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Full text of "Die physiologischen und pathologischen beziehungen der weiblichen sexualorgane zum tractus intestinalis und besonders zum magen"

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Aus der Universitäts-Prauenklinik in Heidelberg. 



* 



physlologlsclien onil pattiologlscheii Bezlelinngen 



und besonders zum Magen. 



Dr. Erwin Kehrer 



I 






Mao3 



BERLIK 1905. 

^lEIiLAG VON S. KARGER 



Medizinischer Verlag von S. KAROER in Berlin NW. 6. 

Die Pathologie und Therapie 

der 

Unfruchtbarkeit des Weibes. 



Dr. Ferdinand Schenk, 



n Her K. K. Üeiuwhon U 



VPi^JtAtB ITsneDliKnlli 



8". Broch. M. 3,20, 



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fiift 



iren 
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Um den Abuiiuenten der 

MoDatsschrlit für Geburtshülfe und Gynäkologie 

die Besuliaffang der früharen B&nde zu erleichtern, liefert dte Verlugabuet- 

liandlang bis i^iif weiteren die bisher erauhieneaen 

Bd. 1— XX (1895—1904 incL) nobtt den Supplementhercen zu den 
Bänden U, V, XV, XVI, XVII, XX und dorn Generalregister zu ßd. I— V 

für Mk. 240,— (statt Mk. 380,—). 

Werden nur einzelne der Traheren Bände zum Naehbezugr ge- 
wQDselii, so werden dieselben ebenfalls zu ermässtgtem Preise 
geliefert, so weit die dlesbezQgllchen Vorräte releben. 

Im GegenEal7, ^a antiquari seilen Offerten Bei aiiadrücklich darauf 



hinge wie. 



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bitten, 8 



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1 dnrch jede Sortin 



buchhamilung erfolgen. 

BERLIN NW. 6, Karist 



Verlag-sbuchbandlutig: S. Karger. 



Medizinischer Verlag von S. KARGER in Berlin NW. 6. 



Aus der UnlrersitSts- Frauenklinik in Heidelberg. 



Die 




der 




und besonders zum Magen. 



Von 



Dr. Erwin/j(ehrer 



Frivatdozent an der Universität und Assistenzärzten der Univ.-Frauenklinik in Heidelberg 




S'^^V'o. 




BERLIN 1905. 

VERLAG VON S. KARGER. 

KASLSXSASSil! 16. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Druok von H. Klöppel, Quedlinburg. 



'.3-1 



Inhalts - Verzeichnis- 



I. Teil: Die phy sio lugi seh en Bezie liujigon zwIscIied den 
weiblichen Genitalien und dem MageD-DarmkansI. 

Seit« 

Einleitung 1 

Methodik der Magönuntermiehongen 3 

Magonveränderungen zur Zeit der Menstruation .16 

Verhalten der Magen Sekretion in der Schwange rscbaft 35 

Magenuntersnchungen bei Frauen im 1. — 6. Monat der Schwanger- 
schaft (mit Tabelle I> 35 

MagtinunterBKchungen bei Frauen in den letzten 4 Lnnarmonaten der 

Schwangerschaft (mit Tahellö 11 A und B> '2Ö 

Fortlaufend in der Schwangerschaft und in den eiazelnen Tagen des Wochen- 
betts ansgeführte Magen unterauchungen (mit Tabelle III A nnd B 
nnd mit Sflnrekurve) 34 

Verhältnisse der Msgenaekretion bei fiebernden Wöclme rinnen 49 

Welches aind die Ursachen der niederen Säurewerte ? 60 

Vergleich zwischen der veränderten Magenfnnktion im Wochenbett und dem 

beider Geburt verloren gegangenen Blutquantnra (mit Tabelle IV) 53 

Verhalten der Motilitöt des Magens in der Schwangerschaft und im 

Wochenbett 59 

Vorhalten der PopsinabscbeiduDg in der Schwangerschaft und im Wochenbett 59 

Subjektive Magenersch einungen in der Schwangerschaft und Vergleich der- 
selben mit den Veräuderungen der MagenBekretion .... 61 

Der Vomitns gravidarum 80 

Der Ptyalismus gravidarum 82 

Untersuchungsbefunde bei demselben 86 

Ursache desselben 91 

Die Hyperemesis gravidarum 92 

Ursache derselben 93 

Verhältnis der Hysterie zur Hyporouiesis 101 

Die Intoxikationstbeorien 107 

Kombination von Hyperemesis mit Schwange rschaftsn lere, Purpura, 

Neuritis, Chorea, Tetanie, PtyaliBmuB und Ikterus gravidarum 114 
Eigene Fälle voo Hyperemesis und die dabei erhobenen Magenbofunde 119 

Definition des Begriffs Hyporomesis gravidarum 122 

Klinisches Bild der Hyperemesis gravidarum . 124 

Häufigkeit und Vorkommen der Hyperemesis gravidarum ... .1^7 
Sektionahe fände bei Hypernmesis gravidariun 128 



— IV - 

Seite 

Hämatemesis in der Schwangerschaft 128 

Unstillbare Diarrhoeen in der Schwangerschaft 129 

Blutdurchfälle in der Schwangerschaft .... * 130 

Prognose der Magenerscheinungen in der Schwangerschaft und des Vomitus, 

der Hyperemesis und des Ptyalismus gravidarum 130 

Diagnose der Hypochlorhydrie und der Subazidität und der Hyperemesis 

gravidarum 136 

Therapie und Diätetik der Schwangerschaft. . . 137 

Therapie des Vomitus matutinus 142 

Therapie der Hyperemesis 143 

Therapie des Ptyalismus 150 

Diätetik des Wochenbetts 151 



II. Teil: Die pathologischen Beziehungen zwischen den 
weiblichen Genitalien und dem Magen-Darmkanal. 

Ätiologie der nervösen Beziehungen zwischen Genital- und Magen-Darm- 
erkrankungen 161 

Bisherige Untersuchungen bei gleichzeitigen Genital- und Magenersclieinungen 

der Magenfunktionen 162 

Eigene Untersuchungen bei gleichzeitigen Genital- und Magenerscheinungen 

der Magenfunktionen 165 

Die Magenbeschwerden bei der Menstruation 169 

Die vikariierende Blutung des Magens zur Zeit der Menstruation. . . . 171 

Die vikariierenden Darmblutungen zur Zeit der Menstruation 173 

Menstruelle Magenblutungen 173 

Welche pathologischen Veränderungen an den Genitalien können reflektorisch 

Magenerscheinungen erzeugen? 174 

Die Darmerscheinungen nach Genitalaffektionen und die Veränderungen des 
Magens und Darms, welche Störungen in der Gcnitalsphäre 

erzeugen 185 

Die Erkrankungen der Genitalien und des Magen-Darmkanals als Koeifckto 

einer und derselben Ursache 188 

Hervorgerufen 1) durch Erschlaffung der Befestigungsapparate der 

Bauchhöhlenorgane 188 

2) durch Veränderungen des Zentralnervensystems . 189 

3) durch veränderte Blutbeschaffenheit 190 

Diagnose der durch Genitalaffektionen hervorgerufenen Magen- Darmneurosen 191 

Therapie der Symptome des Magen-Darmkanals und der Genitalien . . . 193 

Beziehungen zwischen Ovarial- und Magenkarzinom 196 

Beziehungen zwischen Uterus- und Magenkarzinom 205 

Einiges über die Erscheinungen von soiten des Magen-Darmkanals nach 

gynäkologischen Operationen 206 

Die Antiperistaltik bei Mensch und Tier 208 

Hämatemesis nach gynäkologischen Operationen 212 

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Arbeit 213 



I |ie Zeiten sind vorbei, in denen man den ^issten Teil der Er- ei"!«"»"«- 

krankuiigen des Weibes auf Störungen in den Funktionen der 
Genitalien bezog, da man sich vorstellte, dass die uarepa allein es sei, 
die die nervösen Syinptomonkoniplexe, welche man unter dem Namen 
Hysterie zusammenfasste, erzeuge. Man hat auch einsehen gelernt, dass 
das scheinbar so gi-osse Kapitel der Eeflexneuiitson und im speziellen 
dw Magenneurosen wesentlich einzuengen ist, und diese Erkenntnis 
verdimken wir zum Teil der Untersuchung des Magensaftes, welche nach 
Einführung der Kusaniaulscben Magensonde ei-mögUcht worden ist 

Dringen wir aber tiefer ein in die Ergründung der Frage nach 
der Boschaffeiihoit der Magenfunktionen bei den ph}-siologischen und 
pathologischen Veiiinderungen der (xenitalsphüit', so finden wir, dass 
hier oin weites, noch kaum erfomchtes Gebiet vorliegt, was imi so auf- 
faUendor ist, als die Untersuchungen über die Magenfuiiktionen im 
allgemeinen üboraua zaJilreich, und durch die grosse Verschiedenheit 
der Resultate zuweilen sinnvei'wirrend sind, 

Ewald beapriclit im Schlusskapitel seiner ,.Klinik der Verdauungs- 
krankheiten" ') zwar die Wechseliwjiiehungen zwischen dem Magen und 
Organ erkrankui! gen : Lungontuberkuloae, Herzfobicr, Nervenleiden, (iicht. 
Diabetes, Ki-ankheiten der Niere und Leber, aber der Beziehungen 
zwischen Menstruation, Schwangerschaft, Wochenbett, gynäkologischen 
Erkrankungen und dem Magen wird mit keinem Wort gedacht Auch 
in einer Arbeit von Heinrich Schneider^) aus der Eichhorstacben 
Klinik in Zürich werden Untersuchungen über die Salzsäure-Reaktion 
und Resorptionsfähigkeit der Magenschleimhaut hei verschiedenen Magen- 
krankheiten und einer grossen Reihe anderer Krankheitszustäude mit- 
geteilt — von den VemnderuTigen bei gynäkologischen Erkrankungen 
erfahi-en wir nichts. 

Über das Verhalten dt^s Magens \}e'\ dem physiologischen Vorgajig 



') n. Bd. p, 472. 

") Virchow Arcliiv 148. Bil. 1897. 




der ifenstruatioii üßgen nur gaiiz spärliche Untersuchungen vor. und 
doch miissteii die häufigen dyspeptischen Beschwerden vieler Frauen 
KUi' Zeit der Periode auf Veriindeningen der Magpnfiuiktioneu hin- 
weisen. 

Untersuchungen über diese letzteren während der noiMnjil(*n 
Schwangerschaft mit ihren physiologischen Magensymptomen und 
während des Wochenhettes sind, so seltsam es klingen mag, hia 
heute noch nicht ausgeführt worden. Das nn^ zu einem kleinen Teil 
entschuldbar sein durch die allgemein so festgewui'7(>lte Annahme, dnss 
alle Magenerscheinungen in der Scliwangerschail eines patlinlogischen 
Substrats am Magen und einer Veränderung seiner Funktionen entr 
behi-en, da es sicli ja um reine RoHexneuroson haiitloh^ Diesf) Än- 
schaimng ist aber bisher noch nicht bewiesen. Aucli können nur dann 
die Magenei'scheinungen wäiu-end der SciiwangerscJialt dem Verständnis 
nahe genickt werden, wenn die Verhähnisse der nonnalen Magen- 
funktionen in der Gravidität bekannt sind. Diese zum Objekt von 
Untersuchungen zu machen, hat schon F. A. Kehrer in seiner 
„Physiologie des Wochenbettes und der Ijaktationsperiode" mit den 
Worten angerat<>n: »Wir wissen vorläufig noch gar nichts von der 
Zusammensetzung des Speichels, Iwtsonders von dessen zuckerhildender 
Kraft bei Wiichnen'imon, ebenso wenig von dem Pepsin- und Säure- 
gehalt, sowie von der verdi^uenden Kraft des Magensaftes, von den 
verdauenden Eigenschaften der f4alle. des Bauchspeichels, der ver- 
schiedenen DannsälV*. Hier sind noch ausgedehnte Versuche nötig.« 

In der Pathologie der Gravidität ist — was den Magen- 
Darmkajiiil anlwtrltft — vor allem die Frage nach der Ätiologie zweier 
wichtigen Ersclieinungen, der Hyperemesis und des Ptjalismus. noch 
nicht gelöst; auch sind bei beiden Erkrankungen TTntersuchungen über 
die seki-etnrisehe und motorische Tätigkeit des Magens nur in geringer 
Zftlil mit wcchseln<len Ergebiiissen ausgeführt woivlen, so da.sa wir be- 
haupten müssen, die Hyperemesis und der Ptyalismus seien — minde- 
stens was diesen Punkt anbelangt — gegenüber der Eklampsie bisher 
stiefmütterlich behandelt worden. Denn bei dieser Erki-ankung sind eine 
Unzahl von Stnft wechseln ritersuchun gen, von Uutei-suchungen der Sekrete 
und der Exkrete nach ihrer Zusammensetzung und Toxizität vorge- 
nommen worden, wäluvnd maji sich liei der Hyjiereniesis von dem 
leiebt gajigbaran Weg kasuistischer und vorzugsweise therapeutischer 
Mitteilungen im grossen ganzen nicht weit entfernt hat 

Auch Über das Verhalten des Magens bei den verschiedenen 
gynäkologischen Erkrankungen, die mit dyspeptischen Erschei- 



- 3 — 

Illingen oder anderen Magenbeschwerden einhergehen, dürften wir noch 
genauer orientiert sein, obwohl einzehie Unterauchungsreihen auf diesem 
(lehiet vorfiegeu. 

Wenn ich es nun unternehme, eine Anzahl von Untersuchungen, 
Beohachtuiigeii und Betrfichtuugen auf diesem schwieligen Grenzgebiete 
der üenital- und Magon-Üannkanalaffektionen mitzuteilen, so geschieht 
es im wesentlichen in der Hoffnung, dass sie zur weiteren Klilrnng 
nocli strittiger Punkte veranlassen werden. Auch mögen die Beob- 
achtungen auf die nahen Beziehungen zwischen der Geburtshilfe und 
(iyniUtologie einerseits, der Magenpathologie andererseits hinweisen und 
zu einem engeren Anschluas dei' Gynäkologie .in die innere Medizin 
und zu der Notwendigkeit einer gynäkologisch-diagnostischen Schulung 
für den Internisten Anregung gelwn. 

Obwohl hier nur das Wichtigere braüglich der Methodik liorvor- n 
gehohen werden soll, so schien mir dies doch nötig für den mit solchen J 
Untersuchungen weniger vertrauten Gynäkologen und für die, welche 
meine üntersuehungsergelmissp einer NiM^iprüfung unfei-ziehen wollen. 
Bei allen Untersuchungen wurde die Aushebenmg des Magens mit der 
von Kussmaul 1869 zuerst zu therapeutischen, von Loube 1871 
auf der Naturforecher-Tersammlung zu Rostock zu diagnostischen Zwecken 
und zum Studium des Magenoheniismus empfohlenen Magensonde ange- 
wendet, und zwar, wie gleich hier ausdrücklich henrorgeholion werden 
soll, ohne die geringsten Nachteile für den Verlauf der 
Schwangerschaft Dieses Ergebnis erscheint vielleicht merkwürdig; 
denn man findet vielfitch die Anschauung veilreten, dass Schwangere 
mit der gifissfen Vorsicht behandelt werden sollen, und eine Autorität 
auf dem Gebiete der Magenpathologio wie Boas bringt gei'aile der 
cjiplorativen Sondeneinfiihrung bei Schwangeren eine streng ablehnende 
Haltung entgegen. Wer aber weiss, wie wenig vorsichtig oft zur 
Diagnose der Gravidität das erste oder gar das zweite Hegarsche 
Schwan gerschaftszeichen von TJngeübten gesucht wii-d, ohne dass in der 
Regel Blutung ofler Abort eintritt, der durfte vor der Anwendung dos 
Magenschlanclies erst recht nicht zuriicksciu-ccken; denn dort wii-d der 
Uterus selbst komprimiert, hier dagegen kann höchstens die Bauchpresse 
in Tätigkeit treten und so eine plötzliche Steigeruiig des inti'aabdominellen 
Dmcks und dadurch eine leichte Kompression der inneren Genitalien 
herlteiführon. GlückHcherweise sind unter vielen hunderten von Aus- 
helieiTingen — ich habe im ^^zen etwa 650 Einzeluntersuchungen 
vorgenommen — niemals von den Scliwa.ngeren Uteruskon ti'aktionen 
empliiriden worden, nur überaus selten ti\it die (iebuil in den der 



— 4 — 

Magenunterauchuiig folgenden Tagen auf, uiwl dann stets am recht- 
zeitigen Ende der Schwangerschaft. Auch von 38 in dem 2. — 6. Monat 
der Gravidität Untersuchten kani naehher keine einzige wegen Blutung 
oder Abort iii Behandlung, Dagegen klagten zwei oder (h-ei Wi>ch- 
neiinnen gleicli nach der Magen aushelierang über Nachwehen, welchen 
der Abgang eines BIntgerinsels folgte. Das ist für den Wochenhetts- 
verlftuf nur günstig. Denn was wir häufig bei grossem, ungenügend 
kontraliiertem ütfims durch Sekale oder Ergotin, Auflegen heisser 
Tücher, ey. heisse Vaginalduschen, zu erreichen suchen : Kontraktionen 
des Uterus zur Ausstmsung des ebie Infektion begünstigenden und 
die normale Involution des Uterus hindernden Blutcoagulums, erzeugt 
hier die Magensonde ebenso prompt, wie diese Mittel. Der Boasschen 
Angabe: »In der Gravidität ist bekanntlich die Sonde liehufe Magen- 
ausspülung wiederholt und bisweilen auch mit gutem Erfolg angewendet,« ') 
kann icli nur ganz beipflichten. Wenn er aber fortfährt: sEür die 
Exjilorativsondiening scheint mir aber in der Gravidität eine entschiedene 
Kontraindikation zu liegen,« so muss ich dies auf Grund meiner zahl- 
reichen Magen ausheberungen bestreiten. 

Bekanntlicli wurde nach der Einbüi'gerung der Magensonde eine 
Zeit lang fast ausschliesslich die sekretorisclie Tätigkeit beiücksichtigt. 
Elrat Mitte der neunziger Jahre kam die Reaktion, durch welche auch 
die Motilität des Magens wohlverdiente Beachtung fand. Ich habe ea 
daher für nötig gehalten, sowohl die sekretorische, wie motorische Tätigkeit 
des Magens einer Piüfung zu unterziehen. 

Die Aushebening geschah stets genau eine gewisse Zeit nach 
der Einnahme einer Prohespoise. In der überwiegenden Mehrzahl 
aller Fälle wurde frühmorgens nüchtern das Ewald- Bnassche Probe- 
friihstück gegeben und immer besonders darauf geachtet, dasa die ganze 
Menge desselben von der Schwangoren eingenommen wurde. Die Zeit, 
zu der dies ges);hah, lag in der Hegel zwischen R und 7'/a l'hr früh, 
Nur den aus der ambulatorischen Sprechstunde genommenen schwangeren 
Frauen der ersten Monate wurde in der Zeit von 9 bis 11 Uhr 
morgens das P.-P. verabreicht 

Das Ewald-Boasscho P.-F. besteht aus einer Tasse Tee ohne 
Zucker und Milch und zwei AVeissbrötchen. Statt dieser liess ich 
einen gimssen, im Mittel etwa 55 Gramm wiegenden sogen. ,.Wasserwock" 
in eine 210 ccm fassende Tasse mit ziemlich dümi angebrühtem Tee 
eintauchen. Auf grändliches Kauen wurde Gewicht gelegt, damit die 
Sondenfenster sich nicht veratopften, was uach Verabreichung von P.-F. 

') „Diagn. und Ther. d. Mageokraiikh." 1894, p, 97. 



nur sehr selten, nach Probemittagmahlzeit häufiger vorkam. Nach Ein- 
nahme des P.-F. wurden die Frauen, abgesehen TOn den Wöchnerinnen, 
genau eine Stunde isolieit, luid so auch die Gelegenheit Wasser 
während dieser Zeit zu trinken, ausgeschlossen. — Man hat geraten, 
den zu Untersuchenden schon einige Tage zuvor ein gleiches Frülistück 
zu verabreichen, um den Magen erst an den den Meisten ungewohnten 
Tee zu gewöhnen; diese Kautelen habe ich nicht berücksichtigt, da 
wohl inu- wenige Magenpathologeii solche üben. Auch von der Ver- 
abreichung einer P.-M. an jede zu Untersuchende habe ich abgesehen 
mit Rücksicht auf die oft mangelnde Esslust der Schwangeren und 
ganz besonders der Wöclmerinnen, die einige Maie nach P.-M. Ver- 
dauungsstörungen oder gar Erbrecheu bekamen, oiier die nui" sehr schwer 
zu bewegen waren, die reichliche Maidzeit in den ersten Tagen des 
Wochenbettes einzunehmen. Kam die Mittagsmahlzeit in Anwendung, 
so geschah es nach den Kussmaulschen Vorschi'iften : es wurde ein 
Teller Schleimsuppe aus 200 Gramm Gerstenschleijn, ein zartes Beef- 
steak und Kartoffelbrei, je 200 Gramm wiegend, verabreicht — jedoch 
ohne Beigabe eines Brötchens. Die Mageninhaltseutnahme nach dem 
zwischen 12 und 1 Uhi' verabreicbten P.-M. geschah 3'/s Stunden 
später, da diese Zeit der Hohe der Vüi"dauuiig entspricht. Es wurde auch 
l)eim P.-M. darauf geachtet, dass während der letzten l'/a Stuuden 
vor der Ausheberung der Speisebrei nicht durch Wassertrinken ver- 
dürmt wmde, 

In über einem Drittel der Falle wurde die Menge und das 
maki'oskopisclie Aussehen des AuBgeheljeilen, der Geruch, der Filtei-- 
mckstaiid und das Filtrat die Venlaunngsiähigkeit des letzteren, die 
Wirkung des Labforments, die Stärke Verdauung und die BiuiBtreaktion 
gepriili Im Laufe der Untersuchungen aber kam ich von diesen 
Methoden wegen der sehr eindeutigen Ergehnisse und der relativ geringen 
Wichtigkeit zurück. Nm- das makiiiskopischo Aussehen der ausgeheberten 
Ingesta wurde stets berücksichtigt, weil schon eine geringe Veränderung 
dei-selben: das Vorhandensein von wenig angedauten Brötcheiu«ston 
ein stärkeres Uarniederliegen der seki-etorischen Tätigkeit, eine ganz 
fein verteilte, breiartige Masse aber die Existenz grösserer Mengen von 
gebundener oder freier Salzsäure anzeigt — vorausgesetzt, dass man dui'ch 
pei-söidiche Beaufeichtigung sich von einer leinen, mechanischen Ver- 
kleinerung der Speisen beim Kauakt übci-zeugt hat 

Später lieschränkte ich mich bei der Prüfung der sekretorischen ^b»izi°» 
Tätigkeit auf die iiualitative und quantitative Untersuchung des Filtrats, h"«™! 
auf freie uud gebundene Salzsäure UJid auf die Geaamtazidität Die drei '*\Sii 



i Magensaftes, die Gesamt- 



Komponenten, die die saui-e Reaktion < 
HKidiült bilden, sind: 

1) die freie tuid die an Eiweissköqier und basische SitbBtaiizeri 
gebundene Salzsawe; 

2) die freien oder an EiweiaskÖrper und Basen gebundenen 
organischen Säuren, wie Milch-, Butter- und Essigsäure; und 

3) die saui'en, phosphorsauren Salze. 

Organische Säuren kommen nach P,-F. fast nie vor, wenigstens 
fiel iu keinem einzigen von nahezu hundert Fallen die Milchsäm-ereaktion 
positiv aus, weswegen ich es für erlaubt hielt, späterhin von der 
Piüfung mit der Uffelniannschen Eisenchlorid-KarboUösung nach P.-F, 
ganz abzusehen. Es sind eben weder in dem Tee, noch in dorn 
Wasaerbrotchen milchsäurebildende Stoffe vorhanden. Nach P.-M. 
wurde jedoch stets auf die organischen Säuren geprüft. 

Ich stellte die Probe in der bekannten Weise aii, dass ich jedes- 
mal direkt vor dem Grebrauch 2 com einer 4prozentigen Kai'bolsäure- 
lösung mit 4 ccm destilliertem Wasser versetzte mid einen kleinsten 
Tropfen des ofiizinellen Liquor ferri sesquichlorati zufügte. Zur Kontroll- 
probe diente ein zweites Reagensrohr mit derselben Lösung, der ich che- 
misch reine Milchsäure zusetzte. Versuchsweise wui-de auch die Methode 
mit dem Straussschen Schütteltrichter mehrmals angewandt; die ibr nach- 
gerühmte grössere Exaktheit gegenüber der Uffelmaiinscheii Probe wii-d durch 
die etwas grössere Urastäncllichkeit des Verfalirens meiner Ansicht nacii auf- 
gewogen. — Auf die wenig exakte Methode des Butter- und Essigsäure- 
nachweises dm-ch Erwärmen von Mageninhalt und Beuiteilung Jiach dem 
Geruch und nach der Färbung von blauem Lackmuspapier ist wohl nicht 
viel zu geben. Nach P.-M. allein fielen diese Methoden [jositiv aus; nach 
P.-F. dagegen negativ. Fehlen aber die organischen Säuren ini Magen- 
inhalt nach P.-F., so kann die Gesamtaüidität des Magensaites sich 
nur aus der freien und gebundenen Salzsäure und zu einem ganz ge- 
ringen Teil aus den sauren Phosphaten zusammensetzen. 

Nachdem mit Lackmuspapier die Reaktion des gewonnenen 
Mageninhaltes festgestellt worden, wuitie im Anfang der Versuche das 
Filtrat auf freie Säure Überhaupt und dann auf Salzsäure idlein geprüft 
Das von Hösslin empfohlene, durch Tränkung von schwedischem 
FiltrieiTiapier mit Iprozentiger wässrigcr Kongorotlösung selbst her- 
gestellte Kongopapier, die gesättigte alkoholische Tropäolinlösmig und 
das damit getränkte sogen. Tropäohnpapier wurde urepiiin glich zur 
Uiitei-suchung auf freie Säure angewendet Zum Niujhweis der Salz- 



säure allein kam die bekaimto Günzburgsche Phorogluzin-Vanillinprobe '} 
und die Boassche^) Resorzin-Rohrzuckerprobo zur Verwendung, letztere 
nur kurze Zeit, denn wenn aii der Grenze der Reaktion das Günzbuig- 
Bcho Verfahren Itei-eits ein positives Ergebnis geliefert hat zeigt diese 
noch nicht einniaJ eine Andeutung von RotTärbung, Die Güiizburgsche 
Reaktion habe ich später ausscliliesshch zur quantitativen Bestimmung 
der Salzsäure angewendet und zum gleichen Zweck noch das Dinie- 
thylamidoazobenzol. Töpfer»), der diesen rötlich-gelben Farbstoff 
zur quantitativen Bestimmung der freien HCl. im Magensaft zuerat 
angegeben hat, behauptet, dass er sich von den bisher bekannten, für 
diesen Zweck verwendeten dadurch auszeichne, dass er .,weit eraptirid- 
licher ist, als diese, indem schon ein Tropfen einer '/lo Normal- 
Salzsäui'elösung auf 5 com destillierten Wassere die neutrale gelbe 
Farbe des Indikators in eine rötliche umschlagen lasst". H. Strauss') 
hat in der Riegeischen Klinik die Töpferschen Angaben einer Nach- 
priifting unterzogen und gefunden, dass „eine 0.5 prozentjge alkoholische 
Dimethylamidoazol>enzollösung an Empliiidlichkeit die bisher gebmuch- 
lichen Reagentien für den Nachweis von freier HCl. weit Übertrifit". 
.,8ie ist für Losungen von HCl, zehnmal so empfuidlicL, wie das 
Kongopapier oder das Phorogluzin-VaniUin, und ist auch im mensch- 
lichen Magensatt* schäi-fer, als Günzburgs Reagens und Kongopapior." 
In der Tat ist diese Pix)be empHndlicher, ak die Phorogluzin- Vanillin- 
probe; das habe ich aus einer Unzahl von Fallen zur Evidenz gesehen. 
Demi ich habe fast in jedem FaU die Günzbm-gache sowohl, wie die 
Töpfersche Mctliode angewendet luid sehr oft noch deutliche Dimothyl- 
amidoazoboiizol-Reuktion erhalten, weim dio Güuzburgsche bei demselben 
Magensaft eben gerade noch zu sehen war. Oder wenn das Töpfer- 
sche Reagens eben noch positive Werte gab, liess sich mit Günzbnrg 



■) 2— S Trupfon der nuy Pliorogl. 2,0. Vanillin 1,0, Alk. aba. 30,0 
liergcBtslIt^n, in braunem Tropfglaa uiifziibtrw»lireticlon und recbt oft zu be- 
reitenden IiÖBong geben mit 2^3 Troiifcii Mageninhaltüllrat, iiuF weisaem 
PfirzellaDlöffel vorsiclitig erhitzt, bui AMwcBi-nlioit von HCl. ßiiien roten Sfiogel 
am Kand. Hochrot wird der Streifen bfi AiiweBenbeit von viel HCl,, hollnisa 
})ei wenig HCl.; die l'robe iat negativ bei gelbem oder braunem Spiegel. Diese 
beidoji Farben entstehen tiueh beim Uborbiüsen. 

') 5 Tropfen MagoninlialtJiltrat und 6 Tropfun einer Eesorzin-Roliczucker- 
lÖBung (5,0 : 3,0: »pirit. dil. ad 100,0) werden auf einem Forzeilanlöß'el gemisclit 
und erwärmt. Es entsteht dabei ein der Gänzburg-Keaktion Bolir äbntidier, 
zinnoberroter Spiegel, der sich beim Erkalten allmählich verfärbt. 

») Zeitschrift für physioi. Chemie, XIX. Bd., Heft 1, 1894. 

') DeutBülies Arohiv fflr kliii. Medizin, 56, Bd., 1896, p. 87. 



ein Minus von 0,18 bis 0,36 oder gar 0,55 "jot, HCl. nachweisen. Diese 
Befunde atinmien mit den T Ö p t> r schon Angaben : woiiu T ü p f o r 
SaJzsäurelÖsungen und Mageninhalt soweit verdünnte, daaa el)eii noch 
die Reaktion von Giinzburg zu sehen wai', ergaben dieselben deutliche 
Dimethylamidoa:(obeiizol-lteaktion. Je niederer nämlich die Säurewerte 
sind, um so grösser fand ich die Diflerenz zwischen der Dimethyl- 
amidoazobenzol-Probe und der Güuzburgschen Probe. Im übrigen hat 
sich das ühereinstinunende Resultat ergeben, dass die gefundenen Wei-te 
der ersteren unmer nicht nur grösser waren, als die der Grünzburg- 
Probe, sondeni dass auch die Salzsäure werte zwischen beiden stets um 5, 
seltener um 10 diflerierten. Hatte mau also durch Günzburg 0,55 "/m 
= 15 freie HCl. nachgewiesen, so entsprach diesem Wert nach Töpfers 
Methode 0,730/00 = 20, oder in Ausnahmefällen 0,910/1,0 = 25.') 
Auf das Theoretische dieser Töpferseben Methode näher einzugehen, 
ist hier nicht der Platz; nur so viel sei hervorgehoben, dass sie auf 
dem Prinzip beruht, die Aziditätsfaktoren, d. h. die freie und die ge- 
bundene Salzsäure, einzeln zu bestimmen. Durch Addierung beider 
kann die Gesamtsalzsäure berechnet werden, die der durch Pbenolphtalmn 
gefiindenen Gesamtazidität äquivalent ist, falls organische Säuren und 
Salze fehlen. Als Indikator verwendete ich wie Töpfer das Dimethyl- 
amidoazobenzol in 0,5 prozentiger alkoholischer Liisung^ 

Man pflegt zu diesen Untersuchungen auf Salzsäure Im all- 
gemeinen stets 10 oder 5 ccm Magensaft zu nehmen; ich habe mich 
mit 2 ccm begnügt, weil ich bei wiederliolter NiichprüfiiTig gefanden 
habe, dass bei exakter Ausführung der Methoden eine Differenz auf 
GiTind der verschiedenen Mengen nicht i-esultiert, und weil hin mid 
wieder nur knapp 5—6 (x:m Mageninhaltstiltrat gewonnen wurde. Das 
ändert in den Resultaten nichts, weiui man nur immer die 2 ccm 
fassende Pipette bis genau zur selben Marke mit gleich flüssigem Magen- 
inhalt anfüllt, damit die angedauten Brötchenreste nicht an der Glas- 
kapillare haften bleiben; geht man nämlich lieim Filtrieren des Magen- 
inhaltes durch das Drahtsieb etwas vorsichtig zu Werk luid presst 
den Brötchenbrei nicht zu sehr mit dem Pistill aus, so ist ein relativ 
gleichmässiges Filti'at unschwer zu ei-halteiL Unter diesen Kautelen 
wurden nun je 2 ccm Mageniidialtefiltrat in 2 Bechergläser von stets 
derselben Grösse und gleichem Durchmesser mit der Pipette ein- 
geblasen mid zu dem einen 3 Tropfen der gelben Dimethylanudoazo- 
benzol-Lösung zugesetzt. Im Moment entetölit bei vorhandener freier 



') Vergl. die ZaIiJoiiwerte in der epätor folgenden Tabelk 



HCl. eine Eotlärbung, aus deren Intensität und gelben Beimischuiig 
es bei zunehmender tlbung gelingt, innerhalb freilich weiter (rrenzen, 
schon aproximativ den "Wert der freien HCl. zu bestimmen. Ein 
Defizit derselben verrät sich durch das Besteheubleiben der gelben 
Farbe. Bei vorhandener freier HCl. wird nun so lange mittelst 
'/lo Normalnatroulauge titriert, bis, nach Töpfer, „die- letzte Spur 
von Rot verschvniuden ist", bis eine reine Gielbfärbuiig (Kanariengelb) 
an die Stelle des mehr und mehr mit Gelh vermischten Rot getreten 
ist Das ist die Reaktionsgrenze. In diesem Äugenblick hest man 
an der Pipette die zugesetzten Zehntel Normallauge ab. Diese 
Grösse stellt nach der unten beigegebenen Tabelle den Wert der freien 
HCl. dar. 

Derselben Flüssigkeit wurden nun 2 Tropfen l"/o'ge alkoholische 
Phenolphtalei'ulÖBung als Indikator zugesetzt und daim mit '/]» NaÜH. 
titriert In der gelben Flüssigkeit entstehen bei jedem eintalleuden 
Tropfen von NaOH. blassrote Färb wölken, die beim Um schütteln 
anfangs verschwinden; dann nimmt die Flüssigkeit eine rosarote Farbe 
und endlich eine intensive Rotfärbung an. welche als Endreaktion für 
die GJesamtaziditüt gemäss der Töpferschen Vorschriften angesehen wird. 

Der Inhalt des 2. Becherglases wurde nun zur Bestimmung der 
locker gebundenen Salzsäm-e mit 2 Tropfen des ebenfalls von Töpfer 
empfohlenen Alizarins (!"/(] ige wäsarige Lösung von alizaiüusulphoii- 
saureni Natrium) veraetzt, und mit i/m Normallauge bis zum Äuf- 
ti'eten der ersten rein violetten Färbung titriert. Bei Fehlen gebundener 
HCl. nimmt der Magensaft sofort Lilafärbung an. Die Pi-üfimg der 
gebundenen HCl. ist eigentlich niu: bei Subazidität praktisch not- 
wendig, wurde aber trotzdem stets aiKgeführt 

Diese Methoden, und miter ihnen besondere die Älizarinproite, 
tj'agen, wie lUle Farbproben, das Gepräge einer etwas subjektiven 
Färbung, denn die Reaktionsgrenzen sind bei den einzelnen Unter- 
such em verschieden, mid erst, wenn sich das Äuge dimjh längere 
Übung an den Farbenumschlag gewöhnt hat, vermag es aus der Farben- 
mmnce der Flüssigkeit die Greiize der Reaktion stets im gleichen 
Moment zu bestimmen. »Zum Erkennen des Übergangs aus der Rot- 
in die ViolettfärbuJig ist hei ÄJiwendung des Alizarius einige Übung 
nötigK, sagt Mohr'); auch nach H. Strauss ist hei Dimethyl- 
amidoazobenzol edie Erkennung der Reaktionsgrenze wegen der Breite 
des Übei^angsstadiums zwischen rot imd gelb relativ schwer. Sie setzt 



') Zettechr. f. physiotog. CIioi 



. Bd., 6. Hoft, 



— 10 — 

eine ziemliche Übung voraus und ist infolge des bei den einzolneii 
Individuen verschieden etitwickelten Farbenunteracheidungsvemiögeus in 
ziemlich hohem Grade dorn aubiektiveii Ermessen des einzelnen Uiiter- 
suchers anheimgegeben«. Meiner Ansicht nach kann eine sehr genaue 
Prüfung bei möglichst geuau derselben Tagesbeleuchtung und bei Vor- 
nahme der Untersuchung von stets demselben Beobaehter diese Nach- 
teile auf ein Minimnm rednzieren; die kleinen Ungenauigkeiten, wie 
sie auch bei dem Farben Umschlag bei der Gilnzbm'gschen Probe 
vorkommen können, werden durch die schnelle Ausführbarkeit der 
Methode ausgeglichen. Wenn ich mich daher einerseits nicht ent- 
schliessen konnte, das einmal angewandte Töpfersche Verfahren au&u- 
gebon, so behielt ich andrei'seits auch noch die Günzburgsche Probe bei, 
weil die grosse Mehrzahl der von den Magenpathologen vorgenommenen 
klinischen Untersuchungen mit dieser Methode ausgeführt zu werden 
pflegen, und weil so am ehesten Vergleiche zwischen den von mir ge- 
fundenen Säurewerten mit denen bei gesunden jugendlichen Frauen, 
vrie sie von jedem Magensaftuntersucher erhoben werden, möglich sind, 
Die Anwendung beider Methoden gestattete überdies einen Vergleich 
auf ihre Empfindlichkeit 

Die quantitative Bestimmung der freien Salzsäure mit Giinzbiu-gs 
Phlorogluzin-VaniUin geschah nun in folgCTider Weise: Nach vor- 
herigem Nachweis der Existenz freier HCl. dm-ch Diinothylamidoazobonzol 
wurden 2 ccm Piltrat mit 3 Tropten des Reagenz vei-setzt und tropfen- 
weise '/lo NaOH. aus der in Zelmtel ccm eingeteilten Bürette zu- 
gegeben. Dann vfurden nach Zusatz von wenigen Tropfen Lauge 
jedesmal 1 — 2 Trapien Piltrat auf einen PorzellanlÖffel gebracht und 
dieser langsam erhitzt Im Moment, da der von HCl. herrührende 
rote Spiegel ausblieb, wurde der Verbrauch der zur Bindung der freien 
HCL nötig gewesenen ccm '/m NaOH. notiert, und der allgemeinen 
Gepflogenheit entsprechend lungei-echnot in donjonigon Zalilenwert von 
'/in NaOH., welcher 100 ccm des gleichen Magensaftes neutralisieren 
würde. Die dieser Zahl entsprechenden Salzsäurewerte sind aus fol- 
gender Tabelle i 



0.1 = 0,18 "/oo = 5 1 

0,2 = 0,36 "/„o = 10 I 

0,3 = 0,55 "/oo = 15 j 

0,4 = 0.73 »loo = 20 i 

0,5 = 0,91 "/oo =^ 25 Neigung zur Hyjjochlurhydric. 



I Stjirku Hypochlorhydrie. 
Hypochlorhydrie. 



k 




0,7 : 

0.8 -- 

0,9 : 

1.0 : 



■ 1,09% 
■■ 1,28 o/do 



: 1,46 »i 
1,64 »i 






: 2,00 o/„„ 

: 2,19 «/„ü 

■■ 2,37 »/oo 

■ 2,55 n/on 
2,730/00 

1.6 = 2,91% 

1.7 = 3,1 "/oo 



1.3 : 

1.4 : 

1.5 -- 



j Starke Subazidität. 

I Noi-malo geringe Ohlorhydrie. 

Noniial für Chlorhydrie. 

Neigung zu Hyperchlorliydrie. 
Subazidität (von 55—35). 
Hyperchlorbydrie und 
Neigung zu Subazidität 



75 J Normal für Gesanitazidität. 



85 
90 

95 
100 



Superazidität. 



Neigiuig zu Superazidität. 
1,9 = 3,46 "/oo 

2.0 = 3.65 % 

2.1 = 3,82 0/00 = 105 

2.2 = 4,01 "/„o = 110 

2.3 = 4,19 "/„o = 115 

2.4 = 4,38 °/no = 121 
Zur (]uantitativen Bestimmung der Gesamtazidität wurden der 

vorher verwendeten, mit Phorogluzin -Vanillin und NoiTiialnatronlauge ver- 
setzten Magensaftraenge 2 Tropfen l^/o iger alkoboliBcher Plienolphtulei 11- 
lÖBuiig als Indikator zugegeben, und dann aiK der Mohr'acJien Bürette 
unter fortwährendem Umschüttelii NaOH, eingeträulelt bis als Zeiiihen 
der vollendeten Neutralisation der anfangs grau gefärbten Miissigkeit 
eine nicht mehr verech windende Kotfärbung bestehen bheb. Wenn 
vorher durch die Dimethylamidoazobenzol - Probe ein Fehlen freier 
HCl,, eine Acidorhydrie, aus der bleibenden Golbfärbung konstatiert 
worden war, 80 wurde das HCL-Üefizit durch Titi'iaren mit '/lo 
Normalsalzsäui'e nach der Phorogluzin - Vanillin-Probe festgestellt Die 
Bestinmiung der tiesanitazidität geschah dann in derselben Weise, 
wie vorher bei positiven Salzsäui'ewerteu; nm' wurde zum Schluss das 
der zugesetzten Normalsalzsäureraenge entsprechende Quantum der 
Normaluatronlauge in Abzug gebracht. Fand mau also beispielsweise 
eine Gosamtaziditilt von 20 und war beim gleichen Magensaft vorher 
ein HCl.-Defizit von 5 titriert worden, so betrug die Gosaintazidität 
20-5 = 15. 



- 12 - 

I« Nim noch ein Wort über die Werte, die wir in der Tabelle als 

' normal f»der abiiurr» bezeichneten. 

Nach P.-F. habe ich Wert« zwischen 30 and 50 für fteie HCL 

. und Wi'rte zwittclieii H5 und K5 für die tiesamtazidität als normal 
»igenimiRiea. Die Zahl 30 wurde als normale geringe Chloriijdtie 
^jezekhufit IJer jeweils nächste Wert in auf- oder absteigender 
Richtung wurde aU „Nei/^nng'- aulgejasst. So bedeutet die Zahl 25 
Neigung zu Hypochlorhydrie, 55 Neigung zu Hyperchlorhydrie, 60 
Neigung zu 8ul>azidität und 90 Neigung zu Superazidität Bei der 
Bewertung der einzelnen Fälle in den späteren Tabellen wurde beispiets- 
woidte die „Neigung zu Hypwhloriiydrie" bereits unter der Rubrik 
„HyiMH^hlorliydrie'- sulwuinmiert — Alle Werte unter 30 wurden als 
Hyi^ochlorhj'di'ie, die Werte 15—20 als einfache Hypochlorhydrie, die 
Worte 5 und 10 als Btarlco Hypochlorhydrie. Werte über 60 als 
Hyijörchlorhydrio l)ozeichnet. Die Zahlen von 55 liickwärts zeigen 
Hnbu/idität, jene von 30 riickwärts starke Subazidität, und die von 95 
»nfwürtH Hupemzidität an. 

Nach P.-M, verschielien sich die Werte für freie HCL und für 
die GewuntaziditÜt, wie wir annelmien wollen, um die Zahl 5 nach 
oben zu; denn es nimmt die Mclirzahl der Magenpathologen an, dass 
iuu!h I'.'F. iiicdorero Noimalweite, als nach P.-M. festzusetzen sind. Die 
Vormulu-ung der Hulzsäureabscheidung nach P.-M. beruht wohl auf den 
«Tliöhton Anfordei'ungon der eiweissreichen, voluminösen Mahlzeit an 
die Mugunverdauung. Woi-te zwischen 35 und 55 wurden nach P.-M. 
iiIh norjTial l'iir Clorhydiio, solche zwischon 70 und 90 aJs normal für 
diu Oesunitazidität angesolion. 

Wir sind uns woiil howusst, dass es hier sehr schwer ist, feste 
nrenzeii zu ziehen, dass so feste Grenzen, wie wir sie zur Gewinnung 
eines Uberblickes festsobten nmsstcn, in Wirklidikeit nicht aufgestellt 
wiutlun kiinucn, denn hol jedem Menschen linden wir individuelle 
Hcliwankungcn in don oinKelnon Tagen. Das ist aber eine Un- 
genanigkeit, welche der l'rllfung der sekrotonschen Tätigkeit des Magens 
im Allgemeinen anhaftet und aucli von niemandem geleugnet wird. 
Auch ilbor die (ii-on/eti, diu ich festsetzte, kann man verschiedener 
MiMinnig sein. Dio Erl'iüu'ungen des Einzelnen ziehen sie enger oder 
Wl'itl^r. Wir hiilH.'n absichtlich einen grossen Siiielraum gelassen. 
Osswald') hUlt z. B. eine Gosamtazidität von 60 bei Frühstück, von 
76 Iwi Mittagessen füi- normal. Andere lassen lUs Normalwerte für 
(üeoanitaziditiit nm' solche zwischen 70 und 80 gelten. Der obere 



') Ärvliiv für VurduuiiiigBkriHikli. Bd. 1., 



. 7U. 



— 13 — 

Nonnalwert für die freie HCl. nach P.-P. übersteigt bestimmt 1,82 "/oo 
=: 50 nicht; das erhellt auch aus den Säurekurveii, die beiRosenheim ') 
zu finden sind. Die Salzsäure weite nach Ewaldschem P.-P. beim 
nomialen Magen sind iii der dort befindlichen ersten KiiiTe nach 
60 Minuten bei 1,7 "Ina; das entprllche fest der Zahl 47. 3— S'/a Stunden 
nach P.-M. ist djis Mittel für die gefundenen Salzsilurewerte 2,6 */oo 
^ über 70. Nach den Annahmen der Meisten ist diese Zahl etwas 
zu hoch. 

Die Prüfungen auf Pepsin oder Pepsinogen habe ich in : 
31 Fällen ein oder einige Male ausgeführt. Das schien mir zu ge- ' 
niigen, denn der Magensaft enthält hei Anwesenheit freier Säuren eo 
ipso auch Pepsin und dieses soll sich amiRbernd der Salzsäure- 
absondennig proportional verhalten. Auch waren die liir die Pepsin- 
priilungen nötigen 10 ccm MageninhaltHfiltrat nach P.-F. nicht immer 
vorhanden. Die qualitative Pepsinprobe wurde in der Weise angestellt, 
dass ein Eiweissscheibcben von etwa 8 nun Durchmesser und 1 mm 
Dicke im Wärmeschrank einer Temperatur von 38 " C. der Vei'dauung 
durch 10 ccm Magensaft ausgesetzt wm-de. Nach Ablauf einer Stunde 
niusate dasselbe I>ei annähernd normalem Magensaft aufgelöst sein. 
Nach häufiger Kontrolle habe ich die Zeit der Auflösung jeweils 
notiei-t. 

Das 3. Piodukt der Magendrüsen, das Labenzym, wurde nahezupr 
in dem ersten Hundert der Fälle qualitativ geprüft. Die Untersuchung^" 
des vorher nlkaliscli gemachten Magensaftes auf Labzyniogen. der Vor- 
stufe des Labferments, durch 2 "/« ige Chloir^cinmlösung im Brut^ifen 
wurde dagegen nur lOmal ausgeführt, da die Methode für unsere 
Zwecke kaum von Wert sein konnte, und da für prakfjsclie Gesichts- 
punkte nach den Angaben von Boas ") »sehr viel einfacher und für 
praktische Zwecke ausreichend« die Methode von Leo sich erwiesen 
hat: zu 5 ccm Milch werden 3 — 5 Tropfan Filtrat zugesetzt; im BrÜtr- 
ofen bei 38" C. hat das Gemisch nonnaliter nach IB Minuten ehie 
flockige Gcrimmtig gebildet und das Wasser ausgepreast In sämt^ 
liehen Fällen — diese Untersuchungen wurden nur bei Gravidität vor- 
genommen ^- ti-at die G«nnnung innerhalb einer Viertelstunde ein, 
bald langsamer, bald schneller, und das Koagulat war das eine Mal 
feinflockig, das andere Mal so zäh und fest im Reagensrohr haftend, 
dass es beim Umstellen des Glases sich nicht entleerte. Einige Male 
b-at im" Sommer schon an der Luft momentane Gerinnung ein. De- 

I) „Path, und Thcr. der Krankheiten der SpeiBprßhre und des Magena", 
1896, p. 55 und 50. 

=) Diagnaatik und Tlierapie der Magentrankh., I. Teil 1897, p. 199. 





— 14 — 

taillierte Untersuchungen über die Schnelligkeit der Fermentwirkung 
anzustellen, schien mir nicht nötig. Die Notierung der Tatsache, 
dass hei a amtlichen Gravi dao innerhalb 15 Minuten die 
Koagulation eintrat, hielt ich für unser« Zwecke für geiiiigend. 

" Auch die Stärkovordauung habe ich mit der Lugolscheu 

•Jodjodkali liisui lg geprüft. Au die bekannte Tatsache, dass die Trauben- 
snickerbildung sich über die Vorstufen von Amylum, Amidulin, Er)'thro- 
dextrin, Achroodextrin, Maltose bewegt, sei hier nur erinnert, auch 
daran, dass eine starke Salz^uresekretipn die Stäi-keverdauung im 
Magen hemint, und nur die Voi-stufen des Trauhenzuckei's, aber nicht 
dieses Endprodukt der Stärkeverdauung sellist ontätehen lässt Es ist 
mir aufgefallen, dass trotz der meist doch ziemlich niederen HC!.- Werte 
in der Mehrzahl der Fälle eine mangelhafte Sncch.T.n'lizierung, wenigstens 
nach P,-F. eintrat denn ich l»ekam in der Regel eine hlauviolette, durch 
gelöstes Amylum und Amidulin entst<!liende Fm-lw, seltener eine auf 
Erythrode.xtrin beruhende, rotvioletto oder purpuiTote Färbung. Nur in 
wenigen Fällen blieb die rotbraune oder golhrote .Tndfärbung bestehen. 
Manchmal trat eine intensiv schwarze Fäi-bung auf. 

i( In etwa 70 Pällen wurde auch auf die Eiweisskiirper im 

Mageninhalt, die bekanntlich durch die Pepsinsalzsäure durch molirere 
Zwischenstufen hindurch peptonisiert werden, mittelst der Biurcti'oaktJon 
untersucht. Diese hat nach Boas »eine gewisse praktische BedeutuTig, 
indem sie das Vorhandensein peptischer Wirksamkeit anzeigt*. Die Probe 
fiel last stets positiv aus; es trat rostbraune und rosarote Färbung 
durch Propepton, Pepton und Älbumosen, seltener violette Färbung 
durch Syntonin auf. Doch fand ich nicht immer einen Parallelismus 
zwischen den Eiweisskörpeni und den Säui-ewerten. Es ergab sich 
eine rostbraune Färbung auch bei niederen Werten für HCl., eine 
violette etwa ebenso oft bei hohen, als bei geringen Salzsäurewerten. 

'f Was die Prüfung der motorischen Funktion des Magens 

'"anlangt, so wurde hierbei ebenfalls eine grosse Anzahl von Unter- 
suchungen angestellt, aber doch immerhin in viel geringerer Menge, als 
zur Prüfung der sekretorisclien Tätigkeit Es gibt zur Feststellung doi- 
Motilität drei Untfirsuchungsmethoden : die Ausheberung des nüchternen 
Magens frühmorgens, die Ausheberung 2 — 2'/a Stunden nach P.-F„ 
und endlich die Gewinnung des Magensaftes 7 Stunden nach P.-M. 
In diesem letzteren Fall pflegt man den Magen mit lauwannem 
szuspiilen und die SpülHüssigkeit zu Iresichtigen. In der 
Anfangszeit ^^'^ n<Kii die Mittagsmahlzeit gereicht wurde, wiirde die 
letztere Metliode geübt, später ausschliesslich die Ausheherung nach 
i/j Stmiden. Ich entschloss mich, 2'/! Stunden, statt der wohl ge- 




— 15 — 

bräuchliclieren 2 Stunden Intervall zwischen Spei seei im ahme und Unter- 
suchung festzusetzen, uachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass 
bei ganz gesunden, nur mit einem geniigfiigigen üeiii talleide ii behafteten 
Frauen noch nach 2 Stunden BriitdieurestG vorbandeTi sein küiuien. 
Nur oiiiigo Male wurde der nüchternen Gravida der MagcTiBchlauch 
eingefülu-t und dann meist grosse Mengen wässeriger Flüssigkeit ent- 
leei-t Wii' kommen darauf noch zu sprechen. 

Als den giaviden Frauen die Ausbeberung und vor allem die v 
Ausspülung S'/a Stunden nach dem Frähstück lästig schien, habe ich 
tiach anderen Methoden s^r PrÜlung der motoriscben Tätigkeit gesucht, * 
und das ifodopin und Salol verwendet Beide Piüiungsmethnden" 
lieruhen auf der Tatsache, dasa bestimmte chemische Körper nicht im 
Magen, sondern erst im Dünndarm geliist oder rreorhiert werden. Das 
8alol, ein Phenolester der Salizj-Isäure, das in Pulvern von 1,0 gr. 
in Oblaten gegeben wurde, hat die Eigenschaft, nicht in sauren, 
sondern nur in alkalischen Medien in Phenol- und Saüq'lsäure ge- 
spalten zu werden. Diese letztere soll unter normalen VeHiSltm'ssen 
in 40 bis 75 Minuten als Salizylursäure im Harn ausgeschieden werden 
und gibt M Eisenchloridzusatz ViolettfÜrbung. Der ausgedehnteren 
Verwendung dieser Probe bei Wöchnerinnen stand die physiologische 
Harnretention dos Pueiperiuma zuweilen im Weg. Auch das alle 
Viertelstunde ufitige Urinieren fällt vielen Wöchnerinnen in der Rücken- 



.Todipin, .Todfett als Indikator für die motorische Tätigkeit des 
Magens empfahlen Winkler und Stein') und später 8. Heichel- 
hoim 3) aus der Riegeischen Klinik, nachdem H. Wintornitzs) an- 
gegeben hatte, dasa der saure Magensaft auch bei sein- langer Ein- 
wirkung aus Jodipin Jod nicht ä«i machen könne, sondern nur 
Pankreassekret und Galle. Bei normaler Magentätigkeit muss frühestens 
15. spätestens 60 Minuten nach Eiimalime des .Todfetts — ich gab 
Gelatinekapseln k 1,6 von 25 "/o Jodipin — das im Dünndaim frei 
gewordene Jod in den Kreislauf und durcli die Speicheldrusen in den 
Speichel übergegangen sein. Die Pinihuig auf Jod stellte ich in der 
Weise an, dass in meiner Gegenwart die Gravidae oder Pucrperae alle 
15 Miimten ihren Speichel in eine kleine Petinschale geben mussten, 
in der ein mit ö^/oigom Aninioniumpersulfat getränktes Stück Stärke- 
papior bei vorhandenem Jod Blaufärbung gab. Zwei Giünde ver- 
anlassten mich bald, von diesen Mctlioden 5nx der 7 Stunden nach 

') Zeiitrolhlntt f. inocrc Medizin 1809 No. 33„ 

•) Zeitschr. r, klin, Medizin, 41. Bd.. 1900. p. 331. 

') ZeitBchr. f, pbjsiolög. Chemie, 24. BU. 



— 16 - 

P.-M. oder 2'/] Stunden nach P,-F, ausgeführten Magcnauslieberung 
zurückzukehren: der grosse Verbrauch an Zeit — denn man musste 
mindestens l'/i Stunden hei den za untersuchenden Schwangeren oder 
Wilchneriinipn yenveilen, oder sich genau alle 15 Minute» l>ei ihnen 
einfinden — und dann l>esonders die aufl'iUlonde ÜTigleichheit der Re- 
sultate hei der Anwendung von Jodipin und Salol einerseits und der 
MageTiausLeberung andereraeits, ein Umstand, der mir den Wert der 
Jodipin- und Salolprobo recht prohleniatjsch erscheinen Hess. Die 
Differenzen mögen an einigen Unterauchungen von Wöchnerinnen aus 
der späteren Tabelle TITA, und HIB. gezeigt werden: 

TITA. No. 2. Pisclier; am 5. Tag p. p. .Tod zuerst nach 
120 Minuten nachweisbai'. Am gleichen Aliend 7 Stunden nach 
Mittagessen Magen ganz leer. — No. 4. IStrell; am 9. Tag p. p. Jod 
zueret nach 60 Minuten nachweisbar. Am gleichen Abeiid Magen 
7 Stunden nach Mittagessen völlig leer. Am 10. Tag p. p. Salol- 
probe noch nacli 120 Minuten negativ. — ■ No. 5. Drommei-shauseüi; 
am 11. Tag p. p. morgens Salotprohe noch nach l'/a Stunden negativ; 
am gleichen Abend 7 Stunden nach Mittagessen Magen völlig leer. 
— No. 6. Kni-ten; am 3. Tag p. p, Jodipinprohe nach 45 Minuten 
zuerst positiv. Am 11. Tag Salolprobe noch nach 120 Minuten 
negativ, aber Magen 7 Stunden nach Mittagessen völlig leer. — III B, 
No. 12. Biichler; am 8. Tag Salolprobe nach 120 Minuten zuerst, 
positiv. Au demselben Abend Mugcu nach 7 Stunden völlig leer. 
Am 9. Tag Jodipinprohe nach 120 Miimten erst positiv. — No. 13. 
Welker; am 7. Tag p. p. Jodipin erst nach 120 Minuten positiv. 
Am 8. Tag p, p. Magen 7 Stunden nach Mittagessen ganz loor. — In 
anderen Fiillon aUerdings fehlten Differenzen zwischen den drei 
Methoden oder wai-en gering. So war bei No. 14 HIB, .Tod am 
4. Tag p. p. nach 2'/, Stunden noch nicht nachweisbar und dem- 
entsprechend war die Motilität 7 Stunden nach P.-M. ganz insuöizient 
Ob die Faktoren, die bei jedem Menschen schon die Reaktionszeit bei 
diesen Methoden heeinflusson, in der Schwajigerschaft die gleichen oder 
veränderte sind, vennag ich nicht anzugeben. Jedenfalls verdient die 
.Todipinprobe den Voraug vor der Salolprobe und die Ausheberunga- - 
metliode ganz entechieden den Vorzug vor beiden Methoden. 

Soviel ülier die Methodik der Untersuchungen. Wir kommen 

«ogerTcr- "un ''^ir Bßtraclitung der subjektiven und objektiven Magenver- 

""'"'"'^"änderungen zur Zeit der Menstruation. 
ji,n- Schon die physiologischen Funktionen der weif>lichen Sexual- 

■tnifltion. apparate nifon bekamitlich bei vielen Frauen und besonders Mädchen 
Reizerscbeinmigou des Magens hervor. Welcher Art der darin aus- 



- 17 - 



i Zusammen liaiig zwischen Menstniatioii und Störungen des 
Magens ist, ob diese rein sensibler Natur sind, oder ob sie von Ver- 
äiiderungeu in der Fiuiktiou der Mageiidrüseu l>egleitet sind, ist eine 
der Untersudiiiiig werte Frage. So sagt Riegel'): »Sehen wir dreh 
schon bei gesunden Frauen, dass der Vorgang der Menstruation eine 
gewisse Rückwirkung auf die Tiitigkeit des Magens ausübt, daas die 
Saftsckrotion oft zu dieser Zeit verändert ist; bei manchen Frauen 
sehen wir, selbst wenn die Menstruation als solche ohne besondere Be- 
aehwerde verläuft, in dieser Zeit Verringerung dos Apjwtits, tlbelkeit 
und sonstige gastrische Erscheinungen.« l'her den EinfluKS der Men- 
struation auf die Verdauungs Vorgänge im Magen liegen eiin'ge interessante 
Beobachtungen vor; die erste bei einer Patientin von Kretschy^) mit 
Magenfistel: Bei einer Söjühripen Frau hatte sich spontan durch 
Carios der 7. Rippe ein Abszess in den Bauchdecken gebildet mit 
sekundärer Eröfiimng des Magens. Krotschy verabreichte mehrere 
Tage vor der Periode und in den oinzohien Tagen derselben um 
12 Uhr mittags eine P.-M., welche aus 600 ccm Reissuppe, 3 Kalbs- 
braten {?), 1 Semmel, 200 ccm Hochquellwaaser bestand, und piiifte 
die Azidität des aus der permanenten Fistel sich entleerenden Magen- 
inhaltes zu verschiedenen Zeiten des Tages und in bestimmten Phasen 
der Mittagsvenlauung. Die von Krotschy in Kurven wiedergegebenen 
wichtigen Befunde teile ich der Einfachheit wegen hier nicht minder 
ühersiclitlich in Tabellenform mit 





19. 


20. 


21. 


32. 


33. 


29. 


3O.N0V, 


1. Dez. 




Nov, 


Nov. 


Nov. 


Nov. 


Nov. 


Nov. 


d.p"rlodB 


ing 


lS',\Ulir 


],Ü 


0,7 


1.1 


0.6 


0,ß 


0,8 


0,6 


1,2 


3 - 


1,5 


1,3 


1.6 


1,1 


1,6 


1,2 


1.2 


1.4 


5 - 


— 


— 


— 


1,7 


— 


2,4 


1,0 


2,8 


r.'/. . 


„ 


_ 


_ 


— 


2,2 


— 


— 


^ 


6 » 


3,3 


0,8 


0.4 
0.3 


1.3 


0,3 

(Spei..- 


1,6 


0,3 
iioiilral 
(UV. Uhr) 


~ 


7 ^ 


1,0 


ninjlral 


ii™tral 


0,3 


llCUtCill 


1.3 
(Sp«i.<- 


- 


1,4 

(Si.die- 


7'/.. 


(:<>uli-ul 


_. 


— 


— 


— 




— 


"il"' 


7'/. . 


_ 


_ 


_ 


iirulral 


— 


— 


— 


— 


Ö « 


_ 


_ 


_ 


_ 


— 


0.7 


}"s. 


DOch 


Ö'/i , 


_ 


— 


— 


— 


— 


0.4 


tZ' 


B „ 


— 


— 


— 


— 


- 


— 


— 


- 



„Mageiikratikh." p, 866, 

„Beobuchtongeii und Vpi-bbcIib nr Mngcnlisli'lki'a 
aclic Medizin, 18 Bd., 1876, \: ß-'7. 



', Deutaclifs Arclm 



— 18 — 

Vom 2. and 3- Tag der Periode wird nur crwüliiit, daas das J 
Er^bais am Ende der Mittagverdauung völlig mit dem des eisten I 
Mensestages übereinstinmite, d. h., wie mir scbeint dass auch an diesen I 
beiden Tagen 7 Stunden nach P.-M. der rSäuregrad« i. e. wohl die J 
Gesamtazidität 1^ ccm Natronlisung betrug. Kretschy schliesst nusi 
seinen Untersuchungsergebnissen Folgendes: »Mit den ersten Vorläufern 1 
der Menses kam die Süurekurve ins Schwanken; mit dem Eintreten | 
der Menses selbst kam es wUbrend des ganzen Tages nicht zur neutralen j 
Reaktion. Sobald die Menses aufhörten, stellte sich sofort die normale 1 
Kurve ein.' Diese Ergebnisse vermag ich aus den Kurven nicht 
ganz herauszulesen. Der Begriff „mit den ersten Vorläufern der ] 
Menses" ist ein dehnbarer. Eine Betrachtung der 3 Stunden nach ' 
dem P.-M. aufgefangenen Mageninhaltspmbe ergibt Werte für die 
Gesumta^idität zwischen 1,1 und 1,6; eine Beeinflussung durch die , 
bevorstehende oder eingetretene Periode kaini ich aus diesen Zahlen 1 
nicht deutlich erkennen. Ein Steigen der Azidität 3 Stunden nach | 
P.-M. während der Periode können diese Uritei-suchungen jedenfalls I 
kaum beweisen; denn die Werte von 1,4 während der Menstruatioit \ 
werden von Imhercn Wei-ten am 19.,21.nnd 2.S. November übertrofl 
Die grossen Schwankungen um 5 und 6 Uhr beweisen ebenfalls nichts. 1 
Das Bemerkenswerteste und Wichtigste der Untersuchungen besteht J 
darin, dass 7 Stunden nacli der P,-M. noch rocht hohe Säm-ewerte bei [ 
noch nachweisbaren Speiseresten vorhanden sind, und ferner, dass die | 
saure Reaktion des Magensaftes nach P.-M. auffallend lange zur Zeit 
der Periode anhält. Die Verdauung wird also verlangsamt, doch 
nur wiilirend der Tageszeit Die Äziditiit zeigt Neigung zur 
Steigerung. Gleich nach Aufhören der Periode stellt sich 
die normale Säurekurve wieder ein. Das sind, wie ich meine, 
die Kreta chy sehen Resultate. Doch wollen wir aus diesem einen 
Fall nicht zu weitgeliende Verallgemeinerungen aufstellen. AVir müssen 
bedenken, dsss wir es hier mit pathologischen Verhältnissen am Magen, 
violleicht anch am Genitalappai'at zu tun haben, die auf die Beschaffenheit 
des Sekixits müglichenveise einen modifizierenden Eiiifluss ausüben 
können. Ist doch bekaimt, wie leicht katarrhalische Erkmnkungen 
der Magenschleimhaut und DyspopsieeTi bei einer Kranken mit Miigen- 
tiatel auftreten kJinneii. Ich verweise nur auf eiue Arbeit von 
R. Fleischer'), wonach schon geringe Schädlichkeiten hei einem 
gaatrostomierfeTi Knalwn sehr leicht MageiJtatarrh und Verdauungs- 



') Berl. kün. Woch. 1882, Nr. 7. p. I 



— 19 — 

stiiiTiiigen herbeizulühreii pflegten, zum Teil vielleicht veranlasst durch 
den Heiz der Kaiiüle, zuni Teil durch die häufige direkte Kommuui- 
k.itioTi des Caviun ventriculi mit der atmosphärischen Luft. 

Der näintiche Autor hat die Ergebnisse von Krotschy einer 
Niichuntersuchuug unterzogen und dieaelhen heatJitigen können. Auch 
er fandj sdass die Menstruation in beti'Üchtlicheni Masse fast immer 
die Vei-dauuug verkngsamt,a und dass Imi Ahnahme der Menses und 
nach dem Aufhüren derselben die Vei-dauuiig zur Nonn zurückkehrt. 
Wie gross das Material ist, auf dem Fleischer seine Resultate auf- 
baut, ist nicht angegeben; er i'edet nur von "einigen" Beobachtungen. 

Kuttner') fand, dass manche Magenblutungen nur währenddes 
Menstruationstermins erscheinen, i^esp. zu dieser Zeit starker hervor- 
treten, und dass eine herabgesetzte HCl.-Sekretion. ja zuweilen ein 
vollständiges Verschwinden der Salzsäure siur Zeit der Periode vor- 
kommt. 

Zu anderen Resultaten ist Elsner^) in der Boasschen Klinik 
auf (ürund von Untersuchungen liei 14 Fmuon gekommen. Er war 
bestrebt, soweit möglich, solche Frauen auszuwählen, die eine normale 
Magenfunktion zeigten. Er sagt zwar: »Bei der Mohrzahl der von 
mir untersuchten Frauen handelte es sich daher um Patientinnen, die 
entweder mit rein nervösen Magenleiden behaftet sind, oder mit Affek- 
tionen, die die Magontätigkcit überhaupt niclit berühren»; es bestaiiden 
aber bei allen Pationtimien, mit Ausnahme einer Hysterika, entweder 
nenöse Dyspepsie, oder Atonie von Magen und Darm, oder Enteroptose, 
oder Gastritis subazida und oft Kombinationen dieser Leiden. 

Es sind das Patientinnen, die nach Elsnor zu nienstniellen 
Reizerwiheinungen besonders disponiert sind, dabei aber oLie normale, 
einer Steigerung oder Abschwiichung durch ii^ndwelche Einflüsse leicht 
fähige Magendriisenfiiiiktion haben. Die Resultate, die Eisner in den 
14 Fällen iand, waren folgende: In 5 Fällen blieben die Aziditätsworte 
des Mageninhalte auch während der Menstruation völlig gleich, resp. 
lagen innerhalb der natürliche» Aziditätsschwankmigen. In 5 weiteren 
Fällen trat während der Periode eine ausgesprochene Suiierazidität auf, 
dio in 2 von diesen Fällen während des Blutabganges bestehen blieb. 
in einem diitten Fall nur zu Beginn auftrat, um schon am 2. Tag 
auf den ausserhalb der Menstruationszeit bestehenden Aziditätswert 
herabzusinken. Im 4, und 5. Fall bestand dio Superazidität nicht 



') „tlbor Magenblutu 
Berl. kliii. Wocli. 1895, p. 7—9. 

') Arohiv f. VerdBuuiigakr&nkh. 



id dcrc 



BeziehuDgen 
p.467. 



■ MeuBlrufttion", 



L 



wühivrul <|pr ftfuiTeii Dauer der Meiuitruation, sondern trat im Anschluss 
an «iii/uliii!, Mtüria-n; Blutuiigeti auE Im 11. Fall zeigt« stoJi während 
df>r Periode eiiifl in den iiurmaleii Grenzen liegende gelinge Super^ 
aziditiit, in 3 weiteren Fällen ebie Subuzidität die indessen nur zw^mal 
dfmtlich ausgetiprochen war. EUner bringt die Divergenz seiner 
ItiMiiltAtiH widil mit vollem Kecht in Beziehung zur Stärice des bei der 
McntttJ'uution aufUvtenden Blutverlustes, Dodi ist nach üini nicht die 
Kluluiig idtt solche, sondern die nach den Genitalien etatttindende 
Koitgtnftion die l Tn«a£he de» die Mageiisaftsekretion l>eeiiillufiaenden 
Nervenreizes, Ein Daniiederliegen der Vcrdauuiigstätigkeit tritt nadi 
ilini nicht jedetimiil ein. Subazidität und Verringerung der 
MiigensaftahHcheidung Ut^eHmupt kann die Folge sein von pro- 
fusen nioMstruellen Blutungen wegen der dadurch herlM^igefiilirten 
Vcnuiniiiig des Kiirpers an MüssigWeit und Sala>n. Auf die normal 
Htarken menstruellen Kongeutionen antworten die Magendrüsen mit 
■•iner vni'm)crgelierideii Suhazidität, welche entweder die Folge 
etnm vnNomotoriflcheii Itcflexes, ausgehend von den Genitalien, ist, oder 
durrli direkt» fUH^rtraguiig dos (jtenitalreiices auf die Nei-venbalinen des 
jMageiis entsteht. Giiiiz geringii Blutungen kommen in der 
Aziditüt des Mageusafles ülwrliaiipt nicht zum Ausdruck. Doch 
glaubt Klitrier, daj^s diese Kegehj Ausnuhmen erfaliren können, denn 
er gibt zu, diiNS für den (Jrad der Blutung, welcher vorhanden sein 
niuss, um auf die MagensekretJon einzuwirken, der Erregungszustand 
des Zentratnervcrisystems von Bedeutung ist Es ist nach Eisner 
deiikhar, dass eine Blutung von bestimmter Stärke, die bei einer 
nervös [■eizlirii-en Frau eine Hyiwraxiditüt hervorruft, Iwi einer gesunden, 
iiorvensturken FVau ohne jeden EinfluHS auf die Azidität bleibt Elaner 
fand aussenlem, dass prämenstruell stets eine Änderung der SSure- 
werti.« im Hinnc einer AziditiUsuteigerung ei'folge, und dass eine 
Huhay.iditjlt, ho lange der Blutverlust lehlt, ausgeschlossen ist. 

Die motorische Tätigkeit dos Magens erleidet während der 
Perioile mu'li Eisner keine wesentlichen Veränderungen; es 
tiitt zuweilen nur eine geringe Steigerung derselben ein. Der 
praktisehe Hchlusä, den Eisner aus »nnen Untersuchungen zieht, 
ist tler, dass eine Priifung des MagciiinlialteH während der Mensb-uatinn 
aus den imgegclmnen Gründen kein klai-es Bild von der sokrct^nnachen 
Funktion dos Magens zu geben vermag. 

Die von mir während und vor der Menetniation angestellten 
Miigeinniti-rNuehuiigen sind nicht so zidilmich wie die von Etaner aus- 
geführten; und sie tiind ebensowenig wie die Elsnerscheu vollkommen 



— 21 - 

einwandsfrei zur üntoraucliung der Frago nach der Beschaffenheit der 
Magen fuiiktioneu während der Menstruation gesunder ludividuen, 
weil mir fast ausschliesslich Frauen mit Genitalaffektionen zur Ver- 
fügung standen, und weil Eisner seine Fülle daraufliin nicht unter- 
suchen liess. Trotzdem aber werden die Elsnerachen Beobachtungen 
auch durch meine Untersuchungen im allgemeinen bestätigt 

1) Bei Frauen mit vollkommen gesundem Magen, geringfügigen 
Genitalaffektionen und massig starker Meustmation. Frauen die fast 
riui' wegen Descensus vaginae in Behandlung traten, sind Differenzen 
der SäuTGwerte zwischen menstrueller und prämenstrueller Zeit last gai' 
nicht vorhanden gewesen. Bei einem Mädchen mit Cystitis gonorrhoica 
land sich am I . Tag der nur 2 Tage anhaltenden schwachen Menstruation : 

Freie HCl. = ].46"/flo = 40. 
Ges.-Azid. = 3,65 i/oo = 100. 
Geb.-HCl. = 2,l9''/oo = 60. 
2 Tage nach Beendigung der Periode betrugen dio Wcrtt? für: 
Freie HCl. = l,82»/oo = 60. 
Gea.-Äzid. = 3,46 "/oo = 95. 
Geb.-HCl. = 1,820/00 = 60. 

2) Bei einer Frau mit Retroflexion, Endometintis und Parametritis 
posteiior chronica, welche über Beschwerden im Magen, im Daini und 
dem iimeren Genitale seit dem 3 Jahre zuvor überstandenen Wochen- 
bett klagte, fand ich am 21. I. 03 Freie HCl. = 35 u. GeB.-Äzid. 
= 110. In iiüchtemom Zustand war der Magen völlig leer und 
ehenso schon 6 Stunden nach P.-M. 

Am 1. II. 03 ti'at die mittolstaike Periode ein und genau 
24 Stunden spater fand ich: 

Fi-oie HCl. = 2.4 "/„o = 60. 
Ges.-Azid. = 6,28''/„o = 145. 
Geb.-HCI. = IjSSo/oo = 50. 
Am 3. II. 03: 

Freie HCl. = 1,82«/oo = 50. 

Ges.-Äzid. = 4,74»/oo = 140. 

Geb..HCl. = 2 «/„o = 55. 

Am 6. II. hörte die Periode auf, ein Pessar wurde eingelegt, 

der Uterus lag gut bis zum 11. II. Dann wurde erretroHoktiert gefimden 

und nach einem an diesem Tag verabfolgten P.-F. ergaben sich Werte für: 

Freie HCl. = l,82<'/(,o = 50. 

Gea-Azid. = 4,190/0(1 = Uö. 

Geb.-HCl. = 2,370/00 = 65. 



Dieser Fall zeigt, dass sowohl die Menatniation, wie die ReW 
flexiod die Süiireworte dm MageiiRafta erhüben können. 

Bei einem nervösen Mädchen mit leichter Ohiorose, Hj-poplaaia 
uteri und schwachen menstruellen Blutungen verhielt sich 2 Tage vor 
der Periode die freie HCl. zur GJesamtazidität wie 20 : 45 und am 
2. Tag der Menstruation wie 25 : 75. — Bei einer Frau mit MetiitJa 
chronica eines rekhniertßn Utenis betnigen 2 Tage vor der nonnalen 
Periode die Werte für freie HCl. und Gesamtazidität 5 und 15, am 
2. Tag dei' Periode 10 und 30. — Eine 22jährige anäraisch-neu- 
rastheuische Patientin (Zahl der roten Blutköiperchen = 5.300000, 
der Leuocyten = 8000; Hämoglobingehalt = QO^jn), welche eine 
Atrophie des ratroflektierten Uteiiia zeigte, hatte 2 Tage vor der 
Periode Werte für Freie HCl. = lU, für Gies.-Azid. =^ 45 mid am 
1. Tag der Periode Werte von 15 und 65. Diese Fälle zeigen, dass 
bei nervösen Individuen mit geringer menstrueller Blutausscheidung 
ziemlich häufig eine leichte Hyperchlorhydrie und Superaziditiit sich 
einstellt, wenigstens dann, wenn am Utenis und wohl auch an den 
Ovarien Verändei-ungeu vorliegen. 

3) Bei anderen Individuen wurde dagegen eine Herabsetzung 
der Säurewerte des' Magensafts während der Menstruation gefunden. 
Bei einer 29iährigen seit 5i/j Jahren in steriler Ehe lebenden Frau 
mit Endometritis catarrhalis und einer Menstruation mittlerer St<ärke 
fanden sich am Tag vor der Periode Werte für: 
Freie HO. = 2 «/oo = 55. 
GeB.-Azid. = 3,46 «/oo = 95. 

Am 2. Tag der Periode: 

Freie HCl. = l,82i'/oo = 50. 
Ges.-Azid. = 3,46 "/do = 95. 
Geb. HCl. = 1,820/00 =- 50. 

Eine Chloratische mit Dysmenorrhoe und normiiler spitzwinkliger 
AuteHexion des Uterus mit ziemlich starker menstrueller Blutung hatte 
3 Tage vor der Periode Wei-te für freie HCl. von 60, für Gesamte 
aaidität von 100; am 2. Tag der Menstruation Werte von 45 und 80- 
In zwei anderen Fällen, in denen keine Genitalerkrankung vorlag, 
untersuchte ich die Salüsäure und die Gresamtazidität 3 Tage vor der 
massig atai'ken Periode und am 2. Tag derselben und fand nach P.-F. 
ein Sinken von 30 auf 20 füi- freie HCl. bei der einen, von 3ö auf 
25 bei dei' andern Patientin, und ein HerabgeheJi der Gesamtazidität 
von 60 und 65 beide Male auf 65. 

Die häutig eintretende Ahnahme der Säurcwcrte wälu-ond der 



Periode stimmt gut mit gewissen subjektiven Magensymptoraen bei der 
Periode übereiti und zwar sowohl mit den dyspeptischen ErBchoinungen, 
als aucb mit dem unangenehm riechenden Auistosseii, worüber manche 
Frauen während der Periode klagen. Die schon mitgeteilten Angaben 
von Riegel über Dyspepsien zur Zeit der Menstruation kann man 
auf Befragen von sehr vielen Mädchen und Frauen ei-fahren; mit dem 
„Uli Wohlsein" geht zum mindesten ein Gefühl von Flauheit im Magen 
einher. Schwere Speisen werden zur Zeit der Regel nicht mehr ver- 
ti-agen, und viele Frauen leben in diesen Tagen nui- von Milch, Kaflee, 
Tee, Eiern, Butter und Fleischbrühe, während Fleisch sofort dys- 
peptische Erscheinungen oder selbst Übelkeit erzeugt Dieselben Frauen, 
ganz voi-zugsweiae aber jene, die an chronischem Magenkatarrh leiden, 
erzählen zuweilen auf Befragen, dass während der Periode aus dem 
Magen ein unangenehmer Gieruch komme. So gab eine Frau mit 
Oholelithiasia und grossem Uterus rayomatosus Ekel vor vielen Speisen 
während der Periode an, weil unter Aufetossen sich ein sehr hässliches 
Gas entleere, und weil der Geschmack zu dieser Zeit unangenehm sei. 
Eine andere Frau (Geier), die wir wegen chronischer Motritis und 
Gastritis mit starker Hypochlorhydiie und Subazidität noch kennen 
leraen werden, ver^püi-te auch genau und ausschliesslich zur Zeit der 
Periode einen ekelerregenden Geruch ans dem Magen. Zur selben 
■ Zeit ptfegtepi die Magenbeschwerden zu exazerbieren. Dieselben Er- 
scheinungen belästigten eine 40iährigo Frau mit chronischem Magen- 
katarrh, Daj-inatonie und eitriger Endometritis. Auch bei dei- Magen- 
Hstcl- Kranken von Kretschy roch das Sekret des Magens während 
der Periode aasliatt. 

Hätte nmi Kretschy nicht eine Neigung zur Steigerung der 
Azidität gefunden, sondern, wie ich in den beiden ersten Fällen, ein 
Horabgehen der Säurewerte, so dürfte man vielleicht sagen, dass der 
zuweilen beobachtete hässlicho Geruch in abnormen Zersetzungs- 
vorgängen im Magen seine Ursache liabon, und dass diese entstehen 
könnten auf GiTind einer Verminderung des physiologischen Magen- 
desinfiziens, der Salzsäure, welche ja beim chronischen Mugenkatanii, 
an dem einzelne der Frauen litten, an sich schon spärlicher abgeschieden 
wird. Dafür spricht auch die Abneigung gegen das zur Zeit der 
Periode schwer verdauliche Fleisch. Doch gebe ich zu, dass man auch 
noch andere Gründe für den üblen Fötor aus dorn Magen während 
der Menstruation mancher Frauen linden könnte. So wissen wir, dass 
es Frauen gibt, bei denen zu dieser Zeit ein ganz spezifischer Geruch 
ihres Körpers wahrnehmbar ist. Dieser hat seine Quelle in den Haut- 




— 24 — 

sekreteil und. wie ich glmibe, auch in (k'r Zersotüunp fies abgebendeB' 
menstruellen Blutes. Bei Frauen, dio uus aiKlern Ursacliöii bluten. 
liesteht dieser Fötor nicht Dasa gewisse Produkte eines zur Zeit 
der Periode venindeiieii Stoffwechsels dui-cli die Haut, das Blujt 
und eventuell in den Magen ausgeschieden werden, ist 
möglich; denn wir nehmen ja eine innere Sekretion der Ovaneii 
uiid die zur Zeit der Menstruation in den Xreialaut' gesandten 
dukte können wohl ebenso gut abnonne Prozesse im Organisniua 
zeugen, wie sie zu einer Alteratäoii der nei-vösou Elemente führen. 

Das Erbrechen und andere rein nervöse, vorübergehende Mj 
erecheinuTigeu, die Vei'änderung der Psyche in depressiver oder 
tativer Dichtung sind die Indikatoren für eine, sagen wir toxif 
Vemndemiig des Zentralnerve nsyste ms wähi-end der Menstruation. 
Diese Erscheinungen mit Graefe als hysterisch aufzufassen, geht nicht 
an; im äussersten Fall dürfen wir vielleicht die Labilität der Psyche 
und die nervösen Verändermigeii als eine passagäre Neurastheuie als 
Folge der Menstruation bezeichnen. Und wenn Graefe seine An- 
schauung darauf stützt, dass das Erbrechen und all die nervösen Er- 
scheinmigen während der Periode ausbleiben können, wenn die 
merksamkeit des Individuums abgelenkt wii-d, oder z. B. eine taii 
vemndermig eiutiitt, so können wir hierin nur eine Potenzienmg der 
im Leben des Weibes so wirksamen psychischen Einflüsse erblicken. 
Und wäre daiui nicht mit gleichem Recht dio vorübergehende Amenorrhoe 
nach der Aufnahme eines jungen Mädchens ins Pensionat oder bein 
Eintritt eines Landmädchens in eine Stellung in der Stadt 
zu bezeichnen? 

Hier möchte ich noch gewisser Magenerscbeinuugen gedi 
die zwar nicht, wie die Hegel ist, während der Meustruation, 
aber in direktem Anschluss an dieselbe sich einstellen und au 
Tage anhalten, und zwar, wie ich fand, nur bei nervösen Individi 
Es kommt vor, dass Frauen während des Blutabgangs sich 
wolü fühlen mid auch die Mehrzahl der Speisen gut vertragen. 
dem Sistieren der Peiiode aber entsteht das Gefühl von Ode, Ißece 
Mageu , Druck im Epigastiium und verminderte Esi 
Symptome fand ich wieder kürzlich bei einer Fi-au mit etwas 
^igerter, 6 Tage anhaltender Periode an der Grenze dos Klii 
Wie soll man sich diese Erscheiimngen erklären? 

Wir kommen nun zur Besprechung der Veränderungen 
sekretorischen und motorischen Funktion des Magens 
Zeit der Schwangerschaft und des Wochenbettes, 



i Er- 

Ulf« 
' dar™ 



— 25 — 

Die in der Schwangerechaft und im Wochenbett erhaltenen Mng 
Resultate habe ich dor achuelleren Orientierung wegen in Tabolten go-umiMi 
oi-dnet. Die erste Tabelle gibt Rechenschaft über die Priilungen der in .! 
scki'etorischen Tätigkeit nach P.-P. hi dem 2, bis 6, Monat der ^h» 
Schwangerschaft Im 1. Luuarmonat konnte ich nur 3, im 6. Monat ^^y^^'l 
nur 2 Untersuciiungen anstellen. Wenn letzteres Zufall war, so kommt ^<^J^^ 
erster^ daher, dass vor Ausbleiben der ei-sten Periode eben viele ^"^'^^^ 
Frauen noch gar nicht wissen, dass sie konzipiert haben. Vorhandene 
Magenbeschwei-den werden in der Regel eiiit in der 5. Woche als 
Schwangerschaftsersclieinungen gedeutet, und nur ausnahmsweise wird 
in den ersten 4 Wochen uach der Befruchtung ärztlicher Rat ein- 
geholt. Auch kann die gynäkologische Exploration bekanntlich frühestens 
von der 5. bis 6. Woche ab die Gravidität nachweisen, abgesehen von 
vereinzelten Fällen. Auch im 7. Monat sind nicht sein- viele Magen- 
ausheberungen vorgenommen worden; dagegeu wurden im 2. Monat 14. 
im 3. Monat ll, im 4. Monat 4 und im 5. Monat 3 Schwangere 
untersucht 

Tabelle I. 

Magcuuntcrsuchimgflii bei Franen in dem 1. bis 6. Monat der 

Scliwangerscliart. 

Im 1. Monat der Schwangerschaft 



Gravida 



Diagnc 



Norm. Geo.-Azid. 
I.Monat der Schwangerschaft 



Norm. GcB.-Aziil. 





30') 
35 


70 




3(1 
40 


80 
75 




30 
40 


70 
HO 







'f 




3Ö 

4Ü 


7f. 
6f. 



') Die ohersto Zaiil bedeutet iminer daa Ergebnis dor Tejjfuri 
die luiture ZdIiI daa der Günzburgacliun Prolie. 



— 26 — 



Gravida 


Freie 
Salzsäure 


Gesamt- 
Azidität 


Diagnose der Säure- 
Kckrction 




6^ Toetter ») . 


1) 

2) 25 


1) 20 

2) 55 


1. Achl. Starke Subazid. 

2. Neigung zu Hypochl. 

Subazid. 




7. Borgel . . 


25 


55 


Neigung zu Hypochl. 
Subazid. 




8. Wiiinewisser 


25 

30 


55 


Neigung zu Hypochl. 
Subazid. 




9. Meurcr . . 


1) 30 
35 

2) 55 
65 


1) 70 
75 

2) 80 
100 


Einmal norm, geringe 
Chi. bei norm. Ges. -Azid. 
Einmal Hyperchl. bei 
Neigung zu Superazid. 


Motor. iiiBuff. 
Hyperemesis. 


10. Rüiinor . . 


1) 15 
20 

2) 20 
30 


1) 55 
55 

2) 65 
60 


Einmal Hypochl. bei 
Subazid. 

Einmal Neigung zu Hy- 
pochl. und Neigung 
zu Subazid. 




11. Ihrig. . . 


40 


70 


Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 




12. Jakob . . 


35 


65 


Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 




13. Grav 10. 6. 


10 


40 


Starke Hypochl. 
Subazid. 




14. Göbcl . . 


5 


35 


Starke Hyi)0chl. 
Subazid. 






Im 3. M 


onat de 


r Schwangorschaft 




1. Hotz . . . 


45 
55 


80 
80 


Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 




2. Holzwarth . 


10 


40 


Starke Hypochl. 
Subazid. 




3. Zieglcr . . 


25 
35 


60 
60 


Norm, geringe Chi. 
Neigung zu Subazid. 




4. Uaiuann 


15 
25 


75 
70 


Hypochl. 

Norm. Ges.-Azid. 




5. Winter . . 


10 
15 


55 
45 


Starke Hy[)Ochl. 
Sub:izid. 




6. Kiob . . . 


25 


55 


Hypoclil. 
Sul>azid. 




7. Herinanii . 


15 


60 


Hypoclil. 

Nrigung zu Subazid. 




8. Hordor . . 


1) 10 
15 
2) -5 
5 


1) 60 

OD 

2) 35 
20 


Einmal starke Hypochl. 

bei Subazid. 
Einmal Achl. bei starker 

Sub<izid. 


Motilität normal 


1). Wittuianii . 


20 
25 


55 
55 


Hypochl. 
Subazid. 





') 1) u. 2) bedeutet, dass eine zweimalige Unters uclimig vorgenommen 'wnrde 



PHW^H 


^^B 


flravida 


Freie 
Salzeluro 


Gesamt- 
Azidität 


ningnuBP der Säiiro- 
BCkretion 


■ 


10. EudooliH . 


1) 20 

ao 

S) 10 

ao 


1) 75 

2) 45 
45 


Emma] NeiBung zu Hy- 
poclil. bei norm. Oea - 
Azid. 

Eiaraal Hypoclil. und 
Subiiüid. 


J 


U. Förater . . 


25 


50 


Neigung zu Hypoehl. 
SubaziiT 


^M 


13. Beekcr , . 


2b 


ÖO 


Neigung zu HjpoeW. 
Subazid. 


^M 


Im 4. Moiiät der Schwangerschaft ^^^^^| 


1. Hoti - , , 


60 
60 


85 


Hyporclil. 

Norm. Imhe Ges.-Azid. 


^^H 


2. E<^k , . . 


l)-ö 
15 

a) 10 

20 


1) 55 

2) 65 
50 


Einmal starke Hjpodil. 
und einmal Hypochl.; 
stets Subazid- 


^1 


3. Nonnen- 
)r macher 


25 
25 


45 
40 


Neiguiig »n Hv 110 cid. 
Sübazid. 


^^^M 


1 4. WittiuBQii . 


- 


40 


Aehl. 
Subazid. 


^^H 


Im 5. Monat der Schwangerschaft .^^^^^^| 


1. Ziiumu^manrj 


15 


55 

60 


Starke Hypochl- 
Sub»zid. 


^^H 


U. Sübncidor . 


20 
25 


70 
65 


Hypodil. 

Ntirm. Ges.-Azid. 


^^H 


3. Hclib^rgcr . 


5 

10 


55 
45 


Starke Hypoclil. 
Subuzid, 


^^1 


Im 6. Monat der Schwangerschaft. ^^^^^^| 


1. Kiknilf . . 


10 


35 


Starkü Hypoelil. 
Subazid. 


■ 


2. Kieeciiaclior 


10 
20 


80 
70 


Hyroelil. 

Norm. Üea.-Azid. 


AmnäoliHteJiTa^ ^H 

nach P.-F. motur. ^H 

Lisuff. ^H 


Im 1. Lunarmonat ivnrdc bei zwei Frauen starke Hypochlorhydrie ^H 


und Subazidität und bei einer Frau normale Chlorhydrie und normale ^H 


Geäamtazidität gefunden. ^^H 


Im 2. Monat ergaben sich unter den 14 Fällen 7mal für freie ^H 


HCL und GesanitaziditUt iioi-male Werte, und imter ihnen nm- einmal ^H 


eine normale geringe Chlorhydrie von 30. 5raal waren im 2. Monat ^H 


der Scbwangei-Bchaft subuonoale Werte fiir freie HCl. und Gesamte ^^M 



azidität vorhanden; unter diesen sind 2 mit staiker Hypochlorhydrif 
und 2, bei denen lK?i vorhandener Subazidität nur Neigung zu LTypo- 
chlorfjjdrie bestand. In zwei Fällen wui-de Adilorhydne und stai'ko 
Suba^idität geiunden. Im Fall 4 könnt« zwai- aus äusseren Gi-iindeu 
die Geaamtazidität nicht bestimmt werden, doch dürfen wir bei Ächlor- 
hydrie sicher ohne weiteres eine mehr oder minder starke Subazidität 
annehmen. Im Fall 6 fällt das eine Mal Achlorhydrie, das andere 
Mal der im Vergleich daxu relatjv hohe Wert von 25, Neigung zu 
Hypochlorhydrie. auf. Auf so grosse Difterenzen werden wir ooch 
häufig stosseii ; sie sind entweder durch akute Verdauungsstönuigeii zu 
erklären, oder entsprechen den Verhältnissen bei den Mageiineuroseii. 
während geringe Schwankmigeii in den bei den einzelnen Aushebemngeii 
erhaltenen Zahlen ja innerhalb physiologischer Breite liegen. So 
scheint nach den Beschweiden bei No. 6 und der auffallenden Erleich- 
terung nach der Aushebening eine akute Dyspepsie am ersten Tage 
vorhanden gewesen zu sein; das Aulsteigen der Säurewei-te bis zum 
nächsten Tag schon macht es wahrscheinlich, dass bei einer 3. und 
4. Untersuchung hier konstantere Verhältnisse gefunden woi'deii wären. 
Der Fall 9 (Meurer) kann erst später bei der Hyperemesis besprochen 
werden. 

Im 3. Monat der Schwangei-schafl wurden 12 Untei-suchungen 
ausgeführt. Schon ein Hüchtiger Blick auf die Tabelle zeigt, dass 
die Werte im Allgemeinen etwas niederer sind, jds im 2. Monat 
Wm'den damals in der Hälfte, in 7 von 14 Fällen, nonnale Werte 
fiii- die Chlorhjdrie und Gesamtaaiditüt gefunden, so hier nur einmal. 
Nur im Fall 3 lag normale geringe Chlorhydrie bei Neigung zu Sub- 
azidität vor. In allen übrigen 10 Fällen war stets zu wenig freie 
HCl. da mid stets Subazidität, abgesehen von der normalen Glesamt- 
azidität bei den Frauen Kudoscha und Hamann. Dreimal nahm die 
Hypochlorhydrie starke niedere Werte an. 

Im 4. Monat der Schwangerschaft ist der Fall Hotz wolil vom 
pathologischen Standpunkt aus zu beurteilen. Die Hyperchlorhydrie 
bei hohen Normalwerten für die Gesamtazidität kaim mit den seit 
h Wochen in massiger Intensität bestehcndon Blutverlusten zusamineii- 
häiigen. In den FäJlen Eck und Nonnenmachcr bestand Hypochlor- 
hydrie und Subaaidität, im Fall Wittmami sogar Achlorhydi-ie. 

Und im 5. und 6. Monat sind ausschliesslich niedere Werte 
für freie HCl.: unter 3 und 2 Fällen dreimal stiuko Hypochlorhydrie 
angegeben, während auch die Gesamtazidität niedere Zahlen aufWdst 
mit Ausnahme des Falles Riesenacher. 



Das antiinietische Mittel l'iir ft-eie Salzsäure und Gk^saiiitazidititt 
II den ersten Scliwaiigei-schaftsmonateii Iwrechnet sich dcninaeh folgender- 





Freie Salzsäure 


(lesamtazidiläl 


für den 1. Uonat 


m 


50 


für der. 3. Monat 


■jr,A 


55,1 


für den 3. Honnt 


31.3 


55,5 


für den i. Mnoal 


23,7 


55.0 


für den 5. Monat 


ll.B 


5e,6 


für den 6. Monal 


U',5 


55,0 



Das arithmetische Mittel für die 4 ersten Moiiatt* hetrii^t für 
freie HCl. ^ 22,62; für die Gesamtazidität = 63,9. 

Ich will atia diesen Zahlen keine unbedingten Schlüsse i'ür die 
Säiireweiie in den einzehien Schwan gerschaftsmonaten ziehen, weil die 
Zahl der Untersuchungen, abgesehen Tom 2. nnd 3. Lunarmonat, etwas 
klein ist, und weil die angegebenen wenigen Falle mit anffalleiideii 
Schwank un gen den Verdacht auf leichte vorübergehende Dyspepsien 
erweckten. Soviel aber dürfen wir wohl vinhedenklirh folgern, dass in 
den ersten 6 Monaten der Schwangerschaft die Sekretion 
der Salzsäure, und zwar sowohl der freien, wie der gebundenen um 
Weniges herabgesetzt ist. 

Die Untersuchungen aus den letzten 4 Monaten der Schwanger- 
schaft, und zwar besonders aus dem 9. und 10. Lunarraonat, umfassen ^^ 
eine bei weitem grössere Zahl, weil die »Anstaltsschwangeren« zu J 
dieser Zeit zur Verfügung stehen. Bei 68 Schwangeren wurde iiach^'' 
P.-R, bei 14 nach P.-M. die sekretorische Tätigkeit, und bei 22 die 
Motilität geprüft. Die Tabelle II gibt Kecheuschaft über die Verhält- 
nisse der Säuresekretion, 



- 30 — 

Tabelle TLA. 

68 O^raridae der letzten 4 Monate. 

Nur in der Schwangerschaft nach Probefrühstück untersucht. 



Name der Gravida 


Freie 
Salzsäure 


Gesamt- 
Azidität 


Diagnose 


1. Kramer . . . 


o 
10 


35 
30 


Starke Hypochl. 
Starke Subazidität. 


2. Mantalon . . . 


25 
30 


65 
65 


Neigung zu Hypochl. 
Normale Ges.-Azid. 


3. Zercher . . . 


20 
20 


45 
45 


Hypochl. 
Subazid. 


4. Neureiter . . . 


1) 15 2) 10 
20 15 


1) 60 2) 45 
55 40 


Hypochl. 
Subazid. 


5. Gutheil . . . 


1) 20 2) 30 
25 40 


1) 50 2) 60 
55 70 


Einmal Hypochl. u. Subazid., 
einmal norm. Chi. und iiorin. 
Ges.-Azid. 


6. Nessler . . . 


25 
30 


65 

65 


Neigung zu Hypochl. und 
Neigung zu Subazid. 


7. Schuh .... 


5 
10 


60 
50 


Starke Hj-pochl. 
Norm. Gea.-Azid. 


8. Eschweg . . . 


50 
55 


70 
80 


Norm. Chi. 
Ncrm. Ges.-Azid. 


9. Weber .... 


25 
30 


55 
55 


Neigung zu Hypochl. 
Subazid. 


10. Klee .... 


15 
20 


65 
55 


Hypochl. 

Neigung zu Subazid. 


11. Jaeger .... 


1)15 3)20 

2)20 4)25 

25 25 


1)45 

.2)55 3)65 
55 4)65 


Stets Hyi)ochl. 
Zweimal Subazid. 
Einmal norm. Ges.-Azid. 


12. Walter. . . . 


1) 5 2)15 
15 20 


1)50 2)60 
45 55 


HypocM. und Subazid. 


13. Diehm .... 


20 
25 


55 
60 


Hyi^ochl. und Subazid. 


14. Becker. . . . 


20 
25 


50 
50 


Hy]»ochl. und Subazid. 


15. Stamer. . . . 


20 
25 


55 
50 


Hypochl. und Subazid. 


16. Schwob . . . 


30 
35 


60 
65 * 


Norm, geringe Chi. 
Neigung zu Subazid. 


17. Weiss . . . 


25 
25 


45 
65 


Neigung zu Hypochl. 
Subazid. 


18. Putteri. . . . 


30 
30 


65 
65 


Norm geringe Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 


19. Pitzer .... 


35 
45 


80 
75 


Norm Chi. 
Norm Ges.-Azid. 



— 31 — 



Name der Gravida 


Freie 
Salzsäure 


Gesamt- 
Azidität 


Diagnose 


20. Greulich . . . 


36 
40 


80 
80 


Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 


21. Vögeli .... 


35 
35 


80 
80 


Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 


22. Berger. . . . 


60 
70 


100 
100 


Hyperchl. 
Superazid. 


23. Jocher .... 


35 

40 


70 
70 


Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 


24. Häftjer. . . . 


5 

10 


40 
30 


Starke Hypochl. 
Subazid. 


25. Berberich . . 


25 
35 


55 
55 


Neigung zu Hypochl. 
Snbazid. 


26. R. Weber . . 


Minus 20 


25 


Achl. 

Starke Subazid. 


27. Kauzmann . . 


30 
35 


55 
60 


Norm, geringe Chi. 
Subazid. 


28. E. Walter . . 


20 
20 


40 
45 


Hypochl. 
Snbazid. 


29. F. Reis . . . 


1) 15 
25 

2) 36 
35 


1) 50 
60 

2) 55 
55 


Einmal Hypochl. 
Einmal norm. Chi. 
Stets Subazid. 


30. 0. Maier . . . 


20 
25 


50 
50 


Hypochl. 
Subazid. 


31. Guggenberger . 


10 
15 


40 
45 


Starke Hypochl. 
Subazid. 


32. Bachert . . . 


50 
60 


80 
95 


Neigung zu Hyperchl. 
Neigung zu Superazid. 


33. Molt .... 


5 
15 


65 
55 


Starke Hypochl. 
Neigung zu Subazid. 


34. Gerber . . . 


15 
20 


65 
55 


Hypochl. 

Neigung zu Subazid. 


36. Kühler . . . 


30 
30 


55 
60 


Norm, geringe Chi. 
Subazid. 


36. Seitz .... 


10 
10 


45 
35 


StArko Hypochl. 
Subazid. 


37. Witzel .... 


1) 36 3) 66 
40 

2) 65 4) 40 
70 45 


1) 65 3) 80 

2) 60 4) 60 
80 70 


Zweimal norm. Chi. 
Einmal Neigung zu Hyperchl. 
Einmal Hyperchl. 
Stets norm. Ges.-Azid. 


38. Bort .... 


1) 15 2) 35 
20 40 


1) 55 2) 50 
55 65 


Einmal Hypochl. 
Einmal norm. Chi. 
Stets Subazid. 


39. Winter . . . 


15 

16 


45 
45 


Hypochl. 
Sabazid. 



— 32 — 



Name der Gravida. 


Freie 
Salzsäure 


G^samt- 
Azidität 


Dia^rnose 


40. Donner . . . 


1) 15 ^) 15 
20 20 


1)55 2)50 
55 45 


Hypochl. 
Subazid. 


41. Sattler .... 


35 
45 


60 
65 


Norm. Chi. 
Norm. Gea.-Azid. 


42. Nischütz . . . 


35 
45 


60 
70 


Norm. Chi. 
Norm Ges.-Azid. 


43. S. Walter. . . 


35 
40 


50 
60 


Norm Chi. 
Subazid. 


44. Schmelzer. . . 


1) 35 2) 15 
45 20 


1)75 2)40 
75 35 


Einmal norm. Chi., einmal 
Hy]>ochl.; einmal Hypochl. 
und Subazid. 


45. Beg 

46. Schmitt . . . 


75 
45 


90 
70 


Starke Hy]>erchl. 
Superazid. 

Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 


47. Kühler. . . . 


30 
35 


65 
70 


Norm, geringe Chi. 
Norm. Goa.-Azid. 


48. Köhler. . . . 


10 
20 


55 


Hypochl. 
Subazid. 


49. Schroer . . . 


30 
35 


70 
70 


Norm, geringe Chi. 
Norm. Ges -Azid. 


50. Werner . . . 


25 

30 


50 
50 


Neigung zu Hy])ochl. 
Subazid. 


51. Storz .... 


35 
40 


60 


Norm. Chi. 
Neigung zu Subazid. 


52. Michel .... 


25 
30 


75 
75 


Neigung zu Hypochl. 
Neigung zu Su])erazid. 


58. Seck .... 


50 

60 


85 
95 


Neigung zu Hyperclil. 
Neigung zu Superazid. 


54. Sackenmeier . . 


55 
60 


65 
75 


Neigung zu Hyporchl. 
Normale Ges.-Azid. 


55. Schönher . . . 


Minus 15 


40 


Achl. 

Norm. Ges.-Azid. 


56. Haas .... 


45 
55 


80 
90 


Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 


57. Krauer. . . . 


15 
20 


60 
50 


Hypochl. 
Subazid. 


58. Ofer 


Minus 20 


30 


Achl. 

Starke Subazid. 


59. Heitz .... 

60. Wober .... 


25 
30 

50 
55 


60 
60 

70 
75 


Neigung zu Hypochl. 
Neigung zu Subazid. 

Nonn. Chi. 
Norm. Goa.-Azid. 


61. Hohl .... 


30 
35 


75 


Norm, geringe Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 


62. Bitzer .... 

63. E. Wächter . . 


35 
40 

50 
60 


55 
65 

80 


Norm. Chi. 
Neigung zu Subazid. 

Neigung zu Hyperchl. 
Norm. Ges.-Azid. 



— 3S — 



Name der Gravida 


Freie 
Salzsäure 


Gesamt- 
Azidität 


Diagnose 


64. Gnittiger . . . 


Minus 20 


10 


Achl. 

Starke Subazid. 


65. Siodrich . . . 


20 


60 


Hypocbl. 
Subazid. 


66. Schallor . . . 


25 
30 


50 
50 


Neigung zu Hypochl. 
Subazid. 


67. "Wintermjintel . 


1) 20 
20 

2) 60 
65 


1) 30 
35 

2) 80 
85 


Einmal Hypochl. u. Subazid. 
Einmal Hyperchl. und norm. 
Ges.-Azid. 


68. Wolfarth . . . 


15 
25 


55 
45 


Hypochl. 
Subazid. 



TabeUe IIB. 

14 Graridae der letzten 4 Monate. 

Nur in der Schwangerschaft nach Probe mittagessen untersucht. 



1. M. Müller 

2. Mohr . . 

3. Weidenbach 

4. Strassel . 

5. Koch . . 

6. Geiger 

7. Zimmermanns 



8. Schulte , 

9. Stammler 
10. Thereso . 



11. Wolter 

12. Weifeis 



13. Hom 

14. Seitz 



Minus 15 

5 
Minus 10 

40 

25 

Minus 35 

10 

Minus 20 
45 
75 



Minus 40 
40 



65 

100 

85 

30 



120 



Achl. 

100 Norm. Chi. 

Superasüd. 

26 Neigung zu Hypochl. 

10 70 Starke Hypochl. 

Superazid. 

Resultat: 68 + 14: = 82 Gravidae. Bei diesen beträgt die freie HCl. im 

Mittel 23,09 (vgl. fortlaufende Tabelle von Gravidität und Puerperium = 21,07); 

die Ges.-Azid. im Mittel 60,5 (vgl. fortlaufende Tabelle von Gravidität und 

Puerperium = 58,7). 
Kehr er, fiesiehoogen der weibl. Sexnalorgsne mm Magen. 3 



Achl. 

Starke Hypochl. 

Achl. 

Norm. Chi. 
Norm. Ges.-Azid. 

Neigung zu Hypochl. 
Superazid. 

Achl. 

Norm. Ges.-Azid. 

Starke Hypochl. 
Starke Subazid. 

Achl. 

Norm. Chi. 

Starke Hyperchl. 
Starke Superazid. 





1 


1 


1 


■ 


34 - 


■ 


■ 


^ 




s 

^ 

e 




a 


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Hälfte steigend und gleich- 
bleibend. — 1. und letzter 
Tag norm- Ges.-Azid. — 
4. Qud 7. Tag geringe Sab- 
azid. 






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Erste Hälfte etwa gleicli 
bleibende Hypochl. und 
Subazid. Höchste Werto, 
norm. Chi und norm. Ges.- 
Azid , am 7. Tag. Dann 
wieder fallende Werte: am 
9. Tag norm. Chi. bei Sob- 


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1. Tag Hypochl und Subazid. 
^ 4. Tag norm, geringe 
Cid. bei Subazid- — 7. Tag 
nornu Clil bei Subazid. — 
11. Tag norm. Chi und 


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]. Tag Neigung zu Hypochl. 
bei Subazid., am 4. und 
11. Tag noi-m. Chi bei 
Neiffung zu Subazid. Stei- 
gende Werte. 




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1. Tag Neigung zu Hypoehl. 
bei Subazid. - 7. Tag 
norm. Chi. bei Neigung zu 
Subazid. — 11. Tag norm. 
Chi. bei norm. Gea.-Azid. 


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- 46 — 

auirnng Die gefundenen Mittelwerte in den letzten 4 Monaten der 

T»i»ii« 11 Schwangerschaft betragen für freie HCl. 23,09, für die Gesamtazidität 
60,5. Auch diese Zahlen sind der Ausdruck für eine freilich gering- 
gradige Hypocblorhydne und Subazidität Sie stimmeu ungefähr mit 
den für die ersten 4 Schwangerschaftsmonate gefundenen überein, und 
differieren auch nur wenig von jenen, die wir nach der Tabelle III 
mit 21,07 für Chlorhydrie und 58,7 für die Gesamtazidität mitgeteilt 



In den ersten 11 Tagen dea PuerperiumB. 
2 34 66 789 10 11 




Die untere Kurve entspricht der freien HCl., die 



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der Geaamtazidität. 



haben, und von jenen, die wir nach der Tabelle IV mit 26,5 füi- 
freie HCl. und 59,3 für die Gesamtsäuromeiige noch angeben worden. 
Nach Tabelle II wurde in 26 Fällen normale Chlorhydrie, in 34 t^en 
Hypocblorhydne, in 6 Fällen starke Hyi>ociilorhydrie und in 9 fUlleii 
Achlorhydrie gefunden. Es fällt auf, dass unter diesen 9 f^eu 



— 47 — 

nicht weniger als 5 auf die 14 Untersuchungen nach P.-M. fallen. 
HyiJerchlorhydrie wurde 6 Mal beobachtet, darunter bestand 3 Mal 
nur eine Neigung dazu. 

Was die Werte für die Gesanitazidität betrifft, so wurden iü 
24 Fallen normale Werte, in 38 Fallen Subaziditüt, in 4 Fällen starke 
Subazidität geiunden. Superaaidität wurde nur 8 Mal beobachtet, 
jo 4 Mal nach P,-M, und P,-F Bei dieaero sind die Werte im all- 
gemeinen konstanter, als nach MittagaiuaLlzeit, bei der sich grosse 
Schwankungen für freie HCl. nicht minder als für Gesanitazidität er- 
gaben. Auch noch einige andere Male fallen in Tabelle II die bei 
den einzehien Untereuchungen auftretenden Schwankungen auf; ich 
weise noch hin auf Fall 37, 38 und 44. und vielleicht liesseu sich der 
Beispiele niehi-ere noch tindoii, wenn in der Schwangeischaft häutiger: 
2, 3 oder 4 Mal untersucht worden wäre. 

Beb-achteu wir nun die TabeUe IH mit fortlaufenden Be- ^^ 
obachtungen in der Schwangerschaft und in den erstj?n 11 Tagen desm* 
Wochenbettes. Ihre Ergebnisse haben graphischen Ausdruck in oinor^^""^ 
,,SäurekuiTe" geftinden. Es ging nicht au, an jedem Tage des 
Puerperiums ^e Magensonde zum Zwecke der Aushebern ng ein- 
zuführen, nioiet geschah dies am 1. oder 2. Tag p. p,, am 4., 7. und 
11. Tag. 

Die Kurve demonstiiert deutlich, wie die Weite für freie HCl. 
und die Gesamtazidität am 1. Tage nach der Geburt am in'edersten 
wind, nur 18,7 betragen, und wie dieser Zahl eine von 47,8 für die 
Gesamtsäure entspricht. Das sind ohne Zweifel hypochloridc 
und subazide Werte. Schon am 2. Tag ist ein Steigen derselben 
zu bemerken; die Werte für freie HCl. betragen 21,7, die für die 
Gesamtazidität 51,7. Es kommt hier ganz genau die zwischen Chlor- 
hydrie und Gesamtsäuremenge als normal zu erwartende Differenz von 
SO zum Ausdruck. Während nun ein stetes stärkeres Steigen der HCl- 
auf 24.3 am 3. Tag, auf 28,3 am 4. Tag fwmcrkbar ist, fällt das 
Mittel für die Gesamtazidität von 51,7 auf 47,8 am 3. Tage herab. 
Das ist auffallend und nur diuch Zufälhgkeifen zu erkläi'en. Der 
Pnrnlleiismus zwischen der Quantität der freien HCl. und der Gesamt- 
tizidität sollte am 3. Tag einen zwischen 53 und 56 liegenden Wert 
ei'warten lassen. — Wai' am 1, bis 4. Tag ein kontinuierlich beträchtliches 
Ansteigen der Werte füi- HCl. vorhanden, so sind die Erhebungen 
vom 4, bis zum 7. Tag viel weniger steil; das gilt sowohl für die 
Chlorhyilrii), als auch für die Gesamtazidität weini wir das etwas 
starke Ansteigen der üesamfsäure menge vom 4. auf den 5. Tilg als 



- 48 — 

hfideutuiigslos betrachten. "Währontl aber schon am 5. Tag eboii 
<lie untere Grenze für die normale Chlorhydrie erreicht ist, 
und dann l)P8tebeii bleibt, sind die Werte für die Gesaratazidität 
ndcb subnnrmal bis einschliesslich zum 7. Tag; dabei ist die 
Chlorhydrie allerdings auch noch recht niedrig. Am 8. Tag des 
Puerperituns zeigt sich dann ein starkes Ansteigen der Salnsiiui-e und 
Gesamtsäure von 31,6 und til,4 auf 36.2 und 68,7. 

Erst jetzt ist eino normale Gesamtaziditiit erreicht 
Dann aber beginnt wider Erwarten eine Remission, Die Werte sinken 
am 9. Tag etwa auf die vom 7. Tag zurück, so dass das Mittel für 
freie HCl. 32.3, das für die Gesamtnzidität 60,4 beträgt Die Ver- 
hältnisse, die hier mitspielen, verniag ich nit;ht atizugobon. Man 
kilnnte denken, sie lägen vielleicht in dem erstmaligen Aufstehen der 
Wöchnerin am 9. Tag, aber das ist ausgeschlossen, denn die Puerperae 
verlassen das Bett in der Regel zum ersten Mal am Nachmittag des 

9. Tages oder ei'st 10. Tages, während die Magenuntersuchmigen in 
der Frühe des 9. Tages stattfanden. Somit ist .in die Möglichkeit 
dass auch hier der Zufall sein Spiel getrieben hat zu denken. Ain 

10. mid ll. Tage steigen die Werte der freien HCl. nocli um ein 
Geringes, während die für die Goeamtazidität um weniges fallen, Beidos 
ist so unbedeutend, dass wir wohl sagen dürfen, am 10. und II. Tage 
nach der Geburt sei das in Zukunft ziemlich gleichbleibende 
Niveau der Normalwerte von nahezu 40 für die ireie HCl., von 
fast 70 für die gesamte Säuremenge erreicht, mid wenn die Re- 
mission des 9. Tages bloss ein Zufall wäre, sn wäre das vom 8. Tag 
id> schon geschehen. 

Im grossen und ganzen lassen sich demnach drei Abschnitte für 
die sekretorischen Punktionen des Magern im Wochenbett aus dem Er- 
gebnis der m den Tabellen mid dei' Säurekurve gezeichneten Unter- 
suchungen erkennen: eine den 1,, 2. und 3. Tag umfasseude Periode, in der 
die niederen Werte schneit ujid steil ansteigen, je eine den 4. bis 7, Tag 
und 8. bis 11. Tag mngreifende Abteilung mit langsamen, aber kon- 
tinuierlichen Erhebungen, und zwischen der 2. mid 3. Periode ein noch 
steilerer Anstieg, als zwischen der I. und 2, Die niedersten Werte 
aber liegen am 1. Tag nach der Geburt, und während die Werte 
für fi-oie HCl. nahezu die gleichen sind in der Schwangerschaft und 
,im 2. Tage des Wochenbettes, finden wir für die Gesamtazidität eine 
Analogie erat zwischen dem 4. Tage des Wochenbettes und der 
Gravidität 

Sehen wir uns die Tabelle III noch genauer an. so liisst sich 



4 



- 49 — 

KUimclist das Mittel für die "Werte in der Schwangerschaft auf 21,07 
für freie HCl. und auf 58,7 fiii- die Gesamtazidität berechnen, wetui 
wir die 15 Fälle der Tabelle HIB zu den 50 der Tabelle HTA 
addieren. Diese Zahlen reicheii ziemlich an die der Tabelle II heran, 
wo wir in der Scliwangerschaft für freie HCl. den Mittelwort für 
23,09 gefunden haben. Berecluien wir alH-T die Ei'gebnisso der nach 
P.-F. und P.-M. erhaltenen Zahlen der Tabelle III A und HIB 
gesondert, so erhalten wir bei jener den Mittelwert von 25,2, bei dieser 
den überaus niedrigen, noch in den Bereich der starken Hypochlorhydrie 
fallenden Wert von 7,3. Ganz auffallend, aber in Übereinstimmung 
mit Tabelle II, sind auch nach Tabelle III die so niederen Werte 
für die freie HCl. nach P.-M. Ist doch unter lö Fallen nicht weniger 
als 5 mal ein Defizit von fixier HCl. vorhanden. 

In die Tabelle IFI gehören eigentlich noch einige weitere Fälle, dieverhiiinme 
ich aber nicht angeführt habe wegen des bei der Geburt bestehenden 1^^,^" 
Fiebers. So wurde bei einer Wöchnerin Stappen, die am Abend nachi'etfl'bom- 
der Gehurt 40,0" Fieber hatte, am 1. Tage pp. nach P.-P. ein Minus "p,,,,./,, 
an freier HCl. von 30 und eine Gesamtazidität von niu- 20 gefunden. 
Noch am 9. Tage pp., nachdem 4 Tage verlier Entfieberung eingetreten, 
betrugen die Werte für freie HCl. nur 10 und 15, für die Gesamt- 
aTidilJit nur 20. Erst am 12. Tage nach der Geburt war normale. 
geringe Clilorhydrie von 30 und eine Subaziilität von 55 voriianden. 

lind so könnte ich noch weitere Fälle anführen, in denen die 
zu Anfang des Wochenbettes physiologische Verminderung der Säura- 
selo-etioii bei vorhandenem Fiel)er zu einer liocligradigen Hypochlor- 
hydrie und ebensolchen Subazidität, oder gai- zur Acldorhydrie geführt 
hat Das ent8])richt den von den Magen patliologen gefundenen Tatsachen, 
dass Iwi akuten und subakuten febrilen Kranklieiten die Sjiurewerte 
sinken. Die Annahme, dass im fiebernden Organismus die Sekretion 
der Verdauungssäfte sich vermindere und verändere, ist ja eine ganz alte. 
Auch hei fiebernden Tieren, und zwar bei solchen, bei denen durch 
.laucheinjektionen direkt ins Blut oder unter die Haut eine Septicämie 
erzeugt wurde, hat Mannase'in ') gefunden, dass der natürliche Magen- 
saft schlechter verdaut, als bei gesunden Tieren. Früher hatte schon 
M. Schiff") hervorgehoben, dass bei Tieren mit Magenfistel der Ein- 
flusB des Fieliei-s sich in einer vollständigen Sistierung der Sekretion 
des zum Verdauen der Nahrmig fähigen Magensaftes zeigt. Eine 



') VircliowB Archiv. 55. Bd. 1872, p, 
*) LetmiB Bur la iilijalolosip du l;i JigL'f 

ehiBC, B»(abiuigcu dir w>tibJ. SimoJorgBoe luu 



4rii. 



• 18ß7. Bll.l, l>,57. 



- 5(1 - 

Arbeit von H. Seemann') besUitigt die niederen Siiiireweiie im 
Fieber beispielsweise für Typhus nnd für eine subakute, nicht näher 
bezeichnete fieberhafte Krankheit 
WBioh». Welches sind nuu wohl die Ui-sachen der niederen Säureweiie 

«chendBr'" ^^^ Schwangerschaft und in den ersten Tajjen des Wochenbette? 
Difdaen Man könnte aimehmen, diss sie in einer gewissen Aiiiimie des Körpers 
""" * zu suchen seien. Wenn Osswald {aus der Kliiiilt ßiegels in'Qiessen) =■) 
bei Chlorose gefunden hat, dass der Salzsäuregehalt des Magen- 
saftes keineswegs verrnindert, sondern sehr häufig vermehrt ist, dass. 
um in Zahlen zu reden, in 95 "/o der Falle HjTieraziditas hydrochlorica 
I)e8teht, so sind dii» Befunde, die man in der Tat liäutig erleben kann. 
Auch ich habe unter 5 Mädchen mit Chlorose 4 mal Hyperchlorhydrio 
und nur einmal Achlorhydrie gefunden. Aber wir dürfen die Chlorose 
nach der Pubei-tät keineswegs gleichsetüen einer Anämie, wie sie 
z. B. dflf peniiziösen Anämie oder der Kachexie Karzinoinkninker zu- 
kommt oder wie sie hier auf die Geburt zu l)eziehen ist In 6 F^lleiij 
die ich in letzter Zeit untei-sucht habe, um einen Zusammenhang zwiscJien 
malignen Tumoren des Ovariums und der Beschaffenheit des Magens 
zu entdecken, ergaljen sich stets starke bypocbloride und subazide Weite, 
obwohl ein Magenkai'zinom nur einmal vorlag. Bei schwerer perniziöser 
Anämie liaben A. Cahn und J. von Mering 1886 '') Fehlen der 
freien Salzsäure gefimden, Ritter und Hirsch ') lienbaehteten iii 4 
Rillen von Anämie stets Subazidität von Nnortlen sah im Gegen- 
satz zur Chlorose liei Anämie nie Superazidität, sondern ebenso oft 
normale Azidität wie Anazidität Heinrich Schneider '') untersuchte 
10 ¥n]le voit Anaemia simples und ,^ Fälle von Anaemia perniciosa 
mit AusscJiIuss von Kaj-zinom, Ulcus und Atitiphie des Magens und 
fand in je 7,7 "ja der Fälle Hypochlorhydrie, beüw. iiomiale Salzsäure- 
sekretion, in 84,6 "Ib Achlorhydrie. Hyiierehlorhydrie traf er nie an. 
Auch Cantu und Borget') laetonen, dass bei Anämie die .Salzsäure 
im allgemeinen vermindert zu sein pflegt. 

Dürfen wir daher annehmen, dass eine Alteration des Blutes 
eine Verandening der Magen sekretion erzeugen kaini, dass speziell 
eine Verdünnung des Blutes und eine Verarmung desselben an Hämo- 



>) Zeitschrift für kiin. Medizin, V. Bd., 1882, 
') Münch. med. Woch. 1894, Nr. 27 und 38, 
') DuDtsches Ärch. tur klin. Medizin, 39. Bil. 
*) Zeitfichritl für kliii. Medizin, 13. Bd., 1887. 
') Virchow- Archiv, 148. Bd., 18Ö7. 
*) Zitiert nach Heinrich Schneider. 



p. 379. 



- 51 — 

glohin auch die Driisensekretinn des MagPiis reduziert, ao dürfen wir 
wohl auf Rechnung der relativen Anämie in der Schwangerschaft die 
verminderte Säuresekretion setzen. Woher die Anämie aber kommt, 
ist nicht entschieden; vielleicht spielt der Stofiverbmuch von Seiten der 
wiu'hwuden Fracht eine Rolle. 

Viel beatjnimter darf man sich über den Einfluas der bei der 
Geburb eintretenden Blutverluste auf die Magensaftsekretion ausspi'echen. 
und zwar schon nach rein theoretischen Erwägungen im Sinne einer 
Herahgetxung der quantitativen und qualitativen Mageiisaftseki'etion. 
Experimentell wurde von Quincke imd Dettwyler') nachgewiesen. 
daas künstlich erzeugte grössere Blutverluste die Äragensaftsekretion 
veningern. Der Kiirpei" trocknet ein und dadurcli nimmt die Sekretion 
aller Drüsen ab. Auch eine Veraimung des Salzgehaltes des Körpera 
tritt ein und dadm'ch vermindei-te AzidiÜtt 

Schon vorher hatte Manassi^in ''j den deprimierenden Einfluss 
plötzlicher Anämien auf die Magensaftsekretion erkannt. Er hatte 
Uuiidc durch Aderloäs akut anämisch gemacht und bei gleichen 
Verauchsbedingungen gefunden, dass dabei »der natürliche Magensai) 
ohne Ausnahme schlechter verdaut«, als bei normalen Tieren, und dass 
erst das Hinzusetzen von Säure die Verdauungski-aft desselben 
wirksam macht, — Ich erinnere auch hier noch einmal an die oben 
im Kapitel Menstruation von Eisner gemachto Angabe, dass er 
nach pro^sen menstruellen Blutungen eine Subazidität fand, wo in 
der intermenstruellen Zeit nahezu normale Salzsäurewerte bestanden. 
Nach stai'ken Bluti'eriuaten bei Erkrankungen der Genitalien, z, B. Itei 
Tumoren und in der Schwangei-schaft, habe ich später noch niedere 
Säurewerte mitzuteilen. — Auch ein Einfluss der anstrengenden 
Muskelarbeit während der Gieburt wäre vielleicht für die nie<lrigen 
Säurewerte im Wochenbett mit verantwortlich zu machen. 

Es bleibt nur noch die Präge, ob nicht noch andere Paktoren 
I ur die Säureherabsetzung in der Schwangerschaft in Betracht gezogen 
wei-den müssen. Ich habe mich vergeblich bemüht, in den Werken 
der Physiologie Angaben über die Beziehungen des Alkaleszenzgehaltes 
des Blutes zu der Azidität des Magensaftes zu linden. Nur dann 
wäi-en Betracbtmigen über die Beziehungen zwischen dem Alkaleszenz- 
gehalt des Blutes und der abgeschiedenen Säurequantität massiger 
Natur, wenn die neuere Theorie über die Entstehung der Säure des 
Magensaftes akzeptiert würde, derzufolge die Salzsäure gai- nicht in den 

') KorreBponiknzblatt für Scliweizar Arzte 187». 
>) Virthuws Archiv, Bd. 56, 1872, p, 4&1. 



— S2 — 

DriiseiizelleTi, sotidern aus den mit der Nühniiig aiit'goiioiiimenen 
Chloriden im Magen selbst entsteht. Bei dieeem Vorgang soll ein 
Teil des NaCI. der Nalming in Natrium- und Chlor-Jonen gespalten 
werden. Die ersteren sollen sich im Magen durch Diffusion durch 
die Magenwnnd hindurch gegen freie Wasserstoff- Jonen des Blutes 
austauschen, die Chlor-Jonen aber wegen der für sie undurchlässigen 
Magenwand im Magon verbleiben und mit den aus dem Blut 
kommenden Wasserstoff-Jonen die HCl. bilden. 

Nun existiert eine experimentelle Arbeit von L. Blumreich ') 
aus dem tierphysiologischen Institut der landwirtschaftlichen Hochschule 
zu Berlin, in der unter Mitprühuig von Zuntz und Löwy nach- 
gewiesen wird, dasa »die Gravidität eine sehr betiäehtliche Erhöhung 
der Blutalkaleszenz beim Menschen und Tier mit sich bringt, eine 
Erhöhung, die deutlich zu Tage tritt, wenn nicht irgend welche Ab- 
normitäten in der Körperbeschaffenheit die Befunde verscliieben.« 
Blumreich bestimmte nach dem Löwyschen Verfahi-en durch die 
TitiHermethodo mit einer -/aü -Normal weinsäui-eliisung die Älkaleazenz 
einer verdünnten Blutflüssigkeit (anfangs 5 ccm Blut: 45 ccm des 
gen iinungshemm enden Ammoniumnoxalats, später 5 ccm Blut: 45 Aq. 
dest.) bei 16 trächtigen Kaninchen gleichen Gewichts und gleicher Er- 
nährung mid prüfte die Reaktion durch frisches rjacknmspapier. Er 
konnte zeigen, dasa sich der Durchnittswert der Alkaleszenz von den 
nicht trächtigen zu den trächtigen Tieren von 381 auf 451 Mgr. 
NaOH., also um dui-chschnittlich 70 Mgi-. erhöhte. Weiterhin fand 
er, dass die beim Vergleich mit nicltt triichtigen Kaninchen erhaltene 
Alkaleszenzstoigerung sich nicht erst allmählich in der Schwangerschaft 
entwickelte. 

Die an trächtigen Kaninchen gefiindcnen Resultate konnte 
Blumreich dann bei 14, an 10 graviden Frauen vorgenommenen 
Alkaleszenzprüfungen bcatiitigen. Er untersuchte auch 5 Personen vor 
und ca. 8 Tage nach der Geburt und entdeckte in 4 FäUeii ein 
deutliches und auffallendes Sinken der Blutalkaleszenz nach der Geburt, 
im Mittel von 548 auf 495 Mgr. Nati-onlauge; im ö. Fall blieb der 
vor der Gehurt gefundene abnorm geringe Alkaleszenzwert auch nach 
der Geburt bestehen. Weitere Untfrsuclrangen an grüsserom Material 
und in den einzelnen Monaten der Schwangerschaft haben diese Er- 
gebnisse nachzupriifen und zu erweitern und iiach ihren Beziehungen 
zum Magen Chemismus klarzustellen, und auch die Differenzen der von 



') Archiv f. Gyn. i 



— 53 — 

Blumreich utid W. Z an gerne ister <■') ausgeführten Alkaleszenz- 
bestimmuiigen iu der Schwangerschaft auüiukläi-en. Denn die Er- 
gebnisse des letzteren stehen mit denen von Bluinreich in AVider- 
spruch. Zangemeister erhielt bei gesunden Schwangeren füi' die 
Alkalescenz des Blutes Werte, die sich zwischen 0,166 g. NaOH. und 
0,248 NaOH. bewegten, und im Mittel 0,196 betrugen, aJso wesentlich 
niederer waren, als der von Strauss ') für den Alkaleszenzgehalt des 
normalen Blutes mit 0,300 g. NaOH. angesetzte Wert 

Mit den von mir im Pueii^eriura gefundenen niederen Süure- 
werten des Magensaftes würden die Biumreichsclien Resultate von 
verminderter BlutalkaJescenz im Wochenbett ausgezeichnet überein- 
stimmen. In der Schwangerschaft bestellen aber vielleicht doch weit- 
gehende Schwankungen bezüglich des Älkalescenzgebaltes des Blutes. 
Das wird durch die einander entgegengesetzten Resultate von Zange- 
meister und Blumreich gleicli den in so vielen Punkton bei dei- 
Blutuntersuchuiig Schwangerer divei^erenden Ergebnissen der einzelnen 
Forscher walu^cheinlich gemacht. Und diese Divergenzen Hessen sich 
dann durch weitere Untersuchungen vielleicht doch in Beziehung 
bringen zu unsem Schwankungen in der Säuresükretion und der in 
der Regel in der Schwangerschaft vorhandenen Neigung zu Hypo- 
chlorhydrie und Subazidität 

Wenn wir nun die niederen Säurewerte des Wochenbettes zum 
Ted auf die verminderte Alkaleszenz dos Blutes, zum Teil auf die an- 
strengende Muskelarbeit, vor allem aber auf den Blutvorlust bei der 
Geburt zu beziehen geneigt sind, so ei-scheint ein Vei^leich der ver- 
änderten Magenfiinktion zu dem bei der Geburt verloren gegangenen 
Blutquantum von Wichtigkeit Die Ergebnisse der hei 34 Frauen 
fortlaufend in Schwangerschaft und Wochenbett angestellten Unter- 
suchungen der sekretorischen und motorischen Fuidction bringt die 
Tabelle IV. 



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Subazid. 

Hypochl. 
Starke Subazid. 

Hypochl. 
Subaaid. 

Nonn. Chi. 
Norm. Gea.-Azid. 


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B. in. Motor. 

insuff. 

a. in. Motor. 

inauff 

12. in. Motor. 

normal. 

[einigeStundcnn. 

d, Geburt) 26. IIL 

Motor, insuff. 

24. in. Motor, 
inanff 

5. IV. Motor. 

normal 

28. in. Motor. 

2. IV. Motor. 

insuff 

l. ni. Motor. 


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Subazid. 

HypocU. 
Subazid. 

Hypochi. 

Subazid. 

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Starke Subazid. 

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Norm. Ges.-Az!d, 

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bei Subazid. 

Norm.gering.Chl 
bei Subazid. 

Norm. 0hl. 
Norm. Ges -Äzid. 

Nonn. Chi. 
Norm. GeB,-Aiid, 


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Ich muss bemerken, class ich den Blutverlust bei der Geburt 
nicht persönlich kontrollieren konnte, inid dass nicht das gesamte, 
nach Austritt des Kindes entleerte Blut, sondern nur das retroplazeutare 
Quantmn gemessen wui-de. Eine über das phj'siologische Mass hinaus- 
gehende stärkere Blutung aus Perineum, Vagina, Cervix und Corpus 
wurde jedoch notieii:. leb gebe demnach zu. dass eine so exakte 
Messung, wie sie Ahlfeld ausführt, nicht vorgenommen wurde. Das 
Mittel des physiologischen Blutverlustes einer Gebärenden und Prisch- 
entbundenen betrügt nach Ahlfeld in Summa 400 — 700 gr; demnach 
werde ich mich wohl keines grossen Fehlers schuldig machen, wenn 
ich bei den Untersuchungen 300 gr als Nonualgrenze für den physio- 
logischen Blutverlust durch das retroplazentaj-e Hämatom annehme. 

Unter dies3r Voraussetzung haben wir nur bei No. 4 hei einem 
Blutverlust von 520 noch am l. Tag recht niedere Werte, bei 
No. 19 bei einem Blutverlust von 500 am 2. Tag p.p. recht niedere 
Werte, bei Nu. 26 bei einem Blutverlust von 300 starke Hypochlor- 
hydrie und bei No. 31 bei einem Blutverlust von 430 am 1. Tag 
normale geringe Chlorhydiie bei Subazidität. — Bei Nr. 6 aber besteht 
bei einem Blutverlust von 420 am 2. Tag Hyperehlorhydrie und Super- 
azidität, bei No. 9 bei einem Blutverlust von 600 zu Beginii des 3. 
Tages Neigung zu Hyperchlorhydrie, und hei No. 29 bei einem Blut- 
verlust von 300 zu Beginn des 2. Tages normale Chlorhydiie. In den 
Fällen der ersteren Kategorie kommt aus der Tabelle III B die No. 14 
mit „sehr starkem Blutverlust'" hinzu, bei der am 1. Tag p.p. fast 
Achlorhydrie, am 3. Tag noch starke Hypochlorhydrie, aber schon am 5. 
Tag normale, wenn auch geringe Chlorhydrie bestand. Das grosse 
Quantum des Blutverlustes scheint in diesem Fall, wie das ja klinisch 
für das Wochenbett charakteristisch ist, sehr schnell ausgeghchen worden 



Es stehen sich auf Grand dieser Untersuchungen demnach 2 Er- 
gebnisse gegenüber: dort in 5 Fällen grosse Blutverluste mit sehr 
niederen Säurewerten in den ersten Tagen des Wochenbettes, hier in 
3 Fällen grosse Blutverluste und hohe normale Chlorhydrie oder gar 
Hyperchlorhydrie und Subazidität. Die beiden Fälle 6 und 9, in deren 
erstem auch in der Gravidität ein hoher Normalwert^ beim zweiten eine 
starke Hyperchlorhydrie und starke Superazidität vorhanden waren, 
sind aber wahrscheinlich als pathologische zu beurteilen und kämen für 
die Entscheidung hier nicht weiter in Frage. 

Wenn auch die" Zahl der Untei-suchungen über den EinÜuss 
grosser Blutverluste während der Geburt auf den Mageu violleicht 




59 



grösser sein dürfte, SO genügen sie, und besonders die 26 -übrigen 
zum Studium de« Blutverlustes auf die sekretorische Tätigkeit des 
Magens angestellten UnterBuchuiigen ziu- Feststellung der Tatsache: 
dass dein physiologischen Blutverlust bei der Geburt eine 
physiologische Herabsetzung der sekretorischen Funktion 
des Magens im Anfang des Wochenbettes entspricht, und 
dass nach starken Gßburtsblutungeu die sekretorische TUtig- 
keit eine weitere quantitative Störung im Sinne einer wesent- 
lichen Verminderung der Säureahsond er ung zu erleiden pflegt. 
Ob es auch Fälle gibt, in denen der Körper gleichsam das Bestreben 
hat, die ihm beim Blutverlust abhanden gekommenen Nährstoffe dadurch 
zu ersetzen, dass er den Magen mit einer besonders hohen, verdauenden 
Euei^e vombei^hend ausstattet — eine Parallele hierzu findet sich 
in der SuperaziditÜt bei Chlorose — veiinag ich nicht anzugeben. 
Ein Fall aus der Tabelle I konnte zu Gunsten dieser Annahme auge- 
i'ührt werden: Bei der im 4. Monat der Schwangerschaft untersuchten 
Frau Hotz fand sich Hyperchlorhydrie bei normal hoher Gesamt- 
azidität, während die Frau seit 5 Wochen kontinuierlich nicht unbe- 
trächtlich blutete. 

Die Motilität ist ofi'enbai' nur in der Haltte der Fälle dui*ch v 
den Blutverlust hei der Gebuil beeiuHusst worden. In den 8 Fällen'' 
mit hohem Blutverlust der Tabelle IV war 4mal die motorische Funktion 
des Magens normal, mid 4 mal, in No. 4, 6, 19 und 26. iiisuifizient. 
In den letzten 3 Fällen war schlechte Motilität mit schlechter Sekretion 
verbunden. Die motorische Funktion des Magens im Anfang des 
Wochenbettes wui-de in allen 34 Fällen 2'/a Stunden nach P.-F. 
geprüft Sie war 13mal = in 38,2i'/i) der Fälle normal, und 21nial 
= in 61,7 "/o hisuffizient 

Die Magenmotilität in der Schwangerschaft wurde in 18 
Fällen in den letzten 3 Monaten vor der Enthindung untersucht und 
nur 3 mal = in 16.6i'Io eine motorische Insuffizienz gefunden. Daraus 
inüssen wir schliessen, dass die Motilität des Magens in der Regel 
normal ist 

Der Salzsäuresekrction im Allgemeinen parallel verlUntl dio ' 
Pepsinabsondei'ung; das zeigen die folgenden Untewuchungen. ^' 



^M 


■ 


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^^^^^^^^^^H 


^^^^IP 




Aus Tabelle III A. -^^^ 


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Nach w eich orZeit 


Diagnose der SiLurcBckrotiun ^^H 


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Name 


Wann 
Untcr=nelmng? 


wurde das Ei- 
weiasBcheibchcn 


an d. Tag der Unterenchung ^H 


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verdaut? 


der Pepsinverdaaung ^^M 


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Stütz 


Grav. 


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Norm. Ges.-Azid. ^M 


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1. Tag p. p. 


30' 


Neigung m Hypochl. ^H 
u. Snhaiiid. ^H 


^^H- 


atroll 


ti. Tag p, 1,. 


■lö' 


Norm. Chi. D. Snbazid. ^H 


^^^h 


Kurten 


11. Tag p. p. 


30' 


Norm. Chi. ^M 
Norm. Go9.-Äzid. ^H 


^^^^1 


M. Hofmami 


Orav. 


45' 


Norm. Chi. ^H 


^^^H 


Hoer 


Gray. 


00' 


Hypnchl. ^H 
Subazid. ^^H 


^^^1 


Werner 


(Irav. 


75' 


"T'-'lS&a^^B 


^^^H 


Gehl 


Grav. 
(UnterßQcli. 1.) 


60' 


^^^^^H 
^^^^H 


^^^f 


Hettinger 


Orav. 


nach 75' noch 


^^^^B 


^^^M 




(Unlereucli. a.) 


tiiuht verdaut. 


Subazid. ^H 


^^H 


Eder 


4. Tag p. p. 


60' 


Niedere, aber normale Chi., ^H 
bei Neigung zn Sobaäil. ^H 


^^^1 


Sloll 


7. Tag p. p. 


60' 


Norm. Chi. ^H 
Nurm. Gus.-A!tid. ^H 


^^^B 


Diolim 


Gray. 


46' 


Hyporchl ^^| 
Nunn. Gea.-Azid. ^H 


^^^1 24 


Kühnor 


9. Tag p. p. 


60' 


Norm. Chi. ^H 


^^^H» 


Hopfinger 


1) Grav. 


60' 


Hypochl. ^H 






(Ujiteranch. 1.) 


30' 


Neigung zu Subazid. ^H 


^^^H 




3) 7. Tag p. p 




Norm. Chi. bei Subaüid. ^M 


^^^1 


Kalt 


1) 0.,.v. 


ao' 


Hyperchl.,norm.Qes.-Ai!)d., ^H 


^H 




2) 4. Tag p. p 


30' 


norm. Chi. bei Neigung ^^1 
zu Subazid. ^H 


^^^H 


Lnte 


Gray. 


45' 


Norm. Chi. ^H 
Norm. Oos.-Aiiid. ^H 


^^^1 'J8 


RoÜ 


Grav. 
(Untere. '2.) 


3(1' 


Norm. Chi. ^H 
Norm. Gca.-Azid- ^H 


^^^B 


FiedlüT 


Grav. 


90' 


Hypochl. ^H 
Subazid. ^^H 


^^^1 




Grüv, 


nach 76' 




^^H 




4. Tag p. p. 


noch negativ 
50' 


Aehl, Subazid. ^H 
1 Neigung zu Hypochl. ^^M 


^^^H 




7. Tag p. p. 


60' 


J Neigung zu Subaeid. ^^1 


^^^1 


Kröpfler 


6. Tag p. p. 


76' 


HypocU., ^1 
Neigung zn Subazid. ^^H 



^1 


Name 


Wann 
Untersuchung 'f 


Nach welcher Zeit 
wurde das Si- 

verdaut? 


Diagnose dcrSäureaekretion 

an d, Tag der Untersuchung 

der Pepainvordaaung 


37 
36 

39 


Herzog 

Seifert 
.SchnlK 


Grav. 
2. Tag p. p, 
1. Tag p. p. 


30' 
CO' 
60' 


Neigong zu Hjperchl. 
Norm. Qea.-Azid. 

Norm, geringe Chi. 
Neigung zn Subazid. 



Aus TabeUe niB. 



Schuhhach 


(!ruv. 


nncli 90' 
nneh negativ. 


Ach). 
SKbazid. 


Rüuli 


flrnv. 


naeh 90' 
noch nicht verd. 


Achl, 
Siibazid. 


Bnllinger 


(irav. 


30' 


Norm. Chi. 
Norm. Gö9.-Azid. 


Ihrig 


flrav. 


75' 


Starke Hypochl. 
Norm. Üe9.-Aaid. 


Rntlanli 


7. Tng p. p. 


7ö' 


Hypochl. 
Sobazid. 


BUcklrr 


Urliv. 


30' 


Starke Hypochl, 
Subazid. 


Welker 


11. Tag p. p. 


eo' 


Geringe Hypochl 
Sabazid. 


Gilliard 


IL Tag p. p. 


90' 


Hypochl. 
Hubazid. 



Wir hatten oben iiacb gewiesen, dass zweifellos zu wenig freie 
Salzsäure üticI zu wenig Geaamtsäuro in der Regel von dem Magen 
schwangerer Frauen auagoschiedeii wird, dasa aber die niederen Werte 
in der grossen Mehi-zahl der Fälle näher der normalen Chlorhydrie. 
als der Achlorhydrie stehen, sich jedenfalls im Mittel dicht unter den 
mit Neigung zur Hypochlorhydrie und Neigung zu Subazidität be- 
zeichneten Grenzen halten. 

Es ist jetzt unsere Aufgabe zu sehen, inwieweit die objektiven 
Untersuchungsergobnisso iibemnstinimen mit den subjektiven Be- 
schwerden der Schwangeren. g, 

Die Gründe, weswegen wir nur eine ziemlich genaue Statistik ,!; 
von F. A. Kohrer Über die einzelnen Symptome von Seiten des'? 
Magens in der Schwangerschaft besitzen, mtigen zum Teil vielleicht , 
darin zu suchen sein, dass eigentlich der Hausarzt, und nicht der b 



Klinifeer dio manchmal recht lästigen Magensjinptoine in den eraten 
Moiiatj?» der Gravidität in Behandlung bekommt Nur über den 
Vomitus gi-avidaruni und die Hyperemosis gravidarum existieren 
Statistiken. Der erste, der ■ — abgesehen von den detaillierten An- 
gaben über die Häufl^eit von Sodhretmen, Speichelfluas, Avemon 
gegen liestimmte Speisen, GelüBten und eigentlichen Dyspepsieen — 
eine Tabelle über die Häuügkeit des Vomitus gravidarum in einer 
»Zur Physiologie und Psithologie der Schwangerschaft« betitelten 
Arbeit aus dem Jahre 1879 mitteilte, war F. Ä. Kehrer '). Bei 
100 Schwangeren wurde die Zahl der fragliclien Schwangerschaft 
notiert, die Frage; »in wie vielen und in welchen SchwangerBcIial'ten 
Vomitus bestand«. l)eantwortet, und der Modus des Erbreohens in 
jedem einzelnen Falle angegeben. Die bei Beantwortung dieser Fra:ge 
erhaltenen Ergebnisse waren folgende: 

1. 49"/n der Fraui'u litton in keiner Scliwaiigei-scbaft an Er- 
bi'cchen. 

2. Bei 100 Frauen mit zusammen 292 ScbwaTigerscliaf'ten kam 
in 99 Schwan gei-schaften, also nalieKu in der .3. Gravidität, Er- 
brechen vor. 

3. Erstschwangore erbrechen häufiger, als Mehrscliwangere, letztere 
mit der wachsenden Zald der Schwangerschaften seltener. Von 100 
I. Gravida« erbrachen 44 ^ 44'*/d; von 77 II.-Gmvidae erbrachen 
26 = 330/0; von 47 III.-Gravidao erhi'achcn 12 = 25»/o; von 32 
IV.-Gravidae erbrachen 7 = 21 "/o; von 30 V.-Gravidae erbrachen 
5 = 25 «/o. 

Bei 15 vomierenden II.-Gravidae trat das Erbrechen 8 Mal nur 
in der ersten, 6 Mal in der ereten und zweiten, 1 Mal nur in der 
zweiten Schwangerschaft auf, und bei 27 Multigravidae 8 Mal in allen, 
je 7 Mal nur in der ersten, oder ereten bis dritten Gravidität, 5 Mal 
imr in der zweiten oder einer späteren Schwangerschaft ein. 

4. Der Vomitus ist am häufigsten (bei 97 Gravidae 63 Mal 
^ 54*i/r>) in der ersten Schwangerschaftshälfte; und zwar 18 Mal 
(ISo/o) auf die ersten 3 Monate beschränkt Seltener (34 Mal = 35<i/n) 
wiederholt er sich öfters im Verlaufe der ganzen Sehwaiigerachaft, 
noch seltener (9 Mal ^ 9''/o) tiitt er unregelmässig und nur ausnahms- 
weise (2 Mal = 20/u) ausschließlich in der letzten Schwangerachafts- 
zeit ein. 



I) P. A. Kehrer: „Beiträge zi 
üynältologie'', II. Bd. Giesaen 1879. 






. Oobiit'tskunJe und 



— ß3 - 

Auch Howitz ') hat eine Statistik für das gewöhnliche Erbrechen 
Schwangerer mitgeteilt: unter 186 Gravidae litten 83 Erst- und 
29 Mehrg^chwängerte, in Summa also 60,2 "/o, an einfachem Vomitus 
gravi{larum. Er weist darauf hin, daas derselbe ain häufigsten zwischen 
der 10. und II. Schwangerschaftswoche auftrete, Giles '} fand, dass 
etwa ein Drittel aller Schwangeren, und zwar SSVo. ganz ü-ei sind 
von morgendlichem Erbrechen, und dass iö'^io während der ersten 
3 Monate frei davon bleilten, Ist es überhaupt vorhatiden, äo tritt es 
in lO'^io schon im ersti^n Monat auf, selten im 2., 3. und 4., fast nie 
im 5. und 6. Monat; in etwa 9^10''/o begimit es erst in den letzten 
3 Monaten. Er gibt weiter an, daas 90 "/o der T.-Gravidae über 
25 Jahren Erbrechen haben, und dass Frauen, die stets schmerzlos 
und wenig menstruiei-ten, weniger an Erbrechen leiden, als solche, 
welche sfcu'k und mit Schmerzen menstmierten. In IG"!,, der Fälle 
konstatierte Biro=) Erbrechen bei Schwangeren niederen Standes. 

Wir sehen, dass die Statistiken in ihren Ergebnissen nicht un- 
bedeutende Differenzen zeigen, dass nach den einen die Hälfte, nach 
den anderen ein Drittel aller Schwangeren von Erbrechen frei sind, 
und dass es notwendig war, noch einmal eine griissere Zahl von 
Anamnesen aufzunehmen und statistisch zu verwerten. Zur Beui-teilung, 
ob diesf^ Erhebungen genau angestellt wunlen und nach welchen Ge- 
sichtspunkten sie erfolgten, sei hier das Schema des in jedem Einzelfall 
ausgefüllten Fragebogens mitgeteilt 

Datum der Aufnahme der Anamnese: 

Name und Alter: 

Wievielte SeliwaiigerschoftV 

■ffann letzte Periode? 

Steigerung des Hiingcrgefilhifi 
, „ Diiretgefühls 

AppetitavcrachlechlerLiii^ 
Appelitmaugi»!. 



Störungen 



Vnrlicbo 
oder Ekel 
gegeDÜlicr 



stark gewör/ti 

Fifiaeli 

Mflilflpnhu. 

Milcli 

üemdaü 

Alkoholika 

pcirverse StnHe 



') Deutsche Medizinal- Zeitung 1882, No. 37. 

^ Prov, möd. joLini. 1898. 

'■) Hef. Jahreab. f. Ueb. u. Gyn. Kill. Jahrgang. 1900. 



64 — 



Anamnesen 
derSohwan- 
geren der 
enten Mo- 
nate. Er- 



Hyper- ( Magenschmerzen nach Einnahme 

ästhesien. \ fester oder flüssiger Nahrung. 

Krampfhafte Magenschmerzen (Cardialgien). 

Brennen 



I 



Parästhesien. 



Aufstossen 



Flauheitsgefüh], 

Übelkeit, 

Brechreiz, 

Erbrechen 



l 



Schwindelgefühi 



Gefühl 
von 



Säure 

Drücken 

Schneiden 

Spannen 

Völle 

Leere 

Nagen 

Zusammenschüren. 



sauer 

bitter oder gallig 

geschmacklos 

geruchlos 

ranzig riechend 

Singultus 

Eruktation von Magengasen 

Sodbrennen 

Regurgitation von Magenflüssigkeit 

Regurgitation und Zurück- y nach d. Essen 
gehen von Magenflüssigkeit = \ morg. nüchtern 

Herzwasser 
Regurgitation von weichem oder festem Magen- 
inhalt (in allen 3 Fällen ohne Übelkeit) 

beim Erheben im Bett 

nach dem Aufstehen 

nach dem 1. Frühstück 

beim Aufenthalt in der Küche 

nach Mittagessen oder nach Abendessen 

in der Nacht 

nach Genuss gewisser und welcher Speisen? 

zur Zeit der ersten Kindsbewegungen 



Wann Speichelabsonderung i 






vermehrt 
vermindert 

ob Gefühl von Trocken- 
heit im Mund 



Beschafienheit dos Stuhlganges. 

Wir betrachten zunächst die Anamnesen über Magenerscheinungen 
subjektiven'in der jetzigen und den früheren Schwangerschaften von Gravidae der 
•riche^nu'n- ersten Mouatc, wobei nur die positiven Angaben mitgeteilt werden. 
omTidität! Es liegen neben den in der Tabelle I angeführten Fällen noch einige 



Aiiaraneseii von Frauen vor, bei denen eine Magen Untersuchung nicht 
ausgeführt wurde, 

I, Lunirtiiouat: 

1. Mosdi. Starbo Hypochlitrh^dric, AnaniDexe nbsolut belanglos, 

2. Teil mann. Starko Hypoehlorhjdiie, Sabazidität, SndometriliB 
cervicia. 2 Ooburton, 2 Aborte. In der 1. und 2. Schwangerschaft hüuRg Er- 
bre<j!ieTi nauh dem Morgenkafl'ee im 3. und 3. Monat. Vorliebü för aliSHe und 
Mehlapei&en, für EUsü und saure SaclieD, Fast iiriärtrilglichea Sodbrennen in 
den eralen Monaten. Ji'tzt morgijus nüchtern üeffihl vou Leere und Übelkeit. 

II. LunarmuBHt; 

Pran Herz, I. Gravida. VII- Woche, Häutig Oholkoit und OefQhl 
T»ii Leero niorgenn nüchtern und unt«r Tag«, unabhängig von den Mahlzeiten. 
ßeBchmacklnsea Aufstnaaen nach dem Olennaa aller schweren Speisen, Oroose 
Vorlipho fiic BBuro Speisan seit olwii 5 Woclion. Pleiaoh gern gegessen und gut 
vertragen. Stuhlgang i. 0. 

IV, -Gravi da. Hat nur üu weilen saures Anfstosaen. sonst gar keine 
Magenboaeli werden in dieser Sehwangorsriiaft. Während der gniiKen Dauer der 
ersten 3 Scliwangorachaften jedoch sehr viel Erbrechen miii'genB nQchlem, be- 
sonders zu Beginn der Gravidität. Daa auaorhnlh derselben mit groaser Vorliebe 
genossene DürrHeisch konnte sie nicht einmal mehr sehen, während sie andere 
Floischspeinen ebenso gern ass, wie sonst. Vorliebe für saure Sachen und Ab- 
neigung gegen Mehlspeisen. 

n.-Gravida, Anerbach. Vor 2 Wochen mehrere Tage lang morgens 
nüchtern Brochrein, aber nie Erbrechen. Melir PliisBigkeit morgens im Mund; 
oft saures Äufstnasen, besonders morgens nflcbtorn, Vorliebe für Baure Spoiaen. 
Ekel vor jedem fleisch. Nur McblBpeiaeu werden obenan gern wie früber 
gegesaen. 

No. 3. Gobel. I.-Gravido. 8. Woche, mit normaler Chlorhydrie und 
normaler GesamtaziditiLt. Untersucht 4. 1. 08. Seit August 1902 zeitweise 
saures Aiifatnasen und Appttitmangel. Seit 8 Wochen Verselilimmerung beider 
Beiohwerden und ausserdem auch geBcbmackloseB Aufatoiaen. Im DuKember 
mehnnala 2 Stunden nach dem Eaaen Erbrechen der genossenen Speisen, All- 
gemeinea Schwäch ogefuhl und Gefühl von Leere im Magen, besonderB nacht« 
und morgens nüchtern. 

3. Obert, VTI.-Gravida, 3. Monat. Metritis und Endometritis prao- 
cipue cervicia. Normale Chlurhydrie und normale Oeaamtazidität. Oft Übelkeit 
nach dem Eaaen. Schlechter Appetit, Schwächegefüh! und Gefühl von Lfere 
und Druck in der Magengogend, sicli bessernd nach Auftreten geschroackloaen 
AufatosBens. Fühlt sich morgens nüchtern am wohlsten. 

4. 18. 3, 03. I,-Gravida. 6, Woche. Achlorhydrie bei abwlnt belang- 

6. I,-Gravi(ia, Borlinghof, 5, Woche, Normale Chlorbjdrie und 
normale Gesamtazidität, Appetit seit 5 Wochen sehr schlecht. Nach allen 



Mahlzeiten Übelkeit und manchmal Brechreiz. Seit 3 Wochen gesth mackloses 
Äufetiissen '/, Stunde nairh dem Eaaen; bei leerem Magen unangenohmea Gefiihl 
von E rennen atid Lcore in der Mageiigegenil, beaoDdera morgeiia im Uelt. 
Seit 3 "Wochen kann rio kein Fleisch, keine Warst and Milch und keinti EitT 
PBHcn, ros|). riechen. Nor Mehlspeisen und Tee ÜL-bt aie. 

6. Tootter. Anämiache II. -Gravida. 6. Woche, mit Parametritis poaterinr 
niid sehr niitderon SänrowcrUn. In deu beiden ersten Schwan gorschafti^n und 
auch in der Jetzigen bia vor 5 Tugen absolut keine Magenbeschwerden; nur 
Mfidigkeit tind blitasa Geaichta färbe. Sfit 5 Tt^en ununterbrochen Magendrücken 
und gcaclimiickloscs Aufstosecn nach dem Bssi'n. Aaf die erstn Aoehrbernnff 
akute lieaserung. Nach der 2. Magen Untersuchung am nücliaten Tage, bei der 
wiederum sehr viel Schleim entleert wurde, villi ige a Verschwinden aller ß<v 
achwerden. Hier handelt oti aich mit Wahrscheinlichkeit am uknto DjBjiepsin. 

7. IX.nGmvidn. i. Monat. Ber»ol, Neigung aur Hypochlcirhjdrie. 
Snbaziditilt. Ohne olle MagenayinptomP. In mehreren der früheren Schwanger- 
schaften (Gravida weiss nicht mehr, in welchen), Übelkeit, Brechreiz, Schwindel, 
und 8l«t9 mehrmaligfifl Erbrechen direkt vor di'r Gehurt, wenn die Wehen »n- 
üngen. Die Gravida konnte nie im Leben Fleiiwh essen. 

a. VII.-Gravida. 2. Monat. WinnewisBcr. Neigung zu Hypochlor- 
bydrie, SubozidiUit. Absolut keine Magenbeschwerden. In jeder der 6 Schwanger- 
»ciiaften wilhrend der ersten Hälfte viel Erbrechen, bosondfrs nüchtern, und vnr 
der (iebnrt, wenn die Wehen anfingen. Konnte nur Milch nnd Mehlapeiaen 
während dieser Zeit geaiosaen; hatte Ebo! vnr Fleisch, besonders vor Wurst, 
nnd Ekel vor sauren Speisen, besonders vor Kartoffelsalat. 

9. Fall Meorer findet spftter bei der Besprechung der Hyperoraesis Er- 
ledigung. 

10. Ill.-Gravida. 6. Woche. Renner Mit starker Empfindlieh- 
keit des Lig. sttcro-uterinum dextrom. Neurasthenika im Zustand der Anftmie 
und Unterernährung. Exquisiter Vomitus graviditutis. TTnklarer Fall. In der 
inneren Klinik „Verdacht auf dironisclies Ulcns ventriculi (umschriebener Dnirk- 
pankt, typische SchmerzaniiLlle), doch spielt dabei das nervöse Moment eine 
grosse Rolle". Aber Hypochlorhydrie und Suboüiditftt, Seit 3 Jahren hllolig 
nnabhängij^ vom Bsseii Scbm erzen von meist brennendem oder dampfem 
Charakter, die vom Magen ans über dua Brustbein und die Wirbelsäule und auch 
„nach unten vorne" bis zur Nabclgegend ausstrahlten, ^'or 2 nnd 3 Monaten 
wesentliche Besacrnng. In der Nneht fast nie Beschwerden. In den ernten 
3 Wochen der Schwangeraclinft fast keine, seit B Wochen neue Beschwerden, 
Obelkeit und tiiglich 1^4 Mal Erbrechen sowohl nach dem Essen, als auch be- 
sonders morgens nüchtern. Sehr schlechter Appetit; bitteres, nie saures Auf- 
stonscn. Grosse Vorliebe für saure und pikante Speisen, und besonders solche, 
die sie früher nie gegessen und nie gesehen hat, z. B. Fische. Süsse Speisen 
werden nicht mehr ^timiert. Schweinefleisch, das Gravida früher twbr gern 
nis, erzeugt sofort einen Tag lang anhaltenden Brechreiz und Ekel. .Seit 
mehreren Tagen Müdigkeit and Unlust zur Arbeit. Wßhrend des 6tägigen Aof- 
enthaUes in der Klinik und infolge der anf Rat der Internisten täglich morgens 
nüchtern aasgeliibrten Magenausspülungen tritt bis Kum Mittagessen voll- 
koDunene Beschwerdefreiheit auf, während nachmittags sich die Erscheionogeii, 



— 67 — 

wenn anch geringer, wipder einstellen. Ea erfalgt nur morpens heim Erwnobpn 
geringes schleimigeB Erbrei^en. Die weBentlicfae Besserung des Appetites and 
des Erbrachens erklärt sich Patientin damit, daas sie nicht mehr oellist zu kochen 
brancht, denn vor nllen zu HauBe zubereiteten und daselbst eingunommoiiDn 
Malilzeiten hatte sie stets fast unüberwindlichen Ekel. — In dieeom Falle war 
daa ganze Norvensystem und der Magen wahrscheinlicli dnrch ein altes Ulcns 
ventriculi in einem ReizziiBtand. Es mögen vielleicht früher H;i)erchlorhydrie 
and Snpcnwiditat vorbanden gewesen sein — jetzt in der Sehwangoraehnn nnd 
in dem Zustimde der Untorernälii ung bestanden subnormule Säarewerte. Der 
Fall zeigt, wie hei reizbnren Individuen die Magenerseheinungen in der 
GraviditHt in boaondora hohem Grade ausgeprägt sind. 

11, V. -Gravida. 6. Woche. Frau Ihrig. Mit normaler Chlorhydrie 
lind niimialcr GeaatHtaziditilt. Zu Anlang der früheren SchwangiTSchaft atelB 
Übelkeit mit zeitweiligem Erbrechen nüchtern. Seit 5 Wochen aanres Anf- 
atosaen nach jedem Essen, und wenn dasselbe ausblieb, Magendrücken, aber iior 
aiiminl nach dem Uenusa vnn Sauerkraut und Dürrfleianh, Speisen, die Patientin 
früher sehr gei'n nahm, heftiges Erbrechen. Seitdem Abneigung gegen Fleisch. 

13. I.-Gravida. Frau Jakob. Vor 3 Monaten in der Klinik ventrale 
Fixation und Dammplaatik mit gutem Erfolg. Erat seit 3 Wochen Magen- 
besehwerden, «chleohter Appetit, vermehrte Spciiihelabsondorang. aanres Anf. 
stnxscn, liesondera morgens naeh dem EaÜeo, welcher jetzt stets salzig schineckt. 
Nach dem Aufstosaen unter Würgen Sohloimabgang aua dem Magen. 

13. VI.-Gravida. Anämie. Seit tO Tagen 
Mage nl>each werd en . 

14. X.-flravida. Göbel. Retroflexio 
Emktation von Gasen und sehloiinig-wäaaricroi 



KreuKweh. 

Erhreclien. 



Blutung. Absnbit kei 



gravidi. Seit 5 Wochen 
Bigkeit, Bchli<c!iter Appetit, 



In allen Schwan gerschaflen im ersten Viert-ljahr Ohelkeit 



Auch aus dem 3. Luiiarmouat sind AiiJiiniieaeii von FrauPii mit 
und ohne Mafien ausheberung vorhanden. 

1. Hotz. Niirm. hohe Chlorhydrie und normale GeBamtazidität. Nnr 
einmal vor 4 Wochen Obelkeit und Brechreiz. Leidet seit langem an häufigem, 
gancem AnfatoBSon. Seit 6 Wochen morgens zwischen 4 und ß Uhr im Bett 
unangenehmes Gefühl von Leere im Magen. 

Sä. Hoizwart. Starke Hypo chlorhydrie. SuhaKiditat Normale Motilität. 
Gleich nach Anfhl^ren der Periode begann sanres, jetzt noch oft bestehendes 
Aufstoasen. Vor B Tagen einmal Herzwaaaar und vor dem Abendessen etwas 
achaomiges Erbrechen. Voraügücher Appetit. 

3. Ziegler. Normale geringe Chlorhydrii 
7 Stunden nach P.-M. noch reichlich Speisebrei in 
and fi rechreiz unahhilngig vom Essen. 

4, m.-Gravida. Hamann. SehrgeauiidausBeliendoPrau. Hj'pocblorltydrie. 
Normale Oesamtazidttät. Absolut keine Hage norscheiniin gen dieamat. Za Anfang 
der l. 8chwan(j;erachall srnweilon Übelkeit und Sodbrennen. In der ganunn 
2. Sohwangerschaft, besoaders aber lu Beginn derselben, häufig anures AufstosacD, 



ä. Neigung zu SubaaiditSt. 
1 Magen. Saurea Anfstossen 



Übelkeit und Erbrechen nach dem Essen und grosae Vorliebe für aaure Speisen, 
die sie anescriialb dieser 3, Schwangerschaft nie genieasen konnte. Fleisch und 
Mehlapeiaeu ebenso gern gegeaaen und ebenso gut vertragen, wie früher. 

6. IL- Gravida. Winter. Sehr gesund ausseliend. Starke Hj'poclilorhytlrie. 
Subazidität. In der ersten Schwangerschaft vflilige Unfahiglteit, Brot zu gp- 
iiioRsi'D ; aber grosse Vorliehe für saure Speisen. Jetzt in. der Gravidität kominl 
sio in dio Anil>iilan£ mit dei' dringenden Bitte um ein Mittel, dasa sie wiedi^r 
Brot essen könne ; denn jeder Bissen Brot bleibt ihr im Hals stecken. Der 
Appetit, besonders nach Fleisch, ist vorzüglich, viel besser als ausaerlialb der 
Schwangerschaft. 

6 Ries. Hypochtorhydrie. Sabazidität. Gesehiuacklosos Aufstossen un- 
abhängig vom Basen seit 9 Wochen, Manche Tage Brechreiz und dabei „Aus- 
spucken von etwas Magenaehleim" nach dem Essen. 

7. V.-Gravida. Hermann. Metrilis und Endometritis praecipuo cervicis 
und Pararoetritis posterior. Hypochlorhydrie, Neigung zu Suhazidilät. Bald nach 
Aufhören der Periode traten bei der ncnrasthonischeii Fran Asthma, Hüsteln, 
Herzkrämpfe auf Viel Obelkeit und viel Erbrechen morgens nüchtern, aber 
aiich nach juder MahlKeit. Oft geHchmBckioses Anfstossen ; lievorzugl Jetzt Milch- 
und Meldspeiaen, während sie saure and süsne Speisen, die nie früher gern nss, 
nicht mehr liebt. .Seit fast S Monaten komite sie Fleisch nicht melir essen. 
Schon in ledigem Zustand litt Patientin zeitweilig an Magenwoh und stets an 
Ohstiptition. Auch in den früheren l^chwangerachuften Übelkeit und manchmal 
Erbrechen. — Patientin wurde in die Klinik aufgenommen. Innerlialb 2i Stunden 
waren sämtliciie Beschwerden hei Diät ohne woiti-re Tlierapio verschwunden. 
Erlirceben atjillto sich nach dem Miiment der klinischen Aufnahme Qberhanpt 

8. T. -Gravida. Horder. Ohne MagenerschniniingBn. Am 12. 2. und 
14. S. 03. Prüfnng der sekretori sehen Tätigkeit, wniiei aebr viel wässerige ond 
schleimig-schaumige Flüssigkeit. Lackmus kaum rötend, mit schlecht verdauten 
Brölchenreateri erhalWn wird. Scheinbar grösstenteils verschluckter Speifhel. 
Aber Rhodankali nicht darin nachweiabar. Am 15, 2. Prüfling der Motilität. 
Magen 2'/, Stunden nach P.-F, voltkommen leer. 

10. Eudocha (spricht nur böhmisch). Seit 2 Monaten häuhge Qbelkeit 
und Erbrochen, besonders moi^ens nüchtern. 

11. Förster. Neigung zu Hypncblorhydrie. Subaniditiit. Aniimnese 
ganz belanglos. 

12. Pecker. Hämoglobingehalt = Tfln/^. Neigung zu Hypncblorhydrie. 
-S nhazidiliit Äppotitversehiechterung. 

Es folgen nun 5 Anamnesen von Gnavidae aus dem .S.Monat, 
hcii denen Jiua äusseren Griiiidon einn Magenuntfrsuolnnig nicht 
möglich wiir. 

B. VTI.-Gravida. In allen früheren Seh wangeracii alten zu Beginn Obelkeit 
□nd AufstosBon und manchmal Erbrechen. In dieser Schwangerschaft morgens 
nüchtern im Moment dos Anfatehons saures Aufstnssen, Herzwaascr und Übelkeit 
Vor dem Aufateheu unaugeutilimes Gefühl von Leere im Magen. 



b. Fran Altstüdter. Kräftige, Bchr gesand aussehende Frau. Nnr go- 
ringu OIiBtipatiun. Abaolat keine Mageneracheinucgen. 

c. FräiiioiiL Caascl, Brechreiz faat deri ganaon Tag, besonders bei 
leerem Magen nnd morgens im Bett Vorhebe für sanre Sachen und Melil- 
spoisen. Fleisch und süsse Speisen werden nicht mehr gegenscii. 

d. Frau Bies. X.-Gravida. 12. Woche. In jeder der 9 Schwanger- 
Schäften Magenbeschwerden^ Aufstosseu, Ühelbeit und Erbrechen. Diesmal in 
den ersten Wochen den gaiiien Tag über, beaonderB morgens nüchtern, auflullond 
viel Wasser im Mund. Goschmacklo aea Anfstosacn morgens beim Aufstehen. 
Zeitweise nach dem Enaen and sonst Druck in der Magengegend. 

e. XI.-Gravida. In den 9 eraten Schwangerachaftan gar keine Magen- 
ersoheinungen. In der 10. Anfetoaaen, Übelkeit and Sohwächegefilh!. Jat/f 
seit 6 Wochoii bitteres Aufstoasen nach allen and besonders den schweren 
Speiaen. Schwäche nnd Übelkeit zn ganz unregclmäsaiger Zeit. 

Ira 4. Monat der Schwaiigerschiift liegeu 4 MageimuterBucliiirigoii 
mit Aiiainuesen und 3 Aiiainnesen allein vor. 

1. Frau Hotz, Sehr gosnod aussehende IX.-Gravida mit Hypercbhirhydrie 
und normal hoher Gesnmtazidität. Seit 5 Woclien mit kurzen Unterbrechungen 
Blutahgang aus'dem Uterus. Bis vor 6 Wochen bald iiucli dem Essen und 
abends im Bett vor dem Seblafengehen Herzwasser und Pyroais. Seit 5 Woclien 
keine Uagenerscheinnngcii mehr, aber in den früheren Schwangersabaften zu 
Beginn sUita aanres Aufstosaen mid Üliolkeit. In letzter Zeit ScIiwächeget'üJil. 

S. I.-Gravida. Frau Eck. Hat sich niclit schwanger gefühlt. Hypo- 
chlorhydrie und Snbazidität. Als Mädchen mit 16 Jahren starke Bleichsucht, mit 
IB Jahren wegen Magengeschwür (schwonter Stuhlgang, Schwäche, sulir blasse 
I^bii) ärztlich behandelt. Seit Ausbleiben der Periode Übelkeit, Brechreiz 
morgens nttohtern, besonders heim Kochen, geschmackloses AofstoBseii mich 
jedem Essen und Trinken nnd schlechter Appetit. Mehr Speichel im Mund. 
Kein perverser Geschmack. 

8. Nonnenmacher. Neigung zu Hypochlorhydrie. Subaniditäl, In 
der 2. bis 6. Woche nach Ausbleiben der Periode morgens nüchtern und nach 
dem Morgenkaffee Übelkeit und Erbrechen von virftssrig schleimigen Massen, 
resp. von diesen mit Kaß'eo vermischL Keine sUrkere Speichtilabsonderuiig be- 
merkt. Wälirend der gleichen Wochen Herzwasser den Vormittag über. Nnr 
einmal, vor etwa 2 Monaten, nach dem Abondesaen Erbrechen der genossenen 
Speisen. Seit vielen Wochen Kopfweh und Mattigkeit Seit 8 Tagen frei von 
allen Uagenerauheinungen. 

4. Wi 1 1 m an n, Ill.-Ciravida. Anämisch. Seit 7 Woclieii gcrinKer 
Blutabgang. In den früheren Schwangerschaften uie Magenbeschwerden. Jetzt 
morgens nach dem Aufstehen eine halbe Stunde lang wäsarig-schieimig-grün- 
lichea Erbrechen unter Räuspern. Nach dem Morgenkaffee Wolilbefindon. 
Nüchtern mehr Speichel und häufiges Ausspeien aach tagsüber. Stundenweise 
Ekel vor allen Speisen, Übelkeit, Schwäche, SohweiaBaiiabrüche ; dann wieder 
vorzüglicher Appetit, nur unveränderte Abneigung gegen Fleisch. 




- 70 — 

s. VIII.- Gravida, KreulKer. Vor 5 Tagen von anderer Seite angebücli 
KepuBilion der in falscher Lage aaf dem Mastdarm liegenden Oebärmutter. Trägt 
FeBsnr tisch Hodge, Zu Anfang jodur Schwange rBChaft DheUieit und ganz 
Irookner Mund. Seit mehreren Wochen Sodbrennen und Magendrücken nach 
dem GenUBS Murer oder EÜsaer Speisen. Zuweilen leichter Brechreiz, Schwindel 
und eingenommener Kopf. ObBtipation und KrciizHchitierzeQ stets auch auHsur- 
lialb der Schwangerschaft. Seit etwa 3 Monaten lästige Trockenheit im Uund. 
Seit der Reposition dos Uterus keine Veränderungen in den Magen erscheinnngen 
bemerkt. 

b. Frau Scheid. Periode seit der letzten Schwangerschaft reap. der 
stotlgehabten Geburt nicht mehr eingetreten. Sehr guter Appetit, Seit einem 
Vierteljahr morgens nüchtern stets Entleerungen von schleimig- schaumiger 
Flüssigkeit ans dem Mund ; diese hörten nach Ausspülen des Mundes mit kaltem 
Wasser vor wenigen Tagen auf. Oft geschmacklose e Aufstossen. 

c. Schweizer. Seit 6 Wochen, zuweilen nacli der Mahlzeit, besonders 
ahiir ahcnds Erbrochen und geschmackloses Aufstossen, 

Anamnesen aus dem 5, und 6. Monat der Schwangerschaft : 

1. HI, -Gravida. Zimmermann. Starke Hjpiichlorhjdrie. Subazidität. 
Hjisterische Stigmata und nach der Aueheberung typisch hysterischer Anfall. 
Ausbleibeo der Periode aett der letzten Schwangerschaft bis .jetzt im 5, Monat 
dieser nenen Gravidität. Seit vielen Wochen jeden Morgen nüchtern Gefühl 
von Schwäche und Leere in der Magengegend, Übelkeit, Erbrechen von wässrigem 
Schleim oder Galle im Moment des Erhebens deü Kopfs noch im fielt. Saures 
AufstoBsen nach dem Oenuss aller Speisen. Appetitmsngel. In der jetzigen 
Gravidität werden saure Speisen gar nicht vertragen, im Gegensatz zu den 2 
früheren Schwangerschaften, in welchen in den ersten 4 Mi,'liaten grusae Vor- 
liebe für saure Speisen bestand. Daneben Äppetilmangel, Übelkeit besonders 
beim Kochen, Heriwasaer und Erbrechen, 

2, 32jährige III.-Gravida. Schneider. Hypoclü urhydrie bei normklor 
Gesamtazidität. Nüchtern und abends oft Übelkeit, Vorliebe für saure Speisea. 
Fleisch und Mehlspeisen werden in der Schwangerschaft gern gegessen, aber 
nicht gut vertragen, Abends oft Kopfweh und Schwindel. 

B. V.-Gravida. Rohherger. Neurasthenie, Starke Hypoehlorhydriu 
und Suhazidität. Normale Motilität. Leidet seit 2 Jahren manche Tage an 
Brechreiz und Appetitmangel. In der Schwangerschafl, keine ErscheinungeD. 

4. IX.-Gravida. Federolf 6, Monat. Blutet seit 4 Wochen fast 
ununterbrochen. Morgens nüchtern Ausschütten von Sehleim in der ersten 
Hilfte jeder Schwangerschaft, auch in dieser. Sonst Anamnet^e belanglos. 

Zu diesen faulen, in deren Melirzuhl wir die subiektiven Magen- 
eracheinungen mit dem objektiven Beftmd vergleichen konnten, kommen 
noch die Ananuieseii von 46 Hchwangeren der letzten 3 Lunarmonate. 
bei denen eine Mugenuntersuchuiig nicht erfolgte, hinzu. Es würde zu 
weit führen, wollte ich dieselben alle mitteilen. Die Resultate, denen 
ich zum Teil die von F. A, Kehrer erhaltenen gegeniiberstellej aind 
folgende : 



— 71 — 

Bei 46 Anstalteschwangereti ergab sich: 4 mal eine Steigerung 
dus Hungergefühls und zwar 2 mal im 1. oder ], und 2. Monat, uiid 
2 mal vom S.Monat bis zu Eude. — 4 mal eine Steigerung des Durst>- 
gefühla und zwai' 1 mal in der ganzen Scliwangaraobaft und 3 mal vom 
I. bis 4. Monat an bis za Ende. 

14 mal wird Verschlechterung des Appetits angegeben, darunter 
I 4mal in der ganzen Schwan gerechaft von Anfang an, 6 mal seit dem 
I Ausbleiben der ersten Periode, 4mal nur im 2. und 3. Monat, Eigentliche 
iDyspepsie beobachtete F. Ä. Kehrer in 30<>Jq seiner Fälle. 

Eigentümliche Gelüste haben nach F. A. Kehrer bb% der 
[Schwangeren. 11 mal bestand in meinen Fällen Vorliebe füi- same 
[■Speisen, darunter 8mal nach Ausbleiben der ersten Periode einsetzend, 
PSmal gleich nach der Konzeption beginnend; 2 mal Abneigung gegen 
r. saure Speisen. P. A. Kehrer gibt an, daas die Schwangeren in 
ISJjÖ";« saure Speisen, in 27,3'*/o Saures und Obst, in 21,8"/o bloss Obst 
I verlangten. 

Bei unsem 46 Schwangeren ergab sich ISmal Voriiebe, 2mal 

Ekel gegenüber süssen Speisen. Nach Süssem gelüstete es demnach in 

2t) "/u — gegenüber 5,4 "/o der Statistik meines Vaters. 8 mal zeigte 

sich Vorliebe für salzige imd stark gewürzte Speisen und F. A. Kehrer 

^ibt an, dass in 3,6 "/o Verlangen nach dem Gienuss von Heringen 

f bestand. 

Widerwillen gegen Fleisch fand F. A. Kehrer in IWja. gegen 
iKaffee und Bier in 30"/oi g^ge" Mehlspeisen in 25 "/o, gegen Gemüse 
lin 15 "jo- gegen KartofTeln und Milch in lO^/o und gegen Käse in 
Lfi "ja. In unseren Fällen bestand 26 mal Abneigung oder Ekel gegen 
P Fleisch; l mal wurde Fleisch bis zum 8. Monat sehr gern gegessen, 
[ Ton da rief es Ekel hervor. Nur 2 mal wurde Fleisch n(it besonderer 
I Vorliebe in der Schwangerschaft genommen. Je 6mal zeigte sich Vor- 
f liebe und Abneigung gegen Mehlspeisp.ii, i mal Abneigung gegen robe, 
[ .6 mal gegen gekochte Milch, und 18 mal Vorliebe für rohe und kalte 
I nnd 12 mal für gekochte Milch. Je 2 mal wird Vorliebe und Ab- 
I neiguug gegenüber Gemüse erwähnt: darunter 2mal in den ersten Monaten 
\ Ekel, in der 2. Hälfte Vorliebe. 8 mal Vorliebe für Wein und 6 mal 
1 für Bier. 4nial Abneigung gegen Bier. .'. Rosthorn ') beoba«htete 
eine (Gravida, die täghch mehrere Liter AVein trank, sich aber ohne 
allzu grosse Mühe davon abbringen liess. 

Niu- eine III. Gravida gab mir zu, dass sie gepulverte Ki-eide 



') i". V. WinckelB Handbuch der öobortshilfe, Brater Band, I. Hälfte, ji, G 



- 72 - 

zuweilen in den ersten 3 Monaten der Schwangerschaft zu sieh genommen 
habe. Eine VerUtulenang in der Neigung oder Abneigung gegenüber 
den üblichen Nahrunga- und Genussmitteln haben 12 Schwangere 
absolut negiert 

Von Parästhesien des Magens haben nur sehr wenige von den 
46 Schwangeren Angaben machen können. Eine klagte über Gefühl 
von Spannen, eine andere über G«fühl von Nagen im Epigastrium, 
eine liatte Zusammenschnüren im 3. Monat, eine zeitweise Drücken 
und Brennen, je eine ein unangenehmes Gefühl von Leere und Nagen 
in nüchternem Zustande und auch nachts, eine andere ein Gefühl von 
Völle im gesättigten Zustand. 

Sodbrennen wui'de 7nial ^ in 15,2''jo der Fälle angegeben, 
und zwar 2 mal nacli dem Essen, 2 mal vor dem Frühstück wälirend 
des grössten Teils der SchwangerBchaft, 2 mal unabhängig vom Essen 
im 7. und 8. Monat. F. A, Kehrers Angaben differieren von diesen 
wesentlich; er fand Sodbrennen bei 65 "/o der Schwangeren und ge- 
wöhnlich in der späteren Zeit der Gravidität Es scheint, dass die 
Ernährung, der Geiiuss von Mehlspeisen und dergl. diese Zahlen 
verschiebt 

Über Herzwasser, worunter wir das Eegurgitieren von Magen- 
saft, der aber nicht nach aussen entleert wird, sondern wieder in den 
Magen zurückgeht, verstehen, finde ich nur 4 Angaben. 3 mal bestand 
es unabhängig vom Essen, Imal bald uacli dem Abendessen. Das 
Hoclikommen und Entleeren von saiu'em Magensaft geschalt in 2 Fällen 
und zwar 1 mal im 6. und 7. Monat gleich nach dem Essen. Re- 
gurgitieren von Speisebrei erfolgte in 5 Fällen; es begann 2 mal gleich 
nach der Konzeption und dauerte stets bis zum 4. und 6. Monat 

Erbrechen erfolgte 16mal, teils mit, teils ohne [TbelkeiL 6 mal 
bestund Übelkeit allein. In 2 Fällen war iHbelkeit und Kopfweh läat 
jeden Morgen bis. zum 2. Frühstück vom 2. Monat ab vorhanden. In 
4 Fällen bestand XJbelkeit und Schwindelgefühl, darunter in 2 Fällen 
auch Erbrechen in den ersten Tagen, in denen die Kindsbowegungon 
gefühlt wui-den. In 4 Fällen ei-folgte in den ersten 3 Monaten 
morgens nüchtern Erbrechen schleimiger Flüssigkeit, bald mit, bald 
ohne Übelkeit 2 Schwangere sagton, es ist eine »Ai-t Erbrechen ohne 
Übelkeit und es ist immer nm- Schleim«, In 2 Fällen erfolgte Übel- 
keit und Erbrechen in den ersten 3 Monaten fast stets nach dem Essen. 
2 Schwangere hatten Erbrechen vom Tag der Konzeption an 6 Wochen 
lang jeden Morgen nach dem Kaffee und häufig auch nach Mittag- 
und Abendessen. 



- 73 — 

In 2 Fällen setzte sogleich nach Ausbleiben der Periode den 
ganzen Tag über luilialteiide Übelkeit und Breclireiz ein und es erfolgte 
Erbrechen beim Anblick jeder Speise, und besondere beim Geruch der 
Küche. Im 3. Monat verloren sich diese Erscheinungen. In 2 Fällen 
erfolgte Übelkeit beim Geruch gebratenen Fleisches in der Küche. 
28 Schwangere litten niemals an Übelkeit oder Erbrechen, bei 
4 von diesen bestanden in der ganzen Gravidität nicht die geringsten 
Mageiiersclieinungen, auch keine Gelüste, Eine Verminderung des 
Speichels gub eine, eine Vermehmng desselben gaben 5 Schwangere 
ai3; sie wurde stets in nüchternem Zustande bemerkt 

Obstipation bestand 1 1 mal = in 23,9 der Fälle gegenüber 28 ^jo 
der Statistik F. A. Kehrers. VorübergeheTide Dui-chfälle wurden in 
30 Fällen iingegßben. Zuweilen wechseln in der Schwaugerschatt 
Diarrhoe und Obstipation ab und ei-stere entsteht vielleicht wie auch 
bei Nei"vösen, durch den Reiz kalter, gewürzter, fetter Speisen oder 
kohlensäurehaltiger Getränke. 

In einer anderen Tabelle stellte ich die Magenbeschwerden von 41 
Gravidae (mit 54 Schwangerschaften), deren Sekretions Verhältnisse in den 
Tabellen II und III angegeben sind, zusammen. Es l>estand 29 mal 
tlbelkeit resp. Brechreiz, 22 mal Erbrechen, 24mal Vorliehe für sauro 
Speisen. 6 mal ausgesprochene Vorliebe für Mehlspeisen, 'S ma! Ekel vor 
Mehlspeisen, 15 mal ansges^irochene Abneigung gegen Fleisch, Smal gegen 
Milch, 3 mal gegen saure Speisen, je einmal Ekel vor Wein und Bier 
und vor süssen Speisen, auch einmal vor allen Speisen. Der Appetit 
lag 3 mal ganz darnieder, in vielen Fällen war er zeitweise schlecht. 
Das Äu&tossen wai' II mal sauer, 4 mal geschmacklos, je 4 mal bestand 
Herzwasser und Sodbrennen, 2 mal üble Sensation in der Magongegend. 
Der Speichel wai' nach Angabe der Schwangeren 8 mal vermehrt mid 
Imal vermindert. 

Was folgt nun aus der Analyse der subjektiven Magen- 
icheinungen während der Schwangerschaft und was aus 
einer vergleichenden Betrachtung der objektiven Befunde 
mit ihnen? Es gilt leider von allen Magensymptomen, dass kein 
von ihnen an sich für eine bestimmte Magenkrankheit oder 
Sekretionsanomalie pathognomonisch ist. Und speziell in der Schwanger- 
schaft, linden wir die Alterationen der spezifischen Sensibilität dos 
ein vermehrtes Hungergefühl, Appetitsteigening imd Äppetit- 
mangel und Gelüste, Gefühl von Vollsein und Leere, Übelkeit, Ekel 
und Erbrechen u.s, w, in der verschiedensten Weise kombiniert. Stiller 
hat diese subjektiven Empfindungen unter die vou ihm auf- 



— 74 — 

gestellten Gruppen der Anorexie. Hj-perorexie. und Parorexie oder der 
Anäathesie, Hj'perästhesie und Paiüsthesie der Hungemerven zusanuneii- 
geiksst Unter Anorexie versteht er „die ganze Skala einer allmählichen 
Veiininderung bis zur Aufhebung des Hungergefühls- Appetits"', welche 
durch vorübergehende und geringfügige fiinktionelle Störungen der 
Nervenzentra, ja sogai- nur durcli bedeutende Inanspruchnahme der 
zentralen Funktionen sieb abwickelt. Hunger, Aufliebung des Hunger- 
gefühls, d. b. Gefühl von Sattsein und Völle, und olrenan Übelkeit 
bilden die eine, Appetit, Aufhebung des Appetits, d. h, Unlust zum 
Essen uJid obenan Ekel bilden die andere anorektische Skala, die 
zahlreiche Zwischenstufen aufweist. 

Warum ist nun Appetitmangel und Ekel gegen gewisse Speisen. 
z. B. gegen Fleisch, vorhanden? Wir müssen mit Stiller in dieser 
elektiven Art der Anorexie wohl einen auf den Schutz des Organismus 
gerichteten Instinkt und logischerweise in der Abneigung gegen Fleisch 
einen Nachteil dieser Nahrung für den Magen annehmen. Die 
Anorexie soll nach Stiller in solchen Fällen auf eine fakultative Störung 
der Verdauuugsfimktiou, wahrscheinlich der Absonderungsdrüsen selbst 
infolge der psychischen Emotion hindeuten; „eine solche wählerische 
Anorexie." — sagt Stiller — .,weist darauf bin. dass gewisse Ver- 
dauungssätle in diesem Zustand nicht in normaler Weise wirken werden, 
während von den anderen die Eriüllung ihrer Funktion zu erwarten 
steht. Die Toleranz für pikante und gewürzte Speisen in solchen 
Fällen, euie Toleranz, die oft so weit geht, dasa man ein Stück 
geräucheiies FleiscJi eher als einen Bissen des leichtesten Bi'atens nimmt 
imd verdaut, scheint auch dafür zu sprechen, dass es sich um fakid- 
tative Störungen der Sekretion bandehi muss: die gewürzte reizende 
Speise wird von dem Instinkt akzeptiert weil ihr Reiz die venuinderte 
odei' qualitativ geschwächte Sekretion zu korrigieren verspricht" Daraus 
folgt dass die psychische Anorexie hi ihren verschiedenen Formen auf 
funktioneller Störung der sensitiven und sekretorischen Nerven zugleich 
beruhen dürfte. Für diese Deduktionen könnten meine Mugenunter- 
suchungen mit dem Resultat einer in der Regel gerin ggi-adig, zuweilen 
stärker verminderten Salzsäuremenge eine Stütze lietem. 

Auch diejenigen Störungen der spezifischen Sensibilität des Magens, 
die Stiller als Hyperorexie bezeichnet konunen in der Schwangerschaft, 
wenn auch selten, vor, sind alier auch sonst nicht so häufig, wie die 
anorektiscben Zustände. Die Steigerung des Hungergefühls, die wU: 
auch als „Wolfshunger"- bezeichnen, haben wir mehi-eremale aiiamnestisdi 
erMiren. Wird der Nahrungsdrang nicht befriedigt z. B. des Nachts, 



- 75 — 

so tritt das Gefülil von Leere, von Nagen im Magen auf, also Empfin- 
dungen, die wir mit Stiller als qualitative Abweichungen der spezi. 
fischen Magensensibüität, als Paroraxie bezeichnen, welche aber nicht 
allein bei höheren Graden der Hyperorexie, sondern auch unabhängig von 
ihr auftreten können. 

Diese qualitativen Abweichungen des Appetits, die Appotitpar- 
ästhesien, welche durch das pathologische Verlangen nach ausser- 
gewöhnlichen Speisen, nach Reizmitteln oder gar imverdauhchen Stoffen 
ausgezeichnet sind, kommen in der Schwangerschaft besonders häufig 
vor und werden vul^ als Gelüste bezeichnet Sie bieten ein gai' 
vielgestaltiges Bild. 

Die altindi sehen Arzte mid der Talmud her teilten von den 
Gielüsten Schwangerer, und auch bei den Naturvölkern: den Indianern 
am Orinoko, den Negern in den Nilländeni, kommen sie vor. Auch 
Hippokratesi) hat sie gekannt und meint, sie entständen dadui^ch, 
dass das Blut der Schwangeren vom Fötus angezogen werde und so 
eine Vermindenmg erfahi-e. Nach Galen rühren die Gelüste der 
Schwangeren von fehlerhaften Säften an der Cardia und kommen auch 
hei nicht menstruierten Frauen und bei Melancholikern vor. Sie 
beginnen nach Galen erst 40 Tage nach der Konzeption sich eiir^u- 
stellen. Rodrico a Castro vergleiclit die Schwangeren, die nach 
ihm nur im 2. Monat Gelüste bekommen, mit Elstern, weil sie gleich 
diesen nach sonderbai-en Dingen Verlangen hätten, wie nach rohem Fleisch. 
Erde. Kohlen, Salz, Ziegeln, Ki-eide, Kalk, herben und bitteren Friichten, 
nach Scherben, Fellen, Werg, Schiffspech u. s. w. Der phantasievolle 
Kenner der Schwangeren- Gelüste gibt weiter an, dass eine Frau 20 
Pfiuid Pieff'er in der SchwangerscJiaft zu sich genommen habe, dass 
andere Erde h-aaseii, dass manche einen jungen Mann in den Hals 
beissen wollten, eine andere in den Arm eines Müllers gebissen und 
demselben dafür eine Entschädigung gegeben habe. Auch v. Rosthorn 
erwähnt eineEi-zählungCaapers, nach der eijie Schwangere den unwider- 
stehlichen Drang verspürte, in den raten Arm eines Metzgers zu beissen, 
und eine Mitteilung Hohls, nach der eine Frau nicht anders konnte, 
als die eben gekauften Eier ihrem Manji ins Gesicht zu werfen. So 
soltsani diese Erzälilungen klingen: sie zeigen, dass die Psyche in der 
Schwangerschaft häufig verändert ist, und dass Parästhesien der Nerven 
und vor allem der Geschinacksnerveii recht häufig sind. Ekel 
1 Genuss mancher Speise, ja oft schon beim blossen Anblick oder l)CLni 



') De morbis mulierlB 34. 




l 



— 76 — 

Denken an dieselbe wird häufig angegeben. Der Geruch der Küche 
wird nicht mehr vertragen und erzeugt Ubeikeit, ja Erbrechen. Der 
Morgenkuü'ee oder alle Speisen haben einen subjektiven Geschmack, 
z. B. wie bei einer der im 3. Monat untersuchten schwangeren Frauen, 
Nach Speisen, die fi-ülier verschmäht wurden, hat die Schwangere oft 
unstillbares Verlangen; Speisen, die sie liebte, werden verabscheut; 
oder Nahrungsmittel, die sie gern zu sich nahm, kann sie nicht mehr 
schlucken: so konnte Frau Winter (Gravida S.Monat) kein Brot mehr 
hinunterbringen. Speisen, die die Gravida nui- einigemale im Leben 
gesehen hatte, trachtet sie nun, wenn irgend möglich, zu erlangen, 
Diese wechselnden Wünsche erinneni an die Wünsche mancher Hyste- 
rischen. Aber doch lassen sich aus diesen oft im Widerspruch mit 
einander stehenden Parä,sthesien zwei wichtigere Gruppen herausschälen: 
das Verlangen Tiach sauren oder im MEigen in Säurehddung über- 
gehenden Speisen uiul der .\ppetit nach solchen Stööen, welche alkalisch 
sind, Natron, Erde, Kalk, Kreide, Ton und Asche. In sehr vielen 
unserer Fälle von Hyperchlorhydrie und Subazidität suchte die Schwangere. 
einem zweckmässigen Instinkte folgend, die fehlende Säure durch eine 
dementspreuhende Nahnuig zu ersetzen : Gurken, Kartoffelsalat und 
tuidere Salatarten, saure Bolmeu, saure Nieren, Hennge u. s. w. werden 
mit Vorliebe genossen. Das ist ganz wie bei den Gelüsten der sub- 
aziden Chlorotischen. Und wenn auch lange nicht in jedem Fall von 
Hypochlorhydrie und Subazidität das Verlangen nach sauren Speisen 
geäussert wurde, so können wir doch bei denjenigen Schwangeren, 
welchen nach 'ihnen gelüstet, schon mit grosser Wahrscheinlichkeit die 
Diagnose auf eine herabgesetzte Säuresekretion stellen und haben damit 
einen Wink für unser therapeutisches Handeln erhalten. Bei dieser 
Gesetzmässigkeit zwischen niederen Säiu«werten und dein Verlangen 
nach sam'en Speisen müssen wir eine solche auch bei dem Verlangen 
nach alkalischen Stoffen im Sinne der Superazidität envailen; während 
aber ersteres auf Grund unserer ünterauchungen zu beweisen ist, kann 
letzteres nach unserm Material nui' eine Vermutung bleiben. Daas 
aber nicht immer ein Instinkt, dem eine physiologische Berechtigung 
zukommt, bei den Gelüsten des schwaaigeren Weibes zu erkennen ist, 
zeigt das Verlangen nacli ekelhaften luid unverdaulichen Speisen aus 
dem Mineral-, PHanzeu- und Tierreich. Hierher gehört vor allem die 
Geophagie. 

Gehen wir von der Gruppe der Veränderungen des Hnngei-geftihls, 
wo wir die Anore-xie, Hyperorexie und Parorexie Stillers besprochen 
haben, zu den in der Gravidität etwas selteneren Störungen der Magen- 



8K^ 



i 




— 77 — 

Sensibilität über. Eine SteigeniTig derselben, die Hj'perSsthesie des 
Mageus, kommt zwar in der noiinalen Schwangerschaft, gleich wie bei 
oeiiraatheiiisch-hysterischen Individuen ohne Ursache vor, wird aber 
am häufigsten als Folge der Ei-schiittening des Magens beim Brechakt 
beobaehtet Daini ist in der Eegel subjektiv und palpatorisch nach- 
weisbare Schmerzhaftigkeit im Epigaatrium vorhanden. Auch die 
Parästhesien, welche bei geiüllteni oder leerem Magen eintreten, sind 
in der Schwaiigerechaft nicht allzu häufig und finden sich viel öfter 
als Sjtoptome der Mageinieuroseii bei gynäkologischen Erkrankungen, 
Diese subjektiven abnormen Magensensationen sind Grefiibl von Bronnen 
oder von Säure im Magen, von Di-ücken, Schneiden, Spannen, \'öUe, 
Leere, Nagen und Zusammenschnüren. 

ITnterden Störungen der Motilität kommt in der Sehwangerachaft 
eine Erscheinung vor, die wir als Vomitus matutinus zu bezeichnen 
pflegen, die aber meiner Überzeugung nach in vielen Fällen mit eijieni 
Erbrechen eigentlich nichts zu tun liat. Denn der Brechakt setzt 
einen refiektorischen Verschluss des Pylorus, eine (Jffnung der fJardia, 
und vor allem eine kräftige Aktion der den Magen komprimierenden 
Banchpresse voraus und geht in der Regel nnt Brechreiz und Magen- 
drückon als konkomitierenden und prodromalen Eracheinmigen einher. 
Wenn wir aber bei Schwangeren morgens Iwobacht^n, wie gleich nach 
dem Aufetehen mit einer zuweihm fast bewundernswerten Leichtigkeit oft 
ohne jedes (ief tihl von llbelkeit die Entleerung schleimiger Flüssigkeit 
erfolgt, so können wir in vielen Fällen diesen Akt eigentlicli nicht als 
Erbrechen, sondern nur als eine Regm'gitation, oder besser als eine 
„Art Regurgitation" bezeichnen, denn unter Regurgitjition verstehen 
wir ein ohne Brechreiz erfolgetidtw Aufstossen von flüssigem, weichem 
oder festem Speisebrei. Hier in der Schwangerschaft aber weiilen 
morgens nüchtern keine Bestandteile des Chymus. keine abnormen Zer- 
sotzungsprodukte von die Nacht über liegen gebliebenen Speisen, wclelio 
die Magenwände zur Antii^ristaltik anregen, erbi-ochen, sondern es wird 
— wie ich in einem Dutxeiid Fälle durch Ausheberung fand — im 
Laufe der Nacht abgesonderter Magensaft entleert, der vorwiegend aus 
Schleim und wässriger, ziemlich klarer Flüssigkeit besteht von meist 
leicht saurer Reaktion, und welcher vermischt und vordüinit sein düi*fte 
dui-ch das versdduckto Sekret dor Bpeieheldrüsen. 

Inwieweit eine HypersekretJon der (Ösophagusschleimhaut vorkommt, 
ist eine oftene. kaum zu entscheidende Frage. Ein reines osophageales 
Erbrechen, bei welchem nur das Sekret der Speiseröhre und des Rachens 
in Form wässrigschleimiger Flüssigkeit entleert wird, liegt jedenfalls nicht 



vnr; das zeigt die Eiiifiüirurig des Schlancha in den Magen uml die meist 
leicht aaui'e Reaktion der wässrig-hellen, ach leim igen Flüssigkeit Doch 
ist zuweilen auch ein beti'ächtliches HCl-Minus vorhanden. 

Die eigentliche Regurgitation, das Hoclikomnien flüssiger oder 
festei-er Speisen, kommt jedoch auch in der Schwan gerschait znr Beob- 
achtung, oh in gewisser Beziehung zu ihr scheint mir fraglich. Mau 
findet BS bei Neurosen des Magens und wahrscheinlich stets als Folge 
einer Paj-ese der Mageneingangsmuakulatur; es tritt aber auch, wie fast 
jeder einmal an sich aeJbst erfahren hat, beim überladenen Magen 
(jesunder oder bei dem mit Reinigen der Zähne verbundenen RUnspeni 
nach dem Morgenbafiee in die Erscheinung. 

Die der Regui^itatioi i hiaofem ähnlichen Symptome, als sie 
gleichwie jene im wesenÜichrn auf einer Parese der Cardiamuakulatur 
hemhen : das Aufetossen von Gasen, die Eruktation und die Rumi- 
imtion, (1. h. wiederholtes Kauen und Verschlucken dts bald nach dem 
Bsse.ii gewohnheitsgemäss regurgiorton Chymus — ein Vorgang, dei' 
neben Erschlaffung der Cardia noch den willkürlichen Kauakt voraus- 
setüt — hal)en mit der Schwangerschaft an sich nur selten zu tun. 
DsÄ Widerkauen habe ich nie beobachtet und nie anamnestisch er- 
falu'en. Das Auftreten von Ructus aber kommt vor, doch viel häufiger 
als in der Gravidität bei Magenneurosen mit und ohne gynäkologische 
Erkrankungen. Wir werdeji einen exzessiven, stundenweise auftretenden 
Ructus, zuweilen mit flerzwasser kombiniert, im 2. Teil der Arbeit 
hei einer Frau Geier mit chronischer Gastritis und Meüitis und Ec- 
tropium cervicis, welche ausserdem Erscheinungen einer Magenneurose 
bot, noch kennen lernen. Auch der als Zwerehtellki'ampf bekannte? 
Singultus wurde von den Schwangeren nie augegeben. 

Je nach der Beschaffenheit des Mageninhaltes erzeugt nun die 
Eruktation oder Regurgitation einen verschiedenen Geschmack oder 
(Jeruch : wir bezeichnen das Aufetossen als sauer, bitter, geschmacklos, 
geruchlos, ranzig riechend usw. Das saure Aufstosaen wird ziemlich 
häufig angegeben. Bei Gesunden kommt es nach gi-ossen Mahlzeiten 
und bei Hyperchlorhydrie vor. Ea wird von den meisten Autoren auf 
organische Säuren (Milch- und Buttersäure), selten auf Salzsäure be- 
zogen. Aufstossen von salzsäurehaltigera Mageninhalt mit normaler 
Azidität kommt nach Martin') bei Imtationszuatänden des Magens 
und nach sehr grossen Mahlzeiten vor. Nach demselben Autor er- 
scheint alkalisches oder neutrales Autstossen, weim Speichel vei-schluckt 

') Diseaacs of Ihe Stomadi. Edinhurgli and Locdoi, 1895, p. 158. 




79 — 

wird, zu eitler Zeit, in der Nahrung ius Duodenum schon üIwrgegangeTi 
ist. Das saure Aufatoaseu, das wir in der Regel auf organische SUureii 
oder reichliche Salzsäure zurückzuführen haben, scheint im Gegenaatz 
zu stehen zu den im Allgemeinen niedrigen Aziditätswerten, die wir 
gefunden haben, und zu der meist noi-malen, oder goimuer gesagt, fast 
nie herabgesetzt gefmideneu Motihtät, Tst aber Aufst«sseii vorhanden. 
BO deutet das eben auf eine Verändemng der Motilität, denn Aaa Äuf- 
stosseii ist der Ausdruck einer gesteigerten Anti Peristaltik des Magens ; 
sie setzt fiiiie momentane EiitJ astung der Cardia voi-aus. Insofern 
könneu wir einen Widerspruch zwischen der Erscheinung des sauren 
Äufetossens und niederen Aziditäts werten nicht Hnden. das um so 
weiaiger, als auch bei Abwesenheit aller organischen Säui-en l>eim ge- 
sunden Magen schon nach kleineit, leichten Mahlzeiten saui'es Auf- 
stossen beobachtet winl, 

Auch ranzig riechendes Aufstossen, das gewisse Qährungsprozesse 
im Magen voraussetzt, haben die Schwangeren nie angegelien ; dagegen 
zuweilen bittei'cs oder galliges Aufst/issen und dies besonders nüchtern. 
Es hängt dieses Symptom wohl zweifellos mit einem ITebertritt der im 
Duodenum befindlichen fialle in den Magen zusammen. Darauf weisen 
einige Rille von Magen aushebern iig im nüclitenieTi Zustand und meh- 
rere nach P.-F. Es kommt hier allei-dinga der Reiü der Mogonsoiide 
in Betracht, aber dass das (jfhien des Pylorus eben doch auf einer 
abnormen Parese seiner Muskulatur hemht, zeigt wohl die Tatsache, 
dass nur in einem kleinen Prozentsatz der Fälle GnJJe im ausge- 
heberten Mageninhalt teils durch Inspektion, teils in zweifelhalten 
Fallen dui-ch die Salpetcrsäureprolw nachweisbar war. Dass übrigena 
Galle in den leeren Magen leicht übeitritt, hat sdion Boaumont an 
seinem berühmten, mit Magenfistel veraehenen Kanadier bei Druck auf 
die Lebergegend durch mechanische Reizung des Pförtners und selbst 
bei Gemütsbewegimgen beobachtet, mid Kussmaul hatte schon an- 
gegeben, dass bei Auswaschung des nüchtenien Magens häufig Galle 
im Spülwasser sich befuidet Illingens setzt, wie ich in einigen Fällen 
nachgewiesen und an entsprechender Stelle auch in den Tabellen an- 
gegeben habe, die alkalische Galle den Aziditätsgrad des MagensalW 
oft wesentlich herab. 

Da neben einer Erschlaffung der Oardia und neben einer rück- 
läutigen Kontraktion des Magens auch die Bauchpresse bei der Ent- 
stehung der Emktation, RegurgitatioTi und Rumination eine Rolle spielt, 
80 wäre denkbaj', dass ein Retlexbogen von den Genitalien aus durch 
die Zentralorgane nicht nui- zum Magen, sondern auch zur Rauchwand 



— 80 — 

lUuft, uTid (las3 auch auf diese Weise in der Sciiwangerechaft und bei 
Genitalerkraakungeii die Erscheinungen zustande kommen könnten. 

Was nun das Erbrechen anlangt, so tritt es sowolü zu ver- 
" sc.biedoiieii Zoitim der ScLwangerscbaft, als aucb zu veiBchiedenen 
Zeiten des Tages auf, am Läufigsten aber morgens nüchtern, ganz wie 
der Vomitua niatutinuä beim chronischen Magenkatarrh der Potatoren. 
Dass dieser Vomitus niatutinus der Schwangeren häufig nicht als Ei^ 
brechen, sondern als Regurgitation, wie ich glaube, aul'üu fassen ist. 
wurde vorhin besprochen. 

Das Erbrechen frühmorgens hat zwar nicht seine Ursache, aber 
sein prädisponierendes Moment in der zerebralen Aniiinie frülmiorgens 
im Bett. Das scheint mir trotz der Negation von Seiten M, Graefes ') 
sicher zu sein. Das Erbrechen findet im Moment des Erhebens oder 
gleich nach dem Aufstellen am häufigstrin stjvtt. Vielleicht ist eine 
DisjHJsition zum Erbrechen am Tag aber auch durch eine relative 
Blutleere der Kopfregion gegenüber den Beckenoi^nen gegeben. Das 
blasse Aussehen der Schwangeren im Gesicht gegenüber der Hyperämie 
der Gegend der Vulva, der Vagina, des ütenis usw. zeigt die Woohsel- 
wirkung zwischen dem Blutgehalt der Kopf- und unteren AlKlominal- 
reginii an. Analogien dazu sind bekaiuit; ich erinnere nur an den 
günstigen Eiiifluss des Essens durch die dadurch entetehende Hyperiimie 
des Magens fi'Ubmorgens im Bett bei vielen kongestioniertan Neu- 
rasthenikeni. Auch nach dem Essen, und zwar gleich oder innerhalb 
der nächsten Stunde, ktum das Erbrechen auftreten, zu einer Zeit, wo 
wir es gerade beim Magenulcus beobachten. Manchmal eifolgt es auch 
abends, wie es manche Autoren für die Magenatonie als charakteristisch 
angeben wollen, und oft entsteht es selbst auf den Rein der mildestJ^n 
Tngesta. Mag nun äas Erbrechen erfolgen, wann es will, die Schnellig- 
keit des Aktes, sein voi-zugs weises Auftreten bei leerem Magen, das 
häufige Fehlen von Prodromalerscheinungen, wie Übelkeit und Ohii- 
niachtaanwandlungen, hat es mit dem zerebralen und besonders mit 
dem hysterischen Erbrechen gemein. Daher kaim ich die gemeinsamen 
Merkmale des neiTüsen Erbrechens, die Stiller angibt, auch zur 
Charairterisierung des Vomitus gravidarum hier anfiihi-en. Sie sind; 

1. die Ijeichtigkeit des Erbrecbens, 

2. die Unabhängigkeit desselben von der QualitJit und Menge der 
Ingesti im allgemeinen, 



')Max 
FVaiicnheilkundi 



lefe: Sammlung awftriKliisor A 
Geburtshilfe. III. ßd, Heft 7. 



— 81 ~ 

:■!. die Launenhaftigkeit, mit welcher gewisse, oft sehr bizarre 
Nahruiigs- und Gtenussmittel ausschliesshch behalten werden, 

4. das manclimal elektive Erbrechen gewisser Substanzen, die zu- 
weilen aus dem gemischten Speisehrei ausgeschieden wei-den, 
(Ein Beispiel dafür bietet die bei der Bi'spix'c.buiig des PtyaÜRmus 
anzuführende Patientin Nelson, welche vom Mileliknffi'p nur die 
Milchkoagulate von sich gab.) 

6, die Sorglosigkeit, mit der die Ki'auken meist da.s habituelle Ijeiden 
ortragen, 

6. die auf der allgemeinen Herabsetzung des Stoffwechsels beruhende 
auffidlende Toleranz dos Kürijers gegen die Tnanitionswirkung 
dis habituellen Erbrechens, 

7. die ausserordentliche Beeinflussung durch die geringsten Süsseren 
und iimeren Ifmstände. die auf die Stimmung einwirken, 

8. das Öftere Vorkommen dos Vomitiis auch ohne Nahi-ungsaufnahme 
bei nüchternem oder scheinbar leerem Magen, 

9. die Anwesenheit anderer nervöser Symptome abwechselnd mit dem 
Vomitus. 

Diiüu käme wohl uoch die Tatsache, dasa häufig gleich nach dem 
Erbrechen wieder die schwersten Siieisen anstandslos genommen und 
gut vertragen wei-den können. 

Eine gewisse Sonderstellung bei dem Erbrechen Schwangerer 
nimmt nun der Vomitus in den letzten Monaten der Gravidität ein: 
da ist er nicht nur ein prodromales Symptom einer renalen Insufiizicnz, 
oder der Eklampsie, was Olahausen stets hervorhob, sondern er ent- 
steht zur Zeit der ersten Kindesbewegungen oder bei lebhaften Excur- 
sionen der Frucht zumal bei spärlichem Pruchtwas-ser. Die An- 
schauung von Nägele undHohl, dass die Einengung der Bauchliöhle 
und die Dislokation des Magens von Seiten des hochschwangeren 
Uterus eine Ursache für das Erbrechen abgebe, ist durch nichts 
bewiesen. Das Erbrechen erst vor der Geburt — die Dystokia vomi- 
torift der Alten — pflegt durch Uteruskontraktionen zu entstehen, und 
zuweilen gelingt es, die Abhängigkeit jenes von diesen fast mit der 
Sicherheit des Experiments zu zeigen. Auch rein psychisch durch 
Aufregung und Angst vor der zu erwartenden Gehurt scheint Erbrechen 
ausgelöst werden zu können. In anderen Fällen ist es eine peritoneale 
Reizung von Seiten des Processus vermiformis oder einer Pyosal- 
pinx u. s. w., durch welche reflektorisch Erbrechen auftritt Am 
wenigsten Sorge macht jedenfalls das Erbi-echen, das durch DüUfohler, 
durch tiberladung des Magens zu Stande kommt. Wie töricht manchmal 



tliü W(.k'hneriTinen und auch die Hebammen die Kraft der Wehen durch 
Verabreichung von Milch, Kaffee, Alkoholids u. s.w. zu steigern sucieii, 
ist ja bekaiiut. Die Folge ist. dass oft auf der Höhe einer Wehe 
mit einemmal in kräftigem Strahl der Mageninhalt n.ich aussen 
hef ordert wird. 

Resümioron wir über die Beziehungen zwischen subjektiven M;i^en- 
orscheinungen in der Schwangerschaft und den Untersuchuiigsergebnisaon. 
so dürfen wir mit Wahrscheinlichkeit folgendes behaupten: Die Magen- 
erschüinuiigeii in der Gravidität sind der Ausdruck einer 
gemischten SensihilitätB- Sekret! nnsneurose. Die Schwan - 
gerschaftsgelüste, der Ekel vor Speisen und L-Jerüchen und 
widerlich anzusehenden Objekten, ist wahrscheinlich auf 
Alteration der im Groashirn gelegenen nervösen Apparate 
zurückzuführen; derselben Quelle verdankt das Erbrechen 
seine Entstehung. Die dyspep tischen Erscheinungen, die Ab- 
neigung gegen Fleisch, die Vorliebe für saure oder im 
Magen in saure Giihrnng übergehende Stoffe, sind aus- 
schliesslich oder doch zum grossen Teil die Folge einer 
verminderten Säuresekretion. Doch kann diese vorhanden 
und selbst bis zu starker Hypoclilorhydrie herabgesetzt 
sein ohne die geringsten Magcuerscheinungen, Das Ver- 
langen nach alkalischen Stoffen ist vielleicht der Ausdruck 
einer Hypnrchlorhydrie und Superaziditäi 

ITntiT den besoiiri ebenen, subjektiven physiologischen Magener- 
scheinungen des schwangeren Weibes sind es nun zwei, die eine so 
weit gehende Steigemng nach der pathologischen Seite erfahreti könueu, 
tlass der Organismus in hohem Grade geschwächt wird oder gar unter- 
liegt, und es ist die Pnige, oli die Annahme einer reinen Neurose 
füi' die Fälle von Ptyalismus und Hyperemesis gravidarum 
genügt 
M, Der Speichelfluss der Schwangeren, der Ptyalismus, 

"""kommt nicht sehr selteu bei dei-selben Schwangeren gleichzeitig mit 
der Hyi^remesis vor und Vouiihis uTid Salivation ist ein noeh häutigerer 
Symptom enkoniplex. Wie die Hyperemesis oft aus dem einfachen Vomitus 
matutinus hervorgeht, so der Ptyalismus aus der anfangs geringen 
Speichelvermehrung, die sich in dem häufigen Ausspucken am frühen 
Morgen zuei-at zeigt Da» führt dazu, beide Erscheinungen mit Wabi^ 
scheinlichkeit auf dieselbe Uraacho zu beziehen; doch erwecken in der 
Literatur niedergelegte Fälle den Anschein, als könne Erbrechen 
auch erst sekundär hei Ptyalismus auftreten, sei es als Folge dex" 
nervösen, dni-cli tien beständigen Speichelliüss entstandenen Er- 



regung, sei es bedingt durch die reichliche Menge der in den Magen 
gelangten und diesen anfüllenden Speichel flu ssigkeit, wie es der von 
mir beobachtete, gleich mitzuteilende Fall zeigt Von Fällen mit 
stärkeren! Erbrechen oder von Hj-pereinesis mit Ptyalismus will ich nur 
einige, gleichsam panuligmatisch, anführen: 

J. Schramm') beobachtetR beide Brschdmingeti liei inner 24jährigen 
ßmvidn bis Eum 6. Uonat der •Schwan gerachnft. Die sehr anäinisDlie Kranke 
litt BchoD aeit l'/s Jahren an Druck iii der Magengegond, Mattig'koit und eu- 
nehmender Abmagerung. Dna ZahnflfiBcK war rnt und geBchwoilen. Die auf- 
gefnngene Spcichelmengo betiug tu 24 Stunden 1200 ecm, später 600 bis 700 ccm. 
Darch Brorakali trat BesBerutig ein; später eribleto normiiio Entbindung, 
L. Paye') bBohaebtnte bei einer 33jahrigen V.-QrHvida einen durch Hypcr- 
emuflis und PtyaliBmus herbeigeführten In antti uns zustand. F, A. Kehrrv^) 
teilt einen Fall von FtyaliBmiis mit, in wolcboin eina hloase, SOjähnge III.- 
Oravida, die aeit einer nacli der ersten Geburt übi'rstandenen Parnmetritis nervös 
sehr reizliar geworden war, von der 6. Woelie der Sehwangersehaft ah an 
Übelkeit und gelegentlicli nach dar AhendmahlKeit nn Brhrecbon litt. Anfangs 
(Ich 5. Schwangersahaflsmonntes trat stundenweise, und zuweilen bnlbi; Nächte 
andauernd, klarer, etwas dicker, faden ziehender Speichetfluss ein, anfangs vom 
speiifischeii Gewicht 1,017. Erst in der 18. Wucho der Schwaiigersehail hörte 
die Salivatiiin auf. — Einen schweren Fall von Hyperomesis mit Ptyalismiis hat 
Muret') besehrieben. Bei einer phthisisoh belasteten, sehr nervösen III.- 
Oravida mit Metritia, Endometritis, Ektropiiim, Ernsion und ruiehlicbem Flunr, 
die ein Vierteljahr vorher nn Magenkatarrh gelitten hatte, trat in der 6, WocJie 
unstillbares Erbrochen mit fortwährender Salivatiitn ein, und eine Korpcr- 
gewichtsabnahme von 49 Pfund in 7 Wochen. Einmalige Magen ausspSlung 
heilte die Patientin Hofort von ihren Beschwerde», i 
tsBstü. — Theophil Jaffe ^1 beschreibt einen 
Hyperemesifl, der mit PtyatJBmus kombiniert war. 
beide Erkrankungen bei einer XI. -Gravida bis 



■et als hysterisch auf- 
odiich endenden Fall von 
- Schütze") beobachtete 
.m 6. Lunarmnnat. Nach 



Drohung mit Einleitung des Abort hörte das Erbrechen wenigstens auf. 

Wie gross die in der Schwangerschaft aezeniierte Speichelmeuge 
sein kann, mögen noch folgende Fälle zeigen: 

Lvoff) beobachtete 2 Mehrgobärende mit schwerem Ptyalismus, welcher 
bei beiden im 3. Monat auftrat, im 3. Monat seine Höhe erreichte. Er führte 
totale ErsobÖpfimg, Abmagerung und nervöse Störungen herbei. Täglich wurden 
1000 bis 1600 com Speichel von jeder Kranken abgesondert. Bei beiden fand 
sich ein Cervix.riaB und eine Erosion der Portio. Bei der ersten Patientin brachte 
Kauteriaation der Erosion, Brom, Kokam und später Atropin schnelle Besserung. 

') Berl, kiin. "Wocli. 1886, No, 49, 

») Bef, Zentralbl. f. Gyn. 1881, p. 164. 

3) Beiträge II. Bd., Heft I, p. 196. 

') Deutsche med. Woch, 1893, No. 6, p, 123, 

') VolkmannB Vortrüge No, 3Ü5 (Oynaokol. No. 87), 

•) Zcntr, f. Gyn. 1B87, p, 27. 

') Presse med. 1896, No. 82. 6* 




- 84 - 

Im /wfiteri Fiill halfen diese VerurJnutigi'n iiielit, so diias sohiin dür kÜHBtlichc 
Abort in Aussicht genommen wurde, als derselbe spontao eiotrat. Sofort wurde 
die (Sttlivfttion gering und nuch einigen Tagen ■war Patientin vollständig her- 
geati'llt. — Davezeaii ') liDobachtete eine 37 jährige lII.-Gravida, wulche wahrt-rid 
der ersten 4 Monate täglich einen Liter Speichel ubsonderte. — Archer Parr") 
borichtot villi einer V.-Gravidn, die seit dem 3. Sciiwaiigerschaftsnionttl an 
Pt]>nlismiiB litt. Der Speichel lier iinuntcrbniohen aus dem Munde und betrug 
täglich l'/j Liter. Wegen starker Abmagerung sollte Abort eingeleitet werden, 
als die profuse Sativation ganz plötzlich spontan sich liesacrtu. 

Eiii Fall von Äudebei't ') zeigt die Beziehungen des l^tyalisnius 
gmvidanim ku Tjageverändemiigeii des Uterus: 

Bei einer Säjäiirigeo Il.-Umvida mit Retroflexio nleri ^i^mvidi »teilte sich 
schon im ersten Schwange rschaTtsnionat starki' Salivatiiin «iu. Die tSpeicIiid- 
menge betrug 1 Litvr im Tag; die Salivation fülirte zu Vordaaungestörungen; 
feste Speiaen erzeugten Schlackbeschwerdeu ; ce trat zunehmende Abmagerung 
und SchlariDaigkeit ein. Nach Repomtion des Utarum in Knieell bogen läge Irat 
Verminderung und am 3. Tag nachher Siaticrung des Spuidbelfloaaes und der 
Verdau ungsatörungon ein, — Anch P. Müller^) sah in einem Fall von Re- 
li'oHexio uteri gmvtdi eine seit S MoriatcD dauernde, hochgradige SaliviiUon, 
die nach Rjipoaition dea Uterus sich mindert«, aber erat nach Eintritt dea 
natürlichen Abnrlpa 14 Tage spüter vollstHndig verschwand. 

Hartiijic.kigeii Ptyalismus, bedingt durch Cervixriss, be- 
schrieb Longyear "), bei einer 32jä,hrigeii hysterischen V.-'ii'avida. — 
Auch l^lle von Miiret und Lvoff gehören hierher, weil auch bei 
ihnen eine i-eflektoriac^he Entstehung des Ptyalismus vom Uterus aas 
angenoinmeii wird. 

Zuweilen wiederholt sich der Ptyalismus in mehreren Schwanger- 
schaften hintereinander und kann auch bis zur Q«bui-t bestellen bleiben. 
Virchow") teilt 2 solcher Fälle von Baudelöque-Bouvart und von 
Danyau mit Im I. lK3stand die Salivation ohne Schaden bis aur 
Niederkunft, vorschwaiid darni und kclirte in der 2. Sehwangei-sohaft 
wieder. Die Frau starb an A[>oplejde merkwürdigerweise einen Ta|[, 
na<^dem die Salivation von einem Arzt künstlich untenb-ückt worden 
war. Im Fall Danyau war in 3 aufeinander tblgeiiden Scbwanger- 
Schäften Ptyalismus vorhanden, in der 3. Gravidität wurde täglich 
1 Ejiter Speichel entleert. — In einem Fall von Richardson'} iKiatfiJid iii 

■) Tjabeille med. 1882, No. 38. 

•) Tranaaotiuna of the obstctrieal Society of Limdon. 1874, Vul XV. 

^ Oaz. hebdotn. de med. et do chir. ]8!»7, No. 5H. 

•) „Die Krankheiten dos weiblichen Körpern", 1888, p. 101. 

') Ämeric. joum. of obatutr. 1883, p. 25. 

■) Uesanimi-Ile Ahhandl. p. 783, 

T Boston, med. and snrg. jourii. 1877, VJ. Julj. 



— 86 — 

2 aulbinaiiilcr folgenden Schwangerschaften hei einer Mitte der 3üer 
Jalire stehenden Frau excessive Salivation und hörte heide Male eret 
mit der Geburt auf. Auch zeigt dieser Fall, dass Ptyalismus, genau 
so wie die übrigen Magenerscheinungen nicht selten der sschwaiigoren 
EVau von ihrem verändeiteu Zugtand die erete Kunde geben. 

Neben diesen Angalmn aus der Literatur möge noch ein sehr 
interessantfir eigener Fall von Emesis mit Ptyalismus und ganz per- 
versen Schwangerecliaftsgelüsten hier Betrachtung finden. 

Frau Neleon. L-Uravida im 3. Monat. Etwaa anämiBchea AusselKiT), 
spitawinklige Antefleiion mit mäBsigem, achieimigen Pluor ohoe Gonokokken. 
Letzte Periode 2 '/i Monate vor der ersten Untersuchung. Die Frau kommt 
in die Klinik wegen starken Speichelflusses, Während des Erhetiens der 
ÄnaninoBe und während der Untersuchung entleert aie ununturhrocheii Mund- 
fiÜBsigkeit in eines ihrer zahlreichen Taschentüuher. Seit 6 Woahen beatchen 
ihre Beschwerden. Der Speichel ist nach ihrer Angabe seit dieser Zeit vermehrt, 
dünnflüssiger, als früher, und flieast in der letsten Woche fast unanterh rochen 
ans dem Mund. Sie fühlt sich sehr elend und abgespannt. Morgens nüchtern 
hat sie in der Kegel seit eben dieser Zeit nach dem Genuss von Eaflee mit 
Milch Würben und Erbrechen. Sie gibt ausdrücklich an, dsas sie „iiloss den 
geronnenen Teil der Milch" erbricht, dass der Kaffee aber bei ihr bleibt. Auch 
Abends, wenn sie ihrer Gewohnheit gemtUs Tee mit Milch zu sich nimmt, 
werden nur die Milchgcrineel erbrochen. Trotzdom hat sie Vorliebe für Milch 
mit Zusatz von Katfec und Too und lebt soit 6 Wiiebon fast nur viui ihr. Den 
Tag über ist nnr selten Erbrechen vorhanden ; es besteht luis sohr reichlichem 
Schleim, eventl. vermischt mit der vorher genoaaenen Naiirung. Der Appetit 
ist sehr schlecht. Bei genauerem Befragen gibt aie merkwürdigerweise an : „ Der 
Magen hat Hunger, aber der Gaiunen und Mund hat gar kein Verlangen, weil 
der Geschmack ganz verloren gegangen." Der Stuhlgang erfolgt alle paar Tage 
Lind zeigt angeblich normale BeschaB'enheit. Stetes heftiges Druckgefalil hinter 
dem unteren Sternum oberhalb der Magengrube belästigt Patientin sehr. Keim 
Anblick von Fleisch bekommt aie Ekel, nar eingemachtes Ealbüeisch mit 
Nudeln oder mit truckenon Salzkartoffeln liebt sie .jetzt sehr, kann es aber nicht 
gut vertragen und bekommt stet^ danach Erbrechen. Von festen Speisen wird 
noch am besten Karte üelsslat behalten. Auch andere saure Speisen isst diu 
Frau gern. Süsse Speisen liebt sie nicht; Zwieback erxougt Gcvclimack von 
Essig. Mit Milch zubereiteter Keisbrei wird steta erbrochen. Küchengoruch 
kann sie nicht mehr vertragen. Wasser wird nur in denselben tj^uanti täten wie 

im Tag. 

i von niclil unbo- 
in die Klinik, wenn 
itlich im Sinuc der 
itorlasBon, auch von 
der Klinik nur 1 mal am 
Appetit wurde besser. Patientin 



früher genommen, d. h. Patientin trinkt nur 1 Glas Wasa 
Dieses Bild von perverser Gescliinacksrichtung i 
deutenden Magoncrsciieinungon wird durch die Anfnahmi 
auch nicht momentan, so doch innerhalb 2 Tagen wci 
Besserung vorändert. Jede Medikation wurde absichtlich 
Bettruhe wurde abgesehen. Das Erbrechi 
ersten Tage auf und siatierto dann ganz. 



sah hoSiiungs voller und freudiger dem weiteren Verlauf ihrer Schwangerschaft 
entgegen. Schon nach '2 Tagen vertrug sie Milch vorzüglich, nahm Morgens 
um 7 Uhr nüchlern im Bett 1 Tasso Tee mit Milch und 1 Brötchen, st.ind eine 



hsibp Stunde darnach erst niif, nss um 10 Ulir 2 waohaweicho Bier mit einem 
Brötchen oder auidi mit Buttorbrot, erhielt iim 1 Ulir abwecheelnd Ochsenfleisoh, 
BeeÄteak, Kalbsschnitzel usw , daneben Snppo und die bevoraugten Salzkartoffeln, 
kurz, vüluminÖBe Speisen, die von einer diätetiedion Massnahme nichts erkennen 
lassen. Aber der Speicbelliiiss bestand ununterbrochen, doch ist anch er nach 
Angabe der Patientin seit der klinisohan Aufnalime nicht mehr so stark, wie 
früher, und etwas zäher, fadenziehender (geworden. Von hysterischen Stigmata 
ist gar nichts vorhanden, von allen Reflexen sind nur die Fatellarreflexe ge- 
Ktoigert. Auch eine Veränderung in der Psyche ist nicht erkennbar. Vielmehr 
macht Patientin einen Sberans ruhigen, angenehmen und vernünftigen Eindruck. 

A"! Tage nach der klinischen Aufnahme wurde ein P.-F. gegeben, und 
eine sehr reichliche (ISO ccm !), wäserige, kaum schleimige Flüsaigkeit mit nuob 
sehr gut erkennbaren, »her nicht gut verdauten Brötchenresten gefunden. 
Ausnahmsweise wurden die Säureproben mit 10, statt mit den üblichen 3 ccm 
Mageninhaltstil trat vorgenommen. Bei der Dimethylamidoazobenzol-Reaktion 
fehlte freie HCl. ganz, bei der Günzburgschen Probe war ein Minus von 
0,366 'lao "= ein Minus von 10 nachweisbar. Die Oesamtazidität betrug nur 10. 
Milchsäure fehlte. Milch wurde durch das lÄbfermont nur locker und feinflockig 
koaguliert; Eiweissstückchen waren noch nach l'/i Stunden nur angedaut. — 
2 Tage später wirkte das Labt'erment in derselben Weise; wieder war die 
Töpfersohe Probe auf freie HCl. negativ, während nach Qünzburg ein 
Minus von 0,438 "/„n. das ents|iräche etwa 12, nachzuweisen war. Die Gesamt- 
azidität betrug wieder nur 10. Gebundene HCl. fehlte ganz, ebenso Milchsäure. 
An diesem, wie an 3 späteren Tagen wurde auch der Speichel untersucht, den 
Patieutin nach Ablauf von 3 Stunden der Reihe nach JedoBmal wechselnd in 
ein neues Sputumglas entleeren musatc. Am 21. IV. betrug die auf solche 
Weise gewonnene Speichel menge von 12 bis 3 Ulir 162 ccm, von 3 bis 6 Uhr 
115 ccm, von 6 bis 9 Uhr IßO ccm, von 9 Uhr abends bis zum nächsten 
Morgen um 9 Uhr 2C0 ccm; am 22. IV. von 9 bis 12 Uhr 170 ccm, in Summa 
also 807 ccm in 24 Stunden. An 3 anderen Tagen wechselten die aufgefangenen 
Mengen zwischen 990. 1030. 780 ccm innerhalb 24 Stunden. 

Bedenkt man, daas ein Teil des Speichels, ja dass, wie aus den Magnn- 
nusheherungcn nenigstens für die Zeit frühmorgens nachgewiesen ist, eine 
wesentliche Menge nicht per os abgegeben, sondern reflektorisch durch häufig 
erkennbare Schliickheweguogen in den Magen gelangte, so können wir uns un- 
gefähr ein Bild von der grossen Menge des produzierten Speichels machen. 
Zugegeben selbst, dass die niederen Säurewerte 211 einem ganz kleinen Teil auf 
eine Hypersekretion von Magenschleim zu beziehen sind, — in dem ausge- 
heberten Magentnhait war von Schleim nur Äusserst wenig «u sehen — so hat 
der verschluckte Mundspeichel den Magensaft verdünnt und durch gleichzeitige 
alkalische Boaktiim die so sehr niederen Säurewerte, ja fast einen neutralen 
Magensaft gewinnen lussen. Dass Muudflüssigkeit fortwährend verachiuckt wurde, 
ist der Patientin übrigens sehr wohl selbst zum Bi'wusatsein gekommen. — 
Was nun die grobchemische Untersuchung des Speichels anlangt, so ist der 
Muzinnachweis positiv ausgefallen : durch Violetträrbung nach Zusatz von 
Natronlauge und Etipfersulfatlösung. Auch der PtyaÜn nach weis ist gelungen : 
es fand eine vollständige Zucke rspultung statt, Indem sämtliche Stärke durch 
das Ptyaliii in Maltose umgewandelt wurde. Die Fermentprobe wurde in der 
Weise angestellt, dase Stärke mit Wasser gekocht wurde, und nach dem Er- 



- 87 — 

kalten ein Teil Speichel mit 3 Teilen Stärkelösung einer Temperatur von 38" G. 
ausgesetüt wurde. Die Erkennung des Traubenznokera geschah nacli 10 Minuten 
durch die Trommergcho Probe. Rhodankali fehlte ganz, obwohl der Naohwci» 
dBraeJben durch eine doppelte Methode versucht wurde, einmal durch Äti- 
säuening des Speichcia mit Salzsäure und tropfenweiser Zuguhe voji sehr Tor- 
dnnnter EiBcnchloridlösuag, dann durch Zusatz von Jodsäure und nachherigem 
Nachweisversuch von freiem Jod durch Kleister. Die Reaktion des Speichels 
war nur sehr schwach alkaliach. Ich stellte damals Vergleiche an zwischen 
dem Speichel aller auf der iiperativ-gynäko logischen Abteilung liegenden 
Patientinnen mit dem der Frau Nelson ; es wurde hier das rote Laokmuapapier 
am allerwenigsten gebläut. Die Lugol'sche Jodjodkalilösung wurde durcii 
Speichel rot und zwar madeirafarben gefärbt. — Noch eines weiteren Ver- 
nches ist hier zu gedenken: ick hielt der Patientin Ean de Cologne, Kiefer- 
nadelwaaser, Äther und Salmiakgeist vor, doch konnte weder ich, noch die 
Patientin eine Veränderung der Speichelmenge dadm"ch konstatieren. Ich be- 
obachtete die Patientin auch stundenlang selbst, schrieb die Zelten der jedes^ 
maligeu Speichelabsonderung nach Minuten auf, zog die Schwangere dabei ins 
Oespräoh, und lenkte ihre Qedanken ah; aber alle 1 bis 2, allerhöchstcns 3 
Minuten wurde reichlieh Speichel in das Glas entleert. 

IMe Urinmenge war nach Angabe der Patientin seit Bestehen des Speichel- 
flusses verringert: in 21 Stunden wurden nur 600 bis 700 ccm entleert, 
• Am 17. IV. stellte sich Frau Nelsun nuchmals vor. Ende April nach 

Hause zurückgekehrt, erbrach sie wieder 14 Ti^e lang morgens nüchtern. Der 
Speichelfluss besserte sich — vielleicht auf Atropinpillen hin, die ich verordnet 
hatte — gana wesentlich und ist beut« kaum mehr vorhanden. Das Aussehen 
ist jetzt ein sehr gutes. Die Urinmenga soll wieder die gleiche sein, wie früher, 
Die freie HCl. betragt heute nach der Dirne thylamidoaaiibenzol probe 35, die 
Ocsaratazidität 60, Die Zunahme der Sfturewerte erkläre ich mir im wesent- 
lichen durch dfts nahezu völlige Sistieren der Speichelsekretion, 

Vergleichen wir diese Resultate mit denen, welche iuidcra 
Autoren bei PtyaJismus gravidamm gelunden habon, so erwähnt 
Biinpson '} dass der Speichel kein Ptyalin und weniger Natronsalze 
als der normale enthalte und m melii- dem Choixiaspeichel, als dem durch 
Keizmtg des Sympathikus abgesonderten gleiche. ^ J. Schramm 
konstatiei-to Fehlen von Ptyaliu und bedeutende Vei-minderung des 
Rhodankalimns. — Auch F. A. Kehror ^) konnte Khodankali nie- 
mals nachweisen.') — Spioge,lberg g;ib an, dass das Sekret, abge- 



1 FaU V 



') Lancet Juli 1897. 

') Beitrage zur klin, und exper, OeburtBkundc, II Bd,, Heft 1 
'■') Während der Drucklegung der Arbeit beobachtete ich ein« 
schwerem PtyslismUB mit HyperemoaiB oiid Ikterus gravidarum bei einer 
23jälirigen nervösen Dame im 3. Monat der Gravidität. Das sehr schwere 
Erankheitsbild veranldaste die AhorLeinleitung, die »u schneller Heilung führte. 
Die Spei seauf nähme sistierte wochenlang. In 24 Stunden wurden tiOO ccm 
Speichel entleert. Derselbe war dünnflüssig, grünlich-gelb, enthielt wenig l'aden- 
ziehonde Substanz, roa^iorto neutral, enthielt ü allen pigmcnte. Rhoiiankali und 



sehen von seitiom Waüsergehalt, nicht vom normalen abweiche. In 
manchen Arbeiten wird iiiigegebeii, das« die Zunge ihre normale 
Feuchtigkeit behalten habe, dass sie aber iü Fällen von Hyperemesis 
mit Ptyalisnius tixjckon geblieben sei, trotz fortwährender Benetzung 
mit Speichel. — Mein Vater hat mit dem Chemiker Naumann 
den Speichel auf apeziiischea Gewicht und aui' ieste ßückstände und 
Asche untersucht, und — um nur die Ergebnisse von 2 Tagen an- 
zufiihren — geftinden, dass das spezitische Gewicht lOOl. der in 
20 ccm enthaltene feste Riiclötaud 0,3430 "l,, und 0,3205 "|n, die 
aus dem gleichen Quantum erhaltene Asche 0,150ö '*|u betrug. Die 
Ursache des häuhgen Fehlens von Rhodankalium ist nicht bekannt, 
und ich will mich auch nicht in dieMbezüglichen Vermutungen ergehen, 
sondern nur ei-wähnen, dass A. Groben ') gefunden hat, dass der 
individuell bekanntlich starken SchwankungeTi unterworfene Ehodan- 
gehalt des Speichels bei Phthisikern und malignen Tumoren fast immer 
fehlt und bei Blutki'ankheiten gering ist. Dieser Autor macht die 
Ausscheidung des Bhodankahums wesentlich vom Stand des Eiweiss- 
verbrauchs im Organismus abhängig. Die Vennindenmg der Al- 
kaleszenz des Speichels, die ich in meinem Fall gelunden habe, hat 
übrigens Martin bei paralytischem Speichelfluss regelmässig beobachtet 
Die Möghchkeit, dass der niedere Alkaleszeuzgehalt des Speichels und 
die subaziden "Werte des Magensaftes mit einer Vermindenuig der 
Alkaleszenz des Blutes in Beziehung stehen, möchte ich hier, bezug- 
nehmend auf unsere fiüheren Betrachtungen, noch erwähnen. 

Die sich vridersprechenden Befiinde bezüglich des Ptyalins, 
Bhodankahums u. s. w. fordern in weiteren Fällen von Ptyalismus 
iedeniälls zm- Nachprüfung auf. Auch tehlen bei dem Ptyahsmus 
gravidai-um noch Untersiichmigen über diejenigen Stoffe, die man bei 
Hyperemesis gravidarum besonders im Urin nachgewiesen hat, die auch 
in den Speichel übergehen können, und die man in ätiologische Be- 
ziehung zu Hyperemesis und Ptyalismus in der Schwangerschaft gebracht 
hat, so z. B. den Harnatxiff, den u. a. Fleischer *) bei Nephritis 
unter 45 Fällen 48 mal im Speichel gefunden hat Auch auf ;^-Oxy- 
buttersäure sollte man untersuchen, die in der v. Rosthornschen 
Klinik in gewissem Sinn als Gradmesser füi- den Inanitionszustand 
angesehen wird, 

diastatiEuheB Fertu^nt waren nie imt^hweiahur. Im Urin zeigte «iclt tittllimiarb- 
atoS; das Belir reicihliche Sediment bestand nur aus Leukozyten; jS-UxybntMraäuTQ 
fehlte; Eiweias war npärJicb und nur zeitweise nuiChweiabBr; AcetiesBigsäure war 
vorhanden. Die minimaien Fuocalmaasen waren Icbmfarbun. 

') Archiv f. kliii. Medizin, 69. Bd., p. 248. 

') II. Küdgruss für iimere Medizin. 



Wir sehen, daas die Hjpersekretion der Speicheldrüsen be- 
deutungsvoll wird, so bald sie gi-osaere Dimensionen aniiimnit, oder 
bis zum Ende der Gravidität anhält. In solchen Fällen erfolgt nicht 
nur eijie Belästigung der Schwangeren, sondern dui'ch den Säfteverlust 
und die nicht seltene Schlaflosigkeit eine zuweilen so hochgradige Ab- 
un^erung. dass das Leben der Mutter mid des Kindes bedi'oht wird 
und Abort eintreten kann. Wenn Jaquemier hervorhebt, dass der 
Speicheltluas der Schwangoren zwar ein lästiges Übel sei, dass aber 
keine Abmagerung oder schwere Zufälle dadurch erzeugt würden, so 
entspricht das dem Tatsächlichen nicht Ist doch selbst tödlicher 
Ausgang nach PtyalJBmm gravidarum wahrscheinlich infolge der 
Inanition erfolgt Gramer (Aschersleben) hat einen solchen FaU mit- 
geteilt, der allerdings vielleicht nicht ganz einwandfrei ist. da der 
PtyaJisnms mit Erbrechen kombiniert wai\') Eine nervenschwache, 
sonst aber gesunde 33jäh!'ige Dame litt seit dem Beginn der 3. Schwanger- 
schaft an Appetitmangel, Übelkeit, Erbrechen und krankhaft vemiehi-ter 
Speichelabsonderung, wodurch eine ausserordentliche Abmagerung ent- 
standen war. Durch einen spontanen Abort verschwanden alle diese 
schweren Erscheinmigen. Nach 3 Monaten wurde die Frau wieder 
gravid, und es stellten sich nun dieselben Erscheinungen, nur stürmischer 
ein, denen die Frau nun erlag. 

Einmal ist es die grosse Belästigung der Patientinneji dui'cli den 
stundenlang andauernden oder unaui'hörUchen Speichelfluss, das aJidere 
Mal die Rückwirkung auf die Konstitution, die die Schwangeren recht 
elend machen kaini, so dass Anämie, grosse Schwäche, welche die 
Kranken ans Bett fesselt und arbeitsunfähig macht, Verdauungsstönmg 
mid Abmagerung eintreten kann. Welches die Ursache solcher Er- 
scheinungen ist, ist noch nicht sicher entschieden. Ob der Substajiz- 
verlust durch den Speichel zur Anämie führt, oder ob die Blutleere 
und der Kräfteverfaü Folge einer ungenügenden Chymifikation, sei es 
einer Verdiinnung des Magensaftes oder einer ungenügenden Verdauung 
wegen der zuweilen abnormen Zusammensetzung des Speichels, ist, 
oder ob eine Autointoxikation in der Schwangei-schaft mit im Spiel 
H ist^ ist nicht apodiktisch zu bestimmen. Es ist sehr wahrscheinlich, 

F dass einer Sunmiation dieser Momente die Erscheiimngen Kuauschreiben 

sind. Jedenfalls ist hervorzuheben, dass es der Speichelfluss allein 
nicht ist der den Kräfteverfall herbeiführt, denn in uiiserm Fall bestand 
I trotz excessiver Salivatioii nur sehr geringe Schwäche und Anämie; in 

I anderen Fällen der Literatur, z. B. in dem von P. A. Kehrer be- 

I schriebenen, betmg die Menge des nach aussen entleerten Speichels 

■ 1) Sclimidt'a Jiihrbücl]« 1837, Bd. 14, p. 314, 



— 90 — 

nur 100 bis 200 cctn, die Salivation erfolgte nur stundenweise im Tag. 
und es entwickelten sich trotzdem Symptome hochgradiger Anämie. 
Kehr er hat bereits hervorgehoben, dass mit Rücksicht auf die verhältnis- 
mässig unbedeutende Menge fester Stoffe, die im Speichel enthalten 
sind, dem dwch den SpeicheWuss bedingten SubstanzverluBt kein hervor- 
ragender Anteil an der Änä,mie und Schwächung des (!>rganismus nach 
Salivation ehizm-äumen ist. Elr gab an, dass in der Tagesmenge von 
185,5 ccin Speichel nm' 0,3 gr. Salze und 0,4 gr. organische Stofle 
vorhanden waren. — Auch' Schramm ') hob hervor, dass die Ursache 
der zunehmenden AhmageruTig nicht in dem geringen durch den 
Speichelfluss bedingten Vei'histe an organischen und anorganischen 
Bestandteilen zu suchen sei. 

Nicht die per oa abgegebene Speichelmenge allein lässt eine Be- 
lu^eilung über den Gi'ad der Salivation zu, sondern es ist auch die 
verschluckte, oft reichlich in den Magen gelangte, nicht quantitativ be- 
rechenbare Speichelmenge ui Erwägung zu ziehen. Und diese ist ea 
ganz gewiss, die den Magensaft in verschiedenem Grade verdünnt, die 
Azidität oft erheblich herabsetzt, die Verdauung beeinträchtigt. Auch 
Runge hebt hervor, dass die grosse Speichelmenge für den Magen 
nachteilig sein müsse. Ob das zuweilen nachweisbare Fehlen von 
Ptyalin eine grosse Rolle spielt, mag ich nicht entscheiden; ganz weg- 
zuleugnen ist dieser Faktor aber wohl auch nicht, und dass durch 
verschluckten Speichel die Reaktion des Magensaftes neutral oder 
alkahsch werden kann, ist eine feststehende Tatsache. Hat doch ein 
englischer Autor, Martin, angegeben, dass seihst alkalisches oder 
neutrales Aufetossen von verschlucktem Speichel herrühren könne. Und 
in dem Grad, wie die Chymifikation leidet, leidet auch die Ernährung 
des Gesamtorgauismus. — Die Verdünnung des Magensaftes ist es 
also, die schon nach theoretischen Envägungen die Hauptursache für 
die InanitJon abgeben könnte und nach nnsern Untersuchungen ab- 
geben muss. 

Woher der entleerte Speichel stammt, ist bis jetzt noch nicht 
entschieden. F. A. Kebrer gibt an, da.ss in dem von ihm mitge- 
teilten Fall aus den Schleimth-üsen dei- Buccalscbleimhaut nur zu ge- 
wissen Zeiten zähes Sekret in Ballen entleert wurde, und dass die 
Eigenschaften der austretenden Flüssigkeit dem Gemisch der 3 Speichel- 
drüaensekrete entsprachen. In weichern Verhältnis diese einzelnen sidi 
jedoch beteiligen, ist bis heute noch unbekannt. Ich habe in den 
Ductus Stenonianus eine Kanüle einzulegen versucht, um wenigstens 



') Berl. klin. Woüh. 1886, Ha. 49. 



— 91 — 

den Parotisspeichel gesondert aufeufaiigen — es ist mir das nicht ge- 
glückt, zum Teil infolge Widerstandes der Patientin. Meinem Vater 
war dieser Vursuiih gelungen; er erhielt aus dem Parotis- Ausluhrgang 
in der Buhe mid bei leichten Kaubewegungen kein Sekret, nach einem 
Schluck Wasser zähen, fadenziehenden, leicht getrübten Speichel. 

ÜVier die Ätiologie des Ptyalismus wissen wir zur Zeit nocli'^"" 
ebenso wenig Bestimmtes, vfie über die der Hyperemesis, Simpson ') 
fasst den Speichelfluss als eine rein nervöse Störung auf. Und es 
könnte allerdings die Salivation durch eine reine KeHexwirkuiig erklärt 
werden, indem etwa diutih Reizung des Ischiadikus in If^ällen von 
ßückwärtBneiguug und Senkung des Uterus reflektorisch Speichel- 
absonderung hervorgerufen wird. Es hätte das Aiialogieu in dem 
Auftreten von Spoicheltiuss nach experimenteller Reizung der zentralen 
Ischiadikusstümpfe. Auch wissen wir, dass tatsächlich als rein nervöses 
Symptom bei Hysterischen bald Salivation, bald alinonne Trockenheit 
des Mundes durch vermehi-te oder verminderte Spei che! sekrelJon be- 
obachtet wiiii. Und ebenso, wie vrir eine psychische Hyperemesis 
kennen lernen werden, gibt es auch eine Salivatio psychica, womit 
hervorgehoben werden soll, daas der Psyche zwar nicht die alleinige 
£^r eine wesentliche Bolle bei der Entstehung des Symptoms zu- 
kommt. 

Scanzoui dagegen suchte die Ursache des Ptyalismus in einer 
veränderten Blutmischung und in einer durch sie bedingten gesteigerten 
konsensuellen Heizmig der Speicheldrüsen. Lange *) nahm ätiologisch 
eine iu der Schwangerschaft bestehende Chlorose an. Bouchard 
hebt hervor, dass einer der toxischen Bestandteile des Urins 
Schwangei-er speicheltreibend sei. Und dass nach zahh-eichen Giften: 
Wismuth, Jod- und Bi-oinpräparaten, Komutin, Äkonitin, Muskarin, 
Physostigmin u. a. als ein Symptom der Intosikatiou Speichelfluas 
auftritt, ist ein bekaujites Eaktum. — P. Müller fiibrt objektiv die 
2 zur Erklärung des Ptyalismus gegebenen Theorien an; er sagt: 
sVou mancher Seite wird die verändeiie Blutmischung als Ursache 
angeschuldigt, von anderer Seite wieder das Hauptgewicht auf Reflexe 
gelegt, welche von den Genitalien ausgehen sollen.« 

Die nicht so seltene Koinzidenz von Hyperemesis und Ptyalismus, 
die Kombination beider mit Ikterus gravidai'um, wie im oben mit- 
geteilten Fall, das Auftreten in den ereten Monaten der Schwanger- 
das Aufhören nach Entleeren des Uterus, weisen daraufhin, dass 



') LsQzet Jnli 1897. 
') Lehrbuch p. 35i. 




die drei Erki-ankungen auf dieselben Ureachen zurückzuführen sind. 
Welches diese letzteren sind, ist zur Zeit noch unentschieden. Wir 
werden bei der Hj^eremesis sehen, daea wir ein toxisches Agens als 
primär ätiologisches Moment mit Wahrscheinlichkeit akzeptieren müssen, 
und dasa wir alle peiipheren Reize, wie sie die Reti-oflexio uteii z. B. 
setzt, nur als auslösende Momente ansehen dürfen. F. A. Kehrer 
hat bereits darauf hingewiesen, dass durch Wu'kung gewisser, die 
Speichelseki'etion erregender, in der Schwangerscliaft produzierter Stoffe 
im Blut oder durch Anämie der Speichelzeutren der Ptyaliamua grar 
vidarura erklärt werden könne. Eine im Blut vorhandene, vor- 
zugsweise im Gehirn und der MeduUa wirkende Noxe be- 
wirkt wahrscheinlich die erhöhte Eeizbarkeit des Nerven- 
systems. Der Angriffspunkt derselben liegt vielleicht am FaziaJis- 
ursprung im verlängerten Mark, wo das Zentrum für die Speichel- 
absonderang zu suchen ist, vielleicht aber auch in der Grosshinirinde. 
Denn es ist von den Physiologen gezeigt worden, dass es vei'schiedene 
Stellen des Grosshirns gibt, bei deren Reizung unter Umständen 
Speichelsekretion erhalten werden kann. Doch sind diese Stellen nach 
C. Eckhard (Giessen) keine normalen Rindenfelder für die Speichel- 
sekretion. analog den motorischen Rindenfeldeni gewisser Gruppen 
willkürlicher Muskeln, sondern sie bilden die zentralen Bahnen des 
Fazialis und stehen nm- mit dessen Kernen in der MeduUa in Ver- 
bindimg. 

Wir kommen nun zur Besprechimg der Hyperemesis gra- 
■" vidarum, des sog. unstillbaren oder übermässigen Erbrechens, des 
vomissement incoercible französischer Autaren, welches sowohl all- 
mählich aus dem gewöhnlichen Schwan gerschaitserbrechen heiuus sich 
entwickehi. als auch gleich von Anfang au mit grosser Heftigkeit auf- 
treten kami. Horwitz ') hat gegen die Bezeichnung »unstQlbar* 
Front gemacht, weil das Erbrechen unstillbar wird »erst nach Ablauf 
einiger Zeit und allmäldich. aber durchaus nicht bemi ersten Beginn 
und nicht mit einem Male.« Er schlägt vom klinischen Standpunkt 
aus die übrigens schon von Gueniot angewendete-) Bezeidmung 
.fVomitus gravidaiimi |»emieiosus" vor. Diese Bezeichnung wollen wir 
akzeptieren. 

Da die Hyperemesis sich meist erst allmählich aus einer Emesis 
entwickelt, so sollte man eigentlich logiscbenveise für beide Symptome 
ebenso wie füi- die übrigen subjektiven Schwangerschaftserscboiiumgeii 



') Zeitachr. f. Geburtflli. und (iyn. IX, Bd. 
■) Des vomisBuments incuCTtibicH peiidsnt I: 



. 110. 



— 93 — 

die gleichen ätiologischen Momente heranziehen. Die Mehi-zahl spricht 
sich dahin aus, dass die AfFektionen als Beflexneuroaen, veranlasst 
dui-cli Reizung der Utenisnei-ven, im iMwonderen des Gianglion cervicale. 
aber auch der übrigen Beckennerven zu erklären sfiieii. Das reifende 
Moment liegt nach alter, fast allgemeiner Annahme in Ijige- imd 
Strukturveriln de rangen von Uterus und Adnexen, in entzündlichen 
Prozessen derselben, des Peritoneums und des Beckenbindegewebes. 

Menge ') erklärt die gewöhnliche ßmesis gi-avidanim als Reflex- 
«■schoinung, bedingt durch die in der ei-aten Schwangerschaftszeit be- 
sonders intensiv sich volbtiehonden Veränderungen am Endometrium. 
Reinstädter ^) und Moody =) führten das Erbrechen aut den von 
Seiten des normal gelagerten, wachsenden Ütems auf die Nen-enonden 
ausgeübten Druck zurück, Sie bringen damit die Tatsache in Über- 
einstimunmg, (Liäs da,s Erbrechen in der Regel während der ei-steu 
Schwan gei-schaftsmonate auftritt, wenn der Uterus sich nrwh iin kleinen 
Becken befindet, und der Druck auf die sympathischen Nervenfasern 
durch den in der Reckenhnhie vermehrt wird. TTnd während Manche 
angeben, dara das Erheben des Uterus aus dem kleinen ins grosse 
Becken gern mit dem ersten Auftreten der Hypei-emesis zusammenfalle, 
meinen die Dritten, z. B. Schütze, *) dass das Erbrechen gerade in 
dieser Zeit häufig aufhöre. Bei Myoma und Sarcoma uteri und bei 
Hämatnmetra hat mau selbst I»ei schnellem Wachstum tmr in ver- 
einzelten Fällen Erbrechen beobachtet, l'nd gerade bei denjenigen 
Myomen und Sarkomen, die, in der Wand der Cervix sich entwickelnd, 
das Ganglion cervicale theoretisch am meisten reizen wollten, pflegt 
kein Erbrechen aufzutreten, wie ich auf Grund der Beobachtung von 
2 Fällen bei CeiTixrayomen und einem Fall bei Sarcoma cervicis sollst 
bestätigen kami. Auch aus dem Grund ist die Theorie haltlos, weil 
manchmal nach Verkleinerung des Uterus durch eingetretenen in- 
kompleten Abort die Hyperemesis fortdauert 

Hatte man so dem normalen Wachstum des Uterus in der 
Schwangerschaft die Fälligkeit zugesprochen, auf reflektorischem Wege 
Erbrechen erzeugen zu können, so waren es u. A. A. Brotonneau 
und Karl Schröder, die die Ansicht ausseifen, die Hyperemesis 
wenle durch ein Missverbältnis zwischen dem aktiven Wachstum der 
Fnicht und der passiven Ausdehnung des Uterus hen'oi^emfen und 

') Bericht über die 7ö. VerBammliintr ileiitsuher N«furforsplior unii Arzte 

') DeiitspliB nit-.l. Woch. 1878, No. 31. 
') The mi^a. (igu, Vii), XV. 1897, p, 3. 
')ZeDtr, f. Oya. 1887, p. 27. 



— 94 — 

komme dementsprechend häufig bei Hydraninion und Zwilliiigs- 
schwangerschaft zur Beobachtung. K. Paterson ') sah spontaneii 
Abtirteintritt und ein Ovum mit HydramTiion bei einer Frmi. die mehr 
als gewöhnlich an Erbreclien ütt — Fltiiscblen ^i) hat 2 Falle von 
Hyperemesis mitgeteilt, in denen beiden es sich um Gemini handelte. 
Das eine Mal war die Zwillingsschwangerschaft mit abnormer 
Wucherung der Decidua kompliziert, im anderen Fiül handelte es sich 
um G^emiIn mit hochgradigem Hydramnion. Wir können aus dieser 
Angabe schon die liäufig verti'etene Anschaumig, dass auch patho- 
logische Zustünde des Eies zur Hyperemesis führen können, heraus- 
lesen, ahor auch zugleich abweisen, du ■/.. B. von einem häutigen Vor- 
kommen bei der Blasenmole, bei einer Affektion, die den Utorus stark 
ausdehnt, die IFteruawand reizt, und gar perforiert, nichts bekainit ist 
Ich habe Hj'jjeremesis unter mehreren Pällen TOn Blasenmole nur ein- 
mal gesehen und in der Tjiteratur nur eine Angalio von M, firaefe ') 
finden köunen, der 2 mal perniziöses Erbi-echen bei schnell wachsender 
Blaseiunole beobachtet«. Gegen die Bedeutung der von Schröder 
ätiologisch angegebenen iibermäsaigen Ausdehnung des Uteras für die 
Entstehung der Hyperemesis spricht vor allem der Umstand, dass in 
vielen Fällen von Hydramnion und Zwillingen Erbrechen ganz fehlt, 
und dass dns Erbrechen fast stets in den ersten Monaten, das Hydramnion 
erat in der 2. Hälfle der Schwangerschaft zur Entwicklung kommt 
Vor einigen Monaten erst konnte ich eine Frau mit ganz mächtigem 
Hydramnion beobachten, die in der Schwangerscliaft niemals Er- 
brechen hatte. 

Als einer der ersten hat Graily Hewitt. dem wir verschiedene 
Arl)eiten über Hyperemesis verdanken, die Erkrankung auch auf Lage- 
Veränderung und Entzündung des Uterus bezogen: »Auf In- 
karzeration des Organs im Becken, verbunden mit Flexion oder Version, 
namenÜich Anteflexion desselben.« Bevor man noch durch B. S. Scbultze 
wusste, daäs die Reti-odeviationen pathologisch, die Anteflexion die 
Normallage sei, betrachtete man die als Falschlage früher angesehene, 
Anteflexion d^ Uterus und später erst die Retrortexion und Retro- 
version als Ursache der Hyperemesis. So sagt Ulrich: >Als ein 
wesentliches Moment zur Unterhaltung des Übels wurde die falsche 
Achtung (in diesem Falle rechtwinklige Anteflexion) des Uterus an- 
gesehen, welche seine fernere Ausdehnung ei-sciiwei-en und einen ab- 



') Ref. Zentr. f. Gyn. 1901, p. 6Ü3. 

') Zentr. f. Gyn. 1890, p. 833, iind Zoitschv. f. Goli. u. 

») Jahreaber. f, Gob. u. Gyn. Bd, IX. 1896. p. MO. 



— 96 — 

normen Reizimgszustand der Uteriii nerven hervorrui'en moc.htP.c Aiit das 
Unhaltl)ape dieser Anschauung einzugehen, ist heute nicht mehr nötig. — 
Besonders die Reü'oflexio uteri gravidi cum incai'ceratione bat schon 
Brian ') als ätiologisches Moment angesehen. Er konnte sich über- 
zeugen, dass nach geschehener Reitosition des im 3. Monat graviden 
Ht^nis das Erbrochen momentan aufhörte, und die selir heniuter- 
gekommene Frau von nun an zusehends gesundete, Falle von Batro- 
veraioii oder Retrollexion mit Hyperemesis im 4. resp. 3. Monat 
der Gravidität und Beseitigung durch Aiiii-ichtung habtni auch Hohl"). 
Grenser^), Chazan ') u. a heschrieben. Klotz'') erlebte die grosso 
Zahl von 30 Fallen von Hyperemesis gi'avidamm; in 21 von ihnen 
bestand Retroilexio uteri und stets soll das übermässige Erbrechen nach 
Verbesserung der falschen Tjiige vei-sch wunden sein. 

Als lli-sachc des Erbrechens nahm Klotz Zeming der (!)varieii, 
Hewitt den ünick. den die Nei-ven im Bereich dei' Biegungsstello des 
Vterua erleiden, Leopold") eine Dehnung und Spannung der Nerven- 
plexus UTid der üteru-s-Muskulatur an. Dass abei- nicht in jedem Fall 
von Ketrollexio uteri gravidi Erbrechen eintritt, ist hekainit und mrd 
auch durch Fall ßöi«! aus Tabelle T, No. 14 (2. Monat der Schwaii- 
getschaAj bewiesen. Hier bestand nur Elmktation von Gasen und 
schleimiger Flüssigkeit und Veraclileehterung dos Appetits bei niederen 
Säui'ewerten, 

Auch die in der Gravidität vorhandene Huxionäre Hyperämid 
der Beckenorgane sollte bei jeder Schwangeren, besonders aber bei 
Stauungen durch Retrollexion einen Reflex auf den Magen auszuüben 
im Stande sein. So bringt Sims diese Blutstauung in den Vonen 
des Uteius in Beziehung zur Hyperemesis. — Horwitz') fand, dass 
parenchymatöse Entzündungen der üteruswände unstillbai-es 
Erbrechen erzeugen köimen, und hebt hervor, dnaa weder Lagever- 
ändemngen des Utenis, noch die Entzündungen des unteren Segments 
so gi-ossen Einfluss ausüben, wie die Entzündung des Korpus und 
Fundus. Auch eine Endometritis, besonders eine solche der Cervix, 
kann nach der Ansicht mancher Autoren eine Ursache für Hyperemesis 
abgeben. Der Grund dafür ist wohl einzuaehon, finden sich doch die 



') Moniteur dfia hfipitauK 1856, No. 86. und Gaz. des 

') Lebrbiieli der Gebiirtsli. 1863. 

•) Zontr, f. Gyn. 1887, p. 37. 

*) Zontr. f. Gyn. 1887, p. 35. 

'■) Zetitr. f. Gyn. 1887. p. 27. 

") Zentr. f. Gyn, 1886, Bd. 11, p. 28. 

T Zeitachr. f. Geb. u- Gyn. Bd. 9. 






— gfi - 

letzten NerveneiKligiiiigeii im Epitliol iiiid in doii DriLsen. EbelL.T. Veit'), 
Theilliaber^) u. a. haben Fälle von peniiziöaem Erbrechen bei Endo- 
metritis und Erosion beschrielwn. W. Jaggard^) teilte einen Fall 
von Hypeieniesis bei einer 29jährigen VITI. Gi-avida mit; das Erbrechen 
Ijegann erst im 6. Monai Es bestand eine Endometritis und die k^. 
Hydmrrhiia gravidna-um. -T. H. Bennet nimmt an, dass entKÜndliclie 
SoJiwellnng des Collum uteri und Ulzerationen an den Muttemiiinda- 
lippen Hyperemesis auslösen können, und Clay*) hat auf einen „ent- 
zündlichen Zustand des Muttei-halses und Mnttennundes" hingewieson. 
Stocket '') er/ähtt, er habe bei einer Patientin 3 aufeinander folgende 
Schwangerschaften unterbrechen iniisseii. Aber schon ein englischer 
Autor; Brock hat gefuntleii, dass Hyperemesis in den meisten Fällen 
von rigidem Muti^rnmnd und elwnso bei Plexinnen und Torsionen des 
Uterus ganz fohlt. 

In diese Kategorie von Fällen wüm auch wohl noch einer zu 
rechnen, den ich im vorigen Jahr beobachtet habe. Bei einer Frau 
mit geringer Hypoplasia uteri und spitzwinkliger Anteflexion war wegen 
Stenose des os intenium die Diszission von anderer Seite ausgeführt 
worden. 3 Monate später kam die Frau mit den Angaben über 
heftiges Erbi'echen in die Behandlung: sie war anämisch und schwach und 
gravid. Ob Narben am os internum oder die die Äasdehnung des Uterus 
vielleicht erschwerende Hypoplasie des Organs hier iTi Beüiehung zu 
.starker Emesis zu stellen ist, ist diskutabel. 

Wohl mit Recht wurde auch die Pai-ameü-itis posterior in Ver- 
bindung mit der Hyperemesis gebracht und vielleicht noch häufiger, 
und zwai' schon von F. Weber 1877, pelveoperitonitische Adliäsionen. 
Tuszkai sucht die Ätiologie in einer lokalen Peritoneal affektion, der 
Perimetritis levis, wie er sie bezeichnet. 

Endlich ist die Literatur ziemlich reich an Fällen, wo eine 
Oophoritis oder wenigstens ein druckempfindliches Ovarium oder 
entzündliche Adnextumoren in Beziehung zur Hyperemesis ge- 
bracht werden. Ja Halladay *) und Grandin fassen die Emesis 
gi'avi{]ai'uni als eine vom gesunden Ovarium ausgehende Reflexueurose 



') Berl. klin. Woch. 1888, und Peter Müllera 

•) Münch. med. Woch. 1887, No. 46. 

'j Amor.journ.or ubsU-tr. 1888, ii.466. 

') The Midland quiirterly .loiirn. ol' the med. 

') Zeutr. f. (lyn. p. 27.1. 1889. 

•) Med. Bge 1886, No. 11. 



HaridbiLOii der Uehurlshilfp. 



I 



— 97 — 

auf, wplche durch das \on der 3. Wocbe bis Ende des 4. Monats 
wachsende Korpus luteum hervorgerufen werde. In einem von 
F. Frank (Köln) ■) beobachteten Fall von Hypereniesis erzeugte eine 
linkaseitige Pyosulpinx das Erbrechen. Die Diagnose wurde dinch die 
Autopsie bestätigt; es war hei der Extraktion des Kindes eine Berstung 
des Tubensackes mit folgender septischer Peritonitis entstanden. Kann 
diese Aflektion durch Bauch fei Ireiz schon ejdra graviditatem Erbrechen 
erzeugen, uin wie viel mehr vennag sie das bei der in der Schwanger- 
schaft eiiiiihten Erregbai^teit des Nervensystems. 

Seitdem die fixiei-enden Operationen Iw-i Retroflexionen mit und 
ohne Prolaps ausgeflihrt wei-den, findet man iii der LiteratiU' FSUe 
von hartnäckigem Schwangei-scliaftserbrechen nach vaginalen und 
aMoniinalen Pixationsveriahi'en. Eine abnorme Befestigmig des ITterus, 
ein liestehendes Exsudat oder dessen vorhandene Reste führen zu 
Reizeiscrlit^inungen; aus peritonealen entzündlichen Adhäsionen, die ihn 
an seiner fi^ien Entfaltung hindern, sucht er sich durch Kontraktionen 
zu befreien. Auch hei Verwachsung des Omentum majus mit ITterus 
oder Ovarien kann Hj-peremesis auftreten. G^ottschalk beobachtete 
eine Frau, hei der die Residuen einer vorausgegangenen und exspektativ 
hehantlelten Tubargi-avidität den graviden Uterus nach dei' erkrankten 
Seite zu fi-xiei-ten. 6 Monate lang andauernde, die Gravidität ge- 
fährdende Utei-us-Kontraktionen pflegten mit starkem Erbrechen einher- 
zugehen ; mit der Zeit, als die Adhäsionen sich lockerten, und 
der Uterus sich frei entwickeln konnte, liess das Erbrechen nach. — 
A. Müller') sieht die Hauptm-sache der Hyjieremesis in einer ent- 
zündlichen Verwachsung des Uterus in der CJegend des Promontoriums 
und in einer dadurch erfolgenden Zerrung des Plexus solaris. Alle 
Eingriffe, die einen Zug an der Portio nach vorne bedingen, sollen — 
wie er meint — das Erbrechen bessern. Noble ') gibt an, dass aus- 
nahmsweise auch die ventrale Fixation des Utenis zu Schwangerschaits- 
erbrechen geführt habe. Auch Grisstede') sah eine Patientin mit 
heftigem SchwangerschafKerbrechen nach früherer ventraler Fixation 
des Uterus. Ol) in solchen Fällen die Ursache in perinietritischen 
Adhäsionen oder — was eigentlich dasselbe ist — iii Dehnung des 
künstlichen Bandes Zwischen Uterus und vorderer Bauch wand zu 
suchen wm', welch letzteres Noble fiir seinen Fall annimmt, steht 



') ZpDtr. f. (iyn. 1898. p. «8. 

^) Sitzung- der gyn. GeHolUcbaft in UniicKeii 22. I. 
■') The araerikiin gyn. and obstetr. jonm. Xcn-iimbiT 
') Archiv f. Gy». Bd. 67. [>, flu?. 




— 9R — 

dahin. Bei Di-iick m\i den Fiiiirliis und bei jeder Traktion bei der 
Extraktion des Kindes bei der im 7. Monat ausgefiihrtfin künstlichen 
Frühgeburt entstand regelmässig Erbrechen und Oh nmachtsati Wandlung. 
Ein unbedingter Ziisaniinenhaiig zwischen Adliäaioneii und Scliwaiifser- 
schaftserlirecheii ist in all' diesen Fällen nicht vorhanden ; denn «* ist 
denkbai'. dass die Hyperemesis (Jinc veutralo Fixation vorhanden ge- 
wesen wära 

In vielen Fällen von entzündhchen Prozessen in der Cenix, be- 
sonders iK-i seitliclien oder hinteren piu-ametritischen Exandatresten, hei 
Endometritis und Metritis hat man eine Reizung des Franken- 
häuserschen Ganglion cervicale angenommen, und damit das an- 
geblieh häufigere Erhi'echen bei EntzÜTidungeu der unteren Abschnitte 
des Uterus in Verbindung gebracht. Dass perineuritisoiie Prowsse den 
Reiz oiiileitfiu und unterhalten können, ist tlieoretisch walirscheinlich. 
W. A. Freund ') hat neuerdings in dem Cei-vicalgauglion hei Para- 
metritis chronica atrophicans eine narbige H^i^erplasie des intei-stitiellen 
Bindegewebes, eine Perineuritis mit AuseinanderdriäTipung der Elemente 
des Geflechtes, teilweisen Untergang der Nen-enfasem und Schwund 
der Ganglienzellen beschrieben, und in der Gravidität eine bedeutende 
Vergrösaeruug des Ganglions gefunden. 

Auf (jiTind der Annahme, dass eine Veränderung dieses Neneu- 
geflechtes dui-ch Entzündung oder intensive Hj'penimie als reflektorischer 
Reiz wirkt, könnte man vielleicht in den Eällen, in welchen daa Ei 
sich nalie dem Ganglion, im unteren Teil des Coipua entwickelt, und 
in dessen Umgebung die intensivste fluxionäre Hyperämie ei-zeugt, ein 
häufiges Auftreten von Hypei'eniesis und andern Reflexerscheinuiigen 
erwarten. — Ulrich^) hat bei der Sektion einer au Hyperemesis 
Verstorbenen die Placenta im untersten Oorpusabsclinitt gefunden; und 
Gottschalk ") hat hei Placenta pr.ievia centralis wiederholt sehr stai^es 
Erbrechen l)eobachtet. Wenn ich Emesis oder Hyperemesis auch nicht 
in Fällen von Placenta |n'aevia seihst gesehen halte, so liegt mir doch 
die Anamnese von einer intelligenten Hebamme vor, die 8 mal geboren 
hat Bei der (i. Geburt bestand Placenta praevia mid imr in der 
6. Schwangerschaft waren Magenerscheiuungeu vorhanden. AVähreiid 
dieser 6. Gravidität stillte die Frau noch in den ersten fi Wochen 
ihr 5. Kind, das "U .Talirc lang Muttermilch erhielt In der 4, Schwangej- 
scJiafts-Woche trat morgens nüchtern Übelkeit .auf, lieaonders iM'im Er- 



') li. Veraamiril. dentachpr Nalurforacliiir und Ärz 
>) Monalaschr. f. OeburUikuiidD. Bd. 11. ]<. 93. 
') ZeitBclir. f. Gob. n. Oyu. 49, Bd., p. 342. 



I KurlRbaii 1902. 



- 99 - 

heben aus dem Bett und unter Würgen erfolgte Entleeren von 
achleimigen Massen; von der 6. Woche bis zur Geburt bestanden sehr 
häufige, nur kurze Zeit aussetzende Blutungen, und zeitweino Erbrechen; 
ises stellte sich intensiv bei der Geburt vor Austritt des Kinden auf 
der Hoho der Wehen ein. Diesen Tatsachen steht die Angabe von 
Shaw ') entgegen, nach welcher bei Placenta praevia kein Schwanger- 
schafts-Erbrechen eintrete, weil die Muskelfasern des unteren Corpus- 
abschnittes früh aufgelockeii würden. 

In einer weiteren Kategorio von Fällen führen Uteruskon traktionen 
zu Emesis und begünstigen die Entstehung der Hyperemesis. Wir 
werden bei der Besprechung der Dysmenon'hoe und Hetroflexion darauj 
noch znrückkonimen und wollen hier nur anführen, daas hei spontanen 
Bepositinns versuchen des retroflektiei-ten graviden Uterus bei dmhen- 
dem Abort und bei entzündlichen Fixationen des Uterus Erbrechen 
wiederholt beobachtet wurde, tlber das Erbrechen in der 2. Hälfte 
der Schwangerschall: bei den ersten Kindshewegungen. vor und bei der 
Geburt, besonders auf der Höhe der Wehen haben wir schon gesprochen. 

Als Gelegenheitsursache für Hyperemesis ist noch die chronische 
Anämie, angebome Enge der Aoi-ta und des ganzen Gefässsystems 
angegeben worden; und es ist wahrscheinlich, dnss in diesen Falten 
einer mangelhaften Ernährung des Nervensystems die wesentliche äti- 
ologische Rolle zufällt. 

Endlich hat Levy ä) die Ursache mancher Fälle von Hyperemesis 
in kleinen Schenkel- und in Leistenbrächen vermutet, — Wenn nun 
aUe diese Veränderungen im Becken oder der Bauchwand reflektorisch 
■iwremesis auslösen können, so ist, wie ich glaube, nicht einzusehen, 
warum nicht auch hochgradige Koprostase unter deu Gelegenheits- 
momenten aufzuführen sein sollte. TTnd hi der Tat hat man die ge- 
wöhnliclie Füllung von Blase und Rektum während der Nacht für den 
Vomitus matütinus verantwortlich machen wollen. Fischeis) hat 
habituelle Vei-stopfiing als auslösende Ursache der Hyperemesis an- 
gesprochen und als Piädisposition zu ihr die gesteigerte nervöse 
Irritabihtät der Schwangeren. Jedenfalls gewinnt man oft den Ein- 
druck, als ob ganz auffallend genau nach irgend welchen, und sei es 
.den kleinsten Veränderungen am Genitale gesucht worden sei, nur um 
irgend ein Oonius delicti für die Hyperemesis zu finden. So sah z. B, 



') Uritisli med. journ. IJ 
') PcrnbiüBiiN Erbrechen 
^) Prager med. Wooh. 1 



lit u, oline Schwurig., Berlin, Verlag Heu 
H, No. 3 u, 4. 




— 100 — 

Davis die venneiiitlielie TTrsaclie der Hjperc-mesis in zwoi kleinen 
Reteiitioiiscysten in der hinteren Wand der Oervix. Weini man so 
weit gehen will, miisste doch eigentlich fast jede Frau Hyperemesia 
bekommen. 

Tn einem anderen Teil der Fälle spielt zweifellos die Psjchi' 
eini^ Rolle hei der Entstehung der Emesis und Hyperemesis. Ahlfeld ') 
schiin sagte; »Die Reize, welche reflektorisch den sich immer wieder- 
holenden Brechakt auslöaen. gehen hüuiig von t*iner intensiveren Er- 
regung der SinnesneiTen aus. Und auch die Gesichts- und (Gehör- 
nerven, die Geruchs- und Geschniacksnerven sind in der Schwanger- 
schaft viel reizharer, als sonst.« In manchen Fällen wird als Gelegenheits- 
ursache ein Fall oder eine andere Aufregung angegelien. Bei meinen 
Magen untersuclmn gen habe icli 2 mal die auffallende Tatsache .erlebt, 
dass Gravida«, die mir bei den Aushebeningen die Brechschale hielten, 
die Gläser i-einigten, lieini Filtrieren des Mageninlmltcs halfen, heftiges, 
hie dabin nie vorhandenes Ei-brechen bekamen. In dem einen Fall 
war der Vomitus so stai'k, dass er niclit nur htn und nach den Magen- 
untersuchungen nnd beim 2. Frühstück eifolgte, wie l)ei der andern 
Gravida, sondern nach jeder Mahlzeit sich fast S Wochen lang ein- 
stellte, und die Patientin in ihrem Kräftezustand recht heniut«rhi*achte. 

Auch das Erbrechen itei den ersten Kindsliewegungen hat man 
als rein psycJiisches gedeutet und in Zusammenhang gebracht mit der 
freudigen Erregung der jungen Prau oder mit der Sorge für die Zu- 
kunft bei der Unverheirateten. Graefe ist at>er zu weit gegangen, 
wenn er glaubt, dass jedes Schwangerschaftserbi-echen seitie Entstehung 
der unhewussten Autosuggestion oder wenigstens einer jjsychopathischen 
Basis verdanke. Seine Annahme, dass das Erbrechen mit der Tat- 
sache in Beziehung stehe, dass die scliwanger gewoitleiie PVau wisse, 
dass hei GraviditJlt Erbreclien eine Haupterecheinung sei, hat bereits 
Menge entkräftet durch Hinweis auf die Dienstmädchen, die ahnungslos 
mit Magen JTeschwei-den zmn Ai-zt kommen und hier sehr bestürzt die 
Diagnose auf Schwangerschait vernehmen. Zugegeben auch, dass ein 
Teil dieser Individuen die Schwangerschaft ahnt, so kommt es, wie 
jeder weiss, bei Frauen und Mädchen häufig vor, dass sie von einer 
bestehenden Schwaiigerscliaft gar keine Aluiung haben. 

Es können also nicht nur periphere, im Organismus ge- 
legene Reize, sondern auch Reize der Aussenwelt den Vo- 
mitus erzeugen, oder besser dessen Entstehung begünstigen. 



') Zentr. f. Gyn. 1891, p, i 



— 101 — 

Denn dass voa einer dii'ekten ausschliesslichen Ursache bei all den als 
ätiologische Momente angegebenen Verändeinngen uicht die Rede 
sein kann, wird schon durch das eine Faktum bewiesen, dass 
all die genannten Erki'ankungen nur in einem Teil der Ralle von 
Hyperemesis gefunden wurden und manchmal sicher künstlichen Kon- 
struktionen ihre snpponierte Relation zu ihr verdaidten. Auch die 
Erfolglosigkeit der Beseitigung der GenitaJerkrankungen, die in einigeu 
Fällen ausdrücklich hervorgehoben wird, die Seltenheit der Hyperemesis 
gegenüber der enormen Häufigkeit der genaimten pathologischen Prozesse 
in der Gienitalsphäre spricht gegen die Annahme, dass eine (.Tenital- 
aiiomalie die ausschliessliche Ui-sache des Erbrechens sei. Aber nicht 
als ätiologische, sondern als auslösende Momente müssen wir sowohl 
die peripher im Organismus vorhandenen, pathologisch-anatomischen 
Veränderungen, als die in der Aussenwelt gelegenen betrachten. Es 
muss noch etwas anderes im Organismus der Schwangeren vorhanden 
sein, dem die Hauptursache l'iir die Hypereraesis zuzuschreiben ist; es 
müssen durch ii^end eine Veranlassung die Nerven eret so reizbar ge- 
worden sein, dass die genannten Reize ihre "Wirkung ausüben können. 
Das Nervensystem muss erst in einen Zustand der Disposition ge- 
langt sein. 

Nachdem Ahli'eld u. A. Fälle mitgeteilt hatten, in denen vurhaitnia 
Hysterie die tinrndlage des unstillbaren Erbrechens bildete, war es ^" 
Kalteiibach !)■ der die Hypothese aufstellte, sdass eine besondere „urHyper- 
nervöse Disposition beim Erbrechen Schwangerer vorhanden sein müsse, """•*■ 
und dass Hyperemesis als eine Folge, als eine Aussemng von Hysterie 
auftreten« könne. Chazan ') hat 1887 ausgespi-ochen, dass die 
Hyperemesis in den meisten Fällen auf eine allgemeine Ei'ki-ankung 
des Nervensystems oder der Psyche zurückzufuhren sei, und nicht auf 
eine Gtenitalanomalie, wie man bis dahin allgemein glaubte. Etwas 
anders äussert sich AhU'eld ») 1888; er sagt: »Ich halte die Hyper- 
emesis und den Ptyalismus gravidaram für nichts anderes, als eine 
Steigening einer bei vielen Frauen in der Schwangerechaft bestehenden, 
durch die Scliwangerschaft heiToi^nifenen KeHexiiem-uae. Bei sensitiv 
reizhwisn Frauen und bei chilenischen Erki'ankungen des Magen-Dium- 
traktus steigern sich die Erscheiirnngen ki-ankhail und können zum 
unstillbaren Erbrechen liihren,« Hatte Ahlfold der Ätiologie mit 
einem Wort Erwähming getan und im letzten Satae noch hinzugefügt : 

■) CeDtr. f. Gyn. 1891, p. 32'J. 

') Oentr. f. Gyn. 1887. 

■) Deutsche med. Woch. p. 468. 




— 102 — 

»bei irgend welchem Affekt der Genitalien^, so hätte seine Definition 
keine Lücke aufeuweisen. Im Gnmd genommen differieren die An- 
schauungen Kaltenbachs und Ahlfelds nur ingofem, sils dieser 
eine von den Genitalien ausgehende Reflexneuixise, jener eine primäre, 
aUgemeiue Nemx)se annimmt. Scheinbar hat auch Kaltenbach nur 
heiTorheben wollen, dass in der Schwajigerschaft ein pathologischer 
Zustand des Nei-vensj-stems sich einsteUt, der gleich wie bei der 
Hysterie sich in einer erhöhten Irritabilität zeige, und dass der äub- 
druck dieser letzteren die Hyperemesis sei. AVir werden sehen, dass 
wohl beide Autoren in gewissem Sinne Recht behalten. 

Einen Schritt weiter als Kaltenbach macht Graefe, ') der nicht 
nur die Hyperemesis, sondern auch das gewöhnliche Schwangerschafts- 
erbrechen in jedem Fall als ein hysterisches Symptom ansieht Es 
ist zur Beurteilung dieser Hypothesen vor allem wichtig, sich den 
Begriff der Hj-sterie kiu^ klar zu machen und hervorzuheben, dass im 
Einzelfall die Entscheidung darüber recht schwer ist, ob das auslösende 
Moment der Hysterie die Gravidität ist, oder ob die Hysterie früher 
schon bestand. Die Definition der Hysterie geschieht keineswegs nach 
einheitlichen Prinzipien. Es kann nicht unsere Aulgabe sein, sie hier 
zu diskutieren ! Manche sagen, die Hysterie sei eine Krankheit des 
Zentralnervensystems, die bei vorhandener Disposition von deJi ver- 
schiedensten peripheren, pathologisch veränderten Körperstellen aus- 
gelöst werden könne. Ändere fassen die Hysterie als rein zentrales 
Leiden auf. Nach Kräpelin ist die Anlage zur Hysterie angeboren. 
Wir wollen — wie das W, A, Freund u. a. taten — hier eine 
zentrale Form der Hysterie, d. h. eine zenb-ai von der Psyche 
ausgehende und vorzugsweise mit allgemein psychischen Erecheinungen 
einhergehende funktionelle Störung von einer ßeffexhysterie und 
Reflexueurose unterscheiden. Von dieser dürfen wir, wie ich glaube, 
dann reden, wenn ausser dem Vomitus oder der Hyperemesis die 
exakteste Untersuchung auf hysterische Stigmata und auf das psychisdte 
Verhalten negativ ausgefallen ist ; von jener dami, wenn bei einer erst 
in der Schwangerschaft nachweisbar ausgebrochenen Hysterie als 
dominierendes Symptom die Hyperemesis sich findet Für diese f^e 
gilt die Kaltenbachsche Ansicht, ^j dass die Hyperemesis gelegent- 
lich als das erste Symptom der Hysterie, wir können sagen, als 
monnsymptomatische Hysterie auftritt Eine Keflexneurose der Hj'sterie 



') Snmmlung zwaogtoser Abhandtiingen 
künde luid Goburlehilfe Bd. rU, Heft 7. 

») ZeitBchr. f. Gab. und Gyn. 48. Bd., 1903, p. 676. 



(jebiete der FraiienheU- 



— 103 — 

synonym zu stellen, wie Kalteiibacli tat, können wir nicht zugeben, 
und von den Neuropathologen hebt gerade Windscheid ausdrücklich 
hen'or, dass eine genitale Eefloxneurose mir unter Ausschluss der 
Hysterie diagnostiziert werden darf. Ganz abgesehen von den sicher 
nicht seltenen I*äUen. in denen eine von früher her mit hyateriachen 
Stigniatis behaftete Person Emesis oder Hyperomesis gravidarum be- 
kommt, entsteht die Frage, zu welcher Form beide Erscheinungen zu 
rechnen sind. Bei der gesunden Frau entsteht ohne Zweifel eine 
Magen-Reflexneurose, welche schon in der Schwangerschaft wieder zu 
verschwinden pflegt Nur hei einem von früher her in seinem 
Nervensystem geschwächten, einem neuropathisch veranlagten Indi- 
viduum, oder bei einer Prau, bei der eine angeborne Hysterie bisher 
latent verlief, fiihrt ein auslösendes Moment in dem oben angegebenen 
Sinn in der Schwangerschaft zur Reflexhysterie, welche sich in einem 
dann vorwiegend hysterischen Symptom : dem perniziösen Erbrechen 
äussern kann. Inwieweit ausser der Beschaffenheit des Nervensystems 
noch andere Momente: wie z. B. die Funktionafähigkeit der Nieren eine 
Rolle spielen, steht dahin. Sonel aber steht fest, dass die Reflesbysterie 
nach Ablauf der Schwangerschaft wieder scheinbar verschwinden, sagen 
wir : wieder latent verlaufen kann, weil die durch die auslösenden 
Momente und duix^ die Seh wangerech aft au sich chaj-akterisierte 
Reizquelle versiegte. Da nun die Schwangerschaft fast au^chliesshch 
eine in ausgesprochene Inanitionszustände übergehende und bis zum 
Tod führende Hypei^mcsis erzeugen kann, so folgt daraus unbedingt 
ein zweifaches: dass die Hyporemosis gravidarum zwar in manchen 
Fällen auf vorwiegend hysterischer Basis beruht, dass sie aber kein rein 
hysterisches Symptom ist, und dass besondere Stoffe in der Schwanger- 
scliaft gebildet wei-den müssen, die passagar das Nervensystt'm 
verändern. Ein vorwiegend hysterisches Schwangerschafts- 
erbrechen ist demnach von einem Iiitoxikationserbrechen in 
der Schwangerschaft, wie wir vorläufig einmal sagen wollen, zu 
untei'scheiden. 

Es bleibt imn noch die eine gewisse Schwierigkeit verui-sachende 
Auffassung des rein jisychischen Schwangerwshaftserbrechens übrig. Wer 
behaupten wollte, daas Neurasthenie, geschweige denn Hysterie hier 
stets eine Rolle spielen müssen, wäre im Irrtum; sie können es wohl, 
aber sie iniLssen es nicht Sonst wäre» die vielen Menschen, die bei 
einem hiisslichen Geruch oder Geschmack oder bei dem Anblick ekel- 
Dinge Übelkeit oder Erbrechen bekommen, nervös, sonst 

1 all die, die die Seeki^ankheit nicht verschont, in ihrem Nerven- 




— 104 

System pathologisch labile Menscheu. Aber doch besteht wohl auch 
hier weder ein kleiner Uiitei-schied zwischen dem psychischen Schwan- 
gerschafteerbreche ti lind dem Erbrechen ausserhalb der Gravidität, das 
wir eben besprachen: denn jenes kann zuweilen nach Wegtall der aus- 
lösenden Momente Tage und Wochen lang andauern, dieses vergeht in 
der Begel mit dem Verschwinden der Ursache. Dass übrigens als 
üine Form des nervösen Erbrechens ein psychischer Voraitus existiert, 
wird voi-züglich denioustriert durch die Erzählung Weir Mitchells 
von einem nervösen Eheraami, der bei jeder Schwangerschaft seiner 
Frau mit erbrach. 

Gegen die Auffassung der Hyperemesis als reines hysterisches 
Erbrechen sprechen nun verechiedene Tatsachen; zunächst die, dass au 
Hysterie allein niemaud stii-bt, und dass dem hysterischen Erbrechen 
das fehlt, was die Hyperemesis auszeichnet: die Kachesie. Darauf 
hat besonders Windscheid hingewiesen. Es gibt zwar als ein über- 
aus seltenes Leiden eine sog. akute tödliche Hysterie, doch ist diese 
ihrem Wesen nach noch ganz unklare Erkrankung wohl nm mit dem 
Namen Hysterie bezeichnet worden, weil die Begritie fih' ihre patho- 
logische Dignität noch fehlen. So sind schwere Fälle von sog. Anorexia 
nervosa, die Stiller als gravis bezeichnet» hei Individuen vor dem 
25. Jahre zur Beobachtung gekommen, in denen sich die Patientinnen 
das Essen geradezu abgewöhnt haben und in einen Zustand hoher 
Inaniüon gerieten, dem sie — wie Gull und Feuwich berichten — 
In diese Ki^ankheitsgruppe sind die wegen ihi'es Fastens als 

1 verehrten Jungfrauen zu rechnen. 

Es spricht ferner gegen eine hysterische Schwan gerschafts- 
dass nicht neuropathisch veratdagte Frauen in ihrem 
Nervensystem vor der Gravidität völlig normal sein können. ^Die 
grosse Mehrzahl der Schwangeren ist fi-ei von Hysterie und auch die 
vernünitigste und gesündeste Frau wird bisweilen von der Hyperemesis 
befallen«, sagt Olshausen. Andere Autoren heben hervor, dass Frauen 
mit Hyperemesis in der Regel einen schwächlichen Köriierbau, schlaffe 
Muskulatur und ein schwaches Nervensystem haben. Aber mit der 
Annahme, dass eine angeborene Hysterie bis zur Schwangerschaft 
latent verlaufen und dann erst ausbrechen könne, werden jedenfells 
nicht alle Fälle zu erklären sein. Ferner hört angeblich das perniziöse 
Erbrechen stets aul nach Absterben der Frucht — ein Ereignis, das 
die Mutter in den frühen Monaten der Schwangei'schatt nicht wissen 
kann; und ferner besteht es fast nur in den ersten 5 Monaten der 
Gravidität. Auch gibt es Beobachtungen, nach denen die Hyiieromesis 



— 105 — 

bis zu dein Moment anhielt, in dena mikroskopisch nachgewiesene Ei- 
reate dui'ch Äbrasio mucosae entfernt wurden. 

Ein gegen die Anffajsaung des gewöhnlichen ScLwangerschafts- 
erbrechens als einer hysterischen Erscheinung absolut sprechendes 
Faktum ist das, dass es intelhgente Schwangere gibt, die Einbrechen 
bekommen mit dem Moment der Konzeption. Dass Frauen, die schon 
einmal das eigentümliche Gefühl der Schwangerschaft empfunden 
haben, genau den Konzeptionstermin aus dem eintretenden Gefühl von 
Unbehagen, von wechselnder Hitze und Kälte, von Flausein im Magen, 
Übelkeit und E>brechen erkennen, ist eine rätselhafte, aber ganz be- 
kannte Tatsache. Aber auch Erstschwangere diagnostizieren aus ihnen 
den Eintritt der Gravidität. So gab mir eine intelligente, leicht 
anämisch-nervöse Schwangei'e au, dass sie genau 2 mal 24 Stunden 
nach der am 26. Juni 1900 abends beendeten Periode zum ersten 
Mal kohabitiert habe; die Nacht über war es ihr schlecht, den ganzen 
nächsten Tag hatte sie mehrmals Erbrechen; und von diesem Tag ab 
datierte die erste Schwangerschaft. — Am 19. September 1902 war 
wieder eine Menstruation beendet; ani Abend des folgenden Tages 
erfolgte der Beischlaf; noch in derselben Nacht traten leichte Schweiss- 
ausbrüche, Hitzegefühl im Kopf abwechselnd mit Frösteln ein; nach 
dem Morgenkaffee am 21. September erfolgte Erbrechen, da.s mehrmals 
im Tag wiederkehrte. Auch diesmal begami die Schwangerschaft am 
Tag vor dem Erbrechen. Ein psychisches Vomitieren ist hier unwahr- 
scheinlich, deim die Kohabitatiou erfolgte angeblich zum ersten Male 
am Tag der erfolgten ersten Konzeption, in den fraghchen Zeiten der 
zweiten Konzeption angeblich fast jede Woche, und doch war zu 
anderen Malen nie Erbrechen aufgetreten. Es bleibt nur die eine 
Äimahme, dass entweder mit dem Moment der Befruchtung oder im 
Augenblick der Nidation des Eies auf der Schleimhaut ein vorwiegend 
auf die Vasomotoren sich umsetzender Reflex erfolgt, welcher vielleicht 
eine veränderte Blutfüllung der nervösen Apparate: des Gehirns, der Me- 
dulla und des Rückenmarks erzeugt und so auch das Brechzentrum 
alteriert Dass dieser Vorgang im Moment der Anheftuiig des Ovulum 
an die Schleimhaut erfolgt, ist theoretiscli wahi-scheinUcher und läest 
sich, mit einer gewissen Vorsicht freilich, durch den eben skizzierten 
Fall stützen, in welchem gleich nach der Meustmation das Ovulum 
bereits im Uterus seinen Samenfaden finden kouute. — Eine der Lehre, 
dass jede Hypercraesis auf dem Boden der Hysterie eutstehe, wider- 
sprechende Tatsache ist endlich die, daws auch bei den Naturvölkern, 
ja auch bei Hunden und Katzen Erbrechen in dei- Gravidität beob- 
achtet ist 



J 



— 106 — 



Für die Annahme der Hyperemesis ab hysterisches Stigma 
liessen sich nun aber auch manche Gründe linden. Zunächst die 
Tatsache, dass die Hyperemesis häufig durch suggestive Therapie, k. B. 
durch Wohnmigswechsel pliitzlich und oft völlig verschwindet. In 
anderen Fällen hat man hysterische Stigmata bei Frauen mit ■ 
Hyperemesis gefunden. 0. Schäffer ') hat hei einer hj-sterischeu 
Frau Pruritus, Vaginismus und Ovarle konstatioi-t ; dann wurde sie 
gravid, und nach dem Ausbleiben der 2. Periode erschienen die 
heftigsten Magenbeschwerden und unstillbares Erbrechen. Auch in 
diesem Fall war eine eklatante psychische Beeinflussung der 
Hyperemesis vorhanden, indem stets eine erhebliche Linderung der 
Beschwerden nach dem Verlassen des Wohnortes zu konstatieren war. 
Ein Autor, der gleichzeitig einen Fall von Hyperemesis gravidarum 
bei Retrotiexio uteri gravidi angegeben hat, Chazan.*) hat eine 
Beobachtung bei einer 28jährigen IV.-Gravida mitgeteilt, bei der als 
Drsarhe der vom 3. Monat an bestehenden Hyperemesis keine 
Anomalien im Bereich der Genital apparate auffindbar waren. Die 
Patientin, welche den Wmisch hegte, von der Frucht betreit zu werden, 
vfar psychisch sehr beeinflussbar und nach einer Narkosenuntersuchung 
horte merkwürdigerweise das Erbrechen plötzlich und dauernd auf, 
weil, wie sich herausstellte, die Kranke glaubte, dass in der Narkose 
die Frucht entfernt worden sei, Doleris teilt einen Fall mit, wo bei 
dreimaliger Anwendung eines elektrischen Apparates die Hyperemesis 
aufhörte ; es stellte sich hier heraus, dass derselbe gar nicht funktioniert 
hatte. Ahnliche Beispiele zählen in der Literatur nicht zu den 
Seltenheiten. Auch das häufige Aufti'eten der Hyperemesis in den 
besseren Klassen, die häufig nachgewiesene neuropathische, erbhche 
Belastung, der zuweilen plötzliche Beginn nach psychischen Einflüsüen, 
»das akut« Aufhören nach irgend einer psychischen oder somatischen 
Einwirkung?, das schon Kaltenbach auf gleiche Linie mit dem 
plötzlichen Verschwinden einer hysterischen Ijübmung oder Kontraktur 
setzte, spricht für die Auffassung der Hyperemesis als Hysterio. Nach 
Kaitunbach niuss man also die Hyperemesis gleichwie die hysterischen 
lühmungen als Stigmata hysterica ansehen. Graefe erklärt das vor- 
zugsweise Auftreten der Emesis und Hyperemesis in den ersten Mo- 
naten der ersten Schwangerschaft dadurch, dass in dieser Zeit, zu der 
bei der Schwangeren kein Zweifel mehr über ihren veränderten Zustand 
besteht, die psychische Beeinflussung am stäi'ksten sei ; allmählich ge- 



') Zentr. f. Gyn. '. 
') Zentr. f. Gyn. '. 



, p. 313. 



— 107 — 

wohne sie sich an den Gedanken der sich entwickelnden Mutterschaft 
und der durch sie bedingten Änderungen iti ihrem Leben und ge- 
winne das seehache Gleichgewicht wieder. Dem ist entgegen zuhidten, 
dass junge Gravidae oft von ihrem Zustand gai- keine Alinung haben 
und doch an Emesis schon bald nach Aufhören der Menses leiden 
können. 

Merkwürdig sind jene Fälle, hei denen sehr heftiges Erbrechen 
bei eingebildeter Schwangerschaft beobachtet wurde. Schütze •} er- 
wähnt solche Beobachtungen, ohne sie speziell anzufUbren. Hier hat 
man es sichev mit einem hysterischen oder wenigstens nervösen Er- 
brechen aiis rein reflektorischer, oder wahrscheinlicher zentraler Ursache 
zu tun, waa aus dem Symptomen bild selbst häufig doch wohl erkenn- 
bar sein wird. Auf die grosse Ähnlichkeit des Erbrechens der Gra^ 
vidä mit dem der Hysterisdien haben auch Rosenthal '^) mid 
Jolly *) hingewiesen. 

Wir können der einseitigen Auffassung von Kaltenbach und mioii 
Max Graefe, dass die Hyperemesis ein rein hysterisches Symptom'"""* ' 
sei, demnach nicht zustimmen. In der Regel bildet sich als Folge 
der Schwangersctiaft eine Reflexneuroae aus, und diese kann unter 
den besprocheneu Bedingungen allerdings in eine Reflexhysterie über- 
gehen, aber nicht in eine zentrale Hysterie, weil dei- Reizherd nur 
während der Schwan gerschaftamonate. also eine relativ kurze Zeit 
andauert Wir kommen auch hier darauf zurück, dass die Hyper- 
emesis wohl als eine Reflexnemxjse, unter den besprochenen Be- 
dingungen auch als eine Reflexhysterie aufzufassen ist, aber nicht 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes als einlache Reflexiiemflse. Da' 
bloss die Schwangerschaft und diese fast ausschliesslich die Ursache 
iür das perniziöse Erbrechen abgeben kann, muss logischerweiae im 
Organismus des schwangern Weibes noch etwas Spezifisches sein, das 
das zentrale und periphere Nervensystem und damit auch die Sinnes- 
nerven in einen besonderen Zustand der Labilität versetzt, aus dem 
das Nervensystem je nach seiner fiüberen Beschafienheit in den 
Normalzustand zurückkehrt, oder in den Bannkreis der Hysterie ein- 
triti Dieses X kennen wir nicht, aber es bleibt nicht» übrig, als anzu- ^üon"i 
nehmen, dass nicht im Utems und den Adnexen, sondern in dennj^^^ 
ernährenden Stoft'en des menschlichen Körpers, im Blut oder in der ^ebn 
Lymphe, eine Noxe während der Schwangei-schaft existieren und wirken'" in "j^ 

') Zentr. !. Gyn. 1887, p. 27. 

») Berl. Will. Woch. 1879, No. 26. 

») ZimBsena Handbach 1876, XII. 




^^"Jl"''' muss, die all die unter dem Namen »Schwangerschaftserscheinungens 
•'''^^J''^* auftretenden Symptome erzeugt und ijiBbesondere mit der Emesia und 
GraTidiut. Hyperemesia. dem Ptyalisinus, der Hämoglohinämie mid Hämoglobiuurie, 
der von Leydenschen Schwangerschaftsniere, der Eklampsie, der Hä- 
maturie und dem Ikterus gi-avidanmi und manchen anderen Er- 
acheinimgen, die ich an anderer Stelle besprach, unter heterogenen 
Bedingungen der Toxine sowohl, als des Organismus in Beziehung steht. 

Diese Hypothese widerspricht nicht der Entstehung von Erbrechen 
und von allgemeinen nervösen ErsclieiTiungen dureh einfache nervöse 
Irritation im Bereich des Genitalapparates und steht deshalb auch 
nicht in Widerspruch mit der eben angeführten Beobachtung, wo die 
Schwangere aus dem sofortigen Erbrechen die eben erfolgte Konzeption 
erkennt zu einer Zeit, in der von dem eben Wurzel fassenden Ei noch 
keine Toxine in den mütterlichen Organismus übergehen köiuien. 

Die Intoxikationstheorie für die Hyperemesis ist nicht neu. Schon 
Hadra hat eine solche aufgestellt Und von veränderter Blutmiscbung 
im Sinne der Alteii, die im Gcmnde genommen doch nichts anderes 
ist, als eine Autointoxikation, haben schon alte Ai-zte bei der Ätiologie 
der Hyperemesis und v. Scanzoni bei dem Ptyalismus gesprochen. 
Und so gut wir bei der Eklampsie, wie es jetzt mit Fehling, van der 
Hoeveu u. a. mehr mid mehi' geschieht, einen Übergang von Stoffeu 
der wachsenden Frucht in den mütteriichen Kreislauf aimehmen, eine 
Theorie, die bei vielen last wie ein Axiom dasteht, auch wenn sie noch 
lange nicht physiologisch-chemisch bewiesen ist, ebenso gut haben wir 
die Berechtigung für die genannten anderen Bilder aus der Pathologie 
der Gravidität eine Intoxikation des mütterlichen Organismus durch die 
JVucht zu supponieren. Fassen wir dieae Noxe nun als wirkliche 
Toxine oder als abnoime Stoffwechselprodukte auf. nehmen wir eme 
Produktion mit oder ohne Retention von Giften an, lassen wir das 
Gift von dem Fötus oder den Chorionzotten und der Plazenta erzeugt 
sein, so viel scheint festzustehen, dass eine innere Vergiftung in 
der SchwangerschaCt existieren muss. Hier bodürien wir ihrer 
Supposition und hier hat sie Geltung, wenn auch zugegeben worden 
soll, dass man in den letzten .Jahren allzuviel mit den Intoxikations- 
theorißii ei'klärt hat 

Als die Stoffe, die die Intoxikation des scbwaugci'cn Organismus 
ei'zougen sollen, und die alle noch gajiz hypothetischer Natur sind, werden 
die im normalen Blut vorhandenen, aber in der Schwaugei-schaft durch 
Erkrankung der Ausscheidungsorgane vermehrten oder veränderten 
Stoffe, die Stoffwechselprodukte der Fnicht und endlich die sog. Syn- 
zytiotoxüie angesehen. 



fc 



4 



- 109 — 

Bonfie de Saiiit-Blaisp '") nimmt an, dass schon normabi'- 
weiae bei jedem Individuum eine Autointoxikation bestehe, dass sie 
aber nur dann Erscheinungen mache, wenn die Defeiisiv-Organe, 
besonders Leber und Nieren, nicht mehr völlig fiuiktioniereu. Diese 
Gleichgewichtssttörung tret« in der Schwangerschaft aehr leicht ein. 
Dirmoaer^) hat im Harn in 6 Fallen von Hypereniosis eine Ver- 
niehiTing der Ausscheidung von Hi-obihii, Indoxyt und Skatox}-l gefunden. 
auch häuHg eine Vermehrung von BIutfarbatofF, Azeton. Pepton und 
Oxalsäiu^-. und hat auf der Basis dieser Befunde seine Theorie von 
der Intoxikation vom Darm aus gestützt Ändere haben eine Ver- 
mehning des Hanistoflk im Urin von Frauen mit Hypereniesis nach- 
gewiesen. Euleuburg meint, es könne Azeton und seine Vorstufen 
vielleicht die Intoxikation erzeugen. Auch Globulin hat man im Biut 
Schwangerer vermehrt gefunden und diesen Befund vor allem mit der 
Eklampde, aller auch mit der Hyi>ereniesis in Verbindung gehraobt 
Auch die bei der Zersetzung der Eiweisakörper entstehenden Ptomaiiie, 
die man grossenteils als Blu1> und Nervengifte erkannt hat, und welche 
nach Bouchards experimentellen l^ntereuchungen besondei-s auf das 
Vaaomntoi-enzentnnn wirken sollen, hat man als ätiologische Momente 
für das perniziöse Erbrechen angesehen. 

Das Modeniste in der Pathologie der Gravidität ist die Syneytium- 
theorie und es ist nicht unmöglicli, dass sie dazu bemfen ist Licht in 
das Dunkel vieler Vorgänge in dem Gebiet der Scbwangerschafts- 
pathotogie zu bringen. Schon lauge haben Schmorl u. A. bei der 
Eklampsie eine embohsche Verschleppung von Zotten gefunden. Oart 
Rüge und Veit hatten nachgewiesen, dass bei jeder Sohwangerscbnfl 
Syncyti um Zellen si(rh reichlich im intervillösen Raum der Placenta finden. 
Auch (\as Hineinwachsen von Zotten in die erweiteiien Anfänge der 
Utfirinvenen war gesehen worden, und deren Ablösung hatte Veit 
als Zottendeportation bezeichnet Kollmann konnte den Ifbertritt 
anatomisch nacliweiseii : er sah, dass die Protoplasmamasse dos Syiicytiums 
ohne Beteiligung der Langhansschen Schicht verschieden getomife, 
kolbige oder knäuelfiinnige, gestielt aufsitzende Fortsätze — 
bald mit. bald ohne Kerne — trieb. Zwischen den Windungen eines 
solchen z. B. scluieckenh ausartig aufgerollten Auswuchses der Deck- 
schichte liegende und aus ilu' hervorgegangene homogene Substanz, — 
die „Epithelprotoplasie uach Kastschenko", das „kanalisierte Fibrin" 
älterer Autoren — nennt er „intern ukleares Protoplasma". Die aus 

') Gm!. Iiebdoni. de med. et de chir. 1898, fJo. 90, 
') Wiener med. Woch. No, 41, 1899. 




LÜeficm und aus Sjiicj"tiiimmasseii bostehpiiden Sprossen brechen nach 
Kollniänn häutig au ihrem dünnen Stiel ab, und so gelangen die 
vielkernige Riesenzellen vorstellenden embiyoiialen Getiüde frei- 
schwiramend in das niütt^riiche Blut, in dem sowohl ihr int<?riiiildcares 
wie ibr rinkleares. von den KBnieii geliefertes Fi-otoplasma aulgelöet 
wird. Nun waren es .F. Veit, Poteii u. A., die die ßhrlichsche 
Inimunitätelehre auf die Pliyaiologie und Pathologie der Schwangerschaft 
anwendeten, welche den IHiergang der Zotten ins Blut die sog. 
Zotten deportation Veits nicht nur vom anatomischen, sondern auch 
vom physinlogisch-cbem Ischen Standpunkt anfassten, und die durch die 
Syrizj-tinmaufiiahnie entstehenden Synzytiotoxine uiid die Bildung der 
Antikörper: der Zjiolysitie sich zum Studium setzten. Tch kaini an 
dieser Stelle nicht auf die interessanten Untersuchmigen eingeben. 
Aber wenn einmal, wie es KoUmann und Veit bewiesen, Zotten in 
den mütterlichen Kivislauf übei^hen und daselbst 7U (jlruiide gehen, 
so ist die einzige Folgefuug die, dass zum miudesten bei reichlichem 
Zerfall der Zotte>ii für den mütterlichen Oi^aiiismus nicht ganz gleich- 
giltige organisclie Stoffe von Eiweiss und dessen (Jxydations Verbindungen 
ins Blut gelangen und mit den Zotten Stoffwecbselproduld« des fötalen 
Organismus. Dem gibt Veit in seiner neuesten Arbeit') Ausdruck: 
j>Die fötalen Stoffe, die der Fütus abgibt gelangen in die Chorion- 
epithelien und diese werden durch das Synzytiolysin. das die mütterlichen 
Erythrozyteu bildeten, gelöst, in das Serum aufgenonuuen und mit ihm 
demgemäss die Stoße der fötalen, regressiven Metamorphose.* Dieser 
letztere Punkt entbehrt im ÄugenbUck noch des exakten Beweises, 
alter wenn er erbracht werden könnte, düi-flen die für das phreiologische 
und pathologische Schwangei-schaftsei-bi-echen und die anderen krarJc- 
haften Veränderungen des schwangeren Weihes angenouunenen In- 
toxikations- Theorien wohl auch den biologischen und experimentellen 
Nachweis eiiialten hatjen. 

Derjenige, der die Emesis und Hypei'emesis der Schwangei-schidl 
ganz im Sinn der Lelu-en von Veit, K oll man» n. s. w. als eine vwi 
der E^peripherie ausgehende Intoxikation synzytialOT Natur augesehoi 
hat war Behm. ") Warum aber das eine Mal die Nieren, das andere 
Mal das Ki-ampfeentnmi oder Bi-echzentiiim iu der MeduUa. das dritte 
Mal die Speicheldrüsen oder deren Zentrum von dem toxischen Agens 
alteriert wird, ist eine weitere, der Lösung harrende Frage. Ob die 
Uenge der ins Blut gelangenden Zotten hier von Bedeutung ist ob die 



') ZeiUchr. t- Geb. a. Gyn. 49. Bd., 1903. p. 228. 
•> Zentr. f. Ujn. 1908, No, 16, p. 49tJ. 



— 111 — 

Eiweiasköqier bei ilirem Zerfall heterogene StofFwecbselprocIukte bilden, 
wann nur die Nieren, wann die Leber, wann das Zentralnervensystem 
oder das Blut zum Angriffspunkt gewühlt wertlen (iiephratoxische, 
»eurotoxisclie, hämfilj-tische Wirkung), ob bei der Eklampsie die Er- 
regung des Kranipfeeiitnims — wie wahi'sclieinlich — primär auf die 
Schwangeracbaftstoxine. oder sekundär nach der Nierenschädigung auf 
eine Vergiftung mit den retiuiei-ten normalen Harnbestandteilen zu be- 
L ziehen ist. das sind Fragen, die seihst die eifrigste Arbeit uicht so 
r bald lösen wird. Und wamm ti-eten die einen Erscheiimngen fast nur 
in den letzten Monaten, die atidereti fast nur in der ersten Hälflf' der 
Gravidität ein ? Waniui stallen sich uicht bei jeder Schwangeren 
irgend welche der Erscheinungen ein? Waium vei"schwinden sie und 
gelbst die Hyperemesis in manchen Fällen im 3., 4. Lunamionat von 
I selbst? Handelt es sich hier um Störung in der Bildung von, Änti- 
töipem. durch welche die Entgiituiig des Organismus von den Synzjtio- 
toxineu verhindert wird, wie Opitz') meint? Hat der Organismus in 
anderen Fallen Zeit zur Bildung der Antitoxine gefunden ? Oder 

I geschah die lll)ei-scliweniinung mit Chorionzott«m zu plötzlich und zu 
mtensiv? Spielt der Blutdmck eine ßoUe? Und bröckelt das Blut, 
vergleichbar der stünneuclen oder ruhigen See au der Meeresküste, bald 
schnell und reichlich, bald langsam und selten die Synzytiumzellen der 
ZoKßn ab?^) Das alles wissen wir noch nicht; denn noch lange nicht 
ist es gelungen, die oll zitierten Schwangerechaftstoxine nachzuweisen, 
Wid erst jetzt scheint es denkbar, dass der Ausbau der Ehrlichschen 
Immunitätslehre neues Licht bringe. 

Wir wollen noch rein sachlich die Grände anführen, die die 

Anhänger der Äutointoxikationstheorie für sie beibringen. Abgesehen 

von der neueixlings eine Hauptstütze bildenden modernen Synzytium- 

theorie hat mau längst schon beobachtet, dass nach spontaner oder 

künstlicher Entleerung des Utenis von den Schwangerschattspi-odukten 

die Hy|)ereniesis, vorausgesetzt, dass der Abort nicht in einem Stadium 

schlinunstor Inanitiou erfolgte, sofort aufliörte. Ja nach blosser Lami- 

I nariadilatatjon oder Gazeerweitomng des Zervikalkauals ist wiederholt 

l-BesBerung oder Sistierung des Krankheitabildes aufgetreten. Die An- 

l gchauuiig. diiss dieser Erfolg auf einer paitiellen Abl'isuug des Eies 

L beruhe, entbehrt der Wahrscheinhchkeit nicht und könnte mit der 

K Synzytiumtbeorie wohl in Einklang gebracht werden, demi das Erbrechen 

rBoll ja nach Behm von der Eiperipherie in letzter Instanz ausgehen. 



') ZeitBchr. f. Geb. ii. (Jyn„ 49. Bd., 1903, p. 183. 

') Die Litcraturaiigiibo für dioaeii von anderer Seite gebrsuchtea Vargleich 
I ist irrtümlich überseheo worden. 



I 



- 112 — 

Es hat diese Anschauung einp weitere Stütze in einem von Pick in 
der Schautasohen Klinik beobachteten Pal! von Hyperemesia bei 
Ratention von Eitt^ilon : eine im 3. Monat gi-avide Frau wurde mit der 
Diagnose »Hyjieremesis« aufgenommen. Nach einer Woclie at<^llte sich 
aber heraus, dass ausserhalb der Kliiiik schon ein iukompleter Abort 
stattßeftinden hattf», und dass der Fötus dabei ausgestosseii worden. 
Als nach 8 Tagen, in denen die Patientin täghch 6— lOma! erbrach. 
etwas Bhit abging, wurden R#ste von Plazentai-stückchen und Dezidua- 
fetKeii entfernt und momentan höi-te da.s Erbrechen auf. Noch einen 
hierher gehörigen Fall hat Mangiagalli') beschnehen: Bei einer im 
3. Monat graviden, mit Hyperemesis behafteten II. -Gravida machte er 
die Ovariotomie; die Operatioji verlief glatt, aber das Erbrechen wurde 
nur noch schhramer, so dass wegen Jnanition der künstliche Abort 
eingeleitet wenlon musste. Trotzdem hielt das Erbrechen an. Es 
wui'de an Retention von Eiteilen gedacht und dieselben tatsächlich aus 
dem Uterus entferut und das Erbrechen verschwand. 

Eine indirekte Stütze sollte nach Belini die Intoxikationstheorie 
in der guten Wirkung der von ihm in 2 Fällen von Hyperemesis an- 
gewendeten NaCl.-Rektaleiiigiessungen finden. Icli kann hierauf nicht 
weiter eingehen, aber mir will scheinen, als sei der Schluss vmi Böhm: 
weil bei Sepsis und Hyperemesis NaCl.-Eiidäufe so erfolgreich seien, 
müsse es sicli bei beiden um eine Intoxikation handeln, doch ein etwas 
gewagter. Behm verfiel in denselben Fehler wie finiher Dirraoser: er 
erkläi-te sich die Ätiologie durch die Eifolge der Therapie. Damit 
l)leibt die Intoxikationstbeorie an sich aber unerschütterlich bestehen. 

Noch eine weitere Reflexion führt uns auf die Wahrscheinlichkeit 
einer Intoxikation. Die Frucht braucht zu «hrer Ernährung zweifellos 
Eiweisskörper ; diese werden von dem mütterlichen Organismus ihr zu- 
getragen und von ihr zersetzt. Bei der Oxydation von Eiweisskörpem 
entstehen aber die für das Blut nicht gleichgiltigen Peptone, in letzter 
Instanz nach vielfachen Zwischenstufen der Hanistoft'. All diese Stoffe 
müssen irgend wohin gelangen, und <lie Abfiihrwege fiir sie sind via 
Chorioiizotten das mütterliche Blut, falls nicht was ganz problematisch 
ist, eine Entgiftung in der Plazenta selbst stattfinden sollte. Doch 
wird eine aktive Tätigkeit der Plazentarzellen in di^em Siiuie von 
Czempin') angenommen, und dei' Staudpunkt vertreten, dasa die 
Plazenta nicht nur Durchgangsoi^an, nicht blos die sPaketpost« sei. 
die von einem Organ zum andern fiihrt Czempin stellt sich vor, 
dass eine Vergiftung des mütterlichen Organismus eintrete, weil die 

') Beri. klin. Wocii., 1894, Nr. 21, p. 491. 

>) Zeitschr. f. Geh. und Gyn. 49. Bd., 1908, p. 837. 



t 



— 113 — 

Plazenta nicht schnell genug im Stande sei, die Abbausfoffc des Fütus 
zu entgiften. Im weiteren Vertauf der Schwangerschaft sei dann die 
Mutter imstande, diese Stoffe zu paralysieren, und die Plazenta habe 
die Fähigkeit gewonnen, sie festauhalten und umzuwandeln. Auf die 
weiteren geistreichen Hypothesen Czempins, der glaubt, die 3 gros.sen 
Rätsel in der Geburtshilfe, wie er sich ausdrückt: Eintritt der Geburt. 
Ätiologie der Eklampsie und Hyperemesis, mit der Intoxikationsiehrp 
iiisen zu können, kann ich hier nicht weiter eingehen. 

Wollen wir uns auch bezüglich der Art des in der Schwanger- 
schaft tätigen Agens reserviert verhalten, und often zugeben, dass ein 
eicliprer Entscheid darüber, ob die reine Reflextheorie oder die 
Intoxikationstheorie oder eine Kombination beider giltig sei, nach dem 
heutigen Stand unseres Wissens nicht de6nitiv zu geben ist, an sind 
wir doch der Meinung, dass ein blosBer Eetlexvoi^aiig zur Erklärung 
der Hyperemesis und des Ptyalismus durchaus nicht genügt, dass 
vielmehr eine Intoxikation in der Gravidität anzunehmen ist, welche 
eine Irritabilität des Zenti-alnervensystems erzeugt, und so den Reflex- 
vorgang begünstigt. Die Frage ist nur die, ob neben den Stofl- 
wechselpmdukfen des Fötus auch die Cliorionzotten eine Rolle spielen. 
Die Angriffspunkte fiir gewisse Schwan gerschaftstoxino sitid offen- 
bar das Gehirn und das Rückenmark und, wie es scheint, vorwiegend 
die so empfindlicliß MeduUa oblongata und die Grosshimrinde ; vielleicht. 
, aber unwahrscheinlich, der Vagus allein ; und sicher das ganze sym- 
paÜiische NeiTengeflecht Ich erinnere hier an v. Lcydena primäiea, 
nervöses Erbrechen, das er auf Neuralgien des Plexus coeliacus und 
des NeiTiis vagus bezieht Den Anlass, das auslösende Moment zu 
' der Hyperemesis und dem Ptyalismus gibt daim ein äusserer, populär 
vielleicht nicht mit Unrecht als »Alteration« bezeichneter oder in der 
I Peripherie des Köi-pers, in erster Linie in den Genitalien, in zweiter 
f Linie vielleicht im Magen und Darm oder in den Speicheldrüsen ge- 
^uer Reiz ab, welcher häufig entzündlicher Natui' ist Demnach 
I sind, wenigstens in der Bagel, fiir die Entstehung der Magen- 
L erscheinungen, des Ptyalismus, und besonders der Hyperemesis 2 Fak- 
I toren nötig : eine Veränderung des Zeutralnei'vensj'stenis im Sinn go- 
[ steigerter Erregbarkeit durch Schwangerachaftaprodukte, und irgend 
im Körper gelegener oder die Psyche angreifender Reiz, mit an- 
I deren Worten : es ist als Ursache der komplizierten Refiex- 
I neurose, wie wü- sagen wollen, eine Intoxikation des graviden Körpow 
I anzusehen, und der periphere oder psychische Reiz wirkt im Siime dei- 
\ Summntion. 




— 114 — 

Wegen der Lokalisatioii iler (ariitwirkuiig möchte ich noch daraiuf 
hinweisen, dass Hyperemeais durch Erregung des Brechzeil trums. 
Pfjalismus durch Erregung des Spei chelzen trums in der Medulla 
ohlongata sehr wohl entstehen könnte, und dass auch das Wehon- 
zentrum im verlängerten Mark nachgewiesen ist. Wir dürieu daher 
vielleicht erwarten, dass zwischen Hypei-emosis. PtyaliBuius und Abort- 
eintritt Beziehungen derart bestehen, dass tta'i eine Mal nur das Speichel- 
zentrum, das andere Mal nur das Brechzentrum koordiniert erregt 
werden, und dass bei einer gewissen Summation der Reize die Wirkung 
sich nicht auf eines der beiden allein, sondern auf beide zusammen er- 
streclrt, oder in einem grösseren Bezirk der Medulla sich äussert, und 
so auf das Wehenzentrum übei^reifen kann. Ob diese Reflexion dem 
Tatsäclilichen entspricht, ist natürlich nicht entschieden ; sie niihert sich 
den oben erwähnten Czempinschen Anschauungen. 

Vielleicht dürfen wir uns folgendos Bild über die Wirkung der 
Schwangerschaftstoxino machen: in den ersten Monaten der Schwanger- 
schaft führen sie gern zu irritativen Prozessen unter dem Bilde der 
Reflexneurosen, als welche die Emesis und Hj-peremesis und der 
Ptyalismus gravidarum anzusehen ist. In der zweiteji Hälfte der Gra- 
vidität fühiTii die jetzt möglicherweise veriuiderten oder vermehrten 
Toxine, die vielleicht infolge der gesteigerten Anspräche an den 
Organismus nicht mehr genügend diu'ch Antiköiper paralysiert werden. 
relativ häufig zu degenerativen Veränderungen der Organe und der 
Blutkörperchen: zu fettiger Trübung der Leber und Nieren, mir Äiif- 
Ijiaung des Hämoglobins mit all' den daraus resultierenden Erscheinungen. 
Und bei der Eklampsie spielen iiTÜitive Pmzesse des Zentral-Norven- 
systems mit degejierativen Verändemngon der OrgaTie und des Bluts 
zugleich eine Rolle, 

Als eine Folge der Alteration des graviden Organismus durcli 
die Toxine und im Speziellen für die Annahme, dass diese ihren 
Angriffspunkt im Zentralnervensystem wählen, und dieses in eine ge- 
steigerte Tätigkeit versetzen, lassen sich nmi manche Tatsachen in der 
Schwangerschaft erklären: zmiächst die, dfüss Schwangere eine grössere 
Empfindliclikeit für Giftti, Morphium. Chloroform haben, als andere 
Menschen. Jeder weiss ?.. B-, wie schnell auch solche SchwangOK!, 
deren Nieren gesund sind, in Narkose kommen. Weiterhin deuten ' 
dai'auf, dass eine Toxämie die Ursache der genannten pathologischen 
Eracheinmigen in der Schwangerschaft sein kann, jene fi'eilich seltenen 
Fälle, in denen Schwan gerschaftsniere und unstillbm-es Erbrechen in 
fi'ühen Monaten der Gravidität kombiniert auftreten. Doch wird gerade 



- 115 — 

hier die Eotacheidung wohl stols schwer bleibeu, ob Erbrechen und 
Nierenreiz koordinierte Zustände sind, oder ob, was viel häufiger 
sein wird, das erstere als ein urämiaches Symptom aufzufassen ist, 
was, wie ich glaube, für einen von Anvard und Daniel '} mit- 
goteiltcn Fall gilt: Bei einer 29jilhrigen I, -Gravida trat zu Anfang 
des 2. Monats Albuminurie mit heftigen Kopfschmerzen, Schwindel, 
Sehstiirungcn, und in der Mitte des 2. Lunarmonata unstillbares 
Erbrechen auf. Trotz innerer Mittel und Diät hielt das letztere 
an, 03 traten angeblich eklamptische (!) Anfälle auf. Nach Aua- 
räumung des Uterus erfolgte schnelles Sistieren aller Erscheinungen. 
Auch J. Erismann hat aus der früher Fehlingschen Klinik in 
Basel einen Fall beschrieben, in dem er als Grundursache für die 
Steigerung des erst leichteu bis zum pathologischen übermilssigen 
Erbrechen eine vor der Schwangerschaft schon konstatierte, leichte 
interstitielle Nephritis annabn], und in dem er die Hypcremcsis als 
eine durch die Schwangerschaft wesentli<;h boeinflussto, chronisch- 
orämische Erscheinung auffaast. Auch Falle, iu denen Gallen- 
pigmontö im Urin bei gleichzeitiger Hyperemesis gefunden wurden, 
sind beschrieben, so von Eoughton''). Dazu kommt der von mir 
beobachtete oben mitgeteilte Fall. Es ist sehr wahrscheinlich, dass 
auch diese Bilirubinurie auf der Wirkung von Schwangorschafts- 
toxinen beruht und die leichteste Form eines Icterus gravidarum 
vorstellt, an dessen Vorkommen nicht mehr zu zweifeln ist, seit- 
dem Ahlfeld, Bccking, Benedikt, L. Brauer derartige Pillle 
mitgeteilt haben '). 

Auch Hypercmeaia mit Purpura kombiniert ist beobachtet 
worden und man ist geneigt, beide Erkrankungen auf eine Intoxikation 
in der Gravidität zu beziehen. 

Durch die geateigertP, auf der AVirkung von Schwa nger Schafts - 
toxinen beruhende Irritabilität des Nervensystems lassen sich auch 
manche andere Voi^änge, z. B, der Niesskrampf bei Schwangeren 
und der als Dermatoneurose häufig aufgefasste Pruritus gravi- 
darum erklären. So hat Korn*) u. a. z. B. einen solchen 
Niesskrampf, der zu gewissen Zeiten der Schwangerschaft auf- 
trat — in diesem Fall bestand Hydramnion — und erst mit dem Eiii- 



') Archive de gyn. et de toc., Tome 23, p. 675. 
") LaocBt 1B8Ö, September 6. 

*) Litprotaraagabeti a. E. Kohror: „Zur Lelirc vuij lior cmbryogenen 
X gruvidaruni" in einer der nöcliBtcn Nnmmorn vnn Volkiuunna Samm- 
I Imig klioiacher Vortrüge. 

*) ÄrzLi. Praxis 19Ü0, Oktober. 8* 




— 116 — 

treten des Aborts oder dpr Geburt akut aufhörte, wohl mit Recht 
ala ßeflexneurose aufgefasst. Auch dm von Tridondaiii') gefundene 
Erhöhung der Sehnenreflexe in der Schwangerschaft fände so wohl 
eine Erklärung. Immerhin hat Tridoudani eine Herabsetzung 
der elektrischen Erregbarkeit der Nerven, eine Herabsetzung der 
Hautreflexe beobachtet, was damit nicht übereinstimmen würde. — 
Und endlich werden die subjektiven Schwaugerachaftserscheinungen 
dann dem Verständnis näher gerückt, wenn wir annehmen, dass der 
Angriffspunkt für die Toxine das Zentralnervensystem und hier 
neben der Medulla besonders die Hirnrinde ist. Je nach der 
Alteration der Ganglienzellen der Hirnrinde, der Medulla u. s. w. 
Hessen sich die Kopfschmerzen, der Schwindel, die tlbelkeit, selbst 
das Erbrechen, ja auch wohl zum Teil die abnormen Gelüste erklären, 
und üwar viel einwandfreier, als wenn wir die erstgenannten Er- 
scheinungen auf einfache relative Zerebralanämio, also aaf rein 
vasomotorische Störungen beziehen dürfen. Wir finden Analogien 
daxu in dem bekannten Vertigo e laeso stomacho. 

Auch die nicht so seltene Beobachtung einer Neuritis, Choi-ea 
und Tetanie sowohl nach Hyperemesis, als ohne dieselbe wird durch 
die Intoxikationstheorie verständÜcher. Lantos (Budapest) 2) hat hei 
einer 24jährigen Frau, die in ihrem 13. .Tabr an Chorea gelitten 
hatte, im 2. Monat der 4. Schwangeraehaft unstillbares Erbrochen 
und einen Monat später Chorea beobachtet, Pälle von Poly- 
neuritis gravidarum nach Hyperemesis, oder gleich von Anfang 
mit derselben kombiniert auftretend, bähen Solowjeff, Kreuz- 
mann, Eulen bürg, Fritz Kühne, Stemho, Vinay und 
Lindemanu beschrieben. In dem Fall von Solowjeff^) bandelt 
es sich um eine 24 jährige Hyaterika mit Vaginismns, Hemi- 
parästhesie, Hyperästhesie u. s. w. In einem desolaten Zustand 
trat die im 3. Monat gravide Frau in die Moskauer Klinik ein. 
Aborteinleitung wurde nicht ausgeführt. Schmerzhafte Muskel- und 
Nervendruckpunkte, Entartungsreaktion, Fehlen des linken und 
Schwäche des rechten Patellarreflexes deuteten auf Polyneuritis hin. 
Die Urinuntersuchung ergab neben geringer Albuminurie Vermehrung 
der Harnsäure bei verminderter Harnstoffmenge. Bei der der 
Sektion folgenden Untersuchung') der Nerven fand sich eine Degene- 



') Ref. Zentr. f. G]ru. 1901, p. 93. 
■) Ref. Zentr. f. Gyn. 18B5, p. 403, 
») Zontralbl. f, Gyn. 18B2, p. 492. 

<) e. w. Li □ den an n, Zentr. f. allg. Pal.liul. uud patliol. Äiiatur 
No. 15. 



^ 



- 117 - 

ration im Nervus phrenicus, im Vagus und Medlaous, und — was 
von grosser AVichtigkeit ist, — in Leber und Nieren fettige Degene- 
ration und trübe Schwellung. In Leber und Nieren des Fötus zeigten 
sicli nahezu die gleichen Veräuderungeu. Stembo ') erzählt von einer 
25 jährigen 1-Gravida, bei der sich im 2. Monat der Schwangerschaft 
Erbrechen einstellte, das bald unstillbar wurde und 3 Monate anhielt. 
Auch Schmerzen in den Beinen, besonders in dem linken, verbanden 
sich gleichzeitig damit. Es bestand Atrophie, besonders im linken 
Peroneusgebiet, Herabsetzung des rechten Patellarreflexes und der 
Sensibilität an den Unterschenkeln, Fehlen des linken Patellarreflexes, 
Druckempfindlichkeit der Nu. tibialea und peronei, starke Vermin- 
derung der galvanischen und faradischen Erregbarkeit am linken, 
geringgradige am rechten Peroneus. Vinay ^) beobachtete Hyper- 
emesis und Polyneuritis in den letzten 3 Monaten der Schwangerschaft. 
Kreuzmann ^) sah Polyneuritis mit psychischen Störungen im 3. 
Schwan gerschaftsmonat im Anschluss an eine Hyperemesia auftreten, 
welche die Kranke sehr herunterbrachte. Es bestanden Muakel- 
atrophieen, Schmerzen in den Beinen spontan und anf Druck, 
Beugekontraktur der Kniegelenke und herabgesetzte faradiscbe Erreg- 
barkeit der Muskeln. Rumpf und Arme blieben von der Affektiou 
verachont. Fritz Kühne') beschreibt aus der Marburger Klinik 
einen Fall von Hyperemesis, in dem im 3. Monat der Schwangerschaft 
Frühgeburt eingeleitet werden musste. 2 Monate später wurde 
wegen Atrophie der Extreraitätenmuskelu, aber mit Abnahme der 
Kraft, sehr schmerzhaften Nervendruckpunkten. Fehlen des Knic- 
phäuomeus, wegen geistiger Verwirrtheit und Schmerzen in den 
Beinen die Diagnose auf Polyneuritis gestellt, welche besonders die 
Nervenstämme der unteren Extremitäten, aber auch andere Nerven- 
gebiete befallen hatte. 

Welcher Art sind nun die Beziehungen der Polyneuritis zur 
Hyperemesis? Reynolds*} führt als die beiden Hauptursachen 
der Schwangerschaftsneuritis Sepsis und anhaltendes Erbrochen an. 
In ähnlicher Weise sucht Eulenburg") in der Hyperemesis eine 
Disposition zur Entstehung einer Graviditäts- bezw. Pnerperalnenritis, 

>) DoutBclio med. Woch. 1895, Nu. 27. 

') Lyon müd. 1895. Sa. 51. 

') New-Yorkor med, WoclienBchrirt. Februar 15)00. 

<) MonatsBchr. f. Gebiirtsh. iind Gyn. X, p. 432. 

") British, med, journ. 1897, Oktuber IC. 

■) Deutsche med. Wochenecluilt 1896. Ko. 8 i 




- 118 — 

Solowjeff mpint. dass die Polyoeuritis auf eine Antointoxikation 
znrückza/ilhren sei darch irgend welche noch tmbekaunte Toxine, 
die erst während der Hjperemesis prodaziert werden. Nun wissen 
wir, dass eine Neuritis die verschiedensten, freilich noch nicht bis 
in die letzten Punkte klai^elegten Ursachen haben kann, dass es 
▼or allen Dingen infektiöse oder toxische Schädlichkeiten sind, die 
die degenerativen Veränderungen der Nervenfasern zur Folge haben. 
So sieht man einerseits bekanntlich nach akuten Infektion skr an kheiten, 
nach puerperalen, septischen Prozessen, nach jancbenden Karzinomen, 
nach eiternden Wunden, auch bei chronischen Infektionskrankheiten: 
wie der Tuberkulose und Lues, andrerseits bei Diabetes mellitas, 
nach Vei^ftungen mit Alkohol, Blei, Silber, Kupfer n. s. w. Neuritidea 
entstehen. Ist nun in den beschriebenen Fällen von Neuritis nach 
H)"peremesis eine dieser Ursachen anzuerkennen oder ist eine toxische 
Neuritis als Folge von gewissen in dem schwangeren Körper vor- 
handenen, schädlichen Stoffwechselprodukten anzunehmen? In dem 
Fall, den Kühne beschreibt, stellte sich nach der Aborteinleitung 
„eine schwere Komplikation" ein. Eine Temperatur von 39,5 mit 
Schüttelfrost, das Bild einer schweren Sepsis, Hessen stündlich den 
Exitus emarten. Man kann wohl sagen, dass in diesem Falle bei 
dem durch die Hvperemesis geschwächten Körper wahrscheinlich 
die Sepsis die Ursache der Neuritis war. Trotzdem neigt Kühne 
zu der Auffassung einer anämischen oder marastiscben Form der 
Neuritis, wenn er sagt: Die Entstehung der Polj-neuritis kann man 
sich auf folgende Weise erklären: durch das andauernde Erbrechen 
wurde der Körper zweifellos geschwächt; zugleich traten auch 
gastro-intestinale Störungen auf. Im Anschluss an diese Inanition 
entwickelte sich die Nervenerkrankung, die vielleicht dnrch den 
operativen Eingriff oder auch durch leicht* (?) septische Prozesse 
zum AufBackern gebracht wurde." 

Oh nun die Polyneuritis nach Hyperemesis eine verschiedene 
Ätiologie hat, ob sie die Folge der Inanition oder — ähnlich wie 
bei der Tetanie nach Magencktasie — einer Intoxikation gastro- 
intesünaler Natur ist, oder ob beide Erkrankungen Folgen einer 
gleichen Ursache: eiuer Vergiftung des schwangeren Organismus 
sind, wissen wir zur Zeit noch nicht bestimmt. Jedenfalls kommt 
der Scbwangerschaftsiutuxikation allein hierbei eine ganz weseuüiche 
Bedeutung zu. 

Bevor ich nun zur weiteren Besprechung der Hyperemesis: 
zur Definition, zur Zeichnung des klinischen Bildes, zur Diagnose, 



Prognose und Therapie derselben übergehe, bespreche ich 3 selbst: 
beobaehtetü Fälle von Hyperemesis und die ilesultate, die ich bei 
den Magen Untersuchungen dieser Patientinneu erhalten habe. 

1. Frau Meiirer: kräftige, kongeetionkrte, loicht aiiämiaohe Pniu mitKigeneFBil 
aiiagesproclienera Piiivis plana. VJtl.-üravida in der 7. "Wuoho mit Zeichen von »on Hjp« 
MetritJB. 1. Geburt am Endtermin Ajiril 1895. Nnbelachnurvorfall Wendang. •™"''- 
PerforaLion des nachfolgenden Kopfoa. — 2. Schwaugorscbaft. durch Fehlgeburt 
im 5. MoD»t spontan beendet. Im 3. Monat dieser Scbwarigersehaft 3 Wochen 
lang starke, ständige Blittang, so dass vom Ärxt Tamponade der Vagina aus- 
geführt werden mussto. Darnach Anämie und Abmagerung. — In der 3. 
, Schwangerschaft 1897 in hiesiger £iimk Friihgeburtaeinkitimg. Nabelschnur- 
Vorfall. Kind tot. — In der 4. Schwangerschaft wegen starken Erbrochena auf 
GalleiiBteine behandelt, Oktober 1898 Aburt im 6. Monat — In der 5. Schwanger- 
I Schaft Frühgoburtseinleitung im 7, Monat (Juli 1900). Nnhelschnurvor&H, 
Während dieser Schwangerschaft oft 10 — 13 mal galliges Erbrechen in 
r Nacht. Die 6, Gravidität aoUte durch KaiserBclmitt beendet werden, doch 
trat März 1901, im 6. Lunarmonat, spontaner Abort ein. In jeder dieser 
' Schwangerschaften litt Patientin an sehr starker Dbclkeit, Brechreiz und Appetit- 
losigkeit. Erbrechen trat besonders zu Beginn auf^ hielt aber fast stets während 
der ganzen Sebwongerschaft bis zum Geburtetermin an. Dadurch magerte 
Patientin angeblich stets in der Schwangerschaft ab, nah in aber nach dem 
' Wochenbittt sehr schnell wieder an Körpergewiclit zu. Seit 3 Jahren ist 
Patientin sehr nervös. Jetzt ist sie zum 7. Mal gravid. Die letzte Periode war 
ä3. Dezember 1902 bis 1. Januar 1903. Gleich nachher st<.'llt«n sieh 
>in, die in den letzten Tagen sehr stark und diesmal noch 
1 vorigen Schwangorachafton aind; sie nehmen mit jeder 
Patientin hat obsoiut keinen Appetit, ununterbrochen 
Übelkeit nach dem Gonuss jeder Speise, MagenaohmerKon, die erst durch Er- 
< brechen verschwinden. Am quälendsten ist aber dieees morgens im Bett. All- 
, morgendlich zwischen 4 und 6 Uhr wird sie von Schmerzen in der Magengegend 
a düui Schlaf geweckt und erst hei Auftreten von Erbreohiin wird der Zustand 
I erträglieh. Übelkeit und aucii Erbrechen besteht aber, an Intensität abnehmend, 
I bis nach dem Ankleiden fort. Nur bei abaolater Rnhe und leerem Magen fühlt 
I «cli Patientin relativ wohl. Das Erbrochen iet anfangs gallig, grün, darnach 
l achleimig-eclisuiuig und erfolgt unter bitterem Aufstossen. Das Kochen in der 
[ Küche ist ihr unmöglich, der Geruch der Speisen, „besondeni wenn diu Suppe 
I anlangt zu kochen", erzeugt fast atets Erbrechen. Saure Sachen kann sie nicht 
l.«Mcn, vor Fleisch hat sie direkt Ekel. Nur Milch, rohes Ei wird vertragen, 
1 fährt aber auch zuweilen zu Erbrechen. Hüuftg Ucfübl von Bronnen im Hala, 
B nach BranntwoingonuSB". Seit 3 Wochen haben sieh geringe Blutungen 
I aus der Scheide reap. dem Uterus eingestellt, was der Patientin grosse Sorgen 
verursacht. Patientin wird elender und magerer mit jedem Tag. Am 12. II- 
wurde die Anamnese anfgenommon und die erste Mageuauaheberung nach F.-F. 
' vorgenommen. 

Freie HCl. = 30 (öünzburg); Gesamtazidität = 70 (Phenolphtaleln). 
Freie HCl. = 35 (DImethylamidoazobenzol.Probc). Gesamtazidität = 75 
(Piieuolptitaleln). Gebundene HCl. — 40 (Aliaarin), Milchaäure fehlt, auch 



U »ge nbes ch werd en 
> Bchlimmer als in d 
len Gravidität i 




) (P)ienolplitalein). 
imtazidität = 100*) 
orme Gälirungsäurcn 



Butter- lind Essigeäiire diircli den GerticbsslüD nicht naoIuuweiBen. Am 14. II. 
ergibt die Früfang dor oKitari sehen Tätigkeit eine geringe IiiauCäzienz ; 
2'/ä Stunden nach P.-P. im Magen noch gut verdaute BrötchenttiÜe bei Ruf- 
fttlletid roichliclier Flu sBigkeitem enge. 

Am 31. II. tiochmaltgB Anaheberung nach P.-F. Das Erbrechen bat 
weaentiicb nacbgeJBaaen, der Brocbreiz best«bt aber fort, 

Freie HCl. ^ 56 (GünEburg). Gesamtaziditit = 

Freie HCl. = C5 (Dimetbylamidoazobenzoi). ( 
(Phenolphtalem). Gebundene HCl. ^ 36 (Aliaarin), I 
nicht nachweiabar. 

Mehrtägige Aufnabnio in die Klinik mit vorzuga weise flüssiger Diät 
brachte weitgehende Besserung. Nach der Entlassung trat ruir noch selten Br- 
brecben friilimorgena ein. 

K.Frau Hirs cb, Gravida im 3. Monat. AnämiEche, norvSae, sehrelendc 
Patientin, mit Kopfweh und Schwindel. In den letzten Tagen ununterbruchen 
Übelkeit lind nftch dem Genuea jeder, auch der leicbtostpn Speise, atnndonlang 
anhaltendea Erbrechen. Patellarreflexe atark gesteigert, Ruche [lanästliesie. 
15. XI. 02. Das Erbrechen bat aeit gestern aufgehört. 

Freie HCl (Ditn.) = 30. 

Gesamt - Azidität ^= 65, 

Gebundene HCl = 35. 
18. SI. 02. Das Erbrechen steigerte sich in den lütEt«n Tagen. 

Freie HCl (Dim.) =- 10. 

Gesamt - Azidität = 45. 
22. XI. Oa. Freie HCl = 15. 

Gesamt- Azidität ^- 55. 
25. XI. 02. Freie HCl (Günzburg) = 30. 

Gesamt -Azidität = 85. 

Freie HC! (Dim.) ^ 40. 

Gesamt - Azidität ^ 86. 

Gebundene HCl = 45. 

Vom 22. XI. ab wurde das Erbrechen dnroh Magenspülungen ttöo 
kliniache Behandlung wesentUch gebessert. 

III. Frau Scbifferdecker. In diesem Fall war eine Magenausheberung 
wegen des sehr elenden Znstandea der Patientin nicht gut möglich. Auch war 
anzunehmen, dass infolge der schweren progredienten Lungenphthiae die Heaultate 
der Magen Untersuchung doch nicht einwandafrei seien. Ich gebe hier nur die 
Anamnese: Gravida 6. Monut mit aohr schmerKhaftcrParBmetritia'posteriurchron. ; 
sehr Bchlechtea Änssehen. Bei der ersten Schwangerschaft zn Anfiing ErhrBehen 
uhne Übelkeit nach dem Esaen, dann sofort wieder Wohlbefinden. Im übrigen 
ebenso wenig weitere Magenbes eh werden, wie in der zweiten Schwangerschaft. 
Im Vorjahre Rippenfellentzündung. Letzte Periode begann am 14. September 
und dauerte nur zwei Tage. Im August lUtägiger Blutabgang. Seit Anfang 
Januar sehr hftuligo KindesbewegungeTi, seit 4 Wochen bofligo Leibscliraerzen. 



') Diese aufiallend grosse, bei dreimaliger UntcrBuchiii 
Differenz kann icii mir nicht erklären. 



; stets wiedergefundei] 



— 121 — 

Seit November Erbrecheo fast nach jeder Mahlzeit und auch bei Joerom Mngeii. 
Nacli dem Vomitieren kann Patientiji stets gieioh wieder essen. In der Naelit 
2 — 3 mal iürbredieti, schon beim bJOBsen Erheben des Kupfes, Morgens nflclitera 
fühlt sie sieb am wohlsten. Durch den Geruch von Speisen, ja aelbat wenn 
vom Esaen und besonders vom Fleisch nur geuprochon wird, bekommt sie Er- 
breclieii. „Das Erbrechen IiRt einen sauren Geschmack nur bei Beimengung von 
Galle." Galle wird nar erbrochen bei leerem Magen, Saure Speisen, Fleisch, 
Hilch wird nicht vertragen, mit EaJfee und Huflattichtee hat sich die Patientin 
die letzten Wochen aus schliesslich ernährt. 

Wenn diese ü Fälle auch keiue sehr schweren sind, so sind 
sie doch zweifellos zum peruiziösen Erbrechen zu lechneu, zugegeben 
auch, dass die Erscheinungen des 3. Falles durch die Lungenphthise 
wesentlich verschlimmert wurden. 

Die beiden ersten Beobachtungen von Hyperemesis zeigen, 
dass wir verschiedene Säurewerte bei den einzelnen Individuen 
finden, und dass auch bei derselben Patientin recht starke 
Schwankungen fiir freie HCl. und Gresamtazidität beobachtet werden. 
Dass auch Anderen niedere Äziditätsgrade wahrscheinlich waren, 
darf man vielleicht aus einer Äusserung von Antonchevitsch ') 
erraten, welcher glaubte, eine Ähnlichkeit der Erscheinungen 
bei Hyperemesis gravidarum und bei solchen Tieren gefunden 
zu haben, denen das Salz in der Nahrung nach Möglich- 
keit entzogen wurde, Davis ') glaubt«, dass bei Hyperemesis 
ein ÜberschusB von Magensaft produziert werde. Auch aus der 
Ordination von verdünnter Salzsäure (z. B. Papp, Budapest*)) 
dürfen wir mit einer gewissen Reserve den Schluss ziehen, dass die 
betreiFenden Autoreu eine Subazidität bei Hyperemesis annahmen. 
Doch liegen auch positive Angaben über die Magen saftsekreticu 
bei Hyperemesis gravidarum vor. Heinrich Schneider erwähnt 
aus der Eichborstscben Klinik in Zürich *) 2 Fälle mit Anazidität. 
Jaffas) fand in einem tödlich endenden Fall normale Sekretion. 
Hiegcl ") beobachtete in einem Fall normale Salzsäure mengen bis 
Hyperazidität (0,3 "|o), in einem zweiten Fall Anazidität. Dieses 
Wechseln in den Säurewerten spricht mit Walirsclieiulichkeit für 
eine Magenneurose oder für einen gewissen EinHuss dos Erbrechens 



') Berieht über den 13. intemat. med, Kongress. 

•) The Amerik. gyn. and obat. journ. Vol. X. No. 4, p. 449. 

») Eef. Zentr. f. Gyn. 1889, p. 63. 

') Virchow's Archiv, 148. Bd. 18S7, p. 250. 

•■■) Samml. klin. Vorträge 1888, No. 305. 

') ZeitBchr. f. klin. Medizin, XIl. Bd., 1887. 




auf difi Sekretion der Drüseu. Dasa niedere Säurewerte sich finden 
würden, habe ich ans unsem Befunden und auf Grund der 
suppouierteu Relatiooeii zwischen geringer Azidität des Magen- 
safts und dem verminderten Alkaleszenzgehalt des Blutes, den auch 
Tuszkai in einem Fall von Hyperemesis nachgewiesen hat, er- 
wartet — und das gerade in vorgeschrittenen Stadien der Er- 
kraJikuDg, denn wir wissen, dasa längere Inanition und Erschöpfung 
mit Degeneration Avt drüsigen Orgaue des Körpers und mit Atrophie 
der Magenschleimhaut verbunden zu sein pflegt, und diese äussert 
sich in der Achylia oder besser Apepsia gastrica. 

Neben den Untersuchungen des Magens hat man vereinzelt auch 
solche des Stoffwechsels bei Hj^jeremesis gravidarum vorgenommen. 
Dirmoser ') hat — wie schon erwähnt — in 6 schweren Fällen 
von HyperemesJB reichliche AnsschciduDg von ITrobilin, 4 mal 
Blutfarbstoff, stets Eiweiss. (mit der Schwere der Aufalle wechselnd) 
4 mal auf der Hohe der Anfälle Azeton, 3 mal sehr reichlich 
Pepton, Oxalsäure, reichlich ludol und Skatol, hyaline nnd granulierte 
Zylinder, öfter Blutkörperchen, verfettete Epithelien, Tripelphosphat, 
harnsaures Na und oxalsaures Ca gefunden, und denkt wegen der 
bei InfektioDskrankheiten analogen Befunde an eine Intoxikation. Es 
findet nach diesen Harnanalysen eine erhöhte Bildung und Resorption 
von Giften statt. Frank (Olmütz) -) bestimmte bei Hyperemesis 
im Stadium der Inanition das Stickatoffgl ei chge wicht (nach 
Kjeldahl) und fand, dass der Stoffwechsel dieser Frau sich gleich 
dem eines Hungernden verhielt, Eine Anhäufung von Salzen im 
Organismus konute Frank nicht nachweisen, 
jii Die Definitionen der Hyperemesis werden sehr ver- 

" schieden angegeben. Zweifel =) nennt das Erbrechen nur dann 
übermässig, wenn alle Mahlzeiten, nicht nur der Morgenkaflec, aus- 
geworfen werden, ß. Frommel ') versteht unter Hyperemesis 
gravidarum die Fälle, „in denen das Erbrechen während der 
Schwangerschaft jene maligne Form annimmt, durch welche 
schliesslich lebensbedrohende Zustände hervorgerufen worden." 
M. Horwitz sagt: „Wenn bei Schwangeren aufgetreUines Er- 
brechen längere Zeit dauert und gi'ossen Einfluss auf die Ernährung 
und anderweitige Funktionen des Organismus übt, so wird solch 

') WiBner med. Woch, 1897, August. 
') Prag. med. Woch- 1893, p. 313. 
>) Lehrb. der Geb. 1887. p, 269. 
*) Zentr. f. Gyu. 1893, p. 3G1. 



p 



- 123 — 

ein Zustand Vomitus gravidarum pemiciosus genannt." Frank ') 
nennt die Hj-peremeais gravidarum ein infolge der Schwangerschaft 
auftretendos Erbrechen, welches so häufig erfolgt, diiss die Ei- 
nährung der Patientin leidet. Nach F. A. Kehrer dürfen wir 
nur dann eine Hyperemesis annehmen, „wenn eine nachteilige ßiick- 
wirkuDg des Ei-brfchens auf die Emährung und das Allgemein- 
befinden nachgewiesen werden kann." Ähnlich sagt Ahlfeld: 
„Wir sprechen von Hyperemesis, wenn die Intensität des Er- 
brechens einen sichtlichen Einfluas auf den Ernährungszustand der 
Frau ausübt." Diese Definitionen zeigen eine kleine Lücke. Nach- 
dem 1883 Sänger '') angegeben hatte, dass die Emesis gravi- 
darum oft nicht reflektorisch entstehe, sondern auf palpahlen Er- 
trankungen des Magens beruhe, verlangte Kaltenbach ^), dass 
jene Fälle von heftigem anhaltendem Erbrechen, die durch 
Erkrankungen von Magen, Darm, Nieren, Sexuale rganen, sowie durch 
gewisse Intoxikationen entstehen, von dem Begriff der Hyperemesis 
gravidarum ausgeschaltet werden sollen, da sie alle auch ausserhalb 
der Schwangerschaft zu Erbrechen führen. Durch dies Verlangen 
von Kaltenbach ist der Definition und Diagnose der Hyperemesis 
gravidarum eine Schwierigkeit erwachsen. Er erkennt all die 
Veränderungen au den Genitalien, die wir angeführt haben, für die 
Ätiologie des perniziösen Schwangerscbaftserbrechens nicht an und 
versteht unter Hyperemesis gravidarum nur jenes übermässige Er- 
brechen, das ganz ausschliesslich durch die Schwangerschaft erzeugt 
wird. Wir haben schon gesehen, dass dieser Standpunkt und eine 
so scharfe Scheidung nicht immer möglich ist, und dass wir als aus- 
lösende Momente für die Hyperemesis gravidarum irgend welche 
peripher in verschiedenen Organen oder in der Aussenwelt gelegene und 
auf die Psyche wirkende Momente anzusprechen haben. Wir möchten 
daher die Hyperemesis gravidarum folgendermassen definieren: Die 
Hyperemesis gravidarum oder der Vomitus gravidarum 
perniciosus ist jenes heftige und anhaltende, die Er- 
nährung und das Allgemeinbefinden wesentlich störende 
Erbrechen, das erst durch die Schwangerschaft als solche 
erzeugt wird, aber in der Regel durch peripher im 
Organismus gelegene Reizherde oder durch psychische 
Alterationen ausgelöst zu werden pflegt. Eine aus- 



') Prag, roi^d. Woch. 1893. 
^ Zentr. f. Gjn. 1883, p. 326. 
") ZeilBohr. f. Geb. ii. Uyn. 31. 




esprochene Erkranka 



gesp 



lg an 



erer Urgane, 



an sich zu 



heftigem Erbrechen führen kann, ist dabei auszaschliessen. 

Schon im Beginn übt das perniziöse, pennanente Erbrechen 
der Schwangeren eineo schädigenden EinÜuss auf den Orgamamos 
aus, welcher proportional der Dauer und Heftigkeit des Erbrechens 
sich steigert, bis zuletzt jede Spur »on Speisen und auch Flüssig- 
heiteu erbrochen werden. 
■ In dem klinischen Bild der Mj'peremesis unterBchied Paul 

Dubais drei Stadien: 1. Periode. Es tritt deutliche Ab- 
magerung ein und Ekel gegen Nahrungsaufnahme bei quälendem 
Durst. Zuweileu verträgt Patientin manche Speisen, und nicht 
selten gerade grobe, schwer zu verdauende, während leicht ver- 
dauliche nach kurzer Zeit unverändert erbrochen werden. Die 
Patientin fcla^ über Schmerzen im Epigastrium, welche sich bei 
Druck vermehren. Die Anfälle rauben die Nachtruhe und führen 
zu rapider Eutkraftung. Auf dieser Höhe kann die Krankheit 
stehen bleiben, die Anfalle nehmen an Stärke und Häufigkeit ab 
und es tritt allmählich Genesung ein 2. Periode. Erbrechen, 
Abmagerung und Kräfteverfall nehmen bedenklich zu, und das 
Erbrechen wird fast permanent. Das früher nur temporär auf- 
getretene Fieber wird beständig, der Puls steigt auf 1 10 — 130 
Schläge in der Minute, die Mundschleimhaut ist gereizt und gerötet, 
die ausgeatmete Luft ist übebiechend, die Zunge trocken und 
belegt Zu unaufhörlichen Klagen über Schmerzen im Epigastrium 
treten Kopfschmerzen bei der nun apathischen Patientin hinzu. 
3. Periode. Es beginnen Halluzinationen, Sehstörungeu, Gehirn- 
erscheinungen und Ohnmächten. Unter Delirien und Sopor erliegt 
die Schwangere ihrem Leiden. 

V. Winkel unterscheidet ebenfalls 3 Stadien der Hj^seremesis 
und sagt darüber folgendes: »Dagegen tritt, und zwar in -/j aller 
Fälle, von dem Ende des 3. Monats, sehen auch in der 2. Hälfte 
der Gravidität das Elrbrechen unmittelbar nach dem Gennss der 
Speisen ein (erstes Stadium), so dass diese jedesmal wieder zum 
Teil entleert werden und der Magen nur wenig Nahrung behälU 
Hier findet sich öfter Verlangen nach schwer verdaulichen Speisen 
und nicht selten vermehrte Salivation. Die Patientinnen magern 
merklich ab. Daun kommt eine Zeit (zweites Stadium), in welcher 
auch ohne Nahrungsaufnahme das Erbrechen erfolgt und Wider- 
willen und Angst vor Speiseauf nähme eintritt. Bei heftigem Durst 
und sehr geringem, konzentriertem Harn, welcher hohen Eiiweias- 



I 




— 125 - 

gehalt zeigt, wird die Zunge trocken, das Zahofleiscb rot. und leicht 
blntend. Datiert dieses Erbrechen lange, ao köunen die Kranken 
bis zum Skelett abmagern, vor Schwäche nicht mehr imstande 
sein, das Bett zu verlassen, nnd doch schreitet die Schwangerschaft 
noch voran. Dag Erbrochene ist meist hell, glasig, ein zäher 
Schleim, es riecht oft sauer und enthält häufig Pilze. Im dritten 
Stadium ist dem Erbrechen Elut beigemengt. Die Patientin fiebert, 
ist äusserst elend, verbreitet einen eigentümlichen Gerucli um sich; 
Ohnmächten, Delirien, Halluzinationen, Ikterus folgen einander und 
endlich tritt der Tod durch Erschöpfung oder Komplikationen ein.» 

Horwitz beschreibt die einzelnen Perioden der Krankheit 
etwa folgendermassen: »]n der Anfangsperiode prävalieren i)bel- 
keiten. Das sich steigernde Erbrechen ist noch nicht quälend, weil 
die Intervalle zwischen den Anfällen ziemlich langdauenid sind und 
diese nur tagsüber aufzutreten pflegen. Der Appetit ist bedeutend 
herabgesetzt, aber noch nicht völlig geschwunden. In diesem 
Stadium beobachtete Horwitz Fälle von auffallend deprimiertem 
ftemüts zu stand und von Hyperosmie: Die Kranken klagen über 
einen sehr unangenehmen Geruch, den sie von den umgehenden 
Gegenständen oder von dem eigenen Körper ausgehen glauben. Im 
2. Stadium verkürzen sich die Intervalle zwischen den Brechaufällen 
so, dass der eine den andern ablöst. Auch bei leerem Magen er- 
folgt fast ununterbrochenes Erbrechen und zwar wegen des leeren 
Magens in qualvoller Weise und ea besteht nur in geringen Quan- 
titäten aus Schleim, der durch Galle grün oder durch Blut rot 
gefärbt sein kann. Die fast ununterbrochenen, die Muskeltätigkeit 
ermüdenden Anfälle, die Angst vor neuem Brechanfall bei dem 
geringsten Getränk verhindern die Nahningsaufnabme und den Schlaf, 
und bringen die Kranken in eiueo Zustand heftiger nervöser Er- 
regung und psychischer Apathie. Entkräftung, Anämie, Ahmagorung 
bis zum Skelett schreiten nun unaufhaltsam rasch vorwärts. 
Quälender Durat infolge der Auf nähme Verweigerung des Magens, 
fuligiuös belegtes Zahnfleisch, trockene Zunge, unangenehmer Geruch 
der Exapirationsluft, Vcnduderung der Hamraenge, Albuminurie, 
kleiner, leicht uuterdrilckbarer Puls, stellen sich ein. Endlich naht 
nach mehrtägigem Kollaps unter Delirien und Koma der Tod. 
Welche Grade die Abmagerung annehmen kann, ist aus einem Fall 
von Muret zu ersehen, wo in 7 Wochen 49 Pfund, und aus einem Fall 
von Zweifel, wo in 8 Wochen 36 Pfund Gewichtsabnahme erfolgte. 

Darüber, ob Fieber in diesem 2. Stadium erfolgt, sind die 



- 126 — 

Ansichteü geteilt; jedenfalls tritt es uur in eiiizelueti Fälleu auf. 
Die Mehrzahl hat mit P. Duboia Temperatursteigeruugeu ge- 
fundon, Horwitn beobachtete sowohl normale uod subnomialp 
TemperatureD, als auch Fieber, uod glaubt, dieses sei wohl 
durch andere, vielleicht übersehene Gründe bedingt. Spiegel- 
berg meint, es könne bei der Hyperemesis FiGber auftreten. — 
In dem von Horwitz gezeichneten Krankheitsbild ist uoch die auf 
den grossen Säfteverlust zu beziehende Austrocknung der Haut, wie 
wir sie bei Kachektischen eben finden, zu erwähneu. 

Trotz dieses schweren Krankheitsbüdes, das nicht selten 
innerhalb woniger Wochen eine lebensgefährliche Höhe erreicht, ja 
mit letalem Ausgang endet, trotz der Verhungerung und der starken 
Erschütterung, die der Körper erleidet:, wird die Gravidität merk- 
würdigerweise nur selten beeinflusst. „Viel ober," sagt H. W.Freund, 
„kommt es zur extremen Entkräftung, zum Tode der Schwangeren, 
als dasa du spontaner Abort eintritt." Die Frage nach der 
Ursache desselben ist noch nicht beantwortet. In einem Teil der 
Fälle mögen die heftigen Brechbewegungen, die jähen Druck- 
schwankungon in der Bauchhöhle die Ursachen abgeben, in einem 
anderen Teil der Fälle mag die Frucht durch die mangelhafte Er- 
nährung von selten des nährsto ff armen mütterlichen Organismus, 
durch die Verbungerung der Mutter zu (Grunde gehen nud so als 
Kremdkörper im Uterus der Ausstossung harren. Vom Standpunkt 
der Intoxikation stheorie aus wäre eine Schädigung der Frucht durch 
die Toxine, die vielleicht mehrmals den Ki'eislauf von Mutter und 
Frucht durchlaufen, ehe sie durch die Nieren der Mutter aus- 
geschiedeu werden, wohl verständlich. Wissen wir doch, dass zahl- 
reiche Gifte auch bei gesunder Plazenta auf den Fötus übergehen, 
dass z. B. bei Üekurrenz das Leben der Frucht sehr gefährdet ist. 
dass Atropin und viele andere Gifte von der Mutter zum Fötus 



Über die Rückwirkung der Hyperemesis und des schweren 
Ptyalismus auf die weitere Ernährung der Früchte — vorausgesetzt, 
dass diese in den letzten Scbwangerscbaftsmonaten geboren werden, — 
ist übrigens bis zum heutigen Tag noch fast nichts bekannt, ob- 
wohl F. A. Kehrer schon 1879 die Untersuchung dieser Frage 
anregte. Ich habe nur in dem Fall von Muret, in welchem 
Hyperemesis mit Ptyalismus und Hysterie kombiniert war, die 
etwas allgemein gehaltene Angabe gefunden, dass das Kind klain 



und dürftig entwickeit war; doch ist eine Beurteilung hier nicht 
einwandsfrei, weil erbliche phtbisische Belastung vorlag. 

Aber selbst wenn im zweiten Stadium der Erkrankung die 
Ausstossung des Eies erfolgt, uud somit das Erbrechen aufhört, ist 
der Tod durch die schwere Inanition und die degenerativen Prozesse 
der inneren Organe in der Hegel unaufhaltsam. Nur in seltenen 
Pällen trat zu einer Zeit, wo man auf den Tod vorbereitet war, 
noch Genesung ohne Abort ein. In der Regel aber verschwindet 
die Hyperemesis graviilarum samt ihren Folgeerscheinungen bei 
rechtzeitig eingeleitetem küuatlicheii Abort, falls andere (Jrgau- 
erkrankungcn und schwere Hysterie ausgeschlossen sind. 

Die Häufigkeit der Hyperemesis ist nach Horwitz und ^ 
anderen nicht die gleiche in den vorschiedenen Ländern. Tn \ 
Deutschland ist sie selten, in den skandinaviacben Ländern noch ''' 
seltener, in England und Amerika und besonders Frankreich viel 
häuüger. Auch kommen weit ffiebr Fälle in der Privatpraxis als 
in dem Krankenhaus zur Beobachtung. Horwitz hatte in Peters- 
burg unter lausenden von Anstalts schwangeren keine einzige mit 
Hyperemesis zu verzeichnen, und i)roportional der fortschreitenden 
Nervosität unserer Zeit mehren sich die Fälle auch in Deutschland. 
So hat Hohl, der Hallenser Ordinarius, anfangs der 60er Jahre 
in seinem Lehrbuch die Hyperemesis überhaupt nicht erwähnt. 
Interessant wäre ku wissen, ob auch bei den NaturvCilkeru, bei 
denen Emesis gravidarum in Erscheinung tritt, das perniziöse 
Schwangerschaftserble eben zur Beobachtung kommt: Nach Goudrin 
de Sausswrei '} verläuft bei den Negern Süd-Karolinas die 
Schwangerschaft ohne irgend welche nervöse Störungen. Ploss 
zitiert eine Angabe von Mondiöre, wonach in Cochinchina die 
Anamiten -Frauen im Anfang der Schwangerschaft an Erbrochen 
leiden. — Erstschwaugcre werden häuüger von perniziösem Erbrechen 
befallen, als solche, die schon geboren haben. In der Rflgel tritt 
es zwischen dem 2. bis 6. Monat, am häufigsten im 2. bis 4. Monat 
auf, und meist nur in einer Schwangerschaft. Doch haben Stocker 
und Wiedemann ^) die Erkrankung in wiederholten Schwanger- 
schaften gesehen. Auch bei Extrauteringravidität kommt sie hin 
und wieder vor; Horwitz hat einen solchen Fall beschrieben. 



■) Rof. Zontr. f. Gyn. 1894, p. 1333. 

») St. Petersh. med. Woch. 1886, No. 4B. 



— 128 — 

Der Sektionsbefund bei Hyperemesis gravidarum ist bis 
"jetzt bezüglich der Ätiologie negativ ansgefalleD. Die Annahme 
einer Reflexneurose würde damit übereinstimmen. Für eine Iq- 
toxikatiou geben die Autopsien bis jetzt keine genügende Grund- 
lage; degenerative Veränderungen der drüsigen Organe wären 
vielleicht zu erwarten. Ebenso, wie die Neuropathologie die sichere 
Annahme macht, dass bei der als Reflexneurose aufgefassten Para- 
Ij-ais agitans, der Tetanie u. s. w. schwere, wenn auch noch nicht 
nachgewiesene Nervenveränderungen bestehen, dürfen wir aber auch 
erwarten, dass bei der, wie wir angenommen haben, anf Intoxikation 
beruhenden Reflexneurose in der Gravidität Veränderungen an den 
nervösen Elementen der genitalen oder der Magennerven oder der 
Hirnrinde und der MeduUa noch gefanden werden. 

Nur bei einer unter den Erscheinungen der Polyneuritis nach 
Hyperemesis verstorbenen Frau hat Lindemann ') degenerative 
Veränderungen in mehreren Nerven, trübe Schwellung und fettige 
Degeneration der Leber und Nieren beobachtet. In einem von 
Davis ä) mitgeteilten Fall waren einige Tage vor dem Tod Petechien 
der Haut aufgetreten. .1. Erismann ^) hat die in der Literatur 
mitgeteilten spärlicheu Sektionsbefunde zusammengestellt. Karzinom 
und Adenom des Magens, Gastritis, Ulcus im Duodenum, Hemia 
epigastrica, Schwellung und Rötung des Semilnnarganglions des 
Solarplexus, fettige Degeneration der Leber, meningeale Blutungen, 
Hirn- und Lungentuberkeln, Hypoplasie der Aorta werden angegeben. 
Nephritis haben von allen Autoren nur Horwitz und Erismann 
erwähnt. Aber die häufigen pathologischen Veränderungen in den 
Verdauungsorgauen stehen nur zum kleinen Teil in Beziehung zur 
Hyperemesis und zeigen, dass nicht in allen Fällen ein rmnes 
perniziöses Schwangerschaftserbrecheu vorgelegen hat. 

Noch ein Wort über eine besondere Form des Erbrechens in 
der Schwangerschaft: die Hämatemesis. Fellner gibt an, dass das 
Blutbrechen in der Schwangerschaft nicht allzu selten, und dass die 
Hydrämie und Änänüe Ursache von deren Auftreten sei. Unter 
38000 Geburten sind nach Fellner in der Klinik Schauta 22 
Falle von Hämatemesis vorgekommen. Richter, Nasse und Busch <J 



■> Zentr. f. Mg. Pathol. u. pathol. Anat. 3. Bd. No. 15. 
') Med. newB I8»4. Juiiy 2. 

'I Beiträge mr lieliro vun der Hjperemesis (fnTiil. Diss. Ina 
Basel 1890. 

•) Zitiert Dach P. Müller, ,Dio Knukh. des wdbl. Korpeis", y. 106. 



N 



haben Fraueu mit Magenblutuugpu in der Schwangerschaft beob- 
achtet. Auch P. Müller berichtet von einer Mehrge schwängerten, 
hei der in den letzten 4 Wochen wiederholtes Btutbrecheu ohne 
weitere Störung der Schwangerschaft auftrat. In manchen dieser 
Fälle mag es sich um ein akutes oder chronisches Ulcus ventriculi 
gehandelt haben. Moritz Cohn ') beobachtete Perforation eines 
Ulcus ventriculi am Ende der Gravidität bei einer 24jährigen I. 
Gravida. Doch ist ein leiser Verdacht, dass es sich in diesem Falle 
um eine Hämatemesis bei der damals (Januar 1902} in Hamburg 
herrschenden Cholera-Nachepidemie handelt, nicht zurückzuweisen. 
Die Geburt erfolgte in diesem Falle spontan. Auch Gille de la 
Tourette-) hat über ein perforierendes Magengeschwür bei einer 
Schwangeren Mitteilung gemacht, Ein exzeptioneller Fall wird von 
Coradeschi^) berichtet. Es bestanden in den ersten 4 Monaton 
der Schwangerschaft noch regelmässige Blutungen in 4 wöchenthchen 
Iut«rvalleu, und in den folgenden Schwangerschaftamonaten an deren 
Stelle Häraatemesis. Ich habe eine Gravida im 3. Monat untersucht, 
welche wegen der Frage, ob Schwangerschaft vorliege, und wegen 
Eluterbrechen in Behandlung kam. Die Lungen waren gesund, eine 
Diagnose der Internisten konnte ich nicht erhalten. In einem andern 
Fall bestand Bluterbrechen bei einer Frau mit Albuminurie 2 Tage 
vor der Geburt, bei welcher sich eklamptischeAnfäUe einstellten. Auch 
P. Müller erwähnt, dass Blutbrechen während der Geburt beob- 
achtet wird, und zwar ohne objektiv nachweisbare Veränderung im 
Magen. 

Dem unstillbaren Erbrechen sind die unstillbaren Diarr- u 
hoen, die man in seltenen Fällen in der Schwangerschaft beob- ^ 
achtet hat, gleich zu setzen. Es handelt sich in den wenigen Fällen, 
von denen Condio ') berichtet, um neuropathisch veranlagte Schwan- 
gere. Wenn auf reflektorischem Wege, wie wir gesehen haben, 
die Entstehung von Speicbelftuss und Erbrechen bei verändertem 
Kei-vensystem eingeleitet werden kann, so liegt die Annahme nahe, 
dass von den üterinnerveu ans auch ein lieiz auf das sympathische 
Nervensystem des Darmes, auf den Splanchnikus übertragen werden 

■) Therapont. Monetah. von Liebreich. 1894, p. Sil. 

•) Joarn. dea Soc. seioiitif. 18B5, No. 18. 

') EoifttemeBi dunuitc Irt Gmvidanza Gazz. di>g!i 09pi"dali 



') II Mnrgagni, Teü 1. No. 8 und 9 




— 130 — 

kaan. Viellpicht lipgt aber die Sache bezüglich des Darms noch 
einfacher, indem bei gesteigerter Heizbar keit des Nervensystems 
blosse ZirkulatioDSTerhältnisse die verschiedengradige Peristaltik 
bediogeu. Schon die ältere Literatur ist nicht arm nn Jklitteilungeu 
über heftige Durchfälle in der Schwangerschaft, und wir köunen 
sie abwechselnd mit Obstipation bei Schwangereu recht häufig finden. 
Auch in diesem Punkt verhält sich die gravide Frau wie die ueu- 
rasthenische. 

Auch Blutdurchfälle sind während der Schwangerschaft 
'■ bpobachtet und zwar bei Üarmtuherkulose, bei Ulcus veutriculi, bei 
Ni'phritis. E. Ehrendorfer ') hat einen Fall von nugewöhnlich 
starken Darmblutungen kurz vor der Geburt mitgeteilt : Eine 
22j. I.-GrjiTida, die früher an hysterischen Lähmungen litt, bekam 
in den ersten Monaten der Gravidität hartnäckiges Erbrechen, das 
erst im 6. Lunarmonat nachliess. In dieser Zeit konstatierte 
Ehrendorfer eiae Nephritis, Im 9. Monat stellten sich 7 
eklamptische Anfälle ein, dann besserte sich die Nierenerkraukuug, 
so dass erst am normalen Ende der Schwangerschaft die Geburt 
eintrat. In den 2 letzten derselben vorhergehenden Tagen ging 
sehr viel Blut unter kolikartigen Schmerzen aus höher gelegenen 
Darmabs chnitteu ab, dessen Menge in einem Tag auf !'!> Liter 
Reschätzt wurde. 

Auf die Besprechung der Blinddarmentzündung in der 
Schwangerschaft kann ich hier ebensowenig eingehen wie auf die Fälle 
von Ileus in der Gravidität, die z. B. durch Äbknickuug des Darms 
infolge von Adhäsionen bei Einengung der Bauchhöhle durch den 
wachsenden Uterus entstehen köunen. Münchmeyer -) hat in 
einem solchen Fall n:ic)i Resektion eines gangränösen Darmstüeks 
dnrcb Enteroanastomose den letalen Ausgang nicht verhindern 
können. 

Die Prognose der gewöhnlichen Uagencrscheinnngen in der 
Schwangerschaft ist absolut günstig. Das wichtigste Symptom, der 
Vomitos, hört spätestens in der Mitte der Schwangerschaft auf und 
hat nur selten einen schwächenden Einfluss auf den Oi^nismus. 

Anders mit der perniziösen Form des Vomitus gravidamm. 
Schon die Bezeichnung peruiziös deutet an, dass der Organismus 
schwer geschädigt werden und selbst unterliegen kann. Doch nnd 



') MoMtsschr. f. Geb. n. Gjn. VI. Bd. 1897. p. 369. 
>} Bof. Monatwohr. t Geb. u. G7D. 1899. Bd. X. p. 8i 



I 



— 131 — 

solche Fälle glücklicherweise recht selten und erfahrene (JjiiUkologen 
haben sie nie iu ihrem Leben gesehen. Wie der Icterus gravidarum 
das eine mal für die Mutter relatiy unschuldig verläuft, das andere 
mal allmählich und fast unhemorkt in die akute gelbe, meist letal 
endende Leberatrophie übergeht, so verläuft die Hyperemesis das 
eine mal ohne dauernden Nachteil für die Schwangerschaft, das 
andere mal letal. 

P. Müller bezeichnet die Prognose als eine ziemlich un- 
günstige und erwähnt, dass Joulin bei einer statistischen Zu- 
sammenstellung 44"{n Mortalität und 56";,i Heilungen, Grueniot 
32 "lo Mortalität uud 68 "jo Heilungen konstatierte. Auch Horwitz 
gibt an, dass iu 44 "Ju der Tod eintrete, doch ist nicht zu ersehen, ob 
er sich blos auf Joulins Statistik stützt. So viel ist sicher, dass 
die Angaben über Morbidität und Mortalität der Hyperemesis stets 
different sein werden, weil, wie oben ausgeführt, eine feste Grenze 
zwischen heftigem Vomitus und dem unstillbaren Erbrechen nicht 
immer scharf zu ziehen ist, weil also deren Peststellung von dem 
individuellen Ermessen abhängt, weil weiterhin auch nicht in allen 
Fällen Sektionen ausgeführt uud andere pathologische Veränderungen 
der Organe, insbesondere des Magens, ausgeschlossen werden können. 
Nach meinen Literaturstudien kann ich nur sagen, dass ein so 
hoher Prozentsatz an Mortalität, wie ihn Joulin und Guiiniot 
angaben, für die von Deutschen publizierten Fälle keineswegs 
besteht. Die beiden Forscher haben nur ganz schwere Formen 
von Hyperemesis in ihre Statistiken aufgenommen, und zwar in 
einem der Länder, wo die Hyperemesis nachgewiesenermassen be- 
ders häufig aufzutreten pflegt: in Frankreich. Erismann hat 
51 Fälle von exspektativer Behandlung der Hy|jeremesis mit 6 
Todesfällen zusammengestellt. Horwitz meint, die Prognose sei 
um so schlimmer, je frühzeitiger in der Schwangerschaft das Leiden 
eintritt. Nach Flaischlen ') gibt der Puls in der Beurteilung 
der Prognose den besten Anhalt; je kleiner uud frequenter er ist, 
um so ernster ist der Zustand. Aber auch die Albuminurie gibt 
eine üble Prognose, was Horwitz, Auvard, Daniel u. a. be- 
touten ; sie ist ebenso wie das Auftretfln vou reichlichen Zyliudorn 
im Harn der Indikator für eine Nierenreizung tmd recht häuüg 
nun unaufhaltsam progredienten Prozess. Denn nun 
wenn wir den Standpunkt der Intoxikatioiistheoric ver- 




I) ZeitBohr. f. Ucb. luid Gyn. XX. Bd. 1890, p. 91. 




- 132 — 

treten — der Organismus eine genügende Elimination der Schwanger- 
schaftsgifte durch daa Hauptausscheidungsorgau: die Nieren nichtmehr 
zu erwarten. Als omiuöee Zeichen sind jedenfalls die steigernde Äh- 
nahme des täglichen Urinquantums, die progressive Abmagerung, ver- 
fallenes Aussehen, der kleine frequente Puls, fuligiuöse Zunge, Kopf- 
schmerzen, Herzschwäche, ein gewisser Grad von Apathie, Strahisraus, 
Halluciuatiouen, und Inanitionadelirien zu betrachten. Eine infauste 
Prognose geben nicht nur die Fälle, in denen eine symptomalische 
Purpura hämorrhagica, Hämaturie, Polyneuritis, Ikterus, Schwanger- 
achaftsuiere oder Chorea gravidarum sich mit der Hjperemesis kombi- 
nierte oder ihr folgte, sondern auch jene Fälle, in denen schon vorher 
eine Phthise bestand, oder in denen erst durch die Hyperemesis in 
dem durch sie geschwächten Organismus eine Lungentuberkulose 
ausbrach. So entsteht eine gegenseitige Beeinflussung der beiden 
letztgenannten Erkrankungen in bedenklichem Sinn. Ich erinnere 
an den von mir oben mitgeteilten Fall Schifferdecker, in welchem 
früher schon Tuberkulose nachgewiesen war, und ich führe eine 
Beobachtung von F. Ä. Kehror ') an, in welcher hei einer bis 
dahin gesunden, aber phthisisch erblich belasteten Frau Hyperemesis 
im 5. Monat der Schwangerschaft und mehrere Wochen später zu- 
nehmender Husten und Auswurf sich einstollte. Bald nach der 
Gehurt erfolgte an galoppierender Lungentuberkulose der exitus. 

Die Prognose für die Frucht ist recht dubiös. Gueniot 
nählt auf IIH Fälle 27 mit spontanem Abort. Doch kann — wie 
schon ausgeführt — der Fötus am Leben bleiben, Abort braucht 
nicht einzutreten, und eine Schwangere mit Hyperemesis kann am 
rechtzeitigen Termin ein gesundes Kind gebären. 

Die Prognose des Ptyalismus ist in der Regel eine 
günstige und wesentlich besser, als die der Hyperemesis. Weder 
das Leben der Mutter, noch das des Kindes pttegt in den weitaus 
meisten Fällen in Gefahr zu schweben. Immerhin muss man eine 
gewisse Vorsicht nicht ausser acht lassen. Haben wir doch Fälle 
kenuen gelernt, in denen nicht nur Schluckbeschwerden oder die 
Unfähigkeit der Aufnahme fester Nahrung bestand, sondern in denen 
ernste Verdauungsstörungen, Schlaflosigkeit, schwere nervöse Zu- 
stände [las Leben der Mutter gefährdeten. Auch sind Fälle bekannt, 



') F. A. Keiiror: Beitrag.' 
Ujriak Bd. II. Heft I. |) 190. 



i'xper. GcbiirlNkiti 



- 133 — 

welchen Abort spontan eintrat. Ob die Auffassunjj; von Simpson ') 
richtig ist, dass der Speichelfluss ein frühzeitiges Signal der bevor- 
stehenden Eklampsie sei, erscheint mir mehr als fraglich. Fellner^) 
hat auf Gi-uud des Materials der Klioik Schauta in Wien angegebeu, 
dass or unter zahlreicheu Fälleu von Eklampsie keinen einzigen von 
Ptyalismus tinden konnte — eine Tatsache, die ich auf Grund 
mehrerer Eklampsiefälle, in douen ich auf das Phänomen besonders 
achtete, bestätigen kann. 

Die Prognose der unstillbaren Diarrhoen ist keine schlechte, 
die der Blutdurchfälle in der ßegel wohl ebenso wenig dubiös wie 
die der Hämaturia gravidarum, von der ich an anderer Stelle 3) gezeigt 
habe, dass sie in der Regel spontan wieder verschwindet. 

Die Diagnose der in so vielen Fällen gefundenen Hypo- j,, 
chlorhydrie und Subazidät in der Schwangerschaft ist 
natiiriich nur durch eine Ausheberung des Mageninhaltes zu stellen. 
In einem grossen Teil der Fälle ist eine Herabsetzung der Säure- 
sekretion aber schon aus den anamnestiachen Angaben über Ab- 
neigung gegen Fleischspeisen und über Unfähigkeit, dieselben zu 
verdauen, ferner aus d^em Verlangen nach sauren Speisen mit einer 
gewissen Wahrscheinlichkeit zu erwarten. 

Für die Diagnose der Schwangerschaft bedeutet das 

Erbrechen soviel, dass wir in dem reinen Vomitus matutinus bei 

I Ausschliessung von hysterischen Erscheinungen und von abusus von 

I AlkohoÜzis ein wahrscheinliches, allerdings unsicheres Schwanger- 

schaftazeicheu erblicken dürfen, wie denn tatsächlich diese Form 

t des Erbrechens seit alten Zeiten bei Ärzten und Laien mit Recht 

als eines der ersten Symptome der eingetretenen Gravidität galt. 

Auch die übrigen subjektiven Magenerscheinungen können iu manchen 

Fällen die Schwaugerschaftsdiagnose stützen. Als Adjuvans zur 

Stellung der Diagnose auf Gravidität in zweifelhaften Fällen haben 

sich die Ergebnisse der Magenuutersuchungcn jedoch nicht erwiesen, 

weil sie dafür doch nicht konstant genug sind. Eine Zeit lang, als 

nahezu die gleichen liypochloriden und subaziden Werte bei den 

Untersuchungen heraussp rangen, schien sich diese Hoffnung zu 



') Lanect JiJy 1897. 
") „Die Beziehungen 
t Leipzig und Wibd, 1903. 

') E. Kchrer, „Über embryogi 
mlong klia. Vorträge. 



Krank)], zu Schwang,, Geburt 




134 

erfüllen, später kam ich zu der Überzeugung, dass in dubiösen 
Pälleo im 1. — 3. Mnnat die niederen Äziditätswerte bei sonst ge- 
sunden, kräftigGu Individuen den Verdacht auf Gravidität beträcht- 
lich erhöhen, aber nicht begründen. 

Die Erkennung der Hyperemesis beruht bei nachgewiesener 
Schwangerschaft auf der Definition der Erkrankung und setzt eine 
Störung des Allgemeinbefindens und vor allem des objektiven 
Ailgemeinziistandes voraus. Viole Autoren und neuerdings wieder 
Behm haben mit Recht grosses Gewicht anf die häutigen Be- 
stimmaugen des Körpergewichts solcher Kranken gelegt, und darauf 
das therapeutische Handeln zum Teil basiert. P. Strassmann ') 
sagt sogar: >Wenu wir überhaupt bei der Hyperemesis Indikationen 
stellen, so sollen wir sie nach der AVage stellen, ungefähr so, wie 
wir uus bei den Infektionskrankheiten und den Massnahmen im 
Wochenbett nach dem Thermometer richten, ^' 

Am nichtigsten ist es bei der Hyperemesis wegen des thera- 
peutischen Handelns den Inanitiousgrad der Frauen zu beurteilen. 
Dies geschieht nach t)dön Tuszkai -) 

1) au3 der rapiden Abnahme des Köriiergewichts, der täglichen 
Urinmenge, der Chloride desselben und der rapiden Ver- 
minderung der roten Blutkörperchen, 

2) aus Steigerungen im Atomgewicht des Urins und des Bluts, 
der Zunahme der Blutalkaleszenz und der Pulszahl, 

3) aus dem Auftreten von Albumen und von Nieren i'lpment«n 
(„Inanitionsuiere") im Urin, von Normo- und Megaloblasten im 
Blut, 

4) aus dem raschen Sinken der Temperatur am Morgen und dem 
febrilen bezw. subfebrilen Ansteigen derselben am Abend. 

Die von Kaiteubach u. A. wiederholt aufgestellte Forderung, 
„die Hyperemesis während der Gravidität" d. h. alle übrigen 
orgamscben oder funktionellen Erkrankungen, besonders solche des 
Magens, der Nieren, des Peritoneums und des Gehirns, bei der 
Diagnose des perniziösen SchwangerschaftÄerbrecheus auszuschliessen, 
ist nicht immer leicht zu erfüllen. Das zeigt ein Fall von Mnret, 



') Zeitschr. f. (ieb. u, Uyn. 49. Bd. p. 342. 
*) Ü. TuGikAi: .Gebufteunloitung bei Hypereniesis.' 
b. 1903. No. 36; fornir: Ref. ZcDlralbt- f. Gjo. 19M. No 



ii. p. 7aa 



135 



in weichem durch blutige Beimengungen zum Erbrocheneu Verdacht 
auf eia chronisches Ulcus berechtigt erschien. Das plötzliche Ver- 
schwinden und dauernde Ausbleiben aller Magenerscheinuugen durch 
eine suggestive Therapie bewies hier, dass keine organische Magen- 
affektiou vorlag. — Ich kann dieseni Fall aus eigener Erfahrung einen 
ähnlichen, noch interessanteren an die Seite stelleu: eine Frau 
kommt lO Wocheu nach der letzten Periode zum Arzt, um sicher 
zu erfahren, ob sie gravid sei. Der Arzt stellt die Diagnose auf 
Endometritis uud Metritia, negierte die Schwangerschaft und ätzte 
angeblich intrauterin. Nun entstand jauchiger Auafluss, weswegen 
von anderer Seite 2 Tage später Intrauterinspiilung vorgenommen 
wurde. Es erfolgte mehrwüchentliches Erbrechen, das die Patientin 
recht herunterbrachte; 2 mal wurde auch Blut im Erbrochenen ge- 
funden. Als gerade 6 Monate seit der letzten Menstruation vorbei 
waren, erfolgte zu aller Erstaunen der Abgang einer mazerierten 
Erucht, die der Beschreibung nach dem 3. bis 4. Monat entsprochen 
haben musste. Die Placenta blieb zuriick und ich räumte sie 
manuell aus. Der linke Eierstock war vergrössert und druck- 
empfindlich. Nun hürte die Blutung auf und der Appetit besserte sich 
momentan. Aber 14 Tage nach der Abortausräumung trat an 
einem Vormittag wieder vorübergehend Erbrechen bei der etwas 
anämisch -nervösen Frau auf. ■ — Handelte es sich hier um nervöses 
Erbrechen, ausgelöst durch heftige, den intrauterinen Manipulationen 
folgende üteruskontraktionen oder durch die Schwellung des linken 
Eierstocks':' Lag ein leichter Fall von Hyperemesis gravidarum oder 
Ulcns-Erbrecheu vor? AUe Ulcus -Symptome fehlten. Das Schwanger- 
schafts-Erbrechen verschwindet in der Regel nach dorn Absterben 
der Frucht, das dem intrauterinen Eingriff gefolgt sein dürfte. 
Mebrwöchenthche Uteruskontruktioneu hätten wohl nicht nur Er- 
brechen, sondern auch Abort, früher als es geschehen, herbeigeführt. 
Toxische Stoffe bei Resorption des Fötus können auch Erbrechen 
erzeugen, vrie das bei missed labour und missed abortion recht 
häufig beobachtet wird. Am wahrscheinlichsten aber scheint das 
Erbrechen dui'ch die Oophoritis sinistra reflektorisch entstanden zu 
sein, worauf vor ahem der spätere Zustand der Patientin hinweist, 
in dem Erbrechen, so lange die Schwellung des Ovariums bestand, 
noch häufiger auftrat. 

Ich kann hier nicht die Differentialdiaguose zwischen Hyper- 
emesis gravidarum und allen übrigen Arten des heftigen Erbrechens 
abhandeln und beschränke mich nur auf die wichtigsten Typen. 



136 — 



Daa arämiBche Erbrecheo, akut auftretend hei der akuten, 
mit Vorboten auftreteud bei der chroniacheu Form, ist erkeuubar 
aus deu Prodromalsymptomen der Urämie: Kopfweb, Unruhe, Be- 
klemmuDgsgefühl, leisen Zuckungen der Muskulatur. Es tritt uu- 
abhängig auf von der Nahrungsaufnahme und oft ohne ersichtliche 
Ursache. Psychische Störungeu finden sich nicht selten. Eiweiss 
und Zylinder im Harn zeigen sich nicht nur bei Urämie, sondern 
auch bei der Hypereraesia, wo sie in der Regel erst im Stadium 
der Inanition auftreten oder die Folge einer weiteren Graviditäts- 
Intoxikation sind : der Scbwangerscbaftsüiere. 

Auch das typisch zerebrale Erbrechen tritt unabhäogig 
von der Nahrung auf und hat, wie oben auseinandergesetzt, auch 
sonst weitgehende Aboliehkeit mit dem Vomitus gravidarum und 
der Hypcremesis, iosoferu, als laugdauernde Übelkeit und Auf- 
stoBsen oft fehlen, als es mit Leichtigkeit erfolgt, als Lage- 
verändeniügeu des Körpers, Aufrichten im Bett es erzeugen. Aber 
der Puls ist bei zerebralen Prozessen meist langsam, bei der Hyper- 
emesis beschleunigt. Noch andere Zerebralerscheinungen treten 
beim zerebralen Vomitus auf. Fieber kommt hei akuten, zerebral 
entzündlichen Prozessen, aber zuweilen auch hei Hyperemesis gravi- 
darum wenigstens in den späteren Stadien, zur Beobachtung. In 
der Magengegend fehlt jedes Druckgefuhl und dergl. bei zerebralem 
Erbrechen, während es bei Hyperemesis nicht selten vorhanden ist. 
^- Leichter wird das spinale, das in den bekannten Krisen auf- 
tretende tabische Erbrechen, von der Hyperemesis zu unter- 
scheiden sein, insofern als llbelkeit, Aufstossen und Speichelfluss, 
grosse Hinfälligkeit als Vorboten vorauszugehen pflegen, als es mit 
Anstrengungen und in der Regel beim Trinken erfolgt, und als die 
Nausea in 1, 2, iJ Tagen vorüber ist. Nur dann, wenn die crises 
gastriques das alleinige initiale Symptom der Tabes sind, mag die 
Unterscheidung schwer fallen. 

Auch mit dem hysterischen Vomitus kann die Hyperemesis 
gravidarum die oft ohne llbelkeit auftretende Leichtigkeit und 
scheinbare Launenhaftigkeit des Erbrechens, die grosse Beeinflussung 
durch äussere Umstände und den zuweilen auffäliig guten Appetit 
gemeinsam haben und zwar dann, wenn die Hyperemesis ganz oder 
zum Teil auf hysterischer Basis beruht. Und wie das hysterische 
Erbrechen, so beeinträchtigt der Vomitus gravidarum — im Gegen- 
satz zur Hyperemesis gravidarum — den Allgemeinzustand nur wenig. 




137 



Das Erbrechen hei (rallpnsteinkolik ohne Ikterus geht 
mit Schmerzen im Epigaatrium, mit Schmerzen, die von hier oder 
TOD dem rechten Hypochondriura über den Rücken zur Skapula 
oder Dach vorn in der Richtung zur ClavicuJa ausstrahlen, eiuher. 
Schmerzen bei Druck in der Galleiiblasengegend, ein daselbst häufig 
palpahler, der Vesica fellea entsprechen der -Tumor, der Boasache 
Druckpunkt rechts vom 12. Brustwirbel, die Untersuchung der Faces 
auf Jjehmfarbe und Steine sichern die 1 



i 1 

I 



Wir kommen nun zum Kapitel der Therapie und wollen, Thnra 
bevor wir die Behandlung des Vomitus, der Hyperemesis und des ^^^^^ 
Ptyalismus besprechen, zunächst die Diätetik derSchwangerschaft ■eimf 
abhandeln. Das kann nicht geschehen ohne einen historischen "^^^ 
■Kückhlick. Sehen wir uns zunächst die Schwangerscbaftsdiätetik 
bei den verschiedenen Völkern der Erde au. 



H. PliisB'), de(D ■ 
bei zAhlreichen ITrvülker 
Mtiätetik vorhacdaD aeion, 
buagesprocIiE 



ik bei diesoD Exkuraiünen zum Teil fulgiin, gibt an, dsss 

i noch gar keine Begriffe von einer Schwangergcliafte- 

docb finden wir bei den alten Indern solche Bchoo 

BoUbon, nach Susruta, dia Sehwaiigoren angonohn 



w. 



schmeckende, milde, aromatiBche Speisen, und zwar in den ersten 3 
Monaten süsse, crfriHchende Nnliriing, im 3. und Ö. Monat Reis in Wasser ge- 
koclit, im 4. Monnt Reis in gerotmerer Milüh, im 6. Monat Kois mit goreiuigtor 
Butter gekocht, ku sicli nehmen. Für den 7. bis 9, Monat ftdgen gauz do- 
taillierte Nahrungsvorsehriften, durch welche niclit mehr wie früher das Wachs- 
des Embryo hesclilennigt werden, sondern dessen Kräftigung erreicht 
werden sollte. Iti der letzten Zeit vor der Niederkunft musste die Wöchnerin 
i'£Bgohreiien Reis und Rebhuhn erbrübe genieseen, 

Vullera berichtet in seiner Arbeit über Susrutas altindische Ge- 
burtshilfe, dass CS bei den alten Indern Brauch gewesen, dsss die Gravida im 
Monat viel sauren Haforschleim güDiesso, „um durch dessen Druck die 
Austreihung der Frucht tu beiordern." Dio alten Römer rieten zur Massig- 
keit vom 8. Mouat ab; bei den Athenern ass die Gravida KobI und Muscheln 
KU besserem Gedeihen des Kindes, Bei Hippokrates finden wir nur die 
Angabe: man solle die Schwangoren vom 4. bis 7. Monat purgieren, weil die 
nDisposition zur Geburt", wie er sich ausdrückt, zu dieser Zeit am grosaten 
sei. An einer anderen Stelle rät er, man solle BchIeolj1<:res, aber dabei doch 
angenehmes Getränk bessarom, aber unangenehmerem vorziehen. 

Den alten Juden war nach der Bibel der Genuas von Wein und 
starken Getränken und unreinen Speisen verboten. Sernateiner (1508) be- 
handelt die Magendiät nur ganz kurz ; er gibt nur genaue Vorschritten über die 
Behandlung der Obstipation und verbietet gehacketie und gebmteno Speisen, 
Keis und harte Eier. Rjff empfiehlt wohlschmeckende, ziemlich gewürzte, 




Weib i 



der Natur- uiui V'ölkcrkuLide", Leipzig, 



mber leicht verdauliche Speisen und verbietet scharf«, weil die Kinder iuigestalt«te 
Nigel bekommen. Er gestattet den Schwangeren die Gelüste mit Hme zu he- 
&ie<ügcn und tmpfiehtl g^gen übermässig angesprochene Gelöste Bohnen, 
Eichereihteo und Weizen. Furgiermitt«l verbietet er iii deo ergteo 3 Honat«n 
der SchwsngerEcbaft, vielleicht lur Verfaätong der Schwangerschaftsunterbrechung. 
Hercario iMnpficblt den Schwangeren Häs^igkeit, aber kein Farten, und rät 
lieber mehr, als zu wenig eu esaen. „weit sie nichl nur für ihren eigenen Leib, 
■imdaii auch für ihre Leibesfrucht zu aorgen haben''. Die beste Nahrung in 
der Schwangerschaft besteht nach ihm in juugen Hühnern, Kalbfleisch, aus- 
gebackeoero Brot, frischen Eierii, Suppen, frischen uder getrockneten Mandeln 
mid Reis. Blähende ^leisen, von denen er eine gross*- Reihe autxählt, verbietet 
er, ebenso gesalzene Ksche und Salztieisch, weil iittch Hippokrates die 
Kinder der mit Salztleisch ernährten Mütter bald sterben und nach Aristoteles 
keine Nagel bekommen. Diese Fabel wird von einem Autor dem anderen urtcils- 
los nachgebetet bis ins 18. Jahrhundert. Auch Feigen, Uelouen und Gm^m 
Bci<?D wegen ihrer harntreibenden Wirkung zu meiden. Bei Obstipation empliehlt 
er Sttppe mit Kräutern, getrockneten Pdaumen nnd Rosinen. Manricean 
rät der Schwangeren, alle Speisen zu essen, aber mit Mass. Fasten sei onnötz. 
weil das Kind xu mager und vielleicht zu früh gehoreu werde. Übertnass von 
Fleisch crxeuge besonder» abends Verdanungsstömngen und Beengongea. 
Schwarzbrot äei durch gut gehackene« Weizenbrot zu ersetzen, weil jenes Auf- 
treihung des M^ens verursache. Zur Blutreinignng empfiehlt er Suppen mit 
Krnutero. An einer anderen Stelle sagt er. die Schwangere solle Sösaigkeiten, 
gewürzte und gesalzene Speisen vermeiden. Zur Anr^nng der Tcrdaunng ver- 
bietet er schärfere Abführmittel wegen der Gefahr des Abortcs und rät tanx 
Gcbranch von Früchten: gekochten Zwetschgen, frisclien Feigen, Maulbeeren, 
Honig- und Schrotbrot und Klistieren. Eine besonder« Diät wird von den 
Gravida weder in Peraien, noch in Griechenland beobachtet, doch essen in 
FoTsien die Schwangeren während der letzten Monate Erde, eogenannto 
Magneeia-Tabaschir. 

Es ist merkwürdig, dass manche Völker, z. B. verschiedene Indianer- 
atämmc von Nord- und Sudamerika eine Nahrungabeschränkung bei Schwangeren, 
die naiieau einem Fasten gleichkommt, im Gebranch hatten, zum Teil in der 
Absicht, die Frucht zu nötigen, möglichst bald ans Tageslicht zu treten, aum 
Teil, tun durch dieses Hungern die Weichteile der Gcburtswoge zum Schwinden 
zu bringen, nnd somit das Tor für den hindurchtretenden Sprössling weit au 
machen. Ein chinesisobor Arzt rät nacli Rehmann, welcher Fragmente einer 
chinesischen Oeburtshilft; horausg^^ben hat, der Schwangeren Euthaltsamkeit 
von fetten, scharf gesalzenen und gewürzten Speisen, Fröschen, Affcntleisch usw. 
Er empfiehlt mehr vegetabilische als animalische Kost und von Fleischgaltungen 
nur die leicht verdaulichen. Heut(< gibt es in Indien Völker, bei denen die 
schwangeren Frauen viel Erdu ussoo. In Damaskus genossen sie das rota 
Fuiver eines wohlriechenden Stoinc«. 

Und so licssDU n<'h noch weitere Diätvoi^chriften aus dem Altertam und ' 
von unkultivierten VÖlkom aufTührfn, die zum Teil Huf gewissen UnsiUen und 
krassem Aberglauben benihon. su «. B., wenn die Schwangeren ; 



I 
I 



^ 



— 139 — 

djainirstämmß kein Schaffloisch geiiiesscn, woil eic glauben, dass die Kinder dann 
stumpfnasig gohoton würdtin. Wertvoller siiid diu Angaben über Schwanger- 
echaftadiätetik uii9 dem Mittelalter: Didelot rät zarton Individuen £U reiuli- 
lichem FlaiBchgenuas, kräftigen Schwangeren alle früher gewohnten Spelaen 
ruhig weiter zu nehmen. Nacli Theboaius ist mageres Rindfleisch, FIueb- 
fisch, weiche Eier, Zwieback, altes Brot, und mit Massigkeit Wein, Bier und 
Tee XU empfolilen. Kalte Speisen, Kortoffelt]. Gemüse, fette und gepökelte 
PI aisob speisen, fette Saucen, stark gesalzene Nahrung verbietet er. RösBiin 
rät den Schwangeren ^ am Endo des 16. Jahrhunderts — keine scharfen 
Speisen am Ende der Gravidität zu nehmen, sondern nar nahrhafte und einen 
beaondera zubereiteten Wein. Saacorotte bebandelt die Diät nicht. Er 
widerr&t nur Purgiermittel im letzten Monat der Schwangerschaft wegen der 
grossen Geishr von Durchfällen und bösartigem Fieber während dieser Zeit. 
Moachion verlangt, wie die alten Romer, für den 8. Monat der Schwanger- 
ichaft Nahrungseinachränkung ohne ersichtlichen (Jrund. G, F. Hüffmiinn 
rät ganz allgemein zu häufigen und massigen Mahlzeiten und warnt vor der 
Befriedigung gewisser Gelüste, wodurch nach dem Aberglauben des Volkes 
Muttermälcr und Misabildungen entständen. P. Weidmann empfiehlt 
nährende, leicht verdauliche, milde Speisen. - Jörg rät Gelüste nach unge- 
eigneten Speisen zu unterdrScken, nach passenden zu befriedigen. Leicht ver- 
dauliche Speisen, wie Rind- und KalbHeiaeh, Hühner, Taubon und Wildpret 
Bind nach ihm am geeignetsten; Rauch- und Pökelfleisch aber schädlich. Spinat, 
jangi- Erbsen und Bohnen und feinere Obataorten aind gestattet. Die übrigen 
Gemüse sind r.ii meidun, auch Himbeeren und Brdbeeren, Sellerie, Petersilie 
und Wacbliolderbeeren, weil sie diuretiacb wirken. Auch Busch rät ab von 
der Befriedigung schädlicher Gelüste, von schweren and blähenden Speisen, und 
crhitKeiiden Getränken und empfiehlt schwächlichen Schwangeren den Genuss 
von leichtem Wein und Bier. In älinliclier Weise äussert sich Cred^, 
Blähende, si:lLwer verdauliche und erlutzende Speisen und Getränke seien zu 
unterlassen, aber vegetabilische Kost, etwas Fleisch und Brot, viel Wasser 
anzuraten. 

Kiwisch gibt an, die Nalinmg müsse reichhoh, leiclit und nahrhaft 
sein. Siebold hält eine Üborladnng des Magens zumal am Anfang und am 
Ende der Schwangerschaft für schädlich; stark gewürzte, schwer verdauliche und 
blähende Speisen, starker Kaft'ee und Wein sind nach ihm 2U verbieten. Die 
Befriedigung der Gelüste verlange Vorsicht. Späth meint, man solle in der 
Schwangerschaft die gewohnte Nahrung beibehallfln, Vollblütigen mehr vegetabile. 
Schwächlichen mehr Fleischkost geben, man solle blähende und stark gewürzte 
erhitzende Getränke vermeiden und Alkoholika bei Gewöhnung 
erlauben. In ähnlicher Weise äuasern sich Nägele, Lange, Sean^üni, 
t.er, L. Pfeiffer ; dieser letztere rät, die Gelüste nach 
Schädlichkeiten nicbt zu befriedigen. Hölzl empüeldt den Schwange ron, iliren 
Gelüsten nur vorsichtig zu genügen, und hebt hervor, dass die Siehtbefriedigung 
derselben keine Nachteile mit sich bringe. Bei v. Woissbrod finden wir 

K felgende Angaben: ohne Gefühl von Misabebagen trenne sieh eine Schwangere 
er gewohnten Kost. Uborlaiiung cies Magens, fette und imgegohme 

nCehlspeisen, können tricrte Speisen und Fleisch brühen, erliitzende Gewürze 




— 140 — I 

und BchariV Stoffe seien wotDÖgüch lu vermeiden und onr den daran 
Gewöhnten spü-licb ed gestatten. Empfohlen «ird dünne Xahning 
aus leicht verdaulichen Stoßen. KalbfleiEch mit gleichen Brühen, &üche 
Eier, leicht« GemÜBe, Flosaüsche, ^t gegohrnes Brot, Speisen in öfWren, 
kleinen Uengen. Bei Geschwichuo und ))ei danui Uewöhiil«n ist mägsiger 
Aikoholgenuss eriaubt. Kaffee- und Teemissbnucli ist zu verfaieten. Das 
Abendessen «oll massig und friili staltfijiden. Karl Schröder sagt: Die 
Scbwiuigere bleibe b«i ihrer gvwolinten Nahrung, nur vermeide si« alle schwer 
verdaulichen uiid stark gewüntrai Speisen, sowie erhitzende Getränke. dKr- 
ladungen de« Hageas sind beEonden am Abend streng zu meiden; Gelüst« eind 
(u befriedigen, wenn man dadurch oiclit ach»det. R^elungeu des Stuhls, doch 
oline Drastica. Uagneaia nsta bei saurem Aufstossen nStigenfalli Monate 
fortgfsetit. Runge warnt vor Oberladung den M^ens nnd erlaubt nussvolle 
BefriediguDg der Gelnstti. 

Ob die BetViedigang der Gelüste nach Gewürzen za erlaabeo 
ist, will ich nicht eotscheiden, sondern nur hinweisea auf eioe 
polnische Arbeit von Korczynski ') über den Einfluss der GJewörze 
auf die Mageotätigkeit, in welcher Verfasser zu den Schlüssen 
gekommen ist: 

1. dass nicht alle Gewürze die Magenfunktion in gleichem Sinne 
beeinänssen, 

2. dass die Gewürze schädlich werden in Fällen von abgeschwächter 
Sekretionsfähigkeit, weil sie die HCI-Pepainabscheidung vei- 
minderu. 

3. däss sie schädlich wirken bei normaler, eben noch ausreichender 
HCl-Menge, 

4. dass sie eine Verdüunnng des Magensaftes erzeugen. 

5. dass sie die Motilität erhöhen. 

SoTiel über die Piätrorschriften für Schwangere auf Grund der 
Lehrbücher der Hebarameiikunst und Gfbnrlshilfe alter Autoren. 
Die Divei^nz der Äuschauutigen zu vernehmen, war nicht uninter- 
essant Mau geniunt den Eindruck, als seien Verbot und Erlaubnis 
vieler Spt-iseu nicht allein aus den Erfahruugen, sondern mehr als 
erhiubt aus theoretischen Gründen gegeben worden. Ja manche 
alten Geburtshelfer vermochten sich von dem krassen Aberglauben 
ihrer Zeit nicht zu ireniien und beteten die alten Märchen von der 
Befriedigung der Gelüste Schwaugeror urtcüslos nach. Schälen wir i 
den guten Kern aus der Diätetik der Allen heraus, so hdsst es: 

<) Ki>f. Arohiv f. Verdaiiungsknuikheiten. Bd. VIL p 598. 



— 141 — 

Jedes l'^bermaas von Nahniiigs- und G-enussmittelii ist untersagt. 
Blähende, schwer verdauliche, fette und gewürzte Speisen, die auch 
bei normalen Menschen für den Magen nicht gleichgiltig sind, sind 
in der Schwangerschaft zu vermpiden, weil sie leichter als sonst Ver- 
dauungsstörungen zu erzeugen pflegen. Häufige, kleine, möglichst 
nahrhafte Mahlzeiten sind besser als die 3 üblichen voluminösen. 

Wir fügen hinzu, dass die B(?stimmungeu einer leicht ver- 
danlichen, sehr nahrhaften Kost vor allem für zart organisierte, 
nervöse Frauen gelten, weil wir gesehen haben, dass eine neuro- 
pathiscbe Disposition ein priidiaporiiercndes Moment für das Auf- 
treten intensiver Magenerschein nugen in der Schwangerschaft und 
vor allem für Hjperemeais und Ptyalismus gravidarum abgeben. 
Diese Vorschriften dürfen wir auch nach den ausgeführten MHgen- 
untersuehungen anerkennen. Man könnte entgegnen, es seien doch 
häufig niedere Säurewertn und Dyspepsien gefunden worden, also sei 
die für Dyspeptischo mit Hypochlorhydrie und Subazidität gebräuch- 
liche Nahrung zu empfehlen. Das ist ein Schluss, der in dieser 
Fassung nicht richtig ist. Bei Dyspepsien ist eine subaziden Werten 
entsprechende Diät vorzuschreiben, Frauen aber, die Erscheinungen 
einer reinen Sensibilitätsneurose haben, brauchen keine besondere 
Diät, weil fast stets eine normale Motilität gefunden wurde. Denn 
wir haben schon angegeben, was auch mit den Erfahrungen der 
Magenpatho logen und unsern Untersuchungen bei gynäkologisch Kran- 
ken und beimanchen Karzinom kranken übereinstjmmt, dasa eine massige 
Verminderung der Salzsäure weder subjektive Beschwerden macht, noch 
die Chymifikation nachteilig beeinflusst, falls die Motilität des Magens 
normal ist. Wenn aber instinktives Verlangen nach saureu, sabigen 
oder im Magen in Säurebildung übergehenden Nahrungs- und Genusa- 
mitteln besteht, so dürfen wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit 
auf eine vorhandene Hypochlorhydrie rechnen. Dann ist dem Verlangen 
unbedingt nu folgen und die Diät hat einer vorhandenen Salzaänre- 
verminderuug zu entsprechen. Die vegetaibilische Kost wird dann 
besser ertragen, als Fleisch, von welchem die leicht verdauhchen, 
weissen Sorten am bekömmlichsten sind. Milch, Reis, Kartoffeln, 
Kalbfleisch nehmen die betreffenden schwangeren Frauen am Uehaten. 

Die Befunde von niederem Säuregehalt des Magensaftes 
schwangerer Frauen drängen zur Erfüllung der Medicatio symp- 
tomatico durch Verabreichung von Salzsäure und Orexin. Ich habe 
in sehr vielen Fällen teils einfache verdünnte Salzsäure, teils 
OoDduraugo-conc.-Saizsänre(30:3), entsprechend den Penzoldtschen 



t Oonduraug 



- 143 — 

Vorschrifteu in grosapn Dosen, 2 bis 3 mal 20 Tr. in der nächsten 
halbeu Staude uach dem Essen verabreiclit, und bezüglich des 
Appetits und der Verdaulichkeit des Fleisches zweifellos Besseruugeu 
gesehen. In manchen Fällen kontrollierte ich auch den Urin, weil 
ich bei v. Bunge die Angabe gefunden hatte, dass die per os ver- 
abreichte Salzsäure zum Teil durch die Nieren wieder ausgeschieden 
werde und diese reiüen soll. Doch habe ich nur in einem Fall, 
bei jeuer Schwangeren (Agnes) mit anhaltendem, psychischem Er- 
brechen, die wir kennen lernten, vorübergehende Albuminurie gefunden 
und zwar in den letzten Tagen des Erbrechens. Merkwürdig schien 
mir, dass sich hei zwei Schwn.ngeren, die an 2 aufeinanderfolgenden 
Tagen 2'/j Stunden nach P.-M. uutersucht wurden, genau die gleichen 
Werte für die freie HCl. und die Gesamtazidität zeigten, obwohl 
heim 2. P.-M. 3 mal 15 Tropfen verdünnte Salzsäure gegeben wurden. 
In beiden Fällen war die Salzaäureabacheidung des Magens durch 
Verabreichung von Salzsäure per os demnach nicht gesteigert. 

Das zweite Mittel, welches die Sekretion der Magen sahisäure 
erhöhen, die motorische Tätigkeit des l^Iagens beschleunigen und 
den Appetit, „in ungefähr der Hälfte der FäUe von Appetitmangel" 
(nach Penzoldt), vorbeasern soll, ist Orexinum tannicum, das ich 
vielen Schwangeren, besonders solchen der ersten Monate, mit gutem 
Erfolg gegeben habe. Aber der hohe Preis desselben verbietet eine 
allgemeine Anwendung. 

Gegen den Vomitus matutinus empfiehlt sich langsames 
Erheben aus dem Bett, weil dadurch der Einfluss der Anämie des 
Gehirns teilweise auageaehaltet werden kann. Auch eine kleine 
Mahlzeit eine halbe Stunde vor dem Aufstehen hat mau mit Recht 
angeraten. Bei stärkerer Regurgitation von Magenschleim oder bei 
Erbrechen morgens in nüchternem Zustand habe ich mehrmals eine 
Mageuausspülung im Bett mit Erfolg vorgenommen. Die Schwangereu 
können sich gleich darnach erheben ohne Erbrechen. Schon bei 
der Schlaucheinführung entsteht etwas Blutandrang nach dem Kopf, 
und wenn die Ausspülung 3, 4 mal morgens vorgenommen ist, kann 
der Vomitus matutinus dauernd oder eine Zeit lang beseitigt bleiben. 
Inwieweit auch hierbei eine gewisse psychische Beeindussung eine 
Rolle spielt, mag ich nicht entscheiden. S. Talma "I verordnete. 
ausgehend von der Annahme, dass Hirnanämie die Tlrsache des 
Vomitus matutinus gravidarum sei, mit Erfolg Nitroglyzerin, weil 



') Zeitmihr. f, klin. Med, VII. Bd., p, 415. 



— 143 — 

dies Mittel eino Hyperaemic des Gehinis erzeugt, f u andern Fällen 
liess er, ebenfalls mit gutün Resultaten, die noch zu Bett liegenden 
Gravidae frühmorgens ziemlich stark gewürzte Speisen essen und 
dazu starken Kaffee oder Wein trinken. Erst 1 bis 2 Stunden 
darnach durften sie aufstehen; das Übelseiu blieb aus und die Tages- 
arbeit wurde ohne Beschwerden verrichtet. 

G-egeu den Vomitus gravidarum im Allgemeinen 8ind die ver- 
schiedensten Mittel empfohlen worden, Tinct. nucis vomicae scheint 
zuerst Roth <) geradezu als Speciticum bezeichnet zu haben. Die 
für subazide Magensäfte giltige Diät, die vorhin besprochen wurde, 
ist hier anzuraten. Doch ist der Organismus durch nahrhafte Kost, 
dnrch Bewegung in frischer Luft zu kräftigen, und Aufregungen siud 
fern zu halten, weil wir sie als auslösende Momente stärkeren und 
selbst des perniziösen Erbrechens kennen lernten. Auch die Darrö- 
verdauung ist zu regeln, weil möglicherweise infolge einer durch die 
Obstipation noch vermehrten Hyperämie der Bockenorgane die re- 
lative Anämie des Gehirns und eine Reizung der Beckennerven 
gesteigert werden kann. 

Bei der Behandlung der Hyperemesis ist, wie ich glaube, 
zunächst die Ausschliessung aller Organerkrankungen und zum zweiten 
eine Prophylaxe am Platz. Diese letztere können wir dadurch aus- 
üben, dass wir bei all den auämisch-neurastbenischen Individuen, 
die mit oder ohne Magenbeschwerden im Anfang der Schwanger- 
schaft, zur Untersuchung kommen, eine Hebung des Allgemein- 
zustandoa durch kräftigste Ernährung in dem besprochenen Sinn, 
durch möglichste Schonung und Buhe anraten. Eine etwas modi- 
fizierte Weir-Mitchel-Kur, die im wesentlichen anf der Vorahroichung 
von '/( Liter Milch mit Zusatz von mehreren Esslöffeln Rademanu- 
schem Rahmgemenge besteht, alle 2 Stunden zwischen den 2 Haupt- 
mahlzeiten, habe ich in mehreren solcher Fälle mit Erfolg au- 
gewendet. Der Diätetik der Schwangeren sollte mehr als bisher 
geschehen ist, die ärztliche Auünerksamkeit zugewendet werden, und 
vor allem sollte das Erbrechen Schwangerer, sobald es auch tags- 
über stattfindet, durch Diät, Ruhe und Abhaltung psychischer 
Alterationen sofort energisch behandelt werden. Eine weitere 
Prophylaxe besteht iu der genauen gynäkologischen Untersuchung 
bei einigormassen stärkerem Erbrechen. Dann wird man manchmal 
durch Repositiou eines retrotlektiertoo Uterus und dergl. die Hyper- 
emesis im Keim ersticken. 



L) Zenlr. f. Gjn. 1877, p. 1 
h 



144 



"Wie hei allen Erkrankuiiger, dereu Ätiologien wir nicht klar 
vor uns sehen, sind die therapeutischen Massnahmen bei Hyper- 
ßmpais ausserordentlich zahlreich. Jede Schule, ,ja fast jeder Arzt 
hat seine eigene, etwas modifizierte Behandlung, Aber doch haben 
sich im Laufe der .Tahre einige Methoden trotz der Flut der Medi- 
kationen erhalten. Die Aufgaben für die Behandlung des perniziösen 
Schwangerschaftsorbrocheus hat F. A. Kehrer in folgender Weise 
formuliert : 

1. Verminderung der im Einzelfalle bestehenden Erregung sen- 
sibler Bahnen der Genitalsphäre oder des Darmkanals durch 
Beseitigung komplizierender Erkrankungen, äussersten Falls 
durch Einführung des Aborts. 

2. Herabsetzung der Erregbarkeit des GeaamtnerTeiisystems oder 
der ReHexzontren durch Besserunj^ der G es amter niihrung oder 
durch öftere Anwendung von Narkoticis in kleinen Gaben. 
Die Miiglichkeit der Unterbrechung der motorischen Leitung 
könnte, aber soll nicht erzielt werden durch anhaltenden Ge- 
hrauch grösserer Dosen von Narkotica. 

Vertreten wir die erste der drei Forderungen, so vorstehen 
, warum Nervina, Aotihysterica und Narkotica durch Magen 
Darm, subcutan und durch Inhalationen gegeben werden, 
warum Suggestion, Hypnose und Elektrizität in Anwendung 
kommen, AU diese Mittel sollen im Sinne eines Sedativnm 
die gesteigerte Nerven erregbarkoit herabaetzeu. Brom, Kokain, 
Kodein und Chlor alhydrat per os und per rectum sollen die 
beste Wirkung entfalten. Bromkali wird besonders von 01s- 
hausen empfohlen. Kokain wurde von F. Engelmann >) in 
10 prozeutiger Lösung zu 3 mal täglich 10 Tropfen oder in 
Salbenform auf die Portio angewendet und von Martin =) gepriesen. 
Pozzi'') rühmt subkutane Einspritzungen von Chloralhydratkoltaiii 
in die Regio hypogastrica und will in 5 Fällen von schwerer 
Hyperemesis Heilung beobachtet haben. Opiate und Morphium 
hat mau besonders bei Hyperemesis mit kardialgischen Zustände» 



3. 



und 



Gauthier und Larat haben von elektrischen Strömen { 
ringer Spannung (der positive Pol in der Klavikulargegeud, t 

') Zontr, f, Gyu. 1886, p. 296. 

•) Korreap. Blatt f. Schweizer Ärzte 1887, Sa. lü. 

<■) Arch. di uat. QiD. NapoÜ 1897, So. 5. 



- 145 — 

'negative oberhalb des Nabels) angeblich gÜDstige Erfolge gesebeu, 
Apostoli empfahl die GalvanisatloL der Vagi (der negative Pol 
auf dem einen, der positive auf dem andern Nerv); Bonnefin pries 
die Faradisation. Günther^) hat über Besserungen berichtet 
nach Anwendung des konstanten Stromes. (Anode auf Portio 
vaginalis und Vagi nalge wölbe, Kathode in die Gegend des 8, bis 
12, Brustwirbels.) 

Gleichwie diese Methoden wirkt aucb die Entfernung der 
Patientin aus ihrem früheren Wirkungskreis, aus der bisherigen 
Wohnung, wesentlich im Sinne der Suggestion. Auch in Fällen 
ohne Hysterie vermag eine psychische Beeinflussung zuweilen Wunder 
zu wirken. Aucb absolute Ruhe, vorzugsweise Bettruhe in HoriKontal- 
lage ohne Erhöhung des Kopfes, Abhaltung aller körperlichen 
und geistigen Erregungen, der Aufenthalt in dunklem Zimmer, den 
man ja auch bei Ekiamptiscbeu anzuraten pflegt, sind als wirksame 
Heilfaktoren der Hyperemesis anerkannt. Ahlfeld schlug vor, 
Horizontallage noch einige Zeit nach den Mahlzeiten einnehmen zu 
lassen, um die beim Aufrichten eintretende, das Erbrechen be- 
günstigende zerebrale Anämie auszuschalten. 

Menge fand eine gute Wirkung auf das übermässige Er- 
brechen von kühlen Gauzwaschungen des Korpers, die frühmorgens 
vorgenommen werden, und nach welchen die Patientinnen 1 Stunde 
Bettruhe halten müssen. Er sucht den Erfolg dieser MassQahmen 
in der Anregung des Magen d arm kan als. Die Vertreter der Intoxi- 
kationstbeorien behandeln die Hyperemesis uach ähnlichen Prinzipien, 
wie die Eklampsie und die Sepsis. Dirmoser, von dem wir oben 
sagten, dass er eine Vergiftung vom Intestinalkaual aus annimmt, 
empfiehlt Darmausspülnngen, Magenauswaschungen mit Borsäure und 
Natr. bicarbon-Lösung, Ernährung per rectum, Hydrotherapie, Ein- 
packungen des Leibes, und hat schon am Tag nach diesen Mass- 
nahmen mehrmals völlige Buhe der Kranken beobachten können. 
Böhm hat neuerdings die von älteren Ärzten schon angewendeten 
NaCl-Klysmai;a wieder empfohlen, in der Hoffnung, die im Darm 
vorhandenen Giftprodukte auf diesem Wege teilweise zu eliminieren. 
Er vergleicht die Wirkung der in diesen Fällen wirksamen Einlaufe 
mit der bei Sepsis beobachteten. Den Schluss, den Behm aus den 
auf diese Weise gewonnenen guten Resultaten gezogen hat, dass 



') Zontr, f. Gyn. XIT. Bd. 465. 




— 146 — 

die Hyperemesis wegen der Wirkung der Einlaufe ala eine Ver- 
giftung anzusehen sei, halte ich für zu weit gehend. Manche ver- 
wenden 2'/aprozentige, andere die physiologische NaCl-LösuDg zur 
ßectaleingiessung, wieder andere wechseln in der Applikation der 
NaCl mit Nährklysnaata ah — in diesem Punkt sind Differenzen, 
aber in der Wirksamkeit derselben stimmen alle üherein. — 
Auch der rectalen Applikation von Eisensäuerlingen und anderen 
kohlensauren Wässero werden gute Erfolge nachgerühmt. Ein- 
leitung von Kohlensäure in Vagina und besonders Rectum empfahl 
Rose»), um durch die anästhetische Wirkung dieser Gase die 
ReflexDBurose vom Uterus her zu bessern. Er erzeugte die COä in 
der bekannten Weise durch doppelkohlensaures Natron, Weinstein- 
säure und Wasser. Auch subkutane NaCl-Infusionen werden vor- 
genommen, teils zur Bekämpfung der Anämie in den letzten Stadien, 
teils vom Standpunkt der lutoxikationstheorie aus. 

Dass es kein Spezifikum gegen Hyperemesis gibt, zeigt die 
grosse Summe der übrigen Medikamente, die man angewendet hat. 
Das von 0. Paal entdeckte, von Penzoldt') bekanntlich auch bei 
Hyperemesis warm empfohlene und von Prommei'), Gessuer, 
Hermann^), Scognamiglio''), Lippi^) hei Hyperemesis erfolg- 
reich gehrauchte Orexin ist wohl zu versuchen; doch ist nicht zu 
vergessen, dass dasselbe bei manchen Individuen Brechreiz und Er- 
brechen erzeugt. 

Das von Nebenwirkung bekanntlich nicht freie Orthoform 
haben Bchaeffer (Berlin) u. a. empfohlen. Tinctura Jodi. hat 
man schon in den 50er Jahren bei jedem Erbrechen angewendet; 
dem Oerium oxydulatum oxalicum hatte Simpson eine geradezu 
spezifische Wirkung zugeschrieben. Th. Zanger empfahl Kreosot, 
Schütze Aq, calcis, Gottschalk Menthol, Lewi Kalomel, Grenser 
Tinct. uucia vomicae neben Kokain. F. Monin hat zur Behandlung 
der Hyperemesis grosse Dosen von Natr. bicarb, angeraten auf gruud 
der theoretischen Annahme, dass beim perniziösen Schwangerschafta- 
erbrechen eine konstante Absoudernug des Magensafts bestehe. 

Darüber, dass bei der Hyperemesis eine. Entlastung des Magens 

1) Zentr. f. Gyn. 1S93, p, 361. 

») Thorupeut. Monatshefte 1800 ii, 1893. 

') Zentralbl. f. Gyn., 1893, Nr. 16. 

*) Therapeut. Monatshefte 18Q9. XIII. Jatrg., p. 24. 

») Wiener med. Blätter 1897, No. 25. 

*) Uaz. degli Oapedali e delle cliniohe. Mailand, 9. März 1 



— 147 - 

wegen der Reizbarkeit der Magenoerven und der Schleimhaut iu 
möglichst voUkommeuer Weise einzutreten hat, sind fast a!Ie einig. 
Hat der Vomitus schoo etwas nachgelassen, so gestatten Olahauseu 
u. a , gestützt auf die Vorstellung, dass die Hyperemesis keine 
Mageoktiinkheit ist, feste, ja derbe Kost, die nach Olshausens Er- 
fahrung sehr gut vertragen wird. Ja es siud Fälle publiziert von 
Heilung einer Hyperemeais durch Verabreichung von Hühuerpasteto 
und anderen schweren Speisen ! Während des Erbrechens kommt 
dann diätetischen Massnahmen zweifellos eine wesentliche Eolle bei 
der Behandlung zu. Zum mindesten ist blande, nahrhafte, sehr 
leicht verdauliche Diät, Milch, flüssige Nahrung, Reisschleim, Somatose 
nützlich. Werden auch Eispillen, Tee und Milch, kaffeelöffelweise 
gegeben, nicht behalten, so tieteu Magenausspiilungen und rectale 
Ernährung in Konkurrenz. Durch die WaaserspiOung des Magens 
wird die Sekretion, ßesorption und motorische Tätigkeit angeregt, 
stagnierende Speiseteile und vielleicht die durch die Schwangerschaft 
gebildeten, auf der Magenachleimhaut ausgeschiedenen Toxine werden 
entfernt, und ein mächtiger, psychischer Einilnss geübt. So sind die 
Erfolge, üher die u. a. Muret aus der Strassburger Klinik berich- 
tete, wohl zu verstehen. Den günstigen Einfluss der Magenspülungen 
habe ich in mehreren Fällen von intensiverem Schwangerachafts- 
erbrechen gesehen bei Schwangeron, die nach der ersten diagnosti- - 
sehen Äusheberung mich wiederholt darum baten. Auch die Appli- 
kation einer Eisblase auf das Epigastrium tut gute Dienste. Während 
der Magenabstinenz können neben Kochsalz- auch Nährklysmala 
zur Einführung von Kalorien gewählt werden. Erst wenn ein, zwei 
Tage der Magen ganz in Ruhe gelaasen wurde, darf mit vorsichtiger 
Ernährung per os begonnen werden. Für diese Zeit empfahl 
. Dirmoser hei eintretendem Hungergefühl saure Milch und leichte 
Fleischkost. 

Die gynäkologische Behandlung ist in Fällen von 
Hyperemesis möglichst frühzeitig bei vorhandenen pathologischen 
Veränderungen, wenn wir sie als auslösende Momente ansehen, vor- 
zunehmen, doch nur soweit, als durch die Schwangerschaft keine 
Kontraiudikatiou gegeben ist. Die Massage parametrauer Narben 
ist absolut verboten. Die Einführung von Hölleusteinsütten in die 
Cervix kann Abort erregen. Die von Horwitz empfohlene Scari- 
fikation der Portio in der Schwangerschaft bat nur noch historischen 
Wert. Beide ^Methoden gipfelten in dem Glauben , dass durch 
Etablierung eines Reines an Portio oder Cervix die nervösen Er- 



- 148 — 

scheinuDgett tod selten des Magens unterdrückt werden könnten. 
Bei Erosionen ist das Bad der Portio im Speculum mit Silberlösimg 
oder Holzessig wohl erlaubt. Aber schon bei Steigerung des Reizes 
bei Anwendong der Simsschen Lapispinselniig können Uteruskontrak- 
tionen erfolgen. Zweimal täglich angewendete Bektalklvsmata von 
mindestens ' j Liter lauwarmem Wasser und ebenso temperierte Sitz- 
bäder wirken bei der Parametritis posterior ausgezeichnet, auch 
kleine Ichthyoltampons und Ichthyolsuppositorieo sind zu versucheu 
und können anbedenklir.h in der Schwangerschaft in Anwendung 
kommen. Eine fietroflexion ist zu beseitigen, ein exzessiv mobiler 
oder deszendierter gravider Uterus ist darch ein passendes Pessar 
ZD stützen oder zu heben. Die Behandlung einer Endometritis 
corporis oder Oophoritis ist in der Schwangerschaft natürlich un- 
möglich, dagegen nach Äusstossung des Eies prophylaktisch ond 
enei^söh yorzunehmeu; gegen die Eödometritis cervicis sind Rheol- 
stäbchen gerade in der Schwangerschaft mit Erfolg anzuwenden. 

Auch den Darm hat man als Angriffspuokt therapeutischer 
Massnahmen genommen in Fällen, in denen man ihn für die Hyper- 
emesis verantwortlich machte, Geoffroy führte Massage des Darmes 
au bestimmteQ Stellen aus, imd Nassauer ') will nach diesem Ver- 
fahren gute Resultate gewonnen haben. 

Das letzte Ilittel, das hei der Indikatio vitaUs zur Anwendung 
kommt, ist die Dilatation des Zervikalkauals, bei dessen Ausführung 
stets die Wahrscheiuhchkeil einer Äusstossung des Eies vorhanden 
ist. In vorgeschritteneren Fällen mit Inauition etc. waltet über die 
Berechtigung der Ahorteinleitung, abgesehen von jenen religiöseo 
Bedenken, kein Zweifel. Im Begiun des Kräfteverfalles, der Anämie, 
der Albuminurie bestehen dagegen viel diskutierte Divergenzen der 
einzelnen Anschauungen. Deuu nimmt man an, dass Hyperemesis 
eine Erscheinung der Hysterie ist, dann darf man — was auch 
Tuszkui hervorhebt — nie die Gravidität unterbrechen, „denn 
Hysterie ist eine Neurose des ganzen Nervensystems, welche wir 
durch gar keine Operation heilen können". Nur dann ist eben die 
Äborteinteitung auch theoretisch begründet, wenn wir die Uraache 
des Erbrechens in der Gravidität zu finden glauben. Ahlfeld, 
Löblein u, a,. welche mit diätetischeu Massnahmen ßesserung er- 
zielten, vertreten ciuou möglichst konservativen Staudpuukt, welchem 
die bekannte alte Statistik Cohnsteius nicht lu widersprechen 



') Mon. t. OpI), u. (i)u„ XV, B.i,. 190S. 



scheint. Er stellte 200 FUUg von HyperemeBis znEaminen, und üiir 
iu 4U "fl derselben hörte das Erbrechen nach Ausstossung der 
Frucht sofort auf. Doch umfasst diese Statistik Fälle schwerster 
uuaufhaltsamer loauition. Auch nach Ph. Jung') soll die Unter- 
brechung der Schwangerschaft, wenn es irgend angeht, vermieden 
werden. Horwitz, der viele Fälle von schwerer Hyperemesis ge- 
sehen, und französische Autoren, welche so häufig schwere Hyper- 
emesis beobachten, erteilen den Rat, nicht zu lange mit dem Abortus 
artßficialis zu warten. Pinard rät, ihn vorzunehmen, wenn der 
Puls dauernd über 100 steigt, und ein bedeutender Gewichtaverlust 
stattgefunden hat. Ist einmal der Zustand so weit vorgeschritten, 
dass keine Nahrung mehr per os genommen wird, so wird die ganze 
Reihe ominöser Zeichen bald eintreten, und zur Abhaltung dieser 
ist der Ähort einzuleiten — so etwa äussert sich Horwitz. Soviel 
ist sicher, dass man nicht warten darf, bis die Erscheinungen des 
2. Stadiums ausgesprochen sind, denn sonst haben vor allem die 
perniziöse Anämie und die Schwangerschaftsniere solche Fortschritte 
gemacht, dass selbst nach der Entleerung des Uterus ein letaler 
Ausgang, wenn auch erst Wochen später, nicht mehr verhindert 
werden kann. Zweifel^) u.a. haben solche Fälle mitgeteilt. Auch 
Sepsis ist hei dem hochgradig geschwächten Körper solcher Kranker 
nicht selten die Folge der Aborteinleitung, welche daher mit der 
peinlichsten Asepsis uud Antisepsis vorzunehmen ist. Darauf hat 
Tempel*) hingewiesen. 

Die Meinungen über den Nutzen der Unterbrechung der 
Schwangerschaft bei der Kombination von Hyperemesis mit Poly- 
neuritis sind merkwürdigerweise geteilt. Solowjeff glaubt, dass 
Aborteinleitung hier nur den Exitus beschleunige. Stembo hält, 
wohl mit Recht, die künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft 
bei Polyneuritis nach Hyperemesis indiziert, weil er iu der Hyper- 
emesis — er hätte vielleicht besser gesagt, in den Schwangerschafts- 
toxinen und der Inauition — die Ursache der Polyneuritis erblickt. 
Auf welche Weise soll nun die Dilatation des Zervikalkanals 
ausgeführt werden? Copeman^jhat ein Verfahren, dessen Empfehlung 
Jahre lang die Fachzeitschriften heherrschte, angegeben ; die digitale 
Erweiterung des ganzen Zervikalkanals. Es sind viele Heilungen auf 

') Monatsschrift (. Geb. u, Gyn., XVIII. Bd., 1903, p. 570. 
') Zentr. f. Gyn. 1889, p. 228. 
3) Zeutr. f. Gyn. 1889, p. 260. 
*) Zentr. f. Gyu 1889, p. 360. 



— 150 — 

diese Weise erreicht worden, selbst ohne Eintritt von Abort. Doch 
hat nicht selten dieses Mittel versagt. Auch ist ein Fai! bekannt, 
in welchem die Entstehung einer Fleischmole, die 6'/a Monate nach 
Copemans Dilatation ausgestossen wurde, auf die Durchblutung 
des Eies iufolge der Dilatation zurückgeführt wurde. Dass auch 
bei blosser Lamiuaria- oder Gazedilatatioa der Zervix nicht immer 
Abort eintreten muss, ist bekannt. Ein Fall von Wiedemann') 
lehrt, dass Laminariadilatation, Perforation der Eihäute, Sondierungen, 
Uterusspülungen, heisse Vagi natdus eben nicht imstande waren, in 
den ersten Monaten den Abort herbeizuführen. Ich selbst habe 
einen Fall von Heilung der Hypcremeais durch Laminariadilatation 
ohne Aborteiotritt behandelt. Dorff 'J) berichtet über Hjper- 
emesis bei einer 22jälirigen I. -Gravida, bei der das Erbrechen nach 
Versagen aller, auch der suggestiven Therapie, erst durch Lamiiiaria- 
einlegung aufhörte. Es ist wahrscheiuHch, dass in einem Teil dieser 
Fälle Hysterie und Suggestion eine Rolle spielt Doch ist vom 
Standpunkt der Intosikationstheorie auch denkbar, dass durch die 
Dilatation ein Teil der Zotten abgelöst und so die Zotten deportation 
und der Eintritt der Synzytiotoxine ins Blut vermindert wird. 

Die Behandlung des Ptyalismus muss ebenso vorwiegend 
eine allgemeine sein, wie die der Hyperemesis. Ausgehend von der 
Annahme, dass beide Erscheinungen Folge einer erhöhten Erregbarkeit 
des Nervensystems sind, und dass diese wiederum auf der Existenz und 
Wirkung von irgendwelchen Toxinen beruht, haben wir die erhöhte 
Nerve uirritabili tat auf die bei der Hyperemesis angegebene Weise 
herabzusetzen, die supponierteu Gifte durch Ableitung auf Haut 
und Darm, durch Anregung der Diurese u, s. w. zu eliminieren, und 
die als auslösende Momente in manchen Fällen anzusehenden Genital- 
erkrankungen, wie Retroflexio, Metritis unddergl. zu behandeln, soweit 
eine solche Therapie in der Schwangerschaft gestattet ist. Lvoff 
hat in dem einen seiner oben mitgeteilten Fälle einer Kauterisation 
der Erosion die Besserung des Ptyalismus zugesprochen; aber die 
gleichzeitige Anwendung anderer Mittel gestattet hierüber kein ein- 
wandfreies Urteil. Wie weit in all diesen und ähnlichen Fällen die 
Psyche und die Auto- und Verbalsuggestion eine Rolle spielt, wissen 
wir auch nie. In dem 2. Fall von Lvoff, in dem auch noch ein 
alter Zervisriss bestand, half diese Behandlung nichts. Im Fall 



«) British rnod. journ. 1B78. Sapt. : 
») Zontr. f. Gyn. 1897, p. 470. 



— 151 — 

Äiidebert hat clii! Aufrichtung des retroflektierten Uterus prompte 
Heilung erzielt, v. Scanzoui und Hennig haben bei der Salivation 
von Eiseugebrauch Erfolg geaeheu, andere empfehlen Ferrum car- 
bonicum oder Jodkali. Pilokarpin in subkutaner Injektion wurde 
von Sabbe, Davezeauae, Schramm u. a. bei Ptyalismus mit Erfolg 
angewendet. Mauthuer und Hohl sahen vom Chinin gute Wirkung. 
Ich gab bei Frau Nelson das souveränste Mittel unter den Anti- 
sialagoga, das von Ebstein n. a. bei Salivation empfohlene Atropin, 
welches die Speichelnervenenden lähmen soll. Eine prompte sekretions- 
hemmende Wirkung auf die Speicheldrüsen konnte ich jedoch ebenso- 
wenig wie Schramm beobachten. Wegen der unangenehmen, aus- 
trocknenden Nebenwirkung auf alle Schleimhäute wird mau dieses Mittel 
nur im Notfall und nicht lange verwenden dürfen. Auch Duboisin, 
Jodkali und Eieklrisiorung des Hals Sympathikus hat man, meist 
freihch ohne Erfolg, hei Ptyalismus gravidarum angewendet. In 
manchen Fällen hat Alaunmuudwasser und dergl. geholfen. Auch 
K.Schröder, Lange, Bunge, Kleinwächter empfehlen adstria- 

, gierende Mundwässer. Bromkali ist jedenfalls eines der besten Mittel. 

■ In den sehr seltenen, schwersten Fällen von Ptyalismus schritt 

B-man zur Einleitung der künstlichen Frühgeburt. Ich möchte aber 
glauben, dass durch Anwendung von Atropin, durch Ableitung auf 
Haut und Darm, durch kräftige, im Notfall rektale Ernährung, 
durch NaCl-Klysmata, durch psychische Beeinflussung, durch Ent- 
fernung der Kranken aus dem bisherigen Wirkungskreis die Abort- 
einleitung bei blosser Salivation so gut wie immer umgangen 
werden kann. 

Wir kommen nun zur Diätetik des Wochenbettes und 
'olleo auch hier uns auf ürund unserer Magenuntersuchungen erst 

' dann ein Urteil gestatten, wenn wir historisch kurz die für die 
Therapie von den älteren Autoren anempfohlenen diätetischen 
Massregeln betrachtet haben. Wir werden ersehen, dass auch hier 
dieses historische Studium nicht unnütz ist, dass vielmehr recht 
interessante Beziehungen zwischen der für die einzelnen Wochen- 
bettstage angeordneten Diät und der Verdauungskraft des Magen- 
saftes bestehen, welche, früher auf rein empirischer Grundlage stehend, 
jetzt zum grossen Teil durch die Magen Untersuchungen eine Stütze 
erhalten werden. Bei Ploss') finden wir eine Menge interessanter 
Mitteilungen über die Diätetik des Wochenbettes bei alteu und 



L 



I) „Daa Weib der Natur und Völkerkunde" II. Bd. 



— 192 - 

neiieo Völkern. Ich will nur weuigo Beispicln herausgreifen, nm 
auch daran zu zeigen, wie krasser Unvernunft und blinder Aijer- 
glaube den Wöclinerinnen oft Schaden brachten. 

Das absnrdoato iat wohl diia bekanato Männerkindbett bei gewissen 
Völkern SüdamerikHS, eine Sitte, iiscb der der glückliche Vater statt der 
Wöchnerin einige Wucben lang das Bott liötet, cino strenge, zumeist fastende 
Diät hält, während die Mutter gleich nach der Geburt ihre gewÖhulicha Tages- 
arbeit übernimmt. Auch bei anderen Völkerschaften ist dem Mann, gleichwie 
der "Wöchnerin Diät aufgezwungen. Die streugsten Regeln, die die nachher 
mitzutoilenden Moschionaclicn Vurechriften von 2tigigem Fasten weit ühcr- 
treffen, finden wir naoli H. Plnas hei den Hindus, wo man die unglücküclien 
Wöchnerinnen trotz der fQrchterlicIien Sunnenlntze bis zum 6, Tag dursten und 
nahezu hungern lässt, indem sie nur etwas trockenen Reis erhalten, und bei der 
Indianerin am Orinoko, ym gleichfalls FastcD bis zu dem Tag geboten ist, an 
dem dem Ijäugling der Rost der Nabelschnur abfällt. Bei vielen Völkern 
finden wir nur Erlaubnis zu Reis, vielleicht vermischt mit t'inor gewürzten 



Reizmittel sind häufig im Gebrauch. So inuse die Wöchnerin bei den 
Nyas SB- Negern stark mit Cayenno-Pfefl'er gewürzte Speisen und bei den Kirgisen 
während der ertttcn 7 Tage eine aus SchalBeisch bereitete, stark mit Zjmmt 
bestreute Roiiillon nehmen. Auch das alte „Kindbettpulvcr", das vor Jahr- 
hunderten in Deutschland allgemein gebraucht wurde, bestand aus den ver- 
schiedensten Gewürzen, wie Ingwer, Zimmt, Nelken, Pfeffer, UuskHtjiuss \i. b. w. 
In ähnlicher Weise gaben die alten Inder ein Polvor aus Ingwer und den ver- 
schiedensten Pfeffersorten, „solange die Lochien flosBon". Fleiscbverbot zu 
Anfang des Wochenbettes finden wir bei den Persern, welche während der 
ersten drei Tage nur Vegetabilien, Zucker und Butter geoiessen dürfen, femer 
hei gewissen N<igern Zcntralafrikas. Bei den Minkopies reicht man der Frau 
nach der Goburt ein aus Milch, Natron und getrockneten Datteln bBroitct«s 
Getränk, in AbeBeiiiion bekommt diu Wöchnerin Butter mit Honig, bei den 
Mas Sana- Negern flüssige Butter, später Kaffee. Und so findet man über die 
Gebräuche noch manches Interessante in den Studien von Floss. 

Eine merkwürdige Ordination gibt Hippokrates. Er rät für die eraton 
Wochenbetts tage, offenbar nicht wegen der riarniederliegenden Magenfunktiun, 
sondern zur Beförderung des Wochenflusses, gekochten oder gerösteten Knob- 
lauch mit Wein oder Olivenöl, kleinen Seepolypen und kloinen Tintenfischen; 
als Getränk Bibergeil oder Baldrian, Haute in süssem Wein, Kohl gekocht mit 
Raato oder Bingelkraut and allgemein den Saft von solchen Samen, die die 
Gebärmutter zur Kontraktion bringen. Nach Ryff sollen Wöchnerinnen Zwiebel 
und Knoblauch, gesalzene und stark riechende Speisen, und Finienkerne, weil 
diese geschlechtliche Erregungen herbeiführen sollen, meiden. Rodrico e. 
Castro empfiehlt in den ersten Tagen des Puerperiam nur ganz dünne, flüssige 
Nahrung, reinen hippokratischen Saft, Rheinwein, Mandelmilch, verdünnten 
spanischen Wein mit Eidotter, Zimmt und Zucker; weiterhin zur Anregung der 
Milchabsonderung ein Getränk, das durch Kochen von Waeser oder Bier mit 
Zitronenschale und Zimmt bereitet wird. Er verbietet Fleiscbnahrung in don 



- 153 — 

Braten zwei Tagen ganz und geht erat nach der ersten Slulilentlecrang im 
Woclionbett zu HüiincriloiBch und allmälilich Kiir friilioren Kost über. Er giht 
an, dasB die Deutschen zu Anfang des Wuchenbette Hübnorbrülie mit Erbsen 
und Sftffrau zu sich nehmen, nnd daas die Portugieaen einen Wochentrank aus 
Brotrinden, Ei, Zimmt, Honig oder Zucker bereiten. 

In der „sächsischen Wehemutter" wird für daa Wochenbett dieselbe 
Diät wie für Fieberkranke empfohlen: für die ersten 3 Tage nur Brühe aus 
Kalb- und Hühnerfleisch mit Gallerte und frischen Eiern; in den folgenden 
Tagen zwei Drittel der früheren Nahrung, abgekochtes Wasser mit etwas Wein; 
ferner viel Milch. Baudeloque erlaubt die ersten Tage nur Reisauppe, 
Fleischbrühe mit Brotrinde, später gutes Gemüse, gebratenes jnngcs Hulin, frische 
Eier, Wosaer mit Wein und Fisch. Beim Milclifieber rät er Fleischbrühe und 
rcTchlich Flüssigkeit. Auch nach Mauricean muss das Regime einer Wöchnerin 
dem einer Fiebernden gleichen. Er widerFclzt sich dem Glaabon der Wärterinnen, 
dasB der durch die Gehurt entleerte blutarm gewordene Leib durch reicliliche 
Nahrnng wieder gefüllt werden müsse. In den ersten vier Tagen gestattet er nor 
Kalbs- und Hühnerbrühe und frische Eier. Feste Nahrung, z. B. gebackenes Huhu 
in kleinen Quantitäten erlaubt er erst nach dem vierten Tag, und setzt die tagliche 
Nahrunpmengo auf ein Drittel der früheren herab. Die bei der Taufe üblichen 
Süsiigkeiten werden der Wöchnerin streng verbülen. Als Getränk empfiehlt or 
eine Abküchaiig von Quecken, Gerste und Süssbolz, oder abgekochtes, nie eu 
kaltes Wasser. Erst 5— G Tage nach der Geburt ist bei fehlendem Fieber ver- 
dünnter Wciaswein gestattet. Nach Zuckerts sollen Wöchnerinnen nur leicht 
vordauliclio, dünne Speisen nehmen, weil nahrhafte Kost Krankheiten ver- 
schlimmere. 

Thobesius gestattet die ersten Tilge 3mal täglich Suppen und 9mal 
t^Iich Fleischbrühe, nach einigen Tagen Suppe mit Ei und Gelee, nach 
beendigtem Milchfieber Zwieback, weich gekochtes und gebratenes Fleisch, 
Waaaer und Tliee. Saucerotte hält nahrhafte Brühen für Neuentbundene für 
verwerflich. Moschion verlangt zweitägiges Fasten. Am 3. Tag erlaubt 
er leichte Speisen, Brot, Wasser, weiche Eier, Fische und vom 7. Tag 
ab die gewöhnliche Kost. G. F. Hoff mann empfiehlt in den ersten 
Tagen magere Fleischbrühe. Bei Fehlen von Verdaiiangsstörungen gestattet or 
aber von Anfang an Milch- und Wassersuppen, gut gebackenes Kombrot, ge- 
kochtes Obst und Gemüse. Nach abgelaufenem Müchfieber darf eine allmäblicho 
Rückkehr zur gewohnten Kost erfolgen. Boer ist ein Gegner strenger Diät 
im Wochenbett. Er erlaubt die gewöhnlichen Speisen und Getränke, und meint, 
dasB das viele wässrige Getränke die Verdaumigswege krank mache. Nur bei 
bestehender Krankheit verlangt er Diät. 

Weidmann widerrät in den ersten Tagen sowohl Abstinenz, wie 
volle Sättigung, und gestattet nur wenig und leichte Speisen. Die Rückkehr 
BU der gewöhnlichen Kost macht er abhängig von der Milchabsondening. 
Rehmann verbietet für den Anfang Fleischgenuss und für das Wochen- 
bett überliaupt Fette, erhitaendü nud salzige Nahrung, weil die Puerpera dadurch 
kr&nklieh werde. Die ersten Tage soll nach ihm die Wöchnerin eine dünn- 
gekoohte Brühe und einige Gläser des Urins ihres Kindes mit warmem Branntwein 
vermischt trinken. Schweinefleisch ist 10 Tage zu meiden, und Schweinefett 
eineo ganzen Monat, Hühnereier veranlassen Vollblötigkeit und Ansfluss und 




— 154 — 

sind liöclislcns gokodit xu gonieBBen. Nuch Froriep sind unverdim- 
liclic, blähende Speisen und npirituöso und zu kidte (Jelninke zu meiden. 
Ktna allza stronge Diät ist nach ihm naclitctlig. Jörg ist für die ersten 
5 Tage Freund einer milden Diät. Vom 6. bis 9. Tag erlaubt er Taubon, 
Hühner-, Kalb- und Rindfleisch, ubonda Brei, vom 9. bia 12. Tag etwas reichlicher 
Fleisch mit Kartoffeln, junge grüne Bohnen, Erbsen, Spinat, Möhren, leichtes 
Übet und Icicbtoa Bier. Nach dem 12. Tag gestattet er Rückkehr zur 
normalen Ernährung. Bnsch -Moser raten in den ersten Wochenbatta- 
tagen zu spärlicher, leioht verdaulieh er, flüssiger Nahrung, besonders eu 
Schleim- und Wassersuppen. Kilian gibt noch strengere diätelisoho Vor- 
aclirifteo; in den ersten 5 Tagen nur taglich Schleimsuppen, Miloh, Wasser 
und weisses geröstetes Brot, Althfia- und Lindenblütentee, Brotwasser. Vom 
5. Tag ab getrocknete l'äaumen, vom 7. bis 8. Tag Hühnerhrühon, Kalbfleifieh, 
achwachon KaJTec imd viel Uilch, KartoSelbrci, Sahwarzwurzel and andere 
Gemüse. Am 10. bis 12. Tag ist leicht vordaiiliches Fleisch in kleinen Mengen, 
erst nach der 3. bis 4. Woche die frühere Nalining gestattet. Cazeause 
erlaubt die ersten 2 Tage nur 2 bis 3 Suppen und nachts Fleisch- 
brühe. Während dea Milchfiebers rSt er zu aheoluter Diät, bei NichtatiUenden 
zu Diatheechränkung. Bei Stillenden verbietet er saure Speisen und Getränke. 
Zur gewöhnlichen Koat dflrfon die Wöchnerinnen am 14. Tag zurückkehren. 

Kiwi^ch empfiehlt ffir die ersten 8 Tage dünne Suppen, vom 3. 
bia S. Tag leicht verdauliche, konaiatcntere, aber spärliche Speisen, bereits 
am 8. oder 9. Tag Rückkehr zur normalen Ernährung, vorausgesetzt, dass 
Appetit vorhanden ist und Störungen fehlen. Nach Gredü sollen dia 
Wöchnerinnen in den eraten Tagen dünne Wassersuppen und schleimige Ge- 
tränke genicseen. Nach Milchfieher empfiehlt er kräftigere, aber noeh dünne 
Kost, leichte Fleisch-, Milch- und Bierauppen. Nach 8 Tagen aind Fleiach- 
sorton und leichtes Gemüse erlaubt, v. Weissbrod hält im ganzen Wochen- 
bett Alkoholika, KafTec, Schokolade, fettige und gebackene Speisen, Kuchen, 
frisches Kombrot und alle übrigen schwer verdaulichen Speisen für absolut 
schädlich und erlaubt erst in der 4. Woche nach der Geburt Rückkehr zur 
normalen Nahrung. In den ersten 3 Tagen sind nach ihm nur dünne Suppen 
auB Kalbfleisch oder Huhn erb ouilloii, vom 4. Tag ab Fleischbrühen, Scbleim- 
Buppeu mit Semmel, vum 6. bis 9. Tag zarte Fieischsorten mit Zusatz von 
etwas Kartofl'el, Gemüse und Obst erlaubt, E, v. Sie hold rät die eraten 4 bis 
5 Tage zu strenger DiÜt, vom 5. Tag an zu leichten Gemüsen, Obst, Spargel 
in kleinen Quantitäten, Milchkaffee. Noch am 10. bia 12. T^ läsat er leichtes 
«artee Fleisch geben. Nacli Späth sollen Wöchnerinnen in den ersten 
3 Tagen Schleimsuppen und Fleischbrühe, vom 4. Tag an eingekocht« Suppen, 
am 6. Tag feine Mehlspeisen und gcwürzloses Kompott, am 6. and 7. Tag 
morgens Kaffee, mittags eingemachtes Hirn, Kalb- und Hühnerfleisch, abends 
eingekochte Suppe, am 8. und 9. T^ gebratenes weiches Fleisch erhalten, und 
erst am 14. Tag zur früheren gewohnton Nahrung übergehen. Bömer 
empfiehlt in den ersten 4 Tagen Milch mit Thee, Fleiachbrühe, Suppen und 
Weissbrot, vom ö. Tag ab leichtes Fleisch und gekochte Eier, von der 3. Woche 
an die frühere Kost. 

V. Scanzoni rät in den ersten 2 bis 3 Tagen zu dünnen Schleimsuppen 
mit gerostetem Brot, erlaubt vom 4. Ta^ ab Mehl- und Milchgerichte, Ragouts 



— 155 — 

11. 9. w. in massigen Mengen, und vum 14. Tog ab Rücikkclir aar Nurm. Thec- 
aufgüsso lialt or für verwerflich; vom 14. Tage ab gestattet er bi'i Stiüendon 
gulea Bier, Nach Sagolc sind in den ersten 8 bia 4 Tagen die be- 
kannten leicbf.en Snppcn und Schwächlichen dünne FleisclibrOhsuppen gestattet. 
Stillende sollen vom 4. Tag tib kräftigere Kost, Hähner- und RindfleisuhbrÜbcn, 
leichte Fleisch- und Mehlspeisen, weiülie Bier, Kartoffeln, Schwarzwurzeln, und 
andere nicht blähende Qomase erhalten. Milchkaffee, Thee, Bier, Kakao, ge- 
kochtes Obst ist von der 2. Woche an, die frühere Lebensweise nach 2 bis 
3 Wochen erlaubt. Lange rät die ersten 3 Tage zu grösster MäBsig- 
keit nnd erlaubt zu dieser Zeit nur Schleim- und Wassersuppen, nur Anämischen 
schwache Plpisclibrübe. Vom 3. Tag ab gestattet er Fleischsiipiion, leichte 
Mehlspeisen, gekochtes Obst, vom 9. Tag ab leicht verdauliche FleiBchsiioison 
und Oeoiiise. Erat nach 4 bis 6 Wucbun sollen die Frauen zur normalen Er- 
nährung zurückkehren, doch auch da noch Käse, geräuchertes Fleisch und 
dorgl. meiden. 

Nach M. Rnnge sollen Wöchnerinnen bis zum 8. Tag nur Milch- 
Buppe, Fleischbrühe mit oder ohne Ei, Milchkaffee und Thee, bei bessciem 
Appetit Weissbrot nnd Fleisch zu sich nehmen. Koneistcfitere Kost ist vum 
4. Ti^ an, die gewohnte Nahrung von der 2. bis 3. Woche an erlaubt. Karl 
Schröder rät in den ersten Tagen zu Fleisch- und Sciileimsu)ipen, Ei, 
Welssbriit nnd Milch. Sobald Appetit eintritt, ist Fleisch und in den folgenden 
Tagen auch Gemüse erlaubt. Ülshausen- Veit sagen: „In den ersten Tagen 
gebe man nnr flüssige Kost, vor allem Milch, ferner Fleisch oder schleimige 
Suppon, und füge nur etwas Weissbrot oder Zwieback hinzu. Erst nach er- 
folgter Darmausleorung geetatt« man etwas gebratenes Fleisch, (Kalbsmilch, 
Tnuhe, Huhn), füge 1 oder 2 Eier, sowie geschmortes Obst hinzo; nnd gehe am 
Ende der ersten Woche zu kräftigerer Fleisclmahrung ond noch spater zu 
leichten Gemüsen über. Mit der Darreichung von alkohnlischen Getrunken sei 
man nicht zu freigebig," 

F. A. Kehrer') rät den WöchiieriEnen der ersteti Tage 
„eine zwar vorzugsweise flüssige, aber immerhin nahrhafte Diät", 
welche vor aUem in der Milch gegeben ist: morgens und nachmittags 
3 Uhr Milchkaffee mit Semmel, mittags und abends eine Milch- 
suppe aus i/a Liter Milch, einer Semmel und einem Ei. Bei 
individuellem Widerwillen gegen Milch, oder bei Unverträglichkeit 
derselben empfahl er eine Fleischbrilbauppe mit Hafer, Gerste, 
Grütze und 2— 3 Eier des Tagea an Stelle der Milchsuppe. Vom 
4. Tag bis zum Aufstehen verbessert er die Diät mehr und mehr, 
indem er kräftige Pleischsuppen mit Ei, zarte Fleischspeisen und 
dgl. reichen lässt. »Erst nach dem Aufstehen und bei gutem 
Befinden, namentlich bei regelmässiger Verdauung, kann man vor- 
sichtig zu den gewohnten Speisen übergeben, wird aber auch hier 
zwischen Stillenden und Nichtatillenden unterscheiden. Jene bedürfen 



L 



') P. Müllers Handbuch d. Oeburtsh. I.Bd.. p.586. 



— 156 — 

eiweJBs- und atärkenjicher, weun sie es vertragen, auch fettreicher 
Nahrung, um Material für die Milchbilduug zu gewinnen, miisaeu 
sich aher der grünen Gemüse, des Obstes, der Hülsenfrüchte, u, a. 
Speisen enthalten, welche durch die Miloh nachteilig auf das Kind 
wirken. Bei deu Nichtstillenden ist bis zum Versiegen der Milch 
ein Diätheschränkuug geboten.« 

Fehling') gibt an, dass das Verlangen nach Aufnahme 
kräftiger und fetter Speisen anfangs sehr darniederliegt. Mit wenig 
Ausnahmen herrscht in dcu ersten 2-3 Tagen nur Appetit nach 
flüssiger Nahrung vor; erat vom 3. oder 4. Tag an regt er sich 
mehr, und es werden nun die gewohnten festen Speisen, besonders 
Fleisch und Brot wieder verlangt. Die meisleu Wöchnerinnen kehren 
in der zweiten Woche, andere erst in der 3. Woche allmählich wieder 
zur gewohnten Nahrung zurück. 

AVir geben jetzt in der Heidelberger Klinik vom 1, — 5. Tag 
um 7, 10 und 3 Uhr eine Tasse Milch mit Brötchen, um 12 und 
6'|s Uhr Milchsuppe ohne Ei und abends 8 Uhr vor dem Schlafen- 
gehen noch eine Tasse Miich. Verträgt die Wöchnerin ausnahms- 
weise Milch nicht, oder hat sie unüherwindhchen Widerwillen dagegen, 
so erhält sie Milchkaffee, Milchtee und Schleimsuppe. Vom 6. — 11. 
Tag werden alle Speisen, auageuorameu der schwer verdaulicheu, 
blähenden, stark gesalzenen und gewürzten erlaubt. Morgens 
und mittags erhält die Wöchnerin Kaffee mit Milch, abends Brei 
von Reis, Gries u. s. w., Griesklösse mit gekochtem Obst, Schinken, 
weich gekochte Eier, Kartoffeln. Wir sehen, dass die Wöchnerinnen- 
diät in der V. ßosthornschen Klinik und überhaupt neuerdings 
wohl allgemein nur die ersten Tage eine strenge ist, dass aber sehr 
bald schon die Mehrzahl der Speisen gereicht werden. Das ist die 
Folge einer Reaktion der 80 er Jahre. Bis dorthin bat man fast 
allgemein die Diät der Wöchnerinnen grossen Beschränkungen unter- 
worfen, die wir aus den vorbin mitgeteilten Ausführungen wohl zur 
Genüge ersehen haben. Aber von der extremen Richtung bis zur 
mildesten gab es Übergänge. Als einen von den Geburtshelfern, 
die die allerstrengste Diät empfahlen, lernten wir Moschion 
kennen, der eine 2tägige Hungerkur verordnete. Andere gingen 
einen Schritt weiter und gestatteten dünne Schleimsuppen, Wasser- 
suppen oder magere Fleischbrühe, also eine Nahrung, deren Nähr- 
wert fast gleich null ist. In den letzten 2 — U Dezennien verliess 



I 
I 



>) „Die Pljys. und Pathul. d. Woch.", ätuttgsrl 1Ö9U. 




— 157 — 

man die früheren Wassersuppen uud reichte eine iiahrhaftp, leicht 
verdauliche, eiweissreiche Kost. 

Auch für die einzelnen Tage des Wochenbettes wurden oft 
80 genaue uud strenge Vorschriften gegeben, dass man verwundert 
darnach fragen muss, welches die Gründe dazu gewesen sein mögen. 
Immerhin sind fast alle Autoreu darüber einig, dass in den ersten 
Tagen des Wochenbettes — die meisten geben an, dass die ersten 
3 Tage, andere 2, oder die ersten 5 Tage — Diät zu halten ist. 
Die meisten Divergenzen bestehen bezüglich der Frage, wann wieder 
die volle Kost gestattet sei. Es fallen die diesbezüglichen Ditferenzen 
zwischeu den 7. Tag und die 4. Woche, doch einigen sich die 
meisten dahin, dass die gewohnte Nahrung am 12. oder 14. Tag 
wieder erlaubt sei. Manche machen die Rückkehr zur gewöhnlichen 
Kost abhängig von der ReguHerung der Milchabsonderuug. 

Wenn wir nun nach unseren in der Tabelle aufgeführten Er- 
gebnissen von Mageountersuchungen im Wochenbett Vorschriften 
geben sollen, so wären es die, dass am 1., 2., 3. und wohl auch 
noch am 4. Tag ziemlich strenge Diät am Platze ist, weil sowohl 
für die freie HOL, als auch für die Gesamtazidität zu niedere Werte 
gefunden wurden, und weil auch die Motilität in der Hälfte der 
Fälle zu dieser Zeit herabgesetzt ist. Wir müssen also eine Be- 
rechtigung der strengen Diät in den ersten 3 — 4 Wochenbetts tagen 
auf Grund unserer Untersuchungen unbedingt anerkennen. Die 
grösste Mehrzahl der Autoren hat seit Jahrhunderten auf rein 
empirischer Basis dieser jetzt nachgewiesenen Herabsetzung der 
sekretorischen und motorischen Magenfuitktioueu zu dieser Zeit 
durch entsprechende Diätvorschriften Genüge getan. Wer ein Übriges 
tun will, mag die Wöchnerionen ruhig bis zum 5. Tag blande Diät 
halten lassen, wie es viele der alten Autoren anrieten. Nach 
unseru Untersuchungen, wonach das Mittel für freie HCl erst am 
b. Tag eben die unterste Normalgrenze erreicht hat, hat dieser 
Grundsatz volle Berechtigung. 

Vom 5. bis zum 7. Tag inbegriffen darf nach unsern Unter- 
suchungen jedoch reichlichere Kost gereicht werden, aber nur eine 
solche, die leicht verdaulich ist, den Magen nicht besehwert, Blähungen 
nicht erzeugt. Kiwisch kam diesen Forderungen am nächsten, 
wenn er vom 3.-8. Tag konsistentere Speisen anriet. 

Vom 8. Tag ab dürfen wir auf Grund unserer Magenunter- 
Buchungen die normale Nahrung wieder gestatten, denn nun ist 
nicht bloss der AVert für freie HCl., sondern auch der für die Gesamt- 



- 158 - 

azidität oberhalb der unteren Grenze des Normalen angelaogt. 
Die ßfimissioü des 9. Tages setze ich dabei ausser Spiel, weil ich, 
wie schon mitgeteilt, den Glaubea nicht vorliereo kann, dasa sie dem 
Zufall ihre Entstehung verdankt. Aber trotzdem wird es sich 
empfehleo, auch vom 8. Tage ab noch bis zu dem Tage, an dem 
die Wöchnerin das Bett verliiast, — das ist wohl in den meisten 
Kliniken am 10. Tag der Fall — bei der Bestimmung der Nahrung 
eine gewisse Vorsicht nicht ausser Acht zu lassen, weil wir ja wissen, 
dass bei ruhiger Bettlage die Tätigkeit des Magen-Darmkauals mehr 
oder minder beeinträchtigt ist. Vom Tage des ersten Aufsteheus 
ab ist jedenfalls jede Kost für die gesunde Wöchnerin erlaubt. 

Wir können also bezüglich der Diät im Wochenbett 3 Gruppen 
einhalten, eine ziemlich strenge in den ersten 3 oder 4 Tagen, ein 
2. Stadium von mehr voluminöser, aber leicht verdaulicher Kost, 
und endlich nahezu die Normalkost vom 8. Tage ab, diese jedoch 
nur mit dem Hinweis auf Fernhaltuug aller schwerer verdaulichen i 
Speisen, so lauge die Wöchnerin nicht dauernd ausser Bett ist. 

Welches die Nahrung sein wird, die wir in diesen 3 Zeit- 
räumen gestatten werden, ist zum Teil aus den Angaben der älteren 
Autoren schon ersichtlich. Für das ganze Wochenbett, wie überhaupt 
für jeden Menschen in Deutschland, empfiehlt sich ein 1. und 
2. Frühstück um 7 und zwischen 9 und 10 Uhr, Mittag- und 
Abendessen zwischen 12 und 1 Uhr, und 6'/a und l'j^ Uhr, Für 
die Wöchnerin ist ausserdem eine nahrhafte Flüssigkeit zwischen 
3 und 4 Uhr nachmittags und 8 und 9 Uhr vor dem Einschlafen 
anzuraten: also häufige, aber nicht reichliche Nahrung auf einmal. 
Für die ersten 3 bis 4 Tage eignet sich eine nahrhafte, eiweiss- 
reiche, aber leicht verdauliche Kost, Milch mit oder ohne Zusatz 
von einer Spur Tee oder Kaffee oder in Form der Milchsuppe- 
auch die verschiedenen Arten von Schleimsuppe und Bouillon mit 
Zwieback und altgebackenem Weissbrot; aber wegen des geringen 
Nährwertes ist die Milch ihnen weit vorzuziehen. Durch die Milch 
wird auch das physiologische Durstgefühl der Wöchnerin grössten- 
teils befriedigt. Wird doch durch Haut und Nieren, durch Milch 
und Lochien reichüche Flüssigkeit abgegeben. Für den 5. bis 
7. Tag wären Milch, Eier, Brieschen, Hirn, Reissuppen, Tauben, 
Hühner, mit gekochtem Obst zubereitete Speisen, geschabtes Kalb- 
fleisch und Bindfieisch zu empfehlen und Alkohol bei gutem 
Kontraktionszustand des Uterus in ganz geringen Quantitäten zu 
erlauben. 



— 159 — 

Ich will aber nicht unterlasseu, darauf hiozuweisen, dasa wir 
auch bei dieser Wo che üb et ts diät indiyidualiaieren müssen, wie überall 
und stets. Diese Ermahuung erteilen uns sowohl die Fälle mit 
besonders hohen, als besonders niederen Säurewerten. Wie sich die 
Pepsin-Salzsäuresekretion verhält, köunen wir in praxi an der 
Wöchnerin nicht mit Schlundsonde utid Reagentieii erfahren, wir 
müssen auf sie aus der schlechten Verdauung und Bekömmlichkeit 
der einzeluen Nährmittel, aus dem Widerwillen gegen diese oder 
jene von ihnen, aus der Beschaffenheit der Zunge u. s. w. schliesseu. 
Bei Beobachtung der gegebenen Diätvorschriften zu individualisieren. 
rate ich um so mehr, als das Kriterium für die Beurteilung der 
Diätformen nicht allein in der Reaktion des Magen-Darmkanala, 
sondern in dem allgemeinen Stoffwechsel, und vor allem der Quan- 
tität, (Qualität und dem Beginn der Milchabsonderung zu suchen ist. 

Gerade die Frage, ob bezüglich der Diät nicht ein Unterschied 
zu macheu ist zwischen Stillenden und Nichtstillen den und über 
den Einfiuss der Diät auf die Qualität und Quantität der Frauen- 
milch, ist noch nicht genügend durch entsprechende Versuche be- 
antwortet. Pletaer') untersuchte den Einfluss reichlicher 
Eiweisskost auf die Milchproduktion, benutzte als Nahrungsei weiss 
das Tropon, und fand unter dem Einfluss der erhöhten Eiweiss- 
eniährung eine Zunahme des Fettgehaltes der Milch. Nach 
F. A. K e h r e r u. a. ist bei Nichtstillenden bis zum Versiegen 
der Milch eine Diätbeschränkung geboten, während Stillende zur 
Bildung der Milch eiweiss- und atärkereiche, und, wenn sie es ver- 
tragen, auch fettreiche Nahrung geniessen sollen. Ich muss hier 
erwähnen, dass ich mehrmals versucht habe, Wöchuerinneu eine 
forzierte Ernährung, d. h. die volle Kost vom 1. Tag nach der 
Geburt ab zu geben, vorwiegend um die Reaktion des Magensaftes 
auf dieselbe zu prüfen. Nur in 3 von 9 Fällen blieben Verdauungs- 
störungen ans. Die übrigen 6 Neu entbundenen zeigten Aversion 
gegen die gewöhnliche klinische Kost, ja Übelkeit und Erbrechen 
stellte sich ein. Wir können daraus ersehen, dass die gewohnte 
Nahrung der Wöchnerin der ersten Tage durchaus unzuträglich, 
und dass nur das Verlangen nach vorwiegend flüssiger Nahrung vor- 
handen ist. Es hätte dieses Beweises zumal auf Grund unserer 
Magenausheberungen nicht bedurft, wenn nicht neuerdiugs Stimmen 
laut geworden wären, nach denen bei der Frischentbundenen die 



1) Manch, med. Wocb. 1S99, No. 46. 



— 160 — 

volle Kost gut vertragen und die Milchbildung dabei vermehrt werde. 
Noch einer der gemässigteren dieser Richtung ist Blau ^), welcher 
in einer ungarischen Arbeit den Einfluss der verschiedenen Diät- 
fonnen auf den Stoffwechsel von 145 Wöchnerinnen während der 
ersten 8 Tage p. p. untersuchte und gemischte Kost, Milchkost, 
Eierkost, Fleischkost in je 25 bis 30 Fällen verabreichte. Wenn 
er auch die Prüfungen nicht mit Bezug auf den Magen, sondern auf 
die Rückbildung der Genitalien, die Beschaffenheit der Milch, die 
Gewichtszunahme der Mutter ausgeführt hat, so ist er doch ^u dem 
Resultat gekommen, dass die reiche, gemischte Kost, und nach ihr 
die reine Eierkost für Wöchnerinnen die entsprechendste sei. 



Ref. Jahresbericht f. Oeb. u. Gyn. 1895, VlIL, p. 662. 



II. Teil. 

Y OD deo physiologischen Beziehungen zwischen den weiblichen 
Genitalien und dem Darmkaual gehen wir nun zu den patho- 
logischen über. Eine Monographie über dieses recht schwierige 
Gebiet, insoweit es sich um nervösen Konnex handelt, kann meiner 
AufEasaung nach am besten ein in der gynäkologischen Diagnostik 
exakt geschulter Internist abfassen. Ich teile daher hier nur meine 
BeobachtuQgen, Untersuchungen uud Literaturstudien mit und kann 
mich dabei um so kürzer fassen, als manches von dem, was in 
dieses Kapitel gehört, schon im vorigen besprochen werden musste. 
Haben wir aber dort die Geuifailerkrankungen nur als auslösende 
Momente des Erbrechens und der anderen M ageu ersehe in un gen 
angesehen, so kommt ihnen hier bei deu Magennenrosen eine selb- 
ständigere Stellung zu. 

Bezüglich der Ätiologie der nervösen Beziehungen zwischen J^ 

Genital- uud Magendarmerkraukungeu müssen viv mit Eisenhart^" 

und A. Teilhaber vier Möglichkeiten unterscheiden: o*^ 

I. Die Geuitalerkrankung ist die Ursache der Magendarmbe- " 

beschwerden. 

IT. Die Erkrankung des Darms oder Magens führt zu Stöningen 

von Seiten der Genitalien. 
in. Die Erkrankungen der Genitalien und des Magen darmkan als 
sind Koi'ffekte einer gemeinsamen Ursache, welche im Nerven- 
system (zentrale TTraache) oder in Veränderungen der Lage 
der Bauchorgaue (statische Momente) oder in veränderter 
Blutmiaehung zu suchen ist. 
IV. Die Erkrankung der Genitalien uud des Magendarmkanals sind 
nur zufällig mit einander kombiniert. Die Genitaterkrankung 
ist Nebenbefuod. 
"Wir werden diese einzelnen Gruppen nun zu betrachten 




-- 162 — 

' Für die durch Ejankheiten von Uterus uud Adnexen ent- 

i; stehenden Magenneurosen, die man sich in der ßegei als reiiie 
"_ Sensibilitäteneurosen frein sensible ßeflexnenroseD), dachte, hat 
^^H. Kiach') in der »Dyspepsia uterina« eine eigene Kraokheits- 
j_ form aufgestellt. Er faaste uuter diesem Namen solche dvspeptischen 
Störungen zusammen, »welche ihren Ausgangspunkt in Erkrankungen 
des weiblichen Sexualapparates haben« und gibt an, dasa diese 
Beeinflussung zu einer »Alteration der Magensekrete, zu Erregung 
des Brechzentrums und zu hemmender Einwirkung auf die Daim- 
bewegung« führe. »Auch das Erbrechen der Schwangeren, sowie 
die dyspeptischen Störungen zur Zeit der Menopause und bd gewissen 
amenorrhoischen und dyamenorrhoischen Zuständen« zählt Kisch 
zur uterinen Dyspepsie, als deren Symptome er Schmerz im Epi- 
gastrium nach dem Essen, saures Aufstossen und Sodbrennen, zu- 
weilen heftiges, sich nach jeder Mahlzeit wiederholendes oder auch 
des Morgens bei nüchternem Magen auftretendes Erbrechen, Stuhl- 
verstopfung und starke Gasentwicklung im Magen- und Darmkanal 
ansieht. Durch einige wenige Prüfungen der Magenmotiütät hat 
Kisch eine motorische Insuffizienz 7 Stunden nach P.-M. nach- 
gewiesen und eine Vermehrung der Azidität des Magensaftes 
zwar nicht bewiesen, doch als wahrscheinlich angenommen. 

Dieses rein klinische Krankheitsbild muss schon auf den ersten 
Blick bei dem in der Magen pathologie Vertrauten Bedenken hervor- 
rufen, und das umsomehr, wenn Kisch als weitere Symptome bei seinen 
uterin - dyspeptischen Frauen Neuralgien, Herzklopfeij, Schwindel, 
Kopfweh, nervöses Asthma, das von Kussmaul als peristaltische 
Unruhe des Magens bezeichnete Phänomen u. a, Magenerscheiuungen 
anführt. Der Verdacht, dass manche Magenerkrankungen hier 
nicht genau erkannt worden seien, verliert dadurch, dass Kisch 
die differentielle Diagnose der uterinen Dyspepsie vom chronischen 
Magenkatarrh, dem Ulcus ventriculi chronicum, der nervösen Dys- 
pepsie und dem Magenkarzinom bespricht, nicht an Bedeutung. 
Wir könnten höchstens den Begriff der uterinen Dyspepsie für die 
nicht häufigen sichergestellten Fälle, in denen alle Erkrankungen am 
Magen, den übrigen Bauchhöhlenorgauen und den Adnexen des 
Uterus auageschJossen sind, noch beibehalten. 

Dass die Vermehrung der HCl. in den auf Genitalerkrankungen 
bezogenen Magen affektionen nicht immer vorhanden ist, haben Prii- 



•) Ki8 



DyBpe[)Ei 



No. 18. 



— 163 — 

fungen der MageusekretiOD, die Panecki, Teilhaber-Krämer 
und M, Frank austellteo, ergeben; und meine eigenen Unter- 
suchungen führen zu dem Resultat, dass bei den verschiedenen 
Formen gastrischer Storiiügen bei gleichzeitigen gynäkologischen 
Erkrankungen, die man mit mehr oder weniger Hecht als ätiologische 
Momente der Mageneracheinungen auft'asseo durfte, die sekretorischen 
Funktionen des Magens so verschieden sind, dass von einem ein- 
heitlichen Krankheitsbild keine Kode sein kann, 

Panecki ') hat 1893 als der erste bei lö Frauen mit gastrischen 
Erscheinungen, welche an Ketroflexio uteri ohne entzündUche Affek- 
tioneo am Peritoneum litten, den Chemismus der Magenverdauung 
untersucht. In 11 Fällen, bei denen die Hauptsjmptome in ver- 
achiedenartigeu, von der Diät, der Qualität und Quantität der 
genossenen Speisen unabhängigen Magenschmerzen bestanden, ergab 
sich nach P. -F. ein in normalen Grenzen zwischen 0,1 — 0,2 "/o sich 
bewegender Gehalt an HCl. Organische Säuren fehlten. Für diese 
Fälle stellte Panecki die Diagnose auf reine Magenneurosen, weil 
Chemismus und Mechanismus des Magens normal waren, und weil 
bei 8 von den 11 Patientinnen nach der Reposition des retroHek- 
tierten Uterus die Magensymptome ohne weitere diätetische oder 
medikamentöse Therapie ausblieben. In den drei übrigen FäUen 
aber war die lokale gynäkologische Behandlung ohne Wirkung auf 
die Magenbeschwerden; Magenneuroae und genitale Äffektiou konnten 
also wohl in keinem ursächlichen Zusammenhang stehen. In i von den 
15 Fällen waren Magenkrankheiten ganz unabhängig von der Retro- 
flexion vorhanden, denn es handelte sich um anatomische oder auf 
dem Boden eines krankhaften Chemismus oder Mechanismus beruhende 
funktionelle Störungen, und zwar um eine nervöse Dyspepsia azida 
mit 0,3 — 0,4 "lo HCl, um eine Mageqektasie mit Spuren von HCl 
vorhandener Milchsäure und Sarzinen, um ein Ulcus rotundum 
Tentriculi mit 0,3 "|u HCl und um eine Gastritis chronica atrophicans 
mit Fehleu von HCl und Lahferment und schwach alkalisch 
reagierendem Magensaft. 

Theilhaber-Krämer 5) landen die sekretorische Funktion des 
Magens häufig normal. Theilhaber hat 45 an Magen- und Genital- 
beachwerden leidende Frauen aus der Praxis eines Magen Spezialisten 
(Dr. Krämer) gynäkologisch untersucht. 25 Frauen litten an 
Dyspepaia nervosa, 12 au Atouie des Magens, je 2 an Catarrhus 



I ' 



1) Therajient. MonatBh. Ifl9ä, V]..Ttt]irg. [i. 79. 

■-) Müucliiicr Med, Wocii, 1693. No. 47 u. 48 p. J 



— 164 — 

veutriculi und cliroDischem Darmkatarrli, jo 1 an Aiüidditfis, Hyper- 
chlorhydrie, Ulcus und Eiiteroptoae. Die gynäkologisclie ITnter- 
suchnDg ergab bei diesen 45 Frauen folgendes; 4 hatteu normale 
Genitalien, 19 Endometritis catarrhalis mit mehr oder weniger 
hochgradiger Verdickung des IJtenispareuchyms, 4 Frauen hatten 
Endometritis hämorrhagica, 10 RetroHexio oder Retroversio uteri, 
3 Oophoritis, 2 Parametritis posterior, je 1 hatte abgelaufene puer- 
perale Parametritis, Recliuatio uteri anteflexi und einen kleinen 
Ovarialtumor. 

M. Frank ') hat Untersuchungen über die Funktionen des 
Magens angestellt, doch nicht alleiu liei Rctrollexio ntcri, sondern 
auch bei Endometritis und Metritis, parametranen Exsudatresten, 
Salpingitis und Oophoritis. Die HCl. prüfte er nach P, -F. qualitativ 
durch daa Grün zburgs che Reagenz, i|uautitativ durch ein modiüziertes 
Sjöfjuistschea Verfahren. Die motorische Punktion wies er nach 
durch die Aushebemng 7 Stunden nach P.-M. und durch die 
Salolprobe; das Salol wurde bei dem P.-M. verabreicht, Bei der 
Mehrzahl seiner 15 Patienten konnte Frank vollkommen normale 
Vorhältnisse der Haupt-MagenJunktioneo, im Speziellen der Sekretion 
und verdauenden Kraft finden. In 12 Fällen ^ in 80,0 "in ergab 
sich eine, wie Frank sagt, „normale", zwischen l,5und2,6"/iio liegende 
Salzsäureproduktion, (Frauk setzt den oberen Normalwert also 
ziemlich hoch, was auch Sommer kritisiert.) In einem Fall war 
Hypochlorhydrie, 2 mal Hyperchlorhydrie höheren Grades vor- 
handen ^). Die Versuche zur Prüfung der vtirdauenden Kraft des 
Magensaftes nach der bekannten auch von mir angewandten Methode 
fielen in allen 15 Fällen positiv aus. Bei der Prüfung der 
motorischen Funktion wurde in 3 von 11 Fällen Insuftizienz ge- 
funden. Auf die weiteren ^Details der Untersuchungsergebnisse, 
welche Frank iii Tabellen angeführt hat, kann ich hier nicht ein- 
gehen; das Resume ist das, dass unter den 15 untersuchten Fällen 
nur bei 4 Patientinnen Störungen in der sekretorischen, verdauenden 
und, wie ich aus den Untersuchungen schlieasen muas, auch 
motorischen Funktion nachgewiesen werden konnten, während in 
73,3 "/u vollkommen normale Verhältnisse vorlagen. Würden wir 
diese Resultate nach unsem oben angegebenen Normalwcrten für 
ireie HCl. und Gesamtazidität beurteilen, so ei^ähen sich normale 
Säure Verhältnisse in einem geringeren, hohe Werte in einem 

■) Archiv für Gyn. 45. Bd. 18U. 

») Frank redpt hier von SulinziditiU und «iiporai^idität. 



— 165 - 

etwas grösseren ProzentsaU. Dh- 11 Fülle von nervösen Dyspepsien 
bringt Frank mit den (xenitalleideu in Beziehiing, zumal die meiateu 
derselben durch gj-näkologische Behandlung gänzlich gehoben oder 
weaentlith gfibeaaert wurden. 

Weitere IT ntersuchuu gen über deu Zusammeohang dyapeptischer 
Beachwerdeu mit Erkrankungen des weiblichen Gesclilechtsapparats 
liegen von August Sommer') aus der früher Kraussehen Klinik 
in Graz vor. Auch er schaltete bei seinen Fällen alle Kombinationea 
von Geuitalleiden mit organischen Magenerkrankungen aus. Er 
untersuchte 23 Frauen, die meist an Retroflexio uteri oder an 
Pararactritia chronica erkrankt waren, und £and nach P.-M. in 
21 Fällen eine Superazidität, 17 mal eine Hyperchlorhydrie, nur 
2 mal eine Subazidität — wobei die Biegelachen Mittelzahlen von 
1,8 bis 2,7 "'oo für die Gesamtazidität, von 0,7 bis 1,6 "/od für die 
freie Salzsäure 4 Stunden nach P.-M. als Norm galten. Bei Über- 
tragung dieser Zahlen auf unsere frühere Tabelle für die Normal- 
werte, welche niederere Werte annimmt, würde sich danach ergeben, 
dasa in einem sehr grossen Prozentsatz hohe Säurewerte f 
wurden. In mindestens 10 von den 23 Fällen Sommt 
es sich aber um auagesp rochen e Splanchnoptoae. i-Hiusichtlich des 
Zusammenhangs der von mir beobachteten Abweichungen der ae- 
kretorischeti Mageufunktion genitalleidender Frauen mit der llterus- 
ati'ektion, speziell mit der RetroHexion, geben natürlich meine Be- 
obachtungen keinerlei Aufschlüsse (t — sagt Sommer und »da eine 
Besserung des Frauenleidens nur 2 mal eine Abnahme der Magen- 
beachwerden zur Folge gehabt hat, habe ich keinen direkten Grund, 
einen aolchen Zusammenhang zu behaupten, um so weniger als die 
Aufrichtung des refcroHektierten Uterus in einem Fall eher eine 
Verschleppung der gaatrischeu Erscheinungon nach sich zog.« 

Auf dem Standpunkt stehend, dasa der Gynäkologe kein Eecht Bigon« 
hat, ohne vorherige magenspezialiatische Tätigkeit Magen-Krankheiten iuehungBii 
zu beurteilen, habe ich in meiner Versuchsreihe nicht wie Frank rnnktioDM 
jedesmal genaue Magendiagnosen gestellt, sondern mich darauf be- «iögen 
schränkt, bei Frauen, die grossenteils an mobiler oder fixierter M«Rfn- 
RetroÜexioQ, an Endometritis, Metritis und Parametritis posterior am- 
litten, die sekretorische Funktion des Magens zu prüfen. Nur in ganz 
sicheren Fällen oder dann, wenn eine Diagnose aus der medizinischen 
Klinik Torlag, wurde dieselbe in der folgenden Tabelle angegeben. 

g. Sommur; „Über den Znaammünhung dyspeptischer Be- 
rchwerden mit ErkroDkmigBa des weibliclieij GeächlechtGappamtB, " Ci^ntialbl. 
Medizin. 1902. p. 217. No. 9. 




— 166 - 







Tabelle. 








Nacli Probe- 


Frühstück. 


Name 


Diagnose 


Freie HCl. Ges. Azid. 


Beurteilung d. 
sekret. Funkt. 


Be- 
merkungen 


1 Schmidt 


Retrofi. mob. 


50 


70 


Norm. Chi. u. 
Ges.-Azid. 




2 M erges 


Retrofl. mob. 


60 


95 


Hyperchl. u. 
Superazid. 




3 Hölzing 


Retrofi. mob. 
8 Wochen p. p. 


40 
45 


100 
90 


Norm. Chi. 
Superazid. 




4 Rimmler 


Retrofl. mob. 
Anämie und 
wahrscheinlich 
allg. V. d. Geni- 
talien ausge- 
löste Neurasth. 

Parametr. 
post. chron. 


1)5 
10 

1) 
t5 


1) 65 
55 

2) 
50 


Starke 
Hypochl. 
Subazid. 




5 Tonquet 


Retrofl. 


35 
40 


75 

80 


Norm. Chi. 
Nrm. Ges.-Az. 




6 Riedinger 


Retrofl. 


45 
45 


75 
75 


Norm. Chi. 
Nrm. Ges.-Az. 




7 Halbart 


Retrofl. uteri 
flxati 


50 


75 


Norm. Chi. 
Nrm. Ges.-Az. 




8 Jakob 


Retrofl. uteri. 
Starke Metritis 
und Endo- 
metritis. Sehr 
schmerzhaftes 
verdicktes 1. 
Douglas-Band 


50 
55 


s 

90 
85 


Norm, aber 
hohe Werte 

für Chi. und 
Ges.-Azid. 




9GeU 


Retrofl. mob. 
Anämie 


-35 


30 


Achl. u. starke 
Subazid. 




10 Ratzel 


Retrofl. 
Neurasthenie 


35 
40 


90 
85 


Norm. Chi. 
Norm, aber 
hoheGos.-Az. 




11 K.Schmidt 

• 


Retrofl. uteri 


60 


80 


Norm. Chi. 
Nrm. Ges.-Az. 




12 Scliweizer 


Retrofl. mob. 
Anämie 


10 


20 


Starke Hypo- 
chlor. Starke 
Snbazid. 




13 Lcitz 


StarkeParametr. 
post. Anämie, 
Endometr. 
catarrhal. 


5 
15 


50 
40 


Starke Hypo- 

chlor. 
Subazid. 




14 Huhn 


Retrofl. 


50 


90 


Norm. Chi. 
Neig, zu Sub- 
azid. 





167 — 



Namo 



Diagnose 



Freie HCl. 



Ges. Azid. 



Beurteilung d. 
Sekret. Funkt. 



Be- 
merkungen 



15 Bender 

16 Kaffen- 

berger 



17 Oden- 

wälder 



18 Zotz 



19 Hofmann 



20 Ulmrich 



21 Geyer 



22 Off 



23 Waldi 



Retrofi. 



Retrofl. ut. mob. 
Hysteria gravis 
mit Anfällen. 
Anämie. Ulcus 
ventriculi 

Retrofi. uteri 
Anämie 



Retrofi. 







1) 35 2) 35 
45 45 



25 



1) 80 2) 80 
75 75 



Retrofl. 



Ruptura per- 
inei inveterata 
Desceosus vag. 
Retrofl.ut.mob. 
Migräne. Ner- 
vöseDyspepsie. 
Genitale Re- 
flexneurose 

Metritis. Endo- 
metr. catarrh. 
Descensus vag. 
Lacerationsek- 
tropium. Ga- 
stritis chronic. 
Neurasthenie 

Starke Schrum- 
pfung und 
Schmerzhaftig- 
keit des ver- 
dickten 1. Para- 
metr. Anämie 
Neurasthenie. 
Nervöse Dys- 
pepsie; wahr- 
scheinl. geni- 
tale Reflex- 
neurose 

Retrofl. ut. mob. 
Metr.u.Endom. 
catarrh. Lace- 
rationsektrop. 



1) 25 
35 

2) 25 
30 

30 
35 

25 
35 

fehlt 



10 



25 



20 



1) 55 
65 

2) 50 
55 

80 
70 

55 
55 

35 



40 



55 



60 



Achl. Starke 
Subazid. 

Norm. Chi. 
Norm. Ges.- 
Azid. 



Geringe Hy- 
pochl. u. ge- 
ringe Sub- 
azid. 

Neigung zu 
Hypochl. 

Norm. Ges.- 
Azid. 

Neigung zu 

Hypochl. 
Subazid. 



Achlorhyd. 
Subazid. 



Hypochl. 
Subazid. 



Neigung zu 
Hypochl. 
Subazid. 



Spärlicher 
schleimiger 
Mageninhalt. 
Brödchen 
schlecht, an- 
ged. ant. 

Motor, etwas 
insuff. 

Schlecht ver- 
daute Bröd- 
chen-Reste 
ohneSchleim 



Hypochl. 
Neig.z.Subaz, 



Nach Probe-Mittjigsmahlzeit. 



Nrimo 


i,i^„„ 


Freie H{'l. 


Ges.-Azid, 


BourtoiluüBa. 
Bekrot. FuiikL, 


uiorkiiiigi-ii 


24 M»ycr 


liotruH. 


35 
40 


fi(i 
8ö 


Norm. Chlnr. 
Norm. Uoa.- 
A«id. 




25 Ensaul 


Rotrofl. ut. lixati 
Ncuraathenie 


BO 


90 


Hyi.Brchl. 
Siipcnizidit. 




36 Geior 


Rctrofl. nt, mob. 


85 


100 


HyperclJ. 




27 Engel 


RetroB. mob. 


-10 


50 


AchLSubazid. 




28 Hax 


Ratrofl. ut, mob. 
Enteropt, L. 

Neurasthenie 
Anämie. 


30 
40 


HO 
100 


Norm. Chi. 
Saperazid. 


i 



Wir sehen ans dieser Tabelle, dass unter 23 nach P.-F. und 
uuter 5 iiach P.-M. untersuchten Frauen, bei welchen neben einer 
gynäkologischen Erkrankung noch die verschiedensten Magen- 
beschwerden bestanden, 12 mal normale Chlorhydrie, 9 mal Hypo- 
chlorhydrie, 4 mal Achlorhydrie und 3 mal Hyperchlorhydrie, 10 mal 
normale Gesamtazidität, 13 mal Subazidität und 5 mal Superaziditat 
vorlag. In 42,08 "/ü der Fälle war die aekretorische Funktion 
des Magens trotz vorhandener Beschwerden dyspeptischer 
oder kardialgiscber Art vollkommen normal. Diese Zahl 
differiert von der von P an eck i mit 73,3 "/g, von Frank mit 
80,0 '*/o der Fälle angegebenen normalen Säuresekretion und mit der 
von Ä. Sommer in eOiö^jD der Fälle gefundenen Hyperchlorhydrie. 
Die beiden erstgenannten Autoren untersuchten je 15 Patientinnen, 
während in meiner Tabelle die Resultate von 28, in der Tabelle 
Sommers die von 23 Frauen in Anrechnung kamen. — 
Eine Prüfung der Motilität war bei den ambulanten Frauen 
nicht gut möglich und wurde nur eiomai ausgeführt, — Meine 
Untersuchungen sowie die von Frank, Theilhaber-Krämer, 
Panecki und A. Sommer zeigen grosse Differenzen, die vielleicht 
bei längerer genauerer Beobachtung der Frauen, bei peinlicherer 
Auswahl der Fälle geringer würden; sie beweisen aber jedenfalls, 
dass nur in einem Teil der Fälle von Magenbeschwerden 
bei gleichzeitigen genitalen Prozessen diese letzteren für 



die Magensymptome aiizuacbuliligen siuj. Es sind zum 
Teil Veränderungen auf ontzündlicher Basis, zum Teil 
Stauungs - Prozesse und wahrscheinlich Zerruugs - Er- 
scheinungen der Nerven, welche auf dem Wege des Re- 
flexes ganz vorzugsweise die sensiblen, aber auch die 
sekretorischen und auBnahms weise auch die mo- 
torischen Funktionen des Magens alterieren, also 
Sensibilitäts-, Sekretions- und Mo tilitäts -Neurosen 
desaelbeu herbeiführen. 

Eine Sonderstellung in dem Kapitel der Magenneurosen uio ms^k 
nehmen, weil wir über das Wesen der Veränderungen noch niclitil^'deTM 
ganz klar sind, diejenigen Mageuerscheinungen und vor allem 
das Erbrechen ein, welches die Menstruation jugendlicher 
chlorotischer uud nervöser Individueu, besonders in den ersten 
Jahren nach der Pubertät nicht selten begleiten. Jedem Arzt sind 
solche Fälle vorgekommen und man warf seit Alters her den in 
der Regel mit gleichzeitigen Unterleibsschmerzen einhergehenden 
Symptomenkomplex des Magens in den grossen Topf, welcher den 
Namen Dysmenorrhoe trägt. Zu einer Zeit, da die mechanische 
Obstruktion iilie schmerzhaften Erscheinungen der Dymenorrhoe er- 
klären sollte, nahm man mit Marion Sims eine Stenose des Os 
internum oder extemum oder des ganzen Zervikalkanals au und 
stellte sich vor, dass das in das spaltförmige Cavum corporis uteri 
ergossene menstruelle Blut das in der Zervix gelegene Hindernis 
nicht passieren könne, sich staue, zur Erweiterung der Körperhöhle 
und zu reflektorischen Uteruskon traktionen führe. Bei Zunahme 
des Drucks im Corpus werde das Blut durch Weheu nach aussen 
befördert und die schmerzhaften Erscheinungen hörten auf. Die 
Richtigkeit dieser Anschauung ist zwar allgemein akzeptiert, aber 
in dem Masse eingeschränkt worden, als man fand, dass die 
Stenose irgend einer Stelle des Zervikalkanats nicht die bedeutende 
Rolle spielt, die ihi- zugeschrieben wurde, und dass speziell nur dem 
Os internum eine ausgedehntere pathologische Dignität zukomme. 
Wir nehmen als Ursachen der Dysmenorrhoe heute u. a. eine 
Hypoplasie des Uterus ^ sei os nun eine wirkliche vollkommene 
Hypoplasie oder jene Form, die wir als Uterus iufantilis bezeichnen, 
— eine zu ausgesprochen spitzwinkhge Auteflexion mit oder ohne' 
angeborene Reklination, dann eine Endometritis, Stauungs-, ent- 
zündliche und angeborene hypoplastische Prozesse in den Ovarien 
an. üerade diese Uterus- und Ovarialbj^ioplasien führen ganz 




170 



gewiss am häufigsten zu Dysmeuorrlioi; tiud koti sensuellen Mageu- 
erscheinungen. Unter vielen Fällea dieser Art greife ich zwei als 
markante heraus : 1) ein chlorotisuhes erst im 17. Jahr unregelmässig 
und je 3 Tage menstruiertes Mädchen von 19 Jahren mit nur 
taubeneigrossem rekliniertem Corpus uteri; mehrere Stunden vor 
dem Blutabgaog treten Schmerzen im Hinterhaupt, Brechen und 
Brechreiz auf. Das Ubelsein bessert aich am 1. Tag der Periode 
und am Mittag des 2. Tagus hören i» der Regel alle Beschwerden 
auf. Durch 2 maUge Laminariadilatation direkt vor der Periode 
tritt dauernde Heilung (9 monatliche Beobachtung) ein. — 2) Eine 
21jährige Fabrikarbeiterin mit Reklination und starker spitzwinkliger 
Änteflexion des mit 4 cm langer Zervix versehenen kleinen Corpus 
uteri; am 1. Tag der Periode Übelkeit und Mattigkeit und zuweilen 
Erbrechen, so dass Patientin zu Bett liegen muas; swenn das Blut 
gut abgeht, ist der Magen gesund.« 

Doch gibt es chlorotieche Individuen zwischen dem 15. und 
25. .Jahr etwa, bei welchen wir Reklination des Uterus vielleicht 
mit spitzwinkliger Änteflexion und Deszensus eines Ovariums ohne 
alle U n ter 1 ei bsachm erzen und ohne schmerzhafte Menstruation be- 
obachten, weiche aber über verschiedene Magenbeschwerden während 
der Menstruation klagen. In solchen PäUen werden die Magen- 
beechwerden durch die gesteigerte tiuxiouäre Hyperämie nach 
den Beckenorganen oder durch toxische Stolfe verursacht, die 
durch die innere Sekretiou der Ovarien zur Zeit der Ovulation ge- 
bildet werden; der Genitalbefund ist hier irrelevant. Auch die 
Kreuz schmerzen sind oft nicht auf die Reklination oder eine Para- 
metritis posterior oder auf Obstipation zu beziehen, sondern z. B. auf 
eine Schwäche der Rückenmuskulatur. K. Müller') fasst einen 
Teil dieser chloro-anäuiischeu Beschwerden, vor allem den fehlenden 
Appetit, häufige Übelkeiten, Obstipation und deprimierte Gemüta- 
stimmuug als prätuberkulöse auf. 

Einen seltenen Fall von menstrualeu Magenbeschwerden 
infolge einer Stenose des Zervikalkanals habe ich jüngst 
beobachtet. 

Eine Frmi mit Menorrhagien, EndumetritiB hyperplastika wurde nach 
ämaliger vorgeblicher Abraeio mucoBae mit der AthmociiusiB nach Fincua mit 
Dauer von 60 Sekunden bei 110" unter aJlun Kautelcn behandelt. Eb entstand eine 
Synechie am Ob internum. Alle 4 Wochen trat neben heftigen krampfartigen 
Schmerzen im Unterleib völliger Appetilmungel, Dbelkeit und Erbrechen bei 

') Arch. f. VerdauungB-Krankh. Bd. IV. p. 884. 



- 171 - 

nur Bahr apärlieher Blutaussdicidung ein. Diese Ersehe in nngen hielten 4 Tage 
an. Nach Ablauf der 2., dem EntlasBungstag folgenden Periüda kam die Patientin 
wieder in klinische Behandlung. Die Sondo fand am Üa interauro aiifaaiga ein 
uriüburwiiidlichoH Hijidernis; ca gelang nar mit ainor sehr dünnen Sondi> mühsani 
in die Kor|iiiahohli? einzudringen. Sncceseive wurden dann dickere Snndcn ein- 
geführt und es entleerte sich echwarzes, teils fläsaigos, teils koaguliertes Blut. 
Kach geschehener Laminariadilatation wurde bei ambulanter Behandlung das 
Oa intemum auf Bleistift dicke durchgängig gehalten bis zur näohsteti Monatniation, 
welche nun ohne alle Erscheinujigen von Seiten des Mugens und des Uterus 
verlief. 

Ich glaube, ein solches Beispiel von Abhängigkeit der Magen- 
6TScheinuiigen von eiuer Stenose am Oa intemum mit Hämatoraetra- 
biJdung zeigt so deutlich wie kaum ein anderes die innigen konsen- 
suelleu Beziehungen zwischen beiden Organen. 

In gleich prompter Weise wie in diesem Fall die dauernde 
Beseitigung einer Zeivixstenoae die Magenerscheinungen zum Ver- 
schwinden brachte, kann umgekehrt die Sondierung eines spitzwinklig 
antetiektierten Uterus, besonders bei der Passage des Os intemum, 
oder die Sondierung desselben bei Stenose, nicht selten momentanes 
Äufstossen und libelkeit erzeugen. leb habe in vielen Fällen 
von Laminariadilatation, solange der Stift lag, Magenbeschwerden: 
Kardialgieen, "Übelkeit, Äufstossen, Erbrechen beobachtet, auch 
in FäUen von antemenstrueller Dilatation der Zervix bei dys- 
menorrhoischen Mädchen. Erscheinungen gleicher Art kann man 
nach Atzungen des Corpus besonders mit Karbol- und Chlorzink- 
löaungen oder bei Passage eines eben noch durch das Os intemum 
zum Zweck von Uterus Spülungen hindurchgehenden Fritsch-Bozeman- 
Katheters wohi als Folge der Ilteniskontraktionen beobachten. Auch 
das Tragen der früher hei Flexionen des ütems angewandten lotrauterin- 
Btifte war oft genug von Magenerscheinungen hegleitet. 

An dieser Stelle ist noch einer weiteren Form von Magener- n 
scheinungeo zur Zeit der Menstruation zu gedenken, die ich mit i 
Stiller als eine ovarielle Reflexneurose anführen möchte: Die 
vikariierende Blutung des Magens, die sog. vikariierende i 
Menstruation oder periodische Magenblutung. Dieser Vor- 
gang ist als ein vasomotorischer Reflex aufzufassen, welcher durch 
das Ovarium, sei es durch den Reiz der Ovulation oder durch die sog. 
innere Sekretion, welche bei der Periode vielleicht verändert ist, 
ausgelöst wird. Da wir aber vikariierende Blutungen gar nicht 
selten auch in Fällen finden, in denen zweifellos die ganzen Ovarien 
bis auf den letzten Rest, ja die ganzen Genitalien entfernt sind, 



m 



— 172 — 

in denen auch das beliebte driltu (^variiim l'elilt, miissen wir dock 
wohl annehmen, dasa nicht die Ovulation oder inuere Sekretion 
unbedingt notwendig ist zur Entstehung einer vicariierenden Blutung, 
sondern dass auch andere Keize, etwa Entzündung oder Kompression 
von Nervenendigungen im Becken, vasomotorische Reflexe erzeugen 
können, welche in Blutungen in den verschiedenen Organen: in der 
Nase, dem Auge und zwar auf Retina und Konjunktiva, in dem 
Magen und Darm und den Lungen Ausdruck findet. Da aber die 
Blutungen den menstruellen Typus beibelialten, so muss noch eine 
besondere Diaposition vorhanden sein — vielleicht die Periodizität 
im Leben des Weibes. 

Vou den verschiedenen vikariierenden Blutungen kommt aber 
die periodische Magenblutung am seltensten zur Beobachtung, zum 
Teil deshalb, weil die in den Magen ergossene Blutmenge in der 
Regel zu gering ist, als dass sie sich durch Hämatemesis oder 
per rectum sichtbar entleerte. Zeigen doch die Mädchen mit vika- 
riierenden Blutungen oft neben Hypoplasie des Uterus eine solche 
des Gefäss Systems oder des ganzen Organismus. Inwieweit in Fällen 
von reflektorischer Hämatemesis ein locus minoris resistentiae in 
den Blutgefässen des Magens anzunehmen ist, ob zuweilen dieselben 
Momente eine Rolle spielen, die bei Chlorotischen znr Entstehung 
des Ulcus disponieren, wissen wir nicht. Stiller nimmt für einen 
Fall der französischen Literatur ein Trauma als disponierendes 
Moment an, welches eine Neigung zu Zerreis slicbkeit der Gefässe 
erzeugte: ein Mädchen erhielt einen Faustschlag auf den Magen; 
es stellten sich nach 2 Tagen profuse Magen blutungen ein; später 
kamen diese 8 Monate lang ausschliesslich zur Zeit der Peiiode. — 
Einen Fall von vikariierenden Magenblutungen hat Stiller in der 
Oppolzerschen Klinik gesehen und nach Ewald') ist diese Er- 
scheinung keine Seltenheit. Watson berichtet von einem Mädchen, 
das im 14. -lahr von Blutbrechen befallen wurde, welches von nun 
an allmonatüch einmal an Stelle der natüilichen Menstruation wieder- 
kehrte. Das Mädchen heiratete. Während der Gravidität, während 
des Wochenbetts und des Stillens hört« das Blutbrecheu auf, kehrte 
aber nach Entwöhnung des Kindes in früherer Weise zurück. Ein 
Fall von vikariierenden Hämorrhagien im Magen und Dann ist — 
nach P, Müller — auch vou Ziemssen bei einem 20jährigmi 
Mädchen beobachtet. 



') Bericht ülier den SO. KmigrcsB für ii 



^ Mudizin. 



- 173 - 

Auch vikariierondo Darmblutuugeu kommeu vor, werden "■''='' 
aber in der Regel nur dann beobachtet, wenn sie aus den unteren ^'o" 
Darmabachnitten stammen. Nach P. Müller haben auch von Droste 
und Grosskopf solche Fälle gesehen. Theilhabet berichtet über 
einen Fall von vikariierender Blutung aus dem After: bei einer 
Frau stellten sich seit der im 42. Jahr erfolgten Menopause jeden 
Monat einmal starke, 6 — 10 Tage dauernde Rektalhlutungen ohne 
pathologisch-anatomisch nachweisbaren Befund ein. 

Neben der vikariierenden nehmen besonders französische Autoren h«i. 
auch eine menstruelle Magenblutuug an, und auch diese müsste hiui 
durch einen uteriuen oder ovariellen Reflex auf die Vasomotoren 
der vorher wahrscheinlich schon geschwächten Magengefässe zu 
erklären sein, Analogien dazu finden wir in den Luugenblutungen 
phthisischer Frauen zur Zeit der Periode und in den meustruelleu 
Exanthemen. So beobachtete ich kürzlich ein intertriginöses Eczem 
unter der linken Mamma, welches zwei Tage vor der Periode jedesmal 
entstand und nach dem dritten Tag wieder im Laufe einer Nacbt 
zurückging. Queirolo ') hat einen Fall von letal endigender 
Hginatemesis während der Menstruation mitgeteilt. Die Sektion 
konnte im ganzen Magendarmkanal angeblich nicht die geringsten 
Veränderungen nachweisen. In neuerer Zeit hat A. Cahn -) über 
varicöse Magenblutungeii berichtet, und es ist wohl möglich, dasB 
durch einen während der Menstruation erfolgendeti vasomotorischen 
Reflex die vermehrte Hyperämie eines Magenvarix zur menstruellen 
Hämatemesis führt. Cahn hat varicöse Magenblutungeu bei 
Stauungserscheinungen der Abdomiualorgane, bei Thrombosen der 
Pfortader und Milzvene, besonders bei Leberzirrhose wiederholt 
beobachtet. Charakteristisch ist für diese Hämatemesis, daas 
dyspeptische Erscheinungen und anders Vorboten fehlen und ebenso 
die Symptome eines Ulcus oder Karzinoms. — Auch bei septischen 
Erkrankungen sind menstruelle Magenblutangen beobachtet worden. 

Das Blütbrechen der Hysterischen kann wahrscheinlich auch 
reflektorisch von den Genitalien ausgelöst werden oder einmal zur 
Zeit der Periode entst-ehen und dann eine menstruatio vicaria e 
stomacho oder eine menstruelle Hamatemese vortäuschen. In der 
Regel ist jedoch diese Hämatemesis nicht an die Zeit der Menses 
gebunden und weder von Reizen zur Zeit der Menstruation, noch 



1) II Morgagni 1B97, No. 5. 

") Münchuar med. WocLenschr. 1901. [j. 161. 



k 



— 174 - 

von ßeizeu zur Zeit der Amenorrhoe, sondern von neutralen nervösen 
Eioriüsseü abhäugiji;. Eine zentrale Ursache lassen die Experimente 
von Koch und Ewald als möglich erscheinen; diese beobachteten 
nach Durch sehn ei düng des Hals- und Brustmarks beschwüre und 
Blutungen im Magen und Darm. Auch Schiff und Brown- 
Söquard erzeugten durch exiierimentelle Traumen der Sehhiigel, der 
Streife uhügel, der Brücke und des Bulbus meduUaa Blutfülle und 
Ecchymosen im Magen, den Lungen und Nieren. — In vielen Fällen 
des vermeintlichen Blutbrechens Hysterischer werden aber wohl 
Veränderungen au den Magengefässen vorbanden sein. Ich führte 
am 5. IX. 1902 bei einer Frau, die lange Zeit vorher anderwärts 
wegen schwererHjsterie mit MageuerscheiuuDgen, besonders Erbrechen, 
mehrmaliger, leichter, vermutlich hysterischer HUmatemesis und 
wegen Üetrofiexio uteri mit starken Beschwerden behandelt wurde, 
die Alexander- Adams-Operation aus. Wenige Monate später wurde 
nach akut entstandener Magenblutung wegen Ulcus ventriculi von 
anderer Seite eine Operation vorgenommen, der die Frau erlag. 
Hier hatte der Interne und Gynäkologe sich getäuscht. Jener 
nahm schwere Hysterie mit hysterischem Erbrechen an. Dieser eine 
Neurose des Magens, vielleicht auf rettektorischem Wege durch die 
Retroflexion entstanden, Dass Übrigeua dieser Lageauomalie doch 
eine Bolle bei den Mageobescbwerdeu zukam, bewies die nach der 
Operation vorhandene wesentliche Besserung nicht nur der Unter- 
leibs-, sondern auch der Magenbeschwerden. 
UkoiogiiobV Den Literaturangabeu nach zu urteilen erzeugen entzündliche 

»na«"ng8n Prozesse der Ovarien seltener reflektorische Magen- 
o'üit.ii«i. erscheinuu gen als die Erkrankungen des Uterus, aber häufiger 
aektaiiohä als diese das Kranklieitsbild der Hysterie. Ob in solchen Fällen 
1. die Oophoritis und Perioophoritis allein zu Erbrechen führt, oder 
t ob durch Adhäsionen der Ovarien mit dem Netz oder mit Darm- 
scbliugou die Emesis erst ausgelöst wird, ob also die Heizung dt'r 
Darmueryeu oder der Ovarialnerven die Ursache der Magensymptome 
ist, ist nicht in jedem Fall klar. Bei Frauen mit Aduexschwellungeii 
und Magen erscheinuu gen fand ich bei der Operation in der Regel 
eine Netz- oder Darmadhäsiou. Gottschalk ') hat zwei Fälle 
von heftigem Erbrechen mitgeteilt, die er auf die DairaadhUsionen 
der entzündeten Ovarien bezog. Bei der einen Frau mit mobiler 
Eetroflexiou und einem in entzündliche Schwarten eingebetteten und 
mit Darmschlingen verwachsenen rechtsseitigsn Eierstock brachte 

') ZoitacLr. f. Ouburtsli. u. Uyi. 49, Bd. ji. 3*4. 






- 176 - 

erst die Oophorektomie das Erbrochen momentan zum Aufhören. 
Im andtTE Fall führte die Exstirpation eiuur u ran gegrossen, allseitig 
mit Därmen verwachsenen Ovarialcyste zu sofortiger fleüung von 
dem permanenten Erbrechen. Einen Fall eines ovariellen Reflexes 
auf den Magen, über den Tauffer berichtet hat, führt Stiller 
an. Ein 24 jähriges, seit dem 19. Jahr menstruiertes Mädchen, 
litt seit dem 12. Jahr an habituellem Erbrechen. Hinter einem 
spitzwinklig retrotiektierten, wahrscheinlich kongenital verlagerten, 
sehr labilen Uterus lag das geschwellte, empfindhche linke Ovarium. 
Von der Idee ausgehend, dasa der Druck des labilen Uterus auf 
dieses den Brechreflex auslosen könne, fixierte Tauffer den in 
Setroflexion bleibenden Uterus durch ein besonders konstruiertes 
Pessarium und reponierte so gleichzeitig das linke Ovarium. Das 
Erbrechen hörte momentan auf, trat aber sofort nach Entfernung 
des Binges wieder ein. Wenn Tauffer und Stiller aus diesem 
Falle schlössen, dass nur ein ovarieller Reflex das Erbrechen ver- 
ursacht haben könne, so ist das wohl wabracheinüch, doch ist auch 
eine Zerrung der Ligg. lata, welche nach Heben und Fixieren des 
Uterus im Pessar aufgehoben wurde, von der Mitschuld an der 
reflektorischen Magen neurose nicht ohne weiteres freizusprechen. 

Butler- Smith ') beobachtete einen Fall, in welchem an- 
haltendes seit 2 Jahren bestehendes, seit 9 Monaten vergeblich be- 
handeltes Erbrechen durch doppelseitige Adnexexstirpation momentan 
und dauernd geheilt wurde. Die entfernten Ovarien waren klein, 
hart, cirrhotisch und bei Druck auf sie gelaug es stets Erbrechen 
zu erzeugen. Derartige Fälle, in welchen Vomitus durch Kom- 
pression der Ovarien ausgelöst wurde, existieren in der Literatur 
reichlich und sind jedem Gynäkologen schon vorgekommen. Aus 
eigener Erfahrung kann ich von einem Fall berichten, in welchem 
eine wegen Hysterie jahrelang behandelte Dame Monate hindurch an 
Erbrechen litt, das mit der Sicherheit des Experiments durch digitale 
Zusammendrückung des Eierstocks ausgelöst werden konnte. Die 
Berechtigung zur Entfernung des Ovariums war nach längerer ver- 
geblicher Konservativbehandlung dadurch gegeben. Der chi-oniach 
entzündete, nirgends adhärende Eierstock wurde entfernt. Das Er- 
brechen hörte nach der Operation sofort auf, die Patientin erholte 
sich, die hysterischeu Erscheinungen verschwanden nahezu völlig 
und Erbrechen stellte sich in 6 Jahren höchstens bei Überladung 
des Magens gelegenthch ein. 



L ')Ti 



) The britisb med. Journ. 1887 p. 237. 



— l7ß — 

Mau darf aber nur lipi Auftreten von ErUrfichon nach bimil- 
nuellem Druck auf den Eierstock selbst den Beweis für einen 
konsensuellen Zusammenlianj^ erbracht seheu, denn wir wissen 
längst, dass das Phänomen, das Charcot als Ovarie bezeichnete, 
und durch dessen Auslösung er hysterische Krampfaufalle und andere 
hysterische Erscheinungen beobachtete, nur in einem kleinen Teil 
der Fälle wirklich auf die Ovarien, häutig auf entÄÜndhche Pro- 
zesse in den Adnexen, den Parametrien, dem «uf- und absteigenden 
Schenkel des Kolon oder auf Hyperästhesie der Bauchdecken zu 
beziehen ist. 

Auch eine Endometritis und Metritis allein kann zweifellos 
reflektorisch zu Magenerscheinungen fahren. Es wurde darauf bereits 
gelegentlich der Besprechung der Hypei emesis hingewiesen, v. Scan- 
zoni') sagte sogar: ^Beinahe immer hat die chronische Metritis 
Störungen der Verdauung und Assimilation im Gefolge, welche sich 
durch cardialgische Beschwerden, zeitweilig auftretendes Erbrechen, 
trägen Stuhlgang, Gasanhäufung im Darmkana) und die bekannten 
Erscheinungen der Chlorose aussprechen. Theodor Jaff(^ hat 188ß 
muen schweren Fall von fortwährendem Erbrechen bei Metroendo- 
metritis einer 23jährigen Virgo mitgeteilt. Nach Dilatation, Abraaio 
und KarbolausB])ülung des Uterus waren die Magenbeschwerden 
,,wie mit einem Schlag" verschwunden. Der Verdacht auf Mithilfe 
einer suggestiven Wirkung ist in einzelnen solcher Fälle nicht 
unbegründet. 

Auch Erosionen an der Vaginalportiou werden zu Cardial- 
gieen, Dyspepsieen und Erbrechen in Beziehung gebracht und eB 
wurde in solchen Fällen durch Atzungen mit Holzessig, Lapisstift, 
Karbolsäure etc., durch Exzision der Erosion, durch Blutentziehung 
neben der lokalen Affektion auch die reflektorische Magenueuruse 
geheilt. In solchen Fällen fragt es sich nur immer, oh die Erosion 
oder die die Erosion bedingende Endometritis die Magen er seh ei nun gen 
hervorrief. 

Die Retroflexion der Gebärmutter wird mit Recht fiir eine der 
häufigsten Ui-sache« der konsensnellen Magensymptome gehalten. Ja- 
man hat gera^le die Aufiichtung bei der Rückwärtslagenuig des Uterus 
als Prüfetein für das Bestehen einer Reflexneurose angesehen, weil in 
vielen solcher Fälle die Reposition ein promptes Verachwiiiden aller 
Magenerscheinungen zur Folge hatte. Wohl bewusst, dass auch dir 



') Lelirbuoh der Krankh. der woibl. Sexualorgar 



/ 



— 177 — 

nllgeStion hierbei eine Itolle spielen kaim, haben wir doch dio Über- 
zeugung, dass der Elbuination des peripheren Reizherdes in der Regel 
auch ein Vei-sageu der Reizwirkung folgen niusa und tatsächlich folgt. 
Diese Anschauung vertreten auch Menge, v, Wild und viele andere. 
Demi wenn ich, wie ich es tat, eine Patientin mit Retroflesioii III" und 
fortwährendem Ruktus und Brechreiz erst von einem jungen in der 
Exploration ungeübten und dabei Schmerzen verursachenden Arzt unter- 
suchen lasse, ohne dass die Patientin danach eine Besserung angibt, 
wenn ich nachher vorsichtig den Uterus in Auteflexion bringe und un- 
bemerkt ein Pessar einlege, und wenn die Frau dann spontan angibt, 
dass jetzt ihre Magenerscheuiungen mit einem Sclilag verschwunden 
seien, so kann man hier von einer suggestiven Wirkung wohl nicht 
reden. Es würde viel zu weit fiihren, hier alle Pälle aus der Literatur 
anzureihen, in welchen der Reposition eines retroflektJerten Uterus 
sofortige oder baldige Besserung oder Sistierung der Magenerscheinungon 
folgte. .Jeder Gynäkologe hat oft solche Eälle gesehen und auch jene, 
in denen Magen bescli werden infolge Rezidivierens der Hetroflexion wieder 
auftraten. Eisenhart, Theilhaber u. A. haben solche Beobachtungen 
in der Literatur niedei^elegt 

Frauen mit reflektorischen Magenbeschwerden durch Reti-oflexio 
oder Metritis zeigen in der Regel ein so typisches Bild: Fluor. Kreuz- 
und Untcrleibsschmorzen, Menorrhagien, zuweilen erschwerte Defäkation, 
femer Brechreiz und Erbrecheu, Appetitmangel, Magendrücken, dass 
Hildelirand ') wenigstens für viele Fälle nicht unrecht hat, wenn er 
sagt, dass ein Gesamtbild vorliege, das es »dem geübten Praktiker ui 
der Mehrzahl der Pälle möglich macht, auch bereits vor der Unter- 
suchung die Wahrscheinlichkeitsdiagnose auf Retroflexiou zu stellen«. 
Daran dass bei den spontanen Äufiichtungs versuchen eines graviden 
retroflektierten Uterus Brechreiz und Erbrechen recht gewöhnliche Er- 
scheinungen sind, mag der Vollständigkeit wegen erinnert wei-den, 
Wichtig ist auch, dass man weiss, dass die Magenbeschwerden, die 
sich im Änscbluss an ein Wochenbett einsteUen, oft durch Retraflexionen 
puerperaler Ätiologie bedingt sind. Einige ganz charakteristische Falle 
derart Imbe ich gesehen. So traten Ijei einer 26jährigen Frau mit 
RetroÖexio ■ Siiiistroversio uteri , Parametritis posterior chronica und 
Endometritis catarrhalis Magenbeschwerden: saures Aufetossen, Magen- 
drücken. Erbrecheu, Kreuzschmerzen und Obstipation im ersten 




') Volkmanna Sammlung klin. Vortr. No. 5. 



— 178 — 

Wochenbett auf, in dem Fieber bestand, eine Verdauuiigsstüning erfolgte 
und die Retroflexioii nachweisbar sicli ausbildete. 

Auch DfiEceusus uiid Prolapsus uteri sind iiach Levy und 
G. Braun als Üi-sache von manchen Mageiierscheiiiuugen anzusebeii. 
Dieser letztere berichtete über eine 28iiihinge Fi'au mit Üeacensus eines 
sehr gi-osseii, chronisch eutzüiuieten Uterus mit Elongatio colli. .Tedesmal 
beim Aufstehen trat die grosso Portio unter Übelkeit, Funkenaeheii, 
Erbrechen in die Vulva. In diesem Fall, in dem gleichzeitig rechts- 
seitige Wanderniere bestand, wm'de dui'ch Amputation der Portio 
vaginalis Heilung er/iclt 

Ob imn bei Retrollexio und Descensus uteri durch die Zerrung 
und Torsion der in den Ligg. lata verlaufenden Nerven und Gefäsee 
oder dureb die Dehnung des noniialen oder ii^endwie entzündlich ver- 
änderten Peritoneums reüektoriseh Erbi'echen entsteht, ist nicht immer 
sicher zu entscheiden. Beide Modalitäten sind vfalu-scheinlicb. Ein 
Fall, den G, Braun mitteilte, sclieint zu beweisen, dass der Zerrung 
des Peritoneums die Hauptschuld zuzuschreiben ist: Bei einer Söjäbrigeu 
Frau, welche an Magendruck, Würgbewegungen und Erbrechen litt, 
hei welcher al)er di(^ Internisten keine Vemnderungen am Magen und 
Unterleib nachweisen konnten, bestand eine exzessive Beweglichkeit des 
im übrigen normalen Uterus, Durcli Pessareinlegungen schwanden die 
Magenerscheinungen momentan und dauernd. Ausser diesem Fall, in 
dem die grosse Labilität des Uterus die Veranla-ssung zur Magenneuroae 
abgab, beschreibt G. Braun eitien Fall, in dem der Zusammenhang 
zwischen einem Tjazerationsektropium und einer Neurose des Magens 
ausser Zweifel stand; Betastung der Narben mit der Fingerspitze 
führte zu momentanen Retlexei-scbeinungen in Pomi von Auürtossen 
und Würgen. Die unangenehmen Empfindungen in der Magengegend, 
die schon zwei Jahre lang bestanden, wurden gleich wie das Erbrechen 
dm«h die Hystero - Trachelorraphie sofort und dauernd geheilt. In 
solchen Fällen, die jeder Gynäkologe selbst erlebt hat, müssen die in 
harten Nai'hen eingebackenen Nervenendigungen bei den schon bei 
Bewegungen und Änderungen des intraabdominellen Drucks und Füllung 
von Blase und Dann mivermeidlich auftretenden Dislokationen des 
Uterus gereizt werden und reflektorisch Erbrechen erzeugen. Einen 
ähnbchen Fall habe ich kiiralich beobachtet: Magendiücken, Kaktus, 
Erbrechen wurde durch die Emmetscbo Operation geheilt, dui'ch die 
vorher schon vorgenonmienen Utorusspülungen und Ätzungen gebessert. 

Darüljcr, ob auch vei-alteto Dammrisse, die man liokanntlich a]s 
auslösende Momente der Neurasthenie und Hysterie und als die Ursache 



— 179 - 

von Heran eurnseii beschuldigt, Mageiibescli werden aid" reflektoriachem 
Weg en«ugeii können, habe ich in der Literatur keine Angaben ge- 
funden. Mir ist ein solcher Zusammenhang zweifellos. Eine neii- 
rasthenieche Frau, die ich wegen Vorderhauptfilage dos Kindes mit 
Forzeps entband, klagte in den ersten 4 Wochen p. p. über Schmerzen 
in der mit Catgut vernähten und per primam verheilten Dammwunde, über 
Appetitlosigkeit Gefühl von Leere im Magen und Magendrücken nach dem 
Essen. Diese Erscheinmigen besserten sich durch Salzsaureordination, 
verschwanden aber ei-st nach der 2 Monate p. p. ausgeführten Perineo- 
plastik. Damit erscheint mir der Beweis einer genitalen Retiexneurose 
— freilich mit der in allen derartigen Fällen notwendigen Vorsicht — 
erbracht, 8cll)st wenn wir die Magenerscheinungen auf eine ausser- 
ge wohnlich lang anhaltende Hypochlorhydrie und Subazidität des 
Wochenbetts beziehen. Tnimorhin ist es aber ein Erfahrungssatz, dass 
Affektionen der Vulva und Vagina auft'allender weise sehr selten 
reflektorische Magenerscheinungen bedingen trotz der im Vergleich zum 
iiiiiem Genitale viel reicheren Nervenversorgung. 

Noch andere nicht entzündliche Veiünderungen des Uterus können 
zu i-eflektorischcm Erbrechen führen. Einen Fall, in dem eine er- 
worbene Atrophie des Uterus die Magenbeschwerden vei-ursaeht 
hatte, beschrieb C. M. Hansen i). Ich habe einen interessanten Fall 
von puMperaler Uterusatrophio mit passagären Magenbeschwerden be- 
handelt : 

Xach oiner Perforation und Extraktion des Kindes, dio in einem bfv 
nnclibnrten Ort ausgeriilirt warde, stelltn sicii kontinuierliches Kiimträufeln ein. 
6 Wochen p. p. kam dio Frau in Idinische Behandlung; es bestand ein langer 
£anal zwischen der linken obercJi Vaginalwand und der Blase. Die Portio 
fohlte vüllkommen, ein Muttermund war auch jiicht von dem Piatelkanal uua 
EU sondipren. Icii überlegte, ob ich bei der Fistel Operation die atrotische 
Cervis oach der Scheide durchgängig machon sollte. Doch die Narbenraansan 
und die Erwägung, dass diu Anfrischungawunde der Fistclränder dann vielleicht 
nicht per primam heijen würde, veranlassten mich, erst die Fistel zu beseitigen. In 
einer zweiten Kitzung sollte eine Kommunikation zwischen Uterus und Vagina 
hergestellt werden. — Der Erfolg der Fisteloperation war bereits das eretö Mal 
ein sehr guter: Von der Operation ab bestand vollkommene dauernde Kontinenz, 
In eine zweit« Operation willigte die Frau nicht ein. Sie stellte sich später 
alle paar Wuchen vor und hatte jedesmal zu der Zeit, da sie die Periode za 
erwarten glaubte, zwei T^e lang ziehende imd krampfartige Schmerzen im Leib 
mit Mngenkräm[ifen, Brechreiz und Appetitlosigkeit, Aber auch in der intor- 
menstrucllen Zeit bestanden leichte dyspeptische Erscheinujigen und zeitweise 
■ nach joder Periode eine VergrÖe soro ng den anfangs 



Übelkeit. 




') The medic. Rceord. 1886. 6. Okt. p. 428. 



- 180 — 

pfiBumiingruaaen Corpus uteri Dachweisbar. Nach mehreren Monaten litissen 
die Beachwerden im Magen und Unterleib nach ; ich konnte nun die kontinuierlicfae 
Verkleinerung des Ut«niskürperB bis zu einem hatiolnussgroBBen, hatten, 
gesehrunipften KSrpor verfolgen. 

Wie viel von den MagGiil^ostihwordeii auf die Atrophie des Uterus, 
wie viel auf Kosten (Icr zweifellos eine Zeit laug vorhandeueu kleinen 
Haeiiiatometra, wie viel auf Rechnung der inenstnielleii Voi'gänge zu 
setzeu wai', steht dahin. Ich glaube, dass alte drei Momente in viel- 
leicht vei-schieden intensiver Weise die Magenerscheinuiigen reflektorisch 
auslösten. 

Auch Myome können reflektorisches Erbi'echen erzeugen. Gerade 
interstitielle Myome lösen Erbrechen und kardialgische Erscheinungen 
besonders zu der Zeit aus, da das intramuralo Myom in ein submuköses 
oder subaeröses durch einfaches Wachstum oder durch die Uteruakou- 
traktionen übei^ht. Denn darüber, da£s gerade die Zusammenziehungen 
der Gebärmutter reflektorisch Erbrechen vemraachen können, besteht 
kein Zweifel. Wir beobachten MagenerscheinuTigen zur Zeit der 
Periode, in der Schwangerschaft zur Zeit der ei-sten Kindeshewegungen, 
in den letzten Wochen vor der Geburt und bei dieser selbst, bei den 
spontanen Aufi-i cht« ngs versuchen eines retroftektierten graviden Uterus, 
während der Erweiterung der Gelmrmutter durch einen Laminariaatift, bei 
Ätzungen und Curettagen des Uterus und hei Inti-autennapüluiigen, und 
es ist wah reche in lieh, dass das Erbrechen hei dn)heudem Abort ebenfalls auf 
Uteruskonti'aktionen zu beziehen ist. So mögen diese auch bei Myomen 
die Magen erschein un gen auslösen. Auch das Erbrechen und der Kuktus, 
der bei der bimauuellen Aufrichtung eines retroflektierten lltenLs zuweilen 
vorkommt, ist wahi'scheinlich zum Teil auf Kontiaktionen der Uterus- 
muskulatur bei diesem Manöver zu beziehen. Die in dei' früheren 
Tabelle IV aufgeführte Frau Rimmler klagte im Moment der Reposition 
stets über einen ganz tj'pischen Doppel schmerz; Über Schmerzen, die 
nach dem Kreuz und Mastdarm zugleich ausstrahlten, und mit denen 
identifiziert wurden, die bei der Passage härterer Kotballen empfunden 
wurden; und Schmerzen, die beiderseits von der leicht abtastbaren 
Wirbelsäule bis zum Epigastrium hinauf sich ausbreiteten. Während 
wir jene zweifellos mit der Parametritis posterior in Verbindiuig bringen 
müssen, bedeuten diese, ich möchte beinahe sagen, eine anatomische 
Demonstration der Grenzsträngo des Sympathicus bis hinauf zum 
Plexus solai-is. 

Aucii Fülle von schwerem anhaltendem Erbrechen hei Myomen 
bat man beobachtet, sie scheinen besondere in der englischen Literatur 



— 181 — 

niedergelegt zu sein. Tilt sali Fälle von utistillbarem Erbrechen, die 
mit Maraemus angeblich endeten. Von allen Myomen scheinen jeden- 
ialls diejenigen, die in der Gegend der Zervix und besonders dos Oa 
intemum uteri sitzen am ehesten reflektorische Erscheinungen auszu- 
lösen. In einem Fall von Hewitt') bestand äusserst heftige, stmiden- 
lang bei jeder Periode anhaltende Übelkeit infolge eines kleinen 
interparietalen fibroiden Tumors aii der Verbindmigsatelle der Zervix 
mit dem Coipus. Bei einer Frau, bei der sich ein Adenomyom der 
hinteren Zei'viswand fand, das samt dem Uterus auf abdominalem Weg 
esstirpiert, wurde, bestand schon 1 Jahr vor der Operation heftiges und 
häufiges Äufetossen von Gasen aus dem Magen, Übelkeit, Erbrechen 
Schlei mig-galUger Massen zu allen Tageszeiten, und 5—6 mal im Tag 
sich wiederholende Dnrclifälle. Während aber die Magenerachoinungen 
schon einen Tag vor der Menstruation begannen und am 2. Tag 
derselben aufhörten, stellten sich die Darmsymptome erst am 2,—i. Tag 
der Periode ein und zwar sofort im Anscbluss an den ersten Genuss festerer 
Speisen. Die Operation brachte alle Erscheinmigen zum Verschwinden. 

Stiller gibt in seiner trefflichen Abhandlung über „die nervösen 
Magenkrankheiten" die Krankengescliiclite einer Dame, bei welcher 
seit zwei bis drei Jahren ein schweres Mageideiden vorhanden war, 
welches sich während seiner Exazerbationen in vehementen, wochen- 
lang andauernden Kardialgieen ■ Erbrechen, Appetitmangel imd Be- 
scliwerdeii nach dem Genuss der leichtesten Nahrung äusserte. Er- 
nährung und Aussehen verschlechterten sich so, dass Stiller nahezu 
das klinische Bild eines Ma^nkarzinoms vor sich zu haben glaubte. 
Und nm' die Remissionen des Leidens, der mangelnde progressive 
Charakter des Marasmus, da« Fehlen eines palpablen Magentumors, 
die KonstatJerung eines Uterusfibroms hinderten die Diagnose auf 
malignes Neoplasma. Zur Zeit, in der die grossknollige Uterus- 
geschwulst über der Symphyse fühlbar wui'de, was mit dem Auftreten 
starker Metrorrhagien zusajnmenfiel , h'aten die Magenerscheinungen 
ganz in den Hintergrund — ob infolge des Heraustretens des Uterus 
aus dem kleinen Becken in die freie Bauciihöhle oder als Folge der 
Blutung, lässt Stiller unentschieden. 

Die Art dei' Beeinflussung der Magenerscheinungen durch 
Blutungen aus dem Utenis bei Myomen und anderen Tumoren, bei 
Retroflexio , bei hämorrhagischer Endometritis u. s. w. ist übrigens 
noch keineswegs vollkommen klargestellt Es spielen dabei verschiedene 

') Graily Hewitt: Diagnose, Pathologie and Therapie der Frauenkrankh.; 
deutech heranagegeben von H. Beigel. Erlangen 1869 p. 335. 




Momente: vor allom »lip Dauer und Intensität der Blutungen, auch das 
NerveuBysteni und der Krät'tezustand des ludividuums oino RoUe. Wir 
haben bei-eita bei der Besprechung der Magen Veränderungen nach den 
menstruellen Blutungen, nach der Schwangerschaft und dei- Greburt 
einen gesetzniässigen Zusammeuhang zwischen der Quantität des Blut- 
verlustes und der sekretorischen Magenfmiktion nachgewiesen und sehen 
bei gynäkologischen Erkrankungen, die mit Blutungen einbergehen. 
wenigstens in der Kegel, eine Herabsetzung der Salzsäuresakretion. 
So fend ich bei einer anämischen durch 8 wöchige Myomblutungen 
heruntergekommenen JP'rau mit einem Hamoglobingehalt von knapp 
40 "/o ein HCl-Defizit von 10 und eine Gl^samtazidität von nm- 25. 
In einem Fall von Hämophilie, Stenose und Insuft'izienz der Mitralis 
und Stauung in Leber, Milz imd Nieren, Nephritis und freiem Aszites 
mit ganz abimdanten Blutungen, welche zum grossen Teil auf ein 
submukiises, hiihneraigrosses Myom der oberen vorderen Corpuswand 
zurückzuführen waren, und welche den Exitus am 6. September 1902 
herbeil uhiten, betrug die freie HCl nach der klinischen Auihahme am 
14. August Minus 15, die Gesamtazidität 15. Stiller teilt einen Fall 
mit, in welchem die bei einem retroflektierten myomatösen Uterus seit 
Monaten bestehenden diskontinuierlichen massigen Blutimgen den vom 
Uterus ausgehenden E«flexreiz verminderten. So oft die Blutung auf- 
hörte, trat nebst Appetitlosigkeit und Magendrücken besonders in den 
Morgenstunden im nüchternen Zustand Erbreclien ein, welches sofort 
sistierte sobald wieder die Blutung erschien. 

Nach Gottschalk') kajm Erbrechen reflektorisch beim Chorion- 
epithehom entstehen. Er beschreibt einen solchen Fall bei einer 
42 jährigen V.-Grav., welche früher wegen mobiler Reti^otlexion mit 
Pessar behandelt wurde. Zu Ende des zweiten Monats traten Übelkeit, 
Erbrechen und Appetitlosigkeit ein. Im dritten Monat wurden Äbort- 
reste entfernt. Zwei weitere, wegen starker Blutungen ausgeführte 
Curettagen waren erfolglos. Nun entfernte Gottschaik aus dem 
retroflektierten Uterus massenhafte Geschwulatpartikel, welche ins Myo- 
meüium teilweise tief eingedrungen wai'en. Trotz hochgradiger Anämie 
und Schwäche, ti-otz nnstillhai-en Erbrechens, trotz Fieber und Schuttel- 
frost wurde die vaginale Totalexstiqiation ausgeführt. Das Erbrechen 
verschwand für 3 — 4 Monate. Daim aber trat von neuem ein perni- 
ziöses als zerebrales angesprochenes Erbrecien ein, mid dio Frau ging 
an Metastasen in den Lungen, Nieren, Milz und Gehirn zugrunde. 



') Archiv- I. Ujn, 46. Bd. p. 14. 



Magen- und Darmb-akfiis waren bei der Sektion normal. In diesom 
Fall ist die Ätiologie des Erbrechens eine komplizierte. Vor vorhandener 
maligner Wucherung des Eiea war es vielleicht auf Schwangerschafts- 
intoxikation und auf die Retrofiexion zurückzuführen; bis zur Total- 
exstirpation stand es wahrscheinlich mit dem Eindringen des Chorion- 
epithelioms in das Myometrium hinein in Beziehung; zuletzt war es 
ein zerebrales Erbrechen durch die GehirnnietaBtase. Jedenfalls ist 
Erbrechen beim Chorioiiepitheliom selten und Sänger erwähnt es in 
seiner bekannten Arbeit nicht. 

Bei kleineren und mittelgrossen Ovarialtumoren fehlen häufig 
Magensymptome gänzli<'Ji. Nur beim Entstehen einer Stieldrehung, 
welche zu Stauung in den G«fässen, zu Nekrobiose in den Cysten- 
wandungen und zu Verwachsungen mit andern Teilen der Bauchhohle 
oder mit den Bauchdecken führt, kommt es in der Hegel zu reflek- 
torischen Magenerscheinungen. In solchen Fällen sind wir daran 
gewöhnt, das Erbrechen als diagnostisches Kriterium für eine Bauch- 
fellreizung zu betrachten. Bei jenen mächtigen Ovanalcystomen dagegen, 
welche die Grösse eines hochschwangeren Uterus überschritten haben, 
und bei welchen wir die den Alteren mehr als der jetzigen Generation 
bekannte Facies ovarica finden, erleiden die Bauchorgane und besonders 
der Magen imd die Leber eine beträchtliche Verdiünguiig und Kom- 
pression. Die Frauen können in der Kegel nur kleine Quantitäten von 
Speisen und Getränken geniessen, der Appetit ist schlecht, Erbrechen 
erfolgt leicht, und der geringste MeteorismuB belästigt sehr. Übrigens 
fand ich Metcorismus bei grösseren Ovarialcj'stomen, wenigstens bei 
Nulliparen mit straffen Bauchdecken, gar nicht selten. Der Operateur, 
der auf die anamnestischen Angaben über Erscheinungen von Darmatonie 
in aolchen Fällen achtet, wird sich seine Pi-ognose selbst durch beträcht- 
licheren Meteorismus in den ersten Tagen nach der Ovariotomio nicht 
trüben lassen können. Vielteidit ent.steht dieser Moteorismus durch 
Kompressifin tief gelegener Dai'niabschnitte von Seiten des Tumors, 

Auf peiitoneale Reizung führen wir in der Eegel das Erbrechen, 
das AuistoBsen und die Kardialgieen bei Pyosalpinx-Säcken oder bei 
parametriti sehen Exsudaten, bei allen adhäsiven Prozessen am Peritoneum, 
bei der Abkapslung von Blutergüssen nach Extrauteringravidität, ferner 
bei der Ruptiu- der Ovariatcysten zurück. Denn bei fast allen Formen 
von Peritonitis ist das Erbrechen neben Ansteigen des Pubes. Meteoriamus, 
Temperatursteigei-ung bekanntlich eine der regelmäasigsten Erscheinungen. 
Die vorwiegend dyspeptischen Magensymptome aber, die wir bei alten 
ektopischen Fruchtsäcken beobachten, haben ihre Ursache nur zum Teil 



■ ektopischen 



in peritoiiitischen Eleizungen: sie werden hauptsächlich durch Resoiption 
der durdi den Zerfall der FrucM entetehendea Giftstoffe erzeugt uud 
siud Teilersclieiiiungen einer Cachejrie, die etwa 3 — 5 Monate uacti 
dem Tod der Frudit allmäbüg wieder vcrsi^hwindet Auf dieses 
Kränkeln, das dem chronischen Siechtum der Tiere mit den von den 
Tierärzten gefürchteten Tragsack Verdrehungen äquiv:üent ist, liabe ich ') 
als einem häutigeren Symptom in den Fällen von •Xehenhoni- 
sch wall gerschaft < hingewiesen. Dass Übelkeit und Erbi-echen als 
ziemlich gewöhidiche Ei-scheinungen lici Ruptur ektopischer Fruchtsäcke 
auftreten, mag der Vollständigkeit wegen angeführt werden. Diese 
Erscheinungen sind vorwiegend zerebral, ausgelöst durch die akute 
Anämie, zum Teil sind sie Folge einer akuten peiitonealen Reizung. 

Auch Karzinome des Uterus erzeugen in der Regel nur durch 
Vermittlungeines entziuideten Bauchfells eine reflektorische Magenneurose, 
Dagegen entstehen Dyspe|»sien in den spätsten Stadien jeder Karzinomeut- 
wickluiig recht Iiäuiig. Gusserow *) hat wohl zuerst aui die dyspeptischeu 
Erscheinungen bei Uteruskarzinomki'anken auftnerksaui gemacht und 
angegeben, dass fast alle derartigen Kranken sehr früh an Appetitlosigkeit 
bis zum Ekel vor jeder Speise, besonders aber vor Floischnahrung, 
leiden, dass später häuüg haitnäckiges Eri)rechen und ^Vürgeii eintritt^ 
welches zum Teil von dem Gestank des jauchigen Ausflusses, zum 
Teil von gleichzeitigem Magenkarzinom, häutiger von ^letastasen auf 
dem Peiitoneuni und in der Tjel)er, zuweilen von chron. Magenkatarrii 
hen-Ülirt Unter einigen Dutzenden von Frauen mit Uteruskarzinom 
in allen Studien habe ich Erbrechen nm* mit uHimisdien oder 
peritonitischen Erscheinungen kombiniert gesehen. Bei zwei alten 
Frauen mit nicht mehr operablem Uteruskai~zinom trat trotz des fiircht- 
barsten Geruches kein Erbi'echen ein. Ein Teil dieser dys|>eptischen 
Beschwerden kommt wohl auch auf die Uiitei-eniährung mid Anämie 
des Individuums, welche zu niederen Saure werten des Alagensaftes 
führt; ein anderer Toll auf Rechnung der Intoxikation des Organisnms 
durcli die chemischen Pro(Uikte der KarziiioiuzeUenwuchenuig und den 
Zerfall und die Resorption iieki'otisclier Gewebe; ein Teil vielleicht ist 
psychisch I>e(liiigt. 

Die Sarkome des Uterus verlialton sicli in ilu-en nervösen 
Beziehungen zum Mufp'ii wjilirsi-boiMlich wie- die Myome oder Kar- 
zinome. 



liiiB Nohenhorii di'S doppelten Uterus. Heidelbeig, 



') E. Kol 
C. Winter WM). 

■) ,]>i(i NuubiUliiiiifrii <li<a Ul^TUs" 1878. Stuttgart, Enkcs Verlag. 



den Besprechungen über die Reflesneurosen des Magens, 
welclie von den Genitalien ausgelöst werden, musste auffallen, dass in der 
Begel nicht grosso oder schnellwachsende Tumoren, sondern entzündliche 
und oft geringfügige Erkrankungen der inneren Gienitalion au Reilex- 
erscheinungen führen. Auch die zahlreichen hysterischen Affektiouen, 
deren Quelle in den Genitalien zu suchen ist {hysterogene Zonen), 
päegen nicht dui'ch augenfällige und wichtige Gewebsändemngen, sondern 
dui'ch oft geringfügige Prozesse eraeugt zu werden. Stiller führt ver- 
gleichsweise Analogien dafür, dass der subtilere Heiz im allgemeinen 
reflektorisch wirksamer ist als der gröbere, an, dass Erbrechen durch 
I leichtes Kitzeln der Fauces, aber nicht durch eine ungestüme traumatische 
l Einwirkung erfolge, und dass dm'ch Berührung der Fusssohle ein 
K stärkerer Reflex entstehe als durch Stich in dieselbe. Er erkläit das 

■ Phänomen damit, dass »ein Reiz, der das Bewusstaein mächtiger in 
I Anspruch nimmt in seinen Retlexwirkungen eine Hemmung erleidet«. 

Gehen wir nun von den Reflexneurosen des Magens als Folge m<, : 
|äer pathologischen Veriinderungen der weibhclien Genitalien °^n 
den Darmerscheinungon nach Genitalaffektionen undafSi' 
gekehrt zu den Veränderungen des Magens und Darms vvi 
|fkbor, welche Störungen der Genitalspbäre erzeugen, so ist inHag. 
i arster Linie die chronische Obstipation zu nennen, welche nicht nurweio* 
zu hämorrhoid alen Prozessen, sondern häufig zu der Pai-ameti'itis d«"« 
posterior führt, indem erst eine Proktitis und Periproktitis entsteht, wie ""nn 
• dies A. Müller') neuerdings betonte. Hegar, Freund, B, S. Schultze, 
l'flugo Sellheim, Ziegeuspeck, Bröse, A. Müller wiesen besonders 
f.KoS diese Veränderungen imd ihre Diagnose hin. Schon bei der 
junger Mädchen finden wir nicht selten bei dem Nach- 
[Tomeziehen der Portio bei vaginaler odei' rektaler Untersuchung eine 
Rßchmei'zhafligkeit der meist nur wenig verdickten und verküi-zten 
Ugg. sacro-uterina. Als Ursache derselben können wir in der Regel 

■ die schlechte Angewohnheit, aus gesellschaftlichen Gründen den Stidil 
f'lange zurückzuhalten, eruieren. In solchen Fällen geht sichei-lich mit 

der Resorption der noch in den Fäkalmassen der Rektumampulle vor- 
handenen Flüssigkeit eine Aufsaugmig von Ausscheidungsprodukten 
, durch die Lymphgefässe der Darmwand einher. Diese Toxine, wie wii' 
mtiß bezeichnen können, eraeugen möglicherweise die leichten, vonviegend 
ftuif vasomotorischem Gebiet liegenden intosikationsähnlichen Zustände, 

') A. Müller: Rektalsten ose und Paramatritia. Archiv f. Verdauungs- 
mkheiten. Bd, IS., Heft 2, p. 171. Und „Parametritia posterior, eine Darm- 
Zectr. f. Gyn. 1903. p. 333. 




die wir bei Neurasthenikem mit chronischer Obstipation oft beobachten; 
sie führen aber zweifellos in erster Linie zu Reizzustünden auf der 
Eektalsclileimbaut und im penproktalen Bindegewebe, besondere in den 
Bacro-uterineii Ligamenten. Wir nehmen dabei um' eine toxische Ent- 
zündung an und wollen die viel diskutierte, aber nur bei lädierter 
Mucosa bestehende Möglichkeit einer direkten Invasion von den ver- 
schiedenen Koli - Arten oder anderen Daj-rabakterien nur streifen. 
Ätiologisch weniger deutlich als bei jugendlichen Individuen, aber 
sicherlich mit gleichem Recht zuzugehen, ist auch bei Multiparen die 
Wirkung der lange In der Ampiille des Rectum retiiiierten f^äkalmasee 
auf die retrozervikalen Bindegewebslager ; nm- trüben die Geburten mit 
den häufigen leichten parametranen Prozessen in solchen Fällen das 
ätiologische Bild, das zuweilen, wie auch Müller behauptet, doch 
schon vor der Pubertät vorlag. 

Die Parametritis posterior bfdte ich aber nicht, wie Ä. Müller 
erklärt, in der Regel für die Folge einer Darmerkrankung. Häufiger 
als vom Rektum aus entsteht dieselbe nach entzündlichen Prozessen in 
Uterus, Vagina und Beckenbindegewehe. Es kommt zu einem Circulus 
vitiosua: die Kotmassen werden wegen schmerzhafter Defäkation un- 
willkürlich länger zurückgehalten, und so werden Toxine i-esorbiert, weldie 
fortwährend den in den Ligamenten bestehenden Entzündungsprozess 
unterhalten. Auch dm-ch Descensus des Uterus, bei kurzer Vagina, bei 
tiefem Abgang der Bänder, bei einem Membnmi virile lotigum. durch eine 
gleichzeitig bestehendeEndometritis und anderweitige entzündliche Prozesse 
der inneren Genitalien, besondere solchen puerperaler uTid gonorrhoischer 
Natm-. werden die sacro-uterinen Ligamente in einem dauernden 
Reizzustand erhalten. So bilden sich Bchliesslich mannigfache nervöse 
Erscheinungen aus, die nicht nur auf Darm und Genitalien, sondern 
auch auf den Magen, das Herz u. a. w. zu beziehen sind. — Aber 
auch rein anatomisch kann das Rektum von Seiten des zwingenförmig 
dasselbe einsclüiessenden hinteren pai-ametranen Gewebes bis zu Ileua- 
erscheinungen eingeengt werden, wie mehrere Mitteilungen beweisen 
und ich selbst gesehen habe. Und endlich kann eine Kommunikation 
zwischen Rektum und Vagina als Folge pai-ameti'aiier iauchiger Prozesse, 
in erster Linie bei Zervixkarzinom und puerpenUer Bockeubindegowebs- 
entzündung, eintreten. 

Auch noch in anderer Weise soll Koprostase einen Einäuss auf 
die imieren Genitalien ausüben, indem nach Theilhaher die durch 
Ansammlung von Gasen und Kot im Kolon und Rektum erzeugte 
Staae in allen zum Gebiet der Cava ijiferior gehörenden Venen 



— 187 — 

Metroirhagien und Fluor und angeblich auch Dysmenorrhoe erzeugt, 
Nach Herz- und IjeberafFektionen sind Blutungen und Hypersekretion 
der Uterusadiloimhaut ja. keine seltenen Ereignisse, Theilhaber hat 
deuieiitsprechende Krankengeschichten mitgeteilt und angegeben, dass 
man nicht selten die Beobachtung mache, daas Frauen, die im Winter 
bei sitzcTider LebeiiB weise in der Stadt an starken menstruellen 
Blutungen leiden, im Sommer beim Aufenthalt im Gebirge eine viel 
schwächere Periode zeigen. Der Zusammenhang zwischen Utema- 
blutungen oder einfacher Hypersekretiou der Utenisnmcosa mit 
chronischer Obstipation infolge Stase aller Beckenvenen ist sicher vor- 
hajiden und nach Gottschalk') köimen dauernde Zirkulationsstörungen 
zui- Endometritis fiingosa führen; er fand diese häufig kombinirt mit 
stai'ken Hämorrhoidalleiden. Doch sind solche Fälle zuweilen schwer 
zu beurteilen; denn wer will im gegebeneu Fall mit Sicherheit sagen, 
ob eine Endometritis hyperplastica auf eine aszendierende Infektion 
oder auf reine venöse Staae zurückzufuhren ist Hier kann man sich 
selbst bei genauester Beobachtung nur innerhalb der Grenze des Wahr- 
scheinlichen bewegen. 

Daas auch umgekehrt Erkrankungen der Genitalien direkt zu 
Koprostase mit ihren Folgeerscheinungen führen können, zeigt die 
tägliche Erfahmng. Tumoren im Douglas oder eine kongenitale 
Beckeiiniere können so eingekeilt seüi, dass sie das Rektum kompri- 
mieren. Ein grosses pai'ametritisches Exsudat im retrozervikalen Gewebe 
vermag — vrie schon angegeben — das Rektum bis zu Ileus- 
erscheinuiigen abzuknicken. Ein retroflektierter Uterus, besonders wenn 
er fixiert ist, kann auf den Mastdarm drücken uud auf dem Umweg 
über schmerzhafte Defäkation die Danntätigkeit hemmen. Auch vor 
dem Rektum liegende deszendierte und vergröaserte (Ovarien oder 
pelveoperitonitische Adhäsionen erzeugen Schmerzen bei der Verschiebung 
der Beckenorgane und der Stränge durch die Passage der Kotsäule. 
Aber ganz unkomplizierte mobile Hetroflexiouen vermögen diese Er- 
scheinungen ebensowenig herbeizuführen, wie beispielsweise die Füllung 
der Rektumampulle im intrauterinen Leben die De.xtrotorsiou des 
Uterus bedingen kann. Das zeigt schon der Umstand, dass nach 
Reposition des Uterus die Obstipation häufig nicht gebessert wird. 

Eine weitere Beziehung zwischen den weiblichen GenifcUorgauen 
und dem Dann ei-wähnt C. v. Wild^: die Tatsaclie, dass jmige 
flauen auf der Hochzeitsreise recht häufig eine plötzlich auftretende 

Arehiv f. Gynäkol. 50 Bd. p, 428. 

*) Die VerJiütang u. Behandlung der clironiachen Verstopfung. Halie 1904. 




— 188 — 

liartiiäckige Verstopfung bekommen, erklärt er durch die arterielle 
Hyperämie und Stauung iii den Genitalorganen, welche als Zirkulations- 
hindemis lähmend auf deu Daj-m wirkt. 

Die häufigste Ursache für chronische Obstipation ist al)er nicht 
in pathologischen, sondern in physiologischen Verhältnissen des Grenital- 
apparats zu finden : deuu «ine grosse Zahl der Frauen mit Darmatouie 
datiert dereu Erscheinungen auf ein Puerperium zurück. Ausser den 
ungenügend funktionierenden, stark gedehnten Bauchmuskeln mag in 
zweiter Linie dem Blutverlust bei der Geburt, der längeren Ruhelage 
und blanden Diät in den ersten Wochenbetttagen, nach v. Wild auch 
der Veränderung der Zirkulationsverhältnisse im Abdomen die Schuld 
an dieser Obstipation zukommen. 

Nach Moraller') sollen auch chronische Magenstörungen lang- 
dauernde AmenoiThoe erzeugen können. 



Dl« Br- Die Erkrankungen der Genitalien und des Magendarm- 

1« Q*Bi°kanals können auch Koeffekte einer und derselben Ursache 
«jfcgen-sein. Diese ist in einer Erschlaffung der Bänder der in der 
iKgöffrtteßauclihJihle gelegenen Organe, in allgemeinen Verände- 
isnBiben rungen des Nervensystems oder in einer veränderten Be- 
"'" '' schaffenheit des Blutes zu suchen. 

Ein typisches Bild fih- die erste Kategorie liefern die so häufig in 
der Klinik Hilfe suchenden Frauen, die an Hängebauch, Splancbnoptose, 
Descensus vaginae, Ketroflexio uteri mobilis, Metritis infolge von Stauung 
oder Entzündung, Buptura perinaei inveterata, an Beschwerden am 
Magen, dem Herzen imd oft allgemeinen nervfisen Klagen leiden. In 
solchen Fällen ist in der H«gel die im Ansschluss an ein Wochenbett 
oder an schnelle Abmagerung entstandene Nachgiebigkeit der in ihrem 
Tonus herabgesetzten Bauchmnskulatur die Ursache der Erschlaffung 
der Befestigungsbänder und des Herabtretens aller oder einzelner Organe 
der Bauchhöhle. Es entstehen Dislokationen der Niere, der Leber, des 
Magens und Darms und des ganzen Gtenitale, und in einem Teil der 
Fälle sind es die der Gastroptose und Atonia ventriculi und der Ben 
mobilis entsprechenden Erscheinungen, zum andern Teil reflektorisch 
von den Genitalien aus oder dmrh Zerrung des Peritoneums ent- 
standene Magenneurosen, die das Idmisciie Bild beherrschen. Welches 
von den einzelnen Organen reflektorisch die Magenerscheinungen er- 
zeugt, ist nicht immer genau anzugeben. Sicher aber bedeutet für die 
Auslösung dieser letzteren die Wanderniere ein hervorragendes Moment 



■) Zentr. {. Gyn. 1904. p. 116. 



Diese Anschauungen wurden mir von Tag ku Tag plastischer, seitdem ich 
in fast jedem Fall aufSerikuiig der Niere untersuchte. Doch geht Lindner') 
wohl etwas zu weit, wenn er sagt: sdass der grüaste Teil der Magen- 
störungen und ein sehr grosser Teil der habituellen Verstopfung bei 
Frauen des jüngeren und mittleren Ijebensaltera vor den Jahren der 
biSsartigen Neoplasmeu auf rechtsseitiger Wanderniere beruht*. Hier 
kann ich auf die Magenbeschwerden, über welche die an Wanderniere 
leidenden Frauen klagen, im Detail ebensowenig eingehen, wie auf das 
grosse Gebiet der Pathologie der Splanchnoptose, Die dysireptischen 
Beschwerden hei Ben mobilis können denen hei genital ausgelöster 
Magen neurose völlig gleichen. Zuweilen aber treten sie nach dem 
Genuss blähender Speisen — analog gewissen Her/sensationen bei ge- 
fülltem Magen — besonders bei Frauen auf, die nach Tisch wieder 
arbeiten müssen. Hier drückt der volle Magen auf die Nieren und 
die Dislokation dieser erzeugt reflektorisch Magenl)escliwerden. 

Die Erkrankungen der Genitalien und des Magens können auch 
eine gemeinsame zentrale Ursache im Nervensystem haben. 
Wir kihuien ja eine zentrale Hysterie und eine allgemeine Nem-ose 
unter jenen Nervenerkrankungen unterscheiden, die wir allgemein als 
Neuropathien bezeichnen. Durch die Beschwerden bei der Bplanch- 
noptose oder durch irgend einen anderen peripheren Heizherd: eine 
hysterogene Zone, auch durch fehlerhafte Ausübung der Kobabitation 
kann das Nervensystem in einen Zustand dauernder Labdität gebracht 
werden, aus dem es in den Normalstatua zuweilen nicht mehr zurück- 
kehren kann. Es ist datm aus der Keflexneuroso, vrio man gesagt hat, 
eine Reflexhysterie und aus dieser eine zentrale Hj'sterie geworden, oder 
mit anderen Worten : der kraiddiaitc Zustand des ZentralneiTensystems 
hat sich von einem pathologiscli veränderten peripheren Organ aus 
entwickelt. Treten bei solchen Frauen schon geringe Veränderungen 
irgendwo in der Peripherie des Körpers auf, z. B. die Torsion einer 
Ren mobilis, vorübergehende stärkere Blähung des Kolon, Exazerbation 
einer Metritis, Diätfehler etc., so kaim die Stelle des Reizes die 
Äusbrudispfoi-te für die abnorm gesteigerten Reizeffekte des fiinktionell 
erkrankten Zontnims werden. Es ist aber auch möglich, dass bei 
zentraler Hysterie die Wirkung sich an einer anderen Stelle äussert 
als da, wo der Reiz ansetzt So kejme ich einen Fall, der von den 
Internisten als zentrale Hysterie gedeutet worden ist, in dem ein tubaror 
Pruchtsack reflektorisch Dannkoliken und heftige Diarrhoen auslöste. 



k 



I) „Über die 'Wandenuere dor Franon" Berlin 1888. 



- 190 — 

Iti anderen Fällen ist freilich der Zusamnieuliang zwischen GJenit^- 
erkrankuiig, Hysterie und beiepiels weise spastischer Kontraktur der 
Darmniuskulatur weniger deutlich. 

Ancb der „crises clit«ridiennes", jener anfallsweiae auftretenden, 
mit Wolluatgefülüen verbundenen Hyporsekretion aus dem Grenitale, und 
der gustrischen- und Dannkrisen bei Tabes dorsalis ist hier zu ge- 
denken. Auch an die Basodowsclie Krankheit ist zu erinnem, welche 
einerseits zu einem heftigen, nicht selten unstillbaren Erbrechen oder 
zu Durchfallen — beide anfallaweise auftretend — , andcrerseita zu 
atrophischen Zuatänden an den Genitalien und Brüsten führt — wahr- 
scheinlich, wie viele aimehmen, infolge einer Störung in der Punktion 
der ScbilddriisQ im Sinn der Miibiusschen Theorie. Es ist anzunelinieii, 
dass die Magendarmsymptome hier auf Heizung des Zentralnervensystems 
durch toxische Substanzen, die im Blute kreisen, lieruben und als Ver- 
suche des Or^ajiismus anzusehen sind, das Gift zu eliminieren. 

Manche Erscheinungen am Magen und den Genitalien 
haben als gemeinsame Ursache eine veränderte Beschaffen- 
heit des Blutes. So kann eine zur Zeit der Pubertät auftretende 
Chlorose dyspeptische Erscheinungen und eine sogenannte dyskrasiacbe 
Endometritis: eine reine Hypersekretinn der Uteinisschleimliaut, erzeugen. 
Das sind jene Fälle von eiidacher Endometritis bei jungen chiorotischen 
Mädchen, bei denen Masturbation und Kohabitation und eine gonorr- 
hoische Infektion dui-ch Gebrauchsgegenstände ausgeschlossen werden 
können, bei denen die Hyperseki'etion des Uterus ohne jede 
Fjokalbehandlung bei Hebung des allgemeinen Zustandes und Bessening 
der BlutbeacliafFenhcit verschwindet Nicht selten aber geben solche 
Patientinnen Magenbeschwerden an, die mit oder ohne objektive Unter- 
suchung auf ein chronisches Ulkus zu beziehen sind. So kommen 
Mädchen vor dem 20. Jahr ziemlich oft mit der Angabe über Fluor, 
Unterleibsschmerzen. ui\regelmässige, starke, verläugeite Periode, Sod- 
brennen, Magendrücken, Erbrechen; die objektive Untersuchung weist 
einen Hämoglobingelialt von 50 — 70 "/o, eine Endomehntis catarrhalis 
und eiii Ulcus clironicum venüiculi nach. Hier ist häufig die Chlorose 
primäi-, das Ulcus und die Endometritis sekuni^. 

Es kami endlich auch sein, dass die Y er an deru n gen am 
Uterus und den Adnexen ganz unabhängig von einer Magen- 
erkrankung auftreten. Solche zufälbge Kombinationen führen die 
Frauen bald zum Gynäkologerk, bald zum Internisten. Die Magen- 
erscheinmigen siiid entweder auf irgend eine organische Erkrankung 
am Magen: am häufigsten wohl auf Ulcus und Gastritis, oder auf 



- 191 — 

Neurasthenie zu bezielicii. So kaim es sich um jene eexual-neurastheiiisch- 
dyspeptische Individuen handeln, die nach Roseiiheim^ nicht selten 
an Erbrechen leiden, und wir finden an den Genitahen indifferente 
Veränderungen. Häufig ist auch eine Cholelithiasis die Ursache der Magen- 
beschwerden bei gleichzeitiger Metritis etc. Solche Fälle kommen fast 
täglich in Behandlung. 

Eine ganz neue und merkwürdige Beziehung zwischen Magen- 
schmerz und Dysmenonhoe hat Wilhelm Pliess ') aufgedeckt, als er 
zeigte, dass beide von Veränderungen an einer dritten entfernten 
Lokalität: der Nase, abhängen können. Es gelang ihm „mit der 
Sicherheit des Expenmenls", wie er angibt, reine Magenneuralgieen 
dui-ch Kokai'nisiemng odor Exstirpation des vorderen Drittels der mittleren 
Muschel, der sog. „Magenschmerzstelle", vorübergehend oder dauernd 
in 8 Fällen zu beseitigen. Es ist bekannt, dass die Fliessschen 
Mitteilungen Verwunderung und Kopfschütteln erregten, aber auch in 
einer Klinik wie der Chrobakschen eilolgreiche Nachprüfiing fanden. 
Der Zusammonbang zwischen Magenneuralgie und Dysmenorrhoe ist 
dadurch aber nicht ganz aufgeklärt, und es scheint mir möglich, dass 
die bei der Menstruation nachgewiesene BlutthTickstei genin g Blut- 
überfüHungen bedinge, durch welche Keizzustände am Genitale, dem 
Magen, den Muscheln, der Thyreoidea, kurz an Organen entstehen, die 
zu dem Blutgefäsaystem und somit zu dem symi)athi sehen Nerven- 
geflecht engere Beziehungen haben. 

Als Motto der Diagnose, welche — was die gegenseitigen Be- r 
Ziehungen zwischen Genitalien und Magen-Darmkanal anlangt — oft ''J 
überaus grosse Schwierigkeiten bereiten kaim, möchte ich hervorheben, ' i 
dass nur bei strenger Individualisierung ohne jedes Schematisieren und " 
nach Feststellung der Reihenfolge, in welcher die Magen-Daimkanal- ' 
Genital-Syniptome sich einstellten, eine von den Genitalien verursachte 
ßeflexneurose des Magens oder Darms erkannt werden kann. Das 
bedeutet eine Einengung des vagen Beging des vermeintlichen giMsson 
Gebiets genitaler Reflexneuroseu, der schon zu feste Wurzeln gefasst 
hat Häufig lässt sich nur per exclusionem oder nach dem Erfolg der 
Therapie eine sichere •Diagnose stellen. In jedem Einzelfall müssen 
wir uns die vier Fragen vorlegen; sind die mit einem Genitalleideu 
kombiniei-ten Magen-Darmsymptome abhängig vom Genitalleiden, sind 
beide Uraache einei" gleichen Wirkung, finden sich beide nur zufällig 



') Pathot. u. Ther. d. Krankh. i 
') Wiener klin. Rundflchau. 



Sp.i, 



röhre u. d. Mii^ens. 



, j). 516. 



— 192 — 

und unabhängig von einander, «der ist fiü- die Erscheirmugen am 
Genitale eine Verändenuig des Darmk^ials verantwortlich zu machen. 
Der Gynäkologe kann erst den allgemeinen Status auftiehraen oder, 
was mehr geübt wii-d, aber wohl weniger empfehlenswert ist, zuerst den 
gynäkologischen Befund — das ist an sich im Grande genommen 
gleichgültig, wenn man nur alle Organsysteme des weiblichen Koqiers 
untersucht und sich bemübt, die Ergebnisse in entsprechender Weise 
zu verwerten. Manchmal treten bei Hebung einer Retrotiexion, bei 
Kompression oderDehnung einer Narl>e oder der sacro-uterinen Ligamente, 
oder bei Di-uck auf die Ovarien monieiitaiio Erscheinungen dos Magens: 
Äuistossen, Übelkeit, Magenkrämpfe, Magendruck anf. In gewissen Fällen 
ist auch der lltenia zu sondieren zui- Prüfung der EnipHndlichkeit der 
Schleimhaut Am schwieligsten ist die Entscheidung darüber, welche von 
einer nachgewiesenen Summe imthologischer Veränderangen den Reflex 
auslösen; handelt os sich doch häufig um mehrere Residuen abgelaufener 
EntzUnd nngsprozesse. 

Vor allem ist die Untersuchung aller Ähdominalorgane vor- 
zunehmen und besonders auf Ulcus ventriculi, Cholelithiasis. Splanchnoptose 
zu achten. Auch an die kleinen Hernien der Linea alba muss man 
denken, bei welchen durch Eintritt eines Fettzipfels des grossen Netzes 
in die kleine Brucbpforte bei der Peristaltik des Magens . Magen- 
schmeraen und Zemmgserscheinungeu auftreten. Bei der Untersuchung 
dos NeiTensystems sind Sehnen- und Haub'eflexe, Sensibilität u. s. w. 
und alle hysterischen Stigmata zu prüfen. Nun erst wird nach Ans- 
schluss aller orgaiiiachen Leiden in vielen Fällen die Entscheidung 
möglich sein, ob eiue allgemeine Nem-ose oder eine Magen -D arm nenroso 
vorliegt 

Für die Diagnose einer zentralen Ursache — wir folgen hier 
besonders Theilhaber — sprechen: 

1. Vorhandensein eines der ätiologischen Momente der Hysterie: 
neuropathische Belastung, verkohi'te Erziehuug und Lehensweise, 
Masturbation, überatandene schwere Krankboiteu, protrahierte 
Laktationen, rasch auf einander folgende Schwangerschaften. 
Auch Infantilismus: enge Aorta, bypoplastischc Prozesse a» den 
Genitalien, Beckenniere u. s. w. weisen auf eine angeborene 
Schwäche des Nervensystems hin. 

2. Vorhandensein der Neurose vor dem Gonitalleiden. 

3. Zunahme der Beschwerden nach Aufregungen, oder nach nur 
ganz leichten köiperHcheu ErschUtterunjijen. 



— 193 — 

4. VerschwiJiden der Neurose nach freiidigen Erregungen. 
6. Fortdauer der Neurose nach erfolgreicher gynäkologischer Be- 
hiiiidluiig. 

Fiir die Diagnose auf RfHexneurose spivchen: 

1. FriilipiT Gesundheit 

2. Auftreten der MagenbeschwerdeTi zugleich mit Beschwerden von 
Seiten der Beckeiiorgane oder wenigstens sehr bald, nachdem 
diese letzteren in Eracheinung traten. 

3. Esazerbation dieser letzteren kurz vor oder bei der Periode, also 
z. Zt eines Kongeetionszustandes des Genita.lapparates. 

4. Momentanes Auftreten von Magen erscheinungen bei Berührung 
der kranken Stelle im Becken. 

5. Besserung oder raomontanPB Aufhören der Magenerseheinungen 
nach Heilung der gynäkologischen Erkrankung. Doch ist damit 
nieht immer bewiesen, tlass die Magenbeschwerden allein auf das 
Genitale zu beziehen waren. 



Auch bei der Therapie ist unbedingt zu individualisieren. Bei Therapie 
sehr sensiblen Frauen mit gleichzeitigen Magen- und Genitalsymptomen ^^^^^ 
ist eine gyiiäkologische Behandlung wohl besser zu unterlassen, weiui "**^_*™' 
dieselbe nicht notwendig erforderlich ist und die Patientin sich dagegen Q,nft",[gu 
ene^sch sträubt, Demi es kommen nicht selten Eälle vor. in welchen 
durch die Aufregungen bei den häufigen Manipulationen: bei l'tenis- 
spülungen, bei Massage, bei der Belastungstherapie das Nervensystem 
nm- noch melir erschüttert wird. In solchen Fällen sind Bäder mid 
höchstens Scheiden- und Mastdannspülungen im Bett — also nicht 
auf dem oft so gefürditeten üntersuchungsstuhl — angezeigt, vor allem 
aber die Behandlung der Neuraäthenie und Hysterie durch Kräftigung 
des Körpers, durch die so beliebte „allgemein roborierende Behandlung", 
MastkureTi, Hydrotherapie, Ruhe und Landaufenthalt, Suggestion, 
Freiliegekuren u. s. w. Bei Erfolgen dieser Therapie ist die gynäko- 
logische Behandlung, die in allen übrigen Fällen im Verein mit der 
Behandlung der Neurasthenie primär indiziert ist, vorzunehmen. leb 
kaim aber hier ebensowenig die Indikationen für die Therapie bei den 
einzelnen entzündlichen Eriü'ankungen von Uterus und Adnexen, 
Beckenbauchfell und Beckenbindegewebe, wie die Thempie der Magen- 
beschwerden besprechen. Hen'orheben möchte ich nur, dass die doch 
noch manchmal zu findende Anschauung, dass der Gynäkologe bei 
Reflex] leurosen . deren Herd im Ovarium angenommen wird, die 
Kaati-ation auszuführen pflege, längst nicht mehr richtig ist. Dieser 




- 194 — 

otaiidpunlct getört der Geschichte an. Heute vertritt die Mehrzahl 
der Gynäkologen die Meinung, dass entzündliche Prozesse am inneren 
Genitale, speziell die entzündlichen Adnextuinoren, möglichst lange 
konservativ zu behandeln sind. Erst hei aushleihender Besserung 
vfird i-adikal vorgegangen; dann aber sta,tt der schrittweisen Entternuug 
erst der einen, dann der andern Adnexe und zuletzt des Uterus in 
der Regel gleich heim ersten Male das ganze iimere Genitale entfernt, 
weil man durch zahlreiche Beobachtungen hervorragender Operateure 
erfahren hat, dass erst Ruhe eintritt nach Exstirpation auch des letzten 
kleinsten Entzündungshenles. Nur dünn, wenn zweifellos sichergestellt 
ist, daas durch Konipiession eines Eierstocks Magenbeschwerden hervor- 
gerufen werden unabhängig von jeder Therapie, wird man in ganz 
exzeptionellen Pallen nach genauester längerer Beobachtung und Be- 
handlung die einseitige Oophorektomie — denn dann bandelt es sich 
eben immer um ein entzündetes oder durch dauernde Kongestions- 
zuatände chronisch induriertes Ovarium — vomehmon diüfen. 

Viel Geduld erfordert oft die Behandlung der Parametritis posterior 
chronica, die ganz gewiss für den Magen-Dannkanal und das Nei-vensystein 
grössere Bedeutung tat als man im allgemeinen annimmt mid die recht 
häufig — wie W, A. Freund sogar annimmt, sehr oft — die Hysterie 
auslöst, A. Müller ') hat in hochgradigen Fällen von Rektalstenose 
durch chronische Parametritis den Darm bei ruhigen Patienten sondiert 
Paul Brijse ') fühi-te die hohe ventrale Fixation des Tltenis aus. um 
die Blutzirkulation in den Racro-nterinen Ligamenten zu betäsern. Aber 
beide Verfahren düritcn ebenso wenig Sympathien finden, wie In- 
jektionen von Kokain oder Moqthium in das retrocervikaleGewebe. Es führt 
kein anderer therapeutischer Weg zum Ziel als die Erzeugung fluxionärer 
Hypemmie in den Ligamenten i-esp, der Wechsel von Hyperämie 
und Anämie, oder als die Dehnung der Bänder. Warme Rektalklysmata, 
heisse Pemianentimgationen der Vagina, Soolsitzbäder, Bel.istung durch 
Schrot- Kondoms oder Quecksilberkolpeurynther, Mitssage von der 
Vagina oder dem Rektum ans, Heissluftapparate, Ichthyolglycerintampons ' 
oder Ichthyolsuppositorien u. s. w. zur Lindenmg der Schmerzen, erreichen ■ 
diese Ziele — al)er erst dann, wenn die entzündlieho Ursache der 
Parametritis im Rektum einerseits, in Vagina und Uterus andererseits 
. beseitigt ist. Zu alle dem gehört oft eine unendliche Geduld hä 
moiiatelanger Buhan<llung. 



') 1. c. 

») Zeitsfhr, f. Geb. ii. Gjii. 4Ö. Bd. 1901. p. 



— 195 - 

Eine hervorragende Rolle spielt die Prophylaxe 
Therapio der Obstipation. Vor allem ist die Erschlaffung der 
vorderen Bauchwaiid im Wochenbett möglichst 
durch ganz festes Einwickeln des Baucbes in 
Woc.heiihettbinden, ein Verfahren, mit dem man gleich nach Aufhören 
der Nachwehen bei joder Wöchnerin beginnen sollte. Diese Binden 
können bei Neigung zu Hiitigebauch durch leichte, aan kaum dehn- 
barem Stoff hergestellte Bauchbinden nach dem Äufeteheii der Wöchnerin 
ersetzt werden. Binden aliein wei-den aber nichts vermögen ohne ziel- 
bewusat ausgeführte Gymnastik, welche in jedem Fall vorgeschrieben 
werde» sollte, falls ungenügende Involution des Uterus, frisch vorheilte 
Dammrisse oder entaündliche Äffektionen der Genitalorgano keine 
Kontraiiidikation abgeben, v. Wild hat neuerdings wieder mit vollem 
Recht den Wert der GjTnnastik bei Wöchnerinnen betont: schon 
vom 8.— 10, Tag ah liisst er, etwa 3 mal täglich 10—20 mal, den 
( Jberköqjer aus der Horizontallage ohne Zuhülfenahrae der Extremitäten 
bis zur Senkn'chten erheben und ihn dann ebenso langsam wieder in 
die Hacbe Lage zurücksenken. Einen Widerstand liisst er durch 
Entgegen stemmen oinor Hand der Hilfsperson gegen die Stirn der 
Wöchnerin einschalten. Auf diese Weise kann man nach v. Wild 
eine vollkommen normale Bauehrauskulatiir erzielen. Der Wert dieser 
gynni astischen Übungen ist in der Tat nicht hoch genug anzuschlagen, 
und es lässt sich, wie ich glaube, durch Kombination entsprechender 
Binden mit Gymnastik, bei gleichzeitigem Abwaschen des Ab- 
domens mit kühlem oder warmem, mit Essig versetztem Wasser die 
Splanchnoptose und TJarmatonie wesentlich einschriinken. 

Bei der Behandlung der Obstipation sind Abführmittel zu 
widerraten. Reichliche Flüssigkeitszunahme, Pumpernickel, Grahambrod, 
nicht durchge-Bchlagene Suppen, zellulosereiche Gemüse, wie Bohnen, 
Erbsen, Linsen u. s. w. sind oft imstande, nach Alilauf mehrerer 
Tage die Darmtätigkeit zu regeln; doch ist diese Diät durch genügende 
körperliche Bewegung in freier Luft, oder — falls das nicht möglich ist 
— durch die von Erb iL a. zur Anregung der Darmtätigkeit empfohlene 
Galvano-Fai-adisation oder durch Bauchmassage zu unterstützen. Diese 
letztere scheint mir aber in der Regel nur für kurze Zeit zu nUtiien; 
sie muss in all den Fallen, iji denen die Ovarien odei' die Jloocoecal- 
gegend in einem Reizzuatand sich befinden, sehr vorsichtig ausgeführt 
werden. Auch die Fleinei-schen Ülklysmata oder geeignete Brunnen- 
kuren können für einige Wochen ertblgroich in Aktion treteti. 

Appetitlosigkeit ist durch Orexin, TincL amar. oder Chinae 



I Appe 



13" 




— 196 ^ 

compos., gewürzte Speispii. Koiidnrangodfkokt «. s. w. zu l 
und verschwindet oft sehr sdinell nach Besaenuig der genitalen 
AfFelttion, bei Bewegung in frischer Luft, durch Vollbad, durch Massage 
der Extrem itilteii. 

(regen die Magenschmerzen leisten Ruhelage, heisse Kataplasmen 
aus Leinsamenmehl, heisse Fangoumschläge. Wisnmt-Änäathesin oder 
KodeVn innerlich gute Dienste. Der oft die heftigsten Beschwerden 
und zuweilen grosse Aufregung verursachende Kuktus von Magen- 
gaaon wüyI durch die gleiche Behandlung, durch KamiUen- oder 
Kümmeltee per os und rektal beseitigt In schweren derartigen Fällen, 
wie man sie zuweilen nach Tjaparotomien bei Nervösen beobachtet, 
hilft nur völhge Abstinenz von Speisen und Flüssigkeit für viele 
Stunden und Moiphium subkutan — dies aber dann meist mit einem 
Sehlag. 

Wir haben bisher hlos von den Beziehungen zwischen dem 
ITtenis mit Adnexen und dem Magen gesprochen, die besonders auf 
. nervfisen Bahnen, vielleicht auch durch das Blut vennittelt werden. 
Es gibt aber auch einen Konnex, welcher vorzugsweise auf dem Weg 
der Ljinphbahn, seltener auf dem der Blutbahn erfolgt: die Aus- 
breitung des Karzinoms und das gleichzeitige Vorkommen von 
Krebs des Eierstocks oder des l'terus und des Magen- 
Darmkanals. 

Bis vor wenigen ■lahi'en wurde die .,Kombiuation" von OvariaU 
und Magenkarzinom — wie wir zunächst einmal sagen wollen — nicht 
häutig beobachtet. In letzter Zeit aber mehren sich die Mitteilungen, 
die zum grossen Teil die Darlegung Ijezwecken, dass das doppelseitige 
Kaiv,inom des Ova.riums viel häufiger metitstatisoh nach primarejn 
Magen- oder Darmkarzinom erfolgt, als man bisher angenommen. Be- 
sonders Schlagenhaufer verdanken wir diese Ijehre. 

Wenn wir unter Metastase auf dem Ljnnph- oder Blutweg die 
mechanisclio Verschleppung der in den Lymph- oder Blutstrom gelangten 
Geschwulst-Elemente, unter Implantations-Metastaae oder bessw 
unter Implantation eine direkte Uberti-agung von Oberfläche zu Ober- 
fläche, und unter Kombination von malignen Tumoren das gleidl- 
zeitige, aber unabhängig, von einander aufbetende Entstehen zweier 
Tumoren verstehen, so ist die Frage aufzuweifen, in welchem Sinn wir 
das gleichzeitige Vorkommen von malignen Ovarial- und Magentumoren 
aufzufassen haben. 

Pfannenstiel hält es für „sehr wunderbar, wenn gerade nur 
die beiden Ovarien von den im Blut kreisenden Karzirumzelleu" be- 



— 197 - 

troffen würden; er macht aufmerksam auf den zuweilen langen Zeiti'auni 
— bis zu 9 Jalu«n — zwischen der ersten und zweiten Karzinom- 
erkratikung, auf die liistolügißch ungleiclie Struktui- beider KaraiTiom- 
herde uiid nimmt eine Disposition des Individuums zu Gescbwulst- 
ent Wicklungen an. Eine Kombination von karzinomatösen Tumoren an 
verschiedenen Körperstellen zugleich ist allerdings einige Male in 
Fällen, wo eine Metastasierung auszuschliessen war, beobachtet worden, 
aber immerhin ist die Disposition zu maligner Degeneration zu gleicher 
Zeit in vei'schiedeneri Organen eine recht seltene und kommt nur an 
der Haut häufiger vor, z. B. bei der Epitheliombildung nach beider- 
seitigem Ulcus cruris oder Lupus. Daraus folgt, dass bei der Häufigkeit 
gleichzeitiger Magen- und Ovarialkarzinome eine Kombination höchstens 
füi' ganz vereinzelte Falle Geltung haben könnte, etwa dann, wenn 
viele Jahre, vielleicht ein Jahrzehnt nach der Exstirpation eines Ovaiial- 
Kai-zinoras ein Magenkrebs autlritt. Lamparter kann sicher nicht 
recht gegeben werden, wenn er in seiner Dissertation bei 5 Fällen von 
„Kombination von Ovarialtumoren mit Magen karzinom-' jedesmal eine 
gleichzeitig in verschiedenen Organen vorhandene Neigung zu maligner 
Degeneration annimmt 

Es kann in der Regel nm- eiue Metastase eines primären Magen- 
karziuoms auf die Ovarien oder umgekehrt eines einseitigen, primären 
Ovarialkarzinoms auf das andere Ovarinm und den Magen möglich 
sein. Da aber der Magen eine äusserst geringe Neigung zur Bildung 
einer Metastase nach primärem Krebs anderer Organe zeigt, bleibt für 
die grosse Mehrzahl der Fälle nur die Möglichkeit einer Ovaiial-Metaatase 
nach primiirem Magenkarzinom. Dafür spricht besonders die tlist stets 
beobachtete Doppelseitigkeit solcher Eiei-stocks-Karzinome, welche man 
fiüber freilich auch durch dii-ekte Infektion der einen durch die andere 
Seite via cavum peritonaei oder durch die Lyniphgefässe der Ala 
vespertiiionis und des Corpus erklärt bat — Modalitäten, die füi- den 
einen oder andern Fall wohl zugegeben werden müssen. Nur in ver- 
einzelten Fällen scheint der umgekelirte Modus: Metastasierung eines 
primären Ovaiialherdca, vorzukommen und zwar am ehesten nach 
karzinomatöser Degeneiation doppelseitiger papiiläi-er Ovarial-Cystome, 
Doch können auch auf Eieretockscysten Karzinom metastaseu sich an- 
setzen. Manzoni ') berichtete ülrer einen vielleicht iii dieser Weise zu 
deutenden F:dl: Eine karzinomatös degenerierte Ovariencyste wmtle 
durch Laparotomie entfernt. Zwei Monate spater wurde ein Karzinom 
am Pylonis diagnostiziert. Der Tod erfolgte im Anscbluss an eine 

>) Oiizz. med. lomb. 1897. 




Gastroenteroatomose. Bei der .Sektion fand sich ein hühnerei grosser 
Tuinor am Pylonis, Metastasen im Meaenteriuiu und miliare Knoten 
!in der hinteren Magenwand. — Soviel steht fest, dass immer Fälle 
bleiben werden, in denen über die Priorität dos Tumore niclits Be- 
stimmtes sich aussagen l^t. 

£ine Metastase im Sinne der Implantation auf djLs Keim- 
epiÜißl der Ovarien nahm wohl zuerst Bucher ') an, als er von 
direkter Infektion von der Peritonealseite aus i'edet*'. 

Müller 3) vertrat später dieselbe Ansieht. Er gewann l>ei der 
mila-oskopi sehen Untersuchung eines Ovarialkarzinoms nach Karzinom 
der Nebenniere den Eindruck, als seien die Karzinomzellen in das 
oberflächliche Lympli- resp. Venenkapillaraetz des Ovaiiums gelangt 
und von hier aus in dem Lumen weitergewandert Am entschiedensten 
vertrat E. Kraus ') in einer untei- v, Recklinghausen ei-schienenen 
Arbeit den Standpunkt, dass bei primärem Karzinoin eines Bauchorgans 
die metastasierenden Krebskeime direkt durch die Bauchhöhle der Ober- 
fläche der Ovarien zugetragen und hier eingeimpft wei-deii. V. Reck- 
lingliausen und Schlagenhaufer haben sich diesem Standpunkt 
angeschlossen. Nach Kraus ist die Vorstellung einer Metastasierung 
auf dem Weg der Lymphbahueu unhaltbar wegen der weiten Ent- 
iernung zwischen Magen und Ovarium, und wegen des Fehlens 
eines direkten Zusammenhangs zwischen dem Blut- uud Lymph- 
gefässapparat beider Teile. 

Kraus konnte in 5 Fällen das Eindringen der Geacbwulst- 
elemente von der Oberfläche her in das Innere des Ovariums ver- 
folgen. Denselben Einwanderungsmechaniamus beobachtete Glockner. 
Kraus suchte seine Annabme auf expeiimentellem Wege zu begründen. 
Er brachte eine Verteilung von Tuschekiirnchen in physiologischer 
Kochsalzlösmig durch Pravazsche Spritze in die Bauchhöhle von 
Kaninchen, tötete die Tiere nach 1 bis 3 mal 24 Stunden und iand 
tatsächlich, dass die oberflächlichen Ovarialschichten für diese corpusculareu 
Elemente, ja noch mehr: für die mit ihnen belasteten Wanderzellön, 
durchgängig waren: die Tusche fand sich zwischen dem Keimepithel 
und in den oberflächlichen Schichten des Ovariatstromas, hier teils in 
Leukozyten, teils frei in Bindegewebslücken liegend. Aber auch an 
diesen letzteren Ort war die Tusche, in Zellen eingeschlossen, nacfa- 
weisbai' früher gebracht worden. Kraus scbliesat aus seinen Ver- 



') „Beitr. z. Lehre v. Karainom". 
^ Arch, f. Gyn., 42. Bd., p. 403. 
B) MonutBaohr. f. Geb. u. Gyn., 14. Bd., 1901. 



Beitr. Bd. 14. 



suchen, dass auch zellige Elemente, a,uch die Karzinomzellen, in das 
Ovarialstroma durch die unversehrte Obei-flache hindurch eindringen 
können. Wir sind berechtigt mit Kraus wenigstens für den grösaeron 
Teil der Fälle die karzinomatüse Infektion von der Peritonealseite aua 
zu akzeptieren und ein nachher zu besprechender eigener Fall spricht 
ebenfalla zu Gunsten dieser Anschauung. Auch Gottschalk be- 
richtet über einen operierten Fall von einem primären Pyloruskarzinom, 
das sich ziemlich symptomloa entwickelt hatte und frühzeitig zu einer 
haselnussgrossen ganz oberflächlich sitzenden Metastase im rechten 
Ovarium geführt hatte. Er faast die Metastase im gleichen Sinne ent- 
standen aui. 

Andere Autoren stehen dagegen auf dem Standpunkt, dass das 
Ovarialkarzinom auf dem Weg der Metastase durch die Lymphbahn 
entstehe, und sie sehen als wunden Punkt der Krausscheu 
Implantationstheorie die Fälle an, in denen das Peritoneum über dem 
Primärtumor intakt ist. »Für die noch nicht bis zur Serosa vorge- 
drungenen Kai-zinome passt die von Kraus aufgestellte Art der Metastasen- 
hilduug« nicht — sagt Glockner; für sie rekurriert er zum retrograden 
Transport auf dem Lymphweg. Der Weg der verschleppten Karsinom- 
zellen vom Magen und unter Umständen auch vom Darm zum Eier- 
stock ist allerdings ein weiter, aber er ist, wie man Kraus entgegen- 
halten muss, denkbai': eben dureh retrogi-aden Trans^jort, Die 
Lymphgefäase des Magens sammeln sich retix)peritoneal und die retro- 
gastrischen Di-üsen stehen mit den Glandulae lumbales superiores. in 
die sich die von den Ovarien kommende Lymphe ergiesst, in direkter 
Kommunikation; von ihnen aus erfolgt wiederum retrograd die Ver- 
schleppung in den Eieretock hinein. Ein Grund, welcher gegen eine 
peritoneale und mehr für eine iymphogene Metastasierung sprechen 
könnte, ist der Umstand, daes das Ovarium nicht wie das Peritoneum ein 
Endothel, sondern ein Epithel tiügt In welchem Häutigkeitsprozentsatz 
die Iymphogene, die hämatogene und die durch direkte Implantation 
entstehende Metastasierung vorkommen, ist noch zu erforechen. Eine 
genaue Entscheidung ist nur zu treffen durch die Untersuchung von 
Ovarialraetastasen im ersten Beginn der Entwicklung, besonders bei 
scheinbar gesunden Eierstöcken von Frauen, die an Magenkai' 
verstorben sind. Auch die ratitipcritonealen Diiisen müssten miki 
besichtigt werden. Ein intaktes Peritoneum über dem Magentumor 
und das Fehlen einer miliaren ßauchfellkarainose werden eher gegen 
die Infektion von der Peritonealseite aus sprechen, mid das Ergriifen- 
sein der retrogaatriachen und lumbalen Drüsen für eine Metastasierung 



k 



— 200 — 

anf dem I^mphweg. Doch kann diese sicher auch ohne lambal« 
Drüse nach wellung erfolgen, analog dem llberspringen des Karzinoma 

uteri auf entfernte Drüse netivppen unter Fi-eilassuug der nächstgelegeiieu. 
Andererseits köiinen wohl Drüseiischwelluiigeii vorhanden sein und es 
kaiui doch z. T. die Infektion von der Peritonealseite erfolgt sein. — 
Es giebt aber auch Karzinome der Ovarien nach primärem Kai-zinom des 
ßektum und diese können wir nur dureh direkte Weiterwaiiderung der 
Geschwulstzeilen auf dem Weg der Lymphgefäsae des hinteren Beckeii- 
nellgewebes erklären. Glöckner u. A. haben dei-aiiigo Fälle mitgeteilt. 
Den Indikator für die MetHstasierung des einen auf das andere 
Organ bildet die histologische üntersuchujig. A priori müssen wir schon 
sagen, dass bei dem paUiologisch-histologisch verschiedenen Auf hau des 
primären Magenkarzinonis auch die Metastasen im Eierstock difEerent 
sein müssen; das umsomehi' als die pathologische Histologie lehrt, dass 
die Metastasen im allgemeinen je nach der Matrix des metastatisch 
ergriffenen Orgaus oder der Köi'perregion ein wenig verschieden sind. 
Auch dafi eigentümliche Stroma des Ovariunis ist je nach dem Alter 
der Frau Veränderungen unterworfen. Auf dem Boden dieser Voraus- 
setzungen stehend hat besonders Schlagenhaufer die in der litteratur 
beschriehenen Endotheliome des Ovariunis einer Kritik unterzogen mid 
in vielen der Fälle, welche als Komhiuation von Magen kai-zinom mit 
Ovarial-Endothelionj beschiieben wurden, das histologische Bild des 
letzteren als Kat'zinom gedeutet und in Beziehung zum Carcinoma 
ventiicuh gebracht. Wie schwer zuweilen die differentielle Diagnose 
zwischen einem Lymphangiosarkora resp, Endotbelsarkom und einem in 
den Lymphbabneu weiterkriechenden, besonders skin-bösen Karzinom 
ist, ist ja bekannt. Aber es liegt ausserhalb des Rahmens dieser Arbeit. 
die Frage nach der Deutung und der Berechtigimg der Krukenberg- 
schen Tumoren zu diskutieren, und die Auifassung der Endotheliome, 
die Wertigkeit der Endothelien mid Epithelien ^i besprechen. Es 
geniige der Hinweis darauf, dass jene Tuniorgattung, die F. Kruken- 
berg') zuerst als Fibrosarcoma ovarii mucocellulare caix!inoniatodes 
beschrieben, mid welche den Namen Krukeubergache Tumoren 
erhalten hat, von Sternberg als Endotheliome, von andern als Karzi- 
nome mit schleimiger Zelldegeneration aufgefasst wurden. Auch 
Glockner hat in 2 Fällen von sicher raetastasiei-tem Ovarialkarzinom 
nach primäi-em Mageidirebs da« Bild der Krukenbergschen Tumoren 
gesehen. Am eindeutigsten sind noch die Fälle von Gallertkarzinom 



') Aiiih. f. Gyn., ÖO. Bd.. p. 287. 



— 201 - 

der Ovarien, die fast stets als metaatatisch entstanden zu deuten sind, 
da dieser Geschwulsttypus primiir in den Ovaiieii üJacraus selten beob- 
achtet wird. 

Uns interessiert an dieser Stelle mehr das klinische Bild der 
inetastati sehen Ov Arialkarzinome, insbesondere soweit es sich auf 
den Magen be/ieht Für sie gilt der Satz, dass sio ihre Opfer in der 
Blute der Tabro zu überfallen pHegen. Olshausen beobachtete unter 
20 Jahren 4 Ovarialkarzinome, im 20. — 29. .lahre 12, im 30. — 39. Jahre 7. 
im 40. — 49. Jahre 12, nach dem 50. Jahi-e 13 Fälle von Ovarialkarzinom. 
Dagegen fand Danielsen') erst nach dem 30. und am häufigsten 
zwischen dem 40. mid 50. Jahr die Ovarialkarzinonie auftreten. Ver- 
gleichen wir mit diesen Angaben die von Schlagenhaufer auf gmnd 
von 71 aus der Literatur zusammengestellten und 8 eigenen Fällen 
von gleichzeitigen Magen- und Ovarialkarzinomen erhaltenen Dateu, so 
wai- 1 FaU mit 17, 1 Fall mit 18, 3 Fälle mit 20, je 8 Fälle miter 
28 und unter 30, 6 Fälle unter 35. 4 Fälle unter 40, 15 Fälle unter 45, 
8 Fälle unter 50 und nur 3 zwischen 50 und 61 Jahren. Demnach 
erkrankten 21 von diesen Patienten unter 3U Jahi'en und nur 11 jenseits 
des 45. Jahi'ea an gleichzeitigem Ovarial- und Magenkarzinom. Unter 
11 Fällen von metastatischem Ovarialkrebs, über die Kraus berichtet, 
waren die Ovarien nur einmal im 52. Jahr, 5 mal in den 40 er 
Jahreu und zwar stets vor dem 48. Jahr, 3 mal in den 30er Jahren 
und je einmal im 22. Jahr erkrankt. Unter 8 Fällen Glockuer's 
handelte es sich 3 mal um jugendliche Individuen vor dem 30. Jahr. 

Setzen vrir das 48. Jahr beiläufig als Grenze des Klimakteriums 
fest, BO ergibt sich aus den Schlagenhauferschen und Krausschen 
Zusammeustelluiigen, dass Ovarial- und Magenkarziuom gleichzeitig 
fast ausschliesslich bei Frauen zwischen der Pubertät und dem Klimak- 
terium zur Beobachtmig kommen. Daraus folgt, dasa eine conditio 
sine qua non für die Metastasierung in den Ovarien in deren Funktions- 
iähigkeit zu suchen ist, und dass ein senil-gescbrumpftes blutarmes 
Ovarium zur Äuthahme oder wenigstens zur Ansiedlung der Karzinom- 
zellen nicht fähig ist. In erster Linie mUsseu nach Kraus die zahl- 
reichen, nouo Kapillaren bildenden Blut- und Lymphgefässe des Eier- 
stocks und die mit dem Wachstum und dei- Reifmig der Follikel ein- 
hergehende Hyperämie und endlich die häufigen Läsionen der Eierstöcke 
heim Platzen der Graafschen Follikel für die unbeBchräukte Wucherung 
eines auf oder in das Ovaiium verschleppten Karzinomzelle nkomplexes 



L 



') nKrebsstatistik", Diae. inaug,, Kiel, 



verantwortlich gemacht werden. Das sind auch die Gründe, weswegen 
aus dem gleichen Verband losgelöste Karzinomzellen bei der ÄnBiedeliuig 
auf der endothelbedeckten Fläche des Peritoneum mehr fibröse zirkum- 
skripte Knötchen mit geringer Neigung zur Weiterverbreitung bilden, 
bei der Anheftung auf dem mit locker aufsitzendem Epithel versehenen 
Ovarium zu mächtigen Tumoren sich entfalten. In einem der Glock- 
nerschen Fälle fiel die Entstehung der Ovarialtumoren zeitlich mit dem 
Bestehen einer Gravidität zusammen, und G. sieht wohl mit Recht in 
derselben ein das rasche "Wachstum begünstigendes Moment. 



1 sekundärem Ovarialkarzinom nach 



Ich teile hier einen Fall i 
primärem Magenkrebs mit 

Es handelte sich um eine 37 jalirige Frau Gleich. Familien an um oese 
boUngloB. Menaiia seit dem 18, Jshr regelmässig alle 4 Wochen, 4 — 6 Tage oline 
Schmerzen anhaltend. Letzte Periode am T. März nur ganz Bchwacli und zwei 
Tage dauernd. Pat. hat 8mal spontan geboren; darunter S Fehlgeburten. 6 Kioder 
leben. Seit 6 Jahren Bchlechter Appetit, Magendrücken, Aufetussen, zeitweise 
Übelkeit. Seit 2 Jahren Verechlimmerung der Magenbeschwerden, aodaaa Patientin 
seit dieser Zeit fast ausBchlinsslich von Milch lebt. Seit fast einem Jahr zeit- 
weise Erbrechen von klumpigen schwarzen Maaaen. Vom Arzt seit 4 Jahren 
wegen „Mutteraenkung" beiiandelt. 

Status somaticus; Mittelgrosae kachektische Frau. Nirgends nscli- 
weisbare Drüaenschwellungen, In horizontaler Bettlage keine Oedeme. Sersi- 
aktion lebhaft, Puls klein, 100—120 in der Minute, etwas gespannt, Abdomen 
stark aufgetrieben; grösster Umfang 98 cm; freier Aszites. In der MageDgegend 
ein undeutlicher, harter, liöckriger, bei der Fi üssigkeitsaii Sammlung schwer zu 
umgrenzender Tumor fühlbar. Der Urin enthält reiclilicb Eiweiss. 

Status gynaecologicus: Genitale einer Multipara. Portio sehr tief, 
fast im Introitua; die vordere, ektropionierte Muttermundslippe ist in der klaffendon 
Vulva aiclithar und trägt Retentionszysten. Muttermund eine nach, vorne konkave 
Qnerspalte. Vorderes und ganz besonders hintere» Scheidengewölbe stark herab- 
gedrängt. Durch letzteres fühlt man einen kindsttopfg rossen steinharten hockrigen 
Turaor mit grosser Beweglichkeit, ziemlich langgestielt von der linken Uteru«- 
kante ausgehend. Corpus uteri in Retroflexions-Doxtroversionsstollung, Rechto 
Adnexe nicht vergröasert zu tasten. Magenuntersocliung wegen Widerstands 
der Patientin unmöglich. Diagnose: Tumor des linken Ovuriums. Wahr- 
acheiutioh Karzinom mit freiem Asaites, Doch wegen der auffallenden Hörte 
auch Fibrom oder Myom mnghch. Carcinoma ventriculi. Frage: Ob trots der 
Einseitigkeit ein metasta tisch es Uvarialkarzioom vorlieget 

14. März 1903 Ovariotomia sioistra per laparotomiam (Operateur: Goh. 
Hofrat V. Rosthorn). Nach Entleerung reichlicher rein seröser Aazilesflüssigkoit 
wird der derbe, bewegliolio, mit lang ausgezogenen Appendices epiploicue vor- 
iehene" Tumor an dem derben Stiel durch zwei Massenligaturen und einzelne 
UefäsBÜgaturen abgebunden. Uterus und Adnexe der andern Seite erscheinen 
normal. 



Am Morgen nach dem Operationatag untnr Erhreolien und MateoriBmus 
Anstieg der Temperatur bis auf 39,4. Abends 38,7. Am nüclisten Tag Abcnd- 
lemperatur von 39,5. Am dritten Tag p. op. 8,5 "j^ Albumen im Drin. Nacbm. 
4 Uhr p!ötzli(^licr Cullaps. Temperatur 40,0, Puls 160, Snphorie. SeDBorium Dicht 
ganz frei. Nachts 4 l'hr Exitus, 

AnatODLJEcho Diagnose : Trichterförmiges, ringartig infUtrierendee Carainoma 
pyluri mid Pytorusslcnuse mit DrOsenmetastascJi längs der Aorta. Tlirombose 
der V. spormatie» interna. TbroraboBtprt« Varicen der V. epcrmatica dexlru. 
Mjodogeneratio coriiis, Thriimbose von Asten derLungenarlerie. Lungen- 
ocdcm. Nephritis parenchymatosa, Mikroskopieche Biagnoso: Klein alveoläres 
Drüsentarzinom. Braune Atrophie des Herzens. Nephritis paronchymatosa. 

In dem rechten Ovarium fand ich einen kleinen von der Peripherie her- 
vordringenden Karzinomknutau, Die mächtige Kette der Eetroperitoiiealdrüsen 
war kantinomatös. 

Auch auf Ascites ist bei jedem OTarialkarzinom zu achten. 
Er entsteht bekaniithch nach Oishausen durch den mechanischen 
Reiz des Peritoneums von Seiten beweglicher Tumoren, nach Schauta 
durch mechanischen Druck auf die parametralen tiefässe. Schlagen- 
haufer glaubt, dass dem Aszites mehr Bedeutung beigelegt werden 
müsse, und dasa seine Entstehung vor allem auf eine bereits erfolgte 
Infektion des Peritoneums durch die primäre GeschwiUstmasse zu be- 
ziehen sei. Zugegeben auch, dasB in der Regel Aszites bei fixen oder 
wenig beweglichen Ovarialkarzinomen in einer disseminierten Peritoneal- 
karzinose seinen Grund hat, so kann er bei beweglichen Kai~zinomen 
ebenso durch die Theorien von Schauta und Oishausen seine Er- 
klärung finden. Auch bei anderen langgestieltan Tumoren ist ja 
i nicht selten. Ich habe im vorigen Jahr ein linksseitiges, laiig- 
lannskopfgrosaes, verkalkendes Ovarialmyom opeinert, das bei 
exzessiver Beweglichkeit bis in die Milz- und Liebei-gegeiid hinauf 
reichlichen Ascites erzeugt hatte. Auch in dem mitgeteilten Fall Gleich 
bestand Ascites. Durch die Einseitigkeit des Gvarialkai-zinoms war iu 
diesem Fall die Diagnose erschwert. Denn in allen neueren Arbeiten 
lesen wir. dass die Symmetrie der Ovainalkrebse den Vordacht auf 
Magenkai-ziuom erwecken müsse. Diese Vorstellung ist nach dem vor- 
liegenden Fall dahin abzuändern, dasa auch ausnalimsweise bei klinisch 
festgestellte!' Einseitigkeit einer büsartlgen Eierstocksgeschwulst eine 
Metastase vom Magen her vorliegen kann. Eine karzinomatüse In- 
fektion des zweiten Eierstocks kann sicher auch einmal bei der 
Metastasierung fehlen oder erst im mikroskopisch nachweisbaren Ent- 
wicklungs-Stadium vorhanden sein. 

Die Richtigkeit der Foi-denuig Ratherts: man solle nie doppel- 
seitige Ovarialki'ebse exstirpieren, bevor mau sich nicht durch die 



— 204 - 

Palpatioii des Magens davon überzeugt hat ob es sich etwa um 
Metastase eines Magenkrebses handelt, hat Rubeska dahin erweitert, 
dasB iiuch der Mageusaft und das Ei'brochene untei-suclit werden müsse 
— eine Forderung, die auch Schlagenhaufer aufrecht erhalt Ich 
möchte einen Schritt weitergehen und sagen: 

1. In jedem Fall von Erbrechen bei Ovarialtumoren ist nicht nar 
an Stieldrehung und peritoneale Adhäsionen zu denken, sondern 
auch an Magenkarzinom. 

2. Wir dürfen, ebenso wie wir heutzutage kein über die ersten An- 
fänge hinausgegangenes Uteruskaczinom ohne vorherige Cysto- 
skopie operieren, auch keinen singulären oder doppelseitigen, auf 
Malignität verdächtigen Ovarialtumor entfernen ohne vorherige 
Untersuchung des Magena durch Palpation und Perkussion, ohne 
vorherige Feststellung der sekretorischen Fmiktionen und ohne 
Beachtung der verschiedenen Drüsengruppen, welche heim Magen- 
und Ovarialkarzinom ergiiffen sein können : besonders der zervikalen, 
der supi-a^ und infraklavikularen und der inguinalen. 

Die Entdeckung eines Magenkaj-zinoms durch Befolgung dieser 
Prinzipien gereicht den armen, meist jugendlichen Frauen zweifellos 
zum Nutzen. Man wird oft bei grossen Ovarialtumoren einen kleinen, 
infolge seiner Topographie oder äwrch vorhandenen Ascites kaum er- 
kennbai-en Magentumor finden. Dann ist die Indikation zui- Operation 
eine ganz andere wie früher und an Stelle der Indikationsfrage zur 
Ovariotomie treten die Fragen: ob ein metaatatisches Ovarialkarzinom 
nach primärem Magenkrebs überhaupt noch operiert werden soll, ob 
die Pylorusresektion oder die Gastrojejunostomie mit der doppelseitigeii 
Ovariotomie zu verbinden oder ob, der Patientin ziu- Erleichtemng und 
zum Ti-ost oder zur Sicherung der Diagnose, nur Probelaparotomie 
mit Ablaasung von ev. vorhandenem Ascites vorzunehmen ist. Die Er- 
fahrung des einzelnen Operateurs kann diese Fragen allein entscheiden. 
In Fällen von einseitigem Ovarialkarzinom müssen wir prinzipiell 
auch den anderseitigen Eierstock enttenien, weil wir au ihm mikroskopisch 
ebensowenig eine beginnende karziiiomatöse Erkrankung erkennen 
können, wie bei der Exstirpation der iliacalen und hj-pogastrischen 
Drüsen bei der erweiterten Freund'schen abdominalen Totalexstirpation. 
Das lehrt unser Fall Gleich und einer der beiden Falle von Schmidt 
Die früher bei Karzinom der Ovarien stets vorgenommeiie Ent- 
fernung des Uterus ist dagegen bei nicht makroskopisch an demselben 
erkennbaren Metastasen nicht imbedingt auszuführen, weil eia 
Überspringen auf dem "Weg des Corpus sohl- selten ist und 



~~ 205 — 

'"!^t geschieht. Doch ist es. wie auch Glockner nei 
dings betont, in den Fällen von malignen Ovarialtumoren, die mit 
Genitalblutungen einhergehen, nötig, die ITreache derselben durch 
Probeabrasio vor der Laparofonue festzustellen, im Speziellen auf ein 
Karzinom der CoiTiussohleimhaut zu fahnden. 

Dass auch der Internist und Chirurg in jedem Fall von Magen- 
karzinom die exakte gynäkologische Untersuchung veranlassen muss, 
ist die schon von Schlagenhaufer aufgestellte logische Forderung 
dieser Betrachtungen. 

Noch in einer anderen Wei.se können Ovarialkarzinome wenigstens 
indii-ekt den Magen beeinflussen, wenn nämlich sekundär aus dem 
Omentum niajus grosse solide Karzinomtumoren entstanden sind, die 
durch ihr Gewicht den Magen herabziehen, an ihm zerren und seine 
Peristaltik beeinträchtigen. Ich habe mehrere solcher Fälle gesehen nnd 
opeiiei-t, doch auch solche, in denen trotz giusaer metastatiBcber Netz- 
tunioren alle Magen ei-scheinungen fehlten. In anderen Fillen kann 
durch Karzinose des Netzes Stenose des Kolon mit entsprechenden 
Erscheinungen erfolgen. 

Haljen wir oben hervorgehoben, daas dai gleichzeitige Auftreten g,. 
von Magen- und Ovarialkaivjnom recJit häufig ist, dass die Metastasiennig ^'^''„h* 
eines primären Magenkarzinoms auf die Ovarien mehr und mehr be-^M™^^ 
obachtet wird, so ist noch anzugehen, da&s — abgesehen von den ^'*^'^'' 
Fällen allgemeiner Bauchfellkarzinose — auch eine karzinomafme Er- 
krankung des ITtenis nnd des Magens gleichzeitig gefunden wurde. 
Dieses seltf'ne Vorkommen ist jedoch kaum nach Analogie des Karzinoms 
von Ovaiion und Magen zu deuten. Krönig') hat einen derartigen 
Fall von frühem Karzinom der Zervix bei gleichzeitigem Pylonis- 
karzinom mitgefeilt und zuerst die erweiterte Freundsche Operation zur 
Entfenning des karzinomat'isen Uterus, hei einer zweiten Sitzung die 
Gaatrektomie vorgenommen. Es trat glatt« Heilung ein. Dei-artige Fälle 
sind wohl in der Regel als eine Neigung des Individuums zu 
karzinomatöser Erkrankung an mehreren Stellen des Körpers 
zugleich aufzufassen: das Karzinom am Magen und das am Uterus 
sind zufällige Kombinationen. Die Metastasiemng eines Magen- 
karzinoms aid" den üteras ist nahezu ausgeschlossen, weil metastatische 
Tumoren im Uterus fast m"e zur Beobat4itung konmien, mid weil di(> 
auf dem Lymphweg retrogi'ad verschleppten Kai-zinomzellen vorher auf 
dem Filter des ovaiiellen Lymphgefässnetzes liegen bleiben dürflen. 



I) Monatflsclir. f. (Job, u. Gyn. 15. Bd, Hefi ö. ji. 



Auch eine Motastasicrmig eines primären ITteniskarziuoms auf den 
Mageil ist sehr eelteu und eri'olgt entsprechend der Gewohnheit des 
Ilteruskarainoms eret in vorgeschrittenen Stadien. Ich erinnere hier 
an Winters Pntersuchuiigen iin Virchowschen Institut: In 255 Fällen 
von ul/jirierton Utfruskarzinomen fanden sieh 24 mal ^ in Q^jn 
Metastasen in der Leber, 18 mal =: in 7"/o Metastasen in der Lunge, 
9 mal = in 3,5"/« Metaatasen in den Nieren und je 4 mal in Schild- 
driise, Darm inid Magen. 

So viel über die Beziehungen der weiblichen (renitalien 
zum Magen. Icli möclito aber die Arbeit nicht abschhesaen, ohne auch 
die Verhältnisse des Magens und Darms nach gynäkologischen 
Operationen bei-ührt zu haben, wenn ich mir auch sehr wohl bev,Tisst 
bin, dieses Kapitel lange nicht erschöpfen zu können. 
Ober Ein Teil der Magenerseheinungen nach gj'näkologischen Operationen 

i^'j^lvommt auf Kosten der Narkose, ein Teil ist bedingt durcJi die Mani- 
^™', pulationen in der offenen Bauchhöhle, ein kleiner Prozentsatz kommt 
j'i,°p„ auf Rechnung der vor der Operation eiiigeleitet«n Kur zur gi'iindlichen 
';„ Entleerung der Därme. Auch rein psychisches Erbrechen kommt nach 
leichten Operationen ohne Nai'kose hei Neurastbenischeii vor, z. B, 
nach Curettagen, Sondiemngen, Vaporisation; doch ist eine Refles- 
wirkung hierbei möglich. Auch nach Anwendung von Kokain liei der 
Schleichscholl Intiltrationsanästheaie. wie sie bei Dammplaatiken und 
anderen Operationen angewendet wird, wird Erbi-ecbeii beobachtet 
Auf der Allgemeinwirkung des Kokains benihond beobachtete ich 
auch Übelsein, Erbrechen, Schwindelgefühl, Kopfweh nach der nasalen 
Tlieraiiie von Pliess bei iieurastheniBch-dysmonorrhoischen Mädchen. 
Bei allen Koeliotomieen, seien sie vaginal oder abdominal aas- 
gefiilirt, kann zum Teil, wie man annimmt, durch Shokwirkutig, vor 
allem aber reflektorisch durch Reizung der Darmserosa und aller andern 
Teile des Peritoneuins Würgen und E>breeheii auftreten. Das hat 
wohl zueret Zweifel gezeigt. Wir können uns bei vielen Personen, 
besonders solchen mit labilem Nervensystem, von dieser Tatsache über- 
zeugen, vor allem dann, wenn die Patientin nicht ao tief narkotisiert 
\ ist, dass die ReHexe erloschen sind. Dmx;h Zug aju Uterus, am Stiel 

eines Ovarieiitumors oder eines subsenisen Myoms, durch Zerrung des I 
I Lig. infundibulo-pelvicum oder an Adhäsionen, durch plötzliche Drußk- 
' veiTuinderung in der Bauchhöhle beim Herausheben grosser Tumoren, 
kann Vomitus momentan entstehen, oft vereint mit Pulsverlangaamuitg i 
durch Reizung des Vagus. Wichtig aber für den Verlauf nach 
Koeliotoniieii ist der Grad der EiTegbiU'keit der Darminuakulatui- i-esp. 



— 207 — 

der dieselbe versorgenden Splanchnikusiierven nach der Operation, 
Durch die hei langdauernden oder schwierigen Operationen ujid he- 
sonders bei schlechter Narkose nicht immer unvermeidliche Berührung 
der Därme mit Kompresaeii, Händen, Spekulis und anderen Tu- 
strumenten, durch Abkühlung und Aush-ockneii der Därme durch 
Luftkontakt können sie paretisch werden und das umsomehr, wenn 
ihre Erregbarkeit durch die vielerorts vor der Operation applizierte 
Morphiumdosis herabgpsetzt ist Fiüber. als die Beckenhochlagenmg 
noch nicht allgemein angewandt wurde, stellten sich die Magen- 
Dannparesen nach Laparotomien durch Hervortreten der Därme viel 
häufiger ein als jetzt Man beobachtet in solchen Fällen in den ersten 
2 — 3 Tagen nach der Operation in der Regel zuerst einen Meteorismus: 
eine Uherfüllung des Darms und Magens mit Gasen. Fehlt Fieber, 
80 haben wir das scheinbar schwere Bild, das wir häufig bei Wöchnerinnen 
in den ersten Tagen sehen: Auftreiltuug und Schraerzhaftigkeit des 
Epigastriums und des ganzen Abdomens, Pulsbeschleunignng, Obstipation, 
Brechreiz und zuweilen Erbrechen. Während alier im Wochenbett 
diese Symptome durch Kamillen- oder Sennakijsma, dureh Ver- 
abreichung von Kamillen- oder Kümmeltoe und dergl. per oa sofort 
verschwinden, zeigt die weniger prompte Wirkung dieser Mittel liei 
der Dai'mparese nach Operationen einen etwas scibwereren Xustand an. 
Das Erbrechen erfolgt in diesen Fällen zum Teil wohl durch antiperi- 
staltische Bewegungen der Därme und des Magens, zum Teil da- 
durch, dass der in der Regel auch mit Gasen angefüllte Magen gleich 
wie die Leber von den geblähten Darmschlingen nach dem Zwerchfell 
zu gediüngt und komprimiert wird. 

Wenn auch auf rein mechanisobe Art diese Parese mit ihren 
Folgeerscheinungen eintreten kann, so ist es doch häufiger eine bei 
der Operation erfolgt*» Infektion, welche durch Reizung des Peritoneums 
das Erbrechen erzeugt AVir reden in solchen Fällen je nach dem 
Grad der Erscheinungen klinisch von peritonealer Reizung oder 
Peritonitis und im schlimmsten Fall von Ileus. Ich brauche hier auf 
diese von jedem operativ tätigen Gynäkologen nach allen möglichen 
Laparotomien, auch nach vaginalen Hysterektomieen nicht selten be- 
obachteten Symptomenbilder nicht im Detail einzugehen; sie beruhen 
auf dem Auftreten antiperistaltischer Bewegungen und haben eine 
dubiöse Prognose. Auch die Fisteln zwischen dem Uterus- Vaginalkanal 
und einzelnen Darai abschnitten gehören streng genommen nicht in 
unser Kapitel. 

Es gibt aber unter gewissen Bedingungen eine Antiperistaltik 




— 208 — 

in Abu- von Dann und Magen mit Erbrechen von aus dem Darm stammender 
in Flüssigkeit ohne jeden Nachteil in der allerersten Zeit nach der 
Oi)eration, ('ber diese merkwürdigen Ei-scheinungen ist beim Menschen 
noch fast nirlits liekannt und ich habe mit ihrer Mitteilung bis jetzt 
gezögert, weil ich glaubte, dass sie ein ungläubiges Kopfechütteln er- 
zeugen dürfte. Wemi ich aus dieser Reserve heraustrete, so geschieht 
ea, weil ich bestimmt sagen kann, dass eine Täuschung ausgeschlossen 
ist. Ich verordnete einer sein- anümiscben-nerviisen Patientin nach einer 
wegen Pyosalpinx ausgeführten aljdoniinaJen Totalexst!rpatioi> ein Klysma 
aus 200 ccm. physiologischer Kochsalzlösung mit 5 Esslöffeln Rotwein. 
Die Patientin war 3 Tage lang grüiidlicb zur Lapai'otouiio voi-bereitet 
worden und der zur Operation festgesetzte Tenniii musste aus ander- 
weitigen Gründen auf einen weiteren Tag verschoben werden. Rforgens 
um 8 ITbr land die Laparotomie statt Abends um 7 IThr wurde die 
Fliissigkeit in den Darm injiziert. Etwa 15 Minuten später begann 
die Patientin mehiiuals rote Flüssigkeit zu erbrechen. Als ich eine 
Viertelstunde später hinzukam, war das Kopfkissen dm^h direkt vorher- 
gegangenes Erbi-echen rot gefärbt. Die Patientin gab an, sie habe 
erst den Geruch von Rotwein, dann Aufstossen und Rotweingeschmack 
empfunden und nach mehrmaligem AVürgen habe sie Rotwein er- 
brot^hen; von dessen rektaler Applikation wusato sie nichts. Einen 
Teil der in Brechschalen vorhandenen Flüssigkeit habe ich selbst ge- 
sehen und trotz meiner Skepsis Überzeugte ich mich in der Tat, dass 
die rote Flüs.sigkeit nach Rotwein und Säure roch. 

Einen in allen Details gleichen Fall beobachtete ich kurze Zeit 
später, doch sind mii' die Daten über diese Patientin nicht mehi' in 
Erinnerung, ich weiss nur noch, dass es sich um eine Frau mit ventraler 
Fixation des Uterus handelte. Und einen drittenFall derai-t beobachtete ich 
im Juli 1902 bei einer neuraäthonischen Frau, bei der ich die (Jvariotomie 
wegen eines multilokularen Ovarialzystoms auagefühi-t habe. Dieae 
Fälle gaben Veranlassung zu Litei-aturstudien und eigenen Ex|)erimeiiten, 
Beide sollten die Frage beantworten: ob diesbezügliche Beobachtungen 
an Monacheu oder Tieren vorlageu. mid welches die Bedingungen seien, 
unter denen die Antiperistaltik — denn nur um eine solche konnte es 
sich a priori hajideln — erfolgte. Die AuTiahme, dass dem Kochaalz- 
gehalt der Flüssigkeit die Antiperistaltik zuzuschreiben sei, schien in 
Anlehnung an die Versuche von Nothnagel') aus dem Jahre 1882 
wahrscheinlich. Dieser hat bekanntlich die Dannserosa mit Natrium- 
chloridkrj-stallen berühii und eine antipeiistal tische Bewegung des 



') Zoitschi-, f. kiiu. Med. 1S82 No. 4. 



Darms dabei gefmideri. Kochsalzklysiuüta geringer Koiizeiiti-atioii 
wanderten auch nach aufwärts, aber nie weiter als bis zur unmittelbaren 
Nähe der Valvula Bauhiiii. Aus den Jahren nach 1894 stammen 
Arbeiten von Orützner'). Li5pine=), Dauher»), Christora an os*), 
Wondt»), Swieczynskifl), Plantenge') und Tournier^) über die 
antiperiataltische Bewegung von reküil einverleibter Fliisöigteit bei Tieren. 
Grützner iniizierte zuerst weissen Ratten, Meerschweinchen, 
Kaninchen und Katzen 1,5^5 cban Koclisalzlösuug mit Kohlepulver, 
Stärkeköniem oder Sägmohl versetzt, und fand diese Stoffe nacJi 
wenigen Stunden nidit nur im Dünndarm, sondern sogar im Magen 
wieder. Nach Grützner entsteht durch die phj'siologisclie Kochsalz- 
lösung eine Antiperistaltik durch Reizung der musculains muoflsae. Die 
Anti Peristaltik äussert sich in einem Randstrom, der kleinste Köiijerchen 
in den Dünndarm und Magen gelangen lüsst, während die etwa noch 
vorhandenen KotbaJlen dm-ch die Mitte des Darmrohi-s mittelst der 
gewöhnlichen Peristaltik abwärts getrieben werden. Swieczynski be- 
stätigte diu'ch seine Versuche die Grütznerschen Angaben. Chriato- 
manos aber unterzog diis Schicksal der Itektalinjektionen im Noth- 
nagelschen Ijaboratoriura einer Nachyrüfimg, Er ordnete zwei Versuchs- 
reihen an. In der ersten verhUu" er genau nach den Angaben von 
Grützner und erhielt genau dieselben Resultate wie er. In der 
zweiten Reihe aber, in der er durch Zwangsvorrichtungen der Möglich- 
keit, dass die Tiere ihre eigenen Faecea wieder aufiressen, vorbeugte, 
erhielt er den vorigen entgegengesetzte Ergebnisse. Auch an sich seihst 
und einem Patienten mit Ileumtistel machte er Versuche mit negativem 
Erfolg, Plantenga und Wendt stellten sich aufgrund ihi-er ähnlich 
ausgefühiien experimentellen Untersuchungen auf Seit« von Christo- 
manos und gaben an, man finde die der rektal einverleibten Kochsalz- 
flüsaigkeit beigefügten korpuskularen Elemente nur dann oberhalb der 
Valvula Bauhini, weim das Tier seinen Kot gefressen habe. Icli kann 
hier nicht weiter auf die Versuchsanordnungen eingehen und will nur 
die eigenen zm- Lösung die-ses Widerstreit.? ausgefiiln't*'» Experimente 



I) Deutsche med, Wocheaechr. 1894 No. 41. 

*) Somaine mt^diuate 1894 und 1895. 

») Deutsche intd. Woclionsc)«-. 1805 No. 34. 

*) Wiener klinisclie Ruiidflchau 1895. 

») Münchner med. Wochenechrift 1896 Nd. 19. 

•) Deutsche med. "Wodienachr. 1B95 No. 32. 

■) « B „ 1899 Nci. 6. 

■^ Provinoe m^dicale 189d. 

tirtr, Bsriehnngeii der »«ibl. SeiDnlorgane lum Higgn, 




w 



- 310 — 

Sechs weissen, horizontil aiif flera Baucli liegonilen Ratten, welclie 
3 Tage gt^hungert tiatteii. habe ich unter gleichmässigeni und genngem 
Druck Injektionen von 1 ccm Koch3fllzI<>sung mit einer Pi-avazspritze 
oliiie Nadel gemacht Der Flüssigkeit wurde dünne vom Apoticker 
mit Ljeo[M>dium veimischte Mothylenhlaulüsung zugegeben. Die Ratten 
wurden schon 3 Tage vor dem Versuch in einen Liinipenzjlinder aus 
Glas gebracht, welcher so weit wai-. dass sie el>en darin der lünge 
nach Platz hatten. Vor dem Kopfende des Glaszylinders wurde ein 
feines Drahtaieh liofestigf und der Schwanz des Tieres iji einem Korft- 
stopfen am andern Ende des Zylinders etwas eingeklennut So lag 
das Tier ziendidi unbeweglich da und wurde eine Stunde nach der 
Injektion getötet. Nach Eröffiiung des I^eibes wurde erst an der 
Valvula Banhini, dann unterhalb des Magens und zuletzt beiläufig in 
der Xfitte des Dünndarms ein Faden mit DeschamiBnadcl möglicl^t 
schnell angelegt und dann die Eviszeration yorgeiKHmnen. In den 
))oiden ersten Versuchen war etwas Flüssigkeit von dem Tier gleich 
nachher ansgepresst worden, und nur im Dickdarm fand sich ein Teil 
dereelhen noch vor. Im unteren Dünndarm waren noch drei von den 
länglichen kleinen KotlMiIlen vorhanden. Bei dem dritten Versuchstier 
land sich die Flüssigkeit hoch oben im Dünndarm zwischen zwei etwa 
2 cm von einander entfernten Kothallen. Im 4. Fall war sie im 
Magen, im 5, Fall hoch oben im Dünndarm, während im oberen 
DickdjUTu ein ganz kleiner KotlwUen lag. Bei dem 6., einem sehr 
mageren Tier, war an keiner Stelle des ganzen Darmkanals die 
Flüssigkeit nachweisbar, obwohl nichts per rectiuii abgegangen war. 

Soweit diese kleine Zahl von Tierexi>crimeuten Schlüsse gestattet, 
sind es die: Bei einem von Kotmassen ganz oder nt^ezu freien Darmkanal 
und bei Durch^ngigkeit der Valvula Bauhini kann eine Fortbewegung 
von rektal eingebrachter Kochsalzlösung in antiperistaltischer Richtung und 
wahrscheiidich a\ii antiperisbdtische Weise stjittünden, vorausgesetzt, dass 
der Organismus nicht so stark ausgetrocknet ist, dass die FlUssigb^t 
in den unteren Darmabschnitten i-esorbiert wird. Inwieweit eine Ab- 
hängigkeit dieses Voi^angs von dem Druck, mit dem die Flüssigkeit 
injiziert wird, besteht, vermag ich nicht anzugeben. Auch daräber 
nichts, ob die Bauhiusche Klappe nur bei gewissen oder bei allen 
Menschen von unten nach oben dm'ch^ngig ist Die Versuche von 
V. Heuserich . welcher erst bei einer Eingiessung von 3 liter 
Flüssigkeit die Ileocoekalklappe überwinden konnte, beweisen meiner I 
Ansicht nach ganiichtii. weil sie bei Iieichen angestellt sind. 

Piir meine EVage von grossem luteresse sind die bei Stiller 



1 " 



— 211 ~ 

gefiindeiien Angaben über den Ileus nerrosus, den man auch als Ileus 
lijstericus oder spaaticua bezeichnete. Er gibt an, dass das Kot- 
erbrechen durcli krampfhaftfl autiperistaJtische Kontraktionen des ganzen 
Dannkanals. auch des Kolons, hei-vorgebi-acht werde und erwähnt, in 
Anlehnung an eine Arbeit von Deniau, einige diesbezügliche Fälle 
aus der Literatur. Briquet hat bei einem 27iähi-igen Mädchen wieder- 
holt beobachtet, dass Klysmata von Kaffee, Salzwasser und anderen 
Flüssigkeiten binnen i/a — 2 Stunden per os entleert wurden tuid zwar 
unter den heftigsten Ei'scheinungen von Übelsein, Ekel, Kolikschmerzen, 
l^annplätscheiii und Vomitiven Anstrengungen. 

Kliniker, wie Jaccoud und Dieulafoi, haben wiederholte Anfülle 

|Ton Koterbrechen bei Hysterischen gesehen; es wurden geformte 

f^ahnassen aus dem Munde entleeit. Fouquet beobachtete die 

Erscheinung bei einer an hysterischen Koninilsionen, Obstipation und 

Phthise leidenden Frau. Das erste Mal stellte sich das Kotbrechen 

unter den heftigsten Koliken, Angst- und OhmnachtÄgefühlen ein. Auch 

Kluyskens mid Willems berichten Falle von Ileus spaaticus nach 

iraütsbewegungen und nach Erkältung. In der deutschen Literatur 

idet sich ein von Kosenstein mitgeteilter Fall. Ein blühender 

jähriger Knabe lief mitten im Spiel plötzlich nach seinem Bett, oder 

demselben liegend wurde er still, zuckte mit den Fingern und wurde 

tetanischeii Krämpfen hefallen, worauf Trismus und Opisthotonus 

Nach Ablauf dieser Krämpfe envachtc der Knabe, griff unter 

issem Angstgefühl in den Mund und holte geformte Skybala hervor, 

röhrend gleichzeitig per luium Stuhl gleichen Aussehens entleert 

Durch Klysmata und Bromkalium geschah Wiederhei-stelliuig. 

ese Fälle zeigen einen im wesentlicheu auf nervöser Basis 

lenden Ileus, der durch »tonisch-spastische Prozesse, verbunden 

krampfhafter Anti Peristaltik« nach Stiller erklärt werden muss. 

Aimahme, dass Strikturen im Kolon, abnorme, erworbene Kommu- 

ikationen zwischen Kolon uTid Magen, eine Dilatation der Valvula 

,uhim oder dergl. die Ursache für die antiperistaltiscben Bewegungen 

Darms abgeben, scheint niclit begründet zu sein, denn .laccouds 

'at. starb bald nach der Beobachtung an Typhus, und die Sektion 

'ei^ab nicht den geringsten Anhaltspunkt füi' das Phänomen. Auch 

bei dem Knaben im Fall Rosenstein wai- wohl kaum eine organische 

üreache vorhanden, da er von den Ei-scheinungen ganz geheilt wurde. 

Haben wir aufgrund unserer experimentellen Versuche einen von 

Speisebrei oder Kot ganz oder nahezu freien Dannkanal flu- die Entatehmig 

des Phänomens als notwendig voraussetzen müssen, so zeigen diese 



Berichte, in Übereinstimmung mit dem von Grützner experimentell 
an Tieren gefimdenen Faktum, dRes ein leerer Magen-DarnikaJial tiicht 
einmal nötig ist, da ja geformte Fäkalmassen per os onÜeoit wei-den 
können. Dan kann nur geschehen dumli eine exceBsive Äiitiperistaltik. 
wenn die Valvula Bauhini und der Pj-Iorus uud die Kardia nicht 
funktionieren. Die Ursache dafür ist wohl in abnormen InnervatioDs- 
verhältnisaen zu suchen, welche in diesen Fällen vom nei-vösen Zentral- 
Organ aus, bei uneerti Patientimien und bei unseni Experimenten durch 
mechanische oder chemische Reizung der Damiganglien erfolgt: durch 
Äustrockuung der Dannschlingen an der Ijuft- dm-ch Beriilirung der- 
selben mit Händen, Tupfern, Instrumenten, durch die Wirkung des 




Nach gynäkologischen Operationen wird als eine weitere Art von 
Erbrechen eine Hämatemesis beobachtet Ich sehe hier ab von 
'dem Erbrechen kaffeesatzartiger Massen infolge eines latent verlaufen- 
den Mageiikarzinoms, oder dem Blutbrechen bei Ulcus ventricuh, das 
sich manchmal infolge des auf die Nai-kose zm'iickzuführenden Vomitierens 
einstellen kann. Auch das hysterische Blutbrechen, das schon be- 
sprochen wurde, kann einmal nach Operationen eintreten. Ich meine 
hier das Erbrechen blutiger Massen nach Abbuiden von Teilen des 
Netzes oder des Meeeiiten'ums, z. B. bei Resektion eines verwachsenen 
entzündeten Netzes oder bei der Ausschälung retroperitonealer Tumoren, 
ich habe zwei solcher Fälle gesehen, v. Eiseisberg') hat über 8 Fälle 
von Magen- und Duodenalblutungen berichtet und glaubte als 
ätiologisches Moment dafür kleine dm-ch Unterbiudmigen entstehende 
Enibolieen beschuldigen zu müssen. Er fasst bei diesem Vorgang zwei 
Möglichkeiten ins Auge: entweder entsteht infolge der Netzabbiudung 
auf dem Wege der rückläufigen Embolie die Blutung und Geschwib^- 
bildung im Magen und Duodenum; oder es wächst der in der abge- 
bundenen Arterie entstandene Tlirombus zentripetal weiter, bis er den 
Ureprung der Arterie aus der unteren rechten oder Unken Magen- 
arterie erreicht; dann wird der prominenteste Teil des Tlu^mbus abge- 
bröckelt und in die weiteren Verzweigungen der Magenarterie embolisch 
verschleppt G. Engelhard und K. Neck'} haben entsprechende 
Versuche an 21 Tieren angestellt und fanden nach Abbindungen an 
Netz mid Mesenterium neben kleinen Nekrosen und Hämon'hagien in 
der Ijeber regelmässig eraboliscbe oder thrombotische Verstopfungen der 
Magengefässe, aber nur selten Blutungen und ETOsioncn. 



1) Arch. f. klin. Chir. 59. Bd. 1899. p. 837. 

") DeuUehc ZoitBchr. f. Chirurgie Ö8. Bd. p. 301. 



— 213 — 

Von den Ergebnissen der Arbelt sind folgende die 
wichtigsten: 

1. Die Salzsäuresekretion des Magens während der Meiistmatioii 
ist bald herabgesetzt, bald unverändei-t, bald gesteigert und zwar: 

a) Herabgesetzt nach stai-keren Blutungen. 

b) UnveiTindert oder leiclit herabgesetzt bei gesunden Individuen 
mit menstrueller Blutung mittlerer Intensität 

c) Etwas gesteigert bei nervösen Frauen mit schwacher oder nur 
massig starker Periode. 

2. Eine Ausheberung des Magens mit dem Kussmaulschen 
Magenschlauch ist ohne jeden EinJluss auf die Fortdauer der 



3. In den ersten 6 Monaten der Schwangerschaft ist die Se- 
kretion der Salzsäure in der Regel um weniges vermindert. Das 
arithmetische Mittel für den ] . — 4. Monat betrug (an genommene untere 
Grenze für normale Chlorhydrie = etwa 28. für die Gesamtazidität 
= 62), für freie HOL = 22,62, 

„ Ges-Azid. = 53,9. 

4. Auch im 7. — 10- Monat der Gravidität besteht in der ßegel 
geringgradige Hypochlorhydrie und Subazidität Das arithmetische 
Mittel beti-ug für freie HCl. = 23,9, 

.. Ges.-Azid. = 60.5. 

5. Die Absonderung des Ljibfennents erleidet in der Schwanger- 
schaft keine Veninderung. 

6. Die Motilität des Magens während der Schwangerechaft ist 
hl der Regel unverändert Sie wmxle nur in 16.6"/ü der Fälle herab- 
gesetzt gefiinden. 

7. Dem physiologischen Blutverlust bei der Gebmi entspricht 
eine physiologische Herabsetzung der solü-otonschen Funktion des 
Magens im Anfang des Wochenbettes. 

8. Starke Geburtsblutungen führen in der Regel zu einer weiteren 
wesentlichen Hei-absetzung der Säuresekretion. 

9. Die Clilorhydrie wird etwa am 5. Tag nach der Gobiu-t, die 
Gesamtazidität erst am 7. Tag p. p. wieder normal. Bis zum 11. Tag 
ündet ein kontinuirliches Ansteigen der SUurewerte statt. 

10. Die motoi-ische Funktion des Magens ist zu Anfang des 
Puerperiums häufig herabgesetzt 8ie wurde in den ersten Tagen p. p. 

in 38,20/0 der Fälle normal, 

in 61,7"/o der Fälle insufÜzient gefunden. 



— 214 — 

11. Eil] EinHuss stai'ker Blutverluste bei der Greburt auf die 
Magenmotilität war nicht erkeunbar. In der Hälfte der entsprechenden 
Fälle war die motorische Funktion normal, in der andern Hallte üh 
suffizient. 

12. Die subjektiven Magenerscheiiiungen in der Gravidität sind 
zum Teil der Ausdruck einer gemischten Sensibihtäts-Sekretiousueurose, 
zum Teil auf den Schutz des Drganismua gerichtete instinktive Vor- 
gänge. Die dyapeptischen Erscheinungen sind häufig die Folge dei- 
verminderten Säureseliretion; doch macht in vielen Fällen eine selbst 
stärker herabgesetzte HCl-Sekretion nicht die geringsten Beschwerden, 
falls die Motihtät des Magens nonnal ist. 

13. PtyaJismus und Hyperemesis gravidantm sind komplizierte 
Beüexneurosen, beruhend auf der gesteigerten Erregbarkeit des Zentral- 
nervensyatems und hervorgerufen durch periphere, vorzugsweise in den 
Genitalien gelegene Reizherde oder durch paj'chische Alterationen, Die 
Verändenmg des ZentralneiTensystems ist sehr wahrscheinlich die Folge 
einer embryogenen Tosaemia gravidarum, 

14. Für eine Neurose sprechen auch die wechselnden Säurebelunde 
bei dem perniziösen Schwangerschai'tserbrechen, die wechselnden Be- 
funde von Ptj-alin und ßhodankali beim Ptyalismus. 

15. Die Diät hei Mageneracheinmigen in der Schwangerschaft 
und vor allem die Diät der Wöchneriimen hat auf die gefundene 
Sekrations Verminderung in der hesprocheneTi Weise, entspi-echend den 
in der Kurve dai'gestellten Säurewerten. Rücksicht zu nehmen. Im 
Wochenbett hat sich die Diät auch nach der in mehr als 'ji, der Fälle 
herabgesetzt gefandenen Motilität zu richten. 

16. Das Gebiet der ausserhalb der Gravidität von der Genitalsphäre 
ausgelösten Magenneurosen ist einzuschränken. 

17. Nur in einem Teil der Fälle von Magenbeschwerden bei 
gleichzeitig genitalen Pix)zessen sind diese letzteren für jene verant>- 
wörtlich zu machen; dann entstehen auf dem Weg des Reflexes in 
erster Linie Sensihilitäts-. aber auch Sekretions- und Motilitätsneurosen. 

18. Längere, intensive Blutverluste infolge von Tumoren, Ver- 
lagerungen und Entzündungen von Uterus und Adnexen führen in der 
Kegel zu vcrmindeiier Säuresokretion. 

19. Bei Frauen mit Karzinom der Genitalien ptiegt als Teil- 
erecheinuiig der Kachexie die Salzsäuresekretion mitunter bis zur 
Achlorhydrie herabgesetzt zu seb. 



— 215 — 

20. Nicht nur bilaterale, sondern auch klinisch als singulär impo- 
nierende Ovarialkarzinome sind häufiger, als man früher glaubte, als 
Metastasen eines primären Magen- oder Darmkarzinoms anzusehen. 

21. Diese Metastasierung erfolgt häufiger dm'ch intraperitoneale 
Implantation, als auf retrogradem lymphogenem Weg. 

22. In jedem Fall von Erbrechen bei Ovarialtumoren ist nicht 
nur an Stieldrehung und peritoneale Adhäsionen, sondern auch an die 
Möglichkeit eines Magenkarzinoms zu denken. 

23. Wir dürfen — ebenso wie wir heutzutage kein über die 
ersten Anfänge hinausgegangenes Uteruskarainom ohne vorherige 
Cystoskopie operieren — auch keinen ein- oder doppelseitigen, auf 
Malignität verdächtigen Ovarialtumor entfenien, ohne Feststellung der 
Magenfiinktionen und ohne Beachtung der zervikalen, supra- und 
infi-aklavikularen Drüsen. 

24. Es gibt eine Antiperistaltik mit Erbrechen von aus dem 
Darm stammenden Flüssigkeiten bei Mejischen mit leerem Magen- 
Dannkanal. Auch sind experimentell unter gewissen Verhältnissen 
rektal in Kochsalzlösungen eingeführte Körper in den oberen Darai- 
abschnitten und im Magen nachweisbar. 



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Conservativen Colpo-Coeliotomie, 

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Professor Dr. A. Dührssen 

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Btld-Format 34X44V, em, 

Seit 1893 hat der Verfasser uoabUeeig an der von ihm angegebenen 
köDserTativen Colpo-Coeliotomia anterior gearbaitut. — Dass dipselbe tat- 
aaehlich die ventriile Coeliolomia in der Mehrzahl der Fälle ersetzen kann 
und zu einer (jane typischen Methode ausgebildet ist, zeigen die vorliegenden 
ztrauiig lebensgPOSSen, photograpMsch aufgenummenen Tafeln, welche 
eine bis jetzt bestehende LDcke in den Werken Ober operative Gynä- 
kologie ID 80 vollkommener Weiäo nusfüllcB, duga man diese Tafeln mit 
Ihrem Text nis eine vollständige gynäkologische Operatlonslefare der 
konservativen vaginalen Coellotomle bezeichnen darf. 

Die Tafeln beweisen, wie dnrch eine durchaus typische Technik der 
vordere Douglas eröffnet wird, wie der Uterus und die Adnexe leicht bis 
vor die Vulva entwickelt werden, wie die Duruhtrennnng von VerwachBungeo 
des Uterus und der Adnexe, die Abhtndung der Adnexatiete vollständig 
unter Leitung des Auges vor sich geht, wie dann endlich die Operation 
durch die ejialite Naht der peritonealen Oeffuung, sowie dar Scheidenwnnda 
abgcsehlosaen wird. Die Tafeln veranechuulir.hen alle Operationen, von der 
einfachen Vaginifixation — diese nach einer Methode, die absolut sicher 
vor GeburtSBlöruugeo schützt — bis zur Eistirpation von Myomen, groasen 
OverialkjBtODieD, Pyusalpingen, Ovarialabs^^esaen. DreiTafeln veranschaulichen 
die neue Methode des Ver^saers, die Colpocoeliotomia anterior-laterulia, bei 
welcher die Durcbtrennung eines Lig. latiim atattSiidet, ohne das« der üteni« 
und gesunde Adtiexteile exslirpiurt >,a worden branoben. 

Die meisten Einwürfe gügen die Colpocoeliotomia anterior werden 
dnrch die einfache Betrachtung der vorliegenden Tafeln hinfällig. Ihre Ad- 
achuffung ist daher für jeden operierenden Gynäkologen notwendig, 
welcher die vaginale Coeliotomie in technisch volleadeter Weise ausfahren 
will — und für jeden kUnlSGlien Lehrer, welcher seine Zuhörer in der 
Klinik oder im Operationskursus üher die Methode schnell orientieren will. 

Zar Erleichterung der Demonstration sind die Tafeln auf transparente 
Leinewand gedruckt, so dass die am Fenst.er aufgehängten Bilder in wunder- 
barer Plastik hervortreten. 

Der Preis von H. 76, — ist im Verhültnls zu dem Gebotenen ein 
äusserst massiger. 



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