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Full text of "Die Sozialisierung der Landwirtschaft, mit einem Anhang von A. Hofer, Der Bauer als Erzieher"

AUTSKY 



DIE SOZIALISIERUNG DER 
LANDWIRTSCHAFT 



Die S o z i a 1 i s i e r u n g der Landwirtschaft 






, 



KARL KAUTSKY 



DIE SOZIALISIERUNG 
DER LANDWIRTSCHAFT 



MIT EINEM ANHANG VON A. HOFER 
DER BAUER ALS ERZIEHER 



VERLEGT BEI PAUL CASSIRER / BERLIN 

19 2 1 



Zweite unveränderte Auflage (6.-10. Tausend) 






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DEC 1 4 1966 



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Alle Rechte vorbehalten 
Copyright 1919 by Paul Ca s sirer, Berlin 



Inhaltsverzeichnis. 

Vorwort 7 

I. Landwirtschaft und Kapitalismus. . . 13 
IL Die landwirtschaftlichen. Arbeitsmittel: 

1. Die ländliche Arbeiterfrage 35 

2. Die Maschine in der Landwirtschaft 42 

3. Großbetrieb und Kleinbetrieb 48 

4. Die Landwirtschaft der Dorfgemeinde 54 

5. Städtische Landwirtschaft 65 

III. Landwirtschaft und Sozialismus ... 70 

Anhang 

Der Bauer als Erzieher von A. Hof er 

Vorbemerkung 87 

1. Die Ausrüstung der Wirtschaft 89 

2. Die Bodenbestellung 94 

3. Die Viehweide 99 

4. Die Ernte 101 

5. Die intensive Viehzucht 117 

6. Die Beschäftigung der Landarbeiter im Winter . . 121 

7. Kleinbauer und Sozialismus 125 

8. Der Großbetrieb der Zukunft 130 



Vorwort zur ersten Auflage 



Der wesentlichste Teil der hier vorliegenden Ausführungen 
wurde vor bald zehn Jahren niedergeschrieben und erschien 
1910 in der Form zweier Kapitel meines Buches über die Be- 
völkerungsfrage, das den Titel trägt: „Vermehrung und Ent- 
wicklung in Natur und Gesellschaft." (Stuttgart, J. H. W. Dietz.) 
Ich sah damals schon, im Gegensatz zu vielen meiner Freunde, 
die soziale Revolution kommen, doch rechnete ich nicht damit, 
daß ich sie selbst noch erleben würde. 

Erheblich näher erschien sie mir, als ich die zweite Schrift 
abfaßte, aus der hier ein Kapitel abgedruckt ist, die „Sozial- 
demokratischen Bemerkungen zur Uebergangswirtschaft" (Leip- 
zig, Leipziger Buchdruckerei), doch wurde ich auch da durch 
die Tatsachen insofern überholt, als ich zur Zeit der Nieder- 
schrift noch nicht erwartete, daß sie bei ihrem Erscheinen die 
Revolution als fertige Tatsache vorfinden würde. 

Ich verfaßte die Schrift im Winter 1917/18. Technische 
Schwierigkeiten bewirkten, daß sie erst im Juli druckfertig vor- 
lag. Mit Rücksicht auf die Zensur hatte ich mich so vorsichtig 
als möglich ausgedrückt. Immerhin erklärte ich im Vorwort: 

Der Krieg kann, wenn er noch lange dauert, in einer Weise enden, 
die die kapitalistische Basis aufs tiefste erschüttert und dem Proletariat 
den Weg zur Macht eröffnet!" 

Meine Vorsicht nützte nichts. Die Zensur verhinderte das 
Erscheinen meiner Schrift bis zum November 1918. Sie kam in 
die Hände der Leser erst, als meine Erwartung der Revolution 
bereits zur Erfüllung geworden war. 

Ungeheure Wandlungen haben sich seitdem vollzogen, aber 
doch nicht so große, daß die Ausführungen, die ich ein Jahr vor 



der Revolution geschrieben, und die Forderungen, die ich dort 
entwickelt, gegenstandslos geworden wären. Das gilt von den 
Forderungen an Staat und Gemeinde und — leider! — auch 
von denen an das Proletariat. Ich schrieb im Juli in meinem 
Vorwort: 

„Das Proletariat darf in der Uebergangswirtschaft wie auch sonst 
nicht an sich allein denken. Seine geschichtliche Bedeutung 
beruht darauf, daß sein Klasseninteresse zusammenfällt mit dem Ge- 
samtinteresse der Gesellschaft. So ist es seine Pflicht, in der Ueber- 
gangswirtschaft, die so chaotisch sein, so sehr nach neuen Formen ringen 
wird, nicht nur seine eigenen augenblicklichen Interessen, sondern auch 
die der gesellschaftlichen Entwicklung aufs kräftigste zu vertreten, 
möglichst viel Ansätze in sozialistischem Sinne zu schaffen und jede 
der Fragen der Uebergangswirtschaft nicht für sich allein, sondern in 
ihrem Zusammenhange mit der Gesamtheit der ökonomischen und ge- 
sellschaftlichen Erscheinungen zu betrachten." 

Nie war diese Mahnung notwendiger als jetzt, denn nie war 
die Gefahr größer, daß, dank dem neu gewonnenen Kraftgefühl, 
kurzsichtiger Klassen-, ja Berufsegoismus in den kampffähigen 
und kampflustigen Teilen des Proletariats die allgemeinen ge- 
sellschaftlichen Rücksichten zurückgedrängt und die gesellschaft- 
liche Entwicklung, damit aber auch den Aufstieg zu einer dem 
Kapitalismus überlegenen und ihn dauernd überwindenden Form 
des Sozialismus schädigt. 

Der Gegenstand der hier abgedruckten Kapitel wird durch 
sie natürlich nicht erschöpft. Ausführlicher habe ich ihn in 
meinem Buche über die „Agrarfrage" (Stuttgart, J. W. Dietz, 
1899) behandelt. Das Werk ist längst vergriffen, ich hinderte 
bisher eine Neuauflage, weil ich es gänzlich umarbeiten wollte. 
Nicht deshalb, weil sich mein Standpunkt gewandelt hätte: er ist 
der gleiche geblieben. Sondern deshalb, weil die Verhältnisse 
der Landwirtschaft sich seit seiner Abfassung gänzlich änderten. 
Als ich mein Buch schrieb, befand sie sich noch im Stadium 
der durch die überseeische Konkurrenz gedrückten Preise von 
Nahrungsmitteln. Bald darauf aber setzte die Aera des Steigens 
der Lebensmittelpreise, die Aera wachsender Teuerung ein. Das 
gab der Agrarfrage in manchen Dingen ein neues Gesicht. 

Andere Arbeiten hinderten mich, die Umarbeitung zu voll- 
ziehen, und nun ist durch den Krieg und die Revolution die 
Landwirtschaft abermals in ein neues Stadium mit neuen Auf- 



8 



gaben und Bedürfnissen eingetreten. Die Bearbeitung hätte da 
ein ganz neues Werk zu schaffen. Es ist fraglich, ob mir dazu 
noch Zeit und Kraft bleiben. Ich werde wohl meine „Agrar- 
frage" als historisches Dokument der Zeit, in der sie verfaßt 
wurde, betrachten und unverändert zu neuem Abdruck gelangen 
lassen müssen. 

In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts galt 
die überseeische Landwirtschaft als eine Gefahr für Europa, 
dessen Grundbesitz seinen Ruin fürchtete. Heute bildet jene 
Landwirtschaft unsere Rettung. Ohne die Vereinigten Staaten, 
Kanada, Australien, Argentinien sind wir dem Hungertode aus- 
geliefert, und zwar nicht bloß Deutschland, sondern fast ganz 
Europa, seine ehemaligen Kornkammern inbegriffen, wie Ruß- 
land und Rumänien. Weit entfernt, zu versuchen, die über- 
seeischen Nahrungsmittel durch Zollschutz fernzuhalten, müssen 
die Staaten unseres Kontinents alles aufbieten, recht viel von 
ihnen hereinzubekommen und zwar so billig wie möglich. 

Dabei soll jedoch die inländische Landwirtschaft nicht ge- 
schädigt werden. Im Gegenteil, auch ihr Gedeihen ist gerade 
jetzt besonders unerläßlich. Das drängt aber bei starker aus- 
wärtiger Konkurrenz und Fehlen von Zollschutz zu der ratio- 
nellsten Methode, einen Produktionszweig konkurrenzfähig zu 
gestalten: zu technischen Verbesserungen, die seine Produktivi- 
tät steigern. Indes kann man das in der Landwirtschaft noch 
weniger als in der Industrie, und am allerwenigsten bei der 
heutigen Notlage, dem Zufall der privaten Initiative überlassen. 
Der Staat muß aufs kräftigste eingreifen durch Methoden, die 
eine weitgehende Sozialisierung in sich schließen. 

Angesichts des vorherrschenden Kleinbetriebs wird diese 
allerdings zunächst mehr auf eine Regelung des Zirkula- 
tionsprozesses zwischen Stadt und Land bedacht sein 
müssen, als auf eine Organisierung der Produktion. Doch 
lassen sich auch für letztere schon Ansätze schaffen durch 
Förderung genossenschaftlichen und kommunalen Eingreifens in 
die bäuerliche Produktion und durch Uebergang der größten 
Güter in den Besitz des Staates oder städtischer Gemeinden 
und durch Anteilnahme der Landarbeiter an der Gestaltung des 
Betriebs. 



Für die großen Betriebe, die erhalten bleiben müssen und 
nicht zerschlagen werden dürfen, soll nicht die Technik unserer 
Landwirtschaft tief herabgedrückt werden, wird diese Soziali- 
sierung um so dringender notwendig werden, als sie das sicherste 
Mittel ist, die Landarbeiter an der Arbeit zu erhalten und den 
großen Gütern neue vermehrte Arbeitskräfte zuzuführen, deren 
sie in hohem Maße bedürfen, sollen sie ihre volle Produktivität 
entfalten. 

Die Revolution in den Städten ist an den Arbeitern auf dem 
flachen Lande nicht spurlos vorübergegangen. Es gäbe unsäg- 
liches Unheil, würden auch sie vom Streikfieber ergriffen oder 
versuchten sie gar die Sozialisierung durch direkte Aktion, da- 
durch, daß sie die großen Güter unter sich aufteilten, was ohne 
Zerstörungen und Plünderungen nicht abginge. 

Davor schützen nicht Handgranaten und Maschinengewehre, 
davor schützt bloß eine energische und planmäßige Soziali- 
sierungsaktion der Regierung, die der wilden direkten Aktion 
zuvorkommt und deren sonst zerstörende Kraft in geregelte 
Bahnen leitet und dadurch fruchtbringend gestaltet. 

Die deutsche Sozialisierungskommission war eben daran, 
die Bedingungen und Formen landwirtschaftlicher Sozialisie- 
rung ihrer Prüfung zu unterziehen, da wurde sie zum Rück- 
tritt gedrängt. Glaubt die Bürokratie des Reichswirtschaftsamts 
die Aufgabe der Sozialisierung rascher oder zweckmäßiger 
lösen zu können als die Kommission: nur zu! Auf keinen 
Fall darf der Staat die Landwirtschaft lange sich selbst 
überlassen oder sich darauf beschränken, mit dem bisherigen 
bürokratischen Apparat der Erfassung und Verteilung von 
Lebensmitteln weiterzuwursteln. Die Sozialisierungsaktion darf 
freilich nicht nach bolschewistischem Muster geschehen. Die 
Bolschewiks errichteten eine straffe Diktatur in den Städten 
und gaben den Bauern freie Hand, auf dem Lande zu 
hausen, wie sie wollten. Das war bei der ökonomischen Zu- 
rückgebliebenheit Rußlands unvermeidlich, hatte aber das Re- 
sultat, daß der Versuch einer sozialistischen Revolution in 
den Städten zusammenfiel mit einer bürgerlichen Revolution 
auf dem Lande, das die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung 
umfaßt. 



ie 



Dieser innere Widerspruch führte um so eher zu unhalt- 
baren Zuständen, als bei der Rückständigkeit der Masse der 
russischen Proletarier der Sozialismus der Städte immer mehr 
seinen demokratischen Charakter verlor, den er anfangs haben 
sollte, und immer bürokratischer wurde. Die Arbeiterräte sind 
heute in Rußland nur noch eine kraftlose Dekoration, hinter der 
sich die Allmacht einer neuen Bürokratie verbirgt. 

Unter diesen Umständen nimmt das Verhältnis zwischen 
Stadt und Land eigenartige Formen an. Unter dem industriellen 
Kapitalismus entwickelt sich die ständige Flucht der Land- 
bevölkerung in die industriellen Zentren. Zu den Aufgaben 
des Sozialismus gehört es, die Industrie wieder zu dezentrali- 
sieren, sie aufs flache Land zu verlegen, was freilich in großem 
Maßstab nur dann ökonomisch zweckmäßig wird, wenn das 
Verkehrswesen hoch entwickelt ist. In Rußland aber finden 
wir jetzt nicht die Verlegung der Industrie aufs flache Land, 
was bei seinen elenden Verkehrsmitteln auch höchst unzweck- 
mäßig wäre, sondern die Flucht der Arbeiter von der Industrie 
weg zur Landwirtschaft, wo ihnen weniger elende Lebens- 
bedingungen winken wie in den Städten. Während so die 
städtischen Arbeiter in zunehmendem Maße die sozialisierte 
Industrie fliehen, erhebt sich gegen diese Industrie gleichzeitig 
aber auch die wachsende Empörung der Bauern. Sie hatten 
das bolschewistische Regime bei seinem Beginn 1917 freudig 
begrüßt, das ihnen den großen Grundbesitz auslieferte. Jetzt 
aber ist der aufgeteilt, und hinfort vermag ihnen die bolsche- 
wistische Regierung nichts mehr zu bieten. Gleichzeitig aber 
hat die Unterwerfung der Industrie unter die neue bolsche- 
wistische Staatsbürokratie die Leistungsfähigkeit der städti- 
schen Produktion gemindert. Sie reicht kaum aus zur Deckung 
der Bedürfnisse der großen Armee, deren der Bolschewismus 
bedarf, um sich zu behaupten, und die fast alle Industrie- 
produkte an sich zieht. Für Bauern und Industriearbeiter — 
ausgenommen einige privilegierte Schichten — bleibt so gut wie 
nichts. Dabei aber soll der Bauer mit seinen Ueberschüssen 
die Städter und die Armee erhalten. Wo er das nicht gutwillig 
tut, wird ihm das Erforderliche mit Gewalt genommen. So finden 
wir wieder, wie in den Zeiten des Zarismus, Rußland erfüllt 
von Bauernaufständen. 

11 



Diese Art Lösung der Agrarfrage kann natürlich nicht die 
westeuropäische sein. 

Für uns ist das agrarische Problem das komplizierteste, 
aber auch das wichtigste der Revolution. Es erheischt das in- 
nigste Zusammenwirken von Stadt und Land, von Theoretikern 
und Praktikern. Aber auch das innigste Zusammenwirken der 
verschiedenen Länder der ganzen Welt. Denn das agrarische 
Problem ist ein eminent internationales geworden, seitdem der 
landwirtschaftliche Betrieb aufgehört hat, ein sich selbst ge- 
nügender zu sein und auf den Zukauf von Rohmaterialien, wie 
Dünge- und Futtermitteln, angewiesen ist, die aus allen Teilen 
der Welt zu holen sind. Ebenso wenig wie die Großindustrie 
vermag die moderne Landwirtschaft die Abschließung der Län- 
der voneinander zu ertragen. Mögen die Lebensbedingungen 
des Bauern seinen Blick noch so sehr lokal beschränken. Seine 
Produktionsbedingungen weisen ihn auf die Weltwirtschaft hin. 

Nicht minder wie die Industrie bedarf die Landwirtschaft 
vollster Internationalität. Nur in diesem Zeichen kann sie, 
können wir gedeihen. 

Charlottenburg, Mai 1919 

K. Kautsky 



12 



I. 

Landwirtschaft und Kapitalismus 



Betrachten wir die heutigen Bedingungen einer Weiterent- 
wicklung der Landwirtschaft, so kommen wir zu sehr ver- 
schiedenen Ergebnissen, je nachdem wir ihre Technik oder 
ihre Oekonomie ins Auge fassen: Die Technik, das heißt, 
wie schon erwähnt, das Maß der Beherrschung der Naturkräfte 
durch den Menschen, und die Oekonomie, das heißt die Ver- 
hältnisse, welche die beim Prozeß der Produktion — das 
Wort im weitesten Sinne genommen — beteiligten Menschen 
untereinander zu dessen Betreibung eingehen. Wir bekommen 
hier wieder ein Beispiel davon, wie unerläßlich die Unterschei- 
dung zwischen Technik und Oekonomie ist. 

Die Technik der Landwirtschaft ist in raschestem Fort- 
schreiten begriffen. Nicht nur das Maschinenwesen sowie die 
Technik der landwirtschaftlichen Bauten und Meliorationen, 
sondern auch die wissenschaftliche Erkenntnis der Lebens- 
bedingungen der Organismen. Jedes Jahr bringt große und 
erstaunliche Fortschritte, deren Anwendung die Produktivität 
der landwirtschaftlichen Arbeit enorm steigern muß. 

Aber diese Anwendung hält keineswegs gleichen 
Schritt mit dem raschen Fortgang der Erfindungen und Ent- 
deckungen. Ganz anders als in der Industrie finden wir in der 
Landwirtschaft, daß die fortgeschrittene Technik sich des Pro- 
duktionsprozesses nur langsam, zögernd und unvollständig be- 
mächtigt. Der Unterschied zwischen der möglichen und 
der wirklichen Produktivität der Arbeit wird in der Land- 
wirtschaft immer gewaltiger. In diesem Sinne wird sie, trotz 

13 



aller Fortschritte, immer rückständiger. Nicht absolut, aber 
relativ, im Verhältnis zum Stand von Naturwissenschaft und 
Technik. 

Das liegt nicht, wie manche glauben, an der Natur der 
landwirtschaftlichen Arbeit an sich, sondern an den ökonomi- 
schen Verhältnissen, die der Kapitalismus in der Landwirt- 
schaft hervorbringt. Kein Gesetz der Natur liegt hier vor, 
sondern eines der Gesellschaft. Es ist das Privateigen- 
tum am Boden und die Lohnarbeit, was die zu- 
nehmende technische Rückständigkeit der Landwirtschaft ver- 
schuldet. 

Wir wissen bereits, wie im Laufe der Entwicklung der 
Bauernschaft eine Aristokratie aufkommt. Mit ihr ersteht die 
Staatsgewalt. Beide reißen von den Ueberschüssen der arbeiten- 
den Bevölkerung auf dem Lande möglichst viel an sich, wodurch 
sie die technische Vervollkommnung der Landwirtschaft hemmen, 
zeitweise in einen Rückschritt verwandeln. 

Auch die letzte Periode des Feudalismus führte einen der- 
artigen Niedergang herbei. Seine Ueberwindung, die in Frank- 
reich durch die große Revolution erfolgte, brachte einen raschen 
Aufschwung der Landwirtschaft. Aber bald setzte eine neue 
Aera der Ausbeutung der ländlichen Arbeit ein. Jetzt, unter 
der Aera der kapitalistischen Warenproduktion, ist es das mit 
ihr unzertrennlich verbundene Privateigentum an den Produk- 
tionsmitteln, also auch am Boden, was diese Ausbeutung be- 
gründet. Nicht mehr Fronden und Naturalabgaben hat der 
Landmann zu leisten, wohl aber eine Grundrente in 
Geld. Das tritt offen zutage beim Pachtsystem. Der Pächter 
muß dem Grundbesitzer für die Erlaubnis, seinen Boden zu 
bebauen, eine Pachtsumme entrichten, die den ganzen Ueber- 
schuß umfaßt, den die Arbeit des Pächters oder seiner Lohn- 
arbeiter über die Löhne sowie die Erstattung des herkömm- 
lichen Profits vom angewandten Kapital hinaus abwirft. Diese 
Pachtsumme ist höher bei fruchtbarem oder günstig gelegenem 
Boden als bei unfruchtbarem oder ungünstigem. Sie wächst, 
wenn bei gleichbleibenden Produktionskosten die Preise der 
Bodenprodukte wachsen. 

Es sind kolossale Summen, die auf diese Weise die Pächter 
eines Landes jahraus, jahrein den Grundbesitzern abliefern, 

14 



von denen sie vielfach entweder vergeudet oder in Industrie- 
papieren angelegt, statt zur Verbesserung der Landwirtschaft 
angewendet werden- Aber das Pachtsystem raubt der Land- 
wirtschaft nicht nur reiche Mittel, die der Vermehrung ihrer 
produktiven Kräfte dienen könnten, es lähmt auch den Antrieb 
zur Vermehrung dieser Kräfte. 

Den Hauptantrieb in der kapitalistischen Industrie zur Ent- 
wicklung der Produktivkräfte bietet der Extraprofit, den ein 
Unternehmer dadurch macht, daß er die Technik seines Betriebs 
über das durchschnittliche Maß hinaus verbessert. In der Land- 
wirtschaft wird beim Abschluß eines Pachtvertrages jeder Extra- 
profit, den der Betrieb über die durchschnittliche Profitrate 
hinaus zu liefern vermag, als Grundrente betrachtet, die dem 
Grundbesitzer zufällt. Der Pächter hat also gar keine Ursache, 
mit großen Unkosten Verbesserungen vorzunehmen, deren Vor- 
teile bei der Erneuerung des Pachtvertrags nicht ihm, sondern 
dem Grundbesitzer zufallen. 

Man sollte meinen, die Sache liege günstiger bei jenen 
Grundbesitzern, die selbst Landwirtschaft betreiben. Da ver- 
bleibt ja die Grundrente dem Landwirt und ebenso alle even- 
tuellen Extraprofite. Tatsächlich wirkt aber hier das Privat- 
eigentum am Boden ebenso hemmend auf die technische Ent- 
wicklung, wenn auch in anderen Formen und mehr versteckt. 
Es ist richtig, die Grundrente bleibt hier zunächst dem 
Landwirt. Aber nur bis zum nächsten Besitzwechsel, und der 
muß spätestens mit dem Ableben des bisherigen Besitzers 
eintreten. Im preußischen Staate wechseln im Jahre über 
6 Prozent (im letzten Jahrzehnt fast regelmäßig 6,6 Prozent) 
der Grundstücke den Besitzer, also im Durchschnitt jedes 
Grundstück alle 15 Jahre. Der neue Landwirt hat beim Be- 
sitzantritt entweder den Erbanteil der Miterben oder den ge- 
samten „Wert" des gekauften Gutes zu bezahlen. Dieser 
sogenannte Wert ist aber nichts als die kapitalisierte Grund- 
rente; je mehr die Grundrente steigt, desto höher bei gleichem 
Zinsfuß die Geldsumme, die der neue Landwirt für die Er- 
werbung seines Betriebs zu zahlen hat. Er kann sie auf zweier- 
lei Art erlegen. Entweder besitzt er das nötige Bargeld und 
gibt es dem bisherigen Besitzer hin; dann verkürzt er um den- 
selben Betrag die Kapitalmenge, die zur Ausstattung und Ver- 



besserung des Betriebs aufzuwenden wäre. Das ist aber ein 
Ausnahmefall. Meist besitzt er nicht genügende Mittel, er 
nimmt eine Hypothek auf und zahlt nun die Grundrente 
jahraus, jahrein in der Form von Hypothekenzinsen an den 
Wucherer oder die Bank, die jetzt die wahren Grundbesitzer 
sind und der Landwirtschaft um so mehr Geld im Jahre ab- 
pressen, je mehr die Grundrente steigt. Ein Steigen der Preise 
der Bodenprodukte, das die Grundrente erhöht, bedeutet stets 
nur eine vorübergehende Besserstellung der Landwirte. Beim 
ersten Besitzwechsel schlägt sie in ihr Gegenteil um. 

Steigende Grundrenten wirken um so belastender auf die 
Landwirtschaft beim Eigenbetrieb des Grundbesitzers, da bei 
einem Besitzwechsel als „Wert" des Gutes nicht bloß die 
augenblickliche, sondern auch die noch zu erwar- 
tende Grundrente in Rechnung gestellt wird. Alle etwa in 
Aussicht stehenden Extraprofite werden bei dieser Berech- 
nung schon vorweggenommen. So erfordert die Verzinsung 
der Kaufsumme oft mehr, als die Grundrente wirklich ausmacht, 
der Käufer kann in eine wirkliche Notlage kommen, wenn die 
erwarteten Preissteigerungen sich nicht bald einstellen. Die 
Extraprofite, die einen so starken Ansporn der technischen Ent- 
wicklung in der Industrie bilden, haben also in der Landwirt- 
schaft nicht bloß beim Pachtsystem, sondern auch beim Eigen- 
betrieb wegen ihres Zusammenwerfens mit der Grundrente die 
Tendenz, die Betriebe zu schädigen und ihre technische Ent- 
wicklung zu hemmen. 

Noch auf andere Weise lähmt in der Landwirtschaft das 
Privateigentum den technischen Aufschwung. Wir haben ge- 
sehen, wie sich bei jeder Betriebsweise eine bestimmte Größe 
des einzelnen Betriebs als die produktivste herausstellt. Auch 
hier tritt der Unterschied zwischen Technik und Oekonomte 
zutage. Die Ausdehnung des Kapitals, das heißt des durch 
das Privateigentum an den Produktionsmitteln bewirkten Aus- 
beutungsverhältnisses der Lohnarbeit, kann ins Endlose fort- 
gehen, und stets wird dabei das größere Kapital dem kleineren 
überlegen sein. Dagegen gibt es für jeden einzelnen Betrieb 
ein Maximum seiner Größe, über das hinaus man ihn nicht 
ausdehnen kann, ohne seine Produktivität zu verringern. Diese 
Größe ist für die verschiedenen Produktionszweige und zu ver- 

16 



schiedenen Zeiten sehr verschieden, sie hat überall die Tendenz, 
mit dem Fortschritt der Technik zu wachsen, wenigstens in 
bezug auf die Menge der von dem einzelnen Be- 
trieb erzeugten Produkte und die Menge des von 
ihm angewandten konstanten Kapitals (Rohstoffe, 
Maschinen usw.) ; dagegen nicht immer in bezug auf die An- 
zahl der beschäftigten Arbeiter und noch weniger 
in bezug auf die eingenommene Bodenfläche. 

Soll eine Gesellschaft das Maximum der mit den gegebenen 
Produktionsmitteln erreichbaren Produktivität erreichen, dann 
muß sie dafür sorgen, daß alle Betriebe die durch die jeweilige 
Höhe der Technik ihres Produktionszweigs als zweckmäßig 
gegebene Maximalgröße erlangen. 

Das ist in der kapitalistischen Produktionsweise, die auf 
der Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln 
beruht, nirgends allgemein durchzusetzen. Wohl wird dauernd 
über die Maximalgröße nirgends hinausgegangen, wo die Un- 
zweckmäßigkeit ihrer Ueberschreitung zutage tritt. Dagegen 
nutzt es einem Unternehmer nicht das geringste, zu erkennen, 
daß sein Betrieb zu klein ist, um die größte Produktivität ent- 
wickeln zu können. Wenn es ihm an Kapital fehlt, kann er 
ihn doch nicht erweitern. 

Das ist einer der Gründe, warum in der kapitalistischen 
Produktionsweise die theoretisch jeweilig erreichbare größte 
Produktivität der Arbeit nie wirklich erreicht wird, warum 
eine große Zahl, ja die überwiegende Zahl der Betriebe unter 
der Grenze dieser Produktivität bleiben, nicht wenige ganz 
unzureichend sind. So energisch die kapitalistische Produktions- 
weise den Fortschritt der Technik anstachelt, sie kann ihn nie 
vollständig zur Geltung bringen. 

Aber weit mehr noch als in der Industrie gilt das in der 
Landwirtschaft. Nicht nur, weil in ihr die Akkumulation von 
Kapital langsamer vor sich geht als in der Industrie, indes 
gleichzeitig der Antrieb zu Verbesserungen geringer ist, son- 
dern auch, weil das Privateigentum an Boden jeder Erweiterung 
des einzelnen Betriebs ganz andere Schranken entgegenstellt 
wie in der Industrie. Der Boden ist in der Landwirtschaft 
das hauptsächlichste Produktionsmittel, die Größe des Betriebs 
hängt wohl nicht einzig, aber in hohem Grade von der Boden- 

Kautsky, Landwirtschalt 2 n 



fläche ab. Nun ist es sicher sehr leicht, dort, wo eine Betriebs- 
fläche sich beim Uebergang zu einer höheren Betriebsform als 
zu groß herausstellt, sie zu verkleinern. Schwerer ist aber der 
umgekehrte Fall, und er ist derjenige, der häufiger notwendig 
wird. Nur die größten Betriebe haben mitunter die Tendenz, 
einige Außengrundstücke abzugeben. Bei den meisten Betrieben 
sind die Praktiker ganz anderer Ansicht als jene Doktoren, die 
sich als die praktischsten der praktischen Landwirte gebärden 
und das Lob des kleinsten Betriebs singen. Die wirklichen 
Praktiker entwickeln einen wahren Hunger nach Land, um 
ihren Betrieb möglichst groß zu gestalten. Aber der Boden 
ist nicht, wie etwa Maschinen, beliebig' vermehrbar. Die 
Bodenfläche des eigenen Betriebs kann der Landmann nur 
erweitern auf Kosten der Nachbarn, die alle die gleiche Tendenz 
nach Vergrößerung ihres Grundbesitzes haben, die alle dank 
dem Privateigentum fest auf ihrer Scholle sitzen und von ihr 
nicht zu weichen brauchen, solange sie nicht bankrott sind. 

Eine Verbesserung des Betriebs durch Ausdehnung seiner 
Bodenfläche findet da meist unübersteigliche Hindernisse. 
Selbst die bloße zweckmäßigere Gestaltung der Betriebsfläche, 
die doch weniger schwierig sein sollte, findet noch oft an der 
historisch überlieferten Zersplitterung der Bodenparzellen und 
an der durch Besitzwechsel immer wieder erneuten Mengung 
solcher Parzellen in verschiedenster Lage ein schweres 
Hindernis. 

Zu allen diesen Hemmungen, die aus dem Privateigen- 
tum hervorgehen, gesellen sich noch jene, die der Lohn- 
arbeit entspringen. 

Die ursprünglichste Art der Arbeit ist die genossen- 
schaftliche. Der isolierte Urmensch, der Robinson, der 
am Beginn des Aufstiegs der Menschheit stehen soll, ist eine 
Erfindung moderner bürgerlicher Auffassung. Nur durch gesell- 
schaftliche Arbeit, durch Zusammenarbeiten mit anderen konnte 
sich der Urmensch behaupten und entwickeln. 

Je weniger furchtbar die Waffen der ersten Menschen 
waren, desto mehr mußten sie sich zusammentun, um der großen 
Raubtiere und Huftiere Herr zu werden und durch Anlegung 
von Gruben, in denen sie sie fingen, oder durch offenen Kampf, 
den sie gegen den Bären und den Büffel nur bestehen konnten* 

13 



■wenn einige von vorne ihm standhielten und andere ihn von 
rückwärts angriffen; endlich durch Treibjagden, bei denen man 
auch des flüchtigen Wildes habhaft wurde, indem die einen 
es versteckt erwarteten und andere es den Lauernden zujagten. 

Und ebenso wie die Jagd war auch der Haushalt ursprüng- 
lich gesellschaftlich- Die Frauen konnten ihren mannigfachen 
Aufgaben nur gerecht werden, wenn sie sich gegenseitig dabei 
unterstützten. 

Auch im nomadischen Stadium finden wir noch den Haus- 
halt wie die Arbeit der Männer gesellschaftlich. Einer allein 
konnte unmöglich die Herden zusammenhalten und gegen ihre 
mannigfaltigen Feinde verteidigen. 

Nicht minder finden wir im Beginn des Ackerbaus genossen- 
schaftlichen Haushalt und genossenschaftliche Männerarbeit. 
Wenn es heute Agrartheoretiker gibt, die behaupten, die Land- 
wirtschaft vertrage ihrer ganzen Natur nach nicht genossen- 
schaftlichen Betrieb, so beweisen sie damit nur, daß sie mit 
ihrem Empfinden wie ihrem Denken und Wissen über die Ge- 
sellschaft der Warenproduktion nicht hinaussehen. Selbst in 
manchen Teilen Europas herrschte, zum Beispiel bei den süd- 
slawischen Völkern, im neunzehnten Jahrhundert noch die 
Hausgenossenschaft als Form des landwirtschaftlichen 
Betriebs. Eine Reihe von Brüdern, unter der Leitung des 
ältesten, bildeten da mit Kindern und Kindeskindern eine Ge- 
nossenschaft mit gemeinsamem Haushalt und gemeinsamer 
Landwirtschaft. 

Wenn man von einer Form der Arbeit behaupten könnte, 
daß sie die der menschlichen Natur entsprechendste sei, dann 
wäre es die genossenschaftliche, die bis zum Aufkommen einer 
höher entwickelten Warenproduktion allgemein herrscht und 
deren Bestehen wir auf Hunderttausende von Jahren ansetzen 
dürfen. 

Mit der Warenproduktion aber und dem damit zusammen- 
hängenden Privateigentum an den Produktionsmitteln verliert 
die genossenschaftliche Arbeit ihren Boden. Nur noch zwei 
Formen der Arbeit können da dauernd bestehen: entweder 
arbeiten die Besitzer der Produktionsmittel selbst. Dies können 
sie unter der Herrschaft des Privateigentums bloß als isolierte 
Arbeiter im kleinsten Beirieb tun. Ein größerer Betrieb ist 

2- 19 



unter dieser Eigentumsform nur in der Weise möglich, daß 
neben dem Besitzer der Produktionsmittel oder, wenn die 
Betriebsgröße es erlaubt, ohne seine Mitarbeit, Arbeiter durch 
irgendeine Art des Zwanges getrieben werden, für ihn zu ar- 
beiten. Diese Arbeit der Zwangsarbeiter ist für den Besitzer 
natürlich nur dann von Vorteil, wenn sie einen Ueberschuß von 
Produkten über ihre eigenen Erhaltungskosten hinaus für ihn 
produzieren. Den sucht er also mit allen Mitteln zu erpressen. 
In der kapitalistischen Produktionsweise ersteht ihm die nötige 
Zwangsgewalt aus der Notlage der besitzlosen Arbeiter, die 
keine andere Ware auf den Markt zu bringen haben als ihre 
eigene Arbeitskraft. 

Wo immer sich im Rahmen dieser Produktionsweise Pro- 
duktionsgenossenschaften bilden oder von früher her erhalten, 
können sie keinen dauernden Bestand haben. Das Privateigen- 
tum einzelner an ihren Produktionsmitteln setzt sich immer 
wieder durch, und nach kurzer Zeit tritt unfehlbar innerhalb der 
Genossenschaft die Teilung zwischen Besitzern der Produktions- 
mittel und besitzlosen Arbeitern ein. 

Die Ursachen dieser Teilung mögen mannigfache sein: 
Glück der einen und Unglück der anderen; Verschiedenheit 
der Charaktere: hier filzige Asketen, dort leichtlebige Genuß- 
menschen; hier rücksichtslose Egoisten, dort gutmütige und ver- 
trauenselige Altruisten; Verschiedenheiten der geistigen oder 
körperlichen Kräfte usw. Die Teilung selbst tritt unvermeidlich 
ein. Nicht als Naturgesetz aller Gesellschaft, wie das bürger- 
liche Denken meint, wohl aber als unerbittliches Gesetz der 
entwickelten Warenproduktion. Nicht die Unmöglichkeit soziali- 
stischer Produktion überhaupt wird dadurch erwiesen, wohl aber 
die Unmöglichkeit sozialistischer Produktion auf Grundlage der 
Warenproduktion. 

Je mehr die Warenproduktion in die Landwirtschaft ein- 
dringt, desto mehr löst sie die ursprüngliche genossenschaft- 
liche Produktion auf. Die Industrieprodukte, die ursprünglich 
die landwirtschaftliche Genossenschaft selbst lieferte, werden 
jetzt vom städtischen Handwerk weit vollkommener mit ge- 
ringerem Arbeitsaufwand geliefert. Damit werden Arbeitskräfte 
in der landwirtschaftlichen Genossenschaft überflüssig. Anderer- 
seits bietet das städtische Handwerk das Bild von Betrieben, in 



20 



denen jeder erwachsene Mann sein eigener Herr ist. Das lockt 
die jüngeren Brüder in der landwirtschaftlichen Genossenschaft, 
sich der Oberherrschaft des älteren Bruders zu entziehen, in der 
Stadt ihr Fortkommen zu suchen. 

Die Warenproduktion macht es notwendig, daß der Pro- 
duzent frei über Produkte und Produktionsmittel verfügt. Zu- 
nächst im städtischen Handwerk, Je mehr der Bauer für den 
Markt produziert, je inniger seine Berührung mit dem städtischen 
Handwerk, je weniger von seinen Produkten im eigenen Haus- 
halt verbraucht werden, je mehr sie die Form von Geld an- 
nehmen, das vom Haupte der Genossenschaft besessen und ver- 
waltet wird, desto mehr fühlt sich dies Haupt als Eigentümer, 
nicht bloß Verwalter des Familienguts, desto mehr drückt er 
seine jüngeren Geschwister, soweit sie noch auf dem Hofe 
bleiben, zu Lohnarbeitern herab, denen am Familiengut kein 
Anrecht zusteht. Jetzt dürfen seine jüngeren Geschwister, die 
er in seinem Betrieb behält, auch nicht mehr heiraten. Die Er- 
zeugung legitimer Erben wird sein Monopol. 

Die bäuerlichen Großbetriebe werden nun ähnlich jenen 
der Aristokraten, die ihre Betriebe von vornherein mit Zwangs- 
arbeitern, Sklaven oder Leibeigenen im Gange hielten. An 
Stelle von Zwangsarbeit dieser Art tritt auch bei den Betrieben 
der feudalen Aristokraten früher oder später Lohnarbeit, sobald 
die Besitzlosigkeit von Arbeitskräften eine Massenerscheinung 
geworden ist. 

Der bäuerliche Großbetrieb erhält sich am leichtesten dort, 
wo Viehzucht vorherrscht, die mehr Arbeit erfordert, als der 
Bauer und seine Frau allein leisten können; in Gebirgstälern, 
in denen die Menschen fern auseinanderwohnen, ein Bauernhof 
oft stundenweit vom anderen getrennt, fast ganz auf sich an- 
gewiesen ist. 

In fruchtbaren Ebenen, in denen der Getreidebau große 
Ueberschüsse erzielt, eine dichtere Bevölkerung möglich ist, die 
sich leicht in Dörfern zusammenschließt, wo einer dem anderen 
helfen kann, muß die Auflösung der ländlichen Genossenschaft 
nicht zum Großbetrieb mit Lohnarbeit führen. Zum Betrieb 
des Ackerbaus reicht zur Not ein Mann aus, namentlich in 
Gegenden und zu Zeiten, wo nur oberflächlich gepflügt wird, 
der Pflug keine großen Spannkräfte erheischt. Schlecht und 

21 



recht kann da auch eine Kuh den Pflug ziehen- Eine Züchtung 
von Großvieh ist in einer Wirtschaft mit nur einer erwachsenen 
männlichen und weiblichen Arbeitskraft schwer möglich. Aber 
das ist auch bei entwickelter Warenproduktion nicht nötig. 
Die viehzüchtenden Großbauern können mit den Kleinbauern 
ihren Ueberschuß an Vieh gegen deren Ueberschuß an Getreide 
austauschen. Der Kleinbauer muß natürlich dabei den Besitz 
seines Großviehs auf ein oder zwei Stück beschränken, die er 
zum Zuge oder zur Milchbeschaffung braucht. Seine Fleisch- 
nahrung wird möglichst reduziert. 

Das sind die beiden einzigen Formen des Betriebs, die in 
der kapitalistischen Gesellschaft für die Landwirtschaft weiteste 
Verbreitung finden: entweder der größere Betrieb mit Lohn- 
arbeitern oder der Zwergbetrieb, den der einzelne Bauer mit 
den Kräften seiner Person, seiner Frau und seiner Kinder be- 
treibt. Der genossenschaftliche Betrieb bleibt auf Ausnahmen 
beschränkt. 

Es ist von vornherein ausgeschlossen, daß ein bäuerlicher 
Zwergbetrieb sich aller Mittel der modernen Wissenschaft und 
Technik bemächtigt. Von Wissenschaft kann bei den Klein- 
bauern gar keine Rede sein, kaum von guter Schulbildung. 
Der Betrieb des Kleinbauern stellt die größten Anforderungen 
an die Arbeitskraft seines Besitzers. Dieser muß unermüdlich 
tätig sein, soll nicht das Räderwerk ins Stocken kommen. War 
der Bauer der Hausgenossenschaft ein genußfroher Mensch, der 
sich nicht gern übermäßig plagte, so wird jetzt der Kleinbauer 
zum rastlosesten aller Arbeitstiere. Gerade wegen der Arbeits- 
wut, die er bei seinen Besitzern und deren Nachkommen er- 
zwingt und schließlich zur zweiten Natur macht, ist der bäuer- 
liche Kleinbetrieb stets ein Liebling der bürgerlichen Oekonomie 
gewesen; nicht minder allerdings wegen der politisch reak- 
tionären Gesinnung, die er leicht überall entwickelt, wo die 
feudale Ausbeutungsweise überwunden ist. 

Der Kleinbauer bedarf seiner Kinder dringend irn Beirieb. 
Sie verfügen nicht über die Zeit und schon gar nicht über 
das Geld, höhere Schulen zu besuchen — und wenn eines trotz 
alldem Glück und Energie genug hat, auf eine solche zu 
kommen und etwas zu lernen, dann geht es erst recht der klein- 
bäuerlichen Wirtschaft verloren, in der es nicht die geringste 

22 



Gelegenheit findet, sein höheres Wissen zu betätigen und eine 
Lebenshaltung zu erlangen, die auf gleicher Stufe mit der der 
Masse der Gebildeten steht. 

Selbst die primitivste Arbeitsleistung ist in einem Betrieb 
mit nur einem Mann und einer Frau unmöglich. Auch für das 
Vieh ist eine solche ausgeschlossen, wenn nur ein Stück Groß- 
vieh im Hause ist. 

Maschinen anzuschaffen, fehlt meist das Geld. Der Bauer 
wählt ja die Kleinheit seines Betriebs nicht deswegen, weil 
er darin die rationellste Betriebsgröße sieht, sondern sie ist 
Folge seiner Armut. Gelingt es ihm einmal, Geld zu sparen, 
dann ist sein erstes, mehr Land zu kaufen. Die Aus- 
dehnung seines Betriebs, nicht seine Verbesserung auf 
der gegebenen Bodenfläche, ist seine erste Sorge. Er weiß eben, 
daß auf der Grundlage des Zwergbetriebs kein rationelles Wirt- 
schaften möglich ist. Die meisten und besten Maschinen sind 
im Rahmen des Kleinbetriebs unverwendbar. Es gibt kaum eine, 
die in diesem Rahmen voll ausgenutzt werden und ihre ganze 
Wirksamkeit entfalten könnte. 

Der bäuerliche Kleinbetrieb erweist sich als das mächtigste 
Hindernis jedes technischen Fortschritts in der Landwirtschaft. 
Je länger diese Betriebsweise besteht und je schneller der 
Fortschritt der Technik und Wissenschaft in der Gesellschaft 
vor sich geht, desto größer muß der Unterschied zwischen der 
möglichen und der wirklichen Höhe der Produktivität 
in der Landwirtschaft werden. 

Aber die andere Alternative, die Lohnarbeit, ist in der Land- 
wirtschaft dem technischen Fortschritt nicht viel günstiger. 

In dem Maße, wie die Arbeit monotoner wird, wirkt sie 
auch abstoßender. Gehörten in den Anfängen der Kultur viele 
Arbeiten zu den Genüssen des Daseins, so verringert sich die 
Zahl und Ausdehnung solcher Arbeiten auf dem Gebiet der 
materiellen Produktion zusehends mit dem gesellschaftlichen 
Fortschritt. Immer mehr wird auf diesem Gebiet der wirk- 
samste Ansporn zur Arbeit deren Produkt. Das bleibt dem 
Arbeiter aber nur dort, wo er Besitzer des Produktionsmittels 
ist, also nur im Kleinbetrieb, wenn sich genossenschaftlicher 
Betrieb nicht behaupten kann. Der Kleinbetrieb besitzt damit 

23 



einen Antrieb zur Arbeit, aber auch zur Sparsamkeit, zur 
Schonung der Werkzeuge und Nutztiere, zu sparsamer Ver- 
wendung von Rohstoffen und Hilfsmaterialien, der der Arbeit 
im fremden Betrieb, also im Großbetrieb fehlt (wenn genossen- 
schaftliche Arbeit unmöglich), am meisten bei der Zwangsarbeit, 
zum Beispiel Arbeit von Sklaven und Leibeigenen, aber auch der 
von Lohnarbeitern. Technische Fortschritte werden aber vom 
Kapitalisten heute nicht dort eingeführt, wo sie Arbeit er- 
sparen — der Kapitalist arbeitet selbst nicht, und die Arbeits- 
zeit seiner Ausgebeuteten ist ihm gleichgültig — , sondern nur 
dort, wo sie Profit bringen. Die Arbeit im eigenen Betrieb 
pumpt aus dem Arbeiter mehr und bessere Arbeit heraus als die 
im fremden. Soll letztere die erstere verdrängen, dann muß sie 
technisch nicht nur etwas, sondern sehr viel Vollkommeneres 
zu leisten vermögen. Technische Ueberlegenheit bedeutet da 
noch nicht ökonomische Ueberlegenheit. Die Einführung tech- 
nischer Neuerungen wird dadurch sehr verlangsamt; auch dies 
ist einer der Gründe, warum in der kapitalistischen Produktions- 
weise die wirkliche Produktivität der gesamten gesellschaftlichen 
Arbeit immer hinter ihrer technisch möglichen zurückbleibt und 
zurückbleiben muß. 

Dies Hindernis wirkt in der Industrie wie in der Landwirt- 
schaft, aber in letzterer in weit höherem Grade. In einem 
industriellen Betrieb sind die Arbeiten auf einem engen Räume 
zusammengedrängt; der Arbeiter bleibt in der Regel ständig bei 
einer Hantierung, an einem Orte. Alles das erleichtert seine 
Ueberwachung. Andererseits tritt vielfach der Erfolg einer 
bestimmten Arbeit sofort genau meßbar in Erscheinung — 
soundsoviel Meter Garn, soundsoviel Tonnen Kohlen usw. 

Man kann da durch das Akkordsystem zu rascher Arbeit 
anspornen, fehlerhafte Arbeit bestimmter Arbeiter oder Ar- 
beitergruppen leicht herausfinden, was dem Kapitalisten Anlaß 
zu den profitabelsten Strafsystemen gibt. 

In der Landwirtschaft sind die Arbeiten über eine große 
Fläche ausgedehnt, der Arbeiter wechselt häufig die Arbeit 
und den Arbeitsplatz. Seine Ueberwachung wird dadurch 
schwierig und kostspielig. Nur selten, wie etwa beim Mähen 
oder Dreschen, tritt der Erfolg bestimmter Arbeiten genau meß- 
bar in Erscheinung; Akkordlohn und ähnliche Mittel des An- 

24 



triebs zu schneller Arbeit oder der Verhinderung fehlerhafter 
Arbeit finden daher in der Landwirtschaft weit weniger An- 
wendung als in der Industrie. 

Dazu gesellt sich noch ein anderes hemmendes Moment. 
Der technische Fortschritt, namentlich die Anwendung von 
Maschinen, hat wohl die Tendenz, die Arbeit zu vereinfachen, 
dies gilt jedoch nur für die Masse der angewandten Arbeiter. 
Neben diesen braucht er eine Reihe intelligenter und geschulter 
Arbeitskräfte. In der Industriestadt sind solche Elemente 
massenhaft zu finden. Sie fehlen auf dem flachen Lande und 
fehlen dort immer mehr. 

In Stadt und Land wächst mit der* kapitalistischen Pro- 
duktionsweise die Arbeitswut der Besitzer der Kleinbetriebe 
sowie die Anpeilschung der Arbeiter durch die Besitzer der 
Großbetriebe. In Stadt und Land wächst das Streben nach 
Verlängerung der Arbeitszeit oder, wo dies nicht möglich, nach 
vermehrter Intensität der Arbeit. In den Städten schließen 
sich jedoch die Arbeiter zusammen, gewinnen sie am ehesten 
Kraft, dieses Drängen des Kapitals zurückzuweisen und die 
Arbeitszeit zu verkürzen, Zeit zum Genießen des Lebens zu 
gewinnen. 

Die Stadt bietet auch die mannigfachsten Mittel dazu — 
höhere Genüsse, wie die des politischen Kampfes, wissenschaft- 
licher oder künstlerischer Vorführungen, freilich auch gröbere 
aller Art. 

Dem Landarbeiter, isoliert und leicht zu überwachen, ist 
es weit schwerer, seine Arbeitszeit zu verkürzen, und noch 
schwerer, seine freie Zeit zur Abwechslung seines einförmigen 
Lebens zu benützen. Außer der Kirche und Kneipe unter- 
bricht kaum etwas die Trübseligkeit seines Daseins; politische 
Versammlungen sind fast unmöglich, die zugängliche Literatur 
höchst dürftig, künstlerische Darstellungen gibt es gar keine 
oder im besten Falle alle paar Jahre einmal eine Schmiere 
für einige Tage. Wohl steht ihm die Natur nahe, aber alles 
will gelernt sein, auch das Genießen. Nicht etwa, daß nur 
der Städter für die Schönheiten der Natur Sinn hätte. Sie 
entzückt jeden, der Gelegenheit hat, ihre Mannigfaltigkeit zu 
studieren, nicht nur Künstler und städtische Naturenthusiasten, 
sondern auch Jäger, Aelpler, Seeleute, deren Beruf ein stetes 

25 



und aufmerksames Studium der freien Natur bedingt. Beim 
Ackerbauer ist das nur wenig der Fall. Bei Tage absorbiert 
ihn die Arbeit, und bei Nacht sieht man nichts von der Natur. 
Ein sentimentaler Mondscheinschwärmer ist der Landmann 
nicht. 

Die Nähe der freien Natur entschädigt ihn also nicht für 
das Fehlen fast aller gesellschaftlichen Genüsse oder doch Er- 
regungen und Abwechslungen, die die Stadt in so reichem Maße 
entfaltet. 

Kein Wunder, daß die Sehnsucht nach der Stadt wächst 
und mit der Verbesserung der Verkehrsmittel die Abwanderung 
zur Stadt zunimmt, die schon im Mittelalter begann. 

Sie bietet nicht bloß größere Aussichten zum Fortkommen, 
größere Freiheit der Bewegung, sondern auch größere Ab- 
wechslung, nicht bei der Arbeit, aber außer der Arbeit. 

Gerade die Besten, die Energischsten und Intelligentesien 
unter den ärmeren Bewohnern des flachen Landes wandern 
in die Städte, am ehesten natürlich jene, die ihr Besitz am 
wenigsten beschwert. Das ist ein großes Hindernis der sozia- 
listischen Propaganda auf dem Lande, aber auch ein großes 
Hindernis der Einführung neuer technischer Fortschritte. 
Was nützen die Erfindungen, wenn die gebildeten Arbeiter 
fehlen, die erheischt sind, ihre Anwendung möglich zu 
machen! 

Um das Abwandern ihrer Lohnarbeiter zu hindern, trachten 
die großen Landwirte, ihre Arbeiter künstlich an die Scholle 
zu fesseln durch kleine Gütchen, die man ihnen käuflich oder 
pachtweise überläßt. So werden vom Großbetrieb in der 
Landwirtschaft selbst Zwergbetriebe geschaffen, die technisch 
völlig unzureichend sind, aber auch nicht dem Zwecke dienen, 
Ueberschüsse an Lebensmitteln zu produzieren, sondern Ueber- 
schüsse an Arbeitskräften, die dem Großbetrieb zur Ver- 
fügung stehen. 

Die Lohnarbeiter selbst, die auf dem Lande bleiben, ver- 
langen nach einem Gütchen. Die schlimmsten Geißeln des 
Arbeiters sind die Schwankungen des Marktes. Die des Nah- 
rungsmittelmarktes, die ihm Teuerung bringen, und noch mehr 
die des Arbeitsmarktes, die ihn mit dem ärgsten Uebel für den 
Lohnarbeiter bedrohen, mit Arbeitslosigkeit. Besitzt der Ar- 



26 



beiter ein Gütchen, das ihm die wichtigsten Nahrungsmittel 
sichert, etwa Kartoffeln und die Milch einer Ziege, so fühlt er 
sich vor diesen Schwankungen gesichert; er kann die Teuerung 
wie die Arbeitslosigkeit leichter überdauern. Er verlangt nach 
einem solchen Gütchen nicht um der Grundrente willen, nicht 
einmal auf den Profit macht er Anspruch, ja selbst nicht darauf, 
daß ihm dessen Ertrag den Lohn für die darauf verwendete Ar- 
beit ersetze. Seine Arbeitskräfte sind Frau und Kinder, denen 
er nichts zahlt, und seine ökonomische Sicherstellung und grö- 
ßere Unabhängigkeit scheinen ihm ein Opfer wert. So ist er 
bereit, für sein Gütchen Summen zu zahlen, die der Kapitalist 
für die gleiche Bodenfläche nie bewilligen würde, der Arbeits- 
löhne zu zahlen hat und einen tüchtigen Profit machen will. 

Der Großgrundbesitzer, der von seinem Gute einzelne 
Gütchen abtrennt, um sie an Lohnarbeiter zu verkaufen oder zu 
verpachten, macht also ein doppeltes Geschäft; er fesselt nicht 
nur Arbeiter an seine Scholle, sondern erhält auch von diesen 
weit höhere Preise als den Betrag der kapitalisierten Grund- 
rente. 

So erstehen noch heute gerade in den Bezirken des Groß- 
betriebs und zu dessen Förderung und Stützung immer wieder 
neue Zwergbetriebe, die technisch miserabel ausgestattet sind 
und niemals imstande sein werden, auch nur einigermaßen eine 
höhere Produktivität zu entfalten, indes gleichzeitig in den Ge- 
genden vorwiegenden Kleinbetriebs dieser sich durch die Hem- 
mungen, die das Privateigentum übt, gleichfalls erhält und oft 
durch Erbteilungen noch weiter parzelliert wird. 

Alle diese der technischen Entwicklung feindlichen Ein- 
wirkungen des Privateigentums am Boden und der Lohnarbeit 
werden noch verstärkt durch die wachsenden Kriegsrüstungen, 
die heute in letzter Linie dem kapitalistischen Konkurrenzkampf 
entspringen. 

Der Krieg und die Rüstung zum Kriege bildete stets ein 
Hindernis für die Entwicklung der Produktivkräfte. Dies Hinder- 
nis wächst mit dem modernen Verkehrswesen und der Herrschaft 
des Menschen über die Naturkräfle. Mit den Motiven und Mit- 
teln der Massenproduktion wachsen auch die des Massenmordes 
und wächst die Verschwendung von Kräften, die sonst Mittel des 

27 



Konsums oder Mittel der Produktion schaffen könnten. Die 
Produktion in ihrer Gesamtheit betrachtet, wird die Vermehrung 
der Produktivkräfte durch Militarismus und Marinismus in wach- 
sendem Maße behindert. Aber nicht alle Produktionszweige 
leiden darunter in gleicher Weise. Manche, die als Lieferanten 
für Armee und Marine fungieren, namentlich die Eisenindustrie, 
können ihre Produktivkräfte dadurch steigern. Aber nur auf 
Kosten der anderen Produktionszweige, die um so mehr darunter 
leiden. Keiner mehr als die Landwirtschaft. Die Industrie 
leidet nicht Mangel an Arbeitskräften, wohl aber die Landwirt- 
schaft. Der Militarismus steigert diesen Mangel. Und die Akku- 
mulation von Kapital bei den Landwirten wird nicht dadurch ge- 
fördert, wenn zu den wachsenden Lasten der Grundrente noch 
die der Kriegsrüstungen kommen, alle Ersparnisse nicht nur für 
steigende Bodenpreise, Pacht- und Hypothekenzinsen, sondern 
auch für steigende Steuern hinzugeben sind. 

Die Sache wird nicht besser dadurch, daß die herrschenden 
Klassen im Bauern und Grundbesitz überhaupt ein Gegengewicht 
gegen die steigende Flut des revolutionären Proletariats der 
Städte erblicken und ihn daher durch alle möglichen Begünsti- 
gungen und Privilegien auf Kosten der Städte zu stützen suchen. 
Der Grundbesitz, das heißt der wirkliche Nutznießer der 
Grundrente, sei er Pachtherr oder Hypothekengläubiger, kann 
dabei dick und fett werden, die landwirtschaftliche Technik 
gewinnt höchsten vorübergehend dadurch. Auch hier tritt wieder 
der Unterschied zwischen Technik und Oekonomie zutage. 

Was als ökonomische Förderung des Grundbesitzes ge- 
dacht ist, wird schließlich immer wieder ein Hemmnis der tech- 
nischen Entwicklung der Landwirtschaft. Alle jene Privilegien 
haben ja keinen anderen Zweck, als gerade solche Verhältnisse 
künstlich zu stützen, die den technischen Fortschritt in der Land- 
wirtschaft hemmen. Sie bedeuten entweder eine Erhaltung und 
Belebung des technisch rückständigen Kleinbetriebs in Gegen- 
den, wo er sonst unhaltbar wäre, oder eine Erhöhung der Grund- 
rente, die nur vorübergehend den Landwirten und der Ver- 
besserung ihres Betriebs dient, früher oder später ihren Aus- 
beutern höhere Einnahmen verschafft, Pachtherren und Hypo- 
thekengläubigern. 

28 



Immerhin, die Landwirte sind eine für die herrschenden 
Klassen zu wichtige Klasse in den Industriestaaten, als daß die 
Ausbeuter ihre ökonomische Uebermacht jenen gegenüber völlig 
ausnützten. Andererseits sind die Fortschritte der Naturwissen- 
schaften und der Technik in den alten Kulturstaaten zu gewal- 
tige, als daß sie einer Bevölkerung völlig vorenthalten bleiben 
könnten, die dicht an den Stätten der Produzierung dieser 
Wissenschaft und Technik wohnt. 

Der technische Fortschritt der Landwirtschaft wird durch 
die eben erwähnten Faktoren gehemmt, die Differenz zwischen 
möglicher und wirklicher Produktivität stetig vergrößert, aber 
in den kapitalistischen Industriestaaten wird der Fortschritt da- 
durch in der Regel nicht aufgehoben, sondern nur verlangsamt. 

Anders als in den Industriestaaten steht es in den agra- 
rischen Staaten. Diese kann man in zwei große Gruppen schei- 
den, von denen die einen am besten durch die überseeischen 
angelsächsischen Gemeinwesen, Vereinigte Staaten, Kanada, 
Australien, die anderen durch die Staaten des orientalischen 
Despotismus — Rußland, Türkei, Persien, Indien, China — 
repräsentiert werden, die eben im Begriffe sind, sich dem über- 
kommenen Despotismus zu entwinden. 

Die Staaten des ersteren Typus sind Kolonien, gegründet 
auf einem Boden, der zur Zeit seiner Entdeckung und Er- 
schließung eine Bevölkerung trug, die über Jagd und primi- 
tivste Bodenkultur noch nicht hinausgekommen war. Die Ein- 
führung der Pflugkultur auf der Grundlage der modernen 
Technik bedeutet da einen enormen technischen Fortschritt. 
Die Landwirtschaft kann sich um so rascher entfalten und die 
modernen Werkzeuge ausnutzen, als sie zunächst durch Privat- 
eigentum am Boden und Lohnarbeit nicht gehemmt wird. Die 
ursprünglichen Besitzer des Bodens, die Eingeborenen, werden 
als rechtlos betrachtet und expropriiert, so hat der Boden der 
neuen Staaten zunächst keine Besitzer, und er ist in solcher 
Fülle vorhanden, daß die Besitznahme einzelner Stücke durch 
einwandernde Landwirte noch kein Monopol begründet. Es 
gibt keine Grundrente, keinen Bodenpreis von Belang, sein 
ganzes Geld kann der Landwirt auf die Ausstattung seines Be- 
triebs verwenden. 



29 



Lohnarbeit in der Landwirtschaft ist unter diesen Bedin- 
gungen kaum möglich, da jeder gesunde Mensch mit geringen 
Mitteln leicht einen eigenen Betrieb beginnen kann. Also ist 
auch Großbetrieb unmöglich, da Warenproduktion herrscht. 
Aber gerade auf ihrer Grundlage kann der Kleinbetrieb in der 
Kolonie eine höhere technische Grundlage erreichen als im 
Mutterland, wo die bäuerliche Wirtschaft noch in den Tra- 
ditionen der Produktion für den Selbstbedarf steckt und daher 
höchst vielseitig sein muß. In der Kolonie kann der Landmann 
sofort für den Verkauf produzieren, kann seinen Betrieb ein- 
seitig auf eine bestimmte Spezialität, etwa Weizen, einrichten, 
wodurch er an Produktionsmitteln spart und seine Arbeitskräfte 
besser ausnutzen kann. 

Indes ist die Vielseitigkeit der bäuerlichen Wirtschaft in 
Europa nur zum Teil dem Umstand geschuldet, daß sie ur- 
sprünglich darauf angelegt war, im wesentlichen alles selbst 
zu produzieren, was die Familie ihres Besitzers konsumierte. 
Zum Teil wird diese Vielseitigkeit durch die Notwendigkeit er- 
zeugt, die Bedingungen der dauernden Fortführung des Betriebs 
zu schaffen, die Aussaugung des Bodens zu vermeiden durch 
Fruchtwechsel, Produktion von Stallmist und dergleichen. 

Das hat die bäuerliche Wirtschaft in den Kolonien zunächst 
nicht notwendig, da ja so reichlicher Boden vorhanden ist. 
Liefert er an der einen Stelle keinen Ertrag mehr, dann sucht 
der Bauer eben eine andere Stelle auf, die er urbar macht. Er 
ist also noch ein halber Nomade. 

Damit wird aber diese Wirtschaft zum reinen Raubbau, der 
rasch den Boden erschöpft. 

Die Bodenerschöpfung wird um so verderblicher, da sie mit 
schonungsloser Waldverwüstung Hand in Hand geht. Man hat 
berechnet, daß in den Vereinigten Staaten im Jahre durch- 
schnittlich 110 000 Quadratkilometer Wald vernichtet werden — 
das macht mehr als ein Hundertstel der ganzen Bodenfläche des 
Landes aus (Oppel, Natur und Arbeit, 1904, II, S. 82). 

Kein Wunder, daß die schlimmsten Befürchtungen wegen 
dieser wahnsinnigen Waldwirtschaft laut werden. Aber was 
vermögen theoretische Befürchtungen gegenüber kapitalistischer 
Profitgier! 

30 



Natürlich muß eine derartige Raubwirtschaft das Land 
rasch erschöpfen und ihre eigene Fortsetzung in dem Maße un- 
möglicher machen, in dem die Reserven noch nicht in Besitz 
genommenen Bodens verschwinden. In den Vereinigten Staaten 
ist schon der Anbau mancher Körnerfrüchte, vor allem des 
Weizens, ins Stocken gekommen. 

Eine stete rasche Zunahme der Weizenproduktion im ersten 
Vierteljahrhundert nach dem Bürgerkrieg, von 1866 bis 1891; 
im nächsten Jahrzehnt eine Verlangsamung der Zunahme, von 
gelegentlichem Rückgang unterbrochen; seit 1901 Stillstand. Die 
letzte Ernte von 1909 war eine außergewöhnlich gute, erzielte 
80 Millionen Bushel mehr als die von 1908, blieb aber immer 
noch um 24 Millionen hinter der von 1901 zurück. 

Die gleiche Erscheinung zeigt in den letzten Jahren das 
Rindvieh mit Ausnahme der Milchkühe. 

Also seit 1907 nicht nur keine Zunahme, sondern sogar Ab- 
nahme der Zahl der Rinder. 

Man sieht, der Raubbau fängt bereits an, seine Wirkungen 
geltend zu machen. 

Die amerikanische Landwirtschaft kann auf die bisherige 
Weise nicht mehr weiter wirtschaften, sie kann den extensiven 
nomadischen Raubbau, wo er noch besteht, nicht mehr aufrecht 
halten und muß eine intensive bodenständige Kultur allgemein 
durchführen, die auf Erhaltung und Mehrung der Bodenkräfte 
bedacht ist. Vielfach ist der Anfang dazu gemacht. Damit 
gerät sie aber in ähnliche Bedingungen wie in Europa. Und 
gleichzeitig beginnen nun auch die hemmenden Einflüsse des 
Privateigentums am Boden, der Grundrente und der Alternative 
zwischen Großbetrieb mit unwilliger Lohnarbeit oder Zwerg- 
betrieb ohne Wissen und ohne höhere Technik sich geltend zu 
machen. 

Wie das auf die Bauern wirkt, zeigt die rasche Zunahme 
des Pachtsystems. Von den Farmen der Vereinigten 
Staaten wurden bewirtschaftet 

1880 1890 1900 

■vom Besitzer 74,5 Prozent 71,6 Prozent 64,7 Prozent 

von Pächtern 25,5 „ 28,4 „ 35,3 

31 



Die Erschließung der Länder, die von Wilden bewohnt 
werden, durch europäische Ansiedlungen und dann Eisenbahnen, 
bedeutet also zunächst eine enorme Erweiterung des Nahrungs- 
spielraums, die aber unter der Herrschaft kapitalistischer 
Warenproduktion die Formen rücksichtslosesten Raubbaus 
annimmt, der die urwüchsige Fruchtbarkeit dieser Länder rasch 
erschöpft und nach einem kurzen Uebergangsstadium für ihre 
Landwirtschaft die gleiche, ja infolge von Raubbau und Wald- 
verwüstung leicht eine noch ungünstigere Position schafft wie in 
Europa. 

Noch schlimmer ergeht es der Landwirtschaft in den Agrar- 
ländern des zweiten, des orientalischen Typus. Sie haben be- 
leits eine bäuerliche Wirtschaft entwickelt, jedoch eine rück- 
ständige, die oft noch das dörfliche Gemeineigentum am Boden 
bewahrt. 

In diesen Ländern tritt der Kapitalismus zunächst als 
der Vernichter der bäuerlichen Industrie und der bäuerlichen 
Produktion für den Selbstgebrauch auf. Er zwingt sie, ein- 
seitig bloß Bodenprodukte zu produzieren und auf die häus- 
liche Industrie zu verzichten. Er zwingt sie, ihre Produkte auf 
dem Markte zu verkaufen und Industrieprodukte dort zu kaufen. 
Er gebraucht dabei die mannigfachsten Mittel, vor allem aber 
wirkt er durch Geldsteuern, die er in Kolonialländern 
deren Bewohnern direkt auferlegt, in ,, selbständigen" Staaten 
nach Auferlegung von Staatsschulden durch deren nominelle Be- 
herrscher für sich erpressen läßt, mögen sie Zar, Sultan, Sohn 
des Himmels oder sonstwie heißen. 

Die Ausdehnung und damit die Lebensfähigkeit des indu- 
striellen Kapitalismus hängt davon ab, daß die Ueberschüsse 
an Nahrungsmitteln und Rohstoffen stets wachsen, die ihm die 
agrarischen Länder im Austausch gegen seine Industrieprodukte 
zuführen. Es gibt zwei Methoden, diese Ueberschüsse zu ver- 
mehren, so wie es zwei Methoden der Vergrößerung des Mehr- 
wertes unter dem System der Lohnarbeit gibt, die des absoluten 
und des relativen Mehrwertes. 

Man kann den Mehrwert und das Mehrprodukt dadurch 
steigern, daß man die Produktivität der Arbeit durch Ein- 
führung technischer Verbesserungen erhöht. Der gewaltige 
technische Fortschritt der Industrie beruht auf dieser Methode. 



32 



Aber schon in der Landwirtschaft der Industrieländer ist sie 
viel weniger wirksam als in der Industrie, wie wir gesehen 
haben. Noch weniger wirksam in den rein oder überwiegend 
agrarischen, vom Kapital unterjochten Ländern. Wohl wird 
sie nicht völlig außer acht gelassen — wir erinnern zum Bei- 
spiel an die gewaltigen Bewässerungsbauten der Engländer in 
Aegypten — , aber im allgemeinen wird die andere Methode 
vorgezogen, das Mehrprodukt oder den Mehrwert nicht dadurch 
zu steigern, daß dieselbe Arbeit mehr Produkt liefert, sondern 
dadurch, daß aus den Arbeitern mehr unbezahlte Arbeit heraus- 
geschunden wird, was in den Ländern der Lohnarbeit durch 
Ausdehnung der Intensivierung der Arbeitszeit und Herab- 
drückung des Reallohns — nicht immer des Geldlohns — er- 
reicht wird. In den agrarischen Ländern kommen daneben noch 
andere Methoden in Betracht, namentlich Erhöhung von Steuern 
und zunehmende Verschuldung des Landwirtes und damit Ver- 
mehrung seiner Schuldenzinsen. 

Alle diese Methoden der Erhöhung des absoluten Mehr- 
produktes sind weitaus bequemer, billiger und rascher wirksam 
wie die der Vermehrung des relativen Mehrproduktes. Freilich 
führen jene zu vorzeitiger Erschöpfung und schließlich völliger 
Ruinierung der Kräfte der Arbeiter und des Bodens — der 
beiden Quellen aller Produktivkraft. Aber die kapitalistische 
Produktionsweise gehört nicht zu jenen, in denen die Menschen 
glauben, für die Ewigkeit zu schaffen, noch auch zu jenen, in 
denen die einzelnen das Gefühl haben, für die Gesamtheit zu 
schaffen. Da ist jeder für sich im allgemeinen Konkurrenz- 
kampf, jeder nur darauf bedacht, so viel für sich aus der gemein- 
samen Beute herauszuschlagen als möglich, und zwar so rasch 
als möglich, denn alle technischen und gesellschaftlichen Ver- 
hältnisse sind in steter Umwälzung begriffen und nur das Heute 
sicher. Das ist die richtige Produktionsweise des allgemeinen 
und ständigen Raubbaus. 

Der Empörung des Proletariats in den Industrieländern ist 
es zu danken, daß diese Tendenz zur Ruinierung von Land und 
Leuten sich dort nicht völlig durchsetzt und immer stärkeren 
Widerstand findet. Ohne den Klassenkampf des Proletariats 
hätte das industrielle Kapital die modernen Industrieländer be- 
reits völlig erschöpft und ruiniert. Je kraftvoller der Wider- 

Kautsky, Landwirtschaft 3 33 



stand des Proletariats, desto mehr werden aber nicht bloß die 
zerstörenden Raubbautendenzen des Kapitalismus eingeengt, 
desto mehr wird er auch gedrängt, die andere Methode der Er- 
höhung des Mehrwertes anzuwenden, die Vermehrung der Pro- 
duktivkraft der menschlichen Arbeit durch den technischen Fort- 
schritt. Die so hervorgerufene technische Revolution ist die 
glänzendste Seite in der Geschichte des Kapitalismus. Aber 
ihren mächtigsten Antrieb bildet der Klassenkampf des Prole- 
tariats. 

Man wirft uns Sozialdemokraten vor, wir wüßten nur den 
Klassenhaß zu schüren und keine positive Politik zu treiben. In 
Wirklichkeit treibt niemand mehr und erfolgreicher positive 
Politik wie jene, die den Klassenkampf des Proletariats einheit- 
licher, kraftvoller, erfolgreicher zu gestalten suchen. Ohne diesen 
Klassenkampf wäre heute schon keine Kultur mehr möglich. 

In den agrarischen Ländern des orientalischen Typus fehlt 
bisher ein industrielles Proletariat, das stark genug wäre, durch 
seinen Klassenkampf der kapitalistischen Ausbeutung im ganzen 
Lande Beschränkung aufzulegen, und es fehlt damit das stärkste 
Hindernis für den Kapitalismus, seine Politik des Raubbaus frei 
zu entwickeln, sowie der stärkste Antrieb, die Produktivität der 
Arbeit durch kostspielige und langwierige technische Verbesse- 
rungen zu vermehren. Da überwiegt die erstere Methode, die 
des absoluten Mehrwertes, weit über die letztere, die des rela- 
tiven Mehrwertes; da führt der Kapitalismus zu unaufhaltsamer 
nicht bloß relativer, sondern absoluter Verelendung des Bodens 
und vielfach auch der Bevölkerung. 



34 



IL 
Die landwirtschaftlichen Arbeitsmittel 

1. Die ländliche Arbeiterfrage 

Die Landwirtschaft hat in vielen Punkten ihre eigenen, von 
denen der Industrie verschiedenen ökonomischen Gesetze. 
Das wird auch in der Uebergangswirtschaft zutage treten. 
Sie erzeugt den größten Teil ihres Rohmaterials selbst, 
Saatgut, Vieh, Dünger. Ihr wichtigster Arbeitsgegenstand ist 
gleichzeitig auch ihr wichtigstes Arbeitsmittel, die Erde. Diese 
wird weder im Arbeitsprozeß verbraucht, wie Rohstoffe, noch 
abgenutzt, wie Maschinen. Andererseits ist der kulturfähige, 
wie der in Kultur genommene Boden, nicht beliebig, in alten 
Kulturländern überhaupt nicht mehr nennenswert vermehrbar. 
Doch nimmt er auch selten ab. Der Krieg hat die Rohstoffe und 
Arbeitsmittel vieler Industrien auf ein Minimum reduziert, auch 
in Gegenden, die fern von den Kriegsschauplätzen lagen. Da- 
gegen hat er selbst dort, wo er am verwüstendsten wirkte, in den 
Gebieten des Stellungskrieges, die Erdoberfläche nicht verringere . 
Er hat sie dort nur vielfach auf die Stufe des jungfräulichen 
Bodens zurückgebracht, der, so wie er ist, nicht in Anbau ge- 
nommen werden kann, sondern erst wieder urbar gemacht werden 
muß. Solcher Boden ist nicht sofort Arbeitsmittel, wohl aber 
Arbeitsgegenstand. Er ist das Rohmaterial, aus dem Kulturboden 
zu schaffen ist. 

Abgesehen aber von den umgewühlten Lokalitäten des Stel- 
lungskrieges hat die Ackerfläche auch auf den Kriegsschau- 
plätzen nicht aufgehört, Kulturboden zu sein. Freilich, als Ar- 

r 35 



beitsmittel hat er sich überall verschlechtert und seine Pro- 
duktivität hat abgenommen, denn er wurde wegen Mangels an 
Arbeitern, Geräten und Zugvieh schlechter bestellt und die 
Düngermassen nahmen ab, die ihm zugeführt wurden. 

Durch alles das wurde jedoch die Arbeitsgelegenheit auf 
dem Lande nicht vermindert, eher vermehrt. Schon vor dem 
Kriege unterschied sich die Landwirtschaft von der Industrie 
dadurch, daß jene keine Arbeitslosigkeit kannte, vielmehr an 
Arbeitskräften Mangel litt. Dieser Unterschied wird nach dem 
Kriege in noch erhöhtem Maße wieder eintreten. Sie wird eben- 
soviel Arbeiter brauchen wie vorher. Sie hat aber viele verloren, 
die teils vor dem Feinde gefallen, teils Verwundungen oder Er- 
krankungen erlegen sind, teils so verstümmelt oder in ihrer Ge- 
sundheit geschwächt wurden, daß sie zur landwirtschaftlichen 
Arbeit untauglich wurden, die robuste Menschen erheischt, deren 
Sinne und Muskeln alle intakt sind. 

Man könnte meinen, die Arbeitslosigkeit in den Städten 
werde viele ihrer Arbeiter wieder der Landwirtschaft zuführen, 
aber das ist nicht zu erwarten. Die Arbeiternot auf dem Lande 
rührt hauptsächlich daher, weil dort die Einförmigkeit des Da- 
seins und die Abhängigkeit der Lebensführung auch außerhalb 
der Arbeitszeit in immer drückenderen Gegensatz zu den städ- 
tischen Lebensbedingungen gerät. Solange dieser Gegensatz nicht 
überwunden ist, wird auch weitgehende Arbeitslosigkeit in 
den Städten die Landflucht nicht in eine Flucht aus der 
Stadt umkehren, sondern höchstens die Abwanderung vom 
fiachen Lande zeitweise zum Stillstand bringen können. Ganz 
abgesehen davon, daß diejenigen kräftigen Leute in der Stadt, 
die zur Landwirtschaft taugen würden, am ehesten in der Stadt 
Arbeit finden. Die Alten und Schwachen, die die ersten Opfer 
der Arbeitslosigkeit sind, eignen sich nicht für die Landarbeit, 
namentlich dann nicht, wenn sie ihrer schon längere Zeit ent- 
wöhnt waren. Und wer nicht von Jugend auf landwirtschaft- 
liche Arbeit betrieb, findet sich später überhaupt nicht mehr 
hinein. 

Von den Städten hat also die Landwirtschaft keinen Zu- 
zug zu erwarten. Darf sie auf das Ausland rechnen? Es gab 
Gebiete, namentlich in Ost- und Südeuropa, vor dem Kriege, 
die einen Ueberschuß an ländlichen Arbeitskräften produzierten 

36 



und dabei eine so langsame Entwicklung der Industrie auf- 
wiesen, daß diese nicht imstande war, den ganzen Ueberschuß 
aufzusaugen. Ein erheblicher Teil davon zog in Länder, die an 
ländlichen Arbeitskräften Mangel litten, sei es, weil ihre In- 
dustrie stark wuchs, sei es, weil ihre Landwirtschaft sich rasch 
ausdehnte, wie in manchen Gebieten Amerikas. Zu den Län- 
dern ersterer Art zählte Deutschland. Im Jahre 1912/13 wur- 
den im Deutschen Reiche an 767 000 ausländische Wander- 
arbeiter Legitimationskarten ausgefertigt, darunter 421 000 für 
die Landwirtschaft. Von diesen ausländischen Wanderarbeitern 
kamen 317 000 aus Rußland, 281000 aus Oesterreich. 

Nach dem Kriege ist dieser Zuzug nicht mehr zu erwarten. 
Jene agrarischen Gebiete haben selbst große Menschenverluste 
erlitten und zunächst keinen Ueberschuß abzugeben. Es ist 
fraglich, ob sie je wieder einen solchen zur Wanderarbeit ins 
Ausland entsenden werden. Denn ihre politischen Verhältnisse 
haben sich im Kriege gründlich gewandelt, ihre industrielle 
Entwicklung dürfte im Frieden ein rasches Tempo einschlagen. 
Der Druck, der dort auf den arbeitenden Klassen in Stadt und 
Land lastete, ist gewichen, die Verhältnisse bei ihren Nachbarn 
dürften eher abschreckend wie anziehend auf sie wirken. Die 
deutsche Landwirtschaft hat weder auf polnische, noch auf 
sonstige Landarbeiter aus dem Osten zu rechnen. Sie muß 
sogar, wenn der benachbarte polnische Staat gedeiht, auf eine 
Massenabwanderung landloser Polen gefaßt sein, eine Lösung 
der preußischen Polenfrage, die unseren Hakatisten die un- 
erwünschteste sein dürfte, obwohl sie ihrem Ideal der mög- 
lichsten Verminderung der polnisch redenden Elemente in 
Deutschland am nächsten käme. 

Der Mangel an Arbeitskräften wird also in vielen Industrie- 
siaaten eine große Gefahr für die Landwirtschaft und damit 
auch für die Bevölkerung überhaupt werden. Wohl wäre es 
lächerlich, irgendeinem der großen Arbeitszweige den Vorzug 
vor allen anderen zusprechen zu wollen. In der modernen Ar- 
beitsteilung sind sie alle gleich wichtig, keiner zu entbehren. 
Aber manche können doch vorübergehend aussetzen, ohne daß 
wir gleich zugrunde gehen, andere nicht. Zu den Arbeits- 
zweigen, die unter den gegebenen Produktionsverhältnissen 
nicht stillgesetzt werden können, ohne sofort das ganze menscli- 

37 



liehe Leben in ihr zu gefährden, gehört neben dem Kohlenberg- 
bau und den Eisenbahnen die Landwirtschaft. 

Das ist freilich anders zu verstehen, als die Agrarier meinen, 
die unter den Interessen der Landwirtschaft die ihres Grund- 
besitzes und ihrer Grundrente verstehen. Unentbehr- 
lich ist die landwirtschaftliche Arbeit, nicht der landwirt- 
schaftliche Besitz. Eine Form des Grundbesitzes, die die 
Arbeiter von der Landwirtschaft abstößt, ist für diese direkt 
verderblich, und das hohe Interesse der gesamten Gesellschaft 
an der landwirtschaftlichen Produktion gebietet nicht die Er- 
haltung, sondern die Abschaffung eines derartigen Grund- 
besitzes. 

Das soll kein Plädoyer für Zerschlagung des großen Grund- 
besitzes in kleine Gütchen sein. Gewiß haften dem kleinen 
Grundbesitz nicht die Nachteile des großen an, vor allem nicht 
die der Lohnarbeit, die in der Landwirtschaft größere Hemm- 
nisse der Produktivität der Produktionsmittel entwickelt, als 
in der Industrie. Aber der kleine Grundbesitz entwickelt 
andere, noch größere Hemmnisse der Produktivität der Pro- 
duktionsmittel und verurteilt überdies seine Arbeitskräfte noch 
mehr zu Ueberarbeit und geistiger Verödung als der Groß- 
betrieb. Er wirkt daher nicht minder abstoßend auf sie 
wie dieser. 

Im Deutschen Reiche haben alle Staaten und Provinze» 
in der Zeit von 1895 bis 1907 einen nicht bloß relativen, son- 
dern sogar absoluten Rückgang in der Zahl der Berufszuge- 
hörigen der Landwirtschaft zu verzeichnen, mit nur zwei 
größeren Ausnahmen: Südbayern, wo die Zahl der Berufs- 
zugehörigen von 1 201 496 auf 1 233 045, also um 31 549 stieg, — 
auch noch ein relativer Rückgang bei einer Zunahme der Ge- 
samtbevölkerung des Gebietes um 318 649, und Posen, wo 
die landwirtschaftliche Bevölkerung 1895 1 053 351 Personen 
zählte und 1907 1 062 147, eine Zunahme um ganze 8796 bei 
einer Zunahme der entsprechenden Gesamtbevölkerung um 
190 760. Ein sehr mageres Ergebnis der mit Hunderten von 
Millionen geförderten Ansiedlungspolitik. Badens landwirt- 
schaftliche Bevölkerung, 729 187, verminderte sich um 56 242, 
Württemberg verlor 51155 von 933 576, Elsaß - Lothringen 
47 917 von 616 074, Hessen 30 020, fast ein Zehntel seiner land- 



38 



wirtschaftlichen Bevölkerung von 371 919! So Gebiete über- 
wiegenden Kleinbetriebes. Dagegen verlor von den Gebieten 
des Großbetriebes Pommern von 790 983 nur 27 678, 
Westpreußen 9313 von 822 666, Mecklenburg-Schwerin 9634 
von 295 299, Ostpreußen allerdings 105 289 von 1 171300, Bran- 
denburg 76 900 von 962 789. 

Es ist ganz unmöglich zu sagen, welche Betriebsart in der 
Landwirtschaft auf ihre Arbeitskräfte mehr abstoßend wirkt, 
der Großbetrieb oder der Kleinbetrieb. Und es will mich schier 
bedünken, daß in dieser Beziehung beide stinken. 

Die künstliche Schaffung kleinbäuerlicher Stellen hilft nicht, 
der Landwirtschaft ihre Arbeitskräfte zu erhalten. Will man 
gar den Zug in die Stadt in einen Rückstrom auf das Land 
verwandeln, dann muß man schon zum Sozialismus greifen. Er 
allein vermag auf dem flachen Lande kulturelle und soziale 
Einrichtungen zu schaffen, die imstande sind, zusammen mit 
den sanitären und ästhetischen Vorzügen der innigeren Ver- 
bindung mit der Natur die Anziehungskraft der Stadt zu über- 
winden. 

Aber wir handeln ja nicht von dem großen Thema des 
Ueberganges vom Kapitalismus zum Sozialismus, sondern von 
dem viel kleineren, doch einstweilen näherliegenden des Ueber- 
ganges vom Kriegszustand in den Friedenszustand auf kapi- 
talistischer Grundlage. 

Auf dieser Grundlage läßt sich verhältnismäßig wenig tun, 
um die Anziehungskraft des flachen Landes gegenüber der 
Stadt zu steigern. Immerhin noch weit mehr, als tatsächlich 
geschieht. Doch die meisten der Maßnahmen zur Verbesserung 
der Lage der Landbevölkerung erheischen Zeit, um zur Wirk- 
samkeit zu kommen, fallen also nicht in das Bereich der kurz- 
lebigen Uebergangswirtschaft. 

Zum mindesten aber müßte man die gesetzlichen Be- 
stimmungen beseitigen, durch die heute noch die ländlichen 
Arbeiter in bezug auf Koalitionsrecht, Kontrakt- 
bruch, Schutz vor Mißhandlungen schlechter ge- 
stellt sind als die industriellen. Die Beseitigung dieser Ueber- 
bleibsel der feudalen Hörigkeit könnte und müßte sofort ge- 
schehen. Die Agrarier scheinen freilich eher Lust zu haben, 

39 



die Fesseln dieser Hörigkeit noch stärker anzuspannen, gerade 
wegen des Arbeitermangels, den sie befürchten, wenn ihnen die 
Kriegsgefangenen fortziehen. Ihre ganze innere und äußere 
Politik beruht ja auf Methoden der Gewalt und des Zwanges. 
Daß sie damit den Antrieb der Landflucht nur verstärken, ver- 
mögen sie nicht einzusehen, wie sie überhaupt Argumente schwer 
einzusehen vermögen. Das einzige, wovor sie selbst Respekt 
haben und Respekt bei anderen voraussetzen, ist die Macht 
überlegener Gewalt. 

Neben den gesetzlichen Fesseln, die dem Landarbeiter ge- 
ringere Freiheit lassen als dem städtischen, wird ihm diese noch 
eingeengt durch das Wohnungswesen. 

Gewiß, die Wohnungsverhältnisse der städtischen Arbeiter- 
schaft sind auch alles andere eher als erfreulich. Auf diesem 
Gebiete treten die Verelendungstendenzen des Kapitalismus am 
krassesten zutage. Doch schlimmere Löcher als die Behausungen 
der ländlichen Arbeiter sind die der städtischen auch nicht. 
In einem aber zeigen die städtischen Arbeiterwohnungen einen 
ausgesprochenen Vorzug vor den ländlichen: Der Vermieter, 
mit dem der städtische Arbeiter zu tun hat, ist ein anderes In- 
dividuum als der Unternehmer, der ihn beschäftigt. Vermieter 
und Unternehmer sind in der Stadt ohne jeden gesellschaft- 
lichen Zusammenhang, und die Zahl der Arbeiterwohnungen 
eine so große, daß es unmöglich ist, jeden Arbeiter in seiner 
Wohnung zu kontrollieren. Wie abhängig er auch in seiner 
Fabrik sein mag, sobald er sie verlassen hat, ist er ein relativ 
freier Mann. 

Ganz anders der Landarbeiter. Er findet eine Wohnung 
nur entweder bei dem Unternehmer, der ihn beschäftigt, oder 
bei einem ihm nahestehenden Klassengenossen. Diese können 
jeden seiner Schritte auch außerhalb seines Arbeitsverhältnisses, 
seinen gesellschaftlichen Verkehr, seine Lektüre usw. über- 
wachen. Keine Minute wird da der Arbeiter die Abhängigkeit 
von seinen Herren los. 

Um ihr zu entgehen, trachtet mancher, so viel von seinem 
armseligen Lohn abzuknapsen, daß er schließlich eine elende 
Hütte sein Eigen nennen kann. Doch damit kommt er aus 
dem Regen in die Traufe, denn er verliert nun seine Freizügig- 

40 



keit, die Möglichkeit, abzuwandern, um anderswo eine andere 
Arbeit zu suchen. Seine Abhängigkeit wird dadurch noch 
vermehrt. 

Sie erheblich zu mildern, gibt es nur einen Weg: die Er- 
richtung ausreichender Mietwohnungen für die Landarbeiter 
durch eine Gemeinschaft, die unabhängig von den Grund- 
besitzern ist, mit ihren Sympathien auf Seite der Landarbeiter 
steht; eine öffentlich-rechtliche Körperschaft, die mit öffent- 
lichen Mitteln arbeitet und nach allgemeinem und gleichem so- 
wie geheimem Wahlrecht gewählt ist und wirkliche Selbstver- 
waltungsbefugnisse besitzt. Entweder die Gemeinde — oder 
noch besser, da in dieser die Einflüsse der lokalen großen 
Grundbesitzer leicht überwiegen, der Kreis oder die Provinz — , 
aber freilich nicht die heutige Kreis- oder Provinzialvertretung 
preußischer Art, sondern eine völlig demokratische. 

In England hat man die Wichtigkeit der Wohnungsfürsorge 
für die Landarbeiter bereits anerkannt und sie zu einer der 
Aufgaben der Uebergangswirtschaft gemacht. Daneben sollen 
staatlich festgesetzte Minimallöhne die Anziehungskraft 
der Landarbeit erhöhen. 

Für sich allein bedeuten Minimallöhne ebenso wie Preis- 
taxen wenig. Es finden sich immer Mittel, sie zu umgehen, 
wenn das Spiel von Nachfrage und Angebot auf dem Arbeits- 
markt für die Arbeiter ungünstig ist. Staatlich vorgeschriebene 
Minimallöhne können sogar schädlich wirken, wenn sie in der 
Arbeiterschaft, für die sie gelten, das Gefühl der Sicherung 
hervorrufen und sie ihre gewerkschaftliche Organisation ver- 
nachlässigen lassen. 

Dagegen können sie gute Erfolge erzielen bei einer Ar- 
beiterschaft, die gewillt und imstande ist, sich eine bessere 
Position zu erkämpfen, aber noch des nötigen Selbstgefühls 
ermangelt. Da mag ein Minimallohn als moralische Unter- 
stützung sehr günstig wirken und die gewerkschaftliche Or- 
ganisation fördern, als Mittel, die Durchführung des Minimal- 
lohns zu überwachen und zu erzwingen, 

Alle diese Maßregeln zugunsten der Landarbeiter fordern 
wir natürlich nicht als vorübergehende, sondern als dauernde. 
Sie sollen nicht bloß für die Zeit der Uebergangswirtschaft 
gelten. Sie werden aber doppelt notwendig in dieser Zeit, 

41 



nicht bloß im besonderen proletarischen, sondern auch im all- 
gemeinen Interesse, weil da die größte Produktivität der Land- 
wirtschaft noch wichtiger ist als sonst. Diese Produktivität 
ei heischt zahlreiche, leistungsfähige und willige Arbeitskräfte. 
Zwangsarbeit ist die unproduktivste Arbeit. 

2. Die Maschine in der Landwirtschaft 

Was immer man aber für die Landarbeiter tun mag, inner- 
halb der kapitalistischen Produktionsweise wird es nicht aus- 
reichend sein, die Landflucht in eine Stadtflucht zu wandeln. 
Es wird den Mangel an Landarbeitern vermindern, man darf 
jedoch nicht damit rechnen, daß es ihn beseitigt. 

Um so notwendiger wird die vermehrte Anwendung der 
Maschine in der Landwirtschaft. Man braucht nicht zu fürch- 
ten, daß die Arbeiter dadurch geschädigt werden. Die Ma- 
schine wirkt in der Landwirtschaft ganz anders als in der 
Industrie. In letzterer degradiert sie oft den Arbeiter, er- 
möglicht sie die Ersetzung qualifizierter Arbeiter durch un- 
gelernte, männlicher Erwachsener durch Frauen und Kinder, 
vieler Arbeiter durch eine geringe Anzahl. Ganz anders in 
der Landwirtschaft. In der Industrie ist die Maschine an einen 
Platz gebannt, den sie nicht verläßt; sie ist dort tagaus, tagein 
tätig, derselbe Arbeiter hat stets dieselbe Maschine zu be- 
dienen. Die Arbeiter sind auf einem Flecke konzentriert und 
leicht zu überwachen. Die landwirtschaftlichen Maschinen da- 
gegen wirken, soweit sie Feldarbeit verrichten, in beständiger 
Ortsveränderung auf wechselndem Gelände; sie werden nur 
zeitweise angewandt von Arbeitern, die noch zahlreiche andere 
Hantierungen daneben zu verrichten haben. Die Arbeiter ver- 
richten ihre Arbeiten, auf weiten Flächen zerstreut, in kleinen 
Gruppen oder jeder für sich allein. Ihre Ueberwachung ist 
schwierig. Nur intelligente, geübte Arbeiter vermögen die 
Maschinen in der Landwirtschaft zweckmäßig anzuwenden. 
Wenn die Maschine in der Industrie die Zahl der Arbeitskräfte 
vermehrt, die im Arbeitsprozeß anwendbar sind, so scheitert 
die Anwendung der Maschine in der Landwirtschaft oft viel- 
mehr daran, daß sie nicht genug Arbeiter vorfindet, die im- 
stande sind, sie anzuwenden, da die bisherigen Lebens- und 

42 



Arbeitsbedingungen auf dem flachen Lande bei den Arbeitera 
Intelligenz und Sorgsamkeit schwer aufkommen lassen. Ver- 
mehrung der Maschinen in der Landwirtschaft bedeutet nicht 
Verdrängung qualifizierter, reifer Arbeitskräfte durch un- 
qualifizierte, unreife, sondern zwingt vielmehr die Landwirte, 
auf die Hebung der Intelligenz und der Sorgsamkeit ihrer Ar- 
beiter bedacht zu sein, diese also nicht herabzudrücken, son- 
dern zu heben. 

Dabei bewirkt die Maschine in der Landwirtschaft in der 
Regel geringere Arbeitsersparnis als in der Industrie, schon 
deshalb, weil sie meist nicht ständig, sondern nur für gewisse, 
vorübergehende Gelegenheiten, Pflügen, Säen, Ernten, Dreschen 
in Verwendung kommt. Ein Produkt des Mangels an Arbeits- 
kräften daher am massenhaftesten in Verwendung gekommen 
in den Vereinigten Staaten, hat sie noch nirgends diesen Mangel 
in einen Ueberfluß verwandelt, sondern nur bewirkt, daß die 
vorhandenen Arbeitskräfte wirksamer angewandt werden 
konnten, die landwirtschaftliche Arbeit intensiver betrieben 
wurde. 

Zur Illustrierung der Wirkungen der Maschine auf die 
Arbeiterverhältnisse in der Landwirtschaft mögen folgende 
Daten dienen, die einer Untersuchung des amerikanischen 
Arbeitskommissars (commissioner of labor) über Hand- und 
Maschinenarbeit entnommen sind. Zur Bearbeitung eines 
Acres Weizenbodens (Pflügen, Säen, Eggen) waren 1829 drei 
Tagelöhner beschäftigt, deren jeder 50 Cents (2 Mark) Tage- 
lohn erhielt. Bei Anwendung des Dampf pfluges wurden 1895 
für die gleiche Fläche auch drei Arbeiter beschäftigt, ein 
Maschinist, ein Heizer, ein Kutscher. Der Lohn eines Tage- 
löhners war inzwischen auf 1 Dollar 50 Cents (6 Mark) ge- 
stiegen, doch der Lohn jedes der drei beim Dampfpflug tätigen 
Arbeiter stand noch höher. Der Maschinist bekam 4 Dollars 
(16 Mark), der Heizer 2,50 Dollars (10 Mark), der Kutscher 
2 Dollars (8 Mark). Trotzdem war die Maschinenarbeit billiger, 
weil sie sich viel rascher vollzog. Bei der Handarbeit brauchte 
der Pflüger 6 Stunden 40 Minuten, der Säemann 1 Stunde 
25 Minuten, der Egger 2 Stunden 50 Minuten. Dagegen ver- 
richtete die Maschine alle diese Arbeiten zusammen in einer 
Viertelstunde. 



43 



Ein weiterer Vorteil mancher landwirtschaftlichen Maschine 
ist, nebenbei gesagt, der, daß sie nicht bloß menschliche Ar- 
beit spart, sondern auch Material. So geht beim Handsäen 
viel Saatgut verloren. Die Drillmaschine erzielt bessere Re- 
sultate mit weniger Saatgetreide. Ebenso kann durch die 
Düngerstreumaschine die Zufuhr des Düngers genau geregelt 
werden, so daß nicht mehr Dünger verbraucht wird, als not- 
wendig ist, und die Pflanzen gerade jene Menge erhalten, die 
sie brauchen. 

Die Anwendung von Maschinen in der Landwirtschaft zu 
fördern, wird eine wichtige Aufgabe der Uebergangswirt- 
schaft sein. 

Doch nicht bloß der Mangel an Arbeitern und Material 
wird dies notwendig machen, sondern ebensosehr der Mangel 
an Zugvieh, das bisher als bewegende Kraft im Ackerbau die 
größte Rolle spielte. Der Ackerbau im heutigen Sinne des 
Wortes datiert erst von der Zeit, als das Rind vor den Pflug 
gespannt wurde. Spät gesellt sich zum Rind das Pferd als 
Zugtier der Landwirtschaft. Lange hat das Pferd nur den 
Zwecken des Krieges, der Jagd und des Luxus gedient. Im 
Kriege ist es heute noch unentbehrlich. Die Bedeutung und 
Stärke der Kavallerie ist relativ freilich sehr zurückgegangen, 
im Verhältnis zu der Gesamtzahl des Heeres, aber absolut hat 
sie an Zahl nicht abgenommen. Im Jahre 1880 betrug in der 
deutschen Armee die Zahl der Dienstpferde der Kavallerie 
63 000, 1914 (nach dem Friedensvoranschlag) dagegen 81000. 
Erheblich vermehrt wurde die Artillerie, damit auch ihr Pferde- 
bestand. Er belief sich 1880 auf 15 000 Pferde, 1914 dagegen 
nach dem Friedensvoranschlag auf 61 000. Endlich ist auch der 
Train sehr vermehrt worden. Wohl werden durch Automobile 
und Feldeisenbahnen viele seiner Aufgaben erfüllt, die ehedem 
dem Pferdegespann zufielen. Aber die Aufgaben des Trans- 
portwesens sind so enorm gewachsen, daß die Anzahl der Pferde 
beim Train doch bedeutend zugenommen hat. Im Jahre 1880 
zählte man bloß 2500 Pferde beim Train des deutschen Heeres, 
1914 dagegen 8000. Die gesamte Zahl der Armeepferde des 
Friedensstandes ist von 1880 bis 1914 von 80 000 auf 160 000 
gestiegen, sie hat sich gerade verdoppelt. 

44 



„Alles in allem ist die Zahl der bespannten Fahrzeuge, einschließ- 
lich der Geschütze, bei einem deutschen Armeekorps heute ungefähr 
doppelt so groß, wie die eines an Infanterie und Kavallerie ebenso 
starken preußischen Armeekorps im Kriege 1866 war." (W. v. Blume, 
Strategie, Berlin 1912, S. 97.) 

Das galt im Frieden. 

Im Kriege wächst mit der Armee natürlich auch die Menge 
ihres Pferdematerials. Wenn die deutsche Armee 1880 80 000 
Pferde im Dienst hatte, so wurde ihr Pferdebestand im August 
1870 auf 250 000 berechnet. Man kann danach ermessen, welche 
Pferdemengen der jetzige Krieg in Anspruch nimmt. 

Wie die angewandte Pferdemenge wird auch der Verlust an 
Pferden bei der langen Dauer des Krieges und dem Futtermangel 
bei jeder der kriegführenden Mächte ungeheuer groß sein. Der 
, siebentägige Krieg" von 1866 kostete die preußische Armee 
4500 tote Soldaten, die auf dem Schlachtfelde fielen oder ihren 
Verwundungen erlagen, und 6500 Pferde, die verloren gingen. 
Verglichen mit dem jetzigen, erscheint dieser Krieg geradezu 
idyllisch. Kein Wunder, daß er bei seiner Kürze und seinen 
großen Erfolgen mehr fröhliche als düstere Nachwirkungen zu- 
rückließ. 

Wenn in dem jetzigen Kriege die Pferdeverluste zu den 
Menschenverlusten in einem ähnlichen Verhältnis stehen sollten 
wie 1866, muß man auf eine ungeheure Verringerung des Reich- 
tums an Pferden gefaßt sein. 

Gleichzeitig wird das Rindvieh an Zahl zurückgegangen 
sein, da der Welthandel unterbunden ist, so daß die Industrie- 
staaten von außen weder die Futterstoffe, noch die Fleisch- 
mengen bekommen, die sie im Frieden bezogen, und daher ge- 
zwungen sind, mehr Rindvieh zu schlachten, als dem normalen 
Zuwachs entspricht. Man spart dadurch an Futter für das Vieh 
und schafft vermehrte Nahrung für die Menschen — aber auf 
Kosten der Zukunft. Der Viehbestand wird verringert. 

Nach dem Kriege wird also die Landwirtschaft viel ärmer 
an Zugtieren sein wie vor ihm. Allerdings reicher, als sie 
während des Krieges war. Die Demobilisierung wird viele 
Pferde frei machen, aber längst nicht so viele, als an das Heer 
abgegeben wurden. 

45 



Mehr als jeder andere Erwerbszweig verwendet die Land- 
wirtschaft Pferde. Im Jahre 1917 zählte man im Deutschen 
Reich 4 345 000 Pferde, davon in der Landwirtschaft 3 491 000. 
Soll die Landwirtschaft so schnell wie möglich wieder ihre alte 
Produktivkraft gewinnen, müssen ihr an Stelle der tierischen 
Zugkräfte möglichst viele mechanische Motoren geliefert wer- 
den. Die moderne Technik ist so weit, die tierische Zugkraft 
durch mechanische in der Landwirtschaft völlig zu ersetzen, 
und Motoren sind schneller gebaut, als Pferde und Rinder 
großgezogen. 

Noch von einem anderen Gesichtspunkt aus ist die größt- 
mögliche Ersetzung des Zugtieres durch den Motor in der Land- 
wirtschaft wie im Transportgewerbe wünschbar. 

Frachtraumnot und andere Umstände drohen die Zufuhr 
von Lebensmitteln nach dem Kriege sehr einzuengen. Deren 
Hauptmasse wird überall zunächst so nahe wie möglieb von 
den Konsumenten, also im eigenen Lande gewonnen werden 
müssen. Jedoch die Produktivität der Landwirtschaft wird ge- 
mindert sein. Sollen die Menschen mehr Lebensmittel für 
sich aus der gleichen Bodenfläche bei gleichem oder gar ge- 
mindertem Bodenertrag ziehen können, müssen sie trachten, die 
Kulturfläche zu vermehren, die dem Anbau solcher Lebens- 
mittel gewidmet wird, was bei gleichbleibender Bodenfläche 
nur möglich ist durch Verminderung des anderen Zwecken 
dienenden Areals. Zu diesen anderen Zwecken gehört der 
Anbau von Handelspflanzen, vornehmlich Rohmaterialien, und 
von Viehfutter. 

Der Anbau von Handelspflanzen wird sich nicht einschrän- 
ken lassen, er wird vielmehr ebenfalls nach Ausdehnung streben, 
weil die Zufuhr von Rohmaterialien aus dem Auslande zu- 
nächst ebenso wie die von Lebensmitteln gehemmt sein wird. 
Auch da wird es gelten, den Ausfall möglichst im eigenen Lande 
zu decken. 

So bleibt nur die Einschränkung der dem Anbau von Vieh- 
futter gewidmeten Fläche übrig. Die der Erhaltung des 
Fleisch- und Milch viehes dienende Fläche darf aber 
ebenfalls nicht verringert werden. Die Verminderung des 
Zug viehes, seine Ersetzung durch Motoren, bietet die einzige 
Möglichkeit, die Leistungen der Landwirtschaft für die Er- 

46 



nährung und industrielle Beschäftigung der Menschen rasch zu 
steigern, auch wenn die Produktivität der landwirtschaftlichen 
Arbeit nicht wächst. 

Es handelt sich dabei um sehr erhebliche Bodenflächen, 
Im Deutschen Reich waren 1913 bebaut mit Brotgetreide: 

Roggen 6 414 000 Hektar 

Weizen 1 974 000 

Zusammen 8 388 000 Hektar 

Dagegen mit Viehfutter: 

Hafer 4 438 000 Hektar 

Wiesenheu 5 924 000 

Zusammen 10 362 000 Hektar 

Ein erheblicher Teil der dem Viehfutter gewidmeten 
Bodenfläche könnte dem Anbau von Nahrungsmitteln für 
Menschen entweder direkt oder indirekt durch Verfütterung 
der Produkte an Fleisch- und Milchvieh, statt an Zugvieh zu- 
geführt werden, wenn in Landwirtschaft und Transportwesen 
die tierische Zugkraft durch mechanische ersetzt würde. Der 
jetzige Krieg bietet dazu den stärksten Anstoß, er macht diese 
Umwandlung geradezu unerläßlich. 

Die technischen Bedingungen dafür sind gegeben. Die Land- 
wirtschaft vermag sich der Dampfkraft wie der Verbrennungs- 
motoren, der Elektrizität, die in Zentralen erzeugt wird, sowie 
der Wasserkraft und der Windkraft zu bedienen. Letztere wird 
noch viel zu wenig beachtet. 

„Uneingeschränkt und bei weitem mehr, als man für gewöhnlich 
denkt, kann die Windkraft in der Landwirtschaft vorteilhaft ausgenutzt 
werden: zum Schrot- und Häkseischneiden, zur Ent- und Bewässerung 
landwirtschaftlicher Grundstücke usw., vor allem zur Wasserversorgung 
der Güter und ländlicher Ortschaften. Es ist eine alte Erfahrung, daß 
die hygienischen Verhältnisse auf dem Lande durch die Gruppen- 
Wasserversorgung erheblich verbessert werden . . . Die Milchergiebig- 
keit hat immer ganz erheblich zugenommen, wenn die Wasserversorgung 
unabhängig von menschlicher und tierischer Arbeitsleistung der mecha- 
nischen Arbeit überlassen worden ist. Auch Elektrizität . . . kann 
durch Wind erzeugt werden . . . Die Elektrizitätsversorgung durch 
Windkraft stellt sich in der Regel billiger als der Anschluß an eine 
Ueberlandzentrale." (Dr. W. B u s s e 1 b e r g ', Die Technik in der Land- 
wirtschaft, Technik und Wirtschaft. Oktober 1917.) 

47 



3. Großbetrieb und Kleinbetrieb 

Natürlich kommt es nicht bloß darauf an, daß der Land- 
wirtschaft so viel Maschinen und Motoren als nur möglich 
zugeführt werden, sondern auch darauf, daß jede Maschine, 
jeder Motor volle Ausnutzung findet. Und da kommen wir 
wieder zu der alten Frage: Kleinbetrieb oder Großbetrieb? 

Diese ist jedoch nur eine ökonomische Streitfrage, keine 
technische. Man kann streiten vom Standpunkte des Pro- 
fits, welche Betriebsform die rentablere sei. Merkwürdiger- 
weise wird dieser Gesichtspunkt nicht nur von den bürger- 
lichen, für die er wohl begreiflich ist, sondern auch von den 
sozialdemokratischen Verfechtern des Kleinbetriebs einge- 
nommen. Und doch sollte für uns der Standpunkt der Ar- 
beit der entscheidende sein; sollte die Frage für uns die 
sein, welche Betriebsform bei gleichem Arbeitsauf- 
wand das größere Produkt liefert. Die Antwort auf diese 
Frage ist aber nicht zweifelhaft. Der Großbetrieb ist darin 
dem Kleinbetrieb entschieden überlegen, namentlich im Feld- 
bau, in dem die meisten landwirtschaftlichen Maschinen zur 
Anwendung kommen; weniger in der Viehhaltung, dem Ge- 
müsebau, der Obstzucht, obgleich auch hier die größere Be- 
herrschung der Wissenschaft, die größere Arbeitsteilung, die Er- 
sparnisse an Bauten und Wegen und ähnliches dem Großbetrieb 
die Möglichkeit technischer Ueberlegenheit bieten. 

Ein Verfechter des Kleinbetriebs, Professor Sering, gibt in 
seiner Schrift über „Die Verteilung des Grundbesitzes und die 
Abwanderung vom Lande" (Berlin 1910, S. 32) zu: 

„Man wendet ein, die Bauernkolonisation bedeutet einen tech- 
nischen Rückschritt, sie führt zur Arbeitsverschwendung. Es ist in der 
Tat wohl anzunehmen, daß der Großbetrieb auf den Kopf des 
Personals größere Rohstoffmengen dem Boden abzugewinnen pflegt. 
Ballod hat berechnet, daß in den Jahren 1904 bis 1908 auf 100 land- 
wirtschaftliche Erwerbstätige in Westdeutschland, also in bäuerlichen 
Gegenden, 274 Tonnen Getreide geerntet wurden, in Mitteldeutschland 
438 Tonnen, in Pommern 499, in den beiden Mecklenburg 573 Tonnen. 
Aehnlich verhält es sich mit der Kartoffelernte: Auf 100 landwirtschaft- 
liche Erwerbstätige gewann man in Westdeutschland 436 Tonnen, in 
Mitteldeutschland 590 Tonnen, in den beiden Mecklenburg 666 Tonnen, 
in Pommern 944 Tonnen." 

48 



Die Ueberlegenheit des Großbetriebs erscheint geringer, 
wenn man nicht von der Arbeit ausgeht, sondern vom 
Besitz, von der Bodenfläche, da der Kleinbetrieb weit mehr 
Arbeitskräfte auf die gleiche Bodenfläche verwendet, als der 
Großbetrieb. Man zählte im Deutschen Reich 1907 in den land- 
wirtschaftlichen Betrieben: 

G.. o it Auf 100 Hektar landwirtschaftl. benutzter 

roUeoKlaSSe Fläche landwirtsrhaftl. beschäftigte Pers. 

unter 0,5 Hektar , 560,2 

0,5 bis 2 , 170,5 . . 

2 „ 5 „ 88,2 

5 „ 20 44,1 

20 „ 100 , 22,2 

über 100 „ 17,5 

darunter über 200 „ 16,9 



Wir können absehen von den Betrieben unter 2 Hektar. 
Diese sind überwiegend Nebenbe triebe, ihre Arbeitskräfte 
widmen nur einen Teil ihrer Zeit der Landwirtschaft. Aber 
auch, wenn wir nur die Betriebe mit mehr als 2 Hektar in 
Betracht ziehen, finden wir ebenfalls, daß die kleineren auf 
gleicher Fläche weit mehr Arbeitskräfte aufwenden wie die 
großen, die kleinsten fünfmal soviel wie die größten. 

Trotzdem produzieren die kleinsten nicht mehr Getreide 
auf der gleichen Bodengröße, sondern eher weniger. Bei der 
Vergleichung der Ernteerträge verschiedener Gegenden muß 
man natürlich in Betracht ziehen, daß d : e Bodenfruchtbarkeit 
nicht überall dieselbe ist. Das erschwert die Vergleichung 
der Ernteerträge. Je nach der Auswahl der Gegenden kar 
man dann eine Ueberlegenheit des Kleinbetriebs oder Groß- 
betriebs konstatieren. So hob der Verfechter des Kleinbetrieb 
der jüngst verstorbene A. Schulz, 1911 in einer Polemik gegen 
mich hervor, daß die sechs östlichen Provinzen Preußens im 
Durchschnitt des Jahrzehnts 1899/1908 nur 15 Doppelzentner 
Roggen pro Hektar ernteten, dagegen die kleinbäuerlichen 
Gegenden v ; el mehr, so Rheinland 18, Hessen und das links- 
rheinische Bayern 19, Braunschweig 20. Ich konnte ihm aber 
zeigen, daß sich das Bild ändert, wenn rm:n andere Gegenden 
in Vergleich setzt. Ich stellte ihm folgende Tabelle entgegen. 

Kautsky, Landwirtschaft 4 <*q 



Von 100 Hektar land- 
wirtschaftlich benutzter 
Fläche entfallen auf 
Betriebe mit 100 und 
mehr Hektar 



Roggenertrag 

pro Hektar 1899/ 1C08 

Doppelzentner 



Gegenden mit stärkstem Großbetrieb: 



Mecklenburg-Strelitz . . 
Mecklenburg-Schwerin . 
Anhalt 



60,0 
59,7 
38,2 



Gegenden mit schwächstem Großbetrieb: 



Württemberg 
Bayern. . . . 
Oldenburg. . 



1,7 
2,2 
2,8 



15,8 
17,0 
18,0 

13,9 

15,7 
15,5 



Man sieht, auch nach der Fläche berechnet liefert der 
Kleinbetrieb nicht mehr Ertrag. Er liefert weit weniger pro 
Arbeitskraft. Nur der Großbetrieb liefert einen erheblichen 
Ueberschuß an Getreide über den Konsum seiner Arbeitskräfte 
hinaus. Der Kleinbetrieb muß so viel mehr Arbeit aufwenden, 
um das gleiche Resultat zu erreichen, wie der Großbetrieb, weil 
er die Maschinen nur unvollkommen ausnutzen kann. Dies 
im Verein mit der Armut und Unwissenheit des Bauern bildet 
das große Hindernis der Maschinenarbeit in der Landwirtschaft. 

Trotzdem eine Reihe von Maschinen auch dem Klein- 
betriebe zugänglich sind, ist er in ihrer Anwendung weit zurück- 
geblieben. 

Man zählte 1907: 



Größenklasse 


Betriebe 
überhaupt 


Betriebe, welche 

irgendwelche der 

gezähltenMaschinen 

benutzten 


VonjelOOOBetrieben 
der betr. Größen- 
klasse benutzten 
Maschinen 


unter 0,5 Hektar 


2 084 060 


18 466 


9 


0,5 bis 2 Hektar . . . 


1 294 449 


114 986 


89 


2 „ 5 „ 


1 006 277 


325 665 


324 


5 „ 20 „ • . . . 


1 065 539 


772 536 


725 


20 „ 100 


262 191 


243 365 


928 


100 und darüber 


23 566 


22 957 


974 


darunter 200 und darüber 


12 887 


12 652 


982 



So gering die Zahl der Großbetriebe ist, der Fläche nach 
spielen sie für die Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Die 
nicht ganz 23 000 Großbetriebe über 100 Hektar umfaßten über 



7 Millionen Hektar, die mehr als 4 Millionen kleinster Betriebe 
(unter 5 Hektar) dagegen nur 5 Millionen Hektar. 

Je kleiner der Betrieb, desto weniger Maschinen wendet 
er an. Und wie langsam ist die Zunahme dieser Anwendung 
im Kleinbetrieb! Man kann die Gesamtzahlen von 1907 nicht 
mit denen von 1895 vergleichen, weil früher nicht so viele 
Maschinengattungen gezählt wurden wie das letztemal. Wir 
geben die vergleichenden Zahlen für drei wichtige Maschinen- 
arten, in denen der Kleinbetrieb auffallend weit zurück ist. 
Es benutzten unter 1000 landwirtschaftlichen Betrieben jeder 
Größenklasse: 



Größenklasse 



Dampfpflüge 

1895 I 1907 




Dampfdresch- 
maschinen 



1895 



1907 



unter 0,5 Hektar 

0,5 bis 2 Hektar 

2 „ 5 

5 „ 20 

20 „ 100 

über 100 

darunter über 200 Hektar 



1 
53 
75 



1 
108 
164 



1 

7 

69 

318 

344 



1 
7 
129 
519 
824 
849 



3 
21 
52 
109 
166 
612 
736 



5 
47 
127 
191 
263 
741 
832 



Diese Zahlen bezeugen deutlich, welches Hindernis für die 
Einführung der Maschine in den Landbau der Kleinbetrieb 
bedeutet. Es wäre daher ganz verkehrt, wenn die Uebergangs- 
wirtschaft versuchen würde, wie es schon die Friedenswirtschaft 
getan, den Kleinbetrieb in der Landwirtschaft künstlich zu 
fördern, Hunderte von Millionen zur Zerschlagung großer Güter 
und Schaffung kleiner Bauernstellen zu verausgaben, zu Zwecken 
der sogenannten „inneren Kolonisation". Das heißt jetzt, in 
Zeiten der Not, nicht nur Geld verschwenden, sondern es zur 
Verminderung der Produktivität der Landarbeit verausgaben, 
also direkt zu einem schädlichen Zweck verwenden. 

Hierher gehören auch manche Experimente, die man mit 
den Kriegsinvaliden anstellen will, den „Kriegsbeschädigten", 
wie das Kriegsdeutsch sie nennt, um der Gefahr zu entgehen, 
einen Ausdruck des internationalen — oder zwischen- 
volklichen? — Wortschatzes anzuwenden. Ich weiß nicht, ob 



51 



man auch die „Invalidenversicherung" künftig in „Beschädigten- 
versicherung" umtaufen will. 

Es wurde der Wunsch ausgesprochen, die Ansiedlung der 
Kriegsinvaliden auf Zwerggütchen zu begünstigen. Den In- 
validen wie der Produktivität der Landwirtschaft würde da- 
durch kein Dienst erwiesen. Denn, wie schon bemerkt, sie 
erheischt einen robusten, vollkräftigen Körper. Sie kann auch 
einem Invaliden sehr heilsam sein als Nebenbeschäftigung, wenn 
er eine auskömmliche Rente bezieht und daneben noch zu ihrer 
Aufbesserung etwas Gartenarbeit, Obstbau und Geflügelzucht 
treibt. Aber einen Invaliden ausschließlich auf die Landarbeit 
als Erwerbsquelle anzuweisen, legt ihm zu harte Fron auf, und 
hunderttausend kleiner Gütchen schaffen, auf denen die Land- 
arbeit nur mit halber Kraft geleistet wird, hieße die Produk- 
tivität der Landwirtschaft arg herabdrücken. 

In der Praxis liefe das Experiment darauf hinaus, daß der 
Invalide gedrängt würde, Weib und Kind aufs äußerste im Land- 
bau anzuspannen, daß die Last seiner Erhaltung seiner Familie 
aufgehalst wird. 

Bisher schon überwogen im ländlichen Kleinbetrieb die 
weiblichen Arbeitskräfte. Von je 1000 beschäftigten Personen 
waren 1907: 

Größenklasse 

unter 0,5 Hektar 741 weibliche Personen 

0,5 bis 2 657 

2 „ 5 „ 543 

5 „ 20 „ 494 

20 „ 100 „ 449 

über 100 , 412 

darunter über 200 „ 405 

Je größer der Betrieb, desto mehr überwiegen die männ- 
lichen Arbeiter. In den Kleinbetrieben sind dagegen die weib- 
lichen Arbeitskräfte in der Ueberzahl, am meisten in jenen 
Betrieben, die nicht nur der Bodenfläche, sondern auch der 
Personenzahl nach zu den kleinen gehören. Das sind jene, die 
ständig nur eine Person beschäftigen. Ueber diese finden wir 
folgende Zahlen in der Statistik von 1907. 

52 



Größenklasse 


Zahl der Betriebe 
mit einer Person 


Von je 1000 Personen 
waren weibi. Personen 


0,5 bis 2 


1 060 700 

492 565 

93 154 

14 227 


860 
877 


2 „5 „ 


752 


5 „20 „ 


410 



Anderthalb Millionen landwirtschaftlicher Zwergbetriebe 
(unter 2 Hektar) beruhen also fast ausschließlich auf der Ar- 
beit der Frauen, die 86 bis 88 Prozent ihrer Arbeitskräfte 
ausmachen. Die Männer dieser Frauen sind natürlich nicht 
untätig. Sie verrichten Lohnarbeit, zum nicht geringen Teil 
industrieller Art. Von den Inhabern der Kleinbetriebe bis 
5 Hektar waren Unselbständige in der 



Größenklasse Landwirtschaft 


Industrie 


im Verkehr 


0,5 bis 2 „ 

2 „5 „ 


367 024 

160 099 

17 169 


752 278 

305 102 

65 004 


104 011 
32 454 

8 2S6 


Zusammen 


544 292 


1 122 384 


141751 



Nebenbei gesagt, nimmt die Zahl der Kleinbetriebe in der 
Landwirtschaft nur zu dank der nebenberuflichen Tätigkeit der 
Industriearbeiter in ihr. Die Zahl der Inhaber oder Leiter land- 
wirtschaftlicher Betriebe, die in ihrem Hauptberuf Landwirt- 
schaft betreiben, hat von 1895 bis 1907 um 245 125 abge- 
nommen, darunter 74 710 Selbständige. Dagegen ist die Zahl 
der Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe, die in der Industrie, 
beziehungsweise dem Verkehr als Unselbständige tätig waren, 
in dem genannten Zeitraum um 337 046 und 44 096 gewachsen, 
zusammen um 381 142. 

Will man die Invaliden aufs Land versetzen, nicht damit 
sie selbständige Landwirtschaft treiben, sondern als billige Lohn- 
arbeiter den verschiedenen Unternehmungen auf dem Lande zur 
Verfügung stehen? 

Wir haben nicht den mindesten Grund, die Vermehrung 
der Kleinbetriebe auf dem Lande zu fördern. Wir haben auch 
keinen Grund, es verhindern zu wollen, daß einzelne Güter 
ihre Fläche vergrößern, was nach dem Kriege vielfach vor sich 
gehen dürfte. 



53 



Wohl ist durch ihn der Bauernstand nicht in der Weise 
ökonomisch ruiniert worden wie das Handwerk. Aber immer- 
hin sind viele Tausende von Inhabern kleiner Landwirtschafts- 
betriebe gefallen, andere Tausende so verstümmelt oder ge- 
schwächt, daß sie harte Landarbeit aufgeben und einen leichteren 
Beruf suchen müssen. Wer soll die verwaisten Gütchen über- 
nehmen? Landarbeiter, die mit Hilfe ihrer Ersparnisse sich 
zu Grundbesitzern aufschwingen wollen? Aber den Land- 
arbeitern, den feldgrauen wie den zurückbleibenden, brachte der 
Krieg nicht reichlichen Gewinn. 

Wohl aber den Grundbesitzern, namentlich den großen, die 
er mit billigen Arbeitskräften versah, den Kriegsgefangenen, 
und denen er hohe Preise für ihre Produkte brachte. Sie sind 
im Kriege ihre Hypothekenschulden losgeworden, sie haben 
noch Ersparnisse in Genossenschaften und Banken angehäuft. 
Sie werden jede Gelegenheit benutzen, ihre Betriebe durch An- 
kauf freiwerdenden Grundbesitzes zu erweitern. 

Es liegt nicht im Interesse der Produktivität der Landwirt- 
schaft, diesen Prozeß zu stören. 

4. Die Landwirtschaft der Dorfgemeinde 

Welche Ausdehnung das Wachstum einzelner Güter ge- 
winnen wird, ist natürlich nicht abzusehen. Indes ist nicht 
anzunehmen, es werde so weit gehen, daß die Bedeutung des 
Kleinbetriebes für die Landwirtschaft fühlbar eingeschränkt 
würde. Die Betriebe unter 20 Hektar umfaßten in Deutsch- 
land 1907 beinahe die Hälfte der landwirtschaftlich benutzten 
Fläche — 48,5 Prozent — , die Betriebe von 5 bis 20 Hektar 
fast ein Drittel — 32,7 Prozent. 

In der Landwirtschaft geht es aber nicht so wie in der 
Industrie, daß man die Produktivität eines Produktionszweiges 
durch Stillegung der rückständigen Betriebe und Konzentrierung 
der Produktion auf die höchstentwickelten steigern kann. Der 
Grund und Boden ist für die Landwirtschaft das wichtigste 
Produktionsmittel, auch nicht das kleinste benutzbare Stück 
seiner Fläche darf ungenutzt bleiben. Und ein schlecht kul- 
tivierter Boden liefert immer noch mehr, als ein gar nicht 
kultivierter. 



54 



Weit entfernt, landwirtschaftliche Betriebe stillzulegen, 
wird man vielmehr trachten müssen, die Kulturfläche noch 
auszudehnen. 

Vor dem Kriege war sie merkwürdigerweise im Deutschen 
Reiche im Abnehmen statt im Zunehmen, trotz der Kultivierung 
von Mooren und Heiden, der Trockenlegung von Sümpfen und 
anderen Meliorationen. Die landwirtschaftlich benutzte Fläche 
hat sich im Zeitraum von 1895 bis 1907 von 32 518 000 auf 
31 835 000, also um 683 000 Hektar vermindert. 

Die zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der land- 
wirtschaftlichen Betriebsstatistik, herausgegeben vom Kaiser- 
lichen Statistischen Amt (1912), betrachtet diese Minderung 
zum Teil als bloß formale, da 1907 die „reichen Weiden" 
schärfer definiert wurden als 1895. Doch kann das keine große 
Verschiebung der Zahlen bedeutet haben. Die Darstellung 
fährt fort: 

„Weiter dürfte neben diesem formalen Grund auch die seit 1895 
bedeutend gewachsene Vergrößerung der Städte, die umfangreichen 
Anlagen von gewerblichen Betrieben auf dem Lande, Bahn- und 
Wegebauten, die Anlage von Militärschießplätzen und die 
Aufforstung von im Jahre 1895 landwirtschaftlich benutzten 
Flächen die Verminderung der landwirtschaftlichen Fläche verursacht 
haben." (Seite 10.) 

Das Wachsen, im statistischen Amtsdeutsch ,,die gewachsene 
Vergrößerung" der Städte, der Bahnbauten, der Industrie auf 
•dem Lande läßt sich nicht verhindern. 

Anders steht es mit der Verringerung der Anbaufläche 
durch militärische Zwecke — Schießplätze, Exerzierplätze, 
Festungsbauten und dergleichen — sowie der Aufforstung von 
Kulturboden, um den Reichsten der Reichen die Gebiete ihres 
Jagdvergnügens zu vergrößern. 

Letzteres scheint die Hauptursache der Verminderung des 
landwirtschaftlich benutzten Bodens zu sein, denn die anderen 
hier genannten Faktoren mußten nicht nur diesen, sondern 
die Gesamtfläche der Landwirtschaftsbetriebe einschränken. 
Deren Gesamtfläche nahm jedoch weit weniger ab, als die 
Kulturfläche. Jene um 178 000 Hektar, diese um 683 000 
Hektar. Es gab Gegenden, in denen die von den Betrieben 

55 



eingenommene Gesamtfläche wuchs und trotzdem die von ihnen 
landwirtschaftlich benutzte Fläche abnahm. So finden wir in 



Zunahme 


Abnahme 


der 


der 


Gesamtfläche 


Kulturfläche 


Hektar 


Hektar 


33 135 


388 000 


152 184 


32 570 


3 679 


7 432 


9 829 


14 878 


46 270 


20 211 


9 268 


5 796 


4 296 


366 



Preußen 

Baden 

Hessen 

Schwarzwaldkreis (Württemberg) 

Mecklenburg-Schwerin 

Braunschweig 

Unter-Elsaß 



Eine allgemeine Abrüstung würde die Beanspruchung des 
Kulturbodens durch den Militarismus sehr einschränken. Vor 
allem aber hätte die Uebergangswirtschaft Ursache, alle land- 
wirtschaftlich nutzbare Fläche, die der Jagdlust hoher Herren 
zum Opfer fiel, der Lebensmittelproduktion wieder zuzuführen» 
Das geht freilich nicht ohne starke Demokratie. 

Muß man trachten, allen verfügbaren Kulturboden der 
Bodenkultur zuzuführen, so muß man andererseits auch alles 
aufbieten, daß diesem Boden die höchstmöglichen Erträge ab- 
gewonnen werden. Mögen auch die Kleinbetriebe der Land- 
wirtschaft in der Ausnutzung der Maschinen noch so sehr hinter 
den Großbetrieben zurückstehen, die Staatsgewalt wird die 
Aufgabe haben, sie soviel wie möglich mit Maschinen zu ver- 
sorgen. 

Es wäre jedoch technisch ebenso unmöglich wie wider- 
sinnig, wollte man jeden Kleinbauern mit den Maschinen ver- 
sehen, die er anwenden kann und soll und ihn zu ihrem Privat- 
eigentümer machen. 

Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die meisten 
Maschinen der Landwirtschaft, namentlich die dem Feldbau 
dienenden, nicht an einen Ort gefesselt sind, sondern zur Orts- 
veränderung geeignet sein müssen. Auch werden sie meist 
nicht ständig, sondern nur zu gewissen Zeiten gebraucht. Es 
besteht daher im Gegensatz zur Industrie in der Landwirtschaft 
die Möglichkeit, dieselbe Maschine nacheinander in ver- 



56 



sclnedenen Betrieben funktionieren zu lassen. Von dieser 
Möglichkeit wird auch reichlich Gebrauch gemacht, namentlich 
bei den Dampfdreschmaschinen und den Dampfpflügen. Erstere 
wurden 1907 in 488 900 Betrieben angewandt, von denen aber 
nur 19 800 eigene Dampfdreschmaschinen besaßen. Letztere 
fanden in 2995 Betrieben Anwendung, aber nur 415 von diesen 
verfügten, über eigene Dampfpflüge. Darunter ein Betrieb aus 
der Größenklasse zwischen 5 bis 20 Ar, der den eigenen Dampf- 
pflug sicher nicht anzuwenden vermochte. Ferner verzeichnet 
die Statistik drei Betriebe in der Größenklasse von 1 bis 2 
Hektar mit vier Dampfpflügen, also einen mit zweien dieser 
Ungetüme, ebenso in der Größenklasse von 3 bis 4 Hektar 
zwei Betriebe mit drei, in der Klasse von 4 bis 5 Hektar drei 
Betriebe mit vier Dampfpflügen. Daß diese alle ihre Pflug- 
maschinen nur deshalb erworben hatten, um fremde Felder da- 
mit zu pflügen, ist klar. 

Allgemeine Anwendung wird der Dampfpflug nicht finden, 
auch nicht im Großbetrieb. Nicht überall sind seine Vor- 
bedingungen gegeben. Naben ihm kommt der elektrische Pflug 
dort in Betracht, wo elektrische Ueberlandzentralen einge- 
richtet sind. Doch hat er sich noch wenig eingebürgert. Da- 
gegen findet raschen Eingang der von einem Verbrennungs- 
motor gezogene Pflug, der auch auf kleineren Flächen anwend- 
bar ist. In Amerika hat er schon vor dem Kriege weite Ver- 
breitung gefunden. Der Arbeiter- und Pferdemangel verhilft ihm 
zu raschem Vordringen auch in Deutschland. 

So berichtet z. B. die „Zeitschrift des Vereins deutscher 
Ingenieure" (1915): 

„Bei der Feldbestellung Ostpreußens nach Vertreibung der 
Russen wurden in großem Umfang Motorpflüge verwendet. Nur da- 
durch wurde es möglich, die Gegenden zu bestellen, in denen Men- 
schen, Wagen und Pferde fehlten. Mit Hilfe eines beträchtlichen 
Staatsdarlehns wurden deshalb 123 Motor- und 12 Dampfpflüge an- 
gcschafit, die den Landwirten gegen jährliche Ratenrückzahlung ge- 
geben wurden. Außerdem wurden durch die Militärverwaltung mit 
29 Motorpflügen die ganz verlassenen Gegenden beackert. Bisher 
sind von den für derartige Zwecke zur Verfügung stehenden 5,8 Mil- 
lionen Mark 3,5 Millionen Mark verausgabt worden. Es steht zu 
erwarten, daß sich in den nächsten Jahren Motorpilüge in der Land- 
wirtschaft weiter einbürgern werden." (Seite 1047.) 

57 



Aus Frankreich berichtet dieselbe Zeitschrift (März 1917): 

„Der französische Landwirtschaftsminister hat einen Ausschuß 
ernannt, der die Aufgabe hat, zu untersuchen, wie die aus dem 
Heeresdienst ausgeschiedenen Motorwagen am zweckmäßigsten zur 
Förderung der Bodenkultur verwendet werden können. Man schlug 
vor, namentlich von Wagen mit beschädigtem Untergestell die Mo- 
toren den Landwirten zum Betrieb ihrer Maschinen zur Verfügung 
zu stellen. Um diesen Bestrebungen bei der Landbevölkerung in 
möglichst großem Umfang Eingang zu verschaffen, ist durch Erlaß 
des Präsidenten in Noisy-le-Grand auf einem 130 Hektar großen 
Landgut eine Schule geschaffen .... Die Schüler werden als Me- 
chaniker ausgebildet und erhalten Unterricht im Bedienen landwirt- 
schaftlicher Maschinen und Motoren. Außerdem soll die Anstalt Ver- 
suche mit neuen Maschinen anstellen und Musterkurse zum Bekannt- 
machen und Fördern der Motorkultur bei den Landwirten veran- 
stalten. Hierbei sind drei Gesichtspunkte maßgebend: die fehlenden 
menschlichen und tierischen Arbeitskräfte sollen durch mechanische 
Kraft ersetzt, die ausgemusterten Heereskraftfahrzeuge nach Möglich- 
keit ausgenützt und Kriegsbeschädigte für derartige Arbeiten ausge- 
bildet werden." (Seite 300.) 

Zurzeit ist freilich die Zahl der Motorpflüge in Frank- 
reich noch gering. Im April 1918 fand in Noisly-le-Grand ein 
staatlicher Motorkulturwettkampf statt, bei dem Angaben über 
den Stand der französischen Motorkultur gemacht wurden. 
Es wurde berechnet, daß Frankreich 17 000 bis 20 000 Motor- 
pflüge nötig hätte, daß aber nur 1000 vorhanden sind, von 
denen die eine Hälfte in staatlichem, die andere in privatem 
Besitz. 

Für Deutschland ist mir eine derartige Statistik nicht 
bekannt. 

Nach dem Kriege wird man mechanische Pflüge in großen 
Mengen brauchen. In dem Sammelwerk über ,, Arbeitsziele der 
deutschen Landwirtschaft nach dem Kriege" (Berlin 1918) sagt 
Prof, Gust. Fischer: 

„Wenn die mechanischen Pflüge schon im Frieden in größeren 
Betrieben nicht zu entbehren waren, um die Ackerung gut und recht- 
zeitig auszuführen, so kann man sagen, daß unsere Ernährung im Kriege 
ohne die Dampf- und Motorpflüge ganz undurchführbar gewesen wäre. 
Sobald in ruhigeren Zeiten die Schwierigkeiten in der Herstellung der 
mechanischen Pflüge und in der Beschaffung ihrer Betriebsmittel wieder 
verschwinden, muß die Benutzung der Dampf- und Motorpflüge noch 
weit mehr gesteigert werden, um dem Mangel an Zugtieren und Men- 
schen abzuhelfen." (Seite 754.) 

58 



Nachdem er dann ausgeführt, ,,daß das eigentliche An- 
wendungsgebiet des Dampfpfluges der Großbetrieb ist" (S. 755) 
und daß ,, weder die elektrischen noch die Motorpflüge bisher 
die leichten Antriebsmaschinen für Ackerarbeiten haben bringen 
können, die für kleinere Wirtschaften gewünscht werden" 
(S.763), fährt er fort: 

„Die Unentbehrlichkeit der Motor- und Dampfpflüge hat sich im 
Kriege, besonders aber im Frühjahr 1917, aufs deutlichste erwiesen. 
. . . Wo keine Kraftpflüge zur Verfügung stehen, ist es unvermeidlich, 
daß die Bodenkultur unter dem Mangel an Arbeitskräften leidet, daß 
der Acker verqueckt und nicht tief genug gelockert wird. Ohne Zweifel 
ist während des Krieges in dieser Hinsicht manches versäumt worden, 
und es bedarf einiger Jahre energischer Arbeit, um nur den alten 
Kulturzustand, der außerdem durch mangelhafte Düngung gelitten hat, 
wiederherzustellen. Um ihn darüber hinaus noch auf eine höhere 
Stufe zu bringen, wird erst recht die Heranziehung der Kraftpflüge 
notwendig sein." (Seite 763, 764.) 

Natürlich wäre es unmöglich, jedem Bauern einen Motor- 
pflug zuzuweisen. Und selbst wenn es ermöglicht würde, be- 
deutete es eine sinnlose Verschwendung, die man sich gerade 
nach dem Kriege am wenigsten gestatten darf. 

Wohl gibt es bereits solche Pflüge für kleine Betriebe, aber 
die größeren sind weit wirksamer. Diese vermögen 4 bis 6, 
die kleineren nur 1,5 bis 2,5 Hektar im Tage zu pflügen. 
Ein Pflug mit zwei Pferden freilich im Durchschnitt nur ein 
halbes Hektar. 

Außerdem aber erheischt der Motorpflug einen geschulten 
Führer. In einem Artikel über Motorpflüge in der nun schon 
mehrfach zitierten ,, Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure" 
(Januar 1916) sagt Professor Fischer: 

„Die Benutzung der Motorpflüge setzt voraus, daß der Führer die 
Kenntnisse für ihre Führung und Wirkung erworben hat. Aber das ist 
auch bei anderen landwirtschaftlichen Maschinen der Fall und wird 
dazu beitragen, daß die Landwirte immer mehr die Notwendigkeit der 
Einstellung eines tüchtigen Maschinisten einsehen, der in einem größeren 
Betriebe kaum noch entbehrt werden kann." (Seite 72.) 

Wo der Motorpflug von kleineren Betrieben angewandt 
wird, geschieht es am besten von einer Vereinigung solcher 
Betriebe. Wie für andere landwirtschaftliche Maschinen haben 
sich auch für die Motorpflüge Genossenschaften gebildet, die 

59 



sie anschaffen und an ihre Mitglieder verleihen. Indessen sollte 
man dort, wo man von Staats wegen die Verbreitung der Motor- 
kultur fördern will, nicht von solchen privaten, zufälligen 
Vereinigungen ausgehen, sondern die Pflüge einzelnen Ge- 
meinden zuweisen, in denen die nötigen Vorbedingungen 
für ihre Anwendung zu finden sind. Die Gemeinde könnte 
dann die gesamte Feldflur ihres Gebietes mit dem Motor be- 
ackern, wie heute schon arme Bauern, die über kein eigenes 
Gespann verfügen, ihre kleinen Felder von einem Nachbar 
pflügen lassen, der ein oder zwei Pferde besitzt, oder wie 
größere Grundbesitzer einen fremden Dampfpflug leihen. 

Wo aber die Gemeinde den einzelnen Bauern bei der Pflug- 
arbeit ausschaltet und diese für ihr ganzes Gebiet besorgt, da 
liegt es nahe, daß es so kommt, wie Genosse Hofer im preußi- 
schen Abgeordnetenhaus schon vor dem Kriege (30, Januar 1914) 
ausführte: 

„Wenn die Motorpflüge erst in Tätigkeit treten, dann sehen die 
Bauern auch bald, daß ihre kleinen Felder, ihre Grenzen zu eng ge- 
worden sind. Sie stoßen überall an den Ecken an, und sie werden 
überall auf diesem Wege dahin kommen, daß sie ihre Flächen zu- 
sammenlegen." 

Jedes Wenden bedeutet für den Motorpflug einen Zeit- 
verlust, einen Kraftverlust. Die Raine bedeuten einen Verlust 
an Boden sowie an Saatgut, das auf sie fällt. Die Ecken machen 
ein Nachhelfen mit Handarbeit erforderlich. Je größer die zu- 
sammenhängende Fläche, die zu pflügen ist, desto besser kann 
der Motorpflug ausgenutzt werden. 

Im Interesse der Produktivität der landwirtschaftlichen Ar- 
beit wird also die Uebergangswirtschaft die Zusammenlegung 
der Flächen zu fördern haben. Es wäre jedoch höchst un- 
zweckmäßig, wenn jeder einzelne Bauer nach vollzogener 
Pflügung wieder sein Feldstück abgrenzen und für sich be- 
pflanzen wollte. Die logische Folge der Zusammenlegung der 
Fläche ist nicht bloß ihre gemeinsame Beackerung, sondern 
ihre Bewirtschaftung überhaupt nach einem gemeinsamen kom- 
munalen Plan. 

In gewissem Sinne wäre das gar nichts Neues. In der alten 
Markgenossenschaft galt schon für alle auf gleicher Flur lie- 
genden Felder der Dorfgenossen der Flurzwang, das heißt die 

60 



Pflicht, die gleiche Frucht anzubauen. Wohl bewirtschaftete 
dabei jeder Bauer sein Feld für sich, aber nach der Ernte wurden 
alle Grenzen zwischen ihnen aufgehoben und ihre zusammen- 
hängende Fläche in gemeinsame Weide verwandelt. 

Nun gilt es, diese markgenossenschaftliche Wirtschaft den 
modernen Verhältnissen, dem Maschinenbetrieb, anzupassen. Das 
Endergebnis wäre, daß Haus, Hof und Garten von Bauern wohl 
privat bewirtschaftet würden, wie sie auch in der Mark- 
genossenschaft volles Privateigentum waren, der Feldbau da- 
gegen mit den Arbeitskräften der Gemeinde gemeinsam be- 
trieben würde. Sein Produkt oder der Erlös dafür könnte dann 
unter die einzelnen Bauern je nach dem Anteil, den ihre Arbeit 
oder ihr Boden an dem Ertrag hatte, verteilt werden. 

Selbst bürgerlichen Autoren drängt der Zwang der Not ähn- 
liche Vorschläge auf. 

Wir haben bereits auf das Sammelwerk über „Arbeitsziele 
der deutschen Landwirtschaft nach dem Kriege" hingewiesen. 
Dort fordert Friedrich v. Braun, Präsident des Kriegsernährungs- 
amts, zwingende staatliche Vorschriften für die Düngung, die 
Saatgutwahl und die Bekämpfung der Pflanzenkrankheiten (S. 7). 

„Die Herstellung von Stickstoff geschieht jetzt unter staatlicher 
Führung, und eine ähnliche Entwicklung ist bei der Kaliindustrie vor- 
gezeichnet. Von da bis zur öffentlichen Zuweisung des festgestellten 
Bedarfs an künstlichem Dünger für alle landwirtschaftlich benutzten 
Grundstücke unter Einziehung der Kosten als öffentliche Last des 
Grundstücks ist kein weiter Weg." (S. 8, 9.) 

,,Es erscheint die Frage berechtigt, warum man nicht bei der Aus- 
wahl des Saatguts dieselbe staatliche Einwirkung anwenden soll wie 
bei der Körung der Zuchttiere. Sie ist für die Volkswirtschaft zum 
mindesten von der gleichen Wichtigkeit und die Vorbedingung für den 
raschen Erfolg . . . Man kann sich die Entwicklung so denken, daß für 
den Bezirk jeder unteren Verwaltungsbehörde ein Körausschuß unter 
dem Vorsitz des Landwirtschaftslehrers oder des Saatgutinspektors ge- 
bildet wird, der nicht nur die Auswahl des für die Gegend geeigneten 
Saatguts vorzunehmen, sondern auch für die kleineren Betriebe das 
Saatgut gemeinschaftlich zu schaffen und vor der Ausgabe gemeinsam 
zu behandeln hätte." (S. 9, 10.) 

Endlich die staatliche Bekämpfung der Pflanzenschädlinge 
sei schon begonnen, brauche nur energischer ausgebaut zu 
werden, wie es in anderen Ländern schon geschähe, wie in 

61 



den Vereinigten Staaten, wo man Felder, die nicht von Un- 
kräutern rein gehalten werden, rücksichtslos von Staats wegen 
umpflügt. 

In der früher schon zitierten, von der ,, Gesellschaft für 
soziale Reform" herausgegebenen Schrift über „Soziale Fragen 
der Uebergangswirtschaft", betitelt: ,,Der Tag der Heimkehr", 
berichtet Dr. W. Bisselberg über „Die Bereitstellung von Arbeit 
durch Intensivierung und Mechanisierung der Landwirtschaft", 
da fordert er unter anderem: 

„Wie für die anderen Gewerbe, müssen für die Landwirtschaft 
schon jetzt zur Verteilung der Arbeiter Wirtschaftspläne auf- 
gestellt werden , . . 

Die Wirtschaftspläne sind von den Kriegswirtschaftsämtern mit 
den Kommunalverwaltungen oder doch wenigstens durch 
deren Vermittlung und unter ihrer Verantwortung festzusetzen. 

Die kleinen landwirtschaftlichen Besitzer sind unter der Führung 
der Kreisverwaltungen, am besten in Anlehnung an Großbetriebe, ge- 
nossenschaftlich zusammenzuschließen. 

Das Wort Produktionszwang klingt zwar auch nichtland- 
wirtschaftlichen Ohren noch unheimlich, aber auch praktische Land- 
wirte glauben, daß wir im öffentlichen Interesse ohne eine planmäßige 
Regelung der Düngung und der Bewirtschaftung (was übrigens im 
Interesse der Besitzer liegen würde, wie auch die Erfahrungen der 
brandenburgischen Ritterschaft gezeigt haben), unter Umständen selbst 
auf dem Zwangswege, nicht mehr auskommen können." (Seite 14, 15.) 

Das wäre immer noch keine sozialistische Wirtschaft. Der 
besitzende Bauer bekäme mehr als der besitzlose Landarbeiter. 
Die Produktion geschähe immer noch zum Verkauf, für den 
Markt. Die Triebkraft der Produktion wäre immer noch der 
Mehrwert, in den beiden Erscheinungsformen des Profits und 
der Grundrente. 

Diese Regelungen bedeuten noch nicht Uebergang zum 
Sozialismus, sie gehören noch in das Gebiet der Uebergangs- 
wirtschaft, die wir hier behandeln. Sie sind ein Mittel, ohne 
Veränderung der Grundlagen der bestehenden Gesellschaft die 
Produktivkraft der bäuerlichen Landwirtschaft aufs höchste zu 
steigern, ihr eine Reihe von Vorteilen des Großbetriebes zu- 
gänglich zu machen. 

Immerhin bedeuten aber diese Regelungen einen erheblichen 
Schritt in der Richtung zu sozialistischer Landwirtschaft, die 

62 



auf der Basis des Kleinbetriebes unmöglich ist. Zwei weitere 
Schritte wären dann noch notwendig, um die Dorfwirtschaft in 
sozialistische Wirtschaft zu verwandeln: Einmal die Ver- 
staatlichung der Feldflur, der Ankauf der Anteile 
der einzelnen Bauerngüter an dieser Flur durch den Staat. Haus, 
Kof und Garten könnnten auch dabei noch Privateigentum 
bleiben. Der moderne Kommunismus ist nicht der urchristliche. 
Er verlangt die Gemeinschaft der Produktionsmittel, die der 
kapitalistischen Warenproduktion dienen, nicht die Gemeinschaft 
der Haushaltungen. 

Der Ankauf des Ackerlandes durch den Staat brauchte kein 
gewaltsamer, er könnte ein allmählicher sein. Die Festsetzung 
des Vorkaufsrechts des Staates bei jedem Besitzwechsel würde 
genügen. 

Je größer der Anteil des Staates an der Bodenfläche wird, 
desto mehr fällt ihm alles weitere Wachstum der Grundrente 
zu, desto mehr wird der Anteil des einzelnen Gemeindegenossen 
am Gemeindeprodukt bloß nach der Arbeit bemessen werden, 
die er dabei aufgewandt hat, und nicht nach der Größe seines 
Besitzes. 

Der andere Schritt in der Richtung zur Sozialisierung der 
Landwirtschaft, der noch zu tun wäre, bestände darin, daß die 
Gemeinde nicht mehr für den Markt zu produzieren hätte, son- 
dern für die Gemeinschaft, für den Bedarf der Bevölkerung, 
durch Vermittlung der Staatsverwaltung. 

Auch das könnte bereits durch die Uebergangswirtschaft 
vorbereitet werden. 

Schon während des Krieges wäre es dringend nötig gewesen, 
die landwirtschaftliche Produktion direkt in den Dienst der Ge- 
samtheit zu stellen. Es ist das, trotz der Not der Zeit, nirgends 
gelungen, dank der Macht der Agrarier — nicht der Landwirt- 
schaft, sondern des Grundbesitzes, des Privateigentums am 
Boden, was etwas ganz anderes ist. Aber auch ohne dieses so- 
ziale Moment wäre die Leitung der landwirtschaftlichen Pro- 
duktion durch Organe der Gemeinschaft aus technischen Grün- 
den dort gescheitert, wo der Kleinbetrieb vorherrscht. Die 4621 
größten Betriebe (über 100 Hektar) mit 1 930 000 Hektar Land 
in Pommern könnte man durch Organe des Staates oder der 
Provinz überwachen, aber doch nicht die 538 000 kleineren Be- 



63 



triebe (unter 100 Hektar) der Rheinprovinz mit ihren 1300 000 
Hektar landwirtschaftlicher Fläche. 

Zu den stärksten Eingriffen des Staates in den landwirt- 
schaftlichen Betrieb (der wohl zu unterscheiden ist vom land- 
wirtschaftlichen Besitz) während des Krieges ist es nicht in 
Rußland gekommen, dem Lande der proletarischen Revolution, 
aber auch eines riesenhaften zahlenmäßigen Uebergewichts der 
Bauernschaft. Auch nicht im Deutschen Reich, dessen staatliche 
Organisation und dessen Unterordnung aller privaten Bedürf- 
nisse unter die Forderungen der Kriegführung so sehr erhoben 
wird, sondern in England, dem Lande des Freihandels, des 
,,Manchestertums", aber auch des zahlenmäßig überwiegendsten 
Großgrundbesitzes und Großbetriebes auf der einen Seite 
und der — wenn sie nur will! — stärksten Arbeiterklasse 
und der größten Ueberzahl der städtischen über die ländliche 
Bevölkerung auf der anderen Seite. Im Deutschen Reiche macht 
diese noch 40 Prozent der Bevölkerung aus, in England nur 
mehr 22. 

Die Engländer schrecken nicht davor zurück, durch das 
Landwirtschaftsministerium (Board of agriculture) Betriebs- 
inspektoren einsetzen zu lassen, die die einzelnen landwirtschaft- 
lichen Betriebe zu überwachen haben. Das würde an sich noch 
wenig bedeuten. Doch sollen sie das Recht bekommen, bei 
unwirtschaftlich arbeitenden Betrieben die Leitung selbst in die 
Hand zu nehmen. Der private Unternehmer ist dadurch noch 
nicht ausgeschaltet, aber nur der tüchtig gebildete und ge- 
wissenhafte Unternehmer soll künftighin in der Landwirtschaft 
geduldet werden. 

Derartiges muß ebenfalls bei uns im Interesse der größt- 
möglichen Produktivität der Landwirtschaft gefordert, es müssen 
ihr auch die Produkte, die sie zu erzeugen hat, vorgeschrieben 
werden. Daß läßt sich unschwer bei dem Großbetriebe durch- 
führen, nicht aber bei den unzähligen Kleinbetrieben. Auch da 
würde der kommunale Landbau die Aufgaben der Uebergangs- 
wirtschaft sehr erleichtern. 

Der Satz, daß die Ueberwachung und Leitung der Land- 
wirtschaft beim Großbetrieb unschwer durchzuführen sei, ist 
natürlich nur in technischem, nicht sozialem oder politischem 
Sinne gemeint. Da wird ein verzweifelter Widerstand des agra- 

64 



Tischen Interesses zu überwinden sein. Aber hier untersuchen 
wir nicht die Aussichten der Uebergangswirtschaft, die noch 
ganz unberechenbar sind, sondern die Forderungen, die 
im Interesse des Proletariats und der Gesamtheit an sie zu 
stellen sind, für die wir zu kämpfen haben. 

Mit Recht weisen die Agrarier darauf hin, daß die Land- 
wirtschaft die Grundlage des ganzen gesellschaftlichen Ge- 
bäudes, der wichtigste aller Produktionszweige ist. Aber es ist 
ganz widersinnig, wenn sie daraus schließen, die Gesellschaft 
habe den heutigen Herren dieses Produktionszweiges nun die 
ausschweifendsten Privilegien zu gewähren, ihnen Arbeitskräfte 
zwangsweise zuzuführen und die fettesten Profite zu sichern, 
um sie an der Versorgung ihrer Wirtschaft zu interessieren. Diese 
Methode entspricht den Interessen der für die Gesellschaft un- 
nützen Privateigentümer am Boden, nicht dem Interesse der 
Gesellschaft selbst. Dieses Interesse erheischt vielmehr aufs 
dringendste, gerade wegen der Bedeutung der Landwirtschaft, 
daß sie unabhängig wird von der Willkür des Privateigentums 
und direkt unter gesellschaftliche Kontrolle kommt, und daß 
an Stelle unproduktiver Zwangsarbeit die produktive gern ge- 
leistete Arbeit tritt. 



5. Städtische Landwirtschaft 

Neben der Landwirtschaft der Dorfgemeinden kommt noch 
eine andere Art kommunaler Landwirtschaft in Betracht, die 
der Stadtgemeinden, die auch in der Uebergangswirtschaft an 
Bedeutung gewinnen dürfte als Mittel, die Ernährung der städti- 
schen Bevölkerung zu erleichtern, ihr die Vorteile des ,, Selbst- 
versorgers" bis zu einem gewissen Grade zugänglich zu machen. 

Schon vor dem Kriege waren Ansätze zu solcher Art Land- 
wirtschaft vorhanden. Auf der einen Seite mußten die Stadt- 
gemeinden Grund und Boden aus technischen Gründen, z. B. 
Rieselfelder, erwerben, den sie nicht brach liegen lassen wollten. 
Anderseits drängte das Steigen der Lebensmittelpreise und das 
Wachsen der Ernährungsschwierigkeiten der Stadtgemeinden da- 
zu, wenigstens einem Teil ihrer Bevölkerung gute und billige 
Nahrungsmittel zuzuführen, entweder durch Verträge mit den 

Kautsky, Landwirtschaft 5 ^5 



Produzenten oder durch eigene Produktion. In der Zeit der 
Uebergangswirtschaft wird der Antrieb zu solchem Vorgehen 
durch die hohen Preise und die gesteigerte monopolistische 
Stellung des Grundbesitzes sehr verstärkt werden. 

Diese städtische Landwirtschaft wird sich von jener der 
Dorfgemeinden schon nach den Hauptobjekten ihrer Produktion 
unterscheiden. Es wird sich da das Thünensche Gesetz geltend 
machen, mit den Modifikationen, die die moderne Technik des 
Transports und der Konservierung an ihm hervorbringt. 

Die städtische Landwirtschaft muß ihr Schwergewicht auf 
die Erzeugung von Produkten legen, die weiten Transport schwer 
vertragen und die von der Landwirtschaft ohne jede Zwischen- 
stufe in den Haushalt übergehen, also vor allem Milch und Ge- 
müse. Die Dorfgemeinde wird eher Produkte herstellen, die 
einen längeren Transport sowohl technisch wie ökonomisch sehr 
wohl vertragen und die nicht direkt vom Produzenten in den 
Haushalt eingehen, sondern noch eine oder mehrere Zwischen- 
stufen passieren müssen, also vor allem Getreide, Milch, die in 
Butter und Käse verwandelt wird, Magervieh, Gemüse für Kon- 
servenfabriken, Rüben für Zuckerfabriken usw. 

Doch nicht nur in den Objekten der Produktion unter- 
scheidet sich die Landwirtschaft der bäuerlichen von der der 
Stadtgemeinde, sondern auch in ihrer sozialen Bedeutung. Kann 
die Landwirtschaft der Dorfkommune noch Warenproduktion, 
getrieben von dem Streben nach Mehrwert, das heißt Profit und 
Grundrente, bleiben, so ist die Landwirtschaft der Stadt- 
gemeinde, soweit sie nicht fiskalischen Zwecken dient, direkt auf 
die Befriedigung des Bedarfs ihrer Bewohner gerichtet, ohne jede 
Absicht auf Profit. Sie gewinnt damit bereits sozialistischen 
Charakter. 

Beide Arten der Landwirtschaft sind von der Uebergangs- 
wirtschaft zu fördern. Soweit sie sich durchsetzen, werden sie 
aber solche Vorteile bieten, daß sie mit dem Stadium des Ueber- 
ganges nicht wieder verschwinden, sondern sich über dieses hin- 
aus erhalten und weiterentwickeln werden. Sie liegen in der 
Linie der Entwicklung. Ihre größten Schwierigkeiten finden sie 
im Anfang. 

Die Uebergangswirtschaft wirft so vieles Alte und Her- 
kömmliche über den Haufen, mehr noch, als es der Krieg selbst 

66 



bewirkt, weil sie mit diesem den Notstand teilt, gleichzeitig aber 
den Kampf der Klassen im Innern in voller Macht, ohne jede 
Ablenkung durch äußere Bedrängnis, wirken läßt. Sie kann am 
ehesten den Anstoß geben, diese schwersten ersten Schritte zu 
wagen. Für die Landwirtschaft würde so die Zeit der Ueber- 
gangswirtschaft eine Zeit, die nicht nur den Uebergang vom 
Kriegszustand in den Friedenszustand vollzöge, sondern auch 
den Uebergang von privater zu gesellschaftlicher Landwirtschaft 
anbahnte. 

Daran ist heute, nach den Erfahrungen der letzten Jahr- 
zehnte, nicht mehr zu zweifeln, daß die Entwicklung der Land- 
wirtschaft eine andere ist, als die der Industrie. Wenn wir 
Marxisten im Verein mit einem großen Teil der bürgerlichen 
Oekonomie ehedem annahmen, der Großbetrieb werde in der 
Landwirtschaft den gleichen Siegeszug antreten wie in der In- 
dustrie, so beruhte das auf wohl beobachteten Tatsachen, deren 
Bedeutung wir jedoch überschätzten. Das habe ich bereits vor 
20 Jahren in meiner ,, Agrarfrage" anerkannt. Ich habe dort je- 
doch auch schon die entgegengesetzte Anschauung zurück- 
gewiesen, als gingen wir dem Ende des landwirtschaftlichen 
Großbetriebes, dem Siege des Kleinbetriebes entgegen: 

„So wenig wir in der Landwirtschaft auf eine rasche Aufsaugung 
der Kleinbetriebe durch die Großbetriebe rechnen dürfen, so haben 
wir noch weniger Ursache, den entgegengesetzten Prozeß zu erwarten." 
(Seite 298.) 

Eine Reihe von Sozialisten haben daraus, daß der Groß- 
betrieb in der Landwirtschaft nicht vorschreitet, geschlossen, 
eine sozialistische Landwirtschaft sei unmöglich, der Sozialis- 
mus werde bloß in der Industrie zur Herrschaft kommen — und 
sie nehmen an, auch da erst nach ein paar hundert Jahren. In 
Wirklichkeit folgt aus dem verschiedenen Gange der Entwick- 
lung in Landwirtschaft und Industrie nur, daß der Weg zum 
Sozialismus hier ein anderer sein wird als dort. 

In der Stadt wird er vorbereitet und unerläßlich gemacht 
durch das Vorschreiten des Großbetriebes, der das Proletariat 
immer mehr zur zahlreichsten Klasse macht, zugleich aber das 
Streben des einzelnen Proletariers, sich zum Privateigentümer 
eines Kleinbetriebes emporzuarbeiten, immer aussichtsloser und 
sinnloser erscheinen läßt. Seine Kraft entwickelt das industrielle 



67 



Proletariat im Klassenkampf, dessen Ausgangspunkt der Kampf 
um die Arbeitsbedingungen ist, dessen Ziel die Enteignung der 
Kapitalisten durch die Gesellschaft wird. 

Auf dem flachen Lande nimmt der proletarische Klassen- 
kampf nicht die gleiche Ausdehnung und Intensität an. Die 
Zahl der Proletarier nimmt da nicht auffallend zu, und dem 
Proletarier erscheint das Streben nach Erringung eines Klein- 
betriebes nicht so aussichtslos und sinnlos wie in der Industrie. 
Sein Kampf gegen den großen Grundbesitz geht da weniger auf 
dessen Verstaatlichung als auf dessen Verteilung aus, also 
auf Vermehrung und Verstärkung des Privateigentums am 
Boden, nicht auf Verdrängung dieses Eigentums durch gesell- 
schaftliches. 

Diesem Streben wirkt entgegen die fortschreitende In- 
dustrialisierung der Landwirtschaft in ihren beiden Formen, der 
einen, die einen landwirtschaftlichen Betrieb in Verbindung mit 
einem industriellen bringt, und der anderen, die kleine Land- 
wirte in Lohnarbeiter einer auf dem Lande erwachsenden In- 
dustrie verwandelt. Damit werden die sozialistischen Tendenzen 
der Industrie dem flachen Lande nähergebracht. 

Darauf wies ich schon in meiner „Agrarfrage" hin. Seit- 
dem ist aber noch ein neuer, gewaltiger Faktor aufgetreten. Da- 
mals lebten wir in einer Zeit sinkender Lebensmittelpreise. Das 
hörte bald danach auf. Wir traten in eine Periode stetig stei- 
gender Lebensmittelpreise ein, die die Not der städtischen 
Massen immer mehr steigerte und schon vor dem Kriege sie 
stetig radikalisierte. Damit wuchs ihr Gegensatz nicht nur 
gegen die industriellen Unternehmer, sondern auch gegen den 
Grundbesitz. Die Vergesellschaftlichung der Landwirtschaft 
wurde nun ein ebenso dringendes Interesse der städtischen 
Proletarier, wie die Vergesellschaftlichung der Industrie. Und 
jene blieb nicht ein proletarisches Interesse, sie wurde ein 
Interesse der gesamten städtischen Bevölkerung. Dabei ist die 
Sozialisierung der Landwirtschaft aber sehr wohl vereinbar mit 
dem Interesse der großen Mehrheit der Landbevölkerung, die 
von ihrer Hände Arbeit, nicht von dem Einstecken von Grund- 
rente lebt. 

So wirkt die ökonomische Entwicklung ebenso auf dem 
Lande wie in der Stadt in der Richtung auf den Sozialismus, 



68 



wenn auch hier mit anderen Methoden als dort. Die Uebergangs- 
wirtschaft, in der die Not an Lebensmitteln auf die Spitze ge- 
trieben sein wird, ist berufen, diesem Entwicklungsgang einen 
gewaltigen Stoß nach vorwärts zu versetzen — vorausgesetzt, 
daß das industrielle Proletariat seine Schuldigkeit tut. 



69 



III. 

Landwirtschaft und Sozialismus 

Alle die gewaltigen Hemmnisse, die der Kapitalismus der Ent- 
wicklung der Landwirtschaft in den Weg legt, werden durch 
dessen Ueberwindung beseitigt, sowohl das Privateigentum am 
Boden wie die Lohnarbeit und die koloniale Eroberungs- und 
Erpressungspolitik. Damit ersteht die Möglichkeit, den heute 
schon sehr hohen und immer noch steigenden Gegensatz zwischen 
der möglichen und der wirklichen Produktivkraft der Landwirt- 
schaft zu überwinden, in dieser alle die enormen Produktiv- 
kräfte zu entwickeln, die ihr der Stand der theoretischen Natur- 
erkenntnis und der praktischen Technik schon bietet und zur 
Zeit der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat 
sicher in noch höherem Maße bieten wird. Denn Wissenschaft 
und Technik rasten nicht. 

Die Ueberwindung des Kapitalismus durch das Proletariat 
bietet aber damit nicht nur die Möglichkeit, die Produk- 
tivkräfte der Landwirtschaft aufs höchste so schnell zu entfalten, 
als es die Produktivkräfte der Industrie gestatten, die ja der 
Landwirtschaft die Mittel ihres Aufschwunges zu liefern hat; 
sie bringt auch die Notwendigkeit mit sich, diesen Auf- 
schwung möglichst zu beschleunigen, weil das siegreiche Prole- 
tariat trachten muß, mit allen Mitteln die Summe von Nahrung 
und Muße zu vermehren, die für die Bevölkerung erreich- 
bar ist. 

Ehe wir das näher erläutern, sei einem möglichen Mißver- 
ständnis vorgebeugt. Wir haben darauf hingewiesen, daß das 
Regime des siegreichen Proletariats zur Aufhebung des Privat- 
eigentums am Boden führen wird. Dies ist nur in der Weise 

70 



aufzufassen, daß wir erwarten müssen, diese Aufhebung werde 
schließlich im Laufe der Entwicklung eintreten, die mit dem 
Siege des Proletariats anhebt. Keineswegs soll damit gesagt 
sein, daß wir forderten, das Proletariat solle, sobald es zur 
Macht gelangt, sie sofort dazu benutzen, alle Bauern zu expro- 
priieren oder gar ihr Land zu konfiszieren. 

Daran denkt niemand in der Sozialdemokratie. Das allein 
wäre indes noch keine Gewähr dafür, daß es zu einer derartigen 
Expropriation nicht käme. Wir können ja nur für uns 
sprechen, wissen aber nicht, wer von uns den Sieg des Pro- 
letariats erlebt, unter welchen Bedingungen er eintritt, welche 
Anschauungen die Sieger leiten werden. Es gibt jedoch noch 
einen anderen Faktor als das Wollen und Wünschen der heute 
lebenden Sozialdemokraten, einen Faktor, der eine viel bessere 
Gewähr dafür bietet, daß es zu einer Expropriation der Bauern- 
schaft nicht kommen wird, und das ist die einfache Tat- 
sache, daß dem Interesse des Proletariats diese Expro- 
priation nicht nur nicht entspricht, sondern vielmehr ent- 
gegensteht. 

Das siegreiche Proletariat hat alle Ursache, dafür zu sorgen, 
daß die Nahrungsmittelproduktion ungestört fortgeht. Eine 
Expropriation der Bauern würde diesen ganzen Produktions- 
zweig in die tollste Unordnung bringen und das neue Regime 
mit Hungersnot bedrohen. Die Bauern mögen also unbesorgt 
sein. Ihre ökonomische Unentbehrlichkeit wird jede Expro- 
priation verhüten, ganz abgesehen davon, daß schon die ein- 
fachste Regel der Klugheit gebietet, sich ohne Not nicht eine so 
starke Bevölkerungsschicht zu Feinden zu machen. 

Die Kleinbauern werden durch den Sieg des Sozialismus 
nichts verlieren, sie können dadurch nur gewinnen. Erst durch 
ihn werden die Gegensätze der kapitalistischen Nationen aus 
dem Wege geräumt, die die wachsenden Kriegsrüstungen und 
Kriegsdrohungen erzeugen; erst durch ihn werden die Bedin- 
gungen der Abrüstung und des so heiß ersehnten ewigen Frie- 
dens geschaffen. Dadurch wird niemand so sehr entlastet wie 
der Bauer, denn keine andere Bevölkerungsschicht leidet so sehr 
unter dem Militarismus wie er. 

Das siegreiche Proletariat wird aber auch die Mittel und 
das Interesse haben, den Bauer bei der technischen Vervoll- 

71 



kommnung seines Betriebes zu unterstützen, ihm Dünger, Ar- 
beitsvieh, verbesserte Werkzeuge zugänglich zu machen und da- 
durch die Menge seiner Produkte zu steigern. 

Wenn wir erwarten, daß dies nicht zu einer neuerlichen 
Befestigung der kleinbäuerlichen Produktionsweise führen wird, 
so folgt dies daraus, daß wir annehmen, auch die größte Ent- 
lastung und Unterstützung sei nicht imstande, dem bäuerlichen 
Kleinbetrieb die ganze moderne Technik im vollsten Ausmaß 
zugänglich zu machen, und die Kleinbauern werden dafür früher 
oder später, sobald die sozialistische Produktionsweise sich be- 
festigt hat, selbst freiwillig ihre Betriebsform verlassen, die 
für sie eine Fessel des weiteren sozialen Aufsteigens wird. Die 
sozialistische Gesellschaft wird alle Ursache haben, ihnen beim 
Uebergang zu einer höheren Betriebsweise zu helfen, da sie ja 
einer Vermehrung ihrer Nahrungsmittel und Rohstoffe bedarf 
und daher dabei aufs stärkste interessiert ist. 

Dieser Umwandlungsprozeß wird noch in anderer Weise 
beschleunigt werden. 

Das sozialistische Regime hat es nicht allein mit den Klein- 
bauern zu tun, sondern auch mit den zahlreichen Lohnarbeitern 
der Landwirtschaft. Wie wird es sich zu jenen Betrieben stellen, 
die Lohnarbeiter im Gange halten? 

Die Verehrer des bäuerlichen Betriebs um jeden Preis 
nehmen an, die ländlichen Lohnarbeiter seien wahre Fanatiker 
des Privateigentums am Boden und verlangten nichts sehnsüch- 
tiger, als Zwergbauern zu werden. Die soziale Revolution sei 
für sie gleichbedeutend mit der Zerschlagung der großen Be- 
triebe und der Verteilung der daraus gebildeten kleinen Betriebe 
an die bisherigen Lohnarbeiter. 

Daß heute noch viele Landarbeiter so denken, unterliegt 
keinem Zweifel. Dieses Bedürfnis bildet einen der Gründe der 
fortschreitenden Zersplitterung des Bodens in manchen Gegenden 
und der hohen Preise, die gerade für kleine Parzellen gezahlt 
werden. Aber selbst heute schon, wo noch Teuerung und Ar- 
beitslosigkeit den Proletarier bedrohen, übt der eigene Grund- 
besitz nicht mehr jenen überwältigenden Zauber auf den Land- 
arbeiter aus wie ehedem. Wir sehen es, daß selbst Bauern- 
kinder lieber in die Stadt ziehen, um der Oede des bäuerlichen 

72 



Daseins zu entgehen, als daß sie das eigene Gütchen weiter be- 
wirtschaften. 

In einer sozialistischen Gesellschaft wird sich aber, das 
kann keinem Zweifel unterliegen, die Lage des industriellen Ar- 
beiters noch weit günstiger gestalten als die eines Kleinbauern, 
wieviel sie auch diesem bieten mag. 

Das allgemeine Sehnen der heutigen Arbeiterklasse geht 
nicht bloß nach mehr Nahrung, nach besserer Wohnung und 
Kleidung, sondern auch nach Verringerung der eintönigen Ar- 
beit der modernen Massenproduktion, nach mehr Muße und 
Freiheit. Die Muße ist heute nicht minder ein unentbehrliches 
Lebensmittel geworden wie Fleisch und Brot. 

Soll die Produktion gesteigert und gleichzeitig die Arbeits- 
zeit erheblich verkürzt werden, dann ist es unerläßlich, nur 
die produktivsten Produktionsmittel anzuwenden, alle weniger 
produktiven möglichst außer Gebrauch zu setzen. Das wird in 
der Industrie geringe Schwierigkeiten machen. Auch hier, nicht 
bloß in der Landwirtschaft, gibt es noch zahlreiche höchst un- 
rationelle, oft geradezu parasitische kleine Betriebe, Sie ver- 
schwinden nicht innerhalb des Kapitalismus, sondern haben die 
Tendenz, an Zahl zu wachsen, trotz des siegreichen Vordringens 
des Großbetriebs, ja durch ihn, weil sie immer mehr zu einer 
Erscheinungsform der industriellen Reservearmee, zu einer Zu- 
fluchtsstätte von Existenzen werden, die der Großbetrieb ar- 
beitslos macht. Die ungeheure Mehrheit dieser zwerghaften Be- 
triebe kann ohne jede Störung für die Produktion mit einem 
Schlage aufgegeben werden, und sie wird aufgegeben in dem 
Moment, in dem in den großen Betrieben die besten Arbeits- 
bedingungen, reicher Lohn und Sicherheit der Beschäftigung 
winken. Führt man etwa in den produktivsten Betrieben eine 
Verdreifachung der Arbeiterzahl ein, einen dreimaligen Schicht- 
wechsel im Tage mit fünfstündiger Arbeitszeit für jede Schicht, 
und vielleicht im Sommer drei Monate lang zweimaligen 
Schichtwechsel im Tage und Beurlaubung der dritten Schicht für 
einen Monat, so daß jeder Arbeiter im Betrieb so lange Ferien 
erhält — wer der kleinen Handwerker und Krämer wollte da 
nicht Arbeiter in solchem Betrieb sein, wer wollte sich noch 
mit Rezepten zur Rettung des Kleinbetriebs abgeben? Auf die 
schmerzloseste Weise wird dieser in Handel und Industrie 



73 



verschwinden, unter dem freudigen Aufatmen aller kleinen, bis- 
her anscheinend „selbständigen" Meister und Ladenbesitzer; 

Nicht minder aber werden bei einer derartigen Gestaltung 
der Industrie auch die Arbeiter vom Lande ihr zuströmen, nicht 
nur bisherige Lohnarbeiter, sondern auch die selbständigen Klein- 
bauern, die nun jeglichen Eigentumsfanatismus loswerden und 
auf ihr Eigentum pfeifen, wenn sie dafür so herrliches Leben ein- 
tauschen können. 

So erwünscht es sein wird, daß die kleinen Händler, Bu- 
diker, Handwerker ihre für die Gesellschaft zwecklosen Betriebe 
aufgeben und die Zahl der Arbeitskräfte in den produktivsten 
Großbetrieben der Industrie, und des Verkehrs vermehren, so 
gefährlich würde es für das neue Regime, wenn sich dazu eine 
Massenfluchl der landwirtschaftlichen Bevölkerung vom Lande 
weg zur Industrie gesellte. Die Ausstattung der ländlichen 
Lohnarbeiter mit Eigenbetrieben würde diese Gefahr nicht 
bannen. 

Selbst wenn sich das sozialistische Regime nicht von vorn- 
herein, wie es wahrscheinlich ist, daran machen sollte, den 
Betrieb der Landwirtschaft möglichst anziehend zu gestalten, 
würde es bald durch die Landflucht gezwungen werden, dies zu 
bewirken. 

Das ist aber in der Landwirtschaft weniger einfach als in 
der Industrie. In dieser schafft die kapitalistische Entwick- 
lung bereits technisch höchst vollkommene Betriebe, Die neue 
sozialistische Gesellschaft wird in der Industrie zunächst weniger 
die Aufgabe haben, neue, höhere Betriebe zu schaffen als die, 
überlebte stillzusetzen und die Arbeitskräfte in den vollkom- 
menen zu konzentrieren. 

In der Landwirtschaft gibt es nur wenige Betriebe, die man 
als vollkommene bezeichnen darf, in denen das Maximum 
dessen erreicht wird, was bei dem heutigen Stande der Technik 
und des Wissens geleistet werden könnte. Und diese wenigen 
Betriebe wären bei Weitem unzureichend, den gesellschaftlichen 
Bedarf an Bodenprodukten zu decken. Es wird heißen, die 
ganze Landwirtschaft neu zu organisieren und auf eine höhere 
Stufe zu heben. Hier hat die ökonomische Entwicklung dem 
Sozialismus nur wenig vorgearbeitet, hier wird er sich seine 

74 



technische Basis erst selbst schaffen müssen — mit Hilfe der 
Naturerkenntnis und der Technik, die der Kapitalismus in der 
Stadt entwickelt hat. Die technische Umwälzung der städti- 
schen Industrie durch den Kapitalismus, aus der sich der So- 
zialismus erheben wird, kann und wird ihm die Mittel geben, die 
Landwirschaft technisch umzuwälzen. 

Vor allem wird es wichtig sein, um der Landwirtschaft die 
größtmöglichste Produktivität zu gewähren, den einzelnen Be- 
trieben jene Maximalgröße zu geben, bei der sie alle ihnen zu 
Gebote stehenden Mittel am vollkommensten auszunützen ver- 
mögen. Diese Maximalgröße wird nicht für alle Gegenden und 
Betriebsarten, so wenig wie für alle Zeiten, die gleiche sein kön- 
nen. Wir wissen bereits, daß der Marxismus keineswegs be- 
hauptet, der größere Betrieb sei unter allen Umständen dem 
kleineren überlegen. Er behauptet das nicht von den Betrieben 
sondern von den Kapitalien. 

Es ist aber kaum anzunehmen, daß jemals und irgendwo 
für irgendwelchen größeren Produktionszweig das Ausmaß des 
Eigenbetriebs eines Ehepaars als die rationellste Maximalgröße 
oder überhaupt als einigermaßen leistungsfähige Größe in Be- 
tracht kommen könne. Mag das heute noch bis zu einem ge- 
wissen Grade möglich sein, so nur deshalb, weil es dem 
bürgerlichen Hirn als selbstverständlich gilt, daß der Arbeiter 
ein Arbeitstier ist und ausschließlich seiner Arbeit lebt. Der 
kleinbäuerliche Familienbetrieb verliert seine Lebensfähigkeit in 
dem Moment, in dem die Massen der Landbevölkerung an- 
fangen, die Muße zu den für sie unentbehrlichen Lebensmitteln 
zu rechnen. 

Ebensowenig wie eine Arbeitsteilung erlaubt der klein- 
bäuerliche Familienbetrieb einen Schichtwechsel — oder gar 
Ferien, ein längeres Aussetzen von der Arbeit. Ununterbrochen, 
tagaus, tagein, vom Morgen bis in die Nacht müssen der Zwerg- 
bauer und seine Gattin sich schinden; niemand ist da, sie ab- 
zulösen. 

Wenn sich neben seinem Zwergbetrieb eine große land- 
wirtschaftliche Produktionsgenossenschaft erhebt, in der etwa 
während des Frühjahrs, Sommers und Herbstes in drei Schich- 
ten von je fünf Stunden gearbeitet wird, während der drei 
Wintermonate in zwei Schichten, indes in jedem Monat eine 

75 



Schicht Ferien hat, wer wollte glauben, daß da der Kleinbauer 
daneben noch das Evangelium der Herrlichkeit des bäuerlichen 
Familienbetriebs nachbeten wird, das uns jetzt einige Sozialisten 
predigen? Er wird alles aufbieten, Mitglied der Produktions- 
genossenschaft zu werden. 

So wird das Privateigentum am Boden aufhören. Zuerst 
für die großen Betriebe, dann ohne jeden Zwang auch für die 
kleinen, die in den großen aufgehen. 

K Mit der Organisierung mehr oder weniger großer Pro- 
duktivgenossenschaften für die Landwirtschaft und der Herab- 
setzung ihrer Arbeitszeit wäre es natürlich noch nicht getan. 
Sollen sie ihr Vollkommenstes leisten, müssen intelligente und 
wissenschaftlich gebildete Arbeitskräfte aufs Land, muß die 
Arbeit auf dem Lande für geistig regsame und gebildete Leute 
erträglich gemacht werden. Bessere und höhere Schulen sind 
dort zu gründen, Bibliotheken und Lesezimmer, Stätten ge- 
selligen Kunstgenusses. Damit wird das Bedürfnis nach 
Kirche und Gottesdienst auch auf dem flachen Lande ver- 
schwinden. 

Natürlich müssen die neuen Betriebe aufs beste ausgestattet 
werden mit allen Behelfen der modernen Wissenschaft und 
Technik, was wieder die Beschaffung zahlreicher motorischer 
Kräfte erheischt, die teils durch Dampf, teils durch Wasser- 
bauten zu liefern sind. Sollen diese Kraftanlagen völlig aus- 
genutzt werden, dann erfordert dies seinerseits eine Verbindung 
von Industrie und Landwirtschaft, da diese nicht das ganze 
Jahr in gleichem Ausmaß motorischer Kräfte bedarf. Das gleiche 
gilt von den menschlichen Kräften. Auch diese können beim 
Vorhandensein eines industriellen Betriebs neben dem landwirt- 
schaftlichen gleichmäßiger beschäftigt werden. 

Die Verlegung der Industrie aufs flache Land, die im Inter- 
esse der Steigerung der Produktivität der gesellschaftlichen Ar- 
beit liegt, wird aber auch den geistigen Bedürfnissen der länd- 
lichen wie der industriellen Arbeiter entsprechen. Diese kommen 
dadurch leichter in Verbindung mit der Natur, für jene wird mit 
der Verdichtung der Bevölkerung auf dem Lande die Möglich- 
keit mannigfaltigerer Geselligkeit und freien Genießens und 
Produzierens in Kunst und Wissenschaft vermehrt. 



76 



Es wird eine gewaltige Umwälzung der Landwirtschaft sein, 
die der Sozialismus auf diese Weise bewirkt. Sie wird nicht 
ausschließlich die Erzeugung der Bodenprodukte erhöhen; weit 
mehr wird sie für die landwirtschaftliche Bevölkerung das Aus- 
maß ihrer Muße vergrößern, sie wird sie aus Lasttieren, die sie 
heute sind, zu freien Menschen machen. 

Allenthalben wird diese Umwälzung der Landwirtschaft eine 
tiefgehende sein. Aber noch riesenhafter als in den Industrie- 
ländern wird die umwälzende Wirkung des Sozialismus in den 
primitiven Agrarländern auftreten, weil dort der Unterschied 
zwischen der wirklichen und der möglichen Produktivität der Ar- 
beit ein viel größerer ist, der Sprung von jener zu dieser also ein 
noch weit mächtigerer. 

Ebensosehr wie die kapitalistische muß die sozialistische 
Gesellschaft trachten, die Ueberschüsse an Bodenproduktion zu 
erhöhen, die die Landwirtschaft liefert. Aber sie kann nur noch 
die Methoden der Produzierung des relativen, nicht mehr die 
der Produzierung des absoluten Mehrproduktes anwenden. Sie 
befreit die Bewohner der Agrarländer von der auf ihnen lasten- 
den und sie ruinierenden kapitalistischen Ausbeutung, um ihrer 
Landwirtschaft neues Leben einzuflößen und sie auf die höchste 
Stufe der Vollkommenheit durch Zuführung des modernen 
Wissens und der modernen Technik zu bringen. 

Dazu bedarf es keiner Kolonialpolitik, keiner Eroberung, 
keines Zwanges. Mittel zur Vermehrung der Produktion und 
zur Ersparnis der Arbeit nimmt jeder gern entgegen; die rück- 
ständigen Völker wenden sich gegen die modernen Produktions- 
mittel nur dort, wo sie ihnen als Mittel der Ausbeutung und 
Knechtung entgegentreten. Gerade die Aufhebung jeden Zwan- 
ges ist die erste Vorbedingung, den modernen Produktionsmitteln 
raschen Zugang in den agrarischen Ländern zu eröffnen. In 
einer sozialistischen Gesellschaft wird die Ausbreitung der mo- 
dernen Produktionsmethoden innerhalb der agrarischen Länder 
in demselben Tempo vor sich gehen können, in dem die Industrie 
der Industrieländer die erforderlichen Produktionsbehelfe sowie 
die Mittel ihres Transportes beschafft, und in dem die geistige 
Bildung der Bevölkerung in den Agrarstaaten die zur Anwen- 
dung dieser Produktionsbehelfe erforderliche Höhe erreicht. Wir 



77 



haben keine Ursache, anzunehmen, daß der zweite Faktor lang- 
samer fortschreiten wird als der erstere. 

Die überlegene Klugheit irgendeines weisen Realpolitikers 
wird auch hier wieder meine „Phantasien" mit der Bemerkung 
verspotten wollen, ich erwartete, daß die sozialistische Gesell- 
schaft ohne weiteres den Kongonegern Dampfpflüge zur Ver- 
fügung stellen werde, um damit den Urwald zu pflügen. 

Solche erhabene Kritiker mögen bedenken, daß zu den 
Agrarländern, die hier in erster Linie in Betracht kommen, 
Länder gehören, in denen modernes Wissen heute schon nicht 
ganz unbekannt ist: Irland wie Spanien, Süditalien wie Ungarn, 
Rumänien und Rußland, die Balkanländer, Kleinasien, Persien, 
Aegypten, Ostindien, die tropischen und subtropischen Länder 
Amerikas. Bis es gelungen ist, in allen diesen Ländern die 
kulturfähige Fläche auf die Höhe moderner Produktivität zu 
bringen, bis nur alle die Anlagen der Entwässerung hier und der 
Bewässerung dort vollendet sind, die Aufforstung in den einen 
und die Rodung von Urwald in anderen, und ihre allgemeine 
Ausstattung mit den besten Produktionsbehelfen und aus- 
giebigen motorischen Kräften vollzogen ist — bis wir so weit 
sind, wird wohl einige Zeit vergehen, die vielleicht genügen 
wird, auch bei den Kongonegern die Bedingungen zur Anwen- 
dung des Dampfpflugs zu schaffen — wenn es bis dahin noch 
einen solchen geben und nicht ein weit wirksamerer und ein- 
facherer Apparat ihn verdrängt haben sollte. Jedenfalls liegt 
nicht die mindeste Notwendigkeit vor, mit der Verbreitung des 
Dampfpflugs in agrarischen Gebieten gerade bei den Kongo- 
negern zu beginnen. 

Das Tempo des ungeheuren Prozesses der Umwälzung und 
Modernisierung der Landwirtschaft in der sozialistischen Ge- 
sellschaft hängt von der Masse der Produktionsbehelfe ab, die 
die Industrie für die Landwirtschaft zu liefern vermag. Der 
größte Teil der Arbeitskräfte der Metallindustrie und des Bau- 
gewerbes, die heute der Erweiterung der Großstädte sowie dem 
Kriegswesen dienen, sie werden dann dazu verwendet werden, 
Bauten, Maschinen, Werkzeuge für die Landwirtschaft zu 
schaffen. Der Sieg des industriellen Proletariats, er wird schließ- 
lich am meisten der Landwirtschaft zugute kommen und der land- 
wirtschaftlichen Bevölkerung ein höheres Dasein bringen. 



78 



Der Kapitalismus hat im neunzehnten Jahrhundert vor allem 
und fast ausschließlich Industrie und Verkehr umgewälzt; der 
Sozialismus, dem hoffentlich noch der größte Teil des zwan- 
zigsten Jahrhunderts gehören wird, muß viel mehr die Land- 
wirtschaft als die Industrie umwälzen. 

Nichts verkehrter, als der Sozialdemokratie Feindseligkeit 
oder auch nur Gleichgültigkeit gegenüber der Landwirtschaft an- 
zudichten. Nicht der Landwirtschaft gilt unsere Gegnerschaft, 
sondern der Grundrente, die von müßigen Grundbesitzern und 
Wucherkapitalisten eingesackt wird. Nicht gegen den Klein- 
bauernstand wenden wir uns, wohl aber gegen jene, die den 
Landarbeitern einreden wollen, ihr Endziel habe die Existenz 
des Kleinbauern zu bilden; darauf hin sollten sie mit aller 
Macht streben und alle ihre Kraft konzentrieren. Das heißt 
ihnen die ewige Arbeitsfron zum Endziel setzen, es heißt aber 
auch, ihre Widerstandskraft gegenüber ihren Ausbeutern in der 
Gegenwart herabsetzen, denn ihre wirksamste Waffe ist die 
drohende Versagung der Arbeit durch Auswanderung, und diese 
Waffe legen sie aus der Hand, sobald sie sich an die Scholle 
binden. 

Der Prozeß der Umwälzung der Landwirtschaft durch die 
Industrie, der mit dem Siege des Proletariats beginnen muß, ist 
ein so riesenhafter, daß er nicht so bald zu einem Abschluß, ja 
nicht einmal zur Verlangsamung kommen kann. Sein Tempo 
hängt in erster Linie von der Menge Arbeitskräfte ab, die der 
Industrie zur Verfügung stehen. Je rascher diese wachsen, desto 
rascher werden sich die Produktivkräfte der Landwirtschaft 
entfalten. Auch wenn die heute schon in Anbau genommene 
Kulturfläche der Welt nicht erweitert würde, wenn hygienische, 
technische, ästhetische Rücksichten nicht erlauben würden, sie 
auf Kosten des Waldes im ganzen weiter auszudehnen, wenn 
dieser hier gewinnen sollte, was er dort verliert; und auch 
wenn der Drang nach Muße die allgemeine Arbeitszeit für die 
notwendigen Arbeiten weit unter deren jetzige Ausdehnung 
herabsetzen wird; auch dann wird die Lebensmittelproduktion 
rasch zunehmen, denn im Vergleich zu der heute schon möglichen 
Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit ist deren wirkliche 
Produktivität in fast allen Ländern, außer den alten kapita- 
listischen Industrieländern noch winzig. Solange dieser Unter- 

79 



schied zwischen wirklicher und möglicher Produktivität der 
landwirtschaftlichen Arbeit nicht ausgeglichen ist, wird jede 
neue Arbeitskraft, die der Industrie hinzugefügt wird, eine Ver- 
mehrung der Produktivkräfte für die Landwirtschaft, eine Ver- 
mehrung ihrer Produktivität und ihrer Ueberschüsse, also auch 
des Nahrungsspielraums bedeuten können. Wie sehr sich dieser 
noch ausdehnen läßt, dafür nur einige Andeutungen. 

Niemand wird behaupten wollen, daß die deutsche Land- 
wirtschaft auf der Höhe der Vollkommenheit stehe. Eine jüngst 
veröffentlichte Untersuchung der Frage, ob „die deutsche Land- 
wirtschaft unter dem Drucke des Gesetzes vom abnehmenden 
Bodenertrag steht", schließt der Verfasser, Dr. J. Rybark, mit 
den Worten: 

„Wer Land und Leute kennt und weiß, wie viele Bauernhöfe, ja 
selbst größere Güter es gibt, wo noch kein Körnchen künstlicher Dünger 
hineingekommen ist, wo seit Großvaters Zeiten dieselbe Getreide- und 
Kartoffelsorte gebaut wird, wo die Ackergeräte dürftig, die Boden- 
bearbeitung mangelhaft ist, wo Stallmistpflege, Fruchtfolge und son- 
stige technische und wirtschaftliche Maßnahmen an Rationalität noch 
viel zu wünschen übrig lassen, der ist sich darüber klar, daß die 
deutsche Landwirtschaft als Ganzes trotz aller 
Fortschritte noch lange nicht auf dem Punkte an- 
gelangt ist, wo größere Erträge nur mit unverhält- 
nismäßig höheren Kosten erzielt werden könne n." 
(Zeitschrift für Sozialwissenschaft, S. 445, 1909,) 

Das gleiche gilt von England: 

„Vom englischen Landwirt wird . . . gesagt, daß er ein guter Vieh- 
züchter sei, aber im eigentlichen Ackerbau nicht ganz mit der Zeit 
fortgeschritten und im Gebrauch des Kunstdüngers noch wenig erfahren 
ist. Dies kommt wohl zum Teil von der Rückständigkeit des landwirt- 
schaftlichen Unterrichtes, dürfte aber auch mit . . . den kurzen und 
unsicheren Pachtverträgen, durch welche angebrachte Meliorationen 
nicht ausreichend vergütet werden, in Zusammenhang stehen." (Ad. 
Mayer, Ueber den Erfolg der Reform der Pachtgesetzgebung in Eng- 
land, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, S. 660, 1909.) 

Wie weit zurück noch die europäische Landwirtschaft is{, 
wie wenig sie sich noch von den technischen Fortschritten an- 
geeignet hat, bezeugt uns unter anderem ein Vortrag, den Dr. 
Ed. v. Seidl am 16. Februar 1910 an der Wiener Hochschule 
für Bodenkultur gehalten hat. Er hat seit 1889 einen Guts- 
komplex in Mähren gepachtet, der 2135 Hektar umfaßt, und be- 

80 



wirtschaftet ihn mit ausreichendem Kapital nach modernen Prin- 
zipien, ohne dabei alle Neuerungen einzuführen. Die Elektri- 
zität zum Beispiel spielt bei ihm noch keine Rolle, Der Boden 
des Gutes ist nicht besonders günstig, zum Teil sumpfig, zum 
Teil stark geneigt, die Ackerflächen mit vielen Parzellen anderer 
Besitzer gemischt, oft klein und unregelmäßig. Die Arbeiter, 
zum Teil slowakische Wanderarbeiter, deren Arbeit gering- 
wertig, die Nachbarn jedem Fortschritt feindlich, was zum Bei- 
spiel die Dränage sehr erschwert. Und doch gelang es Seidl, 
seit 1890 durch Anwendung von Maschinen und Ergebnissen der 
modernen Chemie und Biologie die Produktivität des Gutes ge- 
waltig zu steigern. 

Wie eine einzige Verbesserung wirken kann, zeigt der Er- 
folg der Trocknung der Rübenschnitte, die als Viehfutter 
dienen: 

„Die Rübenschnittrocknung allein gibt mir aus derselben 
Rübenmenge Schnittfutter für 1000 Mastochsen im Jahre mehr 
als früher, wo ich nur nasse Schnitte verfütterte." 

Hätten alle 200 Zuckerfabriken Oesterreichs diese Methode 
eingeführt, so könnten sie an 200 000 Ochsen im Jahre mehr mit 
denselben Erträgnissen füttern. Aber erst etwa ein Dutzend Fa- 
briken wendet das Verfahren an. 

Nicht minder wichtig ist ein Verfahren der Strohaufschlie- 
ßung, das nicht nur jede Art Stroh sondern auch Kartoffelkraut 
in gutes Viehfutter verwandelt. Seidl führte die Methode 1905 
ein und konnte seitdem die dem Futterbau gewidmete Fläche 
von 430 Hektar auf 250 reduzieren. 

Nicht minder bedeutend wie in der Produktion von Vieh- 
futter waren Seidls Erfolge auf dem des Körnerbaus: 

„Düngung, zeitgemäße Bodenbearbeitung (für 80 000 Kronen 
Dampfpflüge!) und richtige Sortenauswahl ermöglichten es mir, . . . die 
Gelreideproduktion von 9000 Meterzentner auf 27 000 Meterzentner 
pro Jahr, also auf das Dreifache, zu steigern. 

Ich ließ aber auch die Fortschritte auf dem neu erschlossenen Ge- 
biete der Pflanzenzüchtung keineswegs außer acht ... Es ist gelungen, 
aus einer Landrasse von Winterroggen ein Saatkorn zu erzielen, das 
im Vorjahr auf 5 Hektar 33 Meterzentner und im letzten Jahre im 
feldmäßigen Anbau sogar 37 Meterzentner pro Hektar ergab." 

Kautsky, Landwirtschaft 6 gl 



Dabei war im Vorjahr im allgemeinen die Ernte keine 
gute. 

Im Durchschnitt wurden in Mähren während des letzten 
Jahrfünfts jährlich 13,4 Meterzentner pro Hektar geerntet! Im 
Deutschen Reiche im Durchschnitt der Jahre von 1899 bis 1907 
auch nur 15,5 Meterzentner. 

Die Erzielung dieser hohen Erträge war keineswegs eine 
kostspielige Spielerei. Herr Seidl ist ein guter Geschäftsmann. 
Die Höhe seiner Profite freilich verschweigt er. Aber er sagt 
uns doch, daß seine jährlichen Einnahmen von 1889 bis 1909 von 
420 000 Kronen auf 798 000 stiegen, die Ausgaben für Arbeits- 
löhne dagegen nur von 100 000 auf 157 000. Sie waren bis 1906 
auf 189 000 Kronen gewachsen, seitdem durch Einführung von 
Maschinen um 32 000 Kronen herabgedrückt wordenl 

Aber freilich, Kapital mußte in das Gut hineingesteckt wer- 
den. Mit den Mitteln bäuerlicher Wirtschaft wäre die Steige- 
rung nicht zu erzielen gewesen. 

Betriebe wie der Seidische sind nicht das letzte Wort der 
modernen landwirtschaftlichen Technik. Trotzdem bilden auch 
sie noch sehr vereinzelte Erscheinungen. 

Wie weit stehen aber noch andere Länder, die Korn- 
kammern der Welt, hinter Deutschland und England zurück! 

Nach der Statistik des englischen landwirtschaftlichen Amtes 
betrug im Durchschnitt der letzten fünf Jahre (bis 1907) der 
Weizenertrag pro Acre in Busheis in: 

Großbritannien 31,32 

Deutschland 29,59 

Belgien 34,09 

Dagegen: 

Vereinigte Staaten 13,57 

Argentinien 10,58 

Australien 8,76 i 

Europäisches Rußland (ohne Polen) . . 9,72 

Indien , 11,44 

Der Ertrag der letztgenannten Länder ließe sich, nach 
diesen Zahlen zu urteilen, also schon verdreifachen, auch wenn 
man sie bloß mit jenen Hilfsmitteln ausstattete, die heute schon 
in England und Deutschland allgemein angewandt werden. Die 
technisch mögliche Steigerung ginge weit darüber hinaus, 

82 



Andererseits könnte man die für menschliche Nahrungs- 
mittel bereitstehende Bodenfläche erheblich vermehren, wenn 
man das Pferd durch mechanische motorische Kräfte ersetzte. 
Im Deutschen Reiche sind nicht ganze zwei Millionen Hektar 
mit Weizen bebaut, dagegen über vier Millionen mit Hafer, 
in Rußland mit diesem fast siebzehn Millionen, in den Vereinig- 
ten Staaten dreizehn Millionen. 

Wieviel Boden durch Entwässerungs- und Bewässerungs- 
anlagen gewonnen werden kann, dafür nur einige Angaben, Im 
Deutschen Reiche umfassen die Hochmoore allein 27 500 Qua- 
dratkilometer — mehr als das Rheinland, mehr als der Weizen- 
boden des ganzen Reiches. Das Sumpfland der Vereinigten 
Staaten umfaßte 1900 75 Millionen Acres, dagegen der mit 
Weizen besäte Boden bloß 50 Millionen. 

Ueber das Terrain, das durch künstliche Bewässerung in den 
Vereinigten Staaten zu gewinnen ist, zitiert Simons aus dem Be- 
richt einer Kommission des Senats: 

„Mehr als zwei Fünftel des Gebiets der Vereinigten Staaten, ab- 
gesehen von Alaska, erfordern Bewässerungsanlagen, sollen sie regel- 
mäßige Ernten liefern, und in wenigstens vier Fünfteln dieser Land- 
striche ist die künstliche Bewässerung Vorbedingung jeglicher Pro- 
duktion auf ihnen. Die dürre Region umfaßt 1 200 000 bis 1 300 000 
(englische) Quadratmeilen, sie ist um ein Drittel größer als Britisch- 
indien und diesem im allgemeinen Charakter sehr ähnlich . . . Die 
Zeugen sind einig in der Erklärung, daß ein Acre Boden in Montana 
unter Bewässerung an Produktivkraft ebensoviel besitzt wie drei bis 
fünf Acres in den feuchten, dem Regen ausgesetzten Staaten." 

Dieses Gebiet umfaßt rund 1000 Millionen Acres — gegen- 
über den rund 50 Millionen Weizenboden der Vereinigten 
Staaten; es liefert schon bei den jetzt dort üblichen Methoden 
des Anbaus im Durchschnitt 35 Bushel Weizen pro Acre, gegen- 
über dem Durchschnitt der Vereinigten Staaten von 13% Bushel. 
Man kann sich vorstellen, welch ungeheure Erweiterung des Nah- 
rungsspielraums die Bewässerung dieses Gebiets ergeben muß. 
1899 waren davon rund 7 Millionen Acres unter Bewässerung. 
Die Bewässerungsbauten hatten 64 Millionen Dollars, etwas über 
250 Millionen Mark, gekostet, der jährliche Wert der Ernten 
belief sich auf 84 Millionen Dollars, fast 350 Millionen Mark. 
(Vergleiche darüber A. M. Simons, The American Farmer, 
5. 176 ff., Chicago 1902.) 



6* 



83 



Und ähnliches kann in den Mittelmeerländern erreich i 
werden sowie in Mesopotamien, im tropischen Afrika und 
Amerika. 

Solange dieser Prozeß fortdauert, kann von einer Ueber- 
völkerung keine Rede sein, wie rasch auch die Bevölkerung an- 
wachsen mag. Es ist aber sicher nicht übertrieben, wenn wir 
erwarten, dieser ganze riesenhafte Prozeß der Umwälzung der 
Landwirtschaft der gesamten Erde durch den Sozialismus werde 
auch nach einem Jahrhundert noch nicht beendet sein. 



84 



Der Bauer als Erzieher 



Vorbemerkung 



Den allgemeinen theoretischen Darlegungen Kautskys lassen 
wir einige praktisch polemische Ausführungen folgen, die 
der sozialistische Gutsbesitzer A. Hofer vor Jahren in der 
„Neuen Zeit" (27. Jahrgang, 2. Band) veröffentlichte. 

Die mehr parteipolitischen Auseinandersetzungen aus dieser 
Artikelserie haben wir fortgelassen. 

Bei der heutigen wirtschaftlichen Lage Deutschlands ist die 
Entscheidung, ob Groß- oder Kleinbetrieb, von weittragender 
praktischer Bedeutung. Die Darstellung Hofers, die Gegenüber- 
stellung des Groß- und Kleinbetriebes bei der Ausführung der 
landwirtschaftlichen Arbeiten im Wandel des Jahres erläutert 
anschaulicher als alles Theoretisieren did technische Ueber- 
legenheit des ländlichen Großbetriebes, die durch den Krieg 
eher noch gesteigert als verringert wurde. Mögen die ange- 
führten Zahlen heute nicht mehr zutreffen, so ändert das nichts 
an dem technisch-wirtschaftlichen Verhältnis von Groß- und 
Kleinbetrieb, da die Ausgaben bei beiden gleichmäßig gestiegen 
sind. Die Sozialisierung hingegen wird eine Reihe von Schranken 
hinwegräumen, die es bisher verhinderten, daß die technischen 
Vorteile des ländlichen Großbetriebes sich in vollem Maße wirt- 
schaftlich geltend machten. Bei der erklärlichen Unkenntnis 
großstädtischer Leser über die Einzelheiten des ländlichen Be- 
triebes und über die wissenschaftlichen Errungenschaften der 
Agrikultur-Chemie und der Agrartechnik und bei dem begreif- 
lichen Hang der Kleinstadt- und Landbewohner zur romantischen 
Betrachtung der bäuerlichen Wirtschaft sind diese nüchtern 
sachkundigen Ausführungen eines praktischen Landwirts mit 

87 



nationalökonomischer Bildung und praktisch politischer Schu- 
lung heute von besonderem Interesse als ein wichtiger Beitrag 
zur Kernfrage unserer landwirtschaftlichen Entwicklung. So- 
zialisierung landwirtschaftlicher Großbetriebe oder Zerschlagung 
vorhandener Großwirtschaften in Mittel- und Kleinbetriebe. Ge- 
rade der lebhaft polemische Charakter der Hoferschen Ausfüh- 
rungen ergänzt Kautskys Schrift sehr glücklich, und viele Punkte, 
die Kautsky nur flüchtig berührt, werden hier ausführlicher be- 
handelt. Hofer stellt einen Großbetrieb von 3000 Morgen einer 
Anzahl Kleinbetriebe von gleichem Flächenumfang gegenüber 
und untersucht, wie sich die Bearbeitung des Bodens von der 
Aussaat bis zur Ernte nun praktisch gestaltet. 



88 



Der Bauer als Erzieher 

Von A. H o f er 



1. Die Ausrüstung der Wirtschaft 

Wir wollen uns die Sache an der Hand eines Beispieles aus 
der heutigen kapitalistischen Gesellschaft klarzumachen 
versuchen. Nehmen wir eine Fläche von 750 Hektar oder 
3000 Morgen. Diese Fläche kann unter den heutigen Verhält- 
nissen mit Pferdebetrieb in Großwirtschaft noch rationell be- 
wirtschaftet werden, vorausgesetzt, daß die Besitzung gut arron- 
diert ist, das heißt daß das Gutsgehöft von allen Grenzpunkten 
möglichst gleichmäßig entfernt liegt. 

Nehmen wir also an, diese 3000 Morgen wären kahles Land, 
meinetwegen von einer noch viel größeren Besitzung oder von 
einer Staatsdomäne abgetrennt, und ständen zum Verkauf. Nun 
kauft ein einzelner Geldbesitzer diesen Landkomplex, um ihn im 
Großbetrieb zu bewirtschaften. 

Er wird zunächst möglichst in der Mitte dieser 750 Hektar 
die passendste Stelle für das zu errichtende Gehöft aussuchen. 
Natürlich hat er die Baugrundverhältnisse, Höhenlage und 
Wasserverhältnisse zu berücksichtigen. Ein gewisser Spielraum 
ist ihm in der Auswahl der Hofstelle gegeben. Nun beginnt das 
Bauen. Es werden gebaut 3 Ställe ä 20 000 Mark, 3 Scheunen 
a 15 000 Mark, ferner 10 Wohnhäuser mit allem Zubehör, und 
zwar 9 Vierfamilienhäuser und ein Wohnhaus für den Besitzer. 
Die Baukosten dieser 10 Wohnhäuser berechnen wir durch- 



89 



schnittlich mit je 10O00 Mark. Wir haben jetzt im ganzen für 
den Gehöftaufbau die Summe von 205 000 Mark verwendet. Nun 
fehlen noch Schmiede, Speichereinrichtung und vielleicht noch 
ein paar Schuppen für Geräteaufbewahrung usw. Dazu soll unser 
Großbesitzer noch weitere 45 000 Mark verwenden. Er hat jetzt 
250 000 Mark hineingesteckt und sein Gehöft in modernster 
Weise allen Erfordernissen entsprechend aufgebaut. 

Nun wird an geeigneter Stelle der Brunnen angelegt und 
zugleich Wasserleitung eingerichtet nach sämtlichen Ställen, nach 
dem Herrenhaus und zu den Leutewohnungen. Diese Einrich- 
tungen nebst den Kosten für den Brunnen dürften 5000 Mark be- 
tragen. Ein guter Weg bis zur nächsten öffentlichen Straße wird 
ebenfalls an geeigneter Stelle angelegt. Für seine Hofstelle und 
zu dem Wege hat unser Besitzer etwa 15 Morgen seines Landes 
opfern müssen. Nehmen wir an, der Preis beträgt pro Morgen 
Land 200 Mark, so muß er sich 3000 Mark für diesen Zweck zur 
Last schreiben. Jetzt mietet er sich 36 Arbeiterfamilien, mit 
diesen kann er unter moderner Anwendung von Maschinen seine 
3000 Morgen bearbeiten, 60 Arbeitspferde dürften für diesen 
Landkomplex ebenfalls vollkommen genügen. Er wird die 
Pferde pro Stück mit 400 Mark durchschnittlich bezahlen, also 
24 000 Mark für diesen Zweck aufwenden. Für diese 60 Pferde 
braucht er eine entsprechende Anzahl Geschirre. Das wird pro 
Pferd eine Ausgabe von 20 Mark bedeuten. Nun muß er sich 
20 Arbeitswagen ä 100 Mark besorgen und für den Winter 
30 Arbeitsschlitten, die etwa 25 Mark pro Stück kosten. Für 
Wagen und Schlitten zum persönlichen Bedarf opfert unser 
Großbesitzer ebenfalls 3000 Mark. 

Nun kommen die Ackergerätschaften an die Reihe. Unser 
Großbesitzer braucht für 15 Gespanne Eggen und Pflüge, er 
braucht 3 bis 4 Ackerwalzen, ein paar Häufelzöche, 2 Drill- 
maschinen, 1 Düngerstreumaschine, 2 Kleesämaschinen, 5 bis 
6 Pferderechen, 1 Heuwender, 4 bis 5 Grasmähmaschinen, eben- 
soviel Getreidemäher, 1 Kartoffelaushebemaschine und noch 
manche andere. Für diese Gerätschaften und Maschinen werden 
etwa 15 000 Mark aufzuwenden sein. 

Nun fehlen noch die Maschinen, die auf dem Hofe Verwen- 
dung finden. Da ist zunächst der Dampfdreschsatz, Lokomobile 
mit Dreschmaschine, die zusammen etwa 10 000 Mark kosten 



90 



dürften, Häckselmaschine, ebenfalls durch die Lokomobile zu 
treiben, 500 Mark und Einrichtung zur Mahlmühle etwa 1000 
Mark. Für Maschinen und Geräte, die auf dem Speicher und 
zur eigenen Reinigung des Getreides, speziell Saatgetreides, Ver- 
wendung finden, können wir ebenfalls noch 1000 Mark an- 
setzen. 

Nun ist noch die Dunggrube an geeigneter Stelle auf dem 
Hofe anzulegen; die Herstellung derselben dürfte ebenfalls noch 
500 Mark erfordern, dann ist das nötige Nutzinventarium anzu- 
schaffen, und der Betrieb kann beginnen. 

Rechnen wir nun zusammen, welches Kapital gebraucht wird 
für Gebäude, lebendes und totes Arbeitsinventar, bis der Be- 
sitzer dieser 3000 Morgen den Betrieb in der Großwirtschaft auf- 
nehmen kann, so erhalten wir die Summe von 316 900 Mark. 

Nehmen wir jetzt den anderen Fall. Die in Betracht kom- 
menden 750 Hektar resp. 3000 Morgen Land würden nicht von 
einem einzelnen Kapitalbesitzer, der im Großbetrieb wirtschaften 
will, sondern von kleinen Leuten gekauft. Diese Leute wollen 
aber nur so viel Land, wie sie, das heißt Mann und Frau, zu- 
sammen bearbeiten können ohne fremde Hilfskraft. 7 1 /., Hektar 
resp. 30 Morgen dürften die Höchstgrenze darstellen. Ohne 
Mitarbeit ihrer Kinder können sie diese 30 Morgen schon gar 
nicht mehr beschicken. Um zu richtigen Vergleichsgrößen zu 
kommen, müßten wir die Größe der Fläche für den Familien- 
betrieb eigentlich kleiner annehmen, denn die 36 Familien des 
Großbesitzers stellen nur Mann und Frau zur Arbeit. Der Ein- 
fachheit halber nehmen wir aber die Größe von 30 Morgen an. 
Es treten in unserem Falle also 100 Familien als Käufer an, 
denen die 750 Hektar aufgeteilt werden. 

Selbstverständlich muß nun jeder dieser kleinen Leute mög- 
lichst mitten in seinen 30 Morgen Land das Gehöft erbauen, 
sonst geht den Leuten der einzige Vorteil des Kleinbetriebs, 
nämlich die nahe Entfernung des Landes, verloren. In der Aus- 
wahl des Bauplatzes ist ihm durch die Lage der Dinge wenig 
Spielraum gelassen. Jeder dieser Besitzer muß sich nun ein 
Wohnhaus, einen Stall, eine Scheune und einen Keller bauen. 
Unter 3000 Mark ist das Wohnhaus selbst bei den bescheidensten 
Ansprüchen nicht herzustellen. Für die anderen Gebäude wollen 
wir nur zusammen 2000 Mark auswerfen, so kostet die Einrich- 

91 



tung des Gehöftes immerhin 5000 Mark. Wir haben da sehr 
niedrige Zahlen angenommen. Unsere 100 Kleinbesitzer brauchen 
also 500 000 Mark, um die Gehöfte aufzubauen. Jedes Gehöft 
muß einen Brunnen haben. Es gibt Gegenden, in denen die 
Herstellung von Brunnen ungeheure Kosten verursacht. Wir 
nehmen hier nur an, daß die Fertigstellung jedes Brunnens 
300 Mark kostet. Das belastet die 100 Kleinbesitzer mit 30 000 
Mark. Jeder dieser Besitzer braucht einen Weg bis zur nächsten 
öffentlichen Landstraße. Nehmen wir jetzt an, Hofstelle und 
Weg beanspruchen bei jedem der Kleinbesitzer nur vi Morgen 
Land, so gehen unseren 100 Kleinbesitzern immerhin 75 Morgen 
verloren. Wenn wir, wie vorhin, den Kaufpreis pro Morgen mit 
200 Mark annehmen, so kommt trotzdem ein Betrag von 15 000 
Mark heraus. 

Auf den 30 Morgen braucht schon jeder der Besitzer 2 Pferde. 
Er wird leichtere Pferde kaufen wie unser Großbesitzer. Setzen 
wir hier einen Durchschnittspreis pro Pferd von 300 Mark, so 
erhalten wir bei 200 Pferden, die erforderlich sind, die Summe 
von 60 000 Mark. Die Geschirre für diese Pferde werden eben- 
falls schwächer ausfallen können. Rechnen wir pro Pferd 
15 Mark für das Geschirr, so müssen wir 3000 Mark in Anrech- 
nung bringen. Ferner muß jeder unserer 100 Kleinwirte einen 
Arbeitswagen, sagen wir ä 60 Mark, und einen Arbeitsschlitten 
ä 15 Mark, wie auch je einen halbwegs anständigen Spazier- 
wagen respektive Schlitten haben, die zusammen 200 Mark kosten 
mögen. Dabei müssen wir das Konto unserer Kleinbesitzer mit 
27 500 Mark belasten. 

Nun kommen die Ackergerätschaften an die Reihe. Jeder 
Besitzer braucht wenigstens 2 Pflüge, außerdem 1 Häufelpflug, 
2 Sorten Eggen, 1 Walze, 1 Pferderechen. Die Anschaffung 
dieser Gerätschaften kostet jeden einzelnen, ganz minimal ge- 
rechnet, 200 Mark, zusammen 20 000 Mark. 

Bleiben noch die auf dem Hofe notwendig gebrauchten Ma- 
schinen: nämlich 1 Roßwerk mit Göpelbetrieb, 1 Dreschmaschine, 
1 Häckselmaschine, 1 Puntzmühle, Getreidehechel, Schaufeln, 
Siebe usw. Die Kosten für die Anschaffung dieser Maschinen 
und Geräte dürften auf 500 Mark zu stehen kommen. Für sämt- 
liche 100 Kleinbesitzer käme die Summe von 50 000 Mark her- 
aus. Die Anlage einer richtigen Dunggrube würde auch etwa 

92 



40 Mark in Anspruch nehmen, so daß wir nochmals 4000 Mark 
dem Kleinbesitzerkonto zur Last schreiben müßten. 

Nehmen wir nun die Gesamtsumme zusammen, die unsere 
100 Kleinbesitzer nötig hätten, um ihr Gehöft aufzubauen und 
die nötigen Anschaffungen von Arbeitsinventar zu machen, so 
ergibt sich als Resultat das nette Kapital von 706 500 Mark. 

Unser Großbesitzer hat, um ebensoweit zu kommen wie 
unsere 100 Kleinbesitzer, nur 316 900 Mark Kapital gebraucht. 
Das ergibt eine Differenz von 389 600 Mark. Diese Summe 
brauchen die 100 Kleinbesitzer von vornherein mehr, um zunächst 
ebensoweit dazustehen wie der Großwirtschafter. Für jeden 
unserer 100 Kleinbesitzer beträgt diese größere Kapitalslast 
3896 Mark. Wenn wir den Zinsfuß zu 4 Prozent annehmen, 
dann hat jeder der Kleinbesitzer von seinen 30 Morgen jährlich 
155,84 Mark mehr herauszuwirtschaften wie von entsprechender 
Größe der Großgrundbesitzer, oder wenn wir für den Morgen 
umrechnen, dann hat der Kleinbesitzer 5,19 Mark pro Morgen 
jährlich mehr aufzubringen. 

Wir werden nachher gleich untersuchen, ob wenigstens durch 
den Betrieb selbst der Kleinbesitzer in der Lage ist, diesen großen 
Vorsprung, den der Großwirtschafter errungen hat, wieder wett- 
zumachen. — Um überhaupt mit dem Betrieb beginnen zu kön- 
nen, ist es nötig, die Hypotheken zu regeln. 

Zugegeben, daß Landschaft oder ähnliche gemeinnützige In- 
stitute einen gewissen Prozentsatz Geld dem Großbesitzer wie 
den kleinen Leuten zu gleichen Bedingungen gewähren. Es wird 
aber wahrscheinlich noch Geld gebraucht werden, das von Pri- 
vatleuten geliehen werden muß und das diese eintragen lassen. 
Der Großbesitzer braucht eine Summe, die in die Hundert- 
tausende geht. Unter normalen Verhältnissen wird er leicht 
einen Geldgeber finden, der gern bereit ist, dafür, daß er eine so 
große Summe sicher an einer Stelle unterbringen kann, den Zins- 
fuß um 1 Prozent zu ermäßigen. 

Dem kleinen Besitzer geht dieser Vorteil verloren. Er muß 
das Geld von kleinen Leuten nehmen, denen selbst um jeden 
Pfennig Zins zu tun ist, oder aber er muß sich an Geldleute wen- 
den, die dafür, daß sie ihr Geld in kleinen Posten anlegen und ab 
und zu Verluste haben, aucli entsprechend höhere Zinsen be- 
rechnen. 

93 



2. Die Bodenbestellung 

Wenden wir uns jetzt der Wirtschaftsführung zu, um zu 
sehen, wie Licht und Schatten da zwischen groß und klein ver- 
teilt ist. 

Es ist endlich Frühling geworden. Frost, Regen und Wind 
haben im langen Winter die Gebäude arg mitgenommen. Auf 
dem Felde ist es für die Bestellungsarbeiten noch zu naß und 
daher die passende Zeit, Zäune und Gebäude in Ordnung zu 
bringen. Der Großbesitzer mit seinen 3000 Morgen hat seine 
17 bis 18 Gebäude auszubessern. Die 100 Kleinbesitzer aber 
haben es mit 300 Gebäuden und Zäunen zu tun. Wieviel Kalk, 
Ziegel, Dachpfannen, Zement, wieviel Zaundraht, Pfähle und 
Nägel werden wohl die 100 Kleinbesitzer mehr brauchen wie der 
eine Großbesitzer? 

Aendern wir jetzt aber der leichteren Darstellung wegen 
unser Beispiel ein wenig und nehmen an, neben dem Großgut 
von 3000 Morgen befänden sich die verstreut wohnenden 100 
Kleinbesitzer, die je 30 Morgen Land ihr eigen nennen. 

Die Frühjahrssaatbestellung rückt heran. Es muß künst- 
licher Dünger auf den Acker gestreut werden. Der Großbesitzer 
hat sich je nach Bedarf ein paar Eisenbahnwaggons Kunstdünger 
kommen lassen, bespannt seine Arbeitswagen mit je 4 Pferden 
und ladet auf jede Fuhre 50 bis 60 Zentner, so daß jedes Pferd 
12 bis 15 Zentner Gewicht nach Hause zieht. 

Die Kleinbesitzer haben, um den teuren Preisen des Höker- 
kaufmanns auf dem Lande zu entgehen, sich vielleicht auch ge- 
meinsam ein paar Waggons Kunstdünger kommen lassen. Zur 
Frühjahrsbestellung braucht jeder von ihnen vielleicht 5 Zentner. 
Der Dünger ist angekommen, und alle Reflektanten werden zur 
Verteilung zum Bahnhof bestellt. Nun holt der Besitzer mit 
seinem Fuhrwerk ganze 5 Zentner nach Hause. Der Guts- 
kutscher schaffte 50 bis 60 Zentner. Ist der Bahnhof vielleicht 
etwas abgelegen, dann fällt der Kleinbesitzer von vornherein dem 
näher wohnenden Kaufmann und seinen höheren Preisen in die 
Hände. 

Der Kunstdünger ist nun glücklich ausgestreut. Leider hat 
dabei der Wind einen gewissen Prozentsatz gerade auf das Feld 
der bösen Nachbarn getrieben. Der Gutsbesitzer nebenan hat 

94 



mit seiner Maschine den teuren Kunstdünger in tadellosester 
Weise gleichmäßig ausgestreut. 

Nun beginnt die Saatbestellung. Mit seinen von 4 kräftigen 
Pferden gezogenen schweren Kultivatoren, denen entsprechende 
vierspännige Eggen folgen, arbeitet der Großbesitzer seinen 
Acker in tadellosester Weise vor. Zwei- bis dreimaliges Ueber- 
arbeiten mit den schweren Apparaten haben genügt, den Boden 
so durchzuarbeiten, daß die Einsaat mit der Drillmaschine vor- 
genommen werden kann. Bei den langen Streifen bringt die 
Drillarbeit ungemein viel Nutzen. Gegenüber der früher üblichen 
Handsäerei respektive dem Arbeiten mit der Breitsäemaschine 
wird durch die Drillmaschine, die jedes Korn in die Erde bringt, 
ein Drittel an Saatgut gespart. Außerdem kommt die Saat in 
die vorschriftsmäßige Tiefe, was ein sicheres und gleichmäßiges 
Aufgehen verbürgt. 

Der Kleinbesitzer nebenan hat auch mit der Saatbestellung 
begonnen. Statt des teuren Kultivators hat er zum Voreggen so- 
genannte Schareggen, die Zinken mit sogenannten Gänsefüßchen 
haben oder etwas Aehnliches. Der Apparat muß seinen beiden 
schwachen Pferdchen angepaßt sein, ebenso die anderen Eggen. 
Nach dem mechanischen Prinzip, ,,was am Wege verloren geht, 
wird an Kraft gewonnen", arbeitet er um so öfter über dieselbe 
Stelle, und erzielt doch nicht die nötige tiefgründige Lockerung 
und Herausbringung von Quecke usw. Dafür stampfen die 
Pferdehufe durch das oftmalige Herumdrehen auf derselben 
Stelle den Acker tüchtig fest, namentlich wenn der Boden noch 
nicht so richtig trocken ist. 

Dann kommt das Säen selbst. Eine Drillmaschine ist für 
30 Morgen zu teuer. Der Kleinbauer sät mit der Hand. Das 
ist natürlich immer mehr oder weniger unvollkommen. Damit 
überall wenigstens die Minimalzahl von Körnern hinfällt, wird 
auf vier Fünftel des Ackers Saatgut verschwendet. Ein im Ver- 
hältnis zur Fläche sehr großer Prozentsatz an Saatgut fällt auf 
die Grenzraine und Grabenkränze. 

Ebenso ist es mit dem Aussäen der teuren Kleesaat. Der 
Großbesitzer hat auch für diesen Zweck eine tadellos funktio- 
nierende Maschine. Der Kleinbesitzer kann sich nicht allerhand 
derartige Maschinen anschaffen, die er nur ein paar Stunden 
im ganzen Jahre braucht. Auch eine genossenschaftliche An- 

95 



Schaffung solcher Maschinen ist schwer möglich, denn wenn die 
Zeit da ist und das Wetter günstig, muß vor allem gesät werden. 
Oft werden die frühen Morgenstunden, solange ein etwaiger 
Nachtfrost das Betreten der Winterfelder, ohne dort Schaden an- 
zurichten, noch möglich macht, zur Aussaat von Klee und Säme- 
reien benutzt. Bei diesen teuren Sämereien wird der Bauer durch 
seinen rückständigen Handbetrieb empfindlich geschädigt. Jeder 
plötzliche Windstoß treibt diese bekanntlich nur mit drei Fingern 
gestreute teure Saat an die falsche Stelle, 

Doch noch etwas anderes. Unter den 100 Kleinbesitzern be- 
finden sich sicher einige, die das Talent haben, Saatgetreide als 
Spezialität zu züchten. Durch Auslese der Getreidestauden 
respektive der Aehren, durch Kreuzung verschiedener Getreide- 
sorten miteinander, durch Auswahl passenden Bodens, durch 
vergleichende Beobachtung des Wachstums und der Erträge ver- 
schiedener Getreidesorten unter denselben Saat-, Düngungs- und 
Bodenverhältnissen würden diese Leute ihre speziellen Kennt- 
nisse und Veranlagungen zum Segen für sich und andere ent- 
falten können, wenn sie nur mehr Bewegungsfreiheit hätten. 
30 Morgen ist eine kleine Fläche. Verschiedene Sorten der- 
selben Getreideart lassen sich da nicht sehr gut anbauen und 
namentlich nicht ein Weiterzüchten. Schon von den Grund- 
stücken der vielen kleinen Nachbarn treibt bei den Windblütlern 
die Luft den Blütenstaub an den verkehrten Ort. 

Aber auch bei den Insektenblütlern, zum Beispiel den Legu- 
minosen, wird bei nahe beieinanderliegenden Pflanzensorten der- 
selben Art eine ewige Kreuzung stattfinden. 

Unsere Kleinbesitzer werden ihre Spezialität nicht entfalten 
können. Auch der Mangel an genügend getrennten Aufbewah- 
rungsorten auf dem Gehöft verbietet es. 

Sie werden das dem großen Nachbarn nebenan überlassen 
müssen, der bei seinen Versuchen die zu beobachtenden Ge- 
treidesorten so weit voneinander entfernt anbauen kann, daß 
eine nicht gewollte Vermischung tunlichst vermieden werden 
wird. 

Nun nebenbei sei erwähnt, wie diesen Kleinbesitzern immer 
die Gefahr droht, daß, wenn sie mit vieler Mühe und Arbeit 
ihren Acker von Unkraut möglichst befreit zu haben glauben, 
durch nachlässige Nachbarn diese Hoffnung illusorisch gemacht 

96 



wird. Sie haben ihr Feld gut bestellt und für reines, unkraut- 
freies Saatgut gesorgt; da betrachten sie eines Tages ihr Feld 
und sehen, wie das Unkraut lustig in die Höhe schießt. Der böse 
Nachbar trägt die Schuld. Der Großbesitzer riskiert in dieser 
Hinsicht immer nur einen für seine Verhältnisse kurzen, schmalen 
Streifen an irgendeiner Grenze. 

Nun kommt das Kartoffelsetzen an die Reihe. Zu diesem 
Zwecke muß der für die Kartoffeln bestimmte Acker gründlich 
und recht tiefgründig durchgearbeitet werden. Bei dieser Arbeit 
ist unser Großbesitzer mit seinen schweren Gerätschaften und 
Pferden dem Kleinen natürlich wieder überlegen. Beim Setzen 
selbst dürfte Wind und Sonne zwischen groß und klein eben- 
falls ungünstig verteilt sein. Das Setzen mit dem Spaten hat 
der Kleinbauer in der Hauptsache aufgegeben, weil die Rein- 
haltung der Kartoffeln mittels Handhacke gar zu viel Arbeit ver- 
ursacht und mittels Häufelpflug ebensogut besorgt werden kann. 
Auch der Kleinbauer setzt heutzutage die Kartoffeln hinterm 
Pflug in langen Reihen. Der Unterschied ist auch da wieder der, 
daß die Arbeit bei den längeren Reihen des Großbesitzers besser 
schafft und bei dem selteneren Kehren nicht so viel Saatgut zer- 
stört wird. Der Großbesitzer schafft sich oft auch ein Pflug- 
gerät an, mittels dessen der Kartoffelacker gerillt oder gekämmt 
wird. In die Rillen werden die Kartoffeln gelegt und die Rillen 
einfach zugeschleppt. Derselbe mehrscharige Apparat wird nach- 
her auch zur Lockerung und Reinhaltung benutzt. Der Klein- 
besitzer kann sich nicht für jeden Zweck verschiedene Geräte 
anschaffen. 

Beim Behäufeln gereichen die kurzen Reihen dem Klein- 
bauern wiederum zum Nachteil. Zeit und Kraft gehen verloren, 
und viele Stauden werden beim Kehren geschädigt. 

Bei der Kartoffelernte nun ist heute der Großgrundbesitzer 
dem Kleinbauern weit überlegen. Ersterer bespannt seine Kar- 
toffelaushebemaschine, die sehr viel Arbeit spart. Der Klein- 
bauer kann diese Maschine nicht anwenden. Einmal verhindern 
dieses die kurzen Reihen, und dann sind für diese Maschine vier 
recht kräftige Pferde nötig, die je zwei und zwei voneinander 
gespannt werden müssen. Der Kleinbauer wird verdammt sein, 
im Schweiße seines Angesichts ewig seine Kartoffeln mit der 
Handhacke aus der Erde zu buddeln. 

Kautsky, Landwirtschaft 7 0,7 



Bei günstigem Wetter beginnt nun auch bald das Rüben- 
setzen. Der Kleinbauer besetzt gemeinhin einen weit größeren 
Prozentsatz seiner Fläche mit Futterrüben "wie der Groß- 
besitzer. 

Finden wir vielleicht hierbei eine Ueberlegenheit des Klein- 
betriebs über den Großbetrieb? 

Das Setzen der Rüben bereitet viel Arbeit. Die Pflanzen, 
werden in der Regel auf besonders kräftig gedüngten und ge- 
schützt liegenden Beeten herangezogen. Schon hier müssen die 
Setzpflanzen reingehalten und womöglich öfter gegossen werden. 
Sind sie groß genug geworden, dann werden sie abgezogen, um 
auf dem Rübenacker wieder eingepflanzt zu werden. Unter Um- 
ständen muß bei ungünstiger Witterung jede gesetzte Rüben- 
pflanze angegossen und womöglich auch noch später wiederholt 
gegossen werden. Nachher kommt das wiederholte Behacken 
und Reinhalten der Pflanzen, was sehr viel Arbeit ver- 
ursacht. 

Sehen wir einmal näher zu. 

Der Großbesitzer benutzt, wenn er großen Rübenbau treiben 
will, unter Umständen seine Drillmaschine und drillt die Rüben- 
kerne, dann fällt die Aufzucht der jungen Pflanzen auf be- 
sonderen Beeten, ihr Versehen und eventuelles Gießen weg. 
Allerdings wird dabei viel mehr Saatgut gebraucht und die auf- 
gehenden Pflanzen müssen verzogen werden, was ebenfalls große 
Arbeit verursacht. Indes kann hinterher der Großbesitzer 
mit geeigneten Rübenhackmaschinen die gröbste Arbeit des 
Bodeniockerns und Reinhaltens besorgen. Doch Rüben vertragen 
kein Behäufeln, wie es die Kartoffeln lieben; die Haupt- 
arbeit des Reinhaltens und Hackens wird hier Handarbeit 
bleiben. 

Beim Rübenbau ist fraglos der Kleinbesitzer seinem großen 
Nachbarn überlegen. Während der Kleinbesitzer von seinen 
30 Morgen einen bis zwei Morgen Rüben, also den dreißigsten 
bis fünfzehnten Teil seines Areals setzen und bearbeiten kann, 
wird der Großbesitzer von 3000 Morgen reichlich zu tun haben, 
wenn er 50 Morgen, also den sechzigsten Teil seines Besitzes 
mit Rüben bepflanzen und diese von seinen Leuten bearbeiten 
lc.ssen will. 



98 



Also der Kleinbesitz wäre hier dem Großbesitz überlegen, 
wenn — ja wenn die Kartoffelaushebemaschine nicht gekommen 
wäre und wenn die Kartoffel nicht einen viel höheren Ertrag 
vom Boden geben würde. 

Das einzige Argument, das der Kleinbesitz zuungunsten des 
Großbesitzes in die Wagschale werfen konnte, nämlich den 
Anbau von Hackfrüchten, das hat die Kartoffelaushebemaschine 
über den Haufen geworfen. 

Von einem Morgen respektive einem Viertel Hektar erzielt 
man, hochgerechnet, einen Durchschnittsertrag von 300 Zentner 
Rüben. Rechnet man pro Zentner Futterrübe 50 Pfennig, so würde 
das also einen Bruttoertrag von 150 Mark pro Morgen geben. 

Beim Kartoffelbau erzielt man pro Morgen einen Ertrag von 
100 Zentnern, das ist nicht besonders hoch gegriffen, aber wenn 
man die Kartoffeln auf einem Acker bauen würde mit ent- 
sprechendem Dünger, wie ihn die Rübe, um überhaupt zu ge- 
deihen, notwendig braucht, dann müßten wir Erträge von 
120 — 130 Zentner pro Morgen annehmen. 

Berechnen wir die Kartoffeln pro Zentner mit 1,50 Mark, 
was nicht sonderlich hoch gegriffen, ist, dann beträgt der 
Ertrag pro Morgen 150 — 195 Mark. Dieser Ertrag ist 
aber erzielt mit verhältnismäßig geringem Arbeitsaufwand, wäh- 
rend die Rüben, um 300 Zentner zu geben, ungeheure Arbeit 
erfordern. 

Der Großbesitzer wird also seinen Kleinnachbar ruhig seine 
teuren Rüben bauen lassen, während er selber mit Hilfe der Kar- 
toffelaushebemaschine zum rentableren Kartoffelbau übergeht. 

Gewiß hat der Bauer von den Rüben, deren Blätter er täg- 
lich bricht, den ganzen Sommer hindurch Vorteil, aber die Rüben 
quittieren diese Behandlung dann natürlich durch entsprechend 
geringeren Ertrag bei der Ernte. 

3. Die Viehweide 

Nun ist mittlerweise das Nutzvieh auf die Weide gejagt. 
Der Großbesitzer nebenan hat seine Kühe und sein Jungvieh 
in eingezäunte große Weidegärten getrieben, die an passenden 
Stellen angelegt sind, oder er hat vorhandene Wiesenflächen 
benutzt. Geeignete Tränkteiche, falls keine natürlichen Wasser- 
läufe bei Anlage der Gärten berücksichtigt werden konnten, 

r 99 



sind gegraben. Hier können die Tiere nach Belieben ihren 
Durst stillen. Einfache Schuppen können errichtet werden, 
in welchen die Tiere zur Nacht, bei ungünstiger Witterung oder 
gegen die sengenden Strahlen der Mittagsonne Schutz suchen 
können. 

Jedes Tier, sei es Milchkuh oder Jungvieh, kann sich hier 
in diesen weiten Gärten das ihm am meisten zusagende Futter 
auswählen oder an der Stelle fressen, wo dasselbe Futtergras 
infolge anders zusammengesetzten Bodens einen anderen Ge- 
schmack angenommen hat. Jedes Tier kann ganz nach Be- 
lieben die ihm zum Fressen am meisten zusagende Zeit aus- 
wählen, ebenso entsprechend sein Trink- und Ruhebedürfnis be- 
friedigen. Selbstredend wird die Milchkuh dafür durch erhöhte 
Milchproduktion dankbar sein, ebenso wie Jungvieh durch 
schnelleres Wachstum respektive vermehrten Fleisch- und Fett- 
ansatz diese Weidegärten lohnt. Auf dieser Erfahrung fußend, 
sind heutzutage die Gutsbesitzer allgemein bestrebt, sich ent- 
sprechende Weidegärten anzulegen. Die Ersparnis der Arbeits- 
kraft zum Hüten wird nebenbei natürlich auch noch gerne mit- 
genommen. 

Der Kleinbauer hat keine Auswahl zur Anlegung passender 
Weidegärten. Er kann auch sowieso keine anlegen, denn sonst 
bleibt ihm ein zu geringer Teil des Ackers für den Frucht- 
wechsel. Feldfrüchte, die er in gewisser Menge notwendig 
anbauen muß, würden zu oft auf dieselbe Stelle kommen. Für 
wenige Stücke Vieh einen Garten mit Zaun zu machen und zu 
unterhalten, ist auch verhältnismäßig teuer. Zwischen Zaun und 
Acker geht außerdem wieder ein Streifen Land verloren; kurz, 
er muß seine Kühe und sein Jungvieh auf der Wiese anbinden. 

Da bekommt nun jedes Stück, ob Milchkuh, Jungvieh oder 
Schaf, seinen besonderen Wirkungskreis angewiesen. Sparsam 
muß umgegangen werden mit der Weide. Soweit die Leine 
reicht, ist innerhalb des Kreises alles kahl abgefressen, und die 
Tiere haben gewöhnlich einen sichtbaren Steg in Halbkreis- 
form an der Grenze zwischen neuer Weide und der ab- 
gefressenen ausgestrampelt. Welche Tantalusqualen mögen die 
Tiere da oftmals ausstehen auf dürrer Heide, von bösen Verhält- 
nissen im Kreise herumgeführt, und ringsherum ist schöne grüne 
Weide! » 



100 



Den Besitzern der Tiere hinwieder erwächst eine stete 
Arbeit mit ihnen. Beim Großbesitzer hat die Erfahrung ge- 
gezeigt, daß die Tiere am besten gedeihen, wenn sie so wenig 
wie möglich gestört werden; wohl müssen die Kühe natürlich 
gemelkt werden, aber im übrigen ist es am zweckmäßigsten, 
so selten wie möglich in den Weidegarten hineinzugehen, man 
kann die Tiere sehr gut durch ein Glas beobachten. Dagegen 
muß unser Kleinbauer immerwährend hin und her laufen. Da 
muß der Pflock aus der Erde gezogen und an anderer Stelle 
wieder einhämmert werden; da hat sich ein Tier in der Leine 
verwickelt oder die Kreise des anderen gestört; da muß Trink- 
wasser getragen werden; da müssen die Tiere zur Nacht in den 
Stall und am Morgen auf die Weide geführt werden. Zur Nacht 
dürfen sie nicht draußen bleiben, weil sie sich losreißen könn- 
ten. Ein andermal wiederum hat sich die Zentrifugalkraft des 
Hungers stärker erwiesen als die Zentripetalkraft der halb- 
verfaulten Leine; das Tier steht plötzlich mitten in einem Ge- 
treidefeld, woselbst es ihm so behagt, daß es sich, als der un- 
erlaubte Seitensprung endlich bemerkt wurde, durchaus nicht 
greifen lassen will und durch sein Laufen mit dem nach- 
schleppenden Ende der Leine die ärgsten Verwüstungen an- 
richtet und schließlich die anderen Tiere auch in Aufregung und 
Rebellion bringt. Auch die Tiere wollen sich nicht an die Scholle 
fesseln lassen. Besonders Schafe, die bekanntlich nicht sonder- 
lich intelligent sind, pflegen die geringste ihnen unerwartete Er- 
scheinung damit zu quittieren, daß sie mit einem mächtigen An- 
lauf den Erdpflock lösen oder die Leine zerreißen und sich auf 
dem Hofe in Sicherheit bringen. 

Wem wurde nicht schon ein verzweifelter oder wütender 
Blick von ehrsamen Bauersleuten nachgesandt, wenn sein un- 
schuldiges Hündchen, das er spazieren führte, die angebundenen 
Bauernschafe in die wildeste Flucht trieb! 

4. Die Ernte 

Mittlerweile ist die Zeit der Futterernte herangerückt. 
Der Großbesitzer bespannt seine Mähmaschinen, und je nach der 
Anzahl der Mähmaschinen, die er arbeiten läßt, hat er es 
ganz in der Hand, die Futterernte zu beschleunigen. Heu- 

101 



wender, Pferderechen und neuerdings sogar eine verbesserte 
Harkmaschine, die das Futler gleich in reguläre kleine runde 
Kaufen zusammenbringt, wirken überaus arbeitersparend. 

Unser Kleinbesitzer kann die Mähmaschine nicht so ver- 
wenden. Auf seinen vielleicht je 1 Hektar großen beiden 
Futterschlägen, die vielleicht noch durch ein Getreidefeld ge- 
trennt sind, lohnt es nicht, die Maschine anzuspannen, abge- 
sehen von den für ihn unerschwinglichen Anschaffungskosten. 
Er müßte, um mit der Maschine beginnen zu können, sowieso 
erst mit der Sense rings um die Fläche einen Strich vorhauen. 
In die Ecken kommt die Maschine ebenfalls nicht hinein, und 
überhaupt bei den scharfen Kurven, die die kleine Fläche der 
Maschine gleich bietet, arbeitet dieselbe nicht besonders, es muß 
immer mit der Hand nachgeholfen werden. Eine Harkmaschine 
kann auch unser Kleinbesitzer anwenden, er kann diese aber 
nicht kleiner oder billiger kaufen wie der Großbesitzer. Er 
müßte eine Harkmaschine für 30 Morgen haben, während 
5 — 6 Pferderechen unserem Großbesitzer für 3000 Morgen reich- 
lich genügen. Eine genossenschaftliche Anschaffung all dieser 
Maschinen findet ihre Verhinderung darin, daß diese Maschinen, 
wenn sie überhaupt in Arbeit treten, von allen Besitzern zu 
gleicher Zeit gebraucht werden. 

Nun beginnt das Einbringen des trockenen Futters. Der 
Großbesitzer richtet seine richtig besetzte Partie ein, wie hier 
der Ausdruck dafür lautet. Je nach der Entfernung des Futter- 
schlags werden 3, 4 oder auch 5 und mehr möglichst lange Leiter- 
wagen bespannt. 2 Staker neben dem Wagen, 2 Lader auf dem- 
selben, 1 Weiterfahrer und 1 Pferderechen hinter dem Wagen 
bilden die Arbeitskräfte draußen auf dem Futterschlag. Ist der 
erste Wagen vollgeladen, so steht schon der zweite bereit, um 
an seine Stelle zu rücken usw. Das erste Fuder ist mittlerweile 
auf den Gutshof gelangt und vor den Schuppen gefahren. Der 
Kutscher spannt sofort die Pferde ab und bespannt einen bereit- 
stehenden weiteren Wagen, den sogenannten Wechselwagen, und 
fährt wieder aufs Feld. Zwei Staker haben mittlerweile schon 
begonnen, das Fuder leerzumachen. Das Futter wird durch die 
Schuppenluken auf den Stall gereicht. Dortselbst befinden sich 
je nach der Breite des Schuppens, 6, 8, 10 oder noch mehr 

102 



Menschen, die das Futter, wie es von den Stakern gereicht wird, 
weiterbefördern und sachverständig aufschichten. 

Bei diesem Betrieb gibt es kaum einen Augenblick des 
Müßigseins für Mensch und Pferd. Es ist wie ein Uhrwerk, das, 
einmal in Betrieb gesetzt, wie von selber weiterläuft und vor 
allem sich selber immer wieder den Antrieb gibt, in gleicher 
Gangart weiterzulaufen. Der Herr respektive der Inspektor hat 
seine Tätigkeit in der Hauptsache darauf zu beschränken, jedes 
Hindernis sozusagen vor dem Entstehen hinwegzuräumen. Für 
einen Wagen, der schadhaft zu werden beginnt, muß vor seinem 
Zusammenbrechen ein anderer einrangiert werden. Wenn in der 
einen Ecke des Feldes die letzten Fuder geladen werden, dann 
muß der Inspektor taxieren können und achtgeben, daß schon 
das vorletzte Fuder breiter und voller geladen wird, damit nicht 
noch ein dritter Wagen, vielleicht nur halbvoll nach dem Hofe 
gefahren werden muß usw. 

Und unser Kleinbäuerlein! Auch er spannt seine beiden 
Pferdchen an den entsprechend kleinen Wagen zum Futter- 
holen. Mit seiner Frau allein kommt er dabei schon gar nicht 
zurecht. Seine Kinder müssen mithelfen. Nun fährt die ganze 
Gesellschaft auf den Futterschlag. Der Bauer reicht das Futter 
auf das Wägelchen, die Frau ladet, ein Kind harkt nach und 
ein anderes fährt weiter. Endlich ist das Fuder vollgeladen, 
und die kleine Karawane begibt sich zurück auf den Hof. Frau 
und Kinder erklettern auf einer Hühnerstiege den Schuppen, 
bei dem infolge seiner Kleinheit die Ecken, der Dachfirst und 
die sogenannten Okeln, die sich schlecht und beschwerlich voll- 
stopfen lassen, einen viel größeren Prozentsatz ausmachen wie 
auf dem geräumigen Schuppen des Großbesitzers. Unser Bäuer- 
lein erklettert das Fuder und reicht das Futter nach oben, wäh- 
rend die Pferdchen derweilen in der Sonne träumen. Endlich ist 
das Fuder leer. Frau Bäuerlein und die Kinder klimmen die ge- 
fährliche Hühnerstiege wieder nach unten, und das gesamte 
lebendige Arbeitsinventarium unseres Kleinbetriebs pilgert wieder 
aufs Feld usw. 

Das ist hier im kleinen das, was Fritz Reuter in seinem ,,Ut 
mine Stromtid" bei Fritz Triddelfitz verspottet hat. 

Wenn nun gar die Bäuerin Mutterfreuden erwartet? Die 
Arbeit muß gemacht werden. Aber wie leicht ist da ein Unglück 



103 



geschehen. Das Fuder rutscht oder kippt beim Auf- und Ab- 
steigen vom Wagen oder vom Schuppen, ein kleiner Fehltritt, 
und dauerndes Siechtum kann die Folge sein. 

Nebenan beim einsichtigen Großbesitzer, dessen Einsicht 
eventuell entsprechende Gesetze noch erhöht haben, wird eine 
Frau, die ihrer Entbindung entgegensieht, solche gefährliche Ar- 
beit nicht machen, unter den 36 Arbeiterfrauen ist Auswahl ge- 
nug vorhanden. 

Die Futterernte ist jetzt beendet, die Getreideernte hat 
noch nicht begonnen. Der Bauer hackt seine Rüben, der Groß- 
besitzer häufelt die Kartoffeln, irgendwo haben beide ein Stück 
Schwarzbrache gelassen, welches besonders verunkrautet und 
verqueckt war. Es ist jetzt Zeit, das in Ordnung zu bringen. 

Der Großbesitzer geht vielleicht mit einer Scheibenegge, die 
recht teuer ist, und hinterher wieder mit seinen schweren Appa- 
raten dem Unkraut zu Leibe und hat es bald unterbekommen. 
Unser Bäuerlein arbeilet sich mit seinen leichten Geräten ab und 
bekommt doch die Quecke nicht aus den tieferen Acker schichten. 
Nun wird die Brache tiefgepflügt. Es ist vorher starker Regen 
gekommen. Eine tiefliegende naßgründige Stelle ist nach dem 
Pflügen vom Sonnenbrand zusammengetrocknet, beim Eggen 
gibt es Kluten wie Kinderköpfe groß. So darf das nicht bleiben, 
der Acker wird nicht gar. Der Großbesitzer spannt seine schwere 
Walze respektive Kroskel oder Schollenbrecher an und zermürbt 
die Erdschollen durch ein- bis zweimaliges Ueberwalzen zu 
Beutelmehl. Unser Bäuerlein wills nachmachen. Auch er be- 
spannt seine Walze. Vergebliche Mühe. Die für 2 Pferdchen 
berechnete leichte Walze macht auf die Kluten keinen Eindruck, 
er muß zum Schlägel greifen und im Schweiße seines Angesichts 
noch arbeiten, während der Kutscher des Großbesitzers nebenan 
nach schnell vollbrachter Arbeit ein Liedchen trällernd davon- 
fährt. 

Mittlerweile ist die Getreideernte herangerückt. Hier 
wiederholt sich das Spiel, das wir schon bei der Futterernte be- 
schrieben haben. Getreidemähmaschinen der verschiedensten 
Sorten arbeiten beim Großbesitzer. Lagerstellen müssen aller- 
dings auch da noch mit der Sense genommen werden. Mäh- 
maschinen, die in stark gelagertem Getreide arbeiten, werden 
wohl schon in verschiedenen Formen auf den Markt gebracht, 

104 



sie haben sich aber meines Wissens bis jetzt noch nicht bewährt. 
Das will aber nicht viel besagen; in der Hauptsache arbeiten die 
Mähmaschinen. 

Diese verhältnismäßig teuren und schwerfälligen Maschinen 
kann der Kleinbauer selbstredend niemals anwenden, auch nicht 
auf dem Wege der Genossenschaft. Mit der Hand muß er sein 
Getreide mähen, binden und harken. 

Während bei schönem Erntewetter die Einfahrtpartien auf 
dem Gutshof wieder in Gang gebracht werden und ohne Zeit- 
verlust und unnötige Kraftverschwendung Fuder auf Fuder in 
die geräumigen Scheunen rattern, pendelt die gesamte 
Bauernhofsbevölkerung wieder hin und her zwischen Feld und 
Scheune. 

Wenn Ziegel möglichst schnell in eine höhere Etage eines 
Baues befördert werden sollen, oder Pfannen auf das Dach ge- 
bracht, und keine besonderen mechanischen Vorrichtungen da- 
für vorhanden sind, dann bilden die Arbeiter auf der Leiter eine 
Kette, und es wandert nicht jeder einzelne mit ein paar Ziegeln 
die Leiter auf und ab. Wenns wo brennt und Eile nottut, muß 
ebenfalls der Eimer von Hand zu Hand durch die Menschenkette 
fliegen, und in der Erntezeit brennts. 

Dem Großbesitzer stehen nun 20 und mehr verschiedene 
Scheunenfächer und Tennen zur Verfügung, in die er seine 
diversen Getreidesorten fahren und namentlich das zur Saat 
und zum Verkauf bestimmte Getreide gesondert aufbewahren 
kann. 

Unser Kleinbesitzer hat im besten Falle 4 — 5 voneinander 
getrennte Gelasse in seiner Scheune. Wie soll er da nun die ver- 
schiedenen Getreidesorten, wie Erbsen, Wicken, Roggen, Weizen, 
Hafer, Gerste, Bohnen, Timothysaat, Menggetreide, Saatklee usw. 
so aufbewahren, daß die verschiedenen Getreidearten sich nicht 
vermischen, ganz abgesehen davon, daß schon beim Säen an den 
Grenzflächen zweier Getreidefelderchen die verschiedenen Sorten 
durcheinandergelaufen sind. 

Die Ernte ist nun glücklich vorbei, das Getreide in den 
Scheunen geborgen. Der Großbesitzer hat eine Zeit des bestän- 
digen Wetters während der Ernte benützt, um gleich vom Fuder 
zu dreschen. Er hat seinen Dampfdreschapparat an geeignetem 
Platze aufgestellt, und statt in die Scheune sind die Getreide- 

105 



fuder an den Dreschkasten gefahren, und die Staker haben 
das Getreide den Einlegern, die auf dem Dreschkasten hantieren, 
zugereicht. Welche mannigfachen Vorteile erwachsen allein 
daraus dem Großbesitzer. Einmal spart er bei einer be- 
sonders reichlichen Ernte Scheunenraum. Er läßt das ausge- 
droschene Stroh, das der von der Lokomobile gleichfalls ge- 
triebene Elevator zu Haufen türmt, natürlich draußen stehen 
und kann anderes Getreide dafür in die Scheune bringen, dann 
erspart er tüchtig an Arbeit; denn um das jetzt schon vom 
Fuder gedroschene Getreide später zu dreschen, hätte es wieder 
aus dem Scheunenfach hinausbewegt werden müssen, nachdem 
es vorher mit Mühe und Not eingebracht war. Dann aber hat 
er gleich sein Saatgut zur Bestellung der Wintersaat fix und 
fertig. Aus dem Dreschkasten läuft das Getreide, wenn der 
Zylinder etwas enger gestellt wird, zur Saat beinahe brauchbar 
in die Säcke. 

Aber mehr noch! Kurz vor der neuen Ernte sind gewöhn- 
lich die höchsten Getreidepreise. Bald nachdem frisches Ge- 
treide auf den Markt gebracht ist, pflegen die Preise zu sinken. 
Der Großbesitzer hat schon verschiedene Eisenbahnwagen mit 
Getreide befrachtet zur Stadt geschickt und hat schon auf 
seine Annoncen für den teuersten Preis Saatgetreide verkauft, 
dann erst kommt der Kleinbauer dazu, seine Dreschmaschine 
aufzustellen und zu dreschen. Natürlich kommt der Erdrusch 
dann noch nicht Verkaufs- oder gar saatfähig aus der Maschine 
zum Vorschein, sondern muß erst noch durch die Putzmühle 
wandern. 

Nach der Getreideernte kommt die Kartoffel- und Rüben- 
ernte an die Reihe. Dieses Gebiet haben wir schon oben be- 
handelt. Unser Bäuerlein gräbt im Schweiße seines Angesichts, 
der Großbesitzer läßt seine Maschine arbeiten. Bei der Rüben- 
ernte, die im allgemeinen wohl dem Groß- wie dem Kleinbesitzer 
dieselbe Arbeit verursacht, kommt höchstens zugunsten des 
Großbesitzers in Betracht, daß 4 Pferde den im selben Verhält- 
nis beladenen Wagen leichter ziehen als 2, schon weil das Ge- 
wicht des Wagens mit all dem Schmutze, der im nassen Herbste 
von den ausgefahrenen Wegen den Rädern usw. mitgegeben 
wird, sich auf 4 Pferde verteilt. Entsprechend kann mehr auf- 
geladen werden. Belastend für den Kleinbauern ist natürlich 

106 



auch hier wieder, daß er mit seiner ganzen Karawane vom Hofe 
zum Felde und umgekehrt wandern muß. Dasselbe gilt auch für 
das Nachhauseschaffen der Kartoffeln. 

Inzwischen ist natürlich größtenteils die Bestellung der 
Winterfelder geschehen. Auch für die Wintersaat hatte unser 
Bäuerlein seine 5 Zentner Kunstdünger ein paar Kilometer weit 
nach Hause fahren müssen; auch bei der Wintersaat hat er mehr 
Saatgut verwenden müssen, wie nötig gewesen wäre. 

Nun wird Stalldung gefahren. Der Großbesitzer richtet auch 
dabei seine Partie ein, das heißt eine Anzahl Menschen laden 
im Stalle oder auf der Dunggrube den Dünger auf, ein paar 
vierspännig bespannte Wagen fahren, und auf dem Felde be- 
finden sich wieder Menschen, die den Dünger vom Wagen ab- 
haken, respektive gleich ausbreiten. Unser Bäuerlein muß mit 
seiner einen Fuhre und mit seiner gesamten Mannschaft natür- 
lich wieder hin und her. Streut er den eben auf dem Felde in 
kleinen Haufen abgehakten Dünger gleich aus, dann versäumen 
die Pferde, läßt er den Dung in den kleinen Haufen vorläufig 
noch liegen, um erst einmal denselben schnell vom Hofe zu 
bringen, dann trocknet der Dünger auf dem Felde zusammen und 
streut sich viel schlechter aus. 

Nun wird Stalldung gefahren. Der Großbesitzer richtet auch 
Stoppelpflügen; das ist die Vorbereitung des Ackers für die 
nächstjährige Frühlingssaat. Natürlich ist der Großbesitzer da 
seinen kleinen Nachbarn weit überlegen. Mit seinen für 
4 Pferde berechneten Pflügen kann er natürlich viel tief- 
gründiger und eigener diese Arbeit besorgen wie die Klein- 
besitzer mit ihren für 2 Pferdchen berechneten Pflügen. Ist der 
Boden sehr bündig und, was bei uns auch keine Seltenheit ist, 
lange Zeit kein Regen gefallen, dann wird unser Bäuerlein über- 
haupt das Pflügen einstellen müssen. Kommt es doch sogar vor, 
daß die für 4 Pferde ganz besonders stark gearbeiteten 
Pflüge zerbrechen und verbiegen, weil die festgetrocknete Erde 
einen zu großen Widerstand bietet. „Sommerfrost" nennen es 
die Bauern. 

Welcher Besitzer von schwerem Boden hat das nicht schon 
öfter durchgemacht und sich dann sehnsüchtig einen Retter 
herbeigewünscht in Gestalt eines Dampfpflugs! Oft genug 
kommt es vor, daß Ackerflächen mit schwerem Boden im Herbste 

107 



ungepflügt bleiben, weil die Trockenheit ein Pflügen unmöglich 
machte. Der im Frühjahr gepflügte strenge Boden gibt in der 
Regel keinen Ertrag. 

Doch nehmen wir an, das Pflügen geht in einem gut durch- 
näßten Boden vorwärts. Großbesitzer wie Kleinbauer halten 
sich tüchtig daran. Da geht beim Großbesitzer auf dem Felde 
mitten in der Arbeit ein Pflug entzwei. Ein im Acker ver- 
borgener Stein hat die Spitze des Pflugeisens verbogen oder ab- 
gebrochen. Der Großbesitzer hat für diesen Fall schon einen 
Reservepflug auf dem Acker bereit liegen. Die Arbeit erleidet 
nur geringe Unterbrechung. Nach Schluß der Tagesarbeit nimmt 
der betreffende Gespannfahrer den beschädigten Pflug mit nach 
Hause, der Gutsschmied bringt ihn in Ordnung, am nächsten 
Tage wird er wieder aufs Feld mitgenommen, um als Reserve- 
pflug zu dienen. 

Unser Kleinbauer könnte ja auch seinen Reservepflug auf 
dem Felde bei der Hand haben, oder da seine Felder nicht zu 
weit vom Hofe abliegen, holt er sich von da einen Ersatzpflug; 
doch er hat keine Schmiede zu Hause. Er muß den beschädigten 
Pflug baldmöglichst auf den Wagen laden und zu der vielleicht 
recht weit entfernten Schmiede fahren. Derartiges Malheur 
kann unserem Kleinbesitzer natürlich nicht nur beim Pflügen 
passieren, sondern in ungezählten anderen Fällen ebenfalls. Da 
verliert ein Pferd ein Hufeisen respektive muß umgeschlagen 
werden, da geht eine Egge entzwei oder es bricht ein Rad- 
reifen usw. 

Die Arbeiten auf dem Felde sind nun beendet, respektive 
der eingetretene Winterfrost hat dem Hantieren mit Pflug und 
Spaten ein Halt geboten. Es beginnen die Winterarbeiten auf 
dem Hofe. 

Das Vieh ist schon sämtlich eingestallt. Der Großbesitzer 
spannt seine Lokomobile an den Dreschkasten und treibt das 
Getreide aus der Scheune hindurch. Der Dreschkasten enthält 
zugleich die Reinigungsmaschinen, Putzmühle, Siebe und Fächel. 
Das Getreide läuft verkaufsmäßig in die Verladesäcke und wird 
direkt von der Maschine zum Bahnhof gefahren und waggon- 
weise zur Stadt geschickt. Der Preis ist mit dem Getreide- 
händler vorher schon vereinbart. Der Gutsbesitzer liest die 
Börsenberichte und weiß, welchen Preis das Getreide hat. Dem 



108 



Getreidekaufmann ist es natürlich sehr lieb, waggonweise das 
Getreide auf einer Stelle zu kaufen. Er kann in diesem Falle 
höhere Preise zahlen. Der Großbesitzer hat außerdem ein 
größeres Absatzgebiet für sein Getreide. Er kann das im 
Eisenbahnwaggon verfrachtete Getreide eventuell auch zur 
nächsten Großstadt schicken, wenn er glaubt, trotz der höheren 
Frachtkosten dort durch höhere Preise noch einen Gewinn zu 
erzielen. 

Der Kleinbesitzer setzt seine durch die Pferde getriebene 
Dreschmaschine in Gang, muß hinterher noch putzen, fächeln 
und sieben und erhält doch keine reine Ware, weil das Ge- 
treide in der Scheune nicht genügend getrennt gehalten werden 
konnte. 

Bei einer sehr guten Ernte hat er nun auch einiges zum 
Verkauf übrig. Er bespannt sein Fuhrwerk, ladet ein paar 
Zentner auf und fährt mitunter meilenweit zur nächsten Stadt. 
Wenn möglich, wird er diese Fahrt natürlich mit einem Markt- 
tag verbinden, der in der Stadt abgehalten wird, und sich viel- 
leicht Ferkel oder sonst was kaufen, um wenigstens nicht leer 
nach Hause zu fahren. 

Kaum ist er in der Stadt, so überfallen ihn schon die Vor- 
käufer oder Deichselspringer, behandeln sein Getreide und 
suchen dem unwissenden Bäuerlein mit allen Kniffen möglichst 
billig die Ware abzukaufen. Billiger wie die Ware des Groß- 
besitzers muß dies Getreide sein, denn das Heer der Vorkäufer 
arbeitet im Auftrage desselben Großhändlers, an den auch unser 
Großbesitzer seine Getreidewaggons sendet, und alle diese 
Zwischenhändler zweiter und dritter Größe wollen auch leben. 

Praktischer ist es denn schon, wenn der Großhändler viel- 
leicht in einem Dorfe in der Nähe unserer Kleinbesitzer einen 
Aufkäufer hinsetzt, der dann von den Bauern Getreide zusam- 
menkauft, bis er einen Waggon voll hat und es dann verladet und 
zur Stadt schickt. Die Bauern sparen dann wenigstens den 
Weg zur Stadt, aber die größeren Unkosten bleiben doch be- 
stehen, und das so zusammengekaufte Getreide bildet keine ein- 
heitliche Ware, kann also nur minderwertige Preise erzielen, 
selbst wenn wir schon nicht annehmen wollen, daß irgendein ge- 
wissenloser Besitzer vielleicht schlechtes Getreide dazwischen 
schmuggelt und so die ganze Sendung damit verdirbt. 

109 



Nun ist Saatklee zu dreschen und reinzumachen. Das 
letztere ist eine überaus schwierige Arbeit. Das Kleekorn will 
sich durchaus nicht aus den Hüllen, in denen es steckt, befreien 
lassen. Da muß zehn- und zwanzigmal gedroschen, gerieben und 
gearbeitet werden, und trotzdem bleibt noch ein großer Teil der 
Kleesaat in den Hülsen. 

Dieser schwierigen Reinigungsarbeit wegen haben früher die 
Gutsbesitzer vielfach auf den Saatbau der verschiedenen Klee- 
sorten verzichtet, sich die Saat fertig gekauft und den kleinen 
Besitzern den Anbau von Saatklee überlassen. Auch das ist 
jetzt anders geworden. Es ist eine Kleereinigungsmaschine kon- 
struiert, hier bekannt unter dem Namen Viktor, die immer grö- 
ßere Verwendung findet und die Schwierigkeit des Saatklee- 
reinigens vollständig behoben hat. Die Gutsbesitzer schreiten 
jetzt wieder zum Saatkleebau. Der Kleinbauer wird sich nach 
wie vor mit seiner veralteten Methode quälen können, denn die 
Maschine, die ebenfalls durch die Lokomobile getrieben und von 
einem Unternehmer von Gut zu Gut gesandt wird, kann nur dort 
aufgestellt werden, wo ihr eine gewisse Minimalarbeitsdauer 
garantiert wird. 

Die Winterszeit wird ferner benutzt, um Holz zu fahren. 
Auch der Vorrat für den Sommer wird herbeigeschafft. Der 
Forst ist oft eine oder gar mehrere Meilen vom Besitzer ent- 
fernt. Der Großbesitzer richtet wieder seine Vierspänner und 
ladet seine 5 — 6 Meter auf den Wagen. 

Unser Kleinbesitzer kann da wieder nicht mitkonkurrieren. 
Im Winter hat er allerdings Zeit. Da kauft er denn, um nicht 
zuviel Geld ausgeben zu müssen, den Abfall, die Aeste, soge- 
nannten Sprak, und bringt dann mit jeder Fuhre Brennwerk nach 
Hause, das einen Wert von 40 — 50 Pfennig hat. 

Wie steht es nun mit der Viehhaltung und Pflege im 
Winter? 

Der Großbesitzer hat das Vieh beim Einstallen entsprechend 
gesondert. Hier ist der Stall für die Kühe, da ist das Jungvieh 
nach Größe oder sonstwie gesondert untergebracht, im anderen 
Stalle befinden sich die Schafe respektive das andere Inven- 
tarium. Ueberall sind die saubersten und bequemsten Fütter- 
einrichtungen gemacht. Das Wasser wird durch maschinelle 

110 



Einrichtungen in das Bassin gepumpt, ein Röhrenwerk, das in 
jeder Krippe seine Ausmündung hat, ermöglicht das bequemste 
Tränken. 

Diese Einrichtungen sind vielfach schon wieder verbessert. 
In Verbindung mit der Wasserleitung werden automatisch funk- 
tionierende Tränkeinrichtungen angelegt, die es jedem Tiere er- 
möglichen, ganz nach Belieben zu jeder Zeit sein Wasserbedürf- 
nis zu befriedigen. Das Wasser hat in diesem Falle immer eine 
angemessene Temperatur. In vollkommenerer Weise kann dem 
individuellen Verlangen der einzelnen Tiere in dieser Richtung 
nicht mehr Rechnung getragen werden. 

Mag unser Kleinbauer, der sich natürlich für seine paar 
Stück Vieh keine Wasserleitung anlegen kann, noch so oft durch 
Vorhalten des gefüllten Tränkeimers die Kuh stören, die auto- 
matische Tränkvorrichtung ist jedenfalls die vollkommenste und 
trägt zum Wohlbefinden des Tieres ganz erheblich bei. 

Die sonst auf vielen Gütern schon bestehenden Einrichtun- 
gen für schnelles und arbeitsparendes Füttern übergehe ich, 
jedenfalls können bei unserem Großbesitzer zwei Menschen mit 
Leichtigkeit 120 — 150 Stück Jungvieh besorgen; dabei setze ich 
allerdings voraus, daß zum Bürsten und Putzen des Viehes 
noch eine Hilfskraft tätig ist. Gewöhnlich werden auf den 
Gütern für diesen Zweck ältere Arbeiter verwendet, die schwere 
Arbeit draußen oder in der Scheune nicht mehr verrichten 
können. 

Bei Kühen rechnet man auf je 20 Stück eine Arbeitskraft. 
Bei einer Herde von 100 Kühen zum Beispiel übernimmt der 
Kuhmeister mit vier Gehilfen die ganze Arbeil, das heißt füttern, 
melken, den Dung aus dem Stalle schaffen, putzen und auch noch 
die Kälberaufzucht. 

Unser Kleinbauer von 30 Morgen hat im ganzen aller- 
böchstens 10 Stück Inventarium. Er hat 2 Pferde und dann viel- 
leicht noch 2 Kühe, 3 Stück Jungvieh, 1 Mutterschaf und 
2 Schweine. Jedenfalls muß Herr und Frau Bauer sich mit 
diesen 10 Hofgenossen den Winter über durchschlagen. Ja, kann 
unser Kleinbäuerlein aus diesen 10 Stück Inventarium nun wenig- 
stens etwas Besonderes erzielen, mehr erzielen verhältnismäßig 
als der Gutsnachbar nebenan? Sehen wir zu. 



111 



Der Gutsnachbar nebenan hat 100 und mehr Kühe. Er hat 
für diese Kühe Stallschweizer, also qualifizierte Arbeiter, Leute, 
die dieses Fach als Spezialfach erlernt haben. 

Die Kühe werden an den einzelnen Futtergängen sachgemäß 
verteilt. Frischmilchende Kühe respektive solche, die besonders 
gute Futterverwerter sind, kommen an den ersten Gang, und 
nun stuft sich die Aufstellung nach dieser Tendenz der Reihe 
nach an den weiteren Futtergängen ab. Für die Gänge mit den 
besseren Futterverwertern wird nun natürlich entsprechend mehr 
Kraftfutter vom Speicher, respektive Rauhfutter vom Schuppen 
gegeben. 

Aber damit allein wird sich der Großbesitzer auch noch nicht 
begnügen, sondern von seinem Kuhmeister verlangen, daß er 
innerhalb dieser verschiedenen Futtergänge die Kühe noch indi- 
viduell behandelt, der einen mehr zusteckt wie der anderen. Ein 
guter Kuhmeister macht das schon von selber. Was kann unser 
Bäuerlein in der Beziehung mehr tun? 

In einem kürzlich erschienenen Artikel der „Monatshefte" 
Nr. 7 zeigt Genosse Schulz an der Hand der Veröffentlichungen 
der Milchkontrollvereine, daß die Produktionskosten pro Kilo- 
gramm Milch beim bäuerlichen Besitz sich etwas niedriger stellen 
wie bei Großbetrieb. Dabei spricht meines Erachtens die Fütte- 
rung sicher die allergeringste Rolle mit. In der Hauptsache 
dürfte dieser Unterschied, wenn der weitere Ausbau der Milch- 
kontrollvereine diese bisher doch nur im kleinen gewonnene 
Erfahrung bestätigen sollte, zurückzuführen sein auf das bessere 
Melken. Ich gebe unumwunden zu, daß im kleinen bäuerlichen 
Betrieb, wo die Bäuerin «eiber das Melken beaufsichtigt oder 
gar mitmelkt, zum mindesten die Kühe zur Kontrolle nachmelkt, 
oder gar in den bäuerlichen Familienbetrieben, wo die Frau ihre 
beiden Kühe ganz allein besorgt, daß da die Kuh bis zum letzten 
Tropfen Milch ausgestrippt und zu größerer Milcherzeugung an- 
geregt wird, während im Großbetrieb, der nur mit fremden Ar- 
beitskräften melken und fremde Arbeitskräfte das Melken beauf- 
sichtigen lassen kann, vielmals nicht so rein ausgemolken werden 
wird. Das sind natürlich kleine Nachteile für den Großbesitzer, 
aber dafür melkt beim Großbesitzer auch ein Melker 15 und 
mehr Kühe, während unsere Kleinbauersfrau ihre Arbeitskraft 
nur an 2 Kühen betätigen kann. 

112 



Etwas mehr gärend Drachengift des Sozialismus und etwas 
weniger Milch der frommen Denkart, mein verehrter Genosse, 
dann werden Sie sich sagen, daß das, was die Kühe geben, 
nicht das Alleinseligmachende für die Menschheit ist. Für den 
Säugling mag die Milchproduktion der Güter Höchstes und Ein- 
ziges sein, die Menschheit an sich braucht aber noch manches 
andere. Wenn 4 oder 5 Menschen 100 Kühe vollständig be- 
sorgen, das heißt füttern, melken, reinhalien und die entsprechen- 
den Kälber aufziehen, dann wird die Milch, wenn sie auch 
scheinbar um einen halben Pfennig teurer produziert würde, in 
Wirklichkeit doch viel billiger sein, und für die Allgemeinheit 
würde dabei ein viel größerer Nutzen herausspringen, als wenn 
2 Menschen ihre Arbeitskraft an 2 Kühe sozusagen verschwen- 
den müssen. 

Um überhaupt zu einem richtigen Resultat zu kommen, 
müßten die Milchkontrollvereine für den Großbetrieb natürlich 
auch andere Preise für das Rauhfutter und Stroh annehmen, denn 
die Gewinnung dieser Materialien gestaltet sich im Großbetrieb 
billiger wie im Kleinbetrieb. Ebenso ist der Bezug und Einkauf 
der Kraftfuttermittel im großen wesentlich billiger. 

Der Kuhmeister in seiner Eigenschaft als Spezialarbeiter 
auf seinem Gebiet wird in vielen Fällen, zum Beispiel beim 
Kalben, wobei häufig genug Komplikationen vorkommen, durch 
sofortiges sachgemäßes Eingreifen viel Schaden verhüten. 
Unserem Bäuerlein gehen diese Spezialkenntnisse ab. Der 
Kuhmeister vom großen Nachbargut wird oft genug von unseren 
100 Kleinbesitzern in Anspruch genommen, um Rat gefragt und 
herausgeholt, viel mehr, als es unserem Gutsbesitzer vielleicht 
lieb ist. 

Der Großbesitzer kauft sich nun einen Bullen. Für seine 
weit über 100 Häupter starke Herde kann er sich den aller- 
besten Bullen aussuchen. Ein paar hundert Mark mehr oder 
weniger spielen dabei keine Rolle. Er kann sich aber auch den 
Bullen aussuchen, der speziell für seine Herde am besten paßt. 
Das eine Mal braucht er einen Stier aus einer besonders milch- 
ergiebigen Herde, das andere Mal sieht er vornehmlich auf 
Körperformen, einmal wieder auf besonders starke Knochen, 
oder er will die häßlichen Kopfformen aus seiner Herde her- 

Kautsky, Landwirtschaft 8 113 



auszüchten und sucht einen Bullen mit besonders schönem Kopf 
und feiner Hornbildung. 

Diese freie Auswahl des Vatertieres ist bei der Viehzucht 
dem Kleinbauern versagt. Für seine beiden Kühe kann er sich 
keinen Bullen kaufen. Gewöhnlich geht er mit seiner Kuh zum 
benachbarten Gutshof, und gegen Bezahlung respektive Ver- 
pflichtung zu einem Tag Arbeit in der Erntezeit wird die Kuh 
belegt. Natürlich nicht mit dem besten Bullen. Der Gutsbesitzer 
wird nicht riskieren, sich womöglich durch die fremden Bauern- 
kühe Seuchen in seine Herde einzuschleppen. Für die Bauern 
und Leutekühe hat er einen billigeren und auch minderwertigeren 
Bullen bereitstehen. 

Nehmen wir nun auch schon an, unsere 100 Kleinbauern 
v/ären so weit vorgeschritten, daß sie sich zusammentun und auf 
genossenschaftlichem Wege einen guten Bullen kaufen. Dann 
sind sie trotzdem noch viel schlechter daran wie der Groß- 
besitzer. 

Erstens einmal haben sie den Stier nicht auf dem Hofe 
stehen, sondern müssen mit der Kuh, die rindert, oft einen 
längeren Weg machen, was im Winter bei Sqhnee und Eis oft 
üble Folgen haben dürfte. Doch davon abgesehen, kann bei der 
Auswahl des Genossenschaftsbullen wohl auf die Kühe aller 
100 Kleinbesitzer Rücksicht genommen werden? Man muß im 
Auge behalten, daß die Kühe dieser Kleinbesitzer nicht wie die 
Herde des Großbesitzers von vornherein nach einheitlichen Prin- 
zipien gezüchtet worden sind, sondern ganz verschiedenartige 
Eigenschaften besitzen. 

Wir haben schon oft erwähnt, daß es unserem Kleinbäuer- 
lein schwer fallen dürfte, seine etwaigen besonderen Fähigkeiten 
zu verwerten und zum Beispiel Saatgetreide zu züchten. 

Aehnlich liegt die Sache auch bei der Rindvieh-, Schweine- 
und Schafzucht. Die eigentliche Tierzucht kann am besten der 
Großbesitzer besorgen. Sicherlich werden unter unseren 
IOC Kleinbesitzern auch welche vorhanden sein, die besondere 
Fähigkeiten zum Züchter haben. Aber kann der beste Feldherr 
und Stratege seine Fähigkeiten wohl verwerten und ausbilden, 
wenn er weder ein Schlachtfeld noch genügend Soldaten zur Ver- 
fügung hat? Kann der beste Spezialarzl seine Fähigkeiten aus- 
nutzen und vor allem weiterentwickeln, wenn er nicht genügend 

114 



Kranke mit dem immer wieder verschiedenen Auftreten der 
Krankheiten zur Behandlung und Beobachtung bekommt? 

Ein guter Tierzüchter muß nicht nur ein feiner Tierkenner 
und Beobachter sein, nein, er muß auch das Tiermaterial in ge- 
nügender Menge zur Verfügung haben, er muß die verschiedenen 
Tiere miteinander vergleichen können. 

Was wird unser Bäuerlein anfangen können, wenn bei 
einem der beiden Lämmer seines Mutterschafes eine Variation 
auftritt? Als guter Beobachter und Kenner wird er das be- 
merken, er wird auch erkennen, daß diese Variation weiter- 
gezüchtet, verstärkt und konstant gemacht, irgendwelchen be- 
sonderen Nutzen gewähren würde. Wie soll er aber mit diesem 
einen Lamm die Variation weiterzüchten? Er müßte vielleicht 
zu sämtlichen 99 Besitzern der Nachbarstadt laufen, um fest- 
zustellen, ob da auch irgendwo dieselbe Variation aufgetreten 
ist, und dann ist es noch fraglich, ob er dieses Tier zu kaufen 
bekommt, oder der andere hat diese gute Variation nicht er- 
kannt und das Tier als mißraten längst geschlachtet und ver- 
zehrt. 

Anders steht es in dieser Hinsicht bei unserem Groß- 
besitzer. Der hat vielleicht eine Herde von 300 Mutterschafen. 
Wenn da nun eine Variation auftritt, die eine Weiterzucht in 
dieser Richtung wünschenswert erscheinen läßt, dann ist die 
Möglichkeit dazu auch leichter gegeben. Falls unter seinen 
vielen hundert Lämmern nur wenige Fälle dieser Varietät auf- 
treten, dann fährt er zum Nachbar, der ebenfalls Schafzüchter 
ist, und findet in dessen großer Herde das Gewünschte und 
tauscht diese Tiere vielleicht ein gegen andere aus seiner 
Herde, die der Nachbar zu seinen Züchtungsversuchen brauchen 
kann. 

Das Züchten von Artbullen, Ebern und Böcken liegt tat- 
sächlich doch auch beinahe ausschließlich in der Hand von 
Großbesitzern. 

Auf die Schweinezucht will ich hier nicht weiter eingehen, 
um nicht zu wiederholen, was ich in Nr. 26 der „Neuen Zeit" 
geschrieben habe. 

Mit dem Verkauf der aufgezogenen Tiere im Groß- resp. 
im Kleinbetrieb steht es ähnlich wie mit dem Verkauf von Ge- 



115 



treide bei Groß- beziehungsweise Kleinbetrieb. Beim Groß- 
besitzer findet der Händler gleichmäßiges Vieh in einer Menge, 
daß er gleich einen, respektive ein paar Eisenbahnwaggons, 
damit befrachten kann. Natürlich zahlt er dann den höchsten 
Preis. Will er dieselbe Menge Vieh von Kleinbesitzern zu- 
sammenkaufen, ja, wieviel Tage muß er da unterwegs sein und 
von Ort zu Ort, von Gehöft zu Gehöft reisen, und schließlich 
hat er doch nur bunt zusammengewürfteltes Zeug aufgekauft. 

Der Großbesitzer hat unmittelbar an seinem Viehstall auch 
die Viehwage stehen, zum Aerger der Händler, die behaupten, 
die Viehwage habe ihren ganzen Verdienst vernichtet. Dar 
Kleinbesitzer kann sich nicht eine eigene Viehwage anschaffen. 
Er ist darauf angewiesen, sein Vieh nach ,, Sicht" zu verkaufen, 
wobei der routinierte Händler ihm immer über ist. Im anderen 
Falle muß er erst wer weiß wie weit sein Vieh auf die Wage 
treiben, womit große Gewichtsverluste verbunden sind. 

Der Großbesitzer hat seine eigene durch die Lokomobile 
getriebene Schrotmühle stehen. Für seinen Betrieb lohnt selbst- 
redend diese Einrichtung. Die Tiere verwerten das gemahlene 
Getreide besser. Unser Kleinbauer kann sich für die paar 
Zentner, die er zu vermählen hat, natürlich keine eigene 
Mühleneinrichtung machen. Er muß entweder das Getreide ganz 
verfüttern oder seine paar Scheffelchen zur Mühle hin- und 
herschaffen. 

Setzen wir einen anderen Fall. Unser Kleinbäuerlein 
braucht einen Tierarzt. Er setzt seinen sogenannten Gala- oder 
Kirchenwagen in Bewegung und holt den Mann heraus aus dem 
vielleicht zwei Meilen entfernten Orte. Der Tierarzt behandelt 
den Fall, das Bäuerlein bezahlt wehmütig die Taxe und fährt 
den Tierarzt wieder nach Hause. Dort wartet vielleicht schon 
ein zweites Fuhrwerk, das einem anderen unserer 100 Klein- 
besitzer gehört, und der Tierarzt muß den Weg wieder machen. 
Mit dem Menschenarzt kann es ebenso gehen. 

Wird der Arzt zum Großbesitzer geholt, dann werden da 
immer gleich soundsoviel Fälle mit abgemacht. Auch hierbei 
wird das Konto unserer 100 Kleinbesitzer nicht unwesentlich 
gegenüber dem einen Großbesitzer belastet werden. 

116 



5. Die intensive Viehzucht 

Haben wir nun im vorhergehenden sozusagen die Entstehung 
und den Lebenslauf der großen und der kleinen Besitzer zu 
schildern versucht, haben wir da gezeigt, wie ungleich Licht und 
Schatten zwischen groß und klein auch im Agrarbetrieb ver- 
teilt sind, so wollen wir jetzt noch auf Fragen allgemeiner Natur 
eingehen. 

Die Verfechter der landwirtschaftlichen Kleinbetriebs- 
form stellen sich triumphierend auf den Sockel der Statistik 
und verkünden: „Der Kleinbetrieb kann auf derselben land- 
wirtschaftlichen Fläche mehr Vieh produzieren wie der Groß- 
betrieb." 

Nach der Bibel erschlug der ackerbautreibende Kain den 
nomadisierenden Abel; jetzt soll der angeblich mehr Vieh pro- 
duzierende Kleinbauer Abel den ackerbautreibenden Großbesitzer 
Kain erschlagen. 

Wenn also der Fortschritt heute in der entgegengesetzten 
Richtung liegen mag wie in früheren Tagen, so bestreiten wir 
ganz entschieden, daß der Großbetrieb weniger Vieh produzieren 
kann wie der Kleinbetrieb. 2X2 ist 4 und nicht 5. 

Wir haben oben nachgewiesen, wieviel, im Verhältnis zum 
Großbetrieb, der Kleinbesitz mehr an Land durch Höfe, Wege, 
Gräben, Grenzraine verliert. Trotzdem soll sich auf weniger 
Land mehr Vieh ernähren können. 

Gewiß, die Statistik führt uns vor Augen, daß vom bäuer- 
lichen Betrieb pro Hektar soundsoviel Schweine mehr geliefert 
werden wie vom Großbetrieb von derselben Fläche. 

Allerdings, die Bauern verkaufen wenig oder gar kein Ge- 
treide; der Transport ihrer paar Zentner ist ihnen eben zu be- 
schwerlich; außerdem können sie, wie wir oben gesehen haben, 
nicht den Preis erzielen wie der Großgrundbesitzer. Aus diesem 
Grunde verfüttern sie ihr Getreide in der Hauptsache an 
Schweine. 

Wenn unser Großbesitzer es ebenso machen wollte, das 
heißt, sein sämtliches Getreide an Schweine verfüttern, dann 
würde er sicherlich beträchtlich mehr Schweinefleisch produ- 
zieren können wie unsere sämtlichen 100 Kleinbesitzer zu- 
sammengenommen. Er würde absolut schon bedeutend mehr 

117 



produzieren, und gar relativ betrachtet würde er ein ganz ge- 
waltig größeres Quantum auf den Markt werfen können. Warum 
tut er es nicht? Er könnte es tun, nichts hindert ihn daran, 
heute nicht einmal mehr die Seuchenfurcht. Nun, er tut es 
nicht, weil er sich dabei keinen genügenden Verdienst ausrechnet. 
Er überläßt es den Kleinbauern, sich für einen Hundeverdienst 
zu quälen und zu schuften. 

Wie steht es übrigens mit den Schweinen, die die landwirt- 
schaftlichen Gutsarbeiter produzieren und verkaufen? 

Die landwirtschaftlichen Arbeiter figurieren bei der Be- 
rufszählung sozusagen als Kleinbetriebsbesitzer, sofern sie Land 
zur eigenen Nutzung erhalten, was heute noch allgemein der 
Fall ist, wie zum Beispiel die Gewährung von Kartoffelacker 
und Gartenland. Wenn die ungeheure Menge Schweine, die 
diese Leute umsetzen, dem Kleinbetrieb zugute gerechnet wird, 
so kommt ein ganz schiefes Bild zutage. Diese Schweine müssen 
ganz selbstverständlich dem entsprechenden Gutsbesitz zugute 
gerechnet werden, denn der Gutsbesitz liefert die Materialien 
zu ihrer Aufzucht. 

Nun soll der Kleinbesitz, wenn auch lange nicht in dem 
Verhältnis wie bei der Schweinezucht, so doch auch von der- 
selben Fläche mehr Rindvieh produzieren wie der Großbesitz. 
Um darüber ein richtiges Bild zu gewinnen, müßten unbedingt 
die Verhältniszahlen in Gewichtsmengen zum Ausdruck kom- 
men. Das ist aber unseres Erachtens unmöglich richtig zu 
machen. Die Bauern verkaufen in den allerseltensten Fällen 
ihr Vieh nach Gewicht. Um zu Gewichtszahlen zu kommen, 
können also nur Durchschnittsgewichte der einzelnen Rinder- 
kategorien angenommen werden oder gar dem von den Bauern 
verkauften Vieh dasjenige Durchschnittsgewicht unterstellt 
werden, welches das vom Großbesitzer verhandelte Vieh be- 
sitzt. Dabei kann unmöglich ein wahrheitsgetreues Bild ge- 
wonnen werden. 

Man dürfte kaum wesentlich zu hoch greifen, wenn man 
annimmt, daß das von den Gutsbesitzern verkaufte Vieh, wenig- 
stens Jungvieh, beinahe doppelt so schwer ist wie das von den 
Bauern verkaufte. 

Die Bauern halten ihr Vieh gewöhnlich ja gar nicht, bis 
es ausgewachsen oder gar schlachtreif ausgemästet ist. Sie ver- 



!18 



kaufen es schon sehr jung- Man braucht ja nur auf irgendeinen 
Viehmarkt zu gehen, um das zu erkennen. Die Gutsbesitzer 
kaufen dies unreife Bauernvieh entweder direkt oder indirekt 
durch Vermittlung des Händlers und machen es erst schlacht- 
reif. Der Großbesitzer, zumal wenn er technische Neben- 
betriebe, wie Brennerei, Stärkefabrik, Molkerei, Zuckerfabrik 
usw. hat, kann das Vieh ja auch viel billiger aufmästen wie 
der Kleinbesitzer. Der Bezug von Kraftfuttermitteln im großen 
befördert hierin ebenfalls seine Ueberlegenheit über den 
Bauern. 

Auch bei der Rindviehzucht müssen wir die Frage auf- 
werfen, ob in der Statistik nicht etwa die Kuh, die dem Land- 
arbeiter gehört, dem Kleinbesiiz zugerechnet wird; das wäre 
natürlich ebenfalls unstatthaft. 

Würden also einwandfreie Gewichtszahlen für das vom 
Groß- respektive Kleinbesitz verkaufte Vieh vorliegen, so 
müßte unseres Erachtens die Statistik schon ein ganz anderes 
Bild ergeben, das sich bedeutend zugunsten des Grundbesitzes 
verschieben würde. 

Aber noch ein anderes kommt hinzu. 

Ein gewisser Prozentsatz des von dem Kleinbesitzer groß- 
gezogenen Viehes hat das Futter gefressen, welches der Groß- 
besitz produziert hat. 

Die Kleinbauern leisten heutzutage vielfach dem Groß- 
besitzer Handdienste in der Erntezeit, um dafür vom Groß- 
besitzer Spanndienste und Viehfutter in Anspruch zu nehmen 

Vor Jahren, als die Mähmaschinen noch nicht so vollkommen 
waren, wie sie es heute sind, als das Mähen des Futters noch 
mit der Hand vorgenommen wurde, da war es sehr verbreitet, 
daß der zweite Futterschnitt der Grummet, von den Gutsbesitzern 
an die Bauern auf Anteil vergeben wurde. 

Die Bauern mähten den Grummet ab mußten ihn trocken 
machen und in kleinen Haufen zusammenbringen. Dann kam 
der Gutsbesitzer, fuhr seinen Löwenanteil nach Hause und ließ 
je nach der Quantität des Futters den dritten, vierten, fünften 
oder gar nur den sechsten Haufen für die Bauern stehen. Die 
Bauern können auf diese Weise Futter gewinnen, und der Guts- 
besitzer hatte den Vorteil, ohne Mühe bei dem oft unsicheren 

119 



Herbstwetter den größeren Teil seines Grummets einzubekommen. 
Außerdem verpflichteten sich die Kleinbauern noch, pro Hektar 
der vergebenen Futterfläche soundsoviel Tage andere Arbeit bei 
dem Gutsbesitzer zu verrichten. 

Heute gestatten die Maschinen dem Gutsbesitzer, mühelos 
seinen Grummet selber zu gewinnen; wenn dennoch viele 
Gutsbesitzer dieses System beibehalten haben, so nur, um 
Arbeitstage zu gewinnen. Andere wieder mähen mit Hilfe der 
Maschinen meinetwegen etwa drei Viertel ihres Grummets 
selber und vergeben den Rest ganz an Kleinbesitzer gegen 
Ab arbeit. 

Ebenso werden Grabenränder oder Wiesenschlanken, die für 
den Großbesitzer zum Ernten zu unbequem sind, gegen Arbeits- 
tage oder, wo Arbeitskräfte genügend vorhanden, auch gegen 
Entgelt an Kleinbesitzer vergeben. Vereinzelt kommt es sogar 
vor, daß Gutsbesitzer einen Teil ihres Getreides den Bauern 
auf Anteil zu ernten geben. 

Gewinnen also die Kleinbesitzer vom Großbesitz Futter, 
um im Winter ihr Vieh durchhalten zu können, so ernähren 
sie außerdem gewöhnlich auch noch im Sommer mit Hilfe des 
Großbesitzes einen Teil ihres Viehstandes. Gegen Arbeitstage 
wird ihnen vielfach auf den Gütern Weide für Rindvieh oder 
Schafe gegeben. Die fleißigen, die arbeiten wollen, binden er- 
laubterweise ihr Vieh an den Grenzen auf der Weide des Groß- 
besitzers an; aber in der Nacht, die ihren Fittich über vieles 
breitet, weiß oftmals das Inventarium mancher bäuerlichen Be- 
sitzer die Grenzraine des Großbesitzers nicht zu erkennen. Bei- 
nahe jeder Großbesitzer erhält auf diese Weise eine Anzahl 
kleinerer Besitzer existenzfähig. 

Genosse Schulz wird aus, seiner „Tilsiter Niederungszeit" 
her gewiß noch im Gedächtnis haben, daß es dort große Wiesen- 
güter gibt, ich nenne nur „Kruvertshof", auf denen die Haupt- 
arbeit des Besitzers sich darauf beschränkt, seine Wiesen par- 
zellenweise zur Futterernte kleinen Besitzern zu verpachten. 

Diejenigen Kleinbesitzer nun, die vom Gutsbesitzer kein 
Futter erhalten oder nehmen wollen, wandern vielfach in die 
Forsten, um in den Waldwiesen gegen Geld Futter zu holen. 
Der Forstfiskus hat durch Anwendung künstlicher Düngemittel 
in letzter Zeit die Quantität und Qualität der Waldwiesen er- 



120 



heblich gebessert, und die Bauern holen mitunter meilenweit aus 
den Forsten Futter nach Hause. 

Nun kann man doch das Vieh, welches durch dieses vom 
Großbesitz respektive von Forstwiesen produzierte Futter auf 
dem Bauernhof großgezogen wird, unmöglich der vom Klein- 
bauern besessenen Fläche zurechnen, indem man etwa sagt, der 
Kleinbauer könne aus seinem Landbesitz heraus mehr Vieh 
produzieren. Das hängt in diesem Falle absolut nicht mit dem 
Kleinbesitz zusammen, sondern nur mit dem Kleinbesitzer. 
Weil letzterer durch vergrößerte Ausbeutung seiner eigenen 
und seiner Familie Arbeitskraft, indem er von den Graben- 
rändern der Gutsgetreidefelder mühsam das Futter heraus- 
trägt oder meilenweit nach dem Forst pilgert, sich unabhängig 
von seinem Boden die Materialien zur Produktion von Fleisch 
beschafft. 

Die Zahlen, die uns die Statistik über die Fleischproduktion 
auf Groß- respektive Kleinbesitz liefert, können wir also nichts 
weniger wie einwandfrei nennen. 

6. Die Beschäftigung der Landarbeiter im Winter 

Der Kleinbesitzer hält sich eben wirtschaftlich am Leben 
durch die ungeheure Ausbeutung seiner respektive seiner Fa- 
milie Arbeitskraft während des Sommers. Dafür kann er aller- 
dings im Winter auf der Ofenbank liegen, weil ihm Arbeit 
mangelt. 

Wenn auf dem Mond der Tag anbricht, dann steigt dort 
die Temperatur rasch bis zu ein paar hundert Grad Wärme an, 
um in der Mondnacht in das Extrem zu fallen und beinahe bis 
auf den absoluten Nullpunkt zu sinken. Wird ein vernünftiger 
Mensch das als einen zweckentsprechenden Temperaturausgleich 
bezeichnen? 

Wenn der Kleinbesitzer sich im Sommer mit seiner Fa- 
milie beinahe zuschanden arbeitet, um dafür den langen Winter 
mit Nichtstun verbringen zu müssen, ist das etwa ein zweck- 
entsprechender Ausgleich? So liegen aber die Dinge. 

Greifen wir wieder auf unser Beispiel zurück. Unser Groß- 
besitzer auf seinen 750 Hektar hat 36 Arbeiterfamilien, mit 
denen er unter Benutzung von Maschinen im Sommer auskommen 



121 



kann. Doch im Winter hat er schon die größte Mühe, diese 
36 Familien zweckmäßig zu beschäftigen. 

Arbeit ist die Tätigkeit, die sich mit Herstellung von nütz- 
lichen Dingen für die Menschheit beschäftigt. Wir kennen einen 
Pfarrer, der gab dem reisenden Handwerksburschen erst dann 
etwas zu essen, wenn er einen Steinhaufen an einen anderen 
Ort getragen hatte, der nächste Kunde mußte dann diesen 
Steinhaufen wieder zurück an seinen alten Ort schaffen und 
so fort. Das ist natürlich Arbeit für den Handwerksburschen, 
für ihn sogar nutzbringende Arbeit, denn er bekam nachher zu 
essen, aber der Allgemeinheit wird durch diese Arbeit absolut 
kein Nutzen gebracht. 

Würde der Pfarrer dem Handwerksburschen aufgeben, die 
Steine vielleicht ein paar hundert Meter weit zu tragen, wo- 
selbst sie für einen Chausseebau Verwendung finden sollen, so 
wäre das schon eine für die Allgemeinheit nutzbringende Ar- 
beit, aber immerhin noch recht unzweckmäßig. Richtig zweck- 
mäßig würde diese Arbeit erst sein, wenn der Pfarrer einen 
Wagen bespannen ließe, auf den der Handwerksbursche die 
Steine aufzuladen, an die projektierte Chaussee zu rücken und 
dort abzuladen hätte. 

Unser Großbesitzer mit seinen 36 Familien wird natürlich 
im Winter seine Leute niemals so beschäftigen wie der Pfarrer, 
der den bewußten Steinhaufen hin- und her tragen ließ, aber er 
wird sie aus Mangel an genügender Arbeit auch nicht sehr 
produktiv ausnutzen, sondern vielfach den Mittelweg wählen. 
Es ist eben in der Landwirtschaft im langen Winter Mangel 
an Arbeitsgelegenheit. Immerhin hat unser Großbesitzer doch 
nur für seine 36 Familien nach halbwegs lohnender Arbeit zu 
suchen. 

Wenn nun aber statt dieses Großbesitzers mit seinen 36 
Familien auf den 3000 Morgen 100 Kleinbesitzer säßen, also 
beinahe dreimal so viel Arbeitskräfte vorhanden wären, oder 
wenn wir im Sinne des Genossen Schulz gleich verallgemeinern 
und annehmen wollten, daß nur Kleinbesitzer, die keine fremden 
Arbeitskräfte anwenden, überhaupt in der Landwirtschaft vor- 
handen wären, wenn also das flache Land, soweit Groß- respek- 
tive Mittelbetrieb in Frage käme, seine Einwohnerzahl beinahe 
verdreifachte? Wenn diese Umwandlung, wie Genosse Schulz 



122 



prophezeit, in wenigen Jahrfünften vor sich gehen sollte, dann 
würde zunächst unsere Industrie eine gewaltige Krisis durch- 
zumachen haben; denn der Zuzug vom Lande zur Industrie 
würde nicht nur ausbleiben müssen, sondern wahrscheinlich 
müßte die Industrie noch Arbeitskräfte abgeben. In verdrei- 
fachter Zahl müßte unsere Industrie Ausländer heranziehen, die 
unsere heimischen Arbeiter doch nicht überall vollwertig er- 
setzen könnten. 

Aber nun denke man der Frage nach, diese dreimal so 
starke Bevölkerung im nördlichen und nordöstlichen Deutschland 
trete in den Winter. 

Bis zum Oktober etwa würden diese Kleinbauern mit der 
Ernte und den Feldarbeiten fertig sein. Der November pflegt 
Frost zu bringen, und bis in den April hinein ruft der Winter 
den eigentlich produktiven Arbeiten auf dem Felde sein Halt 
entgegen. In diesem Jahre, das allerdings als Ausnahme zu 
betrachten ist, stießen Arbeiter, die auf der Besitzung des Ver- 
fassers drainierten, am 12. Mai teilweise noch auf Frost im 
Boden. Bis zum Anfang des Mai waren Feldarbeiten nicht aus- 
zuführen. 

Jedenfalls können wir annehmen, daß unsere verdreifachte 
Bevölkerung hier im Norden ein halbes Jahr auf dem Lande 
mit ihrer Arbeitskraft sozusagen brach liegt. Im Süden und 
Westen Deutschlands liegen in dieser Beziehung die Verhält- 
nisse wohl wesentlich anders. 

Im Winter hat bei uns der Kleinbauer beim besten Willen 
nichts zu tun. Das bißchen Getreide ist bald ausgedroschen, 
und nun raucht er seinen, erschrick nicht, Leser, womöglich 
selbstgebauten Tabak auf der Ofenbank oder verfällt in den 
Winterschlaf, und anstatt ein produktiver Vermehrer des Volks- 
wohlstandes zu sein, ist er verurteilt, ein halbes Jahr nur als 
Zehrer zu fungieren. 

Welchen Einfluß wird diese wirtschaftsbetriebliche Verän- 
derung auf dem flachen Lande noch sonst auf die Industrie 
üben? Die gesamte Produktion von Maschinen, die der land- 
wirtschaftliche Großbetrieb heute in immer steigenderem Maße 
in Anwendung nimmt, wäre vernichtet, die Rückwirkung auf 
die Kohlengewinnung und Hüttenindustrie unausbleiblich. Wir 

123 



haben oben schon ausgeführt, daß die hundert Kleinbesitzer 
für Gerätschaften und Maschinen (Dreschmaschinen, Häcksel- 
maschinen, Göpelwerk) ein beträchtlich größeres Kapital auf- 
wenden müssen wie der eine Großbesitzer, das steht aber mit 
dem eben vorher angeführten Satze in keinem Widerspruch; 
denn was die Kleinbesitzer sich an Maschinen anschaffen, sind 
einmalige Aufwendungen; diese Maschinen, weil sie gewöhnlich 
rasten, vererben vom Großvater auf den Enkel. Der Groß- 
besitz jedoch braucht gerade auch solche Maschinen, die schnell 
verschleißen, wie zum Beispiel Mähmaschinen usw. In drei 
Jahren pflegt eine Mähmaschine verarbeitet zu sein. 

Aber noch etwas anderes. Diese Millionen von Kleinbauern 
würden schließlich, um ihre Arbeitskraft auch im Winter etwas 
betätigen zu können, unabweislich dazu übergehen, wie in 
früheren Zeiten möglichst alles, was sie brauchen, selbst zu 
verfertigen. Der selbstgewebte Rock, der vom Großvater bis 
auf den Urenkel vererbt und von Generation zu Generation 
wärmer und schwerer wurde, dürfte die Textilindustrie gewaltig 
in Mitleidenschaft ziehen, analog würde es mit ungezählten 
anderen Industrieartikeln gehen. Der Flachsbau würde wieder 
aufgenommen werden, um zum Weben von Leinenzeug für den 
Winter Material zu liefern. 

Wie auf einem Gelände, das früher einmal in Kultur ge- 
wesen und dann durch Verfall der Entwässerungen von neuem 
Sumpfland geworden ist, hier und da die Irrlichter wieder ihr 
spukhaftes Wesen zu treiben beginnen, so würden aus der Lein- 
saat die flackernden Oellämpchen in den Bauernstuben zu neuem 
Leben erstehen. 

Der leuchtende Zeuge dafür, daß der sieghafte Menschen- 
geist die Natur bezwungen hat, indem er den verheerenden Blitz 
sich zum Sklaven gemacht, der elektrische Funke, der strahlend 
auch dem flachen Lande zu leuchten begann, ihm würde ein 
„Rückwärts" zugerufen. Die Volksschulen blieben mehr oder 
weniger in ihrem alten Elend. Theater, Kunst und sonstige Bil- 
dungsstätten, den Millionen von Kleinbesitzern werden sie ewig 
unerreicht bleiben. Geschieden bleibt der Menschheit Heer in 
Barbaren und Hellenen. 

Die sozialistische Kultur der Städte und die Rückständig- 
st auf dem Lande stehen sich gegenüber. Der Preis der Lebens- 



124 



mittel wird die Sphinx jener Zeit werden. Ein tiefer Spalt zer- 
reißt unser Volk in zwei Teile, was kann hineingeworfen werden, 
um ihn zu schließen? 

Die nägelbeschlagenen Schuhe werden nach wie vor die 
Marmorfliesen der Städte in Stücke zu trampeln suchen. 

7. Kleinbauer und Sozialismus 

Genosse Schulz erachtet in seinem Buche das Kommen des 
Sozialismus in der Industrie für gegeben und leugnet nur die 
Möglichkeit des Sozialismus für das Land, woselbst er als Er- 
satz die landwirtschaftlichen Selbstbewirtschafter haben will. Wie 
denkt er sich dabei die Möglichkeit der Durchführung des So- 
zialismus? 

Abgesehen davon, daß bei landwirtschaftlichem selbstwirt- 
schaftenden Familienbetrieb auch ohne Beschäftigung fremder 
Arbeitskräfte die Ausbeutung nicht aufgehoben, sondern in 
schärfster Weise bei den Familiengliedern fortbestehen kann, — 
wie wird das Fortbestehen der Familienbetriebe gesichert? 
Der eine Kleinbesitzer wirtschaftet vielleicht schlecht oder er 
hat ungünstige Verhältnisse im Boden oder in der Lage ge- 
troffen, oder er hat auch nur besonderes Pech in der Wirt- 
schaft. Er braucht Geld. Er findet es bei einem besonders 
tüchtigen oder sonst irgendwie begünstigten Berufsgenossen. 
Der will natürlich Sicherheit haben. Die Hypothek und somit 
die Schuldknechtschaft ist wieder da. Nun wird der Geld- 
braucher schließlich bankerott, und der Geldgeber muß das Land 
mit übernehmen. 

Und was wird aus der ruinierten Existenz? Darf der Mann 
jetzt wenigstens als Arbeiter bei seinem vorherigen Geldgeber 
tätig sein? Oder wird er ausgestoßen aus der Gemeinde der 
Selbstwirtschafter? 

So wird es sein! Ich sehe mit Seheraugen in die Zukunft 
und sehe den Genossen Schulz bewaffnet mit einem Schwerte, 
wie er den Unwürdigen, der es wagt, pleite zu gehen in der 
Gemeinschaft der Heiligen, hinausstößt aus dem Paradies des 
Privateigentums und ihn, o so sei verflucht, hinabstößt in den 
Sozialismus der industriellen Genossenschaften. 



125 



Vielleicht wird aber Genosse Schulz gar nicht nötig haben, 
mit dem Schwerte hinauszujagen? Vielleicht wird er umgekehrt 
sich vor den Ausgang stellen müssen, um zu verhindern, daß die 
Gemeinde der Heiligen nicht samt und sonders von dem Teufel 
der Landflucht gepackt wird und mit klingendem Spiele in die 
Städte, in das Lager des Feindes zum Sozialismus zieht? 

Dann stehen Sie, werter Genosse, wie Hannibal auf den 
Trümmern von Karthago. Und was werden Sie dann beginnen? 

Dann krähen auf den bäuerlichen Höfen noch einmal recht 
kläglich die Hähne, und der Spuk ist vorbei. 

Nein, verehrter Genosse, wenn Sie sagen, Sozialismus in 
der Landwirtschaft ist nicht möglich, dann sagen wir mit min- 
destens mehr Berechtigung, landwirtschaftlicher Kleinbetrieb ist 
unmöglich, wenn Sozialismus einmal das herrschende Prinzip 
in der Industrie geworden ist. 

Wie wollen Sie zum Beispiel auch die Erbfolge regeln? 
Darf nur das Einkindersystem herrschen? Wenn nicht, so wollen 
diejenigen, die nicht zum Thronerben prädestiniert sind, doch 
auch was haben, entweder in Bargeld ausgezahlt oder durch ver- 
zinsliche Hypotheken. 

Und was machen diejenigen, die durchaus nicht zur Industrie 
übertreten wollen, aus Lust und Liebe zur Landwirtschaft durch- 
aus draußen bleiben wollen, wenn die Erde nun vergeben ist? 
Sind vielleicht doch einige Großgüter gestattet, woselbst solche 
Käuze Unterkunft finden können? 

Nach unserer Auffassung würden es wirklich sonderbare 
Käuze sein, die bei dem stupiden, elenden kleinbäuerlichen 
Familienbetrieb bleiben wollten, während die Sonne des So- 
zialismus die industrielle Produktion durchleuchtet und Kunst, 
Bildung, Wissenschaft, Technik, Freude und Genuß zum Reifen 
bringt. 

Aber diese unter den vom Genossen Schulz angestrebten 
Verhältnissen „sonderbaren Käuze" würden sicherlich massen- 
haft vorhanden sein, dann aber nicht mehr „sonderbare Käuze" 
vorstellen, wenn der sozialistisch-genossenschaftliche Großbetrieb 
in der Landwirtschaft Platz gegriffen hat. 

Wir haben in unserer Schilderung des landwirtschaftlichen 
Großbetriebs nur die allernüchternsten, alltäglichsten Formen 
vor Augen gehabt. Wir hätten, ohne dafür utopistisch genannt 

126 



werden zu dürfen, indem wir uns immer noch an Tatsachen ge- 
halten hätten, schon ganz andere Bilder aufmarschieren lassen 
können. 

Auf der anderen Seite dagegen haben wir den heutigen 
Xleinbesitz in viel zu rosigem Lichte erscheinen lassen. In Wirk- 
lichkeit liegen die Verhältnisse bei den Kleinbauern vielfach ja 
geradezu trostlos. 

Man möge herumfahren im Sommer und Vergleiche an- 
stellen zwischen den bestandenen Feldern auf den Gütern und 
den Bauernfeldern. Was wir unter Berücksichtigung der Acker- 
gerätschaften, der Art der Bestellung usw. theoretisch erwartet 
naben, wird von der Wirklichkeit noch weit in den Schatten 
gestellt. 

Man möge die Kleinbauernhöfe besuchen und die vom Ge- 
nossen Schulz so gelobte Viehhaltung ansehen und dann auf 
den Gutshöfen Umschau halten und Vergleiche anstellen. 

In dem Bestreben, eine möglichst große Anzahl von 
Häuptern aufzuziehen, wird den Bauern häufig bald Streu und 
Futter knapp, die Tiere, namentlich das Jungvieh, werden unter- 
ernährt, bekommen Ungeziefer, und schließlich muß der Bauer 
sie für jeden Preis verkaufen. 

Der Bauer bekommt dann häufig für solch ein verkrätztes, 
ein Jahr und darüber altes Tier kaum das ersetzt, was er dem- 
selben in der ersten Zeit an Milch vertränkt hat. Auf den 
Gütern werden diese Tiere dann erst wieder in Ordnung ge- 
bracht. Es ist häufig genug kein erfreulicher Anblick, den so 
ein Bauernhof bietet. Das Vieh verkommt aus Mangel an 
Streu und da entsprechende Einrichtungen fehlen, die die 
Streu entbehrlich machen, liegt es oft förmlich in Dung und 
Jauche. Wenn dann der Winter einmal tüchtig einsetzt und 
der Wind aus Nordost mit vollen Backen bläst, wie soll da das 
Vieh gedeihen? 

Der Gutsbesitzer hat oftmals 100 Kühe in einem gemein- 
samen Viehstall untergebracht; da wirkt jedes Tier gewisser- 
maßen als Ofen, und die Stalltemperatur bleibt erträglich; außer- 
dem muß der Stall des Großbesitzers schon des großen Schup- 
pens wegen mit recht starken Mauern ausgerüstet sein. 

Beim Bauern, der nur eine geringe Anzahl von Tieren im 
Stalle hat, dessen Stall außerdem selbstredend auch schwächer 

127 



gebaut ist, da müssen die Tiere oftmals erbärmlich frieren, und 
ein großer Prozentsatz des Futters, das sich sonst in Milch oder 
Fleisch umwandeln würde, muß den Tieren als Heizmaterial zur 
Wärmeerzeugung dienen. 

Wenn zum Beispiel Ostpreußen in den letzten Jahrzehnten 
in landwirtschaftlicher Beziehung, sowohl in Ackerbau wie vor 
allem in Viehzucht, einen gewaltigen Aufschwung genommen 
hat, so ist das nicht den Bauern, sondern allein den Guts- 
besitzern zuzuschreiben, die auf allen Gebieten wegweisend vor- 
gegangen sind. 

Die Bauern sind sehr schwer zu Aenderungen zu bewegen, 
selbst wenn diese handgreifliche Verbesserungen vorstellen. Man 
muß es am eigenen Leibe erfahren haben, auf welche Schwierig- 
keiten es stößt, wenn man die Bauern zum Beispiel für Melio- 
rationsgenossenschaften usw. gewinnen will. Mit allen erdenk- 
lichen Mitteln von Zahlenbeweisen, zwingenden Vernunftgründen 
und Ueberredungskünsten glaubt man die Leute endlich über- 
zeugt zu haben, sie können keine Einwände mehr machen. Schnell 
wird das schon vorher fertig ausgearbeitete Schriftstück her- 
vorgeholt, dem Intelligentesten wird es zuerst zur Unterschrift 
vorgelegt. Unterschreiben — nein, das tun wir nicht, und dabei 
bleibt es dann. 

Wenn die Bauern trotzdem in landwirtschaftlicher Beziehung 
sich langsam modernisieren, so ist das allein dem aufklärenden 
Beispiel der Gutsbesitzer zu verdanken. 

Wie es in dieser Beziehung in Bayern oder West- und 
Süddeutschland aussieht, darüber kann ich aus eigener An- 
schauung kein Urteil fällen. Ich will nicht jenem biederen 
Deutschen gleichen, der eine Reise nach England antrat, gleich 
am ersten Tage im Hotel auf einen Kellner stieß, der rote 
Haare hatte, grob war und unseren Reisenden übervorteilte. Der 
Deutsche reiste flugs nach Hause und erzählte, alle Engländer 
hätten rote Haare und Sommersprossen, wären saugrob und 
insgesamt Betrüger. 

Doch was ich anläßlich des Nürnberger Parteitags als 
Teilnehmer eines Ausflugs in einem bayerischen Bauerndorf in 
landwirtschaftlicher Hinsicht gesehen habe, war nicht gerade 
sehr imponierend. Ich erblickte dort noch Einrichtungen und 

128 



Instrumente, die in Ostpreußen allenfalls noch im Museum für 
Völkerkunde zu sehen sind. 

Daß in einem Distrikt mit rein kleinbäuerlicher Bevölke- 
rung jeder Fortschritt viel langsamer vor sich geht wie in 
Gegenden mit Großbesitz, ist ja doch auch ganz erklärlich. Die 
Bauern können sich keine weiten Reisen leisten, um andere 
Eindrücke und Wirtschaftsformen mit nach Hause zu bringen, 
ihr kleines Grundstück verträgt außerdem Experimente in 
keiner Weise. 

Würden wir auf der einen Seite den rein kleinbäuerlichen 
Betrieb sich selbst überlassen, auf der anderen Seite dagegen 
Großbetriebswirtschaften haben, so würden unsere Nachfahren 
in nationalökonomischer Hinsicht dieselben Entwicklungsstudien 
machen können, die die Naturwissenschaft gemacht hat, als sie 
Vergleiche anstellen konnte zwischen der Fauna der großen 
Kontinente und der Tierwelt Australiens und mancher Inseln. 
Während auf den großen Kontinenten das Gesetz der Entwick- 
lung voll zur Entfaltung kam, finden wir in Australien in der 
Weiterentwicklung stehengebliebene Tierformen, die dem Forscher 
Zeugnis geben, aus welchen primitiven Formen sich die höheren 
Tiere herausgebildet haben. 

Sagte ich oben, ich hätte die Betriebsverhältnisse des 
Großguts nur aus den alltäglichsten allgemein gebräuchlichsten 
Formen heraus geschildert, so habe ich nicht zuviel gesagt. 
In Wirklichkeit sind ja schon auf den Großgütern in wirt- 
schaftstechnischer Hinsicht sehr häufig viel höhere Formen in 
Uebung. 

Besonders gebaute Scheunen, in die das Getreide mit 
mechanischen Abladevorrichtungen von oben hereingebracht 
wird, ermöglichen eine große Menschenersparnis. Sogar eine 
Maschine, die den Stalldung gleich vom Wagen gleichmäßig 
auf dem Felde ausbreitet, ist hier und da schon in Anwendung. 
Der Dampfpflug erobert sich, und zwar jetzt in schnellerem 
Tempo als je, ein immer größeres Feld.. Noch vor wenigen 
Jahren war seine Anwendung nur in beschränktem Maße 
möglich, weil er selber noch sehr unvollkommen war. Es konnte 
früher mit dem Dampfpflug nicht flach gepflügt werden. Für 
den Zuckerrübenbau und speziell in sehr hochkultivierten 
Gegenden mit sehr tiefer Ackerkrume war seine Anwendung 

Kautsky, Landwirtschaft 9 1 29 



auch damals gegeben; doch zum Getreidebau ist es nicht jedes- 
mal erforderlich, gar zu tief zu pflügen; auf Ländereien, die 
eine nicht zu tiefe Ackerkrume hatten, war früher das Pflügen 
mit dem Dampfpflug unmöglich, weil zuviel tote Erde nach oben 
gebracht wurde. 

Das ist jetzt anders geworden. Heute kann man auch mit 
dem Dampfpflug den Acker flach umbrechen und dafür mehr 
Pflugscharen einsetzen, wodurch das Dampfpflügen wesentlich 
billiger geworden ist. 

Zur Dampfpfluganwendung ist auch gewöhnlich drainierter 
Acker notwendig, um durch Gräben nicht unterbrochene, mög- 
lichst lange Züge zu haben. 

Noch vor wenigen Jahren waren selbst die Großgüter nur 
selten drainiert. Das ist jetzt alles anders geworden, und der 
Dampfpflug schickt sich, entsprechend seiner Schwerfälligkeit 
natürlich in behäbigem Tempo, zu seinem Siegeszug an. 

Ob er die Palme erringen wird in dem Wettlauf, der be- 
ginnen wird zwischen ihm und dem elektrisch betriebenen Pfluge? 
Wohl schwerlich! Der elektrische Konkurrent ist ein gar zu 
schnellfüßiger und gewandter Partner. Die Elektrizität, diese 
geradezu wie für den landwirtschaftlichen Großbetrieb geschaf- 
fene Betriebskraft, dringt langsam, aber um so sicherer vor. 
Wie ein Prozeß, der kürzlich gegen einen Herrn v. Plitzewitz 
in Pommern angestrengt war, gezeigt hat, sind auch dort schon 
große elektrische Zentralen für den landwirtschaftlichen Betrieb 
errichtet. 

Gerade weil im landwirtschaftlichen Betrieb das Arbeits- 
feld ein räumlich so weit ausgedehntes ist und die Arbeits- 
leistung bald hier, bald da an den verschiedensten Stellen ein- 
zusetzen hat, eignet sich die leicht überallhin zu leitende Kraft 
so besonders gut für die Landwirtschaft. 

8. Der Großbetrieb der Zukunft 

Nachdem ich bislang, wie zugegeben werden muß, 
mich vollständig bloß an die allernackteste Wirklichkeit ge- 
halten habe, möge es mir verstattet sein, endlich auch ein 
klein wenig dem Zuge meines Herzens zu folgen, zumal ich 
den Genossen Schulz auch einige Male beim Prophezeien 

130 



ertappt habe. Man kann sich jedenfalls den landwirtschaftlichen 
Großbetrieb sehr schön unter den höchsten technischen Formen 
betrieben vorstellen. 

Riesige elektrische Zentralen an geeigneten Stellen angelegt, 
leiten durch ein Netz von Drähten die Kraft zu den landwirt- 
schaftlichen Großbetrieben. Ein zweites, sekundäres Drahtnetz 
leitet vom Gutshof die elektrische Kraft wieder nach den be- 
nötigten Arbeitsstellen. Natürlich ist auf dem Gutshof wie auf 
dem dazugehörigen Acker alles dem elektrischen Betrieb ange- 
paßt. Die Felder, sämtlich drainiert, sind in regelrechte Quadrate 
oder Rechtecke eingeteilt. Feste Gleisanlagen begrenzen die ein- 
zelnen Felder. 

Auf diesen Gleisen bewegen sich die elektrisch getriebenen 
Kraftmaschinen, die den Pflug hin- und zurückziehen; dem 
Pfluge folgt die ebenfalls durch elektrische Kraft gezogene Egge, 
die Drillmaschine und Walze. Zwischen den Getreidereihen 
gehen später Bodenlockerungsmaschinen hindurch, die Unkraut 
zerstören und Luft den Pflanzenwurzeln zuführen. 

Neuerdings hat man durch praktische Versuche bestätigt ge- 
funden, daß Elektrizität eine erhebliche Beförderung des 
Pflanzenwuchses bewirkt. Auch diese Erscheinung wird in den 
Dienst der Landwirtschaft gestellt. 

Ist die Ernte da, tritt die Mähmaschine mit Selbstbinder 
in Tätigkeit, immer durch die Kraft derselben elektrischen 
Maschinen bewegt. Auch die Stoppelharkmaschine wird durch 
dieselbe Kraft gezogen. Das durch die Maschinen in Garben ge- 
bundene Getreide ist durch Menschenhand in langen Reihen auf- 
gestellt worden, natürlich in einer Weise, die den möglichsten 
Schutz gegen Witterungsunbill gewährt. 

Nun werden entsprechend konstruierte Wagen in An- 
wendung genommen, die von den Kraftmaschinen die Getreide- 
reihen entlang gezogen werden. Das Getreide wird auf diese 
Wagen geladen, bis an den Schienenstrang gezogen, und fort geht 
es durch elektrische Kraft, hinauf in die Scheune, woselbst 
durch mechanische Abladevorrichtungcu die Wagen entleert 
werden. 

Elektrische Bogenlampen respektive Scheinwerfer auf dem 
Hofe, respektive an der Arbeitsstelle auf dem Felde, ermög- 

9 ' 131 



liehen, wenn es nottut, ein Hineinarbeiten bis in die späte 
Sommernacht. 

Ist die Getreide- und Futterernte beendet, so tritt die 
ebenfalls durch elektrische Kraft gezogene Kartoffelaushebe- 
maschine in Tätigkeit. Die Keller sind natürlich auch so ein- 
gerichtet, daß die Loren auf dem Mittelgang der Länge nach 
durch sie hindurchfahren können, Kartoffeln wie Rüben werden 
auf Loren vom Felde in die Keller befördert. Die Wintersaat 
ist mittlerweile auch in den Boden gebracht, und der elektrische 
Pflug hat jetzt nur noch die zweite Furche zu graben, für die 
Felder, die im nächsten Jahre die Sommersaat aufnehmen 
sollen % 

Nun beginnt die Winterarbeit. Natürlich ist auf dem Hofe 
ebenfalls alles dem elektrischen Betrieb angepaßt. Da wird ge- 
droschen, Stroh zu Häcksel geschnitten, Getreide geschrotet, 
Futterrüben gemahlen und Wasser gepumpt. Da sind auf den 
Speichern allerhand Reinigungsmaschinen in Bewegung, ebenso 
wird das dort lagernde Getreide auf entsprechende Weise ge- 
lüftet. Selbstredend kann des Abends alles elektrisch 
beleuchtet werden. 

Um den Stalldung auch im Winter auf das Feld zu schaffen, 
werden wieder die Schienengeleise benutzt. 

Durch Betreiben geeigneter technischer Nebenbetriebe wird 
Sorge getragen, daß auch im Winter die elektrische Kraft mög- 
lichst Verwendung findet. Stärke-, Hefe- und Zuckerfabriken 
sind eingerichtet. Ebenso arbeiten Konservenfabriken auf dem 
Lande. Große Mahlmühlen, die das Getreide zu Mehl ver- 
arbeiten, verbilligen den Transport desselben. Kleie bleibt zu 
Futterzwecken gleich an Ort und Stelle. Vielleicht wird es auch 
angezeigt sein, den Bedarf der Landwirtschaft an Stickstoff- 
dünger, welch letzterer jetzt in Gegenden mit billiger Wasser- 
kraft hergestellt wird, auf dem platten Lande selbst zu fabri- 
zieren. Jedenfalls wird man auch im Winter tunlichst für Aus- 
nutzung der elektrischen Kraft Sorge tragen. 

Man muß berücksichtigen, daß infolge der technischen Be- 
triebseinrichtungen auch im Sommer ganz bedeutend viel weniger 
Arbeitskräfte auf dem Lande gebraucht würden. Sollte trotzdem 
nicht die ganze Arbeitskraft aller Genossen im Winter Verwen- 
dung finden können, dann um so besser, dann kann ein Teil der 

132 



Genossen sich abwechselnd auf Reisen befinden, oder sich in 
den Städten künstlerischen und wissenschaftlichen Genüssen hin- 
geben. 

Dann wird aber die sozialistische Gesellschaft keine Flucht 
vom Lande zur Stadt zu verzeichnen haben, umgekehrt dürfte 
wahrscheinlicher eine Stadtflucht werden und alles auf das platte 
Land hinausdrängen. 

Zum mindesten hätte dieser sozialistische Großbetrieb gegen- 
über dem Schulzschen Kleinbetrieb den Vorzug, daß unverhältnis- 
mäßig weniger Arbeitskräfte gebraucht werden, die die notwen- 
digsten Lebensmittel erzeugen müssen, und daß ungezählte Hände 
frei werden zur Erzeugung anderer notwendiger Güter, und nicht 
nur Hände frei werden, sondern auch Köpfe, die grübeln und 
denken können und Pioniere sind, die der Menschheit zu höheren 
Zielen die Wege ebnen. 

Bis dermaleinst sich die Zeit wieder erfüllet hat und die 
Wissenschaft, speziell die Chemie, ein gewichtiges Wort ge- 
sprochen haben wird und die Erde umgewandelt werden kann in 
einen blühenden Villenpark, in dem die Nachtigallen schlagen 
und die Rosen duften. Dann wird auch Genosse Schulz sein Erz- 
engelschwert in die Scheide stecken und unter duftendem Jasmin 
die letzten, natürlich in Esperanto abgefaßten, Lichtdepeschen 
von benachbarten Planeten studieren. 



133 



Adler, Friedrich. Friedrich Adler vor dem Ausnahme- 
Gericht Die Verhandlungen vor dem § 14-Gericht am 
18. und 19. Mai 1917 nach dem stenographischen Proto- 
koll. 8 Mark. Gebunden 10 Mark. 

Bernstein, Eduard. Ferdinand Lasalle. Eine Würdi- 
gung des Lehrers und Kämpfers. 15 Mark. Pappband 
18 Mark. Halblederband 27 Mark. 
Völkerbund oder Staatenbund. Eine Untersuchung. 
Zweite Auflage 1,50 Mark. 

Völkerrecht und Völkerpolitik. Wesen, Fragen und 
Zukunft des Völkerrechts. Gemeinverständlich erläutert 
von Ed. Bernstein. 8 Mark. In Pappband 10 Mark. 

Eisner, Klirt.' Die Götterprüfung. Eine weltgeschicht- 
liche Posse in fünf Akten und einer Zwischenakts- 
pantomime. 10 Mark. In Pappband 13 Mark. 

Graf, G. Engelbert. Die Landkarte Europas gestern 
und morgen. 10 Mark. In Pappband 12,50 Mark. 

Kautsky, Karl. Demokratie oder Diktatur. 11. bis 
15. Tausend. 3,50 Mark. 

Sozialisierung der Landwirtschaft. 6.— 10. Tausend. 
Mit einem Anhang : Der Bauer als Erzieher von A. Hof er. 
10 Mark. 

Wie der Weltkrieg entstand. Dargestellt nach dem Akten- 
material des Deutschen Auswärtigen Amtes. 6 Mark. 

Landauer, Gustav. Aufruf zum Sozialismus. 11. bis 
15. Tausend 10 Mark. • 
Rechenschaft. 8 Mark. In Pappband gebunden 11 Mark. 

Seidel, Richard. Klassenarmee und Volkswehr. 
3,50 Mark. 

StrÖbel, Heinrich. Die erste Milliarde der zweiten 
Billion. Die Gesellschaft der Zukunft. 10 Mark. In 
Pappband 12,50 Mark. 

Zepler, Wally. Sozialismus u. Frauenfrage. 3,50 Mark. 



Paul Cassirer, Verlag, Berlin W 10 



WEGE ZUM SOZIALIS 

Eine Schriftenreihe 



In dieser Sammlung erschienen bisher: 

H e i n r i c h H e ine und der Sozia- 
lismus. Ausgewählt und eingeleitet von 
Hermann Wendel 4 Mark 

Robert Owen und der Sozialis- 
mus. Ausgewählt und eingeleitet von 
HeleneSimon 6 Mark 

Saint-Simon und der Sozialis- 
mus. Ausgewählt und eingeleitet von 
Gottfried Salomon 4 Mark 

Kant, Fichte, Hegel und der 
Sozialismus. Ausgewählt und einge- 
leitet von Karl Vorländer 4 Mark 

Marx als Geschichtsphilosoph. 
Von Alfred Braunthal 6 Mark 

Lassalle und der Sozialismus. 
Ausgewählt und eingeleitet von Eduard 
Bernstein 4 Mark 

Proudhon und der Sozialismus. 
Ausgewählt und eingeleitet von Gottfried 
Salomon 6 Mark 

Fourier und der Sozialismus. 
Ausgewählt und eingeleitet von Käthe 
Morgenroth 6 Mark 



PAUL CASSIRER / VERLAG / BERLIN W 10 



Sozm/'DINAND LASSALLE 

=^jesammelte Reden und Schriften 

,ß r In 12 Bänden herausgegeben von 

EDUARD BERNSTEIN 

Jeder Band geheftet 20 M., in Pappband 27 M., in Halblederband 40 M. 

* 

EINTEILUNG DER 12 BÄNDE 
Band I: 
Italienischer Krieg. Franz 
von Sickingen. Band II: Verfassungsreden. 
Das Arbeiterprogramm und die anschließenden 
Verteidigungreden. Band III: Die Agitation für den Allgemei- 
nen Deutschen Arbeiterverein. Das Jahr 1863. Polemik. 
Band IV: Das Jahr 1864. Aktenstücke. Band V: Lassalles 
ökonomisches Hauptwerk: Herr Bastiat-Schulze v. Delitzsch 
und die anschließenden Kontroversen. Band VI: 
Philosophisch-literarische Streifzüge. Band 
VII u. VIII: Herakleitos. Band IX-XII: 
System der erworbenen Rechte. 



LASSALLE hatdas Interesse der deutschen Öffentlichkeit für die Bedeutung 
des sozialen Problems wachgerüttelt und mit Impulsen versehen, die un- 
vergänglich fortwirken. Die Kenntnis seiner klassisch geformten Streit- 
schriften und Verteidigungsreden ist in dieser Zeit notwendig, ihre Lektüre 
für jeden Gebildeten auch ein hoher geistiger Genuß. In ihnen offenbart 
sich der unermüdliche Kämpfer für die Erneuerung der Gesellschaftsordnung, 
der größte sozialistische Agitator Deutschlands. Jedoch kennzeichnen diese 
Werke nur einen Teil der geschichtlichen Bedeutung Lassalles. Auch auf 
den Gebieten der Philosophie und der Rechtswissenschaft hat er Wertvolles 
geleistet, und seine „Philosophie des Herakleitos von Ephesos" und sein 
„System der erworbenen Rechte" erscheinen als Meister- und Musterstücke 
gelehrter Deutscher Prosa. 

DIE AUSGABE zeichnet sich durch ein handliches Oktavformat, eine 
große, sehr klare Antiquatype und besten Druck auf eigens dafür ange- 
fertigtem, bestem holzfreien Papier, sowie sorgfältig hergestellte 
geschmackvolle Einbände aus. 



PAUL CASSIRER / VERLAG / BERLIN W 10 



Druck: Busch & Gartmann, Berlin W 30 — Stendal 



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HD Kautsky, Karl 
14.11 Die Sozialisierung der 

K38 Landwirtschaft c 2. 

1921 unveränderte Aufl, 3 



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