,*) die Form, zu der sein Plan die Staaten auch 
reduzieren wtirde, die aber vorläufig nicht die wirkliche ist, 
im Zeitalter des übertriebenen Individualismus jedoch das 
Ideal von Zahllosen. Jedenfalls übersieht diese Auf- 
fassung, daß die Kriege nur ausnahmsweise, jetzt wohl 
eigentlich nie, durch solche Zwiste ohne weiteres veranlaßt 
werden, wie sie unter Privaten durch den Richter be- 
glichen oder entschieden werden können. Eben deshalb 
gibt es aber auch kein Recht, nach dem diese Probleme 
gelöst werden könnten, und ist dieser Mangel keine einst- 
weilige Lücke, die künftige Kongresse ausfüllen könnten, 
sondern eine essentielle und hochwichtige Erscheinung. 
Gäbe es hier ein Gesetzbuch, so sollte es verbrannt 
werden. 



Entschuldigung, da es ja ein Gericht für solche Sachen gebe (p. 35) ; 
der Zwist (!) zwischen Rußland und Japan hätte durch das Schieds- 
gericht im Haag beigelegt werden können p. 41 und passim. 

^) Friedenswarte, April 1906. 

2) Otfried N i p p o 1 d , Die Fortbildung des Verfahrens in völker- 
rechtlichen Streitigkeiten, 1907, S. 448 ff. 

^) Carnegie 1. c. p. 39. 

*) C a r n e g i e 1. c. p. 40 : die Völker sind weiter nichts als 
Sammlungen von Individuen, eine Meinung, gegen welche G i e r k e 
mit Recht Einspruch erhebt. Das Wesen der menschlichen Verbände, 
1902, S. 22, 



— 328 — 

Der Krieg ist kein Ersatz für den Richter und soll 
es nie sein! Er entscheidet keine Kechtsfragen, sondern 
Probleme der tatsächlichen Macht, der Völkerkraft und 
Rassenvitalität. 

Das Recht bezieht sich immer auf Erworbenes, auf 
die Vergangenheit, der Krieg bestimmt die Zukunft, den 
neuen Erwerb, die Ausdehnungsmöglichkeit. Was soll hier 
der Richter? Sollte er vielleicht erkennen: Völker Asiens, 
richtet euren Blick künftig nicht allein auf Europa, sondern 
auf die beste Kraft unter euch selbst, die durch Taten be- 
wiesen hat, Europa in mancher Beziehung ebenbürtig zu 
sein. Völker Asiens, erhebt euch, ringt euch durch ge- 
waltige Anstrengungen zur Befreiung Europas durch! 
Meint man, daß ein europäisches Schiedsgericht je so er- 
kannt haben würde -und damit einen gleichen Erfolg wie 
der russisch-japanische Krieg hätte erzielen können? Diese 
Meinung, wenn einer sie je hegen könnte, richtet sich 
selbst.^) 

Ist der Gedanke nicht abscheulich, daß ein Juristen- 
kollegium, unter vielen Einflüssen gewählt, dessen Mehr- 
heit doch keine göttliche Objektivität besitzen kann, über 
die Zukunft von hunderten, ja tausenden von Millionen 
Menschen aburteilen wird, entweder nach irgend einem Ge- 
setzbuche oder nach irgend einer von ihm vorgenommenen 
Schätzung der gegenseitigen Volkskräfte und der Bedürf- 
nisse der Menschheit!^) Welchen Maßstab werden sie 



^) Sehr richtig sind die Bemerkungen H. Delbrücks: „es 
bleibt dabei, daß es Fragen gibt, die kein Volk irgend einem Schieds- 
richter je unterwirft", nicht durch das Recht bestehe die Zusammen- 
stellung der jetzigen Staaten, wurden Afrika und Asien aufgeteilt. 
„Soll es alles so bleiben, wie es zufällig gerade in diesem Augen- 
blicke ist, daß die Engländer, Russen. und Franzosen große Reiche, 
Deutschland bloß eine kleine Anwartschaft besitzt?**, Preuß. Jahrb. 
1899, S. 515. 

*) Ausgezeichnet sagt Prof. F. Störk: „das schöne Wort ,die 
Weltgeschichte ist das Weltgericht' würde in die öde Formel um- 



— 329 — 

hier anlegen? Wer wird je Zutrauen zu ihrem Ausspruche 
haben können? Wie denkt man sich doch die Ausführung 
imd deren Kontrollierung? 

Wie wird, wo es um solche gewaltigen Interessen geht, 
der Einfluß der Vorurteile, der Korruption sich geltend 
machen ! Ein Mensch, der die Vermessenheit haben könnte, 
in diesem Gerichte Platz zu nehmen, sollte sofort als un- 
zurechnungsfähig abgeführt werden. 

Ist dieser Gedanke nicht der verrückteste, der je aus- 
geheckt wurde: die Zukunft der Rassen und Völker, der 
ganzen Menschheit durch Bichterspruch nach Schätzung und 
Gesetzesparagraphen gelenkt! Wie wenig zeugt diese ent- 
setzliche Illusion von Ehrfurcht vor den höchsten Inter- 
essen der Menschheit, vor der Zukunft der Völker! 

Die ganze Ausdehnung des Schiedsgerichtsgedankens 
von juristischen Bagatellfragen auf die großen Tatsachen- 
probleme, welche die Völker trennen,^) ist nur möglich, wo 
alles Denken durch Mitleid und Furcht vor den Leiden 
des Krieges paralysiert wurde! Sie vergißt vollständig, daß 
sie selbst, sogar abgesehen von allen schlechten Polgen der 
Abschaffung der Kriege, durch ihre eigenen notwendigen 
Folgen und Konsequenzen unendlich viel mehr Leid und 
Verderben verursachen würde. Nur der blindeste Vemunft- 
wahn kann dies leugnen. Es geht uns Menschen einfach 
alles ab, was die Aussprüche des Schiedsgerichts über die 
Völkergeschicke zu etwas anderem als einer ungeheueren 
Gefahr gestalten könnte. 

' Sind denn die Erfolge unserer Gesetze derart, daß 



gedreht werden: das Weltgericht setzt fortan Weltgeschichte!" in 
«Männer der Wissenschaft über die Friedenskonferenz", 1899, S. 20; 
auch Prof. y. Bar ibidem S. 3 erachtet die Schiedsgerichte nar für 
Streitigkeiten von minderer Bedeutung für eiu geeignetes Mittel. 

^) Nippold I.e. S. 601 denkt sich die internationalen Inter- 
essen ganz gemütlich solidär! Wo denkt er nur hin? 



— 330 — 

wir ermutigt sein dürften, auf endlos erweitertem Gebiete 
ebenfalls maßregelnd einzuschreiten? 

Geht unsere Geschichtsphilosophie schon auf so sicheren 
Wegen, daß wir versucht sein könnten, der künftigen 
praktisch vorzugreifen, die Geschichte der Zukunft im 
voraus zu gestalten? 

Kurzsichtiges Mitleid zieht hier einmal wieder die 
Interessen der Hunderttausende denen der Hunderte von 
Millionen vor. Im Namen der Menschlichkeit wird die 
Menschheit verhöhnt und geschädigt! 

Das Schiedsgericht, wie wir es jetzt besitzen, könnte viel- 
leicht noch etwas ausgedehnt und verallgemeinert werden: 
es betrifft ja nur Fälle, die sozusagen die privatrechtliche 
Seite der Staaten betreffen, um welche nie ein Krieg statt- 
finden dürfte. Es ist möglich, daß es hier besser wirken 
wird als die alte Diplomatie, obwohl die Art seiner Wirk- 
samkeit tatsächlich dieselbe bleiben muß.^) Diplomatie 
und Schiedsgericht können den Ausbruch des Krieges bis auf 
gelegenere Zeit hinausschieben, ihn ersetzen können sie 
nie und nimmer, weil sie seine Funktion, die des Ring- 
kampfs, der Kräftemessung, nie- übernehmen können. 

Ich glaube nicht einmal, daß die Arbitrage die Zahl 
der Kriege wesentlich vermindern wird, durch den fried- 
lichen Austrag der Zwiste als möglicher Veranlassungen 
zu Kriegen. Wer den Krieg nicht wünscht, aus welchen 
Gründen es sein mag, der bricht ihn auch jetzt nicht vom 
Zaune, der läßt gar furchtbar viel über sich ergehen ohne 
beleidigt zu werden, weil er eben weiß, daß der wahr- 
scheinliche Ausgang des Krieges ihm auch keine Ehre 



^) Prof, F. S t ö r k äußert sich in derselben Weise, er hält die 
Wirksamkeit der Schiedsgerichte nur auf einem eng beschränkten 
Gebiete des Völkerverkehrs für möglich und ihre Tätigkeit der 
Diplomatie gegenüber für minderwertig, gefährlicher für den Völker- 
frieden. Männer der Wissenschaft über die Friedens - Konferenz, 
1899, S. 19. 



— 331 — 

eintragen wird. Ich fürchte fast, die Arbitrage wird nie 
andere als Scheinerfolge einheimsen, solche aber nm so 
mehr. Dem Publikum wird ja damit geschmeichelt und 
die Sache bleibt dieselbe! 



Ich möchte wissen, wie man sich die Praxis eigentlich 
denkt! Zwischen zwei Ländern findet sich ein großes 
wenig bevölkertes Gebiet, kaum staatlich organisiert; beide 
Nachbarvölker wünschen dieses Gebiet in ihr Machtbereich 
zu ziehen, sich darüber auszudehnen : wie wird das Schieds- 
gericht entscheiden? Es kann alles der Privatinitiative 
überlassen, die Anarchie dauernd machen und verschärfen, 
es kann auch eine Zweiteilhng vornehmen entweder zu 
gleichen Teilen oder im Verhältnis zu irgend einem will- 
kürlich bestimmten Maßstabe der beiderseitigen Volkskräfte. 
Noch eine Möglichkeit wäre alles im Status quo zu belassen. 
Eine ewige Erstarrung, nur durch die Bestrebungen der 
einzelnen unterbrochen. Die großen Kollektivitäten wider 
alle Vernunft zur Ohnmacht verdammt ! Warum doch nur ? 
Ein erbitterter, immer schärferer Konkurrenzkampf der 
einzelnen, aber die Staaten in gelegener Solidarität ge- 
fesselt I 

Da ist der häßliche, dumme Traum der Kommunisten: 
die ganze Menschheit, 1600000000 Seelen, in einem 
Brüderbunde organisiert, wenigstens konsequenter! 

Denken wir uns einmal den Zustand, wo die Kriege 
zwischen Kulturvölkern ganz abgeschafft und durch all- 
gemeine Arbitrage ersetzt sein werden. Was wird die un- 
ausbleibliche Folge sein? Der Staat wird für die inter- 
nationalen Verhältnisse ganz ausscheiden, alles wird nach 
privatrechtlichen Gesichtspunkten geordnet, der staat- 
liche Gesichtspunkt absolut verlassen werden. Die Staats- 
gebiete werden nicht mehr gegeneinander abgegrenzt 
werden, sondern die absolute Amalgamierung aller Völker 



— 332 — 

wird erst virtuell, bald tatsächlich eintreten.^) Denn, w^as 
jetzt die Völker zusammenhält, die Anlehnung an dje 
Macht des eigenen Staatsverbandes, hört dann zu wirken 
auf. Wozu der Staat, der ja nichts tun darf? Die Mensch- 
heit wird dann aber nicht, wie wir oben ausgeführt haben, 
zu einem großen alle umfassenden Staate werden, sondern 
zu einer chaotischen Masse, deren Einheit nie wirksam 
sein kann, eine Einbildung bleiben wird, bis endlich sich 
neue Einheiten zusammenballen, Kraft schöpfend aus ihrer 
Beschränkung, diese aufeinander prallen, und die Sache 
von vorne anfängt. 

Ein kolossaler Rückgang aller Kultur wird der einzig-e 
Gewinn sein. 

Die dritte Aufgabe der Friedenskongresse wäre die 
Ausbildung und Verbesserung des Kriegsrechtes und der 
Kriegsmoral. Nur ein paar Worte über diesen Gegen- 
stand, der nicht zu unserem eigentlichen Thema gehört. 

Seit dem letzten großen europäischen Kriege haben sich 
hier bedeutende Änderungen vollzogen oder stehen im Begriffe 
sich zu vollziehen. Es versteht sich, daß die menschen- 
freundliche Gesinnung, die unsere Zeit kennzeichnet, gerade 
auf diesem Gebiete ihre Forderungen stellt. Zwar sind die 
positiven Ergebnisse der Brüsseler Konferenz gerade keine 
glänzenden gewesen und hat die Haager Konferenz wohl 
auch mehr Enttäuschung als Befriedigung gebracht.^ Um 
so mehr bleibt der nächsten Zukunft vorbehalten. 

Das positive, also das durch internationale Verträge 



^) Der Idealzustand nach dem Geschmacke Novicows 1. c. 
p. 478 und sonst F i n o t s , Le Prejuge des Races, 1905, passim, s. 
meine Abhandlung, De Rassenkwestie, in De Gids 1907. 

^) Der neueste Bearbeiter des Kriegsrechts Albert Zorn, Das 
Kriegsrecht zu Lande, 1906, S. 9 und 10 nennt das Gesamtergebnis 
„keineswegs so gänzlich bedeutungslos'' wie die enttäuschte öffent- 
liche Meinung. 



— 333 — 

festgelegte Kriegsrecht wird sich immer zwischen zwei 
Extremen bewegen. Den einen Pol bildet die Notwendig- 
keit des Krieges, die sich natürlich im Prinzip gerne alles 
erlaubte, den anderen alle Linderang des ungeheueren 
Schmerzes, die menschliches Mitleid anbringen möchte. 
Es gilt die richtige Mitte zwischen diesen beiden Extremen 
aufzufinden. Einerseits muß der Kriegszweck erreicht 
werden, es ist nun einmal Krieg, und der besteht in der 
Niederwerfung, der militärischen Vernichtung des Feindes. 
Andererseits sind auch die Kriegführenden Menschen, und 
zwar Menschen eines bestimmten Kulturkreises und eines 
bestimmten Zeitalters, von Gefühlen beseelt, die sich auch 
im Kriege nicht verleugnen lassen und die einiges erlauben, 
manches aber auch absolut untunbar machen, wenn auch 
die Erreichung des Kriegszwecks dadurch beeinträchtigt 
wurde. Der Kriegszweck bildet nie eine absolute Ent- 
schuldigung, obwohl er ebensowenig je aus den Augen 
verloren werden darf. 

Eine mit dem Wesen des Krieges unvereinbare 
Humanität wäre in keiner Beziehung zweckdienlich, weil 
ihre Anwendung die möglichst schnelle und kräftige Führung 
des Krieges beeinträchtigen und damit den Krieg in die 
Länge ziehen würde, was den Interessen der Humanität 
nie entsprechen könnte. Dem Zwecke des Kampfes, der 
Niederzwingung des Gegners, soll mit voller Kraft nach- 
gestrebt werden, nur ist es eben unvermeidlich, daß er 
durch Menschen erstrebt wird, deren Gefühle hier wie 
überall schließlich maßgebend sind. Das Kriegsrecht darf 
nie mehr sein, aber auch nie weniger als die Umschreibung 
der im Gefühl real gegebenen Schranken. Das Kecht als 
solches wird hier keine andere Rolle als seine gewöhnliche 
spielen können, die Ausnahmen innerhalb der Regel zu 
halten, die Auswüchse abzuschneiden. Es hilft nicht und 
kann nie helfen, ein höheres Niveau zu erreichen. Dieses 
ist ja das Ergebnis ganz anderer Mächte, die das mensch- 



— 334 — 

liehe Gefählsleben gestalten; das Recht aber formuliert 
und reguliert allein. Die einzige reale Verbesserung des 
Kriegsrechts wie der Kriegssitten, wird also der Ausdruck 
einer wirklich eingetretenen Erhebung unseres Gefühls 
sein, die uns wie schon oft zur Unmöglichkeit machen 
wird, was jetzt noch ganz gewöhnlich ist Das Recht wird 
dann den richtigen Ausdruck hierfür suchen und etwaigre 
Abweichungen vom erreichten Gefühlsniveau verhindern. 
Die höheren und die niederen Führer des Heeres 
sowie die Mannschaften, alle werden dem im Volke 
lebenden Gefühle schon ganz spontan Rechnung tragen, 
weil sie ja zu ihm gehören, dieses Gefühl ihnen also keines- 
wegs fremd ist Die öfEentliche Meinung der ganzen ge- 
bildeten Welt wird einen immer wachsenden Einfluß üben. 
Das tatsächliche Betragen im Ejriege kann nie anders als 
die Resultante aller dieser sehr realen Mächte sein, das 
Kriegsrecht wird sie registrieren. 



13. Kapitel. 

Endurteil. 

Wir sind jetzt zum Abschlüsse unserer Betrachtungen 

über die Philosophie des ELrieges gekommen, wir glauben 

uns jetzt besser als vorher zu einem Endurteile befähigt. 

Bevor wir ein solches versuchen, wollen wir uns noch 

einmal von dem Wesen unserer Gegnerschaft Rechenschaft 

geben. Solange wir das nicht klar ergründet haben, kann 

es einen gewissen Einfluß auf unser Urteil üben, wir 

können sogar unter den Eindruck kommen, es wäre doch 

möglich, daß sie Recht hätten, daß wir nur aus Tradition 

eine bereits innerlich überwundene Meinung verkündigten. 

Kann dem so sein? Welche Tendenzen beseelen unsere 

Gegner ? Ich glaube in der Hauptsache zwei verschiedene. 

Einerseits gewiß Mitleid, aber andererseits ebenso gewiß 

mangelndes Verständnis für das Wesen des Staates. 

Es ist klar, daß man nicht die Konkurrenz verteidigen 
und dennoch den Krieg aus Mitleid bekämpfen kann, ohne 
sich einer groben Inkonsequenz schuldig zu machen. 
Kommunismus hier und Menschheitsorganisation dort ge- 
hören zusammen, das eine ist nicht unmöglicher und gefähr^ 
lieber als das andere. Mitleid allein kann nie zur Kriegs- 
gegnerschaft führen sowie es nie den Kommunismus begründen 
kann. Nur ganz kurzsichtiges, kenntnisloses, vorurteils- 
volles Mitleid kann dies wähnen. Wer da meint das Leid 
schon dadurch vermindern zu können, daß man eine be- 
stinmite Leidensquelle verstopft, der kann den Krieg allein 



— 336 — 

ans Mitleid verarteilen. Wer dagegen weiß, daß man ai 
diesem Wege gar leicht viel schwererem Leide die Tüi 
öffnen könnte, der wird sich dnrch sein Mitleid nur d 
allgemeine Ziel setzen lassen, von der Erfahrung und dei 
Nachdenken die Anweisung der Wege dahin erwartei 
Ich hoffe gezeigt zu haben, daß diese die Erhaltung d 
Krieges als eines unentbehrlichen Mittels mit vielen ander 
zur Hebung des menschlichen Glücks erwünscht machen. 

Wahrlich, Mitleid allein braucht den Krieg nicht 
verwerfen, wenn es nur tief und weit ist. Warum soll 
es nicht der menschlichen Natur Rechnung tragen, wie 
diese nun einmal ist und der es doch Linderung schaffen 
will, und keiner vermeintlichen Menschennatur, die seiner 
Hilfe nicht braucht. Die Engel brauchen den Krieg zu 
ihrem Fortschritte nicht, leider brauchen sie unser Mitleid 
auch nicht, die Menschen, die es entschieden verdienen, 
können des Krieges nicht entbehren. 

Wenn nur gezeigt werden kann, daß der Völkerkampf 
mehr Glück als Unglück bringt, sei es auch auf indirekten 
und etwas weiten Wegen, so hat sich das einsichtige, das 
ungefährliche Mitleid zu Gunsten des Krieges zu entscheiden. 

Absolutes Mitleid, das jedes Leid aufheben möchte, 
ist ein Widerspruch, ist weit schlimmer als die ärgste 
Grausamkeit. Das höchste, dem Menschen zuträgliche 
Mitleid muß sich für den Krieg aussprechen. 

Ich möchte nicht gerne die Meinung erwecken, als 
ob ich das jetzt erreichte Mitleidsniveau in der Kulturwelt 
schon für das höchst erreichbare oder gar das wünschens- 
werte Maß hielte. Das Gegenteil ist der Fall. 

Wenn ich mir das gewöhnliche Betragen der großen 
Mehrheit sogar der gebildeten Menschen vor Augen halte, 



^) Novicow I.e. p. 442 ff. meint, der Krieg sei noch besser 
als gar kein Kampf, er wünscht sogar immer mehr Kämpfe, nur 
sollen sie rein intellektuell und ökonomisch sein! Fallen denn keine 
Opfer dabei? tut dieser Kampf denn nicht weh? 



— 337 — 

da fällt es mir gar nicht ein, hier die höchste erreichbare 
^^ Stufe zu erblicken. Im Gegenteil. Wer sich die Unter- 
^ * drückung des Taipingaufstandes mit Hilfe der Europäer 
^ ^ vergegenwärtigt, oder die Äußerungen des englischen Jingois- 

"* mus, oder die ungezählten innerhalb der eigenen Völker 

zartes 



bti: 



i 



«uk; 



verübten Hartherzigkeiten, der weiß nur zu wohl, daß hier 
das Optimum noch keineswegs erreicht ist. Ich glaube 
gar nicht an die Herrlichkeit unseres Mitleids. Die sich 
hier so empfindlich äußern, sind manchmal ganz anderer 
Stimmung, wenn das eigene Interesse handgreiflich an sie 
herantritt.^) 

Nicht ein Zuviel an Mitleid, sondern ein Zuwenig an 
Einsicht und vor allem an Staatsgefühl führt zur Ver- 
urteilung des Krieges. Es ist dasselbe oberflächliche 
f^ Köchinnenmitleid, das so viele der gebildeten Stände in 
'n die Arme des Sozialismus treibt. Die reine Affenliebe : man 

■ 

'^^) kann keinen Schmerz sehen, wohl aber die nachweisliche 
Sicherheit vermehrten Schmerzes übernehmen ! Mehr noch 
als dieses ist für die vorliegende Erscheinung das mangelnde 
•Staatsgefühl entscheidend. Ich neige dazu hierfür einer- 
seits den übertriebenen IndividuaUsmus unserer Kultur- 
völker, andererseits die bald sehr berechtigte, bald ganz 
verständnislose Kritik der Leistungen der Staaten verant- 

^ wortlich zu machen. Männer wie Novicow und Robert- 



m 
in 



IK 






son zeigen nur zu deutlich, daß sie gar keine Ahnung 



^) Wie ruhig erträgt man fremdes Leid, wie sehr bedingt und 
durch die Fantasie beschränkt ist unser Mitleid! Am Abende, da 
jeder wußte, daß noch zwei Frauen auf dem Wrack der „Berlin" zurück- 
geblieben waren (Febr. 1907), allein, nach zwei Tagen von Elend, mit 
stetig schwindender Hoffnung, — da waren die Theater im Haag, so 
nah bei dem Orte des Unglücks gut besetzt, auch durch sehr empfindliche 
Seelen! So ist die Wirklichkeit. Nein, vor Mitleid können sie noch 
auf lange hinaus Krieg führen. Man denke in solche Gemüter nur 
ein bischen politische Aufregung, die so leicht gemacht wird, und 
die Kriegsstimmung ist da! 

Steinmetz. 22 



— 338 — 

"vom Wesen und Werte des Staates besitzen. Die meta- 
physisch-mystische Hypostasierung des Staates, wie sie in 
Deutschland seit Hegel üblich wurde und noch keines- 
wegs verschwand (wie der Neudruck von L a s s o n s Werk 
über den Krieg, sonst sehr verdienstvoll, beweist) macht 
die unberechtigte Aburteilung auf der anderen Seite be- 
greiflich. Beide Auffassungen verließen den Boden der 
Erfahrung und der Menschenkenntnis. Beide deklamierten. 
Sowie die mystische Verhimmelung der Moral diese den 
nüchternen Leuten verhaßt machte, und mit Recht, so ver- 
schafft der metaphysische Unsinn über den Staat diesem 
nur Feinde unter den denkenden, kritischen Geistern, die 
in seinem täglichen Gebahren gar wenig vom hehren Ideale 
entdecken. 

Der Staat ist nichts ideales, sondern etwas sehr reales, 
das nicht weggedacht werden kann, nie schwinden wird, 
und so ungefähr unseren eigenen Charakter wiederspiegeln 
wird. Er wird unserer Mehrheit, unserer Seelenkräfte- 
mehrheit verzweifelt ähnlich sehen. Als Organisation des 
Volkes, und zwar als höchste und weiteste, bildet der Staat 
ein unentbehrliches, unersetzliches und . sehr starkes Mittel 
zu vielen Zwecken. Als lebendige Einheit des Volkes, als 
Verkörperung unserer Kultur verdient der Staat unsere 
Liebe und unsere Hingebung. Auf die Dauer und allge- 
mein können diese Wahrheiten nicht verkannt werden. 
Das wäre ja die allerschlimmste Volkskrankheit, die es 
gäbe! Leider bilden die Überzeugungsjingos wie Robert- 
son und N V i c w keine ganz vereinzelten Fälle. Hoffen 
wir, daß die Staaten, indem sie gerechter und demokratischer 
werden, ihre Feinde von heute in warme Freunde ver- 
wandeln werden. 

Sobald der Staat als realer Organismus ohne jede 
Mystik erkannt wird, sobald die heutigen Feinde des 
Krieges aus Mitleid mit den Opfern einsehen, daß er mehr 
Glück als Unglück schafft, wird die Kriegsfeindschaft auf- 



— 339 — 

lören. Nicht eher. Soweit die Aufklärung hier Wandel 
schaffen kann, hoffe ich meinen bescheidenen Teil zu dieser 
Stimmungsänderung beigetragen zu haben. 

Vielleicht könnte ich noch auf ein paar andere Momente 
zur Erklärung der heutigen Eriegsfeindschaft hinweisen: die 
Yerkennung der Tragik des Lebens, und den optimistischen 
"Wahn, die Menschenwelt durch unsere berechneten Ein- 
griffe gestalten zu können. Was das erste anbetrifft, ver- 
kennt man die Wahrheit, die doch einem jeden geläufig 
sein könnte, daß alles Gute hier mit schweren Opfern er- 
k:auft werden muß, daß nun einmal nur der Kontrast des 
Schmerzes den Genuß wirksam erhöht, daß ein - jedes 
Leben unendlich viel des Traurigen enthält ... Begreif- 
licherweise hängt mit dieser Verkennung der Tragik 
unseres Lebens der genannte optimistische Wahn zusammen, 
-die Menschenwelt frei nach unseren Schemen gestalten zu 
tonnen, der utopistische Zug, der unserer Zeit aufs neue 
eigen ist. Bis jetzt gelang nie ein einziger weiter aus- 
holender Versuch, die Gesellschaft nach irgend einem Ideale 
umzugestalten. Man weiß das bereits lange. Jetzt ver- 
gessen es manche schon wieder. So geht es immer. Er- 
fahrung wirkt nur so kurz nach. Bis jetzt interessierte 
diese Wahrheit nur für das Einzelleben. Da wir im Be- 
griffe stehen, das Leben der Massen und der Staaten 
frei schöpferisch zu modeln, bedauern wir ihre Gültigkeit 
mit noch mehr Recht. 

Nein, es wird noch sehr lange erhabene Mächte über 
uns geben, die wir vielleicht erkennen, aber nicht durch 
unsere bewußten Eingriffe ersetzen können. 



Buchdruckerei Robert Noske, Borna-Leipzig. 



Literaturverzeichnis. 



Adair, Geschichte der amerikanischeD Indianer. 1782. 

A dick es, £., Kant contra Haeckel. 1906. 

Almanach de Gotha. 

American Journal of Sociology. 1901. 

Ammon, 0., Bedeutung des Bauernstandes für den Staat und die 

Gesellschaft. 1906. 
Ammon, 0., Die natürliche Auslese beim Menschen. 1893. 
Aschaffenburg, Das Verbrechen und seine Bekämpfung. 1908» 
Ashley, W. J., Das Aufsteigen der arbeitenden Klassen Deutschlands 

im letzten Viertel Jahrhundert. 1906. 
Atkinson, The industrial Progress of the Nation. 1890. 
Aubertin, C, Les Allemands en Bourgogne. Revue des deux 

Mondes 1871. 
Aubry, P., La Contagion du Meurtre. 1888. 
Bagehot, Ursprung der Nationen. 18S3. 
Bar, von, in. «Männer der Wissenschaft über die Friedenskonferenz^^ 

1899. 
Barine, Louis XIV et la Grande Demoiselle. 1905. 
Bardoux, Essai d'une Psychologie de l'Angleterre contemporaine. 

1906. 
Barth, P., Philosophie der Geschichte als Soziologie I, 1897. 
Bartlett, Personal Narrative of Explorations ... in Texas etc. 

1854. 
Barzini, Mukden. 1906. 
Beloch, J., Griechische Geschichte. 1893. 
B e 1 o c h , J., Die Bevölkerung im Altertum. Zeitschrift für Sozial* 

Wissenschaft 1899. 
Beloch, J., Die Bevölkerung im Mittelalter. Zeitschrift für Sozial* 

Wissenschaft 1900. 
B e n z o n i , G., History of the New World ; ed. by Smyth. Hakluyt 

Society 1857. 



— 341 — 

Bern dt, 0., Die Zahl im Kriege. 1897. 

Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus. 1899« 

Bloch, von, Der Krieg. 1899. 

Bloch, Iwan, Das Sexualleben unserer Zeit. 1907. 

Bluntschli, von, Des moderne Völkerrecht in. dem französisch- 
deutschen Kriege von 1870. 

Bonger. W.A., Criminalite et Gonditions economiques. 1905. 

B o n n e y , Customs of the Aborigines of the River DarUng N. S. Wales. 
Joum. of the Anthrop. Institute, vol. 13. 

Bournet, De la Criminalite en France et en Italic. 1884. 

Boutmy, Le Developpement de la Constitution et de la Societe 
politique en Angleterre. 1903. 

Boutmy, Essai d'une Psychologie politique du Peuple anglais au 
19. siede. 1902. 

Boutmy, £l6ments d'une Psychologie politique du peuple americain. 

Brach elli in, „Statistische Skizze des Deutschen Reichs". 

Brenet, A., La France et TAllemagne devant le droit international 
etc. 1902. 

Breysig, Kulturgeschichte der Neuzeit. 1901. 

Breysig, Der Stufenbau und die Gesetze der Weltgeschichte. 1905. 

Brooke, Lord, An Eyewitness in Mandchuria. 1906. 

Brooks Adams, La Loi de la Civilisation et de la Decadence. 1899. 

Brough Smyth, The Aborigines of Victoria. 1878. 

B rüg gen, von den, Wie Rußland europaisch wurde. 1885» 

Brüggen, von den, Das heutige Rußland. 1902. 

Brüggen, von den, Polens Auflösung. 1878. 

Brühl, Die Kulturvölker Alt- Amerikas. 1875—1887. 

Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft. 

Burckhardt, Kultur der Renaissance. 

Buschan, im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie. Bd. 1. 

€aesar, Commentarii de Bello Gallico. 

Carlyle, Past and Present. 

Carnegie, A., Voor de Arbitrage. Holländische Obers. 1906. 

Charlevoix, Histoire de la Nouvelle France. 1744. 

Clausewitz, von, Vom Kriege. 

OoUins, An Account of the English Colony in New South. Wales 
1798. 

Co Hins, Epitome of Synthetic Philosophy. 1901. 

Coste, A, L*Ezperience des Peuples. 1900. 

Cunningham, Western Civilisation in its economic Aspects. 1900. 

Dawson, Australian Aborigines. 1881. 

Decken, von der. Reisen in Ost- Afrika. 1871. 



— 342 — 

Delbrück, H., Geschichte der Kriegskanst. 1901. 

Delbrück, H., Zakunftskrieg uod Zakunftsfriede. Preoß. Jahrb. 1899., 

Dellenbaugh, The North-Americans of Yesterday. 1901. 

Denis, Histoire fran^aise contemporaine. 

Deutschlands Heer in österreichischer Beleuchtung. 1906. 

Di mi troff, Die Geringschätzung des menschlichen Lebens bei den 

Naturvölkern. 1891. 
Donaldson, Th., The siz Nations of New York. 1892. 
Dragomirof, La Guerre et la Paix. 1896. 
Dubois, Pithecanthropus erectus. 1894. 
Durkheim, E., Le Suicide. 1897. 
Encyclopedie van Nederlandsch Indie. 
Engel, E., Beitrage zur Statistik des Krieges von 1870/71. Zeitschr. 

d. königl. preuß. Statist. Bureaus. 1872. 
Fairbanks, A., Introduction to Sociologj. 1899. 
Felix, Der moderne Reichtum. 1906. 
Ferguson, Essay on the History of Civil Society. 1768. 
Ferrero, H Militarismo. 1898. 
Ferrero, La Morale primitiva e Tatavismo del delitto. Archivio 

di Psichiatria, Scienze Penali ed Anthropologia Criminale« 

1895. 
Ferri, Studi suU Griminalitä in Francia. Annali di Statistica 1881« 
Finot, Le Prejuge des Races. 1905. 
Fischer, F., Die wirtschaftliche Bedeutung Deutschlands und seiner 

Kolonien. 1906. 
Fischer, W., Die Greuel des russisch-japanischen Krieges. 
Friderici, Indianer und Anglo-Amerikaner. 1900. 
Fried, in, „Friedenswarte". 1906. 
Fritsch, G., Die Eingeborenen Süd- Afrikas. 1872. 
Fronde, J. A., Caesar. 1890. 
Fruin, Verspreide Geschriften. 1900. 
Fustel de Coulanges, La cite antique. ' 1878. 
Fukuda, Tokuzo, Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ent- 
wicklung in Japan. 1900. 
Gädke, Kriegsbriefe aus der Mandschurei. 1906. 
Ganz, Hugo, Vor dem Zusammenbruche. 1905. 
Geffcken, H., Preußen, Deutschland und Polen seit dem Unter^ 

gange des polnischen Reiches. 1906. 
Giddings, Principles of Sociology. 1896. 
Giddings, Democracy and Empire. 1900. 
Gierke, Otto, Das deutsche Genossenschaftsrecht. 1868. 
Gierke, Otto, Das Wesen der menschlichen Verbände. 1902. 



— 343 — 

Giffen, Sir Robert, Some ecoDomic Aspects of the War. Eco- 
nomic Journal. 1900. 
Giffen, Sir Robert, Further Notes on the economic Aspects of 

the War. Ecod. Journ. 1901. 
Glaser, Die FranziskauerbeweguDg. 1903. 
Gneist, Das englische VerwaituDgsrecht. 1844. 
Godard, Patriotism and Ethics. 1901. 
Göhre, Paul, Drei Monate Fabrikarbeiter. 1891. 
Goltz, von der, Das Volk in Waffen. 1899. 
G et h e i n , Der christlich-soziale Staat der Jesuiten in Paraguay. 1883. 
Götz, Der Syllabus. 1905. 

Goudswaard, De Papoewas van de Geelvinksbaai. 1863. 
Grandprey, Clement de, Le Siege de Port-Arthur. 1906. 
Gregorius von Tours, Zehn Bücher fränkischer Geschichte; 

übers, von W. von Giesebrecht. 
Grün, Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts. 1880. 
Guy au, Esquisse d'une Morale sans Obligation ni sanction. 1885. 
Haendcke, B., Deutsche Kultur im Zeitalter des dreißigjährigen 

Krieges. 1906. 
Haie, H., Ethnography and Philology, United States Exploring 

Expedition. 1846. 
Haie, H., The Iroquois Book of Rites. 1883. 
Halle, von. Die Weltwirtschaft 1906. 
Hamilton, Jan, A Staffofficers Scrapbook. 1905. 
Hartmann, Eduard von. Zur Zeitgeschichte. 
Haycraft, Darwinism and Raceprogress. 1897. 
Headley, Problems of Evolution. 1900. 
Hearn, Lafcadio, Glimpses of unf amiliar Japan. 1903. 
Hearn, Lafcadio, Out of the East. 1904. 

Heckew eider, Account of the History of the Indian Nations. 1817. 
Herr, £., Der Zusammenbruch der Wirtschäftsfreiheit und der Sieg 

des Staatssozialismus in den Vereinigten Staaten von Amerika. 

1906. 
Hertz, Moderne Rassentheorien. 1904. 
Hobson, The Psychology of Jingoism. 1901. 
Hugo, Victor, Histoire d'un Crime. 
Huxley, Stellung des Menschen in der Natur. 1863. 
Imbart de la Tour, Les Origines de la Reforme. 1905. 
Ixtlilxochitl, Histoire des Chichimeques. 1840. 
Jackson, Helen, A Century of Dishonor. 1881. 
Jähns,^ M., Heeresverfassungen und Völkerleben. 1885. 
Jahns, M., Über Krieg, Frieden und Kultur. 1893. 



— 344 — 

Jhering, von, Geist des römischen Rechts. 

Joly, La France criminelle. 

Jo rissen, Transvaalschen Herinneringen. 1897. 

Joteyko, Entrainement et Fatigue au point de vue militaire. 1905. 

Junker, Reisen in Afrika. 

Key, Ellen, Über Liebe und Ehe. 1904. 

Kidd, Social Evolution. 1895. 

Kindermann, C, Zwang und Freiheit. 1901. 

Kos er, R., König Friedrich der Große. 1900. 

Krapf, Reisen in Ost- Afrika. 

Kulischer, Der Dualismus der Ethik bei den primitiven Völkern. 
1885. 

Kurella, Naturgeschichte des Verbrechers. 1893. 

Lagneau, Les Consequences des Guerres. Seances et Travaux de 
l'Academie des Sciences morales et politiqnes. 1892. 

Lagorgette, Le Röle de la Guerre. 1906. 

Lander, Richard and John, Discovery of the Termination of the 
Niger. 1832. 

Lapouge, De, Les Selections sociales. 1896. 

Lasch, Über Vermehrungstendenzen bei den Naturvölkern. Zeit- 
schrift für Sozialwissenschaft. 1902. 

Laßberg, von, Mein Kriegstagebuch. 1906. 

Lassen, A., Das Kulturideal und der Krieg. 1868 und 1906. 

Lavisse, Histoire de France. 

Lavisse, L* Armee a travers les äges. 1899. 

Lebon, Psychologie du Socialisme. 1898. 

Lehmann, Freiherr von Stein. 1903. 

Lenz, West- Afrika. 1878. 

Leroy-Beauiieu, P., La Renovation de TAsie. 1900. 

Letourneau, La Guerre dans les diverses Races humaines. 1895. 

Levasseur, La Population fran9aise. 1891. 

Lewis and Clarke, Journals of the Expedition; ed. 1902. 

Leyds, Dr. W. J., Eerste Annexatie van Transvaal. 1906. 

Lilly, W. S., India and its Problems. 1902. 

Lindner, Geschichtsphilosophie. 1901. 

Lipps, Th., Die ethischen Grundfragen. 1905. 

Liszt, v«on, Das Verbrechen als sozial -pathologische Erscheinung. 
1899. 

Lobe dank, E., Rechtsschutz und Verbrecherbehandlung. 1906. 

Loir, £tude d'un Gas concret de la Guerre russo japonaise. 1906. 

Lombroso, Die Ursachen und Bekämpfung des Verbrechens. 1902. 



— 345 — 

Loskiel, Geschichte der Mission der evangelischen Brüder und der 
Indianer in Nord-Amerika. 

Low, Sarawak. 1848. 

Lumholtz, Among Gannibals. 1889. 

Lütgenau, Darwin und der Staat. 1905. 

Macaulay, Macchiavelli, Critical and historical Essays 1877. 

Maggyar, Reisen in Süd- Afrika. 

Mahaffy, J. P., The Progress of Hellenism in Alexander's Empire. 
1905. 

Malarce, A. de, Les caisses d*£)pargne en France et en Angleterre 
depuis la Guerre. tlevue des deux Mondes 1872. 

Mal lock, W. H., Labour and the Populär Weif are. 

Marina, Romanen tum und Germanenwelt 1900. 

Martin, Die Zukunft Rußlands. 1906. 

Matiegka, in, Polit. Anthrop. Revue 1904. 

May, R. E., Die Wirtschaft in Vergangenheit, Gegenwart und Zu- 
kunft 1901. 

Mayo-Smith, Statistics and Sociology. 1895. 

Mavo-Smith, Statistics and Economv. 1899. 

Mayr, von, Statistik und G^sellschaftslehre. 1897. 

Mehring, Jena und Tilsit 1906. 

Meng er, A., Neue Staatslehre. 1904. 

Messuny, Mise au Point Necessaire. 1906. 

Mezieres, A., Silhouettes de Soldats. 1907. 

Milioukov, Essais sur l'Histoire de la Civilisation russe. 1901. 

Milioukov, Rnssia and its Crisis. 1906. 

Mirbt, Quellen zur Geschichte des Papsttums, 1901. 

M'Kenney, Memoirs and Travels. 1846. 

Moerenhout, Voyages aux iles du Grand-Ocean. 1837. 

Mommsen, Römische Geschichte. 1838. 

Morgan, League of the HO-de-no-sau-nee or Iroquois. 1851. 

Morrison, Juvenile Off enders. 1896. 

Morselli, D Suicidio. 1879. 

Müller delaFuente, Die Vorgeschichte der Menschheit 1906. 

Nachod, Geschichte von Japan. 1906. 

Nieboer, Slavery as an Industrial System. 1900. 

Nieboer, Die Bevölkerungsfrage bei den Naturvölkern. Korresp.- 
Blatt der deutschen anthrop. Gesellschaft 1903. 

Nippold, Otfried, Die Fortbildung des Verfahrens in Völker- 
rechtlichen Streitigkeiten. 1907. 

Nörregaard, Port-Arthur. 1906. 

Noti, Das Fürstentum Sardhana. 1906. 



— 346 — 

Novicow, J., Les Lüttes entre Societes humaines et leurs Phasea 

successives. 1896. 
ett in gen, A. von, Moralstatistik. 1882. 
Ollone, D\ La Chine novatrice et guemere. 1906. 
Passek, W., Ein deutscher Kaufmann in der Mandschurei. 1906. 
Paulitschke, Ethnographie Ost- Afrikas. 1896. 
Paulsen, Einleitung in die Philosophie. 1908. 
Pearson, C. H., National Life and Charakter. 1893. 
Posch el, Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen. 1877. 
Pfotenhauer, L, Die Missionen der Jesuiten in Paraguay. 1891. 
Pike, Owen, History of Crime in England. 1876. 
Ploetz, A., Dia Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der 

Schwachen. 1895. 
Plutarque, Les Yies des Hommes illustres; trad. Ricard. 1858. 
Querton, Le Rendement de la Machine humaine. 1905, 
Raffalovich, Le Marche Financier. 1906. 
Rambaud. L*Armee a travers les äges. 1902. 
Ratzel, F., Glücksinseln und Träume. 1905. 
Ratzel, F., Völkerkunde. . 

Ratzel, F., Einige Aufgaben einer politischen Ethnographie. Zeit- 
schrift für Sozialwissenschaft 1900. 
Rauchberg, in Handw. der Staatswissenschaft. Bd. 2. 
Reclus, Elisee, Une Commissi on sanitaire de la guerre aux Etats- 

TJuis. Revue des deux Mondes 1864. 
Ree, Der Ursprung der moralischen Empfindungen. 1877. 
Ree, Die Entstehung des Gewissens. 1855. 
Ribot, La Psychologie des Sentiments. 1896. 
Ripley, Races of Europe. 1899. 
Robertson, J. M., The Saxon and the Celt. 1897. 
Robertson, J. M., Patriotism and Empire. 1900. 
Robertson, J. M., Introduction to English Politics. 1900. 
Rochas, De, La Nouvelle Caledonie. 1862. 

Rogers, J.E.Thorold, The economic Interpretation of History. 1888« 
Rolph^ Biologische Probleme. 1884. 
Sach, A., Deutsches Leben in der Vergangenheit. 1891. 
Sallustius, Jugurtha. . 
Sarrasin, Die Weddahs von Ceylon. 
Schallmayer, W., Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker. 

1903. 
Schallmayer, W., Die soziologische Bedeutung des Nachwuchses 

der Begabteren und die psychische Vererbung. Archiv f« 

Rassen- und Gesellschaftsbiologie 1905. 



— 347 — 

Scherff, von, Die Lehre vom Kriege. 18d7. 

Seh moller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre. 1900. 

Schneider, G., Die großen Reiche. 1904. 

Schoolcraft, Hist. and Statist. Information resp. the History etc. 
of the Indian Tribes of the ü. S. 1851—1860. 

Schnitze, Psychologie der Naturvölker. 1900. 

Schwalbe, Die Vorgeschichte des Menschen. 1904. 

Schwan er, Borneo. 1853. 

Sembratowycz, Roman, Polonia irredenta. 1908. 

Semon, R., Im australischen Busch und an den Küsten des Korallen- 
meeres. 1896. 

Simmel, G., Die Probleme der Geschichtsphilosophie. 1905., 

Socqnet, Contribution a Tfitude .statistique de la Griminalit6 en 
France. 1884. 

Sombart, Der moderne Kapitalismus. 1902. 

Sombart in, Männer der Wissenschaft über die Friedenskonferenz. 
1899. 

Spann, Dr. Othmar, Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse im 
Dienstboten- und Arbeiterinnenstande. Zeitschrift für Sozial- 
wissenschaft 1904. 

Spencer, Political Institutions. 1885. 

Spencer, The Prindples of Ethics. 1892. 

Spencer, Principles of Sociology. 1893. 

Spencer, Facts and Comments. 1902. 

Spielmann, Die Taiping-Revolution in China. 1900. 

Stade, R., Frauentypen aus dem Gefängnisleben. 1903. 

Starke, Verbrechen und Verbrecher in Preußen. 

Statesmans Yearbook. 1896. 

Steinmetz, Nachwuchs der Begabten. Zeitschrift f. Sozialw. 1904. 

Steinmetz, Prof. Treubs Marx. De Gids 1904. 

Steinmetz, Les Selections indirectes ou coroUaires. Annales de 
rinst. Int. de Sociologie 1898. 

Steinmetz, Ethnol. Studien zur ersten Entwicklung der Strafe. 1894. 

Steinmetz, Der erbliche Rassen- und Volkscharakter. Viertel], f. 
wissensch. Phil. u. Soziologie 1902. 

Steinmetz, Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern bei den 
Naturvölkern. Zeitschr. f. Sozialw. 1898. 

Steinmetz, Endokannibalismus. 1895. 

Steinmetz, Kritiek op de Proletarische Moraal. 1905. 

Steinmetz, De Rassenkwesde. De Gids 1907. 

Steinmetz,. Die neueren Forschungen zur Geschichte der mensch- 
lichen Familie. Zeitschr. f. So^&ialw. 1899. 



— 348 — 

Steinmetz, Bedeutung und Tragweite der Selektionstheorie in den 
Sozialwissenschaften. Zeitschr. f. Sozialw. 1906. 

Störk, F., in, „Männer der Wissenschaft über die Friedenskonferenz' ^ 
1899. 

Strinnholm, Wikingzüge, Staatsverfassung und Sitten der alten 
Skandinavier. 1839. 

Supan, A., Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien. 
1906. 

Sutherland, The Origin and Growth of the moral Instinct. 1898. 

Sybel, von, Geschichte der ersten Kreuzzüge. 

Tacitus, De Origine etc. Germanorum. 

Taine, Origines de la France Contemporaine. 1882. 

Taine, L'Ancien Regime. 1882. 

T a i n e , La Revolution. 

Thurnwald, R., Historisch-soziale Gesetze. 1906. 

Thomson, W., Der Ursprung des russischen Staates. 1879. 

Tille, A., England in seinen Flegeljahren. 1901. 

Tocqueville, L*Ancien Regime et la Revolution. 

Tolstoi, Physiologie de la Guerre. 1888. 

Tolstoi, Pensees. 1898. 

Tolstoi, La Guerre et la Paix. 

Treitschke, H. von, Politik. 1899. 

Turüer, Samoa a hundred Years ago. 1884. 

Uhde, Die Länder am unteren Rio Bravo del Norte. 1861. 

Uhlenhuth, Ein neuer biologischer Beweis für die Blutsverwandt- 
schaft zwischen Menschen- und Affengeschlecht. Archiv 
f. Rassen- und Gesellschaftsbiologie 1904. 

Ular, A., Russia from Within. 1905, 

tJntrodden Fields of Anthropology, by a French Army-Surgeon. 
1896. 

Urba, Die Revolution in Rußland. 1906. 

Vallentin, Kaiser^ Wilhelmsland. Neue deutsche Rundschau 1897. 

Vierkandt, Naturvölker und Kulturvölker. 1896. 

Wachs weil er, Esqnisse d'une Sociologie. 1906. 

Wagner, A., Das Reichsfinanzwesen. Jahrb. f. Gesetzg., Verwalt. 
u. Rechtspfl. 1874. 

Wagner, A., Die finanzielle . Seite des deutsch-f ranz. Krieges. Jahr- 
buch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege 1874. 

Wagner, C, Die Sittlichkeit auf dem Laude. 1896. 

Waitz, Anthropologie der Naturvölker. 

Wartensleben, Graf von. Veränderte Zeiten. 1906. 

Warwick, Countess of, A Nation's Youth. 1906. 



— 349 — 

Wellesley, With the Russians in Peace and War. 1905. 

Well hausen, Israelitische und jüdische Geschichte. 1901. 

Westergaard, Mortalität und Morbidität. 1904. 

Wiedersheim, Der Bau des Menschen als Zeugnis für seine Ver- 
gangenheit. 1893. , 

Wiese, L. von, Zur Grundlegung der Gesellschaftslehre. 1906. 

Williams, The Fiji-Islands and their* Inhabitants. 1858. 

Williams, A Review of the Systems of Ethics founded on the 
Theory of Evolution. 1893. 

Wirth, Volkstum und Weltmacht in der Geschichte. 1901. 

Wolf. J., Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung. 1892. 

Woods, The native Tribes of South-Australia. 1879. 

Ziliacus, Geschichte der revolutionären Bewegung in Rußland. 1905. 

Zorn^ A., Das Kriegsrecht zu Lande. 1906. 



Namenregister. 



Adair S. 55. 
Adickes, E., S. 182. 
Ammon, 0., S. 143, 147, 
274. 

Aschaffenburg S. 113, 
115, 120, 121i 131. 
132. 

Ashley, W. J., S. 72, 
161. 

AtkiDson S. 91. 
Aubertin, C, S. 85, 86, 

87. 
Aubry S. 122. 
Bagehot, S. 29, 32, 34, 

167. 

Bailod S. 175. 

Bar, von, S. 329. 
Baxine S. 76. 
Bardoux S. 317, 321, 

322. 
Barth, P., S. 316. 
Bartlett S. 55. 
Barzini S. 109, 126, 

160, 206, 207. 
Beloch, J., S. 39, 51, 

60, 6!, 96, 184. 
Benzoni, G., S. 251. 
Berndt, 0., S. 49, 50, 

65, 71, 73, 293. 
Bernstein S. 266. 
Bloch, von, S. 48, 72, 

92, 93, 97, 99," 274, 

282, 285, 291. 
Bloch, Iwan, S. 240. 
Bluntschli, von, S. 77. 



Bonger, W. A., S. 114, 

124. 
Bonney S. 52. 
Boumet S. 116. 156. 
Boutmy S. 143, 301, 

320. 
BrachelJi S. 99. 
Brenet,A.,S.77,85,89. 
Breysig S. 12, 141. 
Brooke, Lord, S. 176. 
Brooks Adams, S. 319, 

320. 
Brough Smyth, S. 52. 
Brüggen, v. d., S. 143, 

175, 232. 
Brühl S. 59. 
Bücher S. 9. 
Burckhardt S. 65. 
Buschan S. 269. 
Caesar S. 61. 
Carlyle S. 320. 
Carnegie, A., S. 304, 

306, 323, 326, 327. 
Charlevoix S. 54, 55. 
Clausewitz, von, S. 77, 

86, 89, 109. 
Collins S. 52, 316. 
Coste, A., S. 39, 268. 
Cunningham S. 105. 
Dawson S. 52. 
Decken, von der, S.67. 
Delbrück, H., S. 62, 63, 

285, 291, 305, 328. 
Dellenbaugh S. 56. 
Denis S. 228. 
Dimitroff S. 19. 



Donaldson,Th., S.251. 
Dragomirof S. 205. 
Dubois S. 19. 
Durkheim, H.-, S. 129. 
Effertz S. 97. 
Engel, E.,S. 48, 49,83. 
Fairbanks, A., S. 40. 
Felix S. 91, 92, 97. 
Ferguson S. 315. 
Fernandez S. 07. 
Ferrero S. 27, 91, 148. 
Ferri S. 92, 113, 115, 

116, 117, 120. 
Finot S. 332. 
Fischer,F., S.102,162. 
Fischer, W., S. 47. 
Friderici S. 304. 
Fried S. 327. 
Fritsch, G., S. 56. 
Frommel, E., S. 128. 
Froude, J. A., S. 61. 
Fruin S. 224. 
Fustel de Coulanges 

S. 10. 
Fukuda,Tokuzo, S.39, 

234. 
Gädke S. 94. 
Ganz, Hugo, S. 176,229. 
Geffcken, H., S. 192, 

233. 
GiddingsS.13,21,260, 

304. 
Gierke, Otto, S. 239, 

327. 
Giffen, Sir Robert S.93, 

106, 107. 



351 — 



Olaser S. 172. 
Gneist S. 160. 
-Godard S. 199, 210. 
Göhre, Paul, S. 130. 
Golz, von der, S. 33,86, 

138, 188, 278, 290. 
Gothein S. 221. 
Götz S. 195. 
Kjoudswaard S. 58. 
Grandprey, Clement 

de, S. 177, 252. 
Gregorins von Tours, 

S.62. 
Grün S. 65. 
Guyau S. 7. 
Haendcke, B, S. 110. 
Haie, H., S. 52, 54. 
Halle, von, S. 175. 
Hamilton, Jan., S. 252. 
Hartman, Eduard von, 

S. 142. 
fiaushofer S. 274. 
Hausner S. 51. 
Haycraft S. 265. 
Headley S. 30, 33, 41, 

255. 
Hearn, Lafcadio, S. 9. 

176, 182. 
Heckewelder S. 55. 
Herr, E., S. 818. 
Hertz S. 269. 
HeymaDS u. Wiersma, 

S. 34. 
Hobson S. 210. 
•Hugo, Victor, S. 228. 
Huxley S. 19. 
Imbart de la Tour 

S. 144. 
Ixtiilxochiti S. 69. 
Jackson, Helen, S. 304. 
Jahns, M., S. 58, 144, 

269, 306. 



Jhering, von, S. 34. 
Joly S. 116. 
Jorissen S. 40. 
Josua S. 58. 
Joteyko S. 230, 237, 

293. 
Janker S. 19. 
Key, Ellen, S. 239. 
Kidd S. 182. 
Kindermann, C, S. 316. 
Koser, R., S. 40, 225. 
Krapf S. 56, r.7. 
Kuliseber S. 24. 
Kurella S. 120. 
Lagneau S. 48, 49, 50. 
LagorgetteS.272,307, 

325. 
Lander, Richard and 

John, S. 57. 
Lapouge, De, S. 51, 

271, 272, 277. 
Lasch S. 28. 
Laßberg, von, S. 74, 

82, 85, 112. 
Lassen, A., S. 157, 

191, 193, 194, 215. 
Lavisse S. 64, 152. 
Lebon S. 17a 
Lehmann S. 40, 224, 

225, 226, 227, 269. 
Lenz S. 67. 
Leroy-Beaulieu S. 93, 

234. 
Letourneau S. 53, 57, 

68, 59, 64. 
Levasseur S.48, 49,50. 
Lewis and Clarke S.56. 
Leyds,Dr.J.W.,S.89. 
Lilly, W. S., S. 259. 
Lindner S. 12. 
Lipps, Th., S. 44, 174, 

187, 193, 198. 



Liszt, V., S. 121, 185 
Lobedank, E., S. 125. 
Loir S. 207. 
Lombroso S. 118. 
Loskiei S. 51. 
Low S. 67. 
Luchaire S. 306. 
Lumholtz S. 52. 
Lütgenau S. 207. 
Macaulay S. 197. 
Maggyar S. 56. 
Mahaffy, J. P., S. 40, 

41. 
Malarce, A. de, S. 92. 
MaUock, W. H., S. 270. 
Malmesbury, Lord, 

S.226. 
Marina S. 62. 
Martin S. 147, 175, 

180, 185, 229. 
Matiegka S. 269. 
May, R. E., S. 98, 161. 
Mayo- Smith S. 97, 

272, 274. 
Mayr, von, S. 72. 
Mehring S. 202, 227, 
Menger, A., S. 191. 
Messuny S. 280, 281. 
.Mezieres, A., S. 177, 

228. 
Milioukov S. 143. 
Mirbt S. 308. 
M'Kenney S. 56. 
Moerenhout S. 53. 
Mommsen S. 61. 
Morgan S. 54. 
Morrison S. 121. 
Morselli S. 129. 
Müller de la Fuente 

S. 20. 
Nachod S. 39. 
Nieboer S. 26, 28, 29. 



— 352 — 



Niebuhr S. 227. 
Nippold, Otfr., S. 327, 

329. 
NörregaardS. 109,292. 
Noti S. 141. 
Novicow S. 104, 164, 

170, 200, 217, 266, 

262, 332, 386. 
Oettingen, A. von, 

S.51, 83, 118, 275, 

277, 278. 
OUone, D', S. 252. 
Pafisek,W.,S.137,177. 
Paulitschke S. 57. 
Paulsen S. 8, 182. 
Pearson, C. H., S. 254. 
Peschel S. 261. 
Pfotenhauer. I.,S. 221. 
Pike, Owen, S. 110, 

268. 
Ploetz, A., S. 267, 268, 

274. 
•Plutaxque S. 61. 
Querton S. 237. 
Raffalovlch S. 287. 
Rambaud S. 33, 141. 
Ratael, F., S. 66, 76, 

82, 184. 
Rauchberg S. 96. 
Reclus, Elisee, S. 84. 
Ree S. 7. 
Ribot S. 7. 
Richter S. 58. 
Rieß S. 175. 
Ripley S.274. 
Robertson, J.M., S. 41, 

141, 148, 163, 167, 

204, 251, 322. 
Rochas, De, S. 54. 
Rogers, J. E. Thorold, 

S. 105. 107. 



Rolph S. 7. 
Sach, A., S. 110. 
Saint-Simon S. 316. 
Sallustins S. 61. 
Samuel S. 58. 
Sarrasin S. 19. 
Schaffte S. 98. 
Schallmayer. W., S. 8, 

132, 149, 256, 269, 

273. 277. 
Schamhorst S. 202, 

224. 
Scherff. von, S. 147. 
SchmoüerS. 70, 72,97. 
Schneider, G., S. 43, 

169. 
Schoolcraft S. 55. 
Schnitze S. 31. 
Schwalbe S. 19. 
Schwaner S. 67. 
Sembratowycz, 

Roman, S. 288. 
Semon, R., S. 63. 
Simmel, G., S. 12. 
Socquet S. li6. 
Sombart S. 119, 315. 
Spann, Dr. Othmar, 

S. 131. 
Spencers. 31, 67, 153, 

816, 317, 322. 
Spielmann S. 60. 
Stade, R., S. 131. 
Starkes. 117, 119, 122. 
Stein S. 227, 269. 
Steinmetz S. 8, 9, 10, 

19, 23, 24, 25, 32, 42, 

69, 102, 132, 161, 

246, 250, 256, 261, 

262, 265, 273, 297, 

332. 
Störk, T., S. 328, 330. 



Strinnholm S. 63. 
Supan S. 107. 
Sutherland S.9,22,25.] 
Sybel, von, S. 64. 
Tacitus S. 62. 
Taine S. 141. 179. 181. 

268. 
Tarde, G., S. 302. 
Thumwald, R., S. 12. 
Thomsen, W., S. 141. 
Tille, A.. S. 290. 
Tocqueville S. 179. 
Tolstoi S. 52, 204. 
Treitschke S. 194, 243. 
Turner S. 58. 
Uhde S. 55. 
Uhlenhuth S. 19. 
ülar, A., S. 175. 
Urba S. 98, 94. 
Vallentin S. 54. 
Vierkandt S. 3. 
Wachsweiler S. 21. 
Wagner, A., S. 91, 92. 
Wagner, G., S. 128. 
Waitz S. 56. 
Wartensleben, Graf v.» 

S. 119,252, 286, 298. 
Warwick, Countess of ^ 

S. 237. 
Weinhausen S. 131. 
Wellesley S. 137. 
Wellhausen S. 39. " 
Westergaard S. 83. 
Wiedersheim S. 19. 
Wiese, L. von, S. 316. 
Wüliams S. 7, 63. 
Wirth ö. 258. 
Wolf, J., S. 104. 
Woods S. 52. 
Ziliacus S. 229. 
Zorn, A., S. 85, 332. 



t .■ 



i ; 



I 



■r ^ - - 



J .-L 




3 2044 018 735 860 







■ÜTTTOlr-«^ 



DU 



Wxc. 



o-'^'O, 




, 



I