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Full text of "Die verwaltungsratsfrage der aktien-gesellschaften [microform], eine organisationsfrage"

MASTER 

NEGATIVE 
NO. 94-82234 




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The Columbia University Libraries reserve the right to refuse to accept a 
copying order if, in its judgement, fulfillment of the order would involve 
violation of the Copyright law. 



Author: 



Jaissle, Immanuel 



Title: 



Die Verwaltungsratsfrage 
der aktien-gesellschaften 

Place: 

Zürich 

Date: 

1918 



MASTER NEGATIVE i 



COLUMBIA UNrVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DIVISION 

BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARGET 



ORIGINAL MATERIAL AS FILMED - EXISTING BIBLIOGRAPHIC RECORD 



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Die venvaltungsratsfrage der aktien- gesell aohaf- 
ten» eine organisationsfrage ^vonj ••• !• Jaissle» 
Zürich, Goessler, 1918. 

xii, 127 }?• 22^- ora. 

Thesis, Zürich, 1917. 
Bibliography: p. ix-xii. 




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TECHNICAL MICROFORM DATA 



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Die Verwaltungsratsfrage 

der Aktien-Gesellsdiafien, eine 

Organisationsfrage 

Dr. oec. publ. I. JAISSLE 



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ZÜRICH 

Buchdruderei H. Gocssler 'S) Cic. 

1918 



IRREGULÄR PAGINATION 



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Inhaltsverzeidinis. 



Einleitung i 

A. Die Verwaltung der Aktiengesellschaft 3 

I. Die rechtliche Stellung der Verwaltung .... 3 
IL Die Organisation der Verwaltung 5 

1. Die Gliederung der Verwaltung 5 

a) Das eingliedrige oder Einheitssystem ... 6 

b) Das zweigliedrige System 7 

2. Die verschiedenen Organisationsformen der Ver- 
waltung der Aktiengesellschaft 9 

a) Die Geschäftsführung innerhalb der Verwaltung 
nach dem O.-R 9 

b) Die Geschäftsführung außerhalb der Verwaltung 
nach dem O.-R 11 

c) Die Geschäftsführung teils innerhalb, teils 
außerhalb der Verwaltung nach dem O.-R. il 

3. Die Möglichkeit eines Vergleiches zwischen den 
Verwaltungsorganen nach dem H.-G-B. und 

nach dem O.-R 12 

a) Die verwaltenden und geschäftsführenden 

^ Organe nach dem H.-G.-B. . . . . . . 13 

^ b) Vorstand und Aufsichtsrat im Vergleich zu 

der Verwaltung nach dem O.-R 13 

c) Vorstand und Aufsichtsrat im Vergleich zu 
dem Verwaltungsrat und der Direktion . , 14 

d) Der deutsche Vorstand und die schweizerische 
Verwaltung 14 

e) Vorstand und Aufsichtsrat, ein reines Ver- 
waltungs- bezw. Aufsichtsorgan? .... 15 

f) Die prinzipielle Auffassung der Gesetzgeber 
des deutschen und schweizerischen Rechtes 
über die Verwaltungsorgane . 17 

g) Der deutsche Aufsichtsrat in praxi ... 18 
h) Der schweizerische Verwaltungsrat in praxi 19 

i) Der deutsche Vorstand und die schweizerische 

Direktion in praxi 20 

k) Der deutsche Aufsichtsrat und die schweize- 
rische Kontrollstelle ......... 20 

III. Die Wahl des Verwaltungsrates ...... 21 

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1. Die Wahl des ersten Verwaltungsrates ... 21 

2. Die Wahl des Verwaltungsrates durch die 
Generalversammlung . 23 

a) Die Wahlvorbereitung 23 

b) Die gegenwärtige Wahlpraxis 24 

c) Die Notwendigkeit einqr Reform der Wahl- 
praxis (Beispiele) 25 

d) Der Wahlmodus 28 

aa) In der Gegenwart 28 

bb) In der Zukunft (Proporzsystem) ... 31 

IV. Die aktive Wahlfähigkeit 32 

1. Die Stimmenthaltung der Verwaltung bei ihrer 
Entlastung 32 

2. Die Ausübung des Stimmrechtes auf Grund 
eigener Aktien 34 

3. Die Übertragung des Stimmrechtes .... 34 
a) Die Politik der Sammlung von Vollmachten 

seitens der Banken 34 

aa) Die Technik der Sammlung V. Vollmachten 34 

bb) Die Gefahren der Sammlungspolitik (Beisp.) 35 
cc) Teilweise Minderung der Gefahren durch 

Einführung der Proporz wähl . . . . 37 

dd) Die Teilnahme an der Generalversammlung 38 

V. Die passive Wahlfähigkeit 38 

1. Der Zweck der Aktionärqualität 38 

a) In theoretischer Beziehung 38 

b) In praktischer Beziehung 39 

2. Statutarische Bedingungen als Voraussetzung 
für die Wahl in den Verwaltungsrat (Wohnsitz, 
Nationalität etc.) 41 

VI. Die Amtsdaucr 44 

VII. Die Zusammensetzung des Verwaltungsrates . . 47 

1. Verschied. Gruppierungen seitensanderer Autoren 48 

2. Gruppierung des Verfassers 49 

a) Reine Kapitalinteresscn 49 

b) Kapital- und geschäftspolitische Interessen . 5 1 

c) Geschäftspolitische-, Verwaltungs- und Ge- 
schäftsführungsintercsscn 59 

VIII. Die Kumulation der Verwaltungsratsstellen . . . 61 

1. Die Gründe für die Kumulierung . . . . 61 

2. Die Kritik der Kumulierung 63 

3. Vorschläge und deren Kritik 64 

IX. Die P'unktionen des Vervvaltungsrates .... 65 

1. Die statutarische Festlegung der Funktionen . 65 

2. Begriffsbestimmung von t verwaltender« und »ge- 
schäftsführender«. Tätigkeit des Verwaltungsrates 6j 

VI 



3. Die Verwaltungsfunktionen 68 

a) Die Verwaltungsfunktionen nach dem Gesetz 68 

b) Die Verwaltungsfunktionen nach den Statuten 7 1 

4. Die Geschäftsführungsfunktionen 75 

a) Die Geschäftsführungsfunktionen nach dem 
Gesetz . yr 

aa) Die Aufgabe der Buchführung ... 76 
bb) Die Aufgabe der Bilanz und deren Auf- 
stellung 77 

a) Reformbestrebungen bezgl. der Auf- 
stellung der Bilanz jj 

ß) Reformbestrebungen bezgl. des Aus- 
baues der Geschäftsberichte ... 78 

b) Die Geschäftsführungsfunktionen nach den 
Statuten jg 

c) Die schlechte Geschäftsführung als Grund 
für die sog. »Krache« in den schweizerischen 
Unternehmungen 83 

5. Die Geschäftsfiihmngsfehler eine Folge falscher 
Organisation 85 

a) Aufstellung und Begründung einer zweck- 
mäßigen Organisationsform 85 

b) Die Lösung der Verantwortlichkeitsfrage 
durch die Organisation . 87 

c) Der Ausbau der Innenorganisation ... 88 
aa) Die genaue Festlegung und Abgrenzung 

der Kompetenzen 88 

bb) Die Erhöhung der Verantwortung der 

Verwaltungsratsmitglieder 89 

cc) Die Vertretung der Verwaltungsräte durch 

Ersatzmänner 92 

dd) Die Notwendigkeit der Durchführung der 

Organisationsbestimmungen .... 93 

6. Die geschäftspolitischen Funktionen .... 93 

7. Die Geschäftsführungskontrolle 94 

a) Die mangelhafte Ausübung 94 

b) Die Gründe für die Unterlassung .... 95 

c) Die Selbstkontrolle des Verwaltungsrates . 95 

8. Die gesetzliche Vertretungspflicht .... 96 
X. Die Vergütung des Verwaltungsratcs .... 98 

1. Die verschiedenen Arten der Vergütung . . 98 

2. Die Art der Berechnung der Tantieme . . 99 

3. Die Höhe der Tantieme loi 

4. Kritische Betrachtungen und Vorschläge . . 102 
B. Die Kontrollstelle der Aktiengesellschaft ... 105 

I. Die rechtliche Stellung der Kontrollstelle ... 105 

VII 



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IL Die wirtschaftliche Stelkmg und Bedeutung der 
Kontrollstelle in der Gegenwart 

1 . Die Aufgaben der Kontrollstelle nach dem Gesetz 

a) Die rechnerische und materielle Kontrolle 

b) Geschäfts führungskontrolle? 

2. Die Aufgaben des Kontrollorgans der deutschen 
Aktiengesellschaft 

3. Die Pflichten der Kontrollstelle nach den Statuten 

a) Die mangelhafte Festlegung der Kontroll- 
pflichten 

b) Die mangelhafte Ausübung der Kontrolle 

4. Die Mißerfolge der Kontrollstelle .... 

a) Die Abneigung von Verwaltungsräten und 
Direktoren gegen die gesetzliche Kontrolle 

b) Die Ausübung der rechnerischen Kontrolle 
III. Der Ausbau der Kontrollstelle 

1. Notwendigkeit der Übertragung der Geschäfts- 
führungskontrolle an die Kontrollstelle . . . 

a) Die Begründung der Übertragung . . . 

b) Die Festlegung der Übertragung .... 

2. Regelung der Kontrollfrage im H.-G.-B. . ■. 

3. Die Ausübung der Pflichten und Rechte des 
neuen Kontrollorgans 

a) Statuierung der Unabhängigkeit der Kontroll- 
stelle 

aa) Staatliche oder private Regelung.^ . . 
bb) Änderung des Wahlmodus (Minderheits- 
vertretung) 

cc) Vertretung der Obligationäre in der 

Kontrollstelle.^ 

a] Begründung der Ablehnung 
ß) Die heutige Obligationenpolitik pri- 
vater Unternehmungen 

b) Die Durchführung der Kontrollpflichten 
aa) Die Qualifikation der Mitglieder der 

Kontrollstelle 

«) Die Anforderungen an die Qualifikation 

ß) Die Erbringung des Nachweises der 

Qualifikation 

bb) Die Teilnahme der Kontrollstellcmit- 
glieder an den Verwaltungsratssitzungen 

cc) Die Notwendigkeit einer ständigen Kon- 
trolle und deren Durchführung . . 

dd) Die Kontrollberichte . 

Schlußwort .... 



05 

05 

05 
07 

09 
10 

10 

II 
12 

12 

13 
14 

14 

14 
16 

17 

17 

18 
18 
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19 
20 

20 
22 

22 

22 

23 
24 

25 
26 

27 



Literatur^Nachweis. 






') Bachmann, »Das Schweiz. Obligationenrechtc, Titel 23 bis 
Schluß, mit leicht faßlichen Erläuterungen, herausgegeben 
von Prof. Bachmann, Dr. F. Goetzinger, Dr. L. Siegmund, 
Dr. H. Zeller, Anm. i zu Art. 649. 
Welti, »Die Organisation der Aktiengesellschaft«, S. 42. 
Bachmann, a. a. O. Art. 649 Anm. 2. 
*) Passow, »Die wirtschafdiche Bedeutung und Organisation 

der Aktiengesellschaft« Jena 1907, S. 150. 
*) Haberstich, Handbuch zum Schweiz. O.-R., S. 542. 
**) PVankfurter Zeitung vom 13. IL 191 4. 
^) Frankfurter Zeitung vom 5. V. 1914. 
*) Frankfurter Zeitung vom 24. VII. 19 14. 
^) Bachmann, a. a. O. Art. 640. 
'**) Bachmann, a. a. O. Art. 640. 

' ') »Die Zukunft«, von Maximilian Harden, Aug. 1905, S. 344 u. flf. 
'*) Warschauer, Otto, »Die Reorganisation des Aufsichtsrat- 
wesens in Deutschland«, Berlin 1902, S. 14. 
'^) Warschauer, a. a. O., S. 15, 16. 

'^) Brockdorff, Graf von, »Die Reorganisation des Aufsichtsrat- 
wesens in Deutschland«, in Annalen des Deutschen Reiches, 
München 1902, S. 735 ff. »S. 7-/2«. 
'^) »Der Deutsche Ökonomist«, Jahrgang 1907, S. 54, 55, 
'®) Passow, a. a. O., S. 199 Anm. 2. 
'•) Bachmann, a. a. O. Art. 649. 

'^) Simon, »Firmen als Mitglieder des Aufsichtsrates von Aktien- 
gesellschaften», etc. »Leipziger Zeitschrift für Handels-, Kon- 
kurs- und Versicherungsrecht« 1908, S. i — 24. 
*") Stier- Somlo, »Der Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft«, 

Leipzig 1905, S. 20 flf. und S. 35. 
*®) Warschauer, a. a. O., S. 11, 12. 

*') Tscharmann, Paul, »Der Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft« 
Leipzig 1896, S. 18, 19. 
Passow, a. a. O., S. 155 flf. 

Eulenburg, »Die Aufsichtsräte der deutschen Aktiengesell- 
schaften in Conrad 's Jahrbüchern für National-Ökonomie und 
Statistik. III. Folge, Band XXXII, S. 92 flf. »S. 92 und 93«. 
*^) Eulenburg, a, a. O., S. 98. 



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-^) Passow, a. a. O., S. 155. 

*^) Vergl. Eulenburg, a. a. O., S. lOO. 

-^) Jeidels, »Das Verhältnis der Deutschen Großbanken zur 

Industrie bei Schmoller«, »Staats- und sozialwissenschaftliche 

Forschungen«. Bd. 24, II. Heft, S. 150. 
*^) Frankfurter Zeitung, 24. Mai 191 2. 
^^) Vergl. Eulenburg, a. a. O., S. 99. 
'®) Salings Börsenjahrbuch 1915/16, Bd. II, S. 1419. 
^') Saling, a. a. O., S. 1418. 

Saling, a. a O., S. I4i9'20. 
O., S. 



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Saling, 






a. a. u., ^. 1437. 
Schweiz. Finanz-Jahrbuch 191 4, S. 467. 
Passow, a. a. O., S. 164. 
Passow, a. a. O., S. 164. 

»Adressbuch der Direktoren u. Aufsichtsräte« 191 7, S. 386/387. 
»Zukunft« 1908, S. 36—38. 
»Bank« von Lansburgh, 1908 II, S. 1031. 
Eulenburg, a. a. O., S. 106. 
Passow, a. a. O., S. 155. 

VVermert, Georg, »Zur Reform des Aufsichtsrates und der 
Revision bei Aktiengesellschaften« in »Zeitschrift für die ge- 
samte Staats Wissenschaft«. Tübingen 1906, 62. Jahrg., S.474. 
Wermert, a. a. O., S. 476. 
Stier-Somlo, a. a. O., S. 32 und 33. 

*^) Schanz, in »Münchener Neueste Nachrichten« 14. Aug. 1901. 

) Gemünd-Knödgen, » Wie kann unser Aktienwesen gesunden .^« 

Mängel im deutschen Aktienrecht und Vorschläge zu ihrer 

Beseitigung, Köln (ohne Jahresangabe) S. 16 ff. und 19. 

Warschauer, a. a. O. S. 18. 

Lob, »Das Institut des Aufsichtsrates, seine Stellung und 
Bedeutung im deutschen Aktienrecht und der deutschen Volks- 
wirtschaft, die Notwendigkeit und die Möglichkeit seiner Re- 
form« in Conrad's Jahrbüchern, III. Folge, Band 23, S. 22. 

*^} Eberstadt, »Die gegenwärtige Krisis, ihre Ursachen und 
die Aufgaben der Gesetzgebung« 1902, S. 32. 
Dietler, »Die rechtliche Stellung der Verwaltung der Aktien- 
gesellschaft nach den Bestimmungen des Schweiz. O.-R.« 
Luzern 1895, S. 41 und 42. 
Bachmann, a. a. 0., Art. 661. 
Vergl. auch Dieder, a. a. O., S. 43. 
Dietler, a. a. O., S. 52. 

Töndury, »Zur Revision des Schweiz. Aktienrechtes« in 
Zeitschrift für Schweiz. Recht, Juli 191 5, S. 480 (Töndury I). 
Töndury I, S. 480. 

Meyer, »Zur Frage eines eidgenössischen Bankgesetzes« 
Zürich 19 14, S. 24. 



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") Meyer, a. a. O., S. 25. 
") Meyer, a. a. O., S. 27. 
*®) Verschiedene ^Expertenberichte. 
•®) Meyer, a. a. O., S. 37. 
••) Meyer, a. a. O., S. 37. 
^^) Meyer, a. a. O., S. 37. 

«^) Keller-Huguenin, »Zeitschrift für kaufmännisches Bildungs- 
wesen« Juni /Juli 191 2, S. 236. 
*) Vergl. auch Hecht, »Mißstände im Wesen der Aktienge- 
sellschaften« in Holdheim's Monatschrift, Band 12, S. 260 ff 
«'^l Hecht, a. a. O., S. 271. 
**) Hecht, a. a. C, S. 271. 
*^) Keller-Huguenin, a. a. O., S. 229. 
««) Töndury I, a. a. O., S. 477. * 

•») Riesser, »Zur Aufsichtsratsfrage« Berlin 1903, S. 298 ff. 
'**) Bachmann, a. a. O., Art. 659. 
^') Dietler, a. a. O., S. 36. 
") Vergl. auch Warschauer, a. a. O., S. 50 ff. 
") Bachmann, a. a. O., Art. 630. 
•^) Bachmann, a. a. O., Art. 630. 
'^l Frankfurter Zeitung, 29. April 1913. 
^''J Geschäftsberichte der Deutschen Bank 1914. 
» der Dresdener Bank 1914. 

» der Berliner Handelsgesellschaft 19 14. 

» der Schweiz. Kreditanstalt 191 3. 

» des Schweiz. Bankvereins 1914, 

» von Leu & Co. 1914. 

'^") Warschauer, a. a. O., S. 53 ff. 
'®) Vergl. auch Stier-Somlo, a. a. O., S. 74 und 75. 
") Von Brockdorff, a. a. O., S. 741, 742 ff. 
^^) Eisenhut, »Die Kontrollorgane der Aktiengesellschaft nach 

deutschem und schweizerischem Recht«, S. 97. 
**) Töndury, »Die Organisation der Rechnungsprüfung«, 

Zürich 191 2, S. 18 (Töndury II). 
•*-) Töndury II, a. a. O., S. 19. 
®*) FoUiet, Edouard, »La V^rification des comptes dans les 

Societes par Actions«, S. 65. 
**) Vergl. auch Töndury I, a. a. O. S. 485. 
•^^l Töndury II, a. a. O., S. 19. 
««) Folliet, a. a. O., S. 62. 
'*) Töndury II, a. a. O., S. 19. 
^^) Rehr, »Zur Revisorenfrage«, »Schweiz. Juristen - Ztg. « . 

9. Jahrgang (191 2/ 13), S. 27 ff. 
'^) Töndury I, a. a. O., S. 483. 

"") Von Waldkirch, »Revision des Schweiz. Aktienrechtes« in 
»Zeitschrift für Schweizer. Recht«, N. F 23, S. 658. 

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103 
104 



105 



106 



107 
108 
109 
110 
III 



Passow, a. a. O., S. 150. 



Bachmann, a. a. O., Art. 673 Anm. 3. 
Bachmann, a. a. O., Art. 659 Anm. 2. 
Vergl. Bachmann, a. a. O., Art. 659 Anm. 3. 
Vergl. Bachmann, a. a. O., Art. 659 Anm. 3. 
Bachmann, a. a. O., Art. 659 Anm. 3. 
Bachmann, a. a. O., Art. 659 Anm. 3. 
Bachmann, a. a. O., Art. 659 Anm. 3. 
Zimmermann, »Die Jahresbilanz der Aktiengesellschaft nach 
deutschem und schweizerischem Recht« Zürich 191 2, S. 345 ff. 
Zimmermann, a. a. O., S. 348. 
Bachmann, a. a. O., Art. 659 Anm. 3. 
Gemünd-Knödgen, a. a. O., S. 47. 

Tecklenburg, »Organisation der Aktiengesellschaft« in Hold- 
heims Monatsschrift, Bd. 18, S. 277. 

Vergl. auch Tecklenburg »Die Proportionalwahl in Aktien- 
gesellschaften« in Holdheim's Monatsschrift 1905, S. 117 ff. 
Otto Falk, »Die Reform des Aufsichtsrates der deutschen 
Aktiengesellschaften«, Frankfurt a. M. 19 14, S. 60. 
Otto Falk, a. a. O., S. 64. 
Otto Falk, a. a. O., S. 69. 
Otto Falk, a. a. O., S. 74. 
Otto Falk, a. a. O., S. 86. 

A. Lardelli, »Das Verhältnis zwischen Obligationen- und 
Aktienkapital«, »Neue Züricher Zeitung« 4. September 1915- 
"-) K. Sender, »Die Praxis der Bücherführung in England«, 
Zürich 191 2, S. 12. 






Einleitung. 



Wenn wir die Entwicklung und den gegenwärtigen 
Stand des Wirtschaftslebens betrachten, so drängen 
sich uns zwei Worte auf die Lippen, welche Mittel und 
Zweck des wirtschaftenden Menschen waren und auch 
heute noch sind: Organisation und Konzentration. 
Diese beiden Begriffe bilden die Grundlage und Richt- 
schnur für den Aufbau eines Riesengebildes, das in sich, 
trotz der tausenderlei Fäden, welche sich in demselben 
verschlingen, eine Einheit, eine Geschlossenheit und 
Festigkeit verkörpert und das in seiner Gesamtheit 
nach außen und innen auf Kraft und Macht hinweist. 

Die Organisation ist ein organisch auf- und aus- 
gebautes System, dessen Teile und Glieder aus innerer 
Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit heraus angeordnet 
und miteinander verbunden sind. Sie stellt ein System 
dar, welches nicht mit der Gegenwart abschließt, sondern 
auch Ansätze für die Zukunft bildet, dessen Grenzen 
nicht abgesteckt, sondern fließend sind. Das in dem- 
selben einheitlich wirkende organisierende Prinzip leitet 
die Kräfte nach den Stellen, an denen sie am wirt- 
schaftlichsten wirken. So bildet die Organisation einen 
kraftsteigemden Faktor, ein wirtschaftlich wirkendes, 
nötiges Element und ist dadurch sowohl für den Einzelnen 
als auch für die Allgemeinheit im Wirtschaftsleben eine 
große Macht. 

Die Konzentration sucht die, durch die Organisation 
geschaffenen, vielfach verzweigten Fäden zusammenzu- 
fassen, Zentren zu bilden, von denen aus die Gesamt- 
lage des Wirtschaftslebens, sowie auch die einzelnen 
Zweige desselben klar übersehen und beurteilt werden 



XII 




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können. Je mehr Wirtschaftsfäden aus dem vielgestaltigen 
und reich gegliederten Wirtschaftsorganismus in den 
einzelnen Zentralen desselben zusammenlaufen, um so 
besser kann man das Wesen und Wirken der Wirt- 
schaftsvorgänge beobachten und verstehen. Auf diese 
Weise gewinnt man die Anhaltspunkte und Richt- 
linien für ein sicheres wirtschafdiches Handeln. Die 
richtige Disposition führt aber zur Beherrschung der 
jeweiligen und bis zu einem gewissen Grade auch der 
zukünftigen Wirtschaftslage.. So haben wir auch in der 
Konzentration einen Wirtschaftsfaktor, welcher die Keime 
zu wirtschafdicher Kraft und Macht birgt. 

Auch für die Lösung der in der vorliegenden Arbeit 
steckenden Probleme waren die beiden eenannten 
Faktoren wegleitend. Vielleicht mag dadurch ein Weg 
gefunden werden, der für die Praxis gangbar und zweck- 
entsprechend ist und den zugleich auch die Wissen- 
schaft sanktionieren kann. 

Wenn wir in der Überschrift unserer Abhandlung 
uns des Wortes »Verwaltungsratsfrage« bedienten, so 
liegt, vom rein wissenschafdichen Standpunkt aus be- 
trachtet, die Vermutung sehr nahe, daß die folgenden 
Ausführungen nur den von der Gesetzgebung und der 
kaufmännischen Praxis geschaffenen Verwaltungsrat zum 
Gegenstand der Betrachtung haben könnten. Das ist 
aber nicht der Fall. Wir wählten diesen Ausdruck, 
weil wir denken, durch denselben nicht nur die Be- 
trachtung der im schweizerischen Obligationenrecht fest- 
gelegten »Verwaltung«, sondern zugleich auch die 
Betrachtung der mit derselben in ursächlichem Zu- 
sammenhange stehenden »Kontrollstelle« rechtfertigen 
zu können. Erst dadurch glauben wir, die Verwaltungs- 
ratsfrage richtig verstehen und beurteilen zu können, 
wodurch uns auch der Schlüssel zur Lösung derselben 
gegeben zu sein scheint. 



A. Die Verwaltung 
der Aktiengesellschaft. 



I. Die rechtliche Stellung der Verwaltung. 

Die »Verwaltung« ist ein nach Art. 642 O.-R. 
notwendiges Organ der Aktiengesellschaften, dessen 
Bedeutung schon aus den Verwaltungs- (Art. 622, 657, 
Abs. 1 und 2 O.-R. etc.) und Geschäftsführungskompe- 
tenzen (Art. 650,1 O.-R.) hervorgeht, welche teils im 
Gesetz, teils in den Statuten der einzelnen Gesell- 
schaften festgelegt sind. Durch die zweiseitige Ver- 
ankerung der Pflichten und Rechte dieses Organs wird 
eine breite Rechtsbasis geschaffen, welche demselben 
die Möglichkeit gibt, sich dem Bedürfnis und der Eigen- 
art des in Betracht kommenden Unternehmens anzu- 
passen, um dadurch der großen und wichtigen Aufgabe 
gerecht zu werden, die Gesetz und Praxis an dieses 
Organ stellen. 

Die Wichtigkeit, welche der Gesetzgeber der Ver- 
waltung beimißt, ist aber nicht nur darin begründet, 
daß er dieselbe mit einer Fülle von Macht ausgestattet 
hat und dieselbe innerhalb einer weiten Rechtsgrenze 
angewendet wissen will, sondern auch darin, daß er ihr 
eine große Verantwortung auferlegt. Dies geschieht 
durch die unabänderliche Festlegung von wesendichen 
Rechten und Pflichten, die nur von der Verwaltuncr in 
ihrer Gesamtheit (z. B. Art. 622, 655,1, 657,1 und 2 
usw. O.-R.) oder von einzelnen Mitgliedern (Art. 650,1 



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O.-R. usw.) ausgeübt werden können und dürfen. Eine 
Übertragung derselben an Nichtmitglieder, sofern eine 
solche zulässig ist (Art. 650,1 O.-R.), kann nur unter 
der Verantwortung der Verwaltung geschehen.^) 

Als ein vom Gesetz gefordertes, notwendiges Organ 
der Aktiengesellschaft steht die Verwaltung in keinem 
Vertragsverhältnis zu der Gesellschaft. Obwohl von 
der Generalversammlung gewählt, ist sie doch nach 
unserer Auffassung infolge ihrer Kompetenzen kraft 
Gesetzes innerhalb ihres Pflichtenkreises durchaus un- 
abhängig von derselben und konstituiert sich innerhalb 
der Gesellschaft als Behörde.^) 

Dagegen liegt dem Verhältnis des einzelnen Ver- 
waltungsmitgliedes zur Gesellschaft ein Vertrag zu 
Grunde, der durch den Wahlbeschluß der General- 
versammlung einerseits und die Annahme der Wahl 
andererseits zustandekommt. Der rechtlichen Natur 
desselben entsprechend haben wir es mit einem Auftrag 
zu tun, den die Gesellschaft dem einzelnen Verwaltungs- 
mitgliede als solchem erteilt.^) 

Als Mitglieder der Verwaltung im Sinne des Art. 649 
O.-R. kommen nur diejenigen Personen in Frage, die 
durch die Generalversammlunof hierzu bestimmt sind. 
Dies ist wohl zu beachten, da uns ein Blick in die 
Statuten einzelner Gesellschaften zeigt, daß die Ver- 
waltung von dem in Art. 650,1 O.-R. gewährten Recht, 
der Übertragung der Geschäftsführung auch an außer- 
halb der Verwaltung stehende Personen, ausgiebigen 
Gebrauch macht. Durch die Übertragung^^) von ge- 
schäftsführenden und teilweise auch von verwaltenden 
Funktionen wird keinesfalls die Mitgliedschaft an der 
Verwaltung nach Art. 649 O.-R. begründet. Wohl 
nehmen die mit den erwähnten Funktionen betrauten 
Personen in der Praxis vielfach eine den Verwaltungs- 
mitgliedem beigeordnete und, wenn die Fähigkeit über 
die Unfähigkeit triumphiert, gar eine übergeordnete 
Stelle ein. Doch kann dadurch der rechtliche Unterschied 
nicht verwischt werden. Die Verwaltung bleibt für die 



ihr an Dritte übertragenen Rechte und Pflichten gegen- 
über der Gesellschaft voll und ganz verantwortlich, 
während die von ihr beauftragten Personen nur ihrem 
Auftraggeber haften. Diese Tatsachen müssen bei der 
Beurteilung und Betrachtung der Organisationsformen 
ins Auge gefaßt werden, die auf Grund der Bestimmung 
des Art. 650,1 O.-R. möglich sind und die wir nun 
auf Grund der Statuten einzelner Gesellschaften fest- 
stellen wollen. 



IL Die Organisation der Verwaltung, 
1. Die Gliederung der Verwaltung. 

Wenn wir die Statuten vieler Aktiengesellschaften 
durchlesen, so finden wir unter den Organen der Ge- 
sellschaft im allgemeinen nicht den von den Schöpfern 
des Obligationenrechtes gewählten Ausdruck »Ver- 
waltung«. Worauf ist dies wohl zurückzuführen? 
Haberstich^) weist mit Recht in seinem Handbuch zum 
Schweizer. Obligationenrecht darauf hin, daß der Gesetz- 
geber durch den »glücklich entdeckten Begriff der Ver- 
waltung in abstracto« sich über die Schwierigkeiten 
hinwegsetzt, welche durch die von der kaufmännischen 
Praxis vorgenommenen verschiedenartigen Gliederungen 
der verwaltenden und geschäftsführenden Tätigkeit ent- 
stehen, so daß, je nach der im einzelnen Fall bestehenden 
Gliederung eine allgemein zutreffende Bezeichnung sehr 
schwer zu finden ist. Es mußte also ein Generalaus- 
druck gewählt werden, welcher der vorhandenen 
Gliederung Rechnung trägt, welch letztere aber auch 
in jeder bestehenden Variation demselben untergeordnet 
werden kann. Dies ist mit dem Wort »Verwaltung« 
erreicht worden. 

Unterziehen wir nun die Statuten der Aktiengesell- 
schaften einer näheren Betrachtung, so müssen wir 



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zwei Ausdrücke als vorherrschend und charakteristisch 
für die erwähnte Gliederung bezeichnen, nämlich »Ver- 
waltungsrat« und »Direktion«. Wir begegnen denselben 
als Standardausdrücken für die gesamte Geschäftsleitung 
einer Aktiengesellschaft sowohl in den ältesten wie in 
den neuesten Statuten. Da aber die Gliederung der 
verwaltenden und geschäftsführenden Tätigkeit in der 
Entwicklung der Aktiengesellschaften nicht zu allen 
Zeiten dieselbe ist, so muß auch den in Frage kommen- 
den Bezeichnungen jeweils eine verschiedene Bedeutung 
zugeschrieben werden. 

a> Das eingliedrige oder Einheitssystem. 

Verfolgen wir die Geschichte dieser Gliederung 
nach den Statuten schweizerischer Aktienofesellschaften, 
so glauben wir dabei zwei Systeme feststellen zu können. 
Wir bezeichnen das älteste und ursprüngliche als ein- 
gliedriges oder Einheitssystem. Dieses kennzeichnet 
sich in der kaufmännischen Praxis durch folgende Merk- 
male, die wir in der reinsten und ausgeprägtesten Form 
bei der Schweizer. Exportgesellschaft in Zürich vorfanden. 

Die Gründer der Aktiengesellschaft sind fast aus- 
schließlich alleinige Aktionäre. Sie übernehmen die 
Gesamtleitung des Unternehmens und konstituieren 
sich in dieser Tätigkeit als »Verwaltungsrat«. (Bei 
manchen Gesellschaften auch »Ausschuß« oder »Vor- 
stand« genannt). Innerhalb dieses Organs tritt auf 
Beschluß des Verwaltungsrates eine Arbeitsteilung der- 
art ein, daß dem einen oder andern Mitoflied, ent- 
sprechend dessen Fähigkeiten und Kenntnissen, be- 
sondere Funktionen übertragen werden, welche auf 
dem Gebiete der Geschäftsführung auszuüben sind. 
In diesem Fall amten die betreffenden Mitglieder als 
»Direktoren«. Außerdem wird eine sog. »Kommission« 
gebildet, welcher Kontrollfunktionen übertragen werden. 
Die übrigen Verwaltungsratsmitglieder machen ihren 
Einfluß in der rein verwaltenden Tätigkeit geltend. 



Aus der ganzen Konstituierung der Geschäftsleitung 
gewinnt man den Eindruck, daß nicht der Gedanke 
einer »Kapitalassoziation« für die Einkleidung der Unter- 
nehmen in die Form einer Aktiengesellschaft ent- 
scheidend war, sondern daß es sich vielmehr um einen 
Zusammenschluß kapitalkräftiger Einzeluntemehmer 
handelt, welche ihre eigenen zusammengelegten Kapi- 
talien selbst verwalten wollen. Diese Unternehmer- 
Stellung der Verwaltungsräte geht auch daraus hervor, 
daß selbst die sog. Direktoren keinen fixen Gehalt, 
sondern nur einen prozentualen Anteil vom Reingewinn 
erhalten. 

Die Anwendung der Aktiengesellschaftsform er- 
streckte sich allmählich auf immer weitere Gebiete des 
Wirtschaftslebens. Der Geschäftskreis der bestehenden 
Aktiengesellschaften erweiterte sich und neu zu 
gründende Unternehmungen mußten, wollten sie mit 
den vorhandenen in Konkurrenz treten, auf eine breite 
Kapitalbasis gestellt werden. Diese Entwicklung zwang 
die Gründer von Aktiengesellschaften, sich die nötigen 
Kapitalien auch aus Kreisen zu beschaffen, welche 
zugleich für die Leitung des Unternehmens nicht in 
Frage kommen konnten. Dadurch war auch eine 
Änderung des bisherigen Verwaltungstypus der Aktien- 
gesellschaft bedingt. 

b> Das zweigliedrige System. 

Die zweckentsprechende äußerste Ausnützung der 
Kapitalien, die größere Verantwortung gegenüber den 
mit Kapital beteiligten Personen stellte immer größere 
Anforderungen an die Geschäftsführung. Man mußte 
bestrebt sein, tüchtige, mit den für die betreffende 
Unternehmung speziell nötigen Kenntnissen ausge- 
rüstete Personen zu gewinnen, ohne dabei in Rück- 
sicht zu ziehen, ob dieselben Aktionäre waren oder nicht. 
Dies führte zu der Ausgestaltung eines mehr oder 
weniger speziellen Geschäftsführungsorganes, das dem 



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Verwaltungsorgan gegenüber gestellt werden kann. 
Damit haben wir das zweigliedrige System. 

Auchhier tritt uns einVerwaltungsratund eine Direktion 
entgegen, nur mit dem wesentlichen und für uns bedeut- 
samenUnterschiede, daß diese AusdrückenunzweiOrgane 
repräsentieren, die mehr oder weniger selbständig sind. 

Die Arbeitsteilung findet beim zweigliedrigen System 
nicht innerhalb eines Organes statt, sondern dieselbe 
tritt in einem zweiteiligen organischen Ausbau zutage, 
indem der Verwaltungsrat ein in der Hauptsache ver- 
waltendes, die Direktion dagegen ein fast ausschließ- 
lich geschäftsführendes Organ wird. 

Die Feststellung dieser organischen Zweiteilung 
hat für unsere Darlegungen zunächst einen doppelten 
Zweck, indem dieselbe uns zur Begründung des von 
der kaufmännischen Praxis geschaffenen Ausdrucks 
»Verwaltungsrat« dient und dann auch die Unterlage 
für die bestehenden Organisationsformen bildet. Treten 
wir nun der ersten Zweckbestimmung nahe und werfen 
wir die Frage auf: Inwiefern deckt sich der Name Ver- 
waltungsrat mit der Verwaltung des O.-R. ? 

Nach den auf Seite 4 gemachten Ausführungen 
muß in jedem einzelnen Falle festgestellt werden, ob 
die Mitglieder der mit der Geschäftsführung betrauten 
Direktion auch Mitglieder der Verwaltung im Sinne 
des Art. 649 O.-R. sind. Die Mitglieder des Ver- 
waltungsrates, wie ihn die Praxis geschaffen hat, sind 
auf jeden Fall Mitglieder der Verwaltung nach dem O.-R. 
Es unterliegt aber wohl keinem Zweifel, daß dem Ge- 
setzgeber der Gedanke vorschwebte, für die A.-G. ein 
Verwaltungsorgan zu schaffen, das Verwaltung und 
Geschäftsführung übernimmt. In der Tat ist ja der 
Verwaltungsrat in jedem Fall auch als Geschäfts- 
führungsorgan insofern zu betrachten, als er die volle 
Verantwortung für die Geschäftsführung hat, selbst 
wenn er dieselbe nicht ausübt. Wir können daher den 
Namen Verwaltungsrat im engeren oder weiteren Sinn 
auslegen und anwenden. 



Im engeren Sinn wird der Ausdruck dann aufgefaßt 
werden müssen, wenn derselbe ein mit verwaltender 
Tätigkeit und geschäftsführender Verantwortung be- 
trautes Organ darstellt. Neben diesem Verwaltungsrat 
tritt dann in der Praxis die geschäftsführende Direktion auf. 

Üben nun aber die Mitglieder des Verwaltungsrates 
außer der verwaltenden auch die geschäftsführende 
Tätigkeit aus, dann ist der Verwaltungsrat identisch mit 
der Verwaltung nach Art. 649 O.-R., also im weiteren 
Sinne angewandt und aufgefaßt. 

Aus diesen Darlegungen ersehen wir, daß die 
richtige Beurteilung und wahre Auslegung der Begriffe 
Verwaltungsrat und Direktion erst dadurch möglich ist, 
daß wir dieselben in Beziehung setzen zu dem Ver- 
waltungsbegriff des Gesetzes, welcher die gesamten 
Verwaltungs- und Geschäftsführungskompetenzen der 
A.-G., sowie die Vertretung in sich schließt. 



2. Die verschiedenen Organisationsformen 
der Verwaltung der Aktiengesellsdiaft. 

Auf dieselbe Art und Weise gelangen wir zu der 
oben genannten zweiten Zweckbestimmung, der Fest- 
stellung der in der Verwaltung von Aktiengesellschaften 
bestehenden Organisationsformen. Je nach der Stellung 
der Direktion zum Verwaltungsrat im Hinblick auf den 
gesetzlichen Verwaltungsbegriff sind drei Formen der 
Organisation zu unterscheiden, die wir im folgenden 
betrachten wollen. 

a> Die Geschäftsführung innerhalb der Verwaltung 

nadi dem 0.*R. 

Die ursprüngliche, einfachste und wohl zugleich 
auch diejenige Organisationsform, welche dem Gesetz- 
geber vorschwebte, kennzeichnet sich dadurch, daß die 



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Vewaltung und Geschäftsführung nur von Mitgliedern 
der Verwaltung im Sinne des Art. 649 O.-R. ausgeübt 
wird. Die gesamte Leitung der A.-G. steht also dem 
Verwaltungsrat im weiteren Sinn zu. 

Obwohl eine Teilung der Kompetenzen innerhalb 
des Verwaltungsrates in der vielgestaltigsten Weise 
möglich ist, und obgleich die enge organische Ver- 
quikung verwaltender und geschäftsführender Tätigkeit, 
deren reinliche Trennung schon aus praktischen Gründen 
niemals durchführbar ist, die größte Einheidichkeit in 
der Geschäftsleitung verbürgt, finden wir diese Organi- 
sation nur bei einer geringen Anzahl von Aktiengesell- 
schaften und zwar sind es meist sog. »Familiengründ- 
ungen« oder kleinere Unternehmungen. 

Wir begegnen gerade in der Schweiz sehr oft dem 
Typus der Familienaktiengesellschaft. Die Anwendung 
dieser Form für ein meist seit langen Jahren von einer 
Familie im engeren oder weiteren Sinn geführtes Unter- 
nehmen findet gewöhnlich deshalb statt, um den Erb- 
gang der Familienglieder zu erleichtem. 

Für die Wahl dieser Organisation der Verwaltung 
ist das persönliche Verhältnis entscheidend, denn es 
ist klar, daß die an der Leitung der A.-G. teilnehmen- 
den Brüder, Vettern oder sonstige Verwandte sich als 
Mitglieder eines Verwaltungsorgans auf dieselbe Stufe 
gestellt wissen möchten. 

Bei kleineren Unternehmungen ist die Verwaltung 
und Geschäftsführung oft in die Hände weniger Per- 
sonen gelegt, welche als Verwaltungsrat fungieren. 
Hier sind meist die finanziellen Verhältnisse des Unter- 
nehmens entscheidend, die eine starke Belastung, 
welche ein größerer Verwaltungsapparat mit sich 
bringt, nicht zulassen. Die in den Statuten dieser 
Aktiengesellschaften aufgeführte Direktion ist dem 
Verwaltungsrat eingegliedert, was uns an das Einheits- 
system erinnert. 



b> Die Gesdiäftsführung außerhalb der Verwaltung 

nach dem O.^R. 

Eine zweite Art der Organisation tritt uns in den 
Aktiengesellschaften entgegen, die eine reinliche Tren- 
nung von Verwaltung und Geschäftsführung insofern 
vornehmen, als der Verwaltungsrat in der Hauptsache 
verwaltende Funktionen ausübt, und die Direktion, 
welche vom Verwaltungsrat gewählt ist, die Geschäfts- 
führung übernimmt. Die Direktoren sind in diesem Falle 
nicht Mitglieder des Verwaltungsrates; sie stehen außer- 
halb desselben. Dadurch werden, wie die Erfahrungen 
und Beobachtungen zeigen, zwei selbständige Organe 
geschaffen, die nur zu oft eigenmächtig handeln und 
einander gegenseitig negieren. Die »Krache«, welche 
gerade in Gesellschaften mit dieser Organisationsform 
vorkamen, haben gezeigt, wie entweder die Direktion 
ohne Rücksicht auf den Verwaltungsrat, oder umgekehrt, 
der Verwaltungsrat ohne die Direktion die Geschicke 
der Gesellschaft leitete und deren Ruin herbeiführte. 

c> Die Gesdiäftsführung teils innerhalb, teils außerhalb 
der Verwaltung nadi dem O.^R. 

Die Erkenntnis dieser Gefahren und Mängel hat 
nun wohl auch zu der dritten Organisationsform geführt, 
welche eine Brücke zwischen Verwaltungsrat und Direk- 
tion herzustellen sucht. Der natürliche innere Konnex 
zwischen verwaltender und geschäftsftihrender Tätigkeit 
wird auf verschiedene Weise bewerkstelligt. 

Zunächst wird innerhalb des Verwaltungsrates eine 
Gliederung vorgenommen, indem aus seiner Mitte heraus 
ein sog. Ausschuß oder auch Delegation, Direktions- 
kommission, Aufsichtsrat usw. genannt, gewählt wird. 
Dieses Organ ist meist mit der speziellen Verwaltung, 
teilweise mit der Geschäftsführung oder deren besonderen 
Überwachung betraut. In manchen Gesellschaften bildet 
z. B. der Ausschuß sozusagen ein in sich abgeschlossenes 



10 



11 



ii: 




Organ, das durch eine zweckentsprechende Kompetenz- 
zuteilung besonders wichtige verwaltende und geschäfts- 
führende Pflichten ausübt (z. B. das Verwaltungskomitee 
der Schweizer. Unfall versicherungs A.-G. Winterthur). 

Andere Unternehmen suchen die organische Trennung 
dadurch zu überbrücken, daß sie eine ständige Dele- 
gation des Verwaltungsrates in die sog. Generaldirektion, 
Direktion oder Geschäftsführung entsenden, so daß 
Mitglieder der Direktion auch zugleich Mitglieder des 
Verwaltungsrates sind (so z. B. bei der Maggi-Gesellschaft 
in Kempttal) 

Diese, vor allem von größeren Gesellschaften an- 
gewandte Organisationsform kommt dem Einheitstypus 
am nächsten. 

Mit diesen Betrachtungen glauben wir die Haupt- 
formen der Verwaltungsorganisationen der schweizer- 
ischen Aktiengesellschaften festgestellt zu haben. In 
einem späteren Abschnitt soll dann noch näher erörtert 
werden, welche Organisationsform uns für die Lösung 
der in unserer Untersuchung steckenden Probleme am 
besten und zweckmäßigsten erscheint. 

3. Die Möglidikeit eines Vergleicfies zwischen 
den Verwaltungsorganen nach dem H.^G.-B. 

und nach dem O.^R. 

Die oben dargelegten Organisationen der schweizer- 
ischen Aktiengesellschaften haben schon vielfach Anlaß 
gegeben, auf die entsprechenden Institutionen der deut- 
schen Aktiengesellschaften hinzuweisen und Vergleiche zu 
ziehen. Wir wollen daher in Folgendem untersuchen, ob 
und inwieweit solche Vergleiche möglich sind. Zu diesem 
Zweckisteszunächstnötig, festzustellen, mit welchenKom- 
petenzen das H.-G.-B. die Verwaltungsorgane der Aktien- 
gesellschaft, den Vorstand und Aufsichtsrat, ausstattet. 

NB. Wir lassen hierbeidiegesetzliche Vertretungspflicht absieht- 
lichaußerBetrachtjda dieselbe fürunseren Vergleichunwesentlichist. 

12 



Sil 



a> Die verwaltenden und geschäftsführenden Organe 

nach dem H.ä^G.^B. 

Nach § 241,1 H.-G.-B. kommt dem Vorstand die 
Kompetenz der Geschäftsführung im allgemeinen zu. 
Außerdem sind noch weitere, speziell geschäftsführende 
Funktionen, z.B. in den §§ 239 und 260 aufgreführt. 
Ferner liegt dem Vorstand eine Reihe verwaltender 
Pflichten ob, wie sie beispielsweise den §§ 195,1, 

201.1, 234,1 und 3, 240 etc. zu entnehmen sind. 
Die Hauptaufgabe des Aufsichtsrates besteht nach 

§ 246 H.-G.-B. in der Kontrolle. Daneben erstrecken 
sich seine Pflichten auch auf die Ausübung verschiedener 
Verwaltungsakte, was aus den §§ 195,1, 222,4, 238, 

246.2, 254, 280 u. a. hervorgeht. In den meisten Fällen 
werden aber die Verwaltungsfunktionen durch die 
Statuten erheblich vermehrt. Außer den genannten 
Funktionen hat der Aufsichtsrat auch oft sehr weit- 
gehende geschäftsführende Pflichten, die statutarisch 
festgelegt sind. 

b> Vorstand und Aufsiditsrat im Vergleidi zu der 
Verwaltung nadi dem 0.**R. 

Fassen wir zunächst nur die vom Gesetzgeber 
geforderten Pflichten ins Auge, so kommen dem Vor- 
stand zu: Geschäftsführung und Verwaltung. Stellen 
wir diesen Tatsachen die Verhältnisse des Schweizer- 
ischen Obligationenrechtes gegenüber, so sehen wir, 
daß der Gesetzgeber der Verwaltung nach Art. 649 
O.-R. Geschäftsführung und Verwaltung überträgt. 
Ziehen wir hierbei auch die in Art. 650,1 O.-R. ge- 
schaffene Möglichkeit in Betracht, daß die Geschäfts- 
führung einem besonderen Organ übertragen werden 
kann, so haben wir, der Absicht des Gesetzgebers 
folgend, die Möglichkeit der Trennung von Geschäfts- 
führung und Verwaltung, indem erstere im allgemeinen 
einer sog. Direktion, letztere im allgemeinen dem sog. 

13 



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Verwaltungsrat zukommt. Überblicken wir nun die 
Vergleichsobjekte mit ihren gesetzlichen Funktionen 
so kommen wir zu der Erkenntnis, daß ein voll- 
kommener Vergleich auf gesetzlicher Basis aus folgen- 
den (jrunden nicht möglich ist. 

Die gesetzlichen Funktionen bezüglich Verwaltung 
und Geschäftsführung sind nach dem H.-G.-B. und nach 
dem O.-R. nicht einheitlich dem einen oder anderen 
Organ zugeschrieben. Das H.-G.-B. überträgt ver- 
waltende Funktionen sowohl dem Vorstand, als auch 
u1^ Aufsichtsrat, während das O.-R. dieselben aus- 
schließlich von der Verwaltung (nach Art. 649 O -R ) 
beziehungsweise von dem von der Praxis geschaffenen 
Verwaltungsrat verlangt. 

c> Vorstand und AufsiAtsrat im Vergleidi zu dem 
Verwaltungsrat und der Direktion. 

Auch wenn man versuchte, die gesetzlichen Pflichten 
von Aufsichtsrat und Vorstand denen des Verwaltun^s- 
rates und der Direktion gegenüber zu stellen, so ließe 
ein vollkonimener Vergleich sich doch nicht bewerk- 
stelligen da die Vergleichsobjekte nicht mit gleich- 
artigen Kompetenzen ausgestattet sind. 

Ferner ist noch anzuführen, daß der Verwaltung-s- 
rat und die Direktion der schweizerischen Aktien- 
gesellschaft nur Geschäftsführungs- und Verwaltunes- 
kompetenzen in sich vereinigen, während Aufsichtsrat und 
Vorstand zudem noch die Kontrollkompetenz besitzen. 

d> Der deutsdie Vorstand und die sdiweizeriscfie 

Verwaltung. 

Auch ein Vergleich zwischen dem deutschen Vor- 
stand und der Verwaltung nach Art. 649 O -R ist 
hinkend, obwohl beiden Geschäftsführung und Ver- 
waltung zukommt und zwar deshalb, weil der Vorstand 

14 



nach dem H.-G.-B. ausschließlich Geschäftsführungs- 
organ, dagegen nicht in demselben Maße Verwaltungs- 
organ ist, während der Verwaltung nach dem O.-R. 
sämdiche Geschäftsführungs- und Verwaltungspflichten 
zugewiesen sind. 

e> Vorstand und Aufsichtsrat, 
ein reines Verwaltungs^ bezw. Aufsiditsorgan ? 

Aus diesen Vergleichen ersehen wir, daß durch die 
Zuteilung von Aufgaben verschiedener Natur an ein 
Organ und durch die Zuweisung von Funktionen der- 
selben Natur an verschiedene Organe, es für die 
deutchen Verhältnisse sehr schwierig ist, ein reines 
Verwaltungs-, bezw. ein reines Aufsichtsorgan zu 
statuieren. Und doch finden wir in der Literatur^*^) **) 
die Ansicht vertreten, daß der Vorstand das Ver- 
waltungsorgan der Aktiengesellschaft sei und der Auf- 
sichtsrat das Aufsichts-, bezw. Kontrollorgan derselben. 
Dieser Auffassung können wir uns aus folgenden 
Gründen nicht anschließen. 

Wie wir schon erwähnten, fordert das H.-G.-B. von 
dem Vorstand neben der ihm ausschließlich zukommen- 
den Geschäftsführung auch noch die Ausübung ver- 
waltender Funktionen. In der Übertragung der letzt- 
erwähnten Pflichten erblicken wir keinen genügenden 
Grund, um daraus die Stellung als Verwaltungsorgan 
der Aktiengesellschaft statuieren zu können. 

Ebensowenig kann aber auch das andere Organ, 
welches das Gesetz mit verwaltenden Funktionen be- 
traut, der Aufsichtsrat, nicht als reines Verwaltungs- 
organ angesehen werden, obwohl ihm sehr wichtige 
Aufgaben verwaltender Natur obliegen. 

Durch die Zuweisung der Verwaltungspflichten an 
zwei Organe ist es streng genommen unmöglich, das 
eine oder andere Organ als das Verwaltungsorgan der 
Aktiengesellschaft zu bezeichnen. Will man aber trotz- 
dem ein solches festgestellt wissen, so müßte in erster 

19 




..1^ 




Linie der Aufsichtsrat, gemäß der Bedeutung seiner 
verwaltenden Tätigkeit, als das Verwaltungsorgan der 
Aktiengesellschaft betrachtet werden. 

Mit diesen Ausführungen sind wir zugleich auch 
schon in Gegensatz getreten zu der Behauptung, daß 
in dem Aufsichtsrat ein reines Aufsichtsorgan zu er- 
blicken sei. Um unsere Ansicht hierüber noch näher 
zu begründen, wollen wir kurz auf die Entstehung des 
Aufsichtsrates eingehen. 

In den Statuten mancher deutschen Aktiengesell- 
schaften, welche vor der Aktiennovelle vom 1 1 .Juni 1870 
bestanden, begegnen wir einem Verwaltungsrat und 
einer Direktion als Organe der Aktiengesellschaft. 
Dem Verwaltungsrat lagen ausschließlich verwaltende 
und in hohem Maße geschäftsführende Pflichten ob. 
Die Direktion war mehr auf die richtige Ausführung 
der Verwaltungsratsbeschlüsse bedacht. Durch oben 
genannte Novelle wurde ein Aufsichtsrat verlangt, der 
— nach Ansicht Passows^) — nicht unter einem anderen 
Namen in die Pflichten und Rechte des bestehenden 
Verwaltungsrates eintreten, sondern der nach der Absicht 
des Gesetzgebers nur ein reines Aufsichtsorgan sein 
sollte im Interesse der Aktionäre und an Stelle der 
nun in Wegfall kommenden Staatsaufsicht. Es ist 
richtig, daß es nicht in der Absicht des Gesetzgebers 
lag, den bestehenden Verwaltungsrat in einen Aufsichts- 
rat umzutaufen, wie die kaufmännische Praxis es viel- 
fach trotzdem zu tun pflegte, indem sie in den Statuten 
die alte Bezeichnung »Verwaltungsrat« durch den ge- 
setzlichen Ausdruck »Aufsichtsrat« ersetzte. 

Andererseits darf aber auch nicht angenommen 
werden , daß der Gesetzgeber beabsichtigte , die bisher vom 
Verwaltungsrate ausgeübten verwaltenden und geschäfts- 
führenden Pflichten dem Vorstande zu übertragen, 
wodurch derselbe zum Verwaltungs- und Geschäfts- 
führungsorgan gestempelt worden wäre. Den von der 
Praxis begangenen Weg der natüriichen Verquikung 
von geschäftsführender und verwaltender Tätigkeit 



16 



konnte auch das Gesetz bei der Reform nicht unberück- 
sichtigt lassen, so daß die Notwendigkeit bestand, dem 
ausschließlichen Geschäftsführungsorgan, dem Vorstand, 
auch gewisse verwaltende Funktionenzuzuweisen. Ebenso 
mußte der Gesetzgeber bei der Schaffung des Aufsichts- 
rates in Erwägung ziehen, daß in der Ausübung der wich- 
tigsten und entscheidentsten verwaltenden Funktionen 
schon eine gewisse Kontrolltätigkeit liegt, weshalb er 
ein Verwaltungs- und Aufsichtsorgan zu schaffen ge- 
nötigt war. Diese theoretischen Erwägungen des Gesetz- 
gebers haben sich auch in der Praxis als richtig erwiesen, 
denn, wie wir unten sehen, werden die verwaltenden 
Funktionen des Aufsichtsrates in den Statuten noch 
erheblich vermehrt. 

Endlich wollen wir noch darauf hinweisen, daß die 
Gesetzgeber der beiden Länder bei den in Frage 
kommenden Institutionen von ganz verschiedenen Prin- 
zipien ausgingen, was^ in der Systematik zutage tritt. 

f) Die prinzipielle Auffassung der Gesetzgeber 
des deutschen und sdiweizerisdien Rechtes über die 

Verwaltungsorgane. 

Der deutsche Gesetzgeber verschmilzt in der 
Hauptsache Verwaltung und Kontrolle und isoliert davon 
die Geschäftsführung. Er wollte in dem Aufsichtsrat eine 
Institution schaffen, welche die Gesellschaft verwaltet, 
leitet, kontrolliert. Reinlich getrennt davon statuiert er 
dann die selbständige Geschäftsführung. Dadurch wird 
der Aufsichtsrat von dem Gesetzgeber auf eine Warte 
gestellt, von welcher aus die Erfüllung der ihm gestellten 
Aufgaben nicht möglich ist, da infolge der Trennung 
der Geschäftsführung von der Verwaltung der organ- 
ische Konnex zur wirtschaftlichen Tätigkeit der Ge- 
sellschaft fehlt. 

Der schweizerische Gesetzgeber dagegen verquickt 
Verwaltung und Geschäftsführung und schafft außerdem 
noch ein reines Kontrollorgan. Diese Systematik ist 

17 



\ 



^pfnnfrn^ 



zweifellos die natürliche und richtige und gibt der 
Verwaltung eine Stellung, die hoch genug ist, um die 
— .^Axowxcxit zu leiten, die sie aber auch andererseits 
in die wirtschaftliche Tätigkeit der Gesellschaft hinein- 
versetzt. Die im Gesetz geschaffene Organisationsbasis 
ist gilt; wenn dazu noch ein zweckentsprechender 
praktischer Ausbau der einzelnen Teile durch die Praxis 
kommt, so ist dadurch die formelle Gewähr für eine gute 
Verwaltung, Geschäftsführung und Kontrolle gegeben. 

g> Der deutsdie Aufsiditsrat in praxi. 

Wie verhält es sich nun mit den für unseren Vergleich 
in Betracht kommenden Institutionen in der Praxis? 

Es ist zur Genüge bekannt, daß der deutsche 
Aufsichtsratseiner vom Gesetz verlangten Hauptaufgabe, 
als Kontrollorgan, nicht nachkommt, bezw. unter den 
obwaltenden Umständen nicht nachkommen kann. Man 
hat bei der Beurteilung dieser Frage die Entwicklung 
der wirtschafdichen Verhältnisse, die Expansion der 
Einzeluntemehmungen, das Bestreben verwandter Unter- 
nehmungen nach Zusammenschluß und anderes mehr 
zu berücksichtigen, um die aus dem Bedürfnis heraus 
entstandenen Funktionen des Aufsichtsrates zu verstehen. 
Wir können sagen, daß dieselben in Wirklichkeit in 
der Hauptsache verwaltender und geschäftspolitischer 
Natur sind. Ein Einblick in die Statuten vieler Gesell- 
schaften liefert uns den Beweis, daß die verwaltende 
Tätigkeit von größter Wichtigkeit für den Aufsichtsrat 
ist. Als Beleg hierfür mag uns § 13 der Statuten 
der »Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken zu Beriin« 
dienen, der folgendes bestimmt: Dem Aufsichtsrat sind 
insbesondere folgende Geschäfte zugewiesen: 

a) »Die Wahl der Vorstandsmitglieder und ihrer 
Stellvertreter, sowie die Festsetzung der denselben 
zu bewilligenden Gehälter und Emolumente, die Zu- 
stimmung zur Bestellung von Prokuristen. 

b) Beschlußfassung über den Erwerb, die Ver- 
äußerung, sowie die Verpfändung von Immobilien, 

18 



c) Beschlußfassung über den Erwerb, die Veräußerung, 
sowie die Verpfändung und Löschung hypothekarisch ein- 
getragener Kapitalien. 

d) Beschlußfassung über die Kontrahierung von 
eigendichen Anleihen. 

e) Die Genehmigung der vom Vorstande vorzu- 
schlagenden Neubauten und Umbauten. 

f) Die Bestimmung über die Anlegung und Ver- 
waltung des gesetzlichen Reservefonds, sowie die Ver- 
waltung der Speziaireserven oder einzelner Beträge 
aus denselben. 

g) Die Genehmigung zur Errichtung von Zweignieder- 
lassungen und Filialgeschäften und Beteiligungen an 
anderen Geschäften. 

h) Die Genehmigung zur Anschaffung von Mobilien, 
Utensilien und Maschinen, wenn die Ausgaben hierfür 
im einzelnen Falle mehr als 5000 Mark betragen. 

i) Die Genehmigung zur Anstellung von Beamten 
über die vom Aufsichtsrat in seinen Instruktionen 
festgesetzten Grenze.« 

Die geschäftspolidschen Funktionen des Aufsichts- 
rates werden uns klar werden, wenn wir in einem 
späteren Abschnitt auf die Motive zu sprechen kommen, 
welche für die Übertragung einer Aufsichtsratstelle 
bestimmend sind. 

Es liegt in der Natur der Verwaltungstätigkeit 
begründet, daß dieselbe auch teilweise geschäftsführende 
Tätigkeit in sich begreift, womit dann auch eine Über- 
wachung der Geschäftsführung implicite gegeben ist. 
Damit hätten wir im großen ganzen die tatsächlichen 
Funktionen des Aufsichtsrates zusammengestellt. 

h> Der sdiweizerisdie Verwaltungsrat in praxi. 

Wie steht es nun mit dem schweizerischen Ver- 
waltungsrat, den sich die Praxis geschaffen hat.? In 
Wirklichkeit kommen auch ihm in der Hauptsache 
verwaltende Funktionen zu, außerdem aber auch, selbst 

19 



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in den Fällen, in welchen die Geschäftsführung einer 
Direktion übertragen ist, oft noch sehr weitgehende 
geschäftsführende Funktionen. Die Verantwortung, 
welche der Verwaltungsrat in jedem Falle für die 
Geschäftsführung hat, verpflichtet ihn auch zur Über- 
wachung derselben. 

Auf Grund dieser Darlegungen stellen wir fest, 
daß die Gegenüberstellung der tatsächlichen Funktionen 
des Aufsichts- bezw. Verwaltungsrates einen Vergleich 
ermöglicht, aus dem hervorgeht, daß die beiden 
Organe in der Praxis einander ziemlich entsprechen, 

i) Der deutsche Vorstand und die sdiweizerisdie 

Direktion in praxi. 

Ein Vergleich zwischen der Praxis der schweizer- 
ischen Direktion und dem deutschen Vorstande ergibt, 
daß diese beiden Organe sich insofern entsprechen, 
als ihnen im allgemeinen in der Hauptsache geschäfts- 
führende Pflichten auferlegt sind, außerdem aber auch 
solche verwaltender Natur. Wir berücksichtiofen bei 
diesem Vergleich nicht, daß wir sowohl in Deutschland, 
als auch in der Schweiz Fälle haben, in welchen der 
Direktor auf die Beamtenstufe herabgedrückt wird und 
ihm nur noch sein Titel als Unterscheidungsmerkmal 
von seinen Kollegen bleibt. 

Die repräsentative Stellung tritt dann eigentlich nur 
in der Vertretung zu Tage, welche dem deutschen 
Vorstand laut Gesetz, der schweizerischen Direktion 
laut Statut zukommt. 

k> Der deutsdie Aufsiditsrat und die sdiweizerische 

Kontrollstelle. 

Die Praxis der gesetzlichen Kontrollorgane der 
beiden Länder zu verorleichen ist nicht möglich, da der 
Aufsichtsrat in Wirklichkeit nur die Geschäftsführungs- 
kontrolle ausübt, die dem schweizerischen gesetzlichen 



Kontrollorgan nicht zugewiesen ist. Ein Teilvergleich 
kann insofern gemacht werden, als die Überwachung 
der Geschäftsführung in der Schweiz vom Verwaltungs- 
rat ausgeübt wird, welchem diese F'unktion freilich nicht 
direkt durch das Gesetz auferlegt ist, sondern nur indirekt 
durch die Verantwortung für die Geschäftsführung. 

Wenn durch die Entstehung der verschiedenen 
Organisationsformen, die durch die Kompetenzaus- 
scheidung innerhalb der Verwaltung hervorgerufen 
werden, verschiedene Bezeichnungen entstanden sind, 
so möchten wir bei unseren Ausführungen an dem 
Ausdruck Verwaltungsrat festhalten und in demselben 
auch die von der Praxis geschaffene Direktion inbe- 
griffen wissen. Wir glauben dies sehr wohl rechtfertigen 
zu können, da der Verwaltungsrat in jedem Fall die 
Geschäftsführungskompetenz besitzt. 



III. Die Wahl des Verwaltungsrates. 



1. Die Wahl des ersten Verwaltungsrates. 

Gehen wir zunächst von den Gesetzes Vorschriften 
aus, so finden wir in Art. 644, Abs. 3, Ziff. 1 O.-R. 
die Bestimmung, daß zu den ausschließlichen Befug- 
nissen der Generalversammlung die Wahlen der Ver- 
waltung und der Kontrollstelle gehören. Eine Abweich- 
ung hiervon haben wir im Art. 649,4 O.-R., wonach 
der erste Verwaltungsrat für die drei ersten Jahre durch 
die Statuten bezeichnet werden kann, ohne daß eine 
Bestätigung durch die Generalversammlung nötig ist. 
Vielleicht hat der Gesetzgeber diese Bestimmung damit 
motiviert, daß die ersten Generalversammlungen meist 
ganz unter dem Einfluß der Gründer der neuen Aktien- 
gesellschaft stehen; und daß es somit in Wirklichkeit 
auf dasselbe hinauskommt, ob die Gründer, welche in 
vielen Fällen die Majorität der Aktien besitzen, von 



20 



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vornherein den Verwaltungsrat statutarisch bestimmen, 
oder ob derselbe offiziell durch die, in der Hauptsache 
aus den Gründern sich zusammensetzende General- 
versammlung gewählt wird. Wir dürfen uns der in 
Art. 649,4 liegenden Gefahr nicht verschließen. Denken 
wir z. B. daran, daß viele Aktiengesellschaften gegründet 
werden, um Patente usw. auszunützen. Der Erfinder, 
der zugleich Gründer der Gesellschaft ist, besitzt kein 
Kapital, weshalb dasselbe durch die Aktiengesellschafts- 
form beschafft werden soll. Großaktionäre, wie wir 
diese vor allem bei Illationsgründungen haben, gibt es 
nicht. Im Verwaltungsrate sitzen Freunde und Bekannte 
des Erfinders, die eine angesehene öffendiche und 
soziale Stellung einnehmen und deshalb vertrauen- 
erweckend auf die Kleinkapitalisten wirken. Von einer 
Vertretung der Aktionärinteressen im Verwaltungsrat 
kann für die drei ersten Jahre keine Rede sein. Mag 
es mit der Unternehmung gehen, wie es will, die 
Aktionäre werden machdos zusehen müssen. 

Bei Schwindelgründungen stecken meist die sta- 
tutarisch bezeichneten ersten und glücklicherweise 
auch zugleich letzten Verwaltungsräte unter einer 
Decke. Die Praxis ist sich der bestehenden Gefahren 
auch teilweise bewußt und setzt daher häufig, so- 
fern es möglich ist, eine Neuwahl schon nach einem 
Jahre an. 

Anderseits soll aber auch nicht verkannt werden 
daß z. B. bei Gründungen, welche die gesunde Er- 
weiterung eines schon bestehenden Unternehmens be- 
zwecken, der Gründereinfluß besonders für die ersten 
Jahre sehr segensreich sein kann. Nicht selten sind 
es in diesem Falle die bisherigen Besitzer und oft 
zugleich Leiter des alten Unternehmens, welche die 
Aktiengesellschaft gründen und es ist klar, daß diese 
gerade in den Übergangsjahren, wenn nicht die Leitung 
selbst, so doch einen entscheidenden Einfluß auf dieselbe 
beizubehalten für nötig erachten. 



2. Die Wahl des Verwaltungsrates durch die 

Generalversammlung. 

a> Die Wahlvorbereitung. 

Die Regelung der Berufung der Generalversammlung 
ist nach Art. 646,1 O.-R. den Statuten überlassen. Je 
nachdem wir Gesellschaften haben, deren Aktien auf 
den Namen oder auf den Inhaber lauten, ist auch die 
Art der Berufung verschieden. Im ersteren Falle 
müssen die Aktionäre laut Art. 641,3 O.-R. durch 
eingeschriebenen Brief einberufen werden. Diese Be- 
stimmung ist dann auch in den Statuten gewöhnlich 
noch näher ausgeführt. So bestimmen z. B. die Statuten 
der Fabrik von Maggis Nahrungsmitteln in Kempttal : 
»Zu den Generalversammlungen sind die Aktionäre 
durch eingeschriebenen Brief zehn Tage vor dem Ver- 
sammlungstage einzuberufen.« Bei Gesellschaften mit 
Inhaberaktien dagegen erfolgt die Berufung durch die 
Zeitungen. So heißt es in § 41 der Statuten des 
Schweizerischen Bankvereins: »Alle an die Aktionäre 
zu erlassenden Bekanntmachungen erfolgen in den durch 
den Verwaltungsrat zu bestimmenden Zeitungen. Als 
solche sind bis auf weiteres bezeichnet: Schweizer- 
isches Handelsamtsblatt in Bern, Basler Nachrichten 
in Basel, Neue Zürcher Zeitung in Zürich, Tagblatt der 
Stadt St. Gallen in St. Gallen, Journal de Geneve in 
Genf, Frankfurter Zeitung in Frankfurt a. M.« 

Der genügenden Veröffentlichung der Einladung 
zur Generalversammlung wird nicht immer in dem Maße 
Rechnung getragen, wie es sein sollte. Erfolgt dieselbe 
z. B. nur im Schweizerischen Handelsamtsblatt, wie dies 
bei manchen Gesellschaften der Fall ist, so dürfte dies 
kaum genügen. Wenn der Aktionär nicht weiß, wann 
eine Generalversammlung stattfindet, dann kann er sein 
Interesse an derselben durch seine Anwesenheit auch 
nicht bezeugen. Es mag auch darin mit ein Grund 
liegen, daß die Generalversammlungen so schlecht 



22 



23 



i^iüinn' 



besucht sind. Zum mindesten soll die Publikation in 
einer geeigneten Zeitung des Platzes erfolgen, an dem 
die Firma ihren Sitz hat, femer in einem Blatte, das an 
dem Platze erscheint, an dessen Börse die Aktien ein- 
geführt sind. 1^^) Rekrutiert sich eine größere Anzahl von 
Aktionären aus einer bestimmten Gegend, oder gar dem 
benachbarten Auslande, so soll auch darauf weitgehend 
Rücksicht genommen werden. Man sollte kein geeignet 
erscheinendes Mittel unversucht lassen, um auch die 
Kleinaktionäre, die meist beim Dividenden- und Kurs- 
interesse stehen bleiben, zur Ausübung ihrer Rechte und 
Pflichten in der Generalversammlung heranzuziehen. 

b> Die gegenwärtige Wahlpraxis. 

Hat der Aktionär nun in der Einladung gelesen, 
daß Neuwahlen zum Verwaltungsrat stattfinden, so ist 
ihm dadurch wohl die Wahlhandlung angezeigt, nicht 
aber der für die Wahl in Betracht kommende Kandidat, 
was doch sehr wichtig ist. Die gegenwärtige Wahl- 
praxis in der Generalversammlung geht dahin, daß der 
Präsident mit einer im Schöße des Verwaltungsrates 
beschlossenen Tatsache vor die Generalversammlung 
tritt und über die von ihm vorgeschlagenen Personen 
abstimmen läßt. Auf diese Weise ist es dem Aktionär 
gar nicht möglich, sich über die Persönlichkeit und die 
Qualifikation der Kandidaten zu informieren. Um dies 
zu ermöglichen, möchten wir vorschlagen, daß in dem 
Büro, in welchem die Bilanz, die Gewinn- und Verlust- 
rechnung und der Bericht der Rechnungsrevisoren zur 
Einsicht aufgelegt ist, auch noch eine Liste der Ver- 
waltungsratskandidaten zur Auflage kommt, welche 
seitens des Verwaltungsrates vorgeschlagen sind. Außer- 
dem sollten auch die Wünsche und Vorschläge seitens 
der im Verwaltungsrat nicht vertretenen Aktionäre für 
die Wahl berücksichtigt und auf der genannten Liste 
eingetragen werden. Hier besteht nun die Gefahr 
einer Zersplitterung, indem, durch die Vielzahl von 



Kleinaktionären bedingt, zu viele Kandidaten aufgestellt 
werden könnten. Dadurch würde die Minoritätskraft ae- 
schwächt und der beabsichtigte Zweck doch nicht erreicht. 
Es müßte also eine Einigung erstrebt werden auf einen 
Kandidaten, der bei dem von uns später vorzuschlagenden 
Wahlsystem auch Aussicht hätte, gewählt zu werden. 

c> Die Notwendigkeit einer Reform der Wahlpraxis 

<Beispiele>. 

Eine Vertretung der Kleinaktionäre im Verwaltungs- 
rat ist aber von um so größerer Wichtigkeit, als die 
Erfahrung schon oft gezeigt hat, daß ihre Interessen 
sich nicht immer mit denjenigen der Großaktionäre 
decken. Ein solcher Interessenkonflikt ist meist dann 
vorhanden, wenn das Motiv des Erwerbes, bezw. Be- 
sitzes einer Aktienmajorität geschäftspolitischer Natur 
ist. In diesem F'alle wird die Geschäftspolitik der Groß- 
aktionäre nicht auf einen dauernden Rentenbezug hin- 
zielen, wie dies wohl von den meisten andern Aktionären 
beabsichtigt ist. Wir können uns nicht der in der 
Literatur und im täglichen Leben herrschenden An- 
schauung anschließen, daß die meisten Kleinaktionäre 
sich Aktien erwerben, um durch die Steigung des 
Kurses Spekulationsgewinne zu erzielen. Je mehr die 
Geschäftsleitungen der Aktiengesellschaften heutzutage 
auf eine stabile Dividende hinwirken, umsomehr legt 
auch der Privatmann sein Kapital in Aktien an, in 
der Erwartung, in gewissen Papieren privater Unter- 
nehmungen eine dauernde Rentenanlage zu haben. 
Gerade er wird auch darauf ausgehen, nicht allzu- 
große Beträge in einer Gesellschaft zu investieren, um 
das Verlustrisiko herabzumindern und sein Renten- 
einkommen zu sichern. Folgende Beispiele mögen uns 
die Tatsachen und die Gründe von Interessengegen- 
sätzen zwischen den Aktionärgruppen vor Augen führen. 

NB. Wir entnehmen diese den deutschen Verhältnissen und 
können das auch ohne Bedenken tun, da wir dieselben typischen 
Zustände auch bei den schweizer. Aktiengesellschaften antreffen. 



Ende 191 3^) ging mehr als die Hälfte des aus 
5 Millionen Mark bestehenden Aktienkapitales des Ver- 
eins Chemischer Fabriken A.-G. in Zeitz in den Besitz 
der Badischen Anilin- und Sodafabrik A.-G. und der 
Farbenfabriken vormals Friedr. Bayer & Co. in Lever- 
kusen über. Diese Transaktion hatte den Zweck, sich 
einen großen Abnehmer und Verarbeiter schwefel- 
sauren Ammoniaks anzugliedern, den der genannte 
Konzern neuerdings in sehr verstärktem Umfange pro- 
duzierte. Kurz nach dem Übergang trat ein Kurssturz 
ein und zwar innerhalb einiger Monate von 135 "/^j 
auf 105 7o- Zugleich hörte man auch von einem bevor- 
stehenden Dividendenrückgang, der den seit Gründung 
der Gesellschaft im Jahre 1907 stabilen Dividendensatz 
von 8 7p auf die Hälfte herunterdrücken werde. Die 
Besorgnisse der Einzelaktionäre der Zeitzer Gesellschaft 
waren groß infolge der überraschend rückläufigen Be- 
wegung des Aktienkurses und der Dividende und man 
brachte diese Symptome in Zusammenhang mit dem 
Übergang der Majorität der Aktien in andere Hände. 
Man vermutete stark, daß durch veränderte Bilanzierung 
Kurs und Rentabilität heruntergedrückt werden solle, 
um zu niedrigen Kursen in den Besitz einer qualifizierten 
Mehrheit oder des Gesamtuntemehmens zu kommen. 
Sollte diese Vermutung zur Wirklichkeit werden, so 
hätten wir hiermit ein bezeichnendes Beispiel dafür, 
wie entgegengesetzt die Interessen sein können. 

Der in folgendem Beispiel) sich zeigende Interessen- 
konflikt zwischen Großaktionären und einer Minderheit 
von Aktionären ist dadurch hervorgerufen, daß erstere 
sich die Majorität der Aktien erwarben, um die Herr- 
schaft über das Unternehmen auszuüben, aber nicht 
zum Vorteil der Gesellschaft, sondern um für sich selbst 
aus Lieferungen oder aus sonstigem Geschäftsverkehr 
mit derselben Gewinn zu ziehen. 

An der Gründung der Pyroluzit-A.-G. in Beuthen, 
die in Rußland Erze fördert, haben sich die Wittkowitzer 
Bergbau- und Eisengesellschaft, die Donnersmarckhütte. 



26 



die Eisenerz G. m. b. H. in Frankfurt a. M., Rawack & 
Grünfeld A.-G. in Beuthen, sowie die A.-G. für Montan- 
industrie beteiligt. Eine Dividende hat die Gesellschaft 
noch nicht verteilt, hat aber die vorhandene Unterbilanz 
ziemlich abgeschrieben. Die Pyroluzit-A.-G. liefert ihre 
Erze an die bei ihr maßgebend beteiligten Montan- 
unternehmungen; ihre anderen Aktionäre mögen als 
Erzhändler ähnliche Interessen wie die Montanwerke 
verfolgen bis auf die A.-G. für Montanindustrie in Berlin. 
Diese beschäftigt sich zwar auch mit dem Erzhandel, 
trägt aber in der Hauptsache den Charakter emer Trust- 
gesellschaft für Montan- und andere Werte. Nun ver- 
langt diese Gesellschaft eine andere Bilanzierung, um eine 
Dividendenverteilung zu erzielen, da sie kein Interesse 
an den Erzlieferungen habe. Sie sucht also eine Schad- 
loshaltung in der Dividende gegenüber den Groß- 
interessenten, welche Erz erhalten und jedenfalls zu 
einem vorteilhaften Preis. 

Den Höhepunkt^) einer Majoritätspolitik und eines 
Konfliktes, wie er zwischen Aktionärgruppen kaum 
schärfer bestehen kann, zeigt uns ein Vorkommnis in 
der Prein-Gewebe-A.-G. in Hannover. Die Gesellschaft 
wurde mit einem Aktienkapital von 1,5 Millionen Mark 
gegründet. Der Wert der Patente, welche ausgebeutet 
werden sollten, wurde zu 1,1 Millionen Mark angesetzt, 
was viel zu hoch war. Sehr bald ergab sich, daß die 
erwartete Rentabilität nicht eintrat und daß Gründung, 
sowie Geschäftsführung der Gesellschaft ernster Kritik 
unterworfen werden mußten. Da die Aktien nicht voll 
einbezahlt waren, suchte ein Teil der Aktionäre sich 
von dieser Pflicht zu befreien. Auch die Liquidation 
hoffte man herbeiführen zu können, aber alles ohne 
Erfolg. Nun wurde eine außerordentliche General- 
versammlung einberufen. Der Hauptaktionär, welcher im 
Besitz der Majorität der Aktien war, rief, ohne Berück- 
sichtigung des Widerspruches der anderen Aktionäre, 
den gesamten Aufsichtsrat ab und wählte sich selbst 
in den nun zu bildenden Aufsichtsrat, welchen er nach 



21 



seinem Wunsche zusammensetze. An eine Liquidation, 
wie dies für die Einzelaktionäre am vorteilhaftesten 
wäre, ist nun gar nicht zu denken, im Gegenteil wird 
der Hauptaktionär, der durch die Überwertung seiner 
eingebrachten Patente zu der Aktienmajorität kam, 
suchen, der Gesellschaft noch mehr Patente aufzu- 
zwingen und dadurch rascher den Ruin der Gesellschaft 
herbeiführen. 

Diese Übelstände der Majorisierung einer Minderheit 
zum Schaden der letzteren erheischen eine Änderung, 
bezw. Besserung. Dazu kann die schon erwähnte 
sorgfältige Wahlvorbereitung beitragen. Der nächste 
und wichtigste Schritt aber ist die Änderung des be- 
stehenden Wahlmodus. 

d> Der Wahlmodus. 
aa) In der Gegenwart. 

Die Wahl der Mitglieder des Verwaltungsrates 
erfolgt mittels Ausübung des Stimmrechtes, das m 
Art. 640 O.-R. seine Regelung findet: »Die Aktionäre 
üben ihr Stimmrecht in der Generalversammlung nach 
Verhältnis der Zahl der in ihrem Besitz befindlichen 
Aktien aus. Jeder Aktionär, auch wenn er nur eine 
Aktie besitzt, hat eine Stimme. Vorbehalten bleibt 
der Gesellschaft durch ihre Statuten die Stimmenzahl 
der Besitzer von mehreren Aktien zu beschränken. 
Keinesfalls darf ein einzelner Aktionär mehr als den 
fünften Teil der sämdichen vertretenen Stimmrechte 
in sich vereinigen.« 

Ausschlaggebend für die Stimmkraft ist also der 
Aktienbesitz. Dadurch wird das Kapital zur herrschenden 
Macht in der i\ktiengesellschaft proklamiert. Der obiger 
Bestimmung zu Grunde liegende kapitalistische Gedanke 
wird aber insofern etwas abgeschwächt, als auch der 
Besitz nur einer Aktie schon das Recht zu stimmen 
verleiht, wie ein solcher von 100 Aktien und femer 
auch dadurch, daß kein Aktionär, mag sein Aktienbesitz 



28 



noch so groß sein, mehr als ein Fünftel der sämtlichen 
vertretenen Stimmrechte auf sich vereinigen darf. 
Weitere statutarische Beschränkungen sind zulässig, 
wovon die Praxis auch in vielen Fällen Gebrauch macht, 
wie uns die folgenden Beispiele zeigen mögen. 

§ 1 7 der Statuten des Schweizer. Bankvereins be- 
stimmt z. B. darüber folgendes: »Eine bis fünf Aktien 
geben das Recht auf eine Stimme, je fünf mehr geben 
das Recht auf eine weitere Stimme. Für die Ermittlung 
der Stimmenzahl eines an der Generalversammlung 
teilnehmenden Aktionärs werden seine eigenen und 
diejenigen, welche er vertritt, zusammengerechnet. 
Niemand darf mehr als ein Fünftel der vertretenen 
Stimmen auf sich vereinigen.« 

Das Statut der Societe Anonyme des Chocolat au 
Lait F. L. Cailler, Broc, bestimmt, daß kein Aktionär 
mehr als 3000 Stimmen auf sich vereinigen darf. 

Andererseits ist es auch möglich, daß einer Aktie 
eine höhere Stimmkraft als eins gegeben wird, wobei 
meist die Qualität der. Aktie maßgebend ist. Ein Bei- 
spiel hierfür haben wir in den Statuten der A.-G. 
Tobler & Co., Bern, in welchen § 12 folgendes bestimmt: 
»Jede vertretene Prioritätsaktie berechtigt zur Abgabe 
von 5 Stimmen, jede vertretene Stammaktie zur Ab- 
gabe von einer Stimme.« 

Mögen sich da und dort in den Statuten Vorschriften 
über das Stimmrecht zu Gunsten der Minorität finden, 
so lehrt uns doch die Erfahrung, daß in den Generalver- 
sammlungen der Majoritätsbesitz meist die unumschränkte 
Herrschaft hat und die Besetzung des Verwaltungsrates 
nach seinem Wunsche vornimmt. Diese Tatsache brmgt 
aber die große Gefahr mit sich, daß dadurch der 
Geschäftsleitung eines Unternehmens der Stempel einer 
einseitigen Interessenpoliuk aufgedrückt wird, was nicht 
immer ein Vorteil für das wirtschaftliche Gedeihen der- 
selben ist. Diesem Übelstand kann dadurch abgeholfen 
werden, daß es jeder Aktionärgruppe ermöglicht wird, 
ihre Interessen im Verhältnis und auf Grund ihrer 



2» 




U- 



Kapitalbeteiligungim Verwaltungsrate vertreten zu lassen. 
Unter dem heute bestehenden Wahlmodus des »ab- 
soluten Mehr« ist dies aber nicht möglich. Wir möchten 
daher die Einführung eines Wahlsystems zum Vorschlag 
bringen, das den obigen berechtigten Anforderungen 
entsprechen würde und welches wir in der Proportional- 
wahl erblicken. Dieses bei staadichen und kommunalen 
Wahlen angewandte System hat in Belgien und besonders 
auch in der Schweiz schon seit Jahrzehnten Eingang 
gefunden. In keinem der beiden Länder hat man aber 
den Versuch gemacht, dieses erprobte Wahlsystem 
auch für privatwirtschafdiche Gesellschaften anzuwenden. 
Wohl bestehen in andern Ländern Ansätze, um die Ver- 
tretung einer Minderheit im Verwaltungsrat zu bewirken. 
So z. B. in Österreich, wo das Aktienregulativ vom 
20. September 1899 für die Wahl des Aufsichtsrates 
den Minoritätsschutz rechdich fesdegt, indem Abs. 5 
und 6 folgendes anführt: »Wenn in dem Statut die 
Bestellung eines Aufsichtsrates vorgesehen ist, so sind 
für den Fall, als wenigstens drei Mitglieder von der 
Generalversammlung zu wählen sind, folgende Be- 
sdmmungen betreffend die Wahl der Mitglieder in das 
Statut aufzunehmen : Von einem Drittel der in der Ge- 
neralversammlung vertretenen Summen kann veriano-t 
werden, daß die Wahl für jede zu besetzende StelTe 
des Aufsichtsrates abgesondert erfolge. Ergibt sich 
bevor zur Wahl für die letzte Stelle geschritten wird,' 
daß wenigstens ein Drittel aller abgegebenen Sdmmen 
bei allen vorangegangenen Wahlen zu Gunsten der- 
selben Person, aber ohne Erfolg abgegeben worden 
sind, so muß diese Person ohne weitere Abstimmung 
als für die letzte gewählt werden.« 

Die Vereinigten Staaten von Amerika*«^) gehen noch 
weiter, indem dieselben Minoritätsvertretung und zwar 
als kumulatives Votum (cumulative vote) überall, also 
auch in privatwirtschafdichen Unternehmungen mit Erfolg 
zur Anwendung bringen. 



m 



bb) In der Zukunft (Proporzsystem). 



Wir halten es dagegen für verfehlt, in einer kapita- 
listischen Gesellschaft, wie sie die Aktiengesellschaft 
zweifellos darstellt, eine Minoritätsvertretung einzuführen, 
die einer jeden Minderheit, auch wenn sie noch so klein 
wäre, unter allen Umständen eine Vertretung im Ver- 
waltungsrat sichern würde. Es würde das nichts anderes 
als eine Demokratisierung des Kapitalismus bedeuten. 
Unser Ziel geht nur dahin, einer Minderheit, die auf Grund 
ihrer entsprechenden Kapitalbeteiligung das Recht auf 
eine Vertretung besitzt, die Möglichkeit zu geben, einen 
Vertreter in den Verwaltungsrat entsenden zu können. Aus 
diesem Grunde schlagen wir das Proporzsystem vor. ***^) 

Das Wesen ^®^) desselben besteht darin, daß man einen 
Wahlquotienten, auch Wahldivisor, Wahlverteilungs- 
ziffer, Wahlzahl genannt, bildet, der dadurch entsteht, 
daß man mit der Anzahl der zu wählenden Vertreter 
in die Gesamtzahl der gültigen Stimmen dividiert. Wer 
von den Kanditaten die Wahlzahl erreicht, ist gewählt. 
Die Durchführung dieses Prinzipes hat verschiedene 
Methoden oder Systeme gezeitigt, auf die einzugehen 
hier nicht der Platz ist. Jedenfalls muß dabei im Auge 
behalten werden, daß das zu wählende System einfach 
ist, so daß Stimmabgabe und Resultatsermittlung rasch 
vollzogen werden kann. 

Die Bestimmung über die Ausübung des Stimm- 
rechtes in der Generalversammlung nach dem Proporz- 
system muß im Gesetz niedergelegt sein. Dagegen ist 
es am besten, wenn den einzelnen Gesellschaften zur 
Pflicht gemacht wird, die Art der Durchführung der 
Proportionalwahl in den Statuten festzulegen. Dadurch ist 
es jeder einzelnen Aktiengesellschaft möglich, diejenige 
Methode zu wählen, welche ihr am geeignetsten erscheint. 

Es liegt nahe, unserem Vorschlag über die Ein- 
führung des Proporzsystems entgegenzuhalten, daß der- 
selbe nicht nötig sei, da man in den Statuten Gelegenheit 
habe, einen Wahlmodus zu Gunsten einer Minderheit 



30 



31 






festzusetzen. Wenn man aber bedenkt, daß die Statuten 
durch die Majorität festgesetzt werden, und daß eine 
solche keine Bestimmungen einführt, die ihr im Weo-e 
stehen, so fällt auch diese Argumentation hinweg. 

Durch die Einführung der Proportionalwahl werden 
auch die Kleinaktionäre ihre Rechte und Ansichten zur 
Geltung bringen können. Es wird ihnen möglich sein, 
einen Einfluß auf die Besetzung der Verwaltung und 
dadurch auf die ganze Geschäftsleitung auszuüben, 
was manchen veranlassen i<^^) dürfte, sich persönlich an 
den Generalversammlungen zu beteiligen. Manche 
Aktionäre werden dann auch aus dem ihnen bisher 
vorgeworfenen passiven Verhalten heraustreten, um ein 
solches aktiver Natur an den Tag zu legen. Das per- 
sönliche Mitarbeiten in der Generalversammlung wird 
das Interesse auf das gesunde wirtschaftliche Gedeihen 
der Gesellschaft hinleiten, wofür man dann selbst sich 
bis zu einem gewissen Grad verantwortlich fühlt. 
Andererseits wird der einzelne Aktionär sich auch 
besser ein selbständiges Urteil über die Tätigkeit der 
Verwaltung und bis zu einem gewissen Grade auch 
über die Fähigkeit oder Unfähigkeit der einzelnen 
Mitglieder bilden können. Je nachdem wird ein be- 
rechtigtes Vertrauen oder Mißtrauen dem Verwaltungs- 
rat in kritischen Phasen der Entwicklung des Unter- 
nehmens entgegengebracht werden. 

IV. Die aktive Wahlfähigkeit. 

1 . Die Stimmenenthaltung der Verwaltung 
hei ihrer Entlastung. 

Das Recht des Aktionärs, seinen Einfluß in der 
Generalversammlung durch Stimmabgabe geltend zu 
machen, kann grundsätzlich nicht aufgehoben werden. 
Das Obligationenrecht statuiert jedoch einige Fälle, 
in welchen das Stimmrecht ausgeschlossen wird. So hat 



z. B. bei der qualifizierten Gründung der Gesellschafter, 
welcher die betreffende Einlage macht oder sich be- 
sondere Vorteile ausbedingt, bei der Beschlußfassung 
hierüber kein Stimmrecht (Art. 619,4 O.-R.). Ferner 
enthält Art. 655,2 O.-R. die Bestimmung, daß bei 
Beschlüssen über die Entlastung der Verwaltung be- 
treffend die Geschäftsführung und Rechnungsablegung, 
diejenigen Personen kein Stimmrecht haben, welche 
in irgend einer Weise an der Geschäftsführung teil- 
genommen haben. Diese Maßnahmen sind aus wirt- 
schaftlichen Gründen sehr wichtig; warum dieselben 
aber nicht auch auf die Personen, sofern dieselben 
Aktionäre oder Verwaltungsmitglieder sind, ausgedehnt 
werden, welche mit der Überwachung derselben be- 
traut sind, scheint uns unerklärlich (Art. 655,3 O.-R.). 
Bestimmt der Verwaltungsrat keine speziellen Organe 
für die Geschäftsführungskontrolle, so ist er in seiner 
Gesamtheit dafür verantwortlich. Demnach dürfte in 
diesem Falle keine im Verwaltungsrat vertretene 
Stimme zur Erteilung der Decharge abgegeben werden, 
will man nicht die Begutachtung der eigenen Handlungs- 
weise unterstützen. Es gibt ja wohl Fälle, in denen 
sich der Verwaltungsrat selbst die Decharge erteilt, 
nämlich dann, wenn er die Gesamtheit der Aktien 
besitzt, was wir häufig bei Familienaktiengesellschaften 
haben. Hier hat die Entlastung nur eine formelle 
Bedeutung, denn der Verwaltungsrat hat die Folgen 
seines Geschäftsgebahrens persönlich zu tragen. Sind 
aber bestimmte Verwaltungsmitglieder mit der spezi- 
ellen Geschäftsführungskontrolle betraut, 30 dürften 
diese unter keinen Umständen bei der Entlastung 
mitstimmen. Würde die Überwachung der Geschäfts- 
führung, wie wir später darlegen wollen, der Kon- 
trollstelle übertragen, deren Mitglieder nicht Aktionäre 
zu sein brauchen, so fällt dieser Übelstand von selbst 
hinweg. 



i 



32 



33 



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4 



2. Die Ausübung des Stimmrecfites 
auf Grund eigener Aktien. 

Das Recht^) der Ausübung des Stimmrechtes ist 
grundsätzlich an den Besuch der Generalversammlung 
geknüpft und kann nur in derselben geltend gemacht 
werden. Da ein persönliches Erscheinen in der General- 
versammlung nicht immer möglich ist, so gestatten die 
meisten Statuten eine Übertragung ihres Stimmrechtes 
an andere Aktionäre oder an Bevollmächtigte. Beispiele : 

Maggi's Nahrungsmittel A.-G., Kempttal, Art. 11^ 
Abs. 4 bestimmt : »Jeder Aktionär ist berechtigt, seine 
Rechte in der Generalversammlung durch eine' Dritt- 
person, die jedoch Aktionär sein muß, ausüben zu lassen. « 

Brown-Boveri & Co., Baden, § 9: »Für Pflege- 
befohlene können ihre gesetzlichen,^ für Handelsgesell- 
schaften und juristische Personen ihre gesetzlichen und 
statutarischen Vertreter, oder mit spezieller Vollmacht 
versehene Beamte, für Ehefrauen bevollmächtigte Ehe- 
männer an der Generalversammlung teilnehmen. In allen 
sonstigen Fällen kann ein Aktionär nur durch einen andern, 
durch ihn bevollmächtigten Aktionär vertreten werden«! 

Da die Stimmabgabe an die Person des Aktionärs 
geknüpft ist, muß die Eriaubnis zur Übertragung in den 
Statuten festgelegt werden. Denkbar^«) wäre natüriich 
auch, daß in denselben eine Ausübung des Stimm- 
rechts auf schrifdichem Wege zugelassen würde, was 
jedoch selten geschieht. 

3. Die Übertragung des Stimmrecfites. 

a> Die Politik der Sammlung von Vollmaditen 

seitens der Banken. 

aa) Die Technik der Sammlung von Vollmachten. 

Besonders die Banken sind es, welche sich die 

X'ollmacht zur Vertretung in der Generalversammlung 

von ihren Kunden geben lassen, die die betreffenden 



Wertpapiere bei ihnen deponiert haben. Es werden 
besondere Vollmachtsformulare seitens der Banken ah 
die Kunden gesandt, um die schrifdiche Bewilligung 
zur Vertretung einzuholen, wenn die Einladungen zur 
Generalversammlung in den Tageszeitungen erscheinen. 
Auf diese Praxis ist zum großen Teil auch die Macht 
zurückzuführen, welche die Banken auf industrielle 
Unternehmungen ausüben können. Es liegt klar zutage, 
daß die Banken die angehäufte Stimmenzahl in erster 
Linie^®^) dazu benutzen, um ihr eigenes Interesse zu ver- 
folgen. In manchen Fällen mag dasselbe identisch mit 
denjenigen der Einzelaktionäre sein, in ebenso vielen 
anderen aber auch nicht. Nehmen wir z. B. an, daß 
eine Bank auf eine Fusion hindrängt, um dadurch einen 
dem aufzunehmenden Institut gewährten Kredit sicher 
zu stellen oder leichter realisieren zu können. Diese 
Transaktion mag ganz im Interesse der Bank liegen 
und zuni Nachteil der fusionierenden Gesellschaft um- 
schlagen. Hätten die Aktionäre ihr Stimmrecht selbst 
ausgeübt, anstatt dasselbe teilweise der Bank zu über- 
tragen, so wäre die Fusion vielleicht verhindert worden. 

bb) Die Gefahren der SammlungspoHtik 

(Beispiel). 

Die Politik der Vollmachtensammlung, welche seitens 
gewisser Verwaltungen erfolgt, um eigene Interessen 
verwirklichen zu können, hat schon manche uner- 
wünschten Zustände im Aktienwesen geschaffen, so daß 
die Mahnung berechtigt erscheint, daß die Einzelaktionäre 
durch ihre persönliche Stimmabgabe dazu beitragen 
mögen, die Interessen ihrer Gesellschaft wahren zu 
helfen. Im Falle der Verhinderung an dem Besuch der 
Generalversammlung sollte vom Aktionär die Vollmacht 
einem Vertrauensmann übergeben werden, der nach 
der ihm gegebenen Instruktion stimmt. Ist dieses nicht 
möglich, so schließt ein Verzicht auf Vertretung wenigstens 
tiie Gefahr aus, daß das Stimmrecht mißbraucht wird. 



34 



35 



^l 



Wir möchten an dieser Stelle noch ein Beispiel anführen, 
das uns die Wichtigkeit der persönlichen Vertretung 
oder einer solchen nach Instruktion vor Auo-en führt 
(Vergleiche die Notiz S. 25, Fußnote.) "" 

Die Aktiengesellschaft »Vulkan« ^ ^), welche ihren Sitz 
m Stettin hat, stand vor der Entscheidung, sich eine 
Werft in Hamburg zu schaffen, da das Reichsmarineamt, 
die Hamburg-Amerika-Linie und ausländische Regier- 
ungen ihre Lieferungsaufträge nur unter der Bedingung 
erteilen wollten, daß obigem Wunsche entsprochen würd^ 
Das Lebensinteresse der Gesellschaft stand somit auf 
dem Spiel. In dieser Angelegenheit suchten 2 Parteien 
entgegengesetzte Interessen zu verfolgen. Einerseits 
die Verwaltung der Gesellschaft, welche selbstverständ- 
lich für die Schaffung einer Werft in Hamburg war, 
andrerseits eine Bank, welche durch andere Interessen 
geleitet wurde. Die Deutsche Bank, welche hier nämlich 
m Frage kam, war an den Stettiner Oderwerken in- 
teressiert und hegte die Absicht, mit der Zeit eine Fusion 
der beiden Gesellschaften herbeiführen zu können. Mit 
dem Wegzug des »Vulkan« mußte dieser Plan ad acta 
gelegt werden. Nun hatte die Deutsche Bank einen 
beträchtiichen Teil der Vulkanaktien in ihren Tresors 
zur Verwaltung. Nach § 28 ihrer Bedingungen für den 
Depositen- und Effektenverkehr war sie ermächtigt, 
»sofern ihr nicht im einzelnen Fall gegenteilige Weisung 
zugeht, behufs Wahrnehmung der Interessen ihrer 
Geschäftsfreunde die für dieselben bei ihr ruhenden 
Aktien in allen Generalversammlungen nach ihrem 
besten Ermessen vertreten und das Stimmrecht für die- 
selben ausüben zu lassen«. Wenn der Aktionär also 
nicht ausdrücklich vorschrieb, wie das Stimmrecht aus- 
geübt werden sollte, so tat es der Depositar »nach bestem 
Ermessen«, möglicherweise in seinem eigenen Interesse. 
Da die meisten Aktionäre des »Vulkan« nicht wußten, 
worum es sich handelte, und deshalb ihre Aktien ohne 
jegliche Anweisung in der Generalversammlung ver- 
treten ließen, so suchte die Vulkan-Verwaltung'durch 

36 



ein Inserat den Gegenstand des Streites aufzuklären. 
In dem öffentlichen Aufruf standen unter anderm die 
Sätze: »Wir wissen, daß eine Anzahl Aktionäre ver- 
anlaßt worden ist, ihren Besitz in der letzten General- 
versammlung vertreten zu lassen, ohne daß man ihnen 
genügend Informationen gegeben, oder die Anfrage 
vorgelegt hat, ob sie für oder gegen die Verwaltung 
zu stimmen gewillt seien. Wir richten an die Gesamtheit 
unserer Aktionäre die Bitte, ihren Aktienbesitz in der 
nächsten Generalversammlung persönlich zu vertreten, 
oder von solchen vertreten zu lassen, die eine Ver- 
pflichtung zur Abstimmung nach Auftrag des Besitzers 
übernehmen.« Die Folge dieses Aufrufs war, daß die 
Deutsche Bank entgegen ihren Bestimmungen bei den 
Besitzern der in ihren Tresors aufbewahrten Vulkan- 
aktien angefragt hat, wie sie zu stimmen hätte. 

Die Praxis der Übertragung des Stimmrechts finden 
wir sehr häufig auch bei denjenigen Aktiengesellschaften, 
deren Aktien auf Namen lauten. Das ist meist bei den 
Versicherungsuntemehmungen der Fall. Wie schon 
oben erwähnt, werden die Einladungen zur General- 
versammlung laut Art. 641,3 O.-R. durch Einschreibe- 
brief oder schriftlich gegen Bescheinigung zugestellt. 
Der Einladung wird eine gedruckte Blankovollmacht 
zur Unterschrift beigelegt, die von den Leitungen auf 
den Namen der Personen ausgestellt wird, welche sie 
mit der Vertretung beauftragen. Auf diese Weise wird 
zur Durchführung einer bestimmten Transaktion eine 
Majorität geschaffen. 

cc) Teilweise Minderung der Gefahren durch 
Einführung der Proporzwahl. 

Derartige Manipulationen werden durch das Pro- 
porzsystem in ihrem Erfolg etwas geschwächt. Zur 
gänzlichen Unterbindung solcher Geschäftsgebahren 
werden aber nur die von uns bezeichneten Wege 
führen. 



* 



37 



k 



11 






dd) Die Teilnahme an der Generalversammlung. 
Als Ausweis für die Teilnahme an den Generalver- 
sammlungen haben die Interessenten sich Zutrittskarten 
zu verschaffen. Gewöhnlich bestimmen die Statuten 
Näheres über die Erlangung derselben. Beispiel: 
Elektrizitätswerk Lonza in Gampel: »Art. 11. Um 
an der Generalversammlung teilzunehmen, haben die 
Aktionäre ihre Titel wenigstens fünf Tage vor dem 
Versammlungstage bei der Gesellschaftskasse oder bei 
denjenigen Stellen, welche der Verwaltungsrat hiefür 
bezeichnet, zu hinterlegen. Sie erhalten dagegen eine 
Zutnttskarte, welche auf den Namen lautet«. 

Um die Teilnahme an der Generalversammlung in 
möglichst großer Anzahl herbeizuführen, sind manche 
Gesellschaften schon dazu übergegangen, Prämien zu 
bezahlen. So wollte z. B. die Sozietä Veneta per 
Costruzione e esercizio di ferrovie secundarie durch 
em Bankkonsortium 16 Millionen Lire Obligationen 
ausgeben. Um den Beschluß der Generalversammlune 
herbeiführen zu können, sollte für jede vertretene Aktie 
eme Prämie von zwei Lire gezahlt werden. Dieselbe 
Praxis übte 1900 der Credit Lyonnais und auch die 
Societe Lorraine de Dietrich & Co. in Luneville, um 
bestimmte Transaktionen mit der nötigen Majorität 
durchführen zu können. 



V. Die passive Wahlfähigkeit. 

1. Der Zweck der Aktionärqualität. 

a> In theoretiscfier Beziehung. 
Das Obligationenrecht stellt nur eine Forderung 
an diejenige Person, welche als Verwaltungsmitglied 
fungieren soll, nämlich: Aktionär zu sein. Diese 
Aktionärqualität statuiert Art. 649,1 O.-R. der folo-en- 
dermaßen lautet: »Die Verwaltung kann nur %on 

38 



Aktionären ausgeübt werden. Werden Nichtaktionäre ge- 
wählt, so können dieselben ihr Amt nur antreten, wenn sie 
zuvor durch Erwerb von Aktien Aktionäre geworden sind« . 
Daß das Gesetz mit dieser Bestimmunor nur einen 
rein theoretischen Zweck im Auge hat, geht daraus 
hervor, daß auch nur eine Aktie genügt, um der ge- 
setzlichen Anforderung zu entsprechen. Die Absicht 
ist wohl die, daß das Verwaltungsmitglied kraft seiner 
Aktionäreigenschaft zum Mitglied der Gesellschaft wird. 
Deshalb wird auch der Erwerb von Aktien der eigenen 
Gesellschaft verlangt. Es ist den Statuten überlassen, 
die Anzahl der Aktien festzulegen, welche hinterlegt 
werden sollen. Zugleich wird in denselben auch an- 
gegeben, wo sie zu deponieren sind. Ist eine Vorschrift 
darüber nicht vorhanden, so hat dies bei der Gesellschaft 
zu geschehen. Die Anzahl der Aktien, welche zu hinter- 
legen sind, ist bei den einzelnen Gesellschaften sehr 
verschieden. So verlangen die Statuten der A.-G. 
Cailler die Hinterlegung von 100 Aktien, diejenigen 
von Tobler & Co. zehn Prioritätsaktien oder 50 Stamm- 
aktien. Wird die Deponierung^^) einer beträchtlichen 
Anzahl von Aktien gefordert, so könnte der Grund 
hierfür darin liegen, daß man das finanzielle Interesse 
der einzelnen Verwaltungsratsmitglieder inniger mit dem 
Geschick des Unternehmens zu verbinden sucht. 

b> In praktisdier Beziehung. 

Ein praktischer Zweck wird durch die Deponierung 
von Aktien dann erreicht, wenn die Statuten ausdrück- 
lich bestimmen, daß die hinterlegten Aktien als Kaution 
dienen. In diesem Falle hat die Gesellschaft bezw. 
haben die Aktionäre und Gläubiger ein Rückgriffsrecht 
auf die Aktien. Tatsächlich treffen nun auch verschiedene 
Statuten darüber Bestimmungen, so z. B. diejenigen 
der Schweizerischen Unfallversicherungs-A.-G. Winter- 
thur in § 22: »Jedes Mitglied des Aufsichtsrates hat 
zehn auf seinen Namen lautende Gesellschaftsaktien 
als Kaution für Erfüllun«: seiner Pflichten bei der 



.<! 



90 



Gesellschaft zu hinterlegen. Sie werden ihm nach seinem 
Ausscheiden aus dem Aufsichtsrate und nach Ge- 
nehmigung der Rechnung über das Geschäftsjahr, in 
welchem er noch mitgewirkt hat, zurückgegeben«. 
Warschauer'^) begnügt sich nicht damit, daß die 
Regelung der Deponierung von Aktien in beliebiger 
Hohe den Statuten überlassen bleibt, sondern verlanet 
■ eine gesetzliche Regelung mit Fesdegung eines be- 
stimmten Betrages entsprechend der Höhe des Aktien- 
kapitales. Demgemäß müßten AufsichtsratsmitHieder 
einer Aktiengesellschaft, welche eine Million Aktien- 
kapital besitzt, nominell je fünftausend Mark in Aktien 
hinterlegen, bei jeder weiteren Million tausend Mark 
mehr bis zu einem Höchstbetrage von 15,000 Mark 
Von Brockdorff'^) möchte sogar einen Betrag bis zu 
50,000 Mark festgesetzt wissen, mit der sonderbaren 
Begründung, daß die Mitglieder von Aufsichtsräten 
doch Leute seien, die mit hohen Summen zu rechnen 
gewohnt seien. Am weitesten aber geht ein Vorschlag 
im Deutschen Ökonomist'«), nach welchem ein Höchst 
betrag statuiert wird, der dem zehnfachen Betrag der 
durchschnittlichen Jahrestantieme entspräche. 

Wir können uns den vorgenannten Vorschlägen 
keinesfalls anschließen. Die Normierung der Beträge 
soll m das Belieben der einzelnen Gesellschaft gestellt 
werden da sie am besten weiß, welche Anforderungen 
sie für die Sicherheit ihrer Verwaltungsorgane zu stellen 
hat. Daraus folgt von selbst eine statutarische Recrelung 
Sehr häufig hört man die Ansicht, wie zweckmäßig es 
sei daß das Obligationenrecht die Möglichkeit schaffe 
die Geschäftsführung an Personen zu übertragen, welche 
nicht wie die Verwaltungsräte, auch einen Aktienbesitz 
der betreffenden Gesellschaft nachzuweisen brauchen 
Dadurch werde es möglich, bei der Wahl der in Be- 
tracht kommenden Personen sich nur von deren Fähie- 
keiten leiten zu lassen, ohne daß dieselben über Mittel 
zu verfügen brauchen. Blicken wir nun in die Statuten 
der emzelnen Gesellschaften, so bemerken wir daß 



gerade von diesen Personen oft eine ziemlich hohe 
Kaution verlangt wird. 

Beispielsweise bestimmen die Statuten der Schweizer- 
ischen Kreditanstalt in § 35 : »Jeder Direktor des 
Hauptsitzes hat bei seinem Amtsantritt 50 Aktien der 
Schweizerischen Kreditanstalt, jeder Direktor der Zweig- 
niederlassung, sowie jeder dieselbe vertretende Direktor 
oder Vizedirektor des Hauptsitzes und der Zweignieder- 
lassung 25 solcher Aktien als Amtskaution bei der 
Gesellschaftskasse am Hauptsitz zu hinterlegen«. 

Maggi's Nahrungsmittel A.-G. Kempttal, Art. 21,3: 
»Die Mitglieder der Generaldirektion haben bei der 
Gesellschaft eine vom Verwaltungsrat festzusetzende 
Kaution zu hinterlegen«. 

Mechanische Backsteinfabrik Zürich, § 24: »Jedes 
Mitglied der Direktion muß Aktionär sein und hat 
eine vom Verwaltungsrat festzusetzende Anzahl Aktien 
der Gesellschaft als Kaution zu hinterlegen.« Wir sehen 
daraus, daß die Praxis obiger Argumentation widerspricht. 

Die Stellung der Kaution durch den Verpflichteten 
wird in der Praxis manchmal dadurch umgangen, daß 
die zu hinterlegenden Aktien von der Gesellschaft selbst 
deponiert werden. In diesem Falle sichert sich die 
Gesellschaft ihr Eigentumsrecht an den in Kaution 
gegebenen Aktien, indem sie sich beglaubigen läßt, daß 
seitens der Personen, für weiche die Deponierung erfolgte, 
keine Eigentumsansprüche geltend gemacht werden. 

2. Statutarische Bedingungen als Voraussetzung 

für die Wahl in den Verwaltungsrat 

<Wohnsitz, Nationalität etc.) 

Während das Gesetz keine weiteren Anforderungen 
an die Wählbarkeit einer Person stellt, suchen manche 
Statuten gewisse Bedingungen erfüllt zu sehen. 

Nach Bachmann ^^) sind laut O.-R. nur physische 
Personen, nicht auch juristische Personen, Körperschaften 



40 



41 





oder Handelsfirmen wählbar. Auch die deutsche Literatur 
ist Jast einstimmig dieser Ansicht. Eine Ausnahme 
hiervon macht Simon'«), der z.B. vorschlägt, nicht ge- 
wissen Bankdirektoren, sondern die Banken selbst in 
den Aufsichtsrat zu wählen, überhaupt jede Handels- 
gesellschaft mit juristischer Persönlichkeit, die Sitz in 
einem Aufsichtsrat erstrebt. 

„, ,Y^"" ^""^l' i"i Gesetz keine Bestimmung, welche die 
Wahl junstischer Personen ausschließt, enthalten ist 

n fif'J't^/'^ '■^^'^ legis, dagegen, sowohl'in 
Deutschland'«») als noch viel mehr in der Schweiz Die 
Aufgaben, welche der schweizerische Gesetzgeber dem 
Verwaltungsrat aufbürdet, stellen die größten Anforder- 
ungen an die persönliche Tüchtigkeit seiner Mitglieder 
Sie erheischen individuelle Eigenschaften des Geistes 
und Charakters, welche einer juristischen Person an 
und für sich nicht innewohnen. Wir glauben uns daher 
der herrschenden Ansicht aus rein wirtschaftlichen und 
praktischen Gründen anschließen zu können. 

Suchen wir nun an der Hand von Statuten die 
Bedingungen zusammenzustellen, welche bei der Wahl 
m den Verwaltungsrat da und dort berücksichtigt werden 
müssen, so betreffen dieselben: 

J. Den Wohnsitz. Hierüber bestimmt Art 18 
der Floretspmnerei Ringwald A.-G.: «Der Verwaltunes- 
rat besteht aus 6-10 Mitgliedern, von welchen die 
Mehrheit ihren Wohnsitz in Basel oder Niederschöntal 
haben muß.« 

Aktiengesellschaft Thommens, Uhrenfabriken Wai- 
denburg, ^14: «Er (der Verwaltungsrat), besteht aus 
J-5 Mitgliedern, von welchen mindestens 2 ihren stän- 
digen Wohnsitz in Waidenburg haben müssen«. 

Helvetia, Schweizerische Unfall- und Haftpflicht- 
Versicherungsanstalt, Zürich, § 34, Abs. 2: «Mindestens 
5 Mitglieder müssen in Zürich und Umgebung und 
weitere 5 in Genf oder Umgebung ihren Wohnsitz 
naben.« 



2, Wohnsitz und Nationalität, Aluminium-Industrie 
A.-.G, Neuhausen. »Der Verwaltungsrat soll in der 
Mehrzahl aus Schweizerbürgern bestehen, die dauernd 
in der Schweiz wohnen«. Ebenso Zuckerfabrik Aarberg, 
Art. 18, Abs. 2. 

J. Verwandtschaftliche und geschäftliche Rück- 
sichten. Schweizerische Kreditanstalt Zürich, »Ver- 
wandte in auf- und absteigender Linie und Brüder, 
sowie Anteilhaber einer und derselben Firma können 
nicht nebeneinander im Verwaltungsrat sitzen«. Ebenso 
Schweizer. Bankverein. 

Schweizerische Unfall -Versicherungs A.-G., Winter- 
thur; § 21: »Ausgeschlossen von der Wahl zu Mit- 
gliedern des Aufsichtsrates sind Vertreter anderer, die- 
selben Branchen betreibenden Versicherungsanstalten 
und die eigenen Beamten und Agenten. Ebenso können 
nicht nebeneinander dem Aufsichtsrate oder dem Ver- 
waltungfskomitee anofehören Verwandte in auf- und 
absteigender Linie, Brüder oder Teilhaber an der 
gleichen Firma«. 

Helvetia, Schweizerische Unfall- und Haftpflicht- 
Versicherungsanstalt, Zürich, § 34,1 »Mitglieder, die 
einen haftpflichtigen Betrieb führen sind nur dann in 
den Verwaltungsrat wählbar, wenn sie bei der Anstalt 
kollektiv versichert sind«. 

Was die Bestimmungen über den Nepotismus 
anbetrifft, so schlägt Stier-Somlo^^) vor, daß derselbe 
auf gesetzlichem Wege ausgeschlossen werden soll. 
Wir dürfen derartigen Bestimmungen keine allzugroße 
Bedeutung beimessen, da sie doch sehr leicht umgangen 
werden können. Gute Freunde können als Ersatz heran- 
gezogen werden und leisten vielleicht noch besser die 
gewünschten Dienste, als nahe Verwandte. Unseres Er- 
achtens genügt es vollständig^ ^*'), den Ausschluß des 
Nepotismus statutarisch festzulegen. 

Endlich möchten wir noch einen Vorschlag^**) er- 
wähnen, welcher an die Wahl zum Aufsichtsratsmitglied 
die Voraussetzung geknüpft wissen möchte, daß die in 



I 






43 



•*sä- 



Betracht kommende Person auch für das Amt befähirtist 
Daß ein aus lauter qualifizierten Personen bestehender 
Aufsichtsrat ideal sein würde, wird jedermann einsehen, 
u, "^"Ptschwierigkeit zur Durchführung dieses Vor- 
schlages bestände aber darin, auf welche Weise der 
Beweis für die Qualifikation erbracht werden sollte, und 
müA '" A"fo':derungen an eine solche gestellt werden 
mußten. W,e diese Fragen praktisch gelöst werden 
konnten, scheint uns nicht klar zu sein. Eine gesetzliche 
l^estlegung vväre unbegründet und eine statutarische 
praktisch nicht durchführbar. 



VI. Die Amtsdauer. 



Das Obligationenrecht bestimmt in Art 649 3 O -R 
folgendes über die Amtsdauer; »Die Mitglieder der 
Verwaltung werden auf höchstens sechs Jahre gewählt 
und sind, wenn die Statuten nicht etwas anderes be- 
stimmen, wieder wählbar«. 

Das Gesetz normiert in diesen Auslassungen eine 
Hochstzahl von zusammenhängenden Dienstjahren für 
das Verwaltungsmitglied und verweist zugleich auf die 
Statuten, in denen eine Regelung innefhalb der an- 
gegebenen Grenze möglich ist. Davon machen auch 
nun die meisten Statuten Gebrauch, obwohl es unter 
anderm auch solche gibt, die gar nichts über die 
Amtsdauer erwähnen. 

folgende Beispiel zeigen, das fast alle die Punkte 
welche in diesen und jenen Statuten nur vereinzelt 
aufgeführt sind, vereinigt. 

Qi/'"S" "^^r ^^^^^n^^bereien vormals Stünzi Söhne, 
s, 16: »Der Verwaltungsrat besteht aus 3-5 Mit^lieden^ 
und wird von der Generalversammlung auf eine Amts- 
dauer von drei Jahren gewählt. 



Unter einem Jahr ist die Zeitdauer von einer ordent- 
lichen Generalversammlung bis zum Schluß der nächsten 
ordentlichen Generalversammlung zu verstehen. 

Alljährlich fallen so viele Mitglieder in Erneuerung, 
daß in drei Jahren alle Mitglieder in möglichst gleich- 
mäßiger Verteilung der Erneu erungsw^ahl unterworfen 
sind. Der Turnus, in welchem die einzelnen Mitglieder 
austreten, wird das erste Mal durch das Los bezeichnet. 
Die Austretenden sind wieder wählbar. 

Freiwilliger Rücktritt ist den Mitgliedern des Ver- 
waltungsrates jederzeit gestattet, doch muß der dies- 
fällige Entschluß drei Monate vor dem Rücktritt dem 
Verwaltungsrat und nötigenfalls der Kontrollstelle zu 
Händen der Generalversammlung angezeigt sein. 

Die Emeuerungs- und Ersatzwahlen erfolgen in 
der ordentlichen Generalversammlung, ist jedoch die 
Zahl der besetzten Stellen im Verwaltungsrat durch 
Tod oder Rücktritt auf weniger als zwei gesunken, so 
muß die Generalversammlung zur Wiederbesetzung der 
erledigten Stellen außerordentlich einberufen werden.« 

»Neu gewählte Mitglieder treten in die Amtsdauer 
der Ausgeschiedenen ein.« 

Die Anzahl der Jahre, auf welche die Verwaltungs- 
mitglieder gewählt werden, ist bei den einzelnen Cie- 
sellschaften sehr verschieden. Im allgemeinen können 
wir sagen, daß die Amtsperiode sich meist entweder 
auf drei oder vier Jahre erstreckt. Es mag in diesem 
Falle sehr angebracht sein, ausdrücklich festzulegen, 
was unter einem Jahr zu verstehen ist, da das Geschäfts- 
jahr der Gesellschaft, Kalenderjahr oder aber der Zeit- 
raum von einer ordentlichen Generalversammlung bis 
zum Schlüsse der andern zeidich meist verschieden 
sind, bezw. verschieden sein können. Daß hier Miß- 
verständnisse leicht möglich sind, beweist die Bemerkung 
in § 18 der Statuten der Kraft- und Übe rtragungs werke 
Rheinfelden, die folgendermaßen lautet: »Die Ver- 
waltungsratsmitglieder bleiben jedesmal bis zum Amts- 
antritt ihrer Nachfolger im Amte«. 



i 



m 



44 



45 



Um zu verhindern, daß die Kontinuität in der 
Verwaltung unter einer momentanen Stimmung in der 
Generalversammlung zum Nachteil des Unternehmens 
gestört werde, schließen die Statuten häufig eine Total- 
erneuerung aus und lassen nur eine Partialemeuerunc. 
zu, die natürlich vor dem Ablauf der ordentiichen 
Amtsdauer beginnen muß, damit die gesetzlichen Be- 
stimmungen nicht überschritten werden. Diese Praxis 
'•^^r i-^fl^'^^"' '^^ '^^^"■■^'^ ^i"e größere Stetigkeit 

ZtZ k"^ '^^' ^"" Verwaltungsrat obliegenden 

rnichten verbürgt ist. 

Es sind nur wenige Statuten, die eine Gesamt- 
erneuerung des Verwaltungsrates bestimmen, so z B 
die 1 onwarenfabrik Embrach A.-G. 

Der Austritt vor Ablauf der Amtsperiode aus dem 
Verwaltungsrat kann freiwillig oder unfreiwillig sein 
Die meisten Statuten gewähren das freiwillige Rück- 
tnttsrecht^ knüpfen aber daran meist die Bedingung 
daß die Kündigung drei Monate vor Niederlegung des 
Amtes zu erfolgen hat. '' ^ 

Der unfreiwillige Austritt kann stattfinden durch Tod 

m7^;^^^o""^, '^"^"' der Generalversammlung 
(Art. 64/ O.-R.) oder auch dann, wenn die Wahl eines 
Mitgliedes an emen bestimmten Wohnsitz oder an andere 
Bedingungen gebunden war und darin eine Änderun<r 
eintrat. Durch die Veränderung des Wohnsitzes eines 
Mitgliedes wird aber gegebenenfalls nicht nur das Aus- 
scheiden desselben aus dem Verwaltungsrat nötie 
sondern auch eine Ersatzwahl, da der Wegzug die 
statutengemäße Zusammensetzung berührt. Bestimmen 
aber z. B. die Statuten, daß je ein Mitglied des Ver- 
waltungsrates in Zürich und in Bern wohnen muß und 
tauschen die an den genannten Plätzen seßhaften Ver- 
waltungsratsmitglieder ihren Wohnsitz gegenseitig so 
ist wieder der Austritt noch eine Ersatzwahl erforderlich 
Eine Ersatzwahl wird vorgenommen, nachdem 
eine außerordentliche Generalversammlung einberufen 
worden ist, oder indem man mit einer solchen bis zur 



kommenden ordentlichen Generalversammlung wartet. 
In den meisten Fällen ist eine sofortige Ersatzwahl 
dann erforderlich, wenn durch den Austritt die Zahl 
der Mitglieder des Verwaltungsrates unter die in den 
Statuten angegebene Mindestzahl herabsinkt (in obigem 
Beispiel zwei). 

Manchmal kommt es auch vor, daß dem Verwaltungs- 
rat laut Statuten ein Selbstergänzungsrecht zugestanden 
wird, was allerdings gesetzlich unzuläßig ist. Die Be- 
stätigung durch die Generalversammlung erfolgt dann 
bei deren nächstem Zusammentritt. Ein Beispiel für 
diese Praxis haben wir bei der Deco A.-G., vormals 
G. Helbling & Co., Zürich, indem i; 17,2 der Statuten 
folgendes bestimmt: «Scheidet ein Mitglied vor Ablauf 
seiner Amtsdauer aus, so steht dem Verwaltungsrat 
das Selbstergänzungsrecht zu. Das neugewählte Mit- 
glied tritt bis zur nächsten Generalversammlung in die 
Amtsdauer des Ausgeschiedenen ein und unterliegt der 
Bestätigung derselben«. 



VII. Die Zusammensetzung des 

Verwaltungsrates. 

Die Zusammensetzung des Verwaltungsrates be- 
trachten wir am besten unter dem Gesichtspunkt der 
Interessen, die man mit der Besetzung einer Verwal- 
tungsratstelle verfolgt. Dementsprechend können wir 
folgende Gruppierung vornehmen: 

1. Reine Kapitalinteressen. 

2. Kapital- und geschäftspolitische Interessen. 

3. Geschäftspolitische-, Verwaltungs- und Geschäfts- 
führungsinteressen . 

Während bei der Vertretung der unter Punkt 1 
und 2 angeführten Interessen die Person weniger 
ausschlaggebend ist, als die hinter derselben stehenden 



46 



47 



objektiven Interessen, tritt in Punkt 3 die Personen- 
frage mehr in den Vordergrund und ist in den meisten 
Fallen auch für die Wahl bestimmend. Die unter Punkt 
3 angeführten Interessen bilden zugleich die Parallele 
für die verschiedenen Funktionen des Verwaltungsrates 
welche wir später zu betrachten haben. 

1 . Verschiedene Gruppierungen seitens anderer 

Autoren. 

Bevor wir der Ausführung unserer Gruppierung 
naher treten, möchten wir noch auf zwei andere hin 
weisen, von welchen die eine von Passow, die andere 
von Eulenburg aufgestellt worden ist. Auch diese legen 
Ihrer Emteilung die Motive zu Grunde, welche zu einer 
Vertretung im Verwaltungsrat berechtigen. 

Passow^s) gruppiert folgendermaßen: 

1. Großaktionäre. 

2. Vertreter eines Bankhauses. 
Vertreter infolge von Interessengemeinschaften 
Vertreter von Kleinaktionärgruppen. 
Sachverständige. 
Frühere Direktoren. 
Dekorative Personen. 

8. Personen mit wertvollen Beziehungen 

9. Sinekuren. 

10. Vertreter des Staates. 

Diese Art der Zusammenstellung, die auf Darstellung 
der Einzelmotive ausgeht, leidet an Unvollständiakeit 
insofern, als ,m Einzelfall oft nicht nur der oder fener 
Grund entscheidend war, sondern beide, oder mehrere 
zusammen, wodurch die einzelnen Gruppen in ein 
falsches Licht gerückt werden. Noch mehr ist dies zu 
sagen von der Gruppierung, wie Eulenburg^S) sie vor- 
nimmt nämlich nach Berufen. Diese faßt er in sechs 
rtauptkategorien zusammen : 



4. 
5. 
6. 

7. 



1. Bankiers. 

2. Fabrikanten. 

3. Kaufleute. 

4. Rentner. 

5. Beamte. 

6. Liberale Berufe. 

Eulenburg weist selbst auf die Mängel seiner 
Zusammenstellung hin. (Es sind nur die Aktiengesell- 
schaften der Berliner Börse herano^ezoe^en — ein g^roßer 
Teil der Aktien wird überhaupt nicht an der Börse 
notiert - Kombination von Berufen). Ganz abgesehen 
von der Richtigkeit dieser Erkenntnis muß noch erwähnt 
werden, daß in sehr vielen Fällen der Beruf in keiner 
Weise für die Begründung eines Verwaltungsratssitzes 
ein Anhaltspunkt sein kann. Hierdurch wird aber die 
Zweckmäßigkeit dieser Gruppierung in Frage gestellt. 

2. Die Gruppierung dts Verfassers. 

a> Reine Kapitalinteressen. 

Wenden wir uns nun der näheren Ausführune: unserer 
Gruppierung zu, und betrachten zunächst die durch 
reine Kapitalinteressen entstandene Gruppe im Ver- 
waltungsrat, so ist festzustellen, daß wir es hier mit 
Personen zu tun haben, die infolge ihres Aktienbesitzes 
gewählt wurden. Es liegt sehr nahe, daß eine große 
Kapitalbeteiligung an einem Unternehmen auch einen 
Einfluß auf dasselbe rechtfertigt. Dieser kann viel 
leichter und intensiver durch eine Vertretung in einem 
elastischeren und mit dem Geschäftsgang der Gesell- 
schaft in näherer Verbindung stehenden Organ, wie 
der Vervvaltungsrat es ist, geltend gemacht werden, 
als in der Generalversammlung, die wohl das oberste 
Organ der Gesellschaft ist, aber schwerfällig arbeitet und 
dem Geschäftsgang femer steht, als der Verwaltungsrat. 
Sowohl private Personen, wie z. B. Bankiers'-*), welche 
die Bankiertätigkeit aufgaben und nunmehr als Verwalter 



48 



49 



M 



m 






ihres allrnählich in Industriepapieren angelegten Ver- 

ZTcJaTr"' '■' 'r^ Gesellschaften. kSnnen als 
sog, Großaktionäre m dem Vervvaltungsrat vertreten 
sein. In den meisten Fällen ist der Besitz der Aktien 
uenn nur das Kapitalinteresse in Frage kommt, auf die 

ZeuderGrundungder Aktiengesellschaftzurückzuführen 
Handelt es sich um eine Bargründung, so ist die 
Hoffnung auf Prosperität des Unternehme«; die Triet 

Su'.^rh.r""'- f'^'T" Kapitalanlage, Diese Ab- 
sicht ) hat meist ein dauerndes Verhältnis der Groß- 
aktionare zu der Gesellschaft zurFolge, Der <rroße Aktien 
besitz vererbt sich von einem Gefchlecht^zum ändert" 
sodaß vvir vor allem in Deutschland gewisse Familien 
finden, die von einer Generation zur andern einen Ver- 
waltungsratssitz in derselben Gesellschaft »vererben« 

Bei IIa lons- oder ApportgrUndungen^^") .sind meist 
F ne XeC« '? Unternehmens die Großaktionäre 
Fme direkte Beteiligung an der Geschäftsführung wird 
nicht mehr gewünscht, so daß man sich mit einem Sitz 
irn Verwaltungsrat begnügt, um auf diese Art auf das 
Schicksal der neuen Gesellschaft einwirken zu können 

In beiden Fällen kann eine Bank als reiner Kapital^ 
Interessent vertreten sein, doch ist zu betonen, daß im 
allgemeinen dieselbenicht daraufausgeht, bezw, auch nich 
darauf ausgehen kann, ihre Kapitalien festzulegen, da ihre 
So iditat und vor allem ihre Liquidität in Gefahr kommen 

konnte. Ls,stderBankvielmehrdarumzutun,vielelaufen 
de Geschäfte zu machen, woran die Bindung von Kapitalien 

Kap tal semen Kreislauf macht, um so vorteilhafter ist es 
iur dieselbe. Deshalb tragen ihre Beteiligungsgeschäfte 
in der Hauptsache geschäftspolitischen Chamkter wo 
rauf wn- weiter unten noch zurückkommen we;den. 
re!n.n jP^^f ;^.'^'^"^ fi"^^" ^ir als Großaktionäre mit 
beidetT •'".""." '''" P'"^"^i--"ng«gesellschaften, 
nicht ?nR /"T i'' '^^' g^eschäftspolitische Interesse 
nicht in Betracht kommt, sondern deren Hauptzweck 
m der Kapitalisierung des investierten Kapitales besteht 



b> Kapital» und gesdiäftspolitisAe Interessen. 

Am häufigsten aber wird ein Sitz im Verwaltungsrat 
erstrebt, um dadurch sowohl kapitalistische als aucli 
geschäftspolitische Interessen verfolgen zu können. Dies 
tritt am deutlichsten in den Beziehungen zwischen Bank 
und Industrie zu Tage. Man kann wohl sagen, daß die 
Vertretung einer Bank im Verwaltungsrat eines in Form 
einer Aktiengesellschaft organisierten Industrieunter- 
nehmens zu den regelmäßigen Erscheinungen gehört. 
Tjies kann darauf zurückzuführen sein, daß Jie ver- 
tretene Bank die regelmäßigen Zahlungs- und Kredit- 
geschäfte der Gesellschaft besorgt, oder aber die 
Emmission ihrer Obligationen, Aktien usw. übernimmt. 
Auf jeden Fall sichert sich die Bank einen Sitz im Ver- 
waltungsrat, wenn die in Frage kommende Gesellschaft 
in hohem Maße Kredit in Anspruch nimmt. Hier ist 
es von größter Wichtigkeit, daß die Bank^') durch eine 
stetige Kontrolle über die gesamte Geschäftsleitung 
und das Geschäftsgebahren orientiert ist. Dies ist auch 
dann nötig, wenn bei der Gründung oder Umwandlung 
eines Unternehmens die Bank die Emission der Aktien 
übernommen hat und ein erheblicher Teil derselben 
in ihrem Besitz verblieben ist. Zu diesen vorwiegend 
kapitalistischen Interessen kommen dann noch die 
geschäftspolitischen. 

Die moderne Entwicklung hat es mit sich ge- 
bracht, daß z. B. in einer Großbank eine Fülle von 
industriellen Interessen zusammengehäuft ist, so daß 
dieselben Persönlichkeiten nicht selten im Verwaltunes- 
rat einander fremder, aber der Branche nach ver- 
wandter Unternehmen sitzen. Der Grund hierfür ist 
darin zu suchen, daß bei großen Finanzinstituten die 
Geschäfte ressortmäßig verteilt sind und daher nur 
ein beschränkter Kreis von Personen als sachkundig 
für die einzelnen Industriezweige gilt. In wiefern 
hierin ein Vorteil liegen kann, mag uns das folgende 
Beispiel zeigen. 






50 



51 



Eine prosperierende Gießerei hat das Bedürfnis,*) 
sich zu vergrößern und sucht zur Finanzierung der 
Neuanlagen eine Bank. In diesem Falle dürfte dies 
ihr nicht schwer fallen, da die Investition eine große 
Rente verspricht, für die Bank also ein sicheres Ge- 
schäft zu machen ist. Es werden nun der Gießerei 
Kreditbedingungen auch seitens einer Bank angeboten, 
die zu ihren Kunden eine Maschinenfabrik, eine Werk- 
zeugfabrik und eine Motorenfabrik zählt und in deren 
Verwaltungsrat sie vertreten ist. 

In weiser Voraussicht wird sich die Gießerei für 
diese Bank entscheiden, selbst wenn die Bedingungen 
derselben ungünstiger sind, als diejenigen einer andern. 
Sie hofft, daß es der Bank möglich wird, eine Geschäfts- 
verbindung mit den genannten Werken herbeizuführen, 
um für die steio-ende Produktionsmöoflichkeit wieder 
sicheren Absatz zu haben. Das wäre ein Vorteil so- 
wohl für die Bank, als auch für die Gießerei. 

Anderseits ist es aber auch sehr gut möglich, daß 
die neuen Kunden der Gießerei zum Verhängnis werden 
können, insofern, als dieselben Konkurrenten ihrer 
alten Kunden sind. Dadurch wird die Gießerei vielleicht 
bald vor die Tatsache gestellt, diesen oder jenen Ab- 
nehmer verlieren zu müssen. Je nach Lage der Ver- 
hältnisse kann die Gießerei als Lieferant für die andern 
Betriebe von Vorteil sein, oder auch nicht. Sind die- 
selben finanziell nicht zu sehr abhängig von der Bank, 
so werden sie sich die freie Entschließune über die 
Geschäftsverbindung vorbehalten; ist dies aber nicht 
der F'all, so dienen sie mehr oder weniger als Sanierungs- 
objekt, wobei die Bank in erster Linie die Wahrung 
ihrer eignen Interessen im Auge hat. 

Es soll nicht verkannt werden, wie segensreich 
die Vertretunor einer Bank im Verwaltunesrat einer 
Industriegesellschaft sein kann, wenn dieselbe nur die 
Rolle eines finanztechnischen Beraters oder Vermittlers 



*) Vgl. auch Siegfried Herzog, Industrielle Verwaltungs- 
technik, S. 31 ff. 



übernimmt. Sobald aber die Finanzpolitik nicht nach 
den Bedürfnissen der Gesellschaft sich richtet, sondern 
nur unter dem Gesichtswinkel der Bedürfnisse der Bank 
betrieben wird, kann dieselbe zum größten Schaden 
der Gesellschaft werden. Diese Gefahr besteht vor 
allem dann, wenn der Bankvertreter Präsident des 
Verwaltungsrates ist und als solcher ^weitgehenden Ein- 
fluß und Machtbefugnisse besitzt. In der Schweiz haben 
wir diese Fälle seltener als in Deutschland. Das folgende 
Beispiel mag uns zeigen, wie egoistisch eine derartige 
Stellung ausgenützt wurde. 

Der Bankier Kari Neuburger^») war Vorsitzender 
des Aufsichtsrates in verschiedenen Gesellschaften. 
Mit Übernahme dieser Stellung wurden dieselben ver- 
anlaßt, ihre alte Bankverbindung zu brechen und die 
Bankguthaben auf seine Firma zu übertragen. So hatte 
die Finkenberg-Cement-A.-G. Emigeriohe, in deren 
Aufsichtsrat sich Neuburger noch einige Zeit vor dem 
Zusammenbruch seiner Gesellschaft wählen ließ, ihre 
Bankguthaben auf die Firma Neuburger übertragen 
müssen, mit dem Resultat, daß für einen erheblichen 
Prozentsatz desselben mit einem Verlust zu rechnen war. 
Dieselben Transaktionen bewirkten die Vertreter der 
Bank Albert Schappach & Co. und G. Lilienthal überall 
da, wo sie als Aufsichtsratsvorsitzende fungierten. 

Mit Recht wurde anläßlich dieser Vorkommnisse 
in der Presse darauf hingewiesen, daß die Gesell- 
schaften einen derart weitgehenden Einflyß seitens der 
Bank verhindern und das Amt eines »Schatullver- 
walters« nicht dem Vertreter derselben überrtagen sollten. 

Am ausgeprägtesten finden wir aber die Verquickung 
von Kapital- und geschäftspolitischen Interessen in der 
verschiedenartigen Anwendung der sog. »Beteiligung«. 
Gleichartige oder verwandte Unternehmungen suchen 
durch gegenseitige Aktienbeteiligung die verschieden- 
sten Zwecke geschäftspolitischer Natur zu erreichen. 
Auf diesem System beruht auch teilweise die Bildung der 
Syndikate, Kartelle und Trusts. Auch das Vorstadium 






il 



S2 



53 



der Fusion, die Interessengemeinschaft, wird meist 
durch Beteiliorung herbeigeführt. Charakteristisch ist 
hierbei, daß der Sitz im Verwaltungsrat ledigh'ch durch 
die Beteihgung erwirkt wird, der Hauptzweck aber in 
der Verfolgung geschäftspolitischer hiteressen besteht. 
Wie schon oben angedeutet, trachtet das Wirt- 
schaftsleben immer mehr darnach, sich zu expandieren, 
zu konzentrieren und zu kombinieren. In diesen Be- 
strebungen bedient es sich insbesondere des Aufsichts- 
rates, .dem dadurch ein typisch geschäftspolitischer 
Stempel aufgedrückt wird. Die in folgendem anzu- 
führenden Beispiele, denen wir besonders in Deutsch, 
land begegnen, mögen dies bestätigen. 

1. Unternehmungen der Veredelungsindustrie be- 
teiligen sich an solchen, die Rohstoffe liefern. So haben 
z. B. Eisenhütten- und Stahlwerke das größte Interesse 
an dem Bezug von guter und billiger1<ohle, weshalb 
wir oft eine Beteiligung ersterer bei Kohlenbergwerks- 
Aktiengesellschaften finden. Nicht vorteilhafte Investition 
von Kapital in der Bergwerksgesellschaft ist der Zweck 
dieser Transaktion, sondern günstiger Bezug von Kohle. 

2. Unternehmungen^^ö), die gewisse Spezialartikel 
fabrizieren suchen eine Beteiligung bei Fabriken von 
Fertigfabrikaten, z. B Lohngießereien bei Maschinen- 
fabriken. Die Absicht ist die, für die Produktion einen 
sicheren Absatz zu haben. Für die Verarbeiter spezieller 
Halbfabrikate ist dies von größter Bedeutung, da die- 
selben meist sehr leistungsfähig sind und im' offenen 
Markt vielleicht nur beschränkten Absatz fänden. 

3. Unternehmungen, welche ihre Fabrikate ex- 
portieren, suchen sich gerne bei den großen Export- 
firmen zu beteiligen, um neue Absatzgebiete für ihre 
Waren zu gewinnen. 

4. Gleichartige Fabriken beteiligen sich gegenseitig, 
um den kraßen Konkurrenzkampf zu beseitigen, sei es' 
daß man gewisse Preise vereinbart oder eine Teilung 
der Absatzgebiete vornimmt. 



5. Viele Unternehmunsren bezwecken mit der Be- 
teiliirunof *die Erränzungf ihrer Produktion. Diese Trans- 
aktion erfordert zugleich eine Einsicht in die Fabrikation, 
weshalb hierfür die Form einer Interessengemeinschaft 
gewählt wird, die, wie schon erwähnt, das Vorstadium 
zu einer F'usion bildet. Hierzu ein Beispiel, das wir 
näher betrachten möchten, da auch eine schweizerische 
Unternehmuncr hierbei in Fragfe kommt. 

Die Elektrizitätsgesellschaft vorm. Lahmeyer & Co. 
in Frankfurt a. M. und Felten-Guilleaume-Karlswerk 
A.-G. verbinden sich. Das Karlswerk in Mühlheim 
fabrizierte hauptsächlich elektrische Kabel und mußte, 
da elektrische Anlachen meist als Ganzes versieben 
werden, die Verbindung mit einer Fabrik herbeiführen, 
die elektrische Maschinen und Anlaq^en liefert. Für 
Lahmeyer konnte der Anschluß an ein Werk, das 
Kabel und sonsdo;e Bedarfsartikel für Installationen 
herstellt, vorteilhaft sein. Felten-Guilleaume erhöhte 
das Aktienkapital von 36 Millionen Mark auf 52 Millionen 
Mark und eab so der neuen Interessencremeinschaft 
die finanzielle Unterlage. Die günstigen Resultate 
bewirkten eine ErVveiterung des Geschäftskreises, so 
dass dieser Konzern die alte Firma Escher- Wyß & Co. 
übernahm. Bekanntlich ist die genannte Firma welt- 
berühmt durch den Bau von Dampfturbinen. Das von 
ihr angewandte System Zölly ist nur auf 17 Jahre 
einem deutschen »vSyndikat zur Verwertung des Zölly- 
Patentes« zur Ausbeutung übertragen worden. An der 
Spitze des Syndikates stehen die Siemens-Schuckert- 
Werke, der Norddeutsche Lloyd und Friedrich Krupp. 
Da die Lahmeyer- Werke den größten Teil des Aktien- 
kapitales von Escher Wyß & Co. im Besitz haben, die 
Verwertung des Zölly-Patentes aber einen Hauptbestand- 
teil in der Fabrikation von Escher- Wyß & Co. bildet, 
wird die Folge wohl eine Verständigung der beiden 
Konzerne sein. Im Jahre 1910^^) wurden denn auch die 
Felten-Guilleaume-Lahmeyer-Werke der Allgememen 
Elektnzitätsgesellschaft Berlin angegliedert. AH diese 



:^ 



54 



55 



?f 



Verbindungen und Verständigungen finden ihren Ab- 
schluß in der Einräumung einer Vervvaltungsratsstelle. 
Dies mag an der Hand der obigen Werke nachge- 
wiesen werden. 

Der Generaldirektor von Felten-Guilleaume-Karls- 
werk A.-G. ist der Präsident des Verwaltungsrates von 
Escher-Wyß & Co., Zürich und Mitglied des Aufsichts- 
rates^») der »A.E.-G.« in Berlin. Andererseits ist ein 
Direktor der A. E.-G. im Aufsichtsrat des Felten- 
Guilleaume-Karlswerkes A.-G. 

Die A. E.G. Berlin^^^ ist ferner stark beteiligt an 
der Bank für elektrische Unternehmungen (Elektrobank) 
in Zürich. Nachdem sie dieser Bank 1900/01 die Elektro- 
chemischen Werke Bitterfeld und Rheinfelden für zu- 
sammen 7 Millionen Mark abgetreten hatte, besaß sie 
3,179,700 Fr. Aktien der ersteren. Im Jahre 1910 
gingen Aktien der Lahmeyer- Werke durch Umtausch 
im Betrage von 2,172,000 Mark in den Besitz der Bank 
lür elektrische Unternehmungen in Zürich über. Auch 
diese gegenseitigen Beteiligungen kennzeichnen sich 
äußerlich durch die gegenseitige Vertretung im Ver- 
waltungsrat. So sind Mitglieder des Verwaltungsrates 
der Bank für elektrische Unternehmungen im Auf- 
sichtsrat der Lahmeyer- Werke vertreten. Andererseits 
ist ein Mitglied des Direktoriums der A. E.-G. Dele- 
gierter des Verwaltungsrates der Bank für elektrische 
Untemehmuneen. 

Wenn bei Interessengemeinschaften die Beteiligung 
meist über die Hälfte des Aktienkapitales beträgt, so 
geht dieselbe noch weiter bei den sog. Tochtergesell- 
schaften, deren Gründung sich vor allem in der elektro- 
technischen Branche und in ihr nahestehenden Gebieten 
eingebürgert hat. Ein Beispiel hierfür bietet uns die 
Firma Brown, Boveri & Co., Baden, Schweiz,^^) welche 
zur Erweiterung ihres Arbeitsfeldes an verschiedenen 
in- und ausländischen Plätzen Fabrikuntemehmen 
schuf, an welchen sie durch Aktienbesitz finanziell be- 
teiligt ist und die wir nachstehend verzeichnet finden. 



Übersicht über die Beteiligungen von Brown, Boveri & Co. 
während der Interessengemeinschaft mit der A. E.-G. in den 

Jahren 1904— 1909. 
(Entnommen aus: Siegmund Levi, »Der Geschäftskreis der 
schweizerischen Großaktienbanken, mit besonderer Berück- 
sichtigung der Geschäftsbeziehungen zu Industrie- und Eisen- 
bahnunternehmungen«. Zürcher Diss., S. 43.) 



im fintEllcreiSHif uHTeninmuUGEi 



difowiy.ßpvriPiAC« U., LoHpim 

' CHifiSTTinHin 

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}\H^t^o^$oitern imu^tio reu hne%e fLfffficiic , f^lUfHC 
'etECTI?IClTftT5«EI?K 0LTfeAl-/!lÄ8i;<r4 

^SociETk ^LBTTPlCH D, BeHEfFHTo 





SiiU3Eit\tm fiÄnriüfArsaseascunFr 



56 



57 



Das Wichtigste unter denselben ist die A.-G Brown 
Boveri & Co. in Mannheim, deren Aktienbesitz sich 
ganz im Besitz der Firma in Baden befindet. Der 
uT . r Ve^waltungsrates des Mutterhauses ist 
auch der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Gesell- 
Schaft in Mannheim. 

Den Schlußstein bilden dann noch so^. »reine 
Beteiliguno-sgesellschaften«. Hierfür haben wir zwei 
typische Beispiele in der Schweiz in den Sulzer- Unter- 
nehmungen A.-G. in Schaffhausen und in der Bank 
für elektrische Unternehmungen, Zürich. Nach dem 
Hnanzjahrbuch^^) der Schweiz besteht der Zweck der 
Sulzer-Unternehmungen in der Gründung, Übernahme 
1 achtung, Finanzierung von Unternehmungen der Ma- 
schmen- und Heizungs-Industrie und damit im Zu- 
sammenhang stehenden Industrien im In- und Auslande 
und Beteiligung an solchen. Die Gesellschaft besitzt 
das Aktienkapital der Gebrüder Sulzer A -G in 
Winterthur (12 Millionen Fr.), der Gebrüder' Sulzer 
in Ludwigshafen (4 Millionen Mark) und ist beteili<n 
bei der »Sulzer- Zentralheizungen« G. m b H Tn 
Mannheim, sowie bei den Verkaufsstellen* dieser 
Unternehmungen. Der Präsident des Verwaltuno-s- 
rates der Sulzerunternehmungen in Schaffhausen Ist 
Vizepräsident im Verwaltungsrat der Gebrüder Sulzer 
A.-G VVinterthur. Umgekehrt ist der Präsident der 
Gesellschaft m Winterthur Vizepräsident der Gesell- 
schaft in Schaffhausen. 

Je mehr das schweizerische Wirtschaftsleben in 
das hntwicklungsstadium des deutschen tritt um so 
mehr wird der in der heutigen Organisationsform 
bestehende Verwaltungsrat, der bis jetzt noch vor- 
wiegend Verwaltungs- und Geschäftsführungsinteressen 
in sich vereinigt, auch zu einem geschäftspolitischen 
Organ werden. Ansätze hierfür finden wir überall 
so daß deren Entwicklung nur eine Frajre der 
Zeit ist. ^ 



58 



c> Geschäftspolitisdie^^, Verwaltungs*^ und 
Gesdiäftsführungsinteressen. 

Betrachten wir nun noch die Gruppe, welche ge- 
schäftspolitische-, Verwaltungs- und Geschäftsführungs- 
interessen in einem gewissen Gleichmaß in sich vereinigt 
und deren Zusammensetzung mit den unter der Gruppe 1 
genannten Interessen, mit den gegenwärtigen schw^eizer- 
ischen Verhältnissen am besten übereinstimmt. 

Zur Wahrnehmung*) genannter Interessen finden 
wir zunächst Leute, die auf kaufmännischem, tech- 
nischem oder wissenschaftlichem Gebiet eine hervor- 
ragende Rolle spielen. Ihre Persönlichkeit, ihre Kennt- 
nisse und auch ihre guten Verbindungen gaben den 
Anreiz zur Wahl. Wir erinnern nur z. B. an Groß- 
industrielle in Deutschland wie Thyssen, Stinnes, Isidor 
Löwe usw., die in den verschiedensten Unternehmungen 
als Aufsichtsratsmitglieder fungieren, ohne ein finanzielles 
oder geschäftspolitisches Interesse zu verfolgen. In den 
meisten Fällen werden solche mit ^Fachkenntnissen aus- 
gerüstete Personen mit besonderen Aufgaben betraut. 

Sehr häufig finden wir in gewissen Zw-eigen der 
Industrie im Verwaltungsrat V^ertreter^'*), die eine hohe 
Staatsstellung oder eine bedeutende politische Stellung 
einnehmen. Man sucht dieselben, um eine Geschäfts- 
verbindung mit den Regierungsbehörden leichter be- 
werkstelligen zu können. So z. B suchen Gewehr- 
und Munitionsfabriken in Deutschland höhere Offiziere 
als Aufsichtsratsmitglieder zu gewinnen, die sich in 
diesem Falle aber pensionieren lassen müssen, da sich 
ein solches Amt nicht mit ihrer Staatsstellung verträgt. 
Maschinenfabriken in der Schweiz suchen vielleicht 
einen Nationalrat in den Verwaltungsrat zu gewinnen, 
um von dem Bund Aufträge zu erhalten. 

Bei Neugründung einer Gesellschaft geht man 
sehr gern darauf aus, Leute mit einer hohen sozialen 
Stellung, die sich eines guten Rufes erfreuen, in den 

*) Vgl. auch Siegfried Herzog a. a. O. S. 30. 



50 



Verwaltungsrat zu wählen, um dadurch der neu zu 
gründenden Gesellschaft den Stempel der Solidität 
aufzudrücken. Der Zweck welcher damit erreicht werden 
soll, ist der, daß infolge des durch die Persönlichkeit 
des einzelnen Verwaltungsratsmitgliedes gewährleisteten 
Vertrauens das zur Gründung nötige Kapital gezeichnet 
Avird. So hatten wir doch bei der Gründuno- der 
»Lucema« Anglo Swiss Milk Chocolat, Hochdorf eine 
elf- bis zwölffache Überzeichnung des Aktienkapitales. 
Im ersten Verwaltungsrat sassen durchweg angesehene 
Persönlichkeiten, darunter Vertreter von Behörden. 
Versicherungsgesellschaften jeder Art lieben es 
insbesondere, hervorragende Namen, schöne Titel in 
dem Verwaltungsrat vertreten zu haben, »welche der 
Gesellschaft^«) in den Augen des Publikums Glanz 
verleihen sollen«. Da die Versicherten der Lebens-, 
Unfall- und Feuerversicherungs- Gesellschaften usw.' 
zu einem großen Teil aus kleinbürgerlichen Kreisen 
stammen, so mag diese Dekorationspolitik nicht ohne 
Erfolg sein. Doch wie wir aus obigen Darlegungen 
schließen können, finden wir in sehr vielen Gesell- 
schaften aller Branchen solche dekorative Größen. 
Speziell und ausschließlich Verwaltungs- und Ge- 
schäftsführungsinteressen vertreten die von der Ver- 
waltung hierzu besonders bestimmten Personen, sei es 
daß sie als Delegierte, Ausschußmitglieder, General- 
direktoren, Direktoren oder welch andere Bezeichnungen 
dafür üblich sind, auftreten: Sie besitzen gewöhnlich 
fachmännische Kenntnisse und sind meist Kaufleute 
Techniker, Juristen. ' 

Zum Schlüsse möchten wir noch auf eine Kategorie 
von Verwaltungsratsmitgliedem hinweisen, deren Ver- 
tretung in keinem, die aufgeführten Interessen berühren- 
den Zusammenhang zur Gesellschaft steht. Solche, 
unter dem Schlagwort »Tantiemenjäger« wohlbekanten 
Personen verdanken ihren Sitz meist verwandtschaft- 
lichen oder freundschafdichen Beziehungen zu Ver- 
waltungsratsmitgliedem. 



VIII. 

Die Kumulation von Verwaltungsratsstellen. 
1. Die Gründe für die Kumulierung. 

Wie schon erwähnt, bedingen die vielseitigen Inte- 
ressen unserer privatwirtschaftlichen Unternehmungen 
auch eine Verfolgung und Vertretung derselben, was 
eben durch einen Verwaltungsratssitz geschieht. Nun 
ist aber das Angebot von wirtschaftlich tüchtigen Kräften 
viel geringer, als die Nachfrage nach solchen. Anderer- 
seits sind^ auch die Interessen einer Unternehmung, 
wie z. B. einer Bank, viel weitgehender als die einer 
anderen, z. B. einer Eisengießerei, so daß ein Miß- 
verhältnis entsteht zwischen Angebot und Nachfrage 
gewisser Interessenvertretungen, das sich dann in der 
Personenfrage äußert. Die Folge hiervon ist, daß auf 
Personen gewisser Wirtschaftszweige eine unverhältnis- 
mäßig große Anzahl von Verwaltungsratsstellen kommt, 
beding? durch die in der betreffenden Branche oder 
in der Person vereinigten vielgestaltigsten Interessen. 
Einige Beispiele mögen diese Tatsache illustrieren. 
Der Geheime Kommerzienrat Louis Hagen in Köhi, 
einer der bekanntesten Finanzmänner dieses Platzes, 
hat 5 5 Aufsichtsratstellen^^) inne und marschiert mit dieser 
Zahl an der Spitze. Laut Angaben in der »Zukunft« ^^) 
und der »Bank«^^) bekleideten im Jahre 1908: 



Aufsichtsratsstellen 

16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 



Personen 

10 
8 
2 
4 
2 
3 
2 

3 



Aufsichtsratsstellen Personen 

25 5 

26 1 
28 3 

30 2 

35 1 

42 1 

44 1 



r 



60 



61 



Eulenburg^o^ stellt in einer Untersuchuncr an Hand 

i^' t nn?'r 1^"'^^" "^^^ Direktoren und Aufsichtsräte« 
für 1906 folgendes fest: 

Über 21 Aufsichtsratsstellen haben 18 Personen mit 
zusammen 488 Aufsichtsratsposten. Im Durchschnitt also 
2/ Stellen, 10 und mehr Stellen hatten außerdem noch 
136 Personen inne, die sich zusammen folgender- 
maßen verteilen: 



Bankiers 
P^abrikanten 
Kaufleute . 



91 Rentner . 

' • • • 

28 Öffentlichen Dienst 
12 Liberale Berufe 



6 
9 

7 



Bei diesen Kumulationen überwieoen die Bankiers 
mit e.nen, Anteil von 59 7„. Diese tatsache beweist 
uns die Richtigkeit unserer obigen Behauptung, daß 
m erster Linie die Interessen für die Erlangung eines 
Aufsichtsratssitzes maßgebend sind. Da unter allen 
privaten Unternehmungen wohl die Banken die viel- 
seitigsten Interessen vereinigen, so stellen auch diese 
die meisten Aufsichtsratsmitidieder 

Wodurch wird die Anzahl der Verwaltun.rsratsstellen 
in einem Unternehmen bedingt' In erster Linie durch 
die Interessen, welche in einer Gesellschaft kumuliert 
sein müssen, um ihre Existenz aufrecht zu erhalten 
Erst m zweiter Linie kommt die Größe der Gesell- 
schaft, gemessen an dem Gesellschaftskapital in Erac^e 
VV ir machen diese Unterscheidung zwischen Interessen- 
kumulation und Aktienkapital deshalb, weil z B die 
Erhöhung des Aktienkapitales nicht notwendioerweise 
auch eine Erweiterung von Interessen im Verfall un-s- 
rat in sich schließt. Wohl ist dies sehr oft der l'all 
aber es darf keine Regel daraus abgeleitet werden' 
Es ist deshalb richtig, wenn Passow^') sao-t claß die 
Aufsichtsratsstellen nicht annähernd gleichmäßio- mit der 
Hohe des Kapitales zunehmen, so daß wir im Verhältnis 
zum Kapital bei den kleineren Gesellschaften durch- 
schnittlich mehr Aufsichtsratsstellen haben, als bei den 
großen Gesellschaften. Das Aktienkapital allein ist 



insofern auch für die Zahl der Verwaltungsratsstellen 
mit entscheident, als dasselbe den Maßstab für den 
Gewinn bildet, aus dem die Vergütungen der Ver- 
waltungsräte bestritten werden. 

Das Obligationenrecht setzt eine Mindestzahl von 
Mitgliedern für die Verwaltung nicht fest. Dagegen 
verlangt das deutsche H. G. B. in § 243,1 daß der Auf- 
sichtsrat aus mindestens drei Mitofliedem bestehen muß. 
Die Grenze nach oben ist gesetzlich weder in der 
Schweiz noch in Deutschland festgelegt. 



2. Die Kritik der Kumulierung. 

Die Kumulierung von Verwaltungsratsstellen hat in 
Literatur und Presse schon vielfach Anlaß zu Erörter- 
ungen gegeben, indem derselben meist unlautere Motive 
untergeschoben werden. So sagt Wermert**): »Ein 
Aufsichtsratsmitglied, welches sich bestrebt, seine 
Tätigkeit fortgesetzt über weitere Aktiengesellschaften 
auszudehnen, kann hierzu nur durch seinen Tantiemen- 
hunger angetrieben werden.« An anderer Stelle 
spricht er von einem »Ring«*^) der die Aufsichtsrats- 
stellen als »fette Pfründen« unter sich verteile, von 
einer »Vettermichel Wirtschaft«, durch welche nur An- 
gehörige ein und derselben Familie in den Ver- 
waltungen zahlreicher x^ktiengesellschaften vertreten 
wären. Stier-Somlo'*'*) äußert sich folgendermaßen: 
»Daß sachliche Gründe die Motive der Kumulierung 
abgeben, kommt heutzutage fast nur bei den großen 
Banken vor. Ärgemiserregend, unsozial, den Interessen 
der Aktionäre und der gesamten Volkswirtschaft ab- 
träglich ist aber gerade die häufige Übernahme von 
Aufsichtsratsstellen durch Private aus persönlichen, 
egoistischen Gründen, aus Gewinnsucht, vielfach ohne 
auch nur die x\bsicht selbst nur einen ganz geringen 
leil der Stellen in einer dem Gesetz entsprechenden 
Weise zu versehen.« 



62 



m 



3. Vorsdiläge und deren Kritik. 

Diese Kritik hat zugleich auch viele Vorschläge 
gezeitigt, welche einer allzugroßen Kumulierung ent- 
gegentreten sollen. So verlangt Schanz^^), daß man 
die Zahl von Aufsichtsratsstellen, die eine Person be- 
kleiden darf, gesetzlich auf drei beschränken soll. 
Gemünd-Knödgen'*^) erachtet die Vereinigung von 5 
Stellen als zuläßig. Warschauern^) glaubt dem Übel 
durch das »Prinzip der individuellen Stellenbegrenzung« 
steuern zu können, indem im Gesetz bestimmt wird, 
wie viel Aufsichtsratsstellen jemand höchstens einnehmen 
darf. Dabei soll die Höchstzahl möglichst niedrig sein. 
Wir haben in dem Kapitel über die Zusammen- 
setzung des Verwaltungsrates die Gründe für die Be- 
setzung desselben dargelegt und auch erwähnt, daß 
darin Leute sitzen, die ihre Stellung dem Nepotismus 
oder Protektionismus verdanken, ohne der Gesellschaft 
irgend einen Dienst zu leisten. Für diese ist zweifellos 
der Ausdruck »Tantiemenjäger« richtig. Daß aber solche 
Personen in der Zusammensetzung eines Verwaltungs- 
rates eine überragende Stellung einnehmen, welche obige 
Reformvorschläge rechtfertigen könnte, scheint unseres 
Erachtens nicht der Fall zu sein. Eine Vorschrift, die der 
individuellen Leistungsfähigkeit Schranken ziehen will, 
ist ganz zu verwerfen. Die persönliche*^), körperiiche^ 
oder geistige Fähigkeit des Einzelnen, sein Fleiß, seine 
Kenntnisse, seine praktische Erfahrung, seine Muße 
kommen hier wesentlich in Betracht. Je nach der Auf- 
gabe, vyelche dem einzelnen Verwaltungsratsmitglied 
zufällt, ist in vielen Fällen ohne weiteres eine Häufung 
von Verwaltungsratstellen möglich, ohne die veriangten 
Pflichten zu vernachläßigen. Wir denken hier vor allem 
an die Vertretung reiner geschäftspolitischer Interessen. 
Die Pflichten der speziellen Verwaltung und Geschäfts- 
führung ziehen von selbst die Schranken für die Mög- 
lichkeit der Erfüllung anderer Aufgaben. Es liegt im 
eigensten Interesse der einzelnen Gesellschaft die 



64 



»Nullen« aus der Verwaltungsratsliste zu streichen. In 
der Aktiengesellsehaft muß die gesunde Kraft liegen, 
um Parasiten nicht aufkommen zu lassen, oder, wenn 
solche vorhanden sind, sie zu entfernen. 

Wie die meisten Anfeindungen gegen den deutschen 
Aufsichtsrat im allgemeinen, so sind auch diejenigen, 
welche sich gegen die Kumulierung richten, darauf 
zurückzuführen, daß derselbe seinen Kontrollpflichten 
nicht nachkommt, deren Ausübung man von jedem 
Aufsichtsratsmitglied erwartet. Stellte man diese An- 
forderungen in praxi an den Aufsichtsrat, dann wäre es 
allerdings ausgeschlossen, dass jemand 55 Aufsichtsrats- 
stellen bekleiden kann. Man läßt im Urteil ganz außer 
Betracht, daß in der Kontrollforderung das Gesetz der 
Praxis nicht Rechnung getragen hat, sonst hätte es die- 
selbe nicht einem Organ aufgebürdet, dessen Bedeutung 
in seiner Verwaltungs- und geschäftspolitischen Tätigkeit 
liegt. Mit dieser ist die Kontrolle unmöglich in dem 
Maße zu verbinden, wie der Gesetzgeber sie verlangt. 

Eine Festlegung der Zahl von Verwaltungsratsstellen, 
die eine Person innehaben kann, istauch wegen der mannig- 
faltigen Verschiedenheit der einzelnen Gesellschaften gar 
nicht denkbar. ^^) Zwischen berechtigter und übermäßiger 
Anhäufung wird man schwer die Grenze ziehen können. 

Wir glauben die Gründe für die Kumulation ge- 
nügend dargelegt zu haben, so daß ein gesetzlicher 
Eingriff in dieser Beziehung unseres Erachtens un- 
praktisch und unnatürlich erscheint. 

IX. Die Funktionen des Verwaltungsrates. 

1 . Die statutarische Festlegung der Funktionen* 

Die Funktionen des Verwaltungsrates sind teils im 
Gesetz, teils in den Statuten, teils in den Geschäfts- 
ordnungen der einzelnen Gesellschaften festgelegt. Nur 
die beiden ersteren können uns als Quellen dienen, 
da die Geschäftsordnungen Außenstehenden nicht 



65 



zugänglich sind. In sehr vielen Fällen bieten uns auch 
die Statuten nicht viel Material. Eine größere Anzahl 
derselben enthält oft nur ganz kurze Auslassungen über 
die Funktionen, wie z.B. die Statuten der Schweizer- 
ischen Bindfadenfabrik Flurlingen in § 23: »Der Ver- 
waltungsrat hat über alle nicht ausschließlich der 
Generalversammlung vorbehaltenen Gesellschaftsange- 
legenheiten selbständig Beschlüsse zu fassen, und seine 
Beschlüsse, sowie diejenigen der Generalversammlung 
zur Ausführung zu bringen«. 

Diese Tatsache veranlaßt uns, mit einigen Worten 
auf die Bedeutung eines sorgfältigen Ausbaues der 
Statuten hinzuweisen. Wir glauben in den Statuten 
einer Aktiengesellschaft eine Organisationsbasis erblicken 
zu dürfen, deren Grundpfeiler uns die Eigenart des 
Unternehmens erkennen lassen müssen. Daher ist es 
nötior, daß die Statuten nicht nur, wie dies häufle geschieht, 
die Ororane der Aktienoresellschaft und deren Aufeaben 
im Rahmen des Gesetzes aufzählen, sondern daß die- 
selben ein detailliertes Arbeitsverteilungssystem der 
Verwaltungsorgane wiedergeben. Mit der genauen 
Kompetenzausscheidung für die einzelnen Organe wird 
noch lanoe nicht das Geschäftsofeheimnis verraten. Wir 
wollen nicht verkennen, daß eine richtige Organisation 
iür sehr viele Unternehmungen eine Stärke und einen 
Vorteil bedeuten, gegenüber anderen derselben Art. 
Allein die internsten Verrichtungen sollen ja auch nicht 
ihren Niederschlao; in den Statuten finden. Die Anlage 
derselben ist im allgemeinen noch viel zu schematisch, 
was wohl auf das Kopiersystem zurückzuführen ist, das 
bei der Aufstellung- derselben noch viel zu häufio- an- 
gewendet wird. Die Statuten müssen im oroßen und 
oanzen ein einheitliches Bild darstellen von der gesamten 
Tätigkeit, für welche die gesetzlichen Organe der 
Aktiengesellschaft verantwortlich sind. Wie gewisse 
Funktionen im einzelnen auszuüben sind, das kann 
einer internen Regelung überlassen werden. Man müßte 
vom hihalt der Statuten den Eindruck eines sorgfältigen 



66 



Geschäftsgebahrens bekommen, was bis jetzt durch- 
aus nicht der Fall ist. Wir wollen an dieser Stelle 
nicht unterlassen noch festzustellen, daß gerade eine 
Anzahl sehr gut prosperierender Unternehmungen große 
Sorgfalt auf den Ausbau ihrer Statuten gelegt haben 
Dies beweist, daß die gute Entwicklung des Unter- 
nehmens dadurch nicht beeinträchtigt wird. Vielleicht 
wäre es gut, soweit zu gehen und zu bestimmen, daß 
die Eintragung einer Gesellschaft von einem in lanserem 
Sinn angedeuteten Ausbau der Statuten abhätiorior pre- 
macht wird. Diese Forderung würde dann noch da- 
durch gerechtfertigt, daß die Aktiengesellschaft auch 
einen gewissen öffentlichen Charakter hat, was eine 
bestimmte öffentliche Kontrolle erheischt. Je breiter 
die Anlage der Statuten ist, um so eher wird es Außen- 
stehenden möglich, sich ein Urteil über die Organisation 
einer Gesellschaft zu bilden. 

Entsprechend der Natur der Funktionen des Ver- 
waltungsrates machen wir folgende Einteilung: Ver- 
waltende, geschäftsführende und geschäftspolitische 
Funktionen. Die gesetzliche Vertretung kann sowohl 
eine Funktion verwaltender wie auch geschäftsführender 
Natur sein. 

Diese Einteilung deckt sich mit den auf S. 47 unter 
Punkt 3 der Zusammensetzung des Verwaltungsrates 
angeführten Interessen, welche durch ganz bestimmte 
und dazu befähigte Personen verfolgt werden sollen. 



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2. Begriffsbestimmung von »verwaltender« und 

»geschäftsführender« Tätigkeit des 

Verwaltungsrates. 

Bevor wir auf die Funktionen des Verwaltungs- 
rates im einzelnen eingehen, wollen wir im allgemeinen 
festlegen, was nach unserer Auffassung unter dessen 
»verwaltender« und oreschäftsführender« Täti^^keit zu 
verstehen ist. 



67 



5 



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»Die verwaltende Tätigkeit« des Vervvaltungsrates 
besteht in der Ausübung solcher Pflichten, welche den 
rechtmäßigen Bestand der Aktiengesellschaft garantieren. 
Außerdem schließt dieselbe allgemein leitende und 
beschlußfassende Tätiorkeit in sich. 

»Die geschäftsführende Tätigkeit« des Verwaltungs- 
rates besteht in Überwachuno- und Leitune der Aus- 
führung von Geschäften, welche mittelbar oder unmittel- 
bar die Erhaltung des Gesellschaftsvermöo ens bezwecken 
und deren Durchführung teils der Beschlußfassung der 
Verwaltung (verwaltende Tätigkeit des Verwaltungsrates) 
zuc^runde lieet. 

Wir sehen daraus, daß beide Begriffe sich eng be- 
rühren und sogar ineinandergreifen, daß Charakteristika 
der einen Tätigkeit auch in der anderen enthalten 
sind, so daß eine scharfe Trennung nicht vorgenommen 
werden kann. So ist es z. B. möglich, daß die Aus- 
führung einer Gesetzesbestimmung sowohl eine ver- 
waltende, als auch gleichzeitig eine geschäftsführende 
Funktion ist. Andererseits kann die, im allgemeinen 
einen Verwaltungsakt darstellende Beschlußfassung 
über eine Transaktion, Geschäftsführung sein. Daraus 
schließen wir, daß die Einteilung der Funktionen nur 
unter dem Gesichtspunkt vorgenommen werden kann, 
daß man vorwiegend die einen oder anderen Symptome 
zu gruppieren sucht. 



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3. Die Verwaltungsfunktionen. 

a> Die Verwaltungsfunktionen nach dem Gesetz. 

Das O.-R. fordert von dem Verwaltungsrat die 
Ausübung folgender Verwaltungsakte: 

1 . Die Anmeldung der Gründung der Gesellschaft 
gemäß Art. 621 und 622 O.-R., ein sehr wichtiger 
Akt, da durch denselben die Aktiengesellschaft erst 
zur juristischen Person wird. Nach Art. 622 Abs. 2 
O.-R. muß die Anmelduno- von sämdichen Mitdiedern 



66 



der Verwaltung vor der Registerbehörde unterzeichnet 
oder in beelaubi^ter Form einorereicht werden. In der 
Unterzeichnung der Statuten sieht Dietler^") zugleich 
die Übernahme der Verantwortung für die formelle 
und materielle Richtigkeit derselben. Diese Behauptung 
schließt also eine Prüfung des Gründungsherganges 
in sich, was besonders bei qualifizierten Gründungen 
eine große Rolle spielt. Demnach bestände nach seiner 
Anschauung für den Verwaltungsrat dieselbe Pflicht, 
wie sie das deutsche H.-G.rB. in § 192,1 vom Vor- 
stand und Aufsichtsrat verlangt. Das ist aber leider 
nicht der Fall. Bis jetzt besteht für den Verwaltungs- 
rat von Gesetzes wegen nicht die Pflicht, eine materielle 
Prüfung des Gründungsherganges vorzunehmen (Bach- 
mann^^ zu Art. 661 O.-R.). Man kann ruhig behaupten, 
daß heute eine solche Prüfung in sachlicher Form über- 
haupt nicht stattfindet, was ein großer Fehler ist. Eine 
gesetzliche Regelung wäre hier sehr zu begrüßen und 
zwar derart, daß der Gründungshergang in jedem Fall 
von einer, vom Händelsregister bestellten Sachver- 
ständigenkommission geprüft wird, (Töndury schlägt 
einen andern Weg vor, indem er zur Prüfung den 
Handelsregisterführern geprüfte Bücherexperten zur 
Seite stellen möchte, ohne deren, an das Registerbüro 
gerichtete Gutachten keine Eintragung erfolgen sollte). 
Dadurch würde eine gesunde Unterlage für das Unter- 
nehmen gewährleistet werden. Man mag noch so gut 
organisieren und disponieren; es ist alles zwecklos; 
wenn die Wurzeln wurmstichig sind, können niemals 
gute Früchte erzielt werden. 

2. Die Verwaltung hat zu verhüten, daß die Ge- 
schäfte begonnen werden, bevor die Gesellschaft ein- 
getragen ist (Art. 623,2 O.-R.). 

3. Die Verwaltung hat dafür zu sorgen, daß die 
Aktiengesellschaft keine eigenen Aktien erwirbt, mit 
Ausnahme der in Art. 628 angegebenen Fälle. Wir 
haben hier eine Besdmmung, die sehr wichtig ist; doch 
wird dieselbe gerade durch die Verwaltung in vielen 



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Fällen umgangen. Der Gesetzgeber hatte bei dieser 
Bestimmung wohl die Absicht, Spekulationsmanöver 
seitens der Gesellschaft mit ihren eigenen Aktien zu 
vermeiden. Es ist aber eine bekannte Tatsache, daß eine 
Gesellschaft das größte Interesse z. B. am Aktienkurs 
hat, wenn besondere Transaktionen bevorstehen, sei 
es Fusion, Auflage von Obligationen, Erhöhung' des 
Aktienkapitales usw. Um eine Steigerung des Kurses 
herbeizuführen, werden die Verwaltungsräte von der 
Gesellschaft beauftragt, große Käufe vorzunehmen. 
Infolge , der starken Nachfrage in den betreffenden 
Aktien ziehen die Kurse an. In praxi kommt es auf 
den Erwerb der Aktien durch die Gesellschaft hinaus, 
da die Verwaltungsräte doch für dieselbe handelten. 
Beabsichtigt eine Gesellschaft z. B. eine Interessen- 
gemeinschaft mit einer andern Unternehmung einzu- 
gehen, so sucht man gewöhnlich die Vorbereitung (ür 
die sichere Herbeiführung derselben dadurch zutrelfen, 
daß man geraume Zeit vorher beginnt, Aktien zu 
kaufen, um im geeigneten Augenblick über die nötige 
Stimmenzahl zu verfügen. Da die Gesellschaft für diesen 
Zweck keine eigenen Aktien hereinnehmen darf, so 
müssen sich die Verwaltungsräte dazu hergeben. 

4. Die Anmeldung gewisser wichtiger Beschlüsse 
der Generalversammlung, sowie Statutenänderungen; 
Ausstellung einer Urkunde über dieselben, welche 
von sämdichen Personen zu unterzeichnen ist, die 
der Beschlußfassung zugestimmt haben (Art. 619 und 
622 O.-R). 

5. Die Eintragung der für die Gesellschaft verbind- 
lichen Unterschrift von denjenigen Personen, welche 
dazu ermächtigt sind (Art. 653 O.-R.). 

6. Die Eintragung der nicht durch den Konkurs 
herbeigeführten Liquidation der Gesellschaft und drei- 
malige Publikation derselben in den Gesellschafts- 
blättern mit der Aufforderung an die Gläubiger, ihre 
Ansprüche anzumelden; ferner die Eintragung der 
Liquidatoren laut Art. 666. 



7. Die Berufung der Generalversammlung. Wir 
haben^2) hj^r zu unterscheiden zwischen der ordentlichen 
Generalversammlung, die jährlich wenigstens einmal 
stattfinden muß und zwar innerhalb 6 Monaten nach 
Schluß des Geschäftsjahres (Art. 644,2 O.-R.) und einer 
außerordentlichen Generalversammlung, die einberufen 
wird, wenn besondere Verhältnisse dies bedingen 
(Art. 644 letzter Absatz). Demnach wird eine außer- 
ordentliche Generalversammlung einberufen, »wenn es 
von einem oder mehreren Aktionären, deren Aktien 
mindestens den zehnten Teil des Grundkapitales dar- 
stellen in einer von ihnen unterzeichneten Eingabe 
unter Anführung des Zweckes verlangt wird« (Art. 645) 
oder wenn die letzte Bilanz zeigt, daß das Grundkapital 
sich um die Hälfte vermindert hat (Art. 657, Abs. 1). 

8. Die Anmeldung des Konkurses im Falle, daß 
die Forderungen nicht mehr durch die Aktiven gedeckt 

sind (Art. 657, Abs. 2). 

Diese gesetzlichen Verwaltungsfunktionen sind zum 
Teil auch'^in den Statuten erwähnt unter näherer 
Bezeichnung der Orcrane, welche dieselben auszuüben 
haben. 

b> Die Verwaltungsfunktionen nadi den Statuten. 

Neben den im Obligationenrecht geforderten ver- 
waltenden Aufgaben verlangen gewöhnlich auch noch 
die Statuten die Erfüllung einer Reihe von Verwaltungs- 
pflichten. Diese statutarisch geregelten Verwaltungs- 
vorschriften betreffen in der Hauptsache die innere 
Organisation der Aktiengesellschaft und die Geschäfts- 
fühmng. Nachstehend wollen wir eine Anzahl von Ver- 
waltungsfunktionen nach den Statuten einiger schweizer- 
ischer Aktiengesellschaften unter dieser Gruppierung 
aufzählen, ohne jedoch damit erschöpfend zu sein. 

1. Statutarisch festgelegte Verwaltungsfunktionen, 
welche die innere Organisation der Aktiengesellschaft 
betreffen. 



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Als Verwaltungsaufgaben, welche die innere Organi- 
sation der Aktiengesellschaft betreffen, erwähnt Art. 21 
der Statuten der Schweizerischen Industriegesellschaft 
in Neuhausen unter den Buchstaben: 

a) Wahl des leitenden Ausschußes und Festsetzung 
von dessen Entschädigung. 

b) Wahl eines allfälligen Delegierten des Verwaltungs- 
rates, sowie Festsetzung seiner Befugnisse und seiner 
Entschädiorunor. 

c) Wahl und Endassung der Direktion und Abschluß 
der Anstellungsverträge mit denselben. Erlaß der 
Reglemente für die Direktion. 

d) Wahl und Endassung der Angestellten, welche 
einen Fr. 4000.— übersteigenden Gehalt beziehen. Fest- 
stellung ihrer Anstellungsverträge und der Zuteilung 
allfälliger Gratifikationen an dieselben. 

f) Vorberatung und Antragstellung betreffend alle 
in der Generalversammlung zur Behandlung kommen- 
den Traktanden. 

k) Festsetzung der Vorschriften zur Erlangung von 
Stimmkarteri für die Generalversammlung. 

Weitere innerorganisatorischeVerwaltungsfunktionen 
schreiben die revidierten Statuten der Schweizerischen 
Unfall -Versicherungs- Aktiengesellschaft, Winterthur, 
1884, wie folgt vor. 

§ 33, Lit. 

c) Die Genehmigung des von der Direktion auf- 
gestellten Geschäftsberichtes der Jahresrechnung und 
der Bilanz. 

g) Die Genehmigung der Aktienübertragung. 
h) Die Genehmigung der vom Direktor an die 
Generalagenten zu erlassenden Zirkulare. 

i) Entgegennahme der Berichte und Anträge des 
Direktors betreffend wichtigere Schadenfälle und die 
Beschlußfassung über Einleitung oder Aufnahme von 
Prozessen. 



72 



§30, 



Lit. 



c) Die Ersatzwahl von Mitgliedern des Aufsichts- 
rates bei Eintritt von Vakanzen während des Jahres, 
welche Wahlen dann der Bestätigung der nächsten 
Generalversammlung bedürfen. 

d) Die provisorische Ergänzung des Verwaltungs- 
komitees gemäß § 32, Abs. 1. 

h) Die Einforderung von weiteren Akdeneinzahlungen 
gemäß den ijg 8 und 9 dieser Statuten. 

n) Die F'estsetzung und allfällige Reparuüon der 
Tantieme gemäß § 44 c 2 der Statuten. 

p) Die Bezeichnung der Publikationsorgane. 

2. Statutarisch festgelegte Verwaltungsfunktionen, 
welche die Geschäftsführung betreffen. 

Es liegt nahe, daß verwaltende Pflichten, welche 
auf dem vielseitigen Gebiet der Geschäftsführung aus- 
zuüben sind, nicht nur generell im Gesetz festgelegt 
werden, sondern daß gerade hierfür spezielle Vor- 
schriften erlassen werden, welche der Eigenart und 
dem Bedürfnis jeder einzelnen Gesellschaft Rechnung 
tragen. Daher finden wir in einer großen Anzahl von 
Statuten mehr oder weniger ausführliche Verwaltungs- 
vorschriften, welche die Geschäftsführung betreffen. 
Wir führen nachfolgend eine Anzahl derselben nach den 
Statuten einiger schweizerischen Aktiengesellschaften auf. 

Revidierte Statuten der Schweizerischen Unfall- 
Versicherungs- Aktiengesellschaft, Winterthur, 1 884. 

§ 33, Lit. 

a) Die Genehmigung der Kapitalanlagen. 

d) Die Genehmigung der Anträge der Direktion 
über Festsetzung der eigenen Maxima der Versicher- 
ungen, über allgemeine Abänderung der Versicherungs- 
tarife und Versicherungsbedingungen, sowie Einführung 
neuer Versicherungsarten. 

e) Genehmigung der Anträge der Direktion über 
Abschluß von Rück- und Mietversicherungsverträgen, 



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73 



sowie auch von anderen Verträgen, welche die Gesell- 
schaft in außergewöhnlichem Maße engagieren. 

f) Die Genehmigung von Anträgen des Direktors 
über Bestellung und Aufhebung von Agenturen. 

§ 30, Lit. 

m) Die Begutachtung der von der Direktion ge- 
stellten und vom Verwaltungskomitee genehmigten 
jährlichen Rechnungsabschlüsse, Bilanzen und Geschäfts- 
berichte und Antragstellung über die Verwendung des 
Reingewinnes an die Generalversammlung. 

q) Die entgiltige Entscheidung über die Miete der 
für die Gesellschaft erforderlichen Geschäftslokalitäten. 

Statuten der Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation, 
Winterthur, 1868. 

§ 29. 

8. Entscheid über die Wahl der Geschäftslokale, 
über Neubauten, Maschinen- Anschaffungen , welche 
Fr. 10,000. — übersteioren. 

Statuten der Aktiengesellschaft Leu & Co., 1854. 
g 32, Lit. 

d) Bestimmungen über Annahme und Kündigung 
von Geldern und über die Form der Schuldscheine. 

e) Bestimmungen von Zinsfuß, Provisionen etc. 

Statuten der Schweizerischen Industriegesellschaft 
in Neu hausen. 
Art. 21, Lit. 

g) Die Festsetzung der vom leitenden Ausschuß 
vorzubereitenden Jahresrechnungen, sowie der Antrag- 
stellung betreffend die Verteilung des Jahresgewinnes. 

h) Beschlußfassung über Ausgabe von Obligationen 
oder Aufnahmen von festen Anleihen jeder Art, sowie 
über deren Rückzahluncr. 

o 

i) Beschlußfassung über An- und Verkauf von Land, 
über Neubauten und Maschinen-Anschaffungen, deren 
einmalige Kosten Fr. 20,000. — übersteigen. 

Fassen wir die nach den Statuten angeführten 
einzelnen Verwaltungspflichten genauer in's Auge, so 



finden wir die von uns auf Seite 67/68 vertretene 
Ansicht bestätigt, daß sich Verwaltung und Geschäfts- 
führung eng berühren. Dies tritt vor allem deutlich 
bei den Verwaltungsfunktionen hervor, welche die Ge- 
schäftsführung betreffen. So liegt z. B. in der Be- 
schlußfassung über An- und Verkauf von Land, über 
Neubauten und Maschinen-Anschaffungen ebensoviel 
verwaltende als auch geschäftsführende Tätigkeit. 
Somit liefert auch die Praxis wiederum einen Beweis 
für die Richtigkeit unserer Behauptung, daß eine scharfe 
Trennung von Verwaltung und Geschäftsführung un- 
natüriich und bis zu einem gewissen Grad unmöglich ist. 

4. Die Gesdiäftsführungsfunktionen. 

Es liegt sehr nahe, daß das Gesetz keine ausführlichen 
Bestimmungen über die Geschäftsführungsfunktionen 
gibt und geben kann, da dieselben, bedingt durch die 
Art des Unternehmens, nur innerhalb jeder einzelnen 
Gesellschaft bestimmt werden können. Daher begnügt 
sich das Obligationenrecht auch in der Hauptsache 
damit, daß es die Geschäftsführungspflicht des Ver- 
waltungsrates generell statuiert. Dagegen kann all- 
gemein im Gesetz dem Verwaltungsrat die Sorge für 
die Festlegung der Geschäftsvorgänge (Buchführung) 
und die Resultatsermitdung (Bilanzaufstellung) übertragen 
werden, da sie für jede Gesellschaft in Betracht kommen. 

a> Die Gesdiäftsführungsfunktionen nadi dem Gesetz. 

Die Unterlage für die Geschäftsführungspflicht des 
Verwaltungsrates bildet Art. 650,1 O.-R. der folgender- 
maßen lautet: 

»Die Statuten können bestimmen, daß die Geschäfts- 
führung oder einzelne Zweige derselben von der Ver- 
waltung an ein oder mehrere ihrer Mitglieder oder an 
einen oder mehrere Dritte, welche nicht Mitglieder 
der Gesellschaft zu sein brauchen, übertragen werden.« 



4 



74 



75 



Wie wir schon früher erwähnten , kann diese 
Funktion auch an Außenstehende übertragen werden; 
die Verantwortung dafür trägt aber der Verwaltungsrat. 

Worin bestehen nun die Geschäftsführungsfunktionen 
nach dem Gesetz? 

1. In der Pflicht zur Buchführung und in der Vorlage 
der Bilanz (Art. 655,1 O -R.). 

2. In der Durchführung der Liquidation, sofern die 
Statuten oder eine Generalversammlung nichts anderes 
bestimmen (Art. 666,1 O.-R.). 

Der aufgelösten Gesellschaft^*"^) fehlen die Organe. 
Die Versilberung der Gesellschaft beansprucht aber 
oft längere Zeit, weshalb eine Vertretung nötig ist. 

»Die Pflicht zur Buchführung«, welche dem Ver- 
waltungsrat auferlegt ist, schließt nicht nur die Anlage 
derselben in sich, sondern auch die Pflicht zur zweck- 
mäßigen Einrichtung. Nach beiden Seiten hin wurde diese 
Pflicht schon sehr vernachlässigt, was uns die Bank- und In- 
dustriekrache der letzten Jahre deutlich vor Augen führten. 
Wir erwähnen nur beispielsweise die Mißstände in derBuch- 
führung der Spar- und Leihkasse Herzogenbuchsee und 
der Allgemeinen Gewerbekasse Kloten, die noch durch 
zahlreiche andere Beispiele ergänzt werden könnten. 



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aa) Die Aufgabe der Buchführung. 

Die Buchführung hat die Aufgabe, sämtliche Ge- 
schäftsvorfälle buchtechnisch zu erfassen und dieselben 
klar wiederzugeben. Die Anlage derselben muß von 
den Prinzipien geleitet sein, daß der genaue Wirtschafts- 
und Vermögensstatus jederzeit aus den verbuchten 
Geschäftsvorfällen zu ermitteln ist. Sämdiche Vorfälle 
müssen buchtechnisch wieder in den Zusammenhang 
hineingestellt werden, dem sie entsprungen sind. Nur 
unter dieser Berücksichtigung wird eine Buchführung 
das Spiegelbild der geschäfdichen Transaktionen sein. 
In einer solchen Anlage liegt dann auch eine innere 
Kontrolle der Vorgänge, die von größter Bedeutung 



76 



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in jedem Fall, im besonderen aber dann ist, wenn der 
Umfang des Betriebes eine ausgedehnte persönliche 
Kontrolle nicht ermöglicht. Dies werden daher die 
größeren Unternehmungen in erster Linie zu beachten 
haben und deshalb die größte Sorgfalt auf die Selbst- 
kontrolle in der Buchhaltung verwenden müssen, was 
bei dem heutigen Stand unserer hochentwickelten 
Buchhaltungstechnik nicht schwierig sein dürfte, wenn 
man den guten Willen dazu hat. 

bb) Die Aufgabe der Bilanz und deren 

Aufstellung. 

Die zweite im Art. 655,1 O.-R. enthaltene Pflicht 
besteht in der »Vorlage der Bilanz«. 

Die Aufgabe der Bilanz besteht in der kontenmäßigen 
Darstellung der Vermögensverhältnisse und Schulden, 
verbunden mit einem Ausweis über die Betriebsergebnisse 
des verflossenen Geschäftsjahres. Eine solche Aufstellung 
hat nur dann einen Zweck, wenn dieselbe nach den 
Grundsätzen der Klarheit und Wahrheit erfolgt. Doch 
wird auch diesen Anforderungen im allgemeinen zu 
wenig entsprochen, was schon eine lebhafte Kritik in 
der Literatur, vor allem aber in der Handelspresse 
hervorgerufen hat. Die Mängel der Bilanz betreffen 
sowohf die äußere Anlage derselben, als auch die 
sachgemäße Zusammenstellung der Konten. 

aj ReformbestrebuHgen bezgl, der Auf Stellung der Bilanz. 

Um diesen Mängeln zu begegnen, ist die Einführung 
von Bilanztypen, entsprechend den verschiedenen Arten 
von Unternehmungen vorgeschlagen worden. So hat 
s. Z. die Frankfurter Zeitung ein Bilanzschema für die 
Banken vorgeschlagen, das auch von der Praxis be- 
grüßt wurde. Töndury^^) schlägt vor, daß dem Bundes- 
rat die Kompetenz veriiehen werden solle, »nach 
Anhörung der Interessenkreise, solche Bilanzschemen 
etwa auf dem Verordnungswege vorzuschreiben«. 



71 



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I. 






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Wenn mit der Einführung der Bilanzschemata 
auch noch nicht die Garantie gegeben ist, daß die 
* Bilanz uns ein wahrheitsgetreues Bild bietet, so be- 
deutete dieselbe doch eine bessere Beurteilungsmög- 
lichkeit des Standeader betreffenden Unternehmungen. 

Gleichzeitig muß den Verwaltungen zur Pflicht ge- 
macht werden^^), die Bilanz zu veröffentlichen, so daß 
jedermann die Möglichkeit gegeben ist, dieselbe einsehen 
zu können. Dadurch würde auch die Aufgabe der 
Handelspresse, die doch das Auge der Öffendichkeit 
auf diesem Gebiete darstellen soll, erleichtert. Die 
Schwierigkeiten, welche der Handelspresse in der 
Verfolgung ihrer wichtigen und schweren Pflichten von 
Seiten mancher Unternehmungen (und gerade nicht der 
besten) entgegengestellt werden, sind bekannt. Auch 
hierin muß mit der Zeit Wandel geschaffen werden, 
so daß es einer unabhängigen Presse ermöglicht ist, 
anstandslos die Unterlagen für eine gerechte parteilose 
Kridk zu erhalten. Im demselben Maße, als der Presse 
seitens der Unternehmungen Rechte zugestanden werden, 
wächst auch ihre Verantwortung, sowohl den einzelnen 
Gesellschaften, als auch der Öffendichkeit gegenüber. 

b) Reforfubestrebungen bezgL des Ausbaues der 

Geschäftsberichte. 

Auch auf den Ausbau der Geschäftsberichte dürften 
die meisten Gesellschaften noch größere Sorgfalt legen. 
Sehr viele derselben enthaltenbis jetzt nur kurze, nichts- 
sagende Angaben und man hat den Eindruck, daß die- 
selben nur gemacht werden, um einer Formalität zu 
genügen. Der Zweck der Geschäftsberichte müßte 
bis zu einem gewissen Grad darin bestehen, die Ent- 
wicklung der einzelnen Bilanzposten, sowie deren Zu- 
sammensetzung darzustellen. Wenn wir die Bilanz als ein 
zahlenmäßiges Gerippe bezeichnen wollen, so möchten 
wir dasselbe mit Fleisch und Blut umgeben können, 
was aber nur dann möglich ist, wenn der Geschäfts- 
bericht die von uns gewünschten Erfordernisse enthält. 



b> Die Gesdiäftsführungsfunktionen nach den Statuten. 

Ein großer Teil der Geschäftsführungsfunktionen 
des Verwaltungsrates trägt für die eine oder andere 
Gesellschaft einen mehr oder weniger internen Charakter. 
Es ist daher verständlich, daß eine verhältnismäßig 
große Anzahl von Akdengesellschaften sowohl allge- 
meine als aus auch spezielle Geschäftsführungspflichten 
in sog. Reglementen oder Pflichtheften fesdegt, welche 
nicht der Öffendichkeit zugängig sind. Manche Gesell- 
schaften nehmen allgemeine Aufgaben der Geschäfts- 
führung in die Statuten auf und regeln nur die speziellen 
Pflichten in den Reglementen. In diesem Falle verweisen 
dann die Statuten an der gegebenen Stelle auf die 
Sondervorschriften in den Pflichtheften. Ein Beispiel 
hierfür haben wir in den Statuten des Versicherungs- 
vereins in Zürich von 1872, indem § 28 folgende 
Geschäftsführungspflichten erwähnt, nämlich unter: 

Lit. d) Die Aufstellung des Geschäftsberichtes und 
der Jahresrechnung. 

g) Miete von Geschäftslokalen. 

Außerdem schreibt § 3 1 dieser Statuten folgendes 
vor: »Die Direktion besorgt auf Grundlage des 
Reglements und unter der Oberleitung und Auf- 
sicht des Ausschußes bezw. Verwaltungsrates die 
eigendiche Geschäftsführung nach den Anordnungen 
des Direktors.« 

Dann gibt es auch Gesellschaften, welche sich mit 
einer ganz allgemeinen Umschreibung der Aufgaben 
des Geschäftsführungsorganes in den Statuten begnügen, 
wie folgendes Beispiel zeigt: 

Revidierte Statuten der Schweizerischen Unfall- 
Versicherungs- Akdengesellschaft, Winterthur, 1 884. 

§ 36. Der Direktor hat die unmittelbare Leitung 
der Gesellschaft. Er sorgt für die Beobachtung und 
Vollziehung der Statuten, sowie der Beschlüsse des 
Verwaltungskomitees und des Aufsichtsrates. 



4 









78 



19 



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Er ist der unmittelbare Vorgesetzte aller Beamten 
und Angestellten, deren Verrichtungen er beaufsichtigt 
oder beaufsichtioen läßt. 

Ihm liegt ob, die nötigen Anordnungen für die 
Organisation des Geschäftsbetriebes zu treffen. 

Er hat die dem Vervvaltungskomitee vorzulegenden 
Geschäfte zu prüfen und vorzubereiten. 

Er unterzeichnet im Namen der Gesellschaft und 
seine Unterschrift verpflichtet die Gesellschaft für alle 
Akte und Geschäfte, für welche nicht ausnahmsweise 
besondere Vorschriften bestehen. Eine solche besteht 
für alle Traktanden, die gemäß dieser Statuten in die 
Kompetenz des Aufsichtsrates oder des Verwaltungs- 
komitees gehören, in welchen Fällen die Ausfertigungen, 
die Unterschriften des Präsidenten und des Protokoll- 
führers, des Aufsichtsrates, resp. die Gegenzeichnung 
des Präsidenten, oder, in Stellvertretung eines Mitgliedes 
des Verwaltungskomitees bedürfen. Die letztgenannte 
Gegenzeichnung ist besonders auch erforderlich für alle 
Verträge und Aktenstücke, durch welche die Gesellschaft 
in außergewöhnlichem Maße engagiert wird, sowie für 
alle auf Kapitalanlagen sich beziehenden Schriftstücke.« 

Andererseits gibt es auch eine Anzahl Gesell- 
schaften, welche eine eingehendere Umschreibung des 
Pflichtenkreises der Geschäftsführungsorgane in den 
Statuten vornehmen und außerdem noch Sondervor- 
schriften in Reglementen fesdegen. Als Beispiel hierfür 
mag uns die Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation 
in Winterthur, 1868, dienen, in deren Statuten aus 
§ 36, Abs. 3 ff. folgendes zu entnehmen ist. 

»Die Direktion besorgt unter Oberaufsicht des 
leitenden Ausschußes. resp. Verwaltungsrates, die ganze 
Leitung des Geschäftes nach den ihr zukommenden 
Weisungen und Instruktionen und gemäß Statuten 
und Reglementen. 

Die Direkuon bereitet dem Verwaltungsrat die 
Rechnungsabschlüsse und die Bilanz vor, sie liefert 
die Materialien zum Rechenschaftsbericht, entwirft die 



Reglemente und macht die geeigneten Vorschläge für 
die Organisation des Geschäftsbetriebes, für die Wahl 
von Angestellten mit über Fr. 1 500. — jährlichen Gehalt, 
für Anhandnahme von neuen Geschäftszweigen, sowie 
überhaupt für alles, was das Wohl des Geschäftes betrifft. 

Die Direktion setzt sich mit dem leitenden Ausschuß 
in möglichst enge Verbindung und unterrichtet diesen 
von allem, was im Geschäft vorgeht. Sie erstattet 
demselben zu Händen des Verwaltungsrates alle Monate 
eine Buchbilanz, veranschaulicht durch Monatstabellen 
die ganze Produktions- und Verkaufsbewegung.« 

Betrachten wir uns die einzelnen Funktionen, so 
können wir feststellen, daß auch mit der geschäfts- 
führenden Tätigkeit ein Teil verwaltender Arbeit ver- 
knüpft ist, was die von uns auf Seite 68 vertretene 
Ansicht stützt. 

Femer zeigen uns die Beispiele, daß die Art der 
Festlegung der Geschäftsführungsfunktionen noch sehr 
verschieden von den einzelnen Aktiengesellschaften 
gehandhabt wird. Ein Urteil darüber abzugeben, ob 
im allgemeinen ein sorgfältiger Ausbau der Geschäfts- 
führungsfunktionen in Statuten und Reglementen be- 
steht, ist uns nicht möglich, da wir den Inhalt der 
letzteren nicht kennen. Wir müssen uns also damit 
begnügen auf die Wichtigkeit hinzuweisen, daß sowohl 
allgemeine als auch spezielle Geschäftsführungspflichten 
genau für das Organ festgelegt werden, welches die- 
selben auszuüben hat. Es muß der Entscheidung jeder 
einzelnen Gesellschaft anheimgestellt werden, ob es 
möglich ist, neben allgemeinen Aufgaben der Geschäfts- 
führung auch noch solche spezieller Art in die Statuten 
aufzunehmen. Die Hauptsache ist, daß überhaupt eine 
sorgfältige Festlegung der Pflichten der Geschäfts- 
führungsorgane vorgenommen wird, sei es in Statuten 
oder in Reglementen, worauf wir an anderer Stelle 
nochmals zu sprechen kommen. 

Zum Schluß wollen wir noch die Geschäftsführungs- 
funktionen der Verwaltung der Aktiengesellschaft 



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81 



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Leu & Co. betrachten und zwar auf Grund der 
Organisation, welche sich die geschäftsführenden Organe 
am 18. November 1854 selbst gegeben haben. Für 
die Geschäftsführung wurden 3 Kommissionen gebildet, 
nämlich eine »Bürokommission«, eine »Anleihungs- 
kommission« und eine »Finanzkommission«, bestehend 
aus je 2 Mitgliedern. Die Pflichten, welche die einzelnen 
Kommissionen zu erfüllen hatten, wurden genau fest- 
geleet. So wurde der »Bürokommission« die Be- 
sorgung der baulichen Einrichtungen, die Antragstellung 
über Anstellung und Besoldung des Büropersonals 
und der Entwurf eines Reglementes für die Ange- 
stellten übertragen. 

Der »Anleihungskommission« fiel »die Begutachtung 
der Geldbegehren zu Händen der Direktion« zu. Außer- 
dem war die »Anleihungskommission« mit der Festlegung 
der Grundsätze betraut, »nach welchen sie in Beziehung 
auf Sicherheit der Anleihe zu verfahren gedenkt. « 

Die hauptsächlichsten Aufgaben der »Finanzkom- 
mission« bestanden : 

1. In der »Antragstellung an die Direktion betr. 
den Zinsfuß der Anleihung.« 

2. In der »Antragstellung an die Direktion über 
Geldendehnung, resp. die Ausgabe von , Obligo' und 
alles, was dazu gehört.« 

3. In der »Anlage der Buchführung und Über- 
wachung derselben durch ein Mitglied.« 

F'erner hatte die »Finanzkommission« die Geld- 
verhältnisse der Anstalt im allgemeinen zu überwachen, 
»so daß in jeder Wochensitzung, wenn nötig, der 
Direktion mitgeteilt werden kann, ob und auf welchen 
Termin alle Geldbegehren erledigt werden können 
— ob etwa der Zinsfuß für , Obligo' zu verändern 
sei — ob temporäre Geldausleihungen zu machen 
seien — wer dies zu machen hat und wie dies aus- 
o^e führt werden soll.« 

Der Grundgedanke dieser Organisation ist der, daß 
die Beschlußfassung über die wichtigsten Geschäfte und 



82 



Transaktionen einer Direktion vorbehalten ist, welche 
dieselben vorher durch einzelne Kommissionen be- 
arbeiten und prüfen läßt. Damit war man auf dem 
Wege, ein gesundes Organisationsprinzip durchzuführen, 
indem man die Funktionen und deren Zuweisung an 
bestimmte Organe aus dem Bedürfnis der Gesellschaft 
heraus festlegte und durchgeführt wissen wollte. Allein 
die Tätigkeit der Kommissionen erlahmte und daher 
trat auch die Katastrophe mit Escher-Bodmer ein, 
welcher einige Jahre hindurch das einzige Mitglied 
derjenigen Kommission war, welches im Auftrag der 
Direktion je die Jahresrechnungen und die Berichte 
zu prüfen hatte. 

Wir ersehen aus diesem Beispiel, daß eine Organi- 
sation erfolglos ist, wenn die organisatorische Fest- 
legung von Funkdonen nicht so erfolgt, daß deren 
Durchführung gewährleistet ist. 

c> Die sdiledite Gesdiäftsführung als Grund für die 
sog. »Kradie« in den sdiweizerisdien Unternehmungen. 

So wichtig die Geschäftsführung ist, so große An- 
forderungen stellt sie auch an die richtige Ausübung. 
Daß gerade darin große Mängel bestehen, das haben 
die verschiedenen Krache gezeigt, welche in den letzten 
Jahren in der Schweiz vorkamen. Wir möchten daher 
nicht versäumen, die Fehler, soweit sie die Unzuläng- 
lichkeit der Geschäftsführung betreffen, detailliert 
schematisch aufzuführen unter Hinweis auf die einzelnen 
Gesellschaften. Sie sind begründet: 

1. In der allgemeinen Geschäftsführung und be- 
treffen insbesondere: 

a) Die falsche^*) Risikoverteilung (Thurgauische 
Hypothekenbank). 

b) Die maßlose^^) Kreditüberschreitung (Leih- und 
Sparkasse Eschlikon, Volksbank in Biel, Kugler & Co., 
Zürich). 



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c) Die Überschreitung^^) des natürlichen Geschäfts- 
rayons (Spar- und Leihkasse Herzogenbuchsee und 
Aadorf, Allgemeine Gewerbekasse Kloten, Banca 
Cantonale Ticinese usw.). 

d) Den ungenügenden Liquiditätsstatus (bei sämt- 
lichen angeführten Banken). 

2. In der mangelhaften^^) Anlage und Durchführung 
der Buchführung und betreffen insbesondere: 

a) Die Unübersichdichkeit der Buchführung (Leih- 
und Sparkasse Aadorf, Allgemeine Gewerbekasse 
Kloten); schlechte Führung der Kasse und des Wechsel- 
portefeuilles (Spar- und Leihkasse Herzogenbuchsee). 

b) Die falsche Bilanzierung. 

aa) Aufstellung fiktiver Posten (Volksbank Biel, 
Gewerbekasse Kloten). 

bb) Falsche Aufstellung der Verlust- und Gewinn- 
rechnung (Caisse d'Epargne des Franches Montagnes, 
Saignelegier). 

3. In den Personen, hervorgerufen durch: 

a) Unmoralische Handlungen des Direktors oder 
Verwalters, der allein^®) »schaltete und waltete«, wo- 
durch die betreffenden Unternehmungen auf eine 
schiefe Bahn kamen. 

aa) Blinde Spekulationswut (Allgemeine Gewerbe- 
kasse Kloten). 

bb) Unterschlagung (Caisse d'Epargne des F'ranches 
Montagnes, Saignelegier). 

cc) Nachläßigkeit in der Amtsführung (Leih- und 
Sparkasse Herzogenbuchsee, Lucerna, Anglo Swiss 
Milk Chocolat). 

b) Mangel an genügenden Geschäftskenntnissen 
(Lucema). 

Bei manchen^ \1 Gesellschaften hat der Direktor 
zusammen mit dem Verwaltungsratspräsidenten »unter 
Anwendung der einen oder andern Eigenschaft« das 



Unternehmen seinem Ruin entgegengeführt. Dies war 
der Fall bei Leih- und Sparkasse Bremgarten, Thur- 
gauische Hypothekenbank und Credito Ticinese. 

In einzelnen^^) Fällen trug auch nur der Ver- 
waltungsratspräsident die Schuld an dem Mißerfolg, 
so bei der Bank in Horgen, bei der Banca Cantonale 
Ticinese und anderen. 

5. Die Geschäftsführungsfehler eine Folge 
falscfier Organisation. 

Gehen wir den einzelnen Fehlem nach, so können 
wir sagen, daß sie alle auf dem Gebiete der Organi- 
sation liegen, sei es, daß die Organisationsbasis lücken- 
haft oder schlecht, oder die Art der Durchführung 
der Organisadonsbestimmungen nicht richtig geregelt 
war. Da wir es mit Organisationsfehlern zu tun baben, 
können dieselben unseres Erachtens auch nur auf 
organisatorischem Wege beseitigt werden, wofür wir 
im folgenden einige Richtlinien geben möchten. 

a> Aufstellung und Begründung einer zweckmäßigen 

Organisationsform. 

Wir glauben der Darlegung über die Verwaltungs- 
und Geschäftsführungsfunktionen entnehmen zu dürfen, 
daß das auf Seite 67/68 Gesagte sich bestätigt, eine 
Trennung von Verwaltung und Geschäftsführung also 
ganz der Natur dieser beiden Begriffe widersprechen 
würde. Diese Tatsache möchten wir daher auch der 
Organisationsform zu Grunde legen, die unseres Er- 
achtens die richtige, natürliche und zweckentsprechende 
ist, und die darin besteht, daß Verwaltung und Ge- 
schäftsführung in einem Organ vereinigt bleiben. Dies 
würde also unserer, auf Seite 5 angeführten Organisa- 
tion entsprechen, nach welcher auch die Direktion 
innerhalb der Verwaltung steht. Wir treten dadurch 
in Gegensatz zu der Ansicht Keller-Huguenins^^), welche 



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eine gesetzliche Trennung von Direktion und Ver- 
waltungsrat verlangt, entsprechend den deutschen Ver- 
hältnissen. Obwohl Keller-Huguenin sich bewußt ist, 
daß der von dem deutschen Gesetzgeber durchgeführte, 
scharfe theoretische Schnitt, der Verwaltung und Ge- 
schäftsführung trennt, in der Praxis verwischt wird, 
kommt er doch zu obigem eigenartigem Schluß, für 
den wir eine Begründung nicht finden können. Es ist 
uns nicht verständlich, warum man eine Gliederung mit 
einer genauen Kompetenzausscheidung gesetzlich fest- 
gelegt wissen möchte, von der man im voraus weiß, 
daß dieselbe praktisch niemals scharf statuiert werden 
kann. Die selbständige Festsetzung der Geschäftsfüh- 
rung im Gesetz ist ein Mißgriff des deutschen Gesetz- 
gebers; den Beweis dafür liefert die Praxis durch die 
in den Statuten herbeigeführte Nivellierung von Ge- 
schäftsführung und Verwaltung. Unseres Erachtens 
sind auch die deutschen Bank- und Industriekrache zum 
Teil auf diese gesetzliche Organisation zurückzuführen, 
indem der Vorstand, gestützt auf seine alleinige ge- 
setzliche Geschäftsführungskompetenz, eigenmächtig 
und selbständig Geschäfte machte, in denen der Keim 
zum Zusammenbruch gelegt wurde. Wenn dem Vor- 
stand ein fähiger Aufsichtsrat gegenüber steht, dann 
wird letzterer, wie dies sehr oft geschieht, einen ent- 
scheidenden Einfluß auf die Geschäftsführung- ausüben. 
Die Gefahr ist aber um so größer, wenn der Vor- 
stand nicht allein die Geschäfte der Gesellschaft, sondern 
auch den Aufsichtsrat führt. 

Die Eigenschaft als Verwaltungsratsmitglied wird 
schon dadurch herbeigeführt, daß die Generalversamm- 
lung die geschäftsführenden Organe ernennt. Es ist aber 
nicht ausgeschlossen, daß Verwaltungsratsmitglieder die 
Initiative zur Wahl dieses oder jenes geschäftsführenden 
Organes geben; der Entscheid darüber sollte doch der 
Generalversammlung anheimgestellt werden. Wie schon 
angeführt (Seite 10) ist in der von uns vorgeschlagenen 
Organisationsform eine Teilung der Kompetenzen in 



der vielgestaltigsten Weise möglich. Sie wird aber 
zweckentsprechender und einheidicher durchgeführt 
werden können, wenn alle Mitglieder auf einer Stufe 
stehen, und einem Organ angehören. Dadurch wird 
auch eine größere Einheidichkeit in der gesamten Ge- 
schäftsleitung verbürgt, was von größter Bedeutung ist. 

b> Die Lösung der Verantwortlichkeitsfrage durch 

die Organisation. 

Mit dieser Organisationsform hängt auch die Frage 
der Verantworriichkeit insofern zusammen, als die Er- 
fahrungen bei den Krachen gezeigt haben, daß infolge 
der Trennung von Verwaltungsrat und einer außerhalb 
desselben stehenden Direkdon die Mitglieder des Ver- 
waltungsrates die Verantwordichkeit für den entstandenen 
Schaden auf den Direktor abzuwälzen suchten, während 
dieser die Verantwordichkeit ablehnte, mit der Be- 
gründung, daß er nur ausführendes Organ des Ver- 
waltungsrates sei und die Geschäftsführung unter der 
Aufsicht des Verwaltungsrates ausgeübt habe. Solche 
Ausflüchte sind bei der von uns vorgeschlagenen Organi- 
sationsform ausgeschlossen, denn die Geschäftsführung 
wird von innerhalb der Verwaltung stehenden Personen 
ausgeübt. Somit ist der ganze Verwaltungsrat direkt 
haftbar. Während der außerhalb der Verwaltung 
stehende Direktor nur seinen Auftraggebern haftet 
und diese wieder der Gesellschaft, bezw. Aktionären 
und Gläubigern, entsteht durch die Einbeziehung der 
geschäftsführenden Personen ebenfalls eine direkte 
Verantwordichkeit derselben gegenüber der Gesell- 
schaft, bezw. Aktionären und Gläubigem, was gewisser- 
maßen einer Erhöhung der Verantwortung der Di- 
rekdon entspricht. 

WVs die vielen Vorschläge betrifft, welche eine 
Erhöhung der Verantwordichkeit der Verwaltungsrats- 
mitglieder auf dem Wege des Gesetzes beabsichtigen, 
so scheinen unseres Erachtens dieselben unnötig und 



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zwecklos zu sein. Die in Art. 673 und 674 O.-R. 
aufgeführten Bestimmungen über die Verantwortung 
genügen vollständig. Der Fehler liegt nach unserem 
Dafürhalten in einer viel zu laxen Anwendung der 
Gesetze seitens der Gerichte. Wenn man eine Er- 
höhung der Verantwordichkeit erstrebt, so kann dies 
nur dadurch praktisch geschehen, daß man die Kom- 
petenzen der Verwaltung genau fesdegt und die Ver- 
antwortung für die einzelnen Mitglieder scharf umgrenzt, 
so daß kein Zweifel mehr bestehen kann über die 
Pflichten und die Verantwortung, welche der Einzelne hat. 



c> Der Ausbau der Innenorganisation. 

aa) Die genaue Festlegung und Abgrenzung 

der Kompetenzen. 

Daß die Praxis auf eine Kompetenzausscheidung 
innerhalb des Verwaltungsrates ausgeht, zeigt das von 
uns angeführte Beispiel von Leu & Co. ; ebenso weisen 
die Ausdrücke »Ausschuß«, »Direktionskommission«, 
»Verwaltungskomitee« usw., welchen wir in den Statuten 
begegnen, darauf hin. Werden solche innere Organi- 
sationen geschaffen, so ist es vor allem nötig, sagen 
wir z. B. die Stellung eines Ausschußes im Verwaltungs- 
rat genau abzugrenzen. Die Aufgaben, welche dem- 
selben zufallen, müssen genau präzisiert werden und 
zwar geschieht dies am besten in besonderen Geschäfts- 
ordnungen, welche für jeden Ausschuß aufgestellt 
werden müssen und die der Genehmiorunof des iresamten 
V erwaltungsrates unterliegen. Diese Innenorganisationen 
sollten auch in den Statuten ihren Niederschlag finden, 
indem dort die Arbeit aufgeführt wird, für welche z. B. 
der einzelne Ausschuß verantwordich ist. Dagegen 
müssen interne Angelegenheiten, wie die Art der 
Ausübung der Funkdonen, die Rechte einzelner Aus- 
schußmitglieder, Vergütungen usw. den Geschäfts- 
ordnungen vorbehalten bleiben. 



88 



Die Aufgabe der Ausschüsse besteht darin, daß 
sie Kleinarbeit treiben, spezialisieren, lückenlos Ge- 
schäftsvorfälle betrachten und darnach disponieren und 
organisieren, soweit sie autoritativ eingreifen können 
und müssen. Wie weit die Kompetenz des einzelnen 
Ausschußes reichen soll, muß genau bestimmt werden. 
Je nach Art und Umfang der Arbeit muß dieselbe 
verschieden groß sein. So wird z. B. ein Finanzaus- 
schuß große und wichtige Entscheidungen nicht selb- 
ständig treffen können ; ebenso wird ein Fabrikations- 
ausschuß nicht allein über die Neueinführung eines 
Artikels usw. entscheiden dürfen. Es muß wohl be- 
achtet werden, dem einzelnen^^) Ausschuß nicht allzu- 
viel Selbständigkeit zu belassen, da sonst die Einheit 
des Verwaltungsrates darunter leiden würde. Je fester 
die Bande sind, die ihn umschließen, je mehr die 
Interessen der einzelnen Ausschüsse untereinander 
sich in der Gesamtheit des Verwaltungsrates zusammen- 
finden, um so gefestigter ist die Warte, auf welcher er steht. 



bb) Die Erhöhung der Verantwortung der 
Verwaltungsratsmitglieder. 

Die Bildung von Ausschüssen ist auch ein Mittel, 
um das Verantwortlichkeitsgefühl der Mitglieder des 
Verwaltungsrates zu erhöhen. Hecht^^) sagt darüber 
»das Verantwordichkeitsgefühl wird erhöht, wenn das 
einzelne Mitglied des Aufsichtsrates das Recht hat, 
innerhalb gewisser, wohlerwogener Grenzen Einsicht 
in den inneren Geschäftsgang zu nehmen. Die Ver- 
antwordichkeit wird gesteigert, wenn derjenige, der das 
Recht des Einblickes hat, dieses Recht nicht ausübt. 
Die Haftbarkeit wird gerechtfertigt, wenn man zu tun 
unteriäßt, was man zu tun befugt war.« 

Nun könnte man denken, daß die Verantwortung 
des einzelnen Mitgliedes der Verwaltung eine ver- 
schieden große ist, je nachdem dasselbe einem Aus- 
schuß zugeteilt wird, welcher mehr oder weniger 






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wichtige Funktionen zu erfüllen hat. Hierzu wäre zu 
sagen, daß die wichtigsten Fragen doch vom Ver- 
waltungsrat in seiner Gesamtheit entschieden werden 
müssen und dementsprechend auch die Verantwortung 
der Gesamtheit zufällt. 

Die solidarische^^) Verantwordichkeit begründet 
aber auch den Anspruch der Nichtausschußmitglieder, 
über gewisse Geschäftsvorgänge orientiert zu sein! 
Dies kann dadurch bewerkstelligt werden, daß dem 
einzelnen Verwaltungsratsmitglied eriaubt wird, von 
den Protokollen, die stets sorgfältig geführt werden 
sollten, Einsicht zu nehmen; femer durch Zustellung 
von Monatsausweisen, bezw. Monatsbilanzen. Man darf 
den Monatsbilanzen keine zu große Bedeutung bei- 
legen, da sie infolge fehlender Inventur nie ein er- 
schöpfendes Bild über die Lage geben. Zweckmäßiger 
erscheinen uns die Monatsausweise zu sein; das sind 
Spezialberichte, welche über einen Monat sich erstrecken. 
Für ein industrielles Unternehmen käme z. B. ein sog. 
Finanzbericht und ein Fabrikationsbericht in Frage. 
Wie ersterer zweckmäßig angelegt werden kann, soll 
aus dem nachstehenden Exemplar ersichdich sein. Die 
Hauptsache ist, daß man aus demselben den Stand 
der entscheidenden Konten erblicken kann unter Hin- 
weis auf den letzten, den laufenden, sowie den ent- 
sprechenden Monat des vergangenen Jahres. 

Die innere Organisadon muß darauf abzielen, jede 
direkt verantwortliche Person lückenlos zu orientieren, 
besonders auch in Fällender Abwesenheit; jede indirekt 
verantwortliche Person insoweit, als die solidarische 
Verantwortung es erfordert. 

Bei der von uns vorgeschlagenen Organisationsform 
mit der angedeuteten inneren Organisadon wird es 
kaum möglich sein, daß gewisse MitgHeder über die 
Gesamtheit hinweg disponieren und Geschäfte machen, 
andererseits wird dadurch auch das von Keller- 
Huguenin^^) und Töndury^«) vorgeschlagene »Infor- 
mationsorgan« überflüssig, »das die Garantie bieten soll, 



90 



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Monat : 



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Finanz^Bericht. 



Geldstatus : 

Reichsbank . 
Bank . . . 
Postscheckamt 
Kasse . . . 
Wechsel . . 
Effekten . . 
Außenstände . 



Aufwendungen : 

Löhne 

Gehälter 

Kaufm. Beamte(Anzahl) 
Betriebs-Beamte » 
Meister » 



Liquidationen: 

Geschäftsführer . - 
Beamte, Meisteru. dergl 
Reisende .... 
Bezahlte Rechnungen 
Frachten . 
Porto . . 
Telefon 
Telegramme 
Reklame . 
Krankenkasse . . 
Alters- u. Invalid. -Vers 
Privatbeamten- Versich 
Umsatz .... 



Im letzten 
Monat : 



Im laufenden 
Monat: 



Im entsprechenden 

Monat 

des Vorjahres: 



NB. Für deutsche Verhältnisse berechnet. 



91 



daß die von der Direktion dem Verwaltungsrat ge- 
machten Angaben richtig sind.« Unseres Erachtens 
ist es die selbstverständliche Pflicht des Verwaltungs- 
rates, sich selbst über die ihm übertragenen FunkUonen 
zu orientieren, was auch durch eine zweckentsprechende 
Organisation möglich ist. Durch die Einfügung eines 
Informationsorganes zwischen Verwaltungsrat und Di- 
rekdon würde ersterer sich in Sicherheit wiegen und 
sich resdos auf die Angaben des Informationsorganes 
veriassen. Wir möchten keinen Vorschlag unterstützen, 
der auf die Vermehrung von Organen ausgeht und in 
der Tat eine verminderte Tätigkeit der gesetzlichen 
Verwaltungsorgane zur F'olge hätte. Diese Institution 
wird auch dadurch überflüssig, daß wir die Kontrolle 
der Geschäftsführung den Kontrollorganen übertragen 
möchten, die regelmäßig ihren Kontrollfunktionen nach- 
kommen sollen. Es ist noch selten etwas Gutes mit Flick- 
arbeit geleistet worden ; die sicherste Gewähr für einen 
Erfolggibtimmer der organische Ausbau einer Institution. 



cc) Die Vertretung der Verwaltun 

durch Ersatzmänner. 



gsrate 



Die Tatsache, daß die Verwaltungsräte im allge- 
meinen noch in manchen andern Gesellschaften in der- 
selben Eigenschaft fungieren, und der Umstand, daß 
sie häufig weit entfernt von dem Sitz der Gesellschaft 
wohnen, zu deren Verwaltungsrat sie gehören, machen 
es nötig, Ersatzmänner zu bestellen. Dieselben werden 
auch von der Generalversarnmlung gewählt. Eine 
beliebige, durch das einzelne Verwaltungsratsmitglied 
besdmmte Vertretung ist nicht möglich. Dagegen 
können die einzelnen Verwaltungsratsmitglieder ein- 
ander vertreten. In diesen Fällen besdmmen manche 
Statuten, daß ein Verwaltungsratsmitglied nur die Ver- 
tretung für ein Mitglied übernehmen darf, wodurch 
man einer Stimmenkumuladon bezw. einer Macht- 
Politik innerhalb der Verwaltung vorbeugen möchte. 






92 



So besdmmt z. B. § 18,2 der Statuten der Stickereiwerke 
Arbon »Mitglieder, die verhindert sind, einer Sitzung 
beizuwohnen, können ein anderes Mitglied zur Ver- 
tretung bevollmächtigen; es kann jedoch kein Mitglied 
mehr als eine Vertretung ausüben«. 

Die Praxis der Wahl von Ersatzmännern der Ver- 
waltungsräte üben z. B. die Mechanische Backsteinfabrik, 
Zürich und die Bank für Elektrische Unternehmungen 
in Zürich. 

dd) Die Notwendigkeit der Durchführung 
der Organisationsbestimmungen. 

Mag nun aber auch eine gute Organisadon innerhalb 
der Verwaltung vorhanden sein, so wird der Erfolg 
doch erst dadurch gesichert, dass eine energische, 
umsichdge Kraft an der Spitze der Verwaltung steht 
und die Durchführung der Organisations Vorschriften 
streng überwacht. Die Aufgabe, welche dem sog. Präsi- 
denten zusteht, erheischt aber unseres Erachtens eine 
völlig unabhängige Stellung inmitten der Verwaltung, die 
dadurch geschaffen wird, daß derselbe durch die General- 
versammlung gewählt wird ; nicht wie dies gegenwärdg der 
Fall ist, durch die Verwaltungsratsmitglieder. Das Vor- 
schlagsrecht soll dem Verwaltungsrat überlassen bleiben, 
da es^demselben eher möglich ist, eine geeignete Person 
hierfür ausfindig zu machen, als der Generalversammlung. 

6. Die gesdhäftspolitiscfien Funktionen. 

Die geschäftspolitischen Funktionen finden wir weder 
im Gesetz, noch in den Statuten, noch in Reglementen 
niedergelegt. Ihre nähere Erläuterung an dieser Stelle 
erübrigt sich insofern, als dieselben in der Zusammen 
Setzung des Verwaltungsrates genügend gewürdigt 
wurden (S. 5 1 ff.). Wir möchten nur noch zusammen- 
fassend und ergänzend die Worte Riessers^^) anführen, 
welcher in der Geschäftspolitik hauptsächlich beratende 

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und unterstützende Tätigkeit erblickt. So spricht er von 
den »bei manchen Gesellschaften fast täglich erteilten 
wertvollen Ratschlägen von Aufsichtsratsmitgliedem 
bei An- und Verkauf von Waren oder Rohmaterialien ; 
Eingehung oder Lösung von Geschäftsverbindungen; 
Erteilung von Krediten und Annahme von Sicherheiten; 
bei Feststellung rechdich bindender allgemeiner Liefer- 
ungsbedingungen, wie solche durch die bei den ver- 
schiedensten Gesellschaften gemachten Erfahrungen 
sich allmählich entwickelt haben, und von Zahlungs- 
bedingungen; bei dem Export oder dem Import nach 
oder aus dem Auslande; bei der Diskontierung von 
Wechseln oder der Annahme oder Beleihung von 
Kreditpapieren oder Werten aller Art, bei der für das 
Schicksal der Gesellschaften oft Jahre hinaus maß- 
gebenden Frage, ob und unter welchen Bedingungen 
Kartellen oder Syndikaten beizutreten sei oder nicht. 
Ferner bei der Aufnahme neuer Artikel, oder Ge- 
winnung neuer Absatzwege, bei der Aufsuchung neuer 
Kundschaft, insbesondere auch aus den Kreisen der- 
jenigen Gesellschaften, mit welchen die Aufsichtsrats- 
mitglieder als Mitglieder der Verwaltung dieser Ge- 
sellschaften enge Fühlung haben; bei Feststellung der 
relativ besten Art von Kontrollen oder Revisionen; bei 
Ordnung des oft äußerst schwierigen und komplizierten, 
aber für die Solidität und Sicherheit des Geschäfts- 
betriebes grundlegenden Kalkulationswesens u. a. m.« 

7. Die Gesdiäftsführungskontrode. 

a> Die mangelhafte Ausübung. 

Aus der Aufzählung der Verwaltungs- und Ge- 
schäftsführungsfunktionen in den Statuten sahen wir, 
daß dieselben 2lWc\\ Kontrollfimktionen in sich schließen' 
sei es, daß sie in der Natur der Funktion begründet sind,' 
oder aber ausdrücklich verlangt werden. Es kann sich hier 
nur um die Kontrolle der Geschäftsführung handeln, da 

94 



diejenige der Rechnungsführung und Bilanz der Kontroll- 
stelle übertragen ist. Nur die wenigsten Statuten enthalten 
ausdrücklich die Pflicht zur Kontrolle der Geschäfts- 
führung. So bestimmt z. B. § 30, Abs. 1 in den revidierten 
Statuten der Schweizerischen Unfall-Versicherungs A.-G. 

»Die Prüfung der Geschäftsführung des Verwaltungs- 
komitees durch Einsichtnahme seiner Protokolle«. 

Schweizerische Industrie - Gesellschaft Neuhausen 
Art. 24, Abs. 1: Die spezielle Überwachung der Ge- 
schäftsführung durch den leitenden Ausschuß«. 

Es ist möglich, daß manche Reglemente die Ge- 
schäftsführungskontrolle ausdrücklich statuieren. Wenn 
auch das Obligationenrecht nicht direkt diese Kontrolle 
vorschreibt, so ist sie doch in der gesetzlich geforderten 
Geschäftsführungspflicht^") des Verwaltungsrates be- 
gründet. Die Praxis hat gerade die Prüfung der Geschäfts- 
führung sehr vernachläßigt, was auch dem Unter- 
suchungsmaterial der Zusammenbrüche zu entnehmen 
ist. Wir erinnern nur an folgende Beispiele: Spar- 
und Leihkasse Herzogenbuchsee, Heine & Co., All- 
gemeine Gewerbekasse Kloten, Lucema usw. 

b> Die Gründe für die Unterlassung. 

Die Unterlassung ist zurückzuführen: 

1 . Auf den Mangel an Fachkenntnissen, welche die 
Geschäftsführungskontrolle unbedingt erfordert (so z.B. 

bei der Lucema). 

2. Auf die Pflichtvergessenheit der Verwaltungsrats- 
mitglieder (so z. B. bei der Leih- und Sparkasse Her- 
zogenbuchsee). 

c> Die Selbstkontrolle des Verwaltungsrates. 

Wie wir aus den Statutenbestimmungen ersahen, übt 
der Verwaltungsrat die wichtigsten Geschäftsführungs- 
funktionen selbst aus, wenn ihm nun zugleich auch 
die Geschäftsführungskontrolle auferlegt ist, so liegt 
darin ein gewisser logischer und praktischer Widerspruch, 



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indem der Verwaltungsrat sich selbst »kontrolliert«. 
Eine tatsächliche Kontrolle der Geschäftsführung kann 
nach den heutigen Verhältnissennurdortausgeübt werden, 
wo die Geschäftsführung im Gesamten einer außerhalb 
der Verwaltung stehenden Direktion übertragen ist. 
Da nach unserem Vorschlage Geschäftsführung und 
Verwaltung innerhalb des Verwaltungsrates ausgeübt 
werden sollen, ergibt sich mitNotwendigkeit die Loslösung 
der Geschäftsführungskontrolle von den Pflichten des 
Verwaltungsrates, worauf wir bei den Funktionen der 
Kontrollstelle noch näher zu sprechen kommen werden. 

8. Die gesetzliche Vertretungspflicfit. 

Da die Aktiengesellschaft eine juristische Person 
ist und als solche ^^) nicht persönlich selbst handeln 
kann, so ist die Vertretung durch eine physische Person 
erforderlich. Das Obligationenrecht spricht sich allge- 
mein hierüber in Art. 651 wie folgt aus: »Wenn die 
Statuten nichts anderes darüber bestimmen, so ist zur 
Vertretung der Gesellschaft nach außen und zur ver- 
bindlichen Unterschrift namens derselben die Mitwirkung 
und Unterschrift sämtlicher Mitglieder der Verwaltung 
erforderlich.« 

Dieser Norm ist zu entnehmen, daß die Vertretungs- 
befugnisse statutarisch geregelt werden können, was 
auch gewöhnlich der Fall ist. Im allgemeinen wird die 
Vertretung schon aus praktischen Gründen einzelnen 
Personen übertragen, sei es, daß dieselben dem Ver- 
waltungsrate angehören, oder der außerhalb desselben 
stehenden Direktion. Den letzteren Fall haben wir 
bei der »Mechanischen Backsteinfabrik« Zürich, indem 
§ 21 der Statuten folgendes bestimmt: »Die Direktion 
besteht aus einem oder mehreren Mitgliedern; sie 
besorgt die Leitung des (Geschäftes, vertritt die Gesell- 
schaft Dritten gegenüber gerichdich und außergerichdich 
und ihre Mitglieder führen jedes einzeln die rechts- 
verbindliche Unterschrift.« 



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Andere übertragen die Vertretung zu gleicher Zeit 
sowohl der Direkdon, als auch einigen Verwaltungs- 
ratsmitgUedern, was § 31 der Statuten der Schweizer- 
ischen Unfall -Versicherungs A.-G. zu entnehmen ist. 
Er lautet: »Der Direktion steht die eigenüiche Ge- 
schäftsführung und die Vertretung der Gesellschaft 
nach außen zu. Jedes Mitglied der Direktion übt die 
rechtsverbindliche Einzelunterschrift für die Gesellschaft 
aus. Überdies kann der Aufsichtsrat einzeln oder 
kollektiv Prokuren bestellen. 

Auch den Mitgliedern des Verwaltungskomitees 
steht die Einzelunterschrift zu, doch üben sie diese 
nur beim Vollzug von Beschlüssen der Generalver- 
sammlung, des Aufsichtsrates und des Verwaltungs- 
komitees^elbst, oder bei Verhinderung aller Mitglieder 
der Direktion. Diese Beschränkung ist jedoch gegen- 
über Dritten ohne rechdiche Wirkung.« 

Ähnlich die Elektrizitätsgesellschaft Baden A.-G. 
»Der leitende Ausschuß vertritt die Gesellschaft nach 
außen, die rechtsverbindliche Unterschrift für die 
(Gesellschaft führt der Direktor kollektiv mit einem 
Mitglied des Ausschusses. Ebenso kann dieselbe 
von"^ einem Prokuristen kollektiv mit einem Direktor 
oder mit einem Mitglied des Ausschusses geführt 
werden.« 

Während das Obligadonenrecht die größte Freiheit 
in der Übertragung der Vertretung gestattet, legt das 
H.-G.-B. genau fest, wer zur Vertretung berechtigt ist. 
Als Hauptvertretungsorgan bezeichnet das H.-G.-B. 
in den §i^ 231 und 232 den Vorstand. Außer- 
dem ist auch der Aufsichtsrat zur Vertretung befugt 
und zwar 

a) bei der Vornahme von Rechtsgeschäften mit den 
Vorstandsmitgliedern (§ 247,1 H.-G.-B.). 

b) bei der Führung der, von der Generalversamm- 
lung beschlossenen Rechtsstreitigkeiten gegen die 
Vorstandsmitglieder (§ 247,1 H.-G.-B.). 

97 



^rnrnrnm^mm .*. 



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I 



Das Recht der selbständigen Vertretung steht 
dem Aufsichtsrat dann zu, wenn es sich um die Ver- 
antwortlichkeit seiner Mitglieder handelt. In diesem 
Falle kann er ohne und selbst gegen den Beschluß 
der Generalversammlung gegen die Mitglieder des 
Vorstandes klagen (§ 247,2 H.-G.-B.). 



X. Die Vergütung des Verwaltungsrates. 
1. Die verschiedenen Arten der Vergütung. 

Die dem Verwaltungsrat auferlegten Pflichten er- 
heischen auch eine entsprechende Vergütung, welche 
teils durch den Verwaltungsrat selbst, teils durch die 
Generalversammlung bestimmt wird. Eine gesetzliche 
Bestimmung über die Art der Entschädigung besteht 
nicht, weshalb die kaufmännische Praxis hierbei sich 
verschiedener Formen bedient, die wir statutarischen 
Bestimmungen entnehmen. Wir möchten aber zugleich 
darauf aufmerksam machen, daß die einzeln aufgeführten 
Formen nicht immer allein auftreten, sondern meist 
in Verbindung, was auch aus den statutarischen Be- 
stimmungen hervorgeht. Demnach begegnet uns: 

1. Eine feste Vergütung in folgenden Beispielen: 

»Schweizerische Bindfadenfabrik, Fluriingen, i^ 8: 
Die Mitglieder des Verwaltungsrates beziehen neben 
der Vergütung ihrer Barauslagen für Reisen usw. eine 
Entschädigung, deren Betrag von der Generalver- 
sammlung festgesetzt wird und über deren Verteilung 
der Verwaltungsrat bestimmt.« 

»Mechanische Backsteinfabrik, Zürich, g 20: Die 
Mitglieder des Verwaltungsrates beziehen außer dem 
Ersätze der durch ihre Funktionen verursachten Aus- 
lagen eine Tantieme vom Reinertrage des Geschäftes 
nach g 28, oder in deren Ermangelung eine jähriiche 
Entschädigung von je Fr. 100. — .« 



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96 



2. Tagegelder, manchmal auch Präsenz- oder Sitzungs- 
gelder genannt, verbunden mit Reiseauslagen und 
sonstigen Spesen. Beispiele: 

»Aktiengesellschaft Grand Hotel National, Luzem, 
§ 22: Die Verwaltungsräte beziehen ein Taggeld von 
Fr. 20. — ; sie erhalten überdies Reiseentschädigung, 
sowie die in § 28 vorgesehene Tantieme.« 

»Aktienbrauerei Zürich, § 21,2: Die Mitglieder des 
Verwaltungsrates, event. eines Ausschußes, beziehen ein 
Sitzungsgeld von Fr. 20. — plus event. Reiseaüslagen. 
Besondere Leistungen werden angemessen entschädigt. « 

»A.-G. der Eisen- und Stahlwerke vorm. Georg 
Fischer, Schaffhausen, Art. 22: Der Verwaltungsrat 
setzt das Sitzungsgeld und allfällige Entschädigung für 
besondere Inanspruchnahme seiner Mitglieder fest. Der 
Verwaltungsrat bestimmt auch das Honorar für den 
engeren Ausschuß, allfällige Spezialkommissionen und 
die Kontrollstelle.« 

3. Tantiemen. »Brown, Boveri, Baden, § 24: Die Mit- 
glieder des Verwaltungsrates beziehen im Allgemeinen 
außer ihren Barauslagen für Reisen usw. die in § 27 
festgesetzte Tantieme, über deren Verteilung unter die 
einzelnen Mitglieder der Verwaltungsrat beschließt. .< 

Über die Entschädigung der zur Geschäftsführung 
speziell delegierten Mitglieder des Verw^altungsrates 
werden besondere Verträge abgeschlossen. 

Nach den Untersuchungen Warschauers^^) kommen 
feste Vergütungen allein nur selten vor, sie treten 
meist in Verbindung mit Tantiemen auf. 

2. Die Art der Beredinung der Tantieme. 

IVovou wird die Tantieme berechnet? Eine gewisse 
Unterlage für deren Berechnung gibt uns Art. 630, 
in welchem bestimmt wird, daß die Tantiemen nur aus 
dem reinen Gewinn bezahlt werden dürfen. Dabei 
erhebt sich sofort eine zweite Frage: »Ist der Rein- 
gewinn des Jahres darunter verstanden ?€ Wird die 

99 






Frage bejahend beantwortet, dann darf der Gewinn- 
vortrag vom letzten Jahre nicht im Reingewinn enthalten 
sein. Femer besteht die weitere Möglichkeit, daß die 
Tantieme von der Summe berechnet wird, von welcher 
eine Dotation der Reserven noch nicht erfolet ist, oder 
aber erst, nachdem auch die Reserven schon abgezogen 
wurden. Beide Möglichkeiten sind gesetzlich zulässig. 
Zweifellos ^^) wäre es am besten, wenn die Berechnung 
vom Reingewinn des betreffenden Jahres erfolgte und 
zwar erst nachdem die Reservefonds dotiert sind. 

In sehr vielen Fällen sprechen sich die Statuten 
darüber aus, wie die Tantieme berechnet wird, und 
wir können sagen, daß dabei im allgemeinen dasselbe 
Prinzip verfolgt wird, wie in Deutschland (Vergleiche 
§ 245 H.-G.-B.) nämlich erst Dotation der Reserven, 
dann Abzug einer Dividende für die Aktionäre und 
vom Restbetrag die Berechnung der Tantieme. 

Die folgenden Beispiele mögen dies bestätigen. 

»Maggis Nahrungsmittel A.-G., Kempttal, Art. 24: 
F.S werden vorab 5 % in den Reservefonds gelegt 
und zwar auf solange, bis derselbe die Höhe von 10^/^^ 
des nominalen Aktienkapitales erreicht. Von dem hier- 
nach verbleibenden Reingewinn wird sodann auf sämtliche 
Aktien eine ordendiche Dividende von 5 ^/^ des ein- 
bezahlten Aktienkapitales ausgerichtet. Vom Über- 
schuß fallen als Tantieme an Verwaltungsrat und 
Geneialdirektion 22 7o^ über deren Verteilung vor- 
behaldich vertraglicher Vereinbarungen der Verwaltungs- 
rat selbständig verfügt.« 

»A.-G. der Eisen- und Stahlwerke vorm. Georg 
Fischer, Schaffhausen, Art. 27: Von dem sich aus der 
Bilanz nach Erfüllung der Bestimmungen von Art. 26 (Ab- 
schreibungen) ergebenden Reingewinn, werden zunächst 
10 ^/(j zur Bildungeines Reservefonds verwendet, bis der- 
selbe die Höhevon 10^'^^ des Aktienkapitales erreicht hat.« 

»V^on dem alsdann verbleibenden Rest erhalten 
die Aktionäre eine Dividende bis auf 5 ^o ihres Nominal- 
wertes. Vom Überschuß bezieht der Verwaltungsrat 



100 



4 



10^0 als Tantieme, über deren Verteilung unter die 
einzelnen Mitglieder er selbst entscheidet.« 

Die Verteilung^*) der Tantiemensumme wird dem Ver- 
waltungsrat anheimgestellt, da derselbe am besten beur 
teilen kann, wieviel dem einzelnen Mitglied entsprechend 
seiner Funktion zukommen soll. Gewöhnlich werden 
bestimmte Quoten vertraglich für diejenigen Mitglieder 
festgestellt, denen auch bestimmte Funktionen zuge- 
wiesen sind. 

3. Die Höhe der Tantieme. 

Sehr viel besprochen und kritisiert wird die Höhe 
der Tantiemen, welche einzelnen Verwaltungsräten und 
Direktoren zufallen und andererseits die betreffende 
Gesellschaft belasten. Immer und immer hört man 
z. B. in Deutschland, das Beispiel von dem General- 
direktor der Berliner Viktoria- Versicherung, der ungefähr 
jährlich 700,000 bis 800,000 Mark Tantiemen einstreicht. 
Die enorme Höhe ist hier darauf zurückzuführen, daß 
ein Tantiemevertrag zwischen ihm und der Gesellschaft 
besteht, wonach die Tantieme einen gewissen Prozent- 
satz vom Umsatz beträgt. Bekanntiich entwickelt die 
genannte Gesellschaft sich immer mehr, so daß auf diese 
Art und Weise noch eine wesentiiche Steigerung der 
Tantieme eintreten kann. Das sind aber Ausnahmen, 
und in diesem Falle dürfte ein solcher Vertrag darauf 
zurückzuführen sein, daß der Generaldirektor wesentiich 
zur Entwicklung der Gesellschaft beigetragen hat. 

Es ist keine seltene Erscheinung, daß gewissen 
Verwaltungsratsmitgliedem und Direktoren für be- 
sondere Dienstieistungen außerordendiche Tantiemen 
zugesichert werden, und es liegt darin eine gewisse Be- 
rechtigung. Andererseits fallen aber auch Verwaltungs- 
räten beträchtliche Tantiemenbezüge zu, die auf kein 
Verdienst zurückzuführen sind. 

Um einigermaßen die Höhe der Tantieme zu 
illustrieren, möchten wir einige Zahlen aus Deutschland 
angeben, da wir dort einen gewissen Anhaltspunkt für 

101 



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die Berechnung derselben in der seit 1 906 eingeführten 
Tantiemesteuer haben, welche 8 7^ beträgt. Befreit sind 
nur Bezüge solcher Gesellschaften, die ihrem Aufsichtsrat 
nicht mehr als 5000 Mk. bezahlen. Übersteigt aber die Ge- 
samtsumme der Vergütungen 5000 Mk., so wird die Ab- 
gabe nur insoweit erhoben, als sie aus der Hälfte des 
5000 Mk. übersteigenden Betrages gedeckt werden kann. 
Nach Angaben der Frankfurter Zeitung^^) erbrachte 
die Tantiemesteuer folgende Beträge : 

1907/08 190809 1909/10 1910/11 1911/12 1912/13 
InMili.Mk. 4,21 3,28 4,74 5,23 5,72 6,35 
somit werden an Tantieme versteuert: 
inMill.Mk. 52,77 41,01 59,30 65,39 71,50 79,38 
Dazu möchten wir noch die Tantiemebeträge an- 
führen, welche einzelne Gesellschaften im Jahre 1914^^) 
gezahlt haben: 

Deutsche Bank .... 

Dresdener Bank .... 

Berliner Handelsgesellschaft 

Schweiz. Kreditanstalt . . 

Leu & Co 

Schweiz. Bankverein . 



658,602 M. 
513,928 M. 
105,263 M.*) 
573,524 Fr. 
120,729 Fr. 
689,303 Fr. 



4. Kritische Betrachtungen und Vorschläge. 

Aus den kritischen Betrachtungen der hohen Tantieme- 
zahlen heraus sind auch eine Reihe von Vorschlägen 
entstanden, die auf gesetzlichem Wege eine Herab- 
setzung derselben zu erreichen suchen. So möchte 
Warschauern^) festgelegt wissen, daß bei der Kombi- 
nation von fester Vergütung und Tantieme, erstere 

*) In den angegebenen Summen der deutschen Gesell- 
schaften sind nur die Tantiemen der Aufsichtsräte enthalten, 
nicht auch der Direktoren. Dagegen stecken in den Tantieme- 
summen der schweizer. Gesellschaften sowohl die Vergütungen 
an Verwaltungsräte und Direktoren, sowie vermudich auch lue 
Gratifikationen des Personals (Schweiz. Kreditanstalt). Nur mit 
wenigen Ausnahmen finden wir in den Geschäftsberichten eine 
Spezifikation der Tantieme für den Verwaltungsrat. 



\! 



102 



nicht mehr als 2000 Mk., und die auf jedes Aufsichts- 
ratsmitg-lied entfallende Gesamtsumme nicht mehr als 
10,000 Mk. betragen dürfe; während andererseits die 
von dem gesamten Aufsichtsrat zu beziehende sogenannte 
»progressiv-prozentuale« Tantieme mit einem Satz von 
3 ^/q beginnen, bei einer Steigung von 4 ^/q um 1 7o 
steigen sollte, bis ein Höchstsatz von 6^]^ erreicht 
ist. Warschauer will einerseits durch die Festlegung 
der Vergütung gewissen Schiebungen vorbeugen; denn, 
wenn er nur einen bestimmten Tantiemesatz statuierte, 
so würden gewisse Gesellschaften sich durch die Er- 
höhung der festen Vergütung helfen. Andererseits will 
er aber doch den Gesamtbezug der Rendite der Gesell- 
schaft anpassen, indem durch die progressiv-prozentuale 
Tantieme die Möglichkeit gegeben ist, daß Gesellschaften 
mit einer hohen Dividende ihren Aufsich ts raten eine höhere 
Tantieme zukommen lassen können. Daraus können wir 
folgern, daß Warschauer die höhere Dividende auf eine 
entsprechend intensivere Leistung des Aufsichtsrates 
zurückführt, was auch eine erhöhte Tantieme rechtfertige. 
Vergleichen wir nun damit die Bemerkungen War- 
schauers (a. a. O. S. 54), welche folgendermaßen lauten: 

»Einerseits ist nirgends der Beweis geliefert, daß an 
Aufsichtsräte, die z.B. 6 "/o Tantieme beziehen, geringere 
Ansprüche gestellt worden sind, wie an diejenigen, die 
z. B. 1 5 "/^j beziehen und andererseits ist aus keinem Einzel- 
fall bisher ersichtlich gewesen, daß die letzteren wegen 
der Differenz des Tantiemesatzes mehr wie erstere ge- 
leistet hätten«, so erkennen wir daraus den Widerspruch, 
in dem sein Vorschlag zu dessen Begründung steht.'**) 

Wir halten eine gesetzliche Regelung der Höhe 
der Tantieme für unzweckmäßig, und wenn dieselbe 
allen Gesellschaften und Verhältnissen Rechnung tragen 
sollte, für undurchführbar. Auch würde die Praxis 
leicht Mittel und Wege finden, derartige gesetzliche 
Vorschriften zu umgehen. 

Von Brockdorff ''•*) möchte die Bestimmung festgelegt 
haben, daß die Tantieme mit steigender Dividende 

103 



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nicht steigen dürfe, mit fallender Dividende aber fallen 
müsse; werde keine Dividende verteilt, so solle auch 
keine Tantieme verteilt werden. Er baut den ersten Ab 
satz seines Vorschlages wohl auf der nachgewiesenen 
Tatsache auf, daß die Tantiemen schneller steigen als 
Gewinn und Dividende, was durch die folgende, der 
Frankfurter Zeitung*) entnommene Zusammenstellung 
erläutert werden mag. 

Anfsiclitsrats- in "/ödes in ''oder 
Gewinn Dividende Tantiemen Gewinnes Divid. 

1907/08 M. 1351 Mill. 1023 52,77Mill. 3,9 5,15 

1908/09 M. 1233 » 960 41,01 » 3,3 4,27 

1909/10 M. 1366 » 1044 59,30 » 4,35 6,17 

1910/11 M.1472 » 1133 65,39 » 4,45 7,38 

Allein es ist doch in das Belieben der Gesellschaft 
gestellt, welche Tantiemen sie alljährlich den Aufsichts- 
räten geben will ; es liegt in der Hand der Gesellschaft, 
darüber von Jahr zu Jahr zu bestimmen. Auch wenn 
die Dividende zurückgeht, muß es dem Entscheid einer 
Gesellschaft anheimgestellt werden, welchen Betrag sie 
in diesem Fall alsTantieme ausschütten will. Ob es gerecht 
ist, bei Dividendenlosigkeit überhaupt keine Tantieme zu 
verteilen, das muß im einzelnen Fall beurteilt werden. 

Wir möchten nochmals wiederholen, daß alle Vor- 
schläge bezüglich der Fesdegungder Höhe der Tantieme, 
unpraktisch, bezw. undurchführbar sind. Die Gesell- 
schaften sind durchaus verschieden, was Kapital, Ren- 
tabilität und Arbeitsleistung im Aufsichtsrat anbetrifft, 
so daß den einzelnen Momenten nur durch das 
Selbstbestimmungsrecht der Gesellschaft Rechnung 
getragen werden kann. 

Mit diesen Betrachtungen schließen wir den Teil 
unserer Organisationsfrage ab, welcher die Verwaltung 
der Aktiengesellschaft zum Gegenstand hatte und 
suchen nun die Kontrollstelle als integrierenden Bestand 
teil der Verwaltungsratsfrage in unser Organisations- 
problem einzugliedern. 

*) Frankfurter Zeitung v. 29. April 191 3. 



104 



B. Die Kontrollstelle 
der Aktiengesellschaft. 

I. Die reditliche Stellung der Kontrollstelle. 

Zunächst ist festzustellen, daß wir in der Kontroll- 
stelle ein notwendiges Organ der Aktiengesellschaft 
zu erblicken haben, das als solches der Generalver- 
sammlung und der Verwaltung zur Seite gestellt werden 
kann. Die Statuierung als gesetzliches Organ bewirkt 
auch die direkte^^) Ableitung seiner Befugnisse aus dem 
Gesetz. Demnach ist die Kontrollstelle mit ursprünglichen 
Kontrollfunktionen ausgestattet, welche nach Art. 659 
O.-R.voneinerodermehrerenPersonenausgeübtwerden. 

Die Wahl derselben erfolgt durch die Generalversamm- 
lung. In Ausübung der unter die Kompetenz der Kontroll- 
stelle fallenden Funktionen handeln deren Mitglieder im 
Auftrage der Gesellschaft und treten dadurch, rechtlich 
ausgedrückt, in ein Mandatsverhältnis««) zu derselben. 

IL Die wirtschaftliche Stellung und Bedeutung 
der Kontrollstelle der Gegenwart. 

1. Die Aufgaben der Kontrollstelle 
nadi dem Gesetz. 

a> Die redinerisdie und materielle Kontrolle. 

Nach den Bestimmungen des Gesetzes (Art. 659 

und 660 O.-R.) ist die Kontrollstelle mit der Ausübung 

der rechnerischen und materiellen Kontrolle betraut. 

Wir nehmen absichtlich eine Trennung der Kontrolle 



105 



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in eine rein rechnerische und materielle vor, weil 
wir damit zwei verschiedene Kontrollarten statuieren 
möchten, die selbständig und von einander unabhängig- 
durchgeführt werden können. 

Während die rechnerische Kontrolle nur die formal- 
technische Seite der Buchführung, des Bücherabschlusses 
und der Bilanz berücksichtigt, geht die materielle Kon- 
trolle auf eine sachliche Prüfung der verbuchten und 
bilanzierten Posten aus, wobei die Bewertungsfrage 
eine wichtige Rolle spielt. Worauf die Prüfung im 
einzelnen sich zu erstrecken hat, ist den Bestimmungen 
des Gesetzes nicht genau zu entnehmen, was natüriicher- 
weise in der Literatur^^) und in der Geschäftspraxis 
zu verschiedenen Ansichten geführt hat. 

Ohne weiteres darf wohl angenommen werden, 
daß den in Betracht kommenden Art. 659 und 660 
O.-R. die Pflicht der Kontrollstelle zu entnehmen ist, 
eine rechnerische Prüfung der Bilanz und der Rech- 
nungen durchzuführen. Diese Auffassung teilt sowohl 
die über diese Frage bestehende Literatur, als auch 
die Rechtsprechung und Geschäftspraxis. Als Beleg 
der Rechtsprechung zitieren wir den Satz aus eineT 
Bundesgerichtsentscheidung (Bd. XXXIV (2) S. 501/2), 
der folgendermaßen lautet: »Nach diesen Bestimmungen 
(des Art. 659 O.-R.) aber beschränkt sich die Aufgabe 
der Revisoren darauf, Bilanz und Rechnungen zu prüfen 
und zwar ist mit dieser Prüfung eine solche rein kalku- 
latorischer Natur gemeint.« (Die rechnerische Kon- 
trolle^^) nach unserer Auffassung ist der kalkulatorischen 
Prüfung in dem genannten Zusammenhang gleichzu- 
setzen. Bachmann wendet aber diesen Ausdruck auch 
für die von uns erwähnte materielle Kontrolle an.) 
Fassen wir den Inhalt des Art. 660 O.-R. weit auf, 
so ergibt sich daraus auch das Recht auf eine materielle 
Kontrolle, was mit der Auslegung des obengenannten 
Bundesgerichtsentscheids übereinstimmt, indem es dort 
in einem zweiten Satze heißt: »Die Revisoren haben 
allerdings das Recht, die Voriage der Bücher und 



106 



Belege zu begehren und den Kassabestand festzustellen 
(Art. 660), aber nicht die Pflicht dazu.« 

Die in der Literatur'-*^) herrschende und auch von 
uns geteilte Auffassung geht dahin, die bestehenden 
gesetzlichen Bestimmungen über die Kontrolle derart 
auslegen zu müssen, daß die Kontrollstelle nicht nur 
das Recht, sondern auch die Pflicht hat, eine materielle 
Kontrolle auszuüben. Es ist doch zweifellos anzu- 
nehmen, daß der Gesetzgeber mit der Schaffung eines 
besonderen Kontrollorgans die Ausübung einer erfolg- 
reichen Kontrolle bezweckt. Wirksam kann eine Revi- 
sion aber nur dann sein, wenn dieselbe sich auch auf 
die Unteriagen der Buchführung und Bilanz erstreckt. 
Die bisherige Tätigkeit der Kontrollstelle läßt aber 
nicht darauf schließen, daß auch die kaufmännische 
Praxis die eben erwähnte iVuslegung des Gesetzes teilt. 
In sehr vielen Fällen wird nur eine rein rechnerische 
Kontrolle ausgeübt oder, noch offener gesprochen, 
von Seiten vieler Verwaltungen zugelassen oder ge- 
wünscht, worauf wir noch näher zu sprechen kommen 
werden. Im Hinblick auf diese Zustände wird es von 
entscheidender Bedeutung sein, daß die Rechtsprechung 
ihren Standpunkt korrigiert und auch die materielle 
Prüfung zur Pflicht macht. 



b> Geschäftsführungskontrolle ? 

Außer den beiden genannten Kontrollarten kommt 
aber noch eine dritte in Frage, nämlich die Prüfung 
der Geschäftsführung. Diese besteht in der »Prüfung 
und Kritik^^) der vorgenommenen oder unterlassenen 
Geschäfte, z. B. der Zulässigkeit der Kreditgewährungen 
vom Standpunkt des Geschäftes aus, der Zweckmäßig- 
keit der Effektenkäufe, der rationellen Zusammen- 
setzung der Wechselportefeuilles« usw. Im Gesetz ist 
kein bestimmtes Organ genannt, welches direkt mit 
der Geschäftsführungskontrolle betraut ist. Daß die- 
selbe aber nicht Aufgabe der Kontrollstelle ist, geht 



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107 






aus Art. 661 O.-R. hervor, nach welchem die General- 
versammlung jederzeit berechtigt ist, zur Prüfung der 
Geschäftsführung und einzelner Teile derselben be- 
sondere Kommissäre oder Sachverständige zu ernennen. 
Selbstverständlich kann z. B. die Kontrollstelle oder 
eine besondere Kommission mit diesem Auftrag^e durch 
Generalversammlungsbeschluß betraut werden; ist dies 
aber nicht der Fall, dann liegt diese Aufgabe dem 
Verwaltungsrat ob, wie wir schon auf Seite 94 und 95 
ausführten. Diese Auffassung, welche ohne allen Zweifel 
dem Gesetz entspricht und die auch von Bachmann^*^) 
geteilt wird, scheint in der Literatur noch nicht ganz 
durchgedrungen zu sein, worauf die Ausführungen 
Zimmermanns'-*^) und die an die.ser Stelle (Seite 345 ff.) 
erwähnte Literatur schließen lassen. Zimmermann sucht 
an Hand einiger Beispiele klarzulegen, daß die Prüfung 
der Geschäftsführung auch Pflicht der Kontrollstelle 
sei, um den vom Gesetz gestellten Kontrollansprüchen 
zu genügen. So heißt es u. a. auf Seite 347 : »Die 
Kontrollorgane haben auch die »Debitoren« und das 
»Wechselportefeuille« daraufhin zu untersuchen, ob 
die Kreditgewährungen, die nach den Statuten oder 
nach gesunden kaufmännischen Prinzipien zulässigen 
Grenzen nicht übersteigen«. 

Sachlich ist hierzu zunächst zu bemerken, daß die 
Statuten privater Unternehmungen in den seltensten 
Fällen sich über die Art der Kreditgewährung und 
über die Höhe derselben auslassen, bezw. auslassen 
können. Dieser Geschäftszweig gehört zu den intern- 
sten Angelegenheiten eines Unternehmens, die man 
nicht der Öffendichkeit preisgibt. Ob gesunde kauf- 
männische Prinzipien dabei wegleitend sind, vermag 
ein Außenstehender selten zu beurteilen, da hierzu 
nur Personen im Stande sind, welche mit der Geschäfts- 
führung des betreffenden Unternehmens vertraut sind. 

Weder die Stellung der Kontrollstelle nach dem 
Gesetz, noch diejenige, welche ihr in der Praxis ein- 
geräumt wird, lassen eine derartige Kontrolle zu. 



103 



Wie wir später noch sehen werden, sind wir mit dem 
Gedanken Zimmermanns ganz einverstanden, daß em 
gesetzliches Kontrollorgan der A.-G. erst dann zweck- 
entsprechend ausgerüstet ist, wenn dessen Kompetenz 
die rechnerische, materielle und Geschäftsfuhrungs- 
Prüfung umfaßt. Mit dieser Ausstattung ist aber der 
Erfolg noch nicht garantiert. Es gilt vielmehr, diese 
Machtfülle derart festzulegen, da/i zum voraus bis zu 
einem gewissen Grad ein Erfolg gesichert ist. Wie 
dies gemacht werden kann, soll uns in 'emem spateren 
Abschnitt beschäftigen. Vorerst müssen wir eben daran 
festhalten, daß die bestehenden gesetzlichen Bestim- 
mungen nur eine rechnerische und materielle Prüfung 
erfordern, und, wenn man mehr verlangt, »so ) legt 
man etwas in das Gesetz hinein, das nicht dann steht«. 

2. Die Aufgaben des Kontrollorgans der 
deutschen Aktiengesellsdiaft. 

Im Anschluß an diese Dariegungen möchten wir 
auch auf die Pflichten hinweisen, welche dem Kontroll- 
oro-an der A.-G. nach dem deutschen Recht zukommen. 
wTe schon erwähnt, sind die Kontrollpflichten aus- 
schließlich dem Aufsichtsrat auferiegt, und zwar be- 
stehen dieselben, nach i? 246 H.-G.-B., in der rech- 
nerischen materiellen und Geschäftslührungsprutung. 
Es kann keinem Zweifel unteriiegen, daß wir in dieser 
Einrichtung das geeignetste Kontrollprinzip theoretisch 
anerkannt^ehen. Allein die besten Theorien haben 
keinen Zweck, wenn dieselben nicht praktisch ver- 
wirklicht werden. Dies trifft für das deutsche Kontroll- 
organ zu, das in Wirklichkeit eine Institution ist, welchem 
es nach den obwaltenden Umständen niemals möglich 
ist eine rechnerische und materielle Kontrolle durch- 
zuführen, da die Hauptaufgaben des Aufsichtsrates m 
praxi, wie schon ausgeführt, auf dem Gebiete der 
Verwaltungs- und Geschäftspolitik liegen. 



3. Die Pflichten der Kontrollstelle 
nach den Statuten. 

a> Die mangelhafte Festlegung der Kontrollpflichten. 

Nachdem wir nun in kurzen Zügen die Pflichten 
der Kontrollstelle auf Grund des Gesetzes betrachtet 
haben, wollen wir untersuchen, inwieweit die Geschäfts- 
praxis von dem in Art. 662 O.-R. festgelegten Recht, 
statutarisch ȟber die Organisation der Kontrollstelle 
andere Bestimmungen zu treffen und deren Befugnisse 
und Pflichten weiter auszudehnen«, Gebrauch gemacht 
hat. Dabei berücksichtigen wir aber nicht den Umstand, 
daß verschiedene große Unternehmungen, vor allem 
Banken, sich neben der gesetzlichen Kontrollstelle 
eine eigene Kontrollorganisation schufen, in P^orm von 
Inspektoraten, Revisionsbureaus, etc., neben denen die 
Kontrollstelle nur eine formelle Bedeutung hat. Diese 
Ausnahmen ändern nichts an der Tatsache, daß sehr 
viele Aktiengesellschaften weder eine richtige Eigen- 
kontrolle haben, noch es der Mühe wert erachteten, die 
gesetzliche entsprechend auszubauen. Wir können 
sagen, daß der Gesetzgeber die knappen Kontroll- 
bestimmungen wohl auch in der Annahme schuf, daß 
die kaufmännische Praxis selbst in ihrem eigensten 
Interesse den Ausbau einer Kontrolle bewirke, die 
der Eigenart jedes einzelnen Betriebes Rechnung tragen 
kann. Daß hierin der Gesetzgeber sich täuschte, be- 
weisen uns sehr viele Statuten von Aktiengesellschaften. 
Aus diesen ersehen wir, daß dort die Pflichten der 
Kontrollstelle ebenso knapp ausgesprochen sind, wie 
im Gesetz. P^s sind nicht etwa Ausnahmen, sondern 
es ist die Regel, daß wir Auslassungen über die Kon- 
trollstelle antreffen, wie beispielsweise in Art. 21 der 
Statuten der Maggigesellschaft in Kempttal, wo es 
heißt: »Die ordendiche Generalversammlung bezeichnet 
alljährlich zwei Revisoren und zwei Ersatzmänner mit dem 
Auftrage, der Generalversammlung einen schrifdichen 

110 



^Bericht über die Bilanz und über die vom Verwaltungsrat 
vorgelegten Jahresrechnungen einzureichen«. Detaillier- 
tere Bestimmungen, die auf eine materielle Prüfungs- 
pflicht schließen lassen, finden wir nur vereinzelt. Noch 
weniger wird von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, 
die Kontrolle der Geschäftsführung den Revisoren zu 
übertragen. (Schweizerische Volksbank, die zwar eine 
Genossenschaft ist, den Organen und der Organisation 
nach aber einer Aktiengesellschaft ähnelt). 



b> Die mangelhafte Ausübung der Kontrolle. 

Zusammenfassend können wir sagen, daß die statu- 
tarischen Bestimmungen über die Kontrollstelle den 
Eindruck machen, daß man einer vom Gesetz ge- 
forderten Pflicht in formaler Weise Genüge leistet. Es 
nimmt einen deshalb auch nicht wunder, wenn die Aus- 
übung der Kontrolle seitens der Revisoren einen formalen 
Charakter trägt. 

Dies tritt am deutlichsten in den Revisionsberichten 
zutage, welche doch das Ergebnis und Rechenschaft 
über die ausgeübte Tätigkeit darlegen sollen. Als 
Beispiel hierfür diene uns der Bericht des Rechnungs- 
revisors der »Bemer Rückversicherungsgesellschaft für 
Leben und Unfall A.-G. in Bern«, über das Geschäfts- 
jahr 1913, der folgendermaßen lautet: »Vorstehende 
Bilanz pro 31. Dezember 1913, nebst Gewinn- und 
Verlustrechnung, habe ich geprüft und mit den ordnungs- 
mäßig geführten Büchern übereinstimmend gefunden«. 

»Die Pflichtaktien der Verwaltungsräte sind nach 
Vorschriften der Statuten deponiert.« 

»Sämdiche Wertschriften habe ich bei den ver- 
schiedenen Banken persönlich verifiziert, und mit dem 
Wertschrifteninventar in Übereinstimmung gefunden.« 

In diesem Rahmen sind die meisten Berichte der 
Revisoren gehalten. Allein sie können schließlich auch 
nicht vielmehr enthalten, wenn man bedenkt, daß die 
Kontrolle gewöhnlich in einem Zeitraum von 1 - 2 Tagen 

111 






1 



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durchgeführt sein muß. Es liegt daher klar zutage, 
daß unter derartigen Umständen die Tätigkeit der 
Kontrollstelle oberflächlich und daher zwecklos ist. 
Ein Beispiel mag diese Tatsache noch illustrieren. 

In einer Generalversammlung der Volksbank in Biel, 
im Jahre 1910, erklärte ein Revisor, »es sei alles in 
bester Ordnung« — einige Monate darauf mußte die 
Bank ihre Schalter schließen. 

4. Die Mißerfolge der Kontrollstelle. 

a> Die Abneigung von Verwaltungsräten und Direktoren 

gegen die gesetzliche Kontrolle. 

Auch aus den Berichten, welche Experten anläßlich 
der Untersuchung des Materials von verkrachten Unter- 
nehmungen zu machen hatten, geht hervor, daß die 
Ursache der Zusammenbrüche teils auf das völlioe Ver- 
sagen der Revisionsorgane zurückzuführen ist. Damit 
ist uns die folgende Frage nahegelegt: Worauf ist der 
Mißerfolg der Kontrollstelle zurückzuführen? 

In der Beantwortung dieser Erage muß zunächst 
darauf hingewiesen werden, daß nach den heutigen Um- 
ständen die Kontrolle sehr vielen Verwaltunesräten 
und Direktoren »ein Dom im Auge« ist, den man um 
so unangenehmer empfindet, je gewissenhafter eine 
Kontrollstelle ihre Pflichten auszuüben sucht, und je 
fauler es um ein Unternehmen bestellt ist. Man sträubt 
sich so gut und solange man kann gegen jegliche 
Art von Einblick Dritter in die Verwaltunorsverhältnisse. 
Dieser Widerstand geht nicht selten sogar soweit, daß 
die von den Revisoren zur Einsicht gewünschten Bücher 
verweigert werden, wie dies bei der Volksbank in Biel 
vorkam. Die Kontrollstelle in ihrer Schwäche, oder in 
der Angst, nicht mehr vom Verwaltungsrat gewählt zu 
werden, falls sie etwas gegen das Gebahren der Verwaltung 
unternimmt, verzichtet dann meist auf die Einsichtnahme. 

Unter diesen Verhältnissen ist es sehr verständlich, 
wenn man seitens der Verwaltung nicht entfernt an 



V 



den Ausbau der Kontrollstelle denkt, was ja in vielen 
Fällen einem Schnitt ins eigene Fleisch gleichkäme. 
Mit jener Abneigung hängt auch die Art der 
Besetzung der Kontrollstelle zusammen, die vielfach 
in dem Bestreben erfolgt, sich ein möglichst harmloses 
Orean zu schaffen. Da nach den bestehenden Ver- 
hältnissen es der Verwaltungsrat in der Hand hat zu 
wählen, wie und wen er will, so bereitet ihm die !k- 
setzungsfrage keine weitere Besorgnis. 

b> Die Ausübung der redinerisdien Kontrolle. 

Die Schwäche der Kontrollstelle und ihr Mißerfolg 
ist endlich aber auch in der Übung begründet, daß eine 
nur rechnerische Kontrolle erwünscht und gestattet ist. 
Wie wir schon auf Seite 106 erwähnten, berücksichtigt 
die rechnerische Kontrolle nur die formaltechnische 
Seite der Buchführung und Bilanz, indem sie »die Über- 
einstimmung*) gewisser Endbuchungen und Inventur- 
zahlen mit den Bilanzzahlen feststellt«. Ergibt sich nun 
bei der Prüfung, daß die Saldi übereinstimmen, so ist 
damit gar nicht erwiesen, daß die Buchführung in Ord- 
nung ist. Es können Buchungsfehler vorliegen und 
die Endsummen doch miteinander*^^) übereinstimmen: 

1. Wenn sich zwei oder mehrere falsche Eintrag- 
ungen gegenseitig aufheben. 

2. Wenn eine falsche Eintragung durch einen Addi- 
tionsfehler oder Übertragungsfehler aufgehoben wurde. 

3. Bei Verwechslungen von Konten. 

4. Bei Auslassungen von Buchungen. 

Werden aber Unstimmigkeiten in den Endbuchungen 
untereinander entdeckt, so begnügt sich die rechnerische 
Kontrolle mit der bloßen Feststellung dieses formalen 
Fehlers. Demnach wird weder in dem einen noch le dem 
anderen F'alle kaum etwas erreicht von dem, was man 
von einer Kontrolle erwarten dürfte. Darum ist die Aus- 
übung einer nur rein rechnerischen Kontrolle zwecklos. 

*) Töndury a. a. O. S. 15/16. 



I 



I 



1 



i- 



112 



113 



8 



III. Der Ausbau der Kontrollstelle. 



# 



1 . Notwendigkeit der Übertragung der 
Geschäftsführungskontrolle an die Kontrollstelle. 

a> Die Begründung der Übertragung. 

Soll eine Kontrolle auch nur einigermaßen Zweck 
und Erfolg haben, so darf man nicht bei der Feststellung- 
formaler Fehler stehen bleiben, sondern muß der 
Ursache und Entstehung derselben nachgehen. Dies er- 
fordert ein Eindringen in die gesamte Buchungsmaterie, 
eine Prüfung der Unterlagen und Belege von gebuchten 
Tatsachen und zahlenmäßig festgelegten Geschäfts- 
vorfällen. Erst wenn wir gewisse Posten aus ihrem 
Zusammenhang heraus betrachten und miteinander ver- 
gleichen, ist eine richtige Beurteilung derselben möo-lich. 
Daher muß, zwecks eines Kontrollerfolges, mit der 
rechnerischen Kontrolle naturgemäß auch die materielle 
Kontrolle Hand in Hand gehen. 

Allein auch diese Revisionsmethode wird nicht 
genügen, wenn es gilt, raffinierte Schiebungen und 
Verschleierungen zu entdecken, die zwar ihren Nieder- 
schlag in Buchführung und Bilanz finden, deren Ursprung 
aber sehr oft in einer inkorrekten Geschäftsführung liegt. 
Da gerade mit derartigen Manipulationen seitens ge- 
wissenloser Verwaltungen häufig gearbeitet wird und 
die F"olge davon schwerer Schaden und nicht selten 
der Ruin von Untemehmunoren ist, ist es nötie, daß 
die Kontrolle auch auf das Gebiet der Geschäfts- 
führung übergreift. Ein Revisor wird nun aber niemals 
im voraus wissen, ob es sich z. B. bei formalen Un- 
stimmigkeiten um einen reinen Buchungsfehler handelt, 
der einem Buchhalter unterlaufen ist, oder ob dieselben 
auf eine, durch die Geschäftsführunor vorgenommene 
Schiebung zurückzuführen sind. Daher muß, im Hinblick 
auf das Bestreben, alle Fehler entdecken zu können, 
mit der rechnerischen und materiellen Kontrolle 



'\ 



gleichzeitig auch die Geschäftsführungskontrolle ausgeübt 
werden. In der gemeinsamen Anwendung dieser drei 
Kontrollmethoden, welche naturgemäß miteinander ver- 
bunden werden müssen, sehen wir das reine Kontroll- 
prinzip verwirklicht und einen vollkommenen Kontroll- 
erfolg ermöglicht. Wir möchten daher die rechnerische, 
mateT-ielle und Geschäftsführungsprüfung der Kontroll- 
stelle übertragen und damit das Kontrollprinzip des 
deutschen Gesetzgebers nachgeahmt und durchgeführt 
wissen. Diesen Vorschlag wollen wir auch noch mit dem 
Hinweis auf den Umstand begründen, daß es lögischer- 
und praktischerweise nicht angängig ist, ein Organ, das 
für gewisse Aufgaben die Verantwortung trägt, zugleich 
auch mit der Kontrolle über dieselben zu betrauen. 
Den innigen natüriichen Zusammenhang von mate- 
rieller und Geschäftsführimgsprüfung kennzeichnet auch 
Töndury^^) mit folgenden Worten: »Von vornherein muß 
gesagt werden, daß die Grenzen zwischen beiden Revi- 
sionen nicht scharf gezogen werden können. Wie die 
Geschäftsführung als solche nicht anders nachgeprüft 
werden kann als durch ein eingehendes Studium der 
Bücher, so schneidet andererseits eine gewissenhafte 
materielle Rechnungsrevision ohne weiteres Fragen an, 
die bereits zum Teil auf dem Gebiet der Geschäfts- 
führung und nicht nur in der buchtechnischen Darstellung 
derselben liegen.« Im Anschluß®^) an diese Ausfüh- 
rungen wird von ihm auch erwogen, ob die Geschäfts- 
führungskontrolle an die Kontrollstelle zu übertragen 
sei; dafür sprächen zwei berechtigte Gründe, nämlich: 

1 . Die Teilnahme des Verwaltungsrates an der Ge- 
schäftsführung und die dadurch gegebene Möglichkeit 
der Verfolgung von Einzelinteressen. 

2. Die wirtschafdiche Aufgabe der Kontrollstelle, 
die zu einem großen Teil den Schutz der kleineren 
Aktionäre in sich begreift. 

Andererseits führt aber Töndury auch verschiedene 
Gründe ins Feld, welche ihn abhalten, die Übertragung zu 
befürworten, Gründe, auf die wir später zurückkommen. 



114 



115 



# 



I 



b> Die Festlegung der Übertragung. 

, Schon unter den heute bestehenden gesetzlichen 
Bestimmungen ist die Übertragung der Geschäfts- 
führungsprüfung an die Kontrollstelle nach Art. 661 
O.-R. ohne weiteres möglich. Die bisherigen Erfah- 
rungen haben aber gezeigt, daß die Geschäftspraxis den 
Ausbau der Kontrolle nicht aus eigener Initiative vor- 
nimmt, daher ist es nötig, daß im Gesetz klar und be- 
stimmt auch noch die Kontrolle der Geschäftsführunor 
als weitere Pflicht der Kontrollstelle festgelegt wird, 
/iuf diese Weise führen wir das Kontrollprinzip des 
deutschen Gesetzgebers ein, erhalten aber dadurch 
nicht etwa den deutschen Aufsichtsrat. Wir möchten 
nur ein reines Kontrollorgan haben, das mit einer 
Machtfülle ausgestattet ist, die einen Erfolg im Interesse 
der Gesellschaft und der Aktionäre gewährleistet. 
Weder irgendwelche verwaltende, noch geschäfts- 
führende Tätigkeit soll diesem Kontrollorgan zukommen, 
denn sonst würden wir ähnliche unerquickliche Ver- 
hältnisse schaffen, wie sie in sehr vielen Fällen in 
Deutschland zwischen Vorstand und Aufsichtsrat be- 
stehen und die darauf zurückzuführen sind, daß dem 
Aufsichtsrat meist auch noch statutarisch sehr wichtigfe 
geschäftsführende Tätigkeit zukommt. In diesem Fall 
hätten wir dieselben Zustände, wie sie jetzt in der 
Schweiz bestehen, daß sich nämlich der Aufsichtsrat, 
bezw. der Verwaltungsrat selbst kontrolliert, oder daß, 
besser gesagt, eine richtige Kontrolle überhaupt nicht 
stattfindet. Darin liegt eben die Lücke in der Gesamt- 
verwaltung der Aktiengesellschaft im deutschen, wie im 
schweizerischen Recht. Hier muß der Hebel angesetzt 
werden, um der Lösung der sog. Verwaltungsratsfrage 
näher zu kommen. 

Sowohl für die schweizerischen, wie für die 
deutschen Verhältnisse ist es also unumgänglich not- 
wendig, gesetzlich ein reines Kontrollorgan mit den 
erwähnten Kompetenzen zu schaffen. 



116 



2. Regelung der Kontrollfrage im H.-G.-B. 

In der Schweiz ist dies dadurch zu erreichen, daß 
die Kompetenzen des schon bestehenden gesetzlichen 
reinen Kontrollorgans erweitert werden, während in 
Deutschland es sich um eine Loslösung der Kontroll- 
pflichten vom Aufsichtsrat und deren Zuweisung an 
ein neuzuschafl"endes reines Kontrollorgan handeln 
würde. Dann mögen auch dem Aufsichtsrat geschäfts- 
führende Aufc/aben zugewiesen werden. Die soziale 
Stellung desselben in der Gesellschaft würde dadurch 
nicht verrückt, denn er hat doch die Gesamtieitung des 
Unternehmens in der Hand und kann mit gutem Ge- 
wissen seine Aufgaben, die auf dem Gebiete der Ver- 
waltung, Geschäftsführung und Geschäftspolitik liegen, 
nachkommen. Auch würde dann vom Aufsichtsrat nur 
noch das verlangt werden, was er auch tatsächlich aus- 
führen kann; andererseits wird dann von ihm keine 
Entschuldigung mehr vorgebracht werden können, wenn 
die möglichen Pflichten von ihm vernachlässigt wurden. 

3. Die Ausübung der Pfliditen und Rechte 
des neuen Kontrollorgans. 

Die Aufgaben der Kontrollstelle müssen teils in 
den Statuten, teils in einer Geschäftsordnung, welche 
die Mitglieder der Kontrollstelle aufstellen und welche 
der Genehmigung der Generalversammlung unterliegen, 
festgelegt werden. Ihre Fesdegung erfolgt auf dieselbe 
Art^wie diejenigen der Verwaltungsorgane. Die Pflichten 
müssen genau umschrieben sein, so daß kein Zweifel 
über die^ Verantwortung, welche den Mitgliedern zu- 
fällt, bestehen kann. Die gesetzlichen Bestimmungen 
dürften u. E. vollauf genügen. 

Allein mit der Statuierung eines reinen Kontroll- 
organs ist noch nichts erreicht, wie uns die schweize- 
rischen Verhältnisse lehren ; auch genügt es nicht, die 
Kontrollkompetenzen gesetzlich zu . erweitem, denn 

117 



\ 



1 *■ 

) 



sonst müßte das deutsche Kontrollprinzip schon an 
und für sich einen Erfolg verzeichnen.. Es gilt deshalb 
die im Gesetz festgelegte Kompetenzfülle richtig zu 
verwerten und durchzuführen. Zu diesem Zweck muß 
in erster Linie die Unabhängigkeit der Kontrollstelle 
bewirkt werden. 

a> Die Statuierung der Unabhängigkeit der Kontrollstelle. 

Wie wir sahen, ist in praxi die Wahl und die Zu- 
sammensetzung der Kontrollstelle dem Verwaltungsrat 
überlassen, obwohl erstere formell durch die General- 
versammlung erfolgt, bezw. nach Art. 659 O.-R. er- 
folgen muß. Dieser Einfluß des Verwaltungsrates auf 
die Besetzung der Kontrollstelle hat sehr oft zur Folge, 
daß den gefügigen Revisoren die Aufgabe zuteil wird, 
in der Ausübung der Kontrolltätigkeit die Interessen 
des Verwaltungsrates zu schützen. 

aa) Staatliche oder private Regelung.^ 

E^s ist daher nicht zu verwundern, w^enn in der 
Offendichkeit immer wieder Stimmen laut werden, 
welche die Einführung einer staadichen Kontrolle 
wünschen und zwar nur aus dem Grunde, um ein un- 
abhängiges Kontrollorgan zu haben. Ist es nun nicht 
besser, wenn man sich entschließt, ein solches aus eigener 
Initiative heraus zu schaffen, als wieder in das alle 
Regime der Staatsaufsicht zurückzufallen, denn die 
Einführung der Rechnungsprüfung durch ein staatliches 
Organ würde nichts anderes bedeuten.^ Wenn sich die 
Akdengesellschaften nicht entschließen, dem gerechten 
Wunsche der Offendichkeit nachzukommen, dann wird 
im Laufe der Zeit mit Sicherheit die oben erwähnte 
Regelung seitens des Staates stattfinden. Das Ehr- 
und Kraftgefühl des blühenden Handels und der 
mächtigen Industrie wird, wie wir hoffen, zu der Freiheit 
und zu dem Entschluß sich hindurchringen, sich eine 
unabhängige Kontrollstelle zu schaffen. Nur wenn die 



.!•■ 



Kontrollstelle auf eine neutrale Basis gestellt wird, von 
welcher aus sie ihren Pflichten nachkommen kann, ohne 
Rücksicht auf den Verwaltungsrat oder sonstige Partei- 
interessen, kann eine fruchtbare Kontrolle ausgeübt 
werden. Dies wird dadurch erreicht, daß einer Minder- 
heit von Akdonären ein entscheidender Einfluß auf 
die Besetzung der Kontrollstelle eingeräumt wird. 

bb) Änderung des Wahlmodus 
(Minderheitsvertretüng). 

Wir möchten daher den alten Wahlmodus, nach 
welchem die Mehrheit entscheidet, fallen lassen und an 
dessen Stelle das System der Minderheitsvertretung*) 
einführen und zwar derart, daß den im Verwaltungsrat 
nicht vertretenen Aktionären das Recht zugestanden 
werden soll, die Hälfte der Kontrollstellemitglieder zu 
wählen. Ist aber für die Ausübung der Kontrolle nur 
ein Revisor vorgesehen, so soll in diesem Falle die 
Minderheit das Recht haben, denselben zu ernennen. 
Die Einführung dieses Systems muß auf gesetzlichem 
Wege erfolgen. 

cc) Vertretung der Obligationäre in der 

Kontrollstelle? 

Nach den Bestimmungen des O.-R. (Art. 659) 
haben nur Aktionäre das Recht, die Mitglieder der 
Kontrollstelle zu ernennen. Töndury^*) macht nun den 
Vorschlag, dieses Recht auch den Obligationären einer 
Aktiengesellschaft einzuräumen. 

Zieht man diesen Vorschlag in Erwägung, so muß 
auf jeden Fall ein Unterschied gemacht werden zwischen 
Inhabern von Kassaobligationen einerseits und Inhabern 
von Obligationen, die Bestandteil einer festen Anleihe 
sind, andererseits. 



i 



*) Vgl. auch Verhandlungen des 31. Deutschen Juristen- 
tags 1912. S. 538. 



118 



119 



i 



Die Kassaobligationen, welche gewöhnlich von 
Banken ausgegeben werden, um sich vorübergehend 
Gelder zu beschaffen, müssen in unserer Betrachtung 
ausscheiden, denn es ist klar, daß eine vorüber- 
gehende Kapitalanlage, die oft einer kurzfristigen 
Spareinlage gleichkommt, kein Recht auf die Kontrolle 
der betreffenden Gesellschaft begründet. Somit kann 
nur erwogen werden, ob den Inhabern von Obligationen, 
die Bestandteil einer festen Anleihe sind, das Recht zu- 
gestanden werden soll, bei der Wahl der Kontrollstelle- 
mitglieder mitzuwirken. 

a) Begrimdung der Ablehnung. 

Nach unserer Ansicht scheint der Vorschlag aus 
folgenden Gründen nicht berechtigt zu sein: 

1 . In dem Wesen der Obligation und in der dadurch 
bedingten rechtlichen und wirtschafdichen Stellung 
der Obligationäre als Gläubiger der Aktiengesellschaft 
liegt nicht das Recht begründet, einen Einfluß auf die 
Verwaltung und Geschäftsführung auszuüben. 

2. Infolge der häufigen Interesselosigkeit der Obli- 
gationäre, welche jedenfalls noch größer ist als die 
der Aktionäre, würde nur ein verschwindender Teil 
von dem eingeräumten Recht Gebrauch machen. 

3. Dem Vorschlag zustimmen, hieße in vielen 
Fällen eine falsche Finanzierungspolitik unterstützen, 
welche man durch die Ausgabe von Obligationen 
zu verschleiern sucht. 

b) Die heutige Obligationenpolitik privater 

Unterneh7nungen. • 

Man hat auseinanderzuhalten, wer die Obligationen 
ausgibt, und wofür die aufgenommenen Gelder ver- 
wendet werden. Sind es z. B. größere Banken, welche 
sich auf diese Art Gelder beschaffen, um dieselben 
wieder kurzfristig anzulegen, so wird dagegen nichts 
einzuwenden sein; dasselbe gilt von Industrien, welche 



den zur Erweiterung ihrer Anlagen nötigen Geldbedarf 
durch Ausgabe von Obligationen decken. Allein die 
hohen Obligationenschulden, die oftmals bei kleineren 
Banken und Industriegesellschaften in keinem Verhältnis 
zu dem Aktienkapital stehen, geben zu denken. Die 
richtige Beurteilung derselben wird uns aber erst möglich, 
wenn wir wissen, warum Gesellschaften sich mittels 
Ausgabe von Obligationen finanzieren. LardelH*^^) er- 
wähnt Gründe hierfür in folgenden Auslassungen: »Vor 
allem kommen in Betracht die Fälle, in denen es sich 
um die Deckung eines vorübergehenden Kreditbedarfes 
handelt, besonders dann, wenn die Inanspruchnahme 
eines hochverzinslichen und jederzeit kündbaren Konto- 
korrentkredites (Akzeptkredit) der Gesellschaft als un- 
sicher und unrationell erscheint.« 

»Für die Gesellschaft ist die Emmission eines Obli- 
gationenanleihens femer dann das gegebene, wenn die 
Zahl der Dividendenberechtigten, im Interesse eines 
möglichst großen, auf wenige zu verteilenden Gewinnes, 
nicht erhöht werden soll, oder wenn die Ausgabe junger 
Aktien mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden wäre.« 
Diese und noch manche andere Gründe werden 
für die Obligationenpolitik angeführt. Allein entscheidend 
für die Beurteilung derselben ist die tatsächliche Ver- 
wendung der Gelder. In Berücksichtigung dieses Mo- 
ments können wir sagen, daß man oft zur Ausgabe 
- von Obligationen schreitet, um verfehlte Kreditenga- 
gements zu sanieren, verfehlte spekulative Geschäfte 
zu fundieren (Leih- und Sparkasse Kloten), oder fehlende 
industrielle Betriebsmittel wieder zu ersetzen. Einer 
solchen Bedürfnissen entsprungenen Finanzierungspolitik 
braucht nicht der Weg geebnet zu werden, indem man 
den Obligationen den Aktiencharakter gibt. 

Wir möchten eine gesunde Obligationen politik 
durchaus nicht bekämpfen, da sie vor allem für ge- 
wisse Bankkategorien ein im privatwirtschaftlichen und 
volkswirtschafdichen Interesse liegendes Geldbeschaf- 
fungs-, bezw. Anlagemittel darstellt. Eben deshalb sucht 



120 



121 



1 1 



man mittels dieser Geldbeschaffungsform, Finanzzustände 
zu vertuschen, die klargelegt würden, wenn keine be- 
queme Gelegenheit vorhanden wäre, immer und immer 
wieder durch Aufnahme neuer Mittel das Unternehmen 
für kürzere oder längere Zeit noch über Wasser zu halten. 
So wie die Verhältnisse heute liegen, erkennen wir 
das Recht, einen Einfluß auf Verwaltung und Kontrolle 
der Aktiengesellschaft direkt oder indirekt geltend zu 
machen, nur dem Aktionär zu. 

b> Die Durchführung der Kontrollpfliditen. 

aa) Die Qualifikation der Mitglieder der 

Kontrollstelle. 

Sind nun in der erweiterten Kontrollkompetenz und 
in der Möglichkeit, ein unabhängiges Organ zu schaffen, 
wesentliche Grundlagen für eine wirksame Kontrolle 
vorhanden, so gilt es darauf bedacht zu sein, daß 
diese Pflichten korrekt ausgeübt und die Rechte richtig 
ausgenützt werden. Dies ist nur dann möglich, wenn 
für die Wahl, als Kontrollbeamte der Aktiengesellschaft, 
nur qualifizierte Personen in Betracht kommen. 

a) Die Anforderungen an die Qualifikation. 

Worin muß die Qualifikation bestehen? Die Ant- 
wort hierauf entnehmen wir zunächst den Ausführungen 
Rehrs^^) über die Anforderungen, welche an einen 
tüchtigen Revisor zu stellen sind: »Reichliche Erfahrung 
in den verschiedenen kaufmännischen Gebieten, damit 
er bald orientiert ist. Wesentliches vom Unwesentlichen 
unterscheiden. Vertraut sein mit den Gebräuchen im 
Handel und Industrie, kaufmännisch Denken und Em- 
pfinden können. Gute und schnelle Auffassungs- und 
Kombinationsgabe, rasches Arbeiten, Organisations- 
talent, die Gabe, das für den Betrieb praktischste und 
richtigste zu erkennen. Das Geschehene klar wieder- 
geben. Nüchternes Urteil über Menschen und Dinge, 
Gewandtheit im Verkehr, die Kunst Menschen zu 



X*- 



behandeln, und Taktgefühl, um in all den mannigfachen 
Situationen, in die der Revisor hineinkommt, immer 
die richtige Haltung zu bewahren. Peinlichster Ordnungs- 
sinn, unbedingte Zuverläßigkeit und Verschwiegenheit, 
strenge Objektivität und Gewissenhaftigkeit«. 

b) Die Erbringung des Nachweises der Qualifikaiion. 

Es erhebt sich aber die schwierige Frage, welcher 
Maßstab an die Kenntnisse des Revisors angelegt werden 
soll, und wie diese Qualitäten nachzuweisen sind. Für 
Personen, welche in der Geschäftspraxis stehen, wird 
ihr praktischer Erfolg und ihr diesbezüglicher Ruf ent- 
scheidend sein. Dagegen muß von den Anwärtern 
eines Kontrollstelleamtes, die sich für ein solches erst 
vorbereiten, ein Befähigungsnachweis verlangt werden, 
dessen Erteilung davon abhängig zu machen ist, daß 
durch den Nachweis gewisser praktischer und wissen- 
schafdicher Kenntnisse, bis zu einem gewissen Grad, 
eine Garantie für die Fähigkeit der Ausübung von 
Kontrollfunktionen gegeben ist. 

Wenn also für die Wahl eines Revisors nur dessen 
spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten ausschlaggebend 
sind, dann können wir uns auch nicht mit der oft be- 
obachteten Übung einverstanden erklären, juristische 
Personen oder Verbände in die Kontrollstelle gu wählen. 
W'ürden wir z. B. eine Treuhandgesellschaft wählen, 
welche in eine Aktiengesellschaftsform gekleidet ist, 
so wäre rechtlich der Direktor verpflichtet, die Kon- 
trolle auszuüben; gewöhnlich ist es aber in der Praxis 
so, daß ein oder mehrere Beamte der Treuhandgesell- 
schaft kontrollieren. Das würde sich mit unserem Prinzip, 
daß wir nur ganz bestimmte Personen als Mitglieder 
der Kontrollstelle haben möchten, nicht vereinigen lassen. 
Nach unserer Auffassung ist es am zweckmäßigsten, 
wenn ganz bestimmte physische Personen direkt in die 
Kontrollstelle berufen werden. Dabei ist es gar nicht aus- 
geschlossen, daß die betreffenden Personen einer Treu- 
handgesellschaft oder einem Revisionsverband angehören. 



f 



122 



123 



bb) Die Teilnahme der Kontrollstellemitglieder 
an den Verwaltungsratssitzungen. 

Um den Mitgliedern der Kontrollstelle die Durch- 
führung der von uns gewünschten Kontrollen zu er- 
möglichen, muß denselben die Teilnahme an den 
Verwaltungsratssitzungen mit beratender Stimme ge- 
stattet sein. Nur wenn sie mit dem Geschäftsgebahren 
der Verwaltung vertraut sind, und wenn der Geist 
der Geschäftsführung sie in gewisse Details der Unter- 
nehmung einführt, ist ihnen eine Beurteilung der Ge- 
schäftsführung möglich. 

Bestehen bei größeren Gesellschaften verschiedene 
Ausschüsse, so wird es nicht nötig sein, daß die Kon- 
trollstellemitglieder auch deren Sitzungen beiwohnen. 
Das Ergebnis der Arbeit in den einzelnen Ausschüssen 
muß ja dem Verwaltungsrat in seiner Gesamtheit mit- 
geteilt werden, was in den Sitzungen des Gesamt- 
kollegiums geschieht. Daher wird nur die Teilnahme 
an letzteren für die Beamten der Kontrollstelle nötig 
sein. Daß die Praxis der Teilnahme von Kontroll- 
organen an den Sitzungen des Verwaltungsrates 
schon hie und da geübt wird, beweisen die Statuten 
des Credit Foncier Neuchätelois, in welchen Art. 37 
folgendes bestimmt: 

»Les Censeurs-controleurs sont charores de veiller 
ä la stricte Observation des Statuts. 

Ils assistent aux seances du Conseil avec voix 
consultative«. 

Die Bedenken, welche Töndury*^^) bezgl. der Teil- 
nahme der Kontrollstelle an den Verwaltungsrats- 
sitzungen ins Feld führt, daß dadurch auch eine Teilnahme 
an der Geschäftsführung gegeben sei, scheint uns nicht 
stichhaltig zu sein. Die Praxis kann wohl die Grenze 
ziehen zwischen einem Rat, der angenommen wird oder 
nicht, und der Ausübung der Geschäftsführung. Handelt 
es sich um schwerwiegende Entscheidungen, und finden 
die Kontrollstellemitglieder den Entschluß hierüber als 



124 



f* 



der Gesellschaft schädlich, so können sie sich an die 
Generalversammlung wenden, wozu sie ja auch nach 
Art 644 O.-R. das Recht haben. Auf diese Weise 
wird dann auch eine genaue Aufklärung über die Ver- 
hältnisse herbeigeführt, indem die Revisoren die wahre 
Sachlage schildern und die Verwaltung Rede und Ant- 
wort stehen muß. Daraufhin kann die Generalver- 
sammlung*^^) sich kritisch und entscheidend äußern. 
Dadurch wird die Generalversammlung mehr aus ihrer 
bis jetzt passiven Rolle heraustreten müssen; sie wird 
dadurch besser orientiert werden und kann Entschei- 
dungen von Bedeutung selbst treffen. Dann wird 
auch ihre Stellung, welche ihr der Gesetzgeber bei- 
gelegt hat, oberstes Organ der Gesellschaft zu sein, 
wieder gerechtfertigt. 

cc) Die Notwendigkeit einer ständigen Kontrolle 
und deren Durchführung. 

Um eine wirksame und erfolgreiche Kontrolle zu 
erzielen, ist unbedingt notwendig, daß dieselbe ständig 
ausgeübt wird. Dem Inhalt^^) des Art. 660 O.-R. ist 
wohl kaum zu entnehmen, daß die Revisoren jederzeit 
berechtigt sind, die Bücher einzusehen. Diese Bestimmung 
muß deshalb genau in den Statuten festgelegt werden, 
was auch schon manche Gesellschaften getan haben. 
So bestimmt z. B. § 23, Abs. 2 der Statuten der »Deco« 
A.-G. Zürich: »Die Revisoren smd Jederzeit berechtigt, 
von den Büchern der Kasse und den Kautionen Ein- 
sicht zu nehmen«. 

In § 34 der Statuten der Bank für Handel und 
Industrie in Zug-Zürich finden wir folgende Bestimmung: 
»Die Revisoren überwachen die genaue Beachtung der 
Statuten; sie sind jederzeit berechtigt, die Bücher, 
Belege, Titel, sowie Kassenbestand zu prüfen«. 

Die Einwände Töndurys^^), daß ein ständiger Kon- 
trollapparat, wie der Ausbau der gesetzlichen Kontroll- 
stelle es mit sich bringen sollte, kompliziert und teuer wäre, 



I 



■■"iiil 



X 



und den »Gang der Geschäfte unliebsam verlangsamen 
müßte«, sind belanglos. Wir glauben kaum, daß ein 
ausgebautes Kontrollorgan komplizierter ist und den 
Geschäftsgang mehr hemmt, als dies ein sogenanntes 
»Informationsorgan« und eine Kontrollstelle, wenn 
letztere nicht ständig fungiert, tun würde. Ebenso 
dürfte das von uns vorgeschlagene Kontrollorgan nicht 
teurer sein, als die beiden andern Organe. Übrigens 
wird eine ausgebaute Kontrollstelle, deren Mitglieder gut 
bezahlt sein müssen, in jedem Fall sich bezahlt machen. 
Werden nun, wie dies bei den meisten Gesell- 
schaften der Fall ist, zwei Personen als Mitglieder der 
Kontrollstelle ernannt, dann wird es gut sein, eine 
Arbeitsteilung unter ihnen eintreten zu lassen, indem 
jedem derselben ein bestimmtes Gebiet für die Kon- 
trolle auf ein Jahr zugeteilt wird. Jedes Jahr wechseln 
sie ihr Arbeitsfeld und können dadurch einander kon- 
trollieren. Dies ist aber nur dann möglich, wenn die 
Revisoren mindestens auf zwei Jahre gewählt werden. 
Gesetzlich steht einer solchen statutarischen Bestimmung 
nichts im Wege. Wenn auch Art. 663 O.-R. die Er- 
nennung der ersten Revisoren nur für ein Jahr zuläßt, so 
sind dieselbennach Ablauf dieses Jahres doch wieder wähl- 
bar. Die späteren Mitglieder können dann nach dem 
Gesetz auf 5 Jahre bestellt werden. Gewöhnlich setzen 
die Statuten aber die Amtsdauer auf ein Jahr fest; 
seltener auf 2 und 3 Jahre. Vielleicht liegt einer statu- 
tarischen Bestimmung der Jura-Simplonbahn, der von 
uns angedeutete Gedanke einer gegenseitigen Kontrolle 
der Revisoren zu Grunde, indem Art. 23 der Statuten 
bestimmt, daß einer der Revisoren, die auf 3 Jahre ge- 
wählt sind, jedes Jahr in Austritt kommt und die Aus- 
tretenden während zweier Jahre nicht wieder wählbar sind. 

dd) Die Kontrollberichte. 
Die ausgeführten Kontrollen erheischen jedesmal 
einen ausführlichen Bericht^^), welcher zu Händen der 
Generalversammlung gehen muß. Um dies zu erreichen, 



ist es notwendig, wenigstens für den Bericht über die 
Bilanz und die Verlust- und Gewinnrechnung gewisse 
l^unkte aufzustellen, über welche derselbe zum mindesten 
Aufschluß geben soll. Folliet"^) schlägt vor, daß der 
Gesetzgeber bestimmen möchte, daß der Bericht über 
folgende Punkte sich auslassen solle: 

»1^»" S'il a et^ fait droit ä toutes ses demandes con- 
cernant la communication des livres et pieces comptables. 

2« S'il a decouvert des irregularites dans les comptes 
de la societe. 

3^ S'il a et^ repondu favorablement ä toutes les 
questions qu'il a pos^e concemant l'exercice de sa 
mission.« 

Eine Festlegung derartiger Bestimmungen in den 
Statuten würde u. E. genügen. Es muß stets darauf 
geachtet werden, daß alle Kontrollberichte möglichst 
ausführlich gehalten sind. 

Schlußwort. 



Mit diesen Ausführungen schließen wir unsere Be- 
trachtungen über die Verwaltungsratsfrage ab. Wir 
suchten in unseren Darlegungen Mittel und Wege 
anzudeuten, mittels deren die Lösung der zahlreichen 
Probleme, welche diese Frage in sich schließt, möglich 
ist. Im großen Ganzen glauben wir, daß dieselben 
in einer zweckentsprechenden, der Eigenart und dem 
Bedürfnis jeder einzelnen Aktiengesellschaft Rechnung 
tragenden Organisation der Verwaltung und Kontroll 
stelle bestehen. Damit möchten wir auch darauf hinweisen, 
daß es sich hier nicht um ein allgemein zu lösendes 
Problem handelt, welches man generell durch gesetzliche 
Bestimmungen lösen kann, sondern dass wir es mit 
einem Problem zu tun haben, dessen befriedigende 
Lösung nur individuell, unter Berücksichtigung der je- 
weiligen Verhältnisse der in Frage kommenden Ge- 
sellschaft möglich ist. Wir lassen dabei aber nicht außer 



126 



127 



Acht, daß die Festlegung der Organisationen direkt 
oder indirekt durch gesetzliche Maßnahmen vor allem 
dann beeinflußt werden muß, wenn es gilt, allgemein 
volkswirtschaftliche und kleinkapitalistische gegenüber 
privatwirtschaftlichen und großkapitalistischen Inter- 
essen zu schützen. 

Die Lösung des Kernproblems der Verwaltungs- 
ratsfrage in Deutschland besteht in der Schaffung einer 
besonderen Kontrollstelle nach dem Vorbild des Obli- 
gationenrechtes. Der organisatorische Ausbau dieses 
Organs hat im Hinblick auf die Organisation von Vor- 
stand und Verwaltungsrat in der für die schweizerischen 
Verhältnisse erwähnten Weise zu erfolgen. 

Von entscheidender Bedeutunof für die Reeelunu^ 
der Verwaltungsratsfrage in der Schweiz ist, daß im 
gegenwärtigen gesetzlichen Rahmen der Ausbau der 
Organisation von Verwaltung und Kontrollstelle derart be- 
werkstelligt wird, daß beide Organe auf eine voneinander 
unabhängige Warte gestellt werden, daß aber der für 
die gesamte Verwaltung einer Aktiengesellschaft nötige - 
innere, wirtschafdiche und geistige Konnex hergestellt 
wird. Mögen dann auch die Wogen im stürmischen 
Wirtschaftsleben hoch gehen, ein gut organisierter, 
gewissenhafter Verwaltungsrat wird die Gesellschaft auch 
in Stürmen sicher steuern. 



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JUL281994 



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COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 




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