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Full text of "Die Reformation und die älteren Reformparteien: In ihrem Zusammenhange ..."

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S)tc Sleforattttton 




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äUeren ^cfurnnjartcicn* 




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3n il^rcm ^n^amm^n^anQt 




bargefleöt 


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Dr. JlMbwifl Üeffci 




5^. @taat9ar(!&it>ar* 


• 


£et)ip9 




Serlag 1)üii ®. §trjel 




1885. 



//öS'^. e, . -^/\ 



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2)ic SJcfonuatton 



unb 



t)ie älteren ^eform^jarteien. 



3n il^rent B^fammenl^ange 



bargefteöt 



ÖOtt 



Dr. cSubtDtö Jlcffcr 




Ixfor^-^ 



SJerIftg bott ©. ^ttjel 

1885. 



"^0 XV) Ott. 



!Dtet große ©j>o(ä^cn l^aben btc ffinttoidtung bc5 tcfigiö« - Kt(ä^^ 
Ix^tn ?eben5 in !Ceutf(ä^lanb in ganj l^etöottagcnber SQSeifc beein^ 
fingt, nämli(ä^ einmal bic ^txt, in mläftx nntet ben gewaltigen 
Äämj)fen jtoifiä^en Äaifet gnbtotg bem ©aietn nnb bem ^aj>ftti^«m 
aWeifter Sdart juetft eine bentf(ä^e Sll^eologie \äfu\, fobann 
bie *^}eriobe, in tt>el(i^er nnter ber gai^ne eben biefer „bentf(ä^en 
2:i^eologie" fi(ä^ bie große aWajorität ber 35entf(ä^en für bie SReform 
ber Sir(ä^e erl^ob, nnb enblid^ bie (S^oi^t, in toAäftx bie gürften be« 
bentfd^en ®eifte«lebenö t?or nnnmei^r i&nnbert 3ai^ren — nm mit 
$erber jn reben — an jenem „i^eiligen ©reied" arbeiteten, 
nämlici^ „ber "^Joefie, *^}]^ilofoj)i^ie nnb ®ef(ä^i(ä^te, benbrei8i(ä^tern, 
toeld^e bie ^Rationen, bie ©elten nnb bie ©efc^led^ter txUn^im'\ 

(S« ift tt>a]^r, baß biefe brei gj)0(i^en J)iele änßertid^e nnb inner- 
li(ä^e Unterfc^iebe jeigen, aber e« ift jngleid^ längft anerlannt, baß 
bie bentfd^e {Reformation be6 1 6. 3ai^ri^nnbert6 bi« jn ben Salären, 
tpo fie bnrd^ mand^erlei 35erirrungen einen 8anf nai^m, loeld^er bie 
®egenfä^e ber f|)äteren 3ai^ri^unberte vorbereitet i^at, il^re befte Äraft 
an9 ber Srneuernng ber attbeutf(i^en JCi^eologie nai^m, nnb baß ba5 
Si^riftenti^nm Sefflngö nnb bie ^]^ilofoj)i^ie Äant^ al5 bie organif(i^e 
gortfe^ung jener „^l^ilofo^j^ie S^rifti" gelten IBnnen, beren Slnfänge 
im 14. 3a]^r]^unbert gefd^affen toorben finb. 

aber tt>id^tiger noc^ ift ber Umftanb, baß jioifc^en biefen Veno- 
ben anäf ein enger ^iftorifd^er 3wf^wtmeni^ang befielet — ein 
3ufammen]^ang, tt>eld^er auf baö ®etfte6leben jener ffi^joc^en nnb bie 
Quellen i^rer religiöfen unb |)]^ilofo^)i^ifd^en Ueberjeugungen ein 
ganj überraf(ä^enbe« 8i(ä^t toirft. 



IV 

©te 2!täger btefcö 3wfcimmen^anae^ toaren, toie bic nadbfol^ 
genben iölätter jeigcn fotten, jenciörübcrgcmcinbcn, bic unter 
tpcc^felnben Planten feit üi^Ien i^unbcrt 3ai^ren \ootfl belannt jinb, 
beten malere (^t\äfxä)it aber unter bem ©d^Ieier »erborgen liegt, 
ti)cl(]^en bie orti^obojen Kir($en an^ guten ^ünben über bie ©c^id^ 
fale jener t)erfotgten ßi^riften gebreitet l^aben, bie man „Äetjer" 
ober „©elten" nannte, unb ferner jene großartige ßorj)oration 
ber S3auleute unb ©teinmetjen, toeI(3^e in ben ^anifuttcn ber 
i^erfd^iebenen gänber i^re SSertretung befa§, unb bie in S)eutfd^Ianb 
feit bem 1 3. 3ai^ri^unbcrt inxä) bte ©ruberf(i^aft be6 „beutf(i^en 
®teinn)erl^" einen J)iel größeren ©nfluß ausgeübt :^at, aW in 
ber ®egenn)art belannt ift S)iefe S3ruberf(i^aft ift c6 gen)efen, 
tozläft feit ©ieben^unbert 3a^ren bie „©rübergemeinben" jebe^mat 
(]^riftH(5^ unb brüberüiä^ in ®(^ufe genommen ifat, toenn bie red^t«^ 
gläubigen Parteien im 'ißamen ß:^rifti mit geuer unb ©c^^ioert gegen 
bie „©elten" Srieg füi^rten unb bie SQBogen be6 SReligion^^affeö 
über ben SSerfolgten jufammenjuf(^lagen broi^ten. 

S)ie ®efd^id^te biefer „ 83rübergemeinben ", bie fi(ä^ einfaii^ 
„ß^riften" nannten, erinnert in ber ärt, toxt fie bargeftettt loor*^ 
ben ift, unb in bem 35erlauf, ben fie genommen i^at, ungemein an 
bie SSorgänge ber erften c^riftlid^en Sai^r^unberte. ©ben biejenigen 
„S:^riftcn", n)eld^e J)on :^eri)orragenben ©d^riftfteCern be6 Stttertl^umö 
aW 9lu«n)urf ber 3ßenfd^:^eit bargefteüt unb Jjon ber ort^obojen 
^riefterfd^aft unter 3uben unb Reiben al^ „©eften" gei^aßt unb 
Jjerfolgt lourben — man toeiß jia, baß fetbft ^aulu^ einft aW „Sin*» 
fü:^rcr ber ©elte ber Sfiajarener" i)or ®erid^t ftanb (Acta 
Apost. 24, 5) — eben biefelben finb e^ geloefen, toeld^e bie i^eibnifd^e 
unb jübifd^e SBelt auf eine neue @ntn)icf(ungÖftufe geffli^rt i^aben. 

®emäß ber SSorl^erfagung S^^rifti: „SBenn fie mxä) »erfolgt 
i^aben, n>erben fie aud^ mäf »erfolgen", finb bie „redeten ß:^riften" 
»on iei^er al^ „©eften" unb „©eltirer" »erfolgt, »erleumbet unb 
gei^aßt toorben, aber gemäß ber toeiteren 3^f^ß^ ^^^ SrlSfer^ ^aben 
fie fid^ ftetö »on 3^euem au^ ber Slfd^e eri^oben unb bie SBelt l^at 
fie umfonft gei^aßt, 

„'Die göttlidie SQBal^ri^eit ift untöbtlid^", ^at einft einer biefer 
„©eftirer" gefagt, ber felbft ben @d^eiter:^aufen i^at befttigen muffen. 



„unb n)ien)o^l flc fid^ etipa lange fangen läßt, geißeln, frönen, fren«^ 
jigen unb in ba6 (Stab legen, U)irb fie bod^ am btitten JCage n)ieber 
aufetfte^en unb in Stoigfeit regieren unb trium^Ji^iren". 

5Da« jjorftegenbe SBerl [teCt einen ^tx\nä) bar, bie ©efd^td^te 
ber „Sörübergemeinben" unb ber mit ii^nen eng t?erbunbenen 83ru- 
berf(]^aft ber beutfd^en „SBauptte" in ii^ren ^au^jtmomenten jur 
Slnfd^auung ju' bringen. S33enn id^ mid^ bem i^errfd^enbeh <S>pxaä)^ 
gebraud^ l^ätte anj^affen n>ot(en, fo i^ätte id^ baffelbe aud^ eine „®e^ 
fd^id^te ber ©elten unb ber ©eftirer" — benn aud^ bie ßorj)oration 
ber „§üttenbrüber" n)irb feiten^ ber i^errfd^enben Sird^en bai^in 
gered^nct — nennen fönnen; tnbem id^ bie^ nid^t geti^an, fonbern 
ben obenftei^enben Sitel getDä:^(t :^abe, toar e6 meine 9lbfid^t, anju*- 
beuten, baß id^ ben großen S33enbe|)unft in ber ©efd^id^te ber „JBrü^ 
bergemeinben" unb ber „83auptte", nämlid^ ba^ 16. 3a:^ri^unbert, 
jum ÜÄitteI|)unft meiner Untctfud^ungen gemad^t l^abe. ©obalb e^ 
gelungen fein n)irb, biefe n)id^tigftc *^}eriobe ber ©efd^id^te ber „©rü-* 
ber" i^inreid^enb aufjui^etten, fo toirb üon ba au^ ber toeitere 5(uf^ 
idu fic^ leidster i^oüjiei^en, aU ef biö^cr mögfid^ toar. 

S33er bie a3orurti^ei(e unb §inberniffe ju beurti^eiten loeiß, 
toeld^e fld^ ber Srforfd^ung unb iCarfteCung biefer SDinge entgegen^ 
fteüen, ber toirb nid^t ertoarten, baß i^ier eine abfd^fteßenbe ©efd^id^te 
ber „©rüber" gegeben n)irb. ^'iad^bem in ijolge thtn biefer ©d^toierig* 
leiten bi«^er überl^au^Jt jebe jufammenfaffenbe ÜDarftettung gefei^U 
l^at, ift eö unmöglid^, biefen SKangel gteid^ beim erften Slntauf ju 
erfefeen ober ben trabitionetlen SBiberftanb ju befiegen, auf toetd^en 
jcber berartige 35erfud^ i>on ©eiten ber alten ®egner jener „Äefeer" 
red^nen muß. Sine fold^e ®efd^id^te läßt fid^ nid^t fd^reiben, oi^nc 
baß mand^erlei SSorgänge an baö lage^Iid^t lommen, über toelc^e 
nod^ ^eute SSiete lieber @d^n)eigen beobad^tet fä^en, unb toer bie« 
©c^loeigen brid^t, ber \oirb barauf ju red^nen i^aben, baß ii^m, fo 
toeit bie 3^ttber]^ä(tniffe e« geftatten, biejenige ©e^anblung ju Si^eil 
toirb, toelc^e in fold^en gätlen bi^i^er üblid^ toar. ÜDod^ mßd^te id^ 
mit einem ber alten „©eltirer", ber einft in ä:^nlid^er 8age ein ®e^ 
fd^id^t^toerf fd^rieb, :^ier betonen, baß, „toenn gteid^ bie 3rrtpmer 
unb gei^Ier nid^t berfd^n>iegen finb, id^ n)oi^l toeiß, baß nid^t« menfd^^ 
lieber ift, benn 3rren, unb baß in aüen ^axttm bie menfd^Ud^e 



VI 



yiatm bem drtt^um au^efe^t ift; bo^ im iäf um !etne^ dtr«* 
t^um^ ober S^^I^ iDtUeit 3emanbent fetnb ober gram, unb ntN^te 
gegen tneined 9}Sd^ften drrfat unb Sel^Ier alfo geftnnt fein al^ id^ 
»ttt, baß ®ott um metner gel^Ier toillen mir e« fei". 



3um ®^Iug ift e^ meine $f(i^t, atten !Denienigen, koel^ bei 
biefen fd^toierigen Unterfud^ungen mid^ freunblid^ unterftu^t l^aben, 
i^ffentlid^ meinen S)anl au^iuf))re^en. 3^^^^^^^ fMffb^ unb 
Sibliotl^elen l^aben fid^ im 3ntereffe meiner gorfd^ungen mannig« 
fa^er 9Rfi]^eto>aItung unterjogen, befonber^ aber bin id^ ben f)erren 
^Beamten ber ftdniglid^en ^uKnifd^en Sibliotl^el gu iDhtnfter für 
vielfältige ^ilfe ju !DanI J)er?)fli^tet. 

SKunfter, am 23. SRoijember 1884. 



3tiI|aa9«Ue]ietfi4>t 



®rpe9 (Sa^ttel. 
Die Air^e nnb bie Artet. 

SDle ^etoiffcnSfrei^eit in bot erfieu il^rifillid^m ^a^tl^unbevtm. — 5D{e r6mif(^e itej^ergefc^« 
^cbung. — C)ie SBalbenfer. — Setid^te bei 3dtgeno{yen &bet fic. — Hngeblic^eS @cItend^aoS. 

— SHe jte^er bcS 1 6. Sa^tl^unbertS. — SESalbenfec unb S^Sufer. — SDie Queaen bcr Stt^tx%t> 
f^i^te ttttb i^re Serftüntnteluttg. — ^etruS SESoIbuS unb bcr Utf^rung ber „Orübn''. — ^ran» 
ciflaner unb SBorbenfer. — Vulbreitung b<r gartet — ädegl^aTben unb Segl^incn. @eite 1 — 35. 

3toette0 (£a^)ttel 
Das ClanbcHfbekeiitittiil ber alte9aii0elif4eii Cemeinben. 

@(attBe unb jtir^en\»cifa{ynng ber erfien d^riftl^en Sa^r^unbcrte. — Knle^nung an bic 
urf^rünglid^flen OueHen ber d^riftß^ ©efd^id^te. — Stad^toirfungen einer großen Ucbetliefenmg. 

— Stellung ber SBalbenfer $um (Sanon. — Die 3nf)>tTAtion ber ^. @(j^riften. — S^rifti SBorte/. 
Sefe^Ie unb beren befonbere Sebeutung. — Die iRac^fofge (S^rifit — SDaS Klte Xcftament unb 
ber Se^rt^^yuB beS ^auIuS. — Die auS ber Heiligung beB SBidenS flie^enbe innere (Srleud^tung 
unb i^re Sebentung alS (Srtenntnil^rinci^. — Die Sebeutnng ber 9erg))reb{gt bei ben Bai» 
benfern. — Blutvergießen, @etoiffen8frei^eit, Sted^t ber !Rotl^n>e^r, @(j^n)ur, ^cinbeSIiebe. — @te($ 
lung au ben SRi^lierien ber Bibel. — Die ^cißmittel ber ^rd^e. — @egenfa(} bon SBeCt unb 
a^riften. — SßillenBfretbeit, Heiligung, 9nabe. — ©d^Iußbetrai^tungen. €eite 36 — 62. 

2>ritte9 (£a))iteT. 
Herfaffttiig unb <5ottefbieii|l ber alteoangelif^eti Air4)r. 

Die ®mnbgebanfen unb bie DueKen ber jHrd^enorbnung. — Der Begriff ber iCird^e. — 
Xpoßolifd^e ©uccefflon. — ©emeinbeürd^e. — jHrd^sud^t — Die Sinri^tung unb Berjfaffung 
be« Hpe^ttUti. — Die „Ärrnntl^". — Die qjoflolifd^e Siegel. — Die /,@otteSfreunbe.'' — Der 
„Velieften^9tall^''. — 6)}iScopat, @acerbotium unb Dialonat bei ben SBalbenfem. — ®^noben 
unb (Sonferensen. — Der ®otteSbien|i. — Die ^^auSanbad^ten. — Die @ottefil^&ufer. — Die 
^ßrebigt — txA Slbenbma^I. — Die Beid^te. — Die Xaufe auf ben ®Iauben. — ^inber» 
niffe i^rer 9(uBbreitung. — ©teKung sunt ^Bn^t^um. — ©d^Iußbetra^tung. 6eite 63 — 94. 

Aaifer f nbwig «Hb bie brnifdien 6aui)ntteti. 1314—1347. 

Die @oui»er&netat beS $a)?fteS über ben jtaifer. — X^omaS i»on Vquino unb Bonifaclul^ 
VIII. (1294—1303). — Stampf i)»i\<fytn j^aiferti^um unb $a|)ftt^um. — Solenn XXII. unb 
JtSnig 2ub»{g ber Baier. — Der itünig unter VnRage »egen ^ejjerei. — ÜRarflliuS ton ^abuo. 

— 3o^n SBi}€liffe unb ^arfiliuB. — Der /^^riebenSanioalt''. — Sntfiel^ung unb Bebeutung beS 
äBerfeS afS DueOe beS alte^^aagelifd^en jHrd^enre^tS. — 9(uS)ilge auB bem Bud^. — Der ßaifer 
unb bie @t&bte. — ^atridat unb ®i(ben. — Die beutfd^e Baul^&tte. @eite 05—122. 

Pnfte9 (Sa^itel. 
Die Valbenfer unb bie altbeiitfd)e fiteratnr. 

Xloaruf ^elagiuB n>iber ^arfiliuS. — Die jte^er in ^traßburg unb il^re Siteratur. — 
Der SRagißer SBalt^er in ^S(n. — Dal Berbot jtaifer jtarlB IV. gegen bie beutfd^en Büdner 
ber ®eflirer. — ®inb beutfd^e ©^rtften auS ben ^rrifen ber aSöalbenfer eri^atten ? — Die ^tvxi 



VIII 



gelfen. — Da8 gKdftcrbud^ Pb€t bie „^iflcxit »cn 5;attlcr8 Sefc^nmj". — KttSjug ou3 tiefem 
©ttt^. — Serf(^iebene aSeav^eitungen teffel^en. — J)a8 gelfccne % 25 (S unb bic „aOgcineinen 
SHegdii" bet 5BaIbenfer. ©eile 123 — 151. 

ecd^ftcö (Sa^itct. 
steiftet ddiort, 3ol^ann(0 CanUr nn) Me tentfdie S^eologie. 

@tra|^urg unb bie ite^er. — 5D{e fogenannte „^tfit US freien ®t\fttS", — Weifler Gtfart 
— ^at er }ur /,@efte beS freien @eifte8'' äSejie^ungen befeffen? — Qdatt unb bie o(te«an0e> 
Uferen ©emeinben. — Die »annbuHe »iber ^(fart wm 27. ÜR&rj 1329. — (Stfart i^l ber 
l^ertorragenbfte beuift^e ^^ilofo)?^ be3 ^Rittelalterd. — Die äSegrfinbung einer ,,Deutf^en X^o; 
logie" burd^ etfart — (Srfort unb Z^emai Don «quine. — Die ©t^ule erfartS. — So^anneS 
SCauIer. — 5Cattler auf bem Snber. — Der „er]?ttrflirle" unb ber toa^re Xaufer. — Do8 »üd^lein 
wn ber Deutf<^n 5C^e«Ioflie. Seite 152—172. 

Die 3ttft&nbe im JReld^ feit 1348. — Da8 @t\^lt^t ber TOerftoine unb bie »eg^inen. — 
{Hufman ÜWerfwln (geb. 1308). — ©r ftiftet ein „glut^tl^auS" ober „@otte8^att8". — Deffen 
Seitung er^&It ein ,,@otte8freunb". — Da8 @ottc8^au8 ge^t in bie $&nbe be8 3o^anniterorben8 
über. — Der „QJotteSfreunb" übermiltclt bem ®olte8^oufe eine reiche Siteratur. — Diefe 2ite> 
ratur ift erl^alten. — Sebeutung unb 6^arafter ber erhaltenen @(!^rtften. @eite 173 — 187. 

(Eilt httüi^mttt (^ottesftenn). 

Die ]^eimli<!^n @otte8freunbe. — Der berühmte ,,@otte8freunb auS bem Dberfanbe". — 
Der ®otte8freunb uub bie „e^riftenbrüber". — Der @otte8freunb empfiehlt beutfii^e »üd^er. — 
©eine ©tettung jum ÜÄSnd^t^um. — Dogmotift!^ « reltgiöfer ©tanb^junft be8 @ptte8freunbe8. — 
SBBalbenjifc^e »efonber^eiten. — gal^Ien * ©tjmbolif. — Die jtoei SBege. — ©laube, ^cffnung, 
2iebe. — SEßeltlid^e unb gelfHid^e ©erid^te. — gegfeuer. — Die 3ufammen!finfte ber ©ptteS« 
freunbe unb bie Ga^itel ber Sßalbenfer. — @enbf(&reiben unfere8 @ottc8freunbe8 an feine @tf 
meinben. — Der ,,@otte8fTeunb au8 bem Oberlanbc'' ^at ©acramente gefpenbtt unb S^eid^te ges 
^5it. ©eite 188 — 208. 

Der ,;®otte8freunb ou8 bem Oberlanb'' unb bie SSauIeute. — Die religiSfe SSetoegung bec 
beutfd^en „^^ftifei'' in i^rer (Sinioirruiig auf bie beutfd^e jtunft. — Die (Snttoicflung be8 ©tein? 
bau8 feit bem 1 2. Sa^r^unbert in i^rem $er^&ltnifr sur ©efci^id^te ber alte\>angelif(!^en ©emeinben. 
— Der »unb ber beutfd^en »au^fitten. — einflu^ unb gjlad^t bcffclben. — aSerfaffung, »rSud^e 
unb aSBcfen ber »ruberf(^aft ber $üite im SBerglelc!^ mit ber »ruberf(!^aft ber ,,SBalbenfer". — 
Die ©teHung ©tra^burgS im ^i^ttenbunbe unb in ber Crganifation tkx attetangelifc^en ®emein$ 
ben. — Die a3erfoIgung ber ,/(S^riftenbr{ttet'' feit 1360 unb 9iii^irtung berfelben auf bie 
»au^ütten. — Die „«lebl^aber bc8 $anb»erf8". — Die Xenbenj be8 «gciftigen SauenS". 
©eite 209—238. 

J>\t b(utfd)(n Wai^tnftt nad) ber groMn l^erfolgnng^periobr. 

Das ©d^iSma ber Sa^re 1378 — 1417. — gortbauer ber Äe^etberbrennungen. — Die 
^inrid^tung be8 2lol^ann ^u^ unb beS J^ieront^muS bcn $rag. — Die t^otgen biefer (Sreigniffe 
in »ö^men. — Die »jj^men greifen jur iRotl^ttje^r gegen bie Äe^errid^ter. — SBer trSgt bie 
©t^ulb ber Empörung? — 9lü(ftoitfung ber bö^mifd^en (Jreigniffe ouf Deutfd&Ianb. — Sodann 
bon ©(^lieben, gen. Dranborf (f 1425). — Die „Äefeer" in ©üb»eftbeutf(^ranb. — 2eben unb 
Se^re ber beutfd^en aSalbenfer im 1 5. Sal^r^untert. — Die Äefeer^jrojeffe ju greiburg i. U. im 
Solare 1430. — Der Qobey XepIenfiS. — Die »arbenflfd^e ©ibelüberfefeung. ©eite 239— 260. 



IX 



Der 9al)(nftrl)ifd)or iric^rid) ^tiUt (t i458) nn) l\t ,,firttba" 

in iranktu. 

Gcnrab ^Idfer unb fein Sol^n griebrid^. — ®ic „53rüb«" in SRüniterg unb $aii8 öon 
grauen. — erjie^ung griebric!^ SRcifer« in ?piaucn8 ^aufe. — „3Jat«" SWarmcil^ au8 greiburg 
i. n. — ®et eintritt ^ricbrid^S in blc erftcn geiftlid^cn Functionen. — ©«in 5Dienft al» »e^ 
gleit« b€C «peftel in ©cutfd^Ianb unb in fccr ©d^njcij. — 5Die 3Bei§e jum „«poftel" in ?Prag 
bur(^ »ifc^of 9licorau8. — fjriebrlc^a SE^Stigfeit al8 „©cnbbote G^rlfti". — 5Die religiöfm 3us 
ftSnbe in granfen. — 5Dic ©^jnobe ju ^«clbSberg Id S^iürnbcrg (1447) unb griebrid^S aSal^t 
sum aifd&of. — J)if ©tjnobe ju Xabor in »6^mcn. — 5Rcifrt »irb jum ©cnior ber SÖlfd&Sfe 
cttoS^It unb Strasburg »Irb fein ©ife. — ©eine ißerl^aftung unb $inri(!^tnng. — 9lei[er8 »e-- 
beutung. ©eite 261—281. 

Die „6rnbet*^ in Boljmen. 

Die aSalbenfer in SS^men. — ^petcr a^elcicf^. — ®ie SBegrünbung einer fenjftänbigcn bSI^ 
niifd&en »nibergemelnfcä&aft ®te 5Caufe ouf bcn ©lauben. — ®ie „^ifarben" unb bie „XSufet". 

— ®ie SBcil^e burd^ ben SBalbenferbifc^of ©te^l^an. — SDic 9lü(f!e(jr aur alten d^riftlid^en ^x^t. 

— 5Dlc aieligiongaufd^auungcn ber aSrübcrgeme^nbcn. — 3^'^^ "»i^ 2lu8breltung. — ®ie „»rüber" 
unb bic »uc^brutfer. — $)ie ©cj^ulcn ©clfiige unb tolffenfc^aftlid&e SRegfamfeit. ©eite 282—295. 

2)rciscl^tttc^ (SQ:|)itct. 
Die alteuangelifdjen (^eineinben beim beginn bet Hefotmation. 

S)er internationale Sufammenl^ong ber ©emeinben. — 5)ie toolfd^en ©ruber unb il^re iBe« 
jie^ungen jut ©d^toeij. — £)ie „Söcfannten" in Guglanb. — 5Dle „©egl^arben" in ben 9^icber> 
lanben unb bie „©rüber bc8 gemeinfamen 2eben8". — $)ie „93rübergemeinben" im 5Äeid^e. — 
2)er innere guftanb be8 SBalbenfert^umS öor ber Sflcformation. — 5Der 2SaIbenfcr?Äated^i8mu8 
be8 1 5. 3a^rl^unbert8. — ©le rellglßa s f lr(!^Iid^en 5principien unb i^rc aSerfümmerung. — 5Die 
Sßertoirrung unb Cerftümmelung ber alten SErabition. — SBerfel^rte Slnffaffung ber' ©leld^l^cit unb 
»rüberlid^feit. — 5Der 3Ri|t)erftanb ber Seigre öom „innern SCBort". — ©änalid^er SlbfaH einzelner 
©emeinben bon ben ©runbprincl^ien. — 9^ot]^n>enbigfclt einer burd^grelfenben Siegeneration, 
©eite 296 — 316. 

SSictic^ntc^ Sa^itct. 
Die <Ernenernn0 bet alteoangelifdl^n i^iteratnr. 

Die beutfd^en »aul^ütten unb Äaifer gnarimifian I. — SBolfgang Dendf, 3Reifter \)cm ©tul^l 
8U ©tetjer. — Die „^iebl^aber be8 $anbn)erf8". — Die beutfd^en SBerflcute unb bie ©rfinbung 
ber ©ud^bmdfcrfunft. — Die /,J^orm|^netber" unb bie ©teinme^en. — Die beutfc^cn JBud^brutfec 
unb i^r SlntJ^eil an ber erueuerung bc8 beutfd^en ®eifte8leben8 im 15. S^^vl^unbcrt. — Die 
SC\5^)ogro^)]^ie In graufcn, be[onber8 in iRürnberg. — ©ud^brucfer, Äüiiftler unb ©clel^rte. — 3"^. 
»on ©tau^sife in Slürnberg. — ©ajel al8 borne^mfter ?pia^ be8 beutfc^en ©uc|^anbel8. — Die 
©ruberfd^aft „jum ^immel". — Die ©ele^rten unb bie SBuc^brudfer in S3afel. — ®ra8mu8, 3l^c> 
nanu8, ^eHican, Dentf, Oecolam^ab, (5a^>ito u. 31. — Die ©rneuening ber SBibel unb ber ÜJitc? 
ratur ber „@otle8freunbe". ©eite 317—338. 

3oi)ann oon Btaupi^ unli Dr. ^artin i^utijer. 

©tau^i^ unb bie altbeutfc^e SC^eologle. — ©eine crfte »egegnung mit Sutl^er ju (grfuvt. — 
©tau^ife fü^rt fiutl^er au Stauler unb ben „gntjftifern". — 2ut^er8 »cgciftenmg für bie „beut* 
fd^en X^eol^gen" in ben Salären 1517 — 1520. — gütiger wirb al8 %^xct an:rrannt. — ©tau^ife' 
fernere Unterftüfeung bl8 aum Saläre 1521. — ?piöfeli(§e erfaltung be8 Ccrl^&ltnifieS atoi[d;en 
2ut^er unb ©tau^jife. — aSBcr l^at feine 3lnfd^auungen getoedjfclt ? — Die Spaltung ber Station. 

— Urfad&en ber ©»jaltung. — Die ge^re bon ber (Scnugt^uung C^rifti. — Die SBiUenSfrci^cit. 

— Die (Srfenntniliqueaen ber rclrgißfen SBal^r^eit. — «utl^erS Ürc^enpolitlfd^e «nfc^ouungcn. 
©eite 339 — 363. 



X 

Das S^ottfetti^Miii. 

Ibxt Sebeutung ber SSMocgung. — IDer iva^re 9lame bec Partei. ^> (Brftnbung einer neuen 
cber (Smeuerung einer alten jtirc^e? — 5Die SBiege beS S;&ufert^um8. — ^ie (Sa)pite(S»afamms 
Jungen ber „©rüber" ju »afel. — SBall^afar ^ul^meier. — ©ie »afeler Offlcinen. — $anS 
iDenCf, (Surio unb ^ratanber. — (Sonrab ©rebel. — 9BUl^. 9leublin/ lUrid^ ^ugtoalb, Subtoig 
^&^eT, ©imon Stumpf/ ^einrit^ »on (S)?penboif/ ^artmut^ von ^ronl^erg, Otto SrunfdS, Knbreaf 
(Saftelberg. — 5Die KuSIanber STt SSentinuS, $einri(^ 9tebe, 9t. GrocuS, Knemunb be (Scct u. fL 

— „Ä<)o|ieI, »ifd^jjfe unb et)angenften". — Die »efultate ber »rüber^S^noben. — ®ie Xaufe 
«uf bcn ©tauigen. @eite 364— 3!) I. 

DU Sü^mt\}ti Btnber. 

Die 9tef)e ber alten @emeinben in ber ©d^toeij. — Uttl^(e ton B^itgenoffen über ben ^vif 
fammen^ang mit ben Alteren ,St^txn". — 5Die „Stti^aj^vild' ber @)p{ritualen lu ^M^ im 
3a^re 1522. — SBie lautet bie Strabition ber Srübergemeinben über ben Urfprung i^rer Partei? 

— Slnfie^ten neuerer -gorfd^er. — J)a8 erfte ^er\)ortreten ber alten ©emeinbe in gürli^. — ©ine 
tonft&nbige Organifation ber ©emeiuben in ber ©d^toeia ift fd^on um 1521 nad^ioeiSbar. — 
2m {>erbpe 1522 fc^lie^t fit^ €. @rebel ber alfen 3üri(!^er ®emeinbe an. — Die 3in£$ unb 
Sel^ntenfrage. — Die 35erfümmerung ber alten ©emelnben. — Die ^auptpreitpunfte. — Die 

^infü^rung ber ©pSttaufe im Sa^re 1525. — Der literarifd^e Äampf Die „^eiligen". — 

Die Srüber beS //freien @eifte8". — Der 93rubermorb in @. ©allen. — Die Ausbreitung ber 
,/93rüber". Seite 392—412. 

Bie 0ro^( Jeit bet alteuaitgelifdieii iird|(. 

Die atoeite ^eriobe beS fogenannten 9(nabopti3mu8 feit 1526. — Die {^ü^rer biefer 9e$ 
toegung: Dend unb {»ubmeier. — DaS Anfe^en biefer ü^&nner bei ben fp&teren //Staufgeflnnten''. 

— Unterfd^lcb' ber erfien unb jioeiten Verlobe ber Srübergemeinben. — Der Seglnn ber »Itlon 
in 92ümberg. — Die erfte unb ilotHt ©t^nobe ber a3rüber }u Augsburg 1526 unb 1527. — 
Die IHefultate ber Verätzungen unb DeuctS MüfUin «on ber Siebe. — Die Literatur ber Srüber 
in jenen Salären, ©eite 4 13 — 435. 

iRcunjcl^nte« CEa^itct. 
Der llampf nm ben alten d^lanben. 

jtird^enterfaffung unb (SultuS ber erneuerten (Semeinben. — (Sinflu^ ber Sau^ütte. — Die 
SCaufe, ber »ann, ba8 «bcnbma^l/ bie ©otteSbicnfte. — Diafonen, Aeltefle/ aSorfJe^er/ Diener 
fce8 2Bort8/ ^ftftoreu/ ^angeliften. — Die ^anbauflegung ber ©enioren. — Die Aeltefteii bet 
®efammtfir(§e unb bie »Ifd^öfe. — ©omcl^te ber »if($5fe. — Die ©^noben, bie TOonatfiber« 
fammlungen, Sft^rcSberfammluiigen. — Die Apoftcl. — Die Verfolgungen unb ^inrici^tungen. — 
Der 9tei($StagSabf($ieb bom S^^re 1529. — Sut^er unb !D2elan($tZon über bie Einrichtungen. — 
Die ^eigniffe in ÜÄÜnfter. — 3oZ- »• Serben. — Da« neue SSratl. ©eite 436 — 457. 

3tt>attgtgpe8 dapiut 
Kebetfid)t nber bie fpateten (SntoiAlnngen. 

9teligi98;fir(Zli(^e 3uft&nbe beS 17. unb 1 8. 3ai^rl^uutert8. — ©ebaf)ian ^rand unb (Sagp. 
t). ©d^toenffelb. — Die Stellung bet dürften bon »ranbenburg/ .Reffen unb JBaben iu ©ij^toenf« 
felb. — Die $fal}gr&ftn (Slifabet^ unb bie altetjangelifd^en ©emciuben. — Altevangelifd^e Unter« 
ftrßmungen in ber reformirten Äird^e. — ^of). ©igiSmunb, G^urfürfl bon Sraubenburg. — Die 
aSrubetfd^aften ber beuifd^en SGBerflcute. — SRofenCreujer unb Freimaurer. — Die altebangclif($«n 
©emeinben. — Der Sltere beutfd^e ^ieti8muS. — Puritaner unb 3"i>«pc«fe«wt««' — 2ff|ing unb 
itant. ©eite 458—488. 



5)ic attformatioii* 



//' 



,S)a8 ^Ji^ftt %ef> gel^a^rt ber (^riftlic^en 9te(i()ion, 
bereit reiner ebler Urfiprun^ {It^ immerfort baburt^ 
betl^&tigi/ baf nac^ ben grSftten Serirrungen, in tod(^ 
{le ber bunfle SRenfd^ l^ineinjog, e^e man fl(^S oer» 
fielet, jle fl(!^ in i^rer erften (i^Iid^n ^igent^fimli^^ 
Veit 3u (^quidhtng beS fittli(^en ÜRenfd^enl^ebilrfniffeS 
immer »ieber l^ertortl^ut". ©oet^e. 



2)te ^r^e nnb bit fte^er. 

2)ie ©ctoiffcn^frcil^cit in bot ctjicn d^riftlid^m Sal^rl^mibcrtcii. — 2He tömtfc^fc 
^cfecrgcjc^eBtrag. — ®ie SSatbcnfcr. — ©eric^tc bcr 3«tgcnoffcn über fte. — 
SngebKd^ed ©dtmci^e. — 2)ie te^r be9 16. 3a]^r]^unbert9. — SBaQ)eitfer 
imb 2:Suf er. — 2)ie Duetten ber ^et^gefd^id^te unb il^re ißer^ümmedntg. — 
^tTU0 SBalbu^ unb ber Urf^rung bcr ,,©rüber". — granciölaner unb ©ot- 
benfer. — Slu^breitung ber ^rtei. — SBegl^rben unb ©egl^ineu, 

!Dic ^riftlid^e fiird^e bcr crften brct Sal^rl^unberte lanntc in 
Ue&ereinftitntnung mit ber Seigre i^re^ ©tifterd unb in l&eu^ugtem 
®egenfa^ jum 3ubent]^unt leinen tt>eItUd^en 3^^^9 ^^ ©lauben^ 
fad^en. 

ßrft in ben ^nttn, tt>o unter Saifer Sonftantin ber ®unb 
itoi\ä)m beut S9e]^errfd^er bed rSmifd^en Seltreid^ö unb beut S9ifd^of 
)}on |Ront fid^ )»otIiog, begann bie Seigre ©tauben ju finben, baf 
auf Srforbern ber fitrd^e ber mlüxäft Wem biejenigen att 35er' 
bred^er beftrafen muffe, toeld^e tro^ enq^fangener ®ele]^rung ben 
iDogmen ber fiird^e \\äf niäft unterwarfen. 

@d^on in baö r&mifd^e 9ted^t beö 5. unb 6. Sai^rl^unbertö tt>aren 
einjelne SBeftimmungen toiber bie „^äretiler" aufgenommen toorben ^), 
unb in ber ^eriobe ber griJ^ten ÜRad^tfüKe be^ ^a^jftti^um^ , im 
12. unb 13. dai^rl^unbert, tt>urben biefelben burd^ bie (Sonftitutionen 
ber römifd^beutfd^en ftaifer beftätigt unb erweitert. 

3Som 12. Sal^ri^unbert an ift bie Sii^eorie jur attgemeinen Sln^ 
erlennung gebrad^t, bag bie Slbtoetd^ung öon ber römifd^en Äird^en^ 



1) SSgl. biefe ^efHmmungen bd 9lid^ter Sel^rb. b. ebang. u. fatl^. Säx^U' 
Xiäft^, S^ag. 1867 @. 610. — SMe (grtaffe bc8 Codex Justin. (Lib. 1 tit. 6. 7) 
gegen biejenigen ^e^, n>eT(^e bie @)>&ttaufe ertl^eilten, f. b. 9tid^ter a. O. 
@. 609 Slnm. 4. 

Sttlltx, ^He dtefovmatiott. 1 



leiste bct |)erfBnU(3^en ©finbc jujufd^rciben fctO* 3)er äuö^ 
brucf „i^ärctifd^c ©d^Ied^ttglcU" tourbe im "hxäßäftn JRed^t gut öc^ 
jcid^nung eine« fttaftpfitbigen SSerbred^en«. 

5Die ftefeet finb feit ben ^At^n bet ^)ä^>ftli(ä^en SBeltl^etrfd^aft 
„^jeftilenäialifd^e "ißeTfonen", bie [xäf einet fd^toeteten ©träfe fd^nlbig 
mad^en aW bie, toeld^e fonftige fleifd^Iid^e ©finben begel^en* 

S« toat biefe geilte ein integtirenbet S^^eil be« ©Aftern«, totläft^ 
in Sitd^e nnb ^Religion fid^ feftgefefet l^atte. @ö gab in biefem too^U 
gefügten gel^rgebäube leinen 23^eil, am »enigften einen fo toid^tigen, 
»eld^er ein überflüffige« (Slieb getoefen toate; öielmel^r forberte bet 
SBegtiff bet Sitd^e, toie et anstiftet tootben toat, mitStotl^^ 
toenbigleit, bag ba« JRed^t gut gotbetnng bet fiefeetfttafen ben 9Set^ 
ttetetn bet ^td^e getoai^tt toetbe. 

g« ift üon einet Slntotität, toeld^e in biefen gtagen getabe t>on 
tömifd^'fati^olifd^et ©eite anetfannt toetben bütfte, nämlid^ t>on 
^tofeffot Dr. SB* SKatten«, bet 5Rad^toei« etbtad^t tootben, ba§ bie 
gefefelid^en ®eftimmnngen übet bie ctiminalted^tlid^e aSetfoIgung bet 
fielet in bet lati^olifd^en Sitd^e „eine bogmatifd^e Safi«" 
l^aben, b. ^. baß fie mit.bem ganjen ©^ftem be« ©lautend, an 
tt>eld^em bie ©eligleit bet SKenfd^en i^angt, nnttennbat öetbnnben 
finb nnb ballet einen bauetnben nnb unüetänbetlid^en ßl^ataftet 
füt alle ^tittn, nnb fomit and^ füt unfete ^dt befifecn^), . 

©ie ®nae ^a|)ft 8eo X. ü. 15* Suni 1520 — fo ffi^tt ^tof- 
aWattenö an« — ift ein l^inteid^enbet SBetoeiö ffit bie bogmatifd^e 
(Stnnblage, toeld^e bie gellte üon ben ftefeetfttafen in bet lati^olifd^en 
Äitd^e befifet „©et ^ap^i toottte (in bet genannten SButte) eö al« 
fibeteinftimmenb mit bem depositum fidei bejeid^nen, ba§ e« bem 



1) SBcfonber« ijl e0 2:i^oma0 toon Stquitto gctoefen, »cld^er biefc« @i?jicm m 
eine n>if[enf(^ftUd^e gomt gebrad^t l^at. @r fud^t bett ^md9 gu fül^ren, bag 
bie ^arejie ein SSergel^en fei, töetd^e^ \äfiimmtx ijl at0 bie ((i^toerften todtli^ 
%^ttbxtäftn, Tb. V. Aquino Summa D. 2. Qaaest. XI Art. 3 «Meruenint non 
solum ab ecclesia per excommunicationem separari, sed etiam per mortem 
amundo excludi.... statim ex quo de haeresi convincuntur possunt non 
solom excommunicari , sed et juste occidi.** ^l^oma^ l^t alfo eine ^« 
tel^tnng ber überfill^rtcn Äefeer niii^t für nötl^ig. 

2) Dr. SB, äRatten«, lat^ot $tof* am biftä^öfl. Seminar ju ^tiplxn, im 
3lrd^ib für lat^oX. Äird^nred^t ©b. Vffl @. 201 ff. 



göttlid^cn SBitten mä)t totber^ted^e, toenn bic toeltUd^e Dbrtgfctt auf 
(Stunb bcr emi)fangenen aSottinad^t bic ^ätetilct aW Ucbelti^ätet 
Bcftrafe unb fogar l^intid^tc". „^e^ffaW, fä^rt 9Äarten^ fort, 
,,müffen tott un^ aW Sati^oUfen lauten, bic ^rajtö (bct älteren Sal^r^ 
l^unberte) mit bem falfd^en giberali^mu^ für bic Stm^tion einer 
fanatifd^en ©ornirtl^eit ober eine^ uncrfättlid^en Slutburfteö ju l^al^ 
ten." „SaSaren aber bic gürften be« ÜRittelalter^ bered^tigt, bie 
^Srefic alö ein ®taat^t>crbred^en anjufcl^cn, fo ntug auf ®runb bcr 
|)<ipftlid^cn 35ecifiott anäf nod^ l^cutcbcn (latl^Iifd^en) trägem 
bcr toeltßd^en Dbrigfcit jicne^ ditäft an unb für fld^ eingeräumt 
»erben" ^). 

3n bem SBud^c SWumeri 6a^). 45 33- 32—36 (fo fü^rt SKartenö 
tociter auS) berid^tet SWofe^ golgenbc^: „S^ Begab fid^ aber, ba bic 
©Bi^nc Söraete in bcr SBüfte loaren, baß fic einen 9Kenfd^cn fanben, 
bcr ^olj fammeltc am Sage be^ ©abbatl^ unb fic brad^ten i^n t>or 
9Kofeö unb Slaron unb bic ganje (Semeine: unb biefe öcrfd^Ioffcn 
il^n in« (Sefängniß, toeil fic nid^t tonnten, toaö fic mit ii^m t^un 
foßten* Unb ber ^err f^jrad^ jU SKofe« : „Dief er SWenfd^ foll fterben ; 
bie ganjc (äemeine fott ii^n fteinigen außcrl^atb be« gager«. Unb 
fic filierten iffti ffimn9 unb fteinigten ii^n unb er ftarb, toie e« ber 
^txx geboten ^attc". 

gerner f^jrid^t 9Kofe« Deuter. 13, Iff.: „Senn in beiner üWitte 
ein ^ro^ji^et aufftel^t, ober einer oorgiebt, er i^abc einen 2iraum ge^ 
feigen unb fagt ein ^tiäf^n ober ein SBunber üor unb e« gefd^icl^t, 
toa« er gefagt i^at unb f^^rid^t ju bir : laß un« i^ingei^cn unb frem^ 
beit ©Ottern folgen, bic bu nid^t fennft, unb i^nen bienen, fo foüft 
bu bic SBortc biefe« 'ißro^ji^cfen unb Xräumer« nid^t i^Bren u. f. to. 
!DenfeIben ^ro^ji^eten unb Xraumerbid^ter foö man tobten: benn 
er ffat gerebet, eud^ abtocnbig ju mad^en Don bem §errn. SBenn 
beinSruber, bcrSoi^n beiner ÜÄutter ober beine2:od^^ 
tcr ober ba« üföcib in bcinen 5lrmen ober ber greunb, 
ben bu licbft »ie beinc ©cclc, ju bir rebet: laß un« i^in^ 
gelten unb fremben (Sßttcm bienen, bic bu nid^t fennft nod^ beinc 
aSäter, fo toiüige nid^t ein unb gei^ord^e il^m nid^t unb bein äuge 



1) Sparten«, a. O. @. 205. 



[d^one fetner nid^t^ baß bu bt(^ etBartneft unb il^tt Detbetgeft, fon^ 
bctn tobte tl^n aUBalb". 

3tt beut neuen SBunbe nun, fäi^rt aWarten« fort, i^at Sl^riftu« 
[einen Stpofteln unb beten S^acä^folgern aüerbtng^ nid^t bte aSoö^ 
utad^t flegeben, bte STobedftrafe fiBet falfd^e ^toiJi^eten 5U üetl^änflen* 
W>tx ,ft^ läßt ftd^ jeigen, baß e^ bet toeltlid^en Obtig^ 
leit anl^eimfäUt, gegen jene einjufd^tetten"!).' 3tt beut 
13. Sa^Jttel be^ JRBmerttiefö nämltd^ lel^rt ber ff. "ißautu«: „@ie 
(bie Dbttgfeit) ift ®ottc^ Wienerin, btr jum SBeßten : toenn bu aber 
©8feö tl^uft, fo fürd^te bid^; benn ntd^t umfonft trägt fie ba« 
©d^toert: benn fie ift ®otte^ 5Dienertn, eine SRäd^erin jur SBeftra*» 
fung für ben, ber ba^ ö»fe tf)nt'\ 

Stuf biegrage, toa^ bie Seftrafung berSBöfen mit berC>in' 
rid^tung „falfd^er ^xopffttm'' ju t^un l^abe, giebt 9Äarten8 bie 
änttoort, baß „bie Slbtoeid^ung üon ber toai^ren ©lauben^regel ettoa« 
©ünb^afte« ift". 

!Die äuöbilbung biefer SCl^eorie fällt jeitltd^ ettoa aufammen 
mit ben l^eftigen aSerfoIgungen , toeld^e bie römifd^e Äird^e im 12. 
unb 13. Sal^rl^unbert gegen biejenigen „®e!ten" anftettte, toeld^e an 
ber ©lauben^Iei^re unb Äird^entjerfaffung ber erften d^riftüd^en Sa^x^ 
l^unberte aud^ bann nod^ fcftgel^atten l^atten, aW ber ©ifd^of t>on 
atom tjon berfelben abgefatten toar. 

ÜJian fcnnt ben $aß, »cld^er bamaW Don bem 3KitteI^3unft 
beö alten Seltreid^^ au8 überatt i^in gegen biejienigen verbreitet 
»arb, toeld^e fid^ gegen bie S^^eorien, bie in ber $au^)tftabt jur 
§errfd^aft gelommen toaren, auflei^nten. 

®enau in berfelben SBeife toie einft 'ißaulu^ t>or ben römifd^en 
Sanb^jfleger gefd^Ie^)^3t toarb, toeil er ber „SRäbelöfü^rer fei ber © elte 
ber 9lajarener" (5l^)ofteIgefd^. 24, 5), tourben jefet »on ben römifd^en 
Dfflcialen unter bemfelben aSortourf anbere Si^riften abgeurti^eilt 
unb jum Siobe gefül^rt. 35ie aSerurtl^eilten aber |)flegtcn ju fagen, 
baß, tt)ie ju ^aulu^ ^dt bie redeten ß^riften aU „©elte" be^ 
jeid^net toorben feien, fo Dietteid^t aud^ i^eute ba^ ßl^riftenti^um mei^r 
auf ber ©eite ber SSerfoIgten al3 ber SSerfoIger fid^ finbe. 

1) SWartcnS, a. O. @. 203. 



Den ctftett ^lafe unter blcfcn ,,®eftcn" nimmt eine Sieligion«^ 
gemeinfd^aft ein, tt>el^e in UeBeteinftimmung mit bem ®tixanä) bet 
a^joftoltfd^en 3a]^t]^unbctte fid^ einfa^ ,,S]^Tiften" nannte unb im 
acgenfeitigen ffierfei^t bie ©ejeiiä^nung „S3tübet" g^btaud^te. 

3)et Siame „Si^tiften" fonnte in ben \pittxm Sal^rl^unbetten 
aU d^atafteriftifd^e ©ejcid^nung t>on ben i^ettfd^enben Parteien [d^on 
um beßtoitten nid^t anerlannt »erben, toeil in biefem Bttfl^ftänbnig 
eine ©eeinttäd^tigung be« eignen ßl^ttftennamen^ gelegen l^ätte, unb 
fo lamen t>on ftfil^en ^dtm an für bie ,;SBrübet" bie mannig^ 
fad^ften 5Ramen auf, toeld^e bie Stforfd^ung ii^tet ©efd^id^te unge^ 
mein etfd^tt>eten* 

3n Statten »utben bie „©ruber" öielfad^ „lomBarbifd^e arme", 
in Deutfd^Ianb „arme öon 8^on" (geoniften) genannt; unter bem 
SSoHe gießen fie „lombarbifd^e »rüber", „® d^toeiser »rüber", „Sffiälfd^e 
»ruber" unb „»ö^mifd^e »rüber". 

Die »ejeid^nung, unter toeld^er fie in ber l^eutigen giteratur 
am Belannteften flnb, bie aber t>on ber Partei feftft Sal^ri^unberti 
lang jurüdtgett)iefen »orben ift, lautet „Salbenfer"- 

gür bie allgemeine ß^arafteriftil biefer JRefigion^gemeinfd^aft, 
il^r älter, ii^re äuÄreitung unb ii^re ^enbengen ift bie ©d^ilberung 
eine« rSmifd^en Snquifitor« i), beö fog. ^feub(y8teiner, f el^r »id^tig, 
toeld^e ettoa im 3. 1250 aufgejeid^nct toorben ift 3n biefer ©d^iU 
berung l^eißt e« toörtttd^: 

„Unter aßen ©elten ift leine öerberbttd^er für bie Sird^e alö 
biejenige ber Seoniften« Unb bie« au« brei ®rünben: gunSd^ft, tpeil 
fie am tpeiteften i^inaufreid^t; benn einige fagen, fie beftel^e 
feit ber 3eit ©^foefter« (c. 315 n. ^x.), einige feit ber ^dt ber 
2l|)ofteI; ferner, toeil fie bie au^gebreitetfte ift, benn e« giebtfaft 
leinganb, in toeld^em biefeSelte fid^ nid^tfinbet; brit^ 
ten«, toeil, »ai^renb anbere ©elten burd^ bie ©röße ber »Ia«|)]^emien 



1) TlciXL l^at bie ^d^rtft, bie unter bem Xitel „Summa de Gatharis et 
LeoDistis* bdonnt Vjt, fx^tt bem Snquifltor 9{eineriu9 ®ac(i^om (t 1259) 3U« 
gefd^tieben* (S8 ifl bie« fe^Y itoeifeO^aft. ^ebenfottS aber rül^rt fit bon einem 
Äefeerrid^ter l^er, ber um 1250 lebte* — 5)tefclbe ©d^rift ijl fester bon Sacob 
©reifer (t 1625) unter bem 2:itel „Contra Waldenses" toieber l^erauSgegeben 
toorben; f* ben Wbrud in ber Max. Bibl. Patrum Vol. XXV p. 262 ff. 



gegen ®ott bcn ^Brem <Bä)Xtdtn einfißgen, biefe Seite ber geontften 
einen großen ®(^ein t>on gtBmmtgfcit Befi^t nnb j^ar it^ffoXb, toetl 
fte in bcn Singen ber SKenfd^en tebfid^ leben nnb alte« ®ute bon 
Oott glanBen, aud^ alle 5lTttIeI, toeld^e im ®^mMnm (teilen; nnt 
bie tSmifd^e fiitd^e i>etabfd(fenen fie nnb i^r ^tieftertl^ttm nnb bie« 
jn glanben ift bie SWenge ber Saien leidet geneigt" 0* 

Um feinen ämtSbrübem bie Sluffrürnng ber „©eltirer" ju er^ 
leidstem, jäi^It berfelbe 5lntor folgenbe SWerlmale auf. „5Die $are^ 
tifer finb ^u crlennen an ii^rem geben^tpanbel nnb an i^rer JRebe^ 
toeife. ®ie finb nämlid^ in ii^rem S33anbel gefefet nnb befd^eiben, 
fie tragen feinen ^od^muti^ jur ©d^an in i^rem äenßeren, inbem 
fie fid^ tpeber loftbarer nod^ fd^led^ter Sleiber bebienen. Stegotiationen 
treiben fie nid^t um bie Untoai^ri^eit, gib nnb ©etrug jn meiben. — 
SReid^ti^ümer erftreben fie nid^t, fonbern finb mit bem S'iotl^tDenbigen 
jufrieben. 2lud^ finb fie leufd^, befonber^ bie geoniften. äud^ finb 
fie mäßig in ®^3etfe nnb Girant 3n bie ®d^enfen gelten fie nid^t, 
and^ nid^t 5um ^anj nnb jn anbern eitlen ä3ergnägnngen* 3lud^ 
Dom S^xn i^alten fie fid^ fern; forttoäl^renb finb fie fleißig, lernen 
ober lehren nnb beten beßl^alb jn toenig» — SDlan erfennt fie ferner 
an i^rer fd^lid^ten nnb bcfd^eibenen SRebetoeife; fie pten fid^ t>or 
unnu^en SSBorten, t>or üblem S'iad^reben nnb leid^tfertigen ®^)red^ett 
ebenfo toie t>or 8üge nnb ®d^ti)nr"2), 

a^ ift befannt, baß in ber lanbläufigen giteratur bie fd^limmften 
®d^ilbernngen über il^re „3rrlei^ren" jn finben finb. !Dod^ toürbe 
eö t>on großer 5Jiait>ität sengen, toenn man biefe Sln^fagen oi^ne 
SBeitere^ für baare 9Äünje nel^men toollte. giner ber neneren 

1) 2)ie intcrcffantctt Sßortc tauten: „Inter omnes sectas .... non est per- 
niciosior ecclesiae quam Leonistarum. £t hoc tribus de causis. Prima est, 
quia est dioturnior. Aliqui enim dicunt, quod duraverit a tempore Sylvestri, 
aliqui a tempore Apostolorum. Secunda, quia est generalior. Fere enim nuUa 
est terra, in qua haec secta non sit. Tertia, quia cum aliae sectae imanitate 
blasphemiarum in Deum audientibus horrorem inducunt, haec scilicet Leoni- 
starum magnam habet speciem pietatis; eo quod coram hominibus juste 
vivant et bene omnia de Deo credant et omnes articulos, qui in symbolo 
continentur; solummodo Romanam ecclesiam blasphemant et Glerum, cui 
multitudo Laicorum facilis est ad credendum. Max. bibl. Patrum Lugd. 1676 
VoL XXV p. 264. 

2) iRa^ ©rctfer in ber Max. Bibl. patrum Vol. XXV p. 272, 



gotfiä^et auf bicfcm ®cBtete, bet mit gtogcr ©ctoiffeni^afttglctt ben 
j^atttjetlotenen ®<)urcn nachgegangen tft, ift 5U bem SRefuItat gc^ 
lommen, baß ;,bte SBalbenfet in wai^ti^aft fatanifd^et S33cife t>et^ 
Icnmbet, ber 3^1^^^^; bet änktnng gucifer« nnb bet fut(3^t^ 
Batften ©ittenlofigfeit befd^ulbtgt tootben finb''^. 

Sm 13. Sal^tl^unbett toutbe üon l^ten ®egnctn j* So. behauptet, 
baß Bei ti^ten aBenblid^en 3ttfammenlänften ^pUiilxäf bte gid^tet ge^ 
löfd^t tpfitben, unb baß alSbann allgemein äuSfd^toeifnngen ftatfc» 
fänben; anbete tpottten toiffen, baß JieufeteBej'd^tDötungen Bei t^ten 
©otte^bienften Dotgenommen »fitben, unb baß bet 2ieufel toitHiiä^ 
t>on il^nen gefeiten »etbe; nod^ anbete fagten, baß fle Safeen unb 
gtiJfiä^e in il^ten „ffiitd^en" 5U füffen |)flegten u. f. to. 

. 5Dat>ib üon SlugSbutg, »eld^et um^ Sa^t 1260 un^ bie« it^ 
tid^tet, fügt auftid^tig genug l^ingu, et glaube nid^t, baß fotd^e« bei 
biefet ©elte tjotlomme^). 

Slbet ttofe biefe« S33ibetf^3tud^3 einfid^ttgetet SÄännet blieben 
SSotftettungen, toie bie ettoäl^nten, in bet öffentüd^en 9Äeinung maß^ 
gebenb. 5Det ßi^tonift ©amuel SDWittet betid^tet jum Salute 1453: 
„3n biefem 3al^t etl^ob fid^ bie Sefeetei in Si^ütingen, befonbet« in 
©angetl^aufen unb im ©d^toatjbutgifd^em ®ebiete Dot bem $atje, 
SlÄann unb S33eib, Sötubet unb ©d^toeftet gingen jufammen l^eimlid^ 
in ein ^au^ unb beteten in einem Seilet ben 2ieufel an. 35iefet 
lam in ©eftalt einet Rummel unb flog 3ebem in ben 9Äunb. Söet 
M 8^8^^ ^^^ Rummel tjetneigte, bem tt)atb üiel (^ntt^. ^ietauf 
töutben bie gid^tet au^gelöfd^t, unb Sebet griff um fid^ unb fünbigte 
mit bet Stgtiffenen, toat e^ aud^ SKuttet, ©d^toeftet obet Jlod^tet" ^). 
■gut fotd^e ©d^ted^tigfeit toutben bcnn laut unfetet Quelle bie Sefeet 
im ganjen ganbe jai^lteid^ tjetbtannt. 

35etfetbe ÜDaüib üon 2lug«butg, toetd^et aW 3nquifitot nad^ 
feinem eigenen Sendet üiel mit SSBalbenfetn jufammengefommen ift, 
etjäi^It: „5Die ®clte bet 5ltmen Don g^on unb bie i^t ä^nüd^en 



1) $ernu ^avopt, 2)ic rcligiöfcn ©cftcn ingranfcn @. 24 3(nm. 3. S5gtbic 
bort angcfül^ttcn ©elegftcto für biefe ©cl^au^tung, 

2) SDcr Sdtxxä^t in ben mi^attWgg. bcr III. (St b. ^. S8. %. b. S. gu Wt. 1878 
«b.XIV SCbtl^.Il @. 211. 

3) gBrftemann, 2)ic d^rlpd^en ©eißlcrgefcttfd^aftm 1828 @. 172. 



8 

ftnb um fo gefcli^tlt^er, ie mtffx {te fi^ mit bem @(i^etn bet 3t&m^ 
mtgicit fiä^müd cn" 1). an einer anbeten ©teöe l^eigt e«: „Slf^x 
Sebenötoanbet ift bem änderen ®(^etne naäf bemüti^tg unb bef($ei^ 
ben^ aber im ^erjen fiiib fte i^o^müü^ig u. f. tt)."^)^ @ie be^ 
ffoupttn, fromme SRanner unter ft^ gu i^aben, meint iDa^ib, aber 
fte feigen nid^t, „bag tovt unter und unenbli^ i^iet au^egetd^netere 
befi^en, ba fte mit leinem ®d^etn fi($ fd^müden, ipSl^renb bei ben 
f)aretilem aße« bur^ »erbred^cn fiberbedte ^tuäftUi ift" 3). 

„Die SBalbenfer bcfuiä^en bie Sircä^en unb bie ^rebigten unb 
Seigen fid^ in Mtm burd^auS religiBd, fte l^aben gefegte ©itten, 
überlegte, Dorfld^tige SBorte, fie fpred^en gern öon ®ott, üon l^eiligen 
SDJ&nnem unb Don ben STugenben, ))on ber äßeibung be^ Safter^ 
unb t)on bem "IC^un bed ®uten, um baburd^ für gut gei^alten ju 
»erben unb . , • um fo gei^eimer ba« ®ift i^rer ^erfibie anberen 
einjuflBßen unb Söegünftigung ii^rer gafter ju ertoerben"*). 



®d^on in ben frül^eften OueQen tt>irb i^on ben SBalbenfem 
bel^au^jtet; bag fte in eine JReii^e t>on ,,®elten'' jerpelen, unb 
auger ben oben bereit« genannten ®e!tennamen loerben nod^ eine 
große änjai^l anberer aufgeffii^rt- 

3m 12. unb 13. Sal^rl^unbert toirb ber 3lame Sabbatati, Sab- 
batarii ober Insabbatati al« ibentifd^ mit bemienigen ber üBalben^ 
f er auSbrüdlid^ in amtlid^en ßrlaffen bejeid^net ^). Rubere ©d^rift* 
fteöer i^aben barauö in leidet erlennbarer STcnbeuj eine befonbere 
,,@elte" ber SBalbenfer gemad^t, toäi^renb in üföai^ri^eit ber 5Rame 
öon ber Zxa^t einjelner Salbenfer-'^rebiger l^ergenommen ift unb 
eine befonbere graction nid^t beftanben i^ot 

©ei^r frfii^jeitig begegnet un« femer bie Söejeid^nung „apo^ 
ftolifd^e ©ruber", bereu Urf^^rung unten fid^ tjoßlommen er^ 

1) 2)aöib öott StugSburg a. O* @- 211. 

2) 31. O. @. 212. abfd^ttitt 12 bc8 2:racta«. 

3) a. D. @. 212. m\^nitt 13. 

4) 2)atoib ö. 5luß«burg a. O. @. 217. 

5) @o in bm ©efd^tüjfcn M (Sondl« bon S^ataconc bon 1242; femer in 
einem (Sbift bon 1193; fobattn bei @berl§atb bottiBetl^Utte (Max. bibl. Patr. Vol. 
XXIV, 1526) im 12. Sal^tl^. — SBeitere ©elespettett füt bie« Sort M ^rtei* 
name ber Salbenfer bei Du Gange Glossarium s. y. 



9 

Raten »itb, unb bic ^däffaü^ nur ein anbetet 9Zame füt btefette 
«i^tunfl t[t. 

3m 14. Sai^ti^unbett tau^t im tocftlicä^en ©cntfd^tanb bet ^iame 
,,SötnIeIct" auf unb gl^^iritig toetben fic im Often ;,<Stuben^ 
l^eimet" genannt — eine ®eaei(ä^nung, bie baffelbe bcfagt, unb bie 
fj)atetl^in i^te (StHätung finben foK. 

abfid^tlid^e obet unabfw^tlid^e (gntftettung ffat bicfet ^attei 
bann aud^ 9tamen eingettagen, toeld^e auf bie ))on ii^t :t)ttnci)}ietl 
öctf^iebcne »lid^tung bet Sati^atet angetoenbet ju toetben ^jflegten, 
Befonbetö bie SBegeid^nung ,,95otßommene": 

3)agegen \äftxnt e«, at^ oi bet 2lu6btucf „Spirituales" obet 
yyEnthnsiastae^' i^ottoiegenb auf bie SBalbenfet ju bejiel^en fei, ol^ne 
ba§ inbeffeU; »ie man öotgiebt, eine befonbete ,;®efte" untct ii^nen 
fl(ä^ fo genannt i^ätte, 

(£8 ift ti^tig; baß getoiffe lofale aSetfd^ieben^eiten untet il^nen 
t>ot]^anben »aten. Slbet e« ift boäf kjeid^nenb, ba§ fettft bie 3n^ 
quifttoten jugeBen, nid^t bloß bie ,,®elten" feien ftüi^et „eine 
®elte" getoefenO/ fonbetn aud^, ba§ fie il^tcn geinben gegenübet 
feft jufammeni^alten* 

Sffienn man eine „®elte" biejienige ^attei nennt, toetd^e untet 
befonbcten Sultu^fotmen unb eignet ftitd^enüetfaffung pd^ alö felb^ 
ftänbige ®emeinfd^aft conftituitt, fo l^at eö untet ben ffialbenfetn 
betattige ©eften übetl^au^Jt nid^t gegeben. 

üföenn man abet abtoeid^enbe äuffaffungen in einjelnen ^unf^ 
ttn, bie fid^ aW „©d^ulcn" in jiebet ^td^e finben, alö „©eftitetei" 
bejeid^net; fo l^at fteilid^ biejenige ©efd^id^tfd^teibung ted^t, toeld^e 
8. ®. im gtandöfanet^Dtben be« 14. Sai^ti^unbettö me^t alö ein 
IDu^enb „©elten" untetfd^eibet. SKan toeig ja in bet Zffat, baß 
bie öetfd^iebenen JRid^tungen biefe« Dtben« fid^ i^eftiget beläm^jft 
^aben, al8 e^ bei ben SBalbenfctn ie bet gaö getoefen ift. 

3ut Si^ataltetifitung biefet ganjen ©eftenf^jfitetei mag bie 
S^l^atfad^e bienen, bag bie lati^olifd^en ^atteif d^tiftfteüet be^ 16. Sai^t^ 
l^unbett^ untet benSutl^etanetn eine ganje JReii^e üon „Selten" 
entbedtt l^aben. Dr. Safp. gtandte jäl^It im Salute 1576 untet 



1) 2)amb bon ^gdburg a. O. @. 216. 



10 

Slnbercmauf^): 1. 5Dtc®cltcber 2lmb8borftanct, toeld^c leisten, 
ba§ bic guten SBctlc [d^äbli^ finb jut ©eligfcit^). 2. ©ie ©cfte 
bct2lbta|)]^oriftctt, tocld^c gctoijfe ©räud^c unb gellten für gle^^ 
gültig crÄätt. 3. ©ie ©efte bcr SU^tilanct. 4. !Dic ©elte 
bcr aWajiottftcn. 5. !Dte ©eftc ber Dfianbttftcm 6. 35ic 
©cfte bcr Sonfcfftontftcn u. f.to. 

hingegen toax e^ bcn rcd^tgläubtgen Suti^erancm i^rcrfeit^ gc^ 
lungeti, unter ti^ren lati^olifd^cn unb ^Jtettfttfd^en ®cgnern no(ä^ ötcl 
Sal^Iretd^ere ,,®eften" ju entbeden. 3a, nad^bem etnjelne fd^rtft^ 
geleierte SKänncr eö fertig geBrad^t i^atten, in ©^jener« Xi^cologie 
164 §ärefxcn ju entbedcn, fanben fid^ alSbatb 5Rad^f olger, »eld^c 
bel^au^jtcten , ba§ bte ©^^enerfd^e gartet unter pd^ in 164 ©eften 
jerfaßc* 

®n SDWtgtteb ber Oefcttfd^aft 3efu, Sacob ®retfer (geb. 1560), 
^at ben 2iractat bed ^feubo^JReiner jufammen mit ntei^reren an^ 
beren ©trettfd^riften gegen bie „Sefeer" um ba^ Saffx 1600 öon 
5Weuem aBbrucfen laffen.. ®retfer »ar in feiner ^dt fo berül^mt 
als 35orIänt()fer ber red^tglaubigen ^rd^e, ba§ man ii^n „Sefeer* 
i^ammer" ju nennen ^jflegte, unb fein Urti^eil in biefen 3)ingen »er* 
bient bai^er befonbere ©ead^tung* 

5Da ift nun merftoürbig, baß er ben Sttbrudt ber ertoäi^nten 

©d^rift mit ber dianbbemerfung Derfei^en l^at: „C>ier fielet man ein 

»ai^re« Silb ber ^äretifer unferer ^t\t, Befonberö ber 9lna^ 
Baptiften"3). 

9Äan i^at e^ ixSffn ju toenig bead^tet, baß fotooi^I bie 9Äanner, 
»eld^e üom 12. Sal^ri^unbert ab in ben ©d^riften i^rer ©egner 

1) ür. (Sat:|). grancfc Catalogus Haereticorum. Snsoipabt 1576 fot. 26. 

2) S)a6 Slmöborf in ber X^t dnc bcrartigc SCuffaffung gdcgcnttid^ bcrtl^ei« 
bißt l^at, llcl^t fcp. Dr. ©cml§. pnier fagt: ,,2)ic tutl^crifd^c Ortl^oboyie llciflert 
btcfcn ©ruttbfatj (ber Äed^tfertigung allem au8 bem ©lauben) bi0 gu ber ber- 
eutaetten ©el^au^tuttg, gute SBerfc feien fd^äbUd^ gur ©eltgfeit, unb 
entteert ben ©tauben immer mel^r gur bloßen Stnnal^me be« Krd^tid^en Sel^rbe« 
grifft". @eW, ber d^rijlL ^d.-Wlo\op^xt, 1880. I, 143. 

3) 2)ie Sorte tauten: »Vera effigies haereticorum nostrae aetatis, prae- 
sertim Anabaptistarum'*. Reineri Ord. Praed. contra Wald, haereticos über 
nunc primum integre ex manuscripto codice editus per Jac. Greiser Societ. 
Jesu. Max. bibliolheca patnim. Lugduni 1677. Vol. XXV p. 273, 



11 

„SBalbenfet" fftx^m, aW anäf bieiemgc gartet, toel($e im 16. Sai^t^ 
ffunbtxt unter bcm cntfi^tcbenften ^toteft ti^tet Slngd^örigen bcn 
®($elt^ uttb ®potttiamtn „ffitcbettäufct" eti^alten l^at, fi($ felbft 
in bet Siegel einfach „©tfibet" (societas fratrum) ju nennen 
I^Pegten* 

Diefe ©ejcici^nung ift im 35oIIe für bie „2;äufer" ebenfo toie 
für bie SBalbenfet üMi($ geblieben unb bet 9iame „@($toeijet ©rü^ 
bet" ift im 16. Sai^ti^unbett belannt genug. 

SBo bet gemeine SKann einen anbeten 5Ramen ffit fie btaud^te, 
ba toitb feiten obet nie t)on „SBiebettäufetn" getebet, fonbetn eö 
begegnen unö biefelbcn ©eltennamen, toel(%e im 12., 13. unb 
14. Sal^tl^unbett im SSoIMmunb füt bie SBalbenfet üblid^ toaten. 

35ie älteften unb belannteften ©ci^tiftfteßet, toe^e toit au5 bet 
9iefotmationöjeit übet ba« Jäufettl^um bep^en, beftätigen e«, bag 
bie häufet t)on fielen 3^t8c«öffen „3l<)oftoIif(%e ©tübet" genannt 
tootben feien. S)te« betid^ten ©ullinget, SBiganb, Slojjjjenbutg u. 31. ^j. 

35et ©eftenname „Sabbatarii" fetnet, füt toeld^en ben ®t^ 
UffXttn be« 16. Sai^ti^unbett« jebeö SSetftänbniß abi^anben gelom*' 
mtn toat, lei^tt mit bet üWaßgabe toiebet, ba§ e« angebfid^ eine 
gtaction untet ben 2;äufetn gegeben l^abe, tocld^e nad^ ii^tet ©ab** 
bat^feiet fid^ alfo genannt l^ätte^). 

35et 5Rame „Clancularii", toeld^et nad^ üWeöi^oöiuö unb Ottiuö 
biejenige „®elte" bet häufet bejetd^net, bie in „hätten" 3) obet 
abgelegenen aBinleln sufammen ju lommen ^)flegt, ift natütltd^ nid^t« 
anbete« aW bie Uebetfefeung bet utalten ©ejeid^nung „SBinlelet", 
unb toenn betfelbe Dttiu« fagt, ba§ bie „©tubem^eimet^Sefte" bon 
Slnbeten aud^ „©etßlet" genannt toetbe, fo leud^tet ein, bag ba« 
aSoII einen getoiffen ä^^f^mmeni^ang bet Xäufet mit ben ®ei§Ietn 
JU finben glaubte. 

©d^on im 12. Sai^ti^unbett etgiebt fid^ au« gbeti^atb ijon 
©etl^une« {Relation, baß bet Slame „Magistri barbati" atöSe-» 

1) 3)ie cinjcltten ©tcllm au« bicfcn ©d^riftficttem l^at Ottiuö in bcn 
Anoales Anab. 1672 Praef. 33L d. 2*» gcfatnmctt. 

2) Ottiu0 0. O. Praef. SBt. d. 4^. 

3) 3u 2lug0burg l^iegcn, tok gtcid^jcitige Duetten fagen, um 1530 bie 
,,2öiebertäufer" „©artenbrtiber"; ba0 eine ifi ber geleierte, baö anbete ber SSoHö* 
au«bru(f. 



12 

jctd^nung für bie $rebiget''fflrübet bet SBalbenfet im SSolIc fibltd^ 
getoefen tftO» 35et aiuöbtud „©attmännct" aber — bcrfctte 
tft aud bet S3eiet($nung bed ©egenfa^ed ju ben battloj'en (Seifte 
Heiden bet lati^olifci^ett ftirci^c entftanbcn — toarb niäft bieg im 
16» Sal^ri^uttbett, fonbctn fogat biSauf unfctc3^ttin mand^en 
©egenben Sieutj'd^Ianb« ouf bieienigcn ^erfonen angciDenbet, totldft 
anbemättö SKennoniten genannt ju toerben pflegen* 

Senn man biefe Umftönbe ind 9(uge fa|t unb baju ertoägt^ 
bag na(%tt)ei3li(% bet 5Rame „Slnabaptiften" in ben ftteifen bet ge* 
lei^tten Sl^eolcgen be^ 16» Sal^tl^unbetW etfunben tootben ift, fi> 
lann man \x^ bet SSetmuti^ung nid^t ettoel^ten, bag e« ft(% bet 
biefet ©ejei(%nung nut um einen neuen ®eIten=iRamen füt 
eine alte ^attei l^anbelt, bie in il^tet langen ®ef($i(i^te beten un* 
jäl^Iige befeffcn unb öetloten ffat 

a)ag eine fold^e SSetmutl^ung tontlx^ juttifft, bafüt toitb bet 
üoßgültige ©etoei« in ben nad^folgenben StSttetungen etbtad^t toetben. 



&ft toit in biefe ©etoeiöfül^tung eintteten, muffen folgenbe 
fünfte lutj betüi^tt toetben* 

(So giebt laum ein ®ebiet bet politifd^en obet litd^Iii^en ®e^ 
fd^id^te bet d^tiftlid^en ^txt, toeld^e« fo öettoittt unb entfteßt ift toie 
bie (Sefd^id^te bet „Äe^et"» 

Die Quellen, toeld^e un8 ju (Sebote ftel^en, finb nid^t bIo§ 
ijetl^ältnißmälig fpätlid^, fonbetn, toaö toeit fd^Ummet ift, fie finb 
im l^öd^ften (Stabe unju^etläffig unb entftettt. 

S)ie ©etid^te bet älteten Ji^eologen muffen bi« in ba« 17, 
unb 18. 3a]^t]^unbett l^inein befonbetö beßl^alb mit bet gtS^ten 
aSotfid^t ijettoenbet toetben, »eil il^te SSetfaffet faft tegelmogig bie 
Uebetjeugung liegen, bag „fe^etifd^e 3ttle]^ten" an^ natfitlid^et 
©o^l^eit unb ® d^Ied^tigleit l^etftammen. „Se^et mfiffenfd^Ied^t 
fein unb toenn man nut genau juftei^t, fo toitb man il^te ©d^Ied^^ 
tigleit fd^on entbedten" — ba« ift bet auögefptod^ene (gtunbfa^ bet 
ganjen älteten Se^etlitetatut, fotoeit fie auö tSmifd^et obet ted^t» 
gläubig luti^etifd^et gebet bet älteten ^dt l^ett^otgegangen ift. 

1) Max. bibl. Palrum Vol. XXtV p. 1964. 



13 

S8 tft ganj natürlici^, ba§ bcrjietttgc, bet überall SdoSfftit finbett 
totll, anäf bte l^armlofcften ^etfonen in feiner SSotftellung leidet 
ju 3Setbte(%etn \ttmptlt 

Sluf bcn »efenntniffen bet „Äe^er" felbft baut fi(% getoßi^n^ 
Ixäf bie ältere $iftoriogTaj)]^ie ber ©eften auf. 3n ber Zffot tnU 
ffalttn bie ©elenntniffc, toie fie un5 t)ielfa(% noäf i^eute in ben 
Sllten vorliegen, biStoeilen bie ungel^euerlici^ften 35inge; bie Sin*» 
gettagten geben genaue Sluölunft über i^ren SSerlei^r mit beut 
Teufel, über ii^re moralifd^e © d^Ied^tigleit , ii^rc SSerad^tung aüe^ 
^eiligen u. f. to. 

aber tote finb biefe „©efenntniffe" in ber JRcgel ju ©tanbe 
gelommen? (So lägt fi(% barti^un, bafe t)ielfad^ bie betr. ^rotocoße 
f(%on Dor ber SSernel^mung be^ Slngefd^ulbigten naci^ ben Sluöfagen 
ber Denunrianten aufgefegt toorben finb. Jrat ber Slngellagte nun 
ijor ba« SCribunat, fo tourben üfm bie fünfte ber Denundation 
öorgelefen unb er befragt, ob er \xäf berfelben fc^ulbtg toiffe. SBenn 
ber Delinquent, toie e^ getoöi^nli(% fl^f^öl^, leugnete, fo toarb bie 
golter angetoenbet unb mit biefer ^rocebur bem unglüdtlic^en 
Djjfer fo lange jugefe^t, biö er aüe« befannte, toaö bie SRid^ter in 
ii^n hinein fragten, ©obalb baö beftätigenbe „3a" erlangt toar, 
fo l^atte man bie ©runblage für bie ©jecution getoonnen ^). 

^atüxixäf gab cö aud^ getoiffen^afte Snquifitoren. aber felbft 
ba, too bie ^rotocotte nid^t auf bie öorftel^enbe SBcife entftanben 
finb, toarb, nac^ ber ©ittc unb ben 9ied^tögrunbfä%en ber ^t\t, bie 
golter ate noti^toenbigeö ÜÄittel jur Srforfc^ung ber SBai^rl^eit be^ 
trad^tet. SBo biefe aber jur Slntoenbung gelommen ift, ba barf Don 
Dorni^erein aßen benjcnigen Sluöfagen, toeld^e bie (gefangenen ju 
il^rem ^Rad^ti^eil mad^en, bie (Slaubtoürbigleit abgeftritten toerben. 

(£ö ift eine längft anerfannte Si^atfad^e , bag öiele öon biefen 
„SBelenntniffen" aW abftd^tlid^ ober unabfid^tlid^ gefälfd^te 35ofu^ 
mente angefei^en toerben muffen 2). 



1) ^^^ injirultito ijl in biefer SRid^tung ba0 ganj äl^nttd^e ^roaegberfal^rcn, 
totlä)^ gegen bie ^^^ejen" gur Slntoenbung gelommen iji« 2)a8 'ifl^ixt barüber 
i)gt bei Dr. g. Seitfd^ul^ Beiträge aut ©efc^id^te be^ ^ejcentoefen« in granfen. 
S3amberg 1883. 

2) ©eif^iete bei ^al^n @ef(^. ber Äefeer II, 414 f. 



14 

$tctju lommt, baß, toic cö feinen l^ef tigeren $a| giebt al8 
9ieligiott5]^a§, i^tct bie Seibenfci^aften leibet bie ^afftffdt mtffx aU 
irgcnbtoo fonft getrübt i^aben. 

ÜRan füi^fte gleid^fam baö S5ebürfni§, bie entfe^Iid^en ®rau^ 
famfeiten, bie au ben ;,Se^ern" öerübt toorben finb, bor ft(% unb 
öor ber SRad^toelt baburd^ ju cntfci^ulbigen, baß man biefe Seute 
aW ganj öertoorfcne ©ubjefte ^infteßte. 

5Rad^bem mit ^ülfe äußerer ®etoalt ber @ieg ber einen gartet 
entf(%ieben toar, tourbe mit berfelBen Snergie, mit toeld^er man gegen 
bie ^erfonen t)orging, aud^ ber SanH)f gegen bie Literatur be^ unter** 
legenen S^i^eiW eröffnet» ®o lommt eö, baß loir auö ben toid^tigften 
^erioben be« SBalbenfertl^um« faft au^fd^tteßlid^ auf bie ©erid^te 
i^rer ©egner angetoiefen finb. 

Um fid^ eine aSorftellung baöon ju Bilben, »ie gegenioärtig bie 
©efd^id^te ber „Se^er" auöfiei^t, brandet man fid^ nur ju bergegen^ 
toärtigen, loie bie ©efd^id^te be« ^roteftanti^muö auöfei^en toürbe, 
toenn e« ettoaSarlV. im Saläre 1547 gelungen toäre, il^ngänjßd^ 
nieberjutoerfen unb bie Literatur beffelben ju unterbrüden. SBeld^e 
©d^ilberungen über bie Söangelifd^en im 16. Sai^rl^. im ©d^ioange 
»aren, berid^tet un8 gelegentlid^ SBoIfgang Sa^)ito, inbem er fagt: 
„©ie öiel feltfame ßügen i^aben fie auf un8 erbid^tet !J)em legen 
fie JU, er fei bei ben ^ed^ten $•♦..-' SBeibelgetoefen, bemanberen, 
er fei bei ber SWagb im ©i^ebrud^ begriffen toorben, bem britten, 
baß er geftoi^Ien i^abe. 3e^t bringen fie ba« ®erüd^t auf, baß toir 
aüe Dbrigleit begei^ren umjuftürjen" u. f. »>. 

S33enn bie ©d^riften, in toeld&en berartige S3efd^imj)fungen ftan* 
ben, bie einjigen Quellen über bie ^Reformation toären, toürbe e« 
fd^toer fein, über fie i^intoeg jur S33ai^r^eit i^inburd^ ju bringen. 

ÜDie ^ärefiologen ber ^errfd^enben Sird^en i^aben in il^re S5e* 
rid^te biötoetten Sleußerungen i^rer (Segner öertoebt, bie jum 2:]^etl 
0)0^1 in ber S^i^at ben fireifen ber „Se^er" felbft entftammen, unb 
man IBnnte glauben, toenigftenö l^ierin feften ©oben ju befifeen. 
2lber bie naiveren 9lad^forfd^ungen jeigen, baß bie Sleußerungen in 
ber SRegel fold^en ©d^riften ober ©d^riftfteßern entnommen pnb, 
loeld^e aW SRejjräfentanten ber ®efammtj)artei toeber ju 
i^ter ^dt galten nod^ jemals gelten toottten. 



15 

(S8 öetftci^t m t)on felbft, bag e« unter bcn „Äe^cttt" tote 
untet iebet anbeten {Rici^tttna fonbetbate ®(Sftoaxmtx gegeben l^at, 
ia, man lann tu^tg einräumen, bag eö ijiele unter ii^nen gab. Die 
furd^tbaren Verfolgungen, bie $eimli(%feit, in toeld^cr bie Semegung 
gei^aften toerben mugte, l^aben iebe freie Sntfaltung ber 3fbeen ge^ 
^emmt unb manchen gefunben Sem ijerölmmert. 35er un^)arteiifd^e 
®ef(^i(i^tf(^reiber, toeld^er bei ffleobad^tung ber SRauci^tooIIen, bie t)on 
3eit ju ^dt ^xtx auffteigen, na($ ben Urfad^en forfd^t unb bie 
©d^ulbfrage abtoägt, toirb nid^t um^in fönnen, ju fagen, bag bie-» 
ienigen, toeld^e baö geuer in SSranb gefegt i^aben, lein SRed^t be** 
fi^en, nad^l^er auf bie Xrfimmerl^aufen ju toeifen unb ju fagen: 
„®e]^t, ba^ finb bie grfid^te, toeld^e bie 'fe^erif(%e Sd^Ieci^tigleit' 
8citigt". 

(gö ift toai^r, bag eingelne burd^auö ijerf eierte Sluffaffungen 
unter ben Sehern jeittoeilig ijiele Sln^anger gefunben l^aben. 3n 
ben unteren 3SoIMf(%i(i^ten unb in ber Snge ber 35eri^ältniff e , in 
totläft biefe Setoegung gebrängt toarb, fanb manche gel^re, bie ur** 
f^rünglid^ einen tool^Ibegrünbeten ®inn l^atte, eine burd^au« mi^** 
öerftanbene Stuölegung. 

SBenn man aber bie grage auftoirft, ob bie Doctrinen ber i^err** 
fd^enben ftirci^en leine SWißijerftänbniffe l^erbeigcfü^rt l^aben, fo toirb 
fid^ für leben unbefangenen ©eobad^ter bie 2:i^atfad^e ergeben, bag 
fd^toere 3rrtpmer fid^ an bie toid^tigften ©äfee aller ßonfeffionen 
jeittoeilig angefd^loTfen l^aben. 

3a, man lann nod^ toeiter gelten. ®ö lagt fid^ barti^un, bag 
fold^e gel^ren, toie bteienige t)on ber ^inrid^tung um beö ©laubend 
toiöen, toeld^e ijon ben i^öd^ften Slutoritätcn ber i^enfd^enben ßon** 
feffionen officieü gebilligt loorben finb, niemals bei ben „Sehern'' 
35ertreter gefunben i^aben* 

gür bie augenfäfiigften Serirrungen ber ©eltirer aber fSnnen 
al« 5Rej)räfentanten ftet^ nur fold^e aBanner naml^aft gemad^t toer*' 
ben, bie ein allgemeine« Slnfei^en unter jenen nid^t genoffen 
i^aben. 

2Ran l^at benienigen SRid^tungen, toeld^e im 16. 3a^rl^unbert 
im nad^ioeiölid^en änfd^lug an bie älteren antiri5mifd^en Parteien 
crtoad^fen finb, üielfad^, jumal in ber ^)rotcftantifd^en giteratur, eö 



• 16 

gcrabegu jum ©ottourfc gemaci^t, baß fie il^te SBurjcI in fogenanntcn 
„mtttclalterli($en", fott l^eigen übemunbenen ©Übungen Befl^en. 
ätt ob nxdft icbe ber fftntt ^txx\(Sftnhm Äirc^cn einen großen ZffAl 
\ffxtx ©gcnart ebcnbal^er ableiten mü^tc! ©net ber beften ftenner 
ber neueren Äird^cngefci^id^te, W>xtäft 5Ritf($I, fagt mit öoüein Siedet 
toixtlxäf : ,,3n ber lut^erifd^en ^r($e finb tt)irlli(i^ man($e (SIemente 
mittelalterlici^er $erlunft rej^robucirt toorben, toeld^e in ben 
anbercn ftir(%en tocggefatten finb"0. 

äW toirffamftcr ©etoeiögrunb gegen bie „Sefeer" gilt in ben 
Singen ber SWenge bie SE^otfad^e, baß ber (grfolg mei^r auf ber 
®eite i^rer ®egner getoefen ift aber biefe Srtoägung ift in ber 
Zffat nur ein Argument für bie SWaffen» !E>enn toenn man bie 
SBal^rl^eit eineö SSelenntniffcö nad^ ber ^affl ber SJertreter beurt^cilen 
toiü, fo ift e« lein B^^^H ^^§ i- ®- *>^^ Subbl^iömu^ einen un^ 
gleid^ größeren SSJai^ri^eit^gei^alt beftfet aW ba^ Si^riftenti^um. 

35a3 SBal^rc, toaö in biefem 5lrgument liegt, begiei^t fid^ nid^t 
fotool^l auf bie ^op^affl al8 auf bie innere @ tärfe unb bie Dauer 
einer S3eö)egung. Unb in biefer SRid^tung fönncn bie „Äe^er" ben 
35ergteid^ mit ieber anberen Sonfeffion ou^l^alten. 

©ner ber wenigen neueren ®ele^rten, toeld^e fid^ öon aüge^ 
meineren ®efid^t^^)unften ouö eingel^enber mit ber (Sefd^id^te biefer 
Partei bcfd^äftigt l^aben, ^ermann SBeingarten, öinbicirt ii^r mit 
JRed^t eine „toettgefd^id^tlid^e Sebcutung"^) unb Sllbred^t 
SRitfd^l fagt, baß ba« fiegreid^e gortfd^reiten berfftben nur burd^ bie 
„©etoalt ber Dbrigfeit" öeri^inbert toorben fei» 

Slugerbem aber giebt eö leine eingige d^rifttid^e Sonfeffion ober 
Äird^e, loeld^e eine fo große ^affl ijon SKärt^rern aufjutoeifen 
i^ätte, aU biefe „Se^er", So toirb baburd^ betoiefen, baß i^re Sbeen 
unter ii^ren Slnl^ängern eine D^)fertoilligleit, eine 2luöbauer unb einen 
^elbenmuti^ toad^ gerufen l^aben, ber in ber Sird^engefd^id^te oi^ne 
ffleif<)iel baftel^t SBenn irgenbtt)o, fo i^at unter biefen „9lad^folgetn 
Si^rifti" ba^ S^riftenti^um toai^re SBunber gcioirlt unb feine gött* 
lid^e SDWffion betoiefen» 



1) ©cfd^id^tc be« Pertömu« I, @. 81, 

2) Seingarten 2)ie englifd^cn 9let)olution8Ilrd^cn 1867. 



17 

S)et Urfptung bcr ,,83rübet" liegt eittfttoetlcn im DunKen, (£8 
ift bet 2Biffcttf(i^aft no($ mdft gelungen il^n öoüftänbig auf jul^cllen. 

aWan l^at, junial t)on ©citen ber ®egncr, gefagt, ba| ein ge^ 
totffet SBalbu«, ö)el(%et um baö Qal^t 1170 lebte, ber Utl^eBet b«r 
„@elte" fei, unb eö ftel^t atterbing« feft, ba§ ein SKann biefeö 5Ra-' 
mens ju bet angegebenen 3^ ^^^ ben ftanj&fif d^cn „©tfibcrn" 
gto^e« Slnfci^cn genoffen unb großen ©nflug ou^übt l^ot 

3nbeffen ift cö bo^ merfioörbig, bag im Sal^r 1218 bic itali* 
f(%en„2trmcn", toelci^e auf ber ®^nobe oonSergomo^) in engfter 
SSerbinbung mit ben franjBfif($cn „fflrübem" erf^einen unb (abge^ 
feigen oon lolalen äbioeid^ungcn in ber gel^re) einen äbereinftimmeU'' 
ben (glauben belennen, naifytodSlx^ eine ^on Sßalbud unabhängige 
3Sorgef(%i($tc l^aben. 

e« lann lein ^toeifel fein, baß bie le^terc Partei ibentif^ ift 
mit bericnigen, locld^c im 12, Qal^ri^unbert alö „Slmolbiftcn" in bcr 
gombarbei loic im übrigen Italien eine große JRoüe fjjiclt^). SBie in 
f5ranlrci(ä^ SBalbuö aW „©eltenftifter" bejeici^net toarb, fo in 3ta* 
lien Slmolb oon Sreöda (t 1155). SBcr nun ber loal^rc ©tifter 
ber ganjen Partei getoefen ift, baö ift nod^ leineöioegd aufgcllärt. 

So ift ja bcgreiflid^, baß bie (Segner biefer „ßl^riften" ein 3n* 
tereffe baran i^abcn, ba« Sllter berfelben l^erabjufe^en, aber c3 oer^ 
bicnt bo($ iöeaci^tung, baß bie citirte 5lb]^anblung be« $feubo^SReiner 
um baö ^affx 1250 bie „©eftc" beßi^atb fo gefäl^rlid^ nennt, toeil fic 
oon längerer 35auer getoefen aU bie übrigen. SBenn bcr SSerfaffer 
ben Slrnolb oon ©rcöcia ober SBalbu« alö bic ©tifter anfal^, fo 
i^fitte er unmiJgli($ in biefem ©inne reben lönnen. 

©0 lange bai^er jjofitioe ©eioeife bafur fei^len, baß bie Partei 
oor Slrnolb ober S33albuö nid^t beftanben i^at, toirb ber S^rabition 
ber „S5ruber" felbft ©ead^tung gefd^enlt »erben muffen. 35iefe aber 
fcigt ganj auÄbrücItid^, baß fie in SBalbuö ii^ren erften ©tifter ni($t 
anerlennt ^), SSiclmei^r itffanpttt bie Ueberlieferung, baß bie Partei 
bi« in bie erften d^riftlid^en Sai^ri^unbertc l^inaufreid^c. 



1) iRäl^cre« batübcr bei ^reger in ben Slbl^atiWgg. ber III. O. b. Ä. «. 5«. 

b. SS* 1877 @. 184 XL. 234. 

2) ^regcr o. O. @. 209. 

3) SDfian bergletd^e u. %, bie 33el&ait|)tu«g ber fogenatmtett „SBatbenfer", 

j^eller, SHe 9iefonnatiom 2 



18 

3tt in 3ctt be« $a<>fte8 ©^feeftct unb bc8 ftaifcr« (Senftan- 
tin (etkoa 305 na(^ &fx.) l^abe bie ^vd^e angefangen in SBtber^ 
f^tu(ä^ mtt ber 8e^te Si^riftt unb bem ©etf<>tel ber 8[^)ofteI mit toelt» 
li^ä^et ^ertf^aft \xdf ju umgeben unb ein itbif(%e8 5Rei^ ju gtunben; 
ber ^a^)ft unb bie ©ifci^iJfe feien gfitften getoorben, i^ätten über 
Sanb unb itvitt gel^errf($t unb bad ©d^toett gebrandet nid^t allem 
in toeltlid^en, fonbetn aud^ in ®Iaubenafad^en. 35a8 fei aber ben 
©ef eitlen S^rifti, bie et feinen 9iad^foIgem gegeben, junriber, unb 
begi^Ib ]^be fid^ bet ZfftiÜ ber (S^Iäubtgen, ber an ber urf^rfing^ 
fidlen ©nrid^tung feftgel^alten, Don biefem toeltförmtgen Sleru^ ge-^ 
trennt S)ann i^be man bad ®d^tt)ert gegen fie geleiert unb fo 
feien fie gepüd^tet biö in bie fernen ©cbtrge unb Später, to)o in 
\pixtettn 3citen bie SRefte ber alten ©emetnben lebten. 

©abei öerbient e« ©ead^tung, bag bie ^txt, in tocld^er bie ftird^e 
eine tt)eltf5rmige ®eftalt getoninn unb bie ^o^fte ^errfd^er n>urben, 
lange Sai^ri^unberte ^inburd^ felbft bei fold^en SWännern, bie innere 
i^alb ber ^rd^e blieben, aU bie (Sntftel^ung^ieit ber ©d^aben galt, 
an toeld^en fie f|)äter]^in fo oft gelranft l^at ©elbft ©eml^arb öon 
Slairöaujc, ber Sbelften einer, loeld^en bie ©efd^id^te ber alten Äird^c 
lennt, fd^rieb einft an ^ap\t (Sugen, nad^bem er ben iDeltftd^en ^ovxp, 
mit bem fid^ ber ^a^jft umgab, getabelt l^at, »örtUd^: „3n biefen 
fingen bift bu fein 9iad^foIger beö ^. ^etru«, fonbern be« fiaifer« 
Sonftantin" ')♦ äud^ Dante erlannte in biefem ?unlt ben Ärebö^ 
fd^aben ber Strd^e. 

®ne Ueberlieferung, toeld^e au8 einer toalbenfifd^cn SBebcr^ 
famifie ©ubfranfreid^S l^errfii^rt, unb bie biö in ba^ 13. Sai^i^unbcrt 

baß ?cter J>ott löruiö in ber crpcn ^älftc be8 12. Sal^rl^unbcrt« einer ber 
il^rigcn ge»c{cn fd. 2)ic(f^off 3)ie Solbcnfcr 1851 @. 166. — 2lu« ben ?ro- 
tocotten ber Snqnifttion bon Xoutoufe (1307—1323) erl^ gan^ unati^etbenttg, 
bag ber 'ülamt ,,Sü^aIbenfer'' bon ber ^rtd bantald no^ confequent abgetDiefen 
toorbcn ip; pe nannte ftd^ felbfi einfad^ ^^SSrüber''. d^ l^dgt j. «. bort (f.öm* 
bort^ Lib. Inq. Tolos. Amst. 1692 @. 365) öon einigen „33rübcm'': „nee aude- 
bant ire palam, quia erant de illis, qui in Borgundia vocantor Valden- 
ses** etc. — gemer ib. @« 366: i,Vocabant seilli, qui erant de illa so- 
cietate, f rat res." — gemer ib. @. 367: „Gentes pereequebantur cos (fratres) 
et vocabant eos Valdenses et reputabant eos haereticos**. 

1) De coDsideratione ad Eugenium papam Lib. IV c. 6. ^iemoc^ ^er^og 
:3)ie ront. SS^albenfer 1853 @. 204. 



19 

ffxaanfm^t, fagt übet bcn UrfjJtung bct Stübcrgemctnben golgcn^ 
bc8: „2)tc ffialbcnfct gelösten ju bet ^affl jicnet ®äfiitx, toeld^e 
^etftammcn ijon ben ©d^ületn unb Sljjoftcin Si^ttftt, Don benfclben 
Itfofieltt, auf toelci^c Sl^rifttt« feine aSoßmad^t fibctttug, ju bin ben 
unb JU Ißfcn; unb biefe ®^ültx (SBoIbenfer) befi^en ienc 93oIt' 
ntad^t, ü>ic fie (Ji^tiftuö bem ^. ^etruö unb Slnbcten nad^ ii^m ge^ 
geben i^at 5Cie Sa<)Iänc unb bie 3Kön^e erlenncn \ot>ffl ben ©inn 
bet ^. ®dfxi\t unb beö göttlici^en ®efe^e8, abet fie toollen nxäft, ba| 
et bem SSolIe itnüxäf toetbe, um il^te ^ettfci^aft übet baö SSoß 
beffet JU begtünben ; benn toenn fie Hat unb unöet^üüt ba^ ®efe% 
®otte8, tote e« Si^tiftu« offenbart ^at, lehrten, fo tofitben fie nid^t 
tote iefet bie mud ^aben, bie fte btaud^en"»)- 

Senn man ettoägt, bag e« eine gtau ift — Jaqaeta textrix 
de cumba Eotgier toitb fie genannt — tottäft biefe Uebetßefetung 
uns mittl^eilt, fo toitb jiebet 3Sctbad^t einet gelel^tten (Stfinbung 
f(j^toinben unb angefi(%W bet Z^at^aäft, bag biefefte Uebetliefetung 
übetatt in ben ijetfci^iebenen eutoj)äif($en Sänbetn toiebetfel^tt, too 
aOSalbenfet fid^ finben, toitb man eine utalte SButjel betfelben nid^t 
üetlennen fiJnnen* 

6ö ift längft aud^ t)on bet neueten gotfd^ung anetfannt, ba| 
im 12* 3a^t]^unbett ba« SBalbenferti^um „mäft betart aW ettoa« 
9?eue8 auftritt, bag e« nid^t auf öotbeteitenbe 35otenttoi(Äungen 
jutücftoiefe" 2) , unb bag biefe aSotenttoicttungen nid^t in bet ®e^ 
fiä^id^te bet tSmifd^en Äitd^e, fonbetn in „l^ätetifd^en (gnttoidfungen'' 
t^te Dotnei^mften SRejJtäfentanten i^aben^). 

SBenn man nun einetfeit^ ettoägt, baß bie i^iftotifd^en Quellen 

1) Simbotd^ Liber Inquisitionis Tolosanae. Amsterd. 1692 ©• 377: «Item, 
qnod ipsi Valdenses erant de Ulis discipulis, qai descenderunt a discipulis et 
apostolis Christi, quibus dedlt potestatem suam ligandi et solvendi et quod 
ipsi habebant iilam potestatem, quam Christus dedit beato Petro et aliis post 
eom. Item quod capellaui et religiosi licet intelligant scripturas et legem 
dei, Bolunt revelare clare populo, ut ex hoc melius dominentur in populo, 
quia si dicerent manifeste et discooperte legem Dei sicut Christus manifestavit 
eam non haberent ita necessaria sna«". 2)ad ^elenntnig tül^rt aud 1311 l^er; 
aber bie ^ngettogte gel^Brte fdt alter Seit ber Partei an, 

2) ©iccf^off 0. O. @. 211. 

3) (Einigen Sluffd^Iug über biefe (Sttttoidttungen finbet man bei 92eanber 
S)cr 1^. 53cnil^arb @. 133 ff. u. @. 387 ff. 

2* 



2Ö 

ittct We Bepegten Parteien in jienctt bunllen erftcn Sal^tl^unberten 
be« Sl^ttfteni^um« naturgemäß fel^t fr&tU($ fitcgcn, unb anbetet^ 
feit« in« ^nze fagt, tote jäl^ münbfi($e Uefeetltcferuttgen fi^ mät^ 
tociÄt^ Sai^ti^unbette lang in biefer gartet fottgejjflanjt l^aben, fo 
tft ed nid^t erlauBt, bte ettool^nte Sltabitton, bie no($ nt($t i^at totbet^ 
legt toetben lönnen, etnfad^ ju öettoetfen. 

3mnierl^tn tft in bet ßrjäi^Iung Don $ettu8 SBalbu^, toie oBen 
Bemctit, foötel iebenfaK« tid^tig, bag et e8 getoefen ift, untet beffcn 
geitung bie Partei einen bcfonbeten Sluffc^toung genommen ffdt 
©eine Sßetbienfte erfiäten t&, bag bie ganje 9{id^tung ff)äterl^in mify 
feinem Sftamen benannt ju toetben Jjflegte ^i 

Uebet feine ^etfßnfid^feit unb feine befonbcten 3been finb nid^t 
Diele £ivitUm Dotl^anben, Smmetl^in abet fliegen fie reid^üd^ genug, 
um unö ein Uttl^eil übet ii^n ju etmBgUd^en unb einet bet beften 
Rennet fagt baffelbe bai^in jufammen, bag toit in SBalbu« ben 
aSetttetet einet „unabl^ängigen unb felbftänbigen ©eifted^ 
tid^tung" ju etlennen l^oben, „^n einem fold^en SDiann lann 
nid^t bet Stiftet eine^ neuen SKönd^öotbenö ftedten, felbft tocnn 
et in anbetet ©ejiel^ung nod^ fo fel^t mßnd^ifd^ ausfeilen unb fid^ 
benel^men toütbc"^). 

aSenn c3 l^ietffit beg Sctoeifeö bebfitfte, fo läge betfelbc in 



1) 2)te ©efd^id^te bet SBatbenfer l^at bi$ ie^t Idtte^tpcg« bie 8ea(i^tund ge« 
fiutbrn, toääft fte Derbtent 2)ie bomel^mflm Ser!e ftnb: $al^n (Sefd^id^te bet 
Äefecr )ö. II 1847; ferner bie ©erfe bon 2)iccfl^off (1851) unb bon ^ctjog 
(1853). SBefonbere ©ead^tung berbicnt b.Seafd^ttjife 2)ie Äated^iömen berSßoI- 
benfer unb ©öljm. «rüber. Erlangen 1863. — S3gt femer ^reger in ben Hb- 
IJanbtungen ber in. dl ber ÄgL «air. 2«. b. Siff. au SWünd^en 1877 @. 241 ff»; 
^reger a. a. O. 1878 StBtl^. 2 @. 181 ff, — (£omBa Valdo ed i Valdesi 
avanti la riforma. Firenze 1880. — @. Xron Pierre Valdo et les pauvres de 
Lyon. Pignerol. 1879. — @te ejipiren unter biefem SRamen bcfanntlid^ no^ 
l^eutc. ©eitbem fte im 3al^re 1848 burd^ patent Äönig TOertö bom 17. ge6r. ej. a. 
gteid^e fRed^te mit ben Äatl^otüen ertaubt l^aben, Beflnben fte ftd^ in Stolieu in 
fhtigem gortfd^reiten. 

2) ^erjog a. a. D. @. 119. •— ^erjog lommt »ieberl^olt (@. 152) auf bie 
grage gurüd^ o6 man e0 l^ier mit m9n(!^ifd^en «efhebungen gu tl^un l^e 
ober nid^tr unb er tel^nt eine fotd^ «el^au!|)tung an9 ben berfd^iebenjhn ©rünben 
burd^au0 ab. 3^re ißrincipienr fagt er, lieben bie Salbenfer über bie @tufe ht» 
latl^oUfd^en ^önd^tl^umd l^inauS. Bu bemfetben fftefultat ifl 3)iedl^of f in feinen 
forgfättigen Unterfud^ungen gelangt. 



21 

ber 2;]^atfad^e, bag e« bet römtfd^cn Ättd^e, (btc Bt« bai^in faft alle 
©ttöme eigenartigen teligiöfen SeBenB in bet gotm t)on SWönci^gotbett 
M angegliebett i^atte), tro^ bet ungei^euten 9Dla($tmitteI, ül&et tDtldft 
fie in jenen Sai^tl^unbetten tjetfügte, nici^t gelungen ift, bie ©ettft^ 
ftänbig!eit biefet 9icIigion«<>attei ju untctgtaben. 

3Kit öoüem SRed^t fagt miff. ©iedt^off, baß ba« tcine äBalben-» 
fetti^um [xdf ftet« ebenfo t)on mSnci^ij'd^et äfi^ftil toie t)on fteigeiftiget 
©d^toätmetei fetn gehalten l^atO* 

„Steilheit" unb „Spange lium" — toat bie Sofung, ml^t 
ebenfo toie in Sltnolb öon SStcfda au^ in ^ttu8 SBalbu« i^te aSet^ 
liJrpetnng fanb* 35a« Söangelium toat bie ©afi«, auf toel^et biefe 
SKännet bie Steilheit aufbauen »otften, bie gtei^eit Don SWcnfd^en* 
fa^ungen folooi^I in bet Äitd^e toie im |)olitif(j^en geben, bie gtei^eit 
be« ©tauben« unb be« S)enlen8, bie nut gebunben ift but^ bie 
etoigen ®efe^e, toeld^e Sl^tiftu« benienigen i^intetlaffen ffat, bie feine 
redeten 9ia(ä^foIget fein »ollen, 

€8 ift loal^t, ba| bie 3bee bet „9iad^foIge Sl^tifti" fein 
ÜRethnal ift, totläfti biefet 9{id^tung audfd^lieglic^ eigen toäte. 3ßan 
n>eiß, bag bet gtoße {Refotmatot Stang üon 2lffifi, meldten ein 
belanntet eijangelifd^ct 2^eoIoge „ben liebe^joüften unb lieben«lofit^ 
bigften aßet SKönd^e" nennt, getabe biefe Sbee befonbet« betont 
i^at, unb baß e« i^m oBQiget (Stuft loat mit bet W>\idft, ba« opo^ 
ftolifd^e geben nad^ bem ©efel^le Si^tifti ju DettoitKid^en. gtang 
oon aiffifi« 3beal toat, bie SBelt in einen fd^önen (Satten ju oet^ 
toanbeln, bet befiebelt toate mit gottinnigen, (Sl^tiftu« nad^al^menben, 
bebütfnißlofen SKenfd^en, 

(£« ließe pd^ oießeid^t bet Setoei« etbtingen, ba§ ein innetet 
3ufammen]^ang biefe« 3beal« mit ben 9lnfd^auungcn bet SBalbenfet 
infofetn toitlUd^ ooti^anben ift, al« jene« au« ben Slntegungen bet 
Se^teten ettoad^fen ift. 

Stbet »a« folgt toeitet batau«? SKag ba« 3^^/ ba« toal^tlid^ 
ein eble« ift, bei beiben ein äi^nttd^e« gcioefen fein, fo finb bod^ bie 
ÜÄittel, mit toeld^en beibe gtpße ©ttömungen baffelbe ju etteid^en 
ftteben, gtunboetfd^ieben. 5lffifi lennt jtoat biegeiftlid^e Sltmutl^, 



rf' 

-»■' 



1) 2)ic(f§off a. 0- @. 171 f. 



22 

aber nxäft bie gtcil^cit, jtoat bic 5Ka(%folge S^rifti, aber ntd^t 
ba« ffiöangeUum, tote bie ©ruber e« faxten. 

aWan toeiB, baß »fpft in ber ,,2lrmutV' unb bcr SBcltentfagung 
gemSg ben ©runbfä^en be$ 9Rön($t]^ttmd unb ber r9mtf($en ^rd^e 
baö gebenötbeal für alleßi^riften erblitfte, toel(%e bic ]^8(j^fte ©tufe 
ber gebenö^eißglett erreici^en tooßten. 

S)agcgcn toerben bie nad^folgenben Unterfu^ungen ben Setoei« 
erbringen, baß SBalbuö unb bie „Srüber" il^re Seben^aufgabc in 
toerlti^ätiger ^flici^terfüßung inneri^alb ber (ä^riftlid^en (Semeinben 
unb in ber äuöübung o<>ferfa]^iger 5Rä^ftenfiebe erbßdten. ®ie i^aben 
bie. Aufgabe )>er{i^nli($en ©efi^ed unb ^tUftffum^ niemals junt 
gebeuÄbeale aüer SKenfiä^en gemati^t unb bic Hßfterlii^e Slbfonbcrung 
toar i^nen bur($auS unfl^m^^atl^ifd^. aber i)on ben ^rebigern unb 
35erffinbem ber ßei^re S^rifti »erlangten fic gemäg ben SBefel^Ien 
ei^rifti (SKatt]^. 10) atlerbingä, bag fie nid^t ben 8aien ben gdmuiel 
üerfrred^en, fic^ felbft aber in ben ©eftfe ber (Srbe t^eilen foüten* 

35er Unterfd^ieb biefer äuffaffung ijon bem franciölanif(%en 
gebenöibeal toirb toeiter unten in no($ größerer ©(ä^ärfe i^eröortreten. 



®ö l^ängt mit be« ©albuö JEl^ätigleit unjtoeifell^aft jufammen, 
baß bie Partei gerabe in ber jtoeiten ^älfte be« 12. ^ai^rl^unbcrt« 
toeit unb breit auffeilen erregte unb baß fie aWbatb in faft aßen 
toefteurojjäifci^en gänbern in eri^eblid^er ©tarle naäftütx^iax x\t 

Um baö 3al^r 1170 tourbe ben ffialbenfern Dom Srjblfd^of 
öon 8^on baö ^rebigen »erboten. 

1) S« fittb bi0 jefet über bic crpc @|)oc^e bcr SBaJbcnfcr (bi8 1215) bor- 
ttcljmlit^ foTgcnbc Ctucttcn bctannt: 1) SBulIe ^a^>ft fiuciu« III. b» 1184, abgc* 
brucft bei b'2(rgcntr6 CoU. jud. I, 71. — 2) 2)a8 (SbÜt bc8 ÄSttigS sap^on« b. 
Slragotttcn bom Saläre 1194 bei Strgcntre o. O. @. 83. — 3) 3)a« Urtl^l bc« 
4. Satcranconcifö (£a^. 3. — 4) Einige ©riefe bc« ^a^jie« Sunocaij III. — 
5) 2)ic ©cj^rift be^ Alanus de Insulis (Mc) gegen btc ^äretifer bon c. 1200 (ed. 
S^ifd^ Slnt». 1654 @. 119 ff.)» — 6) 3)a§ Scrl be« «eml^. b. gontcaubc 
gegen bic aBalbenfer au« c. 1190 (Max. bibl. Patrum S5b. XXIV @. 1585 ff.). — 
7) «Liber Antihaeresis" be« (Sbcrl^arb b. «etl&une (ib. @. 1525). — 8) »eri^te 
be9 Saltl^er SD^a^e« (bgL Usser. de Christ. Eccl. succ. Lond. 1682, ab- 
gebrüht bei ^al^n a.D. ®. 257). — 9) ^tr. bon iBauj-Sernai? ®efd^. b. 
SObigenfer (bei Strgentre a. O. ®. 73). — 10) 2)ie Ur«bergifc^e (S^xomt (Monu- 
menta Germ. bist. SS XXIII p. 376). 



23 

Sfloäf ^ox @<3^Iug bed 3a^rl^unbettö gie6t ed Bereite in Sße^ 
eine fei^t ftarle SBalbenfergemetnbe, toelci^e ben Iat^ottf(^en ®et(t^ 
lid^en i)iel in f(i^affen mad^t ^ei il^r finb SibelüBerfe^ungen in 
<8e6rau^ 0, 

Um ba« 3a]^i^ll77, fo l^eigt cö in einer often ßi^ronil, ,,fittb 
täxäft ®d^ület bed ^ettnd Salbenfid t)on S^on na^ S)eutf(^lanb 
lommen, l^oben nm Stanifutt nnb an anbeten Orten, nad^ntald 
au(3^ ju 9iürnberg gn ^)rebi8en angefangen; »eil aber ber SRatl^ 
ju SWitnbcrg getoamt loorben, bog er fie ergreifen nnb verbrennen 
laffen möchte, finb fie in ©Blumen getotd^en" 2), (gg f(j^rfnt in 
ber Zffdt, M ob fie im 13. .»al^ri^nnbert bereite am ÜÄittelr^ein 
imb in granlen feften gng gefagt i^ötten. 

öefonbere ©ead^tnng »erbient ba« grfd^einen bicfcr Äe^er in 
fi5ln, U)e{($ed bereit« nm bad Sal^r 1150 nad^n>eiSbar ift SQö 
©genart berfelben ffil^ren bie 3nqnifitoren an, ba^ fie unter Sbt^ 
rufnng auf SKarc 16, 16 bie (Srload^fenen tauften. Die» 
lenigen, bereu man l^abl^aft mürbe, ftarben auf bem ©d^eiteri^aufen. 
„aiid^t nur mit ®ebutb, fonbern mit Segeifterung" — fo erjä^ft 
ber Se^erriiä^ter felbft — „gingen fie in ben Xob"^), 

©d^on Soi^. gaurentiuö ö* ÜÄo^i^eim, einer ber beften Äenncr 
beö älteren Äefeertl^um«, ^at im Sa^re 1770 ben ©etoei« erfolge 
reid^ angetreten, baß biefe Mnifd^en Äe^er ju ben „armen von 
8^on" JU jol^Ien finb — ein Umftanb, toelci^er t)on Sleuem bie 
atid^tigleit ber Sel^auptung ju erfci^ßttern geeignet ift, bag bie 



1) ©etgog S)ie tomanifd^cn SBotbenfer @.26. — etnact^citm bei Äattner 
Äonrab öon SRarburg 1 882 0. 37 ; \>gt bie bort angcfül^rten Ouctten. 

2) ^au^t, S. 2)ic rcftgiöfen ©cftcn in grauten, ©ürjb. 1882 @. 18 Slnm 5. 

3) (gingell^eitcn bei Aalt n er a. O. @. 38. Mt Äennaeid^en, totl^t bie 
trtvSl^nte ^Relation bed Snquifttord angiebt, fHmmen (toenn man bie übUd^ 
Bnt^tten biefer gegnerifd^n Duette abjiel^t), fo bolUoutmeu mit ben ä^erlmaten 
ber fogeuauutcu „SBatbeufer" übereiu, baß uuätoeifell^ft biefe Partei bariu ju 
«rieuueu ijl. 2)al^iu geljört aud^ bie 2^aufe ber (Srtoati^feueu; ferner ber Um^^ 
{)aub, bag fte j^eug über bie C^l^e badeten, baß fte beu ®ebräud^ (b. 1^. beu 
©ocrameuteu) ber ^rd^e bie l^t0k>ermittelube J^aft abf ^rad^u, bag fte ba0 Seg<« 
feucr leugueteu, einen ©ifd^of l^atten u. f. to. (Sine @:|)eaiatunterfud^uttg l^ier* 
über toäre fel&r ertoüufd^t. 2)iefetbe müßte ba« Salbeufertl^um unb bie „33egl^r» 
ben" am gaujeu ^^n um biefe Seit in ^etrad^t jielj^u. 25gl. S)etail0 bei 
SD^Odbeim De Beghardis Lips. 1790 @. 198 u. 210. 



24 

„SBtübet" etft fett cttoa 1170 aufgetreten feien 0. "Die fiölnet ®c^ 
metnbe l^at bann einige ber i^ettjottagenbften getftlgen SSertreter 
biefer 9{i(i^tuna gtog gejogen obet' bo($ beeinflußt, t)or Mtm einen 
bet bebeutenbften ätuäleger bet „$Pofo<)^ie ßi^rifti" — »ic \pättxt 
®enoffen bet SBalbenfer ju fagen jjflegen — ben SKeifter (gd^art. 

ffienig fjjätet »urben in ®^)anien SKagtegeln gegen bie 8Bat 
benfet ergriffen- 3m Saläre 1192 öerSffentlici^te ftönig mp^on^ 
t)on 9(ragonien einen (Srla§ gegen fte unb ertpäi^nt barin audbrüA' 
Ii(ä^, baß er l^ierbei nad^ beut ©eif^iel feiner SSorfai^ren i^anble^). 
ättp^onö' giaif olger »ieber^ofte baä ßbift im Saläre 1194* 

Slud^ ^a^>ft 8uciu8 HI. ^ielt.im Saläre 1184 bie @ad^e für 
fo toi($tig, baß er ein Defret gegen bie ,,Hnmiliati^' ober ^^bic 
armen öon 8^on" <>ubttcirte »)• 

3lu« bem Sai^re 1210 i^aben loir ein S^^fl^iß, baß bie SBat 
benfer ii^re Seigren in ber üDißcefeSCurin ausbreiteten. 3n biefem 
3a]^r nämUd^ erhielt Sifd^of 3acob üon Xurin öon ftaifer Otto IV. 
ein 35elret, toeld^eö il^n ermächtigte, in feiner !J)ii5cefe SBalbenfer 
unb änbere, loeld^e „ba« Uniraut ber 8üge auSfäen", gu öerfolgen^j. 

3m Saläre 1220 festen ber ®raf Zfft>ma9 öon ® aüo^en unb 
bie Dbrigleit bcr.Stabt ^ignerol eine ©elbbuße für bieienigcn 
feft, toeld^e »iffcntlid^ einem SBalbenfer ®aftfrcttnbf($aft getoäl^ren 
toürben. 

3m Saläre 1297 lourben aSerfolgungen ber ffialbenfer im Zfyal 
^erofa angcftettt unb im Saläre 1312 erfai^ren toir ijon ber SSer^ 
brennung eines aBalbenferä ^). 

3u Seginn beS 13. Sai^ri^unbert« glaubte geopolb ber ©lor-» 
rei($e üon SDeftreid^ ebenfaüä gegtoungen gu fein gegen pe eingu«» 
fd^reiten. Um ba« Sai^r 1240 ift bereit« eine felbftänbige Organifation 
ber ©ruber in Deftreid^ nad^toeisbar, benn e« toirb ein Sifd^of 
berfetbcn ertoäi^nt, toeld^er in ®ngin8j>ad^ feinen Slufentl^alt l^atte «). 
Siad^ einer ©tette in bem oben citirten 2;ractat beä ÜDaijib ijon 

1) 3Ro01^cim De Beghardis. Lips. 1790 p. 484. 

2) (Sin öoßpSnbiger ^brucf be« (Srkffc^ bei $al&tt ©efd^d^te ber Äefecr II, 703. 

3) Saf f 6 Reg. Pontif. Rom. SBetl. 1851 @. 847 ^, 9635 (?Roö. 1184). 

4) 2)a8 2)dtct f. bei Somba Valdo etc. 0. 26 %nm, 6. 

5) ^etjog 2)ie romon. Salbertfer @. 272 f. 

6) ^reser a. D. @. 222. 



25 

äuftÄtttg Weint ^erjog gticbtici^ bet ©tteitbare üon Ocftrct^ 
fettft einer \fyctx ®önnet 8ett>ef en ju fein 0, beten ftc bort öiele in 
öotnel^men Äreifen Befagen, — 3n bet SDtöcefe ^ äff au finb Be^ 
teitd um bad Sai^t 1260 3ipeiunb))ietitg ©emeinben nad^meiöBat^), 
in toeld^en bie ^ottei gug gefaxt ffattt. 3n bet 35iöcefe {Regen «^ 
butg taud^cn fie im Salute 1265 auf 3), 

3m Salute 1257 Bittet Ottolat Don Söl^men ben $a»>ft um 
Snquifitoten jut Slugtottung bet ,^efeet" in feinem Sanbe, 

3enet ^affauet ^tieftet, »el($et Biäl^et unter bem ^Ramen be« 
Steinet @acäft>nx Mannt t»at unb bet um 1260 fd^tieB, etjal^U: 
„3n bet SomBatbei, bet^toöence unb anbettoätt« l^atten bie 
^ätetilet mel^t ®($ulen aH bie S^l^eologen unb au($ mel^t 
^uff'ixtt. ®ic biöjjutirten öffentlid^ unb riefen ba« aSoß ju feier- 
liiä^en 35erfammlungen auf ben SKarlt ober ba« freie gelb» 5Rie^ 
manb loaste, fie baran ju i^inbern megen ber äTJad^t unb ber SD'ienge 
ii^rer ©önner"^)» ^iemont unb bie Daujji^ine gei^örten ju 
ii^ren öorne^mften ©iften» 

3n ben Säubern be« alten Slquitanien« , jö)ifd&en ©aronne 
unb ^^renöcn geigen fid^ frül^seitig il^re (Semeinben; in 5Rea^el 
unb felBft in ©icilien fd^einen fid^ @<>uren ju flnben. ®leid^^ 
jeitig taud^en fie an ber ftfifte t)on' Sent in (Snglanb auf, too ber 
(SrjBifd^of i)on SanterBur^ gegen fie einfd^reitet Deöglcid^en finb 
fie in ben 5ßieb erlauben jai^lreid^ vertreten, Befonberö inglan*» 
bem unb ©raBant; inSiorbfranlreid^ l^aBen fie ii^re ijornei^mften 
©ifte in ber ^icarbie, unb fo gieBt e^ faft lein 8anb, tpeld^e« i)on 
i^en frei geBlieBen toäre^). 

Unter biefen Umftänben Begreift man bie %ffat\aift, ba§ bie 
meiften größeren Soncilien ber römifd^en Äird^e biefen „Sehern" 
i^re Befonbere 5lufmerffamleit toibmeten. @o ü>ar eö mit bem 
gateranconcit t)om Sa^xt 1215«) unb mit bem Soncil t>onZaxxa^ 
cone t>on 1241. 

1) $rcger a. 0. 1877 ©• 226. 

2) 2)a0 S5craä(i^iii6 gicBt ^rcgcr a, O, (Bei ben Urfunben). 

3) ^au^t, a)te relig. ©eften u.f»tt). 0. 3, 

4) ^tcgcr ö. O. @. 226. 5) ©gl. (£omBa ö. a. O. ©• 20 f. 

6) 3)a^ 3al^r 1215 Bejeid^net (»ie ©iedl^off a. O. @. 156 mit 9lcd^t Be^ 
merft) ben SÄBfd^lug ber etflew (g^otä^e ber ©atbenftftä^en ©ememfci^aft. 2)tete 



26 



Uebcr ganj Stalten fd^int btc gartet aScrBrettung acfunben gu 
l^abenunb ed t^txiimt ^taäftuui, bag in Simulien unb (Salabtien 
ncäf in f^>ateren Bitten ©cmcinbcn fccftanbcn, tocld^e mit bcn „©rit 
bem" in ^icmont nnb granhrcid^ ac^^iiftttiic ©ijnobcn abi^icltcn i)* 

3n ©tra^bnrg l^attcn bic Dominüanct fd^on im Saläre 1212 
500 ^erfonen anfgcf^)ürt, tocld^c jur SBalbcnfergcmcinbc gei^Sttcn* 
S« toarcn Scntc an« allen ©tänben, Slbeligc, ^rieftet, SReid^e nnb 
Slrmc, äÄänncr nnb grauen* Die ©efongenen fagten auö, eö feien 
il^reraSiele inber ©d^toeig, in Stauen, Dentfd^Ianb, Sbiff^ 
men n» [♦ to, 5ld^tgig ^erfonen, bamnter 12 ^tieftet nnb 23 granen, 
tonrben bem gener übergeben. 

Sffx SSorftel^er nnb Sifd^of — Soi^anne« toirb er genannt — 
erHarte im ängefid^t beö Sobeö: „S35ir flnb aüe ©ünber, aber nid^t 
um nnfereö ©lauben« bitten nnb nid^t nm ber Safter toitten, bie 
man oi^ne @rnnb nn« öortoirft; aber toir ertoarten aSergei^nng ber 
@ünbe, bod^ c^ne SKenfd^eni^üIfe (b. l^. ol^ne aSermittInng ber ^riefter) 
nnb nid^t burd^ baö aSerbienft nnferer SBerle^). 

!J)ie §abe ber §ingerid^teten tonrbe conflöcirt, bie eine §alfte 
eri^ielt bie Äird^e, bie anbere ber äÄagiftrat ber ®tabt Strasburg, 
toeld^er ber Äird^e ben toeltßd^en 2lrm gur SSerfügung gefteßt i^atte »). 



cnbetc mit einer burd^ bie TOigenferlriege bcfd^teunigten Äataftro^l^e für bie 
neue Partei. @9 toirb ii^r bobnr^ eine ganj anbere SQSenbung mit ©etoalt 
aufgebrängt M bie erften Vertreter ber ^rtei ju geben SSitten« getoefen üKiren. — 
gär bie jtoeite ^eriobe be§ SBalbenferti&umö, toetd^e et»a bi§ gumSBeginn be8 
14. Sal^rl^unbert« gu xtä^nm ift, lommen l^au:|)tfS(]^(i(§ fotgenbe Duetten in S3e* 
trad^t: 1) 2)ie ur^be^rgifd^e (Sl^ronif. — 2) StephanusdeBorbone De Sep- 
tem donis Spiritus sancti c. 1250 (Bei b'2lrgentr6 a. a. O.). — 3) 2)er mel^r* 
ertoöl^nte ^feubo*9leiner. — 4) ©er cittrte Xractat be§ 2)abib bon 
SlugSburg (Yvonetus). — 5) (Sine ©treitfd^rtft beS 2)ominifanerS SWoneta 
aus (Sremona. — 6) Doctrina de modo procedendi contra haereticos (Martene 
et Durand Thes. Vol. V p. 1779 f.). — 7) $l^il. b. Simborc^ Über sentea- 
tiarum inquisitionis Tolosanae in beffen Historia inquisitionis. Amst. 1692. 

1) ©erjog ®ie roman. Sßßalbenfer @. 274. SSincenj generiu« ergäl^U au8 
bem Saläre 1403, baß in ber Sombarbei, ajiontferrat u. f. »• giceiraat jSl^rtid^ 
SBatbenfer«'$rebiger au8 Sl^utien gu ^rebigen :|)flegten. 2)iefe SBerbinbung be* 
panb nad^ öcrgog a. O. @. 35 f. nod^ im Saläre 1532. 

2) Äaltner Äonrab bon iKarburg 1882 @. 44 nebjl ben bort angefül^r- 
ten Ouellen. 

3) 2)ie SefHmmungen über bie CEonfiScation toaren fel^r ftreng. 9lad^ Stalte 



27 

Scber aSerfud^, etncn UcBetBItd ©er bte äuSBrcituna ber ftefeet 
gu geben, ftößt bei beut gegentoarttgen ©tattb ber gorfd^uttgen auf 
faft uttflberftciglld^ ^Inbemtffe* 

ÜDie abfld^tlid^e SSerftfimutelung unferer Duetten, bte SSertotr^ 
rung, twld^e burd^ bte SSerfd^tebenl^eit ber ©elten^Slamen unb burd& 
bte toxxtix^ öori^anbenen lolalen ©tfferenjen l^erbeigefüi^rt toorben 
ift, mad^en vorläufig eine pfammenfaffenbe unb abfd^Iiegenbe ®e^ 
arbeitung biefed t^ernat^Iäffigten Z^AU ber fiird^engefd^id^te gang 
unmöglid^* 

SIber felbft ei^e bie i^eute nod^ fe^Ienben f^>ecietten Unterführungen 
über bad gegenfeitige SSerl^ältnig ber Sßalbenfer gu ben angeblid^ 
fdbftänbigen ®elten^®ru^)<3en ber Segi^arben, Scgl^inen, gott^ar^ 
ben u. f* to. trotte ftlarl^eit gebrad^t l^aben , lann eine !Darfteüung, 
tole bte tjorliegenbe nid^t barauf öergid^ten, biefe „©elten", bie man 
bidi^er nteift getrennt Den ben Sßalbenfern betrad^tet i^at, mit in 
ben Srei« il^rer Erörterung ju jiel^en. ®enn eö ftel^t über aßen 
3ti>eifel feft, ba§ eine nai^e ©egiei^ung ber urfi^rüng^ 
tid^en ^,S8eg]rarben" u. f. to. gu ben SBalbenfem öorl^anben ge^ 
toefen ift 

gö ift bie« fd^on loon ^Atitni>\\zn, loeld^e Oelegeni^eit l^atten, 
fotool^I bie fogenannten „©atbenfer" ti>ie bie „öegi^arben" gu len^ 
nen, auÄrudKid^ l^ertorgel^oben toorben. ®o fd^reibt ber ©omi^err 
gu SRegenöburg Conradus de Monte Puellarum, bag bie „©dritter 
ber ©albenfer ober 5lrmen öon gi^on fid^ i^äufig hinter bem ®e^ 
loanb ber ©egl^arben gu verbergen ^jflegten" ^), unb ^oüfftim, ber 
unö bieö berid^tet, fügt ^ingu, bag „Siele" ber Slnfid^t toären, eö 
fei gtoif d^en ben äBalbenf ern nnb ®eg^arben lein Unterf d^ieb ; bod^ 
f)&ttm öietteid^t bie SHJalbenfer, bie in einem fd^led^ten SRuf geftan> 



ncr a. O. 26 bcjHmmte ba« 9lcd^t, ,Mi bie Käufer nicbcrgcriffcn unb fctbjl bie 
^nber bi9 gut gioeiten Generation aller Selben, Remter unb (Sl^ren bertujHg 
gingen, auger toenu bieÄinbertl^reStterttfetbftbeuuttcirtl^atten". 
^9 genügte übrigens gur @rl^ebung ber 9[nKage eine einfädle :S)enunciation, felb{l 
tuenn berSlnftäger feinen Spanten nid^t nannte (Mtner @. 27). ,,OTent SCnfd^ein 
nad^ — fagt Äaftner @. 24 — »urben fetbji bie ®üter berientgen, toetd^e nur 
ber i^äreTie berbäd^ttg »aren — berfd^te!|)^t''. SBenigftenS toiffen toir, bag ein 
<£oncil biefe Slrt be« SJerfal^renS f:|)äterl^in berbot. 
1) S7^0%int De Beghardis @.317. t 



28 

ben, m lerntet bcit ©egi^atbcn, beten Sld^tung ixc^ getoefen, ju 
öetfteden gefud^tl 

®« gtebt laum ein ®e6iet, toeld^eö bunllet tft al« bte ©efd^ld^te 
c6en btefct ©egl^atben, unb e« totrb metneö Stad^tenö aud^ nie ge^ 
lingen, tolle Älari^eit in baffelbe ju bringen, toenn man nid^t Bc^ 
ftimmte, fefte ^etioben nnterfd^eibet 

Unb fo bemetle id^ l^iet öon öotni^erein, bag id^ nnr t>on ben^ 
jenigen ®eg]^arben nnb Segl^inen tebe, toie fie öot bem 3a]^re 1375 
bcftanben l^aben; aüe biejenigen fogenannten ©egl^inen, tpeld^e im 
legten asiettel beö 14. Sai^ri^nnbertö ober gar im 15* nnb 16. Satfx^ 
i^nnbcrt anftand^en, l^aben mit ber alteren gleid^namigen {Rid^tnng 
nid^t t>xtl mt^x afö ben 5Ramen gemein nnb bleiben l^ier bnrd^an« 
nnberücf fid^tigt «)• 

Unb felbft in ber alteren S^^od^e mnß man ftetö im Singe be^ 
Italien, bag bie 3nqnifttoren nnb bie S^roniften bie ®eg]^arben nnb 
©egi^inen fei^r i^äufig mit ben SDKtgliebern ber SEertiarier be« gran^ 
ciöIaner^Drbenö in nnrid^ttger SBeife äufammengetoorfcn i^aben. 5Da 
biefe Siertiarier ^öd^ft toal^rfd^einlid^ eine 5yiad^bilbung beö ©eg^inen*» 
toefenö finb nnb nnjtoeifeli^aft öiele ^erfonen, toeld^e i^eimüd^ ber 
©efte angehörten, formell nnb ängerlid^ jur SEänfd^ung il^rer aSer^ 
folger ÜJHtglieber beö 3, Drbenö ©• granci^ci Blieben, fo toar eine 
fold^e ajerioed^felnng für benjenigen, toeld^er bie aSerl^ältniffe nid^t 
genan lannte, fei^r leidet möglid^. 

!Der 5Wame ©egi^inen nnb ©egi^arben, beren erfter granen* 
nnb beren jtoeiter SKänner bejeid^net, i^at in feiner et^mologifd^en 
(Sntftei^ung biö je^t feine "allgemein anerlannte unb befriebigenbe 
ÜDeutung gefnnben» gö ift toai^rfd^einlid^, bag berfelbe franjöfifd^en 
Urfi^rnngö ift nnb i)on ©übfranlreid^ anö fid^ ijerbreitet i^at* 

3)er 5Wame ift, toie t>xtU anbere, ein ©eltenname, toeld^en bie 
^erfonen, bie fo bejeid^net tonrben, nie t>on fid^ felbft gebrandet ^aben* 
(Sr toarb angetoenbet auf fold^e ÜRänner unb grauen, toeld^e unter 
ber Sejeid^nung „SSrüber" unb „©d^toeftern" eine gemeinfame §auö^ 



1) @cit ctttxi 1375 toax bie ©etbjlanbtgleit ber meinen ^Begl^ittenl^äufcr gc* 
brod^cn, 2)te SulIc '^ap^ S'Hcütau^ V. tjon 1453 gebr. 12 nal^m oKe (Sonbente 
in ben ^d^oog ber titci^e aud^ formell auf unb berliel^' il^nen bie ^t^tt ber 
^ertiarier. SWo«l^eim @. 185. 



29 

i^altung führten unb unter ©coBad^tung eine« getotffen ^crfommctt« 
im aeußetcn naä^ Slrt utifcrer l^euttgen eöangclifd^en ,,gtaucnftiftcr" 
gemeittfam IcMcn. ®tc nannten fid^ felSft „Pauperes Christi". 

Ut^rünglid^ toaren biefc ©eg^mcn unb ©egi^arben, tote und 
befttwmt überliefert ift, lebigUd^ arme, fd^toad^Itd^e unb l^eimatl^^ 
lofe ^erfonen („pauperes beginae"), toeld^e in ber Stiftung SBo^^ 
nung, ^eijung unb Sid^t unentgeltUd^ em))ftngen. Um ben übrigen 
gebenöunteri^It ju öerbienen, <3flegten fie nad^ bem ÜRag ii^rer 
ÄSrjjer^ unb ®eifteöftäftc fid^ ju 6ef d^äf tigcn , bie grauen mit 
SBefcen, ©^)inncn u. f. to*, bie ajianner mit §anbarkiten, aud^ mit 
2lbfd^rei6en unb Sinbererjiei^ung u. f. to*^), Da^ betteln toar ii^nen 
<3rinct|Hett ijerfcoten. 

95on ben SKönd^öorben unterfd^ieben fie fid^ princi()iett unb 
betonet baburd^, bag „SRegel" ober „(Selübbe" bei i^nen unbelannt 
toaren. ®ie lannten, toie bie alten OueQen ))ortourfd))D(i( ffttoox^ 
fjtUn, toeber baS ©elübbe bed ©el^orfamd, nod^ bad ber Slrmutl^, 
nod^ baö ber Seufd^l^eit auf gebenöjeit ^)* ®ie gel^örten feinem 
Drbenööerbanb an, genoffen leine <>&|)ftlid^en ©femtionen ober irgenb 
toeld^e römifd^e {Redete unb ^riJ)iIegien* Ol^re eingige „Siegel" toar, 
bag i^re SKitglieber in i^rer . äugeren (grfd^einung fid^ ©leid^mägig* 
leit unb l^öd^fte (Sinfad^i^eit ber SIeibung gnr $f[id^t mad^ten. 

3n i^rer befferen ^tit fanben bie Onfaffen ber grauenftifter 
i^ren befonberen S3eruf in berfiranlen<3flege fotooi^I inneri^alb 
aW augeri^alb ii^rer 9WeberIaffungen, Die^ totrb unö i)on ben 
©egi^inen gu 3lnttoert)en um baö Oai^r 1220 auöbrüdflid^ berid^tct 
3n ben SRieberlanben <>flegten bie Stifter ein befonbere« Sieben^ 
gebäube gu l^aben, toeld^e« ate „domus hospitalis" ober „infir- 
maria" begeid^net toirb* 3n bemfelben fanben, toie SÄo^^eim be^ 
rid^tet^), bie ^eimati^Iof en , Slrmen unb Sranlen Pflege burd^ bie 
©d^toeftern* gö ift begeid^nenb, bag ber 5Rame ©egi^ine gerabegu 



1) „Miserae quidem, ab humano auxilio omni relictae, morbis confectae 
publico sumtu -seu ex thesauro pauperum (Beguinarum) alebantur; ceterae la- 
borando, in primis texendo, aliisque artibus et officiis, quae praestare po- 
terant, si fortunis carerent, res, quaram indige]^ant, sibi qaaerere debebant. 
Mendicandi facultas nuUi dabatur/ Wlo^^dtn a. O. @* 152. 

2) 3«o81^cim a. O. e. 43. 3) %, O. e. 150. 



30 

in bem ©tnn öon „ftranlenfd^tDeftcr" a^^^ud^t tottb unb bag bie 
©cgi^incn^äufct ben „Dtaloniffcnl^äufem" butd^au« entfj)rc(ä^en. 

^tftotifd^ na^toASbax finb btcfe Songregattonen etft feit bem 
ffinbc beö 12. Sai^r^unbettö* S35it i^ören juerft ton ii^nen bei ®e^ 
Icgenl^eit öon aSetmäd^tniffen, toeld^e tooi^Ii^abenbe ^etfonen in ben 
9flicberlanbcn um baö ^Ciffx 1180 an SBcgi^ineni^äufer mad^en, aSom 
1 3* 3ai^ti^unbert an toirb il^r ?Rante fei^r i)ielfad^ genannt ')• aber 
anföngUd^ ift für bie Stiftungen nid^t bet f^jätere 5ßanie, fonbetn 
bie ©egeid^nung „©otteöl^äufet" gebtäud^Iid^* 

Um biefelbe S>^xt, too biefe Stifter eine größere 2lu«breitung 
erj^ielten, taud^t in ber überlieferten Literatur ber SJortourf auf, 
bag biefe ärmeni^äufer bie Verbergen öon ^^fte^ern" feien, unb 
feit bem 13* 3ai^rl^unbert ift ber Slame ©egi^ine unb ©egl^arbe 
ium fte^ernamen geworben* 35a bie fo »enufenen itutt äugerlid^ 
ein burd^au« fromme« ^tUn füi^rten, fo toarb bie Sage verbreitet, 
bie« fei bei i^nen toie beiattenÄe^em ®d^ ei n)^ eil i gleit, ^eud^etei 
unb bSötoittige aSerfteKung* 

5Die Snquifition nal^m aWbalb aSeranlaffung, gegen fie eingu^ 
fd^reiten, unb fotooi^I in ©übfranlreid^ toie am Si^ein tourben ioffU 
reid^e ©egi^arben aW Äe^er verbrannt 

3m 3al^re 1311 erlieg SIemen« V. auf bem ßoncil ju SBienne 
jtoei SbnUtn, toeld^e ben ©efei^I enti^ielten, aKe ©egl^inen ju untere 
brüden, ba fie mit Rederei befledtt feien. 35ie 3nquifition von 
iEouIoufe jog in ben Salären 1307—1323 ©egl^inen in groger 3^^! 
ein unb verurtl^eilte fie toie bie gleid^fatt« gefangenen SBalbenfer 
gur (Sinmauerung ober gur 93erbrennung. 

5ß« in golge biefe« ©rudfe« mand^e Käufer ber ©egl^inen eine 
Slnnäi^erung an bie l^errfd^enbe 9{id^tung gu fud^en begannen unb 
bie SWöglid^Ieit in ben ®eftd^t«frei« trat, bie ®üter biefer ©tiftun^ 
gen für ben granci«Ianerorben gu ertoerben, lieg bie aSerfolgung 
einigermaßen nad^* ^apft Soi^ann XXIL erflärte in einem ©d^rei^ 
ben Vom 7. SWärg 1319, bag biejenigen ©egl^arben, toeld^e bie {Regel 
ber SEertiarier annei^men tooHten, von ben ©trafbeftimmungen ber 
35erbammung«butten efimirt fein fottten^). 

1) S7^0«l^eint De Beghardis et Beguinabas. Lips. 1790 p. 1. 

2) mo^^^m a. O. @. 189. 



31 

®o ging i. 33. baö „CoUegium Beguinorum" — in ©üb*' 
ftanlreid^ ^>Pcgte man bic ©egl^atbcn Beguini, bic ©egl^tncn Be- 
guinae ju nennen — , toetd^eö fett bem Salute 1287 in SConloufe 
gcgtünbet toorben toat, ettoa 50 Saläre f^jätet in ben 33efi^ Don 
§ranciöfanet^2:erttariern übet ^)* 3n 3lnttt)ert)en ffattt fic^ 6ei bem 
bottigen Segi^arbenl^an« bie gleid^e (gnttoidlung fd^on ftül^er toö^ 
gogen, inbem bereitö im Salute 1290 ba« im 12^ Sai^ti^unbett ge^ 
gtünbetc $anö an bie granciöfanet überging; im 15. 3a^t]^nnbett 
tourbe baffelbe in ein öoKftänbigeö 3Äännetfloftet öettoanbelt 2), 

SBenn man nnn bem Utf<3rung biefer „Pauperes Christi" 
nad^gel^t, fo mnß e« jnnäd^ft anffaüen, baß, toic nrlnnblid^ feft- 
fielet, inneti^alb bcr toalbenfifd^en (Semeinfd^aft Stiftungen ton 
burd^an« gleid^em ßi^ataltet feit minbeften« 1218 beftanben l^aben. 

Su« bem mel^rfad^ ettoäi^nten ©enbfd^reiben ber „italifd^en 
atmen" anö ettoa 1230 etgiebt fid^, ba§ „Congregationes 
laborantium", b. 1^. §äufet, in toeld^en Sltme gemeinfam il^ten 
Unteti^alt fanben, nntet il^ncn ^etgebtad^t toaten* @ö i^atten fid^ 
bamaW in biefen §änfetn untet bem niebeten 3SoK, bem man 
batitt ein Slf^I gegeben, aüetlei Ungel^ötigleiten jugettagen — eine 
(gtfd^etnung, bie fid^ aud^ f<3ätet jeigt nnb bie in ben ^tt^SiU 
niffen il^te (Stflätung flnbet — unb e« toat bie gtage aufgetootfen 
tootben, ob man bie (gintid^tung in jenet gotm beftel^en laffen 
Knne. ÜRan entfd^ieb fid^, toie bet ©tief etgiebt, füt bie Seibe** 
l^ßung % bod^ mit bet ÜRaßgabe, ba§ bie ÜRängel befeitigt toetben 
foüten^), 

3n bet Seilte unb bet Sitd^entetfaffung bet IJBalbenfet i^aben, 
tote toit unten feigen toetben, fold^e Sltmen^ unb Sltbeitöi^aufet in 
bet 2:i^at feit utalten 3^iten eine begtünbete ©tellung. 

X)et ®tunbfa%, baß e^ inneti^alb bet .„©emeinben Si^tifti" 
SWemanben geben bütfe, toeld^et ^ot^ leibe unb jum 33etteln ge^ 



1) iWoSl^cim a. O. @. 39. — 3toei «Collegia Beguinartim« Bejlanbctt fd^on 
ISnger gu Soutoufe* 

2) mo9^m a. O. ©• 172. Seitctc äl^nt^cSBcl^ielc bei Wlo^^^m @. 179 ff. 

3) @. ^reger a. a. D. 1877 @. 235. 

4) Yolamus vitia omnia..., si insunt, de congregatione laborantium pe- 
nituB amputari. 



32 

jtoungcn fei, ^Mt Bei ben „ötübetn" bcn S^araftet eine« ©ogmaö 
uttb einet religiöfen ^flid^t angenommen* Sie l^ielten baran fo 
ftreng feft toie tttoa bie tömifd^e Sitd^e an ber Seigre öon bem 
^rimot beö tömifd^en SBifd^ofö ober äi^nlid^en Dogmen* 

Um biefe gellte in bet ^tajiö gu oertoitllid^cn Boten fid^ eine 
{Reii^e i)on ©d^toierigleiten bat» ©d^Iieglid^ fiel man anf ben ®e* 
banfen, SltBeitö^äufet mit ben SDÜtteln ftommet aSetmäd^tniffe für 
altet^fd^toad^e nnb Itanfe ^etfonen einjutid^ten, nnb fo feigen loit, 
baß biefe ^attei niemals eine Äitd^e Baute ol^ne baneBen betattige 
Stiftungen gu ettid^ten, ia anäf ha, loo fie Slnbat^tS^äufet gu Bauen 
butd^ i^te®egnet oeti^inbett toutben, ftifteten fie jene ,,(8otte8^ 
pufet", um, toie fie fagten, an^ aWenfd^enfeeten (8otte«tenn>et 
aufgutid^ten* 

©0 lam biefe ^attei lebigttd^ auf ®tunb il^tct (SlauBenölei^te 
bal^in, baß fie baö Si^tiftent^um nad^ feinet ©ebeutung ffit bie 
Söfung bet fd^toietigen SlufgaBen faßte, loeld^e jid^ auö ben unoet^ 
meiblid^en Untetfd^ieben oon SBol^Ii^aBenben unb Sltmen, oon ©tatlen 
unb ©d^toad^en attegeit etgeBen* ©ie i^at baö SSetbienft, baß fie 
alö(8emeinfd^aft gu ben etften gel^ött, tocld^e ftei iDon 
jeglid^en 5KeBenaBfid^ten unb ^ettfd^aftögtoedten jene 
gtoßen SlufgaBen, bie man i^eute alö fociale ^toBIeme 
gu Begeid^nen l^flegt, einet pxaUi\äftn 8öfung näl^et 
gefüi^tt ]^at SluS biefem ©efid^tö^junlt oetbienten biefe „Sltmen^ 
l^aufet" bet SBalbenfet eine eingel^enbcte Sead^tung aU i^nen Bis 
je^t gu 2^]^eil getootben ift» 

& fd^eint, ate oB in biefe Slf^le aud^ fold^e ^etfonen Sluf- 
nai^me gefunben i^ätten, toeld^e nid^t felBft S33albenfet toaten — eine 
Zffat^aSft, an^ toeld^et fid^ bie biffetitenben SReügionöanftd^ten bet 
geute, bie in ben „Äe^etanftalten" toaten, leidet etKäten — aBet 
oottoiegenb toaten eö bod^ (toenigftenS anfängttd^) ÜRitgliebet bet 
„©emeinben ßi^tifti", bie i^iet in il^tem Slltet ein Untetlommen et" 
i^ieften unb fo oon bet d^tiftlid^en „©ütetgemeinfd^aft", bie man 
ben S33albenfetn fo oft gum SSotmutf gemad^t i^at, in ^>ta!tifd^et 
aSJeife 5Rufeen gogen. 

S33enn man nun toeiß, baß einet bet ©ettennamen, toeld^e bie 
SBalbenfet in jenet ^tit Befaßen, bie „guten ßeute" (les bons 



33 

gens) ober „boni juvenes" lautet 0/ fo mug e« fel^r bemerft toer*» 
ben, bag in alten ©d^riftfteHern ber 5Rame „Beghardi" ober 
„Boghardi" aW ilAäfbAtnUvb mit „boni Valeti" (=boni 
pueri) gebrandet toirb^). 

©d^on frül^jettig tourbe ber 9lame Beghardi ober Beguini, 
toeld^er urf^jrüngfid^ nur auf bte Snfaffen eineö Slrmenaf^W 5(ntoen= 
bung gefunben i^atte, aud^ auf bte „^rebtgerbrüber" ober „5t|3oftet" 
ber S35albenfer fibertragen, toeld^e bie Segrfinber ber §aufer unb 
bte getftlid^en Serati^er jener 3lmten toaren» ©d^on im 13. Saffx^ 
l^unbert unterfd^eibet Guilelmus de Amore in biefem ©inne gtoifd^en 
[ogenanntcn „reguUrten", b. ff. in einem ©tift gemeinfam tebenben 
(Beguini reguläres), unb jtoifd^en „toeltlid^en" ©egl^incn (Beguini 
saeculares), loeld^ lefetere angeblid^ bie ©eelforger unb Seid^tbäter 
ber regulirten Srüber unb ©d^toeftern toaren^). 

3n einer alten Si^ronil ber Senebictiner toirb jum 3a]^re 1176 
als ein fotd^er berül^mter „Beguinus saecularis" ein getoiffer 
^etruS im ffiblid^en granfreid^ genannt, toeld^er „gottlofe ÜDog** 
men" verbreitet unb viele Slni^änger gefunben i^abe* gö fei um 
f einettoittcn , fo toitt bie Si^roni! toiffen, ein Soncit ber SE^eologen 
Berufen toorben^)* ©ollte biefer ©eguinuö ^etruö etioa gar ^etruö 
äöalbuö felbft fein? 

Slbgefei^en bon ben fd^toerlid^ jufäliigen Umftänben, baß gerabe 
bie ©egenben, too nad^tociölid^ bie meiften SBalbenfer bori^anben 
toaren, aud^ bie meiften ©egi^ineni^äufer vorfommen unb baß biefe 
in größerer ^oifl erft feit ber ^At erfd^einen, too aud^ bie ©ol^ 
benfer ii^ren größten Sluffd^toung nai^men, ift e8 bod^ fei^r bemer^ 
fenötoertl^, baß biefelben Seruföarten, toeld^e unter ben ffialbenfcm 
am l^äufigften angetroffen toerben, befonber« bie §anbtoerle ber 
äBcBer unb ©^jinner, ganj au8brü(fiid^ in unferen Quellen aud^ 
ote bie öomel^mften ©efd^äftigungen ber SBegi^inen angegeben toer^ 
ben* „ffiS ift gauj belannt", fagt ÜRoöi^eim, „baß bie erften ©o** 
batitäten ber Segl^inen auö ben Greifen ber ffieber ftammten"^), 

333ir i^aben oben bereits ertoäi^nt, baß bie S33albenfer von ben 

1) 2)a0 ^^ttt Vgl. utttm. 2) Wlo^^m a. D. @, 38 vu 39. 
3) 2Ro81Jeim o. O. @. 50. 4) 3Äo81^im 4. O. @. 53. 
5) TloS^vm 0. £). @. 117. 

j^eller, ^ie Üteformation. 3 



34 

Seitgencffctt tielfad^ al« „Fratres Apostolici" bejctd^nct tocrben* 
333cm foHtc, toenn er fid^ bcffen erinnert, ntd^t bte nterftoürbtge 
äJertoanbtfd^aft jtotfd^en btefen nnb ben SSegi^inen auffallen, toeld^e 
bereit« t>on SÄoS^eim in SSejug anf cingelne fünfte nad^getoiefen 
toorbcn ift?0 

!J)iefe 33ertoanbtf(]^aft ift bereit« ben ä^^S^J^^ff^Jt fo fel^r in 
bie Singen getreten, bag grjbifd^of §einrid^ J)on Sßln in einem 
gbilt gegen bic „Äefeer" tom Saläre 1306 auSbrüdlid^ fagt, jene 
^jflegten „Segi^inen, ©egi^arben nnb 21 ^joftel" genannt ju toerben^). 

SBenn man bie ^rotocotte ber 3nqni[ition öon Sloulonfe in 
ben Sauren 1307—1323 burd^Iieft, fo fällt auf ben erften SUrf 
bie aSertpanbtfd^aft berjenigen „Äefeereien", toeld^e bie fogenannten 
S35albenfer belennen, mit bcnjenigen, toeld^e ben ®egninen jur Saft 
gelegt mcrben, in bie Singen. Sitte bie ft)eaetten SluSbrüde nnb bie 
ganje SSorftettung^toeft ber S35albenfer, toie tcir fie lennen lernen 
toerben, leieren bei biefen lieber ^). 

5Die gleid^e S8eoba($tung lann man mad^en, toenn man bie 
©d^ilbernng beö Guilelmus de Amore, eineö ©d^riftfteöerö on* 
bem 13, 3a]^r^nnbert, über bie itfyxt nnb baö geben ber Segl^inen 
in granfreid^ lieft*)* Äei^rt i^ier bod^ fogar ber 5Rame (Sottet- 
freunbc toieber, (ben toxx ate ©ejeid^nung ber Sl|>ofteI lennen 
lernen toerben), Don benen gefagt toirb, baß fie in ben Stiftern Sin* 
badeten abi^ietten nnb burd^ ii^re ^rcbigten erbanenb toirlten. 

3iatfirlid^ barf man bei ber Setrad^tnng biefer „SlrbeitSi^anfer" 
unb ii^rer 3nf äffen nid^t »ergeffen, bag fie in leiner SRid^tnng bie 
geiftigen 2:räger ber S33albenferbetoegung toaren, fonbern gerabe um^ 
gefeiert ton biefer geftü^t nnb gei^alten tourben. 

ß« toäre bai^er gong falfd^, öorau«jnfe^en, ba§ in ber „Seite" 
ber Segi^arben bie ®runbgebanlen ber Partei ober gar bie bor-» 

1) aWo^l^cim ©• ll4ff. SHcfer ^f[u8 ijl für bic (BJaraltcrifHI ber „Fraires 
Apostolici", tt>elc^ al9 homines barbati unb atö^textores'' be^eid^net to>er- 
bcwr cbenfo intcreffant toie für biejenigc ber 33cgl^mcn. SHc 3bentttat bcibcr nrit 
ben SKkilbenfem ifl gong unberlennbar« 

2) 2)a« (Sbilt bei aWo^l^m O, O, ©• 2iaff. — a>a« Concilium Trevirense 
bom Saläre 1310 ibentificirt ebenfalls ,,^^ofhl'' unb sSegl^orben; f. Tlo^dax 

©. 222* 

3) fß^t Simbord^ a. O« @. 303. 4) Wlo9i^dm cu D. @. 42. 



35 

nci^mftctt aSerttcter ber ©albcnfcr gu flnbcn feien* SBteltnci^t jetgt 
baö 8c6en unb Zxtütn btefcr „Pauperes Christi" oft ein Silb, 
toeld^eö bte 3been ber „®rüber" red^t öetäertt toicbergicbt, unb getabc 
biefe SSerjettung ber S^cnbengen ift t€, bie ii^ten ©cgnetn toitffom^ 
mcnen Slnlag 8^8^*^« Wr ^^^ i^W Partei anjufd^toätjen, 

Sbenfo toenig toie man i^eute, toenn man bie Seigre unb bie 
Sitd^cni)etfaffung einet Sonfeffion lennen lernen toiö, in beren 
2lrmen]^äufet gci^t, um fie gu erfai^ten, ebenfo toenig ift e3 für jene 
3ett geftattet, bie 3lu«fagett gefangener ©egi^arben al8 ben gu** 
treffenben SluSbrud beö SBalbenferti^um« i^inguftetten. 

3lber — unb barauf lommt eö i^ier gunäd^ft an — bie ^n9^ 
brcttung unb baö SSorlommen i)on fogcnannten Segi^arben*» unb 
Säegi^ineni^äufern ift lange 3cit i^inburd^ ein fidlerer gingergeig für 
ba« 35ori^anbenfein ton SBalbenfergemeinben unb fomit für bie 
©tatifti! ii^rer Sluöbreitung inncri^alb ber abenWänbifd^en SBelt 

Unb loenn man bieö einräumt, fo ergiebt fid^, baß bie ,,a3rüber" 
im 13, unb 14. Sal^ri^unbert toeit unb breit einen Slni^ang unb 
einen Sinfluß befeffen l^aben, ber toeit über baö 3Äa§ beöjienigen 
3ln^angö l^inauögei^t, ber ii^nen biö^er gugefd^rieben tourbe. 

!Cenn in bem größten S^i^eil SBeft^Suro^)aö, befonberö in Dber^ 
ttalien, ©übfranfreid^, SBeft^SDeutfd^Ianb, Deftreid^, ben Süeberlan^ 
ben, ja bi« an bie 5Rorb^ unb SDftfee feigen toir in bem angegebenen 
Zeitraum bie SBegl^arben^ unb Seg]^inen^Sont>ente auö ber Srbe 
toadffenO» Unb ber genannte Guilelmus de Amore ijerfid^ert: 
„®roß toar bei aüem SSoII bie SSerei^rung, toeld^e biefe ^erfonen 
auf ®runb ii^ter grömmigleit genoffen " •2). 

1) „Nascente saecalo decimo tertio tot repente Beguinarum coUegia per 
Galliam, Germaniam, Belgium efflorescebant , ut, medio saeculo elapso vix 
alla nominis alicujus urbs ejasmodl mulieribus careret^ ^o'Sfto^^vx 
0.0. @. 123. 

2) äJto^l^eim a. O. @. 43. 



Smtittf^ CapiteL 

^ai ®IauBen^BeIettntnt§ btt altetiangelift^en ®emetnben^ 

Glaube unb ^vd^etü)erfaffung ber ttftm d^rtjllid^ Sal^rl^unberte. — ^tilel^mtng 
an bte UYf:t>^ngIid^jlen OueHen ber d^rifittd^en ©efd^td^te. — 9^ad6totrhtngen 
einer großen Ueberliefcrnng, — ©tettnng ber Sßßatbenfer jum dcatovu — 5Die 
Snfrtration ber 1^. ©d^riften. — ffi^rijH Sorte, ©efe^te nnb beren Bcfonbcrc 
©ebctttnng. — 2>ie ifiadjfolge (S^xifd. — 2)a« Stlte 2:eilanient unb berSel^r- 
ttfpvi^ be« $aulu8* — SHe on^ ber ^eitignnö be8 SBittcn^ fliegenbe hmere 
©rleud^tung unb tl^re ©ebeutnng atS (5rfcnntnt6^rtnci:|)» — 2)ie 33ebeutung 
ber S3erg^rebigt Bei ben 5Bdß>enfenL — «lutbergießen, ®e»tffen«frci]^t, 
9lcd^t ber Sfiotl^ioeljr, ^d^ionr, geinbeSfteBe. — Stellung ju ben SK^IHrien 
ber 33iteL — 2)ie ©äWmittel ber Äird^e* — ©egenfaft bon SBelt unb ®^ri- 
pen, — Sßitten^freil^t, Heiligung, ®nabe. — ©d^lnßbetrad^tungen. 

!Dic breite unb fidlere ©runWage, auf totläftx fid^ baö rellgtöft^ 
Iird^U(ä^e geben ber ©albenfer aufbaute, »at bicjentge Seigre unb 
ftird^enöerfaffung, toeld^e in bet d^riftltd^eu ®emeinf<]^aft ber a^jofto** 
fifd^en Sai^ri^unberte in firaft getoefen toar* 

!J)ie aWänner unb bie ^dtttt, toAäft ber ßlntotrlung beö gätt^ 
ttd^en ®tifterd ber ^r($e am nät^fteu geftanben i^atteu, ntugteu 
na(ä^ ber Ueberjeugung ber „©ruber" aud^ bie ©ebanlen unb 3iele 
Si^rifti am reinfteu ti)ieberf<>iegeln* !Der ©ntourf, bag bie aSor^ 
fd^riften, bie jenen (Semeinben gegeben toaren, auf bie beränberte 
unb fortgefd^rittene ©eifteö^ unb Sulturenttoidlung ber neueren ^txt 
nid^t mei^r ^jagten, toarb öon il^nen mit (gntfd^iebeni^eit gurüdfge^ 
»iefen* Die Seigren S^rifti unb ber 2l|>ofteI, fagten fie, l^abcn nid^t 
miuber in ber Seigre toie in ber Sird^enöerfaffung etoige ©ültigleit. 

©rößer aW aKe anberen S33unber unb ©ei^eimniffe ber d^rift^ 
lid^en ©efd^id^te erfd^ien il^nen eben bie ©efd^id^te ber fogenannten 
ai)oftoUfd^en Sai^ri^unberte felbft unb bie »unberbare firaft, bie in 
jieuer ©pod^e ton ben d^riftßd^en Sbeen an ben SEag gelegt toorben toar. 



37 

®tnb bod^ bie btet erftcn Sal^ti^unbette bie ^Ätm jene« un^ 
auf^oltfamen unb gtogattt^n ©iege^jug«, ben bie (^^riftUd^e gellte 
über ben gattjen gebtlbcten ©rbfrei« gel^aften ffat Unb mit toeld^en 
ÜRUteln würben biefe Zmrxüffft erjtelt? atme gt[(ä^er unb §anb^ 
toerler, toeld^e in aü ben fingen, bie man S33iffenf<ä^aft unb ^iU 
bung nennt, mit nid^ten auf ber „^ifft ber ^dt'' ftanben, i^aben 
oi^ne Slntoenbung irgenb tpeld^er äußeren (Setoalt bie große Sultur 
ber gried^ifd^^römifd^en 333elt in toenigen ©enerationen au« ben 2ln^ 
geln . gei^oben. 6« toar bie« ein in aller {Religion«*' unb profan* 
gefd&id^te unerl^örte« SRefuItat 

Unb eine Seigre, loeld^e il^re innere Äraft fo glänjenb beioäi^rt 
i^atte, foöte nid^t im ©taube fein, für alle ^txttn maßgebenbe 
gflormen in ®lauben unb ©emeinbeöerfaffung barjuftellen ? 35iet 
me^r toaren bie ©albenfer ber Ueberjeugung, baß ber Slbfatt öon 
jener a^joftolifd^.en Sirabition SKitfd^ulb trage an aöbemUn* 
gtüd, toeld^e« feit bem ©eginn ber äJößertoanberung über bie abcnb^ 
lanbifd^e unb bie d^riftUd^e Sßjelt in Kriegen unb 9ieUgion«Iämt)fen 
unb äJerfoIgungen aller 2lrt i^ereingebrod&en toar. 



S)a« gange 3)enfen unb 5Ei^un biefer „Si^riften" toirb gefenn* 
jeid^net burd^ baö ©eftrebcn, ba« SBefen be« urf<>rfingUd^en 
ßi^riftenti^um« feftjui^alten, 

®ie toaren einig barin, baß bie« ^xü nur in Slnlei^nung an 
bie urft)TüngHd^ften Quellen be« d^riftttd^en (Stauben« ju erreid^en 
fei- „SDiefe Srrlei^rer fagen", fo erjä^It ein Snquifitor be« 13. 3a^r^ 
l^unbert«, „baß bie Seigre S^rifti unb ber 2l|>oftel jur Srlangung 
be« $eil« l^inreid^e, aud^ oi^ne bie Statuten ber Äird^e''^), 
unb in ber Zffat loirb burd^ biefen SanH)f für bie "fy. ©d^riften 
unb gegen bie „Statuten", toeld^c bie neue römifd^eftird^e feit 
bem 4* Oai^ri^unbert fo ftar! beeinflußt i^atten, ba« SBefen ber alt* 
ebangelifd^en ©emeinfd^aft d^aralterifirt 

^ffxt ®egner i^Bl^nten, baß bie „SBalbenf er" leine anbere ffiiffeft^ 
fd^aft Jjerftanben, unb baß fie nid^t« leierten unb lernten al« bie 
i. ©d^rift* ©n ^affauer fte^errid&ter jjou 1260 erjä^It: „Sitte, fo^ 

1) $feubo«9letner in ber Max. bibl. patnim Vol. XXV p. 265 H. 



38 

too^ SÄänncr aU grauen, SIetn utib (Bxo^, bei 3laäft unb bei Sag, 
i^ötcn ttid^t auf ju lehren unb ju Icflien^ ®ct ^anbtoerler, ber 
ben %az fein Stob t>erbienen muß, temt in bct ^Kad^t ober lel^rt 
unb beßi^att itttn fie ju toenig in golge bicfeö ©tubium^'^). 

S3ei fold^et ©erti^l^altung bct i). ©d^rift toar eö für fie natür^ 
Ixd) unumgänglicä^ notl^toenbig, Ueberfefeungen betfelben ju öct«^ 
anftalten* 5luf biefcm S33ege ift biefe "ißattei e« getoefen, toeliä^e, 
tpenigftenö in SDeutfd&Ianb, bie ^tofa bet ÜRutterf^Jtad^e in tefigiöfen 
SDingcn juerft gut Slntocnbung gebtad^t ^at ©d^on t>ot bem 3al^te 
1203 gab e« in SDeutfd^Ianb Uebetfefeungcn auö bet ff. ©d^tift^). 

!Dat)ib i)on Slugöbutg, beffen ©c^tift übet bie SBalbenfet [xäf 

auf ben 33eobad>tungen aufbaut, bie et jjetfönlid^ in 3)eutf($lanb 

gefammeU i^atte, etjäl^ft: „!Dic ©elei^tigen nutet ii^ten (^mplxctn 

unb bie Setebten untettoeift man batin, bie SSotte beö (Sijangeliumö 

unb bie Slu^f^Jtüd^e bet 5[<)ofteI unb anbetet l^eißget ÜRännct in 

bet 35onöfj)taclJe fid^ ein8Ut)tägen" 3)* „©o ijetfü^ten fie bie 
Unfd^ulbigen"4). 

®Ieid^ in biefem fünfte etgab fid^ ein fd^atfet (Segenfafe gu 
ben $tincij3ien bet tömifd^en ^td^e* !Denn fd^on bet §»14 bet 
SBefd^tfiffe beö SonciW i)on Souloufe öom Salute 1229 lautet toött^ 
lid^ : „S3Bit öetbieten aud^, baß ben Saien bet Sefife bet Sudlet beö 

alten unb 5Reuen 2^eftamentö geftattet toetbe unb tetl^inbetn 

auf baö ©ttengfte, baß man biefe 33iid^ct in Uebetfefeungen befifee, 
toeld^e in bet ganbeöf^Jtad^e angefettigt finb"^)* 

1) Omnes, sc. viri et feminae, parvi et magni nocte et die non cessant 
docere et discere. Operarius enim in die laborans in nocte discit vel docet 
et ideo param orant propter Stadium. ^fcubo*9lctncr Bei ©retfcr a. O. 

2) Libri scripti Romane et Teutonice de divinis scripturis episcopo tra- 
dantur. Gesta ep. Leod. ad 1203 M. G. H. SS. XXV, 133. 

3) Slbl^anbtgg. b. III. (E(. bct St. SB. SL b. SB. 1878 SBb. XIV 3lbtl^. II @, 209. 
2)cutf(ä^c Sibcitt, tt)d(^e im Saläre 1430 gu greiburg imU. bon ben SBatbcnfcm 
gebrandet »urben, toerben crtoöl^ttt bei Dd^fcttbcin 2)ic SBalbcnfer. SBern 1881, 

©• 387. 

4) m^ $fcubo*9lciner (Max. bibl. Patrum Vol. XXV p. 265 G.) red^nct 
JU ben StxUl^rctt ber SBatbenfcr, baß fte fagen, „quod sacra scriptura eundera 
effectum habeat in vulgari, quam in Latino«. ©aß ftc attc^ tl^re OotteÖbienpe 
in ber SanbcSf^rad^c abl^ielten »irb an berfelben @tette betätigt : „Conficiunt in 
vulgari et dant sacramenta''. 

5) Somba Valdo ed i Valdesi @. 39 Slmn. 2, 



* 39 

Um bicfc Sefci^Ic ju itmgci^cn, fd^cint cö gefd^ci^en ju fein, 
bag btc ©albcnfer btc Seilten ber ff. ©d^tift in ber gotm öon ©e-» 
btd^ten bcn S^ttgcn »ermittelten* 

5Dai)ib i)on SlugSBurg fannte »on [old^en ©ebid^ten cinö, toeld^eö 
bcn Xitel führte: „ÜDie breißig ©tufen beö ^. Slugnftinuö". SDarin 
lei^tten fie, toie man bie 2:ugenb üben unb baö gafter fßcl^en mfiffc* 
ft^uäi anbete fd^öne ©ebid^tc bicfer 2ltt l^aben fie gc** 
bid^tet"!)- 

Der ©runbfafe, baß bie l^. ©d^riften (toenigftenS biejcnigen be« 

m 

5Rcnen Seftamentö) für 3cbermann jngänglid^ fein müßten,' toarb 
i)on ii^nen bis ju ber gorbernng gefteigert, baß jeber Srtoad^fene 
bie Seetüre berfelben als religiöfe ^flid^t ju betrad^ten i^abe, 

SSenn man bieS ertoägt, fo barf man bittig fragen, ob biefeS 
©Vftem nid^t infofern ©efai^ren in fid^ barg, aU bie aÄiJgttd^Ieit 
öerfd^iebenartiger SluSlegnng, toeld^e bie SBorte ber ff. ©d^rift be^ 
!anntfid^ bieten, nnter Umftänben leidet jur Sßeignng felbftänbiger 
3ntert)retation unb bamit ju ©laubenSf^jaltungen aSeranlaffung 
geben lonnte. 

. aJian meiß, baß bie römifd^e Sird^e eben auS biefem ®runb 
anbere S3Bege eingefd^Iagen t^at 3n ber 5£S)at tfättt unter ben nn^ 
flünftigen SSeri^ältniff en , in toeld^en bie getrennten unb ijerfolgten 
©cmeinben oi^nc feften, atteS bei^errfd^enben Sßittel^junlt lebten, 
biefc ©efai^r fid^erlid^ Diel größere ©imenfionen annei^men muffen 
üU fie in S33irflid^!eit angenommen i^at, tocnn in ber altei^angeli«» 
fd^en (Semeinfd^aft nid^t eine fefte, Ilare unb rief begrünbete rcli# 
gißfc Ueberlieferung feit ^ai^ri^unberten beftanben i^ätte* 

2lngeftd^tö beS UmftanbeS, baß bie SSalbenfer niemals außer 
ber ^. ©d^rift befonbere rcligißfe S3c!cnntnißf d^rif ten (©^m** 
bole) aufgeftettt i^aben (toie eS in allen anberen Sonfeffionen ge^ 
fd^ei^en ift) unb in Slnbetrad^t, baß toeber baS anfeilen berüi^mter 

i) (S8 fatttt Idtt 3tt>etfel fein, baß l^ier für btc beutfd^e Siteraturgcfci^id^tc 
intcreffante SBinle boriiegen. S)tc bebeutfame ©teile finbet ftd^ in bcm Slbbrud 
be« ©. b. 2L öon $reger a. a- O. 1878 II @. 215. — S)cr (Sinftuß biefcr ^rtet 
auf bie bcutf c§e Siteratur tji biet größer afö man in ber SÄegel annimmt. äJlerl«« 
»ürbig ip c8 j. S., baß SBaltl^cr ö, b. SSogeltocibe einzelne il^rcr ©runbgebanlen 
mit igntfd^iebcttl^eit gegen bie rümifd^e Äird^e bcrfld^t. "^i^nliä^^ ijl bei grauen- 
lob ber goQ. 



40 ' 

iRamen no^ bte SlutotUcit eined l^iM^ften ^onttfejc fold^e ®\)mbolt 
ctfcfete, tft e« eine getabcju frctp^jircnbc iEl^atfa^e, ba§ betfelBc 
©tunbftod teltgiöfcr 3bccn (uttb jtpar i^äufig btö in aKe ©ngeln^ 
i^ctten) mtnbcftcnö ficbcn Sai^ri^unbcrtc i^inbutd^ Bei allen alu 
eöangefifd^en ®emeinben, wögen fic in ©<>anien ober Ungarn, in 
2t|)nUen ober in Belgien, in ber ^toöencc ober in Dft^jrengcn fid^ 
finben, toieberlei^rt. 

Scr einigermaßen in ber Sird^engefd^id^te betoanbert x% toirb 
einrannten, baß bie^ eine ganj mer!tt)ürbige Z^<^t\aäf^ ift, unb bag 
Befonbere Orfinbe öori^anben getoefen fein muffen, t»eld^e baffelBe 
ermöglid^t i^aBen. 

©ir toerben einen Sii^eil biefer ®rünbe toeiter nnten lennen 
lernen; einiget mnß aBer fd^on i^ier Betont toerben. 

!l>ie anßerorbentlic^e S>^^i^^^ *>^^ toalbenfifd^en ©rnnbgebanlen 
ift nnr ju erHären, toenn man annimmt, baß biefelBen bnrd^ eine 
nralte SErabition gel^eiligt toaren nnb äi^nlid^ toie bie ®pxaäft 
Don ©efd^Ied^t jn ©efd^Ied^t in fefter gorm feit ^ai^ri^unberten toeiter 
gegeBen toorben finb, IDie UeBereinftimmnng ber 3been aBer, toic 
fie ftd^ tro^ mand^er 5Rnancen unter ben öerfd^iebenften ^Rationen 
jeigt, beutet auf eine gemeinfame SBurjel unb auf ein centrales 
(Sntftel^ungögeBiet ettoa toie bie ©efd^id^te ber Sulturt)flanjen, toeld^c 
baö 5lBenbIanb auö bem Orient erl^alten l^at Unb e« lann ju* 
gleid^ mit Seftimmtl^eit gefagt toerben, baß bie SKänncr, tocld^e Jenen 
3been ii^re gorm gaBen, ju ii^rer ^dt ein ungetoiJ^nlid^eö anfeilen 
genoffen i^aBen muffen* ffiö toar Betoußt ober unBetoußt ein ^eilige« 
äJermäd^tniß , toeld^e« biefe alteöangelifd^en ©emeinben Betoai^rten; 
l^eiligeSKänner i^atten eö ben erften ©läuBigen üBerliefert, unb 
mit ben Seigren fettft ^jflaujte fid§ bie gmpflnbung fort, baß e^ 
unerlauBt fei, an biefem t^euren ®ut ju rütteln ober feinen ur^ 
ft)rfingUd^en ©ei^alt burd^ neue ^utffatm ju öerSnbern» 

Unb toeld^eö toaren nun bie ©runbgebanlen biefeö aSermäd^t^ 
niffeö? ffiö ift nidf^t leidet, biefelBen jufammenfaffcnb ju d^aralte^ 
rifiren, unb ti toürbe fogar im gegentoartigen ©tabium ber gorfd^ung 
unmSglid^ fein, wenn nid^t bie 2lrt beö ©lauBenöBelenntniffe« felBft 
ben aSerfud^ fe^r crleid^tertc. ÜDenn cö ift eBen ba« (gigentpmlid^e 
biefer alte))angelifd^en Siid^tung, baß fie im 93ergleid^ fotooi^l jur 



41 

tBmif(ä^en tote jut frätcrcn ^>toteftanttf(ä^en Äit(ä^c eine loiel it^ 
f(ä^ranftete ^a^ J)on (SlouBenStoai^ti^eUen aW bo8 für Sitte loer^ 
BinbU(ä^e ©elenntni§ i^ingeftettt i^ot C8 ift eine kx6ft fiBerfei^Bore 
3a]^t Joon einfad^en, großen ©ä^en, beren Slnerlennung bie ott^ 
eöangeUfiä^e Äird^e J)on ben Si^riften forbert 3n atten Gebieten/ 
toet(ä^e uBer biefe fünfte l^inauöfiegen, l^at fie gonj betonet unb aU 
\i^tl\^ ber ®<>ecutation ijotte greil^eit geloffen* S8 loerbient Sdt^ 
ad^tung, bo§ bie SSSatbenfer, fo fei^r fie ouf ber einen ©eite mit 
5Ereue, ja mit ^Siffxzltxt an ii^ren ©rnnbbogmen in conferJoati«^ 
J)er SBeife fefti^ieften, i)0(ä^ anf ber anberen freifinniger al8 
irgenb eine anbere SRid^tung ben ijerfd^iebenen Sluffaffungen ®<>ie^ 
räum gegeben l^aben. S^x ©treben toar bie 3}ertoirllid^ung beö 
alt($riftlid^en (S^runbf a^ed : In necessariis unitas, in dubiis 
libertas, in omnibus Caritas, unb eine un)}arteiifd^e Söt^ 
tracä^tung mu§ ii^nen baS B^^S^i^B 8^^^"/ ^<*6 fi^ biefcm 3beal nä^er 
gelommen finb aU irgenb eine anbere Äird^e* 



®ner ber bel^errfd^enben ®efid^t3^>unlte be« ganjen ©^ftemS 
ift bereits in ber SBemerlung enthalten, ba§ bie alteioangelifd^en ®e«^ 
meinben in ben urf<>rfinglid^ften QueUeij be« ßi^riftenti^um« 
atte getreu, bie jur Srtangung be8 §)eite im S?ieffeit« unb 3en^ 
feitS noti^toenbig feien, enti^atten glaubten» 

aber ate fot(ä^e urf<>rängüd^e Quetten betrad^teten fie nid^t 
attm biejenigen ©üd^er, toeld^e in ben ßonciüen beS 2. Sal^ri^un*» 
bertö ate bie auöfd^ßeßUd^ maggebenben 9iormen (,^6anon") be«' 
jeid^net toorben toaren, fonbern fie lei^nten bie Slnerlennung biefeS 
„Sanonö" auSbrüdUd^ unb ^)rinci|)iett ab, S8 gebe aud^ nod^ anbere 
©d^riften, fagten fie, toeld^en ein gleid^eS Slnfei^en julomme, unb 
toenn fie aud^ barin mit ber römifd^en Äird^e einig toaren, ba§ ber 
;,6anon" bie ijomei^mften Ouetten be8 Si^riftenti^um« umfaffe, fo 
toottten fie bod^ baran nid^t audfd^ße^Iid^ gebunben fein, 9iod^ im 
16, QioXfxff. toar bei ben franjöfifd^en SBatbenfern ebenfo loie bei ben 
S;aufern bie fd^rfe Unterfd^eibung, toeld^e bie römif d^e Äird^e jioifd^en 
canonifd^en unb nid^t canonifd^en ©d^riften mad^te, nid^t fibtid^O* 

1) ©crjofl a, £). ©. 352, — Uebcr 2ub», ^ä^cr« bcgügftd^c Slnfic^tcn be- 
tetet iD^eSl^Obittd, Bist. Anab. Libri VII. (Sx>ln 1607, @. 76, 



42 

SBcnn man ftc pr äncticnnung be« „ßanonS" jioittgen tootttc, 
fo forbettcn fie auf (Srunblagc t^tct (Slaubcnönotmen ben SBetociö 
feinet auöf(ä^fie§ttd^en ©ülttgleit. Die ©etufung auf bie Sondtien, 
toeld^e man ii^nen entgegeni^ielt, toiefen fie jutüd* „SBenn 3^r uni^", 
^)Pegten fie ju etioibetn, „aM ben ff. ©d^riften fettft ben SBetoeiS 
erbringen lönnt, bag S^riftuS gerabe bie fogenannten ^'canonifd^cn' 
©üd^er unb nur biefe als §eil8normen bejeid^net i^at, fo tooHen 
toir feinem ©efei^I ©ei^orfam teiften"* !J)a8 tt>ar benn frettid^ eine 
Unmöglid^Ieit 

Unb ebenfo toie gegen bie Sltteingültißleit beö römifd^en „Sa-» 
nonö" mad^ten fie gegen bte SWeinung Dj3j3ofition , al« i^abe ®ott 
bie 2l})oftel gleid^fam nur toie ©d^reibmafd^inen gebrandet, ©d^on 
früi^jeitig mad^ten fie barauf aufmcrifam, ba§ mand^erlei „®cgen^ 
fd^riften", b* ^. uni>ereinbare unb fid^ auöfd^üegenbe Slngaben in 
ben ©d^riften öori^anbcn feien. 3^r ©runbfaft war, ba§, toie über^ 
^anpt baö 3Jia§ bcr ßrteud^tung öon bcm ®rab ber :t)erf5ntid^ett 
Heiligung beeinflußt toerbe, fo aud^ bei ben 3l}30fteln Derfd^iebene 
©tufen ber ©rlcud^tung öorauögefefet tocrben müßten. 

(So loirb ton allen Sonfeffionen anerlannt unb ge^t au^ ber 
©d^rift felbft unjiocifeli^aft ]^eri>or, ba§ in ©ejug auf ^>erfönfid^e 
Heiligung Unterfd^iebe unter ben 5lj3ofteIn torl^anben fmb unb öon 
©ünblofigleit bei i^nen nid^t bie SRebe fein barf. 

SBä^renb bie l^crrfd^enben Sird^en aber au3 burd^fid^tigen ©rün-» 
ben bie innere §)eiügung aU unabi^ängig öon geiftiger Srteud^tung 
i^inftetten, bc]^au:t)teten bie SBalbenfer auf ©runblage öon S^rifti 
SBorten, ttjeld^e fie aüein für unfel^Ibar l^ielten, baß ber ®eift ber 
SBai^ri^eit nur in loai^ri^aft i^eiUgen ©eelen SBo^nung mad^c. 

©ie glaubten, baß bie Slnnal^me, ber l^eilige (Seift fei au^^ 
f d^Iießlid^ in ben aKännern »irifam gcwefen, toeld^e un8 iene ©üd^ct 
i^interlaff en i^aben, ber SSeri^eißung S^rifti toiberf})red^e, too er fagt : 
„©iel^e, id^ bin bei eud^ aüe Sage biö an baö Snbe ber iBelt" (üRatt^. 
28, 20), unb baß ber (Seift felbft unö in alle SBa^ri^eit leiten toerbe. 

3n ben überlieferten Quellen ber d^riftlid^cn ^fd^id^te untere 
fd^ieben fie forgfältig gioifd^cn benicnigen Seigren, bie fie gum §eit 
noti^ttjcnbig erad^teten, unb fold^cn ©ä^cn, benen fie ben dffaxafttx 
beö 3)ogma^ beftrittcn. 



43 

5Jlun iDütbc man fretltd^ fci^t gelten, toenn man gtanbte, ba§ 
bte SBalbenfct nxäji glemattö einen feften ,;Satton", b* ^. eine 
®tunblage Don Offenbarungen befeffen i^ätten, für todäft fie ab= 
folute Unfel^Ibarleit in 2lnf))ru(i^ nai^men. 

@ie toaten nämtid^ tief »on ber Ueberjeugung but(ä^brungen, 
ba§ ber göttlid&e ©tifter unferer ^Religion alle bieienigen Seigren, 
toeld^e er für baö ©eelenl^eit im !J)ieffeitÖ unb SenfcitS notl^loenbig 
gel^atten, in feinen eigenen Söefel^Ien unb Slnweifungen niebergelegt, 
unb bag er feine 3lt)ofteI in ben ©taub gefegt l^abe, bie SSSorte, 
bie fie öon i^m gei^ört, ber SBai^r^eit gemäg ju berichten. ®ie 
fanben bie SBeftätigung biefer Ueberjeugung in ber ff. ©d^rift felbft, 
ba ©Ott befiehlt &llattff. 17, 5), ba^ g^riftu« e« fei, ben toir 
l^ören fotten. 

Slöe bie uralten ober boci^ auf uralten SJrabitionen berui^en«' 
ben potü^äfen Söelenntniffe ber piemontefif(i^en SBalbenfer, toe^e 
un« eri^atten finb, bei^anbeln bie 3bee, bag ber ©el^orfam gegen 
Si^rifti SBorte unb Söefei^le — fie werben bie „eöangetifd^en 
® cbot e" genannt — baö 3JierfmaI ber redeten ®emeinbe S^rifti fei. 

Slber nicä^t nur bie SSerl^rigungcn unb ^rebigten ß^rifti er^ 
Härten fie für bie (gläubigen ate ma^gebenbe, unfel^lbare Seigren 
unb troftreid^e S^\^i^^f fonbern fie glaubten äuglei(ä^, ba^ baö 
2tien ß^rifti unb baöSSorbilb, toeld^eö er unö gegeben, öer^ 
binblid^e aSorfd^riften für unferen SBanbel entl^alte. 3Bie S^riftuö 
allein eö war, ber in feinem Seben einen abfolut i^eiligen SBanbet 
geführt ^at, fo ift au(ä^ er aüein abfolut unfehlbar in feinen 
SBorten. 

So lann 5Jliemanben, Welcher S^rifti Sorte mit Slufmerlfam^^ 
leit lieft, entgelten, bag burd^ alle ©leid^niffe, {Reben unb ^rebigten 
ftd^ bte üRal^nung jur 5Ra(ä^foIge unb gur Söead^tung beö SSor-* 
bilbö, baö er unö gegeben, wie ein rotier gaben ^iuburd^jiel^t. 
®))rid&t nid^t ß^riftuö (SRatt^. 11, 28—29): „Sommt ^er 8U mir 
äüe, bie i^r mül^felig unb bclaben feib, id^ wiü eud^ erquidten. 
5ße]^met auf tnäf mein 3od^ unb lernet öon mir; benn id^ bin ge^ 
butbig unb bemüti^ig oon §^^ä^«» f^ Werbet i^r {Rui^e finben für 
eure ©eelen", unb ftei^t nid^t SWatti^. 10, 24 bie 2luf forberung : 
„®iü mir 3emanb nad^folgen, ber verleugne fid^ felbft unb ne^me 



44 

fein «Tcuj auf fid^ unb folge mir". (sßgL ^aüff. 10, 38; SKorc. 
8, 34; 8uc. 9, 23; 8uc, 9, 27; So)^. 10; SKatt^- 19, 21.) 

„^xx^iM l^at", fo l^eigt eö in einem alten Satec^iömn« bet 
SBatbenfct, „bie ©eligWt mf<)tod^en bcncn, bie gel^otfam finb 
feinen SBorten, il^n lieben unb ii^m naci^fotgen''^). 

©0 fel^r fie nun au(ä^ einetfeit« Betonten, ba^ fie in benjenigen 
®Iauben«fä^en, bie fie jum ^txl noti^toenbig l^ielten, auf 
ß^rifli Sorten fte^en tooßten, fo toeit toaren fie natürfid^ baJ)on 
entfernt, bie überlieferten ©d^riften in ii^rer ©ebeutung aH 
® an je 8 ju unterfiä^äften 2). 3^re (S^t\äf\äftt beioeift, baß fie bie 
Sijangelien toie bie übrigen ©üci^er unb ©riefe überaus l^oci^l^iclten ; 
in il^ren ^ßrebigten i^aben fici^ bie ©eiftlid^en ber SSBalbenfer ftetö 
auf bie ganje l^. ©(ä^rift geftüfet^). 

®leid&tt)o]^l toar eö ein loeittragenbeö $rinci:t), toelc^em fie bur(ä^ 
bie obigen ©runbfä^e Sluöbrud gaben. 

SDie natürli(ä^e golge beffelben toar, ba§ fie bem Saiten STefta-» 
ment (loenigftenö rüdfid^tlic^ ber ^eilslei^ren) nur infottjeit Soeben^ 
tung beilegten, al8 baffelbe mit ß^rifti Sorten in unjioeifeti^after 
Harmonie ftanb^). 

9tod^ im 16. 3ai^r]^unbert toaren bie fübfrangöfifd^en SBalbenfer 
im S^d\d, ob eö erlaubt fei, aüe Sbüäftx be« Sllten STeftament^, 
bie fic ii^ren ^rebigern in bie $anb gaben, ben Saien in gleid^er 
SSBeife ju empft^tn, tt)ie fie e8 bejüglit^ be« 9ieuen für il^re ^ßflid^t 
i^iclten^). !Die „©(^toeiger ©rübet", toelc^e man STäufcr nannte, 
ti^eilten im 16. 3a]^r^unbert öollftänbig biefe Sluffaffung unb toenn 
fie aüd^ bie :t)rot3^etif(^en Säüäftt unter fid^ Verbreiteten, fo fd^eint 

1) 2öir »erben bcn Äatcd^i^mu^ unten naiver lenncn lernen. 

2) «Bgt bie begügl^en 2lu8fül^rungen $reger«, ®efd^. b. beutfci^en 2Ri?fiiI 
»b. I @. 8* 

3) $feubo<»9leiner: Qaidquid praedicatur, quod per textum Bibliae non 
probatur, pro fabulis habent. ^al^n 0. D. @* 271« 

4) iRäl^cre^ barübcr bei ^ergog a. D. ®. 128. 129. — S)aöib öon Slug8- 
burg jäi^Ite biefe ©tettung gnnt ^ten Sepamcnt unter bie ,,Äefecreien" ber ^BkH^ 
benfer. (Ex fagt: Vetus Testamentum non recipiunt ad credendum, sed tan- 
tum allqua inde discunt, ut nos per ea impugnent et se defendant, dicentes, 
quod superveniente evangelio vetera omnia transierunt. ^1^. ber HI. (SL b. 
Ä. 33. %l b. S. 1878 II, @. 199. 



) ^ergog a, a. O. @. 352. 



45 

bod^ ber aBomutf, toeld^er ti^ncn öon Sutttttget, ®afttu§, SBiganb 
u. 31* gcmad^t tottb, bog ftc ba« Slltc Scftament tut SSergtetiä^ jum 
$)flcueit öcntad^Iäfjtgtcn, Begrfinbet gctoefctt gu fein ^). . 

Sücucre ©egner i^albcn öon bcn ffialb'citfettt Ibci^u^^tct, fie l^ätten 
bert „gci^^pu^ bc^ 'pautuö tote gcfltffentUd^ umgangen" 2)» ffieuu 
eine fol^e ©el^auptung anSf nur loon einet ©ette aufgefteDt loet^ 
ben lann, toetci^e ben 2t^xt\)pn9 be^ 'ißauluö t^ter[eiW gefltffentltd^ 
beöotjugt, fo tft bod^ batan fo J>tet tooü^x, baß fie Bei aßen gellten 
bet 3l()oftet juerft fragten : SBie ftiututen biefetten mit ßi^rifti ©orten? 
unb baß fte "^^autuö' Doctrinen nur bann fi(ä^ ju eigen gemacä^t 
i^aben, toenn bie Ue6ereinftimmung mit Si^rifti ©ef eitlen ate J>oH^ 
lommen jioeifello^ betrad^tet »erben mußte. 

!Die alteijangelifd^en (Semeinben ^aben, toie toir oben fallen, 
bie fleißige geltfire beö dienen Seftament« i^ren Slni^ängem etioa 
in berfelben SBeife jur religio fen 'ißfüd^t gemad^t, loie bie rö^ 
mifd^e ftird^e ben regelmäßigen ©efud^ ber ©otte^bienfte ^). 

Slber babei i^aben fie jugteid^ . ftet^ i^eröorgei^obeU; baß nur 
bemienigen bie redete Srienntniß ber SSSorte ßi^rifti toerbe ju Sii^eil 
toerben, toeld^er mit Srnft banad^ ftrebt, unter ®ottt^ §filf e ba^ geben 
S^riftt JU teben, ein geben ber Siebe ju (Sott unb bcn SWenfd^en* 

®ie beriefen fid& babei auf (Sl^rifti SSSort (Soff. 8, 12): „S(fy 
bin ba§ Sid^t berSBeft, toer mir nad^ folgt, ber tt>irb nid^t toan*» 
beln in ginfterniß, fonbem baS gid^t beö etoigen gebend ^aben". 

Slud^ anbere ®ttUtn mad^ten fie für fid^ geltenb, j. ©. bie 
SBorte: „®o Semanb toiö beffen SBiHen ti^un, ber mid^ gefanbt 
l^at, ber toirb inne toerben, ob biefe gei^re öon (Sott fei ober ob id^ 
t>on mir fetter rebe", 

®o getoann bie 3bee ber ,,9fiad^fotge S^rifti" für biefe Partei 
eine fold^e ©ebeutung, baß fie burd^ leine ©ejeid^nung fid^ beffer 
d^aralterifiren läßt al8 burd^ bie, toeld^e fie fid^ felbft gegeben l^at, 
nömfid^ burd^ ben 5Ramen „5ßad^folger Si^rifti". 



1) ©ttllingcr, 2)er ©icbertSufet Utf^rmig 1560 @. 73. — ©ajiitt«, 
De Anab. exordio 1544 S. 33. — ^tganb, De Anabaptismo p. 1. 

2) ©crjog @. 190. 

3) hieben S^ugenben i^lttn fte auf M ^flu^ten be9 rechten (Si^rifien mtb 
eine barunter »ar bie ^fft^t be8 Scfcu« ber l^. ©d^rift. »gt. ©crgog a. O. @. 121. 



46 

3n einem alten SalbenfetBuc^e, mlä)t€ u. 21. öon ber Stlennt^ 
niß ber göttfid^en üDtnge l^anbeft, tottb bteö *prtnct}) in folgenbe 
ffiorte gefaxt: 

;,S)ct Äned^t ©otteö foß jnetft Dom ©ftfen aHaffen; toenn 
bu ba8 get^an i^aBen toirft, bann ttjtrft bu (in ben i^eitigen ©d^tiften) 
biejenigen Dinge finben, bie bu ju ttjiffen Begei^rft". „Sit foHcn 
in unfeten §erjen tiefe ©tunnen graben, inbem tt)ir alle« Srbif^c 
l^inau^ttjerfen, U^ toir bie öer*orgene Slber leknbigcn aSSaffer^ 
finben". „§ütet eu($, baß ii^r ben lebenbigen Queü, au8 bem bie 
aSSeiö^eit quittt, nid^t xjerfd&uttet burd^ irbifd^e geibenfd^aften" i). 

@8 Unäfttt ein, baß mit ben oHgen ©äfeen einSrlenntnig^ 
^)rincij3 xjon funbamentaler ©id^tigleit in ba^ Sei^rf^ftem eingc^ 
fü^rt tpirb. 

3nbem bie SÖalbenfer barauf i^intoiefen, baß ß^riftu^ felbft 
i>eri^eißen f)at: „©iel^e, id^ bin bei eud^ alle Sage biö anS ßnbc 
ber äßelt", legten fie biefe ttjid^tige B^f^S^ ^^ t>^^ ©inne auö, ba§ 
ber ®eift (S^rifti in aßen SWenfd^en in bem SWaße toirifam fein 
ttjerbe, a(^ biefe ß^rifti Sorten gei^orfam unb feine redeten 'Sla^ 
folger finb. 

ei^riftu« felbft aber ift e^, ber, tt>ie er bereit« ben 8l|3ofteIn 
„ben aSerftanb jur ©nfid^t in bie ©d^rift eröffnet i^at" (8uc. 24, 45), 
fo aud^ nod^ i^eute feinen toai^ren 3üngern bie gäi^igleit jum redeten 
SSerftänbniß feiner SBorte vermittelt 

SBenn man bie Sorte ß^rifti genau burd^tieft, fo erlennt man, 
baß Si^riftuö toirllid^ ben ®eift toal^rer Srienntniß bemicnigen »er^ 
i^eißen l^at, toeld^er ben Siüen gum (Suten in toai^rem ©inn befi|t. 

©0 fagt 3efu8 ganj beutüd^ (bei 3oi^. 14): „Senn il^r midj 
IkU, fo »erbet ii^r meine (Sebote l^alten, bann toerbe id^ ben 35ater 
bitten unb er toirb eud^ einen anberen gürf^^red^er geben, baß er 
bei eud^ fei in ©oigleit: ben (Seift ber Sai^rl^eit", unb er^ 
läuternb fäi^rt er fort, baß bie „Seit", b. 1f. bie giid^td^riften, 
biefen (Seift nid^t ent|)fangen lann. 

ginn i^at ia tool^I niemaW eine d^riftüd^c (Sonfeffton beftritten, 
baß ber ^. (Seift ben ßi^riften jugcfagt fet aber bie römifd^ Äirdfe 



1) ©ergog a. a. £)♦ @. 131 f. 



47 

legte bte beäügttd^en ©teHen in bem ©tnne au§, bag ßl^tifluö feinet 
Ättd^e unb beten ttbifd^n 35etttetem eine unfei^ttare Sel^tenifd^ei*» 
bung öBerttagen ^oit, toäi^renb bie \pattxt lutl^erifd^e ftit(ä^e bie 
betteffenben SSSotte auf bie ßtlenntniB ber ©d^rtfttoai^ti^eit gar nid^t 
antoanbte« 

!Die aftetangefifd^c (Semeinfd^aft bagegen glaubte unb lei^tte 
getabeju, ba^ (S^tiftuö ben (Seift ber äßa^rl^eitO atfen feinen 
©täubtgen mäf beut 3Jia§c beö xtä)ttn ©ei^orfam« gegen Si^rifti 
®ebote jugcfagt unb tetliei^en i^abe, 

Der befonbere Serti^, toeld^en bie SBalbenfer auf ben ®a§ 
legten: „üDie gurci^t ®otte« ift ber SSSeiö^eit änfang", erhält titn 
aus biefer 3bce feine grläutcrung» ®ie tooöten bamit anbeuten, 
ba§ [läf ©Ott ni(ä^t bloß burcä^ äußere Offenbarung, fonbern jugleid^ 
baburd^ ju erlenncn giebt, baß er auf bie SSefferung u ufere« 
SBillenö burd^ ba« (Setoiffen unauSgefefet eintoirlt, SBenn man 
biefer inneren SWai^nung; beut „(Seifte S^rifti", ®e^ör fd^enlt, 
fo toirb man füi^lcU; baß (Sott bem guten SWenfd^en nai^e ift, unb 
tUn ber ®eift ®ottc« toirb un« bann in atte SÖa^r^eit leiten. (Sott 
i^at getooDt, baß bie i^öd^ften SBai^ri^eiten burd^ baö $era in ben 
aSerftanb lommen, nid^t umgclei^rt. 

ÜDabei muß übrigen« auöbrüdtlid^ l^erijorge^oben toerben, baß 
bie alteöangelifd^e (Semeinfd^aft in bicfem (Srlenntnißj3rinci|) nid^t 
eine göttlid^e „3nf<)iration" in bem ©inne einer übernatürlid^n 
Offenbarung erblidten tooöte* ®ne foCd^e 3nf^)iration tourbe bem 
SKenfd^engcifte neue ffial^ri^eiten materiell unb ini^alttid^ mitt^eilen* 
aber ba« „innere SBort", toie eö l^ier gefaßt toirb, ober ber „®eift 
(Si^rifti" (loie (ginjelne fagten) fd^ärft nur baö innere geiftige 
Huge unb giebt ii^m bie gäl^igleit einer reineren Sluffaffung ber 
anbertoeit geoffenbarten SBai^ri^eit* S8 ift eine erleud^tenbe 3DKt^ 
toirlung ®otte«, loeld^e (Sotteö ®nabe aQen u^ai^ri^aft guten Wltn^ 
fd^n ju SC^eil koerben läßt 

Daß eö eine „innere" Offenbarung — in bem angebeuteten 



1) 2)a6 biefer ^uSbntd bei ben Salbenfem ftd^ ntci^t ettoa bectt mit bet 
^eii^mtng ,,9$etnunft'' foH l^ter gletci^ l^ert^otgel^oben »etben. @9 ij) bie 
Don ber Heiligung be9 SQBiKenS au9gel^be @rteu(i^tung gemeint, mci^t ettoa 
bod bloße (Stfenntnißi^ennögen. 



48 

©tnne — in ber SE^at flicbt, bcjcugt bie ^. ®(^rtft ganj unjtocife^ 
l^aft in '?5autu8' aSSotten: „®enn toaö Jjon ®ott ju erlennen ift, 
ift unter ii^ncn offenbat, benn ®ott i^at eö ii^nen geoffen-' 
Bart" (SRSm. 1, 19) unb: ,,SBenn bte Reiben, bte ba§ ©efeft n^t 
l^aben, ton ^latur ti^un, toa^ ba^ ®efeft fagt, fo flnb fle, bte lein 
®efeft l^aben, fid^ felbft ©efeft, ba fte Ja jctgcn, tote be^ ®efefte« 
SBerl gefd^rteben tft in ii^ren $erjen, inbentii^r ®ett>iffett 
fein Beugni^ basu giebt" mm. % 14 f.). 

3n Uebereinftimmung l^iermit glaubten bie SBalbenfer, bag 
®ott burd^ bad ®eioiffen täglid^ an bie Z^vx beö 3)^enfd^en^er}end 
Ito<>ft, um \^m bie innere (Srleu(ä^tung, tocl(ä^e mit ber re(ä^ten (gr^ 
lenntniS erft ben redeten fjtieben giebt, nal^e ju bringen. Slber bie 
toenigften SWcnfd^en i^ören ben teifen 9iuf. S)ann fenbet ®ott oft 
ii^nen §)cimf ud^ungen , inneren Unfrieben, fd^toere ©d^idffate unb 
^>od^t tautcr unb lauter an bie Pforte. ®o lommt bann fd^on im 
!J)ieffeitö für 93icle looi^I ber Siag, ber ii^nen bie Srteud^tung bringt 
. unb fic fällig mad^t, ba^ äBort ju f äffen, ba^ bis bal^in für fie 
tobter ©ud^ftabe geioefcn toar. 3n biefem ©Inne fagt Qol^anneö: 
Si^riftu^ „ift ba^ loai^re gid^t, ba« jeben üRenfd^cn erleud^tet, ber 
in bie SSSelt lommt". 

Unb inbem fid^ fo burd^ Si^rifti ®eift ber innere 3toief|)att 
be« ^ergenS, ber in iebcm üRcnfd^en jtoifd^en ben guten unb ben 
böfen trieben auSgelämjjft toirb, föft, toirb ba« SBort jur aSSal^r^ 
l^eit, bag ß^riftuö eö ift, toeld^er benjienigcn ertSft, ber feinen 
äBorten glaubt unb gei^orfam ift. ÜDenn er ift, toie er felbft fagt, 
in bie SBcIt gelommen, „ju geben fein ^Atxi invx Söfegelb für 
ajiete" (SWarc. 10). 

@o ift ba« „innere Sid^t" gleid^ einem ©amenlom, au8 toeld^em 
bie Äraft (Sl^rifti erleud^tenbeö unb erlöfenbeö geben im üRenfd^en^ 
i^erjen entioidfelt. 

S(De neueren gorfd^ungen beftätigen bie Ki^atfad^e, bag bie Seigre 
ber aSSatbenfer fid^ burd^ bie befonbere ©ebeutung d^aralterifirt, 
loeld^e fie ben äBeifungen Si^rifti im Slßgemeinen, befonbere aber 
ber SSergprebigt beilegten. 

©d^on SB. ÜDiedfi^off i^at l^erJJorgei^oben, ba§ e« „bie SSorfid^riften 



49 

Sl^rtfti in ber Söctg^Jtebigt finb, auf toeld^e bte äBaftenfet ii^rc eigene 
H^flmnd^en ätuffaffungen üitx bte ä^xifüxäft gtömmigleit üittffanpt 
ftfi^cn" ^). &n anbetet au^gegeicä^netet Rennet bet ,,SBtubet" fagt 
mit {Red^t: „gut bte atmen öon 8^on l^atte bte ©etgt)tebigt bte 
©ebeutung beö ®)angeüum^ xav Igox^'v"^)* — S)ie SBotfd^ttften 
bet ©etgi)tcbtgt finb in bet Z^at ffit bie Salbenfet bet Sanon 
be« neuen ©unbeö, bet füt ben „xtäfUn Si^tiften" öetBinblid^ ift ^). 

®ie tpat ed, an9 u>eld^et fie gentag gi^tifti SBotten ftetö ben 
@ai betonten 4); ,,äßeö nun, toaö il^t tooßt, bag eud^ bie 8eute 
ti^un, baö ti^ut ii^t ii^nen"; fie etlannten in biefem ©efei^I (toie 
&fxi^tu9 fagt) ,,ba8 (Sefeft unb bie $to»>^eten" (ü»att^. 7, 12). 3^t 
entnal^men fie aD bie fjuße unbetgfinglid^et SSSetöi^eit, tote fie fo 
einfa(3^ unb ioäf fo tief in ii^t entsaften ift. „®etig finb bie ©atm^ 
^etjigen, benn fte toetben Söatm^etgigleit etfai^ten; feiig finb, bie 
teineö $)etjen8 finb", ,, {Rietet nici^t, bantit ii^t nid^t gerichtet 
toetbet". „9in ben fjtüi^ten foltt i^t fte etlennen", Qffx entftamnite 
baö ®eBet, ba« fie Beteten, ii^t bie gotm bet %nbaäft, bie fie am 
meiften liebten, nSmtid^ bet (SotteÄienft im ftiöen ftämmetlein ^). 

®ie toat eS obet aud^, auf toeld^c fie biejenigcn Slnfid^ten gtün-» 
beten, We ii^ten ©egnetn Joon leitet am anftößigften getoefen finb 
unb bie ii^nen bie meifte SBetfotgung eingettagen i^aben. 

Da^in gei^Jtt bot SlDem bet tiefe SBibettoillen gegen alle« SdlnU 
Detgießen unb iebe 3Menf df entöbtung , gleid^Jjiel untet toeld^en 
aOtobalitäten fie etfolgte. ß^tifti Keid^ fei beftimmt, ein SReid^ be« 
Stieben« unb bet Siebe ju fein, fagten fie, unb fie tooüten nad^ 
Stuften bai^in toitlen, bag bie« Sbeat öettoitltid^t toetbe. 

1) SHedlJoff 0. £). 1851 ©• 189. 2) i>. 3<8W»t* 0. O. ©• 102, 

3) Wlan bettete bie letber oHerbingS fel^r fragmmtarifd^Snbcutmtflen ber 
^rotocüCe bet 3nquirttton bon Sonloufe (1307—1323) über ben Snl^t ber $re^ 
bigtm ber „trüber'', 98o bte 9lotarien btefen il^rem IBerß&tbnig femer tiegett» 
ben $mtlt au9 ben i^elernttninen ber KngdOagten genauer bersetci^net l^ben, 
treten bie »örttici^en %ntUn%t an bie ®erg)>rebigt fofort l^erbor. 9$gt Sim« 
bor^ 0. 0. O. @. 367. 

4) ©. bie SBelegjlette bei ^a^n cu O. n, 371 na^ bem Lib. sent. Inquisl- 
tionis Tolosanae au$ co* 1310. 

5) 2)ag fie bte ^eborgugung ber $audgotte9bienih (bgt unten) auSbrüdSi^ 
auf ^attl^. 6, 6 grünbeteu, befi&tigt SBerl^. b. ^etbune in ber Max. bibl. Patr. 
XXIV, 1602. 

ftelUt, SHe ^Reformation. 4 



50 

3nbcni fie Wcfc 3bcc in fcften ®tttnbfa|ctt ju gcftoltcn bc^ 
mufft toaxtn, fehlen ed i^nen t>ex füitm ®ettnffen«t)flt(^t, ber ^otU 
jic^ung bctIobcSftTafc t^tc äuftimwung ju Dctfagcn, unb fic 
fteQten bantit eine Se^te auf, b>eU^e in ienen frühen da^^unberten 
ald uneri^orte 9leueruns erfd^nen ntu^te unb erfd^ien 0« 

@d^on einer ber frn^eften rSmifi^en ^olemiler erjä^It, ba^ bie 
äBatbenfer bie ^inrid^tung eined SRenfd^n htfiffali für nnerlauBt 
erHart l^Stten, ti>eil S^riftud fte verbiete; ed burfe, fagten fie, feinem 
aßenfd^n bie ^dt.^ bie SSeffemng unb SReue oBgelfirit tottbtn. 

Sffxt tl^eologifd^en ®egner 6e]^au)>ten ivi auf ben i^enttgen Siag, 
bied fei eine „fatfd^e, an^ertid^, gefe^tid^ SBeife in ber JBei^anb^ 
Inng einjelner ©d^riftfteden''^); allein i^r ®runb))rinci|> brad^te 
bie« 93erbot mit fic^. 

3)a6ei lag e« i^nen bnrd^auö fern, bie übrigen ©traf^ nnb 
3nd^tmittel be« ©taatö irgenbn>ie anjngreifen« (&^ ift in ii^rer 
ganjen Literatur, fott>ett fie mir belannt gekDorben ift, leine einzige 
®tttit nad^tt>eidbar, in tt>etd^er gegen bie 3ud^tmittel ber bürgere 
Kd^en (gefeUfd^aft im Sdgemeinen ))oIemiftrt iDürbe. 9(ber i^re 
Gegner i^aben in bnrd^ftd^tiger 2:enbeni ii^nen Dielf ad^ bie JBei^an^^ 
tung untergefd^oben, bag fie mit ber SBertoerfung ber lobe^ftrafe 
aUe ftaatlid^e Orbnnng ang^eid^ negirten. 

So lag in ber Sonfeqnen} i^rer Suffaffung, ba§ fie aud^ in 
^lanbenöfad^en bie 9ntt>enbnng ber jEobe^ftrafe ald fd^tt>ere @ünbe 
erllärten^)» Slber fie gingen in biefer {Rid^tnng unter ©erufnng 
auf S^riftt aSSort unb aSorbilb unb auf ba« ©eif<>iel ber a^^oftoli* 
fd^en ©emeinben nod^ einen eri^eblid^en ®d^ritt toeiter unb erllärten 

1) & ift ma ein „^tt^dft^ ber 3n(el^tett ber SoXbenfer'' (Saec. XIV) 
erlitten; barin l^gt e9: »Item omne homicidiom quoromcunque maleficoram 
credont esse mortale peccatum, dicentes, sicut nos non posse vivificare sie 
nee debere occidere". Max. bibl. Patrum XXV, 308 D. — ^a^lxd^ tDtitere 
SBelegt^eSen bä ^l^n o. a« O. n, 289« — 2)er SBoIbenfer SUibr* ®arim fagt im 
3al^re 1320 aud: »Quicunque judex judicat hominem ad mortem, peccat mor- 
taliter". Simbord^ a. O. @* 370. — gafi tDBrtlt(i^ ebenfo Simbord^ @. 354. 

2) SHedE^off a. O. @. 322« 

3) !ßetruS Sttcenfid fagt (c. 1320) au8: »Quod unus Ghristianus, maxime, 
quando est clericus literatus et intelligens scripturam sanctam, non debet tra- 
dere ad mortem alium Ghristianum'*. @» Simborci^ Lib. inq. Toi. Amst. 1692. 
@. 360. 



51 

icbctt ättScren 3^<*«S ^^ ©taulbenSfa^en für but^au« un*» 
erlaubt 0, 

SDKt zxo^ex ßcBl^aftiglcU \pxtSftn fic [x6f in ti^rcn ©d^riften 
gegen bieienigen au8, toeld^e, ,;anftott bie Srrtpmer ber Äefter 
burd^ redete ^rebigt p üBertt>inben, al^ fd^Ied^te 3äger ba^ (Eriagte 
täbten^ ,,®td^ für getftftd^e Säger auögeBenb", fagt ber tt>al^ 
bcnfifd^e SluSteger be« ^offtn Siebe«, ,;finb fie böfe gfid^fe geworben, 
»etd^e bie ormen Süd^Iein (Si^rifti tobten mit böfen Salinen". ,,®ie 
fe^en an bie ©teDe ber ©anftmuti^ be« ©jjangeUumS bie ©rau-» 
famfeit beö SWofeö* !J)enn fie l^aben bie ©anftmut)^ beö 
(Sk)angenumd int Sßunbe unb baö ©d^ioert beö SOtofeö 
in ben $änben. ü)arunt tt>erben fie mit bem eioigen ©d^tperte 
geftraft toerben"^), 

Sntereffant ift e«, toie bie SBalbenfer bie äuSrebe ber $ierard^ie 
aBtocifen, ba§ fie eö nid^t fei, fonbem ber toeltüd^e arm, toeld^er 
ba« ©d^toert gegen bie Äefter gebraud^e* ;,©ie (bie ^riefter) be«^ 
U}egen ben tpeltlid^en 3lrm unb tPoQen rein fein )>on SKorb unb 
SBoi^ltl^äter genannt toerben* (getoig, toie ju ben ^txttn Si^rifti 
ännaö unb ßai()i^a^ unb bie anberen ^ßi^arifäer ti^aten, fo jie^t 
Snnocenj^); fie gingen nid^t in ba« §au8 beö '?5Uatu8, bamit fie 
nid^t verunreinigt toürben; fie überlieferten Sl^riftum bem 
toeltltd^en «rm toie ieftt"^), 

Si^rifti SBorfd^riften in ber ©ergj)rebigt 'toaren eö femer, auf 
®runb bereu fte jebe ^>erf8nUd^e{Rad^e für unerlaubt erHärten* 
X)a« fei eben, fagten fie unter ©ejupai^me auf ÜWatti^* 5, 38, baö 
©gentl^ümfid^e beö siriftent^um«, ba§ eö ba« lübifd^e (Sefeft ber 
ffiieberöergettung — „Sluge um äuge, ^a^n um 3«^^" — ö*^^' 
tounben l^abe* ©ie nai^men biefe S5orfd^rift fo ernft, ba^ fie an 



1) 3n ber (^(^nft M $fettbo«9ieuier bon c. 1260 toxxh i^nm t^otgetDorfen, 
fit leierten, «qaod nullus sit cogendus ad fidem**; Max. bibL Patrum 

»b. XXV @. 265* ©eitere «eUgildle bei ^ai^n (l £)• D, 368. — 2>e«9t bd 
(iomba 0. ou £)• @* 51 lUtm. 7. 

2) j^og cu O. @. 199. 

3) €8 ip ^j>p Snnocenj IV. (1243—1254) gemeint, unter beffen »legienmg 
bie S^erfolgimgen eine groge ^Sbel^nuttg amtal^nten. 

4) ^30g 0. £). @. 201. — 2)ie äöeiffagungen M ^to^)]^ten Daniel »er- 
be« bott il^nen gern auf biefe Seiten ber SSerfoTgung angetcenbet 

4* 



52 

bcmicntflett; bct t^nen ©öfeö get^an l^attc, nt(ä^t nur ^>etf9nl^ ft(ä^ 
n^t x&äftn tooDtcn, fonbctn bag ftc au(ä^ bic Slnrufung bet ©e-» 
tu^te jur ©efttafung bcö Ucbelti^äterö oblcl^nten. 

(gö mag fein, baß ©njetne in einer aöju HäfitSbliäftn äu^ 
faffung bon Si^rifti SBorten ülber Si^riftt eigne äbpd^t i^inau^ge^ 
gangen finb unb infofem ben SSortourf ber ©d^ttnirmeret einiger^ 
maßen öerbient l^aBen. aber e« f(ä^eint mir anftatt eine« SSortourf« 
ein 8ob, toenn einer ii^rer neueren (Segner tabetnb bemerft: „©ie 
toolfen, bag man p^ gegen bie Singriffe anberer bto« terti^et^ 
bigenb ijerl^aften foBe''^)* 

SDaö ift in ber Zffat rid^tig* SDie aSSatbenfer i^aben att Partei 
baö SSerbot ber SBieberJ>ergeItung jtoar ftetö aufredet eri^alten, aber 
ba« 9ie(ä^t ber SSlot^tot^x, felbft mit ben Saffen, nie beftritten^). 

®ie i^aben in il^rer ®ef(ä^i(ä^te, unb jtoar in ben beften ^erto^ 
ben berfclben, toieberl^oft ben ©etoei« geliefert; ba§ fie ben ®ebrau(3^ 
ber SBaffeU; fotoeit er in gerecä^ter ^lotfftotffx unj)ermeibli(ä^ ift, für 
ertaubt i^ieften. ®o im 14. Sa^rl^unbert, als bie ^>iemontefifd^en 
SBalbenfer fid^ mit bewaffneter §)anb gegen ben 3nquifttor Sttbert 
erlauben ^). 

(£8 ftei^t in ber ©erg^>tebigt nici^tö baöon, ba§ bie ^totfytottfx 
gegen ben, ber bem eingegriffenen nai^ bem geben trad^tet, unerlaubt 
ober verboten fei, unb beß^alb i^aben bie äBalbenfer, ttjenigftenö in 
ii^rem einfici^tigen Ii^ett, nie ein folci^eö SSerbot aufgeftelft *)• 

1) S)tccf]&off <u D. @. 324. 

2) ®gt. bic bcgügUd^en ©dcgpetlcn bei ©al^n o* O. II, 289» 

3) ^erjog a, O. @. 273. 

4) @9 tj) mögtid^, bag e€l unter ben Solbenfem einzelne ^erfonen gegeben 
l^at^ toetd^ au9 bem Werbet bed 2:8bten^ oud^ ba9 Sterbet be9 Saffengebraud^S 
ableiteten. Mein bag bie Partei al9 foTc^e ba9 Verbot be9 SöbtenS nid^t M 
Sterbet ber ^ot^not^x faßte, erl^ellt bentlid^ and ber ^olemil il^rer römifd^n 
©egner. Sebenfofid ftel^t e« fep, baß bie Söalbenfer felbp ^eg gefül^rt ^aben, 
tt>enn fe mit MegSmaci^t überwogen tonrben. ^nd^ ift in il^rer gangen Literatur 
bi9 ie^t Idne Stelle noc^getoiefen toorben, toorin fe ben ^ertl^bignngSfrieg für 
unerlaubt erflärt l^aben. 3)er 3nquijttor ^etm« l^t im Saläre 1399 ein fe^r 
betaittirted aJerjeid^niß ber Srrtel^ren ber So. aufge|Httt; barin toirb (in iRr, 72) 
ba9 Serbot ber XSbtnng anSbrfiiflici^ ald iBerbot ber ^nri<l^tnng (judicialiter) 
bejäd^net. ^ud^ bon bem Ärieg l^anbelt eine Srrleljre (siir. 73); aber barin l^igt 
e9 : ^Item dampnant et reprobant, dominum apostolicam mittentem bellatores 
contra sarracenos et crucem dantem vel praedicaDtem contra quoscunque pa- 



53 

®ic iÖergj3rebtgt ttar cö fcrnct; auf toclc^c ftc baö SSctbot be^ 
©(i^ipötcnö grünbctcn, toctd^cö ttofe gctotffcr Smfd^ränlungen, bic 
fic bctnfcÄen ju öerfd^tebenen Seiten gaBen 0, al8 Stgenart btcfer 
gartet gelten mu§. 

©te fcefttmuite 3lntt>etfung S^ttftt, tote fie üRattl^* 5, 34 ff. ijot" 
tiegt^), unb bte eienfo Beftimmte ©eftätigung btefcö aSetbot^ burd^ 
3acoBu8 5, 12, fd^ten tl^nen atte bie ©egengrünbe p übettoiegen, 
totl^t fotooi^l au8 beut 3llten STeftament tote au8 ^auluö' ©tiefen 
betgebtad&t toetben lönnen. ?ßaulu8 bejetd^net (§ebt* 6, 16) in 
Uebereinftimmung mit beut jübtfd^en ©raud^ ben (gib al8 ba8 3WitteI, 
allen §aber ju enbigen, unb er bebient ftc^ toieberi^olt fold^et got^ 
mein, in toeld^en ®ott sunt Stnztn angerufen toirb (2 gor. 11, 31; 
mm. 1,9). 

Die 2:]^eotogcn ber l^errfd^enben Äitd^en i^aben ba« SSerbot 
ober bie ©nfd^ränlung beö ©d^tourö al« ,;25u(i^ftabenglauben" unb 
Sluöflug eine« befd^ränlten ®efid^t«Ireife« feit alten 3eiten l^art an^ 
gefo(3^tett* 

S« ift ja rid^tig, ba§ bie Irabitionen fotooi^l beö Subenti^um« 
toie beö römifd^en SRed^t«, bereu ©tärle bod^ 5ßienianb leugnen foßte, 
fid^ in anberer {Rid^tung als Si^rifti f el^r beftimnite Slntoeifung betoegen, 

3lber für eine ^rtei, toeld^e ii^re ©tärle in ber befonberen 
Betonung ber SBorte ßi^rifti fanb, lonnte ccotfequentertoeife toeber 
bie Srtoägung ber 3^c*«ä6igleit nod^ bie Slutorität be« $aulu8 
jenen beftintntten ©efei^t umtoerfcn* 



g^anos''. S)a6 jic bie Äriegfül^Tttng bc8 $a!t)Pc^ öcmatfcn, l^at feinen ©tunb in 
bet Sertoerfung ber toeltlt^en gunltionen be9 $a:^ßtl^um9 überl^au))t ^oxt oSi^ 
gemeiner S5ertt>erfung be« ^eg« ip mit feinem Söort bte ^Rebe. 2)a9 SSerjetd^niß 
bei ^reger in ben Stbl^anblungen ber IlL dl b. $t. ». 31. b. ©. ju m. «b. XIII 
»t^. I. @. 248. 

1) @. unten ©• 54. 

2) SHe ©teile tautet befanntUd^: „3i^x l^abt »eiter gel^Brt, bag su ben ^tta 
gefagt i\t: 2)u fofiji leinen falfd^n (Sib t^nn unb folI{i ©Ott beinen (Sib l^alten« 
3d^ aber fage eud^, bag il^r atterbingd nid^t fd^toören foHt toeber bei bem $im« 
md, benn er i{i ©otted ®tvi% noä^ bei ber @rbe, benn fte ifi feiner pge @d^ 
md; nod^ bd 3erufalem, benn fte ifi eine9 grogen ^8nig§ @tabt ^ud^ foHii 
bu nid^t bei beitum $au!t>t fd^toören, benn bu bermagji nid^t ein eingiged $aar 
tt>ei6 ober fd^ioar} au mad^n. (Iure ^tebe aber fei: 3a ^ ia^ nein, nein; tt>ad 
barftber ip, ba8 ip bom Uebet". 



54 

3n gotge beffcn ba(ä^ten fie über icbc Wct M ®äftx>ixtn^ öicl 
ctnftcr aU aüe anbeten (i^riftßd^en Parteien* 3m ©efonbetcn t>er^ 
boten fie unb betrachteten al8 fd^toere ©finbe iene le^tfertige ffietfe, 
toeld^e (Sott unb bie gbttfid^en Dinge bei |ebem geringen anlag s^m 
3engen ju nei^men ^>pegt unb bie jiäf nxäft nur in ber ärt beö 
©d^ioören^ lunb giebt, bie man aU glud^en bejeid^net, fonbern bie 
anäf in xjieten a<>^)robirten bürgerticä^en (Setooi^ni^eiten geübt tottb* 

^näf ftel^t eö feft, bag fie ju atten Seiten ber Slnfid^t toaren, 
eö fei um be« ®etoiffenö toiHen fidlerer unb en4>fe]^Ien3iDerti^er, 
über]^au^)t niematö ju fd^ioBren ^). 

3n ii^ren befferen ^rioben aber i^at ein gefunber üalt bie 
SBalbcnfer auf einen SWittetoeg geleitet, toeld^er fotooi^I ben ©or^ 
fd^riften S^rifti tt)ie ber Slnfid^t bcö ^aulu« (genüge reiftet 

(gö gei^t au8 ben (Erörterungen be« üDaöib J)on 3lug«burg (c* 1260) 
mit ®i(ä^eri^eit l^eröor, bag fie in getoiffen gäüen ben ©d^iour für 
mei^r ober toeniger erlaubt i^ielten* 

Slud^ ^feubo^JReiner beftätigt bie« baburd^, bag er bie au8^ 
nai^mötoeife (Seftattung bed ©d^iourö bei ben ,,a<)oftolif(ä^en ©rü* 
bern" einräumt 2). gö fd^eint, ate ob ein SSerbot beö ©d^toören^ 
nur in ©egug auf cibttd^e (Selöbniffe auf julünftige üDinge beftan«^ 
ben l^abe^), baß fte aber bie Slnrufung (Sottet jum 3^^8^^6 ^^^ 
SBai^ri^cit nid^t immer für abfolut unerlaubt erMärt l^aben* 

auf eine eingefd^ränlte (Seftattung beö ©d^tourö fd^eint nam* 
lid^ (S^riftu^ felbft ]j)injutoeifen, inbem er fein 93erbot bamit be* 
grünbet: „ÜDenn bu öermagft nid^t ein einjtgeö $aar toeiß ober 
fd^toarg jU mad^en". 9ßfo ift berjenige ©d^njur unbebingt »erboten, 
bcffen erfüßung nid^t in unferem SSermögen ftei^t 

1) 2)te ^uSfagctt angdKagter Solbenfcr, toic fte ftd^ g- ©• in *>«« Lib. Inq. 
Tolosanae Bei Simborti^ fhiben, muffen fel^r ijorftd^ttg ijeriDenbet »erben (i)gt oben)^ 
(Sinjehte bort borflnblid^e ^Ceußerungen bebürfen nod^ ber ^ufKärung, 3. ©♦ 8tm- 
bor(^ @.377: „Dunquam debet homo jurare super librum in aliqao casu 
nee in curia nee extra curiam'* etc. 

2) Maxima bibl. Patrum XXV, 266 D. 

3) „Item dicunt, promissa esse superbiam et vanitatem" f. $reger in ben 

mi^. b. UI. (Et. b. Ä. a %. b» SB. ©b. Xffl, I @. 247. — «Petrus ßncenfi« cr- 
ItSrt (c. 1320): „Si juraret, faceret contra conscientiam suam et forsitan 
non posset tenere illud, quod juraret et sie peecaret*. Stmbord^ 
a. a. O. @. 362. 



55 

aSScnn man fi(ä^ über bcnöegtlff beö®(i^tout^ unb übet 
badiemge, tx>a^ t)on (S^riftud bartn atö )>erBoten l^at Be}et($net U)er^ 
ben foüen, Jjetftänbtgt, fo ift eine göfnng be^ ^toblemö tooi^l mög^ 
Ixäf. 3ntmer]^tn toaren bte SBalbenfcr gegenüber benjemgen, mlä)t 
anf ^auluö SSSorte i^in ben ©ci^tour unelngefdjränlt geftatteten, nn^ 
ätoetfell^aft im {Red^t, toenn jte im 9iamen Si^rifti bogegen <)roteftirten, 
Denn bag S^riftnö ben ©d&tonr in getoiffem ®inn ijerboten ^at, 
fann gar leinem ^tJoA^tl unterliegen. 

S)ie ©ergi)rebigt toar e^ enbfid^, au8 toeldjer fie ba^ (Sebot 
bergeinbe^Uebe entnai^men. ® erabe bief e gorberung lei^rt nad^ 
bem 3^tt8«i6 Dr- ^^i^^ tn aüen ©djriften ber SBalbenfer in 
„unjäi^Ugen iBenbungen" toieberO* 

(Sine ber älteften toalbenfif(ä^en ^rebigten, toeldje un^ eri^alten 
ift, füi^rt unö in bie^ Z^ema ein. „3n biefem Sbangetium", fagt 
ber ^rebiger, „jiel^t un^ ber §err i^intoeg öon ber fleinen ßiebe^ bie 
ba ift bie greunbe lieben, «nb füi^rt un^ jur großen unb toeiten 
Siebe l^in, bie barin befielet, bie geinbe ju lieben". 

Die ^>raltif(ä^e Slntoenbung, bie fie biefem © afee gaben, tag barin, 
baß fie eö jur ©ttnbe recä^ncten, ©ci^elttoort mit ©d^etttoort ju Der^ 
gelten 2), ©i5fe« ju tl^un bem, ber unö ©8fe« t^ut. 

(Siner ber SBortoürfe, toeld^c ben SSSalbenfern f(ä^on in atter 
3eit öon re(3^tgläubiger ©eite gemaci^t toorben finb, ift ber, baß 
fie angebtid^ J)on ben SBunbern unb ©ei^eimniff cn , mläft in ben 
^. ©(ä^riften fid^ finben, ju toenig gei^alten l^atten. 

Diefer 33ortourf ift in fold^er älttgemeinl^eit falfd^; benn e^ 
toirb fi(3^ feine ©teöe ii^rer giteratur na^toeifen taffen, in toeldjer 
fie bie SW^fterien ber d^rifttid^en {Religion angejioeifelt l^aben. 2lber 
toai^r ift eö, baß fie bie meiften SBunber, tt>eld^e bie römifd^e ftir(3^e 
Befonber^ betonte, ni(^t ju bem $)eil3glaubenim engeren ©inne 
red^neten, beffen ©elenntniß fie ton 3ebem aU noti^toenbig for-» 
berten^). ©ie klonten e^ ab, über ©egriffe unb Sel^rfäfte, toeld^e 



1) ©erjog o. O. @. 174. 

2) (S9 t^erbient ade ^ta^tm^, bag in il^rer Siteratur grobe 3ttbecti))eu gegen 
ll&re (Segnet biet feltener naci^melSbar fmb a\» bei aHen anbeten ^arteten, ©gt 
D^fenbein 2)er 3nqmption«i)t03e6 gegen bie SBalbenfet n. f. ». @. 112. 

3) »gl. $al^n a. O. II, @. 267 anm. 3. 



56 

ttt e^tiftt aBottcn ntd^t Hat entsaften »atcn, ju ftteiten. ®ie 
legten al« ©emeinfd^aft l^iertn ben etnjetnen ©laubigen leine geffcin 
auf, unb e« finbet ficä^ ballet unter i^nen fogat bie Zffat^aä^t, ba§ 
fie fold^e SKänner, toetd^e übet bie ÜDteie inigleit, ben ©egtiff 
bet (gtbfünbe n. \. »• leine Döüig gteid^e äuffaffung liegten, nn^ 
geftänit untet fi(^ butbeten* 3i^te ©egnet toatfen ii^nen Dot, ba^ 
fle in biefen '^unlten bie ge^te bet tömifd^en Sitci^e nid^t butd^au« 
tl^eilten* S)a anetlannte Autoritäten bet „SBtübet" abet pd^ nie 
batübet au«gefptod^en l^aben, fo tagt fld^ bet ©ad^öetl^alt nut fd^toet 
feftfteflen* Sttoa« SBai^te« lag bem SSottoutf iebenfatl« ju ©tunbe* 

©n ©tunbgebanle be« SBatbenfett^um« lag in bet Seilte, ba^ 
bie l^ettfd^enbe Sitd^e bie auöfd^Ueßfid^e ©efä^igung, ben SBeg be« 
$elt« JU öffnen obet ju fd^üeßen, nid^t bepfee 0» 

Slnftatt an bie Sßetmittlung ju glauben, »eld^e bie Äitd^e fut 
fid^, ii^te ^rieftet unb i^te $eit8mittel (©actamente) in änfptud^ 
nal^nt, liegten bie Salbenfet bie Uebetjeugung, bag bet Seg gum 
©eelenl^eil aud^ o^ne biefelbe bemjenigen nid^t Detfd^Ioffen fei, toeld^et 
bie gnäbige §ülfe Si^rifti butd^ einen ®Iauben, bet in bet Siebe 
t^atig ift, fid^ ettootben ^abe^ 

Slud^ fie lannten mitl^in ein „$eil«mittel'', nämlid^ ben ®eift 
ei^tifti* üDiefet ift e«, beffen Slufnal^me in nni (neben bet Seilte 
unb bem SSotbttb Sl^rifti) jut SOBiebeti^etfteüung be« ©enbilbe« ®ot* 
tt9 in und nöt^ig ift* S^tifti 93eiftanb aUein mad^t ed und mög^ 
lid^, ®ott ted^t ju etlennen* ÜDet SBeg ju ß^riftu« abet toitb und 
butd^ ba« anbete unb innete SOBott, toie toit pe oben gejeid^net 
l^aben, abet nid^t butd^ bie „©nabengaben" be« lird^Ud^en ÜDogma« 
obet litd^Iid^et Setemonien etöffnet. S)ie „Sitd^e" obet bie „®e- 
meinbe" ift nut infofetn 2;tägerin bet SSetmittlung , ate fie bie 
Xtägerin unb ©etoa^terin be« äußeten ©otte« unb bie 3n^abctin 
bet SSoSmad^t ift, ben Sann unb bie ftitd^enjud^t ju üben« 

1) ®ag bied ber (Satbinol^unlt il^re^ gangen ©vf^^ntd tjoat, l^ben f(^on bie 
atten Snquijttoren l^etDorgel^oben. 2)at>ib bon ^ug^burg fd^reibt um bad Sal^r 
1260: Haec fuit prima heresis eoram, contemptus ecclesiae potestatis. 
Ex hoc traditi sathane precipitati sunt ab ipso in errores innumeros etc. 
Sttl&btg« bcr m. (JL b, «• «• «• b. ©♦ 1878 Vol. XIV «btl^, U @. 206. — Su 
biefen Srrtel^ren ^Xt 2)abib: »NuUa miracula dicunt esse vera, que fiunt 
in ecclesia, quia nullus ipsorum aliquando miracula fecit^ %, O. ®. 207« 



57 

ängcfid^W bet fittlid^n ä^Pä^^^^f toüäft \ii^ unter bct ^tieftet** 
fd^aft fo Dictfad^ i^itxit Ratten, toat c8 immer gtößeren SSoIMfreifen 
jur ®en>t§]^ett getporben, bag bie göttß^en ®aben nid^t audfd^Iteg^ 
Itd^ an bte SBUItüi^r einjelner 9ßenf($en gebunben fein lönnten, 
b>eld^e bie ^oUmaätttn , bie fie ju i^aBen glaubten, fo i^&ufig ju 
fel6ftfü(!^tigen S^tdtn mi^raud^ten« 

SBeit unb breit lam bie Ueberjeugung jum ©urd^brud^, baß 
bad ^eilige in tiefem ®egenfa^ jur fittlid^en ®(!^led^tigleit ftei^e, unb 
man fragte fid^,* ob e« ®otte« SOBitle fei, fc!^Ied&te unb gute ^riefter 
oi^ne Unterfd^ieb gleid^fam jum Sanat feiner ©aben ju mad^en* 

Die SSSatbenfer leugneten nid^t, ba§ Si^riftu« feinen Sl^jofteln 
unb bereu 5Wad^foIgern bie SSotlmad^t, ju Kfen unb ju binben, 
gegeben l^abe, unb fie toußten too^t, baß bieSlpoftel unter 3Bit^ 
toirlung ber ®emeinbe Don bem Siedete ber ^rd^enjud^t fett 
alten S^tittn ©ebraud^ gemad^t i^atten. aber pe fagten: ,,®n Un^ 
reiner lann einen 5lnberen nid^t rein fpred^en unb ein (in ©finbe) 
®ebunbener lann einen Ruberen nid^t IBfen; ein ©d^ulbiger lann 
ben über einen anberen ©d^ulbigen erjfimten 9hd^ter nid^t befänf** 
tigcn, unb tt>er fetbft auf bem SBeg ber SSerberbnig »anbett, Iqnn 
für SRiemanben ber gfii^rer jum §immel fein" 2), 

& mx iaffet, »ie »ir aföbalb näi^er feigen »erben, in ii^ren 
äugen neben ber a^joftolifd^en ©ucceffion aud^ bie fittfid^e 9tein^ 
i^eit, ti)ie fie ben Slpoftetn felbft eigen getoefen toar, noti^toenbig, um 
bie 93otImad^t Si^rifti mirifam jur 9(nn>enbung bringen ju fönnen. 

SBo fie iene 9teini^eit bed ^erjen^ in ©elbft^erleugnung unb 
red^ter 9iad^ai^mung be« 8eben^ ßl^rifti nid^t fanben — fie fteflten 
baffir ganj beftimmte Sftormen auf — i^abe (Sott bie ÜWad^t, fagten 
fie, ba« ©etoiffen ber SDienfd^en burd^ bie unmittelbare SBir^ 
lung feiner ®nabe }U binben unb }U Ufen. !Dod^ ift überatl ba, 
»0 ba^ redete Sl^joftolat unb bie redete ©emeinbe fid^ finbet, biefe 
fd^on auf Srben bie 2;rägerin be« ©eifte« ßi^rifti unb gteid^fam bie 
erftc 3nftanj ber aSermittlung, toeld^e Sl^riftu« felbft eingcfefet l^at 
unb bie sjiicmanb oi^ne geredeten ®runb umgei^en barf. — 

* 

1) 2)ag biefe ^ottmad^t nid^t ettoa btog bem ^etrud aHein gegeben tf^, tel^rt 
fd^on $ieron)^imid im (Sommentat )u S^attl^. 16* 

2) @o bei 2)abib bon ^ugdburg a« <u O. I, 214« 



58 

Sic fid^ btcfc g^njc alteDangelifd^c {Richtung butd^ eine getotffc 
aSorltebe für ben eDangeliften Soi^anne« d^araltetrtfirt , fo tritt bei 
iffx ti)ie bei lefeterem Jenet ©egenfafe fd^arf i^etDor, »eld^en S^triftu« 
(3o^. 16) jtoifd^en „ber SBelt" unb feinen »ai^ten Sängern mad^t» 
S)ort ]^ei§t e«: „SSJenn eud^ bie SBelt Raffet, fo bebenlet, baß fic 
vxxäf juerft gel^agt l^at SBenn ii^r Don ber SOBelt toäret, fo »ßrbc 
bie SBelt baö ii^rtge lieben. SBeit ii^r aber nid^t Don ber SBeft feib, 
fonbern id^ eud^ Don ber Sßelt audgetefen l^abe, begmegen l^affet eucj^ 
bie SSJett"- - 

3n einem il^rer berüi^ntteften ©ebid^te »irb ber (Sebanle biefc« 
®egenfafeeö fel^r auöffli^rlid^ bcl^anbelt. §ier toirb berfelbe einfad^ 
als ber ber ®nten nnb SBöfen beftimnttO; bie ©nen betoöi^ren 
an ber Srfüaung ber ®ebote, befonberö an ben fed^ö geboten S^rifti, 
toeld^e in ber SBergj)rebigt enthalten finb, bag fie bie toai^ren 
Sl^riften finb; bie anberen, toetd^e biefe ®ebote nid^t erfütten, finb 
bie falfd^en Si^riftem 

©efonberö l&anfig toirb ber ©egenfafe unter beut ©ilb ber 
„beerbe ß^rifti" unb ber ^i^arifäer unb ©d^riftgelei^rten, 
»etd^e erfterc verfolgen, anfd^aulid^ gentad^t. 

3n aUm biefen gätlen finb e« nid^t bie Seremonien ober ®Iau^ 
benöbelenntniffe, an toeld^e fie bie ©eUgleit ober aSerbantmnig Inä|)fen, 
fonbern ber ©e^orfam gegen Si^rifti SOBorte. 

e« Derftel^t fid^ für biefe »iid^tung im ®runbe Don fetbft, baß 
fie bie grei^eit be« SOBitlen« entfd^ieben feftl&ielt. (g« jeigt fid^ 
in biefem toid^tigen fünfte eine ä^nfld^e üDiffereng mit bem pau^ 
tinifd^en itffxttopn^, »ie fie un^ bereit« an anberer ©teKc begegnet 
ift; benn ^aulu« ift, ba« lann lein 3ö>eifel fein, ein SSertreter ber 
^räbeftination. 

SS ift, tt)ie ti)ir fj)ater feigen toerben/ein befonberer SSorjug 
be« Sei^rf^ftcm« ber SBalbenfer, ba§ e« ii^m gelungen ift, bieSbee 
ber göttlid^en ®nabe mit ber gefti^altung ber SBittenSfreii^eit in 
gtüdtid^fter SBeife ju Derbinben. 

3tber im ^rincip l^aben fie gegen ^aulu« an ber Seigre, toeld^e 
S^riftu« in feinen ^rebigten jtoar nid^t auSbrüdttid^ audeinanber-' 
legt, aber überall DorauSfefet, ftet« confequent feftgei^alten. 

1) SeaW^i* ©• 130, 



59 

SBtt totffen, baß bie ftatl^atcr bereit« im frühen 3BitteIaItet 
bie SSJiflenSftei^eit leugneten. 3nt betougten unb auög^^tod^enen 
®egenfafe ju biefer Partei tt>irb in beut toalbenftfd^en Sel^rgebid^t 
„Payre eternal" bie grei^eit be« SBitlen« mit (Sntfd^iebeni^eit Der^ 
f ödsten 0- 3m 16* Sal^rl^unbert »at e« gütiger« Xi^eotie Dom ge^ 
Bunbenen SBiflen, »eld^e bei ben ftanjöpfd^en SBalbenfetn ben meiften 
«nftoS erregte 2). 

g« ift für ba« ganje gei^rMtem ber SBalbenfer d^aralteriftif^, 
bag e« ben ®IouBen unb ba« SSeri^ättnig be« ÜWenfd^en ju ®ott 
bon ber ©eite be« ©illen« i^er ju erf äffen bemül^tift ffi« gei^t 
al« ®runbgebanle burd^ aöe feine änfd^auungen bie 3bee l^inburd^, 
bag bie Siebe e« ift, toeld^e ben SÄenfd^en in ba« redete SSerl^äftnig 
fc^t ju ®ott. 35ie Siebe aber tt)irb in ben SBillen »erlegt Die 
Siebe ju ®ott ift nad^ ii^rer 3bee bie Uebereinftimmung unfere« 
ffiitten« mit bem gBttRd(?en SBitten, unb gemäß bem ©ort (1 Sol^. 
4, 16): „SBer in ber Siebe bleibt, ber bleibt in ®ott unb ®ott in 
ti^m" leierten fte, ba§ bie Siebe e« fei, »eld^e bie Sini^eit ®otte« 
unb be« äßenfd^en ju SBege bringt ®o fagten fie, bag in ben 
guten ÜBenfd^en S^riftu« tägüd^ neu geboren toerbe^), 

Stber bei afl biefer ©etonung ber SBiebergeburt unb Heiligung 
i^ftben fie nie öergeffen, l^erDorjui^eben , baß e« ein falfd^er ffial^n 
fei, al« IBnne ber aWenfd^ m^ eigner Äraft ein SSerbienft in ®otte« 
?lugen ober einen änf^jrud^ auf Soi^n fid^ ertoerben. 35ie gnäbige 
^filfe ®otte« aüein ift e«, »eld^e ba« SSoObringeh be« ®uten in 
un« JU SBege bringt. 35ie ©ebingtl^eit unfere« fittfid^en $Ä«i>dn* 
burd^ bie Stbl^ängigleit bon ®ott i^aben fie ftet« anerlannt unb finb 
immer ber Ueberjeugung gemefen, bag aQe ^ä)U 9teIigiofititt al« ba« 
iRefuItat göttlid^er ©ntoirlung anjufei^n ift 

35er oben ertoal^nte ®egenfa% gegen bie Äat^arer fd^eint nod^ 
einen anberen loid^tigen ^unlt ii^rer Seigre beeinflußt ju i^aben, 
nfimlid^ ii^re äuffaffung Dom STeufel unb Don ben böfen ©eiftern- 



1) Oerjog a. a. O. @. 244. 2) Don 3cjfd^toi6 a. O. @. 120. 

3) %I. be« Äatcd^iSmu« ber Söalbenfer bei D. Scjfd^toiö a. a. O. — SDic« 
ip avL^ ber @inn ber ©teße bei «Pfeubo-^icincr (Max. bibl. Patrum Vol. XXV 
p. 265 D) : Quod semel in anno fideles (bie ^atl^otiletl) commnnicant hoc re- 
probant, quia ipsi quotidie communicant. 



60 

(gö tft bclannt, baß baö ©Aftern bcr Äat^arer \xä) ^ataltetifitt 
butd^ ben 5Duaü«muö, bcn fic infofctn ftatuitten, at« fie ncBcti 
baö 5Rcid^ ®ctte« ein otganifittc« 5Retd^ be« STcufet« fteüten unb 
bcn leiteten gtctd^fam al« ben ^errfd^er übet bie S33elt bet ©ä*» 
monen fcetrad^teten. 

3m ©egenfafe l^ietju lehrten bie 2Batbenfer, bag fcöfe Reiftet, 
tpelc^e angebtid^ ate petföntid^c SBefen in ben SDienfd^en tool^nen, 
nid^t e^iftiren, unb baß 5ltle8, toa« bamit jufanimenl^änge, leerer 
SOBai^n fei^, SBenn c8 jemal« })etfönüd^ ju benlenbe ©äntonen 
gegeben l^abe, barin feien biefe — fo fagten [ie — nad^ S^tifti 
Zoi nunmel^t fid^ertid^ nid^t nte^t Dor^anben^). 

Uebet bie ©tetlung bet äfteren SQSatbenfer ju bem Symbo- 
lum apostolicum, tt)eld^e$ belanntlid^ etft in ^pcAtx, nad^a|)0^ 
ftolifd^er 3^^ feine gorm eti^alten i^at unb bet gried^ifd^en Sitd^e 
unbelannt ift, l^abe id^ üottäufig fidlere 8?efuftate nid^t erjielen 
lönnen* 3m 15* Sa^ti^unbett l^aben fie bie« toie mand^eä anbete 
in beabfid^tigtet Slnnäl^etung an bie l^ettfd^enbe fiitd^e afletbtng« 
acce^Jtitt Slbet in ftü^etet ^At finbet fid^ l^iet unb ba untet ii^nen 
gegen einjelne ®ä%t be« ©^mbolum« eine ftatle D^j^jofition» ®o 
toitb im Salute 1321 ein getoiffet ©uiletmu« Detuttl^ilt, toeü et 
bie „Slufetftel^ung be« gleifd^e«" geleugnet i^atte^). 

^iele untet il^nen nal^men jum Symbolum apostolicom ettoa 
biefelbe ©teüung ein tt)ie jut S)teieinigfeit«Ie]^te unb anbeten SD?^^ 
fteticn* S)a fie einen auöbtiidttid^en unb Maten 2lu«f})tud^ S^tifti 
batübet in ben ff. ©d^tiften nid^t fanben, fo tooflten fie leine binbenbe 
5«otm batübet auffteüen* 30« im Sa^te 1538 ein ffibbeutfd^et ®etft^ 
lid^et einige gefangene „Sötfibet" üetl^Btte, ob fie ba« o})oftoHfd^e 
®(auben«belenntni5 al« %f)txl i^te« ©tauben« anetlannten, ettoibet«^ 
ten jene toöttUd^: „©o ^at ß^tiftu« bie« gele^tt?" Senet ©eiftlid^e 
anttpottete: „geugnet i^t, ba§ ba« ©^mbclum göttlid^en Utf^Jtung 
l^at?" unb etl^iett al« SRe^JÜI ba« ©elenntnig: „3d^ glaube an ben 
SSatet unb an Si^tiftu« unb ba« ift genug, um ba« etoige ^eit ju 

1) Max. bibl. Patrum Vol. XXV p. 308 F. Item dicunt, quod nemo possit 
a daemone obsideri et vexari et quod talia sint vana vesania, quae circa 
daemoniacos peraguntur. 

2) $feubo-9lcincr a, a, O. @. 297. 3) Simbord^ a. a. O. <B. 288, 



61 

ctipcrben" ^), 35amU tt>at bct tcligiöfc ®tanb})unlt bct „®tübet" 
fotd^en Stagen gegenfikr gatt) beutlt(!^ unb Kar ft^itt 

21M einet ii^tct ©tunbittt^fimer ferner »irb öon t^ren ®egnem 
bte SSertoerfung be« gegfeuer« bejetd^net 3n ber Z^at leierten 
jte, baf „bteienigen, toel^e mit reinem ^erjen abfd^eiben, burd^ leine 
©träfe be^ gegfeuerS »erben gereinigt »erben" 2). 

I)ie ©teile, auf loeld^e bie römifd^e Äird&e bie Seigre Dom geg^ 
fcuer ftüfet (1 eor. 3, 12—13), beuteten fte in bem ©inn, bag ba« 
Seuer bie ?lnfed^tungen unb Seiben be« bieffeitigcn gebend bebeutet 
unb in il^rer ^olemil beriefen fte fxäf barauf, bag aud^ ®regor ber 
®roge bie SKöglid^Ieit einer fcld^en SluÄegung angegeben l^abe. 

(g« ftanb für bie SBalbenfer feft, baß e« immer in ber ßi^ri^ 
ftenl^eit unb unter aücn gormen ber ©otteSDerei^rung erleud^tete 
SDtenfd^en gegeben i^abe, »eld^e bie Sai^r^eit erlannten unb jum 
^ette gelangt finb, (£8 lebte bei ii^nen bie SSorfteKung Don einer 
©uccefflon d^riftUd^er ßei^rer, »eld^e biö inm aj)oftotifd^en 3citalter 
l^inoufrcid^enb ben ®eg Si^rifti toiefen^). Unter blefen legten fte 
ben oier großen ßei^rern Slmbrofiuö, Sluguftinu«, ^ieron^mu« unb 
®regoriu8 eine befonbere ©ebeutung iei, unb Sluöjüge au8 i^ren 
©d^riften, jumal &)mmentare ju ben (SDangelien, »urben unter 
i^nen fel^r gefd^äfet; aud^ ben ß^r^foftomuö, ©erni^arb Don Slair^ 
Dauj u* ä* benufcten fie gern» ©ir »iffen, baß fie bie SBarnungen 
beö 3ftbor oor bem Sibfd^tt)ören für fid^ oertoert^eten» 

„S« äeigt fid^ nn9 in allen biefen üDingen'^ fagt Dr. §erjog, 
„neben ber an ben S^ag gelegten 9ld^tung Dor ben lati^olifd^en 8ei^^ 
rem ein Iritifd^er ©ebraud^ berfelben, ein forgfältige« 8lu8^ 
toäi^Ien beffen, tt>aö ber ©d^rifttoal^rl^eit, »ie bie SBalbenfer fie 
faßten, conform ift, unb namentftd^ ein getreue« gefti^alten 
eine« älteren reineren ^t^xtxopui". — ,/8lud^ in blefer ©e^ 
jiel^ung l^aben bie SBalbcnfer einige Slel^nlid^lett mit ben ^letiften, 
SWetl^obiften unb anberen proteftantifd^en ©eften"*). 

1) 2>a« tntcrcjfante SScrl^ör flnbct fid^ bei ®apiu« De anabaptismi ex- 
ordio elc. Basel 1544 p. 493. 

2) Max. bibl. Patr. a. O. @. 307 A. — g3gt. fiimbord^ O. a. O. ©• 374. 

3) ©crjog 0. O. @. 140. 

4) ©örtlid^ bei ©ergog a. O. @. 140. — @cl^r mcrftoürbig ip bie Stellung 
®pmtx9 gum Söalbenfertl^um. «W biefer in ©afel ftubirte (1659—1660) crKärtc 



62 

(&i mx, ts>xt oben (etettd itmtxit, ein lutjeS unb einfad^ed 
©elenntntg, mläft9 aM bcn ®tunbi)tinctt)ten bei: ffialbenfet fftx^ 
t>ottx>näfi. di tft ti^nen ftetd eigentl^üml^ geblieben, bag fie auf 
tl^eologifd^bogmatifd^e ©tteitfragen ^äf ni^t gern einliefen, unb ber 
})oIemif(i^e ©elenntntgeifet anbetet 9tid^tungen ift ii^nen tmmet ju^ 
tt)ibet geioefen» 

35agegen i^aben fie mit bet ganjen Snetgie be« ÜWätt^tettl^um« 
ba« i^eilige Sßetmäd^tnig bet aSotfal^ten Dett^eibigt, unb tomn bie 
ti^eologifci^e ©iffcnfd^aft nid^t ba« gelb tt>at, ouf »eld^cm fie glänjen 
lonnten obet toottten, fo l^aben fie in bet teligiö8^})taltif(i^en 
©etl^ätigung i^tet cinfad^en Seilte um fo ®t86etc8 geleiftet 3n 
allet ©tiUe naä^ x^xtx SBeife ®ott }U bienen unb ®ntt» gu 
tl^un — batin lag il^t einjige« ©tteben. 

m 

er in femer 5Dif[ertatton: (Waldenses) nti tumdocuerint, scilicet inde a 
temporibus Petri Waldi, vere genuinam et orthodoxam hodiernae avfiynj- 
fpov ecclesiam constituisse*. Segen biefer ^emerlung lam er in S^ifferenjen 
mit ber reformirten Xl^otogen^^gacuMt gn ißafet unb er tourbe ge^tonngen^ ben 
^-Paffn« jurüdgnnel^men. m^m^ in ber 3tfd^r* für l^ifi. £1^1. 1840 1, 161 ff. 



9ntUfi Capittl. 

S^etfaffung unb ®otte«btenft ber altetiangeltfd|en ttrdje. 

2)ie Ormibgcbanfcn mib bie OueUcn bcr ^rd^enorbimng, — S)ct ©cgriff ber 
Sdxäft. — ?4)opoIifd^ ©ucccfpoiu — ©eracinbcfirci^ — Ältd^jitd^t. — 2>ic 
(gmriiä^tuna unb SScrfaffimg bc« «^)opotat«. — 2>tc „StrmutV. — 2>te o^iy 
polifci^ Sieget — 2>ie „®otte«freunbe". — 2)er ,,2(eItcflcn*9latV'. — (S^i^co- 
^at, ©acerbotium imb"2)iaIonat M ben Söalbenfem, — ©vnoben unb (5on« 
ferenjeiu — 2)ct ©otte^bienft. — 2)ie ©ouSanbad^ten* — 2)ie ®otte«W«* 
— 2)te ^tebigt. — 2)ae 2f6enbinal^l. — 2)tc »ei(ä^te. — 2)ie SCaufe auf ben 
Otouben, — ©inbcrnijfe il^rer SCu^Bteitung, — ©teKung jnm 2Rönd^tl^um. — 
©d^tugBetrad^tung» 

Die UeBergcugung, baß bcr Stifter ber d^riftlid^en Äeßgion 
aöe bie ©lauBenÄei^ren , toeld^e er jum gricben im Diejfeit« unb 
pim ienfettigen $eU notl^toenbig ^ielt, in feinen eignen SSorten 
iinb in bent aSorbttb feinet SeBen« i^inreid^enb Har un« fitermittelt 
^ait, ^at bie ffialbenfer nid^t irre ßefül^rt 3n ber ^at läßt ^^ 
auf biefer ®runblage ein Sei^rf Aftern aufbauen, totlä^t^ aQen ge^^ 
xtd^tm anforberungen an 2;iefe, S^n^ammmlfani, Älari^eit unb aSotU 
ftanbigleU ®enfige tl^ut 

©ar aBer baffelBe ^rinci|) l^inrei^enb, um fidlere Sftormen ffir 
ben 9(ufBau ber ftird^euDerfaffung unb beS ®ottedbienfte8 in 
9litud, S)i«cit)lin unb Zeremonien barin ju pnben? 

Sei ber SBeanttoortung biefer grage lam e« barauf an, »a« 
man unter ftird^cuDerfaffung gu Derftei^en i^aBe. Die ^ierard^ie 
unb ber Sultu« ber i^errfd^enben ftird^e ließ fid^ in bem Umfang, 
ttne er audgebilbet tooxitn toox, aQerbingS n>eber m9 Si^rifti Söt^ 
fel^Ien nod^ ani ben ®($riften bed Sanond aBIeiten* SQein toar 
benn ein fold^e« ©ebaube öon formen öBer^au|)t für bie „®emein- 
ben e^rifti" ein (grforbernig, ober ftanb baffelBe nid^t Dielmei^r mit 
ber SraWtion ber a))oftofif^en Beit in a5iberfi)ru(^? 



64 • 

SBcnn man nun an ber utf^)rün8fi^cn Stnfad^i^cit bc^ d^tift^ 
lid^cn ©cmetntDcfcn« f^P^irit, toaren alSbann ntd^t benno^ txtU 
leidet bereite in bcn (Söangcücn unb in Si^tiftt SBcfel^Ien bie ©tnnb-' 
jfigc einer Drbnnng gegeben, »eld^e jum ^totd be« ©otte«-' 
reid^eö unb ed)tet Stbauung genügten? 

SBürbe gl^tiftuö, »enn eö fein SBitte getoefen ti)äte; ein ©Aftern 
Don ßetemontcn unb ßuftu^formen aufjutid^tcn , toie c« fpäteti^in 
in bet i^ettfd^cnben Sitd^e emud^«, nid^t fettft mel^t barfiber gefagt 
l^aben al8 er gefagt i^at? 

Sr i^at ed an^ moi^Iburdl^bad^tem d^ati^fd^Iug nid^t geti^an. S)enn 
er tpußte, ba§ eine grömntigleit, tx>d^t unter fold^en gormen ftd^ 
Doüjiel^t, ber ©efai^r ber 35erSugerIid^ung ftarl auögefefct ift, unb 
bag ein ©ötteSbienft, ber feinen ©d^toerpunlt in äugerlid^en Uebun-» 
gen finbet, bie SDienfd^en jur Unbulbfamleit erjiei^t gegen bie* 
ienigen, toeld^c bie gteid^en gormen nid^t üben* 

@o fel^r bie ntenfd^üd^e Statur ju fold^en Sultuöformen neigt, 
unb fo grog bie Sßortl^eile flnb, tpeld^e für eine ^riefterlird^e barauö 
ertoad^fen, fo ift bod^ fidler, bag fie nid^t fotool^I bie reine glammc 
religiiJfer ©egeifterung ate ben gcuerbranb beö ganati«mu« }u toedten 
bienlid^ finb* 

!&arum l^at ed (Si^riftud gefallen, in feiner ©emeinfd^aft fold^ 
Zeremonien nid^t audbrüdtßd^ anjuorbnen. ^ber intmeri^in i^at er 
in biefer JRid^tung eine getoiffe greii^eit ber ©etoegung benienigen 
geftattet, meldte bie ®runbgebanlen feiner bejüglid^en 93orfd^riften 
f eft^ielten ; gleid^ in ben erften Sal^rl^unberten toarb Don biefer Sret^ 
l^eit ®ebraud^ gemad^t, unb e^ bUbete ftd^ eine a)>oftoIifd^e ftird^en^ 
Derfaffung in beftimntten gormen an«. 

üDa nad^ ber Ueberjeugung ber SSJatbenfer ber ®eift S^rtftt 
gerabe in biefen a)>oftoUfd^en ©emeinben nad^ ber SSer^ei^ung ti^re^ 
©tifterö »irifant getoefen toar, fo lonnte unb utuf te man bie äußeren 
(Sinrid^tungen bed ©emeinbelebend , toie fie fid^ au^gebilbet i^atten, 
aW Srgättjung ber SBefel^te Si^rifli f äffen, toeld^e bie (göangeliften 
un« überliefert l^aben, unb fomit erl^ieft biefe urft)rüngßd^e Xrabl^ 
tion ber apoftoUfd^en Sai^rl^unberte ein normotiDe« anfeilen in ott 
ben fünften, über »eld^e in ben (SDangelien eine Kare unb genfi-' 
genbe SBeftimmung nid^t getroffen »ar. 



65 

©ne ßraänjung ber fei^tcnbcn ^fiotwen Uiti mbeffcn an^ für 
btc fpätetcn ©ctncinben'begi^att uttöerboten, ö>etl Si^rifti ®elft feinet 
SSeti^etgung geinäß in feinen redeten ©elennem bauetnb toirtfam ts>ax. 

©ei biefer äuffaffung lam e« nun öot SlKem barauf an, an 
m^tn aWerftnalen bie ted^t? ©emeinfd^aft S^tiftt ju etlennen fei 

3n biefer {Rid^tung ift e« ffit bie SBalbenfet ftet« d^aralteiv 
ftif($ geblieben, baß fjie i^ten Sitd^enbegriff in leinet ?ßetiobe an 
Beftimmte, b^n ii^nen aufgefteflte ®^mi&oIe, ©elenntnißfd^tiften, Son^ 
cittefd^Iüffe obet Äitdjenftatuten nnb beten „teilte gellte" gelnü»>ft 
i^aben. Q^x einjtge« @^mbcl toat unb Uxtb bie gellte Si^tifti, tote 
fie in ben ^. ©d^tiften enti^alten toat* Slnd^ i^ietin »oütcn fle bem 
SBotWb bet ai)oftoHf(ä^en Qal^ti^unbette nid^t untteu »etben. 

$at ii^nen abet befi^att eine fefte ©egtiffÄbeftimmnng bet 
,,Sitd^e" gefehlt? 

®ie fagtm gunäd^ft in aögemeinem ®inn: ,e35ie ©emeinbe 
(S^tifti toitb gemäß g^tifti Sotten (3o^. 13, 35) an bem ®pxn^ 
etfannt: S)abci toitb 3ebetmann etlennen, baß ii^t meine 3ilnget 
feib, fo ii^t Siebe unteteinanbet i^abt"* ®ie fctbetten miti^in Sdxü- 
betUd^Ieit unb ®leid^^eit^) unb al8 ted^te gtud^t cd^tet 9iäd^ 
ftenliebe bie })taltifd^e iöeti^ätigung be« Si^tiftenglauBen« butd^ SESci^U 
tffun unb ©ettftöetteugnung. 

Snbem fte entfd^ieben an bet göttlid^en Stiftung bet ftitd^e 
fefti^ielten, etÄätten fie, baß nut infoweit aU bie „©emeinbe ß^tifft" 
jene aWethnale beflfet, fie in ©al^t^eit bie SCtägetin be« „®eifte« 
<5]&tifti" ift, unb baß bie ©emeinbe nut aW fold^e biefen ®eift 
il^ten einjelnen ©liebetn Detmitt'eln lann. 

©^tiftu« i^at eine fid^tbate Äitd^e gegtünbet unb feinen ®eift 
betfetten mitgeti^eitt !Diejienige „®emeinbe", ipeld^e in äußetet unb 
tnnetet ©emeinfd^aft mit biefet utfj)tünglid^cn unb teinen /,Äitd^e'' 
geblieben ift, muß nad^ »ie öot al« bie ©etoal^tetin jeneö ®eifte« 
bettad^tet loetben. 

©ofetn fie bie« toitlttd^ ift, toitb fie eine etjiei^enb'e unb et^ 



1) (S9 ip eine uralte Srabition bei ben ,,©tübem", baß t» va bcr^„te(i^tcn 
®f riiiengemeinfd^ft" tocber ©Haben uo(]^ ßelbeisene fleben bürfe« ©ic atzten e« 
für „ungebül^rui", fagt SSiiÄinger im Saläre 1560, ,,baß Semanb unter d^riji- 
Ud^ ?Ml. (eibeigen fei u^b bie ?jli(ä^t ober @d^ulb ber ^ed^tfd^aft bejal^to f oUe". 

ftellev, S>ie dteformation. 5 



66 

leud^tcttbe «raft auf bteicntgen ju äberttagen fä^tß fein, todd^ 
tnncti^att ii^tc« aSerBanbc« fid^ Bcfinbcn* 

& Mt [xäf Bereit« im 13. ^ai^ti^unbett nad^b>eifen, bog bie 
ffialbenfet al« »eitere« ftenngeid^en ber fttr(^ei) bie redete SttmU 
tung be« a))ofteIamt« (sentfig äßatti^. 10) unb ben 3laäftmi ber 
a<)oftoUf(]^ett ©ttcceffiott für ii^re ©ifd^Sfe forberten. 

(&9 ift Beseid^nenb, bag fte Be]^au)>teten, ber 93efi$ ber a))ofto^ 
lifd^en äScamad^ten fei ber römif d^en ^rd^e Don bem äRotnent ab 
verloren gegangen, too ?ai)ft ©itoefter ben »orfd^riften (S^rifti ju- 
»iber bie aItai)oftoUfd^en (Srunbföfee faflen ließ 2), dagegen lehrten 
fle, bag ba« a|)oftoUfd^e d^mima in ü^rer ©enteinfd^aft Don nx^ 
alten Seiten i^er fid^ fortge^flanjt i^abe^), unb fie Inäi>ften an ben 
»efi% beffetten ba« JRed^t, ftd^ aW »al^re „®enteinben ß^riiti" ju 
Begeid^nen« 

3n ber S^i^at feigen toir nod^ im 15» Sai^ri^unbert Bei ben 
SBalbenfem unb in aQen folgenben Sai^r^unberten Bei ben an^ 
Vfyxtt ©emeiinfd^aft ]^ert)orgegangenen 2:äufem, bag fie nur biejienige 
„®emeinbe'' für red^tmägig conftituirt i^alten, meldte koenigften« 
einen „äelteften" ober einen „©ifd^of" Befifet, ber burd^ „C)anb- 
auflegung" feinen 3iif«wtw^«^tttt8 wit ber S:rabition ber apo^ 
ftolifd^en Gräber nad^juioeifen im ©tanbe ift* S)ie« ift bie Sbt^ 
beutung ber ©nrid^tung, ba| unter bie „35iener be« ©ort«" 9Ke^ 
manb aufgenommen toirb, e« fei ii^m benn juöor bie f)anbauflegung 
iu 2:]^eit gekoorben« 

®o fei^r fie aBer einerfeit« bie erjiei^enbe unb erleud^tenbe Araft 
ber ^ViitffMiltit ju ber „redeten ©emeinbe" Betonten, fo »cnig 
lägt fid^ Bei i^nen bie Sei^au^tung nad^meifen, bag ber einzige 
SBeg jurSeligleit barin gelegen fei aSielme^r fagten fie an«* 

1) 2>cr ^p^x^ PtiitctttiaT 5Kbatu« ^lagiu« fd^rctBt im 3tt]^te 1331; 
„(Waldenses) in tantum ecclesiam esse dicunt, quantmm per successores apo- 
stolorum fuit continuata vel reparata** (De planctu ecclesiae, edit. de a. 1516 
fol. XIV E). 

2) ¥fmbO«*8lei«er m ber Max. bibl. Palrum Vol. XXV, 279 B imb in ber 
Refutatio errorum etc. a. a« O* 303 A: Secundo dicunt, sacerdotes Eeclesiae 
catholic^e sine ratione ideo non esse veros et legitimos successores discipu- 
lorum Christi, quia possident propria, quod secundnm eos Apostoli non fe- 
cerunt praecipiendo Domino Matth. 10. 

3) iBgt bad ^dTenntnig ber 3aqiteta %t%txi% b. I3ii oben @. 19. 



67 

btädlid^, bag btejiemgen äßenfd^en, tott^t offttt ii^te ®<i^vXo bie 
SKJ^glid^iett nid^t Beft^en, bet redeten ®emeinf($aft anjugei^Sten unb 
iDeld^e bennod^ in Siebe unb ©elBftDerlengnung bie ®nabe ®otte4 
oiifrid^tig fud^en, ben ffieg ju. Si^tiftu« pnben Wnnen, inbem 8e^ 
teter fid^ ii^nen bntd^ ba« ,,innere SBort'' offenbart unb ii^ncn bie 
Sfol^i^eit giebt, feinen ®eift o^ne 93emtittlung fid^ gu eigen gu mad^en. 

S)od^ iDer bie Sai^ri^eit lennt unb ben SBeg, ber bai^in ffii^rt, 
^or ftd^ fielet, oi^ne il^n ju loanbeln, beut gereid^t t» inx ©d^ulb 
uAb gum 93erberben* 

Sieben ber aj)ofloltfd^en ©ucceffion, auf beten befonbere ®e- 
ftaltung toir fofort gu f^jred^en lontnten toetben, betonten bie SBal- 
benfet att fiennjeid^en ber redeten Äird^e bie SDlfttoirlung ber 
®emeinbe in ben lird^lid^en älngelegeni^eiten , toie fie Si^riftuS 
felbft (STOatt)^. 18) befolgten ^at 

auf ®runb biefe« Sefe^le« ei^rifti toar e«, baß fie fagteU; 
fie tooKten »eber eine ^riefterlird^e nod^ eine ®taat«Iird^e^ 
fonbem eine ®enteinbelird^e i^aben* üDie ®emeinbe foKte bie 
Stägetin ber ganjen SBerfaffung feinO, »eld^e foioo^I baaffiai^I'' 
ted^t ber ,,S)iener be« ©ort«" tote ba« 9ted^t gur STOittoirlung bei 
bet ftitd^engud^t inne i^atte* 

S)ad 9ie^t gut Sudübung bed Sannd ift ein befonbered SOterl^ 
mal ber „redeten ©emeinbe"* üDie ©olbenfer legten befonberen 
ffiert)^ auf biefe gunftion, aber e« ift intereffant gu fe^en, toie 
öorftd^tig fie auf ®runb ber bei ii^nen i^errfd^enben 2;rabitionen bei 
bet äuaübung beffelben ju ©erle gingen» 

auf ®runb oon SWatt)^. 18, 17 ftanb ffir fie bie »efugniS ber 
©enteinbe feft, aber au« SOtatti^. 18, 18 leiteten fie ba« 9ied^t unb 
bie ^flid^t ber ,,apofter' begto. bereu SKad^f olger gur SWittoirlung 
bei beut ®enteinbebefd^luffe ab« 

Um bie gange SBebeutung biefer au«legung gu öerftei^en ift e« 
ttot^toenbig, baß toir guDor bie merftofirbige ©nrid^tung be« ^o^itU 
amte« bei ben „SBrübem" Icnnen lernen* 

ffienn für bie Se^te ber ffialbenfer bie SBerg^jrebigt eine be^ 
fonbere ®ebeutung befiftt, fo d^arafteriftrt fid^ ii^r Äird^entoefen 



1) SHed^off a, O- @. 250. — ^reget W>^. Ux «avr, 3Ö. 1877. ®. 198. 

5* 



68 

butd^ blc cigcntl^ümlld^c ©ctonung bette fonbetenÄegeln, totlifye 
ei^rifttt« feinen 9)fo\Uln aW SJerfunbern feinet gellte unb beten 
fRod^foIgetn Im engeten unb leiteten Ätei« gegeben i^ot 

S)enn 3unä($ft ftanb tS fitt fie feft, bag difxi^tai in feinen 
SBotten unb Sefei^Ien fi^ ti^ettmeife audf(]^IietU($ an bie SSetlünber 
feinet Seilte, t^eUipeife abet an aöe feine anlanget getoenbet l^obe^. 

3n bie etfte Äategotie öon Äntoeifungen fteßten fie (offenbar 
auf ®tnnb utaltet 3;tabitionen) bie SBefei^Ie, »eld^e \xSf Wtatify. 10 
finben unb bie bann an gai^Iteid^en anbeten ®teQen in ben &>att^ 
geften etgSnjt unb etläutett tpetben* 

3u biefen etgänjenben unb etläutetnben ©tcflen ge^Utt ju- 
nä^ft ÜJiatc. 6," 6ff*, bann 8uc. 9, 1 unb 10, 1; bann in toeitc^ 
tent ®inn 8uc. 12, 22 ff. unb 22, 35 ff« unb gu einem Z^di aud^ 
3ol^. 13—17. 

$(u^ bet ©efammti^eit biefet @teQen entnai^nten fte aunäd^ft 
bie ttebetjeugung, bag Si^tiftu« ben ^tebigetn feinet ßel^te fut offc 
3eiten befonbete SBoflnta^ten unb SSotte^te gegeben i^abe, unb 
fie glaubten, bag biefe 93ot(ntad^ten aUtn benen eigen feien, totVfyt 
inneti^alb bet a}50ftoIifd^en ©ucceffion ftänben obct butd^ bie f) anb^ 
auflegung feiten^ eined fold^en ben ®egen bed apoftoftfij^en @^ 
tiSnta etlangt i^&tten. 

!J)iefe Uebetjeugung i^atten fie fld^ au« jenen 3^iten bet apo^ 
ftoßf($en jtitd^e betoal^tt, ti)o bie ximx\ätt ftitd^e fi^ noäf mäft atö 
felbftänbige Dtganifation conftituitt unb i^nen feinblid^ gegenübet* 
geftettt ]^atte2). 

abet — unb batin lag bet toefentlid^e unb })ttncit)ieKe Untet* 
f^ieb Don bet tSmifd^^Iatl&oIifd^en äuffaffung — au« ben etttxii^ntett 
3eugntffen bet i^. ©d^tift entnal^men fie nid^t nut bie ä^fage Don 
35otIntad^ten, fonbetn Dot Sltlent auäf bie gotbetung beflimmtet 
f^toetet ^fUd^ten, oi^ne beten (Stfüttung fie bie gäi^igleit pm 
9l)>oftelamt tto^ bet ©ucceffion gänjUiS^ leugneten. 

1) Sttcad 12 i^ $etrud in einem f^ecieHen gaUe streif eO^aft, ob (Si^rifhtd 
siegeln für feine Wßoftd ober alle feine ^l^Snger i^be geben tooHen; er fragt 
bai^: n^fxx, fogf) bu biefeS @Ieid^nig ju ittt9 ober aud^ ^u Wen?" 

2) Simbord^ Lib. Sent Inq. Tolos. f. 377 2)ie Solbeufer glaubten, «qnod 
ipsi Yaldenses erant de Ulis discipulis, qui descenderunt a discipulis et apo- 
«stolis Christi **• 



69 

S)tefe ^flid^ten faxten fie iufammen atö bie Don S^tiftud 6e^ 
fo^Iene %xmnt^ unb gaben bamit einer 3bee Slndbtttd, bie, fo 
tt>enig beutltd^ bet ^udbtud „Wcmntft^* btefelbe Bejetd^net, tt>äf üt 
ber ©efantmtlei^te S^tifti eine Kare nnb nnitpeibeutige ^egtünbuns 
bejt^ 

as ^itfft feft^ bag leine Partei entfd^iebenet unb iDtrlung^DoKet 
tnneri^alb ii^ter (Srcmitn gegen iene ®eite ntenf(!^U(]^en Unglüdd 
aiigeläm|)ft ffcA, bie im engeten ®inne ,,^tmuti^'^ ober 93er^ 
atntnng genannt tpitb. ®ie ift ed geto>efen, U>eld^e ben ®tunb^ 
fa^ auägef))tod^en nnb bnr($jnfi^ten ntx^uäft ^ot, ba^ ti leine 
©ettler in ben (Semeinben ß^rifti geben bütfe nnb bag betjenige, 
n>el<ä^er äßangel leibe, t>on füld^en nnterftü^ tt>erben mfiffe, bie me^r 
i^oben ali fie btand^en* SDie gange (&svASftmz xifxn gemeinbli(]^en 
Otganifaiion jiette batauf ab, ba§ (Siner bem Slnbeten tJ^aÜrfifttg 
i^elfen muffe, nnb fie fagten getabeju, bag Sßitti^eilen nnb ®ut^9 
tl^un bet befte ©otte^bienft fei 

aber biefelbe Partei forberte t)on benienigen, toääf^ al4 ©d^Mer 
ber Si)}ofteI nnter ü^nen nnrlen »ottten — oi^ne nnter biefer SRnbril 
alle „Diener be« ©ort«" gnfommenjuf äffen —, bag fie gemäf 
@^ri{H ^efei^len fid^ felbft emiebrigten unb allen eigenen S9efi$, 
fei ed in Käufern, C^^fen, ®fitem ober 9lenten, jubor an bie Slrmen 
gäben, el^e fte aU a))oftet in bie Sanbe jogen« 

Der ©mnbgebanle biefer gorberung »ar, ba§ bie @elbft* 
t)erlengnung nnb bie (Seelenreini^eit beS (SeifHid^en eS ift, an 
toeU^ &/ü^tai in tiefer SBai^r^eit bie i$ä]^ig!eit ju tovtt^amtx SSer^ 
!ßnbung be« göttlid^en SSorted gebnnben ^at 9htr l^eilige unb 
reine $&tbe n)erben bad a))oftolif(l^e @^aridma rein unb lauter 
))ern>alten« 

9tiemanb n>irb bie Se^re ®otte8 unb S^rifti red^t berlünben, 
fagten {te, tott nid^t ben ®eift (E^rifti in fid^ ffot. 9(ber fo lange 
man an einem Dinge i^aftet, bad nid^t göttlid^ ift, fo lange ift ed 
uttgetmg, ob ®Qtt in ben äRenfd^en ift ober nid^t Die Siebe }u 
®ott n)irb nur ba im i^öd^ften ®tnn gebeii^en, too baS 
^era nid^t pngt an Steid^ti^um, Sefi^* unb ®&tern 
ä^nlid^er ^xt 
, „»erlaufet Cuere ^aU, \piA^t S^riftu« (8uc. 12), unb gebet 



70 

3((mofen; emerbet (Eud^ Sdtntd, ine nväft alt iDerben, einen @d^^, 
ber nid^ ondge^t, in bem ^tmrnel, u>o lein !£)ieb i^inlcmntt nnb 
ben leine Wlottt jetft&tt. 'S)tnn n)o (Sner ©d^a^ ift, ba ift 
an^ (gnet ^tx^*'. 

SHux betienige bemtag toitlfam ein ©ote ber (^^tiftlid^en Seilte 
ju fein, »eld^t ebenfo bntd^ fein ©eif<)iel, »ie bntd^ feine ¥^d>igt 
anfbanenb nnb eri^ebenb sit Strien im ©tonbe ift. !Der aber ift 
gar lein ©eöoßntäd^tigter (S^rifti, totl^tx beffen gellte lei^tt^ 
aber ni^t felbft bana($ i^anbelt 

!£)en n)efentlid^en dni^alt nnb ^totd ber SSorfd^riften, toeld^e 
(^riftn« an ben oben ertoSl^nten ©teOen perft ben ^ilU f)>&ter 
anäf ben {tebjig äßSnnem, bie er anSfanbte, gegeben i^at, erlannten 
fie in biefer ®elbftt)ertettgnung* SHux toer in (Sntfagnng, WmuXfy 
nnb SWiebrigleit fä^ig ift, fid^ felbft jn op\txn für bie 3been, toeld^ 
Si^riftnd Dertünbet i^at, iDirb aU ed^ter äbgefanbter @Mii bie SoK^ 
mad^ten an^infiben im ®tanbe fein, toeld^e 3ener feinen ^oftdn 
nnb beren ^(lad^folgem gegeben $at* 

yinn ift e^ jmar nid^t fd^n)er, fo i^oi^e fittlid^e ^orbemngen 
anfanfteQen, aber iebe lird^Iid^e (gemeinfd^aft, totläft an biefen Sbt^ 
feilten (Ei^rifti fefti^ält, tt)irb mU ber @d^b>terigleit jn lämt^fen i^aben, 
äßSnner jn flnben, n)eld^e SBtQen^ nnb fällig ftnb, ii^r gn entf))red^en. 

!£)ie Sßalbenfer aber i^aben bad ®IM gei^abt, Sai^l^nnberte 
l^inbnrd^ tro^ ber entfe^Hd^ften 93erfolgnngen, ^erfonen unter fid^ 
iu befi^en, toeld^e mit 9ted^t „©d^filer ber Wfo^itV i^eigen Icnnten, 
nnb bie nad^folgenben Snbentungen mSgen jeigen, toxt todt t» \Sfntn 
gelungen ift, and^ benienigen ©ef eitlen Si^rifti einen tiefen, aBjeit 
gültigen ®inn abgugetDinnen , totlüftn ber ,,anfgeKarte'^ ®inn ber 
l^errfd^enben ^rd^en bamafö langft al4 überlebt befeitigt i^atte. 

®aöib t>on aug«burg befd^reibt blefe „"HpoiUV ber ViaU 
benfer um ba4 Sai^r 1260 n)9rtlid^ foIgenberma§en ^): „(Einige unter 
i^nen u>erben ^erfecti (93oIi[Iommene) genannt unb biefe l^ei^en im 
engeren ®inn „9(rme t>on i\)on"] bod^ u>erben nid^t aKe ju 
biefer f^orm genommen, fonbem fie eri^atten ^orl^er eine tan{(bauembe 
Unterioeifung, auf ba^ fie aud^ anbere }u untenoeifen toiffen. iDiefe 



1) abi^nblutigctt ber ffl. (K. ber Ä- »• %. b» ®. g. WL XIV, 2 @, 209 %xt ?• 



71 

6el^au)>ten üon fid^, bag fie lein (Sigentl^um befi^en, tt>ebet Raufet 
wäf Kegenbe ®utet no^ befttmmte ^Heberlaffuns nod^ Stauen; 
loenn fie fold^e^ frfti^er befeffen i^aben, fo uxla^tn fie e«, iDlefe 
fagen t)on ftd^, fie feien bet ^po\itl 92a(^folger (apostoloram 
saccessores) unb fie finb Seiltet (magistri) unb entt>fansen bie 
JBeid^te unb tDanbern butd^ bie Sanbe unb befud^en unb befeftigen 
ti^re ©dfüler in iif ten Strleiften. ©iefen bringen bie ©dffiler bar, 
toa^ fte braudf en. 93o fie anlommen, tif eilt ntan fidf if eimlidf bereu 
Snhtnft ntit, unb ed lommen ju iifnen SO'telfrere an fidlerem Ort 
unb ®dfIut>fkoinIeIn, um fie ju if ören unb ju feigen, unb fie fdfiden 
tifnen ba« ©efte i)on aüer ®pA\t unb SCranI, toa« fie ifaben"^). 

3n einem S3elenntnig t)on ©tragburger SBalbenfem, toeldfed 
aM bem 9(nfang be^ 15* 3a^r^unbertd ju ftammen fdfeint, toer« 
ben bie Wfo^ttl in folgenber SSeife befdf rieben: ,,®ie gingen Don 
©otted toegen burdf bie Sanbe an ber Btoölfboten (3())0ftel) ®tatt 
unb koaren audf 3^SIf^<>t^n unb if att'e fie ®ott barju georbnet, 
ba§ fie bie ßifriftenifeit aufentif ielten" 2), @ic tourben ju ©trag* 
Burg ,,SBinIeIer'' genannt unb man übertrug biefe S3e}eidf nung bann 
audf auf bie ganje Partei in berfelben SBeife, koie e9 bei bem 3la^ 
mtn „arme j)on S^on" ber gaü toar, 

SSo fie audf in ben und erifaltenen OueQen auftaudfen, be^ 
merlen ttnr, bag fie rafdf , koie fie gelommen finb, audf koieber ^tt^ 
f df toinben 3)* 9iur tagett>eife finb fie in einem beftimmten $aufe 
unb in ©dflu^jftDinleln friften fie i^r ©afein*), 

®ie jie^en ftetd ju ikoei unb ikoei auf i^re SJtiffion unb jkoar 
finb ed regelmäßig ein älterer unb ein jiüngerer Wlann, toeldf e ge^ 



1) Um ba9 3al^r 1179 U\^xdi>t Sßaltl^er äl^a^^ed biefe %poftd fotgettber« 
mo%tai »Hi certa nosquam habeot domicilia, bioi et bioi circomeunt, nadi 
pedes, laneis induti, nihil habentes, omnia sibi communia tanquam Apostoli 
Dudi nudum Christum sequentes*. 

2) «5§ric^ 3tf(i^t. f. ^^ %^t 1840 I ©• 147 3(nm. 63* — »gt WS^xi^ 
<L O. &. 158, mo audbrüdTtd^ gefagt tfl: 2>ie SQSmleler/ bie ^^ bie Bko^tfboten 
(»l^ofld) nemten, mag man loolfl rügen n* f. to. 

3) 9Sgt 0(i^fenbein o* O. unb Simbotd^ Lib. Inq. Amst 1692 p. 242 
Recepit in domo sua alium (Apostolum) ... una die vel daabuB. 

4) @te i^ielten in ben $^fem/ looi^in T^e lamen, (SoIIelten für bie ^rrnen 
ob. @. 2kit}ib 0. 0« O. 0. 211. 



72 

metnfd^aftlid^ ti^ätig finb 0« SDlan nennt fie Magister major unb 
Magister minor^), unb ber Sfingere, totläftt für bcn ädtercn unb 
beffen 8eben«Bcbfitfntffe fotßt, tft btcfem ju SMcnft unb Oel^otfa« 
unfiebtngt t)et))fli($tet (Sd f^eint, ald ob ber jifingere 3Rann ein 
„^loDije" getoefen fei, tod^tt ber ,,Sodalitas Apostolomm'' nod^ 
ni^t formeU ange^^rte. 

Um ber SDerfoIgung ii^rer ®cgner ju entgelten, jogen fie in ber 
Siegel in ber 2:rad^t Don Saufleuten t)on Ort ju Ort 93telfa(3^ 
fßi^rten fie — ober toenigften« ber jüngere ^Begleiter — audf loirE» 
luj^ lei^t trand)>ortaBIe SSaaren mit fid^, 3. ^. Wlt^tx, 9labeln, 
perlen u. f. to, 3n ben Käufern, bte fie gaftfrei aufnai^men, gaben 
fie fold^e (Segenftänbe tooi^I ald ^aftgefd^enle, em)>flngen aber in 
ber Siegel bafiir anbere S)inge, beren fie bebutcften, aU Gegengabe* 
®elb ju nei^men i^aben fid^ bie Wfo\itl naä^ Hudmeid ber 3nqtti# 
fitiond)>rotocot[e in ber Siegel geweigert; ob bie jüngeren S3egleitet 
jur gleid^en Steigerung t)ert>fi[i(^tet koaren, t)ermag id^ nid^t iu fagen« 
$atte ja bod^ aud^ unter ben 9()>ofteIn in ber Umgebung Si^rifti 
einer ben „SBeutel" gefüi^rt (3nba«) unb für bie 8eben«bebürfniffe 
auf ber JReife @orge getragen (Solf. 13, 29). 

SBir finben in benQuetten, bog bie ffialbenfer ii^ren Sl^jofteln 
eine ebenfo groge S3ere]^rung unb B^^^P^S ^i^ forgenbe Siebe 
iutt>anbten. (S9 ^attt fid^ balb gem&g Si^rifti 93er^eigung bie Ueber^ 
ieugung audgebilbet, bag, mer biefer eblen SOt&nner einen bei fi(9^ 
aufnei^me, S^riftum felbft beherberge unb in i^m ben ®eift be« 
®uten, unb im Saläre 1321 fagt bie SKJatbenferin 5lgne« be »inei« 
gerabeju an«, e« fei unter ii^nen ®lauben8faft, bag berjenige ein 
gottiooi^lgefäüige« SSSerl ti^ue, loeld^er ben toanbemben ^rebigem 
eine ®utti^at erioeife»), 

®o tonnten biefe „©dualer ber 3l<>oftel" auf e^rifti grage: 
„Sann id^ (Sud^ audfanbte oi^ne JBeutel unb ^afd^e unb ©d^ui^e, 



1) SSgt 2mhox^ (u O. (B. 344, 359 unb 5fter. Q» i{i in ber Flegel ber 
eine ein <Srei9 (senex) ber anbere ein Süngling (jaTenis). 

2) (S9 berbient iOeod^tung, bog biefelbe i^eaeid^nnng Magister be^i». Magistra 
major et minor in ben i93egi^inenl^Sufern unebertel^rt. 3n rSntifd^ ^{Hnt 
fennt man fie mxlit &. WM^6m cu O. @. 150. 

3) Simbord^ a* O. @* 359. 



73 

i^abet S^x SÄangcI an cttoa« gehabt?" »ic etnft btc «jjoftcl mit 
SBal^t^eit anttoottcn: „"an nt^t«" (8uc. 22). 

!£)ie Wfü\td fottten nad^ Sl^rtfti audbtüdl^er iDtetnung i^re 
felbftt)etseffene S)emut]^ au(3^ in ii^tem äußeren S(uftreten p er^ 
lennen g^^cn unb bcbfirfni^lo« ju fein in ii^rcm geben fid^ ge* 
iDdl^nen* anbeut fie i^t ganjed S)i(^ten unb Zxaifttn auf bad Seni* 
feit« tidfteten, foötcn fie bet @orge um ba« Dieffcit« mögli^ft fid^ 
entf(i^Iagett letncn (8uc 12), 

3n biefcm ©inne bcfai^I ii^nen ß^riftu« (8uc. 9, 3): „^ffx foüt 
nid^td auf ben S3eg mitnehmen, koeber ®tab nod^ 9}eifetafd^e, nod^ 
Sbxob nod^ ®elb nod^ einen jioeiten Hnjug'^ 0, unb bied tt>ar bie 
©ebeutung bet SBotte : „S^x fottt nid^t ®oIb, nod^ (Silber nod^ ffirj 
in euem ©ftrteln ^aben" (Watt^. 10). 

Unb jum ^A^tn beffen, bag fie fld^ felbft erniebrigt, folilen 
fie ,,®anbalen" tragen (SWatc. 6) unb leine ©d^u^e* S^riftu« 
ts>u%U ' e« tooi^I, baß aud^ bief e« geringe äußere ^däfm bann i^ßi^eren 
3ti>e(Ien gu bienen geeignet n)ar, koenn e9 bad ©efül^I ber 3uf^i^ 
menge]^5rigleit eri^öi^Fe* S)od^ toare e« falfd^, i^ier koie anbert])&rt9 
auf ben S3ud^ftaben unb nid^t ^xdmtffx auf ben ®inn ber 9(n^ 
koeifung ju feigen. 

«udf bie »efe^Ie {Wl<MXf. 10, 8—10): „Umfonft ffait i^r e« 
empfangen, umfonft. gebt t8 aud^" unb: ,,(ßn Slrbeiter ift feinet 
®^>cife koert^" em<>fingen in ber SluSlegung ber SBalbenfer ii^ren 
kooi^Iburd^bad^ten ®inn. 

X)enn fie fagten, e« gejieme fid^ nid^t, für SBoi^It^aten ®elb 
iu nei^men, unb um bie 93erfud^ung audiufd^Ueßen für bie, koeld^e 
ti bei ftd^ tragen, fetten fie tS übtx^anpt nid^t mit fid^ füi^ren* 
„9lur @)>eife unb Verberge unb ®efd^enle außer @elb bürfen fie oHi 
(Saf^efd^enle nei^men in bem $)aufe, bad fie freunbfid^ aufnimmt, 
aber ba« ©etteln ift ii^nen ftreng unterf agt" 2), 

JBefonbere S3ead^tung k)erbient bie JCl^atfad^e, baß aud^ bie ^n* 
kx>eifung S^rifti, burd^ koeld^e er befiel^It, bie ©d^koad^en unb fironlen 
p i^eiten {fOlaxc. 6, 13), k)on ben 9()>ofteIn ber SBalbenfet nid^t 

1) ^ad^ f&f^\Mn 2)09 9lette 2:eßameitt 2* mfi. 2:iibiiifien 1882 @. 118 
Umtet bie.tid^tige Ucberfe^mig mü^t ,S^ ^Mt', fonbent cinttt ,,|toetteit ^n^s". 

2) 2)i€9 berici^tet \^tn (Sberl^xb t}on I93etl^iitte. 



74 

BIo§ tri geiftltd^cm ®tnn Dcrftanbcn unb aufgcfagt tourbc SSict^ 
tttci^t toaxtn flc nadf bem aSotHlb ti^tc« Setter« unb ÜJlctftct« ebcrtfo 
für ba« fecltfdf c SBo^I unb btc gelftl^c „Sufewcdung ber 2i)bten" 
toic für ba« lefi&li^e (Sebcii^cn betet lebi^aft befotgt, bte t^nen otu 
i)etttaut toateti; unb tott finben in ben Oueüen i^äuflg, bag bie 
(Setftfld^en bet „ftefeet" jugle^ etnft^afte mebtdntf^e ©tubten gc^ 
mad^t i^atten* 

Httd^ bei btefen 3(t)ofteIn Betoa^ti^ettete ftd^ bad SBott, bag, 
„toet fidf felbft etniebttgt; eti^Bi^t toetben fott", 

Ucbctaü in ben ®emeinben genoffen fie ein ganj befonberc« 
Hnfe^en. 3n ©ttagbutg fagte eine gefangene Sßalbenfetin; fie tt)tffe 
e« nid^t anbet«, ate baß bie „i^eimlid^en Sehtet" (Sl|)ofteI) ^^i^eiftgc 
unb gBttlid^e Seute toäten" 9. UebetaK toutben fte untet bem SSolI 
futjtoeg bie „guten Ztntt^' genannt, unb i^t S38ott galt fftt btc 
©I&ubigen afö unbebingte 9lotm: untoeigetli^ leiftete man ii^nen 
®e^otfam ^). 

Dbtool^I fie, toie toit gleidf feigen toetben, außetl^alb bet tegel^ 
m&ßigen Otganifation bet u>albenfifd^en ©emeinfd^aft ftanben, fo 
bilbeten fie bod^ ein ungemein tind^tiged ©lieb betfelben* 

SDie anittl^eilung SDaüibd t)on Hugdbutg, baß bie 9()>ofteI t>ox 
\Sfxn 9(ufna]^me obet ^eft&tigung eine langbauetnbe SBotbeteitung«^ 
jeit butd^mad^en mußten, liefert ben ©etoei8,.ba6 biefelben untet 
fidf ein Soüegium obet einen cott>otatU)en aSetbanb bilbeten 3), bet 
fid^ nad^ feften ®tunbfS$en etg&nite« O^ne bie Slnetlennung 
unb ^anbauflegung biefe« „Slelteften^SRat^S" loatb SRiemanb in 
feinem Sel^tamt beftfitigt* 

S« i^at \piittt eine ^üt gegeben, too nad^ Sodetung bet alten 
Otganifation mand^e ^etfonen, bie fid^ unmittelbat ^on ®ott be^ 
tufen unb r>t>m „(Seifte" bctüi^rt loä^nten, ben ©etuf bet „8lt)0ftel" 



1) @(i^on (Stet>l^ntt9 be Torbene Uxid^ttt, bag biefed ^nfe)^ ber ^))0{ld 
auf WtatX^. 10, 20 berui^t l^abe« (S. $al^n a. O. 266. 

2) m^Tdd^ a- £)• @- 147 Slttm. 64. 

3) (Sine ^rt bon Organifatton f(i^nt imterl^tb biefe9 (SoHegümtd bor^« 
ben geioefen gn fein. 2)enn bei Sintborci^ (S. 377 lotrb anebrücflid^ ein SOton 
nantl^ft gemad^t unter ben ^^ofletn „qui erat major inter eos*. ^nbec« 
to&rt9 ^eigt berfelbe „majoralis''. 



75 

« 

toitOfitlid^ an fid^ ttffen« <£d koaren bted, ttne e9 in ber 9latnr ber 
®aäft las, ^^ 93otftabten bet Huftöfung. 

9fto(ä^ im 14. Sa^t^unbcrt fanbcn fold^e „?tot)^cten" bei bcn 
äBoIbenfetn lein 93ettrauen« (Sine gefangene SSalbenferin, bie t)on 
^nbi^eit auf in biefet Seigre etjogen toar, erKärte Dor ©etid^t, bag 
ber 3lt>ofteI 3o^anned t)on Soti^ringen bie 93ot(mad^ten feined S3e<' 
tnf^ „t)on®ott unb t)onbenenbefi$e, bieii^n anf biefen 
^laft geftellt ^ätten"i), 

!Die ,,Iangbauembe Untertoeifung" toirb fo ju i)erjiei^en fein, 
bag bie Wfo\id in ber Siegel üor^er aUe @tnfen ber regelmäßigen 
feelforgerifd^en 9lemter t)ertoatten mugten, nnb t)or Witm mad^ten 
fie im fj>ccieöen iDienft al« Begleiter ber alteren unb erfai^renen 
SKänner il^re t)raltifdfe 3Sorbereitnng8jeit für ben \pattxm ©eruf 
bttrd^2)^ ©elbft nadf all biefen aSorftabien aber toar e« erft ber 
freitDiQige (Sntfd^Inß ber ^Sd^ften @elbftt)erlengnnng nnb bie barauf 
ffxn erfolgte $ctnbanf(egnng, koeld^e bie DoQe (Sinfüi^mng in ben 
laSeruf enti^ielt ®o koaren bie Wfo^ttl faft immer älter« SOt&nner. 

23ir i^aBen oben Bereite bemerft, bag bie älngei^örigen biefer 
„®emeinben Si^rifti" fid^ nnter einanber ;,©rüber" nannten unb 
banad^ aud^ looi^l j)on Slugenftei^enben al8 ;,©rübergemeinben" be^ 
jeid^net tourben. 

!Da ift e^ nun in mei^r atö einer ^ejiei^ung toid^tig, baß, toie 
urlunblid^ feftfte^t, ba« (Soöegium ber äjjoftel (beren 3a^I fid^ übri^ 
gen^ nid^t fijrtren läßt) in ber (Semeinfc^aft ben 5Ramen ;,®otte8# 
freunbe" trug unb baß iene SWänner felbft fld^ unter einanber 
,,tJreunbe" nannten. 

S)a8 mei^rettoäi^nte ©enbfd^reiben ber italifc^en Slrmen au8 
ettoa 1230») berid^tet, baß e« nad^ ben JBefd^löffen ber ®^nobc J)on 
«ergamo (1218) ben Oemeinben frei fte^en fott, ii^rc „Ministri" 
O^Diener be« SBortS") ober ii^re regelmäßigen (Seelforger, auf loeld^e 
iDir nnttn iurfidßommen toerben, ju loäi^len entioeber ani ber 3a^l 

1) 8tmBor(i^ Lib. Inq. Tolos. (g. 291. 

2) Ku9 ben ^rotocolXen ber Stsquifttion ju ^outoufe erl^eHt biefe ^l^atfaci^ 
^ ba9 ebtbentefk. 9Sgt bie ©efd^^te be9 naci^tnatigen „WßO\tü^'' ber SBol« 
beitfer ^uguetud ®armi Bei SimBord^ (u.cu O. @. 365, gür bie (Srjiei^ung burci^ 
hm W^oftd ^arti^ototnSttd gaBett bie (Sltem bem $ttguettt9 eine ©untme ®elbe9 mit 

3) ^rcger in ben «B^. ber HI. (Sl b. Ä. ». SO. b. 2B. 1877 @. 234 ff. 



76 

bct „nuper conversi" ober bcr „amici", Uttb begett^ct ba^ 
mit beutltd^ ben Unterfd^teb bet Sedieren t)on bet ©emeutbe* 

9tod^ beutlt^cr btüdt ftd^ bet Untcrfd^leb ber „greunbe". unb 
bet „©tübct" ttt bet äbteffe iene« ©enbfd^tetBen« au8^ too gana 
audbtfiiSid^ gefagt tottb, bag bte SDtttt^etlung fotooi^l an bte „Sötiu 
bet" ttttb ;,®c^toeftetn" tote an (ben engetcn fitei«) bet ,,gtettnbe" 
getid^tet fein fotte*). 

9lud^ T)at>ü> t>on SlugöButg Beftättgt nm» Sa^x 1260 ben ®t^ 
Btand^ bed kantend ^^^ottedftennbe'' ganj andbtfidlU^ nnb 
tnbem et benfelBen änfonimenfteüt mit bet Söejeid^nnng „Sttme öon 
8^on" cbet ,,Sltnte ®otte8", »e^et auf bie „Slj)ofter' äntDenbung 
3U finben tJffegte, fo toitb babutd^ beten 3bentität ettoiefen'). 

3m 13*^ 14. unb 15. Sai^ti^unbett lei^tt in ÜDeutfd^Ionb, ju^ 
mal in Deftteid^, SBaietn, bet ©d^toeij u. f. to. bet SSlamt „iJteunbe" 
in bet lateinifd^en Jöegeid^nung ,,noti" toiebet unb eine unjutteffenbe 
UeBetfefeung i^at batau« bie „Äunben" (bie ©elannten) gemad^t 
Daß nid^t« anbete« al« bet 9iame „®otte8fteunbe" bai^intet ftedt, 
eti^ettt u. 5L an^ bem SBalbenfettJtojet; bet ftd^ ju gteibutg im 
Ue(ä^tlanb im Sa^te 1430 aBf^)ieIte, too e« i^eißt, bie SBalbenfet 
feien bie ,;®ott Belannten"; bie anbetn bie „®ott uuBdannten" 
(„deo ignoti")U ö>a8 natfitlid^ eine aSetftümmelung auS bau Sorte 
;,®otte«fteunbe" ift. Sit« ©egenfafe ju bem ffiotte ,,ßunben" tottb 
bet äuSbtud bie „SBelt" in ben ^tojeßalten bet fübbeutfd^en Sn^ 
quifition angegeBen unb e« et^eQt bataud, bag im 14. unb 15.301^^ 
i^unbett bet 5Rame ,,®ctte8fteunbe" Beteit« auf bie ganje ;,®emeinbc 
Sl^tifti", bie man fid^ ja im (Segenfafe iu bet ,;®emeinbe bet SBeß" 
badete; älnioenbung }u finben Begann. 

e« lag in bet 5Ratut bet aSet^ältntffe, baß bie ,,®otte8ftettnbc'' 
im engeten ®inn fid^ mit bet ^cit gu einem „äelteftentati^" unb 
iu einet 9ltt oon ©efammtoetttetung bet ®emeinfd^ft au«BiQ>eten* 

1) 2)ie SBal^I be9 92amen9 Berul^t unstoeifel^aft auf (Sl^nfH ^nioeifmtg 3ol^. 
15^ 12—14. 

2) Isti ypocritae diversa sibi nomina tribuunt; non eniin appellant se, qood 
sunt, idest haereiicos, sed Tocant se veros christianos et amicos dei et 
pauperes dei et hi^usmodi nominibus. ^reget in bm ^^* bet Ol. (£L b. $t. 9. fSL 
1878 n, 211. 

3) D(i^fcnBetu 2)er 3xiquifttion«»)tose6 u. f. to. 1881 @. 208. 



77 

Unb in bcr JT^at toaten bie Slngdegcni^cttcn bcr gartet in 
einer folgen ftörtjerfd^aft, beten aScttretcr für ii^re ^crfon mitbem 
SeBen aBgefd^Ioffen unb ii^r ganjed ©ein ber 3bee gekoeii^t Ratten, 
bie fie leitete, gut aufgehoben. 3n regelmäpgen B^f^tnntenlünften 
berieti^en bie „®otte«freunbe" über ba« SBo^I. ber (Seweinben in 
920)^ unb Sern, unb UKid fie befd^Ioffen i^atten, &)arb münblid^ ober 
in ©riefen ilberaö ben (Senoffen lunb geti^an. 3n ber {Regel fan^ 
ben biefe 9iat^f<i^ISge toUßged ®e^5r* 

SDian »irb nid^t fei^l gelten, loenn man bie befonbere Slrt bon 
Literatur, loeld^e biefe ®emcinben in ben fogenannten „®enb* 
f (^reiben" b* ^. in ben religiSfen ©elei^rungen in bcr gorm »on 
©riefen bcfifet, f^jecieü an bie ©nri^tung biefer „^oftel" anfniipft^). 

UrftJrfingüd^ fd^einen bicfelben in t)oetifd^er gorm abgefaßt »or* 
ben ju fein unb ben Si^aralter religiöfer Sei^rgebid^te gci^abt ju 
i^aben. 3m 14. Sai^ri^unbert finben loir fie in Dcutfd^lanb bereit« 
in ^rofa — loir loerben unten barauf jurüdlommen — unb jtoar 
natürlid^ in beutfd^er ®^3rad^e. 

5Der ^to^d bcr „©enbfc^reiben" toar, bie J5erf8nlid^e ©elei^rung 
ber abtoefenben „Magistrl" ju erfefecn* (S8 tourbe t)ermtebcn, bie 
9iamen ber (Semeinbe ju nennen, an vodSft fie gerid^tet loaren, ba 
fd^riftlid^e Sluf jeiiä^nungen leidet in falfd^e ^anbe faöen lonnten unb 
bann bie nami^aft gemaiä^ten Drte t)errati^en i^aben »ürben* Deß^ 
i^alb finb fie gcioö^nlid^ ganj allgemein an bie „d^riftltd^en ©rüber" 
ober an bie „S^riften^cit" gerid^tct unb tourben bann Don ^anb 
ju ^anb gegeben. Die ©d^riften ber 2Wänner, bie ii^r geben ge^ 
laffeu i^atten für ii^ren (Slauben, genoffen bei ben ©rfibern befon^ 
bere« 2lnfc:^en. 

©0 »arb bie JErabition Don ®efd^Ied^t ju (Sefd^led^t fortge^^flanjt 
unb toenn man beobad^tet^ mit toeld^r S^^^gfeit fid^ biefe Seigre in 
i^iftorifd^er ^nt unter unfägtid^em 8eib bel^autJtet i^at, fo barf man 
auf bie Dorl^iftortfd&en (&po6fm einen SRüdtfd^Iuß gleid^er ärt mad^en. 



1) 2)tefa 2tteratttt|toeig i{l no^ fafi gar tiid^t Unstet tootben; ed toäre 
ebte fel^r koid^iige unb banibate Aufgabe, bie frili^efHtt ..^enbfd^reiben'' ber ^re« 
ttter emmol aufammensuftdlen* (S9 loürbe ^^ bamt seigen, bag i^ter bte erflen 
größeren ®erfu(i^ beutfci^er ^rofa ju erfennen fmb^ 



78 

!£)te Wfo\td toaveti a(et tri^t Blog bte XtSger ber Ueberliefe^ 
Tuitg in Se^re unb Stttu«, fonbem fie Uxoci^tttn in intern engeren 
^eife }ugleid^ bie at^oftolifd^en SSoQmad^ten, o^ne )oe^e nad^ Zxa^ 
bttion unb 9ied^t biefet ©enteinfd^aft eine otbnungdmagige SSettpal«' 
tung be,i$ geiftlid^en 9(mted ni^t ju ®tanbe lonnnen lonnte^). 

!Cenn natürlid^ bebutften bie ^enteinben für bie äSerfe^ung 
ii^rer regelm&gigen Slnbad^töiiBungen ncd^ befonbere ®etflti^e unb 
\äfon X)aüib üon ^ugdburg beftäügt/ bag an^er ben 9())ofteIn Magistri 
ober Setter — eine ©ejeid^nung, toel^e im »eiteren ®inn aucä^ 
bie Wfo\itl mituntfattc — unb ©tublrenbe („Studentes") i)or]^an# 
ben getoefen feien, inbeni er berietet, bag bei ben ©otteSbienften 
für biefe ®elb gefammelt toorben fei 2). 

8lu8 bem oben erioä^nten ©enbfiä^reiben r>on c 1230 erließt 
gleid^faQd, bag neben ben Wfo\ttln, totl^t i^ier unter bem Flamen 
„arme" auftreten »), auif ;;2)iener" („Ministri") i)ori^anbett 
loaren, über bereu Smä^Iung ber tlrt 5 jene« ©(abreiben« S^^^ 
ftimmungen trifft 68 toirb barin geftattet, bie ;,!Diener" fotooi^I 
auf einen befd^tänften ^atxmm »ie für Seben^bauer einjufefeen. 
aSon einer ffia^I ber Slpoftel ift bagegen mit leiner ©ilbe bie SRebe- 
SSol^I aber lel^tt ber 9lu9bru(I ,,Ordinatio ministrornm'^, bag man 
eine formelle ©eftätigung ber ertoäi^lten Diener lannte*). 

„3n äbtoefenl^eit be« ÜÄeiftet«" («|)ofteI«), f agt m^nif, „mttt^ 



1) 2)ie ,,$anbaufTegung'' btefe9 $re9bi^tertutn9 ober euteS SD'Htgttebe^ 
beffdben fc^int bie notl^toenbige 8orau9fe^utig für bie red^tmägige Kmt9fill^rmtg 
ber ^\\^li\t ober, toie e9 in einer fiteren 3eit ^it, ber ^rebiger ,,itn i^oUen 
2)ten1l'' getDefen gu fein. 8on jenem ,,9(eUef)en^(SoIIeg'' ber ^of)el ging f^« 
ter, a(9 biefed ni(i^t mel^r beflanb, ba9 ^fU^t unb bie $f(id^t ber $anbanftegung 
an bie ^ettefta ber einzelnen ©emänben über* (S9 toar bie9 ober nur ein ^ot^ 
bebetf- 

2) 2)a)»ib bon ^gdburg a. a. O. @. 209. 

3) ^l^anblungen ber UI. (SI. b. $t. $. %. b. S. an äMn(i^ «b. xm ^tb- 1 
<^. 235: „Si aliqua persona consilium 'Pauperum' petierit... detur illi 
consilium secundum deum et ejas legem**. 

4) Bugltid^ b<utbelt iene Urinnbe in einem befonberen KrtiM »De preponi- 
mento**, nnb eS toirb barin befHmmt, bag (neben ben Ministri) gemeinfam 
(communiter) gn toäblen feien enttt>eber „Praepositi** auf Seben^geit ober ^Rec- 
tores** für befHmmte 3abter ie no^bem e9 für bie ©emeinfd^ft nü^lid^ fc^en. 
Säi bin einfitDeilen idd^i im @tanbe, bie gnnitionen biefer ä&ürbentrSger xk^ 
an befümmen. 



79 

tt)le8 unb etmai^nte ®nct au« ber ©cmetttbe", unb ba bic 2lb^ 
toefcni^eit bie SRegel toar, fo befanb ftd^ faft ba« gatQc 3a^t l^n^ 
but($ bte SunlHon bed ©eelforgetd Bei ben t)on ben ®eiiietnben 
crtPäi^Uctt ;,S)tenettt", 

e« log in ber Statut bet 35er^ältntf[e, baß ba, too bie (Sei* 
weinben Hein unb uitttetto« toareri; eine Sltt bon 8aien^)tebigeTtt 
att«i^iUf9tDeife ben ICtenft ))etfe]^en mußten« 

3u Snfang be« 14. 3ai^t^unbert8 Belannte bet ffialbenfer 
Sol^anne^ be SStenna, baß n btet getftl^e ©tufen (Ordines) an^ 
etlenne, nämltd^ ben et)t«co^3at, ba« ©acetbcttum unb ba« 
©talonatO/ 

3n in^ffok begegnen unSöifd^öfe berffialbenfet t)onben 
fröl^eften ^^tn an* ©tedi^off ^at mit SReiä^t l^eröotgei^oBen^), baß 
eine 33etgleid^ung be« aßortlaut« be« 3. Sa^jitel« be« gaterancon«* 
eil« Dom 3a^re 1215 mit bet ©ußeguciu«' m. bomSa^re 1184 
ben ©d^luß geftattet; „baß e« Bereit« bamal« i^äretifd^e SBifd^öfe ber 
SBalbenfer gegeben ffatf\ 3ebenfaß« ftei^t e« feft, baß bte ;,greunbe" 
in SDeftreiiä^ Bereit« im 3a^re 1240 einen ©ifd^of Befaßen* 3um 
Scifxt 1260 erjäi^lt ^feubo^SReiner, baß bie toanbernbernben ßtjan«' 
geliften, toenn fte in bie SomBarbei lamen, „ii^re ©ifiä^öfe Befud^ten" 3). 
SBon Den SBalbenfer^SBifiä^öfen be« 15, Oai^ri^unbert« toirb toeiter 
unten bie SRebe fein^). 

UeBer bie gunltionen be«a3ifd^of«^) toirb burd^ ben Bei ben 
SBalbenfern urlunbßd^ Bejeugten (SeBraud^ gid^t t)erBreitet, baß bie 



1) „Item, quod in ecclesia non sunt nisi tres ordines, episcopalis, sacer- 
dotalis et diaconalis**. SitnBotci^ üb. Sentent. Inq. Tolos. @« 290. !93gL 2)ied- 

l^ofl a, a, £)• @. 260, — ^5tt <u O. II, 370. 

2) «. O, ©• 168. 

3) Max. bibl. Pairum Vol. XXV. 266 C. 

4) SHoneta hm^ttt goTgenbed: „Ordinem ecclesiasticum . . . ipsi ad minus 
triplicem confitentur, scilicet Episcopatum, Presbyteratum et Diaconatum, sine 
quo triplici ordine Ecclesia Dei non potest esse nee debet, ut 
ipsi testanlur". (SotnBa a. O. @. 55 Sfottt. 3, — 2)cr SlttSbrttd Presbyteratus 
ober Presbyter ijl in ben bon Söatbcnfcm fclbp ^«rrül^mtbcn ©öcumcntcn nici^t 
nofi^toeiSBar. 3ol^. b. Sienna fagt l^att bef(en audbrücKici^ Sacerdotium ; f. oben. 

5) 2)aß bic bretfadjc ©rababpnfung !cinc«»cg8 mit berjoiigcn ber Ilcrüalen 
^erarci^e gnfammenf&ttt, unb bag {le auf gang anberen ©runblagen moa^\t(t 
ip, f. bei 2)ie(f5off a» D. ©• 26u 



80 

3lufnci]^me in blc ©cmctnfd^aft bct ^ßtcbtget fiä^on in früi^cn ^Aten 
mit einer ©eil^e (Orbination) öerfcunben toar 0* 8lu8 bem 15. 3a]^t> 
l^unbert toiffen toxx, ba§:bie[e SSSei^e öon bem ©ifd^of toHjogeit 
»urbe, unb e« ift lein ^totx^d, baß biefer ©tand^ auf utattcr 
SCtabition tetu^te. 

(gg ift fe^r tiKil^tf d^einlid^ , bag eine otganifiä^e SSerBinbung 
jtoifiä^en StJOftoIat unb (Spi^copat Beftanben ffat 5»id^t al8 oB 3c^ 
manb glcid^jeitig Sl|>ofteI unb Söifiä^of i^ätte fein fönnen — benn 
bie ©ifd^öfe, toeld^e unö Begegnen, l^aBen in ber {Regel fefte ®i|e — , 
aBet eö fiä^eint, att oB fold^e Stpoftel, benen il^t Stttet JjerBot, bcn 
S33anberftaB ju fügten, J)on ben (Semeinben ober beren SSertretem 
gern in bie SQSürbe beö ©ifd^ofö eingefefet u>orben toären, 

!Cie regelmäßigen gunitionen ber ^rebiger bürften in ber $anb 
be« ©tanbeö gelegen l^aBen, ti>el(ä^en 3o]^anne8 J)on S5ienna al8 
,,@acerbotium" Bejeid^net 

e« fte^t urlunblid^ feft, baß „i^re ^riefter nid^t fofften getoeii^t 

»erben, fie ptten benn breißig unb üier Safft iffxti Wiittß 
üBerfd^ritten"2), 

311« aSorBereitungöftabium für ben ^rebigerBeruf ift tieKeuä^t 
ba« üDialo na t anjufel^en, 3n ber ^anb ber 5DiaIonen lag bct 
„S)ienft ber 9lot^burft" (»ie e« in \p&tmx 3eit ^rißt), ba« ift bie 
33erti>altung ber ® emeinbe^Slrmen^jflege , bie l&icr Befonberc Jöead^ 
tung fanb, bie fiaffenfüi^rung unb fonftige äußere Sebienungen» 

2lud^ lann bie JEl^ätigleit iener „Magistri minores", toeld^c 
ti>ir oBen aW Begleiter ber „3(^)oftel" fennen gelernt l^aBen, al« 
!Durd^gangö= unb gei^rjcit für ben ^rebigerBeruf gegolten l^aBen. 

Slöe giad^rid^ten Bejeugen, baß bie ffialbenfer in ii^rer Befferen 
3eit benjenigen ©eifttid^en; bie fid^ biefem S5eruf auSfd^ließlic^ toib-^ 
meten, eine fidlere materielle gjnftenj getoä^rletfteten* 6« »urbcn 
fefte Umlagen unb D^jfer Bei ben (Sotteöbienften erl^oBen unb biefc 
floffen in einen gemeinfamen „Saften", Srft in einer öerfümmertcn 
^eriobe fallen bie „ J)iener beö SBortö" fid^ genöti^igt, i^ren Unter«* 
l^alt fclBft ju öerbienen^). 

1) 2)iecf^off a, O. @. 226» 

2) Ddf\mhm o, O. 0. 111. ^ie ^lotig ftammt au^ emem ^totocott ^otn 
Saläre 1399. 3) SHccf^off a. O. @. 202. . 



81 

®lcid^jctti8 Mt e« fcft, baj bic ©cmeinbcn in t^m ©lüt^e^ 
aeit i^toi\^t Snforbctungen an bic u>iffcnfd^aftlid^c ©Übung ii^rct 
®ctftU(ä^n ftcttten. ©d^on ?at5ft Snnocenj m. (1198—1216) it^ 
ft&tigt, baB bei bcn SBalbcnfctn geBilbcte gaicn („laiciliterati'O 
bic gunitioncn bcr ^rebiger öcrfci^en i^ätten % unb e« ift fein 3«* 
faß, bag bic Magistri ni^t feiten ben a!abcmif^cn (Stab bct 
Magistri liberaliom artinm fid^ ertoorBen i^attcn^)« 

3lu(ä^ in f^3äteren ?ßewbcn ntad^ten bic iungen SÄanner eine 
aJorBcreitnngSjeit bnrS^, ts>tläft Bcftimmt toar, fie auf ba« S^tjcau 
bcr B^^ttbnng ju i^cBcn, 

3nbeffen »ar unb BtteB aud^ Bei i^ten tegelmägigen ©ecl^ 
fotgetn bic $an<>tforberung bie, baß cSBctoäi^rte, Veifcunb toür^ 
bigc aWänncT feien , toeld^e ba« SBott öerfünbeten. 

!Dic SBalbcnfet erllätten, bet ju crtoäl^Ienbc ©eiftUd^e fottc 
butd^ feinen ScBcnStoanbel ben SÖctoei« filieren, bag er „S^tiftum 
in fid^ trage" 3)^ unb fie erläuterten bie« mit S^rifti 3«fcige: „SBet 
in bet SieBe Bleibt, bcr bleibt in (Sott unb (Sott in i^m". ^atjft 
3nnocenj III. Berid^tet, bie SBalbenfer tooHten nur einem ÜÄann 
gci^ord^en, ber „®ott in pd^ l^at" (qui Deum habet in se) ; einen 
fd^Ied^ten ^rieftet aber n>oItten fie trofe em|)fangener SQSeii^c nid^t 
ancrlennen^ 

@ie leugneten gar nid^t, baß fold^e SDiänner, locld^e loirKid^ 
„im Reifte" ®otte« toanbeln unb tjrebigen, feiten feien, unb baß fie ' 
fi^ bie äRöglid^lcU ber SBa^l fe^r Befd^ränften- »Bcr fie fagten, 
baß ein ein j ige r red^ter Söotc (Si^rifti mei^r toirle al8 i^unbert 
falfd^c unb fie loottten bie ^rebigt lieber ganj entBel^rcn al« fie in 
bic ^anbe fold^er aRänncr legen, bereu ffiortc mei^r S33ibcrti>iüen 
gegen bic äßai^ri^cit ald redete (SrBauung toirlc. UeBcr^aupt looHten 
[ic, loic loir gleid^ feigen loerben, bie ^rebigt aüein nid^t jum SÄittcl^ 
Iputtftc i^re« ®otte«bicnfte« mad^en. 

& ftei^t urlunblid^ feft, baß bie regelmäßige ®eiftlid^Ieit bcr 
saSalbcnfer in ben früheren Sai^r^unbcrten (im (Segenfafe ju ben 



1) 2He(f^off @- 176 Stmn» l. 

2) (So 3o^nne9 bon iBIumiiein gu ©traßburg au» abUd^em ®t\^U^t imb 
etabtf(i^mber. @. SRö^rid^ 3tWt. f. W* 2:i^eot 1840. 1, ©• 152. 

3) 2)tcc!§ofj a. O. @. 175 f. 

SttlUx, SHe 9{eformation. 6 



82 

„5l}5oftcln'0 t)cr^etrat]^et »ar ober fein burfte. Um bicfelbe 3ctt, 
»0 5Dat)tb t)on StugSButg ba« (gl^cöetbot ber „5l(30ftcl" mclbet, bc^ 
xxäfttt ^fcubo^SRctnct, bic SÖBalbenfcr lei^rteii; baß „bie ximx\äft Sitd^c 
im 6]^ct)etBot ber ®ctftli(ä^en irre, »ä^renb aud^ bte crientaltfc^e 
Atriale fie geftattc" !)• §«a(ä^ SDted^off« Unterfu^ungcn finb Bei i^nen 
Deri^eiratl^ete ©eiftttd^e oft nad^toeiSbar 2). 

(Sine ©genti^ümüd^Ieit liegt barin, bag bie „ÜDiener be« SBort«" 
in mei^r ober »eniger Beftimmten 3ö>iWetträumen, getoöi^nlid^ aüe 
brei Saläre, bie ©emeinbe toed^f elten 3), 

S^ lag i^ierin eine Slrt bon 2lnna]^erung an ba« SBanberleben 
ber Stpoftel, loie S^riftuö e« Befolgten tfat 5Kod^ im 16. Sa^ri^un^ 
bert mipißigte e8 DecolamtJab an ben SÖBalbenfern, ba§ i^re ®eift^ 
lid^en t)on brei ju brei 3a]^ren uerfefet loürben*), unb ^df). Saltin 
Befd^ulbigt bie (^genannten SEäufer, ba§ fie bei^au^jteten, Beftimmte 
Slrten öon ÜDienern be^ SBort^ foßten gleid^ ben Stpofteln ate toan^ 
bernbe ^rebiger t)on Drt jn Ort jiei^en^). 

(Sine toid^tige ßinrid^tung finb bie regelmäßigen ©^noben nnb 
(Sonferenjen, bie fie aBi^ielten. 

!CiefelBen Bilbeten ein SÖinbeglieb fotooi^l für bie ©efammti^eit 
»ie für bie einjelnen J)iftrifte, unb e« liegen ®rünbe für bie 2ln^ 
nai^me öor, baß fefte 5Rormen unb fefte JEermtne feit alten ^txttn 
i^ierfür gültig unb in UeBung »aren* 

Siatürlid^ erfd^toerte bie aSerfolgung ba« Sagen größerer 35er^ 
fammlungen ungemein* Um fo i^äufiger fanben fid^ bie Sl^joftel 
unb bie Slelteften au8 Heineren Sreifen ju einer 2lrt öon „üDiftriltS^ 
öerfammlung" an aBgelegenen Orten ober in bem $aufe eine« ju^ 
t)erläffigen Parteigänger« jufammen, Slni^altenbe älnbad^tSüBungen 
gingen ben 5Berat:^ungen J)orau«. 

. S33o eine freiere Setoegung möglid^ toar, fanben fid^ aud^ eine 
größere ^affl öon „SÖrübern" gelegentlid^ pfammen, ®o »irb Be^ 
rid^tet, baß um bie Sühtte be« 14. Sai^r^unbert« bie SBalbenfer öon 
^iemottt fid^ Biötoeilen 500 ^erfoncn ftarl catJitelötoeife („per modum 



1) Max. bibl. Patrum Vol. XXV p. 265. 2) 2)ic(!^off a. O. @* 191 f. 

3) S. 2)ic(!^ofj a. O. @. 202. — Od^fenBcin a. D. ©• 386. 

4) ©erjog a. O. @. 368. 

5) (Salt}tn Instructio adversus Anab.; Opusc. p. 485. 



83 

capitnli") öcrfammcltctt, g« ift fei^r toai^rfd^ctnltd^, bag btc8 'oi>x^ 
jugStocifc ^rcbtget unb Slcltcftc ober S^tatonen toarenO. — 

3tt ®eju8 auf t^rcn ©otteöbtcnft tritt al« ©gcnt^ümltd^- 
lett fd^on ttt bcn alten Oucttcn btc Zffat\aäft ffttoox, baß fie bcn 
^äu«Itd^ctt (SotteSbicnftcn eine ganj Befonbere SÖebeutung Betlegten. 

Unb jtoat i^ielten fie nid^t ettoa Bloß einfädle (SeBete, fonbetn 
fdmtlid^e WxiaäfUn, an koeld^en aUt, bie bent $aufe angei^örig 
toaren ober Oaftted^t bort genoffen, Slnti^eil nai^men. 

ffiir Befifeen üBer bie gorm biefer $au8gotte8bienfte in ben 
3nquifition8<>rotocoßett bie genaueften 9iad^rid^ten, 

®ie fanben in jeber toalbenfifd^en gantitie ber Siegel nad^ täg^ 
lid^ unb jtoar nad^ ber SlBenbmai^läett ftatt^). 

S33enn ein ,,5l}5oftel" jugegen toar, fo leitete biefer bie Slnbad^t 
unb jtoar in folgenber 333eife, 

aSor ber 3Kai^ljeit ^pxaäf er ben ©egen^) nad^ i^ergeBrad^teui, 
Iciber nid^t üBerliefertem JRituaL 9lad^ SEifd^ tjerließ man ba« ®pt\\t'^ 
jtmnier unb fanb fid^ in bem 9iaunt jufammen; loeld^en man für 
bie $au8anbad^ten Beftimmt i^atte*)* 

Dort fnieten aße äntoefenben nieber, jeber 'oox feinem ©et^iult 
(super bancam); unb ber ©eiftlid^e (ober beffen aSertreter) \pxaiSt 
laut bad SSaterunfer; loeld^e^ bie ^üxtx mit Beteten, Dann t)er^ 
i^arrten fie eine ©eile 3eber in ftiüem ®eBet Bi^ ber ^rebiger ba^ 
3etd^en jum Slufftei^en gaB^)* 

geleite ber (Seiftlid^e, fo toarb bie tlnbad^t mit ber aSorlefung 



1) ©• ^crjog a. a. O. @. 273. 

2) SimBord^ o. O. ©♦ 242: „Item ipsa (Stgne« (Sl^anoati im Saläre 1315) 
et maritus suus seryabant modum orandi praedictum post cenam de sero et 
aliquando de mane, sicut viderant dictum Johannem (Yaldensem) facientem**. 
2)icfcr 3oi^OTtc« mar ^ W^o^. 

3) SSgt tt, ^ SimBordJ a- D. @- 231 unb öfter, 

4) SiinBot(i^ a. O. @* 345 (Magistri) benedixerunt mensam secundum mo- 
dnm suum et post cenam intraverunt quandam cameram, ubi dictus Bartholo- 
maeas Yaldensis dixit multa yerba etc. 

5) Dft f(i^nt man lange fo in Imenbem ®eBet ^»erl^nt ju l^Ben. 2)ie 
^rotücolle toieberi^olen bie9 menigftend au^brücflid^. %t SimBord^ a. O« (S. 242 
©• 355. — S3gl. üBcr btc (ginjeri^dtctt SimBorc^ @. 353, 355, 368 «nb öfter, 
2)a« Itticnbe »etcn ip iirengjle SSorfd^rift in ©emäg^eit be« S3orBilb« ®^rijtt 
bei 8nc. 22, 41. 

6* 



84 

(lectio) eine« äbfd^nüt^ bct 1^. ©d^ttft Befd^Ioffen, btc cnttocbet 
inxäf bcn geltet be^ ®ebet8 ober in aBtoe^felnber SReii^e burd^ attc 
äntoefcnben erfolgt fein burfte* aBöt aber ber „2l|)ofter' jur ©tettc, 
fo Inil|3fte er an ba^ (Sebet eine Slnf^jrad^e, bie fid^ ftet« an bic 
^ ]^. ©(ä^rift anlei^nte^) unb in bcr SanbeSf^jrad^e 2) t)or8etra8cn tourbc; 
je nad^ fetner ©egabung ließ er ben Xroft unb bie SKal^nungen bcr 
f rollen SBotfiä^aft Don S^rifto auf bie ^'ixtx jur ffiirlung !ommen* 
3ulet5t Utttt er für bie, toeld^e in gaftfreiem $aufe ben ®enb^ 
boten ß^rifti ©d^uft unb ©d^irni ju geioäl^ren fid^ nid^t gefd^eut 
i^atten^), unb erinnerte an ß^rifti ffiort, ber ba f^^rid^t: „SBer 
eud^ aufnimmt, nimmt mid^ auf, unb »er mid^ aufnimmt, nimmt 
bcn auf, ber mid^ gefanbt ^at" (SKatt^- 10). 

65 toar biefe gorm be« ®otte«bienfte^ leineötoegö ein blo§cr 
g^otl^bel^elf, ben fie, toenn fie im SBefift t)on Sird^en geioefen toären, 
faüen gelaffen i^ätten; öielm^i^r berul^te biefelbe auf einem feftcn 
Oefet}, toeld^e« fie auf bie ©tette ber ©ergtJrebigt grfinbeten, ü>o 
Sl^riftu« fagt äßattl^. 6, 5—6: „Unb »enn i^r betet, fo fott e« 
bei eud^ nid^t fein toie bei ben ^eud^Iern ; benn fie berrid^ten gerne 
xifi^ (^titt in ben Synagogen unb an ben ©tragenedfen ftel^enb, nvx 
fid^ ben 9Renfd^en gu geigen. SBal^rlid^, id^ fage eud^, fie l^aben ii^ren 
Soi^n bai^in. 5Du aber, toenn bu beteft, fo gel^e in beine Kammer 
unb fd^Iieße beine Z^üx unb ittt gu beinem SJater". 

!Ca nun Si^riftu^ felbft öeri^eißen ffat: „SBo jtoei ober bret 
berfammelt finb in meinem 5Wamen, ba bin id^ mitten unter i^nen", 
fo füi^Iten fie fid^ bcm ©öttlid^en nai^c aud^ ba, 100 in ungetoeil^tem 
9iaume fromme ^erjen fid^ auö freiem antrieb^ gum ®ebet ju^ 
fammenfanben. • 

So ift eine gang mertoürbige grfd^einung, baß fie gegen btc 
fteingeioölbten Sird^en eine getoiffe Abneigung nie l^aben überioinben 
lönnen^). ®ie i^aben pd^ gtoar nie geweigert, an ben fird^Iid^cn 

1) ®ic8 toirb auSbrüÄtd^ bcjeugt bei Shnbord^ a. O. @. 353. 

2) @. Simbord^ a. O. @. 254. 3) SSgt. fiimbord^ a. O. @. 359. — Uebcr 
ba9 ^tuggebet na(i^ ber „praedicatio" bgt. avi6) Shnborci^ (S. 345. 

4) Mt OueHen {Hmmen barin übereilt. @o fagt $feitbo«9leitter: Derident 

ecclesiam muratam et appellant eam vulgariter ^Steinhaus**. Max. bibl. 

Pair. XXV, 266 D. — 2)ie erflärung biefer ©rfd^einung toirb fiäi unten flnbcii; 
bg(. ba« 7. (Sa^tter. 



85 

®ottc«biettftcn ti^ciljunei^mctt , aitx fic etfannten barin mei^r eine 
5Wad§a]^mung iübtfd^er unb i^etbntfd^et ©^nagogen unb Ztmpd aW 
eine Söefolgung bet ©efel^Ie Si^riftt unb bet Wfo\ttL 

®Ufft niäft 5l}5oftelgefd^. 17 unter auSbrüdltiä^er .©ejugnai^ttte 
auf ben ®ctte8btenft bet Slt^enet: ,ßott, bet bie Seit gemad^t i^at 
unb Mt9, mi batinnen x\i, fintemal er ein $err ift ^immete unb 
berSrbe, tooi^nt ntd^t in Ztmptln mit Rauben gemaiä^t". 
— „©Ott ift nid^t ferne einem 3eglid^en unter un«; benn in ii^m 
leben unb toeBen unb flnb loir"* 

^ffxt Sbee toar bie, baß eine reine ÜÄenfd^enfeele ber einjige 
Ztmptl fei, in toeliä^em ®ott »»i^ne, unb too eine fold^e ift, fei e« 
in ben Sirenen ober anbertoart«, ba ift er bem ÜÄenfd^en nal^e* 

Um ii^re D^)i)ofition gegen bie „Rird^en" jU öerftei^en, muß man 
ii^re aWotibe in« 5luge faffen. ®ie fagten (toie un« ein Snquifitor 
be« 13. 3ai^r^unbert3 beriiä^tet), „eS'fei beffer bieSlrmen ju 
beileiben alSÄird^enioänbe ju fd^mfiden''^) unb fie beu^ 
teten bamit an, baß fie ben ungei^euren gufu«, »eld^er in biefer 
Äid^tung getrieben toarb, mißbilligten. 3n ber ^at flnben toir, 
baß in 3^^^^^/ ö>o ber arme 3Kann in fd^toerer %>t^ fcttfjte, bie 
Äitd^en t)on ®oIb unb ^rad^tgeräti^en ftrofeten, bie ^ier unfrud^tbar 
ebenfo für bie aSoßStool^Ifai^rt toie für bie Steigerung ed^ter gröm^ 
migleit aufgefj5eid^ert lagen. 

3^re 5l}5oftel unb Seigrer tjrebigten mit SBorliebe nad§ uraltem 
Sorbilb unter freiem f)immel. SBo bie« nid^t möglid^ toar unb »o 
bie aSeri^ältniffe e« ii^nen gematteten, für bie gemeinfamen aSerfamm^ 
lungen unb ba« äbenbma^I ein eigene« ©ebaube aufjufüi^ren , ba 
bauten fic ii^r „?lnbad^t«i^au«" gtt>ar gebiegen, aber einfad^ unb an-» 
ftatt bie ©änbe mit foftbaren ©egenftänben ju fd^müdCen, bauten 
fie neben i^re Sird^en «f^Ie für bie «rmen unb madf^ten e« fid^ 
jum ®efefe, baß in ber ©ocietat ber „©rüber" 9Wemanb fein bfirfe, 
toeld^er gegtoungen loäre, SRoti^ ju leiben ober burd^ betteln fein 
®rob JU öerbienen, 

Die geier ber JKeffe unb bie ftet« erneute OtJferung be« $ei^ 
lanb« burd^ ben ^riefter lantiten fie nid^t; aber i^ren ®otte«bienften 

1) ?fcub0-9icincr a. O. (Item dicunt) quod melius esset vestire pauperes 
quam ornare parietes. 



86 

toatb bcnnod^ fcine^tocg« ba« cti^ebcnbc ©cfüi^l entjogcn, ti>cl($ett 
baö ctti})fän8fi($c ©cmüti^ au^ bcm ©lauBcn an bic ©cgentoart be« 
^ettanb« ju cntnci^mctt im ©tanbc tft ÜDcnn nad^ i^ret Seigre 
toar S^tiftu? auf ®runb feiner eigenen SSen^eißungen in ben guten 
aßettfd^en, bie anbäd^tig feiner gebenlen, toirifam unb gegenwärtig, 
unb bie UeBerjeugung t)on bem ©efife beö at>oftoUfd^en ®^ari8ma, 
ba« il^re ©eifttid^en burd^ bie $anbauflegung em})fangen i^atten, 
toar e«, ti>etd^e biefe aßenfd^en bei ii^ren fd^Ud^ten ©otteöbienften 
mit l^eiUger S^rfurd^t erfüllte, fie tröftete unb ftärlte, 

Die (Srbauung unb gri^eBung itxn^t leine^toeg« in erfter Sinie 
auf ber ^rebigt* SBenn ber ^rebiger an^ bem ®runbe geifterföüten 
©emilti^« ti>a]^ri^aft SBorte beö geben« i^erijorjubringen tou^t^, fo 
l^atte biefer S^eit be« ©otteöbienfteö natürtid^ bie tieffte ffiirfung 
auf bie 2lttbäd^tigett* 2lber fd^on ber SKangel an funftgered^ten 
^rebigern 8ö)ang fie, ber Siturgie unb bem gemeinfamen ®ebet eine 
t)iel größere SBebeutung ju geben, aW man fie Dietfad^ ^tutt lennt 
5Da« eittjige, toa« fie im ©otteö^aufe fud^ten, toar bie Sftä^e il^re« 
^eilanb«, unb biefe toirlte aud^ oi^ne ^rebigt erquidenb unb tröftenb 
auf fie, ti>enn fie in innigem ®ebet i^n fud^ten* 

S« t)erbient bie befonbere ©ebeutung ]^ert)orge^oben ju tperben, 
toeld^e fie in i^ren ®otte3bienften bem „SSater unfer" gaben* 3d^ 
l^abe nirgenb« getefen, baß ba« Slpoftolifd^e ©^mbolum in i^rem 
{Rituale eine JRoHe gef})ieft ^'aüt, aber baö ®ebet ß^rifti feiert ftetö 
(unb jtoar oft in t)ielfad^er SBieberi^otung) in lautem unb ftiKem 
®ebet be« ©nsetnen toie ber ©emeinbe toieber* 3lu3(egungen be«* 
felben gei^ärten in ben beliebteften Si^ematen begabter ^rebiger unb 
babei ift e« intereffant, toxt mannigfad^e ©eiten fie ben einfad^en 
©äfeen abjugetoinnen toußten* „üDein JReid^ lomme" — biefe wenigen 
SBorte regten eine ganje ©ebanfentoelt bei i^nen an, bie baö ®e* 
müti^ biefer ÜRänner toie ein mäd^tiger 3ciuber erregte unb erfaßte* 
5Da6 Äommen beö ®otte3reid^3 ober mit anbern SBorten bie aSer* 
toirlUd^ung beö fitttid^en 3beaU auf ßrben toar ii^r in* 
brünftiger SBunJd^ unb i^r i^eißefteö ®tM. 2lber nid^t btoß beten 
toottten fie barum, fie toottten an i^rem Steile nad^ Kräften mit* 
toirlen, ba« JReid^ ber Siebe unb be« griebenö, baö ß^riftu« t)er* 
i^eißen ^at, aufjubauen unb ii^m bie Söege ju bereiten* ©er fcfte 



87 

(SlauBc an bie« 3beat ^at i^nen einen SKut^ unb eine ©egeifte*^ 
rung t)erliei^en, toeld^e trofe ber tounbertid^en ^nt^attn, toeld^e fic^ 
in cinjelncn Sö})fcn baran fnil|)ften, ftcW bte ©etonnberung Don 
ß^riften unb 9Wd^td^riften bei^atten toirb* 

3n ©ejug auf bie l^eiligen ^anbtungen, toeld^c bie äfn\üxä)t 
®emeinf(^aft unter bem Stamen ber ©acramente ferint unb gemäß 
S^rifti Sinfefeung übt, fte^t eö feft, baß fie baö Slbenbmai^t unter 
Beiber (Seftalt ju feiern ^)flcgten. !J)urd^ ®ebet bereiteten fie fid^ 
barauf öor. 

Sine Doüe Uebereinftimmung über bie Sluffaffung be« üK^fte^ 
tium^, toetd^e« fid^ nad^ ber Äird^enlei^re baran Inü^)ft, fd^eint unter 
ii^nen nid^t Dori^anben getoefen ju fein* 25ei ben religiöfen SSor-» 
ftcüungen, toie toir fie lennen gelernt l^aben, beburften fie eine^ 
naiveren ©ngel^en« barauf aud^ nid^t; benn toenn bie Sird^e lei^rt, 
baß ®ott fid^ nur burd^ bie „5Wittel" ben SKeufd^en nai^e, fo toaren 
fie eben ganj im (Segenti^eil ber 2lnfid^t, ba§ eö eine unDermit-» 
tclte ®emeinfd^aft ber guten ÜRenfd^n mit bem ©öttlid^en gebe* 

Sebenfaß^ fielet eö feft, baß fie toeber bie bamatigf lati^olifd^e 
nod^ bie f})ätere luti^erifd^e 5luff affung t^eilten ; Dori^errf d^enb »ar 
bei i^nen bie Ueberjeugung, baß baö 2lbenbma]^l eingefefet fei ebenfo 
ate ^däftn ber Erinnerung toie ber üKai^nung, — ber (Erinnerung 
baran, "baß S^riftu^, toeld^er für bie ©einen ba« 25rob beö geben« 
getDorben ift, für bereu ^eil gebrod^en toarb am Sreuje, gur Er- 
mahnung, baß ti>ir für einanber ebenfo bereit fein foKen, unö bred^en 
gu laffen, unb baß ©iejienigen , bie reine« ^erjen« ba« getoeil^te 
©rob genießen, ein« unb einig feien in ber Siebe unb in ber Ein- 
gebung für einanber* 

5lber e« loar bei i^nen aüerbing« ®efefe, baß e« getoeii^te« ober, 
tt>ie fie fagten, „gefegnetc«25rob" (panis benedictus) fein muffe, 
toeld^e« jur 5lbenbma]^t«feier t)erti>enbet loerbe* ©er ©egen, toie fie 
ti^n faßten, fonnte nur Don bemjenigen erti^eitt toerben, totl^tx inner* 
l^alb ber a})oftoüfd^en ©ucceffion ftarib ober burd^ bie ^anbauflegung 
eine« „2lpofteI«" bie SSoKmad^t gur ©egenfpenbung erl^alten i^atte^)* 

1) S)abib Don SlugSburg gicBt über bie Slbenbmal^töfeier fotgenbe« »id^ttge 
S^eferat: „Corpus Christi et sanguinem non credunt vere esse, sed panem tan- 
iam benedictum, qui in figura quadam dicitur Corpus Christi, sicut dicitur: 



88 

3tt ©cjug auf bie ©ct($tc toatcn fte butiä^au« t)on bet UeBet-» 
jeuguttg burd^btuttgen, ba^ ®ott im ©tanbc tft, oi^ne SIRttte^ 
luttget! bcnicntgcn Ic«jitf^)te($ett, toeld^er tti toai^tet {Reue bemüti^tg 
barum Bittet 

©ctt ©lauBen an bie bcn 3li)ofteltt unb i^teit Siaiä^folgint gc= 
gcBene SSoKmac^t be« „©inben« unb SBfen«" l&iefteti fic jti>at feft, 
aBer [ie beuteten bieö ni($t al« einen tid^terllc^en äfft, fonbetn glcidj-» 
fam aW ©ejeic^nung für bie gunftion be« „©d^tüffeltraget« be« i^imnt^ 
Ufd^en SRid^tet«"- Der ^rieftet ift nid^t im ©tanbe, fagten fie, einen 
{Reue i^eud^elnben SKenfd^en in SOSaj^tl^eit ju löfen unb eBenfo toenig 
einem toai^ri^aft SReumüti^igcn bie 8oöf})te($ung toitifam ju öettoci^ten* 

©leid^iDOl^l l^atte bie ©eid^te in il^ten Singen einen ganj Be^ 
ftimmten SBett^, unb fic i^ielten gemä^ ß^tifti ©orten nur ben* 
ienigen ©ciftüd^en jum ®ei(ä^ti^5ten Beted^tigt, auf toeld^en bie aSoö-» 
mad^ten bet 2l^)ofteI Iraft bet ^anbauftegung üBetgegangen toaten. 

®ie fagten nämtid^, bag bie ©eid^te nid^t nut ben ^tDtd l^aBe^ 
butd^ bie SReue ju bet jeittoeitig eingeBüßten ®nabc ®otte« jurfict 
juffii^ten, fonbetn baß fie aud^ bet Slnlag jum änfang etnftet ©effe^ 
tung toetben foüe» Den 2öeg ju fold^et ©elBftetneuetung aBet 
fann unb foü bet ©eiftlid^e jeigen, bem toit öetttaucnSboü unb 
teumfiti^ig unfet innete« ^ets etöffnen* 

gilt biefe «uffaff ung ift ba« ©efenntniß fei^t inteteffant, tocld^e* 
bie SBalbenfetin ^ugueta, bie ©emai^Un 3ol^ann« »• SBienna, im 
3al^te 1321 öot bem Snquifition^getid^t öon Xouloufe aBIegte; ba 
fie in bem toalbenfifd^en ©lauBen bon 3ugenb auf etjogen toat 
unb i^tem ®inn iebe Beted^nenbe (gntfteöung il^tet {Religion fetn 
lag, fo Befifet ii^t 3^^P^B Befonbete ©ebeutung, ®ie fagte au8, 
ii^t ©lauBe fei, „bag (Sott aüein aBfofeitt üon ben ©ünben unb ba§ 
ienet (©eiftUd^e), üot bem bie ©eid^te bet ©ünben gefd^iel^t, allein 
einen {Rati^fd^lag gieBt, toie bet aßenfdf (fetnet) i^anbeln fofl"0- 

Petra antem erat Christus et simile. Hoc autem quidam dicunt, tantum per 
bonos fieri, alii autem per omnes, qui verba consecracionis sciunt. Hoc etiam 
in conventiculis suis celebrant, recitantes verba illa ewangelii in mensa sua 
et sibi mutuo participantes sicut in cena Christi **. $reger a« O* U, 207. 

1) SimBord^ cu O. ®. 290: dixit, „se credere, quod solus Dens absolTit 
de peccatis et ille, cui fit confessio, solummodo dat c'bnsilium, quid de- 
beat homo facere". 



89 

Um einen fot^en guten ^aüf ju crti^etten, Bebatf e« natärtidf 
nt^t fotooi^l bet fttd^Ui^en Dtbinatton aW ber toasten ©eelentein^ 
l^eit unb toetfen ©npd^t bc« Sdtxäftoatix^. 

3n ben Snqutfitton^ijrotocoüen toirb fei^t i^'äufig ertoäi^nt, baß 
btc „SBaftenfet" tl^ten Setd^tfinbern eifrige« ®tUt afö „©u§e" 
auferlegt i^ätten; eö muß aber auöbrüdtic^ Betont toerbcn, bag einer 
ber genaueften Renner beö SBatbenfert^um«, ber fogenannte ^feubo- 
{Reiner, ju ben Srrlei^ren ber Partei bie jäi^It, baß fie leine ©ußen 
uttb ^Snitenjen auferlegen tooDten, gälf($U($ Beriefen fie fi^, fagt 
jener> barauf, baß Si^riftu« felbft feine Süße i^abe auferlegen tooöen 
unb ju ber ©ünberin gefjjroi^en i^abe: „®ei^e i^in unb fünbige ferner 
ni(ä^t mci^r"^)* 

6« leuchtet ein, baß ba«, toa« bie 9lotarien ber 3nquifitiott 
„©uße" nennen , eben nur Jene äntoeifungen auf ©efferung be« 
geben« toaren* 

g« öerftei^t fi($ Don felbft, baß biefe Slrt ber ©eiiä^te nur in 
ber ©^jedalbeid^te möglid^ toar* (Sine beftimmte SSorfd^rif t über bie 
§Rotl^n)enbigfeit foli^e« ©eid^ten« l^at nad^toei^tic^ bei ii^nen nie be-» 
ftanben» 

üDaneben beuten Snjeid^en barauf i^in, baß (auf ®runb öon 
3acob. 5) eine 8lrt J>on genereller ©eid^te gebraud^lid^ getoefen ift» 
& loirb aber au^brficKid^ berid^tet, baß biefelbe nur im aögemeinen 
SBelenntniß be« ©d^ulbgefüi^l« beftanb, unb e« fd^eint, al« ob ii^re 
Siturgie eine gorm befeffen i^abe, um bie« jum allgemeinen äu«* 
brud JU bringen» 

Sludf ber 2; au fe legten fie folgered^t nid^t bie ©ebeutung bei, 
»etd^e bie red^tgläubigen ®egner ii^r gaben» !Denn toäi^renb biefe 
leierten, e« fei eine Slbtoafd^ung ber ©ünben, toeld^e feit Slbam« 
gatt in ©eftalt ber „(Srbfünbe" aüen aßenfd^en eintooi^ne, fo 
lonnten fie eine fold^e Sluffaffung fd^on be«i^alb nid^t tl^eilen, toeil 
fie jenen ©egriff ber ßrbfünbe nid^t lannten^), 

®ne öbereinftimmenbe ^rap« fd^eint bei ii^nen in biefer 9iid^^ 
tung in golge be« Drude«, unter toetd^em fie lebten, nid^t jU ©taube 
gclommen ju fein. 

1) Max. bibl. Palrum Vol. XXV p. 265 E. 2) Sflc^ im Saläre 1530 fcl^ftc 

il^ncu ber ©egriff ber ,,(5rbfünbe". ©gt ^erjog a. a* O. @. 357 unb 360, 



90 



aßetftenö ließen fte t^re Ätnber taufen, bod^ mit bem 95ot^ 
ht^olt, baß biefe Seremonic toeber fd^abe nod^ nüfee ^). 

(So liegen Slnjeid^en bafür öor, baß fie eine äufnai^me ber 
iSinber in bie d^riftUd^e ©emeinfd^aft aüerbing« für erforberlidj 
l^ietten; fie t)oüjo8en biefelbe burd^ $anbauf legung unter ®ebct bet 
©emeinbe, 

©ei^r t)tele SOSatbenfet Bettad^teten , toie toit Beftimmt toiffen, 
bie Saufe auf ben®lauBen aU bieienige gotm, hjeld^e (S^rifti 
©orten unb SBefel^len gemäß fei* ®ie l^ietten biefelBe für ba« 3^'^^^ 
beö SBunbeö eine« guten ©etoiffen« mit ®ott, unb eö ftanb ti^ncn 
feft, baß fie nur ate fold^eö SBertl^ befifee. ÜDic Belannten ©teKen 
2Äarc. 16, 16 unb aßatt^. 28, 19 führten fie für fid^ an. 

©d^on au« bem Saläre 1260 Berid^tet ^feubivSReiner toörtlid^ 
Jjon bcn SBalbenfern: „3n ©etreff ber Slaufe irren Sinige, tnbem 
fie Bci^au})ten, bie Keinen Äinber würben burd^ bie Saufe nid^t 
feiig, benn ber $en fage: "SOSer ba glauBt unb getauft toirb, ber 
toirb feiig ö)erben'; nun gtauBe aBer ein Äinb nod^ nid^t"* 

„einige taufen öon bleuem", fä^rt ber 3nquifitor fort, 
„anbere legen bie ^änbe auf anftatt ber Saufe" 2). 

©er ©ominilancr ®ttp^ann^ be ©orBone, toeld^er burd^ feinen 
Slufentl^alt in 8^on ©elegenl^eit i^atte, bie Partei ju fennen, be- 
rid^tet um ba« Sa^x 1250 t>on t>tn SBalbenfern: „einige finb 
JJBiebergetaufte, hjeld^e leieren, baß bie ®läuBigen t)on ber Äird^e 
lieber ju taufen feien" 3)- 

2lud^ 5Dat)ib t>on 8lug«Burg^ Beftätigt um bief elBe 3eit bie an- 
fid^t ber Söalberifer, baß bie Saufe nur ben (SlauBenben nü0td^ 
fei, inbem er fagt: „®ie fjjred^en, erft bann hjerbe ber SKenfd^ in 
S£Bai^r^eit getauft, loenn er in i^re Refeerei eingeführt fei ©ntge 
aBer fagen, bie Saufe nüfee ben ftinbern nid^t«, toeil fie nod^ nid^t 
einen tl^ätigen ®lauBen l^ätten"^)* 

1) 2)er ^cl5ni!|)futtg ber ©cnngfd^ä^ung ber ^nbertaufc l^at (gberl^arb bon 
©etl^une ein Befonbere« (Sa^jitel geicibmet; f. Max. bibl. Patram XXIV @. 1543. 

2) ^regcr a. a. O. @. 206. 

3) „Alii rebaptisati, qui rebaptisandos ab Ecclesia esse dicunt** bei^iecf« 
l^off a. a. £). @. 160 Slnm. nad^ b'Slrgentre a. O. ©• 86. 

4) „DicüDt, tunc hominem primo vere baptizari, cum in eorum heresim 
fuerit inductus. Quidam autem dicunt, baptismum non valere parvulis eo 



91 

3tt bcr Sfti^anblung beö ermcngarbu^ : „SSßtbet btc Söalbcnfcr" 
i^ct^t c« i)on ber 2;aufc: „@6 fagcn aud^ btc ^ärctilcr, baß Seinem 
bte« ©actament nüfee, toenn er ntd^t mit eignem SKunb unb $^tjen 
Begehrt" !)• 

©ief elBe Slnfc^auung tritt aud^ im 1 5* öal^ri^unbert Bei ii^nen 
}w S:age2), toie h)ir leitet unten Bei ben BBi^mifd^en ©rübern im 
5Ra]^erett feigen hjerben* 



SBenn toir tüdBUdenb ben ©efammteinbrud jufammenfaffen, 
ben bie Partei in bem ©eoBad^tet ertoedt, fo fann man fid^ ber 
UeBetjeugung nid^t ertoei^ten, bag fie auf (Srunb ii^rer ^tinctpien 
mit glüdßtd^em Jlaft il^ren ^kUn fid^ angenäi^ert l^at 3n feften 
9lormen geBunben i^at biefe JRid^tung fid^ unb il^ren 5ln^ängern 
bod^ eine greii^eit ber SBetoegung gefid^ert, bie e« il^r mögüd^ ge* 
madjt i^at, unter ben ungünftigften Umftänben ftetö neu fid^ ju 
otganifiren, toenn ber ^aß ii^rer geinbe immer hjieber ii^re Beften 
SKänner jum ©d^affot gefüi^rt i^atte* 

ßö ift ö)a]^r, baß aud^ fie ber menfd^üd^en 5Watur ben 2:riBut 
ber ©d^hjäd^e entrid^tet l^at; aBer berienige gel^ler, ber i^nen für 
bie SBegrünbung einer Sßaffeni^enfd^aft am meiften i^inberüd^ ge- 
toefen ift, ti>ar i^r Sbeaüömu« unb bie i^ol^en fittUd^en gor- 
berungen, ö)eld^e fie in einer rollen ^txt an bie „redeten ß^riften" 
fteüten* 

®anj Befonber« finb ii^re äußeren (Srfolge Becinträd^tigt hjorben 
burd^ bie grunbföfeüd^e SlBlei^nung, toeld^e fie ieber hjeltlid^en SKad^t 
gegenüBer an ben 2;ag tegten* 9?id^t, baß fie JemaW ben DBrig- 
leiten ben (Sei^orfam t)ertoeigert l^ätten — aud^ nid^t einmat ber 
©d^cin eine« fold^en SSerbad^tö rui^t auf ii^nen — , aBer fie fagten, 
baß bie ^Religion Sl^rifti, ö)ie fie fie faßten, fid^ in feiner SRid^tung 
be«toeUIid^en5lrm6 Bebienen bürfe, toenn fie bem SSorBilb i^re« 
giJttßd^en ©tifter« m^pxtäftn tooKe* 

Sluö biefem ®eftd^tö^)un!te Beläm^jften fie bie geiftlid^e ®e- 

qaod nondum actualiter possint credere<<. ^l^btg. b. III. dt b. ^. ^. %. b. SOS. 
1878 »b. XIV W>t^. n @. 207» 

1) Max. bibl. Patrum XXIV (g. 1609 (Saj). 12» 

2) S5gT. 3<3f*toi^ a. a, O. @. 198. 



92 

xxäft^haxltit ntd^t nur in ii^tcn 2lu8ti)fi^fett, fonbetn ^)tlnct^)tcö 
Uttb [agtctt, man Icfc tooi^t tu ben ^. ©d^ttftcn, ba^ bte ^o\Ul 
öor btc ©ertd^tc ie^äfUppt toorben feien, baß fte aitx fettft ju ®c^ 
rid^t gefeffen i^ätten, ftei^e nitgenbö 8ef(ä^rieBen 0* 

3^te ©ctftUd^en lei^nten e^ au« bemfelben ®ninbe fteW ab, in 
irgenb einet 2;^atigleit todtlxäftx Wct fid^ gebrauchen ju laffen; jia 
e« fc^eint, att ob fetbft bieienigen ÜDienet bet ®emeinfd^aft, toeld^e 
nur jeittoeitig in einer geiftfid^cn gunition [tauben (fei e« aud^ nur 
ate ®enieinbe<lleltefte), iebe« toeltlid^e äiegiment toal^enb t^tet lird^^ 
Hd^en Slmtöfül^rung abgelehnt ^ätttn. 

ffiö berui^te bieö tüid^ge "^xindp auf ß^rifti Sefci^l, toeld^en 
er bei 8uc. 22, 25 feinen 3li)ofteIn gegeben l^at Dort l^eißt eö 
aKerbing« gan j un jtoeibeutig : „'Die Sönige ber 3Sößer i^errf d^n unb 
ii^re üßad^ti^aber laffen fid^ gnäbige $errn nennen; i^r abcrnid^t 
alfo" u* f. tt). 

3Äit au^brfidtid^er ©ejugnai^mc i^ierauf Weigerten fid^ bie 
ä^)0ftel, toie bie Sifd^öfe unb !J)iaIonen ber Söalbenfer, ^errfd^ftö- 
redete irgenb einer 2lrt über Slnbere ju üben unb bie« in einer ^ixt, 
ttjo bie römifd^e Äird^e burdf i^re gürftbifd^öfe, ^rätaten u*.f, ti>. 
einen großen 2;^ett ber d^riftßd^en Söett regierte, 

S^atürlid^ loar e« aber bie einfädle Sonfequenj biefe« ©tanb^ 
jjunite«, baß fte ben SSertretern ber toettUd^en ÜÄad^t auf bie Stn* 
gelegeni^eiten ber Sird^e einen ©nftuß nid^t geftatten fonnten. 

S5ei ber fd^toierigen ©renjbeftlmmung ber ©efugniffe beiber 
gaftoren i^aben aber ju atten ^dttn bieienigen religiöfen ®eniein* 
fd^aften bie größten firfolge ju öerjeid^nen gei^abt, toeld^e enttoeber 
(tele bie römifd^e Äird^e) fidf bie (Staaten bienftbar mad^ten, ober 
aber (toie f^jätere Sonfeffionen) fid^ rüdt^aftloö in ben 5)ienft her 
Surften fteOten, — 

gür eine oberflad^Iid^e SSetrad^tung, loie fie leiber gerabe ,,bett 
©eften" fo t)ielfad^ gu Z^txl getoorben ift, liegt bie SSerfud^ung nal^e, 
biefe „mittelalterlid^en" ©Übungen in ba« übtid^e ©d^ema be« SWönd^- 
ti^umö einjufd^ad^teln* 

3Bir hjoüen i^ier nod^maW i^ertor^eben, baß iebe nähere Unter* 



1) $feubo*9leiner in ber Max. bibl. Patrum XXV p. 26'6 E. 



93 
fu^ung bic öoüftänbigc Unticä^ttglcit einet fotd^en ©dfemattfirung 

g« öerbtent an \x^ fiä^on ©ead^tung, baß bie aßalbenfet nai^ 
bcn ©enc^ten ii^ret alten ®cgnet angeBKc^ bartn 3tr(e]^ren t^ox^ 
ttugett, baß fie „bie SRegetn fotooi^t bet SKönd^e toie ber Sionnen 
tocttoarfen" unb faglen, baß bie „Dbfetöanjen ber {Religiofen aM 
<>^atifäif<ä^n Ueberliefetungen i^erftammten" 2). 

@ettft2ö-5Die(J]^off l^eBt gans auöbtüdlic^ i^etDot, baß „bie 
SSerfd^iebenl^eit ni(ä^t üBetfe^cn toetben barf, bie jtoifc^en bet 3bec 
be^ a})oftoftfd&en geben«, toetd^et bie hjalbenfifd^n ^tebigetbtfibct 
folgen, nnb bet 3bee be« SKönd^t^um« beftel^t" ^). „5Daö S5«b be« 
o^JoftoUfd^n geben« bet 2öalbenfet"^r fagt betfelbe 5lutot, „bietet, 
öotnel^mlid^ in bet etftcn ^etiobe i^tet ©efc^id^te, 3*8^ i^^^f i>i^ 
ber mönd^ifd^en gorm be« t^oßfornmeneren geben« ganj freöib, ja 
berfetten n)iberf4)red^ettb toaren." „SBäi^renb im ÜRönd^ti^um, 
toie e« fid^ bi« jur 3eit be« $etru« SBalbu« geftaltet l^attc, bie 
aRBnd^e ba« Srbifd^e verließen unb ftd^ in ber äbgefd^iebeni^eit t)Ott 
ber SBelt frommen Uebungen i^ingaben, — fa^en bie SBalbenfer 
ganj im ©egenti^eit ba« öotßommenere, ber SBelt entfagenbe geben, 
bcm onc^ fie fid^ ergaben, nur für bie noti^toenbige (Srunblage für 
bie ton ii^nen übernommene, im ©ienfte ®otte« in bie SBelt 
i^ineinti)irlenb.e Sptigleit ber ^rebigt an^^^). 

SSBenn bie« nun aber Don bem ©tanb ber toalbenfifd^en @eift^ 
lid^en gilt, um loie t)iel ö)enigcr ift man bann bered^tigt, im ©ejug 
auf bie SBatbenfer im allgemeinen Don „m^ftifd^er S(«Iefe" ober 
„mönd^ifd^em geben«ibeal" ju ^pxcäftn. ®o beliebt fold^e ©d^Iag- 
toorte fein mögen, fo ö)enig jutreffenb finb fie toenigften« in unferem 
gaüe. 5Dat)ib t)on aug«burg erjäl^ft au«brädtlid^, baß bie Söatbenfer 
ben gaftengeboten n. f. hj* toenig Söerti^ beilegten* „®ie fagten 
namlid^, baß ®ott feine greube baran l^at, toenn feine greunbe 
fid^ })einigen, ba er im ©tanbe fei, fie aud^ ol^ne bie« feiig jumad^en" ^). 

1) Max. bibl. Patrum Vol. XXV p. 308 F. 2) Max. bibl. a. D. @. 265 C. 

3) @o toSrtttd^ bei ©ictf^off a. D. @. 203. 4) 2)ie(f§off a. D» ©• 205, 

5) „In quadrag^esima et in aliis diebus jejuniorum ecclesiae non jejunant, 

sed carnem comedunt, ubi audent, dicentes, quod deus non delectatur in affli- 

clionibus amicorum saornm, cum sine bis sit potens eos salvare**. W>f)Vi* <l O. 

(1878) ©• 208. 3Ratt bea^tc ben SluSbrucf „®otte3 greunbe". 



94 

SBtr ^abcn bctcitö angebeutet, ba§ bie SBalbenfer, obtoo^l i^xt 
„2l<)ofter' gemäß S^tifti auöbrüdt^et SSorfd^rift ate folc^e ftettotffig 
auf 9iet(^tl^um t)etjtd^tetett, hjett baöon entfernt hjaten, i^terau« eine 
/fSKegel" ober ba« SeBenöibcal für aKe SKenfc^en ju mad^en 0* 

SBtr Befi^en eine« ii^rer alten ©ebic^te, bartn i^eißt e« auö^ 
brüdlic^: „®orge, baß bu ntd^t in ju große 2lrmut^ fl^täti^ft, benn 
toer bie Slrmut^ nid^t in großem ^rieben erträgt, bcm 
ift fie gefäi^rlid^**** ßrhjerbe red^tfc^affen, loa« bir jumßebcn 
nöti^ig tft, oerfc^enle ba« Uebrige, fo toirft bu einen unoergängttcä^ctt 
©c^afe im $immel i^aben"^), _ 

(&i ift eine merftofirbige Crfi^einung, baß fo rabicale Steuerungen 
in ber ^dt, too bie Äird^e auf bem ^i^tpnnitt xffxtx materiellen 
ÜRad^t ftanb, toeit unb breit 2ln^änger i^aben finben lönnen* 

Unb bod^ lag ii^re ©ebeutung nid^t barin, baß ioXflxtxäft ®e* 
meinben ju biefem Softem l^ielten, fonbern öielmei^r barin, bag fie 
auf toeite Sreife berer, bie nid^t officieß in il^nen gel^örten, einen 
großen ©nfluß ausübten* 

©obalb ber äußere Drud nad^tieß, burfte bie Heine ©d^aar 
einen großen 3^i«8 ertoarten; aud^ toirb t>on ben S^roniften ht^ 
rid^tet, baß jiebe«mal bie „^äretiler" Jubelten, loenn bie römif<3^e 
Äird^c ba« 3nterbilt über ein 8anb tjer^ängte* 

3n beiber SRid^tung traten toä^renb be« 14. Sai^ri^unbert« aSct^ 
i^ättniffc ein, hjeld&e eine große SRttdtoirlung auf bie „®otte«freunbe" 
unb i^re äni^änger äußern mußten. 

1) 2)aß bie SBatbcnfcr bie gorbcrung ber UnmxtlJ auSbrüdttid^ auf ii^tc 
,,2l^)ojle(" eittfd^rättltcn, eti^cttt u* %. oud^ au« bem ©elcnntutß be« ^tru« Su- 
cenjt« bei Stmbord^ a* O. @. 360. 

2) Novel sermon SS. 146—152 na^ ©ergog a. a. O. @. 176. 



tatfer Subtutg unb bte beutf^en ^aumtm. 

1314-1347. 

2)ie <Sotti)etSttctat bc3 ^o^jlc« über ben Äaifer. — Xl^oma« bon Stquiuo unb 
SSottifactu« VUI. (1294— 1303). — Äam^f jiDtf^ Mfcrti^um unb ^a^^fl- 
ti^tim. — Sol^annXXII. unb Äöitig Subtoig bcr S3aicr. — 2)er ^Mg unter 
SltiKage toegcn Äe^crei. — üKarftUu« bon $abua. — So^n SB^cliffe unb 
SRarftTiu«. — 2)cr „grtcben^ontoatt". — (Sntjlcl^ung unb ©cbeutung bc8 
SSSerlc« aT8 OucKe bc« oltcbangcnf^en Äir^cnrcti^t«* — ^lu^jügc au8 beut 
S3u^* — 2)er Äaifcr unb bic ©tSbtc. — ^atridat unb ®Ubcn* — S)ic 
bcutf(i^ ©aupttc. 

Um btefctbc 3^it/'ölö ^^^ ^^^^^ ^^" ^^^ Refecrftrafcn fcftge-» 
ftetft toatb, toutbe aud^ btc Z^toxk bon ber ©oubctänctät be^ 
^a^jfte« üBet bte mlüxäft (Setoalt tl^cotcttfc^ unb jJtaltifc^ ju einem 
feften ©^fteme au^geBUbet 

^nä) l^iet toat e« Sli^omaö \)Ott Slquino, toetd^er Jtd^ baö 
$au^)tt)etbtenft um bie gormulitung bct })&|)fttt(ä^ett SlnfjJtüc^e er-» 
Xüoxitn ^at^). 

Snbem er bort bem ©afe ausging, bag S^tiftu« e« fei, toeld^et 



1) S)urd^ bie (Snci^ica Acterni Patris bom Saläre 1879 ftnb neuerbing« 
fSnnntlid^e Seigren be9 ^l^oma9 bon Kquino ou^brüdtCid^ gut geizigen morben* 
2>iefc (gnc^dica bejto^cft nad^ ben Sorten eine« fati^oUf ^en Slutor«, Dr.SWorgott 
(Siter* ^unbfd^au für ba« latl^. 2)eutfd^knb 1884 ^. 10), eine „burdfereifenbc 
9lel^abiIitatton J)er Seigre be9 1^. X^oma^ in ben d^rt{IUd^en@d^u^ 
Icn", „@eit ber (Sttcvctica Quanta cura unb \)tm ®\ßa^n9*\ fagt berfelbe, „l^at 
fein ^^)pUd^e« 9lunbfd^reiben bie forfd^enbc Seit fo fe^r in ©etoegung gefegt". 
,f3^^tn(!^ B^^ptutmungen be9 M^. (&}ß\9copat& unb ber ^l^ilofo^l^ifd^^tl^l. Sei^r« 
anhalten M fotl^ol. (Srbfreife«" Bejeugen bie begeiferte ^ufna^me ber Sieber- 
BeUBung be« 2:iJonia«. — ^m 13, Dctbr. 1879 l^at ber ¥aj)jl bie ®rün- 
bung ,,ber ^abemie be9 1^. Z^oma^'' ju 9lom bonjogen^ toel^e BefHmmt x% 
beffen Seigren immer weiteren Reifen jugSngUd^ gu mad^en* 



96 

aüt ®ett)att im ^tmmel unb auf Crbcn befi^e, nvb baran baö 
©ogma Inüpfte, bag ber ^a^)ft bct ©teltoertteter Si^tifti auf ßtben 
fei, fam et ju bem ©d^lug, bag bicfem ©tatti^after ®otte« alte 
Äöuige unb SSotler jum ©ei^orfam Deti)fUd^tet ftnbi). 

©ie SC^atfac^e, baß ß^tiftu« fettft ieben ©nfluß auf bie tüOU 
Ix^t ÜRaiä^t mit Sntfd^iebenl^eit ijou fid^ aBgetoiefen, unb baß ble 
apoftoüfd^en Qai^rl^unbcrte einen fold^en änfjJtud^ nie gelaunt i^atten, 
toarb nid^t Bead^tet 

!Die neue ftird^e, toelc^e fic^ feit bem 4. Sai^ri^wtbett an bie 
©teüe ber alten ®emeinfd^aft gefegt ij^atte, begann aKe Sonfequenjen 
i^tet Sieuerungen gu jiei^en unb ba« conftantinifc^e ©Aftern intwcr 
öoUftänbiger butd^jufßi^ren» 

!Die berühmte ©uKe $a})ft ©onifaciuö' VIII» ünam sanctam 
j)om 18* 3lot>. 1302 erMärte bann in Uebereinftimmung mit blcfct 
Docttin : „5Die Untetti^änigleit unter bem riJmifdf en ^apft erÄätcn, 
bejdc^nen, befiniren unb öerlilnben toir ffir jebe« menfc^Ud^e ©cfcn 
burc^au« aU SSorbebingung feineö ©eelen^eilö"^), 

®er »}ä})ftti(^e «nnalift SRa^nalbuö ^at f^)äter^in au^brödttid^ 
öerfid^ert, baß biefe Süße atö ein äu8f})rud^ ex cathedra ju be^ 
trad^ten ift unb erläutemb fügt berfelbe l&iuju, bie ÜKeinung ®ont^ 
fariu«' Vni. fei getoefen, baß aße Surften unb SSößer erfai^ten 
foßten, ö)Oju ba« toeltUd^e ©d^toert tjori^anben fei, nämU($ „ad 
nntum et patientiam sacerdotis^' ^). 

1) ©icl^e bcn fe^r forgfättigen 3lu«jttg au3 bcn bäben er^en )öüd^ i>on 
X^oma^^^xitt »De regimine principis« bei S.S.^auiltattn S)ie ©taat^ld^tc 
bcö l^etttgcn iljoma« bon Hquino, bc« grüßten XlJeoTogcn u. f. », S^j. 1873 
@. 80, — 2)ie @^ttft De regimine princ. ijl abgebrucft in Thomae Aquinatis 
Opera, Parmae. Vol. XVI, 224 sqq. 2)ie entfd^bcnbcn ©tcKcn ib. Lib. I Cap. 14. — 
2)aß bie l^eutige Stuffaffung ber lat^oßfd^ Äird^e biefer X^eoric entfrri^t, f. Bei 
(Satl^rein, P. Soc. Jes., 2)ie ^Infgak ber <Staat3ge»aft unb il^re ©renjen. 
greiburg t. 33. ©erber 1882* 

2) jSHe Sorte lauten: «Porro subesse Romano pontifiq omnem humanam 
creaiuram declaramus, dicimus et diffinimus et pronunciamns omnino esse de 
necessitate salutis''. — 2)ie )6ulle i{l toII{l(inbig abgebrudt bei O. Stav^tal« 
bu9 Annales eccles. ad an. 1302 No. 13. — 2)ie SS^brte ber ^nSe Ulanen ftd^ 
genau an fotgenbe (^teSe be9 2:i^oma9 bon Slquino: „Ostenditor enim, quod 
subesse Romano Ponlifici sit de necessitate salutis (Opnsc. , Contra errores 
Graec). 

3) ©öflcr 2)te «bigttoneftfd^ ^ä^jle, Sßien 1871 @. 14. 



97 

?ß<H)ft ©ontfaciuö aitx Brachte ben änf})ttt(ä^ auf blc ^öd^fte 
ttbifd^c a»a(ä^tooaiommeni^eit im Salute 1300 anäf öffetttUc^ ium 
Slu«btU(J, inbem et Bei ©elegcni^eit be« gtoßen SuBitäum«, too 
laufettbe. ttad^ {Rom geftrBmt toaten, an einem 2;age im (Setoanbe 
bc« ?<H)fte8, am anbem in bem be« Äaifet« aüem SSolIe fid^ a^Bt^O* 

Unter ben SSettretem ber Stc^ttd^en SOSiffenfc^aft toatb öon nun 
an ber ©tauBenöfa^ ®efe^, bag nur bie ©ekoalt bed $a)>fted 
öon ®ott ftamme, atfe ilBrige ©etoalt fei nur ein ämt gur ©ienft^ 
Wftung (ministerium), fo toeit ber ^cn>ft biefelBc öerleil^e^). 

(g« n>ar bo(^ felBft in Jenen Sai^ri^unberten unmi5gft($, fold^e 
Seigren unb änf^^rfid^e aufjufteüen, oi^ne ben lauten 8Biberfj)ru($ 
toetter ftreife öKid^jurufen» üDet römifd^e ©tui^l mußte eö erleBen, 
bog pdf jaif treidle „Se^er" unb „®clten" fanben, toeldf e Jene 23f eorien 
ate einen aD&faü Don ber Seigre Sif rifti t)eraBfdfeutcn, unb ein if ef-» 
ttger geifttger Äanqjf toar bie golge* 

2C« bie Surie einem entfdfiebenen SOSiberftanb Begegnete, unb 
Ol« ftaifer Subtoig ber ©aier [elBft fidf an bie ®p\^t [teilte, griff 
ber römifdfe ©tulfl, loeld&er feit ®eginn bc« 14* Salfrifunbert« in 
äöignon refibirte, ju bem üJKttel, ba§ er fiBer ben größten Z^txl 
be« SReidfe« ba« 3 nt erb ilt öerlfängte. 

Die SKajiorität ber Station toar ber UeBeraeugung, baß ^Qp\t 
3o^ann XXn. (1316—1334), ein eifemaliger frana»fifdfer ÜRöndi, 
im Sdunbe mit ben franai^fifdf en SSnigen barauf ausging, bie äßadf t 
be« beutfdfen Saifer« a^ fdf toädfen* 

SKan fann fidf bie Aufregung, loetdf e bamal« in ©eutfdftanb 
ifetrfdfte, nidft groß genug beulen. !J)ie ifeftigen ©treitfdfriften, 
toeldfe un« crif alten finb, entif alten ben SOSieberif aü ber Sanq^frufe, 
toeld^e burdf ba« SlBenblanb fdfaüten. 

©aau lam, baß in bemfelBen SKoment, too ber ^ajjft bie ftirdf e 
unb iifr DBerifau^^t al« bie 3nif aBerin aüer getftlidfen unb toelt^ 
IviSfzn SWodft erllarte, eine tiefe fittlidfe 3enfittung ber ganaen rB-» 
mifd^n ^riefterfdfaft a« 2:age trat 

®ner ber Beften ftenner biefer Seiten, ber ©ominifaner $einridf 

1) Rifflet 0* 0. O. @. 14. 

2) »gl. bie «uWtuttgctt be« 3CugufHnu« 2:ntttt4)i^u« Bd gtiebBcrg 3 tt* 
Wtift f- Ätrd^enre^t Vffl, 94 f* 

SttlUt, SHe Sleformation* 7 



98 

©•SJentfle, fc^übert bie Buftänbe bc« 6letu8 fotgenbetmaßcnO: 
„5Det i^iftotiWe ^ntergruttb fftr ba8 'aßetftctBuc^'" ~ tote )&et^ 
ben bicfe« merttofitbigc SBtt($ aWBalb Icnnen lernen — ^,ift ba« 
14. ^ai^Ti^unbett mit feinet tjotfftänbigcn ^tx^dintti bcr (Scfcßfd^ft 
unbben ölelfad^en äctgernif fen, bie au^ aui bem ©d^ooge 
be« ^Tiefterti^ttm« l^etöorgingen". ,,5Der fittft(^e 3»P<i«^ 
ber bamaligen 3^^ »«^ We in betfetten ^ettf(i^enbe aßgememe 
fiefceti^afte (Sttegnng bet ©etftet etMäten, tootum aud^ 
Saieft ti^te ©tininte eti^eben nnb mtttoitlen tooöten an bet ftttfid^en 
(Stnenetung ii^tet 3^i^8^«offen. Da8 ®enb be8 SSofle« nnb bet: 
Untftanb, bag and^ ein SC^cit bet 8eitet beffclben, felBft an« bem 
©ett*» uttb Dtben«-Sletn«, Dom aSetbetBen mei^t obet toenigcr 
etgtlffen toaten, ging ii^nen gn ^ctgem ®« toat an fi(ä^ nid^t 
untid^tig, bag fle bem fd^Iec^ten SIetu« einen gtoßen 
Xi^eil betSd^ulb an bcn®ünben betS^itS^ttoffenBel^ 
ma^en"* 

SBit toetben nnten feigen, ba^ bet ©nnb bc« ^oi&fte« nnb be« 
ftangöfifd^n fiiJnigti^nm« fc^Iie^Iid^ üBet feine ©egnet einen Dot> 
läufigen @ieg baöon gcttagen ^at 

Slbet bet SampU ^^^ Äaifet gubtotg id&xnpft l^at, l^ fite 
f^jätete ®enetationen bie ®tunblage bet teligiöfen Steilheit gefd^affen. 
i>xt Di}^)Ofttioneöe gitetatnt, bie nntet bem ©d^ufe be« ftaifet« er-* 
load^fen, ift fftt ba« gange geiftige unb tetigiöfe SeBen be« bentfd^en: 
93oIIe« in ben f)>ateten Sai^ti^unbetten t>on maf geBenbet ©ebeutuns 
getootben« S)te ©duften jienet S^age i^aBen eine Sßitinng au«ge^ 
üBt Bi« in fetne ^ttttf Ja Bi« auf ben l^eutigen Siag unb fle for-» 
betn ballet tto^ ii^te« l^oi^en 9Utet« eine ©ead^tung^ tole fte tjott 
toenigen anbeten geiftigen ®d^»<>fttngen jienet längft entfdftonnbeneit 
Seiten In Snf^Jtud^ genommen toetben bfttfte. 



Untet bem 3. Wpvi 1327 etlle§ Sol^ann XXH. eine Sdnüe 
an ben beutfd^en Äaifet Subtoig üon öaletn, in toetd^t Wefcr 
nntet bet SlnÄage bet „ fielet ei" BffentUd^ aufgefotbett toatb, BI» 

1) OneHen nnb gorfd^ungen jnr (S^rad^ nnb (SnUnrgefd^^te ber germoni« 
f(]^ 8S(lev l^an«geg. )i>m f&, ten fdxWt, @. WlcMn n. SB* @d^et. $b* d& 
©traßB. 1879 @, 131 f. 



99 

f^)äteften« jum !♦ Dctotet ptx^Mx^ In ätjignon ju etfd^etnett, um 
ben Urt]^etl8f|>Ttt($ ju Detnei^men, meldten ber ^o^ft in (Segenu>aTt 
ber ©läiiWgen über ben Äatfct fäflen tocrbe 0^ 

iCerfcttc ^(4>ft i^attc Betett« in ber »uKe öom IL 3uft 1324 
ben ftaifer al« ©efc^ü^er unb ©efStbeter fold^et SKänner Bejeli^net; 
n>eld^e ton ben suftänbigen 9Üd^tem be9 „'SßtxhxtäftnS bet Se^etei'^ 
(de crimine haeresis) fd^ulbig Befunben koorben toaxtn, nnb ed Det^ 
bient ©ead^tung, bag e3 lomBatbifc^e Rc^et hjaten, auf toetc^e 
ber ^opft ©ejttg nimmt 2). (gkn bie SomBarbet toor Ja einer ber 
»omci^mften ®i%e jener fte^r, bie toir oben nnter bem 5Ramen 
,,ffialbenfer" fennen gelernt ^aben* 

!5)a «aifer Subtoig e« nid^t feiner SBfirbe gemäg i^iett, ft(^ ^)er^ 
^intxäf bor bem Snquifition^erid^t in äöignon jU öeranttoorten^ 
fo ift ber ^roje§ gegen ii^n ni($t p feiner (&ibf(ä^aft gelommen, 
tntb nrir toiffen nid^t, ob bad ^eri^Br bie SlnHage ber fte^erei be^ 
[tätigt i^aben toilrbe* 

aber auf Snbkoigd Slnfd^auungen f&Ut aUerbingd bnrd^ ben 
Umftanb ein bejeid^nenbed Sid^t, bag berjienige SOtann bei i^m ba9 
grSßte aSertranen geno§, toelc^er aW einer ber geiftboKften S5or^ 
föm^fer ber altebangelifd^en ®emeinben ))on f$reunb koie i$einb an^ 
erfannt ift, nämßd^ ber berfli^mte „ftefeer" SKarf ilin« t)on ^abua^)» 

?<H)ft Soi^ann XXH. ^at in ber »nße t)om 3* ^til 1327 
au^brüdRic^ au^ef))rod^en, ba^ bad $)au)}tU)erI bed SViarfUiud, totU 
äft9 koir baft) nä^er lennen lernen loerben, DoQ fei Don mannig' 

1) 2)ie ^euKe ift abgebrucft bei Wlaxtmt tu 2)uranb Tbesanrns II, 683. 

2) SRartcnc u. ©uranb 11, 660» 

3) 2)te ioif[enfd^ftUd^ gorfd^ungen über iD'tarfttuid jtnb leibet nod^ fel^vim 
9tMßanb» (Sine SERonogro^l^ie über il^n e^jHrt nid^t, obtool^l er i)m\dio9 einer 
ber etitfingrei(!^{len ^erfSntid^Ieiten in bem grogen ^atn^f akoifd^ ^aifertl^nm 
nnb ^|ki)>jUbtttn im 14. Sal^rl^mtbert getoefen ifl. 2)ie U!!tm unb boKfiSnbigften 
9{a^rk^ten finben fU^ bei (^. 9liesler SMe lit. äBiberfo^ ber $a^{ie \u \.to. 
8^3, 1874. — ©efonbere ©eadjtuttg i)erbient femer ber Stuffaft griebberg« 
,,2)te mittetotterlid^ Seigren über ba9 Serb^ltuig Don @taat nnb $äx^'' in 
ber 3eitf<iStift f. Äir*enre*t «b.vm 2:fib. 1869 @. 69 ff. — »gt ©d^ocfeU 
Sbl^onblnng im Programm be9 @)^mnaftnm9 3n iSnd^toetler 1877 ^^rogr* 9hr. 408. 
— ©nige »id^tige S^ottjen finben fx^ bei (£• aWüUer 2)er Äantjjf 2nb»ig*« be« 
9« mit ber r8m. (£nrie S:üb. 1879. 1880. — SgL femer ^ergog n. $(itt 9teal« 
mdyl(o))5bie s. v. äJ^arfUind nnb ^ird im $rogr. b. pb^ )33ürgerfi!^nle gn 
9)imi^rbeint o. 91. 1868. 



7* 



100 

f adrett Se^etctenO unb ^(Op\t Slewen« VI. i^at in einer Webe, 
bie et am 10» Sl<)ttl 1343 gei^aften i^at, bte mertoürbigen SBorte 
gef^Jtod^en: „ffitr getrauen un« ju Bei^au^)ten, bag totr nie einen 
fd^Ummeren Re^er gelefen ^aitn ate biegen aßarflttu«"* 

Um ba« 3ai^r 1375 aber erKärte bie Surie bie Seigren unb 
©el^auiJtungen bc« engtifd&en Äefeerö 3o]^n SOS^ctif einfad^ für 
eine Srneuerung ber Scfeerei, toeld^er SKarfiUu« üon ^abua an-» 
gel^angen l^aBe^), 

(g« ift t)on giiftänbiger ©eite BereiW früher i^eröorge^oBen toor^ 
ben, bag SWcmanb hjcber unter feinen ©egnern nod^ unter feinen 
greunbcn an 2;tefe unb ©ettftänbigleit be« ©enlen« bem SKarflltu« 
gleich lommt „Kenn irgenb einem SKanne", fagt gmtt grlebterg, 
„\o lommt biefem bie SBejeid^nung eine« ijofitifd^en gütiger gu''»). 

(gr toar um ba« Sai^r 1270 ju $abua al8 Bürgerlicher &ttm 
Äinb geBoren, i^atte um ba« 3ai^r 1302 nad^ ber Sitte öieler 3ta^ 
Uener bie Uniüerfitat ^ari« Begogen, um fid^ l^ier in ben tl^eologi^ 
fd^en unb anberen ffiiffenfd^aften toeiter auögi^Bilben* 3m dai^re 
1312 toar er JRector biefer Berüi^mten ^od^fd^ule. DBhJoi^I bie S^^eo-» 
logie fein ®i)ejialfad^ toar, fo fd^eint er bod^ bie ^Bi^eren ffiei^en 
nie empfangen ju ^aBen* üJKt Unterftü^ung eine« greunbe«, 3oi^. 
t)on 3anbun, Derfagte er ein SBerl üBer ba« SSeri&äftnit be« ©taot« 
jur ftird^c, bem er ben 9iamen „Defensor pacis" gaB* 

5Da« ©ud^ ift ju ^ari« gefd^rieBcn, unb e« lann nad^ ben 
neueren Unterfud^ungen al« feftftei^enb Betrad&tet hjerben, baß e« 
gu ffinbe 3uni 1324 tjoüenbet hjurbe^). 

Äaum toar baffelBe Belannt gehjorben, fo toarb feiten« be« 
j}ä<>ftlid^en $ofe« ein ^roge^ eingeleitet, unb ein gamulu« be« ÜÄat-» 
figtio, grang öon 9Senebig, toarb, at« ber Sli^eUna^me »erbad^tig, 
Deri^aftet; im Saläre 1327 hjurbcn SKarfigtio unb 3anbun in aHer 
gorm ejccommunidrt unb am 23. Dct- 1328 burd^ pSip\Üxä^t öutte 



1) aWattcne n. 2)uranb Thes. U, 683. ~ b*2lröetttr6 Coli, judic. la. 304. 

2) ©öflcr S)ic SlbignoncPMctt ^S^jlc ©ien 1871 @. 30. 

3) griebBcrg a, O. @. 92. 

4) (L aRüHer ^t vm Salute 1879 eine . ^nbf d^rif t be« Setle« in SBien 
cmfgefunben, todä^t al« Xtmm ber 8olIenbung ben 24. 3unt 13^4 angibt 
€5. SWüöer a. D. I, 368. 



101 

bc« SSetBtciä^ett« bet Scfectct fiä^ulbtg erllätt d^t tnbeffen bte aSct^ 
faffet fettft i^attctt ergriff ctt tocrbctt lönnctt; i^attcn fic ^art« ücr^ 
laffen. ®tc nai^mcn ti^rcn SBcg mäf ©cutfiä^Ianb unb toanbtett 
fi^ birelt an ba« ?)ofIagcr Satfcr Subtotg«, um btcfcm ii^r SQScrl 
ju überretd^en« 

68 ift un8 ein ©erid^t über bie erfte ©egegttung ber „Sefeer" 
mit beut Saifer erl^alten , todäftt einige intereffante 3% enti^ält 
gubtoig lonnte nid^t; Begreifen, toie man $ari8 üerlaffeii lönne, 
um in ©eutfd^Ianb an ben fd^toeren Ääm^^fen, toeliä^e ba8 JReid^ 
Betoegten, tl^eiljuuei^men* ©ei (Sott — foü er ii^nen angerufen 
i^aBcn — u>er f)at tnäf betoogen, au8 bem 8anbe be8 grieben« unb 
be« SRul^m« in bie« Iriegerifd^e JReid^ ju lommen? ÜDie (Selei^rten 
antworteten, ba§ bie Siebe jur Äird^eßi^rifti fie getrieben i^abe- 
!J)cnn bie Siriä^e be« ^ßctpfte« fei ooüer 2lnma§ung* !J)ie SQSai^ri^eit, 
tote fie fie erlannt i^ätten, looüten fie gegen Sebermann oerti^eibigen 
unb, totnn nBti^ig, bafur einfielen mit ii^rem Seben^). 

SWan erlennt, ba^ e« religiöfe üKotioe u>aren, loeld^e i^ier baö 
trcibenbe SWoment bilbeten, unb ba Saifer Subtoig balb erfai^ren 
fonnte, loen er bor fid^ i^abe, fo oerbient e« um fo größere ©e^ 
Ortung, bag er bie glüd^tlinge bei fid^ behielt unb ben ÜÄarfifiu«, 
ber in ber üKebirin erfai^ren loar, ju feinem geibarjt ernannte* 
©elbft bie gegen ben ^abuaner oeri^ängte Sfcommunication unb 
fcttft bie Söarnungen, bie oon 5Rom au8 oor bem „^äretiler" er^ 
gingen, tonnten ben Äaifer oon feiner ®^nt|)at^ie für ben „Sefeer" 
nt^t jurüdbringen, unb üKarfiliu« ftieg oon 3a]^r ju Sai^r an Sln^ 
feigen unb an ©nflug am beutfd^en Saifcr^of. 

SWan lann fid^ oon ber SBid^tigleit , toeld^e bie ßurie biefer 
?erfonaIfrage beilegte, eine SSorfteöung an^ bem Umftanb bilben^ 
ba^ im Saläre 1334, atö ber Saifer eine Slnnä^erung an JRom 
fu^te, bie ©arbinäle als oomei^mfte ©ebingung bie Sntlaffung be« 
äWarftßu« forberten^). Slber ber Äaifer entließ i^n nid^t 

Die gleid^e gorberung toarb nad^ bem 2:obe Soi^ann« XXIL 
ton ^a»)ft ©enebict XIL gefteßt- ÜÄarfiliu« foöe fid§ ber ßurie 
unterwerfen — ba« toar ber 8?efrain aüer Unteri^anblungen* 2ln 

1) ®^odtl a. a. D. @. 5. 

2) mtiUx 2>ie tit SOßibetfad^cr ber ^m @- 85. 



102 

bet ®i>i6c be« ;,Äefeert)etjctd^tttffc«", totläf^ bem Äaifet fi&crreW^t 
tjjatb mit bem Srfud^cn, biefe üKänner ouSjutotten, ftanb bet SRamc 
bed aRatfUtttS ^cn ^abu(u 9(6er baS aSünbntg skDifd^en bem Satfer 
iittb bem Se^eren toat fo feft, baS e« aöe biefe ^toBen fiBerbauetteO* 



,,Der 'Defensor pacis''', fagt Smil griebtetg^), f;tpurbe bie 
leitenbe 9tid^tfd^nur ber laiferttii^en ^ofttil unb Subti)ig geigte, mit 
toeld^em Crfolge er l^n ftubirt i^atte'^ 

üDaS SBetI enti^&It in ))ielen fünften fo ))oaftanbig ba^ ®Iau^ 
BenSBelentttnig ber „Äefeet", toeld^e toit o6en lennen gelernt ^aben, 
Ja, e8 co^lrt in ©ngelni^eiten ii^re Seigre nnb 2;rabitiott fo genau, 
ba§ man fid^ laum ber Slnnai^me enoei^ren lann, e^ feien feine 
SSerfaffer fettft ängei^örige jener „i^eimlidjen ©emeinben" getocfen, 
toeld^e in DBeritafien toeit öerBreitet toaren unb bie i^re jüngeren 
Begabten üKitgUeber erfai^rungamäfig gern nad^ $ari8 fd^icf ten, um 
\iäf bort in ben Sßiffenfd^aften au^juBilben* 

SBie bem aBer andf fein mag, fo ftei^t bod^ feft, baß ein innerer 
3ufammen]^ang ber ©runbfäfee be8 „gribfd^lrm'©ud^«" (»ie man 
baffelBe im 16. 3ai^ri^unbert ju nennen ^)Pegte) mit benjenigen ber 
„©ruber" unjtoeifet^aft öori^anben ift. 5Da8 SBerf ift, mögen feine 
aSerfaffer mit ben „©albenfem" ober „ärnolbiften'' in aSerBinbung 
geftanben l^Ben ober nid^t, eine« ber Bebeutenbften literarifd^n 
^jeugniffe, toeld^e jur aSert^eibigung ii^rer 3been gefd^rieBen toor* 
ben finb* 

!Die oBen erioäi^nte 9(eu§erung, nad^ koeld^er man ju Sl^ignon 
in 3o]^n äB^clif« Äefeerei nur eine SBieberBeleBung be« aKarflliu« 
feigen ju muffen gteuBte, ift in biefer JRid^tung eine t>oagürtig Be* 
toeifenbe %ffat\aäft. 

üDaju lommt ferner, ba§ biejenigen Parteien, toetd^e bie Se* 
ftreBungen ber „SBalbenfer" am reinften Betoai^rt unb fortgefc^t 
l^aBen, gerabe in äJiarfiUu« öon ^abua einen i^rer Dorjügßd^ften 
©d^ri^teöer anerlannt i^aBen. 

1) 9la* (£• mmtx a. a» O- U, 253 Ijl 2)^arf«tu« int Salute 1342 im S^ienfi 
M Äaif er« gcporBm. (Sr i|i mit ben 3lnfid^tcn, bie er im Sebcn i>ertl^cibigt l^t, 
entfd^tafen. (Sr »ar mitl^in »)on 1324—1342, fa|i 18 3ai^re lang, im SHcnil 
Äaifer fiubtoig«. 2) 3tfd^r. f. Äird^recä^t VUI, 117. 



103 

SBer bte ©tunbfä^e be« atte^angeUfd^enftttd^enred^td, 
Wc leitenben ®^banlett ber litd^ßd^en Otgcwiifation unb bte gotmen 
bet Sttd^enüctfaffung Icnnen Ictncn totü; lantt feine öoQftänbtgete 
«nb gttDertäffigete Queüe finbett ate STOatfltttt« bon ^obua^)- 

3ti>e(J unb Sni^aft be« ©ud^eö ö>etben gfetd^ in ben erften 
©ä^en bcffetten in tteffenbet SBeife gelennjeid^net 

,,3ebem SReid^e", fagt ÜÄatfißu«^)^ ^^„mg grieben unb ©id^et*« 
1^ etfttebenftDettl^ gelten, Bei »yeld^et bie SSJlIer gebeii^en unb bet 
Sltt^en bet 5Wationen getooi^rt »itb". Slud^ bie i^eibnifd^en ©d^rift^ 
fteüet i^aBen eBenfo toie bie l^eiligen ©fidler be8 Sttten Xeftantent« 
ben i^ben aU OueQe aßet guier IDinge Bejeid^net. S^tiftuS 
aBet toatb, aU et geBoten toax, ber ^erolb beö gtieben«, ba er 
»>erluttben ließ: „&fxe fei ®ott in ber ^öi^e, ^rieben auf erben". 
Unb burd^ aöe Seigren unb SBorte S^rifti ^inburd^ (fagt ÜÄarfiBu«) 
fielet bie SWai^nung jum trieben- SBie oft f^^rid^t er nid^t ju feinen 
3iingem: „griebe fei mit eud^I" unb „galtet grieb^ unter einanber" 
ober ,,f$riebe fei biefem §aufe'^ ®o ftei^t eö Bei Soi^anne«, Bei 
SRarcud; Bei 3»att^&ud. 

Unb tme au8 beut ^rieben ©egen ertoäd^ft, fo auö beut Un*» 
trieben Unfegen* S)a8 geigen bie a35ßer unb bie @taotm i^in* 
reid^enb; aBer leinet mei^r aW ba« 8?eid^ Stalien* 

©old^e« Unfrieben«, ber bie »JJßer in« Unglüdt ftörjt, gieBt 
e« oiete unb ntannigfad^e Urfad^en, toie man fd^on Bei S(riftotele« 
flnbet SlBer nun ift nod§ eine Urfad^e, toeld^e äriftotele« nid^t 
lannte, bagu gelommen, an loeld^er oor Mtm ba« 9{dmifd^e 9teid^ 
fett langer 3^ gelranit i^at unb nod^ fortbauemb ftranlt. 

IDiefe Urfad^e be« Unfrieben« ift e«, toeld^e in bem vorliegen* 
ben SBerl unterfud^t koerb^n foQ, namßd^ ba« 9Seri^aItnig gioifd^en 
@taat unb fiird^e. ©ad^e ©orgfalt unb unermübeten gleif biefer 



1) 2>a gerobe biefe iitd^xtä^Üiä^ fragen ^'6äf\t intereflattt [xnh, fo !ann 
eine erneute 2)etatl«Untetfud^ung be9 SRarfttütd ni(i^t angetegenttid^ getmg ge* 
tvfinf^t toetben. & tottb baburd^ auf bie ür<^Ud^en SerfapngdBeßimmttngen 
mib bie Otganifatton ber Satbmfer, bie Bis je^t bidfac^ butiM {inb, ein gong 
nened Sic^t fotten* 

2) 2)er no^fotgenbe ^n^aug i|l angefertigt nad^ ber ^u9gaBe, toetd^ )u 
$ßa\d im Saläre 1522 gebrtt(!t toorben x% (Sin ^%m^\ax berfdBen — fxt ftnb 
feltm — BepW bae Äönigüd^c ©taateard^ib au ÜJWlnper. 



104 

3tage gttiutpenben tft $flt^t füt ben, xotläftx bad aUgetneine äBoi^I 
Im äuge ^at Unb bicfe ^fliiä^t batf 5WtcTttanb Demat^läfftgcti au8 
gutd^t ober Xtägi^ett* 

3n (Stto&gung bet SOtai^nungen (E^rifUOf bet ^eiligen unb 
bct ^i^tlof 0^31^611; tele fie oUn cttoäi^nt flnb, i^aBc xSf, ein SWann 
an9 ^abutt; au8 8teBe jut SBai^t^ctt unb ju meinen ©tübetn — 
jugleid^ in JRüdfid^t auf bid^, Satfer ßubtoig — ble ®ummt ber 
nad^folgenben ©entenjen mify fotgfältiget Prüfung bet ©d^ttft ilBet* 
geben* • 

Unter ben öerfd^iebenen @taat8formen ti>iü üKarfiliuö leine 
genereö für bie abfolut 6efte ober fd^led^tefte erttören. 

3m ®anjen aBer ift unter fonft gleid^en ©ebingungen mä^ 
feiner Slnfic^t bie ,,löniglid^e ÜÄonard^ie" oorgujie^en unb gtoar 
um fo mei^r, ie mei^r fie aW Sluabrud be« SBiöen« ber üBer^ 
toiegenben äJiji^ri^eit be« a3otIeö Betrad^tet »erben lann, unb 
je mei^r fie \iäf im ßinltang mit biefem Befinbet* 

5Die ©nfefeung bed fiönigt^um^ aBer Berui^t auf göttUd^em 
SOBiUeU; felBft toenn aud^ bie äu8üBung ber §enf(^aft8^ unb 
§oi^eit8red^te jugleid^ oon bem SBitten berSoII^majorität mit 
Beftimmt toirb. 

!Burd^ biefe ©egriff«Beftimmung ift ber SBeg getoiefen für eine 
Sluffaffung beö ©taat^leBen^, toeld^e neBen bem fiönigti^um bie 
äJiei^ri^eit ber ©taat^gemeinbe Befonber« Betont — eine äuf^ 
faffung, loeld^e bie d^aralteriftifd^e ©gent^mlid^Ieit ber reltgiöfen 
JRid^tung geBUeBen ift, loeld^e in ben lird^en^ofitifd^en gragen an 
aWarjiUu« fid^ angefd^loffen l^at 

(&9 folien jtoeierlei ®eti>aften im ©taate oorl^anben fein, eine 
audüBenbe unb eine gefefegeBenbe* ©enn e« foü fein Surft ol^ne 
®efefee regieren, lein JRid^ter oi^ne ®efefee urti^etten. 

SBenn nun, loie 3)tarfißu^ einräumt, bie audüBenbe (Setoatt 
in einer Befd^ränlten üKonard^ie gut aufgel^oBen ift, fo entftei^t bie 
grage, »er foQ ©efefegeBer fein? iDarauf antwortet ÜRarfttiu«: 
„ffiir aBer fagen gemäß ber SBa^ri^eit unb bem 9?ati^ be« ärifto* 

1) SWan Bcad^te bie SBetonung ber „©cfei^tc (S^riiH", tele Pe ben SSÖalbenfeni 
eigetttl^üniUd^ \\t. 



105 

tele« (in* ?ßolit (Scn)* VI), bet ©efefegeBet ober ber etfte unb etgent^ 
lid^e effecttöe Utf^eBer be« ®efefee8 tft ba« aSoH obet bte (Sefammt^ 
l^ett bet ©fitget ober beten üKajiorUät üDte ÜRaiorität üetftei^e td^ 
in 9eficffi(^t auf bte (Sefamntt^eit betet, füt totläft ba« (Sefefe ©01% 
feit i^aBen foö, mag bie« nun bie obenettoSi^nte ©efantntt^ett obet 
ii^te ÜÄajiotität unmtttelBat fettft obet mag fie e« butd^ ii^te et^ 
öjal^Iten SSetttetet ti^un" 0- 

ÜÄatfiltu«, toeld^et tooi^I ffii^Ien mod^te, bag et i^tettn gtunb^ 
ftötjenbe 5Reuetungen betfod^t, fud^t fotgfStttg bte ©ntoenbungen 
gu lotbetlegen, toeld^e i^ietgegen gemad^t toetben Knuten* ©tefe 
(gtöttetungen bleuen baju, feine ÜÄelnung näi^et ju Begtfinben* !J)te 
©efefe^aSotf daläge, fagt et, foöen öon Stfal^tenen unb 2Beifen 
audgei^en, bie ju beten Slu8atbeitung beftimmt toetben* !J)o(^ foüen 
bie aSotfd^läge oon fold^en ge^Jtüft toetben, toeld^e bie Slutotität bet 
©efantutti^ett te^täfentiten* ÜDtefe mögen bie ©efefee, toeld^e füt 
S[ße gelten foßen, bißigen, änbetn obet üettoetfen* 

©ei alt biefen fteifinnigen 3been ift e« inteteffant, ba§ 3Rat* 
filiu« bet au«übettben ®eti>alt eine getoiffe ©tätle ju geben butd§^ 
au« SBißen« ift 3m 14. Sa^jitel be« etften 5E^eiI« fü^tt et an^, 
bag bem 8?egenten äußcte SBetljeuge jut SSetffigung fte^en muffen, 
butd^ toeld^e et bet aSottjiei^ung be« JRed^te« 5Wad^btucf geben lann. 
(SS foü eine bewaffnete ÜRat^t ba fein. Slbet bie ©tätle biefet 
©etoapeten an 3ai^l unb Slu«tttftuttg foß bet „Oefefegebet", b. ^. 
bie SWajotität bet fteien ÜRännet obet ii^te {Re^täfentanten beftimmen. 

!J)ie boßjiei^eube ®etoalt foü nad^ üKatfiUu« in bet ^anb eine« 
einjelnen äJiaune«, eine« gfitften, nid^t abet in bet C^aub 
üRei^tetet obet eine« ©oöegium« (Dligatd^ie, 2ltiftoItatie) liegen 
(6a^ 17)2). 

3lad^bem ÜRatfiliu« biitd^ biefe ©egtiff«beftimmungen fid^ ben 
SBeg ju feinem eigentlid^en 2:i^ema gebai^nt i^at, gei^t et im jtoeiten 
jC^eil jtt biefem fünfte übet. 



1) aRatTtliue «afcicr Slu^abe 1522 fol. 36. 

2) iIRatftttu0 a. £). f. 65* »Hunc aotem solummodo principatum, supremum 
scilicet, dico unum numero ex necessitate fore, non plures, si debeat regnum 
aat civitas bene disponi". 



106 

^näf i^tet gei^t er fei^t k)orfid^ttg iun&äj^i mit üDefinttbtten über 
ben SJegttff bet ftird^e Dottoärt«- 

,,3tt neuerer 3rft", fagt er, ,;tt>ettbct matt ba« ©ort Älrd^ auf 
bic SMeiter ber Äird^e att, auf ^rlefter, ötfd^Sfe unb SDiatouen^'^. 

SMefe Stoloenbung aBer ipiberf))ri<i^t bem Sraud^ ber ^o^d 
satt} unb gor. S>te W>fi^t berer, toääft bie ,,fttrd^e'' grflnbetett, 
toar bie, bte ®emeinbe, b.i^. bte ©efammtl^eit berer, toeld^e ati 
Si^rtftum glaukn, bamtt gu Begeid^nen« 

3n biefent ®inn f($retBt $aulud (l Sor. l, 2) „%n bie @e^ 
nteinbe ®otte8 in Äorint^"- 

Sd ift bie« aber nid^t ein sufaaiger aftipraud^ ht» «iiytta, 
fonbem er ift au9 tooi^Iburd^bad^ten ©rfinben aufgebracht tDmten 
unb i^at für bie ^riefterfd^aft nü^Iid^, ober fftr bie (^tifteni^ 
k>erberbtid^e Solgen mit fid^ geffli^rt 

aRit $)ülfe biefer falfd^en :SBegriffdbeftimmung unb ber für fte 
gured^t gelegten 9(uffaffung einjelner ©d^riftfteQen ift bad ^erard^ifd^ 
©Aftern aufgebaut Sorben, tpie eS ie^t gu 9ted^t beftel^t unb loeld^e« 
eine cberfte rid^terlid^e (^ttioali nid^t nur in rein geiftfid^en 
S^ingen, fonbem aud^ in ber ©rengbeftimmung über geiftlid^e unb 
toettUd^e ©ad^en (in rebus contentiosis); jia, mitunrlenb aud^ in 
rein toeltlid^en ®egenftänben (in coactivo principatu) für fid^ in 
Slnft)rud^ nimmt 

gegenüber biefem 9(nf^rud^ erHärt aßarfißu«, geigen gu nwQen, 
bat ffWe 1^. @d^ft, bie »efel^le e^rifti, feine «at^fd^läge unb 
fein aSorbilb, i^eilige unb betoa^rte äuÄeger ber cöangelifd^en 
Seigren" bemfelben toiberf^red^n 2), 3a, jieber ®eiftßd^e ober 8ate, 
toeld^em eine fold^e oberfte ©etoalt angetragen u>firbe, mfifte siad^ 
S^rifti JRati^ unb SSorbitb biefelbe gurüdtoeifen. 

aJielme^r ift bie i^öd^fte «utorität, üon toeld^er ©ifd^öfe toie 
^riefter bie ii^ge erft erl^alten, bie d^riftlid^e (Semeinbe* — 

(58 ift getoi§; ba§ S^riftu« bie aWad^t gehabt i^Stte, feinen 
8lt)ofteIn unb 5Kad^foIgem eine rid^terlid^e®etoaft gu fibertragen* 



1) „Apud modernos maxime importat hoc nomen ecclesia minisiros illos, 
presbyteros, aeu episcopos atque diacGaos** etc. cu O. @« 84« 

2) ®. bie Ueberfd^tift an (Sa^^IY: «De canonieia acriptnris, Ghriati man- 
datia, vel consiliis et exemplis*' etc. ^. O. ®. 92« 



107 

aScnn matt aber feine Sßotte iinb fein SßorMIb <>tfift, fo l^at er 
toeber bem ^etruS nod^ ben anberen Slt)ofteIn eine fold^e aUad^t 
gegeBen nod^ ju geben bte SlBfid^t Befeffen. „(i^xx^tni $at fiify Don 
fold^er ri(^terßd^en ®etoalt ober §errfd^aft g^wäg feinem ^xtU au8^ 
fd^Iiegen looUen nnb $at anSgefd^toffen fid^ nhb bie Slpoftet nnb 
feine ©^üler, bcren 5Ka^foIger, feien e8 ©ifd^öfe ober ^efter, öon 
aüem ^crrfd^en ober fold^em toeltUd^en ^Regieren, toie e8 in einer 
bcrartigenäJiittoirlnng jn Sage tritt, bnrd^ f ein ©eif^)iel, bnrd^ 
feine {Rebe, burd^ feinen 9iat]^ nnb feinen öefe^l"0. 

^at nid^t ^anln« gef agt (2 %inu 2) : Sein Streiter S^rifti fofle 
.ftd^ in toeltlid^e IDinge mifd^en, nnb fagt nid^t bie (Stoffe be8 Slm^ 
btofin« gu biefer @tcQe, bag, loer fid^ in toeltßd^ !J)inge mifd^t, 
»>ergcblid^ fud^t, iXmzn ^txtn ju bienen* SWan lieft too^l, ba§ bie 
Si^oftel i)or (Serid^t geftanben i^aben, ba§ fie gu (Serid^t gefeffen 
l^aben über 9(nbere ^abe id^ nie gelefen« 

®od^ fei e^ ferne üon mir, bie &fx\nxäft ober ben ©e^orfam 
ju fd^mälem, toeld^er bem Seigrer ber ®emeinbe gulommt in aö ben 
35ingen, bie er gemäß ber ^. ©d^rift forbert oon feinen ©laubigen, 
aber bergel^rer unb$)irte barf nnb foH jnfoId^erSBe* 
folgung 5Riemanben mit 3to<^«8 ober ©träfe, fie fei 
fäd^lid^ ober <>erf»nlid^, in biefer Söelt jioingen^), 

SBenn nun leine rid^terlid^e ober toeltlid^e (Seioalt Don (E^riftud 
feinen 5Ra<i^folgem gegeben ift, fo entfielet bie Sragc, loeld^c Autorität 
unb toeld^e 9?ed^te über bie gi^riftgläubigen l^aben fie bann erhalten? 

®ie^ ift ba« JRed^t unb bie ^flid^t, toel^e 6^riftu8 ben 8lt)ofteln 



1) A tali judicio seu principatu secundum propositum (Christas) exclu- 
dere volait et exclusit se ipsum et apostolos sc discipolos etiam suos, ipso- 
rumque successores consequenter episcopos seu presbyteros ab omni princi- 
patu seu mundano regimine tali, coactivo scilicet exclusit exemplo et 
per sermonera etiam consilio vel praecepto. ^. a* O* @. 94« 

2) 2)ie merhoütbige ©teile lautet toörtlici^: Non tamen ex bis dicere vo- 
lumus, quin doctori seu pastori ecclesiastico debeatur reverentia et obedientia 
in bis, quae praecipit seu docet observanda secundum legem evangelicam — 
qnamvis etiam ipse ad talium observationem neminem debeat nee possit arcere 
in hoc seculo poena Tel supplicio quoquam reali vel personali. Quoniam 
ialem potestatem arcendi et dominandi cuiquam in hoc seculo sibi ex evan- 
gelica scriptum cpncessam non legimus, sed potius interdictum consilio vel 
praecepto. ?L O. @, lll. 



108 

SegeBen i^ot &llaü^. 28): „®t^tt ffxn in ade mit unb leieret oQe 
SBßer unb tanfet fie im Flamen bed 9Satetd, bed ©oi^ne^ unb bed 
^. (Seifted unb leieret fie galten Wit9, &>ad i($ eud^ Befol^Ien l^aW)- 

Unb tt>ie bie SoOiiel^er bet 2:aufe, fo finb bie S(t)ofteI unb 
beten 92ad^f olger du^ bie @)>enber bed ®u§^@acramentö, totlä^tS 
(^Ttftud eingefe^t l^at 

ÜHefe Semter l^at (Si^riftud beut "^ettud fiBertragen, al9 er i^m 
unb bantit aKen 3[)>ofteIn bie @eta>alt gab, gu Binben unb ju ßfen. 
®agt bod^ felBft $ieron^mud ju SRatt^. 16, bag biefelBe SRad^t, 
tt>el($e $etrud erholten, aud^ bie üBrigen 9[)>oftel empfangen ^Stten. 

3ur UHil^ren Sßn^t ober beut Sugfacrament loerben ntei^rere 
SSorBebingungen erforbert: erfilid^ bie innere 2;raurigfett bed ®itn^ 
berd fiBer feine ^ot ; jtt)ettend ber Sorfa^ unb bie ^3eretüoiaigIeit 
jur iöA(ffit) u>enn bafür ein ^riefter ntangett, fo genagt ber SSorfa^. 
S)enn ein tt>a]^r]^aft reumuti^iged ^erg barf aud^ @ott Beid^ten, unb 
®ott üBemimutt bann bie t^nltion bed ^riefterd, b. i^* bie SSfung 
DOtt ber @d^ulb unb bie ffiiebereiufefeung in bie $)erbe2). ®agt 
nid^t ber ^falntift: „Q^ adein tilge bie UnBinigleiten unb bie @mu 
ben be8 S5oK8"? %näf «mBroflu« fagt: Daö ©ort ®otte8 Derjei^t 
bie ©finben ald ^riefter unb 9iid^ter, unb eBenfo: ber attein k>er^ 
geilet bie @ünbe, ber für unfere @ünben geftorBen ift 

,;e3ie ber ST^urfd^Iieger (claviger) beS koeltfid^n 9Hd^ter9 fein 
auit boburd^ erfüQt, bag er ben Äerler auf^ unb juf daliegt, ol^ne 
be^i^alB baö 9?ed^t rid^terUd^er ®etoalt ju üBen — nur in biefem 
®inn ilBt ber ^riefter burd^ aSerIfinbung ber äBfoIution ober STOale^ 
biction ba« «mt eine« ©d^Iflffelträger« be« l^imuilif^en JRid^ter«^ 

9lur ®ott allein fielet in bad ÜÄenfd^eni^erj, nid^t ber ^riefter; 
ber 9ieue l^eud^elnbe SOtenfd^ ift ))on feinen ©ünben ni($t lo^e^ 
f)>rod^en, aud^ u>enn i^n ber ^riefter lo^t\pxoäftn l^at; bagegen ift 
ber JReuuiiiti^ige fettft bann Befreit, toenn ein ^riefter i^m 3lBfiv 
lution Denoei^rt, S« gieBt aud^ nod^ einen anberen $unlt, Bei 

1) „Et hoc foit officium, qood suis successoribus apostolis exercendum 
commisit: cum eisdem post resurrectionem quasi omnium novissime dixit illod 
Matth. 28 et ultimo: Euntes ergo docete omnes gentes baptizantes eos in 
nomine patris et filii et Spiritus sancti docentes eos, servare omnia, qnae- 
cunque mandavi Tobis**. H« O. ©• 116. 

2) «• 0- O. @. 117 f. 



109 

toeld^ctn btc ^^ättglett be« ^ttcfter« in ©ettad^t tommt, namlxäf 
ble Sf communilatton ober bcr ©ann* 

©tc äu^fd^Hclung öon fold^cn, tocld^e ein off enBatc« ©cHct 
Begangen i^aben, tft fiä^riftgeniät« Slber e^ fte^t feft, bat i^i^f^ ©träfe 
bemjentgen ntiä^W fd^abet, toeld^et öon bem ^tieftet unfiä^ulbig ej^ 
comntumcttt tottb. getnet tft fiiä^er, ba^ burd^ ben änSfd^lu^ bet 
betroffene jngletd^ in feiner bürgerlichen Sjrtfteng gefd^bigt toirb 
(etiam civili commnnione et commoditate privatur). S)a^er 
muffen für biefen SOt a3orftd^t8ma§regeln getroffen »erben* S^riftn« 
felbft gieBt bafür ben S33eg an (SÄatt^. 18): ;,®ünbiget bein «rn^ 
ber an bir, fo gei^e i^in nnb ftrafe ii^n jtoifd^en bir nnb x^m allein* 
$8ret er bid^, fo i^aft bu beinen ©rnber gewonnen* $8ret er bid^ 
nid^t, fo nimm nod^ einen ober jioei ju bir, anf bat ^ß^ ®(i^t 
Befiele anf jioeier ober breier ^tn^tn ÜRunb* $)öret er bie nid^t, 
fo fage e« ber ®emeinbe* ^öret er bie ©emeinbe nid^t, fo 
l^alte i^n ate einen Reiben nnb 3ööner"- üDai^er foü ber SB'ann 
nid^t in ber $)anb eine« einzelnen ^riefter« liegen, toer er and^ fei, 
ober in ber §anb eine« Sottegium« oon ^rieftem, fonbem er ftei^t 
Bei ber (Semeinbe ber ©UnBigenO. ffl^riftn« fagt an«brü(fc 
ttd^: fage e8 ber ©emeinbe, er fagt nid^t: fage eö bem Sl^joftel ober 
©Ifd^of ober ^riefter. ßi^riftn« meint, baf für biefe« Slmt be8 
©ittben« nnb 8öfen8, toie e8 im ©anne liegt, feine (ß^rifti) Slutorität 
auf bie ©emeinbe, nid^t aBer anf einen einzelnen ^riefter, üBer*» 
8«ß<ittflctt frf« S)ie (Semeinbe aBer ift bie ©emeinfd^aft berer, bie 
an (S^riftn« glauBen* 

Unb toie e« ßi^riftn« Befoi^len l^at, fo ift ber ©ann in ber 
opoftolifd^en ftird^e geBraud^t toorben* ^ttln8 fd^reiBt (1 (Eor« 5) 
an bie Sorint^er: „3d^ meinerfeit«, jtoar aBtoefenb bem SeiBe, bod^ 
antoefenb bem ®eift nad^, i^aBe üBer ben, ber pd^ fo »ergangen, 
fd^on toie antoefenb entfd^ieben, bai^in, bat ti>ir im5Wamen be« 
^errn 3efu8 jufammentreten, i^r nnb mein ®eift mit ber 
Äraft unfere« §erm 3efu« nnb üBergeBen benfelBigen bem ®atan 

1) fl« O« 0. 123*— „Dixit ergo Christus, die ecclesiae, nee dixit apostolo 
vel episcopo sen presbytero aut ipsonim soll collegio. Et intellexit ibi Chri- 
stus ecclesiam fidelium aut judicem ad haec illius autoritate institutum, quo- 
modo usi sunt hoc nomine apostoli et ecclesia primitiva*'. 



110 

giim SSerbetBcn bc8 SWft^c«, bamit ber ®etft getcttct toctbe am 
Xafl bc8 Gerrit 3cfu8''- SKit öottem 8?ed^t erttutctt btefe ©tcttc 
SusufttnuS bai^in : „3^ i^oBe in htm ®tnn entfd^ieben (f^tid^t ^oit^ 
lu«), bat tott in gcweinfantcr aSctfammlung, mit ©m^ettiglett, untet 
aRinDtrIung meiner $(utont&t unb bet ftraft Sl^tifti, ben ©d^ulbigen 
bem ©otan Befei^len". 

!Die ©emeinbe ffat mithin bie Befd^Iiegenbe unb gefe^eBenbe 
©etoaft; bet ©eiftlid^e ift ber aSoUjiei^et: ii^re« SBiüen«, inbem 
er auSfd^liegt ober ttrieber aufnimmt 3nfofem ift er ti aQerbingd, 
iDeld^er löft unb Binbet 

!Da« 3(mt beS Sinbend unb 85fen6 im 1^9 duften ®inn i^at 
einer fid^ t>oxit^aUm, bad ift ^xx\tu9. IDied Bejeugt audbrüdlid^ 
dacoBttS (4, 12): „&ntt ift ber ©efe^eBer, ber lann feKg mad^en 

ober Derbammen'' 0* 

üDod^ biefe^ ©efe^geBerd unb 9Ud^terd ^fid^t koar ed ntd^t, 
bur$ jeitlid^e ©trafen ober 99elo^nungen bie 3)lenfd^en jur ©elig^ 
leit ju 3 ta) in gen. S^riftud i^at nid^t Befohlen, bag 3emanb in 
biefer äBelt jur 99eoBad^tung feiner ©efe^e gejioungen toerbe (Non 
enim ordinayit Christus^ arceri qnemqaam ad legis latae per 
ipsum observationem in hoc saeculo). @eIBft U>enn man loelt^ 
Ixäft ©trafmittel gegen f$alfd^föubige ankoenben tooQte, fo lofirbe 
baburd^ lein iRufeen für bereu ober Ruberer ©etigleit crjlelt toer* 
ben. SBer an9 S^ani unb nid^t ani eignem 9(ntrieB glauBt ober 
(&nU€ ti^ut, beffen 'S::^nn ift nid^td koert^. „SBer mir nad^folgen 
toiö", fagt e^riftuö, ,,ber üBertoinbe fid^ felBft". «ud^ ^aBen bie 
fiird^en^&ter S^r^foftomud , $itariud u. 3(« in gletd^em @inne ge^ 
le^rt ©emäg ber So^r^eit unb ber offenbaren SlBfid^t be« Wfo\tAi 
unb ber ^eiligen foQ 9liemanb gejiDungen toerben in biefer Sielt 
burd^ ^5tt ober ©träfe gur Haltung ber SSorfd^riften be« e^angc* 
Ufd^en ©efefee«; gang Befonber« niiä^t burd^ einen ^riefter, unb jioar 
toeber ber (SläuBige no^ ber UngläuBige 2). 

1) «• 0. O. @. J37 ((£<^>. IX im «rtfojig). 

2) 9. £)• @« 140: Secundom veritatem igitor et apertam intentionem 
apostoli atque Sanctonim, qui doctores ecclesiae seu iidei exstiteraot aliornin 
praecipai, nemo cog^ praecipitur in hoc seculo poena vel sapplido ad legis 
evangelicae praecepta servanda per sacerdotem praecipne nedam fideiis yemm 
etiam nee infidelis. 



111 

3ene ®tirafgeti)alt, bte nad^ 3)tagga(e bed göttlid^n ©efe^ed 
flc^nbi^abt totrb, i^at nur bct göttltd^e {Rtd^ter, unb btefet toirb flc 
erft tm denf ettö auSül&en« $)eute aber metben trbifd^e 93et:uttl^ei^ 
lungen pr Stttpfei^lung be« göttltd^en (SlauBend angetoenbet, unb 
inbem man Si^ftuS butd^ menfd^lt^ Semfi^ungen ju $)ü{fe lommt, 
)mrb er ber 3Kad^ttofigIeit gegiei^en* !Durd^ Sjdt unb ftetler Der« 
Breitet bte ftird^e ©d^teden unb gtoingt bte ÜÄenfd^en, baß man pe^ 
bte fid^ auf fotd^e SIRa($tntttteI ftfi^t, füt bte tooifxt jtivd^e S^ttfti 
^aöe. 

es tft nxil^t, bag SKofefl im alten ®efe^ anbete 93otfd^ttften 
gegeben i^at. W>tt l^t benn nid^t S^ttftud ein ffi^tttS @efe^ ge^ 
geben al8 ÜRofe«? Um euere jfibifd^en ©nrtt^tungen ju Dert^elbtgen, 
fagt t^r, bad eDangeltfd^e ©efe^ fei unDoKftänbig unb ed Knuten 
miSft atte Dinge auf (Srunb be« neuen geregelt toerbcn* ,,a5tr aber 
fagen, bag ttnr burd^ ba8 eöangeßfd^e ®efeft l^inreid^enb angeleitet 
toerben gu bem, toai »Ir in biefem 8eben ti^un ober laffen foßen^ 
fotoeit unfer 3^^«*^ to jienfeitigen 8eben unb bie (grreid^ung be« 
etwgen $eitt in ©etrad^t lommt ^nx Siegelung ftreitiger gragen 
bftrgerfiier «rt ift e« freitid(> nid^t gegeben" 0- 

a» finb nid^t bloß bie Sßorte unb ^»efel^Ie (^rifti, koeld^e bie 
9iorm nnfered ®biubcnd unb gebend fein mfiffen, fonbem t>ox Mtm 
fein Sdti^pxtt (Volnit Christus, ut sno nos prius exemplo, 
quam seimone doceret) 

Unb toit (Sl^riftud nun bemfiti^ig, arm unb einfad^ bnrd^ bie 
ffieft gegangen ift, fo foöen aud^ feine ©dualer nnb 5Wad^folger e« 
fein, befonbcr« aber biejenigen, toeld^ aud^ ßi^rifti 5Wad^foIger pnb 
in bem Wxitt, ju beffen aSoßgiei^img er in bie SEBeft gelommen ift 
(Ktt rnd^ e^riftud felbft gefagt: Seiner ton (Snd^, ber nid^t 9iaem, 
toa« er l^at, entfagt, lann mein ©d^üler fein? unb f^rid^t er nid^t, 



1) Objieiet auiem aliqais imperfectionem evangelicae legis, si per ipsam, 
nt diximus, snfficienter regalari nequeant actus humani contentiosi pro statu 
et in statu yitae praesentis. Nos autem dicamus, quod per legem eyaogeli« 
cam snffidenter dirigimur in agendis aut declinandis in, Tita praesenti pro 
Btatn Tentnri secnli sen aeternae salutis consequendae aut supplicii declinandi 
propter quae lata est, non quidem pro contentiosis actibus hominum civiliter 
reducendis ad equalitatem aut commensnrationem debitam pro statu seu suf- 
fidentia yitae praesentis. @« 143. 



112 

feine ffiotte etläutemb, in gleid^em ©inne Bei aiWatü^* 19: aSer^ 
laufe, toa« in l^aft, iinb ixti bein (Sut ben Slrnten ? ©ie SBtfd^Sfe 
unb Ritten foflen nad^ ßi^rifti unb ber Wfo\itl aSorBllb tt>eber ©tobte 
nod^ Dörfer nod^ liegenbe Oüter ober 8?eid§tpmer i^r eigen nennen, 
fonbern, n>a8 fie öon fo^en ^aBen, ba8 foöen fie ben Slrmen geBcn. 
3infen nnb ^t^nUn öon grnd^ten aber flnb bie ^rtefter nad^ ben 
SBorten ber i^* ©d^rift ju forbern nid^t Bered^tigt. 

ffiem ftei^t nun ba« {Red^t gu, ©ifd^öfe, Pfarrer unb öBer* 
ffanpt bie üDiener ber Sird^e einsufefeen? pr bie Sli>ofteI tft Si^riftu« 
bie Duette i^rer Slutorität getoef en ; für bereu ^iad^folger bie SljJofteL 
5ftad^ beut Xobe ber ä^joftel aBer ift ba« 8?ed^t ber SBai^l auf bie 
(Semeinbe ber (SUuBigen üBergegangen 0* 

(&ntn ©etoei« i^ierfür liefern in ber 8l|30ftelgefd^ld^te bie SBal^len 
be$ ©te^l^anu^ unb $$Ui)>^ud« Sßenn eS fd^on in 9(nU)efenl^eit 
ber Sl}>oftel unb Bei ber SBai^l ber iDialonen fo gehalten tourbe, 
bag bie (Semeinbe getoä^ft i^at, um toie üiel mei^r niu§ biefe« aSer^ 
fai^ren nad^ beut Siebe ber ä^oftel unb Bei ber SBal^I üon ^rieftem 
BeoBad^tet Serben* (£Ben ber ©emeinbe ftel^t e^ aud^ ju, im 9tot^^ 
fatt an9 triftigen (Srünben einen ^riefter feine« Slmt« ju entfe^en* 

!J)aBei lomint e« öor Slttem barauf an, tofirbige unb ad^tBare 
STOänner ju ?ßrieftern ju mad^en* (£in fd^Ied^ter gürft lann öiel 
Uni^eil anrid^teU; ein fd^Ied^ter ^riefter aBer nod§ me^r. 

aßie ift e« gelommen, bag toiber bie änorbnungen ber Sl^joftel 
nid^t mei^r bie (Semeinben, fonbem bie $)ierard^ie unb ber ^(üfft 
bie Snl^aBer^ber lird^Ud^en 8?edjte finb?^) 

Die aSerl^ältniffe be« r»mifd^en JReid^« Brad^ten e« mit fid^, bag 
bie e^rifteU; toeld^e in 9iom leBten, ben SWitteltJunlt für bie ®lau*' 
BenSgenoffen Bilbeten. SBar bod§ i^ier bie größte ©emeinbe, ber 



t) Ex bis amplius per necessitatem inferre yoIo, quod in communitatibos 
jam perfectis ad legislatorem bumanum solummodo seu fidelium multi- 
tud in em ejus loci super quam intendere debet promovendas minister pertineat 
eligere, determinare ac praesentare personas promovendas ad ecclesiasticos 
ordines. Et quod nemini sacerdoti Tel episcopo singulariter neque ipsomm 
soll coUegio cuiquam cooperari liceat ad bujusmodi suscipiendos ordines abs- 
que legislatoris humani vel ipsius autoritate principantis licentia. Hoc antem 
primum ex scriptura sacra demonstrabo etc. — @« 216, 

2) (£a»). XVIU a. D. fot. 223. 



113 

2DltttcI|)unIt bc« g^Uttgen gebend üitt^anpt unb natüritd^ au(^ für 
btc ©Stiften* ®o Um t^, bag ber erftc ®ctftUd^e bct röuttfd^cn 
©cmetttbe balb tocit unb breit belannt toax, ba§ btc ©cmctnbcn in 
ber ^robtna feinen 8?at]^ toie feine Unterftüfeung gern in 2lnfj)rud^ 
nai^men. 

yinn gelang e^ ben ©entü^ungen ©^Ibefter«, ben fiaifer 
Sonftantin jur öffentUd^en Slnna^me be« S^riftent^umö äu U^ 
toegcn, unb eö fd^eint, aW ob Sonftantin aWbann ber röniifd^en 
Sird^e bie Slutorität über bie anberen ©ifd^öfe unb Äird^en üer^ 
fd^afft ^abei). 

saSo ift bie ©teöe ber ^. ©d^rift, toeld^e leiert, bag ein ©ifd^of 
übeY aßen anberen ftei^en fette* ©a^ ^anpt feiner Äird^e ift aUein 
(Sl^riftuö, nid^t irgenb ein Wfo\id ober beren 3iad^folger, toie 
beutlidi fte^t dp^. 4 u. 5, SoL 1 unb 1 ßor. 10 2). 

„aWöge ber römifd^e ®ifd^of mit feinen 5Kad^folgem auf biefent 
©tul^l, möd^ten atte übrigen ^riefter unb ÜDialonen unb geiftlid^en 
SDiener, an toeld^e meine SBorte nid^t »ie an %txnbt — bafür rufe 
td^ ©Ott jum S^^ui^n an bei meiner ©eele unb meinem Sör^jer — 
fonbern toie an SSäter unb ©ruber in S^rifto gerid^tet finb, möd^ten 
fic banad^ trad^ten, bem SSorbilb Sl^rifti unb ber 2l^)oftel ju 
folgen" 3). ^^3^ ff (übt oerfud^t auf ben SBeg ber SBal^ri^eit an ber 
§anb ber l^eiligcn ©d^riften unb menfd^lid(>en JRed^t^ fie jurüdfäu*» 
P^ren, auf bag fie getoarnt feien". 



©ie religiBfen 3been, ju beren Patron fid^ Äaifer Subtoig ge^ 
mad^t ^atte unb bie mit feiner 3«ftttnmung burd^ eine fo beben*» 
tenbc 5lutorität »ie üKarfiliu^ oertreten tourben, fanben im ganjen 
9ictd^e lebi^aften SBieber^att*), am lebl^afteften aber in ben beutf d^en 

1) IL O. fot 226 »>, 

2) Caput enim ecclesiae simpliciter et fidei fundamentum dei ordinatione 
immediata secundum scripturam sive veritatem unicum est Christus ipse, 
non aliquis apostolus, episcopus aut sacerdos, ut aperte dicit Apost. ad Eph. 
4 et 5 ad Col. 1 et 1 Cor. 10. %. O. fot 252. 

3) 2L O. fol. 306. 

4) (gg i|i hoäf tnerft»iirbig, baß ba8 (Srfd^inen M Defensor pacis in ©trag«« 
bürg ein fot(^c8 Sluffcl^cn mati^te, baß ein (Si^ronip (gritfd^c Stofcner) bcffen toie 
axu& jtage^crcigmffe^ gebadete. (Sl^ronilen ber beutfdjen @täbte VIII, 70. 

StcUtv, ^ie Siefonnatton. 8 



114 

Stabten, tDd^ ht jener ^ät bereite bte ttnd^ttgften aRtttel)>unIte 
bed getftigen Sebend bilbeteiu 

„Um biefe ^At', fo erjo^It ein rcmifd^ ge{innter S^ntft iener 
^^S^/ ff^^^ ^^^ Stltxn€ in großer SSerad^tung bei ben 
gaien unb man ^ielt bte 3uben ^e^er ald i^n'^O* ^ toaren 
Ieinedtt>egd nur bie SDKBbrand^e bed ©^ftemd, gegen todäft^ ftd^ bte 
äSerad^tnng be^ beutfc^ Sitrgert^umd gdte^rt l^otte, fonbem mit 
fd^koerem (Smft nnb unter genxiltiger (Erregung ber ®entüt^er DoCt^ 
30g \iäf ein $rinct))ien!am)>f, ber eine neue 3^ Dorjubereiten f<^ien. 

!Cie ©tabt ©tra^burg »ar in biefem fiam)>f infofem Doran^ 
gegangen, ald fte bie ^riefter, tt>eld^ gemog bem t)ä))ftlid^en Sefe^Ie 
ben (i^otte^enft eingefteOt l^atten, juxtug, bie ©tabt ju räumen« 
SHe ©tabt Bftrid^ l^atte f^on feit 1331 leine pSpftl^tn SIerifet 
mei^r gebulbet 3n ßonftang forberte ber SKagiftrat »on feinen 
®d\tlxäfm, bog fie i^re ^Junlttonen koieber aufnel^men foOten unb 
gab i^nen eine grtft jur Ueberlegung; ald biefe abgelaufen U)ar 
(1339 3an, 6), mußten ätte, ti>eld^e nid^t fungiren tooOten, bie ©tabt 
üerlaffen* 3^ ^icutlingen lieg berSiat^ öffentUd^ aufrufen, bag 
9liemanb bei einer ©träfe »on 15 $funb einen ^riefter aufnel^men 
bflrfe, toeld^er bem ^apft ©e^orfam leifte. 3n 8iegenöburg jtoang 
bie Dbrigleit i^re ^rtefter burd^ junger gur Slb^altung be« ©otte^ 
bienfteö* 3n Slfirnberg, too bie ftobtifd^en S;)ligard^en eine ^üt 
lang mit bem römifd^en 0eru^ gemeinfame ©ad^e gemad^t l^atten, 
lam e8 i^ierfibcr mit ben 3öiif^^ii ä^m offenen Sarstp^t, ber mit 
ber 9lieberlage ber (Sefd^led^ter unb ber ^riefter enbigte* Saum 
toar biefer ©ieg crf ödsten, ba fd^log fid^ SRörnberg ber gartet be« 
gebannten Saifer^ an- Ueberi^au^>t lann man beobad^ten — loir 
toerben unten barauf jurüdffommen — , ba| alle beutfd^en ©tabtc, 
toetd^e nid^t öon bem ^atriciat regiert tourben, unbebingte ©egner 
5Rom^ unb treue Slnl^änger gubtoig^ getoefcn finb. 

©ne fo tiefe, ^)rincij)ielle unb allgemeine Srieg^erllärung gegen 
bie i^errfd^enbe Äird^e ti>ar biö^er in ÜDeutfd^tanb nod^ nid^t ba«' 
geioefcn- SBä^renb früher bie Ueberjeugung ^errfd^enb geiocfen toar, 
bag berjenigC; »etd^er üon JRom gc[d(^icben fei, üon feinem ^cit ge^ 

1) ^rcgcr in ben %^^. b. III. (St. b..^. Sß. m. b. Sß- gu Tlmä^m Sb. XIV, i. 
@. 59- 



115 

fd^tcbctt toäre, fd^ten fid§ jcfet im ©cgcntl^ctt bcr ®Iaubc Söcäfn ju 
brcd^cn, baß bic SSctbinbung mit bcm tömifd^cn DBert)ricftcr für bie 
©eclc be« ,;rc(^ten S^riftcn" ©efai^rcn in fid^ Berge- 

®o toar ber ©oben öorBereitet unb bie Sda^n geBrod^en für ba« 
SBad^öti^um berjenigen 3been, toeld^e jene Heine ©d^aar ber „Sßxix^ 
ber" unb i^re „Sl^joftel" im 5Ramen ß^rifti feit Sal^r^unberten »er* 
foci^ten i^atten. 3n ber Sii^at finb biefe 3a^rjc]^ntc e« getoefen, in 
tt>el(^cn ber ©amen einer neuen SÖeltanfd^auung au%ftr?ut toor^ 
ben ift 

3m 3a^re 1332, ju einer 3eit, aW ^a^jft .Sol^ann XXIL ben 
Saifcr längft toegen ;;Äefterei" cor ba« geiftlid^e ©erid^t ju Stoignon 
cttirt ^atte, rid^teten bie ©tabte äug^Burg, Sonftana, Solingen, 
JReutlingen, JRotttoeil, Oemunb, §aK, §eiIBronn; S33lmt)fen, SBein«^ 
Berg unb ©eil ein ©d^reiBen an ben Srjbifd^of üon Syrier, toeld^e« 
ju ben merltoßrbigpen SRtenftüden biefer ereignißreid^en (SpoÜ^t ju 
i&ffUn ift*). 

• 5Die ©täbte erltären barin junäd^ft, baß fie in il^rem „burd^^ 
Iau(3^tigften §errn, gubtoig, öon ®otteö ®naben römifd^cn ftaifer" 
einen Surften erlennen, »eld^er bem redeten Sl^riftenglauBen ju*» 
getl^an fei, 

,,Saifer ßubtoig", fahren fie fort, „pflegt ba« JRed^te unb ftreBt 
nad^ ©ered^tigleit; unter aUen dürften ber äBelt leBt er 
ant meiften nad^ ßi^rifti Seigre unb im ©tauBen toie in Be^ 
fd^ctbener ®elaff eni^eit leud^tet er aW SSorBUb ^erüor öor Slnbcren ; 
iffm tooöen toir mit ber feften unb untoanbetBaren Sirene, bie au« 
©lauBen, ßrgeBeni^eit unb lauterem (Sei^orf am entf^)ringt, al8 unferem 
redeten Saifer unb natürlid^en $)errn ani^angen unb jtoar für attc 
3ctt unb Bi« jum Siobe". „SSon biefe^ unfere« redeten unb (egi*» 
timen fiaifer« unb $errn ®ei^orfam toolien toir niematt laffen, 
!etn Unglüd, leine Sleuerung, fein Sreigniß irgenb einer 5lrt, lool^er 
e« aud^ lommen mag, foK un^ je üon i^m fd^eiben". 



1) 2)a9 ©d^reiBen ^ug^BurgS battrt ^otn IS.geBtv ba^ienige ^on(£onjian} 
öom 21. Wläxi, bic ©efammtetngaBe ber übrigen ©täbtc i>om 2. San* 1332, 
S)a8 tefetgenannte Driginat Berul^t im ©auöarc^^it) gu aWütid^en unb iji aBgebnnf t 
1)011 ¥ reg er in ben ^t^. b. III. (S(. b. it. 33. 211. b. SGß. gu SWünd^n S3b. XIV. 
I. 3ftt^. @. 69 f. 

8* 



116 

ÜDtefct ©(ä^tout bet 2:teuc tft bann bott bett ©täbtett in ben 
2:a8Ctt bct ©cfal^t toxxtlxäf gcl^altcn tootbcn. äte bie tömtfd^c Suttc 
bctt Äatl tjon SKäl^ten gegen ben Saifer gum beutf(3^en $enf(3&et 
etl^obcn i^^atte unb Snbtotg auf biefc ^aäfxxäft im 3al^re 1346 bie 
<Stäbte nad^ ®pAtx betief, fanb fid^ an(3^ nid^t eine einzige am 
ail^ein, in ©(^»aben unb in gtanlen, totl^t ausgeblieben toäte ober 
bem Saifet ii^te tl^ätige ^ülfe öettoeigert l^ätte* 

gö, öetftel^t fi^ J)on felbft, baß ni(3&t alle Slnl^änget beö Satfet« 
In ii^tet 2:i^eilna]^me bnx6) religiöfe 3Äotit>e geleitet »aren; aber 
bie Haltung bet ©täbte gei^t ganj una^eifeli^aft in ctfter 8inie 
auf fold^e gutüd. 5Da6 etmäl^nte ©d^teiben öom 2. 3an» 1332 
giebt l^ietübet einen fo ungmeibeutigen 2luffd^lu§, ba§ bie gtage 
babutd^ ate etlebigt angefel^en toetben fann* 

ÜDie ©täbte etfläten nämli(ä^ feierli(3^, baß baö B^^S^iS l>^if 
1^. ©(ä^tiften e^ fei, auf ®tunb beffen fie i^te ©teöung in bem 
fiam^jf genommen l^ätten. Die i^* ©d^tiften bejeugen, fagen fte, 
baß bet attmä(ä^tige (Sott aüein eö ift, Don toel(3^em aße SWad^t unb 
alle §ettf(i^aft auf gtben abgeleitet »itbO. SÄiti^in tettoetfen fie 
bie Stl^eotie, baß alle« ioeltli(^e ^Regiment ate 2luöfluß bet geift^ 
lid^en ®eö)alt ju bettad^ten fei, unb fie tufen bafüt eine äutotität 
an, beten Sntgegenfe^ung gegen bie Sntfd^eibungen bet fiitd^e fd^on 
an fid^ ben teligiöfen ©tanb^)unlt beutlid^ bolumentitt* 

„2lte bet ®aumeiftet unb S5ilbnet bet SBett nad^ feinem un^ 
etfotfd^lid^en $lane baö ©ebäube unfetet 3Belt in »eifem 3Sotauö^ 
fd^auen ju ettid^ten befd^loß, ba i)at et jtoei gtoße Sid^tet 
untet be^ ^immeW gitmament gefteUt unb ii^nen il^te gunitionen 
fo jugetl^eilt, baß butd^ t^ten »itlenben Dienft un^, bie »it auf 
bet Stbe tool^nen, be« bo^j^jelten 8id^te6 2) Älatl^eit leud^te, unb bie^ 
fo, baß, oböjol^l 3ebe^ auf ba6 anbete S5ejug l^at, bod^ einö baö 
2lnbete nid^t beeinttäd^tige , im ©egenti^eil 3ebe^, inbem e« feine 
SBemegung unb feinen Sauf im SBeltentunb gleid^mäßig betoai^tt, 
baö anbete in feinem ®eftanb unb feinet Staft ftätle unb etl^alte"» 



1) $tegcr a^ D. @. 69. 

2) 2)erS(u8brucf „Sid^t" in bcr brcifad^cn gorm luminar, lumcn, luxtoirb 
in bem tcktiö lurjcn ©d^reiben fcd^Smal gebroud^t unb, toit toix feigen tt>ct* 
ben, in berfc^iebenem f^mboUfd^cn ®inn angemenbet. 



117 

5ttfo ffat aud^ bc5 ewigen SSaterö SSorfcl^ung, naäf »eifern ^lane 
aße« <)lanenb, gtoet 2lutorttäten, eine in geiftUd^en unb eine in toüu 
lid^ett fingen angeorbnet, toel(^e, obmol^l fie gegenfeitig SRüdfid^t 
auf einanbet nei^men fottcn, toäf \iäf nid^t feinbU(ä^ begegnen bütfen. 
„3nbeffen feigen toxx mit bem fd^merjUd^ften ©ebauern, baß bie 
®iet nad^ itbifd^et (&ffxt bie Sid^ter unfere6 §eiie« für bie 
ganje Seit öerfinftett l^at unb bag ber Sätläixptx ber geitlid^en 
3nteteffen, bet fid^ in bet ®p^xt jener leud^tenben ®eftirne unb 
gtd^ter betoegt, fie gegentoärtig in gefäi^rlid^er unb fd^ümmer Diftanj 
getrennt l^at* !Darum bitten unb flel^en »ir ,,2lrmett Si^riften", 
bie toir in unferem §errn unb gürften bie feftefte ©äule be5 öJIau* 
bcnö, beö 8id^t6 unb beö S5au^ (structurae) ber SaiferÜd^en Su^)<)el 
etlennen unb lein anbere^ SWittel unb leinen ^ttflud^töort feigen ♦ • • . 
baß ber d^rifttid^e ®laube unb fein SSertreter feinen ©d^aben nel^nie 
unb geiftUd^e unb toeltUd^e 2lutoritat, totläft beö aSeltattö Drbnung 
fid^ nid^t jum aSorbilb nei^men, fid^ nid^t jum 5Kad^t]^eil ber Sl^riften" 
i^eit J)erfinftern"^)» 

3n ben beutfd^en ©täbten gab eö, toie oben bemerlt, jöjei ^ax^ 
teicn, bie fid^ fd^roff gegenüber ftanben, ben ftäbtifd^en Slbet, ber 
meift mit bem Sanbabel gleid^en Urf^^rung unb gleid^e SRed^te l^atte, 
uttb bie freien ©etoerle ober ©ruberfd^aften unb 3ii^ft8^^<>[f^^ 

Da§ bie gelteren in jenen Salären, too bie ©täbte ii^rem Saifer 



1) 2)ie intercffante ©teile lautet »örtlid^: „Dom fabricator mondi sua dis- 
positione ineffabili presentis saeculi machinam censuit erigendam prorisione 
provida, in cell firms(piento posuit doo luminaria magna, ea officiis propriis 
sie distinguens, quod ipsorum ministeriis nobis in regione ista degentibus 
dnplicis lominis claritas inclarescit et hec licet se in aliqno respiciant, unum 
tarnen alternm non offendit, immo utrumque, sno motu et cursu in circnitu 
nnifonniter servatis alterum in suo esse et robore fortificat et conservat .... 
No8 igitur pater clementissime, immensa compassione compatimur, quod terreni 
honoris aviditas nostrae salutis luminaria toti mundo adeo dampnabiliter eclip- 
saTit, qnodque globus rerum temporalium in spera ipsorum luminum se in- 
▼olvens ipsa hiis temporibus valde periculosa et dampnabili distancia sepa- 
ravit. Pauperes igitur christicole fidei dominum principem lucis ac 
structurae imperialis cnlminis columpnam firmissimam agno- 
scentes, aliud remedium aliudque receptaculi refugium non 
scientes vos invocamus* etc. 2)ic flef^etrtctt Söorte finben fic^ in bem ©d^rci* 
ben toon (Soni^an), in ben übrigen nid^t. 



118 

etotgc iEreuc fd^mutcn, bic ßcitcr bcr SSctoegung toaxtn unb bte 
DUgard^ic beö ^attictaW mit \xäf forttiffcn, fbötc fid^ in bctt ^pattxtn 
Reiten, »0 bic allgemeine Sage bct !Dinge \\äf öeränbert i^atte, 
beutlid^ jeigen. 3n bem SWoment, too bie benfd^e Srone eö i>ctgaB, 
bag jn ii^ten S^ten^)Pid^ten bie ©tüfeung ber ®^toaäftn Don je 
gei^ött i^atte, nnb ber S3unb mit bem 0etuö unb bem äbel t>on 
Wienern gefd^loffen toarb, ba jeigte eö fid^, baß biefe SBunbeögenoffen 
jefet »ie früher nid^t Hog bieSSeugung beö Saifert^um^, fonbem 
jugleid^ bie Äned^tung be6 ©ürgerti^umö jut SBebingung ii^ter 
§ülfe mad^ten» 

Unter ben beutfd^en ©emerlen aber befa§ in jener ^At feinet 
größeres anfeilen unb toid^tigeren ©nfluß auf bie übrigen ©ilbcn 
ate ber ©unb ber beutfd^en S5au!^ütten. @S ift langft an^ 
erlannt, baß biefer mäd^tige SSunb auf bie meiften beutfd^en Oilben, 
bcfonberö auf bie i^m nai^eftei^enben ber Äunfti^anbtoerfer, ®otb^ 
fd^miebe, ©lodtengießer, @if enf d^miebe , Söilbi^auer, aWaler, gorm^ 
fd^neiber u. f* ». tonangebenb eintoirlte^). 

SBir toerben unten auf bie SDrganifation , bie ©efd^id^te unb 
baS 3Befen ber beutfd^en SSaui^utte nod^ eingel^enber jurüdtlommen 
muffen, ^xtx mag einftipeilen nur fo t>iel erinnert »erben, baß biefer 
©unb fd^on im 14. Sai^ri^unbert burd^ feine SÄad^t, feine ©ilbung 
unb feine Seiftungen bei gfirften unb aSolI im i^öd^ften Slnfel^en ftanb* 

®o lann c5 g, ®. alö erliefen gelten, baß C>^rjog 9luboI})]^IV. 
toon Deftreid^ unb ©teiermarl (geb. !• 5Rot>. 1339, geft il.Wfxxl 
1 365), einer ber mäd^tigften giirften be« {Reid^«, ju ber „©au^tte" 
in einem naiven unb freunbfd^aftlid^en 3Seri^aItniß geftanben i^at 2), 
(£r fd^eint afö „Saui^err" i>on ©• ©teiJl^an in ffiien, beffen grbauung 
er ber §ütte übertrug, fogar 3Äitgüeb beö SBunbeö getoefen gufein^). 

SBenn man biefe S^l^atfad^en ertoägt, bann fd^eint eö bod^ lein 
3ufatl ju fein, baß bie ertoäi^nte Singabc ber oberbeutfd^en ©täbte 
Dom 2. 3anuar 1332 in ii^rer ganjen gorm ben ©nbrud mad^t, 

1) 8gL ben DortreffCtd^en ^uffa^ t>ön Stzil^a Ueber bie beutfc^ ©tetn« 
nte^geid^n in ben SD^ittl^eilmtgcn ber ^. ^ (£entrat«(£ommif[. für b. (Srforfc^mtg 
ber Äunjl- u. ®cfc^.-2)enf. in Ocjiräd^. SS^ien 1881. 1882. 

2) »gl. bie «etoeife bei mi^ a. O. 

3) hiermit fümmt \xt Srabition ber S3aupttc bottfoninien überein. 2)ic- 
f dbe berbicnt überl^au^)t größere S3cad^tun9, aW man il^r l^t einräumen tootten. 



119 

ate ob an il^tct Hbfaffung aJiännct bc^ SJauö unb bct „©eometttc'' 
bctl^etligt g^tocfen feien, 

3lIIe aSergletd^e unb S5ilbet, »eld^e ber 33etf äffet antoenbet, 
ftnb enttoeber bet §immel6lunbc, toie man fie bamaW faf te, ober 
bcm ©<)ta(^aebraud^ bet ©aumeiftet unb bet SBetfftatten entnom* 
mcn, ®Uxäf bie ©eje^nung ®otte^ a(« be6 „Söaumetftet^ 
bet SBelt" (fabricator mundi) »itb in bem ®<)ta(^gebtaud^ tbmi= 
fd^et SCl^eoIogen niemals nad^toei^bat fein. ÜDet 2lu^btU(I fabrica 
ift bagegen in betf(ä^iebenen ^ufammenfe^ungen getabe in ben Steifen 
bet ©teinmefcen toä^tenb jenet ^tit jut ©ejetdffnung beö Söauö unb 
beö ©aumeiftetö v&lxäf 0- 

2luf bie @tb^ unb ^inimeföfunbe beutet bet gange ©ngang 
bed'©d^teibcnö, »o bon ben gtoei „gtogen Sid^tetn" (magna 
laminaria), toeld^e an bet „§immete gefte" ftel^en, J)on ii^tem „Sauf" 
unb il^tet „©emegung" unb intern „Umgang" (circuitus)^) bie 9Jebc 
ift. !Det 5lu«btU(f „eclipsare", totläftx fonft nut in bet Slftto^ 
nomie öotfommt, lei^tt i^iet mei^tmaW toiebct unb aud^ bie SBotte 
„sphaera", „globus", „coelestis ordo" finb einem in bet ^im*» 
metelunbe unetfai^tenen SKanne nid^t geläufig, 

aSon bem „©aumeiftet bet SBelt" (meldtet an anbetet ©teße 
butd^au« unt^eologifd^ bet „§ett be6 2ltt^" genannt »itb) l^eißt e« 
bann, ba§ et bet „Dtbnet bet SBeltleitung" (digpositor uni- 
versalis regiminis) fei, toeld^e butd^ feine „unau^fj3ted^Iid^e Di^«» 
^M) fitton" ba^ „SBeltgetüft" (machina hujus seculi) ettid^tet l^at 
Diefet unübetfe^bate Hu^btudt „dispositio" fel^tt in bem ©d^teiben 
fünfmal »iebet. ®etoi§ ein auffaüenbet ®ebtaud^, toenn man »eig, 
bag „dispositio" im SRittelaltet oottoiegenb oon ben ©auted^nifctn 
in bem @inn J)on „9Ji6" (S3auplan) u. f. to. angetoenbet »otben ift ^). 

!Die äBotte columna (©äule), basis, fundamentum, strnctura, 
Stabilire, distancia, machina u, f. ts>. finb butd^aud bauted^nifd^et 
Sltt; ia, ba5 lefetgenannte ift in einzelnen Ableitungen ein ganj 
au^fd^UeßUd^et SunftauÄtudC be^ mittelaltetUd^en ®aui^anbö)ette* 

1) @. Sauner 2)ie «aul^ütten u.f.ti). 1876 @. 108. 

2) 2)a »cursus" (8attf) fc^oit gcbrau(i^t \% fo bebeutet circuitus feiner et^- 
ntologifd^ @ntftel^mtg (t)on circomire) gentäg l^ier ,,Utngang". 

3) *S)n (Sänge Glossarium u. f. tt). „Dispositio: Urbis, templi situs, strocturae 
elegantia apud Alypium Antiochium in Descript. orbis". 



120 

©cfonbcrc SBcad^tung betbicnt btc ©cnbung, in iDcI(3^cr Satfer 
gubtoig aU bie „feftefte @äulc beö ©lautend (fidei), bc« 8id^t« 
(lucis) unb bc« ®auö (structurae) bcö fatfcriid^en Culmen" be^ 
jet(^nct »irb. SBaö bejc^ttct „culmen ?" ÜDic beften Scjtfogrctpi^cn, 
btc totr befi^en, fagen un5, baß culmen ober columen „im Sbt^ 
fonbetcn öon ©ebäubcn unb SÄauerocrr' gebtaud^t toetbc unb „bcn 
f^icf julaufcnben ^öl^c^junft A"^) bejet(3^nc2). 



©tt l^abcn bctcitö an mcl^reten ©tcflen batauf l^tngctoiefcn, 
baß getobc im ftäbtifd^en ©ütgcrtl^um bic öomel^mftcn 2^ragct bcö 
SBalbcnfctti^umö lebten. 2lttc älteren Duetten unb atte neueren 
Bearbeiter beftättgen biefe S^atfad^e* ®o fagt S- ©• mifnäf bei 
ber ©d^ilberung ber 5luöbreitung ber „®emeinben Si^rifti": „2n 
toeiter 3Serjö)eigung t>on ®j3anten biö nad^ SBöl^men, Don Salobrien 
bi^ in bie 5RieberIanbe , gog pd^ im 14, Sal^rl^unbert eine SRei^e 
verborgener SSereine ober Heinerer ober größerer (Semeinben, toeld^e 
j)ome]^mfi(3^ aud^ unter bemfreifinnigen, getoerbfleißigen unb teg^ 
famen ©firgerftanbe ber©tabte gal^lreid^e änl^anger fanben"^). 

©d^on um ba^ SoXfx 1260 »ar bem Snquifitor, toeld^er unter 
bem 5ßamen $feubo^9?etner befannt ift, bie SCi^atfad^e, baß ber ®ife 
be^ ,,Sefeert]^umö" pd^ üorne^müd^ in ©ürgerlreifen fanb, betart 
aufgefatten, baß er bel^aujjtete, bie „aSalbenfer" feien auöfd^fteßüd^ 
ober faft au^fd^fteßüd^ ^anbtoerler, unb eö liege biefer Srfd^einung 
ein religiiJfe^ $rinci^> ju Orunbe. Um bie SSerlei^rti^eit ii^rer Seigre 
unb bie Inferiorität il^rer ©eiftUd^en red^t beutßd^ in6 8id&t ju 
fefeen, fügt er jugleid^ l^inju, aud^ i^re Seigrer feien ^anbtoerler, 
nämlid^ ©d^ufter ober ©eber*). 

Dbtool^l man bie tcnbenjiöfe ©enbung leidet l^erauöfüi^lt, bie 
ber Snqutfitor biefer SC^atfad^e giebt, fo ift bod^ unätoeifeli^aft ettoa« 
SBa'^reö baran. 5Denn aud^ ber tjcipftttd^e ^önitentiar snt)aru« 
^elagiuö berid^tet im 3al^re 1330, toie toir alöbalb feigen toerbcn, 

■ ■ ^ — — 

1) (S9 liegt l^ier enttoeber eine ^nf^ielung auf bad 2)reted ober ben reci^ten 
SSinlet t>or« 2)er leitete )x>ar ba9 l^ö(^{ie Bdc^ M äßauterbmtbe^. 

2) <So mBrtlic^ SiXßii ^anbtoörterbu^ ber lat (Bpxadft Srounf^lodg 1866 
s. V. culmen unb columen. 

3) Stfd^. f. b. W* 2:1^01. 1S40. @. 144. 

4) Max. Bibl. Patrum Vol. XXV p. 272. 



121 

ba§ t)on bctt „Magigtri" bcr „SSeg^atbcn" manche au^ bcn ^anb«» 
»etfetlretfcn l^ertjotgegangcn feien; cinjelnc nämü(^ [eien frül^er 
Sauleute unb SÄautet^), anbete ©fenfd^miebe u* f* to. gemefen, 

9iur betientge lann mit ben genannten ©etoäl^r^männern ettoa^ 
SSeräd^tüd^e^ , in biefen Umftanb l^ineinlegen, totläftt bon bet 3Set«' 
lümmerung ^pUttxtx ^t\tm auf bie el^eniaügen ^arü>ts>txltxux^älu 
niffe einen {Rudfd^lug nia(^t 2lbet e^ mu^ bo(3^ batan erinnert 
»erben, bag im 14. ^ai^ri^unbert eben biefe ^anbtoerfer unb befon^ 
berö bie (Silben bet ©teinme^en, ©auleute, @olbf(3^miebe u* f. xs>. 
kiSfm\äf unb geiftig auf einer ^öl^e geftanben l^aben, ba§ fpöterl^in 
ganje (Generationen geiftig öon il^nen abl^ängig getoefen finb* !Denn 
biefe gering gefd^ä^ten ffierfteute finb bieiärfinber unb 3^i^uer 
jener Äunftmerle, bie t>on ben ^nftlern f^)äterer 3^^*^^ öielfad^ 
nur co<)itt »otbcn finb. 

"änäf ba« oben erioä^nte ©(^reiben ber beutfd^en ©täbte be^ 
ftätigt bie S^l^atfad^e, ba§ bie SBürgerlreife, in beren 5Kamen eö oer*» 
fa§t ift, J)on ti)albenfif(3^en 3been ftarf beeinflußt ge^efen pnb. 

SBer ben lird^lid^en ®^)rad^gebrau(3^ ber ti)albenfif(^en (Sotteö«» 
geleierten einigermaßen lennt, toirb mit mir fibereinftimmen, toenn 
i^ bei^aujjte, ba§ baffelbe aM ber geber eine^ SWanne^ gefloffen 
fein mn^, toetd^er mit ber befonberen !DenI^ unb ©d^reibmeife 
biefer Partei vertraut »ar. 

3de toitt i^ier gar nid^t t>on bem ®ebanlengang unb ben SKo" 
tit>en reben, bie beutlid^ genug auf bief elbe Quelle toeif en ; benn bie 
©erufung auf bie 1^. ©d^rift, bie ^erüorl^ebung, baß Äaifer Sub«» 
toig nid^t allein „im redeten (Sl^riftenglauben gläubig" ift, fonbern 
aud^ unter alten gürften am meiften nad^ (Sl^rifti Seigre lebt „unb 
fotooi^l im (glauben »ie in bemilti^iger (Selaf feni^eit alö ©ei*» 
f»)iel leud^tet", baß er ba« „SRed^te liebt" unb „nad^ ©ered^tigleit 
ftrebt", baß er ein „frommer gürft", „milbe, tool^lioollenb unb gütig", 
„öKii^rieaft f atl^olifd^" 2) ^nb „gottergeben" fei, ift bead^tenötoerti^. 



1) 2)er ^(ttdbrud „cementariDs'', toeld^en ^t>aru9 gebraucht, ij^ naci^ 2)u (Sänge 
Glossarium « m a 9 o n ; cemen tare bebeutet nac^ berfelBen Autorität aedificare, 
exstruere. 

2) 2)aß bie SBatbcnfcr bie 93cjdd^nung ^^latl^otifc^" für ftd^ in STtif^rud^ 
nahmen, ift erliefen, ©icl^e t>. 3e8f<^tJJtt3 Äated^iStncn bcr SKatbcnfcr @. 13, 



122 

3lbcr begcid^ncnbcr no(ä^ finb bic frectfifd^ toalbcnfifd^ctt 2lu^^ 
btüdc, bic in bcm ©(^reiben üorlommcn. Dct „redete (Staube 
Sl^ttfti" (vere recta Christi fides) feiert ate ©cjetd^nuttg ber 
©albcnfcrlci^re im ©egenfafe ju bcm falfd^cn ©laubcn bcr „ZxttU 
d^riftcn" bei il^nen l^unbertfad^ totebet* 3nbcm bic ©tabtmagifttate, 
totläft baö ©d^tcibcn untctjci(^nct l^abett, fid^ ,,2ltme S Stiften" 
(Pauperes christicolae) nennen, Hingt bic ©cjcid^nung „atme", 
bic ti)it fenncn, bod^ fcl^r beutlid^ an. ®efonbcrö d^ataltcrifttfd^ ift 
bie ©cnbung, ba§ bie „®iet nad^ irbifd^er Sl^te" (terreni 
honoris aviditas) bie „Sid^ter nnfete^ §eilö" üctfinftctt ^at. 
Denn bicfc trbifd^c ©egict toat eö ia eben, toeld^e (»ie »tt fallen) 
nad^ ber 2:t:abition ber „©rüber" feit ben Sagen Saifer ßonftan^ 
tinö unb ^ajjft ©^feefter^ jur ©ntftetlung nnb SSerbunlelung ber 
toai^ren nnb nrfprünglid^en SBefei^te Si^rifti unb beö a^^oftoUfd^en 
ßi^riftenti^umö am meiften beigetragen i^atte* 

!J)ie „8id^ter unfere^ $ci(ö" duminaria nostrae salutis) 
finb l^ier natürlid^ nid^t (toie oben) bie SBeftlugeto ober Sid^ter 
bed SBeltaüd, ©onne unb ^onb, fonbern nad^ alüoalbenfifd^em 
®<5rad^gebraud^ „baö äußere gid^t" unb ba6 „innere gtd^t", 
bie ben 3Beg jum §eil leiten unb führen. Da^ innere ßid^t ober 
bie „innere Offenbarung" ift bie Offenbarung beö Sorteö (Logos) 
im §crgen beö 3Äenfd^en unb bie ©timme be^ ©etoiffen^, bie baö 
©ittengefefe anfünbigt; bie „äußere Offenbarung", »eld^e in ben 
©d^riften ber „©rüber" ganj auöbrüdtßd^ aW bie „Sendete" auf 
bem bunllen ^fabe ober aW ein „Sid^t, toeld^eö 9Äenfd^ett in ber 
5ßad^t anjünben", bejeid^net »irb, ift bie i^eilige ©d^rift 5Ktcn unb 
5Reuen 2:eftamenteö ober „ba^ (Sefefe unb ba^ Söangelium", Don bcnen 
ba6 lefetere „Sid^t" bem erfteren afö baö 35ottIommenere unb ate un^ 
entbel^rlid^eö ^ütf^mittel für jeben „redeten Si^riften" gegenüberftei^t 
©0 giebt e« jtoei ober nad^ anberem ©<)rad^gebraud^ brei „Sid^ter 
unfereö ^eiU", toeld^e nad^ angäbe unfereö ©d^reiben« bamafö 
burd^ fftrbifd^e ©egierben" in ber i^errfd^enben fiird^e öerbunfelt 
toaren. 



fünfte« Capttel. 

SKöaru« «Pckgiu« totbcr SWatfiau«. — S)ic Äefect iit @tra6Burg unb il^re Lite- 
ratur. — 2)cr aWagiftcr Sattl^cr iit min. — 2)a3 aSerfeot Äaifcr Sari« IV. 
gegen bic beutf(i^cn Sudler ber ©eltiter. — @inb beutfc^e @(i^riften an« ben 
Äreifen ber SSalbenfer erlitten? — 3)ie iftenn gelfen. — ©a« SReiperbud^ 
ober bie „^iftorie bon 2^ler« ©efel^mng". — 2lu8gug au8 biefem Snc^. — 
Serfc^icbenc 33earbeitungen bejfetfeen. — 2)a8 gotbene 21S3(S nnb bie „attge* 
meinen S^tegcln" ber SÖBatbenfer. 

„Die ©cfötbctung, totläft J)on Satfct ßubtoig ben ®äfx^mati^ 
fem gu ben l^iJd^ften gi^renftetten p SO^eil »urbe", fagt ein Si^tonift 
ber Stanci^Ianet:, „unb bie ©traflofigleit i^rer SSerbted^en begünfttgte 
bie gted^l^eit unb ben Zxo^ änberer, ml^t au6 allen Drben bei 
ber gertngften gegebenen ober l^erbeigegogenen 35eranlaff ung b o n 
bem^a)>fte abfielen nnb bie ©elte ber „®rüber", bie anö i^ren 
®(^lm)fn)tnleln fi(^ nnöerfd^ämt l^erbortoagte unb bie ^anblnngen 
be« ^etruö Sorbariuö (b. i^* be« ®egenpa^)fte« 3äcolau6 V.) nnb 
Subtoigö bittigte, jum großen 5lbbru(i^ ber lati^otifi^en ©ad^e bw^ 
meierten" ^), 

ffiö ]^at in ber Zffot laum eine ^eriobe ber beutfd^en ©efd^id^te 
gegeben, in tütl^tx bie atoangelif d^en ©cmeinben, bie man S33aU 
benfer, ©eg^arben ober tJtatricellcn^) nannte, einen fo 
Stoßen Sinflug auf baö beutfd^e ©eifteöleben befeffen i^aben, toie bie 
erfte ^älfte be« 14. 3a^r^unbertö. 



1) 2>ie intereflante ^ttSit oxA ben Annalibus Minorum Tom. YII ad a. 1328 
§.11 p. 81 ed. novae bei SD^oSl^eim de Beghardis <^. 320. 

2) @d^on a»081^eim De Beghardis @. 67. 201. 262. 484. 491 l^at benÜ^lad^- 
toeis crbrodjt, baß ber yiamt gratrtcellen gerabe in ben @ci^rtften ber ®egner 
bttrd^S glei^bebeutenb mit ©egl^rben gebrandet »orben ift. 



124 

SBenn man fid^ intä) bte ©crid^tc bcr 3nqutfitotcn unb bnxäf 
btc bclannte ®cltcnf^)üretct bcr C>ätcfioIogen ntd^t bic äugen i^ättc 
trüben laffen, toütbe man bet fiintoitlung ber altebangeüf(i^en ®e^ 
meinben auf ba^ beutfd^e ©eifteöleben längft auf bie ©<)Ut ge** 
fommen fein* 3n ben lanbläufigen flr(^engefd^td^tlid^en Sontpen^ 
bien finbet man »oi^l 5yJotijen über bie Siteratur ber fogenanntcn 
„Seite be6 freien ®eifte^", auf bie toir atebalb jurüdfommen tocr^ 
ben, ober über bic fogenannten „Soüi^arben", bie „Drtliebarier", 
,,®($toeftrionen" unb toie bie fonberbaren 5Kamen aße (auten, aber 
über ben eigentlichen §intergrunb biefer großen ©etoegung, über 
i^re Siräger unb beren ©d^riften fud^t man bergebtid^ befriebigcn^ 
ben 5Iuffd^lu6- 

Dber finb e6 etioa lauter unbebeutenbe SBpfe getoefen, toeld^e 
ben fittlid^en SKut^ fanben, gegenüber -einer SBeltmad^t toie bie 
riJmifd^e Sird^e eine fclbftänbige Ueberjeugung ju vertreten? 

S^ ift ganj falfd^, toenn man burd^ gegnerifd^e SSerid^te unb 
burd^ Analogien fpäterer 3a]^r^unberte öerfüi^rt, bereite im 13* unb 
14. 3al^r]^unbert ein ®etoirr i^eterogener Äird^engemeinfd^aften auf 
beutfd^em ©oben ju finben toä^nt, atlcrbingö gab e« fotooi^I in 
ber römifd^en Äird^e toie in ben „®emeinben ßi^rifti" unter bem 
Stnfluß angefel^ener Scanner getoiffe SJid^tungen ober ©d^ulcn, 
aber im ©runbe finb e6 in ICeutfd^lanb toäi^renb jener 3eit bod^ 
nur jtoei große Strömungen, toeld^e auf ber einen ©eite burd^ bie 
römifd^e ^ierard^ie, auf ber anberen burd^ bie fogenannten „SQBal^ 
benfer" repräfentirt toerben, 

2lt(e ©eftaltungen geiftigen gebend in jener dpoäft berul^cn auf 
großen, allgemeinen 3m^)ulfen unb auf bem breiten ©trom einer 
toeit i^inauf reid^enben Srabition* SBie in ber S5aulunft ber ctn^ 
jelne SÄeifter »oi^l Sinjeln^eiten au^ feinem geiftigen ©gentl^um 
ju bem Sntiourf eineö SKünfterö ^injufügt, beffen Sluöfüi^rung il^m 
übertragen ift, aber in allen ©runbfragen fid^ bod^ ftreng an bie 
trabitioneüen gormen unb SWittel f)ält, fo ift e^ aud^ mit ber reli^ 
giöfen Literatur, bie un« au6 bamaliger ^txt überliefert ift* 

3a, man fann nod^ »eiter gelten. SBie ber gad^mann, toeld^cr 
ein SKonumentalbautoerl jener Sa^r^unberte betrad^tet, fofort cr^ 
fennt, ob eö bem Greife romanifd^er ober goti^ifd^er Sunft angei^ärt^ 



125 

fo fielet aud^ bct §ift.ottfct, toclc^ct bic tcHgtBfe 3bccnö)cft bcr 
©^tiftcngemcinben ctnctfcttö unb bcr tömifd^cn Strd^e anbctcrfcttö 
fcnnt, auf bcn ctftctt Sdlid, ob ein ©d^tiftbcnlmal tcligiöfcr Sltt 
tnncri^alb biefeö ober jcne^ Steifet cwad^fcn ift* 

®te ®cfc^c, ti)cl(^c in bct ©aufunft gültig finb, laffcn ben 
Senner fogat bann über bie ^uztifMittxt nid^t in B^^^M; ^^^^ 
er nur ©rud^ftüdc, ja, nur Srümmer eineö SunftmerW aU ^t^ 
obad^tung^objelt bor fic^ fielet; bic gorm Don 2:ragballcn unb ©e*» 
toölbcn, bic §ö!^c unb ©täric bcr ®trebc<)feilcr, ja, f elbft fold^e 2)inge, 
bie bem 8aien ganj glei%üftig crfd^cinen, genügen für ben Xed^niler, 
um bie ?ßrincij)ien bcö gangen S3au^ mit ©id^cri^eit anzugeben» 

®ottte für bie reügiöfe Literatur tiellcid^t cttoa« 2le]^nU(3^cö ju*» 
treffen? 3n bcr ^at finb genau bie gleid^en ®efe§e l^ier »ie bort 
geltenb unb auö einem ©a^, einer SBenbung, ja, auö einem 
SSJort lann man unter Umftänben fidlere ©(^lugfolgcrungcn auf 
bie grage machen, ob toir ben römifd^en ober ben „d^riftUd^en" 
8e]^rt^^)U« oor un6 i^abcn* 

!J)ie SÖSid^tiglcit biefeö (Srunbgefefee^ mu§ bemjenigen cinlcud^^ 
ten, tocld^cr ertoägt, baß faft lein einziger ©d^riftftetter »albenfifd^er 
^erlunft c« l^at loagen bürfen, fein ganje6 ßel^rgebäube öffentUd^ 
aufjubauen, unb baß ba, »o eö getoagt toorben ift, eben biefer SBau 
fofort in 2:rtimmer gef dalagen lourbe/ 

®o finb leiber au6 bem 8ager ber unterlegenen Partei faft 
nur jerftüdtefte literarifd^e !DenImale auf unö gefommen. 



Um bie große geiftige ©eioegung be« ^e^ertl^umö aud^ mit 
geiftigen SWitteln ju Mamp\m, tourben burd^ bie Surie felbft mei^rere 
^eröorragenbe aJiänner veranlaßt, ben gefäi^rlid^en angriffen SÄar^ 
figtio« unb ber „Setäer" entgegenjutreten. 

2)a« bornei^mfte SSäcrl, loeld^e^ au^ biefer Uterarifd^en gelobe 
auf ©eite ber rßmifd^en *i(5artei entftanben ift, ift ba« ©ud^ beö 
Jjö^ftlid^en ^Bnitentiarö Slfoaro *i(5ela^o, eine« frommen granciö^ 
fanerö auö ©^3anien, toeld^e« ben Xitel fül^rt „De planctu ecclesiae" 
unb einige Saläre nad^ bem „?$rieben«antoalt" erfd^ienen ift^)* 

1) 3)a« SBud^ l^at feit 1474—1560 eine ^d^ i>on @bitionen erlebt. 2)ie 
lefetc erf^ten gu SBenebig. 



126 

äfö btc !J)eutfd^cn unter taifet gubtotgö güi^tung im ^oXfxt 
1328 btc ©tabt 9tom eroberten unb ^ctru^ bon Sorbara, ein Drben«^ 
bruber beö Sllbaruö, bic ^)äi3ftlid^e grone al« ©egen^^apft annal^m, 
befanb fid^ aud^ 5Kbaruö in 9tom* Sr rettete fid^ burd^ bie glud^t 

(Sine erbitterte geinbfd^aft trennte bon ba an ben 5lfearuö öon 
ßorbara unb berienigen Partei ber granci^faner, toeld^e auf bcr 
©eite Saifcr gubtoigö ftanb* ^at3ft Soi^ann XXII. jcid^netc ben 
Sllbaru^ befonber« au« unb berief ti^n ju einflußreid^en Slemtern 
nad^ Slbignon* 

^elagiu« toar im ©egenfafe ju SÄarfiltuö bon ber Ueberäeugung 
burd^brungen, baß ber römifd^e ^a^3ft feit ^etri 3rftett aW Urquell 
aller geiftlid^en unb toeltlid^en Octoatt ju betrad^ten fei. !Dcr ^a<)ft 
fd^etnt bem, fagt er, toeld^er il^n mit bem Sluge beö ®eifteö be^ 
trad^tet, ntd^t ein 3Äcnfd^, fonbem ein ®ott gu fein; feine SWad^t» 
fülle ift ol^ne S^affi, SWaß unb ©etoid^t @r fann für red^t erKären, 
toa« er toiü, unb lann 3ebem feine 9Jed^te entjiel^en, toie er e« für 
gut finbet. 

©n ^tt)n]d an biefcr Slßgetoalt l^at bie 2lu«fd^lie6ung t)om 
eiDigen ^eil gur golge. 

älbaruö l^egt bic Ucbcrjcugung, baß bicfc S33a]^ri^citen aud^ 
aßgemein anerlannt fein toürben, toenn nid^t eine große SSertoelt^ 
Hd^ung unb SSerberbniß in ber Äird^e eingeriffen toäre. @r ^alt 
biefe SSerberbniß für fo fd^limm, baß er eö einigermaßen erllatüd^ 
finbet, toenn bon ben Sefeern bie Sird^e mit ber bab^Ionifd^en ^ure 
üergfid^en loerbe, 66 fei eine allgemeine 3Serfinftcrung eingetreten; 
felbft ffiol^Igefinnte loürben irre an bem SBeruf ber Sird^e unb bie 
Rederei ne^me immer mel^r überi^anb* 

®egen biefe geltere, ate bie fd^toerfte geinbin ber Sird^e, tft 
bann ein toid^tiger Slbfd^nitt tjon ^etagiu«' SCu^fül^rungen gcrid^tet. 
ffienn man aud& bon bem ©tJanier unb bem leibenfd^aftlid^en getnbe 
ber „Selten" toeber genauere Senntniß ber beutfd^en SSer^ältntffc 
nod^ ein bitßgcö Urtl^eil ertoarten barf, fo finb bod^ feine ®d^tlbc# 
rungen au« mei^reren ®rünben unb befonber« beßi^alb »id^tig, tocil 
fie bereifen, baß bie „Äetäer" aud^ fiterarifd^ ju einer SSebcutung 
gelangt toaren, baß ber §of jU Hbignon aud^ feinerfeit« fie auf 
literarifd^em SBege beläm^3fen jU foßen glaubte- 



127 

„Ucbcrauö jal^Itctd^", fagt aitjatuö, „finb in bct jüngften 3cit 
in 3taltcn, in ©cutfd^lanb , in bcr ^totjcncc (too fic ©egl^arbcn 
iiitb SSegl^incn genannt tocrbcn) folt^c 8cutc, tocld^c ba^ 3o($ bcö 
mieten ®t^ox\amß ntd^t tragen tootten. — ©nige nennen fie '©tü^ 
ber', anbete 'öom armen 8eBen\ anbere '2l^3ofter, einige 
'fflegi^arben", »elc^e anfd^einenb il^ren Urf^jrnng in ©entfd^Ianb 
^aben unb bie bem änderen SÄenfd^en na(^ anf bie SSäeft jn »er^ 
ji^ten fd^einen , • • . ♦ aber jie fußen nur il^ren Sdanäf an , fliegen 
bie arbeit, toeil fic einen müi^elofen SBrobermerb gefunben i^aben". 
,ßn fettet geben fnd^en fie, berbunben mit Steilheit unb aJHiffig^ 
gang ; fie finb gan j i^ingegeben an ^Träumereien unb forttoä^renbeö 
Um^erfd^toeifcn" 0. 

,,!Cic SlpoftoUf^en unb Seg^arben", fäl^rt unfer äutor fort, 
„befi^en feinen feften ffiol^nort, aud^ tragen fie nid^tö mit fid^ auf 
i^ten Äeif en ; fie mad^en fic^ ein ® etoiff en barau^, gttoaö t>on Se«» 
manbem gu erbitten; aud^ tootlen fie nid^t I8r^3erlid^e 5Irbeit tl^un, 
ba fie forttoäl^renb beten, um nid^t in SSerfud^ung ju faüen", 

äfearuö pnbft biefe ©eigerung be6 arbeitend um fo tabeln^^ 
toert^er, toeil, toie er fagt, etnjelne j)on ii^nen frül^er §anbtoerler, 
nämlid^ ©auleute, gif enf d^miebe u* f. tt)* getoefen feien, grüi^er 
Ratten fic [xäf reblid^ mit il^rer §änbe arbeit genäi^rt, jefet feien 
fie öon ber 5Irbeit jum 5ßid^t^t^un l^erabgefunlen. 

(55 ift gipar unrid^tig, toenn ^elagiu6 meint, bag bie „SSegl^ar* 
ben" il^ren Urf^3rung in ÜDeutfd^Ianb l^ätten, aber ettoaö ©al^re« 
lag infofern in feiner ®e]^au^)tung, aU bie „SBrüber" um baö Sal^r 
1330 in ber Zffat i^ren §auptftüfe»)unft in iCeutfd^Ianb l^atten. 

©n ©traßburger Si^ronift berid^tet jum SoXfXt 1317, ba« Re^er^ 
ti^um fei fotooi^l unter ben ^rieftern toic unter ben 2aien, unter 
SBeltgeiftlid^en toie unter ben SWönd^en fo allgemein getoefen, ba§ „e« 
fd^ier ba« ganje ßlfa§ cinnai^m" ^\ !Die !J)iöcefe i^atte bamate einen 
©ifd^of, toeld^er fid^ nad^ bem Urtl^eil römifd^er g^roniften burd^ 
ben (gifer, ben er in ber 35erfolgung ber „Äet^er" an ben 2^ag legte, 
bcfonber« J)erbient gemad^t l^at^), Qol^ann tjon Dd^fenftein (t 1328). 

1) »gl. bie 3(u8äüge bei 3Ko«l^cim De Begliardis @. 287 ff. 

2) (£. ©d^tnibt Sol^. lauter ©• 7. 

3) SBitn^l^eling Gatal. Episc. Argen tio. p. 78. 



128 

3m 3luguft 1317 lieg biefct ein Strculatfd^rctbctt an btc ©ctft^ 
liäfltit feiner Diöcefe ctgel^en — toit toerben auf baffette gurüd«' 
lommen — in »eld^cm et, gemäf ben S3ef(^(üffen bet ®^nobe ju 
aWaing (1310), bie äuötottung bet „SSegl^arben" anbefiehlt. (S« 
»aren jum Zffdi fei^r l^atte ©eftimmungen. 

5Dod^ l^atte baö Sbict, toie eine balb barauf butd^ ben ©ifd^of 
j3etfönUd^ geleitete Sird^enöifitation ergab, toenig Srfolg. 

SBir befi^cn ein !DeIrct $apft 3o^annö XXII. b. b. äöignon 
auö 1321, iDorau« erteilt, ba§ ber a3if(3^of bie ßurie um toeitere 
3nftruItionen bitten mußte. 3ener, fagt ber ^a^jft^), l^abe ange^ 
jeigt, bag in feiner !J)ii5cefe ebenfo »ie in bem mel^rerenSCl^eil 
!Deutfd^(anbö fogenannte „SSegi^inen" in großer SWenge^) 
tjorl^anben feien. 

Diefe SSegl^inen lebten gemeinfam unb trügen eine befonbere 
Srad^t; aud^ feien fie arm unb befäßen einen erlogenen ©d^ein öon 
frommem Sebenöioanbel. ®ie fetzten fid^ einen SWann il^rer ©eltc 
ate „3boI" unb unterwürfen fid^ ii^m glcid^fam toie i^rem ^auptt ^). 
Sinige bon i^nen »anbcrten umi^er t>on Ort ju Ort. ®ie i^ätten 
bie 5Inmaßung, über bie l^öd^fte SCrinität, über ben ©el^orfam gegen 
bie ^rd^e unb über bie 3lrtifet bed ®Iauben6 unbebad^t gu bi^)}uttren. 

@egen biefe ©eltirer einjufd^reiten erti^eift ber $a^)ft bann bem 
SBifd^of bie Srmäd^tigung. 

!Da« ©traßburger Sbict t>on 1317 *) ift beßi^alb befonberö in^ 
tereffant, »eil eö au^brüdlid^ auf bie Literatur biefer Äefeer Söejug 
nimmt. !Der 3Serfaffer be« Srlaffeö, toeld^er biefe Literatur gelaunt 
H^aben mn% unterfd^eibct brei (Sattungen : 1) ®üd^er oberSlb^anb^ 
lungen, 2) ©ebid^te unb 3) Sel^rftüde ober Siegeln^) unb fügt l&ittju, 
baß alle berartigen ®eifte6^3robufte jugleid^ mit il^ren 3Serfaffem 
berbammt feien. 3ebermann, »eld^er fold^e ©d^riften befi^e, foüe 



1) 2)a8 2)elrct iji »örttid^ abgcbrudt bei SBatuge Vitae Papanim Avig^no- 
nens. «Pari« 1693. Vol. U 436 ff. 

2) „In pluribos Alemanniae partibus in copiosa multitudine" lauten bie 
Söorte. 

3) „Unum sibi ejusdem sectae idolom erigen tes se Uli velut Gapiti.... 
sobjeceront". 

4) ©affelbe iji abgebrutft bei SWo^im De Beghardis p. 255. 

5) 1) Scripta 2) Gantilenae 3) Doctrinae ^o^^tim a. O. @. 259. 



129 

fic binnen tJtetjcl^n 2:aacn einliefern, ba fie fämmtü(3^ öetbtannt 
toerben foüen. 

Um biefette ^tit ate ©ifd^of Sol^ann öon ©ttapntg mit ben 
Äe^em feiner !Di8cefe in einem öergebUd^en Äantpfe lag, f^)ieften 
fid^ jn ^In unter @r}btf(^of ^einrid^ t)on SSirneburg ganj äi^nlid^e 
SJotgfinge ab 0. Diefelben intereffiren un« l^ier befonberö beß^alb, 
toett barin auf bie gtteratur ber „SSegl^arben" unb auf einen ba^ 
maU berül^mten ©d^riftfteßer biefer Partei, 5Ramenö SSSalti^er, ©ejug 
genommen totrb. 

3m 3a]^re 1322 berief gl^urfürft C>einrid^ »>on Mn bie ©ifd^Sfe 
ton Dönabrfid, SDWnben unb SDWlnfter ju einer S^n^ammmhinftf 
um SDlalregeln totber bie „©eften" gu beratl^en* Die Queüe, toeld^e 
uns über biefe @^nobe berid^tet, erjäl^It auöbrfidlid^, bag, auf ber*» 
felben ein getoiffer S35al tigern« ate SWagifter ber ©elte unb l^öd^ft 
gefährlicher ÜWenfd& bejeid^net toorben fei 2), lieber beffen f(^rlft^ 
ftellerifd^e S:i^ätigleit unb über feine toeitercn ©(^idfale »irb be^ 
rid^tet: „Der STOagifter unb Seigrer, SBalti^er mit 9kmen, toarb, 
nad^bem er »>on SWainj na(3^ ftöln gelommen toar unb feine in 
bcutfd^er ©^jrad&e abgefaßten ©d^riften unter ba« aSoß gebrad^t 
^attt, ergriffen unb in ba« ®efängni§ getoorfen; öor feiner $in^ 
rid^tung belannte er, bag er t>xtU ©dritter feiner Seigre fotooi^I in 
ber ©tabt al« in ben benad^barten ®egcnben jurüdt laffe"»). 

5Die literarifd^e ©irifamleit biefe« Saftiger ^at fd^on bie äuf.^ 
mcrlfamleit be« geleierten äbte« öon ©^^ani^eim, Soff. Siritl^eim 
(t 1516), erregt, toeld^er in ben Oueßen feiner Si^ronif bon ^irfau 
Slad^rid^ten barüber tjorgefunben i^at. 

er ergal^lt über ©altl^er golgenbe«: „3m angeffii^rten Sa^x 
toarb ein getoiffer C>äretiler, ©altl^er mit Flamen, ein ^anpt ber 
„SBrfiber"*) unb ein gefai^rlid^er C^ätefiard^, ber t)iele Sa^xt ^xn^ 



1) 2)ie Ouetten über biefe ^nift^en ^äm^fe fliegen siemtid^ mäjiiä^ unb 
biefetbm erl^lten ein befonbere^ 3nteref|e butd^ bie ^evtDidEtung SD^eifier (SdartS 
in bie^e^^toaeffe* ©teid^tool^t fel^U eine sufammeni^ängenbe SSürbiguttg* C^niged 
bei hinter im i>tai\äft Q^oncilien VI, 132. $gl. femer Joh. Viiomdani Ghro- 
DicoQ ed. G. de Wyss ad a. 1328. — SDIlattl^S, Yeteris aevi analecta II, 643; 
3ol^. »ictürienf. b« ©öl^wer Fontes I, 40 etc. 

2) @(^ten Annales Paderb., 1775 Tom. II, p. 177 sq. 3) Ibid. II, 178. 
4) & tjl fein Stoeifel, bag ber SCu«brucf „Fratricelli" t>on S^ritl^eim, bej»» 

SttUtx , 2)ie 9{efortnation. « 9 



130 

\>nxäf öetbotgcn geblieben »at unb Diele in feine gefäl^riid^en arr*' 
lehren öcttoideft l^atte, bei Mn ergriffen unb burd^ 9?id^terf)>rud^ 
bem geuer übergeben unb verbrannt* (Sx toar ein SWann t>oU be« 
Xeufefö, J)or allen 5lnberen gefd^idt, bei^arrlid^ in feiner Srrlei^re, 
Hug in feinen Slntoorten, im ©tauben Derberbt unb fonnte burd^ 
leine 3Serf^3re($ungen , leine ÜDrol^ungen, ja felbft burd^ bie futd^t^ 
barften Folterungen nid^t bai^in gebrad^t toerben, bag er feine aWit-* 
fd^ulbigen, bereu e^ bod^ tiele gab, öerrieti^* — Diefer gofli^arbe 
ffialti^er, Don C>^rtunft ein 5ßieberlänber , ffattt geringe Senntnig 
ber lateinifd^en ©tjrad^e unb fd^rieb bie jal^lreid^en ©d^riften 
feine« 3rrglaubenö, ba er e« in römifd^er 9?ebe nid^t fonnte, in 
beutfd^er ®pxaä)t nieber unb tl^eilte fie benienigen, bie er betrogen 
unb t>erffi]^rt i^atte, ganj ^eimlid^ mit* 5Da er bie Umlei^r unb 
ben ©iberruf gurfidCioie« unb auf baö ftanbl^aftefte/ um nid^t ju 
fagen i^artnädtigfte, feine 3rrle^ren öerti^eibigte, toarb er in« geuer 
getoorfen unb lieg nid^t« al« feine 2lfd^e jurüdt"0* 

5Da6 bie fogenannten „SBegl^arben" eine umfangreid^e beutfd^ 
giteratur erjeugt unb befefftn l^aben, gei^t beutlid^ l^ertjor au« bem 
aßanbat Äaifer Rarl« IV., toeld^e« biefer unter bem 17, 3uni 1369 
ton Succa au^ in ba« 9Jeid^ erließt), iDaffelbe ift au«fd^lie6ltdf 
gegen bie „beutfd^en SBfid^er" ber ©egl^arben unb Söegi^inen gerid^tct, 
gu beren 3Sernid^tung alle Srjbifd^öfe unb Söifd^öfe, fotoie alte ^cr^ 
söge, Surften, SÄarlgrafen u, f. to. aufgeforbert toerben, S« liegt 
ben 3nquifitoren ob, fagt ber Saifer, bie SBüd^er, fotoo^l biejenigen 
ber SBeltlid^en loie ber ©eiftlid^en ju unterfud^en unb jioar „be^ 
fonber« begi^alb, ba e« benSaien beiberlei®efd^led^t« 
auf @runb ber faiferlid^en SSorfd^riften nid^t erlaubt 
ift, irgenb »eld^e ©üd^er in beutfd^er ®<)rad^e über bie 
1^. ©d^rift ju gebraud^en"3), mji ^^t in bieSe^erei t>erffi^rt 



feiner Onclle l^icr im aögcmeitietcn ©itine für bie @cltc ber „©ruber" gebraud^t 
iji; im engeren @init nannte man eine Süc^tnng im granciöfonerorben „Frairi- 
celli". — S^ritl^eim ibentiflcirt an äner anberen @teKe bie SütSbrüde Beghardi 
et Beguinae unb Fratricelli. 

1) aWo^l^eim De Beghardis @. 273. 

2) S3oöftänbig abgebrucft bd 3«o«l^eim De Beghardis @. 368 ff, 

3) „Praesertim cum laicis utriusque sexus secundum canonicas sanctiones 
etiam libris Tulgaribus quibuscunque de sacra scriptura uti non liceaf. 9nf 



131 

ju toerben, in tocld^cr gcgcntoättig btc „©cgl^atben unb ©egl^inen" 
leben* Mt, an btc baö SWanbat gertd^tet tft, foßen ben Önquifi^ 
toten mit boüem ©ei^otfam beiftel^en nnb 3ebemtann jur träfen-- 
tation fold^er SBüd^er unter äuöfd^lu^ be« {Reiä^tStoege« stoingen* 



SRatärfiiä^ i^at baö SKanbat bic SBithing gei^abt, ba^ i)on biefcr 
fitteratut ein etfftUx^tx SCl^eil öetnitä^tet toorben ift W>tx fottte 
toitlßd^ ni(ä^tö baöon eti^alten fein? 

®(ä^on aWoSi^eint i^at in ©eanttoottung biefer grage auf ben 
Stactat beö „©egi^atben" ®etarbu8 i^ingetoiefen, mläfct im 3fai^r 
1747 na(3^ 5luöü)ei8 eineö fiatalogö in einet öfttei(ä^if(ä^en SÖenebio 
ttnet-'SSiHiotl^el ijoti^anben ttjatO* 

SReuetbingS i^at fetnet ©enifte mit DoÜem 9ie(ä^t batauf auf^ 
metifam gematä^t, baß bet Biöi^et an ben Flamen be^ SWeiftet Sdatt 
angeinftpfte Sitactat: „Daz ist Swester Katrei, Meister Ekehar- 
tes Tohter von Strazburg" toenigften« jum S^l^eil begl^atbif(ä^en 
Utf^ptungö fei 2), 

Sttet xäf glaube, baß, foBalb man bet ®a(ä^e näi^et natä^gel^t, 
ftd^ no(ä^ ganj anbete ©(ä^tiften atö (Stjeugniffe bet äBatbenfet-- 
gitetatut l^etauöfteHen ttjetben* 

3Ro«]^eim l^at bie ni(ä^t unbegtünbete SBetmuti^ung au8gef^)tod^en, 
baß bet im Salute 1325 l^ingetid^tete 3BaIbenfet«^5(|)DfteI äBaltl^et 
bet aSetfaffet bet „Beg^atbifd^en" ©(ä^tift „SSon ben neungel-- 
fen" fei 3), todäft bamal« nad^toeiSttd^ untet ben ©albenfetn fel^t 
belannt unb Detbteitet t»at. 

3n bem Sbilt beö Sifd^of« 3oi^ann Don ©ttaßbutg öom 13. äug. 
1317 ioitb auf biefe ©d^tift butd^ bie auöbtüdtid^e (Sttoäl^nung bet 
,,SRcun getfen" angef^jieft 4). 



bic Unltarljcit M 21nöbrucfc§ „de sacra scriptura" l^at f^on Wlo^dm cu O. 
@. 375 aufntcrlfam ßcmad^t. Sn bcr $to^i« »anbte man ba« äßanbat auf oKc 
Tcfigtöfctt bcutfd^cn ©ci^tiftcn an. 

1) SRo^l^eim O. Ö. @. 376 Gerardus De spirituali exercitalione repara- 
tionis lapsu8 nac^ ÜK. ^o^fi Bibl. Benediclo-Mellicensis Vindob. 1747 p. 218. 

2) 2)cttiflc Oucttcn unb gotf^ungen S3b. 36. 2)ct 2:ractat B. Pfeiffer 
2)cutfd^ SK^pifcr II, 448 ff. 3) Wlo^^dm De Beghardis ©. 247. 

4) S)ic« tjl juerft bon 2:. 3B. 9lö^rid^ 3tfd^r. f. l^ip. 2:i^cot. 1840 I. @. 131 
Bemcrit unb au«gef:|3rod^en toorben. 

9* 



132 

Sftutt ift utt« ein Sduäf, mlü^t» bcn ZM „95on bctt neun 
gclfeti" füi^tt, erl^alten unb jtoar, ti>a8 Bcfonber« totd^tlg tft, ttt 
mcl^rctett {Rcbactionen, btc itttter \xHf ttffülxät oAtotvSftn. 

SBte bejt^en ein gfcnnslat beffelbcn, loeld^e« im Saläre 1352 
i)on l^em ©ttaputger ^atririet SRulman 2Jier[tt>in, bcn totr afö^ 
balb lenncn lernen toerben, ntebergefd^tieBen nnb üBerarteitct toor^ 
ben ift*)* e« ftei^t feft, ba§ bie 3nf äffen ber Soi^annitet^Sommenbe 
ju ©ttapnrg, t»el(ä^e jene SJietftotnf^e ^anbfd^tift befa^en, bet 
ä[nft(ä^t toaten, ba§ bet ©d^teibet an(ä^ ber SSerfaffer fei äüetn, 
bag bie Soi^anniter in S^nlxä^m ^nnlten gang nnnnterri^tet loaten, 
toirb ft^ f^päter jeigen* 

©tefe SWerfminfd^e Bearbeitung ift bann bie 35orlage für eine 
anbere geworben, mläft feit nralten ^tvttn unter bie ©d^riften 
§einrid^ ©ufoö Slufnai^me gefunben i^at unb in ben gebrurften 
Sluögaben biefe« SK^ftiler^ fi(ä^ regelmäßig toieberi^olt finbet- 

(gö [galt begi^alb biö in unfer Sai^ri^unbert i^inein $• ©ufo 
unbeftritten aW ber SSerfaffer ber „5Reun gelfen" — eine 2ln^ 
(id^t, bie in ii^rer Uni^altbarfeit längft aßgemein erlannt ift 

ÜDiefe ©ufofiä^e {Rebaction nämtid^ l^at fi(^ einfad^ alö ein 81 u8^ 
äug au8 ber SJicrftoinfd^en Sbition tnipuppt — ein SluSjug frei' 
tid^, ber nad^ ganj beftimmten ®efid^t8))unften angefertigt ift 

©eftrid^en finb nämttd^ biejenigen ©teilen, toetd^e bogmatifd^ 
anftößig fd^ienen, j. Sb. ein $affu8 über gotteSfürd^ttge Reiben unb 
3uben, ben ti>ir fofort ertoäl^nen toerben* 9lber babei ift e« Iciber 
nid^t geblieben. SSlelmel^r ift einiges gefliffentUd^ g^fälfd^t; fo 
l^eißt eö bei ©ufo: ,,2Bittu toiffen, toa« bie »üben ertiJbtet l^at? 
SBiffe, ba« ti^at ber ®cig ber 3 üben unb ii^re i^eimlid^e ©finbe", 
iDäi^renb eö bei aRerftoin l^etßt: „®u foKft toiffen, baö tl^at ber 
e^riften^eit ©eij''^). 

SaSenn man bcn Snffalt be« unS crl^altcncn Söüd^Iein« mit ben 
angcbftd^ctt „^xxUffXtn" ber Söegi^arbcn Dcrgleid^t, toie fic baö SÄanbat 



1) Ü'lac^ bicfer ©anbf^rift IJetau^g. bott (£. ^d^mtbt Sei^jig ©.©itjcl 1859. 

2) 2>a« iRäl^crc bei (£. ©d^mibt 2)a« 33ud5 boti bcti neun gclfcn Sei^jig 
1859 SSorrcbe @. VI. 3« bicfcr berunfloltctcn gorm ifl ba8 S3ttdJ abgcbrudt m 
S)ic^CTiBtO(f« %VL^Q. bon @ufo« SSßcrlen (9lcgett«burg 1829) fotcic bon Subtoig 
4)ofmatttt at8 bcfonbctc @^nft im Saläre 1841. 



133 

Dont 17. Suguft 1317 nami^aft maäft, fo tritt fofott ju Za^e, baf 
bct aSerfaffer beö Sbilt« toenigftenö einen 2;]^etl unferet ©d^rift 
gelannt i^aBen mug. 

!J)a^ etl^altene ©üd^lctn mad^t e« \iäf unter 9lnberem jut Stuf«* 
gaBe, in auöfüi^tttd^er ÜDcbuction ben 9lad^toei« gu erbringen, ti>ie 
e^ ®otte8 SBarmi^et^igleit ti>iber[^>red^e; aüe Reiben unb 3uben ber 
ctoigen SSerbammnig ju öBcrgeben ^), unb eben biefe Zfftdxxt totrb 
bann Don ber ©tragbnrgcr 3nquifition aW Begi^arbif^e ^ärefie 
bctbawmt 

3m t)origen Sai^ri^nnbert ffat Stl^. ganrenttuö SWoöi^eim bie 
f)onbf(ä^rift eine« Sü(ä^leinö gelannt unb Benufet, toel(3^e3 gleiiä^faö« 
bcn Sitel ,,a5on ben neun gelfen" filierte, unb t>t>n beut er fagt^ 
ba| bie 5ßeun ^tl\tn in ber Seigre ber ©elte, au« beren ©d^oof 
eö ftomme, neun®tufen Bebeuteten, totiä^t ber 2ßenf(ä^, ber ®ott 
' liebt, ent|)orfßntmen mu^, um jur ^Bereinigung mit ii^m ju ge^ 
langen 2). Wlo9i)dm legt bie entftei^ungöjeit bief er ® d^rift in ba« 
13. Qai^rl^unbert unb fagt ou«brü(IIi(ä^, baß biefelBe fe^r Derfiä^ieben 
fei öon berjenigen, ti>el(ä^e ©ufo unter bemfelBen Sitet l^erauSge«^ 
gcBen unb gefd^rieBen i^aBe* Sr Belegt bie« auäf inxäi einige lurge 
©ä^e, bie er an« feiner ^anbfd^rift gieBt^), unb bie fid^ in ber Zfyat 
bei @ufo nid^t finben. (Sine S3ergleid^ung biefer ®ä^e mit ber 
SWerftoinfd^en SBearBeitung ergieBt, baß aud^ bie geltere biefetBen 
ni^t gelannt l^at 

©leid^tool^I lann fd^on je^t mit ber größten 3Bal^rfd§einIid^Ieit 
bci^au^Jtet toerben, baß bie 2Ko«]^eimfd^e ^anbfd^rift nid^t« 3lnbere« 
ift als eine britte SRebaction beffelBen SBüd^lein«, toeld^e« toir l^eute 
bcftlen. 5Rur baß i)iefleid^t biefe urf^jrflnglid^e Sorm fid^ toirHid^ 
fci^r eri^eBlid^ i)on ben SBearBeitungen be« 14. ^ai^ri^unbert« unter-- 
t^et, bie, toie jebe naivere ©nfid^t ergieBt, fei^r ftarl Dertoäffert 
unb unenblid^ in bie Sreite gejogen finb^). 

1) (L ©e^mtbt a. D. @. 55 ff. 

2) 3. 2. TlO^'^m Institutionum Histor. eccles. LibrilV. Helmstadii 1755» 
©. 552 ff. 

3) (g« ijl gu Bebanent, baß c« nur fo ftttgc ^rud^jiüdc fmb, toeldjc 9Wo3* 
5eim gicBt, unb baß er ni(3^t angiebt, toci^tx er feine ©anbfd^rift erl^oltcn l^at. 
2)ie SBteberanffmbung bcrfdbcn toürbe Joon Sertl^ fein. 

4) mt tveld^er SSUÜür 9tutntan Wltx\n>m atte Vortagen Bi$)])eUen ber« 



134 

!5)ic ^roccbur, tocld^e Bereit« im 14. QoXfx^unitxt auf fold^e 
SBelfe mit bcm SBüd^lein „SSon ben neun gelfen" Doöjogen ift, legt 
bie iBetmuti^ung naff, ba^ ijietteid^t aud^ anbete ä^nlid^e ©d^tiften 
ba« gl^i^ä^^ ©(ä^idfal erfai^ren l^aBen, nur ba§ man eö nid^t überall 
nai^tDeifen lann. 

3Bir Befifeen eine {Reii^e i)on ©d^riften, beren innere äel^nttd^^ 
leit mit ben 3been be« ©üd^teinö „3Jon ben neun gelfen" längft 
anerlannt ift, fo j. ©. bie ©d^riften „SSon ber geiftftd^en Sciter" 
unb ber „®eiftUd^en Stiege" u* 21. ©ottten biefetten ettoa gleid^^ 
faü« ,,beg^arbifd^en" Urf|)rung« fein?0 

35iefleid^t lein ®fid^Iein aber ift in feinen (Srunbgebanlen naiver 
mit ben 5ßeun gelfen ijcrtoanbt ate baö fogenannte„2JieifterBud^", 
toeld^e« unter bcm 2:itet „§iftorie Don 2;aulerö Söelel^rung" 
in t>xtUn Auflagen unb SluSgaben Belannt unb verbreitet ift. 

aWit vollem ditäft fagt IDenifle bei ber ©ef^jred^ung bicfc« ©ud^ö 
gelegentUd^: „S)aö 2Keifterbud^ erfd^eint aud^ i^iet! toie immer al« 
eine toeitere äuSfüi^rung eingelner fünfte im ©üd^Iein von ben 
neun gelfen"^). 

2)ie grage nad^ bem B^^f^ßtmeni^ang biefer ©d^rift mit einem 
„begi^arbifd^en" ®eifte8^)robuft toie bie „?leun gelfen" nimmt bcg* 
l^alb ein befonbereö 3ntereffe in Slnf^jrud^, »eil, toenn einetoirl*' 
lid^e ©eifteSvertoanbtfd^aft oorl^anben fein foHte — loie fie benn 
ganj unjtoeifet^aft vori^anben ift — bamit ber Söttotx^ erbrad^t fein 
töürbe, baß biefe verad^teten „©egi^arben" toenigften« mit einer ii^rer 
©d^riften fünf 3ai^r]^unberte i^inburd^ auf viele ^unberttaufenbe 
einen großen ©nflug ausgeübt l^aben. i 

©el(^cr ©erti^ fd^on feit bem äÄittelalter von ©eiftUd^en, ®e^ 

arbeitet unb entjieHt l^at f. hd Sunbt Le8 Amis de Dieu @. 23. ®iefc S3c- 
<itbeitmiflctt l^oben in ber Siegel ben ^üd^em @aft unb Äraft genommen. Slud^ 
ben „Üfleun gctfen" feP e« in tl^rer nn^ l^eute bclannten (SWerftotufd^en) ©cjtolt 
fel^r an 2:iefe*unb eetbftänbigleit 

1) ^2(uf bie „^eungelfen" toirb aud^ in einer ^anbfd^rift^qng genommen, 
in toeld^er 2)enipe (OueHen unb gorfd^nngen 33b. 36 @. 137 ff.) ben S^ractat: 
„Von den drien fragen, in dien beschlossen ist anyahent, zunement und yoll- 
kommen leben" gefunben l^at. ©gl. 2)enif(e a. O. @. 39. 

2) Onetten unb gorfd^ungen jur @:|)radj- unb Sutturgefdjid^te ber ®erm. 
SSötler S3b. 36 @. 119. — ©ie« SRefnttat beflätigt Sunbt Les Amis de Dieu 
1879 @. 182, ber im Uebrigen Von ganj anberen ®ertd^t«^unlten au^el^t 



135 

lehrten nni Säten btcfcr nicttoütbtgen ©d^ttft Beigelegt toarb, fielet 
mon barau«^ ba^ man fett alten 3^tten bi« auf unfere Za^t ber 
änfid^t toat, lein anbetet alö 3o]^anne8 Xauln fei bct ^elb 
ber C)iftotte* 23^atfäd^i(ä^ ejiftitt leine einjige ältete gebtudte 2lu8* 
goBe öon Saulet« ^tebigten, in todäftt nid^t jugleid^ bie ©efd^id^te 
ber JBelel^tttng entl^aften toäte. 3a, Spanier Detbanit, tt>ie iDenifle 
mit 9ie(ä^t l^etöotl^ebt, e6en bief ent SÖüd^lein einen Zfftxl feine« 
Siul^me«!). 

Sie lebl^aft bie ^iatä^frage unb toie gto6 bie ©itlung bet Keinen 
©djtift fd^on int 14. unb 15. öai^ti^unbett gettjefen ift, lann man 
au^ bet telatiD gtogen Jlnjal^l öon ^anbfd^tiften fd^Iiegen, bie bi« 
ic|t bai)on hiebet aufgefnnben ttjotben finb^). 

Dag nun aBet Stautet nx^t bet §elb bet ®efd^i(^te, au(^ an 
bct SlBfaffnng nx^t Beti^eittgt ift, i^aBen bie t$otf(ä^ungcn iDenifte« 
mit et>ibeng feftgefteöt 

e« ]&at biefe« {Refuttat nxäft nut ni^tö Stuffaüenbeö, fonbetn 
cd fte^t mit jai^Iteid^en analogen (Stf^einnngen im t)oQften (SinRang* 

SBen bem Sol^anneö Miautet ift j. 33. feit ntalten Bitten ein 
®enbf(ä^teiBen an bie Si^tiftenl^eit Beigelegt unb in ben 
gcbtudten Sammlungen feinet ©tiefe loiebetl^olt tootbcn ^\ toel(ä^e8 
ungtoeifel^aft einem anbeten 5lutot angei^iJtt *). Unb bie« ift um 
fo bead^tenötoettl^et, toeil biefe« ©enbfd^teiBen feinem Si^ataltet nad^ 
auf benfelBen Slutot l^intoeift toic baö „SWeiftetBud^" unb bie „^ieun 
geifcn" — ein Umftanb, toel(3^et etgieBt, bag biejenigen ^ctfonen, 
toeld^e mit Stfolg bie ÜÄcinung in Umlauf festen, bag Jaulet bet 
35ctf äffet fei, eine getoiffe Slei^nlid^Ieit jtoiftä^en 2;aulet unb Jenen 
©Stiften gefunben l^aBen muffen. Unb toenn nid^t toitlliiä^ eine 
getoijfe a3ettoanbtf(ä^aft Dotl^anben getoefen toätc, fo toütbe nid^t etft 
in unfeten S:agen bie 3Setf(ä^iebenl^eit bet SSetfaffet an ba« 8id^t 
lommen. 

®anj affnlxSf toie 3ol^anne« 2:aulet ift e« bem 2ßeiftet Sdatt 

1) 2>cnifte Ctudlen unb gotf^traßCtt 33b. 36 @. 111. 

2) 2)cniflc l^t bereu atleiti awd ben Salären 1425—1486 ctlf ermittelt. 

3) mute Slu«gaBe bon 2:auler8 SSßerfen 1543 fol. 323«. 

4) (L @(3^mibt 3ol^. Skiuler 1847 @. 187, »el^er bie« juerfl bargetl^ 
Vit, nernit aHulman aWerfwin al« SSerfaffer. 2Ber betfelbc au(3^ getoefen fein 
mag, fo tfl fo irtel ft^er, bag 2:auler e« nid^t i|l. 



136 

ergangen. Sluiä^ an feinen 5Kamen finb anonyme ©d^rtften angc^ 
fnil|>ft toorben, todä^t pm Ji^eil ber gttetatnt iex ©eg^atben an^ 
gei^iJren. 

saSenn nun Sanier toeber bet §elb ber „^tftorte" no^ an 
ber 3lBfaf[nng beti^etttgt tft, fo entfielt bte grage, n>en n>tr bann 
alö Uri^eber anjufei^en i^aben. 

ß^ !ann im Jlögenieinen aW ertoiefen gelten, baß ber SSet^ 
faffer lein [(ä^ulmägig auSgebilbeter Si^eologe ber ri5mtfd^en Sirdfc 
getoefen ift. "äuäf ffat ©enifte Dom römif(ä^en ©tanb^>ttnlt an« bic 
„SReitgtäuBigleit" be« »ntor« ernftlid^ in ßtoeifel gejogen* DB e8 
ttjal^r ift, bag ba« Sßnä), toie iDenifle fagt, „ben ^riefterftanb in 
alten feinen gunitioncn Btogfteßt" , vxiäftt i^ bal^ingefteßt fein 
laffen. 

23ei ber großen SBebentnng, toeläft bie ©d^rift für bie bentfd^e 
Siteratnr gewonnen l^at, erf(ä^eint bic SBfnng ber grage nad^ bem 
Slntor atterbing« Don großer (Sri^eBlid^Ieit. 

(£in gntreffenbe« Urti^eil barüBer aBer toirb, toie id^ gtouBc, 
nur burd^ bie S5ergegentoärtigung feine« 3n]^alt« fid^ ermÄglid^en 
laffen, unb id^ i^atte e« bai^er, ei^e id^ meine Slnfid^t äußere, für 
geBoten, einen mßgUd^ft getreuen Sluöjug an« bem Berfii^mten fflnd^e 
ju geBen^ 

35on ©traßBurg au§ — fo lautet bie Srjäi^lung — toar bet 
9Juf eine« üWeifter« ber ff. ©d^rift Bio in bie ©nfiebelei eine« „(Sotte«^ 
freunbe«" gebrungen, toeld^e biefer im „OBerlanb" Belool^nte. ©a 
maäftt 3ener fid^ auf gen ©traßBurg, um ben großen ^rebiger 
lennen ju lernen, unb at« er ii^n fünfmal gel^ört i^atte, ba fagte 
er fid^, baß ber SWeifter ba« äBerljeug werben lönne, burd^ loeldjcö 
®ott ®roße« toirfen mi5d^te, unb er fud^te ii^n auf unb Bat i^n, 
baß er feine SBeid^te i^Bren mi5ge. ©o lamen bie Beiben ÜWänncr 
juerft in SÖerüi^rung, unb e« gefd^ai^, baß fie greunbe tourben. äfö 
nad^ einer 9tei]^e Don S33od^en ber 8aie toieber aBreifen toottte, ba 
Bat ber SWeifter i^n, baß er BleiBen mi5ge, unb fagte ii^m gu, bag 
er il^m ferner ^jrebigen tooHe. 2)a f^rad^ ber 8aie: „SieBer 2Keiftet, 
il^r foßt fürtoai^r toiffen, baß id^ nid^t Bin gefommen um eurer 

1) Oucllm u. g. «b. 36 @. 118, 



137 

^Tcbtgt totörttO, xäf Um haxnm ^tx, bag xäf ztiaä^U, iäf foüte mit 
ber ^&l\^ ®otte« etoa« diaüf fd^affcn". Slntoortetc bct 3Ket[tet: 
,,SBa^ SRat^cö toofltcft bu fd^affen, bu Btft bo(ä^ ein 8aie unb Der** 
ftel^eft bic ©d^tift nid^t unb gcMi^tt bit aud^ nid^t, ba^ bu fotteft 
^>tcbt8cn". iDarauf fprad^ bcr 8aic: ,,^eTt SWeifter, xffx feib ein 
gro|et Pfaffe unb ii^t i^abt in eurer ^rebigt gute Seigren geti^an, 
tl^t lebt aber felber nid^t barnad^ unb rebet baju ettoa^ unb 
f^>Tcd^t gu mir, id^ foß bleiben, ii^r tooßet mir nod^ eine ^rcbigt 
ti^un, §crr, ii^r fottt toiffen, bag eure ^rebigt unb bic äußeren 
SBorte, bie man in ber ^tit reben mag, in mir nic^tö fd^affen 
mögen, benn fie l^aben mid^ unterteilen mel^r gei^inbert benn ge«* 
fSrbert S^x ^aU bod^ felber ge^prebigt: toenn ber i^öd^fte SWeifter 
aßet SBai^ri^eit ju bem 2ßenfd^en lommen foßc, fo muffe biefer lebig 
unb lo8 toerben aöer Dergänglid^en ©inge* S33iffet, toenn ber-- 
felBe aßcifter ju mir lommt, fo leieret er mid^ mei^r in 
einer ©tunbe, benn il^r unb alle bie Seigrer, bie Don 
bcT®elt finb, bis an ben jfingften SCag ti^un miJd^ten". 
Unb biefe ©orte brangen toie Pfeile in be^ 3Keifter8 ^erj. Slber 
tote mag man ber Srleud^tung unb ber 5Jiä]^e be« göttlid^en ®eifte^ 
ti^eil^aft loerben, bie un8 in einer ©tunbe mei^r leiert al8 äße Seigrer 
ber SBelt in Stoigleit? Slud^ barauf gab ber 8aie ii^m Slntioort: 
3S^x mügt bie Seigre leben, bie ii^r leiert, unb bie Siebe, bie ii^r 
j)rebigt, burd^ bie Zffat betoeifen. S^x feib geneigt ju ben Srea-- 
turen, unb euer ^erj i^ängt an fingen biefer SBelt* ®o lange 
i^r aber nid^t ein reine«, lieb l^abenbe« §erj burd^ ©elbftentfagung 
unb Slufotjferung befi^t, fo lange feib ii^r toie ein unreine« gaß; 
nur ber 3Bein, ber burd^ reine ©d^läud^e gei^t, toiß greube unb 
(Snabe bringen. 

„5)err, ii^r foflet toiffen, bag ii^r Diel guter Seigre i^abt gegeben 



1) 2)em naci^folgenben ^udgug oud bem Sßetj)erbitd^ i{i bieienige ^^gabe 
beffdben ju ®runb gelegt, bie gu S3afel tut Saläre 1521 erfi^ienen ifl, nätnftdj: 
^Joannis Tauleri be« l^eiCtgen Serer« ^rebtgten «♦ f. to. ©ebrudt ju S3afel bei 
^fetri 1521" fol. S&l a— c. SHe neuere «««gabt ip: (S, ©ci^mtbt 9tta bon 
»afel« «crid^t bon ber S3elel^ruttg 2:auler8 ©traßb. 1875. — Sm Saläre 1865 
ijl ba« SWriperbtid^ abgebrucft toorben in ber SM^r. „2)autari«" l&erau«g. bon 
^Siefcbred^t unb S3i5l^uter ©tettiu 1865 @. 148—210. gaft aßc 5lu«gabett bou 
Xonler euti^ten ba« ^(^. 



138 

in eurem ©etmon. aber mir fiel ein 23ilb ein, biefbett i^r pxt^ 
biget, ba8 ti>ar red^t, aU ti>et ba nSi^me guten Maren SBein unb 
menget ben mit §efe, ba§ er trüb loirb"» S)a ^pxaäf ber ÜReifter: 
„gieber ©oi^n, toie meinft bu bte« ?" ®pxaäf ber 2ßann : „^^ meine, 
bag euer gaß unrein ift unb tUitt no^ t)iel §efen baran unb baö 
liegt baran, bag ii^r eud^ i^abt Dom ©ud^ftaben tobten laffen, unb 
er tobtet euiä^ nod^ atte 2^age unb aße ©tunbe unb ii^r toijfet bod^ 
f eiber toofjil, ba^ bie ©(ä^rift fprid^t: ber SBud^ftabc tobtet unb ber 
®eift ma^t lebenbig. 5ßun toiffet, berf eibige ©ud^ftabc, ber 
eud^ nun tobtet, berfelbige ©ud^ftabc toirb cud^ tooi^I toieber lebenbig 
mad^en, olfo fern al8 ii^r felber toottt Slber in bem geben al8 ii^r 
nod§ feib, fo totßt, ba^ ii^r nod^ nid^t Sid^te« i^abt, fonbem ii^r feib 
in ber Stad^t, barin ii^r ben ©ud^ftaben tooi^I möget erfennen, aber 
bie ©üßigleit beö tf. ©eiftcö l^abt il^r nod^ nid^t gefd^medtt Daju 
fo feib il^r nod^ ein ^^arifäer". 

ÜDa f^rod^ ber SKeifter: „gicber ©ol^n, bu foßft toiffen, bag 
id^ fo alt toorben bin unb bag mir nie fold^e 3Borte lourbcn ju^ 
gef|)rod^en". ®pxaäi ber SJiann : „^iun teilt id^ eud^ ju bem erften 
fagen, toie baö lommt, bag eud§ ber ©ud^ftabe tobtet gieber §err, 
ii^r toiffet felber tool^I, ba bie 3eit lam, bafe i^r ©i5fe« unb ®ute« 
unterfd^eibcn lerntet, ba fingt ii^r an, ben ©ud^ftaben ju lernen, 
©ei biefcm Semen aber fud^tet ii^r eueren eignen 5ßut3en unb nod^ 
l^eut be8 XagS feib ii^r in bemfelbtgen ®inn, b. tf, il^r getröftet 
eud^ euerer t)ernfinfttgen finnreid^en SWeifterfd^aft in ber ^. ©d^rift, 
aber ii^r l^abt nid^t ganj in eud^, bag il^r ®ott allein lieben 
follt; il^r meinet unb fud^et ^näf felber unb nid^tbie®^re 
®otteö, toäi^renb un^ bod^ barauf bie ©d^rift toeifet 3f]^r feib ge^ 
neigt JU ben Sreaturen unb fonbcrlid^ ju einer Sreatur (b. l^. cud^ 
felbft) gegen bie göttlid^c Drbnung. Unb baö ift aud^ ber ®runb, 
loegl^alb eud^ ber ©ud^ftabe tBbtet Unb bag id^ gef))rod^en l^abe, 
baß ii^r ein unreinem gaß ^abt, baö ift infofern toai^r, al8 ii^r ®ott 
nid^t meinet in allen ©ingen* 3Bcnn ii^r eud^ felbft ^jrüft, toerbet 
ii^r e« finben. Unb barum, fo ber reine lautere SBein ber g5tt^ 
lid^en Seigre burd^ ein unreine« gag geltet, bann lommt e«, bag 
bem reinen liebi^abenben ^erjen eure Seigre nid^t fd^medtt nod^ grudjt 
bringt Unb bag id§ ft>rad^, ii^r toäret nod^ in ber 5Rad^t, ba« ift 



139 

auäf toai^t; baö fielet man baran looi^l, bag alfo toenigc geutc 
lautctUc^ unb cunsfängüd^ toetben beö l^. ®etftc8 Don euerer Seigre. 
Unb baß td^ \^xaäi, x^x toaxtt ein ^i^arifäu«, ba8 ift aud^ toai^r, 
aBer nt^t ber falfd^en ^i^arifäer einer. Ratten bie ^i^arifäer nt(3^t 
an \xäf, baß fie ft(ä^ fetter Keb i^atten unb meinten ftc^ f eiber in 
aßen ÜDingen unb ni^t bie (gi^re ©otteö?" 

Unb ba ber üKann biefe SBorte 8ef<>ro(ä^en l^atte ju bem 3Weifter, 
ba nai^m ii^n ber aWeifter unb umfing i^n unb fügte ii^n unb \pxa(l^ : 
„SSJlxx ift ein ®Ieid§niß eingefallen: mir ift t^^^tfftnf toie ber l^eib-- 
ttifd^en grau .bei bem ©runnen zt\^a^. !Du fottft toiffen, lieber 
©oi^n, bag mir bon bir atte meine ®ebred§en geoffenbart finb, unb 
bu i^aft mir gefagt, toaö x^ in mir i^eimlid^ tjerborgen i^atte. yinn, 
lieber ©ol^n, xü^ bitte bid^, bu feieft mein geiftli(ä^er SSatcr unb 
la§ mx^ fein beinen armen fünbigen ©oi^n"* !Da f^jrad^ ber SJiann : 
,,2Bottet ii^r alfo toiber SDrbnung reben, fo bleib id^ mit nid^ten bei 
€ud^, fonbern id^ fai^re »ieber i^eim, baö foöet ii^r fürtoai^r toiffen". 
SDa \pxa6f ber üKeifter: „2ld^ nein, burd^ (Sott, bciö tl^uet nid^t, 
id^ loUI bir gern geloben, baß id^ nid^t mei^r alfo reben toitt. 3d^ 
l^abc äBitten mid^ ju beff eren mit ber ^ül^t ® otteö unb nad^beinem 
JRatl^; ti>a« bid§ gutbfinlet, banad^ toitt id^ mid^ toißig rid^ten, ju 
beff cm mein Seben". >Da \pxaäf ber üßann: „3d§ fage eud^ für-* 
loal^r, baß mand^er SWcifter ber "f). ©d^rift unb ©d^riftgelei^rte, ber 
feine Sunft tooi^l lann unb jeben Sud^ftaben toeiß, ber in ber ©d^rift 
ftci^t, gleid^tool^l in fd^toereö 8eib im 3enfeitö lommen toirb, je nad^-- 
bem fein Seben l^ier getoefen ift''. ®ö liegt eine große SSerant- 
loortung barin, baß 3emanb bie ©d^rift lennt unb fie bennod^ 
nid^t übet 

35a f^>rad^ ber Sßeifter unb bat, baß ii^m ber 8aie feine eigene 
©efd^id^te erjäi^lcn möge unb toie er ben ©eg gcfunben ffobt, auf 
bem er Jefet fei. S)er SWann antwortete: „®aö crfte, toaö 5Roti^ 
tl^ut, ift eine gar gelaffene, grunblofe iDemuti^. Slud^ id^, fagte 
er, i^abc lange geglaubt, baß man mit Uebungen äußerer äölefe 
{tote fie in bcn Slöftern getrieben toarb) jum inneren fjrieben ge* 
langen lönne, unb i^abe oerfud^t, mein gleifd§ ju tobten, unb id^ 
toatb alfo IranI, baß id^ gar nai^e geftorbcn toar. 5Denn ii^r fottt 
JDtffen, lieber §err, id§ l^atte bamal« bie ff. ©d^rift nod^ nid^t, toie 



140 

i^r fie l^abt SlBer toä^tcnb td^ mxäf fo laftetetc unb übte, fül^ltc 
^ in mit eine ©timme, bic mir fagte, e8 fei Beffer, toir ließen 
und Don ®oti üben^), unb xä^ \a^ jubem, bag id^tro^aKet Uebung 
in ber ©elbftbei^errft^ung unb SlbtSbtung nid^t bemfiti^iger toarb, 
fonbetn im ©egentl^ett l^otte id^ aßetlci l^od^müti^ige änfed^tungen 
unb gtciubte, id^ toiirbe ettoad erfinben, ba« ba übet aße finnltd^e 
SSernunft toäre. Dod^ al8 id^ ba« getl^an, ba etfd^ra! id^ gat fcl^r 
unb bemäti^igte mid^ in großer 3nnigleit unb bat @ott um JBarm^ 
i^etjigleit Unb al9 iäf fo im ®ebet lag, ba füllte id^, bag id^ in 
biefer ©tunbe mei^t SBai^ri^eit unb lid^treid^en Unterfd^ieb fanb, atö 
ed mit bid bal^in toat ju Sll^eil getootben", 

Unb ate ber 2Keiftet unb ber ©otteSfreunb abermal« iu\axn^ 
men lamen, ba f|)rad^ ber Se^stere: „gieber §err, id^ ffird^te, ba& 
td^ eud^ etüd^ SDing gefagt l^abe, ba« tuäf in euerm @inn gar fci^r 
tjerbrie^t", Unb ber 3Keifter antwortete: „6« tounbert midj gar 
fei^r in meinem ®inn unb ift mir gar fd^toer, baß bu ein 8aie Bift 
unb id^ bin ein $faff unb ic^ foQ k>on bir Seigre em))fangen; aud^ 
belämmert mid^ ba« fei^r in meinem ®inn, baß bu f)}tad^eft, td^ 
to&x ein ^i^ariffier"* ©a f^>rad^ ber SWann: „©ebrid^t eud^ niefyt 
miffx ? ®agt mir, lieber §err, ti>ie lam ba« ober »er ti^at ba«, baß 
©• Sati^arina, bie bod^ eine Sungfrau toar, totiffl fünfjig ber großen 
SKeifter übertoanb unb mad^te, baß fie toiflig in ben Sob gingen;, 
»er toirlte bie«?" 5Da f<>rad^ ber aWeifter: „©a« ti^at ber ^eilige 
®eift"; antwortete ber 3Äann: „(Staubt ii^r nid^t, baß ber i^. (Seift 
nod^ l^eute biefelbe SKad^t l^at?" 

„(&i t)erbrießt m^ aud^, baß id^ f<>rad^, ti^r toäret ein ^ßi^arifacr^ 
Sieber §err, ii^r toiffet gar looi^l, baß unfer §err 3efu8 Si^riftu«. 
fetter l^at gefj^rod^en : $ütet eud^ Dor ben ^^arifäern, benn fie legen 
eud^ fd^toere SBürben auf euern $al« unb lootten fie felber ntd^t 

1) ^>nxdf btefe gange Sitetatur gel^t im ©egenfa^ gut ntl5nd^tfd^ SRt^fHf, 
aber in Ucbcretn^Hrnmung mit toalbcnjtfd^en ^Infd^ungcn, dne fd^arfc O^j^ojition 
gegen bie äitgeren^a{ieinngen. @o fagtXauier: „Das suUeot die lute mer- 
ken, die das arme fleisch marteient und töteot mit der boesen sipschaft die 
in dem gründe verborgen lit. Was het dir das arme fleisch geton? Undwel- 
lent soliche rechte also su mit den Köpfen durch die muren varen wellent. 
Döte die untugent und nut das fleisch ^ ^afeter 9u% t)on 1521 fotl26btmb 
Bfter in gtcidjem ®inn. 



141 

mit bem tteinftcn ginget antüi^ren* Stun, lieber ^ert, i^abt il^r 
c8 mä)t al[o gemalt? 5Dod^ feib x^x mdft ber BiJfen, falfiä^en ^ffaxu 
faet einet, bie ba gel^öten in bie l^ößifd^e ^ein''. !Da \pxaHf ber 
aWeifter: „3d^ toeiß nid^t, toa« id^ rebcn foK; i(ä^ erlenne too% bag 
td^ ein ©ünber 6in, unb toitt nnn mein geben befferen unb foöt 
id^ barnm fterben. 8icber ©oi^n, id^ bitte bid^ lauterlid^, bag bn 
mir rati^eft, toie id^ mein geben angreifen foö, unb mid^ loeifeft unb 
Ici^reft, toie id^ lommen foH jn ber aßer]^i5d§[ten aSotflommeni^eit, 
baju ber 2Kenfd^ in biefer ^di lommen mag". 

!Da f^jrad^ ber 3Kann : „gieber ^err, erjürnet nid^t,* toenn id^ 
fage, baß en^ fd^toerlid^ ju rati^en ift. ®oß euer ®inn erneuert 
unb umgelei^rt toerben, fo mug euern getoiJi^nlid^en ©itten gar toei^e 
gefc^ei^en- ©aju mögct ii^r tooi^I bei fünf jig 3a^x alt fein". ®pxaäf 
ber 2Keifter: „^äf toitt bir fagen, lieber ©oi^n, id^ l^abe mid^ beg 
beratl^en unb i^abe e8 alfo feft in mein 5)erj gefefet unb toügte id^ 
fürtoai^r, bag id^ fterben foKte, id^ toitt t>on meiner ©innUd^feit ab- 
gelten mit ber §fitfe ®otte« unb nad^ beinern diatff". 

ÜDa antwortete ber üßann: „5ßun fel^e id^, baß ii^r mit ®otte8 
®nabe 3Biöen8 feib, eud^ju bemüti^igen; ja, ii^r bemüt^igt eud^, 
tnbem ii^r eud^ bereit erltärt, eine« unioilrbigen , armen SWanne«^ 
3?at]^ ju folgen. 5Dod^ geben toir ®ott bie Si^re, beffen fte bitftg 
tft gieber ^txx, bietoeil id^ eud§ nun leieren foH unb ratzen um 
®otte8 toegen, fo loill id^ ®otte8 §ülfe mir erbitten, unb loitt zu^ 
in gStttid^er giebe rati^en unb loitt eud^ eine geltion fürgeben, ti>ie 
man fte in ber ©d^ule ben tinbern ffirgicbt, für baö erfte, baö ift 
bie erfte ^AU bie 23 ©ud^ftaben unb toiß ani^eben am A. 
5lin guteö geben fottt ii^r ani^eben, mit red^tem Srnft, mit mann- 

lid^em ®inn. 
SSoöi^eit laffen unb baö (gute ti^un mit tooi^Ibebad^tem Wlnt^t 

fleigigtid^. 
Simttd^ unb mäßig in allen fingen lernet bie ÜKitte l^atten. 
©emflti^ig foflt ii^r fein in ©orten unb in ©erlen. 
guern eignen äBiöen m&^t xffx laffen unb mit Srnft an unb in 

©Ott bleiben, 
gleißiglid^, gei^orfam unb toittigUd^ ju aßen guten SBerlen foßt ii^r 

fein unb leine 9lu8rebe i^aben. 



142 

®anjU(ä^ «Ben foKt ti^v tnäf in aßen göttl^en «Betlen bet Sann^ 
^erjtglett, letbltd^en nnb getftl^en. 

hinter tuäi fottt iffx ntiä^t feigen mäf ber SBcIt ober ti^ren ßtea^ 
turen ober nad^ ti^tem ®e[^äft. 

3ntoenbt8 in bent ^etjen fotö i^r ba« alte 8e6en bebenlen mit 

redetet äBal^ri^eit, tJDoffxtx 9iene unb in bitteren 8eib be« 

^erjenö. 
Sü^n nnb pari [ottt ii^r Biberpelzen be« Xenfet« Slnfed^tnngen fo^ 

töo^l be« gleifiä^c« toie ber ©clt 
Sänge SCrägi^eit lernet mit Ärap üBertoinben nnb aöe äBcid^lid^fcit 

nnb ©ettiäd^ßd^Ieit 
3Rit brennenber Siebe, in getoiffer ^of^nurti, in parlem ©lauben 

in ©Ott foßt ii^r bleiben nnb gegen ben ^iäcä^pen toie gegen 

end^ feCbp. 
5Wiemanbe8 ®nt [oKt ii^r begei^ren, e« [ei toa« e« fei, geipü(ä^ ober 

Icibfid^. 
Drbenttid^ foßt ii^r aüe 5Dinge jnm SBepen anbiegen nnb nid^t jum 

©d^limmpen. 
Moniten j, ba« ip ©nße um enrer ©ünbe toißen, pe lontme bon 

(Sott ober Don ben Senten ober bon ben Sreaturen, bie 

foßet ii^r toißiglid^ i^innel^men. 
Qnit, lebig nnb Io8 [oßt i^r laffen 2lße, bie end^ je Seibc« getrau 

mit ©ebanlen, SBorten ober äBerlen. 
{Reini^eit beS Seibe« nnb ber ®eele, enre« ®nt3 nnb eurer 6^te 

foßt ii^r i^alten mit ganjem gleiß, 
©anftmüti^ig foßt ii^r fein in aßen gäßen be« geben« nnb SBeffe^ 

rnng barauö nei^men. 
Zxtu nnb SSBai^riZeit foßet ii^r jn aßen Senten l^aben oi^ne ärgßft 

Ueber 2Äa6 foßt ii^r nid^t effen, e« fei, loeld^erlei 3Beifc c8 tooüe, 

ba« foßt ii^r lernen abti^nn nnb baöon laffen mit red^tew 

(5rnp. 
S^ripi^ nnfereö Heben Ferren geben nad^folgen nnb 

end^ gänjlid^ banad^ rid^ten nad^ allem enren 

SSermi5gen. 

1) 2)a8 SBort tjl gefd^tiebcn Xd^rijH. S)al^cr jicl^t ^ an bicfet ©teile* 



143 

g)c irnb je ol^n Unterlaß itnferc Ucfce gtauO Bitten, baß fie cud^ 
i^elfe, baß iffx unfctc gcltion tooi^I lernet 

3te]^en foßt tl^r eueren ©ttten unb euere ®innU(ä^Iett, baß fie ftiü 
l^alten in allen ©ingen, bie ®ott ti^ut mit eu(ä^ unb mit 
aüen ßreaturen^ 

Unb biefe geltion foßt ii^r lernen ol^ne SBiberrebe, Don freiem 
^erjen unb SBißen"* 

3118 ber SKeifter mäf einiger ^üt bie geltion ju fönnen glaubte, 
bat er ben Saien, baß er ii^m Weitere Slufgabe ftette, unb ber Se^tere 
ging nun ftufentoeife unb meti^obifd^ öor^), 

„SJiffet", f^jrad^ ber ®otte8freunb, „i^r muffet euer fireuj auf 
tuäf nei^men unb unferm §erm 3efu Si^rifto nad^fotgen unb feinem 
®übe, in red^ter SBai^ri^eit, in 'iDemüti^igleit unb in ®ebulb unb 
muffet aöe euere ftolje, finnrei(ä^e SSernunft ablaffen, bie ii^r buriä^ 
euere ©(ä^riftgelei^rfamleit i^abt- Unb fo beginnet bamit euere Uebung, 
ba§ il^r auf au euere S8fi(ä^er eine ^dt lang uxix^ttt, baß ii^r 
ntd^t ftubiret nod^ ^prebiget, fonbern ftitt in euere ^tUt gei^t unb 
euere ^dUn left, au^ im ßi^or l^elfet fingen; aber toaö mäi ^dt 
übrig bleibt, in ber fottt ii^r bie 8eiben8gef(ä^i(i^te unfereö $errn 
für euiä^ nei^men unb betra(ä^ten toie euer Seben getoefen 
tft im S5erglei^ mit feinem geben. Unb bebenlet, toie gar 
Hein euere Siebe geloefen ift gegen feine Siebe unb toie öiel 5lrbeit 
i^r tjerloren i^abt in ber ^dt, ti)o ii^r eu(ä^ felbft fuc^tet. 

©iefe ©inge foKt ii^r ie^t eine 3^it lang au8f(ä^ließli(3^ ftubiren. 



1) 2)te{e ©teile l^t Don jel^ M ein ^u:|)tatgnment berienigen neueren 
gorf^ bienen muffen, toe^e bieSlnft^t (S. @(i^niibt«,.baß ber „®otte«freunb" 
ein SBatbenfer gc^efen fei, bermrfen (bgt ©iefeler ^® UI, 3 @. 251). (gg ifl 
richtig, baß in ben ätte^ien 2)ru(fen fielet „unser liebe frawen bitten dass sy 
etc."; aber eine toeit filtere $anbfd^rift bietet ben Xt%t: „Unser frowen bitten, 
daz er uch helfe** (f. ©d^mibt a. D. @. 33 WumX ©er 2:e3:t ip mitl^in offenbar 
)9erberbt unb anfiatt „frowen" fott e8 tool^l l^eißen fronen (=$erm). Slnf eine 
Jocrberbte Xe^tpeßc lann man unmöglich Slrgumentc grünben. 

2) S)ie SSertoanbtf(|aft ber Ootteöfreunbe mit bem SWctl^obi§mn§ ifl fa^l 
allen gorfd^em oufgefoUen, »etc^e ftd^ mit ben erjieren befd^äftigt l^aben. ©o be*= 
l^on^tet fd^on im 3al^re 1840 ^'i^näf, baß man ,,ba^ übcrreid^e, borl^enfd^enbe 
religiöfe ®efül^l biefer ®otte6freunbe aiemlid^ treffenb mit ben SWetlJobiflen 
uuferer Seit bergleid^cn fann". Stfd^r. f. 1^. Xl^eot. 1840 @. 139. 



1 



144 

bann totxhtt xffx eud^ tooi^I l^temit eurer alten ^etooi^nl^ett enttt)5^nen 
nnb abgelten nnb gu loai^rer S)emüt]^tglett lontmen« 

ajenn e^ aBer ©Ott 3eit bünit, fo mad^t er bann au8 eudj 
einen neuen 2Jicn[(ä^en, aI[o baß ti^r t)on ®ott anbermal it^ 
boren »erbet. 

2lber e^e bte« gefd^te^t, müßt t$r (tote 6^rtftu8 fagt) %M 
oerlaufen, toaS ii^r i^abt unb eö ®ott bemüti^igUd^ aufgeben'; bamit 
tft gemeint, baß i^r tnnerU(ä^ jur Si^re unb int ©ienfte ©otteö auf 
2lüeö oerjid^tet (unb, fad« ®ott e« forbert, im ©taube feib, äüc« 
ju laffen), loa« ii^r in eurer ftoljen ©inneSart ju befifeen toäl^nt 
3]^r foHt f al^ren laffen SlUeö, loomit tuäf g^re in biefet 
3BeIt lönnte erboten toerben unb baDon ii^r 8ieb ober 
8uft Dor Seiten mi^ttt gel^abt i^aben. Stfx fottt ba^in 
fommen, baß ii^r eö al« ein ®ef(ä^enl t)on ®ott anfeilet, toenn att 
euer Si^un unb aU euer Saffcn unb atteS euer geben ungead^tet 
unb Dernid^tiget toirb in ber Seute Singen, ©cnn bie Seute fagcn, 
ii^r i^abet eine »unberlic^e ©eife angenommen, unb toenn (ie öon 
eud^ gelten unb eud^ meibcn, fo freuet eud^, fo ift nai^e euer $cö. 
Slber bie ÜDemüti^igung, bie ii^r eud§ ic^st felbft jur Uebung auf^ 
erlegt, toirb eud^ nid^t nüfeen, toenn ii^r nid^t in Sai^ri^eit Knnet 
f^pred^en: aWein $err unb mein (Sott, aud^ loenn eS bein SBißc 
toäre, baß id§ in biefcm Reiben unb biefcm ©ebränge btö an bcn 
iüngften Slag fottte bleiben, bennod§ tooKte id§ nid^t abftel^en, fon^ 
bern ftetö in beinern 5Dienfte bleiben. 

Sieber $err, id^ erlenne tool^t, baß i^r in euerm $^Vjen beult, 
baß bie« gar eine fd^ioere ®ad^e fei. Dod^ toeiß id§ feinen 
naiveren unb fid^ereren SBeg benn biefen, nämlid^ beut 
toai^ren ©ilbe unfere« ^errn 3efu ßi^rifti nad^ju* 
folgen. Slber, lieber $err, id^ rati^e eud^ ganj auf alle meine 
Xreu, baß ii^r gu eud^ nei^met eine ^txt unb bebenlet eud^ gar 
eben". 

!Da ^pxaäf ber SWeifter : „'iDaö loill id^ ti^un unb ttjitt toarten, 
ob id^ mid^ mit ber ^ülfe ®otte8 überioinben mi5ge". 

Unb nad^ 1 1 2^agen crllärte ber 3Weifter, baß er fid^ bemuti^igen 
toolle, ii^m gefd^ei^e loo^l ober toei^e. Da f^jrad^ ber (SotteSfreunb : 
„5ßun i^ebt e« an in bem 5Ramen unfere« §errn 3efu Si^rifti", unb 



145 

tctaBfd^iebetc fid^ unb gog i^tniDcg, unb bcr SBeifter ti^at, toaö er 
gd^eißen ttjar. 

Unb atö baö erftc Sai^r um toar, ba i^\äfa^f toaS bet SÄann 
DorauSgcfagt l^atte, nämlt(i^ bcr SWetfter toarb atfo untoerf^ it^aU 
tcn, bag aüe feine greunbe fid§ t)on ti^m trennten, re(ä^t aW ob fie 
i^n nie i^ätten gefeiten. S)a8 toar ii^m gar fd^toer unb ti^at ii^m 
äumal toei^e. ©o toarb er IranI am ^anpt unb aucä^ faft frani 
am 8etB* 

©a fanbte er ju bem aWann unb üe§ ii^m fagen, toie e8 ii^m 
gei^c* Unb ate ber ©otteöfreunb lam, erlannte er tooi^I, mit toel(ä^em 
(Srnft ber iJÄeifter fid^ borgefe^t i^atte, ju ti^un, toaö ti^m gerati^en 
trar, aber er fal^ au(3^, toie jener feine Seigren jum ^Äl mißöer-- 
ftanben l^atte unb in eine mßnd^ifd^e Sl^Iefe mit för|>ernd^en ©ettft* 
^>eintgungen t)erfaßen toar* Unb er \pxaSf : „Sieber ^err, ii^r toiffet 
tx>t>% toer auf bcn reiä^ten S33eg toiü fommen, ber mn^ freilid^ ettoa« 
baö Seiben ßi^riftl an ft(3^ felbft erfai^ren unb ii^m nad^folgen, aber 
i^r foßet eurem 8eib ju $ülfe lommen mit guter @^)eife; bcnn 
fobalb ii^r e8 erreid^t i^abt, bag ber ^ixptx bem ®eift gei^orfam tft, 
fo i^ie^e c^®ott Dcrfud^en, »enn ii^r eurem 8eib ni(ä^t i^elfen 
tooötet 5Darum brau(ä^t ii^r nid^t unorbentIi(ä^ ju leben, ba« foß 
nic^t fein- 3^r foßt bleiben in bem ©el^orfam ®ottc8 unb ba«^ 
jentge toiöigttd^- leiben, «>aö bie grfüßung feiner red^töerftanbenen 
® cbotc mit fid^ bringt, aber i^r f ottt toei^tid^ unb öerftänbig leben, 
unb toenn eud^ ettoad ®elb gebri(3^t, fo öerfefet einen Z^txl eurer 
Sudler. unb leibet leinen SKanget, aber mit nid^ten foßet i^r bie 
©üd^er berlaufen. SDenn eö lommt nod^ bie ^tit, ba§ eud^ bie 
S3üd^er gar nüfee fein toerben", 

Unb ber 2Keifter Derbrad^te in Slrmutl^ unb 5WiebrigIeit unb 
ücrfd^mäi^t bon aßen feinen greunben aud^ nod^ ba« jtoeite ^oXfx, 
unb oft füi^Ite er fid^ franI unb matt. SDann aber gebadete er 
bcö Seiben« 3efu ß^rifti unb an bie große Siebe, bie er gu un« 
l^atte, unb bebad^te fein eigen Seben, toie gar Hein feine eigne Siebe 
getoefen toäre gegen bie Siebe ®otte«. Unb er em^jfanb tiefe SReue 
um feine ©ünben unb um feine verlorene ^t\t. 

Unb al« er eine« 2:ag« fo inbrünftig betete, ba füi^Ite er fid^ 
me^r gcftärlt unb erhoben al« je jut)or, unb er loarb ijon ba an 

StilUx, 2)U »Deformation . 1 



146 



in attctt fctttctt äugcrltd^cit unb inttcrltd^cn Stäftcn eine neue ßraft 
getoai^r unb er fanb in ftd^ einen Katcren Untcrfd^ieb ber iCtnge, 
aU er ii^n früi^er Befeffen ju i^aBen g^auBte* 

Darauf fanbte er aBemtate ju beut (Sottcöfreunb unb erjäi^ltc 
ii^m, bag er ftc^ neu g^oren fül^Ie. Unb ber SKann laut unb 
freute fic^ fei^r unb fagtc: „ßieBcr §err, il^r fottt toiffen, bag % 
jefet aKererft beni göttltd^cn (Seifte nal^e g^öjefen feib unb öon bem 
§öd^ften juerft feib Berül^rt toorben* SBie ber SBud^ftaBe, falfd^ m^ 
ftanben,- eud^ getöbtet i^at, alfo l^at bie gel^re ber ff. ©d^rift ober 
berfelBe SBud^ftaBe, feitbem il^r il^n red^t öerftanben, eud^ totcbcr 
leBenbig gemad^t. 9Wenianb aBer öerntag biefe gel^re, bie ber ff. ®etft 
gegeBen l^at, red^t ju öerftel^en ate ber, ber felBft bom ff. ®eift bc^ 
rfil^rt toorben ift. Sefet l^aBt il^r in tnäf bie ff. ©c^rift unb i^r 
i^aBt ben großen aSorti^eil, bag il^r jefet öicl ntei^r lauterlid^e üDtnge 
barau6 erlennen toerbet, benn ii^r juöor ti^atet. !J)enn ii^r totffct 
tijol^l, bag bie ©c^rift an öiel (Snben lautet, ate toäre fie totber 
einanber* 35a il^r aBer nun baö gid^t be6 ff. ©etfteö burd^ ®otte3 
^iilfe l^aBt enn^fangen, fo ba| il^r in eud^ l^aBt bie ff. ©d^rift, fo 
»erbet il^r erlennen, ba§ alle ©d^rift l^at einen gleid^en UeBcttrag 
unb fid^ felBft nid^t entgegen ift unb »erbet nun bem Silbe 
unfereö Ferren Sefu Si^rifti red^t nad^folgen. S^x follt 
aud^ nun toieber anl^eBen, eueren SDütmeufd^en anjugcl^iJren unb 
il^r .foKt il^nen leieren unb »eifen ben SQSeg ^nm etoigen Seien. 
5Wun lontmt bie ^tit, bag eud^ gute ©üd^er »erben nufee fein- Unb 
»iffet, ba§ eine einzige ^rebigt, bie il^r jefet »erbet l^aften, tttc|t 
©efferung fd^affen »irb unter ben 3D?enfd^en, benn frül^er l^unbcrt, 
benn bieSBorte, bie il^r nun auöf^jred^en »erbet, gelten 
auö einer lauteren ©eele gar einfältiglid^* 

„SDod^ »irb e6 eud^ infonber^ noiff fein, bag il^r fortfai^rt, tnäf 
bemütl^iglid^ ju l^alten. Denn »iffet, ber ®eift be« SSfen, 
ber nie raftet, »irb mit ßtfer banad^ trad^en, tuäf beö ©d^aftcö 
ju BerauBen, ben ii^r müi^fam er»orBen l^aBt* Unb e6 »irb i^m 
gelingen, »enn i^r eud^ nid^t fBnnt Betoal^ren mit grunblofer De*» 
müti^igfeit ®äBe eö eud^ ®ott p tl^un> fo beud^te eö mid^ gut, 
bag il^r nun »ieber ani^üBet gu ^jrebigen"* Da f^jrad^ ber SWeiftcr; 
„ßicBer ©ol^n, id^ i^aBe, toie bu rictl^ft, biele gute SBüd^er toerfeftt, 



147 

XDoffl für 30 ©ulbctt", !Da \px(xä) bcr ÜRann: „®c^ct, btc toiH id^ 
cucä^ öon ©ottcd toegctt g^kn unb Bitte eud^, ba§ tl^r baö, toaö 
eucä^ üBrig Bleibt, ®ott toiebergeBet; benn fein ift Sltted, »ad toir 
l^aben, [ei e6 geiftig ober leiBIid^ ®ut". 

Unb nun Begann ber SKeiftet toiebetuni ju ^Jtebigen; aBer er 
tl^at eö nid^t mel^r tote ftül^et in lateinifd^er ®pxaäft unb nad^ ben 
öorgefd^rieBenen {Regeln tl^eologifd^er Sunft, fonbern beut[d& unb n>ic 
haß §erj eö x^m eingaB. ©o lel^tte er, baß ®ott aßen feinen 
KcBen l^etligen grennben unb fonberlid^ feinem eingeBorenen (Soffxt 
gtog Seiben gieBt in biefer SQSelt; toer fie toittig trägt unb fic^ gu 
©entutl^ unb ®ebulb baburd^ erjiel^en lägt, bem gieBt er einen er.^ 
leud^teten ®inn, unb toie bie 2^ugenb Betoäi^rt toirb im Seiben, fo 
toirb bie toal^re (Srfenntnig gefd^affen burd^ bie S^ugenb* Unb in 
toem bie 2:ugenb tool^nt, in bcm tool^nt Si^riftuö* 5Wiemanb mag 
bie göttttd^en SDinge Begreifen unb 5Riemanb fd^medCen bie ©ügigleit 
bet SflcLfft beö göttlid^en ©eifteö, toer nid^t 3orn unb ^ag unb ©e^ 
gterbe austilgt auö feiner ©eele, SBir foUen un8 erBilben 
in baö minniglid^e SBilb unfereö $errn 3efu Sl^riftl 

3nbem ber 50ieifter biefe unb anbere ©ebanlen auö lauterer 
®eelc immer unb immer toieber vortrug, ging eine tPunberBare 
aSirlung au6 öon feinen SBorten. Unb er n>arb in bem 8anb alfo 
KcB unb toertl^ unb aud^ in ber ©tabt, baß, toaö bie Seute aud^ 
äu Befd^idJen l^atten, baö mugte er attjumal auörid^ten mit feiner 
aSBeiöl^eit, eö fei geiftüd^e ober toeltlid^e ©ad&e, unb n>a6 er il^nen 
ttetl^, bap toaren fie toiKig unb ganj gei^orfam. Unb eö gefd^ai^, 
baß ber SWeifter tool^I neun Saläre in biefem frud^tBaren ßeBen n>ar* 
ÜDa bie ^Ai nm toax, ba tooßte ®ott feinen !Diener nid^t langer 
in biefem (Slenb laffen unb lieg i^n ol^ne gegfeuer ju fid^Iom*' 
men in fein SReid^* 



(£6 ift nid^t leidet, ben ^totd unb Snl^aft ber ©d^rift mit 
toenigen ©orten erfd^ö^jfenb jU d^aralterifiren, Hm Beften fagt, loic 
iäf glauBe, ber neuefte unb Befte Äenner beö ©erld^enö, ÜDenifle, 
ben 3ti)edC bal^in jufammen: !Da6 9KeifterBud^ loiK leieren, fagt er^), 

1) 2)cmfle CLucßcn unb gorfd^. SBb, 36 @. 127, 

10* 



148 

tote ein "^prtefter, ber [einen "^pi^atifäerftolj nod^ niSft aiitU^t i^at, 
burc^ ben Untettid^t etne6 Begnabtgten 8aien ein „9ia erfolget 
e^rifti" toetbe* 

!J)iefe 5lcnbenj — felBft ber Stame „5Wad^foIger S^rifti" fommt 
in biefet Siteratut l^äufig borO — tft in ber 'JCfyot ein l^etöot*» 
fted^enbeö SIKerlmal beö „aÄeifterBud^ö". 

©ottte batin nnn nid^t ein 8«ö>tffer Sinactjeig liegen, unter 
toeld^er Stid^tung toir ben SSerfaff er ju fud^en l^aBen ? @ö gieBt auger 
beut granci^fanerorben in jener ^txt nur eine 9IcIigionö^3artei, beren 
gaujeö !E)id^ten unb iCenlen fic^ auf bie „^iad^folge Sl^rtfti" con* 
ccntrirt — ba6 ift, toie toir oben nad^getoiefen l^ben, ba6 SBal** 
benfertl^um. 

!E)od^ finb n>ir tocit entfernt, auf fo. allgemeine ®efid^t6^>unfte 
ein Urti^eil ju grünben* 3lber finben biefelBen nid^t au3 ganj fj>e^ 
cieüen ©ai^rnei^ntungen il^re Seftätigung? SBeld^e anbere Partei 
lann benn SBerti^ barauf gelegt l^aben, bag ber ^riefter, ber ju 
einem „5Rad^f olger 3efu" geioorben ift, fd^Iieglid^ ol^ne gegfeuer 
bie ©eügfeit erlangt, toenn nid^t bie SBalbenfer? 

gö fteßen fid^ unferer grage begl^alb befonbere ©d^toierigleiten 
entgegen, loeil bie ©d^rift in mei^reren ^Bearbeitungen auf unö ge^ 
lommen ift, bie jum Z^txl eri^eblid^ bon einanber abtoeid^en* S^ 
entfielet baburd^ bie grage, toeld^e Partien muffen auf ben urfjjrüng* 
lid^en äutor jurüdCgefül^rt »erben unb toeld^e finb etaxi auö ^u^ 
fä^en fold^er Bearbeiter entftanben, bie bem äWeifterbud^ feinen 
„begl^arbifd^en" Sl^aralter nel^men loottten? Unb ift ettoa bie ältefte 
unb ed^te SRebaction gar nid^t erl^alten? 

5Die frül^efte 5Wad^rid^t, toeld^e unö bi« jefet über baö SBorl^an^ 
benfein be« Sud^6 belannt ift, entlauft ein S3rief öom 20. 3anuar 
1369, loeld^en ein „ ®otte«freunb auö bem Oberlanbe" — be* 
lanntlid^ nannten fid^ aud^ bie „Sl^joftel" ber SQSalbenfer ©otteö-' 
freunbe -— an ein „SSegl^arbeni^auö" ju Strasburg gerid^tet i^at. 
SBir toerben ben ©otte^freunb unb ia€ §au5 nod^ lennen lernen. 
5Darin fagt ber ©d^reiber, inbem er ba« äWeifterbud^ überfenbet: 
^,®ieö ©üd^Iein, baö fenbet man eud^ unb eutpfai^et eö t>on ber 



1) E ©d^mibt 9Wc. i). «afet @, 274. 277. 



149 

§anb ®ottc« 3d^ mtt tnäf gerne baö alte S5ä (allein g^-^ 

fanbt; fo tft e« tool^l in einer foI(ä^en fremben ®^)rad^e, bie l^r 
nid^t öetftei^en lonntet", ©aruni ^aU ber Slfcfenber J>iet ^lage nnb 
3ia(i^te batan geatBeitet, um e^ in bie <S>^xaäft bet SnH)fangeT äU 
bringen ^). 

iCatau« folgt, bag ba« ©üd^Iein fd^on im Saläre 1369 inxät 
ben 3Rann, toeliä^er nn« bie etfte 5Rac^ric^t baritter gieBt, eine 
jiDeite gorm etl^atten f^at SBenn man aber anf ben Zt^t ber 
§anbf(ä^riften fielet 2}, bie unbebingt anf fel^r berfd^iebene bentfd^e 
©earbeitnngen jurüd gelten , fo mnß man fid^ fagen, bat ^^^t 
ein 9lutor, fonbern m e l^ r e r e Bearbeiter boranögefefet »erben 
muffen, SDiefe Slntoren toaren unter fid^ loebcr in ber SBega-^ 
bung nod^ in ben religiöfen 2lnfd^annngen burd^au« gleid^, fo 
baß, toaö n>ir l^ente „SWeifterbnd^" nennen, nid^t auf bie 9ied^ 
nung eine« einjigen SWanne« ober einer einjigen SRid^tung gefegt 
»erben barf. 

SBie bem aber aud^ fei, fo htffanptt xäf, bag ber ©runbftodt 
»albenfifd^en Urf^)rungö ift, unb i^alte eö für fei^r »ai^r-^ 
fd^einttd^, baß ba« „alte ©üd^I ein", toie e« nnferem ®otte«^ 
frennb vorlag, bireft öon einem Slpoftel ber SBalbenfer t>erfa6t toarb* 

Die neueren gorfd^er i^aben gai^Ireid^e ©rfinbe baför beige= 
brad^t, baß iener „©otteöfreunb au« bem Dberlanbe" felbft ber 
autor be« Sdnä^t^ toar* 5Wun, toenn bie« rid^tig ift, fo i^offe id^ 
btc grage nad^ ber „begl^arbifd^en" Queße unten i^inreid^enb auf^ 
Mären ju IBnnen, ÜDenn „ber @otte«freunb" loar, loie id^ ju be^ 
n>cifen l^offe, felbft ein Wfo^ttl ber SBalbenfer, 

©oüten fid^ nun aber in einem SBud^e,. ba« bon ©albenfern 
i^etrül^rt, leine SlnÄänge an bie un« eri^altene giteratur ber SBaU 
benfer finben? Sßielmei^r finb bie SlnÄänge fo ftarl uttb fo auf^ 
faöenb, ba§, loenn toeiter gar leine Snbicien borlägen, auf biefem 
ffiege bie innere SSerioanbtfd^aft bargeti^an »erben lönnte. 

(ginen ber bornei^mften Slbfd^nitte be« „9Keifterbud^«" bilben 
bie Qpx&äft unb ^Regeln be« fogenannten „®olbenen SIS3S", i. ^. 
bie iDiemorialDerfe, »eld^e an bie 23 Bud^ftaben be« 3ll))]^abet« an«" 

1) a. ©(^Smibt 9Wc, i>. 33afel @. 282, 

2) 2)enifle in ben Oueöen unb gorfd^ungen «b, 36 @, 65 ff. 



150 

gcinupft »orben finb, SBcld^cn saSett)^ bic erftcn gotpffinger be« 
©ud^8 gctabc auf btcfc SRegeln legten, fielet man barau6, bat P^ 
e« ba6 „83ud^ öon bem SIKetfter nannten, toeld^em bie 3^tten beö 
31 ÖS i>on bem ®otte8freunb getel^rt toutben''^, 3)tefe ^Regeln 
l^aben bann \p&ttx bte Sol^anniter, an toetd^e im Saläre 1371 bad 
„S5cg]^atben]^au8" überging, tielfad^ in il^te ßobice« eingetragen, 
aud toelc^en toir bie gorm, in ber fie bamate Belannt toaren unb 
bie Don ben f^jäteren iCruden erl^eMid^ abweidet, erlennenlönncn^). 

333er nun bie (Srunbgebanlen beö SBalbenferti^nmö genauer 
lennt, bem mu^ bei ber geltüre ber „Siegeln" ber toalbenpfiä^e 3«8 
fofort auffaKcn, 

gö ift burc^au« toalbenfifc^, toenn auf 3Ra§ig!eit in aßen 
5Dingen ernft gebrungen totrb* „^Äägig, fagen bie Siegeln, fottt il^r 
temen in aßen 'J)ingen bie äWitte l^alten"; „Ueberma^, ed 
fei in toeliä^er SBeife eö tooße, baö foßt i^r lernen abtl^un- ©e^ 
f d^eiben unb bemütl^ig foßt il^r eud^ auöioenbig unb intoenbig in 
aßen Dingen l^atten"* ÜRan erinnere fic^ ber ©d^ilberung bcö 
^feubo^SReiner J)on ben SSBalbenf ern , bie »ir oben toiebergegeben 
i^aben^)* ©obann bead^te man bie ©etonung ber gel^re S^rtfti 
unb be« Seben« S^rifti, bie ^eröori^ebung be« ©egenfafee« jtoifd^en 
„S33elt" unb „Si^riftuö" unb enblid^ bie ^joetifd^e ©nlteibung ber 
aSorfd^riften ber öerg^jrebigt, toie fie fid^ in ben SRegetn finbct 
©d^on S* ©d^mibt i^at mit SJed^t auf bte innere ajertoanbtfd^aft 
einjelner ©J)rüd^e mit ben in ber alten !J)iöcij)Iin ber SBalbenfcr 
entl^aftenen {Regeln aufmerffam gemad^t^)* 

Slber nod^ begeid^nenber unb, toie id^ glaube, gerabeju fd^lagcnb 
ift bie (Sleid^i^eit ber äußeren gorm, bie l^ier tote bort jur 6in^ 
Heibung getoa^It ift. SBiffen toir bod^, baß fold^e aRemorial^ 
ftro^)l^en, toie fie ba« ÜReifterbud^ giebt, faft genau in ber gteid^en 



1) (£. ©d^mibt 9f«c t). ©afct ©• 28L mte Ueberf*rift be« lariefö bom 
20, 3attuar 1369. 

2) (£. ©d^mibt 3ol^. Sanier 1847 @. 32 %xm, 1 gtcbt einen 3Cbbrud ouö 
ben :3ol&anniter-©anbfd^nften. 

3) e. 6. SD^äßigfeit in @j)dfc unb Sran!, mittelniagig in Äleibnng, mfißig 
im ©^red^en u. f. to. 

4) (5. ©d^mibt 3ol^. Sanier @. 33. 3Inni. 5 bertoeift auf 86ger Bist, des 
^glises vaudoises Tom. I p. 198. 



151 

^affl fett bem 13. Sa^rl^unbert Bei ben aSJalbcnfetn geträuc^Iid^ 
toarcn ^). 

3tm t[t e« ja aöctbina« rid^tig, ba6 bie 3lnnai^me bet „Beg^ar*' 
bifd^en" äutotfd^aft für ein fo einflußreiche« unb in ed^t (ä^riftUd^em 
(Seift gel^altene« aSJerl toie baö ,,ÜReifterbu(ä^" aö ben 35orauöfefeungen 
tt)ibcrf^)ri(ä^t, toeld^e ü6er biefe ;,®efte", bie mit ben SScrirrungen ber 
fogenannten ;,S5rfiber bed freien ®eifte8" angeBlid^ fo ftar! öerquidt 
gemefen ift, im Umlauf finb. 

SBenn nun aber alte biefe SSorau6fe^ungen ettoa nur SBorurtl^eile 
fein fottten, bie burd^ i^iftorifd^e Sntftettungen atter Slrt i^erteigefül^rt 
toorben finb? 

!Da§ fie e« in ber X^at finb, merben bie nad^folgenben Unter-« 
fu^ungen red^t beutlid^ Dor 5lugen führen. 

1) 2)at)ib t)on Slug^Burg a, a, £). Bei ^rcgcr 1878 U @. 215, 



1 



0et^f}ei$ Capitel. 

äReifter (iitart, ^üifamtd Sauler itnb bte bentf^e Xfftvio^t 

©traßButg unb bie Äc^. — ^\t fogcnanntc ,,@eftc bcö freien (M^t»'\ — 
aWeifier (Sdart. — ^at er jur „@e!te be8 freien ®eipe8" 33eaiel&nngen Be- 
feffen? — (Sdart unb bie altebangctifd^en ©emeinben* — 2)ie ©annbußc 
toiber (Sdart bom 27, SDficirg 1329. — Sdart ift ber l^erborragenbfle beutfcjc 
$l^itofo^l^ be« SWittetatter«. — S)ie SBegrünbung einer „2)eutfd^en X^olo^xt" 
hnxä) @(fart. — (Sdart unb JCl^omaö bon Slqnino. — 2)ie ©d^ule (S(!art8. — 
Solenne« Spanier. — Xavltt auf bem Snbe^. ~ S)er „ej^urgirte" unb ber 
»al^re Spanier. — 2)a« SBüd^tein bon ber 2)etttfd^en 2:i^eologie. 

SBtr l^aBen oBen Betettö Bemcrft, ba§ bie ctftc 5Wac^rid^t, tocld^e 
über baö (grfd^ctnen »on bem SBerf beö SWotpIiu« gu unö ^erüber^ 
Hingt, auö ©ttaßburg [tamtnt^ 

3n bct S:i^at lebten gerabe l^ter eine SRetl^e bon ©unbeöge^ 
noffen Satfer Subtotgö, unb bie ftäbttf(ä^en Obrigletten feftft l^otten 
unter güi^tung einet 5lnjai^I bon ®etftfi(ä^en gegen bie SDWpr&uc^e 
ber i^errfd^enben Äird^e Partei genommen. 

Db biefe ©tettungnai^me ju bem Saifer tooi^I oi^ne Buf«^** 
menl^ang tft mit ber 2:^atfa(ä^e, bag gerabe Strasburg feit Sa^r* 
i^unberten ber C><^"P^P^ ^^^ beutfiä^en ,,Sefeer" getoefen toar? 

©ie fur(ä^tbarcn ©trafen, toeld^e im 13. Sai^ri^unbert über bie 
©traßbnrger SBalbenfer berl^ängt loorben loaren, i^atten bie „(Se-' 
mcinbe" toofjll jur ^nxixdffaltnnz unb SBorfiiä^t gejtoungen, aber 
Ieine«n>eg6 bernid^tet. ®erabe mit ber 2:^ronbefteigung Saifer Sub*» 
toig« fanb ein neuer Sluffd^toung ber Partei ftatt. 

Unter bem 13. Sluguft 1317 erließ ©ifd^of Soi^ann bon ©trag^ 
bürg baö oben ertoäl^nte Sbilt gegen bie §äretiler in feinem Sejirf, 
toeld^eö, obioo^l eö biegen bie unerhörteren Srrlei^ren unb 35er^ 



153 

hxe6)tn aufbütbct, Bei Jjotmtigcr 35ctti)enbung ioäf mantä^en 2(n^ 
i^altö^junlt für bie l^ipotifd^e gorfd^ung baxbxtttt^). 

©anad^ tft baö SDianbat unter Slnberem gegen bieienigcn ge^ 
rid^tet, toeld^e ba« 35oH Seg^arben^) nennt unb bie fi(ä^ fettft al« 
,,fteie ®eiftcr", „Sinne" ober ,, ©ruber" Bescid^nen» !Cer ©tfd^of 
\pxxSft eö mit ©ebauem auö, ba§ 9ÄitgIieber lati^olifiä^er 
OrbenögefeUfd^aften unb SÄänner, toeld^e bie i^eüigen SBeii^en 
em^)fangen l^aten, unb mete Slnbere naSf ii^ren eigenen ©elenntniffen 
}U Jener „®elte" gel^ören* 

ÜDiefe 9Känner leieren unter Slnberem, l^ei^t e«, baß biejienigen, 
toeld^e auf beut ,,neunten gelfen" angelontmen finb, unberänberüc^ 
finb, berart, baß fie fid^ fettft Don bem liobe, loenn fie e« auc^ mit 
einem ©ort lönnten, nid^t Befreien toürben* gerner glauben fie 
bie Seigre, „bag fie felbft aBe Dinge gefd^affen i^aBen, ja, baß fie 
tnel^r gefd^affen l^aBen atö ®ott"* 

©obonn fagen fie fätfc^litä^, baß ber SDienfd^ lein gute« SBerl 
t^un foHe toegen irgenb einer ju erioartenben ©etol^nung, felBft 
niäft um be« ^immelreid^e« toißen^). 

2lud^ i^aBen fie bie DerberBliiä^e Slnfitä^t, baß lein SWenftä^, toeber 
ein 3ube no(ä^ ein ©aragene t>on (Sott eioig Derbammt »erben n>irb. 
Denn e« geBe eine innere ©timme, toeld^e aU DffenBarungö^ 
queüe für aße äKenfc^cn anjufel^en fei* 

©ie fennen brei oomel^mftc iCugenbeUr ®lau6e, 8ieBe, §off^ 
nung, unb finb ber Slnfid^t, baß biefe für ben SDienfd^en nid^t un^ 
etreid^Bar finb* 

©leid^tool^l fagen biefe SKenfd^en, baß ber iCieBftal^t erlauBt 
fei unb anbere uneri^örte 5Dinge mci^r* 

1) SlBgebrudt Bd 3Ko«l^cttn de Beghardis @» 255 ff. 

2) 2Bir erfal^rcn barau« einige intereffonte 2>etaU«, 3. 33* bie Xrad^t ber 
iB<gl^tben unb )6egl^inen. 2)ana(]^ trugen erflere eine ^rt bon laugen ^Mta, 
toti^t bom l^eraB bou bem ©ürtet an oufgefd^uitteu n>aren; bad $au^t Be^ 
bcdten fte mit einer Keinen, uid^t an bem ^od BcfefHgten Äo^uje (Indumenta 
ab umbilico deorsum scissa, desuper cum capucii parvi, non tarnen tunicae 
consQÜ). S>ie Segl^iuen berpotteu ba9 $au^t mit barüBer gefd^Utgeuem Wtantd 
(Palliom replicant super caput). SD^o^l^eim a* O. @* 259« 

3) 2)ie Äetjer ftub ju berbammen (reprobandi), toeil jlt fageu, „quod nihil 
debeat fieri propter praemium quodcunque, etiam propter regnum coelorum**. 
%. 0. £)♦ @. 257, 



154 

äße i^xt §aBe foü cingejogcn, alle il^re ©(ä^riftcn öetfctannt 
unb bic fd^ärfftc Uebertoaiä^ung ge^anbl^aBt toerben, 

SDiefe« bifd^öflid^e SWanbot ^at fett langet 3ett al« utlunb^' 
Ixäftx ©cteg für bie aSerbcrbUd^fctt ber 2:enbenjen gelten muffen, 
meldten bie ^ärettler in ©tragburg angei^angen i^aben* 9Kan i^at 
barau« unter Slnberem ben ©(ä^Iuß gebogen, bag bie „SBalbcnfer", 
beren Seigren baö (gbilt offenbar in erfter Sinie treffen toitt, fid^ um 
jene ^At in engfter SSerbinbung mit ber fittenlofen „®e!te bed 
freien ®eifte«" betoegt l^abe, ja meßeid^t gang mit biefer berfd^moljen 
geipefen fei, 

So i^atten in jenen Sai^ri^unberten »on $ari8 aud im ofttid^en 
granlreid^ unb im toeftUd^en iCeutfd^Ianb Parteien fid^ verbreitet, 
»elc^e unter Sfil^rung ämalrid^d J)on Sena, ber um 1200 
SKagifter ber S^l^eologie in $arid ttKir, ben 3been eineä falfd^en 
^anti^ei^muö l^ulbigten unb in Sntfteßung d^riftlid^er Sel^rfäfee unter 
Slnberem ju bem 9tefultat gelommen n>aren, ba§ aüe {Regungen 
il^rc« eigenen SBißenö ^Regungen be« göttlid^en SBißen« feien, 

©ie folgerten auö biefen SSorberf ä^jen , baß man aßen Sln^ 
trieben ber 5Watur beß^^atb golge geben bürfe, toeil fie Slntriebe 
be« göttüd^en ©eifteö in unö finb, unb inbem fie bie« j. S. auf 
finntid^e 5lriebe anioanbten, entftanb eine Sluffaffung, h>eld^e afle 
©d^ranten ber ©ittlid^feit befeitigtc, 

2Iuö il^rer jjanti^eiftifd^en ®runbanfd^auung leiteten fie folge- 
rid^tig ben ®a^ ab, bag Slße«, n>a« bie ÜÄenfd^en tl^un, auö gött- 
lid^er änorbnung gefd^ei^e, unb bag bai^er bie Slnnai^me ber aSBil- 
Ien6freil^eit abfolut au«gefd^Ioffen fei^). 

Snbem fie J)on jeber ©ebunbeni^eit unb jeber ^flid^t ber ©clbft^ 
bel^errfd^ung fid^ f rei erKärten, tooßten fie tebiglid^ ben ®eift ®otteö 
in fid^ toirlen laffen unb beffen SBeifungen folgen, 

©0 fidler e« ift, ba§ einige S^l^eologen biefe unb äl^nlid^e 2ln- 
fd^auungen in ein Softem gebrad^t unb bafur ©dritter gefunben 
l^aben, fo unertoiefen unb unertoeiöbar ift eö, ba| eine lird^lid^e 
©emeinfd^aft auf ®runb biefer Seigre aufgebaut toorben feu 
©d^on ^reger ffat bemerft, ba§ bie oben angefül^rten ©ätje für bie 



1) 9flad^sc»icfcn bei ^vcflcr ®cfd^. b. beutfd^. 9Jli?ftif I, @, 208. 



155 

Silbung einer ©elte nxäft l^ingereid^t ifaim toürben, unb baju 
tommi, bag e« Bi« je^t no(ä^ leinem gorfd^er gelungen tft, aud^ nur 
eine einjtge JBefonberl^eit ii^rer Krd^Ud^en Organifation unb il^re^ 
(Sultuö ober eine ®eIenntniBf(ä^rift naiä^jutoeij'en* 

Die SBal^rl^eit ift Jjielmel^r, ba§ jene S^l^eologen toie ämalrid^ 
x>on ©ena äni^änger in ben »erfc^iebenen bantaW beftel^enben 
®cmeinf(ä^aften unb nic^t etn>a auöfc^üeglid^ ober bornel^müd^ Bei 
ben ,,S3egi^arbcn" gefunben l^aben* 

!J)a6 bie „Seite beö freien ©eifteö" int 14* Sal^rl^unbert gerabe 
unter ben SDHnoritcn unb unter ben toeltlid^en 3RitgIiebem\ beö 
Sertiarierorben« Diele Slnl^änger befeffen ffat, bejeugt un« lein ®e^ 
tingerer alö ber ^jäpftlic^e ^önitentiar 5fibaruö ^elagiuö, toeld^er 
felbft granci^Ianer »ar unb in feiner 3^i^ ^i« gro^e^ 3lnfel^en geno§* 

„3u meiner ^txt'\ erjäi^lt biefer, „finb in beut Drben be« 
}f. granciölu« bielc toettlic^e SÄitgtieber unb SWinberbrüber für 
jenen fleifd^üd^en ®eift ber grel^eit burd^ bie (Srforfd^er ber l^äre^ 
tifd^en ©d^Ied^tigfeit eingelerfert getoefen"* 3a, fogar einjelne §äuj)** 
ter biefer „®elte" toaren granci^Ianer; barunter einer, »eld^en 
SKöaru« ^elagiuö ctnft, aU er ißojjiäe toar, um feinen diattf an^ 
ging, ba jener in großem Slnfe^en ftanb* „Iber aW er gefangen 
toorben loar loegen jiene6 freien (Seiftcö, ba l^abe id^ eingefel^en, 
bag * • • er tl^at, toaö ii^m fein gleifd^ unb feine ©innlid^Ieit ein^ 
flüfterte", „(gr ift im ©efängniß ber ©ruber ju glorenj geftorben"*)- 

!Cie belannte ©eltenfpürerei ber red^tgläubigen 5C^eoIogie i^at 
bann eine be^onbere „Seite" au6 biefen ÜÄcinungen gemad^t unb 
fo gel^t biefe ungreifbare (Scmeinfd^aft nod^ l^eute toie ein ©ef^jenft 
burd^ bie fiiteratur^). 

SaSir tpürben l^ier auf biefe ©ad^c nid^t toeiter eiujugel^en 
braud^en, toenn eö nid^t feft ftänbe, baß bie 3nquifitoren in golge 



1) SKt). $clagiu« De planctu ecclesiae 1516 fol. CLXIX Col. a: Tempore 
meo in provincia beati Francisci multi saeculares et fratres minores pro 
isto carnali spiritu libertatis per inquisitores heretice pravitatis incarcerati 
faerunt etc. 

2) 3ur weiteren Sl^ataltcriftil blcfcr @e!tcnf))ürcrci juitt i^ nod^ bcmcricn, 
baß fii^ bie SBal^rncl^mung mad^cn tagt, toit faji an jeben belanntcren "üftamm 
diicö gill^rc.r8 ber altebangeftfd^en ©emeinbcn fofort eine neue @e!tc angelnil^ft 
»orben ip. 9)^an bergt, bie angeblichen heften ber „Slrnotbipen", „SOBatbenfer", 



_ 156 

bcr jufättigen SBal^rnel^mung, bag auc^ in bcn toalbcnfifd^cn (&t^ 
mcinben fld^ „®rüber beö freien ©eifteö" fanben, atf^tltd^ ober 
unabftd^tßd^ bereu 3been aU Z^dk bed loalbenfifd^en ©lauben^ 
Belenntntffeö i^ingeftettt l^aben. 

®te ti^aten bad ttma mit bemfelBen 9{ed^t, mit totliftm man 
i^eute bie Seigre be6 S^artDini^mu^ afö SSeftanbti^eU be^ ©lanbenö 
ber engßfd^en ^oäßxäft Bejeid^nen toörbe, toeil J>iele Slngei^örige 
biefer Äird^c ftd^ bajn telennen* 

®o ifai fd^on ©iefeler bemerlt, ba§ ber Snquifitor ©te^pl^anuö 
be Söorfcone „ein (SemifiS^ J)on toalbenfifc^en Seigren unb fold^en bed 
freien drifte« al« ge^rf Aftern ber SBalbenfer ffxn^Uüt"^). ©affelbe 
ti^ut ber W>t JEritl^eim in feinen $)irfauer ännolen, nnb anbere 
Slntüm ma(J^en ed äl^nlic^. SBaS bon ®otte6bienften, @nItu6for^ 
men n* f* ti). ber ©elte beö ,;freien @eifte6" erjäi^lt toirb, ift in ber 
Siegel ni(ä^t« anbere« aU eine ©efd^reibung ber ©otteöbienfte ber 
SBalbenfer, nur baß in burd^fiiä^tiger JEenbenj anftatt biefe6 9lameu« 
ber no(ä^ mei^r contpromittirte jener „®elte" eingefe^t toorben ift 

Die „®cfte" be« ,,freien ®eifte«" toarb bon anberen aud^ bie 
be« „neuen ®eifte«" genannt 2), unb ba ift e« nun intereffant, 
baß fein (Geringerer al« 3oi^anne« 2:auler, beffen fittlid^er Slbel 
über jeben ^ts>^V[tl eri^aben ift, \xäf geIegentU(ä^ gegen ben 35ortourf 
öertl^eibigt , feine 9iebe fei bie ber „neuen ©eifter"- SBer bie 
ÜÄenfc^en toarnt unb fie an ben 2:0b erinnert, um fie ju beffem, 
be§ f^jotten fie unb f^jred^en: „8ug bie« finb bie neuen 

©eifter"^). 

iCafjelbe SSerfai^ren, toeld^e« fauler i^ier f(ä^itbert unb toeld^e« 
®te))]^anu« bon Torbene u. 9L jur S(nU)enbung gebrad^t l^aben, ift 
aud^ in jenem ©traßburger Sbilt beobad^tet toorben* 3Äan i^at ein 
®emifd^ berfd^iebenartiger 3lnfid^ten, toeld^e bie Äird^e berbammt 
l^atte, gu^ammengefteüt unb baffelbe bann ol^ne SBeitere« al« gei^r- 

,,£)ttltcbaricr", „B^fUfi^m", „SBottl^eriancr" «• f. »• 2)er tcfttere ip lein «ti* 
berec ol« ber gu mn 1325 l^ingerid^tete Saltl^er, tDctd^er angeblid^ hit,,^BdU" 
ber SoQl^rben gegrünbet l^ben foH« S)ie gSnatid^e Untriftigfeit biefer ^ffteSüuig 
l^at ^on Wlo^^txm Histoire eccl^s. Yverdon 1776 Tom. III. 499 na^en^iefen. 

1) ©lefeter m. IL 2 e. 643. 

2) ^reger ®efd^. ber beutfd^cn Wi^^l I @. 207. 

3) S(u«gabe bon 1521 fot. 77 (£ol. 1. 



157 

f^ftcm bcr ;;®clte" bed freien ©eifted Begegnet unb beten innere 
3ufammen8ei^8ri8leit mit „SBegl^arbcn", ,,Srübem" ober „armen 
ei^rtftt" hirjtoeg itffaupttt^). 

S35eld^e fficrtDinung burd^ ein fold^e« aSerfal^ren angerid^tct toirb, 
fann man am Beften au« ben Sonfequenjen feigen, bie \xäf barauö 
ergeben* 

Da« Sbift entl^äft nlxmlxäf unter Ruberem eine Si^araltcriftil 
xinb toörtüij^e SBieberi^oIung fold^er Seigren, n>eld^e3Reifter Sdart 
bamate in ©traßburg t>orgetragen i^at ^). Sdart tt>ar ju feiner 3eit 
einer ber berüi^mteften (Sotteögelei^rten, eine 3terbe unb ber 9iui^m 
beö mäd^tigften Drben« ber Si^rifteni^eit* 5Wid^t nur bie geiftige 
(Sröße biefed 3Ä8nd^3 toarb »on ben ^dtztno\\zn betounbert, fon^ 
bern aud^ feine fittlid^e Srfc^einung mad^te toegen ii^rer SReinl^eit 
unb ii^reö Slbefö auf alte, bie mit ii^m in Sejiei^ung traten, ben 
tiefften (Sinbrud ©eine ©diäter nennen il^n einen l^eiligen, einen 
ffitüiäfm SWeifter- 

SEBenn nun, toic eö toai^rfd^einlid^ ift, eben biefe ©d^üler auf 
®tunb jeneö (Sbiltö aud ©tragburg auögetoiefen tourben^) unb 
toenn ßdart felbft anfd^einenb im Saläre 1317 Strasburg »erlaffen 
mußte, fotten toir barau6 folgern bürfen, baß er mit ber „©elte 
beö freien (Seifte«" ®ejie]^ungen gel^abt l^abe? 

2lud^ n>enn ddaxt ^päUtifin nid^t gegen berartige 35erbäc^tigungen 
^)roteftirt ^attt, loürbe eine fold^e Slnnai^me öon »jorn^erein au«^ 
gefd^Ioffen fein* 

S« ift unbetoiefen, baß Sdart mit einer Partei, toelc^e bie Seigre 
beö Si^riftentl^um« in ber angebeutcten SBeife entftettte, 35erbinbun^ 
gen unteri^alten ^o6t, unbetoiefen aud^, baß bie altetangeUfd^en ®e^ 
meinben ber „©ruber" fid^ ie mit ben i^rem ganjen ®^ftem toiber-^ 
fj)red^enben 5l^eorien Slmalrid^« J)on ©ena in irgenb eine 2:ran«^ 



1) 2)cnfetkn Scg IJat bie ortl^obojcc Volenti! ber curiatiiüfd^en ©d^riftfieller 
au« nal^ tiej^enben ©rütiben feit uralten 3«teu Befd^ritten. @o ba« belannte 
Sßerf be9 ^ä^pd^eu ^öuitentiar« ^barud ^etagtu^ De planctu ecclesiae. ^u$« 
gäbe bon 1516 (%t löibt in ^öerftuj fot CLXIX if. 

2) (Sine fel^r bottpanbigc Ueberftd^t über bie Literatur bejügtid^ (Säam (bi« 
1874) giebt $reger in ber Mg- SDeut. )öiogr. V, 618 ff. — ©gL baau Sütotf 
in ber Sübinger Sl^ot Ouartotfd^rift 1875 @, 578 ff. 

3) SSgL «Pregcr ®efd^. b. beutfd^ aw^jttl I @. 351. 



158 

acttott eingelaffctt f^attm, aBcr c« tft rid^tig, ba§ SKciftcr Sdart 
eBctt jubicfen fogenanntcn ,,ffialbcnfctn" unb beten 
ä^jDfteln in einem naiven SSetl^äUniß geftanben l^at 

S)ie ©nöe $a^)[t Sol^ann« XXII. tom 27. SKätj 1329 toiber 
Scfatt i^at bie S^tage, ob beffen gellte öom @tanb|)unft ber römi* 
fd^en Sird^e au« reij^tgläubig fei, Hat nnb enbgülttg bol^in ent^ 
f (Stieben, ba^ biefelbe aW ]^ärctif(ä^e ÜDoctrin bettad^tet »erben 
muffe 0- ®ie ^at fiebgel^n feiner toid^tigften gel^rfä^e für lefeerifd^, 
etif toeiterc ate ber §ärefie öerbäc^tig erflärt 

3m 3a]^r 1430 ^at aud^ bie latl^olifd^^tl^eologifd^e gacultät ju 
^eibelbetg (SdCartÖ Seigre auöbrfidHid^ unb feterlid^ öerbammt^). 

SBenn man bie gauje ©ebeutung ber ^><^)ftlid^en ßntfd^eibung 
tofirbtgen totU, fo ertDäge man, ba§ SdCart ÜJHtglieb be^jenigcn SDr*» 
benö toar, toeld^er auf feine 9ied^tgläubigleit öon jel^er ftolj unb 
ciferfüd^tig getoefen ift Sben auf biefem {Ruf berul^te, toie oben 
bemerft, baö au^erorbentlid^e SSoned^t, n>eld^e6 bie ^4|>fte bem Drben 
gegeben l^atten, inbem fic gerabe il^m feit bem 1 3. Qai^rl^unbert bie 
^anbl^abung ber Snquifition übertrugen, 

^Äeifter Scfart toar fein getoö^nlid^er Orben^bruber. aSielmei^r 
l^atten feit bem Saläre 1303 bie Orbenöoberen ü^n burd^ bie Ucber^ 
tragung ber el^renboöften Slemter au^egeid^net 5ßad^bem et an 
ber berül^mteften ^od^fd^ule ber SBelt, in ^ariö, ate ge^rcr tl^ättg 
getocfen, l^otte man il^m, ber fid^ ben ®rab eine« 3Reifterö ber 
ff. ©d^rift ertoorben, junäd^ft ba6 "^mt eine« ^robingialö in ©ad^fen, 
bann bie SBertoaltung ber großen unb toid^tigen bol^mifd^en Or^ 
ben3|)roöins aU ©enerafeicar übertragen. 3m Saffte 1312 fd^eint 
er aW Seigrer an bie ©d^ulc ju ©tragburg öerfe^t »»rben ju fein. 
Slber toenn er ettoa bamalö bereit« bei feinen Orben^obcrett an 
3Sertrauen eingebüßt l^atte, fo toarb bie« reic^Iid^ erfefet burd^ ben 
außerorbentlid^en SRuf, ben er ftd^ al« ©etcl^rter unb "^ßtebiget et= 
toatb. 3^^^^^^^ btängten fid^ bie ©d^ület um il^n, unb t>oü ©e* 
gciftetung i^ingen fic an bem eblen SJKanne^). 



1) 2)te ^uUe bei ^ipoü Bullarium Ordinis Praedic. Tom. VII unb banac^ 
bei ^reger ®ef(^. b. beutfd^n 2W#I I, 478 ff. 2) 9leuf(^ 2)er Snbe^c @. 26. 

3) Uebev ben ,,untabeligen, ja erbanlid^ Sebenötixinbet" @cfart§ f.Sötotf 
in ber Sübinger T^tol OuartaIf(^rift 1875 @. 581. 



159 

5IKit einem folc^en aKanne lonnte bte Sitd^e ntd^t tote mit ge^ 
»Sl^nlic^en „Söegl^aTbcn" öerfal^ren, 5Wi^t nur @(fatt6 9Juf, fon*» 
bem aud^ ber beö Dominilanetotbenö ftanb auf bem ®pxtlt. 

66 ift ungemein Bejcid^ncnb , bag ber 'J)ominifaner ^einrid^ 
tjon ^etfotb, toeld^er bie ©nße mittl^eitt, in. toeld^er ^a}5ft Sol^ann 
XXn. bic gellte gcfatt6 »etbammt, ben 5Kamen Sd attö toeglägt unb 
gaiij im Slflgemeinen fagt, ba^ bie S3uße gegen fold^c ctlaffen toox^ 
bcn fei, toeld^e bie Seigren bet „SBcgl^atben" l^ätten ftüfeen to^öen 0* 

3Äan fiJnntc bie gntfetnung (Sdartö auö ©ttagtuTg an|er 
3ufammen]^ang mit bem ßbilt öon 1317 finben, toenn nid^t im 
Satfxt 1320, alö er ftd^ in granifurt auflieft, fofort J)on 9ieuem 
bie 3lnIIage auf öerbac^tige SSerBinbungen gegen il^n erl^oBen toor.^ 
bcn tpäre* Unb jtoar toar bieö leineötoegö ein btogeö ©erüd^t, baö 
feine geinbe auögeftreut i^atten, fonbern eine fiJrmlid^e gerid^tlid^e 
^rojebur mu|te gegen il^n eingeleitet werben* 

Unter bem 12. Huguft 1320 rid^tete ber Orbenömeifter §erDeuö 
ein ©d^reibcn an bie ^rioren J)on SBormö unb SWaing, 3oi^* be 
8oMiö unb ^^iIi^3^3U6, in toeld^em er fie mit ber Snquifition toiber 
(gdart unb einen getoiffen Dietrid^ J)on ©. STOartin beauftragte, 
©d^toere 5lnnagen toaren bem Orbenömeifter, nad^ feinen eigenen 
SBorten, über »verbotene aSerbinbungen , in toeld^en jene geftanben, 
äu Dl^ren gefommen-). 

!Caö ®eneralla}5itcl beö Orbenö erlief im 3a]^re 1321 auf 
©runb ber jüngften ©rfal^rungen fd^toere Slnbrol^ungen gegen bie^ 
jenigen SWitgliebcr, toeld^e mit Sehern Umgang pflegen toürben. 

Unfere Queßen berid^ten unö nid^t, toeld^e ©entenj in granl«^ 
fürt gefäüt toarb; aber eö ftel^t feft, ba| ßdCart öon bort fd^ieb 
unb nad^ Äötn ging* 

§ier traf cö fid^ nun, ba§ atebalb nad^ feiner 5lnfunft (£rj- 
Bifd^of ^einrid^ J)on aSirneburg mit aüer Energie gegen bie &iU 
nifd^en „Äefeer" einfd^ritt SBir l^aben ^oben gefeiten, baß ber SBal^ 
benfer^5lpofteI SBaftl^er biefem ^roje^ jum 0}5fer fiel: Hnbere tourben 
im JRl^ein ertränit, nod^ anbere tjerbrannt. 

1) $rcger Stb^anWungen b. III. (£t. b. Ä. i8. 21. b. 2B. 1869 2lbtl^. II @. 13. 

2) i)a8 ©(abreiben iji au§ einer granffurter ^anbfd^rift abgcbrndt bei $rc* 
gct ®cfd^. b. beutf(j^en SK^jHI I, ®. 352. - S^gt. bagu lüütolf a. a. £)• @. 581. 



160 

3n bctfcttcn ^txi toat cö, aW bet SrjBtfd^of cntbcdtc, ba§ 
aud^ SKctftet Sdfatt ber Sc^äetci ftä^ulbtg fct, unb feinen ßnlfd^Iug 
Innb gaB, benfelBen t)or bo6 Snqutfitionöttibunal ju fteöen, !£^ic 
©ad^e erregte baö größte 5lnffei^en, unb aW ber Orbenömetfter öon 
be« grjBifd^ofö aSorl^aben Äenntniß erl^teft, traf er feine SÄagregeln. 

(S8 gelang toirHtd^y bie Unterfnc^ung aBermate in ber §anb 
be^ Drbenö ju bei^atten» !Der ÜDontinilaner 9iicoIauö t)on @tra§.^ 
Burg toarb mit ber ätoftrengung be« ^rojeffeö beauftragt. 

5Da6 SRefuftat toar, ba§ (Sdart freigef^jrotä^en tourbe* 

hierüber toar inbeffen ^cinrid^ Don 35imeburg, toeld^cr bie 
©d^ulbbetoeife in ber C)^^^ 8^^ ^aizn glaubte unb, toie ber toeitere 
aSerlauf beö ^rojeffeö jeigte, toirllid^ in ber §anb l^atte, fo eun>5rt, 
ba§ er toiber alle« geiftli(ä^e 9Jed^t ben einmal entfd^iebenen ^rogeg 
gegen Sdart toieber aufnei^men tooüte* 3a, er dtirte jefet nid^t nur 
ben ddaxt, fonbern aud^ ben 5Jlicolau« öon Strasburg öor fein 
Tribunal. 

S)ie SlngeHagten mad^ten bagegen öon ii^rem 9Jec^t (Sebraud^, 
gegen ein fold^eö SBerfai^ren ju |)roteftiren. ©ie legten ^Berufung 
ein an ba« ffiäf\tt ®eric^t ju Sltjignon, unb e« gelang, ben Srj* 
bifc^of J)on feinem aSorgel^en abjui^alten* 

aber felbft in Slöignon lam.biefe ®ad^e pnäd^ft nid^t jut 
ßntfd^eibung. 

5Diefe greigniffe erregten toeit unb breit in red^tgläubigen ftrcifen 
einen @turm ber Sntrfiftung; man toar fo fcft öon ber ©d^ulb 
ßdart« überjeugt, baß man fogar toagte, ben $a|)ft felbft ber 39 e -^ 
günftigung eine« ^äretilerö anjuHagen. 

3Bir befi^en ein l^öd^ft intereffante« !DoIument, loeld^e« t>on 
ben Häuptern ber ftrengeren Partei be« granciölanerorben«, SBtl^ 
i^elm t>t>n Occam, grang öon Söculum, ^txnxx^ Don Si^all^eim unb 
SBonagratta bon Sergamo l^errüi^rt unb toeld^ed gerabeju eine Sin* 
Ilagefd^rift gegen ben ^a^jft felbft loegen ber Sdtartfd^en ©ad^e 
barfteOt. 

„5yiotorifd^ ift e8", fagen bie (benannten, „nid^t minber bei ber 
ßurie JU 5lDignon al« in !E)eutfd^lanb, ba§ ©ruber Sdtart öom ^rc- 
bigerorben burd^ SBort unb ©d^rift öffentlid^ unb unjtoeibeutig Der-- 
abfd^cucnöiocrtl^e unb uneri^Brte gctjereien geleiert unb gej^rcbigt i^at, . • 



161 

SBelannt ift eö au^, ba^ Sötuber Sdatt eine g^oge äWenge be« 
SSoIf« in ewäi^ntem 5Deutfd^lonb unb anbemätt« snm ®lau6en on 
biefe S^efeeteien unb jut SIuSBreitung berfdben i)erfü]^rt l^at unb 
baß ©rubet 5Ricolauö ein großer ®önnet unb aSerti^eibiget beS er«' 
toäi^nten ©tuber ddaxt, beö offenbaren Se^er«, getoefen ift"0* 

@ie i)erlangen beßl^aft lategorifd^, bag bie SSerurtl^eilung Sdart« 
erfolge, unb in ber Ztfat erfd^ien benn anäf unter beut 27. SKärj 
1329 Jene berüi^mte SöuKe, in toeld^er ber ^a|5ft mäf forgfältiger 
j)erfönUd^er Prüfung bie gellten ßdart«, ti)ie oben ertoäl^nt, für l^äre^ 
tifd^ erltört. 

(S8 ti)ar ein fd^toerer ©(ä^lag für ben 35ominiIanerorben unb 
eine glänjenbe JRed^tfertigung berjienigen, toeld^e, toxt Jene granci««' 
lauer, i)on i)om l^erein ben Söart für einen Se^er erllärt l^atten. 
„S5er ÜRei^rjai^l ber SDominilaner", fagt Sütolf, „toar bie SSerur^ 
ti^eilung eineS ii^rer ©ruber fidler nid^t angenel^m unb fd^toerlid^ 
i^ätte man fie fo fd^toeigenb l^ingenommen, »ären nid^t Söetoeife im 
SBege geftanben" 2). 

ßdart ift, toie oben bemerlt, i)ietteid^t ber bebeutenbfte aSertreter 
ber „^Pofo:|3]^ie ßl^rifti", »eld^en bie beutfd^e Station i^ertorgebrad^t 
l^at^). Sein mittelalterlid^er JTi^eoioge l^at bem menfd^Ud^cn (Seifte 
^ifftxt Biete geftedt, leiner i)on ber greii^eit unb ©elbftänbigfeit 
beö SDenlen« einen füi^neren ®ebraud^ gemad^t al« ßdtart. 

aber fo fel^r er fid^ biefe greil^eit loal^rt, fo entfd^ieben l^ält 
er an ben (SrunWagen ber d^riftUd^en gei^re nid^t auö conJ)etttio^ 
iteOen JRüdtfid^ten, fonbem au8 freier Ueber^eugung feft gr i^at 
bie grage Don bem SBefen beö ®eifte8 unb feine« aSerl^ältniffe« gur 
5ßatur in einer SBeife ii^rer ÖSfung entgegcngefüi^rt, loeld^e ben Sbeen 
e^rifti in jeber JRid^tung entf:|3rid^t unb (genüge ti^ut* 

@8 ift toai^r, bag er mit feiner ^Pofo|5]^ie baö überlieferte 
Dogma ber römifd^en Äird^e in ben toid^tigften fünften burd^Iöd^ert 
ffat, aber gleid^jeitig ift eö il^m gelungen, bie urd^riftUd^en Stemente 



1) 2)a§ toi(3^ttge 2)olument \^ abgebrurft bei ^tcgct ®cfd^. ber bmtfd^cn 
ajlj^jü! I, 483. 

2) Sübitiöct X^tol Ouartatf(3^rift 1875 @, 603, 

3) ©ne fritifd^c Slu«gabe feinet ©d&riftcn giebt Pfeiffer 2)cutf t^e 2W^püct S3b. IL 

A eilet, 2He 9{eformation. 11 



162 

itnb bie ttefften ®ebanlen (S^ttftt in itnt fo gtSgeter 9{etn]^ett an9 
bet boflmotifd^en Umi^üaung i^erau^iuföfen unb ti^t^n ^afyx^tvt^' 
gcl^aft aufpjetgen* Snbem er feine religiSfen 3been anf bet ©t^ 
fal^tnng anfbant nnb fo Don einer feften SBafi^ ber $]^iIofo})i^ie 
anSgei^t; lomntt er bod^ jn beut ©d^Ing, ba^ bie fo getoonnenen 
aiefttftate mit ber rid^tig ^nfgefa^ten Seigre Si^rtfti J)ortreffli(3^ üBer^ 
einftinmten* 

& ift eine geniale, fd^öj^ferifd^e ftraft, bie nn^ an« ben ©d^rif" 
ten biefe« feftenen äWonne« entgegentritt — fd^5|5ferifd^ nid^t blog 
in ©ejng anf bie 3been, bie er i)orttägt, fonbem and^ in SBetreff 
ber ®|5rad^e, bie er i^anbi^abt nnb bie er für biefe ©iffenfd^aft 
erft gefd^affen "ffot. 

& ift gu bebanern, ba^ bad bentfd^e SSoH fid^ biefe« Sßanne« 
U€ iefet i)iel weniger erinnert i^at al« fold^er äntoren, loeld^e ben 
®teni|5el fird^Ud^er* JRed^tglänbigfeit mel^r an fid^ tragen. 

SBäl^renb bie ©d^riften be« Zffoma9 Don äqnino in IDentfd^^ 
lanb jn lanfenben nod^ l^ente Derbreitet toerben, toiffen öon Qdaxt 
lanm »enige (Selei^rte ettoaö (Senauereö jn fagen* 

Svx (Segenfafe jn Slnberen ift Sdtart ber aSertreter einer f^^egififd^ 
bentfd^en Xl^eologie. 5Die ßel^re, toie er fie in eine Kaffifd^e 
gorm gebrad^t i^at, ift nic^t nnr ber C^eimatl^ il^reö Slntor« unb 
bew f})rad^lid^cn ©etoanbe nad^ eine bentfd^e, fonbern fie ift and^ 
mei^r alö irgenb eine anbere ti^eologifd^ Uebergengnng an« bem 
bentfd^en (Seifte erload^fen nnb bent bentfd^en ©emütl^ i^omogen 
unb f^ntpati^ifd^. 

Unb tocnn bie |5ä|5ftlid^e (gntfd^eibung JRed^t l^at, ti>eld^e ben 
(gdtart ben fiebern sujäp — »ie fie benn in ber Sll^at JRed^t l^at — 
fo ftel^t e« feft, bag baö te^ertl^nm für bie (gnttoidtlung be« beutfd^en 
(SeifteSlebenö unb für bie nationale Suftur öon grnnbicgenber SBid^^ 
tigleit getoorben ift 

SSJa« bie allgemeine SBirlung ber ßdtartfd^en 3been nod^ be^ 
fonber« fteigert, ift bie Ii^otfad^e, bag er baö $au:|3t unb ber SDiittet 
:|3unlt eine« jal^Ireid^en ftreife« Don ©d^ü lern getoorben ift ÜDabei 
finb freilid^ nur äöenige mit ber ©egabung, ber (Sonfequenj unb 
bem aWnt)^ vorgegangen, bie jener an ben JEag gelegt l^at; bie 
meiften l^aben nnr eine 5(rt äuferer unb äußerlid^er antriebe Don 



163 

tl^m erfal^rcn, abct tmmctl^in tft et ber Url^cbcr öon 3mi3ulfen gc^ 
tootben, ptn tocld^en ottc bic ^arteten, bic in f:|3ätctcn SaffX^nn^ 
betten an« bem SBalbenfcttl&nm ettoad^fen finb, mel^t obct toemget 
Betfil^tt tootben ftnb* 

äWan p^tit bie ßttetatut, bte J)on Sdatt« 3been gettagen tft, 
feit langet ^tvt Intgtoeg babutd^ gii lenngeic^nen, bag man fie bie 
fittetatnt bet „®otteöftennbe" nennt unb fie jugleiiä^ in ben 
toettfd^id^tigen »egtiff bet „SR^ftil" einfd^ad^telt 

(Sine näl^ete ©cttad^tnng etgiebt inbeffen, ba§ butd^ biefe 5Wa^ 
men toebet eine Hate Si^ataftettftil bet S^enbenjen nod^ bet 2lutoten 
etteiiä^t toitb* 

5Det Söegtiff „(Sotteöfteunb" ift im 14* Sal^ti^unbett ein bntd^*' 
au€ nnbeftimmtet* SWännet, toeld^e im ®tunbe auf fel^t J)etfd^ie^ 
benet (Stnnblage ftel^en, toetben in S3anfd^ nnb ©ogen „®otteö^ 
fteunbe" genannt, fobalb fie nut füt getoiffe gieMingööotfteöungen 
bet „SW^ftil" eine Hinneigung an ben lag legen* 

^näf bet »egtiff „ÜW^ftil" befiJtbett Unllat^eiten aßet ätt. 
3Wan ^at Stjeugniffe, totlä^t im (Stunbe nid^tö toeitet aW 8eben8^ 
tegeln füt ©ettelmönd^e enti^alten, mit betjenigen Sitetatut, bie ti)it 
unten lennen letnen toetben unb bie au^gef|5tod^en gegnetif(ä^ gegen 
bie 3beale bet ÜWiSnd^e gefinnt ift, einfach jufammengetootfen unb 
beibe al« „ÜW^ftil" bejeid^net 

S33enn man benfelBen 5Kamen füt g^ei SRid^tungen gebtaud^t, 
bie ftd^ in il^tct ^dt auf baö entfc^iebenfte beläm|5ft l^aben, fo toitb 
bte S^l^atfac^e gänjlid^ i)etbunlelt, ba§ tto^ getoiffet Jöetüi^tung«^ 
l>unfte im (Stunbe bod^ eine :|}tinci^)iette SSetfd^iebeni^eit öoti^anben 
geioefen ift 

(gö ftel^t l^iftotifd^ feft, ba§ man ^mtt fold^e SKännet untet 
bem 5Wamen „®ottc«fteunbe" unb „ÜR^ftilet" al8 eine teligiSfe 
aiid^tung sufammenfagt, Don benen eingelne in bem gtogen Äantpfe 
jtDifd^en bem ^a^)ft unb bem „le^etifd^en" Saifet auf beö etfteten 
Seite, bie anbeten auf beS leiteten ^attei ftanben ^). &n fold^eö 



• 1) 2)ie neueren gorfd^migen l^aben ba« ungtoeifeH^fte Stefultat ergeben, bag 
2:auler cbenfo »ic feine greunbin SlWargaretl^a (Sbner in bem Äampf mit bem 
^iltl^um auf ©eite be« Äaifer« Subtoig gepanben l^t ©♦ ben ©e»ei« l^ier- 
fftr M ^reger in ben Stbl^anblungen ber 111. (£1. b, St. »♦ ST. b* SS, gu 0Wün<]^ 

11*' 



164 

aSerfal^ten ^cigt ben l^tftottfd&cn 2:i^atfa(3^en - einigen bogmotifd^en 
©efonberi^eiten gu Siebe (Setoalt antl^nn. . 

an« biefen ®tünben erKäte id^ l^ier anöbtüdlid^, ba^ bie nad^*' 
folgcnben Stöttetungen leine (S^äralteriftil ber „ÜW^ftiler" im M^ 
gemeinen ober ber (SotteSfreunbe im »eiteren ©inn enti^atten fotten* 
aSielmel^r Knnen ate toai^re unb gan^e ©d^üler ffidart« nnr bie^ 
ienigen SKänner angefei^en toerben, totläft, toic Soi^anne« Zan^ 
ler, ber fogenannte „®otte8freunb an« bem Oberlanbe" u. % nid^t 
blo6 in einjelnen Slnffaffnngen, fonbem in ber gefammten Haftung 
fid^ an (gdart angefd^Ioffen l^aben, ®o fel^r ^einrid^ ®nfo, §ein^ 
rid^ J)on 9l8rblingen, Si^riftina ffibner u. SI* Don ßdart «nb fauler 
Beeinpu|t toaren, fo finb fie im (Srunbe bod^ J)on biefen gang t)er^ 
fd^ieben* ddaxt, ZauUt unb in«befonbere ber fogenannte ©otteö^ 
freunb an« bem Oberlanbe l^angen unter fid^ auf baS engfte gu^ 
fammen* 3Der erftere toar ber Seigrer Spaniers unb Spanier feiner^ 
feitö unteri^ielt nai^e ©ejiei^ungen ju bem großen Unbelannten auö 
bem DBerlanbe, toeld^em öiele ^erfonen ju jener ^dt ftd^ „an 
®otte3 ©tatt SU (Srunbe gelaffen", b* ^. [ffvx Zxtm unb ®ei^orfam 
jugefagt l^atten, ti)ie bie „Sörfiber", bie man SBalbenfer nannte, um 
biefelbe ^dt fid§ ii^ren „Stpofteln" jur Sirene i)er:|3fl[id§teten* 



Unjäl^Uge finb i^eute guten ©laubenS ber Slnfid^t, ba§ Spanier 
nid^tö mit ben „f)äretilcrn" ju tl^un l^abe, unb fie grunben biefe 
3JJeinung auf beffcn eigene SBerle, bie fie genau ju fcnnen glauben* 
3lber toaö bie ÜWciften bon Siauler lennen, ift nid^t« Slnbcre« al8 
bie Ueberarbeitung, toeld^e bem großen ^rebigcr öon ben SSertretem 
ber r8mifd^en ^rd^e gu 3:i^eil geworben ift- 

©ei ber ©ebeutung, toeld^e Spanier erlangt i^at, l^at bidl^er nod^ 
iebe JRid^tung banad^ geftrebt, il^n gang ober jum 2^eil al8 i^ren 
^arteigenoffen in 3lnf|5rud^ ju nei^men* 3Die ßuti^eraner nennen 
ii^n einen SSorläufer ber {Reformatoren, bie fati^oUfd^e Sird^e t>tx^ 



SBb. XIV, 1 @, 43 ff. — ©gL and) «ptcger ®efd^. b. beutfdjen 0WJ?iHI II, 291. — 
Uebet iWatgaretl^a Q^bnerS ^i^xtipai^im für Subtoig f. @ tt aud^ 0Watg. (Sbncr mtb 
©. t>on SftötWmgen» greibutg 1882 @. 32 u. 38. 



165 

Breitet forttoäl^tenb ©d^tiften, bt^ Stautet« "ülamtn tragen, bie aber 
in ffiirßid^Ieit nnr ftarl „ej|5nr8ttte" Slngjäge entl^altenO- 

3Die SBai^rl^eit ift, ba§ fotool^I bie ftrengglänbige lut^erifd^e 
Drtl^obojie beö 16, nnb 11. Sal^ri^unbertö aU bie römif^e Snrie 
bnrd^ faft aße f|5äterett aal^rl^unberte l^inbnrd^ ben JEauIer ate 
„^äretiler" bejeid^net l^aben nnb bag biefer SSortonrf fo alt ift 
atö Sanier felBft 

©d^on in feinen eignen ©d^riften finbet fid^ bie Slage, ba§ 
man bie „©otteöfrennbe", jn benen er fid^ gäi^ft, al« ,,@elte" 
begeid^ne. 

ffienn bie (Snten fid^ fonbern Don ben ©d^led^ten, fagt er, 
finb baö ©elten? „2)er gnrft biefer Seit i^at je^t an aßen @nben 
gefäet baS Unfrant nnter bie JRofen, fo bag bie JRofen oft J)on ben 
Domen Derbrudtt ober fei^r geftod^en toerbcn. @ö mng eine glnd^t 
ober eine Ungleid^l^eit ober eine ©onbernng entftel^en, eö fei in ben 
ÄWftem ober brangen* Unb baS finb leine ©eften, ba§ fid^ 
®otte«f rennbe nngleid^ anögeBen ber SBelt grennben"^). 

3n einer ^rebigt, bie er am 3, ©onntag nad^ JErinitati« über 
guc 15 ^ielt, fijrid^t er fid^ in l^öd^ft intereff anter SBeife über feine 
unb ber „©otteöfrennbe" ©tettnng an^^). üDarin eifert er gegen 
jene „falten unb fd^Iäfrigen SKenfd^en", bie fid^ barauf öerlaffen, 
ba§ fie aßeö getl^an l^aben, „toaS bie ^. Sird^e geboten ober ^tx^ 
boten ]^at"* Slber toenn fie and^ aüe« bieS getl^an l^aben, fie toer*- 
ben nid^t 8iaft nod^ JRni^e finben in il^rem §erjen etoiglid^, toenn 
ntd^t „baö ungefd^affene eioige SBort beö i^immlifd^en SSaterö" fie im 
Snncm erneut unb toai^ri^aft neu geftaltet 2lnftatt beffen toiegen 
fie fid^ in falfd^e JRul^e unb f^jred^en: „2Bir finb in einem l^ei«» 
ItgeuDrben unb l^aben bie ff. (Sefettfd^aft unb beten unb lefen". 
„Diefe blinben ÜWenfd^en meinen, ba§ baö loftbare ßeiben unfern 



1) 3)ic3 ift f(i5ott feit bcr Mncr SJuSgabe öon 1543, bie ^eter bon Sfit^mtoegen 
befolgt l^ot, nad^tt>ä«bat» SHe Omnbfäfee, »eld^c ^eter in biefer 9li(3^tung ge* 
l^l&obt l^at, fmb fel^r initoctü). SSgt. (£, ©d^mibt Sol^, XavXtt @* 70 f, — 
^crö StoSgobe liegt bann fafi oKen fiteren latl^olifdjen amb f onberbater Seif e 
on^ fe)^r Dielen lutl^ertfd^en ^ad^hmdtn gu ©runbe. S)a i\t benn freUid^ Don 
Sattler^ toal^rem ©ejtd^t ted^t b>enig mt^x gu etfennen, 

2) Xonler« ^tebigten 2[u«g, D. 1521 fot. 129a. 

3) ^tebigten a, O. fot 76 ff. 



166 

^erttt 3fefu Si^ttftt unb fein ti^cureö ©tut alfo mit ®pkUn foß 
i^ittgei^cn oi^ne gtud^t 9?cin, Äinbcr, nein, c3 zt^t nx^t alfo". 
ff'SEätx bann aBer bnnnt unb toatnt [le bct z'^tnlvU^tn ängft, in 
ber flc tcBcn unb toie fie mit ©otgen ftctfcen »erben, beffen fpotten 
fle unb f^Jted^en: "dß ift eine« ©eg^atben JRebe'". „T>ai 
tl^un fie benen, bie ba ungern feigen il^re« 5Räd^ften Unglüd unb 
fie baJ)on toeifen auf bie redete ©trage". 

SDer gleid^e 3^8 8^^^ '^^'^^ "^^^ meiften feiner ^rebigten l^in^ 
burd^. 3n einem 35ortrage, ben er über äWatti^. 15 i^ieft, Hagt et 
bie (Seiftlid^n an, „bie fid^ felber für gut l^alten unb Italien öiel 
4)on fid^ felbft unb ftei^en bagu auf ii^ren ® ä^en unb Sßeifen unb 
galten il^re (Setool^nl^eiten für ba« SBefen atter 5Dinge". !Da« 
finb bie „^l^arifäer", unb biefe finb e«, fügt er l^inju, „bie ba 
4jerni<i^ten bie greunbe ®otte«"0. 

3n UeBereinftimmung mit fauler« glcid^jeitigen ®egncrn l^at 
im ©eginn be« 16. Sal^rl^unbert« aud^ Dr. gd bie Sted^tgläuKg^ 
ieit be« grogen beutfd^en ^rebtger« für toerbäd^tig erMart unb im 
3a]^re 1556 6e]^au|5tete ber Berül^mte rSmifd^^-fati^oIifd^ Jil^eologe 
SÄeld^iorSano gerabeju, bag Sol^anne« Xauler bie Seigren ,;eincr 
®dte vortrage" 2) unb begi^att i)erberWid^ fei 3tt>cinaig Saläre f|5ätet 
öerorbnete ber ©eneral ber Sefuiten ®J)erarb 3JJercurian »örtlid^ 
golgenbe«: 

„8lud^ foüen getoiffe ®|>iritualen , »eld^e unferen Sttfid^ten 

toeniger gleid^IommeU; atöba finb Sauler, ütudbroed, ^einrid^ 

©Ufo u. f . ti). unb äl^nlid^e ii^rer ärt ben Unfrigen nid^t erlaubt 

toerben. 9Wd^t« öon bereu ©üd^em foß irgenbtoo in unferen Sol^ 

legien aufbetoal^rt »erben, e« fei benn mit bem SBiüen be« ^oter 
^roJ)inrian«"3)^ 

3a, im Saläre 1590 lieg ^a^jft ©iftu« V. Sanier« ^te^ 
bigten auf ben Snbej ber verbotenen ©üd^er fe^en unb 

1) 31. a. O. fol. 24», 

2) 9leufd^ S)er 3nbqc ber berbotenett fß&äftc. ^oxm 1883. @, 589. 

3) „Neque spirituales quidam, qui institato nostro minns conveniunt, nostris 

permittantur, quales sunt Taulerus, Rusbrochius, Henr. Snso etc. et alii 
hujusmodi. Nihil vero horam librorum uspiam servetnr in nostris collegüs 
nisi ex P. Provincialis sententia"". griebrid^ ©eitrige jur ®efd^. b.Seftttttn* 
orben§. 1881 6.47, 



167 

e« toäxt Derlei^rt, anjunei^men, ba§ bicfet ©efd^Iug ettoa nur bcr 
pex^inlxäftn %xi^at^it be« ^a|>ftc« tnt\pxnnztn fei^* 3n Ueber* 
emfttmmung l^termit fd^ttcB ber Satbinal Sttejanbcr Don (gfte am 
25. 3nli 1603 an $. SKaeftto Xommabo ju glotens: „Die earbmäle 
ber Snbef^ßongtegotton ertoarten bte ti^ncn aufgetragene ß^^jur^ 
gattott (censura) ber SBerle 2; au I er« unb ® aöonarolaö , banttt 
fle gemä§ ben JRegeln be^ Snbe^ a<)|>roBtrt »erben" 2), 

ffienn unö alle ©d^rtften S:auler6 erl^alten toären, bann ö>ürbe 
cö fi(3^ aeigen, ba^ fotooi^I bte luti^ertfd^e toie bie latfyolx^^t ftird^e 
t)on tl^rem ®tanb|5unlt aM ben großen ^rebtgcr unb feine greunbe 
mit t)ottem Siedete al« ,,Sefter" Bejeid^net l^aBen* 

ao&er leiber finb eine Slnjai^I ©d^riften unb gerabe biejenigen 
üemid^tet toorben, toeld^e öon bem aSerl^ältnig jtoifd^en ©taat unb 
Ätrd^e unb anberen toid^tigen fragen l^anbeln unb toorin Spanier 
leierte, bag geiftlid^e DBrigleit unb »cltttd^e^ ©d^toert „feine« mit 
bem Slnbcm ju tl^un l^ätte" ^). 5Der ^a^jft befallt, toie bie S^ronil 
Berid^tet, biefe Sudler jü DerBrennen, „unb feilten fold^e ©üd^er bie 
©eiftlid^en nod& bie gaien Beim S3ann nid^t lefen"* Söifd^of ©ertl^olb 
öon ®tra|Burg fie^ um baö Sai^r 1348 toirÄid^ bie S3üd^er auf^ 
l^eBen, unb eö ift lein SBunber, baf fie nid^t eri^alten finb. 

„m^ Saifer Sart IV. nad& ©trapurg fam" (1348), fo erjäp 
bie ßl^ronil, „ba geBot man ben ©otteöfreunben , toiber bie d^rift-^ 
lid^e Äird^e unb ben ©ann nid^t mei^r freoentUd^ ju i^anbeln; in^ 
fonberö tourben Slrtifel, bie au6 ii^ren ©d^riften gegogen toaren, 
terBcten unb für fe^erifd^ erMärt". 

fauler mu^te um baö Sai^r 1350 bie ©tabt räumen unb 
anbertoartö eine ^nfluäft^\tattt fud^en. ^einrid^ oon 5)^5rblingen 
fd^rteB an ÜRargaretl^a ®Bner: „S3ittet ®ott für unferen UeBen 
SBater, ben 3;auler; ber ift aud^ in großen geiben, toeil er bie 
SB a 1^ r ]^ e i 1 1 el^ r t unb i^r nad^leBt, fo gänjUd^ toie id^ einen toeiß" ^). 



Die gamilic Xauler« erfd^eint im Sa^re 1313 al« rati^Sfö^ige« 
©efd^Ied^t in ©traßBurg. Soi^anneö toar tooi^Ii^aBenber SItern Äinb 

1) 9lcufd^ a. O. @. 523. 2) SRcufd^ a. O. @- 370. 

3) gttejter 2)ie Xtt ©ibcrfac^cr ber $(4)pc @. 280. 

4) 2)erf. S)ic lit Söibcrfad^er @. 282. 



168 

itnb iS ift nai^eßegenb anjunel^men, ba^ tS eine alte i$atntltent)er<« 
Btnbung toat, toeld^e ben ©ttagburget ^attiaier JRulman SKetftoin, 
ben toxx lennen letnen toetben, unb 3o]^anneö 2;aulet ju inniger 
fjteunbfd^aft jnfamntenfüi^tte. 

S6 ift ungeteilt tDann 2;auler in ben SDomtnüanetorben ge^ 
treten ift* 68 fd^eint in einer 3^^ gefd^el^en ju fein, too er ein 
majiorenned Witt rtodf nid^t eneid^t i^atte« üDenn er tl^ut gelegen!^ 
Ix^ bie merlmürbige Sleugerung: „^attt id^ geiDugt^ ald xdf nod^ 
(Soi^n meines ä3aterS mar, tpaS id^ ie^t U)eig, id^ U)o(Ite nid^t 
beS Sttmofen« gelebt ^afcen" 0* 

©eine Sngenb faßt in bie 3a^re, ti)o SKeifter Sdtart in ©trag^ 
bnrg lehrte, nnb e« ftel^t feft, ba| Sanier i^n al« feinen Seigrer 
öerei^rte* SSJenn irgenb ein SKann, fo toar Sdart bagn geeignet, 
auf jmgenblid^e ©emütl^er einen nnau«löfd^tid^en ©nbrudt jn mad^em 

3o]^anne8 Sauler fd&eint feine Si^ätigleit ate ^rebiger in jenen 
Salären Begonnen äu l^aben, ti)o ju ©tragburg bie 2ln]^änger Saifer 
8ubtoigö, BefonberS bie SBerHeute unb bie (Silben, itter ii^re unb 
8ubö>igS ®egner einen ijoKftänbigen ®ieg baJ)on getragen l^atten. 
3m SdSfx 1332 ö>ar eS ium offenen Äam:|3fe in ber ©tabt gelom^ 
men unb Strasburg toar üon ba an in ben §änben ber anti})ä^)ft'' 
lid^en unb antibifd^jSflid^en Partei* . 

3efet toaren bie SKänner, toeld^e Söifd^of 3o]^ann im 3a]^re 1317 
aW feine geinbe au« ber ©tabt getrieben i^tte, bie natürlid^en 
aSerMnbeten ber fiegreid^en SBcrfleute, unb alte ©d^üler Sdtart«, 
barunter aud^ Sanier, ftiegen naturgemaf an änfe^en unb an (Sin*» 
fing* S3alb erfd^oll ber JRul^m feine« 5WamenS über ganj SDeutfd^^ 
lanb unb toeit barfiber i^inauö; befonber« au« ©übfranfreid^ unb 
3talien bringt in ben un8 eri^altenen ©riefen be« ©ruber« ©en*» 
turini au« ©ergamo feit 1336 fein 8ob ju un« l^erüber, 

(5« ift toai^r, ba§ bie ©d^riften Sauler«, toeld^e auf un« ge^ 
bmmen finb, im ®angen rui^ig unb gemäßigt gel^alten finb unb 
eine „fe^erifd^e" ®efinnung nid^t ]^erau«Ie]^ren* 

a^abet mug inbeffen berüdfid^tigt toerben, baß, tote toir fallen, 
fofort nad^ Sauler« Slud^t au« Strasburg unb ber 5Wieberlage feiner 

1) 2). 1^. er toilrbe nidjt in einen ©cttclotbett eingetreten fein» ©a^ferÄn^. 
j)on 1521 fot 120^ 



169 

hattet im 3a^rc 1348 atte biciemgen feinet ©d^tiften, toeld^e l^aretifd^ 
fd^ienett, auf Söefel^I bet geiftüd^en Sei^Srben aufgefud^t unb Det^ 
ntd^tet toorben finb^)* 

©obann ahn l^at ZanUx (eBenfo toie ffidatt) feinen reUgiSfen 
©ruttbfä^en gemäg in ben Don i^m J)et5ffentfid^ten ©d^tiften gang 
abfid^tüd^ atte bogmatifd^en äänlexeien öetmieben* 3^m laut e« 
nur batauf an, bie i^öd^ften unb attgemeinften ®efid^t8|5unlte beS 
Si^tiftenti^um« jum 3toedE ber S3ef f etung bet SJienfd^en ftet« öon 
^tntm in (Stinnetung ju Bringen; ti^eologifd^e Streitfragen gu 
biöcuttrcn fibertteß er ben „©d^riftgelei^rten" unb felBft ba, too er 
jur ^olemil gejioungen toar, ti^at er e6 in einer SEBeife, toeld^e, 
toenigften« ber gomt nad^, burd^au« gemäßigt toar» 

(giner ber fünfte, gegen »eld^e fid^ am l^äufigften fein ®fer 
toenbet, finb bie „auötoenbigen Uefcungen", burd^ »eld^e bie aÄen«' 
fd^en falfd^Ud^ UHil^nen, bie ©eligleit unb atte l^Sd^ften ®üter ju 
ertoerkn. 3^ fold^en „SBerlen" red^net er bie gai^rten, toeld^e bie 
ÜKenfd^en ,,nad^ 5Rom ober nad^ 3lJ)ignon ober nad^ 3erufalem" 
mad^en, um bort bie ©nabe gu fud^en* SBenn fie toieberlommen, 
finb fie attjumal „unfinnig unb rafenbe fiö|>fe'\ „SBittft bu aber 
bem redeten Sßegleiter (Si^rtfto) folgen, fo toeifet er bid^ in bid^ 
fetter"* ftaum aber finb ii^m biefe «Sorte entfd^Iö^jft, fo fügt er 
mägigenb unb abfd^toäd^enb i^insu: „5Die8 f|>red^e id^ nid^t barum, 
bag id^ bir bie JRomfal^rt toei^re; benn bie^ ift öerBoten J)on ben 
i^eüigen $ä)>ften. (Singeft bu aber in bid^ fetter, ti)o ba« JReid^ 
®otte« in Sßai^ri^eit ift, fo fänbeft bu äloignon unb 9tom unb W>lai 
atter ©d^ulb unb ba« 3ubetjiai^r fröi^Ud^er, benn e« att bie l^eilige 
Si^rifteni^eit oon Slnfang ber SBelt Bi« an« ffinbe ber ffielt Je flnben 
mag in auStoenbigen ©erlen"^), 

3n berfetten SBeife f^^rid^t 2:auler fid^ gegen biejentgen au«, 
loeld^e im äßSnd^ti^um ettoa« ä3erbienftlid^e« ober gar ba« i^öd^fte 
3iel ber ^ettigleit erWidten» 3n einer ^rebigt, bie er 8« 3Äarta 
®eburt gehalten i^at, fagt er: „5Da| bu be« Sage« ju gei^n SKal 
beid^teft, ba« ^ilft bidj atte« nid^t«, bu tootteft benn ablaffen"* „S)er 

1) (Sine ntat fritifd^e ^u^gabe ton SouUr^ Sßetlen b>äre in l^ol^em ©tabe 
SU kDÜnfd^. 

2) SöadernagcX, S., Stttb^tttfdje ^rcbigtcn u. ©ektc »afet 1876 @. 594* 



170 

Drbett maifyt m^ ntd^t feltg nod^ i^ctttg* Seber meine ^oppt nod^ 
meine platte, nod^ mein ftlofter, nod^ meine i^eiRge (Sefettfd^ft, baö 

ätte« mad^t mtd^ nid^t l^eilig 5Kein, nein, e8 ztffixt «nbereö 

baju; bettügft bu bid^, ber ©d^aben fei bein unb nid^t mein"9» 
Unb in einem anbeten Sßottrag Sn§ert et: „9Ran finbet mand^e 
SOtenfd^en, bie baS Jhreuj tDol^I andmenbig ttagen mit gutet au6^ 
toenbiget Uebung unb ttagen eine S3fttbe eine^ Dtben^* ®te 
fingen unb lefen unb gei^n jum Si^ot unb ium JRefeltot unb ti^un 
unfetm $ettn alfo einen fd^malcn SDienft mit il^tem Sudeten ÜRen^ 
fd^en« ^Sf^ntt x^x, bag eud^ ®ott batum gefd^affen unb gemad^t 
l^aB aüein, ba§ il^t feine SSJJgel feib, et tooQte aud^ fein fonbetßd^ 
©emal^I unb gteunbe an eud^ i^aben. 5Kun, biefe ttagen baö 
ftteug auötoenbig, abet mit aüem gleig lauten fle fid^, bag eö nid^t 
in fle lomme" 2). 9fiad^bem Siaulet fo gauj ungtoeibeutig bie ^tin*- 
cipien bet ©otte^fteunbe übet biejienigen bet SKSnd^e gefteöt, 
fügt et befd^toid^tigenb l^iuju: „Slbet e« ift bod^ faft gut, baffelbe 
(baö öugetc ftteuj be« Otbenö) ttagen, e3 bei^ütet fie tooi^I Dot 
mand^et Untugenb unb geid^tfettigleit"* 

3ut Sl^ataltetiftll öon S:aulet3 l^etüottagenbet ©egabung fei 
e9 mit geftattet, bie tteffenbe ©d^ilbetung ÜDenifleö l^iet toiebetju^ 
geben: „3^m mangelt e3 nie an l&ol^et fitaft", fagt jienet, „fei e^, 
ba§ et öon bet SSeteinigung bet ®eele mit (Sott f|>tid^t, fei eö, ba| 
et feine ^u^ixtx jut ©uge etmal^nt §att unb unetbittlid^ ift et 
bem S3eif|5iele Si^tifti gemäfi bloß gegen bie ^i^atifäet, abet aud^ 
nut gegen fie. Jaulet ift ein SKann gtoget geibenfd^aften, fonft 
loäte et ia fein gto|et SKann, abet et Jjetftel^t e6 immet, biefelben 
gleid^ feurigen Stoffen gu bänbigen unb mit fld^etet C^anb am S^unt 
ju füllten* ♦♦. 5Eaulet ift getabegu jum Zi)pn9 getootben l^ol^et 
fttaft ge|>aatt mit 3nniglcit"3). 



®ö ift eine fel^t umfangteid^e gitetatut etl^alten, toeld^e fid^ an 
bie 5Kamen äWeiftet (Sdtattö unb 3o]^anne« STaulet« aufd^Ueßt SDte 
meiften ©d^riften, bie un3 anonym übetliefett finb, toetben untet 

1) «a^ler «u«g, bon 1521 foL 146». 

2) ?(. D. fot 152» (cot 1). 

3) OacKcn imb gorfd^ungcn Job, 36 @. 72* 



171 

bem SÖcgttff „m^fttfd^cr" S:tactatc in bcr giteratur mit ben SBerfcn 
Jener aRönnet jufammengcfagt 

giutt ^ahtn toxx oben berdtt it\t^tn, ba§ auö biefer anonymen 
gttetatur felbft fold^e ©(ä^riften, bie man gelttoctitg für ®tx\Mpxo^ 
bnfte Sdart^ ober 3;anlerö i^ieft unb unter beren 9iamen ^jubli* 
ctrte, nid^t biefen, fonbem ungenannten Slj^ofteln ber SBalbenfer 
JUäufd^relBen finb» 

©ottte e« nid^t mögßd^ fein, ba§ nod^ toeltere Sd&ä)tt berfetten 
OueQe entftantmen ? 

Slngefid^t« ber Si^atfad^e, bag man bei „lefeerifd^en" ©d^rtften 
in ber JRegel eine ,,ffi{|5urgation" J)orauöfefeen mu§, ift e^ nic^t 
leidet, ben toal^ren ®aäft>txifaü Kar ju fteKen. ©od^ bürfte eine 
^otftd^tige Unterfud^ung 2lni^alt8|5unlte genug flnben* 

Um nur ein« ju ertoäi^nen, fo ift e8 nid^t untoai^rfd^einUd^, 
bag 8U Wefen überarbeiteten ^robulten ber SBalbenferüteratur aud^ 
jene berüi^mte Heine ©d^rift beS 14, 3ai^rl^unbertö gei^M, toeld^e 
im 16* 3a]^rl^unbert eine fo außerorbentttd^e SBirlung in SDeutfd^ 
lonb l^erborgebrad^t i^at, nämlid^ bie äbi^anblung, toeld^e früher bem 
3oi^* SCauler jugefd^rieben tourbe unb bie J)on gütiger unter bem 
SEitel „Deutfd^e SCi^eoIogie" l^erauSgegeben toorben ift 

üDie ®rünbe, toeld^e für biefe Slnnal^me f^jred^en, toerben jum 
23^eil erft im weiteren SSerlauf unferer Unterfud^ung Mar toerben. 

3ebettfaü3 ift eö bead^teuStoerti^ , ba§ man bon riSmifd^^Iati^o*' 
lifd^er ©eite bie lateinifd^en Ueberfefeungen biefer ©d^rift auf ben 
3ttbej fefeen gu foüen geglaubt i^at ßö finb im 3ai^r 1621 fo*» 
ttwl^l bie Ueberfefeung, bie bei Si^riftian ^lantin gu 5lnttoet>5en im 
3a]^r 1558, toie biejenige, toeld^e im'Sal^r 1580 gu 8^on imüDrud 
erfd^ienen toaren, t^erboten toorben* ©d^on im 3ai^r 1580 i^atte 
^lantin angriffe abgutoel^ren, bie gegen ii^n au« Slnlaß biefeö ©rudfeö« 
gcrid^tet toorben »aren ^)* 

«ugcrbem mag baran erinnert toerben, baß ba« SBerld^en nad^ 
bem SBortlaut ber l^anbfd^riftHd^ fiberlieferten SSorrebe bon einem 
,,®otte8freunb", ber el^emate ein ^Ceutfd^orbenSi^err getoefen, i)erfa§t 

1) SHeuf d^ 2)er Snbejc @. 604. — @« muß attcrbing« Betncrit tocrbcn, baß 
bie rSmifdJe Äitd^c ba« ^ild^lcin rnd^t confcqucnt bcrurtl^ciU l^at, fonbem gcit^ 
toeilig geneigt toar, baf[c(be ^fftren ju taffcn. 



172 

tooxhm ift. Die naiven ©cjtel^ungcn ber SBalbctifer ju beut bcutfdjcn 
Drben tote ju ben 3oi^annttetn toetben tott unten lennen lernen. 

SBenn man toetg, ba§ bte „Slpoftel" in einem fotttoäi^renbcn 
ftannjfe lagen mit einzelnen ^erfonen, toeld^e in falfd^em ?an* 
t]^ei«mu« ben d^riftlid^en Sbeen eine migöerftanbene Auslegung gafien 
— e8 finb bie« bie fogenannten ,,SBrfibeT be« freien (Seifte«" — , 
fo getoinnt ber S^f^fe unferer SSorrebe, ba§ ba« SBüd^lein lehren 
tooöe, ,,ti)ie man erfennen möge bie toai^ri^aften, geredeten ©ot«* 
teSfreunbe unb aud^ bie ungerechten, falfd^en freien (Seifter" eine 
befonbere ©ebeutung. 

©efonber« d^arafteriftifi^ aber ift bie nad^folgenbe SBenbung 
be« SSortoort« : „Die« ©fid^lein l^at ber aUmäd^tige etoige 
(Sott au«gef<3rod^en burd^ einen toeifen, öerftänbigen, 
toal^rl^aftigen, geredeten SKenfd^en, feinen greunb" 

(£« liegt barin unjtDeifel^aft eine 9lnf|5ielung auf bie toalben^ 
fifd^e Ueberjeugung, ba^ bie ©d^rtften, toeld^e bie „^o\UV' »erfaßt 
i^atten, eine befonbere 5lutorität Befägen. 

(g« lä^t fid^ nad^toeifen, ba§ ber oMge ^n^a^ Don ben „SöxSi^ 
bem" fold^en ^üäftxn, toetd^e Bei il^nen ba« l^öd^fte Slnfel^en ge^ 
noffen, gern beigefügt toarb. 

@o ^Qt eine unbelannte §anb bem ©üd^Iein Don ben ,,5Rettn 
gelfen" eine @d^lu§bemerlung angefügt, toeld^e in Snl^alt unb gorm 
ber aSorrebe ber „üDeutfd^en Sii^eologie" ungemein äi^nlid^ ift äud^ 
i^ier toirb ber SSerfaffer ganj abfid^tlid^ öerfd^leitrt. „5Kiemanb barf 
nod^ foü fragen, toer ber SKenfd^ toar, burd^ ben (Sott bie« Söuäi 
gef(^rieben i&at". „®ebenlet burd^ (Sott be« armen SReufd^en, bur(^ 
ben (Sott biefe toarnenbe Seigre gefd^rieben l^at"^)* 

Snbeffen lann bie grage nad^ ber Uri^eberfd^aft ber „Deutfd^en 
•2:i^eoIogie" an biefer ©teüe nur angeregt, nid^t entfd^ieben toerben. 
gür unferen ^totd genügt e«, jU toiffen, ba§ bie ©runbg^banfen 
biefe« SBüd^lein« mit benjienigen ber „(Semeinben Si^rifti" burd^au« 
übereinfommen unb bag ber 3iJfcimmeni^ang, in toeld^en ba« Sdnä^ 
fxvüftx mit lauter gebrad^t ö>arb, auf ber inneren SSertoanbtfd^ft 
mit biefem berui^t* 

1) (S. ©d^rnibt 2)a§ ©ud^ Don ben neun gelfcn @, 147. 



SubttAtt Capttti« 

'S)ai ä)terft0tnf(i^e Segl^arbenl^au^ jn @traPiirg. 

2>ic Suftänbc tm fRet(i5 feit 1348. — 2)a« ©cfd^tcdjt bcr aWerftoinc unb bic 
»cgl^mcru — fÄttfoiatt SWerftow (gcB, 1308). — ©r füftct ein „gtud^tl^S" 
ober „®otte«l^e". — 2)effen Leitung crp(t ein „©otteSfrennb". — 2>a« 
OotteSl^au« gel^t in bie ©Snbe be« Sol^annitcrorben« über. — 2)er „®otte8- 
freunb" übermittelt bem ©otteSl^oufe eine reid^c Siteratur. — 2)iefe Siteratnr 
ip eri^olten. —■ ©ebeutnng tmb ffijarolter ber erl^ltenen ©d^riften. 

(g« toar fett bem 2;obe Satfer Subtotgö unb ber ^C^rottBeftelgung 
garte IV. im Saläre 1348 eine fd^toere JReaction über üDeutfa^Ianb 
i^ereingebrod^en — eine Sieaction, toeld^er manche SdlMft beö geiftigen 
geben« jum Dl)fer gefaüen ift. 

©ereitö im grüpng 1346 toaren Äönig Soi^ann bon Sööi^men 
unb fein ©oi^n, 3JJarIgraf Äarl, in Slbignon jetoefen unb e§ toar 
bort jtoifd^en Srfterem unb bem ^a^jft Slemen« VI. ein 2lbfommen 
fiter bie fiaifertoai&l getroffen toorben. 

Sönig 3o]^ann unb fein ©oi^n erfüllten aüe Sebingungen, 
toeld^e bie Surie ii^nen auferlegte, gegen bie ^n^i^ttnni ber püif^U 
Ixäfm Unterftüfeung M ber beborftel^enben SBal^I. 5Die ©utte Unam 
Sanctam tourbe burd^ einen beutfc^en ßönig unb lünftigen Äaifer 
offideü anerlannt unb in bie |)olitifd^e Drbttung ber abenblänbi^ 
fd&en S3Belt eingefül^rt 

SDie Unterwerfung toar fo bottftänbig, ba| bie 3taUener eö 
laut au3f|5ra(^en, biefer Sari bon SKäi^ren fei ein ,,¥faffenI5nig", 
unb felbft in äbignon foß bie 8tebe gefallen fein, er fei ein SDHet)^«' 
ling unb ©otenläufer 0. 

1) ^öfler 2He abignoneftfdN $^)>f^ ^« ^^* 



174 

3m 3a^tc 1353,ti)utbc öon ^a^jft Stittocenj VII. ber !Domt# 
ntlaner Sol^anneS be ®d^anbelanb mit umfaffenben SSoQmad^ten ju 
bem auSbtfidtttd^cn ^md na^ SDeutfd^lanb gcfd^idt, um bic ,,^eft" 
ber lefemfd^en Söegl^atben au8 bem ©d^oog bet l^* Ättd^c auSjuftogen. 

S3alb batauf folgten bte fd^ätfften aRanbotc getftftd^er unb toelt^ 
Ud^er Surften* Sfter bei ben (gbtcten bfiefc eö ntdjt; aUt^, toa« m«* 
bäd^ttg toat, toutbe eingejogen unb toett fiBet baö beutfd^e 8anb fol^ 
man bie ©d^ettetl^aufen lobetnO^ 

5Wut in einjelnen JReid^öftäbten, too man ben SBanbel ber ^^Un 
nid^t fo rafd^ mit mad^te, fanben bie „S3rfibet" fortbauernb eine 
ftlüe ©ulbung, jumal in bet 3Wetro|>oIe be^ Obetrl^ein^ unb bem 
$au|3tfi^e be« Sefeertl^umö, in®trapurg, unb bie ßntun(flutt& 
todä^t bie ÜHnge l^ier nai^men, ift bann ))on ganj erl^eUid^et ^ 
beutung geiDorben. 

a^enn ©ttapurg ift e« getoefen, too fldj unter eigent^mlid^n 
SSeri^ältniffen eine toid^tige unb umfangreiche 8 iter.atur enttoiM 
unb erl^atten i^at 

a^iefette ift, toenigften« jum SB^eil, in ber (Segentoart Belannt 
genug* 5lber inbem man fte unterfc^iebölo« in ben allgemeinen 
©egriff ber „ÜW^ftil" ^ineingeätoängt ^at, ift il^r f|5ecififd&er ß^araf^ 
ter ganj überfeinen toorben. 

@« mu6 ^ier leiber l^eröorgel^oben toerben, ba§ auf bem ®c^ 
Mete ber fogenannten „beutfcä^en aJi^ftil" trofe mand^er bortrefflidjer 
gorfd&ungen eine große aSertoirrung J)or]&anben ift SS l^errfd^t t>ox^ 
läufig eine fold^e Unfic^crl^eit in Setreff ber Tutoren ber einjelnen 
m^ftifd^en ©d^riften^) unb ein fold^er SJiangel an guten JCeften, 
ba§ bie 3^föii^^^ttti)ürfelung gang l^eterogener ®eifte«|5robuIte, bie 
uns in f^jfiteren Sai^rjel^nten getoiß unbegreiftid^ fd^einen toirb, l^eute 
nod^ 8U ben aßtägttd^en SSorlommniffen gel^ört 

©ie Literatur, toeld^e toir l^ier im Singe l^aben, cri^ält ii^r ganj 
beftimmte« ©e^jräge burd^ ben Umftanb, bag ii^re ffintftel^ung toie 
il^re ©efd^id^te mit berjenigen be« aKerftoinfd^en „(Sotteöl^aufe«" gu 



1) 2)ic ©ngctnl^etten bei 9Wo81^ De Beghardis @, 324 ff. 

2) SSgt SDcttiftc 2)a§ ©udj öon gciflXtd^cr Hrmut)^ aRündfe» 1877 @. 1. 
,M(ai^^ betttf(i^ Wltf^tx toütbe begügl^ feiner Seigre in einem onbent £id^te 
erf d^nen, toenn bie untergef d^obenen ©d^rif ten k)on ben ed^ten oudgefd^eben xoSxtxf*, 



j 



175 

®tra6bu% toeld^c^ anfangs bcn Sl^araftet eine« „Söegi^arbenl^anfe«" 
trug, f|>äter aber, anftatt (tote bte übrigen Raufet) an bie Xertiariet 
be« gtanciSIanetotben, an bte Soi^annitet überging, auf ba« engfte 
j)erlniii)ft ift 

3n Strasburg l^atten, tote in anberen ©täbten, bie „Sörfiber" 
il^re Domei^ntfte ®tfi|e in ben SBerHeuten unb ©üben befeffen. 
Slber feit alten 3^*^^^ toaren aud^ eine JReil^e Don öomel^men ®e^ 
f^Ieiä^tem 3JHtgUeber ber Partei getoefen, toie toir oben bereit« ge^ 
feigen l^aben* 3m Saläre 1229 toarb ein getoiffer (Sulben öer^ 
brannt, toeld^er, toie bie Sl^ronil berid^tet, einer ber angefei^enften 
unb teid^ften ©firger ©tragburg« getoefen toar^. Cbenfo toar l^ier 
toie anbertoärt« bie ©egiel^ung ber ©egl^arben unb Sdegl^inen gu 
ben „®rübem" J)on je fel^r innig; benn um« Sal^r 1400 toar 
unter ben öerurtl^eilten „SBalbenfern" aud^ bie „äWeifterin" eine« 
©d^toeftemi^aufe« 2). 

5Wun toar ju Strasburg um ba« Sai^r 1266 ein ®efd^Ied^t 
eingetoanbert, toeld^e« ben S3einamen ÜDeI|>]^inu« befag unb bai^er 
toal^rfd^einlid^ au« bem SDel^jl^inat ftammte* 5Die gamiüe berbeutfd^te 
in fj)äterer ^tvt i^ren 9iamen unb nannte fid^ SRerftoin (ÜWerfd^toein). 
(S« toar 'ü^x gelungen, fid^ einen au«ge}eid^neten $Ia^ unter ben 
alteren ©efd^led^tem ju ertoerben. 

Der 5ßame ber Samilie toar feit alten ^ükn in ©tragburg 
mit Dielen frommen Stiftungen t>tttnüp% 9lod^ im Sal^r 1509 
toirb in aßen 5Dofumenten „ber SKerfd^toin ©ofei^u«"^) ertoä^nt, 
eine Stiftung, toeld^e in anberen Quellen *) al« Söegi^ineni^au« 
begeid^net toirb, ba« bon ben SKerftoin« begrünbet toorben toar* 
e« t)crbient ©ead^tung, ba§ ber urf^jrünglid^ toalbenfifd^e Slu«brucl 
;,(8otte«]^au«" fid^ bi« in iene f^jäte 3eit eri^alten i^at 

Diefer Samilie gei^örte JRulman SKerftoin an, toeld^er nm ba« 
3a]^r 1308 geboren ju fein fd^eint 

1) Ghron. Dominic. Golmar. Bei Urstitius II, p. 6. 3m Salute 1230 b>ar 
eiu $ugo i^tbeit ©d^Bffenmeifler Don ©ttagbutg. 

2) ^JS^n^ 3tWr. l W* 2:]^l- 1840 I. @. 145 U, 152. 

3) (L ©d^mibt 3ol^. faulet 1841 @. 187 Stmn* 4 au« ©eb.aWung« Coli. f* 76h 

4) aiöl^rid^ Stfdjt. f* ^tlior. Z^tol 1840 I, @. 136 Wxm. 41 au« @(^8^f(m 
Alsatia illnstr. II, 657. 



176 

„ffiäi^tcnb anbete im SBaffenbienfte gtänjten", fo erjäi^tt bte 
ßi^ronil, „ober nad^ poM\äftn SBütben ftteBten, i^at SRulman ftd^ 
ganj unb gar ber SBiffenfd^aft Don bent (SkDtgen gekDtbntet, jnmal 
feit ber ^^, too feine ©attin »on ii^ni getrennt toar". „dt toar 
ein SWann »on einfad^ ftitter ©eife, i^eiteren ©emüt^ö, lieben«^ 
toürbig im SSerlei^r nnb »on jart Befaitetem Oetoiffen, beffen Seitung 
er in bie f)änbe 3ol^anneö 2iauter8; beg Berül^mten SWanne^, ge^ 
legt l^atte". 

5Rad^bem er fid^ »on ben ®ef(ä^äften jurüdgejogen, lebte er nur 
ber aufgäbe^ mit feinem großen Vermögen unb feinem SBiffen feineu 
äRitmenfd^en ju bienen* 

ffiir toiffen, baß er vielerlei gel^eime SSerbinbungen befaß, Be^ 
fonberö in ber ©d^toeij, am {Ri^ein unb in ® übfranlreid^ ^) J 

SSlaäf bem Seifjsiel feiner 3Sorfal^ren faßte er ben Sntfd^luß 
eine ©tiftung ju mad^en. 

St ging barüber ju {Rat^e mit einem „©otte^freunbe" 2), beffen 
9^amen unö nid^t fiberliefert ift, unb biefer hmäfttt gelegenttid^ in 
einem SSriefe »om 24. Wpxxl 1377 über bie Sonfercnjen, bie beß^ 
toegen jtoifd^en {Rulman unb ii^m gel^alten toorben feien 3). „aff^ 
koir ei^ematö ju manchem Wlatt bei einanber toaren unb oft unb 
biel gebadet i^atten, baß ed und burd^aud nid^t ti>oi^Igeftet, baß man 
neue filöftcr mad^e, Dertoarfen toir ed in unfcrem ©inne gang 
unb gar unb unfere SWeinung toar alfo, finbe man ^erfoncn, bie 
in ein filofter gei^örtcn, fo finbe man erft red^t ber Rlöfter genug/' 



1) Ucbcr bie ©ctbinbung SScntutint« (ijon SttJlgnon) mit ben ©otte^fretra* 
bctt f. ¥tcgct @cfd^. b. bcutf^cn aJ^i^jHl II, 301. Uebcr beffen Conflifte mit ber 
Curie f. a. a. O. 

2) 3^ tDitt l^ier gtet^ bemerfen, baß id^ ben Unterfud^mtgen 2)emf[e9 übet 
3Herftt)in unb ben ,,®otte8freunb" (f. Stfd^r. f, beut, satertl^. 1880 @. 200 ff. 
@. 280 ff.; ebenb. 1881 @. 101 ff.) nad^ forgfältiger 5Rad^^rilfung infofern looll* 
lommen bdfHmme, aX9 bie bt^l^er berfud^ten Sege, ben iRamen bed 㨟ttt!^ 
freunbe^" fejtjufteüen, aW mißlungen ju betrac^^ten fmb. 3)agegen IJatte id^ ben 
bon 3)entfie betfud^ten iRad^tcei^, baß SDierftoin unb ber ®otte8freunb eine 
^erfon fmb, nid^t für erbrad^t. @o tauge bie0 ntd^t gefd^ljen tfl, bleibt bie gut 
bejeugte ©erfd^iebenl^eit befleißen unb forbert eine 2öfung be0 ?roMem«. — 3üif 
bie umfangretd^e Literatur über ben „Ootte^freunb im Obertanbe" tt>erben toir 
unten l^intüeifen. 

3) (£. ©d^mibt iRicot. b. ©afet @. 303. 



177 

S)ic bciben grcunbc n>arcn bcr 9ln[l(ä^t, baß c^ bcffet fct, anftatt 
bcffen „bet 9lot]^ bet Slrmen gu f)ülfc gu lommen"0^ 

^äjixt^lxäf lamctt bcibc SWänncr übctetn, „ein |)au^ bcr glu(ä^t 
für ttfxiaxt, guti^crjigc üWänner, Pfaffen ober Säten, SRttter ober 
fincd^te ju grünben, bie iit gättttd^er 2Keinung bie ffiett gu fßel^ett 
unb ii^r geben gu beffercn »erlangen'', unb e^ tft merltoiirbig, bag 
ber „®otte^freunb" in einem ©d^reiben an {Rulman öom 1. 3lug^ 
1377, tt)o er gelegentfid^ auf bie erften Serati^ungen gurüdlommt, 
bie neue (Stiftung felbft ein „(Sötte öl^auö" nennt 2). 

SDiefelbe trug miti^in in i^rer erften 3^^ fogar ben 5Ranten 
bericnigen |)äufer, bie man fonft Segl^arbeni^äufer nannte. 

aWit bem „©otte^i^auö" toar gunä(ä^ft leine im (8ebrau(ä^ be^ 
finbüd^e Sir(ä^e t)erbunben, fonbem bie Slnbatä^ten tourben in einer 
SiXptik abge^alteit. 

(5rft in fjsäterer 3^^, ate baö $au^ an ben Soi^anniterorben 
übergeben toorben toar — toir »erben fofort barauf gurüd fommen — 
begann biefer eine ^xäft gu errid^ten. 

' Die Sorrefi)onbeng, toeld^e über biefen 9leubau gefül^rt toarb, 
ent^dtt fo d^aralteriftifd^e "fünfte, bag hnxäf fie ein l^eße^ 8i(ä^t auf 
bie aWänner fäüt, toetd^e an ber Stiftung bet^eiligt toaren- 

ßö gei^t mmlxäf aM ben ©riefen unfere« (Sotte^freunbe« i^er^ 
öor, baß er ein entfc^iebencr ©egner ftetngetoölbter Rirtä^en ift 
unb ben S9au „großer SKfinfter mit loftbaren ©etoSIben" bringenb 
toiberrät^. 

am 24. ä^^ril 1377 fd^reibt er an ben ßomti^ur be« |)aufe3 
gu Strasburg in öegug auf ben Sird^enbau, ben bie ^oi^anniter 
bamafö öori^atten, ber S9au fei oi^ne ben {Rati^ beö ^. ©elftem untere 
nommen, er fei t>on ber verborgenen SiteHeit eingegeben, ed anberen 
Drben guöorgut^un. ®ott i^abe fotd^en ©totg ^äufig beftraft; „il^r 
foüt toiffen, baß id^ e« in breißig 3al^ren in öielen 8anben unb 
©tabten gefeiten l^abe — bemnad^ loar ber „(Sotteöfreunb im Ober^ 
lanb" 30 3ai^re lang burd^ Sauber unb ©täbte getoanbert toie bie 
alteren ©otteöfreunbe — „toie (Sott an biefen blinben Unternei^*^ 

1) ©d^mibt a* O. @. 36. — Ucbcr bie vettere ßnttoicÄung ber @ad^e gu 
einem Sol^anniterconbent f. unten. 

2) (£. ©d^mibt Sfttc b. «afel @. 318. 

Sttlltx, SHe 9ieformatiotu 12 



178 

mungeit fi(ä^ zttaäft i^at; td^ i^aBe grogc SKünfter g^d^^ii mit 
bideitüWauetn unb loftbateit ©ctoiJtten, btc bnxäf bo^ Stbbcbcn 
umgeftütjt tootbcn; ctnfatä^e, öon f)olj gebaute Ätrd^en finb 
bagegen ftei^en geblieben ; batum tätige id^ tnäf au^göttUd^er 
Siebe, bauet aud^ nur ein i^öljetne^ ®etoiJlbe"0^ 

5Run i^aben ton oben bereite gefeiten, ba§ ju ben fj)ecififd^en (Sigen^ 
tl^ümlid^Ieiten ber atoangelifd^en ©emeinben, bie man ,,S33aIbenfer" 
nannte, eben biefet ffiibetttnße gegen fteingetoölbte Sird^en gei^ört^), 

SBit i^aben einjelne bet Crtoägungen, au^ toeld^en biefe @on^ 
betbatfeit ]^ett)orgtng, fd^on angefüi^rt. Slbet ein ^unlt, ber bort 
nid^t angebeutet toatb, muß i^tet betont »erben, ba§ nämttd^ biefe 
©tettung bet „Si^tiftenbrubet" ju ben ©teingetoölben unjtoeifeti^aft 
auf uralter Sirabition berui^t- 

SIRan erinnere fid^ nämlid^, baß bie altd^fiftlid^en Sird^en 
in ber SEi^at ben ÜRittelraum ii^rer f)atte ftet^ nur mit |)olj unb 
jtoar mit einem !Dad^ getoölbt i^aben, beffen ©allen burd^ eine 
gelberbedte t)erbunben toaren. 5lud^ bie Sil^ürme fei^Iten biefen älteften 
55afililen unb bie SBänbe ber ©eltenmauern toaren grunbfäfelid^ 
burd^auö einfad^ gei^alten- ®ad^t)erftänbtge bejeugen, baß biefe (Sc* 
bäube eben burd^ i^re einfädle, aber oft großartige Slnlage ernft unb 
bebeutenb auf ben SSefd^auer n>ir!ten* 

!Die urfunblid^ bejeugte 3lntii)atl^ie ber „SBalbenfer'' gegen bie 
neue gorm ber ©teingetoölbe ift nid^t^ 3lnbere« ate bie öon ®e^ 
fd^led^t ju (Sefd^Ied^t fortgeijflanjte Srinnerung an bie ^rinct^ien 
ii^rcr SSorfai^ren unb e^ ift lein Si^A^tl, baß barin gugleid^ ein 
Singerseig liegt, toeld^er auf ba^ tfotft 9Kter ber „©rübergemeinben'' 
l^intoeift. 

Um bie SSertoanbtfd^aft ber Obeen unfere^ „®otte^freunbe«" 
mit benjenigen ber „S33albenfer" Doli ju mad^en, bead^te man, baß 
er in bemfetben ©riefe, in toeld^em er fid^ gegen bie ©teingetoölbe 
au^f:(3rid^t, em^jfiel^ft, ein ®p\tal ju bauen* „3l^r finget ein @pxtal 
an mit atati^ unb (Sei^eiß eure^ |)erm be^ SDfieifter^; e^ lam ber^ 
felbe 9iat^ au« bem i (Seifte, ba« toeiß (Sott too^l; biefe« fette 
®j3ital i^abt ii^r gauj unb gar laffen untergei^en; toie ba« unfere 
9fiebenmenfd^en aufgenommen i^aben, ba« toeiß aud^ (Sott tooi^l". 

1) ©d^mibt 9Wc. ü. «afcl @. 30L 2) SSgt oben @. 84. 



179 

saSo tft We Partei äuget ben ,,aBalbcnfetn", mläft gtcid^c 
©runbfäfec auögcf^Jtotä^en i^at? 3Benn man zUxäftooffl juf affige äht^ 
Hänge i^tetin etBItden tottt, fo toerbcn, tote \ä) i^offe, bie Srötterungen 
bct na(3^folgenben Sa:(3ttel ba^ ©egenti^eit ertoeifen* 5Rut mug man 
bie JBetoei^grünbe nxäfi ftücftoeife, fonbetn in ti^rem B^f^^^^ni^ange 

SRulman laufte für feine Btoede ein ©runbftficl in bcr 5Kä^e 
ber ©tabt auf einer at^^nfel Bei ©trapurg, ben fogenanntcn 
(grünen mxtt}. ÜDa^ ^au^ toar fertig ettoa im 3a^re 1366. S)rei 
toeltüd^e Pfleger cri^ielten bie Leitung unb entfd^ieben über bie 5luf^ 
nai^me ber ,^rüber"- !Cie 5lufgenommenen mußten fid^ fettft be^ 
liJftigen, eri^ieften aber SSäoi^nung, C^eijung unb 8i(ä^t ®ie lebten 
nad^ Seftimmungen, bie ii^re greii^eit ni(^t fei^r beeinträchtigten. 

!Cer oben ertoäl^nte „®otteöfreunb" toar ber greunb unb ©e^ 
rati^cr ber 3nfaffen; nid^t bloß auf ba« äußere äBol^Iergei^en, fon^ 
betn t)orSlttem auf ba^ geift ige geben ber „SSrüber" erftredte er 
feine gürforgc. .(Sr genoß einen unbcbingten (Sei^orfam bei atulman 
SWerftoin unb beffen ©c^ü^Ungen, bie fi(ä^ bem ©otteöfreunbe an 
„(Sottet ©tatt au ®runb gekffen i^atten"- 

3n früi^eren Sai^rgei^nten toürbe bie Stiftung in biefer gorm 
unangefo(ä^tenen SSeftanb getoonnen i^aben* ©eitbem aber im 3a]^re 
1365 mit ber SD^ronbefteigung beö S8if(ä^ofö Soi^ann ein SWeffe fiaifer 
^axU IV. ba^ {Regiment im SSiöt^um füi^rte, toar bie ©tabt außer 
©taube, bie früi^ere f^ciltung in bcr 5ReIigionöfa(ä^e beijubel^aften. 
SRuIman mußte fid^ baju Derftei^en, bie geiftlid^e geitung feiner neuen 
Slnftaft bem Steru^ be^ ©ifcä^ofö ju übergeben. üDurd^ |3ä:pftli(^en 
grlaß i)om Saläre 1368 eri^ielten Dier S33elt:(3riefter bie ©eelforge in 
bem f^aufe. 

aBir lennen einen ber SWänner, auf toeld^en bie SÖai^I alö 
® etftttd^er be^ ?)auf eö fiel, nämli(ä^ 5RicoIauö i)on8aufen, ber 
tote toir toiffen, bem 8tutman unbebingt ergeben toar. SDiefer bc- 
rtd^tet unö über fein geben f elbft, baß er im 3a^re 1 359 im 5ater 
j)ott 20 Saffxtn in ba^ S:u(^gef(ä^äf t be^ ^txnxxäf SBIanlart^ ^on 
Saufen eingetreten toar unb fieben Sai^re^bort gebient i^atte. 3m 
3ai^r 1366 lam er auf JRuImanö SSeranlaffung unb aW [beffen 

12* 



180 

©cfretät in ba8 ©tift jum „®tünen SBört^"- 3m 3a^tc 1367 
Kc6 et \iäf jum ^tieftet totx^tn unb tourbc einer bet ©eiftlid^en 
be8 ©tift«. 

®tünbe, bte toit nid^t lennen, jtoangen SDIerftoin, bie Ueber^ 
gaBe feine« „©otteöl^aufeö" an eine Crben«gefettf(ä^aft in« äuge ju 
faffen^), unb fo entftä^Ioß er fid^ im 3a^r 1371, ba« 5^au« bem 
Ooi^anniterorben ju fibergeben. 5Jiicotau« t)on 8aufen tourbe 
ber erfte Sontjentual ber neuen Sliebertaff ung ; f^einrid^ t)on S33oI^ 
fa(ä^, »eld^er bem „®otte«freunbe im Obertanb" burtä^au« ergeben 
toar, tourbe erfter Somt^ur. 

Sier „®otte8freunb au« bem Oberlanb" unteri^ielt, toie toir 
toiffen, nal^e Sejiei^ungen gu ben Soi^annitern unb er mar bei bem 
Somti^ur Sonrab i>on ©utjmatt ju ©ulj im Dber^®Ifa§ lurj t>ox 
bem 3iift«nbeIommen ber Uebertragung be« (Srftnen SBörti^ an bcn 
Orben getoefen. üDer ®otte«freunb bei^au(}tete , bag er lein geift^ 
tid^e« 3nftitut lenne, toeld^e« mei^r ,,greii^citen" befifee^), unb ber 
SWeifter be« Drben« in !I)eutfd^Ianb, ßonrab i)on ©ruri«berg; toetd^er 
ben 3been SWerfmin« freunbttd^ gegenüber ftanb, getpäi^rte, in lieber^ 
einftimmung mit bem ®ro§meifter auf JRi^obu«, ber neuen 9Ueber< 
laffung bie gunftigften SSebingungen 3). 

@« lägt fid^ eine Hinneigung ber SRitterorben unb jtoar fotooi^I 
ber Deutfd^i^erm toie ber Soi^anniter ju ber SRid^tung, toeld^e 2Jier^ 
ftoin i>ertrat, beutUd^ beobad^ten. S33ir toiffen, baß biefe Orben in 
bem RanH)fe jtoifd^en Äaifer Subtoig unb ber Surie fid^ burd^ ii^re 



1) 3>ic (£orrcf^>onbeng, töcW^ iRic. ö. Saufen mit bem „®ott€«frcunbc im 
Oberkttb" bor ber Ueberflabe filierte, iji etl^alten. @. ©d^mibt «R. b. 33. @. 284 ff. 
9fi. b. Saufen tcar gegen bie Uebergabe an bie Sol^anniter, jcbenfall^ »otttc et 
„ben Drben nid^t annel^men" ol^nc ein befonbere^ SIblommen toegen ber grei* 
l^eiten be« ©onfe«. ©d^fteßß^ lam ein ©ertrag gu ©tanbe, tDtU^tt alle X^lc 
befriebigtc. 

2) ©d^mibt 9^. b. S3, @. 294: „Wissent, alse ich habe gehoert, so weiss 
ich deheinen orden in der Christenheit, der me friheite habe denne der Jo- 
hanser orden^. 

3) 2)a6 bie greunbe ber ©egl^inen augtcid^ and^ ©egünfügcr ber Sol^onniter 
toaren, fößt pd^ l^äufig in Jener 3«* nad^toeifen. @o 3. S3. ©einrid^ bon 2onc 
toeld^er ben Sol^annitern unb ben ©egl^inen ju SBefel fein SJermiJgen jutoaubtc 
SJgL ©eibemann in ber Stfd^r. be« S3erg. ®ef^.-S5erein8 Sb. IV, 89. 



181 

entfd^tcbenc Parteinahme für ben erfteren i^ert)ort]^atett 0^ 3« b^n 
Steifen be^ beutf(ä^en Otbenö txtonäf^ getabe nm jene ^txt bie Heine 
S^rift, töeld^e f^jäteri^in unter bem Spanien ber „bentfd^en Si^eologie" 
fo grofeö Sluffei^en mad^en fofite, 

!Da^ SKblommen, todäft^ 9Werf»in mit ben Soi^annitern ge^ 
troffen i^atte, toarb bem „®otte^freunb im Oberlanbe" jur (Se^ 
nci^migung Dorgetegt^). 

SDiefc aSeränbernng öottjog ftd^ tfe 3a^re 1371^ ®eit 1370 
i^atte fid^ ÜÄerftoin nad^ bem 5£obe feiner ^an gleid^faü^ in ba3 
„Sruberl^au^" jnrüdgegogen* 

!J)ie ficitung beö $aufc^ i^atte 6i« gum Saläre 1369 ber „®ot^ 
te^freunb"; ber feit ettoa 1350 öielfad^ mit 8tnlman ptx[inlxä) t>tx^ 
hffxtt, jiDar nic^t formeü, aber faltifd^ in ber ?)anb gei^aBt* 

Seit 1369, b. ff. feit bemfelben Oai^r, too Äaifer Äarl IV. öon 
Succa au^ baö fur(ä^tBare il^elret t)om 10. 3nni 1369 toiber bie 
©cgi^arben mit ben auf erorbentlid^en aSottmad^ten für bie Onquifi^ 
toren erlief 3)^ ^ei^eji üji^^ ben „®otte^freunb im Oberlanbe" niemals 
toieber mönbltd^, fonbern ftetö nur f(ä^riftlid^ mit 2Kerftt)in unb ben 
,,®rübem" im (Srünen SBörti^ ijerlei^ren. 

3>ie ©d^idfale be« üJierftoinfd^en „Sruberi^aufe^" unb nad^ 
uiafigen 3oi^anniter^onbent8 finb benjenigen afier übrigen JÖegi^ar*» 
bcni^äufer burd^au« tertt>anbt, nur mit bem Unterfd^ieb, bag bie 
übrigen Srüber^ unb ©d^toefterni^äufer feit ber grof en 8teactionö^ 
ptmiit in ber SRegel nid^t in bie |)änbe ber doi^anniter, fonbern 
ber granciölaner übergingen^ 

SQSir i^aben an anberer ©tefie bie Sil^atfad^e erliefen, baf bie 
fogenannten ;,®egl^inen]^aufer" (toie man bie ®rüber^ unb ©d^toe^ 
fterni^äufer jufammenfaffenb bejeid^nete) unter ber geiftlid^en geitung 
eineö „"äpcfttU" ber »rüber ftanben. (g« ftei^t aber aud^ feft, 
baf in t>kUn gätten bie 3nfaffen bcö §aufe^ ben ^^amcn-i^re« 
geiftttd^en „aSaterö" nid^t lannten, ba ed in il^rem eigenen Sntereffe 



1) ^regcr in bm SlblJcmWgg. ber HL dl b. Ä. a «f. b. SB. ^b, XIV. 
m^. I. @. 47. 

2) e^mibt 0, D. @. 37 u. @. 293 f. 2)cr ®ottc«frcunb uetint bo^ 2lb- 
lommen »verbontnisse''. 

3) 2)af(ctbc ip abgcbrudtt bei 3Ro81^eim o. D. @. 343 ff* 



182 

lag, bctt „l^cimKd^cn ©ottcöfreunb" unb t^ren SBoi^lt^ätct tuntntü 
nxäft t>ttxaüftn ju muffen. ©etoS^nßd^ lel^ttc bet „l^ctmlid^" grcunb 
in Beftfatttttten 3toif(ä^cnräumctt p^Mxäf in bem ©tiftc ciit; [a, c8 
»at unter Umftanben anäf für t^n ein „^näfffyan^'^ 3n ben 
3etten f(ä^toeter SSetfoIgung ober, toenn jene nld^t toagen butften, i^re 
®^lu^>f»tnlel ju betlaffen, p^t%ttn l^eimlid^e ©oten ober einjelne 
beftimmte S5ertrauen8i)erfonen ben 35erle]^r ber ©otte^freunbe 
mit ben ^an\ttn gu »ermitteln. 5Daö pnb bie ,,©otf(J^aften", öon 
tteld^en 9ltoarn« ^elagiu^ in ©ejug auf bie ©egl^inenl^änfer f^on 
im 3al^re 1330 berichtet 

ein fold^er SSertrauen^mann toar in unferem gatte {Rulman 
SIRerftoin, !Durd^ Siicolau^ bon ganfen vermittelte er bie Sudler 
unb SSotfd^aften beö i^eimlid&en ,;®otte8freunbe«" ben übrigen 3Äit^ 
gliebern be^ Sonöent« unb bie {Ritter nal^men, oi^ne eine äi^nung 
t>on bem toal^ren Urf^^rung ber ©(ä^riften, bie man il^nen tmp^a% 
jU beflfeen, nid^t nur beren 3been in fld^ auf, fonbern fie forgten 
anäf baffir, baß biefe in i^ren Stugen fo loftBare Literatur il^ren 
5ßad^!ommen eri^alten toerbe. ^n biefem ^totA ließen fie mel^rere 
große ^ergamenfc'Sobice« anlegen, in toeld^e 5Ricolau^ öon Saufen 
unb Rubere bie SBüd^er abfd^rieben, unb ein günftigeö ®ef(ä^uf l^at 
e« gefügt, baß biefelben Bio auf biefen lag erl^alten pnb. 

(£8 ift Don alten ©eiten anerlannt, baß bie fo eri^altenen SBerfe 
ju ben intereffanteften Srjeugniffen ber beutf(ä^en ^rofa^Siteratur 
be« aJKttelalter^ gehören 0- aRe^rere Umftänbe ^aBen Betoirlt, baß 
fid^ an ßntftei^ung, S^aralter unb SBefen biefer ®üd^er eine 9iei^e 
ungelöfter Probleme Inü^>fen. 

Seine ber ©d^riften, bie un8 vorliegen, ift birelt au8 ber ?)anb 
be« Slutor« unb unter feinem 5Ramen auf un« gelommen. 3SieI^ 
mel^r Bepfeen n>ir fie nur burd^ eine minbeften« breifad^e S5ermitt^ 

1) "SRan iaxm x^xt ^ebeutung fd^on au9 ber giille bon SD^onogta^l^iett er- 
lernten, toetd^c in ben legten Salären üBer fe entjtanben pnb. SSgt (L ©d^mibt 
iTHcotaue bon «afet SBien 1866, SDenifU ©ipor. Mit*©t 1875. — 2)erf. 
Stfd^r. f. beutfd^e^ ttttertl^. 1880 @. 200 ff. 280 ff. tu ebb. 1881 @. 101 ff. — 
2l.3unbt Les Amis de Dieu. Paris 1879. — 3)erf. in ©craog tu glitte «Cül- 
cttc»?no^äbte 2. StofL s. v. 3ol^n b. (Ei^ur. — Sütolf 3)er ©ottcöfreunb im 
OBerlonb in ben Sal^rBB. b. fd^toeia. ®efd^. I. 3üric^ 1877. — 2. Nobler im 
5lng. f. fd^töetj. ®efd^. 1880 @. 244 ff. 



183 

lung, nämüd^ bicjeniae bc« „®otte«frcunbcö", SKcrftöin^ unb be^ 
Srbf(ä^tetBcr«* Siun Iä§t m an ©etfj3tcfen batü^un, ba§ einjclne 
©d^tiftcn^ für totläft unfcte Ouettc ben „(Sotte^fteunb" ate äutot 
namhaft matä^t, entfd^icbcn nxäft t)on biefcm »erfaßt toorbcn finb^), 
ba§ ferner anbere, bte bcrfette Unfcelanntc tjerfaßt i^aBen fott, »on 
ÜÄerftoin unb »tette^t aud^ t>on bem a6f(ä^rctBer ftarl inter^)oUrt 
unb i)eränbert n>orben ftnb. 5Da ergtett ftd^ benn nun bte [(ä^tolerlge 
grage, toe^e« ftnb bie »fidler ober bte 9lbf(ä^nitte ber ©üier, bic 
totrlKd^ ber „(SotteSfreunb" nieber8ef(ä^rteBen ^at, unb toetd^e« an* 
bercrfett^ bte SBerle, bte »on ben aSerntttttern nur an feinen Sßa* 
men anflelnü|>ft tourben, tjtetteid^t ju beut ^totd, tl^ren eignen Ste*» 
fid^ten ein größere^ Slnfel^en ju geben? 

©dtft aber, toenn eö gelingen foßte, eine fotd^e ©d^eibung 
itmaU ju boßjiel^cn, fo ergiebt fid^ bie »eitere grage: ®inb bie 
55üd^er, toeld^e ber „©otte^freunb" mit feiner C)«tib gefd^riefcen i^at, 
toirttid^ bie Srjeugniffe feined eigenen (Seiftet ober ftnb ed ettoa 
blog SlBfd^riften älterer Siractate, bie er angefertigt l^atte, 
um fie feinen greunben jujufenben* ®o getoiß e« einerfeit^ ift, 
baß unfer „(Sotte^frctunb an^ bem SDBertanbe" fettft i)robuctit) lite* 
rarifd^ t^ätig toar, fo »iele 3lnjeid^en f^pred^en bafür, baß mei^rere 
J93üd^er — e^ gelten unter feinem 5Ramen gegentoärtig 16 ©d^riften, 
Don toeld^en einige nod^ ungebrudt finb^) — ©rjeugniffe einer ur* 
alten giteratur ber alteoangclifd^en ©emeinben finb, bie unfer ®ot* 
teSfreunb enttoeber in 5BD&fd^rift ober in Ueberarkitung nad^ ©traß* 
Burg gefanbt i^at. ÜÄand^eö iar>on ^at bann ÜÄerfioin^ ei^e er e3 
an^ ben $änben gab^ nod^mate überarbeitet unb fd^ßeßlid^ i^at ber 
Sttfd^reiber aud^ au^ bem ©einigen einiget i^injugeti^an. 

^ierju !ommt aber nod^ ein Snbere^* Unter bem ICrude ber 
gefä^rlid^en 3^*^^^/ ^^ toeld^en bie brei genannten ÜÄittefö^jerfonen 
jene ©d^riften an Siid^teingetoeii^te toeiter gaben, l^ielten fie eö für 
notl^toenbig, ben toai^ren Urfjjrung unb Si^arafter berfelben ju ber* 
fd^ leiern unb fie in eine burd^au^ uni)erbäd^ttge gorm ju bringen» 
®ie« 2Kotio toar bei bem „®otteöfrcunbe" toie bei SDIerf toin , . toie 

1) SSgL 3unbt Les Amis de Dieu @. 22 ^Ix, XX. 

2) SDa« jjottflänbtgc öergei^mß nt^ SCngabe M 2)ru(forW bei Sunbt <u O. 
(B. 9 ff. 



184 

fd^Uc^Rd^ anäf Bei 91tcoIau^ ton Saufen tottifam, unb leinet öon 
ti^nen gab ein äBetl au^ bet f)anb, bem er ntd^t jut)or atte lefeert^ 
fd^cn ®pxijtn naäf SIRögUd^lett genommen i^ätte* 

3n bem einjigen ©ud^e, beffcn 5lutogra:()]^ nn^ et^altcn ju 
fein fc^eint, bem ,ßn^ öon ben fünf SKannen", toeld^cö nnfcr 
(gottcdfrennb im Saffxt 1377 gut StBauung unb aO'iai^nung fut 
bie So^anniter gefd^tieten. l^atte unb ii^nen jufanbte, fagt bcr 
Slutot ganj au^btüd U<ä^ : „SBiffet, toenn il^t mid^ lenntet, id^ 
fd^riete cud^ nid^f'O* Sr l^ätte aud^ fagen lönnen; „SBiffet, 
toenn xtfx mid^ lenntet, ii^t toürbet nid^« ©efd^rieBene« öon mit 
nei^mcn^" 

Um auf bie Soi^anniter ©nflug ju bei^alten unb fie nid^t jum 
W>ixnäf bet SSesiei^ungen ju jtoingcn — man ftebenle bie fiefeet^ 
gefe^e — ^at bet „®otteöfteunb" in feinen ©d^tiften afefid^tlid^ W§ 
ju einem getoiffen ®tabe fid^ bem ®:()tad^geBtaud^ unb felbft gc*- 
toiffen Sbeen feinet Sefet ange:(3a§t, toie toit bieö Bei ben S33afi)en* 
fetn oft genug beobad^ten Knnen* @t nennt bie gciet beö 2C6enb^ 
mai^I^ ,/3Rcff e" ; et f^ptid^t i>on unfetet ,;Ueben gtau'- unb t)on ben 
^eiligen, ol^ne inbeffen Don bem ®ebete 5U etftetet obet bet Sfa* 
tufung biefet eine ©übe ju ettoäl^nen* ©leid^iool^l bemctit ein gc^ 
übte« 9luge, toie fid^ unten jeigen toitb, felbft untet bet SSetl^üttung 
ben Salbenfet* 

©ne fd^toete ©d^ule bet „§eimfid^Ieit" ^atte bei ben „5l^5ofteIn" 
aümöl^üd^ eine fßtmlid^e ®efd^ic!lid^!eit in bet SSetl^üttung i^tet ^vdt 
iu SBege gebtad^t ©d^on im 13. Sal^tl^unbett ift ein ^auptöot* 
toutf beö S)ai)ib öon Slug^butg gegen bie ,,§ätetilet", bag fie mit 
bet gtöBten „©d^tau^eit" fic^ in i^ten SBotten ju toenben toüften, 
unb Don einem 5t|3oftel bet Salbenfet au^ bem 14. Oal^ti^unbctt 
fagt eine alte Oueüe toöttfid^ : „Qx toat ungemein fd^atffinnig unb 
i)etftanb e3, mit SQBotten feine Stttel^ten p färben unb ju J)ct^ 
f d^leictn" 2). 

3n Slnbettad^t biefet Umftänbe tounbetc id^ mid^ nid^t fotooi^I 
batubet, ba^ mand^etlei Slnllänge an bie ted^tgläubige Sluöbtud^ 
toeife in biefet ßitetatut t)ot^anben finb, ate mlmt^x batübet, ba§ 

1) S. @(j^mibt gWc t), «afd @. 132. 

2) S)etfclbe, ^k. ö, SSafcI @. 69. 



185 

tro^ bcr SScrftümmcIung bet S^ataltct ber toalbenfifd^eit SSSettan^ 
fd^auung fo unjtocibcutig i^ctau^f^Jttngt 

g« tft t)on einem bet genaueften ficiiner biefer ©d^rtften, bem 
fö^jfüid^cn ©ubar^tear unb Domimfanet SDcnifle, btc ZffaVia^t, 
ba§ bie Slnfd^auungctt beö „(Sotte^freunbe^" nxäft rechtgläubig finb, 
tnfofern anerfannt tootbeii, afö et im Salute 1880 t)etfi(^ett l^at, 
ba§ beffeii Seilte in Dielen "^unltcn „itttl^um^öoll" fei^)* 

SSon bet gleiten 5lnfid^t ift in ftül^eten 3a]^ten bet ptoteftan^ 
tif(^e gotfd^et (L ©c^mibt ausgegangen, inbem et bel^aujstete, unfet 
„©otte^fteunb" fei ibentifd^ mit bem bctüi^mten S33albenfet*9lt)oftcl 
3Kcolauö öon ®afel, tocld^et um baö 3a^t 1409 ju äBien alö 
„öegl^atbe" öetbtannt tootben ift. !CenifIe, toeld^et biefc aSetmuti^ung 
mit SRed^t jutudgetoicfen ^at, giebt jU, baß bie Slnnai^me t)on bet 
Sbentitot mit einem „^ätetifet" auf „einigen jtoeibeutigen Umfton^ 
ben" betui^e^). 

gS trifft öotlfommen jU, »enn Denifle bei^auptet, baß eS bet 
3toetf biefet Sitetatut getoefen fei, bie ©d^äben bet Äit(ä^e ju 
„Tefotmiten"^)- 3n bet Sll^at ift cd eine tefotmatotifd^e 
SCenben j, tocld^e butd^ bie ©d^riften bet „Stpoftet" fid^ l^inbutd^jiel^t 

3ugteid^ nei^men toit abet aud^ 9llt öon bem S^^^fliiiß bed et^ 
toäl^nten Sotfd^etS, too et fagt*): „ffiaS baS ©tteben biefet ®otteS^ 
freunbe^) an fid^ betrifft, fo lann man nid^t leugnen, baß eö etnft 
toat unb auö einem »oi^lmeinenben §etjen ftammte". 

5Dic ^auptbebeutung biefet gitetatut liegt nid^t in bet i^einl^cit 
il^tet ti^eotogifd^en 9luöatbeitung, aud^ nid^t in bem ^ieid^tl^um f^jecu^ 
lattoet, motalifd^et obet bogmatifd^et gtöttetungcn, fonbetn in bet 
güße gemüti^Dofiet, innigct unb täft d^riftlid^et 9lntegungcn, bie 
fid^ barin finben. 

5Det 3Bett^ bet einzelnen Slbl^anblungen ift in jebet 9iid^tung 
ein fo ungleid^et, baß man unmöglid^ füt äße ben gleid^en Slutot 



1) Stfc^t. f- beutfd^e« SlUcrtl^um 1880 @. 503. — @bcnba 1881 @, 121. 
2)mijic »ibcmift bamit au«brü(Äid^ fciuc frül^ercn SBcntcrlunfien üi ben ©ijtot. 
^olit SBtättcrn «b. 75. 

2) Stfd^t. f. b. %. 1880. @. 200. 3) 3tf(i^r. f. b. 21. 1881 @. 109. 

4) Ciitettcn unb gorfd^ungm 1879 ©b. 36. 

5) (S» ift SDilerftöm unb bcr ©otteSfxeunb im Dbcxlanb acracint 



186 

öorauSfefeen batf* SWand^cn gei^t Jebc« S5crbtenft ah, anbete finb 
mittelmäßig. SlBet feftft toenn man biefe aBgiei^t, bleiben bod^ nod^ 
genug übrig, bie un^ beretä^tigen , in biefen {Reften einer großen 
giteratur ein auSgejeid^nete^ Denimat, ni(ä^t tl^eologifd^er ©elei^rfam^ 
leit, fonbern religiSfer 3nnigleit nnb bentfd^er ®emüti^8tiefe gu er^ 
blidfen. 

Säf ^alte eg mit Denifle für ertoiefen, baß biefe giteratur nid^t 
anö ber geber eine« in ber ©d^ule römifd^er Sii^eologen erjogenen 
SWanneö i^eröorgegangen fein lann 0* 

3u ben (Srünben, toeld^e SDenifle mit SRed^t angefüi^rt l^at, 
l^ätte er nod^ ben l^injufügen lönnen, baß unfere ßiteratur i^re 
Seigre nid^t im Slnfd^lnß an bie in ber i^errfd^enben üDogmatil l^er-* 
lömmlid^en ©egriffe, alö ba ftnb Srbfünbe, ^obfünbe, Xrinität u- f. to. 
anlnüt)ft, fonbern bie d^riftlid^en gei^ren öortoiegenb im Sünfd^lug 
an bie Sorte Si^rifti, jumal an bie Seigren ber ©erg^jrebigt, öor* 
trägt SWan toirb in biefen ©üd^em toenige ti^eologifd^e Ännftau«^ 
brüde finben, eö fei benn, baß fie aud^ jugleid^ in ber ©ibel ge^ 
brandet toerben. 

ß« ift Ja gang erlKärlid^, baß bie fd^ulmäßige Sii^eologie auf 
fold^e angeblid^ „laieni^afte" ^robulte giemlid^ geringfd^äfeig i^erab^ 
fielet 3Benn man fid^ baburd^ nid^t beirren läßt unb ettt>ad genauer 
gufiei^t, koirb man einen reid^en ®eban!enin]^alt unb ein kooi^lob^ 
gerunbete«, toenn aud^ cinfad^eö Softem religiöfer Seigren toal^r^ 
nei^men, ein ®^ftem freilid^, »eld^ed nid^t gu lird^lid^en f)err^ 
fd^aftögtoedfen, fonbern lebiglid^ gur ©efriebigung religiöfer ©eburf^ 
niffe formulirt unb in Slnlei^nung an Si^rifti SBorte aufgebaut 
loorben ift 

SBie man aber aud^ über ben SBerti^ ober Untoert^ biefer 
©d^riften urti^eilen mag, fo ftei^t bod^ fo öiel feft, baß eingelne ber* 
felben auf bie religiöfe Sntioidflung ber nad^folgenben Oai^ri^unberte 
eine außerorbentlid^e SBirlung ausgeübt i^aben. 3Siele S:aufenbe 



1) @. Oucßcn mib gorfd^ungcn @. 123 unb öfter. 2)cntflc fagt bcrötr- 
faffcr bc0 „SDf^ciJlerbud^e" fei fein „Z^tolo^t'' geiöefen. 3)a er mit »cd^t bie 
Sbentität biefe« SSerfaffer« (Jöenigfien« bem SBefen nad^) mit bem „©otteöfreunb 
im Oberlanbc" nnb SWerftöin bargetl^n l^t, fo ^aßt fein Slu«bmcf fftr bie 
ganae Stteratnr. 



187 

i^aBeit antcgung, ©ctci^tung unb rettgtöfen gtieben barin gefutä^t 
uttb gcfunbctt. DB btefc X^atfad^c für ober 8^8^^^ bic Scbeutung 
bcr ©Triften ^rttä^t, mag jeber ßefer \xäf fettft fagcn. ®n neuerer 
^xäftntfx\toxxltx tfat in SSejug auf ben angetUd^en SJerfaffer btcfer 
Literatur; ben fogenannten „©otteöfreunb au^ tem Oberlanbe" 
getabeju gefagt: ,f^^m toaren bte ©elfter unterti^an toie nur immer 
einem "topfte; er toar ber unfi(ä^tbare ^ap\t einer unfid^ttaren 
Sird^c"!). 

1) ^agcnBad^ St. ®efd^. 1869 II, 496» 



^d)te6 Capitel. 

@m httüf^rnttt ®oüt9\ttmib^ 

2)ic l^eimttd^ ©ottc^frcunbc — 2>er bctül^mtc „©ottc^frcimb au9 bem Ober* 
lanbc". — 3)er ©ottcSfreunb utib bic ,,(£]^rijicnMber", — 3)er ®ottc«freunb 
cm^flel^tt beutfd^c Söüd^ct. — @änc ©tettung jum SRönd^tl^ttm. — 2)ogina- 
tifd^^rcligiöfcr ®tanb^un!t bc^ ®ottc«frcunb«. — Sßßalbctiftfd^ ©cfonberl^- 
ten. — ^CL^\ta^(Bt^mM\f. — 2)ic gtoci SBcgc — ©Icmbc, ©offntmgr StcBc» — 
SdtU^ unb grijiUd^ ©cric^^tc — gcgfcucr, — 2)ic 3ufaminenllhtftc bcr 
©ottc^frcunbc unb bic So^itct bcr Salbcnfcr, — ©cnbfd^rdbcn irafcrc« ®ot- 
tc8frcuub0 an feine ©emcinbcn. — S)cr „Ootte^freirab au8 bem DBertcmbc'' 
l^at ©acratnentc gef^enbet unb S3ci(j^te gel^ört. 

Unter bcr großen 3^^^ ^<>n ^erfonen, bte im 14. ^af^x^un^ 
bert -ate „(Sotte^frcunbe" Bejetd^net tocrben, gab e^ na(ä^ ben 3^wg^ 
niffen bon S^ttgenoffen fold^e, tocld^e ate „1)t\vxVxäft ©otte^frcunbc" 
»on ben übrigen unterfd^teben tourben. {Ru^dbroel, ber brannte 
(Sefinnnngögenoffe Siauler^^ toeld^en ber 3efuitcngeneral Sberl^atb 
aWercurian im Saläre 1576 auöbrficfli(ä^ ate ber |)ärejte berbäd^tta 
bejei(ä^nct l^at, lennt biefe „gel^eimen (Sotte^freunbe" unb fagt öon 
il^nen, e^ feien fotd^e Scanner, toeld^e allem irbifd^en S9eft^ 
entfagt l^ätten unb (Sott afiein anl^ingen^). 

Stud^ 2:auler i^atte ju ©ottedfreunben , beren ^Jiamen ju öcr^ 
fd^toeigen er für nüfelid^ l^ieft, :(3erfönKd^e SSejiel^ungen. @r beruft 
fid^ toieberi^oft auf beren Stutorität, oi^ne einen 5Ramen ju nennen *). 

1) (£. ©d^mibt 3ol^. Xdxätt @, 163. 

2) ^afelcr ^Udg. 1521 f. 129«: „Ja, ich höret von einem grossen freand 
Gottes, der ein heilig fromm mensch was, das er sprach: Ich muss meinem 
nechsten mer himmelreichs wünschen und wollen in begerender weiss dann 
mir selber, das heiss ich Lieb*", gcmer ^&qSUx ^9g. foL 95b: „Ich weiss 
einen der allerhöchsten frunt gottes, der ist alle sine tage ein ackermann 
gesin, me denne viertzig ior** etc. 



189 

3a, et fagt einmal gcrabeju: „aBäteti biefc Scutc nid^t; fo 
ts>&xtn totT Übel batatt"0 unb ^rtd^t bamit btcjenigc Ucter^ 
jcugung aM, tocld^c toir fo oft BcäügHd^ bcr „Sl^joftcr' t)oti ben 
SBotbcnfern äußern i^ören- 

g^ tft nad^ Sage ber SScri^ättniffc ntd^t ju t)ettounbcrn , ba§ 
au^ einer ^e\t, in U)et(ä^e fiberi^au^Jt nur ein öeri^ältnißmäßig \äftx>aöfe^ 
Äd^t ber XraWtion fättt, ö6er SW&nner, bie fogar ii^ren greunben 
unb Slni^ängcrn ii^re 5Ramen nur in Slu^nai^mefäßen lunbgaben, 
toenig 5Rad^ri(ä^ten eri^alten finb. 

(ginfttoeilen ift eö nur einer biefer „^dmlxäfm" greunbe (Sot^ 
teö, ber au^ bem ÜDunlel, in toel(ä^ed er fid^ gci^fißt l^at, toenigften« 
mit einigen fd^toad^en Umriffen i^ertJortritt 5lud^ fein 5Wame ift, 
toie oBen Bereite erioai^nt, unBelannt, unb über feine SeBenSumftänbe 
fielet nid^t Diel feft, aber immeri^in läßt fid^ bod^ einiget n>al^r^ 
fd^nlid^ mad^en^X 

SDie p^eften 5Daten, bie toir über feine SDWffion^tl^ätigfeit be^ 
fifeen — benn gleid^ t)om erften SWoment ab begegnet er un^ aW 
„Sl^joftel" — fd^einen auf ba^ 3a^r 1340 i^injubeuten. 

©eit bem ^ai)xt 1344 feigen n>ir ii^n mit ben ©enoffen in 
Statten in Sejiei^ung, too er in ber Umgegenb t>cn SSerona an^ 
toefenb toax. Sir toiffen, baß er nid^t nur ber beutfd^en, fonbem 
aud^ ber „ttnilfd^en" ®pxaä)z mäd^tig toar^). &toa^ f^jäter i^ielt er 
fic^ nad^ feiner eigenen Srsä^lung in Ungarn auf unb umd Saffx 
1350 ift er in ©traßburg- 

3n biefen ©traßburger äufenti^alt fd^eint bie erfte SSejiei^ung 
}U ÜÄerftoin ju fallen, ©ei ber jtoeiten Slntoefeni^eit im Oai^re 
1352 loarb bie Begegnung erneuert (g^ ftei^t feft, baß in biefem 
Sa^x 9tulman baö S3ud^ „SSon ben neun gelfen'' nieberfd^rieb. 

1) (£• ©d^mibt 3cl^. Soulet @. 167 naci^ ber ^mx 3tu0g- bon 1498. 
2)cr basier (Sbition fcl^U biefc @tcKc 2:anler l^at l^icr . jtd^Ud^ beftimmte 
cingctnc ^erfonen bot klugen. 

2) (Sitte fcl^t bolljiänbige, bi8 jum Suni 1884 tcid^cnbc Ueberftd^t über bie 
umfangräd^e neuere Sitcratur in ^Betreff bc« „®otte8freunbe^ im Obertonbe" 
gicbt ^. Obito »lottmanner 0. S. B. gu UÄünd^m in ber „Sitcrarift!^ 
«uTibfd^u für ba« latl^ot S)eutf*tanb" 9fix, 12 ijom 15, 3uni 1884. 3nbcm 
iäf barauf bertoeife, bergid^te id^ l^ier auf bie bctaittirte Eingabe ber Ctuettcn* 

3) ^ überfcfete «eine ©d^riften ou« bem Sälf^cn inS 2)eutfd^c. 3unbt 
Les Amis <B. 364. 



190 

3m 3a^TC 1356 mäf bem (SxVbtlm öon ©afel rld^tete bct 
®otte8freunb nad^ Sütt bcr „Wfo^itV ein ®enbf(ä^Tetbctt an btc 
Si^ttfteni^eit, toclc^e« tott Icnnen lernen toetben* 

©pSiev Befd^Iog et^ eine (Sinfiebelet ju Bejtel^en« @r fanb baju 
meistere ©enoffen nnb fie Begannen nad^ 9lrt bet „©tfiberl^attfet" 
ein gcmetnfante« 8eBen* 

SSon ba an fd^eint bet ,,®ottc8frennb" bie {Reifen aufgegeben 
gu i^aBen* Sr »etlei^tte nur no(ä^ fd^riftUd^ mit feinen SSettrancn«^ 
männern nnb al8 bet eingige, ben toit lennen, geftotBen toat, bringt 
leine Runbe mei^t bon ben einfamen geutcn jU un8 i^etüBet. 

Det „Ootte^fteunb" toar ei^ebem ein „tocfttocifer, n>eltfcltger 
SWann" gctoefen nnb l^atte aud^ be^ ,;jeitUd^en jergänglid^en @ute^ 
genug" Befeffen. 3lte er fi(ä^ entfd^Ioß, ber SBett „UrlauB jU geBen", 
entfagte er feinem ganjen 3Sermögem 5Dod^ ti^eilte er nid^t Ättcö 
fofort au^, fonbern öcrtoaltetc e^ no(ä^ eine3^tt langate „gei^enS^ 
mann ®otte8". (£r »ertoanbte e« aömäi^Rd^ ju Beftimmten, „s^^tt^ 
lid^en" ^toedfen. «ud^ leBte er (eBenfo toie bie „5l|)oftel'0 in (g^e^ 
lofiglett. 

3m Sa^re 1377 fanbte er ben Soi^annitem im ®rünen SBött^ 
jur geiftlid^en 5Ra]^rung, toic er ju ti^un ^jflegte, ein Süd^Iein, in 
n)cl(ä^em er ba^ 8eBen fd^ilbert, toeld^e^ er felBft nnb feine näd^fte 
UmgeBung bamate filierte i). Diefe ©d^rift fd^eint im äutograt>^ 
eri^alten ju fein nnb Bietet bai^er eine »eri^altnißmägig fidlere ©runb-« 
läge bar* 

!Darin Bejeid^net unfer grcunb bie Heine ©emeinbe, bie fxä^ 
im OBcrIanbe jufammengefunben i^atte, gang nad^ SBalbenfer SCtt 
r,aU einfältige, gute, fd^ßd^te e^riftenBrfiber". „Unb ba^ toiffet'', 
fäi^rt er fort, „ba§ toir atte be^ ©lauBcnö finb, baß bie ©ruber 
ber SBelt unBelannt BleiBen foüen Bi^ an bie 3eit, tt>o ®ott ettoa«, 
»a« nod^ DerBorgen ift, toirlen toirb, unb toenn er bieö t^ut, fo 
mag e^ bann tooi^l gefd^ei^en, baß toir l^erau^ muffen unb (Siner 
Bei bem Slnbern nid^t BteiBen mag unb baß toir an fünf Snben 
ber Sl^rifteni^eit jert^eilet toerben. 3ld^, lieBen ©rüber, Bittet ®ott 
in feiner grunblofen ©armi^erjigfeit, baß er fid^ in biefen gegen^ 



1) SlBgcbturft M ©d^mibt 9fäcotau8 i>. «afcl @. 102 fi. 



191 

toärtigeii Betten fikt btc S^riften^ctt ertarmcn toottc; bcnntotffct^ 
bte gtcuttbe ®t>tU9, bic ftnb cttoa^ im ©cbtängc". 

!Dte aSctfoIgungctt, tocld^c btc „©ruber" tote gcf^ä&eud^te« SBilb 
in bie ©crge getrieben i^atten, Ratten i^re Hoffnung unb ti^ren fSintfy 
nodj immer nid^t gefcrod^en. ©ie i^offten fortbauemb, ba§ ,,®ott 
itM^ toxxltn toerbe", toa^ eilte Slenberung ber attgemeinen 3itftättbe 
iu il^ren Ö^unften l^erBeifüi^re, toie e5 unter ftaifer Subtoig« {Regier 
timg ber gaü getoefen toar. 35ann toottten fie bie unterbrod^ene 
SIÄiffion^ti^tigleit an ben fünf Snben ber Si^riften^eit toieber auf^ 
nd^men unb unter bem panier Si^rifti (toie fie fagten) ftreiten 
„toiber ben 2;eufel, toiber ba« gleifd^ unb toiber bie SBelt"* 3n= 
jtotfdjen oBer — fo üerfld^ert unfer fflfid^lein — finb fie Bereit ju 
leiben, ba§ (Sott il^nen ben fügen ©ed^er mit ©itterleit mifd^e, ba 
fie tool^l toiffen unb Belennen, bag i^nen ii^r $aui)t unb $err in 
bitterem geiben vorangegangen ift*)* 



Denifle Begeid^net al8 ben oBerften ^totd ber unö eri^altenen 
©d^riften, „bie ©otteöfreunbe aU bie einjigen ©tüfeen ber Si^riften^ 
i^eit i^inäufteüen" ^) unb id^ glauBe, baß in ber 5E^at biefe 2;enbenj 
burd^ alle grMerungen i^inburd^gei^t* SBenn bie« aBer rid^ttg ift, 
foti^eilt unfer ©otteöfreunb bie UeBerjeugung ber üBrigen älte^ 
ten „®otte«freunbe", b. i^. ber SBalbenfer^SltJOftel unb ii^rer 
ani^Snger üoüftänbig- 

atö Heilmittel i^rer (SeBred^en emi)fie^It ber ©otteöfreunb au« 
bem DBerlanbe in bem „©enbfd^reiBen an bie S^riftenl^eit" bie 3iad^^ 
folge Si^rifti. „ß^riftu« ift unfer $au))t unb toir finb feine ®lie^ 
ber. SBir aBer finb gar toeit ii^m au« bem SBege gegangen, toä^renb 
et un« bod^ gar Barm^erjiglid^ gei^eißen l^at, ii^m nad^jugci^en. ßr 
frtad^: 5Ke^met euer fireuj auf eud^ unb folget mir nad^. SDamit 
meinte er nid^t, toir fottten i^m mit einem Bitteren 2;obe nad^ge^en, 
toie er un« vorgegangen ift ; er meinte, toir foöten unfer Ären j auf 
un« nei^men, ba« ift fo viel gefprod^en, beiß toir ti^un foßen, toa« 
toir vermögen. iDamit toiö er fid^ milb unb Barmi^erjiglid^ laffen 
genügen unb toiß baju in aßen unferen ©ad^en milb un« Beifte^en 

1) ©(i^tnibt a. O. @. 136. 

2) 3tWr. f. beut satcrti^. 1881 @. 108. 



192 

m 

unb nad^ biefcr ^^, fo toltt et, ba^ totr mit t^m unb Jet ii^m in 
feine« SSatcr« SReid^ ett>igU($ unfete SBoi^nung l^aben". 

„Sieben Si^tiftenmenf^en, xäf xat^t eud^ in aßen 2;teuen, ha% 
ifyx toiber aöe Untugenben lernet ftteiten, benn bie 3^* be« ftanQjfe« 
nai^t. Unb toer no^ nid^t jum ©treit Bereit ift, bet foü fol^e 
SWenfd^en fud^en, bie in bet ctoigen SBal^tl^eit too^l geleiert finb, unb 
foü bie Bitten, baß fie i^n legten, toibet aße Untugenb ftreiten, unb 
foü anä) gerne ^rebigten ^ixtn nnb gnte fflüd^Iein lefen, au« bcnen 
er aud^ tooi^l geleiert mag tocrben. 3lBer etlid^e ge^rer fj>red^en, 
beutfi^e »üd^er finb fi^äbßd^ ber e^ten^eit". 

,,®old^e üöäd^lein ald bie« üöüd^tein ift unb aud^ anbere beutf d^e 
©üc^er, bie aud^ in biefem SWaße finb unb nid^t toiber bie l^etttge 
©d^rift, fold^e beutfd^e ©fidler finb einfad^en Saien garnüfee unb 
gar gut* 3^r foöet fie euc^ nid^t laffen j>on ben großen Seigrem 
ah^pxt^m. ©iefcIBen ge^rcr finb öoü ber ©d^rift unb ber Seigre 
®otte«, aBer fie fud^en fid^ felBer unb bie Si^re bicfcr 
SBelt mel^r benn ®ott. SlBer too ii^r Seigrer finbet, bie fid^ 
felBft nid^t meinenbe finb, benen foöet i^r gar gern gei^orfom fein, 
benn toa« fold^e Seigrer rati^en, ber Äat^ lommt au« bem ff. (Seifte". 

„Unb fott aud^ bie i^eilige Si^riftenl^eit jiemal« toieber in d^Tifi^ 
lid^e Orbnung lommen, fo muß man SRati^ i^aBen, ber au« bem 
^. ®eifte lommenb ift, unb fold^er SRat^ ift aud^ nid^t toiber 
bie ^. ©d^rift, benn bie ^. ©d^rift unb ber ^* (Seift finb einl^ellig 

miteinanber !Den {Rati^ (au« bem ^. ®eifte) fottte man nel^men, 

tt)0 man i^n aud^ fänbe, unb foßte ii^n benn gar gerne i^aBen, benn 
er »öre ber Sl^riftenl^eit gar nottf in biefen gegenwärtigen ^^en. 
äBer fold^e SKenfd^en, bie au« bem ^. ®cifte SRatl^ geBen mieten, 
bie finb gar laum ju finben; aBer toie toenige il^rer aud^ 
finb, man finbet ii^rer nod^ in ber ^txt SlBer toic Hug 
aud^ biefe toelttoeif en SKenfd^en in biefen Seiten finb, fo finb i^nen 
bod^ folc^e SKenfc^en gar jumal unBelannt"* 

Btoei QueÖen finb e« alfo, au« benen bie SBa^ri^eit fliegt, bie 
^. ©d^rift unb ber ^at^, ber au« bem ^. (Seifte lommt aber 
fold^er diatff lann nur burc^ bie »ermittelt toerben, toeld^e ii^r ^erj 
gereinigt ^aBen öon aöer SieBe ju irbifd^en fingen, b. f). üon fold^en 
SKännern, toie bie ^po^td ber SBalbenfer fein foßen. 



193 

S)tefe ganje ©teile ift ungemein d^araltettfttf($. Um nur ein^ 
i^etüorjui^eBen , fo bead^te man bte SSetonung ber ^. (Sd^rift unb 
beö „diat^, ber au3 bem ^. ©etfte lommt", fotote bte (Sriäuterung, 
toääie über bad SSeri^&Itm^ btefer Betben i^öc^ften ßrlenntni^queden 
jcgeBen toirb. 

äßan mug i^iermit jufammeni^alten , tpad ber „©ottedfreunb 
im Dberlanbe" über bie „inneren Offenbarungen" an anberer ©teile 
fagt @r be]^au))tet nämlid^, bag ju ben t)ier grdgten SSerfud^ungen 
oud^ bie intoenbigen unb au^toenbigen Offenbarungen üon Sid^ten, 
^rmen, ®ef)>räd^en unb 93iflonen gei^&ren, benen, obgleid^ ®ott 
feinen greunben jutoeilen in biefer SBeife ettoa« SBal^ri^eit julom^ 
men laffe, nic^t leidet ju glauben fei* 

ÜJlan ^at txo% biefer ßrllärung unferem ©otte^freunb auö ber 
i^äupgen Srtoai^nung üon 2;räumen unb SBifioncn, toeld^e in feinen 
©(ä^riftert ijorlommen, nid^t feiten einen 35ortourf gemad^t ©ne 
nähere ©etrad^tung ergiebt inbeffen, bag faft an aßen ©teilen biefc 
Sifionen nur t)orfic^tige (Sinfieibungen t)on ©ebanlen unb aßünfd^en 
finb, toeld^c ber ©otte^freunb in unangreifbarer iJorm ber Deffent^ 
Itd^feit vermitteln tooHte* @ie treten befonberö ba auf, n>o ber 
©otteöfrcunb Urfad^e ju i^aben glaubte, feine i)erfi5nlid^en Sbeen 
öetfd^leicm ju muffen, fo j» ©. bei ber ßrörterung über bie lird^^ 
Hd^e !DrcieinigIeitÖle]^re*) u» f» tt>. 

gür bie ©eurt^eilung ber innern SBertoanbtfd^aft unfercr „®oU 
tcSfreunbc" mit ben älteren „(Sotteöfreunben" ift bie JC^atf ad^e toid^tig, 
bag beibe ju ben ^löftern unb bem SOtönd^ti^um burd^aud bie gleid^e 
©tcüung einnei^men. 

Slad^bem toir bejüglid^ ber älteren „®otteöfreunbe" bereit« bie 
itBt^igcn ©etoeife beigebrad^t i^aben, mag i^ier nur lurj barauf i^in^ 
getoiefen toerbcn, baS aud^ bie „i^eimlid^en ®otte«freunbe " beö 
14. Sai^ri^unbert« fid^ ebenfo ablei^nenb ju bem filoftertoefen J>er^ 
i^alten i^aben toie Jene, 

3m ©egenfafe ju ben biöi^er üblid^en Sluffaffungen über biefe 
Literatur, toeld^e burd^ ben öielbeutigen Sluöbrudt „3K^ftiI" beffir^ 
bert toorben finb, mu^ feftgefteüt toerben, ba^ fid^ bie gange ßite^ 

1) 3)ettif(c Stfd^t. f. beut mtertl^. 1880 @. 524. 

fteller, 2)ie 9iefonnatiotu 13 



194 

tatut, toeld^e ftd^ um ben „(SotteSfrcunb au« bem DBetlatib" opnn>' 
pxxt, im biteltett S5JtbeTfj)tud^ ju bct miJnd^tfd&en Söi^fttf ber 
Ihrd^Uc^ctt Drbctt bctoegt 

£)et 9R5nc^ unb ber ^audner jtei^en fi($ aud bet menfc^Ud^en 
©cfettfd^aft jurüd, um in fettftcttoä^Itct ober üorgefc^tlefcetiet äSIefc 
®ott ju leben unb fo ti^te eigne ©eelc ju retten. ©elBft toenn fic 
mittelbar auf bie Cnttoidlung ober SBieber^erfteünng ber menf<ä^' 
liefen ©efeöfd^aft eintoirfen, fo ftei^t boc^ feft, ba§ fte fic^ im "^nndp 
üon ber Slßgemeini^eit abtoenben. 

35er 3Wönd^ unb bie 9ionne bet^ätigen ii^ren (S^riftenftanb ba* 
inxäf, ba6 fie fid^ loöreigen bon Mtm, toa« ben natürli^en 3Wcn^ 
f($en mit ber SBelt ücrbinbet unb eine ftiüe, abgeleierte grömmiglett 
fu^en, bie fxäf mt^x um baö eigne ^eil im §immel alö nm bo^ 
%ßt>^ be« 5RädJften in ber ©elt belümmert 

& lägt fid^ nid^t leugnen, bag ein tiefer Ü)rang ju fold^er 
9lb)]>enbung in bieten äJtenfd^en tooi^nt unb ed toirb fi($ nid^t leidet 
eine ftird^e ober Sonfeffion finben, toeld^e nid^t in ii^rer SBeife unb 
nad^ ben bei ii^r gebraud^Iid^en gormen il^re Sonüente ober ifyxe 
gonöentilel l^ätte. 

Dagegen liegt ein erl^eblid^er Unterfc^ieb barin, ob eine ^tüfyt 
in fold^er Slbfonberung baö i^öd^fte 3beal d^riftlid^er aSoCIommeni^ctt 
offideö erblidt, ober ob fie biefeö Sebenöibeal nid^t t)ielmc]er in 
toerlti^ätiger aTOeufd^enliebe unb ^flid^ttreue in ber SBelt fud^t, U)ie 
Si^riftuö burd^ fein 3SorbiIb fie un8 gelehrt ^at. 

S6 ift ganj begrünbet, toenn man it^n^ttt — unb t9 ift bie« 
fotooi^l öon lati^olifd^en toie eüangelifd^en ©d^riftfteßern bel^au^^tet 
toorben — , ba§ bie religiöfen Slnfd^auungen be« confequenten SKötid^ 
t^umö, bie man borjugötoeife unter bem 3iamen ber „3K^ftiI" ju 
üerftei^en j)flegt, eine 3^tfti5rung ber menfd^Iid^en ^erfönlid^Ieit unb 
greii^eit, 3nbifferentiömu8 unb Duietiömu«, jur golge ju i^aben 
j)f](egen. S3ei unferem (Sotteöfreunbe lägt fid^ aber im birelten ©egcn^ 
fafe jum ^rincip beö ÜRiJnd^ti^umö ein forttoä^renbe« Dringen auf 
ben ))ralttfd^fittßdeen ©ebraud^ ber j)erfönlideen greii^eit jum 3ö>e<f 
be« allgemeinen SBoi^le« beobad^tenO. 3n bem ©ud^ bon ben „3ö>ei 

1) ^ä^on a)cniflc l^at ($iflor.-^)oltt SBlättet 1875 @. 262 ff.) bicöotte«- 
freunbc mit großer (Sntfd^icbcn^eit mib übergcußcnben ©rünben gegen ben ©or- 



195 

SKannctt" i)oIemlfitt bct ©otteöfrcuttb im Dberlanbc auöbtiidlid^ 
gegen bte, tocld^c „fic^ ijon bcr SBclt lei^tcnbe finb" unb babet trage, 
latte, jommüt^iac STOcnfd^cn Bleiben 0, K ^»^^ We ganje ©d^rift 
ge^t eine j)rind|)iefie Di)j)ofition gegen bie ^ergebtad^te ©ettftqualerei 
iinb Mtt\t ber ,,ftrengen, üBenben ÜRenfd^en", bie aüe ii^te SBeife 
unb ii^te Uebungen au^ fettftettoai^ltem Slnlaß treiben, anftatt ba§ 
fie ii^r „intoenbige^ ©lut" in red^ter Demütig in ber SBeife 
^gießen, toie e^ ßi^riftuö Joergoffen tfat, i. ^. in 8lttfoj)ferttng für 
feine SRitmenfd^en 2), 3e länger bie SKenfd^cn, fagt ber ®otte8^ 
freunb, in fold^en „felbfteigen« angenommenen" änßerlid^en SBeifen 
bie ®nabe (Sottet fnd^en, Je mei^r bleiben fie „Äebenbe" am äeußeren 
unb eö toerben „ii^nen anäf bie große ®nabe, bie großen übernatür^ 
Itd^en ®aben nnbelannt bleiben". 9iur berjenige, ber bcn feften gangen 
SBtöen ^at, ei^er ben Zob ju leiben, benn er öon Si^rifto ab tooHte 
laffcn, ber toirb ber ®nabe ßi^rifti tofirbig toerben. „3d^ toitt eud^ 
fagcn ein ©leid^niß. SBo ein fold^er fteter fefter SBitte ift, toa« 
t^nt ba Si^riftnö? Sr fprid^t ju feinem i^immlifd^en SBater: Sieber 
Sater, id^ l^abe einen aWenfd^en in ber S^it gefnnben, ber feinen 
eignen SBiöen laffen nnb mir gel^orfam fein toiß bi« ium Siobe; 
lieber SSater, laß nnö il^m l^elf en. !Dann gei^t S^riftu« l^emieber 
unb nimmt biefen SWenfd^en nnb ffi^rt i^n gar ijerborgen einen 
2:^eil be^ SBegö, ben er felbft vorangegangen ifl. Unb (S^riftnä 
vikt aud^ biefen ä)tenfd^en bnrd^ allerlei Seib bid jn ber ®tnnbe, 
ipo ber 35ater fj^rid^t: §ör anf, mein lieber ©oi^n, e5 ift genug, 
unb ffii^re i^n an baö ^xel beö grieben^ in 3eit unb in Ctoigleit 
3« biefem Slßen ^ilft unö bie Setrad^tung be« SSorbilb« ß^rifti 
unb feine« bitteren geiben«"»). 

©enn ber (Sotteöfreunb biötoeilen lurjtoeg baöon fprid^t, baß 



»urf be« „OutetiSmuö" tjcttl^eibigt, bet benfelbcn bon (L @(5mibt ^tmaä^t 
tootben toar. 3)a§ elnaelnc SluSbtüde, toic „ftci^ felbfl abwerben", „ftc^ cnttoer- 
bcn" «, f. to. au(i^ in quictijHfii^em @inn gebeutet toerben lönnen (obgleich jtc 
biefen uTf!|>rüngU(i^ ni(i^t l^ben), toirb Ü^emonb leugnen. (S9 !ontmt l^ier aber 
ntd^t <mf einaelne SSSenbungen, fonbem auf bie bauetnbe ©efinnung biefer 
^anntt an. 3n toe^er iRi^tung biefe fid^ betoegt, lonn ni(i^t bem geringflen 
3tocife( unterliegen. 

1) (5. ©(i^mibt 5mc b. «afel mzn 1866 @. 266. 

2) @. (gci^mibt 0. O, @. 246. 3) ©ci^tnibt o. O. @. 246 f. 

13* 



196 

er bcr „©clt aBgeftorBctt" fei, fo etläutett er bie^ an atiberen 
©teQen beutUd^ gcnuft mit ben ©orten, er ^aU „ber SBelt Urlaub 
gegeben In feinem §erjen" unb er i^änge nid^t mei^r mit feinen 
©innen an „ben Dingen", fonbem l^abe fein ^erg in ®ott gefeiert 
ßr erKärt feine änpd^ten ganj unjtoeibeutig in folgenbcn SBorten: 
„Unfere SWeinung ift nid^t alfo, ba§ toir meinen, baß ein aWann 
t>on ber Sßelt aQiumal gelten foH unb ein ^inä^ toerben fod, 
unfere SWeinung ift, baß er in ber SBelt bleiben folt, 
aber er foQte fein §erj unb feine finnlid^e S5emunft nid^t alfo gar 
tjerjei^ren unb auf greunbe unb auf tocltlid^e öi^re legen; belennt 
er boc^ felbft, baß er, bietoeil er in biefem ^tUn toar, fid^ fetber 
unb fein felbft ®^re mei^r fud^t unb meint unb liebt, benn bie 
ffi^re ®otte5; gäbe er biefe toeltlid^e ffi^re auf unb fud^te in atten 
feinen ©erfen bie göttlid^c ®^re, ti>ie e« il^m oft genug üon ®ott felbft 
gerat^en toarb, fo bin id^ getoiß, ®ott toerbe i^n erleud^ten in feinet 
gJttlid^ctt SBci^i^eit unb mit biefer ©ei^i^eit toerbe er mei^r toetfeit 
9tat]^8 geben ffinnen in einer ©tunbe aW friH^er in einem Saläre 0. 
®leid^ in einem ber frfii^eften ©riefe, bie un8 au8 ber ijebet 
unfere« „®otte«freunbe«" an9 bem Sa^xt 1371 erhalten pnb, nimmt 
er ®elegenl^eit, feine ©teHung ju ben fird^lid^en Drben ju lenn* 
seidenen, di l^anbelte fid^ bamal« um bie f^age, in u>eld^ed Orbend 
§fittben ba« SRerftoinfd^e JBruber^au« am beften aufgei^oben feu 
3Der (SotteSfreunb entfd^ieb fic^ für bie 3o]^anniter, toeil, toie er fagt, 
biefer Orben bie meiften greil^citen i^abe* Sr giebt ju, baß au^ 
unter biefen Unfraut gctoad^fen fei; „f ollte man aber ba« Un^ 



1) Unser meinung ist nut also, das wir meinen t, das dirre man yoü der 
weite alzumole gon soll und ein munich werden soll, unser meinung ist, das 
er in der weit bliben solte, aber er solte sin hertze und sine sinneliche Ver- 
nunft nut also gar verzerren unde uffe front unde uffe weltliche ere legen, 
alse er selber gar wol bekennende ist, die wile er in diseme lebende ist, 
das er sich selber und sin selbes ere me suochende und meinende und min- 
nende ist denne die ere gottes und gebe er ouch dise weltliche ere uf und 
suochte in allen sinen werken die gotteliche ere, das ime ouch selber dicke 
Ton gotte geraten wurt und dete er das so getruwe ich, got solte in erlüch- 
ten mit siner gottelichen wisheit; so denne die gotteliche erlüchtete wisheit 
wurde kummende zuo siner weltwisheit, so wurde er alse gar wise, das er 
uf eine stunde me wises gottlichen rates gegeben künde, denne er vor geton 
hette in ein^e gantzen jare. (Sd^tnibt a« O. ©• 254. 



197 

Itaut au« anbeten Drbcn auöiaten, fo tofitbe man ötel 
«tbett H6e«"0- 

SBtr l^aBen oBen fd^on batauf i^ingetotefen , baß ber ®otte«# 
frcunb in einem ©(abreiten i)om 24. Sl^Jtil 1377 auÄtttcMid^ fagt, 
bag eö t^m unb 5RnIman nid^t too^it]aüt, toenn man neue 
RISfter mad^e. 

DiefetBe anfielt toiebeti^olt et in einem ©tief an ben Somtl^ut 
beö ©tfinen SBött^ö bom 18. geBt- 1379: „Siebet (Somt^utl" fagt 
et, „id^ ti>at jn ben Bitten (1364) üiel jn ©ttapntg, unb toenn 
e^ gefd^al^, ba| 9iulman unb id^ sufammenlamen unb toxx betfelBen 
®ad^e (be« ftloftetbaue^) gebadeten, fo fj)tad^en ü>it jufammen: 
SBa8 foü biefeäÜDing« fein? toem toSte e« nü^e? toäte e« nid^t 
Bcffet, ba§ man atmen geuten i^ülfe, benn ba§ man 
SUftet ma(^et?"2). 

Datf man nad^ biefen ä^i^^iff^tt ^^^ ©otteöfteunben „Duie^ 
tiömu«" obet mSnd^ifd^e SBeltflud^t üottoetfen? e« ift toai^t, baf 
in beiben Wid^tungen eine ©eftiebigung bet ©ebfitfniffe be« ftonu» 
mcn ©emütl^ in unb butd^ bieStteid^ung be« „®ottnai^efein«'* 
obet bet SeBenögemeinfd^aft mit ®ott gefud^t toitb. Stbet bet SBe^ 
bai^in tpat butd^aud betfd^ieben* Sfil^tenb bie einen fid^ bet un^ 
mittelbaten Slhüpitlung an bet aütgemeinen SBoi^Ifal^tt ))tinci))iea 
«titjogen, etlannten bie änbetn, baß getabe innetl^alb bet menfd^fid^en 
(Sefeflfd^aft bie menfd^Iid^e Siugenb ftd^ am l^öd^ftcn betoSi^ten lann. 

Kenn e« tid^tig ift, bog bie „STOl^ftir füt bie «udbiftung t^at^ 
Itaftiget unb ftatlet ©eiftet l^inbetlic^ ift, fo ftel^t eö feft, baß in 
ben änfd^auungen unfete^ (Sotteöfteunbe^ unt) feinet (Senoffen leine 
3K^ftiI SU fuc^en ift £)enn in ben fd^toeten Stimp^tn, toeld^e biefe 
äßannet mit ben i^ettfd^enben ®en>alten unb ^octtinen gef&l^tt 
l^aben — toit toetben balb batauf jutüdRommen — i^aben pe einen 
^ui^, eine Sudbauet unb bei ))etfönlid^et ^tmni^ eine yin^t unb 
Steubiglett betonefen^), koeld^e u>enige ^tteien in gleid^em Sßaß bon 



1) @d^tmbt 9Kc t>. «afd ©. 294. 2) 2)trf. 9Wc ». »afd @. 324. 

3) %. SB. ^Bfya^, einer ber toentgeit Wairux, bie f4 mit bett (&etM* 
fremtben xtS^ befi^ftigt l^aben, imtertägt ni<!^t, bie „nvifd\dfm Serirrnngen'' 
ßatl ^or)ttl^ebeiL eidd^too^l fielet er ^äf )u f o^enbem Bngepanbittß genBt^t : 
„2)ie @otte9fretmbe befSrbtrtcn in i^ren Umgebuttflen ienen füHm, d^rifttic^ 



198 



t^tctt S5ertretem tül^men ßnncn. SBcnn man ater Bcl^aupten totff, 
bag aud& cm fold^cö ©Aftern bc8 STOißibTaud^« fä^tg fei unb «uS-^ 
tofid^fc ttld^t au^fc^Ucßc, fo gteBt man frctlid^ tiur einer fel^t tribtalen 
aSal^tl^eit äu^btud. 



// 



SBit i^oBen oBen aW bcn ©runbgebanlen ber älteren „Äefeer 
unb „®otte^freunbe" bejeid^net, bag fie bie aSermittlung ber Sird^e 
jur Criangung be^ $eiM unb ber ®nabe ni^t für not^tocnbig et-' 
Märten unb einen unmittelbaren SH'^H S« ®^^ ^^ ©tauben an 
(Si^riftuö ju befl^en meinten* 

3laäf ben bidl^erigen 3(nbeutungen lann man ertDarten, bag 
au(Sf bie „^eimlid^en (Sotteöfreunbe" beö .14. Sai^rl^unbert« biefctte 
3bee liegen, unb in ber 5E^at erlennt man fofort bie SRi^tigleit btcf er 
aSorauöfefeung. 

aSenn ber (Sotte^freunb fagt: Der toal^ri^aft gute STOenfd^ ^at 
,Jelbft einen ©d^Iüffel ju ber gßttlid^en ®nabe unb 
nimmt felber ba5 ©acrament, benn ein fol^er aKenf(J^ ift mit 
®ott ein^ getoorben" ^) , fo lann über bie ®onf equenj biefer Äuf^ 
faffung nid^t too^l ein ^tod^tl i^errfcä^en* 

rcßgtöfen ®ctp, ber, inbem er ben SWeiifd^n über fttrattd^c SCntricbe uub über 
bie ^taJS^nWa^n Seranlaffungen gur SerfSunmng l^eiltger ^^ten erl^t, il^m 
ba« ©ctottgtfein feiner 9Wenf(ben* nnb ffi^ripcntcärbe, feiner Serbinbnng mit 
(Sott, fotoic ©dbfiaci^tung, ®ebnlb unb on^l^rrcnbcn Wlnt^ cinflög*- 2)enii il^r 
Scben »ar nid^t bloß auf bie SBetrad^tung überirbifd^er SBal^rl^citcn gerid^tct, i>td[- 
mt^x toollten ftc, baß bicfetbcn oud^ im Seben ii^re 2Btr!famfeit bctoSl^rtett". 
3löl^ricb Stfci^r. f. l^ifr 2:iJcot. 1840* I. <B. 140. 

1) 2)ie stelle lautet: »So will ich dir aber me sagen: und were ich ein 
bihter, ich wolte alzuomole milte sin gottes lichamen zuo gebende do ich 
einen menschen fände, der alle wisen und alle uebunge mit Christus an dem 
Grütze in rehter demuetiger zuo gründe erstorbener gelossenheit durchstorben 
were; do ein solicher mensche ist, der ist ouch alzuomole gottes eigen und 
ist ouch gott widerumb sin eigen ; were ich ein bihter, do ich einen solichen 
menschen funde und solte ich dem nut gottes lichamen geben und were ich 
gegen eime solichen menschen karg, so tete ich gar toerliche, das ich ime 
das sine vor beslusse, wenne er het selber einen slussel zuo der 
göttelichen gnaden und nimet selber, wenne ein solicher mensch ist 
mit gotte eins worden, wenne er wil nut anders denne alse got wil ; wer eime 
solichen menschen got in dem sacramente Torbehebet, der behebet ime sia 
eigin vor; wurt ime aber got nut in dem sacramente, so wnrt ime 
aber in allen dingen got mit seiner gnadend (L ^(^ntibt SZicot. 
U ©afcl aßtcn 1866 @. 267. 



199 

aWan i^at »oi^l gcfagt, bag in beii ©d^ttften be« „(Sötte«*' 
freunbeö" ein Befonbctet bogmattfc^er ©tanbpunlt ültt^aupt nid^t 
ju erfeiitten fei; t^ fage tat ©egenti^eil, ber Umftanb, bag bet 
®ottc«freunb ba« SDogmattfd^e nid^t ^erau^Iei^tt, ift c^aralteriftifd^ 
für feinen toalbenfifd^en ®tanbi)unlt» 

Unb nid^t ntinber toolbenfifd^ ift e«, baß butc^ biefe ganje 
ßtteratnt, bie an ben SÄamen be8 „©otteSfreunbe« im SDbetlanbe" 
angelnfiijft toirb, baö &ixthm i^inbttrd^gei^t, ben Detfd^iebenen ®tän^ 
bcn nnb ©erufSjtoeigen Anleitung unb „{Regeln" batjuMeten, 
todd^e e« i^nen ermSglid^en foüen, fld^ t)on beut SBege bet „ffielt" 
ju bem SBege be« „SeBenö" gu toenben. 

©eit uralten ^txttn toaten berartige Wegein, bie man getoß^n^ 
Ftd^ in eine i$otm geBrad^t l^atte, toeld^e fid^ bem ©ebäd^tnig leidet 
Anpx&iit, in ben „(Semeinben" üterliefett 

9?un i^aBen toir gefeiten, ba6 bereit« ba« „STOeifterbud^" Stn^ 
tocifungen enti^ielt, toie man bie 2;ugenb üben unb ba« gafter fliel^en 
foHe. 5lu6er ben allgemeinen JRegeln be« golbencn 31 ©S gab ber 
„®otte8freunb" aud^ nod^ befonbere Äati^f daläge , toie ein red^ter 
^rebiger pd^ ijerl^alten foüe* 3n ben ©fidlem ijon bem „gefangenen 
Kitter" unb Befonber« in bem ©üd^Iein üon ben „3toei ^aben", 
ba« man treffenber ba« „SRitterbud^" nennen lönnte, finben fid^ 
a^nlid^e JRati^fc^läge für ba« ÜC^un unb Saffen öorne^mer Saien 0» 

& ift für ba« reügiSfe Softem ber „(Sotte«freunbe" burd^au« 
d^aralteriftifd^, baß fic bie göttlid^en 5Dinge t)on ber ©eite bt^SßxU 
len« i^er ju erf äffen bemöl^t finb. 

„S« giebt STOenfd^en, i^eißt e« in bem „©ud^ üon ben jtoei 
SWannen", bie fagen auf jebe erma^nung jur ©efferung: äd&, 
l^atte id^ bie (Snabe, »ie fte ®ott anberen giebt jur ©efferung, 
fo tooßte id^ aud^ gern mein geben beffem^ Du foßft toiffen, fold^e 
aWenfd^tt reben nid^t bie SBai^ri^eit unb reben toiber ®ott, benn 
©Ott i^at ferne ®nabe in alle SKeufd^en gegoffen, toenn fie 
nurfelBertoonen. (£« barf unb fott fid^ 9fiiemanb entfd^ul^ 
bigen unb ®ott bie ©d^ulb geben. 3d^ toiö e« bir fagen: 
too bie göttlid^e ®nabe bem STOeufd^en unfinbbar ift unb i^m nid^t 



1) »ßL a. ^^mM iRic. ö. SBafel @* 91 u. 99. 



200 

ju $üifc lommt, ba tft btc ©d^ufe aüeüi be« aWcnfiä^cn unb ntd^t 
@ottcö. 3^ ü)tü btr fagen, tole bte @ad^e ift. Die ®eelc be^ 
SKcnfc^cn ftammt Jjoit ®ott unb tft naäf i^m fel6ct a^WIbet, unb 
»cnn (Sott fic ju bem Söttet tl^ut, fo toitb c« ein SKenfc^- Unb 
(Sott gicbt bcr ©ccle einen eigenen freien SBiüen unb in bem ffiitten 
ift üetborgen feine giJttlid^e (Snobe. Unb toenn ber SÄenfiJ^ ju ben 
3eiten lomntt, ba| er alt genug toitb, fo giebt il^m ®ott t)emunfttge 
etlenntnit unb lagt i^nt frei bie SBal^l be« ©Uten unb ©Jfeiu 
©efd^iei^t e^ nun, bag ber 3ßenf^ ber 9latur na^gei^t unb bem ^atfy 
be« a5i5fen, fo fliegt bie göttlid^e ®nabe in einen ijerBorgenen ©inW 
ber ©eele. 2C6er toeI($er 3Wenf^ fic^ auf baö ®ute Befinnet nn\> 
feinen SBißcn le^rt auf ben regten 833eg unb feiner 9iatur nväfyt 
mei^r folgt unb gieBt, ate toa« bie 5Rot]^burft l^eifiä^t — benn bte« 
^at ®ott tooi^I erlauBt — , fo Pft bie göttßiä^c ®nabe bem aÄen* 
f(3^en je furBag unb je fiirBag; unb ie länger bcr SKenfd^ bie gStt^ 
ßd^e ®nabe toal^mimmt unb ii^r folgt unb feinen eignen S93iIIen 
©Ott lauteren ©inne« aufo))fert, um fo mei^r giei^ct bie Onabe ben 
2Wenf(ä&en näi^er unb nä^er ju @ott Unb toäre ^ auäf, bag e« 
bem SUienfd^en unftnbbar toar, ba« fd^abet nid^töj benn ®ott ber 
loirlet barum nic^t« beftominbcr in eine« fold^en SUienfd^en ©eele. 
5ßcin, e« barf §«iemanb in ber toeiten SBett ®ott bie ©d^ulb geben ^ 
®ott i^at feine ®nabe mitgeti^cilt Reiben unb 3uben, oB fie nnt 
felBer tooUen, benn er fanbte i^ncn feine 2l|>ofteI unb anbere $«tttge, 
bie il^r ©lut öergoffen um ber SBai^ri^eit toitten unb e« foß fid^ 
gSemanb entf($ulbigen unb (Sott bie ©c^ulb geBen; fonft ^anbelt 
er gana unb gar toiber ®ott"0. 



e« lann al« ®))ejialität ber SBalbenfer gelten, bag Bei i^nen 
(ginfaiä^i^eit in Xrad^t unb Slcibung ftrenge gorberung ber 
©itte toar. ©d^on ^feubo^'SReiner filiert (toie ü>ir oBen fallen) t» 
al« d^aralteriftifd^e« STOerlmal ber Partei an,, bag fie fid^ „»eber 
loftBarer nod^ fd^Ied^ter tieiber Bebienen toolien"^)^ unb bie &vu 
loidttung ber f))äteren 3a^r^unberte Betoeift, bag bie „S^riften" auf 

1) !J)ic to^tigc ©teile f. ©(i^mibt SWc. )o. »afel ©♦ 264 ff. 

2) (Sielte oBen @. 6, 



201 

btefe Sleuterltd^Iett, bie übrigen^ einen lool^Ibur^bad^ten ®tnn l^atte, 
fcefonbercn SBcrt)^ legten 0. 

S3ie mag e^ nun lommen, bag aud^ unfet ®ottedfreunb fort^ 
tDä^Tenb auf benfelben $unlt bringt? 3n bem Sdnäf ^on ben ,,i$finf 
aRannen" röti^ er einem JRitter, ber feinen SRati^ erKttet, ti>ie er 
ein neue^ gefeen anfangen foKe: „§aft 35id^ in Deinen Äleibern 
unb in aßen ©ad^en auf ber 9Kittelftra|e ^). S(Id bei einer anberen 
©elegenl^ eine Familie auf bie 93orfteIIungen be^ ®ottedfreunbe9 
f)m fiäf entfc^Ioffen l^atte, ein ntnt^ geben ju beginnen, erj&l^tt 
ber ©otteäfreunb aö ben erften ©c^ritt i^rer Umle^r: „Unb fie 
gingen i^in unb t>ertDanbelten aß ii^r beiber ©etoanb unb aud^ 
OH ii^rer fönber @eu>anl> unb mad^ten fie ei^rbarttd^, bod^ in bem 
mittleren üWage''^). ©n SRitter erl^äft gleid^jeitig t)on Ü^m ben 
9?at^: ,,8ieber $err, ii^r f eiber foüet aud^ euc^ ettoa« e^rbarlid^et 
Ileiben unb in aUemSBanbel etttKi^ ei^rbarlid^er i^alten unb aUe 
!Dinge lernen in mittelid^er ©efd^eibeni^eit l^alten" u* f, ts>. ©ei^t 
mäft ein ^rincij) burd^ biefe ffirmai^nungen? — 

& fte^t feft, bag bie Ballen 11 unb 13 für bie „SllJoftel" 
ber föalbenfer be^i^alb SSebeutung i^atten, tueil fie mit ben belannten 
3a^len (S^rifti unb ber 2l»>oftel t>ox unb nad^ ß^rifti 5Eob fiberein^ 
ftimmten« 9(ber aud^ fär ben unbelannten ^otte^freunb aud bem 
Dberlanb i^aben biefe ^a^tn \ffxtn befonbercn ®tnn. 2lm 24. ä|)ril 
1377 fd^reibt er an ben Somt^ur be^ Soi^anniteri^aufed ju ®trag^ 
Burg über bie ^(äjl ber (Son))entualen im ®runen 3ß9rt]^; er ift 
eüentuett bamit einijerftanben, baß e« 11 ober baß e« 13 finb; „bie 
mad^en einen &)nt)ent; bcd^ toare ed fd^abbar, baß ii^r mei^r benn 
13 ©ruber hättet" u.f. to.^- 

Uebcrl^attpt tritt un8 bie ^a^tn^^ifmioltl bei ben „Äe^em" 
fd^on früi^geitig entgegen, ^ai ©traßburger Sbilt k^on 1317 )>0'- 
Icmifirt gegen bie 3bee üon ben „neun ©tufen ber SSottlommeu' 
^eit'Vbie angeblid^ bei ben ©egi^arben öorl^anben getoefen fei 

1) 3n einem int Salute 1404 cmföcacid^mtcn 2Wattufcti|)t „Secta Walden- 
sium** untb cmSbriicfl^ gefagt: „Item in verbis sunt sibi cauti; mendacia vo- 
luntaria et verba turpia maxime soleot evitare; yestimentisnonpretiosis 
utuntur« etc. @^ntibt in 9Webner« Bt\^x. f. b. l^tfl. %^l 1852. @. 244. 

2) ©d^mtbt SWc ö. «afel @. 113. 3) 2C. O. @. 99. 
4) e^tnibt SRxc. b. «afcl o. O. @., 305. 



202 

©oQte e^ lool^t ein B^M f^ttf bag in ber Siterotur, bie an 
ben 92amen be^ l^eimlid^n ^,®otte9frennbed ouA bent Dberlanbe" 
angelnfi))ft nntb, biefelbe 3bee unb biefelbe ^dl^l nenn eine ganj 
befonbere {Roüe fi>ielt? ©d^on ©cnlfle l^ot, otool^l t)on ganj anbeten 
9(n^ang^))nnlten an^el^enb, biefelBe SSeoBad^nng gemad^t 

9lenn SciSfxt finb e^, bnrc^ totlä^t ber gefangene 9ütter ftd^ 
in einem l^eiligen SeBen übt; nenn Saläre (ringt ber üReifter ber 
ff. ©d^rift in bem SWeifterBuc^ nad^ feiner SBelei^mng nod^ im irbi^ 
fd^en Seben jn; nenn Saläre lang tffut bie ei^emalige ®e{iebte bed 
Öotte^frennbe^ Sdn^t u. f. u>. 

3n S9eing anf bie 3bee ber ®tnfen, u>elc^e ben S3eg jur 
@el(ftemeuemng nnb $)eiHgnng i^inanfföl^ren, u>ed^feln aOerbingd 
in biefer Siteratnr bie ^affUn, inbem pe anf brei, fieben unb 
nenn angegeben u>erben; aber ba^ Sß\ü> fetbft feiert fiberaK U)iebet 
nnb eine JReii^e Don ©d^riftcn bariirt baffelbe "JCfytma ^). — 

Durd^ biefe gange giteratnr jiel^t fid^ ebenfo, toie bei ben SBal^ 

benfem, ber fteW betonte ®egenfa% jtoifd^en ben jtoei ©egen, bc^ 

einen^ toeld^er inm itbtn, nnb be9 anbem, koeld^er jum S^obe ^xt 

S)iefer ®egenfa$ loirb geto9^nIic^ begeid^net bnrd^ bie älu^brude: 

„SBelt" nnb „®ott", „toeltlid^e Siebe" nnb ^^göttlid^e 8ie6e'', 

„Sid^t" nnb „fjinftermß"/ „®emeinbe ber SBeU" nnb „®emembe 

EM«"- 

änd^ ift eö d^aralteriftifd^ , bag in ©ejng anf bie ^ci^t ber 

2;ugenben nnb Untngenben biefelbe ©^mbolil »ieberfei^rt, tote toir 

pe eben beobad^tct l^aben, unb jtoar finb l^ier in ber JRegel bie ^ofyUn 

brei unb peben, 

35ie 3<*^I l>tci fd^eint entfi)rec^enb ber d^riftßd^en Seigre i>on 

ber 35reifaltigleit in biefen Sbeenireifen fo ftarl betont ju »erben. 

aSenigften« toerben bie brei ©runbiräfte: Äraft, SBei^l^ett, 

Siebe, toeld^e bie SBalbenfer aW l^ffd^fte (gigenfd^a^en ®otte« fec^ 

seidenen, aW „Rraft bc5 aSoter«", „SBeiS^eit be« ©o^nc«" unb 

„Siebe be« ff. ®eifte8" bejcid^net ^j. !t)iefen brei ftenngeid^en ®otte« 



1) @o ba« S3imcm t>on bct „gdjttid^ @ttcgc", bc«gt. Don ber „geiflttd^ 
Sdter" u. f. to. gerncr iji ba« 6. (£(t|). ber ©ci^rift Don ben gtoei SRomiat 
(©(^rnibt 9fac. b. «afel @. 247 f.) ber (Srläutemng ber fteBen ©tnfen getotbuict 

2) ©(i^rnibt 9lic. b. «afel ©• 311. 



203 

ftci^ctt auf ©cUc bcö SKciifd^en b t c t ^fft^ten gegenüBct, btc ^fßd^t 
be3 ©lauten«, bcr Hoffnung unb bet Siebe. — 

(58 tft tti($t oi^ne Sntcteffe, bte ©teöung ju leuttjett^nen, toeld^e 
bet ©otteäfreunb in bem bamaügcn ÄanH)f jtoif^en geiftltd^er 
unb »eltU^er ,®etoalt einnimmt. Unter bem 8. 3uni 1379 
fdfteibt er üter biefe fragen einen ©rief an ben Somti^ur beö 
Soi^anniteri^aufe« unb fagt, er fürd^te, baß au8 ®otte5 SJeri^ängung 
unb 3wlÄff«^8 1>Ä^ toeltlid^e ©d^toert unterbrüdt toerbe. Daüon 
toerbc, fäl^rt er fort, „öielgeibenö in ber S^riftenl^eit toer^ 
ben" 0- Sei ber üorfi($tigen ärt, bie ben ©otteöfreunb lennjeid^net, 
ift i^termit feine äuffaffung i§inrei(ä^enb barget^an. 

©el^r auffaöenb ift bo^ aud^ bie Slntipatl^ie, toeld^e ber ®t>U 
te^freunb gegen bie geift liefen (Serid^te offen aui^pxiäft) Ja, 
fcftft bie Slnrufung toeltli($er ©erid^te burd^ bie „©rfiber" ift i^m 
önftSßig. „SWit biefen ©erid^ten", fagt er, „gefc^iei^t gar große« 
Unred^t, toeld^e« ®ott gar toiberfam ift". (5« bürfe nad^ „d^tift^ 
fidjer Drbnung" nid^t gefd^ei^en; e« toerbe üiele«, toa« toiber ®ott 
fei, Dor biefen ©erid^ten üoBSrad^t u. f. tt). ^). 

3n fi^nlid^em ®inn fd^reibt er am 20. gebr. 1377 an 5RicoIau« 
J)on laufen, toeld^er ii^m Berid^tet i^atte, baß bie So^anniter öiel 
«rbeit mit toeltlid^en unb geifttid^en ©erid^ten gel^abt Rotten»). „Unb 
ba« toiffet, e« ift mir leib, baß e« ber Somt^ur ti^ut, benn ber 
®rune SBört)^ toarb nid^t alfo angefangen, baß bie ^riefter, bie brin 
tool^nen fotften, baß bie foöten mit toeltlid^en ©ad^en umgei^en". — 

S8 ftei^t im ©egenfafe ju ber Seigre ber römifd^en Sird^e, ti>enn 
ber ©otteöfreunb fagt, baß e« möglid^ fei, oi^ne gegfener ba« 
etoige geben ju erlangen. 

SDenjienigen SWenfd^en — fo filiert ber ©otte«freunb an« — 
toeld^er einen ftarfen, fteten SBiüen ^at, fid^ ju beffern, ben nimmt 
Sl^riftu« unb füi^rt ii^n einen Z^txl be« SBege«, ben er fetber üor^ 
angegangen ift. S)ann ^px^t ©Ott jU feinem ©oi^n: „Sr ift be« 
gegfcuer« lebig getoorben unb loi^ne bu e« bemfelben i^ier 
in ber ^t\t unb gieb i^m barnad^ baä etoige geben" 4). ätfo ge*» 
fd^iei^t e« burd^ bie Siad^folge S^rifti, baß ©ott ben STOenfd^en üon 

1) ^a^vxM 0. O. @. 328. 2) @d^mibt 9f«c. t). ©afcl @. 192 f. 
3) % D. @. 299. 4) @d^mibt mc. D. «afd @. 247. 



204 

bem gcgcfeucT Io5fj)ttd^t unb xffm ba« ctotgc gcfecn gtebt SRan 
toeiß, bag bteö btc 8e^tc bcr SBalbcnfct gctoefcn tft 

Unb bicfc äRctnung lei^tt bei unfctem „©ottcSfrcunbc" nid^t 
Bfog an iencr ©tcüe, fonbern l^äufig »tcbet* ©tr beflfecn ein Äud^ 
unter bem Zittt ,,UrfuIa unb äbelaibe", in toel^em erftere ii^tc 
8eben%f^i($te jum 9tu^en einer eblen 3ungfrau er^ai^It. S)te^ 
Sdnäf toarb ijon beni (Sotteöfreunb auö ber „loalfd^en ®j)ro^e" in^ 
Deutfd^e überfcfet unb an {Rulman SKerftoin a^fÄnbt Darin toirb 
berid^tet, toie Slbelaibe 30 2:a8e naiä^ Urfulaö Zo\> einen Sraum 
ifatU, in mläftm i^r le^tere erf^eint unb ii^r tqßjiit, tDie t» i^r 
ergangen fei, feitbem fte ber (grbe entrüdt toorben. Urfula fagt: „Sä^ 
fai^re nun gur ©tunbe au« bem ^rabiefe, barin id^ biefe breigt^ 
S^age ol^ne SSt^ gereinigt bin unb fa^re bann mit ben i^eüigen 
(gngeln auf in ba« etoige ZtUn" 0. SQfo aud^ Urfula hvmt tme 
ber aWeifter im SWeifterbud^ oi^ne gegfeuer jum etoigen geben. 

(SS ixtfft fid^ burd^ bie SBalbenferliteratur feit atten 3citen ein 
Äami)f gegen bie Slni^änger berjenigen 23^eorien, toeld^ burd^ ätaolrtd^ 
t)on Sena eine toiffenfd^aftlid^e äuSgeftattung eri^alten litten unb 
bie, »eit fie, toie bie SBalbenfer; in Dj)j)ofition jur l^errfd^enben 
Äfafd^e ftanben, öon gelterer, toie toir fa^en, üietfad^ mit ben ffiat 
benfem jufammengetoorfen tourben* ßö ift lein S^tVftl, baft We 
„ämalrilaner" in ben „©ruber*' unb ©d^toefter^äufern", in n>eld^en 
»iel arme«, üertoa^rlofteö aSoII aufnähme gefunben i^atte, bamoö 
mand^e Slni^änger jaulten, unb tS toax eine Lebensfrage für ba* 
SBalbenferti^um, gegen baö Umfid^greifen Jener 3been mit aßen Wu 
teln anauläut|)fen. 

ÜDiefer Aufgabe l^at fld^ aud^ unfer (Sotteöfreunb unterjogen- 
Da« ©ud^ i>on ben „3toei SKannen" giebt in feinem i»eiten Sa}>ttd 
eine ® d^überung ber SBerirrungen, ju toeld^en jene Seigren i)on bcr 
„greii^eit bee (Seifte«" filieren, unb toarnt bie gefer »er ben „falfd^ 
ftefeem", toeld^e bie getreu beä (Si^riftenti^um« ju fleifd^ttd^er gtei^ 
l^eit mi§braud^en 2). — 

e« öerbient bod^ aud^ ©ead^tung, baß unfer „®otte«frettnb 
im Dberlanbe" unb feine ©enoffen gerabe an fold^en Drten unb 

1) Smibt Les Amis de Dieu 1879 @. 390 f. 

2) (5. @(!^mibt 9^c* t>. ©afcl ®. 220 ff. 



205 

nur an folgen Orten unb ©cgcnbcn SBcjie^ungen befifecn, too nad^^ 
toASixäf auäf btc „9lpoftcr' greunbe befcffen i^aBen, b. ^. am Dbcr^ 
t^cin, in ©ttaputg, ©afcl, SWefe, bann in Dbctitalicn, in Deftreid^, 
Summen, Ungarn u. f. »)♦ — 

Sic im 3a^rc 1179 bie „SBalbenfer" jn «cm bor bem ?a<)ft 
ftf(ä^icttctt, nm burcä^ ©ntoirfitng anf ii^n befürchtete arrnngen fem 
ju i^alten, fo i^offen and^ nnfere „^eimlid^en ©otteöfrennbe im Cber^ 
lanb", ba6 eö ii^nen bnriä^ i^re ©itten mftglid^ fein toerbe, ben Sanf 
ber Dinge jn i^emmen^ — 

SBenn man bie ©d^ilberungen ber 3«fci»imenlünftc lieft, toeld^e 
bcr „®otte8frennb im Dberlanb" mit anberen „®otte8frennben" 
an l^eimttd^en Orten gehalten l^at^), fo fd^eint eö, alö ob biefelben 
t)on 5Riemanbem gefd^rieben fein lönnten, ber nid^t toirllid^ bei ben 
„Sa|)iteltt" ber a[j)oftel jugegen getoefen ift* 

@o !ommt unfer ,,®otte8freunb" am 17. aWärj 1379 mit fieben 
anberen ,,]^eimlid^en" ©otteöfrennben in einem abgelegenen ®ebirgc 
jufammen. Dort ift eine ftapeüe, b. ff. ein Slnbad^töl^anö ber ©tätt" 
Bigen, in ben gelfen gei^anen ; baneben finbet fid^ eine Heine äBo^n* 
ftätte, toorin nad^ SBalbenfer^fflrand^ ein ®rei8 nnb ein 3ilngling, 
ganj tote ber un8 belannte magister major nnb magister minor, 
too^nen; ein „SBinfel" ober eine „®rnbe" (ba^er SBinleler nnb 
%ttbcn]^eimer) finb bie Bnflnd^töftätte ber „Firmen"* 

Dann toarb nac^ SBalbenfer^3lrt eine an^altenbe SBerfammlnng 
in (gebet nnb ©otteöbienft üom 17. bi« 25. aWärj, b. ^. eine SBod^e 
lang, abgei^alten. 

(Sin Sai^r fi)äter fommen abermals an benfelben Ort bie ®ot^ 
te^frennbe; barnnter toaren einer an« SKailanb, einer an« ®enua, 
ein Äanfmann, ber aß feinen 9ieid^t^nm nm (S^rifti toillen geoi)fert, 
itoei an« bem 8anbe Ungarn- Slm 22. SRärj trafen fie an ber 
gelfenla^jede im ©cblrge ein. Sil« fie beifammen toaren, toaren e« 
13 ^erfonen. ©ie begannen mit ani^altenbem ®ebet; baranf em^ 
^ptigen fie ba« Slbenbma^l. Dann begannen i^re ©erat^nngen 
utft ii^rc ©efd^lüffe tonrben aWbalb in ben ganben ben ^eimlid^en 
grennben, fo toie in ©traßbnrg bem SRnlman SKerfmin belannt 2). 

1) (£. @d^tnibt mc. i>. «afet @. 329 ff. 

2) 2)ic ©nadni^ctten über btc Sufarnmcnfilnftc bei (£. @d^tntbt a. O. ®. 43 ff. 



206 

SBa« toar nun bcr Orunb, ba| bte „®otte«ftcunbe ftct« aücö 
i^ctmßd^ betrieben? Die SSerfolgung »ar tß, bie ben „fte^em" broi^te* 

SBem fottten nid^t bie „Oemeinben Si^rifti" in ben ®tnn lom^ 
men, toenn er in ben ©d^riften be« „Ootteöfreunbeö au« beut SDber^ 
lanbe" Heft, er l^abe „au« großer göttltd^er Siebe eine SBotfd^aft 
gefanbt unb begehrt, bag fte ber ©enieinbe mit ßmft berffinbet 
toerbe"!). ffiaö für ®emeinben mögen ba« getoefen fein? ©iffen 
toir bod^, ba| aud^ bie Wfo\izl ber „©^riftenbrfiber" ©enbfd^rciben 
an iffxt „®emeinben" rid^teten* 

eben ber Sn^alt biefer „®otfd&aft" tft bann aud^ fo boQ^ 
ftänbig ibentifd^ mit ben äntoeifungen, toie fie bei ben ®rübem in 
ßraft toaren, ba| man über bte fienntni| unfereö ®otte«freunbe« 
in Sßalbenferbräud^en biQig ftaunen mu§* 

Darin i^ei^t e«, ba| bie S^riften Slbenb«, bebor fie fd^Iafen 
gelten, i^r ©emüti^ fammeln unb bei fid^ f eiber (Sinlei^r i^alten 
foüen* Dann foQen fie beten unb i^r JCagetoerf betrad^ten unb, 
faü« fie ttts>aß ®uteö getoirlt, ®ott mit bemüt^iger Danibarfeit 
bie (S^xt geben unb fid^ felber leiten für unnü^e jhted^te. SEBenn 
fie aber gefehlt ^aben, eö feimit^offa^rt, mit ^aß, mitUn^ 
toai^ri^eit, mit 5Wad^rebe, mit geinbfd^aft, mit Unmäßig'' 
leit ober mit STrägH^eit— eö finb bie„fieben$au|>tlafter", 
toie fie bie SBalbenferlei^re lennt, mit merltoürbiger ©enauigleit i^icr 
angegeben — fo foQen fie fid^ felbft bie ©d^ulb geben unb reuig 
bitten „95ergieb mir l^eute aöe meine ©ünben", ®o foQen fie (toie 
bie SBalbenfer) ba« 35ater unfer beten* 

SKan i^at gefagt, unfer ®otte«freunb bürfe be^i^att ben „C)äte* 
tifern" nid^t beigejäi^lt toerben, toeil fid^ nirgenb« finbe, ba| er fold^ 
gunitionen, bie in ber 5Regel nur bon ben ^rieftern ber römifd^en 
Äird^e vorgenommen tourben, t)oQjogen i^abe* 5ßun, e« toore lein 
SBunber, toenn ber „®otte«freunb" in ©d^riften, bie er ^Rid^ttoot 
benfem jufanbte, baüon gcfd^toiegen i^ötte; aber e« loürbe au« biefem 
®d^tt>eigen mit nid^ten folgen, ba| er nie ®eid^te gel^ört ober ba« 
Stbenbma^l auöget^eilt ^abe, loie bie „9l}>ofteI" e« a« t^«« l^flegten- 

1) @o toörtlid^ bei ©d^uiibt 9Hc. t>. ©afet ©♦ 203: „Danimb het er es 
DUO aber us grosser göttelicher minneo har yerbotschaftet und begeret, das 
es der gemeinde mit erneste yerkündet werde**. 



207 

3ft c8 benn aber tid^tig, bag in ben un^ cri^altcncn ©d^tiftcn 
J)0tt fold^en gunfttoncn nie gctcbet totrb? SSScnn man genau gu- 
gefeiten i^c, toürbe man fid^ etne^ SBefferen i^aBen Beleihten önnen* 

3n bcm „müttinäi" — tote x^ ba« ©cgcnftüd gum „3»ciftet^ 
BudJ" nennen möd^te — totrb un« bte 3^fÄ»iwenIunft be« „©ot- 
te^freunbe«" mit einem toeitBetü^mten Siittet unb beffen ®ele:i^tung 
etjäl^ItO- Dtefer 5Ritter toar aW ÄnaBe be« ©otteöfteunbeö ®|>iel^ 
gefeße getoefen unb in f<)äteren 3a]^ren l^atte Stftetet t)on einem 
toeltßd^en SMann, ber „ba i^eimlid^ fein guter gteunb ts>ox'*, ge- 
flixt, bag fein el^emaßger ®|>ielcametab ber toeltU^ften, toeltfefigften 
SRittcr einet getootben, bie nur in biefen ganben toaren* Sr mad^te 
^ auf, um üfn ju feigen, unb e^ gelang il^m, ben 5Ritter öon BSfen 
SBcgen, auf bcnen et fid^ Befanb — et lieBte bie gtau eine^ feinet 
®önnet — jutüdjutufen» 2tt3 bet ©otte^fteunb fid^ entfetnen 
toollte, Bat bet 3?ittet, jenet möge ,;but^ ®ott" fein „i^eimU^et" 
Steunb toetben unb il^n l^eimli^ öftet Befugen* 

3n bet ^aäft mä) biefet ^n^ammznlnn^t üBetflel ben 5Rittet 
bittere SReue uBet fein Bi^l^etige^ 8eBen unb et fel^nte fid^, Seman- 
bem JU Beid^ten, tooüte e^ aBet „feinem SBeid^tet" nid^t tl^un, ba 
x^m biefet, toie et fagte, „ju leidet toäte"* 2luf biefe filage ent^ 
f^log ftd^ beö JRittetö ®attin, nod^ in betfelBen 5ßad^t gegen SKotgen 
ben ©otteöfteunb in feinet ^etBetge ^>etfönlid^ aufjufud^en unb il^n 
JU ii^tem 3Kann ju tufen* 

!Bet ©otte^fteunb lam, bod^ nid^t mit bet ®attin auf bem 
gleid^en SBege, fonbetn auf einem Befonbeten ^fabe, b» l^. alfo l^eiuu» 
HdJ in baö ©d^Ioß* „SUfo lamen fie Beibe jugleid^ ju bem §aufe 
irnb lamen aud^ Beibe üot il^n unb fanben i^n nod^ im SBette"* 

!Da f<3tad^ bet ©otteöfteunb : „5Da il^t nun einen ganjen äBitten 
^abt, bie ©ünben nid^t me^t ju t:^un, fo toiffet, baß eud^ ®ott 
banni^etjig ift, unb id^ tätige eud^ auö aüet S^teue, ba§ ii^t nun 
follt Beid^ten unb foQet unfeten gtoßen $enn in bem ©actament 
em^)fangen* SSSenn i^t ba« getrau i^aBt, fo toiü id^ eud^ mit bet 
$ülfe ®otte« ttöften, ba| ii^t bann am 8eiB unb an bet ©eele 
geneft unb aud^ bann fofott üom SBett toetbet auffielen"* 



1) (£• ©d^uiibt ißtc. i>. Safd @. 79 ff. 



208 

Unb bann fä^tt ber etjäl^Ier unmittelbar fort: „Unb bte^ 
gefd^ai^ aud^« ÜDa et gebetd^tet unb unfern ^erm em)>fcutgen, ba 
ftanb er au^ gefd^iotnbe ))on bem S3ette auf unb fiel in ber ^m* 
mer nieber auf feine Rnie unb betete ba mit großem ßrnft^ Dann 
faß er mit ii^nen ju JCifd^ unb toar fröi^lid^ mit ii^nen* ,,Unb 
al^bann nad^ bem 3mbiß bat ben ©otteSfreunb ber Siitter unb 
beffen grau mit ffroßem ßmft, ba§ er länger bei ii^nen bleibe, Da 
^}fxaäf ber ©otteSfreunb : ;,2)anlet ®ott für bad (gute, ba« er an 
eu($ geti^an i^at, unb lagt mid^ nun gei^n'^ ^alb barauf boten 
ber JRitter unb bie grau, baß ber ®otte8freunb ii^nen eine ,,Orb^ 
nung gef($rieben gäbe, loie fie fi($ in aUem ii^rem Seben, in aOen 
ti^ren ©ad^en, im ZffVin unb im ßaffen i^alten foOten"* 

SBer ift e« nun tooi^l getoefen, toeld^em ber SÜtter bei biefet 
i^eimlid^en 3itf<(tttmenlunft mit bem ®ottedfreunb gebeid^tet i^at, unb 
t)on ti>em i^at er bad ©acrament em))fangen? ©einem regelmäßigen 
^eid^ter n>oQte er j[a nid^t beid^ten unb loer n>ar benn in ber frfii^en 
SJtorgenftunbe fonft nod^ an be« «itter« Söett? 

(Sd ift loal^r, unfer ^üd^lein fagt nid^t: barauf beid^tete mit 
ber 8ütter; aber e« fagt aud^ nid^t, barauf beidjtete er feinem ©eid^tet» 
!Dod^ für benienigen, loeld^ feine Sbtgen nid^t ganj ))erf daließt, 
bebarf eS Weiterer Setoeife nid^t* gür feine eingetoeii^ten ßefer i^ottc 
ber (Sotteöfreunb beutlid^ genug gefprod^en ; bie anberen feilten 
^« nid^t öerfte^en* 



Iteunte^ €apxttl. 

^ie beutfd^en lEBau^iUten mb Me altetiangelif^en (Semeinbetu 

2)ct „@ottc6freunb au8 bcnt OBertanb" unb bic S3auleutc* — SHc rdigiöfc ©c* 
toegimg bcr beutfci^ „SÄt^ftilcr" in il^rcr ©ntoitfung cmf bicbeutfd^ Stanft, — 
SHe (Snttt)i(!(ung beS <^tein6auS fdt bem 12, Sal^rl^unbert in x^van ^er«" 
l^Itnig 3ur ©efd^id^te ber dte^ngdifci^en ©etneinben. — 2)er Snnb ber 
bcutfd^ S3au]Jüttm. -- ©nflug unb SWad^t bcffctBcn. — ©crfaffnng, ©rSnd^ 
unb Sßcfcn bcr «rübcrfd^aft bcr ^ilttc im 35crgtäd^ mit bcr S8rÜbcrf(^aft bcr 
„Sotbcttfcr^ — 2)ic @tcttung ©traßBurg« im 4>üttcttbunbc unb in bcr 
Orgonifaticn bcr atto^angclifd^n ©cmcinbcn. — 2)ic Verfolgung bcr ,,(£]^ri|lcn« 
brübcr" feit 1360 unb Slücftüirhing bcrfctBcn auf bic S3aupttcn. — 3)ic 
„Siebl^abcr be6 ©fttibtocrW". — S)ic 2:cnbcnj bc8 „gcifHgcn ©aucnö", 

SBtt i^aBen oben bereit« toiebcr^oft ertoäi^nt, bag bcr berühmte 
granciölaner unb ^)ä<3ftlt(ä^e ä|>ologct Dr. jur. 2ßt)artt« ^elagtu« in 
feinem SBcrl „De planctu ecclesiae" bic „©d^aaren ber l^ärctifd^en 
äH)oftel unb ©cg^arben" befonbcrö babur^ t)or aüer SBelt bcr^ 
aiSjÜx^ ju nta($en fud^t, ba§ er ti^re na^en ^ejtei^ungen ju ben 
©üben ber beutfd^en ©erHcutc ^ttoox^tit ©äi^rcnb bic ^rteftcr 
bcr römtfiä^en Äird^e auf ^od^fdjulcn bie SCtefen ber ffitffenfd^aft 
ergrunben unb fid^ in ber !£i^eoIogie bie i^öd^ften @rabe erkperben, 
ftnb biefe „Wfo\itV\ meint ^elagiu«, jum SCi^eil ci^emafö SMaurer 
unb ©auleute, ©fenfdjmtebe, SBagner unb fold^er Art jimtt 
getoefen^ 

derartige Sfiad^rtd^ten begegnen und fo i^äufig in ben Oueüen, 
bat ^tne aügemelne 6rf(ä^etnung ti^ncn ju ®runb gelegen i^aben mn^. 

SBenn nun aber toirllid^ bie „Sl|3ofteI" ber aftet)angeUfd^en ©e^ 
metnben nld^t fetten au« ben Äreifen bcr fficrHcute ^crt)orgingen, 
fo liegt bie grage nai^c, ob \xäf benn gar feine weiteren ti^atfäd^^ 
U(^cn än]^aft8<3ttnlte bafür finbcn laffcm 

Aeller, ^He Steformatton. 14 



210 

8lu« bcr 3^^! i>^ SBalbcnfet^Öciftltd^cn treten etnfttoetlen, tote 
o5en bemerlt, für un« nur toentge ^erfonen Befttmnit i^ctauS* SSer«^ 
i^&ltntgmägtg am nteiften U)t[fen ti>tt no($ ))on bem ))teIbef)>to(3^enen 
,;®otte«ftettnb an« bem DBerianbe"* 

!Da tft eö nun mcttoörbig, ba| getabe biefer ,,®otte«frettnb" 
in ben ©riefen, bie un« öon ti^m cri^alten finb, öon feinem ®egen^ 
ftanb i^äufiger unb öon feinem Zfftma mit mei^r fad^Ud^em SSer" 
ftänbnil f»3ri(ä^t, ate öom ©teini^auenO/Söftu^n, SÄauemaie^^en, 
t>on93erfIeuten, ©au)>Iänen u. bergL ©erabe in fold^en f^ragen 
i^oft man feinen IRatff ein; er äußert feine SSorfd^Iäge, man Befolgt 
fie — furg; er ift für feine ©traßburger greunbe nid^t nur ber 
SBeiftanb in geiftUd^en !Cingen, fonbem aud^ öor 3lttem ein SRati^^ 
geber in bauted^nifiä^en Slngelegeni^eiten 2). 

®Iei(ä^ in bem britten ©rief, ber un3 bon i^m erl^alten ift 
(1371), fommt ber ©otte^freunb auf einen ©au))Ian gu ^pxtäftn, 
ben er unb feine greunbe liegen »)• 3n bem bierten ©rief öom 
20, gebr- 1377 finbet \iäf ein f|>ecieQe« (Kugelten auf ben ©au beö 
Sird^end^or^, toeld^en bie 3oi^anniter beö SD?erfn)inf(ä^en ©ruber* 
i^aufe« beabfid^tigten; bcr ®otte«freunb unb feine ©rüber i^aben 
angeblid^ fd^on breimal über biefen ©au beratl^en *), Slm 24. 8lj)rU 
beffelben Saläre« fd^reibt ber ®otte«freunb an ben Somti^ur be« 
3oi^anniterl^aufed auf bed leiteten begüglid^e älnfrage abermals 
toegen biefe^ ©aueS^); er rätl^ ii^m ai, ben &fOX in ber t>rojieftirten 
JBeife ju bauen. @r erjai^lt bei biefer (Selegenl^eit , tt>ie er biele 
groge ©autoerfe „mit f5ftlid^cn Bierratl^en unb föftlid^en ®etoiJIBen" 
fennen gelernt ^abe. @r i^abe e^ aber aud^ erlebt, toie bei grb* 
beben biefe ®teingett>BÄe i^erabftürgten unb bie „aJHinftermauem" 
ftel^en blieben. S(ber bie SDtauem l^ätten aud^ fold^en ©d^aben ge* 
litten, „baß man nid^t mei^r barauf mauern fonnte". (Sx fennt 
®eti>9lbe ))on ©tein unb ©etoSlbe „mit hultzinen tilen ane die 



1) 2)ic ouSbrücfiid^ (grto&l^nung bc8 „@teinl^eit8" f. u. S(. bei ©d^mibt 
mc i>. SBafet @. 315. 

2) 2>iefe %fyü^a^t ifi Icingfl mäf Don Ruberen, g. 16. t>on SDenifle erfonitt 
toorben; bergt, unten. 

3) ©^tnibt 9fHc. t>, «afel @. 294 unb 296. 

4) S(. a. O. @. 298. 5) K. a. O. @. 300. 



211 

büne gemachet". Sr tft alfo fei^r gut ortentirt nUx bic m^ 
fi^iebene Zzäfnxt bcö ©etoölbcbauö, 

3a, fogat in feinen Sräumen Bef^äftigt fid^ bet ®otte«freunb 
mit 9?eubauten, Slnlegung t)on Slltätcn; ^erfteOung Don ©ilbtoetl 
«. f. to. Unb bie^ Begegnet ii^m nid^t einmal, fonbem toiebetl^oft. 
©abei fd^toeBen x^m ©imenfionen unb ©tßgen, SBeted^nungen aüet 
ärt Dor. äud^ Bebient et fid^ fold^et Sluöbtfidte unb SSSotte, toeld^c 
man nid^t leidet öon änbern aW öon SBauDetftänbigen ^ören toirb^). 

üDer ©otteöfreunb enttoirft förmlid^e Sßanplant] aud^ JRulman 
SKcrftoin Üfut baö ©leid^e unb jtoei [o ju ©tanbe gelommene ©lijsen 
fenbet bet ®otte^fteunb im 3ai^te 1377 ben So^annitetn 2), SDic 
Se^tcten i^atten juDot aud^ il^tetfeitö bem ©otte^fteunb eine ©fijjc 
cingefanbt, um beffen 9iat^ ju i^i5ten* St etti>ibette n. Sl* batauf, 
fie feilten bie SaptUt nid^t jU einet ©aftiftei mad^en, „wanne die 
muren sint zuo kräng darzuo". @t ^at alfo ©eted^nungen üBct 
not^ioenbige SÄauetftätfen angefteüt* 2lud^ ^at et etlannt, ba| 
bet Sdm naäf bet SWctftoinfd^en ©Kjje 3—400 ©ulben t^eutet 
bmmen toctbe; aBetbaö®elb, meint et, fei gut angelegt „5Jlun, 
i)icl KeBet gteunb, tooüet i^t biefen Sau anfangen, fo fanget i^n 
aud^ ftß^Iid^ an jut S^te bet ^. I)teifaltigfeit unb Bted^et biefen 
©ommet bie ©teine öon bem neuen Si^ote aB unb öetmauett fic 
toiebet an bie lange ÜKauet" n. f* to. Singet biefem ©utad^ten foü 
bet Somt^ut aud^ baöjenige^eintid^ SBefeelö unb JRuIman SWetfönn« 
einl^olen* 

3m 3Kai beffelBen Sa^teö btingt bet ©otteöfteunb aBetmal^ 
toegen be« 5KeuBauö jU „S^ten bet ^. ÜDtcifaltigf eit unb ®, Soi^annö" 
in bie Sol^annitet* St fagt, ba§ man bie Soften füt gettigfteüung 
be^ Dad^S unb bet ÜKauetn nut ju 200 Oulben öetanfd^Iagen 
Jünne; et Begteife nid^t, loatum man ben angefangenen Sau alfo 
(teilen laffe* Sö fei gut, toenn bie ©tfibct felBft ^anb anlegten, 
Steine unb $olj ju ttagem „Wanne wiszent, wie alt daz unser 
brtteder sint, so wir buwent, so helfent su". Untet bem 6. 3uli 
1377 lommt unfet ©otte^fteunb toiebet auf biefen 5WeuBau jutudt. 
(5t em^)fie^lt bem Somt^ut füt bie neue ftitd^e (jut (S^te ®. 3o^annö) 



1) ©♦ (£♦ @d§mibt Smc t>. SBafcl @» 316 f* 2) @(^mibt o^ O. @. 304. 

14» 



212 

83Jcr!tetttc anpnci^mem !3Dct Somti^ur i^attc nod^matt Bei bcn 
,;®ottc^tteunben im Obctlanb", befonbcrö aud^ bei bem „©ruber" 
yiupxeSft um JRat^ fl^ftagt; ber lefetere legte bann bie grage un^ 
ferem beIautttett^,®otte«freunbe" Dor* Su bem dtirten ©d^rciben 
referirt Sefeterer über feiue be5figli(ä^e Sonfereuj mit JRupred^t. „Do 
sprach ich: yil lieber Buopreht, du weist doch wol, daz ich 
min zit nit vil mit gebuwe vertriben habe, daramb so bitte 
ich dich, daz du mir wellest sagen, weler sin dich der we- 
geste und der beste dunket^^ 

äu« blefen SBorten gei^t inerter, bag unfer ®otte«fretiub ftd^ 
eine 3^^ ^itnburd^ in ber ^at mit ©auen befd^Sftigt i^aben mn^] 
ba| e^ leine lange 3^^ getoefen tft, begreift man, toenn man an 
bie 30jä]^rtge Sl|3oftett]^ätlgIeit fid^ erinnert, unb ferner fielet man 
barau^, bag ©ruber ^npx^t in blefen ©ingen noäf erfai^renct 
toar aW ber ®otte«freunb. 

©oüten öteüeid^t unter ben ©otte^freunben im Dberlanbe 
mei^rere ei^emallgeföerlteute getoefen fein? SSSenn manbiebau^ 
ted^ntfd^en (Erörterungen, toeld^e ©ruber ^npxtäft auf be« ©otte^* 
freuttbe« Srf ud^en glebt^r burd^Heft, fo fann man fid^ atterbtng« 
ber Ueberjeugung nid^t ertoei^ren, bag eine nal^e ©ejiei^ung gu ben 
©ruberfd^aften ber SBertteute Dori^anben getoefen fein mug* 

Slud^ iDentfle Ift eö aufgefaflen, „bag ber ®otte«freunb ftd^ 
immer gertre al8 öerftei^e er bie ©aulunft"^), 

3Äan Knute bei ber naiven ©ejiei^ung, toel^e unfer ®ette^ 
freunb ju ben Soi^annitern befag, eö erflärlld^ flnben, bag er t^tx* 
fd^tebene Sleubauten unb anlagen gern ju (Si^ren ©• Soi^ann^ au^* 
gefüi^rt toiffen totfl* Smmer^in ift eö aber bemerfenötoerti^, ba§ er 
tDteberl^olt eine befonbere S^l^eilnal^me für „beide sante Johan- 
ne sen" b» ff. für 3o]^anne8 ben 2:äufer (ben ©d^u^atron ber 
3o]^anntter) unb für Soi^anne« ben (gDangeliften ju erlennen gtebt^). 

Slud^ ber ©* Sol^annidtag unb bie @. Sol^annidnad^t f))ielen bei 
ti^m, j. ©♦ in ben f^mbolifd^en Slnbeutungen feiner (Sntfd^lfiffe, bie 



1) ed^mibt i»ic. t>. üBafel @. 312. 

2) 3tf*r. f. beut aitcrti^. 1881 ©• Hl. 

3) (£. ©d^mtbt 9hc. b. ^a\d <^* 317: »Nu solt du aber me wiszeo, daz 
die alge weltige heiige ewige drivaltikeit wil, alse der nuwe geba angefaDgeo 



213 

et oft in Zxaumt Udhtt, eine mcrftDiirbtge 9ioüc* ®n Zxanm, ber 
x^m In ber 3o^annt«na(J^t geworben x\V), ffcA für ti^n eine befon^ 
bete SBebcutung 2) unb einer SriJffnnng, bie ii^m „her Johans" am 
©♦ Soi^anni^tage ma^t, legt er groge S33i(ä^tigleit bei. ßben biefer 
$ctr 3o]^anne^ i^otte feinen 9iamen eri^alten, aU er fid^ ben „©rü" 
bctn" angefd^Ioffen i^attc nnb Dom Qnbenti^um jnm Si^riftent^nm 
übergetreten toar. 

!Die innere Sertoanbtfd^aft, »eld^e jtoifd^en nnferm „®ottcd^ 
freunbe" unb ben SBerHeuten unb il^ren ©^ßpfungen befielet, ift 
»on ben Äunftl^iftorilern längft auf ganj anberen Segen erfannt 
unb bargeti^an toorben. 

SBir i^aben oben gefe^en, ba^ biejenige religiöfe Stiftung, ald 
beten 8ie)>räfentanten 8tulman ÜBerftoin unb ber „®otteöfreunb 
au3 bem Dberlanbe" ju betrad^ten finb unb loeld^e in bem ge* 
leierten ®)>ra(ä^gebraud^ ber JEi^eologen mit bem 9iamen „SDi^ftil" 
Bejeid^net ju »erben :>3flegt, in ben Greifen ber „SBalbenfer" ii^re 
utf^stfinglid^e unb eigentli(ä^e ^eimat^ befifet 

!Der bel^errfd^enbe ©nflu§ biefer fogenannten äß^ftil auf bie 
Bübenben Äfinfte jener S^age ift öon ben au^gejeid^netften Äunft*» 
l^iftorilem na(ä^geti)iefen loorben. ßarl ©d^naafe fagt gerabegu, ba§ 
nut berienige bie Runfttoerle be^ 14. Sai^ri^unbert« red^t jU Der^ 
ftei^en im ©taube fei, meld^er bie ©d^riften ber „©otteöfreunbe" 
gelefen l^abe^)* Unb umgelel^rt U^anpitt er t)on ber iCl^eologie ber 



ist, daz der gantz und gerwe für sich solle gon und man in sol loszen gantz 
also ston zuo erwirdikeit der lieben groszen hohen heiigen den beiden 
santeJohannesen; und denselben nuwen fronaltar, den man do machende 
wurt, und den kor und daz nuwe gebuweze alles mitenander wihen in ere 
der lieben groszen heiligen der beder sante Johannese". 

1) 9Wc. t>. «afet @. 330. 

2) 2)a6 Ui ben SSauteutcn ber @. Sol^anniStag (24. 3uni) eine befonbcrc 
55cbeututtg l^atte, iji bereite im 15. 3al^rl^unbert urlunblid^ ju belegen. 2)iefer 
$tau(^ ifl aber ni^t ettxKi erfl bamats aufgelommen, f onbern tme oKe berarttgen 
^Sttd^ uralt. äJ^an pflegte an biefem Za^ bie 8auptte mit Saub ju fd^mttcfen 
imb mit ^xSn)eit ^ gieren; aud^ n>ar ,^ütten)ed^e'', b..]^, ein geflgdage. ©iel^e 
3attner ©ie SSonl^ütten 2^3. 1876 @. 226. Sanner giebt iRa^toeife ou« ben 
Salären 1459,. 1487—89; 1530 u. 1532. 

3) ©d^naafe ©efc^. b. büb. Äünpe S3b. VI @, 58. 



214 

SSl^fttfet: „®tc nimmt augenfdJeinKd^ einen lünftlerifd^en ^n^ 
lauf unb mir »erben bei naiverer Setrad^tung gleid^jeiäget SDiale^ 
rcien untoiülftrßd^ an ii^re SBettDanbtfd^aft mit biefen aSotfteUungen 
ber aR^ftiler erinnert" 0. „©eibe, ÜK^ftiler unb »ünftler, ge^en 
auf bemfetten SBege toeiter"^), 

& hzxnfft biefe Sßai^rnei^mung nid^t auf allgemeinen (Sinbrüden 
ober em|>flnbungen, fonbem auf ganj f^>egieüen JEi^atfad^en* 2)a3 
jeigt \i^ i.Sß. in ber ®^mb etil, ml^t fotool^l bei ben (Sotteö^ 
freunben toie bei ben SBerlleuten öorfommt 

ÜDie ©^mbolil f<>ielt bei ben „ÜJi^ftilern" eine ganj l^erDor* 
ragenbe JRoüe, Slnfld^ten, JRat^fd^läge, ßel^rfäfce, toeld^e fie an^ 
gurd^t öor ben fiefeergerid^ten nid^t mit i^ren »irflid^en 5Ramcn 
nennen burften, bejeid^neten fie mit einer Slrt t)on ^tvStm^pxai^f 
toeld^e meift nur ben „©rfibern" felbft belannt toar* ©d^naafe 
toeift mit JRed^t barauf i^in, bag fie abfid^tlid^ i^ren JRati^fd^lagen 
eine aüegorifd^e @inlleibung gegeben gu i^aben fd^einen^). 

3n biefer ©^mbolil f^ielen nun bie grfd^einungen be8 ßid^te^, 
ber SBärme, ber ®d^ö)ere, beö SBeltattö, „mit einem SBorte bc8 aß* 
gemeinen 5ftaturleben3" *) eine gang befonbere ÄoQe* 

5Da« Sid^t ift baö Symbol beö ©eifte« beö ®uten, ©otteö, 
(S^rifti, ber ^eiligen- !Cie SRofe ift ba« Symbol geitüd^en geibenö, 
ber Slbler ba^jenige ber Äraft; tt>ei|e®ett>änber finb ba« ©^mbol 
ber JReinl^eit (Sble ©teine, leud^tenbe Sreuge, mit ©lutötro^jfen 
bef^>rengte ftleiber, fir^ftaüe, ©lumen aüer ärt finb bie nod^ r>xtU 
fad^ ungebeuteten ^tiäftn i^rer ®^>rad^e5)* ^^@ie rebet faft nid^t« 
ol^ne bilblidf^e äußere 3eid^en öon Oott", fagt ©d^naafe. 

aiud^ fold^e ©^mbole, »eld^e f^>ecieü an bie ©aulunft erinnern, 
leieren i^äufig in biefer giteratur toieber, befonberö ba« fflilb bet 
©tufen ober ©taffein, ber ©tiege ober ßeiter, tt>ic toir bie^ oben 
an ben erioä^nten ©d^riften : ,;95on ber geiftlid^en Seiter" unb „aSon 
ber geiftüd^en ©tiege" ober bem „S3ud^ Don ben neun gelfen" bereit« 
gefeiten i^aben* 



1) «• a. O. ©• 50. 2) 2t. 0. O. @. 59. 3) «• 0. O. @. 44. 

4) ©d^naafc a. O. @. 46. 

5) (Sine n^txt Unterführung ber add^cnf^rad^ ber SÄi^fHfcr »arc fe^r 
tt^ftufd^endtoertl^. 



215 

ÜKetft tt>erbcn btcfe ©tufcn nid^t in ber 9lcttnga]^t, fonbern 
in bct ©tebenjai^I öotgefteüt, cntf^^rcd^cnb ben „ficBcti ®abcn be3 
^. ®etftc«" unb „bcn flebcn SBcrIen bcr ©armi^erjtgleit", tocld^c 
mif bem 3^i^9^^S 9(uguft 3unbtd ju ben Stebttng^t^ematen ber 
gottc^frcunbltd^en ßitcratur gd^örcn^), 3>ic ,,fte6cn ®abcn be« 
J. ©eifteö" jinb nad^ SKerftoin SBet«^ett, aSctftanb, mt^, ©tärle, 
(Etfennttttl^ ©otteöfut^t unb Siebe, unb bie fieben äBetle ber Sdaxm^ 
i^ctjiatett toerben gemäl ß^rtftt Sotten SKatt^ 25, 35—36 befttmmt, 
ioäf mit ber SOtaggabe, ba§ ju ben bort genannten ald fiebenteS 
Sßerf baö Sobtengeleit i^injugefügt totrb* 

Die ©^mbole »erben In ben ©d^riften ber (Sotte^frennbe in 
bie SSifionen öertoebt, beren l^äuflge aSertpenbung toir bei il^nen 
f^on früi^cr conftatirt i^aben* SBenn irgenb ettoaö für ben geiftigen 
Utft)rung biefer SReligionöanfd^aunngen bejeid^nenb ift, fo ift eö bie 
J^atfad^e, bag bie „aÄ^ftiler" felbft in ben ©eftaltungen i^rer 
^i^antafie nur fold^e SSorftettungen fennen, »eld^e bcr Seigre ber 
,;S8rfiber" belannt waren, baß bagegen bie3beenbed gegfcuer^, 
bet ^öHe, ber böfen ®etfter feiten ober nie in ben SSifionen 
auftreten 2). „gi^re ©^mbolil ift einfa(ä^", fagt ©d^naafe, „ii^re 
«ilber ftnb fanft"* „äOe il^re asifionen finb freunbU(ä& unb jart, 
etnfad^ unb lid^t"* 

Unb bie gleid^en aJierhnale ber ®nfa(ä^^eit, 3^^*^^^^ i^^b tid^ten 
Slarl^eit befifeen bie ßrjeugniffe ber erften ftttnftler Jener SCage, 
jumal in ber ^laftif unb SKalerei, 

ffienn loir bie ßeiftungen ber beutfd^en SJialer, fagt ©d^naafe, 
mit ben Silbern Dergleid^en, t)on benen ber ®otteöfreunb im Ober*» 
lanbe träumt, unb nod^ mel^r mit ben SBilbem, loeld^e i^rer ^i^an^ 
tafie t)orfd^tt)ebten, fo lann unö bie SSertoanbtfd^aft nid^t 
entgelten* Srft baburd^, meint berfelbe 2lutor, lernen tt>ir bie 
Stbfid^ten ber Sünftler red^t »erftel^en, unb eö fei eine „unerwartete 
ßlar^iett", toeld^e »on ber m^ftifd^^eligiäfen ©ewegung <iu« auf 
bie gteid^jeitige Äunft faüe^). 



1) Les Amis de Dien au quatorzi^me si^cle. $ari9 1S79 ®* 25 %rtm* 2 
unb @, 23 Slnm. 2. 

2) i^d^on Don ©d^naafe beobad^tet a. O. @. 49. 

3) ©djnaafe o* O. ©• 58. 



216 

® ett bem 1 2« dol^tl^unbett i^atte bet®tetn6autn ÜDeutf ($lanb 
eine Sebeutung geioonnett; bie man btd bai^tn nxäft gelannt i^atte. 

®n ncneter ftnnftfenner, Stuguft JReuä^enf^jerger , [(ä^ttbctt bie 
(Sntbndtnng, mläft bet ®teinBan feit jienet 3^t nai^m, in folgenber 
ffieifeO: „Sn ber SC^at gtenjt e« an« gaBeli^afte, toaS bom 12. 3a]()r^ 
i^nnbett an Bi« jum 16« in bent Sereid^ ber d^riftlid^en (Si))iItfation 
geBant; gemeigeft, gemalt tootben tft 5Ro(J^ immet ftei^t, tote fel^t 
auü^ bie f))äteten ®ef^Ie($tet barin getoüt^et i^aBen, ein SBalb Don 
ftati^ebralen aufredet, an beren Bloßer (Sti^altung bie ©egentoatt 
t)erjagt 5ßci^men toir nod^ bie fonftigen ftird^engeBäube baju, bie 
Älöfter, bie ^aläfte ber gürftcn nnb ©tabtgemeinben , fotoie bie 
SBefeftignngöBanten aOer Slrt, nnb ertoägt man, toie uoüenbct nnb 
Mlnftlerif^ bnrd^gcBilbet ein jieber fold^er ©an in feiner SBeife er^ 
f(ä^eint Bi« i^eraB jn ben fd^Itd^teften SBoi^nnngen, — ertoägt man 
enblid^ nod^, bag f eitler in betreff ber me^anif^en ^ölf «mittel 
nngci^cnre gortfd^ritte gemad^t toorben ftnb, fo lend^tet ein, ba§ 
»ormal« ^eBcI ganj Befonberer ärt toirifam getoefen fein muffen. 
(Sin ^anpfffibzl biefer ©attnng ift jtoeifetöol^ne in ben Sani^ütten 
be« ÜKittelalterö ....in fnd^en". 

^nn ift e« ioäf Bead^ten^toerti^, bog eBen ba« 12. Sai^ri^unbert 
ber 2lnfangö^>nnlt ber großen gciftigen SBetoegnng ift, toeld^e öon 
Statten nnb granfreid^ an« nBer ganj 5B3eftenro<>a fid^ bnrd^ bie 
nngetoö^nlid^e 9lu«Breitnng beraltd^riftUd^en^emeinben Innb 
gieBt. 

SBen öon 5WorbitoUen nnb granfreid^ i^er lamen ja auäf bie 
„STOeifter", toeld^e bie ©runbjüge ber ©anted^nif mitBrad^ten, toeld^ 
bann in IDentfd^Ianb i^re felBftänbige (Snttoidtnng nnb i^öd^fte S3titt^e 
flnben foüte» 

Dajn lommt, bag, toie nad^ Sllüarn«' 3^wp^S nrlnnblid^ feft^ 
fte^t, bie „Seigrer" ber „SSSalbenfer" e^emal« felBft ^änfig an«fibenbe 
SSerftente getoefen toaren« 

Siegt nnter fold^en Umftänben ntd^t bie S3ermnt^ttng nai^, ba§ 
jtoifd^en ber a[u«Breitnng be« ©tcinBan« nnb bem Slnffd^tonng ber 
altd^riftlid^en ©emeinben eine SSSed^feltoirlnng ftattgefnnben l^ot? 



1) ©crmifd^tc ©d^riftm üBcr d^rii^tid^c Äunji S^g- 1856 @- 15^ ff- 



217 



©icfe änfid^t cri^ält eine uierltofirbige Seftätigung burd^ bte 
I^otfad^e, bag gerabe bteiemgen Sänbcr unb ©täbte, in toeld^en ble 
grogatägften beutfd^en ©telnbauten Jener Sai^ri^nnbette ewad^fen 
finb, bte üomei^mftett ©ifte ber toalbenfifd^en „ftefeerei'' »ntben unb 
iMm. Wlan benle an ©ttapnrg, &Hn unbSSien, totläft 
neben ben i^ettltd^ften ©onien gngleid^ bie gtiJgten „Sefeergemetnben" 
etjeugt :^aben* 35on bicfen SIKitteI^>unften an^ flnb bann bie ganjen 
«mftegcnben ßanbe beeinflußt toorben» 

SBie bem aud^ fein mag, fo ftei^t bod^ fo Diel feft, bag feit bem 
12. Sai^r^unbett bie „©rubetfd^aften" ber ©tcinme^en in 
Dentfd^Ianb eine große 5Roüe unter ben ®ilben ju f^)ielen beginnen» 
Die {Verlegene (SteQung, koeld^e bie Kultur bed ©übenS bantal^ 
no(i^ Befaß, mußte, in toeld^em ^Berufe auä) ii^re iCräger nad^ bem 
Sterben toanberten, ben ^erfonen, bie mit ben ©übtänbem in bem 
ilnäftn ©unbe t^ätig »aren, bie Srrungenfd^aften einer älteren 
unb reid^eren (Sultur bi« jU einem getoiffen ®rabe »ermitteln. Sn-» 
bem bie ijremben jugleid^ einen feften 3«fftwmen]^alt unb eine be^ 
öjöi^rte Organifation mitbrachten, übertrugen fie aud^ biefc 35ot?üge 
auf baö ^anbtoerl, an beffen ®^>ifec fie fid^ fteUten. 

® ift bclannt, baß bie SBerlteute, »o fie fid^ jur äuöfü^rung 
eine« JBau« jufanraienfanben, fid^ in einer „^Mt'^ vereinigten. 

35ie „S)ütte", b. ff. ber gemeinfame Slrbeitöraum , ben fie in 
ber M^t be« ©au« fid^ jimmerten, toar ber lolale ÜÄittel^unlt 
aller ber JEed^niler, toeld^e bei bem S5au mitjumirlen berufen »aren. 

Die „C>ütte" toar, too möglid^, im aSiered errid^tet; im Dften 
^tte ber SWeifter feinen ^la% unb feine SBerlbant 3n ber Siegel 
enthielt fie nidjt nur bie ärbeitöftätten, fonbem aud^ ©eratl^ung«- 
jtmmer, 5Regiftratur^ unb Sßerfjeugöräume. ®ie toar ein frieb*» 
i^etliger Drt, toeld^en 5ftiemanb betoaffnet betreten burfte. 

3n jeber $ütte »aren außer bem ÜBeifter alö »eitere Drbner 
unb Beamte ein „^arlierer" unb ein ÄaffenDertoalter t^ätlg; bei 
größeren Sauten toar aud^ ein ©aufd^reiber angeftcüt 

& ift fiberliefert, baß bie ©au^ütten i^äufig mit Äa<>eaen ober 
mit einem Kaum jur Uebung be« ®otte«bienfte« Derbunben toaren unb 
baß ber „©aufd^reiber" bie gunftionen be« ® eiftlid^en toa^rnoi^mO- 

1) 3anncr a. O. @. 102. 



218 

!Der ^lafe bct ^ütte unb il^rc 3ttfaffcn toaren l^äufig öon bet 
titcberctt ©crid^töbatlctt ejimitt unb bct „SMcifter" fd^aftcte auf 
feinem ©oben ate 9it(ä^tet untet ben „©rübern". 

®o enttoidelte fid^ fc^on in frül^en ^Attn au8 bet ©aul^ütte 
eine ©tuberfd^aft, toeld^e intern Utf^>rung unb ii^rem SBefen 
nad^ t)on ben lolalen ^anbtoetletjänften \iä) eri^eWid^ unterfd^ieb^). 

giatutgemäß toaren bie ©lieber biefer „©ruberfd^aft" barauf 
l^ingetDiefen, fid^ nid^t mit einer lolaten SDrganifatiort gu Begnügen; 
öielmel^r Beburften fic bei bem l^äufigen SDrt^toed^fel eineS aüge^ 
meinen ©unbe^ aüer berer, toeld^e ©teinmefebraud^ unb (Bttooffn* 
ffüt lannten. 

©leid^jeitig umfd^lang fie ein fefte^ ©anb burd^ bcn'©eft^ 
öieler befonberer Äenntniffe, toeld^e bic Sluöübung i^rer fd^toierigcn 
Sunft erforberte. Um fid^ bie 2luMbung beö ©etoerleö gleid^fam 
ate äßonopol ju fidlem, pteten fie biefen ©efife Dor jebem unbe^ 
rufenen Singe unb bieSci^eiml^altung toarb jebem eintretenben 
©ruber jur ftrengften ^flid^t gemad^t 

S)ie ©auptte felbft ift in ben (Srunbgfigen i:^rer Drbnung 
fid^erlid^ uralt, t)ielleid^t fo alt toie bie l^Sl^cre Sied^nil be^ ©tein* 
bau^ ubttffanpt 5lber ber f<)ecielle © u n b ber beutfd^cn ©au^ 
l^ütten, toie er biö in baö 18. unb 19. Sai^rl^unbert, toenn aud^ 
gule^t in Derlümmerter ©eftalt, beftanben i)at^), bürfte fd^toerlid^ 



1) 9fhtr ttod^ ein einjigcr SöcrufSjtocig Beburftc, fo Diel td^ fcl^e, in bamoliger 
Seit ebenfo »ie bic SSauteute einer „©ütte", nätnlid^ bie großen (Sifcntoer!c, 
toie fte in einjelnen 2:i^eilen ©eutfd^lanbö f d^on frül^geittg unter bem ^amtn bon 
,,^ammerl^ütten" borfomuien. 2(ud^ in biefen Serien bereinigten ^äf^o* 
bettirer, ©d^miebe u. f. jö. in einer gemeinfamen Sßerfjiatt, unb eS iji fel^r k- 
geid^nenb, baß, »ie toir feigen »erben, and^ bei ben „©ammcrptten" toid^tige 
:|)rinci|)ieKe Unterfd^iebe bon ber Sunftberfaffung ber übrigen ©anbjöerle in i'^ren 
©tatttten gn Xage treten. 

2) @ine Oefd^id^te beS ©teinmeftbunbe« ber festeren 3al^rl^unberte.c^fHrt 
leiber nid^t. ^m 12. Stnguji 1671 befd^tog ber Sfteid^etag gu SftegenSburfl, bag 
bie ©tragbnrger ©ütten^Oberl^ol^eit, »etd^ forttüäl^renb in :|>raltifd^er Oeltnng 
n)ar, aufhören folle. Xxoi^ ber (Srobemng ©tragburg^ burd^ bie granjofen »arb 
bie alte Orbnung ni(^t böUig unterbrod^en. ^er 9lei(^9tag erneuerte bie $er« 
böte 1707, 1727 unb 1731. @nbtid^ am 15. 3nß 1771 »nrbe bie beutfd^ ©an* 
l^ütte bnrd^ 9fleid^8befd^tu6 al8 (5or:|)oration gang aufgel^oben. @ie befielet 
flleid^ttjol^l mit ettoa 100 ©rübern formell U^ auf ben l^eutigen 
Sag. m^txt^ bei mi^ a. O. @. 38. 



219 

öBet baS 12. Qa^xffnnttxt i^inauörctd^cn, ja c« \ä)mt, bag bte nad^- 
tnatifle Drgamfatton aüer beutfd^en ^üttcn, bte tott lennen lernen 
u>erben, erft im 13. 3ai^ri^unbert entftanben tft 

J)arauf beutet bie iCrabitton be^ beutf^en ©tetnmefebunbe^ 
felbft ffin. ©iefelbe tft in öerf^iebenen gotnien auf unö gefommen, 
ober öon peben befannten SSerfionen beuten ni^t toeniget ate t)ier 
iCLUi au«btfi(fii(J^ auf bie jtoeite $älfte be^ 13* Sai^r^unbett«» 

3laäf ber etften biefet t>kx SJerftonen foüen bie Statuten beö 
beutfd^en ^üttenbunbe« in Mn jur 3eit beö Sttbertuö SKagnu^^) 
(t 1280) enttDorfen toorben fein; bie jtoeite fagt, baß 3Äeifter Srtoin 
am SDlünfteT ju ©traßburg bet erfte ©togmeifter ber beutfd^en 
$)uttett getoefen fei unb bag bie ©traßburger glitte bereite feit 1275 
ate ©rogi^fitte anerlannt toorben fei 

!Die britte S5erfion cnblid^ ift infofern intereffant, ate fie fagt, 
ba§ ^ai>ft gWcoIau^ HL umö Sai^r 1278 ben ©teinmefeen getoiffe 
äSorted^te eingeräumt l^abe* 2Benn man namßd^ bie eigenti^ümlid^e 
©tettung lennt, toeld^e ^a<3ft 9HcoIauö EL ju getoiffen geiftigen 
©trämungen, j. Ä im granciölanerorben, im auögef^>rod^enen ®e^ 
gcttfafe gu feinen- Vorgängern unb Slad^folgern eingenommen l^at, 
fo etfd^eint biefe SCrabition mel^r ate eine bloße ©age ju enthalten. 

ÜDie öierte gorm enbUd^ bringt Äaifer Äubolf Don $aböburg 
mit ber JBegrunbung beö ©unbeö in ©ejie^ung. 

©elbft toenn biefe JErabittonen bi« ju einem getoiffen ®rabe 
mit 3ttnftfagen Dermifd^t fein foüten, fo liegt ii^nen bod^ unjtoeifel- 
l^oft ein Sern §tftorif(ä^er SSSal^r^eit ju ©runbe^ Stile ©(ä^lußfolge^ 
rungen, bie man an ber ^anb ber Urlunben mad^en lann, toeifen 
ebenfatt« auf bie SBenbe beö 13. unb 14. 3a^r^unbertö ^in. 

!Da eine große, loeitreid^enbe unb burd^ baö aÄono^)ol gcfid^erte 
a9ttnbe«genoffenf(ä^aft bie ,;Srüber" ju einem einflußreichen SSla^U 
f alter mad^te, fo ergab fid^, baß fie t)iel weniger alö bie lofalcn 
3ünfte t)on ber ®unft ober Ungunft ber i^errfd^enben ®ett>altcn in 



1) 2)iefdben ftttben ft(^ aufge^al^lt bd mi^a o. a. O. 1881 @. 35. 

2) %&tm bU 2:rab{tion ben SObcrtug felbfl an ber Slbfaf(ung tl^cilnd^men 
lägtr fo \^ ba6 natfirlid^ eine SSemcd^fetung. Stber »er erinnert ftc^ nic^t an 
^üfitt (Sdaxt, ben ^ojlel ^altl^er unb bie große ©emetnbe jn Mn in ben 
erften Sal^rjel^nten be9 2)omban9? 



220 

^xäft unb ®taat aBl^&ngtg loaten« (Sin bered^ttgted ©elBftmtratten 
gab fettft beut getoö^nUd^cn ©tclntncfecn einen freieren 3^9 ^^^ 
ein felbftbetDugtcö ©treben. SBäl^renb in einer ^t\t, too baö f)aiib* 
toerl immer me^r »on gürften unb Abel gelned^tet tixirb, beffen 
einjelne ©lieber geiftig Dielfad^ t)erlümmerten, i^aben- fid^ ba« beutf^e 
^aui^anbioerl unb bie ))on ii^m beeinflußten fiunfti^anbiDerle lange 
3ett ii^rc geiftige ©elbftänbigleit gu toai^ren öerftanben* 

2)enn eö gei^Srt eben ju ben toid^tigften Srfolgen ber „©au* 
^ l^ütte", bag fie unter aüen t)ertoanbten ®etoerl«gö)eigen ftd^ eine 
bei^errfci^enbe ©teüung gu »erfd^affen getoufet i^ot 5Die naiven öe^ 
giei^ungeU; toeld^e STOaler, gormfd^neiber, ©d^miebe aUerSlrt, 
3immerleute unb onbere $oIgarbeiter, mit ben ^uttcn uerban^ 
'ben, toaren ja burd^ bie 5Ratur be^ SautoefenS gegeben» Die na^ 
türlid^e gotge ber beftei^enben SWad^tt>er^äftniffe aber toar, baß bie 
[tariere 6or^)oration bie fd^toäd^eren in ben Srei^ ii^re« ©nfluffe« 
i^inetngog unb fo gleid^fam ber geiftige a)WtteI<)unIt unb baö ^aupt 
eine^ mäd^tigen S5erbanbe8 beutfd^^er ©üben tourbe* 3ln £)tten, 
too leine befonbere SWaler^ unb ©d^miebegilbc beftanb, fd^einen We 
eingelnen aSertreter biefe^ ^anbtoerfö fogar bei ben ^ütten freien 
3utritt befeffen gu l^aben» 

„®o enttoidtelte ftd^", fagt 2luguft 9ieid^enf^)erger, r^gugleid^ mit 
ben übrigen ftäbtifd^en Oetoerlen jene großartige Sor|>oration 
(ber SBauptte), bie auf bem Äunftgebiete eine ärt UntöerfaU 
l^errfd^aft ausübte'' 0- 

So ift ertoiefen, baß in biefer Sor<>oration eine genaue Äennt^ 
niß ber]^*®d^riften Sttten unb 5Reuen 5Eeftament3 ^eimifd^ öKir. 
SOtan l^at gefagt, baß bie äßittoirlung an ben ^rd^enbauten unb 
bie barin gum 9lu^brudt fommenbe ®^mboUI bie ftenntmß ber SÖibd 
für fie uot^tDenbig gemad^t l^abe, unb ed liegt barin aKerbingä ttm9 
SBai^reö* äüein angefid^tö be« Umftanb«, baß bie i^errfd^nbe Äir^e 
bamaö f^ftematifd^ ben Saien bie ®ibel entgog, muß ed bodj Be= 
merlt toerben, baß bie „SBruberfd^aften" fid^ biefen ©d^afe niemott 
i^aben entgiel^en laffen* 

So toürbe, toie id^ glaube, möglid^ fein, ben 5Rad^ti)ei« gu führen, 



1) 21. Sleici^euf^ger SScrmifd^te ©d^riftcn ß^j. t856. @. 158. 






221 

ba§ bte mit btefen SBtubctf(3^aftcn jufammeni^änacnbcn „gorm^ 
f^nctbet", au8 bcrcn ©(ä^ooß btc Sdnäfixndtx i^ctüotacaangen 
finb, mt^x d« itgenb eine tl^eologifiä^e 8ti(3^tung gut aSetBreitung 
bet ©ibel beigetragen l^aben. auf biefe toid^tige SC^atfad^e toetben 
tptt toeiter unten jurücfiommcn. 

(gd ipitb und l^eute nid^t ganj leidet, und in bie ®eban!en^ 
toelt jener Reiten ju »erfefeen. Sd ift fidler, baß bie religiöfen unb 
uiÄefonbere bie d^riftUd^en 3been aHe ©täube unb alle gcfeBf(3^aft* 
fi^cn ©eftaltungen in einer SSSeife burd&brungen i^aben, tt>ie e« 
l^eute nid^t mel^r ber gatt ift 

(gtne mittelalterlid^e 6or^)oration ift oi^ne eine beftimmte „d^rift^ 
Hdje Drbnung" gar nid^t benibar, b. i^. eine jebe ©emeinfd^aft 
^atte »enigftenö einmal im Saifx iffxm gemeinfamen ©otteSbienft, 
fte begann unb fd&IoS ii^re regelmäßigen 3ttföi«wenlünfte, %Sa^U 
acte u. f. ö). mit beftimmten ©ebetcn, fie befaß ii^r religiöfeö Sere^ 
monieß bei ber ^ufnai^me neuer ©lieber, fie i^ielt Slraueröerfamm^ 
lungen mit ®ebet beim Slobe eine« ,,©ruberö" u. f* vo. 

Saft aüe (Silben unb 3^"^^ ftanben in ©ejug auf ii^re reli^ 
gtSfen Sebürfniffe unmittelbar unter ber Leitung be« i^errfd^enben 
SIeruö. 3]^re ©otteSbienfte tourben in ben ßtrd^en abgei^alten, il^re 
Serfammlungen felbft üielfaiä^ üon ^rieftern eingeleitet unb ge^ 
f^loffen. 

(Sd t)erfte]^t fi($, baß aud^ bie ©teinme^en unb bie f)ütten fid^ 
biefer (Sintoirfung ber i^enfd&enben Äird^e nid^t gan j ent jiei^en lonnten. 
äflein üiele äujeid&en fjjred^en bafür, baß fie aud^ l^ierin fid^ infofem 
tl^re ©elbftänbigleit toai^rten, al8 pe i^ren aScrfammlungen burd^ 
einen ber Si^rigen bie religtöfe SBeil^e erti^eilen ließen. @ie befaßen 
ia bie ©ibel unb ein ®ebet barau« t)on bem SWeifter üorgelefen 
fd^ien i^nen ebenfo erbauenb unb ftärlenb, al8 toenn ein ^riefter 
e« gef^rod^en ff&ttt. 

Um bie« ju »erfte^en, muß man fid^ erinnern, baß, toie toir 
oben gefeiten l^aben, bie 3been ber SSSalbenfer tiefen ©oben gerabe 
^ter gefd^lagen Ratten, ffienn an« ben „SBerÄeuten" oft „8l^>ofteI" 
tourben, toarum foöen bann nid^t i>ieöeid^t anftatt ber ^riefter eben^ 
biefe „©enbboten" bie Leitung ber „©ruberf(^aften" ebenfo in ber 
C)anb gehabt i^aben, toie fie bie geiftUd^e p^rung ber ©eg^arben 



222 

unb ©egi^tncn bcfagen? ©ag baüon ftcUit^ itid^tö aufacjctiä^nct 
tootbcn tft, lanti jcbct ©nfid^ttge fid^ fdbft fagen. 

©d^on nad^ bcm gegenwärtig üotliegcnben SWatetial lann man 
meinet ßtad^tenö etfolgretd^ ben ©etoct^ antreten, nid&t Bloß, baß 
eine fold^e getftüd^e ©ejtel^ung ber ,,§ütten" ju ben „Srübern", 
bie fid^ „ß^rtftcn" nannten, fett alten 3^tten Beftanben l^ot, fon^ 
bem and^, baß bie formen, Seremonien, bie ganje SSerfaffung unb 
Drganifation ber „©anptten" wie be« gefammten Snnbe«, unter 
bem ®nflu| jener „©emeinben S^rifti" entftanben ift, bie alö 
SBalbenfer ober ©egi^arben in ber Sird^engefd^id^te belannt finb. 

5Die SSororte ber SSSalbenferbetoegung in Deutfd^Ianb toaren 
Söln unb ©tra^Burg, unb feit ben furd^tbaren SSerfoIgungen be« 
Srjbifd^ofö ^einrid^ üon SSirneburg ti>ar le^tere ©tabt unbcftrttten 
ber ?)au^tfife ber ©ruber. S)ie näd^ft toid&tigen Orte toaren in ber 
©d&toeij aSafel, Sern unb 3ürid&, in S)eutfd^Ianb Ulm, SLug^Burg, 
9Iegen«burg, §Kürnberg, in Deftreid^ SBien, ©teier u- 91. 

• (S^ toar ein enge^ ©anb, toeld&e^ bie ©emeinben umfd^lang, 
bod^ nur auf münbUd^en ©efefeen berui^te bie S5erfaffung unb rei^ 
fenbe ©enbboten toaren bie regelmäßigen unb i^eimlid^en aSermittter. 

S5erfd&ö>iegen]^eit gegen älußenftei^enbe, ©ei^eimi^altung ber eignen 
SBiffenfd&aft ti>ar ©etoiffen^^flid^t jebeö ßinjelnen. Unter cinanber 
lebten fie ti>ie ©ruber unb ©d&toeftern, fanben fid^ i^eimlid^ jufam^ 
men jum ®ebet unb jum ®enuß be^ älbenbmai^te, toorauf fie 
großen äBerti^ legten. 5Kid^t in äußeren Uebungen, fonbem im 
äBoi^lt^un unb §ülfeleiften an greunb unb an geinb fanben fie 
ben ©d^ö>cr<>unlt ii^reö ©otteöbienfteö, ja fie nannten fold^e ^föd^t^ 
erfüHung mit ©orliebe „©otteöbienft". 

©ruberliebe, SEreue, ©erfd^toiegeni^eit, SBai^ri^aftigleit i) unb 
©armi^erjigleit gei^örten jU ben SEugenben, toeld&e in ben ©emein^ 
ben befonber^ betont tourben. 

1) S)a6 bie ^ftid^t ber unbcbingten SQBal^rl^afttöleit bei ben SBoIbctiferu bc- 
fonbcr^ betont tourbc, feigen toir aug einer Slufactd^nung ouö bem Saljre 1404 
über bie „SectaWaldensium''; bort l^ßt e^ „Mendacia voluntaria maxime 
solent evitare**; cbenfo toirb au bcrfctbcn ©teile il^re 8erf^ö)iegcnl^t an- 
gebeutet bur^ bie Sorte: „in verbis sunt sibi cauti**. (£. ©c^mibt in 
gfHebnere ätfci^r. f. b. l^ip* Sl^eol. 1852 ©. 244. 



223 

Die ©tuttblagc bet g^njcn aSetfaffung ti>ar ixt aSerfammlung 
ber „©rüber". 3e mei^r btefe barauf l^ielten, ba| ber Slufna^me 
in bie öoBen ditäftt eine emftlid&e Untertocifung üoranging, um fo 
unbebenHid^er lonntc bie ©ruberfd^aft ben ditc\pxxttn f:()äter toid^tige 
iRciiJte einräumen- !^ic ,,®emeinbe" toä^ftebic „Magistri", fo^ 
tote bie Slelteften unb üDialoncn, toeld^e aüc äußeren unb in^ 
ncrcn ängelegenl^eiten üertoalteten. S)ie Magistri l^atten bie geift^ 
ß^en ijunltionen ju üben, bie Mteften toaren bie ®t&iim ber 
crfteren unb re^räfentirten bie ©emeinbe, bie üDialonen enH)fingen 
ba^ (Selb, toeld^eö für bie 9lrmen gefammelt tourbe, unb üert^eilten 
e^ att Sßmofen^3fIeger an bie ©ebürftigen* 

J)te ^ierard^ie ti>ar mithin in brei ®tuf en gegliebert ; bie bret 
„Ofdines" toaren gleid^fam bie ©tü^en unb S^räger be^ ©anjen* 

gür beftimmte SBegirlc toaren bie ©emeinben gu einem 35er** 
»altung«Iör^3er vereinigt üDeffen Drgane toaren bie SSerfammlun^ 
gen ber Magistri unb 9lelteften, toeld^e, toie auöbrüdlid^ berid^tet 
totrb, ca^)itelöti>eife juf ammentraten 0* S3 i f d^ S f e \oaren bie 9te^ 
jjtafcntanten unb S5orftei^er ber SJegirle unb ein „©enior" (ober 
Majoralis) fül^rte unter ben ©ifd^öfen felbft ben SSorfife. n^^^^ 
tetetoeife" fag man ju ©erid&t über ftreitige gragen, traf Slnorb* 
nungcn über bie SSertoenbung üon gefammelten ®elbern u. f* tx>. 

©n toid^tige^ ®fteb beö ®anjen bilbeten jene ©enbboten, toeld^e 
ftaft a^)oftoIifd&er ©ucceffion baö 3lpofteIamt in ber Sird^e übten 
nnb fid^ burd^ 6oo^)tation ergängten* 5lud i^rer SÄitte gingen bie 
SSifd^afe l^erijor unb bei toid^tigen SÄagregeln l^eifd^te man il^re üRit^ 
toirfung. 

(Sin fei^r burd^gebilbeteö Softem religißö^fird^Ud^er formen unb 
(Sebräud^e, auf bie ti>ir Ipattx gurüdtfommen »erben 2), »ar aU be^ 
fonbere SBiffenfd&aft ben (Seiftlid^en üorbei^alten. ®ie betoal^rten 
bie Jrabition beö 9titu8 jum 2:^eil burd^ münblid^e Sort^jflanjung, 
jum Ji^eil in ©üd^ern^ toeld^e bie ©ifd^öfe forgfältig hüteten unb 
toai^rten. 9Ziemanb, ber nid^t unter bie „Magistri" recij^irt Sorben 
toar, lannte bie 9tituaIformeIn. 9lber 3eber, meld^er fie tougte, tonnte 
obfofoire n, ^rebigen unb ben ©otte^bienft i^alten^). 

1) S5öt oben @, 82. 2) $gt ba« acl^ntc (£a^itcL 

3) (Sin römifc^Iatl^oUf^ ©egncr toitft il^ncn bicö mit ben ©orten i)or: 



224 



8lu(3^ bie ©ruber unter fid^ befaßen ßrlennung^jctij^en unb eö 
tft Uci6)ttn9totttff, bag ju btefen, tPte und überliefert tft, bie fienntni§ 
ber Biblif(3^ett (SeBete in ber ganbedf^jrad^e gei^örte. 3« Slnfang 
be« 16* Sai^ri^unbert«; too, toie toir feigen »erben, bie ,,S8rüber" 
in Snglanb toieber einen neuen Sluffd^kpung nai^men, tvarb 2:]^omad 
f)enq)ftebt Don bem ju ber ©cite gei^örigen Pfarrer gof babur^ 
als „brother in Christ" unb „a knowne man" erlannt, baß er 
ba« ,,a5ater unfer" in cnglifd^er ©^rad^e tonnte 0« ®o aögemein 
ti>ar ber ®eBrau(3^ ber lateinifd^en ®px<iäft nod^ bamafö für biefe 
SDinge. 

(Segcnfeitige f)ülf8bereitf (3^af t, au8 toeld^er bie ©egncr mit 
SBorliebc toiber fie ben SSortourf ber (Sätergemeinfd^aft ableiten 
ju IBnnen glaubten, ti>ar ftrenge ^flid^t bei biefen „S^riften". Slber 
eben fo ftreng mar bie gorberung ti^ätiger arbeit, Md^tern^cit unb 
©jjarfamfeit für benjenigen, toeld^er ju arbeiten unb ju ertoerbcn 
fä^ig toar^), 

!5)ie ©emeinben übten in i^rem ftreife eine ftrenge 3"^^ ®^^ 
ienige, ju beffen ©efferung STOai^nungen nid^tö mci^r beijutragen 
Derwod^ten, ti>arb seitioeitig ober bauernb au^gefd^loffcn- UnmaSig* 
leit in jtnnlid^en ®enüffen, t)or aQem bie 93erle^ung ber ei^elid^en 
©d&ranicn, toar burd^auö »er^Jönt aber »er unüerf(3^ulbet Dom 
Unglüd i^eimgefud&t toarb, für ben ftanb bie ©cmcinbe ein toie für 
einen ©ruber ^). 

«Dicunt, quod quilibet potest absolvere, conficere et ligare, dummodosciat 
verba«. 3tWr. f. l^ip. Z^tol. 1852 @* 245. 

1) Scd^tet 3ol^. D. SBictif II, 456 2(nm. 2, 

2) 2)er ntSl^rif^e Sanbe^l^u^tmann griebri^ Don 3i^^otitt berid^tet unter 
bcm 14. October 1596 übet bie „©rüber" in iWä^ren, bie man bamal« ^^XSnfcr'' 
nannte, baß „unter il^ncn ein groß ©%)ital IJerrfc^ unb einer, ber arbeiten 
lönne, ntüffe fe^9 bi9 fteben anbere, bie tl^r ©rot ntc^t erfc^toingen fSnnen, er« 
i^Uen/' e. ben fd^Bnen $(nffaQ bon 3. Sof ertl^ über bie ©rüber in ^^xm 
in ber „Seitfc^rift f. aßg. ©efd^." ©tuttß. 1884 $eft 6 ©. 238 ff. 

3) @« ijl bei ben SBatbenfem bie @itte urfunbtiij^ begeugt, bag bicjenigen, 
xotUlit ein ^^eflantent über il^r ©ermBgen mod^ten, eine gaoiffe ^untme ber (9e« 
meinbe für Stiftungen unb milbe ^toeit überliefen (f. Oci^fenbetn o* £)• ©em 
1881 @. 184). Sollten an9 fo^en SonbS bie Slrmeni^Sufer („©ottedl^ufer'') 
gegrünbet toorben fein? — ©gt über ba« ^rinci^) ber SBalbenfer, baß Pc über 
ber gamilie ba9 ^dä^ ®ottt» unb bie „©rüber'' nid^t bergeffen fönen, Od^fen« 
beitt 0. 0. @. 209. 



225 

5Wtetttal8 toat e« erlauBt, bat 8^^i „©rüber", toeld^c unter \iäf 
<Streit Rotten, fi(^ an bie Bffentttd^en ®ert($te toenbeten. Die SSer^ 
fammlung Don Befonber^ ernannten ©d^tebSrtd^tem i^atte äBer ben 
gaü ju urti^etten unb ii^r @^>ru(i^ galt unBcbtngt unb re(3^t«frafttg* — 

9iun t)erglet(^e man mit biefen (Semeinben bie ©rüberfiä^aften 
unb ^ütten ber SSSerlfeute; eö ift ein ©ilb, todä)t^ bi« in alle 
©njell^eiten biefetten 3^8^ ^ägt 

geiber befi^en toir au6 ben frül^eften 3riten ftatutarifd^e auf' 
aeid^nungen öBer ber „©teinmefeen ©raud^ unb (Setooi^ni^eit" nid^t^; 
»ai^rfiä^einlid^ finb fd&riftlid^e ©efefee unb Drbnungen Bei ii^nen toie 
bei ben SQBalbenfern gur befferen SBai^rung be^ ©ei^eimniffe« lange 
3eit öermieben toorben. 

3m 15* 3a]^ri^unbert, aU bie S:raJ;)ition fld^ ju üerflüd^tigen 
begann, befd^loffen bie SSertreter ber öornei^mften f)ütten, an il^rcr 
@j>ifee Soft üDo^inger oon ©trapurg, ÜJieifter 8orenj oon 3Bien u* 21., 
bie alten Orbnungen ju cobifidren unb nieberjuf(3^reiben. 

(SS ift fei^r tt)ai^rfd^einli($ , bag biefer Sobej: mand^e d^aralte^ 
tiftifd^e Eigenart ber älteften ©a^ungen nid^t toieberf^^iegelt unb 
einzelne neue ^ntffatm aufgenommen i^at*^ aber im ©rogen unb 
©anjen ift barin bod^ eine 3"fftw^^ttfaffung uralter 8tegetn 
JU erlennen. 

1) @g jtnb Bi0 jc^t fotgenbe Urhinben ber beutf^en ©oupttcn bie jut Sie- 
fonnatlott bctannt getoorben: 

U SSom 22. Oct 1397 (aBgcbrutft im Kölner 2)onibktt 1851), 

2. 2)ie fogenannten Sienet Utiuuben t}on 1412, 1430 Sunt 6. unb 
1435 «ugujl 2. (abgcbrutft bei $ormai?er, ©icn. 1833 ©b. V). 

3. Mg. beutf^ ^üttenorbmmg bom Saläre 1459. 

4. Xotgauer Drbnung bom Saläre 1462. 

5. (£a^itel>«Orbiuuis bon 2>pti9it 1464. 

6. 2)e«gl. bom 3aljrc 1469. 

7. Orbmtttfl ber 8ruberfd^aft ber ©teinmefeett ber ®raffd^ft Zt^xoX 
bom Sa^rc 1480. 

8. 9legen9burger <Stemme^orbnttng bom 3al^re 1514. 

Sgl ^eibeloff ^e ^aul^ütten bed äRittelaUerS. 9»imb. 1844. — Sän- 
net 2)ie S3aupttcn be« beutfd^n SWittelaUer«. 2pi. 1876. — ©ei weitem am 
nndjtigjlen ift bie attg. beutf^e ^üttenorbnung bon 1459, bie im Sto^aug audj 
bä 3. ®. ginbet ©efc^ic^te ber greimourcrei. 2)ßh 1878 (4.aufl.) @. 774 ff. 
fu^ ftnbet 

fteller, Die dtefotmation. 15 



226 

iCic Utlunbc felbft, btc un8 alüdüd^cttoeifc ctl^altcn tft*), ntmint 
eingangs auSbrüdltd^ auf baS ,;altc $ctIommen"©cjug, xoAiß 
,,bte Sßtüotbercn unb bic SteBi^aBcr bc8 ^anbtoctK üot alten 3^tten 
in guter SKeinung gei^anbi^att", unb fäi^rt bann unmittettat fort: 
„Slbcr bartn in redeten friebltd^en äBegen ju fud^cn unb färba| 
ju blciBen, fo l^aBen ti>tr SWeifter unb (SefeBen beffelben $anb^ 
ti>erI8 alle, bie bann in Sa^itcl« äBeifc Bei einanber getoefen fitib 
JU ®|5eier, ©tra^Burg unb 8tegenöBurg im 5ftamen unb anftatt 
unfer unb aüer anbercn ÜJieifter unb ©efeHen unfere^ gangen gc^ 
meinen f)anbti)erMoBgcmeIbt;fon(i^ alt^erlommen erneuert". 

üDiefe Drbnung ti>iH nur, toie fie felbft fagt, bie aßgcmeincn 
®runb jfige auf fteKen ; fic giebt ben ^^roüincietten unb lolalen- $att<5t^ 
ptten unb §ütten auöbrüdttd^ bie greii^eit, „bie Slrtilel gu milbcm, 
gu minbern ober gu meieren, je na($ ber '^txi unb be^ 8anbc« 
5ßoti^burft unb nat^ ben .g^Wäuften"; bod^ fotten aüe ©tatutcn 
„in Sa^itete Seife" b. % in berufener SSerfammlung befd&loffcn 
toerben. ^i^r befonbereö Sugenmerl i^at bie Drbnung auf bie So^ 
bificirung fold^er JRegeln gerid^tet, toeld&e ben SSerlei^r unb bie %ix^ 
i^anblung ber Sruberfd^aft mit ben ©aui^erren unb äuftraggebem 
gum ©egenftanb i^aben; gerabe bieö ift benn freilid^ für bie gt^ 
lenntnil beö toai^ren SBefenö be^ ©unbeö ijer^ältnißmatig am neben* 
fäd^Iid^ften. 

5Der ®d^ti)er^)unlt ber Drganifation liegt nad^ unferer Dtb* 
nung in ber „?)fitte", b. ^. ber red^tmäßig conftituirten aScrfamm' 
lung ber ©ruber, bie ein ÜJieifter gum ©au eine« SBerl« um fi^ 
gefd^aart i^at 5Die Drbnung gilt nur für biejienigen, benen „^üt* 
tenförberung", b. % bie 2lufnai^me in eine ^ütte burd^ ben S3efd^lu§ 
ber ©rüber, gu S:]^eil geworben ift 6^ toirb üon biefer „C)üttcn* 
förberung" gang auSbrüdßid^ bie „görberung" burd^ ben ÜReiftet 
unterfd^ieben; getoßi^nlid^e SÄaurer unb ©teinbred^er toct* 
ben burd^ ben ÜJieifter gefSrbert (b. i^* angenommen) unb für fie 
gilt biefe Drbnung nid^t- S)er §.2 fagt gang auöbrüdttidj, 
„baS fotten bie ÜÄetfter fein, bie fold^e »ftlid^e ©auten unb ffierle 
lönnen mad^en, bie ba auf gefrei et finb unb mit leinem ^onb* 

1) ^clbmann 2)te btei SItcftcn gefd^ii^tl^en 2)enftnate ber tcutfd^grri* 
uiautctbrübcrfd^aft (?latau 1819) gicbt ben bepcn Slbbrud 



227 

»ctl Wcncn". SCfo nur bie „attfgefrettcn" ober freien STOatttcr 
unb ©teinuie^en finb Befäi^igt, ba« SKetfterre(3^t ju üBen. 

<g^ tft ju ibebauem, bag bie Drbnung nid^t erläutert, toa^ 
man mä^ „©tcintoerWBraud^" unter ber „Sluffreiung" ju öer^ 
(teilen ^ot 3ebenfaü8 erließt beutltd^, baß bie SWeifter eine ®tel^ 
lung befaßen, bie ii^nen Befonbere aSorreiJ^te fld^erte» 

SLußer bem SKeifter Beftei^t bie $fitte au8 ben ^arlierem (DBer^ 
gefeöen) unb (Sefeüen, fotoie ben ßei^rlingen ober Dienern. ®ne 
lanfliäi^riae Untertoeifung ift eö, toeld^e bie gelteren burd^ jumad&en 
l^aben, el^e fie ©efeflenred^t erl^alten. 

UeBer ben eingelnen glitten [teilen biejenigen, toeld^en „biefer 
Orbnung ®ef(3^rift unb ©eioalt Befolgten ift", b. f). bie «uffid^tö^ 
Beamten ber f)au^t]^ütten. ®ie l^aBen. „®ttx>alt unb Wlaäft, in aQen 
®^>ännen unb ©ad^en, toeld^c ©teintoer! Berfii^ren, in ii^rem ®eBiet 
üorjunei(;men unb ju ftrafen unb foKen ii^nen barin aüe STOeifter, 
^arlierer unb Diener gel^orfam fein". 

(g^ fd^einen bieö biejenigen SKeifter getoefen ju fein, bie, toie 
e« an einer anberen ©teüe ber Drbnung i^eißt, „ber Sfid&er eine« 
i^inter fid^ i^aBen". 

5Diefe foHen 2luffid^t l^aBen unb, „Bei bem ©elüBbe ber 
Dtbnung"Or ber^>flid^tet fein, ju Deri^üten, baß ba« ©ud^ t>on 
Semanben auögef d^rieBen , Derliei^en ober gegeBen toerbe, fotoie bag 
bie Sfid^er „Bei il^ren Gräften BleiBen, toie baö bie S35er!^ütten Be^ 
fd^Iießen". 

(gBenfo toie unfere „Drbnung" oon 1459 auf ben SSerfamm^ 
lungen ju ®^eier, ju ©tra^Burg unb 9tegen8Burg, oon ben STOeiftern 
unb (8ef eilen, bie bort „in fta^>itelöti)eife" vereinigt Joaren, Be^ 
fd^Ioffen toorben ift, fo lennt fie felBft auf ®runb beö J^erlommen« 
fold^e SSerfammlungen oon SKeiftern unb ®cfetten jur (Sriebigung 
»Ott ©treitfragen. 

©el^r merftourbig ift folgenbe ©eftimmung: „SBäre e« aud^, 



1) (g« saB alfo für tiefe ?lttfft^t«Bcamtcn ein ,,(&elüBbe" — toamm toitb 
Tii^t bet 3üt5brttcf „(Sib" geBtaud^t? — unb p>ax voax beffen gorm in „ber 
Orbnmifl'' borgefi^rieBen. Seibcr Beft^ toir biefe Dtbnnnö eBenfo toenig toie ein^ 
ber ertoSl^nten gcl^eimen ©üd^er. — S)er toßbwd „®elüBbe" lommt »ieber* 
IJoTt bor in unferer Drbnung* 

15* 



228 

bag jti)ci SWelfter ober mtffx, blc in btefct Orbnung flnb, fi>attnt8 
ober uneind mit einanbet tDürben um®ad^en, bte®teinipetl 
nxäft itxüffxtn, fo foQen fte bennod^ einanber um fold^e ®)>änne 
nirgenb anbetStoo üotnei^mcn benn Dot ©teintoerl unb bic foßcn 
fte aud^ xxäfttn unb Dettragen nad^ bent heften nad^ aQem i^rem 
3Sctniögen , bod^ alfo ben §ctrn ober ©tfibtcn . • . . unfd^äbftd^"» 

Sttfo fcttft in ©tteitfad^en, toeld^e rein ^3ri^)ater 5lrt finb, foüen 
bie ,,SBrfiber" nid^t an bie ©erid^te gelten. Sbenfo toar e« Bei ben^ 
ienigen ,,SBrfibem", bic man SBalbenfer nannte* 

S^ liegt auf bcr C)anb, baß eine ®ilbe ii^re gemeinfame ftaffe 
Befi^en mu^, ater Bead^tenötoerti^ ift eö, bag nad^ unferer Otbnung 
bei ben ^ütten ein gonbö gefammelt »erben foü, toeld^er ben ^mi 
^at, „®otte«bienft bamit ju förbem", b» ^. ®ute^ ju ti^un 
benen, bie beffen Bebürftig finb* 

©ancBen ejrtftiren Befonbere ÜÄittel unb Befonbere ©eftimmungen 
für bie Unterftiifeung ber ,,S3rüber", toeld^e SSerfoIgung leiben um 
ii^rer SDWtgftebfd^aft unb ^nzt^iAiltit ju ber ®teinti>erf^orbnung 
toiflen — eine (güentualität, bereu ßrtoä^nung an \xäf Bejeid^nenb 
genug ift — fotoie jur 3^^I««8 ^^^^^ „9lot]^|5frftnbe" an biejenigen 
9Äeifter unb (Sefeüen, tocld^e in ftranl^eit faßen. 

Unf ere Orbnung enti^ält genaue unb ftrenge iBeftimmungen 
teligiöfer Statur für bie Söröber. SSSeld^en SBcrt^ man auf teltgiSfe 
©eti^ätigung einer d^riftlid^n ©efinnung legte, erl^eQt beutlid^ bar^ 
au^, baß bie SlBIei^nung jeber »eiteren ©emeinfd^aft mit einem 
©teinme^en, ber pd^ nid^t nad^ ;,d^riftlid^er Drbnung" i^alte, bireft 
jur ^fßd^t gemad^t toirb. 

äBer toäi^renb in aüen anberen (Silbeorbnungen eine beutlid^e 
unb Hare ©ejiel^ung auf ben rBmifd^^Iati^oIifd^en ©lauBen unb bie 
römifd^'Iatl^olifd^e Äird^e genommen toirb, lautet i^ier bie ^ttp^x^* 
tung ganj allgemein auf Haltung ,,d^riftlid^er Drbnung" — man 
Knute baBei bireft an biejenige ,,d^riftlid^e" Drbnung beulen, 
toeld^e bie „(Semeinben Si^rifti" eini^ieltcn — unb auf ben reget' 
maßigen dm^fong bed i^. ©acramentd* ®erabe ber le^tere $unlt 
tourbe ja aud^ Don ben alteüangelifd^en ©emeinben ii^ren ©liebem 
äur ^flid^t gemad^t 

Unb toem fottte nid^t, toenn er bie üBerauö ftrenge äuffaffung 



229 

Dott bcr (S^t Bei bcn „SBalbcnfcrn" Icnnt, bie befonbere ©etonung 
auffaöcn, tocld^c in bcr ©tcinmcfeotbnung ber 8tcini^altung bcr 
e^cUd^en SJcr^ältniffc geioibmct toirb? äud^ «cufd^^ctt, aWägiglcit 
iinb ^üä)tttnffÄt tocrbcn i^crüorgci^oben, unb bic ftrcngftcn ©trafen 
ftcl^ctt auf Icid^tfcrtigcm ®^>ielcn. 

Die „§öttc" Bcfifet baö SRcd^t unb bie ^flid^t einer ftrengen 
^ndft unb »irb biejenigcn au^fd^ßeßen , toeld^e Slergerni^ erregen 
unb ber ©ruberfd^aft Unci^rc bereiten* 

Sic ©d^Iugbeftimmungcn unferer Orbnung cnti^alten bie geft*' 
fefeung, bag Strasburg ber SBorort aöer ,,§üttcn" fein foB» am 
®. ÜÄarcuötagc bcö SoXfxtß 1459 toarb — fo i^cip eö — ^u 9tegend= 
Burg ijcreinbart, bag ber SBerlmeifter bc« SWünfter^ ju Strasburg 
,,unb alle feine 5ßad^Iommen unferer Drbnung beS 
©tetntoerl« oberfter SRid^ter fein foU". 

@o lommt unfere Unterfud^ung auf bemfelben gledcn beutfd^er 
@rbe toieber an, auf toeld^cn ti>ir üon ganj anberen ®efid^td:()unltett 
auö bejügßd^ ber fogenannten „SBalbenfer" geführt Sorben toaren* 

@8 ift bod^ immeri^in ein mertofirbige« ^n^ammzntte^tn, ba§ 
gerabe aud^ in bem ©unb ber „©ruber", bie fid^ „gi^riften" nannten, 
Strasburg bie ©teüe beö SSorortö befeffen i^at, SBir toerben unten 
feigen, baß ber ©cnior ber äBalbenfer^Sifd^öfe im 15. 3ai^r^ 
i^unbert afö SSorfifeenber be« Soüegium« ber beutfd^en Sifd^öfe in 
Strasburg feinen SSSoi^nfife i^atte. 



Snbem id^ nod^malö baran erinnere, baß bie intime ©ejiei^ung 
bcr atteöangelifd^en (Semeinben ju ben ©teinme^en burd^ bie Sl^at^ 
fad^e urlunblid^ belegt ift, baß bie „Wfo^td" ber „©rüber" au8 bem 
firei« bcr ffierlleute toieber^oft hervorgegangen finb, fann fcmcri^itt 
lein 3^^ifel barüber obioalten, baß e8 feit bem 13. Sai^r^unbcrt 
in 5Deutfd^Ianb eine {Rcii^c cor^>oratü)er aScrbänbe gab, tocld^c bie 
Pflege toalbenfifd^er Sbeen fid^ jum ^xtl gefegt i^atten. (S8 »aren 
bteö (außer bcn „Oemeinben") bie „©rubere unb ©d^toefteri^aufer" 
unb ferner bie ©ruberfd^aften ber beutfd^en ©aui^ütten. 

SScrfoIgen toir nun bie ©d()idEfaIc biefer brei ©enoffenfd^aften, 
fo feigen toir, baß bie römifd^c Äird^e in ben Sefeergefefeen unb ben 
latferlid^en Sonftitutionen überaus ftarle gefe^lid^e $anbi^aben gegen 



230 

bic beibcn crftgenannten Bcfa§ unb cntfd^Ioffen toat, bicfettcn mit 
augetfter ©ttenge gut 9(nti>enbung gu Btingen* 

ätt« Äatf et 8ubn>tg geftotBen unb ftarl IV- ftatfcr getootben toat, 
l^atte bic römif(3^c ftitd^e freie Söaffn, um bie beftel^enben ©eftim^ 
mungen jur SBitIfamleit gelangen ju laffen, unb man muß ein* 
räumen, bag fie bie günftigen Sal^rjei^nte, toeld^e je^t für fie an^ 
Brad^n, üoB unb gauj unb mit ben burd^fd^Iagenbften grfolgcn 
audgenu^t i^at 

ÜDie crften ^pftx fielen in ben JRi^eingegenben naäf faft tierjig^ 
jäi^riger ^aufe um biefelBe ^dt, in )a>däftx bcr (Sotteöfreunb au« 
bem DBerlanbe unb {Rulman üRerftoin aW „^anfftxtn" ber @tif^ 
tungen ju S^ren ©• Sol^anneö beö Käufer« mit ben SSSerKeuten 
in naiven Sejiei^ungen ftanben* 

Unter bem 6. 3uni 1366 erfolgte ba« SlobeSurti^ein) toibct 
STOed^tilbiö üon SBcfti^oüen, toeld^e berSefeerei angellagt unb 
üBerfüi^rt toar» ®ie ti>urbe Derbrannt* 

geiter ber 3nquifition ti>aren ein üDominilaner unb ber ©eneral* 
öicar be« ©ifd^ofö Soi^ann »on ©tra^Burg. 

3m 3a^re 1367 fanbte $a^ft UrBan V. jioei 3nquifitoten na^ 
©eutfd^Ianb, unb Sari IV. gaB ii^nen in brei Befonberen ßrlaffen 
außerorbentlid^e 3SoHmad^ten gur grfinbli(3^en ÜDurd^füi^rung ü^rer 
a»iffion* 

$a^)ft ©regor XI. toar ber Slnpd^t, baß bie 9lrBeit für bie ge* 
nannten gtoet (Sommiffare gu umfangreid^ fei unb fanbte im Sa^te 
1372 bereu »eitere fünf in ba^ JReid^. öonifaciuö DL ernannte 
gur ferneren SSerftärlung be^ ^erfonate im 3a^re 1399 aüein für 
gfiorbbeutfd&Ianb fed^ö »eüofimäc^tigte 2). 

ßeiber finb bie gorfd^ungen nod^ nid^t toeit genug üorgefd^ritten, 
um bie 2:i^ätigleit biefer ÜJianner im ©ngelnen urhinbUd^ gu öer^ 
folgen. §Kur einige 2;^atfad^en mögen Beiläufig Srtoäi^nung finben. 

S)er ©leftiner^^roüingial^etruö unb ber ^riefter STO artin 
t>on $rag toaren ed, loeld^e fid^ in ®üb^ unb SOtittelbeutfd^Ianb 
feit bem Saläre 1380 Bei ber äuff^jürung unb ©eftrafung ber SBat 
benfer ^erüorget^an i^aBen. üDer Se^tere i^at nad^toeiSUd^ tor bem 

1) 2)a9 Wxt^tiX tfl aBgebrudt Bei iD'^o^l^eim De Beghardis p. 333 sq. 

2) (L @*mibt 3tt*r. f. IJijl. Z^l 1840 III @. 68, 



231 

^a^xt 1390 in JRcgcnöbutg unb im 3a^re 1391 ju Stfutt 
übet SBalbcnfet ju ®mäft gcfcffcn^)* 3fn bemfctben Salute fanb 
5U SBütjbutg ein ©trafgcrid^t über biefe Partei ftatt^), (ginjelne 
betfeften toutben üetuttl^cift, angel^eftete Äteuje auf il^ten Äleibetn 
äu tragen. Surj banad^ tourben inÜDonautoörti^ 16, inSin^ 
UHhü^l 2 unb inSBembing 10 SBalbenfer jum geuertobc üer^ 
urtl^eilt unb ücrBrannt^), 

©efonbcrc« Sluffei^en enegtc baö Slutobafe, weld^eö gu 5Kürn* 
Berg im Saläre 1399 »oOgogen tourbe. „S)e« Saläre« 1399", fo 
ffti^t eö in ben 5ftfirnBerger S^ronifen, „t^txpxant man fe^ä^^ grauen 
unb einen ÜJiann, bie toaren Se^er, unb fonft üiel üRann unb 
grauen, bie liegen fid^ Sreuje annäi^en unb bügeten am Srid^tag 
tor ©ant SBalburgen Slag"*). 

3n ber SDiöcefe ^affau ti>ar ber 3nquifitor ^etruö erfolgreid^ 
t^otig. er lonnte im 3a^re 1395 fcftfteHen, bag bie „©eltcn" fi^ 
140 Saläre i^inburd^ giemlid^ unüeränbert bei^aujjtet i^ätten* 3m 
3al^re 1397 würben aBein gu ©ttier etti>a 100 3Äänner unb 
grauen verbrannt 3m 3ai^re 1391 tourben nat^ äuöioeid ber 
3nquifitibn8alten in Sommern unb ber SÄarlSSranbenburg 
400 ^erfonen unter ber Snllage ber B^S^^örigleit gu ben S33al^ 
benfem üor ©erid^t gefteüt. ©n 2;ractat au« bem Saffxt 1395 
erjäl^ft, ba§ in Sl^üringen, Sdiffmtn unb ÜKäi^ren üon ben 3nquifi^ 
toren etipa 1000 ^crfonen gum lati^ofifd^en (Stauben belei^rt toor^ 
ben feien; tt)ie üiele l^ingerid^tet , auögetoiefen unb nid^t entbecft 
tt)urben, ertoä^nt bie DueKe nid^t» Die 3nquifitoren liegten bie 
^Öffnung, baß in Deftreid^ unb Ungarn bie gleid^e Slngai^l bon 
t^nen „bem ©d^lunb Seöiatl^anö" entriffen tt)erben toürben^). 

Unb biefe Sauber ti>aren bod^ nur bie SIu6en^>often ber Partei ; 
bie f)auj3t]^eerbe ber SBetoegung toaren, ti>ie toir fallen, bie as^ein^ 
lanbe unb ©übbeutfd^lanb* 

1) ^ou^t a. 0. O. @. 22. 2) 2)ie (Stnsetnl^eiten bei $au^t a. a. O. <S. 23. 

3) ^au^)t a. a. O. @. 27. 

4) S)crf. @. 27. 2)a6 b(efc SBalbcnfer toaren, »dp $au^)t na(^. — Uebcr 
einen ^e^^rcjeg in Sübed im Salute 1402 f. bei WlSf^tim De Beghardis 1790 
@. 224. 

5) SBeiterc S'ia^rid^tett ü6er il^re Sluöbrettunö bei b. 3egfd^toiS 2)ie Äated^i«* 
inen ber ©olbenfer n.f.ö). (5rL 1863 @. 134 ff. 



232 

3tt aWain j »utben im Salute 1395 auf ©efel^l bc8 (gtsBifd^of« 
gonrab II. fcd^Sunbbtctßtg ©albcnfcr üetBrannt 3n augöBtttg 
toutben 1393 auf ein aWal 280 ^ctfoncn beffctten „SJcrBtcd^n«" 
toegcn gefangen gelegt 0. 3m 3ai^te 1396 tourbe übet ben ®rafen 
f)eintid^ üon gürftenberg ate „Sefeer" ber ©ann Deri^ängt 2). 

®ne ol^nlid^e ftotaftro^jl^e tote in 5Deutfd^Ianb f>xaäf gegen Snbe 
be« Sai^ri^unbettö in ber ©(ä^toeij üBet bie ©emeinben i^erein- ^\m 
Sa^t 1399 etjä^lt eine S3etnet g^ronil: „(58 tourben ijiel geute gu 
SBetn unb auf bem Sanbe, grauen unb SKänner, 9teid^ unb %xm, 
mei^t benn ^unbett unb bteißig ^etfonen in bem Unglauben fun^ 
ben unb iuxäf ©ruber $0«^ *>on ganbau, ^rebiger^OrbenS unb 
anbere (geleierte gere(3^tfertigt". ßin Srienntnig Don ©d^ulü^eiß, 
mtiftn unb ©emeinbe Beftätigt auöbrfidUd^, ba§ bie« SBalbenfer 
toaren ^j. 

3u greiburg ftanben in bemfelben 3ai^r 53 ^erfonen öor 
ben 3nquiptoren, bie ju ber gleid^en Partei gei^örten toie bie in Sern. 

Strasburg toar bi« jum Seginn beö 15. Sai^ri^unbert« ein 
^au^tjife ber Partei* f)ier lehrten bie toanbernben 2l}>ofteI ein 
— e« »erben unö au8 jener ^txt n. %. gber^arb üon SDSeigenburg, 
Conrab üon ©acä^fen unb ©alomo öon ©oloti^urn alö „Magistri" 
genannt^) — , l^ier fanben bie vertriebenen ©laubenögenoffen au« 
anberen ©täbten gaftfreie Slufnai^me unb i^filfreid^en ©eiftanb- 

5Der Sefeermeifter 3o]^ann Slrnolbi i^atte, obtool^I er ftenntnig 
ton bem ©eftei^en ber ©emeinbe befa^, e« »orgejogen, fi(ä§ rul^ig 
JU Deri^alten* SDenn bi« in ben diatif ffxndn i^atten bie fieser 
Sreunbe, ja, ber ©tabtfd^reiber Soi^ann von ©lumftein toar 9ßit^ 
glieb ber ,,®elte". 

ärnolbi« 5Wad^f olger, Sol^ann Södeler, fd^lug ben SBeg ber 
©trenge ein. 5Die SSeranlaffung bagu fd^eint ber Dominilanerorben 
gegeben ju i^aben, toeld^er um ba« Sai^r 1400 am Dberr^ein eine 

1) Sit^tige näl^e il^a^rid^ten batüber in ©taubUnd unb Xgfd^itnerd %x^\^ 
f. Äird^öeft*. »b. 2. ^t 2 @. 349 ff. 

2) "StlS^xiäf Stfc^r. f. b. IJijt Xl^eot. 1840 @. 149. 

3) mi^crc« bei OciJ jenbcin «n« bem fd^toetjcrifci^cn »otWIcben be« 15. 3al^r- 
ijunbert« ©em I88I @. 96. — 2)ott auc^ »eitere ^ai^xiä^tm über bieffiolbenfcr 
in ber @(^n>ei) bon 1277 an. 

4) m^xidi in b. äfd^r. f. l^iji. Sl^eol. 1840 I @. 148. 



233 

eifrige Sl^attgfett in bcr Se^crauff^ütung cnttoideftc; ju ©afcl i^atte 
bet Dominilanet 3o^* SWulbcrg in bem ^tojcgüetfal^ten gegen bie 
Scg^inen bic f)an^troüc gefjjielt, unb ein Dtbcnöbniber üon biefem 
begann and^ in ©traßbutg bcn Sant()f butd^ Bffentlid&c ^tebigten 
toibet bie Rcfeer. 

Um baö 3a^T 1404 tonrbcn pUijUäf gmei nnb breißig aWitglicber 
bet@enieinbe \>ttffa\tH unb inö ®efängni| getootfen^). ®ic tout^ 
ben gefoftctt nnb belanntcn fid^ fd^nlbig. ®ie ffatUn na(ä§ ben 
(Sefe^en ba« geben öcrtoitit unb bie geiftlid^en ©e^ötben forbetten 
tl^re ^intid^tung, abet ber SWagiftrat lei^nte biefelbe ab unb be^ 
f^Io§, bie ©efangenen mit SSetbannung ju befltafen, 

au« bem aSet^ör ergab fi(ä§ unter änberem, baß bie SSeri^af*» 
tetcn ©enoffen befaßen in Siörblingcn, JRegenöburg, 2lug5# 
6urg, SCif dringen in ©d^toaben, ©oloti^urn, ©ern, aBeifen^ 
bürg, ^agenau, ©^eier, f)oIji^aufen beigranifurt a* SD?., 
©d^toäbifd^ ^ixtff, griebberg, aWainj, S33ien. 3n f)agenau 
unb flßainj befaßen bie ^äretiler, toie auöbrfidfid^ angegeben toirb, 
befonbere ©d&ulen^), 

!J)ie fd^toeren ©d^idfale, toeld^e bie afteüangelifd^en ©emeinben 
toal^renb biefer ^ai^rgei^nte betrafen, mupen auf bie nai^ befreun^ 
beten cor^)oratiüen SSerbänbe ber „©otteöi^äufer" unb ber ©au^ 
Butten eine tiefgei^enbe atüdtoirlung ausüben* 

Die „©rubere unb ©d&toefteri^äufer" verloren ben f)alt, toeld^en 
fie bi^i^er an ben „Wfo^ttln" unb ben ©emeinben befeffen i^atten, 
boflftänbig. Der gleid^jeitig auf fie ausgeübte fird^Iid&e Drudt jti>ang 
fic bei il^rer an fid^ geringen SQBiberftanböfäi^igleit, fid^ bebingung«^ 
loö ben Krd^Iid^ a^j^robirtcn Drben in bie 9lrme ju werfen; feit 
ettoa 1375 finb bie alten „©otteöi^aufer" faft üerfd&tounben, oU 
tool^I ber 5ßame ©egi^arben unb ©egi^inen fid^ nod^ lange eri^al^ 
ten l^at 

ffieit Mftiger unb toiberftanbdfS^iger ftanben bie „©rubere 
fd^aften" ba. Da bie fie^ergefefee auf bie ^nitf^Mzhxt ju einer (Silbe 
feine ^ntoenbung finben tonnten, fo tourbe toenigften^ ber äußere 
SSerbanb bcr „^ütten" niemals gef^jrengt. ©elbft toenn gclegentttd^ 

1) ^S^xxdf a. a. O. @. 157. 2) aiöl^ri* a. a. O. @. 151. 



234 

ein SWctftet ober ®efcKc unüorftd^ttg genug ti>at, bte (Sel^etmlei^ten 
trgenb tote butd^Iend&ten ju taffen, fo lonnte man ben etnjelncn 
tooi^I ate Sefeer ^tntit^ten, aber bem ©unb bcö beutfd^cn ©tetn* 
teerte toat ntd^t Betjulommen* 

' ©otoo^I in Mdfid^t auf Dtganifation toie auf ®t8cit)ßn unb 
3ud^t ftanben bte „§ütten" mäd^tig ba. ®ne etnfte ©d^ule in 
aSetfd^teiegenl^eit unb ©el^otfam, bie beö ed^tcn ©teinmcftcn 
etfte ^flid^t loaten, l^attc felbft bie jüngeten geute batin gcüBt, 
Dot ii^ten geinben auf ber §ut ju fein* ÜRan tonnte eö »ol^I, ba§ 
bie ^eimlid^cn SSetfammlungen, bie \xä) Bei ©elegeni^eit ber SÄeiftet' 
toai^I, ber „görberung" ober ber Slobtenfeier ju fßmtlid^en änbad^tcn 
geftalteten, ben 35erbad^t ber Sefeerei erregten. 2l6er ti)ie e6 im 
^rincip beö ganzen @^ftcm5 lag, im „ftiüen Sämmerlein" unb 
üon 3ebermann ungefel^en nad^ g^rifti 35orfd^rift ju Uttn, fo log 
aud^ bie 35erfud^ung für ben „SÄaurer" fern, mit feiner religiSfen 
UeBergeugung jugteid^ feine ^aut jU 50iarlt ju tragen* (£3 toitb 
feiten ober nie üorgelommcn fein, ba| bie „Srüber" anberö al^ 
unter fid^ üBer 9tcIigion unb ©otteöbienft f^^rad^en* 

©aju lam nod^ ein anbereö fei^r loid^tigc« üRoment. ®ie 
beutfd^en ©tcinme^en Befa^en :()crfönUd^e ©ejiel^ungen unb Brübet^ 
lid^e SBanbe in ganj SBefteurojja. ÜDie SWeifter arBeiteten jeittoeifig 
eBenfo in Ulm, $affau ober güBedt toie in SBruffel, 2lnttoerj)en, 
gonbon ober ^orl ober einer anberen englifd^en ©tabt ®ing 
x^x ©tern auf bem einen fünfte unter, fo er^oB er fid^ auf bem 
anberen unb trgenb eine ^n^n^t^^iaüt lonnte Bei einem fo auÄ^ 
gebei^nten SlrBeitöBejirl einem glüd^tigen ober älngellagten fid^ Ui6ft 
eröffnen. 

®a traf eö fid^ nun Bcfonberö gtüdlid^, baß um biefetBe ^tit, 
too bie Snquifttion in ©eutfd^lanb toüti^ete, in Snglanb rclatiöe 
©id^erl^cit oor 35erfoIgung l^errfd^te. 

Unter tönig ebtoarb EI. (1328—1377), tt)o fiBeri^aupt ber 
englifd^e SSoHögeift einen neuen Sluffd^ioung nal^m, l^attc ftd^ bie 
öffentüd^e SÄeinung mit ©ntfd^icbeni^eit gegen bie ^enbenjen ber 
römif d^en ^ierard^ic erl^oBen. 

Unter ©egfinftigung ber Stimmung, »eld^e bamate l^errfd^te, 
Ratten bie ©d^riften 3o^n SBicIifö (t 1384), ben bie Surie, toie 



235 

Xüvc fallen, alö neuen aWarftttuö üon ^abua^) bejetd^netc, eine toeit 
auSgebtettete unb ttefgei^cnbe ©eioegung i^erüotgebrad^t, 

!Die fit(ä§fi(3^^^olittfd^en 2lttffaffungen, tote fie öon SBtcItf in 
Uebereinftimmung mit SWatfiliuö üotgetragen toutben, fanben in ber 
aufftrebenben englif(3^en aSoIfSüerttetung lebi^aften ©ieberi^att, !J)aö 
fogcnannte „gute Parlament" »cm Salute 1367 fteüte fid^ an bic 
©pifee ber D}>^)ofition unb getoäi^tte nid^t nur SBicIif, fonbcrn aßen 
©eftnnungögenoffen bcffelben, beten eö tocit unb bteit biete gab, 
feinen m&d&tigen ®äf\i%. 

©elbft S5nig Sbtoatb HI*, anftatt ben ftefeergefefeen gema^ ben 
SBtclif ju beftrafen, eierte biefen unb feine greunbe burd^ befonbeteö 
SSettrauen. 

®o »iebeti^olten pd^ toäi^tenb ber jioeiten ^älfte beö Sai^r^ 
l^unbert« in Snglanb bie 35orgänge, loeld^e üor fünfjig Salären in 
ÜDcutfd^tanb jtöifd^en Saifcr Subtoig unb üRarfitiuö fld^ abgef^jieft 
i^atten, unb bie „©emeinben g^rifti" Ratten baö ®IüdI, toenigftenö 
l^iet eine ©tfifee ju befi^en. 

^er felbft in ÜDeutfd^Ianb ful^rte bie 35erfoIgung ber ©emein^ 
ben anftatt jur Untergrabung ber SSaui^ütten, üielmei^r gur inner eat 
©tarlung berfelben unb jur »eiteren äuöbilbung üon ©nrid^^ 
tungen unb S5eftrebungen, bie i^nen fpäteri^in eine große ^nlnn^t 
öerfd^affen foHten, 

©ei beut tiefen ©d^Ieier beö ©ei^eimniffeö, toeld^er bie inneren 
©nrid^tungen ber „S5ruberfd^aft" felbft »er ben 9lugen ber 3^^^ 
genoffen oerbarg, ift e6 natürüd^ in unferen Ziagen erft red^t fd^ioierig, 
bie frül^eften (Seftaltungen ber ©ilbeoerfaffung urlunblid^ jU belegen. 

1) 2)ie ^ertoonbtfd^ft, votXä^ man }u ^bignon }n>ifd^en SGBicUf uttb Wlax* 
{t(m9 etttbedt gu l^aben glaubte, berul^t fel^r mal^rfd^inlid^ auf bem Umfianbe, 
tag SBicUf ben :Befttcrcn gdannt unb benutzt l^at, 2)cr „Defensor pacis" l^at 
in jenen Sal^rgel^nten ein augerorbentlid^ed Süffelten gemad^t; er erlebte n. W. 
meljrere franjöftfij^e Ueberfeftnngen. S^hin ip Sßictif fclbji in ben Ü^hcberlanben 
unb bielleid^t an^ ingranfreid^ geioefen; foÖ t^m bad bebeutenbjie ^nd^, \x>d^t9 
gitr ©ertl^ibigung antirömifd^r Xenbenjen ejiftirte, nnbdfannt geblieben fein? 
SebenfoHd qifHrten in @nglanb frül^aeittg @^nren bed Defensor pacis. 2)er 
zweite 2)TmI bed Serien, toetc^en xoix lennen, iß eine engtifd^e Ueberfe^nng 
»on aßüliam Wlax\^ Sonbon 1535 fol. — ^nö^ eine alte ^anbfd^rift ejijttrt 
int GoUegiam magnum jn Ojrforb. SRiegler 2)ie literar. Sßiberfac^er n. f. ». 
©• 193. 



236 

Da tnbeffen bte ©tätfe bet Stabttion e« gu ffiege gcBtad^t 
^at, baß uralte ©nri^tungen fi^ fctö in eine \p&U 3rit fottgeppanjt 
l^aBen, fo fällt ton l^iet aud in bielen S&ßen ein l^etled Sid^t auf 
bie bunllen (Spoiffm. SBit l^afcen in biefer SRid^tung Bereite et^ 
toäl^nt, baß bie Drbnung bon 1459 fi(^ nur ate eine Sobifilation 
uralter mfinblid^ fortge<)fIan5ter ^Kernten barfteCt 

3n biefem SKaurer-'Sobef nun finbet fid^ Bereit« bie Slnbeu* 
tuhg, baß eö neben ben 2Keiftern unb ®efeßen in ber ©ruberfd^aft 
aud^ „giebl^aber beö ^anbtoerlö" gegeben l^at, unb eö toirb 
auöbrfirflid^ gefagt, baß boö „alte §erIommen" bon 2Keiftem unb 
®efeßen fotoie Don biefen „Sieb l^ aBern" gei^anbi^abt toorben fei. 

SBir i^aben fd^on angebeutet ^), baß unter ben beutfd^en ®e^ 
toerlen leineö ber ^üttenDerfaffung nä^er ftei^t olö bie fogenanntcn 
§ammer]^ütten. 5Da unö nun bie Sonftitution einer urattcn 
§amnterptte im gürftentl^um ©iegen erl^alten ift, fo ift eö totd^ti^ 
bie äl^nlid^en ©eftintmungen lennen ju lernen« 

3m 3a]^re 1516 beftätigt ®raf Sodann Don Slaffau bie ®e^ 
red^tfame, toeld&e feine 35oreltern ber §ütte „jum i^eiligen 
Sreuj"^) ijx ©iegen gegeben l^atten. 

!Da l^eißt e6 gleid^ in §♦ 2 : ;;3tem n>äre 3emanb, ber in biefer 
©ruberfd^aft ju fein begei^rte unb nid^t ©ruber ober ©d^toefter toärc, 
aud^ fid^ ber $anb)oerIe oBgemelt nid^t gebraud^en 
tooUte, ber ober bie foßen in bie ©ruberfd^aft angenommen toer* 
ben, inbem fie ber ^üttt jum i^eiftgen Sreuj ein ^funb SBod^^^ 
ben ©rübern 2 Ouart SBeinö geben"* 

ÜKitl^in gehörte bie Slufnai^mefäi^igleit fold^er ^erfonen, bie bad 
§anbtt)erl nid^t gebraud^en tooßten, im 2KitteIafter bei getoiffen ®i^ 
ben unter bie Dcrfaffungömäßigen 2KßgHd^Ieiten unb e« lann ate 
feftftei^enb erad^tet toerbcn, baß Diele ^erfonen gerabe bei fold^en 
,,©ruberfd^aften", bie einflußreid^ unb gead^tet boftanben, gern eine 
Slnlel^nung fud^ten. 

3n bemfelben SÄaß nun loie ber ©emcinbeDerbonb ber alt* 
eDangelifd^en Äird^e gef<)rengt toarb, trat ein flud^tartiger SKüdK^ug 
ber Ueberlebenben in ben fd^fi^enben §afen ber Derioanbten Sor^ 

1) ©flt oben @. 218 2lnm* U 

2) säten im ©taat^ard^iD gu iWünper, Sieg. L. A. N. 23 (3unftfa^). 



237 

botattonen ein. Sar fd^on bon jiei^er bte äJetBtnbung eine enge 
gctoefen, fo ftctgette fi^ jefet bcr ^n\ammtnffalt eti^cbltd^* ©tc ge^ 
[d^eud^te Sämmet btättgten m Die ä3eTfolgten an etnanbet unb ba 
e^ leine ©efe^e gab, tocl^c ouf bic B^^ß^^örigleit ju einer ®ilbe 
©trafen festen, fo lonnte bic ©aul^ütte ungcl^inbcrt ben ,,a5tübcm'' 
einen Srfa^ für bie Derlotenc „ötuberfd^aft" gewähren» . 

SBenn nun fd^on ivSfftx bic „^üttc" gtogeö (Sctoid^t auf eine 
teligiSfc Sctl^ätigung ii^tcr ©lieber gelegt l^atte, fo fteigerte fid^ bie 
öot^anbene 2;enbenj be« „gciftigen ©auenö" bnrd^ ben (gintritt 
fold^er „giebl^aBer beö §anbtoerlö" natürlid^ ganj erl^eMid^* 

2Son ba an bauten bte beutfd^en §fitten nid^t nur ftolje SDlünfter 
unb Dome, fonbem e6 befeelte fte jugleid^ jeneö Streben, lodd^e« 
»ir bei ben „©emeinben ®^rifti" bereite oben Icnnen gelernt unb 
in ben ®a^ jufammengefafet i^aben, bag fie nid^t in erfter Sinie 
Ztmpä auö ©tein ju bauen trad^teten, fonbem bag fie „an^ 
3Renfd^enfeeIen 5£em|)el ©otteS" errid^ten tooßten^). 

@o lam ed bai^in, bag bie Bauleute e6 loaren, loeld^e in fd^ioerer 
3eit bie Srunraier ber ,,©emeinben ßl^rifti" unter 35ad& unb Sad^ 
Brad^ten* 

Sd ool^og fid^ biefe Snttoidßung aUerbingö nid^t oi^ne bie 9Ser^ 
faffung unb baö 8eben ber alteDangelifd^en Äird^e fd^toer ju fd^äbigen. 
aber bie ©runbgebanlen ii^re« ©laubenö tourben bod^ gerettet unb 
auf bie lommenben Oa^ri^unberte fortgej)fIanjt 

Diefer S^toadfd an geiftigen Kräften mugte bie Sruberfd^aft 
um fo mei^r ftärlen, aW baö ©etougtfein ber reügiöfen Ueberein-» 
fttnraiung ein ungemein loirlfameö Söinbemittel abgab* • 

g« ift intereffant, baß bie berui^mte ^^SReformation beö Äaifer 
©igiömunb" um ba« Sai^r 1430 über bie SWad^t biefer Söruber^ 
f(^aften bie fd^merjlid&ften Klagen anfteüt „(58 ift aud^ jU loiffen", 

1) Ueber bte ^aul^ütten in il^rem 93erl^S(tmg gu ben greimautern t)gt 
»ogel ©riefe über gretmaureret 1785. — Sltbred^t SWoteriaften gu einer fri- 
tift^n ®efd^i(i^te ber greimattreret. ^amb. 1792. — ÄUß ®. 2)ie greimaurerei 
in il^rer »al&ren ©cbeutung. SBertin 1855. — ©d^auberg ©i^mboUl ber grei- 
manrcrcL <©^ff]^. 1860— 1872. — fiennig ©nct^Ko^äbiebergrämaurerel 2^j» 
1861. — gittbet 3. ®- Oefti^id^te ber greimaurerei 4. SütfL 2^g. 1878. — 
$aUikoeU«^f§er SHe älte{ie Urlunbe ber greimaurerei in(Sngknb. 4>amburg 
1840. — ©d^neiber Stttcnburger (Sonpitutioneubuti^. 1803 u. f.». 



238 

]^et§t c8 barin, „ia^ in ben guten ©täbtcn, nämüd^ ben SRctdJ^ 
ftäbtcn, ^nn^^ ftnb, btc nun fc^t a^öx^Itig tootbcn finb... ®te 
mad^en (Scfefee unter [xäf, toic frul^et btc ©täbtc e6 gctl^an i^abcn. 
®ie otbnen in ütelcn ©täbten ben diatfy" u» [• to. *)♦ 

ÜKan ^at Bisset bcrgeblt^ berfud^t, bie innere Rtaft bcr 
;,§ätte". au6 bet aSortrefflid^Ieit ber Dtganifation, au^ bem ®e^ 
l^etmnig bet ©roud^e unb anbeten Sleugctlid^Ieiten abjuletten. ®el6ft 
ein fo üottteffßd^et Sunftlennet toie Äuglet ^at biefe Slnfid^t »er*' 
t^eibigen ju foüen geglaubt 

Slbet toenn man bet ®ad^e tiefet auf ben ®tunb fielet, fo 
etlennt man tooi^l, bag nid^t {Reglements obet §anbtoetl6gtiffe, fon* 
betn bie geiftige (ginl^eit unb bie inneteUebeteinftimmung in 
ben l^eiligften Uebetjeugungen e6 getoefen ift, toeld^e ben ©unb }u 
fo gtofeattigen geiftungen toie auf bem ®ebiet bet ßunft, fo au^ 
in bet Sßal^tung unb SSetti^eibigung bet l^dd^ften 3beale befähigt l^at 

Die Äunfttoetle unb ©auten, in toeld^en biefe SDiänner i^re 
3been gleid^fam mit 8a^)ibatfd^tift niebetgefd^tieben l^aben, toetbcn 
aHmä^d^ Don bet beutfd^en Station loiebet in ii^tem t)ollen SBett^e 
geioütbigt !Die ST^atfad^e abet, bag bie Bauleute eS sugletd^ ge^ 
toefen finb, toeld^e in fd^toetet 3^^ bie 3been bet „beutfd^en SC^eo* 
logie" jtoat nid^t mit ben ffiaffen, abet mit jäl^et ?affü)ität ftegteid^ 
Dettl^eibigt unb in eine beffete ^dt i^inübetgetcttet l^aben, ift nod^ 
nid^t genügenb etlannt. 

aSicßeid^t toetben bie nad^folgenben (Stottetungen einen Keinen 
aSeittag jut Älatfteflung biefet Sl^atfad^e liefetn. 

1) @, SHc Slu^flabe bcr 5Rcfonnation be« Ä, ©iguiunb tjon Dr. SB. ©öi^m 
8^8. 1876 @. 216. 



!Dte i^entf^en äßalbenfer mif btx gto|ien ä^erfolguug^fieriobe* 

3)a« ©(i^itoa bcr Salute 1378—1417. — gortboucr bctÄcfecrberbtemmitgcn. — 
SHc ^mrid^tung bc^ Sol^ann ^ag unb be« ©icroin^mu« bon $rag. — 2)ic 
golflcn biefcr (Steigniffc in SBö^mcn. — S)tc SBöl^mcn greifen gttt ^ot^tot1)x 
gegen bic Äc^rrid^ter. — Ser trägt bic @d^ntb bet (Sm^ömng? — Md^ 
toitftmg bcr Böl^mtfti^cn @reigniffe anf 2)eutfc^lanb. — 3ol^. bon 2>dfi\ihta, 
gen. 2)ranborf (t 1425). — SHc ,,Äefeer'' in @übtocftbeutf(i^Iattb. — Mtn 
tmb ?el^rc ber beutfd^en SBoIbcnfer im 15. Sal^rl^nnbcrt. — 2)ic Äefeer^rogeffe 
gn greikirg i. U. im Saläre 1430. — 2)er (Sobcj? Xe^Ienft«. ~ 2)ic tt>al- 
benftfti^e SÖiMülbcrfcfeung. 

2lm 49. 3a]^rc5tag bcr Stönung ßubtoig« beö SBaiem toar ^ap^t 
Tregor XI. bon Slbtgnon in 9tom totebct eingcjogcn. SC&cr fd^on 
am 27. aWätj 1378 ereilte ii^n bet Zoi, unb ba8 ßonclabe toä^Ue 
UrBanVL, einen Italiener, ju feinem ?Rad^foIget* 2lfö ein SBetI 
beö 1^. ®eifteö toarb aöen gürften unb aSöIIern bie Slcutoai^I beÄ 
©tcllbcttretetö Sl^rifti bcriünbet* Do^ faum toat bie ^ubülation 
gcfd^el^cn, ba fielen bie ftanjöfifd^en Sarbinäte bon UrBan ob, unb 
balb toarb ber d^riftlid^en SBelt lunb, ber toal^rc ?a^)ft fei erft jefet 
gctoal^lt unb i^cige 8toBert bon ©enf, ßlcmenö VII* 

@o erfolgte baö groge ©d^iöma ber 3a]^re 1378—1417, loeld^eö 
bie fatl^olifd^e SSelt in jtoei i&l\tm tl^eittc. 

5Die alte Äird^e ffattt, um bcrartigen Sonflilten borjuBeugen, 
bie Autorität bcr (Sondlien üBer biejenige ber ^ä»)fte geftetft. 3e^t 
aber crllärten bie ^cöf^tt gerabeju, bag, toaö bort Befd&loffen loerbe, 
immertoa^renb nod^ nad^i^er bon bem ^ap\tt geänbert toerben !8nnc^). 

©0 toanite ber ganje S8au ber römifcä&en Sird^e in feinen 

■ 

1) 4>öf(er a- a. O. @, 51. 



240 

gunbamcntcn. SBä^rcnb auf bct einen ©eite bcr toeltlid^e 3lrm auf 
Sefe^l bet g^iftttd^en Autorität bte „fte^er" Mutig tjctfolgtc, fanf 
ba8 Slnfel^en eben biefer Slutoritat Don Saffx gu Saffx tiefer. 

Slm 30. Sanuat 1394 erließ ^a^)ft ©onifaj IX* ein ebift^), 
totlä)t^, inbem eö aCe früheren ffitlaffe jufammenfaßte ^ bie Sefecr 
gänjlid^ ausrotten foßte. !Det a|)oftolifd^e ©tul^l, fagt ber ^a^jft, 
toenbe gern Oibenter) aße geeigneten ÜKittel an, um bie ©eud^e bet 
l^aretifd^en ©d^le^tigleit p DertUgen. ^un liege xffm ein ®uta(]^ten 
feiner geliebten ©Bl^ne, nämfid(f fämmtlicä^er 3nquifitoren ©eutfd^* 
lanbö über bie ße^er iened Sanbed Dor, bie baö S3oß ^egl^arben^ 
ßoü^arben unb ©^»eftrionen nenne, toeld^e \xä) felbft aber mit bem 
5Ramen „Slrme" unb „©rüber" begeid^neten. 

©eit mel^r aW 100 3a^ren verberge \\äf biefe Äefeerei unter 
benfelben gormen unb e6 feien in Derfd^iebenen ©tobten beßtoegen 
faft in jebem 3a^re mei^rere t)on biefer ©efte att ^alSftarrige 
auf SRid^terfprud^ l^in verbrannt toorben^). !Der ^ap\t erneuere 
beßi^alb aüe Srlaffc Urbanö V,, ©regorö XI unb feiner fammtlid^n 
SSorgänger unter ©ejugnai^me auf bie ÜKanbate Äaifer ÄarlS IV. 
unb unter auöbrüdlid(fer Slnnußirung aßer ettoa entgegenftei^enben 
aSeftimmungen. 

„2Kit |)lanma6igcr unb fd(fonungöIofer Snergie", fagt ein neuerer 
gorfd^er, „mad^ten fld^ im 14^ ^al^ri^unbert bie 'Srforfd^er ber feie* 
rifd^en Soöi^cit' an bie SSerfolgung ber SBalbenfcr, unb balb feigen 
toir ton ber Sombarbei biö jum baltifd(fen 2Keere, t>on ber Äaab 
biö jum SRl^eine bie ©d^eitcy^aufen emporlobem". 

3m 3a]^re 1395 tonnte ber fromme 3nquifttor ^etruö ^ißd^ 
borf mit trium))^irenbem ^ol^ne bei^aupten, bag tS gelungen fei, 
biefer ftefeer ^zvx ju toerben^), 

Slßein faft um biefelbe ^txt, too biefe ©orte gef|)rod^en tourben, 
trugen einjelne aO^länner bie Seigren doi^n Sßiciifd t)on Snglanb 

1) 2)a{fe(be i|i abgebrucft bei 9J2o91^etm De Beghardis etc. p. 409. 

2) 2)te Sorte tauten: »sub quorum etiam habitn et ritu vivendi ante 
centum annos usque in praesentiarum semper haereses et haeretici latitamnt 
et ob id in diversis civitatibns partium praedictarum fere singulis annis de 
hi^jusmodi sectis plures pertinaces judicialiter concremantur**. 

3) $. ^au^t 2)ie rettgiSfen Gelten in graulen. Wxfi. 1882 @. 22« 



i 



241 

au9 mä) bem kontinent "äli ^teron^^mu^ Don $rag im Saläre 
1398 t)ott Offotb, too et [tubtrt i^ottc, in bie ^cimoti^ jutüdfci^rtc, 
Begann er, erfüöt Don ber ©egeifternng, bie ber groge Sörite in 
i^m ertoedt l^atte, laut ju betlünben, bag bie tömifd^c Äird^e aB^ 
gefallen fei bon ber Seilte ßi^rifti, unb ba§ 3eber, bem baö §eil 
feiner Seele am $erjen liege, jnr Seigre bc8 Söangeliumö jurüd*» 
legten möge, üßan toei§, toie feine Sorte jünbeten« 

5Der 33erlanf, toel^en bie (greigniffe in ©Blumen feit 1398 
nal^men, ift ju Belannt, aW baß eö nötl^ig toäre, näl^er barauf ein^ 
jugcl^en. 

5Deö ^ieron^mu« ffiorte fielen jnnäc^ft Bei bem ÜÄagifter ^o^. 
$u§, Sekret ber S^eologie ju $rag unb feit 1402 ^r4>iger an ber 
8etl^te]^emlaj>eöe unb ©ei^töater ber Königin ®o<)]^ia, auf frnd^t^ 
baten SBoben. 

5Der SEBiberftanb, ben §u§ fanb, inbem ber ßrjbifd^of Don $rag 
auf ^>a^3ftlid^en Söefei^l bie ©d^riften SBiclifö Derbreilncn ließ unb 
bem |)u6 baö ^rebigen unterfagte, fcrad^te e« ju ©ege, baß bie 
SJnigin unb ber «önig, Slbel unb UniDcrfität fid^ auf bie ©eUe 
$uffcn8 fteflten. 

Srofe biefer Unterftüfeung verfolgte bie Surie ben lüi^nen Sln^ 
greifcr, unb eö toarb, naäfi>tm eine tömifd^e ®^nobe bie ©d^tiften 
SJtclif« öetbammt i^atte, im, Salute 1413 bie S^communilation 
gegen ^uß au6gef|)tod^en unb fein Slufentl^altöott mit bem 3ntet^ 
biet belegt 

Salb batauf toutbe baö Soncil ju ßonftauj etöffnet. Äaifet 
©igmunb fotbette ben ^uß auf, \iäf Dot bemfelben ju fteßen. !Da 
ein laifetlid^et ©eleitöBtief i^m ©id^etl^eit jU getoä^ten fd(fien, fo 
teifte ^uß in bet 5Üfat nacäft ßonftanj unb ttaf am 3. 5RoD. 1414 
bafelbft ein. 

äBet beteitö fünfunbjtoanaig Sage nad^ feinet 3lnlunft, am 
28. 5ßoD., loutbe §u6 auf ©efd^luf beö Soncilö atö Äefeet gefangen 
gefeftt, unb oBiooi^l man \xä) bon ©öi^men auö feinet fei^t annai^m, 
fo loutbe et bennod^ immet l^ättet Bei^anbelt, i^m bie ©itte, fid^ 
öertl^eibigen ju bütfen, aBgefd(flagen unb ein unBebingtet ©ibettuf 
gefotbett 

(So fd^eint, att oB ju biefet ©ttenge bie 5Wad^tid^ten au8 ©öi^men 

fttlUv, 5l>ie ^Reformation. 16 



242 

Beigetragen i^&tten. S)ettn pUfilxäf erfüllt man in &>nftani, bag 
bet ^faxtet 3acoB Don tWtfa ju ^tag auf Sßeranlaffung be« ffial^ 
benfcr« $etru« t)on S)teöben unb unter bem ©eifaö ber ©eDöBcrunj 
ben Saien ben 3(Benbma]^l8leld^ koieber gereid^t l^a^e* Sud^ $u§ 
l^atte ftd^ im ^rinci») für ben 8aienlel(^ auögef|)ro(^en. 

35a ^ttß ben »erlangten SBiberruf nic^t leiften toottte, toarb 
er jum 5Eobe uerurtl^eilt unb am 6» Suli 1415 tcrBrannt. 

ßatfer ®tgmunb i^atte anfangt barauf Beftanben, bäg fein 
SBort; iDeld^ed er Dert>fänbet, gehalten kDerbe* $lQein einflufretd^e 
^erfonen üBerjeugten ii^n, baß er ben „Äefeer" beö gegeBenen SBorte« 
toegen nid^t ber S^obeöftrafe entjiei^en bürfe. ßönig gerbinanb öon 
älragonien jd^rieB unter bem 18« Wfxü 1415 an ©igmunb, bag er 
bemienigen bie Streue nid^t ju galten Braud^e, ber fie ®ott gegetti» 
üBer nid^t gei^alten l^aBeO. 

3n biefem ®inne erließ baö Soncil jur 8ted^tfertigung feinet 
SSer^altenö am 23« ®tpt 1415 in feiner 19* ®i|ung ein feierlid^ed 
S)ecret, in koeld^em t9 audft>rad^, baö bie ftird^e einem „St^fx" bte 
SCreue ju l^alten nid^t öer^sflid^tet fei 2). 

!Da bie SonciWBefd^lüffe att ©ngeBungen be6 1f. ®etfte« gelten 
unb unfel^lBare unb eloige ©ültigleit Befi^en, fo liegt in bem l^ter 
au^ef|)rod^enen ©runbfa^ aßerbingö ein ^rinci^) ton cri^eBlid^ 
2:ragn)eite* 

©i« ju biefem ^übfunftt i^atten bie „S^tx" 3a^r]^unberte 
i^inburd^ eö gebulbig ertragen, baf bie riJmifd^e Äird^e im ©iber* 



1) 2)er ®nef t{i abgebrtt(!t in @<i^ell^otn8 (SrgBtlid^Ietten au9ber^^- 
l^iporic u. f. »• »b. l ©• 217 fr 

2) 2)a9 2)ecret be9(£onctl9 dd. Sess. gen. XIX. d. 23. Sept. 1415: PraeseDS 
sancta Synodus ex quovis salvo conductu, per Imperatorem, Reges et alios 
saeculi Principes haereticis, vel de haeresi diffamatis, putantes eosdem sie a 
Suis erroribos revocare, qnoconque vinculo se astrinxerint, concesso, nnllnm 
fidel catholicae vel jurisdictionis ecclesiasticae praejudicium generali vel im- 
pedimentum praestari posse sen debere, declarat, quominus salvo diclo cod- 
düctü non obstante liceat judici competenti ecciesiastico de hujasmodi per- 
sonarum erroribus inquirere et alias contra eas debite procedere, easdemqoe 
punire, quantum jastitia suadebit, si suos pertinaciter recusaverint revocare 
errores, etiamsi de salvo conductu confisi ad locum venerint judicii, alias 
non venturi. abgebt, bei bon b. $arbt Gonc. Gonst IV. p. 521. 2)a3tt bgl 
boS f^ette beeret De salvo condactu Hussonis bei $atbt a. a. O. 



243 

fprudj mit bct Seilte S^riftt ba« tocItU^c ©d^toert flcgcn li^re Beftcn 
äKänner in ^eiDegung gefegt i^atte. 3e^t alber mar baS SOtag boQ, 
unb bie ®ebulb ber gequälten SDtenf($en i^at ju (Snbe* 

(Sine furchtbare ®äi^rung verbreitete [xäf über ba6 ganje Steid^^ 
am furd^tbarften natfirfid^ in ©ö^mcn, too religiöfe unb nationale 
aRotiöe bie Slufregung [teigerten. Die erften ©d^ritte, toeld^e bie 
Partei bc8 ^ingerid^teten ti^at, toarcn nod^ burd^au« friebfertiger 
ärt; man befd^log, unb jtoar faft aöe angef eigenen ÜRänner f&i^ 
mtni, einen @unb auf fed^d Saläre sur SSerti^eibigung gegen loeitere 
Ungered^tigleiten ju ftiften. 

(Sben atö man barüber einig geworben loar, traf bie $unbe 
ein, baß aud^ §ieron^muö bon ^rag am 30» ÜKai 1416 ber 35er^ 
folgung jum D^)fer gcfaöen toar; aud^ ti^n ^atte man verbrannt 

3n unbegreiflid^er 35erblenbung befd^loß ba« ßondl, bie „Äefeer" 
in SBüi^men auf bem altbetoäl^rten ffiege ber l^öd^ften ©trenge nie^ 
berju^aften. !Caf[ette erlieg für bie geiftUd&en ©erid^tc unb bie 
»eltlid^cn Autoritäten eine genaue 3nftruItion in 24 Artileln, toie 
man gegen bie greunbe beö §u6 oorgel^en foüe, unb ber ^a^jft 
fanbte 3nquifitoren mit außerorbentfid^en SSoßmad^ten, toie e« in 
ä^nlid^en gäüen in !I)eutfd(flanb fid^ oortreffßd^ betoäi^rt ^atte, nad^ 
®8^men* 

Slßein toäl^renb am 8t^ein, in Dcftreid^ unb in 5Rorbbeutfd^^ 
lanb bie Sefeerrid^ter ungeftört l^atten toirlen lönnen, begegneten fie 
in ©Blumen ^>IBfelid^ einer entf^Ioffenen unb tl^atlräftigen Slbioei^r. 

Unter güi^rung jtoeier ebellcute, be« ?Ricotauö oon ^uffinecj 
unb beö So^anneö ^xSta, fammelten fid^ große ©d(faaren, junäd^ft 
ju feinem anberen 3ö>edte, al6 um ba6 Slbenbma^I gemäß ber 6in^ 
fefeung Si^rifti unb nad^ uraltem Sörauc^ ber SBalbenfergemeinben 
unter beiber ®eftalt fid^ reid^en ju laffen. S)er ©erg JEabor loar 
c^, ü)o bicfe erften großen S)cmonftrationen ftattfanben« 

5Rad^bem bie !Dinge fo toeit gelommen toaren, riß bie (&nU 
frembung bon ber römifd^en Äird^e immer tiefer ein, unb eS ift ja 
belannt genug, baß ein blutiger Sam^)f bie golge toar» 

aW Äönig ©igmunb einen Äreujjug gegen bie lefeerifd^en 5851^^ 
men anüinbigen ließ, lam eö jU ben furd^tbaren Äriegen, toeld^e 
baö ganje Slbenblanb erf^ütterten* 

16* 



244 

S6 flicBt eine neuere ©ef^id^ifd^tetBung, toeld^e, tnbem fte auf 
biefe Rttege l^intoeift, üoß fittltd^er Snttüftung über bte „reöolutto^ 
nareu Senbeujen" unb bte ,;Umfturjt]^eorien" aßer berientgen ^at^ 
teien \pxxdft, tx>tl^t eö getoagt ^aBen, fid^ beut ©ei^orfaut ber ximu 
\äftn Sird^e ju eutjtel^ett* 68 totrb bann „qucnenutägtg" ber 
©etoei« erbrad^t, bag bie revolutionären ,,®elten" Slufrui^r unb 
dmpixmz t)or fid^ i^er getragen i^aben« 69 tft toai^rlid^ nid^t fd^toer, 
biefen „©etoei«" au« ben Oueüen ju fül^ren* 

Dod^ tft ju bebauem, bag fold^e ,;Un<)art^eiifd^e" ©efd^td^t^ 
fd^reiber uteift üergeffen, ^in jUjufflgen , too benn eigentttd^ bie Ur*» 
fad^en ber „SuHJörung" gelegen i^abenO- 



35ie erfolge ber ©iJ^uien mußten aud^ in ben 5Rad^barIattbem 
auf bieicnigen Parteien ftärlenb jurudioirlen, tocld^e in D|)t)ofttion 
ju ben i^errfd^enben fird^Iid^cn ®etoatten ftanbcn» 

Um ben ©ejinn ber ä^anjiger Sai^re be« 15. 3ai^r]^unbert8 
begegnet un« al8 einer ber gül^rer ber beutfd^en D^^tJofition ber 
fäd(ffifd^e Sbelmann Qol^ann ton ©d^Ueben, gen* !Dranborf. 

Site fid^ ber äbel in SSßi^men an bie ®^)i^e ber empörten SWenge 
fteüte, lonnte bei ben Dielfad^en freunbfd^aftUd^en unb Dertoanbt* 
fd^aftUd^en ©ejiel^ungen, toeld^e jenen mit ben beutfd^cn 9iad^barn 
terbanb, eine ÖJüdioirlung aud^ auf ben 3lbel ber ©renjproöinäen 
nid^t ausbleiben. 5Rur toenn man annimmt, bag bie „SBrüber" in 
ben fäd^fifd^en ßänbern fd(fon frül^jeitig mäd^tige ^roteltoren fanben, 
erKärt fid^ bie S^^^atfad^e, bie toir Icnnen lernen »erben, baß bie 
aSerfammlungen ber SBifd^öfe unb ;;2l^)oftel" an^ bem ganjen SReid^e 
fpäterl^in in © ad^f en , j- Sß. im SWeißnifd^en , abgei^alten tourben. 
eben au8 bem iKeißnifd^en ftammte ja aud^ Jener fäd^fifd^c Sbel* 
mann, ber mei^r afö üiele anbere fpöterl^in ein SBefd^ü^er ber Krd^^ 
Ud^en O^)^)ofition geioorben ift, nämlid^ Sol^ann t)on®tau|)ife. 
!Die gamilie ©taujji^ aber toar nad^ioeiSUd^ feit bem 14. Qidffx^ 
l^unbert in ben bß^mifd^en ®ren5^)rot)injen begütert unb angefe^en. 

SBäi^renb aber bie SKei^rjal^I ber reformfreunblid^en Stbltgen 
jener JEage nad^ ber ©itte ii^re« ©taube« für bie erlannte SBa^r* 

1) Wtan t)dt Sanffen ©efc^. be9 beutfii^en Sollet n, 391 u. öfter. 



245 

l^eit fod^tcti; tft Sodann t)Ott ©^ItcBcn auf einem anbeten, üiel 
f^toereten saSeg getoanbelt, nämlid^ auf bem be« aÄätt^terö O- 

3o]^ann toat im 3a]^te 1390 al8 teid^et Sttem Äinb geBotem 
3tt Dte«ben, too er feine SSotBilbung enn>fangen i^atte, toat et mit 
bem SBalbenfet ^etru« in SBejiei^ung gelommen, bet, toie ertoäl^nt^ 
balb batauf in ben Bö^mif^en Äänqjfen eine 8toße \p\tltt. 

Um baö 3a^t 1409 fcä^eint e« getoefen ju fein, too ®d(ftteBett 
bte Uniöetfität Sei^sjig Bejog, um fid^ in bet tl^eologifd^en SBJiffen- 
fd^aft auöjuBilben» 5Kad^ ficBeniäl^tiget 35otBeteitungöjeit, alfo um 
ba« Sal^t 1416, ttat et in ben ^tebigetBetuf ein. !Det etfte ©d^titt, 
bcn et nad^ feinet Dtbination tffat, toax bet> bag et fid^ feine* 
SJetmßgenö jum Slufeen feinet otmen aÄitBtübet entäußerte, g* 
cT^eüt au8 biefet BeglauBigt üBetliefetten 2^atfad^e, bag ©d^lieBen 
in ben SSetBanb bet „Slpoftel" einttat, unb in bet 2^at Begann er 
öon ba an ein ©anbetleBen att ©enbBote ßi^tifti. 

St fanb ali fold^et junäd^ft genug SBefd^äftigung in ben jal^t 
teid^en ©emeinben, bie in feinet engeten ^dmat^, in ©ad^fen, 
äWeißen unb im 95ogtIanb Dotl^anben toaten. 35on bott BegaB et 
fid^ im SBeginn bet stoanjiget ^affxt an ben SRi^ein. 

S)a§ i^iet tto% bet Äataftto^^l^e, bie toit gefd^ilbett l^aBen, nod^ 
fotttoai^tcnb, felBft untct ben ®eBiIbeten unb ben ©eiftlid^en, (S>t^ 
fmnungögenoffen ®d(fIieBen8 Doti^anben toaten, etgeBen bie SBe^ 
jiel^ungen, bie gemietet nad^ feinen äuäfagen öot bem SnquifitionS^ 
gctid^t bott öotfanb. ©d^üeBen toanbte fid^ äunäd(fft an einen Mnet 
©eiftßd^en, beffen 9^amen et ben Äefeettid^tetn aBet nid^t tettatl^en; 
^at; bann ju ©tjeiet an ben jut 3^^ be« SSeti^ötö Beteit« gefangenen 
©d^ulteftot ^etet JCutnau. S)utd^ i^te 35etmittlung toatb et 
in bie tl^einif d^en ©emeinben eingefül^tt unb ptebigte l^iet, toie et 
felbft fagt, gegen ben Sib unb gegen getoiffe 3tttpmet, bie fid^ in 
bie äBalbenfetgemeinben eingefd^ßd^en l^atten. 

SDie jut ÜDiBcefe SBätjButg gel^ötigen ©täbte §eiIBtonn unb 



1) 3ol^. t). ^(i^UeBen l^t in bet ^rti^engefii^^te nod^ triti^t bie i^erütitTtti^tigung 
gefmtbeit/ bie er t)etbient (£d tul^t {td^t üBet il^n noti^ ntand^9 9J2atend an 
))eiBorgenen Orten. S3gl. üBer il^n $an^t a. O. @. 32 ff. n. bie @. 32 Wxtsu 5 
aufgefüi^rten OueHen. $ier ifi neBen $au)>t no<i^ ber ^ffo^ ^mmmeld in bem 
%itot ©tnb. n. Ärit. 1869 @. 130 ff. Benuftt icorben. 



246 

Xßein^berg (efanben {tc^ bamatö im Sänne, ben Sifd^of 3o^ann II. 
toegen einer rein n)eItH($en ^age üBer fie t)er]^angt i^atte. Wht bet 
inxäf ba6 3nterbtlt tief mpixttn ©ebBtterung Infij)fte IBranborf 
Sejiei^ttnaett an unb ber ^atff bon ©einöbcrg lub il^n ein, bott^ 
Ifxn )u lommen. 

Sluf beut SBcge aber, in §eiIbromi, toarb er üon ben ^fifd^em 
«rreid^t unb na(3^ §eibettct8 in ba« ©efdngnig abgefül^rt Die SBer-^ 
i^aftung ^eter S:ttrnanö toar ber feinigen bereit« borangegongen. 

S5 tourbe im %xma^x 1425 ein Snquifitionätribunal ju $eibel^ 
berg unter äntoefenl^eit be6 ©ifd^ofö 3o]^ann t)on SBorm« unb einiger 
©eüoümäd^tigten be« SBif^of« bon SBürsburg, fotoie unter ÜÄittotr-^ 
lung ber Unlt)erfität eröffnet unb ben ©efangenen ber ^rojeß ge** 
ma^t» 

!Da6 Snbe toar, bag ©d^licben im ^affxt 1425 ju SBorm« 
unb $eter S^urnau im Sa^re 1426 ju ®<)eier Don ber l^eiligen 3n^ 
quifition bem S^obe in ben glammen übergeben tourben. 

Ueber bic toettercn ^inrid^tungen oon „Äe^em" auö biefer ^txt, 
toeld^e in ben ©d^riften ber red(ftg(äubigen STl^eoIogen al8 fßt^^ax^ 
ben ober Soüarben bejcid^nct toerben, bie aber \iä) felbft ,,a5rüber" 
nannten, giebt eine ©d^rift beö ju feiner ^dt \tffx belannten S^or-^ 
l^erm unb ^ro^)fteö am ©roßen STOünfter'jU ^üxxäf, geKj ^em^ 
merfinO (geftorben ca» 1460), nähere äuölunft 

Unter ben mannigfad^en 2:ractaten biefeö Slutorö befinbet ftd^ 
aud^ eine ®treitfd(frift gegen bie „SSegl^arben" au« ettoa 1440, toeld^er 
er ben 2^itcl gegeben ^at: „Contra validos mendicantes" ^). 3ft 
bie 5El^atfad&e fd^on an fid^ mertoürbig, bag nod^ um 1440 ein 
SDiann Don §emmerün« anfeilen e« für nöt^ig i^ielt, gegen bie Der* 
ad^tete „®eltc" literarifd^ ju gelbe ju jiel^en, fo erl^ält ba« ©ud^ 
bod^ eine größere ©cbeutung burd^ bie tl^atfäd^fUd^en eingaben über 
bie Ausbreitung ber Partei in ber ®d(ftoeij unb Dberbeutfd^Ianb 
toä^renb ber angegebenen (Spoäft. 

1) »gl. über il^tt bie ^tttg. beutf(i^e ©logro^l^ie s. v. 

2) 2)iefelbe t|i abgebrudt in ber ©ammtung: Glarissimi viri jariamque 
doctoris Felicis Hemmerlin cantoris qtiondam Thuricensis Yarie oblectationis 
opuseula et tractains Basileae 1479. $ier citire id^ nadj bem in bct ^aiferL 
^ibt in <^ttagburg Befittblid^m @(em)>Iar. 



247 

,,3« meinen Sagen", fagt §emmerKn, „^cibzn an^ in ber 
©täcefe ßonftang biefc SKenfcä^en unjä^Iige 3trlc^ten auögefäet; 
bo^er l^at man fel^r ötele ju öffentlid^er ©uße geBtad^t, anbete bntd^ 
gener öerfcrannt. IDegl^att ^aben in nnferen JEagen (b. ^. im 3a]^te 
1438) (ginige bie ^trlel^te in neue ärtilel gefcrad^t nnb in t^ren 
Sfid^em niebetgefd^rieben" 0^ 

©eitbent bie eigentlid^en 93eg]^atben^ unb S3eg]^inenconk)ente 
meiftentl^eiW in ben btitten Dtben be« 1^. gtanciöcu« aufgenommen 
tootben toaren, lonnte 5Wiemanb, aud^ ^emmerttn nid^t, bie alte 
S3ejeid^nung in il^tet 9iagemeini^eit ald ße^emamen beibel^alten. 
^emmerftn räumt ba^er ein, baß einjelnc unter 3enen red^tgläuBig 
feien. 

„2lBer", fagt er, „e8 ift i^äufig ber gaü getoefcn, baß unter iener 
fd^Ied^ten ©efettfd^aft ©elten unb ßonbentilel öon §äretilem ju 
unferer ^txt unb in nnferen ©egenben fid^ Befunben l^aBen, toic 
bie« feftftei^t t)on einem getoiffen ©egl^arben, 5Wamenö SBurll^arb 
mit feinen '©rübern' in bem ®eBiet üon 3ärid^, toeld^e nad^ oB^ 
gelegter ^ni^t unb Sluf^eftung beö ßreuje« in il^re ftc^erei jurüdE* 
fielen unb üerBrannt tourben» SBenfo toar eö mit einem getoiffcn 
'Sruber' Sari, toeld^er einen großen 3ln^ang in bem ganbe Uri 
l^atte unb au« bemfelBen ®runbe mit feinen ©enoffen burd^ ba« 
fjeuer tjerje^rt loorben ift; eBenfo mit einem geioiffen $einrid^ 
öon Xierreng Bei ßonftang, toeld^er neBft einem großen Slnl^ang 
öffentftd^ SBuße t^at; eBenfo mit einem geioiffen Öoi^anne« im 
®eBiet t)on Ulm mit oieler (Sefeüfd^aft, ber toegen ber genannten 
@ad^e öffentli^ ©uße tl^at; eBenfo mit einem SWagifter unb $äre^ 
pard^en in ber §errfd^aft SBürtemBerg, ber mit ber größten ®d(ftoierig^ 
feit in einer 35erfammlung ber ©ad^öerftänbigen flBeriounben toarb» 
(SBenfo »ar eö mit geioiffen Segl^arben, loeld^e jebe« Sai^r au« 
JBöl^men famen unb ungegä^lte ©d^aaren SSolfd in ben ©täbten 



1) 2)te @tette lautet Cu O. fot XIl^ : „Et insuper in diebus meis et in dyo- 
cesi Gonstantiensi isti homines infinitos seminaverunt errores, unde plerique 
sunt ad poenitentiam publicam posili, alü igne cremati ; unde his diebns, vi- 
delicet de anno domini MGGGGXXXVIU, quidam novos fecerant erroris arii- 
colos in suis libris conscriptos et in occultis conventiculis dogmatizatos, qui 
demum et vix informati poenitentiam pnblicam peregenint**« 



248 

Sbtxn, ©olot^um unb in Dielen !Dörfem unb ©egenben, bie ben 
©täbten Utttertoorfen toaren, in bie fcä^tedltd^e ftcfeerei öerfül^rten. 
Unb in ©nmma, im gangen oBem 35entfd(flanb ift leine Sefeetei 
toiber ben lati^oUfd^en ©lanBen eingefül^tt, e« fei benn \>nxäf bie 
gü^fe jener ©elte ber ©egi^atben, goüatben nnb Söegi^inen anf ba9 
nici^Wtoürbtgfte Betoirlt tootben" ^). 

3m ^inblid l^ietanf fotbett §emmetUn bie äugerfte Strenge 
gegen biefe SKenfd^en. ff2a^t nn«", rnft er and, „baS 8ted^t, bie 
Sanone« nnb bie ^. ®efe^e nnb bie SBaffen berer, bie ber ©efefee 
iDiener finb, männficä^ Warfen, nnb laßt nnö bie ®d(ftoerter be« 
geifÜi^en nnb toeltlid^en SRed^teä jüden (Gladii vibrentur), nm bie 
35erBre(^en jener ÜKenfd(fen birelt ober inbirelt jn nnterbrüden (com- 
pescantur). !Denn eö fielet gefd^rieben Bei 2Kofeö: 'S33e^e bem, 
toeld^er reijt ben $errn gnm B^^i^'"* 



3nr S^aralteriftif ber Seigre nnb beö 8eBen8 ber „©ruber*' 
gemeinben"; toie fie nm biefe 3elt fid^ geftaltet f^atttn, finb bie 
Slnfjeid^nnngen einer §anbfd^rift ton SBid&tigleit, todäft an« bem 
3ai^re 1404 ftammt, nnb bie in ber alten ©iBKoti^e! jn ©tragbnrg 
anf Betoai^rt toar ^). Senn man bie SlngaBen ber §anbfd^rift^ tocidje 
ton einem ®egner i^errüi^rt^ mit SSorfid^t tertoertl^et, lann man 
einige toid^tige S^otijen baranö f$ö^)fen. 

3ttnäd^ft ift nn« bnrd^ biefelBe eine ^rebigt erl^alten, bie, ti>enn 
fie and^ öieUeid^t öon einem römifd^en (SeiftUd^cn il^re je^igc latci^ 
nifd^e gorm erl^aften i^at, bod^ nngtoeifcll^aft in aßen toefcntßd^en 
^nnlten ed^t ift- SDiefelBe enthält Sroft nnb änftjrud^, toie ii^n 
bie nnter ber SSerfoIgnng jnfammenBred^enben ©emeinben nm ba« 
SoÜfx 1400, too fie gei^alten ift. Brandeten. 

3toci 3o]^r]^nnberte i^inbnrd^, fagt ber ^rebiger, l^at fid^ unfere 
®emeinfd(faft guter 3«ten erfreut, unb bie ©rüber toaren fo ioifU 
xziäf getoorben, bag Bei i^ren Sondlien 700 unb mel^r ^erfonen 
äugegen loaren* ®ro§eö ^at ®ott für bie ©emeinfd^aft getl^an. 
!Dann ift fd^ioere SSerfoIgnng üBer bie ftned^te S^rifti i^ereingeBrod^n, 

1) 2)ic ©teile 0. D. «t XI«. 

2) )Bgt CL @<i^tntbt menflüde, Befonber9 gut ®i\^. ber S0aIbenfer, in 
S^icbnct« atfd^r. f. b. l^ijl. Sl^cot 1852 ©• 238 ff. 



249 

k)on Sanb in Sanb ^at man fte getrieben unb US auf ben l^euttgen 
Sag bauert bic ©raufamlett gegen fte an. 

Do(^ feitbem bte Ättd^e Sl^riftt gegtfinbet tft, l^aBen bte toal^ten 
Sänften mental« betatt afigenommen , bag ntd^t in bet SBelt ober 
tocnigften« in einjelnen ßdnbern einige „§ eilige" üori^anben 
toaren^). 3n ben gänbem jenfeiW be« ÜÄeere« i^at bie Ätrd^e im 
Anfang )uerft ii^r SBad^^t^um genommen, ^iematö loirb bief[eitd 
unb ienfeit« be« ÜÄeere« juglcid^ bie Sendete ber „^eiligen" er^ 
Bfd^en. 

änd^ nnfere SBrüber l^aben einft toegen ber aSerfoIgung ba« 
3Reer überfd^ifft unb in einer beftimmten ®egenb ©rü^ 
bcrgefunben; bo(^ toeil fie bie ®pxaSft be« ganbe« nid^t Der^ 
ftanben, toarb ber SSerlei^r ii^nen f d^toer unb fie finb jurüdgelei^rt 2), 

S)a« Slntli^ ber Sird(fe koed^felt koie bie ©d^eibe beS SOtonbe«. 
Cft blü^t bie Sird^e buri We Bal^I ber „^^ßge«" ««b tft ftarf 
auf biefer (grbe, unb biötoeilen fd^eint fte gang gu jerfaßen unb ju 
ücrfd^toinben. 35od^ toenn fie an ber einen ©teüe terfd^tounben ift, 
fo toiffen loir, bag fie in anbcm Säubern fid^tbar ift, fei e« aud^ 
nur in geringer 3<i^I ber ^eiligen, bie ein gute« geben füi^ren unb 
in bem i^eifigen SSerbanbe geblieben finb. 

Unb loir glauben, baß bie ©emeinbe toieber erftei^en toirb in 
atoger 3al^I unb ®tärle. üDiefe« unfere« SBunbe« (ordinis) Ur^ 
^cber ift Si^riftu« unb unferer ftird^e §au|)t ift 3efu«, ber ©oi^n 
®otte8. — 

üDie ei^aralteriftil ber ©albenfer, toeld^e fid^ in unferer §anb^ 
fd^rift an bie ^rebigt anfd^fließt, fftit al« tomei^mfte« 2KerfmaI ber 
Partei bie geugnung be^gegfeuer« i^ertor. !Dann trifft fie mit 
rid^tigem SdM fofort bie toid^tigften Unterfd^eibungSlei^ren , inbem 
ber Sutor tabelnb fagt: bie SBalbenfer fpalten bie ©ni^eit ber Sird^e 
baburd^, baß fie glauben unb fagen, ein äßenfd^, toeld^er 



1) 2>te ©ege^nujig ,^eittflc" lommt in berfcJbcn ©cbcutung toit „xtd^tt 
^tifta", b. 1^. \oi^, toddft (S^xxfd Seigre gtouben unb il^r ge^orfom {Inb, in 
biefer ®emeinjc^ft l^ftg t)or. 

2) (Sd fc^eint, bag l^iet an (Sngtanb gebaii^t n)etben muß; ber $er!el^r be9 
ChigUtttber« $eter ^t^ne mit ben Satbenfem um biefe 3eit toirb nntm (Sr* 
toäi^mmg ftnben.; 



250 

tugcnbl^aft lebe, toerbe allein burd^ feinen ©lauBcn 
be« §eiU tl^eil^aftigi)- 

aSom ablag tooüen jte ni(^W toiffen, fäl^tt et fort, um ffiatl* 
f alerten Wntmem fie fid^ nid^t; {eben (gib üctbieten fle; ebenfo 
bel^au<)ten fie, bag 5Rieraanb bie 3:obe6fttafe antoenben bürfe. 
«ud^ finb fie beö ©laubenö, bag bet ^ap\t leine ©erid^töbatleit in 
toeltlid^en !Dingen flben bütfe; aud^ bfirfe et SWemanben in bcn 
©ann t^un^). !Det ^ap^t unb aöe ©eiftlid^en, toeld^e ein geben 
füllten, ba^ ben ©efel^len Sl^tifti nid^t entfptid^t, befi^en aud^ Wc 
aSoCmad^ten e^tt nid^t SSJet bie Dtbination in ted^et SScife 
etl^alten i^at, bet befifet bie SWad^t jum 88fen unb ©inben; bc* 
fonbete tefettitte Sotfmad^ten, toie ^a^)ft unb Satbinfile fie ju l^abcn 
glauben, giebt e6 nid^t. 

SBid^tig ift, bag unfete Oueüe bie SRituatfotmel »icbetgtebt, 
toeld^e bei bet Sbf olution gebtäud^lid^ toat; biefelbe ift unjtoeifeU 
i^aft ben alten gotntulatbüd^etn entnommen, auf bie toit toettct 
unten nod^ gutüdlommen toetben^), 

SaSäl^tenb unfete Queüe in biefet §tnfid^t offenbat gut untere 
tid^tet ift, entl^ält fie eine JReil^e Don gänjlid^ fd^iefen Sluf f affunge« 
unb legt biefe in bet belannten Seife ben „Äefeetn'' untet, um i^te 
aSetlel^ttl^eit ju bemonfttiten. iDal^in gel^ött e«, toenn bet äutot 
fagt, bag bie „®elte" ben 3luguftinu8, §ieton^mu8 u» 2L öet' 
bamme (dampnant) ; toit loiffen Dielmel^t, bag bied leine^toegtf bet 
gaß toat. 

SBid^tig ift bie ©d^ilbetung, toeld^e bie §anbfd^tift ton ben 



1) Item dividunt unitatem ecclesiae, credentes et dicentes, hominem vir- 
tuose Yiyentem solum in sua fide salvandum. ^(i^mtbt a. O* @. 243. 

2) 2He SBoIbcnfer forbcrtcn gemäß ber 1^, ©ti^nft bie aWittoirfting ber ©e* 
metnbe beim ^nn. 

3) 2)te gormd lautet: „Unser herre, der do vergab Zacheo, Magdaleoe 
und Paulo, der do enbant Petrum von den banden der Kethen, und Marthen 
und anderen puesseren, der welle dir vergeben dine sunde. Der herre ge- 
segen dich und behuete dich; der herre zeige dir sin antlit und erbarm sich 
din; der herre kere sin antlit zu dir und geh dir den friden. Und der fride 
gottes, der do Qberhoehet allen sin, der behuete diu hertze und din verne- 
roung in Christo Jhesu. Gesegen dich der vatter und der sun und der heilig 
geist. Amen''. 



251 

„apoftdn" Uttb i^tcr SBetfe gicSt 0- ,,®te6en Wlal t&^lxäf feetcit 
{le, unb ntd^td anbered itttn fie ald bad 93ater unfer; &>eber 
bad 9[))e SO^aria nod^ bad ®^mbolum^) fügen fie ^tnau^ 

„Sbenfo )>fl[egen fie nur im ©ei^eimen ju leisten. S)ed9lei(^en 
jittb fie in il^ten SBotten öotfid^tig; freitoittige Untooi^ti^eiten unb 
®d^m&l^tt>orte )>fl[egen fie auf bad forgfältigfte gu meiben; einfädlet 
ftletbung bebienen fie fxäf] fleißig untertoeifen fie ii^re Untergebenen 
in ber Uebung ber 2:ugenb unb in bet SÄeibung be^ Saftet^ ; unb 
toeil il^te Haltung augetUd^ enH)fe]^lenött)ett]^ fd^eint, barum toetben 
i^te Untergebenen fei^r barin beftärlt, baß man ii^nen in aüen 
iOingen ajertrauen fd^enlt"»), 

Ueber bie ©ebet^orbnung, toie fie bei ben Slnbad^ten üblid^ 
toar, enthält bie ©tragburger ^anbfd^rift bie intereffante Slngabe, 
bag bie „©rüber" leine öorgef d^riebene ®ebet^ jai^l unb Sänge fen^ 
ncn; „öielmei^r beginnt ber 2leltefte unter ii^nen ba« ®ebet unb 
l^ält ein langeö ober hirjeö, ie nad^bem e^ ii^m nüfeUd^ fd^eint" *)♦ 

,,!Dic ^. ©d^rift", i^eißt eö »eiter, „i^aben fie in il^rer SWutter^ 
fjjtad^e im ®ebad^tni6 unb geben fie in biefer ®pxa^t (beim ®oU 
tc^bienft) toieber"- 

Ueber btc S3orbebingungen, an toeld^e bie Slufnai^me unter bie 
„a[|)oftel" gelniipft toar, gtebt bie Omüt einige 2lnbeutungen , bte, 
oBtDoi^I fie fidler ti^eitoeife entftettte eingaben enti^alten, bod^ t^on 



1) 3!)te Oucttc f^>rid^t ntd^t i)on „apostoli", fonbern ijon bcn „Seniores inter 
€08"; ed pttb aber offenbar bie St^>ope( gemeint 

2) 3m Sdl^rc 1430 befennt bie SBalbenfcrin Slngnitta ©red^itter gu greiburg 
i U., bag beim ®cbct baS Wot Wlma nii^t gefagt »erben fott, nod^ anbere 
®cbete an bie^eiligen, fönbcm aKein unb eingig ba8 SSater unfer» SSom „®tou* 
ben" (Symbolum) l^be fic nii^t gel^ört, ob jte il^n fagen fotttcn ober nii^t. 
©. O^fenbein o. D. SBem 1881 @. 207, 

3) ©d^mibt a. O. @. 244: ^Item solent tantum docere in occuito. Item 
in rerbis sunt sibi caati; mendacia voluntaria et verba turpia maxime so- 
lent evitare; yestimentis non pretiosis utuntur; diligenter suos subditos in- 
strount ad exercendum-Tirtates et cayendam avitiis; et quia eorum conver- 
Batio extrinseca apparet commendabilis, ex hoc subditi eoram multum con- 
fortantur fidem eis in omnibus adhibendo". 

4) Item in orando non habent numerum determinatum, sed senior inter 
«08 incipit orationem et facit eam prolixamvel brevem, secnndum quod sibi 
Tidetur expedire. @. 243. 



252 

SBetti^ finb, ,,833cnn fte Semanben unter btc S^täget ii^teö ®etoanM 
aufnci^men tooütn^), fo ejamtniten ftc ifyn öoti^er eine 3^* ^H 
unb jut 3^it i>^ Drbinatton muß er ein Sefenntnt^ fetner @ün^ 
ben aMegen"* ®te legen ii^m fiel&en Slrttlel öor: DB er an bcn 
breieintgen ®ott glaubt; 06 er biefen ®ott für ben ®(^5<)fer aUer 
fi($t6aren unb unfid^tbaren !Cinge i^ätt; bag er bad ®efe^ 9Roftd 
gegeben; bag er feinen ©oi^n ffat SÄenfd^ toerben laffen; ba§ et 
[läf eine unbefledte Äird^e ertoä^lt i^at; bag e^ eine Sluferftei^ung 
giebt; bag er lommen toirb, ju rid^ten bte Sebenbigen unb bic 
lobten 2). 

3ugleid^ toerben eine 9iei^e öon (Selübben (vota) Don \Sfvx oür 
gelegt, ble fid^ furj alö bie ©elübbe be^ (Sei^orfam^ gegen @otte^ 
©ebote, ber Seufd^i^eit, ber Streue gegen btc ©emeinbe, ber frettott 
ügen Slrmuti^ ^) unb ber ®rüberü(^feit bejeid^nen laffen* 

©obalb er biefe (Selübbe abgelegt i^at, toirb er burd^ bie $anb^ 
auflegung getoeii^t* 

©d^on an^ biefen Slnbeutungen, bie ti)ir unten öerDoüftänbigcn 
toerben, erließt, bag bie ^Regeln unb SDrbnungen ber alteDangc* 
lifd^en (Semeinben öiel auögcbilbeter toaren, alö man bi^i^er m* 
ctudgefe^t ffat 

SWan i^at eingeräumt, bag in ben „Selten" be« SWittelaltert 
tooi^l religiiJfer Cnti^uftaömuö ijori^anben getoefen fei, aber fcftc 
9lormen unb ftrenge SDrbnungen i^at man altein ber römifd^^Iati^o^ 
lifd^en Si^rifteni^eit i)inbiciren ju muffen geglaubt 

©ne fold^c 3lnfid^t ift burd^au^ falfd^* Die 3Serfaffung, toeld^e 
bic (Semeinben öerbanb, unterftanb tooi^lburd^bad^tcn unb gutbc^ 
toäi^rten, uralten Siegeln, bie alö ^robult nüd^terner <)raltifd^er 
Ueberlegung betrad^tet »erben bürfen. 



1) 2)ie Ouetle fagt: Item quando volunt assumere aliquem ad eorum 
habitum etc. 2)a aber nur bic „'^)po\itV' i)orgefd^riebetie Äteibung bcfagotf 
fo iß aud^ nur an fte )u benlen. 

2) ^a^ »>*3cafci^tt)it5 3)ie ^ated^i^men u. f • »* 0^184 ftnb bief elbcn «rttfel 
in ber »atbenjtfd^en ©d^rift De li arlicles de la ft entl^ten. 

3) 3m Saläre 1430 fagt ber äSalbenfer äSttti ^on ^ßanberg ouS onf tie 
grage: „üb bot ©eipftd^en etiöaS gegeben löcrbcn fotte" — ,,SBtermat im 
3aljre fotlc man ii^nen £)^)fer f^>enben". ©• Od^fenbän o* D. «et» 
1881 @. 192. 



253 

3ut ©cfd^t^tc bcö aBalbcnfctti^um^ im Slnfange beö 15* Qaf)x^ 
l^unbctt^ enti^alten bie ^totocoüe bct gtetbutgcr Scfecr^Jtoceffe, btc 
iin^ auö bem Sa^xt 1430 cti^alten finb, toid^ttge SÄatcmltenO* 

©ic ©cgenbctt um tjteibutg, ®crn unb ©d^toatjenburg toatcn 
m^totxSix^ feit minbeften^ bem Saläre 1277 2) Äefeerfifee, Dutd^ 
i^te Sage an bet großen ©trage, toeld^e baö füMid^e gtanlreid^ mit 
bem Dberri^ein ijerbanb, öetmittelten fic ben SSerlel^t 3ti>if(ä&en ben 
beutfd^en unb toelfd^en (Semeinben* 

©ie ^intid^tungen , toeld^e bereite im 13* ^ai^ti^unbert ftatt«' 
flcfunben l^atten, toaten nid^t im ©tanbe getoefen, bie ©emeinben 
ju jcrftören* 

SDie SSerfoIgungen toieberi^olten fid^ im 3a]^re 1374 unb in 
großem SKagftabe im Sa^re 1399. 

!Die ßi^tonif berid^tet ju bief em Salute : ,,S^ toutben i)iel 8eute 
juSem unb auf bemSanbe, grauen unb Süiänner, ©etoaltige, 
SRcid^e unbSlrme, mei^r benn 130 ^erfonen in bem Unglauben 
kfunben u, f* to." ^% SKan ftrafte fie nid^t am Seben, fonbem jtoang 
fie jur 2lbfd^toi5rung; toer nid^t abfd^tour, unterlag nad^ ben (Se^ 
fc^cn ber Sluötoeifung* !Die Slßübe beö ©erid^tö erltärt fid^ auö 
bcr Slnbeutung ber Si^ronil über bie SJet^eiligung i)on „©etoaltigen 
unb SReid^en''. 

3n ber SEi^at fteöte e« fid^ 30 Saffxt f})äter ^erauö, bag bie 
®emeinben nid^t nur fortbeftanben, fonbern bag nad^ tote i)or ein^ 
jclnc ber Dornei^mften gamifien ben „ßi^riftenbrübern" angei^örten, 
3u biefen jä^lte im 3a^re 1430 ber ^Ritter JRid^arb öon aßagen^ 
Berg, tocld^er fein ©d^Iog unb feinen ©nflug in ben ©ienft ber 
„Äe^er" geftellt l^atte. 

©ie aWagenberg^ toaren feit alten 3eiten in ber ©egenb öon 
gretburg anfäffig. 3n bem S3oMiebe, toeld^e^ über bie ©d^Iad^t 
bei Saujjen im 3a^re 1339 eri^alten ift, toirb aud^ ein Soi^ann 



1) Od^fcnbcin ©•§. S)er Snquifttioti^^rogeß toiber bie SBatbenfcr u. f . to. 
»crn 1881. Selber l^t Od^fcnbein nid^t einen 5ü6brucf, fonbem eine poipulaxi^ 
jitenbe Uebetarbdtung ber ^rotocotte gegeben. 

2) 3)ie Sfiad^rid^ten au^ SnjHnger« SBemer (BJronif gu 1277 bei Dd^fen- 
bein a. a. O. Sern 1881 @. 95. 

3) Sgl. oUn @. 232. 



254 

»Ott ÜRagenBetg neBft anberett Dome^itteii Familien bet ®egettb, 
j. Sß. bettelt bott 2; eng ober „ben Mengen" gettattittO. 

9(ud^ ebt S^txx »Ott Sülidtotf tintb ui bettt &At 2UgIet^ 
mit ben ÜRagettBergett unbjEettgen ertoo^ttt, unb ed tflmetl^ 
iDutbtg, ba$ 9RttgIieber ebett biefed (St^Uü^t» Don pltAtotf mit 



1) SgL t>. Saiencrott 2)te l^rif^ SoOsricber it. f. \d. 1 49ff. 2)te Be* 
treffenbcit @tro)>]^ loitteit: 

8 ®vt 3ngaib ntit dnaubcnt bar, 
ber Boner namenbd ebm xoox, 
nttttat tut foTß tttft tntt 

emr bott 2:ettgen: „od^ ru^ ^Sl^ttßf 

bog bifer forß fo lange ifi! 

gutt SMfdben ihxnb min gemüt^, 

bog xdfi va htm l^ntifc^ fo^ 

tutb inid^ mit tit erbeiget!'' 

^Skm forfi and enb uxtd inen gaci^: 

ber gng b5rt l^re reifet, 

bie tDd\6f€a i^erren mit groger maci^t 

)tt)5Ifl^nnbert brtgtg tnfenb. 

2)0 mac^t ftd^ bie \^ia^t. 

9 2)0 ^ieltenbd ftiS gn bdber fit 
bon iDlagenberg einr bSrt l^r rit 
gar nad^ gum l^r bon ^ren, 

pi inen mft er Ireftigtid^: 
„ir giDen bon ^m beßan l^üt i^'\ 
faci^ fte bo(^ nit bafi gerne. 
9io4 ine fo rebt ber {lolge man: 
„ir jtnb lool l^be loibe?" 
^n3 bon 9linlenberg fc^nolt in an 
„nnn l^nb toir bo(^ an bem liBe 
nad^ mannet art onc^ mengen Bartl 
3^ toit bi4 f^td getoeren 
aaein nf biefer fartl'' 

SDie 6tro^]^ S, in toetd^er ber 9lame Xengen borfommt, ift bon Slcgtbtn« 
2:fd^nbt (1505—1572), toeld^r bad Sieb toiebergieH toeggekffen toorben. Stiien* 
cron I, 51 bemerft bagu: ,,er toonte kool ben fonfl nirgenbd begengten^emt »on 
2^engen ttid^t inn eine9 fnrgen erfotgtofen Sorten toillen aufnehmen". 

S)a3n mag bemerlt toerben, bag ber iRame Xeng in ber 3^/ ^^ Xfd^nbi 
fd^rieb, bon einem äRamte getragen konrbe, loeld^ Xfi^nbi fe^r unfvm))atiifi^ 
koar. ,,$an9 2:eng'' — biefe gorm be9 "Slammi bon $and 2)en(f ift nr« 
btnblid^ beglaubigt — , bor kod^em bie ®tabt 3ürid|^ nod^ im SoÜ^xt 1527 eine 
Samung at9 „be9 £3iebertanf 9 (Sr^tänfer'' erlaffen l^att^ toox gcfid^ 
in ben ©d^toei^er (Santonen. 



255 

{Rid^atb »on SIßagcnbcrg im Qaffxt 1430 ju gteibutg aW SBalbcnfer 
t)ot bcTtt 3nqutfttton^8eri(^t ftd^cn^). 

SBcnn man fid^ erinnert, baß gerabe bie erfte $alfte bc« 
14, Qai^ri^unbertö eö toar, too bie „Si^riften" ii^re größten Srfolgc 
errangen, nnb bag, nad& än^toeiö ber Slften, t>xtU üom 3lbel nm 
gretbnrg Serettö in jener 3^it iu ben Äefeern i^ielten, fo toirb man 
nid^t fei^l gelten, toenn man annimmt, bag bie genannten ©efd^led^ter 
fd^on um 1339 ben SBalbenfern jujujäi^Ien finb* 

SDWt toel(ä&em 5Rad^bmd bie 3SerfoIgung betrieten toarb, fielet 
man barauö, bag ba^ ©d^Iog 9iid^arbö öon Süiagenberg mit ffiaf= 
fengetoalt genommen unb ber ©efifeer in ben Serler geworfen tourbe* 
!Dod^ entlam er unb eilte auf fein ©d^Iog äurüdt, 2H6 bie (Seift" 
lid^cn, toeld^e bem ©erid^t üorfagen, bieö öernal^men, toarb ein neuer 
Uebcrfatt bcö ©d^loffeö jur SRad^tgeit befd^loffen unb auögefüi^rt, aber 
man traf auf einen tooi^borbereiteten SBiberftanb unb mugte abgiei^en. 

3nbeffen tourbc SWagenberg aüer feiner SSefi^ungen i)erluftig 
crHärt unb bie Sefeteren aud^ t^atfäd^lid^ eingejogen. Sluf feine 
$erfon toarb fo lange gefai^nbet, biö man enblid^ nad^ fieben Salären 
feiner i^abl^aft tourbe. 3lte ber 3Serfolgte fid^ fo aöer f)offnung 
beraubt fai^, toanbte er fid^^ burd^ feinen ©oi^n an bie loeft^Ji^ä^ 
Itfd^eSSei^me, bie t^m aud^ in ber Xffat Seiftanb gemalerte 2). 

Ueber ben ©elenntnigftanb unb bie aSerfaffung ber ©emeinben 
geben bie Söten be^ ^rojeffe^ einen ertofinfd^ten 3luffd^Iug 3), 

e« ergiebt fid^ barauö bie ^at^aäft, bag bie ^oifiildt, mit 
»eld^er bie ©emeinben feit Sal^ri^unberten an i^ren $rinct<)ien feft^ 
gel^olten i^atten, leineötoegö gebrod^en toar* 66 finb in ben meiften 
fünften nur bie SBieberi^olungen ber 2lngaben, bie toir bereite au8 
ben ®elenntniffen ber ^rotocoüe beö 13, unb 14. Sai^rl^unbert« 
lennen« 

5Rur ©nigeö foü i^ier notirt »erben. 

ÜDie änliagealte toiber bie befangenen toar in 22 2lrtileln 



1) O^fenbein o* O. SBem 1881 @. 193. — Slnguilla ijon gülistorf »at 
bie ©attin be« SBtöt bon ©^ripenbcrg. @in aJiontd^rift aber »ar ber crjie (Jörn- 
t^ur ber 3ol^anntter gu grctburg. 

2) O^fcnbcin o. a. D. @. 373. 

3) Oiifenbein a. a. O. 



256 

fottnuKtt^, Darin i^etgt unter 2lnbercn bcr 8. Slrttlcl: „Stern fagcn 
unb i^alten bie SDienfd^en Don befagter ®elte, bag fie in biefer ®clt 
attejeit ittx>x\\t gute Scute mit fid^ i^aben, toeld^c i^nen j)rcbigen unb 
am ^lafee ber 21 j) oft et ober Sünger unfere^ $erm 3efu ßi^rtftt 
feien". 5Die (befangenen ffonrab SBafen unb Slfa S^roger Bemerltcn 
erläuternb baju, bag bie ^affl biefer Slpoftel auf 72 normirt fei 

5lrtilel 10 lautet: „3tem glauBen befagtcr Slngellagter unb 
Slnbere öon genannter ©elte nid^t an baö ©aaament ber Sud^o* 
riftie"; eine ©ei^au^Jtung, ber gegenüber ßlfa Kroger bcmerlt, bag 
Bei ii^nen ba« ©aframent beö 5lltarö in großer ß^rfurcä^t gel^aücn 
toerbe. 

Slrtilel 12 fagt: „Stem fagen, i^alten unb j)rebigen fie, bagbte 
geiftlid^en ^erfonen nid^t^ Slnbereö i^aben fotten, atö nur ba6 ^löti^ige: 
jKai^rung unb Steibung". Die Srltärung, loeld^e bie ertoäi^ntc gifa 
^ierju giebt, öerbient befonbere SSead^tung. ©ie beftreitet nämlid^ 
bie atid^tigleit biefe^ ©afeeö in fold^er Slttgemeini^eit; i)iclme]^r foöe 
man benienigen unter ben SBeltgeiftttd^en, ^Deld^e fegi^aft auf bem 
8anbe i^r Slmt ausüben, SDWttel geben; fie toitt bamit anbeuten, 
bag bie freitoiüige Slrmuti^ nur für bie 5l^3oftel jutrifft^), 

üDer Slrtilel 16 legt ben „Srübern" bie fonberbarc SJei^aujy 
tung unter, baß fie glauben, aüe ®üter biefer SBelt ge^i5rten il^ncn. 
Die 2lngeffagten toiefen bie^ jurüdt. Slfa S^roger bemcrit, atter^ 
bingö glaubten fie, baß ba^ ®efefe il^rer Seigre (lex ipsorum) ü6cr 
alle anberen Seigren öor bem S^ag be^ legten ©erid^tö ben ©ieg ba^ 
öon tragen toerbe, 

Der Slrtilel 19 ber 3lnllagealte lautet toörtlid^: „3tem fagcn 
fie, ba6, tomn fie S3iele tobten Knuten, fo toürben fie (Sott einen 
grogen Dienft ertoeifen". 

SDWt ßntrüftung eri^oben fid^ bagegen bie (befangenen; i^re 
SÄeinung fei ijielmei^r, ba§ jeber S^obtfd^lag eine ©ünbe fei. 



a^ trifft fid^ befonberö glüdöid^, bag ein« ber »albenfifd^en 
gormularbfid^er, toie fie in beutfd^er ®pxadft toäi^renb be8 

1) 3lbgcbmcft M Od^fenbein a. O. @. 210. 

2) S)cr ©efangenc Äonrab SBafcn ctßatt ft^ bal^in, tag bie ©dfentogen 
an bie Sinnen bcffer feien al§ bie an bie „vir! ecclesiasticl«. 



257 

14. Sal^rl^unbert« aufgejci^nct toorbcn finb, unö eri^alten tft; c§ 
ift bicö bet fogenanntc CodexTeplensis, tocld^et lütäüd^ ber 
Dcffentltd^Ictt übcrgcBcn toorben iftO* 

!Dte ^rämonftratcnfcr«'Slbtci X^ifl, in beten ©tHtotl^el \xä) baö 
metfipürbtge ©ud^ öotflnbet, liegt ettoa 30 Silomctet i\üxäf be6 
gidjtelgetirge^ nnb beö SBöi^mertoalbeö, b* i^, mitten in ben ©iftril^ 
ttUf toeld^e nad^tociölid^ ^ai^ti^nnberte lang bie ijornel^mften 3uflu(ä^t^^ 
tixtt üertriebenct bentf(3^et „©rüber" getoefen finb* 

S)a^ gormnlarbu(ä^ ift eine ^ergantentl^anbfd^rift öon 629 ®ei^ 
tcn, toeld^c öon brei i)erf(ä^iebenen ^änben i^errüi^rt, 2luf jebet 
Slattfeite [teilen 31 3^^^^^ jti>i[(ä^en fcingejogenen Sinien* S)eni 
Sobej: fel^tt ber 2:iteL 

„S)ic 9lrt ber an bem pari angegriffenen Sobejc angebrachten 
3Rarginalien", fagt ber f)eranögeber, „lägt anf feinen ijielfad^en 
©cbrand^ im eigentli(ä^en ©eelforgögotteiJbienfte, t>ox ber ^rcbigt nnb 
nmtnüx^ and^ beim Äranlenbefud^c, fd^ließen"- 

J)cr ßcbejc bilbet ein jnf ammengei^Brige^ ®anje^ ; er ftellt nid^t 
ettoa eine ©ammlnng geleierter 5Rotiäen bar, fonbcm ift jnm ^totd 
beö täglichen ^^raltiftä^en ©ebrand^e^ aufgejeitä^net 

„SDen ©d^lng be^ Sobej mad^t eine ängerft bead^tenötoertl^e 5lrt 
öcn Keinem Sated^i^mn« über bie ""fieben (St&dt beö l^eiligen d^rift^ 
Kd^en ©lanben^'" — fagt ber $eran«geber* 

5lber biefer angeblid^e Heine Sated^iömn^ ift i)on Sßort ju SBort 
ibentifd^ mit bem nnö nrlnnblid^ anö ©tragbnrg überlieferten SDrbi^ 
nationöformnlar ber „SJrüber", bie man SBalbenfer nannte, nnr 
bag bie ©tragbnrger ^anbfd^rift, bie toir oben ertoäi^nt i^aben, ben 
Sejct be6 gormnlar« lateinifd^, ber S^epler Sobejc aber bentfd^ giebt 

^ier ift ba« bentfd^c gormular^): „!E)aö erfte ©tüdt, ba« toir 
glauben : ju fein ein (Sott in ber 35reif altigleit nnb bie üDreif altig^ 
feit gu eieren in ber ßini^eit. 5Da^ j»>eite ift, ba^ toir glauben: 
ba6 ©Ott felber i^at gefd^affen alle ©inge, bie unter ii^m finb. !Dad 
brittc, bag er i^at gegeben baö ©efefe Süiöfeö an bem S3erg ®inal 
!J)a^ öierte, bag er i^at gefanbt ben ©oi^n i)on bem ^immel in ben 

1) 2)cr Codex Teplensis u. f* to. nebp brci Slnl^ngen» ^ugSburg — Watä^ 
2)ruc! xmb SSerlag bc« Sitetarifd^ 3tiiHtut0 bon Dr. WL ©uttkr* 1884. 

2) 3)cr Codex Teplensis. ©rittet S^ett @. 101 (1. ^nl^ang 9h» I). 
Jteller , 3>ie Stefomtatton. 17 



258 

8ctb ber feligcn SKaib. Da« fünfte, ba^ er fiäf felSer l^at extoä^It 
eine tetne Svcäft. £)a0 fed^fte tft bie lünftige ^uferftel^ung be^ 
glctfd^eö. S)a« fieSente tft baö etoige ©eriit" i). 

augerbem gicBt ber „Heine Äated^i^muö" eine änf jäl^Iung üBer 
fieben i^eilige ^anblnngen, mläft in ber ftir($e t)orIommen; et 
nennt biefetten „bie fieben ^eiliglciten" ober bie „fieSen geiftüt^cn 
®5nlen, toeld^e bie Sixäft tragen" nnb toitt angenfd^einU(ä^ but^ 
bie SSermeibnng be« Slu^brndeö „©aframente" onbenten, ba§ er 
nid^t bie fieBen ©aframente ber römifd^en Äird^e barunter üerftan* 
ben totffcn toilL 

Die ©tragBurger ^anbfd^rift lennt biefen Slbfd^nitt be« got^ 
mularbu^« glcid^faü«, mad^t aber au« ben „fieben §eiligleiten" 
fieben ©alramente unb beutet auf ben Zt^t be« gormelbud^« ^üi, 
inbem fle an erfter ©teüe (»ie biefe«) öon ber Siaufe i^anbett 

S)a unfere Senntnig i)on ben fir(^U(3^en gormeln ber Säal^ 
benfer vorläufig au« anbertoeitigen Quellen eine geringe ift, fo bin 
xäf nxäft im ©taube, für bie toeitercn S^^eile be« Codex Teplensis 
bie parallelen bcijubringen, 

©cl^r ti)i(^tig ift ba« SSerjeid^nig ber fiefeftüde für aüe ©onn^ 
unb geiertage (^erifoj)en*9iegifter), toctd^e« unfcr Sobejc giebt & 
eri^eüt barau«, baß bie SBalbenfer faft alte ^eiUgenfefte bc^ 
feitigt l^attcn; bie ®eben!tage Sol^anne« be« 2:äufer«, ber 3un8' 
frau SWaria unb ber Slpoftcl j)fl[egten fie bogegen feftttd^ ju bcgei^en. 

©obann »erbienen bie gormein ®ead^tung, mit toeld^cn Bei 
ben ®otte«bicnften bie regelmäßige 8eltüre ber ^. ©d^rift ben ©ßn^ 
bigen an« ^crj gelegt ju »erben J)flegte, SWan i^at baju ©teöen 
au« Si^r^foftomu« benufet — einem Slutor, toeld^en bie SBalbenfer, 
toie toir toiffen, fei^r ffoäf l^ielten* ©ei^r merfiourbtg ift ber SDbfd^nitt, 
»eld^er &on ber ]^äu«li($en (Srbauung i^anbelt, bie bei ben Salben^ 
fem, toie »ir fallen, eine fo große atofle fpielte* 

1) 2)ie ©tragbutger ^qnbfd^rift lautet: »Item tempore ordinationis inter- 
rogant (Waldenses) de septem articulis fidei, scilicet utrum credat unum Demn 
in trinitate personarom et uniiate essentiae. 2. quod idem Deus sit creator 
omnium yisibilium et inTisibilium. 3. quod condidit legem Moysi in monte 
Synay. 4. quod misit filium suum ad incarnandum de yirgine incorrupta. 
5. quod elegit sibi ecclesiam immaculatam. 6. carnis resurrectionem. 7. quod 
venturus est judicare vivos et mortuos. 



259 

Um anäf für btc (gutpfei^Iung btefet Wct beö ®otteöbtenftc« an 
eine Autorität fxäf anjulei^nen, tnf^SXt unfer Scbe^ eine ©teile and 
Slitgnftinnd i^omüxt aber bie 993otte Nlsi grannm frumenti), iDOtin 
bicfer fagt, bag nit^t Stog bie ©ifd^öfe nnb Steriler, fonbem Jeber 
gamißewjater in feinem $anfe ein fird^Iid^eö nnb gleid^fam Sifd^Sf^ 
lid^eö Offlcinm im iBienfte Sl^rifti einjnrid^tcn i^aBe^, 

®ei toeitem ber toi(3^tigfte nnb nmfangrcid^fte 2^eil nnfereö 
Subef Segreift eine bentfd^e Ueberfefenng ber l^^Sd^rift beö 
bleuen 2:eftamentd nnb miti^in bedjienigen Söuäft^, totUSftS ein im 
Äird^enbienft ftel^cnber ©eiftUd^er am meiften Sebnrfte. 

I)er $erandge6er, ^, SUmefd^ in Z^pl, ffat, toie oBen Be^ 
merlt, anf bie ®pnxtn eined Dielfad^en ©eBrond^ö nnfereö Sobej 
im ©eelforgöbienfte i^ingctoiefen* ©ettft toenn berfette bol^er nid^t 
nad^tt>eid6ar »albenfifd^e Seremonialformeln entl^ielte, fo tofirbe pd^ 
aud bem l^Snflgen (Sebrand^ einer bentfd^en Stbel im ©eelforg««' 
bienfte ber ©d^lng jiei^en laffen, ba^ ein römifd^^^Iati^olifd^er ^riefter 
bad ®nd^ tpol^l nid^t benn^t l^aben bürfte. 

aber nnfer 5Reneö Seftamcnt ift nid^t nnr in ber 8anbe8fj)rad^e 
abgefaßt, fonbern bie Ucberfefenng toeid^t and^ öon ber 
in ber römifd^en Rird^e öorgefd^riebenen SSnlgata ganj 
erl^ebUd^ ab, nnb bamit ift ber Doügültige ®etoei^ erbrad^t, ba^ 
ein römifd^er (SeiftUd^er fie nid^t bennfet l^aben lann, 

dagegen ift ed tDid^tig, ba^ biefe bentfd^e Ueberfe^nng and bem 
14. Sal^ri^nnbert bie ©mnblage aller berjenigen bentfd^en ©ibeln 
getoorben ift; toeld^e fett ber (Srfinbnng ber SJud^brndterlunft bi^ 
jum Saläre 1522 gebrudtt toorben finb; ia felbft Snti^erö Ueber^ 
fefenng beö 5Renen Jeftamentö ift ftarl i)on il^r beeinflntt^j. 

1) 3)ie ©teile lautet: Item Augustinus in Omelia sup. verbo: «Nisi gra- 
nnm frumenti ** dicit: Nolite tantum bonos episcopos vel clericos cogitare, 
etiam tos pro modo vestro ministrate Christo bene yivendo, elemosinas fa- 
ciendo .... doctrinamque ejus, quibus potueritis praedicando, ut unusquisque 
etiam paterfamilias hoc nomine agnoscat paternum affectum suae familiae se 
debere pro Christo et pro yita eterna suos omnes moneat, doceat, hortetur, 
corripiat, impendat benevolenciam, exerceat disciplinam, 'ita, ut in domo sua 
ecciesiasticum et quasimodo episcopale implebit officium ministrans Christo, 
ut in eternum sit cum Christo Hie. 

2) S)ie mcrfiDÖrbige UcbercittjHmtnung beS Codex Teplensis mit ber fogcn. 
,,X5ufcTbibcl", tod^ gucrft im Saläre 1529 gu SBorm« bei ^eter ©d^öffcr et- 

17* 



260 



2)cr 3^^^^*^ *^^^ S^cytcö, tote et in bem Codex Teplensis 
Dorltegt^ ift bem S^ft^nbe beö Stalatefte« gu öetgleid^en, tote et jut 
3ett be^ 1^. 5>ieToti^muö (g«b, c* 340) im (Sebraud^ toat ^). 

Die beutfd^e UeBetfc^ung Bietet in einjelnen ©enbungen merf^ 
toütbige Slnltänge an bie "än^ixnd^ nnb ©enltoeife beutfd^er ffictf^ 
leute 2). 

®3 ift üBetliefett, ba^ im Salute 1351 ein aetoiffet ^an» ©eilet 
auö Sobntg eine Ueberfefeung beö bleuen S^eftamentö angefertigt i^at^. 

35ie gamille SBeiler gel^ötte ju ben angefel^enen ©albenfet^ 
famUien, toeld^e in gtanicn nod^ im 15* Sai^tl^nnbert in ben „®e^ 
meinben" eine 9ioöe gefj)iett l^aBen ^), nnb eö lann lein 3^#^ f^^, 
baß eö fid^ bei jener Ueberfefeung i)on 1351 um eine toatbenfifii^e 
8iej>robuction i^onbelt 

@8 mag l^ier ba^in gefteßt bleiben, ob ber Codex Teplensis 
eine Slbfd^rift ber Soburger Slu^gabe enti^äft ober nid^t 5Die gtage 
t)erbiente in i^oi^em ®rabe eine naivere Unterfud^ung. Snbeffen fettft 
toenn eine S3ertoanbtf(^aft nid^t t^oxffanitn fein foltte, fo toirb ba^ 
burd^ baö atefnftat nid^t afterirt, baß unfer Sobejc eine toalbenftfd^e 
öibel bietet. 

angefid^t« ber S^atfad^e, bag ber ßobej im Sßiberf^jmd^ mit 
ber römifd^en Äird^e, aber in Uebereinftimmung mit ber 
S^rabition ber S33albenfer ben fogenannten ©rief beö^aulu« 
an bie fiaobicäer unter bie canonifd^en ®üd^er jäi^lt, toirb jebet 
3toeifel an bem toai^ren Urf^^rung be« Sobej öerftummen mfiffeiu 

fd^ieu unb bie »al^rfd^einlid^ ^oxt ©ci^et unb S)en(f beforgt tootben iji — ftc i? 
über an 3al^rl^unbcrt lang in ben aKennoniten*®emeinben im ©cbtaudj ge- 
blieben — toirb \p^ttx @rtoäl^nung flnben. 

1) %L (^d^ang in ber Siterar. fÄunbfd^an für ba8 tatl^olifd^e ©entfd^Iaiib 

1884 1»r. 8. • 

2) 8uc. 20, 17 l^eißt e8 im Cod. TepU: ,,S)en pein, ben bie pmtDCt öcr* 
f^>rad^en, birt ijl gemad^t in ben l^aubt beg »infeU". Sutl^er l^t ben 
„mvätV befeitigt unb überfefet: „S)er @tein, ben bieSBauIeute bertöotfen l^ben, 
ifi gum (Scfftein gettjorben". 

3) Dd^fenbein, 2)er 3nqnifition8^>roce6 u. f. ». @. 251 2lnm. 

4) SSgt unten @* 272. 



Cilfteies CapiteU 

^tt S93aIbenferIüf(^of griebrid| Steifer (t 1458) nnb Me 

,,SBrfiber" in grauleru 

(Sotttob aidfcr luib fein ©ol^u gricbrt^* — S>tc „Grübet" in «Nürnberg unb* 
©att0 bott flauen* — (Sraicl^mig gricbric^ fÄeifcr« üi planen« ©aufc. — 
,,95atcr" HWarmctl^ cm« grdbutg i U* — SDcr eintritt gricbrit^« in bic 
crpen gcipd^cn gnnltionen* — @ein 3)icnp atö S3cglcitcr bcr ^po^d in 
2)cntfd^lanb nnb in ber ©d^tocig* — 2)ic SBcil^c jum ,,?l^oficl" in ^tog 
bnrd^ SBifd^of imcolouS* — gricbrit^« Xl^Stigfcit d« ,,@cnbbotc ©^rijU", — 
3)ic rdigiöfen Su^änbc in grantcn» — S)ic @t?nobc gu $erotb«Bcrg bei. 
ißümbcrg (1447) nnb griebrid^« SBal&l gunt «ifd^of. — a>ie @t?nobe gu 2:abor 
in ^^mttu — fÄcifer »iib gum ©cnior ber SBif^iJfe txto^lt nnb ©trag- 
bnrg toirb fein @i^. — ©eine Sßcrl^aftung unb ©inrid^tung^ — 9ieifer« ©e«» 
beutnng. 

©ner bet Wenigen SBalbcnfetprebiget, tocld^c bet großen Äata^ 
ftro^>]^e bc8 14. Sai^ri^unbert^ entgangen toaten, toat Sontab* 
SRetferi), 

!E)ie gamUte 9ietfer l^atte im 14. Sal^r^unbett ju Ulm. in ben^ 
3unftlämt>fen eine JRoüe gezielt ©n ^Reifet toat im 3a^te 1388 
t)cit bcn ftegtei(ä^en 3ünften jum SJürgermeiftet gewählt tootben. 
älö baö ©latt fid^ toanbte unb bie ftfibtifd^e Dligatd^ie mit pife 



1) 2)ie nad^fotgenbe 2)arfteaung Bcrul^t auf ST. Sung griebrid^ 8leifer. ©lic 
Äe^gefd^i^te an« bem 15. 3al^rl^unbert in bcr äeitfd^rift Simotl^eu«, 2. SBb. 
Sal&rg. 1822 ©• 37 ff.; @. 69 ff.; ©. 137 ff.; 6. 234 ff. — 3^ng l^at hierfür 
eine abfd^rift au8 bem gteid^geitigen ®erid^t«:i)rotocotte ber @tabt (Straßburg aU 
Cuette benufet. Seiber l^at f!d^ »eber biefe Slbfd^rift nod^ ba« @erid^t8:i)rotocoK 
fetbjl bie je^jt »ieber ouffinben laffen. SSgL Dr. SB. 5381^ nt griebrid^ ^Reifer» 
Slefonnation be« Ä. ©igmunb 8^>g. 1876 (S. 78 ff. — (Sine ingiöifd^en be!annt 
geworbene CtneHe (abgcbrurft bei 3ar., ©oU CtueHen unb Unterfud^ungen jur 
Oefd^. ber »öi^nt. »rüber. ^rag 1878 @. 104 ff.) betätigt bie Angaben \>t» @trafr- 
Bürger ^rotoeottbud^S in einigen »id^tigen fünften burd^S* 



262 

be« ÄatferS unb be« ^a^jfteö totcbet anö Siubct gclommen mar, 
mu^tc {Reifer jugleid^ mit 38 Ulmer ä^nftmciftetn au^ ber ©tabt 
toeid^en* !E)aö gefd^al^ am 18* Suni 1389 »)• Dl^ne entfd^ciben ju 
tooßen, ob ßcnrab JReifet ju ben auögetoicfenen ®iirgettt gei^Stt 
^at, unb o6 feine gamittc tbentif(3^ ift mit berjenigen, toeld^cr ber 
ÜKaler ®afttan JReifet entftammt, fielet e« feft, baß feit ettoa 1399 
in einem einfamen ©orfe bei ©d^toäbifd^^SBörti^, 35eutad^ mit 
ißamen, fid^ ein frember Süiann niebetUeß, bon bem bie ©auern 
f^jSterl^in erfüllten, bag er Sonrab Steifer i^eige unb ein Äaufmann 
fei, toetd^er Bio gu feiner SWeberlaffung in üDeutad^ toeitc {Reifen, 
iefonberö in granlreid^ unb statten, gemacht i^abe. 

!E)ie ?Rad^barn merften Salb, ba§ ber grembe fid^ nid^t bei 
i^nen i^eimifd^ gemad^t l^abe, um i^ren SSerle^r ju fud^en* ©tili 
unb eingejogen lebte er mit einer bejai^rten ^au unb einem Äinbc, 
lüetd^e er mitgebrad^t i^atte, in feiner JBeflfeung, unb mit ben Säuern 
lam bie gamilie nid^t anber« in Serüi^rung, ate toenn e« galt, 
9lrmen unb Sranlen $ülfe gu leiften* 

5Die 9lrt, ti>ie {Reifer lebte, ertoedtte balb ben JBerbad^t, ba§ 
■l^eimlid^e Äünfte ober S^auitttx in bem gel^eimnigbollen $aufe ge^ 
itrieben toürben, burd^ bie bietteid^t ba« ®elb, toeld^e« {Reifer offenbar 
Jefag unb fo freigebig auöt^eilte, auf leidste SBcife ertoorben toerbe. 

iBiefer äJerbad^t fteigerte fid^ baburd^, baß {Reifer fld^ aud^ an 
ber SKeffe nid^t eifrig beti^eiligte unb bag frembe SBanberer, bon 
benen nie 3emanb ben 5Ramen erfui^r, i^äufig bei ii^m einlei^rten. 

Sbnrab {Reifer liebte e«, bie milben ®aben, bie er ben armen 
gab, burd^ feinen ©ol^n griebrid^ au^juti^eilen ; er tooüteben Änaben 
früi^jeitig bie greube beö SBoi^lti^un^ entpfinben laffem 

SBefonbere $täne toaren eö, toeld^e Sonrab mit bem Süngfwg 
im ®inne i^atte. Da er ben regfamen (Seift beffetben erlannt 
i^atte, fo foöte er an bem SBerl beö SSater^ toeiter bauen, nad^bem 
biefer unter bem SDrudte ber ^txttn unb ber Saläre fid^ in bie ©tifle 
i^e begeben muffen* 

Gö jeigte fid^ ^ier toie an jai^Ireid^en anberen ödfpielen *), 

1) 2W0TIC Oucßenfammlnngen 1, 318, ^m nad^ S* «öl^m grtcbrkj «cifer 
S})g» 1876 ©• 79 %xm. 2. 

2) m\pxtk f. bei Oe^fcnbdn o* o- O. @. 200; 226; 244 unb öfter. 



i 



263 

ba§ bic gellte bcr „©ruber" ftd^ mit außerorbentlid^er S^W^^^ ^^^ 
SSotcr auf bic Suiber unb fomit öon ®ef(ä^Icd^t gu ©efd^Ied^t in 
bettfetten gamiliett fortj^flangte !)• 

©n fd^toereö Dj)fer toar e^ für bie alten, einfamen geute, al« 
griebrid^ im 16. gebenöjial^r ton bem SSater nad^ ^Rürnberg geBrad^t 
tourbe, um i^ter, in bem bamaligen ^ciuptfife ber „©emeinben S^rifti'', 
feine toeitere äu^SUbung gu eri^aften. 

3n 5Rürn6er8 i^atte fid^ bie Partei U9 in bie i)ome^mften 
©efd^Ied^ter l^inein erl^alten. S)a toaren bie S^ud^er^), bie öon 
flauen u. 51*, toeld^e ju ben ©tilgen ber ©emeinbc jäi^lten. 

!E)ie 2;ud^er befagen feit alten ^txUn ein f)anbeWgefd^äft in 
gctoeSten ©toffen, ©eibe unb SBotttoaaren, unb eine gHiale be^ 
fetten befanb [xäf in 8^on. ©n Süiitgtteb ber gamüie J)flegte fid^ 
rcgclmägig bort aufeui^alten, unb bie 3ni^a6er be« Mmberger 
$auj)t]^aufeö toaren ftetö eine JRei^e t>on Salären ingranfreid^ unb 
Italien gereift 

S5ie ©cgiei^ungen ber S^ud^er gu benjenigen gamilien, toeld^e 
an ber ®px%t ber ^&n^t gegen ba^ ^atriciat unb bie ftäbtifd^e 
Dligard^ie Iamj)ften, fd^einen frül^geitig intime getoefen ju fein. 3m 
3ai^re 1349 toar ber güi^rer ber B^nfte gegen ben atati^ ber ©ädEer 
ÄoBurger, unb e« i)erbient SJead^tung, bag bereite im 3a]^re 
1352 eine j>erfönlid^e SSerbinbung jtoifd^en ©erti^olb Xud^er unb 
Siubger Soburger nad^toeiöbar ift^). 

3n naiver greunbfd^aft mit ben SEud^erö ftanben femer bie 
öon flauen ober Don ^lotoen, nad^ toeld^en nod^ l^eute ein 
Sfiörnberger $Iafe ber ^lobenl^of ^eigt. 

!E)ie gamilie ftammte auö ^kuen im S3oigtIanb, unb bie erften 



1) SHcfelbc grf^cinung l^at ®. Sed^Ur (3ol^. D- Sßkaf 2^g. 1873 SBb. II 
e. 456) in «egug auf biejcmgc Partei in @nglanb bcoba^tet, »dx^e fw3^ ,,«rü- 
bcr in ©^ripo" nennen unb ftc^ unter einanbcr al8 „known man« (bic „S5e- 
lanntcn") beacid^ncn; Scd^tcr nennt biefe «Partei bie Präger be^ „tt)iclifitif(6en 
®cipe0" in (Snglanb; natürü^ fmb e^ biefelben ,,SBrüber", bie in ©eutfd^knb 
©cgl^rben, 2oßl^arben ober SBalbenJer genannt »urben. 

2) 3n ber Sipe überfül^rter Äcfeer, »elt^e ber Snquiptor bem fÄatl^ bcr 
etöbt 9'aitnberg im Saläre 1332 übergab, fanben jt^ allein brei Simtgtieber ber 
gamUie 2:ud^er. @. ©au|)t a. D. @. 19. 

3) OScar ^afe S>ie Äoburger 2^>j. 1869 @. 9. 



264 

(Sßcbcr berfetten in 5Rfitnbetg toaren, fo mit nad^toctöBat, ®oIb^ 
fc^micbe gctoefcn^), 2lnfcl^cn unb ^txäftffum tx^ob ftc unter ba« 
^atttciat ber JRetd^öftabt unb toir Icfen in bcn Sl^tonilcn, bag ein 
^ert öon flauen mit bem öon 5>ci^b^d um baö Sai^r 1450 im 
SiutnicT gef ödsten ffat^). 

©a^^auö be« ^anö öon flauen toar cö, in toeld^eö im 
Salute 1418 gticbtid^ SReifer i)on feinem aSatet geBrad^t toutbe^ 
©eit alten ^tittn toat bet Sefetere mit f)anö Sefrcunbet unb er 
tt>u§te, bag gtiebtid^ l^ier fid^ am beften auf feinen ©eruf t)orbe^ 
reiten lonnte. S)enn stauen« $au8 toar baö gaftfreie 5)cim für 
bie toanbernben ^rebiger, »cld^e burd^ üDeutfd^Ianb jogen unb bie 
oft genug i^ier einlei^rten unb ^jrebigten, 

®leid^ bei feiner 2lnlunft traf grtebrid^ in flauen« SBol^nung 
einen SWann, ben er aW Äinb in SDeutad^ gefeiten l^atte, uamlidj 
^eter Don ßnglanb, b, ff. ben belanntcn Slni^änger 3o^n SSBtcßfö 
^eter ^a^nc^), ,,aÄeifter ^eter", toic i^n JReifer felbft ^auftg 
nennt, Wieb öon ba an mit griebrid^ nal^ befreunbet* $• i)on 
flauen matä^te eö fid^ gur Slufgabc, feinen 3ögRng in bie Siteratut 
einjuffli^ren, toeld^e ben 5luöbrudt ber toalbenfifd^en Slnfid^ten enti^ielt 

Unter ben ©üd^em, bie er befonber^ emj)fa]^l, fd^cinen bie ^re^ 
bigten S^aulerö unb bie öerioanbten Srjeugniffe ber i)ergangenen 
e^jod^e eine gro^e 9ioße gefj)iclt -ju i^aben^). — 

3Bir i^abcn oben gefeiten, bag bie jüngeren ©eiftlid^en bct 
©rübergemeinben eine längere aSorbercitung^it al6 ©cglciter bet 
,,2l<)ofter' burd^jumad^en j)fl[egten. 

51W griebrid^ nad^ jtoei Salären bie ©runblagen ber ©ilbung 
fid^ crtoorben i^atte, befd^loffen feine 5lnijerti)anbten, ba§ er nnn^ 



1) @. Soüfe ^nton Xnd^x^ $au9l^att9bud^ @. 135 Hnm* 3. 

2) 9flünibergcr ©^ronifen I, 410; IV, 66 %nm. 1; IV, 179 2Cnm. 6, 

3) ?Peter $a^nc »ar aWagipcr ber ©od^fd^ute gu Ojforb. ?lu8 (gnatcmb 
berttteben icarb er am 13. gebr. 1417 unter bie SKagijter ber Präger UniöcrfttSt 
oufgcnomtnen. (Sr l^atte gu ber 3ett, atS griebrid^ Steifer il^n traf, in ben bSJ* 
mijd^en ^artei!äm:[)fen, »ie e8 [d^eint, nod^ leine fejie ©teüung genommen, ©r 
l^at nod^l^er eine groge 9lotte gef))ie(t unb toar oud^ fd^riftpe0erifd|) tl^tig. Sgl 
$8f(er ©efd^id^tfd^reib. gur l^uff. SBetuegung II, 704 ff. 

4) ^aä} Sung a. O. 81 f. Befaß Sol^ann i). Pauen bie ?prebigten S:anler8 
unb ©ufo«. SWerfiöürbig ip, baß $; D. ^planen eine getfiffe 2(nti<)atl^ie gegen 
@ufo gu ertennen giebt. 



265 

tncl^t ate „Magister minor" junad^ft fid^ bcm iBtenfte etneö toan^ 
bctttbcn ©fiibboten totbmcn foöc, unb man öetabtcbete eine feiet-» 
fid^e ^u\amrmnlnn\t , bei toeld^et bie Formalitäten, toeld^e biefen 
Sebenöabfd^nitt tjriebtid^ö einleiteten, tjoügogen toerben foßten, 

3u biefer SSerfainmInng trafen in $anö i)on ^tanenö $aufe 
eine größere Slnjai^I öon ^rebigern unb (SlauBenögenoffen ein; 
j)on !E)eutad^ lam Sonrab ateifer unb öon greiburg im Uetä^tlanb 
Sifd^of SKarmeti^, Sonrabö 3ugenbf reunb , nebft mei^reren ©e^ 
glettern. 

Wlaxmtt^ ti)irb un8 gef d^ilbert al^ ei^rtoürbiger ®reiö ; er i^atte 
bcn SBeg nad^ 5Rürnberg nid^t, toie bie meiften übrigen ®äfte, ju 
guß, fonbern ju SBagen jurüdgelegt. 31W er in bie SSerfammlung 
trat, begrüßten x^n aöe Slntoefenben mit Sl^rfurcJ^t unb behinbeten 
ii^rc f)od^ad^tung babur(3^, bag fie i^m ben SSaternamen*) gaben* 
3n ber einen §anb trug er einen ®tab, toelc^er oben gebogen 
toar, ti)ie eö ber SBürbe feineö 5lmteö julam; mit ber anberen 
ftöfete er fid^ auf baö iunge Süiäbd^en, ba^ ii^n führte, feine gnlelin. 

So tritt unö in ber erl^altenen ©d^ilberung biefer ©cene fel^r 
lebenbig baö l^ol^e 3ln feigen entgegen, toeld^eö bie SBatbenfer ben 
beti>äi^rten J)ienern ii^rer Sird^e öon iel^er betoiefen l^aben, @ö 
lägt fid^ biefe Srfd^einung feit uralten ^dttn beobaiä^ten. 3n einem 
alten toalbenfifd^en (Sebid^t »erben bie „Wiener be« 5lmt^'' alö bie 
„Sräger beö Sid^tö" ober at^ bie „©äulen ber Sird^e" bejeid^net^) 
unb burd^ ben ganjen STeyt Hingt bie SSerci^rung l^inburd^, bie 
toit bereite früher au^ ben 3^^8^iff^^ gefangener SBalbenfer feft^ 
gefteHt l^aben ^). ®ie finb bie ©alfen unb ©tilgen, bie baö 5Dad^ 
be« §aufeö tragen, fie toerben ertoä^lt nad^ langer, ftrenger ^rü^ 

1) @^ ift intercffant, baß unter bcn „SoKl^arbcn" in @nfllanb nod^ um 1530 
ber ©ebraud^ be8 iRamen« ,,9Sater" im @inne bon ^ifii^of ober Sl^oftel nad^- 
»ci«bar ifr (S8 fmb biefe „Soül^arben" natürüd^ nid^t« Slnbere« afö bie „53ni- 
bcrgcmeinben", für »eld^e um biefelbc 3«t xn S)eutfd^knb bereits ber ^amt 
„2:äufer" aufgetommen »ar. — SßgL Sed^ter Sol^n SSicIif II, 454 ff* Sed^Ier 
beruft fid^ auf @tri?:|)e ^ird^Iid^c 2)enffc§riften gur ®efd^. b* 9teIigion unb ber 
9lcformation in (Snglanb. 2)ort »irb gum Saläre 1527 ein ,,SSater ^acfer" atö 
SSorpel^er ber „©dCte" naml^aft gemad^t. Sir »erben auf biefe engtifd^en „trü- 
ber" gurücRommen. 

2) b. äegfd^toi^ a. D. @. 205 f. 

3) ©gl. oben @. 74. 



266 

futtg; [le finb bie XBäd^tet bcr ftttd^e unb bie Snl^aBcr bct (ge-' 
^eitnmffe ; fie tl^eilen gute ®aBen au^, Befonbet6 iuxSf koetfen Slot^ 
unb tsxiffxt SieBe; barum aBer ftnb bie ©laubigen junt ©el^otfam 
gegen fie öet|)fli(ä^tet 

SKatmetl^ toat e6, mläftt bem jungen griebtid^ Weifet t>on 
Sleuent bie geltfite bet ©d^tiften anö $etg legte, ti>el(ä^e in feiner 
3ugenb ))on eingelnen ipeit Betfil^ntten 83tfibetn be6 Dtbenö, ben 
®. iDominicuö geftiftet, öetf agt teotben feien. iDiefe SÖtfibet pxt^ 
bigten, fagte ienet, etleud^teten unb etbauten loitKi^ bie gal^Iteid^en 
®emeinben, bie [xäf um fie gefammelt Rotten, unb ftintmten in il^ren 
SReben ööüig mit unfeten, jefet öon bem ^a^jft öetbammten änfid^tcn 
ubeteini). 

^nä) Bei ben gotte^bienftlid^en $anblungen, ipel^e an bem 
Oftetfeft, baö man füt bie 3ufammenlunft getoäi^lt l^atte, ftatt^ 
fanben, ttitt SKatmeti^« ^etfon but(ä^au6 in ben 35otbetgtunb 2). 

gine gemeinfame 5lnba(ä^t, toeld^e mit bet 35otlefung ber 
l^ietl^etgel^ötigen SlBf(ä^nitte bet 1^. ©(ä^tift auf änotbnung aßaP' 
metl^ö hnxä) mel^tete äntoefenbe üetBunben toat, ging bet fjetet M 
SiBenbmal^Id ))otau6. 

Sfladf Seenbigung bet 35otIefung trat SKatmet)^ an ben SHtar, 
üBet toel(ä^en ein fd^toatje« 2:u(ä^ mit toeigem fiteuj geBteitet toat, 
unb l^ielt eine futje ^tebigt 

„SffX ifobt ge^ött, gläuBige S^tiften", fagte et, „toie bey ^m 
an bem S^age feine« ®njug« in 3etufalem ium Icfetenmal baö 
Dftetlamm mit feinen 3üngetn genoffen i^at unb toie et tl^nen 
aufttug, beffen geiet ju feinem ®ebä(ä^tniffe Ifinftigl^in immet ju 
toieberl^olen. SlBet an biefe« l^eiüge fSJtoXfl tnüpft ^ nod^ eine 
l^^ft toid^tige ^ebeutung: (S6 ift nchnlid^ baffelBe nid^t Blog bad 
(gtinnetungöfeft an Sl^tiftu^ unb fein tool^ltl^atige« SSSitIcn uBer^ 
Ifanpt, fonbetn nod^ in^Befonbete an feine $ino)>fetung ffit ba« 
SBo^l bet aWenfd&^eit. dß ift fetnet ba« «Benbma^I ein »ffent^ 
Ii(ä^e6 a3clenntni§, bag toit ju ben Setel^tetn be« gBttß^en gelltet« 
iSffUn) eine Bebeutung$))oIIe ^anblung, butd^ todäft toxx in nS^ete 
®emeinf(ä^aft mit ii^m treten* 

1) SWcrftoürbig jtnb bie aBfättigcn ©cmcrimtgcn ÜÄarmetlJ« über ©ufo. 

2) Sung a. O. @. 88. 



267 

i$tagt Sud^: mit tozläftn (Sm))flnbungen foUen tptr an btefem 
l^ctKgen ÜÄal^Ic tl^ctlnei^men? gtomm unb bcmütl^tg in ®laubc, 
^ojfnuna unb 8iebc, mit Sl^rfutd^t unb ctnftcm ©cmfitl^e fetten 
toit unö bem l^cifigen Zx\äft näl^ern* Denn eö fagt ber 2l|)ofteI: 
<g« })tüfe \iäf bcr 3Äcnfd^; unb bann ctft effc et ba« Stob unb 
trittle auö bem ftel^e, @o pxü\t fiäf benn Sebet unb Hide in 
fein Snnere«, bamit et ^mx^^t ben 8ei6 be« f)ettn unb ttinle 
fein ©tut auf eine tofitbige ©eife gut SttoetBung btß etoigen 
Seben6 unb ni^t untoütbig, ba§ e^ ii^m aSettoetfung i>ot ®ott 
^ujtel^e. 

35ot ättem fel^e et ju, ob et bie btei i^ol^en 2:ugenben l^abe: 
ben ©tauben, bie 8iebe unb bie Hoffnung» Ob et glaube 
au(3^ an boö, toaö bie aSetnunft nid^t ju etf äffen öetmog, ba« 
i^t abet auä) nxä^t toibctftteitet? ob et glaube an bie f)etlig!eit 
be« ©actamentö unb bet t)on S^tiftuö gefammelten ©emeinbc? 
dS px&^t [xäf jebet, ob in il^m bie f)offnung lebenbig fei auf eine 
cinftige uni>etgänglid^e SSetflätung, totläft [xä) gtünbet auf bie 
®nabe beö §ettn unb bcö ÜÄenf(ä^en ted^tlid^eö geben unb "JCfyun? 
dS })tüfe fl^ bet ÜÄenfd^, ob bie Siebe fein ®emüt^ etgtiffen, ob 
et üon Siebe ju ®ott unb feinen ©tübetn etfüßt fei? 

3ft et bie«, fo loetben biefe l^ol^en 2:ugenben aud^ l^ettlid^e 
fjtfid^te ttagen» ®ete(ä^t toitb et 3ebem baö geben, toaö ii^m ge^ 
bül^tt: ®ott toitb et S^tfut(ä^t, Siebe, ©el^otfam loeil^en, bem 
5«ä<%ften Siebe, fid^ felbft STOägigleit unb Demut^. OÄägig toitb 
er fein in ©Reifen unb in bet ©eftiebigung feinet ©ebütfniffe, 
ftatl teitb et aucä^ ben ©efal^tcn entgegentteten unb bi« jum 2:obe 
Bereit fein, füt bie üon S^tiftuö gelel^tte SSSal^tl^eit ju leiben; benn 
<Lnif et opfette fein Seben in bem leibeni>ottften 2:obe* ©ei^utfam 
totrb er fein in ©ebanlen, ©ort unb 2:^at St etinnetc fi(ä^ be« 
SBotteö: ÜDet SWenf(ä^ loitb cinft 9ted^enf(ä^aft geben muffen t)on 
jebem unnüfeen XBotte, baö et getebet (ÜÄatti^. 12). Äeuig toitb 
er mit tiefem ©d^merge feinet ©ünben gebenfen unb fie unöet^ 
^ol^len bem Seiltet bcid^ten. fjeft toitb enblid^ fein Sntfd^lug 
ftel^en, nie toiebet ju fünbigen unb unabläffig ioitb et bal^in fttcben, 
bad gBttlid^e SBol^lgefatten, bad et ))etloten l^at, fid^ loiebet gu 
<ttoerben. 



268 

®tfftt, alfo^ toirb bct äßenfd^ fi(ä^ prüfen nad^ bcn ©ottcn 
htß 3l<)oftcte. SRetn unb mit unbcf(ä^toettem ©etoiffcn toitb et ba« 
Stob, toeld^e« geben gtebt, effen unb auö bem ßel(ä^e ba8 Slut 
ttinlen, ba6 ju feinem §etle üetgoffen tootben tft amen"* 

3lx6)t fogleid^ nad^ biefet SRebc begann bie geiet beö l^cifigen 
äßal^Ieö. SDenn bie 2:tabition bet (Semeinben f(ä^tieB üot, baß bie* 
jenigen, mläft ben SBunfd^ l^atten, ptt[6nixdf bem ®eiftli(3^en ijot 
bet geiet ju beid^ten, bie SKögüd^Ieit baju eti^ielten, 

©0 em^jflng ,,aSatet" SÄatmeti^ bie ©eid^te Sontab JReifcr« 
unb 3o]^annö öon flauen, unb nad^bem biefe abfobitt toaten, 
nai^men fie bie Seid^te betet entgegen, toeld^c il^nen ii^t befd^toettej 
©etoiffen ju etöffnen toünfd^ten^ 

5Det junge tjtiebtid^ SReifet abet beid^tete gleid^faßö ÜJiatmeti^, 
unb nad^bem bie« gefd^el^en toat, ettl^eifte bet ßefetetc il^m ben 
©egen, 

ÜDann ttat äßatmetl^ toiebet üot ben 5tttat, toiebetl^olte bie 
ßinfefeungöteotte unb nun em^jfingen bet JRcil^e nad^ äßännet unb 
gtauen baö ©tot unb ben Md^. 

(gin lutje« ®ebet fd^Iog bie geiet* 



5Wad^ biefet Slufnal^me gtiebtid^« btad^ et mit SÄatmet)^ unb 
beffen SÖegleitetn ton 5Rätnbetg auf unb toanbette übet Slnöbadf, 
©d^toäbifd^^^ött ^^^ ©d^aff^aufen junäd^ft nad^ SBafeL 9Kan toä^ltt 
biefen S33eg, toeil getobe tu gtanlen unb in ©d^toaben t>xtU S3tübet 
tooi^nten, toeld^e be« ^vi\pxnäf^ unb bet Sitöftung butd^ bie toan* 
betnben ^tebiget bebütftig »aten, 

3loäf immet beftanb bie ©itte, üon bet fd^on bie Äe^ettid^tet 
beö 13* Sa^tl^unbettö betid^ten, baß eö öotne^mfte ^flid^t bet 
®eiftKd&en fei, nac^ bet SBeife bet guten Ritten bie ©laubigen 
butd^ S5efud&e jufammcnjul^alten^), unb nod^ immet toat t&, toie 
ftiil^et, ffit iebeö §au6 ein gteubentag, toenn einet bct 5Q)oftel 
feine ©d^toett e bettat. Sine unbef d^tänlte ©aftfteunbfd^aft toot 
feit utaltet 3eit bie ^flid^t bet „e^tiften" unb fie ^at fxäf in 

l> SSgt bie S3cmcrlung S)abib§ bon Slug^burg , bcr au^brüdttic^ öon bm 
S3cfud^cn bcr ©föubigen burd^ bieMagistri fipridf^t, fotoie bcnStü^jug caiöbcm 
tt)albenfifd^en ©ebic^t Cantica bei b. 3cgf df^toi^ a. £)• @. 204, 



269 

biefcn Steifen btö in ^Jfätt Sai^rl^unbette etl^alten. !J)ie toanbemben 
^tebiget toaten ja aud^ baö üotnel^mfte ÜÄittel, um bie ^n^amvxtn^ 
gel^öttglett bet (Sinjelgemcinben junt Setougtfein p bringen unb 
bcn Seftanb ber ©efammtgemeinbe ju eti^aften. 

SSon S5afel auö lanien bie SBanbeter na(ä^ meisteren S^age^ 
reifen ju greiburg im Ue(ä^tlanb an. 

ÜDamalö befanb fi(ä^ — eö t»ar ettoa 9 Saläre öor bem 3lu8^ 
bru^ ber oben erjäl^Iten Äataftro^jl^c — eine blüi^enbe (Semeinbe 
in biefer ©tabt 

5Die un6 erl^altenen ^rojegacten »erfen mand^e« 8id^t auf 
?ßerfonen unb 3«ftänbe jener 2:age. (So ift beacä^tenötoertl^ , ba6 
aüe ängellagten, unb befonberö aud^ ^eter ©ager, ipeld^er burd^ 
(grienntnif ber 3nquifitoren öom 4. Süiai 1430 ä«»t 2:obe üer^ 
urtl^eilt unb fogleid^ aud^ verbrannt tourbe, befonberö beö SÄar^ 
mctl^ §ugo ertoäl^nen, beffen §au6 ber ÜÄittetj)un!t ber Partei 
toar. !Dort leierten bie Wpo^ttl ein, bort fanben bie ©otteöbienfte 
ftatt unb ©ager felbft l^atte bort gebeid^tet 2). 

e« lägt fid^ nid^t me^r feftftetten, ob griebrid^ Sieifcr ben 
©ager, SÄaggenberg u. 2l* lennen gelernt i^at. Sebenfattö toiffen 
toir , ba6 er i>on nun an bie ganje ©d^ioeij, befonbcr^ ©t. ®atten, 
mit ben „Slt)ofteIn" bereifte, unb er erfüüte bamit ba6 erftc ©tabium 
fetner äJorbereitungöjeit. 

So ift möglid^, bag SReiferö SSSeggang au6 ber ©d^ioeij mit 
ben äJerfoIgungen, toeld^e feit 1429 bort auöbrad^en, jufammeni^ängt. 

ßr toanbte fid^, toie eö fd^eint, junäd^ft nad^ 5Rfirnberg äurüdt, 
um bei doff. Don flauen eine ^n^näft ju fud^en. 2lber biefer 
i^attc felbft ^iia^ttn muffen unb toar bann, toie eö ]^ie§, ben fieg^ 
teid^en Sbi^mm in bie §änbe gefallen, bie il^n mitgefd^le:())3t l^atten, 

SReifer mad^te fid^ auf, um i^n ju fud^en, unb burd^ioanberte 
©eutfd^lanb unb Deftreid^, too bie „Srfiber" in ©te^er, 8inj, SBien 
vu f. ö). jal^lreid^ tool^nten. 3n bem Meinen ©tabtd^en §eitebronn 
geriet^ aud^ er mit ben SBöl^men in SBejiei^ung unb l^alb freitoittig, 

1) S)a0 (grfenntniß ift abgcbrucft bei Dd^fcnbein a, £)♦ @. 276. 

2) 2L a. O. @. 273. — %t @. 185 too eine fictt>if[c ®reba (b, IJ. üKarga- 
tetl^) eine anbcre grau in Wtaxmtt^^ $au8 einfüljrt (Srcba xoax bie S3otin 



270 

i^att gcjtounacn, jog er mit mdf ^tag, too bamate tocmgften« 
©id^eti^ctt i)ot aSetfoIgunaen l^crtfd^tc. 

gt Bcnufete btcfcn Sufcnt^alt in bct UntoetfltäMftabt, um [x6f 
in bcn ©iffcnfd^aftcn ö>citer auöjubitbcn* Sr ctjäi^ft fclbft, ba§ 
ein ^rieftet unb einige ©tubenten ii^m Untetriiä^t ertl^eilt l^Stten. 

gtiebtiiä^ fd^eint ben ffinnfd^ gei^afit jn l^aben, fonnctt in ba« 
ßotfeginm bet „Sljjoftri" eingntreten, (Sx tongtc, bag bic 5(nf nai^me 
in baffelBe nnt t)on einem SÄanne toirffam öotgenommen ö>etben 
Knne, toeld^er innetl^att bct a^joftolifd^en ©ncceffion ftonb, aber er 
voax in 3Sertegen]^eit, toer in SBöi^men biefe ©genfd^aft Bepfec nnb 
Sngleidj ©iüenö fei, il^m bie f)anbanflegung jn ert^eilen. 

Sluf ber ©eile ber 2:aboriten ftanben einige ©eiftlid^e, toeM^e 
in ber ^t\t, too fie nod^ im 3Serbanb ber rBmifcä^^^fati^oüfiä^en Äird^e 
toaren, bieffieil^e em:|>fangen i^atten, barunter berSifd^offßico^ 
lauö Dom ©anbO» 35ö§ bie apoftolifd^e ©ucceffion ber rJmi* 
fd^en SÖifd^ßfe unanfed^tbar fei, toar in ben alteöangelifd^cn ®e^ 
meinben t)on jei^er anerlannt toorben. ÜDal^er toax $ßicoIauö too^I 
befäl^igt, bie Sßeii^e ju erti^eilen, nnb in ber ^at erbat unb er^ 
l^ielt gticbrid^ bon bicfem SBifd^of bie Drbination* 

!J)iefe SBeii^e erfolgte ju ^rag im ©laöenÄofter am gcft M 
ff. Sreujeö im Saläre 1433 unter ber {Regierung Äaifer ©igmunb«*). 



1) @$ if) fel^r toal^rfd^nU(i^ 9{tcotau$ bon ^{^ilgront gen» 8t9Iu^c gemeutt 
® oU Ouetten unb Unterführungen @. 27 2lnm, 1, 

2) S)ic Sl^atfad^e biefer Sßeil^e iji ungemein toic^tig, unb e« trifft fld^ Be* 
fonber^ günfiig, baß ftc bon gtoei ©eiten l^er urlunblid^ Bcgtaubigt bor* 
iiegt. SHe dnc Duette ift bie 3lu$fage 9(lciferö taut bcm ©erid^t^^rotocott 6ci 
3ung a. O. ©• 166 ff. 3ung a. O. @. 169 Slnm» filiert »leifer« ^rotocottirte^ 
^©elenntntß toörtUcir an; 9leifer fagtc banad^: „2)er ^ifdf^of (^läcotau«) mdnte 
barum, ob er toot ^riefler loe^^ete, fo mürben pe boci^ bon ben $ragifc6cn ge- 
fd^mäl^et. 3)a l^bc er (9leifer) il^n burd^ ben (Sugtifd^cn (3Äevjier $eter) gc^>cten, 
il^ne JU »eilten; ba l^abe nun berfetb ©ifdf^of feinen SBitten barju geben unb ge* 
[iproc^en, er mottt i^ne orbiniren unb l^abe alfo il^ne getoe^l^et unb noci^ einen 
SSBattad^en, l^ieß Sol^anne^. — 2)ie« gefd^al^e in ber gronfaften im ©erbfl (gron* 
fafien im ©erbfl = ÜHitttood^ nadf> Äreujer^iJirung [14. @c^t]biö ©onnabenb ber» 
feliben SOSod^e). SBie taug e9 fet^, toiffe er nici^t, aber e9 gefd^al^e boc^ bor bem 
dbnciUo JU 8afet. Unb gefd^aj^e bie £)rbnung fd^Ied^tUd^ nit mit @aI6mig, 
meggemanbt unb anberen Orbnungen unb ®egierb M l^iegutanbt, bann mit 
aufftegung ber ^anbt unb mit fipred^en ctlicij SBort in Sotein. Unb (ber 



271 

^ctcr ^a^nc toar cö gctocfen, tocld^ct bcn ©tfd^of 5RicolauÄ jur 
SSoüjicl^ung bct l^cißgcn ^anbtung bcteogett l^otte» 3m Salute 1434 
i>etltcB Weifet Sdiffmtn unb Begab fi(ä^ junäd^ft nad^ ©afel, too 
fottbauernb t>xdt „S5tübet" »planten. 

©d^on bei beut gteiburger Snquifitionö^Jtoceg i>om Saläre 1430 
toat e6 ju S^agc gelommen, ba§ bie SSSalbenfet in SÖafel um bic^ 
felbe 3rft trofe aüet aSerfoIguugen nod^ ni^t ausgerottet toaten 0» 
SBenn au(ä^ bie ftatle Setoegung, toie fie in friil^eten Sal^tl^unbetten 
l^ier öori^anben getoefen, einigermaßen eingebämmt tootbcn voax, fo 
i^atten fid^ bie teligiöfen 3been bet ,,®otteöfreunbe" feit ben S^agen, 
»0 Sanier l^ier 3lufna]^me unb ©lä^ufe gefunben l^atte, t>on ®ene^ 
tation ju ©enetation fottgepflanjt 

^apft ßugen IV. be^au|)tet in einem ©tiefe J)om 13. 5Jioi). 1431, 
ben et an baS in Safel i>etfammelte Soncil gelangen üep, bie 
„hiffmi^äft $eft" ^abe mit i^tem ®ift enblofe ©lanbale in «afel 
angeticä^tet, inbem bie SBütgetfd^aft bie ©eiftlid^Ieit t)etfoIge unb 
niebetmefeele^). 

SSif^of) l^at il^tten beeben ba ba^ ©afratnent geben unter beeb Oeitolt". — 3)ie 
gleite 9{eIation flammt t)ün einer gang anberen @eite l^er, nämtid^ oud bem 
fogenannten „S3u(i^ ber SKagifler bon ben 10 Slrtileln", »eld^ö um 1470 in 
^t^men entflanben gu fein fd^int. S)ort l^eigt e9 (abgebmcft bei ©od a. o. O. 
@. 106): (2)te Sßolbenfer) „nal^men il^re änPnd^t gu einem getoiffen S3ifciJof 
SWcotan^, einem $riefter roraifd^er SBeil^e unb gtoar im Saläre 1433 unter ber 
^Regierung Äaifer ©igi^munbö unb baten il^n inflänbigfi, i^nen ^riefler ju »eilten: 
unb er »iHigte ein. S)a fcijirften fte ju il^m gtoei, einen getoiffen griebrici^ ben 
3)cutfd6en unb Solenn ben ^d\d^m unb biefe »ei^te berfelbe $riefhrbifd^of gu 
$rag im ©tat)enKofler am gefie beö 1^; ^euge« (14. @c^t), im 4)erbfte beffelben 
Sal^rö. 3)ann »urben bie gemelbeten gtoei ^riefter gu ©ifd^öfen 
il^rcr ©emeinfd^aft getoäl^tt. Unb im Saläre 1434 tourben fte nadj S3afel 
gcfenbet unb bort im ©ommer ange!ommen gu S3ifd^öfen getoeil^t unb befiätigt 
toicbcrum t>on einem ^rieflerbifd^of römifd^er Orbnung^, ba in jener @tabt bie 
SJerfaramlung aUer ^riefierfd^ft tagte." 

1) @. £)(^fenbein a. a. £). @. 186, 220 unb 383. — 3n bem ^aufe eine« 
gesoiffen S05atjo»er gu ©afet leierten bie „^o^td" ein. 3)effen grau »ar bie 
XiX^ter be« ^axmtt^ $ugo tyon greiburg. 

2) 2He begüglid^e ©teile lautet, ber ^ft l^abe erfal^ren, baß „pestis illa 
Bohemica ad multas Alemanniae partes serpens yenenum suum effaderat et 
partes illas detestabili labe inquinaverat quodque etiam exinde in partibus 
Basileae infinita scandala suborta erant, cum nonulli oppidani sectam Bohe- 
monim imitantes clerum persequerentur et crudeliter trucidareDf^. ^l^eot. @tub. 
u. Äritifen 1869 @. 142 f. 



272 

Sluf btcfcn ©rief crtotbcttc bet Satbinal Suliuö Scfatint im 
5Ramcn unb 2lufttag bc6 SonctW, eö fei nid^t toai^t, baß SBafelet 
SSfitgcr ben Sletuö i>erfoIgten unb eiS fei feine ,,®elte" tool^rtte^m^ 
bar; aber bet ^a:()ft l^ielt biefcn 3luöfj)tud^ beg Soncite für fo tocntg 
jutreffenb, bag er auö ben angeführten (Srünben ba6 Eoncil auflSfte. 

3n ber ©emeinbe, toeld^e SReifer befud^te, traf er unter Slnbeten 
mäf bic Snletin feine« gei^rerö SÄarmeti^, ÜÄargareti^a, »iebcr. 
®ic toar eö, tt>et(ä^c i^n in fd&toerer Sranl^eit, bie il^n in SSafcI 
befc^ßen l^atte, ^)flegte unb rettete- 

3n SÖafel i)oßjog 9Jeifer, bie S33ei^e an jtoei jüngeren ÜÄänncrn, 
toeld^e biö bal^in i^m unb bem ,,S33äIfd^en" Sol^anneö afö ©egieiter 
(magistri minores) gebient l^atten. 5Der ÜÄann, ber Steifer« ^jer^ 
fßnlid^er Slbiunlt getoefen toar, ]^ie| ÜÄartin* üDie 9JituaIt)orf(!^riften 
für bie ©eii^e fanben \x^, toie SReifcr öor (Sendet erttärte, in einem 
58u(ä^, toeld&e« er f<)äter mit nad^ ©traßburg gebracht l^atte. 

@3 ift merltpürbig, ba§ JReifer t)on fid^ U^avOfttt, er ffaU 
t)on benen, bie ii^n toeii^ten, bie 3Sottmad^t erl^aften, 5(nbere ju 
ipeii^en, unb l^injufügt, er l^abe ben Soi^anne« SBeilcr crftgum 
,,St)angeIier" (@i?angeliften) unb bann jum ^riefter getoeii^ti). 6^ 
fd^eint, ate ob ber 5Rame ,, Söangelier " biejenigen ©eiftttd^en be^ 
jeid^ne, toeld^e ben regelmäßigen ®otte«bienft unter ben ©emcinbcn 
ate feßl^afte ^rebiger t)erf ai^en , aber nod^ nid^t jur SluMbung M 
öotten !J)ienfte3 bered^tigt toaren, 

5Die gamiüe SBeüer ober 2Biter ftanb SReifer fe^r nal^c unb 
toar ertoeiöüd^ feit alten ^txUn in ber ,,®e!te"* üDer Dnlel M 
oben genannten §an« Seiler, ebenfalls §an« Seiler mit 5ßamen, 
begegnet unö aU Salbenfer ju S33inb«^eim in granlen^) unb 
2lnna Seiler tourbe ^pattx mit SRetfer jufammen l^ingerid^tet 

Sie mäd^tig bie Sirabitionen in biefen ÜÄännem nad^ioirlten, 
fann man barau« abnei^men, baß i5riebrid^ aud^ bie uralten ®e^ 
jiel^ungen ju ben SÖegi^ineni^äuf ern ioieber aufnal^m , obtool^I bie 
3eit längft tjorüber toar, too bereu 3nf äffen in ii^rer ©efammt^eit 
aU äni^änger ober 3lni^ängerinnen ber ;,©rüber" gelten fonntcn '). 

1) 3unci a. a. O. @, 242- 2) $au^)t o- o, O. @» 47. 
3) 2)ag aud^ no(i^ 1430 ba$ Salbenfertl^um unter beu ^egl^inen einzelne 
^Inl^ängcrinnen befaß, f. bei Od^fenbein a. a. O. @. 241 lu öfter. 



273 

SWatmeti^« Snieltn füffxtt gricbrt^ in ein ©egl^incnl^au« Bei ©afef, 
unb erfteret f anb toitlß^ bei einigen ©d^toeftetn ©el^öt, ©alb aber 
mad^te et fo trübe (Srfai^ningen, bag et öon jebem leiteten Untet*» 
nel^tnen äl^nlid^et 2ltt abftanbO. 

5Rad^bem Weifet no(ä^ im 5lnfang beö Sa^xti 1435 einigen 
©t^ungen beö Soncitt beigetool^nt i^atte, öetUeß et ©afel unb 
toanbte fid^ junäcä^ft mäf ©ttaßbutg, too bie ©emeinbe ii^n fteubig 
ent|)fing* Sm C)aufe be6 §eintid^ üDietf(ä^ :()flegten bte Sanbet^ 
|)tebtget [xäf ju tteffen; l^iet toat t)Ot Steifet beffen gteunb, bet 
aj>oftet ®te^3]^an au6 Deftteid^, ben Weifet fd^on in ?tag lennen 
geletnt i^atte, eingelel^tt^), unb gtiebti# ttaf bott felbft mit bem 
©ol^ne eine« alten ©anbet})tebiger« jufammen, bet Sbi^ann i)om 
JR^eine genannt toitb. 

üDie ei^emaßgen §au})tftüfe<)unltc bet ^attei, bie Wl^einlanbe, 
boten im 15* Sal^tl^unbett, tote Weifet fetbft f^Jätet etfai^ten fottte, 
feineÄtoegö mel^t Jene ©id^eti^eit toie ei^ebem, unb fo entfd^tog fid^ 
gtiebtid^, feinen Slufentl^att bott abjufütjen unb auf einige Salute 
nad^ gtanlen gu gelten, toeld^e« 8anb in jenen 3a]^ten butd^au« 
bie fjüi^tettone in bet ©eioegung ubetnommen l^atte» 



!Die ©ebitgögegenben, toeld^e fid^ fttbli(ä^ unb 5ftti(ä^ be« obeten 
ÜÄain« auöbei^nen unb um ben iJtanlentoalb, ba« gi(ä^tctgebitge, ben 
SSi^mettoalb unb bie ©etge be« SSoigttanb« lagetn, ioaten in ben 
Sal^tjei^nten bet %>t^, mUSft feit ettoa 1380 übet bie ©atbenfet 
gelommen ioaten, in betfetben SBeife bie Wfidjugöotte geiootben, 
tine bie cottifd^en 5ttt3en unb bet 3uta öot Sai^ti^unbetten ben 
ttolientfd^en unb ftanjöflfd^en „©tübetn" alÄ Icfete ©d^lupftoinlet 
gebleut i^atten* 

Da gefd^ai^ e« nun, bag feit bem ©eginn be« 15. Sai^ti^un^ 
bett« in bem benad^batten ©ö^men bet offene Äam^jf mit bet 
^xttaxäfxt auöbtad^, S8 ift toai^t, ba§; toie Weifet auöbtüdlid^ öet^ 
fid^tt; bie beutfd^en ©atbenfet jun5# an bem aiuftteten bet 

1) Smig 0* O. @» 243 ff* 

2) (S9 ifl bied unatoeife^aft bev )6if(i^of @te)>]^an, bet ttn9 f)>Stet toie« 
bet begegnen totTb« 

Aeller, 2>ie Dteformation. 18 



274 

Sßi^vxtn Im bcfonbcrc« ©cfaßcn fanbcn; öicic ®tunbfafee bet 
5)uf[itcn toibctfrta^en ii^tcn 2:tabittoncn but(ä^auö, W>tx tt>cttn bic 
beutfd^en ©emeinbcn fi(ä^ bcgi^att aud^ jicmti(ä^ tefettjitt tjctl^icltctt 
— ein Umftanb, bcm c6 aüetn jujuf(ä^retbeii tft, ba§ niiä^t aUf>aü> 
anSf ganj ®fiboftbeutf(ä^Iattb in Stammen ftanb — \o fonntc c8 
bo(ä^ nt(ä^t ausbleiben; ba§ bie etfolge bet antitömtf(ä^en böl^mifd^en 
Parteien bie tjertoonbten beutfd^en SRid^tungen beeinflußten* 

So liegt außerl^alb be« JRai^menö biefer Untetfud^ung, bie S8e^ 
toeflungen imautx ju bcrfolgen, toeld^e \\äf paxaUd mit ben bßi^ 
mifd^en fiäm^jfen unb in fteter S33e<ä^felö)itfung mit benfetten in 
Ober*', Untere unb SKittelftanlen üoüäogen* 

ICiefe SSotgänge i^aben üot Sutjem J)on Dr. ^ermann ^avipt 
eine eingei^enbere SBei^anblung erfai^ten, unb x^ bin beßl^alb in ber 
Sage, für bie Sinjeli^eiten batauf öertoeifen ju IßnnenO» 9?ut 
einige ^aten mögen i^iet einen ^lafe finben. 

!Cer §au)3tfife ber „Äefeet" toat, toie obenangebeutet, 9lütn^ 
betg» es ti)dte jtoar falfd^; ben SKagifttat eines ©nmnei^menS 
mit ben Söi^men jU geilten, aber neben bem officieöen Siürnberg 
gab eS anäf ein nid^tofficietfe« unb ftarle Unterflrömungen in ber 
Sürgerfd^aft; biefe neigten entfd^teben in toid^tigen ^rinci|)ienfragen 
na<ä^ Söi^men i^in. 

Sin Mner 2luguftiner befd^ulbigte bon ber Äanjel i^eraB bic 
9?ürnberger ber fflegünfttgung ber Se^er; in JRom toaren im 3a]^re 
1426 na(ä^t^eiHge ©erüd^te über bie JRed^tgläubigfeit ber ®tabt Der^ 
breitet; ber Saifer ©igmunb, ber Sarbinallegat Sulian Sefarint, 
bie ^erjBgc i)on Saiern u* 31. befd^toerten fid^, baf bie böi^mifd^en 
Sefecr bon 5Rürnberg auS 3^W^ eri^ietten 2), 

3n ber rid^tigen 3SorauSfe^ung biefer UnterftrBmungen rid^ 
Utm bie S^aboriten im Saläre 1431 ein ©d^reiben an bic ©tabt 
5Kärnberg, in toeld^em fic biefelbe aufforberten, baS 3od^ ber römi^ 
fd^en $errfd^aft abgutoerfen. 

Unb äi^nlid^ ti)ie in 5Körnberg tagen bie SSer^Itniffc in ben 
übrigen größeren ©täbten granlenS* !J)ie ©tabt Samberg trat 

1) Dr. $. ^att^)t 2)ic retifliöfen @e!tctt in granfcn Dor ber Äcfoxmation* 
Sürgb. 1882 @. 31ff, 

2) ^. ^anpt a. O. @, 37, 



275 

tm Sollte 1430 fogar fcttftänbig mit ^roco^j bem ®to§en in äSer^ 
i^anWung* fim % gebt. 1430 [(ä^ttcb gefeteret chtcit ©tief an bie 
©tabt, itt toeld^em er fie jum änf^tug auffotberte, inbem et fogtC; 
bic ©amBcraet möd^ten ju ben alten „ei)angelif^cn SBai^t*» 
Reiten jurüdlei^ten'^ 

5Ro(ä^ Im Saläre 1448 i^atte fi(ä^ eine ®^nobe be« ©ambetger 
SIeru6 mit bem Sün^x^ be« bamaligen SDontprebigerö, äßagiftet 
$etnti(ä^®teinba^; jn bef äffen, toeld^er „fefeerifd^e" gellten anf 
ber fianjel öotgetragcn i^atte* üDie @^nobe fanb ben üDontprebiger 
fd^utbtg be« angegebenen ©erbte^en« unb tjetnrti^eifte ii^n bemgemä§. 

6ö ift ungemein bejeiiä^nenb , ba§ bet belannte SDominilaner*» 
})rior unb Snquifitor $ßibet im 3ai^te 1432 in bie laute Älage 
au«brid^t: 3n gtanlen fei baö 3SoH unb ber SIetu« über ben ?a<)ft 
auf^ Sleuferfte aufgebracht ; man ergei^e fi(ä^ in ® ^mäi^ungen gegen 
i^n, gegen bie Sarbinäle unb bie beutfd^en ©if(ä^8fe. 

(&& i^atte toirttid^ aeittoeittg ben änfd^ein, aW ob bereit« 100 
3a]^re früi^er, afö eö toirllid^ gefcä^al^, ber groge Äantpf öon granfen 
avi^ beginnen toerbe. ®n 35oltelieb au6 Jenen Ziagen fd^ilbert 
treffenb bie bamalige Stimmung: 

Ich höre manichen in der gemeinde claffen 

uf der pfeifen Übermut 

die zit sie hie, dafs man sie sülle strafen; 

das ist die glut, 

von der ich dicht, got well uns friden schaffen! 



Es wart nie für so grofs ufs deinen funken, 

bischof von Menz, merk disen sinn: 

es glüt ein schedelich für, will mich bedanken, 

giefs wafser drin! 

ein schemeliches spil, das wil sich brunken. 



Yersehent irs nit, so mag uch wol gedihen, 

Dafs man in uwerem lande sieht 

Ton Behemer lande snöde ketzerie; 

ob das geschieht 

Yersehent irs nit, so sprechen ich uch pfie!^) 

Unter biefen Umftanben fanb {Reifer gerabe in graulen unb 
ber Dber|)fatj ein Slrbeitöfelb i)or, toeld^e« mei^r als irgenb eine 

1) i>ott fiitienctott 2)ic ^ipor* SoMicber ber 2)etttfd^at. 1865 I, 359. 

18* 



276 

beutf(ä^c ©cgenb tei^c Stnte öeti^teS. ffiir erfai^ten t)Ott li^m, ba§ 
et In MxnUxi, SBütabura, bcm mittcIjtättKf(S^en ©täbt^cn ^cttt^ 
Bronn unb anbewätt« etfolgtcid^ ti^ättg toar* S)a« mag im fünften 
3a]^tjei^nt beö Sal^ri^unbert« gefd^ei^en fein. 

3n bet ^dt, in ber griebti(ä^ in gtanlen toirlte, toatb eine 
@^nobe bet Stpoftel gn §etoIb8betg Bei 5RütnBetg gei^alten, too 9leifcr 
Im Salute 1447 ItanI lag*)- !Dic SBetfammInng tt>äl^lte ii^n, tote 
et felBft etjfil^ft, jn einem ,,OBeten"2), b* 1&. jnm Majoralis ober 
©if(ä^of, toie toit glei(ä^ feigen toetben. 

Sinige Salute f^jätet fanb nntet bem ©(ä^ufe bet ©etoiffen«^ 
fteii^eit; mlä^t bie ©Blumen fi(ä^ etlänq)ft i^otten, eine SBetfammInng 
beutfd^et SBalbenfet jn S^aBot ftatt Dott lamen jnfammen aujet 
{Reifet bie ©enbBoten bet Bfttet^ifd^en ganbe, untet Slnbeten Jener 
(Btefi^an nnb $and Sßeiler; and^ BBi^mif^e Salbenfer f (feinen ftd^ 
Beti^eitigt jn i^aBen^). S6 toarb Befd^loffen, bie alte Organifotton, 
fo toeit fle erfd^üttert toar, toieberi^erjnftetten unb i)ot äüem bie 
^aifi bet Sl})ofteI toiebet ju etgänjen. 

am inteteffanteften ift bet ©ef^Iug üBet bie ©if (ä^Bf e. 2Wan 
fefete nämlic^ fcft, bag bieSa^I betöifc^Bfe füt 5Deutf(]^Ianb üiet 
Bettagen fotte nnb Beftätigtc t)on iWenem bie alte Sintüä^tung; bag 
biefe SÖifd^Bfe ben ÜKlttelpunlt bet ganjen Dtganifation Buben foöten. 
3n tegelmägigen BJ^f^wmenlünften — bie näd^fte toutbe toitltid^ 
nad^ btei Saluten jn Sngelöbotf in JUieigen aBgei^alten, bie bann 
folgenbe ju ©aafe in ©Blumen, unb eine btitte toat auf 1459 nad^ 
©ttagBntg einBetufcn*) — fottten bie ,,DBeten" bie Angelegen«' 
l^eiten bet ganjen ©emeinfd^aft Betätigen unb aSottma(ä^t i^aBen, An«' 
otbnnngen ju tteffen. 

ÜDie ©if(ä^Bfe foHten ben Sljjofteln Beftimmte ©ejitle jutoeifen, 
beten ©etid^te in Sm^jfang nel^men unb ü^tet S^i^ätiglcit Beftimmte 
Slotmen geBen. SÄan nannte Ctftete aud^ „Majorales"*) obet 

1) SQ3ir lönncn baö Sal^r baburd^ Befttmmen, baß Sficifcrö Äranf^ät ju 
$crott>8Bcrg in blcfdbc Seit fäfft, too «ifd^of ©otfricb D. SürjBurg (1443-^1455) 
tie etjle Serfotgung in feiner SHöcefe anfhUte. S)ad toav im Saläre 1447. 

2) 3ung a. a. O. ^. 252 ^nm* 28. 

3) Sttttg 0. 0. O. @. 235 f. 

4) @o Berid^tet 9(läfcr, bgt. 3ung o. o. O. @. 256. 

5) 2)ie8e)eid^nung „Majoralis" toirb ben^ifd^Sfen gegeBen, um ananbenten. 



277 

Heltefte (Seniores)*), ba, tote c« fd^etnt, für fie cbcnfo tote für 
bic ^rebigct, eine beftimmte Stttet^tenje ®efefe toar. 

Da «ifd^of gTtebtt(ä^ feit Jenen a3ef(ä^Iüffen i)on Xabot fi(ä^ toie^ 
beriim in ©ttapntg niebetlieg, fo fielet man, ba| ii^m OBetbeutf(ä^*' 
lanb ate ^tot^inj pgetoicfen toat* üDet oben g^ncinnte ©te^ji^an 
erf(]^eint einige 3a:^re \pattt al8 öifd^of bet ©olbenfer in Deftreid^. 
35on ben übrigen ift feine SSla^näft tx^aütn. 

äuö SReifetö eigenem Selenntnig toiffen toxx, bag er ©if^of 
getoefen fei unb folgenben 2;itelgefü]^rt ^abe: ;,griebrid^, i>on ©ofc' 
tc8 ®naben SBif^of ber ©laubigen inneri^alb ber römif(ä^en ^xäft, 
toeld^e bie ®(ä^en!ung Sonftantinö nid^t anerlennen" 2), 

augerbcm fagt er fclbft an^, ba§ er unter ben ©if(ä^öfen ber 
„Obere" (ober Majoralig) getoefen fei, b. ^. ba| er unter feinen 
Stübern aU ©enior ben aSorfife gefüi^rt i^abe* üDod^ lei^nt er e6 
ottöbrüdlid^ ab, bag man biefe ©nrt(ä^tung mit berjenigen J^er*» 
gleiiä^e, ti)ie fie bie römifd^e Sird^e im $a<)ftti^um bcfifee, 

5Daö Streben ber ,,3l»)ofteI" fei, meint JReifer, ben Sefel^len 
e^rlfti, bie er ben „^toilfboUn" gegeben, in 3lrmut$ unb Stuf*» 
o))ferung nad^jufolgen. 

@d betrad^teten fid^ bie ä3ifd^5fe aud^ nad^ ii^rer Sai^I gu biefer 
SBitrbe fortbauemb al8 SRitglieber be6 Sottegium« ber 3l<)0ftel, au« 
toeld^em fie i^eröorgegangen ioaren. ®ie bitbeten offenbar nur ben 
engeren Sluöfd^ug be« größeren Sreife«, ber i)on ber SÄei^r^eit ber 
©enbboten auf ®runb 'oon Sffter unb 3Serbienften ertoäi^It loujbe. 

SÄan lofirbe fci^t gelten, loenn man in ber Uebertragung ©trag^ 
bürg« unb Dberbeutfd^Ianb« an ben ©eniorbifd^of eine Steuerung 

ba6 fte primi inter pares, b. 1^, tm Scfett bat ^po^dn gtcid^ unb gleid^fant nur 
©otjt^cnbc bc8 StjJopet^Sottcgium« mit getoiffcn $räftbiatred^tm ptib. @e gab 
mt^ unter ben SBifciJöfen fctbjJ, »ie toxx gtcid^ fe^en »erben, einen „Majoralis", 
b.^. einen ^)räjtbirenbcnS5iWof, »eld^r bie ©erfamnttungen berief, leitete u. f. »• 

1) @d^on 971 0^1^ eint Inst. hist. eccles. Helmstadt 1755 p. 488 l^t gan^ 
tifi^ttg bemerft: „Regebatur Waldensium ecclesia ab episcopis, quos Ma- 
jorales seu Senior es appellabant**. 

2) Snng 0. D. @. 254: „@r fei? gelten »orben für einen )©ifd^of unb 
fei fein XvtoX: Fridericus dei gratia episcopus fidelium in Romana ecclesia, 
donationem Gonstantini spernentium'*. — Sntereffant x% bag nac^ ^eifer^ ^u$« 
foge bie SBifd^öfe (unb Wpoftü?) ,,bunlet grau Äteiber" getragen i^aben 
(Snng 0* O. e* 254 2(nni, 29). 



278 

feigen teoBtc. äSielmei^r ift Wcfe ©tabt jtoeifcKo« feit Sai^tri^unbcrtett 
bct 3Sotort bet beutf^en ©emctnbcn gctocfen. 

3tt ©ttagburg s^S JR^f^ i« 1>ä* $öu« feine« gteunbe« gtanj 
©etner am Stf^marft unb traf änftalten, ba« fflötgerte^t ju 
ertoetbeH; um ben ©(ä^ufe bet Äeid^öftabt ju erlangen. 

üDaBet haltete et feine« Slmte« butiä^ ^tebtgt, Untettoetfung 
unb ©elei^tung. St toat e«, tt>el(ä^et bie fflüd^et untet £ibffnt l^otte, 
In toe^en bie SSotfd^tiften ffit bie Kt^lid^en §anblungen unb 
bie ®ebete i)etjeidf net ftanben *)• Slu8 i^nen etii^eifte et ben jfinge^ 
ten ©eiftUd^en Slntoeifungen, fotoeit bie mfinbli^e S^tabltion nid^t 
auöteid^e. 

3m 3anuat 1458 toatb {Reifet pU^lxS^ neBft einet »njal^l 
feinet gteunbe öeti^aftet !J)ie ©ttapntget üDominilanet i^atten 
ton einem üDienftboten bie etfte yta^xxS^t etl^alten, unb bet tegietenbe 
ämmeiftet §an« ©ta^enfel« lie^ auf ßtfotbetn be« geiftlü^en 
©etid^tö ben Weifet but(ä^ bie ©tabtlned^te in feinet ffioi^nung 
etgteifen. Sitte SBüd^et, ©tiefe u. f. to. toutben ebenfatt« confi«cirt 
unb in ba« DominilanetHoftet gebtacä^t^), 

!Det ^tojeg toutbc mit eifetnet ©ttenge begonnen unb ju (gnbe 
gefül^tt ÜDie ^tocebuten, toeld^e bie geiftlid^en Snquifitoten an bem 
Unglüdüd^en mit bet ijoltet öotnai^men, toaten na^ bem ä^ttfl^iß 
be« f)an8 ©tadf^enfeW fo fd^tedliii, bag gefetetet fi(ä^ in« 3»ittel 
legte unb na^ fünfmal toiebet^olten goltetungen bem bifd^Sfßd^n 
Dfflcial ben leiteten ©eiftanb bet tt>eltli<i^en ©eioaft öetfagte»), 

$ßad^ Stlebigung bet Mxäftn gotmalitäten toatb ba« Utti^eit 
gefäOt, tt>et(ä^e8 auf 35etBtennung lautete. Sluf bem {Roßmatit ju 
©ttagbutg toutbe baffette öetlünbet. 

"^ann ttat bet $enfet ju ben aSetutt^eitten, ©if(ä^of gtiebtid^ 
unb 3lnna SBeifet, banb il^nen bie f)änbe unb fü^tte fie l^inau« 
t)ot bie @tabt. ÜDott toat ein ^fai^I gefd^lagen, »on l^ol^en $oIaft8§en 
umgeben. Sin benfelBen toutben fie gebunben unb ju Slf(ä^e t)etbtannt. 

1) Stttig a. O, @, 263. 

2) ©otttcn bie iRad^forfd^tttigcn nadj bem ScrMeiB bc« S)ontittt!aner-«r<i^it)8 
ttifi^t ))ieaet(i^t aud^ üBer Steifer^ iRad^Iag unb beffen ©^idfale Snl^Ud^unfte 
geben lönnen? (ginen 2:]Jeit l^at Äeifer aUerbing« bor fetner eignen ©en^remrang 
ben gtammen übergeben milffetu 

3) @o nad^ bem ©tragburger @erid^t«^)rotocolI Smig a. D. @. 277. 



279 

3tt grtcbti^ SRetfct toax lein unbebeutenber SKann gcftotbeit^ 
35ic 3ett8Cttoffctt fannten ti^n fci^t )a>o% unb eö tft bejctd^ncnb für 
baö anfeilen, tocld^e« et genoß, baß man f d^on im 1 5. Sai^tl^nnbert 
ii^n für ben S5etfaffet: einer bet:j[enigen ©Triften teformatotif^er 
Senbeng i^ielt, totläft bamalÄ unb f^jötct groge« Stuf feigen ztmaS^t 
i^aBen, nämlid^ bet fog. ;,SReformation beö Äaifet« ©igmnnb", bic 
um ba« Sat^x 1438 tjerfagt fein bfirfte* ^ 

SDiefe ©d^ttft, tocld^e mit ®(3^ärfe unb golgerid^tigleit eine 
JÄeii^c t>t>n SReformgebanlen ijerfi^t, ift öon 1476 aB in jai^Iteiiä^en 
ätt^aBen tjetBteitct getoefen unb i^at unleugbar eine große SBirfung 
au^eübt 

Sttö 35erfäffer loirb in ben eri^altenen §cinbf^riften ein „grie^ 
Mäf t)on fiandronii" angegeben unb e6 fd^eint jioeifenoÄ, baß bie« 
,,Sriebri(ä^ öon ganbölron" fein fott — ein 5Kame, ber auf griebrid^ 
Steifer, toeliä^er eine 3^ I^ng in 8anböIron lebte, burd^au« pa^m 
kDürbe. 

3ÖIe ansei(ä^en f^jred^en baför, baß bie Slbf(ä^reiber jener f)anbi^ 
f(3^riften toxxRvSf ber 3Äeinung loaren, baß griebri(ä^ {Reifer ber 
JBerfaffer fei, aber ob biefe Slnfld^t jutreffenb ift, ift freilid^ bamit 
noäf mäft bekoiefen. 

SSielmei^r ergiebt ber Sni^aft ber „^Reformation" einen ©tanb^ 
^junlt, toe^er i)on bemjenigcn SReiferö in ben loid^tigften fünften 
oBtoeid^t, unb SRiemanb, toelcä^er fid^ mit ber Partei, ber {Reifer an^ 
gei^Srte, näi^er befd^äftigt i^at, toirb jugcben IBnnen, baß bie ©d^rift, 
toie fie i^eute vorliegt, auf einen XBalbenferbifd^of jurüdtgei^t ^j. 

SWd^tSbeftotoeniger lönnte bie l^eute belannte „{Reformation" 
bie Ueberarbeitung einer ©df^rift fein, toeld^e loirHid^ t)on {Reifer 
»erfaßt ift XBenn man nämlid^ loeiß, toie berartige anonyme XBerle 
in jener ^dt tielfad^ gu ©tanbe gelommen finb, fo toirb man e« 
nid^t für unmöglid^ i^aften, baß unö gcrabe biejenige ^Bearbeitung 
erl^aften ift, toeld^e ber „lefeerifd^en" S5orlage bie ©:()ifeen obgebrod^en 
i^atte unb burd^ äfbfd^to&d^ung be^ ©egenfa^e^ iugleid^ ben 3^^^ 
erreid^te, ben Äaifer ©igiömunb felbft mit ber ©d^rift in 3wf<*W'' 

1) 2Hefe ftopd^t ifl Bmit« Don ©ctnl^atbi in ber Senacr Stt-Stg. 1876 
©c^tembcr gegen ^^m griebrid^ {Äeifer« {Ref* b. Ä. ©igm. ipi. 1876 mit l^in- 
teld^enben ^rünbert ))ertl^gt toorben. 



280 

meni^ang bringen ju !Snnen. ®o ift au6 bent 3^f^^^^^^^^^^ 
md^tcter ^ctfonen benn iJtcBetd^t baö i^cnte belannte SbuÜ^ tnU 
ftanbcn» 

SBic bcm aber and^ fein maz, fo fielet bo(ä^ feft, ba^ SReifer 
Don ben 3^i*8^«off^Ä "^^ äntorfd^aft für fällig gei^alten toutbe, 
nnb e« ^pxi^t bieö bafür, ba| fein iWame in jenen ftäm^)fett be^ 
15. Sai^ri^unber^ belannter toar, al« toir i^ente onjunei^nien 
geneigt finb. 

S6 ift nid^t jn bejtoeifeln, ba§ {Reifer literarif(ä^ ti^ätig getoefen 
ift. Sr fettft fagt anö, ba| er bie ®egenftänbe, toeld^e tooi^renb 
feiner Slntoefeni^eit in ben ©ifenngen be« ©aÄler Sondl« üerl^an^ 
belt toorben feien, anfgejeid^net i^abe^). 

Steifer ^at ber fiiteratnr, toeld^e in feiner $artetlal8 enn>fel^^ 
tendtoerti^ galt, ftetö eine Befonbcre SBead^tnng jngetoenbet S^ 
gei^t bieS an6 ben ©eftänbniffen ^ntox, mä) totläftn er an m^ 
f(ä^iebenen Orten ©öd^er in größerer ^a^t niebergclegt i^otte. 

(Sr toar, toie bie ^mitn anöfagen, eifrig Bentüi^t, bie fß\bd 
unter bent aSolfe ju ijerbreiten; er tjerlanfte 6{enH)Iare berfetten 
an feine greunbe nnb ©efinnnngögcnoffen, S« tjerftei^t fic!^, baj 
bie« nnr beutfd^e ©ibeln toaren* 

3n ^eitebronn i^atte SRcifer nad^ feinem (8eftänbni§ bei bem 
ZuSfVxadftx diente fünf ober fed^ö Sudler niebergelegt ; e« feien bie«, 
fagt er, Sommentare jnr ^. ©d^rift 

©old^e ßommentare, befonber« jn ben Si^angelien, toaren 
überi^au))t unter ben alteöangelifd^en (Semeinben fei^r beliebt nnb 
i)erbreitet Slnd^ in bem greiburger SBaIbenfer})roäe6 öon 1430 
ö>ar bie« ju 2^age getreten 2). 

XBeld^er Slrt bie übrige 8iteratnr toar, bie in {Reifer« Äreifen 
gelefen toarb, i^aben totr oben bereit« an« ben Sleu^erungen ÜWoT'» 
meti^« feftgefteßt: e« toar bie Siteratur ber „®otte«freunbe" — 

griebrid^ SReifer gei^ßrt jn ben Scannern, toeld^e in fd^toerer 
3eit ein i^eilige« aSermäd^tni^ ber aSorfai^ren unter ®efal&ren aßet 



1) Smig a, O. @. 263 ^xtttu 32. 

2) @. Ofi^fenbein o. O. ®. 220. Antonie ^errötet )u gretburg fenbet 
il^rer @(^tt>e{ler ()u )6afcl (Somntentate in ben ^attgetien unb p ben iBriefm 
be9 $anlü9. 



281 

^ _ _ ^ _ 

Sltt öcttl^cibtflt i^abcn. ©einen ©tanben i^at et mit feinem SÖlut 
bcfieflclt* 

©ein SCob toat für bie „Stübet" jugteiiä^ beSi^att ein fiä^toetct 
©d^Iag, toeit babut(3^ bet 3«fÄittWß«^Äi^fl »J^b bie Drganifotion 
bet ®emeinf(ä^aft mitbetroffen tootben ti>at* 

!Da bie ©albenfet fid^ äugetUiä^ öon bet l^ettfiä^enben ftit(ä^e 
nid^t abgetöft i^attcn, fo betul^te bie gcfti^attung ii^tet ©clbftänbifl^ 
leit auf bem äßag unb bet geftigfeit ii^tet Dtganifation. 
SffX ©cmeinbejufammeni^ang toax butiä^ lein ©^mbol, lein offene« 
©elcnntnig unb feinen Selcnntnifetoang gefiä^ü^t; leine gemeinfamcn 
matetieüen Sntetcffen obet ^ettfiä^aftSjtoeÄe l^ielten bie öetf(ä^ie^ 
benen ®tui)j3en jufammen* Seite lolale SCtennung unb eine 
btttd^ bie aSetfoIgung fel^t etf(ä^ti>ette Sommunication i^ielt bie S3et^ 
fij^meljung ju einem ®anjen natfitfiiä^ no(ä^ befonbet« ouf* 

S33et aUt biefe ©d^toietigleiten ted^t ettoagt unb [xäf öetgegen^ 
toättigt, ti>ic gtog bie SluffaugungSfäi^igleit unb bie 3[tttaItion8!taft 
bet SWajiotität auf Äeine SWinotitäten ftet« 8U fein p\ltzt, bet toitb 
c8 ate eine ganj ctftaunfid^e geiftung biefet „©Stiften" bettaiä^ten, 
baß fie e« fettig gebtad^t i^aben, ii^t ©emeinfd^afSbetougtfein oi^nc 
Slbfonbetung Sai^ti^unbette lang ju betoai^ten* @8 giebt bafüt 
faum ein Sßd^pkl in bet ftitd^engefd^id^te, unb toenn ein SSetgleiij^ 
etlaubt ift , bet aUetbing« ba« SSotbilb ni(ä^t etteiiä^t, fo toügte xäf 
eine äl^nlid^e (Stf Meinung nut in bet ®efd^i(ä^te be« SKetl^obi«^ 
mu8 nad^jutoeifen* Slud^ biefe je^t fo mä(ä^tige fiitd^eO ^at lange 
3eit in bemfelben SSetl^altnig jut englifiä^en §od^Ktd^e gcftanben, 
toie bie SSäalbenfet jut tömif(ä^en ^xxäft, abet glei^tool^I toie bie 
„©tobet'' fid^ il^te ©elbftänbigleit öoHIommen getoal^tt* 

5Die« SRefuttat ift in beiben gällen nut buxäf bie ©tätle bet 
Otganifation txxd^t tootben* 

1) Wlan iarm bie Sal^X ber ^n^nt^vc be3 iWetl^obi«mtt3 gcgentöSrttg im 
©anjen auf ettoa 20 «WiKionen @eetat beranf^togat. S5gt bcn ^rttlet $1^. ©d^afl« 
in $er20g unb $Utt9 9leal«@ncvno)>äbie 2. ^^ s. v. iDf^eti^obi^muS, 



S)ie ,,8Mbet" in ©öljmen* 

3Me Sßßatbenfcr in ©öl^men. — ^tcr (S^clcldt?. — 3Mc ©egtünbuttg cmcr fdb* 
pättbigm iböl^mifdjen ©rübergcmeinfdjaft — S>ic 2:aufc auf ben (StauBcn, — 
3)ie „Ptorbctt" rnib bic „Käufer". — 3)ie Seilte burdj bm ©atbcnfer- 
Ibif^of ^U^^xu — 3)ic »lildfcljr jur atteti djrtfllidjcrt Äird^ — 2)ie 9lcß' 
gtott^anfd^ttungett bcr ©tilbergcmcinbcn. — ^a^i unb 9(u«breiturtg. — 2He 
„©rüber" unb bic ©adjbruder. — 3)ic ©djutctu — OcijHgc unb toi|fciif<i^ft- 
Rdje Sflcgfamlcit, 

©8 tft nt(3^t unfcrc 8l6fi(ä^t, i^tcr ciitc ®t\SfiSftt berjictttgcn 
,, ©rüber" ju [(^reiten, tocliä^c fjjedeü unter bem Flamen ber 
„©ö^mif(ä^en ®rfiber" in ber Äir(ä^engef(ä^id^te Belannt finb^). 

(£8 ift toci^x, bag biefe ©etoegung mit ber ganjen -b&i^mifc^en 
SReformation im ^nf^wnmenl^ange ftei^t, aber fie ift ni(^t mit bem 
^uffitiSmu« ibentifd^, fonbern muß al8 eine babon toefentlid^ öer^ 
fd^iebene (SrfiS^einung gelten* 

©eit alten ^t\tm i^atten bie beutf(^en „ffialbenfer'' in einer 
naiven Serbinbung mit ©öi^men geftanben* !Die8 toirb buriä^ man^ 
äftxUi Quellen beftätigt, unb e« ift j. Sd* ertoiefen, bag im Saläre 
1418 berfolgte S33albenferfamilien eine 3itP"<ä^t*ptt^ w $rag ge^ 
fu(^t unb gefuttben l^aben* 25ie ÄiJnigin felbft befu(^te fie öfter« 
mit ben ^ofleuten be« ÄBnig« in i^ren ©oi^nungen 2). 

Der greiburger SBalbenfet|>rojeg bom 3ai^re 1430 ergab eine 
alte Scrbinbung jtoifd^en ber ©(^toeij unb ©ßi^men, unb fd^on ^reger 



1) @ine aufammenfaffenbe 2>arfleIIttng giebt b. Sesft^tDt^ in i^triog imb 
^Xim ^toXtnctßopMt für ^)rot Zf^ot 2. %n\L ©b* II @. 648— 673. — ©ort 
flnben ftd^ au^ atle Oudlen angegeben« 

2) Ärummel ©3i^mif^e Sleformation @. 52. — ©aß im Saläre 1430 
„%po9d", todd^e in greiburg im Ue(^tlanb ^rebigten, au9 ©öl^men famen, f. bo 
Od^fenbein a. O. ©cm 1881 @. 200* 



283 

unb S^äW^^fe ^ditn mit SRed^t auf ba« früi^jctttgc Crfcä^cmcn bcr 
aOJalbcnfct in ©iJi^mcn aufmcrffam itmaäft 

Die enttoidlunfl, todiä^e bic SRcHgionSlätttljfc in Söi^mtn m^^ 
mm, toar ben ,,©tfibcrn" anfänglid^ ni(ä^t f^ttt|)at]^ifd^» Slftgcfei^cn 
t)ott bcr fcinbfcligcn Haftung, tocld^c bic Sjciä^cn gegen bic ®cutf(3^ett 
ütcri^omjt Bcoba(ä^tctcn, ftctttcn beten güi^rer ou(ä^ ®runbf% auf; 
bte ni(ä^t8 toeniget al8 ti)albenfif(ä^ toaren* Di^nc fi(ä^ ballet öot^ 
läufig als Sot()Otation an bem Äantpfe ju bctl^cittgcn, ftcnufetcn fie 
nur bic SRcUgionSfrcil^cit, bic il^ncn tocnigftcn« ti^citocifc i^icr t)ct^ 
gönnt toar, um fid^ in aüct ©tißc tocitcr auöjufttcitcn* 

©ncr il^ter äBortfüi^rct toar in bct crften §älftc bcö Sai^r^ 
i^uttbcrt« ein getoiffet ^cter, üon feinem SSBoi^nort, bem ©orfe 
Si^elcic Bei SBobnan, Si^clcid^ juBenannt ßr f(ä^cint um ba« 
Sdi^t 1390 gcBoren ju fein, i^attc auf bcr fraget ^odjfd^ute ftubirt 
unb fd^on im Sa^xt 1420 burd^ geteerte ©isjjutationcn mit ben 
iC^eoIogcn fxäf Belannt gemaiä^t* 

SlBgeftogcn t)on bem S^reiben ber Parteien, todä^t in maßlofcm 
ganatiSmu« balb ftd^ fetbft jcrflcif (ä^tcn , i^atte er fiäf in baö oben 
ettoä^nte cinfame ®orf jurüdgcjogcn, um üon i^icr aM jtoar bur(ä^ 
©Triften JU toirlen, im Uebrigen aber beffere ^dUn abgutoarten* 

(Sbm berfetbe ^eter ^a^nc, toeld^er au^ i^crDorragcnben beut^ 
fd^en äBalbcnf cm nai^e ftanb, toar mit ^eter Si^clcid^ eng öerbunben* 
SH« ^a^ne im Saläre 1437 auö ^rag Vertrieben toar, pd^tete er 
in baö ftiUe ÜDorf unb l^iclt ftd^ jtoei Saläre taug bei bem greunbe auf» 

(£8 finb uns eine SRei^e von ©d^riften (S^elcidf^S eri^alten, 
toeld^e ben Setoeiö liefern, ba^ toir in i^m einen ed^ten SSertreter 
be« SSBatbenferti^umö i)or un8 i^abenO» 

gr vertritt als ©runbgebanlen bie Slnfd^auung, bag ber SSBeg 
jur ©eUgleit im ©ieffeitö unb Sehfeitö an leine SKittelung irgenb 
toeld^r SKrt gebunben fei. (£ö giebt ein unmittelbare« Serl^ältniß 
bcr guten SKenfd^en ju ®ott, toeld^eö von ber ©rffißung bcr ©c*» 
fc^ unb gormen, bie in bcr Sird^e gelten, unbl^ängig ift» <S« ift 
falfd^, toenn bie Sird^e bci^aujjtet, fie felbft unb ii^rc ©nabcnmittcl 
feien c«, toeld^e ba« §eU fd^affen» ÜDcr ®Iaube, toeld^er fid§ barauf 

1) SSgL bic 3(tt«3üge bei ©oU OueÄen unb Untcrf Übungen inx ®cfdj» b, 
Sß^rtL ©ruber* $rag 1882 II @. 5 ff. 



284 

ijerlägt, tft bünb unb tobt Dct lebcnbtgc ®IauBe unb fomit bo« 
toal^tc ei^ttftenti^um Bcti^otigt m in bct SWaiä^ai^munfl Si^tifti '). 
SSäaS toit tl^un [oKen, um fcltg ju toetbcn, tft in ben (SeBotcn 
®ottc8 unb e^tifti enthalten: baö 95orBüb ß^ti aber ift cBenfo 
J)ct6inbli(ä^ toic biefe ©ebote* !Do(3^ ift Sl^tiftu« nid^t allein Seigrer 
unbaSotbilb, fonbctn auäf betC)eiIanb unbaWittIcr* dt fielet 
als aügcnägcnbcr PrfjJteiJ^et öot bcm 2:]^ronc ®ottc8* ©utd^ fein 
gtfd^einen unb feinen Zoh ^ot et bie SWenfd^en, bie feine redeten 
Siinger finb, erßft unb betfö^nt mit ®ott. 

„©et menfd^öiä^e SSBiüe ift an^ na(ä^ bem ©finbenfaüe frei 
geblieben* ®nU^ unb Söfeö ftel^t t)ot il^m: toäi^Iel 3lux ba« frcv- 
getooi^Ite ®ute ift toal^ri^aft gut unb )a>txtift>oU. Slbet benno^ 
gelangt bet 3Wenf(ä^ ju biefer SBal^l nxäft ol^ne ^iilfe 
©otteö* Die innere Siebergeburt lann oi^ne feine ®nabe 
nid^t eingeleitet, ber S33iKe beö 3Renf(ä^en bem S35iüen ©ottefi ni^t 
gefügig »erben* üDie innere Siebergeburt ift e«, toeliä^e bem aWen*» 
fd^en ein neue« §erj giebt"^), 

Da« (^utt foüen toir tjoübringen au8 Siebe gu ®ott, aber ni^t 
aus gurd^t t)or ©träfe unb no(ä^ weniger an9 Hoffnung auf Sol^n 
ober in bcmSSSal^n, bag toir ba8§eil Derbienen Knuten* Slie^ 
manb lann ®ott je öoülommen gefallen* SSerjeii^ung l^aben toir aUt^ 
toege nöti^ig unb biefe ju erlangen, bagu Pft nur bie ®nabe unb 
ba« aSerbienft ßi^riftl „Sefuö, ber oor bem SSater ftei^enb bie Un^ 
5ulängli(ä^Ieit ber ©finber ergänjt, i^ält bie 3Wenf(ä^en in ber retä^ten 
Hoffnung aufreiä^t"* „SBeber lange no(3^ lurje arbeit SJnnte ba« 
i^immliftä^e fii5nigreid^ ijerbienen, nur bur(ä^ ®otte8 ®nabe 
lannft bu eö erlangen". 

Die ©alramente, fo toeit fic ßl^riftuö eingefe^t i^at, bürfen 
niiä^t J)emad^läfftgt toerben* Durd^ il^ren &np^ani toirb ber ®laube 
begeugt unb fie bienen jur SWel^rung ber Siebe unb beö ©laubcn«* 

Die innere SSSiebergeburt, bie Erneuerung be« §ergen8, toel^e 
freili(ä^ nur burd^ ©otteö SWittoirfung unb feinen gnobigen ©eiftonb 
mögliiä^ ift, finb bie SSorauSfe^ungen für bie redete SBirlung ber 
©acramente. Diefe Ic^teren fteigern unb bejeugen un8 bie ®nabe 
®otteö, bod^ f^offen fie fie nid^t* „Darum toäre e« beffcr nad^ 

1) ©Ott a* D* @. 28* 2) @o toiJttttdJ ©Ott 0* D* @. 29. 



285 

ätt bcr alten ftit(^e nut (Sttoa(3^fcnc ju toufcn, btc bur(ä^ 
i^xt SSSctIc ii^rcn ©tauben BerctW betl^ättgcn lönnen'' ^). !0od^ t)et^ 
totrft &fddd\) batum bte ftinbertaufe ntd^t 

(Stnen ^tteftcrftanb fotl eö na(3^ a^>oftoßfd^et ®ntt(ä^tun8 geben* 
SlBet nur ein guter SKenfd^ lann ein guter ^riefter toerben. 3ft 
er baö erftere, fo i[t er t)on ®ott ertoäl^lt* 

©ie ©emetttbe i^at baö 8te(ä^t, junt ^riefterftanbe ju berufen. 
SMefe ©erufung genfigt bann jur äuSübung bcr ^riefterre(ä^te, 
toenn ber fflerufene bie noti^toenbigen aSorauöfefeungen erffittt i^at 

„Die 9xxäfm'\ fagt unfer äutor, „finb Käufer ®otte«, aber 
tott finb nid^t gebunben, in getoeil^ten Äir(ä^en ju beten* (£« ift 
un8 bie greil^eit gegeben, an iebem :()affenben Drte ju beten" 2), 

3löe gorfd^er, toeliä^e fi(ä^ mit ber Seigre Si^etcid^ö näi^er be^ 
Wäftigt i^aben, finb ju ber Ueberjeugung gelommen, bag biefelbe 
mit berjenigen ber äBalbenfer im engften 3iifÄmmeni^ang ftei^t^)* 

(Sfyddd\) ift ate Stnl^änger bcr ©albenferlei^re au8 bem ffib^ 
ttd^en ©öl^men nad^ ^rag gelommen unb i^at in ber golgegeit im 
©egenfa^ ju ^ug unb ben Xaboriten ftet^ baran feftgei^alten *)♦ 

Sr ift e« bann nad^ bem ©elbftjeugniß ber fjjäteren ©rubere 
Krd^c getoefen, toetd^er auf bie ©egrfinber ber ®emeinfd^aft einen 
l^erüorragenben ©nflug geübt ^at 

©i« nad^ ber äWitte be« 15, aal^ri^unbert« i^atten aud^ bie 
Böi^mifd^en S33albenfer ben äugeren 3«f^tttoten]^ang mit ben i^err^ 
fi^enben fird^Iid^en ®emeinfd^aften nid^t abgebrod^en* Obtool^l fie 
l^ier toie in anberen eurojjftifd^en ßänbem eine fefte Organifation 
unb eigene Sultuöformen befagen, fo l^atten fie fid^ bod^ formett 
öon ber aügemeinen ftird^e nid^t getrennt 

Da fagten nun um ben ffleginn be« fed^ften Sai^rgel^nt« mel^rere 
angefel^ene Scanner ben ©ntfd^lug, fid^ aud^ äugerlid^ t)on ber ftird^e 
to^jufagen unb eine felbftänbige Sfleugeftaltung ber Partei inö geben 
JU rufen* 

1) ©Ott 0* O. @. 32. 2) ®ott 0* O. @. 43. 

3) ^ladh? fagt: „3* bcjtocipe Jeljt ni^t mcl^r, bag ^etcr (£§ctcicft? frillj- 
geitig eine «mfaffcnbc Äcnntnig bcr SBalbenfcrtci^te befaß unb baran ©efattcn 
fanb". ?»adj ©ott a. O. ©• 42, 

4) ©Ott 0. O. @. 42. 



286 

gtttc aügcmetne SScrfammlung fanb in bem Salute 1463 in 
bcn ©crgen J)on 9ict(ä^ettau [tatt, eine anbete toarb ju gl^ota im 
Sollte 1467 abgel^ottcn nnb l^ter tx>nxitn bie ©mnbjüge jener ®e^ 
nieinf(ä^aft feftgeftettt, toel(ä^e nad^mat« unter beni Spanten ber ,^i^^ 
mifd^en SBtüber" in ber ftird^engefd^id^te eine große JRoöe ge# 
friert "fyaV). 

!Cer erfte Slct, toeld^er in ber ®enteinf(ä^aft mäf ii^rer Son^ 
ftituirung tjorgenontmen toarb, toar bie Xaufe ber Sntoefenben 2). 
SWan folgte bomit einem uralten SBraud^e* !Cenn bie SSSalbcnfer 
i^oben :()rincij3iell bie JEaufe auf ben ®lauben aüejeit feftgel^alten; 
too man fie unterließ, gef(ä^a^ e« unter bem S)rucl ber Btoangö-» 
läge, in ber man \xä) Befanb* 

SWan toar, toie toir alSbalb feigen toerben, leineStoegö ffiittcn^, 
iuxäf btefe äußerliiä^e Soötrennung oon ber römif(ä^en Äircä^e ben 
3ufammen]^ang mit ben übrigen „Srübergemeinbcn" ju liJfen, man 
hoffte im ©egent^eil, baß baS ®eif^)iel ber SBöl^men bie „©ruber" 
aüer anberen Sänber 8U glei(ä^en SKaßregeln ermuti^igen toerbe* 

Snbeffen lonnte e^ bod^ nid^t ausbleiben, baß biefc eine 
toid^tige Steuerung toeitere SSerfaffungSänberungen nad^ fid^ gog; 
unb fo falfd^ eö toäre, bel^aujjten gu tooüen, baß bie bei ben ge^ 
nannten aSerfammlungen gefaßten Sefd^lüffe bie Sontinuttät 
ber ©emeinfd^aft unb ben 3i^f^^w^"^^^8 ^^^ '^^^ älteren ®e^ 
meinben abgebtod^en i^ätten, fo rid^ttg ift eö, baß bie JEage t>on 
9ietd^enau unb gl^ota eine neue ^l^afe in ber ©efd^td^te be« böi^ 
mifd^en SSSalbenferti^umö begrünben* 

68 Jjoüjogen fid^ l^ier biefelben SnttotdKungen, toie toir fte 
fed^jig Saläre f^^äter in unferem eigenen aSaterlanbe beobad^ten lönnen* 
Slud^ in iDeutfd^lanb unb ber ©d^toeij toarb unter ®egänftigung 
ber 3^it*^^^^äfti^iff^ f^it ^524 ber SSerfud^ gemad^t, bie „©ruber-' 
gemeinben", toeld^e feit Sal^rl^unberten tjori^anben toaren, felbftanbig 
ju mad^en unb Don ben i^enfd^enben fiird^en abjutrennen* 5Ratur^ 
gemäß füi^rte biefe funbamentale Steuerung anbere Umgeftaltungen 
mit fid^ unb ba aud^ bie beutfd^en „©ruber", ebenfo toie bie 
©i5]^men, al8 erfte §anblung bie Saufe ber grtoad^fenen tJoCgogen, 

1) ® in bei i? ®ef** b. «öl^mifti^cn «ruber. 

2) ©inbeli? a. a. D. I, 36. 



287 

fo cti^icUcn fic Don ii^ren ©cgncrn einen neuen, Bt« bal^tn un^ 
iitffixttn ©eltennanten, mmlxäf im 3lamm „5lna6a^>tiften'^ 
Slbet bte Partei felbft ffcd, toie tote feigen toerben, ti^ren ^nlam^ 
meni^ang mit ben öfteren „®enteinben" fo i&ff feftgel^aften , ba§ 
fic ben neuen Spanien ftetö jurüÄgetoief en unb fi(3^ toie ii^rc aSor^ 
falzten einfa(ä^ „Sriiber" genannt ffat Slud^ i^iet ift itmm^ bie 
neue ^l^afe einet aften ®enieinf(ä^aft ju erlennen, aftet eS ift feine 
neue ®enieinf(ä^aft in« Seben getreten» 

@« i)erbient ©eac^tung, bag gtei(3^ an ben conftituirenben SSer^ 
fammlungen tjon 9iei(ä^enau unb ßi^ota eine Steige angefei^cner 
^erfönlici^Ieiten tl^eilnal^men* ©a toaren unter 5lnberen ber 5Reffe 
be« Sräbifd^cfö SRoI^cana, ®eorg mit Spanten, femer ber ei^emalige 
W>t Slnbrea« Dom ©tift Smauö, bie lati^olifiä^ getoeil^ten ^riefter 
$einri(3^ öon S^abor, Soi^ann ßi^eldd^, SWid^ael tjon ©enftenberg 
u* f. ts>. 2lu« bem geleierten ©taube bctl^eifigten fiiä^ Slmbrofiu« 
oon ^rag, ^rocoj) J)on ^ItvXfau^, Sefaiaö SSBenjI oon SReid^enau 
unb Stnbere; befonber« aber toar ber §erren^ unb SRitterftanb 
bur^ einflugrei^e gamilien vertreten. 

©ie Söetl^eiKgung be« 5lbcl« l^at im Saufe ber Sai^rjel^nte fid^ 
ftetig gefteigert unb ift für bie ©rüber in ben 3^üen ber 5Rot^ ein 
»id^tiger galtor getoorben* ®o i^at Ulriiä^ J)on Sauni^ feit bem Saläre 
1511 baö feiner Dberi^oi^eit unterftei^enbe ©tabtiä^en Slufterlitä 8« 
einem 3^P^^t^<>Yt i^^^ „örüber" itmad^t) er lieg fiiä^ barin auiä^ 
nid^t irre maiä^en, al8 man il^n mit ^ro^effen verfolgte, Unb atö 
im Sai^rc 1529 eine fur(äetbare SSerfolgung über bie „©rüber" 
ieeretngebro(äeen loar, toddit man feit 1525 mit bem 5Ramen „S^äufer" 
belegt l^atte, ba toar eö berfelbe Ulrich i)on Sauni^, toelcä^er bie 
pd^tigen „©rüber" au8 bem didäf aufnai^m* ©o tourbe 5lufter^ 
li^ einer ber ijornei^mften ©i^e be« fog* 5lnabaj3tiömu8 unb ift e8 
bi^ äum Slnfang be« 17* Sai^ri^unbert« geblieben ^). 

Igbcnfo toie Ulriiä^ t>on tauni^ gei^örte ber SRitter §^ne(f 
©ilil t)on Sornic in SWäi^ren ju ber Partei ber „©rüber", M^t 
oon ii^ren ©egnern „^ilarben" genannt tourbe, unb eö ift beäeid^* 
nenb, bag biefer in Uebereinftimmung mit Ulrid^ oon Sauni^ feine 

1) »ed ©cfdjid^töbüd^ b« SGßiebert&tfer in Dcpretd^-Ungatn SBicn 1883. 
@. 74 %vtm. 



288 

eigetten ©cnoffcn ju fcä^üfeen glauBtc, al8 er bie ,,Srübct", bte mott 
ate ,,saBicbertäufcr" anbcrtoärt« t)crfolgte, auf fetnett ®ütmt a«f^ 
nai^m unb ti^nen ®(3^u^ getpäi^rte 0* 



9n bctt ©d^ttften bcr äftcrcn ©räbergcmcittbe — bte ®efd^idfte 
ber bi5^mtf(ä^en ©rüber jerfäQt in mei^rere gerieben, beren gioetter 
Sl6[(3^nitt t)Ott 1496 an Beginnt — toirb ber B^f^^weni^ang mit 
ben „ffialbenfern" ganj unöeri^oi^Iett anerlannt^), 

©er ©(abritt, ben bte ®^ttcbe t>on 1467 ti^at, foöte na^ bem 
au8brfi(!tt(ä^en ä^ws^iß ^^^ Si^eUnei^mer ntiä^t bte Stufrid^tung einer 
neuen ttriä^e beben ten; fie (ei^nten e« an8brü(JU(ä^ ab, ettoaä 
Sfieue« in JReügton unb Sir(ä^e eingefüi^rt ju i^aben ober einfui^rett 
JU tpoüen; Dielmei^r toar eö ii^re W>\iäft, fid^ jener ©enteinfd^aft ber 
„Sfxi\üxSfm ©ruber", toetd^e in ©eutfd^tanb, 3taüen, granfreid^ 
u* f. »• beftanb, anjufd^üegen unb ii^re 3«8^^ötigleit ju biefer alten 
^rd^e 8U erlfören^ 

©0 [ei^r bte ©eneration, toeld^e fett 1496 in ber ©ruber*» 
unität bominirte, au8 beftintmten (Srünben beftrebt geti>efett tft, 
biefe urf^)rüngUd^en Srtoägungen unb Sienbenjen i^rer ©äter ju 
i)eripifd^en — ein Umftanb, ber ben toirlüd^en ® ad^Derl^alt jeit^ 
»eilig in ber SC^at Derbunleft i^at — , fo uujtoelfeli^aft erließt aui 
ben SSorgangen, bie fid^ an bie ®^nobe t)on 1467 anfd^loffen, bie 
SRid^tigleit ber obigen ©emerlung* 

©a« ©rüber^'Slrd^it), »eld^e« feit bem Saläre 1840 mit bem 
Slrd^it) ju ^errni^ut vereinigt ift, enti^ätt fleben ©d^reiben ber ©rüber 
an ben Srjbifd^of SRoI^cana^), Don toetd^en ba« erfte am 2. SWai 
1468 überbrad^t toorben ift. 

©iefe ©riefe geben über bie urf^)rüngßd^e ©etoegung einen 
unjiDeibeutigen äuffd^Iug^ 

5Wad^ bem t)ierten ©d^reiben flnb brei SJerfammlungen ju 
unterfd^eiben; bei ber erften toaren ©rüber au8 ©Si^men unbau« 

1) Jöed a. a. O. ©• 165* 

2) Ucbcr bie Ucbcreinjlimmartg trt ber Seigre f. Don Seafdjtoift S>ie Äate- 
äfimm] ber SBatbcn[er n. f. t». 1863 ©• 134 ff. SHe 2:i^tfai^ »irb IJfer troft 
be« 2Biberf^)rud^8 ber äUereti ,,©rilbcr-Umtät" aX3 böttig j»eifetIo3 ertotefem 

3) «u^jilge barau« bei 3ar. ©oU CtueUett uttb Unterfttd^uttgeu im ®ef(^. 
b. m^m. ©rüber* ^rag 1878 I, ©• 17 ff. 



289 

.URoi^ren unb aud^ beutfd^cSSäalbcnfer ex\äfxtntn\ l^tetiöurbfett 
btc totfcetettcnbett ©ef(ä^lüffe gcfagt !Dtc btltte SSetfatmnlttitia, an 
tüdäftx 60 ©tfiber ti^ctlnai^mett, icai^ftc bic neun tofttbtgften Scanner 
au8 unb unttt bicfcn beftfannitc baö 800« brei ^crfoncn, toctcifc }tt 
^rieftetn Beftiwntt fein foKten unb i)on benen einer ^,bte erfte Stelle 
in ber ®et»alt be« Slmte«" einnehmen foffte* 

aWit btefer ©ttoSi^tung aber i^otten bte (gtlorenen leincötoeg« 
fofott bte 93o{Ima<3^ten beS geiftlid^en Slntted erlangt; t>xtlmt^x 
bef($Io| bie 93erfantmlung , bag bte @m>äi^Iten bur(3^ einen Sifd^of 
ber SBalbenfer bie SSSeii^e ntittelft $anbauflegung naäf\näftn 
wüßten* ©amit erKfirte fie formen ii^rcn 5lnf(j^Iu6 an blefe ®e^ 
meittfiä^aft* 

!Cad erti^öl^nte ©d^reiben fagt bann au^brüdlid^, bag bie Se^^ 
ftätigung buriä^ ben ©albenfer^^riefter nad^ntat« tt)irHi(3^ erfolgt ift ^). 

8ffö ßrjbifd^of SRoI^cana toon ben Sanjetn l^erab bte ©läuHgen 
Dor ben ©rübem loarnen lieg, fanbtcn geltere ein neue« ditü^U 
ferttgungflf(3^reiben an ti^n* JDaffelbe ift bei^alb fel^r merftoürbig, 
toetl e« ba« aSorgei^cn ber ©rfiberf(ä^aft nur al« eineSifidlei^r in 
bie toai^re Äir(ä^e ber erften ßl^riften, toeld^e \xSf bei ben SBalbenfern 
crl^altcn ffaU, barfteöt 

®eit ^ap\t ©^toefter, i^eigt e« barin, fei bie rSmifd^e Sircä^e 
mit ben SBefei^Ien unb bem SSorbUb ßi^rifti in S33iberf:()rud^ getreu 
ten, inbem bie SKänner, toel(ä^e ate 5Wa(3^folger ber Sl^joftet in ©elbffc- 
»erleugnuttg S^rifti gußtaijfen folgen foßten, toeltUd^e SKaiä^t unb 
JRetd^ti^um unb fürftU(ä^e ©ürbe fi(ä^ angemaßt i^ätten* SßJai^renb 
bie erften ©iener ber Äir(ä^e S^rifti mit bem i^eiligen ^etru« öon 
ber loettliij^en ®etoalt SWarter gelitten i^atten, übten bie ?ßa(ä^folger 
ouf bem römifd^en ©tui^l unb bie römifc^en ©ifci^öfe felbft toelt^ 
IttJ^e ®ett)alt au« unb marterten bie ©laubigen, toeld^e fid^ i^rer 
$errfd^aft ni(3^t unterwerfen toottten* 

ÜDcg^alb l^ätten fie bie „(Setoalt be« Slmte«", b/^- benöepi} 
be« apoftolifd^en S^ari«ma, eingebüßt unb Knuten bie SoÜinadften 
©^rifti nt(3^t mei^r re(ä^t«!räftig Dertoalten* ... 

„Unb, SWcifter, jene ^riefter mit $etru«, bem SBalbenfer, 



1) ®pa a. Q. (g. 20. 

iteUet, 2>ie 9tefo¥tnatioit 19 



290 

We, Bei bem erftcn Utf^tungc öcri^atrcnb,, bcm ©^foeftct beim 
<5ttt|)fang beffeit nt^t Betfttmmtctt, ti>a8 er nal^m — tft bei ii^nen nid^t 
hai urf^rfinglt(^e ^tiefterti^unt unb bie (Seaxdt beS 9[mte8 ttnb 
bie äBiffenfiä^aft bet (S^Iüffel öetbtteBen? ©it finb bet C>off^ 
nung, ed fei Bei ii^nen k)on ^(nfang an geBUeBen »nb 
BteiBe Bis i^eute, toie ja ba finb unb in i^etfd^tebenen Säubern 
Befielen ^riefter mit öietem SSoKe, benn fie finb geBlteBen 
Beim Urfprung bcr erften Äiriä^e au« ben Stpofteln''. 

Diefe« SReij^tfertigung^fd^reiBen toarb Balb barauf üon ben 
,,Srübcm" in umgearBeiteter gorm ber Oeffenttt(ä^Ieit fiBergeBen. 
CS ti>irb barin ^) toieberi^olt Betont, ba^ man Bei ber SSäai^l unb 
SBeftfitigung eigener ^rieftet niiä^tS 31 tut 9 Begonnen, fonbemp^ 
nai^ bem Sdü^pitU ber erften ßirc^ gei^alten i^aBe. äßtt btefer 
urf^>rüngli(3^en Sird^e feien fie buriä^ bie ©albenfer 
t^txlnüp^t „es tft ein große« aSofl (b* ^. bie SSBalbenfer) in fielen 
gänbern, unb fie Befifeen Siftä^öfe unb ^riefter/' 

®if^of ber ©albenfer in Deftreid^ ti>ar bamatt ein getoiffer 
®ttpf}an unb jtoar unjtoeifeli^aft berfelBe, tocliä^en Siftä^of {Reifer 
im 3a]^re 1458 al9 noäf teBenb Bejeid^net* 

Diefer ©te^ji^an ift e8 getoefen, totX^tx um baS Sal^t 1468 
ben Sßatti^iaS t>on ^untoalb jum erften iBifd^of ber BS^mifd^en 
»ruber getoeii^t i^at 2). ©amit Befaß bie «rfiber^Unität bie Ouette 
be8 ^riefteramt« in [xäf unb ÜRatt^ia« toeii^te bie üBrtgen ®eift^ 
li^en* 

8tt8 SKatti^ia« toon Äuntoalb geftorBen toar (1500) traten an 
feine ©teile Dier ©cnioren unb Sif(ä^5fe, namli(3^ 8ula8 Don $tag, 
^mBrofiuS t>on ©Inj, STl^omaS k)on $relau3 unb (SUaS k)on (Sfyxtnot)xi. 



®ner ber SSortoürfe, totld^t biefer ®emeinf($aft i^aufig gemacht 
toorben finb, Bepelzt barin, baß fie mit ber SlBfonberung, bie pe 
für i^re ^pic^t i^iett, jugleid^ ber «nfid^t SluSbrud geBe, ba§ in 

1) ®oa a, O» ©♦ 93, 

2) (Einer ber S^nel^mer an ber cüttjHtuirenben ©t^nobe, ber el^olige 
fatl^oUfd^ $riej!er iD^^ael, ers^l^lt über bie S3orgättge, bag nad^ ber Ba^l ber 
brd ^rebtger einträd^tig Befd^toffen toorben fei, au bem SalbenferBtfc^of gu 
fenben, um bie Seilte su eri^alten. 2)ie0 gefd^a^ (®ott o« O« I, 25.) 



291 

il^ter Sttiä^e atteln bte „ßrtoäi^Iten" ju fittben feien, betten baS 
ctDtge §etl JU ti^etl »etbe. 

SDlan ffci \Sfntn battn obet ettt[(ä^tebett Unre(ä^t get^an* aSiet» 
niel^r glauBten fte, bag e« iXbtx bie ©tenjen ii^te« [^(jecteüen SBunbe« 
i^inau« eine ©etneinfd^aft bet ,,te(3^ten Si^tiften" geie* ®ie toaren 
ganj anbetet Slnfici^t aW bie, toetiä^e baö toai^te Si^tlftentl^nm an 
Beftimntte gei^tfä^e unb gottnen banben* 

S35it betbammen biejentgen nxä)t, fagten fie, mläft ni(3^t in 
unfeten ©enieinben leben, nnb ^altm c8 füt fünbUiä^, bag bte 
tämifiä^e ^xäft aüe i)on bet ©eligleit an8f(ä^lie6t, totl^t beni ^a<}fte 
nid^t untettl^an finb* 

Stubet ®tegot, ein 5Reffe Siol^cana«, fd^tieb eine befonbete 
Slbl^onbl'ung übet biefe tcidftige gtage nnb fagt batin n* Sl*:„S8 
lönnte 3entanb fagen, bag toit aUt biejenigen Detbamnien nnb 
Dettoetfen, fo int ©ei^otfam bet tömifiä^en ^ixä)t [teilen, feit Son^ 
ftantin ben ©lanben ent^jfangen unb ©^feeftet ben 9tei^ti^nm .... 
!E)a8 ift obet nnfete SKeinung mit nid^ten .... ©enn toic ö>it 
bte StMi^lten in bet inbif(ä^en unb gtte^if(ä^en Äit(ä^e ni(3^t Det^ 
ttjetfen, fo betbatnnten toit mäf ni(ä^t bie ©tttnii^ften untet ben 
aesmetn "i). 

iDie ©eUgleit ift toebet an Ott nod^ an ^txt nc^ an äugete 
aWittel (als toeld^e fie auabtädliiä^ bie ©actamente bejeid^nen) ge^ 
bunben. Slbet m^ il^tet änftdft foKten biejenigen, ti>el(3^e in ii^tet 
®enieinf(ä^aft lebten, ein teineö S3oß fein in beut ©inne, toie e« 
Sl^tiftu« unb bie WfO^Ul gefotbett i^atten. ®6en bie SRittet, totläft 
jut ßtjielung einet fold^en Steini^cit (fctoeit fie auf biefet S35ett 
uiögU(3^) in ben ^. ©d^tiften ijotgejeiiä^tiet toaten, untet anbeten 
bie Äit(^enjud^t butd^ Stutal^nung unb Sann, tDoßten fie getpiffen-» 
i^aft in Slntöenbung bringen. ®ie legten batum ben gtögten S33etti^ 
auf beten f)anb]^abung. 

3n bet f)eilig]^altung bet ©etoiffenSfteil^eit gingen fie fo toeit, 
ba§ fie felbft bie bon ii^nen aufgeftettten ®(auben8notuten unb 



1) ©Ott 0. D. @. 12. 2lnm. — Unter bet inbifdjen Äitd^e bcrjlel^t Tregor 
bte „großen Sauber unter bcm $rieper 3ol^anne«". „tod^ toaren jtoei SÄSnner 
in ^rag jugegen getoefen unb ergSl^lten, toie bie SJienfd^en bort leben". 

19* 



292 

JBcIcttiitntffc nur hobnx^ jur (Seltung Bringen tooUttn, ba§ pe 
bercn annai^mc cmj) falzten* 

S)ie Seigre Don ber ^^teii^ett beS menfd^Ud^n SSHQenS i^telten 
jle mit aöen golgetungen, bic \iäf batan fite btc auffaffung öon 
JRc^tferttgung unb grlöfnng fnüpfen, entfiä^tcbcn feft 

3m ganjcn 15. Sai^ti^unbcrt unb Bt« gum Salute 1536 toat 
bei ti^ncn gülttgcö ®cfc^, bog fte bie (£ttt>a(3^fcnen tauften. 
®ie fagtcn, btcfc SCaufe fei ein ^txüftn beö SJunbeS, toeld^fen bet 
©njelne . in feinem ©ctoiffen mit ®ott cingci^e *). ©abet l^atten 
fte aber bie (Eigenti^ümU(^Ieit, bag fie aud^ an ben Sinbent eine 
SBaffettaufe t)o%gen; bod^ Inü^ften fie eine ®nabenU)itIung tttd^t 
batan, fonbern Betra(ä^teten biefen ält al« eine 2ltt t)on ißamen^ 
taufe* ®efonbere Umftänbe veranlagten bie güi^rer ber ©ruber, 
biefen (8e6rau(3^ im Saläre 1536 aufjugeben unb an bie ©teüe ber 
atoeiten Xaufe bie ^anbauftegung ju fefeen, bie Äinbertaufe aber 
' na($ bem SKufter ber ]^errf($enben Sxxä^t in (Btixanäf gu nei^men. 

JBe3ei(3^nenb für ben (Smft, mit ti)eld^em fie ba$ ^^riftenti^um 

auffaßten, toar td, ba§ fie fofort baran gingen, bie S5orf(ä^riften 

beffelbcn auf ba« ^^raftifd^e geben ju fibertragen. ®ie forberten 

gunäd^ft Don 3ebem, au^ oon bem 9iei(ä^en eineeinfaiä^egeben«^ 

i^altung, n>el(ä^e im gangen auftreten äugere ^xaSft unb 8ufu« 

au8ftä^Io§. QnntxffoXh ber ©rubergemeinfd^aft fottte e« leine Slrmen, 

b. ]^. 5Wot]^Ieibenbe geben; ol^ne bie (8ütergemeinf(3^aft eingufui^rcn 

»ar lieber tooi^l^abenbc ©ruber Derj>fli(ä^tet, fooiel Don bem ©einigen 

^ JU geben, aU gurSlbtoei^r ber 3lotff unter ben ©rübern erforberlid^ »ar. 

- Sitte unt)art]^etif(3^en gorf(ä^er ftimmen barin überein, bag ein 

tiefer fittlic^er <£mft bem ©eginnen ber ©rüber g» ©runbe log; 

baS 3beal einer tä^riftliiä^en ®emeinbe gu berö)irKi(ä^en , toar i^r 

v®treben. 

®ltxä)tx>tiffi ift e8 ii^ren ®egnern gelungen, fie in ber Sffent* 

Siäftn ÜReinuttg frü^geitig i^erabgufefeen. 5Dian i^at il^nen erfolge 

'.reid^ : einen ©tä^eltnamen angel^angen, inbem e« üblid^ loarb, fie 

^idarben gu nennen. 5Der 5Rame ©egi^arb ober ^idarb ^attt 

in jener Seit einen üblen Slang in ©eutfiä^lanb. 

1) D. SesWtoift bei ^crgog u. $litt »leatocvlto^Sbic 2. «ufl. H, 672. — 
©Ott a. a. O. I, @. 38 unb 125. 



293 

3c mcl^r btcfe ^^©ttücn im Sonbc" \iäf üon bct OeffcntU(ä^fctt 
jurädtjogen unb nur tocnig t)Ott fi(3^ tebcn maiä^tcn, um fo lÄ^kx 
»atb c8 tl^ren ®cgucm, bie Unlcntttnt^ bct SWaffcu ju aSctuuf 
gliu4>fun8cn aücr Sltt gu Bcnu^cn* 

§ßatürlt(3^ gab c8 anäf unter ti^ncn fd^lciä^te 3Wettf(ä^cn* ©a 
bie (Semeinben getabe auf bie JRcttung ber ,,®önbct" ii^t d^ttftUd^e^ 
Sttfci^en gctiiä^tct i^attcn, [o gc[(ä^a^ c« tooi^l, ba^ fie t>on fold^cn 
Ißerfoncn, bie oi^nc toai^te Söeffctung p ii^ncn üfterttaten, ^pattt 
fd^n>ete (gnttäuf(ä^ungen erfüllten* ©enn man toeig ja, bag foliä^e 
^etfonen fettft Bei gutem ©iUen bem SRfid fafl Ui^t ausgefegt flnb. 



a)a bie Saläre, tocld^e bem JTcbc SiJnig ®eorg8 (f 1471) 
folgten, ben ©emeinben jeittoeiltg SRu^^c unb gricben Braci^ten, fo 
geigte e« fi(ä^ tafiä^, bag bie toalbenfifd^en Sbeen bort, too man ii^neii 
@|)ielraum getoai^rtc, eine fei^t ftatle @f:()anfionö!raft befaBen. 

Um ba8 Sal^r 1500 toaten ii^rc ©emcinbcn auf 300--40Q 
nnb bie ^aifl \Sfxtx JUlitglieber auf öießeic^t 200,000 angetoad^fen; 
in SdSffmtn unb äWäi^ten i^atten fie ii^te f)auj3tfi^e* 2lud^ toiffeuf 
fd^aftlid^ gebilbete äWännet unb fruiä^tbare ©{j^tiftfteüer gab e§ 
unter i^nen, unb i)or Slßem toarb bie neu aufgelommene fiunft be^ 
Snd^brudö eifrig t)on ii^nen geübte* 

ß^ Jjerbient ioäf ©eaiä^tung, ba§ ertoiefenermagen Don ben 60 
toä^renb ber Saläre 1500—1510 in Sdiffmtn erfiä^ienenen ©(ä^riften 
aücin 50 ben ;,S3rübern" unb nur 10 ben Sati^olilen unb Utra^ 
quiften angei^ßren, toeld^e Diel jal^lrei^er toaren al« jene, SSääi^renb 
bie ©rüber im Saläre 1519 über stoei ©rüder eien verfügten, be** 
faf en ii^re ®egner äufammengenommen nur eine einjige» 

5Die @ (jaulen ber SBrüber toaren loeit unb breit berüi^mt; 
aU bie ©etoegung bereit« unter bem äußeren ©rüde toieber fiä^toer 
litt, erfreute fi(3^ bie unter 9?ubinger« Leitung ftel^enbe ©(ä^ule ju 
eüanjij eine« foliä^en SRuf«, ba^ ii^r S^glitige au« aßen Sl^^eiten 
©eutf(ä^lanb« anvertraut tourben^). 



1) Ärutntttct 2v Utraquijien unb 2:dboritcn. ©otl^a 1871 @. 247. 

2) J>. M^^x% a. O. ®. 144. @:|3äter »at So^. 2)encf (t 1605) 9lectör 
ber @d^utc (Font. Rer. Austr. Script. V. p.,300). 



294 

3n bcr «eueren Strtä^en8ef(j^i(ä^tc finben fi(3^ feine Wtttfüinnitn 
ton ber geiftigen SRegfamleit unb Don bet Sütte ber ®a6en, toel^e 
in biefer Keinen ®emeittf(^aft fid^ Dereinigt fanben* 

(gin neuerer gorfiä^er ^at nad^getoiefen, bag Sifd^of 8ula8 Don 
$rag (t 1528) aüein üBer 80 ©d^riften DeröffentU(ä^t ffat, barunter 
Wan^t Don bebeutenbeni Umfange, (gin anberer ,^ruber", SBla^ 
l^oÄao (f 1571), fielet al8 äutor bon 22 (©(ä^riften ba, einer ber 
©egrünber ber ®emeinf(ä^aft, ©regor, f^at mtffx benn jel^n »erfaßt 0- 
aSiele Don biefen Süiä^em finb Iateini[(ä^ gefd^riefcen unb Derrat^en 
nad^ beut Urti^eil eined i^ad^mannd eine nid^t getoSi^nftd^e t^eoto^ 
gifd^e ©egabung* 

Sefonbere Sead^tung Derbienen bie Sonfcffionen unb 8lj)oIogien, 
toeld^e an^ ii^rem firet« i^erDorgegangen [inb* SDbgefel^en Don ben 
älteren ©d^riftftüdfen befi^en loir au8 ben Saffxm 1503—1508 
aüein bereu fünf, unb jtoar brei für König SBlabiöIaD au« ben 
Salären 1503, 1504 unb 1507, eine an bie böi^mifd^en ©täube unb 
eine au8 1508 al8 Stpologic für Sebemiann^), 

(gine Ueberfe^ung beö bleuen SCeftauient« DerSffentüd^te ber 
oben ertoäi^nte ©lai^oStaD« 

aber e« loar mit nid^ten Ho« ba« ®ebiet ber 23^eoIogie, auf 
toetd^em bie „©ruber'' ti^ätig toaren* ©lai^oötoD« bö^mifd^e (Sram^ 
matil gilt für ein SSerl Don fo i^oi^er linguiftifd^er ©ebeutung, bag 
man pc nod^ in unferem Sai^ri^unbert toieber aufgelegt i^at* 5J)er* 
felbe l^at ein ef)od^emad^enbe« SBerl über SKufil gefd^rieben; e« er^ 
lebte, \p&ttx erft DeröffentUd^t, nad^ jtoei Salären fd^on bie jtoeite 
aufläge. 3n ©e^ug auf bie lird^lid^e gieberbid^tung ber „©ruber" 
fagt ein ©ad^Derftänbiger, ba^ fte aüein fd^on geeignet ift, ben 
Se^teren ein unfterblid^e« ©ebäd^tnig in ber ftird^e gu fid^^). 

Um ii^re umfangreid^e giteratur jum Dmdf p bringen, fud^ten 
fie SSerleger unb ©ud^brudfer in ben benad^barten größeren beutfd^n 

1) D. äeaf^ttn^ a, O. .@. 143. 

2) Fontes Reram Ausiriacarum 2 $(btl^. ^'b. XIX 1859 @. 453 ff. — SD^an 
lawi <m3 ben Salären 1467—1671 34 (Sonfcfftüncn in f>^xtd\d9tc, lotcnrifcScr 
unb beutfd^et ^pxaäft na^tt>eifen. @o erfd^ien g. ^« fd^on bie (Eonfeffion dos 
1524 in beutfd^er Ueberfeftmifl* »gl. D. Segfd^toift bei ^erjog unb ^litt o. O. 

n, 660* 

^) D. Seafti^tDi^ (L O. @. 143. 



295 

©täbtctt auf* SBcfonbct« toat e« 9flürnbetg «nb feine ^reffen, 
tocl(ä^e8 t^tett SSäünfd^en 'i^tetttt entgegenlam* ®o toutbc bte ^o^ 
logte beö Salute« 1508 ttt MtnBerg juetft U^mx\if, bann im Saläre 
1511 auSf in lateinifi^er ©^Jtaiä^c gebrudtO* 

(Sd ift ganj nnti(3^% iDenn man glauBt, bag eine foI($e ^äOe 
geiftigen geben« oi^ne SRüdtoirlung auf bie ijertoanbten 3been!reifc 
unb Seftrebungen in ben 5ßad^Batlänbem l^ätte Weiten lönnen. 

®(ä^cn bie fiiteratur felbft, tod^t gum gtiJgten 2:^eil in ta^ 
teinif(^er ®^)ta(ä^e gefci^tieben \oax, fanb i^ren S35eg naturgemäß in 
ba« JReiiJ^. 5H8 nun aber feit bem 3ai^re 1503 eine fd^toere SSer^ 
folgung üUx bie ©ruber i^ereinBraiä^, mußten bie öerfjjrengten ^MU 
glieber toie toeitl^in »ertoei^te gunlen jünbenb toirlen* 3Bir toiffen, 
baß bie vertriebenen SJSi^men überaß, tooi^in fie lamen, fofort mit 
ben JReften ber alten SBrübergemeinben im 9Jeid^e, in ber ©(^toeij 
unb in gran!rei(3^ gül^Iung. f ud^ten. 

1) S3gL ©Ott I, 124. 



^k altetiangeltfi^en ©emetnben Beim beginn ber StefamatbiT. 

2)et intmiÄtionÄte äufatntnenl^ang bcr ©cmeinbm. — 2)ic „\ßSi\äfm" 8rüber 
unb il^tc ©cgicl^ungcn jur ^d^öjcij. — S)ic ,,53elanntcn" in (Sngtanb. — 
2>te ,,S3cgl^arben" in bcn S'hebcrianbm unb bic „SBrübcr bc« gcmclnfämen 
ScBcn«". — 2)ie „©rübcrgcmcinbcn" im 9leid^c. — 3)cr innere S^P^^nb be5 
Äßatbenfertl^nm^ bor ber Sieformation. — ®er Salbenfcr*Äatcii^i«muS bc* 
* 15. gal^l^'inbert^. — S)ie retigiö«»Iir(]^lid^en ^rinci^)ien nnb tl^re SScrlüm» 
merung. — 3)ie SSettoirrnng nnb SSerpümmetnng ber atten S^rabition. — 
SSerlel^rte SJnffaffnng ber ©letd^l^eit nnb SBrübertid^fctt. — 3)er iDf^ißi^erllanb 
ber Seigre bom „inneren SBort". — ©änjtid^er Slbfatt ein^eTner ©emeinbcn bon 
ben ®mnb:|3rinci:|3ien. — ^Jloti^toenbigfeit einer bnr%reifenben SiJegeneration. 

eine i^tftorifd^e Untctfud^ung, tocld^c bcn ©nftug ber älteren 
Dtefotnujarteien anf bte teltgtSfe Setoegnng beö 16. Sai^ri^unbertd 
feftjnfteüen trad^tet, mnß bte Zffat^aäft im Singe Bei^alten, ba§ ntdjt 
Bloß bie b e n t f (^ e n Srübetaemetnben eö getoefen finb, toeld^e ti^re 
®nn>trlnng jnr ©.eltung geBtad^t i^aBen, fonbern bag bte „©rnbet" 
anbetet gänbet an bet bentfd^en ßnttotdlnng ftd^ Beti^etligt i^aBen'). 

gut ben engen 3i^f^w^^J^^^^8 f^I^ft nntet ben öetfd^teben^ 
f^jtad^tgen ©emeinben ift bie S^i^atfad^e bejeid^nenb, bag ein unb 
baffette Se^tBnd^ füt ben SReltgton^nntetttd^t in ben ©d^nlen in 
gtanlteid^ tote in Stauen, in SDeutfd^Ianb ti>ie in SBi^nten noäf um 
baö 3a]^t 1500 unb batüfiet i^tnauö Bei ben ©enteinben im ®e* 
Btaud^e geujefen ift. 

(£ö ift unö ein „toalbenfifd^eö" gtageBud^ füt ben Sinbetunter^ 
tic^t (Sated^i^mu^) in btei ®^)ta(ä^en unb JöeatBeitnngen and 
bem 15. Sa^ti^unbett eti^alten. 

1) 3(^ bemerlc an^brüdlid^/ ^^6 n^^ itn 15. nnb imSlnfang be3 16. So^r- 
l^unbert« ber 9^ame „Scitbcnfer" bon ber Partei fetbp nie nnb bon ^Inbem 
fetten gebrandet »irb. @« fmb nnr bie 'iRamm ber „53rtiber" ober ber „®e» 
meinben" ober bic belannten ^efeernamen, »etd^e borlommen. 



297 

!Cie neueren Untetfud^ungen ') i^afcen etgeBen, bag bie ^jtoöen^ 
cattfd^e Sorm bed ßated^tdmud aU ältefte i93eatkttnng ju gelten l^at. 

5Dte »Tübet in JÖB^men ^aBen, att fte ba« ©erl für t^te 
©d^ulen üBetnai^men nnb ed in bie Böi^ntifd^e ^pxa^t üBerfe^ten, 
eine Stetige üon äbänbetungen batin üötgenommen, bie inbeffen bie 
reUgiSfen ©mnbgebanlen nid^t htxiäfxtn. 

Diefe Bßi^niifd^e gönn ift bann bei ben bentfd^en ©enieinben 
(natfirlid^ in beutfd^er ®pxaäft) tecipirt »orben nnb ^at ffkx eine 
JBebentnng erlangt, n>eld^e Bei tt)eitem nod^ nid^t genügenb getpür^ 
bigt ift 2). 

Da bie SSerBreitnng, toeld^e biefe« Jönd^ in SDentfd^lanb erlangt 
^ot, jngleid^ einen Singerjeig für bie SSerBreitnng toatbenfifd^er Sbeen 
gieBt, fo toiö id^ barauf aufmerifam ntad^en, ba§ öon S^iW^^fe *^ 
reit^ im Saläre 1863 jei^n öerfd^iebene beutfd^e Auflagen nnb Slu«^ 
goBen Bi^ gum Saläre 1530 nnb gtoei alte Jöearjbeitnngen {anS 1524 
nnb 1527) nad^toeifen lonnte»)* 

®^.e ti>ir inbeffen auf ben Snl^alt biefer toid^tigen Queöe nä^er 
eingei^en, ift e^ noti^toenbig, bag toir un« ein ®ilb barüBer gu »er^ 
fd^affen fud^en, mit tt>eld^er ©emeinbegai^I bie „©ruber" in bie große 
rcligifife Sett>cgung beö 16. 3a]^ri^unbcrt8 eintraten. 

Seiber finb bie gorfd^ungen gerabe üBer biefen $unlt nod^ 
augerorbentlid^ im JRüdtftanb, aBer e^ laffen fid^ bod^ loenigften« 
einige S^atfad^en BeiBringen. 

Die erften Sai^rgel^nte be^ 15. Sai^rl^unbertö loaren in ben 
romanifd^en Säubern eBenfo loie anberioärt^ für bie „Srüber" 

1) 3e3f<ä&»ife 2)ie Äatcd^iSmcn b« ©albcnfcr unb Böl^tnifd^n ©rübtr 
(Sri. 1863, 

2) @« toärc im Slnfd^tuß an 3ejfd^tt>it5 eine nene Unterfud^nng ilBer bie SSet- 
toitnng biefe« Äated^iömn^, Befonbcr« and^ unter ben nad^utatigen S^änferge* 
meinbcn, fel^r toünfd^en«tt>ertl^. 

3) (S8 ip merltoütbig, baß fotoo^^l bie Orte, too biefer Äated^i^mn« gebrticft 
nnb geBtond^t toarb, toie bie $erfonen, toetd^e in il^ren nn3 erl^aJtenen @d^riften 
nad^töcißlid^ ftd^ an beffen Sbeen anTel^nen, mit bem fogenannten „S^Snfertl^um" 
iu engfler ^ejie^nng ^l^en. ®o ^t nad^ivei^Iid^ bie ®emeinbe ^n @. fallen 
ba$ grageBnc^ im OeBrand^ gel^Bt (f. b. Seafd^toitj @. 267), biefelBe ©emeinbe, 
in bcr bie täuferifd^en ©ei»egnngen Befonber« früljjeitig S33nrjetn gefd^tagen l^aBen. 
Unter ben Untoten aBer, toetd^e ftd^ an ben Äated^iSmu« anlehnen, ip in erjier' 
Sinie $an9 2)endt gu nennen. 



298 

fd^tt)ere 3^^^ zttot^tn. 93on ba an i^atten fie eine ^üt tans 9in^ 
gel^oBt; fie i^ielten fid^ ängetlid^ jut tati^oUfd^en fiitd^e, unb bie 
Dbrigleit üe§ fie zeto&^xtn. 

ÜDa« 3a]^r 1476 ixaäftt für bie ,,©rüber" in ©aöo^en einen 
trantigen Umfd^mnng mit ft($. ^etiogin Solanta, to>el(^e bamold 
afö 33omiünberin ii^te^ ©ol^neö (Sari ba^ 8anb regierte, Iie§ fi^ 
bntd^ ben (Stjbifd^of ))on S^ntin jn bem Sntfd^Ing beftimmen, ade 
,,$äretiler" auSjntotten 0. 

(Seit bem 9iegietung«antritt ^a<)ft 3nnocenj Vm. (1484) Be* 
gann ein ^jlanmäßig angelegter 33ernid^tnngölrieg* Der tjot^ftlld^e 
8egat Slttert be Sopitanei« fteßte fid^ an bie ®pxiit einer ärmee 
ton 10,000 3Äann nnb brang bamit in bie SBalbenferti^aler ein* 
(gr erreid^te fein ^xtl nid^t, ba bie „Jörüber", toeld^e gemäß tl^ren 
nralten (Srnnbfäfeen gtoar ben Srieg öertoarfen, aber bie 3lot^tot^x 
für erlanbt i^ielten,^ fid^ manni^aft jnr SBei^r festen. S)er Segat 
Berid^tete im Saläre 1489, baß bie ^oXfl ber ftefeer 50,000 Betrage. 

3m Qa^xt 1500 Begann SÄargareti^a öon goif, ^erjogin »on 
©alttjjo, eBenfaß« ii^re toalbenfifd^en Unterti^anen gn »erfolgen*). 

5Rid^t Beffer ti>ie ben italienifd^en „©rübem" erging e« ben^ 
ienigen, toeld^e nnter franjöfifd^er OBeri^oi^eit leBten. @d koaren 
i^ier im 15. Sai^ri^nnbert eBenfo toie früi^er bie ®tabt 8Jjon fototc 
bie !Dan))]^ine nnb bie ^roDence, to>o bie 93rüber gai^treid^ tooi^nten. 
@d toirb andbrüdUd^ Berid^tet, baß in ber ^avüfl^mt auäf t>xdt t)oi> 
nei^me i^amilien fid^ nid^t fd^enten, bie $aretiler anfjnnei^men unb 
gu Begünftigen 3). 

®d^on 1380 Begann bie Verfolgung ; in ben Z^ttxn 33al-?ute, 
ärgenti6re unb graiffini6re fotote in (SrenoBle unb SmBrun fanben 
^inrid^tungen ftatt. 

SBä^renb ber SÄitte be8 15. Sai^ri^unbert« toar e8 bann ftifl 
in biefen (Segenben. 

S)ie ajeri^aftungen unb 33er]^5re, toeld^e feit bem Saläre 1486 
vorfielen, unb bereu ^rotocoöe un« tl^eitoeife eri^alten finb, Beftätigcn 
nid^t nur bie fortgefefete ©trenge ber {Regierungen, fonbem audf 

1) 2)a9 Be^üglid^ 9UIigion9ebict bom 23. Samtar ^476 iß abgebnuft 5d 
^al^n ©efd^id^te ber ^e^er II, 705. 

2) ^aog 2)ie rem. SBalbenfer @. 274. 3) $er}Og o. O. @. 275. 



299 

bte SEi^atfad^e, bag itztn (Snbe beS 15. Sai^ti^unbertd im fübltd^en 
gtanfrcld^ bte SSctfaffung unb bie gellte be8 älteren SBoIbenfer^ 
t^um« nod^ immer in i^ren ^att})ti>nnlten öori^anben »ar. 3)er 
gefangene Slnton ®Ia|tu« ton angrogne lennt im Saläre 1486 nod^ 
bie „Wfo^itV] granj öon ©erunbino im 3a^re 1492 ben Belannten 
yyMagister major nnb minor''. !Der le^tgenannte tt)eift in alter 
SBcife aud^ ben 5ßamen ,,®albenfer" jurüd «nb nennt atö Slamen 
feiner Partei bie ©ejeid^nnngen ,,Slrme öon 8^on'' ober „Fratres" ^X 

^^^t JSebeutnng ba^ SBalbenferti^nm nm bad SoXfx 1500 
no(^ i^atte — bie ^oXfl ber ^rebiger (Farben) toirb öon einem 
SBalbenfer anf 400 angegeben 2) — erfei^en ti>ir an^ ben 33eri^anb^ 
Inngen, toeld^e nm biefe ^tit öor ben erften SBürbenträgern be8 
SReid^«, ben äbgefanbten be^ Parlament« öon ©renoBIe, bem Srj^ 
bifd^of öon ßmbrnn nnb ben 33ertretern ber ,,©rüber" jn ^art« 
ftattf anben. Ä8nig finbtoig XII. beftätigte in einem ©riefe au8 8^on 
t>om 12. Dct. 1502 bie ©efd^Iüffe biefer SSerfammlnng. 

3m Saläre 1503 geigte eö fid^, bag an^ in ^ari«, toeld^e« 
in früi^eren dai^ri^unberten jai^treid^e ße^er bei^erbergt i^otte, nod^ 
immer fold&e öori^anben toaren. !Der Jöegi^arbe ^emon, toeld^er fld^ 
bie $roüocation ctne^ rSmifd^en ©eiftUd^en i^atte ju ©d^nlben lonu» 
men laffen, tonrbe jnm %ob in ben flammen öerurti^eilt unb in 
bem genannten Sai^r toirßid^ i^ingerid^tet 3). 

äud^ in ©aüo^en fai^ man fid^ veranlagt, gu beginn be« 
16. Sai^ri^unbertö ben ,,ftefeem" eine griJgere Jöead^tung gu fd^enlen 
al8 bisher. 

$ergog grang II. Ke§ im Saläre 1502 eine ©is^jutation mit 
i^nen öeranftalten, ber er felbft Beitool^nte. 

3m Saläre 1517, alfo in bemfelben Saläre, too in S^urfad^fen 
bte religiöfe ©etoegung begann, i^ielt ber SrgMfd^of öon 2:ttrin, ber 
Sarbinal Slaubiu« ©e^ffel, t>ai ©albenferti^um für fo gefäi^rlid^, 

1) ^erjog a. O. @. 277 ff. — S)te ^rotocotte finb ungemein totd^tig für 
bte ^ernttttig bed Bujianb9 ber SBoIbenfer bor ber ^Deformation nnb betbiettten 
eine befonbere S3eröffent(id^nng. 

2) b*3(rgentr^ Coli, judic I, 105: In alio processa quispiam e sectaWal- 
densiam interrogatus , qaot Barbae in istis regionibus Delphinatus et Sabaa- 
diae essent, respondit, eos omnino esse qaadringentos, hoc est 400 pastores. 

3) b'Slrgentr^ Coli. jud. I, 547. 



300 

ba| er ftc^ entfd^Io^, ptx^intvi^ in einen litetarifd^en fiam)>f mit 
t^nen ein^ntteten* (Sx fd^tieb ein Söud^, meiern et ben S^itel gab: 
„Dispntatio adversns errores et sectam Waldensinm'^ ^). 

3nbeffen gelang e^ biefen aSemn^mtgen fo n)entg tt>ie aOen 
frfii^eten, bie Partei »on ii^ten 3been abjubtingen* 

!Die erften ©dritte ju einer ementen Sudbreitung koaren be^ 
reit^ ))or bem Sn^brnd^ ber Inti^erifd^en SBemegnng baburd^ gefd^l^en, 
baß bie Sebrängniffe ber testen Sai^rgei^nte jal^Ireid^ franjöfijd^e: 
nnb italifd^e S3rüber jnr HudiDanberung in bie ®d^tt)eii nnb beren 
92ad^barlänber belogen i^atten. 

@ie brad^ten ii^re ©d^riften mit an bie Orte, tool^in fte lamen 
— bai^er rüi^ren nnjiDeifeli^aft bie Sammlungen romanijd^er iSaU 
benfer^giteratur, ti>eld^ fid^ in (Senf unb 3ötid^ W^ ^^^^^ erl^olten 
i^aben — unb lateinifd^e Ueberfeftungen ermöglid^ten aud^ iDenjemgen 
bad ®tubium, meldte ber romanifd^en ®))rad^e nid^t mäd^tig to>aren* 

g« üerfte^t fidj, baß bie Si^ätigleit ber glüd^tlinge nid^t fofort 
in größeren religiöfen ®ett>egungen [id^tbar tourbe. 3lber ein ®ame 
UKirb au^ftreut unb ge^jflaujt, ber, fobalb bie ^^anftt ftd^ 
gibtftig geftafteten, ber Slftion ben ©oben bereitete. 



Jöei bem ertoäi^nten innigen B^^f^ww^^^ö^fl^ '^^ „©rüberge*^ 
meinben" ber »erfd^iebenen gänber mußte eö aud^ für ©eutfd^Ianb 
in« ®eu>id^t faöen, baß bie „Jöelannten" in Sn glaub in ben 
erften beiben Sai^rgei^nten be« 16. Sal^ri^unbertö unb öor gut^er« 
auftreten neu ertoad^tcn unb erftarften unb nad^ bem 3^"8^i§ 
®. ged^Ier« felbft bie ^erfonen i^Si^erer ©täube getfteömäd^tig »on 
ber Seu>egung erfaßt tourben^). 

ßed^Ier belegt feine Sei^auj5tung mit einer JReii^e urlunblid^ bo 
glaubigter SH^atfad^en, bereu ©njeli^citeu man bort nad^Iefen mag. 

„J8emerlen8ti>ert]^", fagt ged^Ier, „ftnb mei^rere S>Wt toeld^e ou* 
biefen unb anbern bamit jufammeni^ängenben SSeri^iJren i^er^or^ 

1) (Sin «u«jug bei V%XQtntte a. D. 1, 105 f. 3(^ l^abc tnic^ in einer grogm 
Slngal^t »ibtiotl^Ien öcrgcbtid^ bcutü^t, ba^Söcrl fctbp ju ersten, gür bie «fr- 
nrtT^eitung be« ©clcnntnißpanbc« bct ©atbenfer imSa^te 1517 ip baffelbewn 
ttf^Ux^tc ©cbcututtg. 

2) 2ed^Ur 3öl^. t). SicKf unb bie »orgcfiä^idjte ber Deformation 1873 »b. n, 
@. 454 ff. 



301 

Icud^ten^ ©nmal bct gcfd^Ioffcnc SScrctn, bic innige fcrfibcrlid^e ©c-» 
meinfd^aft jiDifd^en ienen Seuten, meldte burd^ bie genteinfame Siebe 
ju (Sötte« SBott, au« bem fie fic^ erbauten, öetBunben toaten* ®ie 
nennen fid^ "©ruber in Si^rifto', l^eigen il^rcn 33erein bie '©ruber-' 
fd^aft', fcegeid^nen fid^ aud^ aW bie 'ffirfannten'''. 

SBenn man itt)etfelt; ob biefe« (Srn>ad^en be« atteDangeßfd^en 
Reifte« in @nglanb auf bie beutfd^en S3er]^ättniffe t>on (Sinflug 
l^abe fein Wnnen, fo ti>iß id^ Bemerlen^.baß nm jene ^dt eingelne 
refonnfreunblid^e Snglänber fid^ eine angefei^ene ®teßung im Steid^e 
t)erfd^afft i^atten* 

3d^ red^ne bai^in ben ßnglänber SRid^arb Srocu«, ben 
intimen greunb unb ®efinnung«genoffen beöUIrid^ üon^utten 
unb be« ®rafen ^ermann üon Sleuenai^r. 

ßrocu« ti>ar feit 1515 ^rofeffor ber gried^ifd^en unb lateinifd^en 
®pxa^t ju 8el^)jig, unb er i^at in biefer- ©teßung nid^t nur in 
f}>rad^Kd^er ^infid^t auf bie beutfd^e 3ugenb eingen>irlt. 

ffiir feigen an^ ^utten« ©riefen, baß Srocu« an ben reli-» 
giSfen gragen ben lebl^afteften äntl^eil nal^m. Slud^ Soad^im 6ame^ 
rariu« unb anbere beutfd^c 3änglinge öerei^rten ben Srocu«, 

Derfette fam im Saläre 1517 nad^ ©afel, unb i^ier traf er 
on bem uralten ©ifec ber „©rüber" eine SReii^e üon greunben, 
metd^e in ber nad^maligen großen ©eifteSbetoegung eine l^eröor^ 
ragenbe SRoüe gef^jielt i^aben, unter Slnberen ben ©oifgang Sa^ 
^>ito unb §an« Dend — ein Umftanb, auf toeld^en n)ir f^)ätcr 
jurfidffommen toerben* 



«I« bie ,,^idtarben" — toie man bie ©egi^arben ober ,,©rüber" 
in ©Blumen nannte — um ba« Sai^r 1512 eine (Sefanbtfd^aft in 
bie Slieberlanbe fanbten, um mit ßraSmu« ©ejiei^ungen an^ 
julnü<)fen, mußten fie lool^l, baß aud^ in biefen ©egenbeh nod^ SRefte 
ber ,,©rübergemeinben" öori^anben loaren. 

!Die 3been ber alteren nieberlänbifd^en „©egi^arben" toaxtn 
gerabe l^ier in einer neuen ©eftalt ju ©ebeutung gelangt, nämlid^ 
in jenen „©rübern'', toeld^e man „©rüber be« gemcinfamen 
geben«" nannte. 

era«mu« felbft i^atte feine ©d^ulbilbung in einer „©egi^arben-* 



302 

©d^ttlc" — bcnn fo nannte ba« 33oII in ben Slicbcrlanben bic 
©deuten bet „gtatetl^ertn", toeld^e »on (Seri^atb ®Toot i^erftammtenO 
— eti^aftcn. 

(&9 toax JTcütd^ ntd^t nnt ba8 33oß, toAäfti öon ^^©cgl^atben" 
f^jtad^, tocnn öon ben gtatcri^etm bte SRebc toat» SStdmei^r er* 
lanntcn and^ clnjclne 3nqntfitotcn bte SSertoanbifd^aft an, tnbem 
fie bte gefeftltd^en ©eftimninnflen, toeld^e ft&iftx gegen bte tc^erifd^en 
,,©eg]^arben" crlaffen iDaren, auf bie „©ruber" gur Slntoenbung 
brad^ten unb ti^re ©d^ulen etnfad^ fd^loffen^), 3a, ein omtlid^e« 
©ntad^ten ber Suriften-'gacuttät jn ftSIn Dom Saläre 1398 % toetd^e« 
in einer ©treitfad^e mit ben Snqnifitoren ergangen toar, gebrandet 
anftatt bed 3(n^bmd(e^ ,,Fratres vitae communis'^ immer bie Sbt* 
jeid^nung „Beghardi", nnb ber Inquisitor Belgiens f^>rid^t in 
einem ^romemöriä einfad^ ^m ber ,,Seeta Gerardinornm" <)• 
Da« ftölnifd^e ©utad^ten fiel nid^t gegen bie „©ruber" an«; aber 
ba« ^romemoria be« Snqnifitor« bei^anjJtet, ba§ bie Slmcenbnng ber 
Äefeerparagra^ji^en anf bie „©rüber" feiten« ber Sölner nur an« 
mangeinber Äenntnig ber toai^ren 2:enben3en ber „®elte" nnter^ 
blieben fei. 

®d^on (Serl^arb ®root felbft i^atte ftd^ nnb bie ©einigen gegen 
ben SSortourf Derti^eibigen muffen, ba§ feine Seigre le^fdj fei*), 
nnb ber Dominilaner SÄatt^än« (Sraboto lonnte e« in einer eigen« 
jn biefem S^tdt öerf agten ©d^rift toagen, bie grateri^erm öffentßd^ 
beffelben SSerbred^en« anjnitagen* 

3m Saläre 1504 ftetft ber ängnftiner^Cremit 3o]^- ©d^i^j^oioer 
ben (Seri^arb ®root al« benjenigen i^in, toeld^er ben Primat unter 
ben le^erifd^en goffi^arben fü^re. 

3n ber red^tglänbigen Literatur jener S^age würben bie „Beg- 
hardi" unb „Gerardini" al« gleid^e ©emeinfd^aften bejeid^net 



1) Yulgus eis . . . illud maltiplicis potestatis Beghardorum et Lolhardo- 
rum nomen imponebat, quia non secus atque Beghardi sine votis Titae et 
victus societatem colebant, vestlmeDtis insolitis utebantur et pietatem tarn ver- 
bis quam exemplis yolgari majorem profitebantur. SO'^odl^eimDe Beghardis@.4d2. 

2) Tlo^ma a. D. @. 432. 

3) «bgcbrurft b« 3Ro8l^dm @. 433* 4) 3Äo«^m a- D. @- 443. 

5) fdn\(^ Chron. Windesh. üb. I. c. 3 nadj ©icfcter Ä®. 11, 3 @. 231 
Stnra. 20. 



303 

Sttbeffcn barf glctd^tooi^I nx^t überfeinen toetben, ba§, toenig-' 
ften« bet gorm nad^, jtotfd^n ben öfteren „®rubem" — benn 
btefe finb nnter „Beghaxdi" ju üerftel^en — nnb ben grateri^erm 
ein Uttterfd^teb üori^anben toar. 



SBie ftel^t e« nnn mit ber äuöireitung ber „(Semeinben" in 
Dcutfd^lanb toai^rettb unferer ^eriobe? 

SBenn man ertragt, bag ein ^näf Don fo andge))rägt malben^ 
pfd^em Si^arafter toie Jener Äated^iömn^ in aäft Saffxtn gei^n auf-' 
lagen Bei un« erleBen lonnte, fo barf man barau^ ben SRüdfd^lug 
maij^en, bag ba^ beutfd^e ^albenferti^um aud^ um ben JBeginn ber 
{Reformation nod^ eine ftarle SSertretung im SReid^e Befeffen l^at 

3n ber SH^at laffen fid^ in ben Salären 1460 Bi8 1520 eine 
ateii^e Don ©emeinben i^iftorifd^ nad^toeifen, nnb e8 ift mit ©id^er^ 
i^eit borauögufagen , ba§ Bei fortfd^reitenber JSorfd^ung fid^ nod^ 
»eitere ©innren finben toerben, 

3m Saläre 1461 i^ören toir bon einer Blutigen SSerfoIgnng ber 
„©ruber" im S3i«t^um (Sid^ftäbt, ti>o fd^on im 3a^re 1447 
üBer beren 33erBreitung Älage gefüi^rt toorben ö>arO* 

©ifd^of Sodann HL »on ©d^ftäbt üBerfanbte bie ^rojeßaften 
an biejenigen feiner ämtöBrfiber, toeld^e üon benfelBen gum ^totd 
ber 3nquifttion (SeBraud^ mad^en lonnten* ®o eri^ieft fie aud^ 
©ifd^of ämolb »on Jöafel, in beffen ÜDiöcefe bemnad^ bie (gid^ftäbter 
Sefeer SSerBinbungen Befeffen i^aBen. 

Um 1470 foß eine große ängal^I bon „Sehern" in ber M^t 
öon SBinböl^eim in granfen gur ©träfe gegogen Sorben fein. Um 
bo« Sal^r 1475 fd^reiBt SWatt^ia« bon Semnat: „Der SSer^ 
lei^rer unb SD3inIeIj)rebiger finb faft öiel öorbemSBiJi^merioalbe, 
Befonberö um ßger unb imSSogtUnb". „SlBer ti>a8 unmagftd^er 
großer iBo%it, ©d^alt^eit, ©üBereibie ©egi^arben unb goUar^ 
ben treiBen unb bie SBinleljjrebiger bor bem SBi^mer SBalbe", i^eißt 
e« an einer anbern ©teße, „toiö id^ gu biefem 3ÄaI nid^t bon 
fd^reiBen, benn e« Bebürfte mel^r ©d^reiBen, benn eine SiBfta ini^äft" ^). 

DerfelBe ÜWattl^ia^ bon Semnat Beftötigte bie gleid^e ST^atfad^e 
in ©egug auf ©d^toaBen unb bie fübloeftltd^en SReid^ögeBiete. ®r 

1) ©. $au^)t a. D. ©• 47* • 2) $• $att^)t a. D. ©• 48* 



304 

et)ä]^It:.,;ÜDeggIetd^en ju Ulm ixnb t^otaud in bem ®SftoaxiXooXt> 
ttnb Süttembetgtfd^en Sanbe finb über bteSDla^en t)tel SoUat^ 
ben, ©egl^arbcn «nb ©cgi^üten, t>on bcncn man t)tcl Ucbleö fagt 
mit Unlcufd^i^cit unb anbetet JönBetci gn öoCbtingen'' 0- 

3n bet äßati JötanbenButg Btad^en nm baö Saffx 1480 
fd^toete aSetfoIgungen toibet bie „©tübet" an«- „SSiele", l^eißt e« 
in bet Si^tonil, ,,finb bamaW in bet ÜRatl i^töotd tootben tmt 
®<i^ti>ett, Söaffet nnb genet"* 5Da fd^tieBen fie an bie Stübct in 
©öi^men — bet ©tief ift nod^ eti^alten 2) — nnb flagten i^t Selb 
nnb etgai^ften, bag fie in bie SBälbet l^ätten pd^ten muffen, »o 
fie nod^ feien. IDatauf fd^idten bie „Si^tiften" in Söl^men eine 
©efanbtfd^aft in bie ÜRatl nnb bie ©ctetteten toanbetten anß nnb 
lamen nad^ JBßi^men; too fie fid^ metft in Sanb^fton nnb gnlnc! 
niebetließen »)• ßö ift lein 3^^^^/ t)a6 bie aWei^tjal^I bet (gemein^ 
bcn jenet Salute pd^ in bie ©eBitge, toeld^e im Dften nnb ©üben 
ba« SReid^ Begtengten, jntüdtgegogen i^attcn. an« ben üetftedften 2^5" 
letn abet, in toeld^en fie nntet bem ©d^leiet be« gtößten ©el^eim" 
niffe« ejfiftitten, ift natütlid^ leine Äunbe in bie SHten gebtnngen, 
an« toeld^en ö>it i^eute nnfete ®efd^id^t«Ienntni6 fd^ö^)fen. Sin« bitfem 
SÄangel an 5ßad^tid^ten anf bie SKid^te^ifteng gn fd^liegen ift inbeffen 
gänglid^ nnetlanbt. 

abgelegene ÜRül^len, ©eilet, §iJfe tt>ntben bie getoBi^nlid^en 
©ttje bet „Jötübet", nnb im Ileinften Äteife fammelten fte fid^, toenn 
fie i^ten ®otte«bienft i^ielten, nm Jebe« 5luf feigen gn öetmeiben* 

!Die« finb bie SSetf ammlnngen , toeld^e in SCtitl^eim« ©^jon«' 
l^eimct Si^tonil gnm Salute 1501 befd^tieben toetben*). „®ie lom* 
men gnfammen", fagt Zxxt^txm, „in (Stnben nnb öetbotgcnen 
$8^len gnt 5Jlad^tgeit; l^ict tteiben fie »ie Jöeftien fd^änblid^e Un* 
gud^t n. f. ti>. ÜDiefe« niebetttäd^tige ©efd^led^t toäd^ft nnb mel^tt 
fid^ täglid^ anf eine tonnbetbate SBeife". 3n Jööi^men fei ii^e 3a^l 
im Salute 1501 gtöget al« 19,000 gefnnben n)otben, batnntet fd^^t 
öiele öom Slbel nnb ben ÜRäd^tigcn be« Sanbe«, öon toeld^en einet, 
5Ramen« Si^tifto^ji^, 40,000 ©olbgulben füt feine atmen ®enoffen 

1) $au^t a. D. ©• 10, 2) SlbgeJDrudtt bei ©Ott a. O. ©• 121. %nm. 18. 

3) m^m^ bet ©Ott 0- O. ©• 122 f. 

4) SSgT. b'?Jtgentt6 Coli, judic. I, 342, 



305 

in bcr ©efte i^ctgegeBen ^oit. !Dtcfc äßenfd^cn, fäi^rt ber fromme 
2ttt fort, tocld^e leinen ®ott nnb lein ^erj i^aben unb öoü beö 
©atanö finb, fcei^an^Jten öon \i^, baß fie baö SeBen ber a^joftolifd^en 
©emeinben nad^ai^mten* 

2lnö bem Saläre 1515 erfai^ren loir anS einem ©erid^töBud^ 
j)on ÜWünd^Berg in DBerfranlen, baß ein Jöauer öon SRarlerSrenti^ 
feinen Jlad^Bar einen „i^eimlid^en Äefter" genannt i^atte^. 3m Sai^rc 
1517 i^at SBiüifialb ^irli^eimer eine 3lot^ anfgejeic^net, in totläftx 
er auöbrüdßd^ baranf i^intoeift, baß ben SSerfoIgnngen jum %xo% 
bie böi^mifd^en Srrlei^reit forttoäi^renb nene äm^änger gewännen, 
e« lann ebenfotoenig gtoeifeli^aft fein, baß er bamit anf bie erfolge 
reid^e ^rojjaganba ber „©ruber" i^inioeift, aW baß bie 5Wottä fld^ 
anf ©eobad^tnngen ftufet, bie ^irl^eimer in feiner fränftfd^en ^eimati^ 
gemad^t i^atte. 

3m 3a]^re 1504 tönt nnö an« ber 5Rä^e ©afete eine ä^nlid^e 
Slage entgegen* 3n biefem 3a]^r fd^rieB 3acoB SBimiJ^eling, bamate 
in ©d^Iettftabt, einen ©rief an ben ßrjbifd^of 3acob öon 3Rainj, 
in toeld^em er SSorfd^Iäge mad^t, nm eine SReform beö ©ernö i^er** 
beijufü^ren. 5lte einen feiner ©rfinbe filiert er ben Umftanb an, 
baß man anf biefem Sege „ba^ böi^mifd^e ®ift öon Deutfd^^ 
lanb aBi^alten" toerbe^). 

(S8 ift nnö jnfäüig überliefert, toaö man in Söimjji^elingö ba^ 
maliger ^eimati^ unter bem aiuöbrud ber Bß^mifd^en ober i^uffiti«^ 
fd^en Äe^erei »erftanb, 3m 3ai^rc 1525 nämlid^, aW bie ©tabt 
äöalbS^ut Unterführung be« „©iebertäuferö" Jöalti^afar §ub^ 
meter bie lird^Ud^e ^Reform Begonnen i^attc, erließen bie ©täbte 
greiBurg unb ©reifad^ ein ©d^reiBen an SBalböi^ut unb forberten 
fie auf, „öon ber letjerifd^en unb i^uffifd^enSei^re aBjuftei^en" 3). 



1) ^. §au^t a. D. @» 49. 

2) ©agctt 3)cutfd^lanb« ttt u. rcL SScrl^ättniffc im äcitattcr bcr 9lcform. 

granff. 1868 I, 358. 

3) ©d^rciBcr %a\ä^mU(!fy für ©übbcutfd^tanb 1839 @. 84. 2)ie etcttc, 
todäft m9 bcr „©cranttoortmig bcr @tabt SBatbSl^ut an alle (^^riiigläuBtgcn 
SWcnfd^cn" entnommen ip, tautet: „3um biertcn »erben »tr fejerifd^ unb 
l^ttffifd^ gefd^otten; atSbcnn unfere ^erm unb S^lad^Barn bie atöci ©täbtegrei«» 
Burg unbt8reifad^ im SB.rciSgau un^ jüngp jugefd^rieBen: toir fotten bcr Icljeri* 
f<^ unb l^uffifd^cn Seigre abpelzen". 

se e n e T , S)ie 92eformation. 20 



306 

6ö eti^eßt batauö ienüxäf, bag btc itffxt, totläft bamal« xor* 
i^ox'^v ate „6ö]^mtf(ä^eSe^ctci" betrad^tct \s>axi, btejentgc bcr 
Böi^mtf^en ©tfibct toax, tocld^er ^uBmcicr, toie [id^ jetgcn totrb, 
außctorbentlid^ nal^c ftanb. 

SSBcnn man fid^ btc^ gcgcntoätttg ifalt, fo tritt eine intcreffante 
Sleugemng ffioifgang Sopito« auö bem Salute 1524 in ein neue« 2xä)t 

3n ber ,,3lntti)ort auf Stuber Sonrab« Stuguftiner^^roüinäiaW 
äJermai^nung" \^xx^t dapito öon ben böi^mifd^en 3Rart^rcrn unb 
fäi^rt bann fort: „3laiS) i^rcm feiigen %ob ift bic ganje SWarlgraf* 
f(^aft ÜWäi^ren mit Dielen mäcä^tigen ©täbten bem 3Bort, ba^ burd^ 
fic ge^Jtebigt, angei^angcm 50 er ® ame ift nod^ in Snglanb*). .• 
3n beutfd^er Station 6ei alten Saien ift er alltoeg ge* 
toefen unb gebliefccn, toie id^ mand^en in meinen linbbaren 
3ai^ren reben gel^ört i^aBe, bag id^ mid^ jefet »ettounbere; bojumat 
üerftanb id^ö nod^ nid^t, tool^in eö reid^t"^), 

Der Böi^mifd^e „©ame", toetd^er nad^ Sa^jito^ 3^wfl^i§ i» 
SDeutfd^lanb Bei alten Saien ftetö getoefen unb geblieBen ift, Begetd^net 
nid^tö anbere« aU bie 3been ber BBi^mifd^en Srübergemeinben, unb 
tt>enn ßc^jito »erfid^ert, bag er in feinen Rinberjial^ren — er toar 
im Saläre 1472 geboren — in biefem ®inne i^aBe reben i^ören, fo 
Bejiei^t fid^ bie« natürlid^ auf feine ^eimati^ ^agenau, ti>o Sa^>ito8 
33ater ba« e^rBare ©d^miebei^anbtoerl geüBt i^at. 

3u §agenau aBer ift im 15. Sai^ri^unbert, toie oBen Bemerlt, 
eine SBalbenfergemeinbe öori^anben getoefen. DiefelBe erfd^eint in 
ben aPEten unter ber ©ejeid^nung einer „@d^ule" ober „Äe^r* 
fd^ule"»). 

9Son nod^ größerer Sri^eBlid^leit afö bie Senntniß ber SluöBrei^ 
tung beö öorreformatorifd^en SBalbenferti^um« ift für unfere ^wit 
ber ©uBlidt in baö innere 8eBen Der ©emeinben, toie e« fid^ um 
biefe ^dt geftaltet i^atte. 

1) 5luf ben jKuffd^tounfl ber ©rilbergemelnbctt in (Snfllanb feit bem «egiim 
be« 16.3al^rl^unbett« unb auf bie ^erf önlid^en ©eaiel^ungen (£a^ito3 au enflßfcjai 
SBtübern i^aben xoxx oBcn l^ingctoiefen. 

2) SDie ,,3(nttt>ort" erfd^ien ju ©traßButg Bri SB. mp\d 1524. 2)ie Oteöc 
finbet fi« »t. $. 1. %l. m'^xx^ Stfd^r. f. ^iff. ^W- 1840 I, l^U 

3) m^x\(ii 3tf(]^r. f. W. X^tol 1840 I, 151. 



307 

S8 trifft fi(ä^ iXMlxä), ba§ toir für btc ®curti^etlung biefer 
JJrage eine »orjügüc^e urlunblid^e ©runblage fcefifeen — nämlid^ 
ben o6en Bcf^jrod^enen Äated^iömuö. 

S)aö grageBud^ in feiner jjrotjengalifd^en gorm Berui^t in feinen 
§au^>tti^eilen nnjtoeifeli^aft anf uralten Srabitionen ; aber bie ^dt, 
m toeld^er eö feine l^entige (Seftalt eri^alten i^at, toirb launt 1)lif)tt 
ate bie äö>eite ^älfte beö 15. ^ai^ri^unbertö anjufefeen fein 9» 

!CaffeIBe enti^ält in feiner äfteften ©eftalt, bie toir ^ier biöia 
ju ©runbe legen, fctocl^I nad^ gorm tirie nad^ Sni^alt ein auSge^ 
jeid^neteö SDenImal ber Jörübergemeinben. (Sin tiwi^fburd^bad^teö 
reUgiiJfeö ©Aftern n>irb in bem Keinen Snd^e flar, einfad^ «nb con^ 
fequent auöeinanbergelegt 

§ier lönnen nur einjelne Slnbeutungen barauö ii^ren $Iafe 
ftnben. 

9ia(^bem im ßingang bie SSeftimmung beö aWenf($en bal^tn 
jjrädfirt ift, bag eö ©otleö SBitte fei, benfelBen jur ©eligleit ju 
füi^ren, unb ba| toir baju burc^ feine SWittoirfung unb §ülfe 
0,®nabe'0 gelangen fotlen, toerben bie SWittel angegeben, tooburd^ 
®otte^ SBifle erreid^t toirb, nämlid^ burd^ bie brei f)au^)ttngenben: 
ben ©lauten, bie Siebe unb bie f)offnung. 

Damit finb gugleid^ bie brei §au^)tti^eile bejeid^net, in toeld^e 
baö gragebud^ feinen ©toff jerlegt. 

SSJie lommt man ju ben f)au^)ttugenben? Slnttoort: burd^ bie 
®aben beö ^. (Seiftet; biefer ®abcn aber giebt e8 fieben: SBei««- 
i^eit, aSerftanb, $Rat^, ^ntf), (Srlenntniß, grömmig^ 
Icit unb ®otteöfurd^t2). 

5Wad^bem ber ©taube an ®ott, S^riftuö unb ben^^. ®eift er-» 
örtcrt ift, toirb baö aSeri^ältniß berfelben ju einanber bargelegt unb 
aföbann bie ©etl^ätigung beö ®Iauben6 im ©otteöbienfte auö«- 
einanbergefefet 

Sffiie eö einen lebenbigen unb tobten ©tauben giebt, fo giebt 
c« eine innere unb eine äußer eSctl^ätigung; in beiben rul^t ber 



1) S^lod^ b. 3eaf(]^iöij5 a. O. @. 4 u, 87 ff. bürftc ber ^atetä^tömu« ettoa um 
1498 ijerfagt fein. 

2) 3)ic fteben ®aben be« 1^, ®eifle« l^aben filv bie Sßatbenfcr eine ganj bo- 
fonbcre S3cbeut«ng; f. barilber Seafd^iüitj a. ö. O. (£a^. I, ferner (EapAll @. 100. 

20* 



308 

»ai^tc (SottcSbienft. !Cen inneren ©otteSbtenft Beti^ättgt man bnrd^ 
gletd^en SBillen nttt ®ott ober butd^ ftnbfid^e 8iebe; ben änderen 
bntd^ ®eBete, SnteBengen, goWiebet n. f. to. 

^a9 (Sekt oin, ba« toit beten foflen, Ift ba«, toeld^e« ®ott 
bnx^ feinen ©oi^n un8 üBerliefert ^at: SSatet nnfer, ber bu bift 
im §immel n. f. to. 

Da^ jtoeite ^an^Jtftüd l^anbelt üon ber Siebe, nnb l^ier finbet 
fid^ gleid^ jn ©ngang Jene tieffinnige nnb toid^ttge SBegriffSbeftim^ 
mung ber Siebe, toeld^e bicfelbe in ben ©illen legt nnb fie afö 
Sinl^eit M menf($li($en nnb be^ gBttlid^en SBiQen^ bejeid^net. 
2:reffenb toirb anf baö ffiort öertoiefen: ,,®ott ift bie Siebe, nnb 
tocr in ber Siebe bleibt, ber bleibt in ®ott nnb ®ott in il^m" 
(13o^, 4, 16)* „®ott ift ber SiebeSgrnnb", fagt ba8 fjragebnd^ 
toörtlid^, „mit toeld^em vereinigt jn fein ba^ etoige Seben ift" 0. 

SBie man ben lebenbigen ®lanben erlennt an ber örfüCnng 
ber ®ebote ®otteö nnb Si^rlfti, fo bie 'redete Siebe in ber redeten 
SBiflenögemeinfd^aft ber STOenfd^en nnb beren ©et^ätignng, b* ^. in 
ber ©emeinbe ober Äird^e* Denn baö Äenngetd^en ber redeten 
(gemeinbe Si^rifti ift nid^t baö bloße gemeinfame ©elenntnlg be« 
©lanben«, fonbern öor äflem bie gemeinfame Siebe gu ®ott nnb 
jn einanber. 

©eßi^alb i^anbelt baö jtoeite §anj5tftüdf befonberö öon ber redeten 
©emeinfd^aft nnb üon ber falfd^en ©emeinfd^aft, b. ^. öon ber redeten 
Äird^e S^rifti nnb üon ber falfd^en Sird^e ß^rifti- 

Da ti>irb nnn gnnäd^ft berjienige ®Ianbe jnrüdtgetoiefen, toeld^et 
in ber ftird^e ein ©nabenmittel erlennt» ©lanbft bu an bie l^eiltge 
ftird^e? Slnttoort: Slein, benn fie ift eine Sreatnr, aber id^ glaube 
öon il^r, b, i). xäf bei^an^Jte öon il^r, baß fie gn)eierlei Slrt fei unb 
jioar ii^rem ©efen nnb i^rer Srfd^einnngöform nad^. 



1) 3)te ©tdle 1 3öl§. 4, 16 l^at eine ganj befonbcre öebetttung für bie ffial* 
benfer. SJlan l^at il^nen, guntol k)on lutl^ertfd^er <^eite, ben ^ovrnnrf gemalt, 
bag an bie ©teKe be« Sl^rijijt« für un« bei il^nen ber (Sl^rifluS in uni 
trete (f. ©erjog b, rom. Sßatb. ®. 190). 3n ber^l^at totrb bei il^nen bie ©n- 
tool^nung (£l^rijH nnb bie (Sintool^mtncj ber guten Wtm\^ in Sljrtjio Jht« be» 
fonbern betont. Snbeni toir feI6ji toiebergeboren toerben, meinten fte, »itb ber 
®eifi ®otte« ober (El^rijH in nn« geboren. 3n biefem «Sinne jagten fte, bag ber 
l^eitige ®eifl ba« geben ber Olänbigen fei. 



309 

9fiad^bem bet Söegtiff bct lirc^Itd^cn ©enteinfd^aft näi^et Bc# 
ftimmt tt>otbcn tft, gci^t baS gtagcbud^ ju bct Jöettad^tung bet 
(Scgenffifee jtoifd^en redetet unb falfd^cr ©emclnfd^aft über. 

9Äan eticnnt bie redete Ättc^c att bcn redeten 2)tenetn unb 
an bet ©emctnbc, bie in SBal^ti^ett in ©lauBen, Hoffnung unb 8ie6e 
bet IDienfte betfelben fid^ Bebient. 

Det ted^te Dienet ift abet betjenige, toeld^et feine a^joftolifd^e 
3Kiffion butd^ einen 2BanbeI nad^ bem 33otBilbe bet Sl^joftel beftätigt 
unb in bem ©inne ben ©tauben faßt, toie et im etften f)auj)tftüdt 
gelennjeid^net ift. 

S)iefe SBegtiffe toetben nod^ butd^ ii^te ©egenfo^e bc« nai^eteni 
etläutett unb befonbet« ti)itb gegenfibet bet ted^ten Seilte bie falfd^e 
Seilte befinitt- „^a9 ®ott aßein nad^ feinet SKad^t unb e^tifta 
nad^ feinem aSetbienfte jugei^ött, baö legen fte (bie galfd^gläubigen) 
bem 3Äenfd^en unb bem SBetle feinet f)änbe obet feinen SBotten 
obet feinem Slnfei^en bei, fo ba§ bie SKeufd^en blinbttng« glaubenb 
meinen, mit ®ott öetbunben ju fein butd^ falfd^e SWittel unb butd^ 
l^abfüd^tige ©imonie bet ^tieftet". 

ß« l^eißt Sl^tifti 5lbfid^t bei ben ©actamenten üetlennen, ti>ena 
bie ^tieftet fagen, „baß ®nabe unb SBa^t^cit allein in bie äugeten 
ßetemonien eingefd^loffen feien". 

SBie toitb bie ©emeinfd^aft mit bet i^eiligen Sitd^e etlangt unb 
geübt? 2lntn>ott: !Detienige i^at ©emeinfd^aft mit ii^t, toeld^etbutd^ 
®Iaubcn, C)offnung unb 8iebe unb butd^ SSeobad^tung bet ®ebote 
unb butd^ ©ei^atten biö anö Snbe mit ii^t tjetbunben ift 

Um anäf bie S^Ui^ffiiAilnt jut Sitd^e nad^ i^tet äußeten St^ 
fd^einungöfotm gu beti^ätigen, bebatf e^ beö ®ebtaud^^ bet ÜÄittet 
be^ ®elneinfd^aft§leben8- Diefe ÜWittel finb: „ba« eöangelifd^e äBott" 
unb bie ©actamente, beten Si^tiftu« gtoei öotgefd^tieben l^at. 

SBie ba« etfte §au»)tftüd mit bem S5atet Unfet, fo fd^Ueßt ba8 
jtoeite mit ben ©actamenten ab. 

!Det btitte §auj3tt]^ett l^anbelt t?on bet Hoffnung unb giebt 
gunad^ft eine Segtifföbeftimmung beS ?Botteö Hoffnung: „fte ift 
eine ftd^ete ©ttoattung bet (Snabe unb bet lünftigen SSetltä*» 
tung". 

©obann ttitt hiebet (loie ftfi^et bet tebenbige unb bet tobte 



310 

flaute, btc redete unb bte falfd^c ®cmcinfd^aft) bte redete unb bic 
trtcnbe Hoffnung in Hatct Untctfd^etbung auSctnanbcr *)♦ 

SSBann batrf man mit SRed^t l^offcn auf bie ®nabe? SBenn man 
lebenbigcn ®Ia«Bctt i^at unb toal^tc Sugc tl^ut ^nx redeten SSufee 
aber foö un^ l^elfen bie redete ©cmetnfd^aft unb bic Dienet be« 
SSBott« butd^ i^te ^fltd^tcn. 

SBie l^offt man ted^t auf fünfttgc SSerHätung? üDurd^ ©el^arten 
im IcBenbtgcn (Stauben, toeld^er in ber SieBe ti^ätig ift i\S an bcn %oh. 

SBotauf grfinbet fid^ bie redete Hoffnung? Slnttoort: ®ott fclbft 
l^at üetf^jrcdljcn , bag, toenn 3emanb ii^n etlennt unb Jöuge ti^ut 
unb ^Öffnung l^at, fo toiß er ÜRitIcib i^abcn unb a5erjei^nng üben. 
Unb ®otte8 ®oi^n, E^tiftu^, l^at glcid^fattö bie ©eligleit Dcrfptod^en 
in ben ad^t ©efig^Jtetfungcn^), »enn tt>ir gei^otfam finbfeinen 
SBotten, ii^n lieben unb ii^m nad^folgen. 

5tber bie irtenbe Hoffnung i^offt auf bie Sird^e unb bic 
^rieftet unb bie ^eiligen, auf ©actamentc, ^Reliquien unb bad 
„etträumte unb ctbid^tete gegfeuer" unb Uf)Xt bie Hoffnung auf 
bie aWittet fefeen, bie ber Sai^r^cit gerabe entgegenlaufen. 3)ie 
falfd^c Hoffnung Hxla^t bie Dueße beö Icbenbigen ©äffet«, läuft 
i^in unb i^er ju ben ettoäi^ntcn Siftetnen; betet an, ei^tt, öetci^rt 
bic Sreatur toie ben ©d^öjsfer, bient ii^r burd^ ©cbetc, gaften, D^jfer, 
@aben, burd^ !Datbtingungcn, SBattfai^ttcn, Slntufungen u. bergl. 
unb ttaut fid^ bie ®nabc ju ettoctben, bie leinet geben lann ate 
oöein ©Ott in S^tifto. ®o atbeiten fie öctgcblid^, verlieren bad 
®elb unb bad geben, 

SBorin beftei^t baöetoige geben? 3n bem Icbenbigen unb 
tocrfti^ätigen ©tauben unb in bem SSeri^arrcn barin. „!Da8 ift ba« 
ctotge geben", fjjrid^t ß^riftuö (3c^. 17, 3), „bag fie bid^ ben aüetn 
toal^rcn ®ctt, crlennen unb Sefum Si^riftum, ben bu gefanbt i^aft''. 
Unb femer: „SBcnn bu jum geben cingci^cn toißft, fo l^alte bie 
®cbotc". Unb enblid^ : „©er bei^arret bi« anS 6nbe, ber toitb feiig 
»etben. 9lmcn." 



1) (g« tp übcrl^ouiiJt für ba« gange gragcbud^ (^^araltctiftifd^, baß üBcrall ber 
©egcnfafe ber jtüci Söegc, bc8 einen, »cld^cr jnm Scbcn, bc8 anbcrcn, rnl^t 
jum 2:obc filiert, betont toirb. iWan i)flt oben @. 202. 

2) $ier ftnbet fld^ aberntatd bte ^inmeifung auf bie I6erg!|)rebigt 



311 

SBenn unS bloß btc« gragcbud^ vorläge, fo toürbc baö Utti^ctt 
übet bctt 3wP^"i^f ^« tocld^cm ba« rcltgtöfc Sebcn bcr ©cmeinbcn 
um baö Sai^r 1500 fid^ bcfanb, f{d^ burd^auö ntd^t ungünftlg ju 
gcftaltcn l^abcn* 

Snbcffcn tc^^räfcntitt bcr Snffalt bc8 Sated^i^mu« ioäf nur 
einen S^i^ctt bcr gcfammtcn Sbccntocit, bic man mit bcm fflcgriff 
„aaSalbcnfcrti^um" jufammcnfaßt; ba8 ganjc ©cbäube ürd^Iid^ct 
SSorftcßttngcn, mläft für jicbc ©cmcinfd^aft bon größter SBid^tigfeit 
finb, toirb barin laum geftrcift 

Unb tocnn man nun auf biefc unb anbcre 'ißunitc fein äugcn^ 
mcrl rid^tct, fo läßt fid^ bod^ ntd^t leugnen, baß bie „®cmetnben" 
bic ®^)urcn beraScrIümmcrung in Dielen SRid^tungen an fid^ 

tragen 0. 

(58 ift toai^r: fic l^atten ben bebroi^ten ©laubenöfd^afe bcr 
aSäter in ben told^ttgften fünften treu beioal^rt unb burd^ bic 
Sal^ri^unbertc unter unfägüd^cm 8etb fortge^jfKanjt* 2lber baS fort^ 
toäl^rcnbc Unglüdt i^attc bie freie Sntfditung bcr guten fteime Dcr^ 
l^inbcrt; in bie tjcreinfamtcn ©ebirgöti^äler, »o fic al8 fleißige unb 
ftiöe Ztntt tooi^nten, brang lein frifd^er Suftjug ber fortfd^reitenben 
3cit, unb lein Sid^tftrai^I einer aufftrebenben SBiffenfd^aft crl^cßte 
ba^ !DunIeI, baö i^ier l^crrfd^te* ®ö »ar t^nen, tt>ic cö in fold^cn 
aScrpItniffcn ju gelten ^)flegt, ber redete SUiaßftab für bie ÜDinge bcr 
toirMtd^en SBcIt tjcrloren gegangen, unb in ii^rem übcriiefcrtcrt 
Sbcaliömuö l^ielten fic tole unerfai^rcne ^nber bie SRcaüfirung fo 
mand^cr SSorftcHung, bie in ii^rem engen Greife tjiettcid^t burd^^ 
füi^rbar toar, aud^ in ber toeiten SKcnfd^entoelt für mi5glid^, jia für 
notl^toenbig* 

@8 trifft iJoHIommen ju, »aö ein geiftt)otter ffleobad^ter biefcr 
gartet, 3. 21. 3D?i5^ler, gelegentüd^ geäußert i^at: „®ne geniale 
Sinblid^feit in ber SBctrad^tungötoeifc ber SUicnfd^cntocIt ift uuDcr^ 
lennbar bei biefen ©d^toörmern 2)", !Dic nüd^tern^Dcrftänbige Sr* 

1) (S« ifl bieg öon ©citen bcr rontanifd^en SBatbenfer at^batb baburci^ un« 
iimtüunben gugcjianben »orben, baß jte ftd^ 15 Saläre nad^ bcnt©cgtnne ber ^t* 
foxmation an Oecotam^ab unb ^ucer toanbtenr um bon biefen gute 9latl^fd^täge 
für bie (Srueuerung il^rer (Sinri^tuttgen gu erl^atten. @ie erl^ielten beun auc^ 
folc^e uub befolgten pe. 

2) ©vmbolif. 4. aufl. 1835. @. 470, 



312 

toägung, toie fic im 13. unb 14. Sal^tl^unbcrt ju Za^t tritt, »>ar 
in bcr unglücfüd^en ©ituation, in bie fie fi(ä^ gcbrängt fallen, mei^t 
unb mei^r tjctlotcn gegangen. 

8lm fd^ümmften aber toat eö, baß in golge bet auöf(3^üe|It(^ 
mfinblid^cn gottpflangung bet 5Etabition — benn btc S(Ri5gU^Ieit 
fd^tiftUd^er Stfirung tt>at burd^ ben äußeren ©rud fel^r befd^ränlt 
— in biefer S^rabition felbft eine getoiffe aSertoirrung eingetreten 
toar, eine SSertoirrung, bie fei^r uni^eiboüc golgen nad^ fid^ jiei^en 
fottte. 

SBir l^aben oben gefeiten, baß bie „fflrüber" in il^rer befferen 
Beit auf toiffenfd^aftüd^e fflilbung fotool^l im Sittgemeinen; toie tn6^ 
befonbere auf biejenige il^rer ©eiftüd^en großen ffiertl^ gelegt i^atten. 
fflejüglid^ ber romanifd^^toalbenfifd^en Literatur, felbft in ber ^pitttm 
^eriobe, l^ebt öon S^äf^^^fe ^^^ ^^^i i^ertjor, baß geleierte unb 
begabte SWänner unter i:^nen getoefen fein muffen 0. 3n einem 
beriil^mten unb Diel gelefenen toalbenfifd^en Sßnäfe, ber äuÄegung 
beö i^oi^en Siebet, toerben tjon ben „©arben" auöbrüdttid^ i^&^cre 
Senntniffe geforbert. 

®anj im ©egenfafe ^ierju bilbete fid^ feit bem 15. Sa^r^un* 
bert bei tjielen beutfd^en unb außerbeutfd^en ©emeinben bie fonber* 
bare SSorftettung auö, ate ob bie ,,brüberlid^e ®leid^:^eit", meldte 
bie aSäter ftetö Derf ödsten i^atten, in bem ©inne ju tjerftel^en fei, 
baß Seiner eine l^öi^ere ®eifteöbUbung empfangen bürfe atö ber 
Slnbere. ©eitbem burd^ unglödCid^e ^^^^^^^ältniffe bie aWaiorität 
ber ©ruber auf einem fe^r elementorcn Silbungöftanb^junlt äurücfc» 
gel^alten toorben toar, fing man an, au^ ber SRoti^ eine S^ugenb 
gu mad^en, unb man »ar nid^t übel geneigt, bie ganje SBeft auf 
ba^ aiiöeau jU ftetten, auf loeld^em fie felbft fid^ größtent^eite befanbcn. 
g^ tt)ar nid^t fd^toer, aud^ l^ierfür Sibelftetten beijubringen, unb mit 
$ülfe berfelben toarb fnffn be:^auptet, baß atte „©d^riftgele^rten" 
^i^arifäer feien unb atte Sunft iiberfififfig toäre. 3n rid^tiger Son* 
fequenj biefeö ©afee^ tootttcn fie leine "ißrebiger ^aben, tt>eld^e i^o^e 
©d^ulen befud^t l^ätten; fie verlangten, baß atte aJienfd^en in glcid^cr 
aSeife fid^ burd^ ein §anbtoerl ernäi^rten unb tt>ottten bie „Srübcr* 
Hd^leit" burd^ Slufi^ebung atter ZM, ©täube u. f. to. in« geben fefecn. 

1) 2)ic ^atcd^iStncn ber SBalbcnfcr tr.f.n?. @, nu 



313 

Unb in äi^nlid^cr SBctfc, tote baö "iprinct^) bcr &kxäffftxt in bct 
(gngc beS (Sefid^töftcifcö bicfer Dereinfamten 8eutc bic tounbcrUd^ftcn 
gönnen annai^m, fo toar c« aud^ mit ber uralten SSotfteüung beS 
„inneren SBottö". 

äud^ l^ter l^atte baö ältere SBaIbenfert:^um burd^ eine berftänbige 
Umgrenjung beö ©egriff^ bent ÜRipraud^e beffelben entgegengett>irft* 

3efet, ate ber regußrenbe galtor eineö gefunben öffentüd^en 
geben« ben alten aJiärt^rer^®emeinbcn fei^Ite, fingen nncrfai^rene 
SWänner an, bie ©ebanlen ber aSäter in iaxtilxä) niißDerftanbener 
Seife auöjubeuten. 

ffiäi^renb ncSf ber „®otte8freunb au« beut Oberlanbe" um 
baS 3ai^r 1375 ju ben öier größten aSerfud^ungen bie intoenbigen 
unb auStoenbigen Offenbarungen Don „Sid^ten, formen, ©efpräd^en 
unb 2iräumen" red^net unb fagt, baß, obgleid^ (Sott feinen greun^ 
ben biötoeilen in biefer SBeife ettoa« ffiai^ri^eit julommen laffe, 
i^nen bod^ nid^t leidet ju glauben fei, fo gaben fid^ in unferer 
^eriobe bie „Srüber" fold^en „Cffenbarungen" öielfad^ rüdt^alt*' 
lo« l^in unb legten ii^nen einen 83Bert]^ bei, toeld^er bie gefä:^rlid^ften 
Srrtpmer befi5rbem mußte* 

SWan bead^te »oi^I, baß ber „(Sottcöfreunb au« bem Dberlanb" 
auabrüdßid^ fagt, baß (Sott burd^ bie innere Offenbarung biStoeilen 
„feinen greunben" ettoa« ffial^ri^eit julommen laffe, (Sx be* 
fd^ränlt bamit feine SBemerlung auSbrüdtlid^ auf biejenigen Scanner, 
toeld^e gu ben „(Sotte«freunben" in toalbenfifd^em @inne jäi^Iten, 
b* 1^* ouf fold^e, toeld^e ba« Sl^joftelamt befleibeten. SSon fold^cr 
©efd^ränfung toar aber in unferer ffipod^e nid^t me:^r bie JRebe. 

Ueberl^au^Jt i^aben biete Slbtoeld^ungen be« öorreformatorifd^en 
SEBalbenferti^um« üon ber alten S^rabition barin t^ren legten ®runb, 
baß bie Siegeln, tocld^e in alter ^tit für bie „5l()oftel" ©eltung be*» 
feffen Ratten, f^joteri^in in mißberftänblid^er SBeife al« Siegeln unb 
5Rormen für bie gange ©emeinfd^aft angefei^en tourben. 

@o i^aben toir oben gefeiten, baß in alter ^dt nur für bic 
Sl|)ofteI unb fflifd^öfe bie ei^elofigleit üorgefd^rieben loar, toä^renb 
bic regelmäßige (Seiftfid^Ieit bciratl^en burfte. 3m ©cgenfafe i^ier^ 
JU toar e« bei ben romanifd^en SBalbenfern in ber tjorreformato^ 
rifd^en (S^oä)t (Sefefe, baß aUe "ißrebiger im Sölibat leben foüten- 



314 

gerncr ^abtn tott oben^) barauf aufmerifam gcmad^t, ba§ 
blc SBif(]^öfe unb Wfc\ttl im ©cgcnfatj gu ben bamafigcn rßmtfd^cn 
©tf(]^öfen unb Prälaten leincrlet toeltüd^c $)eTtf(ä^aftörcd^tc ausüben 
burftcn* Sic SBalbcnfcr beriefen \iä) babci auf Sl^rifti fflefei^I, ben 
er bei 8uc. 22, 25 feinen Sl^jofteln gegeben l&at: „©te SBnige ber 
aSötler l^errfd^en unb ii^re Süiad^ti^aber laffen fid^ gnäbige $)erren 
nennen; il^r aber nid^t alfo" u* f, to. 

3n alter 3^^ ^^^^^ ^^^ ^^¥ eingefel^en, baß Si^riftuö mit 
biefen SBorten nur eine 25orfd^rift für bie ©cnbboten feiner gellte 
l^atte geben motten; f^jäter aber »arb burd^ unglücfßd^e Umftänbc 
biefe Xi^atfad^e inner^^aft ber „®emeinben" DerbunMt unb cö 
bilbete fid^ ber Sei^rfatä auö, baß eö leinem ÜJiitgliebe bct 
fflrübergemeinben erlaubt fei, irgenb ein obrigleitlid^eS 2lmt ju he^ 
Meiben. 9Äan »erbot miti^in ben „Sörübern" nid^t nur bie gfi^rung 
beö ©d^toerte^, fonbern bie fflelteibung jiebeö iJffentlid^en ämte«. 
aWan lann ermeffen, baß auö einer fold^en oerlei^rten Sii^eorie fid^ 
bie fd^toerften aSertoicftungen mit ben :^errfd^enben Autoritäten cr^ 
geben mußten, 

Zxoii biefer unb öi^nlid^er ffintftettungen ober Uebertreibnngen 
toaren bod^ im ®angen bieCSrunb^jrincipien beftel^en geblieben; 
aud^ ber äußere ^^f^^^^^^^^g mit ben alten (Semeinben toar 
burd^ bie fortbauernbe Uebung ber §anbauf(egung unb ber geft* 
l^altung ber a^joftolifd^en ©ucceffion eri^atten toorben. 68 loar 
bei ii^nen genau in berfelben ffieife toie gleid^jeitig im römifd^en 
Rati^oliciömuö eine gntartung eingetreten, aber eö tt>ar immer nod^ 
ber alte ©tamm, toie er feit minbeftenö bem 12. Sai^rl^unbert nad^ 
toei^bar ift. 

5Hur an einer @ttüz ber ti)eitt)erjtoeigten ©emeinfd^aft, namlid^ 
an ben böi^mifd^^beutfd^en ©ränjen, tool^ntcn mand^e Srüber, benen 
man bie red^tmäßige 3«sc^örigleit ju ben alten Si^riftengemeinben 
biflig beftreiten lann. !Denn fo gett>iß aud^ biefe einft „SBalbenfer" 
getoefen toaren, fo l^atten fie bod^ unter bem ©nfluß ber bi^mx^ 
fd^en ©eltenfreife fid^ Dielfad^ gerabe in grunblegenben gragen t>on 
ben „fflrübern" getrennt unb fid^ bamit, toenn nid^t formell, fo 



1) @. oben @. 92. 



315 

bod^ tff(it\&äßä) in einen birciten ®egenfafe ju bcn alten ®enoffen 
gcfteßt- 

SBit i^aBen oBen gefe^en, baß bie „©rüber" bie ©ered^tigung 
ti^reö gei^rgeBäubeS ebenfo toie il^ren 9iamen „S:^riften" anf bie 
©teüung grünbeten, bie fie jn Si^rifti eigenen ©orten nnb ©efei^len 
einnai^men *). ß8 toar bnrd^auö ber funbamentalfte ^nnft be« 
ganjen ©Aftern«, baß fie anf Si^rifti ge^ren ftei^en tocttten* ÜDar^ 
auf berul^te ii^re Stnffaffnng bom eib, Don ber Sird^e, üon ber 
€rlöfnng u* f* to. 

3m ©egenfafe l^ierjn gefd^ai^ e« nun in ben ertoäi^nten gänbern, 
baß fid^ in ben „S^riften**®emeinben" SUiänner fanben, bie int an* 
fd^luß an getoiffe böi^mifd^e aSorfteüungen ba8 alte 2:eftament 
über baö neue fteUtcn nnb aüe ßonfequenjen in fflejug auf 
bie Sird^cn^35erfaffung, ben ©lauBenöjtoang unb ben ©d^toertge«» 
braud^ jogen, bie fid^ barau« ergeben* 

SÖSenn bie „®emeinben", bie biefe ©äfee abo^Jtirten, aud^ einen 
getoiffen Sufammeni^ang mit ben „©rübern" aufredet ju eri^alten 
fud^ten, fo leud^tet bod^ ein, baß i^ier nid^t bloß eine SSerftümmelung 
ober Uebertreibung einer alten STrabition, fonbern eine j)r ine ipielle 
Umlei^rung berfelben borlag* 

So toar ein Unglüdt für biejenigen, toeld^e „redete ©Triften" 
Hieben, baß biefe abgefallenen „©rüber" jeltweilig e^ toagen lonnten, 
fld^ als bie toai^re ©emeinfd^aft in ben 35orbergrunb ju fteüen* 
@ie l^aben fid^ fetbft unb 5lnberen baburd^ fd^toereö Uni^eil jugejogen* 



5llle8 in 5lt(em genommen toar foi)iel jebenfaltö fidler: bie 
„©rübergemeinben" tt>aren in bem ä^ft^^^'^r ^^^ f*^ ^^ ^^^ Sal^r 
1515 eftftirten, nid^t befäi^igt, an einer großen Erneuerung beS 
religiös **Iird^lid^en gebend loirlfamen 5lnti^eil ju nei^men. ®ie U^ 
burften junäd^ft einer burd^greifenben ^Regeneration ii^rer eignen 
aSerl^ältniffe, einer ©id^tung unb Slärung ii^rer üerftümmelten 
5Erabition , i^rer Si^eologie loie ii^rer lird^lid^en SSerf affung. ffiaren 
bie (Slemente, au8 meldten eine fotd^e 833iebergeburt erfolgen lonnte, 



1) @. oben <B. 43 unb öfter. 



316 

»oti^attbctt obet nid^t? 3n bcn „©cmcinben" fcD&ft toaren fie ti^at^ 
fäd^Iid^ ntd^t tjotl^anben; afcct ncfccn btefen l^attc fld^ bic große 
fiitetatut att« bet (Slanjetjod^c beS 14. Sal^ti&unbertö etl^alten imb 
bic „©tubetfiä^aftcn" bcr beutfd^cn ©crllcute i^attcn atö 
treue Pfleger btefer giteratur ble (grinnerungett an^ ben S^agen bcö 
Äaifer Subtoig unb beö SWarfiliu« tjon "ißabiia feft Betoa^rt SBenn 
baS getftige 8e6en, toeld^c^ etnft au« ben verfolgten „©emeinben'' 
in bte „SBruberfd^aften" \xäf geflüd^tet ^attc, iefet aW frifd^e« (glc^ 
mcnt in ben Iranlen Sör^jer ber fflrüber^Sird^e jurüiflel^rte, fo 
toar nod^ ntd^t aüe Hoffnung auf eine neue, große ^utnnft auf* 
jugeBen. 



^te ^nteneritng ber altetiangeltf(i^en Literatur. 

3)ie beutfd^ctt ©auptten unb Ädfcr iKajimittan I. — SÖßotfgang 2)en4 ÜÄciper 
bom ©tul^t ju @te^cr. — SHe „Sicbl^abcr bc« ©anbtoctiö"« — Sic beutf(i^ctt 
Söerßcute unb bic ©tflitbuns bcr SBud^btuderftinfl, — 2)ic „gormfci^iieibcr" 
unb bic ©teinmcljen. — 2)ie bcutfd^cn Sud^brucfer unb tl^r Slntl^eil an bcr 
<grncucrung bc^ bcutfd^cn ®ciflc§lcScn0 im 15. Sal^rl^unbcrt ~ 2)ic S^^o* 
gr(t|)l^tc in granfcn, kfonbcr« in Sfiörnbcrg, — SSud^brudcr, tünptcr unb 
(Btitixtt, — Sol^ann bon ©tau^i^ in 9'Hlmbcrg. — SBafct at« bomd^ntpcr 
^tafe bc« bcutfd^cn Sud^l^anbcie. — Sic SBrubcrfiä^ft „Sum ©imntd", — 
2)ic ©ctc^ttcn unb bic SBuc^^brudcr in ©afct — (Sra8ntu8, 9ll^cnanu0, $ct- 
Jicaur Send, Occotam^)ab, Sct|)ito u» 31, — 2)ic ©mcucrung bcr SBibcl unb 
bcr Literatur bcr „©ottcSfrcunbc"» 

S)ic ^t^äfxäftt bcr bcutfd^en Saui^üttc be8 15. Sa^tf)Vixü>tm 
ift nod^ nt(]^t ©egcnftanb einer genaueren Untetfud^ung getoefen. 
3nbeffen totffen tott, baß bte alte aSetfaffung in aüen toefentt^en 
fünften fottbauerte. 

2Itt ber ©^Jtfee be8 ganjen S3unbe8 ftanb nad^ tote bot ate 
©toßmctftet ber aWeifter bom ©tui^l ber C)ütte ju ©traßburg; ti^m 
junäd^ft ftanben bte SSorftei^er ber bier ^anpi^tttn ©traßburg, 
Sern, SBten unb Söln, unb unter biefe toaren bie einjelnen §ütten 
be8 8ieid^e8 berti^eitt 

S)te §ütte ^cüttt baö ©lud, in Äaifer SKajimilian I. einen 
mäd^tigen ^roteltor gu finben. 68 ift ja belannt genug, bag ber 
Saifer ben ©auleuten ftetö befonbere ®\)mpatf}kn jugetoenbet l^at; 
ber 2:ejt be8 SCl^euerbanl lel^rt aber aud^, baß jener in ben §ütten*» 
bräud^en tool^I betoanbert toar^). ®a biefe ®räud^e äunftgei^eimniß 



1) S)a8 9^äl^cre bei Sftzil^a, amttl^cit. bcr Ä. Ä. ecntratcommiffto« 1881 @. 35. 



318 

»arcn, fo tft c^ i^ö^ft toai^tfd^cinltd^, bag Satfer aKapmtUatt cBenfo 
tote ctnft C^^S'^a SRubol»)^ Don Dcfttcid^ bcr ©au^ttc al8 Stggrc^ 
girter angcl^Srtc* S)tc STrabitton bcr bcutfd^en öaupttc fielet ^tet> 
mit in üoöcm ©nllang, ba fic feit alten 3rften ben Saifer ju bcn 
fürftUd^en SWitgliebem M §üttenbunbe8 gäl^ft, 

TOted^t üDüret l^at ii^n in ben Pforten ber (Sfyxz unter ben 
Sauleuten aW 5lnorbner tjeretoigt* 

SKajimilian ift ber erfte unb lefete beutfd^e Saifer getocfcn, 
toeld^er burd^ aüer^Bd^fte ©eftätigung bie Sonftitutionen bcr ^viüt 
fanctionirt i^at* 5Rad^bem bie fämmtlid^en ca^jitcftcred^tigtcn SKeiftcr 
auf jtoet großen ßa^jiteteDerfammlungen ju SSafel (1497) unb ju 
©traßburg (1498) bie Sonftitution öon 1459 einer JRcüifion untere 
jogen i^attcn, i^at Saifer SKaj bie rcDibirtc Drbnung am 3. Dct 
1498 mit feiner laiferlid^en ©anction tjcrfel^en. 

Unter ben aJieiftcrn Dom ®t)if)l, toeld^e auö iencr ^tit un« 
bclannt finb, Derbient in mci^r al8 einer ©cjiei^ung bcr SrBauer 
ber ©tabtfird^c ju Steuer in Cbcrbftreid^, fotoie ber tird^e jU 8i^ 
tenfete in SJa^ern, 83BoIfgang üDend, tefonbere grtoäi^nung')- 

ffioifgang ©end ift laut bcr eri^attenen ©raBfd^rift im Sollte 
1513 geftorbem (Sr fii^rte ate3eid^en feiner 833ürbc einen C^tttn^ 
mer im aBapjJcn, toäi^renb ber ®ro§meifter beö ganjen Sunbc^ 
' bereu ätoei filiert, g^ gei^t barauö i^crDor, bag ÜDend, tocld^er aud^ 
aW SKcifter in ffiicn genannt toirb, einer ^aujjti^iltte Dorftanb unb 
eö ift lein ^todfti, bag eö ber öftreid^ifd^e §üttengau toar, bem er 
tjrafibirtc* 

Dendt (ober STendtj fd^eint ein ju feiner ^tit Dielgefud^ter Sau^ 
meifter gctoefen. ju fein, Singer an bcn genannten öautoerlen finbet 
fid^ fein SKeifterjcid^en an ber ©tabtmauer jU 5Würnberg unb an 
ber "ipfarrlird^c ju ^urd^^olb^borf bei SBien 2). 5luö 3lnton Xud^er« 
©aumeifterbud^ toiffen toir, baß bie ©tabt 5Jiürnberg faft auö^ 
fd^Ueglid^ (ginl^eimifd^c bei ii^ren Sauten befd^äftigtc unb ba biefe 



1) @citt ®rabben!mat kfinbct jtd^ in bcr ©tabtürd^e gu ©tc^et unb ift xt* 
^jrobucirt in ben SWittl^etlungcn ber Ä- Ä. Sentratcommiffton SBten 1872 (XVU. »b.). 

2) S^ berbanfc biefe aWittl^eitimgen ber ®ütc be8 ©errn $rof. g. t>. mi^a 
in SBien, burd^ beffen bortrefftic^e Slrbeiten ilber bie ©auljütten id^ guerp auf 
Xtnd aufmerifam »urbe. 



319 

Singabc unflcfä^r au5 berfelben 3ett ftatnmt, too äB. ©end in 
5JifitnbeTg ti^ättg toar, fo ift e« fel^r toa^tfd^einUd^ , bag Dcnd^ 
gattttlie eine 3ctt lang in 5Jiärnbcrg f)tmx\^ getocfcn ift 5lföbann 
i^at ©• 5Dcnd in Saicrn unb jnlefet, toic bcmcrit, in Deftteid^ feine 
gebenöjeit gugebrad^t SSSeld^e« Stnfel^en et genoffen l^at, geigt nid^t 
nur bie 9Ba^I jum SKeiftet üom ©tu^l, fonbern and^ ba^ fünft«' 
öotte ©tabbenimal, toeld^eö man i^m errid^tet i^at. 

3n ben „ SJtnberfd^aften '' ber bentfd^en ffierHente, jumal in 
bct „SSaui^ütte" nnb ben mit ii^r bettoanbten ßor^jorationen nimmt 
im Sanfe be^ 15* Sai^r^nnbett^ bie fd^on früi^er beobad^tetc ^]u 
nal^me bet fogenannten „Siebi^aber beö §anbtoette" immer gtögetc 
aSct^ältniffe an. 

®o beftanb jn SJrügge nm ba^ Sai^r 1454 nnb fpätet eine 
„SStuberfd^aft", toeld^e nnter bem ©d^utä ®t. Soi^anne^' be« Sijan^ 
geliften il^re ©ifenngen i^ielt. @5 befanben fid^ batin Dotnel^mlid^ 
SBilbfd^nifeer, Wlaltx (Sünminatoren), SJilbermad^er (® teinmefeen), 
gormcnfd^neiber unb anbete ^anbtoetlet. 2Ibet gugleid^ toaren 
©d^utmciftet, ©d^teibet, öud^i^änblet unb ötiefbtudEet 
aWitgliebet bet S5tubetfd^aft i). 

3n ganj äi^nüd^et äBeife begegnen unö um bie SBenbe bed 
15.3a]^t^unbett5unbf^3ätetjuSBafeI,®tta6butgunb@d^Iett^ 
ftabt „Stubetfd^aften", öon totl^m auöbtüdtüd^ übetliefett ift^ 
bag fie nad^ 2Itt bet 3««ftbetfaffung ctganifitt toaten2). 2lbet 
i^ict, an biefen §au^3tfitäen beutfd^et j^elel^tfamleit, übettoogen in 
ben „©ocietäten" bie ©ele^tten, bie ©d^ulmeiftet, ©d^teibet u. f, tt). 
bctatt, baß bie „Stubetfd^aft" faft baö Slnfei^en einet §umaniften^ 
©cfettfd^aft etl^ielt, unb bie ffietHeute einigetmaßen in ben §intet^ 
gtunb gebtängt toutben. 

So toat eine gügung toeltgefd^id^tüd^et 2Itt, baß getabe bie 
SSrubetfd^aften beutfd^et SBettteute eö toaten, üon toeld^en bie 
©jid^btudtetlunft ii^ten 5luögang genommen ffat 

üDie ©tfinbung bet ©d^tiftbetbielfättigung mit gegoffenen ST^^jen 
(jt^poixapffxe) üottjog fid^ im Slnfd^Iuß an bie beteit^ ftüi^et bot^ 



1) «. Sord ©anbbud^ ber ®t\^. bcr Söud^btutolunji S^j. 1882 @. 19, 

2) aiöl^tid^ SWittl^citunßCtt ^nx ®efd^. bet etoanget Ätrd^c im (glfag I, 97. 



320 

i^anbenc ^loixap^t, b. f}, an bie Äunft beS ©riefbrud^ ober 
3;afelbtU(f^* 

üDiefc S^afelbruder gel^örten urfptüngltd^ butd^tpcg bcn Äteifcn 
bcr ®ilbf(ä^nt^et an, toetd^' gcfetetc Dletfa(ä^ auö bcm ©tein^ 
mcfc^^anbtoctl l^etDotgingen !)• 

aW nun feit 1455 bte ©ntenbctg'fd^e etfinbnng M «^«^ 
Deutf(]^lanb ju Detbreiten begann, ba toatcn e« junäd^ft bie „gotW' 
fd^neibcr", toeld^e in ben öefitä bet Sunft ztlanzttn, unb eine 
3eit lang blieb baö SSetfai^ren ijottoiegenb ©genti^um ber ftreife, 
in toeld^en e8 ertoa^fen toax^), 

Utfa^en unb aSeri^ältniffe, beten Stßrtcrung an biefet ©teile 
nid^t angängüd^ ift, ixaäfttn e^ mit fi(ä^, baß bie etften großen 
„Dfficinen" fid^ gleid^fam aU Stod^tet^ötuberfd^aften ber Be" 
[tei^enben §ütten^Sruberfd^aften conftituirtcn, unb eö »ar natürlid^, 
ba§ jene fid^ burd^au^ in ben 3beenfreifen ber Sefeteren betoegten'). 

!Caö aWad^tniittel, toeld^e^ burd^ biefe tt>eltbetoegenbe Srfinbung 
eine ^txt i^inburd^ üoripiegenb in ben ^önbcn ber „§fittenbrüber" 
unb ii^rer greunbe lag, fann in feiner SSebeutung nid^t i^od^ genug 
angefd^Iagen toerben* 3nbem bie „'ißreffe" ben 3been ber „©ruber" 
in erfter Sinie bienftbar tourbe, toar bie Heine ßor^joration pVOilii^ 
JU einem auöfd^Iaggebenben gactor l^erangctoad^fen* ©iebeutfd^en 



1) @o »ar ein getoiffcr $an0 @d^tt)ar|j nod^ unt 1500 jugteid^ ©tcinmct 
unb ©«bfd^mfeer. Sottmann, ©olbein I, 7 h 

2) 2)aju geprten attctbrag^ auc^ bie Sunftmitglieber im tocitcren @imi; 
fo toax ein ©afelcr 2)xu(fet, fieonl^rt ©ifcnl^ut, im Saläre 1458 no<Hf 9Ralcr, 
bagegen im Salute 1485 2:^^ogra^l^ gu ©afct 2)cr SBud^brudct (Sennini gu glorenj 
tt>ar frül^er (Solbfd^micb getocfen, ^eter ©d^öffer ber ältere, ber 9iad^fotgcr ®«* 
tenbcrg«, fott ftd^ öor feinem Eintritt in bie ©utenbergfd^ Officin al8 Sttumi* 
nator burd^ feine ted^nifd^n gertigfeiten einen Stuf erworben l^ben, — 3c^ bcr* 
fiel^e unter bem Slu^brucf „gormfd^neiber" aud^ bieüJletaUfd^neiber (Cl^olfo* 
gra^l^cn), »eld^e für bie 2:i?^)ogra^l^ie bie »id^tigjien Sed^niler tourben. @ic 
gingen fel^r bietfad^ au8 ben Reifen ber ®olbf(^miebe l^erbor» 

3) ©g »äre eine Slufgabe bon l^öd^jiem ©dang für bie ©efc^id^te ber »n<^ 
bmclerlunj^ »ie für bie allgemeine ©eft^id^te, ba8 SSerl^altnig ber Dfficinen gu 
ben „53mberfd^aften" einmal gum ©egenfianb einer befonberen 3tbl^nbtung gu 
mad^en. 3)arin »ürbe ber @d^lü|fel für eine Steil^e biSl^er nnerllarter @rfd^* 
nnngen gu pnben fein. 2)er Oang, ben bie Si?^)ogra^l^ie genommen l^at, xft nur 
gu öerpel^en, toenn man il^ren äufammenl^ang mit ben ,,$ütten" unb bereu 
^au^tfi^cn, il^ren bornel^mpen greunben unb ,,8iebl^abern" guglddf berücffiii^tigt. 



i 



321 

Sud^btuder unb Sdnäf^&niUx ftnb ed gemefen, koeld^e 
bte gto^e gitcratut bcr alte^angelifd^en (Senteinben 
jueTft loteber gu Sitten gel&tad^t l^aben, unb an ber (St^ 
neucrung be^ beutfd^cn ®etfte«IcBcn^ gcbfii^tt ii^ncn ein i^ctDor^ 
tagenbet, no^ längft nid^t genügenb geU)ütbigtet 9(nt:^eU. 



ftcttt bcutfd^e^ 8anb l^at bic gtfinbuttg friH^seitiget unb öotU 
ftSnbigct auögcnu^t al8 granlen, 

3D?an lann bod^ nid^t fagen, baß ©awBetg gu Jener ^At ein 
SDKtteQ)unIt beutfd^et Sultut getoefen fei* ®U^too^ nimmt gerabe 
biefe ©tabt in bet früi^eften ©efd^td^te bcr fflud^bruderfunft nad^ 
aWotng bie erfte ©teöe ein^)- ^ier toirlte SltBred^t ^fifter (geb. 1420, 
geft um 1470), toeld^er Don S5telen für einen felbftanbigen ßrflnber 
ber Z\fpozxcipf)it gel^alten toirb^). gr toar e^, toeld^er bie erfte 
beutfd^e ©ibel (eine fogenannte ärmenbibel) brucfte. fflamberg ti>ar 
eö, toüäft» inxäf ben berui^ntten ©rüder So^. ©enfenfd^mibt, 
»cld^er früher gemeinfam mit einem ©ei^ülfen ®utenberg8, §einrid^ 
Äefer, gearbeitet ffattt, jum SSerlag^ort gemad^t tourbe. So^. ©en^ 
fenfd^mibt ftammte au^ Sger, b. l^* ani berfelben ©tabt, toeld^e 
nad^ bem 3eugni6 be8 SWatt^ia« Don Scmnat bamal« mit „flefeem" 
angefüllt loar^). Unb »ar nid^t baffelbe mit ©omberg ber gatt? 

!Die i^erDorragenbfte Stotte unter ben früi^eften ©rudtorten f^>idt 
inbeffen 5Rürnberg, Sein SWann i^at in üDeutfd^Ianb toäi^renb ber 
Saläre 1473—1513 einen größeren 5Wamen ate ©ud^brudter unb 
©ud^^anbler befeffen ate Slnton Äoburger ber äeltere^). 

1) ©♦ Älcmm ©cfd^teibcnber Katalog u. f, »• 1884, 

2) eine bcr erpcn 5(utontäteu auf bicfem gelbe, ^emm, IjÄlt ^fijier für 
ben 2)ru(fer ber berül^mten (erj^gebrudten) 36 aeiligen Sibel. 

3) & berbietit ^ead^tuttg, bag bie gamilie @en{en{(^mibt f^äter in 9lorb« 
toie in ©übbeutfd^lanb unter ben old ,,Xäufer'' begeid^neten ©efc^led^tem erfd^eint. 
2>€r 9lame lommt unter ben mäl^rifd^en SSnfern bor (bgL ^ed ©efd^ic^tSbüc^er 
ber ^tebertSufer in Defkeid^-Ungam. Sien 1883) unb ebenfo unter ben Sülid^- 
fc^en Säufeni fc^on im Saläre 1533* (gin Silli« @enfei|f(^niibt »irb a»- 
gXeid^ mit einem gemiffen $eter „cai9 bem Sanbe bon gronlen'' im 3al^re 1533 
(äs Sanbfrember au9 bem Sülid^fci^ au9gett)iefen (@taat9ard^ib an 2)ü{felborf* 
Jül. B. L. A, 2lbt5* IV* c. 6. foL 59). 

4) 2)ie8 ij) baS Urti^l beS genaueflen SennerS be9 ^teren beutfd^ i^ud^ 
l^onbelS, f. ^ir(^boff Beiträge aur ®efd^. b. beutfd^en ®uc^^anbel9 S^a* 1851. 

Sttlltv, 2He SZefortnotion. 21 



322 

!Dtc SBirlfamleit Äobutaet« al8 aSerlcgcr mx fo bcbeutenb, 
baß feine Dfftctn trofe etne^ fel^t großen 'ißetfonal« ntd^t auStetd^te, 
um otte ffierle i^etjuftctten. St tieß beßi^att anbete gttmen für 
fid^ btttden, BefonbetS ben Soff. Slmetbad^, Sol^anne« gtoben, 
Soff, ^ettl in ©afelO unb gtiebt, ^e^pu« In MtnBetg- 

Soff. SIutetBad^ (geb. ju ^Reutlingen im Saffxt 1434) ffoät 
in Stauen unb "ißatiö ftubitt* (St toat bann att Sotteltot in 80^ 
butgetö Dfficin eingetteten unb :^atte um 1480 felbft eine SDfpdn 
in ©afel eröffnet 3n einem ©aötet „Äunbfd^aft^bud^e" Dom. Saläre 
1482 etfi^eint et untet bet ®egeid^nung: „C)ett ^an9 öon Sßenebig, 
ÜKeifter ber ©d^rift, ®U(ä^bru(fer unb Bürger ju ®afel"2). (g^ 
erließt barauö, bag er fid^ in SSenebig längere ^tit aufgci^alten 
i^aben muß 3). 

Soi^anne^ groben, ber „Sönig ber ® rüder" ünb intime 
greunb be^ Sraömuö, toar ein ganbömann be« Slnton Soburger; 
er ftammte ebenfaü« au^ graulen (§ammelburg) unb toar im 
3a:^re 1460 geboren. 

3o:^anne8"ipetri, toeld^er gleid^faü^ in granlen (in gangen^ 
borf) geboren toar, fd^eint eö getoefen ju fein, toeld^er ben groben 
juerft nad^ ®afel jog* 

3n biefen ÜKannern l^atte änton Äoburger bie bomei^mften 
SSud^brudter S5afete ju SDlitarbeitem gewonnen 4)* 

©d^on D* ^a^t ffat in feiner S(Ronogra^>i^ic über bie fioburger 
baS innige 3«f<^^JttnentoirIen jtoifd^en Sfinftlern, ©ud^brudCcrn unb 

SBb, U »gt baju D. $af c 2)ie ^burgcr S^j. 1869 @. 5» Dr. (5:i^ripoi)l^ ©djcutl 
f(i^teibt am 30. SD^ai 1517 an @ra9mu9 ©tella: „Apud Germanos Gobargias 
primatom obtinet«. (gitctbcrgcr DueEeufd^riften gut Ämiflgcfdf. X, 174» 

1) @. ©afc a. O. @. 53. 

2) gcd^tcr S3a8ter Z(i\6^nU^ für 1863 @. 256. 

3) ^encbig ifl frül^jcitig ein ©amntd^unlt fotd^cr 2)cutf(§ct gctoefen, »etd^c 
il^r SSaterlonb ouS gurd^t bor rdtgiBfer ^erfotgung berliegen. 2)eittf(^ toaxtn 
e«, »etd^e l^icr bie ©ud^brudcrluttp l^cimifd^ mad^ten. aWcrftoftrbtg ip folgenber 
beutfd^ S)ru(f au8 SSmcbig: ,,2)a^ ©ud^ ber gel^ gc^ot". SSenebig. (Sx^cxt 
9iatboU 1483. goL SSietteid^t l^nbett e« ftd^ l^ier um ein ißrobuct nxilbeitrtfd^ 
Stteratur. 2)a8 S3ud^ totrb befd^ricben bon Älemm ©efc^reibenber Äatolog u. f. ». 
1884 @. 291. 

4) Uebcr ^oburgerö ouögebel^nte ©efd^äftöberbinbungen mit 2i?on mib bcm 
übrigen granfreic^ f. O. $afe 3)ie Äoburger @. 25; @itelberger Oucttcn" 
fd^riften gur Äunjigefd^. X, 173; »aaber, 3al^rbb* für tonjltoiff. 1868 @. 235. 



823 

©clci^rten, tote e« in bcn SKüttibctgct Dffictnen ftattfanb, i^eröor^ 
Zt^obtn. ©cit alten ^txten toax fclbft gtotfd^en ben gamtUen atter 
biefct SWännet ein btübetüd^et^ SSerlel^t fiblid^; Stnton Sobutget 
l^otte in bem $)aufe bc« Oolbfd^mieb« !Dörer bei beffen brüten ©oi^ne 
^ati^enfteüe öertteten unb in bem Snaben leinen anbeten att Sttbred^t 
©iitet auö bet 2:anfe gei^oben; ein ^auöfreunb Sobntgerö, SWid^ael 
SBol^Igenint]^, tontbe S)ütetö 8e:^rer. 

IDa toaten aber äuget ben Planten etften 9tanged nod^ eine 
Steige anbetet Sünftletfamilien ; j* SO. ba« Oefd^Ied^t bet Stng«, 
batnntet $an^ Stng bet Sieltete unb OüngeteO unb gubtoig 
Ätug, beö ge^teten ©ol&n. 6in gleid^geitiget ßi^tonift, toeld^et ben 
Subtoigßtug ^jetfönlid^ lannte, fagt tjon ii^m: „Sd^ IiJnntni(]^t et^ 
benlen, toaö biefent gubtoig fitug, oböetmelten Ätugen @o:^n, an 
SSetftanb bet ©übet^ unb ®oIbatbeit, im {Reigen, ©ted^en, @taben;^ 
©d^melgen, STteiben, SKaten, ©d^neiben, Sontetfecten foüt abgangen 
fein", ©etfelbe ftanb mit feinet Sunft im ÜDienfte $an8 Sobut^ 
getö, toeld^et il^m feine ätbeit „füt unb füt ablaufte", SWeubötffet 
fügt auöbtfidtid^ l^inju: „(Sx ^attz einen fd^atffinnigen Äopf ju 
^>§iIofop]^iten" 2)^ j)a toat f etnet bet ©olbfd^mieb $) a n « Ä t a f f t , 
»etcä^n im 3a]^te 1509 bet SKagifttat ju 5Rütnbetg ate @ttxwptU 
f d^neibet in Dienft nai^m ^). Slnton S:ud^et ftanb mit ii^m in ©e^ 
jiei^ung ^). 

Detfelbe 2:ud^et untetl^ielt aud^ mit©ebaIbS9aum]^auet; 
ben Sffbted^t ®ütet auSbtüdttid^ atö „guten alten SKalet" bejeid^net ^), 
fteunblid^e ^Relationen* 

3u ben Steifen bet SJud^btudet ge:^ötte f etnet §cinögtanlß). 
gcmct SBolfgang SRefd^, ebenfalls gotmfd^neibet unb alSSQu^ 

1) er l^rotl&ctc im 3al^re 1512 btc «arbara Sottljcr. i»äljerc i^ad^d^tm 
bei (gitclbcrger CueEmfd^riften gut Ämiflflcfci^* S3b* X (1875) @. I2lff, — 
gcmcr «aaber ©citrägc n. f« ». I, 37 ff.; II, 19 ff, „©ncr ber berühmteren 
(gtfcngraber ber ©tabt, fagt ©aaber II, 20, toar ©anö Ärug ber 5(eltere"* ®r 
crl^clt 1484 ©ürfler- unb 3Keiiier-9ledSt; er arbeitete für ben^nig bon Ungarn 
unb für (Sl^urf. gricbridf bon ©ac^fen. 

2) ©telberger a, O, ©• 124. 

3) ©oobcr »eiträge ©• 22, — (Sin ©an« Ärafft tourbe um 1527 al« ,,2:Sttfer" 
m^ StogSburg bertrieben. Stdm, ^dftxM. 8lef.-®efd^, ©• 62, 

4) (B. Soofe, ^nton Xixd^tx^ ©au«l^aU«bu(i^ @, 114, 

5) (gitdberger a, O, @. 180. 6) (Sitetberger a, O, @. 181. 

21* 



324 

tntnift unb SSetfcttiget Don ^olgfd^nittcn für SSctIeger t^ätigO- 
Slu^ctbcm feien l^ter cttoä^nt bcr ©ttbfd^m^er $)an« Satfet^) 
(obeT«afet),bteaÄetfteT5E^oma«ÜÄanetunb^etct5Erc(3^feI3). 

®nen belannten Flamen unter ben bamaligen SWimberger Äihift^ 
lern l^atte ©corg ^enj, toeld^er al« (Sei^Ufe in Dürer« SBert 
ftatt bejeid^net »irb^). 

gr^) toar naff befreunbet mit ben Srübern ^anö ©cbalb 
iöei^etm unb ©art^elöei^eim, ipeld^e allgemein afö bte tüd^^ 
tigften ©d^üler Dürer« gelten. ®ie gel^örten ber J)ielfad^ Dcrgtoeigten 
©teinme^famtüe ber Sel^eim« an, bte feit aften ^tütn al« ©ou* 
meifter unb ffierKeute in 5Kürnberg eine 8toIle fpielten. 



5Der SWittetpunlt, um toetd^en fid^ ein großer ®^eil bcr eBen 
gef(]^ilberten ^erfonen gruppirte, toar ba« §au« unb ba« Oef^ledjt 
ber S^ud^er nebft feinen naiveren unb entfernteren SSertoanbtcn 
tote ^ieron^mu« ^oljfd^ui^er, §ieron^mu« SBner, 6:^rifto^>]^ ©d^eutl 
unb 5lnberen. 

Dr. S:^rifto^)]^ ©d^eurl, beffen SWutter bie Joiä^ter f^erbegen 
Jud^er« toar, l^atte bi« jum Saläre 1512 eine ^rofeffur an ber neu* 
errid^teten ^od^fd^ule ju ffiittenJerg belleibet, toar bann aber auf 
im au«brüdtlid^en SBunfd^ 3lnton Siud^er«, »eld^er bamal« ber ein* 
flußreid^fte ÜÄann in SJiürnberg toar, in ben Dienft feiner SSotet^ 
ftabt al« ®^nbicu« übergetreten. 

3n bemfelben Sa^x 1512 l^atte ein anberer berül^mter S33tttejt^ 
berger ^rofeffor, Dr. Soi^ann Don @tau^)i|, fein ämt nieber* 
gelegt, ßr toar, toie feine greunbe un« berid^ten^ „unjufrieben mit 
ben 3eitt>er^altniffen" ^), b. ^. ein tiefer SBibertoiüe gegen ba« l^err^ 
fd^enje ©Aftern i^atte fid^ feiner bemäd^tigt. 

©tatt<)ife toor feit alten 3^^« te Silümberg tooi^t belannt; im 
Qaffxt 1504 l^atte er bort einer SSerfammlung oon äuguftinem 



1) ettclbcrgct a. D. @. 198. 2) «aaber 1, 5. 3) ©aober U, 110 n. 111. 

4) (gitdbcrgcr a. O. @. 137. 

5) ®. $en3 maUe au(^ ein fdiXb be9 @ra9mtt9, tod(i^e9 ie^t gu SBmbfor 
(SaftU ftd^ beftnbet* ^oUrnanit ^otbein <@. 290. 

6) Q^nfiopl^ ^Sfmxi \dfcdU iD'litte October 1511: Doctor Stanpitz etipse 
temporum pertaesus abeandi petit consensum. 






325 

^)tä|tWrt^ »eld^c Bcfd^Ioß, bcn OtbenöBtübcm ba« ©tubtum ber 
$)etltgen ©d^rtft and $)eti au legen. 

SBei btefen ©efu(ä^n i^atte @tan}>t| aud^ mit 8lnton2:«d^er 
intime ©ejic^nngen angelnü^jft; bet leitete berjeid^net in feinem 
uni eti^altenen f^anSfycitSbviäf'' fotooi^I in ben 3a:^ren 1508 \oxt 
1511 unb 1517 ©efd^enle, bte er biefem gemad^t i^ot 

9ltö ®taupi^ \xäf i^on feiner IGSittenBerger ©tellung lodgefagt 
i^otte, moren tS bie Slürnberger greunbe, benen er fid^ auf ba« 
engfte anfd^Ioß* ,,@o oft er lonnte", fagt Zff. Mit, „fud^te @tau|)i| 
bie Blfii^enbe JReid&öftabt au^" ^). (Sx lebte öon ba an, mm er fid^ 
nid^t auf {Reifen befanb, in 5Rörnberg, ÜKfind^en ober ©aljburg unb 
loenn er aud^ ntd^t, ä)ie eüoa gleid^jeitig Sradmud, fid^ unter ben 
Sud^brucfcrn unb ®efd^aftd(euten ganj ntebertteg, fo »ar i^m bod^ 
lein Stofenti^aft lieber ate ber unter ben ^atriciern 9iürnberg8* 

@o toar ©taupife aud^ im §erbft bc8 Sai^reö 1516 einer ©n^ 
lobung biefer fjreunbe gefolgt^ unb ed ift intereffant gu fe:^cn^ toie 
innig baö aSerl^ältnig ber 5RümBerger fiaufleute unb Sünftler ju 
bcm geleierten S^i^Iogen fid^ geftaltet i^otte, ÜKänner toie !Därer^ 
^otgfd^ul^er, (B&ner, 2:ud^er wetteiferten in greunbfd^aftÄejeugungen, 
unb bie SRcben, bie ©tau^jife i^ieft, fanben ein bcgeifterte« ^ublifum. 
Man geid^nete fie auf unb fie U)urben fofort in lateinifd^er unb 
beutfd^r ®pxa^t bem ©rudt übergeben 2). 

!Cer Sni^aft berfelben geigt, ba§ e« bie Uebereinftimmung in 
ber religiSfen grage toar, toeld^e bad SSanb gtoifd^en ®tau^)i^ unb 
bem SWlmberger Greife gelnilpft ^atte, ©d^on Dor gütiger« äuf^ 
treten ftanb bie rcUgiöfe grage burd^au« im SSorbergrunb ber S)i«^ 
cuffion unb e3 ift begeid^nenb, baß fid^ bie @pifte Don ©tau^jift' 
gctftt)otten Sieben fei^r fd^arf gegen bie römifd^e Sird^e feierte. Unter 
bem 2. 3anuar 1517 fd^reibt ©d^eurl unter bem ©nbrudt ber im 
SBinter gehörten "iprebigten be^ ©taupi^ an Sutl^er : „©nige nennen 
ii^n einen ©dritter, ja, bie B^^^S^ *^^^ ^auluö, anbere einen |)erotb 
bc« etjangelium« unb einen toai^ren ©otte^gele^rten" ^) unb am 
22^ 3an. beffetten Saläre« Derfid^ert er bem ©tau^Jtfe felbft: „(Serabc 

.1) Äolbe 2)ic bcutfd^e augupmcr- Kongregation unb Sol^, b, @tau:|)i!5. 
®Otl^ 1879 @. 256. 

2) @c^curt8 «Ttefbuc^ 11, 2. 3) 'ä. O. II @. U 



326 

bic etften in 5RömBetg f^Jted^en üBer Wd^ am metften in bew @inn, 
ate fcicft bu bctjcnige, totläftx 3«tael retten toitb"^)* 

(£« treten miti^in Bereit« öor ßnti^er« Slnftreten in SöimBerg 
Senbenjen gn 2:age, toeld^e eine ©efreinng be« „ertoäl^Iten SSoHe«" 
au« ber „Bab^lonifd^en ©efangenfd^aff ' int Singe i^aBen. 2Bar bte« 
nid^t ein (Sebanle ber „©rüber", bie nian ffialbenfer nannte? 

®eit Jenen ^rebigten tooni Saläre 1516 fe|te [xäf Bei ben 
9tömBerger i^reunben nnb in ben t>on i^ier an« Beetnfün^ten Reifen 
küirKid^ bie C^^ffnung feft, ba^ in ®tan|)i| ber ä3orI&nt))fer einer 
großen religiöfen öetoegnng getoonnen fei, nnb e« ift mertoürbig, 
bag bie SiümBerger ^atricier fid^ gn einer Keinen ®emeinbe tm^ 
Banben, koeli^e ©d^enrl un« unter beut Planten ber ,ySodalitas 
Staupitiana^' t^orfftl^rt 

Wst 1. 3an* 1518 fenbet ©d^eurl eine (Sinlabung an ®tau))i| 
unb gieBt an, baß er biefelBe im Flamen ber „Sodalitas Stanpi- 
tiana" au«f^5red^e« SBer toaren bereu SÄitglieber? ®(3^eurl nennt 
un« glüdli($ertt)eife i^ier m\> an anberen ®teQen ii^re Stauten: 
,,Pater patriae Anthonius Tücher, Heronimns Ebner, 
mel et deliciae yel certe margarita populi Nombergensis, Cas- 
par Nuzely homo grayissimaSy Heronimns Holzschuher, 
Andreas et Martinas Tücher, Sigismundns et Chri- 
stofferns Furer, Lazarus Spengler, Albertus Durer, 
Germanus Apelles, Wolfgangus Hoffmann et ego im- 
primis"- !Diefe gifte ift fei^r intereffant anton Znö^tt ftel^t i)oran; 
er ift ba« ^^vcpt ber gangen gartet S)ann finben fid^ no(^ gtoet 
SDHtgUeber berfelBen ganiilie 5£u(ä^er unb fiä^Iießlid^ außer iBörcr 
unb einigen Slnbem fold^e Stauten, bie in S^ud^er« i$autiliengefd^i$te 
fid^ fäututtli($ biirften nad^toeifen laffen« ®($eurl toieberi^olt, tme 
gefagt, bie Stauten i^äuflger; immer leieren in ber gifte bie 2;ud^r« 
unb «IBred^t SDürer toieber, aBer niemal« toirb ffiiaiBaß) ^fa* 
i^cimer genannt 

SBcnn man nun bie religiöfen Sbeen lennen lernen toitt, tüte 
fle in ber gamilie 2;ud^er unb bereu aSertoaubten bamal« öor^err* 
fd^eub löaren, fo töirb man bod^ nid^t umi^in lönnen, auf We 



1) IL D, n, 5. 



327 

Srabtttotten ju tocttoeifen, todäft in bicfcm alttoalbcnfifd^en 
©cfd^Icd^t überliefert toaren* 

§at nun toießeid^t ©tau^Ji^ eben tiefen 3been nai^e geftanben? 
3tt ber 5C^at mn^ ©tau^ji^, toie vSf an anbere^ ©teße nad^getoiefen 
i^abe 0/ unb toie fid^ unten no(ä^ nöi^er ergeben toirb, aW äni^änger 
ber „alteDangelifd^en ©emeinben" betrad^tet toerben. 



g« ift un8 oben bereit« bie enge SJerbinbung entgegengetreten, 
toeld^e bie 5Jlürnberger SSud^bruder unb Sfinftler mit ben gleid^en 
Greifen in SSafel befa^en« S8 gab eine ^t\t, too bie festere ©tabt 
t)on ben Mrnberger großen Käufern mei^r ober toeniger abi^ängig 
fc^ien; aber balb überpgelten bie 5lo(!^tergef(i^äfte ben SKutterfife 
unb um ben SSeginn ber ^Reformation toar SSafel für ben Söuäf^ 
brud unb SSud^i^anbel burti^auö ber t)orne]^mfte Ort im ganzen 
beutfd^en ®|5ra(i^gebiet 

SBir i^aben bie bebeutenbften girmen, Slmerbad^, groben, ^etri, 
bereit« genannt 3ltUn biefen etabürten \x^ frül^jeitig eine JReil^e 
anberer, jugleid^ ti)i[fenf(i^aftli(3^ gebilbeter toie gefd^äftlid^ tüd^tiger 
5Kanner, barunter ^ami)]^ilu8 ®engenba(i^ 2)^ Slnbrea« Sra^ 
tauber^) unb aSalentin Surio^)* 

©en aSertrieb ber ©üd^er, toeld^e in biefen ©rudereien i^er^ 
gefteüt tourben, beforgten frül^ jettig befonbere girmen, j. ©• ß o n ^ 
rab 9ief(^, 3o^. SBattenfd^nee unb 3ean SJaugri«, ein 
S'Zeffe ber beiben oorgenannten* 

aSon jel^er i^atten bie SSafeler ©efd^äfte fei^r intime SSejiei^un* 
gen ju g^on unb ® öbfranfreid^ bef eff en ; jai^Ireid^e iBeutfd^e tooi^nten 
bort unb l^atten \xä), toie j* 58. ber 5Rürnberger 3o]^* Äleeberger, 
ben man ate ben gugger gi^on« bejeid^nete, eine angefei^ene ©tel* 
lung ertoorben* 



1) $i1iorif(ä^« Safd^ttbttd^ VI. gotgc »b. IV @. iiöff. 

2) S^ßl. ba« erf(^8:|)fcttbe Scrl: Ä. ©ocbelc, $am^}l^ilug ©cngenbac^. 
^annoi[>cr 1856. 

3) Ucbcr (Sratatiber ejrtfütt leiber leine mono0ra<>l^if^e Slrbeit, objcol^t er fic 
fel^t ijctbientc — SBir »erben il^n unten öicJfati^ ju nennen fyxben. 

4) Ucber Surioö intime ©ejiel^nnöen ju 3tt>iKfi^i !• SöJi^fittS Epp. I, 134 
imb 260, 



828 

^efonber^ innig toaxm unb Uxtitn Soff. Woxtxlaäf^ ^egiei^un^ 
gen jnm ©üben« ©ein ©ol^n ^onifaciu^; totläftx mit $utten Be^ 
ftennbet toar, ^at pd^ Salute lang in äöignon anfgei^altcn ; bei feinet 
legten Äntoefeni^eit bafeftft tool^nte et in bem $aufe be« 35. ÜRon^ 
tagne« iDiefer toar ein üBettoanbtet bc« naiä^maW fei^r belannteu 
granj gambert iJonäDignonO; »eld^er ingoige feinet ^itu 
neignng jnm SBalbenfetti^um, toie »it feigen toetben, an« gtont 
reid^ pd^ten mn^te nnb im Salute 1522 in S3afel ©d^nfe fud^te. 
• ©et S^onet SSnd^btnd toat ebenfo toie bet SSenebiget lange 
3eit Dottoiegenb in bentfd^en ^änben. 3n etftgenanntet ©tabt l^attc 
3o]^*2:te(ä^feI f(3^on feit 1487 eine 35tndetei befeffen; feine ©öi^nc 
Saf^)at nnb SWeld^iot füi^tten im beginn be« 16* Sai^rl^nnbettö bad 
©efc^äft etfolgteid^ fott ©ie unterl^telten ben tegften SSetlei^t mit 
©afel nnb C^an« ^olbein toat e«, toeld^et ffit il^te SSetlag^ 
atttlel bte ^oljfd^nitte anfertigte 2). 

©affelbe intime SSerl^ältnig, toeld^e« toit in Sftürnbetg jtotfd^cn 
ben S3nd^brndern nnb Sünftletn lennen gelernt l^aben, i^atte ftd^ 
in SSafel anSgebttbet« SKit SRed^t f agt S. Sd. 8ord öon jener ^ertobc 
be« ©afeler ©nd^brnd«: „©elten ^aben SBiffenf d^aft ^ Ännft unb 
5led^nil brüberlid^er jufammengetoirlt att bort"* 50ianncr tote §and 
^olbein, ©urgimeter, Ur« ®raf unb bie fd^on genannten Sünfticr 
©d^äuffelein, §an3 grani n. 21. arbeiteten i^ier jufammen ^j. 

$an3 granl gei^Brte, tote toir jufatttg totffen, ber SSrubet' 

f^ä^^ft nB^^ ^tmmel" an*) unb e« lann lein 3^^^!^^ f^"/ 
ba§ toir l^ier eine ber uralten ^üttenbruberfd^aften oor unö l^aben. 
S« ift fel^r toai^rfd^einfid^ , baß bie S3ruberfd^aft „3^^ ^xvxmd*' 
ate „Siebl^aber beö ^anbtoerW" aud^ bie S3ud^brud(er, bie toir g^" 
nannt i^aben unb einen ^dl ber ©elei^rten, bie toir lennen lernen 
toerben, mit umfaßte. 

Site SDittarbeiter unb Sorreltoren i^rer frcmbfprad^igen Serie 
toäl^Iten bie SSerleger gern fold^e ©elei^rte, toeld^e ben ©tanb^junft 
ber Dffidn tl^eilten, unb e« finben fid^ ©eif|)iele, baß bie ®e* 

1) ©erminiarb Corresp. des Ref. II, 116 SCnm. 3. 

2) m^m^ hierüber bei SBoUmann ^. $o(bein Zpi. 1874 I, 225 f. 

3) ^anbbttd^ ber ©efd^. ber i^u^bnuferfmtfl. S^}. 1882. @. 136. 

4) iRagUr 2>ic SWonogrommipen HI, 313. 



329 

fd^äft^ini^abet au(^ in getfttger iSejtei^ung einen (Sinfüu^ auf tl^e 
a»itarbeiter ausübten 0- 

So^. ämerba(3^ i&atte nod^ in ber legten 3eit feine« SeBen« für 
feine Dfflcin ben gelei^tten SSeatu^SR^cnann« gewonnen, toeld^er 
mit XÜxxäf Sö^ingK befreunbet toat^). tod^ ber granciöfaner ^el^ 
Ucan, toeld^cr jn Xfibingen mit 3o^- öon @tau^5i| ©ejiei^unaen 
angcinäpft i^atte, toar bamate bei «merbad^ t^ätig^ 

3m 3a]^re 1514 toar e« bem Soff, groben gelungen, gegen 
bebeutenbe a5erf^)re(ä^ungen ben berüi^mteften ©d^riftfteßer ber 3eit, 
ben iCefiberiu« (graömuö, ju beftimmen, feine Si^gleit in 
ben !Dienft ber berüi^mten Offidn ju fteüen ; groben nai^m ben @e^ 
leierten, ber ol^ne fefte ©teßung nur öon feiner geber lebte, in 
feinem $ciufe glänjenb auf unb (Sra^mud füi^lte fi($ in ber neuen 
©tettung fei^r todffl^). 

3n ber Dfpdn be« Sratanber unb nad^mate be« Surio 
toar ferner ate ©efd^äftWi^eilnei^mer unb Sorreltor ein Junger ®e^ 
le^rter, ber SKagifter ^anö ÜDcnd^), ti^ätig. 

@r ftammte au« ©aiem^) unb toar in jenen ©ren^gegenben 
be« aSöi^mertoalbe« geboren, in toclc^cn nod^ um 1517 nad^toeiölid^ 
jal^lreid^e ©rübcrgemeinben ejrfftirten. 

Sben biefclben SJeri^äftmffe, toeld^e jene öud^bruder unb ffünftler 
au^ Dberfranlen ^) na^ ©afel gefüi^rt i^otten, ioaren eö fid^erlicä^ 

1) 3ol^. DecolanUJOb mx feit ^oi>. 1522 bei «nbrea« (Sratonbcr befdJSftigl 
mi^ »oljtite in bcffcn ©aufc. Sß« er enWid^ im 3al^c 1525 rine fcfle ©tettung 
im ftr^Ud^en 3>ienp erl^altcn l^attc, f^ricB er cmfatl^mcnb <m 3*J>i^fli^i-' »A. Cra- 
tandro über ero". ©cß Oecokm^xxbS ?cbcn @. 443. 

2) Zwinglii Epistolae Opp. VII, 174 Tt. ©ttccr an 3tt)i«gU d. d. 1521 Wlai 23: 
Mnniceps et Patronns meus est amicissimus tibi Beatus Rhenanus. 

3) gäbet ©to^ttlcnftg an 2)ef» ©ramuS d. d. 1514 Oct 23: »überiore laetitia 
animum meum opplevit, quod te intellexi in Germania apud typographos yersari''. 

4) 5Der ^amt lommt foiöol^l in biefcr afö in ber @(^reibnng ^anS Ztnd 
ober jCenl i>or. ^ang ^nt unb ©anS @(^tof|cr, bie il^n ^erföntnij lanntcn, \pxtdfm 
rcgelmSßig bon ©an« Kcntf (ätj^r für e^toaben unb iRcuburg 1874 (g. 223 f[.)- 
@r fdbp nennt ftd^ ©an« 5Dcnct $. ©engl ober Sol^ann S)enL 

5) Sol^. Äeglcrg ©abbat)^ (SWittl^eitungen beS l^ip. SJercin«' b. @. ©allen 

1866) I, 280. 

6) ^nd^ 2)eutf$e an9 SBi^l^men toaren in ben ^afeter ©rucfereien frül^seitig 
befd^ftigt, 8. ©. ip ©icgmunb ©cteniuS au« ^rag 30 3aljrc tang bei amcr«« 
baId^««groben 3nfi)eltor gctoefen. ©eß, (gra«mu« II, 374. 



330 
anäf getoefen, toeld^e bie Uel&crfiebclung Dcnd^ botti^tn UtsAät 

^0^. DecoIam|)ab bcrtd^tet uttö^), bag üDend fd^on 1515 ®e.^ 
legeni^ett i^atte, an ber JC^ättglcit jene« „ctaömifd^cn ftretfe«" Zfyül 
ju nei^men, tote et fid^ fett 1514 gebtlbet i^atte« 

äußer SRi^enanuö urib ^eßican gei^öttett eben btefem Steife in 
jenen Saluten noc^ ^einttd^ Sottti auö ®Iatuö, genannt ® latean 2), 
bet ein tntintet gteunb beö jungen ^Mäftx ^atticiet« Sontab 
®teBel toat^), bet Junge SWebetlänbet SWtc^ixel ©entinu«*), 
toe^et mit !Bend in nal^et gteunbfd^aft lebte, bet ©ngfönbet 
Kid^atb Stocu^ unb öot3lttem335oIfgangSa^)ito unbSo)^* 
DecoIantj>ab an*)« 

!Die beiben lefetgenannten ftanben ben ©ud^btudetn Statanbet 
unb ßutio fei^t nai^e« SBit ettofil^nten fd^on, baß DecoIant|)ab in 
ßtatanbet^ C^au« langete 3^tt gelebt l^at, unb e« ftel^t feft, bag 
6a^)ito mit ßutio befteunbet toat®)« 

!Da8 t)otne]^mfte 3nteteffe biefeö Steife« concenttitte \^ auf 
ba« 5Reue Jieftament unb auf bie SBiffenfd^aften, toeld^e gum teerten 

1) £)ecotam)>ab fd^reibt am 2h.%)e>xiX 1525 an SBiHiboO) PrU^ec: „Denckins 
a me nullum yenenum hausit, si veDennm hausit. — Audivit aliquot lectiones 
Jesajae. Sed quales illae sinV, judicet lector. Nihil impudentius Ulis dixi. 
Et noD opinor, multum in illis yeneni. Praeterea de encharistia quam timide 
locutus sim, sciunty qui audierunt. Sed cum Deuckio nihil: tametsi ab- 
hinc decennium est (olfo 1515), qaum multa super ea re a doctissimis 
quibusdam inter angulos referri audirem, aquibusfortasseetilleaudiit". 
^erjog OtccL II, 273* 

2) @ra$mu9 l^telt fel^r ^id ^on il^m; im Saläre 1517 gab tc x^m ein (Sm« 
:j)fel^tung$fd^reibm nad^ $ari$ an ben ^ifd^of @tet)l^an $ond^ mit 

3) SSgt 3»)ittgft Epp. 1, 157 n. öfter* ©tarean fd^reibt am 29» 2)ec* 1522 
an B^ingÜ: Saluta nomine noströ G. Grebelium, Job. Jac. Ammanum... 
Dominos multis ab annis mihi cognitos**. 

4) SWid^el ©entinuS »ar einer ber bertrautejien grcunbe 2)emf3» S5gL 
ÄeXXer, (Sin 2t|30fiet ber Sölcbertänfer @. 253, »o ©entiuu« bon 2)end felbp 
al8 fein intimper SSertranenSmann bejeid^net totrb. 2)en(! ifl \^ict in beS Sen- 
ttnn9 $an$ geworben* 

5) Unter ben ©tnbirenben ber^afeler^od^fd^ute befanben {td^ nm ba^Sol^r 
1514 Conrab ©rebel an« 3üri(^, ^etrn« SoffanuS cat^ 3WeStt,3toberc 
(^erminjarb Corresp. des Ref. I, 250 2lnm. 1). S3eibe traten f^>äter jn bem 
era^mifd^ ^eid in nabe ^e^iel^nngen« 

6) ^m 21, 2Kai 1523 fd^reibt SSat (Snrio an (£a^)ito nad^ ©traßbnrg: 



331 

S5etftänbnt§ bcffcften noti^toenbig toaxm, gumal auf Wc grie(ä^ifd^e 
®pxaäfz unb ©rammatit 

gta^mu«, tocld^er nc6en SReud^lin ate öotnci^mftcr ©efärberer 
ber zxxtäfx^^m (Stammatil gött, ^^flegte g^^fti^^ f^tne Begabteften 
<SäfüUx auf btcfc« (SeWct l^iujulcnlcn* 

3tt SBÜTbigung bet au^gcjcid^uctcn aSoratBciten , toeld^c bct 
®rie(3^e Jii^eobot (Saja auö JD^effaloutd^ (f 1478) in feiner (Staute 
matil^) gegeben i^atte, i^atte (graömuö im Saläre 1516 ba« etfte 
Sduäf biefeö größeren SBerK mit lateinifd^er Ueberfetjung bei groben 
erfd^einen laffen* 

3n bemfelben Saläre gab ber oben ertoäi^nte ßrocuö baö öierte 
SSud^ be^ ®aja in 8et|)jig bei ©d^umann l^erau« unb ein anberer 
©d^filer be« graömuö, ßonrab ^txt^iaäf^), ffklt im SBinter 
1521/22 über baö britte unb öierte ©ud^ SSorlefungen* 

@ö fel^Ite mithin trofe ber 2:i^atigleit öieler ©elel^rter eine ®e^ 
fammtauögabe ber Dier SSüd^er unb eö öerbient S3ead^tung, baß 
SDend eö toar, toeld^er eine fold^e im ®e|)tember beö Saläre« 1523 
in ©emeinfd^aft mit 35alentin Surio beforgte^)- 

Sluf bem Xitel ^at ÜDend fid^ burd^ folgenbeö ©iftid^on al8 
Herausgeber gelennjeid^net: 

Ävayvwary /Jiyxiog. 
jiovog Sang igäg yXvxsQr^v xr^noio ri^vriv 
Tavrd aoi evoöfiov ßißUa dijxe qoöov. 

Statuebam bis diebus, te invisere atque de nostris communibus 
rebuspraesentiloqui, sed vide nuntiatur hodie : Gonradam Heresbachium, 
officinae jam meae Maecenatem postridie adfuturum, quem in rem meam de- 
sideratissime jam exspecto; proinde me excusatum tuae praestantiae spero 
etc. ffioUer« (Sonrob b, ^crc^badj. ©tberfclb 1867 @. 33. 

1) Introductivae Grammatices libri IV Yenet. 1495. 

2) (Sj>ntab ^edbad^ l^tte p S^ol. (Surio n&l^ere Begleitungen; (Snriobmcfte 
im SWSrj 1523 an ©ud^ ©cre^bac^S. ©♦ ^anjcr Annales Typogr. 

3) Theodor! Gazae introductionis grammaticae libri quatuor, una cum in- 
terpretatione Latioa eorum usui dicati, qui vel citra praeceptoris operam 
Graecari cupiuot Ubi quid expectes sequentis pagioae indicat epistolium; — 
Basileae An. M. D. XXIII. 

©n @a?em^lar bicfcr 2(u8gabe bepnbet ftd^ in ber ^gt Untb.*©tMiotl^er gu 
SWarburg. — 3)icfeg SBuä l^at f^)Sterl^in eine große 3al^l bon Sluftagen erlebt 
(Sine (Sbttion erf(^ien gu (Söln im Saläre 1525, gtoei gu^artS (1529 nnb 1534), 
brd au S3afet (1529. 1540. 1541) unb eine gn S^enebig (1534). 



332 

unb bad SBetI fel6ft, ipelc^ed übrtgend naäf bet ®itte ber ^6t au(]^ 
eine aSotrebe be^ Drudet« enti^ielt, i^at et mit folBenber latetnifd^er 
®txop^t eingeleitet: 

Graecamm Literarnm studiosis Johannes Dengkios. 

Heus puer, heus juTenis, heus tu quoque caua senectus 

Quae cupis in Grajo uare reuare sinu, 
Brachia cujus adhuc fluctus iodocta marinos 

Pellere, sublimem ferre per alta negant. 
Ecce tibi cortex, qui te, dum Hbera possint 

Brachia per Syrteis, per vada tuta vehet 

era^mu« fd^teibt im Salute 1516 an ©opibuö: „Säf fd^eine 
mid^ in einem fötmlid^en SKufenfi^e gu Befinben, fo Diele ©elel^tte, 
ja, fo Diele auögejeid^nete ©elel^rte fel^e id^ um mxäf. Seiner, bet 
nid^t lateinifd^, leiner, ber nid^t griec^ifd^ üerftel^t 35ie SKeiften 
Knnen aud^ nod^ i^ebräifd^"« 

„5Der ©ne", fä^rt er fort, „ift in ber ©efd^id^te, ber »nbere 
in ber Ii^eologie, ein iCritter in ber SWati^ematil, ber in ben 8ffter= 
tpmem, Sener im JRed^te erfahren* 2Bie feiten ba« fid^ trifft, toeigt 
bu felbft ; id^ toenigften« l^abe eö nod^ nid^t erlebt, in einer fo glüct» 
lid^en ©enoffenfd^aft ju üerlei^ren* Unb loa« nod^ mei^r inö ®e^ 
toid&t fättt, ift bie SReinl^eit ber ©efinnung bei allen, bie 
^eiterleit beö aSerlei^rö unb befonber« bie gintrad^t"* 

Da ift eö nun merftoiirbig, ba§, toie Decolanqjab in beut oben 
ertoal^nten ©riefe an ^irl^eimer öerfid^ert, in biefem Sreife eine 
ber toid^tigften 2)octrinen ber f|)äteren reformirten unb täufcrifd^n 
©emeinfd^aft bereit« im Saläre 1515 vorgetragen toorben ift & 
ftimmt bie« überein mit ber anbertoeit beglaubigten 5Kad^rid^t, ba§ 
fd^on im Saläre 1514 fotooi^l ^eüicon afö Sa|5ito bie Sluffaffung 
ber römifd^en Sird^e Dom Slltarfacrament Dertoorfen ^'itkxu 

Decolantpab toar im Saläre 1515 biefer „Äetjerei" nod^ nid^t 
DerfaHen. Sraömuö Derfid^ert in einem feiner ©riefe, baß üfym unb 
feinen greunben Decolauqjab „burd^ feinen Slberglouben" 
läftig getoorben fei^). (Sauj pUijl^ legte Oecolannjab feine ©tel^ 
lung in ©afel nieber unb ging balb barauf inö Slofter» 

aßir i^aben un« in ber eraömifd^en ©efettfd^aft, toie fie um 



1) $er}og Oecolam^ob^ Seben I, 122. 



333 

ba8 Soi^t 1515 beftanb, eine „Societas" ju benlen, totläft in tl^teti 
gotmen ben ,,©tuberf(ä^a|tett'' fei^r nal^e ftanb* 

3m §aufe groBen« unb natiltlt^ unter SDKttoitlung biefe« 
geleierten 3Ranne5 toerfanraielten fid^ bte greunbe unb l^telten i^re 
©i^ungen, beren JRefuItote und unten nod^ 6ef($äfttgen toerben. 

Sleugerft Bejeid^nenb tft bie Art, in toetd^er bie l&eröi^mten 
„!OunIeInianner^Söriefe" ben {Ruf fd^Ubem, ben biefer greunbedlreiö 
[xäf unter ben rSmif d^en Sll^eologen ertoorben i^atte. !Dort i^eigt eö : 

«Sed in domo Frobenii 

Sunt mnlti pravi haeretici" etc. 



3n bem SBerle, toeld^e« ®* 31. SBill im Saläre 1773 über bie 
©efd^id^te beö SlnaBoptiömu« öeröffentlid^t ^at, fagt er unter Se*' 
jugnai^me auf bie oben ertoai^nten SDWtti^eilungen DecoIant|3abd über 
SDendt: „S)iefe ©teilte betoeift jugleid^, baß bie toiebertäuferifd^en 
©rillen fd^on ungefäi^r um 1515 in ber ©d^toeij feien auö«' 
ge^edtt, bod^ nod^ immer i^eimüd^ gei^alten toorben"^). 

©elbft toenn man biefe SSei^auptung nid^t öoüftänbig aufredet 
erl^alten toiß, muß man einräumen, ba§ fie ettoad SBai^reö entl^att- 
!Die Sbeen bcö nad^maligen SCäuferti^umö finb bamafö gtoar nid^t 
„audgei^edtt" Sorben, aber fie finb bod^ in ben ftreifen ber „Sru^ 
berfd^aften", toie fie ju Safel efiftirten, Dori^anben getoefen. 
Um fie an ba« STagedUd^t ju treiben, beburfte e« nod^ befonberer 
SlnftBße, aber bem Seime nad^ »aren fie öori^anben unb jtoar nid^t 
erft feit 1515, fonbern feit uralten 3^iten. 

!Dendf erllärt in bem ®lauben8belenntni| Dom 16. 3an* 1525, 
bem er fein geben l^inburd^ treu geblieben ift, auöbrfidttid^ : „Sd^ 
l^ab Don Äinbi^eit auf Don meinen (SItem ben ©lauben gelernt"- 

5Riemanb barf mitl^in fagen, ba§ ber SWann, toeld^er für bie 
toiffenfd^aftlid^e äudgeftaltung ber nad^mate unter bem Flamen be6 
„Slnabapti^muö" belannt geworbenen Seigre bei toeitem baö SDieifte 
geti^an i^at, feine Sbeen erft um 1515 gleid^fam erfunben ober öon 
(5ra8mu8 unb Slnberen gelernt i^abe. 

S)ie gamilie Dendtö »ar, mag äöoifgong DendC $an8 DendCö 

1) »eintrage )Ut ©efd^iä^te be9 3lntiba^ti9mu9 1773 @« 14« 



334 

SSatctO ober Dnicl gctocfen fein, mit ber SBtubetfd^aft bet 
beutfd^en®teinmet5enaufba^ ittnigfte Detbunben* §ier toaxtn 
bie Sbeen bcr älteren „®emeinben" am treueften betoai^rt toorbcn 
unb nun tooüte eö bie aSorfei^ung, baß ber bort aufftetoai^rte ®hu^ 
benöfd^a^ auö ben ®ilben toieber i^erauStrat unb in ba^ ^äßä^t 
geben aurüdöer^^flanjt tourbe» !Die aWittelS^jerfon biefe« SSorgang« 
toar $anö Dend, ber beß^att unfer befonbereö Sntereffe in an* 
f^)ru(3^ ju nei^men geeignet ift* 



SBenn Döcar §afe in feiner ©d^rift über bie Soburger i^er^ 
Dorl^ebt, baß bie S:i^ätigleit biefer großen girma fid^ burd^ bie SuÜi^ 
öirung eineö ©ud^eö, nämlid^ ber S3ibel, lennjeid^net, fo ließe 
\xäf biefe SBal^mci^mung in bem SDiaße öeraflgemeinern , baß pe 
faft auf alle größeren beutfd^en S5u(3^]^änblerfirmett M 
15. Sal^rl^unbertö Slntoenbung fänbe. 

Sluö Äoburgerö ^reffen finb im Saufe ber Saläre ni(3^t Weniger 
ate breißig öerfd^iebene , Iateinif(!^e, beutfd^e unb böi^mifc^e S3ibet 
ausgaben i^erüorgegangen ; bi« jum Saläre 1500 i^atte er Bereite 
15 (gbitionen Deranftaltet* 

aber bie übrigen 35erleger ftei^en i^inter ii^m leineötoegö jurüd; 
laffen fid^ bod^ biö ^nm Snbe beö 15» Sai^ri^unbertö nid^t toeniger 
alö 98 öollftänbige lateinifd^e SSibeln nad^toeifen 2) -^ ganj 
ungerechnet bie toeit größeren ^af)lm tateinifd^er ^f alter, ©öan^ 
gelien, Sj)ifteln ober fonftiger 5C^ei^2lu8gaben ber S3ibeL 

Snbeffen ift für unö nid^t in erfter 8inie bie SuItiDirung ber 
lateinifd^en SStbel öon Sntereffe; Diel toid^tiger ift bie aSerbreitung 
beutfd^erSSibeln im 15* unb ju Slnfang beö 16* Sai^rl^unbert«. 

5Da nod^ im Saläre 1468 ber erfte Äird^enfürft beö JReid^e«, 
ber Srjbifd^of ©erti^olb öon aÄaiuj, bie aften SSerbote ber römifd^en 
Sird^e gegen ben ©ebraud^ beutfd^er ©ibeln erneuert l^atte^), fo 
barf man nid^t annei^men, baß treue ©öi^ne biefer ^rd^e fid^ baju 

1) 3oa(^im SJabian, toctd^ct öon 1502-1518 in Ocpreid^ (Söieu) Jcbt^ 
f ^ric^t mit ©cgug auf ©anS 2)ctt(f unb einige anbete gül^rer ber ,,2Äifer" ong* 
brücflid^ bonber „Glaritas familiae", burd^ »etd^e pe berül^mt gett>efen feien. 
@. güßUn SBcitrSge gut ^ipotie ber tird^enrefomiation V, 398. 

2) ^ain Repert. typogr. ©tttttg. 1826. 

3) 2)aö ißäl^ere bei ©iefeter ^r^engefd^i^te II, 4 @. 311. 



335 

öctftanbcn i^aBcn, in SBibetfi^rud^ mit ii^ten ftrd^Ud^en Oberen fitä^ 
gu fcfeen. 

& ift getoig, baß biejenigen Scannet, toeld^e e« toagten, beutfd^e 
©iBeln unter ba« aSotl ju bringen, nid^t fotoo^I ber römifd^en ftird^e 
al« ben D^j^jofitionöjjarteien naff ftanben^)- 

50ian i^at öon bem Umfang, in toel(3^cm bie beutfd^e SSibel feit 
bet Srfinbung ber ©ud^bruderlunft Derbreitet toorben ift, in Deutfd^i^ 
lanb getoöi^nlid^ ganj unjutreffenbe SSorfteKungen* 

e« finb jtoifd^cn ben Salären 1466—1518 nid^t toeniger al8 
Dierae^n öoUftanbige beutfd^e ©ibeln alten unb neuen 5£efta^ 
mente« in ^od^beutfd^er ©^jrad^e unb öier in nieberbeutfd^em SMalelt, 
alfo im ® an Jen ad^tje^n ausgaben im !Brud erfd^ienen 2) ; außer*' 
bem aber finb bi6 jnm Sa^re 1518 bie (Soangetten ettoa fünf unb*' 
Jtoangigmal, ber ^fatter biö ium Saläre 1513 ettoa breijei^nmal unb 
anbere jCi^eil-^ßbitionen in unbered^neter Slnjai^I l^erauögegeben toor*^ 
ben^ äud^ bie 3a]^I ber beutfd^en ^lenarien, b* ^. ber Qt^an^ 
gelten unb (gj)ifteln mit äu^Iegung, ift eine fei^r eri^eblid^e^ 

®d^on im Saläre 1494 tonnte ©ebaftian S3rant im „Starren«' 
fd^iff" mit SRed^t fagen: 

,M tonb fi^nt J?cS boK l^cttigcr flcfd^rifft, 
Unb koaS ber ©eelen l^ett antrifft, 
«iM, ber IJciligen Später Jer 
Unb anber bergtcid^n ©üd^ uicl^r". 

SBenn man nun biefe borluti^erifd^en beutfd^en ©ibeln, toeld^e 
in ben öerfd^iebenften beutfd^en ©tabten i^ergefteflt tourben, mit 
cinanber öergleid^t, fo ftettt fid^ bie mertourbige %^at\a^t ^txau^, 



1) 2)ic beutfdje »iM bon 1483 l^at mä^d SBol^tgerntttl^, SDürcr« Seigrer, 
mit ^otafd^nitten andgefiattet 9^eben bem {ünßlerif^en unb cutturl^iilorifd^en 
Sntereffe, »ctd^c« bicfdbcn barbicten, ftnb ou^ eingctnc ©arpettungcn fdbjl fel^r 
tnerltoürbig. 2)enn »cnn auf mcl^rcrcn SBitbem gur Sl^ocatJ?^3fc ber ^jl aJ8 
ba9 $aui|>t ber ©d^aren bargefleHt kotrb, meldte bon ben (SngeUt gef^lagen unb 
gcpürjt »erben, fo l^at man, toie t& feit alten Seiten gefd^el^eu ip, bartn in ber 
2:^t ben SluSbrutf eine« ©ebanlenS gu fu^en, »ie er bon ben Inl&ängem jener 
SSalbenfergemeinbe in 9^mberg, tod^ toir nad^etoiefen l^ben, gel^egt unb ber« 
breitet toarb. 

2) 2)ie (ginjel^citen b« ©• 8. Äraf ft Ueber bie beutfc^e »ibel bor Sutl^er 
S3ottttl883* — edjott Dr. a». gütiger unb bie bentfd^ «ibel. ©tuttgasss» — 
ftel^rein 2)eutf(^ SBibetliberfe^ung bor Sutl^er. @tuttg* 185U 



336 

bag fie ade, aBgefei^en t)on tnunbattUd^en unb äi^nUd^en ä3etf^ie^ 
betti^ettctt; unter cinanber iltxä) [inb unb ba6 fomtt eine ätt 
beutf(3^et SSulg^ta ejiftitt l^at 

!Biefe ffirfd^etnung toitb um fo Bead^ten^toetti^er butd^ ben Um^ 
[taub, baß bie ®ef(!^id^te btefer öorluti^erifiä^en S3i6elüberfefeung ^ 
Bi^ in ba« 14. Sai^t^unbctt jurM Detfolgen läßt 

!Det betül^nite Codex Teplensis närnUd^ bietet, tote 
oben bemetit, biefelbe Ueberfefeung bar, toeld^e in bet 
erften beutf(3^en gebrudten unb banad^ in alten folgen^ 
ben beutfd^en ntd^tluti^erifd^en ©ibeln fid^ finbct 

SBenn man iiäf nun baran erinnert, baß toir in bem genannten 
€obej nid^tö anbereö aW ein gormutarbud^ eineö (Seiftltd^n bet 
,,a9rubergemeinben" Dor unö i^aben, fo fällt Don i^ier au^ auf bie 
ganje ©efd^id^te ber beutf(!^en SSibelüberfefeung ein neue« 2\äft 

@« lag ja in ber 5Ratur ber ©od^e, baß bie Srubetfd^aften, 
toä^t inxä) iffxt 2;ij^>ograp]^en bie ©ibet t)ert)ielfältigen Keßen, bie* 
jentge Ueberfefeung auötoä^Iten, toeld^e bei il^ren ©otteöbienften feit 
atten 3eiten gebrandet unb gebiüigt toar. aber e« ift für ben fcften 
3ufammeni^att ber Sud^bruder mit ben „®emeinben" begcid^nenb, 
baß Seber nur bie öon ben SSätern übcriommene unb Don ber Zxa* 
bition gei^eißgte Ueberfefeung i^at rqjrobuciren unb in ben (Sebrau^ 
geben tootten. 

Unb anbererfeitö ift eö für bie SÖeurt^eilung be« ^n^ammta* 
l^angö ber atteüangelifd^en ©cmeinben, bie man „2:äufer" nannte, 
mit ben älteren ©emeinben toidjtig, baß aud^ jene fid^ nod^ bi« in 
ba« 17. Sal^ri^unbert im SSJefentfid^en nur an biejenige gorm bet 
beutfd^en S3tbel l^aben i^alten motten, toeld^e fd^on im 14* 3a^t' 
l^unbert bei ti^ren SSätern im ®ebrau($ toar. 



Unb biefelbe Srfd^einung, toeld^e fid^ bejügfid^ ber alttoalben^ 
fifd^en SÖtbelüberfetjung beobad^ten läßt, tritt bejfigßd^ ber jenigen 
giteratur ju 2;age, toeld^e an bie „(Sottet f renn be" beö 14. Sai^t' 
l^unbertö ongeInii|)ft ju tocrben ^)flegt, bereu toai^ren Sl^aralter toit 
aber oben lennen gelernt i^aben i). 

1) @$ ifl bie$ eine längjl Beobad^tete ^d^etmmg. Sanffen ©efc^tc^te bed 
beutfd^ SSotte 1,263 fagt mit ^ied^t: ,,a$icU i^ret (b,l^. bcrSWi^pUcr) »ijanb- 



337 

©otool^I in ben „©emeinbcn" toie in ben Äretfen bcr SBet^ 
SBtubcrfd^aftett toat btc ßttnncrung an bte gto^en SBottfüi^ter bet 
„SBrübet" au8 ber ^e\t be« Satfet ßubtoig fteW toac^ cri^aften toot*' 
ben/ 2lfö UWd^ toon ^ntttn im SKai 1520 jufaaig in ^om^i 
toat, fanb et bott in bem C^^wfe eineö SSütget^, Sfiä^enfelbet toat 
fein 5Wame, jn feinem (Srftaunen eine alte ^anbfd^rift, »eld^e teil' 
giöfe unb litd^lid^e 2:tactate an« bem 14» Sai^tl^nnbett enti^ielt; 
et entfd^lo^ [x^ fofott, ba et fi(3^ fei^t fijmpati^ifiä^ babntd^ betül^tt 
fui^Ite, einen si^eil bet ©d^tift bnt($ ben !Btnd jn öett)ielfälti8etti)* 

änf äi^nlid^em SBcge tontben anbete teügiöfe SCbi^anbtnngen, 
toelc^e, toie fid^ geigen toitb, in ben Steifen bet tömif^ gebilbeten 
Sil^eologen meift öößtg nnbelannt getootben toaten, feit bet Stfin*' 
buiig bet önd^btndetlnnft maffentoeife nntet ba« aSotl gebtad^t* 
$iet Iqnn nnt ©njelne« ettoäi^nt »etben^ 

aSot Slüem etnenette man fold^e SBetle toie ba« „SWeiftet*' 
bu(^" mit ben alteöangeßfd^en 8eben«tegeln be« golbnen 2183S nnb 
bie Keinen S:tactate obet ^tebigten, bie an Jianlet« Siamen an^ 
gelnil(3ft tootben toaten. @o etfd^ien ba« ,,aKeiftetbn($" in. ben 
Saluten 1498, 1508, 1521, 1522 nnb 1523 jn 8eit)jig, äng«bntg, 
SBafel n* f* to. 

SWan btndte bie« Sdn^ nid^t allein, fonbetn ^jnBUcitte jnglei(ä^ 
bie ^tebigten 5lanlet«* Slnd^ @e|)atatan«gaben eingelnet ©etmone 
Sanlet«, toie s* Sd. betjenigen übet bie SBotte S^tifti, bie fid^ 
Soi^^ 10, 1 finben, tontben im 35tnd i^etgefteüt getnet jog man 
©ebete an« feinen ©d^tiften an« nnb 8eben«tegeln, toonad^ 
bet „intoenbige nnb an«toenbige SKenf d^ möge tegiett toetben" 2) _ 
lutj, bet „etlend^tete iBoctot", toie et nod^ im 16» Sal^t^ 
i^nnbett i^eißt, tontbe nad^ atten SRid^tungen l^in toiebet an Sitten 
gebtad^t 

«ud^ minbet bebentenbe ©d^tiften bet „®otte«ftennbe" tont^ 



lungen unb ©ammtmigcn, SliiSf^rüd^c unb 3lcgc(n für baS befd^ouli^c ^eben, 
ctfcSiencn feit ber erftnbutig ber ©ttd^brutfcrftinfl in gal^trcid^ StnSgabcn; bc«« 
f onbcr« bie i>on ^, @eufe (@ufo), 3o^. 3:auter, Otto bon ^affau nnb bentfd^e 
Ueberfeftungen ber iRad^folge (£5rifH bon %^. b. Äem^jen". 

1) (Strang, Utrid^ bon $ntten II, 55, 

2) fetter Repert. typographicum No. 2708* 

«eller, üDie Deformation. 22 



338 

bell auf« 5Weue an« gid^t gejogcn* üDaruntct bie „Sluglcgung bct 
3c^tt ©ebotc" (toeld^e 1483, 1516 unb 1520 erf^ien)!), fmter ,,ba« 
Sbn^ t>on ben 24 5llten" (1480, 1483, 1500) «nb biete« anbete^ 

S)a fid^ Bei öielen biefer uttb äi^nüd^et Sbittonen bie SSetlefler 
au« guten (Stünben nid^t genannt i^aien, fo ift eö öotlaufig un* 
uiögft(!^, eine juDetläffige Ueberfid^t über bie iBruder, todäft fx(^ 
ber o^)|)ofitioneüen gitetatur annai^men, ju geben. 

3nbe[fett mug i^ict boc^ auf einige fünfte aufmerifam gemad^t 
iperben. 

5Der Äated^i«ntu« ber SSJalbenfet, ben toit oben bef^)tod^en l^oben, 
giebt, fotoeit bie iDrudet ber 2lu«gaben fcftftei^en, einen getotffen 
5ln]^aft«|)unlt für bie ©eurt^eilung be« ®tanb|)unft« ber Offtrinen. 

5Run ift e« boc^ nterftoürbig, baß bie gimten, toeld^e nad^ 
3ejfd^n)ife' Unterfud^ungen fid^ al« 5Drud(er be« Sated^i«mu« er^ 
mittein laffen, aud^ gerabe biefetten finb, toeld^e bie beutfd^en SSibeln 
i^ergefteflt i^abcn* ® o brudtte §an«®d^iJnf^)erger in äug«burg 
neben jenem gragebud^ bie 11. unb 12. beutfd^e ©ibel (1487 u* 1490); 
griebrid^$eij|)U« in 5Rürnberg, toeld^er, tt)ie toir fallen, bamol« 
im auftrage ber Äoburgcr arbeitete, fteüte (offenbar ebenfaö« im 
Sluftrag feiner 9lrbettgeber) eine anbere (Sbition be« SBalbenfcrbud^e« 
l^er. (Seorg (Saftet in ^toxdan, toetd^er fid^ „be« ©d^änfperger« 
SDiener ju 9lug«burg" nennt, brudtte toai^rfd^einlid^ eine brttte äu«^ 
gäbe be« gragebud^«, fidler aber eine 3l|)otogie ber böi^mifd^en ©ruber, 
loetd^e fid^ i^eute nod^ in ber örüberbibtioti^el ju §erm^ut eri^atten 
:^at^) unb anbere äi^ntid^e ©d^rtften ber böi^mifd^en „Äefeer". 

(Sanj ettoa« äi^ntid^e« tagt fid^ fobann bejügtic^ ber ©d^riften 
SEauter«, @ufo« u. SI. beobad^ten* 

!Bie 2lu«gabe Don 5lauler« ^rebigten, toetd^e im 3a]^re 1508 
erfd^ien, brudtte §an«Dtmarju 2lug«burg, berfelbc Dtmar, toetd^r 
im 3a]^re 1507 bie 13* beutfd^e SSibet gebrudft i^attc; beffen ®o^n 
©itöan Dtmar beforgte im Saläre 1518 bie 14, beutfdfe SJibcl. 

1) @(^ntibt, 3ittcolatt8 bon SBafel. mm 1866 @, 73 '^xm, 15. 

2) (Sijtt lurö unterrid^t bon bem ttrf^Jtuntf bct S3rüber in S3cl^mm lu f. to>. 
4», 8 ©t Stöitfcm; 3otg @apcL 



^o^am ton @tait|it$ itnb Dr. Wltatin Snt^et. 

@tau:|)i6 uttb bic attbcutf^c 2:i^cologtc. — ©eine crpc SScgcgtmng mit Sutl^cr 
jtt Erfurt — @tait|)i6 fül^rt Sutl^er gu Sautet unb bett „Tl\)^ftm'\ — 
Sutljcr« SBcgeiflcrttng fär bic „bcutfd^ 2:i^coIogctt" in ben Salären 1517 bis 
1520. — Sutl^ct toitb atö gül^rer ancrlannt. — @t(uM>ife' fernere Unter- 
ftü^nng Bis gnm Saläre 1521. — pö^id^e (Sriatong beS SSerptniffeS gjciWen 
Sutljer Uttb ©tau^i^. — SBer l^at feine Stnfc^anungen getoed^fctt? — ®ie 
@:t)altttng ber Station. — Urfad^en ber @^)attttn0, -— 2)ie Seigre i[>on ber 
Oenngtl^nnng iSl^ripi. — 2)ie 2öiIIen«freil^t — 2)ie (Srlenntnißqneaen ber 
tefigiöfen Söal^rl^eit. — Sutl^er« lir(^en^)oUtif(^e Slnfci^aunngen. 

35tc SBttlungcit ber (grneuetung btefct attbeutfd^cn gitetatut 
äußerten fic^ juitäd^ft natfirlic^ öortotegenb tn benjenigen Äretfeit, 
toeld^e pon jel^er bie öomei^niften Siräger berfelben geti>efen toaren, 
befottberö im beutfc^en ©ürgerti^um* Mm&fyli^ aber law e^ ba*' 
l^itt, ba§ aud^ eingelne ÜÄttgtteber beö geiftttd^en ©tanbe« ben 
®etft biefer Zfftoloik in fid^ aufnai^men, unb e^ traf jtd^ zlMlxäf, 
ba| barunter einige auögejeid^nete Scanner fid^ befanben^ toeld^e 
bie Säi^igleit befaßen, bie Sbeen ber SSörfal^ren in felbftänbiger 
geiftiger JRe^jrobuction ben 3^i^8ßi^<>f^it P t)ermitteln. ^u btefen 
©otte^gelel^rten gei^örte neben fielen Ruberen befonberö ber eble 
Soi^ann Don ®tau|)it5« 

S)ie Seinen ©d^riften, toeld^e <Stau^i^ int engften 9(nfd^Iu6 an 
bie Sbeen ber beutfc^en ,,üKVfti!" feit 1515 öeröffentUd^t l^at, ^oben 
bei SBeitent nod^ nidjt biejenige Sead^tung gefunben, toeld^e fie nad^ 
ber aSäirlung, bie fie ju ii^rer S^dt ausgeübt l^aben, toerbienen^. 
3m SaffXt 1515 pubUcirte er junäd^ft ein Heineö ©ud^ über bie 

1) 3. Ä.g. Änaale, »etd^er im Saläre 1867 benS^erfud^ machte (Johannis 
Staupitii Opera. Potsdam 1867. Vol. I) eine ntxit 3(u9gabe l^eraufleHen, l^at ben« 
felben wegen mangeinber 2:i^eilnal^me be« ^uMiftim« aufgeben muffen. - 

22* 



340 

,,9^a(ä^foIge ßi^rifti"- ©affette ctfd^ien bei m. Sotl^er in Sei^jgig 
— in bemfclbcn aScrIag, in toeld^cm btd 3a]^rc juDot eine St^jologic 
ber „SBalbenfet" etfd^ienen toat — nnb fanb rafd^ eine gro^e SSet* 
bteitnng; einige 3al^te baranf erlebte e^ eine jtoeite Sluflage* Sine 
ber gelefenften nnb toirinngööoüften Schriften jener Qai^re aber 
ti>nrbe be« ©tau^jife ©fid^Iein „SSon ber Siebe ®otte«", »elc^e^ ju^ 
erft im Saläre 1518 gebrndt toarb nnb rafd^ nac^ einanber bret 
toeitere Slnögaben erlebte* 

5Da8 Slnfei^en, toeld^e« (Stanpx^ in jenen Salären al8 aSor^ 
lännjfer für bie erfei^nte religiöfe SReform genog, ift oben gefd^ilbert 
toorben* 3m Saläre 1518 ^pxa^ Dr. ©d^enrl, toie ertoäi^nt, bie 
^offnnng. an«, ba§ ©tan^^itä e« fei, mläftx ba« „Soll 3«rael" auö 
ber ©efangenfd^aft filieren toerbe* 

eben Soi^ann Don ®tan^)i<ä toar e« benn, toeld^er im Saläre 
1505 anf einer ber 3nfpeItion3reifen, bie er ate ©eneraloicar be^ 
Slngnftinerorben« gu mad^en ^jflegte, in bem Sonoent jn Srfurt 
einen jnngen Drbenöbrnber, 5Ramen« SKartin, lennen lernte* !Oer 
SWönd^ toar in jenen Salären burc^ fd^toere ®etoiffen«bebenIen über 
bie gragen be« ©eeleni^eilö nnb ber SrfiJfnng bennrni^igt, unb 
©tan^jitä, ber baöon erfni^r, nai^m fid^ frennblic^ feiner an* Cr 
belei^rte ii^n, toie anöbrüdlid^ überliefert ift, baß ba« ©tnbinm ber 
1^* ©d^rift, fotoie bie gectüre be« Slngnftinn« nnb ber „SlÄ^fttler" 
ba« menfd^lid^e ©emüti^ am ei^eften jnm inneren gtieben ju füi^ren 
im ©tanbe fei^). 

ßnt^er felbft erjäi^lt nn«, bag nnter ben fd^nlmäStS^n 23^eo* 
logen feiner Sngenbjeit bie altbentf(3^e 5C^eologie Lanier« faft ganj 
nnbelannt getoefen fei; an^ er i^atte bi« bal^in nid^tö baDon lennen 
gelernt 2). 5Dic SBorte be« ®tan|5itä eröffneten ii^m bai^er eine ganj 
nene SSJelt nnb je mei^r er fid^ barein vertiefte, nm fo me^r tonrbe 
er baöon ergriffen, ja, er füi^lte fic^ toie nen geboren nnb nannte feit 
biefer 3eit ben ®tan|)itä in biefem ®tnn feinen „geiftlid^en SSater". 



1) Z^tol ©tttbicn tu Äritilm 1869 @* 192. 

2) Sic f cl^r Sutl^cr anfSngtid^ unter ber ^errfc^aft mtttcloltcrl^er religiBfcr 
SSorpcIIungcn nnb ©cfül^tc jianb nnb »tc er bitr^au« nur mit ben Sfof(^uungcn 
ber uitttelafterUd^ ©djolapil gen%t tuar f. bei 9»aurenbre<i^er ®cfd^. bct 
latl^oU^en Sleforraation. ^RiJrbltuflen 1880 »b. I, @. 158. 



341 

3m mSfldn Dom 2ttla§ fd^ilbctt gut^cr bte ©itlungcn, tocld^e 
SEauler Bei ti^m i^ctDotBrad^te, folgcnbcrmagcn : „Sa8 bcn gci^rcr 
Taulerum Mangt, ob er iUiSf ben Theologis in®d^ulen 
uttbelannt «nb beßi^alb bei il^nen öerad^tet ift, fo toei§ 
id^ bod^, ob er gleid^ burd^au« beutfd^ ift, baß id^ mci^r ber reinen 
gBttlid^en Seigre barinnen gefnnben, benn in aöen ©üd^em ber 
©d^uttei^rer anf aöen Uniöerfitäten id^ g^f^nben i^abe nnb barinnen 
gefunben toerben mag". 

a5on nnn an toar ßuti^er öon toarmer ©egeiftemng für SCanler 
nnb bie . altbentfd^e Sii^eologie erfüKt* 3n einem Sriefe an ®pa^ 
latin fd^reibt er: „3d^ bitte bid^ nod^ einmal, glanbe mir bod^ nnb 
folge mir unb lanfe bir ba« ©nd^ Spanier«, bajn id^ bid^ and^ jn^ 
öor bermai^net i^abe, too bn e« nnr immer belommen lannft* — 
üDenn ba« ift ein Snd^, barinnen bn finben toirft fold^e Ännft ber 
reinen nnb i^eilfamen Seigre, bargegen je^t aöe anbere Ännft eifern 
unb trbifc^ ift"- 

a5on biefem SJioment an i^atte bie giteratnr ber alteöangelifd^en 
©emeinben außer ®tau<>ife nod^ einen anberen a5or!äm<>fer gefun^ 
ben, toeld^er an Snergie unb Sntfd^iebeni^eit biefem toeit überlegen 
toar. gütiger ift e^getoefen, toeld^er in ben Salären 1517 
biö 1520 für bie Erneuerung ber altbeutfd^en Z^to^ 
logie baS SJieifte geti^an i^at. 

3m 3a]^re 1515 i^atte ein Slni^anger biefer Literatur bem gütiger 
bie $anbfd^rift eine^ Keinen iöüd^Iein« übermittelt, toeld^e^ ebenfalls 
im 14* 3a]^r]^nnbert entftanben unb, toie gütiger nad^i^er fanb, bon 
einem iDeutfd^orbendi^errn in granifurt »erfaßt toorben toar. 

gütiger l^ielt anfängüd^ bafür, baß SCauIer ber aSerf affer fei; 
er entfd^Ioß fid^, baffelbe burd^ ben ICrudt allgemein jugängfid^ ju 
mad^en, unb gab bem ®ud^, toeld^e« er oi^ne 2;itel öorgefnnben 
l^atte, in treffenber Seife bie SBeäeid^nung „S^n beutfd^ STl^eo*' 
logia'', um bamit, toie er fagte, aujubeuten, baß bie ©ebanlen 
ber ©d^rift ein d^aralteriftifd^e« ©genti^um ber älteren beutfd^en 
23^eologie feien. „3d^ banle ®ott", fd^reibt er, „baß id^ in beutfd^er 
3unge meinen ®ott alfo i^öre unb finbe". „®ott gebe, baß 
biefer SSfid^Iein mei^r an2;ag lommen, fo »erben toirfin^ 
ben, baß bie beutfd^en 2;]^eotogen oi^ne Sfi>tx^tl bie beßtcn S^eologen 



342 

finb". er jci^e batau^, ba§ aud^ boti^tn unb anber^too 8cutc gc^ 
tocfcn, bte tcd^t itltiftt i^ättcn^ nur i^abe man fic ntd^t gelaunt »)• 
Sic tief ber SmbtucI toar, ben bic ©d^rtft btefc^ ,,®otte«^ 
freunbcÄ" au8 granffutt bamaW auf ii^u mad^te, feigen tott ani 
ber S5orrebe ju ber (öoöftäubtgeu) äu^abe öou 1516, too Suti^cr 
fast: „^ tft mir uäd^ft ber ©tbel uub ®* äugufttno utd^t öor^ 
tomuieu elu SdnÜ^, barau^ td^ mei^r erlerut i^ab uub toiö^ toa« 
<§Jott, e^rtftu^, SWeufd^ uub aöe Diuge [eleu"* 3u etucm ©riefe, 
mit toeld^em gütiger bem ®^)alatiu eiu Sjem<>Iar feiuer erfteu 8u«^ 
gäbe fd^idte, i^ei^t e^: „flßmn e« bid^ erfreut, bte reine, tud^tige, 
uub ber alten äi^nltd^fte SC^eoIogie ju lefen toie fle in beutfd^er 
@<>rad^e ausgegangen ift, fo lanuft bu bie ^rebigten SCauIerö au« 
bem ^rebigerorben bir aufd^affen ; aber au« bief en Slöen f dfide id^ 
btr l^ter gleid^fam einen SluSjug. 3d^ i^abe toai^rlid^ toebet in 
lateinifd^er nod^ in uuferer ®<>rad^e eine Xi^eologic 
gefunben, bie i^eilfamer toäreunb mit bemSöangeUum 
mel^r übereinftimmte"^). 

ICiefe Siteratur uub Soi^annö^ öon ®tauj)ife um biefelbe 3eit 
erfd^eineube Meine ©d^riften toaren nad^ Suti^erd eigenem ®elenntni6 
bie Ouetten, beuen er nfid^ft ber ®ibel in feinen eigenen Sudlern 
bamal« am meiften folgte, 3m 3Jidrs 1518 fd^rieb er an @tau^)i^, 
er glaube ed tool^I, baß fein 5Rame bei bieten „ftinlenb'' getoorben 
fei; bod^ fei er nur ber 2;i^eoIogie 2;auler« uub be« 
©üd^Iein« S^f^^St/ U)eld^e8 ®tau:|)i^ t)or$ur3em in ben 
S)ru(I gegeben i^abe^). 

3n ber Z^at burd^toe^t aöe bie ©d^riften gütiger«, toeld^e 
jtoifd^en ben Salären 1517—1520 erfd^ienen finb — man i^atbiefe 
^eriobe mit {Red^t bie 3cit be« „großen reformatorifd^eu Seugniffe«" 
genannt — berfelbe 3^8 ^^^^ Sohlen« unb £)enlen«, ber un« in 
ber Siteratur ber „®otte«freunbe" entgegentritt ffienn man fid^ 
babon fiberjeugen toifl, fo lefe man g. S. bie „5lu8legung be« aSoter 



1) ^tittfd^e ©efammtouSgabe bon Suti^d @(i^riftetu Seimar 1883 1, 153. 

2) SL a. O. I, 152. 

3) bc SBette I, 102. — Äotbc (2)ic bmtfd^c augujHner-Sougr. @. 313) fagt 
in UcbcrcinjHtnmunfl mit Äöjlttii mit Sftcd^t, baß l^icr ©tau^ntf mäfida „^on 
ber fiicbc" gemeint fei 



343 

Unfct" öom Sa^re 1518 ober bic „SluSlegung beö HO* ^falm«" 
au^ bemfetten Sai^t ober Suti^er^ „^äftn^xtim ti>tber ble 23^eoIogte 
ber ©d^uKei^rer unb bie SEtäume beö Slttftotele^" (151 7). 

Sut^er i^atte, Beöor er bie beutfd^e ^tolo^xt lernten temte, 
bur^ bie SJüttel, toeld^e bie i^ertfd^enbe {Rid^tung im bamaUgen 
eierud ate ^cttdioeg begeid^nete, b. 1^. bur^ bie SSermittlung ber 
Äitd^e unb ber öon biefer borgefd^riebenen Seiftungen öergeWid^ öer- 
]viäft, 8um grieben mit ®ott i^inburd^jubringen. Sefet trat ii^m 
nun eine Ueberjeugung entgegen, toeld^e fagte, baß ba« $)eil an 
bie SUKttelung irgenb eineö fingeren !J)inge8 ober SBerle^ nid^t ge^ 
bunben fei, fonbern ba| e^ einen unmittelbaren SBeg ju ®ott gebe, 
bet in bem ©lauben an S^riftu^ unb bem ©ei^orfam gegen feine 
®ebote liege. 

3uglei(ä^ trat aber mit übertoältigenber Sraft bie Uebergeugung 
in fein ®etou|tfein, baß lein SWenfd^ au^ eigener Äraft aöein im 
©tanbe ift, ben fd^toeren ^fab ju toanbeln, ben ßi^riftud unö burd^ 
ben ©efel&t ber 5Rad^folge ju toanbeln öorgefd^rieben i^at; öielmei^r 
bebürf en toir Ijaju ber §Mf e uJtb SWittoirlung ®otte^, ber „®nabe". 

@o gelangte er ju ber ßrlenntnig ber Seigre, bie öon ba an 
ba§ ®runb<>rincit> ber eöangelifd^en SBelt unb atter ii^rer öerfd^ie^ 
bcnen Parteien geblieben ift: ©ir toerben oi^ne unfer SSer^ 
bienft unb oi^ne bie SWittel äußerer geiftungen unb ©nrid^tungen 
geredet au« ®otte8 ®nabe burd^ bie ßrlöfung, bie burd^ ßi^riftuö 
gefd^el^en ift 

e« traf fid^ glfidttid^, baß bie SCi^eoIogie beö 14. Sa^ri^unbert« 
feit fttnfsig Salären toieber ba« ©emeingut aöer berjienigen ICeutfd^en 
geworben ti>ar, bie ben nod^ öori^anbcnen „®emeinben" unb ben „Sru^ 
berfd^aften" ber beutfd^en SQSerKeute angei^örten ober nai^e ftanben. 

Sitte biefe «reife begrüßten jubelnb bie SEi^atfad^e, baß fid^ iefet 
aud^ unter ben fd^ulmäßigen Ideologen ber römifd^en Äird^e ein 
SWann fanb, toeld^er mit bem außerorbentUd^en 2:alent, ba« ii^m 
eigen toar, fid^ jum S5or!ämj)fer biefer giteratur aufmarf. Die 
Reiten fd^ienen toieberjulci^ren , too SWänner toie Spanier, ßdti^art 
unb aJiarfiftu« i^re gewaltige Stimme für bie 3been ber iörüber*' 
gemeinben eri^oben i^atten, unb nod^ lange Sai^rjei^nte banad^ fd^rieben 



344 

bie ßi^tiften bcr alten „©tübergcmcinbcn", ble man tnjtotfcä^ett al8 
,,2;äufct" Mutig öetfolgte, bcgciftctt bon ben [d^iJnen Saluten, bic 
im Slttfange ber {Reformation gciocfcn toarenO. SDIan cticnnt bie 
Stimmung bet Slation an ber 2:i^atfad^e, ba| bie „©eutfd^e ZXfto^ 
logie" in ben Salären 1518—1520 nid^t Weniger alö 10 Slu«gaben 
unb auflagen erlebte. 

©ad tief in ben ^erjen öon §unberttau[enben gefd^lummcrt 
i^atte unb aW [ei^nfüd^tiger SBunfd^ im ©tiflen gei^egt toorben toat/ 
ba^ [d^ien fld^ Jefet öertotrKid^en ju foöen: ber Sui^rer fd^ien ge** 
funben, toetd^er bie alten SWärt^rergemeinben au8 ber ,,baB^lont^ 
fd^en ©efangenfd^aft" in baö 8anb ber iöefreiung fiteren toerbe* 

mdffaUM unb öoö »ertrauen toarf fid^ bie SWajorität aöer 
reformfreunblid^en ÜDeutfd^en gütiger in bie Slrme; unter ber gal^nc 
ber „beutfd^en SE^eoIogie" toar bie Slation in i^rer großen SÄei^r^ 
i^eit unter Sut^er^ gfii^rung geeinigt 

„!J)ie SEi^atfad^e", fagt 3. ö. ©ööinger im Saläre 1846, „ba§ 
Seber, ber nur in S)eut[d^lanb fid^ ju ben Unterrid^teten jäi^tte, im 
anfange auf Suti^er^ ©elte ftanb, tritt unö aöenti^alBcn entgegen, 
©ettft aWänner, bie nad^i^er ii^r ganjed geben ber ©e!am<>fung beö 
$roteftantidmud toibmeten, gei^örten in ben Salären 1518 unb 1519 
8U Suti^erö S3cti)unberern unb öeri^ei^Iten t9 nid^t, toic üiele ©^m*' 
patffxtn fie ffir feine ©ad^e liegten" 2). 

SDaö toar ba« {Refultat ber großen Saläre 1517 ii^ 1520* — 

SWan lann ermeffen, baß üBer biefe SBenbung ber !J)inge SKe^ 
manb größere greube enH)fanb aU Soi^ann öon ®tauj)ife, ber Suti^em 
juerft auf bie ^fabe geleitet i^atte, auf toeld^en jener nun mit fo 
großem 5CaIent unb fo außerorbentUd^en Srfolgen »eiter fd^ritt 

®tau<>ife i^at öon ba an toie ein a5ater für Suti^er gcforgt. (Sx 
ffii^rte i^n öon ®tufe ju ©tufe in bic ©teöung, toeld^e bic Unter* 
läge für gütiger« nad^malige Sirifamleit toerben fotfte* SWan tod%, 
toüäftn i^oi^en fficrti^ f<>ätcr für gütiger in banger ^dt feine 35cr* 
<>fltd^tung att S)octor ber ^. ©d^rift gei^abt i^at — ©tau()i| toax 
ti, toeld^er im grüi^jai^r 1512 ben toiberftreBenben greunb fraft 

1) «ed ®efd^^«Büd^er ber SBicbertSufcr in Oeprcid^Ungam 1883. B. 14. 

2) 2)ic 9lef otmation, il^rc tmiere ^ttttoidttmig unb \^xt ©itfmigen. 3Jcgai«- 
burg 1846 I, 510. 



345 

feiner Slutotität aW Otbenööorgefe^ter bai^tn btad^te, baß et btefe 
Sßfitbe unb bamtt ben ©ntritt in ben ©enat ber ti^eologifd^en gacultät 
txtoatb) (Btawpxli toar ed, toe^et Suti^et bctoog, [ein ti^etotifd^e^ 
Sialent anf bet Sanjel gut 5ludübung ju Bringen. 

ßttti^er felBft erjäi^ft, ba| @tau<>ife ed getoefen fei, „burcä^ toeld^en 
juerft hai 8id^t be^ ßDangelinmd jn leud^ten Begann in feinem 
§etjen"0* 5R<i<ä& Suti^erd eigenen Sorten ffat ®tan|)ife i^n „auf^ 
geftad^elt gegen ben ^ap\V*^) nnb x^m SWuti^ sngef^jrod^en, 
ate e« fid^ barum i^anbelte, toiber Sefeel nnb ben SlBIaß anfjn^ 
treten. 9lnbererfeitö toar ®tani)i^ ßnti^erd gürf^jred^er, aU biefer 
mit feiner geiftUd^en OBrigleit in Sonfltft gerieti^ nnb im Saläre 
1518 jn SlngdBurg öor ßajetan erfci^einen mußte. 

gütiger toar an bie gii^rnng ®taui)ifeenö fotoie an beffen ftSn^ 
bigc Unterftü^nng unb SWittoirlung fo fei^r getoöi^nt, baß er am 
3. Dct. 1519, aW ®tau»>ife auö äufäaigen Slnläffen einige 3eit 
i^inburd^ gütiger« ©riefe nid^t i^atte Beantworten lönnen, folgenbc 
333orte an i^n fd^rieB: „ÜDu öerläffeft mid^ aKjU fei^r; id^ toar 
Deinetioegcn, toie ein enttoöi^nteö Sinb üBer feine SDlut^ 
ter, fei^r traurig; id^ Befd^ioöre ©id^, pxti^t ben f)enn aud^ in 
mir fünbigen SWenfd^en. §eute Slad^t i^aBc id^ öon ÜDir geträumt ; 
eö toar mir, aW oB !J)u öon mir fd^iebeft, id^ aBer toeinte Bit^ 
terlid^ unb toar BetrüBt. !Ca loinlteft !J)u mit berf)anb, id^ 
miJge rui^ig fein, £)u toerbeft ju mir jurüdEIei^rcn" 3). 



2Benn man bief e Si^atf ad^en inö 5luge faßt , fo erfd^eint e§ 
ouffaHenb, baß Suti^er einige 3a^re f^jätcr (1522) toörtlid^ fagt: 
„®te ©riefe bed @tau|)ife öerftel^e id^ nid^t, außer baß id^ fei^e, baß 
fie fe^r leer an ®eift finb; aud^ fd^reiBt er nid^t, toie er 
^)fl(egte ; möge ®ott ii^n jurödtfüi^ren" ^). 

1) 2)e SOßette Sutl^d iStiefell, 408: „Per quem primum coepit Evangelii 
lux de tenebris splendescere in cordibus nostris". — ^el^nlid^e ^eußenmgen Bei 

be SGBette IV, 187 rnib öfter. 

2) „Golloquia*, ed. Bindseil III, 188: „D. Staupitius me incitavit contra 
Papam« ; mä^ % 3dIerS Stuffaft üBcr @tan^>it (Z^ol @tub. u. Ärit. 1879 @. 8). 

3) S)e SBettc o. D. I, 340. 

4) „Litteras Staupitii non intelligo, nisi quod spiritu inanissimas yideo, 
ac non, ut solebat, scribit; dominus revocet eum"". ^er ^ttef ijl an SSenceStau^ 
Sind geriii^tct unb flnbct ftd^ Bei 2)i)ttittaer, 2)ie Sftcfomtation I, 155. 



346 

Utttet bcm !• Wfxxl 1524 öcrfid^ctte bann ®tatti)tfe bcm gütiger 
and^ [ctnctfeitd, „bag er toegen bet gangfamfeit feine« ®eifte6 biö" 
toetten gntl^etd 2:i^un nid^t faffe; et bitte begi^att um aSerseii^ung, 
toenn et baffelbe mit ©tittfd^toeigen übetgci^e, „ÜÄöge ßi^tiftu6 i^el* 
fen", [daliegt et, „baß ti)it nad^ bem (Söangelium, ba« iefet tot unfern 
Olsten tönt unb ba« öiele im 9Jiunbe füllten, enbüd^ leben; benn 
id^ fel^e, ba| Unjäi^Uge ba« Söangelium migbtau^cn 
jut gtei^eit beö gleifd^eö* SWöd^ten meine iöitten, bet t^ 
einft bet 33otIaufet bet i^eiügen eöangelifd^en Seilte getoefen bte, 
bod^ ettoa« bei bit Detmögen"0* 

ICie tefete ©d^tift, toeld^e ©taupi^ Detfaßt i^at, ift ju bem 3^^ 
gefd^tieben, um öot bet gangen SBelt e« au^aufpted^en, bag bie ^fobe 
guti^etö öon ben feinigen fid^ gettennt i^ätten* St gab i^t ben 
Sritet: „aSon bem l^eißgen ted^ten d^tiftttd^en ©tauben", unb gab 
fomit fd^on in bet Uebetfd^tift ju etlennen, ba§ et g^^^ '^^^ 
falfd^en ©tauben fd^teiben toofle, 3n bet SSottebe nimmt et au^ 
btüdtlid^ auf bie au^gebtod^enen- ©tteitigleiten ©ejug unb etHort 
feine Slbfid^t, nun aud^ feinetfeitö 8ted^enfd^aft ju geben^)* 

3n biefet ©d^tift nun finbet fid^ ein ^o^M, toeld^e« bie Ueber^ 
fd^tift ttägt: „SSon bet SEiteld^tiften 3ttung"- SDaffelbe fteßt ben 
Sflamend^tiften bie „ted^ten ß^tiften" gegenübet — man bemexlc 
bie 9lnle]^nung an ben toalbenfifd^en ®j)tad^gebtaud^ — unb er* 
läutett ben ®egtiff be« »ai^ten S^tiftenti^um« in folgenben ö)i^ 
ttgen ©äfeen: SÄan bilbet je^t ben aWenfd^en „ti^örid^ten ©to. 
ben ein unb ttennt öom ©kuben bad eöangeüfd^e 8 eben; — 
fie ti^etten unb fd^etben aud^ bie SBetle öom ©lauben, gleid^ aW 
möd^t man unöetgleid^t mit bem Seben Si^tifti ted^t glauben. O 2tft 
be« geinbed; o 3SetIeitung be« SSoHd. üDetjenige glaubt gat nid^t 
inS^tiftum, bet nid^t ti^un toill toie ßi^tiftu« geti^ani^at 
eben bet ©taube, bet bit baö 33etttauen in ©i^tiftum auflegt, bcr 

1) S)er Jöricf ip jueicp Dcr8f[cntlid^t Don Ä. Ar äff t ©riefe unb ©ooimcnte 
au« ber 3clt bcr Sftcformation. (SCbcrfclb 1876 @. 54 f. 

2) S3on bem l^evligen xt^tta (£^ripi^en glauben. 3ol^nned @tanbt^. SM 
feinem abfii^a^ben an tag fummen unb auggangen. 1525. @. ^aafe Staupitü 
opp. 1, 119. 2)ic ©d^rift erlebte jtoci Stuögabcn im Saläre 1525, toüä^ in einem 
fünfte eine intcreffante ©ifferenj jcigen; f. ^aa!e a. O. @. 130 &totxi )» bem 
^äfia^ toon Äai)itcl 10 in ben Varianten). 



347 

Bringt üä) jut Sla^folgc ßi^rtfti, ber un^ in aßen guten ©eticn 
unb Seiben öorgegangen ift unb und Ü^m naiS^jufoIgen aufgefotbert 
^at, bet um unfettioiflen gelitten unb und bamit bad ffijempel ge«* 
geben ^at, in feine gu|fta<>fen ju treten. f)öt ber Statten {Rebe: 
bet in S^tiftum glaubt, bet bebatf leinet SBetle. §öt 
bagegen ®j)tü(ä^e bet ffiai^ti^eit: — SBet mit bient, bet folge mit 
nad^; toet mii; nad^folgen toifl, bet Detteugne fid^ felbft unb folge 
mit mit feinem Äteuj unb ti^ue baffelbe tägfid^; toet mid^ Uebt, 
bet tt>itb meine Sötte i^alten; — bet meine ®ebote i^at unb i^ätt 
pe, bet liebt mid^ unb toitb öom 3Satet geliebt, unb id^ toetbe il^n 
lieben unb mid^ ii^m offenbaten; item toillft bu in baö geben ein^ 
gelten, fo l^alte bie ®ebote; !J)aöib ftagt, toet auf ben SBetg bed 
f)etten fteige unb ftel^e in feinet, i). ©tatt, Slntioott: beffen §änbe 
unfd^ulbig fmb unb beffen ^etj tein ift, bet ol^ne SWalel eingeigt 
unb toitit ®eted^tig!eit, bet bie Sai^ti^eit tebet unb 5Riemanben be^ 
ttügt, bet öon bem ®i5fen loeid^t unb bad ®ute ti^ut, bet im ®Iau^ 
ben unb in bet Siebe unb in bet f)eiUgung bleibt — äbet bet 
bJfc ®eift giebt feinen fleifd^Ud^en Sl^tiften ein, man 
toetbe ol^ne bie SBetle geted^tfettigt, mit Slnjeigung aW 
i^abe ed $aulud betmagen ge^Jtebigt, loie ii^m fälfd^Ud^ unb mit 
Untoai^tl^eit toiyb aufgelegt, ^aulud i^at tooi^t toibet bie SBetfe bed 
®efefeeö, bie aud gutd^t unb nid^t and Siebe, bie au8 (Eigenliebe, 
nid^t and göttlid^et Siebe entf^Jtingen, in toetd^e bie ®lei6net ii^t 
SBetttauen gtünben unb bed aJienfd^en f)eil in nid^tige äußete 
saSetle fefeen, bidj)Utitt unb geftritten unb befd^loffen, ba§ bie^ 
fettigen Setle nid^t gut, nid^t öetbienftlid^ , fonbetn öetbammlid^ 
feien; bet ©etle abet, bie im ®e]^otfam bet i^immlifd^en ®ebote, 
in ®lauben unb Siebe gefd^ei^en, $at et nie übel gebadet unb öon 
i^nen nid^td bann bad ©eßte getebet, ja fie ju bet ©eligleit notl^ 
unb nü^ ^etlünbet unb ge))tebiget, loot^on aQe feine (S^ifteln B^^S^^B 
geben"* „(S^riftud toiö bad ®efefe öottbtad^t i^aben, bie Statten 
»oßen ed öettilgen; $aulu8 lobt bad ®efcfe, baß eö gut fei, bie 
blatten fd^eltend, baß ed böfe fei, batum baß fie nad^ bem Sleifd^ 
toanbetn unb ben ®efd^madE bed ®eifted nid^t i^aben" ^). 



1) Ätiaale I, 130 ff. 



348 

SBet ®tavipi%^ mttbe fjormcn unb bie öomd^me SKagigung^ 
tote fte feinem ffiefen entfptad^, lennt, toitb in biefer 5lu«einanbct^ 
fe^nng eine ganj entfd^tebene unb befinitit)e Slbfage an ba§ itsüftt^ 
fS^nm etfennen muffen, 

di toürbe un8 ju loeit füllten, toenn toir i^ier aöe bie un^ 
tid^tigen Se]&au<)tungen toibetlegen tooüten, toetd^e über bie angebe 
fidlen üRotiöe ®tam>i^en^ Don ben Slnl^ängem Sutl^et^ beigebtad^t 
tootben finb, Slac^bem id^ an anbetet ©teöe an bet §anb bet 
Utiunben ben iöetoeiö etbtad^t i^abe, ba§ ©tau^jife feine able^nenbe 
©tetlung bet tömifd^en Ritd^e gegenübet nie öetänbctt l^at unb ba§ 
et biefelben teligiöfen 9lnf d^auungen , bie et im Salute 1524 öot^ 
ttug, beteiW im Salute 1515 gei^egt l^at^ lann id^ an biefet ® teile 
einfad^ auf jene Sluöfüi^tungen öettoeifen')^ 

gd toat in bet Zffat nid^t ®tau)3i^, toeld^et feine Slnfd^auungen 
jtoifd^en ben Saluten 1517 unb 1522 geänbett i^atte, fonbetn Sut^et 
ift e^ getoefen, in beffen 3been fid^ toäi^tenb jenet ®fO(Sft eine tiefe, 
^3tincii3ieüe Umlel^t öoögog, 

gd toitb biefe 5C^atfad^e öon aöen gotfd^etn unb öon aßen 
^atteien unumtounben anetfannt ^), unb nut batübet i^ettfd^t gegen" 
toättig aJieinungööetfd^iebenl^eit, ob gutl^et^ S35anblung auö bet 
ßonfequenj feinet @tanb)3unlte^ ettoad^fen fei obe^ nid^t, unb ob 
fie günftige obet uni^eilöofle SBitlungen gei^abt i^abe. 

SBenn toit nun in bet g^JOd^e, bie mit 1521 beginnt, gleid^^ 
fatt^ nut eine öotübetgei^enbe gnttotdttung guti^etd ju feigen l^atten, 
fo toütbe batin eine $]^afe ju etbfidEen fein, toeld^e tto>a nut bie 
iöebeutung befäße toie jene ^tit, too Sutl^et nad^ feinen eigenen 
Sleußetungen eiftig i>(i|)ftUd^ gefinnt toat 3). 5lbet bie ^etiobe, bie 

1) Soi^ann ijon @taui)il5 unb ba§ Satbenfcrtl^imi im $ijlorif(i^ctt 2:afc^- 
bud^ @e#e gotge «b.IV. (1885) @, 115 ff. 

2) ^gt $• Vorreitet Sut^erd mngm mit ben antid^tifHid^ $nnctt)im 
bcr Sftebolution* ^oKe 1860. — gcmer ^. gering 2)ic SKi^jHI 8utl^ im 3n* 
fammenl^angc feiner 2:]^eologie. S^gö^ 1879. — Ä8|inn (2utl^ 2:i^togtc in 
il^rer gefd^id^tUd^en ®ntn>i(i(ung I, 289) erKStt bie 8erSnbemng mit ben fßoxttu, 
baß Sntl^er« „2)enl- unb Sel^rtoeife bamat« (1517—1520) nod^ nid^t f o bnxd^- 
gebitbet »ar aU fie e§ nad^i^er tourbe''. 

3) 2)ag Sntl^ \tih\t nod^ in Sittenberg, n>o er feit 1508 lebte, tange 3ett 
burd^9 in ben ®ebanlen!reifen be9 fhengen nnb eifrigen SDlSnd^tl^nmd flaiib 
f. bei iWaurcnbred^er a. a. O. I, @. 159. 



349 

mit 1521 Beginnt, ftcüt biejicntge 3cit bat, intocld^erbie „luti^e«* 
tifd^c Äitd^c" unb bic Intl^ctifd^cn ®elcnntnij|e nntcr bct pzx^^ 
fönli(ä^ftcn ©ntoitinng Suti^erö bicjenigc ©cftalt ttffklttn, toeld^c eine 
autotitatibe ©eltung für äße gotgcjeit unb bi^ aufbeni^eu*» 
ttgen 2;ag erlangt i^at 3n ber S<>od^e, in ber gütiger ber 2l^)ofteI bet 
„beutfd^en 2;i^eoIogie" toat, ift eö ju bauetnben unb feften ^tx^ 
ftänbigungen nic^t gelommen; bie 3cit toax eBen nod^ nid^t reif 
baju ; aW aber bie gtüd^te jener ^etiobe be« „gtoßen tef otmatori^ 
fd^en 3^«Piff^*" (1517—1520) gebtod^en toetben lonnten, unb baö 
püffige aJietaö in bie gotm gegoffen toatb, bie ed Bei^atten foQte, 
ba toar bet SWeiftet, ber ben ®u6 öot^g, bereit« nid^t uiei^r ber, 
ber er früi^er getoefen toar* 

aWan fann tooi^I fragen, toie lommt eö, baß gütiger, obtooi^l 
er feine ©efid^td^junlte öeränbert i^atte, ber güi^rer ber ®etoegung 
blieb ? 9iun, er ift eö, toie fid^ jeigen toirb, in toeiten Äreif en nid^t 
geblieben, aber ba§ er afler feiner ®egner ^txx getoorben ift unb 
ba« gelb fd^lie|ttd^ UffanpUt ^at, bafür laffen fid^ bod^ nod^ anbere 
®rünbe afö bie SBegeifterung be« aSoße« beibringen ^). 

gütiger i^atte aW güi^rer unb f)erolb ber uralten beutfd^en 
£)^^^)Ofltion faft bie ganje 5Wation l^inter fid^ gei^abt. ©ein 5Rame 
toar feit biefer ^txt fo eng mit ben Sünfd^en unb Hoffnungen be« 
aSolIe« öerfnilpft unb jugleid^ toar fein anfeilen fo groß, ba§ §un^ 
berttaufenbe i^m öertrauenööoll auf jieber ©ai^n, bie er eingefd^Iagen 
l^ätte, gefolgt fein toürben, oorauögefefet nur, baß fie bie Befreiung 
j>on bem öeri^aßten römifd^en Sod^e brad^te. Denn biefer ©efid^tö" 
pnntt toar e« bod^ in erfter Sinie, ber bie breiteren SDIaffen leitete; 
toeld^e f^^egieöe ©eftalt bie neue ftird^e in Seigre unb 33erfaffung an^ 
nai^m, toar ii^nen im ®anjen genommen gleid^gültig- 

®aju lam aber ber nod^ toid^tigere Umftanb, baß gütiger im 
erften 5C^eU feiner reformatorifd^en gaufba^n ba« ®ÜidE gei^abt 
l^otte, feinen unb feiner gteunbe ©nfluß an mäd^tigen beutfd^en 
Siirften^öfen unb bei einem großen X^eil be« 5lbel« feft jU be*» 
gtünben, ©ein eigener ganbe«i^err, ber ßi^urfürft öon ©ad^fen, 

1) a, SRitfd^t ©efd^^tc be§ pcti§mu§ 1880 I, ©• 36 fagt: „2)ie (gntfd^ei- 
buug 8u Ungunjkn ber SBicbcttäufcr ijl burd^ bic ©ctoaU ber Obrigleiten 
l^beigcffil^rt toorben". 



350 

toüäftx in mS^ttgfte gürft m JRcid^c toar nad^ bem Saifer^ toax 
gütiger in i^oi^cm ®tabc gctoogen* 5Da c« in jener ^üt nnviOiW^ 
toax, oi^ne bie SWittottlung ober toemgften^ ol^nc bie B^tl^ffw^^S ber 
»eWKd^en ®e»>alt, bie Soöfagnng öon bcr alten ftird^e bnrd^jufü^ren, 
fo lag in btefem aSeri^ältnig Snti^er^ jn ben waßgebenben äutori^ 
täten ber Äern^junlt ber grage, »er ba^ gelb fiegretd^ »erbe ht* 
^anptm fönnen. Snti^er i^atte bnrd^ fein anfeilen bei bem genannten 
Surften eine Safi^ für bie ©eltenbmad^nng feiner Sbeen gewonnen, 
toie fie niematö einem anberen SDlanne jnr 3Serffigung geftanben l^ot 

S^ ging in bem aai^rjei^nt öon 1515 bi« 1525 eine ungei^nrc 
fociale nnb religiöfc Setoegnng bnrd^ ba« {Rei^* (gin fold^er 
3nftanb tonnte nid^t lange banem; nad^ hirjer 3^ ^^ f^t bie 
3Äeiften bie 2age fo nnerträglid^, ba§ man nm jeben $reiö SRni^e, 
©tetigleit nnb ©id^eri^eit »erlangte. ®o toaren ed nnr toenige Oal^re, 
in toeld^en bie SWaffen »eid^ nnb bilbfam toaren für nene gormen, 
nnb gerabe in bem entf(S^eibenben üRoment gab e^ leinen anberen 
ajiann in ©eutfd^lanb, ber fo fel^r loie gütiger aüe aSorbebingnngen 
vereinigte, um bie erregte SJienge mit fcfter §^JiJ^ i» ^^"^ ftetigc 
SSer^ältniffe jurüdjufüi^ren. Ob bei biefer fd^toierigen ^rocebnr bie 
neuen gormcn ben 3bcalen entf<>rad^en, loie fte in ben Salären 1517 
bi^ 1520 gnt^er unb feinen grennben öorgefd^toebt i^atten, toarb 
j)on Dielen 9Jiännern für nebenfäd^lid^ angefei^en. 

3u bicfen 5Diännem gei^örte aber gerabe ber STOann nid^t, 
toetd^er mit JRed^t öon fid^ fagen tonnte, baß er ber „SJorlanfer 
ber l^eiligen evangelifd^en Seigre" getoefen fei — 3o]^ann öon 
©tan^jife. Unb ber SRamt ®tam>ife bebeutete bamate \>xA in 
Deutfd^lanb; er i^atte eine große, toeittjerjtoeigte unb mäd^tige gartet 
hinter fid^ — biefelbe Partei, in beren Sreifen ®tani)i^ ju 5ßüm^ 
berg, toie loir oben fallen, fo gern unb fo öiel öerlei^rte* 9iod^ lange 
nad^ Suti^erd Sluftreten nannte Dr. ß^rifto^)^ ©d^eurl nid^t biefen, 
fonbem ben @tau|)i^ „unferen ^rimad". 

®eit ienen 5Cagen aber, too ber ®ieg in 8uti^er« ®inn ent^ 
fd^ieben loar, l^at bie fiegreid^e Partei biö auf ben l^eutigen Sag 
crfolgreid^ bie Slnfd^auung verbreitet, nid^t nur, baß bie Snttoi** 
lung ber 3ai^rc 1517 bi« 1525 bie allein rid^tige loar, fonbern anäf, 
baß bie SWänner, toeld^e fid^ felbft unb ii^ren früi^eren 3been treu 



351 

MetBenb gut^cr^ ffiattblung^tt nid^t mttmad^cn lonnten, tote Sßct^ 
tät^cr an bct guten ©ad^c anjufei^en feien. 

Um bie ©ered^ägung unb ble Sitagtoette bet eöangeftfd^en 0<>- 
l)ofttton gegen bie ßnttoidKung ber „luti^etifd^en Ätrd^e", tote fie fid^ 
feit 1521 bottjog, unpatti^etifd^ ju px&ftn, ift eö noti^toenbig, eben 
biefe (gnttoidlung ettoa« genauer ju betrad^ten. 



Unter aßen ben totd^ttgen fünften, in toeld^en ba^ neu auf-» 
fontmenbe lutl^erifd^e ©ijftem ftd^ öon ber öfteren beutfd^en Sil^eo^ 
logie unterfd^ieb, toar öielleid^t ber toid^tigfte bie 3bee, ba§ baö 
Süangeftum gi^rifti auöfd^üegUd^ bie froi^e iöotfd^aft Don ber fteH*» 
t>ertretenben ©enugti^uung Si^rifti unb ber fünbenöergefienben 
®nabe fei. 

@o rid^tig e« ift, baß ba^ SöangeUum biefe ©otfd^ft enti^äft, 
fo ging bod^ über ber ©etonung biefer ©genfd^aft bie ^eröori^ebung 
ber anberen SCi^atfad^e faft ganj verloren, baß bie Seigre Si^rifti ju^ 
gleid^ bod^ aud^ eine SWai&nung unb äufforberung jur fittlid^en 
©elBfterneuerung, jur iöuge, ©etBftentfagung unb 9luf*» 
o<>ferung ober mit anberen Sorten jur 5Rad^foIge Sefu ift 

Söir l^aben oben gefeiten, baß bie STi^eoIogie ber äfteren beutfd^en 
D^)^)ofition^<>arteien, fo fei^r fie anäf bie ganje i^. ©d^rift ate Siorm 
ii^reö (Slauben^ bctrad^tcte, bod^ ben SBorten unb Seigren Si^rifti, 
toie fie in ben öier ßoangeften unö eri^aften finb, eine befonbere 
©ead^tung juerti^ettcn ju muffen glaubte. S)a^ d^arafteriftifd^c aWerl- 
mal be^ luti^erifd^en ®^ftem^ aber toar, baß baffelbe bei aöer 3Ser^ 
ei^rung ber ff. ©d^rift aU ®anjem, bod^ ben §aui)tftäfei)un!t feiner 
5C^eoIogie in ben ©riefen beö2l^)ofteU'^}auIu« fud^te unb fanb. 

ffi^ ift ungemein bejeid^nenb, baß Suti^cr, toie oben bereite er^ 
toäi^nt, e^ einem feiner ©egner feit 1522 gerabeju jum SSortourf 
anred^nete, baß biefer forttoä^rcnb bie „5Rad^foIge Si^rifti" betone; 
„ßarlftabtö SEi^eologie", fagt er, „ift nid^t i^iJi^er lommen, 
benn baß fie leieret toie toir Si^rifto nad^ foUen folgen". 
9fiod^ pxazmnttt aber lommt bie ßnttoidttung, toeld^e gütiger« an*» 
fd^auung bamald nai^m, in feiner ©teöung gegenüber bemSaco^ 
buöbrief, auf toeld^en fid^ bie äftere beutfd^e ST^eoIogie mitSSor-» 
liebe berief, ium äuöbrudC. Slad^bem gütiger fd^on bei ©elegeni^eit 



352 

ber 8ei)5jtger !I)i8l)Utation 3tocifcl an ber Sd^ti^ett btefet (gptftd au^^ 
gcf^Jtod^cn i^attc*), äugcTtc et im Sai^rc 1520 in ber ©d^rtft ,,9Son 
bet tab^Iontfd^en ®efangcnfd^aft": „3(ä^ toiö je^t ntd^t gcbenlen, 
ba6 biefe (Spx\ttl be« «t)oftete 3acDbu8 ntd^t« [et, aud^ ni(^t toörbig 
eitie^ a^)oftoItf d^en ©etfted, toie ii^ter gar »tele imSfyxli^ f d^tetBen" 2) 
unb legte bann im Saläre 1522 (in bet 35otrebe jut UeBerfefenng 
beö 5ßcuen Sieftamentö) nod^mal« bie Uned^ti^eit fibetjcugenb (»ie 
et meinte) bat» 3m 3a]^te 1524 ti^at et bann ben Belannten 5lu^ 
^pxuäi, bet 3aco6ndbtief [ei eine „[ttoi^etne S^jiftel", bie ,,Ieine 
eöangen[d^e ätt an [id^ l^abe", 

guti^et gieBt in bie[et ^olemif ganj unjtoeibeutig jn etlennen, 
baß ^anluö füt ii^n bie 5Rotm % an »eld^em et toenigften§ bcn 
3acoBnd geme[[en [ei^en toiü* ßö ftimmt bie« 33etfa]^ten butd^auö 
fibetein mit bet [on[tigen ©etonung bet ^)anüni[d^en gellte, toie toir 
pe bei i^m flnben ^). ß« toat bi^i^et in bet bent[d^en 33^eologtc 
allgemein anetlannt geioe[en, baß Si^tiftn« neben [einem (gtI5[ung^ 
jtoed pgleiiS^ beßi^alb in bie SBett gelommen [ei, nm ein l^Sl^etc^ 
nnb teinetcö ®ittenge[efe, ate eö bie SBelt bi^i^et gefannt l^atte, ju 



1) Sutl^er fagte batnatö: »Quod autem Jacobi Apostoli epistola indacitnr: 
fides sine operibus mortua est: primum stilus epistolae illius longe est infra 
Apostolicam majestatem nee cum Paolino ullo modo comparandas". S5fc^ 
9lcfotmattonSacta III, 772. 

2) Sßald^, a». 2utl^cr§ fammtt ©i^^riften XIX, 142. -- ©gt im Ucbrigcn 
Äöptin, 8utl^« 2:i^eotogie I, 279. 

3) (Sd i{l bod^ merfioÜTbig , bag biefe ^tomtng be9 ^lud unter Sut^ 
3lnl^ättgcictt fo berbtcitct toar, baß fte al« @igcntl^ümUd^fcit bcrfctbcn in bot 
©d^riftcn ber ©atirilcr beut @^>ottc ^rd«gcgel>ctt »irb. @o bid^tcte im 3a^tt 
1522 SWcotauS aJlanuct in S3cm ein gajhia^t8f^>icl „ber 2:obtenfref[cr^ barin 
fittben ftci^ folgenbe ©teilen: 

„Sie band das evangelium gfressen 

Und sind jetzt mit dem Paalus besessen**. 

(Sr lägt 6ie ^(oxtxn fagen: 

„Paulus tbut uns liden wee 
Mit sin tieff gegrunten episteln**, 

unb an einer anberen ©teKe fagt er: ,,bie iSouem 

„Wend all das evangelium lesn 
Das rimpt sich nit zu unserem wäsen. 
Sie zeigen uns im Paulo an 
Wie das wir sollen eewiber han**. 



353 

Vtcbigcn «nb gu leisten, ba« (Scfcfe bct Siebe, JDagegen fagte 
nun gütiger mit au^btüdßd^et ©etufung auf ^aulu^: „Setneau« 
©•^aulo, ba6 baö Söangclinm leistet bonSi^tifto, ba^ 
et gelomnten fcinid^tbatum, baß et einneu®efefegebe^ 
batna^ toit toanbeln foUen, fonbetn batum, baS et 
fid^ felbft jum Oj)fet geBe ffit bie ©ünben bet gangen 
SBelt", Sin einet anbeten ©teüe fagt et in bem gleid^en ®inne: 
,,'Datuni et (ßi^tiftu«) fütne^mliiS^ auf (Stben lommen ift, (nid^t) 
bat ^^ i^ö^ ®^^fe leisten follt, fonbetn ba§ et^ etffiöete; baß et 
e^ aud^ mituntet lei^tt, gefd^iei^t außetl^alb feinem ämt, 
3Ufänigettt>eife"* gutl^et faßte bie ©umme bct Öel^te Sl^tifti 
obet be^ Söangeliumd in folgcnbe SBotte jufammen: „Si^tiftuS 
^pxiSft'', fagt et, „9Hmm i^in, bu Bift nid^t ftomm, id^ i^aBe e§ 
abet füt bid^ getl^an, remissa sunt tibi peccata", unb fagt 
an betfelben ©teöe, bie ©tgcnfd^aft be^ SJiai^nenö, ijotbetnö unb 
Gebieten« fei eine ©gent^ümttdileü bet gellte SWofiö, bie mit Si^tiftt 
ßtfd^einen aufgei^oben fci^* 

!Die ©egtifföbeftimmung, tt>eld^e bie aftbeutfd^e D^j^jofition bem 
SBotte „Si^tiften" obet „ted^te Si^tiften" gab — tt>it l^aben gefeiten, 
baß fie auf biefen 5Wamen befonbeten SQSettl^ legte — beftanb batin, 
baß fie im ®egenfafe ju ben „S^itel-'ßi^tiften" biejenigen mit bicfem 
Siamen neunen tootfte, »eld^e „Slad^folget ßi^tifti" finb unb 
mit feinet gnäbtgen ^ül\t bie Söcfei^le ju etfüöcn ftteben, bie et in 
feinen Sotten unb in feinem 3SotbiIb und l^intetlaffen l^at, 

3m ©egenfa^ i^ietju giebt Suti^ct in feinet (Stllätung beö ®a^ 
latetbtiefd folgenbe üDeflnition: „ffiit bcfiniten: betfenigc ift ein 
S^tift, nid^t toet leine ©ünbe l^at obet lein ©d^ulbbeioußtfein l^egt, 
fonbetn betienige, »eld^em bie ©finbe bon ®ott tocgen feinet 
©laubenö an Si^tiftud nid^t angeted^nct toitb"^). 

3ut Stläutetung biefeö toid^tigen ©afeed fagt gutl&et an bet^ 
fclben ©teüe toöttlid^: „2Bit befifeen immet eine B^Pt^^t ^^ itntm 
Sltttlel, bet ba fagt, baß unfete ©ünbcn jugebcdtt finb unb baß 



1) Söatd^ a. a. O- VII, 232h 

2) Gomment. in Galat. Frankof. 1543 fol. 118 „Definimus ergo, hunc esse 
ChristiaDum, non qui non habet aut non sentit peccatum, sed cui illud a Deo 
propter fidem in Christum non impulatur''. 

A e U e r , 2>ie IRefonnation. 23 



354 

(Si^ttftuö fte un9 ni(3§t jutcd^ncn totll, ntd^t aW ob ble ©finbc 
tttd^t öot^anben [et, fic ift öiclmei^r in SBitlUd^Icit ba unb bie grom^ 
tncn füi^Icn fie, aber fic ift bctbcdt unb toirb nn« öon ®ott nid^t 
angerechnet toegen ßi^riftu«; fofern toir biefen im ®Iauben ergreifen, 
fo finb noti^tocnbigertoeife aKe unfere ©ünben leine ©ünben"*)* 

S^ ließen fld^ biete SWomente beibringen, toeld^e bie Sirennung 
fo mand^er 9teformfreunbe Don iintfftx bewirft i^aben. aber e« lann 
aU ertoiefen betrad^tet toerbcn, baß unter ben reügiöfen 3Rotiöert 
!eine8 ntei^r baju beigetragen l^at, bie ®))altung uni^eilbar gu mad^en, 
ate bie öon Suti^er aufgebrachte Säugnung ber SBinen^frci^ 
l^eit — eine Seigre, toeld^e ben Ueberjeugungen aöer fräi^eren d^rift* 
lid^en Sai^ri^unberte, aöer ^^ofo^ji^en, S^i^eologen, ftirC^enöäter unb 
Sßcrfammlungen toiberfi)raC^ '^), 

g3 ift toai^r, baß Suti^er fd^on früi^jettig unb jioar in ber ^tit, 
too er im Uebrigen nod^ red^tgläubige« SDWtgfieb ber römifd^en 8ird^ 
toar (1516), ti^eorerifd^ S^^^fel über bie grage ber natürlichen Äräfte, 
tocld^e bem 9Jienfd^en nad^ bem gaüe geblieben feien, geäußert ifat 
©eutUd^er tritt bann feine Sbee im Saläre 1519 i^eröor, aber pxaU 
tif d^ l^at er bie Säugnung ber SBittendfreii^eit aW gunbamentolfafe 
für fein übrige^ Sei^rgebäube bod^ erft nad^ bem Saläre 1520 an^^ 
gebilbet, too bie Suöe $a^)ft 8eo^ X., tocld^e aud^ biefcr Sbee gütiger« 
ioiberfi)rad^, feinen Siberf^jrud^ nod^ befonberd i^eraudgeforbert i^ottc. 
aSott ba ab i^at er biefe Se^re mit aßen ii^ren ßonfequenjen ti^eo^ 
retifd^ audgebilbet unb in ber ^raji« jur äntoenbung gebrad^t 

®n ©egenftanb be« ®Iaubenö loirb ja atterbingd bie fittlid^c 
grei^eit ftet« bleiben, ba fte an fid^ ettoaö ganj Unbegreiflid^e« ift ; 



1) Habemus semper regressum ad istum articulum, quod peccata nostra 
tecta sint, quodque deus ea non velit nobis imputare, non quod peccatom 
non adsit, immo peccatum adest vere et pii illud sentiunt, sed absconditam 
est et non imputatur nobis a Deo propter Christum, quem quia fide apprehen- 
dimus, oportet omnia peccata non esse peccata. 

2) & ijt im Saufe ber Seit über biefe ütti^erifd^e 2)octrttt, toel^ fintier 
fetbp als ben „tem unb baö $au^>tpüd" feiner ganjen Seigre bejeid^nete, eine 
große Literatur ermd^fen. mau bgt Dr. 3* 2C. S)orner ©efd^. b, Söiff. in 
2)eutfd^(anb«b,V, 194—212; ^land @ntftel^ung be§ ^rot. Sel^rbegriff« »b.ü; 
SBoigt Ueber grei^eit unb S«oti&U)enbtg!eit 8j)8v 1828 tu f. »• 



355 

bod^ toatctt U9 ju Sut^erd 5luftrctcn tocnigftcn« in bet d^ttftßd^en 
aBett faft Sitte batfiber einig gctoefen, baß bte gtei^eit anf ba« engfte 
mit ben ticfften fittßd^en Slnfc^auungen noti^toenbig jufammeni^änge, 
unb ba§ toir getabeju gejtonngen toetben, fie ju ftatuiten. ÜDenn 
au« bem nn« innetooi^nenben ©efül^l bed „©otten^" toitb bie Wloz^ 
lid^Ieit be« ,,Ä8nnen8" unioibctlegUd^ abgeleitet D^ne bie ftttUd^e 
Steilheit ift eine ^fUd^t ber 9lnfmngung, Sntfagung, ©elbftDer*' 
lengnung u* f. ti), in feiner Seife ju begtünben» Sa, atte« menfd^*' 
Kd^e 8eib ift nur bann in feiner 5Rot$ti)enbig!eit begreif lid^, toenn 
toir annei^men, baß toir einen eigenen Sitten l^aben unb bod^ baju 
beftimmt finb, mit ®otted SBitten eind ju toerben; nur fo ift ber 
(Sebanle mögfid^, bag alle« UngtüdC einen erjiei^Hd^en 
3toedC l^at 

©0 getoiß e« einerfeit« eine d^riftfid^e 3bee ift, baß e« lein 
„aSerbienft" ijor ®ott giebt, unb baß toir in SBai^r^eit 9löe8 ber 
gßttUd^en ®nabe öerbanfen, fo getoiß ift e« ein ©ebanle ber d^rift^ 
lid^en SBeftanfd^auung, baß ieber Sinjelne al« ein in fid^ felbft 
fußenbe« unb tourjelnbe« SBefen ®ott gegenüber ftei^t £)a« ^xu 
ftenti^um bejeid^net biefen ©ebanlen burd^ bie ©orte, baß ber SWenfd^ 
ein „ebenbüb ®otte«" unb „gottäi^nlid^", baß toir ®otte« „ftinber" 
unb er unfer „33ater" ift, SDaburd^ toirb ba« 33er$aÄniß att ein 
fold^e« Don $erfönlid^leit ju $erf önlid^feit gelennjeid^net. 

2;rofe atter biefer Srtoägungen fd^iencn Suti^er biejcnigen ©raube 
JU übertoiegen, toeld^e au« einjelnen Seigren, befonber« au« feiner 
auf f äff ung ber Seigre Don ber S r b f ü n b e , gegen bie fittlid^e grei^ 
l^eit geltenb gemad^t toerben lönnen, 

Suti^er ging Don ber aSorau«fefeung au«, baß 9lbam unb SDa 
einft in abfoluter unb i^öd^fter 3SoüIommeni^eit im $arabiefe lebten. 
211« fie aber bie ©ünbe begingen, ift biefe 33ottIommen]^eit für fie 
unb atte ii^re ^Jiad^Iommen gänjUd^ Derlorcn gegangen, ©eitbem 
©ünbenfatt fei^It (nad^ gütiger) bem SDlenfd^en nid^t nur lebe gäi^ig^ 
leit inm ©treben nad^ bem ®uten, fonbern aud^ jebe SWögÜd^Ieit 
jum (Sriennen ber göttltd^en SDinge^^ 

1) S)iefe Seigre iji nod^ l^eutc ®Iauben«fafe ber Ted^tglfiubtgcn lutl^icifd^ctt 
2:^eologte unb jicl^t in bcn ®taubcn«bclenntntifen, auf »ctd^e bie 2:i^eologett ben 
(gib aHegen muffen. S5gt Sßiner (5:om:|)aratibe SöatpeUunfl be« Sel^tbegriff« 

23* 



356 

.3n bicfcm ©inttc fagtc er: „®aö ganjc mcnfd^ltd^c (Scfd^Ic^t 
tote fftxtli^ anSf feine ©ei^l^ett ober ©ered^tigleit i)or ben SKenfd^eu 
leud^tet, ift bo(3^ anbetö nttä^tö, benn ein üerbetbtet unb i)et^ 

fluttet filum})cn"0* 

©arauf i^tn bei^aujjtete er: „3tt ben ÜDtngett; fo (Sott angelten 
unb über unö finb, i^at ber ÜBenfd^ leinen freien SBißen, fonbern 
ift getoiglid^ toie ein Sei^mlloö in ber§)anb beö Zipftx-^, intocld^em 
ottein getotrit toirb; er felbft aber toirft ni^tö"^). 

£)ie biblifd^e ©egrünbung biefer Slnfid^t fanb er in bem @^>rud^ 
2 Zxm. 2 , inbent er f agte : ,,2Benn gtei^ !ein ®})rn(3^ ti)äre benn 
ber einige ®. ^anti, 2 Jim. 2: '®ie finb beö STenfete ®efangene\ 
fo i^ätten toir bamit ©(ä^rift nnb ®runb genng gegen ben freien 
SBitten". 

„mSft Mog mit ^^m öuf bie ^errfd^enbe ©ünbe", fagt 3uL 
Äöftlin % „txllatt ßnt^er ben üßenf(ä^en für unfrei; fonbern er jie^t 
bibttfd^e Sorte bei, toornad^ au^ bem allgemeinen SJerl^ältniß ju 
©Ott ii^re Unfreiheit folge. — SBie lönne nun ber ÜBenfd^ jum ®uten 
fid^ bereiten, ba eö nid^t einmal in feiner Waäft fei, feine bJfen 
SBege ein juf (ablagen? ®enn au(3^ bte böfen SBege regiere ®ott 
tn ben (Sottlofcn". — „hiermit iftSut^er bereit« ju Suöfagen 
f ortgefd^ritten , toeld^e offenbar ben freien SBißen über^auj^t, aud^ 
abgefei^en Don ber ©ünbe, aufi^eben" 4). 

S« ift toi(3^tig, baß bie Soncorbienformel, bie nod^ :^eute in ben 
tneiften })roteftantif(3^en gänbern i)on ben ®eiftfi(3^en befc^tooren »er^ 
ben muß, bie 5lnf(3^auungen gütiger« in aüen toefenüid^en fünften 
aufre(ä^t erhält. 5Rur fagt biefelbe, baß bem 5D?enfd^en „nac^ ber 
Selel^rung" eine getoiffe ÜBittoirlung jum (Suten ermßglt(^t ift, 
nid^t aber i)ermBge feiner natürlid^en, fonbern ber übernatürli^en 
^äfte, toeld^e i^m burd^ bie „öelei^rung" ju 5E^eit getoorben ftnb. 

ber 4>crfd^icb. d^riftt Ätrd^ett>)arteiett. 4. %vl^. l^erau^g. 4>0tt ^. (SmXb 2pi. 1882 
©♦ 92, Oteid^ l^ier bei ber Seigre 4>ott ber ©rbfünbe fct3t bie Orunbbiffcrcnj 
be« Sutl^ertl^um^ bonbemSlnaba^tiömu« (iWenttomtcn, Ouäfcm, armt* 
nianern, ©ocinianem u. f. id.) ein. 

1) Äurgc @^rüd^e au« Dr. SWartin gütiger« ©d^riften. Oüter^tol^, JBcrtcI«- 
mann, 1880. @. 90. 

2) St. O. @. 92. 3) gütiger« Z^tolo^k u. f. ». I, 380. 
4) ÄSpUtt a. O. I, 381. 



357 

SBa^ man frcUtd^ unter bem S33ott „S&elci^tung" (conversio) \xäf 
gtt benleti ^at, ba« fagt bte Soncorbtcnformel nid^t 

3tt Ucbcrcittfttiumung i^tcrmtt Ici^tt bte lut^erifd^e ©ogmattf 
Kd auf bctt i^eutigen Sag, baß bet üKenfd^ fett unb butd^ ben 
©finbenfaü „ntd^t mti)X frei toä^Icn laun gteifd^en ®utem unt> 
aSöfem, fonbern bte Sraft, ®nU€ ju tootten unb p t^un, i)crIoten 
]^at"* ;,SBotten tott ballet ba^ liberum arbitrium"^ fagt bet be^ 
lannte S)ogmatiIet ^eintid^ ® ^mib , „tote e^ fid^ bei ben gc^ 
faßenen SIßenf d^en J)otfinbct, bef d^retben, fo toerben totr fagen muffen : 
bet SKenfd^ i)etmag it%t, Detmßge be^ bßfen ®inne§; bet x^m fett 
bem gaü inne tooi^nt, nid^t^ tod^t^aft (BnM unb ©otttooi^IgefäQige^ 
mei^t iu tootten nod^ ju ti^un, nid^t« t>bn Mt bem, toa« bte if. ©d^tift 
ate fold^e^ bejetd^net unb i)otfd^tetbt, toetl biefc« Sitten nur ba t>oU^ 
btad^t toetben lann, too bet Slßenfd^ untet bem befonbeten @tnflu§ 
be^ ©eifte« ®otte« ftei^t e^ fep ii^m batnad^ fo fe^t ba« libe- 
rum arbitrium in spiritualibus, baß et ntd§t einmal au« eigenen 
Stäften nad^ bem §eil unb nad^ einet Umtoanblung. 
feine« jefeigen i)etbetbten 3wft<^»b^* i^ begei^ten i)et^ 
mag"* 

5lbet aud^ nod^ in einem anbeten fei^t toid^tigen "ißunfte, näm^ 
Ud^ inS3ejug auf bie Stlenntniß quellen bet teligiöfen SBal^t^ 
i^eit t)etlie§ 2ut^et feit bem ©eginn bet jtoanjiget Salute unb gu^ 
mal feit 1525 ben ©tanbjjunit, ben et bi« bai^in in Uebeteinftimmung 
mit bet Sluffaffung bet beutfd^^d^tifttid^en STi^eotogie bet i)etgangenen 
Sai^ti^unbexte feftge^alten i^atte. 

SKan toeig; baß gut^et in Uebeteinftimmung mit bet ganjen 
gtoßen 9Jefotm^)attei be« 9teid^e« ben Sntfd^eibungen bet Sitd^e unb 
bet STtabition bie göttlid^e Slutotität befttitt Slud^ aJiännet toie 
faulet; auf beten Sbeen bie ganje Dj>^)ofition fid§ ftüfete, i^atten 
bie Unfe^lbatleit bet ßoncilien im ®tunbe nut ti^eotetifd^ feft^ 
gei^alten, ti^atfäd^lid^ abet in ii^ten gelten fid^ üottoiegenb auf 
fold^e fünfte etngetaffen, bie auf ®tunb bet i^ß^eten Stlenntniß^ 

1) $. @c^mib, Prof. theol., 25ogtnatt! ber ebangclifd^^lutl^erifcä^ett ^rd^e 
e.ltofl. 1876. @. 186. ©d^mib ftü^t ft(^ in feinen ?(u$fü^tuitgett auf bie fümmt* 
Keinen alteren lutl^erif^en S)ogmati!er bon SBebeutung. 



358 

(\ntUm feft ftanbcn* 6uttu«, 5Dt«ctj)Itn uitb 8ir(ä§etti)erfafftttt8, bic 
aöcrbing« auf Xrabttion unb ^xäft Berui^ten; lontiten ftc baBct in 
betfeften äöeifc Betbei^aftcit, toie gut^er f})äter]^ttt btc Äinbcrtaufe 
unb ainbere« Bcttci^icft, oBtooi^l fic^ bafür lebigttiä^ bie SErabttton, 
ttiäft aBcr eine ©cä^tiftfteüc Beibringen ließ» 

^Dagegen ^t gütiger in bet 3eit ;;be8 großen reformatortfd^en 
Seugniffe^" bie im religiiJfen ©efüi^I unb ®etoiffen fi(ä^ lunbgebenbe 
unb auf ber Heiligung beö SBittenö berui^enbe ;,innere grleud^tung" 
neben ber i^eiligen ©c^rift auf ba« entfd^iebenfte jur ©eltung ge^ 
brad^t 5lttcrbingö lann id^ nicä^t flnbeU; baß er bie toid^tige Untere 
fd^eibung jtoifd^en ;,a5ernunft" unb „innerer grleud^tung" 
betonte ; inbeffen braucht er baö SBort ,,S3ernunft" i^aufig in einem 
©inne, baß er offenbar fotooi^I bie auö ber S^latur toie auö bew 
©etoiffen gef(^ö})ften ©etoei^grfinbe gemeinfam bamit bejeid^ncn toilL 
3n bemöud^e ,,3ln beniöod ju 8eii)äig" 1521 fagt gut^er: „«Ifo 
^at auäf ©. 3luguftinu5 geti^an unb fc^reibt, baß er leinent Seigrer 
glaube, toie l^eiüg unb geleiert er fei, er betoeife benn feine Seigre 
mit ber ©d^rift ober i^eller SSernunft. 2lu« toelc^cm toir 
aber lernen, toie bie SSater ju lefen finb, nämlid^, baß toir nid^t 
ad^ten fotten, toaö fie fagen, fonbern ob fie aud^ Kare ©d^tift 
ober aSernunft führen"» — 3n ber ©d^rift „SBiber bie ©uüc M 
(gnbd^riftS" 1520 rü^mt fid^ gut^er, baß feine gel^re mit ©d^rift 
unb SSernunft übereinftimme, inbem er ben „^a})iften" Dortoirft, 
baß ii^re SDieinungen „toiber atte ©d^rift unb SSernunft" toären. 
3n „(Srunb unb Urfad^ aßer 3lrtilel, fo in ^>ä})ftlid§er ®uttc öer^ 
bamntt" (1521) fagt er unter Slnberm: „5Die^ Mt^ betoeifet aud^ 
bie SSernunft unb gemeiner ©inn aßer 2Wenfd§en"» ©erartige ©teßen 
ließen fid^ \>kk beibringen» 

3n ben folgenben Salären biö um 1525 geigt fid^ bann bei 
gut^er ein getoiffeö ©d^toanfen» iöi^toeilen flnben fid^ SlnHänge an 
bie alte 5luffaffurtg; mei^r unb mei^r aber bilbet [xSf bei ii^m eine 
entfd^iebene geinbfd^aft gegen bie „SSernunft" au8. ©eine SDlotiöe 
finb babei genau biefelben, toeld^e fjjäteri^in i)on ben orti^obofen 
Parteien gegen bie SSernunft alö Urheberin beö „9tationaK8mu8" 
geftenb gemad^t toorben finb; Don einem getoiffen ^dtpnntt an leugnet 
er bie ©ered^tigung beöjenigen galtor«, ben bie beutfd^e aKi^ftil ol« 



359 

„Innere ffitleud^tnng" Bejetd^net, ben et felbft aBer „SSernunft" ge^ 
nannt l^atte, für We ßrlenntniß ber i^Sd^ften unb legten Dinge auf 
baS entfd^tebenfte» 

"Sinn Ift eö ntetftoürbig; baß biefe SBenbung gütiger« genau ju.^ 
fantmenfättt mit ber UmBttbung feiner Sluffaffung über bte äöitten«^ 
freii^ett. ©erabe In ber ©lä^rift, in toelcä^er er ben Slad^toet« gu 
erbringen fud^te, ba§ ber aKenfd^ einen „ftted^tifiä^en ©itten^O ^abe 
(1524), bringt er jum erften SKal eine augfüi^rlid^e Darlegung ber 
®rünbe; toegi^alb bie ,,9Sernunft" in „göttlicä^en Dingen" eine \S)UäfU 
SRati^geberin fei 

Da« ©efüi^I ber ^>erfönlid^en aSeranttoortfi^feit, toeld^eö fid^ in 
ber ©timnie be« ®etoiffen« offenbart, beutet atterbing« für beti^ 
Jenigen, ber bie in biefer JRegung jum Sluöbrud lomntenbe ;,9Ser^ 
nunft" in erfter Sinie befragt, auf eine getoiffe greii^eit l^irt, bie 
unö in ber SBai^I be« (Suten unb S3öfen gegeben ift Da« geftanb 
Suti^er ein* Um nun aber biefer ©nrebe ju begegnen ; bei^auptet 
er, ba§ ntenfd^Iicä^e ßinfid^t in fold^en gragen nid^t in SSetrad^t 
lomnte; ^ulmt^x finb bie „göttlid^en (Sei^eimniffe" auöfd^IießUd^ nad^ 
bem SBortlaut ber ^. ©d^rift ju beurt^eilen, bie für ben ©lauben 
nid^t nur bie nöt^ige ajottftänbigleit (sufficientia), fonbern aud^ bie 
erforberlid^e DeutUd^feit (perspicuitas) befi^t» SKan toeiß, baß biefe 
Doctrin atebann Dogma ber luti^crifd^en ^ird^e getoorben ift unb 
bi« auf ben l^eutigen 2:ag al« ©laubenönorm ju ditäft U\iifft 

Die SSernunft, fagt gütiger in berfelben ©d^rift, ift „bUnb, 
fd^Iaft unb fd^nard^t, füllet unb emjjfinbet nid^t, toie ®ott 
toirlt ober regiert, fonbern fie i)erad^tet ®otte« SBerl". ÜBan bringe 
gegen ben unfreien SBißen nur r>ox, baß „fid^ bie mcnfd^Iid^e S3er^ 
nnnft baran ärgere". Slber bie menfd^tid^e SSernunft ift gar eine 
,, geborene 5Warrin, gottio« unb gottc«Iäfterttd§". 

„Sltfo ftei^en ber toUenaSernunft ®eban!en i)on (Sott, al« 
l^abe er ben SDienfd^en bie Slßüi^e unb 5lrbeit befolgten, feinen 3orn 
unb feine ®üte alfo anjunei^men unb auöjufd^Iagen". „üKan muß 
(Sott unb ®otte« SBerl nid^t nad^menfd^Iid^er SSernunft 



l) ©• bie UebctfcfeUttg ber ©d^rift De servo arbitrio in 2utl^r0 SBerlctt 
ed. Walch XVIII, 2286. 



360 

XDolUn abmcffcn unb ®ott cntfcä^ulbigcn toottcn, toatum et 
ctlid^e tjctftocfe"* 

®ana bcfonbcrc S^lai^rung erlieft Suti^cr« ®egnctf(^aft toibet 
bic „aSctnunft" burd^ bcn Saut()f mit benjentgcn feiner d^cmaligcn 
(gcttoffen, toel(^e an gütiger« ftüi^eteT SSotftettung unb bcm gemein^ 
famcn ®runbe bet'bcutfd^en ST^cologie aud^ bann no(ä^ fefti^teften, 
aW Sut^er btefen @tanb^)un!t i)ertaffen l^atte* ©er })erfönUd^e 
©cgcnfafe; ber fid^ jtoifd^en gütiger unb Sartftabt burd^ aßerlci 
iDifferenjen aufti^at; beren ©d^ulb leineStoeg^ auf einer ©eite an^^ 
f d^Uegüd^ SU fud^en ift; ^^at fe^r baju beigetragen, aud^ ben ®egen^ 
faft ber Slnfd^auungen beiberfeit^ ju i)erfd^ärfen» S8 toar ein groge« 
Ünglüdt für bie ganje Setoegung, baß ber ^rincij)ien!ant^>f burd^ 
bie ^)erfBnlid^en Sonfftfte ber beiben ^rofefforen ju SSBittenbcrg i)on 
torni^erein eine tiefe SJerbitterung enn)fing» 

6^ liegt auf ber §anb, baß bie eben gefd^ilbertcn tettgiöfen 
Seigren fid^ in ?utl^er^ ®eift nid^t auf einmal, fonbern aöma^Iid^ 
ju einem feften (Softem geftalteten. Sebcnfattö aber tourben fie ba« 
5Dicrlmal ber ©cmeinfd^aft, toeld^e uÄ ba« 3ai^r 1530 ate „lut^e* 
rtfd^e ^rd^e" ju SRed&t beftanb. 

©leid^jeitig mit ber Snttoidlung biefer religißfen 3been üoßjog 
fid^ nun in toid^tigen fird^Ud^^jJolitifd^en Huffaffungen bed 
mafgebenben 9teformator3^) eine auffaßenbe 5Innä^erung ^n bie 
^rinci()ien ber römifd^en Sird^e. ©ä^renb gütiger in ber ^eriobe 
Don 1517—1521 aud^ in feinen lird^cn^oUtifd^en ©ebanfen auf bera 
©oben ber altbcutfd^en D})})ofition, toie fie burd^ bie ©rübergemein^ 
ben re^>räfentirt toar^)^ geftanben i^attc, feierte er im 8aufc ber 
Jtoaujiger Saläre ju bcn Slnfd^auungen, in toeld^en er geboren unb 
ergogcn toar, in Dielen fünften gurüdf. 

©d^on bie ^eitgenoffen toottten bemerlen, baß gütiger nad^ ber 

1) S)a6 3toin9^i oußcr in ber 3lbenbmal^t3tel^re in aßen :|)rinci^ictten gta* 
gen pd^ an Sutl^er anfci^bß, ip be!annt. 

2) 3üif bem 9ici(^3tag gu SBormö, im grül^ial^r 1521, erlörtc ber Vertreter 
ber riJmifc^en ^ir^c Sutl^er QtQtnubtx öffenttid^: „Plurima eorum, quae adducis, 
Pegardorum sunt, Waldensiura sunt, Pauperum de Lugduno sunt, Wicleff et 
Huysz et aliorum jam dudum sinodaliter explose hereses.^ $• ^alan Mo- 
numenta Ref. Lutheranae. 9legen0b. 1884 (^. 182. 



361 

futjen ^etiobc feinet 3«f^wJttcntt)ir!cn^ mit ®tau})tfe attmäi^Ud^ 
totcbct in bic ©cbanicnfreifc cinlenftc, toctd^cti er nod^ Bis um baS 
3a]^t 1515 als trcuet ©oi^n bcr tßmifc^cn Sitd^e unb eifriger SWönd^ 
ergeben getoefen mar. ©eine Sluffaffungen über bte 5Kot^tt)enbigfeit 
beS toeltlid^en ä^^^S^^ ^^ ©laubenSfad^en, fein Äird^enbegriff nnb 
felbft feine 3been \>om geiftttd^en ©tanbe fd^ienen nur ein SSSieber^ 
aufleben ber Erinnerungen ju fein, bie auS einer früheren ^eriobe 
feines SebenS auf bem ®runbe feiner ©eele mieten »)• 

3n ber Zffat fielet eS ja feft, ba§ gütiger ein reifer 9Äann toar, 
als @tau^}it5 i^n in bie Sbeen ber ,,®otteSfreunbe" einfüi^rte; er 
l^atte miti^in nid^t, toie biele anbere feiner 3^i*9^«^ff ^« f gleic^fam 
mit ber SWuttermild^ bie 3been ber attbeutfd^en O^)})ofition einge^ 
fogen. als baS SSeri^ältniß ju ®tauj)ife fid^ löfte, ba tourben t)on 
gut^er anbere SBege eingef dalagen unb ,,bie 3been berSR^ftil" 
— toie ein neuerer äni^änger Sut^erS fagt — tourben t)on xf)m 
immer mei^r „abgeftogen unb abgefd^ltffen"^). 



SS bauerte nid§t lange, fo toaren bie ©egenfäfee jtoifd^en gut^er 
unb ber mit t^m berbünbeten ©taatSgetoalt einerfeits unb ber rö*» 
mifd^en Sird^e anbererfeitS jU fold^er ©d^ärfe gebiei^en, bag bie 9tat^^ 
f daläge einjelner ^erfonen ungei^Brt t^er^aöten. SS galt, in bem 
großen Äam^fe ©tettung ju nehmen, unb ber SWann ober bie Partei, 
toeld^e eS toagte, um baS 3al^r 1525 eine felbftänbige Ueberjeugung 

1) 3n S3ejug auf 8ut^er§ ©tettung ju ben „Äe^ er [trafen" beste, gur 
®eiDij|cn«freil^eit f. 3. Äöj^tin Sutl^er« Sl^eotogic in il^rer gefc^ici^tt. ^ntteicf- 
Xnng I, 556. m\tlm fagt, feit bem Sa^rc 1525 l^abe Sutl^er in biefer ^lic^tung 
„tocfcnttici^ biefetbc5tnf(5auung4>orgetragcn, bon toetci^cr auc^bie 
®egett:|)artet ausging unb toetc^e in ber gangen l^erfömmtid^en 
Xl^eoricunb^rajiö^errfd^te''. 25te „l^ertiJmmKd^c Sl^eorie" l^aben »ir 
ohtn @. 1 ff. bef^rod^en. — Sn ©ejug auf Sut^er« 3(nf(^auung bon ber ^rd^e 
fagt äncr ber gcnaueften Äenner, 2ll6re(5t Slitfd^t, »örtUd^, baß ftc^ barin att- 
ma^li^ „eine Slnnäl^erung an bcn latl^otifd^enÄird^enbegriff boH* 
sog" («riegcr« ätfc^r. f. Äird^eugefd^. i, 83). 

2) ©♦ gering 2)ic SWijjUf Sutl^^r« im S^f^nimenl^ange feiner Xl^eotogie 
8^)3. 1879 @. 247. ®(^on in ben Salären 1521 unb 1522, fagt gering, ift öon 
gütiger« bi^l^erigen 2(nfi(^ten SSietc« „abgeftoßen unb abgefc^ttffen". 2)em 9lci(^8- 
tag au SBormö (1521), fäl^rt berfelbe ^utor fort, fe^en »ir Sutl^er „l^inau^ge* 
UKici^fett über bic SW^pif" entgegengei^en. 



362 

}u i)ertrctctt; mußte auf ben Äaunjf gegen gtoet überlegene ©egncr 
xtäfttm. 

©eit mtnbeftenö 1524 toax iebe 3luöjt^t; baß bic neue lut^c* 
ttf(3^e fttt^e bie ©ebanlen bet afteDangeltfcä^en ®emetnben gut Set- 
totrMi(3^ung unb ©atftettung Bringen toerbe, öerfd^tounben» SBenn 
bte ,,Srüber" aber bte Hoffnung gei^egt i^atten, baß in biefer neuen 
ftir^e bie atten ©emeinben toenigftenS ju einer getoiffen SDulbung 
gelangen toürben, fo fottten fie balb eine« Slnberen belel^rt toerben. 
SBaren fie unter ben röntifd^en 3nquifitoren mit JRutl^en gejü^tigt 
toorben, fo foßten fie it^t mit ®Iorj)ionen gejüd^tigt tocrben unb 
ba^ ©lut ber 5lrmen floß toie SBafferbäd^e. 

®o gefd^al^ e^; baß i)iele 2:aufenbe, toeld^e in SBai^r^eit toebet 
2ut]^eraner noc^ Äati^olilen toaren, fi(ä^ um beö griebenö totöen 
äußerli(3^ afö fold^e belannteni). ®ie rebeten fid^ ein, baß bie toaste 
Slugi^eit fie jur Dj)j>ofition gegen bie „Selten" jtoinge, aber e« be^ 
ftätigte \xSf balb bie alte Seigre: SBer bie ©a^ri^eit erlennt unb fte 
verleugnet, ber ti^ut cö nid^t oi^ne ©d^aben ju nei^men an feinet 
©eele. ©o blieb ber ^amp\ gegen bie beiben großen SKäd^te fe^t 
balb ber geringen ^a^l fold^er SWänner überlaffen, toeld^e faltig 
toaren, für bie ibeal^n ®äter biefe^ gebend ben äußeren trieben 
jum D})fer su bringen. 

@$ fielet feft, baß biefc SSerpltniffe eö toaren, tocld^e einen 
großen 2;^eil i)on Suti^er^ ei^emaügen greunben jum SSerbleiben in 
ber römifd^en ^rd^e beftimmt i^aben. SBenn man i^ncn beß^aK 
SSortoürfe mad^te, fo })fl(egten fie ju ertoibern, baß ber 2lbfatt Don 
ben urreformatorifd^en Senbenjen — toenn ein fold^er öori^anben 
fein foüte — nid^t größer fein toürbe alß berjenige, ben bie SBü^ 
tenberger unb ^Mäftx ©taatöfird^en fid^ i^ätten ju ©d^ulben fom^ 

1) Stttl^er \^xtiU an feinen greunb ^auöntann: „SWci^tö ifi mir jcfettoibct- 
toättiger at§ biefer utifer großer ©aufe, ber mit ^intanfc^ung be8 Sort«, 
be^ ©tauben« unb ber Siebe nur barum fid^ rül^mt, d^rif^tid^ unb ebangeKfii^ ju 
fein, toeit er an gafitagen gteifd^ effcn, ba§ Slbenbma'^t unter beiber Öepalt 
cm^>fangen, ba« gaften unb ®ebet untertaffen !ann". — 3m Saläre 1525 fd^reibt 
berfelbe Sutl^er: ,,2)ie ©Triften fmb nid^t fo gemein, baß fo biete ftd^ fottten auf 
einen Raufen berfammetn; e§ iitein fettfamer SSoget um einen (S^tijlcn; 
loottte ©Ott, toir ioären ba$ SWel^rertl^eit gute fromme Reiben, bie ba« natürlülSc 
Sted^t l^atten, gefd^tocige ba« d^rifttid^c". @. SDöttinger S)ie 9lef ormation tu f. »• 
I, 283 f. 



363 

tuen laffeti; benti e« i^ätten fld^ Itt beti neuen Atrien ötelfad^ nur 
bte gotnien unb bte 5Ranten ge&nbett; Im ©efen aber feien 
ble alte unb bte neue Äitd^e ungeuietn öenoanbt 

®o fd^ten e« einen äugenWld, aW ob ble altbeutfd^e JE^eologle 
nad^ 3a]^t]^unberte langem ©eftanb bem Untergänge getoeli^t fei 
Da^ aKart^Tlum, unter toeld^em pe hx^tx fortge^jflanjt toar, toar 
öergeBIld^ getoefen, toenn fld^ nld^t üKanner fanben, toeld^e öon 
SRenem baför ju SWärt^rern ju »erben entfd^Ioffen toaren- ©enn 
man einige Saläre l^lnburiä^ i^atte i^offen bfirfen, baß ble fd^toere 
3elt ber ;;6aBi?Ionlf(3^en (Sefangenfd^aft" Beenbet fei, fo foBte eö fld^ 
jc^t jelgeU; baß eine fd^toerere SelbenSjelt aU je i)or]^er Im SlnBrud^ 
Begriffen toar» 



0ed);el)nte$ Capttel. 

3)te SBebeutung bcr ©etoegitng. — 5Der toa^xt S^atnc bcr ißartct. — ©rünbtmg 
einer neuen ober (Smeuerung einer alten Äirc^e? — 2He2Biege be8 2;&ufer* 
tl^uni«. — S)ie (£a^ttet«*SSerfaninitungen ber „trüber" ju ©afet. — ©at- 
tl^afar ^uBmeter, — S)ie S5afe(er Offlcinen. — $an8 Send, (£urio unb 
(Sratanber, — (Sonrab (3xtM. — 2öit^. 9leuHin, Utrtc!^ ^ugtoatb, Subtoig 
$%r, ©inton @tunH)f, ©etnricä^ b. (S:|)^>enborf, ^artmutl^ b* (Sronberg, 
Otto S5mnfel«, Stnbrca« Capetberg. — S)ie 3lu8tänber aW. «entinu«, ©eiur. 
9lobe, 9l. (Srocu«, Slnemunb be (£oct u. 31. — „%po\iü, ©ifd^öfe unb (gbou- 
getipen". — S)ie Slefuttate ber ^rüber-®^noben* — 2)ie 2^aufe auf ben 
Glauben. 

Um baö 3a^r 1525, fo crsä^Ien bte (S^tonilcn bet „SdxSbtx^ 
gcmcinbcn", bie man Säufer nannte, unter bem Äatfer Sari, feinet 
Slamenö bem günften, „i^at bte lang untcrbrüdtcSird^c an^ 
gefangen, baö ^anpt toteber emj>or ju l^eBen" unb öon 
ber i^errfc^enben ^r^e (bott ber fie btöi^er nid^t äu|erti(ä& gcfd^teben 
toar) fi(3^ lo^jutöfen 0- ,Mt mit £)onnerfd&lägen", f ä^rt ber S^ronift 
fort, „^aBen Sut^er unb 3*^^flti «^^ anbere ii^reö Slni^angö äüe« 
niebergefc^lagen, aber fie i^aben bod^ fein ©effereö aufgeri(ä^tet" 

©ie l^aben jtoar „jum S^eit ein iiä)t aufgeftedt, aber bemfelben 
ttic^t rid^tig gotge gegeben, fonbern fic^ an bie toeltli(j§e ®eti>alt ge-* 
l^ängt * . . • unb aud^ fein frömmere^ S3olI (benn im ^a|)ftt^um) 
auferjogen/' „Unb um biefer Urfad^ toißen, ob eö borl^er tooi^l 
einen guten Slnfang gßttUd^er Srfd^einung unb Slnmutl^ö gei^abt, 
ift t^nen bod^ ba^ 8id^t ber redeten ©ai^ri^eit toieberum berbunfelt" 

„Unb fold^e ii^re ßel^re i^aben fie mit bem ©d^toert ju glauben 

1) ©ecf 3. S)ie ®efd^id^t0bücä^er ber Söiebertoufer in Oepret(^-Uugam SBicn 
1883 @. 12 f. (Fontes Rer. Austr., Dipl. et Acta Vol. XLIÜ). 



365 

We STOcnfi^ett nSt^tgcn tooBen, fo bod^ ber ®IauB nt(ä^t ®cU)aIt bcr 
aÄenf(ä^ctt, fottbctn eine (Sabc ®ottc« ift" i)^ 

iBon ber furd^tbatcn ftataftto^>*]^c, tocld^cf^ lm3lnfd^Iug 
<in btcfc Sri^ebung bcr altbeutfd^cn Oj)})ofitton i)ott8ogen ffat — jie 
gci^Jrt ju ben traurigften unb folgcnfd^toerftcn Sj)ifoben ber beutfd^en 
©efd^td^te — totrb in ber lanbläufigen (Sef(3^i^t[(ä^reibung fotool^I 
auf lat^olVi^tx tote auf lutl^erifd^er ®ette in bcr Siegel nid^t r>xtl 
berid^tet, unb öon beut ©lutbab, tocld^cö i^eraufbefc^tooren toorben 
tft, l^aben l^eute bie Steiften cbenfotoenig ftenntntß tote i)on beut 
^elbenmutl^ unb ber 2lufo})ferung, mit toeld^er auf ber anberen 
©eite gelänt()ft tourbe* 

3Jian ift faft immer mit biefen Singen xa^äf fertig, inbem 
man geringfd^äfeig Don ben „©elten" f^Jrid^t, ober auf bie ©cenen 
J>ertoeift, bie fid^ in SDWinfter angetragen l^aben fotten. ^lun, auf 
btefe festere gj^ifobe toerben toir unten jurüdfommen unb nad^^ 
toeifen , toie fid^ gerabe l^ier eine Umtoäljung ber biö^erigen 5luf^ 
faffungen i)orbereitet. SBaö aber bie „©eften" betrifft, fo foKten 
bod^ biejenigen mit biefem SRamen t)orfid^tiger umgei^en, torfd^e bei 
®eltenbmad^ung biefeö SBorteö in feinem alten ®inn ©clegeni^eit 
geben, felbft eine „®efte" genannt ju toerben; aber ift eö benn 
juföffig, bie Partei ber afteJ)angeUfd^en SDi)j>ofition, toie fie jtotfd^en 
ben Salären 1525 — 1530 mit einer großartigen ÜHad^tentfaftung 
an bie DeffentUd^Ieit tritt, eine „®elte" jU nennen, toäi^renb man 
gleid^äeitig bei Suti^eranern unb 3toinglianern einen fold^en Slamen 
jurüdtoeift? So ift toai^r, baß bie getoaltfame UnterbrfidEung, 
toeld^e bie alteöangelifd^e Partei burd^ ben ©unb ii^rer (Segner mit 
ber toeltUd^en ®ctoalt erfai^ren i^at, aümäi^lid^ baö große, toeltum^ 
faffenbe ©treben bcrfelben getäi^mt unb bie fd^öj)ferifd§e geiftige Sraft, 
bie toir lennen lernen toerben, gehtidtt i^at ©aburd^ ift fie in 
SDeutfd^Ianb ettoa feit ber Süiitte be« 16. Sai^r^unbert« in ein Hx^ 
fümmerteö ©tiüleben gebrängt toorben unb l^at DieKeid^t ben Si^a^ 
rafter einer „©elte" toirlHd^ angenommen. 5lber bie erfte große 
^eriobe be^ Jäufert^um^ ^at fo tocite SSoIKfreife in bie ©ai&nen 
il^rer ©etoegung gegogen, i^at i^ren ©liebern einen fold^en ©d^toung 



1) «ed a. O. @. 14. 



366 

i>tS ®eifted unb eine fold^e Sti^ebung bed ®emüf]^^ mttgeti^ettt unb 
mit ben 3^^!^«/ We ii^t int änfd^Iuß an bie oltd^tifiKd^en $rincii)iett 
öotfd^toebten, einen fo umfaffenben ©nfln§ anSgeittt, ba§ pe fld^ 
gleid^&ered^tigt jieber anbeten grogen 9?eUgiDnd)>attei 
unfere^ SSaterlanbe« an bie ©eite [teilen lanm Unb 
toenn bann ^pöttt biefe Partei in Deutfd^lanb toirHid^ jeittoeiUg jut 
©elte l^erabgebTüdt tootben ift — toeiß man benn nid^, t>a% pe 
gleicä^jettig in anbeten gänbetn duxopa^ jn einet toeltgefd^id^t^ 
lid^en ©ebentnng gelangt ift? 3ft nid^t bie jtoeite engßfd^e 
atefotmation im 17* Sai^ti^unbett öottoiegenb öon i^t teftimmt 
tootben? Unb toet »iü fagen, baß ii^te ®ef(ä^id^te beenbet ift? 

e« ift toai^t, bag in bem SBettftteit um ben ©efife bet SWa^t 
biefe ^attei in ii^tem Utf|>tnng^^ unb §eimat]^*8anbe eBenfo ii^ten 
(Segnetn untetlegen ift, toie baS Si^tiftenti^um in jenen Dtientlänbetn, 
too feine ©iege ftanb, feinen geinben ba« gelb l^at fibetlaffen muffen, 
um im Slbenblanb fteilid^ fid^ um fo glänjenbet ju entfalten. S^ 
toifl nid^t bai)on teben, baß e« untet S^tiften einen fold^en Äam<)f 
mit gcuet nnb ©d^toett gegen SÜKtd^tiften nie i^ätte geben fetten, unb 
baß e« el^et ein Stxii^tn be« toai^ten Si^tiftenti^umö ift, pd^ Iteu^ 
glg^ti 8U laffen, al8 anbete anö Steuj ju fd^lagen ; abet e^ ift fid^et, 
baß, toenn man ben ©lidt Don jenem SQBettftteit um bie ÜRad^t auf 
ben ebleten ©tteit um bie glitte bet C>tegabe unb ©egeiftetung 
tid^tet, pd^ bet S5etgleid^ in ganj anbetem Sid^te batftettt 

©ie bem aud^ fein mag, fo ttägt bie untetlegene ^attei bod^ 
ba« ÜKetImal ii^tet SWebetlage infofetn nod^ l^eute an pd^, al« e« 
ii^ten ®egnetn etlaubt ip, pe nod^ fottbauetnb mit jenem alten 
©d^elt" unb Spottnamen „SOBiebettäufet" ju bejeid^nen, ben bie 
^attei felbp ftetö mit ffintfd^iebeni^eit äutüdtgetoiefen l^at STOan be^ 
fd^impft bie ^attei butd^ ben ©ebtaud^ biefeö SRamen« au8 be^ 
ftimmten ©täuben nod^ fd^limmet al8 tocnn man i^eute bie lati^o^ 
lifd^e Äitd^e mit bem 5Ramen „$a|>ipen" obet bie tefotmitte 
©emeinfd^aft mit bem S^lamen „©altamentitet'' bejeid^net 

©enn jebe ^attei ba^ Stecht l^at, Don ii^ten toiffenfd^aftlid^en 
(Segnetn mit bem SRamen genannt p toetben, mit bem pe pc^ 
felbp nennt, toatum toitt man getabe biefet ebangelifd^eligtSfen 
JRid^tung biefe« JRed^t Dotenti^alten? 



367 

®ä)on feit bem 3a]^re 1615 i^at ZxUman i)on ©tagi^t in aücn 
Slttögaben feiner großen (S^ronil ber „©rübergenteinben", toeld^e 
unter bem Slamen ,,üKärt^rerf^)iegel" belannt tft; ]^eri)orge]^oben, 
bag „ber Slante 'SCäufer' i)on feiner Partei nicä^t auf bereu Säe^ 
gel^ren angenommen toorbeu fei"; „i^r eigentlid^er 5Rame"; fä^rt 
berfelbe fort, „ift '6Mteu^ 'eMtgefinnte^ ober'goangelifc^e', 
tote fie oon alt^er, ja feit oielen i^unbert Salären finb ge^ 

nannt loorbeu"*)- 

@d^on bic SJJKtgUeber jener Srübergemeinbe ju S^xx^, ixt, 
toie fid^ jeigen toirb, in ben ®erid§t^alten juerft aW ,,©^)iritualeu" 
bejeid^net toerben unb bie fjjöter in ben ©treitfcä^riften ber Si^eologeu 
ate ,,2:äufer" ober „SQBiebertäufer" oorfommen, nennen fid^ unb bie 
il^rigen einfad^ ffioangenfd^e2), unb eö ift fel^r bead^tenötoerti^, ba§ 
bie ©(^riften ber ©rübergemeinben feit 1525, loo berfelbe SRamc in 
©egug auf bie guti^eraner unb ä^ittgüaner in erfter 8inie in Uebung 
gclouimen toar, biefe festeren Parteien gauj auöbrüdUd^ ate bie 
Slcueoangelifd^en bejetd^nen 3). 

Dai^er ift eö offenbar eine UeberHeferung auö uralten ^zxttn, 
toenn biö auf ben i^euttgen SCag biejenigen Parteien, loeld^e oon 
jenen ©rübergemeinben abftammen, in einjelnen Säubern fid^ „cxlU 
eöangeUfd^e SCaufgefinnte" nennen unb e^ ift bie ^flid^t 
einer un})arteiifd^en ©efd^id^töfd^reibung, fid^ biefer i^iftorifd^en unb 
öon ben ©rübergemeinben felbft gebißigten ©ejeid^nung anftatt jener 
©d^eltnamen ju bebienen. 



S^ toürbe ber großen ©etoegung ber alteoangelifd^en ©rubere 
gemcinben, toeld^e in ber ©efd^id^te unter bem burd^au^ unjutreffenben 
5Ramen beö ,,3lnaba^)ti3mu3" juf ammengefaßt loerben, längft 
eine größere ©ead^tung unb eine oeränberte ©curt^eilung jU Z^txl 
geworben fein, loenn nid§t jugleid^ mit ber Partei felbft aud^ faft 

1) i)* iBragl^t Het bloedig Tooneel etc. Amsterd. 1685 ®t A. 6. 

2) a. @gti Slftcnfammfong gut ®efd^. b, äüric^cr 9lcformatton. I. 3ürtci^ 
1879 @. 82 (SScrl^öte über eiitc „@^c«Ic" ber ^batiflclifc^ctt [3acob ©rebel, (£ku« 
^ottaiget u.f.to.] auf beut Siubcnl^ofe ju Slufang 1522), 

3) S5gt, Subtoig ©St^et 95ou ben ©baugctifd^cu S^d^cn uub bon ber®^ri- 
fleu tcb aug l^eiftger gefc^rifft O ®ott crlöß bie gefaugeueu M. D. XXV. ^l a— c. 
$ier f^ric^t ^. toieberl^ott bou ben 9f?eu*SbaugeUtc^eu. 



368 

bte gattje Sttetatur betfclbcn Don bcn ©tegerit i)etntd^tet tootben 
toäte* SBaö bte Süieiftcn öoit bct ®cfd§i^tc bet „Säufer" unb 
öon tl^ren ©d^riften lenneti, berul^t auf ben 3^^8tttffen ti^ter 
geinbe^); aber fo getotg bte Slnl^änget intfftx^ eiu SRec^t l^aBen, 
bag Uta« über beu ©egrünber i^rer Strd^e außer beut Urti^eil be« 
ßod^Iäuö; Dr. S(f über bcö Sofy, Sanffen aud^ nod^ beö angegriffenen 
Ziftüt^ eigene^ S^^S^iß V^^^r f<> fl^^^ß ift biejenige (Sefd^td^t*- 
fd^retbung ntd^t unjjarteüf (ä^ , »eld^c, tote eö bt^l^er gefd^el^en tft, 
auf bte Slu^fagen Suti^er^, ä^^^flß^ ^*^^^ iöuttinger^ i^in ein Ur* 
t^eil über bie ,,2äufer" abgiebt. 

@3 läßt fi(^ bie ßrfd^etnung beobaci^ten, baß alte biejenigen 
gorfd^er, totläft über bte lanbläufigen ©arfteöungen i^inmeg ju ben, 
aüerbingö fd^tDer erretci^baren , ©d^riften ber „2^äufer" fclbft l^in^ 
burd^gebrungen finb, i^r Urti^eil toefentUd^ l^aben mobificiren muffen. 

3u ben tDenigen äJiännern, tpeld^e fid^ ntit ber täuferifd^en 
giteratur unb ^oefie befd^äfttgt i^aben, gei^ört 9i. i)on Siliencron. 
©erfelbe conftattrt bei ber SBiebergabe ber Sinbrüdte, bie er em^ 
^>fangen2), baß in ber ^oefie ber „SBicbertäufcr" nid^tö i)on ben 
aSerirrungen bogmatifd^er ober fittlid^er Slrt ju bemerfen fei, bie 
man i^nen getoöi^nüd^ gum SSortourf mad^t „Siebe", fagt er, „ift 
baö große unb unerfd^öj^flid^e S^ema biefcö (Sefangeö; benn Siebe 
aüein ift ba$ Sennjeid^en ber Sinber (Sottet. Der ©laube l^ört 
auf im ©d^auen unb bie Hoffnung ftirbt in ber Srfüttung, ober 
bie Siebe bleibt en^ig. ®arum gilt fie ben ©rübern aU bie '^aujst* 
fumme' i^reö S3Sefenö 3)". 

„@^ ift befannt", fäi^rt berfelbe 3lutor fort, „toeld^e geuer^>robe 

1) @el^r tid^tiö fagt fc^on im Saläre 1753 3.€»gü6tin (beitrage gur(Sr- 
täutcrutig ber Äird^cn*9lef,-®efd^, u. f, to. 111, CXXX Vll) in SBcjug auf bie SSerfaffcr 
be8 3(nl^angg jnr Soncorbietiforntet unb beten SluffteHungcn über bie Säufer, 
„baß biefe guten SSäter geneigt geioefen, il^rer Söiberiüärtigen 3rtt^ilmer gu ber* 
meieren unb gu vergrößern". 

2) ,,3ur Sieberbic^tung ber SBiebertäufer" in ben Slb^anbl. b. %t. S3air. 
Slfab. b. Siff. ^l^iHipt. m. 1877 @. 123 ff. 

3) SnSSejug auf bie Äird^cntieber ber tutl^erifd^en ^rd^e ift längfl anerlannt 
(f. 9iitf(^l »Rechtfertigung unb SSerfö^nung 1, 353), baß beren (Sl^arafter jur Äenn- 
jeid^nung ber ©emütl^^ric^tung ber ganjcn Äird^e bienen fann. @oütc bct 
gteid^e S'iüdfc^tuß nic^t aud^ bon ber täuferifd^en Sieberbid^tung auf ben ©dji bct 
„Sßiebertäufer" gemad^t »erben bürfen? 



369 

maffcni^aftcn SWatt^rcttl^um^ bcn ©tübcrn ©dcgcn^ctt gab, fol^c 
Heiligung burd^ bie Zfyat ju betoäl^rcn; bcnn mit bet ftä^onung^^ 
lofcftcn §aTtc tcügiöfeti §affc5, mit aücn Qualen bct göltet unb 
be^ 2^obe5 finb fie »on ben ^Regierungen , latl^olifd^en toie ei)ange** 
Kfd^en, toä^renb cine^ gangen . Sai^ti^unbertö i)CTfoIgt n)otben". — 
„%uäf un3 ergreift §)0(3^a(ä^tung, ia ftaunenbe ©etounberung, tocnn 
ö)ir feigen ^ mit toelc^er greubigfeit unb Srgcbenl^eit, mit toeld^em 
®ieg über atteö örbifd^e biefe 2Känner unb ©reife, biefe SJJiäbd^en 
unb grauen ben Zoh über \xäf ergel^en laffen" ')♦ — 

3n berfelben ©eife »ie eö ben ©efd^id^töforfd^ern ber römi^ 
fd^en Äird^e gelungen ift, bei ben Slngei^Brigen ii^rer Äird^e bie Ueber^ 
geugung gu befeftigeU; ba^ Suti^er toie 3^i"8tt 5luftt)iegler unb 
JReüoIutionäre toaren, unb ba^ ein SWann toie Si^omaö 5D?ünger ein 
red^ter ©d^üler Sut^erö getoefen fei, in berfelben SBeife ift in faft 
afien luti^erifd^en unb gtoinglifd^en ®ef(^id^tön)erfen bie falfd^e Söt^ 
ifanptnni gu lefen, bafe bie ^äu^ter ber ,,S33iebertäufer" J)ortt)icgenb 
fociale unb |>oIitifd^e ^xtU t)erfolgt ptten^), unb bag Z^cma^ 
äÄünger unb bie fogenannten 3^i*^^^^ ^rojji^etcn^) bie 
aSäter unb ©egrünber beö „Slnaba^)tiömu«" feien. 

Unb toaö ben ,,5i:äufern" i)on ben ßuti^eranern unb ^toirti^ 
Hauern nac^gefagt toorben ift, ba« l^aben bie „©acramentirer" lange 
3rit [xä) i)on gut^er unb feinen änpngern cbenfaü^ nad^fagen 
laffen muffen* 

3n ber 33orrebe, meldte gütiger im Saläre 1544 gu einem ©ud^ 

1) (Sin anbcrer gotfd^er, ber biß ju bcn Ortginalquellen 4>orgebrungen \% 
ip 2:. SB, iRö^rid^. (gr f^rid^t ba« 9lefuUat feiner ©tubien in bcn Sorten 
an« (Stfd^r. f. l^tftor* Sl^coL 1860 @.3); „Saß bie SWel^rgal^t ber SiebertSufcr 
red^t toürbiflc Scute toarcn, bie c« mit il^rem ©laubcn ganj ernjl nal^men, ba8 
acigcn bie Otiten". 9Wan barf 3cbcm, ber nid^t fctbp „bie SWten geprüft'' 
l^at, ba« 9le(^t bcftreitcn, bie Söa^rl^cit bicfe« Slu^f^rud^« anaufed^tcn. 

2) 2)ic Unrid^tigfcit bicfer SBcl^ou^tung tcirb pd^ in ©cgug auf bie an«* 
erfanntcn gül^rcr ber „SSrübergemeinben" unten ergeben. 2)a6 eingetnc Säufer 
il^re Seigre jur (Srreic^ung ^)otitifd^r gidc migbrauci^t l^aben, foß nid^t befbcittcn 
»erben; aber l^at e« benn niemal« latl^otifd^c ^riejier ober lutl^erifd^ ^ajlorcn 
gegeben, benen neben ber SScrlünbigung be« gütttic^en SBorte« au(^ getoiffe anberc 
äiete 4>or ?(ugcn fd^tocbten? 

3) ©d^on Z. 2Ö. 9l81^rid^« gorfd^ungen l^aben fejigcpeßt, baß ftd^ am Ober- 
rl^n ,,lein unmittelbarer (Sinfluß ber 3*»Wauer ^ro^l^cn" nac^meifen ISßt^ 
3tfc^r. f. b. 5i^ X^eot 1860 @. 4. 

fte Her, 3)ie {Reformation. 24 



370 

bcÄ 3«ftu« 9Äeniu8 üBct bic SBtebcttäufct fd^ricb, fagt et auÄbtüd^ 
Ixäf, baß bct ®eift bct ;,2Biebertäufcr" unb bcr „©actamentttct" 
ein ®ctft fei; unb im Salute 1530 erllärtett bie ja^Iretd^ ju 2lug«^ 
turg atttoefenben luti^erifd^en Zfftoloztn jebe iBerftänbtgUÄg mit ben 
©acramentiretn begi^att für unmögltd^; tocü in biefet ®emeinf^aft 
ber ,;üKüttjetifd^e ®eift" etfannt toetbcn müffeO* 

Dieienigen ©d^tiftfteüet 2) ^ toelc^e nod^ l^eute bcrartigc unbe^ 
toiefene toie unbetoeiöBare SJetbäd^tigungen an^^pxtäftn, lönnten pd^ 
in ©ejug auf bie aftet^angettf^en ©emeinben öon gütiger fettft bc^ 
leieren laffen^ baß fie falfd^e angaben mad^en- Suti^er namlid^; 
toeld^er bie gellte feiner fad^fifd^en ®egner genau lannte, öerfid^ert 
im Saläre 1528 in feiner ©d^tift: ^^SSon ber SBiebertaufe an gtoci 
^farr^erren"; baß in feinet gürften ßanben nod^ nie ein 
S33iebertaufer öori^anben getoefen fei, unb fäi^rt bann fort: 
„3d^ toeiß nod^ nid^t red^t; toa^ fie für Urfad^ unb ®runb i^re«. 
©lauben^ ^aben"^)* 

SBir toerben unten feigen, baß bie grneuerung ber alte^ange-' 
lifd^en ©emeinbeU; bie man ,, Säufer" nannte, fid§ jtoifd^en ben 
Salären 1515—1522 i)oßjogen l^at, unb baß bie erneuerte Slu^brei^ 
tung ber Partei fd^on mit 1523 beginnt ®ie erfte ©ejiei^ung aber, 
toeld^e jioifd^en ben oberbeutfd^en „©rubem" unb ben fogenannten 



1) ^eim Xl^v ©(^toSbifc^e 9tef0nnatton9ge{(^i($te* 2:übütaenl855 @*166. 

2) ©citbcm CorncKu« (SWünjl. 3üifr- 2^g. 1860 II, 14 unb 24) auf Oruub 
ber eingel^eubf^en gorfd^ungen feflgeßeHt l^at, baß bie ^etoeguugen ber fac^ftfc^n 
9tabtca(en ol^ne irgenb toeld^e iRad^toirbingen ober Getute |u 92eubilbuugen ge« 
blieben ftnb, uub baß SJ^nger in ^au^t^uufteu ftc^ mit ben Käufern in S^iber« 
f^ruc!^ befanb, unb nac^bem SJ^äuner toie^* S. (Sr blaut (1848) conßatirtl^abeit, 
baß utau änünjer uid^t uttt boUem 9le(^te unter bie ,,^iebert(iufer'' rechnen lann, 
giebt e$ für tt)if(enf(i^afttt(^e Tutoren leine (Sntfc^utbigung uiei^r, toenn fte folc^ 
folfc^e i^el^u^tungen immer bou 9^euem unter ba9 fßoVl bringen, flber no^ 
bie 'neue{len ^ßagen ber belanntefleu hrc^eugefc^ic^tUci^n ^anbbüc^r mieberl^oldt 
jene ^erbSc^ttgungen (f* 3. 3. ^ er 30g ^briß ber gefammten ^rc^engefc^id^te 
UL Xl^. (Srtongen 1882 @. 48 ff,), ©ejiel^uugen aWäujerö ju Slttaba|)tiftat 
beto>eifeu an ftd^ fo loeuig tote bie I6eaiel^uugen beffelbeu SD^anne9 au inl^, 
Oecotautt>ab uub Prl^eimer, koeKc^e pm Xl^ belanntlic^ fei^r freunbfc^ftüc^ 
2lrt »areu* 

3) (Sin Originotbmd biefer @(^rift befinbet {t(^ in ber $er). Sibliotl^ in 
SotfenbatteL 



371 

fäc^jtfd^cn 9JabtcaIcn ftattgcfunbcn l^at, fallt cttotcfcnctmaßcn in 
ben ®cj)tcmbcr bcö 3a]^tcö 15240« 

3)ctjcnigc Strd^cn^tftorlfcr, toeld^cr blcfc iBejtci^ungcn am gc^ 
naucftcn ctfotfd^t unb batgcftcüt ^at, ^cbcrtc, faßt fein SRcfuItat 
in f otgcnbcn SBottcn juf ammcn : „SRan fielet batauö, • • • ba| fie 
(bic 3lnaba^>tiftcn in bcr ©d^toctj) U)cit entfernt, fid^ SKünjer 
untcrjnorbnen, eine bnrd^auö fcUftänbige ©tetlnng 
i^m gegenüber betoai^tten nnb \xäf fogar berufen glaubten, 
SBelei^rungen unb Srmai^nungen an i^n ju rid^ten". „3^re ©n^ 
fl>rad^e gegen jeben aJerfud^, bie än^änger beö Süangetiumö mit 
betoaffneter $anb ju fd^irmen, barf afö Semeiö gelten, ba| fie 
SKünjerö aufrü^rerifd^en 2;enbenjen abgeneigt »aren"* 

Wxt gutem ®runbe i^aben beß^alb toai^ri^eitötiebenbe 2lutoren 
tt)ie im 3a^re 1733 Zff.^aläf^) unb neuerbing« §• 2B- Srblam 
^ertjorge^oben, „baß man SKünjer nid^t mit boUem Äed^t 
unter bie SBiebertäufer red^nen lann"^), unb t>on einem 
ber genaueften Senner beö nad^matigen oberbeutfd^en 2lnabat>tiömuö, 
2:^. Seim, ift bie 3:]^atfad^e feftgefteflt toorben, baß „bie SBirlfam^ 
leit ber ©ad^fen ©tord^, SKünjer u, f, to. an ben §auj)tft^en beö 
2lnaba|)tiömuö jiemlic^; fj)urIoö t>orfibergegangen ift"^). 

Die genauen Unterfud^ungen, toeld^e id^ in langjäi^rigen ®tu^ 
bien über biefe gragc angeftcüt i^abe, bcftätigen burd^auö bie Sln^ 
pd^ten ber eben angefüi^rten 3Kanner, toeld^e jubem mit ber 2;ra*' 
bition unb ben Si^ronilen ber S^äufer, bie man biöi^er ganj unbe*» 
od^tet gelaffen ^at, tjoülommen übereinftimmen. & mag fein unb 
foü nid^t geleugnet toerben, baß fotooi^l bie ^toidamx toie SDlünser 
mand^e 3been ber „2;äufer" tl^cilten, aber t^eilten nid^t aud^ Deco^ 
Iamt>ab unb fetbft Suti^er getoiffe ®efid^töt>unltc mit ii^nen? SBei^ 

1) @. heberte 2)ie Anfänge bed ^tiabo^ti^ntud in ber ©d^kDetj in ben 
So^tbb» fär beut Xl^eot 1858 e, 258. — (Srcbel, beffen refigiöfc Uebcrjcugun- 
gen fK^ fd^on im Saläre 1522 fcpftettcn laffcn, l^at naci^ feinem dgcnen S^ugniß 
bie erfte Öc^rift äl^ünaerd ettoa im ^ngnft 1524 in bie ^änbe belommen. 

2) (Anleitung in bie 9leIigion«prätigIeiten n. f. ». I, 592, 

3) (Srblam ®ef(^. b. ^tot ©elten, ©otl^ 1848 e. 495, 
4),@(^»äbif(i^e aieformation^gefd^id^te* Xäbingen 1855 e. 59. — (g« ließen 

fu!^ biefe S^ugniffe leidet ))ermel^ten. ^ud^ l^t (Sorneliud SD^ünf). ^fml^r 
II, 28 l^ert>otgel^oben, baß 9)>2ün}et nie baron gebac^t l^be, bie @^ättanfe einju« 

füllten. 

24* 



372 

tetcö totrb 5Rtemanb nac^^jutoeifen ttn ©tanbc fein, ÜÄan l^at aud^ 
eine 3^^ ^^"8 erfolgte^ bte 2Be]^am>tung öerbteitet, baß SBtHtbalb 
^irf^etmet ein ,,fSteunb SKün jetö" getoef cn fei ; jia julefet f am e^ ba^ 
l^in, ba6 3ebet, ben bie ortl^obojcn Parteien ben Dbrigleiten benun- 
ctren toottten, ein ,,©(^fitet SDWinjetö" gefd^olten toatb. 



S)ie ®ef(^i(^te be« ^^Jäufert^um«", b. ^. bie ©efd^id^te bet 
SBieberaufric^tung ber alteöangelifc^en ©emeinben im 
1 6, Sal^tl^unbert lann nic^t an bie Il^ätigfeit eineö einjelnen SWanne^ 
ettoa in ber SBeife toie bie ©efd^id^te ber lutl^erifd^en Sird^e ange- 
Inüj)ft toerben, üDet ganje Si^arafter biefet ©efd^ic^te unterfd^eibet 
fid^ öon bemjienigen bet lutl^erifd^en unb jtoinglifd^en Äitd^e ba^ 
butd^, bag eö [xä) Bei lefeterer um bie ©tünbung einer neuen, bei 
jener um bie Srneuerung einer alten ©emeinfd^aft i^anbelt 

@3 ift ein ganj t>ergebli(^e^ Semfil^en, in ber ©efd^id^te ber 
atteoangelifd^en ©emeinben nad^ bem ober ben Url^ebern fud^eit 
ju tooüen, ©0 getoi^ um bie SBiebergeburt ber alten ©emeinben 
eingelne 3Jiänner fid^ ]^ert>orragcnbe 35erbienfte ertoorben l^aBen, fo 
getoiß fel^ft bie 3JiögIid^feit, irgenb einen ©runbgebanlen beö ,,3lna^ 
Baj)ti«muö" auf jujeigen, »etd^er t>on biefen SKännem erfunben ober 
guerft formulirt toäre, unb nid^t fd^on feit bem 12, Sal^ri^unbert fid^ 
in ben „ÜBrübergemeinben" nad^toeifen ließe, 

aber gleid^tool^I ift e^ t>on großer Srl^eblid^Ieit, bie (Sefd^id^te 
ber inneren SBiebergeburt ber alten Sird^e ju öerfolgen. ®tr 
l^aben gefeiten, baß ber 3^pönb, in toeld^em fid^ bie ©emetnben um 
ba« 3oi&r 1500 befanben, einer Erneuerung in ^oi^em ®rabe be^ 
burftig toar* (Sin auögebel^nte« Slrbeit^felb eröffnete fid^ fold^ 
aWännem, »eld^e bte Sntftettungen ber 3:rabition befeitigen unb bie 
unt>erfalfd^te ge^re loieber an^ Sid^t bringen toottten — ganj ju gc^ 
fd^toeigen ber großen aufgaben, bie pd^ ergaben, toenn bie ^^ÜBrubcr" 
auf bem SBege ber SKlffion bie alte 3^^! ««^ Sebeutung toteber- 
geloinnen tDoUttn. 

gö ift nid^t JU leugnen, baß bie ©efd^id^te ber reformatorif^n 
Srübergemeinben eine ber toid^tigften ^i^afen ber alteöangelif^n 
Sird^e fd^on beßi^alb barftettt, toett erft feit biefem SWoment bte 
formelle 8oöl8fung t>on ber römifd^en Sird^e »oBjogen 



373 

toutbe. Snfofetn bilbcn bic QoXfXt, toeld^c stoifd^cn 1515 — 1535 
liegen, einen totd^tigeten Slbfd^nitt ber attet>angelifd^en Sitd^engc^ 
fd^id^te atö aüe frfi^eten (£|)od^en, felbft bie große ^txt beö 14, ^a^r*» 
^nnbertö nntet Saifet gubtoig bem Saietn faum ausgenommen. 
@ö ift ganj mtMxS), baß bie SKänner, toetd^e in biefet ^dt bic 
©d^idtfate ber „©emeinben" geleitet l^aben, ein ganj i^ert>orragenbeö 
Slnfei^en unter ben „©rfibem" nod^ ^mtt genießen, unb baß ii^re 
ßi^ronifen toie i^re giteratur in erfter Sinie an biefe Saläre an* 
In%fen, 

Snbeffen ift über ber in ben ©efd^id^tsbüd^ern fibtid^en ^erDor* 
l^ebung berjenigen äußeren Sreigniffe, »eld^e feit et»a 1524 bie !^o«* 
löfung ber erften ©emeinben Don ber i^errfd^cnben ftird^ begleiteten, 
ber Umftanb überfeinen toorben, baß bie innere SBiebcrgeburt ber 
„®emeinben" eine SBorgefd^id^te befi^t, toeld^e fid^ atterbing« nid^t 
in fird^lid^en, aber bod^ in toiffenfd^aftlid^en SnttoidHungen 
feit bem Saläre 1516 Dottjogen l^at, unb in toeld^er bie nad^matigen 
gii^rer ber Setpegung, jumal^ubmeier unb !Dendt, eine i^ertjor* 
ragenbe SRoüe f^)ielenO« 

ÜDie aJerif^ättniffe, toeld^e xoxx oben gefd^itbert l^aben, l^atten eS 
ju saSege gebrad^t, baß jtoifd^en ben Salären 1515 — 1524 bie ©tabt 
SSafel einer ber Dorne^mften ©ammelpunite ber SKänner tpurbe, 
to^iä)^ mit ben ©eftrebungen ber altbeutfd^cn C<)pofition f^mpa* 
tl^ifirten, 3m Saläre 1524 fd^reibt ber granjofe 3ean Sana^e auö 
^ariö an feinen SanbSmann SBili^, garet, »etd^er, toie ial^Ireid^c 
anbere granjofcn, SZieberUnbcr, 3taticner, ©ad^fen, 
SSß^men u, f, U). fid^ bamafö ju t>orübcrgc^cnbcr Slnmefenl^eit 
nac^ Safel begeben l^attc: „ffiir 2lflc tpftrbcn bein ©d^eiben fd^merj*» 
lid^ bebauern, toenn ic^ nid^t einfalle, baß bu glcid^fam jum ^afen 
unb bem ^nfluäft^oxt beö ^eileS geflüd^tet bift, nac^; SSafcI 
meine id^, ber toal^rinaft Wniglic^en ©tabt, mxl ber Si5nig ber Könige 
toitt, baß in i^r fein (£t>angelium unb feine etoigen (Sefefee Wü^n 
unb gelefen unb t>erfünbet werben" 2), 

1) ^u(^ bie ©efc^id^te ber lutl^erifc^en ^rc^e beginnt nic^t er^ mit ber (Son- 
ftituirung ber erften luti^erifd^en ©emeinben um ba3 Saljr 1523, fonbent mit ber 
erften toi((enf(^ftli(^en ^rockmirung il^rer ©runbfäfee, b. 1^. feit bem Saläre 1517. 

2) $erminjiarb % 2,, Gorrespondance des Reformateurs dans les pays 



374 

(gö fielet feft, bag bie SDiännct; toclc^c i^tet baö „(güangcüum" 
bcrfod^tcn, bamaW nodf an bcrfcIBcn Seigre feft^icltcn, toclcä^e gut^ct 
fett bcm Salute 1521 tjertaffen i^attc. Slüctn tß tft bUi^ct gelungen, 
bie ZffCL^aäft 3u tjctbunfeln, bag faft afle Slni^änget ber ei>ange*' 
Hfd^cn Setoegung in Safel ixß jum 3ai^tc 1525 benjenigen ©tanb^ 
t>unlt get^eüt ^aben , ben tpit f<)äter J)on SKannern toie IDend unb 
^ttfcmeiet Dett^eibigt feigen, 

Decotann>ab, toetc^er bamafö in Safel lebte, be^auj)tct im 
©ommcr 1525, bag bet tantpf um bie Jaufe Dot jU)ei Sagten 
begonnen l^abeO. ®icfc Angabe trifft inbeffen nic^t ju; benn im 
Suni 1522 ebitte ein getoiffet Socciniuö 3)oggiuö ju Söafcl eine 
Äeii^e üon 2^i^efen Ultid^ ^ugtoalbö, toeld^e biefer im ®intct^®c^ 
mefter 1521/22 feinen 3^^8retn t>orgettagen ^atte, unb baruntet 
finb fed^ö ©ä^e (Nr. 42 — 47), »eld^e bie 2:aufe auf ben glauben 
jum ©egenftanb l^aben^), 

3m ©ommer 1524 toat biefer ©treit, ber junäd^ft natürlid^ 
t^eoretif d^ geführt tourbe , berettö biö ju ben Di^ren beö Sra^mu« 
gebrungen, toeld^er in bemfelben ©rief, in bem er ber beiben greunbe 
^x% garet unb SKid^ael SSentinu^ ßrtoäi^nung ti^ut, bemctlt: 
„©d^on finb 35iele ®egner ber Sinbertaufe"^). 

Slm 6. gebr* 1525 aber lonnte Decolamj)ab Hagenb au^ fflafel 
berid^ten : „3n ber grage ber Sinbertaufe i^abc ic^ nid^t« alö einige 
©riefe an greunbe, in tocld^en fte begrünbet tpirb, aber e« loiU 
faft leiner auf mid^ i^ören"*)* Sßfo toaren in Decolantpab« 
Safeter fireife bie SDieiften gegen i^n, 

©teid^tool^I toäre e^ bcnfbar, ba§ bie üBiege be« fogenannten 
„8lnabaj)tiömu«", tt)ic man l^eute in ben fiird^engefd^id^ten lieft, 

de langue fran^aise. Vol. I (1866) p. 242: »Sed statim auditus est tuus re- 
pentinus discessus quem dolendum nobis omnibus dicerem, nisi intelli- 

gerem, te velut ad salutis portum et asylum confugisse, Basileam inquam, 
vere ßaaiXixrjv, quod Rex Regum in ea Evangelium suum legesque aether- 
nas vigere, legi, promulgari velit**. 

1) ^etgog Seben Decotam)>ab$ I, 309, 

2) Est tibi Lector brevissimo compendio per Ulrichum Hugualdum, unde 
hominum perditio, in quoque sit eonim salus etc. In fine: Anno MDXXII Jooio 
Mense. ÖL A— B. fL H\ 

3) Erasmi Opp. 1703 III, 804. 

4) ^enninjarb Gorresp. des Ref. I, 335. 



375 

ntd^t in SBafcI, fonbem in 3ütid^ g^ftanbcn i^ättc, toenn un« nii^t 
k>on gleid^jeittgen audlänbifd^en S^^eologen Bejeugt towcit, bag biefe 
iDcnigftcnö nod^ im 3a^tc 1524 aW Urf<)tungöort bcö Jäufett^um« 
nid^t ^üxx^, fonbetn ©afct bettad^teten^ !Dct bcfanntc ftanjiJfifd^e 
{Reformator ©erwarb 8iouffel fd^rcibt au« ÜÄcauf am 24. 8lu^ 
guft 1524 an 3o^, Dccotamt>ab ate ncucftc i^m jugcfommcnc 3Jilt^ 
ti^cilung, bag in Safd bic Seigre aufgetaucht fei, man foüe bie S^aufe 
auf bic 3a]^re be« reifen Sßter« ijerfd^ieben 0« 



3u ben !Dofumenten, toetd^e für bie früi^efte gnttoidtung be« 
,,5i:äufert]^umö" eine befonbere SBebeutung Befil^en, l^at fd^on Z. ©• 
JRöi^rid^ ba« merftoürbige ©tatut ber fogenannten „§immlifd^en 
SSruberfd^aft" gered^net, toetd^e« in einer Sluöf ertigung , bie in 
ben erften SWonaten be« Sai^reö 1 522 aufgcjeid^net toorben ift, auf 
unö gelommen ift 2). Diefeö ©tatut enthält im Seime fotool^I bie 
Seigre »ie bie 3Serfaffung ber nad^maligen „Srubetgemeinben" in 
merftoürbiger 35oIIftänbigfeit. 6« fann lein ^tx)ti^tl fein, baß bie 
oben oon un« ertoäl^nte SBruberfd^aft ,,jum |)immel" in Safel nad^ 
benfetten ©runbfäfeen tt)ie biefe „^immfifd^e SBrubcrfd^aft" orga*» 
nifirt toar, unb eö ift toal^rfd^eintid^, ba§ bie unö belannten SDianner 
aWitglieber berfetten getoefen finb. 

!Da ift eö nun toeiter fei^r bead^tenSmerti^, baß un« gerabe in 
bicfen Greifen um 1524 aud^ jene „Sat>iteU^3SerfammIungen" 
toieber entgegentreten, bie toir in früheren Sai^rl^unberten unter 
ben „SSrübern" lennen gelernt i^aben, 

dß ift unö bie Sinlabung ju einer fotd^en 35erfammlung er-^ 
l^alten, toeld^e Dr. Salt^afar §ubmeier unter bem 11. 3uni 1524 
an feine „Saj)iteI''5Brüber" erlaffen l^at^). @r forbert barin 
bie „©ruber" auf, „fid^ mit i^ren Sibeln bei bem nä duften Sa-» 



1) ^erminjiarb Gorresp. des R6f. I, 27S. 

2) SDa« Dotl^nbcnc (Sjcm^lat (f. 3tf(^t. f. l^ift. Sl^coL 1860 @. 26 f.) i(i 
für bic „©rüber unb ©c^toejicm" in (Sronbcrg bei granffurt al'SR, aufgcjeid^nct 
»orben. Sßolfgang (So^ito ^at barauf geft^ricben ,^immelfc^ ©rübcrfc^Kift". 2)ic 
SluSfcrtigung finbet fi(^ in öafd. 

3) Sd^t unb breigig fc^lugreben, fo betreffenbe ein gan|} (i^riftUc^ Seben u. f. lo. 
1524. «t. B. 3 ((gjemi)tor in ber $of- unb @taat«bibl. ju SWünc^en). 



376 

l)ttd, fo toxx ju SBalböi^ut l^altcn toctbcn" ^), in feinem ^aufe ein* 
jupnben. ,,!Batnad^ toitt i(^ eud^ Slüc nad^ meinem 3Setmöflcn mit 
einem btübetlid^en Üßal^P) in meinen Soften un8eft>eift unb nn*» 
getränft nid^t l^intoeg laffen". 

Bufileid^ übetfenbet er ben ,,iBtübern" bie 2^age« * Drbnnng 
be« Sat>itete, toetd^e in 18 ^t\zn beftanb, bie er über bie rcligiöfcn 
gragen aufgefteflt i^atte* „!Darnm bitt nnb ermai^n x6f tn^, lieben 
§errn unb Srüber bei bem SBanbe brüberüd^er Siebe, bei ber ^ei-» 
ligleit beö d^rifttid^en grieben« unb bei bem 5Ramen unfere^ $crm 
3efu S^rifti, ba^ ii^r eud^ in bicfen ©d^Iußteben, in Brage- unb 
Unterrid^tung^^SBeife t>on mir au^gangen, erfei^et unb bie ©d^rift 
ergrünbet", 

2llö ^totd ber SSerfammlung giebt §ubmeier an, bag in „SSitu 
bung ber d^riftttd^en ©d^äflein nad^ 3n]^att beö giSttüd^en SBorte« 
einl^efliglid^ fortgefal^ren tperbe", unb er beruft fid^ barauf, baß 
„ein alter Sraud^ t>on ber ^txt ber 2lt>ofteI i^er" e^ mit 
fid^ bringe, ba6, „ö)o fd^toere ©ad^en einfallen, bie ben ®Iauben bc* 
treffen, fid^ (Studie, benen baö gSttlid^c SBort ju reben befolgten, 
d^riftUd^er SDieinung J)erfammeln". 9Sor 3^^^^^ ^^^^ ^^^ Wefc 
35erfammlungen ©^.noben genannt, iti^t aber toürben fie„Capi* 
tula ober Sruberfd^aften gel^eigen"* 

ßben JU biefen SSerfammtungen toar SBaltl^afar ^ubmeier ^) im 
3a^re 1522 J)on SBalböl^ut auö, tt)o er fid^ bamate auffielt, lieber* 



1) Wlan bead^te, bag ^ubmder bamit auf fr ältere unb anbertoärt^ M in 
SS^atb^l^ut gel^oltene (Kapitel i^intDeift. 

2) @3 pnb bie3 bie „@(^cnlcn" (Sottaticn)^ bie »ir Wdttx Icnncn lernen 
»erben. 

3) (Sine fel^r eingel^enbe Ueberjit^t über bie Literatur begügftt^ ^ubmeier« l^t 
neuerbing« Dr. 3. Sed in feinem borgttgttd^en Sßerle: „2)ie ®i\6f\6ft^Mdftt ber 
Sßiebertäufer in OePrrid^Ungam bon 1526-1785 SBien 1883 (Fontes Rer. Anstr. 
Abib. II Vol. XLIII) @. 47 gegeben. Snbem id^ barauf bertoeife, »ill id^ no<^ 
fotgenbe Ouetten l^injufügen: SWittl^eilnngen an« bem Antiquariate bon @. (Sal- 
bar^ n. (£o. in Berlin. 1. S3b, «erlin 1870 e. 111 ff. (nebji ©ilbniß C)ubmeier« 
unb SSergeid^nig feiner ©c^riften). — ^rantl ®efd^. ber 8ubtt)ig-3Waj.-Unibcrjttfit 
aWünc^en 1872 I,113; 11,484. — 9icufd^ 2)er Snbejc. «onn 1883 @. 230. — 
$]^il. ©c^aff Bibliolheca Symbolica Ecclesiae universalis. New- York 187S 
I, 842, — 2)e ^oo^*@d^effer Geschied, d. Kerkhervorming etc. 1873 p. 406 f. 
— A. etern in ber Mg. 2). S3iogr. «b. XIII, 264 f. unb (Sunife bä 4>erjos 
n. Pitt, ^eolcnc^, 2. ?lufl. VI, 344 ff. 



377 

l^olt in ©afcl gctoefcn. (St. ctjäl^It fettft, bag et ju Slnfana 1522 
mit feinen gtennben ju ©afel bie 1^. ©d^rift eifrig etfotfd^t unb 
mit ©njelnen üBer Beftimmte i^ragcn, j. ©• übet baö Seflfenct, 
SSetl^anblnngen itp^itn ffaU 0« 



3n ^uBmcict tntt un^ nun fofott betjenige 3Jiann entgegen, 
beffen 5Ramen mit bet ®ef(^i(^tc bet tefotmatotifd^en SBtübctge^ 
meinben auf baö engfte Detfnü<)ft ift. 

©eit alten ^t\ttn l^aben felbft ^ubmeietö (Segnet, fotoeit fte 
fid^ bemalet l^aben, ben SKann tpitHid^ lennen ju letnen, einen 
tiefen (Sinbtucf t>on bet ^etfi5nlid^leit emi>fangen, toeld^et fie fid^ 
gegenübet fanben* 2^eobot Seim fagt: „Sein getoiSi^ntid^et SDiann 
ftatb in ^ubmeiet", unb fl)tid^t t)on bet „ungetoö^nlid^en, 
tt>unbettt)itlenben Setebfamleit unb (£netgie" fotoie t>on bet „beben-» 
tenbcn ^ctfi5nKd^Ieit", bie §ubmeiet befaßt). 

2lud^ ^ubmeiet^ iBiogtaj)]^ ©d^teibet fagt toötttid^: „(Sttoägt 
man unbefangen atteö ©iS^etige, toa« t>on ^ubmeict, unb bie 2ltt 
unb Sßeife, U)ie eö üotgcttagen toutbe, fo lagt fid^ bod^ ein elften-' 
toettl^et, auftid^tig nad^ üBa^tl^eit fttebenbet ßl^ataltet 
in i^m fd^toetUd^ üetfennen" ^)* 

(gö ift ^ubmeiet etgangen toie allen feinen ^atteigenoff en : bie 
Uttl^eile, toeld^e bie fiegteid^en (Segnet übet fie t>etbteitet i^aben, 
ftnb o^ne felbftänbige 3^iad^<)tüfung in allen Süd^etn te^>tobucitt 
tootben; mit 3ted^t lonntc fd^on umö 3a^t 1750 güglin ^etüotl^eben, 
„bag man biefem ^ubmeiet mele ®laubenö^8lttilel unbillig jugc^ 
meffen l^abe"^), 

^ubmeiet ^atte Don ftü^en Saluten l^et fein §auj)tinteteffe auf 
teIigi8^^t>^iIofot>^ifd^e gtagen concenttitt. „SRit tounbetfamet 23e^ 
gietbe", fo ctjäi^It Dr. (Sd, „folgte ^ubmeiet bem Untettid^t in 
bet $l^iIofo^>^ie", 2luf (Stunb feinet auögejeid^neten Senntniffe 
in biefem gad^ fei il^m, fügt betfelbe @dt l^iuju, bie 9Ragiftet»ütbc 
mit bem i^öc^ften 8iui^mc ju Zfftxl gemotben. 



1) @. @(^mber im Saft^nbut^ für ©äbbcutfd^lanb 1839 ©♦ 20 ff. 

2) tg(^tt>äbtf(^ 9lcfonnation«9cfd^id^tc @. 36 ; 47. 

3) ©(^reibet 2:af(^nbud^ für ©übbeutfd^lanb 1839 @. 34. 

4) güßUn SBciträflc u.f.to. 111, @. 126. 



378 

5Dic Untectfität gtctburg, an toc%r §uBmctct fett bcm 3ai^tc 
1503 ftubtrt i)üttt, nai^m x^n im 3a6re 1511 unter ti^te ©ocenten 
auf, @d^on im Salute 1512 eti^iclt er einen 8tuf ate ^rofeffor bet 
ÜCi^eologte nad^ Sngolftabt, too et nod^ in bemfelben.Sai^r bie ti^o^ 
logifd^e S)octorti)ürbe em<)fin8. 3m Salute 1515 tputbe er gum 
^torector bet betüi^mten $o(^fd^ute gemäi^It; e« »at bieö baffctte 
3ai^t, in »etd^em bet bamafö ju Sngolftabt ftubitenbc SWarlgtaf 
gtiebrid^ j)on SBtanbcnbutg , bet ©ol^n beS Si^utfütften W>xt6ft 
Sld^iöeö unb bet aJatet be« §od^meiftet8 Sßbted^t in ^teugen, ba« 
8iectotat bicfet ^od^fd^ute BeMeibete^). 

3Son ba an ftieg ^uBmeict^ SRuf J)on 3a]^t ju 3a^t; 1516 
toutbe et $Domt>tebiget ju 3tegen8Butg unb ttat bamit in eine 
©tettung ein, bie ii^m einen gto^en SBitlungSlrei^ fid^ette. ©elbft 
bie ßi^voniftcn jenet läge betid^ten Don bem ungei^euetn ä^'t^wf, 
ben feine ^tebigten fanben. 

5Da^ Sal^t 1519 Btad^te fut il^n bie SBenbung; al« et fid^ 
mit bem offenen SBa^r^eit^finn , bet i^n ftet^ auSgejeid^net ^at, 
offcntlid^ füt gut^et etflätte, glaubte baö !J)omfat>itel i^n nid^t 
länget butben ju fönnen. ©et betü^mte ^tebiget unb 2:^eoIoge 
iog fid^ in eine Heine Sanbftabt sutüdf: et ging nad^ SBalbd^ut 

3Kan fann etmeffen, ba6 fein tegfamet ®eift ^iet nid^t bie 
5Ra]^tung fanb, bie et btaud^te, unb fo benufete et bie ©clegenl^cit, 
um bie ©täbte SBafel, gteibutg unb 3^^^ P^ißiß ^on SBalb^i^ut 
au$ 3U befud^en. 

®enn man nun ftagt, toet bie SKännet toaten, mit toeld^en 
^ubmeiet bamalS jene „Saj)itel8*'33ctfammlungen" gehalten i^at^ fo 
»etben mit junäd^ft toiebet auf bie SKitgliebet jenet gto^en ©afelet 
Dfficinen gefü^tt, bie toit jum I^eil beteitö lenncn geletnt ^aben. 

3n leinet beutfd^cn ©tabt ^aben fid^ bie SBud^btudtet mit 
fold^et Snetgie auf bie Stneuetung bet alten oj)})ofitionenen giteta^ 
tut getootfen toie in SBafeL §iet etfd^ienen nic^t nut jene oben 
ettoä^nten ©c^tiften bet ,,®otteöfteunbe", fonbetn tß toutben t)ot 
SlUem aud^ fold^e alte S3üd^et Don 3ltnzm untet bad SSoII gebtad^t, 
beten 35etfaffet Dot Sßtetö in aßet gotm als „tefeet" in ben Sann 



1) @(^reibcr a, O. 1839 @, 12, 



379 

geti^an tootbcn »aren, batuntct Soi^n SBtcHf 0, So^. SBcffel 
j)on ®tontn8en2)'unb Dor Slllcm ÜJiarfiltuö Don ^abua, 

aSon aßen ben alten SBortfüi^tctn bcr Dt><)o[itlon bcfag ÜJiat^ 
filiu^ für unfetc ^poäft Bei »eitern bie größte aBid^ttgfeit; bte 
(Srncuerung feine« SBerfe« ^at auf bie au^gcftaltung ber fird^üd^'^ 
religiöfen ^rinci^jien ber reformatorifc^en „©rübergemeinben" einen 
einflug ausgeübt, toeld^er nod^ in feiner Seife genügenb getpürbigt ift 

SDa ift e« nun junäd^ft t)on cri^ebfid^em 3ntereffe, baß bie S5a^ 
feler ausgäbe beö „gribfd^irmBud^^" — e« ift bie erfte gebrudte, 
»eld^e toir Befifeen — in ber Dfficin beö 35 al entin Surio im 
3a^re 1522 ^crgefteüt toorben ift 3), beffcn ©efd^äftöt^eilne^mer unb 
gorrcftor bamafö, ti>ie toir fallen, ber SDJagifter § anö J) end tpar *)• 

5Der ^aftor SSSoIfgang aBeißenburger, toeld^cr int 3a^re 1522 
^rebiger an bcr ®j)itallird^e ju ©afet toar '0 unb ben 8ieformfreun^ 
ben nai^e ftanb, berid^tet, baß ber SDiann, toeld^er unter bem ^feu^ 
bon^m ßucretiuö (£t>angeluö bie 3Sorrcbe gefd^rieben l^at, 5Rtcmanb 
anber^ ate ber 5Drudter aJalcntin 6urio felbft fei«). 

Der Defensor pacis Don 1522 trägt aber auf ber SRfidtfeite 
be^ Siitete unb J)or ber SJorrebe Surioö ben 5Ramen cineö anberen 
SWanncö, ber fid^ „^l^ilatet^eö" nennt, unb bcr, toie id^ bei anberer 
©elegenl^eit ju jcigen ^offe, lein anberer aU ÜDendt getoefen ift. 

Die oben ertoä^nten <S>txop^tn ber „Dunfetmänner^iBriefe" 
trafen um baS 3al^r 1 522 leincötoegö bloß auf bie Dfficin groben«, 
fonbern aud^ auf biejenige Surioö unb Sratanberö ju. 

1) Sol^, SßicUf Dialogorum libri IV. 1525. 4«. 

2) Seffelu^ Farrago Rerum Theologicarum etc. ^Ci\d 1522. 

3) Opus insigne, cujus titulum fecit autor Defensorem pacis, quod 
questionem illam jam olim controversam de potestate Papae et Imperatoris 
excusissime tractet, profuturum Theologis, Jureconsultis etc. . . . 2)a9 Sitet« 
blatt jeigt einen ©olgfc^nitt: Äaifer Subtoig t)or ^om barpcttenb. %m ©d^luß 
i{l aU Sal^r ber ^oilenbung 1522 angegeben. 

4) (S0 ift bead^tcn^toertl^, baß in ber oben (@. 331) ertoal^ntcn S)endfd^n 
@aga*^u«gabe bon 1523 biejclben ^oljpiJcfc (man bgL ®aga SBL A. 2' mit 
Defensor pacis fot 357) unb biefelben 2^ ^)en für bie SWarginalnotijen gebrandet 
morben flnb, tote im Defensor pacis. 

5) @. öa^ter (£l^ronifen. 53b. I (l^r5g. b. SB. SBifc^er n. S«fr. @tern) 2m* 
1872 @. 35. 

6) Solfg. SBcigcnburger Praef. ad Antilog. Papae. Basil. 1555. 8®. 



380 

ßratanbet toar e«, tocld^et im Salute 1522 ein iBu(^ ijctlcgtc 
— e« toar SJabian« 2lu«gabe be« ^ouH)oniu« SWela — ju tocl(^em 
ßonrab ©rcbel, ber ®o^n bcö 3ürid^cT ^atricierö unb ©cna^ 
totö 3acob ®rcBcI, bic SJotrebc gcfd^ricbcn ^attc. ©rcbel lebte um 
bie 3eit, alö bte« ©ud^ etfd^ien, in SBafel; et toat im anguft 1521 
bai^in gefommen nnb befaß, toic toix roiffen, in bem Sreife, ju totU 
6ftm 5)en(f unb §ubmeiet gei^örten, feine näd^ften gtennbc. 

©net ber ÜRännet, mit toeld^en ®tebcl bamate in Safcl »et- 
lei^tte, .Utfinnö; nennt am h Dctober 1521 ben ®rebel einen ,;tn 
jeber SRid^tung auögejeid^neten jungen ÜJiann, toeld^et gegen ätte 
l^öc^ft gefäffig fei'^ 

3n ber 3:i^at ftimmen aüe feine greunbe unb feine (Segnet 
batin übeteiU; bag ®tebel fid^ ebenfo bntd^ feine ^Begabung toie 
butd^ feine l^etDottagenbe ©elel^tfamleit anSjeid^nete, 35abian, tocU 
ä)tx ben @tanb})unlt ®tebelö belannttid^ butd^anö nid^t tl^eüte, abet 
an^ langjiäl^tigem SJetfel^t i^n fannte, be]^aut>tet, baß et „mit großen 
Talenten anögetüftet geu)efen fei", unb bie« Utt^eil »itb t>on 3ö>ingü 

Doülommen beftätigtO« 

®tebel l^atte fid^ in feinet ©tubienjeit J)otti)iegenb mit bct claf^ 
fif^en gitetatut befd^äftigt. (Stft im Salute 1522 tritt un« in ben 
Oueflen bie 5Rad^rid^t entgegen, baß et ein aJotfäm})fet bet titd^* 
üd^en SRcfotm getpotben fei* 2lm 15. Detobet 1522 t^eilt ®rebel« 
langjähriger greunb, JKeld^ior SKacrinu«, an B^^^S^^ ^^^ ®oIo^ 
ti^urn mit, baß „®rebel, toie 3JiacrinuÖ i^Bre, ein auögejeid^neter 
Patron be« SDangelium« getoorben fei". „3d^ freue mid^ toal^r^aftig 
nid^t toenig, baß aud^ Jünglinge, toeld^e an ®eift unb Jöilbung fftx^ 
Dorragen, fid^ ju biefen ©tubien toenben"^). 

So fallt bemnad^ ber Umfd^toung in ®rebeW geiftiger {Rid^tung 
genau in bie 3^it feine« SÖafcler Slufentif^alt«, in biefetbe 3eit, toeld^e 
aud^ infofern einen neuen 8eben«abfd^nitt für i^n eröffnete, al« er 
fid^ bort t>er^eirat]^etc unb bamit einen ©d^ritt ti^at, ber i^n in 
fd^toere Sonflilte mit feinen Sltern brad^te. 

1) 3ö5^ugU f(^tcibt an SW^contu^: „Versaberis inter Grebelios, Amma- 
nos, Binderos candidissimos et doctissimos adolescentes'*. Zwingli Epp. 1,218. 

2) ^eberU a. 0. £).: Salutem die — G. Grebelio, quem audio siogularem 
evangelii patronum factum, quod me hercle non mediocriter gaudeo, etiam 
juvenes, qui iogenio et eruditione praestant^ ad ea studia convertere etc. 



381 

S)a tft c3 nun tntcrcffant, bag SSabtan, ©tebcW ©(^luageT unb 
bamaltger ®cnoffc, auöbtfidttd^ fagt, ®tcbel l^aBe ,,auf bic gtn^ 
gcbung" ctnjclncr SRännct ^tn feine Dogmen in 3üti(^ au^ju*» 
breiten angefangen')* 

2Ber ftnb btefe ÜRänner getoefen ? ÜDiejienigen ^erf onen toaten 
eö, toeld^c in S3afel feit langen Salären bie Sbeen ber ,,Srübetge^ 
meinben" ge^)flegt l^atten, befonber^ ber greunbeölrei^, toeld^er fid^ 
in Sratanberö §auö t>erfammelte, 

3u biefem ^eife gej^Brten außer ben oben genannten ^erfonen 
ate einl^eimifc^e ber 8eut(>riefter t>on ©.attan, SBill^elm JReublin, 
ber au« ©d^toaben gebürtig »ar. ©iefer legte bamafö, toie ber 
S^ronift griboI^nSR^ff üerfid^crt2)/„bie ^eilige ©d^rift fo d^rift^ 
lid^ unb tool^I au«, baß bergleid^en t>ori^er nie »ar ge-^ 
i^örtioorben, fo baß er ein mäd^tig S3oH überlam"^), gerner 
gei^örte bai^in ber ^rofeffor an ber Safeler §od^fd^uIe, Ulrid^ §ug^ 
toalb, tocld^er, toie un« DecolanH)ab berid^tet, bereit« im ©ommer 1525 
bie @j)ättaufe em))fangen l^at ^), ^ugtoalb &) ftammte an^ Sifd^of^ 
äeö im ÜEl^urgau unb toar miti^in ein 8anb«mann ^^ubtoig^äfeer«®), 
toeld^er um 1524 fid^ ebenfatt« oorüberge^cnb in SBafel auffielt 

1) Grebelius quum dogma . . . . paucorum suggestione animatus 
spargere Tiguri et invulgare coepisset elc. in Antilogia J* Yadiani ad claris- 
simi Yiri Gasp. Schwenkfeldii argumenla 1540 (^ortoort). 

2) SBa^Ict (S^xomtttt, l^r^g. D. B. SSifd^cr utib 9(* @tcrn 2^)gg. 1872 1, 33, 

3) Ucbct 9teuMm f. Od^« ©cfd^, SBafd?. 1796 V, 357 ff.; 436, — ^cß 
3ol^. Oecotan^jab @.50 Slnm. — SSutttngcr ^Rcformattonggcfd^id^te 1, 108. — 
güglin S3eiträac jur aicformationggcft^i^tc u. f. to. I, 216; IV, 43, 45. — 
©otucUug ®cf4 M SWänp. tofrul^rg. 8^)gg. 1860 II, 16 ff. — ©aSlcr (S^ro- 
nilcn I. S3b. (S^gg. 1872) @. 33 ff. — ^crgog SDa« 2cbcn OecoIanHjab« I, 90 ff. 
— gorfd^utigen gut S)cut. ®efd^. S5b. XXII, 445. — ©cuouc Oucttcnnad^tocife 
bei Dr. S3ccf ©cfd^id^tSbüd^cr ber SBicbcrtäufcr in Oejlrdti^. Sien 1883 @.86; 
90. — S)agtt bgt ©c^b Ulrid^, ©crgog gu Sßärtembcrg. II, 314 ff. — @8 rul^t 
nod^ mand^ed ungebrucfte äRaterioI -über il^n in ben ^rd^iben. 

4) ^ergog SDa« Scben 3ol^- Oecot ©afct 1843 II, 271. 

5) ^ugtoolb^ SBriefc an Sßabian, bic bomcl^mjic Oucttc für feine Scben^ge«« 
fd^ic^te, berul^en unbenu^t in ber 8iMiotl^ef gu @. (Satten, ^ugtvalb l^at dne 
Slcil^ intereffanter Ädner @d^riften beröffentli^t Mt fiel^cn auf bem römifc^n 
3nbej? unter ben Libri prohibiti primae Classis (9ieufd^ S)er Snbej @. 271). 
@dn 9'lamc »itb in ben (Sorref^onbengen ber frangöftft^en SÄeformatoren biet* 
fad^ ertaxil^nt; f. ^erminjarb, Gorresp. I, passim. 

6) Ueber ^ äfe er f. bie MS&td ®efd^id^t«büd^er ber Siebertäufer in Dejirdd^ 



3S2 

äu« bcm BftUd^cn 35eutfd^Ianb lamcn (Simon ©tuiiH)f au« 
gtanfcnO/ »etd^cr aWbalb ein 95otfänn>ter bcr Stübcrgemeinbcn 
in bet ©d^tocij tuurbc, unb auö ©ad^fcn ^txnxxäf ryon (&p^tn* 
borf, toüdfcx [i6f ftetö auf bcr ©eitc ber „Sötübcr" gehalten l^at, 
au^ ßtonberg bei granffutt a/SDi. bet SRittcr ^artmuti^ t)on 
Stonbetg, todäftx fi(^ bamaW unb f^)äter atö intimer greunb 
(g})^)enborfö tt)ie anberer afteDangelifi^er SKänner bemä^rt ^of^). 

95om SDiittdr^ein i^er toar Dtto SBrunfeU nad^ ©afel ge^ 
lommen; Slnbreaö Sratanber tjerlegte im SRärj 1523 eine Heine 
©c^rift beffelben % unb §einri(ä^ (£()})cnborf unb beffen greunbe gc^ 
i^örten ju feinen 3Sertrauten. fflrunfeW ftammte au^ ÜRainj, too 
fein aJater aU Sfifermeifter itUii i^atte; feine gamitie fd^eint fc^on 
länger bort anfäffig gemefen ju fein, benn im Saläre 1459 mx 
§anö Srunfete auf bem 6a<)itetetag ju jKegenöburg Vertreter bet 
SBaui^ütte t>on SKainj, Dtto Srunfete l^at f»>ater fotooi^I auf bem 
©ebiet ber Si^eologie toie ber SKcbtrin unb Söotanil fid^ l^eri)OT' 
ragenbe, noc^ ni(^t genügenb anerlannte 35erbienfte ertoorben* 

2lu^ ben r^ato^romanifd^en S^l^eilen ber ©d^toeij, too nad^toei^^ 
lid^ feit alten 3^^^« „i^eimfid^e ®emcinbcn" beftanben, nxir bet 
©üc^er^änbler Slnbrea^ Saftelberg, genannt änbrea^ auf bcr 
©tüljen, bamate in ©afel antoefenb^), ©iefer SDiann, ber mit 

Ungarn 1883 @. 33 Inm, 3 citirten Oueßcn, unb i)gt ferner bic ncuc|ie «b- 
l^btung über il^n bei ^. ®ron$ Urf:t>^ng^ (Sntmicttung unb ^(^tdfale ber 
2:aufgcftnntcn ober iDflennonitcn. Si^orben 1884 @, 408 ff. 2)ie üblen SRad^rcbai, 
bic man ^ätjer gemad^t, ftnb jum größten Sl^tl erfunben, ^aäf %. ^xov& 
a, (L D. {lammte er au9 einer alten SS^albenferfamilie* 

1) @. Zwinglii Episiolae VII, 184. S)ana(^ »ar ©tum^f f(^oti im ©^t* 
l^bji 1521 in »afd* 

2) @$ liegen dne 9teil^e fd^kDertDiegenber ^eioei^grünbe Dor, auf ©rrntb beren 
idf ben ^artmutl^ Don (Sronberg in jenen Salären für btefe gartet in 9nft)nt4 
nel^me* Seiber gemattet mir l^ier ber 9laum ntd^t, in biefe ^ett)ei9fü]^rmig ein« 
antreten. 3d^ ))ertoeife vorläufig auf bad Don Slöl^ric^ in ber 3tf<^^« f* W* 
2:i^eol. 1860 @. 26 f. abgcbrudte unb ib. @. 14 mit 9lc(^t bcm (Sronberg gu- 
gcfd^ricbcnc toid^tigc Slftcnpücf betr. bic ,,© ruber fd^aft" inCronberg, todcje« 
tt)ir oben berate crt];Kt]^nt l^obcn. 

3) Ut afflictionibus Rhodiorum mililum ordinis S. Jo. Baptistae saccurra- 
tur ad Principes et christianos omnes Othonis Brunfelsii oratio. Anno MDXXOL 
Basileae ap. Andr. Gratandrum. 

4) Unter bcm 17. Wßxii 1520 ft^reibt ein gctoif[cr Socobu« ^tptA (^fcnbo* 
n^m?) an S^ingli aud ^afcl: „Dialogum tuum, humanissime domiDe, ante- 



383 

meuteren ©d^toctjct Ot>t>ofition8manncm in ©ejtd^ung ftanb*), tc^ 
gegnct unö Balb in Safel, Balb in ^Mä) (too mit feine SJ^ätigleit 
art ,,!Dienet bc^ SBort^" in ber l^cimlid^en ©emeinbe Balb fennen 
lernen tocrben), balb in &fux^), nnb fo f(^eint et ftd^ Dottoicgenb 
anf bet SBanberfd^aft befnnben jn ^abcn* 

®nc fc^r toid^tige, noc^ lange nid^t genügenb getöfirbigte {Rotte 
fj)icft in bicfcm ^cife ber jnngc ©elci^rte anö glanbern, ben toir 
ate gteunb J)endö nnb Sorreltor ßratanber^ Bereit« lenncn gelernt 
l^aben, 3Ji i (^ a e 1 39 e n t i n n « »). Sr ^at an ben religiöfcn ßänt))fen 
ben leb^afteften Slnt^eil genommen, nnb ber ®tanbt>nnft, ben er 
babei einnahm, toirb bnrd^ bie SJ^otfad&e belend^tet, baß er ben ge*» 
ächteten nnb flüd^tigen Send anf ©efal^r feine« eigenen ßeben« im 
3a^re 1527 in feinem ^nfe brüberlid^ anfna^m. 

5lu4 no6f anbere 2ln«tänber fanben \iöf in bem $anfe Sra^ 
tanber« nm biefe ^tit ein: an« 5Rorb nnb ©üb, an« Dft nnb 
JäBeft lamen fie toie anf eine attgemeine 35erabrebnng in bcmfclben 
Sa^xz i^ier jufammen* S« toar ein Sommen nnb ©el^en, toie e« 
in ben großen ÜÄitteI^)unften ber „iBrübergemeinben" in ben ^änfcrn 
berjenigen ©ruber ber gatt jn fein l)flegte, toetd^e bie toanbernben 
,,2lpofter' anfnal^men. 

quam amicos meos inviserem, per bibliopolam claudam miseram. — 
Praeterea Myconii, doctissimi viri, (pikel^rjvov, per eandem remisi". SHefer 
yitpo^ öcrlel^rtc nadf feinem eigenen Seugniß in ©afel mit groben, ®fotean u. 2L 
■— Zwinglii Epp. 1, 130. — Ueber bie Sbentität be« 3«anneg mit ^nbrea« @tüt- 
3er f. ^ebetle ^ie Anfänge be9 ^naba^ti^tnud in ber ^d^toeig in ben Sal^rbb. 
f. beut 2::i^eoL 1858 @, 257, 

1) 3ac ©alanbroniu« an Stoingli d. d. Sll^etien, 1522 2lug. 26: ^Mira,. 
quae apud nos de vobis narranlur, scripsi M. Gregorio et claadicanti illi biblio- 
polae Andreae'' (Zw. Epp. I, 221). 

2) 3ol^, (Somanber an 3^mgU d. d. (S^nx, 1525 2lug. 8: Protonotarius Cu- 
rieasis — utitur Andrea Magistro (Zw. Epp. I, 401). — $gt ba}U Zw. Epp. II, 
142. — Änbrea^ ijl neben ©rebel dn gül^rer ber 3^^^« S^Sufergemeinbe getoefen. 

3) »gt Erasmi Opp. 1703. lll (SÄegijier s. v. ©entinu«)» — Seitere OueHen 
finben f\^ bd ^erminjarb Gorrespondance des R^formateurs I, 219, 224, 
280, 304, 366, 398 u. öfter, — SSgt ben ©rief S)encte an Oecolam^ b. 1527 
bei ÄeUer ein ^^o^cl u*f,to, 1882 @. 253. r- ©erjog geben Oecolam^ab« 
II, 245. — Ueber «entinu«* ^b^Iogift^ Slrbdten f. ©d^toeiger ^nbbuc^ ber 
dafftfd^ ^l^ilologie. — Vita Erasmi Lugd. Bat. 1642 @. 173. — ee^r toa^r- 
f(^dnlii^ ifi bie ^9gabe Nicolai Perotti Gornucopiae etc. ^afet, (Sratanber 1521 
]^on ^ntinud beforgt; i(^ l^be fte ni(i^t dnfel^ tonnen* 



384 

Sm 3anuar 1523 crjä^It un« C>ecoIaiin>ab; bag er in gta*' 
tanbet^ ^aufc einen SWeberlänber , 5Ramenö SRobiu^, getroffen 
l^abe; berfelbe i^atte ©(^riften feinet 8anb«manneö Soi^. ffieffel mit' 
gebrad^t unb ßratanbcr toar bereit fic ju brucfen^). 

©tefer 9iobe ift fein anbcrer ate jener ^einricä^ JRobe, ton 
totliitm Sürgen aButtentöeber ft>äter^in (1536) auöfagt, berfelbe ^obe 
il^n jur aStebertaufe berebet ^). SRobe tt>ar bi^ jum Qal^re 1522 
S5orftanb ber ^^SÖrfiber-'Sd^uIe" gn Utred^t getoefen unb i^otte bann 
platten muffen, (Sx leierte ft>atcften« im 3a^re 1525 nad^ ben 
5RieberIanbcn jurfid , erfüllt mit ben reUgiofen SSorfteöungen, bic 
er in Sratanber« $aufe gei^8rt i^atte, unb ift bann einer ber tox* 
nei^mften Vermittler beö oberbeutfd^en „Siäufcrtl^umö" im 9iorben, 
befonberö in Dftfrie^Ianb, too er lange lebte, getoorben, ffi^ ift in 
l^o^em ®rabe toa^rfd^einlid^ , ba| bic nieberlänbifd^e Sibel, tocld^c 
bamate ju Safcl gebrudt tourbe ^), fomie bie nieberlänbif d^e Ucbcr^ 
fefeung jener oben ertoäl^nten ^ubmeierfd^en ©d^rift, toeld^e bic ßin^ 
labung ju ber „6a|>iteteDcrfammIung" enthielt % auf Stoben Safdcr 
Slufentl^alt prüdCgcl^t 

Slu« Snglanb toar, toic toir oben fallen, ber geleierte {Rid^atb 
(Srocud antoefenb; auger ii^m l^ielten [x6f aber aud^ Sli^omad 
2ut>fet^), ein greunb §ereöbad|^ö unb Slnbere gerabe bamate in 
©afel auf* 

©efonber^ jal^Ireid^ aber toaren bie fübfranjöflfd^en ,,S9rubet", 
jumal au^ ber '^aapffxne unb aud S^on, iDcId^e in (Sratanberd 
$aufc einlcl^rtcn. 5)a toar auger öicicn Slnberen ber @t>r3§Iin8 
eine« alten fübfran jöfifd^en Slbetegefd^ed^t«, ber el^emalige 3o]^annitct' 
{Ritter Slncmunb be 6oct, ^err Don S^aftelarb, ein aWann öon 
l^ert)orragenben ©genfd^aften be^ ©ciftc« unb Si^arafterö, 

S)e Soct toar aW ,;$äretifer" auö ber 5)au|)^in6 au^geioiefcn 

1) Oecolampadii et Zwinglü Epistolae fol. 209 *>. 

2) SQSai^ 3ürgen Suaentoeber III, 492. 

3) 9lä]^e9 barUber, fotoie über 9lobe im Mgemeinen in bem bortreffltc^ 
SßTüS^ bon be $oo^«@(^effet Geschiedenis d. Kerkhervorming etc. Amst. 
1873 e. 30 u. 262. 

4) be ©oo^@(^cffcr a. D. @. 406. 

5) (Sx ^t \pSittt^\n bcfonbcr« auf bem ©cbict ber ^trifHI gearbeitet; 
f. Söolter« (Sonrab bon ©ere^ba(i^ @. 10. 



385 

toorbcn unb ^aüt barin ba« ©d^tdfal fo btelet feiner ganbÄeute, 
bte ftd^ p ben „iBrübergemetnben" l^tcttcn, iti^tilt (Sr na^m ben 
SBeg in bie ©d^iueij unb Don bort na(ä^ S)eutf(^Ianb unb l^at bann 
in ben gnttoidtungen btefer 3a]^re eine Diel größere Stoße g^fr^^ft^ 
aU man nac^ ben Bi^i^er über il^n Belannt getoorbcnen 5Ra(3^rid^ten 
annel^men foöte 2), @r i)at mit äffen einftugrcid^en 9Kännern iener 
S£age, mit gütiger, ^patatxn, B^i^aK/ Sta^muö Sejiel^ungen an*» 
8elnü^)ft unb ©eutfd^Ianb, Italien, granlreid^ unb bie ©(ä^toeij »on 
einem Snbe jum anbern burd^toanbcrt, ©ttoa im 3uli 1523 fd^ricb 
er auf ben SSBunfd^ be^ belannten SReformatorö granj Lambert 
toon Söignon eine SSorrebe gu beffen „Soangelifd^en Sommentar", 
ber gegen bie grandöcaner gerid^tet loar, unb eö mag i^ier ertoäl^nt 
toerben, baß biefe burd^ ba^ 3^f^iii^^«^i^'f^" '^^^ beiben ©fibfran*' 
äofcn entftanbene unb ju SBittenberg gebrudte ©c^rift atebalb eine 
niebcrlänbifd^e Uebcrfe^ung erlebte, an bereu ^erfteffung Jener 
{Robe, toie id^ »ermutige, mitgetoirft l^at ^). ®o nal^men biefe 3Jiänner 
glei(ä^ öon öornl^erein gemeinfam entfd^iebene ©teffung gegen baö 
aWonc^tl^um. 

35e ßoct l^atte, toie auö feinen Sorref^onbengen l^eroorgel^t, 
Diele Sejiel^ungen in ©aDo^en; biefelben reid^ten l^inauf bi§ jum 
§ofe f)eräog ßarfö III., ben er im Saläre 1523, ate er Don äöit* 
tcnberg nad^ ©aoo^en gereift toar, befud^te, um bem Surften einen 
©rief gutl^er^ ju tiberbringen 4), 

S)ie „Srüber" im ©üben toaren eö, ju benen 9lnemunb, loie 
er felbft fagt, gel^örte. ,,3d^ ertoarte", fd^reibt er am 2. ©e|)tember 
1524 an feinen 8anbömann SBüi^elm garel, „täglid^ ©riefe Don ben 
Unferigen burd^ meinen S3oten Sol^anneö", „©obalb 3Saugri^" 

1) ^ctminjarb Corresp. des R6f. I, 339 (No. 141). — S)ag @d^fog 
(Sl^ajietob, Der gamilicnp^ be Soctö, tag 3 ©tunben uorbioejUld^ Don ©arce- 
loncttc (2)c^ S3affc8-m^)e^). . ■ 

2).^crmiTij[arb Corresp. des Ref. 1 Dcröfjcntftc^t attcin au8 ben 3al^rcn 
1523—1525 a(i^t ©riefe Don i^m bcjto. an i^n. ©ein 9iamc toirb in ben glcid^«» 
gctttgen (£orref^)onbcngen fel^r l^äufig unb- attfeitig mit bcr größten $od^a(i^tung 
ertoäl^nt. 

3) „Gulden opschrift in der Minnerbroders Reghel, wat van die en an- 
deren monniken realen te houden zy. Brief van Anemundus Goctus^ etc. 
Geprent in Eutopia 1526. @. ©d^cffer a. O. @. 406. 

4) S>cr S3rief ijl abgebtndt bei ^erminjarb 1, 151, S5gl. bagu f, 184. 

Äellcr, S)ic »lefotmation, 25 



386 

— cö tft bcT und fccianntc SdnäfyanVtet gemeint — „tta(3^ 8^on 
gel^t, toetbe td^ an bte©rüber fcä^retben, bag fie mit ettoa« ®elb 
fc^tden" 0* „Unfer gcmeinfamer ©ruber ©entinuö", fäi^rt 
er fort, „\^xdit an ÜDid^"* ,,^^ ^ait mit SDWd^ael guyammen ben 
Surio üBerrcbct, ba^ er ein Sud^ gegen bie falfd^en ©ifc^öfe btuift". 
„©d^reibe mir fraujöfifd^c Sriefe, bamit aü unfer Zffun mäglicä^ft 
gel^eim^) bleibt" 3), 

ßö toar toie t>ox atten Bitten SSerfd^toiegenl^eit ftrenge ^fßc^t 
unter ben „©rübern", unb nur im engften Greife ift eö belannt ge** 
toorben, toer afö „Sl^joftel" auögefanbt toarb, um für bie äCuÄrci^ 
tung beö ßDangeliumö ju loirlen. SBefonberö lautete man \iify, bie« 
f(^riftU(3^ auf jUjeid^nen, unb loenn ettoaö aufgejeid^net loorben toore, 
fo toürbe man fid^ bei bem ÜDunlel, toeld^eö Wolter über ber frül^eften 
®t\Sfxäftz beö 3[nabaj)ti«mud lagert, nid^t ju lounbern l^aben, bag 
eö nodf ni(3^t anö 8i(^t gejogen toorben ift^)* 



1) 2)cr fcl^r intcreffantc SSricf Bd ©crminjarb Corresp, des Reform. I, 280. 

2) ®anj rid^tig l^t fd^on 2:. 2B. 8fl81^nd^ bemerll, baß bie attcbauflclifc^ 
©cmeinbcn, aud^ afö fic nad^ bem ^Beginn ber großen SBetoegung bereite fe^r 
actib in tiejclbe eingriffen, „ber ©id^erl^eit toegen il^re ^eimüd^feit unb il^re piHe 
ömberfd^aft betoal^rten''. Stfd^r, für l^ijt. %^t 1860 @. 3. 

3) m^. garel nannte ftd^ „UrftnöS". 208 er int Saläre 1525 ft(^ bei bem 
trafen bon iReufd^ätd bie ©rlaubniß erbat, bort ijjrebigen gu bürfen, nannte er 
onö gwrd^t bor SSerfoIgung loeber feinen iRamen nod^ feinen @tanb (©ermin- 
jarb Correspond. des Reform. I, 461 2lnm. 15), 2118 er jtd^ bann in ber guni« 
tion al8 ©d^utreltor in 2ligte niebergelaffen l^atte', um bie bortige l^eimlid^e 
©emeinbe ju pajtoriren, nennt einer feiner greunbe il^n gclegenttic^: „ürsi- 
nus, AelaeEpiscopus'* (^erminjarb o. £).). 2Ber lonnte bamnter ben 
<S(i^uIreftor garet bermutl^en? 3fi aber nid^t ber ZM 53if(]^of l^öd^ji begeid^ncnb? 

4) (S8 iji bi8 ie^t nid^t genügenb belannt, baß ^itl^etm garel, ber getfHg 
Bebcutenbjle unter ben a^leformatoren franjöftfd^ Bunge, ebenfo toie in ollen 
anberen fünften, fo au(^ in ber £auf frage ben @tanbi|>unlt ^ubmeter9 unb 
^endt8 gdttoeitig getl^dlt fyit garel fd^rdbt am 7. @e^t 1527 (^enmniarb 
(L(L O* n, 48): „Latet enim (plurimis), quid sit dare nomen Christo, velieque 
Christo militare, juxta legem Domini omnia posthabere, inqne vitae profi- 
cisci et durare novitate, antiquata priore et vetere (vita), jam per Spiritus 
iDfasionem, quo suos tingit Christus, hoc in animo destinasse, hujusque gratia 
coram Christiana plebe intingi aqua velle, nt palam protestetnr, 
quod corde credit, ut fratribus carior sit et Christo magis hac solemni ad- 
strictus professione, quod majuscuiis ad dos ab impiis confugientibus 
fieret, singuia si recte dispensarentur, ut magnus iile coepit Joannes ac 
omnium maximus praecepit Christus; dod abarcendo parraloSy nt 



387 

®Iet(3^iD0l^I finbcn ftd^ folgcnbc mctitoütbtgc ?Rottjen. Unter 
bcm 17. ÜDcccmfccT 1524 fd^tctbt ein gtcunb bcö 2Ät(3^acI ©cnttnuö, 
tiämlid^ ^ctruö Sloffanu^O, ein SSSü^dm gatcl auö JBafcI, inbcm 
CT Don gtang gambett Don ^öignon unb bcffcn gtcunbcn ^pnä^t: 

„®u laffcn fi(3^ aj)oftcl, (gDangcIiftcn unb ©ifd^öfc 
nennen" 2), unb in bct 2^at lomnten btefe Segeic^^nungcn in bcn 
6ottef|3onbcnjen beö SamBettj'd^en gteunbeölteifeö, ju loclc^^ent aud^ 
(SrefccI, ÜDend, be ßoct, ^ubmeiet u, 51. gel^Btten, toieber^oU t>ox. 

Siegt nid^t in biefem Oebtaud^ utaltet, unb jioat j'j)ecifif(3^ 
toalbenfifc^^et Benennungen ein beutli(3^er ^inioei^ ouf bie 
®emeinf(3^aft, bie toir i^iet öor und l^aben? 

gemet toitb in ben DettrauK(3^en ßorref|3onbengen S33il^elm 
i5ateM bie alte, in biefem ®inn auöfd^Keglid^ in ben „®enteinben 
Si^tifti" nad^toeiöbate 3) Sejeid^nung ,,§ eilige" in ber gleid^en ©e*' 
beutung loie ,,®Iäubige" ober „©ruber" öerioenbet SBä^renb in 
ben fonftigen ©riefen jener Siage am ©d^Iuß fid^ geioiSi^nlid^ bie 
SBorte flnben: „3(3^ grüge aUt greunbe", ftä^reibt SKitä^M b'Slranbe 
im Saläre 1526 an S33il^. garel: ,,3(3& grüße aUe^eiligen''^), 
unb im gebruar 1527 nennt Sol^. t>. ©teintoort in einem Dertrau^ 
lid^enSBrief an garel benänemunb be Soct: „Sanctus frater 
Anemundus Coctus"^). 

3ebc naivere Unterführung «) toirb bie STl^atf ad^e beftätigen, ba§ 
änemunb be Soct ate „©enbbote" ber fübfrangöflfd^en ©rüberge*' 

Donnulli voluerunt«. ^ttfo S^riihiö Bcftcl^It, bie (Sma^fencn, toenn fic SWttgttcber 
ber „®emetnbcn" werben tooHen, gu taufen. 2)od^ toiö garet bie Äinbertaufe 
nici^t berbieten. 

1) S^offanuö l^at gtcar in feinen Slnfd^atmngen ben „trübem" fel^r nal^ 
gepanben, aber er iji f(i^toerlui^ fetbjl SWitgtieb einer ©ernänbe getoefen. (gr pantmte 
au9 Wlt^. 

2) ^erminiarb Gorresp. des R^f. I, 313: „Item faciunt se vocari Apo- 
stolos, Evangelistas et Episcopos". 

3) @. oben @. 249. 4) ^emiinjarb a. D. I, 470. 

5) ^ermittjarb o. O. II, 12. 

6) @d tocire eine f^^ecieHe Unterführung über be (&)ct fel^r tDÜufd^endtoertl^. 
®t l^t nal^ Segie^^ungen ju fSmtntU(^en gül^rem ber naci^ntaligen ,,^Sufer'' 
nnterl^Iten, befonberö gu ©rebet; fel^r befreunbet »ar er nad^ feinem eigenen 
3cugni6 mit iWartin (SeUaring (f. ^etminjarb Corrcsp. des Ref. I, 311). 
Sntbtr fii^reibt am 13. Sanuar 1525: , Anemundus minatur mihi, uisi cedam 
mea opiDione, sese adversus me scripturum'' (be iOSette Sutl^erd Briefe II, 613). 

25* 



388 

tnrinbcn nad^ SBafel gclommcn tft, unb e« toirb baburd^ in i^oi^cm 
®rabc loai^rfd^cinlid^, ba§ aud^ btc übrigen SIRanncr, tocld^c mit i^m 
gcmeinfam bort tagten nnb bie er gum ST^eil au^brüdfid^ aW „Sbxn^ 
ber" bejeid^net 0, aU Stbgefanbte ber alten ©emeinben an 
ben Sa<}itel3t)erfammlnngen Ziftil genommen l^aben. 

©ei ber ^eimlic^Ieit; mit tüdöftx man ju »erfahren gestoungen 
toar, finb fei^r loai^rfd^einüd^^ ^jrotocoflarifd^c 2luf jcid^nungcn J>ermic^ 
ben toorben^), 

Slber and^ ol^ne berartige änfjeid^nungen bcfi^cn toir in ben 
^nblicationen, bie an^ bcm 3«f^inmentoirfen ber „Sa^jitete^'Srüber" 
hervorgegangen ftnb »), eine fidlere ©rnnblage gnr ©eurt^cilnng ber 
Äefnltate jener SBeratl^ungen. Unb toenn toir loeiter lein SBerl, 
ate bie nene Sluögabe beö SKarfitin« Don ^bua in ber $anb l^ätten, 
fo loürbe bieö genügen. 3Wan bead^tc nnr bie t>on jenem „Licen- 
tius Evangelus" im Sa^re 1522 Derfa^te SSorrebe, unb man toirb 
finben, bafe barin eine t)oflftanbige Heine 23efcnntni^fd(^rift ber „Srü^ 
bergemeinben" entl^alten ift*). 



1) (S@ fielet W, bag btc üRitgUeber ber Salbenfergetneinben bie ^egeid^nung 
,,©rubet" iRicnianbem gu geben ij^flcgtcn afö einem anbeten ÜKitgliebe ber ®e* 
mcinbe. 

2) @d fd^t, bag gu ben ^efd^tüffen bie ^d^ffung unb Organtftrung bon 
„'Sßxnhtt\!Sfa\ttn'\ tod^t M Uebergang gut (^emetnbegtüubuug bienen lonnten, 
gel^Btt l^abc. 2)a8 Statut bet neu ju cttid^teubcn „^immlifd^cu S3tuberf(^ft" 
gu Stonbetg (f. oben) ift in beufelben ÜJionaten aufgegdc^net, in »e^en bie S5et* 
faniniluugen jiattgefunben l^ben. 

3) (S@ gelösten bal^in, loie ic^ glaube battl^un gu liJnnen, unter Ruberem bie 
Keine im 3al^te 1522 gu f8a\d auout^m etfd^ienene ©c^tift: ,,lBon btien (S^ri« 
ften, bem tSmifd^n (Sl^tipeu, bem ^B^emfd^en (S^rifien, bem xptHfd^n (Sl^riftoi" 
u»f. »• (f. ©öbele ^am^l^ilu« ©eugenbad^ $annob. 1856 @. 214 ff.); ferner 
bie ebenfalls 1522 gn $a{el bd % ©engenbad^ anont^m erfc^ienene unb \}pSttx 
minbefienö in brd 3üi8gaben »ieberl^oCte ©c^^rift: „3)er Sbangelifc^ Jöurger"' 
(f. (S. Sßetter, Repertor. lypograph. u. f. to. SIlötbt. 1864 «ft. 2078 ff.). @el^t 
ftarl bednfüißt bon ben ^rüberbetfammlungen ftnb bie im So^te 1519 guer^ 
fetbft&nbig erfd^ienenen nAnnotatioDes in Novum Testamen tum", todi^ ^toax bed 
@ra9mu@ iRamen tragen, abet nad^ beffen dgenem Seugnig mel^t auf bie 9tec^ 
nung feinet SJ^itatbdtet atö auf feine eigene gu fe^en ftnb. 

4) 2>ie Slnlel^nung an bie ^etgptebigt mug felbfl bemjenigen auffallen, todc^ 
bie Betonung betfetben butd^ bie ,,^tilbet'' nid^t lennt. 2)ie @ad^e berbient eine 
naivere Unterfud^ung« 



1 



389 

2Btr ^aBcn oben gefeiten, ba§ btc Sluffaffung über btc Zanft 
feit Sal^Ti^unbettcn einen toefcntltd^en !lDtfferenj))unft jtotfd^en ben 
^^Stübetgemetnben" unb bet i^errfd^enben Sttd^c btlbete* ®cit ur^ 
alten ^txttn l^atten bte „Stübet" ))ttnctptea batan fcftgei^alten, bag 
bie JEaufe auf ben ®Iauben in ber ^rajiö bet a^3oftottf(3^cn Soifx^ 
l^unberte unb in ben ^eiligen ©d^riften il^te SScgtünbung befifeeO» 
& ift toaffx, bag fie gteid^tool^t bic Sinbettaufc felbft an il^ten eigenen 
^inbern i^aben boüäiel^en laffen, aber fie traten bie^ nur mit bcm 
SSorbel^alt, ba§ fie in ber S9ef))rengung ber Sleugeborenen eine bor^ 
bcreitenbe, \pättx ju ergänjenbe äöaffer^ ober 5Ramentaufe erblidten 2) 
unb eine innere ©irlung oon ber toal^ren SEaufc nur bann er^ 
toarteten, toenn ba^ S9elenntni§ be^ ®Iauben^ feiten^ bc3 
STäuflingö i^injulomme. aiber aud^ biefe innere SBirlung badeten fie 
fid^ nid^t toie bie l^errfd^enbe Äird^e ate eine übernatürlid^e ^aft 
gur SBiebcrgeburt, fonbern afö eine finnbilblid^e 3ufid^erung 
berg8ttUd^en®nabe. ®ie SBiebergeburt, fagten fie, erfolgt 
nid^t burd^ ein äugereö „©nabenmittel", fonbern burd^ bie unmittel^ 
bare SBirlung ®otteö in beut SUieufd^eni^erjen ; benn 3o]^. 1,13 fielet, 
bag toir bon ®ott geboren toerben^). 

©ie toaren fid^ t)ottftänbig Kar barüber, ba§ ii^re ®runb))rin*' 
dpxtn ebenfo toie bieienigen ber eöangelifd^en Sird^e iübttff anpt c3 
t)önig unmöglid^ mad^en, bie göttüd^e (Sinfcfeung ber Sinbertaufe ate 
©nabenmittel mit Srfolg gu Dert^eibigen. 

1) @. oben ©• 89, 

2) @8 ift btc8 aud^ bet ©tattb^unft, ben f^ätet Saf^. ö. ©d^tocnlfetb unb 
feine gal^treici^en 5(nl^nger eingenommen l^aben. 3n einem SBriefe bom 5. ST^ril 
1543 erftäxte er änem feiner greunbe, baß lein ^nb burc^f bie 2^aufe feftg toerbe, 
„fonbern baß 3efu8 (Sl^riftug mit feiner @nabe beiber, ber jungen Äinber unb 
ber bitten, ©eligmad^er fei", 2)od^ rietl^ er (»ie frül^er auc^ $ubmeier), ben U^^ 
l^r geübten feicrlid^en 2llt al0 „Äird^entaufe" (Baptisma ecclesiasticum) Bei- 
jubel^dten. Ms. 45. 9. foL 374 ber ©ergogl. SBibftot^el gu Sotfenbüttet' 

3) @g ift eine ftetö toieberlel^renbe S3e]^au:|)tung in ben knblauftgen pxott\U 
Mrd^engefc^i^ten, baß bie „SWt^jiif", nac^bem jte bon Sutl^er übertounben 
toorben fei, jtd^ in ben Greifen ber ,,2:;äufer" aI0 Sfteji be^ mittelatterüd^en Stat^o^ 
liciSmuS fortgepflanzt l^abe. Um fo merltoürbiger ift folgenber ^uSf^rud^ g.(S, 
SB au r 8 ^rd^engefd^. b. neueren 3eit @. 440: „5)er 5(naba^ti0mu0 l^at leinen 
@inn fiir bie m^ftifd^e ©ebeutung be8 ©kubenS, bie ben ^rotepanten auci^ 
bie^nbertaufe beibe^aiten fößt, unb fefet berfelben fein SSerjlanbegintereffe 
entgegen". So ift in biefem galle bie „ÜJi^ftif"? 



390 

5Dtc grctgniffc in SbSffvxtn, mläft \\^ bei bet Scrfammlung 
ju gi^ota im ^affxt 1467 t)ottjogcn'), bctoeifen, bag bic „©rüber" 
fiberaü bort, too bie aKBaß^iEeit fid^ jeigte, bie JRüdle^r ju bem ®e^ 
Braud^ ber cqjoftottfd^en Sal^rl^unberte aW i^re ^fftd^t betrachteten, 
nnb e^ ift fe^r mertoürbig, baß and^ bie ,,Sa<}itctei>crfammlungen" 
an SBafel in ben 3a^rcn 1521—1522 fofort biefelbe Angelegenheit 
anf bie Jageöorbnung festen* äiber jngteid^ g^f^ft^ Wc* tn einem 
®eift ber SJiäßignng, ber fei^r bead^tenStoertl^ ift. 

3n einem Srief, loetd^en Saltl^afar ^uirmxtx unter bem 
16. Sannar 1525 fiber bie Janffroge an ^off. DecoIam|)ab rid^tete, 
f^}rid^t er fid^ toxt aüe feine ®efinnnng%noffen j)rincii)ien für 
bie ©^jättanfe auö. 5Dann fäl^rt er fort: „®tatt ber Siaufe 
taffe id^ bie Sird^e juf ammenfommen nnb erKare in bentfd^er ©^rad^e 
ba« (gi>angelium: 'ÜKan brad^te fiinbtein bar' (ÜKatti 9, 13 ff.)- 
a^ann toirb bem Sinbe ber Slame beigelegt; bie gange ©emeinbe 
betet 9iit gebogenen Snieen für baffette nnb em^jfiel^It e« ßi^riftuö, 
bag er il^m gnäbig fei nnb für baffelbe bitte, ©inb aber bie @ltem 
nod^ fd^toad^ nnb tooüen bnrd^anö, ba§ ba« Äinb getauft »erbe, fo 
taufe id^ ed nnb bin einfttoeilen fd^toad^ mit ben ©d^mad^en, bid 
fie beffer unterrid^tet fein »erben. 3m ©orte aber toeid^e id^ 
il^nen aud^ nid^t im Ileinften ^unlte"^). 

5Der ©d^toer<}unlt ber Dj>:()ofition gegen bie 2;aufe lag miti^in 
*ei 5>iibmeier toie bei beffen greunben nid^t fotool^I nnb nid^t in 
erfter Sinie in ber Siauf jeit aU in ber Seftreitung ber burd^ bie 
Slaufe angeblid(^ erfolgenben SSSiebergeburt 3). 

8ubtt)ig ^äfeer, toeld^er toie ^ubmeier in ber 2;rabition ber 
„Saufgefinnten'' ju ben 3SorIäm:()fem ber Partei gegäl^ft toirb, i^at 
gelegentlid^ erKart, baß er bie Srti^eilung ber ©<}ättaufe nie für 
eine SSorbebingung ber ©eligleit gel^alten ^aht) er l^abe fogar, fagt 



1) @. oben @. 286. 

2) 2)er Srief ift abgebrucft in Oecolamp. et Zwinglii Epistolae 1536 
fol. 64«. 

3) ©net ber erilen Süric^cr Zän^tt, ¥fr, Vildäf, erttSttc: „Dh \^t>n ber 
Wlta\6f nic^t mel^r getauft tx)ürbe unb glaubte an ba9 Seiben (Sl^rifH, fo tofirbe 
er nid^td beflo minber behalten. @d {hl^t leine @e(igleit in bem Sauf'. (Sgli (L 
2)ie SBiebertättfer in äürid^ @. 96. 



391 

CT, etil ÜJiißfancn an il^rer Stnfüi^tung gcl^abt, toa« unter 
bcn bamaligcn SSct^äftniffcn ganj Begrctflid^ ift 0* 

Slöctn bcrfettc ^^äfeet \piA^t fid^ ganj entfd^icbcn gegen bte 
übernatürli^e ^ettölraft bet 2;aufc au8* „D toie t)iet elcnbet, it^ 
trübtet C^erjen", ruft et auö, „l^at man fielen ftommen äBüttetn ge^ 
mad^t, bte ntd^t anbet« öctmeinten, benn il^te ungetauften Äinbet 
toütben t>etbammt'^ 3Ban l^at ,,bcfonbete ©tätten bet Segtäbnig 
l^ergettd^tet, ba man fie nic!^t ju anbeten ÜKenfd^en begtaben tpoüte, 
atlctn auö bet Utfa(3^e, ba§ fie ©otteö Slngefid^t ni(3^t mel^t 
feigen toetben"^), 

S33et fönnte leugnen, ba§ e^ teine unb »ol^Ibegtünbete ÜJiotiöe 
loaten, »eld^e tu biefen SBotten jum 2lu3btud lommen? 

1) Äetm Subtt). $%r in bcn Sal^rbb. f. beut. X^l 1856 ©. 238* 

2) ^eim a, a. £)• @. 238* 



Siwbjeljnte« Capitcl. 

Sie ©c^toctjer Srüöcr* 

2)ie S^tejic bcr alten ©cmeinben in bcr ©d^töcij. — Urtl^eilc öon 3citscno[|ctt 
ükt bcn Siiftttnntenl^ang mit bcn älteren ,,ÄefeCTn". — 2)ie „^eftcrfc^fute" 
ber „@:|3irituden" gu 3ürici^ itn 3a^te 1522. — 2Bie lautet bie 2:rabitton 
ber S3rübergenieinben über bcn Urf^rung il^rer Partei? — Slnftc^ten neuerer 
gorfd^er, — 2)a3 erfte ^erbortreten ber alten ©emeinbe in ^Mdf* — @ine 
boUftänbige Organifation ber ©emeinben in ber ©d^toeig ift ft^on um 1521 
nad^toei^Bar. — 3m ©erbft 1522 ft^ließt fid^ S. ©rebel ber alten Süric^er 
©cmetnbe an, — 2)ie 3in8- unb S^WcKfrage. — ®ie SSerlümmerung ber 
alten ©emeinben. — 2)ie ©au^tftreit^unfte. — 2)ie (Sinfü^rung ber @pat- 
taufe im 3a^re 1525, — ®er literarifd^e Äam^f. — 2)ie „^dli^m''. — 2)ie 
trüber M „freien @eifte0", — 2)er „SBrubermorb" in @, ©allen- — 2)ie 

5lu36reitung ber „S5rüber". 

• 

ÜDurd^ ba« 3^f^w^^ii^Wen fo bebcutenber unb auagcjcii^^ 
nctet aKänner, ö)ie fic fid^ ju ben ßai)iteI«üCT:fammtungen in Öofel 
einfanben, tourbc ba« wid^ttgc SRcfultat getoonncn, baß man sugW«^ 
mit einer SSerftänbigung über bic gemeinfamen ^kk eine Saute^ 
tung unb Slärung ber uralten, aber melfad^ t)erftümmelten 2;ra^ 
bition erreid^te. Sie 2lufgabe, an toeld^er in ben Greifen ber „Sru*» 
berf c!^af ten " feit me^r al3 fünfjig Salären mit $ülfe ber neuen 
Sunft be« ©c!^riftbrudeö gearbeitet tporben toar, ^atte in einer 
SSerfammlung betoäi^rter „©ruber" einen geö)iffen Slbfd^Iug ge^ 
funben. 5Die ^txt mar ba, baf man in bie äftion eintreten 
lonnte, 

Slber el^e nod^ bie grüc^te biefer ©eifte^arbeit bottftänbig reifen 
unb bie SSefd^Iüffe ber „ßa^jitelöüerfammlungen" ju aüfeitiger SBir^ 
fung gebracht öjerben tonnten, erl^oben bieSRefte ber alten®e^ 
mein ben, toeld^e fid^ in ben Söergen biefeit« unb jenfeit^ ber Sllpcn 



393. 

in bctt nicbcTcn S5oIWf(3^t(3^ten erl^aUcn ffatten^), ba« ^anpt, unb 
jtoat trat an t^rc ®px%t berjentgc äBann beö Safder ^cifc«, bet 
am meiften bct (Scfai^r auögcfcfet »ar, fid^ ganj i>on bcr S^tabttion, 
tok fic ii^m in jenen „©tübern" in ii^ter erftatrten gorm i^%^n^ 
übertrat, bel^errfc^en ju laffen. 

ßö toäre bnrd^an« nnrid^tig, toenn man bic ©etoegung, toie 
fic feit 1522 unter Seitnng ßonrab ©rebete auSbracä^, mit bem 
fäd^fifd^en JRabicali^mu« gteid^fteöen tooKte. aber gleid^too)^! »nnte 
bod^ nur eine uni^iftorifd^e SSoretngenommeni^eit leugnen, ba§ aud^ 
bie ©d^toetjer ©rüber eingetne 3been aufgefteüt unb öerfod^ten ffa^ 
bcn, bie ben ed^ten altd^riftlid^en ©emeinben be3 13* unb 14. Sal^r«^ 
i^unbert« enttoeber fremb toaren, ober bod^ t>on Sefeteren in ganj 
anberem ©inne Derftanbcn tourben ate Don ben SSorfal^ren. SKan«* 
d^erlei 3Ki§Derftänbniffe unb Sntfteüungen ber alten Seigre l^atten 
fid^ in ber trüben S^dt be^ 15. 3a^ri^unbert« aud^ l^ter eingeftettt. 

©ieienigen ©d^riftftefler, toetd^e au8 einer fotd^en jeitmeütgen 
®e^3raoation ®rünbe gegen bie JRid^tigleit eine^ ©^ftemö üitxffanpt 
ableiten ju bürfen glauben, überfeinen meiftenö, ba§ e« in jeber 
©emeinfd^aft folc^e ^erioben gegeben ^at, unb bag foiool^t in ber 
lati^olifd^en toie in ber luti^erifd^en ^rd^e geittoeilig IDoctrinen bie 
allgemeine ©iüigung gefunben ^aben, bie ^eute ißiemanb me^r »irb 
bittigen motten* 

^öf toxU i)xtx nid^t öon jener religiiJfen Sfftafe reben, loie fie 
al^ Sluögeburten einer Iranl^aft erregten ^i^antafie g. ©• in ben 
aOBaüfa^rten jum ff. Sölnt mäf ©itönad (1475) unb in ben feit 
1 500 beginnenben Sreujtounbern ju 2:age traten — Srf d^einungen, 
»ctd^e bie öielfad^ übertriebenen Vorgänge innerhalb geioiffer Z&n^ 
fergemeinben nod^ »eit überbieten — , aber man beule bod^ nur 
an bie §efen:()roceffe unb bie bamit öerbunbenen unerl^ijrten 
Sluöfd^reitungen* ©ie berüi^mte ^efenbutte ^a<)ft Snnocenj VIII. 
t>om 5. !J)ec* 1484 2) i^at bie ^e5ent)erfotgungen auf ®runb un^ 
fe^Ibarer gd^rentfd^eibung in ein fefteö, nod^ i^eute im ^rincij) 



1) 2)a6 jtc nod^ um 1500 fclbp unter bcm Sflamm ,,9BaCbcnfcr" in ber 
@(^ti>ei3 befannt toarcn f. bei ©ottinger ^rt^n«» u. Äeftergeft^. ber mittteren 
3eit U, 30 ff.; 60 f{.; 66-72, 

2) ^bgebru(!t bei GherabiDi Bull. Magnam. Luxemb. 1742. T. I p. 429. 



394 

gültige« ©Aftern gcbrad^t; ®<)tcngert ^ejcni^mmcr unb &)vxmäf9 
gcitfabcn für 3nquifitoten finb ju einem normativen Slnfel^en in 
ber gangen tömifd^en Sitcä^e gelangt Unb toie l^at fi(3^ bie tntl^c^ 
rifc^e Sird^e im 16* unb 11. ^al^rl^unbert ju ben $ef^n^)roccf[en 
gefteöt? ÜDie eingige ©emeinfd^aft, todä^t \i^ ftet« anäf im ^xin^ 
üp gegen bie ©ntooi^nung von ÜDämonen in ber 3Benf(ä^en[eele cr= 
Hart f)at, finb eben jene öielgefd^mäl^ten „Säufer"* 

Unter ben ja^treid^en, um ba« Sal^r 1517 inner«* unb aügcri^alb 
be« jReid^eö ejiftirenben ,,Srubergemeinben" ift e« belanntlid^ bie 
©emeinbc ju ^üxxä) getoefen, todäft guerft in bie Deffentttd^Ieit 
trat unb fi(ä^ formeü neben ben i^errfd^enben Äir(ä^en ate felbftan^ 
bige ©emeinfcä^aft conftituirt i^at. 9^a(ä^ ii^rem SSorgang i^at ftd^ 
bann toeit unb breit bie Soölöfung t>oIIgogcn, unb e« finb öon ba 
an ga]^lrei(ä^e 2^o(ä^tergemeinben über gang 2Befteuro^>a i^in gegrun^ 
bet tporbcn» 

(So beftei^t nun bi« auf ben i^eutigen 2;ag J)ielfa(ä^ bie ÜRei^ 
nung, e« feien bie äBanner, totlä^t an ben 30^^^^ Srcigniffen 
betl^eUigt tparen, atö felbftänbige Orünber einer neuen Äird^e 
gu betrachten, bcren $aui)tmerfmat bie ®j)ättaufe getpefen fei, unb 
beren SKitglicber ben Slamen ,,S5Jiebertaufer" ermatten i^ätten; 
bie gc^re unb bie SSerfaffung biefer neuen Sird^e aber fei au« bem 
feit ßutl^er erneuten ©ibetftubium ertoad^fen» ÜJian beult fid^ bie 
93orgänge mitl^in etUKi fo koie in Sittenberg, mo Sut^er aUerbing« 
ber @d^ö|>fn: unbSJater einer nenen Äird^e geworben ift, toeld^ 
unter bem Slamen ber „lut^erifd^en" %meinfd^aft feit eöpa 
1523 SBeftanb getponneh i^at, unb bie auf ber guti^er'fd^en äuÄc^ 
gung ber SBibct, befonber« be« ^autu«, in erfter 8inie aufgebaut ift 

©d^on bie alten ©egner ber 2:&ufer finb au« ))erfd^iebenen 
®rünben bemül^t getpefen, berartige 93orftetIungen über ben Ur^ 
f<}rung ber Partei gu verbreiten ; allein biefelben finb in jeber 8iid^ 
tung falfd^ unb ungutreffenb» 

& ift aUerbing« ipai^r, bag Suti^er burd^ feine im Saläre 1522 



1) 2>ie ©emeinbe ber ,,^rüber'' gu ^i^büc^t in X\fcol ifl nix^ im 3a^te 
1522 nad^tt^eidbar; ,,2>ienerbe9!Bortd"tt>arbamald^oma9$errmamt, todäfcc 
f^ter ald ,,£ctufer'' bdannt gemorben i% @. fötd ©ef^i^tdbüd^ ber SSte- 
bcrtÄufer @, 56 %xm. U 



395 

crfd^icnenc UcBetfcfeung bcö 5Rcucn S^eftamcntcö ben alten (Scwetn^ 
ben in l^ol^cnt (grabe genfifet ^at, aber bie Sdt^awptnni, bag ®re^ 
Bei, STOanj, Slaurod u. ?(• erft fett ben Ülagen, »o fie biefe Ueber*' 
fefeung in bie $anb Belamen, auf il^re „anaba^Jtiftifd^en Sbeen'' 
öerfatten feien, ift ööüig auö ber 8uft gegriffen, ©tel^t e« bocä^ 
feft, baß biefe ,,S;äufer" i)on änfang an ben ©ebraucä^ ber Intime*» 
rifd^en Ueberfefeung <}rinci^)ieli abgetel^nt l^aben unb \i^ nur an 
bie alte Ueberfcfeung l^aben i^alten tpoöen — biefelbe Ueber** 
fefeung, meiere feit ber (Srfinbung ber ©ud^bruderlunft innerhalb 
ber ,,©rübergemeinben" winbeftenö ebenfo verbreitet toar, ö)ie bie 
lutl^erifd^e e« nad^mafe außerl^atb berfelben tpurbe. 

S8 ift toal^r, baf bie gei^ren unb bie Sird^enverfaffüng, 
toie fie von ^üxx^ aM feit 1522 im {Reiche belannt tourbe, für 
bie ÜJieiften ettpa« ganj 9^eueö, ja Unerl^örteö »aren; aber viele 
anbere äBänner, unb jtpar nid^t bloß bie 2Jiitgßeber ber „(Semein^ 
ben" fetbft, fonbem aud^ beren Oegner, l^aben vom erften ÜKoment 
an beutlid^ gu erlennen gegeben, ba§ in ben „S^äufem" jene ur^ 
alten ,,Sefeer" von 5yieucm i^r $au<}t eri^oben i^ätten, toetd^e e^e^ 
bcm in granlreid^ „SBalbenfer", in ÜDeutfd^Ianb unb ber ©d^ioetj 
„©ruber beö freien ©eifte«", ;,©i)iritualen" ober „5l»)oftoUfd^e ©rü^ 
ber" genannt loorben feien. 

@o erließ unter bem 23. Sanuar 1525 ber SDffidal beö (Sx^ 
bifd^ofö von 8^on ein Sbict toiber einen ÜKann, »etd^er gu ben 
näd^ften greunben ber un« belannten änemunb be ßoct unb SDW^ 
d^aet S3entinud gel^örte, nämlid^ ^mabeud üIKacrinud. S)arin i^eißt 
e«: „(&ß toad^fen jefet au8 ber äfd^e beö S33albu8 neue 
®pxi^lxnzt gai^Ireid^ auf unb ed ift nöti^ig, baß man ba9 
öeif^}iet einer fd^tocren unb emften ©träfe ftatuirt" ^). . 

3ei^tt Qalfxt \pixttx toarb von ben SRöti^en beö Srjbifd^of« ju 
mn ein ©erid^t über bie anabaptiftifd^e Setoegung an Äaifer Äarl V. 
aufgefegt unb eingereid^t So ift felj^r loai^rfd^einUd^, baß ber au^^ 
gejeid^nete 2;^eoIoge Sol^anne« ®ro:()per ber 3Serfaffer getoefen ift 
Darin i^eißt e« von ben „SBiebertäufern", baß fte ftd^ ,,ted^te 
ßl^riften" nennen, baß fie aüe ®üter treuen tooüen u.f.tt>., „toie 



1) ^exminjiatb Gorresp. des Mi. I, 324. 



396 

bann bcr S33tbcttcuffcr ärt allcjcü gctocfen tft, aUbtc 
alten ^iftotten unb ba« fatferU(3^ ditäft, t)ot taufcnb 
Saluten gcmad^t, bcjcugcn"* ÜDcr gclei^ttc 3Scrfaffct bicfct 
^Relation toxü offenbat anbeuten, baß bte ßonftttuttonen be« (Sobef 
3ufttnianeu3 an« bem 5, 3a]^rl^unbert gegen bie ,,gBtebettänfet" 
fd^on biefelbe „®elte" im Sluge gel^abt l^aJen, tote er fie im Saläre 
1534 m ft(3^ fa^i). 

SBir l^aben oben Bereit« gefeiten, bap im SBoIKmunb toöl^renb 
beö ganjen 16* aal^rl^unbertö unb loeit barüber l^inauö ber 9iame 
„Üläufer" feiten ober nie öorlommt, fonbern ba§ jur ©cjeid^nung 
ber „©rübergemeinben" bie uralten 9?amen ber „Sl^3 0ftoIifd^cit 
©rüber", „®<}iritualen" u. f, lo. gebraust loerben^), 

©a ift eö nun toid^tig, bag bie nad^malö fogenannte „2:äufer^ 
gemeinbe" ju ^Mäf, auf bereu (Sefd^td^te toir fofort jurüdfommen 
»erben, tängft öor ber ©nfü^rung ber ©pättaufe, b* ff. feit ttm, 
1522 in ben ©erid^t^alten unter bem alten Flamen ber „Sefeer^ 
fd^ule" erfd^eint, unb baß biefelben aWänner, benen fpäter al« 
„SBiebertäufern" ber ^roceg gemad^t tourbe, bamal^ no^ ate „®pu 
ritualen" ober „®i)irituöfer" bejei^net tourben ^), Sann e^ jtoeifel^ 
i^aft fein, baß bie JRid^ter bamit biefelben „Se^er" meinten, n>eld^e 
unter eben biefem 5Ramen in ben frül^eren ®erid^t8^3rotocoüen 
oorlommen ? 

!J)ie SJKtgtteber biefer ^üxxäftx loie aller anberen ®emeinben 
nannten fid^ toie t)or 2Kterö einfad^ „©ruber" unb „©d^ioeftern", 
unb xffx 3ufammen^ang mit ben SSorfal^ren toar i^nen beutfid^ 
betwißt, loenn fie aud^ in ber erften ^txt x^xtß ©eftel^en^ e« ab^ 
fid^tlid^ öermieben i^aben, fid^ afe bie iRad^foIger ber alten „Äefecr" 
öffentlid^ ju bejei^nen unb bamit bie Slntoenbung ber atten Sefter^ 
gefefee gegen il^re ©lieber ju erleid^tern, SBäi^renb be^ gan jen 3a!^r^ 
l^unbert« loarb in ben fogenannten „S^äufergemeinben" bie alte 
^flid^t ber SJerfd^toiegeni^eit auö guten ®rünben fei^r ftreng feft^ 
gel^alten. 



1) ^e 9lelation ifi ungebtudft; fte finbet ftd^ im <Staat9ard^it) gu aytünjHr 
sub M. L. A. 518/19 Vol. IV. f. 172fr. 

2) aSgt oben @. 10 f. 

3) @gU 2)tc 3ünc^cr SöiebcrtSufcr* Süric^ 1878 @* 15, 



397 

©cit beut äWoment aber, too btc JRcItgionöfrei^cit crIäiiH)ft toar 
— eö gefd^al^ bicö gucrft in ^oflanb im 17* Sal^tl^unbert — l^abcn 
bic ^lad^folgcr unb ©cftnnungögcnoffen bct alten „2:äufer", bie in-^ 
ätotf(3^cn bcn 5Wamen 9Rcnnonitcn angenommen l^atten, cd einstimmig 
nnb mit aßet ©eftimmt^eit i>ffentli(3^ an3ge[<}rod^en , baß i^re (Sc^ 
meinfd^aft biefelfceSit^e fei, toeld^e längft bor ber {Reformation 
afö „Sefeer" nnb „®eltirer" berfotgt tourben, nnb ba§ ben ÜRän^ 
nern, bie feit 1522 bie „®emeinben" erneuert i^ätten, nid^td ferner 
gelegen l^aBe, aU eine neue Sird^e ju begrfinben. 

Sic fämmtlid^en älteren (Si^ronifen biefer Partei, toeld^e unter 
bem litel ber „3Rärt^rer6üd^er" belannt finb •), ^eben auöbrfidUd^ 
l^erbor, ba§ bie fogenannten „S:äufer" feit bieten l^unbert Salären 
in ber ßi^riftenl^eit bori^anben getoefen unb leine^ioeg^ erft feit 1523 
aufgelommen feien. 

©iefelbe Srabition ift bann in allen Iir(3&engefd^i(3^tli(]^en SBer*' 
len, fotoeit fie auö ber Partei ber „SEaufgefinntcn" l^erborgegangen 
finb, feit bem 17* 3al^rl^unbert biö auf unfere 2>^xt feftgel^alten 
toorben ^). 

©anj befonbereö ©etoid^t aber lege xäf barauf, baß gerabe bie 
auögegeid^netften Senner ber mittelalterlichen „©elten" in unferem 
toie im borigen Sal^rl^unbert genau ju bemfelben JRefuItat gelom^ 
men finb, obtool^I fie bon ber täuferif(ä^en Srabition nid^t beeinflußt 
toaren, ^^erju gel^örten ber oben oft citirte 3. 8. ÜRo^l^eim, 
toeld^er gelegentfid^ fagt: ;,£)ie SBalbenfer .... lebten nad^ ber 
SBSeife ber ftrengcren JKennoniten" ^), unb ein anbermal auöbrüd«' 



1) 2)tefc SRart^rotogicn cntl^Uen ein intercffante« l^ijlorifci^cg SWatcrial; fte 
öerbicntcn eine nähere Ünterfud^ung, jutnd in Bcgug auf i^rc Duetten. 2)a0 
bcrül^mtcfte SBetl ip bon SBragl^t Het Bloedig^ Toeneel of martelaars Spiegel 
der Boops-Gesinde etc. 1615. 1631. 1660. 1685. 

2) @. Oatcnuö Stbral^amö Verdediging der Ghristenen, die Doops- 
gesinde genaamt worden etc. Amsterd. 1699 p. 29. — ®erl^. 9floofe Un* 
f(^ulb unb ©egcnbcrid^t ber ebangelif(]^cn taufgepnnten (S^ripen u. f. t». Sftafee- 
burg 1702 @. 26. — 3. $• ©albertSma De Doopsgezinden en hunne her- 
kompst Deventer 1843. — S3tau\)0t ten Säte Geschiedskundig onderzoek 
naar den Waldenzischen oorsprong van de nederlandsche Doopsgezinden Amst. 
1844. — 2L 3R. Sramer Het Leven en de Verrigtingen van Menno Simons. 
Amst. 1837 p. 7 ff. 

3) Wtc^txm Instit. hist. eccl. Libri IV. Heimst. 1755 p. 488. 



398 

IvSf Iftx^ox^ebt, ba§ et bcn ß^fötnmenl^ang jtotfc^en bcn 3Rcnniy 
ntten unb ben SBatbcnfcrn ntd^t bcftrcitcn löntieO, fobann oBet 
auö neuerer ^tit btc au^gegeic^netcn Renner beö ffialbenferti^umö 
unb bcr OotteSfreunbe %. SB, m^xxäf^), ^. SB- (grblam») 
unb ^ermann 5>öw:()t*)* — 

Die @tabt 3ö^^ ^^^ ^^^ öollrctcä^e unb Blül^enbe ©tabt f<y 
tote aW ^au<}tort beö fül^renben ©taate^ In ber (gibgcnoffenfd^aft 
fett alten 3^i^^w ^i" ^auptjtetpunlt ber pütä^rtgen ©ruber 8^ti>«f^nf 
toclc^e auö ben [üblichen (Segenben ate Refecr üertrieBen toorben 
toaren. SBir totffen, baß bte SSerfoIgungen bort aucä^ tut änfang 
be« 16. 3a]^r]^unbert« tl^ren gortgang nal^nten*). 

Unter ben Scannern, toeld^e in ben ^Mcfftt ^roceßacten ju^ 
erft ate „®^3iritualen", \p&ttx aU „SBiebertäufer" naml^aft gemacht 
toerben, frielt ein getoiffer SSatentin Orebig eine {Roüc, t)on 
toeld^ent auöbrüdtid^ Bejeugt toirb, ba§ er au3 ©ato^en ftamnte«). 
gBcnfo toerben Scanner auö ber italienifd^en unb franjäpfd^en 
©d^toeig, unter benen e« nac^toeiSlic^ feit uralter 3^ „SBalbenfer" 

gaB, in S^ricä^ öerurtl^eilt ''X 

3n aüer ©title l^atten bie „©ruber" in 3ürid^ geleBt unb 
unter beut ©d^leier be^ ©el^eimniffed il^re älnbad^ten gei^atten. 

1) iWog^m 0- a. O. @. 79 U 

2) 2:. ©• 9l81Jri* ®cfd^. bcr 9«cformatton im ©faß 1830 I, 326 fagt: 
,,9Rit leidster iD^^ül^ liegen {i($ bte bon 3« ^ ©täte! Okfc^* ber 2:aufe ep)g. 
1789 ©• 132 bdgeBrac^ten Sett)äfe bermel^rm, Befonberd u>enn bie ®ef(i^i(^ ber 
erflm ffiicbertaufer no^ Beffer aufgcöärt toäre a(3 fic e« Bi« jcftt ip". 

3) (grBIatn ®ef(i^. bcr it)rotc(i. @dtcn* ®otl^a 1848 @.481. 

4) $. $au:|)t ^ie rdigü^fcn <Seftcn in ^anlen bor ber 9leformatton 
SBürgB. 1882 @. 59 fagt: „^tl^ bcrtor burci^ feine ^rteinal^tne gegen bie 
Bfiuerlid^c unb pbtif d^ 2)emotraäc einen großen £1^ feiner $o)>utarit&t gerabc 
in ben Reifen, benen er feine Btdl^rigcn Erfolge l^ou^tfSc^lid^ bcrbonlte . • « . unb 
tricB namentlich bad and ber loalbcnfifci^-taBoritifd^cn @e(te ^en)orge« 
gangenc SBicbertSufcrtl^um ben onarc^ifHfd^ Parteien in bie 9[rme. & toar 
baim imr eine notl^koenbige (&)ttfcqucn}, baß ... . bie SBiebertanfer . • • . gnm 
großen S^l^eite bcn Verfolgungen ebangclifci^er gürlHn unb@tSbte )umO)>fcr 
flden''. 

5) @. oBen @. 299 f. 

6) (S. @gli ^menfommlung gur ®ef^. b. Börid^ 9leformation. 1. ^fte 
3üri(5 1879 9fh. 675 u. 795. (gr l^t an anberen bie Zaxi\t boOgogen, olfo 
inncrBolb bcr Ocmcinbc old ,,2)icncr bc8 ©ort«" gctoirft 

7) @o SBil^m (S^cl au9 bem SBaSi«; ^gli a. D. 9h* 691. 



399 

3[te nun btc große teügiöfc SBctocgung burd^ ba« 8anb gog 
nnb bic 3Kenf(ä^cn nad^ bct ©al^tl^ctt ju fragen anfingen, ba fanb 
bic Keine ©d^aar 3^8"8 ^^^ ©nl^cimiftä^en unb äuötoärttgen, unb 
e« tourbe balb ftabttelannt, baß in 3i^^<ä^ ^"^ ,, ftefeerf c^ule " 
ejrtfttre. 

©0 lant cd, ba§ tni grüi^ial^r 1522 eine« Sflaü^t^ mel^rere 
Äatl^oülen öor baö ^auö bcö S^M^ex Sürgerö Slauö ^ottin^ 
ger gogen unb bort, tote in ben SHten aufgegeid^net fielet, taut 
[d^rien: „ÜDu, S^eufel ^ottinger, fte)^ auf; ntmnt^eine fiefeer 
mit ÜDir unb gel^t in bie Sefecrftä^uIeO". SIW biefe ©a(3^e 
gut fienntniß ber ©el^örben gelommen toar, tourben int STOai be« 
3al^red 1522 bie Setl^eiligten Demomnten, unb eö fteüte fid^ ^er^ 
auö, bag bie „ fiefeerfd^ule " eine öon öielen „SBrübern" befud^te 
anbad^t fei, Bei toeld^er bantate ber ©ud^l^änbler Slnbreaö auf 
ber ©tfilgen aW Seigrer tl^ätig toar^). 

Slauö ^ottinger ift berfelfce, toeld^er einige Saläre barauf ate 
„SSSiebertäufer" l^ingerid^tet tourbe^), unb Slnbrea« auf ber 
©tütgen lennen toir Bereit« auö ©afel, too er in ber 3^ i^^^^ 
(Saj)iteföüerfantntlungen mit tielen anberen „Srfibern" antoefenb 
toar. Sie ®pUtn nannten ii^n „^nx Seutpriefter", unb [ein gan*' 
ge^ SSerl^alten mad^t e« ungtoeifeC^aft, bag toir in il^m einen „"^^fo^ 
ftel" ber Sörfibergemeinben t>ox unö ^aben. 

ÜDiefe Oefeüfd^aft beö ^ottinger unb ber mit il^m berBrfiber^ 
ten Soreng ^od^rütiner, $anö Ddtcnfug, ^einrid^ StBerli, Sartl^o^ 
lomäu^ ^ur u. SL ift e^, in toeld^er toir bem 8eut|iriefter Ulrid^ 
Btoingli im WfiAl beö 3a]^reö 1522 Bei einem freunbfd^aftlid^en 
gleifd^mal^I in ber gaftengeit Begegnen^). S8 tourbe biefe« ÜKai^I 

1) ^li a.a.O. @. 85: Claus Hottinger dicit: An der Uffart abent nächst- 
▼erschienen .... sigend iro etliche an sin hus kommen (and hettind) daran 
gestossen und angelfitet und nämlich im gerüft und gesprochen: du, tu fei 
Hottinger, stand nf! nimm dine Ketzer mit dir und gondin die 
Ketzerschuol! 

2) (S. (ggtt a. D. @. 85. 

3) @. <StSl^eUn 91., SHe erjhn äKättt^ter ht» ebangetifd^en ©kuBend in 
ber ©d^toctg. ^ctbcIBcrg 1883 @. 205 ff. 

4) 3n ben SOten Bei @gU o. a. D. «Th:. 233. (g« toirb Berietet, baß StoingU 
fein gtdfd^ gegcffcn l^Bc. 2)a3 «etcnntniß gtof(i^aucr« Bei @gtt a. £). i«T. 234 
entl^U gong fit>ecifif(^ tx)albenrtf($e (^nmbfS^ 



400 

in bcm §au[e bcö Sud^btudcr^ gtofd^aucr gcl^altcn; cd toatcn 
baBct aud^ ein ungcnanntct ©tcinmc^ utib ein ,,S:ifd^mad^cr" ju^ 
gegen- 

3n benfelbcn SBod^en i^atten ßlaud ^ottingcr, ^eint Stbcrii 
u. 5L in bcm $aufc 3acob ®tcbcte eine „©(ä^enfe" bet SöangC" 
fifd^en auf beut ginben^ofc bcraBrcbct. §ottinger fagt an«, man 
l^aBc biefc „©d^enlc" beßl^alb Italien tootten, um bie änl^änget 
bcö Söangeliumd bort ju bereinigen, 5Die ©(ä^cnlc fdm gu ©taube 
unb eö loarcn 34 Slbgeorbnctc antocfcnb. 

3Sor biefcr „©d^enle" i^attcn ^ottingcr unb feine greunbc eine 
aSerfammlung gu SBaben gel^abt, unb man i^attc bort bic ,,@d^nle" 
auf bcm ginbenl^ofe *) aud bem (Srunbc befd^Ioffen, tocil „33 riefe 
t)on (Sonftauj gelommen feien; bie toollten fie (bic gtan*' 
gelifd^en) l^ören unb fe^en, ob fie bic galten müßten, 
ober ob fie anberd ti^un müßten, bcnn il^r 8euti)rtcfter 
<}rcbigc2)^ 

©amit tritt und bereite bor bem grül^jai^r 1522 ein feft or^ 
ganifirter SBunb entgegen, bcffen ©lieber auf bie ©cfcl^Ic, bic i^m 
Don einer bcftimmten ©teile bejüglid^ rcligiöfer gragen julommcn, 
ju l^anbeln l>flegcn. 

"^a^totxßlxäf toaren foI(ä^e „©d^enlen" unter ben ©rübern feit 
Salären gel^altcn toorben. 91W ßlauö §ottinger bcm 8lbcrtt gegen* 
über äußerte: „ÜKan l^ättc bor cttoad Salären ben Unfern auf 
bcm 8anb looüen t)erbieten, baß fie jufammen gingen ju ©d^enlcn 
unb fonft", .erioiberte Slbcrli: „3a, man l^ätte bcnfclbcu ben Sojjf 
abgcl^aucn" 3). SKan loeiß ja, baß auf ber Sc^crei bie Zoht^^ 
ftrafe ftanb, 

3Kan l^at nun tool^I gefagt, baß äBänner, toie ^ottingcr, an*' 



1) 9Ran erinnere fx^, baß bie ,,©riibcr beS gcmctnfamcn 2eben6" il^re 3to* 
badeten ,,<l£onatien'' nannten, ^efer ^u^brud, toddftx bon Den tiatl^ beut 
@ffcn übüd^cn gemcinfamen Slnbad^tcn l^crtül^rt, fagt genau baffelbc »ne ba6 
beutfd^e SBoTt „Od^cnle". 

2) (SgU 0- £)• 9^, 246, @. 82, — ©er gcuti)ricper ijt 1^8(i^p toaM<^tnl^ 
Utrid^ ätüingU; bic ,,S3rüber" »arcn fd^on im grül^jal^re 1522 mit feinem »er- 
lüften nic^t me^r gong cinbcrpanben. 2)ie Muf t erweiterte fici^ bon ba an fort* 
bouemb. 

3) @gü a. a. £). @. 84, 



401 

fan8K(ä^ gute „Sioingßanet" getoefctt feteti; c« tft Int (Segentl^ett 
atoetfclloö; baß S^^^sK ^«tgc Salute l^tnbutd^ unter bem ©nfluß 
bet ,;a5tübct" geftanbcn l^at, nnb baß btcfc hattet eö gctocfcn tft, 
auf beten ©d^ultetn et fid^ ju (Sinfluß etl^oben l^at ©te toat eö, 
on beten ©ipifee et, nad^bent et betett!^ am 3* Sanuat 1523 alö 
JRatl^ööetotbnetet in bie SSüd^etcenfut^ßontmiffion gelangt toatO, 
am 29. Sanuat feine etften gtoßen S^tium^jl^e übet feine (Segnet 
bat)ongettagen l^at 

3m @t>ätfommet beö 3al^teö 1522 toat 6ontab ©te.BeP), 
etfüßt i)on ben 3been beö Safelet gteunbc^Iteifc«, nad^ 3ätid^ 
gutüdgelel^tt unb Bei ben naiven SSegiel^ungen, toeld^e, h>ie toit fallen, 
fein 3Satet ju ßlauö ^ottinget unb bet „Sefeetfd^ule" l^atte, toat 
eö natütlid^, baß et fofott in ben SBetBanb bet „Stübetgemeinbe" 
cinttat, in toeld^em Slnbteaö auf bet ©tüljen nod^ immct ^te«* 
biget tt)at. 

(S« tt)ate nun ein gtoßeö ®Iü(f füt bie gefammte ^attei ge^ 
tt)cf^n, toenn e« ®tebel gelungen toäte, bem Sinfluß bet Steife, 
tocld^e bie ÜRcl^tjal^I bet ©emeinbe auömad^ten, einigetmaßen baö 
®Ieid^geU)i<ä^t ju l^altcn. 2lBet et getietl^ ateBalb gauj untet il^ten 
©nfluß, unb nun toatb et glcid^fam ba^ 50iunbftü(f, butd^ toeld^e^ 
neben ben alten, ed^t d^tiftlid^en Xtabitioncn jugleid^ jai^Iteid^e 
*^tinci(>ien eine« ftati i^etlümmetten ©emeinbeleBenö in ii^tet t)otten 
©d^toff^eit t)etlünbet unb t)etfod^ten toutben. 

gteilid^ muß i^ietBei Betfidfid^tigt toetben, baß ti)it ®teBeI« 
©tunbfäfee toebet auö feinen eigenen ©d^tiften, nod^ au« benen 
feinet näd^ften SDWtatBcitet, fonbetn nut auö ben {Relationen feinet 
(Segnet obet au« ®etid^t«t>totocotten, bie in fold^en gaßen fei^t tjot«* 



1) (ggli a. O. Sftt, 319, 

2) (gg iji fo laiifie untnögti(]^, ükr ®tcBel, »eld^et in bet ctiicn (fd^töeijeti«* 
feigen) ^criobe bc8 3lnaBa^)ti«muö bie toid^tigfle 9loüe gef^Jielt l^at, ein eubgültige« 
Urtl^eil aBjitgeBcit, M bie eingigen fd^riftti^cn ^leußcrungen, bie töir toon il^nt Bc=« 
fitjctt, namli^ feine ©riefe, fo gut toie uiiBelannt ftnb. (S« Betul^n gegen 60 
DrigtnalBriefe bon i^m allein in @, ©allen. @inc SWonogta^l^ie üBet il^n »äre 
fel^t notl^töenbig. S)od^ toütben umfaffenbe S^ad^forfd^ungen an Ott nnb ©teile 
bogu unetläßlid^ fein. (S« fd^lnmmett nod^ mand^e 3^ad^tid^t in 3(td^itoen nnb 
SiBItotl^efen. — 3)ie Ctneüen, fo toeit fte angänglid^ fmb, f. Bei S3edC a. a. O. 
@. 17 nnb in bem ^ttifel SWet^et« bon toonau bet 5iag. 2). SBiogt. s. v. (SteBet 

Stilliv, SHe Stefomtation. 26 



402 

fid^ttg »ettocttl^et toerbeit muffen, fcttnett. ig« fielet fcft, ba^ in 
golge btefed Umftanbed ii^m manSft» nttgtetftänbltd^ gugemeffen 
tootbctt tft 

Unter aU ben ®trett()nnften, toeld^e ft(^ barnal« in 3^4 W' 
l^oBen, l^at leinet niel^t unb feinet ftfil^et bagu beigettagen, ben JBunb 
3toittgttö mit ben alten tjteunben gu fptengen unb im toeiteten 
SSetlauf He 5WiebetlÄgc bet „©pititualen" gu Bepegeln, toic bic frv 
genannte ^xn^^ unb S^^^tenftage, 

3n feinet ©d^tift „«n ben (j^tiftlid^en «bei beutft^et ^Ration" 
fagt Sutl^et im Salute 1520: „SlBet baö gtögte Unglfid bcutfiä^et 
5Ration ift getoigfid^ bet ^xnitan^ • , • . !Det Sieufel ^at tl^n er^ 
bad^t unb bet ^a^jft toel^e geti^an aller SSJelt mit feinem ®eftäti^ 
gen" u. f. toJ), 

3n Uebeteinftimmung i^ietmit toat aud^ in ben Steifen bet 
3ütid^et „©tfibet" bie SKeinung gum ®IauBenöfa^ getootbcn, ba^ 
bie Sxn^tn\xazt einet {Refotm bebütfe — ein ®aii, bet nut auö 
ben 3^ttt)et]^aftniffen öetftanben toctben lann, übet beffen Unl^alt^ 
batleit abet ja l^eute mffl SWemanb gtoeifell^aft ift. 

ÜDagu fam abet nocä^ ate ein leitetet $unlt bie ^t^nttn^ 
ftteitigfeit 5Die SBeigetung t)ielet „©tübet", ben latl^oKfd^ 
Sanoniletn, 9Ä8n<ä^en unb ^fattetn ben biö^et übliiä^en ^tffntm 
gu gal^IeU; ift unbeftteitbat; abet bie aKotii>e finb, fo Diel t(ä^ fel^e, 
nod^ nid^t genügenb etöttett. ©eitbem Diele ©ütget unb Sauetn 
aM bem SSetbanb bet i^ettfd^enben Äitd^c fid^ aM au«gef<3^ieben 
bettad^teten — fie Ratten eigene (Semeinben gegtfinbet — jogen fie 
bie Sonfequeng biefeö ©d^titteö aud^ in ©egug auf bic Bö^^JJ^S 
il^tet Sitd^enfteuetn — eine golgetung, bie un^ l^eute gang natura 
lid^ etfd^eint, bie abet bamatt ben ^öd^ften Unwillen toeitet Äteife 
tt)ad^ tief, 

(£8 ti)itb in ben Sitten eine {Reil^e ton 3^^8^w naml^aft ge* 
mad^t, toeld^e gei^Btt l^aben tooßen, bag 3^^^8ß ^ biefen toie in 
anbeten gtagen anfanglid^ bic Slnfd^auungen bet ,,©tfibet" ti^ciltc % 

®egen biefe Xl^eotien abet fagte bet gtofec Äatl^ gu Burid^ 

1) <@. bie neuefie SCuSgabe Don Stoxl ^Benrati^ ^olle 1884 (©d^ttften bc9 
Sereta« für 3ilcfortttatiott«gef(ä^. 4) @. 78. 

2) ®gL (Sgll a, O. 9tc, 432. 



403 

am 22. 3unt 1523 bett folgettre^cn »efd^Iuß, baß bte ^cl^ntted^te 
bct Sxx^m nx^t angctaftet tocrben bfitften, unb fo toat mit Sbt^ 
fttmmti^ett botauöjufd^ett, baß eine lird^Iid^e 9tefotm, toeld^e biefe 
3iiiö«^ uttb S^^tttfrage in ii^t Programm aujtial^m, niemals auf 
bic ^ülfe, fonbettt ftet« auf ble ©egnerfd^aft beö SKagiftratö toctbc 
ääi^Ien muffen. 

3toingltö toeftgeflbter ©lief etlannte fofort bie ©ad^Iage, unb 
cö fielet feft, baß er am 25. 3uni 1523 eine ^rebigt im großen 
JDKinfter gei^alten l^at, in ti)e^er er fi(3^ auf ben (Stanbt>unlt beö 
SRati^öbefcä^luffeö ftcHte. ©agegen befi^en toir eine äeußerung ©re** 
Bete tom 13. 3uU 1523»), »orin er ben ©efd^Iuß Dom 22. 3uni 
entfd^ieben be!ämt>fte, unb man toeiß, baß er unb feine 3üri<3^er 
greunbe biefe Dj>j>ofition mit großer §cftigleit fortgefüi^rt l^aben. 

@ö toar ein Derl^ängnißDotter ®(^ritt, ben bie „©rüber" l^ier^ 
mit tl^aten. 3nbem fie fofort bei il^rem öffentlichen §erbortreten 
gcrabe biefe grage betonten, gewannen t)iele, unb jioar anäf fonft 
tooi^Ibenfenbe SWanner, ben ©nbrurf, baß biefe unb Sffxtüditz, öor«^ 
toiegenb fociale Probleme ben Äemt>unlt beö Sel^rf^ftcmö bilbe«* 
tcn, toeld^eö ja ber SKajorität felbft ber 3ärid^er ©firger neu unb 
unbelannt toar. 

®a B^ingü leinen ®runb l^atte, bie geinter feiner ®egner gu 
t)ertufd^en, fo bilbete fi<3^ alöbalb eine öffentliche SWeinung in unb 
außerhalb ^ün^^ bal^n auö, baß 3tt>ittgli ft(ä^ einer bortoiegenb 
focialiftifd^en Partei gegenüber befinbe, bie unerl^örte Steuerungen 
Icl^re unb im ®runbe auf ben Umfturg aller göttlichen unb menf C^^ 
ItC^tt Drbnung l^injiele. (gö toar bie grtoedung fold^er S3orftel^ 
lungen feiten« ber SWänner, toelC^e bie ©üC^ercenfur in ber $anb 
l^atten, um fo leichter, aU 3^i«8ß ^on ^oxn fftttin, toie feftftel^t, 
feinen (Segnem bic SWöglid^Ieit literarifC^er aSertl^eibigung abge^ 
fC^nitten i^at, unb außer ber Sinöfrage manche anbere Seigren ber 
,,©rfiber" in ber Stl^at öon 3toingli mit i)ottftem 9ttäft jurüdge^ 
ipiefen mürben« 

3ebe naivere UnterfuC^ung toürbe, toie iC^ glaube, bie oben 
bereit« öon mir angebcutete Jil^atfaC^e beftätigcn, baß ba« aSer^ 

1) ©. ©eberlc 2)te Shtfänge be« Slnaba^ti«mu« in ber ©(i^toeij in ben 
3al^rbb. für beut Xl^togie 1858 @. 232. 

26* 



404 

Italien bcr ©d^toeljcr ,,©tfibcr" In bcm ©cftrebcn feilten legten 
®tunb ^CLt, bie ©nttd^tung unb SSerfaffung beö alten Soücgmmö 
ber „Slpoftel", tote bie aftei>an8eltfd^e Äitd^e beö 14* unb 15. Sdffx^ 
l^uttbettö eö gelannt ^attt, jefet auf bie (Semeinben feI6ft ju übcr^ 
tragen. 

gö tt)itb unö nämlicä^ glauBtofirbig Berid^tet, ba§ bie SEänfct 
in S^xi^ toitllid^ ber Slnfid^t toaten, eö fei tjerBoten, fefte SBo^n^ 
fi^e ben (Seiftßd^en in beftimmten ©enteinben angutoeifen ; bie 5Dte^ 
ner be« SBorte« fottten ol^ne ^frünben unb nad^ beut SSorBilb ber 
Slpoftel i)on Ott gu Ort toanbernb !|)tebigen i). 

aSiel i)etbetbU(3^ete unb nad^i^altigere golgen al8 biefet 3tt* 
tl^unt l^at bie in ber ©d^toeij attfgeBrad^te gel^re gel^abt, toeliä^e auf 
©runb t)on 8uc. 22, 25 nicä^t bloß ben „SltJofteln" bie «uöuBung 
!|)olitifd^cr gunitionen unterfagte, fonbern biefe SSorfd^rift auf alle 
©emeinbegUeber unb alle obrigleitlid^en ober ftabtifd^en äemter 
ol^ne Unterfii^ieb auöbel^nte. 

®o beftatigte fi(^ bie Xl^atfad^e, bie toir oben bcö SiSl^eren 
erörtert i^aben, baß näntlid^ bie alten ©emeinben, toie fie um 1520 
beftanben, i^rem gangen bamaligen 3^ftctnbe nad^ nid^t fällig toa^ 
ren, toirifam in bie große Setoegung eingugreifen. SSlc^ l^unbcrt 
3ai^re guöor toürben bie „©rfiber" eine toeit reinere 2;rabition bcr* 
treten ^ben^). 

SBenn bemnad^ in biefen fünften ungioeifel^aft ber^ängniß^ 
t)otte 3rrt^fimer ben „®!|)iritualen" — benn no(^ toar ber neue 
5ßamen „SBiebertäufer" nid^t aufgelommen — gur Saft fa'ücn, fo 
fann man begfiglid^ anberer 5Differengt>unIte nid^t baö (Sleid^e fagen. 

Sereitö im ©ommcr ober f!|)äteftenö im $erbfte 1523 forberten 
bie „Srfiber" burd^ toieberl^olte !iDc!|)utationen ben 3^tegli auf^), 



1) Sgl. Joh. Galvinns, Brevis instr. adversus errores AnabaptisUmm Arti- 
culus 5 (f. J. Galvini Tractatus theol. omnes. Amsterd. 1667 p. 364). — 9SgL 
ben lu^^rud^ bc« 2:äufer8 $eter gud^« toon mia^: „(Sin ^tabicatit fofl »ie 
bie %^o^tl ba$ ©otte^toort berfünben, ol^ne ^Md unb Za\(i^, unb fdse 
^frihibe barum dttuel^mctt". (Sgll2)te3ürid^a3tebert&ufer. 3ürid^l878 @.96. 

2) (S$ finb gunt ^eit ganj fonberbare (SntfleHungeti ber alten 2:rabitton in 
biefen Säm)}fen gu £age getreten; aUein e$ läßt fld^ faß immer ber urf^snlng« 
U(^e (Smnbgebanfe bal^inter erlennen. 

3) @. ©eberle« ^toffaft o. a. O. @. 235. 



405 

btc in bct SStlbung Begriffeitc neue ßtrtä^e nad^ beti ©tutibfäfeett 
ber alten ©emeinben betatt ju organtfiten, baß unter 9[u^f(ä^Iu6 
beö ftaatlt(ä^ett ©tngtetfenö in bte teßgtöfen gtagen t)on bet ÜJia^ 
jotität ber Ätr(ä^engemetnbe bie notl^toenbtgen 9lettberungett be« 
©otteÄtcnfteö u. f. tt>. Bef(ä^loffen unb jugletd^ ber Btöl^er untere 
laffene fitrd^cnBann gegen offenbare UeBertrcter ber ©tttenge^ 
fe^e toteber in Uebung genommen toürbe. 

So lag biefcn iJorberungen baö uralte •ißrincii) ber „85rüber" 
gu ®runbe, ba§ et)angeHf<ä^e ®emeinbcn nid^t tote bie römifd^e Äir(ä^e 
eine SRed^tögcmeinfd^aft, ju toeld^er bie 9ÄitgIicber aud^ bereit? 
alSUnmfinbige ober burd^ 3^^^8 gehören fonnten, fonbern frei«^ 
toitlige 3Sereinigungcn fold^er ÜRenfd^en feien, loeld^e il^ren SBillen 
funbgegeben i^aben, femeri^in im (Slauben unb im ®el^orfam ii^re« 
^eilanbö ober (toie Sieni^art SIeuIer t>on ^oMon fagte) il^reö 
„§au})tmannö" 3efuö Si^riftu« gu leben unb ju toanbeln. ®lau^ 
btge, unb nur ©laubige aßein tooüten fie auf ®runb freien (&nU 
fc^luffeö in il^re ©emeinfd^aft aufnel^men unb biejenigen, toeld^e 
biefem Sntfd^luffe burd^ aSerlefeung be« ®el^orfamö gegen ßi^rifti 
23efei^lc untreu tourben unb eö trofe Srmai^nung unb SSJarnung 
blieben, toollten fie burd^ ben Sann jeittoeilig ober gang au«^ 
fd^liegen. 

3toingli lei^nte bereit« im ©ommer 1523 bie Siebereinfü^rung 
be« ©anneö cA^). 3m ^erbfte 1523 aber, nad^ ber berüi^mten 
Dctober-'Siiö^JUtation, erfolgte bie formelle Sinfül^rung ber ® taatö- 
Iird^e in 3ürid^, bereu ©pifec fid^ fofort burd^ Unterbrüdtungö^ 
maßregeln gegen bie „Srüber" leierte* ©eitbem baö Urt^eil in 
bogmatifd^^Krd^lid^en tjragen bem großen SRati^ öon S^Wd^ anl^eim^ 
gegeben toar, lonnten bie Srüber auf bie entfd^iebene 85elam))fung 
aud^ il^rer religiöfen 3been red^nen. B^^^ßß ciber, toeld^er i)om 



1) 3)cm gclij: SWang, tocld^cr bei einet bet bejitfllid^en Sonfetengen bie 2(u0* 
fÄließttitg offenbatet Setbteci^et au0 bet ©emetnbe betlangte, ettöibette Stt'i'^Ö^t, 
ba« ttiifge jenet (iKang) felbji tl^un. 3)atauf anttöottete SWanj, bie« fei nid^t 
feine, fonbetn 3toingli« ^atl^t, ba et ni^t S3if*of fei toic Stöingli (©ebetle 
a. O. @. 237K 2)ie ©teile ijl fel^t metftoütbig. ©ottte 3ö)tttflU toitHi* geit- 
toeilig innetl^tb bet aUe\[>attflelifci^en ©emeinbe ein fttd^tid^ö ^ntt befeffen l^Ben? 
— 5te^nli^ etflätte f^ätet Otebel, ätöinßft l^be nid^t gel^nbelt töie t» einem 
„Ritten" julomnie. 



406 

DctoBct 1523 an btc ^txx\ä^a\t ittct bic §attt>tftabt bc« fui^tcnbctt 
©taate« ttt bct (Stbgenoffenfd^aft unBeftrttten bcfa§, ti>ar nunm^x 
im ©tanbe, attc feine (Segner ju »etnid^ten 0^ 

SBot 3^taflß te eingelnen gragcn im {Redete getoefen, fo nal^men 
bie ÜDinge je^t eine gnttoidlung, toel^c i^ unb feine Partei entfcä^ie^ 
ben inä Unted^t fefete* ©d^on im SDctofcet 1523 l^atte ©tnnH)f bem 
3tpingli mit 9ted^t jugeruf en : „S^t ^ait beß nid^t ©etoalt, meinen 
§etTn ba« Uttl^ett (in bet {Religion^ftage) in bie §anb ju geben", unb 
ein einfod^et SRann au« SDiebifon, $an« äBiittet mit Sflamen, \pxaäf 
nad^ feinet ©efangennai^me folgenbe be^etjigettStoettl^e SWal^nungen: 

„Sßottet mir mein ®eti>iffen nid^t befd^meren, bietoeil ber 
(Slaube eine freie ®abe unb ©d^enlung be« erbarmenben (Sötte« 
unb nid^t 3ebcrmann« ÜDing ift $Da« (Sel^eimnife (Sötte« liegt 
»erborgen unb ift gleid^ einem ®d^a^ im ädter, ben SWemanb fin* 
ben lann, er toerbe ii^m benn i)om (Seift be« §errn gegeigt ®o 
bitt id^ eud^, ii^r SDiener (Sötte«, il^r tooHet mir ben 
(Slauben laffen frei ftel^en"^), 

Diefe SBitte tourbe bann aßerbing« nid^t geuxli^rt; atebalb 
ti)urbc in ber neuen ®taat«fird^e ba« SJerfal^ren ber alten ftird^e 
gegen bie Se^er für rid^tig erlannt unb bemgemä§ fofort mit (5in^ 
ferferungen, al«balb aud^ mit $inrid^tungen i)orgegangen* gelif 
SKanj tourbe am 5*3anuar 1527 ertränit»), 

3tpingli« $a6 gegen biejenige Partei, ber er ei^emal« fcIBft 
angei^ört i^atte*), nal^m »on Sal^r ju 3al^r ju* (g« gelang t^m 
in ber Z^üt, berfetten fd^toeren, uncrfe^Iid^en ©d^aben juäufügen 



1) 3n Se^ug auf ba9 ^ftnbnig i'a>i\äim Btoingfx unb bem SD'lagif^rat tigerte 
ber S^äufet SJlajc ^oßl^arb: „SWcitic Ferren feigen bem ä^ingtt burc^ bic ginget 
uub ber StcingüäReinett^erm"* (SgU 2)ic Sürid^er Siebertäufer 1878 @.97. 

2) (ggli 3)ie Süri^er Sßiebertäufer. Sürid^ 1878 @. 96» 

3) m^m9 barüber Bei (Sgti a. O. ©• 61. — 8ea^tett0»ertl^ ifl, bag bic 
„S:äufer" in UebereinjÜmmung mit ben älteren S5rübergemeinben überl^au|)t jcbe 
^miri^tung migbilligten, $an0 SBru^^ac^r bon 3utntJött fagte: „(Sxnt Obrig» 
!eit barf mit !änem ^riJIU^en ©emüt^ »eber SWörber nod^ S)iebe tübten; aber 
{ic fott biefelben laut ben Sorten bc«^aulud stoifd^en bieSänbe legen unb l\» 
jur Sefel^rung bertöal^ren". (SgU a. D. ©♦ 97. 

4) ^eberle fagt mit ffttö^t: ,,Dl^ne 3tt>eifcl »aren feine frül^eren »er- 
trauten unb nunmel^rigen ^Intagonijhn bereti^tigt, il^n nunmcl^r be« SCbfaß« 
t>m feiner ^ergongenl^eit jn bef^nlbigen". 2)ie 3lnfänge bc« ^nabat)ti«mu« in 



407 

unb öDt ättent We öffentUd^c SKetnung m\t unb fcteit in feinem 
©inne toibet bie ,,2lnjTfi]^ret" in öetoegnnfl ju fefeen* 

3n Einfang 1525 l^atte eine bet ^iixx^n SSetfammlungen, 
xotläft nunmei^r öon ben ,,Söräbem" anä 9ia]^ nnb gern bnrd^ 
Slbgeotbnete befd^idt au toerben pflt%ten, ben 3cit))nnlt ffii gefommen 
txaäfttt, — man erinnere [xä) ber äi^nlid^en SSerfammlnng jn gi^ota 
in SöjJi^men *) — , mit ber öffentlichen äBiebereinffii^rnng ber ®}>ät* 
tanfc öorjngei^en* ®o tpenig bie« für bie „©rüber" eine 5Rencrnng 
toar, fo nen nnb üierrafd^enb mn§te bie SÄagregel ber aKajorität 
be^ aSolfe« erfd^einen, nnb fo nai^men bie B^rid^er (Selei^rten ben 
2lnla§ toai^r, einen nenen ©eltennamen in Umlanf jn fefeen : mon 
erfanb ben 9iamen „©iebcrtänfer", toeld^en bie Partei felbft, ti>ie 
okn bemerlt, mm erften SRoment an jurfidgetoiefen nnb ftet« ate 
@!|)ott^ nnb ©d^eltnamen bejeid^net i^at ^). 35erfelbe, rafd^ in Um^ 
lanf gefegt, getoäi^rte für bie ®egner ben SSorti^eil, baß Uneinge- 
weihte fid^ eine ganj nene Partei ijorfteßten, toeld^c alle bie aÄerl» 
male an fi(j^ trage, bie 3^^i^gli nnb feine greunbe öon ii^r an 
ben maßgebenben ©teilen jnr Senntniß brad^ten» 9inr ganj att- 
mS^liäf lamen einfid^tige aWänner öon ben fo ertoedten aSornrti^ei- 
len jttrüd^). 

ber^^adg a.£). ©•280. 3tt>ingU nxir nad^ feinem eigenen Seugnig utfpdlng- 
lid^ felbp für bie @^)ättcmfe getocfcn« Slber fd^on im Salute 1525 ^rebigte er, 
bag man bie „SSHebertönfer" cntl^att:|)ten fott „traft ber Äaiferttci^en Siedete". 
(Sin Oef^rec^ SBattl^* ©nbmörS n. f. to. 1526 S3t A. 3^ 

1) ©• oben @. 286. 

2) @. bie @d^rift: (Sin gef^rcd^ ^att^at ©nbmör« bon gribberg, S^acoW- 
bnrg 1526. SBt A. 4S too ^nbmeier ben 3^amcn jnrücimeip. 

3) (S8 ijl febr begeid^nenb, baß felbji garel, ber \)oä^ bem beff eren Xäuf er»- 
t^van anfängU^ bottfommen gleid^fianb, ftci^ gnerfl bnrc^ S^i^S^i^ ©d^ilbemngen 
bat becinflttffen toffen (f, ^ermtnjiarb II, 18 f.), 3n (Snbe 1528 »ar er aber 
baeit« anberer ^Inftd^t geworben nnb bertbeibigte bie ,,3lnaba|>tiften" gegen ibrc 
Sittgreifer (^crminjarb a^ D. @. 164), — (SraSmn« fd^reibt toenige 2Jlonate 
na(b bem Sln|!ommen be^ nenen ©eltennamen^ (1525): „kva^x^^^v jam pridem 
mussant ii, qnos Anabaptistas vocant; aluntur et dogmatum monstra'' 
(Erasmi Opp. 1703 111,911). Sßenige 3abre fester »ar er jn total ber&nberten 
^ffaffnngen gelangt* (Sr fd^reibt nnter bem 25. Wl^x^ 1529 an ben ©rjbifd^of 

bon S^ülebo (Opp. III. 1175): „Anabaptistae, tametsi magno sint ubique 
Dumero, tarnen nusqaam obtinuerunt propriam ecclesiam. Hi vitae in- 
Docentia prae caeteris coramendantur, sed ab reliquis qaoque sectis 
opprimuntor, non solam ab orthodoxis''. — ©anj a^nUc^ lantet fein Urtbeit in 



408 

(Sö tofirbc bic grtocdung bcratttgcr 35otutt^clIc inbcffcn nx^t 
in beut aWaße, aW eö gcfd^ci^en ift, mögKd^ gctootben fctn, toenn 
nid^t bic gartet fcttft ben iöcmül^unacn i^ret (Scgitcr ti>it!fam ffiof 
fd^ui gdciftct ^ottc* attc btc alten, jum Sl^ctl bctaltctcn, mtfetct^ 
ftanbenen ober beni SÖii^öetftänbniß aufgefegten gotmen, Äejctd^ 
nungen unb ©rändle *) fottten toteber i^ettjorge^olt unb auf ganj bcr* 
änbette SBeItt)ct]^äItntffe übertragen toerbenl S« toar ein ©cginnen, 
toeld^e« unburd^föl^rbar toar. 3d^ toitt i^ier, um i)on attent anbem 
ju fd^toeigen, nur auf bic fd^toeren ÜJKgöerftänbniffe aufmerifam 
mad^en, bie fid^ an bie t>on ben „Srübern" geBraud^te alte Äejeid^ 
nung „(Sentctnbe ber ^eiligen" gelnüpft ^aben, 

g« fielet feft, bag bie „©ruber", inbem fie fid^ unb bie irrigen 
aW bie „C^eiligen" bejeid^neten, burd^auö nid^t bie 5ttftd^t l^ottcn, 
bie^ SBort in beut bauiate geBräud^Iid^en ©inne öon aBfoIut j>oB^ 
lommenen SWenfd^en anjuipenben. S« toar Bei i^nen eine uralte 
2;rabition Jjor^anben, nad^ toeld^er jene^ SBort nid^t^ anbere« Be^ 
beutete alö „(SläuBige" ober „(Semeinbeglieber", aud^ „Sl^riften" 
ober „redete ßl^riften", 3m 16. Sal^r^unbert aBer ijerftanb bie« 
9Wemanb me^r; bie „Reuigen" toaren eBen bie öon ber rSmifd^n 
Äird^e l^eilig gefj>rod^enen SWänner unb grauen, unb biejenigen ^^ 
fönen, toeld^e fid^ auf Srben biefe ©egeid^nung Beilegten, toaren 
natürlid^ SWenfd^en t>oU geiftlid^en ^od^mutl^ö unb unerträgüd^er 
Slnmagung. ÜDaö ernftc ÜDringen auf fittfid^e Smeuerung, koeld^e« 
fid^ unter ii^nen fanb, mußte Befonberö biejenigen, benen bic^ an 
fid^ unbequem toar, in fold^en aSorftettungen Beftärfen, unb feine 



einem $viefe an Subtmg ^tt loont 13. ^ril 1529 (Opp. III, 1186). @ra8nm9 
fagt cm6brü(!lt^: „nee templum habent usquam nee regnum moliantar 
nee ulla yi se taentur et habere dicuntur multos moribus longe sineerioribus 
quam caeteri''. 

1) (Sitter ber @treit|)Uttfte, in todäft bie „©^irltuolen" mit Bkotngtt j|C- 
rtetl^n, toar bie Siturgie Beim (Sottedbienfie. räl^renb 3toingU e9 filr an« 
gejagt l^ielt, man^t^ latl^olifd^ beijnbel^tten, fotberten bie „S5rüber" bie firenge 
^ntoenbung be9 att^atbenftfci^en 9lttnat$ unb tooHten 3. $. fetnanbereö @eBet 
Beim ®ottc«bieniie julalfen aW ba^ S5aterunfer. »gt .^eBerle in ber 3fcijr. 
f. beut Sl^eot 1858 @. 238. — 3n SBejug auf bie (Sinri(i^tung ber ©emeinbe- 
berfaffung unb bie Äird^cnorbnung Beriefen ^^ bie 3äri(i^er,, ©rüber" ebenfo bor- 
toiegenb auf SWattl^. 18, töie töir bie« Bei ben „Satbenfem" be« 14. Sa^rBuu« 
bert« gefeite« ^Ben. (f. oben @. 67). 



409 

3Sctp(ä^eruttg bct „Saufet", ba§ ftc fid^ tocber für bofliommcn, nod^ 
für funbloö, nod^ für Bcffer ate anbete ÜÄenfd^en l^ieltcni), tonnte 
bcn ftatf ettoedtcn Sltgtooi^n toicbet Befeittgen. 

e« toat ein Unglüd füt bte ,,Stübet", ba| ntand^etlct Steig- 
niffe, toeld^e fid^ in ben pliiilxäf übetatt ]^eti)Otttetenben alten (Se- 
meinben bet ©d^tpeij untct ben äuftegungen jenet 3a]^te tjoüsogen, 
fel^t geeignet toaten, bie SSotuttl^eile felbft Befonnenet SWannet ju 
t)ctftat!en. 

(gö l^atten jtd^ in ben ßJeBitgWl^älctn bet ®<ä^ti)eij äuget ben 
etgentlid^en „©tübetgemeinben" auc^ bie 9tefte jenet S^l^eotien, toeld^e 
man im 14* Sal^t^unbett aU ,,®elte beö fteien (Scifteö" Begeid^nete, 
etl^alten. 3e^t ixottn an(fy biefe 3bcen toiebet an baö Sid^t, unb 
e« ift toal^t, baß bie ÜÄännet, toeld^e fie tjotttugen, Bemfii^t toaten, 
fid^ an bie Stübetgemeinben ju l^ängen. 

3lttein fd^on ein B^titno\^t, bet ei>angelifd^e ^fattet Seglet in 
®. ®aflen, ein l^efttget ®egnet bet SCäufet, ctjäl^It in feinet ß^tonil: 
„dß ffobm öotgemelte Sontab (SteBel unb geUj SÄanj, (Stjtoiebet- 
taufet, oB fold^en gtoBen 3tttl^umen unb gantafieen ein fel^t gto§ 
aiiig fallen gei^aBt, ift aud^ fold^ö angel^enbö nit ii^t SJotnel^men 
getocfen* SDetl^alBen fie ©eibe tjetutfad^t, in bem 8anb SlBBaceü 
unb ©o^l^u« toibet foüid^e 3ttt^umB ju legten unb ju t>tebigcn" 2), 
35emgemä§ l^at aud^ Beteit« SgU f eftgeftettt % bag biefe fogenannten 
,,fteien ©tfibet" öon ben eigentüd^en güi^tetn bet ©etoegung bct- 
pint tootben flnb, unb toenn ti>it Bei Seglet lefen, bag jene jule^t 
aud^ t^tetfeit« bie gfil^tet bet SCäufet aW „falfd^e ^topl^eten" ju- 



1) ©ttUittget ©. 2)cr ©ibctteuffercn Urf^tutig jc. 3ürt(5 1560 foL 11 
fagt: „@ie fti^rütöenb Iräftig tötber aUe^oti^fal^rt, toibct gtcff en unb@au- 
fcn, toiber attc ®ottc8l5flcrung unb groBc Sajicr, jle filierten aud^ citicii @^n 
eine« geijittd^cn ScBcn«, toarcn cm^l^ft.»«. rebeten toenig, bauitt mad^ten fie 
fi(^ fclBji ein SSertounbercn unb cttoa« SCnfel^cn Bei bcn einfältigen frommen Sena- 
ten, bie ba f^tad^en: 'SWan fage gteid^ toon ben Säufern, toa^ man töotte, ici^ 
fc^e ni(^t« an il^nen benn (Smfl unb l^öre ntti^t« bon il^nen, *benn bag man nid^t 
j(^tt)ören unb ni(]^t unred^t, fonbern 3cbermann red^t tl^nn fottc; Bebünft mid^ 
iiid&t« unrcd^t« fein, aifo Blenbeten fie biete Seute l^in unb l^er in 
bicfen Sanben", 

2) SWittl^etlungen jur baterlSnbifci^n ®efd^. ©eraugg. bom l^tjl. herein ju 
@. (Saßen. @. ©aöen (1866 ©b. V n. Vi) @, 304. 

3) (ggU 2)ie Süri^ey SBiebertaufer @. 43. 



410 

türfgctoiefen i^aben, tocld^e« 9tc(3^t cfiftttt bann no(3^, l^tet öon einet 
gartet ju tcben? 

Um bic Wct, toie matt felfcft Wo^e UitglüÄÄfäae, toeld^e inttet" 
l^att bet (Semettiben ftd^ juttugcn, jur SJetnic^tuna be« guten SRufe« 
berfctten au^jubcutcn gefuiä^t ffat, voxU iä) ffitx nur jene fett ©Ici* 
banö Sommentarten in unjäi^ttaen ®ef(]^i(i^t«toetlen tpicberi^olte ßt" 
jäi^Iung J)Dn bem ®. ®aßet „ötubetmorb" UxSäfxm, toüäftn be^ 
teit« im Salute 1526 SDiattin Succr it^m Dend au«nnfete, um 
biefcn afö SSertl^eibiger beffetten ju itanbmatlen ^). ©eitbem S5a^ 
bian« bcutf^e i^iftotif d^e ©d^tiften gcbrudt üotüegen ^), finb toir im 
©taube uad^jutoeifcn, bag biefer ,,©Tubetmotb"mit täuferifd^n 
©Tunbfä^en uid^t ba« miubcfte jU t^un i^at, foubetn baß e^ ficä^ 
lebiglid^ um bie SEl^at eine« geiftcölranleu SWenfd^en 
i^aubelt 3oad^im SSabiau ti>ar bamal« Sürgermeifter unb Unter* 
fud^uugörid^tet in ber ängelcgeni^cit, toü^t fid^ jtoifd^en gienl^att 
unb Z^oma^ ©d^udet in ber Sßac^t i)om 7* auf ben 8. gebr^ 1526 
ju ©. ®atten jugettagcn ^at St giefct un« eine auöfüi^tlici^e ©cä^il^ 
betung bc^ aSotgangeö unb fagt: „®ie a6et bem 2:i^oma« gefcä^ci^en 
fei (b* 1^. ate et nad^ feinem ©tubet f(ä^Iug)^ ob et be« äBein« ju 
t>iel genommen obet in anbetem Sßeg feine« ©emfiti^« entfefet u>ot* 
ben : ift et gegen nal^enben 3;ag, nämttd^ ben ad^ten ffag ^otnung 
(c« toat bet unfinnig 1)onnetftag, toie man ii^n im SEi^utgau nennt), 
gugefal^ten unb feinen ©tubet Sicnl^atten • • . • ba« ^aupt abge^ 
fd^Iagen". Sttöbalb batauf fei Si^oma« „oi^ne SBam« unb ®(l^u^ 
in bloßem ^tmi unb §ofen" in fein (SSabian«) §au« gelaufen gc^ 
fommen uub i^abe gefagt, e« fei Sffig unb ©alle gettunfen, ol^ne 
feinet 2:i^at ju gebcnfen. SJabian ließ il^n batauf, ba et „tool^I 
fai^, baß et nid^t ted^t toat unb et fid^ Sltge« ju ii^m i>etfa^", 
einf!|)etten, 2U« man ii^n f<3ätct in« SSetl^öt nai^m, fä^tt SSabian 
fott, fal^ man tool^t, baß Jl^oma« „aud^ eigentlid^ nid^t bei 
©innen toax*'. 

S)et ©d^luß bet ©atftettung lautet: „Unb e« ttug fein Oebet" 
mann Summet* Denn et, SCi^oma«, aud^ ein ftatf, !|)etfönüd^ STtann 
getoefen unb aüe feine gteunbfd^aft ein ftomme«, auftid^tige« unb 

li 1) Sögt über biefc ^ertcumbuttg meine ©d^tift: ©n5H)0jlel u.f.tt), @* 17U 
2) ©ercm% i>on ^ ©öljinger ©♦ ©allen 1877. 



411 

tcWtd^c« aSoß toat. 35enn bet S^auf^anbel l^at in jenen S^agen 
giiemanb mei^r ongegriffen unb bcftttdt, benn bie üon ätt eine« 
frommen unb einfältiflen Sefen« toaten", 

S33enn ^iet toxtlUäf ein 35etbred^en i)otflelegen ffottt, tote ^attc 
95abian eine fold^e ©d^ilberung geBen fönnen? 0» 

(S^ ift i^ier ni^t unfere SlBfid^t, ben aSetlauf bet ©d^toctjet 
Sreigniffe im (Sinjelnen ju i>erfol8en* SDian batf ate befannt üot«* 
auöfe^en 2), baß ttofe ber ^inbemiffe, auf toeld^e bie Setoegung ftieg, 
eine au§erotbentIt(]^ xa^ä^t Slu^bteitung über faft atte ©d^toetjer 
Santone ftattfanb^), unb baß bie l^ärteften SWaßrcgeln ber {Regie-' 
rangen, unb felbft ber 35erluft ber fSfii^rer tooi^I eine geti)iffe innere 
unb äußere 3^^öttung ber ®emeinben, a6er feine^egö ii^re au«-» 
rottung jur golge i^atten. 

©leid^tpo^l barf mit i>otter ©id^eri^eit it^anpttt toerben, baß 
bie altetjangelifd^e Sir^e ju einer bauernben gefd^id^tlid^en Sjiftenj 
m(]^t gefommen fein toürbe, toenn bie SBetoegung in benjenigen 
SÖa^ncn geblieben tixire, auf toeld^e fie in ber ©d^toeig unter bem 
t>ortoiegenbcn ©nfluß ber SWitglieber jener jurüdgebUebenen ®e^ 
tneinben gerati^en toax. 



1) 9^0(^ im neuejien ^itbe bon ^ergog unb $litt9 9leatenct^cL ber ^tot. 
2:1^01. 2, SlufL (1883 ^xt, Sling) fructijtärt ^o^l^utl^ bicfcn „©rubcnnorb", um 
ben SWeL "Stxnd at« „©(i^ltter S^l^oraa« ©d^ugger«" ju i^taubmarfen. 3^ fyiU 
um Sciöäfe für bicfc fonberbatc Jöel^u^tmtg gebeten, aber leine ^Inttöort et- 
ilen* @o toetben bie alten ^erlSnntbungen fortto^l^renb bon 9^euem für sioecf* 
entf^te(i^enb geißelten. 

2) 3>ie bejie 2)atJleKttng biefer ©reigniffe f, bei©, @, Surr age AHistory 
of the Anabaptists in Switzerland. $l^ilabet))l^ia 188U SDott jtnb alle frül^eren 
^earbdtnngen unb aUe gebtu(ften Oueilen mit großer ^ottftänbigleit ^ufammen^ 
gebellt 

3) (§9 toffeu ftd^ genauere {iatilHfd^e Angaben borlSnfig nur über ben (San«* 
ton Sürid^ mad^cn* (S, G^gU (3)ie 3üric^er Söiebertäufer Sürid^ 1878) tl^nt 
bar, baß in ben Salären 1523—1525 an 6 Orten be« Cantonö, in ben Salären 
1525—1527 bereit« an 26, in ben Sauren 1527—1531 an 56, in ben Sauren 
1531—1535 an 70 Orten Käufer borl^nben gODefen jtnK 2)abä muß man be^ 
beulen, baß bei ber gcl^eimen Sluöbreitung ftd^ bei toeitem bie meinen Vorgänge 
unferer ^enntnig entgieben« ^e^nlid^ toie im (Santon S^xx^ toar ed in ben (Hcm** 
tonen @. ©allen, ©d^affbanfen, ©afel unb ©ern, fomie in ®rau- 
bilnben« ^ein im ©ebiet bon ^em toaren ia tpenigen 3abren 34 ^erfonen 
cd» Xäufer biugctiti^tet, — 2)iefe3 S'lefttUat »ar trojs ber beftigfien ©eläm^jfnng 
„bur<i^ geuer, ©ci^töert unb Sßaffer" erreid^t »orben. 



412 

Die S^TüButtgcn bct alten unb reinen S^rabttton mußten tn 
SJerBtnbung mtf einet 5Rei^e anbetet unglüdUii^et Umftänbc notl^* 
toenbig aud^ bic Beted^tigten ©ebanlen bet alten ©enteinbcn mit 
inö SSetbetBen jie^en, loenn e« nid^t gelang, i)on anbeten än^ 
gang^t>unlten l^et nnb butd^ anbete 9Äännet bie Setpegnng feft^ 
ftänbig toiebet anfjunei^men unb untet aSctnteibung jenet ©ntftel^ 
lungen bie nnüetfälfd^teri 3beale bet altbentfc^en Dt^poption fotoeit 
alö ntöglid^ ju tetten. 

SlHetbing^ ftanb babei fo biel bon tjotnl^etein feft: bie iDiännet, 
toeld^e e^ nad^ ben ©c^tocijct (Steigniffen toagten, bie ®tunbgcban!en 
bet „©(^toeijet ©tübet" in i^t ^togtamnt auf junei^men , mußten 
aud^ ffit ftd^ auf aß ben ^ag ted^nen, tpeld^en jene juni Zl^eil 
ol^ne, jum ST^eil mit i^tet ©d^ulb auf fid^ gelaben l^atten* S« 
n)at ein fd^toietigeö beginnen, ein ©eginnen, toeld^eö i)on t)otnl^etcin 
mit aSotutti^eilen aßet Sltt, fettft bei tool^Ibenfcnben 3Ränttetn ju 
Iäui|5fen l^atte, unb baö im Beften gatte tjotauöfid^tlid^ bod^ nut ba^ 
l^in füllten tonnte, neben ben neuen ©taat^Iitd^en tpenigftenö jut 
ÜDuIbung gu gelangen. 



^te fftü^t 3ett ber altetiangelifti^ett ^täfu 

2)ic jtocitc ^criobe bc8 fogetiaTitttcn S(tia6a^)tt0mu« fett 1526» — 2)tc gül^rcr 
bicfct ^ctöcgutig: S)ett(! unb ^ubtncict« — 3)a« Sdifd^en biefet Statiner Bei 
ben f^atereti ,,2:aufgertnntcn", — Utitcrfd^icb ber etftcn unb gtöciteti $ertobe 
bet ©rübetflemeittben« ~ 2)et ©egiim ber Wien in SWlrnBerg. — 3>ie crjle 
unb jtöettc @t?nobc ber ©ruber ju 2(ug«Bnrg 1526 unb 1527* — 3>ie fftt" 
futtate ber ©eratl^ungen unb S)en(f0 SBüd^Iein toon ber 8ie6e. ~ 2)ie Litera- 
tur ber ©rüber in jenen Salären, 

Die aOgcmetnc Sage, tote pe fid^ ju (gnbc bc8 Sa^tcö 1 525 im 
SReid^c geftaltct ^attc, toar bte, baß nad^ ber großen Sliebetlagc beö 
btitteit ©tanbeö bic fütftUd^c (Sctoalt abfolutc Petrin innerl&att i^tct 
S^ctritortett getootbeti toat; noäf nie in ber beutfd^en (Sefd^id^tc toaren 
SBauetn unb SSürget fo tief gebemüti^igt toie nad^ bent fogenanntcn 
SBauemfrieg. (Slcid^gcitig mit biefem großen Stfolg be« gütften- 
ti^nm« l^atte baffelbe aud^ bie güi^ret ber gciftüd^en ©etoalt auf 
Beiben ©eiten ju ©unbeögenoffen getoonnen, unb bie fiutl&eraner toic 
bie römifd^en ©ciftUd^en jogcn mit an bem 2;riunt|)]^toagen beö fieg** 
reid^en Jil^eile^, 

Unter biefen Umftänben toäre felbft ber ©eginn eine« Unter- 
nel^men«, loeld^e« eine (Semeinfd^aft begrünben iDoüte, bie toebcr 
lut^erifd^ nod^ römifd^, nod^ ftaat^Krd^Iid^ in irgenb einer gorm fein 
toottte, unmöglid^ getoefen, toenn nid^t jene geiftigen unb materiellen 
gaftoren, bie toir oben im S)eutfd^en ©ürgertl^um unb jioar t^ox^ 
nel^mfid^ in ben öon biefen getragenen ^atüfütttn unb ben 85ruber- 
fd^aften fennen gelernt i^aben, mit einem Beiounbemöioerti^en SDj>fer- 
muti^ für bie öon aßen ©eiten bebroi^ten religiöfen "!Princi^)ien in 
ben Samt>f getreten toaren. 



414 

gö tft fotool^I t>on 3^ügcnoffcn toic t)ott fj>aterett 9Iutotcn tongft 
l^etDotgci^oBcn, aber tu bcr ®cgcntoatt bod^ nod^ ntd^t genügcnb Be^ 
lannt, baß bic erfte ^cttobc bc« fogcnanntctt anaBa^^ttömuö mit 
bcr getoaltfatnen B^tfidbrängung bet „©cä^toctjer 85tübcr" xSfxm W>* 
fd^Iuß finbct^ unb baß fett 1526 eine neue Setoegung einfcfet, toeld^e 
bte gcmaßigteten SIemente ber im JRfiijug Begriffenen alten ©cmcin^ 
ben aufnimmt unb unter neuen gül^tern i}on SDBetbeutfd^Ianb auö 
mit großartiger 3Rad^tentfaftung eine neue ^eriobe ber alteban^ 
gettfd^en Sirene einleitet. 

®ä)on ©cBaftian grand, ber in biefen Dingen aU fcl^r untere 
rid^teter Stugenseugc ein comt>etenter Seurtl^eiler ift, i^at bic Untere 
fd^iebe jtoifd^en ber fcä^toetjertfcä^en unb ber oBerbeutfcä^en ^criobc beö 
9lnaBat>ti«mu3 l^eröorgel^oBen unb ben 85eginn ber großen aßgcmeinen 
©eloegung beö Säufertl^umö in baö Sal^r 1526 gefegt. 

3n burd^fid^tiger Xenbenj loerben fiBeraÖ bie fd^roff formuRrten 
unb jum Z^txl entftettten ^rincij^ien ber t)erlümmerten aSrüberge^ 
meinben in ber ©d^tocij aU bie eigentlid^en Senngeid^en beö „2:äufer^ 
tl^umö" l^ingefteßt; !|)rüft man aBcr bie QucHen, fo jcigt fid^ bic 
Sti^atfad^e, baß bicjienigen güi^rcr ber 3lttet)angelifd^en, toeld^e t)on ben 
3citgenoffen toie i)on ben ?Rad^!ommen at« fold^e in erfter 8inie an-» 
crlannt loorben finb, üon ben SScrirrungen ber fd^toeijer Stabicalen 
nid^t Bloß in ber 3^«^^ ^«b g^^ttten^grage, fonbern anäf in bcr 
aiuffaffung i)on ber DBrigleit u, f. xo. tjoüftänbig frei getoefen fxnb. 

Die rcd^tgläuBigcn Parteien l^aBen fid^ ben Sanq^f gegen bicfe 
5Rid^tung baburd^ crteid^tert, baß fie Bemül^t getoefcn [xnb, fold^e 
SWänner al« bie eigcntlid^cn Präger bcö „2lnaBa!|)tiömu6" in ben . 
S5orbergrunb ju fd^icBen, bereu SScrlei^rti^eit leidet ju bcmonftrtrcn 
toar. ®crabe ba bie altet^angelifd^en „©cmeinbcn" e^ ftctö pxvn^ 
üpkU aBgelcl^nt i^aBcn, ftd^ auf bic Autorität irgenb eine« cinaelnen 
2:i^eoIogen auöfd^Ucßlid^ ju ftüfeen, fo toar bie SKBglid^Ieit gcgcBen, 
einen oft genannten Sßamcn ate maßgcBcnbcn 9te^>räfcntanten ber 
„aSrübcrgcmeinbcn" aud^ bann i^inauftcQcn , toenn bie Partei ben* 
fcIBcn niemate aW einen il^rcr güi^rcr anerlannt l^atte* 

aud^ im 16. Sa^rlöunbcrt finb bie „©rüber'' il^rem ^rincij>, 
baß fie fid^ allein an ß^riftu« unb feine SBorte al« i^ren cinjigen 
güi^rcr unb ii^rc cinjige „©e!enntnißfd^rift" i^altcn toollten, ntd^t 



415 

untreu gctoorben, unb einen SWann, bet Sut^etö ober Btotngliö ©tet» 
lung eingenommen ff&ttt, l^at eö Bei i^nen ni(3^t gegeben unb lonnte 
e« nxäft geBett. 

W>tx benttod^ Begeugen fotool^l bie ßi^toniften bet jäteten „Sauf-» 
gcfinnten" toie bie gteicä^jeitigen „Stübet" unb öot allem aud^ beten 
®egnet, bag Befttmmte SRannet im JRcfotmationöjeitaltet baö aSet^ 
ttauen bet il^tigen mel^t ate anbete Befeffen l&aBcn, unb eine un- 
^>att]^etifd^e ®ef(^id^tf(ä^teiBung toitb fiäf, toenn fie bie toai^tcn 5Kci^ 
ttungen bet „S^äufet" lennen letnen toitt, eBen an biefe 9ie<>täfen- 
tauten unb an leine anbeten ju l^alten l&oBen. 

Da ift eö nun fel^t toi(3^tig, ba§ SBoIfgang Sa!|)ito, bet 
J>on aüen JRefotmatoten ben alteöangelifcä^en ®emeinben DieHei^t am 
nfi^ften geftanben l^at, in einem ©tief t^om 31. 3uli 1528, na<3^^ 
bem et Don ben ^äuptetn unb gü^tetn bet ^Kaufet gel^anbelt l^at, 
fingert: „5Detjienige SlnaBa!|)ttft tauf(3^t ficä^ ballet, toeld^et in mit einen 
ttBftlid^en Stfa^ füt bie mit ©d^metjen »etmigten ^uBmeietunb 
SDenrf getoinncn p !8nnen meint" *)• 

Soad^im SSabian fetnet,-toeld^et bie gnttoidlungögefd^ic^te beö 
,,5läufett]^um«" auf ba« aßetgenauefte lanntc, i^at eö im 3al^te 1540 
au%ft)to<^en; bag^uBmeiet, SDend, §äfeet unb®teBelaI« 
bie ©egtünbet bet tefotmatotifc^en ,,©tübetgemeinben" galten 2). 

©eBaftian gtand etjä^It: 3m Salute 1526 eti^oB fi^ eine neue 
^ttei, „beten SSotftel^et unb ©ifd^Bfe toaten Dr. Söaltl^afat 
C)uBmeiet, a»eId5iot9iin(I»),3o]^. $ut, 3o^. ©end, ßub-» 

1) ZwiDglii Epistolae II, 208. 

2) Joachimi Yadiani Epistola ad Jo. Zuiccium Gonstantiensem GaL Aug. 
MDXL t)Or beffen Antilogia ad clarissimi Yiri Gasparis Schwenkfeldii Argu- 
menta. 2)icfer «rief tfi aum Sl^cil aBgcbtucft Bei 3. (£. gü§Hn «ct^trägc gut 
igrl&ttcntttg bet fiitd^eiu-9lef.«'®^(i^. vu f. to. Sb. V. (1753) @. 396 «tim. 8. — 
3ltt« biefem «tiefe etl^ettt, fagt gügtin, „baß aUe öiet (©ttBmeier, S)ett(t 
$atKt xmb ©teBel) gefc^idte unb tü(^tige Seute geioefen''. 

3) Uebet «ittd bgl. ben ©rief 2Bit}cI« au M. B. F. 1531 2)ec 24: „Rin- 
chium veterem sod^lem per literas monui, ut anabaptismo renuntiaret etdo- 
ceret, quae propius ad salutem animarum faciunt, sed iü proposito perstat. 
Vir est iucredibili fortitudine, Tita austera et excellenti eru- 
ditione, si modo favente deo ab illa retingeudi dementia avocari posset^ 
Cornelius II, 53. — 2)ie neuefiett, aber allerbtng9 gum ^eil erfunbenen Sflatf^ 
rid^ten üBer iftmd gieBt ^od^l^utl^ Bei ^ergog unb $Utt ^^eatettc^ct 2. ^f(. 
^rt »Itng. 



416 

»ig $&fecr. J)cren Sauf ging fo ((S^tteff, bag tl^tc gellte Balb ba« 
ganje 8anb butd^jog unb fic balb einen großen Slnl^ang erlangten 
unb biele anäf guter bergen , bie na(^ ®ott eiferten . . . . ju fi<^ 
jogen". „Denn fie leierten int ©d^ein nid^tö benn 8ieBe, ©lauBen 
unb ^euj, erzeigten fid^ in bielen geiben gebulbig, bemfiti^ig, Brad^en 
ba« ©rob mit einanber juni 3^^^^ i>^^ ©nigleit unb 8ieBe, l^alfen 
einanber treulid^". „®ie l^ielten fid^ jufantmen unb nal^nten fo 
jai&Iing ju, bag bie SBelt ftd^ eine« Slufrul^r^ bor il^nen beforgte, 
beffen fie aber ioäf aflent^alBen, toie id^ l^Jre, unf(^ulbig gefunben 
^ »orben finb. Unb man griff nad^ il^nen an t>iel Drten mit groger 
Xi^rannei^" 0- 

©er jettgenöfrifd^e römifd^^Iat^tf^e S^ronift Rilian 8etB, 
^rior ju SReBborf unb greunb SBißiBalb ^irE^eimerö, fagt gang 
au^brüdHid^: ©alti^. ^uBmeier unb Sol^. ÜDendf feien bie Ur- 
l^eBer jener „^eft" getoefen, toelc^e aW SBiebergetaufte an Derfd^ie* 
benen Drten jur ©träfe gebogen toorben feien 2). 

3n ben ®erid^töprotocotten , toelc^e fid^ auö jenen Salären gu 
^Reutlingen erl^alten l^aBcn, fagen bie gefangenen Käufer auö, i^re 
gfil^rcr feien : ©altl^afar (fciL ^uBmeier), ÜDendf unb ^a^er ^). 3n 
gang ©(^toaBen galten unter ben ©rübern, na(^ bem bon 3:i^eob. 
fieim au3 ben Urlunben gefammelten S^^gniffen, Send unb ^uB^ 
meier aW SBortfül^rer ber ©emeinfd^aft ^). Sluö Xi^üringen BcridBtet 
Suftu« SWeniu«, bag „etlid^e ber Säufer {Rottenmeifter" „fid^ l^&ren 
liegen, bag fie bom Raufen 'Denlen gelernt l^ätten"^). 

J)ie SWänner, »eld^e in ber ^falg feit 1527 aW S5orfanq)fer 
be« „SlnaBaptiömu^" auftraten, Belannten fid^ öffentlid^ afö ÜDendf« 
©d^filer % 

1) (Sl^ronila, Se^tBud^ unb ©efd^v^tbiBel u. f. tt>. 1565 foL 164 ((g^em|>Iar 
ber ^aultn. SBiBtiot^e! ju SWünfler). 

2) 2)i5ntnger SBeitrSge gut ^olitifd^en, lird^Iid^ n. (Sutturgefc^. tt. f. tp. 
Sb. II, 516: ,,Hoc (seil. Balth. Hubmeiero) itaque et quodam Joanne Denckio 
autoribus pestis illa rebaptizantium diversis locis poenas luit'^ 

3) ®avUr 2)ettTtt>ilrbtgIcttcn ber @tabt 9lcutlraflcn 1840 @. 317* 

4) Äetm ©^»abif^e fReformatton«gcfd^. @. 61. 

5) 2)cr SBicbettSufcr ?cl^re u. ©cl^etmmg vl f. to. 1530. 

6) @. Sunittfler 2)er 3ßiebcrtaufer Urf^rung u. f. to. 3üri(^ 1560 fot. 16. 
- »gt. «ucer an 3tt)tngli d. d. 1527 2(ng. 13 (Zw. Epp. II, 81): »Plus ni- 
mium illic (in bet ^fatg) adhnc vigeat Spiritus Denckiani'*. 



J 



417 

^ctnttd^ ©utttngcr nennt bcn Send „eine bornel^nie ©äule 
be« aStebertauf« nnb ber asiebertäufet gü^rcr". SWarttn ©ncer 
bejetd^net benfelBen ate „^apft" unter bcn Säufern; Urbanu« 
Sil^egiuö \pxxäft in beut gleid^en ©tnne bon ©cnd aW bem „SlBt" 
ber ©rüber; ©ert^olb ^aßer fd^reibt am 2. !Dcc^ 1527 an Stotngit, 
'Dend, ber „5lnaba|)ti[ten 2l|)ono", fei ju ©afcl geftorben, unb 
fd^on int Saläre 1 526 lonntc ein getoiff er ©i^noräu^ ijerfid^em, Dend 
fei ba^ ,/C^ciu)3t ber SBiebergetauften" ^). 

®enau auf baffelbe {Refultat toerben toir gefül^rt, »enn toir 
bie polemifd^en ©d^riften burd^muftem, toeld^e in jenen 3ai^ren bon 
latl^olifd^cr toie reformatorifd^er ©eite gegen bie „ 5InaBaptiften/' 
^)ublicirt toorbcn finb* @^ ejiftirt laum eine einjige biefer ©trcit- 
fd^riftcn, in toeld^er nid^t au^brüdttid^ auf ^uBmeier, 5Dendf ober 
^äfeer ober bereu unmtttettare @d^üler ©epg genommen loirb^), 

©elBft für 3^i"9K ^^^t ^^^ f^"^ Bejüglid^e ©treitfd^rift au« 
bem 3uli 1527 3) ergieBt, berfiam|)f gegen feine ©d^toeijer (Segner 
bamaW Bereit« Becnbet; bie SWänner, »eld^e er nami^aft mad^t, finb 
5Dend(, C^äfeer unb Saufe. 

UeBerl^aupt lägt fid^ BeoBad^ten, baß fcIBft in ber ©d^toeij feit 
ctioa 1528 nid^t mel^r (SreBel, SWauj unb Slnbcre, fonbern ^uB«^ 
meier, 5)endf unb ^äfecr al« bie annerlannten SRejjräfentantett bc« 
SEäufert^um« galten. ÜDer ei^cmalige Somtl^ur ju Süßnad^t unb 
intime greunb 3^^^flK^/ ßonrab ©(^mib, toeld^cr fd^on bie 
crften ^Mä)tx fiäm^>fe miterleBt l^atte, nennt in feiner ®(^rift 
üBcr bie 5Di3|)utation ju ©cm (1 528) bcn ^an^ !Cend( „ber SBic^ 
bertäufer Hauptmann'' ^). 

1) @. Äcücr, ©n Wpo^d ber Söicbcrtäufer 2pg. 1882 @. 7. 

2) «uHinger 2)cr SBicbcrtäufcr Urf^tung 1560 SSorrcbe »t bb. 1 l^eBt 
l^crbor, bag fajt „lein geleierter unb treuer 2)iener (Sl^ripi getoefen ip, ber nit 
ber aBiebertäufcr gebadf^t l^aBe". „@o l^at injonber« »iber ftc geld^rieBcn feltger 
©ebad^tntg Dr. aw. Sutl^er, ©utbreidf> 3t»ingU, Dr. 3o^. Oecotam^ab, Tl. «u- 
ceru«, UrB. Stl^egiu«, 301^. (£atoinu8, Suftu« SWeniu« unb biete anbere2)icner 
ber Äird^ unb l^od^elel^rte Seute uiel^r". 

3) Zwingli Huldr. In catabaptistarum strophas elenchus. Tiguri prid. 
Cal. Aug. 1527. 8®. (SBtcber aBgebru(!t in Oec. et Zw. Epp. libri IV etc. Bas. 
1536 f. 81»>— ll3b) 

4) „©crtoerffen ber Slrticfefo unb @tü(fcn, fo bie ffiiebcrtäuffer uff bem 
gcf^rad^ JU J©ern öor crfanien großen fRabt fürgetoenbt l^aBenb". !5)ie ©c^rift 

fteUer, ^ie Steformation. 27 



418 

2C6cr nx^t nur bei bcti B^tztno\\tn ^) , fonbctn aud^ noäf in 
f)>äteten @)>o^en l^aben bie genannten SRänner, jumat ^end unb 
^uBmeier, al« bie Domel^niften 3lutotit5ten ber nad^reformatotifc^en 
©rubetgemetnben gegolten, 

3n »ejug auf 3iütn6erg Bejeugt ber (S^rontft »ontf* SEcu* 
fenbad^ um ba« Sal^r 1555, bag „noc^ ©amen Don fotd^en o^n.^ 
mSd^ttgen geuten (SDcndSanem) übergeblieben fei; tocnn man fie 
nid^t lennte", fä^rt er fort, „tooßt xäf fte frei mit 5»amen nennen, 
redete natfirlid^e SBiebertäuf er" 2). Um biefetbe 3eit toarb !Bend« 
SRame in bie gifte ber verbotenen ©(^riftfteßer aufgenommen, toeld^ 
ju SWailanb unb ju SSenebig gebrudt tourbe, 3m Sa^re 1559 
^at ¥o|>ft ^aul IV. SDend^ ©d^riften ebenfaß« auf ben Snbej ge^ 
fefet^), 3m Saläre 1576 gab Dr. da^p. grand ju 3ngotftabt einen 
fiefcerlatalog i^erau«, in toetd^em er Dend unb ^ubmeier feine be^ 
fonbere äufmerffamleit toibmet unb unter ben aSorftei^ern ber „brci 
fflmemen ®e!ten, n&mlvSf ber tutl^erifi^'^toingtifd^en unb toieber«" 
täufferifiä^n" unter änberen ben ©altl^. ^ubmeier, $an« SDend, 
SWeI(^ior {Rind nam^t mad^t«), (ginige 3a^re \patn (1582) be^ 
ftätigt ber ©ifd^of bon ^omefanien, SQSiganb, bag ^ff. SDend ber 
?lnaba|)tiften „gai^nentrfiger" fei'^), unb berartige ^tnixA^t liegen 
fl<$ bielfa<$ beibringen« 

äud^ in ber Öiterotur ber nad^matigen „Siaufgefinnten" fcftft, 
bie aUerbing« au« gleid^ gu erto&^nenben ©rfinben immer mel^r in 
aSerfaö lam, finb bie ®^>uren SDend« fortbauemb ju berfolgen. 

finbet ftd^ onf bet üBenter SBiHiotl^eT. 3d^ ^erbanle biefe iRotig bem $erm Lic 
theol. O. gut Sinbcn. — (58 ließen ftd^ biefc 3cugmffc füt 3)endte unb ©nb* 
tneier« ^Bebeutmtg ouS ben gteid^gdttgen CtueQm nod^ erl^eblid^ berme^ten. 2)0(!^ 
fltaube id^ an biefer Stelle baronf berjt^tcn gu foHen. 

1) 2)er bortreffttd^ Sbtffo^ ^ebette« Sol^onnSDend unb bie 9(u8bTeitmig 
feinet 2e^tc in ben Xl^eoL ©tubieu unb Äritilen 1855 @. 817 ff . iidtt bie »e* 
toeife füt 2)eu<!8 (Siufbxg in ben betfd^iebeufHn S^betn aufaunnen. „%m ^X^m, 
in bet ©d^toeig, in gtanlen, in ©d^toaben Bi8 nad^ WlSfytta l^ein geigt ft<^ tm& 
um« 3al^t 1527 bet ©nfluß feinet 2:i^eotogie" (@. 865). 

2) SßiU i^evtt&ge gut (Sefd^. be8 Sntiba^ti«um« 1773 B. 3. 

3) Sleufd^ 2)et Snbcj. S3ouu 1883 @. 231. 

4) (S, gtaud Ortr. Dr. theoL <^atalogns Haereticorum , ba« ifl toatl^fftige 
etgdung u.f.ko, Sngotfiobt 1576 @. 257 f. 

5) SigaubuS De Anabaptismo etc. Lipsiae 1582 p. 448: JohDeuckias — 
antesignanus Anabaptistarum. 



419 

3m 3a]^tc 1581 [(i^tieb bct in ben oberbeutfd^cn Jötfibetgemetnben 
tool^lbclanntc ©cBafttan firemfcr rinc Sammlung ton fold^en Zxac^ 
taten ntcbcr, toeld^c in feiner ©emeinfd^aft ein Befonbete« Slnfei^en 
genoffen ^)* 3tt biefe ©ammlung l^at et aud^ SDend« ©ö^tift: 
,,35ie Drbttung (Sottet" mit aufgenommen. 3m Saffxt 1618 toarb 
t>on einem anbeten „Saufet" eine äi^nlid^e ßotteltion betanftaltet, 
toeld^e btei ©(ä^tiften ÜDend^ entl^ielt, unb im Salute 1760 toatb 
in Ungatn ein „SBicbcttäufet" betl^aftct, bei tocl(^em man eine 
Slbfd^tift ijon ©endo ©üd^Iein ,;3Son bet loal^tcn Siebe" botfanb 
unb ate feftitetifö^c« unb bctbotene^ Sßnäf confi^dtte. 

aScfonbctö intetcffant ift bie (Sefammtauögabe bet 'Dendfcä^en 
©d^tiften, totläft im 3al^te 1680 angeblid^ in ämftetbam, toaffx^ 
fd^einlid^ abet in einet anbeten ©tabt etf(ä^iencn ift 2). 

Diefe SBetti^i^altung ÜDend« unb ^ubmeiet^ untet ben Zan^ 
fetn bet fj)ätetcn ^dt ift aud^ au^ ben Sl^tonilen etfit^tUd^, loeld^e 
bie Slamcn bctfelben mel^tfad^ an etftet ©teßc cititen^). 

SBenn e« gleic^iooi^I tid^tig fein mag, bag in ben fj)atcten 
3eiten loenigftenö bet unmittclbate (ginftuß bet genannten ©d^tift«^ 
fteßet cinigetmagen in ben ^intetgtunb gettetcn ift, fo lag bie^ 
nid^t folool^l in |)tinci^>iettcn ©tünben aW in ben unglücßid^en ©et** 
l^ältniffen, in loeld^e bie (Semeinben fid^ nad^mate gcbtängt fallen. 
5Denn toenn e« ben alten (Semcinbcn felbft untet ben fd^toetften 
3Setfolgungen unb Unglfidöfäßen gelungen ift, bie toefentfid^ften 
fünfte i^te^ Sel^tf^ftcmö toie ii^tet fiitd^enbctfaffung ju betoal^ten, 
fo lonnte bic^ 9tefultat bod^ nid^t butd^ bie Pflege einet t^eolo-^ 
gif d^en gitetatut, fonbetn nut butd^ ba^ jäi^e gefti^alten . an mfinb-^ 
fidlen Uebetliefetungen etteid^t loctben. Sluf bicfem SBege l^at fid^ 
in ben gänbctn, loo man fie geiftig unb ^)l^i^fifd^ ftied^tete, faft gat 
leine gitctatut untet ii^nen fottgcpftanjt 3Ö^ abet feit bet SWitte 
be^ 16. 3ai^t]^unbett^ enblid^ in ^ottanb ein Slfi^I gefunben toat 
unb geiftige fitäfte fid^ loiebet tfii^tcn butften, ba gefd^al^ e^, baß 

1) „Wxä^t Sractat mtb ©efd^id^ten, aud^ Siebet, fo ^on tüxd^ gottgeUl^r- 
tett Siebl^abem bet Sal^tl^t unb 2)tenetn, aud^ iRod^folgetn (Sl^rifH gemad^t'', 
@in @^em4)kt betul^t in bet Sibliotl^el be$ S)ontIa:t>ite]Cd gu ^tegbutg. 

2) m^t» in ben „SKennonitifd^en ©l&ttetn^' l^etonög. bon S>. b. b. ©mif f en 
in* mtono, XXX. 3al^tg. @. 56. 

3) «ed ®efd^id^«büd^et bet SBiebettäufet u.f.». SBien 1883. 

27* 



420 

bct ©nfluß l^oDänbifd^et ©d^rtftftcttct, jumal bcrjcntgc bcß ÜWcnno 
©tmonö, btc legten 9tcfte bct gtoöen bcutfd^cn Sttcratur betbrängte, 
Damit toat aber aud^ guglctc^ icbcr tocttctcn Stuöbtcttung bct „Stü*' 
betgcmcinbcn" tnnctl^alB bc^ JRetd^c^ ein {Riegel botgefcä^oBen* 



SBenn toir nun bie (Sefd^id^te ber jtoeiten großen ^l^afe ber 
alteijangelifd^en (Semeinben, toie fie unter güi^rung ber genannten 
^erfonen leerlaufen ift, nä^er betrad^ten, fo [teßt \xäf bie Sil^atfad^e 
l^erau«, bag bie brei großen ©täbte 5RürnBerg, Slug^Burg unb ©traB«* 
Burg bie ^au^)tftü^^)unlte ber "ißartei getoefen finb, unb ba§ bie 
Jräger ber ©etoegung eBen jene ©ruberfd^aften toaren ^), bie toir 
Bereite im 14* 3al^rl^unbert al« ©erMnbete fiaifer Subtoig^ be^ 
©aiem ju feinem großen fianq^fe toiber bie römifd^e gird^e lennen 
gelernt l^aBen. 

SDBir l^aBen fd^on ertoäi^nt, toie Mar ©ebaftian grand ben Untere 
fd^ieb erlannt l^at, toeld^cr bie gtoeite (beutfc^e) $eriobe be^ Siäufer«^ 
t^um^ bon ber erften trennt, unb c^ ift bead^ten^toert^, bag nad^ 
feinem au6brüdtüd^en 3^^8"iff^ ^^ i>Ä^ Sal^r 1530 bie 5ln]^änger 
ber „©d^toeijer ©ruber" auf eine geringe Slnjal^I jufammcnge^ 
fd^tounben toaren^). 

„gtlid^e unter ii^ncn", fagt grandt, „aber gar toentgc, 
i^alten • • • • bag ein S^rift leine Dbrigfeit möge fein * . • . bcnn 
Si^riften ^aben allein ben S3ann unb nic^t baö ©d^toert unter 
fic^ ; aud^ bag ein Sl^rift nid^t mög Iriegen ober tobten, e« fei au^ 
loa« Urfad^ e6 tooße. ÜDiefer SWeinung ift getoefen äÄid^acI ©att^ 
ler unb fein Slnl^ang unb nod^ gar SBenige» 5Die anbern unb 

f a ft Sl n e laff en aud^ eine Dberleit S^riften fein, f o fie na^ 

bem aSefe^I ®otte6 i^anbctn unb billigen aud^ bie Sflotfftoe^x 
unb benfirieg, fo man6 nid^t freventlich, fonbern au« 
5Rot]^ unb (Sei^orfam fürnei^men muß"^). 



1) 2)tefe 2:^atfa(^ l^at fd^on 9lan!c ©eutfd^c ®ef^. im Sdtafter b. «cf. 
5. «uf[. III @. 368 unb 9litfd^l ©e^. b. ^tctt«mu« 1880 I, 27 au«gef^)To<i^. 

2) SBegügltd^ @tragburg9, koetd^eS ben ©^tDeiger Flüchtlingen boci^ ie{onber8 
offen tag, bepstigt Slöl^ri^, ba§ out^ bort erjl in ber itmtm ^criobe feit 1526 
ein fiärlere« auftreten ber Käufer fül^tbar »irb. Stf^r. f. l^ifl Xl^eot 1860 @! 4. 

3) ®Jronif, ^n«g. b. 1565 fot 158^ 



421 

„©tcfe^ l^aBcn mit jut Stnttoort geben, [omel td^ barum ^ai 
angcrcbt" 

„S^ablen aud^ Sitte, bte einen Iriegerifd^en ßi^riften leisten unb 
ba^ Sijangeßum mit bem ©d^tocrt motten ijetfed^ten, beffen fie toeber 
gellte ober ^^ctmptl ßi^tifti, ber 2l<)o[teI nnb bet erften Sird^e i^aben". 

Slnd^ SBolfgang ^cH)ito nnb bet nm 1527 mit biefem na^ it^ 
ftennbete SWattin Settatin^ i^aben Itat ben Untetfd^ieb cnq^fnnben, 
toeld^et jtoifd^en ben „©d^toeijct ©rübetn" nnb ben etnenctten alt- 
cöangelifd^en ®emeinben in 5Dentfd^tanb ijori^anben mar. 3n bem^ 
fetten SKoment, in bem Send bie genannten SKannet in ©traßöntg 
feine gtennbe nennen lonnte, l^ielten jene fid^ ^)tinci|}iett J)on ben 
Steifen bet fd^toeijet Smigtanten fetn, toeld^e J)on ii^nen xar i^o- 
xr}v ate „SBiebettänfet" obet fiatabaj)tiften bejeid^net tontben^)* 
SBegengt bod^ anc^ 3o]^. Seglet, bet bamate eöangeßfc^et ^tebiget 
in ©♦ (Satten toat, bag 5Dendt bei feinem Slnfentl^alt in biefet 
©tabt im 3al^te 1525 jtoat bei 2:änfetn abgeftiegen toat, abet 
gleid^tool^I nic^t ijottftänbig mit i^nen einet SWeinnng getoefen fei ^u 

5Diefe ©eobac^tnngen eti^alten il^te SBeftötigung bntd^ man* 
d^etlei anbettoeite 5Rac^tid^ten. ©ei bet ©i^nobe, toelc^e im 3al^te 
1527 jn 5)licotebntg in SWä^ten ftattfanb, »o^in bamaW bie „Stü* 
bet" bet öetfd^icbenen gänbet nnb ©eifte^tid^tnngen gepd^tet toa* 
ten, ttafen bie „©d^toeijet SStübet" mit ben bentfd^en alteöange* 
tifd^en S^anfgefinnten fel^t etnftlic^ anfcinanbet. 5ln bet ©pi^e 
bet SIRajotität, toetc^e nntet ptincipiettet SDWgbittignng jebeö Stieget 
nnb jebeö SSlntöetgiegen^ bod^ untet Umftänben bie ^ot^xot^x 
geftatten toottte, ftanb S3aUl^afat§nbmeiet. St ijetttat mit 
feinen gtennben ben ®tanbj)nnlt bet alten „(Semeinben (S^tifti", 
toie toit fie feit bem 12. 3a^t]^nnbett lennen geletnt l^aben. 3n 
bet!£l^at l^at eö benn and^ alle 3^it nntet ben „SCanf«' 
gcfinnten" eine {Rid^tnng gegeben, toeld^e biefet älte-^ 
ften 2:tabition tten geblieben ift^). 



1) @. meine ©t^rift: @m St^opd ber SQßtebcrtäufer. fi^j. 1882 @. 150. 

2) ©öftinger ©abbata 1, 280. 

3) 2)te urattcn ,,Xaufergcmcinbcn" in Sotl^riiigen unb in ben SSogcfen ber- 
tt>erfen noc^ gegentDärtig ben ^iegSbienß nic^t. <S. ^. $rond Urf^rung, (^tko. 
u. @(^icffale ber Xaufgejtnntcn. S'iorben 1884 @. 353, 



422 

iDtc anfange ber bcutf(ä^cn „attct>angcUf(^en ©emctnbcn" pnb 
in jenen SSafeler Sa|)tteUJ)etfammtnnaen ju fud^en, bte toir 
befj)to(^en i^aben. ^nm offenen (Eonflilt mit ber SBittenbctger 
ftiri^e i^aben bie bort tereinbatten ^tincipien aber juerft in 3lwcn^ 
berg nnb gtoar jn (Snbe bed 3a^red 1524 gefüi^rt. 9Son bort ani 
Ifat bie SSetoegnng fid^ rafd^ aber ba^ ganje 9iei(^ t)erbreitet 

SHe Urfad^en, toeld^e gerabe Mmberg junt 9ln^gangd))unlt 
mad^ten, lagen leinedtoeg^ aUein barin, ba§ S)end( feit bem ©ommer 
1523 bad 9iectorat ber 9lnmberger ®« ©ebalbndfd^nle übernommen 
l^atte. asielmel^r IBnnte man fagen, bag bie längft beftei^enbe 92ürn^ 
berger ,,©rubergemeinbe" nnb beren grennbe