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Full text of "Die Prinzessin von Cleve [Ins Deutsche übertragen und hrsg. von Paul Hansmann]"

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DIE BÜCHER DER ABTEI THELEM 

ELFTER BAND 

DIE PRINZESSIN VON CLEVE 




DIE PRINZESSIN VON CLEVE 

VON 

MARIE MADELEINE 
GRÄFIN VON LA FAYETTE 



b'^ 






1-9.1.3 

GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN 






COPYRIGHT 1 9 1 2 BY GEORG MÜLLER MÜNCHEN 



INS DEUTSCHE 

ÜBERTRAGEN UND HERAUSGEGEBEN 

VON PAUL HANSMANN 



PRACHT und Galanterie sind nimmer mit 
mehr Glanz in Frankreich hervorgetre- 
ten, als in den letzten Jahren der Herrschaft 
Heinrichs II. Dieser König war liebenswürdig, 
schön lind verliebt: wiewohl seine Neigung 
zu Diana von Poitiers, Herzogin von Valen- 
tinois, schon länger als zehn Jahre bestehen 
mochte, war sie nichtsdestoweniger leiden- 
schaftlich, und er bezeugte sie ihr durch nicht 
minder auffallende Beweise. 

Da er in allen Übungen des Körpers mit 
bewundernswerten Erfolgen gekrönt war, 
machte er sie zu einer seiner Hauptbeschäf- 
tigungen. Jeden Tag gab es Reit- und Ball- 
spiele, Tanzfeste, Ringstechen oder ähnliche 
Belustigungen, überall liessen sich Madame 
deValentinois' Farben und Namenszüge sehen, 
und sie selber erschien mit der reich ge- 
schmückten Mademoiselle de la Marck, ihrer 
Enkelin, die damals mannbar geworden war. 

Der Königin Gegenwart liess auch die ihrige 
zu Diese Fürstin war schön, wennschon die 
erste Jugend hinter ihr lag, und liebte Hoheit, 
Pracht und Vergnügungen. Der König hatte 
sie geheiratet, als er noch Herzog von Orleans 
war und sein ältester Bruder, der Dauphin, 
noch lebte, welcher zu Tournon starb, ein 
Fürst, den Geburt und hohe Gaben würdig 
machten, den Platz seines Vaters, Königs 
Franz I., auszufüllen. 

Pi.C. I >i< 



Ihr ehr{jeizi{^e.s Gemüt Hess die Köni{jin die 
Herrschaft als eine Wohltat empfinden; es 
schien, dass sie ohne Kummer des Köni{js 
Liebe zu der Herzogin von Valentinois dul- 
dete, auch bezeigte sie keine Eifersucht dar- 
über; doch konnte sie sich so gut verstellen, 
dass es schwer war, ihreGefühle zu beurteilen ; 
die Klugheit aber verpflichtete sie, die Her- 
zogin an sich zu fesseln, um damit auch den 
König für sich zu haben. Der König liebte 
die Gesellschaft der Frauen, sogar auch der- 
jenigen, in die er nicht verliebt war. Er 
weilte alle Tage zur Stunde des Empfangs 
bei der Königin, wo alles, was es am Hofe an 
Adel und Schönheit des einen wie des an- 
dern Geschlechts gab, sich einzufinden nicht 
vei'fehlte. 

Niemals sah der Hof soviele schöne Frauen 
und so vollendet wohlgestaltete Männer; es 
schien, als ob sich die Natur ein Vergnügen 
daraus gemacht habe, das zu schaffen, was 
sie den erlauchtesten Fürstinnen und den er- 
habensten Fürsten an Schönheit gab. Ma- 
dame Elisabeth von Frankreich, welche später 
Spaniens Königin wurde, begann einen über- 
raschenden Geist und jene unvergleichliche 
Schönheit sehen zu lassen, die ihr so verderb- 
lich wurde. Maria Stuart, Schottlands Kö- 
nigin, welche gerade Monsieur le Dauphin ge- 
heiratet hatte, und die man Madame la Dau- 

>2< 



phine nannte, war ein vollkommenes Wesen, 
was Geist und Körper anging. Sie war am 
französischen Hofe erzogen worden, hatte sich 
all seine Höfischkeit zu eigen gemacht, und 
war mit vielen Neigungen für alles Schöne 
geboren, w elches sie trotz ihrer Jugend liebte 
und besser als irgendein anderer kannte. Die 
Königin, ihre Schwiegermutter, und Madame, 
des Königs Schwester, liebten ebenfalls die 
Dichtungen, die Komödie und die Musik: die 
Freude, welche König Franz I. an der Dich- 
tung und den Wissenschaften gehabt hatte, 
lebte noch in Frankreich; der König, sein 
Sohn, aber liebte die körperlichen Übungen, 
und all diese Unterhaltungen fanden ihre 
Pflege am Hofe. Was jedoch diesen Hof schön 
und erhaben machte, war die unzählige Menge 
Fürsten und grosser Herren von ausserordent- 
lichem Verdienste. Die ich aufzählen will, 
waren, jeder in seiner Weise, die Ziei'de und 
die Bewunderung ihres Jahrhunderts. 

Der König von Navarra lenkte die Ehr- 
furcht der ganzen Welt dank der Höhe seines 
Ranges und durch das auf sich, was durch 
seine Person hervortrat. Er zeichnete sich im 
Kriege aus, und der Herzog von Guise ver- 
anlasste ihn zu einem Wetteifer, welcher ihn 
zu mehreren Malen bestimmte, eine Generals- 
stellung aufzugeben, um unter ihm als ein- 
facher Soldat an den gefährlichsten Stellen 

>3< 



zu kämpfen. Wahrlicli hatte dieser Herzog 
Beweise einer so bewundernswerten Tapfer- 
keit gegelien und hatte so glückliche Erfolge 
errungen, dass es überhaupt keinen grossen 
Feldherrn gab, der ihn nicht mit Neid be- 
trachten musste. 

Seine Tapferkeit ward durch alle anderen 
grossen Eigenschaften unterstützt; er hatte 
einen tiefen und umfassenden Verstand, eine 
edle und erhabene Seele und eine gleiche Be- 
fähigung für den Kriegwie für Staatsgeschäfte. 
Sein Bruder, der Kardinal von Lothringen, 
war mit einem masslosen Ehrgeiz, mit einem 
lebhaften Geist und einer bewundernswerten 
Beredsamkeit geboren und hatte sich ein 
reiches Wissen angeeignet. Dessen bediente 
er sich, um sich hervorzutun, indem er die 
katholische Beligion verteidigte, welche an- 
gegriffen zu werden begann. Der Chevalier 
de Guise, den man später den grossen Prior 
nannte, war ein Fürst, welchen jedermann 
lieb hatte, wohlgebaut, voll Geist, voll List 
und von einer Tapferkeit, die in ganz Europa 
berühmt war. Der Prinz von Conde war durch 
einen kleinen Körperljau wenig von der Na- 
tur begünstigt, hatte aber eine edle und grosse 
Seele und einen Witz, welcher ihn in den 
Augen selbst der schönsten Frauen liebens- 
wert machte. Der Herzog von Nevers, dessen 
Leben durch den Krieg und die grossen Taten, 

>4< 



die er vollführt hatte, ruhmreich war, bildete, 
obschon er in einem vorgerückteren Alter 
stand, die Wonne des Hofes. Erhattedrei voll- 
kommen wohlgestaltete Söhne, deren zweiter, 
welchen man den Prinzen von Cleve nannte, 
würdig war, den Ruhm seines Namens zu be- 
haupten; dieser war tapfer und prachtliebend 
und besass eine Klugheit, wie man sie sonst 
nicht bei der Jugend findet. Der Vizedom 
von Chartres, abstammend von dem alten 
Hause von Vendome, dessen Namen Prinzen 
von Geblüt nicht zu tragen verschmähten, 
tat sich ebenfalls im Kriege und in der Ga- 
lanterie hervor. Er war schön, von edlem 
Wüchse, kräftig, kühn, höfisch : alle diese gu- 
ten Eigenschaften umstrahlten ihn; schliess- 
lich war er allein nur würdig, mit dem Her- 
zog von Nemours verglichen zu werden, wenn 
jemand mit ihm hätte verglichen werden 
können. Doch dieser Fürst war ein Meister- 
werk der Natur: was ihn weniger bewun- 
dernswert machte, war, dass er der schönste 
und wohlgebauteste Mann der Welt war, was 
ihn über die anderen stellte, war eine unver- 
gleichliche Stärke und eine Anmut des Gei- 
stes, der Gesichtszüge und seiner Handlungen, 
wie man sie an niemandem wie nur an ihm ge- 
gesehen hat. Er war von einer Fröhlichkeit, 
welche Männern wie Flauen gleich gut gefiel, 
er besass eine aussergewöhnliche Gewandt- 

>5< 



heit in allen Übunj^en, eine Art, sich zu klei- 
den, die stets von jedermann nachgeahmt 
wurde, ohne dass man sie erreichen konnte, 
und endlich ein gewisses Etwas an seiner 
Person, welches bewirkte, dass er an allen 
Orten, wo er erschien, immer sofort auffiel. 
Es gab keine Dame am ganzen Hofe, deren 
Ruhm es nicht geschmeichelt hätte, ihn an 
sich gefesselt zu sehen; ihrer wenige, denen 
er sich genähert hatte, konnten sich rühmen, 
ihm widerstanden zu haben, und selbst man- 
che, denen er keine Neigung bezeugt hatte, 
hatten es nicht unterlassen können, sich für 
ihn zu entflammen. Erbesassso viel Herzlich- 
keit und so viele Anlage zur Galanterie, dass er 
denen, die ihm zu gefallen trachteten, keine 
Aufmerksamkeiten versagen konnte. Daher 
hatte er mehrere Geliebte ; doch liess es sich 
schwer sagen, welche er wahrhaft liebte. Er 
ging oft zu Madame la Dauphine; dieser Für- 
stin Schönheit und Liebreiz, die Sorgfalt, die 
sie anwendete, jedermann zu gefallen, und 
die besondere Wertschätzung, die sie dem 
Prinzen beimass, gaben oft Grund zu der Ver- 
mutung, dass er die Augen bis zu ihr erhob. 
Die Herzöge von Guise, deren Nichte sie war, 
hatten ihr Ansehen und ihren Einfluss beson- 
ders durch deren Heirat sehr vermehrt; ihr 
Ehrgeiz liess sie danach streben, den Prinzen 
von königlichem Geblüte gleichzukommen 

>6< 



und die Macht des Konnetabel von Mont- 
morency zu teilen. Ihm überliess nämlich der 
König den grösseren Teil der Verwaltung der 
Staatsgeschäfte; der Herzog von Guise und 
der Marschall von Saint Andre aber waren 
seine Günstlinge. Wer jedoch durch Gunst 
oder Geschäfte dem Könige nahekam, der 
konnte nur bestehen, wenn er sich der Her- 
zogin von Yalentinois unterworfen hatte; und 
wiewohl sie nunmehr wieder jung noch schön 
war, beherrschte sie ihn doch mit so unum- 
schränkter Macht, dass man sie die Herrin 
seiner Person und des Reiches nennen konnte. 
Der Konnetabel hatte dem Könige stets 
nahegestanden; und sobald er zu herrschen 
begann, rief er ihn aus der Verbannung zu- 
rück, in welche ihn König Franz I. geschickt 
hatte. Der Hof schlug sich zu dem Herzog 
von Guise und dem Konnetabel, welcher zu 
den Prinzen königlichen Geblütes gezählt 
wurde. Die eine wie die andere Partei war 
stets darauf bedacht, die Herzogin von Va- 
lentinois für sich zu gewinnen. Der Herzog 
von Aumale, des Herzogs von Guise Bruder, 
hatte ihrer Töchter eine geheiratet, der Kon- 
netabel strebte nach einer gleichen Verbin- 
dung. Er begnügte sich nicht, seinen ältesten 
Sohn mit Madame Diana verheiratet zu ha- 
ben, der Tochter des Königs und einer Dame 
aus Piemont, welche sogleich, nachdem sie 

>7< 



geboren hatte, in ein Kloster gegangen war. 
Dieser Heirat hatten sich viele Hindernisse 
entgegengestellt infolge des Eheversprechens, 
welches Monsieur de Montmorency Made- 
moiselle de Piennes, einer Ehrendame der 
Königin, gegeben hatte. Und obwohl ihn der 
König mit einer ausserordentlichen Geduld 
imd Güte behandelte, fühlte sich der Konne- 
tabel nicht eher ganz beruhigt, bis er sich der 
Herzogin vonValentinoisversichert und sie mit 
den Messieurs de Guise aneinander gebracht 
hatte, deren Macht der Herzogin bereits Ur- 
sach zur Unruhe gab. Sie hatte des Dauphins 
Heirat mit der Königin von Schottland, so- 
lange sie es vermochte, hintertrieben. Die 
Schönheit und der umfassende und fort- 
schrittliche Geist dieser jungen Königin, und 
die Erhöhung, welche diese Heirat den Mes- 
sieurs de Guise einbrachte, waren ihr uner- 
träglich. Vor allem hasste sie den Kardinal 
von Lothringen; er hatte von ihr mit Bitter- 
keit, ja sogar mit Verachtung gesprochen; 
sie sah, dass er Verbindungen mit der Köni- 
gin anknüpfte. So fand sie denn der Konne- 
tabel bereit, sich mit ihm durch die Heirat 
Mademoiselle de la Marcks mit Monsieur d' 
Anville zu verbinden; dieser war sein zwei- 
ter Sohn, welcher ihm unter der Herrschaft 
Karls IX. in seiner Würde folgte. Der Kon- 
netabel glaubte in Monsieur d'Anvilles Ge- 

>8< 



iniit keine Hindernisse für eine Heirat z.u 
finden, wie sie sich im Gemüte Monsieur de 
Montmorencys eingestellt hatten. Doch ob- 
wohl ihm die Gründe hierfür verborgen ge- 
blieben Avaren, die Schwierigkeiten waren 
hier nicht sehr viel geringer. Monsieur d'An- 
ville war heftig in Madame la Dauphine ver- 
liebt, und wie wenige Hoffnungen diese Lei- 
denschaft für ihn auch zuliess, er konnte sich 
nicht entschliessen, eine Verbindung einzu- 
gehen, welche seine Aufmerksamkeiten teilen 
würde. Der Marschall von Saint Andre war 
der einzige am Hofe, welcher keiner Partei 
angehörte. Er war einer der Günstlinge, und 
seine Gunst hing nur von persönlichen Grün- 
den ab. Der König liebte ihn schon als Dau- 
phin und hatte ihn später in einem Alter 
zum Marschall von Frankreich ernannt, in 
dem man wahrlich gewöhnlich noch nicht 
an die geringste Würde denkt. Seine Gunst 
gab ihm ein Ansehen, welches er durch 
seine Verdienste, durch seine persönliche An- 
mut, durch die Auserlesenheit seines Tisches 
und seines Hausrates und durch die grösste 
Pracht behauptete, die man jemals bei einem 
Privatmanne sah. Die Freigebigkeit des Kö- 
nigs gestattete diesen Aufwand; der Fürst 
verschwendete beinahe für die, welche er 
lieb hatte. Nicht aller grossen Eigenschaften 
war er teilhaftig, doch besass er ihrer meh- 

>9< 



rere, und vor allem die, den Kriefj zu lieben 
und ihn von Grund auf zu verstehen. Auch 
hatte er glückliche Erfolge in ihm errungen 
und wenn man von der Schlacht bei Saint 
Quentin absieht, ist seine Herrschaft eine 
lange Folge von Siegen gewesen. Er eigens 
hatte die Schlacht bei Renty gewonnen; Pie- 
mont war erobert, die Engländer aus Frank- 
reich vertrieben, und Kaiser Karl V. hatte 
sein grosses Glück vor der Stadt Metz da- 
hinschwinden sehen, welche er vergebens 
mit allen Heeren des Kaiserreichs und Spa- 
niens belagert hatte. Obschon das Unglück 
von Saint Quentin unsere Hoffnung auf Er- 
oberungen verringerte und sich das Glück 
zwischen beiden Königen hielt, so fanden sie 
sich allmählich doch zum Frieden gestimmt. 
Zur Zeit der Heirat Monsiem' le Dauphins 
hatte die Herzogin -Witwe von Lothringen 
begonnen, einige diesbezügliche Vorschläge 
zu machen, und es fanden immer einige ge- 
heime Verhandlungen seit diesen Tagen statt ; 
endlich wurde Cercan, im Lande Artois, als 
Ort erwählt, wo man zusammenkommen 
sollte. Der Kardinal von Lothringen, der Kon- 
netabei von Montmorency und der jNIarschall 
von Saint Andre stellten sich dort für den 
König ein. Der Herzog von Alba und der 
Fürst von Oranien für Philipp H.; der Her- 
zog und die Herzogin von Lothringen aber 

>io< 



spielten die Vermittler. Die wichtigsten Punk- 
te bildeten die Heirat Madame Elisabeths 
von Frankreich mit Don Carlos, dem In- 
fanten von Spanien, und die Madames, der 
Schwester des Königs, mit dem Herrn von 
Savoyen. 

Der König weilte indessen an der Grenze 
und empfing daselbst die Nachricht vom To- 
de der Königin Maria von England. Er sandte 
daher den Grafen von Randan an Elisabeth, 
um sie zu ihrer Thronbesteigung zu beglück- 
wünschen; sie aber empfing ihn mit Freuden, 
denn um ihre Rechte war es so schlecht be- 
stellt, dass es vorteilhaft für sie war, sich vom 
Könige anerkannt zu wissen. Der Graf fand 
sie wohlunterrichtetvon den Angelegenheiten 
des französischen Hofes und dem Verdienste 
derer, die ihn bildeten; vor allem aber fand er 
sie erfüllt von dem Rufe des Herzogs von Ne- 
mours. Sie hatte zu often Malen von ihm ge- 
sprochen, daher sagte denn auch Monsieur 
de Randan, als er zurückgekommen war und 
dem Könige über seine Reise Bericht ablegte, 
dass er bestimmt glaube, sie sei willens ihn 
zu heiraten. Der König sprach noch selbigen 
Abends mit dem Herzog darüber, liess ihm 
von Monsieur de Randan alle seine Unter- 
redungen mit der Königin Elisabeth erzäh- 
len, und riet ihm, dies grosse Glück auszu- 
nutzen. Monsieur de Nemours glauJjte an- 

>ii< 



fänfjlich, der König spräche nicht im Ernst 
zu ihm; als er jedoch das Gegenteil merkte, 
sagte er dawider: „Zum mindesten, Sire, bitte 
ich, wenn ich mich auf Rat und zu Diensten 
Eurer Majestät zu solch einem trügerischen 
Unternehmen einscliiffe, dies als Geheimnis 
ansehen zu wollen, bis mich der Erfolg vor 
der ( )tt"entlichkeit rechtfertigt und mich nicht 
voll einer so masslosen Eitelkeit erscheinen 
lässt, zu glauben, dass mich eine Königin, die 
mich niemals gesehen, aus Liebe heiraten 
will ! " Der König versprach ihm, nur mit dem 
Konnetabel über dies Vorhaben zu sprechen, 
und hielt selbst die Geheimhaltung um des 
Erfolges willen für notwendig. Monsieur de 
Randan riet dem Herzoge von Nemours, un- 
ter dem einfachen Vorwande einer Reise nach 
England zu gehen, doch der Fürst konnte 
sich nicht dazu entschliessen und sandte Lig- 
nerolle nach dort, welcher sein junger und 
geistreicher Günstling war, um die Gefühle 
der Königin zu erforschen und sich zu be- 
mühen Beziehungen anzuknüpfen. Den Aus- 
gang dieser Reise abwartend, besuchte er den 
Herzog von Savoyen, welcher damals mit dem 
spanischen Könige in Brüssel weilte. Maria 
von Englands Tod stellte dem Frieden grosse 
Hindernisse in den Weg; Ende November 
löste sich die Versammlung auf und der Kö- 
nig kehrte nach Paris zurück. 

>12< 



Es erschien damals eine Schöne am Hofe, 
welche aller Augen auf sich zog, und man 
muss annehmen, dass sie eine vollendete 
Schönheit war, zumal sie an einem Orte, wo 
man schöne Frauen zu sehen gewohnt war, 
alles zur Bewunderung hinriss. 

Sie entstammte derselben Familie, welcher 
der Vizedom von Chartres entsprossen war, 
und war eine der angesehensten Erbinnen 
Frankreichs. Ihr Vater war jung gestorben 
und hatte sie unter Madame de Chartres', 
seines Weibes, Obhut zurückgelassen, deren 
Tugend, Güte und Wert aussergewöhnlich 
war. Nachdem sie ihren Gatten verloren, liess 
sie mehrere Jahre verstreichen, ohne an den 
Hof zu kommen. Während dieses Fernseins 
hatte sie alle ihre Sorgfalt auf die Erziehung 
ihrer Tochter verwendet; doch arbeitete sie 
nicht allein an der Pflege ihres Geistes und 
ihrer Schönheit, sie war auch darauf bedacht, 
ihr Tugend einzuprägen und sie liebenswert 
zu machen. Die meisten Mütter meinen, wenn 
sie niemals vor jungen Mädchen von Lie- 
besabenteuern sprächen, so genüge das, um 
sie von ihnen fernzuhalten. Madame de Char- 
tres war gegenteiliger Ansicht, sie sprach 
zu ihrer Tochter oft von der Liebe und zeigte 
ihr, was ihren Reiz ausmacht, um sie viel 
leichter von dem zu überzeugen, was sie für 
gefährlich an ihr hielt. Sie erzählte ihr denn 

>13< 



von der geringen Aufrichtigkeit der Männer, 
ihren Täuschungen, ihrer Untreue, von dem 
häushchen Unglück, wenn sie sich in Liehes- 
verhähnisse einHessen, und Hess sie anderer- 
seits wissen, welche Ruhe das Leben einem 
ehrenhaften Weihe gönne, wieviel Glanz und 
Ruhm die Tugend einem Menschenkinde ge- 
währe, welches schön und hochgeboren sei. 
Auch liess sie sie erkennen, wie schwer es war, 
diese Tugend durch ein äusserstes Misstrauen 
gegen sich selbst zu bewahren, und durch eine 
lebhafte Sorge, dem nachzustreben, welches 
einzig das Glück eines Weibes ausmach t : näm- 
lich seinen Mann zu lieben und von ihm wie- 
dergeliebt zu werden. 

Diese Erbin war damals eine der angesehen- 
sten heiratsfähigen Frauen, die es in Frank- 
reich gab; und wiewohl sie noch sehr jung 
war, hatte man ihr schon mehrere Heiraten 
vorgeschlagen. Madame de Chartres freilich, 
die ausserordentlich stolz war, fand beinahe 
niemanden, den sie ihrer Tochter würdig hielt, 
und als sie sie sechzehn Jahre alt sah, wollte 
sie sie an den Hof bringen. Wie sie dort an- 
gelangt war, suchte sie der Vizedom auf. Er 
war aufs äusserste überrascht über Mademoi- 
selle de Chartres' aussergewöluiliche Schön- 
heit, und hatte allen Grund, überrascht zu 
sein. Die Zartheit ihrer Hautfarbe und ihre 
blonden Haare gewährten ihr einen Reiz, wie 

>i4< 



man ihn nur an ihr sah; alle ihre Gesichts- 
züge waren regelmässig, und ihr Antlitz und 
ihre Gestalt strahlten von Anmut und Hold- 
seligkeit. 

Am Morgen nach ihrer Ankunft ging sie 
aus, um sich Geschmeide hei einem Italiener 
auszusuchen, der für jedermann einen Han- 
del damit trieh. Dieser Mann war mit der 
Königin aus Florenz gekommen und hatte 
sich dermassen an seinem Handel bereichert, 
dass sein Haus eher dem eines Edelmannes 
als dem eines Kaufmannes glich. Als sie da nun 
weilte, kam der Prinz von Cleve dorthin und 
ward derart von ihrer Schönheit hingerissen, 
dass er seine Überraschung nicht zu bergen 
vermochte. Mademoiselle de Chartres konnte 
ein Rotwerden nicht meistern , wie sie die Be- 
wunderung sah, zu der sie ihn hingerissen 
hatte. Nichtsdestoweniger bezeigte sie den 
Handlungen des Prinzen dem Anscheine nach 
keine andere Aufmerksamkeit, als es ihr die 
Höflichkeit einem vornehmen Manne ge- 
genüber, wie er einer zu sein schien, erlaubte. 
Monsieur de Cleve betrachtete sie voll Ent- 
zücken und konnte es nicht fassen, dass er 
dies schöne Madchen nicht kannte. Er sah 
an ihrer Haltung und an ihrer Gefolgschaft 
nur zu gut, dass sie von hohem Stande sein 
mussie. Ihre Jugend aber liess ihn glauben, 
dass sie noch Mädchen sei, doch sah er ihre 

>i5< 



Mutter nicht l>ei ihr und der Italiener, wel- 
cher sie nicht kannte, redete sie Madame 
an. Er wusste nicht, was er davon zu halten 
hatte, und hetrachtete sie immer voll Er- 
staunen. Und bemerkte, dass seine Blicke 
sie gegen die Gewohnheit junger Frauen- 
zimmer, die stets mit Freude den Eindruck 
ihrer Schönheit bemerken, verwirrten. Es 
schien ihm gar, als ob er die ürsach sei, 
dass sie ungeduldig wurde fortzugehen, und 
in der Tat, sie ging ziemlich schnell fort. 
Monsieur de Cleve tröstete sich, als er sie aus 
dem Auge verlor, mit der Hoffnung, ihren 
Namen zu erfahren, aber er war ganz über- 
rascht, wie er hörte, dass man sie nicht kannte, 
und war so betroffen von ihrer .Schönheit und 
der bescheidenen Haltung, die er in allen 
ihren Handlungen bemerkt hatte, dass man 
sagen kann, er fühlte von dem Augenblick 
an eine aussergewöhnliche Leidenschaft und 
Verehrung für sie. Er ging selbigen Abends 
zu Madame, des Königs Schwester. 

Diese Fürstin stand um des Einflusses wil- 
len, den sie auf den König, ihren Bruder, aus- 
übte, in hohem Ansehen, und ihr Einfluss 
war so gross, dass der König beim Friedens- 
schlüsse einwilligte, Piemont zurückzugeben, 
um sie mit dem Herzog von Savoyen zu ver- 
mählen. Obwohl sie sich all ihre Lebtage zu 
verheiraten gewünscht hatte, wollte sich doch 

>i6< 



nur einem Herrscher vermählen, und hatte 
aus diesem Grunde den König von Navarra 
ausgeschlagen, als er noch Herzog von Ven- 
dome war. Sie hatte sich stets den Herrn 
von Savoyen gewünscht, zu dem sie eine Zu- 
neigung gefasst, als sie ihn bei der Zusammen- 
kunft Königs Franz I. mit Papst Paul IH. in 
Nizza gesehen. Da sie sehr viel Geist und ein 
treffendes Urteil über schöne Dinge besass, 
fesselte sie alle ehrenwerten Menschen an 
sich, und zu bestimmten Stunden war der 
ganze Hof bei ihr versammelt. 

Monsieur de Cleve kam wie gewöhnlich 
zu ihr; er war so erfüllt von Mademoiselle 
de Chartres' Anmut und Schönheit, dass er 
von nichts anderem sprechen konnte. Er er- 
zählte sein Erlebnis ganz laut und konnte 
nicht müde werden, das Mädchen, welches 
er gesehen hatte und doch nicht kannte, mit 
Lob zu überschütten. Madame sagte zu ihm, 
dass es kein solches Wesen, wie er es schil- 
dere, gäbe, denn wenn es es gäbe, würde es 
jedermann kennen. Madame de Dampierre, 
welche ihre Edeldame und Madame de Char- 
tres' Freundin war, hörte diese Unterhaltung 
mit an, näherte sich der Fürstin und sagte 
ganz leise zu ihr, dass Monsieur de Cleve 
zweifelsohne Mademoiselle de Chartres ge- 
sehen habe. Madame wandte sich nun wieder 
zu ihm und sagte, wenn er sie morgigen Tags 

Pr. C. 2 > 17 < 



wieder besuchen wollte, würde er die Schön- 
heit, welche ihn so gerührt hätte, bei ihr 
sehen. Mademoiselle de Chartres erschien tat- 
sächlich anderen Tages dort; sie wurde von 
den Königinnen mit aller Liebenswürdigkeit, 
die man sich nur denken kann, und mit sol- 
cher Bewunderung seitens aller Welt aufge- 
nommen, dass man um sie herum nur liobeser- 
hebungen hörte. Sie aber nahm diese mit einer 
so edlen Bescheidenheit auf, als vernähme sie 
sie nicht, oder vielmehr, als rührten sie sie 
nicht. Danach ging sie zu Madame, des Königs 
Schwester. Nachdem die Fürstin ihre Schön- 
heit gepriesen hatte, erzählte sie ihr von dem 
Entzücken, das sie in Monsieur de Gleve her- 
vorgerufen. Einen Augenblick später trat der 
Prinz ein. „Kommen Sie," rief sie ihm zu, 
„sehen Sie, ob ich Ihnen nicht mein Wort hal- 
te und ob ich, Sie Mademoiselle de Chartres 
vorstellend, Ihnen nicht die gesuchte Schöne 
zeige; danken Sie mir vor allem, ihr die Be- 
wunderung, zu der sie Sie schon hingerissen 
hat, kundgetan zu haben!" 

Es bereitete Monsieur de Cleve grosse Freu- 
de, das Mädchen, welches er so liebenswert 
gefunden hatte, von einem ihrer Schönheit 
so angemessen hohen Adel zu sehen. Er trat 
auf sie zu und bat sie, sich zu erinnern, dass 
er sie als erster bewundert und, ohne sie zu 
kennen, alle die Gefühle der Ehrerbietung 

>i8< 



und Schätzung für sie gezeigt habe, welche 
ihr gebührten. 

Der Herzog von Guise und er, die Freunde 
waren, gingen zusammen von Madame fort. 
Anfangs priesen sie Mademoiselle de Char- 
tres, ohne sich Zwang aufzulegen. Endlich 
fanden sie, dass sie sie allzusehr herausstrichen, 
und hielten einer nach dem andern inne, ihre 
Gedanken zu äussern; doch sahen sie sich ge- 
nötigt, alle folgenden Tage, wo sie sich nur 
begegneten, von ihr zu sprechen. Die neue 
Schönheit bildete lange den Inhalt aller Ge- 
spräche. Die Königin überschüttete sie mit 
Lobpreisungen und brachte ihr eine ausser- 
gewöhnliche Zuneigung entgegen. Madame 
la Dauphine machte sie zu ihrer Vertrauten 
und bat Madame de Chartres, sie oft zu ihr 
zu bringen. Die königlichen Töchter Hessen 
sie zu allen ihren Unterhaltungen herbei- 
holen. Sie ward schliesslich vom ganzen Hofe 
ausser der Herzogin von Valentinois geliebt 
und bewundert. Nicht etwa, weil sie die Schö- 
ne in Schatten stellte, liebte sie diese nicht — 
eine allzulange Erfahrung hatte sie gelehrt, 
dass sie seitens des Königs nichts zu befürch- 
ten hatte — sondern weil sie einen so leb- 
haften Groll gegen den Vizedom von Chartres 
hegte, den sie durch eine Heirat mit einer 
ihrer Töchter an sich zu fesseln gewünscht, 
der sich aber mit der Königin verbündet hatte, 

2* >19< 



dass sie ein Wesen, welches seinen Namen 
trug und für das er eine grosse Zuneigung 
zu haben schien, nicht Hebevoll betrachten 
konnte. 

Der Prinz von Gleve verliebte sich hitzig 
in Mademoiselle de Chartres und wünschte 
sehnlichst, sie zu heiraten, doch fürchtete er, 
es würde Madame de Chartres' Stolz ver- 
letzen, ihre Tochter einem Manne zuzuge- 
sellen, welcher nicht der älteste Sohn seines 
Hauses war. Indessen war dies Haus so gross — 
hatte sich doch der Graf von Eu, der als Erst- 
geborener seinen Namen erbte, gerade mit 
einer Frau, die dem königlichen Hause sehr 
nahestand, vermählt — , dass es mehr die Zag- 
haftigkeit, welche die Liebe mit sich bringt, 
als wahrhafte Gründe waren, die Monsieur 
de Cleves Bedenken hervorriefen. 

Die Zahl seiner Nebenbuhler war gross; 
der gefährlichste schien ihm seiner Geburt 
und seinem Verdienste und dem Glänze zu- 
folge, welchen die Gunst über sein Haus brei- 
tete, der Herzog von Guise zu sein. Dieser 
Fürst hatte sich am ersten Tage, wo er Made- 
moiselle de Chartres gesehen, in sie verliebt 
und hatte um dieNeigungMonsieursdeCleves 
gemerkt, wie Monsieur de Cleve seine wahr- 
genommen. Wiewohl sie Freunde waren, hatte 
ihnen die Entfremdung, welche die gleichen 
Ansprüche in ihnen erzeugte, nicht erlaubt, 

>20< 



sich miteinander auszusprechen, und ihre 
Freundschaft war erkaltet, ohne dass sie sich 
die Mühe gegeben hatten, sich gegenseitig 
aufzuklären. Der Zufall, der sich Monsieur 
de Cleve geboten, Mademoiselle de Chartres 
als erster gesehen zu haben, schien ihm von 
guter Vorbedeutung zu sein und ihm einigen 
Vorteil vor seinen Nebenbuhlern zu geben, 
doch sah er einen lebhaften Widerstand von 
Seiten seines Vaters, des Herzogs von Nevers, 
voraus. Dieser war ziemlich eng mit der Her- 
zogin von Valentinois verbunden; sie war 
des Vizedoms Feindin, und dieser Umstand 
genügte, den Herzog von Nevers an der Ein- 
willigimg zu hindern, dass sein Sohn an dessen 
Nichte dachte. 

Madame de Chartres, welche soviel des 
Fleisses verwendet hatte, um ihrem Kinde 
Tugend einzuflössen, Hess nicht ab, dieselbe 
Sorgfalt an einem Orte obwalten zu lassen, 
wo sie so gut angebracht war und wo es so 
viele gefährliche Vorbilder gab. Ehrgeiz und 
Liebesabenteuer beherrschten den Hof und 
beschäftigten in gleicher Weise Männer wie 
Frauen. Es gab da so viel Eigennutz und so 
viele Kabalen und die Frauen nahmen so sehr 
daran teil, dass mit jedem Handel Liebe und 
mit jeder Liebe irgendein Handel verknüpft 
war. Niemand war ruhig, niemand war gleich- 
gültig; man sann darauf, hochzusteigen, zu 

>21< 



gefallen, zu dienen, oder zu schaden; man 
kannte keine Langeweile, keinen Müssiggang 
und dachte immer an Belustigungen oder an 
Ränke. Die Damen hingen entweder mit 
Leidenschaft der Königin, oder Madame la 
Dauphine, oder der Königin von Navarra, 
oder Madame, des Königs Schwester, oder 
der Herzogin von Valentinois an. Zuneigung, 
wohlüberlegte Gründe oder übereinstimmen- 
de Gemütsart bildeten diese verschiedenen 
Parteien. Die, welche die erste Jugend hinter 
sich hatten und sich ein Geschäft daraus mach- 
ten sehr tugendhaft zu sein, hielten zu der 
Königin; die ganz jungen, welche Freude 
und Liebeständeleien suchten, machten Ma- 
dame la Dauphine den Hof. Die Königin von 
Navarra hatte ihre Vertrauten, sie war jung 
und beherrschte den König, ihren Gemahl; 
er wieder war mit dem Konnetabel verbun- 
den und erhielt dadurch sehr viel Einfluss. 
Madame, des Königs Schwester, hatte sich 
ihre Schönheit noch erhalten und fesselte 
viele Damen an sich. Die Herzogin von V^a- 
lentinois verfügte über alle, die sie zu beach- 
ten geruhte; aber wenige Frauen waren ihr 
angenehm und nureinige wenigebesassenihre 
Zuneigung, ihr Vertrauen und hatten die Ge- 
mütsart, welche ihrer entsprach. Sie empfing 
nur an Tagen bei sich, wo sie ein Vergnügen 
daran fand einen Hof wie die Königin zu haben . 

>22< 



Alle diese verschiedenen Kabalen entstan- 
den des Wetteifers und Neides halber, den 
man aufeinander hatte. Die Damen, welche 
in sie verstrickt, waren auch wieder entwe- 
der um der Gunst oder der Liebhaber wil- 
len aufeinander eifersüchtig. Den grossen und 
ehrenvollen Vorteilen standen oft kleinliche 
gegenüber, die aber nicht minder empfindlich 
waren. Also gab es jede Art von Aufregung, 
ohne inneren Unfrieden am Hofe, welche ihn 
sehr anziehend, aber auch sehr gefahrvoll 
für ein junges Menschenkind machte. Ma- 
dame de Chartres sah diese Gefahr und sann 
auf Wege, ihre Tochter davor zu bewahren. 
Sie bat sie als Freundin, nicht als Mutter, 
ihr alle Liebenswürdigkeiten anzuvertrauen, 
die man ihr sagte, und versprach ihr behilf- 
lich zu sein, auf dass sie sich in allen Dingen, 
welche einem oft, zumal wenn man jung ist, 
Ängste bereiten, zurechtfinden möchte. 

Der Chevalier de Guise Hess seine Gefühle 
und seine Absichten, die er auf Mademoiselle 
de Chartres hatte, so augenscheinlich durch- 
blicken, dass sie jedermann kannte. Trotz 
alledem sah er nur zu gut, welch grosse Hin- 
dernisse sich seinem Begehren entgegenstell- 
ten; er wusste wohl, dass er zufolge seines 
wenigen Vermögens, welches nicht ausreichte 
standesgemäss zu leben, nicht der Mann war, 
der sich für Mademoiselle de Chartres ge- 

>23< 



ziemte. Auch war er sich bewusst, dass seine 
Brüder eine Heirat seinerseits nicht billigen 
würden, da sie die Erniedrigungen, welche 
die Heiraten jüngerer Söline gewöhnlich den 
vornehmen Häusern einbringen, fürchteten. 
Der Kai'dinal von Lothringen liess ihn nur 
allzubald verstehen, dass ersieh nicht täuschte; 
dieser verurteilte die Anhänglichkeit, wel- 
che er Mademoiselle de Chartres bewies, mit 
lebhafter Hitze, doch verschwieg er ihm 
seine wahren Gründe. Der Kardinal hasste den 
Vizedom von ganzem Herzen, was damals 
noch nicht bekannt war, sich aber später 
zeigte. Er hätte seinen Bruder lieber jede 
andere Verbindung eingehen sehen, wie die 
mit dem Vizedom; und er erklärte sich so 
öffentlich gegen diese Heirat, dass Madame 
de Chartres dadurch empfindlich beleidigt 
wurde. Sie bemühte sich, dem Kardinal auf 
das deutlichste zu zeigen, dass er nichts zu 
fürchten habe, da sie nicht an diese Heirat 
dächte. Der Vizedom tatdesselbigengleichen, 
und war noch tiefer verletzt als Madame de 
Chartres über des Kardinal von Lothringen 
Benehmen, sintemal er die Ursach nur allzu- 
gut kannte. 

Nicht weniger deutliche Zeichen, als der 
Chevalier de Guise von seiner Zuneigung 
hatte durchblicken lassen, gab der Prinz von 
Cleve. Voll Verdruss sah der Herzog von 

>24< 



Nevers diesen Eifer. Trotz alledem glaubte 
er nur mit seinem Sohne sprechen zu müssen, 
um Wandel in seiner Aufführung zu schaffen; 
aber er war sehr erstaunt, ihn fest entschlossen 
zu sehen, Mademoiselle de Chartres zu hei- 
raten. Er tadelte dies Vorhaben, und Hess 
sich hinreissen seinen Zorn so wenig zu ver- 
bergen, dass dessen Ursach sich bald am gan- 
zen Hofe herumsprach und bis zu Madame de 
Chartres gelangte. Diese hatte keinen Augen- 
blick daran gezweifelt, dass der Herzog von 
Nevers die Heirat mit ihrer Tochter als ein 
Glück für seinen Sohn ansähe, und war sehr 
erstaunt, dass die Häuser von Cleve und Guise 
die Vereinigung mit ihrem verschmähten, 
statt sie zu wünschen. Der Unwille, den sie 
darüber empfand, Hess sie daran denken, für 
ihre Tochter einen Mann zu suchen, der sie 
über die, welche über ihr zu stehen glaubten, 
erhob. Als sie alle, die in Frage kamen, 
vor ihrem Auge hatte vorüberziehen lassen, 
blieb nur der Prinz-Thronfolger, der Sohn 
des Herzogs von Montpensier, übrig. Er war 
damals der vornehmste unverheiratete Mann, 
der am Hofe weilte. Da Madame de Chartres 
klug genug war, sich von dem Vizedom, der 
in so hohem Ansehen stand, behilflich sein 
zu lassen, und da ihre Tochter eine glänzende 
Partie war, handelte sie mit solcher Geschick- 
lichkeit und so erfolgreich, dass der Herzog 

>25< 



von Montpensler diese Heirat zu Avünschen 
schien und es so aussah, als wären keine 
Schwierigkeiten mehr zu überwinden. 

Dennoch glaubte der Vizedoni, der um 
Monsieur d'Anvilles Neigung zu Madame la 
Dauphine wusste, den Einfluss der Fürstin auf 
diesen ausnutzen zu müssen, um ihn zu veran- 
lassen, MademoiselledeChartres beim Könige 
und dem Fürsten von Montpensier, dessen be- 
ster Freund er war, zu nützen. Er sprach mit 
Madame la Dauphine darüber und sie Hess sich 
mit Freuden in einen Handel ein, bei dem 
es sich um die Erhöhung eines Menschen- 
kindes handelte, welches sie sehr lieb hatte. 
Und äusserte das dem Vizedom gegenüber 
und versicherte ihm, wennschon sie nur all- 
zugut wisse, dass diese Angelegenheit ihrem 
Oheim, dem Kardinal von Lothringen, sehr 
unangenehm sein würde, wolle sie doch mit 
Freuden keine Rücksicht nehmen, zumal sie 
Ürsach habe unzufrieden mit ihm zu sein, 
da er tagtäglich in der Königin Angelegen- 
heit gegen ihre eigenen Partei ergreife. 

Verliebte Leute sind immer froh, wenn 
ihnen ein Vorwand Gelegenheit gibt, mit de- 
nen, welche sie lieben, zu sprechen. Sobald 
der Vizedom Madame la Dauphine verlassen 
hatte, befahl sie Chastelart, der Monsieur 
d'Anvilles Günstling war und um seine Lei- 
denschaft für sie wusste, zu ihm zu gehen 

>26< 



und ihm von ihrer Seite zu sagen, er solle 
sich am Abend bei der Königin finden lassen. 
Chastelart empfing diesen Auftrag mit sehr 
viel Freude und Ehrerbietung. Es stammte 
dieser Edelmann aus einem guten Hause der 
Dauphine, doch Verdienst und Verstand stell- 
ten ihn noch über seine Geburt. Er ^vurde 
von allen Grossen, die es am Hofe gab, emp- 
fangen und artig behandelt, und die Gunst 
des Hauses von Montmorency hatte ihn be- 
sonders herzlich mit Monsieur d'Anville ver- 
bunden. Er war wohlgebaut und in allen Ar- 
ten von Übungen gewandt, und sang schön, 
machte Verse und hatte einen liebenswürdi- 
gen und leidenschaftlichen Geist, welcher 
Monsieur d'Anville so gut gefiel, dass er ihm 
seine Liebe zu Madame la Dauphine anver- 
traute. Dies Vertrauen brachte ihn der Für- 
stin näher, und dadurch, dass er sie allzuoft 
sah, entstand jene unselige Neigung, die ihm 
die Vernunft raubte und ihn schliesslich das 
Leben kostete. 

Monsieur d'Anville versäumte es nicht am 
Abend vor der Königin zu erscheinen; er war 
glücklich, dass ihn Madame la Dauphine er- 
wählte, um einen ihrer Wünsche zu betrei- 
ben, und versprach ihr, ihrem Befehle auf 
das genaueste Gehorsam zu leisten. Doch die 
Herzogin von Valentinois war von diesem 
Heiratsplan unterrichtet und hatte ihn mit 

>27< 



soviel Sorgfalt durchkreuzt und den König 
so voreingenommen, dass er Monsieur d'An- 
ville, als dieser ihm davon sprach, verstehen 
liess, er würde ihn nicht billigen, und ihm 
selber befahl dies dem Herzoge von Mont- 
pensier zu sagen. Man kann sich denken, was 
Madame de Ghartres fühlte, als sie sah, wie 
ihr lebhafter Wunsch zunichte ward; der 
schlechte Ausgang dieses Plans aber gab ihren 
Feinden einen grossen Vorteil und schadete 
ihrer Tochter sehr. 

Auf sehr freundschaftliche Weise bezeugte 
Madame la Dauphine Mademoiselle de Ghar- 
tres ihr Bedauern, dass sie ihr nicht hatte be- 
hilflich sein können. „Sie sehen," sagte sie, 
„ich habe nur einen massigen Einfluss. Die 
Königin und die Herzogin von Valentinois 
hassen mich so sehr, dass meine Wünsche 
nur zu leicht durch sie oder durch die, welche 
ihnen untergeben sind, durchkreuzt werden. 
Und doch", fuhr sie fort, „war ich stets be- 
strebt, ihnen zu gefallen, sie hassen mich 
aber um der Königin, meiner Mutter, willen, 
die ihnen ehedem Grund zur Unruhe imd 
Eifersucht gab. Der König war in sie verliebt 
gewesen, ehe er es in die Herzogin von Va- 
lentinois ward; und in den ersten Jahren 
seiner Ehe, als er noch keine Kinder hatte, 
schien er, wiewohl er die Herzogin liebte, fast 
entschlossen zu sein, sich scheiden zu lassen, 

>28< 



um die Königfin, meine Mutter, zu heiraten. 
Madame de Valentinois fürchtete ein Weih, 
das er schon gehebt hatte und dessen Schön- 
heit und Geist ihre Gunst verringern konn- 
te, und verband sich mit dem Konnetabel, 
welcher ebenfalls nicht wünschte, dass der 
König eine Schwester der Herzöge von Guise 
heiratete. Sie unterbreiteten dem verstorbenen 
Könige ihre Gefühle, und wiewohl dieser die 
Herzogin von Valentinois tödlich hasste und 
meine Mutter liebte, bemühte er sich mit 
ihnen, den König an seiner Ehescheidung zu 
hindern. Um ihn aber gänzlich von dem Ge- 
danken an eine Ehe mit der Königin, meiner 
Mutter, abzubringen, betrieben sie ihre Hei- 
rat mit dem Könige der Schotten, welcher 
von Madame Magdalene, des Königs Schwe- 
ster, verwitwet war. Und sie taten es, weil 
er nur allzu bereit dazu war, und brachen 
die angeknüpften Verhandlungen mit dem 
Könige von England, welcher sie heftig bes 
gehrte, schnell ab. Es konnte natürlich nicht 
fehlen, dass dieses Vorgehen einen Bruch 
zwischen den beiden Königen nach sich zog. 
Heinrich VHl. konnte es nicht verwinden 
meine Mutter nicht erhalten zu haben; und 
welche andere französische Prinzessin man 
ihm auch antrug, er sagte stets, sie würde ihm 
die nicht ersetzen, welche man ihm verweigert 
hätte. Wahr ist freilich, dass die Königin, 

>29< 



meine Mutter, eine vollkommene Schönheit 
war, und es ist merkwürdig, dass drei Köni{>e 
die Witwe eines Herzogs von Longueville zu 
heiraten wünschten. Ihr Unstern gab sie dem 
geringsten und sandte sie in ein Königreich, 
wo sie nur Mühen findet. Man sagt, ich ähnele 
ihr; ich fürchte ihr wahrlich auch in ihrem 
unglücklichen Schicksale zu ähneln; welches 
Glück sich auch für mich vorzubereiten 
scheint, ich komme nicht dazu mich seiner 
zu erfreuen ! " 

Mademoiselle de Ghartres entgegnete der 
Madame la Dauphine, diese traurigen Vor- 
ahnungen seien so schlecht begründet, dass 
sie ihrer nicht lange gedenken würde, auch 
müsse sie nicht zweifeln, dass ihr Glück dem 
Scheine entsprechen würde. 

Niemand wagte mehr an Mademoiselle de 
Ghartres zu denken, weil man dem Könige 
zu missfallen fürchtete oder glaubte, bei ei- 
nem Wesen, welches sein Augenmerk auf 
einen Prinzen königlichen Geblütes gerichtet 
habe, keinen Erfolg zu erzielen. Monsieur 
de Gleve ward durch keine dieser Erwägun- 
gen zurückgehalten: der Tod des Herzogs 
von Nevers, seines Vaters, der damals ein- 
trat, gab ihm volle Freiheit, seiner Neigung 
nachzugehen; und sobald die Zeit, welche 
der Trauer wegen schicklich war, verstri- 
chen, sann er nur auf Mittel, Mademoiselle 

>30< 



de Chartres zu heiraten. Und war so glück- 
lich, ihr seine Vorschläge zu einer Zeit ma- 
chen zu können, wo die vorhergegangenen 
Vorfälle alle anderen Nebenbuhler entfernt 
hatten, und wo er beinahe sicher gehen 
konnte, dass man sie ihm nicht verweigerte. 
Was seine Freude trübte, war die Furcht 
ihr nicht angenehm zu sein, und er hätte 
das Glück ihr zu gefallen, der Gewissheit sie 
zu heiraten, ohne von ihr gelieht zu werden, 
vorgezogen. 

Der Chevalier de Guise hatte ihm einige 
ürsach zur Eifersucht gegeben; da diese sich 
aber mehr auf die Verdienste des Fürsten 
als auf ein Entgegenkommen Mademoiselle 
de Chartres' stützte, so sann er nur darauf 
es sich angelegen sein zu lassen, zu erfahren, 
ob er glücklich genug wäre, dass man seine 
Absichten auf sie billigte. Er sah sie nur bei 
den Königinnen oder in Gesellschaften, und 
es war schwierig, ein geheimes Gespräch mit 
ihr anzuknüpfen. Dessenungeachtet fand er 
die Mittel und enthüllte ihr mit aller erdenk- 
lichen Ehrerbietung seine Absichten und 
seine Neigung und bestürmte sie, ihre Ge- 
sinnung gegen ihn kundzutun, und sagte, 
seine Gefühle für sie seien solcher Art, dass 
er ewig unglücklich werden würde, wenn 
sie nur aus Pflichtbewusstsein den Wünschen 
ihrer Frau Mutter gehorchte. 

>3i< 



Da Madeinolselle de Chartres ein sehr ed- 
les und mildtäti{jes Herz hatte, war sie wahr- 
haftig vor Dankbarkeit über des Prinzen von 
Cleve Benehmen {jerührt. Diese Dankbarkeit 
gab ihrer Erwiderung und ihren Worten ei- 
ne gewisse Herzlichkeit, welche in einem so 
rasend verliebten Manne wie dem Prinzen 
hinreichende Hoffnungen erweckte, dass ein 
Teil seiner Wünsche in Erfüllung ginge. 

Sie legte ihrer Mutter von dieser Unter- 
redung Bericht ab, und Madame de Char- 
tres sagte ihr, Monsieur de Cleve habe so 
viele edle und gute Eigenschaften und zeige 
für sein Alter so grosse Klugheit, dass sie 
mit Freuden darein willigen würde, wenn 
ihre Neigung bis zur Heirat gediehe. Made- 
moiselle de Chartres entgegnete, sie erblicke 
an ihm ebensolche Eigenschaften und würde 
ihn gar mit weniger Widerwillen als einen 
anderen heiraten, empfinde jedoch keine be- 
sondere Zuneigung für seine Person. 

Noch am selben Morgen liess der Fürst 
mit Madame de Chartres verhandeln; sie 
nahm den Antrag, welchen man machte, 
an, und trug kein Bedenken, indem sie ih- 
rer Tochter den Prinzen von Cleve gab, sie 
einem Gatten zu vermählen, den sie nicht 
lieben konnte. Die Heiratsverträge wurden 
aufgesetzt, man sprach mit dem Könige und 
jedermann wusste um diese Heirat. 

>32< 



Monsieur de Cleve war glücklich, ohne 
immerhin ganz zufrieden zu sein. Er sah mit 
grossem Kummer, dass Mademoiselle de 
Chartres' Gefühle über die der Achtung und 
Dankbarkeit nicht hinausgingen; und er 
konnte sich nicht schmeicheln, sie verberge 
mehr Zuneigung, da ihr ja ihr jetziger Stand 
erlaubte, sie offen zu zeigen, ohne ihre äus- 
serste Sittsamkeit zu verletzen. Und er Hess 
keinen Tag verstreichen, ohne sich darüber 
bei ihr zu beklagen. „Ist es denn möglich," 
hub er an, „dass ich nicht glücklich werden 
kann, wenn ich Sie heirate? Jetzt bin ich es 
wahrlich nicht. Sie zeigen mir eine gewisse 
Güte, die mir nimmer genügen kann; Sie 
haben weder Ungeduld, noch Unruhe, noch 
Kummer, und sind nicht mehr von meiner 
Neigung gerührt, als Sie es von einer An- 
hänglichkeit sein würden, welche sich nur 
auf die Vorteile ihrer Glücksgüter und nicht 
auf die Reize Ihrer Person gründet!" „Sie 
tun unrecht, sich zu beklagen," antwortete 
sie, „ich weiss nicht, was Sie über das hin- 
aus, was ich tue, wünschen können, es 
scheint mir, dass es die Wohlanständigkeit 
nicht erlaubt, noch mehr zu tun!" „Es ist 
wahr," sagte er dawider, „Sie geben mir ge- 
wisse Anzeichen, mit denen ich zufrieden 
sein würde, wenn sie noch mehr versprächen, 
doch statt dass die Wohlanständigkeit Sie 

Pr.C. 3 >33< 



zurückhält, ist sie es einzig, die Sie tun lässt, 
was Sie tun. Ich gewinne weder Ihre Zunei- 
gung noch Ihr Herz, und meine Gegenwart 
bereitet ihnen nicht Freude, nicht Aufre- 
gung." „Sie dürfen nicht daran zweifeln," 
entgegnete sie, „dass es mir Freude macht, 
Sie zu sehen; und ich erröte, so oft ich Sie 
erblicke, dass Sie wahrlich nicht daran zwei- 
feln dürfen, dass mich Ihr Anblick in Ver- 
wirrung setzt!" „Ich täusche mich nicht 
über Ihr Erröten," sagte er dawider, „es ist 
ein Gefühl der Sittsamkeit und keine Be- 
wegung Ihres Herzens, und ich ziehe daraus 
nur den Vorteil, den ich daraus ziehen darf!" 

Mademoiselle de Chartres war um eine A nt- 
wort verlegen ; diese Unterscheidungen über- 
stiegen ihre Erfahrungen. Monsieur de Cleve 
sah nur zu gut, wie weit sie davon entfernt 
war, Gefühle für ihn zu empfinden, welche 
ihm genügen konnten, zumal es ihm gar so 
vorkam, als ob sie sie nicht hätte. 

Der Chevalier de Guise kam wenige Tage 
vor der Hochzeit von einer Reise zurück. Er 
hatte so viele unüberwindliche Hindernisse 
seinem Plane gegenüber, Mademoiselle de 
Chartres zu heiraten, gesehen, dass er sich 
nicht hatte bereden können, ihn erfolgreich 
durchzusetzen; nichtsdestoweniger ward er 
empfindlich betrübt, sie das Weib eines an- 
deren werden zu sehen. Dieser Schmerz er- 

>34< 



stickte seine Neigung nicht und er blieb nicht 
weniger verliebt. Mademoiselle de Chartres 
hatte nicht vergessen, welche Gefühle der 
Fürst für sie gehegt. Nach seiner Rückkehr 
Hess er sie wissen, dass sie die Ursach der 
äussersten Traurigkeit wäre, die auf seinem 
Antlitze geschrieben stand; und er war so 
verdienstvoll und blendend, dass es schwierig 
war, ihn unglücklich zu wissen, ohne Mitleid 
mit ihm zu haben. Auch sie konnte sich nicht 
dagegen wehren, etwas Mitleid zu haben, doch 
rief es keine anderen Gefühle in ihr wach. 
Sie erzählte ihrer Mutter die Not, welche ihr 
die Neigung des Fürsten schuf. 

Madame de Chartres bewunderte die Auf- 
richtigkeit ihrer Tochter, und bewunderte sie 
mit Recht, denn niemals hat ein Wesen eine 
natürlichere und grössere besessen; aber sie 
wunderte sich nicht weniger, dass dies ihr 
Herz nicht rührte, um soviel mehr, als sie er- 
kannte, dass der Prinz von Cleve es nicht 
mehr als die anderen hatte rühren können. 
Dies war die Ursach, dass sie sich eifrig be- 
mühte, sie an ihren Gatten zu fesseln und ihr 
klai'zumachen, was sie der Neigung, die er 
für sie hegte, bevor er sie kannte, und der 
Leidenschaft schuldig war, welche er ihr be- 
wiesen, indem er sie allen anderen Partien 
zu einer Zeit vorgezogen hatte, wo niemand 
an sie zu denken wagte. 

3* >35< 



Die Hochzeit kam heran, die Feierlichkeit 
fand im Louvre statt, und am Abend assen 
der König und die Königinnen samt ihrem 
ganzen Hofstaat bei Madame de Chartres, wo 
sie mit einem bewunderswerten Prunk auf- 
genommen wurden. Der Chevaher de Guise 
wagte nicht, sich bei anderen auszusprechen 
und dieser FeierHchkeit fernzubleiben, aber 
er war bei dem Feste so wenig Herr seiner 
Traurigkeit, dass sie ihm leicht anzusehen war. 

Monsieur de Cleve fand nicht, dass Made- 
moiselle de Chartres sich in ihrem Gefühl 
änderte, als sie ihren Namen gewechselt hatte. 
Seine Eigenschaft als Gatte gab ihm grosse 
Vorrechte, doch erwirkte sie ihm keinen an- 
deren Platz im Herzen seiner Frau. I^ies sorgte 
denn dafür, dass er, um ihr Gatte zu sein, 
nicht abliess, ihr Geliebter zu sein, zumal er 
immer etwas über den Stand der Verhältnisse 
hinaus zu wünschen hatte; und obwohl er 
ausserordentlich gut mit ihr lebte, war er 
doch nicht völlig glücklich. Er behielt eine 
heftige Leidenschaft und Unruhe für sie, 
welche seine Freude störte. Eifersucht hatte 
keinen Teil an dieser Aufregun g ; niemals hatte 
ein Mann weniger Ursach, eifersüchtig zu 
werden, denn niemals gab ein Weib weniger 
Anlass dazu. Dessenungeachtet lebte sie in- 
mitten des Hofes; sie ging jeden Tag zu den 
Königinnen und zu Madame. Alles, was es 

>36< 



an jungen und heissblütig^en Leuten gab, sah 
sie bei dieser und bei ihrem Schwager, dem 
Herzoge von Nevers, dessen Haus aller Welt 
offen stand. Aber sie hatte einen Gesichtsaus- 
druck, der eine so grosse Ehrfurcht einflösste, 
und dem Galanterie so fremd zu sein schien, 
dass der iNIarschall von Saint Andre, obwohl 
er keck war, von der Gnade des Königs unter 
stützt wurde und ihre Schönheit ihn gefesselt 
hatte, es nicht wagte, dies ihr anders als durch 
Aufmerksamkeiten und Verehrung zu zeigen. 
Mehrere andere waren im gleichen Zustande ; 
doch Madame de Chartres wies ihrer klugen 
Tochter ein so genaues Benehmen in allen 
Schicklichkeitsfragen, dass sie ein Wesen aus 
ihr machte, welches unantastbar dastand. 

Als die Herzogin von Lothringen für den 
Frieden wirkte, hatte sie auch für die Heirat 
ihres Sohnes gewirkt. Er war mit der zweiten 
Tochter des Königs, Madame Claude von 
Frankreich, versprochen. Ihre Hochzeit wur- 
de für den Monat Februar anberaumt. 

Währenddem hatte sich der Herzog von 
Nemours, ganz beschäftigt und erfüllt mit 
seinen Absichten auf England, in Brüssel auf- 
gehalten. Er empfing oder schickte beständig 
Boten ab; seine Hoffnungen vermehrten .sich 
mit jedem Tage, und endlich meldete Ligne- 
rolle, es sei an der Zeit, dass seine Gegenwart 
vollende, was so wohl eingefädelt. Er empfing 

>37< 



diese Nachricht mit aller Freude, die ein 
junger, ehrgeizij^er Mann haben kann, wel- 
cher sich einzig durch seinen Ruf auf einen 
Thron erliohen sieht. Sein Gemüt hatte sich 
unmerklich an die Grösse dieses Glücks ge- 
wöhnt; und wie er es anfangs als etwas ün- 
erreichl)ares verworfen hatte, so hatten sich 
nun die Schwierigkeiten in seiner Einbildung 
ausgelöscht und ersah keine Hinderung mehr. 
Und schickte eilends nach Paris und gab alle 
nötigen Befehle für die Ausrüstung einer kost- 
baren Ausstattung, auf dass er in England 
in einem Glänze erscheine, der mit dem Plane, 
welcher ihn nach dort führte, im gleichen 
Verhältnis stand. Und beeilte sich selber an 
den Hof zu kommen, um der Hochzeit des 
Herzogs von Lothringen beizuwohnen. 

Er kam am Abend vorder Eheversprechung 
an; und selbigen Abends noch legte er dem 
Könige genauen Bericht über den Stand seiner 
Angelegenheiten ab und empfing seine Be- 
fehle und Aufträge für das, was zu tim übrig 
blieb. Alsdann ging er zu den Königinnen. 
Madame de Cleve war dort nicht zugegen, 
so dass sie ihn nicht sah ; ja sie wusste nicht 
einmal, dass er angekommen war. Sie hatte 
alle Welt von dem Prinzen als einer der voll- 
kommensten und angenehmsten Erschei- 
nungen des Hofes reden hören, und Madame 
la Dauphine hatte ihn ihr derartig geschildert 

>38< 



und so viele Male von ihm gesprochen, dass 
sie neugierig und gar ungeduldig geworden 
war ihn zu sehen. 

Sie blieb am Tage der Eheversprechung 
zu Hause, um sich für den Ball und den 
königlichen Schmaus, der am Abend im 
Louvre stattfand und zu dem sie sich ein- 
finden musste, zu schmücken. Als sie ankam, 
bewunderte man ihre Schönheit und ihren 
Putz; der Ball begann, und wie sie mit Mon- 
sieur de Guise tanzte, entstand ein ziemlich 
lautes Geräusch an der Saaltür, wie von je- 
mandem, der eintritt und dem Platz gemacht 
wird. Madame de Cleve hörte zu tanzen auf, 
und während sie jemanden suchte, mit dem 
sie tanzen wollte, rief ihr der König zu, sie 
solle mit dem Ankommenden tanzen. Sie 
wandte sich um und sah einen Mann, von 
dem sie von Anfang an glaubte, dass er nur 
Monsieur de Nemours sein könnte; dieser 
stieg gerade über einige Sessel, um dahin zu 
gelangen, wo man tanzte. Der Fürst sah der- 
artig gut aus, dass es wahrlich schwer war, 
nicht überrascht zu werden ihn zu sehen, zu- 
mal wenn man ihn noch niemals gesehen hatte, 
besonders an diesem Abend, wo die Sorge, 
welche er angewendet, sich zu schmücken, 
noch den Glanz vermehrte, welcher seine 
Person umstrahlte. Doch war es auch schwer, 
die Prinzessin von Cleve zum ersten Male zu 

>39< 



sehen, ohne nicht in lebhafte Bewunderung 
zu geraten. 

Monsieur de Nemours ward so betroffen 
von ihrer Schönheit, dass er es nicht unter- 
lassen konnte, ihr ein Zeichen seiner Bewun- 
derung zu geben, als er sich ihr näherte und 
sie ihm eine Verbeugung machte. Wie sie 
zu tanzen begannen, erhob sich im Saal ein 
Gemurmel des Beifalls. Der König und die 
Königinnen erinnerten sich, dass beide sich 
noch nie gesehen hatten, und fanden es sehr 
merkwürdig, sie miteinander tanzen zu sehen, 
ohne dass sie sich kannten. Sie riefen sie zu 
sich, als sie damit aufgehört hatten, ohne 
ihnen Gelegenheit zu geben, mit jemandem 
zu sprechen, und fragten sie, ob sie keine 
Lust verspürten, zu erfahren, wer sie seien, 
und ob sie es sich nicht denken könnten. 
„Ich für mein Teil, Madame, " sagte Monsieur 
de Nemours, „bin keinen Augenblick im 
Zweifel; doch da Madame de Cleve nicht die 
gleichen Gründe hat, zu erraten, wer ich bin, 
\vie die, welche ich habe, sie zu erkennen, so 
wäre es mir lieb, wenn Eure Majestät die 
Gnade haben würden, ihr meinen Namen zu 
nennen!" „Ich glaube," sagte Madame la 
Dauphine, „dass sie ihn ebensogut kennt, wie 
Sie den ihrigen!" „Ich versichere Ihnen," 
hub Madame de Cleve an, die ein wenig er- 
regt zu sein schien, „dass ich nicht so gut 

>40< 



raten kann, wie Sie annehmen !" „Sie erraten 
sehr gut," fuhr Madame la Dauphine fort, 
„und es ist ein Komphment für Monsieur de 
Nemours, dass Sie nicht eingestehen wollen, 
ihn zu kennen, ohne ihn gesehen zu hahen!" 
Die Königin unterhrach sie, damit der Ball 
seinen Fortgang nahm. Monsieur de Nemours 
forderte Madame la Dauphine auf. Die Fürstin 
war eine vollkommene Schönheit und war 
es auch in Monsieur de Nemours' Augen ge- 
wesen, ehe er nach Flandern ging, doch den 
ganzen Abend über bewunderte er nur Ma- 
dame de Cleve. 

Der Chevalier de Guise, der sie immer noch 
anbetete, folgte ihren Schritten; und es be- 
reitete ihm der Vorgang, den er eben sich hatte 
abspielen sehen, einen fühlbaren Schmerz. Er 
nahm ihn für ein Anzeichen, dass das Glück 
Monsieur de Nemours bestimmte, sich in 
Madame de Cleve zu verlieben. Und sei es, 
dass er tatsächlich einige Verwirrung auf 
ihrem Antlitz gelesen hatte, sei es, dass die 
Eifersucht Monsieur de Guise hellsehend 
machte, er glaubte, sie sei bei dem Anblick 
des Fürsten befangen worden ; und konnte es 
sich nicht versagen, ihr zu verstehen zu ge- 
ben, dass Monsieur de Nemours gar glücklich 
begonnen habe, mit ihr durch ein Abenteuer 
bekannt zu werden, welches sehr liebens- 
würdig und aussergewöhnlich gewesen war. 

>4i< 



Madame de Cleve kehrte, das Gemüt so 
erfüllt von dem, was auf dem Balle vorge- 
fallen war, nach Hause zurück, dass sie, ob- 
wohl es schon zu später Stunde war, in das 
Gemach ihrer Mutter ging, um ihr Bericht 
zu erstatten; und sie lo})te Monsieur de Ne- 
mours ihr gegenüber in einer gewissen Art, 
welche Madame de Chartres in (jleicher Weise 
wie Monsieur de Guise zu denken gab. 

Folgenden Tags ging die Hochzeitsfeier- 
lichkeit vor sich. Madame de Cleve sah den 
Herzog von Nemours mit einer so bewunderns- 
würdigen Miene und Anmut an ihr teilneh- 
men, dass sie sie nochmals überraschten. 

Die nächsten Tage sah sie ihn bei Madame 
la Dauphine; sie sah ihn mit dem Könige Ball 
spielen, sie sah ihn ringelreiten, sie hörte ihn 
sprechen; doch sah sie ihn alle anderen so 
weit überragen und sich als derartigen Be- 
herrscher der Unterhaltung durch seine per- 
sönliche Art und die Anmut seines Geistes 
an allen Orten, wo er weilte, zeigen, dass er 
in kurzer Zeit eine grosse Zuneigung in ihrem 
Herzen erweckte. 

In Wahrheit fühlte auch Monsieur de Ne- 
mours eine leidenschaftliche Liebe zu ihr, die 
ihm die Süsse und die Fröhlichkeit gab, wel- 
che der erste Wunsch zu gefallen bewirkt. 
Er war noch liebenswerter, als er es gewöhn- 
lich war. Also sich beide immer sehend und 

>42< 



bemerkend, dass es nichts Vollkommeneres 
als den anderen am Hofe gab, konnte es leicht 
geschehen, dass sie sich überaus gefielen. 

Die Herzogin von Valentinois nahm an al- 
len Lustbarkeiten teil; und der König hegte 
für sie dieselbe Leidenschaft und dieselben 
Aufmerksamkeiten wie zu Anbeginn seiner 
Neigung. Madame de Cleve stand in einem 
Alter, in welchem man nicht glaubt, dass 
eine Frau noch geliebt werden kann, wenn 
sie das fünfundvierzigste Lebensjahr über- 
schritten hat, und beobachtete mit lebhafter 
Verwunderung die Liebe, die der König für 
die Herzogin fühlte, welche Grossmutter war 
und im Begriffe stand, ihre Enkelin zu ver- 
heiraten. Und sprach oft mit Madame de 
Chartres darüber: „Ist es möglich, Madame," 
hub sie an, „dass so lange Zeit verstrichen 
ist, seit sich der König in sie verliebte? Wie 
hat er sich an eine Frau hängen können, wel- 
che sehr viel älter als er ist, die schon die 
Geliebte seines Vaters und noch vieler ande- 
rer war, wie ich habe erzählen hören?" „Es 
ist wahr," sagte die dawider, „dass weder 
Madame de Valentinois' Verdienst noch Treue 
die heftige Leidenschaft des Königs erweck- 
ten und sie ihr erhielten, auch liegt gar 
kein Anlass vor, sie zu entschuldigen. Wenn 
aber diese Frau Jugend und Schönheit in 
Verein mit ihrer Geburt, wenn sie das Ver- 

>43< 



dienst gehabt hätte, niemanden je ffeHebt zu 
haben, wenn sie den König mit unverbrüch- 
hcher Treue, wenn sie ihn einzig und allein 
um seiner selbst willen geliebt hätte, ohne 
an die Grösse noch an ihren Vorteil zu den- 
ken, und ohne sich seiner Macht ausser für 
ehrenwerte oder dem Könige selber genehme 
Angelegenheiten zu bedienen, dann, das muss 
ich gestehen, würde man nicht umhin kön- 
nen, den Fürsten um seiner grossen Zunei- 
gung willen, die er für sie hegt, zu loben. 
Wenn ich nicht fürchtete," fuhr Madame de 
Chartres fort, „dass Sie von mii* sagen wür- 
den, was man von allen F'rauen meines Al- 
ters sagt, dass sie nämlich die Geschichten 
ihrer Zeit zu erzählen lieben, möchte ich 
Ihnen das Entstehen der Leidenscliaft des 
Königs für die Herzogin und gar manche 
Dinge vom Hofe des verstorbenen Königs be- 
richten, welche sehr viel Ähnlichkeit mit de- 
nen haben, die noch gegenwärtig vor sich 
gehen!" „Weit entfernt, Sie anzuklagen," 
fuhr Madame de Cleve fort, „vergangene Ge- 
schichten zu erzählen, beklage ich mich, Ma- 
dame, dass Sie mich nicht von der gegen- 
wärtigen unterrichtet und mir nichts von 
den verschiedenen Interessen und den ver- 
schiedenen Liebschaften des Hofes erzählt 
haben. Ich kenne sie so wenig, dass, glaube 
ich, erst wenige Tage verstrichen sind, seit 

>44< 



ich weiss, dass der Konnetabel mit der Kö- 
nigin auf gutem Fusse steht." „Sie haben da 
eine der Wahrheit ganz entgegengesetzte Mei- 
nung," erwiderte Madame de Chartres, „die 
Königin hasst den Konnetabel, und wenn sie 
jemals eine Machtstellung erlangt, wird man 
es nur allzubald gewahr werden. Sie weiss, 
dass er mehrere Male zum König gesagt hat, 
von allen Kindern, die er mit ihr gezeugt 
habe, ähnele ihm keines!" „Niemals hätte ich 
diesen Hass geargwöhnt," unterbrach sie Ma- 
dame de Gleve, „nachdem ich den Eifer ge- 
sehen, mit welchem die Königinan den Konne- 
tabel während seiner Gefangenschaft schrieb, 
und die Freude, die sie bei seiner Rückkehr 
bezeigte, und wie sie ihn auch, gleich dem 
Könige, ,mein Gevatter' nennt!" „Wenn Sie 
an diesem Orte hier dem Scheine nach ur- 
teilen," entgegnete Madame de Ghartres, 
„werden Sie sich oft täuschen; der Anschein 
trügt fast immer. 

Sie wissen doch, um auf Madame de Va- 
lentinois zurückzukommen, dass sie Diana 
von Poitiers heisst. Ihre Familie ist hochbe- 
rühmt und stammt von den alten Herzögen 
von Aquitanien ab; ihr Ahnherr ist ein na- 
türlicher Sohn Ludwigs XI. ; mit einem Wort, 
sie ist von bestem Adel. Ihr Vater, Saint Valier, 
sah sich in die Angelegenheiten des Konne- 
tabels von Burgund verwickelt, von denen 

>45< 



Sie haben reden hören. Er wurde verurteilt 
seinen Kopf zu verlieren, und ward auf das 
Schafott geschleppt. Seiner Tochter Schön- 
heit war bewundernswürdig und hatte schon 
auf den verstorbenen König Eindruck ge- 
macht. Sie brachte es dahin (durch welche 
Mittel, weiss ich nicht), dass er ihr das Leben 
ihres Vaters schenkte. Man verkündete ihm 
diese (inade, als er nichts anderes als den 
Todeshieb erwartete; doch die Angst hatte 
ihn so gepackt, dass er besinnungslos war, 
und er starb wenige Tage hernach. Seine 
Tochter erschien als des Königs Geliebte am 
Hofe. Die Reise nach Italien, die Gefangen- 
schaft des Königs unterbrachen dieses Verhält- 
nis; als er aus Spanien zurückkehrte und 
die Regentin ihm bis Rayonne entgegenzog, 
brachte sie alle ihre Edeldamen mit; unter 
ihnen war auch Mademoiselle de Pisseleu, 
welche später Herzogin von Estampes wurde. 
In die verliebte sich der König; sie stand 
Madame de Valentinois an Rang, an Geist 
und Schönheit nach und hatte ihr nur die 
grössere Jugend voraus. Ich habe mehrere 
Male sagen hören, sie sei an dem Tage ge- 
boren, an welchem Diana von Poitiers sich 
verheiratet hätte. Aber der Hass sagte ihr das 
nach und es ist nicht wahr; denn ich müsste 
mich sehr täuschen, wenn die Herzogin von 
Valentinois sich nicht in derselben Zeit, in 

>46< 



der sich der König in Madame d'Estampes 
verliebte, mit Monsieur de Brese, den Gross- 
seneschall der Normandie, verheiratet hat. 
Niemals bestand ein grösserer Hass wie zwi- 
schen diesen beiden Frauen. Die Herzogin 
von Valentinois konnte es Madame d'Estam- 
pes nimmer verzeihen, dass sie ihr den Rang 
der Geliebten des Königs geraubt hatte. Ma- 
dame d'Estampes war rasend eifersüchtig auf 
Madame de Valentinois, weil der König sei- 
nen Handel mit ihr fortsetzte. Der Fürst nahm 
es seinen Geliebten gegenüber mit der Treue 
nicht sehr genau; er hatte immer eine, die 
den Titel und die Ehren hatte; doch die Da- 
men, welche man „die kleine Schar" nannte, 
teilten ihn abwechselnd. Der Verlust des Dau- 
phins, seines Sohnes, welcher zu Tournon 
starb und den man für vergiftet hielt, berei- 
tete ihm einen empfindlichen Kummer. Er 
fühlte weder die gleiche Zärtlichkeit noch 
die gleiche Vorliebe für seinen zweiten Sohn, 
w'elcher gegenwärtig regiert ; er fand ihn nicht 
kühn, nicht feurig genug. Und beklagte sich 
eines Tages bei Madame de Valentinois dar- 
über, und sie sagte zu ihm, sie wolle ihn in 
sich verliebt machen, auf dass er angenehmer 
und gefälliger würde. Sie hatte damit, wie 
Sie sehen, viel Erfolg; zwanzig Jahre schon 
dauert diese Neigung, ohne dass sie durch 
Zeit oder Hindernisse getrübt ist. Der ver- 

>47< 



storbene König widersetzte sich anfangs, und 
sei es, dass er noch verliebt genug in Madame 
de Valentinois war, um eifersüchtig zu sein, 
sei es, dass er von der Herzogin von Estampes 
aufgereizt wurde, welche verzweifelt war, 
den Dauphin von ihrer Nebenbuhlerin ge- 
fesselt zu sehen, es ist sicher, dass er diese 
Liebe nur mit einem Zorn und einem Schmerz 
duldete, von welchem er alle Tage Beweise 
lieferte. Sein Sohn aber fürchtete sich weder 
vor seinem Hass noch vor seinem Zorn, und 
nichts konnte ihn veranlassen, seine Verbin- 
dung zu lösen oder zu verheimlichen; der 
König musste sich darin finden und sie dul- 
den. Diese Widersetzlichkeit gegen dessen 
Willen entfremdete ihn aber noch mehr mit 
dem Vater und l>rachte diesem seinen dritten 
Sohn, den Herzog von Orleans, näher. Der war 
ein wohlgestalteter Fürst, schön, voll Feuer 
und Ehrgeiz, und von einer aufbrausenden 
Jugend, welche der Mässigung bedurfte. 

Der Rang des Alteren, den der Dauphin 
einnahm, und des Königs Gunst, die der Her- 
zog von Orleans besass, verursachte eine ge- 
wisse Eifersucht vmter ihnen, die schliesslich 
in Hass ausartete. Diese Eifersucht hatte in 
früher Kindheit begonnen und war immer 
wach geblieben. Als der Kaiser in Frankreich 
weilte, gab er dem Herzog von Orleans einen 
besonderen Vorzug vor Monsieur le Dauphin, 

>48< 



der dies so bitter empfand, dass er, als der 
Kaiser in Chantilly war, den Konnetabel ver- 
pflicbten wollte, ihn festzunehmen, ohne den 
Befehl des Königs abzuwarten. Der Konne- 
tabel wollte es nicht; der König tadelte ihn 
später, den Rat seines Sohnes nicht befolgt 
zu haben ; und wenn er ihn vom Hofe ver- 
bannte, so hat dies viel dazu beigetragen. 
Dieser Zwist zwischen den beiden Brüdern 
gab der Herzogin von Estampes zu denken 
und sie beschloss, den Herzog von Orleans 
zu unterstützen, um sich gegen Madame de 
Valentinois behaupten zu können ; und hatte 
Erfolg damit, denn der Fürst ergriff, ohne 
in sie verliebt zu sein, nicht minder eifrig 
ihre Partei wie der Dauphin die der Herzo- 
gin von Valentinois. Dies zettelte zwei Ver- 
schwörungen am Hofe an, wie Sie sich wohl 
denken können, doch beschränkten sich diese 
Ränke nicht nur auf den Hader der Frauen. 
Der Kaiser hatte zu dem Herzog von Orleans 
eine Zuneigung gefasst und ihm mehrere 
Male angeboten, für ihn das Herzogtum Mai- 
land wieder herzustellen. Bei den Friedens- 
vorschlägen, die seitdem schwebten, Hess er 
ihn hoffen, ihm die siebzehn Provinzen geben 
und ihn zum Manne seiner Tochter machen 
zu wollen. Monsieur le Dauphin wünschte 
weder Frieden noch Heirat. Er bediente sich 
des Konnetabels, welcher ihm stets nahe ge- 

Pr.C. 4 >49< 



standen hatte, um dem Könige darzulegen, 
wie wichtig es sei, seinem Nachfolger keinen 
so mächtigen Bruder zu geben , wie es der 
Herzog von Orleans als Schwiegersohn des 
Kaisers und Herr der siebzehn Provinzen sein 
würde. Der Konnetabel trat um so lieber für 
die Meinung des Dauphins ein, weil sie der 
der Madame d'Estampes, seiner erklärten 
Feindin, entgegengesetzt war, welche die Er- 
höhung des Herzogs von Orleans sehnlichst 
wünschte. 

Monsieur le Dauphin befehligte damals 
das Heer des Königs in der Champagne und 
hatte das des Kaisers in eine solch verzweifelte 
Lage gebracht, dass es gänzlich verloren ge- 
wesen wäre, wenn nicht die Herzogin von 
Estampes aus Besorgnis, allzugrosse Vorteile 
könnten für den Frieden und den Bund des 
Kaisers mit dem Herzoge von Orleans ge- 
fährlich werden, die Feinde heimlich aufge- 
fordert hätte, Epernay und Ghateaü Thierry, 
welche voll der Lebensmittel waren, zu über- 
rumpeln. Sie taten es und retteten durch 
dieses Mittel das ganze Heer. 

Nicht lange freute sich die Herzogin dieses 
Verrats. Kurz darauf starb der Herzog von 
Orleans zu Tarmontiers an einer gewissen 
ansteckenden Krankheit. Er hatte eine der 
schönsten Frauen des Hofes geliebt und ward 
von ihr wieder geliebt. Ich will sie nicht mit 

>50< 



Namen nennen, weil sie seitdem so ehrbar ge- 
lebt, und sie selbst mit soviel Sorgfal t die Liebe, 
welche sie mit dem Füisten verband, verheim- 
licht hat, dass sie es verdient, wenn man ihren 
Ruf schont. Der Zufall wollte es, dass sie die 
Nachricht vom Tode ihres Gatten am gleichen 
Tage wie die des Herzogs von Orleans erhielt, 
so dass sie einen Vorwand hatte ihre wahre 
Neigung zu verbergen, ohne die Mühe zu 
haben sich Zwang auflegen zu müssen. 

Der König überlebte den Prinzen, seinen 
Sohn, nicht lange und starb zwei Jahre spä- 
ter. Er legte es Monsieur le Dauphin nahe, 
sich des Kardinals von Tournon und des Ad- 
mirals von Annebault zu bedienen, ohne von 
dem Konnetabel zu sprechen, welcher damals 
aus Chantilly verbannt war. Dessenunge- 
achtet war es des Königs, seines Sohnes, erste 
Tat, ihn zurückzurufen und ihm die Leitung 
der Staatsgeschäfte zu übertragen. 

Madame d'Estampes wurde des Landes 
verwiesen und ward aller schlechten Behand- 
lung ausgesetzt, der sie sich von einer so 
mächtigen Feindin geAvärtig sein konnte. Die 
Herzogin von Valentinois rächte sich vollstän- 
dig an der Herzogin und an allen, die ihr 
Missfallen erregt hatten. Ihr Einfluss auf des 
Königs Gemüt schien noch unumschränkter 
zu sein, als er es scheinbar während der Dau- 
phinzeit gewesen war. Seit zwölf Jahren 

4* >5i< 



herrscht der Fürst, sie ist absolute Gebieterin 
über alle Dinge, sie entscheidet über Ämter 
und Angelegenheiten; sie Hess den Kardinal 
von Tournon, den Kanzler Olivier und Vil- 
leroy verbannen. Die, welche den König über 
ihre Aufführung aufklaren wollten, sind bei 
diesem Unterfangen umgekommen. 

Der Graf von Taix, ein Grossmeister der 
Artillerie, welcher sie nicht liebte, konnte 
sich nicht enthalten, über ihre Liebesaben- 
teuer zu reden, vor allem über das mit dem 
Grafen von Brissac, auf den der König schon 
sehr eifersüchtig war. Nichtsdestoweniger 
sorgte sie dafür, dass der Graf von Taix in 
Ungnade fiel und seines Amts entsetzt wurde, 
liess es, was beinahe unglaublich ist, dem 
Grafen von Brissac zuerteilen und machte ihn 
später auch zum Marschall von Frankreich, 
Des Königs Eifersucht wuchs infolgedessen 
in solchem Masse, dass er des Marschalls 
Aufenthalt am Hofe nicht ertragen konnte; 
aber die Eifersucht, welche alle anderen Men- 
schen bitter und heftig macht, machte ihn 
der hohen Ehrfurcht zufolge, die er vor sei- 
ner Geliebten hat, sanft und massvoll ; daher 
entfernte er seinen Nebenbuhler nur unter 
einem Verwände, indem er ihm die Verwal- 
tung von Piemont übertrug. Dort hat er meh- 
rere Jahre zugebracht; letzten Winter kam 
er unter dem Vorgeben zurück, neue Trup- 

>52< 



pen und andere nötige Dinge für das Heer, 
welches er befehligt, zu erbitten. Das Ver- 
langen, Madame de Valentinois wiederzu- 
sehen, und die Sorge, von ihr vergessen zu 
sein, haben ihn vielleicht sehr viel mehr zu 
dieser Reise bewogen. Der König empfing 
ihn mit eisiger Kälte. Die Messieurs de Gui- 
se, welche ihn nicht lieben, es ihm aber um 
der Herzogin von Valentinois willen nicht zu 
zeigen wagen, benutzten den Vizedom von 
Chartres, der sein erklärter Feind ist, um zu 
verhindern, dass er irgend etwas von dem er- 
hielt, worum er zu bitten gekommen war. 
Es war nicht schwer, ihm zu schaden; der 
König hasste ihn, und seine Anwesenheit ver- 
ursachte ihm Unruhe. Daher ward er zur 
Rückkehr gezwungen, ohne dass seine Reise 
mehr gefruchtet hat, als vielleicht im Herzen 
der Madame de Valentinois wieder Gefühle 
aufflammen zu lassen, welche die Abwesen- 
heit auszulöschen begann. Der König hatte 
wohl noch andere Nebenbuhler zu fürchten, 
doch entweder kannte er sie nicht, oder er 
wagte es nicht, sich über sie zu beklagen. 

„Ich weiss nicht, meine Tochter," fügte 
Madame de Chartres hinzu, „ob Sie nicht fin- 
den, ich habe Ihnen mehr erzählt, als Sie 
zu hören wünschten!" „Ich bin weit davon 
entfernt, mich zu beklagen," sagte die Prin- 
zessin von Cleve dawider, „und trüge ich nicht 

>53< 



Sorge, Ihnen lästig zu fallen, würde ich Sie 
noch nach anderen Dingen, die ich nicht 
kenne, fragen!" 

Monsieur de Nemours' Liebe zu Madame 
de Cleve wurde schliesslich so heftig, dass 
sie ihm die Zuneigung und sogar die Ge- 
danken an alle die Flauen nahm, welche er 
geliebt, und mit denen er während seiner 
Abwesenheit in Verbindung gestanden hatte. 
Er gab sich nicht einmal Mühe, Gründe zum 
Bruch mit ihnen zu suchen, und konnte es 
nicht über sich bringen, ihre Klagen gedul- 
dig anzuhören und auf ihre Vorwürfe zu ant- 
worten. Madame la Dauphine, für die er sehr 
lebhaft geflammt hatte, konnte in seinem 
Herzen nicht Stand gegen Madame de Cleve 
halten. Selbst seine Ungeduld auf die Reise 
nach England begann sich zu verringern, und 
er betrieb die Herstellung der Ausrüstung, 
welcher er für seine Reise bedurfte, nicht 
mehr mit grossem Eifer. Er ging oft zu Ma- 
dame la Dauphine, weil Madame de Cleve 
oft zu ihr kam, und er war nicht ärgerlich, 
dass man von seinen angeblichen Gefühlen 
für die Königin redete. Madame de Cleve 
schien ihm ein so köstlicher Preis, dass er 
sich vornahm, lieber darauf zu verzichten, ihr 
ein Zeichen seiner Leidenschaft zu geben, als 
es zu wagen, sie öffentlich sehen zu lassen. 
Er sprach nicht einmal mit dem Vizedom 

>54< 



darüber, der sein nächster Freund war und 
vor dem er nie etwas verborgen hatte, und 
führte sich so klug auf und beobachtete so 
viel Sorgfalt, dass niemand ausser Monsieur 
de Guise argwöhnte, dass er in Madame de 
Cleve verliebt war. Und sie selber würde 
Mühe gehabt haben, darum zu merken, wenn 
nicht ihre Neigung zu ihm sie zu besonderer 
Aufmerksamkeit seinen Handlungen gegen- 
über verpflichtet hätte, welche ihr keinen 
Zweifel daran erlaubten. 

Sie befand sich nicht in derselben Stim- 
mung, mit ihrer Mutter darüber zu reden, was 
sie von den Gefühlen dieses Prinzen hielt, 
in der sie früher mit ihr über ihre anderen 
Liebhaber zu reden pflegte; ohne jedoch zu 
beabsichtigen, ihr dieses zu verbergen, sprach 
sie nicht mit ihr darüber. Doch Madame de 
Chartres merkte nur zu gut darum, ebenso- 
gut auch um die Neigung, welche ihre Toch- 
ter zu ihm fühlte. Diese Erkenntnis verur- 
sachte ihr einen fühlbaren Schmerz; sie 
wusste sehr wohl, in welcher Gefahr das 
junge Wesen schwebte, wenn sie von einem 
so schönen Manne wie Monsieur de Nemours 
geliebt wui'de, den sie selber liebte. Völlig 
dieses Argwohns, der ihr dieser Neigung 
wegen entstanden war, versichert wurde sie 
durch einen Vorfall, welcher sich einige 
Tage später abspielte. 

>55< 



Der Marschall von Saint Andre, der jede 
Gelegenheit ergriff, seine Prunksucht glän- 
zen zu lassen, bat den König unter dem Vor- 
geben, ihm sein Haus, welches gerade voll- 
endet worden war, zu zeigen, ihm die Ehre 
erweisen zu wollen, mit den Königinnen bei 
ihm zu Abend zu speisen. Der Marschall 
war sehr froh, auch vor Madame de Cleves 
Augen diesen glänzenden Aufwand, der fast 
an Verschwendung grenzte, zeigen zu kön- 
nen. 

Einige Tage vor dem zur Festlichkeit aus- 
ersehenen befand sich Monsieur le Dauphin, 
dessen Gesundheitszustand ziemlich zu wün- 
schen übrig Hess, sehr schlecht und empfing 
niemanden. Die Dauphine, seine Gemahlin, 
hatte den ganzen Tag bei ihm zugeljracht. 
Als er sich am Abend etwas wohler fühlte, 
liess er alle Leute von Stand, die in seinem 
Vorzimmer waren, zu sich hereinkommen. 
Madame la Dauphine ging in ihre Gemächer 
und fand dort Madame de Cleve und einige 
andere Damen vor, die zu ihren Vertrauten 
gehörten. Da es schon ziemlich spät und sie 
nicht angekleidet war, ging sie nicht zu der 
Königin, und liess ihr sagen, dass sie nicht 
erscheinen würde. Und befahl, dass man ihre 
Geschmeide brächte, um einige für den Ball 
des Marschalls Saint Andre auszusuchen und 
gleichfalls Madame de Cleve einige zu ge- 

>56< 



ben, die sie ihr versprochen hatte. Wie sie 
damit beschäftigt waren, trat der Prinz von 
Conde ein; sein Rang gewährte ihm überall 
freien Zutritt. Madame la Dauphine sagte 
zu ihm, er käme zweifelsohne vom Könige, 
ihrem Gemahl, und fragte ihn, was man dort 
triebe. „Man streitet sich mit Monsieur de 
Nemours, Madame," antwortete er, „und er 
verteidigt die Sache, welche er vertritt, mit 
soviel Hitze, als ob sie die seinige wäre. Ich 
glaube, er hat eine Geliebte, die ihm Unruhe 
bereitet, wenn sie zu Ball geht, denn er fin- 
det, es sei eine ärgerliche Sache für einen 
Liebhaber, das geliebte Wesen dort zu wis- 
sen ! " 

„Wie," sagte Madame la Dauphine da- 
wider, „Monsieur de Nemours wünscht nicht, 
dass seine Geliebte auf den Ball geht? Ich 
habe wohl angenommen, Ehemänner könn- 
ten es gern sehen, dass ihre Frauen nicht 
daran teilnähmen, aber ich habe nimmer 
geglaubt, dass Liebhaber solcher Ansicht 
sein würden!" „Monsieur de Nemours fin- 
det," entgegnete der Prinz von Conde, „ein 
Ball sei das Unglücklichste für Liebhaber, 
sei es, dass sie geliebt oder nicht geliebt wür- 
den. Er sagt, wenn sie geliebt würden, hät- 
ten sie den Kummer, mehrere Tage über 
weniger zu gelten, da es keine Frau gäbe, 
welche die Sorge um ihren Putz nicht hin- 

>57< 



dere, an ihren Geliebten zn denken, ja sie 
kümmerten sich ledigHch um diesen; und 
diese Sorgfak, sich zu schmücken, würde 
ebensogut für ihren Gehebten, wie für alle 
Welt angewendet. Und wenn sie auf einem 
Balle wären, wollten sie allen, die sie an- 
blickten, gefallen; wenn sie aber mit ihrer 
Schönheit zufrieden seien, hätten sie eine 
Freude darüber, an welcher ihr Geliebter 
nicht sonderlich beteiligt sei. Er sagt auch, 
wenn man nicht geliebt würde, litte man 
noch mehr darunter, seine Herrin auf einem 
Balle zu sehen, denn je mehr sie öffentlich 
bewundert würde, desto unglücklicher fühlte 
man sich, nicht von ihr geliebt zu werden, 
da man immer fürchten müsse, ihre Schön- 
heit möchte eine glücklichere Lieb^ als die 
seinige erwirken. Endlich findet er, dass es 
kein grösseres Leiden gäbe, als seiue Geliebte 
auf einem Ball zu wissen, auf dem man selber 
nicht sein könne. 

Madame de Cleve tat, als ob sie die Worte 
des Prinzen von Gonde nicht höre, aber sie 
hörte sie aufmerksamen Ohres an. Sie dachte 
voll Freude daran, welchen Anteil sie an die- 
ser Meinung hatte, welche Monsieur de Ne- 
mours vertrat, und vor allem auch daran, 
was er von dem Kummer sagte, nicht auf 
dem Balle sein zu können, wo seine Geliebte 
wäre, weil er nicht an dem des Marschalls 

>58< 



von Saint Andre teilnehmen konnte, da ihn 
dei' König dem Herzoge von Ferrara ent- 
gegensandte. 

Madame la Dauphine lachte mit dem Prin- 
zen von Conde und billigte Monsieur de Ne- 
mours' Meinung nicht. „Nur eine Gelegen- 
heit gibt es, Madame," fuhr der Prinz fort, 
„wo Monsieur de Nemours einwilligt, dass 
seine Geliebte zum Ball geht, nämlich wenn 
er ihn veranstaltet. Und er sagte, als er im 
vorigen Jahre Eurer Majestät einen gegeben, 
habe ihm seiner Ansicht nach seine Geliebte 
mit ihrer Teilnahme eine Gunst gewährt, 
wiewohl sie scheinbar nur Ihnen dorthin ge- 
folgt sei. Für einen Liebhaber bedeute es 
stets eine Gnade, wenn sie an einem Ver- 
gnügen, das er veranstalte, teilnähme; auch 
sei es sehr angenehm, wenn seine Geliebte 
ihn als Herrn eines Ortes, wo sich der ganze 
Hof auf halte, sich gut aufführen und den Wirt 
spielen sähe!" „Monsieur de Nemours täte 
besser daran," fuhr Madame la Dauphine mit 
einem Lächeln fort, „es zu loben, wenn 
seine Geliebte am Ball teilnimmt!" Es gab 
damals eine so grosse Anzahl von Frauen, 
denen dieser Titel zukam, dass es dort wenig 
Leute gegeben hätte, wenn sie ausgeblieben 
wären . 

Sobald der Prinz von Conde begonnen 
hatte, Monsieurs de Nemours Ansichten über 

>59< 



Bälle zu erzählen, verspürte Madame deCleve 
(jrosse Lust, an dem des Marschalls von Saint 
Andre nicht teilzunehmen. Freudig griff sie 
die Meinung auf, man dürfe zu keinem Manne 
gehen, von dem man gelieht würde, und war 
sehr froh, einen Grund zur Strenge zu hahen, 
um etwas zu tun, Avas für Monsieur de Ne- 
mours eine Gunst bedeutete. Dessenungeach- 
tet nahm sie doch den Schmuck mit, welchen 
ihr Madame laDauphine gegeben hatte. Doch 
als sie ihn abends ihrer Mutter zeigte, sagte 
sie, dass sie ihn nicht anzulegen beabsichtige; 
der Marschall von Saint Andre zeige allzu 
deutlich, was er für sie fühle, und würde es 
sie zweifelsohne wissen lassen, wenn sie an 
dem Feste teilnähme, welches er denj Könige 
gäbe. Auch würde er ihr unter dem Vor- 
wande, den Wirt bei sich zu spielen, eifrig 
den Hof machen, worüber sie vermutlich in 
Verlegenheit geraten müsse. 

Madame de Chartres bekämpfte einige Zeit 
die Meinung ihrer Tochter, da sie sie merk- 
würdig fand ; doch als sie sah, dass sie in ihr 
verharrte, gab sie nach und sagte, sie müsse 
sich dann krank stellen, um einen Yorwand 
für das Nichtkommen zu haben, denn ihre 
Gründe, die sie daran hinderten, würden nicht 
gebilligt werden; auch müsse man es zu ver- 
hüten suchen, dass man sie argwöhne. Ma- 
dame de Cleve willigte gern darein, einige 

>6o< 



Tage zu Hause zu bleiben, um nicht an einen 
Ort gehen zu müssen, wo Monsieur de Ne- 
mours nicht sein konnte. Der aber reiste ab, 
ohne das Vergnügen zu haben, darum zu wis- 
sen, dass sie nicht auf den Ball ging. 

Er kam am Tage nach dem Balle zurück 
und hörte, dass sie nicht dagewesen war. Doch 
da er nicht wusste, dass man in ihrer Gegen- 
wart die Unterhaltung beim Dauphin wieder- 
gegeben hatte, dachte er nicht im entfern- 
testen daran, er sei der Glückliche gewesen, 
der sie daran gehindert habe zum Ball zu 
gehen. 

Als er folgenden Tags bei der Königin war 
und mit Madame la Dauphine sprach, traten 
Madame de Ghartres und Madame de Gleve 
ein und näherten sich der Fürstin. Madame 
de Gleve war ein wenig nachlässiger geklei- 
det, wie ein Wesen, das sich elend gefühlt 
hatte ; doch ihr Aussehen entsprach ihrer Klei- 
dung nicht. „Sie sehen so schön aus," sagte 
Madame la Dauphine, „dass ich nicht an Ihre 
Krankheit glauben kann. Ich denke, indem 
Ihnen der Prinz von Gonde Monsieurs de Ne- 
mours' Meinung über Bälle sagte, überzeugte 
er Sie, dass Sie dem Marschall von Saint 
Andre eine Gunst gewähren würden, wenn 
Sie zu ihm gingen; und das verhinderte Sie 
an Ihrem Erscheinen dort ! " Madame de Gleve 
errötete darüber, dass Madame la Dauphine 

>6i< 



richtig riet, und auch darüber, dass sie vor 
Monsieur de Nemours sagte, was sie erraten 
hatte. 

Madame de Chartres merkte in diesem 
AugenbHck, warum ihre Tochter den Ball 
nicht hatte besuchen wollen ; und um zu ver- 
hindern, dass es Monsieur de Nemours eben- 
sogut wie sie erriet, ergriff sie das Wort mit 
einer Miene, die sich auf Wahrheit zu berufen 
schien. „ Ich versichere Ihnen, INIadame, " sagte 
sie zu Madame la Dauphine, „Eure Majestät 
tun meiner Tochter mehr Ehre an, als sie 
sie verdient. Sie war wirklich krank; aber 
ich glaube, wenn ich sie nicht gehindert hatte, 
würde sie sich nicht haben abhalten lassen 
Ihnen zu folgen, und so verändert, wiegle war, 
gekommen sein, um das Vergnügen zu ha- 
ben all das Aussergewöhnliche zu sehen, 
was es dort beim Feste gestern abend gab!" 
Madame la Dauphine glaubte, was Madame 
de Chartres sagte; Monsieur de Nemours 
wurde sehr betrübt dies zu hören; nichts- 
destoweniger Hess ihn Madame de Gleves 
Erröten argwöhnen, Madame la Dauphines 
Aussage entferne sich nicht allzusehr von 
der Wahrheit. 

Madame de Cleve war anfangs verdrossen, 
dass Monsieur de Nemours Grund gehabt 
hatte zu glauben, sie sei auf seine Veranlas- 
sung hin nicht zum Marschall von Saint An- 

>62< 



dre gegangen. Doch schliesslich fühlte sie 
einigen Kummer, dass ihre Mutter ihm jeden 
Glauben daran genommen. 

Obwohl die Versammlung von Cercamp 
sich aufgelöst hatte, waren die Friedensver- 
handlungen doch immer fortgesetzt worden; 
und die Dinge entwickelten sich solcher Art, 
dass man sich Ende Februar in Chateau Cam- 
bresis versammelte. Die gleichen Abgeord- 
neten kehrten dorthin zurück; die Abwesen- 
heit des Marschalls von Saint Andre aber 
befreite Monsieur de Nemours von einem 
Nebenbuhler, der ihm durch seine Achtsam- 
keit auf die, welche sich Madame de Cleve 
näherten, gefährlicher war, als durch die 
Fortschritte, die seine Neigung bei ihr erwir- 
ken konnten. 

Madame de Chartres hatte ihre Tochter 
nicht merken lassen wollen, dass sie um ihre 
Gefühle für den Prinzen wusste, denn sie 
fürchtete sich ihr durch die Dinge, welche 
sie ihr zu sagen beabsichtigte, verdächtig zu 
machen. Sie schickte sich eines Tages an von 
ihm zu sprechen, indem sie ihr viel Gutes 
über ihn und viele vergiftete Lobeserhebun- 
gen über seine Klugheit sagte, sich niemals 
wahrhaft, sondern nur um seines Vergnügens 
willen zu verlieben. „Und dies nur," fügte 
sie hinzu, „weil man vermutet, dass er eine 
leidenschaftliche Liebe zu Madame la Dau- 

>63< 



phine liegt; ich sehe selbst, dass er sehr oft 
bei ihr weilt, und ich rate Ihnen, es nach 
Möglichkeit 7ai vermeiden, viel und besonders 
allein mit ihm zu sprechen, weil man sonst 
bald sagen würde, dass sie Madame la Dau- 
phines Vertraute seien, zumal man sieht, wie 
sie Sie behandelt; und Sie wissen doch, wie 
unangenehm es ist, in solchem Lichte dazu- 
stehen. Wenn dieses Gerücht von Dauer ist, 
sollten Sie, meine ich, weniger oft zu Mada- 
me la Dauphine gehen, damit Sie sich nicht 
in galante Abenteuer verwickelt sehen!" 

Madame de Cleve hatte nimmer von Mon- 
sieur de Nemours und Madame la Dauphine 
reden hören: sie wurde bestürzt ob der müt- 
terlichen Rede, und war so fest überzeugt, 
sich in allem getäuscht zu haben, was sie von 
des Prinzen Gefühlen gedacht hatte, dass sich 
ihr Gesicht veränderte. Madame de Chartres 
merkte darum; es kamen Leute im Augen- 
blick, Madame de Cleve ging in ihre Zimmer 
und schloss sich in ihr Schlafgemach ein. Man 
kann nicht ermessen, welchen Schmerz sie 
verspürte, an den Worten ihrer INIutter zu 
erkennen, welchen Anteil sie an Monsieur de 
Nemours nahm; noch niemals hatte sie ge- 
wagt, es .sich selber einzugestehen. Sie sah 
nun, dass die ihm entgegengebrachten Ge- 
fühle die waren, um welche sie Monsieur de 
Cleve so innig gebeten hatte; sie sah ein, wie 

>64< 



schändlich es war, sie für einen anderen wie 
für einen Gatten zu hegen, der sie verdiente. 
Sie fühlte sich verwundet und von Furcht 
erregt, dass Monsieur de Nemours sich ihrer 
bedienen wollte, um bei Madame la Dauphine 
in Vorteil zu kommen; und dieser Gedanke 
bestimmte sie, Madame de Chartres alles zu 
erzählen, was sie ihr noch nicht gesagt hatte. 
Folgenden Morgen ging sie in deren Ge- 
mach, um ihre Absicht zu vollenden; doch 
sie fand, dass Madame de Chartres ein wenig 
fieberte und wollte deshalb nicht mit ihr 
sprechen. Dennoch kam Madame de Cleve 
das Übel so belanglos vor, dass sie nachmit- 
tags nicht Abstand davon nahm, zu Madame 
la Dauphine zu gehen. Diese war mit zwei 
oder drei Damen, welche ihrem vertrauten 
Kreise angehörten, in ihrem Schlafgemach. 
„Wir sprechen eben von Monsieur de Ne- 
mours," rief die Königin ihr zu, als sie ihrer 
ansichtig wurde, „und wundern uns, wie sehr 
er sich seit seiner Rückkehr aus Brüssel ver- 
ändert hat ; bevor er reiste, hatte er eine Un- 
zahl von Geliebten, und es war dies gar sein 
Fehler, denn er hielt sich mit denen, die es 
wert waren, und mit denen, welche es nicht 
verdienten. Seit seiner Rückkehr kennt er 
weder die einen noch die anderen; niemals 
sah ich einen solchen Wechsel in der Lebens- 
führung, und ich finde sogar, dass sich auch 

Pr. C. 5 > 65 < 



sein Gemüt geändert hat, denn er ist weniger 
fröhlich als ehedem!" 

Madame de Cleve erwiderte nichts darauf 
und dachte mit Scham daran, dass sie alle 
Veränderungen, die man an dem Prinzen be- 
merkte, als Zeichen seiner Liebe zu ihr ge- 
deutet hätte, wenn sie nicht von ihrem Wahne 
befreit worden wäre. Und fühlte einigeBitter- 
keit gegen Madame la Dauphine, weil sie 
nach Ursachen suchte und sich über etwas 
wunderte, dessen Grund sie wahrscheinlich 
besser als jedermann wusste. Sie konnte es 
sich nicht versagen, ihr etwas darüber zu 
äussern; und als sich die anderen Damen ent- 
fernten, näherte sie sich ihr und sprach ganz 
leise zu ihr: „Gilt auch mir, was Sie soeben 
sagten, Madame, und wollen Sie auch mir 
verbergen, dass Sie diejenige sind, welche den 
Wechsel in Monsieur de Nemours' Auffüh- 
rung hervorgerufen hat?" „Sie tun mir un- 
recht," erwiderte Madame la Dauphine, „denn 
Sie wissen, dass ich nichts vor Ihnen verheim- 
liche. Wahr ist, dass Monsieur de Nemours, 
glaube ich, beabsichtigte, ehe er nach Brüssel 
ging, mich wissen zu lassen, dass er mich nicht 
hasste; doch seitdem er zurückgekehrt ist, 
sieht es mir nicht einmal so aus, als ob er sich 
seiner Handlungen erinnerte ; und ich gestehe, 
dass ich ziemlich neugierig bin, zu erfahren, 
wer diesen Wandel hervorgerufen hat. — Es 

>66< 



wird mir ein leichtes sein, dies zu enthüllen," 
fuhr sie fort, „denn der Vizedoin von Char- 
tres, sein bester Freund, liebt eine Dame, auf 
die ich einigen Einfluss ausübe, und durch 
sie werde ich erfahren, wer diesen Wechsel ver- 
schuldet hat ! " Madame la Dauphine sprach 
mit einer Miene, die Madame de Cleve über- 
zeugte; die aber fühlte sich wider Willen in 
einem ruhigeren und freudigeren Zustande 
als vorher. 

Wie sie zu ihrer Mutter heimkehrte, ver- 
nahm sie, dass es sehr viel schlimmer um sie 
stünde, als bei ihrem Fortgehen. Das Fieber 
hatte sich verdoppelt und die folgenden Tage 
steigerte es sich derartig, dass es in eine ge- 
fährliche Ki-ankheit auszuarten schien. Ma- 
dame de Cleve war aufs äusserste betrübt und 
verliess das Gemach ihrer Mutter nicht. Auch 
Monsieur de Cleve verbrachte dort fast alle 
Tage aus Teilnahme, die er Madame de Char- 
tres' Befinden zollte, und weil er verhindern 
wollte, dass sich seine Frau der Traurigkeit 
überliesse. Auch wollte er die Freude haben 
sie zu sehen, denn seine Leidenschaft hatte 
sich nicht verringert. 

Monsieur de Nemours, der stets viel Freund- 
schaft für ihn übrig gehabt hatte, liess nicht 
ab, sie ihm nach seiner Rückkehr aus Brüssel 
zu bezeugen. Während Madame de Chartres' 
Krankheit fand der Prinz mehrere Male Ge- 

5- >67< 



legenheit, Madame de Cleve zu sehen, als er 
scheinbar ihren Gatten suchte oder ihn zu 
einem Spazier^jan^j abzuholen kam. Und be- 
suchte ihn gar zu Stunden, wo er genau wuss- 
te, dass er abwesend war; und unter dem Vor- 
geben, ihn erwarten zu wollen, hielt er sich 
in Madame de Chartres' Vorzimmer auf, wo 
sich täjjHch Leute von Stand einfanden. Ma- 
dame de Cleve kam oft dorthin und schien 
Monsieur de Nemours in ihrer Traurigkeit 
nicht minder schön zu sein. Er liess sie sehen 
welchen Anteil er an ihrer Betrübnis nahm, 
und sprach ihr davon mit einer ehrerbietigen 
und liebreichen Miene, die sie leicht über- 
zeugte, dass seine Liebe nicht Madame la 
Dauphine galt. 

Sie konnte eine Verwirrung bei seinem An- 
blick nicht unterdrücken und hatte doch 
Freude ihn zu sehen; aber wenn sie ihn nicht 
mehr sah und daran dachte, das Entzücken, 
welches sie bei seinem Anblick überkam, sei 
der Beginn der Zuneigung, dann fehlte wenig 
daran, dass sie ihn um des Schmerzes willen, 
den ihr dieser Gedanke verursachte, zu hassen 
glaubte. 

Madame de Chartres' Befinden verschlim- 
merte sich dergestalt, dass man an ihrem 
Leben zu verzweifeln begann ; sie nahm alles, 
was ihr die Ärzte von der Gefahr sagten, in 
der sie schwebte, mit einem Mute auf, der 

>68< 



ihrer Tugend und Frömmigkeit entsprach. 
Nachdem die Arzte fortgegangen waren, hiess 
sie jedermann sich entfernen und Hess ihre 
Tochter rufen. 

„Wir müssen voneinander scheiden, meine 
Tochter, " sagte sie, indem sie sie bei der Hand 
hielt; „die Gefahr, in der ich Sie schweben 
sehe, vermehrt meinen Kummer Sie zu ver- 
lassen, und Sie gerade jetzt verlassen zu müs- 
sen, wo Sie meiner bedürfen. Sie haben eine 
Neigung zu Monsieur de Nemours; ich bitte 
Sie, leugnen Sie sie nicht ab. Ich befinde mich 
in einem Zustande, wo ich Ihrer Offenheit 
bedarf, um Sie zu leiten. Ich habe diese Liebe 
seit langem bemerkt, doch wollte ich anfangs 
nicht mit Ihnen darüber sprechen, weil ich 
fürchtete, Sie selbst möchten sie erst dadurch 
gewahr werden. Sie kennen sie jetzt nur zu 
gut. Sie stehen am Rande eines Abgrundes; 
es bedarf grosser Anstrengung und Selbst- 
überwindung, um Sie vor dem Sturze zu be- 
wahren. Denken Sie daran, was Sie Ihrem 
Gatten schuldig sind ; denken Sie daran, was 
Sie sich selber schuldig sind, und denken Sie 
daran, dass Sie im Begriffe stehn, den guten 
Ruf zu verlieren, den zu gewinnen ich Ihnen 
behilflich war. Haben Sie Kraft und Mut, 
meine Tochter, ziehen Sie sich vom Hofe zu- 
rück; verpflichten Sie Ihren Gatten, Sie fort- 
zuführen. Scheuen Sie sich nicht zu harte 

>69< 



und grausame Entschlüsse zu fassen: welche 
Pein sie Ihnen auch anfangs bereiten, sie 
werden in der Folgezeit wohltuender sein als 
die Wirkungen einer schlimmen Liebschaft. 
Wenn Sie andere Gründe wie die der Tugend 
und Ihrer Pflicht zu dem, was ich wünsche, 
nötigen könnten — will ich Ihnen offen sa- 
gen — wäre irgendetwas fähig, mirdasGlück, 
welches ich beim Scheiden aus dieser Welt 
erhoffe, zu trüben, so würde es das sein, Sie 
wie andere Frauen sinken zu sehen; wenn 
Sie aber dieses Unglück überkommen muss, 
erwarte ich, um nicht dessen Zeuge zu sein, 
freudig den Tod." Madame de Cleve zerfloss 
über der Hand ihrer Mutter, welche sie mit 
den ihrigen drückte, in Tränen; auch Ma- 
dame de Chartres war sichtlich gerührt. 
„Leben Sie wohl, meine Tochter," fuhr sie 
fort, „lassen Sie uns ein Gespräch beendigen, 
das uns, eine wie die andere, weich macht; 
und erinnern Sie sich, wenn Sie es können, 
alles dessen, was ich Ihnen eben sagte!" 

Als sie diese Worte gesprochen hatte, legte 
sie sich auf die andere Seite und befahl ihrer 
Tochter, ohne sie anhöi'en oder noch mehr 
sprechen zu wollen, ihre Frauen zu rufen. 
Madame de Cleve ging in einem Zustande 
aus dem Gemach ihrer Mutter, den man sich 
ausmalen kann; Madame de Chartres aber 
dachte nur noch daran, sich auf den Tod 

>7o< 



vorzubereiten. Sie lebte noch zwei Tage, 
während welcher sie ihre Tochter, die das 
einzige Wesen war, an das sie sich gebunden 
fühlte, nicht mehr wiedersehen wollte. 

Madame de Cleve war in äusserster Betrüb- 
nis; ihr Gatte verliess sie nicht, und sobald 
Madame de Chartres bestattet war, führte er 
sie auf das Land, um sie von dem Orte fern 
zu halten, der ihren Schmerz nur vergrössern 
konnte. Man sah nimmer einen lebhafteren, 
da Zärtlichkeit und Dankbarkeit ihn in erster 
Hinsicht verursachten. Das Gefühl, wie not- 
wendig sie ihrer Mutter bedurfte, um sich 
Monsieur de Nemours' zu erwehren, liess 
nicht zu, dass er geringer wurde. Sie war un- 
glücklich, zu einer Zeit auf sich selber an- 
gewiesen zu sein, wo sie so wenig Herrin 
ihrer Gefühle war und wo sie sich so sehn- 
lichst gewünscht hätte jemand zu haben, 
bei dem sie sich beklagen und der ihr Mut 
zusprechen konnte. Monsieur de Cleves Be- 
nehmen ihr gegenüber liess sie stärker als je 
empfinden, dass sie nichts an dem, was sie 
ihm schuldete, fehlen lassen dürfte. Sie be- 
zeugte ihm denn auch mehr Freundschaft 
und Zärtlichkeit, als sie es je getan hätte, und 
wollte nicht, dass er sie verliesse; war es ihr 
doch, als ob sie dadurch, dass sie ihn an sich 
fesselte, sich besser Monsieur de Nemours' 
erwehren könnte. 

>7i< 



Der Prinz kam auf das Land, um Mon- 
sieur de Cleve zu sehen; er bot alles auf, um 
auch Madame de Cleve einen Besuch abstat- 
ten zu dürfen, jedoch sie wollte ihn nicht 
empfangen. Da sie genau fühlte, dass sie 
nicht umhin könnte, ihn liebenswert zu 
finden, hatte sie den festen Entschluss ge- 
fasst, ein Wiedersehn und alle Gelegenheiten 
dazu, die von ihr abhängig waren, zu ver- 
meiden. 

Monsieur de Cleve ging nach Paris zurück, 
um bei Hofe seinen Dienst zu tun, und ver- 
sprach seiner Frau folgenden Morgens zu- 
rückzukommen; trotzdem kam er erst einen 
Tag später wieder. „ Ich habe Sie gestern den 
ganzen Tag über zurückerwartet, " sagte Ma- 
dame de Cleve zu ihm, als er eintraf, „und 
muss Ihnen Vorwürfe machen, nicht zur ver- 
sprochenen Zeit zurückgekommen zu sein. 
Sie wissen, könnte ich neuen Schmerz in mei- 
nerjetzigen Trübsal empfinden, so würde ihn 
Madame de Tournons Tod verursacht haben, 
welchen ich heute morgen erfuhr. Ich wäre 
auch traurig darüber, wenn ich sie nicht ge- 
kannt hätte; ist es doch sehr betrübend, dass 
eine junge und schöne Frau, wie sie es war, 
in zwei Tagen stirbt; und mehr noch, sie war 
eine der Frauen von Rang, die mir sehr gut 
gefiel und ebensoviel Klugheit wie Wert zu 
haben schien." 

>72< 



„Es betrübt mich sehr nicht gestern zu- 
rückgekehrt zu sein," entgegnete Monsieur 
de Cleve, „aber ich musste notwendig einen 
Unglückhchen trösten, den ich unmögHch 
verlassen konnte. Um Madame de Tournon 
rate ich Ihnen nicht traurig zu sein, wenn 
Sie sie als eine kluge und Ihrer Schätzung 
würdige Frau bedauern!" „Sie setzen mich 
in Erstaunen," sagte Madame de Cleve da- 
wider, „denn ich habe Sie mehrere Male sa- 
gen hören, dass Sie keine Frau am Hofe höher 
achteten als sie!" „Das ist wahr," entgegnete 
der Prinz, „aber Frauen sind unbegreiflich; 
und wenn ich alle betrachte, dann fühle ich 
mich so glücklich, Sie zu besitzen, dass ich 
mein Heil nicht genug preisen kann!" „Sie 
schätzen mich mehr, als ich es verdiene," 
antwortete Madame de Cleve mit einem Seuf- 
zer, „es ist noch nicht an der Zeit, mich Ihrer 
wert zu finden. Erzählen Sie mir, ich bitte 
Sie herzlich, worin Sie Madame de Tournon 
enttäuscht hat!" „Ich kenne sie seit langem," 
entgegnete er, „und weiss, dass sie den Gra- 
fen von Sancerre liebte, dem sie Hoffnungen 
auf eine Heirat machte." „Ich kann nicht 
glauben," unterbrach ihn Madame de Cleve, 
„dass Madame de Tournon nach der so aus- 
sergewöhnlichen Abneigung, die sie, seitdem 
sie Witwe wurde, der Ehe bezeigte, und nach 
den Erklärungen, die sie öffentlich ablegte, 

>73< 



sich niemals wieder zu verheiraten, in Mon- 
sieur de Sancerre Hoffnungen erweckt hat!" 
„Wenn sie sie nur in ihm hervorgerufen hät- 
te," fiel Monsieur de Gleve ein, „würde man 
sich nicht wundern, doch was das Üherra- 
schende ist, sie hat sie zur gleichen Zeit auch 
in Estouteville erregt. Ich will Ihnen die ganze 
Geschichte erzählen : 

Sie wissen um die Freundschaft, welche 
mich mit Sancerre verbindet; er verliebte 
sich also, es mögen wohl zwei Jahre her sein, 
in Madame de Tournon und verhehlte es mir 
mit ebensoviel Sorgfalt wie aller Welt; ich 
dachte gar nicht daran, ihm zu misstrauen. 
Madame de Tournon schien noch untröstlich 
über ihres Mannes Tod zu sein undlebtein äus- 
serster Zurückgezogenheit. Sancerres Schwe- 
ster war das einzige Wesen, welches sie sah; 
und bei ihr verliebte er sich in sie. 

Eines Abends war Schauspiel im Louvre, 
und man wartete noch auf den König und 
Madame de Valentinois, um zu beginnen, als 
verkündet ward, dass sie unwohl sei und dass 
der König nicht komme. Man mutmasste 
wohl, hinter der Herzogin Unwohlsein ver- 
berge sich irgendein Zwist mit dem Könige: 
wissen wir doch, wie eifersüchtig er auf den 
Marschall von Brissac war, als er am Hofe 
weilte; aber der war ja seit einigen Tagen 
auf dem Wege nach Piemont und wir konn- 

>74< 



ten ihn nicht für die Ursach dieses Zwistes 
halten. 

Als ich mit Sancerre sprach, trat Monsieur 
d'Anville in den Saal und sagte mir ganz 
leise, der König habe einen Kummer und eine 
Wut, dass er einem leid tun könne. Bei einer 
Versöhnung zwischen ihm und Madame de 
Valentinois vor einigen Tagen nach einem 
Streite, welcher den Marschall von Brissac 
als Ursach halte, habe der König ihr einen 
Ring geschenkt und sie gebeten, ihn zu tragen. 
Während sie nun beim Anzüge beschäftigt 
war, um in das Schauspiel zu gehen, habe 
er bemerkt, dass sie diesen Ring nicht trüge, 
und sie um Aufklärung darüber gebeten ; sie 
habe vorgegeben erstaunt zu sein, ihn nicht 
zu tragen, und ihn ihren Frauen abgefordert, 
die unglücklicherweise, oder weil sie schlecht 
unterrichtet waren, geantwortet hätten, ihn 
seit ungefähr vier oder fünf Tagen nicht ge- 
sehen zu haben. 

Solange Zeit ist gerade der Marschall von 
Brissac unterwegs," fuhr Monsieur d'Anville 
fort, „der König war keinen Augenblick im 
Zweifel, dass sie ihn ihm geschenkt, als er ihr 
Lebewohl gesagte hatte. Dieser Gedanke ent- 
fachte all seine mühsam verhehlte Eifersucht 
zu solchem Brande, dass er sich gegen seine 
Gewohnheit hinreissen Hess und sie mit Vor- 
würfen überhäufte. Er kehrte dann tief he- 

>75< 



kümmert in seine Gemächer zurück, und ich 
weiss nicht, ob er es mehr deswegen ist, weil 
sie seinen King geopfert hat, oder weil er 
füixhtet, ihr mit seinem Zorne missfallen zu 
haben ! " 

Sowie Monsieur d'Anville mit dieser Ge- 
schichte zu Ende war, näherte ich mich San- 
cerre, um sie ihn wissen zu lassen: ich er- 
zählte sie ihm aber als ein Geheimnis, welches 
man mir eben anvertraut hatte und das ich 
ihm weiterzuerzählen verbot. 

Kommenden Morgens ging ich zu zeitiger 
Stunde zu meiner Schwägerin und fand Ma- 
dame de Tournon am Kopfende ihres Bettes; 
sie liebte Madame de Valentinois nicht, und 
wusste, dass meine Schwägerin keinen Grund 
hatte, sie zu loben. Sancerre war nach Be- 
endigung des Schauspiels bei ihr gewesen 
und hatte ihr den Streit des Königs mit der 
Herzogin erzählt; Madame de Tournon war 
nun gekommen, um ihn meiner Schwägerin 
zu berichten, ohne zu wissen oder daran zu 
denken, dass ich der Quell war, aus dem ihr 
Geliebter geschöpft. 

Sowie ich auf meine Schwägerin zutrat, 
sagte sie zu Madame de Tournon, dass man 
mir das eben Erzählte anvertrauen könne; 
und ohne Madame de Tournons Erlaubnis 
abzuwarten, berichtete sie mirWort fürWort, 
was ich Sancerre am vorhergehenden Abend 

>76< 



gesagt hatte. Sie können sich denken, wie 
erstaunt ich war. Ich sah Madame de Tour- 
non an, sie schien verwirrt zu sein. Ihre Ver- 
wirrung erweckte meinen Argwohn; ich 
hatte den Vorfall nur Sancerre erzählt, der 
mich beim Fortgehen aus dem Schauspiel 
verlassen hatte, ohne mir einen Grund anzu- 
geben; es fiel mir ein, dass er Madame de 
Tournon in meiner Gegenwart sehr heraus- 
gestrichen hatte. All das öffnete mir die 
Augen; ich entdeckte mühelos, dass er eine 
Liebschaft mit ihr unterhielt und dass er sie 
gesehen, als er mich verlassen. 

Und war so aufgebracht, wie ich merkte, 
dass er mir dies Abenteuer verheimlichte, 
dass ich mancherlei äusserte, was Madame 
de Tournon die begangene Unklugheit be- 
reuen lassen musste. Leitete sie an ihren 
Wagen und versicherte ihr beim Weggehen, 
ich sei auf das Glück dessen neidisch, der 
ihr den Streit zwischen dem Könige und der 
Herzogin von Valentinois mitgeteilt habe. 

Zur selbigen Stunde suchte ich Sancerre 
auf und machte ihm Vorwürfe. Erklärte ihm 
auch, dass ich um seine Neigung zu Madame 
de Tournon wüsste, ohne ihm zu sagen, wie 
ich sie enthüllt hatte. Er sah sich zu einem 
Geständnis mir gegenüber gezwungen. Ich 
erzählte ihm dann, wie ich sie in Erfahrung 
gebracht hatte, und er berichtete mir ganz 

>77< 



ausführlich von ihrem Abenteuer. Und sagte 
mir ferner, dass sie, obwohl er der jüngste 
seines Hauses und kaum jemals auf eine gute 
Heirat Anspruch machen könnte, doch wil- 
lens wäre, ihn zu heiraten. Man konnte nicht 
überraschter sein, als ich es Avar. Ich riet San- 
cerre noch, den Abschluss seiner Heirat zu 
beeilen, auch solle er vor einer Frau auf der 
Hut sein, welche die Gabe besässe, in den 
Augen der Welt eine Rolle spielen zu kön- 
nen, die mit der Wahrheit nicht im Einklang 
stände. Er sagte mir, dass sie wirklich sehr 
niedergebeugt gewesen wäre, doch habe ihre 
zu ihm gefasste Neigung diese Trauer über- 
wunden ; aber sie könne nicht auf einmal eine • 
solch grosse Veränderung eintreten -lassen. 
Auch gab er mir noch mehrere andere Gründe 
zu ihrer Entschuldigung an, die mir bewie- 
sen, wie verliebt er in sie war. Er versicherte 
mir auf das bestimmteste, sie würde darein- 
willigen, dass ich um die Liebe wüsste, die 
er für sie empfand, zumal sie selber es ja war, 
die sie mich gelehrt hatte. Und brachte es 
wahrhaftig, wenn auch mit Mühe, soweit; 
und ich genoss in der Folgezeit ihr ganzes 
Vertrauen. 

Niemals sah ich ein Weib, welches sich 
ihrem Liebhaber gegenüber rücksichtsvol- 
ler und ehrbarer benahm ; trotzdem war ich 
stets empört über ihre Trauer nach aussen 

>78< 



hin. Sancerre war so verliebt und zufrieden 
mit der Weise, die sie gegen ihn anschlug, 
dass er sie fast nicht zur Hochzeit zu drängen 
wagte aus Furcht, sie könne glauben, er liebe 
sie mehr aus Eigennutz als wahrer Liebe. 
Er sprach oftmals mit ihr darüber, und sie 
schien entschlossen zu sein, ihn zu heiraten; 
begann sogar die Zurückgezogenheit, in der 
sie lebte, aufzugeben und sich wieder vor 
der Welt zu zeigen. Und sie kam zu meiner 
Schwägerin zu den Stunden, wo sich ein Teil 
des Hofes bei ihr einfindet. Sancerre kam 
sehr selten dorthin; die aber, welche alle 
Abende dort waren und sie oft sahen, fanden 
sie sehr liebenswürdig. 

Wenige Zeit, nachdem sie ihre Einsamkeit 
aufzugeben begann, glaubte Sancerre, einige 
Kälte in der Liebe, die sie für ihn hegte, zu 
spüren. Er sprach mehrere Male mit mir 
darüber, ohne dass ich seine Klagen berechtigt 
fand; doch wie er mir schliesslich sagte, dass 
sie die Hochzeit, statt sie zu beschleunigen, 
verschiebe, begann auch ich zu glauben, seine 
Unruhe sei nicht völlig grundlos. Und ant- 
wortete ihm, wenn sich Madame de Tournons 
Leidenschaft nach zweijähriger Dauer ver- 
mindere, dürfe er sich nicht darüber wun- 
dern; selbst wenn sie, ohne sich vermindert 
zu haben, nicht stark genug wäre, um sie zu 
bestimmen ihn zu heiraten, so dürfe er sich 

>79< 



nicht darüber beklagen ; diese Heirat würde 
ihr in der Menschen Augen sehr viel scha- 
den, nicht nur, weil er keine gute Partie für 
sie wäre, sondern um des Nachteils willen, 
welchen sie an ihren guten Ruf davontrüge; 
alles, was er wünschen könne, sei, dass sie ihn 
nicht hintergehe und ihm keine eitlen Hoff- 
nungen mache. Ich sagte ihm noch, wenn 
sie nicht die Kraft hätte, ihn zu heiraten, 
oder wenn sie ihm gestände, einen anderen 
zu lieben, solle er sich nicht erzürnen noch 
sich beklagen, sondern müsse ihr Achtung 
und Dankbarkeit bewahren. 

„Ich gebe Ihnen diesen Rat," sprach ich 
zu ihm, „den ich selber befolgen würde: denn 
Aufrichtigkeit rührt mich in solch -hohem 
Masse, dass ich, glaube ich, wenn meine Ge- 
liebteoder selbst meine Frau mir anvertraute, 
dass sie einen anderen liebte, darüber betrübt 
sein würde ohne bitter zu werden. Und würde 
die Rolle des Geliebten oder Gatten aufge- 
ben, um ihr zu raten und sie zu trösten!" 

Solche Worte liessen Madame de Gleve er- 
röten; sie fand eine gewisse Gleichheit mit 
ihrem Zustande, welches sie überraschte und 
eine Verwirrung in ihr erzeugte, von der sie 
sich lange nicht freimachen konnte. 

„Sancerre spiach mit Madame de Tour- 
non," fuhr Monsieur de Cleve fort, „und sagte 
ihr alles, was ich ihm geraten hatte; sie aber 

>8o< 



versicherte ihn so ernsthaft des Gegenteils 
und schien so beleidigt über seinen Argwohn 
zu sein, dass er ihn sich gänzlich aus dem 
Sinne schlug. Sie setzte dann ihre Hochzeit auf 
eine Zeit nach einer Reise fest, die er geplant 
hatte und welche ziemlich lange währen 
musste. Doch führte sie sich so wohl bis zu 
seiner Abreise auf und zeigte sich bei ihr so 
betrübt, dass ich ebensogut wie er glaubte, 
sie habe ihn wirklich lieb. Er reiste vor un- 
gefähr drei Monaten ab : während seines Fern- 
seins sah ich Madame de Tournon wenig; 
Sie nahmen mich völlig in Anspruch und ich 
wusste nur, dass Sancerre bald zurückkom- 
men musste. 

Bei meiner Ankunft in Paris, vorgestern, 
holte ich, dass sie gestorben sei. Ich liess so- 
gleich bei ihm anfragen, ob man wohl Nach- 
richten von ihm habe; man teilte mir mit, 
er sei seit dem Vorabend zurück, welcher 
gerade Madame de Tournons Todestag war. 
Zur selbigen Stunde noch eilte ich zu ihm, 
da ich mir seinen Zustand ausmalen konnte; 
doch sein Schmerz übertraf noch all meine 
Erwartungen. 

Nimmer sah ich eine tiefere und aufrich- 
tigere Betrübnis. Im Augenblich, wo er mich 
erblickte, umarmte er mich ganz in Tränen 
aufgelöst. „Ich werde sie nicht mehr sehen," 
sprach er zu mir, „ich werde sie nicht mehr 

Pr.G. 6 >8l< 



sehen, sie ist tot ; ich war ihrer nicht wert ; 
doch ich will ihr bald nachfolgen!" 

Hierauf schwieg er; aber dann von Zeit zu 
Zeit wiederholte er immer: „Sie ist tot, ich 
werde sie nicht mehr sehen!" Und brach 
wieder in Klagen vind Tränen aus und ver- 
harrte so wie ein Mensch, der bar jeder Ver- 
nunft ist. Und sagte mir, er habe während 
seiner Abwesenheit nicht allzu viele Briefe 
von ihr erhalten, doch sei er nicht verwun- 
dert darüber gewesen, da er sie kannte und 
wusste, welcher Unruhe sie ihre Briefe aus- 
setzten. Er zweifelte nicht, dass sie ihn nach 
seiner Rückkunft geheiratet hätte, und sah 
in ihr das treueste und liebenswerteste We- 
sen, das jemals gelebt. Er glaubte sich innig 
geliebt und verlor sie in einem Augenblick, 
wo er sich für immer mit ihr zu ve'reinigen 
gedachte. All diese Gedanken versenkten 
ihn in einen grimmen Schmerz, der ihn 
gänzlich niederwarf. Ich muss gestehen, ich 
konnte nicht darum hin, tiefbewegt darüber 
zu sein. 

Dessenungeachtet sah ich mich gezwungen 
ihn zu verlassen, um zum Könige zu gehen ; 
ich hatte ihm versprochen, bald wiederzu- 
kommen. Und kam in der Tat zurück und 
war niemals überraschter, als ich ihn gänz- 
lich anders wie beim Weggehen vorfand. Mit 
zornigem Gesichte stand er in seinem Zimmer 

>82< 



und ging auf und ab, und blieb stehen, wie 
wenn er von Sinnen wäre. „Kommen Sie, 
kommen Sie," rief er mir zu, „sehen Sie den 
verzweifeltsten aller Menschen auf dem Erd- 
boden: ich bin tausendmal unglücklicher, als 
ich es vorher war, denn was ich soeben über 
Madame de Tournon hörte, ist schlimmer 
als der Tod!" 

Ich glaubte, der Schmerz habe ihn völlig 
verwirrt, und konnte mir nicht denken, dass 
es etwas Schlimmeres zu sagen gäbe, als dass 
eine Geliebte, die man lieb hat und die einen 
wieder liebt, gestorben sei. Und sagte ihm, 
sein Schmerz müsse Grenzen haben, ich hätte 
ihn gebilligt und an ihm teilgenommen ; doch 
würde ich ihn nicht mehr bedauern, wenn 
er sich der Verzweiflung überliesse und sich 
um die Vernunft brächte. „Ich wäre selig, 
hätte ich sie und das Leben verloren," schrie 
er auf, „ Madame de Tournon war mir untreu 
und ich erfuhr ihre Untreue und ihren Ver- 
rat am gleichen Morgen, wo ich um ihren 
Tod hörte, zu einer Zeit, wo meine Seele von 
dem lebhaftesten Schmerze und der süssesten 
Liebe erfüllt ist, die man jemals gefühlt hat. 
In einem Augenblick, wo sie in meinem Her- 
zen und vor meinem Auge als das vollkom- 
menste Wesen dasteht, welches je war, erfuhr 
ich, dass ich getäuscht bin und dass sie meine 
Tränen nicht verdient. Indessen fühle ich den- 

6* >83< 



selben Kummer um ihren Tod, wie wenn 
sie mir Treue gehalten hätte, imd fühle ihre 
Treulosigkeit, wie wenn sie nicht tot wäre. 
Hätte ich ihren Sinneswechsel vor ihrem To- 
de erfahren, würden mich Eifersucht, Zorn, 
Wut beseelt und mich irgendwie gegen den 
Schmerz um ihren Verlust verhärtet haben, 
nun aber schwebe ich in einem Zustande, in 
dem ich weder Trost finden noch sie hassen 
kann!" Sie können sich denken, wie mich 
Sancerres Worte überraschten ; und ich firagte 
ihn, wie er erfahren habe, was er mir eben 
gesagt. Da erzählte er mir denn, dass einen 
Augenblick, nachdem ich sein Zimmer ver- 
lassen hätte, Estouteville zu ihm gekommen 
wäre, der, obwohl er sein guter Freund war, 
doch nichts von seiner Liebe zu Madame de 
Tournon wusste. Sobald er Platz gencftnmen, 
habe er zu weinen begonnen und ihm gesagt, 
er bitte um Verzeihung, wenn er ihm vorher 
verborgen hätte, was er ihm nun offenbaren 
wolle, und bitte ihn, Mitleid mit ihm zu ha- 
ben; er wolle ihm sein Herz eröffnen; er sähe 
Madame de Tournons Tod zufolge den be- 
trübtesten Mann der Welt in ihm. 

„Dieser IName", fuhr Sancerre fort, „über- 
raschte mich solcherart, dass ich nicht die 
Kraft zu reden hatte, obwohl mein erster An- 
trieb war, ihm zuzuschreien, ich sei noch be- 
trübter als er darüber. Er fuhr fort und sagte 

>84< 



mir, dass er seit sechs Monden in sie verliebt 
gewesen sei und es mir immer habe gestehen 
wollen, doch sie hätte es ihm nachdrücklich 
und mit solcher Bestimmtheit verboten, dass 
er es nicht gewagt habe, ihr ungehorsam zu 
sein. Er habe ihr beinahe zur gleichen Zeit, 
als er sich in sie verliebt, gefallen; sie hätten 
ihre Liebe vor jedermann geheimgehalten; 
niemals sei er öffentlich bei ihr gewesen, er 
habe das Vergnügen genossen, sie über ihres 
Gatten Tod zu trösten, und kurz, sie habe 
ihn zu der Zeit, wo sie gestorben sei, heiraten 
wollen. Diese Heirat aber, welche eine Folge 
der Neigung war, würde als eine Handlung 
der Pflicht und des Gehorsams dagestanden 
haben, denn sie hätte ihren Vater beredet, 
dass er ihr befehlen sollte, ihn zu heiraten, 
damit sich kein zu grosser Wandel in ihrem 
Benehmen bemerkbar machte, aus dem her- 
vorgegangen wäre, dass sie sich nicht wieder 
zu verheiraten beabsichtige." 

„Solange Estouteville mir erzählte," fuhr 
Sancerre fort, „hatte ich seinen Worten Glau- 
ben beigemessen, weil ich sie für wahrschein- 
lich hielt, und die Zeit, wo er nach seinen 
Worten Madame de Tournon zu lieben be- 
gonnen hatte, genau die ist, wo mir ein Wech- 
sel an ihr auffiel ; doch einen Augenblick spä- 
ter hielt ich ihn für einen Lügner oder min- 
destens für einen Schwärmer. Ich war willens 

>85< 



ihm das zu sagen; ich wollte volle Gewiss- 
heit haben, ich fragte ihn; Hess auch einigen 
Zweifel durchblicken. Als ich endlich alles 
aufgeboten hatte, um mich meines Unglücks 
zu versichern, fragte er mich, ob ich Madame 
Tournons Schriftzüge kenne. Und legte mir 
vier ihrer Briefe und ihr Bild auf das Bett; 
in diesem Augenblick kam mein Bruder. 
Estoutevilles Antlitz war so von Tränen ge- 
rötet, dass er sich gezwungen sah fortzugehen, 
um sich so nicht blicken zu lassen. Er rief 
mir noch zu, er wolle abends wiederkommen, 
um das bei mir Zurückbleibende abzuholen; 
ich aber vertrieb meinen Bruder unter dem 
Vorwande elend zu sein voller Ungeduld, die 
Briefe anzusehen, welche man mir gelassen 
hatte. Und hoffte etwas in ihnen zu lejien, was 
mich nicht von allen soeben von Estouteville 
geäusserten Dingen überzeugte. Doch weh, 
was las ich da. Welche Zärtlichkeiten, welche 
Reden, welche Heiratsversprechen, welche 
Briefe! Niemals hatte sie mir ähnliche ge- 
schrieben. „Also", fügte er hinzu, „erlitt ich 
auf einmal den Schmerz des Todes und den 
der Untreue; das sind zwei Übel, die man 
oft miteinander vergleicht, die aber nimmer 
zu gleicher Zeit von ein und demselben Men- 
schen gefühlt werden. Ich gestehe zu meiner 
Schande ein, ich litt stärker unter ihrem Ver- 
luste als unter ihrer Sinnesänderung; ich 

>86< 



konnte sie nicht schuldig genug finden, um 
ihrem Tode zuzustimmen. Wenn sie lebte, 
würde ich die Freude haben ihr Vorwürfe 
machen und mich rächen zu können, indem 
ich sie ihrer Ungerechtigkeit ziehe. Doch 
ich werde sie nicht mehr sehen," schloss er, 
„werde sie nicht mehr sehen, das ist aller 
Übel grösstes. Selig wäre ich, könnte ich ihr 
mit meinem Leben ihres wiedergeben. Welch 
ein Wunsch ! Käme sie zurück, würde sie für 
Estouteville leben. Gestern war ich glück- 
lich," schrie er auf, „wie glücklich war ich; 
ich war der betrübteste Mensch auf dem Erd- 
boden, doch mein Trübsal hatte Vernunft 
und es war ein süsser Gedanke, mich niemals 
trösten zu können; heute sind alle meine Ge- 
fühle töricht. Ich zahle einer Leidenschaft, 
die sie mir heuchelte, denselben Zins des 
Schmerzes, welchen ich einer wahren Liebe 
schuldig zu sein glaubte. Und kann mich we- 
der rächen, noch ihre Erinnerungen lieben; 
kann mich nicht trösten, nicht betrüben. Sor- 
gen Sie wenigstens dafür," rief er mir zu, in- 
dem er sich plötzlich nach mir umwandte, 
„ich beschwöre Sie, dass ich Estouteville nim- 
merwiedersehe ; allein sein Name bereitet mir 
Abscheu. Ich weiss wohl, ich habe keinen 
Grund mich über ihn zu beklagen, es ist mei- 
ne Schuld, ihm verborgen zu haben, dass ich 
Madame de Tournon liebte; hätte er es ge- 

>87< 



wusst, würde er sich vielleicht nicht in sie 
verliebt haben und sie mir nicht untren ge- 
worden sein. Er kam zu mir, um mir seinen 
Gram anzuvertrauen, er tut mir leid. Ach, 
mit Recht," rief er aus, „er liebte Madame 
deTournon, er wurde von ihr wiedergeliebt; 
ich fühle trotz alledem, ich könnte nicht dar- 
um hin ihn zu hassen. Und noch einmal, ich 
flehe Sie an, richten Sie es ein, dass ich ihn 
nicht sehe!" 

Sancerre hub dann von neuem an zu wei- 
nen und Madame de Tournon zu beklagen, 
zu ihr zu sprechen und ihr die zärtlichsten 
Dinge der Welt zu sagen. Dann fiel er wieder 
in seinen Hass zmück, in Klagen, Vorwürfe, 
und Verwünschungen gegen sie. Als ich ihn 
in solch aufgeregtem Zustande sah, erkannte 
ich nur zu gut, dass ich einiger Hilfe bedurfte, 
um sein Gemüt zu beruhigen; und Hess sei- 
nen Bruder rufen, den ich soeben beim Könige 
zurückgelassen hatte. Ging ihm bis ins Vor- 
zimmer entgegen, um ihm, ehe er eintrat, 
den Zustand zu schildern, in welchem San- 
cerre sich befand. Wir gaben Auftrag Estou- 
teville abzuweisen und wendeten einen Teil 
der Nacht an, um seine Vernunft wieder in 
geregelieBahnenzurückzulenken. Heute mor- 
gen fand ich ihn noch trostloser; sein Bruder 
ist bei ihm geblieben und ich kehrte zu Ihnen 
zurück ! " 

>88< 



„Meine Überraschung kennt keine Gren- 
zen," hub Madame de Cleve an, „ich hielt 
Madame de Tournon der Liebe und des Be- 
trugs für unfähig!" „List und Heuchelei", 
fuhr Monsieur de Cleve fort, „können nicht 
weitergehen wie bei ihr. Bedenken Sie, als San- 
cerre glaubte, dass sie sich gegen ihn geändert 
habe, hatte sie es wirklich getan und Estoute- 
ville zu lieben begonnen. Sie sagte letzterem, er 
tröste sie über den Tod ihres Gatten und sei 
die Ursach, dass sie die äusserste Zurückge- 
zogenheit aufgäbe, und Sancerre schien sie es 
zutun, weil wir der Ansicht waren, sie dürfe 
nicht ihre Trübsal länger äussern. Sie machte 
Estouteville gegenüber geltend, ihre Absicht 
verbergen zu wollen und zur Hochzeit durch 
den Willen ihres Vaters gezwungen zu werden, 
wie wenn sie Sorge um ihre Ehre trüge; und 
tat es einzig, um Sancerre verlassen zu kön- 
nen, ohne dass er Ursach sich zu beklagen hät- 
te. Ich muss nach Paris zurückkehren," fuhr 
Monsieur de Cleve fort, „um den Unglück- 
lichen zu besuchen, und ich glaube, auch Sie 
müssen wieder dorthin zurückkehren. Es tut 
not, dass Sie wieder Menschen sehen und die 
Unzahl von Besuchen aufnehmen, von denen 
Sie sich nicht gut freimachen können ! " 

Madame de Cleve willigte in die Rückkehr 
ein und kam folgenden Tags wieder in Paris an. 
Sie war beruhigter über Monsieur de Nemours 

>89< 



als sie es vorher gewesen ; alles, was ihr Ma- 
dame de Chartres vor ihrem Ableben gesagt, 
hatte ihre Gefühle zurückgehalten, sodass sie 
den Glauben hegte, sie seien gänzlich erstickt. 

Selbigen Abends noch, als sie angekommen 
war, suchte Madame la Dauphine sie auf; und 
nachdem diese ihr den Anteil, den sie an ihrem 
Verlust genommen, bezeugt hatte, sagte sie 
zu ihr, um sie von diesem traurigen Gedanken 
abzulenken, wolle sie sie von allem unter- 
richten, was sich während ihrer Abwesenheit 
am Hofe ereignet habe, und begann ihr dar- 
auf mehreres ganz im einzelnen zu erzählen. 
„Doch, was ich Ihnen zu erzählen besonders 
grosse Lust habe, ist, dass Monsieur de Ne- 
mours wahrlich leidenschaftlich verliebt ist; 
und nicht einmal seinen besten Freunden hat 
er sich anvertraut und sie können nicht er- 
raten, wen er liebt. Indessen ist diese Liebe 
stark genug, ihn gleichgültig gegen alles zu 
machen, oder besser gesagt ihn die Hoff- 
nungen auf eine Krone aufgeben zu lassen!" 

Madame la Dauphine erzählte darauf, was 
sich in England abgespielt hatte. „Ich habe, 
was ich Ihnen eben sagte," fuhr sie fort, „von 
Monsieur d' Anville erfahren ; er hat mir heute 
morgen erzählt, dass der König Monsieur de 
Nemours gestern abend auf Lignerolles Briefe 
hin habe rufen lassen; dieser bäte nämlich, 
man möge seine Rückkehr befehlen, da er 

>90< 



Monsieur de Nemours' Verzögern bei der Kö- 
nigin von England nicht mehr verantworten 
könne, welche sich darüber beleidigt zu füh- 
len begönne; wenn sie auch keine bestimmte 
Zusage gegeben habe, so seien von ihrer Seite 
doch genug Zugeständnisse gemacht worden, 
um eine Reise wagen zu dürfen. Der König 
las Monsieur de Nemours diesen Brief vor, 
der aber, statt wie er anfangs getan hatte, 
ernsthaft darüber zu reden, lachte und 
scherzte und machte sich nur über Ligne- 
roUes Hoffnungen lustig. , Ganz Europa', sagte 
er, , würde seine Torheit verurteilen, wenn er 
es wagte, als vermeintlicher Gatte der Köni- 
gin nach England zu gehen, ohne des Er- 
folges versichert zu sein. Es scheint mir auch,' 
fuhr er fort, ,dass ich meine Zeit schlecht an- 
wende, wenn ich j etzt die Reise unternehme, wo 
der König von Spanien solch grosse Anstren- 
gungen macht, die Königin zu heiraten. Er 
würde vielleicht kein gefährlicher Neben- 
buhler bei einem Liebeshandel sein, doch ich 
glaube nicht, und Eure Majestät werden mir 
sicherlich nicht dazu raten, dass ich mich bei 
einer Heirat mit ihm messen darf!', Ich würde 
Ihnen nicht dazu raten,' entgegnete der König, 
,aber Sie haben sich nicht mit ihm zu strei- 
ten, weiss ich doch, dass etwas anderes ange- 
knüpft ist; und wäre dies auch nicht der Fall, 
so hatte sich die Königin Maria doch zu 

>9i< 



schlecht unter das spanische Joch gefügt, als 
dass man glauben könnte, ihre Schwester 
freie ihren Witwer und lasse sich durch den 
Glanz verblenden, so grosse Kronen mitein- 
ander verknüpft zu sehen!' ,Wenn sie sich 
nicht dadurch blenden lässt,' sagte Monsieur 
de Nemours dawider, ,so ist es augenschein- 
lich, dass sie sich durch Liebe glücklich wis- 
sen will. Sie hat den Mylord Courtenay ge- 
liebt, es mögen wohl einige Jahre darüber 
vergangen sein. Er wurde auch von der Köni- 
gin Maria geliebt, die ihn in Übereinstimmung 
mit ganz England geheiratet hätte, hätte sie 
ihn dazu zu bewegen vermocht; aber die Ju- 
gend und die Schönheit ihrer Schwester Eli- 
sabeth rührten ihn mehr als die Hoffnung 
auf Herrschaft. Eure Majestät wissen, dass 
Maria die heftige Eifersucht, welche daraus 
erwuchs, bestimmte, beide gefangen ?ietzen 
zu lassen, den Mylord von Courtenay später 
zu verbannen imd schliesslich den spanischen 
König zu heiraten. Ich glaube, dass Elisabeth, 
die nunmehr auf dem Throne sitzt, sehr bald 
den Mylord zurückrufen und einen Mann, 
welcher so liebenswert ist und soviel um 
ihretwillen erduldet hat, eher als einen ande- 
ren wählen wird, den sie niemals sah!' ,Ich 
müsste auch Ihrer Meinung sein,' entgegnete 
der König, ,wenn Courtenay noch lebte, doch 
weiss ich seit einigen Tagen, dass er in Padua, 

>92< 



wohin er verwiesen ward, gestorben ist. Ich 
sehe wohl,' endigte er, indem er sich von 
Monsieur de Nemours abwandte, ,man wird 
ihre Hochzeit so ins Werk setzen müssen, wie 
man die Monsieur le Dauphins schhessen 
würde und die Königin von England durch 
Gesandte heiraten lassen!' 

„Monsieur d'Anville und der Vizedom von 
Chartres, die zusammen mit Monsieur de Ne- 
mours beim Könige waren, sind überzeugt, 
dass ihn die Liebe, welche ihn ausfüllt, von 
einem so grossen Vorhaben abhielt. Der Vize- 
dom, der ihn besser als irgend wer kennt, hat 
zu Madame de Martigny gesagt, der Prinz sei 
derartig verändert, dass man ihn nicht wie- 
dererkenne. Und was ihn am meisten ver- 
wundere, sei, ihn weder in irgendeinen Han- 
del verwickelt, noch zu irgendwelcher ge- 
heimen Stunde sein Haus verlassen zu sehen, 
und daraus schliesst er, dass er nicht im Ein- 
verständnis mit der geliebten Dame stünde, 
und dass Monsieur de Nemours deswegen 
nicht zugeben will, in ein Weib verliebt zu 
sein, das seine Liebe nicht erwidere. 

Welch ein Gift für Madame de Cleve war 
dieses Gespräch mit Madame la Dauphine! 
Musste sie sich nicht als das Wesen wieder- 
erkennen, dessen Namen man nicht wusste? 
Musste sie nicht von Dankbarkeit und Zärt- 
lichkeit erfüllt sein, da sie auf einem Wege, 

>93< 



der ihr nicht verdächti{j sein konnte, hörte, 
dass der Prinz, welcher bereits ihr Herz 
rührte, seine ISeigun}^ aller Welt verbarg und 
ans Liebe zu ihr die Aussichten auf eine 
Krone hintansetzte ! Man kann sich nicht vor- 
stellen, was sie fühlte und welch ein Sturm 
sich in ihrer Seele erhob. Hätte Madame la 
Dauphine sie mit Aufmerksamkeit betrach- 
tet, würde sie leicht bemerkt haben, dass ihr 
die eben erzählten Dinge nicht gleichgültig 
waren; doch da sie die Wahrheit nicht ver- 
mutete, fuhr sie arglos in ihrer Rede fort. 
„Monsieur d'Anville," erzählte sie weiter, 
„der, wie ich Ihnen sagte, mir all diese Ein- 
zelheiten mitteilte, glaubt mich besser unter- 
richtet als sich selbst, und hat eine so hohe 
Meinung von meinen Reizen, dass er über- 
zeugt ist, ich sei die einzige Dame, die solch 
grosse Umwandlungen in Monsieur' de Ne- 
mours hervorbringen könne!" 

Die letzten Worte von Madame la Dau- 
phine verursachten Madame de Cleve eine 
andere Art Verwirrung, wie die, welche sie 
einige Augenblicke vorher gehabt hatte. ,,Ich 
würde leichthin Monsieur d'Anvilles Mei- 
nung sein," antwortete sie; „es spricht sehr 
viel dafür, Madame, dass es sich um keine 
geringere Füi'Stin als Sie handeln kann, wenn 
man die Königin von England ausschlägt!" 
„Ich würde es Ihnen anvertrauen, wenn ich 

>94< 



es wüsste," antwortete Madame la Dauphine, 
„und ich wüsste es, wenn es wahr wäre. Der- 
artige Leidenschaften entgehen den Blicken 
derer, die sie hervorrufen, nicht: sie bemer- 
ken sie zuerst. Monsieur de Nemours hat mir 
immer nur oberflächliche Liebenswürdig- 
keiten bezeigt; trotz alledem ist sein Beneh- 
men mir gegenüber heute ein so ganz ande- 
res wie in früheren Zeiten, dass ich Ihnen nur 
entgegnen kann, ich verursache seine Gleich- 
gültigkeit gegen Englands Krone nicht!" 

„Ich verplaudere mich mit Ihnen," schloss 
Madame la Dauphine, „denn ich erinnere 
mich, dass ich zu Madame Elisabeth gehen 
muss. Sie wissen, dass der Friede beinahe 
geschlossen ist; was sie aber nicht ahnen, ist, 
dass der König von Spanien jeden Artikel nur 
unter der Bedingung gelten lassen will, dass 
er die Prinzessin an Stelle seines Sohnes, des 
Infanten Don Carlos, zur Ehe bekommt. ISur 
mit Mühe hat sich der König entschliessen 
können, dem zuzustimmen; endlich hat er 
eingewilligt und ist soeben zu Madame ge- 
gangen, um ihr die Neuigkeit zu melden. Sie 
wird, glaube ich, untröstlich sein; es ist 
wahrlich nicht angenehm, einen alten Mann 
und noch dazu von der Laune des Spanier- 
königs heiraten zu müssen, insonderheit für 
sie, die alle Munterkeit besitzt, welche die 
erste Jugend, die sich mit Schönheit paart, 

>95< 



hervorzaubert; auch rechnete sie darauf, einen 
jungen Prinzen zu heiraten, für den sie, ohne 
ihn gesehen zu haben, eine Neigung fasste. 
Ich weiss nicht, ob der König sie so gehor- 
sam finden wird, wie er es wünscht; er hat 
mir aufgetragen, sie zu besuchen, da er weiss, 
dass sie mich hebt, und glaubt, ich hätte einen 
EinHuss auf ihr Gemüt. Darnach werde ich 
einen anderen, diesem sehr unähnhchen Be- 
such machen; ich will mich mit Madame, 
des Königs Schwester, freuen. Alle Ab- 
machungen für ihre Heirat mit dem Gebieter 
von Savoyen sind getroffen, sie wird in kur- 
zer Zeit hier stattfinden. Niemals ist eine Frau 
in den Jahren dieser Fürstin so herzlich froh, 
sich zu verheiraten, gewesen. Schöner und 
stattlicher wird der Hof sein, als man ihn je- 
mals gesehen, und trotz ihrer Trauer müssen 
Sie kommen, um uns den Fremden zeigen zu 
helfen, dass wir keine mittehnässigen Schön- 
heiten aufzuweisen haben!" 

Nach solchen Worten verliess Madame la 
Dauphine Madame de Cleve und kommenden 
Morgens ward Madame Elisabeths Heirat all- 
gemein bekanntgegeben. 

Am anderen Tage suchten der König und 
die Königinnen Madame de Cleve auf. Mon- 
sieur de Nemours, welcher ihre Rückkehr mit 
lebhafter Ungeduld erwartet hatte und der 
ohne Zeugen mit ihr zu reden wünschte, 

>96< 



wartete, um zu ihr zu gehen, die Stunde ab, 
wo sie alle Weh verlassen und der Voraus- 
sicht nach niemand mehr kommen würde. 
Sein Vorhaben glückte, er kam an, als die 
letzten Besucher sie verliessen. 

Die Prinzessin lag zu Bett, es war warm 
und Monsieur de Nemours' Anblick sorgte 
dafür, ihr eine Röte zu geben, welche ihre 
Schönheit nicht verringerte. Er setzte sich mit 
jener Furcht und Zaghaftigkeit, welche echte 
Leidenschaften einflössen, ihr gegenüber nie- 
der. Und verharrte so einige Zeit, ohne spre- 
chen zu können. Madame de Cleve war nicht 
vv^eniger betreten, so dass sie eine ziemlich 
geraume Zeit schweigend zubrachten. 

Endlich begann Monsieur de Nemours zu 
sprechen und sagte ihr teilnehmende W^orte 
über ihren Schmerz; Madame de Cleve war 
froh, eine Unterhaltung über diesen Gegen- 
stand angeknüpft zu sehen, und sprach ziem- 
lich lange von dem Verlust, den sie erlitten 
hatte; und schliesslich sagte sie, wenn sich 
die Grösse ihres Schmerzes auch mit der Zeit 
veriingern möchte, bliebe doch immer ein so 
tiefer Eindruck in ihr nach, dass sich ihr Ge- 
müt dadurch ändern würde. „Grosser Kum- 
mer und wilde Leidenschaften", entgegnete 
Monsieur de Nemours, „verursachen grosse 
Gemütswechsel ; ich für meine Person kenne 
mich seit meiner Rückkehr aus Flandern 

Pr.G. 7 >97< 



nicht wieder. Viele Leute haben um diese 
Veränderung gemerkt, und sogar Madame la 
Dauphine sprach noch gestern mit mir dar- 
über!" „Sie hat sie wahrhch bemerkt," ent- 
gegnete Madame de Cleve, „und ich habe 
sie, glaube ich, irgendwie darüber reden 
hören!" „Ich bin nicht ärgerlich, Madame," 
erwiderte Monsieur de Nemours, „dass sie 
sie wahrgenommen hat; aber ich wünschte, 
sie wäre nicht die einzige, die sie bemerkte. 
Es gibt Damen, denen man keine anderen 
Beweise der Liebe, die man für sie hegt, zu 
geben wagt, als durch Dinge, die sie gar nicht 
beachten; und da man nicht wagt, ihnen er- 
kennen zu geben, dass man sie liebt, so 
wünscht man wenigstens, dass sie sehen, wie 
man von niemand anderem geliebt sein will. 
Man wünscbt, dass sie wissen, dass es keine 
Schönheit, welchen Ranges sie auch immer 
sein möchte, gibt, die man nicht gleichgültig 
betrachtet; dass es keine Krone gibt, die man 
um den Preis, sie niemals zu seben, kaufen 
möchte. Gewöhnlich beurteilen die Frauen," 
fuhr er fort, „die Leidenschaft, die man für 
sie hegt, nach dem Eifer, den man bezeigt, 
ihnen zu gefallen und sie aufzusuchen; das 
ist aber nicht schwer, sofern sie nur irgend- 
wie Hebenswert sind; schwierig ist, sich das 
Vergnügen, ihnen zu folgen, entsagen zu 
müssen, sie zu meiden, weil man fürchtet, 

>98< 



der Oeffentlichkeit und gar ihnen selbst die 
Gefühle, die man für sie hegt, sichtbar wer- 
den zu lassen ; und noch besser offenbart sich 
eine wahrhafte Liebe, wenn man ein ganz 
anderer Mensch als in früherer Zeit wird, 
und keinen Ehrgeiz, kein Vergnügen mehr 
kennt, nachdem man sich sein ganzes Leben 
lang mit dem einen und dem anderen abge- 
geben hat!" 

Madame de Cleve begriff unschwer, wel- 
chen Anteil sie an diesen Worten hatte. Es 
schien ihr, als ob sie sie beantworten und sie 
nicht zugeben müsse. Auch schien es ihr, als 
ob sie sie weder verstehen noch zu erkennen 
geben dürfe, dass sie sie auf sich bezöge. Sie 
glaubte sprechen zu müssen und glaubte auch 
nicht sprechen zu müssen. Monsieur de Ne- 
mours' Rede gefiel ihr und verletzte sie fast 
gleichzeitig : sie sah in ihr die Bekräftigung des- 
sen, was er Madame la Dauphine hatte vermu- 
ten lassen ; und sie gewahrte nur zu deutlich 
einige Zeichen von Liebe und Achtung, aber 
auch von Galanterie und Keckheit in ihnen. 
Ihre Zuneigung zu dem Prinzen verursachte 
ihr eine Verwirrung, der sie nicht mehr gebie- 
ten konnte. Die undeutlichsten Worte eines 
Mannes, der gefallt, erregen grössere Unruhe 
als die offenen Erklärungen eines ungeliebten 
Mannes. Sie verharrte daher ohne Antwort 
und Monsieur de Nemours würde vielleicht 

7' >99< 



ihr Stillschweigen als kein ungünstiges Vor- 
zeichen betrachtet haben, wenn nicht Mon- 
sieur de Cleves Ankunft seine Unterredung 
und seinen Besuch beendigt hätte. 

Der Prinz wollte seiner Frau Neuigkeiten 
von Sancerre mitteilen, aber sie bezeigte sich 
wenig neugierig auf die Fortsetzung dieses 
Abenteuers. Sie war so von dem ihr eben Be- 
gegneten in Anspruch genommen, dass sie 
kaum die Zerstreutheit ihrer Gedanken ver- 
bergen konnte. Als sie ungestört darüber nach- 
sann, sah sie nur allzu klar, dass sie sich ge- 
täuscht hatte, als sie glaubte, Monsieur de Ne- 
mours sei ihr nun gleichgültig geworden. Was 
er ihr gesagt hätte, machte völlig den Ein- 
druck auf sie, den er nur wünschen konnte, 
und hatte sie gänzlich von seinerNeigung über- 
zeugt. Die Handlungen des Prinzen stimmten 
nur zu genau mit seinen Reden überein, als 
dass sie der Prinzessin irgendeinen Zweifel 
liessen. Sie schmeichelte sich nicht mehr mit 
der Hoffnung, ihn nicht zu lieben, sie sann 
einzig darauf, ihm niemals einen Beweis da- 
von zu geben. Dies war ein schwieriges Un- 
ternehmen, dessen Mühen sie bereits kannte; 
sie wusste, die einzige Möglichkeit erfolgreich 
darin zu sein war, die Gegenwart des Prinzen 
zu meiden; und da ihr die Trauer Grund bot, 
zurückgezogener als gewöhnlich zu leben, be- 
diente sie sich dieses Vorwandes, um nicht 

>ioo< 



mehr an Orte zu gehen, wo sie ihn treffen 
konnte. Sie lebte in einer tiefen Betrübnis; 
der Tod ihrer Mutter schien sie zu verur- 
sachen und man suchte nach keinen anderen 
Gründen. 

Monsieur de Nemours war verzweifelt, sie 
fast niemals zu sehen ; und da er wusste, dass 
er sie in keiner Gesellschaft und bei keinem 
der Vergnügungen, an denen der Hof teil- 
nahm, finden würde, konnte er sich nicht 
entschliessen, sich dort sehen zu lassen. Und 
heuchelte eine grosse Vorliebe für die Jagd 
und ging dieser Lustbarkeit an den nämlichen 
Tagen nach, wo Gesellschaften bei den Kö- 
niginnen stattfanden. Eine leichte Erkrankung 
diente ihm einige Zeit zum Vorwande, zu 
Hause zu bleiben und zu vermeiden, immer 
dorthin gehn zu müssen, wo er Madame de 
Cleve seinem Wissen nach nicht treffen konnte. 

Monsieur de Cleve erkrankte beinahe zur 
gleichen Zeit. Während seiner Krankheit ver- 
liess Madame de Cleve sein Gemach nicht; 
als er sich aber wieder wohler fühlte, sah er 
alle Welt bei sich, und unter anderem auch 
Monsieur de Nemours, der unter dem Vor- 
geben, noch schwach zu sein, den grössten 
Teil des Tages bei ihm zubrachte. Madame 
fühlte, dass sie nicht mehr dort bleiben dürfte, 
dennoch hatte sie bei den ersten Malen, die 
er dorthin kam, nicht die Kraft, sich zu ent- 

>101< 



fernen. Es war zu lange her, dass sie ihn ge- 
sehen hatte, um sich entschUessen zu können, 
ihn nicht sehn zu wollen. Der Fürst fand 
Mittel und Wege, ihr in scheinbar ganz all- 
gemeinen Gesprächen, die sie nichtsdesto- 
weniger verstand, weil sie sich auf die früher 
gesagten Dinge bezogen, einzugestehen, dass 
er zur Jagd ginge, um zu träumen, dass er 
an keinen Vergnügungen teilnähme, weil sie 
dort nicht zu treffen wäre. 

Endlich führte sie ihren Entschluss aus, 
von ihrem Manne fortzugehen, wenn er dort 
war, doch musste sie jedesmal ihre ganze 
Kraft dazu aufbieten. Der Fürst merkte, dass 
sie ihn floh und wurde darüber merklich ge- 
rührt. 

Anfangs gab Monsieur de Cleve nicht acht 
auf das Benehmen seiner Frau, doch schliess- 
lich merkte er, dass sie sich nicht in seinem 
Zimmer aufhalten wollte, wenn er Besuch 
hatte. Er sprach mit ihr darüber und sie ant- 
wortete, ihrer Meinung nach entspräche es 
nicht der Wohlanständigkeit, dass sie alle 
Abende mit der ganzen Jugend des Hofes zu- 
sammen wäre, und sie bäte ihn ganz instän- 
dig es gut zu heissen, dass sie ein zurück- 
gezogeneres Leben, als sie es gewöhnt sei, 
führte; die Tugend und Gegenwart ihrer Mut- 
ter hätten ihr vieles erlaubt, was sich für 
eine Frau ihres Alters nicht schicke. 

> 102 < 



Monsieur de Cleve, welcher natürlich mit 
sehr viel Liebe und Mitgefühl an seiner Frau 
hing, hatte diesen Umstand nicht bedacht, 
und sagte ihr, er wünsche durchaus keine 
Änderung ihres Benehmens. Sie war willens 
ihm zu sagen, dass das Gerücht ginge, Mon- 
sieur de Nemours sei in sie verliebt, aber sie 
hatte nicht die Kraft, seinen Namen zu nen- 
nen. Auch schämte sie sich eine Ausflucht zu 
benutzen und die Wahrheit vor einem Manne 
zu verbergen, der eine so hohe Meinung von 
ihr hatte. 

Einige Tage später war der König zur 
Stunde des Empfangs bei der Königin; man 
sprach von Horoskopen und Vorhei'sagungen : 
die Meinungen über die Glaubwürdigkeit, die 
man ihnen beimessen müsste, waren geteilt. 
Die Königin glaubte fest an sie; sie behaup- 
tete, nach so vielen Dingen, die man vorausge- 
sagt habe, müsste diese Wissenschaft einiger- 
massen zuverlässig sein. Andere behaupteten, 
dass bei der zahllosen Menge von Voraussa- 
gungen wahrlich die wenigen, welche ein- 
träfen, bewiesen, dass sie nichts weiter als 
Zufallsergebnisse seien. 

„ Ich war ehedem sehr neugierig auf die Zu- 
kunft," sagte der König; „aber man hat mir so 
viele falsche und unwahrscheinliche Dinge ge- 
sagt, dass ich überzeugt blieb, man kann durch 
sie nichts Wahres wissen. Vor einigen Jah- 

>I03< 



ren kam ein Mann von hohem Ansehen in 
der Astrologie hierher. Jedermann suchte ihn 
auf; ich ging wie die anderen hin, ohne ihm 
jedoch zu sagen, wer ich war, ich hatte Mon- 
sieur de Guise und Descars bei mir und Hess 
sie vorangehen. Dennoch wandte sich der 
Astrolog zuerst an mich, wie wenn er mich 
für der anderen Herrn hieh; kann sein, er 
kannte mich; indessen sagte er mir etwas, 
das sich nicht für mich geziemte, wenn er 
mich gekannt hätte. Er sagte mir vorher, dass 
ich im Zweikampfe fallen würde. Dann weis- 
sagte er Monsieur de Guise, er würde meuch- 
lings getötet werden, und Descars, dass ihm 
der Kopf durch einen Pferdehuf zerschmet- 
tert werden würde. Monsieur de Guise nahm 
diese Weissagung beinahe übel, wie wenn 
man ihn aufgefordert hätte, er solle auf sei- 
ner Hut sein. Descars war es nicht ^^^eniger 
zufrieden, sein Ende diu'ch einen so unglück- 
lichen Zufall finden zu sollen. Endlich gingen 
wir sehr erbost auf die Astrologie fort. Ich 
weiss nicht, was Monsieur de Guise und Des- 
cars zustossen wird, aber es ist ziemlich un- 
wahrscheinlich, dass ich im Zweikampf fal- 
len werde. Wir, der König von Spanien und 
ich, schliessen gerade Frieden, und wenn wir 
ihn nicht geschlossen hätten, bin ich doch 
im Zweifel, ob wir uns messen würden und 
ob ich ihn herausfordern würde, wie der 

>104< 



König, mein Vater, Karl V. herausfordern 
liess. 

Nachdem der König das Unglück, welches 
ihm der Weissagung nach zustossen sollte, 
berichtet hatte, gaben die Verteidiger der 
Astrologie ihre Stellungnahme auf und räum- 
ten ein, man dürfe ihr keinen Glauben schen- 
ken. „Ich für mein Teil", sagte Monsieur de 
Nemours ganz laut, „habe am wenigsten von 
ihr zu halten ; " und sich zu Madame de Cleve 
beugend, neben der er stand, fuhr er ganz 
leise fort, „mir hat man vorher gesagt, dass 
ich durch die Guttaten des Wesens glücklich 
sein würde, für das ich die glühendste und 
ehrerbietigste Liebe auf der W^elt fühle. Sie 
können daraus ersehen, Madame, ob ich 
W^eissagungen trauen darf!" 

Da Monsieur de Nemours ganz laut ge- 
sprochen hatte, glaubte Madame laDauphine, 
seine leisen Worte bezögen sich auf eine fal- 
sche Weissagung, die ihm gemacht worden 
sei, und fragte den Prinzen, was er zu Ma- 
dame de Cleve gesagt habe. Hätte er weniger 
Geistesgegenwart besessen, würde ihn diese 
Frage überrumpelt haben, doch ohne zu zau- 
dern das Wort ergreifend, erwiderte er: „Ich 
erzählte ihr, Madame, man habe mir voraus- 
gesagt, ich würde zu einer so hohen Stellung 
befördert werden, dass ich sie nicht einmal 
zu begehren wagte!" „Wenn man Ihnen sol- 

>io5< 



che Weissagungen gemacht hat," erwiderte 
Madame la Dauphine mit einem Lächehi da- 
wider, indem sie des englischen Geschehnis- 
ses gedachte, „gehe ich Ihnen den Rat, die 
Astrologie nicht in Verruf zu bringen, sie 
könnten in die Lage kommen, sie verteidigen 
zu müssen!" Madame de Cleve verstand ge- 
nau, was Madame la Dauphine sagen wollte, 
doch verstand sie auch, dass jenes, von Mon- 
sieur de Nemours erwähnte Glück nicht das 
war, König von England zu werden. 

Da eine hinreichende Frist seit dem Tode 
ihrer Mutter verstrichen war, musste sie wie- 
der beginnen, sich vor der Welt zu zeigen 
und ihre Aufwartung zu machen, wie sie es 
gewohnt war. Sie sah Monsieur de Nemours 
bei Madame la Dauphine, sie sah ihn bei 
Monsieur de Cleve, zu dem er oft, um sich 
nicht bemerkbar zu machen, mit anderen 
Standespersonen seines Alters kam, doch sah 
sie ihn nur noch mit Verwirrung, welche er 
mit Freude bemerkte. 

Mit welcher Sorgfalt sie auch seinen Blicken 
auswich und mit ihm weniger als mit anderen 
sprach, es entschlüpfte ihr in der ersten iVuf- 
wallung doch mancherlei, was den Fürsten 
darauf schliesen lassen musste, dass er ihr 
nicht gleichgültig war. Ein weniger scharf- 
sinniger Mann als er würde es vielleicht gar 
nicht gemerkt haben, doch er war so viele 

>io6< 



Male geliebt worden, dass er unschwer er- 
kannte, wenn man ihn liebte. Er sah gut, 
dass Monsieur de Guise sein Nebenbuhler 
war, und dieser Fürst merkte, dass Monsieur 
de Nemours der seinige war. Er war der ein- 
zige Mann am Hofe, der diese Wahrheit ent- 
wirrte; sein Eigennutz hatte ihn hellsehen- 
der als die anderen gemacht. Die Kenntnisse, 
die sie von ihren Gefühlen hatten, erbitterte 
sie, was sich in allen Dingen kund tat, ohne 
dass es jedoch zu einem offenen Wort kam; 
aber sie waren Gegner. Stets standen sie beim 
Ringelreiten, bei den Kämpfen in den Schran- 
ken und bei allen Vergnügungen, an denen 
sich der König beteiligte, auf verschiedenen 
Seiten, und ihr Wetteifer war so gross, dass 
er sich nicht verbergen liess. 

Die englische Angelegenheit tauchte oft in 
Madame de Cleves Gedanken auf: es schien 
ihr, als ob sich Monsieur de Nemours des Kö- 
nigs Ratschlägen und Lignerolles Bitten nicht 
widersetzte. Sie sah mit Kummer,dass letzterer 
noch nicht zurückgekehrt war, und erwartete 
ihn voll Ungeduld. Wenn sie ihren Regungen 
nachgegeben hätte, würde sie sich sorgfältig 
nach dem Stande dieser Angelegenheiten er- 
kundigt haben ; aber dasselbe Gefühl, welches 
ihre Neugierde hervorrief, verpflichtete sie, 
sie zu verbergen ; und sie erkundigte sich nur 
nach der Schönheit, dem Verstände und der 

>107< 



Gemütsart der Königin Elisabeth. Man brach- 
te beim Könige eines ihrer Bilder herbei, wel- 
ches sie schöner fand, als sie es sich einge- 
stehen mochte, und sie konnte die Äusserung 
nicht unterdrücken, dass sie es geschmeichelt 
fände. „Ich glaube es nicht", sagte Madame 
la Dauphine, welche zugegen war, „die Für- 
stin soll bekanntermassen schön sein und 
einen aussergewöhnlich scharfen Verstand 
haben, und ich weiss genau, dass man sie mir 
all meine Lebtage als Beispiel anführte. Sie 
dürfte liebenswert sein, wenn sie Anna von 
Boulen, ihrer Mutter, gleicht. Niemals hat 
eine Frau mehr Anmut und mehr Vorzüge 
körperlicher und geistiger Art als sie besessen. 
Ich habe sagen hören, dass ihre Gesichtszüge 
lebhaft und eigenartig waren und dass sie 
keine Ähnlichkeit mit anderen englischen 
hatte!" „Mich dünkt es, als habe man mir 
erzählt," fiel Madame de Cleve ein, „sie sei 
in Frankreich geboren ! " „ Wer es glaubt, irrt 
sich," erwiderte Madame la Dauphine, „und 
ich will Ihnen ihre Geschichte in kurzen 
Worten berichten: 

Sie entstammt einer vornehmen Familie 
Englands. HeinrichVIII. war in ihre Schwester 
und in ihre Mutter verliebt gewesen, ja, man 
hat gar vermutet, sie wäre seine Tochter. Mit 
Heinrich VIII. Schwester, welche König Lud- 
wig XII. heiratete, kam sie hierher. Diese 

>io8< 



Fürstin war jung und liebensAvürdig und hat 
den französischen Hof nach ihres Gatten Tode 
nur schweren Herzens verlassen; Anna von 
ßoulen aber, die ihrer Fürstin VorHebe teilte, 
konnte sich nicht entschliessen, mit ihr zu 
gehen. Der verstorbene König war in sie ver- 
liebt und sie blieb als Ehrendame der Köni- 
gin Claude hier. Die Königin starb und Ma- 
dame Margarete, des Königs Schwester, Her- 
zogin von Alencon, jetzige Königin von Na- 
varra, deren Geschichte Sie kennen, nahm sie 
zu sich ; sie aber trat bei dieser Fürstin zu der 
neuen Religion über. Später kehrte sie dann 
nach England zurück und entzückte jeder- 
mann; sie hatte Frankreichs Sitten angenom- 
men die allen Völkern "gefallen ; sie sang gut, 
tanzte bewundernswert und ward Hoffräulein 
bei der Königin Katharine von Aragonien, und 
König Heinrich VHI. verliebte sich unsterb- 
lich in sie. 

Der Kardinal von Wolsey, sein Günstling 
und erster Minister, hatte das Pontifikat an- 
gestrebt; und da ihn der Kaiser wenig zufrie- 
dengestellt hatte, der ihn bei diesem Vorhaben 
nicht unterstützte, so beschloss er, sich dafür 
zu rächen, indem er den König, seinen Herrn, 
mit Frankreich verbündete. Er redete Hein- 
rich Vni. ein, die Heirat mit seiner Tante sei 
null und nichtig und schlug ihm vor, die Her- 
zogin von Alencon, deren Gatte gerade ge- 

>i09< 



storben war, zu heiraten. Die ehrgeizige Anna 
von Beulen sah diese Ehescheidung als einen 
Weg an, der sie auf den Thron bringen konnte. 
Sie begann dem Könige Bücher von der luthe- 
rischen Religion zu geben und verpflichtete 
unseren verstorbenen König Heinrichs Ehe- 
scheidung in Rain zu betreiben, indem sie 
seine Heirat mit Madame d'Alencon in Aus- 
sichtstellte. Den Kardinal von Wolsey Hess sie 
unter anderen Vorwänden nach Frankreich 
senden, damit er in diesen Angelegenheiten 
verhandelte. Sein Gebieter konnte sich aber 
nicht dazu verstehen, dass er auch nur einen 
derartigen Vorschlag machte, und sandte ihm 
einen Befehl nach Calais, überhaupt nicht von 
dieser Heirat zu sprechen. 

Bei seiner Rückkehr aus Frankreich ward 
Kardinal Wolsey mit ähnlichen Ehren, wie 
man sie für den König selber veranstaltet, emp- 
fangen ; niemals erhoben Hoffart und Eitelkeit 
einen Günstling zu einem höheren Rang. Er 
brachte eineBegegnung zwischen beidenHerr- 
schern zustande, die in Boulogne vor sich ging. 
Franz I. reichte Heinrich VHl. die Hand; der 
aber wollte sie nicht annehmen. Sie bewirte- 
ten sich gegenseitig mit aussergewöhnlichem 
Prunk und schenkten sich Gewänder, die 
denen, welche sie für sich selbst hatten ma- 
chen lassen, glichen. W^ie ich mich erinnere, 
hörte ich erzählen, dass die, welche der ver- 

>110< 



storbene König dem Engländer schickte, aus 
karmoisinrotem Seidentuch angefertigt, drei- 
eckig verbrämt und mit Perlen und Diaman- 
ten bestickt waren; und das Oberkleid be- 
stand aus weissem, golddurchwirktem Sam- 
met. Nachdem sie mehrere Tage in Bou- 
logne verweilt hatten, brachen sie nach Ca- 
lais auf. Anna von Boulen wohnte mit dem 
Hofstaate einer Königin bei Heinrich VÜI., 
und Franz I. machte ihr dieselben Geschenke 
und zollte ihr solche Verehrung, als ob sie 
Königin sei. 

Endlich nach neunjähriger Liebe heiratete 
Heinrich \IU. sie, ohne die Lösung seiner 
ersten Ehe abzuwarten, welche er seit langem 
von Rom begehrte. Der Papst schleuderte in 
grösster Übereilung den Bannstrahl wider ihn, 
Heinrich VIIL war so empört darüber, dass 
er sich für das Oberhaupt der Kirche erklärte 
und ganz England zu dem unglücklichen 
Glaubenswechsel veranlasste, in dem Sie es 
jetzt noch sehen. 

Nicht lange erfreute sich Anna von Boulen 
ihrer Grösse; denn als sie sich dvirch Katha- 
rina von Aragoniens Tod sicherer fühlte, 
wohnte sie eines Tages mit dem ganzen Hofe 
einem Einzelreiten bei, welches der Vicomte 
von Rochefort veranstaltete. Sein Bruder, der 
König, aber wurde so eifersüchtig darüber, 
dass er jäh vom Schauspiel aufbrach, sich 



nach London begab, die Königin, den Vicomte 
von Rochefort und mehrere andere festneh- 
men Hess, die er für Liebhaber oder Vertraute 
der Fürstin hielt. Obschon diese Eifersucht 
eine Regung des AugenbHcks zu sein schien, 
war sie ihm schon vor einiger Zeit seitens der 
Vicomtesse von Rochefort, welche eine wirk- 
liche Freundschaft zwisdhen ihrem Gatten 
und der Königin nicht dulden wollte, einge- 
redet worden; sie stellte sie dem Könige als 
eine verbrecherische F'reundschaft dar, so dass 
der Fürst, der andererseits in Johanna Sey- 
mour verliebt war, nur darauf sann sich 
Anna von Boulens zu entledigen. Nach weni- 
ger als drei Wochen liess er ihr und seinem 
Bruder den Prozess machen, liess ihnen den 
Kopf abschlagen und heiratete Johanna Sey- 
mour. Er hatte später noch mehrere grauen, 
die er verstiess oder töten liess, und unter 
anderen auch Katharina Howard, deren Ver- 
traute die Vicomtesse von Rochefort war, die 
zusammen mit ihr enthauptet wurde. Also 
wurde sie für das Verbrechen gestraft, wessen 
sie Anna von Boulen ungerechterweise ge- 
ziehen hatte!" 

Alle Damen, welche Madame la Dauphines 
Erzählung angehört, dankten ihr, weil sie sie 
so gut über den englischen Hof unterrichtet 
hatte, und unter den anderen auch Madame 
de Cleve, die es nicht unterlassen konnte, ihr 

>H2< 



noch mehrere Fragen nach der Königin Eli- 
sabeth zu stellen. 

Madame la Dauphine Hess Miniaturbilder 
von allen Schönen des Hofes malen, um sie 
der Königin, ihrer Mutter, zu schicken. An 
dem Tage, wo man das der Madame de Gleve 
vollendete, kam Madame la Dauphine nach 
dem Mittagsmahle zu ihr. Auch Monsieur de 
Nemours verfehlte nicht, sich dort einzustel- 
len : keine Gelegenheit Madame de Cleve zu 
sehen liess ersieh entgehen, ohne sich jedoch 
dabei merken zu lassen, dass er sie suche. 
Sie war an diesem Tage so schön, dass er sich 
in sie verliebt hätte, wenn er es nicht schon 
gewesen wäre. Dennoch wagte er es nicht, 
die Augen auf ihr ruhen zu lassen, während 
man sie malte, weil er besorgte, allzuviel 
Freude, sie betrachten zu dürfen, durch- 
blicken zu lassen. 

Madame la Dauphine forderte Monsieur 
de Cleve ein kleines Bild ab, welches er von 
seiner Frau besass, um es mit dem, das man 
malte, zu vergleichen. Jedermann äusserte 
dies oder jenes darüber und Madame de Cleve 
trug dem Maler auf, etwas an dem Kopfputze 
des herbeigeholten Bildes zu ändern. Um 
ihrem Befehle nachzukommen, löste der Ma- 
ler es von der Dose ab, auf der es angebracht 
war, und nachdem er seine Arbeit daran voll- 
endet hatte, legte er es wieder auf den Tisch. 

Pr. C. 8 > 113 < 



Schon seit lan^jem wünschte Monsieur de 
Nemours ein Bild von Madame de Cleve zu 
besitzen. Als er das Monsieur de Cleve ge- 
hörige Bild sah, konnte er der Lust nicht 
widerstehen, es einem Gatten zu rauben, 
den er heiss geliebt wähnte ; und dachte, bei 
der so zahlreichen Gesellschaft, die hier zu- 
gegen war, w ürde nicht mehr Verdacht auf 
ihn wie auf jeden anderen fallen. 

Madame la Dauphine sass auf dem Bette 
und sprach leise mit Madame de Cleve, wel- 
che vor ihr ruhte. Madame de Cleve bemerkte 
durch einen der Vorhänge, die nur halb zu- 
gezogen waren, dass Monsieur de Nemours 
mit dem Rücken gegen den Tisch am Kopf- 
ende des Bettes stand, und sah, ohne den Kopf 
zu wenden, wie er gerade etwas vom Tische 
nahm. Mühelos erriet sie, dass es ilir Bild 
war, und wurde so verwirrt darüber, dass 
Madame la Dauphine merkte, wie sie ihr 
nicht zuhörte, und sie ganz laut fragte, wo- 
hin sie sähe. Bei diesen Worten drehte sich 
Monsieur de Nemours um; seine Augen be- 
gegneten sich mit denen der Madame de 
Cleve, die noch auf ihn gerichtet waren, und 
er glaubte, dass sie sicherlich seine Tat be- 
merkt habe. 

Madame de Cleve war nicht wenig erregt; 
die Vernunft sagte ihr, sie müsse das Bild 
zurückverlangen, doch wenn sie es ihm 

>ii4< 



öffentlich abfordere, würde jedermann um 
die Gefühle merken, welche ihr der Prinz 
entgegenbrachte, wenn sie es aber im ge- 
heimen wiederforderte, so sah das beinahe 
so aus, als wolle sie ihn veranlassen, ihr von 
seiner Liebe zu sprechen. Schliesslich meinte 
sie, es sei besser es ihm zu lassen, und war 
sehr froh ihm eine Gunst zu gewähren, die 
sie ihm ohne dass er recht wusste, ob sie sie 
ihm erwies, zugestehen konnte. Monsieur de 
Nemours, welcher ihre Erregung bemerkte 
und sich über deren Ursach fast klar war, 
näherte sich ihr und sagte ganz leise zu ihr : 
„Wenn Sie sahen, was ich mir zu tun her- 
ausnahm, so seien Sie so gütig, Madame, mich 
im Glauben zu lassen, dass Sie nicht darum 
wissen. Ich wagte Sie nicht darum zu bitten ! " 
Nach diesen Worten entfernte er sich, ohne 
eine Antwort abzuwarten. 

Auch Madame la Dauphine verabschie- 
dete sich in Gefolgschaft aller Damen, um 
zu lustwandeln. Monsieur de Nemours aber 
schloss sich in sein Gemach ein; er konnte 
es nicht ertragen, die Freude, ein Bild von 
Madame de Cleve zu haben, öffentlich zei- 
gen. Und fühlte alles, was einen die Liebe 
Köstliches fühlen lassen kann; er liebte die 
liebenswürdigste Dame des Hofes, machte 
sie sich wider ihren Willen geneigt und sah 
in allen ihren Handlungen jene gewisse Ver- 

8* >115< 



wirrung und Aufregung, welche die Liebe 
in der Unschuld der ersten Jugend verur- 
sacht. 

Mit grosser Sorgfalt suchte man des Abends 
das Bild ; da man die dazugehörige Dose fand, 
vermutete man seinen Diebstahl nicht, son- 
dern glaubte, es sei zufällig abhanden ge- 
kommen. Monsieur de Gleve betrübte der 
Verlust; und nachdem man es noch vergeb- 
lich weitergesucht hatte, sagte er zu seiner 
Frau, doch in einer Weise, der man anmerkte, 
dass es ihm nicht Ernst war, zweifelsohne 
halte es ein Liebhaber versteckt, dem sie es 
gegeben hätte, oder er habe es entwendet; 
denn kein anderer wie ein Liebhaber würde 
sich mit dem Bilde begnügen, ohne die 
Schachtel nicht auch zu nehmen. 

Obwohl diese Worte scherzweise, gesagt 
wurden, machten sie doch tiefen Eindruck 
auf Madame de Cleve: sie bereiteten ihr Ge- 
wissensbisse; sie dachte über die Macht der 
Liebe nach, die sie zu Monsieur de Nemours 
hinzog, und fand, dass sie nicht mehr Herrin 
ihrer Worte und ihres Gesichtsausdrucks war. 
Und sie dachte daran, dass Lignerolles zu- 
rückgekommen, die englische Angelegenheit 
also nicht mehr zu fürchten war; dass sie 
keinen Verdacht mehr auf Madame la Dau- 
phine zu haben brauchte, dass es endlich kei- 
nen Schutz mehr für sie gab und sie nur vor 

>il6< 



sich selber sicher war, wenn sie sich von ihm 
entfernte. Doch da sie es nicht über sich zu 
bringen vermochte fortzugehen, befand sie 
sich in der äussersten Notlage und war nahe 
daran, dem zu verfallen, welches für sie der 
Übel grösstes war: nämlich Monsieur de Ne- 
mours die Liebe, die sie für ihn fühlte, zu 
offenbaren. Sie erinnerte sich aller Worte, die 
ihr Madame de Chartres vor ihrem Tode ge- 
sagt, und der Ratschläge, die sie ihr gegeben 
hatte, lieber jeden anderen Entschluss zu fas- 
sen, welche Schwierigkeit er auch bereiten 
möchte, als sich in ein Liebesabenteuer ein- 
zulassen. Es fiel ihr wieder ein, was Monsieur 
de Cleve zu ihr über die Offenheit gesagt 
hatte, als er von Äladame de Tournon sprach, 
und sie glaubte ihm ihre Neigung zu Mon- 
sieur de Nemours eingestehen zu müssen. Die- 
ses Vorhaben beschäftigte sie lange; schliess- 
lich war sie erstaunt, dies geplant zu haben, 
sie fand es närrisch und verfiel wieder der 
Aufregung, nicht zu wissen, was sie tim sollte. 
Der Friede war unterzeichnet; Madame 
Elisabeth hatte sich nach schweren Kämpfen 
entschlossen, dem Könige, ihrem Vater, zu ge- 
horsamen. Der Herzog von Alba war auser- 
sehen, sie im Namen der katholischen Maje- 
stät zu heiraten, und musste sehr bald eintref- 
fen. Auch erwartete man den Herzog von Sa- 
voyen, welcher Madame, des Königs Schwe- 

>117< 



ster, heiraten sollte, und deren Hochzeit zu 
gleicher Zeit stattfand. Der König dachte nur 
daran, diese Hochzeiten durch Feste zu ver- 
schönern, bei denen er den Prunk und die 
Grösse seines Hofes glänzen lassen konnte. 
Man schlug die schönsten Ballette und Ko- 
mödien vor, doch der König fand diese Ver- 
gnügungen nichtauserlesen genug und wollte 
grösseren Glanz entfaltet wissen. Er beschloss 
ein Turnier zu veranstalten, zu dem die Frem- 
den herangezogen werden sollten und bei dem 
das Volk die Zuschauer bilden konnte. Alle 
Prinzen und jungen Ritter des Hofes traten 
freudig für des Königs Plan ein, besonders 
aber der Herzog von F'errara, Monsieur de 
Guise und Monsieur de Nemours, welche alle 
anderen in dieser Leibesübung übertrafen. 
Nach des Königs Wahl sollten sie mit ihm die 
vier Schildhalter des Turniers sein. 

Man liess im ganzen Königi-eiche bekannt- 
machen,dass das Turnier am fünfzehnten Juni 
in der Stadt Paris durch seine Allerchristlich- 
ste Majestät, durch die Prinzen Alphons von 
Este, Herzog von Ferrara, Franz von Loth- 
ringen, Herzog von Guise, Jacob von Savoyen, 
Herzog von Nemours eröffnet würde, um allem 
Kommenden Widerstand zu leisten ; und zwar 
würdeder erste Kampf zuPferde in denSchran- 
ken in voller Rüstung mit fünf Lanzenstichen, 
davon einen für die Damen beginnen. Den 

>ii8< 



zweiten Kampf mit Säbelhieben, einer gegen 
einen, zwei gegen zwei, je nach Wunsch der 
Kampfrichter. Den dritten Kampf zu Fuss mit 
drei Pikenstichen und sechs Säbelhieben; die 
Schildhalter würden sich nach Wunsch der 
Angreifer mit Lanzen, Degen und Piken aus- 
rüsten ; wer beim Reiten das Pferd träfe, solle 
aus der Reihe geschlossen werden. Vier der 
Kampfrichter würde es geben; und die An- 
greifer, welche die meisten Lanzen gebrochen 
und sich am wackersten gehalten hätten, soll- 
ten einen Preis bekommen, dessen Wert dem 
Ermessen der Richter überlassen bliebe. Alle 
Angreifer, ob Franzosen, ob Fremde seien 
verpflichtet, eines, oder je nach Wunsch, meh- 
rere der Schilde zu berühren, die an der 
Rampe, am Rande der Kampfstätte hängen 
würden; dort sollten sie auch einen Schild- 
träger finden, der sie empfinge, um sie ihrem 
Range und den Schilden entsprechend, die 
sie berührt hätten, in die Liste einzutragen. 
Die Angreifer seien verpflichtet, durch einen 
Edelmann ihren Schild und ihre Waffen her- 
beitragen zu lassen, um sie drei Tage vor Be- 
ginn des Turniers wieder in Empfang zu neh- 
men, andernfalls würden sie ohne die Erlaub- 
nis der Platzhal ter nicht angenommen werden . 
Man Hess in der Nähe der Bastille einen 
grossen Kampfplatz herrichten, der am Schloss 
von Tournelles begann, über die Rue Saint An- 

>ii9< 



toine fortging und bei den königlichen Stäl- 
len endigte. Zu beiden Seiten waren Bühnen 
und aufsteigende Tribünen mit geschlossenen 
Logen aufgeschlagen worden, welche die For- 
men von Galerien bildeten, dem Auge einen 
schönen Anblick gewährten und eine Unzahl 
Menschen fassen konnten. Alle Fürsten wie 
Edelleute waren mit nichts anderem beschäf- 
tigt wie das vorzubereiten, was ihnen nötig er- 
schien, um mit Glanz bestehen zu können, 
oder auf ihre Wappen oder bei ihren Na- 
menszügen irgend etwas Galantes anbringen 
zu lassen, welches auf die geliebte Frau Be- 
zug nahm. 

Wenige Tage vor der Ankunft des Herzogs 
von Alba veranstaltete der König mit Mon- 
sieur de Nemours, dem Chevalier de Guise 
und dem Vizedom de Chartres ein Baljspiel. 
Die Königinnen stellten sich in Gefolgschaft 
aller ihrer Damen, unter denen sich auch Ma- 
dame de Cleve befand, ein, um sich an ihm zu 
ergötzen. Als man nach Beendigung des Ball- 
spiels fortging, näherte sich Chastelart der 
Madame la Dauphine und sagte ihr, der Zufall 
habe ihm einen Liebesbrief in die Hände ge- 
spielt, der Monsieur de Nemours' Tasche ent- 
fallen sei. Da sich die Dauphinestets mit allem, 
was den Prinzen anging, eifrig beschäftigte, 
sagte sie zu Chastelart, er solle ihn ihr geben ; 
sie nahm ihn in Empfang und folgte der Köni- 

>120< 



gin, ihrer Schwiegermutter, die sich mit dem 
Könige zusammen die Vorbereitungen auf 
dem Kampfplatze ansehen wollte. Nachdem 
man sich dort einige Zeit aufgehalten hatte, 
befahl der König Pferde vorzuführen, die er 
vor kurzem hatte kommen lassen. Obwohl 
sie noch nicht eingeritten waren, wollte er 
aufsitzen, und hiess allen, die ihm gefolgt 
waren, das gleiche tun. Der König und Mon- 
sieur de Nemours ritten die feurigsten Pferde, 
die sich beide aufeinander stürzen wollten. 
Monsieur de Nemours wich aus Fiu^cht den 
König zu verletzen zurück und lenkte sein 
Pferd mit solcher Wucht gegen einen Pfeiler 
der Reitbahn, dass er dem Anprall zufolge 
herunterstürzte. Man lief herzu und hielt ihn 
für gefährlich verletzt. Madame de Cleve aber 
befürchtete es noch lebhafter als die anderen. 
Ihre Anteilnahme flösste ihr eine Angst und 
eine Verwirrung ein, die sie zu verbergen ver- 
gass ; sie näherte sich ihm mit den Königinnen 
und ihr Antlitz war so verändert , dass es auch 
einem weniger beteiligten Manne wie dem 
Chevalier de Guise aufgefallen wäre; er be- 
merkte es natürlich sofort und gab mehr acht 
auf Madame de Cleve als auf Monsieur de 
Nemours Zustand, Der Fall, den er erlitten, 
verursachte dem Prinzen eine so tiefe Ohn- 
macht, dass er einige Zeit über seinen Kopf 
auf die stützend verharrte, welche ihn hielten. 

>I21< 



Als er wieder zu sich kam, sah er zuerst Ma- 
dame de Cleve; er las auf ihrem Anthtz die 
Sorge um ihn, und bhckte sie so an, dass 
sie merken konnte, wie gerührt er darüber 
war. Er dankte dann den Königinnen für die 
Güte, welche sie ihm erwiesen, und entschul- 
digte sich bei ihnen um des Zustandes wil- 
len, in dem er sich vor ihnen gezeigt hatte. 
Der König aber befahl ihm der Ruhe zu 
pflegen. 

Als sich Madame de Cleve von ihrem 
Schrecken erholte, machte sie sich Gedanken 
über die Anzeichen desselben, die sie verraten 
hatte. Nicht lange liess ihr der Chevalier de 
Guise die Hoffnung, dass ihn niemand bemerkt 
habe; indem er ihr die Hand reichte, um sie 
vom Kampfplatz fortzuführen, sagte er: „Ich 
bin tiefer als Monsieur de Nemours zu bekla- 
gen, Madame, verzeihen Sie, wenn ich die 
hohe Ehrfurcht, welche ich Ihnen stets zollte, 
ausser acht lasse, und Ihnen meinen tiefen 
Schmerz über das soeben Gesehene offenbare. 
Es ist das erstemal, dass ich so kühn bin, 
mit Ihnen darüber zu sprechen, und es wird 
auch das letztemal sein. Tod oder wenigstens 
ewige Verbannung sollen mich von einem 
Orte entfernen, an dem ich nicht leben kann, 
da ich jetzt des traurigen Trostes beraubt 
bin, dass alle, die Sie zu betrachten wagen, 
ebenso unglücklich wie ich sind!" 

>I22< 



Madame de Cleve antwortete nur mit eini- 
gen wirren Worten, wie wenn sie nicht ver- 
standen hätte, was Chevaher de Guises Worte 
besagen sollten. Zu einer anderen Zeit wür- 
de sie ihm verboten haben von der Liebe zu 
reden, die er zu ihr hegte; in diesem Augen- 
blicke aber drückte sie nur der Schmerz, dass 
sie ihr für Monsieur de Nemours entflamm- 
tes Herz gezeigt habe. Der Chevalier de Guise 
war so überzeugt davon und so von Schmerz 
gepeinigt, dass er an diesem Tage den Ent- 
schluss fasste, niemals mehr daran zu denken, 
Madame de Cleves Liebe zu erringen. 

Doch um dies Unternehmen, welches ihm 
so schwierig und ruhmreich erschienen war, 
aufzugeben, musste er ein anderes suchen, 
dessen Grösse ihn locken konnte. Er nahm 
sich vor Rhodos zu erobern, woran er schon 
mehrere Male gedacht hatte; und als ihn der 
Tod in der Jugendblüte zu einer Zeit aus 
der Welt riss, wo er den Ruhm erlangt hatte, 
einer der grössten Fürsten seines Jahrhun- 
derts zu sein, da bedauerte er nur aus dem 
Leben zu scheiden, weil er einen so schönen 
Plan nicht ausführen konnte, an dessen un- 
fehlbaren Erfolg er nach all der darauf ver- 
wendeten Sorgfalt geglaubt hatte. 

Den Kampfplatz verlassend ging Madame 
de Cleve, im Geiste völlig mit dem Vorfall 
beschäftigt, zu der Königin. Wenige Zeit 

>123< 



nachher kam auch Monsieur de Nemojirs, 
prächtig gekleidet und wie ein Mann, der 
nichts von dem ihm zugestossenen Unfall 
fühlte, dorthin. Er schien sogar heiterer als 
üblich zu sein; und die Freude über das, was 
er gesehen zu haben glaubte, gab ihm ein 
Aussehen, welches seine Anmut noch erhöhte. 
Jedermann war bei seinem Eintreten über- 
rascht, und alle ausser Madame de Gleve, wel- 
che am Kamin stehen blieb, ohne ihn schein- 
bar zu sehen, erkundigten sich nach seinem 
Befinden. Der König trat aus seinem Gemach 
heraus und rief ihn zu sich, als er ihn unter 
den anderen sah, um mit ihm über seinen 
Unfall zu sprechen. Monsieur de Nemours 
ging an Madame de Cleve vorbei und sagte 
ganz leise zu ihr: „Ich habe heute Beweise 
Ihres Mitleids empfangen, Madame, aber 
nicht solches bin ich am meisten würdig!" 
Hatte Madame de Cleve geargwöhnt, der 
Prinz habe die Erregung, in der sie um sei- 
netwillen gewesen war, gemerkt, so bewie- 
sen ihr seine Worte die Richtigkeit ihrer 
Mutmassung. Die Tatsache, dass sie nicht 
mehr Herrin ihrer eigenen Gefühle war und 
dass sie sie den Chevalier de Guise hatte sehen 
lassen, bereitete ihr einen schweren Kummer. 
Auch war sie sehr verstimmt, dass Monsieur 
de Nemours darum wusste; doch dieser letzte 
Schmerz drückte sie nicht völlig nieder und 

>124< 



war mit einem gewissen Gefühle der Süsse 
vermischt. 

Madame la Dauphine hatte eine lebhafte 
Neugier den Inhalt des Briefes, den ihr Cha- 
stelart gegeben hatte, zu erfahren und näherte 
sich Madame de Cleve: „Lesen Sie gleich 
diesen Brief, liebe Cleve," sagte sie zu ihr, 
„er richtet sich an Monsieur de Nemours und 
stammt dem Anscheine nach von der Gelieb- 
ten, um derentwillen er alle anderen Frauen 
aufgegeben hat. Wenn Sie ihn nicht sofort 
lesen können, heben sie ihn auf; kommen Sie 
abends, wenn ich mich schlafen lege und sa- 
gen Sie mir dann, was sie aus dem Schreiben 
erfuhren !" Nach solchen Worten verliess Ma- 
dame la Dauphine Madame de Cleve; und 
liess sie so bestürzt und so erschreckt stehen, 
dass sie einige Zeit über nicht von ihrem Platze 
gehen konnte. Ihre Ungeduld und ihre Auf- 
regung Hessen es nicht zu bei der Königin 
zu bleiben; sie verabschiedete sich von ihr, 
obwohl es noch nicht an der Stunde war, wo 
sie sich gewöhnlich zurückzog. Und hielt den 
Brief in zitternden Händen; ihre Gedanken 
waren so wirr, dass sie kein Unterscheidungs- 
vermögen mehr besass, und eine Art un- 
erträglichen Schmerzes, den sie nicht kannte 
und noch niemals gefühlt hatte, befiel sie. So- 
bald sie in ihrem Gemache anlangte, öffnete 
sie das Schreiben und las folgenden Inhalt: 

>125< 



„ Ich habe Sie zu heiss geliebt, als dass Sie 
{jlauben könnten, der Sinneswechsel, welcher 
Ihnen an mir auffallt, sei das Ergebnis meiner 
flüchtigen Neigung. Ich Avill Sie nun wissen 
lassen, dass Ihre Treulosigkeit ihn verschul- 
det hat. Sie werden überrascht sein, mich von 
Ihrer Treulosigkeit reden zu hören, haben 
Sie sie doch mit soviel Aufmerksamkeit vor 
mir verborgen, und es hat mich wahrlich 
Mühe gekostet Ihnen zu verbergen, dass ich 
darum weiss; und Sie dürfen billigerweise 
erstaunt sein, dass sie mir bekannt ist. Ich bin 
selber überrascht, dass ich es über mich ver- 
mochte, Ihnen gegenüber nichts durchblicken 
zu lassen. Niemals gab es einen Schmerz, der 
meinem gleich war. Ich wähnte, Sie hegten 
eine hohe Liebe zu mir, und verbarg die nicht, 
welche mich zu Ihnen hinzog; doch zu der 
Zeit, wo ich sie Ihnen offenherzig bewies, er- 
fuhr ich, dass Sie mich hintergingen und eine 
andere liebten und mich allem Anscheine 
nach dieser neuen Geliebten aufopfern woll- 
ten. Seit dem Tage des Ringelreitens weiss 
ich darum; und das war der Grund, der mich 
am Erscheinen dort hinderte. Ich schützte 
eine Krankheit vor, um meine Gemütsauf- 
wallung zu verbergen: aber ich wurde tat- 
sächlich krank, denn mein Leib konnte eine 
so heftige Erregung nicht ertragen. Als ich 
mich wohler zu fühlen begann, stellte ich 

>126< 



mich noch sehr krank, um einen Vorwand 
zu haben, Sie nicht sehen und Ihnen nicht 
schreiben zu müssen. Ich wollte Zeit zu der 
Überlegung gewinnen, wie ich mich Ihnen 
gegenüber verhalten sollte; zwanzigmal nahm 
und verwarf ich die gleichen Entschlüsse. 
Schliesslich hielt ich Sie für unwürdig, mei- 
nen Schmerz zu sehen, und beschloss ihn 
Ihnen um keinen Preis zu offenbaren. Ich 
wollte Ihren Stolz verwunden, indem ich Sie 
merken Hess, wie meine Liebe zu Ihnen von 
selber erlosch. Den Wert des Opfers, welches 
Sie damit darbrachten, glaubte ich hierdurch 
zu verringern, ich wollte nicht, dass Sie voll 
Freude zeigen könnten, wie sehr ich Sie liebte, 
um dadurch noch liebenswerter zu erscheinen. 
Und entschloss mich Ihnen laue und matte 
Briefe zu schreiben, um der, welcher Sie sie 
zeigten, vorzutäuschen, dass man Sie zu lie- 
ben aufhörte. Ich wollte ihr weder das Ver- 
gnügen gönnen zu erfahren, dass ich um 
ihren Sieg über mich wüsste, noch ihren 
Triumph durch meine Verzweiflung und 
Vorwürfe vermehren. Auch meinte ich, dass 
ich Sie nicht genug damit bestrafte, wenn ich 
mit Ihnen brach, und dass ich Ihnen nur 
einen leichten Schmerz bereiten würde, in- 
dem ich Sie zu lieben abliesse, wenn Sie mich 
nicht mehr liebten. Ich fand, dass Sie mich 
lieben müssten, um das Elend nicht geliebt 

> 127 < 



zu werden, zu fühlen, welches ich so grausam 
erprobte. Und wusste, nur eines könnte die 
Gefühle, welche Sie zu mir hegten, wieder 
aufflammen lassen: wenn ich Ihnen zeigte, 
dass sich meine vermindert hätten; doch 
musste ich Sie das merken lassen, indem ich 
es scheinbar vor Ihnen verbarg, wie wenn ich 
nicht die Kraft zu einem Geständnis hätte. 
Und verharrte bei diesem Entschlüsse, ob- 
wohl es mir schwer wurde ihn zu fassen! 
Und jedesmal, wenn ich Sie sah, schien mir 
seine Ausführung unmöglich! Hundertmal 
war ich bereit, in Vorwürfe und Tränen aus- 
zubrechen; der Zustand, in dem ich mich 
meiner Gesundheit zufolge befand, diente mir 
dazu, meine VerwiiTung und meinen Kum- 
mer zu verschleiern. Und schliesslich wurde 
ich durch das Vergnügen vor Ihnen zu heu- 
cheln, wie Sie mir gegenüber heuchelten, auf- 
recht gehalten; dennoch kostete es mich eine 
so grosse Kraft, Ihnen meine Liebe mündlich 
und schriftlich einzugestehen, dass Sie bald 
merkten, wie ich willens war Sie den Wechsel 
meiner Gefühle sehen zu lassen. Sie waren 
darüber betrübt, Sie beklagten sich darüber; 
ich bemühte mich Sie zu beruhigen, aber 
in einer so gezwungenen Weise, dass Sie sich 
noch tiefer überzeugten, ich liebte Sie nicht 
mehr. Schliesslich tat ich alles, was ich zu 
tun willens gewesen war. Die Wunderlich- 

>128< 



keit Ihres Herzens Hess Sie in dem Masse zu 
mir zurückkommen, wie Sie sahen, dass ich 
mich von ihnen entfernte. Ich freute mich 
all des Vergnügens, welches einem die Rache 
bereiten kann; es deuchte mich, Sie liebten 
mich mehr als Sie es je getan hatten; und 
ich Hess Sie sehen, dass ich Sie nicht mehr 
liebte. Ich habe Ursach anzunehmen, dass 
Sie die Geliebte, um derentwillen Sie mich 
aufgaben, gänzlich verliessen. Ich habe auch 
Gründe überzeugt zu sein, dass Sie ihr gegen- 
über niemals von mir gesprochen haben ; aber 
Ihre Rückkehr und Ihre Verschwiegenheit 
konnten Ihre Flatterhaftigkeit nicht wieder 
gutmachen. Ihr Herz gehörte mir und einer 
anderen zugleich; Sie haben mich betrogen; 
das genügt, um mich der Wonne zu berauben, 
von Ihnen geliebt zu sein, wie ich es von 
Ihnen zu verdienen glaubte, und in dem Sie 
so überraschenden Entschlüsse, Sie niemals 
wiederzusehen, zu verharren." 

Madame de Cleve las den Brief und las ihn 
zu vielen Malen wieder, ohne zu wissen, was 
sie gelesen hatte. Sie fühlte einzig, dass Mon- 
sieur de Nemours sie nicht liebte, wie sie ge- 
dacht, und dass er sie mit anderen zugleich 
liebte, welche er wie sie hinterging. Welche 
Einsicht und Erkenntnis für eine Frau von 
ihrer Gemütsart, die eine so leidenschaft- 
liche Liebe gefasst hatte, von der sie soeben 

Pi. C. 9 >129< 



einem Manne, der sie ihrer Meinung nach 
nicht verdiente, und einem anderen Beweise 
gegeben hatte, den sie um seinetwillen schlecht 
behandelte! Niemals gab es einen lebhafteren 
und schmerzlicheren Kummer; sie sah in den 
Vorgängen dieses Tages den Stachel dieser 
Trübsal, denn wenn Monsieur de Nemours 
keinen Grund gehabt hätte an ihre Liebe zu 
glauben, würde sie sich nicht darum geküm- 
mert haben, dass er eine andere geliebt hatte. 
Aber sie täuschte sich selber : das Übel, wel- 
ches sie so unerträglich dünkte, war Eifer- 
sucht mit allen Qualen, die mit ihnen ver- 
bunden sein können. Aus diesem Briefe ersah 
sie, dass Monsieur de Nemours seit langem 
eine Liebschaft gehabt hatte. Und fand, dass 
die Schreiberin dieses Briefes Geist und- Ver- 
dienst besass: sie schien ihr liebenswert zu 
sein; sie war ihrer Meinung nach mutiger, 
als sie selber war, und sie beneidete sie um 
die Kraft, die sie gezeigt hatte, ihre Gefühle 
vor Monsieur de Nemours zu verbergen. Der 
Brief bewies ihr, dass sich dies Wesen geliebt 
wähnte ; sie dachte, die Verschwiegenheit des 
Prinzen, welche sie so voreingenommen hatte, 
sei vielleicht nur eine Folge der Leidenschaft 
für die andere Frau gewesen, der er zu miss- 
fallen fürchtete. Schliesslich kam ihr alles in 
den Sinn, was ihren Kiunmer und ihre Ver- 
zweiflung vermehren konnte. Wie sehr ging 

> 130 < 



sie nicht in sich, wie sehr dachte sie nicht 
über ihrer Mutter Ratschläge nach! Wie oft 
bereute sie es nicht, sich trotz Monsieur de 
Cleves Widerstand von dem Treiben der W^elt 
losgesagt oder ihren Vorsatz, ihm ihre Nei- 
gung zu Monsieur de Nemours einzugestehen, 
ausgeführt zu haben ! Sie fand, dass sie besser 
daran getan hätte, sich einem Gatten zu ent- 
decken, dessen Güte sie kannte und der ihre 
Neigung verbergen musste, als sie einen Mann 
sehen zu lassen, der ihrer unwert war, der sie 
betrog, sie vielleicht aufopferte und nur aus 
einem Hochmuts- und Eitelkeitsgefühl heraus 
von ihr geliebt sein wollte. Und endlich fand 
sie, dass alle Übel, die sie überkommen, und 
alle Nöte, in denen sie sich befinden konnte, 
geringfügiger wären,als Monsieur de Nemours 
ihre Liebe haben sehen zu lassen und erfahren 
zu haben, dass er eine andere liebte. Der Ge- 
danke aber, dass sie sich dieser Erkenntnis 
zufolge nicht mehr vor sich selber zu fürch- 
ten brauchte und von der Neigung geheilt 
werden würde, die sie dem Prinzen entgegen- 
brachte, gewährte ihr einigen Trost. 

Sie dachte nicht mehr an Madame la Dau- 
phines Verlangen sich bei ihrem Schlafen- 
gehen einzufinden ; sie legte sich zu Bett und 
schützte ein Unwohlsein vor, daher meldete 
man auch Monsieur de Cleve, als er vom 
Könige zurückkam, sie sei eingeschlafen ; doch 

9' >131< 



der Ruhe, die den Schlaf zur Folge hat, ent- 
behrte sie gänzlich. Sie verbrachte die Nacht, 
ohne etwas anderes zu tun, als sich zu här- 
men und den Brief, den sie in ihren Händen 
hatte, wieder und wieder zu lesen. 

Madame de Gleve war nicht die einzige 
Person, der dieser Brief die Ruhe raubte. Der 
Vizedom von Chartres, und nicht Monsieur 
de Nemours, der ihn verloren hatte, war in 
äusserster Unruhe; er hatte den ganzen Abend 
bei Monsieur de Guise verlebt, welcher dem 
Herzoge von Ferrara, seinem Schwager, und 
der ganzen Jugend des Hofes ein glänzendes 
Fest gegeben hatte. Der Zufall wollte es, dass 
man bei Tische von schönen Briefen sprach. 
Der Vizedom erklärte, einen der schönsten, 
die jemals geschrieben, bei sich zu haben. 
Man drängte ihn, ihn vorzuweisen, er aber 
weigerte sich. Monsieur de Nemours behaup- 
tete nun, er besässe keinen solchen, und er 
rede nur aus Eitelkeit davon. Der Vizedom 
erwiderte ihm, dass er seine Verschwiegenheit 
auf eine äusserst harte Probe stelle, dass er den- 
noch den Brief nicht vorzeigen würde; aber er 
wolle einige Stellen daraus zum Beweis vor- 
lesen, dass wenige Menschen ähnliche emp- 
fangen hätten. Gleichzeitig wollteer den Briet 
hervorziehen, doch fand er ihn nicht. Und 
suchte ihn vergebens. Man befehdete ihn des- 
wegen, aber er erschien so aufgeregt, dass 

>132< 



man davon zu sprechen aufhörte. Er entfernte 
sich früher als die anderen und Qiri^, voller 
Besorgnis in seine Wohnung, um zu sehen, oh 
er den fehlenden Brief dortgelassen hätte. 
Wie er ihn da noch suchte, trat der erste 
Kammerdiener der Königin bei ihm ein und 
meldete ihm, die Vicomtesse de Usez fühle 
sich verpflichtet, ihm in aller Eile sagen zu 
lassen, dass man bei der Königin erzählt habe, 
ihm wäre während des Ballspiels ein Liebes- 
brief aus der Tasche gefallen. Man hätte den 
grössten Teil des Briefinhaltes angegeben, 
und die Königin habe solche Neugierde ge- 
äussert, ihn zu sehen, dass sie ihn einem ihrer 
Edelleute abverlangt habe, der jedoch aus- 
gesagt hätte, ihn in Chastelarts Händen ge- 
lassen zu haben. 

Der erste Kammerdiener sagte dem Vize- 
dom von Chartres noch mehrere andere Dinge, 
die dazu beitrugen, ihn auf das lebhafteste 
zu beunruhigen. Der Vizedom eilte zur sel- 
ben Stunde fort, um einen Edelmann aufzu- 
suchen, welcher Chastelarts bester Freund 
war; der aber Hess diesen wecken, obwohl 
es zu ungewöhnlicher Stunde war, um ihm 
den Brief abzufordern, ohne zu sagen, wer 
ihn erbitte und wer ihn verloren habe. Chaste- 
lart bildete sich ein, Monsieur de Nemours 
sei der Verlierer und sei in Madame la Dau- 
phine verliebt, und zweifelte nicht, dass er 

>i33< 



ihn zurückverlangen Hesse. Er entgej^nete mit 
boshafter Freude, dass er diesen Briet' der 
Madame la Dauphine ausgehändigt habe. Der 
Edebiiann teilte diese Antwort dem Vizedom 
von Chartres mit : sie vermehrte seine Unruhe 
und machte seine Lage noch peinlicher; nach- 
dem er lange im Unklaren gewesen war, was 
er tun sollte, glaubte er, nur Monsieur de 
Nemours könne ihm aus dieser heillosenVer- 
legenheit helfen, in die er geraten war. 

Und ging zu ihm und trat in sein Geraach 
ein, als es zu tagen begann. Der Prinz schlief 
einen ruhigen Schlaf; was ihn Madame de 
Cleve hatte erraten lassen, konnte ihm nur 
angenehme Gedanken bereiten. Er war sehr 
überrascht sich durch den Vizedom von Char- 
tres geweckt zu sehen, und fragte ihn, ob er 
seine Ruhe zu stören käme, um sich für seine 
Redensarten bei dem Mahle zu rächen. Der Vi- 
zedom gab ihm nur allzugut durch seinen Ge- 
sichtsausdruck zu verstehen, dass ihn nur ein 
sehr ernsthafter Grund zu ihm führen konnte. 
„Ich muss Ihnen die wichtigste Angelegen- 
heit meines Lebens anvertrauen," hub er an. 
„Ich weiss wohl, dass Sie nichts verpflichtet, 
sich mir gefällig zu erweisen, wiewohl ich 
Ihrer Hilfe jetzt bedarf; auch weiss ich, dass 
ich Ihrer Achtung verlustig gehen würde, 
wollte ich Ihnen alles, was ich Ihnen jetzt 
sagen muss, anvertrauen, ohne dass mich Not- 

>134< 



wendigkeit dazu zwänge. Ich habe den Brief, 
von dem ich gestern abend sprach, verloren; 
es ist von äusserster Wichtigkeit für mich, 
dass niemand erfährt, dass er sich an mich 
richtet. Er ist von vielen Leuten, die dem 
Ballspiele, bei dem ich ihn verlor, zuschauten, 
gesehen worden; Sie waren auch dort, und 
ich bitte Sie inständigst, sich als den Ver- 
lierer ausgeben zu wollen ! " „ Sie müssen mir 
glauben," entgegnete lächelnd Monsieur de 
Nemours, „dass ich durchaus keine Geliebte 
habe, und daher kein solches Ansinnen an 
mich stellen, und auch daran denken, dass 
ich mich mit keinem Wesen zusammentun 
könnte, um glaubhaft zu machen, dass ich 
derartige Briefe empfange !" „Ich bitte Sie," 
entgegnete der Vizedom, „hören Sie mich 
ernsthaft an : Wenn Sie eine Geliebte haben, 
was ich durchaus nicht bezweifle, wiewohl 
ich nicht weiss, wer sie ist, würde es Ihnen 
ein leichtes sein sich zu rechtfertigen; dazu 
würde ich Ihnen die untrüglichsten Mittel 
geben. Wenn Sie sich aber nicht vor ihr recht- 
fertigen könnten, würde Ihnen nur für einige 
Augenblicke etwas Hader erwachsen, ich je- 
doch entehre durch dieses Abenteuer eine 
Frau, welche mich leidenschaftlich geliebt 
hat und die eins der schätzenswertesten Wei- 
ber auf der Welt ist, und ziehe mir ferner 
einen unversöhnlichen Hass zu, der mich 

>i35< 



mein (»lück und vielleicht noch mehr kosten 
wird!" „Ich verstehe all das nicht," entgeg- 
nete Monsieur de Nemours, „doch lassen Sie 
mich dunkel ahnen, dass die Gerüchte, welche 
von den Aufmerksamkeiten reden, die Ihnen 
eine erlauchte Fürstin widmet, nicht völlig 
aus der Luft gegriffen sind. " „ Sie sind es auch 
nicht," erwiderte der Vizedom; „gebe Gott, 
dass sie es wären ! Ich würde dann in keiner 
solchen Aufregung wie jetzt leben; doch ich 
muss Ihnen alle Vorgänge erzählen, um Ihnen 
alles zu zeigen, was ich zu befürchten habe. 

Seit ich am Hofe weile, hat mich die Kö- 
nigin stets mit sehr viel Auszeichnung und 
Liebenswürdigkeit behandelt. Und ich durfte 
wahrlich annehmen, dass sie eine Neigung 
zu mir gefasst habe. Dennoch wusste ich nichts 
Genaueres und hätte mir nimmer träumen 
lassen, andere Gefühle wie die der Ehrfurcht 
für sie zu haben. 

Ich selber war hitzig in Madame de The- 
mines verliebt; man kann sich leicht denken, 
wenn man sie sieht, dass man sie sehr lieb 
haben muss, wird man von ihr wieder geliebt; 
und ich ward es. Als der Hof vor etwa zwei 
Jahren in Fontainebleau verweilte, unterhielt 
ich mich zwei oder dreimal mit der Königin zu 
einer Stunde, wo sie nur wenige Menschen um 
sich hatte. Es schien mir, als gefiele ihr meine 
Unterhaltung, denn sie ging auf alles ein, was 

>136< 



ich vorbrachte. Eines Tages begann man vom 
Vertrauen zu sprechen; ich erklärte, dass ich 
es niemandem schenkte, und fände, man müss- 
te es immer bereuen, habe man es einmal ge- 
tan, und es gäbe vielerlei, über das ich nie- 
mals gesprochen hätte. Die Königin entgeg- 
nete, sie schätze mich darum höher, denn sie 
habe niemanden in Frankreich gefunden, der 
ein Geheimnis wahre, und dies habe sie am 
tiefsten bekümmert, weil es sie des Vergnü- 
gens beraubt hätte, jemandem zu vertrauen. 
Es sei im Leben nötig, jemanden zu haben, 
mit dem man sich aussprechen könne, beson- 
ders für Leute ihres Ranges. Die folgenden 
Tage nahm sie die gleiche Unterhaltung noch 
mehrere Male auf; sie eröffnete mir sogar 
ziemlich geheime Dinge, welche vorgingen. 
Endlich war es mir, als ob sie sich meines 
Geheimnisses zu versichern wünsche und als 
ob sie Lust habe mir die ihrigen anzuver- 
trauen. Dieser Gedanke fesselte mich an sie. 
Ich war gerührt über diese Auszeichnung und 
machte ihr mit sehr viel grösserem Fleiss den 
Hof, als ich es gewöhnlich tat. Als nun eines 
Abends der König und alle Damen zu Pferde 
durch den Wald ritten, woran sie sich um 
eines Unwohlseins willen nicht hatte beteili- 
gen wollen, blieb ich bei ihr; sie stieg an den 
Rand eines W^eihers hinab und liess die Hand 
ihres Kavaliers fahren, um unbehinderter ge- 



hen zu können. Nachdem sie elnifje Wej^e zn- 
rück{];elegt hatte, näherte sie sich mir und be- 
fahl mir, ihr zu folgen: „Ich will Sie sprechen," 
sagte sie, „und an meinen Worten Averden Sie 
erkennen, dass ich Ihre PVeundin bin." Sie 
blieb bei dieser Rede stehen nnd blickte mich 
fest an: „Sie sind verliebt," fuhr sie fort, „und 
weil Sie sich niemandem anvertrauen, meinen 
Sie, dass Ihre Liebe nicht bekannt ist; sie ist 
aber bekannt und sogar Leuten, die sie etwas 
angeht. Man beobachtet Sie, man kennt die 
Orte, wo Sie Ihre Geliebte sehen, man hat 
vor Sie dort zu überraschen. Ich weiss nicht, 
wer'sie ist, und frage Sie nicht darnach; ich 
will Sie einzig vor dem Unglück, in Jas Sie 
geraten könnten, bewahren ! " Sehen Sie, bitte, 
welche Falle mir die Königin stellte, und wie 
schwer es war, nicht in sie hineinzugeraten. 
Sie wollte wissen, ob ich verliebt war; und 
da sie nicht darnach fragte, in wen ich es war, 
und mich nur das einzige Vorhaben, mir eine 
Freude machen zu wollen, sehen liess, nahm 
sie mir den Gedanken, dass sie aus Neugier 
oder Absicht mit mir spräche. 

Indessen enthüllte sich mir wider alles Er- 
warten die Wahrheit. Ich war in Madame de 
Themines verliebt; doch wennschon sie mich 
wieder liebte, war ich nicht glücklich genug, 
sie an geheimen Orten sehen zu können, ohne 
eine Überraschung befürchten zu müssen. 

>i38< 



Auch merkte ich nur allzugut, dass die Kö- 
nigin nicht von ihr sprechen konnte. Ich wuss- 
te ja auch sehr wohl, dass ich mit einer an- 
deren, weniger schönen und strengen Frau 
als Madame de Themines einen verliebten 
Handel hatte, und es konnte nicht unmög- 
lich sein, dass der Ort, wo ich sie sah, ent- 
deckt war. Doch da mich das wenig küm- 
merte, war es mir ein leichtes, mich vor je- 
der Gefahr zu sichern, indem ich es aufgab, 
sie zu sehen. Ich nahm mir also vor, der Kö- 
nigin nichts einzugestehen, und ihr im Gegen- 
teil zu beteuern, ich hätte seit langem den 
Wunsch, Frauen, von denen ich Liebe erhof- 
fen konnte, in mich verliebt zu machen, auf- 
gegeben, weil ich fast alle unwert gefunden 
hätte, einen rechtschaffenen Mann zu fesseln, 
und dass mich nur etwas, was hoch über ihnen 
stünde, verpflichten könnte!" „Sie antworten 
mir nicht offen," entgegnete die Königin, „ich 
weiss das Gegenteil von dem, was Sie sagen. 
Die Art und Weise meiner Sprache Ihnen 
gegenüber müsste Sie bestimmen nichts vor 
mir zu verbergen. Sie sollen mein Freund 
sein," fuhr sie fort, „doch ich will genau wis- 
sen, wenn ich Ihnen diesen Platz einräume, 
an wen Sie gefesselt sind. Machen Sie sich klar, 
ob Sie ihn um den Preis, sie mir mit Namen 
zu nennen, erlangen wollen: ich gebe Ihnen 
zwei Tage Bedenkzeit ; achten Sie jedoch nach 



dieser Frist stets auf Ihre Aussage und erin- 
nern Sie sich, dass ich Ihnen Zeit meines Le- 
bens nicht verzeihe, wenn ich in Zukunft ein- 
mal merke, dass Sie mich betrogen haben!" 
Nach solchen Worten ging die Königin von 
mir, ohne meine Antwort abzuwarten. Sie 
können sich denken, dass ich ganz erfüllt von 
dem, was sie mir soeben gesagt hatte, zurück- 
blieb. Die beiden mir als Bedenkzeit gewähr- 
ten Tage kamen mir nicht zu lange vor, um 
mich zu entscheiden. Ich sah, sie wollte wis- 
sen, ob ich verliebt sei, und wünschte nicht, 
dass ich es wäre. Ich sah die Folgen und Ver- 
pflichtungen des Handels, den ich eingehen 
wollte, meiner Eitelkeit schmeichelte ein ge- 
heimer Liebesbund mit einer Königin nicht 
wenig ; noch dazu einer Königin, deren Person 
obendrein so ausserordentlich liebenswert ist. 
Andererseits liebte ich Madame de Themines, 
und obwohl ich ihr der anderen Frau zuliebe, 
von der ich Ihnen erzählte, untreu war, konnte 
ich mich doch nicht entschliessen, mit ihr 
zu brechen. Ich sah auch, welche Gefahr ich 
lief, wenn ich die Königin täuschte, und wie 
schwierig es war, sie zu täuschen; dennoch 
vermochte ich es nicht über mich zu bringen, 
das mir gebotene Glück auszuschla gen, und ich 
rechnete mit allem, was mir meine schlechte 
Aufführung einbringen konnte. Und brach 
den Handel mit der Frau, den man zu ent- 

>140< 



decken vermochte, und hoffte den mit Ma- 
dame de Themines zu verbergen. 

Am Ende der zwei mir zugestandenen Tage 
fragte mich die Königin, als ich in das Gemach 
trat, wo alle Damen zum Empfange versam- 
melt waren, ganz laut und mit einer ernsthaf- 
ten Miene, welche mich überraschte: „Haben 
Sie an die Angelegenheit, mit der ich Sie 
betraute, gedacht, und wissen Sie die Wahr- 
heit?" „Ja, Madame," erwiderte ich, „sie 
verhält sich so, wie ich Eurer Majestät ge- 
sagt habe!" „Kommen Sie heute abend zur 
Stunde, da ich zu schreiben pflege " , entgegnete 
sie, „ Sie sollen meine Befehle hören ! " Ohne 
etwas zu erwidern, machte ich eine tiefe Ver- 
beugung, und versäumte es nicht mich zur 
bezeichneten Stunde einzustellen. Ich traf sie 
in der Galerie, wo sie sich mit ihrem Schrei- 
ber und einer ihrer Frauen aufhielt. Sobald 
sie mich erblickte, kam sie auf mich zu, führte 
mich an das andere Galerieende und hub an: 
„Nun, haben Sie es wohl bedacht, dass Sie 
mir nichts zu sagen haben, und verdient es 
die Weise, welche ich Ihnen gegenüber ein- 
schlage, nicht, dass Sie offen zu mir reden?" 
„Weil ich offen und ehrlich zu Ihnen spreche, 
Madame " , antwortete ich ihr, „ habe ich Ihnen 
nichts zu sagen, und ich schwöre Eurer Ma- 
jestät in aller schuldigen Ehrfurcht, dass mich 
keine Frau des Hofes fesselt ! " „ Ich will es 

>i4i< 



{glauben," ent{jef;nete die Könifjin, „weil ich 
es wünsche; und wünsche es, weil ich Ver- 
langen trage, Sie ganz an mich zu knüpfen. 
Unmöglich könnte ich mit Ihrer Freund- 
schaft zufrieden sein, wenn Sie verliebt wären. 
Man darf denen, die es sind, nicht vertrauen, 
da man nicht sicher geht, dass sie ein Geheim- 
nis wahren. Sie sind zu unbedachtsam und 
zu zwiespältig und ihre Liebe beschäftigt sie 
völlig, welches sich nicht mit der Art ver- 
trägt, in der ich Sie an mich zu knüpfen be- 
absichtige. Erinnern Sie sich also, dass ich 
Sie auf Ihr gegebenes Wort hin, keine Lieb- 
schaft zu haben, erwähle, um Ihnen mein 
ganzes Vertrauen zu schenken. Erinnern Sie 
sich, dass ich Ihr Vertrauen ganz besitzen 
will, dass Sie nur Freunde und F'reundinrien 
haben sollen, welche mir genehm sind, und 
dass Sie sich jeder anderen Sorge, als mir 
zu gefallen, zu entschlagen haben. Ich werde 
Ihr Glück nicht ausser acht lassen und will 
es mit mehr Sorgfalt behüten, als Sie sel- 
ber; was ich auch für Sie tue, ich werde 
mich damit für gut bezahlt erachten, dass ich 
Sie mir so zugetan finde, wie ich es hoffe. 
Und erwählte Sie, um Ihnen all meinen Kum- 
mer anzuvertrauen, und damit Sie mir ihn 
lindern helfen. Sie können sich denken, dass 
er nicht gering ist. Dem Anscheine nach 
dulde ich ohne grosse Not des Königs Lieb- 

>142< 



Schaft mit der Herzofpn von Valentinois, doch 
sie ist mir unerträglich. Sie beherrscht den 
König, sie täuscht ihn, sie missachtet mich; 
alle meine Leute stehen zu ihr. Die Dauphine, 
meine Schwiegertochter, baut auf ihre Schön- 
heit und den Einfluss ihrer Oheime und er- 
weist mir keine Ehrerbietung. Der Konne- 
tabel von Montmorency ist des Königs und 
des Reiches Gebieter, er hasst mich und 
lässt mich Beweise seines Hasses fühlen, die 
ich nicht vergessen kann. Der Marschall von 
Saint- Andre ist ein kühner, junger Günstling, 
welcher sich nicht besser als die anderen zu 
mir stellt. Die Einzelheiten meines Unglücks 
würden Ihnen Mitleid abzwingen, ich habe 
mich bislang niemandem anzuvertrauen ge- 
wagt, ich vertraue mich Ihnen an, sorgen Sie 
dafür, dass ich es nimmer bereue, und seien 
Sie mein einziger Trost!" Die Augen der Kö- 
nigin sprühten Flammen, als sie diese Worte 
vollendet hatte, ich war nahe daran mich 
ihr zu Füssen zu werfen, so sehr war ich über 
ihre Güte gegen mich gerührt. Seit dem Tage 
hatte sie volles Vertrauen zu mir, sie tut nichts, 
ohne sich mit mir darüber zu bereden, und 
ich ging ein Verhältnis mit ihr ein, welches 
noch besteht. 

Wie sehr mich indessen auch diese Ver- 
bindung mit der Königin ausfüllte und be- 
schäftigte, ich hing dennoch mit einer na- 

>H3< 



türlichen Neigung^, die nichts überwinden 
konnte, an Madame de Themines. Es schien 
mir, als ob sie aufhöre mich zu lieben, und 
statt so klug zu sein, mich dieses Wechsels, 
den sie mich merken liess, zu bedienen, um 
mich von ihr loszumachen, verdoppelte sich 
meine Liebe zu ihr, und ich betrug mich so 
schlecht, dass die Königin einige Kenntnis 
von diesem Handel bekam. Eifersucht ist 
Frauen ihres Volkes angeboren, und vielleicht 
hegte die Fürstin lebhaftere Gefühle für mich, 
als sie selber vermutete. Denn schliesslich 
bereitete ihr das Gerücht von meinem Ver- 
liebtsein solch grosse Unruhe und so grossen 
Kummer, dass ich mich tausendmal durch 
sie verloren wähnte. Endlich beruhigte ich 
sie durch Diensterweisungen, Ergebenheit 
und falsche Schwüre wieder, aber ich würde 
sie nicht mehr lange haben täuschen können, 
wenn mich Madame de Themines nicht wider 
meinen Willen durch ihren Gefühlswechsel 
frei gemacht hätte. Sie Hess mich merken, 
dass sie mich nicht mehr liebe, und ich war 
so überzeugt davon, dass ich mich veranlasst 
sah nicht weiter in sie zu drängen und sie in 
Ruhe zu lassen. Einige Zeit darnach schrieb 
sie mir den verlorengegangenen Brief. Ich er- 
fuhr durch ihn, dass sie um den Handel ge- 
wusst, den ich mit jener anderen Frau gehabt 
hatte, von dem ich Ihnen erzählte, und dass 

>144< 



dies die Ursach ihrer Veränderung war. Als 
ich dann durch nichts mehr abgezogen wurde, 
war die Königin ziemhch zufrieden mit mir; 
doch da meine Gefühle für sie nicht derartig 
sind, mich jeder anderen Empfindung un- 
fähig zu machen, und da man nicht nach 
seinem Willen verliebt sein kann, ward ich 
es in Madame de Martigues, für die ich schon 
eine sehr starke Leidenschaft hegte, als sie 
noch Villemontais hiess und Madame de Dau- 
phines Ehrendame war. Ich hatte allen Grund 
mich nicht gehasst zu glauben : die Verschwie- 
genheit, welche ich ihr bewies, und deren 
Gründe sie nicht völlig kannte, war ihr ange- 
nehm. Die Königin schöpfte keinen Verdacht 
gegen ihre Person, aber sie tat es gegen eine 
andere, was nicht minder ärgerlich ist. Weil 
Madame de Martigues jeden Tag bei Madame 
la Dauphine ist, gehe ich auch öfters, als es 
schicklich ist, zu ihr. Die Königin meint nun, 
ich sei in Madame la Dauphine verliebt. Mada- 
me la Dauphines Rang, welcher ihrem gleich- 
kommt, ihre Schönheit und Jugend, die sie 
über sie stellen, verursachen ihr eine Eifer- 
sucht, die beinahe an Raserei grenzt, und 
einen Hass gegen ihre Schwiegertochter, wel- 
chen sie nicht mehr zu verbergen weiss. Der 
Kardinal von Lothringen, der mir seit langem 
schon nach der Königin Gunst zu trachten 
scheintund mich einen Platz einnehmen sieht, 

Pr. C. lo >I45< 



welchen er ausfüllen möchte, hat sich unter 
dein Vorwande, Madame la Dauphine mit 
ihr auszusöhnen, in die Z\visti{jkeiten ge- 
mischt, welche sie miteinander haben. Und 
ich zweifle nicht, dass er die wahre Ursach 
des Hasses der Königin entdeckt hat, und 
glaube, er wird mir jeden schlechten Dienst 
leisten, ohne die Königin merken zu lassen, 
dass er ihn mir zu leisten willens ist. Also 
stehen die Dinge zu dieser Stunde, wo ich 
mit Ihnen spreche. Urteilen Sie, welche Wir- 
kung der von mir verlorene Brief hervor- 
rufen kann, den mich mein Unglück in die 
Tasche stecken liess, um ihn Madame de 
Themines zurückzugeben. Wenn die Königin 
diesen Brief sieht, wird sie merken, dass.ich 
sie hintergangen habe, und dass ich fast zu 
der Zeit, wo ich sie um Madame de Themines 
willen, Madame de Themines einer anderen 
halber täuschte. Sagen Sie sich selber, was 
sie nun von mir denken muss und ob sie 
meinen Worten jemals wieder trauen kann. 
Was soll ich ihr sagen, wenn sie diesen Brief 
jemals sieht? Sie weiss, dass man ihn in Ma- 
dame la Dauphines Händen gelassen hat, und 
wird glauben, Chastelart habe seiner Fürstin 
Handschrift wieder erkannt und der Brief 
stamme von ihr. Sie wird mutmassen, dass 
diese etwa die Frau ist, der man Eifersucht 
bezeigt; was wird sie nicht alles denken, 

>i46< 



und was werde ich von all diesen Gedanken 
nicht zu befürchten haben? Dazu kommt 
noch, dass ich lebhaft in Madame de Marti- 
gues verliebt bin, der Madame la Dauphine 
sicherlich den Brief, den sie vor kurzem ge- 
schrieben wähnt, zeigen wird, also werde ich 
mich in gleicher Weise mit der Frau, die ich 
am tiefsten auf der Welt liebe, und mich mit 
der, die ich am meisten auf der Welt fürchten 
muss, überwerfen. Bedenken Sie also, ob ich 
nicht allen Grund habe, Sie zu beschwören, 
den Brief als den Ihrigen auszugeben, und 
Sie freundschaftlichst zu bitten, ihn sogleich 
aus Madame la Dauphines Händen zurück- 
zuverlangen!" 

„Ich sehe ein," erwiderte Monsieur de Ne- 
mours, „dass man in keiner grösseren Auf- 
regung sein kann, doch ich muss gestehen, 
Sie verdienen sie. Man hat mir vorgeworfen, 
kein treuer Liebhaber zu sein und mehrere 
Liebschaften auf einmal zu haben, doch Sie 
übertreffen mich bei weitem. Ich würde alles, 
was Sie unternahmen, nicht einmal auszu- 
denken wagen. Konnten Sie erwarten sich 
Madame de Themines zu erhalten, als Sie 
sich mit der Königin verbanden, und konnten 
Sie hoffen sich mit der Königin zu verbinden 
und sie zugleich zu täuschen ? Sie ist Italienerin 
und Königin und infolgedessen des Argwohns, 
der Eifersucht und des Stolzes voll. Als Sie 

lo* >i47< 



mehr Ihr giites Geschick als Ihre Aufführung 
von Verpflichtungen, die Sie eingegangen 
waren, befreite, haben Sie neue angeknüpft 
und sich eingebildet, inmitten des Hofes Ma- 
dame de Martigues lieben zu können, ohne 
dass die Königin etwas davon erführe. Sie 
konnten nicht zart genug sein, um sie des 
beschämenden Gefühls, den ersten Schritt ge- 
tan zu haben, zu entheben, Sie hegt eine 
starke Leidenschaft für Sie, IhrZartgefühl hin- 
dert Sie, es mir einzugestehen, und meines, Sie 
darnach zu fragen; doch schliesslich liebt sie 
Sie, sie misstraut und die Wahrheit zeugt wi- 
der Sie!" „Dürfen Sie mir Vorwürfe machen", 
unterbrach ihn derVizedom, „und muss nicht 
Ihre Erfahrung meinen Fehlern gegenüber 
Nachsicht walten lassen? Dennoch gebe ich 
gern zu, dass ich unrecht tat, aber denken 
Sie daran, ich beschwöre Sie, mich von dem 
Abgrund, an dem ich stehe, fortzuziehen. 
Nach meinem Dafürhalten müssen Sie Ma- 
dame la Dauphine aufsuchen, sobald sie er- 
wacht ist, und wie wenn Sie der Verlierer 
wären, den Brief von ihr zurückverlangen!" 
„Ich habe Ihnen bereits gesagt," erwiderte 
Monsieur de Nemours, „dass das Ansinnen, 
welches Sie an mich stellen, etwas befremdend 
ist und dass mir mein eigener Vorteil dabei in 
die Quere kommt; doch mehr noch, wenn 
man diesen Brief aus Ihrer Tasche fallen sah, 

>i48< 



wird man meines Erachtens die Leute schwer 
überzeugen, dass er aus der meinigen gefallen 
sei." „Ich glaubte Ihnen gesagt zu haben," 
erwiderte der Vizedom, „dass der Königin 
berichtet ist, er sei Ihrer Tasche entfallen!" 
„Wie," fuhr Monsieur de Nemours heftig auf, 
welcher in diesem Augenblick an die schlim- 
men Folgen dachte, die ihm dieser Irrtum 
bei Madame de Cleve erwirken konnte, „man 
hat Madame la Dauphine beinchtet, ich habe 
diesen Brief verloren?" „Ja," versetzte der 
Vizedom, „man sagte es ihr. Und dieser Irr- 
tum entstand so: es waren mehrere Edelleute 
der Königinnen in einem der Ballspielsäle, wo 
unsere Kleider lagen, als Ihre und meine Leute 
sie holten. Zur selben Zeit fiel der Brief nie- 
der, die Edelleute hoben ihn auf und lasen 
ihn ganz laut. Die einen glaubten, er gehöre 
Ihnen, die anderen mir. Chastelart nahm ihn 
an sich, und als ich ihn eben ihm abverlangen 
liess, erklärte er, ihn Madame la Dauphine 
als einen Brief, der Ihnen gehöie, eingehän- 
digt zu haben; die aber, welche der Königin 
davon erzählten, sagten unglücklicherweise, 
er gehöre mir. So können Sie meine Bitte 
leicht erfüllen und mich aus meiner schwieri- 
gen Lage befreien ! " 

Monsieur de Nemours hatte dem Vizedom 
von Chartres stets grosse Freundschaft bezeigt, 
und seine Liebe zu Madame de Cleve machte 

>i49< 



ihn ihm noch teurer. Dennoch konnte er 
sich nicht entschhessen die Gefahr auf sich 
zu nehmen, dass sie von diesem Briefe als 
einer Anjjelegenheit, die ihn angin{je, reden 
hörte. Er begann tief nachzudenken, der Vize- 
dom aber vermutete, dass sich dieses Grübeln 
kaum mit ihm beschäftigte, und sprach zu 
ihm: „Ich sehe, Sie fürchten sich mit Ihrer 
Geliebten zu entzweien, und Sie selber wür- 
den mir Grund zu der Vermutung geben, 
dass es sich um Madame laDauphine handele, 
wenn mir nicht Ihre geringe Eifersucht auf 
Monsieur d'Anville diesen Gedanken nähme; 
doch wie dem auch sei, es ist billig, dass ich 
Ihre Ruhe nicht der meinigen opfere. Und 
ich will Ihnen Mittel geben, Ihrer Geliebten 
zu beweisen, dass sich der Brief an mich und 
nicht an Sie richtet: hier ist ein Schreiben 
Madame d'Amboises, die eine Freundin von 
Madame de Themines ist, der sie alle Gefühle 
anvertraute, die sie mir entgegenbrachte. In 
diesem Brief erbittet sie sich das verloren ge- 
gangene Schreiben ihrer Freundin zurück. 
Mein Name steht auf dem Billet und aus 
seinem Inhalte geht deutlich hervor, dass der 
zurückverlangte Brief derselbe ist, den man 
gefunden hat. Ich lege dieses Schreiben in 
Ihre Hände und willige ein, dass Sie es Ihrer 
Geliebten zu Ihrer Rechtfertigung zeigen. Ich 
beschwöre Sie, keinen Augenblick zu ver- 

>i50< 



Heren und noch heute morgen zu Madame 
la Dauphine zu gehen ! " 

Monsieur de Nemours versprach es dem 
Vizedom von Chartres und nahm Madame 
d'Amboises Brief an sich ; trotzdem hatte er 
nicht die Absicht, Madame la Dauphine auf- 
zusuchen. Er fand, dass er etwas viel Wich- 
tigeres zu tun hätte. Er zweifelte nicht, dass 
sie bereits mit Madame de Cleve über dieses 
Schreiben gesprochen hatte, und konnte es 
nicht ertragen, dass ein Wesen, welches er 
so innig liebte, etwa mit einigem Rechte an- 
nehmen möchte, er schmachte in anderen 
zarten Banden. 

Und ging zu einer Stunde zu ihr, wo sie 
nach seinem Ermessen aufgewacht sein konn- 
te, und liess ihr sagen, er würde nicht um die 
Ehre gebeten haben, sie zu solch ungewöhn- 
licher Stunde sehen zu dürfen, wenn ihn nicht 
eine wichtige Angelegenheit dazu zwänge. 
MadamedeCleve lag noch mit bekümmertem 
und von traurigen Gedanken gequältem Ge- 
müte zu Bette und hatte so die ganze Nacht 
über gewacht. Sie war ausserordentlich über- 
rascht, als man ihr Monsieur de Nemours' 
Begehren mitteilte ; in ihrer Bitterkeit erklärte 
sie ohne jedes weitere Bedenken, dass sie krank 
sei und ihn nicht sprechen könne. 

Den Prinzen verletzte diese Weigerung 
nicht, einige Kälte in einem Augenblick, wo 

>i5i< 



sie eifersüchtig sein konnte, war kein übles 
Anzeichen. Er trat in Monsieur de Cleves 
Gemach ein und sagte zu ihm, er käme von 
dem seiner Frau Gemahlin und sei sehr be- 
trübt, nicht bei ihr eintreten zu dürfen, weil 
er mit ihr über eine für den Vizedom von Char- 
tres sehr wichtige Angelegenheit zu sprechen 
habe. Er setzte Monsieur de Cleve in wenigen 
Worten die Folgen dieser Angelegenheit aus- 
einander, und Monsieur de Cleve führte ihn 
zu selbiger Stunde in das Gemach seiner Frau. 
Wenn es nicht dunkel gewesen wäre, hätte 
sie ihre Verwirrung und ihr Erstaunen kaum 
verbergen können, als sie Monsieur de Ne- 
mours an der Seite ihres Gatten eintreten sah. 
Monsieur de Cleve sagte ihr, es handle sich 
um einen Brief, bei dem man im Interesse des 
Vizedoms ihrer Hilfe bedürfte, sie möchte mit 
Monsieur de Nemours beraten, was zu tun 
sei, er ginge zum König, der ihn habe rufen 
lassen. 

Monsieur de Nemours blieb, wie er es sich 
wohl wünschen mochte, mit Madame de Cle- 
ve allein. „Ich komme, um Sie zu fragen, 
Madame," redete er sie an, „ob Ihnen Ma- 
dame la Dauphine nichts von einem Briefe 
erzählte, den ihr Chastelart gestern einge- 
händigt hat!" „Sie erzählte mir einiges da- 
von," antwortete Madame de Cleve, „doch 
sehe ich nicht recht, was dieser Brief mit dem 

>152< 



Wohle meines Olieims zu tun hat; ich kann 
Ihnen versiehern, dass er nicht in ihm er- 
wähnt wird ! " „ Er ist wahrHch nicht in ihm 
genannt," fiel Monsieur de Nemours ein, „aher 
trotzdem ist er an ihn gerichtet, und es liegt 
ihm viel daran, dass Sie ihn Madame la Dau- 
phins Händen entreissen!" „Ich verstehe 
nicht," entgegnete Madame de Gleve, „wie 
es ihm schaden kann, wenn man diesen Brief 
liesst, und warum man ihn in seinem Namen 
zurückfordern muss!" „Wenn Sie die Güte 
haben wollen, mir zuzuhören," erwiderte 
Monsieur de Nemours, „will ich Ihnen also- 
bald die Wahrheit eröffnen, und sie werden 
so wichtige Dinge für den Vizedom hören, 
dass ich sie selbst Monsieur de Cleve nicht an- 
vertraut haben würde, wäre ich seiner Hilfe 
nicht bedürftig gewesen, um die Ehre zu 
haben Sie zu sehen!" „Ich glaube, dass alles, 
was Sie sich mir zu sagen bemühen wollen, 
nutzlos sein wird," entgegnete Madame de 
Cleve mit ziemlich kühler Miene, „und Sie 
suchen besser Madame la Dauphine auf und 
gestehen ihr ohne Umschweife Ihr Interesse 
an diesem Briefe ein, zumal man ihr gesagt 
hat, dass er von Ihnen stammt!" 

Die Bitterkeit, welche Monsieur de Ne- 
mours an Madame de Cleve auffiel, bereitete 
ihm das empfindsamste Vergnügen, das er je- 
mals genossen hatte, und machte ihn unge- 

>i53< 



geduldi{j sich zu rechtfertigen. „Ich weiss 
nicht, Madame," hub er wieder an, „was man 
Madame la Dauphine gesagt haben mag, ich 
aber habe kein Interesse an diesem Briefe, er 
ist an Monsieur de Chartres gerichtet." „Ich 
glaube es/' entgegnete Madame de Cleve, 
„aber man sagte Madame la Dauphine das 
Gegenteil, und es wird ihr nicht sehr wahr- 
scheinlich vorkommen, dass Monsieur de 
Chartres Briefe Ihrer Tasche entfallen ! Des- 
halb rate ich Ihnen — - Avofern Sie nicht einen 
mir unbekannten Grund haben, Madame la 
Dauphine die Wahrheit zu verbergen — sie 
ihr einzugestehen!" „Ich habe ihr nichts zu 
gestehen," fuhr er fort, „der Brief wendet 
sich nicht an mich, und wenn ich irgend je- 
manden davon zu überzeugen wünschte, so ist 
es nicht Madame la Dauphine. Da es sich 
aber in diesem Falle um Monsieur de Char- 
tres Wohl handelt, heissen Sie es bitte gut, 
Madame, dass ich Sie Dinge wissen lasse, 
die sogar Ihre Neugier verdienen ! " Madame 
de Cleve bezeigte durch ihr Schweigen, dass 
sie ihn anzuhören bereit war, und Monsieur 
de Nemours erzählte ihr so knapp wie irgend 
möglich alles, was er soeben vom Vizedom 
gehört hatte. Wiewohl diese Dinge Erstaunen 
hervorrufen und mit Aufmerksamkeit an- 
gehört werden mussten, hörte Madame de 
Cleve sie doch mit solcher Gelassenheit an, 

>i54< 



dass es Monsieur de Nemours schien, als ob 
sie sie nicht glaube oder als ob sie ihr gleich- 
gültig seien. Sie verharrte in dieser Gelas- 
senheit, bis ihr Monsieur de Nemours von Ma- 
dame d'Amboises Schreiben sprach, welches 
sich an den Vizedom wendete. Der Gedanke 
daran nahm ihr plötzlich und wider ihr Wol- 
len die Kälte, die sie bislang gezeigt hatte. 
Nachdem ihr der Prinz das Schi'eiben, welches 
ihn rechtfertigte, vorgelesen, reichte er es 
ihr zum Lesen und sagte, dass sie die Hand- 
schrift prüfen möchte; sie konnte es nicht 
unterlassen es hinzunehmen, um aus der Auf- 
schrift zu erfahren, ob es sich an den Vize- 
dom von Chartres richtete, und es ganz zu lesen , 
um beurteilen zu können, ob der zurückver- 
langte Brief derselbe war, den sie in ihren 
Händen hatte. Monsieur de Nemours sagte 
ihr noch alles, was ihm geeignet schien, vim 
sie zu überzeugen. Und da man sich leicht 
von einer angenehmen Wahrheit überzeugen 
lässt, so bewies er Madame de Cleve, dass 
dieser Brief ihn nichts anginge. 

Sie begann dann mit ihm über die Auf- 
regung und Gefahr zu sprechen, in welcher 
der Vizedom schwebte, auch ihn seiner un- 
höfischen Aufführung wegen zu tadeln und 
nach Mitteln zu suchen, um ihm behilflich 
zu sein. Sie wunderte sich über das Benehmen 
der Königin, gestand auch Monsieur de Ne- 

>i55< 



niours ein, dass sie den Brief hätte, und ginjj 
endlich, sohald sie ihn unschuldig wusste, 
mit klarem Verstand und ruhig aul" dieselben 
Dinge ein, welchen sie anfangs scheinbar nicht 
zuzuhören geruhte. Sie kamen überein, man 
dürfe Madame la Dauphine den Brief auf 
keinen Fall zurückgeben, da man befürchten 
musste, dass sie ihn Madame de Martigues 
zeigte, welche Madame de Themines Schrift- 
züge kannte, und dem Anteil zufolge, den 
sie am Vizedom nahm, leicht erraten könnte, 
dass er an ihn gerichtet war. Auch fanden sie, 
Madame la Dauphine dürfe man nicht alles 
eingestehen, was die Königin, ihre Schwieger- 
mutter, anginge. Unter dem Vorgeben,* den 
Angelegenheiten ihres Oheims dienlich sein 
zu wollen, erklärte sich Madame de Cleve 
mit Freuden bereit, alle ihr von Monsieur de 
Nemours anvertrauten Geheimnisse wahren 
zu wollen. 

Nicht immer würde der Prinz von des Vize- 
dom von Chartres Sachen gesprochen haben, 
und die Gelegenheit, sich ohne Zeugen mit 
ihr zu unterhalten, würde ihm zu einer Kühn- 
heit ermutigt haben, die er sich noch nicht 
herauszunehmen gewagt, wenn man Madame 
de Cleve nicht gerade mitgeteilt hätte, dass 
Madame la Dauphine sie zu sich entbiete. 
Monsieur de Nemours sah sich zum Aufbruch 
genötigt, er ging zum Vizedom zurück, um 

>i56< 



ihm zu sagen, dass er es nach ihrer Tren- 
nun g für besser gehalten habe, sich an Madame 
de Cleve zu wenden, die seine Nichte wäre, 
als geradenwegs an Madame la Dauphine 
heranzugehen. Und liess es wahrlich nicht 
an Gründen fehlen, um sein Tun und seine 
Hoffnung auf einen guten Erfolg zu recht- 
fertigen. 

Währenddem kleidete sich Madame de 
Cleve schnell an, um zu Madame la Dauphine 
zu gehen ; kaum erschien sie in deren Gemach, 
als die Fürstin sie sich ihr nähern hiess und 
dann ganz leise zu ihr sagte : „ Schon seit zwei 
Stunden erwarte ich Sie und bin nimmer so 
begierig gewesen die Wahrheit zu erfahren 
wie an diesem Morgen. Die Königin hat von 
dem Briefe, den ich Ihnen gestern gab, reden 
hören, und glaubt, der Vizedom habe ihn 
verloren. Sie wissen, welchen Anteil sie an 
ihm nimmt: sie liess den Brief suchen, liess 
ihn Chastelart abverlangen. Der aber erklärte, 
dass er ihn mir gegeben habe. Man ist zu mir 
gekommen und hat ihn mir unter dem Vor- 
wande abgefordert, dass es ein hübscher Brief 
wäre, welcher die Königin neugierig gemacht 
habe. Ich wagte nicht zu sagen, dass Sie ihn 
hätten, denn sie würde, glaube ich, vermuten, 
ich hätte ihn um des Vizedoms, Ihres Oheims, 
willen Ihnen gegeben und es bestände zwi- 
schen ihm und mir ein geheimes Einverständ- 

>i57< 



nis. Schien es mir doch bereits, als duldete 
sie nur notgedrungen seine häufigen Besuche 
bei mir; darum erklärte ich, der Brief stecke 
in den Gewändern, die ich gestern getragen, 
und diejenigen, welche sie in ihrer Obhut 
hätten, seien ausgegangen. Geben Sie mir 
bitte gleich das Schreiben," fuhr sie fort, „auf 
dass ich es ihr sende und es lese, bevor ich es 
an sie schicke, damit ich sehe, ob ich wenig- 
stens die Handschrift erkenne!" 

Madame de Cleve war noch verwirrter, als 
sie gedacht hatte. „ Ich weiss nicht, Madame, 
wie Sie es aufnehmen werden," entgegnete 
sie, „denn Monsieur de Cleve, dem ich es 
zum Lesen überliess, hat es Monsieur de Ne- 
mours zurückgegeben, der schon heute in aller 
Frühe kam, um es durch ihn von Ihnen zu- 
rückzuerbitten. Monsieur de Cleve beging die 
Unvorsichtigkeit zu sagen, dass er es habe, und 
war so schwach, Monsieur de Nemours' Bit- 
ten um seine Rückgabe nachzugeben!" „Sie 
bringen mich wahrlich in die allergrösste 
Verlegenheit," entgegnete Madame la Dau- 
phine, „Sie taten unrecht, dieses Billet Mon- 
sieur de Nemours wiederzugeben; da ich es 
Ihnen gab, durften Sie es ihm nicht ohne 
meine Erlaubnis wieder einhändigen. Was 
meinen Sie, das ich der Königin sagen soll 
und was wird sie denken? Sie wird glauben, 
und das mit Recht, dass mich der Brief an- 

>i58< 



geht, und dass ein Einverständnis zwischen 
mir und dem Vizedom besteht. Nimmer werde 
ich sie überzengen, das der Brief an Monsieur 
de Nemours gerichtet ist!" „Ich bin um der 
Unruhe willen, die ich Ihnen verursache, sehr 
betrübt," erwiderte Madame de Cleve, „und 
fühle sie in ihrer ganzen Grösse, aber Mon- 
sieur de Cleve und nicht ich verschuldete sie. " 
„Ihr Fehler ist's," fiel Madame la Dauphine 
ein, „ihm den Brief gegeben zu haben, keine 
Frau auf der Welt, ausser Ihnen, vertraut 
ihrem Gatten alles, was sie weiss, an!" „Ich 
sehe mein Unrecht ein, Madame," entgegnete 
Madame de Cleve, „doch denken Sie nach, 
meinen Fehl ungeschehen zu machen." „Er- 
innern Sie sich wenigstens des Inhalts dieser 
Zeilen?" fragte Madame la Dauphine darauf. 
„Ja, Madame," entgegnete sie, „ich erinnere 
mich seiner, da ich ihn mehr als einmal las!" 
„Wenn das der Fall ist, so müssen Sie sie zu 
dieser Stunde von einer unbekannten Hand 
nachschreiben lassen, ich werde sie dann der 
Königin schicken; sie wird sie denen, die sie 
gesehen haben, nicht zeigen; sollte es aber 
doch geschehen, will ich stets dabei bleiben, 
dass es der mir von Chastelart eingehändigte 
Brief sei, und er wird das Gegenteil nicht 
zu behaupten wagen." 

Madame de Cleve liess sich um so lieber zu 
diesem Auswege herbei, als sie Monsieur de 

>i59< 



Nemours holen zu lassen gedachte, um den- 
selben Brief wiederzusehen, damit sie ihn 
Wort für Wort und heinahe mit der gleichen 
Handschrift nachschreiben lassen könnte, und 
sie glaubte, dass die Königin unfehlbar da- 
durch getäuscht würde. Sobald sie zu Hause 
war, erzählte sie ihrem Gatten von Madame 
la Dauphines Aufregung und bat ihn, Mon- 
sieur de Nemours holen zu lassen. Man Hess 
ihn rufen, er kam eilends. Madame de Cleve 
sagte ihm alles, was sie bereits ihrem Gatten 
mitgeteilt hatte, und bat ihn um den Biief; 
Monsieur von Nemours erklärte jedoch, ihn 
dem Vizedom von Chartres schon zurückge- 
geben zu haben, der hocherfreut geweseü sei, 
ihn wieder zu bekommen und sich ausser der 
Gefahr zu wissen, in die er geraten sein würde, 
und er habe ihn zur selbigen Stunde Madame 
de Themines Freundin zugestellt. Madame 
de Cleve befand sich in neuer Aufregung, 
doch nachdem sie alles wohl erwogen hatten, 
kamen sie überein den Brief nach dem Ge- 
dächtnis zu schreiben. Und schlössen sich ein, 
um daran zu arbeiten; man gab vor der Türe 
Bescheid, niemanden einzulassen und schickte 
alle Leute Monsieur de Nemours' fort. Dies 
geheimnisvolle und vertrauliche Gehabe war 
für den Prinzen und auch für Madame de 
Cleve von nicht geringem Reiz. Die Anwesen- 
heit ihres Gatten und das Wohl des Vize- 

>i6o< 



doms von Chartres setzten sie leicht über ihre 
Bedenken hinweg, sie fühke nur das Ver- 
gnügen, Monsieur de Nemours zu sehen, und 
hatte eine so restlose Freude darüber, wie sie 
sie noch niemals spürte. Diese Freude ge- 
währte ihr eine Unbefangenheit und Heiter- 
keit, wie sie Monsieur de Nemours noch nie- 
mals an ihr gesehen hatte und die seine Liebe 
verdoppelte. Da er noch nie so selige Au- 
genblicke verlebt hatte, wuchs dadurch auch 
seine Lebhaftigkeit ; und als Madame de Cleve 
beginnen wollte, sich den Brief ins Gedächt- 
nis zurückzurufen, tat der Prinz statt ihr zu 
helfen, nichts weiter als sie zu unterbrechen 
und ihr heitere Dinge zu erzählen. Madame 
de Cleve überkam dieselbe Fröhlichkeit, so- 
dass sie dort schon lange eingeschlossen sassen 
und man bereits zweimal im Auftrage Madame 
la Dauphines gekommen war, um Madame 
de Cleve zur Eile aufzufordern, als sie noch 
nicht die Hälfte des Briefes aufgesetzt hatten. 
Monsieur de Nemours war es wohl zufrie- 
den, eine Zeit, die ihm so angenehm verstrich, 
auszudehnen, und er vergass darüber seines 
Freundes Angelegenheiten. Auch Madame de 
Cleve langweilte sich nicht und vergass ihres 
Oheims Angelegenheiten. Endlich, fast um 
vier Uhr, war der Brief beendigt und war so 
schlecht und die Handschrift, welche man 
hatte nachschreiben sollen, glich so wenig der, 

Pr. C. 1 1 > 161 < 



die man nachzuahmen Ursach hatte, dass es 
der Königin nicht schwer fiel, um den Be- 
trug zu merken; auch hess sie sich nicht täu- 
schen. Welche Sorgfalt man auch anwendete, 
sie zu üherzeugen, dass der Brief an Monsieur 
de Nemours gerichtet war, sie blieb nicht 
allein dabei, er sei an den Vizedom von Char- 
tres geschrieben, sondern glaubte auch, dass 
Madame la Dauphine daran beteiligt wäre, 
und dass zwischen beiden ein geheimes Ein- 
verständnis obwaltete. Dieser Gedanke ver- 
grösserte ihren Hassauf ihre Schwiegertochter 
derartig, dass sie ihr niemals verzieh und in 
ihm verharrte, bis diese Frankreich verjiess. 

Was den Vizedom von Chartres anging, 
so geriet er bei ihr in Ungnade; sei es, dass 
sich der Kardinal von Lothringen schon zum 
Herrn ihres Gemüts gemacht hatte, oder sei 
es, dass diese Briefangelegenheit, die ihr offen- 
kundig bewies, dass sie hintergangen war, 
sie so hellsehend machte, auch die anderen 
Täuschungen des Vizedoms zu durchschauen, 
sicher ist es, dass er sich niemals wieder auf- 
richtig mit ihr versöhnen konnte. Ihr Ver- 
hältnis hatte einen Bruch bekommen und 
fand mit der Verschwörung von Amboise, 
an welcher er beteiligt war, ein Ende. 

Nachdem man den Brief an Madame la 
Dauphine gesandt hatte, gingen Monsieur de 
Nemours und Monsieur de Cleve fort, Ma- 

>l62< 



dame de Cleve blieb allein ; und sobald sio 
nicht mehr von der Freude beseelt wurde, 
die eines Geliebten Anwesenheit bewirkt, kam 
sie wie aus einem Traume wieder zu sich 
und sah nun mit Bedauern die merkwürdige 
Verschiedenheit ihres gestrigen und heutigen 
Zustandes. Die Bitterkeit und Kälte stand 
wieder vor ihren Augen, welche sie Monsieur 
de Nemours bezeigt hatte, solange sie im 
Glauben war, Madame de Themines Brief 
sei an ihn gerichtet. Welche Ruhe und welche 
Freude war dieser Bitterkeit gefolgt, sobald 
sie sich davon überzeugt hatte, dass ihn dieser 
Brief nichts anginge! Wenn sie daran dachte, 
dass sie es sich am Vortage wie ein Ver- 
brechen vorgeworfen hatte, ihm eine Empfin- 
dung, die nur die Liebe allein hervorrufen 
kann, gezeigt zu haben, und dass sie ihn in- 
folge ihrer Bitterkeit Eifersuchtsanwandlun- 
gen, welche wahre Beweise der Liebe sind, 
hatte sehen lassen, so kannte sie sich selber 
nicht mehr. Wenn sie noch bedachte, dass 
Monsieur de Nemours genau sah, wie sie um 
seine Liebe wusste, und auch deutlich fühlte, 
dass sie ihn trotz dieser Gewissheit, selbst in 
Gegenwart ihres Gatten, nicht schlecht be- 
handelt, im Gegenteil, ihn niemals gewogener 
betrachtet hatte, dass sie die Veranlassung 
war, wenn Monsieur de Cleve ihn holen Hess, 
und dass sie soeben einen Teil des Nachmit- 

>i63< 



tags unter vier Augen zusammen verbracht 
hatten, so fand sie, dass sie mit Monsieur de 
Nemours im Einverständnis stände, dass sie 
den Ehemann betrüge, der am wenigsten auf 
der Welt Ijetrogen zu werden verdiene, und 
schämte sich selbst in ihres Geliebten Augen 
so wenig achtenswert zu sein. Die Erinne- 
rungen an den Zustand aber, in dem sie die 
Nacht verbracht hatte, und die peinigenden 
Schmerzen, der ihr der Gedanke verursachte, 
dass Monsieur de Nemours eine andere liebe 
und sie betrüge, konnte sie weniger leicht als 
alles übrige verwinden. 

Bislang hatte sie die tödlichen Qualen ^des 
Misstrauens und der Eifersucht nicht gekannt, 
sie hatte nur daran gedacht, sich der Liebe 
zu Monsieur de Nemours zu erwehren, und 
hatte noch nicht zu fürchten begonnen, dass 
er eine andere lieben könne. Wiewohl der 
durch diesen Brief hervorgerufene Argwohn 
vernichtet war, hatte er ihr doch die Augen 
geöffnet, dass sie zufällig getäuscht werden 
könne, und sie misstrauisch und eifersüchtig 
gemacht, was sie nimmer gewesen war. Sie 
war selber erstaunt noch niemals daran ge- 
dacht zu haben, wie wenig wahrscheinlich 
es war, dass ein Mann wie Monsieur de Ne- 
mours, der Frauen gegenüber stets so leicht- 
fertig gewesen, einer ernsten und standhaften 
Liebe fähig sei. Sie hielt es beinahe für un- 

>i64< 



möglich, dass sie jemals seiner Liebe froh 
werden würde. „Doch wenn ich es sein könn- 
te," rief sie, „wie soll ich mich dann verhal- 
ten ? Will ich sie dulden, will ich sie erwidern? 
Will ich mich in eine Liebschaft einlassen, 
will ich Monsieur de Cleve, will ich mich 
selber aufgeben ? L nd will ich mich endlich der 
grausamen Reue und den tödlichen Schmerzen 
hingeben, welche die Liebe erwirkt? Von 
einer Liebe, die mich wider W^illen überkam, 
bin ich besiegt und überwunden worden ; alle 
meine Entschlüsse sind nichtig; ich dachte 
gestern genau so, wie ich heute denke, und 
tue heute das Gegenteil von dem, was ich mir 
gestern vornahm. Ich muss mich Monsieur de 
Nemours Blicken entziehen, muss aufs Land 
gehen, wie wunderlich meine Reise auch ei*- 
scheinen mag ; und wenn Monsieur de Cleve 
sich ihr hartnäckig Widersetzt oder etwa Grün- 
de wissen will, tue ich ihm oder mir viel- 
leicht das Unrecht an sie ihm einzugestehen. 
Sie beharrte in diesem Entschlüsse und blieb 
den ganzea Abend für sich, ohne sich bei Ma- 
dame laDauphine zu erkundigen, was sich mit 
desVizedomsfalscheniBriefe zu getragen hatte. 
Als Monsieur de Cleve heimkehrte, er- 
klärte sie ihm aufs Land gehen zu wollen, 
da sie sich elend fühle und der frischen Luft 
bedürfe. Monsieur de Cleve fand sie so blü- 
hend und schön aussehend, dass sie ihn nicht 

>i65< 



von einem heftigen Unwohlsein überzeugen 
konnte, und spottete anfänglich über die be- 
absichtigte Reise und antwortete ihr, sie ver- 
gösse, dass die Hochzeiten der Fürstinnen und 
das Turnier bevorständen, und dass sie nicht 
allzuviel Zeit zur Vorbereitung habe, um da- 
bei in demselben Prunk wie die üjjrigen Da- 
men zu erscheinen. Ihres Gatten Einwände 
brachten sie nicht von ihrem Vorhaben ab; 
sie bat ihn es gutzuheissen, dass sie, während 
er mit dem Könige nach Compiegne ginge, 
nach Colomiers reise, wie eine reizende Be- 
sitzung, eine Tagereise vor Paris, hiess, welche 
sie mit Sorgfalt hatten erbauen lassen. Mon- 
sieur de Cleve willigte darein; sie ging mit 
dem Gedanken dorthin, nicht so schnell wie- 
der zurückzukommen, und der König reiste 
nach Compiegne, wo er nur wenige Tage ver- 
weilen wollte. 

Monsieur de Nemours war es schmerzlich, 
Madame de Cleve seit dem so angenehm mit 
ihr verbrachten Nachmittage, an dem seine 
Hoffnungen gewachsen waren, nicht wieder- 
gesehen zu haben. Und er wartete mit so 
rastloser Ungeduld auf ein Wiedersehen, dass 
er nach des Königs Rückkehr nach Paris zu 
seiner Schwester, der Herzogin vonMercoeur, 
zu reisen beschloss, die auf dem Lande, ziem- 
lich nahe bei Colomiers, wohnte. Und er 
schlug dem Vizedom vor mit dorthin zu kom- 

>i66< 



men; der abei' nahm den Vorschlag freudig 
an, welchen ihm Monsieur de Nemours nur 
in der Hoffnung machte, Madame de Cleve 
zu sehen und mit dem Vizedom zu ihr zu 
gehen. 

Madame de Mercoeur empfing sie hoch- 
entzückt und dachte nur daran sie zu unter- 
halten und ihnen alle Freuden des Landlebens 
zuteil werden zu lassen. Als sie auf der Hirsch- 
jagd Avaren, verirrte sich Monsieur de Ne- 
mours im Walde. Wie er den Weg suchte, 
welchen er zu seiner Rückkehr einschlagen 
musste, fiel ihm ein, dass er nahe bei Colo- 
miers war; bei dem Worte Colomiers jagte 
er spornstreichs nach der Seite, wo man es 
ihm wies, ohne sich im geringsten zu überle- 
gen, was er eigentlich vorhatte. Er kam in den 
Wald und ging aufs Geratewohl den sorg- 
fältig hergerichteten Wegen nach, welche, 
wie er gut erriet, nach dem Schlosse führten. 
Und fand am Ende dieserWege ein Lusthäus- 
chen, dessen Erdgeschoss aus einem grossen 
Saale bestand, welchem sich zwei iVrbeitsräu- 
me angliederten, deren einer sich nach einem 
Blumengarten hin öffnete, der nur durch einen 
Zaun vom Walde getrennt war; der zweite 
aber blickte auf eine grosse Allee des Parks. 
Er trat in das Arbeitszimmer und überliess 
sich der Betrachtung seiner Schönheit, ohne 
Monsieur und Madame de Cleve in Gefolg- 

>i67< 



Schaft einer (p-ossen Anzahl Diener durch den 
Park koniuien zu sehen. Da ersieh nicht hatte 
träumen lassen Monsieur de Cieve hier zu 
finden, den er beim Köni{je gelassen hatte, 
riet ihm sein erster Gedanke sich zu verstek- 
ken; er trat in das Arbeitszimmer, welches 
auf den Blumengarten blickte, in dem Ge- 
danken, durch eine nach dem Walde hin 
offene Türe hinauszugehen. Doch wie er sah, 
*dass Madame de Cleve und ihr Gatte vor dem 
Pavillon Platz nahmen, dass ihre Dienerschaft 
im Park weilte und nicht zu ihm gelangen 
konnte, ohne an der Stelle vorbeizugehen, 
wo Monsieur und Madame de Cleve sassen, 
vermochte er sich weder des Vergnügens zu 
entschlagen, die Prinzessin zu sehen, noch 
der Neugierde zu widerstehen, ihre Unter- 
haltung mit einem Ehemanne anzuhöi'en, 
der ihm mehr Eifersucht als seiner Neben- 
buhler einer bereitete. Und hörte, wie Mon- 
sieur de Cleve zu seiner Frau sagte: „Aber 
warum wollen Sie nicht nach Paris zurück- 
kehren? Was kann Sie auf dem Lande zu- 
rückhalten? Sie haben seit einiger Zeit einen 
Hang für Einsamkeit, der mich in Erstaunen 
setzt und betrübt, da er uns trennt. Ich sehe 
Sie sehr viel trauriger als gewöhnlich, und 
fürchte, Sie haben einen Grund, weswegen 
Sie bekümmert sind!" „Ich habe kein trau- 
riges Gemüt," erwiderte sie mit verwirrter 

>i68< 



Miene, „aber der Lärm am Hofe ist so gross 
und es sind stets so viele Menschen bei Ihnen, 
dass wahrhch Körper und Geist müde wer- 
den und man sich nach Ruhe sehnt ! " „ Ruhe " , , 
entgegnete er, „taugt wenig für eine Frau 
Ihres Alters, Sie leben zu Hause und am Hofe 
so, dass Sie keine Müdigkeit überkommen 
kann, ich fürchte eher, Sie möchten gern von 
mir getrennt sein!" „Mit solchen Gedanken 
tuen Sie mir bitter Unrecht," sagte sie mit 
einer Verwirrung darwider, die sich bestän- 
dig vergrösserte, „ ich bitte Sie nochmals, mich 
hier zu lassen. Wenn auch Sie hier bleiben 
könnten, würde ich sehr froh sein, voraus- 
gesetzt, dass Sie allein hier bleiben ohne 
diese zahllose Menge Menschen um sich ha- 
ben zu wollen, die Sie fast nie verlässt!" 
„Ach, Madame," rief Monsieur de Cleve aus, 
„Ihre Worte und Ihre Miene lassen mich 
darauf schliessen, dass Ihr Wunsch nach 
Einsamkeit einen mir unbekannten Grund 
hat, ich beschwöre Sie, sagen Sie ihn mir!" 
Er drang lange Zeit in sie, ohne sie zu einem 
Geständnis zu bewegen; und nachdem sie 
sich in einer Weise verteidigt hatte, welche 
die Neugierde ihres Gatten vermehrte, ver- 
harrte sie mit niedergeschlagenen Augen in 
einem tiefen Schweigen; dann sah sie ihn 
plötzlich an und ergriff das Wort. „Zwingen 
Sie mich nicht," begann sie, „Ihnen etwas 

>i69< 



zu gestehen, welches Ihnen anzuvertrauen 
mir die Kraft {jel)richt. Denken Sie einzig 
daran, dass es unklug ist, eine Frau meines 
Alters und Herrin ihres Benehmens dem 
Hoflehen auszusetzen!" „Was zwingen Sie 
mich ins Auge zu fassen, Madame," rief 
Monsieur de Cleve aus, „ich wage es Ihnen 
nicht zu sagen, weil ich Sie zu verletzen 
fürchte ! " Madame de Cleve antwortete nicht 
und ihr Schweigen sorgte dafür, ihren Gat- 
ten seiner Gedanken zu versichern. „ Sie sagen 
mir nichts," entgegnete er, „und das verkün- 
det mir, dass ich mich nicht täusche!" „Nun 
wohl, Monsieur," antwortete sie, indem sie 
sich ihm zu Füssen warf, „ich will Ihnen 
ein Geständnis ablegen, wie man es noch 
niemals einem Gatten gemacht hat, doch 
meine makellose Aufführung und Gesinnung 
ermutigen mich dazu! Ich will mich wahr- 
lich nicht grundlos vom Hofe fernhalten, 
ich will die Gefahren meiden, denen oft 
Frauen meines Alters unterliegen. Nimmer 
habe ich irgendein Zeichen meiner Schwä- 
che geäussert, und ich würde nicht fürchten, 
sie irgendwie sehen zu lassen, wenn Sie mir 
die Freiheit Hessen mich vom Hofe zurück- 
zuziehen, oder wenn Madame de Chartres 
noch lebte, die mir Halt zu haben half. Wie 
gefährlich auch mein gefasster Entschluss 
ist, ich fasse ihn mit Freuden, um Ihrer wert 

>i70< 



zu bleiben. Und bitte Sie tausendmal um 
Verzeihunp, wenn ich Gefühle hege, die 
Ihnen missfallen; in meinen Handlungen 
wenigstens werde ich Ihnen niemals miss- 
fallen. Denken Sie daran, dass man, um so 
zu handeln, wie ich handelte, mehr Freund- 
schaft und mehr Achtung vor einem Gatten 
haben muss, als irgend jemand hatte. Leiten 
Sie mich, haben Sie Mitleid mit mir und lie- 
ben Sie mich noch, wenn Sie es können!" 

Monsieur de Cleve sass während dieser gan- 
zen Rede, den Kopf in seine Hände gestützt, 
wie ausser sich da und hatte nicht daran ge- 
dacht seine Frau aufzuheben. Als sie zu re- 
den aufgehört, sah er sie mit tränenüber- 
strömtem Gesichte und in so be Wunders wer- 
ter Schönheit zu seinen Füssen liegen, dass 
er vor Schmerz zu sterben vermeinte, und um- 
armte sie, indem er sie aufhob. „Haben Sie 
selber Mitleid mit mir, Madame," redete er 
sie an, „ich bin seiner wert; und verzeihen 
Sie, wenn ich Ihnen in den ersten Augen- 
blicken so wilden, heftigen Schmerzes nicht 
antwortete, wie ich es auf ein Vorgehen 
wie das Ihrige musste. Sie verdienen meiner 
Ansicht nach mehr Schätzung und Bewun- 
derung als alle Frauen der Welt, die ich ge- 
sehen, und ich halte mich für den unseligsten 
Mann, der je gelebt hat. Sie haben mir schon 
im ersten Augenblick unseres Sehens Liebe 

>i7i< 



einffeflösst, Ihre Kälte und Ihr Besitz hahen 
Sie nicht auslöschen können, sie hesteht noch ; 
ich aber habe niemals Liebe in Ihnen er- 
wecken können und sehe, dass Sie einen an- 
deren zu lieben fürchten. Doch wer, Madame, 
ist der glückliche Mann, der diese Furcht in 
Ihnen erzeugte? Seit Avann gefällt er Ihnen? 
Was tat er, um Ihnen zu gefallen? Welchen 
Weg schlug er ein, um zu Ihrem Herzen zu 
gelangen? Ich hatte mich einigermassen ge- 
tröstet, es nicht gerührt zu haben, mit dem Ge- 
danken, es sei unfähig Liebe zu fühlen. Indes- 
sen erreicht ein anderer, was ich nicht errei- 
chen konnte,ich fühlealles in eins: eines Gatten 
und eines Geliebten Eifersucht; aber nach 
einem Benehmen, wie dem Ihrigen, kann man 
unmöglich die eines Gatten fühlen. Es ist zu 
edel, um mir nicht eine Sicherheit zu geben; 
es tröstet mich selbst, wie Ihren Geliebten. Ihr 
Vertrauen und Ihre Offenheit mir gegenüber 
sind von unendlichem Werte: Sie schätzen 
mich hoch genug, um zu glauben, dass ich dies 
Geständnis nicht missbrauchen würde. Sieha- 
ben recht, Madame, ich werde es nicht miss- 
brauchen und Sie deswegen nicht weniger lie- 
ben. Durch die höchste Treue, die jemals eine 
Frau ihrem Manne bewies, machen Sie mich 
unglücklich! Doch vollenden Sie, Madame, 
und nennen Sie mir den Namen dessen, den 
Sie zu meiden wünschen ! " „ Ich flehe Sie an 

>172< 



mich nicht darnach fi-agen zu wollen," ant- 
wortete sie, „ich (jlaube, die Kluj^heit will es 
nicht, dass ich ihn Ihnen nenne I" „Fürchten 
Sie nichts, Madame," fuhr Monsieur de Cleve 
fort, „ich kenne die Welt zu genau, um nicht 
zu wissen, dass eines Gatten Ansehen nieman- 
den hindert, in dessen Frau verliebt zu sein. 
Man darf diese Männer hassen, doch sich nicht 
über sie beschweren; ich beschwöre Sie noch 
einmal, Madame, sagen Sie mir, was ich gern 
hören möchte ! " „ Sie werden vergebens des- 
wegen in mich drängen, " antwortete sie, „ denn 
ich habe Kraft zu verschweigen, was ich nicht 
sagen zu müssen glaube. Das Geständnis, wel- 
ches ich Ihnen ablegte, geschah nicht aus 
Schwäche, es Jjedurfte mehr des Mutes, die 
Wahrheit einzugestehen, als Sie zu verbergen 
suchen ! " 

Monsieur de Nemours verlor kein Wort 
dieser Unterhaltung; Madame de Cleves Re- 
den verursachten ihm nicht weniger Eifer- 
suchtsqualen als ihrem Gatten. Er war so heiss 
in sie verliebt, dass er glaubte, jedermann 
hege dieselben Gefühle. In Wahrheit hatte er 
auch mehrere Nebenbuhler, aber er wähnte 
ihre Zahl noch grösser, und seine Gedanken 
schweiften umher, um den ausfindig zu ma- 
chen, von dem Madame de Cleve gesprochen. 
Es war ihm des öfteren so vorgekommen, er 
sei ihr nicht unangenehm, und war dieser An- 

>i73< 



sieht auf Vermutungen hin geworden, die ihm 
in diesem Augenblicke so wichtig erschienen, 
dass er sich nicht einbilden konnte, eine Lei- 
denschaft erzeugt zu haben, die sehr heftig 
sein musste, um zu einem so aussergewöhn- 
lichen Heilmittel Zuflucht zu nehmen. Er 
war so aufgeregt, dass er beinahe nicht wusste, 
was er sah, und konnte es Monsieur de Cleve 
nicht verzeihen, dass er seine Frau nicht so 
hart bedrängte, bis sie ihm den ihm verheim- 
lichten Namen sagte. 

Dessenungeachtet gab sich Monsieur de 
Cleve alle Mühe ihn zu erfahren , doch nach- 
dem er seine Frau vergeblich bedrängt hatte, 
sagte sie: „Sie müssen sich, dünkt mich, mit 
meiner Offenheit begnügen, fragen Sie mich 
nicht weiter und geben Sie mir keine Ur- 
sach mein Tun zu bereuen. Geben Sie sich 
mit der Versicherung zufrieden, die ich Ihnen 
ferner mache, dass keine meiner Handlungen 
meineGefühle offenbart, und dass man mir nie- 
mals etwas gesagt hat, das mich hätte beleidi- 
gen müssen. " „ Ach, Madame, " erwiderte Mon- 
sieur de Cleve plötzlich, „ich kann es Ihnen 
nicht glauben. Ich erinnere mich der Ver- 
wirrung, in der ich sie an dem Tage sah, wo 
Ihr Bild verloren ging. Ihm haben Sie es ge- 
geben, Madame, ihm haben Sie dies Bild ge- 
geben, das mir so teuer war und mir recht- 
mässig gehörte. Sie haben Ihre Gefühle nicht 

>i74< 



verbergen können, Sie lieben, man weiss es; 
Ihre Tugend hat Sie bisher vor dem Letzten 
bewahrt!" „Ist es denn mögHch", schrie die 
Prinzessin auf, „dass Sie mein Geständnis, 
welches ich Ihnen freiwillig und ohne Zwang 
ablegte, für ein Lügengebilde halten können? 
Trauen Sie meinen Worten ; um einen teuren 
Preis kaufe ich das Vertrauen, um das ich 
Sie bitte ! Glauben Sie mir, ich schwöre es 
Ihnen, ich habe niemandem mein Bild ge- 
geben; wahrlich, sah ich es, wie es entwendet 
wurde, doch wollte ich mir nicht merken 
lassen, dass ich es sah, weil ich besorgte, mich 
Worten und Dingen auszusetzen, die man mir 
wahrlich noch nicht zu sagen gewagt hatte!" 
„Wodurch liess man Sie denn merken, dass 
man Sie liebte," fragte Monsieur de Cleve, 
„und welche Beweise hat man Ihnen gege- 
ben?" „Ersparen Sie mir den Schmerz," ent- 
gegnete sie, „Ihnen Einzelheiten wiederzusa- 
gen, die bemerkt zu haben mir selber Scham 
bereitete und welche mich nur zu sehr von mei- 
ner Schwäche überzeugten ! " Ich tue wahrlich 
unrecht, Madame;" entgegnete er, „weigern 
Sie sich jedesmal, wenn ich Sie um ähnliche 
Dinge bitten werde; aber seien sie dennoch 
nicht beleidigt, wenn ich Sie darum bitte!" 
In diesem Augenblick kamen inehrere Leu- 
te, welche in den Laubengängen verweilt 
hatten, und benachrichtigten Monsieur de Cle 

>i75< 



ve, dass ihn ein Edelmann des Königs suche, 
umihniden Befehl zu übermitteln, sich abends 
in Paris einzuhnden. Monsieur de Cleve sah 
sich genötigt aufzubrechen und konnte seiner 
Frau nur noch sagen, dass er sie inständigst 
bäte, folgenden Tags nachzukommen, und 
dass er ihr schwöre, wie betrübt er auch sei, 
er liebe und schätze sie so hoch, dass sie es 
zufrieden sein müsste. 

Als der Prinz abgereist war und Madame 
de Cleve allein blieb und über ihr Tun nach- 
dachte, erschrak sie so sehr darüber, dass 
sie sich kaum denken konnte, es sei in Wahr- 
heit geschehen. Und fand, dass sie sich selber 
das Herz und die Achtung ihres Gatten ver- 
scherzt habe, und dass sie in einen Abgrund 
gestürzt sei, aus dem sie niemals herauskom- 
men werde. Sie fragte sich, warum sie ein 
solches Wagnis unternommen habe, und sah 
ein, dass sie es beinahe, ohne einen eigent- 
lichen Grund dazu zu haben, ausgeführt 
hatte. Die Absonderlichkeit eines solchen Un- 
terfangens, für das sie kein Beispiel wusste, 
liess sie jede Fährnis darin ahnen. 

Doch als sie schliesslich bedachte, dass 
sie dieses Heilmittel, so gewaltsam es auch 
war, allein vor Monsieur de Nemours schüt- 
zen konnte, glaubte sie, dass sie es nicht be- 
reuen dürfe, und dass sie nicht zuviel gewagt 
habe. Voller Ungewissheit, voller Aufregung 

>i76< 



und Furcht verbrachte sie die ganze Nacht, 
doch endHch kehrte die Ruhe in ihr Gemüt 
zurück; und sie fand es sogar süss, diesen 
Treuebeweis einem Gatten gegeben zu haben, 
der ihn wohl verdiente, der sie heiss hebte, 
sie hochschätzte und es ihr eben noch durch 
die Art, wie er ihr Geständnis aufgenommen, 
bewiesen hatte. 

Währenddem hatte Monsieur de Nemours 
den Ort verlassen, von dem aus er eine Un- 
terhaltung angehört, die ihn inerklich ge- 
rührt hatte, und war in den tiefen Wald zu- 
rückgegangen. Was Madame de Cleve in be- 
treff ihres Bildes sagte, hatte ihm das Leben 
wiedergegeben, sintemal er dadurch erfuhr, 
dass er es war, den sie nicht hasste. Anfangs 
gab er sich der Freude darüber hin; doch 
sie währte nicht lange, denn er sah ein, dass 
dasselbe, was er eben erfahren hatte, näm- 
lich Madame de Cleves Herz gewonnen zu 
haben, ihn auch überzeugen musste, dass er 
niemals einen Beweis davon erhalten w ürde, 
und dass er unmöglich eine Frau an sich zu fes- 
seln vermöchte, welche ihre Zuflucht zu ei- 
nem so aussergew öhnlichen Heilmittel nahm. 
Dennoch fühlte er eine merkliche Fi eude, sie 
bis zu diesem Aussersten gebracht zu ha- 
ben; und fand es ruhmvoll, eine Frau in sich 
verliebt gemacht zu haben, die so verschie- 
den von ihren Geschlechtsgenossinnen war. 

Pr.C. 12 >177< 



Schliesslich überkam ihn ein hundertfäl- 
tiges Glücks- und Unglücksgefühl zugleich. 
Die Nacht überraschte ihn im Walde und 
er fand nur mit Mühe den Weg zu Madame 
de Mercoeur zurück. Er traf mit Tagesende 
bei ihr ein und war ziemlich verlegen Re- 
chenschaft darüber abzulegen, was ihn zu- 
rückgehallen; suchte dies nach bestem Kön- 
nen zu umgehen und kehrte noch selbi- 
gen Tags mit dem Vizedom nach Paris zu- 
rück. 

Der Prinz war so von seiner Leidenschaft 
erfüllt und so überrascht von dem, was er 
vernommen hatte, dass er eine ziemlich all- 
tägliche Ünklugheit beging: er redete näm- 
lich im allgemeinen über seine eigenen Ge- 
fühle und erzählte seine eigenen Erlebnisse 
unter angenommenem Namen. Auf dem 
Heimwege lenkte er das Gespräch auf die 
Liebe und übertrieb die Wonne, in eine lie- 
benswerte Frau verliebt zvi sein. Und sprach 
über die merkwürdigen Folgen dieser Lei- 
denschaft; und schliesslich konnte er die 
Überraschung, in die ihn Madame de Cleves 
Tat versetzt hatte, nicht für sich behalten, 
er erzählte sie dem Vizedom, ohne ihm die 
Frau mit Namen zu nennen und ohne ihm 
zu sagen, dass er dabei im Spiel stünde. Doch 
berichtete er sie mit soviel Wärme und Be- 
wunderung, dass der Vizedom leicht erriet, 

>i78< 



diese Geschichte gehe den Prinzen selber an. 
Er setzte ihm auf das lebhafteste zu, es ihm 
einzugestehn. Und sagte ihm, er wisse seit 
langem, dass er heftig verliebt sei, und er 
tue unrecht, sich einem Manne nicht zu ent- 
decken, der ihm das grösste Geheimnis seines 
Lebens anvertraut habe. Monsieur de Ne- 
mours war zu verliebf, um seine Liebe offen- 
baren zu können. Und hatte sie auch vor 
dem Vizedom verborgen, wiewohl es die ihm 
am nächsten stehende Persönlichkeit des 
Hofes war. Er antwortete ihm, seiner Freun- 
de einer habe ihm diese Geschichte erzählt 
und sich versprechen lassen, nicht darüber zu 
reden; und auch er beschwöre ihn, das Ge- 
heimnis zu wahren. Der Vizedom versicherte 
ihm nicht davon sprechen zu wollen; aber 
dennoch hatte es Monsieur de Nemours zu 
bereuen, ihm soviel anvertraut zu haben. 

Indessen suchte Monsieur de Cleve, das 
Herz tödlichen Schmerzes voll, den König 
auf. Niemals hegte ein Eheinann eine leiden- 
schaftlichere Liebe zu seiner Frau und 
schätzte sie höher als er. Was er soeben von 
ihr erfahren, verminderte diese Schätzung 
nicht, doch nahm sie andere Formen wie ehe- 
dem an. Das Verlangen den zu entdecken, wel- 
cher ihr zu gefallen gewusst hatte, beschäftig- 
te ihn am eingehendsten. Zuerst dachte er an 
IMonsieur de Nemours, zumal er der liebens- 

12' >i79< 



würdigste Mann des Hofes war, dann an den 
Chevalier de Guise und den Marschall von 
Saint Andre, zwei Männer, die ihr zu gefal- 
len gehofft hatten, und die ihm noch immer 
Sorge bereiteten; er verharrte daher in dem 
Glauben, es könne nur einer der drei sein. 
Er langte im Louvre an und der König 
führte ihn in sein Arbeitszimmer, um ihm 
die Mitteilung zu machen, dass er ihn aus- 
ersehen habe Madame Elisabeth nach Spa- 
nien zu bringen, da sich seinem Ermessen 
nach niemand besser als er zu diesem Auf- 
trage eigne und auch keine Frau Frank- 
reichs ehrenhafter als Madame de Cleve sei. 
Monsieur de Cleve nahm diese ehrenvolle 
Wahl mit Dankbarkeit an und sah selber in 
ihr einen Anlass, welcher seine Frau vom 
Hofe entfernte, ohne dass man einen Wech- 
sel in ihrer Aufführung bemerkte. Dennoch 
lag die Zeit der Abreise noch zu fern, um 
ein Heilmittel für die Wirrnis, die auf ihm 
lastete, zu werden. Er schrieb zu selbiger 
Stunde an Madame de Cleve, um sie wissen 
zu lassen, was ihm der König eben gesagt 
hatte, und teilte ihr noch mit, es sei sein un- 
umstösslicher Wille, dass sie nach Paris zu- 
rückkehre. Wie er befohlen hatte, kam sie 
dorthin zurück, und als sie sich sahen, lag 
auf ihnen beiden eine aussergewöhnliche 
Traurigkeit. 

>i8o< 



Monsieur de Cleve sprach wie der ehren- 
werteste und würdigste Mann der Weh mit 
ihr über ihr Tun. „Ich hege keine Sorge um 
Ihre Aufführung," sprach er zu ihr, „Siebe- 
sitzen mehr Kraft und mehr Tugend als Sie 
ahnen. Auch ist es nicht die Furcht vor dem 
Kommenden, die mich bedrückt, ich bin nur 
bekümmert, Sie für einen anderen Empfin- 
dungen hegen zu sehen, die ich nicht in Ih- 
nen zu erwecken vermochte!" „Ich weiss 
nicht, was ich Ihnen entgegnen soll," sprach 
sie darwider, „ich sterbe vor Scham, wenn 
Sie darüber reden, und beschwöre Sie, er- 
sparen Sie mir solch grausame Unterhaltun- 
gen ; bestimmen Sie, wie ich mich benehmen 
soll, und sorgen Sie dafür, dass ich nieman- 
den sehe; dass ist alles, worum ich Sie bitte. 
Doch befinden Sie es für gut, dass ich nicht 
mehr mit Ihnen über Dinge rede, welche 
mir Ihrer so wenig würdig zu sein scheinen 
und die ich meiner so unwürdig finde!" „Sie 
haben recht, Madame," entgegnete er, „ich 
missbrauche Ihre Zartheit und Ihr Vertrau- 
en ; doch haben Sie auch etwas Mitleid mit dem 
Zustand, in den Sie mich versetzt haben, und 
denken Sie daran, dass Sie, obwohl Sie mir 
alles gesagt haben, doch einen Namen ver- 
bergen, der mir eine Neugierde bereitet, mit 
der ich nicht zu leben weiss. Trotzdem aber 
bitte ich Sie nicht, mir Genüge zu leisten, 

>i8i< 



aber ich kann nicht umhin Ihnen zu sagen, 
dass der, den ich beneiden muss, meiner An- 
sicht nach der Marschall von Saint Andre, der 
Herzog von Nemours oder der Chevalier de 
Guise ist!" „Ich will Ihnen nichts antwor- 
ten," entgegnete sie, indem sie errötete, „denn 
ich mag Ihnen mit meinen Antworten keinen 
Anlass geben, Ihren Verdacht zu stärken 
oder zu mindern, doch wenn Sie fortfahren, 
ihn erhellen zu wollen, in dem Sie mich be- 
obachten, bringen Sie mich in eine Verwir- 
rung, die jedermann kenntlich sein wird. 
Im Namen Gottes", fuhr sie fort, „stimmen 
Sie mir bei, dass ich unter dem Vorwande 
irgendwelcher Krankheit keinen Menschen 
sehe!" „Nein, Madame," entgegnete er, „man 
würde bald erraten, dass diese nur vorge- 
schützt ist; und ferner will ich mich auf Sie 
selbst verlassen, das ist der Weg, den einzu- 
schlagen mein Herz mir rät und den mir 
auch die Vernunft gebietet. Wenn ich Ihnen 
Ihre Freiheit lasse, wird Ihnen Ihre jetzige 
Stimnmng wahrlich strengere Grenzen zie- 
hen, als ich sie Ihnen vorschreiben könnte!" 
Monsieur de Cleve täuschte sich hierin 
nicht; das Vertrauen, welches er seiner Frau 
entgegenbrachte, schützte sie mehr vor Mon- 
sieur de Nemours und liess sie strengere 
Entschlüsse fassen, als ein Zwang hätte er- 
wirken können. Sie ging daher wie gewöhn- 

>l82< 



lieh zu Madame le Dauphine in das Louvre, 
doch sie vermied Monsieurs de Nemours Ge- 
genwart und Augen mit so viel Sorgfah, dass 
sie ihm beinahe alle seine Freude sich von 
ihr geliebt zu wissen nahm. Jede ihrer 
Handlungen überzeugten ihn vom Gegenteil. 
Er glaubte fast, alles Gehörte sei nur ein 
Traum gewesen, so unwahrscheinlich kam 
es ihm jetzt vor. Was ihn einzig versicherte, 
sich nicht getäuscht zu haben, war die äus- 
serste Traurigkeit, welche Madame de Cleve 
durchblicken Hess, obwohl sie sich alle Mühe 
gab sie zu verbergen. Blicke und liebens- 
würdige Worte hätten möglicherweise Mon- 
sieur de Nemours Liebe nicht so sehr 
wachsen lassen, wie es dieses herbe Beneh- 
men tat. 

Als Monsieur und Madame de Cleve eines 
Abends bei der Königin waren, sagte jemand, 
es liefe das Gerücht, der König wolle noch 
einen vornehmen Herrn des Hofes hinzu- 
ziehen, um Madame Elisabeth nach Spanien 
zu geleiten. Monsieur de Cleve heftete seine 
Augen in dem iVugenblick auf seine Frau, 
als man hinzufügte, es würde allem An- 
scheine nach der Chevalier de Guise oder 
der Marschall von Saint Andre sein. Er be- 
merkte, dass sie weder diese beiden Namen 
noch die Aussicht, mit ihnen gemeinsam zu 
reisen, irgendwie erregte. Dies erweckte den 

>i83< 



Glauben in ihm, dass sie die Anwesenheit 
keines der beiden fürchtete. Und da er sich 
über den Arjjwohn Gewissheit verschaffen 
wollte, trat er in das Arbeitszimmer der Kö- 
nigin, wo der König war. Nachdem er dort 
einige Zeit zugebracht, kam er zu seiner Frau 
zurück und sagte ihr ganz leise, er habe so- 
eben erfahren, dass Monsieur de Nemours 
mit ihnen nach Spanien gehen würde. 

Monsieur de Nemours Name und der Ge- 
danke, ihn während einer langen Reise in 
Anwesenheit ihres Gatten täglich zu sehen 
gezwungen zu sein, verursachte Madame de 
Cleve solche Verwirrung, dass sie sie nicht 
verbergen konnte. Da sie ihr aber eine an- 
dere Ursach geben wollte, sagte sie: „Es ist 
eine sehr unangenehme Wahl für Sie, dass 
es der Prinz ist. Er wird an allen Ehrenbe- 
zeigungen teilnehmen, und ich halte es für 
besser, wenn Sie es dahinbringen, dass jemand 
anders gewählt wird!" „Nicht um der Ehre 
willen wünschen Sie, Madame, dass Monsieur 
de Nemours nicht mit mir kommt"; entgeg- 
nete Monsieur de Cleve, „der Kummer, den 
den Sie deswegen zeigen, hat einen anderen 
Grund. Dieser Kummer lehrt mich, was ich 
bei einer anderen Frau durch die Freude, die 
sie darüber geäussert, erfahren hätte. Doch 
fürchten Sie nichts; was ich Ihnen eben sagte, 
ist nicht wahrscheinlich, ich habe es erfunden, 

>i84< 



um mich einer Sache zu vergewissern, an die 
ich schon allzufest glaubte!" Nach solchen 
Worten entfernte er sich, um durch seine 
Anwesenheit nicht die äusserste Verwirrung 
zu vermehren, in der er seine Frau sah. 

Monsieur de Nemours trat in diesem Augen- 
blick ein und sah sogleich Madame de Cleves 
Zustand. Er näherte sich ihr und sagte ganz 
leise zu ihr, er wage sie aus Ehrerbietung nicht 
zu fragen, was sie denn nachdenksamer als ge- 
wöhnlich mache. Monsieur de Nemours' Stim- 
me brachte sie wieder zu sich, und sie sah ihn 
an, ohne gehört zu haben, was er eben äusserte ; 
aber von ihren eigenen Gedanken und der 
Furcht ganz dui'chdrungen, ihr Mann könne 
ihn bei ihr sehen, flüsterte sie ihm zu : „ Im Na- 
men des Allmächtigen lassen Sie mich in Frie- 
den!" „Ach, Madame," entgegnete er, „ich 
lasse Sie nur allzusehr in Ruhe; worüber kön- 
nen Sie sich beklagen? Ich wage nicht mit 
Ihnen zu sprechen, ich wage Sie nicht einmal 
anzublicken, ich nähere mich Ihnen nur mit 
Zittern, womit habe ich Ihre Worte verdient, 
und warum lassen Sie mich merken, dass ich 
an Ihrem Kummer mitschuldig bin?" Ma- 
dame deCleve war sehr ärgerlich, Monsieur de 
Nemours Grund gegeben zu haben, sich deutli- 
cher auszudrücken, als er es all seine Lebtage 
getan hatte. Sie liess ihn, ohne ihm Rede zu 
stehen, und kehrte mit einem Gemüt, das erreg- 

>i85< 



ter war als je, nach Hause zurück. Iln- Gatte 
merkte leicht um die Vergrösserung ihrer Un- 
ruhe, er sah, wie sie fürchtete, er möchte mit 
ihr üher den Vorfall reden, und folgte ihr in ein 
Gemach, welches sie hetreten hatte. „Sie ent- 
gehen mir nicht, Madame"; huh er an, „ich 
will Ihnen nichts sagen, was Ihnen missfallen 
könnte, imd hitte Sie um der grossen Un- 
ruhe willen, der ich Sie vorhin aussetzte, um 
Verzeihung. Ich bin durch die Erfohrung, 
die ich machte, genug bestraft. Monsieur de 
Nemours fürchtete ich \on allen Männern 
am meisten. Ich sehe die Gefahr, in der Sie 
schweben, haben Sie sich, um der Liebe zu 
sich selbst willen, und wenn es Ihnen möglich 
ist, auch aus Liebe zu mir in der Gewalt. Ich 
bitte Sie nicht als ein Gatte, sondern als ein 
Mann, dessen ganzes Glück Sie sind und der 
zu Ihnen eine innigere und heissere Liebe als 
der fühlt, den Ihr Herz ihm vorzieht!" Mon- 
sieur deCleve wurde weich, als er diese letzten 
Worte hervorstiess, und konnte sie nur mit 
Mühe vollenden. Seine Frau ward so bestürzt 
darüber, dass sie in Tränen ausbrach und ihn 
mit einer Zärtlichkeit und in einem Schmerze 
umarmte, der sie beinahe in den gleichen Zu- 
stand wie ihn versetzte. Sie verharrten einige 
Zeit über so, ohne sich ein Wort zu sagen, 
und trennten sich, ohne die Kraft zn haben, 
miteinander zu sprechen. 

>i86< 



Die Vorbereitungen zu Madames Hochzeit 
waren beendigt. Der Herzog von Alba traf 
ein, um sie zu heiraten. Er ward mit allem 
erdenklichen Pomp und mit allen Feierlich- 
keiten empfangen, die sich bei einer solchen 
Gelegenheit ergeben. Der König sandte ihm 
den Prinzen von Conde, die Kardinäle von 
Lothringen und Guise, die Herzöge von Loth- 
ringen, Ferrara, Anmale, Bouillon und Ne- 
mours entgegen. Die aber hatten verschiedene 
Edelleute um sich und eine grosse Zahl Pa- 
gen, welche in ihren Farben gekleidet waren. 
Der König selbst erwartete den Herzog von 
Alba an dem ersten Tore seines Louvre mit 
zweihundert dienenden Edelleuten und dem 
Connetable an ihrer Spitze. Als der Herzog 
vor dem Könige stand, wollte er seine Knie 
umfangen, doch der König hinderte ihn 
daran und liess ihn an seiner Seite gehen 
bis zu den Königinnen und zu Madame Eli- 
sabeth, welcher der Herzog von Alba ein 
köstliches Geschenk von Seiten seines Ge- 
bieters überreichte. Er ging dann zai Mada- 
me Margarete, des Königs Schwester, um 
ihr die Empfehlungen des Gebieters von Sa- 
voyen zu übermitteln, und um ihr zu ver- 
sichern, dass er in wenigen Tagen eintref- 
fen würde. Man veranstaltete grosse Fest- 
lichkeiten im Louvre, um dem Herzog von 
Alba und dem Prinzen von Oranien, welcher 

>i87< 



ihn begleitete, die Schönheiten des Hofes zu 
zeigen. 

Madame de Cleve wagte nicht sich davon 
fernzuhalten, welche Lust sie auch dazu ver- 
spürte, da sie ihrem Gatten zu missfallen fürch- 
tete, der auf ihrer Gegenwart ausdrücklich be- 
standen hatte. Was sie ferner noch hinzukom- 
men veranlasste, war die Abwesenheit Mon- 
sieur de Nemours' . Er war dem Herzoge von 
Savoyen entgegengeeilt; und als der B'ürst an- 
gekommen war, sah er sich genötigt beinahe 
täglich bei ihm zu verweilen, um ibn bei al- 
len Angelegenheiten, welche die Feierlichkeit 
seiner Hochzeit erforderte, behilflich zu sein. 
So geschah es denn, dass Madame de Cleve 
dem Prinzen nicht so oft begegnete, wie es 
sonst der Fall zu sein pflegte, und sie über- 
kam deshalb eine gewisse Ruhe. 

Der Vizedom von Chartres hatte seine Un- 
terhaltung mit Monsieur de Nemours nicht 
vergessen. Sie war ihm im Gedächtnis haften 
geblieben, wie wenn des Prinzen Abenteuer 
sein eigenes gewesen wäre ; und er beobachtete 
ihn mit solcher Sorgfalt, dass er vielleicht 
die Wahrheit erfahren haben würde, hätte 
nicht die Ankunft des Herzogs von Alba und 
des Gebieters von Savoyen eine Umwandlung 
und Beschäftigung am Hofe verursacht, die ihn 
zu sehen hinderte,was sich ihm vielleicht offen- 
bart hätte. Die Lust sich Klarheit zu verschaf- 

>i88< 



fen oder vielmehr die natürliche Neigung, al- 
les, was man weiss, der Geliebten mitzuteilen, 
bewirkte, dass er Madame de Martigues die 
aussergewöhnliche Tat der Frau erzählte, die 
ihrem Gatten ihre Liebe zu einem anderen 
eingestanden hatte. Und er versicherte ihr, 
dass Monsieur de Nemours eine solch leiden- 
schaftliche Liebe erweckt habe, und beschwor 
sie, ihm bei der Überwachung des Prinzen 
behilflich zu sein. Madame de Martigues war 
sehr froh über des Vizedoms Mitteilung, und 
die ihr bekannte Neugierde der Madame la 
Dauphine auf Monsieur de Nemours' Ange- 
legenheiten vergrösserte ihre Lust noch, je- 
nes Abenteuer zu ergründen. Wenige Tage 
vor dem für die Hochzeit ausersehenen ver- 
anstaltete Madame la Dauphine zu Ehren des 
Königs, ihres Schwiegervaters, und der Her- 
zogin von Valentinois ein Mahl. Madame de 
Cleve hatte sich beim Anputz verzögert und 
kam später, als es ihre Gewohnheit war, in 
das Louvre. Unterwegs stiess sie auf einen 
Edelmann, der sie in Madame la Dauphines 
Auftrag abholen wollte. Als sie eintrat, rief 
ihr die Fürstin von ihrem Bette aus, in dem 
sie lag, entgegen, dass sie sie mit grosser Un- 
geduld erwarte. „Ich glaube nicht," entgeg- 
nete Madame de Cleve, „dass ich Ihnen für 
diese Ungeduld zu danken habe, Madame; 
sie hat sicherlich eine andere Ursach wie die 

>i89< 



Begier, mich zu sehen!" „Sie haben recht;" 
entgegnete Madame la Dauphine, „nichts- 
destoweniger werden Sie mir sehr dafür ver- 
bunden sein , denn ich will Ihnen ein Abenteuer 
erzählen, das Sie, des bin ich zuversichtlich, 
gern hören werden!" 

Madame de Cleve Hess sich vor ihrem Bette 
auf die Knie nieder, und glücklicherweise 
Hei ihr das Tageslicht nicht auf das Antlitz. 
„Sie wissen doch," fuhr Madame la Dau- 
phine fort, „wie sehr wir darauf brannten zu 
erfahren, wer den Wechsel in Monsieur de Ne- 
mours Gesinnung heraufbeschwor. Ich glau- 
be es zu wissen, und zwar wird Sie die Sache 
überraschen. Er ist hitzig verliebt und wird 
von einer der schönsten Frauen des Hofes 
wiedergeliebt!" Da Madame de Cleve diese 
Worte nicht auf sich beziehen konnte, zumal 
sie genau wusste, dass niemand eine Liebe 
des Prinzen zu ihr vermute, verursachten sie 
ihr einen Schmerz,, den man wohl ermessen 
kann. „Ich sehe darin nichts," entgegnete sie, 
„was bei einem Manne von Monsieur de Ne- 
mours Alter und Aussehen überraschen dürf- 
te!" „Das setzt uns ja auch nicht in Erstau- 
nen, " fuhr Madame la Dauphine fort, „ sondern 
weil wir wissen, dass die Dame, welche Mon- 
sieur de Nemours liebt, ihm niemals ein Zei- 
chen ihrer Liebe gab, und dass ihre Angst, 
nicht immer Herrin ihrer Leidenschaft zu 

>190< 



sein, sie ihrem Gatten alles gestehen Hess, 
damit er sie vom Hofe fernhalte. Monsieur 
de Nemours aber hat alles, was ich Ihnen 
sagte, selber erzählt!" 

Wenn Madame de Cleve anfangs der Ge- 
danke, keinen Anteil an diesem Abenteuer 
zu haben, Schmerz bereitete, so brachten sie 
Madame la Dauphines letzte Worte durch 
die Gewisssheit zur Verzweiflung, dass sie 
nur allzusehr daran beteiligt war. Sie ver- 
mochte nichts zu erwidern und verharrte 
den Kopf über das Bett gebeugt; die Dau- 
phine aber fuhr fort zu sprechen und alles, was 
sie sagte, beschäftigte sie so sehr, dass sie 
nicht acht auf diese Verwirrung gab. Als 
Madame de Cleve sich gefasst hatte, ant- 
wortete sie: „Diese Geschichte klingt mir 
doch ziemlich unwahrscheinlich, Madame, 
und ich möchte wohl gern wissen, wer sie 
Ihnen erzählt hat!" „Madame de Martigues 
hat sie von dem Vizedom von Chartres er- 
fahren," entgegnete Madame la Dauphine, 
„Sie wissen, dass er in sie verliebt ist; und er 
vertraute sie ihr als ein Geheimnis an, wel- 
ches er von Monsieur de Nemours selbst er- 
fuhr. Monsieur de Nemours hat ihm wahrlich 
den Namen der Dame nicht angegeben und 
ihm auch nicht anvertraut, dass er selber in 
sie verliebt sei; der Vizedom von Chartres 
zweifelt aber nicht daran!" Als Madame la 

>i9i< 



Dauphine diese Worte beendet hatte, näherte 
sich jemand dem Bette. Madame de Gleve 
hatte sich nach einer Seite {jekehrt, die sie 
den Herantretenden zu sehen hinderte; doch 
dachte sie sich nichts dabei, bis Madame la 
Dauphine mit freudiger und überraschter 
Miene ausrief: „Er ist es selber, ich will ihn 
fragen, was wahr daran ist!" Madame de 
Cleve aber ahnte, ohne sich nach ihm hin- 
zuwenden, dass es Monsieur de Nemours sei ; 
und er war es tatsächlich. Ohne sich von ihrem 
Platze zu wenden, beugte sie sich voller Hast 
zu Madame la Dauphine und sagte ihr, sie 
solle sich in acht nehmen und nicht von die- 
sem Abenteuer sprechen, welches er dem Vi- 
zedom von Chartres anvertraut habe, da sie 
dadurch beide leicht miteinander entzweien 
könnte. Madame la Dauphine erklärte ihr 
lachend, sie sei ihr viel zu klug, und wendete 
sich gegen Monsieur de Nemours. Er war für 
die Abendgesellschaft angezogen; und mit 
jener ihm so natürlichen Anmut das Wort 
ergreifend, sagte er: „Ich glaube, Madame, 
ohne keck zu sein, vermuten zu dürfen, dass 
bei meinem Eintreten von mir die Rede war 
und dass Sie mich nach etwas fragen wollten, 
wogegen Madame de Cleve Einspruch erhob ! " 
„Wahrlich," entgegnete Madame la Dau- 
phine, „doch ich werde ihr nicht den Gefal- 
len tun und nachgeben. Ich will von Ihnen 

>I92< 



wissen, ob die mir erzählte Geschichte wahr 
ist, dass Sie in eine Dame des Hofes verhebt 
sind und von ihr wieder gehebt werden, die 
Ihnen ihre Neigung sorgsam verhüllt, sie 
aber ihrem Gatten eingestanden hat!" 

Madame de Cleves Verwirrung und Auf- 
regung war grenzenlos; und wenn der Tod 
vor sie hingetreten wäre, um sie diesem Zu- 
stande zu entreissen, hätte sie ihn freudig 
willkommen geheissen. Aber Monsieur de 
Nemours war, falls es möglich, noch verwirr- 
ter. Was Madame la Dauphine, von der er 
annehmen durfte, dass er ihr nicht ganz gleich- 
gültig war, in Madame de Cleves Gegenwart 
erzählte, der sie von allen Damen des Hofes 
das grösste Vertrauen schenkte und die auch 
ihr am meisten vertraute, brachte solch ein 
ungereimtes Durcheinander von Gedanken 
über ihn, dass er sein Gesicht unmöglich zu 
beherrschen vermochte. Die Unruhe, in der 
er Madame de Cleve um seines Fehls willen 
sah, und der Gedanke, dass er ihr einen trif- 
tigen Grund gab zornig auf ihn zu sein, ver- 
ursachten ihm eine sehr heftige Gemütsbe- 
wegung, welche ihn am Reden hinderte. Als 
Madame la Dauphine sah, bis zu welchem 
Grade er betreten war, rief sie Madame de 
Cleve zu: „Sehen Sie ihn an, sehen Sie ihn 
an, und sagen Sie mir dann, ob dies Aben- 
teuer nicht das seinige ist!" 

Pi.C. i;^ >193( 



Indessen erholte sich Monsieur de Nemours 
von seiner Bestürzung; und da er einsah, wie 
wichtig es war, sich aus solch einer gefähr- 
lichen Lage zu hefreien, so gehot er jählings 
über seine Gefühle und sein Antlitz. „Ich ge- 
stehe, Madame," hub er an, „dass man kaum 
überraschter und betrübter als ich über die 
Treulosigkeit sein kann, die der Vizedom von 
Chartres mir gegenüber beging, indem er die 
Angelegenheit eines meiner Freunde, wel- 
che ich ihm anvertraute, weitererzählte. Ich 
könnte mich an ihm rächen, " fuhr er lächelnd 
mit einer ruhigen Miene fort, die Madame 
la Dauphine beinahe allen soeben in ihr auf- 
keimenden Argwohn raubte, „er hat mir 
Dinge von nicht geringer Wichtigkeit anver- 
traut. Doch weiss ich nicht, Madame, warum 
Sie mir die Ehre antun, mich in diese Ange- 
legenheit zu verwickeln. Der Vizedom kann 
unmöglich gesagt haben, dass sie mich an- 
geht, da ich ihm das Gegenteil erzählte. Dass 
ich verliebt bin, könnte zutreffen, aber meines 
Erachtens können »Sie nicht behaupten, Ma- 
dame, dass ich geliebt bin!" 

Es freute den Prinzen Madame la Dau- 
phine einiges sagen zu können, was Bezug 
auf die Geständnisse nahm, die er ihr in 
früheren Zeiten gemacht hatte, um sie von 
Gedanken abzubringen, welche sie beschäf- 
tigen konnten. Sie schien seine Worte auch 

>i94< 



{jut zu verstehen; doch ohne darauf einzu- 
gehen, fuhr sie fort, ihn seiner Verlegenheit 
wegen zu befehden, „Madame," antwortete 
er ihr, „ich war im Interesse meines Freun- 
des und in Anbetracht der gerechten Vor- 
würfe verwirrt, die er mir machen kann, weil 
ich Dinge, die ihm teurer als sein Leben sind, 
weitergesagt habe. Doch erzählte er mir die 
Geschichte nur halb und nannte mir den 
Namen seiner Geliebten nicht. Ich weiss nur, 
dass er der verliebteste und beklagenswerteste 
Mann avif der Welt ist ! " „ Sie finden ihn be- 
klagenswert," entgegnete Madame la Dau- 
phine, „wo er geliebt ist?" „Glauben Sie, dass 
er es ist, Madame?" versetzte er, „und dass 
ein Weib, welches eine wahre Leidenschaft 
empfindet, sie ihrem Gatten eingestehen kann ? 
Dies Wesen kennt zweifelsohne die Liebe 
nicht und hat eine flüchtige Dankbarkeit für 
die ihr bezeigte Anhänglichkeit für Liebe ge- 
halten. jNIein Freund kann sich mit keiner 
Hoffnung schmeicheln ; aber so unglücklich 
er auch ist, hält er sich doch für glücklich, 
weil er wenigstens die Furcht zu lieben er- 
weckt hat, und er wird sein Los niemals mit 
dem des glücklichsten Geliebten auf der Welt 
tauschen wollen!" „Ihr Freund fühlt eine 
leicht zu befriedigende Liebe," entgegnete 
Madame la Dauphine, „und ich glaube all- 
mählich, dass Sie nicht von sich sprechen. 

i3' >i95< 



Trotzdem braiuhe ich nicht", fuhr sie fort, 
„Madame de Cleves Ansicht zu sein, welche 
dies Abenteuer für {janz unwahrscheinlich 
hält!" „Ich {jlauhe tatsächlich nicht an seine 
Wahrheit," sagte Madame de Cleve, die noch 
nicht gesprochen hatte, „denn wie und durch 
wen nur könnte er das alles erfahren haben ? 
Es ist doch höchst unwahrscheinlich, dass eine 
zu solch ungewöhnlichem Tun fähige Frau die 
Schwäche besitzt, es weiter zu erzählen, und 
sicherlich hat es ihr Gatte noch viel weniger 
getan, oder er wäre ein Mann, der des ihm 
erwiesenen Vertrauens unwürdig ist!" Mon- 
sieur de Nemours merkte um Madame de 
Cleves Verdacht auf ihren Gatten und es war 
ihm ein leichtes, sie in ihm zu bestärken. Er 
wusste, dass er der wichtigste Nebenbuhler 
war, den es zu vernichten galt. „Die Eifer- 
sucht", entgegnete Monsieur de Nemours, 
„und die Neugierde, vielleicht mehr noch dar- 
über zu erfahren, als man ihm gesagt hat, 
können einen Gatten leichtlich zu solcher 
Unklugheit verleiten!" 

Madame de Cleves Mut und Kraft gingen 
zur Neige, sie konnte die Unterhaltung nicht 
mehr ertragen, wollte schon sagen, dass sie 
sich elend fühle, als zu ihrem Glücke die 
Herzogin von Valentinois eintrat imd Madame 
la Dauphine das Erscheinen des Königs mel- 
dete. Die aber zog sich in ihr Gemach zu- 

>196< 



rück, um sich anzuziehen. Monsieur de Ne- 
mours näherte sich Madame de Cleve, welche 
ihr folgen wollte. „Ich würde mein Leben 
darum geben, Madame," sprach er zu ihr, 
„dürfte ich Sie einen Augenblick sprechen; 
doch von allem, was ich Ihnen zu sagen habe, 
deucht mir am wichtigsten, Sie inständigst zu 
bitten, mir glauben zu wollen, dass, wenn ich 
etwas sagte, was Madame la Dauphine auf 
sich beziehen könnte, ich es aus Gründen 
tat, die sie nicht kennt!" Madame de Cleve 
hörte scheinbar Monsieur de Nemours nicht 
zu und schickte sich an dem Könige zu fol- 
gen, der soeben eintrat. Als genügend Men- 
schen anwesend waren, verwickelte sie sich 
in ihrem Kleide und tat einen Fehltritt; sie 
benutzte dies als Vorwand, um einen Ort zu 
verlassen, an dem zu bleiben sie nicht die 
Kraft hatte; gab vor, sich nicht aufrecht hal- 
ten zu können, und ging nach Hause. 

Monsieur de Cleve kam in das Louvre und 
war sehr erstaunt, seine Frau hier nicht vor- 
zufinden; man erzählte ihm den Unfall, wel- 
cher sie betroffen hatte. Zur selbigen Stunde 
kehrte er nach Hause zurück, um sich nach 
ihrem Ergehen zu erkundigen, er fand sie im 
Bette vor und sah, dass ihr Unwohlsein un- 
beträchtlich war. Als er einige Zeit bei ihr 
verweilt hatte, merkte er eine so übermässige 
Traurigkeit an ihr, dass er bestürzt darüber 

>197< 



ward. „Was fehlt Ihnen, Madame," redete er 
sie an, „Sie fühlen, glaube ich, andere Schmer- 
zen als die, über welche »Sie klagen." „Ich 
trage den grausamsten Kummer, den ich je- 
mals erleiden konnte," erwiderte sie; „wel- 
chen Gebrauch haben Sie von dem ausser^e- 
wöhnlichen, oder besser gesagt, närrischen 
Geständnis, das ich Ihnen ablegte, gemacht? 
Verdiente ich Ihre Verschwiegenheit nicht? 
Oder verpflichtete Sie, wenn ich sie nicht ver- 
diente, nicht Ihr eigener Nutzen zum Schwei- 
gen ? Durfte Sie die Neugier einen Namen zu er- 
fahren, den ich Ihnen nicht sagen konnte, ver- 
anlassen, sich jemandem anzuvertrauen und 
zu suchen das Geheimnis zu lösen? Einzig 
nur die Neugier konnte Sie eine so grausame 
Unklugkeit begehen lassen ; ihre Folgen sind 
so entsetzlich, wie sie es nur sein können. Die 
Sache ist bekannt, man erzählte sie mir so- 
eben, ohne zu ahnen, dass sie mich am mei- 
sten angeht ! " „ Was sagen Sie, Madame?" ent- 
gegnete Monsieur de Cleve. „Sie zeihen mich, 
den Vorfall zwischen Ihnen und mir weiter- 
erzählt zu haben, und erklären mir, dass 
er bekannt sei? Ich rechtfertige mich nicht, 
ihn nicht weitergesagt zu haben, Sie würden 
es nicht glauben; Sie müssen zweifelsohne 
etwas auf sich bezogen haben, was von einer 
anderen erzählt wurde!" „Ach, Monsieur," 
entgegnete sie, „kein anderes Abenteuer gibt 

>198< 



es auf der Welt, das meinem gleicht, kein 
anderes Weib ist des gleichen Geständnisses 
fähig. Der Zufall kann es nicht erfunden 
haben, nimmer hat man es ersonnen und 
nimmer keimte solch ein Vorhaben in einem 
anderen Gemüte als dem meinigen. Madame 
la Dauphine erzählte mir soeben das ganze 
Erlebnis; sie weiss es von dem Vizedom von 
Chartres, der es von Monsieur de Nemours 
hat." „Von Monsieur de Nemours?" rief Mon- 
sieur de Cleve mit einer Heftigkeit aus, die 
Schmerz und Verzweiflung kündete, „wie, 
Monsieur de Nemours weiss, dass Sie ihn lie- 
ben und dass ich darum weiss?" „Sie haben 
stets grösseren Argwohn auf Monsieur de 
Nemours als auf einen anderen," entgegnete 
sie, „ich habe Ihnen gesagt, dass ich auf Ihren 
Verdacht niemals antworten würde. Ich ahne 
nicht, ob Monsieur de Nemours weiss, wel- 
chen Anteil ich und welchen Sie an diesem 
Abenteuer haben, aber er hat es dem Vize- 
dom von Chartres erzählt und ihm gesagt, dass 
er es von seiner Freunde einem wüsste, der 
ihm den Namen der Dame nicht genannt 
hätte. Dieser Freund des Monsieur de Ne- 
mours niuss auch der Ihrige sein, und Sie 
haben sich dem anvei'traut, um sich schnel- 
ler aufzuklären ! " „ Besitzt man denn nur einen 
Freund auf dem Erdboden, dem man solch 
ein Geständnis macht?" entgegnete Monsieur 

>i99< 



de Cleve, „und würde man in seinem Ar{j;- 
wohn, um den Preis klar zu sehen, jemandem 
etwas eingestehen, das man wahrlich am 
liehsten vor sich selber verbergen möchte? 
Denken Sie vielmehr nach, Madame, mit wem 
Sie darüber gesprochen haben. Es ist augen- 
scheinlicher, dass dies Geheimnis durch Sie als 
durch mich offenbar wurde. Sie haben Ihre 
augenblickliche Erregung vielleicht nicht 
allein tragen können und sich dadurch zu 
erleichtern gesucht, dass Sie sich mit Ihrer 
Vertrauten aussprachen, die Sie verraten hat ! " 
„Fahren Sie nicht fort mich niederzuschmet- 
tern," rief sie aus, „und seien Sie nicht so 
grausam, mich eines Fehls zu zeihen, den Sie 
selber begangen haben. Können Sie mich des- 
halb in Verdacht haben, bin ich denn, weil 
ich fähig gewesen, mit Ihnen zu sprechen, 
auch fähig, mit einem anderen zu sprechen?" 
Das Geständnis, welches Madame de Cleve 
ihrem Gatten abgelegt hatte, war ein so gros- 
ser Beweis ihrer Offenheit, und sie leugnete 
so heftig, es jemandem anvertraut zu haben, 
dass Monsieur de Cleve nicht wusste, was er 
denken sollte; andererseits war er sicher, sel- 
ber nichts weitererzählt zu haben. Etwas, das 
man nicht erraten konnte, war bekanntgewor- 
den: also musste einer von ihnen beiden ge- 
sprochen haben; die Gewissheit aber, dass ir- 
gendw'er um dieses Abenteuer wusste und dass 

>200< 



es höchstwahrscheinlich sehr hald verbreitet 
werden würde, bereitete ihm einen grausamen 
Schmerz. 

Madame de Cleve hatte fast dieselben Ge- 
danken, sie fand es gleichfalls unmöglich, 
dass ihr Gatte gesprochen haben sollte, aber 
Monsieur de Nemours Worte, die Neugier 
vermöchte einen Ehemann zu Unklugheiten 
veranlassen, schienen sich so ganz auf Mon- 
sieur de Cleves Zustand zu berufen, dass sie 
nicht glauben konnte, der Zufall habe diese 
Geschichte erfunden; und diese Wahrschein- 
lichkeit bestimmte sie anzunehmen, dass Mon- 
sier de Cleve das ihm geschenkte Vertrauen 
missbraucht habe. Sie waren einer wie der 
andere so mit ihren Gedanken beschäftigt, 
dass sie lange wortlos verharrten, und brachen 
das Schweigen nur, um auf dieselben Dinge 
zurückzukommen, welche sie schon mehrere 
Male besprochen hatten, und sassen sich so 
gequälten Herzens und so aufgeregten Ge- 
müts wie noch niemals gegenüber. 

Man kann sich leicht vorstellen, in welchem 
Zustande sie die Nacht verbrachten. Monsieur 
de Cleve hatte all seine Standhaftigkeit er- 
schöpft, um das Unglück ertragen zu können, 
seine Frau, die er anbetete, in Liebe zu einem 
anderen entflammt zu sehen. Ihm blieb kein 
Mut mehr, und er glaubte sogar keinen mehr 
auftreiben zu können bei einer Sache, wo sein 

>201< 



Ruhm und seine Elire so schwer verletzt wor- 
den waren. Er wusste nicht mehr, was er 
von seiner Frau zu halten hatte, und war sich 
nicht klar darüber, wie er sich gegen sie 
benehmen sollte, noch wie er sich selber auf- 
führen musste; er sah nur auf allen Seiten 
Abgründe und Schlünde. Als er schliesslich 
nach sehr langer Erregung und Ungewissheit 
daran dachte, dass er gar bald nach Spanien 
aufbrechen müsse, nahm er sich vor, alles zu 
vermeiden, was den Argwohn oder die Kennt- 
nis seines unseligen Zustandes vermehren 
konnte. Und suchte Madame de Cleve auf 
und sagte zu ihr, er wolle nicht untersuchen, 
wer von ihnen beiden es an Verschwiegen- 
heit habe fehlen lassen, sondern bestrebt sein, 
den Beweis zu liefern, dass die ihr erzählte 
Geschichte eine Fabel sei, an der sie keinen 
Anteil hätte; es hänge nur von ihr ab, Mon- 
sieur de Nemours und die anderen davon zu 
überzeugen ; sie solle diesen nur mit der Stren- 
ge und Kälte behandeln, zu welcher sie einem 
Menschen gegenüber verpflichtet wäre, der 
ihr seine Liebe gestände. Durch dies Vor- 
gehen würde sie ihm leicht den Glauben, 
dass sie ihn liebe, nehmen; ebenso wolle er 
sich nicht um all das grämen, was er sich hätte 
denken können, weil alle seine Gedanken 
leicht zu nichte werden würden, wenn sie in 
der Folgezeit keine Schwäche zeige; vor al- 

>202< 



lern aber solle sie wie gewöhnlich in das 
Louvre und zu allen Festlichkeiten gehen. 
Nach solchen Worten aber verliess Mon- 
sieur de Cleve seine Frau, ohne eine Antwort 
abzuwarten. Sie fand alle seine Worte sehr 
verständig, und in ihrem Zorne auf Monsieur 
de Nemours glaubte sie, dass sie alles ebenso 
leicht ins Werk setzen könnte; doch schien 
es ihr schwierig zu sein, sich bei den Hoch- 
zeitsfeierlichkeiten einzustellen und mit ru- 
higem Antlitze und freiem Gemüte daran 
teilzunehmen. Da sie aber Madame la 
Dauphines Schleppe tragen musste, welches 
eine Bevorzugung vor mehreren anderen 
Prinzessinnen war, konnte sie dennoch nicht 
darauf verzichten, ohne viel Aufhebens zu 
machen und ohne viele triftige Gründe dafür 
anzugeben. Sie beschloss also sich gewaltsam 
zu zwingen ; doch nahm sie sich für den Rest 
des Tages vor, sich dazu vorzubereiten und 
allen Gefühlen, von denen sie bewegt wurde, 
noch einmal freien Lauf zu lassen. Sie schloss 
sich allein in ihr Gemach ein. Aller Übel, die 
mit Wucht auf ihr lasteten, grösstes war. An- ' 
lass zu haben sich über Monsieur de Nemours 
zu beklagen und kein Mittel zu seiner Recht- 
fertigung zu finden. Dass er dies Erlebnis dem 
Vizedom von Chartres erzählt habe, daran 
konnte sie nicht zweifeln, er hatte es ihr ein- 
gestanden; auch konnte sie nicht daran zwei- 

>203< 



(ein, dass er der Weise zufolge, wie er dar- 
über {jesprochen hatte, wusste, dass sie dies 
Abenteuer an{;in(;e. Wie Hess sich solch grosse 
IJnklugkeit entschuldigen? Was war aus des 
Prinzen Verschwiegenheit geworden, die sie 
so gerührt hatte ? „Er war solange verschwie- 
gen," sagte sie, „als er unglücklich zu sein 
wähnte ; doch der Gedanke an ein sogar un- 
gewisses Glück hat seiner Verschwiegenheit 
ein Ende gemacht. Er konnte sich nicht den- 
ken, dass er geliebt sei, ohne den Wunsch zu 
haben, dass man darum wisse. Alles, was 
er sagen konnte, erzahlte er: ich habe ihm 
nicht eingestanden, dass ich ihn liebe, er ver- 
mutete es und hat seine Vermutungen laut 
werden lassen. Hätte er Gewissheit gehabt, 
würde er in gleicher Weise davon Gebrauch 
gemacht haben. Ich glaubte in meiner Tor- 
heit, dass es einen Mann gäbe, der das zu 
verbergen fähig wäre, was seinem Ruhme 
schmeichelt. Und doch bin ich um dieses 
Mannes willen, den ich für so anders als alle 
übrigen Männer hielt, ein Weib wie alle 
anderen Weiber, von denen ich mich so ver- 
schieden dünkte. Ich habe das Herz und die 
Achtung eines Gatten verloren, der mein 
Glück ausmachen müsste. Bald wird alle Welt 
Avissen, dass ich von einer wahnsinnigen und 
heftigen Leidenschaft entbrannt bin. Der, für 
den ich sie empfinde, kennt sie nur zu gut; 

>204< 



ach, um diesem Jammer zu entgehen, hätt' 
ich all meine Ruhe und selbst mein Leben auf 
das Spiel (jesetzt!" Unter heissen Tränen 
stiegen diese traurigen Gedanken in ihr auf; 
doch von ^veichem Kummer sie auch im- 
mer gepeinigt wurde, sie fühlte, sie würde 
ihn überwunden haben, wenn sie von Mon- 
sieur de Nemours nicht so enttäuscht worden 
wäre. 

In keinem luhigeren Zustande befand sich 
der Prinz. Die begangene ünklugheit, mit 
dem Vizedom von Chartres zu sprechen, und 
ihre grausamen Folgen bereiteten ihm ein 
tödliches Miss vergnügen. Er konnte an nichts 
denken, ohne durch die Verwirrung, die Auf- 
regung und die Trübsal entmutigt zu wer- 
den, in welcher er Madame de Cleve gesehen 
hatte. Und war untröstlich ihr in dieser Sache 
doch manches gesagt zu haben, was an sich 
liebenswürdig war, ihm in diesem Augen- 
blicke jedoch roh oder wenig höfisch zu sein 
schien, da er Madame de Cleve damit zu ver- 
stehen gegeben hatte, dass er die so leiden- 
schaftlich verliebte Dame kenne, und dass sie 
für ihn brenne. Sein einziger Wunsch wäre ei- 
ne Unterredung mit ihr gewesen, doch glaubte 
er sie eher fürchten als ^vünschen zu müssen. 
„Was sollte ich ihr sagen?" rieferaus. „Würde 
ich ihr noch einmal zeigen, was ich sie schon 
allzu deutlich verstehen liess? Würde ich ihr 

>205< 



eingestehen, dass ich um ihre Liebe zu mir 
weiss, ich, der ich ihr nimmer zu sagen ge- 
wagt habe, dass ich sie Hebe? Würde ich 
offen mit ihr von meiner Leidenschaft zu re- 
den beginnen, lun bei ihr für einen Mann zu 
gehen, der durch Hoffnungen külm geworden 
ist? Kann ich nvu' daran denken mich ihr zu 
nähern ; und dürfte ich sie der Aufregung, 
meinen Anbhck zu ertragen, auszusetzen wa- 
gen? Womit könnte ich mich rechtfertigen^ 
Ich habe keine Entschuldigung, bin nicht 
wert, Madame de Cleves Bhcke auf mich zu 
ziehen, und hoffe auch nicht, dass sie mich 
jemals wieder ansieht. Ich habe ihr durch 
meinen Fehl eine bessere Waffe, sich meiner 
zu erwehren, in die Hand gegeben, als alle, 
w eiche sie suchte und etwa vergeblich gesucht 
hätte. Durch meine Unklugheit verliere ich 
das Glück und den Ruhm, von der liebens- 
würdigsten und schätzenswertesten Frau der 
Welt geliebt zu werden. Wenn ich dieses Glük- 
kes aber verlustig gehe, ohne dass sie darunter 
leidet und ohne ihr einen tödlichen Schmerz 
bereitet zu haben, soll es mir ein Trost sein. 
Ich fühle in diesem Augenblicke mehr den 
Schaden, welchen ich ihr zugefügt, als den 
ich mir bei ihr zugefügt habe!" 

Lange Zeit über machte sich Monsieur de 
Nemours solche Vorwürfe und musste im- 
mer wieder an dieselben Dinge denken. Das 

>206< 



I 



Verlangen mit Madame de Cleve zu sprechen, 
kam ihn tägHch an. Er überlegte sich ein 
Mittel dies ins Werk zu setzen imd dachte 
daran ihr zu schreiben; doch schliesslich sah 
er ein, dass er ihr nach seinem begangenen 
Fehler und bei ihrer augenblicklichen Stim- 
mung am besten eine tiefe Verehrung durch 
seinen Gram und durch sein Schweigen be- 
zeugte und sie auch merken liesse, dass er sich 
nicht vor ihr zu zeigen wagte, um abzuwar- 
ten, was Zeit, Zufall und die Liebe, welche 
sie an ihn band, Günstiges für ihn erwirkten. 
Auch nahm er sich vor, dem Vizedom von 
Chartres um der Treulosigkeit willen, die er 
an ihm begangen hatte, keine Vorwürfe zu 
machen, da er ihn dadurch in seinem Arg- 
wohn zu bestärken fürchtete. 

Madame Elisabeths Eheversprechung, die 
kommenden Tags vor sich gehen, und ihre 
Hochzeit, welche am darauffolgenden Tag 
stattfinden sollte, beschäftigte den ganzen Hof 
solcherart, dass Madame de Cleve und Mon- 
sieur de Nemours leicht ihre Traurigkeit und 
ihre Verwirrung verbergen konnten. Selbst 
Madame la Dauphine sprach nur in aller 
Flüchtigkeit mit Madame de Cleve über die 
Unterhaltung, welche sie mit Monsieur de 
Nemours gepflogen hatten ; auch Monsieur de 
Cleve bemühte sich nicht mehr, mit seiner 
Frau über all die Vorfälle zu sprechen, so- 

> 207 < 



dass sie in keiner so grossen Aufrej'iinjj lebte, 
wie sie vermutet hatte. 

Die Eheversprechung fand im Louvre statt 
und nach dem Mahle und dem Balle legte sich 
das ganze königliche Haus, wie es der Sitte 
entsprach, im bischöflichen Palaste schlafen. 
Am Morgen trug der Herzog von Alba, der 
sich stets nur einfach gekleidet hatte, ein Ge- 
wand aus Goldstoff, durchwirkt mit roter 
und gelber und schwarzer Farbe, das über 
und über mit Edelsteinen besät war, und trug 
eine geschlossene Krone auf dem Haupte. Der 
Prinz von Oranien war ebenso köstlich ge- 
kleidet; er holte mit seinen Dienern und 
den übrigen Spaniern, denen ebenfalls ihre 
Diener folgten, den Herzog von Alba aus dem 
Hotel de Villeroy, wo er wohnte, ab und sie 
schritten, vier zu vier gehend, nacli dem bi- 
schöflichenPalaste. Sobald man dortangelangt 
war, ging man dem Range nach in die Kirche. 
Der König führte Madame Elisabeth, welche 
eine geschlossene Krone trug; ihre Schleppe 
wurde von den Mesdemoiselles de Monpen- 
sier und de Longueville getragen. Dann 
folgte die Königin, jedoch ohne Krone. Xach 
ihr kamen Madame la Dauphine, Madame, 
des Königs Schwester, die Herzogin von 
Lothringen und die Königin von Navarra, 
ihre Schleppen aber trugen Prinzessinnen. 
Den Königinnen und den Fürstinnen folg- 

>208< 



teil alle ihre HofFräulein, die prächtig und 
in den Farben ihrer Gebieterinnen gekleidet 
waren, so dass man an den Farben ihrer Ge- 
wänder sah, wem die Edelfräulein ange- 
hörten. 

Man bestieg die Bühne, welche in der 
Kirche errichtet war und die Hochzeitsfeier- 
lichkeit ging vor sich. Darnach kehrte man 
zum Essen in den Bischofspalast zurück J und 
um fünf Uhr brach man von dort auf, um 
in den Palast zu gehen, wo das Festmahl 
stattfand, zu dem das Parlament, die obersten 
Gerichtshöfe und das Stadthaus zur Teil- 
nahme herangezogen worden waren. Der Kö- 
nig, die Königinnen, die Prinzen und Prin- 
zessinnen Sassen an dem Marmortische des 
grossen Palastsaals. Der Herzog von Alba 
sass neben der neuen Königin von Spanien ; 
unterhalb der Stufen, die zu dem Marmor- 
tische führten, und zur Rechten des Königs 
stand ein Tisch für die Gesandten, die Erz- 
bischöfe und die Ordensritter und auf der 
anderen Seite ein Tisch für die Herren de^ 
Parlaments. 

Der in ein Gewand von golddurchwirktem 
Stoff gekleidete Herzog von Guise legte dem 
Könige die Speisen vor; der Prinz von Conde 
diente ihm als Brotmeister und der Herzog 
von Nemours als Mundschenk. Nach aufge- 
hobener Tafel begann der Ball, welcher durcii 

Pr. C. I J > 209 < 



Balletts und aussergewöhnliche Veranstal- 
tungen unterbrochen wurde, hernach nahm 
man ihn wieder auf, und endlich nach Mit- 
ternacht kehrte der König und sein ganzer 
Hof in das Louvre zurück. Wie traurig Ma- 
dame de Gleve auch war, sie liess sich doch 
vor aller Welt und besonders vor Monsieur de 
Nemours Augen in unvergleichlicher Schön- 
heit sehen. Der aber wagte nicht mit ihr zu 
sprechen, obwohl ihm die Aufregung bei der 
Feierlichkeit mehreie Male Gelegenheit dazu 
gab; doch liess er sie soviel Traurigkeit und 
eine so ehjerbietige Furcht sich ihr zu nähern 
sehen, dass sie ihn nicht mehr so schuldig 
fand, wiewohl er ihr nichts zu seiner Recht- 
fertigung gesagt hatte. An den folgenden Ta- 
gen zeigte er das gleiche Benehmen und dies 
Benehmen rief auch den gleichen Eindruck 
in Madame de Cleves Gemüte hervor. 

Endlich war der Tag des Turniers da ; die 
Königinnen begaben sich auf die Emporen 
und die Bühnen, welche für sie bestimmt 
waren. Die vier Platzhalter erschienen am 
Ende des Kampfplatzes im Gefolge von zahl- 
losen Pferden und Dienern, Avelche das präch- 
tigste Schauspiel boten, das man jemals in 
Frankreich sah. 

Der König kam in keinen anderen Farben 
als weiss und schwarz, Avelche er immer 
Madame de Valentinois zu Ehren trug, die 

>210< 



Witwe war; der Herzog von Ferrara und 
seine Gefolgschaft trugen gelb und rot. Mon- 
sieur de Guise trug hochrosenrot und weiss; 
man wusste anfangs nicht, weshalb er diese 
Farbenwahl getroffen hatte, doch erinner- 
te man sich, dass sie die einer schönen Frau 
waren, welche er, als sie Hoffräulein war, 
geliebt hatte. Monsieur de Nemours erschien 
in gelb und schwarz, man fragte sich ver- 
geblich weshalb; Madame deCleve erriet es 
mühelos, sie erinnerte sich, in seiner Anwe- 
senheit gesagt zu haben, dass sie die gelbe 
F^arbe liebe und traurig sei, blond zu sein, 
weil sie sie deshalb nicht tragen könne. Ohne 
taktlos zu sein, glaubte der Fürst in dieser 
Farbe erscheinen zu dürfen; da sie Madame 
de Cleve nicht kleidete, konnte man nicht 
vermuten, dass es die ihrige war. 

Niemals sah man grössere Gewandtheit, als 
die vier Platzhalter zeigten. Wiewohl der 
König der beste Ritter seines Königreichs war, 
wusste man doch nicht, wem man den Vorzug 
geben sollte ; Monsieur de Nemours zeigte eine 
solche Anmut in all seinen Bewegungen, dass 
sie ihn auch bei weniger für ihn eingenom- 
menen Frauen als Madame de Cleve in Gunst 
setzen musste. Sobald die ihn aber am Ende 
des Kampfplatzes erscheinen sah, fühlte sie 
eine ausserordentliche Erregung, und bei al- 
len Gängen des Fürsten konnte sie ihre Freude 

>4* >211< 



kaum verbergen, wenn er seinen Anlauf 
glücklich vollendet hatte. 

Als gegen Abend beinahe alles zu Ende 
und man willens war aufzubrechen, wollte 
es das Unglück des Staates, dass der Könij; 
noch eine Lanze zu brechen wünschte. Und 
befahl dem Grafen von Montgomery,der au>- 
sergewöhnlich gewandt war, sich auf dem 
Kampfplatze einzustellen. Der (iraf bat den 
König, ihn davon zu entbinden, und brachte 
alle erdenklichen Entschuldigungen vor. Der 
König liess ihm aber fast zornig sagen, dass 
er es durchaus wünsche. Die Königin rief dem 
Könige zu, sie beschwöre ihn, nicht mehr zu 
rennen, er habe sich so gut bewährt, dass er es 
zufrieden sein könne, und sie bäte ihn flehent- 
lich, zu ihr zurückzukommen. Er antwortete, 
ihr zu Ehren renne er noch einmal, und trat 
in die Schranken. Sie sandte den Herzog von 
Savoyen an ihn, um ihn ein zweites Mal bit- 
ten zu lassen, aber alles war nutzlos. Sie 
rannten gegeneinander, die Lanzen brachen 
und ein Splitter von der des Grafen von Mont- 
gomery drang dem Könige ins Auge und 
blieb dort haften. Der Fürst sank plötzlich 
vom Pferde, seine Knappen und Monsieur de 
Montmorency, welcher einer der Kampfrich- 
ter war, liefen zu ihm. Sie waren bestürzt 
ihn so verwundet zu sehen, doch der König 
war durchaus nicht erschrocken. Die Ver- 

>212< 



wundung, meinte er, sei nur geiingfügig und 
ei- verzeihe dem Grafen von Montgomery. 
Man kann sich vorstellen, welche Verwirrung 
und Trauer ein so unseliger Zufall an einem 
der Freude bestimmten Tage hervorrief! So- 
bald man den König in sein Bett gebracht, 
untersuchten die Arzte seineVerwundung und 
fanden sie beträchtlich. Monsieur le Conne- 
table erinnerte sich in diesem Augenblicke der 
Voraussagung, die man dem Könige gemacht, 
dass er in einem Zweikampf fallen sollte, und 
er zweifelte nicht, dass die Voraussagung in 
Erfüllung gehen würde. 

Der König von Spanien, welcher sich zu 
Zeiten in Brüssel aufhielt, schickte auf die 
Nachricht von diesem Unfall hin seinen Arzt, 
der eines hohen Rufs genoss; der aber hielt 
des Königs Zustand für hoffnungslos. 

Ein ebenso zwiespältiger wie entgegenge- 
setzten Interessen huldigender Hof war am 
Vorabend eines so grossen Ereignisses in kei- 
ner geringen Aufregung; nichtsdestoweniger 
veibarg man jede Unruhe, und schien ein- 
zig von der Sorge um des Königs Gesundheit 
erfüllt zu sein. Die Königinnen, die Prinzen 
und die Prinzessinnen verliessen sein Vor- 
zimmer fast nie. 

Madame de Cleve wusste, dass sie verpflich- 
tet war dort zu weilen, und dass sie, Mon- 
sieur de Nemiours dort sehend, ihrem Gatten 

>213< 



die Verwirrung} nicht verhehlen könnte, wel- 
che ihr dieses Sehen verursachte. Da sie sich 
aber auch sagte, dass einzig die Anwesenheit 
des Prinzen ihn in ihren Augen rechtfertigen 
und alle ihre Entschlüsse zertören könnte, 
nahm sie sich vor eine Krankheit zu heucheln. 
Der Hof war zu sehr beschäftigt, als dass er auf 
ihr Benehmen hätte Obacht geben und ent- 
scheiden können, ob ihre Krankheit echt oder 
falsch war. Ihr Gatte allein mochte die Wahr- 
heit ahnen; doch war sie nicht ärgerlich, 
wenn er darum wusste. So blieb sie denn zu 
Hause und dachte nur wenig an den grossen 
Wechsel, der sich vorbereitete; ihre eigenen 
Gedanken erfüllten sie ganz und sie hatte 
alleFreiheit ihnen nachzuhängen. Jedermann 
weilte beim Könige; Monsieur de Cleve kam 
zu bestimmten Stunden, um ihr die Neuig- 
keiten mitzuteilen. Er befleissigte sich ihr 
gegenüber desselben Betragens, welches er 
immer gegen sie gehabt hatte, nur wenn sie 
allein waren, gab er sich um ein weniges 
kälter und nicht so ungezwungen. Er hatte 
nie wieder von dem Vorgefallenen gesprochen ; 
sie aber hatte nicht die Kraft dazu gehabt 
und auch nicht den rechten Augenblick ge- 
funden, um auf ihre Unterhaltung zurückzu- 
greifen. Monsieur de Nemours hatte einige 
Augenblicke zu erhaschen gehofft, wo er mit 
Madame de Cleve reden könnte, und war 

>214< 



sehr überrascht und betrübt, nicht ein ein- 
ziges Mal das Vergnügen ihres AnbHcks zu 
haben. Des Königs Übel verschlimmerte sich 
so sehr, dass er am siebenten Tage von den 
Aerzten aufgegeben wurde. Er nahm die Ge- 
wissheit seines Todes mit ausserordentlicher 
Festigkeit auf, die um so bewundernswerter 
wai-, da er das Leben in der Blüte der Jahre, 
glücklich, von seinen Völkern angebetet und 
von einer Frau, die er heiss liebte, wieder- 
geliebt, durch einen so unglücklichen Zu- 
fall verlor. Am Abend vor seinem Tode liess 
er die Heirat Madames, seiner Schwester, mit 
dem Herzoge von Savoyen ohne jede Feier- 
lichkeit vollziehen. Man kann ermessen, in 
welchem Zustande die Herzogin von Valen- 
tinois lebte. Die Königin erlaubte ihr nicht, den 
König zu sehen, und liess ihr des Königs Sie- 
gel und die Geschmeide der Krone, welche sie 
in Verwahrung hatte, abverlangen. Die Her- 
zogin aber erkundigte sich, ob der König tot 
sei, und als man diese Frage verneinte, ant- 
wortete sie: „Ich habe meinen Herrn noch, 
demnach kann mich niemand zwingen, her- 
auszugeben, was sein Vertrauen in meine 
Hände legte!" Sobald er im Schloss Tour- 
nelles ausgeatmet hatte, leiteten der Her- 
zog von Ferrara, der Herzog von Guise und 
der Herzog von Nemours die Königinmut- 
ter, den König und die Königin, seine Ge- 

> 215 < 



inahlin, in das Louvre, Monsieur de Ne- 
mours aber führte die Königin. Wie sie 
sich zu gehen anschickten, wendete sich die 
Königinmutter einige Schritte rückwärts und 
sagte zu ihrer Schwiegertochter, es stände ihr 
als Königin zu, als erste zu schreiten; doch 
es war wohl zu sehen, dass mehr Bitterkeit 
als Wohlwollen in dieser Höflichkeitsbezei- 
gung lag. 

Der Kardinal von Lothringen hatte sich 
zum unumschränkten (yebieter über das Ge- 
müt der Königinmutter aufgeschwungen. Der 
Vizedom von Chartres erfreute sich nicht 
mehr ihrer Gunst; die Liebe zu Madame 
deMartigues und zu der Freiheit Hessen ihn 
diesen Verlust nicht allzuschmerzlich fühlen, 
wie sehr er es auch verdient hätte. Während 
des Königs zehntägiger Krankheit hatte der 
Kardinal Zeit gehabt seine Pläne auszuführen 
und die Königinmutter Beschlüsse fassen zu 
lassen,die mit denvonihmbeabsichtigten über- 
einstimmten. Darum musste dann auch der 
Konnetabel, sobald der König tot war, in Tour- 
nelles bei dem Leichnam des seligen Königs 
bleiben, um die üblichen Feierlichkeiten zu 
leiten. Dieser Auftrag hielt ihn von allen fern 
und hinderte ihn am freien Handeln. Er schick- 
te einen Eilboten an den König von Navana, 
um ihn zu schnellem Kommen aufzufordern, 
auf dass sie sich gemeinsam der grossen Er- 

>2l6< 



höhun^jen widersetzten, welche er den Mes- 
sieurs de Guise zuteil werden sah. Man gah 
den Oberbefehl über die Heere dem Herzoge 
von Guise und die Finanzverwaltung wurde 
dem Kardinal von Lothringen anvertiaut. 
Die Herzogin von Valentinois wurde vom 
Hof verbannt; man liess den Kardinal von 
Tournon, den erklärten Feind des Konneta 
bels, und den Kanzler Olivier, den erklärten 
Feind der Herzogin von Valentinois, zurück- 
kommen. Der Hof wechselte sein Aussehen 
vollständig. Der Herzog von Guise nahm den- 
selben Rang wie die drei Prinzen königlichen 
Geblüts ein und trug bei den Beisetzungs- 
feierlichkeiten des Königs Mantel. Er und 
seine Brüder wurden schrankenlose Ge- 
bieter; und das nicht allein durch des Kar- 
dinals Einiluss auf die Königinmutter, son- 
dern weil die Fürstin glaubte, dass sie sie ent- 
fernen könnte, wenn sie ihr lästig fielen; den 
Konnetabel aber, welcher durch die Prinzen 
königlichenGeblüts unterstützt w urde, konnte 
sie nicht entfernen. 

Als die Trauerfeierlichkeiten beendigt wa- 
ren, erschien der Konnetabel im Louvre und 
wurde vom König sehr frostig empfangen. Er 
wollte mit ihm insgeheim reden, doch der 
König rief die Messieurs de Guise dazu und 
sagte vor ihnen, dass er ihm rate, sich auszuru- 
hen, dass die Finanz Verwaltung und der Ober- 

>217< 



befehl über die Heere vergeben seien, und dass 
er ihn, wenn er seiner Ratschläge bedürfe, vor 
sich rufen lassen würde. Von der Königin- 
mutter wurde er noch frostiger als vorn Kö- 
nige empfangen, sie machte ihm Vorwürfe, 
dass er zum seligen König gesagt habe, seine 
Kinder glichen ihm nicht. Der König von 
Navarra kam an und ward nicht besser auf- 
genommen. Der Prinz von Conde war weni- 
ger geduldig als sein Bruder und beklagte 
sich laut; doch seine Klagen waren eitel, man 
entfernte ihn unter Vorwänden vom Hofe 
und schickte ihn nach Flandern, um die 
Friedensbeslätigungen zu unterzeichnen. Den 
König von Navarra liess man einen gefälsch- 
ten Brief des Spanierkönigs sehen, in dem er 
geziehen wurde, Angriffe gegen dessen feste 
Plätze unternommen zu haben; man liess 
ihn für seine Länder fürchten, endlich über- 
redete man ihn, nach Bearn abzureisen. Die 
Königinmutter bestimmte ihn dazu, indem 
sie ihm Madame Elisabeths Führung über- 
trug, und man nötigte ihn sogar vor der 
Fürstin abzureisen; also blieb niemand am 
Hofe, der die Macht des Hauses von Guise im 
Gleichgewicht halten konnte. 

Wiewohl es sehr ärgerlich für Monsieur 
de Cleve war, Madame Elisabeth nicht ge- 
leiten zu dürfen, konnte er sich angesichts 
der hohen Persönlichkeit, die ihm vorgezogen 

>2l8< 



wurde, doch nicht darüber beschweren. Er 
bedauerte aber die Entziehung dieses Amtes 
weniger der Ehre wegen, die es ihm einge- 
bracht haben würde, als weil es seine Frau 
vom Hofe entfernt hätte, ohne dass es klar 
wurde, welchen Grund sie hatte, sich von 
ihm zurückzuziehen. 

Wenige Tage nach des Königs Tode be- 
schloss man nach Rheims zu gehen, um die 
Salbung vollziehen zu lassen. Sobald man 
von dieser Reise redete, schützte Madame de 
Cleve, welche sich stets zu Havise gehalten 
hatte, ein Unwohlsein vor, und bat ihren 
Gatten, es gutzuheissen, dass sie dem Hofe 
nicht folge, und dass sie nach Colomiers ginge, 
um frische Luft zu schöpfen und an ihre Ge- 
sundheit zu denken. Er entgegnete ihr, er 
wolle es wahrlich nicht ergründen, ob sie ihr 
Gesundheitszustand andieserReise verhindere, 
doch willige er darein, dass sie sie nicht un- 
ternähme. OhneWiderspruch stimmteer einer 
Sache zu, die er im stillen schon lange be- 
schlossen hatte; trotz seiner guten Meinung 
von der Tugend seiner Frau sah er ein, dass 
er der Klugheit entbehre, wollte er sie längere 
Zeit den Blicken eines Mannes aussetzen, 
den sie liebe. 

Monsieur de Nemours erfuhr bald, das» 
Madame de Cleve dem Hofe nicht folgen 
würde; er konnte sich nicht zur Abreise ent- 

>219< 



schliessen, ohne sie vorher (jesehen /u hahen, 
und am Abend vor der Abreise gin{> er, so 
spiit es die Wohlanstandigkeit erlaubte, zu 
ihr, um sie allein anzutreffen. Das Glück be- 
günstigte sein Vorhaben. Als er in den Hof 
eintrat, begegneten ihm Madame de Nevers 
und Madame de Martigues, die gerade fort- 
gingen und zu ihm sagten, dass sie sie allein 
gelassen hätten. Er stieg mit einer Schnellig- 
keit und in einer Verwirrung die Treppe 
hinan, die sich nur der vergleichen lässt, 
welche Madame de Cleve bei der Meldung 
empfand, dass Monsieur de Nemours da sei 
und sie zu sehen wünsche. Die Angst, er könne 
von seiner Liebe reden, die Sorgnis, sie möch- 
te ihm allzu gewogen antworten, die Unruhe, 
welche dieser Besuch ihrem Gatten bereiten 
konnte, die Pein, ihm darüber Rechenschaft 
ablegen oder ihn verheimlichen zu müssen, all 
das ging ihr in einem Augenblick durch den 
Kopf und bereitete ihr eine so grosse Auf- 
regung, dass sie den Entschluss fasste, dem, 
was sie vielleicht am sehnlichsten erwünschte, 
aus dem Wege zu gehen. Sie schickte ihrer 
Frauen eine zu Monsieur de Nemours, der in 
ihrem Vorzimmer weilte, und liess ihm sa- 
gen, sie wäre eben unwohl geworden und sei 
sehr betrübt, die Ehre, die er ihr erweisen 
wolle, nicht annehuien zu können. Welch 
ein Schmerz für den Prinzen, Madame de 

>220< 



Cleve nicht zu sehen; und sie nicht zu sehen, 
weil sie nicht wollte, dass er sie sah ! Er reiste 
anderen Morgens ah; er durfte nichts mehr 
vom Glücke erhoffen. Da er seit jener Unter- 
haltung bei Madame la Dauphine nicht mehr 
mit ihr gesprochen hatte, musste er glauben, 
dass sein Fehl, mit dem Vizedom von Char- 
tres geredet zu haben, all seine Hoffnungen 
zu nichte gemacht hätte; er reiste schliess- 
lich in hellem Zweifel, der seinen lebhaften 
Schmerz nur verschärfen musste, ab. 

Sobald sich Madame de Cleve von der 
Aufregung, der sie der Gedanke an Monsieur 
de Nemours' Besuch aussetzte, erholt hatte, 
fielen alle Gründe, welche sie den Besuch 
nicht anzunehmen zwangen, in sich zusam- 
men, sie meinte sogar, einen Fehler begangen 
zu haben, und wenn sie, als es noch Zeit war, 
Mut gehabt hätte, würde sie ihn haben zu- 
rückrufen lassen. 

Madame de Nevers und Madame de Mar- 
tigues gingen, als sie sie verlassen hatten, zur 
Königin; Monsieur de Cleve war dort zuge- 
gen. Die Fürstin fragte sie, woher sie kämen, 
sie entgegneten, dass sie von Madame de Cleve 
kämen, bei der sie einen Teil des Nachmittags 
zugebracht hätten; es seien viele Leute da- 
gewesen, und Monsieur de Nemours sei allein 
zurückgeblieben. Diese Aussage, die sie für 
gleichgültig hielten, war es für Monsieur 

>221< 



de Cleve nicht/ Wiewohl er sich gut denken 
konnte, dass Monsieur de Nemours oft Ge- 
iey,enheit fand mit seiner Frau zu sprechen, 
schien ihm trotzal ledern der Gedanke, dass 
er bei ihr weilte, dass er allein dort weilte 
und von seiner Liebe zu ihr sprechen konnte, 
in diesem AugenbHcke so neu und so unerträg- 
lich, dass sich die Eifersucht in seinem Her- 
zen mit heisserer Kraft als jemals entzünde- 
te. Es war ihm ganz unmöglich bei der Köni- 
gin zu bleiben, er kehrte nach Hause zurück 
und wusste selber nicht, weshalb er zurück- 
kehrte, und ob es Zweck habe, hinzugehen 
und Monsieur de Nemours zu unterbrechen. 
Sobald er ankam, strengte er sich an, irgend- 
ein Zeichen zu finden, w^elches ihm des Prin- 
zen Anwesenheit verkündigte, und er fühlte 
einige Erleichterung, als er merkte, dass es 
nicht der Fall war, und es erquickte ihn der 
Gedanke, dass er sich dort nicht lange auf- 
gehalten haben konnte. Redete sich auch ein, 
dass er vielleicht nicht auf Monsieur de Ne- 
mours eifersüchtig zu sein brauche, und wenn- 
schon er durchaus nicht daran zweifelte, suchte 
er dennoch daran zu zweifeln ; aber viele üinge 
würden ihn davon überzeugt haben, so dass er 
nicht lange in dieser erwünschten Ungewiss- 
heit verharrt hätte. Er ging sofort in das Ge- 
mach seiner Frau, und nachdem er einige 
Zeit mit ihr über unwesentliche Dinge ge- 

>222< 



redet hatte, konnte er sich nicht der Frage 
enthalten, was sie begonnen und wen sie bei 
sich gesehen habe; sie legte ihm Rechenschaft 
darüber ab. i\ls er sah, dass sie Monsieur de 
Nemours nicht nannte, fragte er sie zitternd, 
ob das alle Leute gewesen wären, die sie ge- 
sehen habe, um ihr Gelegenheit zu geben, den 
Pi'inzen noch zu nennen, und es nicht schmerz- 
lich empfinden zu müssen, dass sie ihm des- 
sen Besuch verheimlichte. Da sie ihn jedoch 
nicht gesehen hatte, zählte sie ihn nicht mit 
auf; Monsieur de Cleve hub aber wieder in 
einem Tone, der all seine Kümmernis verriet, 
zu reden an : „ Und Monsieur de Nemours 
haben Sie nicht gesehen; oder vergassen Sie 
ihn zu nennen?" „Ich sah ihn tatsächlich 
nicht," entgegnete sie, „ich fühlte mich un- 
behaglich und habe eine meiner Frauen zu 
ihm geschickt, um mich bei ihm entschuldigen 
zulassen!" „Sie fühlten sich doch nur für 
ihn unwohl," fuhr Monsieur de Cleve fort, 
„da Sie jedermann empfingen; warum Mon- 
sieur de Nemours gegenüber Ausnahmen? 
Warum ist er Ihnen mehr als ein anderer? 
Warum müssen Sie seine Blicke fürchten? 
Weshalb lassen Sie ihn merken, dass Sie ihn 
scheuen? Warum lassen Sie ihn erkennen, 
dass Sie sich der Macht über ihn bedienen, 
welche Ihnen seine Liebe einräumt? Würden 
Sie sich weigern ihn anzunehmen, wenn Sie 

>223< 



nicht genau vvüssten, dass er einen Unter- 
schied zwischen Ihrer Strenge und Ihrer Un- 
höflichkeit macht? Aher weshalh müssen Sie 
ihm gegenüber streng sein? Bei einer Frau, 
wie Sie, Madame, zeigt alles, was Ihnen nicht 
gleichgültig ist, Gunst an!" „Mögen Sie Mon- 
sieur de Nemours auch noch so verdächtigen," 
entgegnete Madame de Gleve, „ich glaube 
wahrlich nicht, dass Sie mir Vorwürfe machen 
dürfen, weil ich ihn nicht empfing!" „Ich 
mache Sie Ihnen dennoch, Madame," er- 
widerte er, „vind sie sind durchaus begrün- 
det; warum wollen Sie ihn nicht sehen, wenn 
er Ihnen nichts gesagt hat? Er hat aber mit 
Ihnen gesprochen, Madame; wenn einzig sein 
Schweigen Ihnen seine Liebe verkündet hät- 
te, würde sie keinen so starken Eindruck auf 
Sie gemacht haben. Aber Sie konnten mir 
nicht die volle Wahrheit sagen, Sie haben 
sie mir zum grössten Teil verborgen und be- 
reuten es, mir selbst das wenige eingestanden 
zu haben und hatten nicht die Kraft, fort- 
zufahren. Ich bin unglücklicher als ich jemals 
annahm, bin der unglücklichste aller Männer. 
Sie sind meine Frau; ich aber liebe Sie wie 
eine Geliebte, und sehe Sie einen anderen 
lieben, und dieser andere ist der liebenswer- 
teste Mann am Hofe und sieht Sie alle Tage; 
er weiss auch, dass Sie ihn lieben. Und ich 
habe noch glauben können," schrie er auf, 

>224< 



„dass Sie Ihre Liebe zu ihm besiegen würden ! 
Ich muss die Vernunft verloren haben, als 
ich das für niöghch hielt!" „ Ich weiss nicht," 
entgegnete Madame de Cleve traurig, „ob Sie 
unrecht taten, ein so aussergewöhnliches 
Vorgehen wie meines günstig zu beurteilen; 
aber w'eiss ich denn, ob ich mich nicht in dem 
Glauben täuschte, Sie würden mir ein ge- 
rechter Richter sein?" „Zweifeln Sie nicht 
daran," sagte Monsieur de Cleve darwider, 
„Sie haben sich getäuscht; Sie verlangten 
ebenso unmögliche Dinge von mir wie ich 
von Ihnen verlangte. Wie konnten Sie nur 
hoffen, dass ich die Vernunft behalten würde? 
Hatten Sie denn vergessen, dass ich Sie heiss 
liebte und Ihr Gatte war? Eines von beiden 
kann einen schon zum Aussersten bringen: 
was vermag nicht alles beides zusammen? 
Ach, was tun sie auch nicht!" fuhr er fort, 
„Mich treiben jetzt heftige und schwankende 
Gefühle, derer ich nicht Herr bin. Ich fühle 
nnch Ihrer nicht mehr würdig, Sie scheinen 
meiner nicht würdig zu sein; ich bete Sie an, 
ich hasse Sie, ich beleidige Sie und bitte Sie 
um Verzeihung, ich bewundere Sie und schä- 
me mich wieder, Sie zu bewvmdern! und 
weder Ruhe noch Vernunft lebt in mir. Ich 
weiss nicht, wie ich leben soll, seit Sie in 
Coloiniers zu mir sprachen und seit dem Tage, 
wo Sie von Madame la Dauphine erfuhren, 

Pi.C. i5 >225< 



dass man um Thr Erlebnis wusste! Ich konnte 
nicht entdecken, durch wen sie es hörte, 
noch was zwischen Ihnen und Monsieur de 
Nemours um dieser Angelegenheit willen vor- 
fiel; Sie werden es mir nie offenbaren und 
und ich bitte Sie nicht, es mir zu enthüllen. 
Ich bitte Sie einzig, sich erinnern zu wollen, 
dass Sie mich zu dem unseligsten Manne der 
Erde gemacht haben!" 

Nach solchen Worten verliess Monsieur 
de Cleve seine Frau und reiste andern Tags 
ab, ohne sie wiedergesehen zu haben, aber 
er schickte ihr einen Brief, der von Verzweif- 
lung, Erkenntlichkeit und Liebe überströmte ; 
sie schrieb ihm eine rührende Antwort, voll 
der Versicherungen über ihr verflossenes Be- 
nehmen und das der Zukunft, und schwur 
ihm, dass ihre Versicherungen der Wahrheit 
entsprächen, und dass dies gewisslich ihre Ge- 
fühle wären. Dieser Brief machte Eindruck 
auf Monsieur de ClcA^e und er ward etwas ge- 
lassener; da auch Monsieur de Nemours so 
gut wie er den König aufsuchen musste, be- 
ruhigte ihn die Zuversicht, ihn nicht am glei- 
chen Ort mit Madame de Cleve zu wissen. 
Immer, wenn die Prinzessin mit ihrem Gatten 
sprach, riefen die Leidenschaft, die er für sie 
fühlte, die Ehrbarkeit ihres Benehmens, ihre 
Freundschaft für ihn und ihre Pflichten ihm 
gegenüber Eindrücke in seinem Herzen her 

>226< 



vor, die ihm die Gedanken an Monsieur de 
Nemours nahmen; doch währte das nur all- 
zu kurze Zeit, und diese Gedanken tauchten 
nur zu bald und gegenwärtiger als vordem 
wieder in ihm auf. 

Die eisten Tage nach des Prinzen Abreise 
fühlte Madame de Cleve sein Fernsein nicht, 
bald aber schien es ihr grausam zu sein. Seit 
sie ihn liebte, war kein Tag verstrichen, an 
welchem sie nicht gefürchtet oder gehofft 
hatte, ihm zu begegnen; nun aber überkam 
sie ein grosser Schmerz, wenn sie daran dachte, 
dass die Begegnung mit ihm nicht mehr von 
einem Zufall abhinge. 

Sie reiste nach Colomiers; vor ihrer Ab- 
reise trug sie Sorge, dass die grossen Bilder 
dahin geschafft würden, die ihrem Wunsche 
entsprechend nach den Originalen angefer- 
tigt waren, welche die Herzogin von Valen- 
tinois für ihren schönen Wohnsitz zu Amet 
hatte herstellen lassen. Alle bemerkenswerten 
Ereignisse, die sich unter des Königs Regie- 
rung abgespielt hatten, waren auf diesen Bil- 
dern verewigt. Unter anderen war die Belage- 
rung von Metz dabei, und alle, die sich bei ihr 
hervorgetan hatten, waren mit möglichster 
Ähnlichkeit gemalt. Unter ihnen war Mon- 
sieur de Nemours, und vielleicht hatte das 
Madame de Cleves Lust, die Bilder zu be- 
sitzen, erweckt. 

l5* >227< 



Madarne de Martigues, welche nicht mit 
dem Hofe hatte reisen können, versprach ihr, 
einige Tage nach Coloniiers zu kommen. Die 
Gunst der Königin, in die sie sicli teilten, 
hatte sie weder aufeinander neidisch gemacht 
noch voneinander entfernt; sie waren Freun- 
dinnen, ohne dass sie sich jedoch gegenseitig 
ihre Gefühle anvertrauten. Madame de Cleve 
Avusste, dass Madame de Martigues den Vize- 
dom von Chartres liebte, dass aber Madame 
de Cleve für Monsieur de Nemours empfand 
und von ihm wiedergeliebt wurde, ahnte Ma- 
dame de Martigues nicht. Als Nichte des 
Vizedoms von Chartres war Madame de Cleve 
Madame de Martigues natürlich noch teurer, 
und Madame de Cleve liebte sie als eine Frau, 
die wie sie eine Leidenschaft, und noch dazu 
für den besten Freund ihres Geliebten, fühlte. 

Madame de Martigues kam, wie sie es Ma- 
dame de Cleve versprochen hatte, viach Co- 
lomiers und traf sie dort in stiller Einsamkeit 
lebend an. Die Prinzessin hatte sogar ein Mit- 
tel, ganz einsam leben zu können, gesuclit, 
und verweilte die Abende in den Gärten, ohne 
von der Dienerschaft umgeben zu sein. Sie 
kam in das Gartenhaus, wo Monsieur de Ne- 
mours sie belauscht hatte, und trat in das Ge- 
mach ein, welches sich nach dem Garten öfl- 
nete. Ihre Frauen und Diener blieben in dem 
anderen Räume oder vor dem Hause und er- 

>228< 



schienen nur bei ihr, wenn sie gewünscht 
wurden. Madame de Martigues Avar noch nie 
in Coloniiers gewesen ; sie war überrascht 
von all der Schönheit, die sie vorfand, und 
besonders von der Annehnihchkeit dieses 
Gartenhäuschens. Madame de Cleve und sie 
verbrachten alle Abende dort. Die Ungebun- 
denheit, des Nachts an dem schönsten Orte 
der Welt allein zu sein, liess die Unterhal- 
tung zwischen zwei Wesen, die heftige Lei- 
denschaften in ihrem Herzen bargen, nicht 
zu Ende kommen ; und w iewohl sie sich nichts 
anvertrauten, fanden sie doch ein lebhaftes 
Vergnügen daran miteinander zu plaudern. 
Madame de Martigues wäre es sicher schwer 
geworden Colomiers zu verlassen, hätte sie 
sich nicht nach ihrer Abreise an einen Ort 
begeben müssen, an welchem der Vizedom 
weilte. Sie fuhr nach Chambort, wo sich der 
Hof damals aufhielt. 

Die Salbung war zu Rheims diu'ch den Erz- 
bischof vonLothringen vollzogen worden, und 
man wollte des Sommers Ende im Schlosse zu 
Chambort, welches neu erbaut war, erwarten. 
Die Königin äusserte eine lebhafte Freude, als 
sie Madame de Martigues wiedersah, und 
nachdem sie ihr die in jeder Weise bezeugt 
hatte, fragte sie sie nach Neuigkeiten von Ma- 
dame de Cleve imd was sie auf dem Lande 
treibe. Monsieur de Nemours und Monsieur 

>229< 



de Cleve weilten gerade hei der Königin. Ma- 
dame de Martigues fand Colomiers reizend 
und erzählte, wie schön es dort sei, und he- 
schrieh ihr denWaldpavillon ganz genau, und 
schilderte auch, welches Vergnügen es Ma- 
dame de Cleve hereite einen Teil der Nacht 
in ihm zuzubringen. Monsieur de Nemours 
kannte den Ort ja genau genug, um Madame 
de Martigues Erzahhmg zu verstehen, und 
dachte an die Möglichkeit Madame de Cleve 
dort sehen zu können, ohne von jemand an- 
derem als ihr gesehen zu werden. Und wen- 
dete sich mit einigen Fragen an Madame de 
Martigues, um sich noch näher zu unter- 
richten ; Monsiem- de Cleve aber, der ihn wäh- 
rend des Gesprächs mit Madame de Martigues 
stets im Auge behalten hatte, wähnte zu er- 
kennen, was ihm in diesem Augenblick durch 
den Sinn ging. Die von dem Prinzen gestell- 
ten Fragen bestärkten ihn noch in dieser Mei- 
nung, und er zweifelte nicht mehr daran, dass 
Monsieur de Nemours seine Frau dort aufzu- 
suchen beabsichtige. Und er täuschte sich in 
dieser Annahine nicht. Dies Vorhaben be- 
schäftigte Monsieur de Nemours so lebhaft, 
dass er, nachdem er die ganze Nacht über 
dessen Ausführung nachgedacht hatte, sich 
bereits am folgenden Morgen Urlaub vom 
Könige erwirkte, um unter einem Vorwande 
nach Paris zu reisen. 

>230< 



Monsieur de Cleve war durchaus nicht im 
unklaren über den Zweck dieser Reise und 
wollte sich über die Aufführung seiner Frau 
aufklären, um nicht länger in einer so grau- 
samen Ungewissheit verharren zu müssen. Er 
hatte Lust zur selben Zeit wie Monsieur de Ne- 
mours zu reisen, um selber heimlich dorthin 
kommend zu erfahren, welchen Erfolg diese 
Reise haben würde; er fürchtete aber, sein 
Fortgehen könne Befremd ung erregen und 
der davon unterrichtete Monsieur de Nemours 
andere Massnahmen treffen, und beschloss 
daher, sich einem Edelmanne anzuvertrauen, 
der in seinem Dienste stand und dessen Treue 
und Klugheit er erprobt hatte. Er erzählte 
ihm seine Aufregung, sagte ihm, dass er 
bislang an Madame de Cleves Tugend ge- 
glaubt habe, und befahl ihm, Monsieur de 
Nemours auf deui Fusse zu folgen, ihn 
genau im Auge zu behalten und aufzuachten, 
ob er nach Colomiers und dort zur Nachtzeit 
in den Garten ginge. 

Der Edelmann war sehr geschicktzu solchen 
Aufträgen und entledigte sich dieses mit aller 
nur erdenklichen Aufmerksamkeit. Er folgte 
Monsieur de Nemours bis in ein Dorf, eine 
halbe Meile von Colomiers, wo der Prinz Rast 
machte, und merkte bald heraus, dass dieser 
hier die Nacht abwarten wollte. Und wagte 
es nicht, sie auch hier zu erwarten, sondern 

>231< 



liess das Dorf hinter sich und begab sieh an 
einen Platz in dem Walde, wo seiner Meinung 
nach der Prinz vorbeikommen musste; er 
fand all seine Mutmassungen bestätigt. So- 
bald die Nacht hereingebrochen war, hörte 
er Schritte, vuid obwohl es dunkel war, er- 
kannte er doch unschwer Monsieur de Ne- 
mours, und sah, wie er den Garten nach allen 
Seiten hin umschritt, um zu horchen, ob er 
nicht jemanden darinnen vernähme, und um 
die Stelle zu suchen, wo er am leichtesten hin- 
einkommen könnte. Der Zaun war sehr hoch 
und doppelt, um einEindringen zu verhindern , 
so dass es ziemlich schwierig war hinüberzu- 
steigen. Dennoch kam Monsieur de Nemours 
zum Ziel. Sobald er im Garten war, konnte 
er mühelos auskundschaften, wo Madame de 
Cleve weilte; er sah sehr viel Lichter in dem 
Gemache des Pavillons, alle Fenster waren 
geöffnet, und dem Zaune entlang schleichend 
näherte er sich ihr in einer Verwirrung, die 
man leicht ermessen kann. Er stellte sich 
hinter eines der Fenster, die gleichzeitig als 
Türe dienten, um Madame de Cleves Tun zu 
beobachten. Und sah, dass sie allein und von 
so berauschender Schönheit war, dass er kaum 
dem Entzücken, in welches ihn dieser Anblick 
versetzte, gebieten konnte. Es war warm und 
sie trug Kopf und Hals unbedeckt, ihre Haare 
waren nur lässig geordnet. Sie sass auf einem 

>232< 



Ruhebette und ein Tisch stand vor ihr, auf 
dem mehrere Körbe voll Bänder Avaren, von 
welchen sie einige aussuchte; und Monsieur 
de Nemours bemerkte, dass sie von der glei- 
chen Farbe waren, die er beim Turnier ge- 
tragen hatte, und sah, dass sie Schleifen für 
ein sehr ausserge wohn liebes indisches Blu- 
menrohr daraus machte, Avie er einige Zeit 
über eines getragen und dann seiner Schwester 
geschenkt hatte, von der es sich Madame de 
Cleve ausbat, ohne scheinbar zu wissen, dass 
es einst Monsieur de Nemours gehörte. Nach- 
dem sie ihre Arbeit mit einer Anmut und 
Lieblichkeit beschickt hatte, welche ihrem 
Antlitz die Gefühle ihres Herzens aufdrück- 
ten, nahm sie einen hohen Leuchter und trat 
auf einen Tisch zu, der dem Gemälde der Be- 
lagerung von Metz, auf dem auch Monsieur 
de Nemours abgebildet war, gegenüberstand; 
und nahm Platz und begann das Bild mit 
einer Aufmerksamkeit und einer Nachdenk- 
lichkeit zu betrachten, die nur die Liebe be- 
wirken kann. 

Es lässt sich denken, was Monsieur de Ne- 
mours in diesem Augenblick fühlte! Inmitten 
der Nacht, am schönsten Orte der Welt eine 
Frau zu erblicken, welche er anbetete, sie zu 
sehen, ohne dass sie wusste, dass er sie sah, 
und sie mit Dingen ganz beschäftigt zu sehen, 
die ihn und die vor ihm verborgene Liebe 

>233< 



an{jingen, solche Seligkeit hat niemals ein 
anderer Liehliaber ausgekostet noch ersonnen. 

Der Prinz war dermassen ausser sich, dass 
er unbeweglich stehen blieb, um Madame de 
Cleve anzuschauen, ohne daran zu denken, 
dass die Augenblicke kostbar für ihn waren. 
Als er ein wenig zu sich kam, glaubte er mit 
einer Unterredung mit ihr warten zu müssen, 
bis sie in den Garten ginge; auch wähnte er 
dann mehr Sicherheit zu haben, da sie dort 
noch weiter von ihren Flauen entfernt war. 
Als er aber sah, dass sie in dem Gemache blieb, 
nahm er sich vor hineinzugehen. Doch welch 
eine Verwirrung überkam ihn, als er es aus- 
führen wollte! Welche Furcht, ihr missfallen 
zu können, welche Angst, dies Antlitz, auf 
dem soviel Anmut lag, verändert und voll 
Strenge und Zorn zu sehen! 

Erhielt sein Kommen, um Madame de Cleve 
zu sehen, ohne gesehen zu werden, für Wahn- 
sinn. Als er daran dachte, sich zu zeigen, kam 
ihm alles, was er noch nicht erwogen hatte, in 
den Sinn . Eine Dame, der er noch nie von seiner 
Liebe gesprochen hatte, inmitten der ISacht 
überraschen zu wollen, schien ihm ebenso 
kühn wie töricht zu sein. Und meinte, er 
dürfe nicht verlangen, dass sie ihn anhöre, 
dass sie auch einen gerechten Zorn auf ihn 
haben würde um der Gefahr willen, der er 
sie durch die Zwischenfälle, welche eintreten 

>234< 



konnten, aussetzte. All sein Mut verliess ihn 
und er war mehrere Male willens fortzu- 
schleichen, ohne sich sehen zu lassen. Den- 
noch ging er einige Schritte vor; das Ver- 
langen, sie zu sehen, trieb ihn au, und die 
Hoffnungen, die alles Geschehene in ihm er- 
weckten, machten ihn zuversichtlich. Doch 
war er so ver%virrt, dass sich seine Schärpe 
am Fenster vernestelte, wodurch er ein Ge- 
räusch verursachte. Madame de Cleve wen- 
dete den Kopf, und mochte er nun an einem 
Orte stehen, wo es hell genug war, um ihn er- 
kennen zu können, sie glaubte ihn zu er- 
kennen und ging ohne sich einen Augen- 
biick zu besinnen oder nach der Seite zu 
blicken, wo er stand, in das Nebengemach zu 
ihren Fi-auen. Sie beti'at es in solcher Er- 
regung, dass sie, um sie zu verbergen, ein Un- 
wohlsein vorschützen musste ; auch tat sie dies, 
um alle Leute zu beschäftigen, damit Mon- 
sieur de Nemours sich zu entfernen Zeit ge- 
wönne. Als sie ein wenig nachdachte, glaubte 
sie an eine Täuschung ihrer Sinne und hielt 
es für Einbildung, Monsieur de Nemours ge- 
sehen zu haben. Sie wusste ihn in Chambort 
und fand es unwahrscheinlich, dass er et- 
was so Wagehalsiges unternähme; und hatte 
mehrere Male Lust, wieder in das Gemacb 
zurückzukehren und im Garten nachzusehen, 
ob jemand in ihm versteckt sei. Vielleicht 

>235< 



wünschte sie ebensosehr wie sie fürchtete, 
Monsieur de Nemours dort anzutreffen. Aber 
schhesslich siejjten Vernunft und Klugheit 
über alle anderen Gefühle, und sie hielt es 
lür besser, in ihrem Zweifel zu verharren, als 
sich der Gefahr auszusetzen. Gewissheit dar- 
über zu erlangen. Sie bedurfte langer Zeit zu 
dem Entschlüsse, einen Ort zu verlassen, wo 
ihrer Meinung nach der Prinz noch weilen 
musste, und es war fast Tag, als sie ins Schloss 
zurückkehrte. 

Monsieur de Nemours war, solange er Licht 
sah, im Garten geblieben und hatte die Hoff- 
nung nicht aufgeben können, Madame de 
Cleve wiederzusehen, wiewohl er überzeugt 
war, dass sie ihn erkannt hätte und nur um 
ihn zu meiden fortgegangen wäre. Als er dann 
sah, wie man die Türen schloss, ward ihm 
klar, dass er nichts mehr zu hoffen hatte. Er 
holte sein Pferd, welches nahe bei dem Orte 
stand, wo sich der Edelmann verbarg, um 
Monsieur de Nemours zu belauern. Der Edel- 
mann folgte ihm nach demselben Orte, von 
wo er des Abends aufgebrochen war. Mon- 
sieur de Nemours beschloss, hier den ganzen 
Tag zu verbringen, um in der Nacht nach 
Colomiers zurückzukehren und zu sehen, ob 
Madame de Cleve noch so grausam sein wür- 
de ihn zu fliehen imd sich seinen Blicken 
nicht auszusetzen. Obwohl er eine herzhafte 

>236< 



Freude darüber empfand, sie so erfüllt von 
den Gedanken an ihn gesehen zu haben, war 
er doch sehr betrübt, dass sie dem so na- 
türhchen Triebe, ihn zu fhehen, nachgegeben 
hatte. 

Niemals gab es eine zartere und heftigere 
Liebe als die des Prinzen damals. Er ging 
längs des mit Weiden umstandenen Baches, 
welcher hinter dem Hause floss, wo er sich 
verbarg. Und entfernte sich so weit wie mög- 
lich, um weder gesehen noch gehört zu wer- 
den, und gab sich dem Überschwange seiner 
Liebe hin, und sie bewegte sein Herz so sehr, 
dass Sie ihm Tränen abzwang; doch waren 
es nicht Tränen, die der Schmerz rinnen 
lässt, es waren jene süssen Freudentränen, 
die nur die Liebe kennt. 

Er liessalle Handlungen Madame deCleves, 
seit er in sie verliebt Avar, an sich vorüber- 
ziehen : welch ehrbare und bescheidene Stren- 
ge hatte sie stets ihm gegenüber walten las- 
sen, obwohl sie ihn liebte. „Denn nun liebt 
sie mich," rief er aus, „sie liebt mich, ich darf 
nicht mehr daran zweifeln; die süssesten Be- 
schwörungen und die höchsten Gunstbezeu- 
gungen sind keine so sicheren Beweise als die 
mir gegebenen. Indessen werde ich mit dersel- 
ben Strenge behandelt, wie wenn ich gehasst 
würde; ich hoffte auf die Zeit, ich darf nichts 
mehr von ihr erhoffen ; ich sehe sie stets in 

>237< 



gleicher Weise sich vor mir und vor sich 
selber verteidigen. Wenn ich nicht geliebt 
wäre, würde ich zu gefallen suchen, aber ich 
gefalle, man liebt mich und verbirgt es mir. 
Was kann ich deim hoffen, und welchen 
Wechsel in meinem Geschick darf ich erwar- 
ten ? Wie, ich werde von der liebenswertesten 
Frau der Welt geliebt, und soll dieses 
Übermass von Liebe, welches die erste Gewiss- 
heit des Geliebtseins erregt, nur empfinden, 
mn desto tiefer den Schmerz der üblen Be- 
handlung zu fühlen? Lassen Sie es mich wis 
sen, schöne Prinzessin, dass Sie mich lieben," 
rief er aus, „lassen Sie mich Ihre Gefühle 
sehen ! Wenn Sie mir einmal in meinem Leben 
von Ihnen eingestanden werden, willige ich 
darein, dass Sie für innner wieder die Härte 
aufnehmen, mit der Sie mich zu Boden schmet- 
tern ! Blicken Sie mich wenigstens mit den- 
selben Augen an, mit welchen ich Sie heute 
Nacht mein Bild betrachten sah. Können Sie 
es mit so viel Zärtlichkeit anblicken und mich 
selbst so grausam fliehen? Was fürchten Sie? 
Warum ist Ihnen meine Liebe so schreck- 
lich ? Sie lieben mich und verbergen es mir ver- 
gebens. Sie selber haben es mir durch unfrei- 
willige Zeichen eingestanden. Ich kenne mein 
Glück, lassen Sie mich mich seiner erfreuen, 
und stehen Sie davon ab mich unglücklich 
zu machen! Ist es möglich," fuhr er fort, 

>238< 



„dass ich von Madame de Cleve geliebt werde 
und doch unglücklich bin? Wie schön war 
sie diese Nacht! Wie habe ich dem Drange, 
mich ihr zu Füssen zu werfen, widerstehen 
können ? W enn ich es getan, hätte ich sie viel- 
leicht an ihrer Flucht vor mir gehindert, 
meine Ehrerbietung hätte sie sicher gemacht; 
doch vielleicht hat sie mich nicht ei'kannt, 
ich quäle mich mehr als billig ist; der iVnblick 
eines Menschen zu solch ungewöhnlicher 
Stunde hat sie erschreckt!" 

Diese selben Gedanken beschäftigten Mon- 
sieur de Nemours den ganzen Tag über; vol- 
ler Ungeduld erwartete er die Nacht, und 
als sie hereingebrochen war, schlug er wieder 
den Weg nach Colomiers ein. Monsieur de 
Cleves Edelmann hatte sich, um weniger auf- 
zufallen, verkleidet und folgte ihm bis nach 
dem Platz, wohin er ihm am vorigen Abend 
nachgegangen war, vind sah ihn wiederum in 
den Garten gehen. Der Prinz merkte sehr bald, 
dass Madame de Cleve nicht gewillt gewesen 
war, sich seinem abermaligen Versuche, sie 
zu sehen, auszusetzen: alle Türen waren ver- 
schlossen. Er umging das Gartenhaus auf al- 
len Seiten, um zu sehen, ob er keine Lichter 
darin erblickte, aber es war nutzlos. 

Madame de Cleve hatte sich gedacht, dass 
Monsieur de Nemours wiederkommen könnte, 
und war in ihrem Gemache geblieben; sie 

>239< 



fühlte, dass sie nicht iininer die Kraft, ihn zu 
fliehen, haben würde, auch wolltesiesich nicht 
dem Zufall aussetzen, mit ihm in einer Weise 
zu sprechen, die so wenijj dem Benehmen ent- 
sprach, das sie bislang gezeifft hatte. 

Wiewohl Monsieur de Nemours auch keine 
Aussicht, sie zu sehen, hatte, konnte er sich 
doch nicht aufraffen, einen Ort so bald zu ver- 
lassen, wo sie so oft weilte. Und verbrachte 
die ganze Nacht in dem Garten und tröstete 
sich ein geringes damit, wenigstens dieGegen- 
stände zu sehen, auf welchen alle Tage ihr 
Auge ruhte. Die Sonne war schon aufge- 
gangen, ehe er an einen Rückzug dachte, doch 
endlich zwang ihn die Besorgnis, entdeckt zu 
werden, fortzugehen. 

Aber ganz unmöglich war es ihin sich zu 
entfernen, ohne Madame de Cleve gesehen zu 
haben ; und er ging zu Madame de Mercoeur, 
welche damals auf ihrem Besitze nahe bei Co- 
lomiers weilte. Die war ausserordentlich über- 
rascht, als sie ihren Bruder ankommen sah. 
Er erfand einen ziemlich wahrscheinlichen 
Reisegrund, um sie zu täuschen; und schliess- 
lich fädelte er seinen Plan so gut ein, dass er 
sie nötigte, ihm von selber einen Besuch bei 
Madame de Cleve vorzuschlagen. Noch sel- 
bigen Tags ward der Plan ausgeführt; Mon- 
sieur de Nemours erklärte seiner Schwester 
aber, er würde sich in Colomiers von ihr ver- 

>240< 



abschieden, da er Weiterreisen und den König 
in aller Eile aufsuchen müsse. Und plante, 
sich in Colomiers von ihr zu trennen, in dem 
Gedanken, sie als erste aufbrechen zu lassen; 
so glaubte er denn ein unfehlbares Mittel ge- 
funden zu haben, Madame de Cleve sprechen 
zu können. 

Als sie dort ankamen, lustwandelte diese 
gerade in einer der Alleen, welche den Pa- 
villon umzogen. Monsieur de Nemours An- 
blick verursachte ihr keine geringe Verwir- 
rung und nahm ihr den Zweifel, ob sie ihn 
in der vorhergehenden Nacht tatsächlich ge- 
sehen habe. Die Gewissheit versetzte sie in 
eine zornige Aufwallung, da ihr sein Unter- 
fangen allzu kühn und unvorsichtig zu sein 
deuchte. Der Prinz bemerkte einen Ausdruck 
von Kälteauf ihrem A ntlitz, die ihm einen fühl- 
baren Schmerz bereitete. Die Unterhaltung 
drehte sich um gleichgültige Dinge; nichtsdes- 
toweniger fand er Mittel und Wege,so viel Geist 
vor Madame de Cleve und soviel Wohlgefal- 
len und Bewunderung für sie zu zeigen, dass 
er wider ihren Willen die Kälte, welche sie ihn 
anfangs fühlen liess, teilweise verscheuchte. 

Als er seiner anfänglichen Befangenheit 
Herr geworden war, liess er eine lebhafte 
Neugier, den Waldpavillon zu besichtigen, 
durchblicken; er sprach von ihm, wie von 
dem angenehmsten Orte der Welt und be- 

Pr. C. i6 >241< 



schrieb ihn so ausführhch, dass Madame de 
Mercoeur äusserte, er müsse ihn schon ver- 
schiedene Male besucht halben, da er alle 
seine Schönheiten so genau kenne. „ Ich glaube 
dennoch nicht, " entgegnete Madame de Cleve, 
„dass Monsieur de Nemours ihn jemals be- 
treten hat; er ist erst vor kurzem vollendet'.' 
„Es ist auch nicht lange her, dass ich ihn 
betrat," erwiderte Monsieur de Nemours, in- 
dem er sie ansah, „und ich weiss nicht, ob 
ich froh darüber sein soll, dass Sie vergassen, 
mich dort gesehen zu haben!" Madame de 
Mercoeur bewunderte den lieblichen Garten 
und gab nicht acht auf ihres Bruders Worte. 
Madame de Cleve wurde rot und schlug die 
Augen nieder, ohne Monsieur de Nemours 
anzublicken: „Ich erinnere mich nicht," sagte 
sie darwider, „Sie dort gesehen zu haben, 
und wenn Sie dort waren, geschah es, ohne 
dass ich darum wusste!" „Es ist wahr, Ma- 
dame, ich war ohne Ihren Willen da und 
habe dort die süssesten und grausamsten Au- 
genblicke meines Lebens verbracht!" 

Madame de Cleve hörte nur zu gut alle 
Worte des Prinzen, doch sie erwiderte nichts ; 
sie sann nach, wie sie verhindern könnte, dass 
Madame de Mercoeur in das Lusthaus ginge, 
weil dort Monsieur de Nemours Bild war und 
sie nicht wollte, dass sie es sähe. Und richtete 
es so wohl ein, dass die Zeit unmerklich ver- 

>242< 



strich und Madame de Mercoeur vom Fort- 
gehen sprach. Als Madame de Cleve nun merk- 
te, dass Monsieur de Nemours und seine 
Schwester nicht zusammen fortgingen, fühlte 
sie nur allzugut, wem sie sich jetzt aussetzte, 
und die gleiche Verwirrung wie in Paris kam 
üher sie und sie schlug auch den gleichen 
Ausweg ein. Die Furcht, dieser Besuch könn- 
te ihren Gatten in seinem Argwohn bestär- 
ken, trug nicht wenig zu seiner Ausführung 
bei. Um es zu vermeiden, dass Monsieur de 
Nemours allein bei ihr bliebe, erklärte sie, Ma- 
dame de Mercoeur bis an den Waldesrand 
begleiten zu wollen, und befahl, dass ihr 
ihr Wagen nachfolgen sollte. Des Prinzen 
Schmerz, immer mit gleicher Härte von Ma- 
dame de Cleve behandelt zu werden, war so 
heftig, dass er im selben Augenblicke blass 
wurde. Madame de Mercoeur fragte ihn, ob 
ihm übel sei, doch er sah Madame de Cleve 
an, ohne dass jemand darum merkte, und liess 
sie durch seine Blicke fühlen, dass ihn kein 
anderes Übel als seine Verzweiflung quäle. In- 
dessen musste er sie verlassen, da er ihnen 
nicht zu folgen wagte ; nach allem, was er seiner 
Schwester gesagt hatte, konnte er nicht gut zu 
ihr zurückkehren, er reiste also nach Paris ab, 
und verliess es folgenden Tages wieder. 

Monsieur de Cleves Edelmann hatte ihn 
stets im Auge behalten; auch er reiste nach 

i6* >243< 



Paris; und als er sah, dass Monsieur de Ne- 
mours nach Chanil>ort aufbrach, ritt er eihgst 
zu, um vor ihm anzukommen und Bericht 
über seine Reise alizulegen. Sein Herr erwar- 
tete seine Rückkunft wie einer, dessen Tje- 
bensglück sich entscheidet. 

Sowie er ihn sah, erriet er an seinem (»e- 
sichtsausdruck und an seinem Schweigen, 
dass er ihm Trostloses mitzuteilen habe. Er 
verharrte einige Zeit vom Kummer über- 
wältigt gebeugten Hauptes, ohne sprechen 
zu können; endlich gab er ihm ein Zeichen 
mit der Hand, sich zurückzuziehen: „Gehen 
Sie," sprach er, „ich sehe, was Sie mir zu 
sagen haben; doch ich habe noch nicht die 
Kraft es anzuhören!" „Ich habe Ihnen nichts 
mitzuteilen," erwiderte der Edelmann, „wo- 
nach man ein sicheres Urteil fällen könnte. 
Wahr ist es, dass Monsieur de Nemours in 
zwei aufeinanderfolgenden Nächten in den 
Garten am Walde eingetreten und am fol- 
genden Tage mit Madame de Mejcoeur in 
Colomiers gewesen ist!" „Es genügt," ent- 
gegnete Monsieur de Cleve, „es genügt," in- 
dem er noch einmal ein Zeichen fortzugehen 
gab, „ich bedarf keiner weiteren Aufklä- 
rung!" Der FMelmann sah sieh genötigt, sei- 
nen Gebieter der Verzweifhmg zu überlas- 
sen; es gab vielleicht niemals eine heftige- 
re und wenige Menschen von ebenso edlem 

>244< 



Geinüte und ebenso leidenschaftlichem Her- 
zen wie Herr von Cleve haben zu gleicher 
Zeit den Schmerz über die Untreue einer Ge- 
liebten und die Scham, von der Gattin be- 
trogen zu sein, empfunden. 

Monsieur de Cleve vermochte seinem Über- 
mass an Schmerzen nicht zu gebieten. Ein 
Fieber ergriff ihn in selbiger Nacht, und zwar 
mit solch grosser Wut, dass seine Ki'ankheit 
vom ersten Augenblick an sehr gefährlich 
erschien. Man benachrichtigte Madame de 
Cleve, sie kam in aller Schnelligkeit. Als sie 
anlangte, fühlte er sich noch schlechter, sie 
fand ihn so kalt und so verwandelt ihr gegen- 
iiber, dass es sie ausserordentlich überraschte 
und betrübte. Es kam ihr sogar vor, als ob 
es ihn schmerzte, die Dienste, die sie ihm lei- 
stete, anzunehmen, schliesslich aber vermu- 
tete sie, es wäre das eine Folge seiner Krank- 
heit. 

Als sie zu Anbeginn in Blois war, wo sich 
der Hof damals aufhielt, konnte Monsieur de 
Nemours nicht umhin mit F^reude daran 
zu denken, dass sie am gleichen Orte wie er 
weilte. Er versuchte sie zu sehen und ging 
jeden Tag zu Monsieur de Cleve unter dem 
Vorwande, sich nach seinem Befinden erkun- 
digen zu wollen; doch er sah sie nicht. Sie 
kam nicht aus ihres Gatten Gemach heraus 
und trug einen grimmen Schmerz um den 

>245< 



Zustand, in dem sie ihn sah. Monsieur de Ne- 
mours war verzweifek, sie so nieder{>ebeu{jt 
zu wissen, er fühke nur zu deuthch, wie sehr 
dieser Kummer ihre Freundschaft für Mon- 
sieur de Cleve ei'neuerte und welch eine {ge- 
fährliche Ablenkung diese Freundschaft für 
die Leidenschaft war, die sie im Herzen trug. 
Dieser Gedanke bereitete ihm einige Zeitlang 
eine tödliche Qual; aber die Verschlimme- 
rung von Monsieur de Gleves Leiden eröff- 
nete ihm neue Hofftiungen. Er sah, dass Ma- 
dame de Cleve vielleicht frei sein würde, um 
ihrer Liebe zu folgen, und dass er in Zukunft 
ein immerwährendes Glück und eine dauern- 
de Seligkeit erlangen könnte. Er vermochte 
diesen Gedanken kaum zu ertragen, soviel 
Verwirrung und Freude schuf er ihm; und 
er zog seine Gedanken aus Angst von ihm ab, 
sich allzu unglücklich zu sehen, wenn diese 
Hoffnungen nicht zuträfen. 

Indessen ward Monsieur de Cleve von allen 
Ärzten aufgegeben. An einem der letzten Tage 
seines Leidens nach einer sehr qualvollen 
Nacht sagte er des Morgens, dass er ausruhen 
wolle. 

Madame de Cleve blieb allein in seinem 
(yemach; es kam ihr vor, als ob er viel zu 
unruhig sei, um ausruhen zu können. Sie 
näherte sich ihm und liess sich mit tränen- 
überströmtem xAntlitz vor seinem Lager auf 

>246< 



die Knie nieder. Monsieur de Cleve hatte sich 
entschlossen, ihr den heftigen Kummer, den 
er um ihretwillen trug, nicht mehr zu er- 
kennen zu geben; die Sorgfalt aber, die sie 
ihm widmete, ihre Trauer, die ihm manch- 
mal wahr erschien und die er manchmal für 
Zeichen der Heuchelei und der Treulosigkeit 
hielt, erweckten so widerstrebende und so 
schmerzliche Gefühle in ihm, dass er sie nicht 
mehr in sich verschliessen konnte. 

„Sie vergiessen da Tränen, Madame," 
sprach er zu ihr, „um eines Todes willen, 
den Sie bewirkten und der Ihnen nicht den 
Schmerz zufügen kann, welchen Sie zeigen. 
Ich bin nicht mehr fähig, Ihnen V^orwürfe 
zu machen," fuhr er mit einer durch Krank- 
heit und Schmerz gleicherweise geschwäch- 
ten Stimme fort, „doch sterbe ich des grau- 
samen Kummers halber, welchen Sie mir be- 
reiteten. Musste denn eine so ungewöhnliche 
Handlung wie Ihr Geständnis in Colomiers 
solche Folgen tragen? Warum klärten Sie 
mich über ihre Neigung auf, wenn Ihre Tu- 
gend nicht genug Widerstandskraft besass? 
Ich liebte Sie so sehr, dass ich es wahrlich zu- 
frieden war, getäuscht zu werden, zu meiner 
Schande gestehe ich das ein; ich habe den 
Verlust der falschen Ruhe, um die Sie mich 
brachten, bedauert. Warum liessen Sie mich 
nicht in jener blinden Ruhe, deren sich so 

>247< 



A'iele Ehemänner erfreuen? Ich hatte viel- 
leicht all meine Lebtage nicht gemerkt, dass 
Sie Monsieur de Nemours liebten. Ich werde 
sterben," fuhr er fort, „aber, weiss Gott, Sie 
machen mir das Sterben leicht, nachdem Sie 
mir die Achtung und die Zärtlichkeit nah- 
men, die ich für Sie empfand; das Leben 
würde mir nun grauenvoll sein. Wie ertrüge 
ich das Dasein," sprach er weiter, „wenn ich 
es mit einer Frau zubringen sollte, die ich 
zu sehr liebte und von der ich so grausam 
betrogen wurde, oder wenn ich getrennt von 
ihr leben sollte und es zum Bruch und zu 
Gewalttätigkeiten käme, die meinem Gemüte 
und meiner Leidenschaft für sie so zuwider 
sind? Die war noch viel grösser, als Sie es 
ahnten, Madame; ich habe sie fast ganz vor 
Ihnen verborgen, da ich fürchtete, Ihnen 
mit ihr lästig zu fallen oder in Ihrer Achtung 
durch Ausbrüche zu sinken, die einem Gat- 
ten nicht zukommen; kurz, ich war Ihres Her- 
zens würdig. Nochmals: ich sterbe ohne Be- 
dauern, da ich Ihr Herz nicht gewinnen konnte 
und da ich dies nun auch nicht mehr wünschen 
kann. Leben Sie wohl, Madame, eines Tages 
werden Sie den Mann bedauern, der Sie mit 
wahrer und rechtmässiger Leidenschaft lieb- 
te. Sie werden den Kummer fühlen, den an- 
ständige Menschen bei allen Liebesverhält- 
nissen empfinden, und Sie werden merken, 

)248< 



Avelcher Unterschied darin besteht, gehebt 
zu werden, wie ich Sie hebte, oder von den 
Alannern, welche Ihnen Liebe beweisend 
nur ihre Ehre darin suchen, Sie zu verfüh- 
ren. Doch mein Tod wird ihnen die Freiheit 
jjeben," fügte er hinzu, „und Sie können 
Monsieur de Nemours glückhch machen, 
ohne dass Sie Sünde darum begehen. Was 
liegt daran, was nach meinem Ende eintrifft, 
ich will nicht so schwach sein und mein Au- 
genmerk daraufrichten!" 

Madame de Cleve dachte nicht im entfern- 
festen daran, dass ihr Gatte Verdacht auf sie 
haben könnte, und hörte all seine Worte an, 
ohne sie recht zu verstehen und ohne sich 
etwas anderes dabei zu denken, als dass er ihr 
ihre Liebe zu Monsieur de Nemours vorwürfe; 
endlich fiel mit einem Male der Schleier von 
ihren Augen: „Ich mich vergehn?" schrie sie 
auf, „selbst der Gedanke daran ist mir un- 
bekannt. Die strengste Tugend kann zu kei- 
nem anderen Benehmen begeistern, wie ich 
es zeigte; niemals habe ich eine Handlung 
begangen, bei der ich Ihre Zeugenschaft nicht 
hätte wünschen können!" „Hätten Sie ge- 
wünscht," entgegnete Monsieur de Cleve, 
indem er sie mit verächtlichem Blicke mass, 
„dass ich in den Nächten zugegen gewesen 
wäre, die Sie mit Monsieur de Nemours ver- 
brachten? Ach, Madame, spreche ich von 

>249< 



Ihnen, wenn ich von einer Frau rede, die 
ihre Nächte mit einem Liebhaher zuhringt?" 
„Nein, Monsieur," entjjegnete sie, „nein, Sie 
sprechen nicht von mir. Ich habe weder 
Nachte noch AugenbHcke mit Monsieur de 
Nemours vei-bracht. Er hat mich niemals 
allein gesehen, ich habe ihn niemals geduldet, 

noch angehört, ich würde alle Eide " 

„Sprechen Sie nicht weiter," unterbrach sie 
Monsieur de Cleve, „falsche Eide oder ein 
Geständnis würden mir etwa gleiche Not be- 
reiten!" Madame de Cleve vermochte nicht 
zu antworten, Tränen und Gram hinderten 
sie am Sprechen; doch sich schliesslich zu- 
sammenraffend rief sie: „Sehen Sie mich 
wenigstens an, hören Sie mir zu: wenn es 
nur zu meinem Nutzen wäre, wollte ich diese 
Vorwürfe dulden, aber es handelt sich um 
Ihr licben. Hören Sie mich aus Liebe zu sich 
selber an; es ist doch undenkbar, dass Sie so- 
viel Wahrheit nicht von meiner Unschuld 
überzeugen muss!" „Möchte es Gott gefallen, 
dass Sie mich überzeugen könnten," schrie 
er auf, „aber was können Sie mir sagen? Ist 
Monsieur de Nemours nicht mit seiner Schwe- 
ster in Colomiers gewesen? Und hat er die 
beiden vorhergehenden Nächte nicht mit 
Ihnen im Garten am Walde verbracht?" 
„Wenn das meine Sünde ist," entgegnete sie, 
„kann ich mich leicht rechtfertigen. Ich bitte 

>250< 



Sie nicht, mir zu glauben, doch glauben Sie 
Ihrer Dienerschaft und fragen Sie die, ob icli 
in den Garten am Walde ging, als ^lonsieur 
de Nemours nach Colomiers kam, und ob ich 
den Pavillon am vorhergehenden Abend nicht 
zwei Stunden vor der üblichen Zeit verliess ! " 
Sie erzählte ihm dann, dass sie jemanden im 
Garten vermutet hätte, und gestand ihm, sie 
habe geglaubt, es sei Monsieur de Nemours. 
Sie sprach zu ihm mit solcher Zuversicht, 
und die Wahrheit setzt sich selbst dann so 
leicht durch, wenn sie nicht sehr wahrschein- 
lich klingt, dass Monsieur de Cleve ihrer Un- 
schuld beinahe Glauben beimass. „Ich weiss 
nicht," entgegnete er, „ob ich Ihnen Glau- 
ben schenken darf. Ich fühle mich dem Tode 
so nahe, dass ich nichts sehen möchte, was 
mich das Leben vermissen lassen hönnte, Sie 
haben mich zu spät aufgeklärt; doch wird es 
mir eine Erleichterung sein den Gedanken 
davonzutragen, dass Sie der Achtung, wel- 
che ich Ihnen bezeugte, wih'dig sind. Auf dass 
ich noch den vollen Glauben haben kann, 
dass Ihnen mein Andenken teuer sein wird, 
und dass Sie, hätte es von Ihnen abgehan- 
gen, für mich dieselben Gefühle gehegt ha- 
ben würden, wie für einen anderen, bitte ich 
Sie ..." Er wollte fortfahren, doch ein 
Schwächeanfall raubte ihm die Sprache. Ma- 
dame de Cleve rief die Arzte herbei, sie fen- 

>251< 



den ihn fast ohne Lehen. Dennoch la{> er noch 
einige Tage fast hewusstlos da und starh end- 
lich mit bewundernswerter Festigkeit. 

Madame de Cleve verharrte in einem so hef- 
tigen Kummer, dass sie beinahe den Verstand 
verlor. Die Königin suchte sie voller Besorgnis 
auf und geleitete sie in ein Kloster, ohne dass 
MadamedeClevewusste, wohin man sie führ- 
te. Ihre Schwagerinnen holten sie nach Paris 
zurück, wie sie noch nicht fähig war ihren 
Schmerz deutlich zu fühlen. Als ihr die Kraft 
kam ihm ins Angesicht zu blicken, und als 
sie sah, welch einen Gatten sie verloren, und 
auch bedachte, dass sie seines Todes Ursach 
war, und dass sie ihn mit ihrer Liebe zu einem 
anderen verschvddet hatte, überkam sie ein 
unsäglicher Abscheu vor sich selber und vor 
Monsieur de Nemours. 

Der Prinz wagte ihr anfänglich keine an- 
dere Sorgfalt zu widmen, wie die, welche ihm 
die Wohlanständigkeit erlaubte. Er kannte 
Madame de Cleve hinreichend und wusste, 
dass ihr ein grosser Eifer unangenehm sein 
würde. Doch die Erfahrungen, die er jetzt 
machte, Hessen ihn deutlich sehen, dass er 
lange Zeit über das gleiche Benehmen zeigen 
müsse. 

Seiner Knappen einer erzählte ihm näm- 
lich, dass ihm Monsieur de Cleves Edelmann, 
welcher sein Freund war, in seinem Schmerz 

>252< 



um den veiloieuen Gebieter erzählt habe, 
dass dessen Todesursach Monsieur de Ne- 
mours' Reisenach Colomiers gewesen sei. Mon- 
sieur de Nemours war ausserordentlich be- 
stürzt über diese Nachricht, doch nachdem 
er sie erwogen hatte, erriet er einen Teil der 
Wahrheit; er vvusste genau, welche Gefühle 
Madame de Cleve anfangs hegen, und wie 
sehr sie sich von ihm abwenden würde, wenn 
ihrer Meinung nach ihres Gatten Krankheit 
eine Folge der Eifersucht gewesen war. 
Er glaubte, er selber dürfe die Erinnerung 
an seinen Namen nicht allzu oft in ihr auf- 
kommen lassen, und handelte darnach, wel- 
che Qual es ihm auch bereiten mochte. 

Er unternahm eine Reise nach Paris und 
konnte es sich dennoch nicht versagen, sich 
an ihrer Türe nach ihrem Ergehen zu er- 
kundigen. Man erklärte ihm, sie empfinge nie- 
manden und hätte selbst verboten, dass man 
ihr Bericht darüber ablege, wer sie besuchen 
wolle. Vielleicht waren diese strengen Be- 
fehle in Anbetracht des Prinzen gegeben 
worden, um nicht von ihm reden zu hören. 
Monsieur de Nemours war zu verliebt, um 
gänzlich ohne Madame de Cleves Anblick 
leben zu können. Und beschloss Mittel zu 
finden, welche Schwierigkeiten sie auch ma- 
chen würden, einem Zustande zu entgehen, 
der ihm unerträglich zu sein dünkte. 

253 < 



Der Prinzessin Schmerz streifte die Grenzen 
<ler Vernunft. Der sterbende Gatte, der um 
ihretwillen und mit solcher Zärtlichkeit für 
sie {jestorben war, kam ihr nicht aus dem 
Sinn. Unaufhörlich dachte sie an alles, was sie 
ihm schuldi(; war, und rechnete es sich als 
Sünde an, ihm keine Liebe entgegenf^^ebracht 
zu haben, wie wenn das etwas, das in ihrem 
Machtbereiche gelegen, gewesen wäre. Und 
fand nur Trost in dem Gedanken, dass sie ihn 
ebenso beweinte, wie er beweint zu werden 
verdiente, und dass sie den Rest ihres Lebens 
nichts tun würde, womit er zu seinen Lebzei- 
ten nicht würde einverstanden gewesen sein. 

Auch hatte sie mehreremals daran gedacht, 
wie er Monsieur de Nemours Anwesenheit in 
Colomiers wohl könnte erfahren haben. Sie 
vermutete, der Prinz hätte es ihm selber er- 
zählt, und es schien ihr gleichgültig zu sein, 
dass er es wiedergesagt habe, so sehr hielt sie 
sich von der Leidenschaft, die sie für ihn 
empfunden hatte, geheilt und entfernt. Den- 
noch bereitete ihr der Gedanke, dass er ihres 
Gatten Tod verursacht habe, einen lebhaf- 
ten Schmerz, und sie erinnerte sich voll des 
Kummers der Furcht, welche Monsieur de 
Gleve bei seinem Tode ihr gegenüber ge- 
zeigt hatte, dass sie sich wieder verheiraten 
könnte. Doch alle diese Schmerzen waren 
mit dem über ihres Gatten Verlust innig 

>254< 



verknüpft und >>ie wähnle, keinen anderen 
zu spüren. 

Nach Verlauf mehrerer Monate hess ihr 
{jrausamer Gram nach und wandehe sich in 
eine stille Traurigkeit. Madame de Martigues 
unternahm eine Reise nach Paris, und sah 
sie während ihres dortigen Aufenthalts. Sie 
unterhielt sie vom Hofe und allem, was dort 
vor sich ging; und obwohl Madame de Cleve 
keinen Anteil daran zu nehmen schien, liess 
Madame de Martigues doch nicht davon ab, 
ihr zu ihrer Zerstreuung davon zu erzählen. 

Und gab ihr auch Nachrichten von dem 
Vizedom, von Monsieur de Guise und allen 
anderen, die sich durch ihren Rang oder ihre 
Verdienste hervortaten. „Was Monsieur de 
Nemours angeht," berichtete sie, „so weiss 
ich nicht, ob an Stelle der Galanterie andere 
Dinge sein Herz -beschäftigen ; doch hat er 
wohl weniger Freude, als er sonst zu haben 
pflegte, er scheint den verliebten Handel mit 
Fi'auen fast aufgegeben zu haben. Er unter- 
nimmt oft Reisen nach Paris, und ich glaube 
gar, dass er auch gegenwärtig hier ist ! " Mon- 
sier de Nemours' Name überraschte Madame 
de Cleve und liess sie erröten ; sie wechselte 
den Gesprächsstoff imd Madame de Martigues 
merkte nicht um ihre Verwirrung. 

Folgenden Tages gingdiePrinzessin,welche 
Beschäftigungen trieb, die ihrem Zustande 

)255< 



entsprachen, aus dem Hause, um einen Mann 
in ihrer iXachbarschaft aufzusuchen, welcher 
Seidenarbeiten besonderer Art herstellte; sie 
hatte die Absicht ähnliche selber zu arbeiten. 
Nachdem man sie ihr {gezeigt hatte, sah sie 
die Türe zu einem Gemach, in welchem sie 
ihrer noch mehr zu linden glaubte, und sagte, 
man solle sie öffnen. Der Meister antwortete, 
er habe keinen Schlüssel dazu, auch würde 
es von einem INIanne bewohnt, welcher einige 
Male des Tags über dorthin käme, um schöne 
Häuser und Gärten abzuzeichnen, die man 
dort vom Fenster aus erblicke. „Er ist der 
wohlgebildetste Mann der Welt, " fügte er 
hinzu, „und es hat nicht den Anschein, al> 
ob er darauf angewiesen wäre, seinen Le- 
bensunterhalt zu verdienen. Jedes Mal, wenn 
er darinnen ist, sehe ich ihn immer nur die 
Häuser und Gärten betrachten, aber niemals 
arbeiten ! " 

Mit grosser Aufmerksamkeithörte Madame 
de Gleve dieser Rede zu. Madame de Mar- 
tigues Worte, dass Monsieur de Nemours zu 
vielen Malen in Paris wäre, verknüpften sich 
in ihrer Einbildung mit dem wohlgestalteten 
Manne, der in ihre Nachbarschaft kam, und 
liessen sie an Monsieur de Nemours, der voll 
des Verlangens war, sie zu sehen, denken, 
welches ihr eine heftige Verwirrung bereitete, 
deren Ursach sie selber nicht kannte. Sie trat 

>256< 



an die Feuster, um zu sehen, wohinaus sie 
gingen, und merkte, dass man von ihnen 
aus ihren ganzen Garten und die Front 
ihres Hauses überschaute. Und als sie wie- 
der in ihrem Gemach war, entdeckte sie un- 
schwer dasselbe Fenster, an welches der Er- 
zählung nach jener Mann kam. Der Gedanke, 
Monsieur de Nemours könne es sein, verän- 
derte ihren Gemütszustand vollkommen; sie 
befand sich nicht mehr in einer gewissen 
traurigen Ruhe, sie fühlte sich unruhig imd 
aufgeregt. Schliesslich konnte sie nicht mehr 
für sich bleiben; sie ging aus und wandte 
sich, um frische Luft zu schöpfen, nach 
einem Garten vor den Vorstädten, wo sie 
allein zu sein wähnte. Bei ihrer Ankunft 
glaubte sie in ihrer Vermutung auch nicht 
fehlgegangen zu sein, sie fand scheinbar 
niemanden vor und lustwandelte dort ziem- 
lich lange. Nachdem sie durch ein kleines 
Gehölz gewandert war, bemerkte sie am Ende 
einer Allee, au der entlegensten Stelle des 
Gartens, eine Art Pavillon, welcher nach al- 
len Seiten hin offen war, und lenkte ihre 
Schritte dorthin. Als sie näher kam, bemerkte 
sie auf einer der Bänke einen Mann sitzen, 
der in eine tiefe Träumerei versunken zu sein 
schien, und sie sah, dass es Monsieur de Ne- 
mours war. Dieser Anblick liess sie ganz kurz 
verweilen. Doch ihre Leute, die ihr folgten, 

l'r.C. i; >257< 



machten einijjes Geräusch, welches Monsieur 
de Nemours der Träumerei entriss, ohne dass 
er jedoch acht darauf gab, wer das vernom- 
mene Geräusch verursacht habe. Er stand von 
seinem Platze auf, um der Gesellschaft, die 
auf ihn zukam, zu entgehen, und wendete 
sich in eine andere Allee, indem er eine tiefe 
Verbeugung machte, welche ihn auch die zu 
sehen verhinderte, welche er begrüsste. 

Mit welchem Entzücken würde er wohl 
umgekehrt sein, wenn er gewusst hätte, wem 
er aus dem Wege ging ! Aber er setzte seinen 
Weg die Allee entlang fort, und Madame de 
Cleve sah ihn durch eine Nebenpfortesich ent- 
fernen, vor der sein Wagen ihn erwartete. 
Welch einen Eindruck rief dieses unerwartete 
Wiedersehen nicht in Madame de Cleves 
Herzen hervor! Welch eine eingeschlafene 
Neigung entzündete sich aufs neue und mit 
welch einer Macht in ihrem Herzen! Sie 
setzte sich auf denselben Platz, den Monsieui- 
de Nemours eben verlassen hatte, und ver- 
harrte dort wie zu Boden geschmettert. Der 
Prinz stand ihr liebenswerter als alles auf 
der Welt vor Augen; er liebte sie seit langem 
mit ehrfurchtsvoller Leidenschaft und Treue, 
er verachtete alles um ihretwillen, war ehr- 
erbietig vor ihrem Schmerze und darauf be- 
dacht, sie zu sehen, ohne darauf zu sinnen, 
von ihr gesehen zu werden. Er verliess den 

>258< 



Hof, dessen Zierde er war, um die Mauern, 
welche sie einschlössen, zu betrachten und 
an den Orten zu träumen, wo er ihr nicht zu 
begegnen glaubte. Kurz er war ein Mann, der 
es wert war, einzig um seiner Anhänglichkeit 
willen geliebt zu werden und zu dem sie eine 
so heisse Liebe hegte, dass sie ihn auch lieben 
würde, wenn er sie nicht liebte; aber mehr 
noch, er war ein Mann von höherem und an- 
gesehenerem Adel als dem ihrigen. Keine 
Pflicht, keine Tugend mehr, die sich ihrem 
Gefühle widersetzte, alle Hindernisse lagen 
hinter ihr, und es blieb ihr von ihrem frühe- 
ren Zustande nichts weiter als Monsieur 
de Nemours' Liebe zu ihr und ihre Liebe 
zu ihm. 

All diese Gedanken waren der Prinzessin 
neu; die Trauer über Monsieur de Cleves 
Tod hatte sie hinreichend beschäftigt, um sie 
daran zu hindern, dass ihr dies alles klar 
wurde. Monsieur de Nemours' Anwesenheit 
bewirkte, dass ihr dieseGedanken in Fülle ka- 
men ; doch als sie ganz durchdrungen von ih- 
nen war, erinnerte sie sich auch, dass sie den- 
selben Mann, an den sie dachte, wie wenn sie 
ihn heiraten könnte, zu ihres Gatten Leb- 
zeiten geliebt hatte, dass er dessen To- 
desursach war, und dass ihr Gatte selbst 
im Sterben noch Furcht geäussert hatte, sie 
könnte ihn heiraten. Ihre strenge Tugend 

17* >259< 



ward so verwundet durch diesen Gedanken, 
dass sie es nicht weniger sündhaft fand, Mon- 
sieur de Nemours zu heiraten, als ihn zu ilires 
Gatten Lehzeiten geheht zu hahen. Sie gab 
sich diesen (bedanken hin, die ihrem GUicke 
so entgegenstanden, und bekrältigte sie nocli 
durch Gründe, wehlie ilire Ruhe und die 
Leiden betrafen, die sie voraussah, wenn sie 
den P'ürsten heiratete. PSachdem sie zwei 
Stunden an diesem Orte zugebracht hatte, 
kehrte sie endhch nach Hause zurück und 
war überzeugt, dass sie Monsieur de Nemours' 
Anhiick wie etwas, das ihrer PHicht gänz- 
hch entgegenstand, Hiehen müsse. 

Diese Überzeugung jedoch, die ihre Ver- 
nunft und ihreTugend bewirkt hatten, packte 
nicht ihr Herz: es bheb mit einer Heftigkeit 
an Monsieur de Nemours hanjjen, weh-he ihi- 
die bejammernswerteste Lage schuf und ihr 
keine Ruhe Hess. Sie verbrachte eine der grau- 
samsten Nächte ihres Lebens. Des Morgens 
war ihr erster Gedanke, nachzusehen, ob je- 
mand an dem Fenster stand, welches auf sit^ 
bhckte; sie ging hin und sah Monsieur de 
Nemours. Der Anbhck überraschte sie un(i 
sie trat mit einer Schnelhgkeit, die dem Prin- 
zen zu verstehen gab, dass er erkannt wäre, 
vom Fenster zurück. Er hatte oft gewünscht, 
erbhckt zu werden, seit ihm seine liiebe die- 
ses Mittel, Madame de Cleve zu seilen, ein- 

>26o< 



{gegeben liatte; da er aber dieser Freude nicht 
teilhaftig zu werden glaubte, ging er in den 
(harten, wo sie ihn getroffen hatte, um dort 
von ihr zu träumen. 

Von einem so unglücklichen und schwan- 
kenden Zustande gequält, beschloss Monsieur 
de Nemours, ein Wiedersehen zu erzwingen, 
um sich seines Geschicks zu vergewissern. 
„Was soll ich noch warten," sprach er zu 
sich selber, „ich weiss seit langem, dass ich 
geliebt bin, sie ist fi-ei und hat nicht mehr 
die Pflicht mir zu widerstehen; warum soll 
ich mich damit begnügen, sie zu sehen, ohne 
wiedergesehen zu werden und ohne sie zu 
sprechen. Ist es möglich, dass mich die Liebe 
so völlig um meine Vernunft und Kühnheit 
gebracht, dass sie mich so anders gemacht 
hat, wie bei den früheren Liebschaften in 
meinem Leben ? Ich musste Madame de Cle- 
ves Kummer achten; doch ich achte ihn zu 
lange und lasse ihr Zeit, ihre Liebe zu mir 
zu ersticken!" 

Nach solchen Erwägungen sann er auf 
Mittel, deren er sich bedienen musste, um sie 
zu sehen. Und meinte, dass ihn nichts mehr 
zurückhielte, seine Liebe vor dem Vizedom 
von Chartres zu verbergen. Er nahm sich vor, 
mit ihm darüber zu sprechen und ihm die 
Absichten, die er auf seine Nichte habe, ein- 
zugestehen. 

>26l< 



Der Vizedom weilte damals in F*aii.s; je- 
dermann war nach dort gekonnnen, um An- 
ordnungen für seine Ausrüstung mit all ihrem 
Zubehör zu treffen, damit man dem Könige 
folgen könnte, welcher die Köni/jin von Spa- 
nien begleiten wollte. Monsieur de Nemours 
ging daher zum Vizedom und legte ihm ein 
offenes Geständnis alles dessen ab, was er bis 
dahin verborgen hatte; von Madame de Cle- 
ves Gefühlen sprach er jedoch nicht, da er 
sich nicht merken lassen wollte, dass er über sie 
im klaren wäre. Der Vizedom hörte seine 
Beichte hocherfreut an und versicherte ihm, 
ohne um seine Neigung zu wissen, habe er 
oft, seit Madame de Cleve verwitwet sei, dar- 
an gedacht, dass sie die einzige, seiner wür- 
dige Frau am Hofe wäre. Monsieur de Ne- 
mours bat ihn nun, ihm Gelegenheit zu einer 
Aussprache mit ihr zu verschaffen, damit er 
ihre Entschlüsse erfahren könnte. 

Der Vizedom wollte ihn zu ihr führen, 
doch Monsieur de Nemours meinte, das könne 
sie verletzen, zumal sie noch niemanden emp- 
fange. Sie kamen überein, dass der Vizedom 
sie unter einem Verwände zu sich bitten 
sollte; Monsieur de Nemours wollte dann, 
um von keinem Menschen erblickt zu wer- 
den, auf einer Geheimtreppe dorthin kom- 
men. Diesen Beschluss führten sie aus, Ma- 
dame de Cleve kam; der Vizedom ging ihr 

>262< 



entgegen und führte sie in ein grosses Ge- 
mach, welches am äussersten Ende seiner 
Wolinung lag. Einige Zeit später trat Mon- 
sieur de Nemours ein, wie wenn ihn der Zu- 
fall hergeführt hätte. Madame de Cleve war 
aufs äusserste überrascht, ihn zu sehen, er- 
rötete und suchte ihr Rotwerden zu verber- 
gen. Anfangs sprach der Vizedom nur von 
gleichgültigen Dingen, ging dann aber unter 
dem Vorgeben fort, etwas anordnen zu müs- 
sen. Er bat Madame de Cleve, die Wirtstelle 
für ihn zu vertreten, er würde in wenigen 
Augenblicken wiederkommen. 

Man kann sich nicht denken, was Mon- 
sieur de Nemours und Madame de Cleve 
fühlten, als sie zum ersten Male allein waren 
und miteinander reden konnten ! Sie verharr- 
ten einige Zeit über, ohne zu sprechen. End- 
lich brach Monsieur de Nemours das Schwei- 
gen. „Verzeihen Sie dem Vizedom von Char- 
tres, Madame," hub er an, „dass er mir die 
Gelegenheit geboten hat, Sie zu sehen und 
zu sprechen, welche Sie mir stets verweiger- 
ten?" „Ich kann ihm nicht vergeben," ent- 
gegnete Madame de Cleve, „ meinen Zustand 
vergessen zu haben und meine Ehre solcher 
Peinlichkeit auszusetzen!" Nachdem sie diese 
V^^orte ausgesprochen hatte, beabsichtigte sie 
fortzugehen, doch hielt sie Monsieur de Ne- 
mours zurück. „Fürchten Sie nichts, Ma- 

>263< 



(larne; niemand weiss, dass ich hier bin, und 
kein Zwischenfall steht zu befürchten. Hören 
Sie mich an, Madame, hören Sie mich an : wenn 
nicht aus Liebe zu mir, so doch aus Liebe 
zu sich selbst, damit Sie sich vor den Tor- 
heiten schirmen, zu denen mich eine Liebe 
verleiten wird, welcher ich nicht mehr Herr 
bin!" Madame de Cleve gab ihrer Neigung 
zu Monsieur de Nemours zum ersten Male 
nach und sprach zu ihm, ihn mit Augen vol- 
ler Liebe und Zärtlichkeit anblickend : „ Aber 
was erhoffen Sie denn von der Gefälligkeit, 
um die Sie mich bitten? Sie werden es viel- 
leicht bereuen, sie erlangt, ich aber werde 
es sicherlich bereuen, sie gewährt zu haben. 
Sie verdienten ein glücklicheres Geschick 
als ihr bisheriges, und als ihr zukünftiges, 
wofern Sie ihr Glück nicht anderswo su- 
chen!" „Ich, mein Glück anderswo suchen, 
Madame," fiel er ein, „gibt es denn ein an- 
deres als das, von Ihnen geliebt zu werden? 
Wiewohl ich niemals mit Ihnen sprach, Ma- 
dame, glaube ich zuversichtlich, dass Sie 
um meine Leidenschaft wissen, und dass Sie 
sie als die wahrhaftigste und heisseste ken- 
nen, die es jemals geben wird. Zu welchen 
Leiden ist sie durch Dinge, die Ihnen un- 
bekannt sind, vervirteilt, zu welchen Leiden 
haben Sie sie durch ihre Grausamkeit ver- 
dammt!" 

>264< 



„Da Sie es wünschen, dass ich mich dazu 
aufraffe, mit Ihnen zu sprechen," hub Ma- 
dame de Cleve an, indem sie Platz nahm, 
„will ich es mit einer Aufrichtigkeit tun, die 
Ihnen an einem Wesen meines Geschlechts 
lästig erscheinen wird. Ich will Ihnen nicht 
vorreden, dass ich um Ihre Leidenschaft zu 
mir nicht gewusst hätte, vielleicht glaubten 
Sie das mir nicht, wenn ich es Ihnen sagte; 
ich gestehe Ihnen also nicht allein, dass ich 
sie bemerkt habe, sondern dass ich sie so sehr 
bemerkt habe, wie Sie nur wünschen konn- 
ten, dass sie mir offenkundig ward!" „Und 
wenn Sie sie bemerkt haben, Madame," un- 
terbrach er sie, „wie war es möglich, dass sie 
Sie nicht rührte? Würde ich Sie um etwas zu 
bitten wagen, wenn sie keinen Eindruck auf Ihr 
Herz gemacht hätte?" „Sie haben durch mein 
Benehmen darauf schliessen können," fuhr 
sie fort, „doch ich möchte wohl wissen, was 
Sie sich dabei gedacht haben." „Ich müsste 
glücklicher sein, um das Wagnis eines solchen 
Geständnisses auf mich zu nehmen," antwor- 
tete er, „auch steht mein Los zu wenig mit 
dem im Einklang, was ich Ihnen sagen w ürde. 
Alles, was ich wissen lassen kann, ist, dass ich 
sehnlichst gewünscht hätte, Sie würden Mon- 
sieur de Cleve nicht anvertraut haben, was Sie 
vor mir verbargen, und hätten ihm verborgen, 
was Sie mich sehen liessen ! " „ Wie haben Sie 

>265< 



erfahren können," tra{jte sie unler Erröten, 
„dass ich Monsieur de Cleve etwas einge- 
stand?" „Ich hahe es durch Sie seihst er 
fahren, Madame;" entgegnete Monsieur de 
Nemours, „aber erinnern Sie sich, um mir 
meine Kühnheit, Sie behorcht zu haben, zu 
verzeihen, ob ich missbrauchle, was ich hör- 
te, ob meine Hoffnungen dadurch vermehrt 
wurden, ob ich kühner wurde und mit Ihnen 
sprach ! " 

Er begann ihr zu erzählen, wie er ihre 
Unterhaltung mit Monsieur de Cleve ange- 
hört hatte; doch sie unterbrach ihn, ehe er 
noch zu Ende war. „Reden Sie mir nichts 
mehr davon," sprach sie, „ich weiss nun, 
wodurch Sie so gut unterrichtet Avaren, Sie 
schienen es mir bei Madame la Dauphine 
schon allzusehr zu sein, und die wusste durch 
die, denen Sie sich anvertraut hatten, um diese 
Angelegenheit!" 

Monsieur de Nemours erklärteihrdann, wie 
das hatte geschehen können. „ Entschuldigen 
Sie sich nicht," fuhr sie fort, „ich habe Ihnen 
lange verziehen, ohne dass Sie mir den Sach- 
verhalt sagten; doch da Sie nun einmal durch 
mich selbst erfuhren, was ich vor Ihnen mein 
ganzes Leben über zu verbergen Ursach hat- 
te, so gestehe ich Ihnen auch, dass Sie in mir 
Gefühle erweckt hatten, die mir, bevor ich 
Sie gesehen, unbekannt gewesen w aren, und 

>266< 



von denen ich selber so wenig Ahnung hatte, 
dass sie mich überraschten, welches die V^er- 
wirrung, die ihnen stets folgt, nur noch ver- 
mehrte. 

Ich mache Ihnen dies Geständnis mit we- 
niger Scham, da ich es zu einer Zeit ab- 
lege, wo ich es, ohne Sünde zu begehen, tun 
kann, und da Sie gesehen haben, dass mein 
Benehmen nicht durch Gefühle bestimmt 
wird!" 

„Sehen Sie, Madame," rief Monsieur de 
Nemours aus, indem er sich vor ihr nieder- 
warf, „wie ich vor Ihren Füssen schier vor 
Freude und Wonne vergehe!" „Ich habe 
Ihnen nur gesagt," antwortete sie mit einem 
Lächeln, „was Sie schon allzugut wussten!" 
„Ach, Madame," fuhr er fort, „welch ein Un- 
terschied, es nicht durch eine Tat des Zufalls, 
sondern durch Sie selber zu erfahren, und zu 
wissen, dass Ihnen daran liegt, dass man 
darum wisse ! " „ Wahrscheinlich " , entgegnete 
sie, „liegt es mir daran, dass Sie darum wis- 
sen und es bereitet mir Wonne, es Ihnen zu 
sagen: ich weiss es selber nicht, ob ich es 
Ihnen nicht mehr aus Liebe zu mir, als aus 
Liebe zu Ihnen sage. Denn, kurz, dies Ge- 
ständnis wird keine Folgen tragen und ich 
werde die strengen Regeln innehalten, die mir 
meine Pflicht gebietet!" „Denken Sie nicht 
mehr daran, Madame," rief Monsieur de Ne- 

>267< 



mours ans, „es gibt keine Pflicht mehr, die Sie 
hindet, Sie sind frei; nnd wenn icli es wagen 
würde, sagte ich Ihnen noch, dass es in der 
Folgezeit von fhreni Willen abhängen wird, 
ob Ihre Pflicht Sie eines Tages zwingt, die Ge- 
fühle zn bewahren, die Sie zu mir hegen!" 
„Meine Pflicht verbietet mir," entgegnete sie, 
„ jemals an jemanden zu denken und weniger 
noch an Sie, als an jemand anderen auf die- 
ser Welt, ich habe Gründe dazu, die Ihnen 
unbekannt sind!" „Vielleicht sind sie es mir 
nicht, Madame," erwiderte er; „doch das sind 
keinewirklichen Gründe. Ich glaubezu wissen, 
dass mich Monsieur de Cleve für glücklicher 
hielt, als ich es war, und dass er sich ein- 
bildete, Sie billigten die Torheiten, welche 
mich meine Leidenschaft ohne Ihre Einwil- 
ligung begehen liess!" „Sprechen wir nicht 
von diesen Dingen," fuhr sie fort, „ich würde 
den Gedanken daran nicht ertragen können; 
sie haben mir Schande gebracht, auch sind 
sie mir zu schmerzvoll durch ihre Folgen. 
Es ist nur allzuwahr, dass Sie Monsieur de 
Cleves Tod verschuldet haben. Den Argwohn, 
den Ihr unbedachtes Benehmen in ihm weck- 
te, hat er mit dem Leben bezahlt, wie wenn 
Sie es ihm mit Ihren eigenen Händen geraubt 
hätten. Denken Sie daran, was ich hätte tun 
müssen, wenn es zwischen Ihnen und ihm 
zum Äussersten gekommen wäre und sich 

>268< 



das gleiclie Unjjlück dabei zugetragen hätte. 
Ich Aveiss wohl, in den Augen der Welt ist 
es das nicht, in meinen aber gibt es keinen 
Unterschied hierin, da ich weiss, dass erdurch 
Sie und um meinetwillen starb!" „Ach, Ma- 
dame," fiel Monsieur de Nemours ein, „solch 
ein Trugbild von Pflicht stellen Sie meineui 
Glücke entgegen? Wie, Madame, ein niclitiger 
und unbegründeter Gedanke sollte Sie hin- 
dern, einen Mann glücklicfi zu machen, den Sie 
nichthassen? Wie,ich hätte grundlos die Hoff- 
nung fassen können, mein Leben mit Ihnen zu 
verbringen; meinSchicksal hätte mich umsonst 
bestimmt, das schätzenswerteste Wesen dei- 
W^elt zu lieben? Sah ich doch wahrlich alles 
in ihr, was eine Geliebte anbetungswürdig 
macht; sie hätte mich nicht gehasst, und ich 
hätte in ihrem Wesen alles entdeckt, was eine 
Gattin begehrenswert macht! Denn, glauben 
Sie mir, Madame, Sie sind vielleicht die einzijje 
Frau, in der sich alles dies bis zu dem Grade, 
wie es Ihnen zu eigen ist, jemals vereinigt : alle 
Männer, die ihre Geliebte heiraten, zittern, 
wenn sie sie geheiratet haben, und wachen 
in Sorgnis über das Benehmen, das sie gegen 
andere zeigen. Doch bei Ihnen, Madame, steht 
nichts zu befürchten, nian hat nur Ursach, 
Sie zu bewundern. Hätte ich ein so riesen- 
gTOsses Glück nur ins Auge gefasst, um Sie 
dort Hindernisse vor sich auftürmen zu sehen? 

>269< 



Ach, Madame, Sie vergessen, dass Sie mich vor 
allen übrigen Männern ausgezeichnet haben, 
oder vielmehr, dass Sie mich nimmer vor ihnen 
ausgezeichnet haben. Sie haben sich geirrt 
und ich habe mir selber geschmeichelt! " 

„ Sie haben sich nicht selbst geschmeichelt, " 
entgegnete sie, „die Gründe meiner l^flicht 
würden mir vielleicht nicht so schwerwiegend 
erscheinen ohne diese Auszeichnung, an der 
Sie zweifeln; sie aber ist es, welche mich Un- 
glück befürchten lässt, falls ich mich mit 
Ihnen verbände." „Ich habe nichts zu ent- 
gegnen, Madame," erwiderte Monsieur de 
Nemours, „wenn Sie mir sagen, dass Sie Un- 
glück befürchten; doch gestehe ich Ihnen, 
dass ich nach allem, was Sie mir wohl haben 
sagen wollen, keinen so grausamen Grund zu 
hören hoffte!" „Es ist so wenig verletzend 
für Sie," fuhr Madame de Cleve fort, „dass 
ich ihn Ihnen niu- mit vieler Mühe sage!" 
„Wehe, Madame," rief er, „was können Sie 
nach allen Ihren Worten fürchten, das mir 
zu sehr schmeicheln würde?" „Ich will mit. 
derselben Offenheit, mit der ich begonnen 
habe, noch weiter zu Ihnen reden," erwiderte 
sie, „und will jede Zurückhaltung und jede 
Empfindsamkeit, welche ich bei einer ersten 
Unterhaltung zeigen müsste, ausser acht las- 
sen; doch beschwöre ich Sie, mich ohne Un- 
terbrechung anhören zu wollen. 

)270< 



Ich glaube Ihrer AnhängHchkeit den ge- 
ringen Dank schuldig zu sein, keines meiner 
Gefühle vor Ihnen zu verbergen, und sie Ih- 
nen so zu zeigen, wie sie sind. Es wird wahr- 
lich das einzige Mal in meinem Leben sein, 
dass ich mir die Freiheit gebe, sie Ihnen an- 
zuvertrauen. Gleichwohl werde ich Ihnen 
nicht ohne Scham bekennen können, dass 
mir die Gewissheit, nicht mehr von Ihnen 
geliebt zu werden, wie ich es bin, ein so 
furchtbares Unglück schiene, dass, wenn auch 
die unüberwindbaren Gründe der Pflicht 
nicht bestünden, ich mich kaum entschliessen 
könnte, mich solchem Unglück auszusetzen. 
Ich weiss, dass Sie frei sind, dass ich es bin und 
dass die Verhältnisse so liegen, dass die Öffent- 
lichkeit keinen Grund hätte, Sie oder mich 
zu tadeln, wenn wir uns für immer vereinig- 
ten. Aber bleibt die Leidenschaft der Männer 
bei solch ewigen Verbindungen denn immer 
die gleichePDarfichaufeinWunder zu meinen 
Gunsten rechnen? Könnte ich es aber ertra- 
gen, diese Liebe, die mein ganzes Glück aus- 
macht, zur Neige gehen zu sehn? Monsieur 
de Cleve war vielleicht der einzige Mann auf 
der Welt, welcher die Liebe in der Ehe zu 
bewahren vermochte. Mein Geschick wollte 
es nicht, dass ich dieses Glück auskosten soll- 
te; seine Leidenschaft hatte vielleicht auch 
nur Bestand, weil er nicht ihresgleichen bei 

>271< 



mir fand. iVber ich würde nicht das selbe Mit- 
tel, mir die ihrige zu erhalten, haben: denn 
ich glaube sogar, das» die Hindernisse ihre Be- 
ständigkeit bewirkten! Sie haben ihrer genug 
gefunden, die Sie zu einer Besiegung anfeuer- 
ten, und meine unabsichtlichen Handlungen, 
oder die Dinge, welche Sie der Zufall lehrte, 
haben nur zu viele Hoffnungen in Ihnen er- 
weckt, um Sie nicht abzuschrecken!" „Ach, 
Madame," erwiderte Monsieur de Nemours, 
„ich kann das Schweigen, welches Sie mir 
auferlegen, nicht wahren, Sie tun mir all- 
zu unrecht; Sie lassen mich allzu deutlich 
erkennen, wie wenig Sie zu meinen Gunsten 
eingenommen sind!" „Ich gestehe," fuhr sie 
fort, „dass T^eidenschaften micli leiten, aber 
nicht blind machen können : nichts kann 
mich verhindern, Sie mit allen Anlagen für 
die Galanterie und mit allen Eigenschaften, 
in ihr erfolgreich zu sein, begabt zu finden. 
Sie haben schon manche Leidenschaft ge- 
fühlt, Sie w erden ihrer noch mehrere fühlen ; 
ich würde nicht mehr Ihr Glück ausmachen, 
ich würde Sie für eine andere hrennen sehen, 
wie Sie es für mich taten. Und würde einen 
tödlichen Kummer spüren: ich würde sicher- 
lich au(;h die Qualen der Eifersucht prüfen. 
Ich habe Ihnen davon zuviel gesagt, um Ih- 
nen verbergen zu können, dass Sie sie mich 
schon haben kennen lernen lassen, und dass 

>272< 



ich eine so grausame Not an dem Abend litt, 
wo mir die Königin Madame de Themine^' 
Brief gab, der, wie man mir sagte, an Sie ge- 
richtet war, dass mir eine Vorstellung davon 
geblieben ist, welche mich glauben lässt, sie 
sei aller Übel grösstes. 

Aus Eitelkeit oder Neigung wünschen sich 
alle Frauen mit Ihnen zu verbinden; es gibt 
ihrer wenige, denen Sie nicht gefallen; meine 
Erfahrung lässt mich glauben, dass Sie jeder 
gefallen müssen. Ich würde Sie stets für ver- 
liebt oder geliebt halten und würde mich oft 
nicht täuschen. Dennoch würde ich in die- 
sem Zustande nichts anderes tun können, als 
Duldsamkeit walten lassen; ich weiss nicht 
einmal, ob ich es wagen würde, mich zu be- 
klagen. Man macht einem Geliebten Vor- 
würfe, doch macht man sie einem Ehemann, 
wenn man ihm nur vorwerfen kann, keine 
Liebe mehr zu spüren? Wenn ich mich mm 
auch an solcherart Unglück zu gewöhnen ver- 
möchte, könnte ich mich in das gewöhnen, 
Monsieur de Cleve in meinem Innern Sie 
täglich seines Todes bezichtigen zu hören, mir 
vorzuwerfen, Sie geliebt, Sie geheiratet zu 
haben, mich den Unterschied zwischen seiner 
und Ihrer Liebe fühlen zu lassen? Unmög- 
lich kann ich solch starke Gründe nieder- 
treten, ich muss in meiner Witwenschaft 
und in meinem Entschluss verharren, sie 

Fr. C. i8 >273< 



niemals aufzugeben ! " „Ach, Madame, glau- 
ben Sie das zu können," rief Monsieur de 
Nemours, „meinen Sie, Ihre Entschlüsse 
widerstünden einem Manne, der Sie anbetet 
und Ihnen zu gefallen glücklich genug ist? 
Es ist schwieriger, als Sie denken, Madame, 
dem, den man liebt und von dem man geliebt 
wird, Widerstand zu leisten. Sie haben es dank 
einer strengen Tugend vermocht, die schier 
ohne Beispiel ist; doch diese Tugend steht 
nicht mehr mit ihren Gefühlen im Wider- 
spruch, und Sie werden ihnen, hoffe ich, gegen 
Ihren Willen nachgeben!" „Ich weiss wohl, 
dass es nichts Gefahrvolleres als meinen Vor- 
satz gibt," erwiderte Madame de Cleve, „ich 
misstraue meinen Kräften inmitten meiner 
Gründe. Was ich Monsieur de Cleves Anden- 
ken schuldig zu sein glaube, würde schwach 
sein, wenn es nicht durch das Wohl meiner 
Ruhe unterstützt würde; die Gründe meiner 
Ruhe aber müssen wieder notwendig durch 
meine Pflichten unterstützt werden. Wiewohl 
ich mir aber selber misstraue, glaube ich doch, 
meine Gewissenszweifel niemals überwinden 
zu können, und hoffe auch nicht, meine Lie- 
be zu Ihnen zu unterdrücken. Sie wird mich 
unglücklich machen und ich werde mich 
Ihres Anblicks berauben, welche Kraft es 
mich auch kosten wii^d. Ich beschwöre Sie 
bei aller Macht, die ich über Sie habe, su 

>274< 



chen Sie keine Gelegenheit, mich zu sehen. 
Ich lebe in einem Zustande, der mir das 
als Sünde erscheinen lässt, was zu anderen 
Zeiten erlaubt sein könnte; auch untersagt 
die Wohlanständigkeit jede Verbindung zwi- 
schen uns!" Monsieur de Nemours warf sich 
ihr zu Füssen und gab sich all den Regun- 
gen hin, die ihn durchströmten. Er Hess sie 
durch seine Worte, durch seine Tränen die 
lebhafteste und zärtlichste Liebe sehen, wel- 
che jemals ein Herz bewegte. Madame de 
Cleves Herz war nicht unempfindlich; und 
den Prinzen mit Augen anblickend, die sich 
durch Tränen vergrössert hatten, rief sie 
aus; „Warum muss ich Sie der Schuld an 
Monsieur de Cleves Tode zeihen? Warum 
habe ich Sie nicht kennen gelernt, als ich 
noch frei war, oder warum kannte ich Sie 
nicht, ehe ich gebunden war? Warum trennt 
uns das Schicksal durch einen so unüber- 
windbaren Widerstand?" „Es gibt keinen 
Widerstand, Madame," entgegnete Mon- 
sieur de Nemours, „Sie allein widersetzen 
sich meinem Glück, Sie allein legen sich ein 
Gesetz auf, welches Ihnen Tugend und Ver- 
nunft nicht vorschreiben würde!" „Es ist 
wahr, " antwortete sie, „ich opfere einer Pflicht, 
die nur in meiner Einbildung besteht, zu- 
viel; warten Sie ab, was die Zeit bringen 
wird ! Monsieur de Cleve hat eben zu leben auf- 

I«' >275< 



gehört, und dieser {Jiausaine Tag ist noch zu 
nahe, um mich klar und deuthch sehen zu 
lassen. Begnügen Sie sicli indessen damit, sich 
von einer Frau geheht zu wissen, die nie ge- 
Hebt haben würde, wenn sie Sie niemals ge- 
sehen hätte, (ylauben Sie, dass meine (refühle 
für Sie ewig sind und dass sie immer bestehen 
werden, was ich auch tue. Leben Sie wohl," 
sagte sie, „diese Unterredung bereitet mir 
Scham. Legen Sie dem Vizedom Rechen- 
schaft darüber ab, ich erlaube es und bitte Sic 
darum!" 

Nachdem sie diese Worte ausgesprochen, 
ging sie fort, ohne dass Monsieur de Nemours 
sie zurückhalten konnte. Sie traf den Vizedom 
im nächsten Zimmer an. Er sah sie so erregt, 
dass er sie nicht anzusehen wagte,und leitete sie 
an ihrenWagen,ohne einWort zu sprechen. Er 
suchte dann Monsieur de Nemours auf, wel- 
cher so voll Freude, Traurigkeit, Erstaunen 
und Bewunderung, kurz voll all der Gefühle 
war, die eine Liebe voll Furcht und Hoft- 
nung einflössen kann, dass er schier von Sin- 
nen war. Der Vizedom musste lange warten, 
ehe er ihm Rechenschaft über seine Unter- 
haltung ablegte. Endlich tat er es, und Mon- 
sieur de Chartres fühlte, ohne verliebt zu sein, 
nicht weniger Bewunderung fin- Madame de 
Cleves Tugend, Geist und Verdienst als Mon- 
sieur de Nemours. Sie prüften, was der Prinz 

>276< 



von seinem Schicksal erhoffen durfte ; und 
welche Befürchtungen ihm auch seine Liehe 
einflössen konnte, er war sich mit dem Vize- 
dom klar darüber, dass Madame de Cleve un- 
möglich in ihren Entschlüssen verharren 
würde. Dennoch kamen sie überein, man 
müsse ihre Befehle befolgen, da man zu be- 
fürchten habe, dass, wenn die Öffentlichkeit 
etwas um diese Liebe merkte, Madame de Cleve 
Erklärun gen abgeben und sich der Welt gegen- 
über zu etwas verpflichten würde, das sie in der 
Folgezeit aus Sorgnis, man könne annehmen, 
sie habe ihn schon bei Lebzeiten ihres Gatten 
geliebt, halten möchte. 

Monsieur de Nemours fessteden Entschluss, 
dem Könige zu folgen. Es war dies auch eine 
Reise, der er sich kaum entziehen konnte; er 
beschloss abzureisen, ohne sogar zu versuchen, 
Madame de Cleve an einem Orte, wo er sie 
einige Male getroften hatte, wiederzusehen. 
Er bat den Vizedom, mit ihr zu reden. Was 
sagte er ihm nicht alles, um es ihr wiederzu- 
sagen! Welche Unzahl von Gründen, die sie 
überreden sollten, ihre Gewissenszweifel zu 
überwinden! Schliesslich war ein Teil der 
Nacht verstrichen, ehe Monsieur de Nemours 
daran dachte, ihn in Ruhe zu lassen. 

Madame de Cleve konnte sich zu keiner Ent- 
schlussänderung bereit hnden ; es war ihr et- 
was so Neues, den Zwang, den sie sich auferlegt 

>277< 



hatte, ausser ai;ht gelassen und das erstemal in 
ihrem Lehen {geduldet zu haben, dass man ihr 
ein Liebesgeständnis abgelegt und sie es selber 
erwidert hatte, dass sie sich selbst nicht mehr 
kannte. Sie war über ihr Tun erstaunt und 
bereute es, freute sich darüber, alle ihre Emp- 
findungen waren voll der Aufregung und der 
Leidenschaft. Sie prüfte noch dieGründe ihrer 
Pflicht, welche sich ihrem Glücke widersetz- 
ten, empfand Schmerz darüber, sie so stark 
zu sehen, und machte sich Vorwürfe, sie Mon- 
sieur de Nemours so deutlich gezeigt zu haben. 
Obwohl ihr der Gedanke, den Fürsten zu hei- 
raten, in den Sinn gekommen war, sobald sie 
ihn in jenem Garten wiedergesehen, hatte er 
nicht denselben Eindruck wie ihre eben mit 
ihm gepflogene Unterhaltung auf sie ge- 
macht, und es gab Augenblicke, wo sie kaum 
begreifen konnte, dass sie unglücklich werden 
würde, wenn sie ihn heiratete. Es wäre ihr 
lieb gewesen, wenn sie sich hätte sagen kön- 
nen, dass ihr Vorhaben nurschlecht und durch 
ihre Gewissensbisse vor der Vergangenheit 
und durch ihre Angst vor der Zukunft be- 
gründet sei. Vernunft und Pflicht zeigten ihr 
in anderen Augenblicken gerade die gegen- 
teilige Ansicht, welche sie schnell zu dem 
Entschluss brachte, sich nie wieder zu ver- 
heiraten und Monsieur de Nemours nimmer 
wiederzusehen. Das aber war ein allzu herber 

>278< 



Entschluss, um in einem Herzen, das so zärt- 
lich wie das ihrige schlug und welches sich 
auch dem unbekannten Reiz der Liebe öffnete, 
Wurzeln schlagen zu lassen. Um sich etwas 
zu beruhigen, dachte sie schliesslich, es wäre 
nicht nötig, sich zu einem schnellen Ent- 
schluss zu zwingen. Die Wohlanständigkeit 
legte ihr eine lange Zeit zum Überlegen 
auf. Sie beschloss jedoch, fest zu bleiben und 
keinerlei Verkehr mit Monsieur de Nemours 
zu pflegen. Der Vizedom suchte sie auf und 
diente dem Prinzen nach möglichstem Kön- 
nen; er konnte aber weder eine Änderung ih- 
res Vorhabens noch des Benehmens herbei- 
führen, welches sie sich Monsieur de Nemours 
gegenüber vorgeschrieben hatte. Sie sagte ihm, 
es sei ihre Absicht, in ihrem jetzigen Stande 
zu verharren; sie wüsste, das Vorhaben sei 
schwierig auszuführen, doch hoffe sie, Kraft 
dazu zu haben. Sie liess ihn so deutlich sehen, 
bis zu welchem Grade sie der Glaube er- 
schütterte, Monsieur de Nemours habe ihres 
Gatten Tod verursacht, und wie sehr sie 
überzeugt sei, dass sie gegen dessen Willen 
handle, wenn sie ihn heirate, dass der Vize- 
dom fürchtete, er würde ihr schwerlich diese 
Meinung nehmen können. Doch teilte er dem 
Prinzen seine Gedanken nicht mit; und ihm 
Rechenschaft über ihre Unterhaltung able- 
gend, liess er ihm alle Hoffnung, welche bil- 

> 279 < 



ligenveise in einem Manne, welcher gelieht 
i«^, entstehen niuss. 

Folgenden Tags reisten sie ab und verei- 
nigten sich mit dem Könige. Der Vizedom 
von Chartres schrieb an Madame de Cleve auf 
Monsieur de Nemours Bitten, um ihr von dem 
Prinzen zu erzählen; und in einen zweiten 
Brief, der dem ersten folgte, legte Monsieur 
de Nemours einige Zeilen von seiner Hand. 
Madame de Cleve aber wollte nicht von den 
Vorschriften, die sie sich auferlegt hatte, ab- 
weichen, fürchtete auch das Unheil, welches 
durch Briefe eintreten kann, und schrieb an 
den Vizedom, wenn er fortführe, ihr von Mon- 
sieur de Nemours zu erzählen, würde sie seine 
Briefe nicht mehr annehmen; und teilte ihm 
dieses so nachdrücklich mit, dass ihn der Prinz 
selber bat, nichts mehr von ihm zu erwähnen. 

Der Hof begleitete die Königin von Spanien 
bis nach Poitou; während dieses Fernseins 
weilte Madame de Cleve zu Hause; und in 
dem Masse, wie sie sich von Monsieur de Ne- 
mours und von allem, was ihn anging, ent- 
fernte, rief sie sich Monsieur de Cleves An- 
denken ins Gedächtnis zurück, was sie für 
ihre Ehrenpflicht hielt. Ihre Gründe, Monsieur 
de Nemours nicht zu heiraten, wurden stärker, 
wenn sie an ihre Pflicht, und unüberwindbar, 
wenn sie an ihre Ruhe dachte. Das Aufhören 
der Liebe des Prinzen, die Nöte der Eifer- 

>28o< 



sucht, welche ihrer in einer Ehe unfehlbar 
warteten, stellten ihr das Unheil vor Augen, 
in welches sie sich stürzen wollte ; da sah sie 
auch ein, dass es ein Ding der Unmöglichkeit 
war, in Gegenwart des liebenswürdigsten 
Mannes auf dem Erdboden, den sie lieb hatte, 
und von dem sie geliebt wurde, Widerstand 
zu leisten, und noch dazu in Dingen zu wider- 
stehen, welche weder ihre Tugend noch die 
Wohlanständigkeit verletzten. Sie urteilte, 
dass ihr allein die Abwesenheit und die Ent- 
fernung einige Kraft verleihen könnten; sie 
fiand, dass sie ihrer bedurfte, nicht allein um 
ihren Entschluss, sich nicht zu binden, aus- 
zuführen, sondern um sich auch zu verwehren, 
Monsieur de Nemours zu sehen ; und sie nahm 
sich fest vor, eine ziemlich lange Reise zu 
unternehmen, um die Zeit verstreichen zu 
lassen, welche die Wohlanständigkeit, in Zu- 
rückgezogenheit zu leben, sie zwang. Eine 
ihrer grossenBesitzungen,nahe bei denPyrenä- 
en schien ihr der geeignetste Ort zu sein, den 
sie wählen konnte. Wenige Tage, ehe der Hof 
zurückkam, reiste sieab; vor ihrem Weggange 
jedoch schrieb sie an den Vizedom, um ihn 
inständig zu bitten, dass man keinerlei Nach- 
richten von ihr erwarten, noch ihr selber 
schreiben solle. 

Monsieur de Nemours war über ihre Reise 
so niedergeschmettert, wie es ein anderer über 

>28l< 



seiner Geliebten Tod {gewesen wäre. Der Ge- 
danke, für lange Zeit Madame de Cleves An- 
blick beraubt zu sein, vor allem zvi einer Zeit, 
wo er Freude sie zu sehen und sie von seiner 
Leidenschaft gerührt zu sehen, gefühlt hatte, 
verursachte ihm einen furchtbaren Schmerz. 
Indessen konnte er nichts anderes tun, wie 
traurig sein, doch seine Liebe wuchs um ein 
beträchtliches. Sobald Madame de Cleve, 
deren Gemüt so erregt gewesen war, auf ihrer 
Besitzung anlangte, wurde sie von einer hef- 
tigen Krankheit ergriffen. Hiervon wurde der 
Hof benachrichtigt und Monsieur de Nemours 
war untröstlich; sein Schmerz grenzte an 
Wahnsinn und Verzweiflung. Der Vizedom 
konnte es nur mit Mühe verhindern, dass seine 
Liebe der Öffentlichkeit bekannt wurde, und 
hatte ebensolche Mühe, ihn zurückzuhalten, 
und ihm den Plan auszureden, zu ihr zu reisen 
und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. 

Des Vizedoms Freundschaft und Verwandt- 
schaft waren ein Vorwand, mehrere Eil- 
boten an Madame de Cleve zu senden; man 
hörte schliesslich, dass sie nicht mehr in der 
äussersten Gefahr schwebe, die sie bedroht 
hatte, aber sie war nach der Krankheit so 
schwach, dass ihr nicht viel Lebensboffnung 
blieb. 

Die Aussicht auf ein langsames und so nahes 
Hinsterben liess Madame de Cleve die Dinge 

>282< 



dieses Lebens mit ganz anderen Augen an- 
sehen, als sie es in der Gesundheit getan hatte. 
Die Notwendigkeit des Todes, der ihr so nahe 
gerückt war, gewöhnte sie, sich von allen 
Dingen loszusagen und die lange Dauer ihrer 
Krankheit machte ihr daraus eine Gewohn- 
heit. Als sie von diesem Zustande abkam, fand 
sie dennoch, dass Monsieur de Nemours noch 
nicht in ihrem Herzen gestorben war, aber 
sie rief, um sich seiner zu erwehren, alle die 
Gründe zu Hilfe, welche sie haben zu müssen 
glaubte, ihn niemals zu heiraten. Sie kämpfte 
einen schweren Kampf gegen sich selbst. End- 
lich überwand sie die Reste dieser Liebe, wel- 
che durch die Gefühle, die ihr die Krankheit 
eingeflösst hatten, schwach geworden war. 
Die Todesgedanken hatten ihr Monsieur 
de Cleves Gedächtnis nahe gebracht. Diese 
Erinnerung, welche mit ihrer Pflicht in Ein- 
klang stand, prägte sich ihrem Herzen tief 
ein. Leidenschaften und Liebschaften der 
Welt kamen ihr vor, wie sie Leuten vorkom- 
men, die weltentrückt sind und über allem 
stehen, Ihre Gesundheit blieb sehr schwach 
und half ihr, diese Gefühle zu behalten. Da 
sie aber wusste, was Gelegenheiten über die 
weisesten Entschlüsse vermögen, wollte sie 
sich weder der Vernichtung der ihrigen aus- 
setzen, noch an einen Ort zurückkehren, wo 
der weilte, den sie geliebt hatte. Sie zog sich 

>283< 



unter dem Vorgeben, einen Luftwechsel vor- 
nehmen zu wollen, in ein Kloster zurück, 
ohne einen bestimmten Entschluss, auf den 
Hof zu verzichten, kundzugeben. Bei der er- 
sten Nachricht, welche Monsieur de Nemours 
hiervon erhielt, fühlte er die Wichtigkeit die- 
ses Rückzugs und sah seine Bedeutung ein. 
Er glaubte in diesem Augenblicke, er habe 
nichts mehr zu erhofTen. Der Verlust seiner 
Hoffnung hinderte ihn jedoch nicht, alle He- 
bel in Bewegung zu setzen, um Madame de 
Cleve zur Rückkehr zu veranlassen. Er liess 
die Königin an sie schreiben, er liess den Vize- 
dom an sie schreiben, er liess ihn zu ihr rei- 
sen, aber alles war vergeblich. Der Vizedom 
sah sie; sie sagte ihm nicht, welchen Ent- 
schluss sie gefasst habe. Dennoch fühlte er, 
dass sie niemals wieder zurückkehren würde. 
Endlich reiste Monsieur de Nemours unter 
dem Vorgeben, Bäder aufsuchen zu wollen, 
selber hin. Sie ward ausserordentlich erregt 
undüberrasc'}it,als sie um sein Kommen hörte. 
L nd liess ihm durch eine würdige Frau sa- 
gen, welche sie seitdem immer um sich hatte, 
dass sie ihn bäte, es nicht sonderbar zu fin- 
den, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetze, 
ihn zu sehen und durch seine Gegenwart alle 
Gefühle, die sie bewahren müsse, zu zerstören. 
Eines wünsche sie,dass eres wisse : nachdem sie 
nämlich gefunden, dass ihre Pflicht und ihre 

>284< 



Ruhe sich ihrem Wunsclie, die Seinige zu 
werden, widersetzten, wären ihr alle anderen 
Dinge auf der Welt so gleichgültig gewoi- 
den, dass sie für immer auf sie verzichtet 
hätte und nur noch an die des anderen Le- 
bens dächte, und es bliebe ihr kein Gefühl 
weiter als der Wunsch, ihn in einem glei- 
chen Zustande zu wissen. 

Monsieur de Nemours wähnte vor Schmerz 
in Gegenwart derjenigen, die zu ihm sprach, 
den Geist aufgeben zu müssen; erbat sie wohl 
zwanzigmal, zu Madame de Gleve zurückzu- 
gehen und es einzuiüchten, dass er sie sähe. 
Doch die Frau erklärte ihm, dass ihr Madame 
de Gleve nicht nur ihr irgend etwas von ihm 
auszurichten, sondern auch ihr Rechenschaft 
über diese ünterredimg abzulegen untersagt 
habe. 

Der Prinz musste schliesslich abreisen und 
war so von Schmerz zu Boden gedrückt, wie 
es ein Mensch sein musste, der jegliche Hoff- 
nung aufgegeben hatte, eine Frau wiederzu- 
sehen, die er mit der heftigsten, natürlich- 
sten und bestbegründetsten Leidenschaft, wel- 
che es jemals gab, geliebt hat. Dennoch ver- 
zagte er noch nicht; er tat alles nur Erdenk- 
bare, um sie anderen Sinnes zu machen. 
Lange Jahre verstrichen, bis endlich Zeit und 
Abwesenheit seinen Schmerz und seine Liebe 
verminderten. Madame de Gleve lebte so, dass 

>285< 



es nicht den Anschein hatte, sie könne je- 
mals zurückkehren. Sie verbrachte einen Teil 
des Jahres in jenem Kloster und den anderen 
in ihrem Schloss, doch in einer Zurückge- 
zogenheit und in heiligeren Beschäftigungen, 
als sie die strengsten Klöster vorschreiben; 
und ihr Leben, welches ziemlich kurz währte, 
war ein Beispiel unnachahmlicher Tugend. 



>286< 



NACHWORT. 

Die Verfasserin dieses Werkes, welches der 
erste psychologische Roman ist, der in Frank- 
reich geschaffen wurde, Marie Madeleine 
Pioche de la Vergne, Gräfin von La Fayette, 
war die im Jahre i633 geborene Tochter des 
Feldmarschalls und Gouverneurs von Havre- 
de-Grace Aymard de la Vergne und seiner 
Gattin Marie de Pena. Diese stammte aus 
einer alten provencalischen Familie, in der 
Talent und literarische Regabung erblich 
waren. Ein Hugues de Pena, Sekretär des Kö- 
nigs Carl 1. von Neapel, hatte im XIII. Jahr- 
hundert Tragödien geschrieben und aus den 
Händen der Königin den Poetenlorbeer emp- 
fangen. De la Vergne liess seiner Tochter, so- 
weit es die beschränkten Vermögensverhält- 
nisse erlaubten, eine sorgfältige Erziehung 
zuteil werden, wie sie der reichen Regabung 
des Kindes angemessen war. Nach seinem 
frühen Tode siedelten Mutter und Tochter 
nach Paris über, bald kam ein Stiefvater ins 
Haus, der, ein Oheim der Sevigne, Nichte und 
Stieftochter zusammenbrachte, die bald eine 
innige, dauernde Freundschaft miteinander 
verknüpfte. Durch diese wurde die junge de 
la Vergne in die Gesellschaft des Hotel de 
Rambouillet eingeführt, in der sie dank ihres 
Schreibtalentes, das sich in Versen kundtat, 

>287< 



bald eine gewisse Rolle spielte; doch ihr {»u- 
ter, gesunder Oeschinack und ihre grosse Ge- 
lehrsamkeit bewahrten sie vorderManiriert- 
heit dieser Gesellschaft, so dass sie das Pre- 
ziösentum sehr bald überwand. 1 655 heiratete 
sie den Grafen von La Fayette, der ihr ein 
bequemer Gatte und nie mehr als ein gu- 
ter Freund wurde. Mit diesem hatte sie zwei 
Söhne, denen sie stets eine gute Mutter 
war, wie sie denn auch als Schriftstellerin 
nie darnach strebte,dieMänner nachzuahmen, 
sondern wie ein echtes Weib im Stillen wirkte 
und mit ihrer Person hinter ihrem Schaffen 
zurücktrat. 

Durch ihre Heirat kam sie an den Hof und 
wurde die Hofdame der Schwägerin des 
vierzehnten Ludwigs. Die ausgezeichnetsten 
Frauen und grössten Männer ihres Jahrhun- 
derts wurden ihre Freunde und Gönner, sie 
fesselte sie durch ihren kultivierten Geist an 
sich. Ihr Leben floss still, fast leidenschafts- 
los dahin, bis de la Rochefoucauld, der Ver- 
fasser der Maximen, ihren Weg kreuzte. Die- 
ser Augenblick entschied für ihr Leben. Er, 
der die Freundschaft leugnete, verband sich 
bald in einer amitie amoureuse mit ihr, die 
fast fünfundzwanzig Jahre währte; er, der 
Menschen die Wahrhaftigkeit absprach, er- 
klärte, die La Fayette sei wahr. Sie überlebte 
den Freund, der täglich um sie war, mit dem 

>288< 



sie alle Interessen teilte, um zehn Jahre, bis 
an ihr Lebensende tief um ihn trauernd. 
Nach langem Siechtum starb sie 1 698 in ihrem 
sechzigsten Lebensjahre. 

Der vorliegende Roman, der La Fayette 
bestes, von Racine etwa beeinflusstes Werk, 
wurde im Jahre 1 678 veröffentlicht und zwar 
luiter dem Namen ihres Freundes Segrais, 
der, ein Verfasser massiger Eklogen natür- 
lichen Stils, in ihiem Hause lebte und ihr 
wie La Rochefoucauld in literarischen Dingen 
beratend zur Seite stand. Es darf dies Ver- 
bergen der Autorschaft nicht verwundern, 
hinderte in damaligen Zeiten schon Männer 
von Stand ein Vorurteil, Rücher herauszuge- 
ben, so war es für eine Grande Dame noch 
empfindlicher, als Autor vor die Öffentlich- 
keit zu treten. 

Der Erfolg des Ruches war ein überaus 
starker. Gab es auch manchen, der den Frei- 
mut und die V^'ahrhaftigkeit der Prinzessin 
von Cleve als unnatürlich hinstellte und be- 
spöttelte, so ti'aten doch die ersten Geister 
der Zeit offen für das Werk ein. Fontenelle 
las es viermal und pries es als „ein Gemälde 
der zartesten Regungen, welche ihn mehr als 
die aussergewöhnlichen und wunderbaren 
Vorfälle rührten." „Niemals ist durch Pflicht 
bekämpfte Liebe mit grösserer Zartheit ge- 
schildert worden," schrieb die entzückte Se- 

Pr. C. 19 >289< 



vigne an ihre Tochter. Interessant und ein- 
dringHch ist dann Maruiontels spätere Cha- 
rakterisierung des Werkes: „Wie in der Na- 
tur und der Wahrheit der Sitten, sind Schein 
und Ehrbarkeit nicht unvereinbar mit dem 
aufrichtigen Gefühl der Liebe; wie dies Ge- 
fühl erhaben und zart sein und wie, ohne zu 
übertreiben, ein gefühlvolles Herz durch seine 
Schwäche interessant und durch seineTugend 
schätzbar sein kann, so ersinnt man Situatio- 
nen, wo die Pflicht die Neigung bekämpft 
und wo das Opfer der einen und der anderen 
in seinen Kämpfen verzeihlich vmd in seinem 
Triumphe unglücklich sein kann. Es ist die- 
ses ein unfreiwilliges Unglück, wo alles Un- 
recht durch die Natur oder das Glück ent- 
steht und aller Ruhm durch die vSitten. Das 
ist es, sage ich, was diesen berühmten Roman 
interessant macht, der so vielen anderen als 
Modell diente; und dieser Roman wurde von 
einer Frau geschrieben, wie um die Grenze 
zu bezeichnen, bis zu welcher die unrecht- 
mässige Liebe in einem gutgearteten Herzen 
führen kann, ohne es herabzuwürdigen und 
ohne ihm seine Rechte auf Schätzung und 
Mitleid zu nehmen. Zweifelsohne ist nichts 
Geistvolleres und Gerechteres als diese Ver- 
teidigungsrede der Schwächen eines Ge- 
schlechtes geschrieben, das zu gefallen be- 
stimmt ist und sich vor seinen eigenen Ver- 

>290< 



lührungen schirmen miiss. Nichts ist geeig- 
neter ihm die Nachsicht zu hilHgen, als dies 
Gemälde eines tugendsamen und zärtlichen 
Herzens, welches nicht die Kraft, ein tadelns- 
wertes Gefühl zu ersticken besitzend, wenig- 
stens die es zu besiegen hat; und unter die- 
sen Gesichtspunkten ist „die Prinzessin von 
Cleve" ein Werk, welches ein Frauengemüt 
nicht geschickter und zarter hervorzubringen 
vermochte!" 

Man riet lange auf den Autor des Buches; 
viele hielten es für würdig, von de La Roche- 
foucauld geschrieben zu sein. Madame de La 
Fayette hat die Urheberschaft des Buches 
lange auf das bestimmteste abgestritten, aber 
allmählich kam die Wahrheit, die dann Se- 
grais später bekräftigte, an den Tag. Das 
Werk wurde überaus eifrig gelesen und wird 
von den Franzosen noch heute als der beste 
Roman seines Jahrhunderts gepriesen; und 
werm ihn auch die La Fayette nicht allein 
geschrieben hat und man Segrais und de La 
Rochefoucaulds stilistische Hilfe hier und da 
herausfinden mag, so will das nicht viel sa- 
gen. Was das Werk so wundervoll und es 
wert macht, noch heute gelesen zu werden, 
ist die sichere Kenntnis des Herzens, die sich 
in ihm kund tut, und die Feinheit der Be- 
obachtungen, wie ein Kenner wie Sainte Beu ve 
rühmend her vorhebt, die Klarheit und Knapp- 

19* >291< 



heit seiner Koinposiiion und die wundervolle 
Einfachheit seines Sujets mit seinen leicht 
hingeworfenen Umrissen, das sich wie von 
selbst bis zur Lösung entwickelt, die dem Le- 
ser nur der natürliche Abschluss einer wah- 
ren Handlung zu sein scheint. Vor allem aber 
der Adel und die Reinheit seiner Empfindun- 
gen, die um so tiefer zu uns sprechen, wenn 
wir uns klar machen, dass dieser Roman in- 
mitten des Hofes eines Ludwig XIV. geschrie- 
ben ward. 

Wenn uns heute der Stil der La Fayette 
ein wenig schwer dünkt, wenn uns die Weit- 
schweifigkeit ihrer Phrasen, besonders in den 
Gesprächen, die Entwicklung der Gedanken 
der handelnden Personen, die den Tatbestand 
in ihren Zwiesprachen nie erschöpfen, abei- 
doch ergründen, wenn uns ihr spärlicher, im- 
merhin charakteristischer Wortschatz fremd 
anmutet, so müssen wir, um der Dichterin 
gerecht zu werden, bedenken, dass, als sie 
schrieb, die Meisterwerke der französischen 
Sprache noch nicht existierten, sie die Sit- 
ten und Gebräuche der guten Gesellschaft 
ihrer Zeit malte und die besten Autoren da- 
mals so schrieben. 

Man hat diesen Roman eine Herzensbeich- 
te der La Fayette genannt und in der Gleve 
und ihrem Schicksal eine Verwandtschaft mit 
der Autorin, in Monsieur de Nemours de La 

>292< 



Rochefoucauld sehen und hat um so lieher 
deren amitie amoureuse damit beleuchten 
wollen, als die beiden Helden des Romans 
mitsamt dem unglücklichen Prinzen von Cle- 
ve frei erfunden in den streng geschichtlichen 
Rahmen des Romans hineinkomponiert sind. 
Sei dem wie ihm wolle, zuversichtlich wis- 
sen wir, dass nur eine edle, freimütige und 
wahrhafte Frau, die ein gutes Frauenschick- 
sal hatte, dieses rührende, zarte Werk schrei- 
ben konnte, das seinen Platz in der Welt- 
literatur ewig frisch behaupten wird, denn 
in ihm wird der ernste Roman das erstenial 
zu einer Form der Kunst. 

Weimar 19 12. 

Paul Hans mann. 



>293< 



Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt. 



MAY j4