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Full text of "Die Welt des Islams = Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde"

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DIE 
WELT DES ISLAMS 

ZEITSCHRIFT DER 

DEUTSCHEN GESELLSCHAFT 

FÜR [SLAMKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON 
PROF. DR. GEORG KAMPFFMEYER 



Band III. 

MIT BIBLIOGRAPHIE NR. 225— 38S 

AUSGEGEBEN AM 
25. MÄRZ 1916. 






BERLIN 1916 
DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN) 



ALLE RECHTE VOKBEHALTEN 






DUrCK VmX .1..]. AI'Cil^^TIX IN Ol.rCKSTADT ÜNP. ll.\MHUR(f. 



Inhalts- Übersicht zti Band III. III 

iiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiN 



INHALTS-ÜBERSICHT ZU BAND III 
I. Aufsätze 

Seite 

Beckkr, C H., Islampolitik 101 

Dazu : Literaturanhr, ig 118 

BoRCH.'^.RDT, Paul, Der ; ultan der Baijumi '216 

Dazu: Faksimil. Empfehlungsschreiben des Baijumi -Seheichs 
für den Verfasser 

Dokumente des heutigen Islams 

III. Ein politischer Volksgesang aus Fes vom Januar 1908 . . 24 

Nachtrag zu Band II, Seite 2—3 30 

Hartmann, Martin, Deutsche Fibel und deutsches Lesebuch in der 

Türkei 214 

Heffenixg, Willi, Türkische Kriegspoesie 199 

Kriegsurkunden 1—9. 10—15. 16 1. 121. 205 

Zahn, Ernst, Über Persiens Verkehrsverhältnisse 193 

II. Mitteilungen 

Allgemeines 134 

Egypten 57 

Indices zu „Aus Nadschd und dem Irak" 39 

Marokko 159. 250 

Niederländisch-Indien 63 

Persien, Afghanistan, Indien 48. 157 

Türkei mit Provinzen 31. 139. 220 

Vortrag des Herrn Prof. D. Dr. Richter : „Der Krieg und der Islam" 134 

III. Literatur 

1 . Besprechungen von 

Zeitschriften 66. 161. 260 

Büchern 73. 167. 259. 260 

2. Zeitungsschau 87. 170. 271 

3. Bibliographie 

Nr. 225—268 97 

Nr. 269—288 191 

Nr. 289—385 286 



IV Inhalts -Übersicht zu Band III. 



IV. Register 

Namenregister 293 

Sachregister 290 

V. Nachrichten über Angelegenheiten der D. G. J. 

Vierte ordentliclie Hauptvorsanunluno; III 

Jahres-Rcclinung 1914 IV 

Voranschlag für 1915 V 

Ausschuß der D. G. J VI 

Vorstand der D. G. J VI 

Geschäftsführung VII 

Mitglieder-Verzeichnis VII 

Bibliothek der Gesellschaft XVIII. XXII 

Austauschverkehr XVIII 

Vortragsabende XIX. XXI 

Nachrufe : ^ XXI 

Geschenk an die Gesellschaft XXIII 



inimiHHttlllllllllllltMIHmilllllinilllWIlllllllllllIHWHIHIIHiniHIIIIIIHIIIHHimHIIIWimUlllllHIIIIIIIIMHWIlHIHHHnilimilUllllllif^^ 



Kriegsurkunden. 1 

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KRIEGSURKUNDEN. '/ 



ii 



Die Reihe von Mitteilungen, welche wir hiermit eröffnen, gehört recht 
eigenthch in den Rahmen der Reihe, die wir im ersten Heft von Band II 
unter der Überschrift „Dokumente des heutigen Islams" begonnen haben. 
Wir wollen diese „Kriegsurkunden" aber wegen ihrer Bedeutung als 
selbständige Reihe herausheben. G. Kamp f f m e y e r 

Stücke lebendigen Islams sind die Urkunden, die seit dem Beginn des Weltkrieges in 
der Islamwelt entstanden sind. Den großen Anstoß zu entschiedener Stellungnahme gab 
das entschlossene Eintreten des Osmaniscben Reiches durch die Kriegserklärung des Ka- 
lifen vom 11. November 1914. Es entspricht dem Verwachsensein des staatlichen Lebens 
mit dem kirchlichen in der Türkei, daß gleichzeitig der Schaichul'islam auf fünf ihm vor- 
gelegte staatsrechtliche Frage . Rechtsgutachten (fatäwa) erteilte. Zu beachten ist, daß 
die beiden Aktionen nebeneinander verlaufen. In den Publikationen des Allerhöchsten 
Erlasses betreffend die Kriegse Jrlärung ist diesem überall die Überschrift gegeben : „Aller- 
höchster Erlaß Seiner Majestät c'es Kalifen". In dem Erlasse selbst weist nichts auf die 
geistliche Würde des Herrscheu hin; er ist wie alle Erlasse von konstitutionellen Herr- 
schern unterzeichnet von dem ^7ultan und den Mitgliedern des Ministeriums; es ist nicht 
\on Islam und Islam weit die Rede, sondern einzig von dem Osmaniscben Reiche, welches 
angegriffen wurde und nun den Zustand des Krieges mit den drei angreifenden Mächten 
erklärt. Anders der Aufruf des Sultan-Kalifen an Heer und Flotte; in ihm ist Bezug ge- 
nommen auf „den großen Glaubenskrieg, zu welchem ich mit den Heiligen Fetwas die 
dreihundert Millionen Muslime eingeladen habe". Diese Rechtsgutachten waren also be- 
reits vorhanden. 

Rechtsgutachten öffentlich-rechtlichen Charakters können in der Türkei nur von der 
Regierung eingeholt werden ; so war es zur Zeit d'Ohssons (s. Tableau General de l'Em- 
pire Othoman, 1788, IV 511) und so ist es noch heute; m. a. W. derMustafti ist der Leiter 
der Regierung. Der befragte Mufti ist dem Namen nach der Schaichul'islam, d. h. der Mi- 
nister der Geistlichen Angelegenheiten im Gesamtministerium, der bei Unterzeichnung 
von Urkunden die erste Stelle nach dem Großwezir hat. In Wirklichkeit wird aber das 
Fetwa nicht von ihm erteilt, sondern von dem Fetwa-Betreuten (fetwä eminl), der der 
selbständig arbeitende Vorsteher einer besonderen Abteilung im Schaichul'islamat ist. 

Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, ob die Heranziehung einer auf dem religiösen 
Recht beruhenden Urkunde völlig im Einklang steht mit dem Wesen des modernen Rechts- 
staats, welcher die Türkei sein will (vgl. die feierlichen Erklärungen in dem Hatti Scherif 
von'Gülhane 1839 und in dem Hatti Humajun von 1856). In der Kundgebung an Heer 
und Flotte spricht der Kalife-Sultan ohne ministerielle Bekleidungsstücke. Er wendet sich 
zugleich an die gesamte Islamwelt, an die sich ja auch das Fetwa des Schaichul'islams 
wendet. Wenn dieser ah türkischer Ressortminister in einer amtlichen Äußerung von dem 
Gedanken geleitet ist, daß sämtliche Muslime, auch die, die Angehörige nichtislamischer 
Staaten sind, Folge leisten müssen, „wenn der Padischah des Islams durch allgemeinen 
Aufruf den Glaubenskrieg befohlen hat" (Fetwa Nr. 1 am Anfang), so spricht sich darin 
Die Welt dea IslamB, Band m. 1 



Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heß i 



der Doppelcharaktor dieses Amtes aus, welches der modernen Konstruktion und dem der 
Außenwelt gegenüber aufrecht erhaltenen Scheine nach ein rein staatliches ist, in ^Virk- 
Uchkeit aber, wie schon sein Name besagt, beherrscht ist von dem Geiste des Islams, der 
seinen Charakter als Staatsreligion in der Türkei zur Zeit noch in viel stärkerem Maße 
zur Geltung bringt, als dies hinsichtlich der Religion in den meisten Kulturstaaten Europas 
der Fall ist. Unter den überaus schwierigen Verhältnissen, unter denen das Osmanische 
Reich sich zur Teilnahme am Weltkriege entschlossen hat, lag die Berufung auf den geist- 
lichen Charakter der Schaichul'islam-Würdo nahe, und es ist verständlich, daß die Os- 
manische Regierung an die Kräfte, die durch eine Erregung der in den feindlichen Län- 
dern selbst wohnenden Muslime für die große Sache auszulösen waren, mit dem Mittel 
herantrat, von dem allein sich ein Erfolg versprechen ließ: dem Aufruf zum Dschihad 
[gihäd]., dem Glaubenskriege. 

Wie die Staatsaktion sich im einzelnen abgewickelt hat, entzieht sich der Kenntnis. 
Die Frageformulierung stammt jedenfalls von dem Gesamtministerium und zeigt staats- 
männische Behandlung des Problems. Die Aufgabe war, den staatlichen Akt, der in der 
Kriegserklärung des Sultans vorliegt, der islamischen Gesamtgemeinde, die über die ganze 
Welt zerstreut ist, so darzustellen, daß er als ein dem Heiligen Gesetze vollkommen ent- 
sprechendes Vorgehen des Kalifen, der ja eben der Sultan ist, nachgewiesen wird, und 
daß dabei die Härten vermieden werden, die sich nicht bloß in der allgemeinen Vorstel- 
lung der Kulturvölker, sondern auch in der von dem Staatsgedanken noch ganz oder fast 
ganz unberührten oder auch an gewissen traditionellen Vorstellungen eigensinnig festhal- 
tenden Kreisen der Islamwelt an den Namen des Dschihad oder Glaubenskrieges knüp- 
fen. Es ist kein Zweifel, daß nach dem Heiligen Gesetze der Imam das Recht hat, den 
Dschihad zu leiten, in dem Sinne, daß er die Feinde bezeichnet, gegen welche der AngrifiF 
zu richten ist, abgesehen von dem Falle, daß islamisches Land von Nichtmuslimen besetzt 
ist ; denn in diesem ist der Kampf bis aufs Messer für alle Muslime als Individualpflicht 
vorgeschrieben (Parallele ist die Verteidigung des heimischen Bodens gegen den Feind 
bis zum letzten Blutstropfen bei Kulturvölkern). Es ist auch kein Zweifel, daß der Imam 
sogar ein Bündnis mit nichtislamischen Staaten zur Bekämpfung der Islamfeinde schließen 
darf. Das mußte durch die Fetwas unzweideutig zum Ausdruck gebracht werden, und es 
ist in einer höchst glücklichen Form zum Ausdruck gebracht worden. Diese Urkunden 
bieten mit dem, was sich daran schließt, ein lehrreiches Material, und ich bringe, im 
Einverständnis mit dem Herrn Herausgeber der Zeitschrift, die wichtigsten hier in 
Übersetzung. An die Spitze stelle ich die fünf Rechtsgutachten, denen ich zunächst die 
sich unmittelbar an sie knüpfenden Urkunden folgen lasse ; es folgen dann die Kundge- 
bungen des Sultans und Enwer Paschas als stellvertretender Generalissimus, endlich folgen 
die Äußerungen anderer Kreise der Islamwelt, die aus der durch die Weltlage hervorge- 
rufenen Erregung der Gemüter geboren sind. Martin Hartmann 

1. DIE FÜNF HEILIGEN FETWAS (RECHTSGUTACHTEN). 

Nr. 1. Wenn Seine Majestät der Padischah des Islams, sobald der An- 
griff der Feinde auf die Islamwelt stattgefunden hat und Beraubung und 
Plünderung der islamischen Länder und Gefangennehmung von isla- 
mischen Personen festgestellt ist, durch allgemeinen Aufruf den Glaubens- 
krieg befohlen hat, ist dann der Glaubenskrieg nach Maßgabe des Hohen 



Kries;surku7iden i. 



Koranspruches [9, 41]: „Ziehet aus, leicht und schwer, und känapfet mit 
euerm Vermögen und euerm Leben [auf dem Pfade Gottes]" Pflicht für 
sämtHche Mushme, und ist es individuelle Pflicht sämtlicher in allen Erd- 
teilen wohnender Muslime, jung und alt, Berittene und Unberittene, mit 
ihrem Gut und mit Leib und Leben zum Glaubenskrieg zu eilen? — 
Antwort: Ja! 

Nr. 2. Es ist festgestellt, daß Rußland, England und Frankreich dem 
islamischen Kalifat feindlich sind und alle Anstrengungen machen — Gott 
verhüte es! — , das hohe Licht des Islams auszulöschen, indem sie auf 
solche Weise gegenwärtig die Hohe Stelle des islamischen Kalifats und 
die Kaiserlichen Länder mit ihren Kriegsschiffen und Landheeren an- 
griffen; ist es da Pflicht sämtlicher Muslime, die sich unter der Verwal- 
tung jener Regierungen und der sie unterstützenden Regierungen be- 
finden, auch gegen die erwähnten Regierungen den Glaubenskrieg zu 
erklären und zum tätlichen Überfall zu eilen? — Antwort: Ja. 

Nr. 3. Die Erreichung solches Zieles hängt davon ab, daß sämtliche 
Muslime zum Glaubenskriege eilen; wenn dann einige — Gott verhüte 
es! — sich saumselig zeigen, ist dann ihre Saumseligkeit eine große 
Sünde und verdienen sie den göttlichen Zorn und die Bestrafung dieser 
argen Sünde? — Antwort: Ja. 

Nr. 4. Sollten auch die islamischen Angehörigen der auf solche Weise 
mit der islamischen Regierung kämpfenden vorerwähnten Regierungen 
durch die Bedrohung mit Tötung ihrer eigenen Person und Vernichtung 
ihrer sämtlichen Familienangehörigen in eine Zwangslage versetzt werden, 
ist es dann dennoch nach dem Rechte unverbrüchliches Verbot für sie, 
gegen die Truppen der islamischen Regierung zu kämpfen, und ver- 
dienen sie, wenn sie es dennoch tun, als Mörder die Höllenstrafe? — 
Antwort: Ja. 

Nr. 5. Die im gegenwärtigen Kriege unter der Verwaltung der Re- 
gierungen von England, Frankreich, Rußland, Serbien, Montenegro und 
ihrer Helfer sich befindenden Muslime würden durch Kampf gegen die 
die Hohe Islamische Regierung unterstützenden Staaten Deutschland und 
Österreich dem islamischen Kalifate Schaden zufügen; ist ein solches 
Verhalten eine große Sünde, und verdienen sie dadurch schmerzvolle 
Strafe? — Antwort: Ja. 

Geschrieben von dem Gottesbedürftigen Chairi Ben *Awni Al'urkübi. 

ANMERKUNGEN. 

Allgemeines. Der türkische Text derFetwas ist in Faksimile mitgeteilt Koloniale 
Rundschau 1914 S. 589, nach dem Abdruck in der Stambuler Tageszeitung „Sabäh" 

1* 



Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft i 



Nr. 9038 vom 2G. Zilhidschdsche 1332 (2. /15. November 1914). Hier gebe ich nnr das 
erste Fetwa in Faksimile nach Dscheride'i 'ilmije Jahrgang 1 Nr. 7 S. 437f. Jieachto die 
Verwendung des Ta'liq für die osmanische Version (in Ta'liq ist außerdem nur noch die 
persische). Die Zeichen der Überschrift sind zu lesen: a) in der Mitte minhu ttaufiq „von 
Ihm kommt das Gelingen" ; b) bu mes'ele bejäninda a'imme'i hanafijeden gewäb ne 
weghle dir ki „wie ist die Antwort auf diese Frage von den Hanefitischen Imamen?"; 
am Schluß der Frage: elgewäb bejän bujurula „möge geneigtest die Antwort verlautbart 
werden." — Die Unterschrift ist wie in Öabäh, nur hat sie den Zr.satz 'ufija "^anhumcL „es 
möge ihnen beiden [dem Schreiber und seinem Vater] verziehen sein." 

Der osmanischen Originalfassung folgen vier andere Fassungen in Arabisch, Persisch, 
Tatarisch und Urdu (Dscheride S. 440 — 453). Die Beifügung einer Übersetzung in 
tatarischer Sprache zeigt, welchen Wert man in Konstantinopel auf die Beziehungen zu 
den Türkvölkern Rußlands legt. Man kann vielleicht darin auch einen Beweis dafür finden, 
welch angesehene Stellung diese „nördlichen Türken" sich in Stambul erworben haben. 
Wenn es sich darum handelte, die bedeutsame Urkunde unter allen Völkern der Islam- 
welt zu verbreiten, so mußte man sicherlich auch an die nach der gewöhnlichen Annahme 
20 Millionen Seelen zählenden Muslime Rußlands denken. Aber vordem hätte man es kaum 
für nötig erachtet, in ihrer eigenen Sprache zu ihnen zu sprechen. Es war sogar einmal 
der Gedanke unter den Osmanlis verbreitet, man könne die Türken an der Wolga und in der 
Krim sich allmählich assimilieren, undman überschwemmte diese Gegenden mit osmanischen 
W^erken, allerdings meist der älteren Literatur in einfachem Stil (vgl. meine Bemerkung 
über die von den Tataren gern gelesenen Werke in älterem Osnianisch wieMohammedij e 
und Altyparmaq, Unpol. Briefe aus der Türkei (Islam. Orient I) 132), aber das hat 
wenig gefruchtet, und in den letzten zwei Jahrzehnten hat der russische Islam eine nicht 
unbedeutende geistige Hebung erfahren, die sich auch in einer Hebung der nationalen 
Literatur aussprach. Da ist an eine Osmanisierung dieser Türkvölker gar nicht zu denken. 
Dagegen fand eine umgekehrte Bewegung statt: zahlreiche Wolgatürken kamen nach 
Stambul, und ihre Fähigkeit und Zähigkeit errangen ihnen einen hohen Platz in der 
öffentlichen Meinung, daneben freilich auch viel Neid, besonders in den starr orthodoxen 
Kreisen, da bei jenen das Nationale das Religiöse weit überwiegt. 

Die vorstehenden Rechtsgutachten enthalten, wie das bei den Fefrwas üblich ist, als 
Antwort auf die gestellte Rechtsfrage zwar nur ein einfaches „Ja" oder „Nein", ohne 
Begründung, aber es sind bei aller Kürze doch schon in die Fragestellung die entscheiden- 
den Momente eingewoben. Immerhin ist das Beweismaterial auf das knappste beschränkt. 
So schien es wünschenswert, diese Texte durch eine besondere, leicht verständliche 
Äußerung zu ergänzen, um der gesamten Islamwelt, an die sich ja die Fetwas wenden, 
die Richtigkeit der Entscheidung überzeugend nachzuweisen. Es wurde wohl auch ge- 
fürchtet, daß die Fetwas wegen des Bündnisses mit Ungläubigen in manchen Kreisen 
Anstoß erregen könnten. Schon am 20. November trat ein großer Geistlicher Rat zu- 
sammen, der eine ihm vorgelegte „Erklärung" (bejänname) beschloß. Der Sultan befahl 
als Kalifo, daß dieser „Erklärung" die weiteste Verbreitung gegeben werden solle. 

Zu No. 1 pädisähi isläm. „Der Kaiser des Islams" : eine seltsame Bezeichnung, da der 
Sultan im Verhältnis zum Gesamtislam als challfa „Kalife" oder „Imäm" gilt. — Die 
Worte „auf dem Pfade Gottes" fehlen in dem türkischen Original; es befremdet, dai5 der 
wichtige Koranspruch nicht sorgfältig zitiert ist, um so mehr, als der Begriff des Kämpfens 
seine besondere Bedeutung als Glaubenskrieg hier erst durch den Zusatz der Worte fi 
sabililläh erhält. — „Pflicht" . . . „individuelle Pflicht": die Bezeichnung derselben Hand- 



Kriegs2ir künden i. 5 

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Die Welt des Islams, Ba7id III. igiß, Heft i 



ung z uf^leich als „Pflicht" und als „individuelle Pflicht" zeif^t an, daß aus den einfachen 
Koranworten sich nichts weiter deduzieren laut, als daß jene Handlung fard „Pflicht" 
ist; nun hat das Heilige Gesetz, das die einfachen Bestimmungen des Korans mit künst- 
lichen Feinheiten umkleidet hat, den allgemeinen Begriff des fard gespalten in fard 
kifdja „Vertretuugspflicht", d. h. solche Pflicht, bei welcher die Ableistung durch einen 
oder einige alle übrigen entlastet, und fard ^ain „Individualpflicht", d. h. solche, welche 
von jedem kultpflichtigen Muslim ohne Ausnahme geleistet werden muß; die Heran- 
ziehung der St.'iatsangehörigen zum Heeresdienst als fard kifäja „Ersatzpflicht" haben 
auch die Kulturstaaten; denn in ihnen werden beständig soviel Personen zum Militär- 
dienst herangezogen, als voraussichtlich im Ernstfall nötig sind. Von der Individual- 
pflicht war auch in Europa stets nur in beschränkter Weise die Rede; sie wird von der 
Gesamtheit der Völker als verwerflich angesehen, sofern sich daran nicht bloß die Männer 
in regelmäßigem Alter, sondern auch Knaben und Greise und sogar Frauen beteiligen 
und sofern diese Personen nicht äußerlich als Kämpfer erkennbar sind; im Islam erfaßt 
die Individualpflicht sämtliche Individuen beiderlei Geschlechts, soweit sie kultpflichtig 
sind und ohne daß über ihre Erkennbarkeit als Kämpfer Vorschriften bestehen. Diese 
Individualpflicht tritt aber nur ein, wenn der Feind in Islamland eingedrungen ist and es 
sich darum handelt, ihn wieder zu vertreiben. 

Zu No. 2 „das hohe Licht des Islams auszulöschen" : Anspielung auf Koran 9,32. 

2. 
DER ALLERHÖCHSTE ERLASS SEINER MAJESTÄT 
DES KALIFEN DARÜBER, DASS DIE HOHE REGIERUNG SICH 
IM KRIEGSZUSTAND BEFINDET MIT DEN STAATEN RUSS- 
LAND, FRANKREICH UND ENGLAND. 
Als am 16. des gegenwärtigen Monats ein Teil der Kaiserlichen Flotte 
m Schwarzen Meere Übungen ausführte, wurde festgestellt, daß ein Teil 
der russischen Flotte mit der Aufgabe betraut war, im Bosporus Minen 
zu legen : schließlich störten diese russischen Schiffe unsere Übungen und 
bewegten sich in feindseliger Haltung direkt auf den Bosporus zu. Von- 
seiten der Kaiserlichen Flotte wurde dem entgegengetreten, zugleich 
wurden aber hinsichtlich dieses beklagenswerten Vorfalles vonseiten der 
Hohen Regierung dem russischen Reiche Vorstellungen gemacht und es 
wurde aufgefordert, Untersuchungen über die Ursachen des Vorfalls an- 
zustellen. Während in solcher Weise Anstrengungen gemacht wurden, die 
Neutralität zu wahren, gab die russische Regierung auf die Anfrage keine 
Antwort, rief vielmehr ihren Botschafter ab und ließ ihre Truppen an 
verschiedenen Punkten die Erzerum-Grenze überschreiten. Zu gleicher 
Zeit riefen auch Frankreich und England ihre Botschafter ab und die 
englische und französische Flotte beschossen gemeinsam Tschanak-Kalo, 
und englische Kreuzer beschossen Akaba, und so wurden die Feindselig- 
keiten tatsächlich eröffnet. Schließlich erklärten die erwähnten Mächte, 



Kriegsurkunden 2. j. 7 

iK'iiiiiiiii'iiiiiiiiiK iHiiiniiiiiMiiiiuiuiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiini HiiiHiuflHrminiiHu 

daß sie sich mit dem Osmanischen Reiche im Krieg befinden. Mit Rück- 
sicht hierauf bestimme ich, daß auch hinsichthch der Osmanischen Re- 
gierung im Vertrauen auf die Hilfe Gottes der Kriegszustand mit den er- 
wähnten drei Mächten erklärt werden soll. Mit der Ausführung dieses 
Allerhöchsten Erlasses ist das Gesamtministerium beauftragt. 

Den 22. Zilhidschdsche 1332/29. Oktober 1330 [12. November 1914]. 

Mehmed Reschäd. 
Der Großwezier und Minister des Auswärtigen 
Mehmed Sa'id 
Der Schaich ul'islam und der Minister der Kaiserlichen Stiftungen 

Hairi \chairi\. 

Der Kriegsminister 

Enwer 

Der Minister des Innern und stellvertretende Finanzminister 

Talaat [taVat] 

Der Justizminister und Vizepräsident des Staatsrats 

IbrEhim 

Der Marineminister 

Ahmed Dscheraäl 

Der Minister der öffenthchen Arbeiten 



Der Unterrichtsminister 
und stellvertretende Minister für Post, Telegraph und Telephon 

Schükri 

Der Minister für Handel und Ackerbau 

Ahmed Nesimi 

3. 
KAISERLICHE ERKLÄRUNG. 




An Mein Heer und Meine Flotte! 
Da unter den Großmächten der Krieg erklärt worden ist, sind Mein 
Reich und Mein Land beständig plötzlichen und ungerechten Angriffen 
ausgesetzt. Um deren Rechte und Existenz gegen die lauernden Feinde 



8 Die Welt des Islams, Band III. igij, Hßß i 



im Ernstfälle zu verteidigen, hatte Ich euch unter die Wafien gerufen. 
So lebten wir in einer bewaffneten Neutralität. Da eröffnete die zum 
Minenlegen im Bosporus aufgebrochene russische Flotte unerwartet das 
Feuer auf einen Teil Unserer mit Übungen beschäftigten Flotte. Es 
wurde erwartet, daß diese völkerrechtwidrigo Ausschreitung vonseiten 
Rußlands korrigiert werde, aber sowohl die russische Regierung als die 
mit ihr verbündeten Staaten England und Frankreich riefen ihre Bot- 
schafter ab und brachen damit die politischen Beziehungen ab. In der 
Folge überschritten die russischen Truppen unsre Ostgrenze, die Flotten 
Frankreichs und Englands beschossen gemeinsam Tschanak-Kale, und 
die englischen Schiffe Akaba. Auf Grund solcher ununterbrochen ein- 
ander folgenden verräterischen Feindseligkeiten mußten Wir den von 
jeher gewünschten Frieden aufgeben, und Wir wurden gezwungen, die 
Waffen zu ergreifen, um in Gemeinschaft mit Deutschland, Österreich 
und Ungarn unsere berechtigten Interessen zu verteidigen. Das russische 
Reich hat seit drei Jahrhunderten dem Besitzstande Unseres Hohen 
Reiches sehr schweren Schaden zugefügt und hat sich bemüht, je und je 
die Reformarbeiten, die unsere nationale Größe und Macht mehren 
sollten, durch Kriege und tausendfache Listen und Künste zu vernichten. 

Die Staaten Rußland, England und Frankreich sind nie müde ge- 
worden, Böses zu ersinnen gegen Unser Hohes Kalifat, mit welchem wie 
die unter ihrer gewalttätigen Verwaltung seufzenden Millionen so auch 
die gesamte Islamwelt durch Religion und Herzensneigung verbunden 
ist, und sind jedes Unglücks und Mißgeschickes Ursach und Erreger 
für uns geworden. Nun, jetzt werden Wir mit Hilfe des großen Glaubens- 
kampfes, mit dem Wir Uns an Gott wenden, den Angriffen, die immer- 
während einerseits gegen das Ansehen Unseres Kalifats, andrerseits gegen 
die Rechte Unseres Sultanats gerichtet werden, so Gott will für ewige 
Zeiten ein Ende machen. Die ersten Schläge, die durch die Hilfe und 
Gnade des Höchsten und den geistlichen Beistand des Propheten Unsere 
Flotte im Schwarzen Meer und Meine tapferen Truppen in Tschanak- 
Kale, in Akaba und an den Grenzen Kaukasiens den Feinden versetzt 
haben, haben Unsre Zuversicht, daß Unser um des Rechtes willen ge- 
führter Feldzug mit Sieg gekrönt sein werde, noch vermehrt. Diese Unsre 
Zuversicht ist ferner dadurch bestärkt worden, daß heute Land und 
Heer Unsror Feinde unter dem unerschrockenen Augriffe Unsrer Ver- 
bündeten zusammenbrechen. 

Meine Helden-Soldaten ! Laßt nicht einen Augenblick ab von Ener- 
gie und Opferfreudigkeit auf dem Pfade dieses gesegneten Glaubens- 
kampfes, den Wir gegen die Feinde eröffneten, welche unsre klare 



Kriegstirktinden j. 4. 9 

iiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiuiuiiimiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiHiiKiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiin 

Religion und unser teures Vaterland bedrohten! Stürzt euch wie die 
LöAven auf den Feind! Denn nicht bloß der Bestand Unsres Reiches, 
sondern auch Leben und Zukunft der dreihundert Millionen Muslime, 
die Ich durch das Heilige Fetwa zum großen Glaubenskampfe laden ließ, 
sind an euren Sieg gebunden. Die herzlichen Gebete und Segenswünsche 
von dreihundert Millionen unschuldiger und vergewaltigter Gläubigen, die 
sich in vollkommener Begeisterung und Versenkung in den großen und 
kleinen Moscheen und in der Ka^ba Gottes an den Herrn der Welten 
wenden, sind mit euch. 

Soldaten, Meine Kinder! Die Aufgabe, die heute euch anvertraut ist, 
ist bis jetzt in der ganzen Welt noch nie einem Heere zuteil geworden. 
Zeiget, indem ihr diese Aufgabe erfüllt, daß ihr die besten Nachfolger 
jener osmanischen Heere seid, die einstmals die Welt erzittern ließen, 
auf daß der Feind von Religion und Staat nicht noch einmal sich erkühne, 
auf unsern geheiligten Boden den Fuß zu setzen und die Ruhe des ge- 
segneten Hidschazlandes zu stören, das die Ka'ba Gottes und die erleuch- 
tete Ruhestatt des Propheten in sich schließt. Zeigt dem Feinde in ein- 
dringlicher Weise, daß es noch ein Osmanisches Heer und eine Osmanische 
Flotte gibt, die imstande sind, ihre Religion, ihr Vaterland, ihre militärische 
Ehre mit der Waflfe zu verteidigen und um des Padischahs willen den Tod 
zu verachten. Recht und Gerechtigkeit ist bei uns, Unrecht und Gewalt 
ist bei den Feinden; es ist kein Zweifel, daß die ewige Gnade des ge- 
rechten Gottes und der moralische Beistand unsres hochgeehrten Propheten 
uns Freund und Helfer sein werden, um unsre Feinde zu bezwingen. Ich 
bin sicher, daß wir aus diesem Glaubenskampfe als ein angesehenes 
und starkes Reich hervorgehen werden, das die Schäden der Vergangen- 
heit wieder gut gemacht hat. Vergoßt nicht, daß ihr in dem gegenwärtigen 
Kriege Waffenbrüderschaft geschlossen habt mit den beiden tapfersten 
Heeren der Welt, mit denen Wir in dem gegenwärtigen Kriege gemein- 
schaftlich ins Feld gezogen sind. Eure Blutzeugen sollen den vergangenen 
Blutzeugen die Botschaft des Sieges bringen. Der Feldzug derer, die 
von euch gesund bleiben, möge gesegnet, ihr Schwert scharf sein! 

Den22.Zilhidschdsche 1832 und29.Oktoberl330 [12. November 1914]. 

MehmedReschäd 
4. 
ERKLÄRUNG 
DES STELLVERTRETENDEN OBERKOMMANDANTEN 
Kameraden ! 

leb verkünde euch den Allerhöchsten Erlaß unseres geliebten Ober- 
kommandanten, Seiner Majestät unseres Herrn, des Erhabenen Kalifen. 



10 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 

liiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiniiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 

Durch die Gnade Gottes, den geistlichen Beistand unsres Propheten und 
das Gebot unsres gesegneten Kaisers wird unser Heer unsere Feinde be- 
zwingen. Die Heldentaten, die meine Kameraden, Offiziere und Gemeine, 
bis heute zu Lande und zur See aufgewiesen haben, sind der beste Be- 
weis dafür, daß unsere Feinde werden zerstreut werden. Nur darf jeder 
Offizier, jeder Soldat nicht vergessen, daß die Arena des Krieges eine 
Arena des Opfermutes ist. Welcher Soldat weiter vordringt, welcher 
Soldat Stand hält, ohne vor Schrapnell und Blei des Feindes zu wanken, 
bis zum Ende durchhält, der Soldat gewinnt ganz bestimmt. Die Ge- 
schichte bezeugt, daß kein Soldat der ganzen Welt ausdauernder ist, 
opferwilliger ist als der osmanische Soldat. Wir müssen immer daran 
denken, daß über unserm Haupte der Geist unsres Propheten und der 
erlauchten Genossen schwebt. Unsre herrlichen Vorfahren schauen über 
unseren Häuptern auf das, was wir tun werden. Wenn wir zeigen wollen, 
daß wir deren echte Söhne sind, wenn wir die Flüche derer, die nach 
uns kommen werden, vermeiden wollen, dann auf ans Werk! 

Dreihundert Millionen Muslime, die unter der Kette stöhnen, und 
unsre alten Volksgenossen beten alle für unsern Sieg. Vor dem Tode 
kann sich niemand retten. Welches Glück blüht denen, die vorwärts 
gehen, welches denen, die für Religion und Vaterland den Blutzeugen- 
tod erleiden! 

Vorwärts! Immer vorwärts! DennSieg, Ruhm, Blutzeugentod, Paradies, 
sie alle sind vorn, Tod und Niedrigkeit sind hinten! Eine Fätilia für die 
Seele unsrer gesegneten und geheiligten Blutzeugen 1 

Lebe lang mein Padischah! 

Der stellvertretende Oberkommandant 
En wer 

5. BERICHT ÜBER DIE SITZUNG DES GEISTLICHEN RATES 

In der Dscheride Jahrgang 1, S. 454 ist folgender Bericht enthalten: 
„Am 2. Muharrem 1333 [= 20. November 1914] wurde in der Fetwa-Abtcilung des 
Schaichnlislamats ein großer Rat von Ulemas gehalten und in ihm eine ,Erklärung' 
(bejännäme) aufgestellt und unterzeichnet des Inhalts, daß sich der Glaubenskampf, zu 
dem die Muslime aufgefordert seien, gegen diejenigen richte, die als Feinde des Islams 
ihre Feindschaft durch Angriffe auf das islamische Kalifat bekundet haben, und daß es 
die Gerechtigkeit und Friedfertigkeit des Islams erfordere, mit den Untertanen der übrigen 
Staaten, die den Verträgen mit der Osmanischen Regierung treu sind und sich freundlich 
erweisen, als Gegenleistung freundlichen Verkehr zu üben. Das Schaichulislamat hat die 
allgemeine Veröffentlichung dieser Erklärung angeordnet, die mit einem Höchsteigen- 
händig unterzeichneten Erlasse des Kalifen geschmückt ist". — Die ,, Erklärung" selbst 
s. unter Nr. 6. 



KriegstLrktmden ^.6. 11 

IMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIinillllllllUIIIIIHIHIHIIIWmilllllllltllllillll^ 

6. DIE ERKLÄRUNG DES GEISTLICHEN RATES 

(Dscheride Jahrgg. 1 S. 454 — 458. — Vgl. oben Nr. 5.) 
Die Russen bemühen sich, die durch die göttliche Huld den Religions- 
gemeinden und Nationen geschenkte Unabhängigkeit zu vernichten, um 
dadurch die Menschheit unter ihr Joch zu bringen, und sind seit Jahr- 
hunderten ein verräterischer und erbarmungsloser Feind des mensch- 
lichen Glücks. Von dem Unheil, das die Russische Regierung im nahen 
und fernen Osten in solcher Weise anrichtet, ist nun auch das zentrale 
Europa nicht verschont geblieben. Die Russische Regierung hat auch die 
Regierungen von England und Frankreich nach sich gezogen ; diese be- 
trachten in ihrer nationalen Verblendung es als das höchste Vergnügen, 
bei dem jetzt entbrannten Weltkriege die Muslime nach Millionen in 
Sklavenfesseln zu schlagen, nähren allerlei niedrige Hoffnungen, sie unter 
solch gewalttätiger ungesetzücher Herrschaft der Freiheit zu berauben 
und sich dadurch einen Nutzen zu sichern, und können sich keinen Augen- 
blick von dem gehässigen Gedanken trennen, wie sie am besten das Er- 
habene Islamische Kalifat, das der Stützpunkt der Islamwelt und sein 
vollwichtiger Mittelpunkt ist, ins W^anken bringen und diese erhabene 
Stelle in Schwäche verfallen lassen können. 

Diese Gruppe von Tyrannen, die den Namen „Dreiverband" trägt, 
beraubte im vorigen Jahrhundert sämtliche islamische Völker in Indien, 
in Zentralasien und in den meisten Gegenden Afrikas ihrer Herrschaft und 
ihrer Regierung, ja sogar ihrer Freiheit, und haben nun auch seit einer 
Zeit von mehr als einem halben Jahrhundert sich gegenseitig unter- 
stützend kostbare Teile des Osmanischen Reiches in Verlust gebracht; 
in einer so nahen Zeit, daß man sie gestern nennen könnte, haben sie 
unsre Nachbaren verhetzt und ihnen Schutz gewährt und wurden moraHsch 
und materiell die Ursache, daß in dem von ihnen herbeigeführten Balkan- 
kriege das Blut von einigen Hunderttausenden unschuldiger islamischer 
Menschen vergossen wurde, daß zu Tausenden reine islamische Frauen 
geschändet wurden, und daß die erhabenen islamischen Heiligtümer zum 
Spielzeug der Lust wurden, und haben nun begonnen, sich mit jeder Art 
von Ruhestörungen zu befassen, die die ganze Erdkugel zu einer Hölle 
machen sollten, und die herzverbrennendsten Funken des Kriegsfeuers 
gerade auf das Herz der Gemeinde Mohammeds sprühen zu lassen; sie 
haben ferner daran gearbeitet durch ihre verfluchten Maßnahmen — 
Gott verhüte es — das klare göttliche Licht auszulöschen [wie es im 
Koran heißt 9, 32] : „sie wollen das Licht Gottes auslöschen mit ihrem 
Munde, aber Gott will nicht anders als daß er sein Licht voll mache, 



12 Die Welt des Islams, Bmid II I. igiß, Heß i 



mögen auch dio Ungläubigen Abscheu empfinden." Die deutliche Religion 
des Islams, deren bezwingende Macht zu begreifen der menschliche Ver- 
stand nicht vormag, ist das auserwählte göttliche Licht des einzigen 
Herrschers aller Wesen für dio Glückseligkeit der Menschen in beiden 
Welten und ist des erhabenen göttlichen Schutzes durch Verheißung 
sicher. Daß die, die gegen diese Religion Feindschaft üben, ehestens dem 
Zorne Gottes verfallend physisch und moralisch werden zermalmt werden, 
ist offensichtlich. Seine Majestät der Kalife der Muslime, der Diener der 
beiden Heiligen Stätten, Gott stärke ihn durch klaren Sieg! will das 
Heilige Haus Gottes, das der Augentrost der Gläubigen ist, die reine 
Ruhestatt des Ruhmes der Menschen, ferner Jerusalem, Nedschef, Kerbela 
und das Zentrum des Hohen Kalifates, kurz das ganze Islamland, das 
die Ruhestätten von Propheten, Heiligen und Blutzeugen enthält, im Ver- 
trauen auf die Hilfe des Höchsten vor der Befleckung durch Gewaltsam- 
keitbewahren, die Ehre der deutlichen Religion vor Erniedrigung behüten 
und in vollkommenster Weise die wichtige Pflicht der Erhöhung des Wor- 
tes Gottes erfüllen. Mit Rücksicht hierauf hat er als eine der wichtigsten 
Pflichten des Hohen Islamischen Kalifates erkannt, die Gesamtheit der 
Muslime auf Grund der Erhabenen Bestimmungen der diesbezüglichen 
Fetwas zum allgemeinen Glaubenskriege aufzufordern und den Höchsten, 
der Bezwinger und Rächer ist, um Sieg über jene Feinde des Islams an- 
zuflehen. Das Kalifat hat sämtliche Osmanische Staatsangehörige im Alter 
von 20 — 40 Jahren ohne Ausnahme unter die Waffen gerufen und es 
wurde mit Gottes Hilfe ein Heer und eine Flotte gerüstet; die Ulema, 
Professoren und Lehrer, die bis jetzt ihr Leben nur der Verbreitung der 
Wissenschaft gewidmet hatten, sämtliche Studenten der Wissenschaften 
und Künste, die die Zukunft der Religion und der Nation sind, der größte 
Teil der Beamten, die jungen Männer, die die Stütze der Familien, der 
hochbejahrten Väter und Mütter sind, alle diese werden nun nach und 
nach in die Zonen des Glaubenskrieges eingestellt; zugleich aber wurde 
an sämtliche Gläubige ein allgemeiner Aufruf gerichtet, auf daß sie mit 
Gut und Blut am Glaubenskriege teilnehmen in Gemäßheit des Wortes 
[Kor. y, 41]: „so ziehet denn aus, Leichte und Schwere, und kämpfet mit 
eurem Gut und eurem Leben [auf dem Pfade Gottes]",' um aus diesem 
großen Glaubenskriege 2 der göttlichen Belohnung teilhaftig zu werden. 

' Die Worte „auf dem Pfade Gottes", die nicht fehlen dürfen, sind auch hier fortgelassen; 

vgl. die Bemerkung S. 4u. 
* Der „große Glaubenskrieg" ist ein bei den modernen türkischen Theologen allgemein 

beliebter Ausdruck statt des einfachen „Dschihad". Diese Ansdrucksweise ist gerade vom 



Kriecrs2irkunde7i 6. 13 



So eilten denn sämtliche Muslime, die in Ländern unter der Gewalt der er- 
wähnten gewalttätigen Regierungen wie Krim, Kasan, Turkestan, Buchara, 
Chiwa, Indien oder in China, Afghanistan, Persien, Afrika und andern 
Ländern der Erde wohnen, herbei, um zusammen mit den Osmanen nach 
Maßgabe der hierüber erflossenen Heiligen Fetwas an diesem großen 
Glaubenskriege teilzunehmen; sie alle erwogen im Herzen die erhabenen 
Koransprüche — wir nehmen unsre Zuflucht zu Gott' — [Koran 9, 38] 
„0 ilir Gläubigen, was ist euch, daß ihr, wenn zu euch gesagt wird: 
, ziehet aus auf dem Pfade Gottes', euch zur Erde neiget? habt ihr das 
Diesseitsleben lieber als das Jenseits? aber die Dinge des Diesseitslebens 
sind im Jenseits nur ein Geringes" und [Kor. 9, 39] „Wenn ihr nicht aus- 
ziehet, so wird er euch peinigen mit einer schmerzvollen Pein und wird 
ein anderes Volk an eure Stelle setzen, ihr aber fügt ihm keinen Schaden 
zu; Gott ist jedes Dinges mächtig" und [Kor. 9, 26] „Sprich: wenn eure 
Väter, eure Söhne, eure Brüder, eure Gatten, eure Sippe, Vermögen, das 
ihr erworben, Waren, für deren Vertrieb ihr fürchtet, Wohnplätze, die 
euch gefallen, euch lieber sind als Gott, sein Prophet und ein Kampf auf 
dem Pfade Gottes — nun, dann lauert, bis Gott mit seinem Befehle 
kommt". Es gehört nun zu den größten religiösen Pflichten der Muslime, 
daß die, die diese Koranspüche im Herzen erwägen, sich von der pein- 
vollen Strafe, der sie in dieser oder jener Welt begegnen würden, er- 
retten und ewige Seligkeit erwerben. Jene Feinde nehmen die unter 
ihrer Staatsangehörigkeit lebenden Söhne der Muslime unter die Waffen, 

theologischen Standpunkte aus falsch und stellt einen seltsamen Irrtum dar. Denn diese 
Theologen bezeichnen selbst die Heilige Überlieferung, d. h, die zum weitaus größten 
Teile gefälschten Sprüche über Worte oder Handlungen des Propheten als eine der 
Hauptgrundlagen des Heiligen Gesetzes, und das Studium dieser Überlieferung nimmt 
in dem theologischen Drill einen breiten Raum ein. Gerade die Heilige Überlieferung 
aber versteht unter algihäd aVakbar (türk. gihädi ekher) nicht den Glaubenskrieg mit 
der Waöe, sondern einzig und allein den Kampf mit der Seele, die sich dem Niedrigen 
zuneigen will und nur durch stetes Ringen auf das Höhere gerichtet werden kann; man 
erkennt deutlich die schöne Vorstellung des klassischen Altertums von dem „höchsten 
Kampfe", welcher der Kampf mit dem eigenen Ich ist, eine Vorstellung, die dem Islam 
durch den Hellenismus vermittelt wurde, die wir aber kaum schon bei Mohammed 
suchen dürfen; wenigstens ist die knappe Formulierung, wie sie in den Hadit-Werken 
sich findet, nicht in seinem StU (vgl. das Schiller'sche „Dir ist der größre Kampf ge- 
lungen"). 
' Das ist das Wort, das der fromme Muslim nicht versäumt zu murmeln (außer der 
selbstverständlichen basmala), wenn er den Koran aufschlägt, um ein Stück daraus zu 
lesen ; die Übertragung dieser Übung auf den Fall des schriftlichen Zitierens erscheint 
als ein excessus devotionis, der als etwas Frömmlerisches abstößt. 



14 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



führen sie gegen den Kalifen der Muslime oder seine Helfer und Ver- 
bündeten und setzen sie in den heißesten Zonen der östlichen und west- 
lichen Kampfplätze der Vernichtung aus, oder richtiger: sie wenden 
tausendfache nichtswürdige Listen an, um ihre Verbrechen gegen die 
Rehgion des Islams durch die Hand der Islambekcnner selbst ausführen 
zu lassen; da ist es eine der vornehmsten Aufgaben und wichtigsten Kult- 
pflichten der Islamwelt, jede Art von Opfer zu bringen, um so schnell 
wie möglich Heilung zu schaffen für jene herzverbrennende Pein, die von 
dem Gläubigen nicht mehr ausgehalten werden kann. Die erhabene gött- 
liche Gnade hat verheißen, daß sie den im Namen der deutlichen gött- 
lichen Religion zu dem Heiligen Kriege eilenden Muslimen in jeder Be- 
ziehung Hilfe und Sieg schenken werde, und ebenso ist der Geheiligte 
Geist des Propheten gegenwärtig und bereit, um Beistand und Leitung 
für die erlöste Gemeinde zu sein, die Gut und Blut opfert, um das Ansehn 
des glänzenden Gesetzes Muhammeds zu erhöhen. 

Gemeinde Muhammeds! 

[Kor. 2, 137; vgl. 22,78] „Also haben wir euch zu einer Mittler- 
gemeinde gemacht, auf daß ihr Zeugen seid wider die Menschen und der 
Prophet Zeuge sei wider euch" — nach Maßgabe dieses erhabenen Koran- 
spruches wurde eine hervorragende Gemeinde gegründet, die der ge- 
heimnisvoll geoffenbarten deutlichen islamischen Religion und dem 
schönen Wandel des Herrn Propheten folgen soll, und die durch den 
Besitz der vom Menschengeschlecht notwendig zu erwerbenden hohen 
Eigenschaften der gesamten Menschheit ein Muster werden soll. Sämtliche 
Einzelbekenner dieser Religion, welche auf dem Einheitsbegriff und 
Einheitsbekenntnis aufgebaut ist, deren Merkzeichen Wissenschaft und 
Praxis sind und deren Ziel das Recht und das Glück der Menschen ist, 
welchem Volke, welchem Lande, welcher Regierung sie angehören mögen, 
haben sich, mit Hinwendung ihres Herzens zu Gott und ihres Antlitzes 
zur Ka'ba Gottes, unter Mohammeds Fahne des Gottpreisens versammelt, 
und es ist auf ihre Stirnlocken das ehrwürdige Zeichen des [Kor. 1, 4] 
„Dich beten wir an. Dich flehen wir um Hilfe an" geschrieben. Darum 
ist es erforderlich, daß sie im Zustande eines gewaltigen einheitiichen 
Volkes leben, das einzig dem Herrn der Welten demütigste Verelirung 
widmet, und daß sie die Fähigkeit besitzen, den Unruhestiftern und 
Rebellen, die ihren starken Bund sprengen wollen, immerwährend das 
ehrfurchtgebietende Zeichen des Spruches [Kor. 61,4] „sie kämpfen auf 
seinem Pfade in Reihen, gleich als ob sie ein festgeschichteter Bau seien" 
ohne Besinnen entgegenzuhalten. 



Kriegsurkunden 6. 15 



Muslime, die ihr die gehorsamen Knechte Gottes seid! 

Diejenigen, die von den um des Heiles und der Rettung der Einheits- 
bekenner willen in den Heiligen Krieg Ziehenden gesund bleiben, deren 
Los ist Glück; die aber von ihnen, die ins Jenseits gehen, deren Stufe 
ist das Blutzeugentum ; die ihr Blut opfern für Belebung der Wahrheit, 
deren Diesseits ist nach der erhabenen göttlichen Verheißung Ruhm, ihr 
Jenseits Paradies. Muslime, die ihr hungert und dürstet nach Ruhm und 
Glück, und die ihr, Gut und Blut opfernd für die Erhöhung der 
Wahrheit jeder Art von Gefahren und Kämpfen die Stirn bietet! Der 
Gewaltige Gott hat in seinem Erhabenen Koran die für uns in den 
beiden Welten vorbestimmte Seligkeit versprochen und frohverkündet ; 
so folget denn dem Befehle, der in dem erhabenen Koranspruche ent- 
halten liegt [Kor. 3,98] „Und klammert euch an das Seil Gottes insgesamt 
und spaltet euch nicht", sammelt euch mit Herzeinigkeit um den hohen 
Thron des Sultanats, umschlingt mit Handeinigkeit die Füße des erhöhten 
Stuhles des Kalifats und wisset, daß unser Reich heute sich im Kriege 
befindet mit den Regierungen der Russen, Engländer und Franzosen, die 
die verbrecherischen Feinde des Islams sind, und mit ihren Verbündeten, 
und daß Seine Majestät der Beherrscher der Gläubigen und Kalife 
der Muslime euch zum Glaubenskriege ruft. 

Glaubenskämpfer des Islams! Durch erhabene göttliche Verheißung 
ist gesichert, daß ihr unter Beistand des Höchsten und mit der geistlichen 
Hilfe unseres Propheten die Feinde der Religion bezwingen und die 
Herzen der Muslime mit ewigem Glück erfüllen werdet. 

[Kor. 9,14J „Bekämpfet sie, so wird Gott sie peinigen durch eure Hand 
und wird sie zu Schanden machen und wird euch Sieg über sie geben 
und wird die Herzen einer gläubigen Schaar stille machen." 

Wahrheit sprach der Gewaltige Gott!' 

(1) Chain, (2) Zijä'uddin, 

Schaich ul'islam und Obermufti vordem Schaich ul'islam und Obermufti 

(3) Müsä Käzim, (4)Es'ad, 

vord. Schaich ul'islam u. Obermufti vord. Schaich ul'islam u. Obermufti 
(5) Ali Haidar, (6) 'Gm er Chulüsi, 

Emmulfetwa Kaziasker^ 

' Nach Kor. 3, 89 „Sprich: Wahrheit sprach der gewaltige Gott"; über die Verwendung 
dieser Koranstelle in den cÄatim-Gebeten siehe mein „Zwei islamische Kanton-Drucke" 
(Islam. Orient I) 74 n 2. Die Verwendung hier schließt gleichsam die Zitierung der 
zahlreichen Koransprüche in dieser Urkunde ab. 

^ Im Amte. 



1 6 Die Welt des Is/a7izs, Band III. igiß, Heft i 

uiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

(7j Mehmod Öchükri 'Atä'ulläh Effendizäde, 

Kaziasker 

(8) Ibrahim Es'ad, (9) Mustafa Tewfiq, 

Kaziasker' Kaziasker ^ 

(10) Ahmod Chulüsi, (11) Mehmed Es'ad, 

Kaziasker^ Kaziasker* 

(12) Nedschmuddin, (13) Mahmud Es'ad, 

Kaziasker^ Kaziasker ^ 

(14) Tewfiq, (15)lsmet, 

vordem Kaziasker und Eminulfetwä Kaziasker ^ 

(16) Ibrähim Ewlijä, (17) Mustafa Rizä, 

Staatssekretär des Schaichulislamats Kadi in der hohen Kalifenresidenz 

(18) 'Ali, (19) HüsainKämil, 

Vertreter des Unterrichts Vorsitzender des Rates für die Einzel- 

fragen des Heiligen Gesetzes 
(20) Mehmed Eschref, 
Erster Muqarrir für den Unterricht in der Gegenwart des Sultans 

(21) Mustafa 'Äsim Nasüh Effendizäde, 
Dritter Muqarrir für den Unterricht in der Gegenwart des Sultans. 

(22) Mehmed Hilmi Tirnowaly, 
Vierter Muqarrir für den Unterricht in der Gegenwart des Sultans 

(23) Weldän, 
Fünfter Muqarrir für den Unterricht in der Gegenwart des Sultans 

(24) Aidoslu Sa'dulläh, 
Sechster Muqarrir für den Unterricht in der Gegenwart des Sultans 

(25)Aijüb, 

Achter Muqarrir für den Unterricht in der Gegenwart des Sultans 

(26) Mehmed Es'ad, 

Vorsitzender des Rates der Schaiche 

(27) Ahmed Es'ad, (28) 'Ali, 

Vorsteher der Konzipienten Direktor der Scher'-Erkenntnisse 

(29) Abul'alä Mardini Jüsuf Sidqi Effendizäde, 

Genoralsekretär des Schaichul'islamats 

' Vordem Vertreter des Heiligen Wächteramtes am Grabe in Medina. 

' Adaly Chodscha Mehmed Effendizäde, vordem Generalsekretär des Schaichul'islamats. 

' Aus Trapezunt. 

* Aus ötambul. 

' Turschidschizade A^med Muchtär Effendizäde, vordem Minister der Justiz. 

' Sidi Schehirli Emin Effendizäde, Vorsitzender der Abteilung für Reformen im Staatsrat. 

' UzundscUi äbäd Chassköjli Müsä Effendizäde. 



Kriecrsurkiuiden 6. 17 



ANMERKUNGEN. 

Allgemeines. Auch hier ist die Übersetzung in den vier Sprachen Arabisch, Persisch 
Tatarisch und Urdu beigegeben, wie zu I. Zu der tatarischen Übersetzung bemerke ich 
folgendes : sie zeichnet sich durch große Klarheit der Sprache aus. Man sieht aus ihr, daß 
die Verschachtelung, wie sie in solchen Urkunden bei den Osmanen immer noch geheiligte 
Regel ist, durchaus nicht begründet ist in dem Wesen der Türk-Sprachen, sondern ein 
Unfug, den die Führer des Osmanischen Volkes endlich beseitigen sollten. Ferner unter- 
scheidet sich das Tatarische vorteilhaft durch die weit geringere Verwendung von 
arabischen und persischen Entlehnungen. Einsichtige Osmanlis geben, auch wenn sie der 
Sprachreinigung in unserm Sinne (wohl zu scheiden von dem sogenannten Purismus der 
Elfendis, über welchen s. Foy in Mitt. Sem. Or. Sprachen Abt. II, 1898 S. 20 — 55) abgeneigt 
sind, zu, daß für vieles Arabische und Persische, mit dem heute die Sprache verschönt 
wird, türkische Worte vorhanden sind, die man nicht ohne Not meiden sollte; vieles davon 
sei freilich den Stambul-Leuten nicht verständlich. Nun liegt die Sache nicht so, daß 
einfach tatarisches Sprachgut ohne weiteres übernommen werden darf; denn nicht selten 
hat dasselbe Türkwort im Tatarischen und Osmanischen verschiedene Bedeutung, und 
umgekehrt: es finden sich für denselben Begriff im Tatarischen und Osmanischen ver- 
schiedene türkische Worte; aber es gibt Türkworte, die sich wohl übernehmen lassen 
z. B. nesne für schal. 

Die arabische Version geht nicht durchaus mit der osmanischen zusammen; ich 
gebe als Beispiel die wörtliche Übersetzung von Absatz 1 : 

„Die Funken der Bosheit der Russen, die seit Jahrhunderten die erbitterten Feinde 
der Menschlichkeit und die heftigsten Gegner des Gedeihens der Kreatuien sind, die die 
Völker versklaven und ihnen ihr Joch auflegen wollen und sie der Unabhängigkeit 
berauben wollen, die der Höchste ihnen geschenkt hat, sind vom Osten nach dem Westen 
geflogen ; sie [die Russen] haben heute diesen Weltkrieg in Europa entzündet und haben 
die Franzosen und die Engländer nach sich gezogen, deren Verblendung sie immer- 
während nach der Versklavung von Millionen Muslimen gelüsten läßt und deren Blutdurst 
ihnen das Saugen des Lebenssaftes der Muslime verlockend erscheinen läßt; glühend 
kocht in ihrem Herzen der Groll gegen das islamische Kalifat und sie finden für den Haß, 
der ihnen innewohnt, eine Stillung nur durch die Schwächung seines Baus und die Er- 
schütterung seiner Stützpfeiler, und zwar einzig, weil das Kalifat das Asil der Muslime 
und die Zuflucht der deutlichen Religion ist." 

Anmerkungen zu den Unterschriften. Ich habe sie aus praktischen Gründen 
numeriert (die Fußnoten zu den Namen stammen aus dem Original): 3. jetzt Senator; 
Freimaurer. — 13. Mitglied des Staatsrats ; gut geschult, beherrscht Englisch und Fran- 
zösisch und ist fruchtbarer Schriftsteller. — 16. gewöhnlich nur Hadschdschi Ewlijä ge- 
nannt. — 18. Dieser ders wekili hat im Schaichul'islamat eine besondere Abteilung unter 
sich, die sowohl den Unterricht in den theologischen Schulen als auch die Angelegenheiten 
der Studenten dieser bearbeitet. [Man unterscheidet gegenwärtig in Stambnl drei Arten 
Schulen: die Militärschulen, die dem Kriegsminister unterstehen, die theologischen Schu- 
len, die dem Schaichul'islam unterstehen, sämtlich medrese genannt (ausgenommen die 
Die Welt des Islam», Band III. 2 



18 Die Welt des Islams, Band III . igi5, Heft i 



medreset elqudät, die daneben, und wohl häufiger, den Namen mektebi nüwüb ' führt) 
und die bürgerlichen Profanschulen, die dem Unterrichtsminister unterstehen mit Aus- 
nahme derer, die dem Ewqäf-Ministerium zugeteilt sind, weil sie auf frommen Stiftungen 
beruhen.] — 20. — 25. muqarrir heißt derjenige Theologe, der im Ramadan im Kaiser- 
lichen Sclilosse vor dem Sultan Vorlesungen über den Koran liält; diese Übungen be- 
ginnen nach dem 10. Ramadan, und es wohnen ihnen auch andere Personen bei, die als 
Hörer den Namen muchätab führen, übrigens auch Fragen stellen können. — 23. Wildän 
ist ein seltener Name, der nicht den Beifall der Stambul-Efi"endis hat, weil er ein Plural 
sei ; dieser Wildän soll der Sohn eines Albaners sein. — 25. der „Rat der Schaiche" hat 
die Funktion, sich mit den Angelegenheiten der Ordenshäuser (teke, zäwije, chanqäh) zu 
beschäftigen. — 27. die „Konzipienten" sind die Redaktoren der amtlichen Äußerungen 
des Fetwa-Ämtes (fetwächäne) ; ihr Vorsteher kann geradezu als Vorsteher des Fetwa- 
Amtes bezeichnet werden ; er hat eine Anzahl chulafa" „Oberschreiber" unter sich. — 
29. Dieser Generalsekretär des Schaichul'islamats begründete mit Mehmed 'Äkif Efifendi 
zusammen die Zeitschrift Siräti Mustaqim, an deren Erbfolgerin Sebil ürrescbäd (s. hier 
S. 68) 'Äkif Effendi noch heute Hauptredakteur ist. 

FACSIMILE DER UNTERSCHRIFTEN DES GEISTLICHEN 

RATES. 

f"^c- r'^^x; ^K(^^'<nr ^^' ^' Zg^ 
4i^'<^t^ S^. j^ U4^ -v> '-^ "~^ ^^ 

— (/i<^' -tW' -tA**' '^' 

>^V:.Vw' ^jl/^ ^A^^My- '^•i/.'V -A-i^; ■^J-'dY •^!^'^' 



' Seltsamerweise werden heute in der Türkei die Kadis, d. h. die Richter der größeren 
Ortschaften von dem Range einer Kreisstadt an, nicht qädl (von den Türken „Kazi" ger 
sprechen) genannt, sondern nii'ib. Man deutet das so, daß der Nä'ib gedacht sei als det 
Vertreter des Schaichurislams ; das ist aber kaum richtig; denn der Schaichul'islam is- 
Mufti, aber nicht Kadi; wann diese Übung aufgekommen ist, ist den Leuten von Stam- 
bul nicht bekannt. — Diese Richterschule befindet sich in der Nähe der Bajezid-Mo- 
schee, gegenüber dem Eski Serai. 



Kriegsiirkiinden 6 — 8. 19 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

7. DER ERLASS DES KALIFEN-SULTANS (Dscheride I. S. 454). 

Die Erklärung des Geistlichen Rates (6), die nicht datiert ist, die aber nach dem 
Berichte über die Sitzung (5) auf den 2. Moharrem zu legen ist, wurde dem Kalifen- 
Sultan vorgelegt und erhielt von diesem eine Verfügung, die nach der im Orient üblichen 
Weise über das Schriftstück gesetzt ist. Die Verfügung lautet so: 

(Tughra) Ich bestimme, daß diese Erklärung in allen islamischen 
Ländern veröffentlicht und bekannt gemacht wird, 

4. Moharrem 1333. ht l j d i, - j 

JVIehmed Rescnad 

[= 22. November 1914]. 



8. DIE NATIONALEN DEMONSTRATIONEN AM 14. NOVEMBER 

1914. 

Nach kurzer Einleitung allgemeinen Charakters werden die näheren Umstände der 
fünf Fetwas in „Sabäh" Nr. 9038 von Sonntag dem 15. November 1914 folgendermaßen 
beschrieben : 

„Die Heiligen Fetwas wurden am Mittwoch [11. Nov.] mit glückverheißender Feder 
unterschrieben. Es hatte nämlich der AUerhöchstselige Ahnherr Seiner Majestät des Ka- 
lifen, Sultan Mahmud Chan der Zweite, dem Mehmed Schäkir Bey, der zu den Nachkom- 
men einer Sklavin im Kaiserlichen Harem gehörte, vier Rohrfedern geschenkt; von denen 
kam die eine an den verstorbenen Hasan Fehmi Pascha; eine andere kam an Hadschdschi 
Nüri Bey, Mitglied des Finanzrates und Sohn des verstorbenen Mufid Bey, Referendars 
der Kaiserlichen Kanzlei, der selbst ein Enkel des vorerwähnten Schäkir Bey war; Nüri 
Bey schenkte die Feder dem Schaichul'islam Chairi Effendi und sie wurde im Schaichul- 
'islamat verwahrt; mit dieser Feder nun wurden, um Glück zu bringen, die Dschihad-Fet- 
was unterzeichnet, und dann durch den Siegelbewahrer des Schaichul'islamats Ahmed 
Nüri Bey in die Abteilung des Heiligen Mantels gebracht und in dem gesegneten Schreine 
unter Kezitierung des Heiligen Buchäri niedergelegt. An diesem geheiligten Orte blieben 
die Fetwas vierundzwanzig Stunden und wurden am Donnerstag eine Stunde nach dem 
Mittaggebet wiederum unter Rezitierung des Heiligen Buchäri herausgenommen und unter 
Rezitierung des Heiligen Zehntels und von Gebeten in das Schaichul'islamat gebrach 
und dem Schaichul'islam Chairi Effendi übergeben. Am Sonnabend wurden sie dann unter 
Beobachtung der alten Bräuche in einen grünen Atlassack gesteckt. Am gleichen Tage 
erschienen zur festgesetzten Zeit aus dem Kaiserlichen Marstall die vorher bestimmten 
Wagen vor dem Schaichul'islamat, des Befehls gewärtig. Der Schaichul'islam stieg, den 
Atlassack mit den Fetwas in der Hand haltend, bis zum Aufsteigstein hinab, in Beglei- 
tung des Fetwa Emini [Fetwawart] Haidar Effendi ; dort küßte er die Heiligen Fetwas 
und übergab sie in die Hut dieses Beamten. Dieser küßte sie ebenfalls und übernahm sie 
und bestieg dann zusammen mit Hadschdschi Ewlijä Effendi, dem Staatssekretär des 
Schaichul'islamats, den ersten Wagen ; in dem zweiten nahmen der Gehilfe des Fetwa 
Emini, Hasan Effendi, und eine andere Person Platz ; darauf salutierten die kaiserlichen 
Truppen unter dem Kommando Mehmed Beys, Unterleutnants der 1. Kompagnie des 
2. Bataillons der Feuerwehr, und der Zug setzte sich unter Bedeckung dieser Truppen 

2* 



20 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



zu der Fätih-Moscheo in Bewegnng. Vor dem Eintreffen der Fetwas hatten in der Nähe 
des Mihräb der Moschee inmitten von hohen Geistlichen folgende Personen Platz genom- 
men: der erste Kaziasker Umer Chulüsi Effendi, die Kadis von Stambal und des Ewkaf- 
Gerichtes, die Körperschaft des Hohen Fetwa-Amtes, der Unterrichtsvertreter Iladsch- 
dschi Ali Effendi, die Körperschaft des Rates für Angelegenheiten der Studenten, der Prä- 
sident des Rates für die Einzelfragen des Gesetzes Kämil Effendi nebst den Mitgliedern, 
Vorsitzender und Mitglieder des Rates der Ewkaf, Aburalä Hey Effendi, Generalsekretär 
des Schaichnl'islamats nebst den Direktoren and Abteilungsdirigenten, der allgemeine 
Erbverteiler, der Direktor der Schule für Richter und sämtliche Beamten und Schreiber 
des Schaichurislamats und dar kaiserlichen Ewkaf; sobald von der Ankunft des Fetwa 
Emini Kunde gegehen war, holten ihn der Kaziasker, der Präsident des Rates für die Ein- 
zelfragen des Gesetzes, der Unterrichtsvertreter, der Vorsitzende des Ewkaf- Rates, der Kadi 
von Stambul und der Generalsekretär des Schaichul'islamats an dem Tore der Moschee 
ein. Dabei wurde die Sure Alfath [48] rezitiert. Nach ihrer Beendigung und Ableistung 
des Pflichtgebetes begann die ganze Versammlung das Tekbir anzustimmen ; unter diesen 
Tekhirrufen bestieg der Fetwa Emini die Kanzel, stellte sich auf die Stufe, auf der der 
Freitagsprediger zu stehen pflegt, und hielt mit voller Stimme auf türkisch folgende Rede: 

,Liebe muslimische Brüder ! 

Heute befinden sich die Feinde in einem erstaunlichen und gewaltigen Ansturm gegen 
den Islam ; daher befindet sich der Islam in Gefahr. Ich werde fünf Fetwas verlesen, die 
die geheiligte Pflicht darlegen, die das Heilige Gesetz den Leuten des Islams auferlegt in 
solchen Zeiten um des Glaubenskrieges willen, der für sämtliche Muslime religiöse Pflicht 
ist; es gehört zu den hohen Verpflichtungen der Heiligen Satzungen, daß, wenn im äußer- 
sten Osten eine muslimische Frau gefangen genommen wird, die im äußersten Westen 
befindlichen Muslime zu ihrer Befreiung herbeieilen ; sind die Männer nicht fähig zum 
Widerstände, so ist es der Frauen Iiidividnalpflicht, am Kriege teilzunehmen ; wie zu jeder 
Zeit, müssen besonders in solchen Zeiten sämtliche Muslime Helfer und Beistand der 
Hohen Regierung sein.' 

Nachdem der Redner an diese Ausführungen die Verlesung der folgenden erhabenen 
Koransätze [9,41] , Ziehet aias. Leichte und Schwere, und kämpfet mit eurem Blut und 
eurem Leben auf dem Pfade Gottes' und [47,4] ,Und wenn ihr findet solche, die ungläubig 
sind, dann schlagt die Köpfe ab, und schließlich, wenn ihr sie arg zugerichtet habt, dann 
legt ihnen feste Fesseln an' geknüpft hatte, verlas er die bereits [an der Spitze des 
Zeitungsblattes] mitgeteilten fünf Heiligen Fetwas und rezitierte sodann einige von den 
Gebeten, die der Prophet in den Kriegen zu rezitieren pflegte. 

Die Verlesung der Heiligen Fetwas hörte die große Gemeinde stehend an. Der Fetwa 
Emini ließ nun ein schönes Gebet in arabischer Sprache folgen, stieg dann von der Kanzel 
herab und wechselte Händedruck zuerst mit dem vor der Kanzel stehenden Minister des 
Innern und Vertreter des Finanzministers TaFat Bey Efiendi, sodann mit andern Personen 
Beiden Herren wurden von der großen Gemeinde heiße und herzliche Glückwünsche dar- 

' Es ist zitiert wanfirü ilach; abgesehen davon, daß hier ein den Theologen anstößiges 
„usw." vorliegt (ein guter Muslim sagt in solchem Falle aVäja, nicht ilä ächirihi), gibt 
es im ganzen Koran kein einziges wanfirü; es gibt nur infirü 4,73. 9,38. 41 anäfanßrü 
4,73 ; jedenfalls ist die von den vier Stellen am häufigsten zitierte (9,41) gemeint. 



KriegS7ir künden 8. 21 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiriiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH 

gebracht. Der Fetwa Emini, der Staatssekretär des Schaichul'islamats und die andern Per- 
sonen bestiegen unter den gleichen Zeremonien die Wagen und kehrten um zwei Uhr in 
das Schaichul'islamat zurück. 

Der Fetwa Emini verließ die Moschee durch das Karadeniz-Kapusu (Schwarzes Meer- 
Tor), stieg dann auf einen besonders hergerichteten Platz, über welchem die Fahnen der 
Osmanischen Gesellschaft für Einheit und Fortschritt, der Gesellschaft der nationalen 
Verteidigung und des Flottenvereins wehten, und verlas die Heiligen Fetwas noch einmal 
vor einer zu Hunderttausenden den weiten Hof der Moschee füllenden Menge; sodann 
sprach er ein Gebet, das den Sieg der islamischen Truppen und die Gesundheit unsres 
Herrn des Kalifen erflehte. Nach Schluß des Gebetes wurde unter den Klängen des von 
der Musik gespielten Heilgrußes von den in Reih und Glied stehenden Truppen und den 
Tausenden von Gläubigen drei Mal das pflichtmäßige „Lebe lang, mein Padischäh!" 
zum Himmel emporgesandt. 

Nach der Verlesung der Fetwas stieg der Deputierte für Smyrna Saijid Bey auf den 
Rednerplatz und hielt die hier unten nach dem Inhalt mitgeteilte Rede: [nur die gewöhn- 
lichen Gedanken; betont wird, daß „Fußgänger und Reiter, Frauen und Männer" zu 
diesem Kriege eilen müssen ; des Zusammengehens mit Deutschland und Österreich wird 
gedacht]. 

Nach dieser Rede setzte sich die ganze Masse in Bewegung, indem an der Spitze die 
Fahnen des Komitees und der Nationalen Verteidigung und zu beiden Seiten die Banner 
von Deutschland, Osterreich und Ungarn wehten, indem die Ulemas fromme Rufe aus- 
stießen wie das Tekbir und das Tahlil, und indem sämtliche Zünfte und die Schüler der 
höheren und mittleren Schulen einander folgten ; man gelangte durch die Schahzade- 
Straße zum Kriegsministerium, und dort wurde die Masse begrüßt von den in Reih und 
Glied stehenden kaiserlichen Truppen und von folgenden Personen : von Fu'äd Pascha, 
dem militärischen Vorsitzenden des Diwani Temjiz im Namen des Kriegsministers und 
Stellvertretenden Oberkommandanten, von Hadschdschi Muhjiddin, Direktor der Heeres- 
ausgaben, von Generalsekretär Ali Riza, von dem Stellvertretenden Staatssekretär des 
Kriegsministeriums Sulaimän Fethi, und von dem Vorsitzenden des Gesundheitsrates Su- 
laimän Nu'män. Es wurde da von den Ulemas und sämtlichen Mus'imen dreimal das Tek- 
bir angestimmt. Danach sprach der arabische Gelehrte Schaich Sälih Scherif Efifendi aus 
Tripolis ein Gebet in arabischer Sprache, das zahlreiche Koransätze über den großen 
Glaubenskrieg und Siegerflehung für unsern Herrn den Kalifen und die islamischen 
Truppen enthielt, und brachte sämtliche Gläubige vor Rührung zum Weinen. Wiederum 
ein dreimaliges Tekbir und wiederum das: „Lebe lang, mein Padischäh!" Dann 
setzte sich dieser gewaltige Zug in Bewegung und erreichte über den Tschenberli Tasch 
und das Mausoleum des Sultan Mahmud die Hohe Pforte. Der Großwezier und die bei 
Ulm befindlichen Personen wie der Minister des Innern Tal'at Bey EÖendi, der Marine- 
minister Dschemäl Pascha und einige andere Minister traten vor das Tor des Großwezierats 
und wurden von der ganzen Menge auf das lebhafteste applaudiert. Darauf trat eine Ab- 
ordnung, die aus dem Deputierten von Smyrna Saijid üqj und Mitgliedern des Flotten- 
vereins, der Gesellschaft für Nationale Verteidigung und anderer Gesellschaften bestand, 
in die Hohe Pforte ein und trug dem Großwezier und den Ministem vor, daß die Nation 
voll und ganz der Regierung beistehe, und daß diese Demonstrationen den deutlichsten Be- 
weis dafür abgeben, daß die Nation gegenüber den gottwohlgefälligen Bemühungen der 
Regierung für die Verteidigung des Landes und die Erhöhung des Vaterlandes zu jedem 



22 Die Welt des Islams, Band III. ig 13, Heß i 

niiuiiiiiiimiininiHfliiiinrminitiiminniiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim^ 

Opfer an Gut nnd Blnt bereit sei. Der Großwezier drückte der Abordnung seine Verbun- 
denheit für die aus der anfiriclitigen Gesinnung der Nation entsprungenen Demonstrationen 
und das der Regierung geschenkte Vertrauen aus. Die ganze Masse setzte sich nun, hoch- 
erfreut über solche herzliche Berührung zwischen Nation und Regierung, zu Tausenden 
unter den Klängen der Musik nnd den Gesängen der Schüler geradeswegs zum Topkapu 
Serai in Bewegung. 

Seine Majestät der Kalife hatte befohlen, daß bis zum Ende des großen Glaubenskrieges 
in der Abteilung für den Heiligen Mantel der Heilige Buchara gelesen werden solle; er 
selbst besuchte nun gestern den Heiligen Mantel des Propheten, um diese Lesung zu 
hören und von der göttlichen Majestät für die islamische Gemeinde Sieg und für unsere 
Osmanischen Truppen Heil zu erflehen; begleitet von seinen Erlauchten Söhnen Zijä'uddin 
und Ümer Hilrai und den Stützen des Kaiserlichen Palastes, gelangte er zum Serai Burnu 
auf dem Dampfer Sügüdlü. Dort bestieg er den auf ihn wartenden Kaiserlichen Wagen 
und wurde, in Topkapu Serai angelangt, vom Schaichul'islam, dem Kriegsminister und 
den Stützen des Serai empfangen und in das Medschidije-Schloß geleitet, wo er nach 
einer Ruhepause das Mittaggebet zu verrichten geruhte. Darauf empfing Seine Majestät 
den Schaichul'islam und den Kriegsminister in Audienz, später auch den Großvezier und 
den Marineminister. Mittlerweile war die große Masse vor das nach der Aja Sofia zu 
gelegene Glückseligkeit -Tor des Kaiserlichen Schlosses gelangt. Auf die Nachricht hier- 
von begab sich Seine Majestät in Begleitung der Prinzen und der Minister ans dem 
Medschidije-Schloß zu der Abteilung des Heiligen Mantels. Aus der Masse, die gekommen 
war, um Seiner Kaiserlichen Majestät eine Verehrungsdemonstration zu erweisen, wurde 
eine Abordnung von sechzehn oder siebzehn Personen erwählt, die wie die frühere Ab- 
ordnung zusammengesetzt war; sie wurde von Seiner Majestät in Audienz empfangen. 
Der Abgeordnete für Smyrna hielt eine kurze aber inhaltreiche Ansprache mit dem Aus- 
druck des Dankes der Nation. Seine Majestät war über diese Empfindungen hocherfreut 
und hielt aus dem Stegreif folgende Rede: 

,Die von meiner Nation auf diese Weise veranstalteten patriotischen Demonstrationen 
betrachte ich als einen glänzenden Beweis für die Beständigkeit, die sie in der Ver- 
teidigung des Vaterlandes zeigen wird. Wir sind gezwungen worden zur Verteidigung von 
Recht und Gerechtigkeit einen Krieg gegen drei große Feinde auf uns zu nehmen. Mein 
Herz ist sicher, daß wir, wenn wir in diesem Kriege, so wie es Recht ist, auf den gewaltigen 
Gott vertrauen nnd zu dem Geiste unsres Herrn des Gottgesandten und Bringers unsres 
Heiligen Gesetzes unsre Zuflucht nehmen, den erfolgreichen Beistand Gottes erlangen 
werden. Meine Kinder! Daß die Feinde unser Vaterland nicht mit Füßen treten und daß 
die seit einiger Zeit an jedem Punkte Angriffen ausgesetzte islamische Gemeinde von 
diesem Unheil befreit wird, ist an den Eifer und die Widerstandskraft gebunden, die ihr 
zeigen werdet! Ich erhoö'e von der göttlichen Gnade, daß unsere Gebete, die an diesem 
Heiligen Orte verrichtet werden, bei Gott Erhörung finden.' 

Die Abordnung sprach Seiner Majestät wiederholt ihren Dank aus, verließ das Kaiser- 
liche Schloß durch das auf den Park gehende Tor und gelangte durch die Alemdär-Straße, 
über die Brücke, durch die Topchane-Straße und über den Gazchane-Aufstieg vor die 
Deutsche Botschaft." 

Die Vorgänge bei der Botschaft sind seinerzeit in deutschen Zeitungen ausführlich 
behandelt worden. Ich beschränke mich darauf, kurz zu erwähnen, daß Doktor Näzim 
Bey eine Ansprache an den Botschafter Herrn von Wangenheim hielt, und daß dieser 



Kriegsurktmden 8. g. 23 



durch den Mund des Ersten Botscliaft-Dragomans Doktor Weber antwortete. Die Masse 
begab sich dann in den Garten der Osterreichischen Botschaft; dort hielt die Rede an den 
Botschafter der frühere türkische Gesandte Muchtär Bey Effendi. Darauf zerstreute sich 
die Menge. 

9. PROKLAMATION DER MÜDSCHTEHIDE DER HEILIGEN 
SCHREINE [INKERBELA UND NEDSCHEF] AN ALLE MUSLIME. 

Siehe den Text dieser Proklamation in den Auszügen aus der Zeitschrift Chäwer S. 52. 



24 Die Welt des Islams, Band JII. igi^, lieft i 



DOKUMENTE DES HEUTIGEN 
ISLAMS. 

III. 

EIN POLITISCHER VOLKSGESANGAUS FES VOM JANUAR1908. 

In der Beilage zur Abend- Ausgabe der Kölnisclien Zeitung Nr. 251 = Samstag, 7. März 
1908 erschien unter dem Titel „Ein politischer Volksgesang aus Fes", mit einer kurzen 
Einleitung, die „Tanger, Ende Februar" gezeichnet ist, die von Anmerkungen begleitete 
Übersetzung eines in Fes lithographierten Volksgesanges. Das Gedicht führt mitten in die 
Wirren, welche sich im Dezember 1907 und Jauuar 1908 in Fes abspielten und ihren 
Gipfelpunkt in der Absetzung von Mulei 'Abdul-' Aziz sowie der Ausrufung von Mulai Ha- 
fid zum Sultan hatten. Zu diesen für die Geschichte des Islams sehr lehrreichen Ereig- 
nissen ist zu vergleichen das von mir in „Der Islam" Bd. III S. 68 ff. mitgeteilte und über- 
setzte Fetwa des 'Ulamas von Fes, ferner u. a. Bulletin du Comite de lAfrique Fran^aise 
Annee 18, 1908, S. 34— 37. Der ungenannte Übersetzer jenes Gedichtes, der sich als nahe 
Kenner der in Betracht kommenden Verhältnisse und vortrefflicher Kenner des Arabischen 
erweist, nennt selber das Gedicht eine „kulturgeschichtliche Urkunde", die tiefe Einblicke 
in die Volksseele tun lasse. Es verdient sehr in der trefflichen Wiedergabe des Über- 
setzers dauernder Beachtung zugeführt zu werden. Das arabische Original befindet sich 
in meinen Händen. Für denjenigen, der das Original vor sich hat, wäre es interessant, 
einiges über Sprache und Metrik des Gedichtes hinzuzufügen, obwohl die Beurteilung 
der letzteren schwierig ist. An dieser Stelle ist der Inhalt allein von Wert. 

G. Karapffmeyer. 

Tanger, Ende Februar 1908. 
Wie die Sänger im Mittelalter denen, die im Kampf oder sonst sich 
hervorgetan, ihre Lieder darbrachten, und dafür von dem Großmut der 
Gefeierten kHngenden Lohn erwarteten, so besingen heute in Marokko 
die Dichter die Großen, die Einfluß- und Erfolgreichen, ebenfalls in der 
Hoffnung, sowohl ihren Dichter-Ruhm zu mehren, als auch ihre schmale 
Poetenbörse zu füllen. Daß die große Erregung, die das Volk Marokkos 
gegenwärtig erfaßt hat, daß insbesondere die Ereignisse in Fes die dor- 
tigen Poeten zu politischen Liedern begeistern würden, war vorauszu- 
sehen. Fes, die Stadt des Gesanges und der Lieder, hält seine Dichter 
in hohen Ehren. Die Dichter hinwiederum erweisen sich dankbar, indem 
sie Tagesereignisse oder gefeierte Personen durch ihre Kunst verherr- 
lichen. Es sind oft literarisch wertvolle Dichtungen, die so der Gunst der 
Großen oder den Eindrücken besonderer Geschehnisse zu danken sind. 
Das Lied wird in der gewöhnlichen Umgangssprache verfaßt und dringt 
so ins Volk, indem es, auch wenn es nicht gedruckt wird, sich verbreitet 



Dokumente des hetäi^en Islams III. 25 



und — falls gs Anklang findet — fortlebt. Auch die Berufssänger, die das 
Lied auswendig lernen und es bei den Festen der Reichen vortragen, 
verbreiten die Werke der Dichter. 

Ich bin in der Lage, die Übersetzung eines politischen Volksgesanges 
zu geben, der die letzten Feser Ereignisse behandelt, in Fes stark ver- 
breitet ist und beim Volk solche Anerkennung als getreue Wiedergabe 
der allgemeinen Stimmung gefunden hat, daß es auf lithographischem 
Wege in Fes vervielfältigt worden ist. Da Marokko jedenfalls eine ent- 
scheidende Zeit seiner Geschichte durchlebt, das Lied aber tiefe Ein- 
blicke in die Volksseele tun läßt, ist es gewissermaßen eine kulturge- 
schichtliche Urkunde. Es ist für den, der die Ereignisse verfolgt hat, ohne 
weiteres verständlich. Nur zur Erklärung gewisser örtlicher Besonder- 
heiten habe ich Anmerkungen gesetzt. 

Preis Gott allein! Bestand hat nur sein Reich! 

Schuldigen Preis unserm Herrn, der Verborgenes kennt, 

Der da kennt, was geheim ist, außen und innen. 

Der uns Haschemis ' Kinder geschenkt, die Scherifen. 

Wer in Not ist, ruft sie an in jeglichen Landen, 

Des Herrn, des Propheten Kinder. Wer sie aufsucht, gewinnt. 

Und wer sie liebt, des Leuchte erlischt nicht. 

's ist ein Scherif unter ihnen, aus Dris'^ Stamm 

Entsprossen, eine Gottesgabe 

Von bester Art, drum folgt ihm das Geschlecht der heiligen Familie'. 

Als das Volk von Fes im Innersten erbebte. 

Sammelte sich's, das Rechte zu tun; da redete er* eindringlichst. 
Kraft vom Herrn, dem Hehren, Meer von Tugend und Treu, 
Für den Dris-Sproß, Mulai Dris, Sohn des Gerechten! 

Als der Zoll dahin sank und die Tore^ schwanden. 

Als wer da ging, den, der daherkam, scheu sich besah, 

Da befiel uns die Angst, Alte und Junge, 

Und es war ein jeder besorgt, was da wohl käme. 

Und nach der Regie besorgten sie's Zelaschi^. 

Am Dienstag war's, da geschah, was ich erzähle. 

Jeglicher Zöllner ärgerte sich und ging nach Hause. 

Da seufzte der Bürgermeister, aber kein Seufzer half. 

Er sah Augen nach den Zöllnern spähen, rot vor Wut. 

Wie manch einen von uns befiel der Jammer! 

Wollte sich selbst ein Leid tun, daß er den Kummer sich nähme; 



26 Die Welt des Is/a?ns, Band III. igiß, Heß i 



Was für seinen ZoUnerstand er vorgeschossen, war futsch; 

Ging — und ärgerte sich schwer . . . 

Aber schön heraus und geruhig war, wer imnaer genossen 

Hatte nur klaren Trank, und lauter war er^, 

Wie unsere Herren, die Scherifen, die Reines nur trinken. 

Kraft vom HeiTn usw. 
Die Juden flohen und füllten ihr fauliges Ghetto, 
Fürchteten, daß ihr Tod nun mit Patronen käme. 
Sagten sich, diesen Tag kam' das Verhängnis an. 
Schande wie früher und Pleite traf sie wieder — : 
Zu Fuß und barfuß und barhäuptig. Nachher hieß es : „Höret den 

Brief!"» 
Das Volk wappnete sich und ging, was er meldet, zu hören. 
Jener schrieb : „Stellt mehr Wachen aus, daß nur kein Krawall komm'. 
Den Zoll erlassen in Gnaden wir Euch, 
Der doch nun einmal dahin ist und von dem keine Rede." 
— Alberne Worte; auch gar kein Verstand in den Zeilen: 
Es raunten die Leute sich zu: „'s ist nichts melir mit ihm. 
Das brauchte er nicht erst zu schreiben", und ihre Worte eilten bar- 
fuß hurtig daher: 
„Das Zollkleid ist zerrissen und nicht mehr zu stopfen. 
Wieviel er auch stopfen mag, er findet keinen, der's stopft." 

Kraft vom Herrn usw. 
Beim Heiligen sammelten sich Scherifen und Volk, 
Sagten : Wir wälilen einen Schöffen, weise und klug. 
Mulai Dris ! los! auf! du sollst hier richten! 
Und sie bezeugten es ihm, daß er hurtig und kühn es ergriff. 
Herr Gott, hüte ihn mit schönstem Heil ! 
Sagten: Her mit den Doctores!'' Holt sie eiligst! 
Von jedem weiß ich, wie's im geheimen mit ihm steht! '^ 
Anderen Morgen wollten sie's gehörig bereden. 
In jeder Gasse übernahmen es die Leute, daß, die dort seien, 
Sollen huldigen, wem's zukommt oder sie plündern ihnen das Haus. 
Freitag sagten sie : Das em-opäische Wesen paßt uns nicht. 
Alle Moshms sind in einem Korb. Wer Christ ist. 
Der wird umgebracht mit festen Prügeln. 
Die Burgen besetzen sie, daß es keine Überrumpelung gebe, 
Mit Waffen und Kanonen — 'ne Masse, sag ich, es zu schildern. 

Kraft vom Herrn usw. 



Doktimenie des heiäi^cn Islams JII. 27 



In Kraft und Freude strotzte die Kraft von Fes, 
Als die Stadt sich seinem Gebot und Geheiß verband, 
Und der Gram verflog, und alle Schlaffheit schwand. 
Schworen Treue dem, des Fahne über den Gottesknechten ragt. 
Gott schütze ihn und vertreibe seine Widersacher. 
Recht zeigt er sich als klugen Führer von herzhaftem Entschluß. 
Wachen besorgt er und Hauptleute und den Amrani, i^ 
Begann zu richten gerecht, Gericht ohne Heimlichtun. '2 
Wem ein Unrecht geschieht, der geht stracks nach Noz^arini. '^ 
Mit seinen Leuten hält er Gericht; wer sich spreizt: — ins Loch! 
Gericht wie seines hab ich all mein Zeit nicht gesehn. 
Schickt den Treueid, '* der uns das Herz erfi"ischt. mit Scherifen, 
Mitsamt dem Propst vom Heiligtum ^^ — geleit sie Gott ! 
Zeit verging. Die Tage Mina und ""Arafa '^ kamen. 
Sagte er : Festparade führ ich am Festmorgen an. 
Kraft vom Herrn usw. 

Sammelten sich da am Morgen die Quartiere in Waffen, 

Kamen die Stämme vom Land, wie er's geboten, zur Frist, 

Beteten mit hochgeschürzten Ärmeln (falls ein Streit wohl käme), 

Traten an zum Carre, '^ Tausende Flintenschlösser zählte ich. 

Ich bete zu Gott, das sei Omen für den Krieg! 

Mit dem Chalifa beteten sie, dem Hehren, dem Mrani, 

Zogen dann zur Stadt, um dort gleich das Opfer zu schlachten, '^ 

Hielten doch auch die Burgen besetzt, ja, ich vermeld' es. 

Jeglichen Tag zog das Volk von Fes zur Tributgabefeier. 

Staunten da die Stämme vom Land ob des schwachen Fes. 

Durch den Sohn des heiligen Dris ist ihr Mut so stark. 

Sein Ahn '^ war da : Die Glut der Aufruhrflamme erloht, 

Das Volk des Ghetto muckste nicht, da es sah, was dahinter steckte. 

Wahrlich, Gott sei Preis! Unsere Beklemmung klärte sich 20 

— Und den Zoll waren wir los in allen Gewerken. 

Kraft vom Herrn usw. 
Im Gericht errang er Ruhm, den der Barmherzige liebt. 
Durch Würde und Güte zu dem, der sich an ihn gewandt. 
Billig richtet er und ist behutsam beim Prüfen. 
Wer mit Wünschen zu ihm eilt, den fertigt er schleunigst 21 ab. 
Des Aug nicht schläft, den Erhabenen 22 bitte ich, daß er ihn hege ! 
Durch Dich, an Dich, Dich bitt' ich. Du unser guter Gott, 



28 Die Welt des Islams, Ba7id III. igi^, Heft i 



Durch Deine große Güte erweiche mein Flehn seinen Ernst: 
Beim Auge dos barmherzigen Propheten, des orthodoxen Verkünders, 
Bei seinen Jüngern und seinen Gattinnen und seinen Kindern — 
Bei seinem eignen Ahn, Mulai Dris, 

Bei der Gemeinde der Heiligen, die seine Stadt in sich birgt, — 
Hilf ilim, schütz ihn, rett' ihn vor seinen Neidern ! 
Und Deinen Bhck laß ruhn auf seinen Genossen und Kindern ! 
Hilf uns, loih uns Sieg im heiligen Kriege ! 

Kühle nicht an uns den Ingrimm über Unrecht, das jene getan! 
Der Franzose ist erstarkt, und wieviel Lande bedrückt er! 
Seit er Udschda nahm, fürchtet er von jenen -^ keinen Klrieg! 
Ach, was vermag auch der, der nicht Rückhalt hat an Gottes Volk! 2* 
Der Moslims Untergang ist nahe durch seine Schuld ! 
Kraft dem Herrn usw. 

Der Name des Dichters soll nicht fehlen im Stickwerk seines Flehens. 
Amri heißt er nach seiner Heimat. Du, der Du sein Bittlied hörst. 
Reichlichen Regen bring ich dar, (so wie er kommt, ist er ein Gruß 
Für den Scherifen, der hehr ist wegen seiner innern Tugend), 
Mit Orangenblüten und Goldregen und Jasmin als Gabe^^ 
Und Essenz mit echt Pariser Marke ist hier in diesem Sang, ^ß 

Gruß den Knechten dessen, 
Den der Herr erwählt hat. 



' Haschemi = einer der Vorfahren des Propheten. 
' Dris = Mnlai Dris (Idris), Stadtheiliger von Fes. 
^ Geschlecht der heiligen Familie = die Scherifen. 

* Er ^ nämlich der Scherif Mulai Dris Zerauti [Zerwati]. 

* Tore = das Torgeld. 

* Diese Stelle bezieht sich auf den Anfruhr, der mit der schließlichen Absetzung des Sul- 
tans endete. In prägnanter Kürze fassen die Verse die Verweigerung der Entrichtung der 
Torgelder, die Plünderung der Tabakregie und die Plünderung des Hauses des Zelaschi, 
eines Beamten des Sultans, zusammen. 

' Wer nur klaren Trank genossen = wer sich nicht wie die Zöllner unrechtmäßig berei- 
chert hatte. 

* Den Brief des Sultans 'Abdul-' Aziz, worin dieser, statt wegen des Aufruhrs Vorwürfe zu 
machen, die Torabgaben erließ. 

* Die 'Ulema. 

'° D. h. ich weiß, daß sie politisch auf unserer Seite stehen. 

" Köstlich, wie das lokal Bedeutungsvollste, die Stadtwachen, den Provinz- (Hauptmän- 
nern) und Reichs- (dem Sultansstellvertreter Mulai Amrani) interessen vorangesetzt wird. 



Dokume7ite des hetäigen Islams III. 29 



" ohne Durchstechereien. 

" Fondaq Nezz arini, wo Dris Zeranti stets zu finden war. 
'* Die Huldignngs-Urkunde. 
'* Der Vorsteher der Moschee, Mulai Dris. 

'• Die Tage Mina nnd 'Arafa = die zwei Hauptfesttage des Hammelfestes ('Aid el-Kebir 
= das große Fest) genannt nach zwei Örtlichkeiten in der Nähe von Mekka, nach denen 
die Mekkapilger wallfahrten. 
" Carre = die Soldaten und Abordnungen der Stämme bilden außerhalb der Stadt, bei 
dem Gebetsplatz (Msalla), auf einer großen Ebene Carre. In der Mitte feiert der Sultan 
oder, in Abwesenheit des Sultans, dessen Chalifa oder Stellvertreter, den Gottesdienst 
nach überliefertem Zeremoniell und empfängt am Schlüsse die Abordnungen der Stämme. 
'* Das Opferschlachten am 'Aid el-Kebir; an diesem größten religiösen Fest des Jahres 
muß jede muslimische Familie ein Opfertier, meist einen Hammel, schlachten. Der 
Familienvater versieht das Amt des Opferpriesters. Während der acht Tage vor dem 
Feste findet vor allen Toren von Fes täglich ein Hammelmarkt statt. Das Fest ist zur 
Erinnerung an das Opfer Abrahams eingesetzt. Zu dieser Zeit des Jahres findet die 
Pilgerfahrt nach Mekka statt. 
" Sein Ahn = der Ahn des Mulai Dris Zerauti, d. h., da Zerauti Scherif ist, entweder der 
Stadtheilige von Fes, Mulai Dris, oder der Prophet selbst war zur Stelle und gab den 
Fesleuten Kraft. 
'° Alle Berichte aus Fes meldeten, daß die bisherige Zagheit und Unentschlossenheit mit 
diesem Tage einer allgemeinen Zuversicht Platz machte. Die Proklamation Mulai Hafids 
hatte keine Unruhen im Gefolge gehabt, die Stämme stellten sich auf die Seite der 
Feser und huldigten dem Chalifa des neuen Sultan ; das Fest aber verlief in bester 
Weise zu aller Zufriedenheit. 
'' „Schleunigst" im Gegensatz zu früher, wo Rechtsuchende oft sechs bis acht Tage hinter- 
einander warten mußten und dann doch nur abgefertigt wurden, wenn sie Beziehungen 
zu einflußreichen Leuten hatten oder Bestechungsgelder an die Soldaten verteilten. 
'* Den Erhabenen = Gott. 

'^ Von jenen = nämlich dem Machzen in Rabat. Mit diesem Satz ist die ganze politische 
Lage gekennzeichnet: Damit, daß man die Franzosen nach Udschda gehen ließ, ohne 
Einspruch zu erheben, damit brach das Unheil für das Land herein. 
" Der nicht Rückhalt hat an seinem Volk = der Sultan 'Abdul-' Aziz. 
** Hier deutet der Dichter zart an, daß er von dem Gefeierten, dem Mulai Dris Zerauti 
seinen Dichterlohn erhoffe. Er selbst — als armer Poet — könne dem Scherifen keine 
andere Gabe darbieten als den reichlichen Regen, der zur Zeit der Überreichung des 
Gedichts wahrscheinlich fiel, und mit dem Regen Orangenblüten usw., die der Regen 
hat sprossen lassen. 
"Der Schluß ist von grotesker Komik: „Essenz mit echt Pariser Marke" : ein Beweis, 
daß Frankreich auf dem Gebiete des Parfümerienhandels in Marokko, besonders in dem 
genußfrohen Fes, eine „Situation speciale" einnahm. 



30 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 

niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 



IV. 
NACHTRAG ZU BD. ü, S. 2—3. 

Prof. Goldziher schrieb mir, daß üWl-azWimi in jenem Znsammenhang nicht wohl 
„als Besitzer der Zauberformeln" übersetzt werden dürfe. Der Ausdruck lehne sich ofifen- 
bar an das Koranische ulu ^l-'azmi und bedeute : „Leute der festen Entschlüsse" oder 
dergl. Eine ähnliche Übersetzung hatte ich selbst geben wollen ; ich hatte sie aber dann 
gegenüber der Übersetzung Prof. Hartmanns zurückgezogen. 

G. Kampffmeyer 



Mitteilungen. Ttlrkei mit Provinzen. 31 

llllllllllllllllllllllllllllll Illllll llllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllHIlHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIItl I IIIIIIIIUIIIIHIIIHIIIIIIIIUIIIIHIIIIIIIimilllllllllimH 



MITTEILUNGEN. 



TÜRKEI MIT PROVINZEN. 

Aus der Geschichte der türkischen Presse. In der Zeitschrift der „Deutschen Gesell- 
schaft für Islamknnde" wurden jüngst die Ergebnisse mitgeteilt, die der Präsident der 
School of Journalism der Columbia Uniyersität in New York über das türkische Zeitungs- 
wesen auf Grund einer Umfrage erzielte, und die, da sie einigermaßen in die Verhältnisse 
des türkischen Zeitungswesens der Gegenwart hineinleuchten, von allgemeinem Interesse 
sind. Nicht weniger Interesse jedoch als jene Mitteilungen, dürften einige Rückblicke auf 
die Entwicklung der türkischen Presse beanspruchen, die, nach jahrzehntelanger Knebe- 
lung, erst mit dem Anbruch des jungtürkischen Regimes zu der Bedeutung gelangte, die 
sie heute im öffentlichen Leben der Türkei einnimmt. 

Die Geschichte des türkischen Zeitungswesens hängt selbstverständlich, wie das über- 
all der Fall war, mit der Einführung der Buchdruckerei zusammen. Der großzügige Wesir 
des dreiundzwanzigsten Sultans, Ahmed III., Ibrahim Pascha, war es, der den Sultan ztir 
Gründung der ersten Bibliothek veranlaßte und den Hatti Scherif vom 15. Zilkade 1139 
(November 1722) erlangte, mit dem die ersten türkischen Drucker Ibrahim und Seid er- 
mächtigt wurden, eine Druckerei in Konstantinopel einzurichten. Diesem Hatti Scherif 
des Sultans ging ein Fetwa des Groß Mufti voraus, das nach Raschids „Osmanischen 
Annalen" folgenden Wortlaut hatte: 

Frage: Falls Seid sich verpflichtet, die Buchstaben geschriebener Bücher, wie Wörter- 
bücher, Abhandlungen über Logik, Philosophie, Astronomie sowie anderer wissenschaft- 
licher Werke nachzuahmen, um Lettern zu gießen und Bücher zu drucken nach dem 
Muster des Manuskripts, kann ihm dies Unternehmen gesetzlich erlaubt werden ?" 

Antwort: Sobald eine der Druckerei kundige Person Lettern zu gießen versteht zum 
genauen und korrekten Druck von Manuskripten; sobald seine Arbeit große Vorteile auf- 
weist, so, wie die Schnelligkeit der Arbeit, die Ermöglichung einer großen Auflage und 
eines niedrigen Preises, zu dem sich jedermann ein Exemplar verschaffen kann, und wenn 
der Literatur kundige Leute vorhanden sind, die die Abzüge korrigieren können, kann 
man den Drucker in seinem Unternehmen, das eines der besten und lobenswertesten ist, 
nur unterstützen." 

Das erste türkische Buch, das mit Genehmigung der Bab Ali gedruckt wurde, war die 
Übersetzung des arabischen Wörterbuchs Wankuli, dem, nach Hammer, die Geschichte 
der osmanischen Seekriege von Hadschi Khalfa, die Geschichte der Khalifen (1730), die 
Geschichte Timurs von Nasmisade und drei weitere Werke folgten. Dabei ist jedoch zu be- 
merken, daß es sich bei diesen Werken nicht um die ersten handeln kann, die überhaupt 
in Konstantinopel gedruckt wurden. Nach Wolfs Hebräischer Bibliothek \vurde schon 
1488 ein Lehrbuch für Kinder in Konstantinopel gedruckt, auch waren Mitte des sieb- 
zehnten Jahrhunderts dort bereits jüdische und armenische Druckereien in Tätigkeit. 

Über die Art und Weise, wie die ersten türkischen Drucker auf die Idee kamen, sich in 
Konstantinopel niederzulassen und über die Eindrücke, die dieses Ereignis in der Haupt- 
stadt hervorrief, erzählt Tschelebi Sade Effendi in der Ergänzung zu Raschids Annalen. 



32 Die Welt des Islams, Band III. igis, Heft i 



Nach seinen Berichten hat Seid Effendi die Idee von einer Pariser Reise mitgebracht, auf 
der er seinen Vater begleitet hatte. Nach seiner Rückkehr nach Konstantinopel zog er 
einen ungarischen Renegaten, Ibrahim Efl'endi, ins Vertrauen, und diese beiden beschlos- 
sen, das Werk in Gang zu setzen. Als man in der Hauptstadt von dem Projekt erfuhr, 
wollton sich erst die Geistlichen gegen seine Verwirklichung auflehnen, damit sich die 
Drucker nicht etwa an den heiligen Büchern, besonders aber am Koran, vergreifen sollten. 
Willige Anliänger ihrer Protestkundgebungen fanden die Ulenias natürlich in der Legion 
der öffentlichen Schreiber, den Kiatibs, deren Konstantinopel ungefähr fnnfzehntausend 
ernährte, und die sich in ihrem Verdienst bedroht sahen. Aber auch die Kalligraphen wa- 
ren mit der Einführung der Druckerei nicht einverstanden. Sie fürchteten, wie Ubicini in 
seinen „Lettres sur la Turquie" erzählt, daß ihre Kunst, die so manches Meisterwerk her- 
vorgebracht hatte, ihrem Ende entgegengehe, und fragten sich, ob der Drucker wohl im 
Stande wäre, wie sie, die Verbindungen zwischen den einzelnen Buchstaben und die sym- 
bolischen Schnörkel herzustellen, die einer Blume, einem Vogel oder einem Schmetter- 
ling gleichen. Diese Proteste bildeten jedoch keinerlei Hindernis. Aller Wahrscheinlich- 
keit nach wurden sogar die ersten türkischen Lettern in der Hauptstadt selbst gegossen, 
und nicht, wie oft angenommen wird, aus Frankreich bezogen. Daß sogar französische 
Buchstaben in der Konstantinopler Schriftgießerei hergestellt wurden, bezeugt eine tür- 
kisch-französische Grammatik aus dem Jahr 1730. Unter der Regierung üsmans HI. war die 
Druckerei in den Händen des „Kleinen" Ibrahim, der jedoch außer einer Neuauflage des 
Wankuli nichts aus der Presse brachte. Vom Jahre 1756 an erlitt die türkische Druckerei 
eine Unterbrechung von siebenundzwanzig Jahren. Die politischen Ereignisse nahmen die 
Aufmerksamkeit der Staatsmänner mehr in Anspruch. Sultan Abdul Hamid I. ließ nach 
dem Vertrag mit Rußland im Juni 1784 einen neuen Haiti Scherif erscheinen, mit dem er 
die Leitung der Druckerei Mohammed Raschid Beylikdschi und Ahmed Wassif Effendi, 
dem Geschichtsschreiber, übertrug. 

Die ersten Anfänge des türkischen Zeitungswesens fallen in die Zeit der Regierung 
Mahmuds II. Im Jahre 1795, unter Selira III., hatte der außerordentliche Gesandte der 
französischen Republik Verninhac einige Monate lang eine in französischer Sprache er- 
scheinende Zeitung herausgegeben, eine Art ßotschaftszeitung, und während des russi- 
schen Feldzuges ließ auch die französische Botschaft in Konstantinopel gedruckte Aus- 
züge aus den Bulletins der großen Armee erscheinen. Nach Ubicinis Briefen aus der Tür- 
kei erschien jedoch die erste richtige politische Zeitung in Smyrna im Jahre 1825 als 
„Spectateur de l'Orient", vom Franzosen Alexandre Blacque Bey herausgegeben. Dieses 
Blatt hat den Namen mehrmals gewechselt und erschien auch als „Courrier de Smyrne" 
und „Journal de Smyrne". Derselbe Herausgeber wurde dann im Jahre 1831 von Sultan 
Mahmud II. mit der Herausgabe des in Konstantinopel erscheinenden offiziellen „Moni- 
teur Ottoman" betraut, der in französischer Sprache und nach französischem Muster re- 
digiert wurde. Die türkische Übersetzung des Monitenr brachte vom zweiten Jahrgang an 
die Takvimi Wekayi, welclies der Titel des türkischen Amtsblatts bis auf den heutigen 
Tag geblieben ist. Sechs Jahre später erscheinen dann noch das „Echo de l'Orient" und 
„L'Impartial de Smyrne", dieser erst in englischer, später in französischer Sprache, auf 
der Bildfläche. 

Unter Abdul Medschids Regierung (1839—1801) betrug die Zahl der in der osmani- 
schen Hauptstadt und in der Provinz erscheinenden Zeitungen dreiunddreißig. 1853 er- 
schienen in Konetantjnopel 13 Blätter in verschiedenen Sprachen redigiert; darunter waren 
2 türkische, 4 französische (das smyrniotische „Echo" und „Journal" wurden mit dem 



Mitteibincre^i. Türkei Tnit Provinzen. 33 



„Journal de Constantinople" zu einer sechs mal monatlich erscheinenden Zeitung verei- 
nigt), 4 italienische, halbwöchentlich und wöchentlich erscheinend, 1 armenische Wochen- 
schrift, 1 griechische und 1 bulgarische Halbwochenschrift, diese mit russischen Lettern 
gedruckt. Smyrna brachte drei neue Zeitungen, darunter je eine armenische, eine grie- 
chische, eine hebräische und eine französische. Auch in Belgrad und in den Donaufürsten- 
tümern, sowie in Beirut und Alexandrien, erschienen damals Zeitungen, zum Teil in fran- 
zösischer Sprache, zum TeU in den Landessprachen. Unter Sultan Mahmud begann auch 
die Regierung die Zeitungen zu unterstützen, so erhielten die Zeitungen „Dscherideyi 
Hanadisse", das „Journal de Constantinople", der „Courrier de Constantinople" und die 
griechische Wochenschrift je eine Jahressubvention von 30 000 Piastern. 

Wichtige Bestimmungen für das Zeitungswesen in der Türkei enthielt die im Janua 
1857 erschienene Verordnung für Druckereien, die bereits die behördliche Zensur für alle 
Drucksachen, wie Bücher und Zeitungen, einführte und die Bestimmung enthielt, daß alle 
Exemplare, die eine „dem Staat schädliche" Veröffentlichung enthalten, beschlagnahmt 
werden, eine Bestimmung, die, wie A. Djiveleguian in seiner vorzüglichen Abhandlung 
über das „Regime de la Presse en Turquie" (1912, bei Emile Larose, Paris) nicht mit Un- 
recht sagt, niemals strenger angewandt wurde, als nnter Abdul Hamid II. Unter Abdul 
Asis trat zum erstenmal ein türkisches Preßgesetz in Kraft, jenes Gesetz, das vom Jahre 
1865 bis 1909 Geltung hatte. Dieses Gesetz ist in der genannten Arbeit ausführlich be- 
handelt. Es enthält bereits alle Bestimmungen zur Lahmlegung der Presse, die ihre Stra- 
fen nicht durch richterlichen Spruch, sondern auf administrativem Wege zu erwarten hatte. 

In seiner Thronrede, die Abdul Hamid IL im März 1877 gehalten hat, hielt es der 
Sultan für notwendig, ganz besonderen Wert auf ein neues, der Presse größere Freiheiten 
sicherndes Gesetz zu legen ; in ähnlichem Sinn sprach er sich anläßlich der Eröffnung der 
zweiten Parlamentssession aus. Das hinderte den Sultan freilich nicht, Irades zu veröffent- 
lichen, in denen er — ich folge hier weiter Djivelegman — den Wunsch ausspricht, „es 
seien in Zukunft die Zeitungen zu verhindern, sei es ans Unkenntnis oder aus Voreinge- 
nommenheit, eine Richtung zu verfolgen, die im Gegensatz steht zu den Ansichten und 
Absichten Seiner Majestät". Und wie er das Parlament auflöste, so nahm er auch der 
Presse die letzten Freiheiten, die ihr übrig geblieben waren. Hieriür kommen zwei Ver- 
ordnungen für Druckereien und Einfuhr von Büchern in Betracht, diejenige vom 23. Ja- 
nuar 1888 und die vom 20. November 1894. Ein eigentliches Preßgesetz ist unter Abdul 
Hamids Regierung nicht erlassen worden. Die Verordnung von 1894 ist recht intere ssant 
sie zeigt so recht, welchen administrativen Willkürlichkeiten der Drnckereibesitzer aus- 
gesetzt war. Die Druckereien mußten stets den Inspektoren offen stehen, auch war ihnen 
strenge untersagt, irgendwelche zweite Ausgänge zu haben, ja, es konnte sogar der Drucker 
gezwungen werden, Muster seiner Lettern beim Preßbureau zu hinterlegen. Ohne Geneh- 
migung des Unterrichtsministeriums durfte überhaupt kein Buch die Presse verlassen. 
Daß die Einfuhr von Büchern der strengsten Zensur unterworfen war, ist bekannt. Es 
wurde ein Index angefertigt, auf dem auch die Namen Victor Hugo, Rousseau, Racine, 
Shakespeare („Hamlet") standen. Das betreffende Gesetz enthielt übrigens in den Artikeln 
33 — 35 auch Bestimmungen betreffend Affichage in den Straßen. 

Unter Abdul Hamids Regime wurde die Verbindung zwischen Regierung und Presse 
durch das Preßbureau hergestellt, das täglich Weisungen vom Palast erhielt über Zulas- 
sung oder Unterdrückung von Nachrichten. Andere politische Mitteilungen, als die vom 
Preßbureau gelieferten, durften die Zeitungen überhaupt nicht veröffentlichen; Worte 
wie Streik, Attentat, Revolution, Anarchie, Dynamit, Sozialismus u. a. durften niemals 
Die Welt des Islams, Band III. 3 



34 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 

MHniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

gedruckt werdeu. Dasselbe Verbot galt für Entthronung, Massakers, Konstitution etc. Es 
durfte nicht von großen Nasen gesprochen werden, da dies als Anspielung auf diejenige 
des Sultans resj). auf seine Persönlichkeit empfunden wiirde, ferner nicht von Sternen, da 
damit der Yildis Kiosk (Sterneupalast) gemeint sein konnte. Auch in wissenschaftliche 
Berichte fiel, wie Djivdleguian mitteilt, die Zensur ein. Niemals durfte eine mathematische 
Formel wie z. B. A. H. = O gedruckt werden, da sie auf den Namen dos Sultans bezogen 
werden konnte. Ganz im Gegenteil : die Zeitungen waren verpflichtet, fortwährend von der 
Sicherheit, die im Land herrschte, und Hymnen auf den Sultan zu schreiben. Die Sprache, 
die damals der Presse diktiert wurde, ist einzig in ihrer Art. Dafür aber konnte sich der 
Sultan auch erkenntlich zeigen, indem er türkische Blätter mit Geld, bis zu je 6000 Fran- 
ken monatlich, unterstützte. 

Die türkische Presse, die sich politisch betätigen wollte, ist in jenen Tagen des Des- 
potismus außer Landes gegangen. In Frankreich, in der Schweiz und in Egypten erschie- 
nen die jungtürkischen Blätter, unter denen der Meschveret Ahmed Risa Beys wohl die 
bekannteste Zeitung war. In Egypten erschienen damals auch arabische Zeitungen und 
solche in englischer Sprache, ein arabisches Blatt kam in New York, eins in Brasilien, 
der „Conrrier des Balcans" in Bulgarien, „Die Freie Osmanische Post" in Wien heraus. 
Auch die Armenier traten in geschlossenen Reihen mit Zeitungen auf. Daß diese Zeitun- 
gen nicht nach der Türkei kamen, ist selbstverständlich, und über Ahmed Risa ist ja auch 
damals das Todesurteil gefällt worden. Bemerkt sei auch, daß unter Abdul Hamid den 
Korrespondenten auslandischer Zeitungen jede telegraphische Berichterstattung von Kon- 
stantinopel aus unmöglich war. Ihre Depeschen gingen meistenteils als Brief an die bul- 
garische Grenze, um von dort auf dem Drahtwege weitergegeben zu werden. 

Das jungtürkische Regime hat im Jahre 1909 ein neues Preßgesetz zu Tage gefördert, 
das sich im wesentlichen ganz an das französische Gesetz vom Juli 1881 anlehnt. Dji- 
veleguian vergleicht diese beiden Gesetze ausführlich. Das türkische Gesetz hat seitdem 
bereits mehrfach Änderungen erfahren und dürfte auch in absehbarer Zeit wieder im Par- 
lament zur Sprache kommen. Wenn auch der Begriff der Preßfreiheit heute noch ein re- 
lativer Begriff in der Türkei ist und die Zensur noch nicht vollständig ausgemerzt wurde, 
so konnte sich doch die türkische Presse in den paar Jahren dez Konstitution frei genug 
entfalten, um einen gewissen Höhepunkt zu erreichen. 

Dr. Max Rudolf Kaufmann (Konstantinopel) 

Die Medresen in Konstantinopel. Das Schaichul'islamat, das die theologischen Schulen 
unter sich hat, hat eine bedeutsame Reform der Ausbildung der Geistlichen vorbereitet. 
Die zahlreichen, über ganz Konstantinopel zerstreuten, an Moscheen angegliederten theo- 
logischen Schulen sollen zentralisiert werden. Wenn auch die Regierung der jungtürki- 
schen Partei, die nach dem Sturze des Abdulhamidischen Systems sehr weitgehende 
Umwälzungen in allen Zweigen der Verwaltung durchführen wollte, viel Wasser in ihren 
Wein gegossen hat, so blieb doch ihre Aufmerksamkeit unentwegt gerichtet auf die Be- 
seitigung der unheilvollen Moscheeschulen, in denen die aus der Provinz kommende 
Jugend wenig Wissenschaft lernte, übrigens in den schmutzigen verwahrlosten Höhlen 
ein trübseliges, demoralisierendes Leben führte. Dem Vornehmen nach ist die Auflösung 
sämtlicher Anstalten solcher Art in naher Aussicht. Die große Zentralschule, die an die 
Stelle der etwa 500 ['(*] Medresen alten Stils in Groß-Stambul treten soll unter dem Namen 
dar alchiläfa al'allja medresesi, wird nicht aus einem einzigen Gebäude bestehen, 
sondern in verschiedenen Gebäuden untergebracht sein; doch ist der Bau eines Haupt- 



Mitteilungen. Türkei mit Provinzen. 35 

iiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiii^ 

gebäudes geplant. Eine bedeutsame Änderung ist in Aussicht genommen: es sollen näm- 
lich auch profane Wissenschaften gelehrt werden, ähnlich wie es in früheren Zeiten der 
Fall war; man behauptet, daß in der besten Zeit des türkischen Reiches in manchen 
Medresen der Unterricht höchst mannigfaltig war und daß z. B. der türkische Übersetzer 
des Qämüs Firüzäbädls 'Äsim in einer Medrese Medizin studiert hatte. Es ist nicht klar, 
wie das Verhältnis dieser neuen, auf wissenschaftlichen Betrieb hinarbeitenden Organi- 
sation des Unterrichts in den theologischen Seminaren zu der theologischen Fakultät der 
Universität* sich gestalten wird. In jedem Falle verdient das neue Leben Beachtung, das 
hier von einsichtigen Männern zu wecken gesucht wird. Unzweifelhaft werden diese Be- 
strebungen von den Leuten der starren Orthodoxie bekämpft. Ihre Zukunft hängt zu- 
sammen mit dem Stehen und Fallen der Komiteeregierung, die bis jetzt das Schaichul- 
'islamat fest in der Hand behalten hat. Martin Hartmann 

[Korr.-Note]. Zu der vorstehenden, auf persönlichen Mitteilungen eines Türken beru- 
henden Notiz ziehe ich noch heran den Artikel: ^Ein wichtiges Unternehmen des Schai- 
chul'islamats und [die Schule] dar alchiläfa medresesi'* in Sebilürreschäd [s. hier S. 68] 
Nr. 312 S. 439 f. Die Zeitschrift äußert sich nicht unfreundlich, aber skeptisch. Von den 
bisherigen Versuchen zur Reform der Schulen habe keine eine feste Spur hinterlassen ; 
heute unterbreite das Schaichul'islamat dem Publikum ein angeblich auf festem Grunde 
beruhendes neues und glänzendes Unternehmen [man erfährt leider nicht, wo und in 
welcher Form das geschehen ist] ; aufbauen sei aber nicht so leicht wie zerstören, wie das 
die Reglementiererei [tanzimätgÜT/q] beweise, die die heutige Generation erdrücke. 
„Wenn nicht an der Spitze des Unternehmens eine energische und hochstehende Person 
stände, die imstande ist, den ganzen Sumpf eines Ministeriums zu reinigen, das von einem 
fähigen Munde vor dem Parlament als unreformierbar anerkannt worden ist, und geord- 
nete Verhältnisse zu schaffen, so würde man den Zweiflern Recht geben können". Zur Aus- 
führung eines Gedankens müssen sich dem gesunden und reichen Gehirne starke Glieder 
gesellen; daß die neuen Organisationen den Bedürfnissen der Gegenwart entsprechen und 
zugleich mit der lebensvollen und allgemein rezipierten Tradition in Einklang stehen, be- 
ruhe auf solcher Gesellung; könne das wohl verbürgt werden? Die Zeitschrift schiebt ihr 
Endurteil bis zur Publikation der Organisation und Bestimmung der Kräfte für diesen 
neuen Bau auf und schließt mit guten Wünschen für das Schaichul'islamat bei seinen 
Unternehmungen, die das einzige Mittel zur Hebung der islamischen Nation [milleti 
islämlje], die Schulen, zu Quellen der Erkenntnis gestalten wollen. — Es sei hier hinge- 
wiesen auf die Entwicklung in Kairo, wo die älteren Elemente des Lehrkörpers der Az- 
har die Einführung profaner Disziplinen (Geographie, Geschichte, Rechnen) nicht haben 
hindern können. Nimmt die Entwicklung einen normalen Verlauf, so werden sich die 
Studenten der islamischen Theologie künftig so wenig von den Studenten der andern 
Fächer äußerlich unterscheiden, wie das bei uns der Fall ist; von der Erweiterung ihres 
Gesichtskreises ist eine Gefahr für die Glaubenstreue der innerlich Berufenen nicht zu 
erwarten. Martin Hartmann 

Die Glaubenskämpfer des Mewiewi-Ordens. Der Tschelebi Effendi, der gegenwärtig 
„Inhaber des Fells" in dem Kloster Mewlanas in Konia ist [Namens Weled]^, hat sich 

^'ulümi'älije'i dlnlje subesi nach Unpolitische Briefe S. 128. 

"^ Es ist derselbe, der noch 1909 Vorsteher des bekannten Mewlewi-Tekte in Galatawar, 
s. meine Unpolitischen Briefe S. 194; vgl. auch S. 50, 200, 206. 3* 



36 Die Welt des Is/a7ns, Ba7id III. igi^, Heß i 



das Verdienst erworben, ans den üerwischon der Mewlewi Tariqa und ihren Freunden 
ein Freiwilligenkorps zu bilden. Das JScbaiclmrislamat bat es nun für angezeigt gebalten, 
daß auch die ehrwürdigen Schaiche der Orden in Stambul die nötigen Veranstaltungen 
treffen, und so sind denn gestern [29. Dezember 1914] sämtlicbe Schaiche durch Be- 
fehl des Scbaichul'islamats in die Bajezid-Moschee geladen worden. Es wurde zunächst 
die Sure Alfatb [48] rezitiert, danach sprach der Schaich 'Abdus.saniad Effendi eintreffen- 
des und wirkungsvolles Gebet für Sieg und Heil der osmanischen Heere; darauf verlas 
Schaich Nädschi Effendi von den Qädinje-Schaichen eine Rede, die von dem Vorsitzenden 
des Medschlisi Mescbäjich Es' ad Effendi niedergeschrieben war, worauf die Sitzung ge- 
schlossen wurde (aus Sabäh Nr. 9083 vom 12. Sefer 1333 [30. Dezember 1914]). 

M. H. 

Verlesung der Heiligen Fetwas in den Provinzen. Aleppo: Die amtliche Vilajet- 
Zeitung „Furät" bringt in Nr. 2292 vom 13. Moharrem 1333 [SO. November 1914] die 
fünf Heiligen Fetwas mit folgender Verfügung des Staatssekretärs im Namen des Schaichul- 
'islams : „Es ist erwünscht, daß die hier oben mitgeteilten Heiligen Fetwas betreffend die 

Pflicht zum Dschihad nach Zusammenberufung sämtlicher Kadis, Muftis und 

Ulemas an geeigneten Stellen in feierlichster Weise verlesen und daß ihre Satzungen 
den Muslimen zum Verständnis gebracht werden." 

Dasselbe Blatt berichtet dann weiter, daß die feierliche Verlesung der Fetwas statt- 
gefunden habe in dem Mektebi Sultäni in Gegenwart des Walis Dscheläl Bey, des 
stellvertretenden Kommandanten des 6. Armeekorps Schewqi Pascha und des Kom- 
mandanten des 12. Armeekorps Fachri Bey. Danach gab Schaich Mohammed Zarqäzäde 
eine Erklärung der Fetwas mit Predigt darüber; dann sprach Schaich Kämil Ghazzizäde, 
dann der zwölfjährige Sohn des Mahmud Effendi Ghannärazäde ; endlieh hielt der deutsche 
Konsul [Herr Röasler] eine kurze arabische und der österreichische Konsul eine kurze 
türkische Rede. Zum Schluß erläuterte der Wali selbst die politische Lage und berichtete 
über die früheren Übergriffe der feindlichen Mächte gegen den Islam. 

In derselben Zeitung finden sich ferner kurze Berichte über die Verlesung in 'Aintäb, 
in Ma'arra und in D schisr-Aschschughr. M. H. 

Teilnahme am Heeresdienst. Obwohl die Libanesen vom Kriegsdienst befreit sind, 
ließen sich 120 Libanon- Drusen, die unter dem Kommando des Deputierten für 
Hauran Schekib Arslän Bej nach Damaskus gekommen waren, in das osmanische Hee 
einreihen. — Freitag, den 1. Januar d. J. wurde in der Omaijadenmoschee zu Damaskus 
der Kaiserliche Gruß an die Bewohner der Stadt verkündet. Da meldeten sich der berühmte 
Prediger der erwähnten Moschee 'Abdalqädir Effendi und ein Ulema aus Mausil [Mosnl] 
zur Teilnahme am Glaubenskampfe, und sie wurden sofort eingereiht (Sabäh Nr. 9088 
vom 17. Sefer 1333 [= 4. Januar 1915]). M. H. 

Die Heilige Fahne von Medina. Nach Sabäh Nr. 9070 vom 28. Moharrem 1333 
[= 17. Dezember 1914] drahtete Schaich 'Ulwi, der Schaffitische Mufti, Naqib al'aschrät 
und Präsident der Nationalen Verteidigung in Medina an das Schaichul'islamat, daß die 
Karawane mit der Fahne des Propheten in Damaskus eingetroffen sei. Mit dieser Nach- 
richt steht die andere in Widerspruch (Sabäh Nr. 9088 vom 4. Jauu;ir 1915), daß Schaich 
'Ulwi, schafi'itischer Mufti von Medina, auf der Reise nach Damaskus, unter dem Schutze 
der Heiligen Fahne, um am Glaubenskriege teilzunehmen, in Jerusalem vom Tode ereilt 



Mitteilungen. Türkei Tnit Provinzen. 37 



worden sei; es sei in Damaskus in der Omaijadenmoschee ein Mulid für seine Seele gelesen 
worden. Über die Feieriliclikeiten bei Einholung der Fahne in Damaskus brachte die Bairuter 
Zeitung Arra'j Arämm einen ausführlichen Bericht, aus dem hier nach dem Abdruck in der 
Zeitung Al'adl (in Stambul erscheinend als einzige islamische Zeitung in arabischer 
Sprache) Nr. 413 vom 31. Dezember 1914 ein Auszug gegeben wird. 

„Sämtliche Muslime der ganzen Welt sehen ein gutes Vorzeichen für den Sieg in dem 
Segen dieser Allerheiligsten Fahne, die die Welt von ihrem Osten bis zu ihrem AVesten 
erobert hat als Licht des Islams, durch den die Muslime sich auf den rechten Weg leiten 
lassen. Der Erscheinung der Fahne wohnte eine unzählige Menge bei, die in anhaltender 
Bewegung verharrte. Die militärischen Ehren wurden erwiesen von den Kaiserlichen 
Truppen mit dem Hohen Minister und gewaltigen Armeekommandanten Seiner Exzellenz 
Dschemal Pascha an der Spitze, der vortrat und die Heilige Fahne küßte; dabei donnerten 
die Kanonen zur Ehre des Höchsten Gottes um des Herrn dieser Heiligen Fahne willen, 
daß er den Heeren der Muslime den Sieg gebe und das Ansehen des Osmanischen Reiches, 
das im Besitze des gewaltigen Kalifates ist, erhöhe. Darauftraten Seine Exzellenz der Wali, 
die übrigen Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, die Geistlichen und die Scherife vor 
und nahmen an der hohen Ehre teil, die Heilige Fahne küssen zu dürfen; darauf traten 
die Geistlichen und Scherife vor und flehten mit erhobenen Händen den Höchsten an, 
daß er den islamischen Heeren und den osmanischen Truppen den Sieg schenke. Die 
Ordnung des feierlichen Zuges war folgende: voran schritten die Träger der Heiligen 
Fahne, nämlich der Mufti der Schafi'iten und seine beiden Söhne und der Naqib Al'aschräf 
von Damaskus, dann die Beamten der Polizei, dann die mit der Hütnng der Fahne Be- 
trauten vom 74. Regiment, dann die Spitzen des Militärs zu Pferde, dann die Sudantruppen 
und die egyptischen Offiziere, dann die kaiserlichen Truppen, dann die Beamten der Re- 
gierung und die Notabein und Geistlichen der Stadt, dann die Deputationen der Ein- 
holenden, endlich die Schüler der höheren Schulen. Alle marschierten im Zuge in würdi- 
gem Ernst, bis sie zum Regierungsgebäude gelangten ; die Massen auf den Straßen beugten 
das Haupt aus Ehrfurcht vor dem stolzen Banner. Dann wurde der Weg mit der Heiligen 
Fahne fortgesetzt bis zur Generalkommandantur (dä'irat almuslrija), dort wurde sie 
unter verehrungsvollen Zeremonien in dem an das Zimmer des Kommandanten des 
8. Armeekorps anstoßenden Zimmer niedergelegt; der Mufti sprach ein Gebet für den 
Sieg des Reiches ; ein Teil der Truppen blieb zurück zur Hut. Als dann die Truppen die 
Straßen in vollkommenster Ordnung durchzogen, äußerte die an den Seiten aufgestellte 
Menge ihre Freude und ihren Stolz durch Händeklatschen und Zurufe." 

Mir scheint, daß diese Darstellung nicht ohne Interesse ist; es liegt in diesen Feier- 
lickkeiten etwas Rührendes, Naives; es ist aber nicht zu verkennen, daß das religiöse 
Moment hier eine Wendung zu Äußerlichkeiten genommen hat, die von üblen Elementen 
mißbraucht werden können; es gibt ja leider auch in andern Kirchen Richtungen, die die 
Neigung der Massen ausbeuten, wahre Frömmigkeit mit dem blinden Glauben an die 
Wunderkraft von Gegenständen, die angeblich mit heiligen Personen in Berührung standen, 
zu verwechseln. Wir dürfen zu den erleuchteten Leitern der Osmanischen Regierung das 
Zutrauen haben, daß sie rechtzeitig Bewegungen Einhalt tun, die in einseitig „religiöser", 
in Wirklichkeit kirchlich-fanatischer Erregung leicht die Herrschaft über sich selbst ver- 
lieren und sich und ihrem Gemeinwesen durch Exzesse schweren Schaden bringen könnten. 

Martin Hartmann 

Ermordung des Schaich Chaz'al Chan. Vor kurzem machte Schaich Hanzal, der Bruder- 
sohn des Schaich Chaz'al, mit einer großen Menge einen AngrifiFauf das Schloß des ge- 



38 



Die Welt des Islams ^ Band III. igiß, Heft i 



nanuten Si-haichs, und nacli blutigen Znsammenstößen wurde Cliaz'al getötet. Die Ursache 
des Zusammenstoßes und Mordes war die Parteinahme des Ermordeten für die Engländer 
(nach Chäwer Nr. 15 vom 5. Sefer 1333 [24. Dezember 1914]). Aus Privatmeldungen ent- 
nehme ich, daß der bekannte Schaich von Mohammera, den ich in meinen Auszügen aus 
der Bagdader Zeitschrift Loghat al'arab zu erwähnen hatte', ganz im Dienste der Briten 
stand (mit einem Gehalte von etwa 3000 L. St. im Jalir), denen er gute Dienste leistete 
durch Beschützung der von ihnen ausgebeuteten Petroleumlager von'Abbädän, 

M. H. 

Aus Arabien. Das letzte Pilgerfest (26.-29. Oktober 1914) war nur mäßig besucht: 
es nahmen daran etwa 32 000 Personen (die Mekkaner hatten auf 120 000 gerechnet) teil, 
die sich so gliederten: 12 000 ans Britisch Indien, 7000 aus Niederländisch Indien, je 
2000 aus ISüdarabien, Nordafrika und dem Sudan, 600 aus China (einschließlich Turkistan) ; 
der Rest verteilt sich auf die übrigen Länder. Es fiel auf, daß sich Wahhabiten nicht 
eingefunden hatten (der Bericht sagt: „kein einziger Wahhabit" ; das ist wohl Über- 
treibung); Senusis nur in geringer Anzahl; der Oberschaich der Senusis soll die Teilnahme 
an der Wallfahrt verboten haben ; man meint, er rechnete mit einem Kriege zwischen 
Osterreich und Italien und wünschte, daß seine Leute sämtlich zur Hand seien, falls es 
zum Konflikt käme. Die Stimmung der Mekkaner war sehr britenfeindlich; nur der 
Scherif gilt als ein Freund der Briten, und er ist deshalb bei der Bevölkerung nicht gut 
angesehen. M. H. 



INDICES ZU MARTIN HARTMANN 
„AUS NADSCHD UND DEM IRAK*^ 

BD. 2, S. 24 — 54 UND 297—308. 

A. ORTSNAMEN. 



Abu Dabi (Abu Sabi, Thabi) 40 (68) 

Abu Dschadäha 29 (10) 

Abu Ghär 33 (28). 302 (164) 

Abu Sabi (Thabi) s. Abu Dabi 

Abu Suchair 33 (25) 

Abu Tibn 32 (22) 

Al'achdar (Elchadar) 44 (87) 

Adscher(Ar uqer) 27 (1). 302 (162). 305 (180) 

Al'ahsä' 25. 26. 28 (8). 32 (23). 39 (56). 45 

(95). 48 (1 10). 49 (122). 51 (132). 52 (133). 

299 (150). 302 (162) 
'Ain al'arnab 40 (61) 
'Ain attamr 38 n 4 
'Akkäschät 302 (161) 
Aleppo 29 (10). 36 n 5. 37 (42). 38 (52). 

39 n 4. 42 n 1. 44 (87). 50 (126). 51 (130) 
Ali Algharbi 306 (186) 



'Amära 29(14). 30 n 1.2. 33(27). 300(152). 

301 (156). 306 (186) 
'Ana 32 (24). 51 (130) 
Al'aqjawain 49 (121). 52 (134) 
Al'aqr 304 (173) 
Arabien 25. 26. 43 n 1. 44 (85) 
Ar arid 26 
Al'artawlja26.47 (100). 302 (165); vgl. 57flf. 

Babylonien 27 ; vgl. Irak 

Bagdad 27 u. u 1. 30 n 2. 31 (19). 33 (26). 
35 (32). 37 n 3. 38 (47. 48. 52 u. n 3). 39 
(55). 40 (61). 41 (70. 73. 75 u. n 2). 43 
(81. 82). 44 (84). 45 (95). 46 (95). 47 
(98. 104). 49 (117). 51 (132). 53 (143). 
300 n 1. 301 (159). 304 (178). 306 (190) 

Baghela s. Beghele 



Siehe die Indices zu „Aus Nadschd und dem Irak" [hier S. 380'.] 



Miiteilimo-en. Indices zu "Aus Nadschd und dem Irak<^ 



39 



Bahr Scbinafije 32 n 1 

Bahrain (Albahrain) 40 (67). 43 (80). 46 (95). 

47 (102). 53 (146). 305 (180) 
Balbül (Bulbül) 47 (102) 
Albardschisije 28 (7) 
Basra (Albasra) 25. 26. 28 n 3. 33 n 3. 34 

(28 n. n 1). 35 (32). 44 (87). 46 (95). 47 

(104). 48 (107. 111). 49 (123). 50 (125). 

299. 305 (184). 306 (190) 
Albassa48 (112) 
Albatig 298 
Albeghele (Beghele. Baghela), 31 (21> 38 

(51 u. n 2). 41 n 2. 304 (177) 
Alberaim 49 (121). 52 (134) 
Bi'r esseba' 298 
Bulbül s. Balbül 
Albüsaläbich 53 (138) 
Buschir 40 (67) 

Elehadar s. Al'achdar 
Alchafs 47 (100) 
Chaibar 37 n 2 

Alchamisije (Khamisiyah) 26. 33 (28 u. n 5). 
41 (69). 44 n 1. 300 (154). 301 (158 160) 
Chäniqm 304 (178) 
Elchar s, Schatt Elchar 
Choräsän 40 (62) 
Chorremäbäd 304 (178) 
Alchuwaira 45 (95) 

Dabai s. Dubai 

Dahnä' 25 

Damaskus 31 (20). 38 (52). 48 (113) 

Äddarrädschi 44 (87) 

Addelim 46 (97) 

Dibuni 38 n 2 

Dijarbekr 47 (99) 

Diwänije (Addiw.) 29 (12). 35 (32). 50 (127). 

51 (129). 299. 300 n 1. 301 (155) 
Aldscha ära(Aldscluära. Djaara) 41 (70). 49 

(119). 299 
Aldschauf 46 (96) 

Aldschazira 38 (51). 41 (75). 45 (92) 
DschebelSchammar26.303(171).307(190) 
Dschüda 45 (95) 
Dubai (Dubaij, Dabai) 40 (68). 43 (80). 52 

(134) 



Eufrat 25. 26. 29 (10). 35 (34). 42 (78). 54 
(149) 

Faid 28 n 1 
Alfarhänijät 50 (126) 

Alghabischijd s. Alghebaischije 

Ghadir Alhädschdsch 46 (95) 

Ghammäs 300 n 1 

Alghebaischije (Alghabischije) 38 (51). 42 

(76). 48 (111). 49 (123). 52 (136) 
Ghiräf41 (74). 42 (76) 
Gitr s. Qatar 

Häjil 24 (25). 28 n 1. 31 (16). 33 n 5. 38 
(47). 44 (87). 48 (106). 306 (190). 307 (190). 

Alhariq 303 (168) 

Alhazum 303 (170) 

Alhazwal 306 (188) 

Hidschäz (Alhidschäz) 25. 26. 27 n 3. 30 n 3 

* 36 n 2. 37 n 2. 4. 43 n 5. 46 (96). 297. 
298. 303 (171) 

Hille 32 n 2. 300 n 1 

Hindije 32 n 1. 38 (52). 300 n 1 

Hit (Hit) 30 n 2 

Homs 29 (13). 37 (42) 

Alhubsch (Hübsch) 32 (22 u. n 1) 

Alhufhuf 45 (95) 

Hür addachn 301 (159) 

Hüralläh (Khor Ulla) 300 n 1 

Huwaigat al'abid 32 (24) 

Irak (Al'iräq) 24. 25. 26. 27. 33 n 5. 34 n 1. 

37 (40). 40 (61). 41 (69. 72). 42 (77). 44 
(87). 46 (96). 47 (99). 49 (125) 

Aljamäma 47 (102) 

Jemen 25 

Alkabä'isch s. Altschabä'isch 
Karkük 304 (173); vgl. Kerkük 
Kasr Abu Ghär (Qasr Abu Ghär) 34 n 4 
Kasr Bir Shagra 44 n 1 
Alkäzimija 51 (131) 

Kerbelä 35 (32). 38 (52 u. n 4). 43 (80). 48 
(114). 53(139) 



40 



Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



Kerkük 43 (82 n. n 4) ; vgl. Karkük 
Khamisiyah s. Alchamisije 
Kifn43n4 

Konstantinopel 300 (152) 
Koma s. Alqarna 
Alkumait 30 (15) 
Küt al'amära 30 n 2. 41 (75) 
Kuwaibide 308 (195) 

Kuwait (Alkuwait) 28 (3). 40 (64). 44 (87). 
47 (101). 49 (124). 299 (150). 300 (151). 

302 ( 162). 303 (1G9). 304 (171). 305 (183). 
306 (190). 308 (192) 

Laina(Lena) 28 n 1. 41 (69) 
Laqit 307 (190) 

Ma'än 25 

Alniadscharr Assaghir 30 (15) 

Almadschma a 47 (100). 298 

AlmäTa 28 (4) 

Almarqab 47 (100) 

Maskat 305 (180) 

Medina 31 (16). 52 (135) 

Mehdije 300 n 1 

Mekka 24. 25. 27. 30 (16). 37 n 2. 53 (146). 

303 (171) 
Mesopotamien 27. 32 (24) 
Almischchab 301 (159) 
Mittelarabien 24 

Mosul 32 n 3. 37 (41 u. n 3). 43 (82 u. n 4). 

47 (99). 50 (126). 304 (173). 305 (181). 
Muhammera 304 (178) 
Muntefik (Liwa) 300 (153) 

Nab*a302 (164) 

Nadschd (Neged) 24. 25. 26. 27. 30 n 3. 33 
(26 u. n 5). 36 n 2. 37 (40. 42 u. n 4). 41 
(69. 71. 72). 45 (95). 46 (96). 47 (100). 51 
(132). 53 (145). 298 300 (151. 154). 302 
(165). 303 (168 171). 305 (182) 

Annäsirije 28 (4). 29 (10). 33 n 4. 34 (31). 
44 n 1. 45 (87). 62 (138) 306 (187) 

Nedschef (Annedschef) 25. 26. 32 (22). 34 
(28 u. n IJ. 38 (52). 41 (70). 52 (137). 
300 n 1 

Nordarabien 24. 44 (85) 

Nuhaija 50 (126) 



Oman f Oman) s.'Umaa 

Persischer Golf 25. 26. 27. 40 (68). 43 n 3. 

46 (95). 51 (132) 
Piratenküste (Trucial Coast) 40 (68). 49 (120) 

Qabr Hammud49 (117) 

Alqa ra 302 (161) 

Qaratepe 43 n 4 

Qasim (Alqas-im)26.30(16). 31(18). 33 n 5. 

44 (86). 46 (95). 52 (133). 209 (150). 306 

(190) 
Qatar (Gitr) 25. 37 n 2. 39 (56). 40 (68) 

43 (79). 46 (95). 47 (102). 298. 305 (180) 
Qatif (Alqatif) 46 (95). 48 (110). 298. 302 

(162) 
Alqubaisa 42 (77) 
Alqurna (Korna) 30 n 2. 33 (27) 

Arräfidija 39 (57) 

Arrakij 305 (185) 

Ramädije 46 (97) 

Ras Alchaime 49 (121). 52 (134) 

Ras Mesandnm 40 (68) 

Arratqä' 49 (124) 

Räwandüz 304 (173) 

Arrazzäza 53 (139) 

Rijäd (Arrijäd) 24. 26. 27. 31 (18). 43 (83). 

44 (86). 46 (95). 49 (118). 52 (133). 302 
(162). 303 (168). 304 (171). 305 (182) 

Assachrija 45 (87) 

Safwän 39 (54). 303 (169). 307 (191) 

A,s.salähija(Salähije. Selahije)43(82).300n 1 

Samar 304 (177) 

Sämarrä 31 (19) 

Samäwa (Assamäwa) 32 n 2. 41 (69). 42 (76). 

44 (87). 45 (94). 51 (129). 53 (142). 301 

(155). 304 (172) 
Aschscha'bije 28 (7) 
Schädi 304 (177) 
Aschschämija47 (98). 300 (155) n. n 1. 301 

(159). 304 n 1 
Schammar s. Dscbebel Schammar 
Aschschaqrä' (Mä' Aschschaqrä') 44 (87). 45 

(87). 301 (157). 302 (164) 
Schardscha (Schardja) s. Aschschäriqa 



Mitteihmgen . Indices zu -^ Aus Nadschd und dem Irak'-'- 



41 



Aschschariqa (Schardscha) 43 (80 u. n 3). 

49 (121). 52 (134) 
Schatrat Aramära 33 (27) 
Schatrat Almuntefik 305 (184). 306 (187) 
Schatt Elchar (el Khar) 32 n 2 
Schifata s. Schitäta 
Schifatije s. Schitäta 
Aschschinäfije (Schinäfije) 300 n 1 
Schitäta (Schifata, Schifatije) 38 (52 u. n 4) 

47 (98) 
Aschschu aibe 48 (107. 108) 
Süq aschschujüch 28 n 1. 33 n 5 
Sedair 47 (100) 
Sedd (Sidd) el Khadd 30 n 2 
Sinai-Halbinsel 298 
Stambul 37 (40). 46 (95) 
Assubaihije 308 (192) 
Assüdschije 52 (136). 54 (149) 
Süq aschschijüch (aschschujüch) 28 n. 1. 

33 n. 5. 301 (158. 160) 
Syrien 37 n 2. 42 (77) 
Syrische Steppe 28 (10). 48 (105). 

Taimä' 37 n 2. 47 (85) 
Attarfija 306 (190) 
Attanqija 46 (95) 
Attawil 46 (96) 
Tekrit 32 (24). 50 (126) 



Teil Ghuraf 51 (131) 

Tigris 30 n 1. 2. 33 (27) 

Tihäma303(171) 

Attiwäl307 (190) 

Trachonen 27 n 3 

Trncial Coast s. Piratenküste 

Altschabä'iscb (Alkabä'isch) 49. 50. 299. 

Attnmailijät 46 (97) 

Tuwaiq 47 (100). 298 

Tuz Churmatly 43 n 4 

'Umän COmän, Oman) 25. 40 (68). 43 (80). 

47 (100). 51 (132). 52 (133). 305 (180) 
Umm alba'rür 300 n 1 
Umm Siba 33 (25) 
Al'uqair (Al'uqer) s. Adscher 
'Uraib dar 304 (171). 305 (183) 
Aruraim 46 (95) 

Wän 304 (173) 
Wäsit 41 n 2 
Alwidjän 44 (86) 

Zangibäd 43 n 4 

Azzubair (Zubair) 28 (3. 7). 37 (46). 41 (69). 

44 (87 u. n 1). 47 (103). 299. 303 (169). 

305 (185). 308 (192. 195) 



B. PERSONEN- UND GRUPPENNAMEN. 



Abbasiden 26 

'Abbüd Aljüsnf44 (84) 

ArabbüdaCAbbüda-Beduinen)47(103).305 

(184). 306 (187) 
Afabdaraziz: Ibrahim Addämigh 51 (132) 
'Abdal'aziz Pascha Ibn Raschid 39 (58). 306 

(190). 307 (190) 
'Abdal'aziz Ibn Sa üd 27 (1). 28 (8). 32 (23). 

34 (29). 39 (56). 45 (88. 95). 46 (95). 47 

(100). 48 (110). 49 (118. 120). 51 (132). 

299 (150). 300 (151). 302 (162. 165). 303 

(168. 169. 171). 305 (180. 182). 306 (190). 

307 (190). 308 (192). 
'Abdalkäzim Ibn Alhädschdsch Sakar45 (89) 
'Abdallah fAbd Allah) 32 n 2 
'AbdaUäh Al'askar 47 (100) 



'Abdallah Ibn Chamis 33 n 5 
'Abdallah Ibn Därim Ibn Mälik 37 n 4 
'Abdallah Ibn Dschalwi 46 (95) 
'Abdallah Ibn Dschasira 38 (47) 
'Abdallah Bek Ibn Fälih Pascha Assa'dün 

35 (34). 306 (187) 
'Abdallah Ibn Raschid 307 (190) 
'Abdallah Ibn Sa üd 51 (132) 
'Abdallah Bek Azzuhair 35 (32) 
'Abdalmuhsin Äl Sa'dün 308 (196) 
'Abdalmuhsin Albarakäti (Scharaf) 27. 297 
'Abdalwahhäb Pascha Alqirtäs 35 (32) 
' Abdalwähid Ibn Alhädschdsch Sakar45(89) 
'Abdarrahmän Ibn Sa'üd 299 
'Abdarrazzäq Anni'ma 35 n 1 
'Abdassaläm Ibn Barzän 304 (173) 



42 



Die Welt des 



'Abdnieh 297 

Abü'Azm 34 (31) 

Abu Chnschaim 41 (71) 

Abu Dira 39 (58) 

Abu Diraye Arabs 30 n 2 

Abu Mohammed Araber s. Albü Mohammed 

Abu Nudschaim 305 (184) 

Abu Tä'ih 48 (112). 298; vgl. at-Tawäjhe. 

Taijäha 
Ad'är Ibn Haddäl 36 (38) 
Ad'ar Ibn Midschläd 304 (179) 
'Addäj Aldscharjän 38 (51). 297 
'Adschemi ('Udschaimi) Assa'dün 31 (17). 

35 (34). 37 (40. 46). 38 (49). 39 (54. 57). 

41 (72). 42 (76. 78). 44 (87). 45 (87. 90. 

92. 93. 94). 47 (103. 104). 48 (107. 108. 

111). 49 (123). 50(125). 52 (136). 53(138. 

140). 54 (149). 300 (154). 301 (157. 158. 

159). 302 (164. 166). 303 (167. 168. 171). 

304 (174. 175). 305 (183. 185) 
AradschmänfAd8chmän.'Udschmän)27(l). 

28 (8). 32 (23). 39 (56). 49 (124). 297 
'Afaq CAfek, 'Afetsch) 31 (21 u. n 3). 32 n 2 
'Afaän Ibn Duwaihi 38 (49) 
'Agedät s. Al'aqedät 
Ahl assaura 42 (78) 
Ahmed Nedim Effendi 35 (32) 
Ahmed Bek Ibn Sa üd 33 (26). 45 (95) 
' aijäs s. Ayach 
Al'akra 50 (127) 
ÄrAbdalkarim 302 (165) 
Ar Abdalmuhsiu 53 (139); s. Fahd Bek 
Äl Abu Mohammed s. Albü Mohammed 
AI Baidsch (Äl Bayg, Albaidsch) 39 (59 

u. n 3) 
Äl Bü Mohammed s. Albü Mohammed 
Äl Dschahl 305 (184) 
Äl Dschäsim 29 (10) 
Äl Dnhaim 31 (22) 
Äl Fatala 27. 29 n 1 vgl. Alfatale 
Äl Ghabin 37 n 1 
Äl Ghänim 32 n 2 
Äl Ghazälät 33 (25) 
Äl Ghusaiba 40 (62) 
Äl Ghuzzä (Alghuzza) 28 (10). 34 (28) 300 

(154); vgl. Algliizüij 
Äl Hasan 48 (115) 



Islams, Band III. igiß, Heft i 

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIKIIIIIIIIIIHIIIIIIHIlUHIIHIIIttHlllllimillHH 

Äl Ibrahim 29 (10). 33 (25) 

Ärisä42 (77). 51 (129) 

Äl Ismail 42 (78) 

Äl Mahin 37 n 1 

Äl Mohammed 30 n 1 

ÄlMudallal48 (115) 

Äl Nabhän 33 (25) 

AI Annaqib s. Häschim Bek. Tälib Bek 

Äl 'Obayd s. Arubaid 

Äl Sabhän (Assabhän) 306 (190). 307 (190); 

vgl. Ibrahim. Sabhän. Sälih. Sa'üd 
Äl Sädir 31 (22) 
Äl Sa'dün (Assa' dün) 27 ; vgl.'Abdalmuhsin, 

'Adschemi. Chaz'al. Fälih. Ibn Sa' dün. 

Jüsuf Alman.sür. Mazid. Sa' dün 
Äl Sa'ud (Assa'üd) 25 n 1 ; vgl. Ibn Sa'üd 
Äl Schumair 42 (78) 
Äl Uzairiq (Al'uzairiq, Al'uzairidsch) 28 (10). 

29 (14). 30 (15). 47 (103). 48 (115) 
Äl Zaijäd 34 (28). 42 (78). 44 (87). 48 (105). 

51 (129). 53 (142) 
Äl Zämil 45 (91) 
'Ali Ibn Duwaihi 305 (185). 
AI' all 306 (190) 
Altuntasch 299 
Al'amä'ir 42 (78) 
Al'amära 48 (107) 
Al'amära303 (171) 
'Amr b. Mu'äwija b. Almuntafiq 299 
'Amri b. Rabbäb 298 
'Aneze 29 n 3. 32 (24). 35 (36). 37 n 1. 38 

(52). 39 (60). 46 (97). 48 (112). 52 (137). 

53 (139). 298. 302 (163). 304 (179) 
Al'aqedät C Agedät) 29 (13) 
al-Aqra' 32 n 2 
Al'arä'if 27. 41 (71). 43 (83). 48 (106). 53 

(146) 
Araber 3 (29). 44 (85). 50 (125). 52 (134). 

53 (148) 
Al'ardschänija 45 (95) 
Al'asäkira 28(10). 42 (78). 53(138). 300(153) 
Al'askar s. 'Abdallah al'askar 
Al'aslam 41 (69) 
' Ataiba ('Utaiba, 'Otayba, Ötäbe) 30 (16) u. 

n 3. 4. 31 (18). 34 (29) u. n 2. 39 (56). 41 

(69). 42 (78). 49 (122). 303 (171) 
'Atije ('Atäwne) 298 



Miiteilun^e7i. Indices zu -»Ans Nadschd und dem Irak^ . 43 

iiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiuiHiiimiiiiNiiiiiiiiiiiiiniiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHtiiiimiM i iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiii in 



Araufadsch s. Misbah. Mnlialhil 
'Awäzini (von den Dulaira) 304 (176) 
Ayach Xaijäs\ 300 n 1 
'Azäzima ('Azäzme) 48 (112). 298 
'Azzära 305 (185) 

Albäbän s. Ismä'il Haqqi 

Bachtijär 35 (35) 

Alba'idsch s. Äl Ba'idsch 

Banü s. auch Beni 

Banü 'Abdallah 37 n 4. 41 (69); vgl. 'Ab- 
dallah b. Därim 

Banü 'Ämir 299 

Banü Asad 49 (125) 

Banü'Atya44 (85) 

Banü Chaiqän (Banü Chaikän) 35 (34) ; vgl. 
Chaiqän 

Banü Dabba 299 

Banü Hasan 304 (179) 

Banü Hukaim (Banü Hakkäm) 34 (28) ; vgl. 
Hakkäm 

Banü Husain 52 (137) 303 (171); vgl. 
Alhusain 

Banü Hutait 42 (78) 

Banü Läm 30 (15). 300 (152) 

Banü Inmntafiq 299; vgl. Muntefik 

Banü Mälik 28 (6. 7. 9). 303 (171). 305 (185) 

Banü Quhaim 29 (11) 

Banü Sachr (Cacbr) 36 (36 u. n 3) 

Banü Sadd 42 (78) 

Banü Sälim 42 (78) 

Banü Tamim 51 (131) 

Banü Zuraiq 32 (22) 

Albarakät 53 (142) 

Albarakäti s. 'Abdalmnhsin 

Barghasch Attinjät 37 (43) 

Barqa 30 n 3 

Albassäm s. Mohammad Albassäm 

Albatanüni 297 

Batij (Batti) Ihn Suhail 43 (80). 299 

Beni Chamis 298 

Beni Hasan 27 

Beni Hiläl 42 (78) 

Beni-Selame 300 n 1 

Birdschis Bek Ibn Hudaib 38 (52) 

Bouvat 300 n 1 

Albü'Ämir49 (117) 



Albü Chalifa 42 (78) 

Albü Däridsch 30 (15) 

Albu Dschijäsch 53 (142) 

Albü Dschuwaibir 42 (78) 

Albü Hamdän 42 (78) 

Albü Hnmaidi 42 (78) 

Albü Mohammed (Äl Bü Mohammed, Äl Abu 

Mohammed) 30 (14 n. n 1. 2). 33 (27) 
Albü Schäma 42 (78) 
Albü Scharaf Alhakkäm 34 (31) 
Bü Schibl (Albü Schibl) 31 (22) 
Albudür (Budur) 28 (10). 29 (11). 34 (28). 35 

(34). 44 (87). 45 (90). 47 (103). 302 (164). 

303 (167. 171). 304 (174). 305 (185) 
Albnrsuqi (Aq Sunqur) 299 

Caetani 38 n 4 

Chafödscha (Chafaga) 299. 306 (187) 

Chaiqän 53 (138); vgl. Banü Chaiqän 

Alchaiwan(Chaiwan)306(187);vgl.Ha8Sün. 

Sälim 
Chälid Ibn Alwalid 38 n 4 
Alchalifa:'Isä40(67) 
Chalyga 32 n 2 
Alcharsa 37 n 1 

Alchaschmän: Näsir Pascha 37 (40). 53 (143) 
Chattäb Alhusain 30 (15) 
Alchazäjin 27 
Alchazail 29 (11 u. n 1). 32 (22). 34 (28); 

vgl. Hazael 
Chaz al Chan 35 (35) 
Chaz'al Pascha Assa dün 40 (65) 297 
Chiha \slha\: Habib 27 n 1. 46 n 1 
Alchursän 39 (57) 
Cuinet 46 (97). 300 n 1 

Addabbüni: Raschid 38 (51) 
Addachil; Sulaimän 33 (26 n. n 5) 
Addafir (al-Tzafyr) 26. 28 (3). 31 (17). 33 
(28). 34 (28. 31). 35 (34). 37 (42. 46). 38 
(49. 53). 39 (58). 42 (76). 44 (87). 45 (92). 
47 (103). 48 (116). 51 (130). 53 (141). 301 
(157. 158). 303 (167. 171). 304 (174). 305 
(185). 308 (193). 
Addaftari: s. Fu'äd 

Addahämischa 39 (59 u. n 1). 47 (98). 48 
(114) 



44 



Die Welt des Islams, Band III. igi5, Heft i 



Addamigli s. Ibrahim al'abdal'aziz 

Däri Ihn Raschid 307 (190) 

Addawäsir (Dawäsir) 45 (95). 303 (171) 

Dazzi-Beduinen 305 (181) 

Deleim s. Dulaim 

Dilem s. Dulaim 

Addorai'i (Doray'y) 27 n 3. 29 n 3 

Doughty 34 n 2. 297 

Dschäbir Ihn Assabäh [Assabbäh] 40 (6G) 

Aldscharbä'is Humaidi. Midschwal 

Aldscharjän s. 'Addäj 

Aldschawärin 28 (10) 

Dschazza Ibn Midschläd 47 (98) 

DscheraÜ Sidqi Azzahräwi 30 (15). 35 (32) 

Dschingis 43 n 1 

Dschuwaij 306 (196) 

Dubais b. Sadaqa 299 

Dulaim (Deleim, Dilem Arabs) 30 n 2. 46 

n 1. 50 (126). 304 (176) 
Dunnün Almisläwi (Almausili) 32 (23) 
Addurän 308 (193) 
Duwaihi 53 (141); vgl. Ibn Duwaihi 
Adduwaisch 37 (49). 39 (54) 

Emir von Kuwait s. Mubarak Ibn Assabbäh 
Emir von Mekka 303 (171) 
Euting 28 n 1 

Alfad'än (al-Fod'än) 37 (41 u. n 1). 39 (60). 

302 (161) 
Alfädil s. Mahdi 

Fahd Bek ÄrAbdalmuhsin 53 (139) 
Fahd Bek Alhaddäl 46 (97) 
Alfahd s. Schauwäj 
Fahd Addughaim Ibn Haddäl 37 (45) 
Fahd Assabhän 306 (190) 
Faijäd Bek Ibn Dschandal 38 (52) 
Faisal (Schaich der Metair) 41 (72) 
Faisal Addarwisch 303 (171) 
Faisal Ibn Farhän Pascha 37 (41) 
Faisal (Fesal) Ibn Nä'if Ibn Schalän 27 n 3 
Faisal Ibn Raschid 307 (190) 
Faisal Ibn Sa üd 299 
Fäiz Ibn Dschendal 29 n 3 
Fälih Pascha Assa dun 44 (87). 49 (123) 
Fälih Assaihüd 48 (109) 
Alfar aun s. Mubeddir. Muzhir 



Alfatalo (el-Fetle) 29 (12). 41 (70). 45 (89); 

vgl. AI Fatala 300 n 1 
Alfauwäz 44 (87). 303 (167) 
Ferid Bek 34 (31). 52 (138) 
Fesal s. Faisal 
el-Fetle s. Alfatale 

Fu'äd Eflfendi Addaftari Albaghdädl 35 (32) 
Alfuhüd 42 (78) 

Ghadbän 40 (62). 301 (156) 

Alghahz 302 (164). 303 (167) 

Ghaschwän Bek Ibn Raschid 38 (52) 

Alghazälät 41 (73) 

el-Ghazel (alghazäl) 300 n 1 

Alghirjäfije 42 (78) 

Alghizzij 42 (78). 298; vgl. AI Ghuzza 

Alghuzzä s, AI Ghuzzä 

Algiläni: 'Abdalqädir Effendi 35 (32) 

Alhabib s. Mohammed Alhabib 

Alhaddäl s. Fahd Bek 

Häkim Bek Ibn Muhaid 38 (52) 

Hakkäm 42 (78). 47 (103); vgl. Banü Hu- 

kaim (Banü Hakkäm) 
Hamädi 50 (127) 
Hamd Ibn Raschid 307 (190) 
Hamdän Adduwaihi 303 (167) 
Hammüd Ibn Assuwait (Assuwait, Suwait) 

31 (17). 38 (49). 39 (58). 42 (76). 44 (87). 

45 (94). 301 (157). 303 (171). 304 (174). 

305 (185) 
Hanägre 298 

Harb 31 (17). 41 (69). 48 (106). 297. 303 (171) 
Hasan Alqabih 52 (138) 
Hasan Ibn Alhädschdsch Sakar 45 (89) 
Häschim Bek AI aunaqib 48 (108). 49 (125) 
Hassün (Hasan) Agha 31 (22). 33 (25). 49 

' (119) 

Hassün Alchaiwan 49 (125) 
Hätim Ibn Assaihüd 33 (27) 
Hazael [chazliil] 300 n 1; vgl. Alchazä'il 
Alhawal 42 (78) 
Hawäzin 30 n 3 
Alhazäzina 303 (168) 
Hess (J. J.) 30 n 4. 34 n 2. 297 
Alhisan 42 (78) 
Hosayn 39 n 2 



Mitteiluncren. Indices zu t> Aus Nadschd und dem Irak<^ 



45 



Hudail 303 (171) 

Alhumaidi (Humaidi Bek) Ibn Farhän Al- 

dscharbä')'31 (19). 37 (44). 40 (61). 41 

(75) 
Hunter (F. F.) 27. 33 n 5 
Alhnsain s. Chattäb ; vgl. Banü Husain 
Husain Pascha 27 
Husain Dscheläl Bey 28 (6) 
Husain Ibn Sa' dun 37 (43) 
Alhusainät 28 n 5. 34 (28). 52 (138). 300 (154) 
Alhuwaität (Huwaität, Hwetät) 36 (36). 44 

(85). 48 (112). 298 

Ibn Chälid 29 (13) 

Ibn Dschandal (Dschendal): s. Faijäd. Fäiz 

Ibn Dschäd (Gäd) 298 

Ibn Dschäzi (Gäzi) 48 (112). 298 

Ibn Duwaihi 37 (46). 47 (101). 304 (174); 

vgl. 'Afnän Ibn Duwaihi 
Ibn Alfaqih 35 n 1 
Ibn Habib 300 (154) 
Ibn Haddäl, gen. Assuqür29 (13). 304 (179) ; 

vgl. Ad'är. Fahd Addughaim 
Ibn Hiläl 39 (59) 
Ibn Lähi 38 (50) 
Ibn Mäd 42 (77) 
Ibn Mädschid 302 (166) 
Ibn Midschläd29 (13). 39 (55). 302 (163) ; vgl. 

Ad'ar. Dschazzä' 
Ibn Mubarak 54 (148) 
Ibn Mubarrad 38 (50) 
IbnMudschal42 (77) 
Ibn Muhaid 37 (41); vgl. Häkim Bek 
Ibn Raschid 24. 25. 31 (16. 17). 33 (28 u. 

n 5). 34 (28. 31). 35 (33. 34). 36 (39). 37 

(40. 46). 38 (47. 51). 39 (55. 58. 60). 40 

(Gl). 41 (69. 71). 42 (76). 44 (84. 85. 86. 

87). 45 (94). 46 (96). 48 (106. 113). 53 

(143. 144). 54(148). 298. 302(163. 164). 

303 (170. 171). 306 (188. 189. 190); vgl. 

'Abdal'aziz. 'Abdallah. Dan. Faisal. 

Ghaschwän. Hamd. Mädschid. Masch'al, 

Mat'ab. Mohammed. Muhannä. Sälim. Sal- 

män. Sa'üd. Taläl. 'Ubaid 
Ibn Kuchais Aschschammari 52 (135) 
Ibn Sabäh [Sabbäh] s. Dschäbir. Mubarak- 

Ibn Assabbäh 



Ibn Sa' dun Husain 37 (43); vgl. Äl Sa' dun 

Ibn Saud 24. 25. 31 (18). 32 (23). 36 (39). 
41 (71. 72). 44 (86). 45 (95). 46 (95). 48 
(106). 49 (121. 122). 52 (133. 134). 53 
(145. 146. 147). 54 (148). 302 (165). 306 
(190); vgl. 'Abdal'aziz. 'Abdallah. 'Abdar- 
rahmän. Ahmed Bek. Faisal. Mohammed. 
Saud 

Ibn Schalän 27 n 3. 36 (36); vgl. Faisal. 
Nüri. Aschscha'län 

Ibn Suhail s. Batij 

Ibn Suwait 44 (87). 45 (94) ; vgl. Hammüd 

Ibn Täni s. Qäsim 

Ibrahim Addämigh Arabdal'aziz 51 (132) 

Ibrahim Assabhän 306 (190). 307 (190) 

Ibrahim Nädschi Bek Assuwaidi 53 (142) 

'Isä Al'imäm 35 n 1 

'Isä Alchalifa 40 (67) 

Isma il 304 (178) 

Ismä'il Haqqi Bek AlbäbSn 35 (32) 

Aljösuf s. 'Abbüd 

Al'izza 40 (62) 

'Izzet Bek Atturki 300 (152) 

Jaqut 47 (102) 

Aljäsin s. Mohammed Aljäsin 

Jüsuf Alman.sür Assa'dün 301 (158) 

Alkabä'isch (Altschabä'isch) 49 (125) 

Kaläzin 298 

Kaie Säle 33 n 3 

Kampffmeyer (Georg) 42 (78) 

Khaled \ch.älid\ 300 n 1 

Kiepert-Oppenheim 43 n 4. 46 n 1 

Koppel 30 n 2 

Kremer 30 n 2 

Kuwaijid Almuhaijine 52 (138. 140) 

Leachman 307 (190) 

Ma dän 27 u. n 1, 32 n 2 

Mädschid Ibn Easchid 306 (190) 

Mahdi Alfadil 31 (21) 

Mahmud Schewket Pascha 35 (32) 

Makusis Arabs 30 n 2 

Mälik Ibn Almuntafiq 299 

AlmansöT s. 'Omar 



46 Die Welt des Islams, Band III. igis, Heft i 

uiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 



Almansa 45 (üo) 

Ma ruf Arrusäfi 308 (196) 

Masch'al Ibn Raschid 306 (190) 

Mat'ab Ibn Raschid 30G (190) 

Matlüta 31 (U>) 

Mazid (I. Mazjad) Pascha Assa'dün 29 (10). 

35 (34). 40 (65). 45 (87). 49 (123). 50 (125). 
297. 

Medschid Bek 35 (32) 

Metair (Motair) 37 (45 n. n 4). 38 (50). 39 

(54). 41 (69. 72). 42 (78). 44 (87). 53 (141). 

300 (151). 302 (166). 303 (167. 171). 305 

(185) 308 (194) 
Midschwal Bek Ibn Farbän Äldscharbä' 

31 (19) 
Almijäh 41 (74). 304 (178) 
Misbah Araufadsch 28 (6. 7) 
Almisläw) (Almausili) s. Dunnün 
Mohammed Albassäm 27. 28 n 2. 29 n 3. 

36 n 2 

Mohammed Dschalwi 31 (18) 
Mohammed Alhabib 41 (74). 43 (81) 
Mohammed AljäsTn 41 (74) 
Mohammed b. Malikschäh 299 
Mohammed Ibn Raschid 300 (190) 
Mohammed Ibn Sa'ild 49 (118) 
Mohammed Aschschamrän 43 (81) 
Mohammed Arusaimi 303 (168) 
Mohammed Zeki 28 (7) 
Mongolen 43 n 1 
Montafiq s. Muntefik 
Mubarak Ibn Assabbäh (Assabäh) 39 (54). 

40 (66). 44 (87). 49 (124). 298. 302 (166). 

304(171). 305(183) 
MubeddirAlfar ann 29(12). 41 (70). 45 (89). 

297 
Muchif (Alhädschdsch) 49 (119) 
MnhalhU Ibn Misbah Araufadsch 28 (7) 
Muhannä Ibn Raschid 306 (190) 
Almuhji s. Zijära 
Almu'minin 42 (78) 
Almunschid s. Salmän 
Muntefik (Montafiq, almuntafiq) 27. 28 (5. 

10 u. n 2). 29 (10). 33 (28). 34 (28). 35 n 4. 

40 (63). 41 (69. 72. 74. 75). 42 (78). 45 

(94). 47 (103). 52 (136. 138). 54 (149). 

299. 303 (171). 306 (187). 308 (196) 



Murad Bek Schacjiq 35 (32) 
Musil (Alois) 27 n 3. 298 
Mustafa Nadir Bek 306 (187) 
Mutain Alhalläf 303 (171) 
Muzhir Alfaraun 29 (12). 45 (89) 
Muzil43 (80) 

Nahär el Meshür [= Äl Mashür] 36 n 1 
Na' im Bek Alkahhäla 35 n I 
Annaqib s. AI Annacjib 
Näsir Pascha Alchaschmän 37 (40). 53 (143) 
Näsir Pascha (Assa'dün) 297 
Annawäschi 42 (78) 
Näzim Pascha 38 (51) 
Nedim Bey 45 (95) 
Nuchailän Ibn Dschabr 41 (73) 
Annudschaimät 42 (78) 
Nüri Effendi 35 (32) 

Annüri (Nüri) Ibn Aschschalän (Scha'län) 
31 (20). 36 (37). 302 (161) 

Olivier 30 n 2 

Omaijaden 26 

'Omar Almansür 48 (107) 

V. Oppenheim 33 n 2. 35 (34). 297 

Osman (Haus) 53 (145) 

'Otaiba (Otayba, Otäbe) s. 'Ataiba 

Alpätschatschi : Hamdl Bek 51 (131) 

Qahtän 43 (83 n. n 5) 

Qais 43 n I 

Qandil 306 (186) 

Alqasch'am 302 (166) 

Alqasch'am (Schaich) 308 (194) 

Qäsim Ibn Täni 43 (79). 46 (95) 

Qatr Ibn Bati 52 (138). 299 

Al-Qatla (Alfatala) 29 n I. 32 n 2. 297 

Alqaumän 39 (59) 

Alqawäm 43 (80) 

Alqirtäs CAbdalwahhäb Pascha) 35 (32) 

Alqu ait 41 (75) 

Qnraisch Efi'ondi 308 (196) 

Rabi'a (Raby'a, Ruba-Arabs) 41 (74 u. n 2). 

43 (81) 
Ramädin 298 



Mitteilungen. Indices zu >^ Aus Nadschd und dem Irak^^. 



47 



Raschid Addabbüni 38 (51) 

Raschid (Raschid) Ihn Mu aUä 49 (121). 52 

(134). 299 
al-Rawalla s. Ruwala 
Remzi Bek (Alhädschdsch) 53 (142) 
Rieh 27. 30 n 2. 
Rihala 297 

Rüqa (1. Riwaqa) 30 n 3. 297 
Ruwala (Arrnwala, al-Rawalla) 27 n 2. 3. 

29 n 3. 31 (20). 35 (36). 42 (77). 48 (113). 

53 (147j. 297. 302 (161). 306 (188) 

Assab'a (Sab'a) 39 (60). 42 (77). 302 (161) 

Assabhän: Zämil 52 (135) 

Sabier 28 (10) 

Sachau 31 n 1 

Sadaqa (Ibn Mazjad) 299 

Assa'dün s. Äl Sa'dün 

Sa'dün-Aschiren 303 (171) 

Sa dun Pascha Assa dün 28 (5. 10). 29 (10). 

35 (34). 37 (40. 46). 38 (49). 41 (72. 74). 

44 (87) 
Sahn Aschscha'län 29 (11) 
Assaid 44 (87). 303 (167) 
Assä'ih 32 (24). 39 (59) 
Assaihüd (Saihüd) 33 (27) ; vgl. Fälib. Hätim 
Sakar (Alhädschdsch) s. 'Abdalkäzim. Ab- 

dalwähid. Hasan 
Assaläma 306 (190) 
Sälih Bek 53 (142) 
Sälim Alchaiwan 49 (125). 307 (190) 
Sälim Ibn Mubarak As^abbäh 302 (164). 

303 (169). 307 (191). 308 (194) 
Sälim Ibn Raschid 306 (190) 
Salmän Almunschid 23 (14) 
Salmän Ibn Raschid 307 (190) 
Saltän Bek 45 (94) 
Assaqar (al-^"aqar) 32 n 2 
Saqr Ibn Ghänim 43 (80). 49 (121). 52 (134) 
al-Sarhän s. Assirhän 
Sa üd Ibn Raschid 27 n 2. 38 (47). 39 (58). 

50 (128). 307 (190) 
Sa üd Ihn Sa üd 51 (132). 299 
Saud Assälih Assabhän 306 (189. 190). 307 

(190) 
Assawä'id 30 (15) 
al-Sawälima (Sawälime) 29 n 3 



Schabib (Schabyb) 30 n 1. 32 n 2 
Aschschablän 308 (195) 
Schajäbin (es Sijäbin) 30 n 3. 34 (29 u. n 2) 
Schaibän 34 n 2 
Aschscha'län(Scha'län)27 n3. 36(36u. n 1). 

53 (147); vgl. Mädschid. Nüri. Sahn 
Schamla 30 n 3. 34 n 2 
Schammar 31 (17. 19). 33 n 5. 35 (33. 36). 

36 (37). 37 (41. 44). 39 (55). 40 (61). 41 

(69. 73. 75). 42 (78). 46 (96). 47 (99). 298. 

307 (190). 308 (193) 
Aschschammari s. Ibn Ruchais 
Aschschamrän: Mohammed 43 (81) 
Schaqiq: Muräd Bek 35 (32) 
Scharaf s. 'Abdalmuhsin 
Scharärät 36 (36 u. n 2. 5). 44 (85). 46 (96). 

298 
Scharschäb 305 (195) 
Schauwäj Alfahd 29 (14). 297 
Aschschawälisch 42 (78) 
Aschschawäwischa 42 (78) 
Schibli Bek Ibn Fahhäd Bek Ibn Mansür 

Pascha 41 (74) 
Assirhän (al-Sarhän) 36 n 4 
Snouck Hurgronje 297 
Sobay s. Subaf 
Sprenger 27. 28 n 1. 29 n 1. 2. 3. 30 n 1. 3. 

33 n 2. 35 n 4. 36 n 2. 3. 5. 37 n I. 4. 

39 n I. 2. 3. 4. 42 n 1. 49 n 1 
Assuba 28 (10) 

Subai' (Sobay) 43 (83 u. n 5). 303 (171) 
Sulaim 37 n 4 

Sulaimän Addachil 33 (26 u. n 5) 
Sulaimän Nazif 46 (95). 305 (181) 
Sultan (der) 53 (144) 
Sultan Ibn Raschid 307 (190) 
AssuqÜT s. Ibn Haddäl 
Assuvvaid48 (113) 

Assuwaidi: Ibrahim Nädschi Bek 53 (142) 
Assuwailimät 29 (13) 
Assnwait: s. Hammüd 

Täbit Bek 51 (129) 
Tafiar (Assaijid) 51 (129). 304 (172) 
Taij-Beduinen 305 (181) 
Taijäha (Tijäha) 48 (112). 298; vgl. Abu 
Tä'ih 



48 



Die Welt des Islams, Ba7id III. i^iß, Heft i 



Taläl Ihn Raschid 306 (190) 

Tälib Bek Annaqib 35 (32). 46 (95). 48 
(111). 49 (125) 

Tariibin (Taräbis) 48 (112). 298 

at-Tawäjha 298; vgl. Abu Tä'ih 

Tawätiha 47 (101) 

Timur 43 n 1 

Attinjät s. Barghasch 

Altschabä'isch s. Alkabä'isch 

Türken 25. 26. 31 n 1. 4. 32 (23). 33 n 5. 
35 n 3. 36 (39). 38 (47. 51). 43 (79 u. n 1) 
45 (88. 95). 46 (95). 48 (100. 110) 

Attümän 32 (24) 

Turki Bek 38 (52) 

al-Tzafyr s. Addafir 

Al'ubaid (Äl 'Obayd) 37 (43) u. n 3 
'Ubaid Ibn Raschid 52 (135). 306 (190). 

307 (190) 
'Udschaimi s. 'Adschemi 
'Uraib dar 305 (183) 
'Uraibi Pascha 300 (152) 



'Utaiba s. 'Ataiba 

Watbän Adduwaisch 308 (194) 

Alwatis 32 (22) 

Wellhansen 43 n 1. 297 

Wetzstein 27. 27 n 3. 29 n 3. 36 n 1 

Alwuld 37 n 1 

Wuld 'Ali 27 n 3 

Azzähir: Salmän 32 (22) 

Azzahräwi s. Dschemil Sidqi 

Zaid Bek 35 n 1 

Zaijäd 302 (164). 303 (167. 168). 304 (175). 

305 (185) 
Zämil Assabhän 52 (135). 306 (189. 190). 

307 (190) 
Azzaqärit (al-Zaqäryt) 39 (59) u. n 2 
Zauba 49 (117). 50(126) 
Azzijäd (el Ziad, zijad) 300 n 1. 304 n 1 
Zijära Almuhji 30 (15) 
Azzuhair: 'Abdallah Bek 35 (32) 



PERSIEN, AFGHANISTAN UND INDIEN. 

Auszüge aus der Zeitschrift „Chäwer". Die in Konstantin opel erscheinende per- 
sische Wochenzeitnng Chäwer (Bericht darüber S. 68) enthält über Persien, Afghanistan 
und Indien zahlreiche Nachrichten, von denen hier die wichtigsten in Übersetzung mit- 
geteilt werden. 

Nr. 6 vom 3. Zilhidschdsche 1332 und 9. Oktober 1330 [22. Oktober 1914] S. 4: Nach 
einem Bericht unseres Korrespondenten in Türbet [gemeint ist Türbeti Haidar in Persien, 
etwa 150 km südlich Meschhed und 200 km von der afghanischen Grenze] hat die 
afghanische Regierung in Herat 60 000 Mann Bewafl'nete zusammengezogen und hat 80 
russische Spione in die Hand bekommen, die sie nach den nötigen Ermittelungen sämt- 
lich gehängt hat. Der Emir war zu dieser Zeit persönlich mit der Inspektion der afghani- 
schen Heere beschäftigt. Sämtliche afghanische Stämme hatten sich auf den Befehl des 
Fürsten bewafifnet und erwarten nun seine Bestimmungen. Die Kanonen- und Gewehr- 
fabriken in Kabul arbeiten mit außerordentlicher Energie an der Herstellung von Waffen 
und Munition. An den Grenzen Afghanistans wurden die alten Befestigungen repariert und 
zahlreiche neue Bastionen angelegt. Der General Eminullah Chan ist zum obersten 
Intendanturbeamten ernannt und ist in diesen Tagen zur Inspektion der Grenzen in Herat 
eingetroffen. Auch große Zelte sind mit einer Menge von chirurgischen Instrumenten und 
Arzneien zur Heilung der Verwundeten unter Militärärzten an die Grenzen geschickt 
worden. Der Kriegsminister von Afghanistan, der jugendlich eifrig und in den Kriegs- 
wissenschaften außerordentlich tüchtig ist, ist von dem Emir Habibullah Chan zum 
Oberkommandanten sämtlicher afghanischen Heere ernannt worden. Die Magazine der 



Mitteilungen. Persien, Afghanistan und Indien. 49 



Regierung und des Heeres, die an den Grenzen angelegt wurden, sind jetzt mit allen Arten 
von Provision und Bedürfnissen angefüllt. 

Nr. 7 vom 9. Zilhidschdsche 1332 und 16. Oktober 1330 [29. Oktober 1914] S. 2f.: 
Der englische Gesandte am Afghanischen Hofe hat wegen der Anhäufung afghanischer 
Truppen an der russischen und der britisch-indischen Grenze von der afghanischen Re- 
gierung Auf klärung verlangt und hat folgendes vertrauliche Anerbieten gemacht: 
die britische Regierung sei bereit, bei strikter Neutralität und Entlassung des afghanischen 
Heeres das halbe Beludschistan an Afghanistan abzutreten und Afghanistan besondere 
Privilegien zu verbürgen. Der Emir hat das Anbieten abgelehnt und ist mit dem 
größten Eifer an der Organisation und Ausbildung seines Heeres tätig. Nach den Er- 
mittlungen unseres Korrespondenten sind der Emir und der afghanische Generalstab zur 
Inspektion des Heeres aus Kabul aufgebrochen. Die Engländer haben die Hoffnung aufge- 
geben, den Emir zu gewinnen und haben in diesen Tagen Dschihändäd, den Hauptchan 
des Stammes Mangal, der vordem sich gegen den Emir empört hatte und besiegt nach 
Indien geflohen war, aufgehetzt und mit Geld und Waffen ausgesandt, um die Grenz- 
stämme Afghanistans zu Unruhen zu veranlassen. Die allgemeine Erregung in Afghanistan 
hat die Farbe einer religiösen Strömung angenommen, und die Ulema rufen die Bevölke- 
rung zum Glaubenskriege auf. Die zweihundertjährige Herrschaft der Afghanen über das 
indische Land, die in der Geschichte der Afghanen die Rolle des nationalen Heldenepos 
spielt, reizt die Bevölkerung, jene alte Heldensage zu erneuern; alle sind ohne Ausnahme 
begeistert für den Krieg. Die Briten, die am Anfang des Krieges die Afghanen nicht in 
ihre Rechnung als Feinde eingestellt hatten, begreifen heute, daß der furchtbare Angriff 
des afghanischen Heeres den Verlust des indischen Reiches und die vollkommene Auf- 
lösung der britischen Politik bedeuten wird. 

In derselben Nummer (S. 8) heißt es so: „Der britische Konsul in Bagdad hat die- 
jenigen unter seinen Untertanen, die ein eigenes Haus in Bagdad haben, veranlaßt, sich 
in ihr ursprüngliches Heimatland Indien zu begeben. Der erste Schub, der mit einem 
Lynch-Boote abgegangen ist, bestand aus fünfzig Personen. Nach einem Berichte der 
Agence Ottomane sind diese Unglücklichen der Rest der königlichen Familie von 
Oudh ; sie wurden vor 90 Jahren von der englischen Regierung, nachdem sie ihnen Reich 
und Land genommen, gewaltsam aus Indien nach dem Irak gebracht, und es wurde ihnen 
eine Pension bestimmt, die gerade ausreicht, daß sie nicht vor Hunger sterben. Nachdem 
die Osmanische Regierung die Privilegien der Fremden aufgehoben, fanden der Vizekönig 
von Indien und der Britische Konsul in Bagdad es angezeigt, jenen Unglücklichen die 
Pensionen zu entziehen und sie zum Verlassen ihrer zweiten Heimat zu nötigen. Ein Teil 
von ihnen verzichtete von selbst auf die britischen Pensionen und zog es vor, im Irak zu 
bleiben. Nach einem weiteren Berichte der Agence Ottomane hätte Aga Chan aus London 
durch Vermittlung des englischen Konsuls an seine Mutter Ihre Hoheit Schems ülmulük 
ein Telegramm gerichtet und ihr den Wunsch ausgesprochen, sie möchte sich nach In- 
dien begeben. Die Dame hat es aber vorgezogen, Nedschef zum Wohnsitze zu nehmen. 

Nr. 8 vom 16. Zilhidschdsche 1332 und 23. Oktober 1330 [5. November 1914] S. 6: 
„Afghanistan und Beludschistan. In den letzten Tagen haben die Beziehungen 
Persiens zu Afghanistan große Bedeutung gewonnen; zahlreiche Personen begaben sich 
aus Persien dorthin und hielten in Kabul und Herat zündende Reden, um Regierung und 
Volk der Afghanen über die Wichtigkeit der Lage aufzuklären ; sie machten Mitteilung 
von den barbarischen Greueln der Russen in Persien und forderten zum Dschihad gegen 
die Russen auf. Einige hatten das blutbesudelte Hemd eines der ermordeten Ulema nach 
Die Welt des Islams, Band III. ^ 



50 Die Welt des Islams, Jyand III. igij, Heft i 



Kabul mitgebracht und veranstalteten dort ein pewaltifjes und eindrucksvolles Meeting:; 
auch wurde eine herzzerreißende Ansprache auf dem Platze gegenüber dem Schlosse des 
Emirs gehalten, und die Anwesenden vergossen reichlich Tränen; der Emir selbst kam 
aus dem Schlosse herbei und nahm an den islamischen Gefühlsäußerungen der Menge teil; 
auch er hielt eine Rede, in der er aussprach, daß Volk und Regierung der Afghanen bereit 
seien, mit den andern islamischen Reichen zusammen zu gehen und Rache zu nehmen an 
den Feinden des Islams, sobald die Zeit gekommen; die Masse stieß laute Segenswünsche 
für den Emir und die Herrscher des Islams aus. Auch die Bewohner von Beludschistan, 
die durch die Übergriffe und die Gewalttätigkeiten der Engländer zum Äußersten gebracht 
sind, haben sich mit der nötigen Ausrüstung sämtlich den afghanischen Kämpfern ange- 
schlossen; sie erwarten das Signal, sich auf die indischen Kolonien zu stürzen; sie wollen 
den Namen der Engländer ans dem Blatte Hindostan tilgen und wollen ihre Unabhängig- 
keit wiedergewinnen." 

In derselben Nummer ist ein längerer Artikel „Persien" (S. 6 f.). Ich teile aus ihm nur 
die ersten beiden Abschnitte mit: „Die Bewegungen, die sich in den letzten Tagen gegen 
die Engländer in den Blättern Indiens und Afghanistans gezeigt haben, gehen auf die 
Perser zurück, die sich iu Gruppen nach jenen Ländern begaben, um zur Erfüllung der 
heiligen Pflicht des Dschihad und zur Befreiung des Vaterlandes aufzufordern. Diese 
Karawanen gingen sämtlich über Nasräbäd, das die Hauptstadt der Provinz Seittan ist 
und am Treffpunkt von Persien, Afghanistan und Beludschistan liegt, und gelangten 
schnell und leicht an ihr Ziel." — „Die englische Regierung, welche die wahren Nachrichten 
durchaus nicht nach Indien und Afghanistan gelangen lassen will, hat durch ihren Ge- 
sandten in Teheran von der persischen Regierung das Verbot des Durchzuges durch 
Na.sräbäd und Bewilligung eines Konsulats an jenem Platze verlangt, damit die Passanten 
untersucht werden. Aber das Ministerium hat in seiner Antwort dieses übermütige Ver- 
langen abgelehnt." 

In Nr. 9 vom 23. Zilhidschdsche 1332 und 30. Oktober 1330 [12. November 1914] be- 
findet sich unter den „Nachrichten aus den Islamläudern" S. 3 folgende Korrespondenz 
ans Indien (auszüglich): „Der bevorstehende Angriff der Afghanen auf Indien von Chaibar 
und Peschawar her ist das allgemeine Gespräch; die Briten sammeln an der nördlichen 
Grenze eifrig Heereskräfte an; die Reichen denken nur daran, ihr Geld und ihre Kostbar- 
keiten zu verstecken und sind vollständig gebrochen. Die englische Polizei hat Wind be- 
kommen von einer geheimen Gesellschaft namens hizballäh, die vor 8 Jahren in Kalkutta 
gegründet wurde, hat aber bis jetzt noch kein Mitglied einfangen können. Der Vizekönig 
Lord Hardinge ließ eine Flugschrift in vielen Sprachen drucken und verteilen, daß, wenn 
es zu einem Kriege kommen sollte mit dem Osmanischen Reiche, die britische Regierung 
das Hidschaz und die geheiligten Stätten des Islams nicht angreifen werde aus Rücksicht 
auf die muslimischen Untertanen. Gerade diese Proklamation hat die Muslime Indiens 
über den osmanisch-englischen Krieg aufgeklärt. Um die öffentliche Meinung der Hindus 
zu gewinnen, ist die Regierung zugleich gegen diese sehr zuvorkommend gewesen. Die 
Briten denken damit künftigen Unruhen die Spitze abzubrechen. Dabei wüten Hungersnot 
und Pest schlimmer als in früheren Jahren. Den Emir von Afghanistan hat die Regierung 
mit Entziehung der Jahresgelder bedroht, aber wir glauben nicht, daß diese Drohungen 
auf das Verhalten der Afglianen Einflxiß üben werden. Wie sehr auch die Engländer die 
Erfolge der Deutschen verheimlichen, ist man doch der Wahrheit gewahr geworden. Aga 
Chan' hat aus London ein Telegramm an alle Muslime Indiens gerichtet, sie müßten 

' Siehe über ihn diese Zeitschrift II 71 f. 



Mitteilungen. Persien, Afghanistan 7cnd hidien. 51 



mehr als früher den Engländern Treue zeigen; sie müßten z. B. auf Verlangen Geld geben, 
müßten, wenn die Briten 700 000 Soldaten von ihnen verlangen, statt dessen sieben 
Millionen stellen. Die Muslime Indiens haben die Proklamation des Aga Chan and die 
Sympathieknndgebiingen des Nizams von Dekhan gründlich satt, müssen aber ans Furcht 
vor den Engländern ihren Abscheu verbergen. Man ist allgemein in Indien wegen der 
künftigen Lage des Landes höchst besorgt." 

In derselben Nummer wird unter „Iran" (S. 4) berichtet über die Schandtaten der 
Küssen in Nordpersien ; in Täbriz, Mazenderan, und Gilan wurden die Patrioten und ange- 
sehenen Männer unter der Anschuldigung, Parteigänger der Deutschen zu sein, ausge- 
wiesen. Die Franzosen haben aus Bordeaux ein verlogenes Telegramm ausgesandt, Persien 
habe seine Neutralität erklärt; damit wollen sie nur Spaltung in die islamische Welt 
werfen; die gesamte Bevölkerung Persiens ist überzeugt, daß ihre Existenz mit Leben 
und Tod der Osmanen wie ein Zwilling verbunden ist; die Müdschtehide sind einmütig 
für die Unterstützung der Osmanen. 

In derselben Nummer (S. 1 f.) behandelt der Artikel „Iran wird nicht neutral bleiben" 
die wichtige Frage der Neutralität in entschiedener Weise. Es wird festgestellt, daß die 
gegenwärtige Regierung von Anfang des Weltkrieges an einem Programm gefolgt und 
nicht davon abgewichen ist. Die Osmanen sind durch die Russen zur Erwiderung der 
Feindseligkeiten gezwungen worden; da kann das persische Reich als islamische benach- 
barte Macht nicht anders als den Religionsgenossen Hilfe leisten. Wir hatten uns aber 
nicht durch unsere Gefühle zu einem übereilten Schritte hinreißen lassen. Da kam die 
Nachricht von der Verhaftung des osmanischenund des österreichischen Konsuls in Täbris 
durch die Russen und ihre Abschiebung nach TifUs. Das ist ein unerhörter Eingriff, der 
das Ansehen der persischen Regierung auf das schwerste schädigt. Es kann nur energische 
Gegenwehr und vor allem Verbindung mit den Osmanen helfen. Wer an dieser Einheits- 
bewegung nicht teilnehmen will, den können wir nicht als Muslim anerkennen. Es ist zu 
hoffen, daß aus der Einigkeit der beiden großen Reiche und Nationen, der osmanischen 
und der iranischen, eine allgemeine Verbrüderung der Muslime der ganzen Welt hervor- 
geht. L^nsere Waffe und unsere Fahne sind die Religion Mohammeds, deren Sieg uns im 
Erhabenen Koran verheißen ist. Seine Majestät der Schah hat vereint mit den Staats- 
männern, den Religionshäuptern und den Stämmen unter der historischen Fahne Persiens 
sich gegen den Feind gewandt; unzweifelhaft werden die 15 Millionen Iranier ihnen folgen. 
Vereint mit den 30 Millionen unserer osmanischen Brüder und den 6 Millionen Afghanen 
werden wir an den Übeltätern Rache nehmen. 

In derselben Nummer (S, 4) wird mitgeteilt, daß durch kaiserlichen Erlaß sämtliche 
Spielhäuser in Teheran geschlossen worden sind. 

In derselben Nummer (S. 8) wird kurz berichtet, daß sämtliche Ulema und Müdschte- 
hide in Kerbela und Nedschef 40 000 Muslime in dem heiligen Moscheehofe [in Nedschef] 
versammelt und Fetwas über die Pflicht des Glaubenskrieges herausgebracht und das 
Zusammenstehen sämtlicher Muslime der Erde befohlen haben (vgl. S. 52). 

Nr. 10 vom 30. Zilhidschdsche 1332 und 6. Oktober 1330 [19. Okt. 1914] ist der Er- 
klärung des Dschihad und den damit zusammenhängenden Äußerungen gewidmet. Der 
Leitartikel bringt die bekannten fünf Fetwas des Schaichul'islams mit einleitenden Worten, 
in denen die Koranworte „streng gegen die Ungläubigen, sanft gegen einander" [48,29] als 
Stütze der für die neue Verbrüderung der durch Religion geeinten, nach Rasse verschie- 
denen Perser und Osmanen angeführt werden ; das bedeute eine ganz neue Wendung in 
der Weltgeschichte. Es folgt dann (S. 2) eine Proklamation (bejannäme) in arabischer 

4* 



52 Die Welt des Islams, Band III. i^iß, Heft i 



Spraclie, die von den Müdsclitehidon der Heiligen Schreine [in Kerbela und Nedschef] an 
alle Muslime ergangen ist: 

Im Namen Gottes des Allerbarmers ! Es gibt keine Macht und keine Kraft außer durch 
Gott den Erhabenen ! Friede auf euch, ihr muslimischen Brüder, die an Gott und den 
jüngsten Tag glauben, und das Erbarmen Gottes und seinen Segen ! 

Nutzt die Gelegenheiten und drängt euren Kummer zurück, dann „wird Gott euch den 
Sieg wider sie geben und wird den Herzen eines Volkes von Gläubigen Heilung geben" 
[Kor. 9, 14]; so nutzet denn die Heimsuchung eurer Feinde durch gegenseitigen Kampf, 
denn an ihnen bewahrheitete sich heute der Spruch: „Wir warfen Haß und Feindschaft 
unter sie" [Kor. 5, 69] und der andere: „Sie zerstören ihre Häuser mit eigenen Händen" 
[Kor. 59, 2] ; selig ist der, dessen Feind durch das Schwert eines andern Feindes getötet 
wird ; so schließt denn den religiösen Eiuheitsbnnd und verbrüdert euch unter einander, 
wie euer Prophet das mit seinen Genossen tat, und scharet euch zusammen, wie es für eure 
Religion und euer Diesseits am vorteilhaftesten ist ; wahret eure Macht und eure Herr- 
schaft; nehmet die Ermahnungen der Führer eurer Religion und der Leiter eures Reiches 
an und hütet euch heute vor den Intrigen eurer Feinde ; es herrsche Einmütigkeit zwischen 
euch, und hütet euch davor, daß man Haß und Feindschaft zwischen euch sät und die 
Annäherung in Feindschaft verwandelt; wisset, daß die Osmanische Regierung bei ihrer 
Mobilisierung nur als Ziel hatte die Hütung der Religion, die Erhöhung des Wortes der 
Muslime und die Sicherung ihrer Rechte, die seit Jahrhunderten geraubt waren; jene 
Rüstungen hatten bereits, Gott sei Dank, die Aufhebung der Privilegien [Kapitulationen] als 
Frucht; das ist wahrlich Leben nach dem Tode und Freiheit nach Sklaverei; es ist auch 
kein Unterschied bei der Hohen Regierung zwischen Osmanen und Iraniern ; vielmehr be- 
müht sie sich aufrichtig, allen Muslimen ihre geraubten Rechte und ihre geplünderten 
Länder wieder zu gewinnen und die Unabhängigkeit gegenwärtig und zukünftig sicher- 
zustellen ; man muß nicht auf die hören, die der Satan in Besitz genommen hat, und die 
das Gerücht verbreiten, daß die Truppenzusamraenziehungen der Osmanen gegen Persien 
gerichtet seien ; es sei ferne, daß die Osmanische Regierung Übles gegen ihre Brüder im 
Schilde führe ; sie steht vielmehr stets für die Rechte der Iranier ein ; so ziemt denn Über- 
legung, Nachdenken, Vorsicht und Wachsamkeit gegen die Intrigen der Fremden, die 
Nachbarn der Osmanen und Perser sind, dieser Feinde Gottes und der Religion ; denn sie 
haben heute nichts anderes im Sinne, als euch mit satanischen Einflüsterungen zu be- 
gegnen und persönliche Interessen unter euch wirken zu lassen; so eifert denn in Brüder- 
lichkeit und Treue und Lauterkeit, daß eure Kraft gemehrt werde; die Muslime sind ja 
Brüder und der treue und wahrhaftige Gott hat in deutlicher arabischer Sprache verheißen 
[Kor. 39, 46] : „und Pflicht war es für uns, den Gläubigen zu helfen". Da die Ulema die 
Diener des muhammedischen Gesetzes und die Rufer zur erlösten islamischen Gemeinde 
sind, so müssen sie ebenfalls eifern, um die Wahrheiten den Leuten von Einsicht und den 
Häuptern der Stämme zu bringen, damit sie richtige Erkenntnis von der Religion gewinnen 
und damit sie ihr Volk warnen ; vielleicht haben sie Gedeihen! 

Der Geringste 'Ali Attäbrizi Der Schaich aschschari'a Al'isfahäni 

Der die Verzeihung seines erbarmenden Der Sünder Mustafa Algharawi AI- 

Herrn erbittende Mohammed Dsche- käschäni 

wäd Schaich Meschkür Alchalchäli 

Der Geringste Äjatul älizäde Alchuräsäni Mahdi 
Der Geringste Bahral'ulumzäde Mohammed 'Ali 

Geschrieben von dem Geringsten Dschewäd, 
Sohn des verstorbenen Verfassers der „Dschawähir" 



Mitteilungen. Persien, Afghanistan tcnd Indien. 53 



ANMERKUNGEN. 

Allgemeines. Der Bericht der europäischen Presse über eine in Nedschef abge- 
haltene Versammlung von 40000 Schi'iten, bei welcher Fetwas der großen Müdschtehide 
von Kerbela und Nedschef verlesen wurden, wird durch eine Notiz in Chäwer Nr. 9 
(S. 8) bestätigt (siehe hier S. .51). Ich habe aber in den mir vorliegenden orientalischen 
Blättern diese Fetwas nicht gefunden. Ich nehme an, daß mit der bei den modernen Persern 
häufigen Ungenauigkeit diese Urkunde gemeint ist, obwohl sie nicht die Form eines Fetwas 
hat, sondern als „Proklamation" (bejannäme) bezeichnet ist. — Daß diese schi'itische 
Proklamation, deren Unterzeichner durch ihre Nisben als Perser gekennzeichnet sind, in 
arabischer Sprache abgefaßt ist (der Redaktor ist jedenfalls der in dem Schlußvermerk 
mit harrarahu genannte Dschewäd, wohl ein besonders gelehrter Perser), dürfte sich 
daraus erklären, daß die Schi'iten des Irak doppelsprachig sind, soweit sie noch das 
Persische bewahrt haben. 

Besonderes, „den Häuptern der Stämme" : ähnlich oben S. 51, „den Staatsmännern, 
den Religionshäuptern und den Stämmen"; obwohl an diesen Stellen von 'asäHr und 
qaha'il die Rede ist, sind unzweifelhaft die für das persische Wirtschaftsleben wichtigen 
Halbnomaden gemeint, die als ilät bekannt sind und von Greenfield, die Verfassung 
des persischen Staates S. 169 auf 1909000 Seelen (ca. 22*^/0 der ganzen Bevölkerung 
Persiens) geschätzt werden. 

Es folgt darauf ein von demselben Dschewäd redigiertes, ebenfalls arabisches Stück, das 
in Übersetzung so lautet: „Dies ist die Rede der Gelehrten eures Volkes, die sich ausspricht 
über das Buch Gottes, zu dem er euch rief und um dessen willen er euch einander zu 
helfen befahl; es heißt darin (Kor. 3, 106 und 101): „Ihr wäret das beste Volk, das zu den 
Menschen herausgebracht ist, indem ihr das Löbliche befehlt und das Verderbliche ver- 
bietet und an Gott glaubet" „und seid nicht wie diejenigen, die sich spalteten und aus- 
einander gingen, nachdem zu ihnen die Beweise gekommen waren" ; das Gute bleibt bei dem 
Volke, solange es einig ist und die Niedrigkeit gesellt sich ihm, wann es uneinig wird; 
so ist euch denn befohlen die Einheit und Einigkeit und ist euch verboten die Uneinigkeit 
und Spaltung, und Gott hat euch gesetzt zum bestem Volke, solange ihr das Löbliche 
befehlt und das Verwerfliche verbietet und an Gott glaubet und zum Guten rufet und 
auf dem Pfade Gottes kämpfet mit Gut und Blut, mag es euch auch schwer sein und 
mögt ihr es auch peinlich empfinden; das ist derWortlaut des Heiligen Verses (Kor. 2,212): 
„Vorgeschrieben ist euch der Kampf, obwohl er euch ein Abscheu ist; ihr verabscheut 
wohl eine Sache, die zu eurem Besten ist" ; so denkt denn das Beste von Gott und glaubet, 
daß jenes besser für euch ist, wenn ihr es wisset. Das ist, was erklärt werden mußte 
und bei Gott ist die Hilfe. 

Geschrieben von Dschewäd, Sohn des verstorbenen Verfassers der Dschawähir". 

Es folgt dann der Erlaß des Sultans betreffend die Kriegserklärung an den Dreiverband; 
es sind auch die Unterschriften aller Minister gegeben (vgl. hier „Kriegsurkunden" No. 2). 

Daran schließt sich die Kopie eines Telegramms, das von dem Präsidenten des 
Osmanischen Rates der Schaiche in Kerbela an Hudschdschat al'isläm Äqäj Saijid 
Mohammed Bäqir gerichtet wurde und von jenem Präsidenten Namens As' ad unter- 
zeichnet ist; der Adressat wird beglückwünscht zu einem von ihm ausgegangenen 
Fetwa über die Einheit der Muslime, und es wird Gott angerufen, daß er diese Äußerung, 
die aus den heiligen Stätten von Nedschef und Kerbela stammt, den Gläubigen ein Mittel 
zur Erleuchtung und den Verrätern das Vorspiel der Vernichtung werden lasse. 



54 Die Welt des Isim72s, Band III. igiß, Heft i 



In derselben Nummer 10 .S. 4 befindet sieb auch ein Beriebt über das feierliche Meeting 
(das Wort liat Bürjjerrecht im modernen Persisch orbalten), das die Perser Freitaf^, den 
13. November abhielten. Danach versammelten sich au diesem Tage 6 — 7000 in Kon- 
stantinopel lebende Perser in dem Wälide Chan (das ist der Mittelpunkt der persischen 
Kolonie, wo auch am Aschnrafeste die Feierlichkeit für Hnsain stattfindet) und machten 
sich von dort zum Platze des Sultan Ahmed auf den Weg. Bei dem bekannten, von 
Kaiser Wilhelm dem vorigen Sultan geschenkten Brunnen machten sie Halt, und es 
wurden einige Ansprachen gehalten über die osmanisch-persische Verbrüderung und über 
die Greueltaten der Russen; auch verlas der Hauptredakteur des Chäwer, MehmedTewfiq, 
eine Protesterklärung und einige Beschlüsse, die von den Anwesenden durch Akklamation 
gutgeheißen wurden. Sodann begab sich die Versammlung zur persischen Gesandtschaft, 
zur Hohen Pforte und endlich zu den Gesandtschaften von Amerika, Italien, Deutschland 
nnd Österreich, um letzteren die erwähnten Proteste zu überreichen. Während des Zuges 
fanden Demonstrationen statt und besonders häufig wurde gerufen: „Es lebe die Einheit 
des Islams!" Es folgt darauf Kopie des Protestes, der den Gesandtschaften überreicht 
wurde; er enthält nur die gewöhnlichen Beschwerden. 

In Nr. 11 vom 7. Moharrem 1333 und 13. /26. Oktober 1914 wird zunächst als „wichtige 
Freudenbotschaft" die Vernichtung von 2000 Russen und die Verwundung zahlreicher 
anderer bei einem blutigen Zusammenstoß in Täbriz gemeldet; die an andern Punkten 
Aderbaidschans stationierten russischen Truppen hätten sich sofort auf russischen Boden 
geflüchtet. Der Leitartikel derselben Nummer mit dem Titel „Der Trauermonat — Er- 
innerungder russischen Tyrannei" erzählt zunächst in den bekannten Tönen die Geschichte 
von Kerbela aus Anlaß der 'Äschürä-Feier (10. Moharrem) mit der Nutzanwendung, daß 
der erhabene Geist des Imam Husain die ganze islamische W^elt zur Erhebung und zur 
Einigkeit rufe. Dann folgt das traurigste Gedenken: denn grade zwei Jahre ist es her, 
daß am heiligen 'Äschürä-Tage in Täbriz einer der Edelsten der Nation, der ehrwürdige 
Sikat ul'islam \t\.qat aViA(x.ni\ von den Russen gehängt wurde mit sieben andern Blut- 
zeugen, eine Tat, die selbst die Revue du Monde Musulman, die sonst auf die Russen- 
freundschaft gezwungener Weise Rücksicht nahm, in scharfen Worten verurteilte (Bd. XIX 
294 — 301)'. Aber die Russen taten mehr: sie zerstörten am 9. Rebi'II 1334/28. März 1912 
das persische Nationalheiligtura, die Grabmoschee des Imam Ridä in Meschhed, die man 
wohl die Ka'ba des schiitischen Islams nennen darf, durch Bombardement. Man kann 
dem Zeitungsmann nicht Unrecht geben, wenn er daran erinnert, wie lebhaft die Briten 
gegen die leichten Beschädigungen der Kathedrale von Reims (die er nach Belgien verlegt) 
protestierten, während sie sich über die Beraubung (die Russen verschleppten vor der 
Zerstörung die zahlreichen historischen Kostbarkeiten nach Petersburg) und die Ver- 
nichtung des in jedem Falle hochbedeutenden, in Weltruhm strahlenden Bauwerks nicht 
aufregten: hatten sie sich doch mit den Russen über die Teilung Persiens und über die 
Schändung der Heiligtümer des Islams verständigt! Der Artikel schließt: „Nun, Perser, 
es ist gut, daß ihr endlich nach dumpfem Schlafe die Augen aufgeschlagen, daß ihr bei 
dieser Gelegenheit mit euern Glaubensgenossen, den Osmanen, euch geeint und verbrüdert 
und von dem Kriege der Deutschen und Österreicher gegen die Russen und Engländer 

' In der Revue auch das Bild des im besten Alter stehenden Mannes, über dessen Loben 
und Tätigkeit ausführlich berichtet wird; vgl. auch diese Zeitschrift 1 60. Das Bild, das 
dem Chäwer-Artikel beigegeben ist, ist so schlecht ausgeführt, daß sich nicht einmal 
sicher sagen läßt, ob es dieselbe Aufnahme ist wie bei Le Chatelier. 



Mitteilungen. Persien, Afghanistan nnd Indien. 55 



Nutzen gezogen habt und den Küssen mit dem Schwerte der liache den Kopf abschlagt; 
daß ihr damit den Feinden kundtut, daß Reich und Volk Persiens noch nicht tot sind 
sondern leben, auf daß Gott und der Prophet Wohlgefallen an euch haben und die 
Geister der heiligen Blutzeugen euch ihren Beifall spenden. Falls ihr aber nicht 
auf diese Worte hört und die kostbare Gelegenheit vorübergehen laßt, dann werdet 
ihr in der Geschichte geringer geachtet werden denn die Weiber der Serben 
nnd Belgier, dann wird euer Name aus dem Bunde der Humanität und des 
Islams ausgelöscht werden. So hört denn, teure Freunde, auf daß ihr in dieser 
und jener Welt einen guten Namen zurücklasset." — Seltsam! Was Jahrhunderte 
nicht vermochten, hat die Nichtswürdigkeit der Russen vermocht: Schi'iten und Sunniten, 
Perser und Osmanen zusammenzuführen ! Mag man auch an dem Bestände dieses Bünd- 
nisses zweifeln (die Erinnerung an die 40000 Perser, die Sultan Selim I. bald nach seinem 
Regierungsantritt verräterisch hinmorden ließ, wird immer als finsterer Schatten darüber 
schweben), so ist es ein gewaltiger neuer Vorstoß auf dem Wege zu einer Verbindung der 
Völker Vorderasiens, die sicherlich ihre Hauptbedeutung nicht haben wird in einer Aus- 
gleichung der tiefgehenden Gegensätze in Kirchenlehre und Tradition (die werden erst 
durch ein höheres Menschentum überwunden werden), sondern in einer wirtschaftlichen 
und kulturellen Annäherung, für welche voraussichtlich Deutschland gute Dienste wird 
leisten können. Kommt es dann zu einer wirklichen inneren Erneuerung des persischen 
Volkes, dann hat er sich bei den Russen zu bedanken, die gerade in den letzten Jahr- 
zehnten ihm keine Grausamkeit, keinen Hohn ersparten. Die Russen haben unzweifel- 
haft leider bei den Persern nicht ohne Glück mit ihrem beliebtesten Mittel operiert: erst 
bis auf die Knochen korrumpieren und dann dem Korrumpierten mit Hohn als gerechte 
Strafe alles rauben, ihn vernichten. Ganz konnten sie das Werk nicht vollenden. Mit dem 
letzten Reste ihrer Kraft erhebt sich die Nation. Sie hat es über sich gewonnen, die Hand 
der Osmanen zu gemeinsamem Handeln zu ergreifen und das Verdienst der Ungläubigen, 
der Deutschen und Österreicher anzuerkennen. Wir können dem gequälten Volke nur 
von Herzen alles Gute und die endliche Befreiung von seinen Peinigern wünschen. Das 
Beste muß es selbst tun: sich innerlich läutern. 

In Nr. 12 vom 14. Moharrem 1333 und 20. November [3. Dezember] 1914 findet sich 
einer der Aufrufe zum Dschihad, die heute so beliebt sind. Es heißt an der Spitze des 
Blattes: „Kopie der gesegneten Fetwas (!) über den Dschihad, die von den Schiitischen 
Müdschtehiden von Käzimen' an sämtliche Muslime ergangen sind." Es folgen nun die an- 

' Kazimin? die arabische und auch von den Türken amtlich gebrauchte Form für den Ort 
und das Kaza, dessen Mittelpunkt er ist, ist alkäzimlja (türk. kazimije). Mögen nun 
die schiitischen Perser des Ortes selbst und in Bagdad küzimln oder käzimen (mit 
der älteren, in Dialekten vielfach erhaltenen Aussprache des jä'i me^hül, wo sie heute 
verloren gegangen ist) aussprechen, sicher ist, daß die gewöhnliche Namensform auch 
bei den Arabern heute elkazimen ist, und daß dieses Wort als Dual gefaßt wird. Das 
hat zu einem Roman Anlaß gegeben, wenn nämlich die Darstellung bei Oppenheim, Vom 
Mittelmeer zum Persischen Golf 2, 242 richtig ist und nicht bloß die zur Beruhigung des 
Franken erdichtete Auskunft eines Fremdenführers. Oppenheim berichtet: „Gegenüber 
dem Grabmal des Abu Hauifa, ebenfalls auf dem Westufer des Tigris liegt das große 
Heiligtum der Schi'iten, die über den Gräbern des Imäm Müsa el Käzim und seines En- 
kels Muhammed el Gawäd errichtete Moschee. Von den beiden Gräbern hat der Ort 
seinen Namen Käzimen (,die beiden Käzims')." Nun könnte man denken, der Imam und 



56 Die Welt des Islams, Band III. igi5, Heft i 



geblichen „Fetwas", d. li. ein Aufsatz in arabischer Spraclie, der kurz die Hereinziehung 
des Osmanischen Reiches in den Krieg darstellt, zur Unterstützung dieses Reiches auf- 
fordert und mit der auch bei den bekannten türkischen Fetwas im Mittelpunkte stehenden 
Koranstelle 9, 41 schließt (seltsam ist, daß hier diese Stelle falsch zitiert ist: die beiden 
Satzteile infirü etc. und (fähidü etc. stehen in verkehrter Ordnung). Unterschrieben sind 
zwölf Personen, die sich sämtlich bezeichnen als „Diener der Scharia" (meist mit Zu- 
sätzen wie: der Reinen, der Heiligen n. a.). Die Namen, die ich hier wiedergebe, weil ihre 
Träger sicherlich bekannte Personen sind, sind folgende: 1. Aschschaich Rädi, 2. Mo- 
hammed Emin, 3. Mahdi Alhasani Alhnsaini, 4. 'Abdalhusain AI Jäsin, 5. Mohammed 
Mahdi, 6. Ibrahim Assalmäsi Alkäzimi, 7. 'Isä Alhusaini, 8. Mohammed Mahdi Almiisawi, 
9. Husaiu'Ali Ahiatifi, 10. 'Abbäs Dschemäleddin, 11. Mustafa AI Saijid Haidar Alhasani, 
12. Mahdi Almaräjäni. 

In der gleichen Nummer 12 wird berichtet (S. 12), daß die Herren Saijid Sa'sd Habübi 
und 'Abdarrazzäq Alhulu, die zu den bedeutendsten Müdschtehiden von Nedschef ge- 
hören, sich behufs Anstachelung der Bevölkerung zum Dschihad in das Gebiet von Basra 
begeben haben. 

Der persische Prinz und Gelelirte Schaich Arra'is. Einer der begeistertsten Ver- 
fechter der Idee der Einheit des Islams ist der Kadscharenprinz Äqäj Abulhasan Mirzä 
bekannt als „Schaich Arra'is". Da Näsireddin Schah ihm feindlich war, verließ er Hans 
und Land und lebte in Stambul, wo er in intimstem Verkehr mit Saijid Dschemäleddin 
Afghani stand. Abdulhamid verurteilte ihn aber zur Untätigkeit, und so irrte er umher, 
hauptsächlich in Egypten und Indien lebend und den islamischen Gedanken trotz der 
Verfolgungen durch die Briten nährend. Nach der Konstitution wurde er ins persische 
Parlament gewählt. Bei dem Konflikt ließ der Schah Mehmed Ali ihn in Ketten werfen 
und hielt ihn in Bäghischäh gefangen. In Indien verfaßte er sein mehrfach gedrucktes 
Buch über die Beseitigung der Differenzen in der Lehre und die Vereinigung sämtlicher 
Muslime. Nun ist er gelegentlich der Wallfahrt wiederum nach Stambul gekommen und 
hier glänzend aufgenommen worden; er ist Gast des Komitees und wurde auch von dem 
Sultan-Kalifen zu einstündiger Audienz empfangen. Bei einem Mahle, das der Schaichnl- 
islam ihm zu Ehren gab, improvisierte er Verse auf den Gastgeber, in denen er mit dem 
Namen Chairi spielt. Auch dem Sultan widmete er ein Lobgedicht, das den Spruch „die 
Muslime sind Brüder" variiert (nach Chäwer Nr. 18 vom 1. Jan. 1330 [14. 1. 1915], wo 
das Gedicht mitgeteilt und das Porträt des Greises gegeben ist). M. H. 

sein Enkel seien hier durch den Dual des einen in ähnlicher Weise zusammengefaßt, wie 
'Umar und Abu Bakr in aVumarän, das ist mir aber hier sehr zweifelhaft. In (altp. aina) 
ist die gewöhnliche neupersische Adjektivbildung, und ein käzimln (dialektisch käzimen) 
würde genau dem arabischen küzimija entsprechen. Ich nehme deshalb diese Form als 
das Ursprüngliche an und betrachte die Erklärung als „die beiden Käzims" als eine 
Volksdeutung, die dann dieser oder jener aus einer angeblichen Zweiheit von berühmten 
Gräbern sich ziirechtgelegt hat. Der sorgfältig arbeitende Albaner Sämi Frascheri hat in 
seinem qämüs al'a'läm nur die Form käzimije und weiß in diesem Artikel nur etwas 
von der berühmten Moschee des Musa Alkäzim. Er gibt übrigens als Entfernung des 
Ortes von Bagdad 10 km nordwestlich an (Opp. 2, 71 „ungefähr eine halbe Stunde ober- 
halb Bardäds") und als Bewohnerzahl 6000 Seelen, wovon 1000 Sunniten, der Rest 
Schiiten (die Angaben bei Opp. 2, 239 n 1 sind nicht klar). Der Ort ist durch eine von 
Midhat Pascha angelegte Pferdebahn mit Bagdad verbunden. 



Mitteilungen. Persien, Afghaiiistan und Indien. Egypten. 57 



Die Einheit des Islams. Immer von neuem ertönt heute der Ruf in der islamischen 
Presse nach Vereinigung der getrennten Gruppen. Meist wird dabei im allgemeinen ge- 
sprochen, und es werden die verhängnisvollen Worte „Sunniten" und „Schiiten" ver- 
mieden. Ein Beispiel hierfür ist der langatmige Artikel ittihädi isläm, „die Einheit des 
Islams" in Chäwer (s. hier S. 68) Nr. 18 vom 1. Jan. 1330 [= 14. 1. 1915]. Das einzige 
Bemerkenswerte in ihm ist, daß er den Mut hat zu sagen: die Verantwortung für 
den schnellen und gründlichen Niedergang des Islams nach einer großen Blüte tragen 
zwei Gruppen; die 'ulamä'i din „Gelehrten der Religion" und die selätlni isläm „die 
Sultane der Islamwelt" ; leider wird auf das Einzelne nicht eingegangen, während es doch 
gegeben war, diese allgemeine Behauptung an Beispielen aus der Geschichte zu erhärten. 
Aber derartige Forschung ist nicht Sache dieser Leute. Neben jener Begründung des 
Verfalls erscheint noch eine andere Ursache, die freilich völlige Verkennung der wahren 
Sachlage zeigt: „das Unheil setzte ein an dem Tage, wo man die Religion, die Koran- 
sprüche und die Traditionen {'an'anät) zu vernachlässigen begann". Nein! das Kleben 
an der Nachsprecherei war das Unheil, und alle die Männer, die als Reformer angeführt 
werden: Saijid Dschemäleddin Asadäbädi [Afghani], Mohammed 'Abduh, Mohammed 
Käzim Choräsäni, Schaich 'Abdallah Mäzenderani, Schaich Husain Tahräni, denen als 
einziger Lebender der Schaich Arra'is (s. hier S. 56) gesellt wird, haben das Übel nicht 
an der Wurzel gefaßt. Der Artikel läuft in eine Verherrlichung des ebengenannten Schaich 
Arra'is aus, die hier S. 56 verwandt ist. M. H. 

EGYPTEN. 

Egypten vor dem Kriege und während des Krieges. Egypten steht infolge des Welt- 
krieges vor einer Entscheidungsstunde seiner Geschichte. Wird die Linie, die es seit der 
englischen Okkupation(1882) verfolgt, weiter verfolgt werden? Wird die „Internationalität" 
Egyptens auch nach dem Kriege bestehen bleiben? Wie wird Egypten sich zu seinen drei 
Herren (Türkei, Vizekönigtum, englische Okkupation) stellen? Wie wird die Stellung des 
Deutschtums und Deutschlands in Egypten nach dem Kriege aussehen? Man müßte 
Prophet sein, um jetzt schon diese Fragen beantworten zu können. Der Verlauf der Ge- 
schichte selbst wird sie beantworten. Desto wichtiger ist es, den gegenwärtigen Zustand 
Egyptens vor dem Kriege und während des Krieges festzuhalten, so wie er dem Verfasser, 
der über vier Jahre in Egypten gewesen ist und fünf Kriegsmonate in ihm verlebt hat, 
erscheint. 

Das Land selbst hatte sich je länger je mehr an die englische Okkupation gewöhnt. 
Seitdem Frankreich durch Überlassung Marokkos von Seiten Englands für sein Zurück- 
gedrängtwerden in Egypten entschädigt worden war, stand die öffentliche europäische 
Meinung in Egypten, die völlig durch die französischen Blätter Egyptens gemacht wird, 
auf Seiten Englands. Eine stärkere Betonung der englischen Okkupation, wie sie England 
schon vor dem Krieg wünschte (Reform der Tribunaujt mixtes u.a.), hätte von dieser Seite 
keinen Widerstand gefunden. Mit Kriegsbeginn war infolgedessen die gesamte Presse 
Egyptens sowie die gesamte öffentliche Meinung völlig auf Seiten der Triple Entente; sie 
wäre es auch gewesen ohne die strenge englische Zensur. Über die Presseverhältnisse, 
soweit sie die europäisch-egyptische Presse angehen, wäre vielleicht eine eigene Unter- 
suchung am Platze; hier nur soviel: charakteristisch ist, daß es in ganz Egypten nur eine 
englische Zeitung (Egyptian Gazette) gibt; das Vorwiegen der französischen Sprache und 
Kultur, sowie die verhältnismäßig kleine englische Kolonie läßt ein zweites englisches 



58 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



Blatt nicht aufkommen. Vor dem Kriej^c war die Egyptian Gazette im ganzen betrachtet 
deutschireandlich im Gegensatz zu vielen englischen Blättern in England selbst. Wie 
überhaupt zu bemerken ist, daß gerade die englische und deutsche Kolonie in Egypten 
durch mancherlei Bande gesellschaftlicher, sozialer und auch wirtschaftlicher Art ver- 
bunden waren. Dieser einen englischen Zeitung stehen nun eine Reihe französisch ge 
sinuter Blätter gegenüber, die die große Masse der „Levantiner" sowie viele gebildetere 
Eingeborene beeinflußt (La Reforme, La Bourse egyptionne). Natürlich hat die große 
italienische Kolonie (in Alexandrien allein 30 Tsd.) und die noch größere griechische 
Kolonie auch ihre Zeitungen, die aber keine selbständige egyptische Politik treiben. Zu 
Beginn des Krieges tauchten zwei neue italienische Zeitungen auf (II Mattino, Giornale 
d'ltalia), anscheinend von französischer Seite gekauft, da sie übertrieben franzosenfreund- 
lich sich zeigten. Die deutsche Kolonie wurde seit einigen (7) Jahren durch die „Ägypti- 
schen Nachrichten", die z. T. auch in französischer Sprache erschienen, vertreten. Ihr 
Einfluß wie ihre Abonnentenzahl war gering; für die deutsche Kolonie selbst ist sie nicht 
so notwendig gewesen, da die große Mehrzahl Zeitungen aus Deutschland liest; als Pro 
pagandablatt für das Deutschtum war ilire Wirksamkeit deswegen beschränkt, weil der 
Hintergrund der Verbreitung der deutschen Sprache fehlt und der dürftige französische 
Teil keinen Eindruck machen kann. Ein Halbmonats- oder Monatsblatt, das mehr auf die 
kulturellen und wirtschaftlichen Probleme des Deutschtums in Egypten eingehen könnte, 
wäre vielleicht angebrachter. 

Auch die von den Eingeborenen vertretene öfl'entliche Meinung hatte sich doch 
mehr und mehr an die englische Okkupation gewöhnt. Gewiß gab es noch starke 
nationalistische Strömungen, die wohl in Genf, aber kaum im Lande an die Öflentlichkeit 
traten; die nationalistische Partei war im Lande seit einigen Jahren verschwunden; als 
einziges Nationalistenblatt, das dem Preßgesetz entgangen war, bestand noch „al Schaab". 
Es erschien noch während der ersten Kriegswochen weiter, mußte dann aber, da es seiner 
Meinung doch nicht Ausdruck geben durfte, sein Erscheinen aufgeben. Die Stimmung 
der koptischen Blätter, die ungefähr den zehnten Teil der einheimischen Bevölkerung 
vertreten, war schon vor dem Kriege englandfreundlich. In der islamitischen Universität 
el Azhar, sowie in den nationalistisch angehauchten Schulen zuTantah und anderswo wurden 
natürlich ebenso wie in einem großen Teil der Geistlichkeit die alten Ideale des Islams 
(Einigkeit, Freiheit, Überlegenheit gegen das Abendland) hochgehalten; aber gegen die 
Macht Englands konnten sie höchstens im geheimen protestieren; die Studentenklubs an 
der Universität, die nach Landsmannschaften geordnet sind, w urden auf Befehl der eng- 
lischen Militärbehörde aufgelöst; ja die Geistlichkeit (Ulemas) trat sogar im Laufe des 
Krieges mit einer Proklamation an das Volk hervor, in der auf Grund einer Reihe von 
Sprüchen aus dem Koran nachgewiesen wurde, daß es Pflicht jeden frommen Muslims in 
Egypten sei, völlige Ruhe zu halten und der von Gott gegebenen Obrigkeit Untertan zu 
sein. Wenn dieses Dokument uns wieder im Wortlaut vorliegt, bedarf es vielleicht noch 
einer Würdigung, da es doch wohl einzigartig in der Geschichte des Islams ist. Nicht 
nur auf Grund dieses Punktes, sondern auch in manch' anderer Hinsicht hatte man das 
Gefühl, daß die religiöse Wirkungskraft des Islams, wenigstens, was die Städte, die ja die 
Stimmung des Landes sehr beeinflussen, angeht, durch die ständige Berührung mit abend- 
ländischer Kultur stark gelitten habe. Die Oberschicht des Volkes — abgesehen von der 
Geistlichkeit — ist religiös doch stark indifl'erent geworden; auch kirchlich hat sie die 
alte Kraft eingebüßt (z. B. der Besuch der Moscheen hat in diesen Kreisen sehr nachge- 
lassen). Ohne diese religiöse Kraft gerade der Oberschicht ist der Islam in Egj'pten noch 



Mitteihmp^eii. Egypten. 59 



machtloser gegeu abendländischen Einfluß als sonst. Die ursprünglich freie Kraft der 
Oberschicht der Einheimischen in Egypten ist dazu mehr und mehr „verstaatlicht". Für 
den Egypter, der Lesen und Schreiben gelernt hat, gibt es kein größeres Ideal als irgend 
eine und wenn auch noch so geringe Beamtenstelle zu erlangen; die Sehnsucht nach freien 
Berufen besteht nicht. Diese „Verbeamtung" ▼ernichtet nicht nur die wirtschaftliche 
Kraft der Eingeborenen (im Handel spielt der mohammedanische Einheimische eine ganz 
geringe KoUe), sondern zerstört auch starke sittliche Kräfte, da sie die Freiheit der Ge- 
sinnung und des Handelns einschränkt. Es wird femer dadurch die Einheit des Volks- 
lebens, die im Islam eine Kraft war, eingeschränkt; der Gegensatz zwischen Beamten und 
Nichtbeamten tritt herfür. Die enge Verbindung mit dem ja teilweise nur dem Namen 
nach noch mohammedanischen Staat läßt aber auch die Glut des religiösen Lebens oft er- 
kalten. So durfte man you Anfang des Krieges an auf eine aus religiösem Anlaß hervor- 
gegangene Bewegung des egyptischen Islams gegen England kaum rechnen. Selbst wenn 
die Tatsache der Verkündigung des heiligen Krieges allgemein in Egypten bekanntworden 
wäre — die Zensur hat dafür gesorgt, daß sie es nicht wurde, und die Angst hat das 
Aussprechen der Tatsache verhindert — , wäre an eine Aufstandsbewegung kaum zu 
denken gewesen ; die Mittel äußerer Art, die Organisiertheit der Masse, wo die Führer 
fehlten, sowie auch die innere Kraft hätte gefehlt. Im übrigen sorgte Presse wie Regierung 
datur, daß die religiösen Gefühle der Eingeborenen geschont würden. Die Erklärung 
Englands, daß die heiligen Stätten des Islams vor jedem Angriff sicher seien, die schlaue 
Behauptung Englands, daß es selbst den Schutz Egyptens gegen seine Feinde über- 
nehmen werde, da ja Egypten durch religiöse Bande mit der Türkei verbunden sei und 
deshalb nicht gegen die Türken kämpfen wolle, haben doch einigen Eindruck gemacht. 
In AVirklichkeit gab England diese letztere Erklärung nur ab, weil auf die egyptischen 
Truppen kein sicherer Verlaß war. Auf die Dauer wirkte auch — die Masse unterliegt 
ja der Suggestion — die fortwährende Wiederholung der Zeitung, daß der Sultan gegen 
die türkische Kriegserklärung sei und von der deutschen Kriegspartei in Konstantinopel 
zum Krieg gezwungen sei. All das wirkte, nicht so, als ob nun nicht doch der größte Teil 
der Masse im letzten Grunde türkenfreundlich geblieben sei und damit auch deutsch- 
freundlich — am Tage meiner Abreise, dem 19. Dezember, dem Tage der Einsetzung des 
neuen Sultans und der Hissung der neuen egyptischen Fahne (3 Halbmonde statt eines) 
sah ich diese neue Fahne nur auf Regierungsgebäuden, aber nirgends im arabischen 
Viertel — ich meine die Stimmung gerade der Masse des Volkes war natürlich türken- 
freundlich und englandfeindlich, aber durch Zwang wie durch starke Beeinflussung der 
Volksstimmung waren doch die Kräfte einer energischen Opposition, auch religiöser und 
sittlicher Art gebrochen. Ein Aufflammen der Haßgesinnung gegen England wäre viel- 
leicht dann eingetreten, wenn England den Versuch gemacht hätte, den neuen Sultan 
über Egypten und den Sudan zum KaHfen über die arabischen Mohammedaner einzu- 
setzen. Ein alter Lieblingsplan Englands ist diese Einsetzung eines arabischen Kalifen. 
Man erzählt sich, der Plan sei diesmal an der Weigerung der egyptischen Ulemas ge- 
scheitert, die darauf hingewiesen hätten, daß der Kalif Besitzer der heiligen Stätten sein 
müsse. Vielleicht lag aber auch eine Weigerung des Sultans selbst vor. 

In dieser Umgebung lebte nun die kleine, ungefähr 3000 Seelen umfassende deutsche 
Kolonie. Sie wurde in die Kriegsverhältnisse deshalb so stark mit hineingezogen, weil 
sie trotz ihres numerisch geringen Bestandes wirtschaftlich wie kulturell einen nicht 
unbedeutenden Einfluß ausübt. Wirtschaftlich steht Deutschland im Gesamthandel 
Egyptens an 3. Stelle, im Export sogar an 2. Stelle sofort hinter England. Die größte 



CO Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



BaumwoUexportfimia (K. n. O. Lindemann) ist iu deutschen Händen; ebenfalls das größte 
Importliaus (Schneider und Rothacker). Die einzige Weberei wie die einzige Steinfabrik 
(Arenolith) ist ebenfalls deutscher Besitz. Große Einfnhrindnstrien kommen überwiegend 
ans Deutschland (fast alle chemischen Artikel, die gesamte Spielwarenindustrie, große 
Lieferungen der Maschinenindustrie, besonders Lokomotiven u.a.m.). Dabei stieg der 
Gesamthandel Deutschlands mit Egj'pten von Jahr zu Jahr prozentualiter stärker als der 
anderer Völker; all das erreichte Deutschland, trotzdem ihm weder wie bei England der 
staatliche Einfluß noch wie bei den anderen Ländern eine starke Kolonie als Hinterland 
der Einfuhr zur Verfügung stand [vergl. zum Thema des Handelsverkehrs zwischen 
Deutschland und Egypton einen Aufsatz von Dr. Pilder im „Evangelischen Gemeinde- 
blatt für Alexandrien", 1914]; dem wirtschaftlichen Einfluß entsprach die Stellung Deutsch- 
lands in der Beamtenwelt Egyptens. Einiges sei da angeführt: der Präsident der 
Tribunaux mixtes war ein Deutscher (v. Gescher), ebenfalls mehrere Richter an den 
tribunaux mixtes (u. a. v. Bülow, Herzbruch); in den technischen Abteilungen der egyp- 
tischen Regierungen waren einige erste Stellen mit Deutschen besetzt (Ehrlich), an der 
Spitze des Sanitätswesens Alexandriens stand ein Deutsclier (Professor Gotschlich), im 
Stadtrat Alexandriens saßen seit mehreren Jahren Deutsche (Rothacker, Ehrlich). Die 
deutsche Orientbank sowie die deutsche Hypothekenbank hatten eine glänzende Ent- 
wicklung genommen und hatten gerade das Vertrauen der einheimischen Kreise be- 
sonders gewonnen ; die deutsche Handelsflotte (Norddeutscher Lloyd, Levantelinie u. a.) 
waren im Hafenverkehr stark vertreten. Ein starker Handwerker- und Wirtestand sorgte 
auch in einfacheren Kreisen für Vertretung des Deutschtums. Dieser glänzenden wirt. 
schaftlichen Stellung des Deutschtums inEgypten entspricht nicht ganz sein kultureller 
Einfluß. Zwar für ihre eigenen kulturellen Bedürfnisse hat die Kolonie völlig ge- 
nügend gesorgt. Eine deutsche Realschule führt ihre Kinder bis zum Einjährigen Examen 
sowohl in Kairo wie in Alexandrien; aber den wenigen deutschen Schulen gegenüber hat 
z.B. Frankreich über 100 Schulen in Egypten; hinzukommt, daß noch nicht einmal die 
Hälfte aller reichsdeutschen Kinder in Egypten die deutschen Schulen besuchen. Auch 
der Einfluß der deutschen Schulen auf Kinder anderer Nationalitäten ist deshalb gering; 
die Zahl der Araberkinder in den deutschen Schulen ist außerordentlich klein und die 
Verbreitung der deutschen Sprache läßt trotz Abendkurse für Erwachsene noch viel zu 
wünschen übrig. Den Schulen fehlt es z. T. an Geldmitteln ; gibt doch z. B. das Deutsche 
Reich an Unterstützungen aus seinem Millionenfonds für egyptisches Schulwesen höchstens 
15 Tausend Mark. Italien gibt allein für sein Egyptisches Schulwesen fast eine halbe 
Million aus ; was Frankreich, das nicht nur sein großartiges „Lycee frangais", sondern im Aus- 
land auch seine Ordensschulen hat, inEgypten für das Schulwesen tut, ist noch bedeutend 
mehr [vergl. Evangelisches Gemeindeblatt für Alexandrien, 1914, Direktor Becker: „Schul- 
wesen in Egypten'', auch abgedruckt in der Täglichen Rundschau" 1914]. — Dagegen steht 
im Wohlt ätigkeits wesen das Deutschtum Egyptens an erster Stelle; die deutschen 
von Kaiserswerther Diakonissen verwalteten Hospitäler genießen das größte Ansehen, 
besonders bei Engländern, Griechen, Arabern; das Alexandriner deutsche Hospital hat 
z. B. die größte Jahreseinnahme von allen Hospitälern. Deutsche und evangelische Hilfs- 
vereine sorgen für Hilfe in jeder Not. Die deutsche Kolonie bringt an Beiträgen für 
Unterstützungszwecke auf den Kopf der Bevölkerung berechnet nächst der kleinen 
Schweizer Kolonie den höchsten Beitrag für Unterstützungszwecke auf. Die anderen 
Nationalitäten, auch die Engländer folgen erst in weitem Abstand. Ein Schluß auf die 
Wohlhabenheit und Opferfreudigkeit der deutschen Kolonie liegt da nahe [vergl. Evange- 



Mitteihingen. E typten. 61 



lisches Genieindeblatt für Alexandrien 1914, Pfarrer Meyer: „Unterstütznngswesen in 
Egypten." Ebenfalls abgedruckt in der Täglichen Rundschau 1914]. Das alles sind 
hervorragende Einzelleistungen des Deutschtums in Egypten ; aber eine stärkere deutsche 
Beeinflussung der Masse würde wohl eine stärkere deutsche Einwanderung sowie eine 
stärkere politische Stellung Deutschlands in Egypten voraussetzen. Ob beides wohl der 
Krieg bringen wird? 

Bisher hat er, wie fast überall im Ausland viel Deutsches gehemmt oder zerstört. 
Zwar die Erklärung des englischen Protektorats über Egypten hat de facto wenig geändert, 
die wirklichen Machthaber waren die Engländer sowieso. Und während sie zu Beginn 
des Krieges wenigstens noch die Form wahrten — die Kriegserklärung Egyptens fand 
noch „au Nom du Khedive" statt und war von den Ministern gezeichnet, ebenfalls die 
Entlassung der deutschen und österreichischen Beamten — , ließen sie später auch die 
Form fallen. Der Kommandierende der englischen Streitkräfte in Egypten Maxwell wurde 
der Herrscher Egyptens und unterzeichnete alle Befehle, Proklamationen usw. Des 
Interesses wegen sei hier eine Proklamation über aufreizende Schriften mitgeteilt: 

Le soussigne, John Grenfell Maxwell, en exercice des pouvoirs ä lui confies en sa 
qualite de General Commandant des Forces de Sa Majeste Britannique en Egypte, 

A r r e t e: 
Les simples detenteurs de documents, ecrits ou imprimes ayant pour but d'inciter la 
population ä faire cause commune avec les ennemis de Sa Majeste ou d'exciter au mepris 
ou ä la haine contre l'ordre etabli du Gouvernement, aussi bien que ceux qui repandent 
de tels documents ou qui tentent ä les introduire dans le pays, s'exposent ä etre traduits 
en conseil de guerre. 

Toute personne aux mains de qui parviendrait un tel document est donc tenue de le 
remettre, sans retard, ä l'autorite civile ou militaire la plus proche. 
Le Caire, le 11 Novembre 1914 

J. G. Maxwell, Lieutenant-General 

Commandant des Forces de Sa Majeste Britannique en Egypte 

God save the King. 

Auch die Ausweisung der deutschen diplomatischen Agentur und der deutschen Kon- 
sulate, die im September stattfand, erfolgte durch Maxwell, nicht durch die egyptische 
Regierung, die vielmehr Zeitungsberichten nach durch den Mund ihres Ministerpräsidenten 
Rouchdy Pacha auf eine Anfrage des deutschen diplomatischen Agenten erklärte, sie 
habe nicht die Macht, den Schutz der Agentur und der Konsulate zu übernehmen. Von 
der englischen Militärbehörde gingen dann auch sämtliche Maßregelungen aus, die das 
Deutschtum Egyptens bis auf den Grund erschütterten, wobei zu bemerken ist, daß die 
Deutsch- Österreicher — und nur sie — durch dieselben Maßregelungen getrofifen wurden. 
Zwar die wiederholten Meldungen auf dem Gouvernorat und eine Reihe Bedingungen' 
die den Aufenthalt in Egypten garantieren sollten (nichts Feindliches gegen England und 
seine Verbündeten unternehmen; keine feindliche Gesinnung gegen England aussprechen; 
ohne Genehmigung nicht seinen Aufenthaltsort wechseln u. a. m.), ließ man sich ja gern 
gefallen; auch das Verbot, die Grenzen der Stadt zu verlassen, störte ja wenig; ebenso- 
wenig wie das, sämtliche Waffen abzuliefern. Man gewann den Eindruck, unter diesen 
Vorsichtsmaßregeln wenigstens in Egypten bleiben zu dürfen. Besonders die zahlreichen 
Kauf leute, die sowieso unter der Geschäftslage (Baumwollkrisis) schwer zu leiden hatten. 



62 Die Welt des Islams, Bmid IJl. igiß, Heft i 



hofften darauf. Die Hofl'nnnt;: war jedocli verf^cbcns; von Anfang November ab wurde der 
größte Teil der dentscben Kolonie allmäblich kriegsgefangen nacli Malta und vielleicht 
zuletzt nach Cypern geführt (Mränner zwischen 18 und 49 Jahren). Dies Schicksal traf 
auch den kleinen deutschen Teil der österreichischen Kolonie. Sämtliche deutsche Beamte 
wurden entlassen, sogar Privatgesellschaften wie die Tolephongesellschaft zwang man zur 
Entlassung ihrer deutschen Angestellten. Dem deutschen Handel wurden unglaubliche 
Schwierigkeiten gemacht. Die deutschen Arzte und Geistlichen wurden ausgewiesen, 
nachdem auch der Versuch gemacht wurde, auch sie nach Malta zu senden. Die Folge 
dieser Maßregeln war natürlich eine fast völlige Zerstörung der deutschen Kolonie; die 
meisten Geschäfte und Wirtschaften wie viele Firmen sind geschlossen; auch die Schule 
nnd z. T. die Kirche hat schließen müssen. Da ungefähr 1000 Deutsche in Malta sind und 
sehr viele Familien abgereist sind, so ist augenblicklich die Zahl der Deutschen in 
Egypten sehr gering. Die wenigen Männer, die noch da sind, werden wie es zu Anfang 
geschah, auf Schritt und Tritt überwacht. 

Nun war der Weg frei für den vorläufig letzten Akt Englands in Egypten. Am 17. De- 
zember wurde das englische Protektorat über Egypten erklärt und am 19. Dezember 
der Sultan (nicht Khedive) Hussein Paclia Kamel ernannt, ein Onkel des bisherigen 
Khediven. Dieser Verfassungs- und Thronwechsel wurde offiziell folgendermaßen ver- 
öffentlicht: 

Proclamation: 

Le Principal Secretaire d'Etat de Sa Majeste Britannique pour les Affaires Etrangeres 
annonce que, vu l'action de Son Altesse Abbas Hilmi Pacha, ex-Khedive d'Eg}^pte, qui a 
fait cause commune avec les ennemis de Sa Majeste, le Gouvernement de Sa Majeste a 
decide de le deposer du Khedivat, et cette haute dignite, avec le titre de Sultan d'Egypte, 
a et^ Offerte a Son Altesse le Prince Hussein Kamel Pacha, I'aine des Princes de la famille 
de Mehemet Aly, et a et^ acceptee par Lui. 

Le Caire, le 19 Decembre 1914. 

Mit der Erklärung des englischen Protektorats fallen ohne weiteres die Kapitulationen, 
die wie in der Türkei bestanden, dahin. Anscheinend aiif Wunsch Italiens, aber auch in 
der Erkenntnis, noch nichts anderes an ihre Stelle setzen zu können, hat England die 
Wirksamkeit der gemischten Gerichtshöfe auf ein Jahr verlängert, aber dabei erklärt, die 
österreichischen und deutschen Stellen nicht wieder besetzen zu wollen. Als Gouverneur 
dieses neuen englischen Protektorats wurde der bisherige Staatssekretär im indischen 
Ministerium Mac Mahon ernannt, der schon in Egj^ten eingetroffen ist. In der Keforme 
vom 19. Dezember wird die Änderung der egyptischen Staatsverhältnisse folgendermaßen 
besprochen : 

L'^venement attendu s'est produit et l'Egj'pte terre d'election du paradoxe sort, enfin, 
de la Situation politiqne eqnivoque oii eile se tronvait depuis que Mehemet Aly, fondateur 
de la dynastie Khedivialo, avait ete frustr(5 du prix de ses victoires sur la Tnrciuie par la 
volonte de l'Europo et depuis que l'Angleterre, i\ la place de la Turquie defaillante, avait 
entrepris la double täclie de retablir l'autorite du Khödive et de faire regner l'ordre dans 
le pays. 

L'Angleterre assume le protectorat de l'Egypte; le Khedive Abbas Helmy d^pose, S. A. 
le prince Hussein devient souverain sous le titre de Sultan d'Egypte. 

Le protectorat britannique existait de fait; le Khedive Abbas, plus preoccupe des ses 
affaires personnelles que des interets sup^rieurs du pays, avait perdu tout credit et par 



Mitteilungen. Egypten. Nieder L- Indien. 63 



son attitnde vis-a-vis de la Turquie allemande, avait rompu les liens qui l'attachaient k 
l'Egypte. II a consnmme sa propre decheance en prenant part ä la folle equip^e qui ache- 
vera la ruine de l'empire ottoman. 

Desormais l'Egypte rentre dans la rdalit^; eile va oii l'appellent sa Situation g^ogra- 
phique, son histoire depnis qn'elle a une existence politique, et la logique inflexible des 
evenements; eile va suivre la voie oii l'ont preced^ tant de contrees qui, placees sous 
l'egide de la Grande Bretagne, ont conquis rapidement, gräce au devouement de leurs 
dirigeants, ä la sagesse de leurs habitants et au liberalisme de leurs protecteurs, les insti- 
tutions qui assurent leur autonomie. 

Le paradoxe cesse de presider aux destinees de l'Egypte. 

Das gesamte Ministerium, das noch aus den Zeiten des Khediven stammte und bei 
Verkündigung des Belagerungszustandes in Egypten (1. Nov.) dem englischen Vertreter 
erklärt hatte, es bleibe, weU es seine Funktionen aus den Händen des Khediven habe, 
ging ohne weiteres zu dem neuen Sultan über. Auch sonst herrschte in einheimischen 
Kreisen völlige Ruhe während dieser wichtigen Ereignisse. Die unsicheren Elemente, be- 
sonders die Prinzen des Khedivischen Hauses hatte man schon nach der türkischen Kriegs- 
erklärung ausgewiesen. Ein Widerstand der einheimischen Bevölkerung wäre auch 
Wahnsinn gewesen; man hatte sie bis auf die Stöcke entwafl'net (besonders auch die 
Beduinen der lyhischen Wüste). Hinzu kam, daß im Laufe des November gewaltige 
Truppenmassen nach Egypten geschoben wurden. Im Dezember standen 100 — 120 Tausend 
Mann Truppen in Egypten. Die Hälfte waren Australier und Neuseeländer, kräftige 
Gestalten, körperlich außerordentlich gut entwickelt; dazu kamen indische Truppen 
(hauptsächlich am Kanal) sowie Engländer selbst. Dieser verhältnismäßig starken Truppen- 
macht gegenüber wird es den Türken jetzt nicht mehr leicht fallen, über den verhältnis- 
mäßig leicht zu verteidigenden Suezkanal nach Egypten einzudringen. 

Aber über das Schicksal Egyptens wird ja wohl auf den Schlachtfeldern Europas ent- 
schieden werden. Möge die Entscheidung so ausfallen, daß das Deutschtum in Egypten 
einer neuen Blütezeit entgegengehe. ErichMeyer 

Die Jungegypter in Berlin. Am 8. Januar 1915 veranstalteten die in Berlin weilenden 
Egypter, die sich als „Jungegyptisches Nation alkomitee" zusammengetan hatten, 
in Adlons Hotel eine Feier zur Wiederkehr des Tages der Thronbesteigung ihres 
„einzig wahren" Khediven Abbas II Hilmi, wozu sie zahlreiche Freunde ihrer 
Sache eingeladen hatten. Herr Doktor Rif'at [s. über ihn Bd. II .381] begrüßte die Ver- 
sammlung und wies auf die Treulosigkeit Englands hin, das, wie er mit zahlreichen Be- 
weisstücken belegte, wiederholt feierlich die Räumung Egyptens versprochen hatte. Ein 
anwesender Jungtürke versicherte die Versammlung seiner lebhaften Teilnahme. Als dann 
ein Egypter ein arabisches Gedicht „Der Islam und seine Verbündeten" vortrug, fand er 
begeisterten Beifall. Es wurden Drahtungen verlesen an den Sultan-Kalifen, den Khediv 
Abbas Hilmi, den stellvertretenden Generalissimus der Osmanischen Armee Enwer Pascha 
und den Oberkommandierenden in Damaskus Dschemal Pascha. E. H. 

NIEDERLÄNDISCH-INDIEN. 

Die niederländiscli-indischen IMotiammedaner und der Krieg. Der Deutschen Wochen- 
zeitung für die Niederlande und Belgien Jahrg. 23 No. 3 vom 17. Januar 1915 entnehmen 
wir die folgende Mitteilung: Die in Batavia erscheinende führende Eingeborenen-Zeitung 



64 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft i 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinimfiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ I 

„Utasan-Hindia" enthielt vor einigen Wochen mehrere interessante Artikel über die Teil- 
nahme der Türken am cnropäischen Krieg. Der Verfasser, der sich Seorang Islam (ein 
Islamit) nennt, führt aus, der wahre, aufrichtige Islamit könne sich den Mordszenen im 
fernen Westen gegenüber, nicht mehr neutral — im wahren Sinne des Wortes — ver- 
halten, da ja jetzt der Träger des Islams, der Sultan von Istambul, mit in den Krieg ver- 
wickelt sei. Wohl wünsche man nicht zu Taten zu schreiten, durch welche die Neutralität 
der Niederlande Gefahr laufen könne, aber doch sei es nötig, festzustellen, daß Aller 
Sympathie den streitenden Glaubensgenossen und ihren Verbündeten gelte. In politischer 
Hinsicht stehe man in Indien den Türken teilnahmslos gegenüber, aber vom religiösen 
Standpunkt ans betrachtet, hofften die indischen Moslims von Herzen, daß es dem Leiter 
des Gottesdienstes des Propheten gut gehen möge. 

„Alle Islamiten sind Brüder sowohl in der Welt der Lebenden als nach dem Tode!" 
Diese Lelire des Islams nennt der Verfasser das innige Band, welches die Brüder ver- 
knüpft in Not und Gefahr, wenn ihr Glaube in seinen Grundlagen bedroht werde. 

Der Verfasser macht die Zeitungen lesenden Glaubensgenossen auf die vielen Lügen 
anfmersam, die in den Kriegsdepeschen stehen. Die meisten Drahtberichte vom Kriegs- 
schauplatz stünden unter englischem Einfluß, seien parteiisch und beleuchteten die Kriegs- 
lage sehr einseitig. 

Welcher Moslim könne bspw. dem Bericht aus Baku Glauben schenken, nach welchem 
10 000 Mohammedaner in der dortigen Moschee von Allah den Sieg Rußlands über die 
Türken erfleht hätten? 

Wignia Dasuradia pflichtet diesen Ausführungen voll und ganz bei. Er verurteilt den 
Massenmord der Abendländer untereinander und folgert: „Wir, Orientalen, dürfen nicht 
länger dulden, daß wir durch die Abendländer als tiefer stehend betrachtet werden und 
daß unser Gottesdienst, der Islam, als barbarisch bezeichnet wird. Denn der augenblick- 
liche große Krieg hat nachgewiesen, daß sie und ihr Glaube nicht besser sind, als sie uns 
weiszumachen versuchen ..." — 

Niederländisch -Indien und der Dschihad. Wilhelm Weinberg, der 20 Jahre in 
Niederländisch-Indien lebte und die dortigen Verhältnisse gut kennt, schrieb der Vossi- 
schen Zeitung (Nr. 48, Mittw. 27. Januar 1915) folgendes: 

Da die kolonialen Besitzungen der Holländer hauptsächlich von Mohammedanern be- 
wohnt sind, dürfte es von Interesse sein, nachzuforschen, welchen Einfluß der Heilige 
Krieg, in Java „prang sabil" genannt, dort auszuüben vermag. Unter den mohammedani- 
schen Ländern der Welt ist Niederländisch-Indien der Zahl nacli das zweitgrößte. Nur 
England hat noch mehr mohammedanische Untertanen als Holland, während die Türkei 
selbst erst den dritten Platz einnimmt. Was aber die Glaubensstärke betrifl^;, so steht 
Niederländisch-Indien weit zurück; selbst bei Ländern mit einer viel geringeren moham- 
medanischen Bevölkerung spielt der Glaube eine weit größere Rolle, wie z. B. in Persien 
und Afghanistan. Das ist der Grund, weshalb Holland den Heiligen Krieg nicht als eine 
Gefahr für seine Kolonien betrachtet. 

Der größte Teil der in Niederländisch-Indien wohnenden Mohammedaner entfällt auf 
Java, doch sind das im Grunde nur Öcheinmohammedaner, die sich einen eigenen Glauben 
aus einem Gemisch von sehr alten frommen Begriffen und Gebräuchen aufgebaut haben. 
Es besteht weder Einstimmigkeit des Glaubens noch der Rasse oder der Nationalität, da- 
her auch keine leitende Idee für die einzuschlagende Richtung angesichts des Heiligen 
Eöieges. 



Mitteilunoren. Nieder/. -Indien. 65 



Von den Inseln, welche die Holländer die „Briten Bezittingen'' nennen, also Samatra, 
Celebes, Borneo, die Molukken, braucht man schon gar nicht zu reden, da der Islam, 
selbst dem Namen nach, dort nur von lokaler Art ist ; es finden sich nur in bestimmten 
Gegenden Mohammedaner, während enorme Landstriche von Leuten bewohnt werden, 
die eigentlich noch Heiden sind. Dortige Aufruhrbewegungen waren stets gegen die 
Herrscher gerichtet, also gegen die Regierung von Niederländisch-Indien und konnten 
jedesmal mit geringer Streitmacht iinterdrückt werden. Von einem allgemeinen Aufstand 
war niemals die Rede, selbst nicht während des sogenannten Java-Krieges, des größten, 
den es jemals in Java gegeben hat. 

Man kann also damit rechnen, daß in Niederländisch-Indien wenig vom Heiligen Krieg 
zu merken sein wird. Die einzige, nicht sehr große Gefahr besteht darin, daß die Idee des 
Heiligen Krieges von den Straits oder von Mekka aus propagiert werden und in einzelnen 
Bezirken festen Fuß fassen kann. Solche Bezirke sind zum Beispiel Bantum in West-Java, 
ferner einzelne Gegenden in Ost- und Mittel-Java, doch würde dort ein Aufruhr niemals 
im Interesse der Türkei und seiner Bundesgenossen ausbrechen, sondern nur im Interesse 
einzelner Gruppen. 

Übrigens wird Holland wahrscheinlich diplomatische Schritte bei der Türkei getan 
haben, gleichwie Italien solche mit Bezug auf Lybien tat. Einflußreiche Araber und Pilger, 
die von Mekka kommen, werden dann der Bevölkerung wohl berichten, daß Nieder- 
ländisch-Indien nicht am Dschihad beteiligt ist und daß sich die Bevölkerung jeder feind- 
seligen Handlung gegenüber der Regierung von Niederländisch-Indien zu enthalten hat. 
Der Holländer beherrscht beinahe ohne Ausnahme die Sprache der ihm untergebenen Be- 
völkerung, der Engländer aber nur in den seltensten Fällen ; dieser trachtet vielmehr, der 
Bevölkerung einige Brocken Englisch beizubringen, so daß er mit den Leuten ohne viel 
Umstände das sprechen kann, was er braucht. Schon daraus geht hervor, daß das Band 
zwischen der eingeborenen Bevölkerung von Java und den Holländern ein viel festeres 
ist, als zwischen den Engländern und den von ihnen beherrschten Rassen, weshalb, ab- 
gesehen von dem stärkeren Fanatismus in Britisch -Indien, dieses Gebiet durch den 
Heiligen Krieg weit eher bedroht ist, als Niederländisch-Indien. G. K. 



uiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiniiiHi^ 

Die Welt des Iglama, Band UI. 5 



66 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



LITERATUR. 

Islamische Zeitungen und Zeitschriften.' 1. Dscheride'i'iimije. „Die Wissensdiaft- 
liche* Zeitschrift, anitlicbes Organ des llolien Scliaicliurislaniats, erscheint monatlich 
einmal — Die Angelegenheiten der Verwaltung und der Redaktion stehen unter Aufsicht 
des Generalsekretariats des Hohen Schaichurislamats." Jahrgang 1 Nr. 7/8 (Moharrem 
und Sefer 1333), Stambul, Regierungsdruckerei. 

Es liegt hier eine Publikation vor, die eines Sonderinteresses nicht entbehrt. Es gibt 
nämlich bereits eine theologische Zeitschrift von Bedeutung, in der vordem auch Äuße- 
rungen des Schaichurislamats gedruckt wurden: die Zeitschrift sehllürreschäd, die bis 
etwa 1911 unter dem Titel §iräti mustaqim erschien^. Es ist mir nicht bekannt, welches 
die Ursache der Schaffung eines eigenen Organs der obersten geistlichen Behörde ist. 
Nach der Haltung des Sebilürreschäd möchte ich annehmen, daß die Regierung sich durch 
dessen, der scarren Orthodoxie zuneigende Äußerungen nicht binden wollte.* Die beiden 
vorliegenden Nummern sind rein geschäftlich. Nr. 7 bringt alles, was auf den Dschihad 
Bezug hat. Nr. 8 ist ebenfalls gänzlich gefüllt mit Urkunden und Nachrichten amt- 
lichen Charakters: Thronrede des Sultans 481 ff; Antwortadressen der beiden Kammern 
483—486; Fetwas 486— 495 (58, wovon 16 über Eheschließung, Scheidung, Schonzeit, 
mütterliche Vormundschaft, Unterhalt; 19 über Erbschaften, 6 über Waqf, 4 über Schen- 
kungen, 2 über Mandate, 2 über Verschollene, 3 über Verschiedenes, 6 über Grundbesitz); 
Feststellungen des Rates für gesetzliche Spezialfragen (Erläuterungen zu gesetzlichen 
Einzelbestimmungen) 496 ff; besondere Verordnungen des Schaichul'islamats 497 — 500, 
betr. Abhaltung frommer Übungen; Nr. 2 und 3 sind bis auf den Schluß völlig 
identisch; Nr. 1 zeigt nur geringe Abweichungen; es ist unverständlich, wie 
die Muftis von Mekka die Pilger „bei ihrer Rückkehr" zu etwas ermahnen sollen; 

' Der unermüdliche Bouvat hat in der Revue du Monde Musulman seit dem Beginne 
(Ende 1906) regelmäßig über die Erscheinungen der islamischen Presse berichtet; eine 
Zusammenfassung dieser Berichte in Buchform ist dringend erwünscht. Für die arabische 
Presse haben wir jetzt den Anfang einer an EinzeJtatsachen reichen Übersicht in Philippe 
de Tarrazi's arabisch geschriebener Geschichte der arabischen Presse, deren erste zwei 
Teile ich anzeigte Bd. I, 245 ff. und deren dritter Teil mir vom Verfasser schon vor 
mehreren Monaten als der Ausgabe nahe bezeichnet wurde. Hier gebe ich Nachricht 
nur von den wenigen Blättern, die mir zur Hand sind, und aus denen ich eingehendere 
Mitteilungen mache. 

' „Wissenschaftlich" entspricht hier nicht ganz dem Siun. ^ilml ist hier nicht so sehr 
Beziehungswort zu 'iZm als zu 'u/amä', das in der Türkei Bezeichnung der geistlichen 
Beamtenklasse ist, neben milkije, den Zivilbeamten, und.'^ askerlje, den Militärbeamten. 
Diese Dreigliederung aller Staatsbeamten beherrscht die Vorstellung. In diesem Sinne 
bedeutet ^cH(ie't"i7mI;«: „die Zeitschrift der Ulema", d.h. des geistlichen Standes. 

^ Siehe darüber hier S. 68. 

* Ich höre, daß umgekehrt die Redaktion ihre Freiheit gegenüber der allzu liberalen 
Kirchenleitung sich wahren wollte. Es soll gelegentlich zu Zusammenstößen gekommen 
sein [Korr.-Note]. 



Literatur'. Islamische Zeihingen usw. 67 



man hat den Eindruck , daß diese Stücke vollkommen mechanisch nach einem 
Schema zusammengestellt sind; Nr. 5 erteilt dem mit den Söhnen znm Dschihad 
eilenden (uns schon bekannten s. S. 36) schaffitischen Mufti von Medina 'Ulwi 
Bäfaqih einen Urlaub von drei Monaten und gewährt ihm freie Fahrt auf der Hidschaz- 
bahn; Nr. 6 weist „einige Muftiämter" an, den Buchäri zu verlesen und zwar wird einem 
jeden eine bestimmte Anzahl von Chatms zugewiesen mit Berechnung des ganzen 
Buchäri zu 120 Chatm)'; allgemeine Verordnungen 500 — 504 (Verwaltungsanweisungen; 
auch Verbot an die Beamten, über die amtlich wahrgenommenen Geheimnisse 
zu sprechen mit besonderem Bezug auf Heer und Flotte); Ernennungen 504 — 526; 
vier Urkunden betr. die Erteilung des Kaiserlichen Diploms {beräti serif) an den Richter 
der Hauptstadt der Provinz Adrianopel Sulaimän Sirri Eflendi; das Diplom selbst, vom 
19. Moharrem 1333 ist in dem bekannten schwülstigen Kurialstil abgefaßt; es hat nur die 
Tughra über sich; dagegen ist der Allerhöchste Erlaß betr. die Diplomerteilung vom 
Sultan gezeichnet und vom Schaichul'islam gegengezeichnet; bei den Ernennungen fällt 
auf, daß Türken aus rein türkischen Gegenden in rein arabische gesandt werden; bei den 
meisten Ernannten ist bemerkt, daß sie die „Richterschule" {medreset elqudät, identisch 
mit dem mit allimchane'i nüwäb S.504 apu, in der Umgangssprache kurz mektebi nüwäb 
[die amtliche Bezeichnung für Richter ist meist nicht qädl, sondern nä'ib]) absolviert 
haben; es sind auch die Ernennungen zu den geistlichen Graden (machrag päje, izmlr 
päjeH mugerrede usw. verzeichnet, auck-die Ernennungen zu Predigerstellen; der 
Abschnitt gewährt einen guten Einblick in die Kirchen- und Justizverwaltung der Türkei; 
S. 516 f. werden die Unterpredigerstellen aufgeführt, die vergeben wurden. Sie sind nach 
den Moscheen in Konstantinopel und Umgegend geordnet. Mit diesen „Unterpredigern" 
(waiz) verhält es sich so : jede Dschämi' (Moschee mit allgemeinem Freitagsgottesdienst) 
hat einen Chatib „Hauptprediger", der am Freitag eine chutbe in arabischer Sprache 
zu halten hat; da das türkische Publikum diese Rede nicht versteht, wirkt ein waiz oder 
kursl saichy mit, d. h. ein Geistlicher, der die Rede des Chatib, namentlich die Koran- 
steUen ins Türkische übersetzt. — Unter den Moscheen, die in der Liste aufgeführt sind, 
befindet sich eine chirqa'i seädet gämii serlß, d. h. die Moschee des Stadtviertels 

' Mit den nach S. 500 Anm. zu verteilenden 120 Chatms des Buchäri verhält es sich so : 
es wird im Osmanischen Reiche jeden Monat der ganze Buchäri 120 Mal gelesen, und 
zwar werden diese Lesungen unter die Muftis verteilt, d. h. es werden einem Mufti zwei, 
einem andern drei, einem andern fünf oder sechs Lesungen zugeteilt; der Mufti verteilt 
dann wieder diese Lesungen auf eine große Anzahl von Leuten, ähnlich wie das Chatm 
des Korans auf dreißig Personen verteilt wird, von denen jede eines der dreißig Dschuz' 
zu absolvieren hat; nach meinem Gewährsmann ist das Sahih des Buchäri nicht in ent- 
sprechender Weise in Dschuz' eingeteilt, sondern die Bäh werden verteilt; so ist die fünf- 
malige Lesung des Buchäri in einem Monat ohne Schwierigkeit zu bewerkstelligen, wenn 
nur genug Leute da sind, die sich in das Ganze teilen. Der Zweck der Einrichtung ist oifen- 
bar, daß beständig eine größere Anzahl Personen veranlaßt werden sollen, die Sammlung, 
die ein Bild von dem Leben und Wesen des Propheten gibt, anzusehen ; es ist keine Frage, 
daß dabei nur ein ganz mechanisches, für das innere Leben völlig wertloses Treiben 
herauskommt. Die Leser erhalten übrigens einen Entgelt nicht; es ist also anders wie 
bei den Messen, von denen eine Anzahl von frommen Leuten für die Seelen Verstorbener 
gestiftet werden ; so erhalten z. B. bedürftige maronitische Geistliche in Syrien Messen 
zugewiesen (die Messe 1 franc). 



68 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft i 



Chirqa'i Se ädot, benannt nach dem in seiner Moschee verwahrten Mantel des Propheten 
(vom Volke chirqa'i ser'if genannt), der zwar weniger Ansehen genießt als der Heilige 
Mantel im Top Kapn Serai, dessen Schrein erwähnt ist S. 19, aber doch von dem ge- 
meinen Volke mit großer Ehrfurcht betrachtet wird. Das genannte Stadtviertel liegt in 
der Nähe des Edirne Kapusu (Adrianopeltores). Nach S. 520 wird jetzt in den theologi- 
schen Lehranstalten anch in Geographie nnd Geschichte unterrichtet; so ist dem be- 
kannten Kankasier Aglia Oghli [Agajefi] Ahmed der Unterricht in der allgemeinen Welt- 
geschichte und der Geschichte der Türken in der 1. und 2. Sektion der 3. Klasse der 
Oberstufe der „Medrese von Konstantinopel" übertragen; Anerkennungen 526; Amts- 
entsetznngen durch den Rat der frommen Stiftungen süräji ewqüf) 527 f. 

2. Chäwer [der Osten] — Konzessionär Saijid Hasan — Hauptschriftleiter und Ge- 
schäftsleiter S. M. Tewfiq — Erscheint einmal wöchentlich in Stambnl. — Abonn. im 
Auslande 17 frs. (franz. Titel: Khavar — Directeur, proprietaire S. Hassan). Nr. 1 vom 
23. Schauwal 1332/14. September 1914. 

Das persische Wochenblatt Schems, das viele Jahre in Konstantinopel erschien und 
gern gelesen wurde, hat eine Wandlung erfahren : es erscheint jetzt unter dem Namen 
Chäwer in größerem Format (42 X 29 cm). Der Besitzer und Direktor Saijid Hasan ist 
der alte Besitzer von Schems, Anch Chäwer hat die weiteste Verbreitung und wird bis 
nach Indien gelesen. In Stambul ist er Mode bei den gebildeten Türken, bei denen immer 
noch Persisch eine gewisse Rolle spielt.' Mir liegen davon vor Nr. 1 — 22. Der Inhalt 
des Blattes ist mannigfaltig. Von dauerndem Werte als Zeitbilder sind die Original- 
korrespondenzen aus Indien und Afghanistan. Mit diesen Ländern hat der Hauptschrift- 
leiter Tewfiq, ein aus Basra gebürtiger Schi'it, der auch Europa besucht hat, gute Ver- 
bindungen. Auch werden Auszüge gegeben aus weniger bekannten orientalischen Blättern, 
wie aus dem in Kabul erscheinenden afghanischen Sirädsch ul'achbär. Die Haltung ist 
der türkischen Regierung und Deutschland freundlich. Zahlreiche Auszüge gab ich unter 
„Persien, Afghanistan und Indien" hier S. 48ff. Martin Hartmann 

SebTIürreschäd. 

Diese Zeitschrift, die man wohl als das Organ der orthodoxen islamischen Theologen 
Stambuls bezeichnen kann, trat mit Nummer 313 vom 24. Zilhidschsche 1332 [12. No- 
vember 1914] in ihren dreizehnten Jahrgang ein (bei dieser Zählung ist nicht beachtet, 
daß Sebilürreschäd bis vor etwa drei Jahren unter dem Namen Siräti Mnstaqim erschien). 
Zu dem Schaichul'islamat hat die Zeitschrift keine Beziehungen; sie will sich ihre völlige 
Freiheit wahren; früher hat sie gelegentlich gegen das Schaiclinrislaraat Stellung ge- 
nommen; das kann nicht Wunder nehmen, denn das Schaichul'islamat ist seit der 
Revolution mit Männern der Komiteepartei besetzt, die den religiösen Liberalismus 
markiert. Ich gebe den Inhalt der ersten vier Nummern etwas ausführlicher, um später 
nur die Hauptartikel zu behandeln. 

No. 313 enthält zunächst eine Einführung -zum neuen Jahrgang, in welcher die Richtung 
des Blattes kurz skizziert wird; es wird da geeifert gegen „künstliche Strömungen 
wie Nationalismus und P^ankenanbetung" (ans persönlicher Unterhaltung kann ich 
ergänzen, daß diesen Leuten die verdienstvolle Tätigkeit Mehmed Erains ein Greuel ist; 

' Die Stellung des Persischen in der Erziehung der türkischen Jugend wirkte geradezu 
verhängnisvoll; so klagte der türkische Staatsmann 'Ali Pascha, seine Erziehung habe 
Rchwer gelitten unter dem Einpauken der 60 000 Verse des Schahname. 



Literatur. Sebilürreschad. 69 



zum Haß gegen den nationalen Gedanken siehe auch No. 314 No. 6, hier unten). Die 
Nummer enthält: 1. eine Abhandlung über Koran 8, 19: „Wenn ihr Sieg wünschet, nun, 
der Sieg ist schon da" (S. Ib — 4b), Übersetzung eines arabischen Flugblattes, das in 
Egypten an die Muslime verteilt wurde. — 2. eine Abhandlung über Koran 17, 17 : „Wenn 
wir eine Ortschaft vernichten woUen, so befehlen wir ihren Lüstlingen, und sie sündigen 
dann darin; so erfüllet sich dann unser Wort darüber und wir stürzen sie um" (S. 4 b bis 
6a); der Sinn der Abhandlung ist in dem Inhaltsverzeichnisse auf dem Titelblatte be- 
zeichnet durch die Worte: „derWilleGottesistgerichtetauf die Vernichtung des englischen 
Landes;" die Abhandlung schließt sich an einen Ausspruch des im ganzen islamischen 
Orient sehr geschätzten Sir John Lubbock an. — 3. „Ein schwarzer Punktim Osten: die 
Briten" (S. 6a — 7b), Artikel des Egypters 'Omar Eidä, anknüpfend an den Titel eines 
Buches von Strickland und einen Vers Byrons an seine Nation: „Glaube, daß du eine 
unrühmliche Nation bist"; es wird die Gerechtigkeit des Autors anerkannt, der seinen 
Landsleuten ihre Heuchelei vorwirft, daß sie, um die hohe Zivilisation des Christentums 
zu verbreiten, tötUche Waffen anwenden, wie den giftigen Alkohol. — 4. „W^ie stieg 
Afghanistan zu der heutigen Stufe empor?" von einem Afghanen (S. 7 b — 8 b); ein kurzer 
Überblick über die Geschichte des Landes, schließend mit dem Worte aus der bekannten 
afghanischen Zeitung Sirädsch al'achbär: „Von nun an hat Afghanistan in keiner Weise 
etwas von den Regierungen Rußlands und Englands zu fürchten." — 5. In einer kurzen 
Notiz am Schluß (S. 8 b) verbittet sich die Redaktion energisch das Verhalten der Zeit- 
schrift „Islam", die sich bei Behandlung wichtiger juristischer Fragen Angriffe erlaubt 
habe; in dieser kritischen Zeit müßten alle Muslime gegen die gemeinsamen Feinde zu- 
sammenstehen ; man werde vorläufig schweigen, aber nach dem Kriege werde man ab- 
rechnen. 

Nr. 314 vom l.Moharrem 1333 [= 19. November 1914]. 1. Tefsir-Artikelüber Kor.9,41 
„Ziehet aus, Leichte und Schwere, und kämpfet mit eurem Vermögen und eurem Leben 
auf dem Pfade Gottes; dieses ist euch besser, wenn ihr es wisset", von Mohammed 
Fachreddin (S. 9a — ^lla); feiert in bewegten Worten die Verkündung des Dschihad als 
Pflicht. — 2. Tradition-Artikel (S. lla/b); es wird angekündigt, daß von nun an regel- 
mäßig den Traditionen über den Dschihad ein Abschnitt gewidmet sein werde; dieses 
erste Stück, das vier Traditionen mit paraphrasierender Übersetzung und Angabe der 
Quelle (jedoch nur in allgemeiner Weise) gibt, ist unterzeichnet: Ahmed Na'im. — 3. die 
Heiligen Fetwas (S. 12a — 13b); es werden zunächst die bekannten fünf Fetwas ab- 
gedruckt; es folgt darauf Bericht über die feierliche Verlesung in der Fätih-Moschee; im 
wesentlichen übereinstimmend mit der Darstellung im Sabäh (s. hier S. 20), doch etwas 
kürzer. — 4. die Proklamation des Kalifen (s. hier S. 7 ff.) und die Erklärung des Stell- 
vertretenden Oberkommandanten Enwer S. 14b — 15a (s. hier S. 9 f.). — 5, Druckwerke 
und Presse (S. loa — 16b): a. ein Artikel des Sabäh vom 3./16. November 1914 über die 
Pflicht der Presse, die Bedeutung der Dschihad allgemein verständlich zu machen, 
b. Äußerung der Zeitschrift über die Verkündung des Dschihad, c. sijäsetiislämäje „Islam- 
politik" : Auszug aus einem Sabäh- Artikel vom 2./ 15. November, in welchem bitter darüber 
geklagt wird, daß die Osmanische Regierung die gewaltige Politik aufgegeben habe, die 
Selim I bei Übernahme des Kalifats inaugurierte, wobei er sich als Diener der Heiligen 
Stätten bezeichnete; dieses Aufgeben allein sei schuld an der Zerstückelung des Reiches. 
„Wir haben das schon immer gesagt", schließt der Artikel, „wer für das Reich eine andere 
Form, ein anderes Leben als den Islam sich phantastisch konstruiert, der ist ein Verräter 
oder ein Narr." — 6. „Rückkehr zur Basis der islamischen Einheit" (S. 16 und Umschlag 



70 Die Welt des Islams, Baiid III. igi5, Heft i 



S. 3): gegen die Nationalisten, deren Gedankengang dahin zusammengot'aßt wird, daß das 
religiöse Empfinden heutzutage nachgelassen habe, und daß deshalb das religiöse Band 
uns kein Helfer sein könne. Es werden dagegen zwei Artikel von Ahmed Agha Oghlu 
[Agajeff] angeführt, die sicli in Terdschiimäni Haqiqat Nr. 12 0ü4 und 12 067 (vom 29. Ok- 
tober; 11. November 1914 nnd 1./14. November 1914) finden. 

Nr. 31.Ö vom 7. Moharrem 1333 [26. November 1914] enthält: 1. Sammlang von Haditen 
von Ahmed Na'im [vgl. 314 Nr. 2]; es sind acht Stück, wiederum mit Angabe der Quellen. 

— 2. Die Erklärung, die ich S. 11 nach anderer Quelle gab. — 3. Die Eisäle des Schaich 
Sälih über den Heiligen Krieg, die in Dschihäni Islam in türkischer Übersetzung mit- 
geteilt ist (vgl. S. 72). — 4. „Die Eroberung Indiens durch die Afghanen ist nahe" : 
wichtiger als die billij^en Prophezeiungen, die mit etwas Geschichte geschmückt sind, ist 
die Betonung des wirtschaftlichen Elements; es wird die in Stambul gern erzählte kleine 
Geschichte berichtet, wie der Emir Habibulläh von Afghanistan den ewigen Zank zwischen 
Muslimen und Hindus aus der Welt schafl'te : „Ihr lebt doch nun einmal in einem Lande 
zusammen, und euer Handel und Wandel ist gemeinsam, ärgert doch nicht die Volks- 
genossen! Unser Gesetz ist weit: ihr könnt statt des Ochsen ein Kamel oder ein Schaf 
schlachten"' ; seitdem haben die Zänkereien bei den beiderseitigen Festen (die Hindus 
warfen den Muslimen aus Rache für das Ochsenschlachten Schweineschädel beim großen 
Fest in die Moschee, S. 24 b) aufgehört. 

Nr. 316 vom 14. Moharrem 1333 [3. Dezember 1914] enthält aoßer Haditen nur Kriegs- 
artikel. Bemerkenswert ist nur der Aufsatz: „Das religiöse Empfinden bei den Truppen" (aus 
Sabäh abgedruckt), unterzeichnet „Ein unschuldiger Einheitsbekenner" [der Verfasser ist, 
wie ich aus guter Quelle höre, Sämih Schä'ir, früher Wali von Trapezunt]; natürlich will 
der Verfasser von den nationalen Gedanken nichts wissen ; was die Türkei groß gemacht, 
sei 1. die militärische Erziehung, 2. das religiöse Empfinden. Das wird in der gewohnten 
Weise mit Beispielen aus der osmanischen Geschichte be egt, d. h. es werden alle Erfolge 
der Frömmigkeit der Herrscher zugeschrieben. Es ist eine vollkommen naive Auffassung, 
die sich hier kundgibt, die aber in ihrer schlichten überzeugtheit und in ihrer kräftigen 
einfachen Sprache sympathisch berührt. 

Nr. 317 vom 21. Moharrem 1333 [10. Dezember 1914]. Türkische Übersetzung eines 
arabischen Artikels des bekannten egyptischen Agitators ' Abdal'aziz Tschawisch (politisch 
Gegner der Nationalisten und Vertreter engerer Anlehnung an die Türkei); der Artikel ist 
gedacht als Aufruf an die gesamte Islamwelt und bestimmt als Flugblatt überall verteilt 
zu werden; er wendet sich besonders scharf gegen die „Leute des Kreuzes", die Un- 
gläubigen, die „die Moscheen der Vielgötterei geweiht haben, die ihre Geistlichen auf die 
Kanzeln gesetzt haben und an den Minaiets ihre Glocken angebracht haben. — Bericht 
über einen vor überfülltem Hause unter größtem Beifall gehaltenen Vortrag des Führers 
der egyptischen Nationalpartei Mohammed Ferid Boy über die Einheit des Islams; es 
wird festgestellt, daß die fremden Intrigen nicht imstande waren, zwischen den Arabern 
und der Osmanischen Zentralregierung eine Spannung hervorzurufen. — Ein wüster 
Hetzartikel, fast nur in Ausrufungen bestehend, ist „Ruf zum Dschihad" von M. W. ; 
auch hier erscheinen die „an den Moscheen aufgehängten Unglücksglocken, deren unheil- 
volle Töne den Engeln und dem reinen Geist unserer Vorfahren im Himmel Arger bereiten." 

— Am Schluß der Nummer werden Notizen über die Dscliiliädbewegung zusammen- 
gestellt: 1. Die Briten suchen für Geld Leute, die sterben wollen, und bieten in einer in 
Aden publizierten Erklärung zwölf Pfund; es hat sich aber niemand gemeldet ; dagegen 
hat daraufhin der Imam Jahjä durch ein zweites Flugblatt zum Dschihad gerufen. — 



Literatti?'. Sebilürreschad. 71 



2. Unter den Zaidi-Ötämmen des Öaijid Zubair hat der Schaich von Qa'taba Abdarrahman 
20 000 Mann zusammengebracht, die unter seinem Kommando auf Aden marschieren; 
es ist zunächst ein Austurm auf die Grenzwachtposten Qa'ra und'Aqla gemacht worden 
bei denen die Briten große Verluste hatten; Schaich Abdarrahmau hat die Beduinen im 
Dienste der Briten durch eine Proklamation zum Dschihad aufgefordert. 

Nr. 318 vom 29. Moharrem 1333 [17. Januar 1915], „Wie erwarten die Feinde des 
Islams von den Muslimen Treue?" wendet sich gegen die britische und französische Be- 
hauptung zuverlässiger Anhänger unter den Muslimen; es werden als die von jenen 
Gekauften namhaft gemacht: Agha Chan, der britische Schmarotzer in Paris, Mohammed 
Bey Wähid, ein „Adliger" aus dem Senegal in Paris und der Schaich von Marighna^ in 
Kairo ; diese Personen arbeiten mit Proklamationen, die aber auf die Islamwelt keinen 
Eindruck machen. Der Artikel ist unterzeichnet S. M. Tewfiq. — In „Das Echo des 
Dschihad in der europäischen Presse" werden die unerhörten Schmähungen des Islams 
und des Kalifats durch die französische und englische Presse als das Innere dieser Zivili- 
sierten zeigend hervorgezogen. Die Italiener, heißt es dann, haben seltsame Wandlungen 
durchgemacht: zuerst betrachteten sie die Teilnahme der Türkei am Weltkriege als etwas 
Bedeutungsloses und meinten, die OsmanUs hätten in Egypten nichts zu suchen; seit der 
Dschihad-Erklärung aber haben sie sich gemäßigt und suchen sich mit den Tatsachen 
abzufinden. — Mitteilung aus einem Artikel des Tasfiri Efkär vom 30. 12. 14 [12. 1. 15], 
in welchem die Identität des heute verfolgten Zieles mit dem Leitgedanken des Sultans 
Selim I festgestellt wird. — Auszug aus dem später wiederzugebenden Artikel „Islam- 
politik" des „Unschuldigen Einheitsbekenners" in Sabäh vom 16. 12. 14, der mit Recht 
hier als bedeutsam und beachtenswert bezeichnet wird. Man sieht, wie solche Äußerungen 
in weite Kreise dringen und die öffentliche Meinung beeinflussen. — Eine Äußerung des- 
selben Anonymus in Sabäh Nr. 9076 gibt Anlaß zu einem Warnungsruf. Es hieß da 
„der nationale Parteigeist, der die primitiven Völker mit Leichtigkeit vereinigt, be 
günstigt die Bildung einer Macht, die bei jedem Umschwung in den Verhältnissen das- 
Bedürfnis fühlt, um persönlicher Interessen willen zu zerschmettern und loszuschießen." 
Sebü bemerkt dazu: „Das i?t auch der Punkt, der beweist, daß im Islam der Anspruch 
der Nationalität unzulässig ist; die unbewußt sich in diese Strömung reißen lassen, mögen 
den wahren Zustand erkennen; die bewußt jene nichtigen Ansprüche züchten, mögen sich 
nicht in dem Glauben wiegen, daß ihre Ziele von den Einheitsbekennern des Volkes nicht 
deutlich erkannt werden." Diese scharfe Äußerung gegen die türkisch-nationale Partei, 
die in Mehmed Emin und Aktschura Oghli Jusuf ihre markantesten Vertreter hat, ist 
bedauerlich; es sollte doch in dieser schweren Zeit Burgfriede herrschen zwischen Panisla- 
mismus und Panturkismus (um mit diesen, nicht ganz richtigen Schlagworten die Gegen- 
sätze zu beleuchten). Die nebelhafte Allislamidee ist die Ursache, daß das echte Türken- 
land, Anatolien, das zur wichtigsten Machtquelle für die Türken berufen ist, bis zum 
äußersten Euin herabgewirtschaftet wurde. — Auch hier wieder am Schluß Dschihad- 
Notizen: Saijid Idris, der Sohn des Senusi ist mit Saijid Mahdi in Medina eingetroffen; 
sie werden mit den andern Senusis am Glaubenskriege teilnehmen. [Nach andern Nach- 
richten ist die Haltung des Oberhauptes der Senusis unsicher]. 

Martin Hartmann 

' marighnä{l) saichina; nach Angabe eines orientalischen Freundes ist die Aussprache 
des Ortes, der in Egypten liegen soll: marighna; der Mann soll gewöhnlich AlmarighnJ 
genannt werden. 



72 Die Welt des Islams, Band III. ipiß, Heft i 



Dschihäni isläm No. 21 

vom 7. Moli.irrom i;^33 [= 25. November 1914], Stambtil, Druckerei Osmanije. Der 
genaue Titel ist: yihäni isläm — aCälam aVislämi — 'arabl turkl urdU — taht 
himäjat algamija alchairlja aVislämtja „Die Welt des Islams, arabisch, türkisch 
und indisch, unter dem Schutze der islamischen Wohltätigkeitsgesellschaft". Die Zeit- 
schrift erscheint jeden Donnerstag. Diese Nummer ist ein Heft von "24 Seiten, von denen 
je 8, besonders paginiert, der arabischen, türkischen und Urdu-Ausgabe gewidmet sind. 
Der Inhalt der drei Ausgaben ist aber nicht identisch. Nur in der arabischen und der 
Urdu-Ausgabe finden sich der Aufruf des Kalifen-Sultans und Enwer Paschas. Die 
türkische Ausgabe hat nur drei Artikel: 1. eine Abhandlung des Schaich Sälih Aschscharif 
Attünisi [nichtaus Tripolis wie S. 21] S. 1 — 6'. — 2. Der Dschihad und die Afghanen S. 7 f., 
auch in der arabischen Ausgabe ; es wird hier nach einigen historischen Notizen 
über den Haß der Afghanen gegen die Briten von einer britischen Intrige berichtet. Das 
Volk sollte verführt werden durch Flugschriften, die sie von einigen Verblendeten mit 
„N. N. 'Izz al'isläm'' und „N. N. Fachr al'isläm" unterzeichnen ließen; das half ihnen aber 
nichts, und sofort nach Verkündung des Dschihad durch den Kalifen griffen die Afghanen 
zu den Waffen. — 3. „Eine Moschee in Berlin", unterzeichnet „Der Inder Abu Sa'id' Arabi" ; 
offener Brief an den deutschen Botschafter von Wangenheim, so lautend: „Sicherlich 
werden künftig alle jungen Muslime infolge des Falles des an dem Blute der Muslime 
saugenden verräterischen England in Deutschland ihre Studien treiben; die jungen 
Muslime Indiens beobachten streng die religiösen Vorschriften ihrer Religion ; so muß 
denn in Berlin eine Moschee errichtet werden. Eine solche Moschee würde natürlich 
nicht bloß den jungen Indern zugute kommen, sondern würde sämtliche Muslime erfreuen 
und ein ewiges Denkmal für unsere Verbrüderung darstellen. Es ist nicht nötig zu 
bemerken, daß ein solches Werk sich aufbauen würde auf den herzlichen Beziehungen 
zwischen dem Erhabenen Kalifat und Ihrer Hohen Regierung." 

Der arabische Teil enthält: 1. Aufruf des Kalifen zum Dschihad. — 2. Armeebefehl 
Enwer Paschas. — 3. Die fünf Fetwas. — 4. „Vorwärts! so ist das Heil unser!" : ein glühen- 
der Aufruf, dem Imam anzuhangen in dem großen Befreiungskampfe von britischer und 
russischer Tyrannei. — 5. „Und kämpfet um Gott den wahren Kampf" (Kor. 22,77) von 
Ismä'il Labib S. 6f. ; Schreiber ist ein angesehener Egypter, wie die einleitenden Worte 
besagen; in Worten voll heiligen Zornes schildert er die Gewaltsamkeiten, denen die 
Muslime aller Länder von ihren Tyrannen ausgesetzt waren; als ruhmreiches Beispiel 
unabhängigen Sinnes führt er die Aufständischen von Südafrika an ; auch im Islam gab 
es Helden, wie jenen Fidä'i, der den Feind des Lslams und der Muslime niederschoß. 
Der Verfasser preist ferner die großen Imame in Persien, die das Volk zum Dschihad 
rufen gegen ihre russischen Feinde. Schmerzlicii spricht er sich aus über sein Heimatland 
Egypten, dessen Gelehrte nur träumen von Ämtern und Geld und vollständig die Pflichten 
des Kampfes gegen die Ungläubigen vergessen haben, auch das Aussprechen des Wortes 
„Vaterland" vergessen haben; die W^issenschaft allein genügt eben nicht zum Aufstieg 
der Völker und unsre Führer müssen auf die Charakterbildung der Nation hinarbeiten. 

' Diese Abhandlung ist in Übersetzung aus dem arabischen Original heraiis<;egebon von der 
Deutschen Gesellschaft für Islamkunde u. d.T. : „Schaich Salih Aschscharif Attünisi. Die 
Wahrheit über den Glaubenskrieg. Übersetzt von K. E. Schabinger, mit einem Geleit- 
wort von M. Hartmann und mit dem Bilde des Verfassers." Berlin, Dietrich Reimer (Ernst 
Vohsen), 1915. 



Literatur. Dschihäni islam tistv. 73 



— 6. „Der Dschihad und die Afghanen" ; auch im türkischen Teil, vgl. oben. — Von 
dem Urdu-Teil kann ich nur sagen, daß er sich im Inhalt beinahe deckt mit dem arabischen 
Teile; er enthält aus ihm Nr. 1, 2, 4 und 3; dann folgen noch zwei andere Stücke, mit 
denen dieser Teil allein steht. Martin Hartmann 

M[ehmed]SchemsüddTn',2?(Zme<c?6wwfZra [Aus Dunkel zum Licht]. Zweiter 
Druck. Bibliothek des Sebilürreschäd Nr. 6. [Konstantinopel] Druckerei 
„Tewsfi Tiba at" 1332 [1914]. 

Das Buch war bei seinem ersten Erscheinen ein Ereignis für die Welt von Stambul, 
die an den Dingen des Vaterlandes Interesse nimmt. Ein im öffentlichen Leben stehender 
Mann, der in weiteren Kreisen bekannte Mehmed'Äkif, Hauptschriftleiter der Theolo- 
gischen Zeitschrift Sebilürreschäd (Bericht darüber s. S. (58 ff.), gab dem Werke ein Geleit- 
wort mit, Worte eines warmherzigen Patrioten, der es mit Dank begrüßt, daß hier vor 
breiter Öffentlichkeit der Finger auf die Wunden gelegt wird, aus denen die Türkei blutet, 
damit es zu einer inneren Erneuerung komme. 

Das Werk selbst zerfällt in 50 Abschnitte, meist nur von wenigen Seiten. Eine zen- 
trale Stellung nimmt das Kapitel ein, das sich gegen den modernen Betrieb des Islams in 
der Türkei richtet und diesem die großen Errungenschaften des Islams der älteren Zeit 
auf allen Gebieten gegenüberstellt : „Was unsern Fortschritt hindert, ist nicht der Islam, 
sondern das uns gelehrte Muslimtum (müslimänlyq/' — das ist das die schärfste Kritik 
übende Wort, das an der Spitze des längsten Kapitels (S. 98 — 157) steht, und um das sich 
die andern Abschnitte allgemeinen Charakters gruppieren, wie „Das Leben ein Kampf" 
(S. 46 ff), „Die Notwendigkeit der Religion" (S. 55 ff), „Der Islam ist nicht der Feind der 
Wissenschaft, vielmehr ihr entschlossener Beschützer" (S. 73 ff), „Die Religion des Islams 
ist sittliche Vorzüglichkeit" (S. SO ff), „Die Degeneration der wissenschaftlichen Diszi- 
plinen und das Versinken der Muslime in Unwissenheit" (S. 165 ff). Der falsche Islam, der 
hier an den Pranger gestellt wird, ist der der die große Rolle spielenden Männer in Ulema- 
Kleidern, Derwischkostümen und Schaichgewand, die, ohne alle Kenntnisse, die Stellen 
der wahren Wissenden und berufenen Führer an sich gerissen und eine große Menge von 
Absurditäten und Ketzereien (bid'at, Neuerungen) verbreitet haben. Der wahre Islam 
habe der Welt die größten geistigen und sittlichen Werte geschenkt, und zum Beweis des 
letzten Satzes werden nicht weniger als 54 Seiten mit Übersetzungen aus dem bei den 
Muslimen sehr beliebten Buche von Drap er „Geschichte der intellektuellen Entwicklung 
Europas" gefüllt, wahrscheinlich einfach abgedruckt aus der von Ahmed Midhat [s. 
meine Unpolitischen Briefe [Islamischer Orient Hl] S. 70 und 208, wo eine Charakteristik 
dieses Mannes] hergestellten türkischen Übersetzung des Werkes. Diese Übersetzung des 
unkritischen Werkes hat schweres Unheil angerichtet unter den Muslimen ; denn es hat 
sie in eine völlig falsche Auflassung der wahren Zustände hineingerissen. Sie werden vor 
allem darüber getäuscht, daß die wenigen Denker des Islams, die die Wissenschaft selb- 
ständig gefördert haben, fast ausnahmslos Arier waren, also nichts zu tun hatten mit der 
Nation, die im Islam selbst als Hauptträger des Islams angesehen wird, und daß diese 
Männer fast ohne Ausnahme gerade wegen ihrer besseren Leistungen von den islami- 

' Der Verfasser, geboren in Stambul, erwarb seine ersten Kenntnisse in seiner Vaterstadt; 
dann studierte er zwei Jahre in Paris. Sein Spezialfach ist Mathematik. Gegenwärtig ist 
er Rektor des Gelebewi-Gymnasiums in Stambul. 



74 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



sehen Grnppoa derselben Gesinnung wie die heutigen Islamfiilirer auf das heftigste ver- 
folgt wurden ; ferner, daß die Herabsetzung der Frankenwelt gegenüber einer früheren 
hohen Kultur der Islamvölker mißverständlich ist, daß vielmehr im Mittelalter in Südeu- 
ropa Kulturzentren bestanden, die in Wissenschaft und Kunst (diese fiel ja im damaligen 
Islam fast ganz aus) sehr Erhebliches leisteten. Darin aber hat der Verfasser vollkommen 
Recht, daß mit dem gegenwärtigen Tiefstande der Islamwelt der Islam als Religion nichts 
zn tun hat. 

Nicht übersehen werden darf, daß in diese allgemeinen Abschnitte wichtige Tatsachen- 
sehilderungen eingestreut sind wie die der Gassen Stambuls und des nichtsnutzigen, 
äußerlich und innerlich schmutzigen Kaffeehauslebens, es sind da gut charakterisierende, 
dem Leben abgelauschte Verse des'Äkif Bey (identisch mit dem Geleitwortmann Mehmed 
'Äkif (s, S. 73) zitiert (S. 62—69), aus dessen safahätK 

Von einer anderen Seite her wird der moderne türkische Islam beleuchtet in den Ka- 
piteln über Kaza we Kader (qadü'waqadar) (S. 351 — 380) und über das Idschtihäd (S. 381 
bis 405). Das sind die beiden Grundfragen, über die heute in der ganzen islamischen Welt 
noch ebenso lebhaft disputiert wird wie zur Zeit Asch'aris und Ghazälis, und wie in un- 
serem Mittelalter über Praedestinatio und Liberum Arbitrium und in gewissen Kreisen 
noch heute über die freie Forschung. Der Verfasser möchte gern weiter kommen, er 
steckt aber noch so stark in den Banden des Dogmas, daß ihm der Bruch nicht möglich 
ist. Anzuerkennen ist, daß der znr Selbstvernichtung führende Fatalismus, wie er die 
Massen in der Türkei beherrscht, aufrichtig bekämpft wird.^ Es heißt da z. B. in dem Ab- 
schnitt: „Ist die Frage von Kaza und Kader im Islam gleichbedeutend mit Fatalismus?" 
(S. 354 — 363), daß im Islam das Gedankenlose „was sollen wir tun? das Kader ist nun 
einmal so", überwogen hat und daß die Denker Europas das benutzen, um Zwietracht 
zwischen den Muslimen zu säen; man habe gesagt: der Glaube an Kaza und Kader wider- 
streite dem Fortschritt, und alle Bemühungen der Muslime seien fruchtlos, solange sie 
ihre Religion nicht aufgeben; die Oberflächlichen, die die Religion des Islams gar nicht 
kennen, lassen sich durch solche Schlagworte verwirren (S. 356). Die frommen Muslime 
der früheren Jahrhunderte seien in Handwerk und Handel die Lehrer der Zeitgenossen 
gewesen (S. 358). Schon Mohammed 'Abduh' habe sich gegen die Verleumdungen der 
Westlinge gewehrt. Die Schuld für das Eindringen falscher Auffassungen wird dann auf 
die Mewäli aus dem Romäerlande und Fersien gewälzt, die sich in islamischem Gewände 
in das Islamland einschlichen, ihren Zank und ihre Heuchelei ausspritzten, und mit ihren 

' Von i: m noch Verse S. 50 und 398; S. 62 ist er als „sozialer Dichter" bezeichnet. Bei 
Zusa iimenkünften mit ihm in Berlin, wo er sich im Dezember 1914 und Januar 1915 auf- 
hielt, erklärte er selbst mir, daß sein Hauptinteresso nach der Beobachtung des Lebens 
liege, und es kleide sich ihm das alles leicht in Verse, während es ihm schwer falle, in 
Prosa zu schreiben (ben nätir dejilim). Die Proben bei Schemsüddin lesen sich leicht; 
die Verse sind metrisch, aber in einer einfachen Sprache. — Ich erwähnte den Mann 
Unpolit. Briefe S. 110 („ein liebenswürdiger Mensch und begabter Darsteller") und 
127 (Ahmed Hikmet „schätzt Mehemed Akif"). 

* Eine selbsterlebte Probe der Hartnäckigkeit der Alten im Festhalten an dem finsteren 
Kismet-Glauben s. meine Unpol. Briefe S. 154, wo auch die Abwendung der Jungen, 
vertreten durch den braven Saib, berichtet ist. 

' Die Erwähnung dieses Namens zeigt, wie stark das Gedenken dieses seltenen Mannes 
ist, der eine eigene Meinung und den Mut zu ihr besaß. 



Literatur. Schemsüddin, zulmetden nura. 75 



scheinbar klaren, in Wirklichkeit verlogenen Sätzen die späteren Spaltungen herbei- 
führten. Der wahre Islam folgt einem Mittelwege und die Spekulativen wie Bossuet und 
seine Anhänger haben sich in den letzten Zeiten dieser Richtung angeschlossen (S. 362). 
Mohammed 'Abduh hat in seiner 'a^itfa« alqadä' das Aufkommen der Verdrehungen vor- 
züglich dargestellt. Von den ausschlaggebenden Beweismitteln wie der erhabene Koran 
und die echten Traditionen können die Absurditäten von Indien und Iran ; von Rom und 
Griechenland, von den Kirchenvätern und Rabbinen, und auch die Schwätzereien un- 
fruchtbarer und verschimmelter Gehirne sich nicht halten (S. 263). In den folgenden Ab- 
schnitten „Tawakknl und Kader in der Anschauung des Islams" (S. 364 — 374) und „die 
Worte des Korans über Kaza und Kader" (S. 375—380) sind fromme Betrachtungen mit 
reichlichen Belegstellen, die kein Interesse haben. 

Kennzeichnend sind die letzten Kapitel über das Idschtihäd „die freie Forschung" : 
„Das Idschtihäd ist eine notwendige Forderung für jedes Zeitalter" (S, 381 — 386), „Was 
bedeutet das Idschtihäd und für welche Art von Satzungen kann es geübt werden?" 
(S. 387 — 394), „Seit dem Tage, wo das Tor des Idschtihäd geschlossen wurde, sind auch 
die Tore des Fortschrittes der islamischen Gemeinde geschlossen" (S. 395 — 401) und „Das 
Tor des Idschtihäd muß geöffnet werden, aber nur für eine wissenschaftliche [geistliche] 
Körperschaft" (S. 402 — 405). In dem ersten wird das Idschtihäd allgemein als eine not- 
wendige Forderung dargestellt, auch am Schlüsse (S. 386) das hübsche Stück aus 
Schahrastäni beigebracht, in welchem den begrenzten Texten für das Recht die unbegrenzte 
Masse der menschlichen Verkehrstatsachen gegenübergestellt und damit die selbständige 
Forschung begründet wird. In dem weiteren Kapitel über die Bedeutung des Idschtihäd 
und die Grenzen seiner Übung (S. 387 — 394) wird zunächst als Definition von Idschtihäd 
gegeben: die äußerste Bemühung um die Entwicklung der gesetzlichen Einzelsatzung aus 
der Beweisgrundlage; Bedingung für den Übenden ist, daß er den Koran und die Sunna 
nach allen Richtungen kennt, und daß er die Bedingungen des Idschmä' und die Arten 
des Qijäs kennt; „der Mudschtahid kann sich irren, kann auch das Rechte treffen." Die Be- 
rechtigung des Idschtihäd wird durch zahlreiche Hadite erwiesen (S. 387 — 392). Sind nun 
sämtliche Satzungen des Heiligen Gesetzes Gegenstand des Idschtihäd"? Hier wird eine 
Theorie aufgestellt, die, soviel mir bekannt, sich bei den älteren Theologen nicht findet: 
die Satzungen des Heiligen Gesetzes zerfallen in vier Teile : i'tiqädljät, 'ibädät, malakät 
und mu'ämalät „Glaubenssachen, Kultsachen, Strafsachen (Ethik)' und Verkehrssachen." 
Hier stellt nun der Verfasser eine Theorie auf, die seine völlige Unfreiheit zeigt: das 
Idschtihäd ist ausgeschlossen für die drei ersten Klassen ; an dem, was da der Gesetz- 
geber bestimmt hat, darf nicht gerüttelt werden, höchstens darf bei den Strafsachen die 
Bestimmung über eine in den Grundlagen nicht erwähnte Handlung mit Anwendung des 
Qijäs erschlossen werden. Erstaunlich ist, daß nun um den Evolutionsgedanken auf dem 
Gebiete des 'Um alfiqh (ausgenommen immer die Kultsachen und die Strafsachen), so 
energisch gekämpft werden muß, wie der Verfasser es in den letzten Abschnitten (S. 395 
bis 405) tut. Er hat sicherlich Recht, daß in der Rechtswissenschaft in diesem Sinne in 
der älteren Zeit eine lebhafte selbständige Tätigkeit herrschte, und daß erst die Späteren 
in ihrer Unfähigkeit und Hilflosigkeit sich haben in die Sackgasse des Taqlid „Nach- 
beterei" drängen lassen und dabei noch im höchsten Maße dünkelhaft und intolerant 

' „Der Malakät-TeU umfaßt", sagt der Verfasser, „die Satzungen, die von den verbotenen 
Handlungen und Übertretungen abschrecken sollen und die Grundlagen für die Er- 
munterung zur Aneignung sittlicher Vorzüglichkeit" (S. 393). 



76 Die Welt des Islams, Band II I. igiß, Heft i 



sind. Diese wissenschaftliche Degenerieraug lief auf das völlige Schließen des Tores des 
Idschtihäd hinaus. Die despotischen Fürsten wußten wohl, daß bei freiem Idschtihäd sie 
nicht nach Willkür würden wirtschaften können, daß die echten Forscher das Volk nicht 
würden zertreten lassen; die Omaijaden und Abbasiden ließen sich durch die ihnen ins 
Gesicht schreienden Müdschtahide von Ungerechtigkeiten abhalten; Abu Hanifa weigerte 
sich Kecht zu sprechen im Namen eines Herrschers, dem er seine Ungerechtigkeit ins 
Gesicht zu sagen wagte, und ließ sich ins Gefängnis werfen; ähnlich der Imam Mälik und 
der Imam Ahmed (S. 399 f). Aber die beutegierigen Schmarotzer haben die anständigen 
Männer verdrängt: was für ein herrliches Leben konnten die Tyrannen, die sich „Kalife" 
(challfa'i rasUlJ, und die falschen Gelehrten, die sich „Erben der Propheten" (warata'i 
anbijä'J nennen, führen! Diese beiden Gruppen beeilten sich, das Verdammungsurteil 
der islamischen Gemeinde zu nutersiegeln, und erklärten das Tor des Idschtihäd für 
geschlossen. Schließlich geriet selbst der Thron des Kalifats, der noch die Hoffnung der 
Islamwelt gewesen war, ins Wanken, und die Ursache waren einzig die Unwissenheit und 
die daraus geborene Nachbeterei (S. 400 f). Soll nun deshalb, weil die Fähigen fehlen, 
das Tor des Idschtihäd auf immer geschlossen bleiben? Das kann nicht sein, denn immer- 
während entstehen neue Fragen des Rechts und der Gesellschaft, die dringend Antwort 
heischen. Wer soll aber das Tor öffnen? Und soll dann jeder Unberufene eintreten 
können? Unsere Nachbarn, die Perser, haben es sperrangelweit aufgetan. Da zeigte es 
sich, daß auch das kein Heil bringt. Um die Iranier steht es fast noch schlimmer als um 
uns. Wir taten zu wenig, jene taten zuviel. Der Ausweg ist: das Tor für geöffnet zu 
erklären, aber das Idschtihäd selbst einer wissenschaftlichen Kommission aus den besten 
Gelehrten anzuvertrauen; bei der Auswahl der Personen dürfe man aber nicht allzustreng 
verfahren und z. B. nicht allzuviel verlangen von Kenntnis formaler Dinge ; festgehalten 
werden aber müsse an der Kenntnis der in den Kompendien behandelten Probleme von 
Koran und Sunna, Idschmä' und Qijäs; vor allem aber müssen die Mitglieder der Kom- 
mission die Zustände und Bedürfnisse der Gegenwart kennen ; es müssen auch Egypter 
und Inder herangezogen werden dürfen; die Kommission hätte im Schaichul'islamat zu 
tagen und im Namen des Kalifats zu arbeiten; die vordem zur Ausarbeitung derMedschill© 
(Bürgerliches Gesetzbuch) berufene Kommission könne wohl als ein Vorbild dienen; nur 
müßten mehr Spezialisten für Wirtschaftsachen und Verwaltungsachen hinein (S. 402 
bis 405). 

Da haben wir das alte liezept: eine Kommission! Wer bürgt dafür, daß nicht auch 
hier die üblen Elemente sich einschleichen, die der Verfasser gezeichnet hat und die zwar 
scheinbar auf der Seite der Reform stehen, im Dunkeln aber gegen sie arbeiten? Vor 
allem aber zeigt sich auch hier der Mangel an Verständnis für das Hauptbedürfnis des 
Landes: die Sprengung der Fesseln, in die die islamischen Tlieologen es geschlagen; es 
bleibt bei den alten Prämissen d. h. den vier Quellen (usülj, die von alters her als Grund- 
lagen angesehen werden. Die traditionellen metaphysischen Werte werden weiter mit- 
geschleppt und — das wird nicht ausgesprochen, aber es ist wesentlicher Bestandteil der 
Forderungen — wer sie nicht anerkennt, wird, wenn nicht aus der Gemeinde als Ungläubiger 
ausgestoßen (der Islam kennt Ketzergerichte niclit, nur offener Abfall wird bestraft), so 
doch so behandelt, daß er sehr bald die „realen Mächte" respektieren lernt. 

Neben solchen prinzipiellen Betrachtungen, die leider, wie wir sahen, die wahren 
Probleme nicht einmal berühren, findet sich der Versuch kritischer Behandlung der be- 
stehenden gesellschaftlichen Zustände und Vorschläge zu ihrer Heilung. An erster Stelle 
stehen hier die Kapitel, die Anatolien gewidmet sind: „Die Wunden Anatoliens müssen 



Lite7'atur. Schemsüddln, ztämetden mira. 11 



darch besonders zu schatfende Körperschaften gepflegt werden" (S. 224 — 229), „Der 
Niedergang der Rasse in Anatolien und das Mittel ilin anfzuhalten" (S. 230 — 240), 
„Schleunige Maßnahmen gegen das gegenwärtige Elend in Anatolien" (S. 241 — 247), 
„Anatolien krümmt sich unter den mitleidslosen Krallen der Wucherer" (S. 248 — 256), 
„Man muß Fachkörperschaften, im besonderen Landbaukommissionen nach Anatolien 
schicken" (S. 257 — 262). Man kennt bei uns in den Hauptzügen die schweren Schäden, 
unter denen Kleinasien leidet; man kennt sie jedenfalls besser, als man sie in der Türkei 
kennt (Moltke: „Europa nimmt mehr Anteil an der Türkei als die Türkei selbst"). Selt- 
samerweise hatten die Türken bisher für dieses ihr Stammland kein Herz. Als ich einem 
türkischen Staatsmann meine Verwunderung aussprach, sagte er lächelnd: aghlamajan 
tschodschugha siid werilmez „dem Kinde, das nicht weint, wird nicht die Brust gegeben." 
Ganz richtig stellt auch der Verfasser die Sorglosigkeit der Anatolier an die Spitze (»S. 224). 
Der traurige Zustand, die völlige Aussaugung und Verwahrlosung des Landes, die 
geistigen und körperlichen Krankheiten der Bevölkerung werden erwähnt S. 225, aus- 
führlicher S. 236 — 240, wo auch die so furchtbare Verheerungen anrichtenden anstecken- 
den Krankheiten (Schwindsucht und Syphilis) genannt werden, freilich alles ohne genauere 
Angaben. Wie der körperliche Schmutz der Bevölkerung ihr Physisches untergräbt, so 
tut es die „Sitte" (görenek) mit dem Wirtschaftlichen: der Anatolische Bauer richtet sich 
zugrunde, um eine Hochzeit auszurichten, und der erste Schritt der Ehe ist nicht die 
Grundlegung eines gesicherten Nestes, sondern törichtes Gebaren mit zerstörender 
Wirkung: der Wucherer stellt sich ein, um auszuhelfen und mit dem erwucherten Gelde 
die griechische Flotte mitbauen zu helfen oder die Athiniki Hetäria zu unterstützen ; 
dabei ist das Vorgehen der Ausbeuter in den verschiedenen Provinzen verschieden. 
S. 251fwird in komisch-tragischer Weise geschildert, wie der christliche Tschorbadschi 
(Dorfgroße) den geldbrauehenden Bauern aussaugt. Das Ergebnis ist: wenn es so fort- 
geht, wird es in kurzem keinen einzigen türkischen Grundbesitzer mehr geben (S. 255). 
Die Institute, von denen der Verfasser ßettung hofft, sind die Nationalbanken, zu deren 
Gründung sofort geschritten werden müsse ; namentlich soll das Ministerium der frommen 
Stiftungen sofort eine islamische Bank gründen. Der Verfasser weiß nicht, daß über die 
Frage, wie dem Anatolischen Bauern zu helfen ist, von gründlich geschulten Fach- 
männern bereits eingehende Untersuchungen angestellt und niedergelegt worden sind 
(ich erwähne hier nur die ausgezeichneten Arbeiten von Carl Anton Schaefer: „Ziele 
und W^ege für die Jungtürkische W^irtschaftspolitik", Karlsruhe 1913 und „Deutsch- 
türkische Freundschaft", Stuttgart und Berlin 1914). Dasselbe gilt von den Ausführungen 
über die Nöte der Landwirtschaft ; auch hier allgemeine Klagen über wucherische Aus- 
beutung, aber keine greifbaren Vorschläge zur Heilung. Mit dem allgemeinen Reden 
über Gründung von Landwirtschaftsschulen und das Halten von Vorträgen über Landbau 
vor den Bauern (S. 262 ; wie sollen wohl die Anatolier einen Stambul-Efifendi verstehen!) 
ist nichts getan. Von den Projekten zu einer tief einschneidenden Agrarreform (s. diese 
Zeitschrift Bd. II 376) scheint dem Verfasser nichts bekannt zu sein. 

Ein anderer Schaden des sozialen Lebens wird behandelt in „Die Heiratsfrage, eine 
unsrer sozialen Wunden" (S. 263 — 271). Der Verfasser prägt das hübsche Wort von 
ismarlama izdiwädsch „bestellte Ehe" (S. 264 und 266), die übrigens eine den Türken 
eigentümliche Tradition sei, und schildert beweglich die Folgen, die meist nicht lange 
auf sich warten lassen ; natürlich sind für ihn die Vorschriften des Heiligen Gesetzes 
ausgezeichnet; die Schuld trifft einzig die Männerwelt (S. 270); wenn nicht vorgebaut 
wird, so geht das Bestehen der Nation einer schweren Gefahr entgegen (S. 271). Zu 



78 Die Welt des Islams, Bmtd III. ig iß, Heft i 



beachten ist, diiß der Verfasser das Lob der türkischen Frau in allen Tönen sin^; er 
geht soweit zw behauj)ten, daß die türkische Frau der europäischen hinsichtlich edler 
Qualitäten um das Tausendfache überlegen sei (S. 270). 

An die Ehefrage schließt sich die Erziehungs- und Schulfrage an (S. 272 — 350). Auch 
hier ist viel unnützes Allgemeines zu finden. Gut sind die Bemerkungen über den ver- 
kehrten Unterricht im Französischen, der so wie bei den orientalischen Sprachen betrieben 
wird, so daß meist nach einem Studium von fünf und sechs Jahren die Kenntnisse nur 
gering sind (S. 340 f). Arabisch und Persisch werden gelehrt als Sprachen, deren Kenntnis 
für das feine Osmanisch nötig ist, das Arabische daneben als religiöse Sprache (8. 342). 
Freilich, Lehrer, die die arabische Literatur kennen und arabisch sprechen können, gibt 
es fast gar nicht. Im Persischen ist es ähnlich. Mit beiden Sprachen wird viel Zeit unnütz 
vergeudet: es genüge, das, was aus ihnen für das Türkische nötig ist, beim türkischen 
Unterricht durchzunehmen; von faH und mubtada brauchen die Schüler nichts zu hören 
(S. 342 — 344). Man muß dem Verfasser Recht geben : in der Tat steht es um die Kennt- 
nis des Arabischen bei fast allen Türken sehr schwach. Dia gelehrte Kenntnis dieser 
Sprache ist für die Nichttheologen und Nichtjuristen völlig unnütz; man könnte höchstens 
denken an die Ausbildung von besonderen Beamten für die arabischen Provinzen; aber 
da ist zunächst eine bessere Schulung in Geographie, Geschichte, Ethnographie, Verwal- 
tungskunde viel wichtiger. Dagegen muß bei den Theologen und Juristen auf eine viel 
gründlichere Schulung im Arabischen gedrungen werden : gegenwärtig beschränkt sich 
das Studium auf die mechanische Einprägung einiger Kompendien. Die Historiker, die 
Literaten und die Männer der hohen Politik in der Türkei können einer gründlichen ara- 
bischen und persischen Schulung nicht entraten. Die Türkei nimmt eine Zwischenstellung 
zwischen dem Osten und Westen ein ; will sie diese voll ausnutzen, so muß sie beiden 
Nachbargebieten mit vollem Verständnis gegenüberstehen; im Osten kann sie sehr wohl 
dem weit schwächeren Persien ein Leiter und Stützer werden. Daß ihre arabischen 
Provinzen den besten Teil des Reiches bilden, daß namentlich Babylonien eine hohe 
Blüte erfahren wird, habe ich oft dargelegt ; wollen die Türken hier eine Machtstellung 
wahren, so müssen sie unverzüglich eine Anzahl von Beamten schafien, die mit Sprache 
und Verhältnissen des Landes auf das gründlichste vertraut sind. Mit einem bloßen Säbel- 
regiment ist hier nichts getan. 

MitLiebe und Verständnis wird der türkische Sprachunterricht behandelt (S. 345 — 347). 
Offen wird die üble Sprachmengerei gegeißelt, trotz deren der Sprachschatz für das Be- 
dürfnis nicht ausreicht; dazu die vollkommene Willkür in der Orthographie. Natürlich 
fehlt hier nicht der bei allen Türken beliebte Ausweg der Gründung einer Körperschaft, 
einer Akademie, die zwangsweise einzuführende Normen für Grammatik und Sprachschatz 
zu schaffen und über die Einführung von Neubildungen zu entscheiden hätte. Wir sind 
längst über solche Naivitäten hinaus : nur das ganze Volk schafft in ernster Arbeit sich 
auch für die Sprache seinen Ausdruck, nur das A'olk bringt in Selbstzucht die Gleichför- 
migkeit in Dauer und Wandel des Sprachstoffes herbei. Mir nicht neu, aber erwähnens- 
wert, weil von dieser Seite kommend, ist die Feststellung, daß selbst bei denen, die den 
höheren Unterricht (täli tah^il) absolviert haben, solche, die eine Zeitungsspalte nicht 
fehlerlos lesen können, nicht selten sind. Es wird zu viel auswendig gelernt, nicht genug 
das Verständnis gebildet. Bei der Literatur muß das Ziel sein, in den Schülern Humanität, 
Opfermut, Männlichkeit und Vaterlandsliebe zu wecken. Daß der Verfasser für die wich- 
tige Frage der Schrift kein Verständnis hat, wundert mich nicht. In diesen Kreisen weist 
man das einzige, freilich radikale Heilmittel, die Einführung der fränkischen Schrift, noch 



Literatur. Schemsüddiu, zulmetden niira. 7^ 



mit Abscheu ab. Daß man von dem Herumdoktern mit den arabischen Schriftzeichon 
nichts wissen will, ist verständlich. Das gibt etwas Halbes, hat auch bis jetzt nur wert- 
lose Früchte gezeitigt. 

Geweckt werden im ganzen Volke soll das Nationalgeiühl (S. 213 — 223). Jede Nation 
hat eine Anzahl Easseeigenschaften. Nimmt eine Basse wahllos und ziellos fremde Ele- 
mente auf, gibt sie im höchsten Maße der Neigung nach Wechsel nach, wie das bei den 
Osmanlis der Fall sei, so kommt es in ihrem Leben heimlich zu einer Fieberkrisis, die 
schließlich zum Bankerott führt (man findet nicht selten bei den Osmanlis solche Aus- 
brüche von Pessimismus, die sich zuweilen bis zu einem Antipatriotismus \^alehwatan- 
tarafdärlyq] steigern, wie das in der höchsten Not des Vaterlandes Ende 1912 von Zeitun- 
gen offen beklagt wurde) (S. 215). Der Prozeß vi-ird ausführlich und nicht ungeschickt be- 
schrieben : wie die Rasse zuerst die Gefahr nicht merkt, wie sie dann wie ein Trunkener 
sich verliert, wie sie plötzlich den Abgrund vor sich sieht und sich zu ermannen sucht in 
der Erinnerung an die Taten der Ahnen, wie sie aber von neuem das Bewußtsein verliert 
(es liegt hier ein Beispiel guter Selbstbeobachtung vor). Da findet in Einzelindividuen 
zum letzten Male ein Erwachen zur Reue statt; wenn dann sofort an die Reform gegangen 
wird, kann die Nation noch gerettet werden, sonst versinkt sie ins Nichts. Für das Fest- 
halten an der Rassetradition bei vorsichtiger Aufnahme von fremden Elementen sind ein 
Beweis die Engländer (S. 216ff), von deren Verhalten Beispiele angeführt werden. Natür- 
lich fehlen nicht die Missionare als die ersten, die mit friedlichem Einbruch die nationalen 
Traditionen und die herrlichen Rasseeigenschaften zugrunde richteten ; dabei seien aber 
die Osmanlis nicht wirklich Westler geworden, sondern es seien nur alle Schändlichkeiten 
der Westler bei ihnen eingedrungen, während die großen Denker und Künstler ihnen 
fremd geblieben sind; von den aus europäischen Sprachen übersetzten Büchern seien nur 
ein Prozent, vielleicht ein Promille ernste Bücher. Eine sehr wichtige Bemerkung; in der 
Tat daran fehlt es : von den großen Werken über Wissenschaft und Kunst ist fast nichts 
ins Türkische übersetzt. Das Kapitel schließt mit dem Aufruf zur Bildung von Gesell- 
schaften für Handel und Handwerk: nicht der Bakkal Jani, nicht der bulgarische Milch- 
verkäufer sollen mit unserm Gelde Averoffs bauen und Mitrailleusen kaufen; zu neuem 
Leben erweckt, wollen wir uns mit der Notwendigkeit abfinden, von den Glaubensgenossen 
zu kaufen (S. 221—223). 

Soviel aus den die verschiedensten Gebiete des öffentlichen Lebens berührenden 
Einzelstücken. Das Gesamturteil über das Werk kann nur das Bedauern sein, daß hier so 
viel Zeit und Kraft und Papier, wenn nicht unnütz verschwendet, so doch in einer Weise 
verwandt sind, die dem wahren Interesse des Osmanischen Volkes und Reiches nicht 
dient. Der Verfasser, und auch der Geleitwortmann, leben des Glaubens, daß da etwas 
Neues gesagt sei. In Wirklichkeit sind die geschilderten Zustände allen bekannt, die in der 
Lage sind, etwas zu ihrer Besserung beizutragen. Auf die anderen kommt es nicht an ; 
denn es ist vollkommen gleichgültig, ob irgend ein Mehmed oder Omer in Konstantinopel 
(nur da werden solche Bücher gelesen, wird überhaupt gelesen, und auch da nur in be- 
schränktem Maße) sich an diesen Schilderungen erregt; es wäre das sogar nicht unbe- 
denklich; denn die Türken der Hauptstadt sind nach Rieder Pascha zum weitaus 
größten Teil (zum mindesten 80%) Neurastheniker; sie sind durch die eigene Lage ge- 
beugt genug, und die Schilderung des Elends der Volksgenossen in Kleinasien und die 
geringe Aussicht auf eine Besserung aus eigener Kraft kann nur lähmend wirken. Aber 
jene Anderen, auf die es ankommt, wissen das hier Gesagte längst. Schon 1909 — ich 
war damals gerade in Konstantinopel — erschienen im „Tanin" die ausführlichen Be- 



80 Die Welt des Islams, Ba^ici 111. igiß, Heft i 



richte eines Spezialkorrespondenten, der Kleinasien bereiste.' Icli habe in P>innerang, 
daß diese Berichte ein scliarfes Bild geben : es wnrde nichts verschwiegen ; auch Personen 
wnrden nicht geschont.* Stadt für Stadt, Ort für Ort wnrden durchgenommen und die 
besonderen Ubelstände dargestellt, auch wurde nicht versäumt, die allgemeinen Schäden 
zur Sprache zu bringen. So viel mir bekannt, sind diese wertvollen Äußerungen nie in 
Buchform erschienen. Eine solche Ausgabe hätte diejenigen Kapitel hier, die sich mit 
Anatolien beschäftigen, überflüssig gemaclit. Es ist schon oben bemerkt, daß leider alle 
Einzelangaben fehlen. Darauf aber kommt es an, daß ziffermäßig festgestellt wird, wie 
es um die elementaren Erfordernisse in der öffentlichen Fürsorge und im Schulwesen 
steht, wie es ferner steht im Wirtschaftleben. Denn nur aus genauer Feststellung iessen, 
was vorhanden ist, läßt sich die Bedürfnisfrage in vollem Umfange beurteilen. Der Ver- 
fasser spricht gern von haietler, Körperschaften oder Kommissionen, die in das Land 
gesandt werden sollen, um die Zustände zu untersuchen und Heilung zu schaffen. Wenn 
er dabei an Türken denkt, so wird man folgendes erwägen müssen. Die Türkei besitzt 
gegenwärtig — es ist hart, es auszusprechen; es muß aber gesagt werden — keine 
Männer, die die geistigen und moralischen Qualitäten besitzen und genügend geschult 
sind, um eine solche Arbeit auszuführen. Denn darüber darf man sich in Stambul nicht 
täuschen, daß die gründliche Ausführung einer solchen Aufgabe, die allein die genügende 
Grundlage zur Heilung der Übel schafft, eine so große Menge von Fachkenntnissen und 
eine solche Willens- und Nervenstärke erfordert, daß selbst in Europa die Berufenen nicht 
allzu dicht gesät sind. Es könnte sich nur um Europäer handeln, um die Aufgabe zu 
zu lösen. Hier sei noch ein anderes Moment zur Sprache gebracht. Unter den Vorschlägen 
zur Hebung der Landwirtschaft befindet sich die Gründung von Landbauschnlen und die 
Belehrung des Volkes durch Vorträge (vgl. oben S. 77). Gewiß, das kann höchst nütz- 
ich wirken; die Landbausch nie n sind sogar unerläßlich — vorausgesetzt, daß man den 
ernsten Willen hat, sie nicht bloß zu gründen, sondern ihnen auch ein kräftiges Leben zu 
gewähren, und vorausgesetzt, daß man sofort an die Arbeit geht, für den immer wachsen- 
den Bedarf an Lehrkräften zu sorgen (die zur Lehrtätigkeit besonders berufenen Ar- 
menier und Griechen werden freilich so lange nicht zu haben sein, als die mit Fug und 
Recht in Kleinasien allein zuzulassende Landessprache, das Türkische, in ihrer jetzigen 
raurigen Gestalt weiter gehandhabt wird, auch bei Aufgaben vorwiegend praktischen 
Charakters, und nicht ersetzt wird durch eine Sprache, deren Wortschatz türkisch ist, 
und die mit andern als den völlig ungeeigneten arabischen Zeichen geschrieben wird). Es 
gibt ein anderes Mittel, binnen kurzer Zeit neues Leben in Kleinasien zu schaffen: die 
Gründung von Musterfarmen, die zugleich Stätten einer fruchtbaren, weitausstrahlen- 
den und tiefeinschneidenden Erziehung für die Bevölkerung werden. Es wären in jeder 
Provinz zwei oder drei solcher Musterfarmen einzurichten, zunächst an Punkten, die der 
Intrige, die alsbald einsetzen würde, am wenigsten ausgesetzt sind. Es sind hauptsächlich 
drei Elemente, denen solche Gründungen ein Dorn im Auge wären: L die einheimischen 

' Ich erwähnte diese reichhaltigen und mutigen Berichte in meinen „Unpolitischen 

Briefen aus der Türkei" (Islamischer Orient III) S. 100. 
' Die NichtSchonung von Personen ist ein Einbruch in eine geheiligte Institution des 

Islams, die eine der Hauptquellen der schweren Schäden in Sitte und Gesellschaft ist. 

Der Islam schreibt vor: der Muslira sage nichts Übles von seinem Glaubensgenossen! 

und das wird meist so gedeutet, daß die größten Schurken unbehindert ihr Werk treiben 

können. Es ist auch ein willkommenes Religionsgebot für die Feigen. 



Literatur. Schemsüddin, ztilmetden ini^'a. 81 



Christen, die zum Teil von der wucherischen Ausbeutung der anatolischen Bauern leben 
(vgl. oben S. 77), 2. der unwissende und faule türkische Provinzialbeamte, der sich 
fürchtet, von den Fremden in seinem verderblichen Treiben gehindert zu werden, 3. die 
Beste des einheimischen Adels, die als Großgrundbesitzer den Kleinbauern nicht aufkommen 
lassen wollen, und selbst der Einführung von neuen Methoden im Landbau den schärfsten 
Widerstand entgegensetzen würden. Nur wenn die Regierung gewillt und imstande ist, 
die Fremden (es würden fast nur Deutsche und Österreicher, daneben etwa noch Skandi- 
navier, Niederländer und Schweizer in Betracht kommen) gegen Anfeindungen zu schützen, 
kann es zu einer gedeihlichen Ausführung des Gedankens kommen. Es handelt sich, dar- 
über müssen sich alle Beteiligten klar sein, um nichts Geringeres, als um den Aufbau 
eines Landes, das im Altertum gute Kulturen hatte, und das nun durch eine immer ge- 
steigerte Mißverwaltung als eine Ruine daliegt. Was von einer intelligenten Regierung 
und Bevölkerung binnen kurzem geleistet werden kann, das zeigt deutlich der Wieder- 
aufbau derjenigen Teile Ostpreußens, die unter dem ersten Einfluten russischer Horden 
im Anfang des Weltkrieges gelitten hatten. Es sind da sofort die besten Kräfte unter 
Bereitstellung der nötigen Mittel aus andern Teilen Deutschlands an Ort und Stelle ge- 
sandt worden. Das gleiche wird geschehen, sobald wir einen vollkommen sichern Stütz- 
punkt im Zentrum Russisch-Polens haben; diese bemitleidenswerte Provinz des Russen- 
reiches, die schon in Friedenszeiten einen ungeheueren Abstand zeigte gegen die benach- 
barten preußischen Provinzen, und die nach den fünf ersten Kriegsmonaten sich im 
Zustande der Auflösung befindet, vrird alsbald zu einem Kulturlande erblühen, wenn 
deutsche Hände sich dort regen können. Freilich in Polen wird es sich vielleicht, falls 
die Bevölkerung noch schwerer leiden sollte, um die Auflegung einer Schicht deutscher 
Ansiedler handeln. Davon kann in Kleinasien keine Rede sein. Es ist, allen Berichten 
nach, überall noch ein Stamm vorhanden, der wohl im Stande ist, die Grundlage einer 
türkischen Bevölkerung mit neuer Lebenskraft und neuem Lebensmute zu bilden. Femer: 
in Ostpreußen kommen Deutsche zu Deutschen, die volles Verständnis für das Auf- 
bauungswerk haben, und der Wiederaufbau ist durch das Vorhandensein der besten Ver- 
kehrsmittel und durch die nur kurzweilig unterbrochene Kontinuität intensiver Kultur- 
arbeit erleichtert. In Kleinasien ist fast überall neuzuschafl"en. Zwei Hauptschwierigkeiten 
sind noch zu erwähnen. Die eine ist die vollkommene Verwahrlosung der Bevölkerung in 
hygienischer Beziehung. W^ie auch der Verfasser erwähnt, herrscht im ganzen Lande 
ein unglaublicher Schmutz und die Nichtbeachtung der einfachsten Verhütungsregeln. 
Wenn immerwährend zahlreiche Personen aus ein und demselben, nie gewaschenen Ge- 
fäße trinken, so müssen die ansteckenden Krankheiten, die bekanntlich bereits arge Ver- 
heerungen im Lande angerichtet haben, unerhörte Opfer fordern. Es wird einen harten 
Kampf kosten, hierin Wandel zu schafl"en, und es werden auch von der Regierung Mittel 
bereit gestellt werden müssen, um die Lebenshaltung der Ärmsten auf ein Niveau zu 
heben, bei welchem die als Lehrer und Leiter ins Land Kommenden ohne Gefahr für die 
eigene Gesundheit wirken können. Die üble Schmutzerei ist auch ein Teü des görenek, 
des Brauches, der den Bauern in anderer Hinsicht so schwer geschädigt hat (vgl. oben S. 77). 
Dem dicken Bauernschädel wird freilich nur mit Mühe bessere Erkenntnis beizubringen sein. 
Berufen wären hierzu die Geistlichen des Landes. Darin liegt die zweite Hauptschwierig- 
keit. Bis zur Umwälzung von 1908 war die Ausbildung der Theologen kläglich : die aus den 
Dörfern Kleinasiens nach Stambul strömenden Theologiestudenten sind uns Alteren als 
Softas wohlbekannt: fast durchgängig eine unintelligente und nicht gerade lernbegierige Ge- 
sellschaft, die in der Haupstadt nur eine dürftige theologische Schulung erhält an der Hand 
Die Welt des Islams, Band lU. 6 



82 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



einiger wenigen Sclinlkompondien, and daneben religiös verhetzt wird. Dem Vernehmen 
nach ist darin Wandel geschaffen : die Schmutzhöhlen in den Medressen bei den großen 
Moscheen sind anßer Kurs gesetzt, und die Leute sind jetzt in besseren Räumen unter- 
gebracht und studieren in Hörsälen, die über die Stadt zerstreut sind (über das Projekt 
eines zentralen Theologie-Seminars siehe hier S. 34 f). Die „Imame" in den Ortschaften 
Kleinasiens stammen gegenwärtig zum großen Teil noch aus der älteren Zeit. Es mag 
unter ihnen Männergeben, die für die Bedürfnisse des Landes Verständnis haben; ich 
fürchte aber, der größte Teil sieht nicht, was Not tut, weil er in Stambul um seinen na- 
türlichen Sinn gebracht und der Heimat entfremdet ist. Namentlich wird von ihnen ein 
unerfreuliches Eingreifen zu befürchten sein, wenn „Ungläubige" in größerer Zahl in das 
Land kommen, um dessen Wiederaufbau zu leiten. Es wird natürlich seitens der Frem- 
den eines großen Taktes bedürfen. Es herrschen ja vielfach bei uns ganz irrige Vorstel- 
lungen vom Islam, und man verkennt fast überall, daß auch in der allerdings durch frem- 
des, nichtislamisches Beiwerk stark getrübten Vorstellungswelt der Muslime sich zahlreiche 
religiöse Momente finden, an die sich bei der allgemeinen wirtschaftlichen und kulturellen 
Hebung des Landes anknüpfen läßt. Es gibt bereits eine ganze Anzahl Schriften in tür- 
kischer und arabischer Sprache, die das tun iind die physische Sauberkeit, Ehrlichkeit, 
Fleiß, Streben nach innerer Vollendung als religiöse Pflicht an der Hand von Koranstellen 
und Stücken der Heiligen Überlieferung nachweisen. Es versteht sich, daß die nach Klein- 
asien ziehenden Deutschen mit diesen Dingen vertraut sein müssen ; umfangreich ist das 
Material nicht, und man kann sich die Hauptsachen im Laufe von einigen Monaten wohl 
aneignen. 

Auffallend ist, daß der Verfasser, soweit er überhaupt Provinzverhältnisse heranzieht, 
nur von Anatolien spricht. Das zeigt eine vollkommene Einsicht in das wahre Interesse 
der Türken und der Türkei. Denn einzig wenn die herrschende Easse sich ihres Volks- 
tums erinnert, kann sie selbst und mit ihr das von ihr beherrschte Reich wieder zur Blüte 
gelangen. Konsolidierung der türkischen Macht in Asien: Das muß der Wahlspruch 
sein. Dabei soll selbstverständlich Stambul nicht aufgegeben werden; es wird vielmehr 
aus einem Neuen Kleinasien erst die Kraft ziehen, um erneut seine Machtstellung zur Gel- 
tung zu bringen. Das tiirldsche Kleinasien muß eine zentrale Gruppe von Provinzen wer- 
den, an die sich die anderen Provinzgrnppen anschließen. Denn das wird jetzt selbst von 
zentralistisch gesinnten türkischen Staatsmännern zugegeben, daß es so nicht weiter geht. 
Die türkische Zentralregierung ist außer Stande, den Bedürfnissen der weiter abgelegenen 
Provinzen gereclit zu werden. Sie kann diese wohl durch ihre militärische Obergewalt im 
Zaum halten, sie kann auch die so notwendige Entwicklung in ihnen gewaltsam verhin- 
dern, sie wird aber immer in ihnen eine Quelle der Unruhe haben, vor allem ans ihnen 
die zum eigenen Leben nötigen Hilfsmittel nicht ziehen können, so lange sie nicht Zu- 
geständnisse macht an ein Eigenleben. Man braucht bei dieser Forderung nicht zu denken 
an eine Autonomie der nichttürkischen Provinzen, wie sie namentlich in den arabisch 
redenden Gebieten von einem starken Prozentsatz der Bevölkerung gewünscht wird. Die 
Schwierigkeit ist, wie ich neuerdings von einem sehr erfahrenen osmanischen Staatsbe- 
amten belehrt wurde, folgende : Die Provinzialräte. die regelmäßig am Hauptort der Pro- 
vinz zur Beratung über die allgemeinen Provinzangelegenheiten zusammentreten, fassen 
zahlreiche Beschlüsse über Unternehmungen von öffentlichem Interesse ; diese gehen als 
Aktenstücke gedruckt oder litographiert an den Minister des Innern, bei dem sich nun 
jedes Jahr von neuem gewaltige Stöße solchen Materials häufen. Dieser mit Arbeit über- 
lastete Beamte entzieht sich der eigenen Prüfung und Verantwortung dadurch, daß er das 



Literatur. Schems'üddin, zulmetden fuira. 83 



gesamte Material einfach an den Keicbsrat (schürä'i dewlet) zur Bearbeitnug und Ent- 
scheidung überweist; von dort kommt es meist mit Ablehnungsvermerk zurück und wird 
dann vom Minister wieder dem Wali zugeschickt. Man hat nun daran gedacht, diesem sehr 
schweren Übelstande, bei dem nichts vorwärts kommt und der eine wahre Versteinerung 
bedeutet, dadurch abzuhelfen, daß drei große Provinzgruppen gebildet werden: 1. eine 
ostanatolische, hauptsächlich von Türken und Armeniern bewohnt, 2. eine arabische, 
3. eine westkleinasiatisch-türkische. Jede dieser Gruppen hat einen Staatssekretär, dessen 
besondere Aufgabe es ist, die Beschlüsse der Provinzialräte zu prüfen und ihre Ausfüh- 
rung bei der berufenen Stelle der Zentralregierung zu vertreten. Das scheint mir ein emp- 
fehlenswertes Auskunftsmittel zu sein, um die Schaffung von sehr ausgedehnten General- 
gouvernaten unter übermächtigen Leitern zu vermeiden. Allerdings würde ich als unum- 
gänglich erachten, daß den Staatssekretären gut geschulte Europäer als Leitbeamte bei- 
gegeben werden. Es wird nichts dagegen einzuwenden sein, daß die Behandlung der 
verschiedenen Gruppen nicht einheitlich ist, daß z. B. der türkischen Provinzgruppe 
eine besondere Sorgfalt zugewandt wird. Die arabischen Provinzen werden sich schon 
selber helfen, wenn man ihnen nur einigermaßen freie Hand läßt, und wenn einem ver- 
ständigen Staatssekretär, der die Ausführung zu überwachen hat, von der Regierung die 
gehörigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, in dem Sinne, daß diese Behörde bei der 
Einziehung derjenigen Steuern unterstützt wird, die zur Ausfülirung der provinzialen 
Arbeiten überwiesen werden (das ist einer der Hauptschäden der bisherigen Verwaltung, 
daß die Zentralregierung es sich bieten ließ, daß in den Provinzen die Vornehmen sich 
um das Steuerzahlen drückten, wovon ich Beispiele in meinen „Reisebriefen" erwähnte; 
ich höre, daß darin eine Besserung eingetreten ist und daß durch energisches Vorgehen 
gegen die Steuerhinterzieher ein bedeutendes Mehreinkommen erzielt worden ist). Der 
besonderen Beachtung der Regierung dürften zu empfehlen sein die kurdischen Ge- 
bietsteile, in denen bei einiger Strenge, namentlich gegen die dort immer noch ihr Un- 
wesen treibenden Adelssippen, sich eine geordnete Regierung einrichten läßt. 

Wie man auch über die Stellung der bewaffneten Macht in einem geordneten Staats- 
wesen denken mag, in der Türkei ist gegenwärtig sicherlich das Offizierkorps ein für die 
Entwicklung des Landes enorm wichtiger Faktor, sofern bei ihm bessere Schulung mit 
praktischer Übung Hand in Hand geht, und eine Erziehung zu Reinlichkeit, Ordnungs- 
sinn und Fleiß stattfindet. Auch das ist ein Moment, das bei allen Maßnahm«n der Re- 
gierung in Erwägung zu ziehen ist. In der zivilen Verwaltung ist eine Reform deshalb 
enorm schwer, weil hier durch eine jahrhundertjährige Tradition der Schlendrian geheiligt 
ist. Hier wird ein militärisch geschultes Korps Abhilfe schaffen müssen. 

Die Türken sind das Volk der schnellen Entschlüsse, der Impetusse : Ein Gedanke 
wird mit Eifer ergriffen, und es wird wohl eine kurze Weile gearbeitet, um ihn zur Aus- 
führung zu bringen. Da ist's auf einmal aus : die Kraft erlahmt ; man findet, daß die 
Schwierigkeiten zu groß seien, man entdeckt wohl an dem Plane selbst Fehler, die man 
bei einer späteren Wiederaufnahme verbessern wolle. Der große Anlauf schließt mit einem 
resignierten „olmady'* oder „japamadi/q". Wir dürfen hoffen, daß es bei dem Anlauf zu 
einer kleinasiatischen Reform nicht auch zu diesem Schlüsse kommt, und daß die sich 
immerwährend wiederholende Unfähigkeit, ein Unternehmen zu Ende zu führen, nicht 
schließlich ihren Ausdruck findet in einem den Untergang besiegelnden : japamajyi „wir 
schaffen's nicht." Martin Hartmann 



6* 



84 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



Die Religion des Islam, aus den Grundwerken übersetzt und eingeleitet 
von Joseph Hell Bd. I. Von Mohammed bis Ghazäli. (= Religiöse 
Stimmen der Völker herg. v. Walter Otto) Jena, Eugen Diederichs 1915. 
XIX -f 153 S. Br. 4.— M., Lwbd. 5.20 M. 

Nach einer knappen Einleitung über die Entwicklung der islamischen Dogmatik bis 
al-Ghazäli werden folgende Texte in Übersetzung vorgelegt: 1. Eine Auswahl aus dem 
Koran, nach systematischen Gesichtspunkten geordnet (Gott; Gottes Namen und Eigen- 
schaften; Die Schöpfung; Gute und böse Geister; Der Mensch; Allahs Ofifenbarung an die 
Menschheit; Wesen des Islams; Willensfreiheit; Prädestination; Fatum; Ethik; Die Ge- 
setzespfeiler; Ehe; Krieg; Jenseits). Eine ähnliche Analyse des ganzen Koran gab Jules 
de Beanme in Bibl. Orientale vol. IV. Paris 1878. — 2. Abu Hanifa, al-fiqh al-akbar 
(S. 29). 3. At-Tahäwi (-f 321/933) Glaubensbekenntnis (S. 39). 4. Al-Asch'ari (-f- 324/935) 
Aus dem Kitäb al-luma (S. 51). 5. As-Samarkandi (-f- Ende des IV. J. d. H.) Die Ge- 
heimnisse der Ofi"enbarung (Asrär al-wahj) S. 63. 6. Al-Ghazäli (-|- 505/1111) Der An- 
fang der Leitung {Badäjat al-hidäja) S. 77 (Das Glaubensbekenntnis aus dem Ihjä' 
'ulüm ad-din ist von Bauer, Die Dogmatik al-Ghazälis, Universitätsschrift Halle 1912, 
übersetzt) S. 138 ff. finden sich Erläuterungen zu Nr. 1 — 6. 

Es sind hier teils unedierte (wie Nr. 4 u. 5), teils nur in orientalischen Drucken vor- 
liegende Texte (wie Nr. 2, 3 u. 6) vereinigt, sodaß das Buch auch für den Fachmann nicht 
nutzlos ist.' Man kann ihm nur die weiteste Verbreitung wünschen, damit auch die Nicht- 
Fachmänner den Islam mehr und mehr verstehen lernen. Hoffentlich wird auch der zweite 
Band dieser Sammlung (Die Muhammedanische Mystik. X. — XIII. Jahrb.) bald erscheinen. 
Eine ähnliche Arbeit wäre auch für das hanafitische Kecht, das in der Türkei gilt, 
wünschenswert, zumal die Handbücher von Juynboll und Sachau nur den schäfi'itischen 
Ritus behandeln. 

Hier seien mir noch einige Einzelbemerkungen zu der Arbeit gestattet. Die Über- 
setzung ist teilweise etwas frei (vgl. z. B. Sure IX 29 u. 112 [S. 22/3J; gizja ist doch wohl 
„Kopfsteuer", nicht schlechthin „Tribut", vgl. at-Tabari, tafsir Kairo 1321 Bd. X 68, 
Abu Jüsuf, K. al-i},aräg, Kairo 1302 S. 16 Z. 4). Befremdend wird für den Leser sein, 
daß er über as-Samarkandi in der Einleitung nichts findet. — Einige besondere Worte 
möchte ich zum Fiqh al-akbar anfügen. Auf Seite 141 in den Anmerkungen stellt der 
Herausgeber die Stelle der 'Aqida: „Wir verleugnen keinen Moslim um irgend einer 
Sünde willen und wäre es auch eine schwere, sofern er sie nicht für erlaubt erklärt . . ." 
als Ansicht der Murgi'iten hin. Diese Worte sind rein orthodox; der Kommentar des 
'Ali al-Qäri (Kairo 1323 S. 58) sagt: es sei eine Polemik gegen die Mu taziliten. Im Wider- 
spruch zu der Ansicht des Herausgebers steht auch die gleich darauf beginnende Polemik 
gegen die Murgi'iten: „Wir behaupten nicht, daß dem Gläubigen die Sünden nicht 
schaden ..." bis „wir behaupten nicht, daß unsere guten Werke angenommen und 
unsere schlechten verziehen werden müssen", wonach in der Wiener Hs. (Sachau in 
SB AK. Wien 1875 S. 712) und in den mir vorliegenden Drucken* steht: „wie es die Lehre 

'Die ältere dogmatische Literatur beabsichtigt Dr. Fr. Kern herauszugeben, der dazu 
schon umfassende Vorarbeiten getroffen hat. Bis jetzt erschien von ihm nur „Ein dog- 
matisches Vermächtnis des Imäm as-Säti'i" (Mitt. des Sem. für Orient. Spr. XIII Abt. 2 
1910 mit Übersetzung). Dies Glaubensbekenntnis ist aber wahrscheinlich unecht. 

* a) Abu Hanifa, al-fiqh al-akbar 2. Aufl. Kairo 1324 und b) mit dem Kommentar des 
'Ali al-Qäri (-}- 1001/1593) Kairo 1323. Hier noch einige andere Varianten: S. 29 Z. 28 



Literatur. Die Reli^^ion des Isla77t 7isw. 85 



der Mnrgi'a ist" (vgl. as-Sahrastänl ed. Cureton I 103). Dieselbe Polemik findet sich in der 
'aqlda des at-Tahäwi (S. 43 unten). Wenn man nun bedenkt, daß die Systeme des Abu 
Hanifa, des Abu Jüsuf und des Muhammad b. al-Hasan as-Saibäni dieser 'aqlda zur 
Grundlage dienten (S. 142 in den Anmerkungen zu S. 39), so scheint dieZuzählang dieser 
drei zur Murgi'a' unberechtigt. As-Sahrastäni (I 105) sträubt sich auch dagegen und er- 
klärt es für Abu Hanifa aus einem Sprachgebrauche der Mu taziliten, die jeden Gegner 
murgV nannten. Vielleicht liegt aber ein Mißverständnis vor: Abu Hanifa und seine Schüler 
viMTdi&n murgt' at as-sunna genannt (as-Sahrastäni I 105). arga'a heißt aber eigentlich 
„aufschieben, hintenansetzen", somit dieser Ausdruck „die, welche die Tradition {sunna) 
hintenansetzen". Und das war ja bei der Juristenschule des Abu Hanifa (ashäb ar- 
ra'j) der Fall. — Mit dieser Behauptung, daß Abu Hanifa und seine Schüler keine 
Murgi'iten waren, will ich aber seine Autorschaft für das Fiqh al-akbar durchaus nicht 
retten. Das Bedenken mit den späten Kommentaren (der älteste scheint von al-Bäberti 
[-f- 786/1384] zu sein) bleibt bestehen. Vgl. dazu Fr. Kern in MSOS XIII^ 1910 S. 141 
Anmerk. 4. Ob hier das älteste erhaltene Glaubensbekenntnis vorliegt, wie der Heraus- 
geber S. XII annimmt, ist sehr zweifelhaft; man könnte daher die Aufnahme in diese 
Sammlung anfechten. (Auffallend ist, daß der Herausgeber diese Schrift S. XII ins HI. 
Jahrh. d. H., „etwas jünger" als die'aqlda des at-Tahäwi [-}- 321/933], setzt, aber sie S. 27 
im Titelkopf dem Abu Hanifa zuschreibt). Willi Heffening 

Carl Ritter von Sax, Geschichte des IMachtverfalls der Türkei bis Ende 
des 19. Jahrhunderts und die Phasen der „orientaHschen Frage" bis auf 
die Gegenwart. Zweite, bis zum Konstantinopeler Frieden (29. September 
1913) ergänzte Auflage. Wien, Manz, 1908. XXII, 654 S. 8». Kr. 12,50. 

Der Nachtrag, durch welchen sich diese zweite Auflage von der ersten von 1908 unter- 
scheidet, gibt dem Werke eine Bedeutnng, die es vorher nicht besaß. Die Unzulänglichkeit 
der ersten Ausgabe wies ich nach in der ausführlichen Rezension Orientalistische Literatur- 
zeitung 1909 Sp. 384 — 391. Der Verfasser zeigt auch in dem Nachtrage die in jener Be- 
sprechung hervorgehobenen Mängel. Aber wir wollen dankbar sein, hier eine übersicht- 
liche Zusammenstellung der Ereignisse des Quinquenniums von Mitte 1908 bis Herbst 
1913 zu erhalten. Die Brauchbarkeit des ganzen Werkes wird gemindert durch das Fehlen 
eines Index, der nun einmal für solche Arbeiten referierenden Charakters unerläßlich ist. 
Seinen Neigungen nach ist der Verfasser ausführlich in der Darstellung der militärischen 
Dinge; daneben werden auch die internationalen Beziehungen mit Liebe geschildert. 
Weniger ausgiebig ist die Darstellung der innerpolitischen Entwicklung, und es finden 
sich da Lücken. Auf die Kabinette Kämil (6. August 1908), Hilmy (15. Februar 1909), 
Hakky (Januar 1910) folgt unvermittelt der Sturz des jungtürkischen Kabinets Sa'id 

fügt au. b ein: „und er ist redend durch seine Rede, und die Rede ist seine Eigenschaft 
von Anbeginn." S. 32 Zeile 24: „er nimmt es von ihm an" (a u. b) statt „er nimmt ihn 
zu sich". S. 33 Z. 35: „Der jüngste Tag und die Scheidebrücke . . ." fehlt in a u. b. 
Z. 37/8 bei b nur als Variante, die „Volksausgabe" (a) kann die Stelle natürlich nicht 
als unecht auslassen (vgl. die bei einer Mi'räg-Feier erzählte Geschichte W^J. II 293 
Z. 20. S. 34 Z. 13: „ist feststehende Wahrheit" a u. b. S. 34 Z. 36 feht in a; b hat: 
„Und der Gesandte Gottes starb im Glauben." 
' as-Sahrastäni I 108; Ibn Qutaiba, K. al-maärif ed. Wüstenfeld S. 301. 



86 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



Pascha (S. 591), dorn Ahmed Muchtar als Großwezier am 21. Juli 1912 foltjt, dann Ende 
Oktober 1912 Kämil, der nach dem Patsch vom 23. Januar 1913 durch Maliraud Schefket 
ersetzt wird (dessen Ermordung fällt nicht in die Berichtszeit). Fremd ist dem Verfasser 
die intime Entwicklung der von ihm behandelten fünf Jahre. Gerade die Strömungen in 
der türkischen Gesellschaft sind davon Bedeutung; aber ihr Erkennen setzt allerdings 
eine intensive Beschäftigung mit den Vorgängen des Gesellschaftslebens auf Grundlage 
einer vollkommenen Beherrschung der Sprache und der literarischen Urkunden voraus. 
Sind auch die Formen, in denen sich die Bewegungen in Stambul vollziehen, unerfreulich, 
ja geradezu abstoßend, so haben doch die Verschiebungen in dem Vorstellungleben derer, 
die an den öffentlichen Dingen teilnehmen, für den Soziologen einen großen Reiz. Von 
welcher Bedeutung ist z. B. das stille Wirken der aus Rußland eingewanderten Türken 
wie Ahmed Agajeff aus Baku, Aktschura Oghli Jusuf aus Simbirsk u. a. Das Aufkommen 
und die Ausbreitung des Pantarkismus darf wohl als das Werk dieser russischen Gäste 
angesehen werden (vgl. hier Bd. I S. 78). Wir erfahren nichts von den beiden anderen 
Hauptströmungen : Osmanismus und Panislamismus, von denen der erstere jetzt wohl als 
abgewirtschaftet bezeichnet werden darf (vgl. meine Worte zu der jüngsten nationalistischen 
Welle in der türkischen Handelswelt „Das Erwachen der mohammedanischen Kanfleute", 
Berl.Tagebl.Nr.248vora 17. Mai 1914). Doch das ist eben die Arbeit des Geschichtschreibers, 
während die Darstellung des Verfassers mehr den Eindruck einer geschickten Kombination 
von Zeitungsausschnitten macht. Gerade in diesem Augenblicke ist die Erkenntnis der 
in der türkisch -osmanischen Gesellschaft wirkenden Kräfte von besonderer Bedeutung. 
Der Schein spricht gegen die Türken, und der Zweifel an ihrer Fähigkeit zu wirksamer 
und dauernder Reorganisation ist allgemein. Wer tiefer blickt, findet Kräfte am Werk, die 
doch nicht vollkommen verzweifeln lassen. Ich möchte namentlich in dem Erwachen der 
türkischen Frauenwelt ein Moment von günstiger Vorbedeutung sehen. Ob freilich eine 
sittliche W^iedergeburt des türkischen Volkes den Prozeß des politischen Zusammenbruches 
aufzuhalten imstande ist, ist zweifelhaft. Man wird leider den Worten des den Türken 
durchaus freundlich gesinnten Verfassers beistimmen müssen, mit denen er das Vorwort 
zur zweiten Anflage einleitet: „Die in der ersten Auflage dieses Werkes aufgeworfene 
Frage, ob durch das jungtürkische Experiment vom Jahre 1908 der weitere Machtverfall 
aufgehalten werden könne, ist schon damals verneint worden. In den seither verflossenen 
fünf Jahren hat diese Ansicht ihre unzweifelhafte Bestätigung gefunden und hat sich auch 
die Befürchtung, daß durch jenes Experiment der weitere Verfall des Reiches sogar be- 
Bchleunigt werden könne, bewahrheitet." Martin Hartmann 



Zeitungsschau. 87 

WIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHHIIIIIIimillllllllllllllllllllllllinillllllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 



ZEITUNGSSCHAU. 

(Mit Einschluß allgemeiner Zeitschriften.) 

I. Allgemeines über den Islam und die islamische Welt. (Der Dschihad.) 

In der Tagespresse sind im vergangenen Halbjahre eine Unmasse von Aufsätzen und 
Leitartikeln über den Islam, den „Heiligen Krieg" und unser Verhältnis zur islamischen 
Welt erschienen. Die einen sind voll von überschwenglichen Hoffnungen, voll von den 
Vorteilen, die uns das Eingreifen der Türkei in den Weltkrieg und die Erklärung des 
„Heiligen Krieges" bringen wird; charakteristisch ist die zahlenmäßige Aufstellung der 
„Streitkräfte im Heiligen Kriege" von Dr. Albrecht Wirth im „Hamburger Fremden- 
blatt" (17. Dez. 1914). Die anderen — ihre Zahl ist gering — gehen der Sache mit vor- 
sichtiger kühler Überlegung nach. Soviel zur allgemeinen Orientierung über die Erschei- 
nungen in der Tagespresse. 

Ans dem alten in der Türkei noch geltenden Eechtscompendium, dem Multaqä al- 
abhur des Muhammad b. Ibrahim al-Halabi (f 956/1549), gibt „ein hervorragender 
Wiener Orientalist" in der „Neuen Freien Presse" („Das Wesen des Heiligen 
Krieges", 14. Nov. 1914) die Hauptstellen über den Dschihad wieder. Aber der jetzt ver- 
kündete Dschihad ist wesentlich von dem Glaubenskrieg früherer Zeiten verschieden, sagt 
Dr.Heinrich vonKraelitz-Greifenhorst (wie auch die folgenden)in der „Neuen Freien 
Presse" (17. Nov. 1914 „Der heilige Krieg"). Denn da der Islam keine Eroberungen mehr 
macht, um die Ungläubigen zu bekehren, hat der Dschihad eigentlich seine Hauptbestim- 
mung eingebüßt. Seine Verkündigung ist mehr von der moralischen Wirkung aus zu be- 
urteilen, die er auf Europa und die mohammedanischen Länder ausüben soll. — Er er- 
streckt sich nicht aufPersien, sondern dieMudschtahide von Nedschef und Kerbela haben 
nur die Teilnahme an ihm gebilligt. 

Diese Wesensänderung des Dschihad sucht P. Dr. Tharcisius Paffrath O. F. M. 
(Paderborn) in der wissenschaftlichen Beilage zur „Germania" (17. Dez. 1914 „Der 
heilige Krieg") näher zu begründen: Dem heutigen Islam fehlt vor allem die religiöse 
Einheit und Geschlossenheit. Wie weit dies geht, zeigt, daß selbst über die Verpflichtung 
zum heiKgen Kriege keine Übereinstimmung mehr herrscht: so leugnete z. B. in Indien 
der Mohammedaner Mirsam Ghulam Ahmed von Kadian eine derartige Verpflichtung. Dazu 
kommt, daß der türkische Sultan nicht überall als Kalife anerkannt wird. Die Jungtürken 
und die sonstigen liberal denkenden Mohammedaner geben den Gedanken des Dschihad 
im alten Sinne vollkommen auf; bei ihnen stehen politische und soziale Bestrebungen 
im Vordergrund. Aber diese sind erst in ihrem Anfangsstadium. Die Türkei kann noch 
die große Masse durch einen Appell an die Glauben streue, der von ihr schon lange vor- 
bereitet ist — vgl. die augenblickliche Aufregung der Islamwelt zur Zeit des türkisch- 
italienischen Krieges — , zum Dschihad aufreizen. Einen Dschihad im Sinne der realen 
Machtverhältnisse und Interessen aus dem Koran zu belegen, -wird den islamischen Theo- 
logen nicht schwer fallen. 

Den in den Begriff des Dschihad eingedrungenen politischen Gedanken betont auch 
Generalleutnant z. D. Imh off („Vossische Zeitung" 18. Nov. 1914: „Der heilige Krieg") 
Jetzt tut man in der Türkei durch die Erklärung des Dschihad den äußersten Schritt ; 
dies zeigt, daß sie sich der Schwere der Situation wohl bewuJit ist; sie weiß, es ist die 



88 Die Welt des Islams, Band III. jgiß, Heft i 



letzte Möglichkeit, das Joch der fremden Mächte abzaschütteln. Der Anfraf wird nicht 
vergeblich sein. Allerdings auf eine sofortige einheitliche Kriegführung ist nicht zu rechnen. 
wohl auf partielle, nicht zu unterschätzende Wirkungen. 

In einer Darstellung des Dschihad-Gedankens seit den Zeiten des Propheten kommt 
Prof. Dr. Hell- Erlangen („Frankfurter Zeitung" 17. Nov. 1914 „Der heilige Krieg") zu 
folgenden Resultaten: Zu Mohammeds Zeiten wurde aus dem anfänglichen Defensivkrieg 
unter Aufrechterhaltnng dieser Fiktion sehr bald ein OÖ'ensivkampf zur Ausbreitung des 
Islams. Schon damals brauchte der Dschihad keine Massenerhebung zu sein, er konnte 
ebenso gut mit regulären Truppen geführt werden. Im Fiqh wurde dann der Dschihad- 
Gedanke auf der Grundlage eines Offensivkampfes zu einem einheitlichen 
Systeme ausgearbeitet. An ihm vermochten selbst die Kreuzzüge und die Verdrängung 
des Islams aus Spanien nichts zu ändern. Seit dieser Zeit, wo der Islam in eine Reihe von 
Einzelstaaten zerfallen, existiert die Frage nach dem rechtmäßigen Kalifen — denn nur er 
hat das Recht, den Dschihad zu erklären. Seit 1517 ist es der osmanische Sultan, wenigstens 
für den bedeutendsten Teil der Islamwelt. Später traten noch als Prätendenten die einzelnen 
Mahdi's auf, zuletzt das Oberhaupt der Senussijja. Großer Unfug wurde mit der Erklärung 
des Dschihad von den kleinen Fürsten in Inner-Afrika und Marokko getrieben. — Wie 
man noch in jüngster Zeit an den alten Normen festhält, zeigen die umständlich nach 
alter Theologenweise begründeten Entscheidungen der Gesetzeslehrer Nordindiens und 
der mohammedanischen Gesellschaft von Kalkutta über die Anfrage eines Inders, ob in 
Indien der Dschihad gesetzlich vorgeschrieben sei. (Sie entschieden negativ.) 

Prof. Dr. GeorgKampffmeyer tritt in der „Illustrierten Zeitung" (Leipzig 12.Nov. 
1914 „Die Erhebung des Islams und der Weltkrieg") den irrigen Anschauungen entgegen, 
die bei uns über die islamischen Länder und Völker verbreitet sind, besonders über Indien 
und Nord-West-Afrika. Eine Hoffnung auf einen ernsten Aufstand in Algerien und Tunis 
besteht nicht; dafür ist die Bevölkerung zu zahlreich an die französischen Interessen ge- 
kettet. Sogar Mohammedaner haben dort auf Seiten Frankreichs gegen ihre Brüder ge- 
kämpft! Der Rest der Bevölkerung ist auf die unterste soziale Stufe herabgedrückt. Ein 
nationales Algerien besteht also überhaupt nicht. — In den an die Wüste grenzenden Ge- 
bieten wird es wohl zu Aufständen kommen, die aber Frankreich leicht niederringen wird. 
— Wesentlich anders ist es im Osten. Hier haben wir „Völker, die ein nationales Leben 
leben wollen, die frei sein wollen". Ein Dreibund Türkei — Persien — Afghanistan ist 
jetzt möglich und könnte zur Abschüttelung der Feinde imd damit zu fruchtbaren kul- 
turellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den mitteleuropäischen Staaten führen. Die 
Türkei kann die Engländer in Egypten angreifen, wo sie die Bevölkerung jedenfalls auf 
ihrer Seite hat. Sie kann jetzt unendlich gewinnen, bei einem Sieg des Dreiverbandes 
aber nur verlieren ; das weiß die Regierung, aber auch das Volk : mit glühender Be- 
geisterung nahm es den Weckruf seines Dichters Mehmed Emin: Ai Türk itjän! auf.* 

Hier wäre noch ein Artikel des Londoner Korrespondenten des „Ikdam" Dr. M. Saad 
Bey zu erwähnen (Vossische Zeitung 20. Nov. 1U14: „Der Islam und der Dreiverband") 
der in ruhigem Tone den Dreiverband als den Feind des Islams hinstellt. Ich hebe fol- 
gende Sätze heraus: „Die Türkei kämpft heute für ihr Dasein, für den Islam, und der 
Prophet Mohammed befahl den Heiligen Krieg eben für diesen Fall. Um das Dasein des 
Staates zu sichern, bedient sich der Kalif aller Mittel, und er kann sich verbünden, mit 
welchem Lande er will." 

1 Siehe darüber Abschnitt II, 1 dieser Zeitungsschau. 



Zeitungs schau. 89 

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIINIHIIIIiniillllllUIIIIIIIIIIIIIII^ 

über das Verhältnis der Engländer zum Islam äu£ert sich W. N e u m a n n in der Frank- 
furter Zeitung (27. Nov. 1914: „Die Engländer und der Islam"): Die starke und gleich- 
förmige Ausbreitung des Islams in den englischen Kolonien ist weniger auf eine Propa- 
ganda der Muslime zurückzuführen, sondern zum guten Teil ein direktes und indirektes 
Ergebnis der englischen Kolonialpolitik. Der Islam sorgt für Schulen, wofür dieEngländer 
in ihren Kolonien nicht sehr viel übrig haben: sie geben den Eingeborenenschulen (hier 
den Koranschulen) nur Beihilfen. Ferner bringt der Islam die Ausbreitung einer gemein- 
samen Handelssprache : des Arabischen (oder wie im Westsudan des Haussa), die eine 
Hauptstütze für ihn ist. Demgegenüber kann die englische Mission nicht aufkommen, die 
zwar aus durchweg vorzüglich gebildeten Leuten besteht, denen aber meist das nötige 
Anpassungsvermögen abgeht. Die Britische Bibelgesellschaft setzt in islamischen Ländern 
auffallend wenig Bibeln ab. Ferner müssen den Eingeborenen die Gebrechen der englischen 
kolonialen „Gesittung" abschrecken, wie z.B. der Alkoholismus der englischen Soldaten, 
wogegen der Islam Enthaltung predigt. — England (bis auf vereinzelte Forscher) hält 
den Islam überhaupt nicht eines besonderen Problems für würdig: vo-l. die letzte inter- 
nationale Konferenz über die Behandlung der Mohammedaner in den Kolonien, wo die 
Engländer allein nichts zu sagen wußten. Diese politische und wissenschaftliche Ver- 
ständnislosigkeit für die Probleme des Islams erklärt zuletzt auch das englische Verhalten 
gegenüber der Türkei. 

Aus dem Anschluß der islamischen Völker an Deutschland und Österreich, so betont 
die Kölnische Volkszeitung in einem größeren Leitartikel: „Deutschland und 
die islamischen Völker" (16. Nov. 1914), erwachsen diesen beiden Staaten auch die Auf- 
gaben, für die der Dreiverband versagte : für die kulturelle Hebung, die wirtschaftliche 
und politische Erstarkung der islamischen Völker zu sorgen. 

Über den „Panislamismus" schreibt Dr. Engelbert Hub er in der Zeitschrift „Das 
größere Deutschland" (1914 Heft 38 S. 1163). Der Schritt von der einigenden Idee des 
Panislamismus zu einer auf ihr beruhenden Organisation ist noch nicht gemacht. Zwar 
bestehen islamische Orden und Bruderschaften, aber politische Diesseitsgedanken fehlen 
ihnen gänzlich. Nur lokale Aufstände, die aber bald niedergeworfen werden, können von 
ihnen ausgehen. Jedoch sollen sich in diesem Kriege alle Muslime um den Sultan-Kalifen 
scharen ; das wäre über alle theoretischen Gegensätze hinweg der erste, greifbare Erfolg 
der Politik des Sultans, der panislamischen Bewegung. Dem stehen aber große Hemm- 
nisse entgegen: die alten Ideale eines erobernden Islams sind abgeblaßt, die Muslime 
haben sich mit der Herrschaft der Ungläubigen abgefunden; dazu kommt das wachsende 
Verständnis für die realen wirtschaftlichen Fragen. So stehen denn z. B. die wenigen 
Nationalisten in Ägypten fast ohne Anhang da. Erst eine spätere Generation wird für 
den panislamischen Gedanken reif sein, wenn „bei der Verfolgung eines politischen Ideals 
nicht mehr die Hemmungen des wirtschaftlichen Rechenexempels zu überwinden sind". 
Aber die Freiheitsgedanken der Muslime können jetzt, wo der Druck der Herrscher ge- 
schwächt ist, zur Förderung des panislamischen Gedankens wieder aufleben. Freilich 
müßte dann die Türkei diesen Völkern Garantien geben, die sie vor einer Wiederauf- 
richtung des früheren Zustandes schützten. Dann könnte sie allerdings zum Mittelpunkt 
einer panislamischen Bewegung werden. Aber die Kassengegensätze ! Diese suchte die 
Türkei durch den „Osmanismus" zu überbrücken, aber das beste Mittel dafür — wodurch 
sie auch schon viel Vertrauen errungen hat — ist fruchtbare Arbeit: Erschließung der 
wirtschaftlichen Kräfte des Landes und Besserstellung der wirtschaftlichen Lage der mus- 
limischen Bevölkerung, — Jedenfalls wird die Türkei vom Panislamismus den Vorteil 



90 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



hnben, daß sie, sobald ihre Heere im feindlichen, muslimischen Lande stehen, der direkten 
oder indirekten Unterstützung durch ihre Glaubensgenossen sicher ist. — Eine starke 
Türkei wird zum Mittelpunkt des panislamischen Weltgedankens; die aufkeimenden Vor- 
aussetzungen dazu werden durch den jetzigen Krieg in ihrer Entwicklung sicherlich be- 
schleunigt. 

II. Einzelne Länder. 
1. Türkei. 

Dr. Freiherr von Mackay gibt im Hannoverschen Courier vom 26. November 1914 
eine Lebensbeschreibung ,,Enver Paschas", wobei er besonders seine Tüchtigkeit in der 
militärischen Organisationskunst hervorhebt: die Schaffung einer wohl ausgerüsteten 
Armee in Tripolitanien, die Neubildung osraanischer Truppenkörper im letzten Balkan- 
kriege. Er ist „der beste Bürge für das planmäßige und zielbewußte Zusammenwirken der 
deutschen Mächte mit der Türkei", zumal er durch seinen scharfen, geschichtskritischen 
Blick und durch bittere Erfahrung belehrt wurde, daß die Wiedergeburt des osmanischen 
Reiches nur in Freundschaft mit einem starken deutschen Reich als Hort gegen die 
Triple-Entente möglich ist. 

Die jetzige Einigkeit der verschiedenen Nationalitäten in der Türkei hebt M[ax] 
R[olofl'] in einem aus Damaskus Ende Oktober 1914 datierten Bericht hervor („Türken 
und Araber einig", Schlesische Zeitung, 22. Nov. 1914). Selbst die arabischen Frauen 
in den Städten Syriens — die Beduinenfrau ist dazu noch nicht reif — sind begeistert für 
die Sache des Vaterlandes. Die arabischen Scheichs, denen die straffe jungtürkische Re- 
gierung nie zusagte, und die daher den britischen Wühlereien leicht zugänglich waren, 
könnten an einen Widerstand überhaupt nicht denken, da ihnen die kriegstüchtigsten 
Männer fehlen: „Der Beduine, der einmal türkischer Soldat war, ist für sein Familien- 
haupt verloren." — Trotz der großen Truppenansammlungen ist noch kein Fall von 
Cholera vorgekommen; die notleidenden Familienangehörigen der Einberufenen haben 
Recht auf Unterstützung von Staats wegen. 

Friedrich Schrader schildert in der Vossischen Zeitung (Nr. 553, Abendausgabe, 
„Auf Türke! Erwache!") die Begeisterung der Türkon, als Mehmed Emin Ende Oktober 
in einem dichtgefüllten Saale Konstantinopels seinen Weckruf: Ai Türk! Ujän! vortrug. 
Der Dichter schildert die stolze Vergangenheit des Türkenvolkes mit seinen Ruhmes- 
taten, seiner geistigen Kultur und seiner Ehrfurcht vor dem Glauben und der Über- 
zeugung anderer. Und jetzt? — Ein furchtbarer Niedergang seit dreüiundert Jahren! Die 
Paläste und Heiligtümer sind in Staub gesunken; darunter haust das Türkenvolk, arm, 
verachtet. Aber ein neues, weites Reich kann erstehen. Trockne deine Tränen! Stärke 
dich und rüste dich dafür! ruft der Dichter seiner Nation zu. Dann zeigt er ihr das neue 
Vaterland, die kommende glanzvolle Zeit. 

„Millionen Türken, Turkestan, alt und neu! 
Die Welt und Zukunft liegt in deiner Hand!" 

Für den unendlichen Wiederhall, den dieses Gedicht hervorrief, haben die deutschen 
Siege den Boden geschaffen. „Jene Verse sind zur rechten Zeit erschienen; sie wirkten 
wie ein Feuerbrand. In allen Händen kann man jetzt die kleinen roten Heftchen sehen, 
die Buchausgabe des Gedichtes." ' 

' Es war bereits im Dezember in zweiter Ausgabe, 32 Seiten stark, erschienen. 



Zeitungsschaii. 91 

HiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiniiniimniiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

Generalleutnant z. D. Imhoff bespricht auf Grund von deutschen und türkischen 
Zeitungsnachrichten in der Nationalen Rundschau 1914/15, Heft 2, S. 47 die „Kriegs- 
ereignisse in der Türkei vom Ausbruch des Weltkrieges bis zum 1. Dezember 1914." 
Ebenso gibt er in der Vossischen Zeitung (2. Dez. 1914, 7. Jan. Abendblatt, 8. Jan. Morgen- 
und Abendblatt, 13. Jan. 1915) unter der Überschrift: „Der Islam im Kampf," Übersichten 
über die Ereignisse im islamischen Orient, besonders über die Waffenerfolge der Türkei 
während der Monate November und Dezember. 

Für das „türkische Geistesleben" in den letzten Jahren, führt Max Rudolf 
Kaufmann (Konstantinopel) in der Frankfurter Zeitung (5. Juli 1914, 3. Morgenblatt) 
aus, ist der Auf- und Niedergang der Wochenschrift „Servet-i-Funun" charakteristisch. 
In letzter Zeit jedoch wurde die Zeitschriftenliteratur durch gute Neuerscheinungen be- 
reichert, so die wissenschaftliche Zeitschrift „Bilki Mebschumassi", herausgegeben von 
Dschelal Sahir Bey, ferner die Zeitschriften „Idschtihat", „Türk Jordu" und die Kinder- 
zeitschriften „Talabe Defteri", „Mektebli" und „Tschodschuk Dünjassi", die besonders 
das Märchen und die Kinderpoesie pflegen. — Der obengenannte Dschelal Sahir Bey hat 
kürzlich die wissenschaftliche Gesellschaft „Bilki Darnaki" mit den fünf Abteilungen 
„Hatiat", „Turkiat", „Turkischlik", „Islamiat", „Ischtimaial" ins Leben gerufen. Die 
Sitzungen sollen wöchentlich stattfinden. Das Organ der Gesellschaft ist seine oben ge- 
nannte Zeitschrift. Sodann bespricht Kaufmann noch die Einrichtung von Kindergärten 
in Konstantinopel und die erfolgreichen Reformen der Schulen und der „Universität". 

Der Bedeutung und Beliebtheit einer europäischen Bildungsstätte im Orient widmet 
Max Larsen (Konstantinopel) einen langen Artikel in der Frankfurter Zeitung (12. Juli 
1914 1. Morgenblatt „Balkanjugend"). Interessant ist seine Charakteristik der in einer 
solchen Schule vertretenen Nationalitäten. Der Türke ist durchweg kein glänzender 
Schüler; von seiner Umgebung etwas anzunehmen, davon hält ihn sein Stolz als Muslim 
ab. Im Umgang ist er sehr beliebt. Der Armenier ist meist intelligent, aber durch den 
Gedanken, daß er einer unterjochten Nation angehört, oft von vöUiger Gleichgültigkeit 
beseelt. Der Grieche ist sehr strebsam. Aber sein Ahnenstolz bringt den minderbegabten 
leicht auf schiefe Bahn. Jeder hat seine Liebhaberei wie Musik, Malerei und ist Mitglied 
des an der Schule bestehenden griechisch-literarischen Vereins. Der Bulgare arbeitet, 
um „ein brauchbarer Sohn seines Vaterlandes zu sein" und ist ständig Mitglied des bul- 
garischen Vereins zur Stärkung von Nationalbewußtsein und Patriotismus. Die Disziplin 
erfährt durch die Bulgaren eine wesentliche Förderung. — Trotz der verschiedenen Natio- 
nalitäten herrschte selbst im letzten Balkankrieg eine herzliche Kameradschaftlichkeit. 

2. Albanien. 

Franz Seiner, der für geographische Arbeiten längere Zeit in Albanien weilte, gibt 
im „Neuen Wiener Tageblatt" (8. Januar 1915, „Der heilige Krieg in Albanien") einen 
Überblick über die dortigen verwickelten Verhältnisse. Nach dem Weggange des Prinzen 
zu Wied fiel Durazzo in die Hände der Rebellen, die dann Essad Pascha zum „Minister- 
präsidenten" wählten. Durch seine Verhandlungen mit Griechenland und Serbien und die 
tatsächliche Unterstützung Serbiens durch Zufahr verlor aber Essad immer mehr an An- 
hang. Als nun am 29. Oktober 1914 Italien die Insel Saseno besetzte, forderten die Tos- 
kaner zum Widerstand gegen die Italiener auf. Da kam die Erklärung des heiligen Krieges. 
Infolgedessen verlangten die Rebellen von Essad Pascha, mit ihnen gegen Serbien und 
Montenegro zu ziehen; er weigerte sich aber und wurde in Durazzo von ihnen einge- 
schlossen. Als dann die Rebellen gegen einen Präfekten des Essad in Valona vorgingen, 
besetzten die Italiener auch noch die Stadt Valona. 



92 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



3. Arabien. 

Dr. Max Ivol off gelangte auf seiner letzten Orientreise in muhammedaniscber Tracht 
aach nach Mekka, wo er zur Zeit des Hadschdsch weilte. Er bericlitet darüber in 
den Leipziger Neuesten Nachrichten (20. Dez. 1914) und in der Schlesischen Zeitung 
(2. Dezember 1914) unter dem Titel: „Mekka in bewegter Zeit". Ich hebe das, was mir 
wichtig scheint, heraus: Wie er aus dem Munde hunderter von Pilgern hörte, hat Eng- 
land im August in Indien und im September in Egypten einen Aufruf verbreiten lassen: 
Deutschland habe den Krieg um diese Zeit begonnen, um als Feind des Islams die Wall- 
fahrt zu verhindern ; deutsche Schiffe sperrten den Seeweg, deutsche Offiziere im Dienste 
der Türken den Landweg; diejenigen Pilger, welche gefangen genommen würden, würden 
gezwungen, ins deutsche Heer einzutreten. Die Zahl der Pilger betrug etwa 32 000, davon 
7000 aus Holländisch-Indien, 12 000 aus Britisch-Indien, einige Tausend aus Nordafrika, 
Egypten, Jemen, Hadramaut der Asiatischen Türkei, und etwa 600 aus China, aber 
sehr wenige aus Rußland. Die Mekkaner hatten auf die doppelte Anzahl gerechnet; daher 
sind sie sowohl wie die Pilgeragenten geschworene Feinde der Ungläubigen, welche die 
Wallfahrt verhindert haben; sie wissen aber sehr gut, daß die Schuld England trifft. Die 
türkischen Uleraä schürten durch aufreizende Predigten gegen „die Ungläubigen, welche 
über Mohammedaner herrschen und diese bedrücken", den Haß gegen England sehr, aber 
die erste Erregung der fanatisierten Massen flaute schnell ab. Nach der Wallfahrt noch 
nach Medina zu gelangen, war nicht möglich, da die Türken fast alle Kamele requiriert 
hatten. 

Über die Friedensschlüsse der Hohen Pforte mit dem Imam Jachja in Jemen und dem 
„Fürsten von Asir", dem Imam Mohammed Ali el-Idris el-Husseini handelt Dr. Wilhelm 
Feldmann in der Vossischen Zeitung Nr. 362 (20. Juli 1914 „Der Triumph des Said 
Idris"). Das Abkommen des Generals Iset Pascha mit dem Imam Jachja vom Herbst 1911 
hat die türkische Kammer am 13. Juli 1914 bestätigt: Der Imam und seine Nachfolger 
werden als religiöses Oberhaupt der Hochlandaraber anerkannt, dafür hat sich der Imam 
dem Bau von Eisenbahnen und Straßen und der Einführung sonstiger politischer Re- 
formen nicht zu widersetzen. — Said Idris, dessen Residenz Sabia' ist, hat sich seit 1905 
im Kampfe gegen die Türken zum Herrn von Asir aufgeworfen. Augenblicklich weilt sein 
Gesandter, der Arzt Dr. Iset Effendi el-Gindi, mit einem Handschreiben in Konstantinopel. 
Laut Stambuler Zeitungen fordert darin Said Idris als Friedenspreis seine und seiner 
Nachfolger Anerkennung als Herrscher von Asir, allerdings unter der Oberhoheit des 
Sultans. 

Für die wirtschaftliche Erschließung Nord- Arabiens führt Prof. Dr. Martin Hartmann 
im Berliner Tageblatt (2. und 7. Juli 1914 „Arabien") aus, wäre eine militärisch gesicherte 
Straße von Adscher ;im Persischen Golf bis Medina wünschenswert, um so den Boden für 
jegliche Kultur zu schaffen : die Ausschaltung des Beduinenelements. Dieser Prozeß hat 
bereits an der Bahnlinie Aleppo — Dscherabulus begonnen. Im Osten wäre dies von der 
Euphratlinie aus zu erstreben. Eine Bahnlinie Damaskus — Ed-Der oder Hit würde ein 
weiterer Stützpunkt sein, um die Beduinen in Schach zu halten. (Eine solche Bahn würde 
die Bagdadbahn nicht schädigen, sondern nur entlasten.) Der Schienenweg Bagdad — 
Basra wird den Irak vor den Beduinen schützen; die im Irak sich befindenden Beduinen 

' Ist gleich dem Orte Sebaiya auf der englischen Generalstabskarte von South Western 
Arabia (1893), auf der Route von Abu Arish nach Khaiwan, ungefähr auf dem 
43. Längengrad. 



Zeitungsschatc. 93 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

müssen entweder zur Seßhaftigkeit gezwungen oder in den Nadschd hinausgetrieben 
werden. Aber diese dürfen die kulturfähigen Gebiete des südlichen Nadschd nicht noch 
mehr beunruhigen; daher ist die Stärkung der osmanischen Herrschaft, deren treuester 
Vasall der Fürst Ihn Raschid von Hajil ist, in Nordarabien durchaus zu wünschen. Zu 
diesem Zweck wollen die Türken eine islamische „Universität" in Medina gründen; aber 
die Erschließung Nordarabiens geht vom Osten und Norden aus; bedeutsam sind die 
neuen Niederlassungen der Nadschd-Beduinen: Chamisije bei Suk asch-Schijuch und die 
im Wadi Artawija westlich von ar-Rijad. Vor allem ist aber eine Durchdringung mit euro- 
päischer Geisteskultur notwendig, die der völkischen Eigenart der Orientalen angepaßt ist. 

4. Egypten. 

Prof. Dr. Georg Schweinfurth beleuchtet im Berliner Tageblatt (11. Nov. 1914, 
,.Was wird aus Egypten?") die heutige Stimmung in Egypten durch einen Brief, den ein 
Ulema während des englisch-türkischen Streites über die Ostgrenze Egyptens im Jahre 1906 
schrieb und den Lord Cromer in das damalige Blaubuch aufnehmen ließ. Da heißt es: 
Die Egypter sind dankbar für die Wohltaten, die man ihnen erwiesen hat, aber sobald 
ein Krieg zwischen England und dem Sultan ausbricht, Avird jeder Muslim nur auf die 
Stimme des Islams hören. Sie lieben die Osmanen zwar nicht, aber „der Sultan ist der 
Kalif, und sein Ruf ist der Ruf des Glaubens, der Ruf des Propheten". Zu Aufständen 
jedoch fehlt jedwede Organisation. Aber dem erobernden Kalifen wird das ganze 
Volk zur Seite stehen, dann fällt es auch unbewaffnet in die Wagschale. Lord Cromer 
meinte 1906, die Türken würden die Verwaltung der egyptischen Provinz nicht verstehen, 
so daß sich die Einwohner bald von ihnen abwenden würden. Die Frage der Verwaltung 
kommt heute nicht in Betracht, meint der Verfasser ; die Parole heißt: „Los vom eng- 
lischen Joch!" Egypten ist ein leicht zu regierendes Land, zumal Dezennien reicher Er- 
fahrung vorliegen. Die Engländer waren nicht die wesentlichen Faktoren des Aufschwunges, 
sondern die schon vorher bestehenden internationalen Einrichtungen: Schuldenkasse, 
gemischte Gerichtshöfe, Eisenbahn-, Telegraphen- und Postwesen. Es fehlte nur eine zu- 
verlässige militärische Stütze; diese besorgten die Engländer. Aber die modernen Türken 
hätten das ebenso vermocht, wie schon früher die türkischen Beherrscher Egyptens. 

5. Tripolis.' 

Über den gegen Mitte des XIX. Jahrhunderts entstandenen Orden der Senussi nenne 
ich die Arbeiten von Prof. Dr. Georg Steindorff (Berliner Tageblatt, 23. Dez. 1914), 
Dr. Fr. von Kraelitz-Greifenhorst (Neue Freie Presse, Wien, 25. Nov. 1914) und 
von Felix Baumann (Über Land und Meer 1915, Nr. 13, illustr.). Nach einer kurzen Dar- 
stellung der Ordensgeschichte gedenken sie seiner Kulturarbeit: zur Hebung der mate- 
riellen Lage der Bruderschaft knüpfte der Orden Handelsbeziehungen mit Innerafrika an 
und ließ infolge der zahlreichen Klostergründungen eine Menge Ödland urbar machen* 
Der Stifter Mohammed es-Senussi (f 1859) „predigte den Kampf gegen die europäische 
Herrschaft und verlangte geistige und räumliche Abschließung gegen jeden europäischen 
Einfluß", kurz, die Rückkehr „zur schlichten Einfachheit und sittlichen Strenge des alten 
Islam". Sein Sohn Mohammed el-Bedr (f 1902), den er auf dem Sterbebette als den 
„Mahdi" bezeichnete, begann eine neue Politik, indem er den Islam durch Bekehrung 
der afrikanischen Neger zu stärken trachtete. Ich füge noch einiges aus von Kraelitz- 

* Siehe auch den folgenden Artikel. 



94 Die Welt des Isiams, Ba7id III. igiß, Heß i 

iimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim 

Greifenhorsts Arbeit liinzu: Ihre Anliänger sollen ungefähr 9 Millionen betragen, die am 
stärksten im Wilajet Barka nnd den Oasen der Sahara vertreten sind. 1880 zählte man 
ca. 40 Klöster, jetzt sollen es ca. 60 sein. Das jetzige Oberhaupt soll Sidi Mohammed 
el-Abd, ein Enkel des Stifters, sein, nach Baumann aber dessen Bruder Ahmed Scherif. 
Mit der türkischen Regierang waren sie stets in Konflikt, obwohl diese ihnen immer 
wieder die Bewilligung zu neuen Klostergründungen erteilte. Der Hauptstreitpunkt war 
die Agrarfrage: Die Senussi betrachteten nach einem etwas gezwungen ausgelegten 
Ferman des Sultans ihren Grund und Boden als Wakuf, glaubten sich aber von der Zahlung 
der Grundsteuer befreit und widersetzten sich einer Katastrierung von Seiten der türki- 
schen Behörden. Greifenhorst und Baumann beurteilen ihren Fanatismus milder; M. N. 
Slonsch, der 1906 Tripolis bereiste, spricht sogar von ilirer Toleranz gegen Ungläubige. 

6. Tunis, Algerien, JMaroIcko. 

Die islamische Bewegung war schon lange vorbereitet, äußert sich Dr. von Bilguer 
im Dezemberheft von Nord und Süd („Die Erhebung der islamitischen Welt"). Alles war 
mit geheimen Zirkularen überschwemmt worden, von Komitees, deren Sitz in den Haupt- 
städten Europas sich befand und die den von Konstantinopel und Kairo ausgegebenen 
Parolen gehorchten (die in Tanger verbreiteten waren von Dr. Moharrem-Berlin ge- 
zeichnet). — In Marokko standen im Juli beim Aufstande in Fez nach dem Berichte des 
General Lyautey 81 506 Soldaten: Bei Ausbruch des Ivrieges schiffte dieser sich mit dem 
größten Teil der Truppen nach Frankreich ein, so daß der Aufstand immer weiter um 
sich greifen konnte. Am 4. Oktober mußte man ihn zurückrufen. Algerien und Tunis ist 
ganz von Truppen entblößt. Grund zur Unzufriedenheit ist bei den Eingeborenen die 
ihnen aufgelegte allgemeine Wehrpflicht. In Libyen ist das anders: Italien hat die 
Bevölkerimg immer gut behandelt und von jeglicher Wehrpflicht befreit. 

Dr. Freiherr von Mackay sagt in der Magdeburger Zeitung (31. Okt. 1914 „Der 
Maghreb und der Weltkrieg"): Es ist genug Zündstoff zu einem Aufstand im französischen 
Nordafrika vorhanden. Er weist dabei auf die harten UrteUe über die französische Politik 
in Nordafrika hin, die bei den letzten Verhandlungen zum Kolonialetat in der französischen 
Kammer fielen: den Muselmanen seien in Algerien alle Grundrechte geraubt und dafür 
habe man ihnen alle Steuern und sonstigen Lasten zugewälzt; die muhammedanische 
Bevölkerung suche sich der eingeführten Militärpflicht durch Auswanderung in türkisches 
Gebiet zu entziehen. 

7. Persien, Afghanistan. 

In drei weiteren Aufsätzen („König Zam Zams Tafelrunde", „Durchs wilde Kurdistan", 
„Die Kussifizierung Nordpersiens", vgl. WJ Bd. II, 378) schildert Karl Fi gdor seine 
Heise nach Persien (Vossische Zeitung, 2., 8. und 23. Juli 1914). Über Kasr-i-Schirin,' 
der Hauptstadt der Sendschabi-Kurden mit der alten Eäuberburg des Stammkönigs Zam 
Zam, kam er nach Mahidescht, wo der Führer der Serdar mit seinen Soldaten weilte; 
von da nach Kirmanschah. Er gibt uns interessante Schilderungen über das Räuberleben 
dieser Kurdenstämme. — Der dritte Aufsatz ist von Teheran, Anfang Juli datiert: Der 
Russifizierung Nordpersiens, sagt er, stellen sich vor allem zwei Dinge entgegen: die 
schwedische Gendarmerie (etwa 12 000 Mann stark), die schon manche Provinz von Räubern 
gesäubert hat und die allmählich zu einem Machtmittel der persischen Regierung heran- 

' Andraes Handatlas, Blatt 145, B 5. 



Zeittm^s schau. 95 



wächst, mit dem man nicht gerechnet hat. Die russische Kosakenbrigade stellt dagegen 
einen vollkommenen Mißerfolg dar. Das zweite ist Herr Monard, der oberste Zoll- und 
Steuerbeamte. Die Einkünfte des persischen Staatsschatzes waren unter seinem Regime 
im Finanzjahr: 1912/13 1913/14 

Steuern 59 MiU. Krans 81 MUl. Kraus 

Zölle 45 „ 50 „ 

104 Mill. Krans 131 MiU. Krans 

Also im zweiten Jahre schon eine beträchtliche Zunahme. Seit Wochen tobt zwischen den 
Bussen und Herrn Monard ein heftiger Streit. Die russischen Konsuln haben nämlich in 
den Provinzen Ghilan, Isfahan, Kaswin und Äserbeidschan (hier bereits 75 "/o) eigen- 
mächtig die Steuern eingezogen ; nicht die der russischen Kolonisten, sondern fast von 
der ganzen Bevölkerung (wenigstens in Täbris). Diese Gelder haben sie bei der Russisch- 
Persischen Bank deponiert, angeblich zur Sicherstellung der seinerzeit in Rußland ge- 
machten persischen Anleihe. Die Russen leitet hier neben der Aufsaugung dieser reichen 
Gebiete ganz offenbar der Gedanke einer starken Flankenstellung gegen die Türkei. 
Deutschland muß hier zum Schutze seiner handelspolitischen Interessen in Petersburg 
einmal einen ernsten Schritt unternehmen. (Auch darüber wird der jetzige Krieg hoffent- 
lich zu unsern Gunsten entscheiden). 

Eine Arbeit, die teilweise schon nach Indien übergreift, veröffentlicht Dr. Freiherr 
von Mackay in der Zeitschrift: Das neue Deutschland (Berlin, 28. Oktober 1914, „Das 
mittelasiatische Weltkriegsproblem in geschichtlicher Beleuchtung"). In Indien, sagt er, 
ist eine Angleichung der Muhammedaner und Brahmanen festzustellen, die schon im Auf- 
stande von 1857 hervortrat. An der revolutionären Bewegung der bengalischen Studenten 
(1908) waren sowohl Hindus wie Muslims beteiligt. Ferner führt er eine Äußerung des 
Mohammedaners Aga Khan bei seiner Stiftung für die Hindu-Uuiversität Benares an : 
„sein größter Ehrgeiz sei es, zu sehen, daß Hindus und Muslims einander liebten".' Diese 
Annäherung leitet sich neben den politischen, auch aus ethischen Wandlungen des Islams 
ab; so hat sich der Inhalt des Begriffes Dschihad geändert: aus einem rein religiösen 
Kriege ist ein wirtschaftlicher und politischer Krieg geworden. — In dieser Beleuchtung 
^st auch die persische und afghanische Frage zu betrachten. Seitdem den Fürsten Mo- 
hammed Ali der Bannstrahl aus Nedschef getroffen, mußte sich der Blick der Perser immer 
mehr zum Sultan-KaHfen hinwenden, zumal die Westperser türk-tatarischer Abstammung 
sind. Sie alle haben den gemeinsamen Haß gegen Rußland. So ist die Annäherung des 
schütischen Persiens an die Türkei zu verstehen. — Der Emir von Afghanistan führt seit 
den gegen ihn gerichteten aufrührerischen Bewegungen im Jahre 1907 eine durchaus 
England feindliche Politik. Als der englische Plan einer persischen Überland-Bahn auf- 
tauchte, ließ der Emir sofort das angrenzende Jesdan besetzen und schloß mit den per- 
sischen Häuptlingen der Muchaide einen Blutsbund. Ebenso unterstützte er die Türkei 
im letzten Balkankriege durch Geld. Er verfügt über ca. 120000 Mann modern ausge- 
rüsteter Truppen, ferner über eigene Gewehr- und Munitionsfabriken. 

8. Rußland. 

Rußlands Herrschaft über seine Muslime, führt Dr. Freiherr von Mackay in der 
Süddeutschen Zeitung (Stuttgart, 30. Dez. 1914: „Rußland und die brennende Welt des 

' Hierhin gehören auch die indischen Kongresse, deren Präsident zuletzt ein Mohamme- 
daner war. 



96 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heß i 



Islam") ans, war eine wohltätig'e Scliutzberrscliaft: es beseitigte dieFronscliaft der Bauern, 
führte geordnete Rechtspreclmng ein und sorgte für die wirtschaftliche Erschließnng der 
islamischen Gebiete, ohne viel in die altgewohnten Lebensverhältnisse der Bewohner ein- 
zugreifen; diese blieben von der Wehrpflicht befreit und hatten in Religion und Sprache, 
Schul- und Gemeindeverwaltung völlige Selbstbestimmung. Dieses freundschaftliche 
Verhältnis von orthodoxem Zartum und islamischem Tartarentura wurde von der fana- 
tischen, national-russischen Partei am Hofe zerstört. Daher kam es zu religiösen Be- 
wegungen gegen die Regierung, denen sich die gebildeten Tartaren anschlössen, indem 
sie gegenüber dem russischen den tartarischen Nationalismus ausspielten. Zündstoff zu 
Aufständen ist genug da, aber alles hängt von den Erfolgen der Türkei, von der Haltung 
Persiens und Afghanistans ab. 

Über den Kongreß der Mohammedaner Rußlands in Petersburg (Anfang 
Juli) berichtet der dortige Korrespondent der Ostseezeitung (Stettin, 14. Juli 1914: 
„Die Klagen der Muhammedaner in Rußland"). Die Muslime klagten über die russische 
Politik der Verfolgung und Belästigung, besonders die Kirgisen und Krimtartaren. Um 
eine einheitliche Organisation der kirchlichen Verwaltung und des Unterrichts zu schaffen, 
forderte man die Einrichtung von zwei neuen Muftiaten: in Turkestan und im Nord- 
kaukasus (3 bestehen: in Orenburg, in der Krim und im Transkaukasus). Den Mufti's 
und dem Scheich-nl-Islam (im schiitischen Teil des Kaukasus) werden je ein Medschlis 
unterstellt; bei der Gemeinde wird eine Art Gemeinderat gebildet, der aus dazu ge- 
wählten Geistlichen und Laien besteht. Den Medschlisen werden Komitees angegliedert 
zur größeren Förderung des Schulwesens (Lehrplan der Medrese: Religion, Logik (!), 
allgemeine Geschichte, Geographie, Philosophie (!), Arabisch und Tartarisch; derMektebe: 
russische Geschichte, Geographie und Arithmetik). — Ferner wurde über die Beschlag- 
nahme der Wakuf-Güter von Seiten der Regierung geklagt (1886 waren es 300000, jetzt 
nur noch 50 000). Schließlich wurde in der Frauenfrage (infolge eines Memorandums 
studierender Mohammedanerinnen) noch eine Resolution gefaßt: Hebung ihrer Stellung, 
freie Bestimmung bei der Heirat, Hinaufsetzung der Altersgrenze für die Ehe auf 
16 Jahre. 

Auf einen Aufsatz von N. N., „Die Mohammedaner in Rußland" in der Frankfurter 
Zeitung Nr. 191 v. 12. Juli 1914, 2. Morgenblatt ist schon in Beckers Islam Bd. 5 Heft 4 
S. 413 hingewiesen worden. 

9. Indien.' 

Eine Übersicht über die Verteilung'der Muhammedaner in Indien gibt Dr. von Staden 
in den Münchener Neuesten Nachrichten (5. Jan. 1915: „Die Völker Indiens und der 
Weltkrieg"). Alsdann hebt er noch ihre einheitliche Sprache, die Urdu- oder Hindustani- 
Sprache, und ihre näher nicht bekannte Organisation hervor, die sich bei dem Aufstande 
des afghanischen Stammes der Afridi (1896) zeigte, wo die Muslime in ganz Indien 
ständig über die Ereignisse genau unterrichtet waren. 

Erwähnen möchte ich noch die durchaus vorsichtige und wohlerwogene Untersuchung 
über eine Aufstandsmöglichkeit in Indien von Prof. Dr. Brück -Gießen („Indien und 
der Krieg", Frankfurter Zeitung, 16. Aug. 1914). Ernstliche, weiter um sich greifende 
Unruhen, meint er, könnten erst infolge von Hungersnöten entstehen. 

Willi Heffening 
' Siehe auch das Ende von Abschnitt 7. 
MiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiHiuimiiuiniiiiiiiiiiiiiiiin 



Bibliographie. 97 

HiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiniiiiiiiiNiiHiiiHiHnHiiiiuiiiiniiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiin 



BIBLIOGRAPHIE. 



* bedeutet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft. Nach dem Titel in [ ] stehen 
Zugangsnummer der Bibliothek nnd geg. Falls Name des Geschenkgebers. 



Ausführliche Besprechung einzelner Werke bleibt vorbehalten. 

225. *Balkan-Revue, Monatsschrift f. d. wirtschaftl. Interessen d. ostexirop. 
Länder. Hrsg. v. Dr. Paul Schwarz, Berlin. Jährl. 12 Hefte. 

226. Tr[augottJ Mann, Der Islam einst und jetzt. Leipzig 1914. 8^. Mit 
zahLr. Abb. 

227. Der innere Gegensatz zwischen Christentum und Islam. Vortrag geh. 
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232. Joussouf Fehmi, Islam, France etTurquie. 36 S. Paris 1913. Bespr. 
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Mit 27 Kt. 35 PI. u. Grundrissen, 1 Panorama u. 7 Abb. 8. Aufl. Leip- 
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Ibrahim-Manzour [IbrähTm Mansur] Efendi, hrsg. v. Dr. E. Schulz, 
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Die Welt des Islame, Band III. 7 



98 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft i 



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239. '''Die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft. Von Ernst Jäckh. Stutt- 
gart u. Berlin: Deutsche Verl.-Anst. 1914. 30 S. 8^. (Der Deutsche 
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240. *Deutschland, die Türkei und der Heilige Krieg. Von Dr. Eugen 
Mittwoch, Universitätsprof. Berlin: Kameradschaft [1915]. 30 S. 8*^. 
(Kriegsscliriften des Kaiser-Wilhelm-Dank, 17.) [Geschenk d. Herrn 
Prof. Dr. Kampffmeyer] 

241. Cesare Cesari, L'Asia turca: la futura questione d'Oriente. 110 S. 
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242. Carl Anton Schaefer, Ziele u. Wege für d. jungtürk. Wirtschafts- 
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243. Beiträge zur Untersuchung des „türkischen Jena" und der Möglich- 
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einem alten Türkenfreunde. (Werbe- u. Einleitungsheft.) 65 S. Wien: 
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244. Yakir Behar, Le finanze turche. Le contribuzioni dirette neU' impero 
ottomano. 302 S. Bologna: Zanichelli 1914. 

245. Foreigners in Turkey, their juridical Status. By Philip Marshall Brown, 
Prof. Princeton: Princeton Univ. Pr. [usw.] 1914. VII, 157 S. 8«. 

246. Correspondence respecting events leading to the rupture of relations 
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Majesty. Nov. 1914. London: His Maj.'s Stat. Off. 1914. XIV, 77 S. 
40.' (Miscellaneous. <1914>. No. 13.) 

247. B. Ischchanian, Nationaler Bestand, berufsmäßige Gruppierung und 
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Otto Auhagen u. Erich Berneker. H. 1.) Berlin u. Leipzig: 
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M'"*' H. D. Geneve: Föderation rev. armenicnne 1905. XII, 356 S. 8^. 

249. A. Wollkoff, Le Turkestan russe. XII, 362 S., 8 ill., 1 carte, 16 planches. 
Paris: Colin 1914. 

250. Berlin — Bagdad. Neue Ziele mitteleurop. Politik. Von Dr. K[arl] 
V. Winterstetten [d. i. Albert Ritter]. 8. Aufl. München: Lehmann 
1914. 80 S. 80. 

251. Julius Euting, Tagebuch einer Reise in Inner-Arabien. Zweiter Teil. 
Hrsg. V. Enno Littmann. XIII, 304 S. Leiden: Brill 1914. 



Bibliop-aphie. 99 

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIilllllllllllllllllllllHIIIIIillflllllllllllllllllllllllllllllllllllllllM 

252. A. Back de Surany, Essai sur la Constitution persane. Paris : Pedone 1914. 

253. Die indische Frage. Von Prof. Dr. StenKonow. Harnt urg: Friederichsea 
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Stuttgartu.Berlin: Deutsche Verl.-Anst. 1914. 308. 8». (Der Deutsche 
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258. Muhammad Gamäl ad-dm al-QäsimT ad-Dimasql, K. al-Fatwä f i'1-islam. 
(Über das Fetwa im Islam.) Damaskus 1329. 8^. 72 S. 

259. Ahmed Sä'yb Bej, Wäqi'atas-Sultän'Abd al-'Aziz. (Begebenheiten zur 
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260. *al-Kuschalri's Darstellung des Süfitums. Mit Übersetzungs-Beilage u. 
Indices von R. Hartmann. Berlin 1914. 8«. Mit 1 Taf. (Türk. Biblio- 
thek Bd. 1 8.) 

261. Ahmed Ibn Taimija, „K. al-Kalim at-tajjib min adkär an nabijj ssalam". 
Das Buch des frommen Wortes. Gebete der Mohammedaner. Die 18 
ersten Capitel nach e. Berliner Hs. hrsg., übers, u. m. Anmerkungen 
vers. V. H. Wiesel. Berlin 1914. 8^. (Die Arbeit erschien auch als 
Berner Dissertation.) 

262. [Pers.] Rubä'ijät-i-hakim'Umar-i-HaijEm. [Ant.] Ruba'ijat des Omar 
Chajjäm vonNeschapur (in deutsche Verse übertr. vonG. D. Gribble). 
Leipzig: Insel-Verl. 1907. 122 S. 8 o. 

263. Dott. Guiseppe Califano. II regime dei beni "Auqäf nella storia e nel 
diritto deir Islam. Seguito da note ed appunti sugli "Auqäf della Tri- 
politania e da uno schema di progretto per la riorganizzazione della 
amministrazione degH 'Auqäf El G'Auama' in Libia. Tripoli 1913: 
Arbie. 132 S. 8«. 

264. Commando del Corpo di State Maggiore. Dott Romeo Campani. 
Calendario arabo. Tabelle couiparative delle ere araba e cristiano- 
gregoriana mese per mese <(Egira 1 — 1318) e giorno per giorno <E. V. 
1900—2000). Modena 1914: Soc. tip. modenese. XXXII, 151 S. 
quer -8 o. 

265. Islam und Weltkrieg. Von Prof. Dr. [Hubert] Grimme. Münster: Borg- 
meyer & Co. 1915. 24 S. 8°. (Kriegsvorträge der Universität Münster 
i. W. H. 7). 

266. Deutsch -türkische Interessengemeinschaft. Von Prof. Dr. C. H. 
Becker. Bonn: Cohen 1914. 23 S. 8». (Bonner vaterländ. Reden und 
Vorträge während d. Krieges. H. 2.) 



100 Dte Welt des Islams, Band III. ig iß. Heft i 

miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiininiiiiiiiiiniiinnnniniiiiiiiniiiiimiHuuimuiiiiMiiniiiimiimHninttWHiiraiiiiiiiiiiiiiiH^ 

267. *Deutsc'hland und der Heilige Krieg. Von C. H. Becker. In : Inter- 
nationale Monatsschrift f. Wissenschaft, Kunst u. Technik. Jg. 9, Heft 7, 
1.'). Feb. 1915, Sp. 631—662. 

268. *Schaich Salih Aschscharif Attunisi. Haqiqat aldschihäd. Die Wahrheit 
über d. Glaubenskrieg. Aus d. Arab. übs. v. Karl E. Schabinger. M. e. 
Geleitwort v. Martin Hartmann u. e. Bild d. Schaichs. Hrsg. v. d. Deut- 
schen Ges. f. Islamkundo. Berlin : Dietrich Reimer <Ernst Volisen) 
1915. Der Erlös ist für den Roten Halbmond bestimmt. 

Aus dem Geleitwort von M. Hartmann: Der Verfasser ist islamischer Theologe nnd 
lebt in den Gedankengängen der traditionellen Auffassung seiner Religion und ihrer 
Lehren, wie das System sie bietet, das sich um das Jahr 1100 als das orthooxec d \irli- 
gesetzt hat, und das im ganzen sunnitischen Islam anerkannt ist. Innerhalb dieses Sy- 
stems laufen strengere und mildere Auffassungen nebeneinander her. Schaich Salih 
vertritt die mildere Richtung; er glaubt sogar, es lasse sich auf ihrem Boden zu einer 
Art Versöhnung zwischen der Frankenwelt und der Islamwelt gelangen. Von dem 
Streben beseelt, zu einer solchen Versöhnung beizutragen, hat er diese Abhandlung 
verfaßt, durch welche er den Beweis zu erbringen erhofft, daß die Lehre vom Glaubens- 
kriege mit der Vorstellungswelt der Franken vereinbar sei. 

Die kleine Schrift gibt ein vortreffliches Bild von dem Geiste, in welchem das 
schwierige Problem des „Glaubenskrieges" (dschihäd) gegenwärtig von denjenigen is- 
lamischen Theologen behandelt wird, die, der milderen Richtung huldigend, durch die 
neueste Entwicklung veranlaßt werden, sich in tolerantem Sinne zu äußern. Es ist ihm 
zum Verdienste anzurechnen, daß er die Lehre des Heiligen Gesetzes vom Glaubens- 
kriege in einer leicht verständlichen Weise zur Darstellung gebracht hat. Gerade heute 
wird seinem Gegenstande ein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Nicht zum wenig- 
sten sind es die Ej-eise der christlichen Mission, denen die Behandlung der Frage in dem 
Sinne, wie er heute wohl als den vorderen Orient beherrschend bezeichnet werden 
kann, willkommen sein wird. 

In dem Nachwort weist Schabinger auf die Besonderheit dieses jetzigen Heiligen 
Krieges hin und zeigt die Vernunftwidrigkeit der Behauptung, daß er „made in Ger- 
many" sei. 



inuiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiuiiiuuiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiinmiiiiimninnimHiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 



Becker, Islampoliiik. 101 



ISLAMPOLITIK'. 

VON 
C. H. BECKER. 

Das Islamproblem wird meist als religiöses Problem gewertet, doch ist 
der Islam nicht nur eine Religion, sondern auch eine Zivilisation und ein 
Staatsgedanke. Ursprünglich eine semitische Reh'gion auf christlich-jü- 
discher Basis, ist der Islam als Weltanschauung im weitesten Sinne des 
Wortes der Erbe des christHchen Hellenismus geworden. Christentum 
und Islam fußen also auf der gleichen kulturellen Grundlage, nur daß 
diese ererbten Elemente sich im Abendlande europäisierten, während sie 
im Morgenlande, namentlich seit Verlegung des Schwergewichtes des 
Kalifenreiches von der Mittelmeerküste nach Bagdad, unter dem Zeichen 
der Asiatisierung standen. Rehgion und Kultur verwoben sich zu einem 
untrennbaren Ganzen. Den Rahmen für diese Einheitszivihsation bildete 
der jahrhundertelang gelebte Einheitsstaat des Kalifats. Mit dem Zerfall 
dieses Staates lebte die in ihm geschaffene religiöse Einheitsbildung eben- 
so weiter wie die Erinnerung an die glorreiche Zeit des Einheitsstaates 
selber. Dieser Staatsgedanke wurde zu einem Teil der islamischen Welt- 
anschauimg. Jeder Mushm ist Bürger dieses ideellen Staates, daher der 
Internationalismus des Islams, auch noch in der Gegenwart. Da die Le- 
bensauffassung des Islams somit in alle Sphären des Daseins eindringt, ist 
eine Auseinandersetzung mit ihm, vor allem für den modernen Staat, un- 
umgänglich, und zwar für den orientalischen Staat ebenso wie für den 
europäischen. Diese Stellungnahme zu dem Islamproblem in positiven 
Maßnahmen oder duldendem Geschehenlassen wird man am besten als 
„Islampolitik" bezeichnen. Islampolitik ist eine Frage der inneren und 
äußeren Politik. 

1. Islampolitik in islamisch-orientalischen Staaten, 
besonders in der Türkei, 

a. als Problem der inneren Politik. 

Man könnte natürlich auch von einer Islampolitik Persiens oder Afgha- 
nistans sprechen, aber weitaus wichtiger ist die der Türkei als des mäch- 
tigsten muhammedanischen Staates der Gegenwart, der zugleich Träger 
des Kalifates ist. In der inneren Pohtik der Türkei spielt die Stellung zum 
Islam schon insofern eine ausschlaggebende Rolle, als die Anerkennung 

' Vortrag gehalten vor der D. Gesellschaft für Islamkiinde im Sitzungssaal des Ab- 
geordnetenhauses am 24. April 1915. 
Die Wel» dee lelams, Band III. '^** 



102 Die Welt des Islams, Band III. ig 15, Heß 2 



des Islams als Staatsreligion den S taats-C harakter, auch dernioderncn 
Türkei, bestimmt. Man hat das junge türkische Parlament mit Unrecht 
getadelt, daß es so viel Zeit auf theoretische Diskussionen verwandte, 
statt praktisch zu arbeiten. Man mußte sich doch zuerst über Form und 
Charakter des neuen Staates klar werden. Führte die Frage, ob unio- 
nistischer oder dezentralisierter Staat, zur Bildung verschiedener Parteien, 
so fanden sich Vertreter der verschiedenen Theorien über den Staats- 
charakter in allen Parteien. Es gab drei Entwicklungsmüglichkeiten : 
religiös und ethnisch neutraler Osmanen-Staat, türkischer Nationalstaat, 
islamischer Kalifenstaat. Gesiegt hat schließlich unter dem Druck der Ver- 
hältnisse der Gedanke des Islamstaates unionistischer Färbung. Dieser 
neue Kalifenstaat war etwas anderes als der absolutistisch-patriarchalische 
Kalifeustaat der Vergangenheit. Aber die Notwendigkeit der Betonung 
des Islams ergab sich einmal aus der glorreichen Tradition des Türken- 
reiches, die in Geschichte, Bildung und Religion ganz im Zeichen des Islams 
stand. Besonders galt das für die Armee. Die numerisch stärksten isla- 
mischen Volksteile der Türkei sind die Türken und Araber, deren Be- 
ziehungen nicht ungetrübt sind, zumal von Seiten der Ententemächte bei 
ihrer Wühlarbeit diese zentrifugalen Kräfte seit Jahrzehnten gestärkt 
werden. Mit der Parole des Islams konnte dieser Gegensatz vielleicht über- 
wunden werden; es war die einzige Basis, auf der ein Zusammenarbeiten 
von Türken und Arabern ohne Schwierigkeiten möglich Avar, was vor 
allem für die Schlagfertigkeit der Armee eine Lebensnotwcudigkeit Avar. 
Entsprechend diesem islamischen Charakter der Armee wurde dann auch 
der Krieg zum „heiligen" Kriege. Weiter hatte man Im Balkankriege 
schlechte Erfahrungen mit den christlichen Mitkämpfern gemacht, da ihnen 
die kriegerische Überlieferung fehlte und durch ihren Eintritt in das Heer 
die einheitliche ethische Basis verloren ging. Jetzt ist die alte Einheitlich- 
keit wieder hergestellt, und die Christen werden melir zu Hülfsdlensten, 
als im Kampfe verwandt. Auch noch in anderer Hinsicht waren die Er- 
gebnisse des Balkankrieges für die Islamfragc entscheidend. Mit dem 
Verluste der christlichen Provinzen stieg der Prozentsatz des islamischen 
Elementes in dem verkleinerten Osmanenreich, und dazu kam noch die 
Auswanderung zahlreicher Muhammedaner aus den verlorenen europäi- 
schen Provinzen in die asiatische Türkei. Bestimmend für den islamischen 
Staatscharaktcr war schließlich noch ein außen-politischer Gesichtspunkt, 
von dem später die Rede sein soll. Jedenfalls ist der Staatscharakter der 
Türkei trotz aller wohlgemeinten Utopien der Revolutionsjahre ein reli- 
giöser. Das könnte als Anachronismus erscheinen, doch muß als Parallele 



Becker, Islampolitik. 103 



auf den religiösen Charakter der österreichischen Monarchie und vor allem 
auf den russischen Staatsgedanken als eine Verkörperung der orthodoxen 
Kirche hingewiesen werden. Die Türkei hat es vermieden, sich zu Gun- 
sten importierter Ideen von der überkommenen Tradition zu lösen, der 
sie ihre historische Größe verdankt. Als moderner Staat ist die Türkei 
zugleich Kalifenstaat und Verfassungsstaat, d. h. bei aller Betonung des 
Islams als Staatsreligion wird der Andersgläubige in ihr bürgerliche Gleich- 
berechtigung genießen, wie etwa der Jude im modernen christlichen Staat. 

Langsam sehen wir also den mittelalterlichen Staatsgedanken sich den 
veränderten Zeitverhältnissen anpassen. Das gilt nun besonders auf dem 
Gebiete der speziellen Islampolitik im Inneren, wie es in der Antithese: 
Staatsaufsicht und Kultusautonomie zum Ausdruck kommt. Auf 
den ersten Blick scheint dieses Problem in einem islamischen Staat ei- 
gentlich gar kein Problem zu sein ; ja, wenn der Kalif ein Papst wäre, 
schiede dieses Problem allerdings aus ; denn dann hätten Avir eine ge- 
schlossene Hierarchie vor uns. Der Kalif ist aber kein Papst, sondern 
der welthche Herrscher der ideellen Gesamtgemeinde. Neben ihm steht 
als Verkörperung des religiösen Momentes das Heilige Gesetz (Scheria 
resp. Scheriet), das von dem obersten Mufti des hanefitischen Ritus, dem 
Scheich-ul-Islam. autoritativ interpretiert wird. Der Islam kennt, wie be- 
kannt, neben der Exekutivjustiz der Kadis die Konsultativjustiz der Muf- 
tis, die mit der gutachtlichen Tätigkeit europäischer Juristen verglichen 
werden kann, und die für den Richter ebenso wenig bindend ist. Seit dem 
15. Jahrhundert hat sich das Scheich-ul-Islamat zum obersten religiösen 
Amt in der Türkei entwickelt. Der Scheich-ul-Islam ist dem Großvezier 
koordiniert und sein Vertreter. Autonom als Verdolmetscher des Ge- 
setzes, ist er in seiner Stellung selber ein absetzbarer Beamter. In dieser 
Weise ist also auf persönlichem Gebiete das Problem der Staatsaufsicht 
und der Kultusautonomie gelöst. Anläßlich der Absetzung Abdulhamids 
ist die Tätigkeit des Scheich-ul-Islam oft unrichtig verstanden worden. 
Kein Mufti kann einen individuellen Sultan absetzen; das tun immer die 
jeweiligen Machthaber. Aber er rechtfertigt das Vorgehen durch die Er- 
klärung, daß ein Kalif N. N., der das und das getan habe — und dabei 
werden dann die Gründe, welche die Absetzung veranlassen, aufgezählt 
— auf Grund der Scheria nicht länger Kalif zu sein verdiene. 

Bei der AUgültigkeit des religiösen Gesetzes und der religiösen Bildung 
vereinigte in früheren Zeiten der Scheich-ul-Islam die Ämter in sich, die 
wir als Justiz-, Kultus- und Unterrichtsministerium bezeichnen würden. 
Dabei ist nur der Begriff des Kultus etwas anders zu fassen, als wir das 

7*** 



104 Die Welt des Islams, Band 11/ . ig 15, Heft 2 

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIHintlHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIII^ 

tun, insofern als das Moscheepersonal nicht vom Scheich -ul- Islam ab- 
hängig und nicht aus staatlichen Mitteln bezahlt ist. Es untersteht viel- 
mehr der Leitung privatrechtlich verwalteter Stiftungen (Wakufs, die jetzt 
zum Teil von einem eigenen Ministerium verwaltet werden;. Das Scheich- 
ul-Islamat greift aber insofern sehr erheblich in das Gebiet der Kultus- 
veranstaltungen ein. als ihm ein Aufsichtsrecht über die weit verzweigten 
religiösen Bruderschaften zusteht. Als wichtige soziologische Ghederung 
ist das Bruderschaftswesen überall von muhammedanischen Regierungen 
sorgfältig beaufsichtigt worden. Hier also betätigt sich der Scheich-ul- 
Islam als staatliche' Aufsichtsbehörde. 

Die moderne Entwicklung der Türkei hat im Laufe des letzten Jahr- 
hunderts der umfassenden Wirksamkeit des Scheich-ul-Islam bedeutende 
Schranken gesetzt. Mit der Einführung einer weltlich europäischen Bil- 
dung entstand ein eigenes Unterrichtsministerium, und nur noch der re- 
ligiös-islamische Unterricht blieb dem Scheich-ul-Islam unterstellt. In 
gleicher Weise trat neben die Scheriet-Gerichtsbarkeit die moderne Re- 
formgesetzgebung, die von einem Justizminister geleitet wird. So ist die 
allumfassende Stellung des Scheich-ul-Islam in ihren tatsächlichen Be- 
fugnissen herabgesunken etwa auf die Stellung des Patriarchen oder des 
Oberrabbi, die ja auch das religiöse Recht und den religiösen Unterricht 
ihrer Glaubensgenossen unter sich haben; aber die ideelle Bedeutung 
des Scheich-ul-Islamats ist bis auf den heutigen Tag eine außerordentlich 
große ; denn in ihm verkörpert sich die Autorität des Gesetzes. 

Gerade bei dieser Bedeutung der Scheriet ist die politische Stellung 
des türkischen Staates zu diesem wichtigen Teilgebiet des Islams von 
großer Bedeutung. Die Scheriet ist bekanntlich kein Gesetzbuch in un- 
serm Sinne des Wortes, sondern eine Diskussion über die Pflichten der 
Muhammedaner. In allen wichtigen Punkten hat man sich geeinigt, und 
diese Hauptpunkte sind verpflichtend für die Gläubigen und das sie ver- 
bindende Element. In allen minder wichtigen Punkten haben die einzelnen 
Rechtsschulen Sonderbestimmungen für ihre Angehörigen entwickelt. Der 
Gläubige hat nun diesen ganzen Pflichtenkomplex als schlechthin ver- 
bindlich anzuerkennen ; aber in der Praxis des Lebens ist es natüi'lich 
ganz unmöglich, diese oft theoretisch selu- ausgeklügelten Einzelbestim- 
muugen durchzuführen. Selbst den großen kanonischen Pflichten gegen- 
über leisten sich auch gläubige Volkskreise weitgehende Unterlassungs- 
sünden. Für den Staat ist es nun besonders wichtig, daß gewisse Teile 
des öffentlichen Lebens, namentlich der modernen Welt, von den Be- 
stimmungen der Scheriet überhaupt nicht getroffen werden. Schon im 



Becker, Islampolitik. 105 



Mittelalter wurde das Gebiet des Verwaltungsrechtes als religiös indiffe- 
rent durch eine weltliche Gesetzgebung, die sogenannten Kanunnamehs. 
geregelt. Dazu kam unter dem Druck Europas in der ersten Hälfte des 
19. Jahrhunderts die sogenannte Reform- oder Tanzimatgesetzgebung, 
die europäischen Rechtsgebräuchen und der modernen Staatsidee Rech- 
nung trug. Dem Scherietrecht ist nach wie vor außer dem religiösen 
Recht im engeren Sinne Familien-, Erb- und Eherecht vorbehalten; auch 
Schadenersatz für Körperverletzungen und einige andere Bestimmungen 
sind noch nach diesem Recht in Übung, während das ganze Gebiet des 
Handels- und Strafrechtes der Tanzimatgerichtsbarkeit untersteht, die 
nicht nur selbständige Gesetzbücher, sondern auch eine selbständige Ge- 
richtsverfassung und ein selbständiges Prozeßverfahren besitzt. Bei der 
großen Schwierigkeit, dieses moderne Recht, das die Alleinherrschaft der 
Scheriet zu bedrohen schien, in der Türkei durchzuführen, hat sich eine 
gewisse Unklarheit der Grenzlinien bis auf den heutigen Tag erhalten, da 
wohl die Institutionen getrennt sind, aber gelegentlich Personal-Union 
die Unterschiede verwischt, und da bei der Unklarheit der Abgrenzungen 
Kompetenzkonflikte unvermeidlich sind. Die Tendenz der Gesamtent- 
wicklung ist aber zweifellos die, daß die Gültigkeit des religiösen Rechtes 
sich immer mehr auf die ganz oder halb religiösen Gebiete beschränkt, 
während die weltliche Gerichtsbarkeit sich auf immer weitere Gebiete 
ausdehnt. Dieser Verweltlichungsprozeß des Rechtes wird von der türki- 
schen Regierung natürlich gefördert, dabei aber mit feinem Takte dem 
religiösen Volksempfinden Rechnung getragen. Eine gesunde Modernisie- 
rung kann sich hier nur schrittweise vollziehen. 

Ganz ähnlich vollzieht sich die Entndcklung auf dem Gebiete des Bil- 
dungswesens. Dieses Problem ist so kompliziert, daß hier nur einige 
Andeutungen gegeben werden können. Das Bildungsideal der islamischen 
Welt ist zweifellos auch heute noch ein mittelalterliches ; denn trotz der 
Forderung des Hadith, das Wissen zu suchen, und wenn man dafür bis 
an die Grenzen Chinas wandern müsse, hat die theologische Entwicklung 
des Mittelalters zu der Lehre geführt, daß die Pforte der selbständigen 
Gesetzeserforschung seit Jahrhunderten verschlossen sei, nachdem ein- 
mal die Übereinstimmung der alten Religionslehrer eine befriedigende 
Lösung gefunden habe. Glücklicherweise ist in den letzten Jahrzehnten 
diese verschlossene Pforte von den besten Geistern des Islams wieder ge- 
öffaet worden, und die ganze religiöse Begründung der jung-türkischen 
Verfassungspolitik hat eine selbständige Stellungnahme zu den Quellen 
der Religion zur Voraussetzung. Gewiß hat der Orient in Schule und 



106 Die Welt des IsUuns, Band III. igiß, Heft 2 



Presse seit dein Bes^Inn des vorigen Jalu'lmnderts unter dem Einfluß des 
abendländischen, speziell des französischen Geisteslebens gestanden, und 
diese europäische Gedankenwelle kann in der Flut modern-orientalischen 
Denkens auch nicht mehr entbehrt werden. Trotzdem bahnt sich langsam 
die Erkenntnis einen Weg, daß nur durch Anknüpfung an die überlie- 
ferten Geisteswerte und nicht diu-ch Import eine gesunde Entwucklungs- 
möglichkeit im modernen Sinne gewährleistet wird. Dabei ist es nament- 
lich für die Schule notwendig, die weltlichen Fächer stärker zu betonen 
und damit eine Entklerikalisieruug der Schule durchzufüliren. Diese Ent- 
wicklung ist bereits im Gange. Geistig-religiöse und weltliche Bildung 
sind, jede an ihrem Platze, auch in Zukunft benötigt, aber man sollte ver- 
suchen, diese beiden Welten möglichst zu trennen. 

Wo wir auch hinblicken, überall sehen wir die Türkei in ihrer inneren 
Politik eine bewußte Stellung zum Islamproblem durchführen. Die mittel- 
alterliche Idee einer Identität von Staat und Kirche wird langsam gelöst 
und durch moderne Gedanken ersetzt; aber der Staat bleibt als solcher 
islamisch. 

b. als Problem der äußeren Politik. 

Der Kalifatsgedanke ist für die Türkei nicht nur eine innerpolitische 
Notwendigkeit, sondern auch ein außenpolitisches Machtmittel. 
Im Panislamismus liegt ein internationaler Anspruch. Der Gedanke der 
politischen Zusammengehörigkeit aller Gläubigen war in der alten Zeit 
die Kampfparole, unter der der Islam die Welt eroberte. Dieser aggres- 
sive Charakter des alten Panislamismus ist in neuerer Zeit verschwunden, 
und wenn die Türkei in ihrer auswärtigen Politik bewußt panislamische 
Politik ti-eibt, so tut sie das heutzutage nur noch im Interesse ihrer 
Selbstverteidigung. England und Rußland bedrängen die Türkei in 
territorialer Hinsicht, und Frankreich sucht sie finanziell am Gängelbande 
zu führen. Don gewaltigen politischen Machtmitteln dieser Großmächte 
hat die Türkei nicht die gleichen materiellen Kräfte entgegenzusetzen. 
Sie benutzt deshalb ihre geistigen Machtmittel, um sich dieser rücksichts- 
losen Gegner zu erwehren. Die genannten Mächte haben zahlreiche Mil- 
lionen muhammedanischer Untertanen. Diese Muhammedaner fühlen sich 
zum großen Teile von diesen Großmächten unterdrückt. Wenn nun die 
Türkei das ideelle Band der Zusammengehörigkeit des gesamten Islams 
betont, so löst sie damit bei den Untertanen ihrer hauptsächlichen Gegner 
türkenfreundliche Stimmungen aus, welche die Schlagfcrtigkeit der großen 
europäischen Islammächte bei einem Kampf mit der Türkei, wie wir es 
jetzt erleben, ziemlich erheblich behindern. Nun gibt es Leute, die eine 



Becker, Islampolitik. 107 

iiHiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiuiii HiiiiiiiiHiii iiiiiii 

solche Beuutzung der gemeinsameu Religion aufs schärfste verurteilea 
Aber was haben denn England, Frankreich und Kußland in den letzten 
Jahrhunderten getan? Der gleiche Glaube war auch für diese Mächte 
eines der Hauptvehikel ihres politischen Einflusses auf türkischem Bo- 
den. Benutzten sie das religiöse Moment zu imperialistischen Zwecken, 
so tut es die Türkei zu ihrer Selbsterhaltung. Der moderne Panis- 
lamismus als Kampfmittel der Türkei ist also rein de- 
fensiv. Und so ist auch der Heilige Krieg, der Dschihad, über dessen 
innerpolitische Bedeutung als traditionelle Parole der Armee wir schon 
gesprochen haben, außenpolitisch eine Bitte um moralische und eventuell 
materielle Unterstützung der Türkei von Seiten der nicht türkischen Mu- 
hammedaner unter fremder Herrschaft. Im heutigen Orient wird der Dschi- 
had nicht als Glaubenskampf, sondern als Kampf gegen England und Ruß- 
land, als ein Kampf für die Freiheit der Nation empfunden. So verstanden, 
ist der islamische Gedanke ein gesundes politisches Mittel der türkischen 
Außenpolitik. Jeder Islamstaat müßte ihn ebenso nützen, besonders aber 
die Türkei; denn sie ist die Trägerin des Kalifatsgedankens. Aber auch 
für die, welche das Kalifat des Türkensultans nicht anerkennen, bleibt die 
Türkei die Vormacht des Islams, und als solche ist sie nach islamischer 
Lehre von den Gläubigen zu unterstützen. Das berühmte Kriegsfetwa 
rechnet sogar mit dieser Lehre, indem der Sultan nicht als Kalif, son- 
dern als Padischah des Islams bezeichnet wird. ISIach welcher Lehi-e auch 
immer, die Türkei wird der Kalifenstaat der Zukunft sein, und das Ideal, 
das leitenden Leuten hier vorschwebt, hat neulich ein türkischer Groß- 
vezier in die Worte gekleidet: „Un Khahfat qui peut devenir un Symbole 
de progres pour les musulmans en general". 

2. Islam politik in europäischen Staaten. 

Die soeben skizzierten Verhältnisse lassen es bereits ahnen, daß auf 
dem Gebiet der internationalen Beziehungen das Islamproblem eine ge- 
fährliche Reibungsfläche bietet. Hat die Türkei ein Interesse daran, die 
ideelle Zusammengehörigkeit aller Muhammedaner nicht aus dem Be- 
wußtsein der Gläubigen schwinden zu lassen, so hat umgekehrt jede eu- 
ropäische Macht mit muhammedanischen Untertanen, sei es in der inneren, 
sei es in der Kolonialpolitik, das entgegengesetzte Interesse, nämlich ihre 
Muhammedaner dem Staate vollständig einzugliedern. Jedes Kokettieren 
der Türkei mit den Untertanen eines europäischen Staates muß für letz- 
teren als Eingriff" in seine speziellsten Rechte erscheinen. Es ergeben sich 
also hier prinzipiell e Gegensätze ernstester Natur, die auch durch 
guten WiUen kaum überwunden werden können, sondern die eben im 
Wesen der Sache liegen. 



108 Die Welt des Islams, Band III. igjß, Heft 2 



Auch für den europäischeu Staat ist die Islam politik entweder ein 
Problem der inneren resp. Kolonialpolitik oder, im Umweg über die Tür- 
kei, ein Faktor in ihrer außenpolitischen Betätigung. 

a. Als Problem der inneren resp. Kolonialpolitik. 

Je nachdem das Mutterland oder die Kolonien muhammedanische 
Untertanen haben, wird man die Islampolitik als Problem der inneren 
oder der Kolonialpolitik bezeichnen. Prinzipiell wird in der Behandlung 
der Islamfrage auf beiden Gebieten nur selten ein Unterschied gemacht; 
denn die Lösung des Islamproblems in Rußland, das keine Kolonien hat, 
steht durchaus unter kolonialpolitischen Gesichtspunkten, wie die russi- 
sche Behandlung der Fremdvölker überhaupt. Einen Unterschied zwischen 
kolonialpolitischer und innerpolitischer Behandlung könnte man zur Not 
bei Österreich konstatieren, wo der Islam in Bosnien im Stil der Kolo- 
nialpolitik schlechthin anerkannt ist, d. h. die tatsächlich nicht existie- 
rende Polygamie theoretisch zugelassen und für bestimmte Gebiete des 
Rechtslebens das islamische Gesetz zuständig ist, während umgekehrt in 
den übrigen Ländern der Monarchie der Islam nur nach hanefitischem 
Ritus und insoweit anerkannt ist, als er den StaatsgTundgesetzen nicht 
widerspricht. Auch haben die Muhammedaner in der übrigen Monarchie 
nicht den Anspruch auf Anwendung des islamischen Erbrechtes, sondern 
sie unterstehen, wie die übrigen Staatsbürger, dem allgemeinen Erbrecht. 
In allen übrigen Fällen ist die Behandlung des Islams in europäischen 
Staaten von kolonialpolitischen Gesichtspunkten bestimmt. 

Da ist es denn eine der Grundfragen, wie man sich zum Islam über- 
haupt stellt, ob man ihn bekämpft, befördert oder indifferent behandelt. 
Nach dem allgemein anerkannten Gesetze religiöser Duldung wird wohl 
kein moderner Staat zu einer Bekämpfung des Islams die Hand bieten, 
wenn er auch gegen Auswüchse und Entstellungen gelegentlich einzu- 
schreiten haben wird. Wichtiger ist die Frage, ob man sich in die islami- 
schen Verhältnisse einmischen soll, oder ob man die europäische 
Staatsleitung vollkommen trennen soll von dem islamisch-religiösen Leben 
der Bevölkerung, um sich höchstens auf ein allgemeines Aufsichtsrecht 
zu beschränken. Bestimmte Länder, wie z. B. Österreich, haben das Prin- 
zip einer vollkommenen Einmischung gewählt, während z. B. Holland in 
Niederländisch-Indien das Prinzip der Nichteinmischung für richtiger hält. 
So hält man beispielsweise den primitiven Unterricht in den Buschschulen 
einer Modernisierung doch füi' unfähig und hat deshalb lieber ein davon 
unabhängiges Schulsystem begründet. Aufs Engste hängt damit zusammen, 
wie das Problem: Staatshoheit und Kultus autonomie gelöst 



Becker, Islanipolitik. 109 

niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

wird. Für den niclitmuliammedanischen Staat kann es da wünschenswert 
sein, eine religiöse Körperschaft zu schaffen, die dann das religiöse Leben 
selbständig regelt. In liberalster Weise ist dieser Gedanke in Bosnien 
gelöst, das ja auch schon im rein politischen Leben sich in religiöse 
Wahlkurien für die Landesvertretung gliedert. Die inneren Angelegen- 
heiten der muhammedanischen Gemeinde unterstehen nun zwei Körper- 
schaften, einmal der Versammlung der Rechtsgelehrten, dem Ulema- 
Medschlis, für speziell religiöse Dinge und der Wakuf-Mearif-Versammlung 
für wirtschaftliche und Schulfragen. Der Ulema-Medschlis besteht aus Mit- 
gliedern, die vom Kaiser resp. der Regierung auf Grund eines der Ge- 
meinde zustehenden Präsentationsrechtes ernannt werden. Es ist also das 
Selbstbestimmungsrecht der Gemeinde ebenso gewahrt wie die Macht- 
vollkommenheit des europäischen Staates. Diese Mitglieder werden aber 
nicht aus Gemeinde-, sondern aus Landesmitteln bezahlt; sie sind also 
Staatsbeamte, und deshalb kann ihnen der Staat auch gewisse Aufsichts- 
rechte, z. B. über den Rehgionsunterricht in Staatsschulen, einräumen, 
während sich sonst ihre Haupttätigkeit im Rahmen der Gemeindege- 
schäfte vollzieht. Die frei gewählte Wakuf-Mearif-Versammlung unter- 
steht, was die allgemeine Kontrolle betrifft, natürhch der Staatsaufsicht, 
ist aber in der Verwendung ihrer Mittel und, so lange sie sich im Rahmen 
ihres Statutes betätigt, durchaus autonom. Sie hat ihren Namen nach den 
Gütern der Toten Hand, Wakufs, deren Erträgnisse im wesentlichen für 
Unterrichtszwecke (Mearif) bestimmt sind. Ihre Mittel werden erhöht 
durch eine Gemeindeumlage, also einer Art muhammedanischer Kirchen- 
steuer, und durch den den Muhammedanern zustehenden Prozentsatz der 
für allgemeine Kultuszweeke ausgeworfenen Landesmittel. Eine ähnliche 
Islampolitik ist auch für die Balkanstaaten auf Grund der Friedensver- 
träge mit der Türkei nach dem Balkankrieg in Aussicht genommen und 
wohl zum Teil schon durchgeführt. In den genannten Ländern hat die 
islamische Gemeinde also eine obersteSpitze, die personifiziert wird 
durch den Vorsitzenden der Versammlung der Rechtsgelehrten, den so- 
genannten Reis-ul-Ulema. Andere Kolonialmächte halten es nun aber ge- 
rade für richtig, keine oberste Verti-etung zu schaffen, sondern eine 
Reihe von Provinzialbehörden, die sich nicht zu einer größeren Gesamt- 
organisation zusammenschließen, einmal aus Sicherheitsgründen und da- 
mit bei den Muhammedanern nicht das Gefühl, ein Fremdkörper in dem 
betreffenden Staate zu sein, aufkomme. So hat Rußland eine Organisation 
in Mufti-Bezirke ; es gibt einen sunnitischen Mufti in Kasan, einen in Oren- 
burg und einen im Kaukasus. In letzterem Lande gibt es auch ein schii- 



110 'Die Welt des Is/a7)2s, Band IJI. igiß, Heß 2 



tisches Muftiat. Auch hier arbeitet eine Gemeindevertretung mit dem 
Mufti zusammen, doch sind die Verhältnisse viel weniger liberal geord- 
net als in Österreich, und die Kontrolle ist viel schärfer. Die russischen 
Muftis sind natürlich völlig abhängig von der russischen Regierung, und 
so soll auch kürzlich, wie die Times melden, der Mufti dos Kaukasus sich 
gegen das vom 8cheich-ul-Islam erlassene Kricgsfctwa erklärt haben, in- 
dem er die Rechtsgültigkeit dieses Fetwas bestritt. Auch die holländi- 
sche Regierung hat z, B. in Niederländisch -Indien keine oberste Ver- 
tretung des Islams, sondern auch hier gibt es nur lokale Spitzen, wodurch 
natürlich die Autorität der Koloniah'egierung nur gestärkt wird; denn 
durch diese Lokalisierung schließt man eine größere Gesamtorganisation 
aus, die sich unter Umständen zu einer Gefahr für die Regierung ent- 
wickeln könnte. Frankreich hat nach der Besetzung von Algerien die 
Wichtigkeit der Gemeindeorganisation auch gleich begriffen und gehofft, 
durch die Schaffung eines aus Staatsmitteln besoldeten clerge officiel 
Einfluß auf die Bevölkerung zu gewinnen. Dies Experiment ist voUkom* 
men fehlgeschlagen, da dieser clerge officiel mit Mißtrauen betrachtet 
wird, und die geistige Leitung nach wie vor in den Händen der unab- 
hängigen religiösen Ordenshäupter und lokalen Heiligen geblieben ist. 
Es kann hier natürlich kein System dieser Verhältnisse entwickelt wer- 
den; es muß genügen, eine Reihe von Lösungsversuchen anzudeuten, aus 
denen man zur Genüge die Schwierigkeit des hier liegenden Problemes 
ersehen wird. 

Mit der Frage der Staatsaufsicht hängt aufs engste die Behandlung 
der islamischen Organisationen zusammen. Hat hier schon, 
wie beim Bruderschaftswesen, der islamische Staat ein Interesse an der 
Kontrolle, um wie viel mehr erst der europäisch-clii'istliche. Die Bruder- 
schaften sind, wie man immer mehr erkennt, politisch weniger wegen 
ihres religiösen Charakters, aber um so mehr als soziologische Erschei- 
nungen zu bewerten. Eine Oberaufsicht, Avie sie der islamische Staat übt, 
ist hier für den christlichen ausgeschlossen. Letzterer wird vielmehr dar- 
auf angewiesen sein, durch Vertrauensleute die Stimmungen der Ordens- 
kreise sorgfältig zu beobachten und durch Erhöhung der allgemeinen Bil- 
dung darauf zu wirken, daß die Gesellschaft keinen Schaden von solchen 
Sonderorganisationen erfahre. Leichter ist schon die Beaufsichtigung von 
Bildungsvereinen und von wirtschaftlichen Sondergruppen, wie etwa die 
niederländisch-indische Vereinigung des Boedi Oetomo oder der Serikat 
Islam. Namentlich letztere, die aus einer wirschaftlichen Opposition gegen 
chinesische Aussauger entstanden ist, hat in letzter Zeit die holländi- 



Becker, Islampolitik. 111 

niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniHiiiHiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiNiiiniiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiii^ 

sehe Regierung in hohem Maße beschäftigt, und man hat einer starken 
Zentralisierung der Bewegung dadurch entgegengearbeitet, daß man nur 
einzelnen Sondergruppen, nicht aber einer geplanten Gesamtvertretung 
die juristische Persönlichkeit zuerkannte. In irgend einer Form muß 
zweifellos allen solchen Bildungen gegenüber das Recht der Staatsauf- 
sicht gewahrt werden. Ein energisches Einschreiten der christlichen Re- 
gierung ist vor allem dann nötig, wenn das religiöse Band zu ungesetz- 
lichen oder gefährhchen Aufhetzungen der friedlichen Bevölkerung be- 
nutzt wird, wenn zum Beispiel auswärtige Wanderprediger oder lokale 
Mahdis oder Amulettenschreiber und Zauberkünstler den Frieden einer 
Kolonie untergraben. Jede Gesellschaft, nicht nur die islamische, hat der- 
artige Subjekte. Aber bei dem primitiven Bildungsstand namentlich der 
afrikanischen Muhammedaner finden solche Hetzer gelegentlich die Mög- 
lichkeit, lokale Organisationen zu schaffen, die der jeweiligen europäi- 
schen Regierung Schwierigkeiten bereiten können. Ebenso wie die Türkei 
einen gegen ihre Regierung sich erhebenden Mahdi — und der berühmte 
Mahdi von Khartum hatte sich in erster Linie gegen die Türkenherrschaft 
erhoben — ■ mit allen Mitteln bekämpfen muß, so hat auch die christliche 
Regierung nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, allen Ausbeu- 
tungen — und es handelt sich meist um pekuniäre Ausbeutungen — der 
ihrer Obhut anvertrauten Muhammedaner mit Nachdruck entgegenzu- 
treten. 

Vor dem gleichen Problem wie die Türkei steht die europäische Kolonial- 
macht auch auf dem Gebiete der Justiz und des Bildungswesens. 
Auf beiden Gebieten ist die Stellung des europäischen Staates insofern 
schwieriger, als er den Verdacht der Animosität gegen die reh'giöse Über- 
lieferung vermeiden muß, ein Verdacht, der einem islamischen Staat von 
vorn herein erspart ist. Für die koloniale Praxis ergeben sich bei der 
Rechtspflege zwei Hauptmöglichkeiten. Entweder man unterstellt, wie es 
Osterreich in Bosnien getan hat, das als religiös gewertete Recht des Fa- 
milien-, Erb- und Eherechtes einer eigenen Scherietgerichtsbarkeit, oder 
aber man kennt nur ein einheitliches Rechts verfahren, legt aber dem eu- 
ropäischen Richter die Verpflichtung auf, für die genannten Fragen sach- 
verständige Eingeborene als Berater hinzuzuziehen. In dem vergangenen 
Jahrzehnt scheint überall die letztere Praxis sich durchzusetzen. In Nieder- 
ländisch-Indien z. B. hatte man früher einen eigenen Priester-Raden, d. h. 
ein religiöses Sondergericht, doch wiU man ihn langsam zu gunsten der 
allgemeinen Rechtspflege zurücktreten lassen. Auch in den deutschen und 
den meisten englischen Kolonien kennt man in den islamischen Gebieten 



112 Die Welt des Islams, Band III. jgiß, Heß 2 



nur eine einheitliche Rechtspflege. Auch in Französisch-Westafrika hat 
naan die frühere religiöse Sondcrgcrichtsbarkeit in gewissen Gebieten ab- 
geschafft, sich aber dann der steigenden Unzufriedenheit der Bevölke- 
rung gegenüber genötigt gesehen, die religiöse Sondergerichtsbarkeit 
nachträglich wieder einzuführen. Auf die Dauer wird aber wohl überall 
sich die einheitliche Rechtspflege durchsetzen, natürlich unter der Vor- 
aussetzung, daß mau dem Volksempflnden durch Hinzuziehung islami- 
scher Beiräte in weitestem Umfange gerecht wird. Da es oft zweifelhaft 
sein kann, in wie weit der Islam, in wie weit lokales Gewohnheitsrecht 
das Rechtsempfinden des Volkes beherrscht, wird man das Scheriet- 
Recht nur insofern berücksichtigen, als es von dem Gewohnheitsrecht 
tatsächlich rezipiert und damit für das Volksempfinden Volksrecht ge- 
worden ist. Dabei mag es dem europäischen Richter äußerst bequem 
sein, eine Kodifikation des islamischen Gesetzes, wie des lokalen Ge- 
wohnheitsrechtes, nach Art eines bürgerlichen Gesetzbuches benutzen zu 
können. Diese Rücksicht auf die Praxis hat vor allem Frankreich zu 
großen Vorarbeiten veranlaßt, die auf eine Kodifikation des islamischen 
Gesetzes hinauslaufen. Vor einem solchen Programm kann aber nicht 
energisch genug gewarnt werden, weil man damit einem mittelalterlichen 
Rechte, das in langsamer Modernisierung begriffen ist und außerdem über- 
all in verschiedenartigem Umfange vom Rechtsempfinden des Volkes an- 
erkannt wird, eine dauernde offizielle Rechtsgültigkeit zuerkennen würde. 
Man verschlösse sich außerdem dadurch die Möglichkeit, das Rechts- 
empfinden des Volkes langsam dem modernen Rechtsempfinden anzu- 
passen. Anders als eine solche Kodifikation wirkt eine von Eingeborenen 
selbst verfaßte Aufstellung der lokalen Rechtsgebräuche, aus denen sich 
der europäische Richter unabhängig informieren kann; nur darf man 
solchen Anweisungen und Orientierungen keine gesetzlich bindende Kraft 
zuerkennen. 

Für das Bildungswesen gelten ähnliche Gesichtspunkte. Bei aller 
Anerkennung des Islams als moralisch hochstehender Religion wird der 
europäische Staat ebenso wie die Türkei darauf hinwirken müssen, daß 
neben den religiösen Lehrfächern den weltlichen Lehrgebieten ein immer 
weiterer Spielraum gewahrt wird. Staaten, die wie Holland auch in der 
Heimat keinen Religionsunterricht in der Staatsschule kennen, wird die 
dabei nötige NeutraUtät des Schulunterrichtes sich von selbst ergeben, 
während andere Staaten, in denen die Volksschule sich auf der Religion 
aufbaut, in islamischen Gebieten darauf verzichten sollten, diesen Re- 
ligionsunterricht obligatorisch zu machen. So ist denn auch in unseren 



Becker, Islampolitik. 113 



Kolonien die Staatsscliule religionslos. Je mehr man sich aber auf die 
Dauer die Muhammedaner zu wirklichen Staatsbürgern erziehen will, 
desto energischer wird man auch die Frage prüfen müssen, ob man nicht 
staatlicherseits, eventuell mit Hülfe einer Beratung von Seiten türkischer 
oder arabischer Muhammedaner, auch dafür Sorge tragen muß, daß der 
islamische Religionsunterricht in einer Weise erteilt werde, der der mo- 
dernen Welt entspricht. In dieser Beziehung ist das Vorgehen Österreichs 
in Bosnien aller Aufmerksamkeit wert. Auch England hat in Egypten auf 
diesem Gebiete Vorbildliches geleistet. Begreiflicherweise sind derartige 
Maßnahmen in Protektoraten leichter durchzuführen, als in wirklichen 
Kolonien, da dem Volke gegenüber die einheimische islamische Obrig- 
keit die Verantwortung trägt und alles darauf ankommt, diesen Eingriff 
in das islamische Bildungswesen nicht als feindlichen Akt gegen den Islam 
erscheinen zu lassen. 

Der schwierigste Punkt der kolonialen Islampolitik ist begreiflicher- 
weise die Stellung des europäischen Staates zu den internationalen 
Ansprüchen des Islams. Am handgreiflichsten tritt dieser Anspruch uns 
in der Sitte entgegen, den jeweiligen Kalifen beim freitaglichen Gottes- 
dienst in einem besonderen Fürbittegebet zu feiern. So lange der 
Islam besteht, war die Nennung des Kalifen am Schlüsse der Predigt ein 
Akt von besonderer Bedeutung. Wer hier genannt wurde, der galt für die 
Gemeinde des betreffenden Landes als der eigentliche Souverän, der nur 
gelegentlich durch äußere Umstände an der Ausübung der Avirklichen 
Staatsgewalt verhindert sein konnte. So lange die Sultane noch von einem 
— gelegentlich sogar von ihnen ganz abhängigen — Kalifen die Investitur 
erhielten, war dieser Brauch auch formell in Ordnung. Ganz anders liegt 
nun die Frage, wie sich eine christliche Obrigkeit zu diesem Problem 
verhalten soll. Die Nennung eines Kalifen schließt eigentlich die christ- 
liche Herrschaft aus; denn der Kalif ist ja, wie gesagt, kein Papst, kein 
geistliches Oberhaupt, sondern der eigentliche Souverän. Trotzdem haben 
viele europäische Staaten in ihrem Staatsgebiet aus mancherlei Gründen 
ein derartiges Fürbittegebet für einen fremden Herrscher geduldet und 
anerkannt. Das gilt zunächst einmal für die Länder, die früher unter 
türkischer Herrschaft standen, wie z. B. Bosnien, Tripolis, Bulgarien, 
Serbien und Griechenland. Hier ist das Recht der Muhammedaner, für 
den Sultan-Kahfen zu beten, durch die Friedensverträge mit der Türkei 
ausdrückHch anerkannt. Egypten unterstand ja bis zu Beginn des Krieges 
auch noch nominell der Oberhoheit der Türkei, und war deshalb hier das 
Fürbittegebet einfach selbstverständlich. Nach italienischen Nachrichten 

Dia Welt des lalams, Band UI. 8 



114 Die Welt des Islams. Band J II. igiß. Heft 2 

inillllllllimillllllllllllllllllllllllMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIHUUlinilllllllllllllllHIHIIIIIHIH 

soll das bei Ausbruch dos Krieges mit der Türkei anders ge-\vorden sein. 
England hat es allerdings für bedenklieh gehalten, die Erwähnung des 
Kalifen ganz zu verbieten. Es hat aber die Nennung des Eigennamens des 
jetzigen Sultans gestrichen und nach einem allgemeinen Fürbittegebet für 
„den Kalifen der Zeit'' das Gebet für den neuen egyptischen Sultan mit 
spezieller Namennennung angefügt. Nun soll nach den gleichen Quellen 
bei den ersten derartigen Gottesdiensten gelegentlich der eine oder an- 
dere Geistliche in seiner Gewissensnot sich geweigert haben, die neue 
Formel auszusprechen. Wir erleben darin eine moderne Wiederholung 
eines oft belegterr historischen Vorkommnisses. Auch in der Zeit des 
Mittelalters, als sich in einzelnen Ländern öfters eine schiitische und sunni- 
tische Herrschaft ablösten, kamen derartige Weigerungerr vor und sind 
von den Chronisten sorgfältig gebucht worden. Die Frage dieses Für- 
bittegebetes spielt also in der Gegenwart für das Volksempünderr noch 
die gleiche wichtige Rolle wie in vergangenen Tagen. 

Ganz anders liegt nun der Fall in Kolonialländern, die niemals unter 
türkischer politischer Hoheit gestanden haben. So wird in Deutsch-Ost- 
afrika seit Beginn der deutschen Herrschaft für den Türkensultan gebetet, 
und auch in Errglisch-Indien ist die Praxis weit verbreitet, aus Gründen, 
die wir noch näher kennen lernen werden. In Rußland ist eine der- 
artige Praxis natürlich unmöglich; hier wird auch in der Moschee ein 
Fürbittegebet für den Zaren gesprochen. Auch die niederländisch-in- 
dische Regierung hat sich im Zusammenhang mit ihrer ganzen Islam- 
politik stets gegen eine solche Praxis gewandt, und Frankreich hat in 
Algerien bald nach der Besetzung das Fürbittegebet für den Sultan durch 
ein allgemeines Fürbittegebet für die Regierung ersetzt. Diese ganze 
Frage wird sich befriedigend nur im Zusammenhange mit der außen- 
politischen Islampolitik eines Landes, d. h. mit seiner Stellung zur Tür- 
kei, lösen lassen, worauf wir noch zurückkommen werden. Jedenfalls ist 
diese Frage wichtiger, als sie auf den ersten Blick erscheint. 

Ein anderes Problem des internationalen Zusammenhanges ist die A n - 
gliederung der Geistlichkeit eines Koloniallandes an die oberste geist- 
liche Behörde in Konstantinopel. Sie besteht nur in den Ländern, die 
früher türkisch waren und ist in ihnen genau wie die Frage des Fürbitte- 
gebetes staatsrechtlich geregelt. Nachdem z. B. in Bosnien das Oberhaupt 
der Muhammedaner, d. h. der Vorsitzende des Ulema-Medschlis, der den 
Titel Reis-ul-Ulema führt, in dem geschilderten Verfahren vom Kaiser 
ernannt ist, setzt sich die österreichische Regierung durch Vermittlung 
ihrer Botschaft in Konstantinopel mit dem Scheich-ul-Islam in Verbin- 



Becker, Isla7?ipolitik. 115 

lltllllllllllllllllll Illlllllllllll lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllllllllUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIillllllllllllllllllllllllllllllli^ 

dung, damit dieser dem neuen Oberhaupte des bosnischen Islams die 
Menschura, d. h. die Sanktion resp. Ermächtigung zur Amtierung erteile. 
Gewisse Beziehungen bestehen auch auf dem Gebiete der Justizpflege 
(Murasele) nicht nur für Bosnien, sondern auch für die Balkanstaaten. Es 
ist hier also überall in letzter Instanz die Spitze des türkischen Scheich- 
ul-Islamats festgehalten. Der Reis-ul-Ulema, der ein österreichischer Be- 
amter ist, darf also erst fungieren, wenn er die Bestätigung von Seiten 
eines türkischen Beamten erhalten hat, der seinerseits wieder jederzeit 
absetzbar ist. Das Verfahren wird dem der Bischofswahlen in Konkor- 
datsstaaten analog gehandhabt; es ist aber insofern etwas anderes, als 
der Papst eine unabhängige geistliche Macht verkörpert, während der 
Scheich-ul-Islam der Beamte eines fremden Staates ist. Andere Staaten, 
als die genannten, kennen diesen administrativ-religisösen Zusammenhang 
nicht. Für Egypten ist die Frage noch ungeklärt. 

Als letztes der Probleme, die sich aus der Internationalität des Islams 
ergeben, sei hier die Behandlung der Pilgerfahrt genannt. Diese mag 
für ängstliche Regierungen Bedenken haben, da auf ihr die Muhamme- 
daner aller Kolonialgcbiete für längere Zeit unkontrollierbaren Einflüssen 
ausgesetzt sind, die auch auf die Entwicklung des Geisteslebens in der 
Kolonie nicht ohne Wirkung bleiben können. Auch wird allerlei Geld 
aus dem Lande gezogen, ganz zu schweigen von den sanitären Bedenken, 
die einer solchen Massenversammlung in primitiven Verhältnissen ent- 
gegenstehen. Nun gehört die Pilgerfahrt zu einer der Vorschriften der 
islamischen Religion, und es würde deshalb eine Beeinträchtigung der 
Religionsfreiheit sein, wenn man sie verböte oder erschwerte. Die euro- 
päischen Regierungen haben deshalb nur im Notfalle ein Verbot erlassen, 
im übrigen aber auf glückliche und weniger glückliche Weise eine ge- 
wisse Kontrolle zu erreichen versucht. Das Beste ist noch ein einfacher 
Paßzwang und Aufsicht der SchifFahrtsunternehmungen, damit die Pilger 
in menschenwürdiger Weise untergebracht werden. Leider hat bisher das 
kapitalistische Interesse namentlich englischer Schiffahrtskreise eine ener- 
gische Durchführung der notwendigen sanitären Maßnahmen immer wie- 
der verhindert. 

b. Islam politik als Problem der auswärtigen Politik. 

Hat die Internationalität des Islams schon für die Kolonialpolitik ihre 
Bedeutung, so liegt auf der Hand, daß sie auch in der Außenpolitik der 
europäischen Staaten eine gewisse Rolle spielen kann ; und zwar können 
zweierlei Gesichtspunkte eine europäische Macht veranlassen, die Inter- 
nationalität des Islams als außenpolitischen Faktor anzuerkennen oder zu 

8* 



ilG Die Welt des Is/a7ns, Band III. igiß, Heft 2 



benutzen. Einmal kann das kolonial politische Interesse eine Macht, 
die mit der Türkei gut steht, dazu fiüu*en, diese guten auswärtigen Be- 
ziehungen zum Kalifen auszuspielen gegenüber einer eventuellen Unzu- 
friedenheit ihrer eigenen Muhammedaner. In dieser Hinsieht hat beson- 
ders England als traditionelle Beschützerin und Freundin der Türkei 
diese aus dem Gegensatz zu Rußland sich erklärende Tatsache ihren 
indischen Untertanen gegenüber benutzt, um sie der Fremdherrschaft ge- 
fügig zu machen. Besonders nach der großen Mutiny des Jahres 1857 
war das der Fall. Man hat amtlicherseits türkische Fetwas kolonialpoliti- 
scher Natur eingefordert und verwertet; man hat das Fürbittegebet für 
den Sultan überall zugelassen, ja. überhaupt alles getan, um die Bezie- 
hungen der Muhanimedanerwelt Indiens zu dem befreundeten Kalifen in 
Konstantinopel möglichst eng zu gestalten. Auch verfehlte man nicht, die 
Inder immer wieder darauf hinzuweisen, wie viel das mächtige England 
für die Erhaltung des Kalifats tue. Seit dem Einsetzen der imperialisti- 
schen Politik, und vor allem seit der Verschiebung der Gegnerschaft 
Englands von Rußland auf Deutschland ist auch die Stellung zur Türkei 
für England eine ganz andere geAvorden. England besetzte Egypten, be- 
gann eine ausgesprochene Arabienpolitik und versöhnte sich scliließlich 
mit Rußland, wobei eine künftige Teilung der Türkei die stillschweigende 
Voraussetzung bildete. Damit war Englands Orientpolitik antitürkisch ge- 
worden. Die indischen Muhammedauer waren damit nicht einverstanden 
und mißbilligen zweifellos den jetzt erfolgten Bruch mit der Türkei aufs 
stärkste. Es taucht hier das Problem auf, ob es überhaupt möglich ist. in 
den Kolonien eine islamfi-eundliche Politik zu treiben und gleichzeitig 
außenpolitisch sich als Gegner der Türkei zu betätigen. Um aber noch 
ein Beispiel der entgegengesetzten politischen Haltung anzufüliren. sei 
auf die Stellung Hollands zur Türkei hingewiesen, das bei aller Korrekt- 
heit seiner Beziehungen zu Konstantinopel eine außenpolitische Wertung, 
so vor allem die Fürsprache türkischer Konsuln für Muhammedaner 
niederländisch-indischer Staatsangehörigkeit unbedingt ablehnt. 

Die zweite Möglichkeit, Islampolitik außenpolitisch zu treiben, ist die, 
daß man ausFreundschaft für die Türkei die internationalen An- 
sprüche des Sultan-Kalifen unterstützt. In dieser Stellung befindet sich 
Deutschland. Die deutsche Orientpolitik ist eine prinzipiell andere, 
als die Orientpolitik aller anderen Mächte, da sie nicht auf Territorial- 
erwerb, also auch nicht auf Schwächung der Türkei ausgeht, sondern, da 
sie eine reine Wirtschaftspolitik Ist, eine innere Kräftigung und Erstar- 
kung der Türkei fordert. Hier begegnen sich nun die Interessen Deutsch- 
lands mit den Interessen der Türkei, die um ihre Selbstbehauptung 



Becker, Islampolitik. 117 



kämpft. Unsere Interessen sind identisch, und da für die Türkei die In- 
ternationalität des Islams ein wichtiges Prestigemittol ist, so hat man auch 
von deutscher Seite diesen Anspruch der Türkei stets freudig anerkannt. 
Die Rückwirkung liegt auf der Hand, und sie ist unsern Gegnern früher 
klar geworden als uns selber. Französische Kritik hat das Problem mit 
den Worten formuliert: „Le Panislamisme sert de vchicule au Germa- 
nisme." Der Zusammenhang war aber kein künstlicher, sondern ein na- 
türlicher; der Eifersucht unserer Konkurrenten aber war es selbstver- 
ständlich, daß Deutscliland in Friedenszeiten durch Aufhetzung der fa- 
natischen Instinkte der Muhammedaner eine panislamische Propaganda 
betrieb. In Wirklichkeit ist unsere Islampolitik im Frieden nie etwas 
anderes gewesen, als eine offene Türkenpohtik, allerdings unter Scho- 
nung der islamischen Empfindlichkeiten und unter häufiger Betonung un- 
serer Freundschaft für die islamische Welt. Wir haben das nicht aus 
Sentimentalität getan, sondern weil tatsächlich unsere Interessen iden- 
tisch waren, die beste Basis für eine internationale Verständigung. Das 
hat sich deutlich gezeigt in der Presseerörterung über den Balkankrieg. 
Während damals die Ententepresse in hellen Jubel über den Zusammen- 
bruch der Türkei ausbrach und namentlich in egoistischem Interesse, da 
ihr das Wohl der Türkei vollkommen gleichgültig war, das Creuzot- 
Krupp-Problem zu Tode hetzte, hat die deutsche Presse eine würdige 
islam- und türkenfreundliche Haltung beibehalten, und erst kürzlich hat 
ein fi'üherer türkischer Großvezier es uns gesagt, welch starken Eindruck 
diese verschiedene Haltung der europäischen Presse auf die leitenden 
türkischen Elreise gemacht hat. Von irgend welcher Agitation oder gar 
Provokation ist deutscherseits niemals die Rede gewesen. Als dann 
der Weltkrieg ausbrach und die geschilderte Gleichheit der Interessen 
die Türkei an die Seite Deutschlands trieb, da wurden selbstverständlich 
die militärischen und geistigen Machtmittel im Interesse beider Teüe ge- 
braucht. So wirkt jetzt zweifellos der von der Türkei erklärte Heilige 
Krieg auch zu unserm Vorteil; aber die Verdächtigung, er sei „made in 
Germany", können wir beruhigten Gewissens ablehnen. Wenn nicht nur 
von unseren Feinden^ sondern auch von neutraler Seite derartige Ver- 
dächtigungen geäußert werden, so wollen wir uns bewußt bleiben, daß 
in der Islamfrage unleugbare Interessengegensätze bestehen, und daß 
z. B. die Lebensinteressen kleiner Kolonialmächte mit zahlreichen mu- 
hammedanischen Untertanen — in dieser einen Frage wenigstens — den 
Interessen der großen Islammächte parallel laufen, während sie denen 
Deutschlands und der mit ihm verbündeten Türkei widersprechen. 



118 Die }]'elt des Islams, Ba7id III. igi^, Heft 2 

MHIIIIIIIIimillllllllUIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIItllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIItl^ 

So ist dio Islaiupolltlk, nach welclien Seiten hin wir sie aucli unter- 
suchen, ein wiclitiges Gegenwartsproblem, das einer sorgfältigen Durch- 
denkung und Durcharbeitung, auch nach Friedensschluß, ja. dann erst 
recht, bedarf. So wichtig der Islam für uns ist, vergessen wir nicht, daß 
die Islamfi'age sich einreiht in das große Problem der Stellung 
Deutschlands zumAsiatentum überhaupt; denn die gleichen 
Prinzipien einer reinen Wirtschaftspolitik gelten ja auch für das Verhält- 
nis Deutschlands zu anderen asiatischen Staaten, vor allem zu China, 
überall wünschen wir eine Erhaltung der Selbständigkeit der orientali- 
schen Staaten, da diese asiatischen Völker im Gegensatz zu dem Neger- 
tum Afrikas zur Selbstbestimmung berufen sind. Unsere Politik muß es 
sein, als Freunde der Asiaten schlechthin zu gelten. Wir wollen ihnen 
helfen, selbständig zu bleiben, was sie nur können, wenn sie ihre Kultur 
entwickeln. Wir wollen vor allem eine Auflösung dieser Staaten nach 
Kräften zu v^erhindern versuchen. Aber dieses große Problem wird eben- 
so wie das Islamproblem im Speziellen nur dann gelöst werden, wenn 
man es unternimmt im Geiste vollkommener religiöser Duldung, helfen- 
den und liebenden Verständnisses und im übrigen baut auf eine natür- 
liche Entwicklung. 



LITERATUR- ANHANG. 

Die Umgrenzung des Tlienias, wie sie oben durcligeführt ist, nnterscheidet sich 
prinzipiell von der mehr soziologischen, aber ins Uferlose führenden Problemstellung, wie 
sie Le Chatelier in seiner „Politique Musulraane" (KMM XII, 1910) gegeben hat. Eine 
Gesamtdarstellung des Problems, die nicht national oder lokal orientiert wäre, existiert 
nicht. Die große Orient- und Kolonialliteratur aller Völker behandelt einzelne Fragen auch 
unseres Problems. Ihre Aufzählung verbietet sich von selbst. Als Hanptquellen kommen 
die Gesetzessammlungen und amtlichen Publikationen in Betracht, so für Kußlaud „Swod 
Sakonow Rossijskoj Imperij" in 16 Bänden 1910, besonders Band XI, 1.55 ff., Art. 1342 bis 
1672 und viele andere Stellen (vergl. Index). Für Österreich ist das amtliche und das 
gelehrte Material vortrefflich in dem Artikel „Bosnien und Herzegowina" der Enzyklopädie 
des Islam zusammengestellt; es wird also unten nicht nochmals einzeln aufgeführt. Un- 
übersehbar ist weiter das Material der englischen Parliamentary Papers (vergl. besonders 
die egyptischen „Keports") und der französischen Kolouialgesetze. Der Verfasser arbeitet 
seit Jahren an einer Sichtung dieses riesigen Quellenmaterials. Hier kann es sich nur 
darum handeln, einige Spezialliteratur zusammenzustellen, ohne auch nur annähernde 
Vollständigkeit zu erstreben. Aufsätze aus der Revue du Monde Musulman (RMM), der 
Moslem World (MW), der „Welt des Islams" und dem „Islam" sind nur in besonderen 
Fällen namhaft gemacht. Auf die verschiedenen Enzyklopädien sei nur im allgemeinen 
verwiesen. Das unsere Frage nahe berührende Misaionsproblem ist mit Absicht beiseite 



Becker, fs/ampolitik. 119 

iiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiitiiiHiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiniiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniin^^ 

gelassen; nur die großen Werke von Mirbt und Simon sind aufgeführt, die Broscliüren- 
literatur ist nnübersehbar nnd nur zum Teil wirklich fördernd. 

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Kriegsnrktmden lo. l'^l 
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiin II 



KRIEGSURKUNDEN. 

10. EIN AEABISCHES FLUGBLATT. 

In dem Archive unserer Gesellschaft befindet sich ein Blatt von 34,5 X 24,5, das den 
Charakter eines zur Verteilung unter den Massen hergestellten Flugblattes hat, in arabi- 
scher Sprache. Unterzeichnet sind zehn Personen, die sich mit Ausnahme einer als Mit- 
glieder der „Gesellschaft der islamischen Ulemas" bezeichnen. Bewegt sich auch dieses 
Blatt in dem gewohnten Gedankenkreise, so gebe ich doch hier seine Übersetzung. Die 
Sprache zeigt nichts Besonderes; sie vermeidet aber die grammatischen Fehler, die in 
dergleichen Äußerungen häufig sind. Die Breite der Darstellung erklärt sich daraus, daß 
das Blatt sich an einen Kreis wendet, der durch solche Ausführlichkeit, bei der auch reine 
Wiederholungen nicht fehlen, gewonnen wird. Datiert ist das Stück nicht. Die Über- 
setzung lautet : 

Muslimische Soldaten, die ihr in der Hand der Feinde Gottes und in 
der Hand der Feinde seines Gesandten und eurer Feinde seid, der Fran- 
zosen, Engländer und Russen, wisset, daß euer Kriegführen in Gemein- 
schaft mit den erwähnten Feinden Gottes reiner Unglaube ist, der den 
ewigen Zorn und Groll Gottes nach sich zieht, und jeder, der in ihrer 
Schlachtreihe stirbt, indem er auf ihrer Seite kämpft, ist wie sie, die 
irren und sich selbst Gewalt antim und die zur ewigen Höllenpein ver- 
dammt sind ; denn das ist ein Kriegführen unter ihrem Banner und zu 
ihrer Hilfe, ihr Banner aber ist der Unglaube und die Ketzerei, zumal 
Frankreich, denn Frankreich hat alle Religion abgeworfen und kämpft 
gegen Gott und seine Gesandten und seine heiligen Bücher ; so kämpft 
denn der. der auf ilirer Seite kämpft, für den Widersacher und die Nichtig- 
keit und verkauft sich selbst dafür; das ist aber gerade eben der Un- 
glaube, denn der Gläubige kämpft für Gott, wer aber für den Widersacher 
kämpft, der ist ein Ungläubiger. Der Höchste hat gesagt (Kor. 4, 78) : 
„Die welche glauben, sti-eiten für Gott, und die welche ungläubig sind, 
streiten für den Widersacher." So ist denn Pflicht für uns, daß wir wider 
sie streiten, um sie zu zerschmettern und die Islamwelt aus ihren Händen 
zu befreien, nicht aber dürfen wir mit ihnen zusammen streiten, wie es im 
Worte Gottes heißt (Kor. 4, 78) : „Streitet denn mit den Freunden des 
Satans, wahrlich die List des Satans ist schwach" ; und nicht soll man 
hören auf die Reden unwissender, kurzsichtiger Leute, die da sagen: 
„wenn wir wider sie streiten, dann töten sie uns"; wir aber erwidern 
ihnen : Wenn wir mit ihnen zusammen streiten, dann töten uns die Deut- 
schen und die Österreicher, denn ihr Schwert ist schärfer und schneidiger, 
also Tötung, Not und Schmerz kommen doch über uns, aber in dem 



1 22 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft 2 



Kriegfüliroii mit ihnen zusamrueu Hegt Unglaube, Niedrigkeit und ewiges 
Elend, dagegen in dem Kampfe gegen sie liegt Seligkeit und Wohlgefallen 
Gottes und heiliger Kampf für ihn und Seligkeit in beiden Welten. Wir 
haben mit diesen Feinden des Islams erlebt, daß sie, je stärker sie; wur- 
den, desto größereu Druck auf die Islamwelt übten und sie materiell und 
moralisch zu ruinieren trachteten; die Muslime also, die ihnen beistehen, 
begehen Mord an sich selbst und an der islamischen Gemeinde durch 
eigne Hand und durch die Hand der Feinde Gottes ; das ist aber etwas, 
was der Mut und Stolz der Muslime nicht zulassen, ja sogar die Mensch- 
lichkeit nicht zuläßt. Wisset auch, daß sie in unser Land gekommen sind 
und uns vergewaltigt haben und Mühsale. Wunden und Tod ausgehalten 
haben und uns in unserm eignen Lande bekämpft haben und uns in unserm 
Besitz gestört haben und ihn sich angeeignet haben und die Hand auf 
sämtliche Quellen des Wohlstandes gelegt haben und uns in der bittersten 
Kot zurückgelassen haben, um uns wie Esel und Kindvieh zum Erwerb 
zu benutzen; schauet: wo sind die Leute von beträchtlicher Wohlhaben- 
heit unter euch ? Wo sind eure Reichen? Wo sind die, die, wenn sie 
zu Pferde steigen, begleitet werden von Hunderten von Sklaven und 
von Kisten mit Gold und Silber? Wo sind die. deren Häuser gastlich 
geöffnet waren für Hunderte von Gästen und von Armen und Elenden, 
die kommen und gehen? Sie alle sind zugrunde gerichtet durch die re- 
bellische Hand der Feinde Gottes und die Wirrnis, die sie angerichtet 
haben; gestört haben sie uns in unsrer Religion und haben die religiösen 
Wissenschaften ausgelöscht, wo auch immer sie waren, und sie ersetzt 
durch Ketzerei; geti-achtet haben sie die Sitten zu verderben unter unsern 
Knaben und Jünglingen, unsei'n Unreifen und Frauen ; sie haben die 
größten Anstrengungen gemacht, um das Buch Gottes aus unserer Mitte 
zu tilgen ; sie haben die Moscheen zerstört und einige in Kirchen ver- 
wandelt: sie haben die Zäwijen verderbt, haben die Stiftungen der Mus- 
lime konfisziert, haben ihr Vermögen geraubt, haben die frommen Werke 
der Muslime sämtlich und ihre religiösen Wahrzeichen verderbt, haben 
die Satzungen des Heiligen Gesetzes abgeschafft und sie ersetzt durch 
ihre eignen grausamen Gesetze, die von Recht und Wahrheit abweichen. 

Schauet : wo sind eure Gelehrten, die Wahrzeichen der rechten Lei- 
tung, die man zu Tausenden zählte? Wo sind die Professoren, die Au- 
toren, die Studenten, die Hochschulen, die Moscheen, die von ihnen 
wimmelten wie Bienenstöcke, in Zahl von Hunderttausenden? 

Wo sind die Auswendigwisser des Korans und die Koranschulen, die 
in jedem Dorf, in jeder Steppe zu finden waren? In Tunisien und AI- 



Kriegsurkiüiden lo. 123 

MllllllllllllllllllllllllllillllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIilllllllMlllllinilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilillllllllllllllllllll^ 

Sferion wußten von liundert Personen fünfundneuuziff den Koran aus- 
wendig, jetzt aber blieb nicht ein Achtel vom Hundert übrig, und an 
vielen Orten ist es ganz damit aus und man ündet kaum einen, der die 
Fätiha korrekt hersagen kann, es gibt keinen Mann, den du in Sachen 
deiner Religion befragen kannst, keinen Studierenden, der sich mit etwas 
hiervon beschäftigt; all das durch jene sündigen gewalttätigen Hände, 
die Hände der Feinde Gottes, der Feinde seines Gesandten, der Feinde 
unsrer Religion und der Feinde der Menschlichkeit ; sie haben uns ge- 
quält in unsrer Ehre und unserm Leben; sie haben sich zu unsern 
T}Tannen aufgeworfen, haben uns jedes bürgerlichen Rechtes beraubt, 
das andere Völker genießen, ja. die Juden in eurem Lande, die haben 
Freiheit und genießen alle Rechte, während ihr gegenwärtig armseliger 
seid als der Fremde: ihr habt kein Recht; jedes Ansehen haben sie uns 
geraitbt, denn die Hunde, die sie haben, behandeln sie besser als uns, 
und wenn sie dem Hunde ihre Verachtung zeigen wollen, dann tun sie 
es mit unserm Namen; sie raubten uns jede moralische Kraft, so daß der 
Held bei uns sich selbst verachtet und kein Selbstgefühl besitzt gegen- 
über der geringsten gemeinen Beleidigung von selten der Feinde Gottes; 
jeder Einzelne von ihnen ist in deinem Lande, o Muslim, ein gewalttätiger 
trotziger Herrscher, der keine Strafe findet, vielmehr steht jedes einzelne 
Glied der Regierung zu ihm ; schauet, wo sind eure Helden, die sich 
Hunderten und Tausenden auf dem Kampfplatze entgegenstellten? 

Wo sind eure Gewaltigen? Wo sind eure genialen Männer, denen man 
Respekt bezeigte, vor denen man im Innersten erzitterte, die den Eifer 
anstachelten und alle mit sich fortrissen, die die islamische Gemeinde vor 
dem, der ihr Übles antun will, schützten, die sich gegen Ungerechtigkeit 
erheben und die einen ehrenvollen Tod süßer finden als das Dulden der 
Beleidigung ihres letzten Gefolgmannes? Wo sind sie ahe hin? Sie waren, 
und da liegen sie, besudelt mit dem roten Blute, das sie vergossen für 
die Verteidigung ihrer Religion, ihrer Heimat, ihrer Gattin, ihrer Kinder ! 
Ihr Leichentuch sind der Ruhm, der Männerstolz, der hohe Mut; nicht 
ließen sie vom Schwerte, eh' sie denn ihren reinen stolzen Geist ihrem 
Schöpfer überantworteten, dem gerechten Richter — all das durch die 
Hand der ruchlosen, räuberischen Feinde Gottes. 

Muslimische Soldaten! So stritten sie wider uns. so raubten sie uns 
unser Land, so richteten sie Unheil an in unsrer Religion, unserm Gut, 
unsrer Ehre, unsern Leibern; wie sollen wir da heute nicht wider sie 
streiten, um unser Land, unser Gut, unsre Religion, unsre Ehre wieder- 
zuerlangen? Was hindert uns daran? EtT\'a die Furcht vor dem Tode? 



124 Die Welt des Islams. Band III. igiß, Heß 2 



Warum haben sie sich denn nicht davor gefürchtet? Dabei kommen ihre 
Toten in die Hülle, unsrc Toten ins Paradies! Hört den Spruch Gottes 
(Kor. 4, 105) : „Und ermattet nicht in der Verfolgung des Volkes, weil 
ihr Schmerzen duldet, denn auch sie dulden Schmerzen, wie ihr Schmerzen 
duldet, ihr aber erhofft von Gott, was sie nicht erhoffen" ; weiter : ist denn 
nicht ihre Qual, von der schon die Rede war, schlimmer als der Tod? 
Welchen Nutzen hat dieses Leben mit solcher Niedrigkeit? Hört den 
Spruch Gottes (Kor. 2, 186fj: „Streitet auf dem Pfade Gottes wider die, 
die wider euch streiten, übersclireitet aber nicht das Maß, Gott liebt nicht 
die Maßüberschreiter. und tötet sie, avo ihr auf sie stoßet und vertreibt 
sie von dort, von wo sie euch vertrieben haben, und die Qual ist schHmmer 
als der Tod;" so ist es denn Pflicht für euch, ihr Soldaten, daß jeder, 
der von euch in seinem Lande ist, sich nicht dem Feinde Gottes über- 
antwortet; vielmehr müßt ilir insgesamt die Arsenale stürmen und die 
Waffen an eure Brüder, die Muslime verteilen und einen Rat bilden unter 
dem Namen „Rat der Gemeinde der Muslime", der euch zusammenhält 
und eure politischen und militärischen Angelegenheiten leitet ; ihr müßt 
euch auch im höchsten Maße hüten vor Parteitreiben und müßt das eitle 
Streben nach der Führerschaft meiden; richtet euren ganzen Sinn auf 
den Kampf auf dem Pfade Gottes ; steht auf wie ein Mann, tötet jeden 
Feind von Franzosen, Engländern und Russen, erklärt eure Unabhängig- 
keit unter dem Schutze eures Hohen Reiches und eures islamischen Kalifats 
und seiner Verbündeten, Deutschland und Österreich; unzweifelhaft ist 
euch dann mit Gottes Hilfe Erfolg beschieden. Die aber schon früher in 
das Kriegsland [Land der Ungläubigen] gekommen sind, die müssen zu 
dem Heere Deutschlands und Österreichs desertieren und sich ihnen an- 
scliließen, und sie müssen alle einander helfen gegen ihre Feinde und 
die Feinde Gottes; euer Kämpfen zusammen mit Deutschland ist ein 
Stück Gehorsam gegen Gottes Befehl, denn sie haben uns nicht unsrer 
Religion wegen bekämpft, noch auch haben sie uns aus unserm Lande 
gejagt, noch haben sie jemandem dazu beigestanden, im Gegensatz zu 
den Feinden Gottes, Franzosen, Engländern und Russen, denn sie haben 
dies alles getan, und der Höchste hat gesagt (Kor. 60, 8f): „Gott ver- 
bietet euch nicht den Umgang mit denen, die euch nicht der Religion 
wegen bekämpften noch euch aus eurem Laude vertrieben haben, daß 
ihr ihnen Treue haltet und ihnen wohltut; Gott liebet die Woldtuenden, 
vielmehr verbietet euch Gott diejenigen, die euch um der Religion willen 
bekämpft haben und die euch aus euren Wohnsitzen verjagt haben und 
bei eurer Verjagung Beistand geleistet haben, daß ihr sie zu Freunden 
nehmet; die sie zu Freunden nehmen, die sind die Gewalttäter." 



Kriegs^irkimden lo. ii. 125 

niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiH^ 

Islamische Soldaten! Eure Zeit ist gekommen, die Zeit, eure Ehre, 

euren Ruhm, eure ReligiouserfüUung, euer Vaterland wieder zu gewinnen. 

Gott wird mit euch sein und euch zum Siege führen. Heil dem. der der 

rechten Leitung folgt, wider die Feinde streitet und seine Religion, sein 

Vaterland, seine Gattin und seine Kinder aus Elend und Tod befreit! 

Der Hochgelahrte Saijid Ahmed. Aschscharif Attünisl, 

Mitglied der „Islamischen GelelrrtengeseUschaft". 

Der Hochgelahrte Saijid Mustafa Lutfalläh Almisri, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saijid ""Umar Alwarghi Aldschaza'iri, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saijid Hamdän ATadli Almarräkuschi, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saijid MuchtUr Battich Assüdäni, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saijid ATarabl 'Izz al'isläm Alhindawi, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saiji d Ahmed Alqaf qasi, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saijid Hamdi Fachral'isläm Albuchari, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saijid ^Abd H usain aus Teheran, 

Mitglied derselben Gesellschaft. 

Der Hochgelahrte Saijid 'Abd Ismä'^il Al'afghäni 

[im Original arafghänin]. 

11. THRONREDE DES SULTANS BEI ERÖFFNUNG DES 

TÜRKISCHEN LANDTAGS AM 25. MOHARREM 1333 

[14. DEZEMBER 1914]. 

Nach Erwähnung der durch die Verhältnis.se herbeigeführten Mobilisierung werden die 
feindlichen Zusammenstöße mit russischen, englischen und französischen Streitkräften 
zu Wasser und zu Lande als Grund der türkischen Kriegserklärung genannt. Die Be- 
drohung des Islams habe die Extrahierung von Heiligen Fetwas nötig gemacht. Von 
Gesetzesvorlagen wird besonders die die Exekutivgewalt des Sultans mehrende genannt. 
An die kontinuierlichen Siege der verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen 
Streitkräfte und die Tätigkeit der Glatibenskämpfer werden Hoffnungen geknüpft. Die 
Frage der Kapitulationen wird in gemäßigtem, aber entschlossenem Tone vorgetragen. 
Mit Dank wird von den guten Beziehungen zu den neutralen Mächten, besonders dem 
benachbarten Bulgarien gesprochen. 



126 Die Welt des Islams, Band JII. ic)i§, Heft 2 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiniiniiitiiniiiiiiiniiiiiiiiiiiiiii^ 

Nur zwei Stellen halte ich für wichtig genug, in genauer Übersetzung gegeben zu 
werden. Die eine spricht von der Religion, und es ist von Interesse, Art und Msiß der 
Äußerung liierüber festzustellen. Die andere enthält in knaj>iter Form das Programm 
der Regierung betreffend die Neuordnung der Verhältnisse der fremden Staatsangehörigen. 
Es heißt : 

ad 1 : „Die gowaltsanie Beseitigung der Vernichtungspolitik. die von 
Kußland. Frankreich und England gegen die Islamwelt seit langem befolgt 
worden ist. hat die Bedeutung einer religiösen Pflicht gewonnen ; es sind 
daher Heilige Fetwas erlassen worden. In Gemäßheit dieser habe Ich 
sämthche Muslime zum Glaubenskriege gegen sie und die ihnen bei- 
stehenden Mächte aufgerufen." 

ad 2: „Die besonderen Begünstigungen, die vonseiten unseres Reiches 
seinerzeit den Fremden gewährt worden sind, haben im Laufe der Zeiten 
ihre Formen und Zwecke geändert und einen Unsere souveränen Rechte 
schädigenden Charakter angenommen; deshalb habe Ich beschlossen, 
sämtliche fremden Privilegien, die mit den Grundlagen des Völkerrechts 
in gar keiner Beziehung stehen und unter dem Namen ,, Kapitulationen*' 
zusammengefaßt werden, aufzuheben, und habe die Grundlagen festgestellt 
für Anwendung der Normen des Völkerrechtes inbezug auf die in Meinen 
Ländern wohnenden Fremden und die sie betreffenden Geschäfte, wie 
das in den andern Reichen der Fall ist." 

(nach Sabäh Nr, 9068 vom 26, Moharrem 1333 [15. Dezember 1914]) 

12. „ISLAMPOLITIK" 

BETRACHTUNGEN EINES „UNSCHULDIGEN EINHEITS- 

BEKENNERS" [MUWAHHIDI MA'SUM] 

in Sabäh Nr. 9069 vom 27. Moharrem 1333 [1<;. Dezember 1914] (im Auszug). Motto: 
Die gewaltsame Beseitigung der Vernichtungspolitik, die von Rußland, Frankreich und 
England gegen die Islamwelt seit langem befolgt worden ist, hat die Bedeutung einer 

religiösen Pflicht gewonnen 

Kaiserliche Thronrede vom 25. Moharrem 1333. 

„Das erste Wort, das die Osmanischc Regierung im Namen des Islams 
seit der Begründung unsrer auswärtigen Beziehungen gesprochen hat, 
ist die Erklärung des Glaubenkrieges ..... Die Osmanische Regierung 
empfand die Notwendigkeit eines gewaltigen Umschwunges in ihrer 
äußern Politik. Bis jetzt Avollten die feindlichen Regierungen uns beständig 
fern von den Grundlagen der Islameinheit leben lassen, wie das ihr Nutzen 
mit sich brachte. Wir bemerkten das, konnten uns aber nicht entschließen, 
die Beziehungen zu trüben durch ein Rühren an jenen von ihnen ge- 
hätschehen Punkt. So blieben die auswärtigen Beziehungen Jahrhunderte 



Kriegsurkunden 12. 1*27 

HiiiiiiniiniiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiniiitniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiimiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiin 

hindurch in einem Zustand unnatürlicher Gezwungenheit. Übermäßige 
Vorsicht bedeutete in Wahrheit Schwäche. Unsere Feinde brachten durch 
unser Schwanken es zur Schafiung einer Norm des politischen Verkehrs, 
die sie uns aufzwangen. Wir durften nicht einmal von unsern Rechten 
reden. Als es sich um den Bau einer Moschee in Petersburg handelte, be- 
trachtete es die Russische Regierung als einen übergriff unsrerseits, wenn 
wir uns darum kümmerten. Dagegen gab es Dinge, nach denen die fremden 
Regierungen — natürlich vor der Konstitution — uns im Namen des 
Christentums fragten. Das Tollste ist dabei, daß keine einzige europäische 
Regierung mit Ausnahme der Osmanischen das Recht hat, eine religiöse 
Tätigkeit zu üben. Wir besitzen dieses Recht und diese Kraft moralisch; 
daß wir sie nicht ausüben konnten, schädigte nicht bloß die Osmanische 
Regierung, sondern die gesamte Islamwelt. Jahrhundertjährige Gewohn- 
heiten kann man nicht auf einmal ändern. Nun boten die Zeitläufte die Ge- 
legenheit: gegenüber der Zukunft treten wir mit unsrer ursprünglichen 
moralischen Persönlichkeit hervor. Die Regierung hat in ihrer auswärtigen 
Politik im Namen der Zwangslage des Krieges sich völlig deutlich ver- 
nehmen lassen und sie bleibt nicht darauf gerichtet, unsre Feinde nur 
wegen der Übergriffe von gestern zur Verantwortung ziehen zu wollen. 
Sie bringt die Vernichtungspolitik, die jene seit langem gegen die Islam- 
welt geübt haben, getrennt vor die Öffentlichkeit. Das bedeutet zwei 
Ziele: die Verteidigung des Landes und die Rettung des Islams. Dieses 
,seit langem' bildet eine gewichtige Schranke zwischen Vergangenheit 
und Zukunft. Wenn unsere Feinde in Zukunft mit uns sich in eine Ver- 
handlung einlassen, dann werden sicherHch auch die Rechte des Islams 
zur Sprache kommen. Solauge sie nicht den Beweis geliefert haben 
von einer tatsächhchen Änderung in ihrem Programm, solange wird es 
nicht möglich sein, die Beziehungen zwischen uns wiederherzustellen . . . 
Die europäischen Regierungen benutzen jedes Mittel, um ihre Ziele zu 
erreichen, wie Verträge, Nationalität, religiöses Bekenntnis, und das ist 
ihre Stärke ; die Stärke aber, die der Islam besitzt, läßt sich mit keinem 
Einfluß vergleichen, den Verträge und selbst große Heeresmacht ver- 
leihen. Die letzte Periode hat nur ein Gutes gebracht: die Hidschazbahn. 
Die Europäer staunten : weder Papsttum noch Zionismus, weder latei- 
nischer Bund noch Slaventum. auch nicht die angelsächsischen Strö- 
mungen noch auch der großbritannische Imperiahsmus hätten ein solches 
wirtschafthches Unternehmen durchHilfeleistung zustande bringen können. 
Das ißt ein Gedanke, der von einer französischen Zeitschrift ausge- 
sprochen worden ist; in derselben Zeitschrift wird gefragt: .AVenn die 



128 Die Welt des Islams, Band III. 1^13, Heß 2 



Regierung je eine besondere englische, deutsche, russische PoHtlk an- 
wendet, warum erachtet man es denn nicht für nötig, auch gegenüber 
dem Islam eine besondere Politik zu verfolgen?" Solche Äußerungen 
zeigen die politische Macht des Kalifats, Die Hidschazbahn wurde nicht 
erbaut von der letzton Periode, sondern von dem edlen Volke, das den 
Islam durch die ganze Welt verbreitete. Auch den Dschihad macht jetzt 
dieses Volk, wie das der verehrte Präsident des Parlaments ausgedrückt 
hat: ,ßei dem heutigen Kriege handelt es sich um Sein und Nichtsein; 
sobald sich in diesen Kampf imis Leben die Existenz des Islams mischt, 
so ist ein ehrenvoller Ausgang sicher ; die Osmanischc Regierung muß 
durchaus zur Grundlage ilu-es Gleichgewichts eine Islampolitik nehmen, 
die zwar ruhig und vorsichtig ist, jedoch für den Fortschritt die äußersten 
Opfer bringt; es müssen durchaus allgemeine und offene Beziehungen 
zwischen uns und der Islamwelt begründet werden, die außerhalb der 
moralischen Einheit und gewisser persönlicher Baude liegen.- Die eng- 
lische Regierung hat sich aus nichts einen Aga Chan geschaffen, um 
einen Teil der Mushme Indiens darzustellen. Dieser Mann hat im Schutze 
der Regierung von Bombay durch einen verbrecherischen Prozeß ein 
ungeheures Vermögen erworben, er lebt beständig in Europa und unter- 
scheidet sich in nichts von einem reichen Engländer. Wir haben nicht 
nötig, solche Aga Chans zu züchten, wü- können z. B. heute offene 
pohtische Beziehungen zu Fas haben; ein Gesandter dort würde uns 
vom größten Nutzen sein; je mehr Personen da sind, die die islamischen 
Völker andrer Gegenden vertreten, desto besser für uns ; solche Bande 
könnten nicht durch Einwirkung von außen vernichtet werden. Wir sind 
sicher, daß die Regierung, die die Notwendigkeiten eines festen Pro- 
gramms besser bedenkt als wir, in Zukunft eine Islampolitik befolgen 
wird, der wir mit Ruhe entgegensehen können." 

In diesen Ausführungen liegt manches Beachtenswerte. Der Verfasser 
hat voUkonmion recht, daß die Muslime in unerhörter Weise vergewaltigt 
worden sind. Frankreich und Rußland erlaubten sich im Namen des 
Christentums die ärgsten Übergriffe ; den Türken wurde ein Eintreten 
für ihre Glaubensgenossen als ein Übergriff ausgelegt. Der Herstellung 
der Hidschazbahn schreibt aber der Verfasser eine zu große Wirkung 
zu. Es wird doch auch ihm nicht unbekannt sein, daß die großen Summen, 
die dafür nach Stambul flössen, zum großen Teil einer geschickten 
Spekulation auf die Eitelkeit der reichen Geber verdankt wurden. Auch 
über die Wirksamkeit des Dschihad-Gedankens an sich täuscht er sich. 
Was heißt „Existenz des Islams" ? Sind von irgend einer Seite Zwangs- 



Kriegsurk2i7ide>i 12. ij. 129 

liUlUIUIIIUIIilllllllllllllllllllllllHillllllllllllKIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIUIIIIIUlIHlUilllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllin 

bekehrungen in großem Maßstabe vorgenommen worden? Haben nicht 
selbst die unterdrückteston Muslime ihre religiösen Pflichten erfüllen 
können? Die Bedrückten fühlten sich als Menschen, als Volksgenossen, 
als Staatsangehörige viel mehr geschädigt denn als Muslime. Der Ver- 
fasser empfindet ganz richtig, wenn er die „morahsche Einheit" als etwas 
ebenso Unwirksames hinstellt wie die rein persönlichen Bande. Der Ge- 
danke der Herstellung engerer Beziehungen durch geschickte Verti-aueus- 
personen ist durchaus fruchtbar; aber diese Agenten haben nichts zu 
bedeuten als Muslime; sie werden Einfluß haben nur als Vertreter einer 
starken Macht und durch persönliche Qualitäten. Der Verfasser irrt, wenn 
er annimmt, es könnten derartige Agenten mit dauerndem Erfolge arbeiten 
auf einem Gebiete, das bereits Jahrzehnte unter dem Einflüsse eines euro- 
päischen Volkes von höchster Kultur gestanden hat wie Nordafrika. 
Diese reichen Länder bedürfen einer intensiven Bearbeitung, wie kein 
einziges der islamischen Völker im gegenwärtigen Zustande sie zu leisten 
vermag. Dagegen mag zugestanden werden, daß die Türken in den östlich 
anstoßenden Ländern bis an die Grenzen Indiens und Chinas hin in 
gewissem Grade Kulturträgerarbeit leisten können — vorausgesetzt, daß 
sie endlich in ihrem eigenen Lande geordnete Zustände schaffen und bei 
dieser Arbeit die Methoden lernen, durch deren Weitertragen sie einen 
glücklichen Einfluß auf jene noch mehr zurückgebliebenen Völker üben 
können. Zeit haben sie nicht zu verlieren. Denn das ist sicher: keine 
religiöse Verbrüderung der Muslime der ganzen Welt an sich, keine 
Begeisterung für einen Glaubenskrieg an sich sind imstande, dem ge- 
waltigen Triebe sich entgegenzustellen, der die starken Völker Europas 
zur Expansion führt und unwiderstehlich die Auswirkung der Bo-äfte mit 
sich bringt, die jene Völker in einem jahrhundertlangen mühsamen Kampfe 
sich erworben haben, in jenem „Großen Kampfe", den der moderne 
Islam in dem Waffengange sieht, der aber in Wirklichkeit und auch für 
die alte islamische Anschauung der Kampf mit dem eigenen Ich ist, der 
zur Selbstbezwingung führt. 

13. FETWAS DES SCHAICHULTSLAM GEGEN ZAID 
DEN REBELLEN [HUSAIN KÄMIL]. 

Nr. 1. Wenn der MusHm Zaid sich mit der gegen das islamische Kalifat 
kriegführenden englischen Regierung verbündet und unternimmt, dasEjalet 
Egypten, welches einen Teil der Länder des Osmanischen Reiches bildet, 
aus dem Staatsgebiet des islamischen Kalifates zu lösen und in die Reihe 

Die W.lt des Islams, Band \M. 9 



130 Die Welt des Islams, Band III. jgiß, Heft 2 

uiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiniiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiu 

der Länder Englands überzufüliren. und unter dem Schutze der erwähnten 
Regierung sich als Sultan geberdet — hat er dann schmälilichen Verrat 
geübt an dem Gewaltigen und Erhabenen Gott, seinem großen Gesandten 
und der Gemeinde der Muslime? 

Antwort : Ja. 

Nr, 2. Wenn Zaid in dieser Weise rebellisch ist und sich nicht abkehrt 
von der von ihm begonnenen Unternehmung, der Einhalt zu tun Pflicht 
ist, und sich weigert, dem Kalifen der Muslime Gehorsam zu leisten — 
ist dann, in Gemäßheit des Erhabenen Textes [Kor. 49,9] : „[Und wenn 
eine von diesen beiden Gruppen gegen die andere sich auflehnt,] so be- 
kämpfet diejenige, die sich auflehnt, bis sie zurückkehrt zum Befehle 
Gottes", seine Bekämpfung eine Pflicht für die Masse der Muslime? 

Antwort: Ja. 

Nr. 3. Hat unter solchen Umständen Zaid die schwerste Strafe ver- 
wirkt, die Vergeltung ist für dieses sein schmähliches Verhalten und 
seine aufrührerischen Handlungen, ja sogar den Tod? 

Antwort: Ja. 

Geschrieben von dem Gottesbedürftigen Chain Ben'Awni Al'urkübi. 

14. OFFIZIELLE BEKANNTMACHUNG BETREFFEND 
HUSAIN KÄMIL. 
Husain Kamil, Sohn des früheren ChediAvenIsmä''il Pascha, hat ein ver- 
abscheuenswertes Verhalten gezeigt, das dazu führen soUte, die geheihgte 
Herrschaft des Kalifen in dem Ejalet Egypten, das zu den Ländern dos 
Osmanischen Reiches gehört, zu stören und zu beseitigen und das erwähnte 
Ejalet unter die Herrschaft von England zu bringen; es ist über die ge- 
setzlichen Bestimmungen, die inbezug auf ihn wegen jenes Verhaltens 
in AnM'cndung zu kommen haben, ein Rechtsgutachten verlangt Avorden, 
und daraufhin ist das Heilige Fetwa, das hier oben beigebracht ist, er- 
flossen ; es ist ferner von Seiten des Reiches der Beschluß gefaßt worden, 
die Rangstufen und die Orden, die ihm vorliehen waren, für erloschen 
zu erklären und von ihm zurückzufordern, es ist ferner, da das Land 
Egypten, in dem sich der Erwähnte befindet, in der Zone des vierten 
Kaiserlichen Armeekorps liegt, der Kommandantur des erwähnten Armee- 
korps aufgetragen worden, ihn vor das Kriegsgericht zu stellen. 

ANMERKUNGEN. 

Allgemeines. Fetwa und „Offizielle Bekanntmachung" liegen mir vor: 1. türkisch in 
Sabäh Nr. 9083 vom 12. Safer 1333 [30. Dezember 1914], 2. arabisch in Al'adl Nr. 413 vom 
13. Sefer 1333 [31. Dezember 1914], 3. persisch in Chäwer Nr. 16 vom gleichen Tage 



Kriegsurkundelt i^. i§. 131 

lllllllllltllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllNIlillllllllllNIIIillllllllllllllliilllllllllllWIlilllilin 

wie 2. — Beide Urkunden sind nicht datiert. Als Quelle ist in Sabäh angegeben : Osmanly, 

d. h. die Zeitung Osmanly, die das offizielle Organ der Eegierung ist. 

Zu 13 : In Nr. 1 ist Egypten als „Ejalet" bezeichnet; es soll dadurch nur die grundsätz- 
liche Zugehörigkeit des Landes zum Osmanischen Reiche ausgedrückt werden. Das Wort 
wurde in der älteren Verwaltungssprache so gebraucht wie heute wiläjet ; man sprach 
z. B. bis zur Verwaltungsreform 1867 vom „Ejalet Saida." — In Nr. 2 ist in den mir vor- 
liegenden Texten der Koranspruch markiert durch die Worte „so bekämpfet diejenige, 
die usw" ; abgesehen davon, daß es bei Anführen von Koranworten nicht üblich ist zu 
sagen „usw" (lach (man sagt in solchem Falle: „und der Spruch" ; man könnte in dieser 
freieren Behandlung eine erfreuliche Emanzipation des Schaichul'islamats von leeren 
Förmlichkeiten sehen), liegt in dieser Art der Zitierung insofern eine tatsächliche Un- 
genauigkeit, als die Worte faqätilU llatl in der Mitte des Koranabschnitts stehen und 
ohne dessen Anfangsworte gar nicht verständlich sind. 

15. HEILIGE BEFEHLE SÄMTLICHER GROSSEN 
MÜDSCHTEHIDEN. 

An jeden Muslim, der an Gott und den jüngsten Tag glaubt. 

Friede über euch und das Erbarmen Gottes und seine Segnungen ! 

Muslime ! 

Die Feinde des Islams haben euer Gebiet überfallen, indem sie den 
Islam auslöschen wollen, „aber Gott will nicht anders als daß er sein 
Licht voDkommen mache, mögen auch die Ungläubigen Abscheu em- 
pfinden" [Kor. 9,32]. Auf, zur Verteidigung des Buches eures Propheten 
[lies : Gottes] und der Sunna seines Gesandten ! Auf zur Verteidigung 
des Heiligtums Gottes und des Heiligtums seines Gesandten ! Auf zur 
Verteidigung der Ruhestätten der reinen Leute seines Hauses und der 
Gräber der Frommen ! Auf zur Verteidigung eurer Ehre und eurer Nach- 
kommen ! Auf zur Verteidigung des teuren Vaterlandes ! Auf zur Ver- 
teidigung der Würde und der Ehre ! Auf zur Verteidigung des Lebens 
und der Güter mit dem eignen Ich und dem was teuer ist! Denn wenn 
die Feinde — Gott stürze sie!_ — sich unsres Heimatlandes bemächtigen 
— Gott verhüte es ! — , so tun sie, was sich gar nicht ausdenken läßt, um 
sich an uns zu rächen und um ihren alten Rachedurst zu befriedigen, 
und verbrennen unsre Saaten und den Nachwuchs. So rufen wir denn 
heute zur Niederzwingung der Feinde alle Muslime auf im Namen der 
islamischen Religion, rufen sie auf zur Verteidigung des Heihgen Is- 
lamischen Kernes und zum Kampfe auf dem Pfade Gottes mit Gut und 
Blut! Die Kehle ist uns zugeschnürt, und die Feinde zeigen jetzt offen, 
was sie vordem verbargen, daß sie die islamische Religion vertilgen 
Avollen vom Erdboden und unsre Moscheen in Kirchen verwandeln wollen 
und mit Gewalt uns zu Christen machen wollen, wie sie das in alter Zeit 

9* 



132 Die Welt des Islams, Band IIL igiß, Heft 2 



in Andalusien getan haben und neuerdings auch auf dem Balkan. Auf 
denn zur Vereinigung, zur gegenseitigen Hilfeleistung, auf zur Aus- 
schaltung von Zorn, Groll und Haß und zum freundlichen Zusammen- 
schluß unter allen Landesgenossen! Auf zur Unterstützung der Regierung 
mit Männern und Geld, mit Rat und Rede ! Zur freiwilligen Teil- 
nahme an dem großen Heiligen Glaubenskriege rufen wir sämtliche 
Muslime ; denn sie wissen, daß der Glaubenskrieg Pflicht ist, und wissen, 
was den Glaubenskämpfern bereitet ist an Ehre im Diesseits und Lohn 
im Jenseits. Hier ist das Buch Gottes, das euch zum Beistand des Islams 
ruft, und auch der Prophet heißt euch ausziehen; so ist denn für jeden 
Muslim der Krieg auf dem Pfade Gottes und die Verteidigung des Kernes 
des Islams Pflicht, und es ist für jeden Kultpflichtigen das saumselige 
Zurückbleiben verboten: [Kor. 9,41] „so kämpfet denn auf dem Pfade 
Gottes mit eurem Gute und eurem Blute." 

Muslime ! 

Scheuet nicht die schwachen Feinde und fürchtet sie nicht; Gott ist 
mehr wert, daß ihr ihn fürchtet ! Und Gott selbst hat gesagt [Kor. 4,105] 
„und erlahmet nicht in der Verfolgung des Volkes, wenn ihr Schmerz 
empfindet; sie empfinden ja auch Schmerz, wie ihr Schmerz empfindet; 
ihr aber erhoffet von Gott, was sie nicht erhoffen"! Erwartet den Sieg 
von Gott, MusHme ! Wie Gott gesagt hat [Kor. 30,46] „und es war Pflicht 
für uns, den Gläubigen den Sieg zu geben" ; wartet nur, Gott hat euch 
Hilfe und Sieg versprochen, gleichwie er gesagt hat [Kor. 47,8] „wenn 
ihr Gott helfet, so hilft er euch und läßt eure Füße feststehen" ; so stehet 
denn fest und kämpfet und bleibt nicht zurück, sodaß euer Feind Gewalt 
über euch gewinnt und ihr euch dem Zorne und der Strafe Gottes aus- 
setzet und seid wie derjenige, welcher [Kor. 22,11] „das Diesseits und 
das Jenseits verloren hat, das ist ein deutlicher Verlust." Zum Glaubens- 
krieg, zum Glaubenskrieg, Knechte Gottes! dann gibt euch Gott seinen 
Sieg, er ist stark und ruhmreich! O Gott! Wir haben deine Botschaft 
ausgerichtet und haben gewarnt und haben damit unsre Schuldigkeit ge- 
tan ! Auf dich vertrauen wir, du bist unser Herr, so stehe uns bei gegen 
das ungläubige Volk! 

Unterschriften der Müdschtehiden von Nedschefi Eschref : 

1. Saijid Mohammed Kazim Attabatibä'i Aljazdi. 

2. Schaich aschschari'a Al'isfahäni. 

3. Saijid' All Attibrizi. 

4. Saijid Mustafa Alkaschäni. 

5. Schaich ^All Rufaisch. 

(i. Schaich Mohammed'Ali Alhüläwi. 



Kriegsiirkujiden 75. 133 

IIIIIIIIIIWIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIilllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIH 

7. Schaich Dschewäd Meschkür. 

8. Saijid Mohammed Sa'id Habübi. 

Unterschriften der Müdschtehiden von Kerbelä'i Mu'allä : 

9. Saijid Ismä'il Sadr. 

10. Schaich Husain Zainaräbidin, 

11. Saijid Mohammed Alkäschäni. 

12. Schaich Hädi Al'isfahäni. 

Unterschrift des Müdschtehids von Sämarrä : 

13. Mirza Mohammed Taqij Aschschiräzi. 

Unterschriften der Müdschtehiden von Käzimin [Alkäzimije] : 

14. Saijid Mahdi Haidar. 

15. Mirza Ibrahim AssalmSsi. 

16. Schaich Rädi. 

17. Schaich' Aziz. 

18. Schaich 'Abdalhusain Jäsin. 

19. Schaich Mohammed Mahdi. 

20. Schaich Sädiq. 

21. Schaich Mahdi Almaräjäti. 

22. Schaich 'Abdalhusain Asadalläh. 
Der Müdschteliid von Hille : 

23. Saijid Mohammed Alqazwini. 

ANMERKUNGEN. 

Allgemeines. Die Übersetzung ist gefertigt nach dem arabischen Texte in Chäwer 
Nr. 16 vom 13. Sefer 1333 [31. Dezember 1914]. Dieser arabische Text ist mit großer 
Nachlässigkeit redigiert (s. das Besondere). — Es ist eine persische „Übersetzung" bei- 
gegeben, die aber nur ein ganz ungenügender Auszug ist und z. B. alle Koranstellen fort- 
läßt, dagegen Fremdes einschmuggelt, so z. B. den Segenspruch für die Aliden bei Er- 
wälinung des Propheten S. 131. — Auch in diesem Stücke spukt der „große Glaubens- 
krieg", über dessen Unzulässigkeit ich handelte S. 12 Anm. 2. 

Besonderes: Kor. 4,10.5 ist falsch zitiert : walä ta'lamü minhum fa'innahum ; die 
sehr bekannte und oft zitierte Stelle war aber vollständig zu zitieren : walä tahinü fl 
btighä'ilqaumi in takünü ta'lamüna fa'innahum. Falsch zitiert ist auch Kor. 22,11 
wadälika lies: dälika; — Unverständlich ist kitäb nabijikum (am Anfang) statt kitäb 
allähi. \JnYeTiitä.nä\ichiiit auch, fajatasallatü ^ alaikum' adüwukum ; ich übersetze : sodaß 
euer Feind Gewalt über euch gewinnt, mit Annahme \on fajatasallata; möglich ist auch 
fatusallitü — 'adüwakum. — Die unterschriebenen Personen sind gegliedert nach den 
fünf Zentren der schi'itischen Bevölkerung des Wilajets Bagdad (eine Sonderäußerung 
der Müdschtehiden von Käzimin siehe S. 55); zu Nr. 8 der Unterzeichneten siehe die An- 
gaben in der Sammlung al'iräqijät Teil 1 (Saida 1331), wo auch Proben seiner Poesie ge- 
geben sind [S. 9 — 73]. Martin Hartmann 

llliiiiiillillllllllllllillllliliiiillliiliiiiillilliuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^iiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 



134 Die Welt des Islams, Band III. igij, Heft 2 

iiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiii^ 



MITTEILUNGEN. 

ALLGEMEINES. 

Das Isiamproblem der Gegenwart. Eine wertvolle Aussprache über den Islam führte 
unsere Gesellschaft durch einen Erörterungsabend am 8. Dezember v. J. im großen Saale 
des Künstlerhauses zu Berlin herbei. Niemanden gibt es bei uns in Deutschland, der nicht 
mit heißer Seele die großen sich jetzt vollziehenden Ereignisse miterlebt, der nicht mit 
ganzer Seele sich der türkischen Waffenbrüderschaft freut und daher aTich eine freund- 
liche Stellung zum Islam einnimmt. Blieben je irgendwelche Zweifel, irgendwelche Be- 
denken von irgendeinem Gesichtspunkt aiis, so gab es kein besseres Mittel sie zu zer- 
streuen, als eine derartige Aussprachein einer großen Versammlung, in der man die besten 
Kreise der Reichshauptstadt vereinigt zu sehen hoffen konnte. Und wiederum niemand 
war berufener, eine solche Aussprache über das Islamproblem einzuleiten als ein christ- 
licher Theologe, der, wenn überhaupt jemand, Bodenken haben und aussprechen konnte, 
über die dann eben die Erörterung in die Wege zu leiten war. Der Erfolg des Abends ent- 
sprach durchaus unseren Erwartungen. Wegen der Wichtigkeit der Sache berichten wir 
daher an dieser Stelle ausführlich über den Abend, indem wir zuerst die Rede des Herrn 
Prof. D. Dr. Richter in vollem Wortlaut wiedergeben und daran einen Bericht über die 
Erörterung schließen. 

Vortrag des Herrn Prof. D. Dr. Richter: Der Krieg und der Islam. 

Durch das Eintreten der Türkei und besonders durch die Erklärung des Dschihad 
vonseiten des Kalifen ist der deutsche Krieg noch um einen Grad mehr Weltkrieg ge- 
worden. Bisher war die erschreckende Entwicklung: daß ein Land und ein Volk nach dem 
anderen von unseren Feinden aufgeboten wurden, so daß schließlich etwa eine Milliarde 
feindlicher Völker gegen die kaum mehr als 120 Millionen von Deutschland und Öster- 
reich-Ungarn im Krieg standen. Nun hat doch endlich einmal die andere Entwicklung ein- 
gesetzt: daß in Waffenbrüderschaft mit uns zunächst die Türkei und im Zusammenhang 
mit dem Dschihad wahrscheinlich auch bald andere Völker aus der Welt des Islams an un- 
serer Seite in den Weltkrieg eintreten. Das hat deshalb in Deutschland eine weitgehende, 
zum Teil begeisterte Teilnahme ausgelöst und hat die Frage nach der Bedeutung und den 
Aussichten dieser Kampfgenossenschaft zu einer aktuellen gemacht. 5 Fragen sind es, die 
sich im Zusammenhang damit aufdrängen: 

1. Was hat die Türkei veranlaßt, in den Krieg einzutreten? Nicht ein Druck vonseiten 
Deutschlands, nicht eine Bestechung und Irreleitung der öffentlichen Meinung, sondern 
die klare Einsicht bei den politischen Führern der Türkei, daß in dem Krieg Deutschlands 
und Österreich-Ungarns zugleich ihr eigenes Schicksal entschieden werde. Die Türkei ist 
von Norden her seit Jahrhunderten den Angriffen Rußlands ausgesetzt, das einmal aus 
religiöser Romantik und realistischem Imperialismus den Besitz von Konstantinopel un- 
umgänglich zu brauchen meint, um sich damit als legitime Erbin und Nachfolgerin des 
byzantinischen Kaisertums, als Trägerin der Weltherrschaft im ganzen Bereiche der 
griechisch-orthodoxen Kirche, d. h. der slavischen Völker, zu legitimieren. Der Besitz der 
Dardanellen und des Bosporus ist für Rußland aber auch unentbehrlich, weil dieses ge- 



Mitteilimcren . Allgememes. 135 

iiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinHiiiiiiiiiiiiiin 

waltige Reich eisfreie Häfen und den Zugang zu den Kulturstraßen der Weltmeere braucht. 
In Ostasien und der Mandschurei in dem unglücklich verlaufenen Kriege 1904/5 von 
Japan zurückgewiesen, in Persien durch das Abkommen von 1907 mit der nördlichen und 
nordöstlichen Hälfte dieses Landes von England abgespeist, bleibt ihm kein anderes 
Durchbruchstor zum Meer als Konstantinopel. Englands Weltherrschaft hat zwei Brenn- 
punkte: Großbritannien und Indien. Zwischen beiden Ländern eine absolut sichere Ver- 
bindung herzustellen ist das Kernproblem der englischen Politik. Seit der Besitzergreifung 
von Egj'pten im Jahre 1882 ist dieses der Schlüssel des englischen Problems geworden, 
und es hat sich daraus die Aufgabe entwickelt, von Egypten bis Indien eine ununter- 
brochene Verbindung unter englischer Oberhoheit und Kontrolle zu bewirken. Das führt 
früher oder später zu einer Ablösung der ganzen südlichen arabischen Hälfte vom Osmanen- 
reich, zur Verlegung des Kalifats von Konstantinopel nach Mekka oder Kairo, kurz zur 
Vernichtung der türkischen Großmacht. England und Rußland, die beiden gefährlichen 
Feinde, früher unversöhnliche politische Berechner, haben sich in der Entente cordiale 
die Hand gereicht; England hat also Rußland am Bosporus freie Hand gegeben. Obendrein 
streckt Frankreich verlangend seine Hände nach Syrien aus, das es sich seit langem als 
seinen Anteil bei der Aufteilung der Türkei ausbedungen hat. Die Türkei weiß, daß sie 
nach einer Niedenverfung Deutschlands und Österreich-Ungarns eine macht- und halt- 
lose Beute in den Händen der Entente-Mächte ist, die nicht zögern werden, die Liquidation 
des „kranken Mannes am Bosporus" zu vollziehen. 

Ist somit der Eintritt der Türkei in den Krieg das Ergebnis nüchterner politischer Be- 
rechnung, so fragen wir zweitens, ob denn eine wirkliche Interessengemeinschaft zwischen 
der Türkei und Deutschland bestehe. Die Kaiserbesuche 1889 und 1898 haben ein neues 
Blatt der Orientpolitik aufgeschlagen. Deutschland hat durch den Bau der anatolischen 
Bahnen und der Bagdad-Bahn und durch starke Beteiligung an der türkischen Staatsschuld 
viele Hunderte von Millionen Nationalvermögen in der Türkei angelegt. Es kann selbst 
diese Anlage weder zu Lande noch zur See verteidigen und schützen. Seine Politik geht 
deshalb darauf aus, die Türkei innerlich militärisch und politisch so stark zu kräftigen, 
daß sie selbst den Schutz dieser deutschen Kapitalsanlage übernehmen kann. Deutsch- 
land muß sich deshalb allen Versuchen, die Türkei zu zerschlagen oder ihrer Macht zu 
berauben, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln entgegenstellen, dagegen muß es 
alle Bestrebungen unterstützen, die zu einer Stärkung und Sicherung der Türkei zu führen 
versprechen. Deutschland verfolgt auch hier nur die allgemeinen Ziele seiner WeltpoKtik, 
die für seinen schnell wachsenden Welthandel und seine Industrie offene Märkte, zukunfts- 
reiche Absatzgebiete braucht und deshalb überall die von den anderen Kolonialstaaten 
noch nicht unterworfenen Länder und Völker in ihrer Unabhängigkeit zu erhalten und zu 
stärken bedacht ist. Es entspricht deshalb durchaus den Interessen Deutschlands, der Tür-, 
kei, wenn sie jetzt in einen Kampf ums Dasein eintritt, in demselben auf alle mögliche 
Weise behilflich zu sein, mit Rat und Tat. Dabeibleibt aber der türkische Krieg ein selbst- 
ständiger Krieg neben dem deutsch-österreichischen. Die Türkei hat selbst die Verant- 
wortung für ihre Kriegsführung zu tragen. Deutschland wird auch dem feindlichen Aus- 
land gegenüber die Verantwortung entschieden ablehnen. 

3. Was wird die Wirkung des Dschihad in der nichttürkischen Welt des Islams sein? 

Nun hat der Sultan als Kalif der Gläubigen den Dschihad, den Heiligen Krieg, erklärt. 
Wie ist dieserAufsehen erregende Schritt zu erklären? Nicht nur dieTürkei, sondern weit- 
aus der größte Teil der Welt des Islams steht unter der Herrschaft oder unter der Be- 
drohung Englands, Rußlands und Frankreichs. Da der Islam prinzipiell Theokratie, Allahs 



136 Die Welt des Islams, Band III. ig iß, Heft 2 



Herrscliaft anf Erden, ist, so empfinden Moslemen die Herrschaft christliclier Mächte als 
etwas Widersinniges, und die Neigung ist stets nnd überall vorhanden, diese drückende 
Fremdherrschaft abzuschütteln. Die lange Reihe moslemischer Revolntionen nnd Malidi- 
Anfstände ist beredtes Zeugnis dafür. Tritt nun die Türkei in den entscheidenden Kampf 
für ihre Existenz ein, so kann es ihr niemand verdenken, daß ihr Sultan als Kalif eins 
seiner wichtigsten Kampfmittel, den Heiligen Krieg, proklamiert. Die Bestimmungen über 
den Dschihad in der islamischen Orthodoxie sind keineswegs so feststehend, wie vielfach 
vermutet wird. Sie haben nach Zeit und Umständen viele Umbiegnngen erfahren. So ist 
es nichts Ungewöhnliches, wenn bei dieser Gelegenheit der Kalif drei wichtige Bestimmungen 
über den Dschihad getrofifen hat. Er richtet sich einmal nicht gegen das Christentum, 
sondern gegen die Unterdrückung der Moslemen. Die ^u bekämpfenden Feinde sind 
zweitens England, Rußland und Frankreich und ihre Verbündeten, aber nicht die Freunde 
der Türkei : Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Drittens : Die christlichen Kirchen 
in der Türkei selbst sind vom Dschihad überhaupt nicht bedroht. Ob es möglich sein 
wird, den Dschihad zu einer allgemeinen Aufstandsbewegung in der Welt des Islams zu 
gestalten, läßt sich augenblicklich noch nicht übersehen. Schon kommen aber aus Marokko» 
Algerien, aus dem Somalilande, Egypten und Indien, aus Persien und Afghanistan Nach- 
richten von Aufständen und Aufstandsbewegungen, und dies Feuer wird aller Wahrschein- 
lichkeit nach weiter um sich greifen und größere Dimensionen annehmen. 

4. Welche Hilfe erwartet nun Deutschland von dieser Kampfgenossenschaft mit der 
Türkei? 

Nicht, daß türkische Regimenter oder kurdische Reiterhorden auf dem Kriegsschau- 
platze in Flandern oder an der Weichsel die deutschen Linien verstärken, sondern 

a. daß beträchtliche Truppenmassen der feindlichen Länder durch bereits eingetretene 
oder befürchtete Unruhen und Aufstandsbewegungen in den Kolonien festgehalten wer- 
den. Da die Feinde schier eine Milliarde der Menschheit gegen den Zw eibund zum Kriege 
aufgerufen haben, kann sich letzterer schließlich nur dadurch vor der Überwältigung durch 
die Massen schützen, daß er die Streitkräfte der Feinde an verschiedenen Teilen des Erd- 
balls festhält. 

b. Außerdem haben derartige moslemische Aufstände, die erfahrungsgemäß wie Wald- 
feuer um sich fressen, der Kolonialverwaltung große Scliwierigkeiten bereitet. Speziell die 
Türkei wird hoffentlich unsere beiden gefährlichsten Gegner, England und Rußland, an 
zwei besonders empfindlichen Stellen ihrer Weltreiche treffen : in Egypten und dem Suez- 
kanal einerseits und in Transkaukasien und Südrußland andererseits. 

5. Wir haben bisher die erfreuliche Seite der neuen Kampfgenossenschaft erörtert. 
Wir wollen nicht verhehlen, daß dieselbe auch zu einigen Sorgen Anlaß gibt, denen 
glücklicherweise die Tatsachen — wenigstens zur Zeit noch — nicht entsprechen. Wir 
weisen nur auf einige Punkte hin. In vergangenen Jahrhunderten ist der Dschihad immer 
das zweischneidige Schwert des Islams gegen die Christenheit gewesen. Der Kalif und 
seine Ratgeber wollen ihm diese fanatische Tendenz in diesem Falle nehmen. Wird ihnen 
das wirksam gelingen? Bei der Ausbreitung des Dschihad über die Türkei hinaus in die 
anderen moslemischen Länder wird es wahrscheinlich zu um so erbitterteren Kämpfen 
kommen, weil die rücksichtslose Strenge der Polizei und Justiz und die Wachsamkeit der 
feindlichen Kolonialmächte an die List und Verschlagenheit einiger Führer der Aufstands- 
bewegung besonders große Anforderungen stellen. Wird da nicht leicht der Dschihad in 
einen blutigen erbarmungslosen Guerillakrieg ausarten? Die Lage der christlichen Kirchen 
in der Türkei ist deswegen so bedrohlich, weil die Christen aller orientalischen Kirchen 



Mitteilungen. Allgemeines. 137 



in ebenso ansg:esprochener Weise Partei für die Entente-Mächte genommen haben wie die 
Mohammedaner für Deutschland. Wenn die orientalischen Christen in diesem Gegensatz 
ihrer Sympathien verharren, so ist Brennstoff zu wilden Ausbrüchen in Haufen vorhanden. 
Wer garantiert dafür, daß der Zündfunke nicht in ihn hineinfällt'? Deutschland ist seit dem 
Kriegsausbruch von der ganzen Welt in unerhörter Weise verleumdet worden. Wir müssen 
darauf rechnen, daß unsere Feinde jeden Anlaß zu böswilliger Nachrede mit Freuden auf- 
greifen. Der gute Name Deutschlands ist aber in dem gegenwärtigen AV eltkrieg bei den 
Entscheidungen der Völker ein Imponderabile von unschätzbarem Werte. Die Waffen- 
brüderschaft der Türkei kann zu solchem böswilligen Gerede Anlaß geben. Freilich nicht 
diese Kriegsgemeinschaft an sich. Wollten uns England und Frankreich diese zum Vor- 
wurf machen, so begehen sie nur Heuchelei. Denn sie haben selbst im Krimkriege mit der 
Türkei im Bunde Rußland bekämpft. 

Auch für die deutschen Christen gibt die Kampfgenossenschaft mit der Türkei und den 
moslemischen Ländern Anlaß zu Sorgen. Die unerwartete Annäherung soll nicht neuen 
Anlaß zu dem oberflächlichen Gerede geben, daß der Unterschied zwischen den beiden 
Religionen schließlich gar nicht so groß sei — „Moslem, Jude, Hottentott', wir glauben 
all an einen Gott". Sie soll auch denen nicht neues Wasser auf die Mühle bringen, welche, 
von der Erfolglosigkeit überzeugt, derartige Bestrebimgen jetzt als gefährlich für die 
politischen Beziehungen im Blick auf religiöse Reibungen ansehen. Wir verhehlen uns 
nicht, daß der Dschihad zu einer Stärkung des islamischen Glaubensbewußtseins führen 
wird. Die Religion ist das einigende Band der Bewegung, die Unabhängigkeit des Islams 
das Ziel, die Unabhängigkeit zumal gegen die von den Engländern betriebene Moham- 
medaner-Mission. Für diese werden sich daraus sicher große Schwierigkeiten ergeben. 
Auf der anderen Seite ist es für den Islam eine Erfahrung, daß christliche Völker seine 
ehrlichen Freunde und Kampfgenossen sind. Kann da der Mohammedaner doch noch ein- 
mal glauben lernen, daß Christen es ehrlich mit ihm meinen und sein Bestes wollen? 
Wird dies politische Verhältnis deutsch -evangelischen und österreichisch -katholischen 
Missionaren eine offene Tür in der Moharamedanerwelt und eine große Verantwortung 
geben? Es ist wahrscheinlich, daß auch nach dem Kriege in. der Türkei hoffnungsvolle 
Aufgaben vorliegen. Die angebahnte freundschaftliche Verbindung hat nur Aussicht auf 
dauernden Erfolg, wenn sich die Türkei aus ihrer trostlosen Verwahrlosung zu einem 
höheren allgemeinen Kulturzustand entwickeln läßt. Dazu aber können die verschieden- 
artigsten Kräfte zusammenwirken, auch geistige und religiöse. Ob der Islam überhaupt 
reformfähig ist, ist ein vielumstrittenes Problem, das nur der Tatbeweis entscheiden kann. 
Jedenfalls genügt ein Blick auf die großen Schularbeiten der Amerikaner im Orient, um 
der deutschen Mission ihr Versäumnis aiif diesem Gebiete schmerzlich vor Augen zu stellen. 

Wir stehen mit ehrfürchtigem Schauer an einem weltgeschichtlichen Wendepunkte, aus 
dem eine neue Phase der Menschheitsgeschichte sich emporringt. Die Kampfgenossen- 
schaft der beiden führenden Mächte des Protestantismus und Katholizismus mit dem Sul- 
tan und Kalifen ist nur eine von den überraschenden Wendungen dieses weltgeschicht- 
lichen Dramas. Möge sie dem deutschen Weltkriege eine wirksame Hilfe und Entlastung 
bringen ! Möge sie für die Türken das gefürchtete Verhängnis des nationalen Unterganges 
für immer beseitigen und der Anfang einer neuen gesunden Aufwärtsbewegung, einer 
Regeneration der Türkei werden ! 

Erörterung über den Vortrag des Prof. Richter. 

Es hatten sich zu dem Abend etwa 350 Personen eingefunden, meistens Gäste. Unter 
diesen befanden sich auch die in außerordentlicher Mission in Berlin weilenden Herren 



138 Die Welt des Islams, Band III . igiß, Heß 2 



Schaich Salih Aschscherif Attnnisi und Melinied Akif, Ilatiptredakteur der bedeutendsten 
religiös-politischen Zeitschrift in Konstantinopel, Sebil iirreschäd. 

Nachdem der Vortragende geendet hatte, würdigte der Vorsitzende die an Tatsachen 
und Gedanken reichen Ausführungen des Redners, stellte dabei aber fest, daß einige Auf- 
stellungen, in denen der Theologe und Missionar zu Wort gekommen sei, sicherlich nicht 
von allen Anwesenden geteilt würden. Es läge ferner über den „Heiligen Krieg" eine Ab- 
handlung des anwesenden Schaich Salili vor. 

Herr Schabinger verlas darauf eine von ihm angefertigte Übersetzung dieser Alihand- 
lung, deren Veröfl'entlichung damals in Aussicht genommen war und inzwischen durch 
unsere Gesellschaft veranstaltet worden ist. 

In der weiteren Erörterung stellte zunächst Herr Auerbach die Frage, ob es nach 
dem Koran gestattet sei, aus einem bestimmten Anlaß eine Revision des Begriffs ..Dschi- 
had" (Heiliger Krieg) vorzunehmen; er sei seiner Meinung nach nicht verwendbar für be- 
stimmte politische Zwecke ; der Frager wünschte auch zu wissen, wer berufen sei, eine 
Auslegung der Bestimmungen des Korans vorzunehmen. 

Herr Professor Mittwoch führte in Beantwortung der Frage aus, es sei ein Fehler, 
Islam und Koran als identisch anzusehen ; der Koran Labe im Laufe der Zeit viele Ände- 
rungen in der Auffassung erfahren; schon nach alten Rechtslehrern hat der Kalife das 
Recht zu sagen, wer von dem Dschihad betroffen werden soll. . 

Herr Schabinger verbreitete sich darauf über den Ursprung des Dschihad: Mo- 
hammed habe, um seiner Lehre einen Schutz zu geben, die allgemeine \Vehri>flicht ein- 
geführt; jeder Muslim habe die Pflicht, für die islamische Religion zu kämpfen. Er wies 
darauf hin, daß Aufklärung der weitesten Kreise über das Wesen des Islams und im Be- 
sonderen über den Charakter des Dschihad wünschenswert sei. 

Herr Missionsdirektor Dr. Lepsius betonte, daß, entgegen der dem Islam freund- 
lichen Stimmung in Deutschland, in England eine islamfeindliche Stimmung herrsche. Es 
dürfe nur mit großer Vorsicht geurteilt werden ; er empfehle, der guten deutschen Art 
treu zu bleiben, die Betrachtung der sittlichen Werte nicht durch rein intellektuelle Vor- 
gänge stören zu lassen ; wir seien leicht geneigt, das Fremde höher zu achten als das Ei- 
gene. Redner verlas einen Artikel, in welchem von einer, sonst nicht erreichten Hoch- 
kultur des Islams gesprochen wird; nach seiner Ansicht sei der „Heilige Krieg" ein poli- 
tischer Kampf mit religiöser Aufmachung; er müsse von uns als nationaler Krieg der 
Türken bezeichnet werden. Redner hebt dann noch hervor, daß im Gegensatze zum Islam 
das Christentum sich nicht mit Hilfe von Gewalt durchgesetzt habe. 

Gegen diese Ausführungen wandte sich Dr. Traugott Mann: man dürfe nicht über 
den Islam im allgemeinen Urteile tallen ; er habe ebenso Entwicklungen erfahren wie das 
Christentum ; eine Parallele zwischen den beiden Kirchen führe leicht zu falschen Schlüs- 
sen. Mohammed selbst habe Christus weit über .sich gestellt. Seine Lehre lasse sich genau 
80 unserer Kultur anpassen, wie sich die der Christen und die der Juden ihr angepaßt 
haben. Es folgte eine kurze Erwiderung dos Herrn Lepsius. 

Prof. Richter war in seinem Schlußwort erfreut über die lebhafte Aussprache; jeder 
habe von dem andern gelernt ; es habe sich wieder gezeigt, daß der Islam eines der schwie- 
rigsten Probleme der Religionsgeschichte sei. Der heutige Abend aber habe den Islam 
dem Verständnis näher gebracht. Deutschland brauche jetzt eine neue Orientierung für 
den Islam. 

Mit lebhaftem Beifall wurden die Worte des Vorstandsmitgliedes Professor Kampff- 
m eyer aufgenommen, der in seinen Dankesworten an Professor Richter an die histori- 



Mitteilungen. Türkei. 131) 

IIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIHIIIIIIIUUHIIIIIIIIIIIHimillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllMIIWIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIin 

sehen Dispute unter Friedrich II. in Sizilien zwisclien christlichen Geistlichen, Rabbiuen 
und mohammedanischen Gelehrten erinnerte. Die heutige Erörterung habe den Beweis 
der Unparteilichkeit der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde gegeben. Heute sei der 
Missionar zu Worte gekommen, der einige Bedenken geltend gemacht habe. Andere Red- 
ner würden demnächst das Islamproblem von anderem Gesichtspunkte ans betrachten. ' 
Es komme darauf an, den Islam zu verstehen, und man dürfe nicht vergessen, daß auch 
im Islamstaate Raum für christliche Nächstenliebe sei. Der Gedanke der Versöhnung 
spreche sich am tiefsten aus in den Worten des Dichters : 

Gottes ist der Orient! 

Gottes ist der Okzident! 

Nord- und südliches Gelände 

Ruht im Frieden seiner Hände. 

Er, der einzige Gerechte, 

Will für jedermann das Rechte. 

Sei, von seinen hundert Namen, 

Dieser hochgelobet! Amen. 
An diesem Erörterungsabend wurde ebenso wie an dem späteren Vortragsabend des 
24. April eine Sammlung zu Gunsten des Roten Halbmondes veranstaltet. Auf Grund 
dieser Sammlungen konnten dem Roten Halbmond von unserer Gesellschaft 200 Mark 
überwiesen werden. 

TÜRKEI. 

Zum Unterrichtswesen in der Türkei. Das kulturelle Leben der Osmanen hat in den 
letzten Jahren eine bedeutsame Entwicklung erfahren. Deren Exponent sind die zahl- 
reichen Zeitungen und Zeitschriften, die in Stambul erscheinen. Sie sind nicht alle auf 
gleicher Höhe. Das Wesentliche ist, daß sich darunter eine Anzahl gut redigierter Fachzeit- 
schriften finden. Bemerkenswert ist unter diesen die „Zeitschrift für Unterrichtswesen" 
(tedrlsät megmü'^asy), im Namen des Unterrichtsministeriums herausgegeben von dem 
Lehrkörper des Lehrerseminars; monatlich. Hauptschriftleiter ist der Direktor des Seminars 
Abulmuhsin Kemäl. Jedes Heft hat einen theoretischen, einen praktischen und einen 
Nachrichtenteil; sie sind besonders paginiert. — Es liegt mir vor Bd. 5 Nr. 1 (28) vom 
7. März 1331 (20. März 1915). Aus dem reichen Inhalt hebe ich nur den einleitenden Artikel 
„Der Weltkrieg und die Lehrer" von Husain Räghib hervor, der die deutsche Entwicklung 
mit der großen Gestalt Fichtes als Vorbild hinstellt. Wichtig ist die von dem Unterrichts- 
direktor Safwet bei dem Generalrat des Wilajet Stambul eingebrachte Vorlage über Reform 
des Unterrichtswesens, über welche Bericht erstattet wird (S. 28 — 32). Es werden zu den 
jetzt bestehenden 667 Schulen nicht weniger als 500 hinzugefordert; ausführlich werden 
hygienische Forderungen für die Schulräume begründet; unter keinen Umständen dürfe 
die Schulreform wegen des Krieges hinausgeschoben werden; auch da diene Deutschland 
als Vorbild. Mit scharfen Worten wendet sich Safu'et gegen die Medresen alten Stils, aus 
denen bisher die Dorfschullehrer hervorgegangen sind: die dort erworbene Ausbildung 
habe keinen Nutzen tür das Leben; es fehle jede pädagogische Methode; die Studenten 
müßten wenigstens an den Abendkursen des Lehrerseminars teilnehmen. Es ist viel Ver- 

' Dies geschah zunächst durch den Vortrag, den Prof. Dr. C. H. Becker am 24. April im 
Sitzungssaale des Preuß. Abgeordnetenhauses auf Veranlassung unserer Gesellschaft 
hielt und dessen Wortlaut in dem ersten Aufsatz dieses Heftes vorliegt. 



140 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heß 2 



ständiges gerade über diesen Punkt letzthin gescliriebcn worden; es sind auch bedentsarae 
Sdiritte znr Reform des tlieologischen Unterrichts getan worden. 

Sehen wir ein energisches Voranschreiten in der kultnrellen Entwicklung, so hat der 
Kampf um die nationale Existenz den Osmanen einen hohen moralischen Gewinn gebracht. 
Die Gleichgültigkeit gegen die nationale Ehre und Wohlfahrt, die noch während des Balkan- 
krieges gewisse Kreise der Gesollschaft beherrschte, ist einem Geiste der Mannhaftigkeit 
und Opferwilligkeit gewichen, der bedeutende Früchte getragen hat. Auch die Frauen 
nehmen an der Bewegung teil, und ihre Betätigung in hilfreichem Dienste wird aus zahl- 
reichen Teilen des Landes gemeldet. So darf mit einer Neublüte des osmanischen Reiches 
gerechnet werden, und es liegt kein Anlaß vor zu einer Schwarzseherei, die die starken 
Kräfte, die in der osmanischen Nation noch vorhanden sind, unbewertet läßt. Leicht ist 
die Aufgabe der Slänner, die das Reformwerk in die Hand genommen haben, nicht, und 
es bedarf des angestrengtesten, einträchtigen Arbeitens der Besten der Nation, um den 
Neua\ifbau zu einem glücklichen Ende zu führen. Martin Hartmann 

Türkische Nationalität und türkische Nation. Ahmed Agajeff fragt in Türk Jordu vom 
19. März 1331 = 1. April 1915 (Bd. VIII Nr. 2): „Was ist Nation?" Er stellt fest, daß die 
nationale Strömung unter den Osmanen noch keine feste Gestalt gewonnen habe. Es gibt 
wohl eine türkische Nationalität, aber noch keine türkische Nation. „Nationalität" (milU- 
jet) selbst wird verschieden gefaßt : Manche suchen sie in der Rasse (das war vor einem 
halben Jahrhundert die herrschende Ansicht); andere suchen sie in der Religion; andere 
endlich suchen sie in der Sprache; es leben aber derselben Sprache angehörige Gruppen 
im Zustande verschiedener Nationalitäten ; vergleiche England mit Amerika, Frankreich 
mit Kanada. Man muß eine Zwischenstellung einnehmen ; die Grundlagen der Nationalität 
bilden: die Sprache und ihre verschiedenen Manifestationen (Literatur, Kunst, Musik), 
die Religion mit ihren Manifestationen und die Reste der Rasse. Aus der Mischung dieser 
drei Faktoren bildet sich die Nationalität. Wenn sie nicht im nationalen Bewußtsein leben, 
kann sich keine Nation bilden. Die zahlreichen Türkengruppen sprechen verschiedene 
Sprachen; sie haben aber noch keine allgemeine Schriftsprache. So ist auch der Islam 
ihnen noch nicht ein gemeinsames Besitztum ; es muß bei den Türken die Religion sich 
mit dem Leben mischen, damit ein nationales Bewußtsein sich bilde. Man wird von einer 
türkischen Nation erst sprechen können, wenn zwischen den verschiedenen Partei- 
gruppen dieselben Gedanken und Empfindungen erweckt sind und wenn durch Verschmel- 
zung des Lebens mit dem Islam die materiellen und moralischen Bedürfnisse des Lebens 
der Türken gewährleistet werden. So ist es unsere Aufgabe, unserer Sprache in Bewußt- 
sein und Empfindung eine Form zu geben und unserer Religion eine nationale Richtung 
zu bestimmen. Nur wenn wir auf diesem Wege unermüdlich vorwärts schreiten, wird sich 
eine türkische Nation vom Jura bis zum Altai bilden. 

In diesen Ausführungen ist manches Seltsame, Unklare. Die Gesamttendenz liegt 
klar: Panturkismus in Verbindung mit einem beschränkten Panislamismus — wenn man 
die Verwendung des Islams als Stärkung des völkischen Bandes zwischen verwandten 
Völkern noch Panislamismus nennen will. Es ist aber zu begrüßen, daß das Nationalitäts- 
problem immer wieder behandelt wird. Noch ist in Stambul und, so weit sich erkennen 
läßt, noch mehr in der Provinz, die Strömung stark, die in dem religiösen Bande das ein- 
zige Heil sieht, und die die nationalistische Strömung auf das schärfste bekämpft. Das 
ist im Interesse der Entwicklung des osmanischen Reiches zu bedauern. Beide Parteien 
müssen mit vollem Ernst die Probleme studieren, dabei aber sich nicht verlieren in all- 



Mitteilungen. Türkei. 141 



gemeinen Betrachtungen, sondern Tatsachen sammeln. Quellen echten Volkstums 
sprudeln oft an Orten, wo der achtlose Wanderer sie nicht bemerkt. Nach ihnen sind Ent- 
deckertahrten anzustellen, und deren Ergebnisse sind in allgemein zugänglicher Form her- 
auszubringen lind zugleich nach wissenschaftlicher Methode zu verarbeiten. Ein muster- 
giltiges Vorbild ist das, was die Gebrüder Grimm aus dem deutschen Volksmärchen ge- 
schaifen, eine Arbeit, die für die Stärkung des deutschen Nationalbewußtseins von der 
höchsten Bedeutung gewesen ist. Nützliches kann auf diesem Gebiete auch von denen ge- 
leistet werden, die keine besondere Schulung haben, wofern sie nur getreu und ohne Ver- 
drehungen undVerschönerungen, namentlich ohne literarische Eitelkeit, das niederschreiben, 
was sie aus dem Munde der einfachen Leute, meistens der untersten Klassen hören. Die 
Publikation und Bearbeitung muß dann von einem überlegenen, geschulten Geiste vor- 
genommen werden. Doch das ist nur eines der zahlreichen Momente des nationalen Le- 
bens. Ein anderes ist die Blutgesellung, deren Einfluß auf den nationalen Gedanken 
namentlich bei den Türken nicht unterschätzt werden darf. Mit dem „religiösen Leben", 
wie es in diesem Zusammenhange gewöhnlich erscheint, ist gar nichts gesagt; denn es 
bergen sich unter dieser vagen Bezeichnung sehr verschiedene Tendenzen. Gewöhnlich 
wird darunter die äußere Beobachtung der Kultusvorschriften verstanden. Das stimmt aber 
nicht einmal für die im Gesamttürkentum doch nur geringe Zahl der osmanischen Türken 
(nach der liöchsten Schätzung 7 Millionen neben 25 Millionen sehr difierenzierter Türken 
in Rußland) ; es gibt zahlreiche Gruppen, die, teils aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit, 
teils von bestimmten Vorstellungen geleitet, den rituellen Vorschriften keine oder nur 
geringe Beachtung schenken. Darüber sind Aufnahmen zu machen. Sie werden zugleich 
wichtige Hinweise, auch für das Schulwesen, bieten. Der Grundgedanke einer gesunden 
Entwicklung muß immer bleiben : nicht eine fade Nachahmung der fränkischen „Zivili- 
sation", sondern Aufbau einer starken und tiefen Kultur auf der Grundlage eines natio- 
nalen Lebens, das, seiner selbst sich bewußt, die besten Elemente, die es enthält, aus- 
bildet und entwickelt, ohne sich um fremdländisches Wesen zu kümmern, dabei' aber 
diejenigen Momente fremden Ursprungs, die ihm wesensverwandt sind oder ihm frucht- 
bar werden können, sich anpassend und dadurch sich bereichernd. — Eine Würdigung 
Agajeffs gab ich im Zeitgeist (zu Berl. Tagebl.) vom 7. Juni 1915. 

Martin Hartmann 

Frauenromane.' Neben die schon seit etwa einem Jahrzehnt tätige Halide Hanum 
stellte sich kürzlich Güzi de Sabri.^ Mir liegt von ihr vor: ölmüsch bir qadynyn 
ewräqi metriikesi (Nr.2 der ,,Bih\iothek\on'Nation&lTomanen", müllrümäyikütübhänesij; 
Herausgeber: Husain, Besitzer der Buchhandlung Ikbäl, Starabul, o. J. (220 S., kl. Ok- 
tav). Der Eoman scheint mir charakteristisch für eine gewisse Richtung der modernen 
türkischen Literatur; ich gebe daher seinen Inhalt. 

Fikret hat eine gute Erziehung genossen. Der Vater der Zweiundzwanzigjährigen, 
der Beamter ist, wird in die Provinz geschickt; sie folgt ihm, obwohl er sich mittlerweile 

^ Über schreibende Türkinnen berichtete ich Unpolitische JB riefe (Islamischer Orient III) 
S. 215; es wurden dort genannt Fatma'Alja Hanum, Niger Hanum, Emine Semije Ha- 
num, Halide Hanum. 

^ Über die Vita der Dame kann ich nichts sagen, auch nichts über ihre sonstige literari- 
sche Tätigkeit. Nur ein, nach dem Preise (100 Para = 46 Pfennig) zu urteilen wenig 
umfangreiches Schriftchen ist auf dem Umschlage von Ölmfisch bir qadyn angezeiot : 
Münewwer „Der Aufgeklärte", bezeichnet als „Nationalroman". 



142 Die Welt des Islams, Band HL igiß, Heft 2 

HllllllllllllllllllinillllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 

verheiratet hat ; da sie sich mit der Stiefmutter niclit stellen kann, kehrt sie nach drei Mo- 
naten znrück, doch mit dem Beginn eines Herzleidens, das der herbeigeholte Spezialarzt 
Dr. Nijäd für nicht bedenklich erklärt. Sie lebt einige Zeit mit ihrer Schwester und deren 
Mann bei der Großmutter in Erenköj. Der Arzt kommt regelmäßig hinaus. Diese Besuche 
werden verhängnisvoll; beide verlieben sich sterblich ineinander. Manchmal fährt sie mit 
ihrer Schwester nach der Stadt in die Klinik des Doktors; zuweilen begibt sie sich allein 
mit der Dienerin zu ihm. Die Aussichtslosigkeit dieser Neigung — Nijäd ist verheiratet 
und hat zwei Kinder — verschlimmert ihren Zustand. Es wird Herbst. Nijäd macht ihr 
einen Antrag. Sie, weist ihn ab, um nicht das Glück 'von drei Menschen zu vernichten, 
und reist, ihrem tiefen Schmerze zu entfliehen, erneut zum Vater. Die Stiefmutter verhei- 
ratet sie an Sa'id Effendi, einen ans Stambul stammenden Gutsbesitzer, der sich auf eins 
seiner Güter zurückgezogen hat, übrigens ein liebenswürdiger, stattlicher Fünfziger ist. 
Diese Vorgeschichte des Romans mrd der Verfasserin von Su äd, der Kusine der verstor- 
benen Heldin, bei einem Abendbesuche erzählt. Das ^Yeitere bildet den Inhalt des Tage- 
buches Fikrets, das Su äd der Besucherin reicht, und das von dieser sofort durchgelesen 
wird in der langen Winternacht, die sie in dem gastlichen Hause zubringt. Dieses Tage- 
buch bildet das Hauptstück des Buches (S. 26 — 199). Es ist darüber der Morgen heran- 
gekommen, und Sn'äd erzählt den Schluß des unglücklichen Lebens nach eigener Beob- 
achtung (S. 200 ff): Eines Abends erschien Fikret plötzlich bei uns nach aclitstündiger 
Keise in traurigstem Zustande, völlig erschöpft; ich sandte sofort nach Dr. Nijäd, ohne 
ihm näheres angeben zu lassen. Fikret berichtete, ihr Gatte sei kürzlich gestorben, und 
sie habe es in der Einsamkeit der Farm nicht aushalten können ; dem Tode nahe, legte 
sie mir ihr Töchterchen ans Herz. Nijäd erschien: die schmerzlichen Worte, mit denen 
Fikret Abschied von ihm nimmt, verwirrten seine Sinne ; mit den Worten; „Lüge ! das ist 
nicht Fikret ; die wohnt in stiller Einsamkeit in den Bergen" stürzte er hinaus ; man hörte 
von der Straße her sein gelles Lachen. Mich, schließt Su'äd, schickte der Arzt, um die Ein- 
drücke zu verwischen, nach Egypten ; auf dem Schiff fand ich einen verstörten Mann mit 
einem Knaben ; es war Nijäd mit seinem Sohne ; er lebte, aber sein Sinn war in Fikrets 
Grabe". 

Das Hauptstück, das Tagebuch Fikrets, enthält an Tatsachen nicht viel. Das Leben 
auf der Farm wird anschaulich geschildert ; sie lebt einförmig an der Seite des nicht ge- 
liebten Mannes und strömt in dem Tagebuch die Erinnerung an ihren Nijäd aus, stellt 
auch den Zank mit der Stiefmutter und die Verheiratungsgeschichte ausführlich dar (die 
Verhandlungen mit dem Vater und der Stiefmutter zeigen echt islamisches Gepräge, S. 36 
bis 40). Die erste peinliche Uberrascliung ist, daß ilir Gatte der Onkel Medihas, der Frau 
ihres Nijäd ist; ja, Nijäd hat Sa'id Effendi einmal bei schwerer Lungenerkrankung be- 
handelt und vom Tode gerettet. Der Alte quält Fikret mit seinen Aufmerksamkeiten und 
Zärtlichkeiten. Fikret wird Mutter und findet einigen Trost in der Beschäftigung mit ihrem 
Töchterchen Nudret ; dieses bringt aber Verstimmungen, da der Vater nicht einmal dieses 
Kind als Teilnehmer an ihrer Liebe ertragen kann. Da kommt durch seltsamen Zufall über 
Fikret der schwerste Schlag: Nijäd ist von der Behörde ernannt zur Analyse einer Mineral- 
quelle im Dorfe Sa'ids und kommt mit seiner Gattin in dessen Haiis. Die schwierigen 
Situationen, die daraus entstehen, werden ausführlich geschildert; hier hätte ein gesunder 
Humor Platz finden können, es ist aber alles in einem auf die Dauer unerträglichen ärger- 
lichen und weinerlichen Tone gehalten; gut geschildert ist eine Szene zwischen Fikret 
und Nijäd (S. 119 — 124). Als die Gäste abgereist sind, beschließen Said und Fikret, in 
Prinkipo Wohnung zu nehmen. Fikret fühlt sich dort unbehaglich und sehnt sich nach 



Müteihmgen. Tiirkei. 143 

itNtiNimmwnmnHwtiniminiiiiiiiiiiHHiNiiiiiiiHiiiiuriHiHiiiNiiiiiiiiniiuHuiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiniiiiinHii^ 

ihren Bergen ziirÜL-k. Sie hatte die ärztliche Behandlung durch Ni]äd ihrem Gatten ver- 
heimlicht, und dadurch liegt ein Druck auf ihr. Als einmal Sa'id nach der Stadt gefahren 
ist, empfängt Fikret den Besuch Nijäds. Bald darauf große Szene zwischen Fikret und 
Mediha, der sie den Besuch in der Stadt erwidert; Fikret fällt dabei in Ohnmacht, weil 
sie annehmen muß, daß die eifersüchtige Mediha ihre Beziehungen zu Nijäd erkannt hat ; 
Mediha zeigt sich aber diskret. Da erkrankt Nijäd an typhösem Fieber; Fikret fährt mit 
Sa'id zum Krankenbesuch. Sa'id ist zuerst mit Mediha allein bei Nijäd, dann entfernt er 
sich, und die beiden Frauen sind im Krankenzimmer. Nijäd phantasiert von seiner Fikret. 
Mediha erlangt vollkommene Gewißheit, als die Dienerin Kalliope Fikret ins Gesicht 
sagt: „Sie kamen ja immer ins Haus des Doktor Nijäd, als ich bei ihm im Dienste war." 
Es gibt einen Streit zwischen den Frauen, aber beide beherrschen sich, und erst am Tage 
drauf kommt es beim Besuche Medihas bei Fikret zu einer wütenden Schimpfszene. Mitten 
im Streit tritt plötzlich Sa'id, der gehorcht hat, ein ; er fühlt sich als betrogener Ehemann, 
wahrt aber seine Würde; er will eine Erklärung haben, w^arum Fikret ihre Beziehungen 
zu Nijäd verheimlicht hat; ihr ist der Mund geschlossen, sie kann kein Wort hervor- 
bringen. Sa'id, der auch von Mediha nichts mehr wissen will, bestraft Fikret dadurch, daß 
er sie auf die Farm in den Bergen nimmt, wo er sie in den nun kommenden Wintertagen 
vollständig als Luft behandelt; auch das Dienstpersonal muß sich völlig entfernt halten. 
Fikret leidet unter der Einsamkeit, die durch die fürchterlichen Winterstürme noch fühl- 
barer wird; sie schreibt einen rührenden Abschiedsbrief an ihr Töchterchen Nudret, das 
bei der Großmutter untergebracht ist. Eine Nacht kann sie sich nicht halten; sie dringt 
in das Zimmer des Gatten und fleht um Erbarmen ; unter Vorwürfen reicht er ihr ein 
Blatt: es ist die Anklageschrift Medihas. Nach einer heftigen Szene läßt Sa'id Fikret in 
ihr Zimmer zurückführen. Am nächsten Tage geht Sa'id auf die Jagd ; den Tag darauf tritt 
bei Fikret Blutauswurf ein; zwei Tage später bringt man die Leiche Sa'ids, der beim 
Sturz vom Pferde sich das Gehirn zerschmettert hat. Das Tagebuch schließt mit dem Be- 
richte über das Begräbnis, während Fikret den nahen Tod vor sich sieht. Wie sie diesen 
nicht atif der Farm erleidet, sondern im Hause der Großmutter, wurde schon erzählt. 

Für den türkischen Leser ist die Erzählung nicht ohne Spannung ; der Dialog ist ge- 
schickt, und die Charaktere treten scharf hervor. Diese Charaktere sind freilich unerfreu- 
lich. Mediha, die am schlechtesten fortkommt, ist die einzige Person, die weiß, was sie 
will, und die in ihrem Handeln, als die durch einen Eindringling Bedrohte, vollkommen 
verständlich ist. Fikret, Nijäd und der traurige Ehemann sind Neurastheniker, ohne Fleisch 
und Blut, ohne Leidenschaft, in Konflikte getrieben von Gelüsten, die nicht stark genug 
sind, um zu einer Katastrophe und damit zu einer Luftreinigung zu führen. Es ist so recht 
eime gewisse Schicht der Gesellschaft Stambuls, die sich da vor uns bewegt. Diese Weib- 
lichkeit ist zu beklagen : sie kann nichts und tut nichts ; die Tätigkeit Fikrets wird mit 
zwei Zeilen abgemacht: Klavierspielen und Lektüre. Wenn irgendwo, so wäre in Stambul 
die Einführung des weiblichen Dienstjahres nötig; das läge auch ganz in der Tendenz des 
Islams, der grundsätzlich auf eine straffe Disziplinierung hinwirkt. Gegen gemeinsame 
Ausbildung der weiblichen Jugend durch Erziehung zu Sauberkeit und Ordnung läßt sich 
aus den bekannten Quellen, die das Leben des Muslims regeln, nicht das Geringste an- 
führen, und wenn fanatische Geistliche den Gedanken als ein hid'a „Neuerung", „Ket- 
zerei" bekämpfen sollten, so würde man ihnen mit Kecht entgegnen, daß eine solche Ein- 
richtung zu den muämalät „Verkehrbestimmungen" gehört, über welche da,s idschtihäd 
„die Findung von Gesetzen durch Forschung" nicht geschlossen ist, und die zur Sprache 
gebracht und durch fetwä „geistliches Gutachten" erledigt werden müssen, wenn das Inter- 



14-i Die Welt des Islams, Band III . igrj, Heft 2 

IIIIIUIIHIHIIIItlNIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIHIIIIMIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIHIIIIN 

esse des Islams es erfordert. Allmählich sind auch die muslimischen Türken und Ara- 
ber dahinter gekommen, daß Art und Wesen der Frau Art und Wesen des Nachwuchses 
bestimmt, und daß die Zukunft der Islamwelt von der Heranbildung einer tüchtigen 
Frauenwelt abhängt. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Geschichte von der zerfah- 
renen Fikret Gift für die türkische Leserin; denn sie ist eine Verherrlichung der Neu- 
rasthenie, die weit über Stambul hinaus ihre Opfer fordert (vergleiche die eingehenden, 
mit vollkommener Sorgfalt gesammelten Beobachtungen über den psychischen Zustand 
der osmauischen Türken in dem hochverdienstvollen Werke Kieder Paschas: Für 
die Türkei. SelbsUjelebtes und Gewolltes {'2 Bde., Jena, 1903/4; die wichtigsten Stellen 
über die Türken zitierte ich Unpolitische Briefe aus der Türkei (Islamischer Orient III) 
S. 194 f). 

Der älteste Islam war kräftig und entschlossen. Gesund und derb waren auch die Tür- 
ken, die in das Islamreich einziehend sich dort die führende Stellung schufen durch die 
Energie, mit der sie ihre Interessen vertraten, und mit der sie die im Kampfe des Lebens 
Schwächeren beiseiteschoben. Das Problem, woher die Kraftlosigkeit und Willensschwäche 
in die Menschen, die Rülirseligkeit und Weiuerlichkeit in die Literatur einzogen, ist noch 
nicht gelöst. Den Hauptanteil dürfte das Persertum haben, das beim Aufkommen des Is- 
lams erheblich degeneriert war. Bei den Türken hat sicherlich diese Berührung einen un- 
heilvollen Einfluß geübt. Dabei hat unter den osmauischen Türken die Bevölkerung des 
offenen Landes der Demoralisierung und Verweichlichung lange Widerstand entgegen- 
gesetzt (heute wird von ehrlichen Türken zugegeben, daß es auch in Kleinasien mit der 
„Biederkeit" der Bevölkerung nicht ganz so gut steht, wie man gewöhnlich annimmt). 
Dazu kam bei den Gebildeten Stambuls eine verhängnisvolle Neigung zu übler französi- 
scher Geisteskost: man begnügte sich nicht, die verhältnismäßig harmlosen Romane von 
Dumas zu übersetzen (neben Schauerromanen niedrigster Sorte, in denen besonders Abd- 
ulhamid schwelgte), man fand Geschmack au den Sittenbildern Maupassants, die selbst 
ein urteilsfähiges Publikum kaum ohne Gefahr verdaut. Mir ist nicht bekannt, ob der 
Hauptgang der Erzählung nach irgend einem Vorbilde in der europäischen Literatur ge- 
arbeitet ist. Erwähnt werden darf noch, daß die Weinerlichkeit, das Weltschmerzliche, die 
sich durch das ganze Buch ziehen, eine Parallele haben in der Werther-Literatur, die bis 
um 1800 in Deutschland blühte. 

Ein Vorzug des Büchleins soll nicht verschwiegen werden: es wurde schon hingewiesen 
auf die treue Schilderung des Lebens, die sich gelegentlich findet, sich namentlich im 
Dialog zeigt. Ist die Erzählung reichlich ausgestattet mit Fremdworten, so scheint mir bei 
den Gesprächen die reinere, türkischere Sprache glücklich nachgeahmt zu sein. In dieser 
Hinsicht kann das Buch denen zur Lesung empfohlen werden, die sich durch eine leichte 
Lektüre in die moderne Unterhaltungssprache der „besseren" Kreise einführen wollen. 
Für die derbere Sprache der niederen Klassen muß man freilich zu anderen Quellen ge- 
hen, und es wird sich da immer noch empfehlen die ausgezeichnete Bearbeitung von 
Molieres Les fourheries de Scapin unter dem Titel 'yljclr Harnte, das unter Leitung tür- 
kischer Lehrer vielfach gelesen wurde von den Dolmetscherzöglingen Mitte der siebziger 
Jahre, als ich den Dienst am Deutschon Konsulat in Konstantinopel antrat. 

Martin Hartmann 

„Der Glaubenskrieg und unsere Frauen". Unter diesem Titel feiert der Leitartikel des 
„Tanin" Nr. 2173 vom 8. Januar 1915 die Frauen in Erzerum, die sich bei den Kämpfen 
an der russischen Grenze durch die Dienste, die sie den osmauischen Truppen erwiesen, 
besonders auszeichneten. Der Aufsatz ist von dem Gedanken beherrscht, daß in diesem 



Mitteihmgen. Türkei. 145 



Kriege die alten Methoden wieder zu Ehren gekommen seien. „Die Kämpfe an den öst- 
lichen Grenzen zeigen die Wiederbelebung der Tradition, daß Männer nnd Frauen ge- 
meinsam in den Dschihad ziehen und daß bei Verteilung der Arbeit das Geschlecht inbe- 
tracht gezogen wird; sie lehren femer, daß die Beieber dieser islamischen Tradition die 
Frauen sind". Auch in Stambul werde von den Frauen eine große Liebestätigkeit geübt. 
Und diese Opferwilligkeit tue sich geräuschlos kund und ohne Gepränge. „Mann und 
Weib, Jung und Alt, alle stehen zusammen, Tag und Nacht ; wir alle für jeden von uns, 
und jeder von uns für alle". M. H. 

Erlebnisse in jüdischen Kolonien. Dr. Alfons Paquet, Frankfurt a. M., sprach am 
24. März im Abgeordnetenhaus in einem vom Kartell Jüdischer Verbindungen zugninsten 
des „Roten Halbmonds" veranstalteten Vortragszyklus über „Erlebnisse in jüdischen 
Kolonien". Er knüpfte daran an, daß gerade jetzt die seit einigen Jahrzehnten an Palästina 
geknüpften jüdischen Erwartungen an Boden gewinnen und daß auch ein großer Teil der 
Christenheit die Erscheinung des jüdischen Zionismus mit lebhaften Sympathien begleitet. 
Der Hauptteil des Vortrages beschäftigte sich mit dem jüdischen Landbesitz in Palästina, 
der seine Entstehung den jüdischen Kolonisationsbestrebungen der letzten Jahrzehnte 
verdankt. Als charakteristisches Beispiel für den Geist des neu erwachten jüdischen Le- 
bens gab Paquet eine Schilderung des jüdischen Nationalfestes in der Kolonie Rechoboth, 
das in den Zwischenfeiertagen des Pessachfestes seit einigen Jahren gefeiert wird. Als be- 
sonders blühende und im schnellen Wachsen begriffene Kolonien schilderte er Rischon 
le Zion und Pethach-Tikwah. Die Kolonie Pethach-Tikwah, die bei ihrer Gründung im 
Jahre 1878 dem Fiskus 60 Mk. Steuern brachte, führt heute ca. 68 000 Mk. Steuern 
ab. Die nicht unerheblichen Schwierigkeiten der Kolonisation werden durch die groß- 
zügige Arbeit der Zionistischen Organisation überwunden, die sich in ihrer Bank, in der 
Landentwickelungs - Gesellschaft, in der Immobiliengesellschaft, im Jüdischen National- 
fonds und in zahlreichen landwirtschaftlichen, wissenschaftlichen und industriellen Unter- 
nehmuEgen, wie z. B. im „Bezalel" ein System von zweckentsprechenden Instituten ge- 
schaffen hat, Paquet zweifelt nicht an einer starken zukünftigen Entwicklung des Kolo- 
nisationswerkes. Die augenblicklich durch den Krieg her\orgerufene wirtschaftliche Not 
wird durch ein großes jüdisches Hilfswerk gelindert. Es erfolgen regelmäßige Geldsamm- 
lungen und Sendungen von Lebensmitteln auf eigens zu diesem Zweck zur Verfügung 
gestellten amerikanischen Schiffen. Die jüdische Kolonisation hat es verstanden, ihre Mit- 
glieder so fest mit dem palästinischen Boden zu verwurzeln, daß durch den Krieg die jü- 
dische Arbeit in Palästina und für Palästina kaum gehemmt worden ist. Der Zionismus 
will seine Hoffnungen innerhalb des türkischen Kelches verwirklichen. Das Liebeswerben 
Rußlands und Englands um die Gimst der Zionisten während des Krieges ist vergeblich 
geblieben, hingegen herrscht in zionistischen Kreisen die Überzeugung, daß man von 
deutscher Seite eine Förderung der zionistischen Arbeit erwarten dürfe. Man hat sich da- 
von überzeugt, daß Deutschland nicht daran denken kann, die in der Türkei lebenden 
Nationalitäten ihrer Eigenart zu entkleiden. Bei noch so eifriger deutscher Kulturarbeit 
wird Deutschland es immer vermeiden müssen, die nationalen Volkssprachen in einen 
Gegensatz zur deutschen Sprache zu bringen. Unter den europäischen Sprachen muß die 
deutsche Sprache im Unterricht an die erste Stelle treten und den Platz einnehmen, den 
bisher das Französische innegehabt hat. Die Zionisten sind gern bereit, wenn von deut- 
scher Seite ihrer Bewegung Verständnis entgegengebracht wird, an ihren hebräischen 
Schulen der deutschen Sprache die erste Stelle einzuräumen. K. B. 

Die Welt des Islams, Band lU. 10 



146 Die Welt des Isiams, Band III. igiß, Heft 2 



Bewegung im Irak. Nach Cliäwcr ^'r. li; S. 8 vom lli. Seter 1333 [31. Dezember 1'J14]: 
Die Häupter der Kabile Alfatla, Hadschdschi Scha'rän Schamäwi, 'Abbüd Almüsa, und Mo- 
hammed Afabbüd, und der Schaicb von Dag:h<ära, Schaich Scha'län Aratija, sind nach 
Diwänije gekommen, um an dem Glaubenskriege teilzunehmen ; auch andere Stämme ha- 
ben sich dorthin in Bewegung gesetzt. Sie ziehen sämtlich gegen den Feind unter der 
Führung des Hadschdschi Schukn Bek, der einer der Vornehmen von Hille ist. Es haben 
ferner an die Glaubenskämpfer sich angeschlossen von den Häuptern und Schaichen der 
Schämije' Schaich Mu addal Azzäd und Ibrahim. Das energische Vorgehen der großen 
Müdschtehide der Heiligen Schreine und die begeisternden Predigten des Saijid Moham- 
med Qazwini, der in Diwänije einen außerordentlichen geistlichen Einfluß besitzt, haben 
ausgezeichnete ^Yi^kung geliabt. Der Eifer dieser Schi'iten wird hoffentlich die Schänd- 
lichkeiten der Feinde des Islams schleunig aus den Blättern Iraks löschen. — Nach tele- 
graphischer Nachricht sind die Aschiren der Alfatla unter der Leitung des Gottesge- 
lehrten Aqäj Saijid Schahrastäni und Aqäj Schaich Haidar zur Teilnahme am Heiligen 
Kriege nach Basra aufgebrochen. Martin Hartmann 

Dichter des Irak. Die Buchhandlung 'Irfän in Saida gab 1331/1913 das erste Heft 
einer Sammlung Gediclite heraus unter dem Titel: al 'iräqijät — al^uz' aVauwal 
wahuwa muchtär min sir'asarat suarä' min masähir suarü' aViräq, d. h. „Irak- 
Gedichte, Heft 1, eine Auswahl aus den Gedichten von zehn berülimten Dichtern des 
Irak". Als Sammler, die die Druckkosten trugen, nennen sich Eidä, Zähir und Zain. Das 
Heft (210 S. Oktav) hat ein Inhaltsverzeichnis und ein Kegister der Gedichte nach den 
ßeimen. 

Die von Ahmed Ridä (das ist wohl der unter den Sammlern an erster Stelle genannte 
Ridä^) unterzeichnete Einleitung redet zunächst allgemein von dem Wesen der Poesie und 
ihrer Stellung bei den Arabern (S. I — G); in dem folgenden Abschnitt (S. 6 — 8): „Die 
Perioden der Poesie" sucht der Verfasser historisch zu gliedern: Durch den Einfluß des 
Fremdsprachlichen sei das zadschal aufgekommen, eine Gediclitart des Volkes, in der sich 
übrigens auch, wie bei der rechtsprachlichen Poesie, Stufen unterscheiden lassen. Die 
Verfallzeit der Poesie daure nun schon acht Jahrhunderte, in denen es nur vereinzelt 
Dichter von Talent gegeben habe. Er fährt dann fort (S. 7): „Das Irak hatte in der Mitte 
des 13. [19.] Jahrhunderts einige edle Familien, die in iliren Empfangsräumen literarische 
Sitzungen veranstalteten und auch denen, die literariscli Gutes leisteten, reiche Unter- 
stützung zuteil werden ließen; schließlich hielt man solclie Sitzungen auch an allgemeinen 
Versammlungsplätzen ab ; erst am Ende des Jahrhunderts erlosch diese Glut, und es 
hielten sich nur geringe Reste. Zu jener Glanzzeit fand man bei den Dichtern wirkliclie 
Kraft und eine das Herz rührende Sprache (es folgen nun Beispiele von besonders 

' Über dieses Qadä des Liwa Diwänije, das fast nur von Sclif iten bewohnt ist, s. hier 
Bd. II S. 300 Anm. 1. 

^ Der Doppelname statt des einfachen Namens auf dem Titelblatte stammt aus der mir nur 
aus Syrien sicher bekannten Gewohnheit, jedem Personennamen, der nicht der ältesten 
Schicht des Islams angehört, Mohammed oder eine der ihm gleichgeachteten Varianten 
Ahmed und Mahmud vorzusetzen; bei Nennung der Person wird dieser Vorsatz meist 
fortgelassen; so nennt man den bekannten Herausgeber des Manär in Kairo gewöhnlich 
nur Raschid Ridä, obwohl er sich in allen seinen Schriften selbst Mohammed Raschid 
Ridä nennt. 



Alitteihmgen. Türkei. 147 



schönen Versen, zwei Gedichtanfänge des Mohammed Sa'id und ein Gedichtanfang von 
Mnlla Käzim AI' äzari). Die Personen, die in arabischen Ländern metrische und gereimte 
Gedichte machen, sind zahlreich, die Dichter unter ihnen aber sind gering an Zahl, und 
poetische Talente kommen nur in Egypten, in Syrien und im Irak vor; in Egypten 
und SjTien erlangten die Dichter Berühmtheit dank des Aufschwungs der arabischen 
Literatur durch die periodische Presse, die von fähigen Schriftstellern hergestellt wird; 
auch schlugen einige von jenen neue Pfade ein, die freudig aufgenommen wurden von 
der neuen Generation, die in der modernen Zivilisation groß geworden war. Das Irak 
dagegen hat mit diesen beiden Ländern nur wenig Beziehungen gehabt, und man wußte 
in Egypten und Syrien so gut wie nichts von ihm. Und doch hatte die Literatur in Bagdad 
eine gute Zeit, als der erste Schöngeist der Stadt 'Abdalbäqi Alfärüqi noch lebte.^ Als der 
Herr ihn zu sich gerufen, da flammte jener Feuerbrand in Hille und Nadschaf auf, wo die 
verehrten Saijids aus der Sippe Qazwini den Aufschwung unterstützten ; da brachte der 
Irak Talente hervor, die das erlaubte Zauberwerk mit den Künsten der Kede übten; aber 
ihre Arbeiten blieben verborgen im Herkunftslande, und die Ohren der Syrer und EgyT)ter 
vernahmen nichts davon; nur drang manches zu den Schöngeistern des Dschabal 'ämul,* 
die mit dem Irak in beständiger Verbindung blieben wegen der Beziehungen zueinander, 
zumal dieses für die Wissenschaftsucher den Anziehungspunkt bildet; in beiden Ländern 
gehören die meisten Literatoren zu den Trägern der Wissenschaft. Das Irak hat manches 
Stück von seinen Schätzen nach Egypten geworfen, und Egypten erlangte dadurch einen 
vortrefflichen Dichter, der mit den heimischen konkurrierte und auf der Rennbahn sich 



' „blühte um 1270/1852" Brock. 2, 474; Diwan und einzelne Stücke in Berliner Mss. 
(Ahlw. 8051, 8052, 8062) ebda., in Kairo gedruckt (1316): attirjüq alfärüqi min 
munsd'at alfürüql Brock. 2, 713. 

^ Seltsamerweise findet sich der Name dieses Gebirges nicht in den Handbüchern (er fehlt 
z. B. bei Baedeker, Syrien, und in Sämis Qämüs). Dschabal 'ämul ist unzweifelhaft 
identisch mit dem Dschabal 'ämila der arabischen Geographen; Muqaddisi nennt ihn 
den Gau von Qadas, einer kleinen Stadt, die am Fu£e dieses Gebirges liegt ; sie haben 
auch einen kleinen See von einem Farsach, der sich in den Tiberiassee ergießt (das kann 
nur der Hüle-See sein, der in der Tat etwa 6 km lang und breit ist; vergl. auch S. 184, 
wonach der Jordan „gegenüber Qadas" einen See bildet; Qadas finde ich nicht auf den 
Karten) (S. 161) ; das Gebirge ist reich an prächtigen Ortschaften, Früchten aller Art und 
Quellen, die Saaten haben Eegen; man sieht von dort das Meer, und es hängt mit dem 
Libanon zusammen (S. 162); es gibt dort vorzüglichen Honig wegen des Majorans 
(S. 184). Dschabal 'ämul wird zu lokalisieren sein zwischen Tibnin und dem Hüle-See. 
Wir befinden uns da in dem Hinterlande von Sür, dessen Bewohner zum größten Teil 
Metäwile (Schi'iten) sind und auch geistig nicht ohne Regsamkeit sind; unter den an- 
gesehenen Famüien des Landes nenne ich die Sippe Fauwäz, welcher entstammt Frau 
Zainab Bint 'Ali b. Husain b. 'Ubaidalläh b. Hasan b. Ibrahim b. Muhammed b. Jüsuf 
Fauwäz Al'ämuli (der vollständige Name nur auf dem Titelblatt), Verfasserin des 
biographischen Frauenlexikous kitäb addurr almantür fl tabaqät rabbät alchudür 
„Buch der verstreuten Perlen über die Schichten der Frauen", gedruckt in Kairo- 
Buläq 1312 (1894/5), 552 S. Quart. Nach Jäqüt 4, 291 gibt es ein Dschabal 'ämila auch 
im Gebiete von Aleppo, an seinem Fuße liegt Kafarläta, eine Tagereise von Aleppo ent- 
fernt; es ist ein Isma'ilierdorf. 

10* 



148 Die Welt des Islams, Ba7id III. igi^, Heft 2 



auszeichnete;' als dann das Osmanische Land sieb von den Fesseln befreite, traten die 
Schöngeister der drei Gebiete einander näher, und die Torgeschrittene irakische Jugend 
begann Proben ilirer literarischen Fähigkeit in den Preßorganen zu publizieren; freilich 
jene älteren Proben, deren Qlanz die lange Hut nur gemehrt hatte, kamen nicht in die 
Hände der Publizisten. So haben wir denn ihre schönsten Stücke im ersten Hefte dieser 
Sammlung im Druck erscheinen lassen und werden in weiteren Heften andere Stücke von 
Dichtern des Irak und des Dschabal 'Ämul folgen lassen, damit man, wenn man es noch 
nicht weiß, erfährt, was es an Sprachkünstlern in den Winkeln des Irak und in den Falten 
jenes Berglandes gibt. Würden einmal die glänzenden Erscheinungen der modernen 
Zivilisation diese beiden Gebiete vollständig erfassen, so würden manche unter ihren 
Dichtern die höchste Bewunderung erwecken durch ausgezeichnete Leistungen. Höre 
nun, was dir geoffenbart wird." * 

Ich lasse nun die Dichter mit den Hauptsachen ihrer Charakteristik durch den Heraus- 
geber und einer Beleuchtung ihrer dichterischen Eigenart nach den gegebenen Proben 
folgen. 

1. Saijid Mohammed Sa'id Habübi^ Annadschafi (S. 9 — 73). 

Der Dichter ist geboren und aufgewachsen und hat studiert in Nadschaf,* einen Teil 
seiner Jugend brachte er in Nadschd zu, wo seine Familie Handel treibt; heut lebt er in 
seiner Vaterstadt und wird als hervorragender schiitischer Forscher geschätzt; er ist un- 
gefähr sechzig Jahre alt, offenbar aber noch rüstig, denn Mitte November machte er sich 

* Es ist nicht gesagt, wer damit gemeint ist; vielleicht ist der Sinn: Egypten sah manchen 
Irakdichter bei sich; das Arabisch dieser schi'itischen Irakleute ist nicht frei von Wen- 
dungen, die anders zu fassen sind, als der AVortlaut sie einen arabisch Denkenden ver- 
stehen lassen würde; es weht nicht ein rein arabischer Geist in diesen Äußerungen. 

^ fastami limä jUhä ilaika (Qor. 20, 13 ohne ilaika): mit dieser Wendung schließt das 
Vorwort in einer für den Durchschnittsmuslim nicht einwandfreien Weise ; auch in den 
Gedichten, die mitgeteilt werden, wird mit dem Begriff Offenbarung in solcher, der 
strengen sunnitischen Lehre anstößigen Weise operiert. 

^ Diese Nisbe findet sich nicht in Sam'änis ansah (Gibb). 

* Nadschaf, das geistige Zentrum der in der Türkei lebenden Schiiten, ist Erbin Kufas, 
dessen Ruinen nur etwa 12 km entfernt liegen. Durch die große deutsche Kulturarbeit 
wird es in unmittelbare Verbindung mit Bagdad und mit Basra gesetzt werden, den 
beiden Punkten, von denen aus sofort nach Eintreten geregelter Vorhältnisse die Schiene 
in das Innere Persiens vorgeschoben werden wird (Bagdad — Chanikin — Hamadan; Basra 
[Mohammera] — Chorremabad — Isfahan; Basra — Schirazy. Die politische Bedeutung Na- 
dschafs liegt darin, daß es, als türkisches Territorium, der direkten Vergewaltigung 
durch die persischen Intriganten in Teheran entrückt ist, und daß die Perser dort der 
allgemeinen Weltbewegung näher sind als die schütischen Glaubensgenossen im Heimat- 
lande. Von Nadschaf aus ergingen die Proteste gegen die schamlose Regierung Mohammed 
Alis; hier hai in allerneuester Zeit die Bewegung auf eine Aussöhnung zwischen Sunniten 
und Schiiten kräftige Vertretung gefunden, und Mitte November fand in Nadschaf die be- 
geisterte Kundgebung für das politische und militärische Zusammengehen mit der Türkei 
und mit Deutschland gegen die Dreiverbandmächte statt, die wohl zunächst nicht allzu- 
große Einwirkung auf die allgemeine Lage üben wird, die aber ein wichtiger Vorstoß ist 
in der Richtung auf wirtschaftliche und kulturelle Näherungen im Osten, die schließlich 
in die Angliederung Vorderasiens an die europäische Kulturgemeinschaft münden müssen. 



Mitteihmgen. Ttirkei. 149 



mit einem anderen berühmten Müdschteliid Nadschafs nach Basra auf, um die Bevölkerung 
zum Heiligen Kriege anzuspornen (Chawer Nr. 12 vom 20. November/o. Dezember 1914; 
vgl. hier S. 56). Die heü3e Liift Arabiens, der Anblick der Täler, Berge und Schluchten, 
das Leben in den Auen und Städten, der Blick auf die blühenden Gärten blieben nicht 
ohne Einfluß auf ihn (S. 9 f). Zur Charakteristik seiner Poesie geht der Verfasser aus von 
der allgemeinen Bemerkung, daß der gedankliche Verfall der arabischen Poesie dem 
sprachlichen lange vorhergegangen sei: „es kamen Dichter auf, die beim Loben übertrieben, 
die Großen vergötterten und die Altäre der Gewalttätigkeit anbeteten; die Erstreber eitler 
Größe gewannen diese Männer mit Gold und verdarben ihren Charakter; aber jene Pausen 
[in der wahren Dichtkunst] entbehrten nicht eines Propheten der Dichter,' der von Gott 
gesandt wird, wie der Sohn Ma'arras AbuFalä'; aber die Worte jener Poesie waren doch 
wenigstens in guter Ordnung ; dann kam die Keihe auch an sie, und sie fanden ihre Ver- 
derber in Ibn Nubäta (Br. 2, 10), Qiräti (Br. 2, 14). Ibn Hudschdscha (Br. 2, 15), Safij 
alhiUi (Br 2, 159) mit ihren Wortkünsteleien ; inhaltlich wurde die arabische Poesie in 
Lob und Trauer eine verlogene Verstiegenheit; sprachlich bildete sie einen Haufen von 
dunkeln und obsoleten Wörtern, und dem Dichter kommt es nur darauf an, zusammen- 
zusetzen oder einander gegenüberzustellen, ohne Rücksicht auf das wahre Wesen der 
Poesie. Der Biographierte ist dadurch ausgezeichnet, daß er, sei es in Dingen der Sprache, 
sei es im Inhalt, vorwiegend auf die wahre Poesie zurückgeht. Seine Gedanken sind zu- 
meist plastische Darstellung von Vorstellungen, Beschreibung der Natur, starke Aus- 
drucksweise in Dingen der Liebe und Freundschaft; man findet in seiner Gedichtsamm- 
lung ein Tränen- und Empfindungsbuch, man findet darin die Eehgion der Dichter, An- 
betung des Geistes, ein Preisen und ein Halleluja, das aus der Welt der Seele in die Welt 
des sinnlichen Empfindens sich aufringt; sagt er doch: ,Ich übte das Dichterhandwerk nur 
um deiner Schönheit willen, nicht damit ich Schöngeist genannt werde; (2) ich bin nicht 
wüe die übrigen Dichter; meine Gedichte sind gewohnt, belohnt zu werden, nicht zu be- 
lohnen; (3) ich mache Gedichte nur aus Sucht nach Ruhm oder aus Tadelsucht oder aus 
Verliebtheit; (4) du findest daran nicht ein seltsames Wort und keine andern Gedanken 
als seltsame.' Ich bringe von seiner Poesie soviel bei, als zu seiner Beleuchtung genügt; 
ist es etwas reichlicher ausgefallen, so ist es, weil auch längere poetische Stücke nicht 
ermüden." Dem Gesamturteile Ridäs kann allerdings nicht beigestimmt werden. Es werden 
mitgeteilt im ganzen 34 Gedichte, von denen 1 — 20, die nicht besonders bezeichnet sind, 
und 28 — 34 Trauergedichte sind, die Form der Qaside haben, während 21 — 27 Muwasch- 
schahs sind. Es ist nicht zu hart, wenn man die Dichterei dieses Mohammed Sa' id Hab übi 
aus Nadschaf ein recht trauriges Erzeugnis der neueren arabischen Literatur nennt, das 
gerade von denen, die von einem wirklichen Aufschwujige des Arabertums nichts wissen 
wollen, als Beispiel für ein vernichtendes LTrteil herangezogen werden kann. Die Gedichte 
sind ohne Ausnahme das banalste Geschwätz, das ausschließlich mit den Motiven arbeitet, 
von denen die spätere Epigonenpoesie allein lebt. Man staunt nur, mit welcher Kühnheit 
die alten Phrasen immer wiederholt werden, und wie es diesen Versschmieden gelingt, für 
dieselben Gedanken immer wieder leichte Variationen zu finden. Ich habe in allen diesen 
Versen (es sind etwa 850) nicht einen einzigen Herzenston gefunden oder auch nur den 
Ausdruck einer eigenen Beobachtung oder Erfahrung; es ist alles unpersönlich, und auch 

' Auch diese Wendung von einem naVij lissu'arä' ist eine kleine Ketzerei und steht auf 
der Stufe des Operierens mit dem wahj, das oben beleuchtet wurde; sollte bei dieser 
freieren Anwendung nicht europäischer Einfluß vorKegen? 



150 Die Welt des Islams, Band III. iQiß, Heft 2 

IIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIinilllllllllllllllllllllNIlHIIIIIIIIIIIIIIIHIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 

da, wo sich Mohammed Sa'id an eine bestimmte Person wendet, ist die Rede nur selbst- 
gefällige Spielerei. Selbst das fehlt ganz, was bei andern Dichterlingen dieser Art die 
Durchsicht ihrer Produkte uns erträglich macht : die Erwähnung bestimmter Personen in 
den Überschriften. Wir erwarten solche natürlich nicht bei den Qasiden und bei den Ma- 
waschschahs, wo sich zwischen den einzelnen Stücken nur das stereotype walahu „von 
ihm ist auch" findet, abgesehen von den wenigen Fällen, wo das Thema angegeben ist, 
wie in Nr. 18 „Beschreibung eines Nargiles" (Wasserpfeife) und Nr. 19 „über eine Tee- 
gesellschaft" und abgesehen von Nr. 20, wo die sechs Eingangsverse und der Schlußvers 
einer Qaside mitgeteilt werden, die er einem Briefe an seinen 1304 (30. 9. 1886) verstor- 
benen Freund Schaich Müsä Scharrära aus dem Dschabal 'ämul einfügte. Ich hatte Hofif- 
nung aus den Überschriften der Trauergedichte einiges über die Zeitgenossen zu erfahren, 
die sind aber sämtlich allgemeinen Charakters: „auf einen ausgezeichneten Mann, der 
jung verstorben war", „Beileid zum Tode der Gattin eines Freundes", „auf einen der 
Hauptgelehrten unter den Aliden" ; Nr. 33 auf einen Großen; bestimmt sind Nr. 31 auf 
Schaich Nüh, den größten und frömmsten Gelehrten von Nadschaf, Nr. 32 auf den be- 
kannten großen Dichter Saijid Haidar Alhilli, Nr. 34 auf den großen Gelehrten (^alläma)^ 
Saijid Mahdi Alqazwini, der nach dem Hidschäz gezogen und auf der Reise in der Nähe 
von Nadschaf gestorben war. 

Manchem erscheint vielleicht das vorstehende Urteil zu hart, man mag sagen, daß man 
solche Leute avis ihrer Umwelt verstehen muß, und ich gebe zu, daß bei den unsäglich 
traurigen Verhältnissen, die bis an die Schwelle der Gegenwart im Irak herrschten, eine 
ungewöhnliche Stärke des Geistes und des Charakters dazu gehörte, den Bann des Her- 
gebrachten zu brechen. Dann soll man aber solchen Versschmieden, die nicht einmal den 
Versuch machen, dem was die besten Geister bewegt mit Hilfe ihrer unzweifelhaften Be- 
herrschung einer gewissen Literaturgattung Ausdruck zu geben, nicht Dichter nennen. 
Der Herausgeber Ridä hat in dem Vorwort die gedankliche Elendigkeit der Poeten vom 
Schlage des Ibn Nubäta und des Safij addin Alhilli nicht unglücklich charakterisiert. Wenn 
er behauptet, daß im Gegensatz dazu Mohammed Sa'id „zu der echten Poesie zurückge- 
kehrt sei", so läßt das wohl nur auf Urteilslosigkeit oder auf Liebedienerei gegen den 
hochangesehenen Landsmann und schi'itischen Glaubensgenossen schließen. Die besten 
d. h. uns allein wirklich interessierenden arabischen Dichter sind Männer mit ausgespro- 
chener Persönlichkeit, die neben den Ausströmungen verliebter Laune, deren Gegenstand 
aus naheliegenden Gründen uns oft nicht sichtbar erkennbar ist^, nicht verschwiegen, was 
von öffentlichen Angelegenheiten die Zeitgenossen und sie selbst bewegte und ihrem Un- 
mute zuweilen in derber, uns in jedem Falle lehrreicher Weise Luft machten. Und selbst 
die nichtpolitischen Dichter zeigen uns oft eine Feinheit der Naturbeobachtung oder eine 
Schärfe des Urteils über allgemein Menschliches, die uns bei der knappen Sprache nicht 
selten Rätsel aufgeben. Bei diesem Irakmanu dagegen ist alles verschwommen (vgl. Arab. 
Poeten II, 321 f.), phrasenhaft, banal. 

Diese Feststellung darf unser Urteil über die kulturelle Zukunft des Irak nicht ein- 
seitig beeinflussen. Ich konnte in Band II, 321 — 323 zwei arabische Poeten aus dem Irak 

"^ alläma ist eigentlich nicht einfach „Gelehrter" ; das ist'äZini; es wird mit diesem Titel 
sparsam umgegangen, und ihn erhalten in der Regel nur die, die in der öfifentlichen 
Meinung das Ansehen selbständiger Forschung sich erworben haben. 
^ Die Kompromittiernng hochstehender Damen hatte auch in der Islamwelt üble Folgen 
nach sich ; auch in andern Welten als der Islamwelt war es ja so (Ovid). 



Mitteilun^e7i. Türkei. 151 



vorführen, Sa'id Karaäladdin und Arrusäqi, die ganz andere Wege wandeln, die vielleicht 
auch nicht „das glühende Herz" haben, das den echten Dichter macht, die aber doch Ver- 
ständnis haben für die Bedürfnisse ihres Volkes und ihres Landes, die in der Hauptsache 
auch schon zur Zeit des Mohammed Sa'id vor aller Augen lagen, die vor allem den Mut 
hatten, das zu sagen was zu sagen ist. 

Nun noch ein Wort über die übrigen Dichter, die die Herren Ridä, Zähir und Zain uns 
vorführen. Auf Mohammed Sa'id (1) folgen: 

2. Saijid Ibrahim Attabätibä'i^ (S. 74 — 95). 
Er ist gestorben um 1320 (beg. 10. 4. 1902). Er entstammte der Familie Bahr al'ulüm 
einem in Wissenschaft und Literatur berühmten Hause. Er belebte in der Poesie die alte 
beduinische Art, die noch unter den Omajaden und Abbasiden gepflegt wurde; wenn man 
ihn liest, glaubt man den A'scha zu vernehmen oder den Kumait oder Dscharir und Faraz- 
dak; er selbst sagt von sich: „Beim Leben meines Vaters! wenn jemand Lücken in der 
Poesie geschlossen hat, so sind es Zijäd oder ich, nicht Almunachchal" ^ (S. 74). Die hohe 
Meinung, die er von sich hatte, spricht sich darin aus, daß er in seinem Sinn dachte, er 
gehe dieselben Wege wie Aschscharif Arradi; wenn das aiich nicht ganz so ist, so 
war er doch ein Dichter, der allerdings meistens geschwollene Worte brauchte ; er liebte 
die Einsamkeit ; ein Diwan von ihm ist in den Händen seiner Söhne in Nadschaf (S. 74, 
Anm. 1). Aus seiner Schule ging hervor Schaich'Abdalmuhsin Alkäzimi, der nach Egj-pten 
verzog, auch er folgte den Formen der Beduinenpoesie (S. 74 f, s. über ihn hier Nr. 9); 
Tabatibä'i wäre nach Mitteilung von Personen, die sein Wesen studiert hatten, wohl im- 
stande gewesen, auch anders zu dichten ; aber er blieb grundsätzlich der Beduinendioh- 
terei treu, die er in seiner literarischen Jugend liebgewonnen hatte. Es werden von ihm 
zwanzig Stücke mitgeteilt (Qasiden und Bruchstücke aus solchen). Gleich das erste be- 
ginnt mit challlaija, ebenso Nr. 14. Es ist eine trostlose Dichterei. In Nr. 2 werden Assa- 
mau'al und Dscharwal verächtlich gemacht ; dann folgt der schon erwähnte Vers auf 
Almunachchal, dem er Zijäd und sich selbst gegenüberstellt (den Wortlaut des Verses 
siehe oben) ; auch Ibn Hudschr (Imru'ulqais) und Almuhalhil sollen gelten ; vor allem 
solle man dem Arradi (d. i. Muhammed b. Alhusain Aschscharif Arradi) folgen, ja nicht aber 
dem Assafij (d. i. Safijaddin Alhilli). 

3. Saijid Haidar Alhilli (S. 95—119). 
Dieser Dichter ist durch eine gute genealogische Kette mit Husain dem Märtyrer von 
Kerbela verbunden. Er wurde geboren im Scha'bän 1246 (beg. 15. 1. 1831) und ist ge- 
storben in Rabi II 1304 (beg. 28. 12. 1886). Seine Spezialität sind Elegien auf Mitglieder 
der HeUigen Familie; er hat sich aber auch in Liebesgedichten, Prahlgedichten und Lob- 
gedichten versucht. Es werden von ihm gegeben siebzehn Qasiden oder Qasidenstücke ; 
davon 1 — 8 Liebeslieder, 9 und 10 Trauerlieder in Mischung mit Liebeslied ("nasib)), 11 

' Die Nisbe fehlt bei Sam'äni. Über die Banü Tabätibä, die von 199 — 344 (814 — 958) in 
Jemen herrschten, siehe Sämi, qämüs al^a'läm 2993. Tabari passim. 

* Diese neueren Irakdichter zeigen gern ihre Bekanntschaft mit der älteren Literatur; so 
auch Mohammed Sa'id Habübi in den Versen S. 11, denen die Herausgeber eine gelehrte 
Anmerkung beigeben; in ihnen kommt auch der hier genannte Zijäd vor (gemeint ist 
sicherlich Zijäd Al'a'gam Abu Umäma, Aghäni 14, 102 — 109). Almunachchal ist der be- 
kannte Jaschkurit, der von Nu man Ibn Mundir getötet wurde. Aghäni 18, 152 — 156. 



1 52 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft 2 



bis 13 Tanerlieder auf seinen Vatersbruder Saijid Malidi, auf Saijid Sälih Alqazwini und 
SaijidMirza Dscha'far Alqazwini, 14 — 17 auf den Imam Abu 'Abdallah Alhusain (das bei- 
gesetzte 'alaihi ssaläm zeigt an, daß es der Blutzeuge von Kerbela ist). 

4. Schaich Dschawäd öchabib (Ö. 120—137). 
Gilt heute als der erste Schöngeist und leitende Dichter des Irak ; geboren, erzogen und 
beute noch lebend in Nadschaf, gegenwärtig in der Vollkraft; in der Jugend ganz der 
Literatur ergeben, wandte er sich später von aller Art Poesie ab. Es werden von ihm 
14 Qasiden oder Qasidenstücke mitgeteilt, sämtlich in dem affektierten Stil, der zahlreiche 
erklärende Anmerkungen nötig macht; Nr. 14 ist Trauergedicht auf Saijid Dschawäd 
Qaschäqisch. 

5. Schaich Mulla Käzim Al'äzari (S. 138—150). 
Ein Dichter des zwölften Jahrhunderts und am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts 
(begonnen 4. 11. 1785) gestorben; er war Bagdader von Geburt und Erziehung und besaß 
großes Ansehen bei den Behörden und den Notabein ; es leben noch Verwandte von ihm 
in Bagdad, darunter'Abdalhusain Al'äzari, Besitzer der Bagdader Zeitung Almisbäh ; sein 
Diwan ist in Bombay gedruckt ; er wird in überscliwänglicher Weise gelobt, aber die 
neun Stücke, die von ihm beigebracht sind, sind auch nur die gewöhnliche Keimerei; 
Nr. 9 beginnt stilvoll: anlchäbä „laßt die Kameele niederknien, meine beiden Freunde". 

6. Schaich 'Abbäs Ibn Almullä 'Ali Annadschafi (S. 151 — 154). 
Lebte vor einem Jahrhundert; nicht viele seiner Gedichte finden sicii in den Samm- 
ungen. Er hatte ein trauriges Schicksal: als er bei einem Gelehrten seiner Zeit von edler 
Geburt* studierte, verliebte er sich in dessen Tochter; da er es nicht aushalten konnte, 
blieb er dem Meister fern ; schließlich bat man diesen, CAe beiden zu vereinigen, er war 
aber zu stolz dazu ; da übermannte den Schüler die Verzweiflung, er blieb ans Haus ge- 
fesselt und starb als Märtyrer der Liebe. Die Verse an diese Geliebte sind sein berühm- 
testes Stück, das überall gesungen wird ; es folgt diese Qaside, ein trauriges Liebesge- 
winsel, außerdem zwei Stücke in gleichem Stil. 

7. Saijid Dscha'far Alhilli (S. 155—168). 
Sein Stammbaum geht in einwandfreier Kette auf Hnsain zurück. Geboren wurde er 
1277 (20. 7. 1860) in Baldat assäda im Distrikte von Hilla; er wuchs auf in Nadschaf und 
starb dort 1315 (2. 6. 1897); sein Diwan ist gedruckt 1331 (1913) in der 'Irfän-Druckerei 
(Saida). War er fruchtbar an Gedichten, so ist doch nur weniges davon hervorragend; er 
übte keine Selbstkritik, und so sind seine Erzeugnisse sehr verschieden an Wert; er war 
ein Lobpreiser der Fürsten und Großen und bei Manchen übertrieb er gewaltig, beson- 
ders bei den Fürsten von Nadschd ; bei jenen Schmeicheleien kam er aber doch nicht zu 
Vermögen, und er hat das in einem Verse beklagt; die mitgeteilten zwölf Qasiden sind 
banal; Nr. 10 ist an den Perserschah Muzaffaraddin gerichtet. 

^ sarif min 'ulamä'i waqtihi; da in diesen Kreisen der Adel durch Abstammung vom 
Propheten immer durch saijid bezeichnet wird, möchte ich hier in sai'jf nicht diese Ab- 
stammung finden, sondern allgemein hohe soziale Stellung, bei welcher hauptsächlich 
an wirtschaftliche Überlegenheit gedacht wird. 



Mitteilungen. Türkei. 153 

iiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiti^ 

8. Schaich 'Abdalbäqi Alfärüqi (S. 169—178). 
Er wurde geboren 1204 (21. Sept. 1789) in Mosul und ist gestorben 1278 (9. Juli 1861); 
in seltsamer Vorausahnung schrieb er im Jahre seines Todes das Chronogramm darauf. 
Er lebte und wurde begraben in Bagdad. Er ist der berühmteste Dichter des Irak im ver- 
gangenen Jahrhundert. Er stand mit fast allen Dichtern seiner Zeit in literarischer Ver- 
bindung. Seine zahlreichen iind engen Beziehungen zu den Gewalthabern, den höchsten 
Beamten und anderen führenden Männern hinderten ihn nicht an einer ausgedehnten 
Dichtertätigkeit, die sich hauptsächlich bezog auf den Propheten und dessen erhabenen 
Vetter und seine Nachkommen. — Es werden von ihm neun Qasiden mitgeteilt, die nichts 
besonderes zeigen; Nr. 1 auf den Propheten, Nr. 2 auf 'All mit der besonderen Absicht, 
den üblen Eindruck des Zankes zwischen den beiden Gruppen der Zaqarat und der Scha- 
marat in Nadschaf zu verwischen; Nr. 3 preist die Kuppel 'Alis in Nadschaf; die andern 
Gedichte sind allgemeinen Charakters; in Nr. 6 kommt seine Geburtstadt Mosul vor, doch 
ist der Zusammenhang nicht erkennbar; es handelt sich wohl um beklagenswerte 
Vorgänge. 

9. Schaich'Abdalmuhsin Alkäzimi (S. 179—198). 
Er wurde geboren in Alkäzimija (bei Bagdad) und wxichs im Irak auf; vor 13 Jahren 
oder mehr führte ihn das Schicksal nach Kairo, wo er noch lebt; er ist jetzt ungefähr 
50 Jahre alt; sein Augenlicht ist schwach. Er ist hochbegabt, ein vortrefflicher Schilderer; 
sein Lehrmeister war der bereits genannte Saijid Ibrahim Attabätibä'i (s. Nr. 2), dessen 
Einfluß auch in seiner Poesie zu bemerken ist; eigentümlich ist ihm, daß er, sobald er 
flügge geworden, auf Reisen ging ; in Kairo lernte er die geistige Bewegung und die mo- 
dernen Wissenschaften kennen ; so wurde er auch in seinen Dichtungen mannigfaltig und 
beschränkte sich nicht in der Weise seines Meisters ; in Kairo rechnete man ihn zu den 
bedeutendsten modernen Dichtern, während man im Irak selbst ihn nicht so hoch ein- 
schätzte ; er ist übrigens bescheiden. Seine ImproTisationsfähigkeit ist außerordentlich ; 
ein Beispiel davon berichtete Selim Efendi Serkis in seiner Zeitschrift: Es fand ein Emp- 
fang zur Ehrung Käzimis statt und Doktor SchudGdi rezitierte eine Lobqaside auf ihn ; 
als er fertig Avar, erwiderte ihm Käzimi ex improvisto in demselben Versmaß und Reim. 
Es werden von ihm im ganzen sieben Stücke gegeben, von denen einige durch ihren Ge- 
genstand oder Inhalt bemerkenswert sind. Nr. 4 ist ein taqriz (lobende Besprechung) auf 
den Diwan von Arräfi'i, Nr. 5 ist aus einer Qaside auf die Osmanische Verfassung, Nr. 6 
ist die unter dem Titel „Gedanken eines Reisenden" in der Damaszener Zeitschrift Al- 
muqtabas gedruckte Beschreibung einer Reise von Buschehr (Buschir) nach Kairo ; Nr. 7 
ist die oben erwähnte improvisierte Qaside auf 'am, in welcher er aus seinem Leben er- 
zählt und die bei ihrem Erscheinen in den Zeitungen und Zeitschriften Kairos ein unge- 
heures Aufsehen machte; in der Hauptsache beschreibt sie, wie er voller Sehnsucht nach 
Kairo kommt und was er dort erlebt; in liebenswürdigen Worten preist er die Egypter als 
das beste Volk, von dem allein Gutes ausströme (196, 12); er bedauert nur, daß der Islam 
so heftige Angriffe zu erleiden habe und schwört, daß, wenn er einmal scharf reden wollte, 
es dann mitHanotaux bald zu Ende sein würde (198, 9), man sieht, welchen Eindruck die 
an anderer Stelle besprochene Schrift des Muhammed 'Abduh gegen Hanotaux in islami- 
schen Kreisen gemacht hat ;| es wird übrigens in der Anmerkung zu dieser Stelle behauptet, 
Hanotaux habe sich infolge jenes Angriffes des egyptischen Gelehrten entschuldigen und 
berichtigen müssen. 



154 Die Welt des Islams, Ba7id III. ig iß, Heft 2 



10. Al'achras Albaghdiidi (S. 199—203). 

Sein Name ist Saijid 'AbdalghaÖar b. 'Abdalwähid; er ist geboren in Mosul 1220 
(1. April 1805), war ansässig in Bagdad und ist begraben in Basra, wo er 1290 (1. März 
1873) starb ; den Namen achras „stumm" hatte er wegen eines Sprachfehlers. In den ein- 
führenden Worten wird zugestanden, daß dieser Mann keinen einzigen eigenen Gedanken 
gehabt hat, sondern nur alte Geschichten zusammengestellt hat; so sei seine ganze Dich- 
terei eigentlich nnr ein Qaside und ein Gedanke. Es werden aber doch fünf Stücke von 
ihm mitgeteilt, die freilich das traurigste Gerede im ganzen Buche sind, eine Mnsterkarte 
der Wendungen bei alten Dichtern von "^ibra muhräqa, von dumu, von wamld, die bei 
diesen an ihrer Stelle sind, hier aber völlig verlogen; natürlicli felilt auch ja challlaija 
nicht (200, 10). 

Das Ganze, das uns hier vorgeführt wird, ist nicht erfreulich. Von diesen sogenannten 
Dichtern waren bei Herausgabe der Sammlung noch am Leben Nr. 1 Habübi, Nr. 4 
Dschawäd Schabib, Nr. 9 'Abdalmuhsin Alkäzimi, geboren bezw. um 1850, 1872 und 
1862; die andern sind gestorben, Nr. 5 1785, Nr. 8 1861, Nr. 10 1873, Nr. 3 1886, 
Nr. 7 1897, Nr. 2 1902, Nr. 6 lebte um 1800. Aber die noch lebenden unterscheiden 
sicli in nichts von den alten, und der 1902 gestorbene Tabätibä'i war ein besonders fa- 
natischer Kleber an den Formen der Beduinenpoesie. Die Feststellung der Unfähigkeit 
dieser Leute ist nicht ein erlieblicher Gewinn, aber diese Feststellung zeigt uns den all- 
gemeinen Geist, der im Irak bis an die Schwelle der neuesten Zeit herrschte. Die Iraker 
waren sicher damals wie sie heute sind, d. h. gutbegabt, zum Teil hochintelligent und 
rührig; so dürfen wir annehmen, daß es auch damals Männer gegeben hat, die wirklich 
dichteten und solche, die in energischer Weise den alten Kram beiseite stießen. Aber man 
weiß nichts von ihnen: wirkliche Talente wurden von den großen Herren in hohen Wür- 
den, für die das Dichten ein literarischer Sport, daneben zuweilen eine kirchlichen Zwecken 
dienende Übung war, an die Wand gedrückt (die Regierung hatte kein Interesse, an die- 
sen Zuständen etwas zu ändern.) Wir sind in der glücklichen Lage, Beweise zu haben, 
daß neuestens aus dem Irak Männer hervorgegangen sind, denen man wohl den Namen 
Dichter geben darf. Ich denke hier an die beiden Iraker, mit denen uns Rudolf Geyer 
durch Übersetzungen bekannt gemacht hat, Sa'id Kamäladdin und Arrusäfi, und von denen 
ich hier Band II S. 321 — ^o23 sprach. Ich begnüge mich, auf die Ausführungen dort zu 
verweisen und bemerke nur, daß, wie ich kürzlich feststellen konnte, Rusäfi auch in 
Egypten als literarische Potenz sehr hoch eingeschätzt wird. Martin Hartmann 

Gebrauch der lateinischen Schrift im Suaheli und im Türkischen. Schon vor zwanzig 
Jahren trat ich ein für Ersetzung der arabischen Schrift durch die lateinische für das 
Suaheli. Wie mir Herr Fehler, Richter in den Kolonien, mitteilt, ist die Schriftfrage 
grundsätzlich entschieden worden durch Runderlaß des Generalgouverneurs von Lieber, 
betreÖ'end den Gebrauch der arabischen Schrift, vom 4. Oktober 1899, abgedruckt in: 
Die Landesgesetzgebnng des deutschen ostafrikanischen Schutzgebietes. Berlin 1902 
(in der neuen Auflage soll das Stück fortgelassen sein), S. 81, Nr. 39. Der Erlaß lautet so: 
„Vom 1. Januar 1901 an wird sämtlichen kaiserlichen Behörden der Kolonie untersagt, 
Schriftstücke in arabischer Schrift anzunehmen. Dies ist durch öffentlichen Anschlag und 
im Schauri wiederholt der Bevölkerung bekannt zu geben, damit rechtzeitig Lehrer aus 
den Regierungsschulen herangezogen werden und der Unterricht in lateinischer Schrift 
sich ausbreitet." gez. v. Lieber. 

Tatsächlich ist die arabische Schrift für das Suaheli fast ganz außer Gebrauch ge- 



JMitteilim^en. Türkei. 155 

iiiiiiii II iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiinKiiiiHUiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiii 

komraen. Das ist ein großes Glück für die Bevölkerung. Die lateinische Schrift bedeutet 
eine sehr gi-oße Erleichterung: erst durch sie ist ein Verkehr der Eingeborenen mit den 
zahlreichen Personen möglich, die keinen Anlaß haben, die arabische Schrift zu lernen, 
die übrigens auch den Einheimischen durch die Ungeregeltheit der Orthographie Schwie- 
rigkeiten machte und zur Darstellung des Suaheli gänzlich ungeeignet ist. 

Der Vorgang bietet Anlaß, auf einen Parallelfall einzugehen, der wohl verdient, ener- 
gisch in Angriff genommen zu werden. Ich meine die Ersetzung der arabischen Schrift für 
das Türkische durch die lateinische. Auch das Türkische hat einen Lautbestand, zu 
dessen Darstellung die arabischen Schriftzeichen ganz ungeeignet sind, auch im Türkischen 
herrscht eine Willkür in der Orthographie, der man nicht wird Herr werden können, weil 
sie altes Erbstück ist. Der Fall liegt insofern anders, als das Türkische eine ausgedehnte 
Literatur in arabischer Schrift besitzt. Das ist aber eine Schwierigkeit, die sich über- 
winden läßt. Die türkisch-osmanische Literatur zerfällt in zwei große Klassen: L die 
scholastische, die dem Betriebe der religiösen "Wissenschaften und der profanen Wissen- 
schaften nach dem alten System angehört; 2. die rein literarische (schöngeistige) und 
moderne wissenschaftliche Literatur. Was in der zweiten vorhanden ist an Werken ara- 
bischer Schrift, wird in Umschrift neu herauszugeben sein, soweit es bleibenden Wert 
hat. Die scholastische Literatur ist zunächst in arabischer Schrift zu erhalten und weiter 
zu führen. Es darf auch durchaus nicht die Absicht sein, den Gebrauch der arabischen 
Schrift vollständig auszuschalten. Sie wird zunächst neben der lateinischen Schrift in den 
Schulen zu lehren sein, schon wegen des Unterrichts im Koran, an dessen arabische 
Schrift zu tasten als ein Verbrechen betrachtet werden würde. Es läßt sich vergleichen 
der Unterricht, der bis zum Durchdringen der freieren Eichtung im Judentum allen 
Kindern erteilt wurde in Lesung der heiligen hebräischen Texte. Es wird niemand be- 
haupten, daß das Studium der Heiligen Bücher und ihrer Sprache durch die Beschrän- 
kung auf einen kleineren Kreis gelitten habe. Man weiß, wie bescheiden die wirklichen 
Kenntnisse der jüdischen Leute waren, die von Jugend auf nur in der jüdisch-scho- 
lastischen Literatur lebten, und denen eigentlich nur die hebräische Schrift geläufig war. 
Ich wage zu sagen, daß bei den Türken die Änderung in der Schrift vorteilhaft einwirken 
wird auf das Verständnis und das Studium ihres Heiligen Buches. 

Über die Vorteile der lateinischen Schrift für das Türkische ist kein Wort zu verlieren. 
Schon jetzt ist in den Geschäftskreisen der Bevölkerung der Türkei die Kenntnis der 
lateinischen Schriftzeichen weit verbreitet, und in den christlichen Vertretern des Ge- 
schäftslebens, die fast sämtlich der türkischen Sprechsprache mächtig sind, ist schon jetzt 
die Anwendung der lateinischen Schrift für türkische Urkunden häufig (mir selbst sind in 
Berlin mehrfache Beispiele davon vorgekommen). Man darf annehmen, daß die Zahl der 
an der Anwendung der lateinischen Schrift für das Türkische Interessierten mehr als 
fünfzig vom Hundert der Gesamtsumme der türkisch sprechenden Bevölkerung beträgt. 
Natürlich könnte hier von einem gewaltsamen Vorgehen der Regierung nicht die Rede 
sein. Diese hätte sich zunächst darauf zu beschränken, neben den Lehrern des alten 
Systems solche der neuen Art anzustellen. Die Wandlung muß vielmehr vor sich gehen 
von innen heraus : die Bevölkerung muß erkennen, welch ungeheure Vorteile die An- 
wendung der fränkischen Schrift ihr bietet, und wie diese sich durchaus verträgt mit 
einer religiösen Erziehung, die auch die herkömmliche Fertigkeit im Lesen des Heiligen 
Buches einschließt. Nebenbei sei bemerkt, daß es durchgängig mit dem Verständnis des 
Korans bei den Türken nicht gut bestellt ist; der Versuch, das Heilige Buch in Über- 
setzung zu bieten, ist an dem Widerstand der Geistlichkeit gescheitert. Die Verhältnisse 



156 Die Weh des Islams, Band III. jgjß, Heft 2 



liegen liier ganz älinlich wie in Europa zu der Zeit, wo die katholische Kirche die heiligen 
Urkunden des Christentums niclit vulgarisieren lassen wollte, und die Lesung dieser 
Quellen auf einen kleinen Kreis beschränkt wurde. Nun wird zwar der arabische Koran 
möglichst unter dem Volke verbreitet, es wird aber nicht zugleich sein Verständnis ver- 
breitet, sondern man beschränkt sich auf die mechanische Einübung des Lesens und die 
oberflächliche Erklärung der „schönsten Stellen" ; es soll nicht geleugnet werden, daß 
auch in dieser unvollkommenen Form der schlichte Türke aus manchen Worten, mit 
denen sich ihm von der Kinderzeit her gewisse Vorstellungen verbinden, Trost iiud Er- 
hebung schöpfen kann. Das würde aber genau dasselbe sein, wenn ihnen der Inhalt in 
einer kräftigen knappen Sprache geboten würde. Es gibt alte türkische Übersetzungen des 
Korans, die einen solchen Zweck erfüllen; es würde sich nur darum handeln, eine Über- 
setzung zu schaffen, die in ähnlicher Weise Gemeingut und Schatz des Volkes wird wie 
Luthers Bibelübersetzung. Daneben mag auch hier das Beispiel der Juden gelten: ver- 
band sich für die meisten früher nur mit dem hebräischen Text eine Erhebung des 
Herzens, die sich ganz im allgemeinen bewegte, weil das einzelne unverstanden blieb, so 
schöpft der moderne Jude nicht mindere Erhebung aus den heiligen Texten, die ihm in 
Übersetzung geboten werden. Wie es bei den Türken um das Verständnis des Korans 
steht, dafür als Beispiel, daß ich von einem gebildeten Türken, der seine technische Aus- 
bildung in Deutschland genossen hatte, gebeten wurde, ihm eine gute deutsche Über- 
setzung des Korans zu empfehlen. 

Freilich ist von der türkisch-islamischen Geistlichkeit, die im allgemeinen jeder 
freieren Entwicklung den stärksten Widerstand entgegenstellt, auch hier eine heftige 
Opposition zu erwarten. Irgend welche Gewaltsamkeit seitens der Eegierung würde die 
Lage nur verschlimmern. Im allgemeinen besitzt der Türke, der nicht religiös-theologisch 
verbildet ist, einen guten natürlichen Verstand und erkennt sein Interesse. Es handelt 
sich darum, die Nützlichkeit der Schriftänderang weiten Kreisen des Volkes glaubhaft 
zu machen. Daß der gegenwärtige Zustand ein unhaltbarer ist, wird von vielen Seiten 
anerkannt. Man kann sich aber zu dem radikalen Heilmittel nicht entschließen, \ind man 
macht Versuche mit Systemen, die meist noch schlimmer sind als das bisher befolgte. 

Noch einem Einwände möchte ich begegnen: dem, daß die Erlernung von zwei Schrift- 
arten, die für weite Kreise nötig bleiben wird, eine zu große Belastung darstelle. Mau 
bedenke, eine wie große Anzahl von Personen bei uns die griechische Schrift besitzen, 
und wie vielen daneben noch, Juden und NichtJuden, die hebräische geläxifig ist. Die 
Schwierigkeit, die bis zu einem gewissen Grade zugegeben werden mag, wird sich erheb- 
lich mindern durch eine Entwicklung, die ohnehin mit Bestimmtheit zu erwarten ist, und 
die voraussichtlich durch die Änderung im Schriftwesen gefördert werden wird: die Neu- 
orientierung der Studien. Hier Uegt eine Parallele vor zu der Entwicklung, die der 
Westen genommen hat hinsichtlich der sogenannten hunianiora. Der Schaden, der an- 
gerichtet wurde durch die Vollpfropfung der gesamten Jugend mit Brocken des Klas- 
sischen Altertums, ist gar nicht auszumessen. So muß auch im islamischen Orient der 
Respekt niedergeworfen werden vor einem Prunken mit scholastischer Gelehrsamkeit. 
Der Schulbetrieb der islamischen Theologie muß beschränkt werden auf den kleinen 
Kreis von Personen, für die er unerläßlich ist; in dieser Beschränkung aber muß er ver- 
tieft werden, d. h. befruchtet werden durch das vergleichende Studium anderer theolo- 
gischer Systeme und zugleich durch eine Erweiterung der Allgemeinbildung. Für alle 
anderen Kreise muß eine weitere Differenzierung eintreten : für solche Personen, die sich 
ganz dem modernen Leben widmen wollen, vor allem in Naturwissenschaften und Technik 



Mitteihm^en. Türkei, Persien. 1 57 



sich auf die Höhe der Kulturvölker heben wollen, und für solche, die au der Schaflfung 
einer neuen Kultur für die islamischen Völker Vorderasiens arbeiten wollen. Auch die 
erste Gruppe darf sich unter keinen Umständen von dem heimischen Boden loslösen: sie 
muß sich immer des Zusammenhanges mit dem historisch Gewordenen in dem Leben 
ihres Volkes bewußt bleiben und daneben Kenntnis nehmen von den Anstrengungen der 
anderen Gruppe, um eine wirkliche Förderung in diesem Leben herbeizuführen. Die 
andere Gruppe aber wird dauernden Segen nur stiften, wenn sie auf die Grundlagen der 
gegenwärtigen Kultur zurückgeht, die der Widerstand und das eifernde Treiben der 
scholastischen Theologie nicht völlig hat verschütten können. Mit nichts wäre den is- 
lamischen Völkern weniger gedient als mit der ob ei flächlichen Aufklebung der europäi- 
schen „Zivilisation", d. h. der Äußerlichkeiten, die bei uns einen organischen Bestand- 
teil unseres kulturellen Lebens bedeuten, die aber, von ihm losgelöst, ein Wesenloses 
sind, das da, wo es gedankenlos angenommen wird, zu traurigen Zerrbildern führt. In der 
Tat haben die Besten unter den modernen Muslimen das richtige Gefühl und sehen mit 
Verachtung auf die jungen Herren, die den Europäer spielen wollen und für jeden, der 
tiefer blickt, neben den ernsten Vertretern des Alten nur eine traurige Kolle spielen. 
Türken, Araber, Perser müssen mit der Geschichte des Islams und ihrer Länder vor dem 
Islam und im Islam wohl vertraut sein, sie müssen die Sprache gut kennen, die allen isla- 
mischen Völkern wichtige Kulturwerte vermittelt hat: das Arabische; sie müssen endlich 
die nationalen Äußerungen ihres Volkes in seiner Sprache kennen. Zu einer vollen Er- 
fassung gelangen sie aber erst durch Vergleichung mit den Kulturwerten anderer Völker 
lind Völkergruppen. Findet eine Entwicklung in diesem Sinne statt, so kommt es auch 
ohne gewaltsames Eingreifen der Staatsbehörden zu einer Änderung der Vorstellungen 
hinsichtlich der Schrift bei der Majorität, und es bedarf dann nur einer geringen Nach- 
hilfe seitens der Staatsbehörden, damit eine solche Wandlung auch gegen den Willen der 
an der Tradition klebenden Widerspenstigen Gemeingut des Volkes wird. 

Martin Hartmann 

PERSIEN. 

Wirtschaftliche Verhältnisse in Persien und in Mesopotamien. Über die Entwicklung 
der Erd-Olgew Innung in Persien berichtet am 15. Januar 1915 der in B aghdäd 
ansässige Konsul der Vereinigt. St. v. N. Am. : Der Schiffsladeplatz für die Naphtalage- 
riingen in Südwestpersien ist Abadän an der Mündung des Schat-uI-Arab in den persischen 
Golf. Die Anglo-Persian Oil Co. hat das Recht der Olgewinnung in diesen Gebieten er- 
worben, was der wirtschaftlichen Bedeutung Südwestpersiens sehr zugute kam: Vor der 
Niederlassung der Gesellschaft war Abadän ein unbedeutendes Dorf, aus einigen Einge- 
borenenhütten bestehend, heute sollen dort 30 Reservoire zum Aufspeichern des ge- 
wonnenen Öls und eine Anzahl kleiner Raffinerien sein. Ein wenig landeinwärts am Schat- 
ul-Arab, also zwischen dem Zusammenfluß von Euphrat und Tigris und dem Persischen 
Golf hat die Gesellschaft die nötigen Geschäftsräume und Wohnhäuser für ihre 35 Ange- 
stellten gebaut. Die Größe der Betriebsanlage und die Zahl der Angestellten hoflt man 
innerhalb der nächsten 2 Jahre verdoppeln zu können. — An der Mündung des Schat- 
ul-Arab sperrt eine Sandbank sehr tiefgehenden Schiffen die Einfahrt, jedoch können 
Schifl^e mit einem Tiefgang bis 17 engl. Fuß zur Zeit der Flut über sie hinwegkommen 
und leicht bis Mohammerah und Bassra gelangen, wenn die Sandbank überwunden ist. 

Das rasche Aufblühen des Hafenplatzes Abadän bildet einen Maßstab für die Zunahme 
der wirtschaftlichen Bedeutunjr des in Frag:e kommenden Gebietes. 



158 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heß 2 



über die heutige Wirtschaftslage Persiens berichtet der Generalkonsul der 
Vereinigten Staaten zu Teheran am 10. Dez. 1914. 

Der Handel in Nordpersien liegt fast gänzlich darnieder, da durch den gegenwärtigen 
ICrieg die Verkehrsmöglichkeiten so gut wie aufgehoben worden sind, während Waren 
nach dem Innern Persiens durch den persisclien Golf gelangen können. Durch Englands 
Einfluß in Südwestpersien, besonders in Bassra, ist der Handelsverkehr auf dem Schat- 
tü-Arab und auf dem Quarün sichergestellt; Handelsdampfer laufen regelmäßig zwischen 
dem Persischen Golf und Mohammerah. Die Transportkosten sind augenblicklich in Süd- 
westpersien ausnahmsweise niedrig, während sie früher derartig hoch waren, daß der 
Handel schwer litt. Man erwartet sogar ein weiteres Zurückgehen der Transportkosten 
innerhalb der nächsten Älonate. Die Firma, in deren Händen der Hauptverkehr in diesen 
Gebieten liegt, ist die Firma Messrs. Lynch Bros., London, England und Awaz (AhwAs), 
Persian Gulf. 

Der Generalkonsul meint, augenblicklich sei den amerikanischen Industriellen und 
Kaufleuten eine ungewöhnlich gute Gelegenheit geboten, den Markt in Persien auf Kosten 
von Rußland, Deutschland und Osterreich an sich zu reißen, da der Handel der genannten 
europäischen Länder durch den Krieg so gut wie aufgehört habe. Besonders kämen fol- 
gende Artikel in Betracht : Petroleum in Weißblech verpackt, Baumwollwaren, Kurzwaren, 
Zucker, W^ollwaren, Schuhe und Stiefel (besonders empfohlen werden lederne Frauen- 
Pantoifeln in allerlei bunten Farben und mit hohen Absätzen), Gummi-Überschuhe, Dro- 
gen, baumwollene Faden und Zwirn, Wollwaren mit Seidenmustern, Zündhölzer, Leder, 
Stoffe für Frauenkleidung, Malfarben, Farbstofie, Seife, Kerzen, Banrawollwaren mit Wolle- 
Mustern, Papier, auch feines Schreibpapier, landwirtschaftliche Werkzeuge, Messer- 
schmiedeware, Weckuhren, Töpfer- und Glaswaren, Lampen und Laternen, Material für 
W^ellblech-Bedachung, Emaillewaren und Kaffee. 

Alle amerikanischen Firmen, die die Absicht haben, den Handel in Persien an sich zu 
ziehen und Rußland, Deutschland und Österreich auszuschalten, werden aufgefordert, er- 
fahrene Reisende nach Persien zu senden. Diese müßten neben den technischen etwas 
französische Sprachkenntnisse besitzen und mit der nötigen Handelsvollmacht und Be- 
wegungsfreiheit ausgestattet sein; sie müßten sorgfältig die Bedürfnisse, W^ünsche und 
Gewohnheiten des persischen Volkes studieren, das Land mit Mustern bereisen, Nieder- 
lassungen in den Basaren einrichten usw. Als Beispiel wird ein großes Hamburger Kom- 
missionsgeschäft (ohne Namensnennung) angeführt, von dem ein Teilhaber sich in den 
Basaren Teherans niedergelassen und ein bedeutendes Geschäft in deutschen Waren ge- 
macht habe. Ein großer Teil dos Erfolges deutscher Handelshäuser sei auf das Einräumen 
von langfristigen Krediten zurückzuführen : „amerikanische Häuser müssen bereit sein, 
dieselbe Nachsicht zu üben". 

Ist in Südwestpersien, der englischen Einflußzone, die augenblickliche Handelslage 
verhältnismäßig günstig, so ist dies keineswegs der Fall in 51 es opotamien zwischen 
Bassra und Baghdäd, also in dem von Euphrat und Tigris umschlossenen Gebiet. 

Schon im Oktober 1914 war der Handel von Baghdäd, das eine wichtige zentrale Lage 
zum Stapelplatz der umliegenden Gebiete macht, bedeutend zurückgegangen, der Schiffs- 
verkehr hatte fast gänzlich aufgehört, nur wenige Güter waren noch von Bassra aus den 
Tigris aufwärts befördert worden. Ein Moratorium war unvermeidlich gewesen, der Geld- 
umsatz war äußerst gering, da nur unbedingt nötige Einkäufe stattfanden. Der übliche 
Handel zwischen Baghdäd und den persischen Grenzgebieten hatte ebenfalls bedeutend 
gelitten; der von Baghdäd und seiner nächsten Umgebung war beinahe zum Stillstand 
gekommen. 



Mitteiluno-en. Persien, Marokko. 159 



Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen der Türkei und Großbritannien hat 
jeder Handel zwischen Baghdad und Bassra aufgehört ; Truppenlandungen und andere 
militärische Maßnahmen machten so gut wie jeden Verkehr mit der Außenwelt zunichte. 
In den Basaren findet nur der Verkauf des geringen vor Ausbruch des Krieges vorhandenen 
Vorrats und ein durchaus lokaler Güteraustausch statt. So sind z. B. die großen Transporte 
von Wolle von Baghdfid aus unterblieben. Die Ausfuhr von Getreide jeder Art wurde von 
der Begierung verboten. Häute, Tragantgummi und eine Keihe anderer, weniger bedeu- 
tender Artikel, die aber in der Gesamtheit ins Gewicht fallen, werden ebenfalls nicht aus- 
geführt. In entsprechender Weise hat die Einfuhr von Maschinen, Leder, Baumwollwaren, 
Zucker, Kleidungsstücken u. a. aufgehört. 

Die Folge ist allgemeine Stockung. Die wenigen Verkäufe finden nur noch gegen Kasse 
statt. Keine Aufträge wurden gegeben, alte Verträge nicht erneuert. Zahlreiche Angestelite 
sind arbeitslos, alle englischen Geschäftshäuser geschlossen. Güter können nicht mehr 
verladen werden. Nach Beendigung des Krieges ist ein Absatz für Einfuhrwaren wie er im 
Frieden war, zu erwarten. Wie aber die Bedingungen im Einzelnen sich gestalten werden, 
ist nicht vorauszusagen. Ernst Zahn 

MAROKKO. 

Wirtschaftliche Tätigkeit der Franzosen in Marokko. Im ,.Matin" vom Donnerstag 
20. Mai 1915 (Nr. 11405) findet sich unter der Überschrift „Contre le commerce austro- 
boche. L'exposition franco-marocaine de Casablanca" ein Artikel, der hier im Wortlaut 
wiedergegeben sei: 

„La guerre nous aura, enfin, afiranchis de la concurrence allemande. Leur commerce avait 
envahi non seulement la metropole, mais aussi nos colonies. Notre Maroc, en particulier, 
Oll tant de Boches s'etaient fixes, etait exploite par eux au detriment de notre negoce 
national. 

Le general Lyautey, resident general, s'est preoccupe de cette grave questiou et, mettant 
ä profil les evenements presents, il s'est ingenie ä substituer le commerce fran^ais au 
commerce allemand. Un comite d'etudes economiques a ete cree, par ses soins, k 
Casablanca. Charge de donner son avis sur les questions d'ordre industriel, commercial 
et agricole, ce comite agit sur les milieux Interesses par une propagande active et continue. 

D'ailleurs, depuis les debuts des hostilites, des mesures heureuses ont ete prises: les 
anciennes pistes de caravane furent ameliorees et tout un reseau de routes nouvelles a ete 
execute, si bien qu'ä la fin de la presente ann^e, il sera possible de circuler avec securite 
et rapidite sur un parcours carrossable de plus de sept Cents kilom^tres. 

D'autre part, la construction des voies ferrees, impossible avant la guerre, se poursuit 
activement et l'on envisage la perspective de pouvoir employer, avant deux ans, dans la 
plus grande partie du territoire, ce moyen de transport. 

Completees par les nombreux cours d'eau qui desservent ce pays fertile, qui n'est separe 
de la mere-patrie que par trois jours de traversee, ces facilites ouvrent, d'ores et dejk, ä 
nos transactions un debouche et un champ d'action particulierement prdcieux et, en tout 
cas, facile. 

La residence a atteint, ä cette heure, un tel degre de prosperite que le general Lyautey 
organise, pour le l^r juillet prochain, \ Casablanca, une exposition franco-marocaine. 

Cette exposition a pour but de faciliter ä l'industrie et au commerce de la metropole 
les relations avec le protectorat. On a escompte la passion des peuples musulmans pour 



160 Die Welt des Islams, Band III. 191S, H^ß 2 

riiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiimuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

les foires, — cbez eux, les bazars constituent la jjriiioipale distraction, — et l'ou est 
coavaincu que cette grande demonstratiou fera plus quo la force armee pour pacifier les 
tribus encore rebelles. 

Gräce ä uns politique habile et prudente ä l'egard des indigönes, grace aiissi au de- 
vouement et ä l'abnegation des troupes fran^aises restees sur le front marocain, notre 
nouvelle possession joiiit, depuis ledebiitdo laguerre, d'une trainjuillite presc^ue inesperee. 
Bien plus, au lieu de l'insurrection que les Allenjands voulaient y dechaiaer, eile offre le 
spectacle heureux d'une rejirise constante et progressive des affaires. Les statistiques 
douaniSres sont, a ce point de vue, tout ä fait probantes et encourageantes. 

Le general Lyautey voudrait que cette Situation profitat au commerce et ;i l'industrie 
de la France. II suffirait, ä cette lieure, d'un effort prompt et decisif pour preudre au 
Maroc la place que les Austro-Allemands avaient su s'y creer ä la faveur des difficultes 
internationales entravant notre action. 

L'exposition a, en somme, pour but de faire connaltre ä la fois k la clientele marocaine, 
fran^aise ou indigcne, les produits que l'importation franc^aise peut ofirir, en remplacement 
des produits boches, et de montrer k la metropole les produits que peut lui fournir 
l'exportation marocaine. 

Toutes les dispositions sont prises ä Casablanca pour l'organisation et l'installation des 
envois et, d'ores et dejä, l'on peut predire a cette initiative le plus brillant succes." 

Bei den Wege- und Eisenbahnbauten, von denen in diesen Ausführungen die Rede ist, 
vv^erden auch deutsche Kriegsgefangene verwandt, die in klar zu erkennender Absicht von 
den Franzosen uacli Marokko überführt worden sind. Unter andern ist es die Straße von 
Casablanca nach Rabat, die augenblicklich in dieser Weise von Deutschen gebaut wird. 
Weiter hat eine erhebliche Zahl deutscher Kriegsgefangener die Eisenbahnstrecke Miknes 
— Fes, das letzte Glied der Linie Casablanca — Rabat — Fes, im Anfang des Jahres 1915 
vollenden helfen. Diese Vollendung fand statt um eben jene Zeit, wo nach den unwahren, 
durch alle Zeitungen verbreiteten Nachrichten Fes in den Händen der durch Abdul-Malik 
geleiteten Aufständischen sein sollte. G. K. 



Literatur. Bulletin de l' Union Franco-Persane. 161 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiHitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiffliiiuuiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiinuiiiiiitiiiiiiiiiiiiM 



LITERATUR. 



Bulletin de l'Union Franco-Persane. Jahrgang 4. 1913, Nr. 4. Jahrgang 5. 
1914, Nr. 1 ff. Au siege de l'Union Franco-Persane, 14, nie do Londres, 
Paris et ä la societe anonyme des imprimeries Wellhoff et Roche, 16 et 
18 rue Notre-Dame-des-Victoires, Paris. 

Die Union Franco-Persane, deren Organ das Bulletin ist, ist eine Gesellschaft, die 1910 
in Paris ins Leben trat. Sie geht von der Annahme aus, daß die Zahl der Franzosen, die 
an Persieu interessiert sind, eine sehr stattliche sei, daß Frankreich seit jeher ein besonderes 
Interesse und Wohlwollen für Persien gehegt und infolge davon eine „Situation privilegiee" 
den Persern gegenüber inne habe. 

Ihr Zweck ist auf die Pflege der Beziehungen zwischen Frankreich und Persien ge- 
richtet; die Gemeinschaft der beiden Länder auf geistigem und kulturellem Gebiete, in 
Sonderheit auf wirtschaftlichem und politischem, soll in jeder Weise und mit allen zu Ge- 
bote stehenden Mitteln erhalten und vertieft, die rein menschliche Wertschätzung der 
Angehörigen beider Nationen durch das gegenseitige Verständnis der Kulturen befördert 
werden. 

Der Zweck der Vereinigung ist jedoch hauptsächlich auf das Politische gerichtet, wie, 
ganz abgesehen von der Tätigkeit und dem Inhalte der Veröflentlichungen der Charakter 
der Mitglieder des Comite de Patronage beweist, das überwiegend von Männern des aus- 
wärtigen Amtes und des politischen Lebens gebildet wird. 

Die Kosten der Gesellschaft werden von den Mitgliedern gedeckt. 

Den Platz des Ehrenvorsitzenden im Comite de Patronage hat der Kaiserlich-Persische 
Gesandte in Paris inne, den seines Stellvertreters der Persische Generalkonsul in Paris, 
ein Franzose. Der eigentliche Präsident ist Jules Koche, Abgeordneter der französischen 
Kammer und ehemaliger Minister; der Generalsekretär ist L. Ch. Watelin, ein Ingenieur, 
ehemaliges Mitglied einer vom französischen Unterrichts-Ministerium nach Persien ge- 
sandten Abordnung. Die übrigen Mitglieder des Comite de Patronage sind teils Fran- 
zosen, teils Perser; Herren im Dienste der Ministerien für auswärtige Angelegenheiten 
beider Länder, Journalisten (darunter der Schriftleiter des „Temps", der „Liberte", des 
„Medschlis", des in Kalkutta erscheinenden „Hablul Matin") Mitglieder der französischen 
Kammer, Rechtsanwälte, Ingenieure, Kaufleute, Wissenschaftler usw. Der einzige, der 
weder Franzose noch Perser ist, ist der bekannte Gelehrte E. G. Browne, Professor der 
Universität Cambridge. 

Das Bulletin erscheint 6 Mal jährlich, jede Nummer hat 8 bis 16 nicht übermäßig dicht 
bedruckte Seiten in großem Quartformat und kostet im Buchhandel 1 Fr. Anzeigen 
irgendwelcher Art finden darin keine Aufnahme, außer denen, die den Interessen der 
Gesellschaft unmittelbar dienen. 

Einen verhältnismäßig großen Teil der Mitteilungen nehmen die Übersichten über die 
europäische und die persische Presse ein. Sie bestehen aus kurzen Inhaltsangaben, teils 
aus zeilenweisem Abdrucke von Aufsätzen, fast ausschließlich politischer oder wirtschaft- 
licher Natur. Von europäischen Blättern kommen so gut wie nur französische und eng- 
lische zu Worte, insbesondere der „Temps" und die „Times"; gelegentlich einmal 
ein belgisches oder italienisches. Als Überschrift findet sich „Eevue de la Presse Euro- 
Die Welt des Islams, Band III. 11 



162 Die Welt des Islams, Band HI. jgiß, Heß 2 

iiHmiiiiiiiniiiiiiiiuiiiiiiiiiiHiiiiiiiiinimiHiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

p 6 e n n e" ! Wichtig für alle Kenner des Laudes ist die Übersicht über die persische Presse. 
Sie gibt, abgesehen von den mannigfachen Nachrichten über das hentige Persien, einen 
guten Einblick in das persische Zeitungswesen und die ölfentliche Meinung dadurch, 
daß Zeitungen aus allen Lagern angeführt werden : Neben den der Regierung nahestehen- 
den Orgauen, zum Beispiel der konservative „Towfigh", der radikale „Rad", der scliarf 
kritisierende „Hablul Matin" und andere mehr. ^ 

Wertvoll und erwähnenswert ist ferner eine jedem Hefte beigegebene Übersicht über 
die das moderne Persien betreffende neueste Literatur; teils linden wir ausführliche Be- 
sprechungen und Beurteilungen, teils nur Nennung von Namen des Werkes und seines 
Verfassers. Um einige Beispiele anzuführen, erwähne ich ein W'erk des kaiserlichen Prinzen 
Nasir ed din Kadschar, das unter dem Titel „L'influence Fran^aise en Pexse'" die Bezie- 
hungen Frankreichs zu Persien seit den Tagen Napoleons I. darstellt und ausführt, daß 
der politische Einfluß Frankreichs zwar nachgelassen, der kulturelle aber, besonders der 
auf dem Gebiete des Unterrichts und der Heilkunde, sehr viel stärker geworden sei. De- 
morgny bringt in einem „Essai sur l'administration de la Perse" (Verlag Leroux, Paris) 
eine Darstellung und Beurteilung der einzelnen Verwaltungsbehörden Persiens und zwj» 
sowohl der Zentral- wie auch der Provinzialbehörden, insbesondere des Staatsrates ; in 
-dem Buche finden sich die in jüngster Vergangenheit in Persien in Kraft getretenen Ver- 
waltnngsgesetze abgedruckt. — Außerdem wird erwähnt; Back de Surany, La Constitu- 
tion moderne de la Perse. — Das einzige W^erk nicht politischen Inhaltes, das in den mir 
vorliegenden Heften Erwähnung findet, besteht aus 4 Vorträgen von L. Ch. Watelin, dem 
Generalsekretär der Gesellschaft, die in der Assiociation philotechnique gehalten wurden 
nnd die Literatur, Geschichte, Geographie und den heutigen Zustand Persiens behandeln. 

Ebenso wertvoll wie diese Überblicke über die Presse und Literatur sind die am An- 
fange eines jeden Heftes zusammengefaßten politischen Nachrichten. Sie zeichnen sich 
durch ebenso kurze wie übersichtliche und klare Abfassung aus und bringen die neuesten 
Nachrichten über politische Begebenheiten, die Persien betreffen. 

Ergänzt werden diese Nachrichten aus dem politischen Leben in entsprechender Weise 
durch Nachrichten aus dem Wirtschaftlichen. So bringt zum Beispiel ein 9 Seiten um- 
fassender Artikel ausführlich die Ans- und Einfuhr Persiens : jedes einzelne Land, das mit 
Persien in einem nennenswerten Handelsverkehr steht, wird in besonderem Abschnitt be- 
handelt, geschichtliche Entwicklungen, wirtschaftliche Vorgänge, Ursachen und Wirkun- 
gen, gegenwärtiger Stand und Aussichten für die nahe Zukunft werden mit Sachkenntnis 
geprüft und dargelegt, unterstützt durch das nötige Zahlenmaterial. Zur Ergänzung dienen 
sehr ins einzelne gehende Tabellen, die allem Anschein nach Konsularberichten entnom- 
men worden sind. 

Besondere Aufmerksamkeit wird in einem ausführlichen Artikel den jungen Persern 
gewidmet, die die Kaiserlich-Persische Regierung zur militärischen Erziehung nach Frank- 
reich schickte: Namen, Laufbahn, Erfolge eines jeden dieser Zöglinge werden bekannt 
gegeben. Zugleich wird das Interesse und die Freude, die die Union Franco-Persane diesem 
System entgegenbringt, deutlich hervorgehoben und den jungen Leuten das denkbar 
größte Entgegenkommen in Aussicht gestellt. 

Der angestrebte Erfolg des Unternehmens ist, allen Franzosen, die in und an Persien 
irgend ein Interesse haben, besonders den Handels- und Industriekreisen einerseits sowie 
den politischen Kreisen andererseits, ein möglichst aus erster Quelle stammendes, zuver- 
lässiges Nachrichtenmaterial in übersichtlicher Form zukommen zu lassen, dadurch das 
Interesse zu vertiefen oder neues hervorzurufen, das gegenseitige Verständnis zwischen 



Literatur. Boletin oficial de la zona de influencia espanola. 163 



Persern rmd Franzosen zu fördern, and somit französischen Einfluß, wirtschaftlich, poli- 
tisch und kultiirell in dem an Naturgaben gesegneten, seiner Erschließung harrenden alten 
Kulturlande Persien nach Möglichkeit zu erweitern. 

Abgesehen von dem soeben besprochenen Bulletin verfolgt die Gesellschaft ihre Zweqjie 
durch Abhaltung von Vorträgen und von teils wissenschaftlichen, teils geselligen Zusam- 
menkünften der in Frankreich weilenden Perser und der interessierten französischen Kreise, 
durch Pflege der persöjilichen gesellschaftlichen und geistigen Beziehungen, durch Unter- 
stützung der in Frankreich lebenden Perser mit finanziellen Mitteln, mit fi'eundschaftlichen 
Ratschlägen iind Förderung ihrer Interessen. 

Die Art, wie das Unternehmen angelegt ist, läßt die Erreichung des angestrebten Er- 
folges erwarten. E. Z. 

Boietjn oficial de la zona de Influencia espanola en Marruecos. Nr. 1—18: 
1913; Nr. 19—42: 1914. Madrid: Imprenta del Ministerio de Estado. 

Dieses offizielle Organ der spanischen Einfiußzone in Marokko ist zum ersten Male am 
10. April 1913 erschienen und wird seitdem in der Regel zweimal monatlich (am 10. und 
25. ds. Mts.) ausgegeben. Es bildet ein Gegenstück zu dem von den Franzosen für ihre 
Zone herausgegebenen „B^iUetin officiel", wenn es auch auf einer ganz anderen Basis wie 
dieses angelegt ist. Wer verfolgen will, wie sich die Dinge in Nordmarokko unter der 
Leitung der Spanier gestalten, kann an dem Boletin nicht achtlos vorübergehen. Wenn 
es auch der Hauptzweck des Boletin ist, sämtliche Aktenstücke im Abdruck zu bringen, 
die Beziehung zu der spanischen Marokkozone haben, und man vielleicht sagen kann, daß 
es in dieser Beziehung eine Art Gesetzblatt für die spanische Zone darstellt, so finden wir 
andererseits darin auch Aufsätze über wirtschaftliche und ähnliche Verhältnisse in dem 
neuen Protektoratslande, die die Unterschriften von genauen Kennern des Landes als 
Verfassern tragen. Der Boletin ist ferner für die Veröffentlichungen der Gerichte bestimmt: 
wir finden in ihm Ladungen, Aufgebote usw. abgedruckt. Besonders wertvoll sind die 
zahlreich eingestreuten statistischen Angaben. 

Aus dem Inhalt' der bis zum I.Januar 1915 erschienenen Hefte heben wir das Fol- 
gende hervor : 

Von den völkerrechtlichen Verträgen, die Marokko betreffen, sind im spanischen Text 
abgedruckt: in Nr. 1 das spanisch-französische Abkommen vom 27. November 1912 nebst 
dem Eisenbahnprotokoll ; in Nr. 5 der spanisch-fi-anzösische Vertrag vom 3. Oktober 1914 ; 
die Deklaration zwischen Großbritannien und Frankreich betr. Marokko und Egypten 
vom 8. April 1904: ; das deutsch-französische Abkommen vom 9. November 1911 ; in Nr. 4 
die Deklaration zwischen Spanien und Italien betr. Marokko und Libyen vom 4. Mai 1913. 

Dem Abkommen vom 27. November 1912 sind zur Erläuterung drei Karten beige- 
geben, die die Interessensphäre der Protektoratsmächte veranschaulichen sollen. Sie fin- 
den sich in Nr. 1. 

Die Verwaltungsorganisation in der spanischen Zone beruht auf dem Kgl. Dekret vom 
27. Februar 1913 (Nr. 1), das aber die Organisation nur provisorisch ordnen will. Alljähr- 
lich wird im Staatsministerium für die „accion en Marruecos" ein besonderer Haushal- 
tnngsetat aufgestellt (s. den Voranschlag für 1914 und 1915 in Nr. 26 und 42). Für die 

' Für die Hefte des Jahrgangs 1913 (Nr. 1 — 18) ist ein besonders gedruckter Index er- 
schienen, der auch ein nach Materien geordnetes Verzeichnis enthält. Für den Jahrgang 
1914 findet sich der Index in Nr. 42. 

II* 



164 Die Welt des Islams, Band III. igiS, Heft 2 



spaiiisrlie Zone ist ein bt'soiulerer Vertreter des Sultans ernannt, der den 'J'itel Kalifa führt 
und der nominell an der Spitze der Verwaltung der Zone steht. Kalit'a ist gegenwärtig 
Muley el-Mehdi iJeu Ismail. Jedoch steht diesem ein spanischer Oberkommissar gegen- 
über, von dessen Zustimmung die Wirksamkeit aller wichtigeren Regierungsakte des 
Kalifa abhängt. Das Amt des Oberkommissars bekleidete zuerst der Kommandant von 
Ceuta, General Alfan. Im August 191i5 demissionierte er, und es wurde auf den Posten 
der General J. Marina berufen, der gegenwärtig Oberkommissar ist. Ihm sind für be- 
stimmte Geschäftskreise drei Abteiluugsdirektoreu beigegeben, nämlich ein „Uelegado 
para los servicios indigenas", ein „Delegado para los servicios de fomento de los inter- 
eses materiales", ein „Delegado para los servicios tribntarios, economicos y fiuancieros". 
Diesen ist wieder das nötige iJeamtenpersonal zugewiesen. Als eine Art Kechnuugskam- 
mer ist durch Kgl. Dekret vom 18. Oktober 1913 (Nr. 14j die „Intervenci.m especial de 
la zona de influencia en Marruecos" geschatfen worden, die vom Handelsministerium 
ressortiert. 

Für das Unterrichtswesen besteht die „Junta de ensenanza en Marruecos" unter 
dem Staaisministerium, die auf dem Kgl. Dekret vom 3. April 1913 (Nr. 1) beruht. Als 
statistisches Zentralamt fungiert die „Junta central de Estadistica en Tetuän", de- 
ren Aufgabe es u. a. auch ist, den Zensus der Bevölkerung vorzunehmen. Dies ist bereits 
in Tetuän geschehen (s. Nr. 21 und besonders Nr. 38 S. 674fl". des Boletin). In Tetuän, 
Larache, Alcazarquivir und Arcila sind „Juntas de Servicios locales" errichtet wor- 
den. Ihre Aufgabe ist es, für die Keinlichkeit in der Stadt, für ihre Erhaltung in gesund- 
heitsmäßigem Zustande usw. zu sorgen. Für das Nähere sind die Reglements zu verglei- 
chen, die in Nr. 13, 14, IG abgedruckt sind. — Für die Machsengüter ist unter dem 
kalifatischen Handelsministerium durch Dahir vom 9. Juni 1914 ein besonderes Ressort 
(negociado) eingerichtet worden, dessen Geschäftsordnung (regimen interior) in einem ei- 
genen Reglement festgelegt ist. Ein besonderes Reglement regelt die Verpachtung von 
Machsengütern. Die diesbezüglichen Dokumente findet man sämtlich in Nr. 31 des Bo- 
letin. Für die Konzession von Machsengebiet in Rio Martin ist ein provisorisches Regle- 
ment ergangen (Nr. 17). — Das Habusgüterregister in Arcila soll nach einem Dahir 
einer Erneuerung unterworfen werden (Nr. 23). 

Für die einzelnen Städte sind oft besondere Verordnungen ergangen, zahlreich insbe- 
sondere für Tetuän : z. B. eine Bauordnung; eine Verordnung betr. die Tötung von Vieh, 
das zum Verkauf bestimmt ist; Verordnung über die Schankwirtschafteu usw. (vgl. hierzu 
die Nr. 11, 19, 2G, 27 des Boletin). Bauordnungen sind auch ergangen tür Larache (^Nr. 33) 
und Arcila (Nr. 39;, für erstere Stadt auch eine \'erordnung über den Transitverkehr durch 
Larache (Nr. 19). Die ganze spanische Zone betriä't das Reglement für die Konzession 
von Ermächtigungen zu elektrischen Anlagen (Nr. 14). 

Auf dem Gebiete der Rechtspflege ist der Fall eingetreten, der in Art. 24 des Abkom- 
mens vom 27. November 1912 vorgesehen war. Es sind für die spanische Zone verschie- 
dene Gesetze erlassen worden, deren Bestimmungen z. T. nicht nur auf Marokkaner und 
Spanier, sondern auch auf Angehörige anderer Staaten Anwendung finden sollen. Frank- 
reich hat durch Erklärung vom 17. November 1914 (Nr. 40) auf seine Rechte und Privi- 
legien aus den abgeschlossenen Kapitulationen verzichtet. Die Gesetze, die bisher er- 
gangen und als Anexos 1 — 9 zu Nr. 29 vom 10. Juni 1914 erschienen sind, sind die fol- 
genden : Cudigo de Comercio (Handelsgesetzbuch), Codigo de Obligacioues y Contratos 
(Recht der Schuldrerhältnisse), Codigo de Procedimiento civil (Zivilprozeßordnung), Co- 
digo Penal (Strafgesetzbuch), Codigo de Procedimiento crirainal (Strafprozeßordnung). 



Literatur. Boletm oficial de la zona de influencia espanola. 165 

IIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIItllHIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIinilltllllllllllinillllHIIIIIHIIIIIIIIWIIMIIIIIIIIIIIin 

Ferner verschiedene Nebengesetze wie Personenstandsgesetz, Grundbucliordnnng, Ge- 
richtskostengesetz. Die Organisation der spanischen Gerichte in der Protekto- 
ratszone hat ihre Grundlage in dem Dahir vom 1. Juni 1914 (Nr. 29). Gleichen Datums 
ist ein Dahir, das die oben erwähnten Gesetze verkündigt und ihr Inkrafttreten auf den 
15. Juli 1914 festsetzt. Die Notariatsgeschäfte sind den spanischen Konsuln übertragen 
worden (Dahir vom 1. Juni 1914: Bol. Of. Nr. 29). Die örtliche Zuständigkeit der unter- 
sten, der Friedensgerichte, ist in einem Dahir gleichen Datums geregelt (Nr. 24). Beson- 
dere Bestimmungen sind getroffen für den Zinsfuß und die Zeit. Der gesetzliche Zinsfuß 
für jede Art von Kontrakten und Obligationen zivilrechtlicher oder handelsrechtlicher 
Natur beträgt sechs vom Hundert für das Jahr (Art. 1 des Dahirs vom 1. Juni 1914 betr. 
die Bestimmung des gezetzl. Zinsfußes). Andere Vereinbarungen sind zulässig, jedoch darf 
auf keinen Fall der Zinsfuß zwölf vom Hundert übersteigen (Art. 2). Die offizielle Zeit, 
soweit sie gesetzlich von Bedeutung ist, stellt für das ganze Gebiet der spanischen Pro- 
tektoratszone die westeuropäische Zeit dar (Art. 1 des Dahirs vom 1. Juni 1914 betr. Fest- 
setzung der gesetzl. Zeit). Durch Kgl. Erlaß vom 14. Dezember 1914 ist unter dem Staats- 
ministerium eine besondere Abteilung für das Gerichtswesen in Marokko („Junta de Asun- 
tos judiciales en Marruecos") geschaffen worden, deren Zusammensetzung auch schon 
bestimmt ist (Nr. 42). 

Im Post- und Telegraphenwesen ist insofern eine Änderung zu verzeichnen, als die 
bisher bestehende Trennung in der Ve^waltl^ng — es gab sowohl spanischen wie kalifa- 
tischen Post- und Telegraphendienst — durch Dahir vom 9. Juni 1914 (Nr. 29) aufge- 
hoben ist. Nunmehr sind beide Post- und Telegraphenverwaltungen in eine kalifatische 
verschmolzen worden. Mit der Leitung und Organisation des neuen, vereinigten Dienstes 
ist die Delegaciön para el fomento de los intereses materiales (s. o.) beauftragt worden. 
Einzelne statistische Angaben über den Postverkehr im ersten Vierteljahr 1914 hat das 
Postamt in Larache veröffentlicht. Sie sind in Nr. 27 des Boletin abgedruckt. — Bezüglich 
der Eisenbahn Tanger — Fes, deren Bau Art. 20 des spanisch-französischeu Abkommens 
von 1912 in Aussicht stellt, ist am 18. März 1914 ein Abkommen getroffen worden zwi- 
schen Lyautey und Marina, die ihre Regierungen und den Sultan bezw, den Kalifa ver- 
traten, sowie dem Großvezier Sid Mohamed El-Guebbas einerseits und der Compaüia 
general de Marruecos und der Compaüia general espanola de Africa' andrerseits. Hier- 
nach ist die Konzession für die Eisenbahn den genannten Gesellschaften erteilt worden. 
Abgedruckt ist das Abkommen in Nr. 32 des Boletin. Nach Art. 2 des Abkommens haben 
die genannten Gesellschaften eine Aktiengesellschaft (Sociedadanonima) mit einem Kapital 
von 15 Millionen Franks zu bilden, die den Namen „Compaüia franco-espanola del ferro- 
caril de Tanger k Fez" führt und nach französischem Recht lebt. Die Gesellschaft hat 
ihren Sitz in Mekinez. Beigefügt ist dem Abkommen ein sehr umfangreiches (66 Artikel) 
Lastenheft (pliego de condiciones), das die näheren Bestimmungen für die Ausführung 
des Baues der Bahn enthält. Nach Art. 35 ist die Dauer der Konzession auf 85 Jahre be- 
schränkt. Die Frist beginnt vom 31.'Dezember des Jahres zu laufen, in dem die Konzession 
die Sanktion durch spanisches und französisches Gesetz erhalten hat. Das betreffend 
spanische Gesetz ist unter dem 17. Juli 1914 (Nr. 32) bereits ergangen. 

Für das Steuerwesen ist das Tertibreglement in Nr. 8/9 zu erwähnen, das auf die Aus- 
länder wie die Schutzgenossen Anwendung findet. Bezüglich des Zollwesens geht aus dem 

* Diese Gesellschaft ist am 2. Juni 1914 in Madrid konstituiert worden. Ihre Statuten sind 
in Nr. 40 des Boletin abgedruckt. 



166 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft 2 



Boletin hervor, daß gegenwärtig in Spanisch-Marokko Zollämter zu Tetuän (Rio Martin), 
Melilla, Laraclie, Arcila, Nador und Yazamen bestehen. Die Errichtung des Zollamtes in 
Melilla ist durch Dahir des Kalifen Toni 31. Angu.st 1913 angeordnet worden, und es sollte 
im Oktober eröffnet werden. Durch Daliir vom 21. September 1913 ist dann aber die Tätig- 
keit des Amtes vorläufig eingestellt worden, da in Nador und Yazanien Zollämter errichtet 
»ind. Diese tragen aber nur temporären Charakter. Sie sollen im wesentlichen dazu dienen, 
in die Handelsverhältnisse der dortigen Gegend einen Einblick zu gewähren, damit dann der 
Machsen die in seinem Interesse erforderlichen Maßregeln treffen kann. ^- Über die Zoll- 
verhältniSSe in dem Protektoratslande orientieren zwei Aufsätze, die aus der Feder von 
A. \'ela Hidalgo stammen. Der erste Artikel in Nr. 18 ist betitelt: „Bericht über den 
Gang des Zolldienstes nach dem Stande vom November 1913" ; der zweite „Bericht ül)er 
den Zolldienst im Protektoratslande während der ersten drei Monate des Jahres 1914". 
Beide sind von einer statistischen Tabelle begleitet. Von besonderem Wert sind die Sta- 
tistiken der Zollämter in Rio Martin und Tetuän. Nr, 34 bringt eine genaue Liste der 
importierten Waren nach Quantität, Herkunft, Zollgebühren. In Nr. 38 findet sich ein 
gleiches Verzeichnis für die exportierten Waren. Für das Zollamt in Larache liegen in 
Nr. 36 statistische Angaben über die Ausfuhr aus diesem Hafen für 1913 vor. 

Was den Handel mit Marokko anbelangt, so finden wir in Nr. 7 S. 377ff. einen Artikel 
über „Bremens Handel mit Marokko", dessen Verfasser der spanische Konsul in Bremen 
R. Gomez Navarro ist, mit zwei Tabellen über den Import und Export Bremens aus 
und nach Marokko von 1889 bis 1912. Hiemach hat sich Bremens Import aus Ma- 
rokko in den 23 Jahren von 1889 bis 1912 versechzehnfacht (1889: 105 240 Mk. — 1912: 
1 689 478 Mk.) Der Export nach Marokko betrug 1890: 8777 Mk. und ist 1912 auf 90484 
Mark gestiegen. VonM. Ferrer bringt inNr. 7 einen Artikel überden „Markt von Tetuan". 
Den gleichen Verfasser hat in Nr. 15 der Aufsatz „Die Ausbreitung des spanischen Han- 
dels in Marokko", in dem auch Vorschläge zu einer wirksamen Hebung des Handels in 
Marokko gemacht werden. Weitere Artikel des genannten Verfassers in Nr. 23, 25 und 3a 
beschäftigen sich mit dem Export von spanischen Waren nach Marokko. Ihre Titel sind: 
„Unsere Einfuhr in Marokko", „Unsere Ausfuhr nach Marokko", „Unsere Einfuhr in 
Nordmarokko". Über den Verkehr der fremden Schiffe in den Häfen Tetus'in (Rio Martin) 
und Larache während 1913 geben statistische Angaben in Nr. 25 tind 41 Aufschluß. Be- 
achtenswert ist in Nr. 24 auch eine Lifte, die die hauptsächlichsten Artikel des marokka- 
nischen Importgeschäfts unter Beifügung des der Zollberechnung dienenden Wertes der 
Waren aufführt. Die Aufzählung umfaßt 15 Druckseiten. Ein Gegenstück hierzu bildet in 
Nr. 41 die Preisliste von Exportartikeln auf den Märkten des spanischen Protektorats. 

Das Schulwesen in Marokko wird beleuchtet in den Artikeln „Beiträge zum Studium 
des öffentlichen Unterrichtswesens in Marokko, mit besonderer Berücksichtigung von 
Tetuän" von Luciano Li'>pez-Ferrer sowie „Die spanischen und arabischen Schulen 
in Alcazarquivir" von Cristöbal Cala, beide in Nr. 2. Aus der Feder des spanischen Ge- 
sandten in Tanger Merry del Val rührt ein Artikel in Nr. 3, der betitelt ist „Bericht über 
den Unterricht in Marokko". Julian Riberas Aufsatz in Nr. 31 S. 426ff hat „Den gegen- 
wärtigen Stand des Unterrichts in der spanischen Protektoratszone von Marokko" zum 
Gegenstand. 

Das Bergrecht hat in dem Minenreglement vom 20. Januar 1914 (^Nr. 20) eine Rege- 
lung erfahren. Zum Schürfen ist die Erlaubnis des „Servicio de Miuas" (Bergamts) er- 
forderlich. Das Recht zur Ausbeutung des gemuteten Feldes hängt ab von der Genehmi- 
gang des Kalifa durch besonderen Dahir. Unter Umständen haben aber noch Personen 



Literatur. T. Canaan. 167 

iiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiHiiiiu 

auf Verleihung von Feldern Rechte, die vor dem Erlaß des Dahirs vom 20. Januar 1914 
entstanden sind. Es ist eine Schiedskommission geschafi'en worden, die diese älteren An- 
sprüche einer Prüfung unterziehen soll und die, was von AVichtigkeit ist, endgiltig über 
sie entscheidet. Sie hat ihren Sitz in Paris und besteht aus einem Norweger als Ober- 
schiedsmann, der vom König von Norwegen bestimmt \vird, einem Mitglied, das von dem 
Kalifa ernannt wird, sowie einem Angehörigen des Staates desjenigen, der auf Entschei- 
dung der Schiedskouimission anträgt. Dieses Schiedsgericht ist am 15. April 1914 in Tä- 
tigkeit getreten. Als Oberschiedsrichter fungiert der Norweger M. Gram. Die Anträge 
waren innerhalb bestimmter Frist zu stellen, die aber dann verlängert wurde (vgl. hierzu 
die Nr. 20, 25, 30). Die Anträge sind im Boletin samtlich abgedruckt. Wir finden darunter 
auch deutsche Namen, ferner holländische, so die Firma Müller & Co. und andre; der 
Zahl der Namen nach scheint das französische und spanische Element zu überwiegen. 
Als im Verlauf des Krieges die französische Hauptstadt bedroht witrde und selbst die 
Regierung ihren Sitz nach Bordeaux verlegte, war auch für die Schiedskommission des 
Bleibens in Paris nicht länger, und der Vorsitzende hat am 19. September 1914 kraft Dele- 
gation durch den Kalifa die Tätigkeit des Schiedshofes bis auf weiteres ausgesetzt. Die 
Wahrnehmung der bergrechtlichen Angelegenheiten ist im übrigen mangels geeigneten 
Personals auf Seiten des Machsen durch Dahir vom 8. Juni 1914 (Nr. 30) der „DelegaciÖQ 
de fomento de los intereses materiales" übertragen worden. 

Nicht unerwähnt lassen möchten wir schließlich noch die Aufsätze von M. Ferrer: 
„Fischfang an der marokkanischen Nordküste" (in Nr. 11) und „Die Industrien in der 
spanischen Zone" (in Nr. 10) sowie diejenigen von R. Ruiz: „Der Stamm der Uadris" 
(in Nr. 3 und 4) und „Der Stamm der Anvra' (in Nr. 21 und 22). Henning 

T. Canaan, Aberglaube und Yolksmedizin im Lande der Bibel. Ab- 
handlungen de?; Hamburgischen Kolonialin.stituts XX. B. 12. Hamburg, 
L. Friederichsen & Co., 1914. Mit 6 Tafeln und äO Abbildungen im Text. 
XI. 153 S. gr. 8«. — M. 6.00. 

Dr. med. Tauliq Canaan behandelt im vorliegenden Buche ein schier unerschöpfliches 
Thema, das für Theologen, Mediziner und Volkskundler gleicherweise interessant ist. 
Die Vorzüge und Mängel der Arbeit sind schon in dem Beckerschen Geleitwort hervor- 
gehoben- Da das Ganze aus der Praxis eines europäisch gebildeten, eingeborenen Arztes 
stammt, der, wie ich aus persönlicher Bekanntschaft weiß, ein unbefangener Beobachter 
und ein zuverlässiger Arbeiter ist, so hat es allen .Anspruch, als wirklich verläßliches 
Material angesehen zu werden. Dieser Vorzug aber macht m. E. den Mangel vollkommen 
wett, der dadurch entstanden ist, daß dem Verfasser frühere Werke über sein Thema 
unbekannt bezw. nicht zugänglich geblieben und darum nicht zum Vergleich herange- 
zogen sind. Becker nennt Doutte, Magie et Religion d'Afrique du Nord. Daneben kommen 
aber unzählige gelegentliche Berührungen dieses Themas in Zeitschriften, Reisewerken u. a. 
Darstellungen in Betracht. Denn das Tiiema ist, \%'ie gesagt, unerschöpflich, und umfang- 
reich ist die Zahl seiner direkten und zufälligen Behandlungen. 

Aus dem reichen Inhalt des Buches seien folgende Abschnitte besonders hervorge- 
hoben : Die Krankheitsursachen, besonders die bösen Geister und der böse Blick. Die 
Behandlung, besonders die Schutzmittel gegen jene beiden, femer die Amulette und die 
Talismane, und endlich die Rezepte. Wertvoll für den Theologen und Religionshistoriker 
ist das Verzeichnis der Bibelstellen; schon dieses lehrt, daß der Zauberglaube des Orients 



168 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heß 2 



älter ist als der Hollcnisnms — gPgen Becker im Geleitwort; und hätte der Verfasser die 
Möglichkeit gehabt, eingehend die Beziehungen znm Zanberglauben des alten Babyloniens 
nnd selbst Egyptens nachzuprüfen, und darüber Angaben zu machen, so würde es noch 
deutliclier geworden sein, daß jener Glaube längst vor dem Hellenismus im Orient 
heimisch war. Hiermit soll aber ein späterer Einfluß des Hellenismus nicht geleugnet 
sein. Wertvoll ist ferner für den Arabisten, was der Verfasser an vulgärarabischem Sprach- 
material beibringt; einige kleine Inkorrektheiten der Schreibung u. a., die hier und da 
untergelaufen sind, wird der Kenner leicht selbst ins Reine bringen können. Alles in 
allem ist auch diese Arbeit Canaans als ein dankenswerter Beitrag zur Palästinakunde zu 
begrüßen. 

Zu den verschiedenen Geschichten, die der Verfasser erzählt, sei mir gestattet, aus 
meiner Sammlung eine mir als verbürgt bezeichnete Begebenheit aus dem mittel- 
palästinischen Dorfe 'en sinja mitzuteilen, welche die Bekämpfung der Unfruchtbarkeit 
einer Frau zum Inhalt hat. Ich gebe die Geschichte genau mit den dialektischen Eigen- 
heiten wieder, wie sie mir erzählt ist: uähöde min hännisiian Uli md big i'bin ulnd, bäqnt 
hätnde mart sdlih äbu häsän min 'in sinjä. hddi md chällät udsta mnUw'isdjit illa 
uistü'mdläthn. jöm mnilnjjdm uhi tläqqif idbil min tsarmhä uiddinjä sab, btihriq 
dänäb il 'a.^siir (für ' asfür). bäqö brahim hanmm min gifnö ichtjar, 'dgiz ufäqir 
ndjim fi bdb qasre uriqe ndsif mnil 'ätäs. lömmin sauuöbät hämde, igit tätitfdjä 
utitsällä md brahim. minhdn lähdn qdlät hämde : ja. mm (so!) tärä, bdsüf li uälnd, 
jilöqqit ma'i dbil min tiht immel — qdlhä brahim: allah t.sarim, ja bnnjjti, les md 
qulti li, innits md. bitgibis uldd gdi gdi; önä dauuet fdtme mart ifisen ahu ratta 
uhämdije imm 'dli urerhin tsidr utsülhin uärdhin uldd miü ilbäläh. qdlät hämde: 
uänä ja 'ämmi, md tdtini häddauö, bältsis allah nrzäqni chälqät uäläd jittritna. 
qdl: tajjib,' abenmä äsauuilits iddauä, ruhi mälh'U hälbrlq mniVenutd'i. iVen bäqnt 
b'ide, tächmin nu.?s sd'ä. fi rjdb hämde, ächäd issech brahim tarbOse, Uli min 'um^r 
sidna ni'ih ut.mn immddi mnil iiäsäch uil 'äräq uqahat 'an däjre usaimä mnil 
uäsäch ddbtdten idäff t.Hll udhäde fi uärqät sikdra, mdlihiq juchlu.% illa uhämde 
gdje btigri. hddä sirib tänne nmara.s. banden a'tähä dddbulten uqdlhä : chudi llele, 
lämmin tndmu, ddbiHe, uillele ggdje dda'bdle luchra. uinsalla bigits tom. uili 'alets 
tsill säne .?a 'ädäs. qdlät: marhäbdbäk btäbbe, mus b.sd\ hddi saimät mitl md qdlhä 
vrdhät ndqle. bdden gdbät sabi ugdmät gdbät läbrahim chartlf ut.^ämdh läljdm 
bdtarädäs'atsi.sha. „Eine von den Frauen, die nicht Kinder brachten, war Hamde, die 
Frau des Salih, Vaters des Hassan (Moslim). Diese ließ kein Mittel -unversucht. Eines 
Tags sammelte sie welke Feigen vqn ihrem Weinberg. Und es war heiß, es brannte der 
Schwanz der kleinen Vögel. Es war Ibrahim Hannun (Christ) aus Gifna, ein Alter, schwach 
und arm, schlafend in der Tür seiner Weinborgshütte, und sein Gaumen war trocken vor 
Durst. Als es der Hamde zu heiß ward, kam sie, um Schatten zu suchen und sich zu 
unterhalten mit Ibrahim. Nach diesem und jenem sprach Hamde: O daß ich doch erlebte 
ein Kind, das mit mir Feigen sammelte unter dem Baum (wörtlich: unter seiner Mutter). 
Sprach zu ilir Ibraliim : Allah ist gütig, mein Töchterchen, warum hast du mir nicht ge- 
sagt, daß du seither keine Kinder gebracht hast? — Ich habe behandelt Fatme, die Frau 
des Hussen, Vaters des Katta und Hamdije, die Mutter des Ali, und viele andre. Und sie 
alle haben Kinder hinter sich wie die Datteln. Sprach Hamde: Und ich, mein Onkel, wie, 
gib mir doch diese Medizin; vielleicht schenkt mir Allah ein kleines Kind, das uns beerbe. 
Er sprach : Gut, bis ich dir die Medizin bereite, geh, fülle mir diesen Krug von der Quelle 
und komm. Die Quelle war weit entfernt, etwa V/, Stunde. In der Abwesenheit der 



Literatur. T. Canaan. 169 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

Hamde nahm der alte Ibrahim seinen Tarbusch, der aus der Zeit unsres Herrn Noah war, 
und der (wörtlicli) verrostet war von Schmutz und Schweiß und schabte von seinem 
Rande und machte von dem Schmutz 2 Pillen und hüllte jede einzeln in Zigarettenpapier. 
Kaum war er fertig, siehe, da kam Hamde zurück. Er trank, bis er Leibschmerzen hatte. 
Dann gab er ihr die beiden Pillen und sagte ihr: Nimm diese Nacht, wenn ihr schlaft, 
eine Pille und die kommende Nacht die andre Pille. Hofl'entlich hast du Zwillinge. Und 
mir schuldest du jährlich ein Sa' Linsen. Sie sprach: Willkommen ! — Eine Tabbe (d.i. das 
doppelte Maß), nicht ein Sa'. Sie tat, wie er ihr gesagt, und wurde schwanger. Darauf 
brachte sie einen Knaben. Und sie brachte dem Ibrahim ein Scliaf, und er ißt auch bis 
heute Linsen aus ihrem Beutel." 

Königsberg, Pr. MaxLöhr 



NwmiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiHiiniiiiiiiiMiiHiiiiifiiiiiiiiiiiiiHin 



1 70 Die Welt des Islams, Band III. ic^iß, Heß 2 

IIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIItlllllimilllllHIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIilllllllll^ 



ZEITUNGSSOHAU; 

(Mit Einschloß allgemeiner Zeitschriften.) 

I. Atigemeines (Religion und Kulturgeschichte des Islams). 

Zunächst möchte ich hier noch einige Nachzügler nennen zu dem Thema „Heiliger 
Krieg", deren Verfasser sich auch schon in den in der letzten Zeitungsschau erwähntaa 
Aufsätzen darüber geäußert haben, die ich daher nur kurz aufführen möchte; es sind: 
Ewald Banse, „Orient und Islam iiu Weltkrieg" (Westermanns Monatshefte Heft 6 
S. 931), Max Roloff, „Der Islam und der "Weltkrieg" (Schwäbischer Merkur 12. Januar 
1915), Max Roloff, „Der Heilige Krieg des Islams" (Die Hilfe 8. April 1915), General- 
leutnant Im ho ff, „Der heilige ICrieg" (Der Volkserzieher 1915 Nr. 1), Ernst Jäckh, 
„Der heilige Krieg des Islams" (Über Land und Meer 1915 Nr. 15 S. 266 ill. mit Fak- 
simile der Originalniederschrift des Fetwa). Dieser letzte Aufsatz geht in dem schiefen 
Vergleich der islamischen Kirche mit der christlichen viel zu weit. 

In seinem Artikel „Zur Lage im Orient" (Hannoverscher Courier 16. Januar 1915) 
lenkt Oberstleutnant Frobenius die Aufmerksamkeit darauf, daß die Verkehrsverhält- 
nisse des Orients bei weitem nicht mit denen Europas zu vergleichen sind. Daher kann 
die Vorbereitung und Organisation der einzelnen Völkerschaften zum Heiligen Kriege nicht 
so schnell vor sich gehen. Ferner müssen die einzelnen Kriegerscharen, wie die Senussi 
oder die Afghanen, zu gleicher Zeit auf einen Wink von Stambul hiu losschlagen, xmi 
nicht einzeln von den Feinden vernichtet tu werden. Ehe aber dies, von der Zentrale in 
Stambul aus geleitet, geschehen kann, muß die Türkei selbst erst die vorhandenen Schwie- 
rigkeiten überwinden, da von ihren Truppen und ebenso natürlich von den dauernden 
Truppen- und Verpflegungsnachschüben hunderte von Kilometern auf teils sehr schwie- 
rigem Gelände zu Fuß zurückgelegt werden müssen. 

Eine Erwiderung auf Snouck Hurgronje's Schrift „Heilige Oorlog made in Gerniany" 
(= De Gids .Tan. 1915) schreibt C. H. B e ck er in der Internationalen Monatsschrift Heft 7 
(15. Februar 1915 „Deutschland und der Islam").* Zunächst gibt der Verfasser ein Referat 
über Sn. H.s Arbeit, die er kurz mit den Worten charakterisiert: „eine gegen die deutsche 

Politik gerichtete Schmähschrift , die auf Bestellung von England und Frankreich 

nicht wirkungsvoller hätte geschrieben werden können". In einem zweiten Abschnitte 
wendet sich Becker gegen S. H.s Behauptung, wir hätten durch den Dschihad „mittel- 
alterlichen Glaubenshaß" gegen imsere Feinde erregt. Weshalb soll die Türkei das ihr zu 
Gebote stehende Mittel des Glaubenskampfes nicht benutzen, da die moderne Türkei 
doch zu einer „muhamni edanischeu Großmacht, die Andersgläubige als vollbe- 
rechtigte Bürger anerkennt, also nicht der Kalifenstaat im Sinne der Scheria, sondern in 
einem neumodisclien Sinne" geworden ist? Die Bedeutung des islamischen Charakters hat 

1 Vgl. Bd. H S. 372ff. und Bd. III S. 87 ff. — Wir bitten unsere Leser und Freunde wie- 
derholt, uns auch weiter im Ausbau der „Zeitungsschau" durch Zusendung geeigneter 
Zeitungsaufsätze zu unterstützen. Die Aufsätze werden in unserer Bibliothek aufbewahrt 
und auf Wunsch zur Benutzung ausgeliehen. 

* Vgl. jetzt auch noch Becker's Aufsatz „lalarapolitiek" in De Gid.s vom Mai 1915 S. 311 
bis 317. 



ZeitungsscJum. 171 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH 

sich folgerichtig in ihr entwickelt 1) durch die schlechten Erfahrungen bei dem Neben- 
einander von Christen und Muharamedanern im Heere, 2) durch das Resultat des Balkaa- 
krieges, der eine erhebliche Verminderung der christlichen Untertanen, aber durch Ein- 
wanderung eine Vermehrung der muhammedanischen herbeiführte, 3) durch die Heran- 
ziehung der Araber zur Stärkung der in der Minderzahl sich befindenden Türken, was 
u ur auf der gemeinsamen islamischen Basis geschehen konnte. Eine feierliche Erklärung 
durch ein Fetwa war völlig überflüssig, weil jeder Krieg der Türkei ein Dschihad ist — 
da hat S. H. vollkommen recht; aber das Fetwa sollte der Bevölkerung nur klar legen, 
daß jetzt eine Gemeinde- oder Individnalpflicht vorliegt, ein Dschihad akbar, wie es jetzt 
die türkischen und arabischen Zeitungen nennen ; was übrigens auch wieder auf eine den 
Zeitaufgaben angepaßte Umwertung deutet. Sn. H., ganz im Banne der englisch-französi- 
schen VerdächtigTingen, sucht eb«n alle, auch die kleinsten Indizien zusammen, die seine 
These, der Dschihad made in Germany, wahrscheinlich machen. Der dritte Abschnitt ent- 
hält eine positive Darstellung: „Was die deutsche Islampolitik eigentlich war und welche 
Methoden sie befolgte". Deutschland sah in der Türkei zunächst ein Betätigungsfeld seiner 
wirtschaftlichen Interessen, dann aber auch eine Militärmacht für den Fall kriegerischer 
Verwicklungen mit England oder Rußland. Man mußte sich aber bei der Türkei „als 
fiemder Macht und nicht als eingeborenem Malayenstaat" mit der jeweiligen Regierung- 
gut halten. „Der Kalifatsgedanke, zusammengehalten mit den Selbständigkeitsbestre- 
bnngen der fremden (d. h. der nicht türkischen) Muhammedaner, mußte jedem Bundea- 
genossen der Türkei eine Waffe, sei es gegen seine eigenen aufsässigen muhammedani- 
schen Untertanen, sei es gegen die großen europäischen Islammächte, in die Hand geben". 
Deutschland hat ihn nicht ausgenutzt, obwohl es ihn — Fürst von Bülow hat es kürzlich 
ausgesprochen — sah. Man wollte nur „durch Betonung unserer Türkenfreundschaft, durch 
Anerkennung deä internationalen Zusammenhanges des Islam als Freunde der Muhamme- 
daner schlechthin erscheinen", und ließ daher jeden in Deutschland ruhig seine eigene Mei- 
nung aussprechen. Ebensowenig durfte Deutschland die Türkei an der Erklärung des Dschi- 
had hindern : es ist nicht der Dschihad der veralteten Scheriabücher, sondern die Beteiligtea 
„sind erwachende Nationalitäten, es ist das Asiatentum, das noch auf die überkommene 
Formel der gemeinsamen Religion hört, das damit aber schon ganz andere Begriffe von 
Freiheit und Selbstbestimmung verbindet". Ebensowenig hat dieser Dschihad betreffs der 
Zerstörung der Kulturwerte etwas zu sagen : denn Krieg ist Krieg, und zweitens wird es 
„nirgends *- aitßer etwa in Marokko — zu einem das europäische Kulturwerk ernstlich 
bedrohenden Aufstand kommen, so lange die europäischen Kolonialmächte ihrer politi- 
schen Autorität den nötigen militärischen Nachdruck zu geben wissen". Das ist aber der 
Hauptzweck der ganzen Sache, nämlich unsere Gegner zu zwingen, ihre Streitkräfte zu 
zersplittern. Der andere Hauptzweck ist, daß durch den Dschihad „dem türk-arabischen 
Heere eine geschlossene ideelle Basis gegeben wird." Holland kann vollständig beruhigt 
sein, da es mit seinem islamischen Besitze sehr weit vom Schauplatz der Ereignisse ab- 
liegt und seine Kolonien so wenig türkische Beziehungen haben. Die deutsche Regierung 
wird gewiß noch unangenehmer als die holländische durch die türkischen und arabischen 
Flugblätter berührt sein, die enthalten: „Djawa [= Java] den islamischen Dschawas". 
Daraus erhellt noch mehr, „daß nämlich der heilige Krieg wohl von Deutschland als 
Kampfmittel der Türkei anerkannt wird, aber ganz gewiß nicht made in Germany ist". 
Unberechtigt und unsinnig ist selbstverständlich der Vorwurf Sn. H.s : man wolle aus der 
Türkei ein „deutsches Protektorat" machen ! Nach einem siegreichen Krieg läßt die Türkei 
sich das nicht gefallen, nach einem nicht siegreichen Kriege hat Deutschland seine Rollo 



172 Die Welt des Islams, Band III. jgiß, Heft 2 

Hiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

in der Türkei ans^^espielt. Derartige Schlagworter können nur den Zweck haben, die 
Türkei mißtrauisch gegen uns zu machen. Das aber wäre eine Sdiädignng für uns wie für 
sie. Auch von türkischem Standpunkte aus ist der Dschihad unanfeclitbar: ,,die Türkei 
ist nun einmal der Islamstaat, aber der Islamstaat europäischer Färbung, d. h. mit Gleich- 
berechtigung der christlichen Staatsbürger." Zum Schluß betont Becker noch die Hoch- 
schätznng des verdienten Islamforschers Sn. H. deutscherseits, der leider mit dieser Bro- 
schüre gänzlich entgleist ist. 

Auf diesen Becker'schcn Aufsatz entgegnet C. Snouck Hurgronje in der Internatio- 
nalen Monatsschrift Jahrgang 9 Heft 10 (1. Mai 1915) in einer „Erwiderung", der C. H. 
Becker auf Spalte 1034 ein „Schlußwort" folgen läßt. Sn. H. will hier „einige Mißver- 
ständnisse zu beseitigen suchen" : ich hebe daraus (im Anschluß an obige Wiedergabe des 
Becker'schen Artikels) nur folgende Ausführungen hervor: Das Zukunftsbild des deutsch- 
türkischen Bundes sc;hließt, nach Sn. H's. Überzeugung, eine ausgesprochene Abliängigkeit 
der Türkei von Deutschland in sich". Ohne ein solches Abliängigkeitsverhältnis, sagt er 
weiter, ist es nicht möglich, daß das in materieller sowie in intellektueller Hinsicht so un- 
endlich überlegene Deutschland die Aufgabe der notwendigen Reformierung des türkischen 
Staatswesens vollführte. „Ob nun die Rolle Deutschlands für den vorgesetzten Fall als die 
des Vormundes, des Protektors oder wie auch anders bezeichnet wird, scheint mir neben- 
sächlich, und jedenfalls liegt in jenen Bezeichnungen nichts Verwerfliches, denn je mehr 
das Verhältnis den Charakter der Vormundschaft oder des Protektorates erlangen würde, 
um so höher wäre seine moralische Bedeutung, viel höher jedenfalls als die eines politi- 
schen Bündnisses auf der Grundlage der fiktiven Gleichheit". Im weiteren betont Sn. H., 
daß er von der deutschfeindlichen Literatur, wie englische Zeitungen usw., nichts zu Ge- 
sicht bekommen habe und daß seine Darlegiingen nichts anderes enthielten als die Anwen- 
dung seiner seit Jahrzehnten vertretenen Ansichten auf die jüngsten Ereignisse. Über den 
Dschihad äußert er sich folgendermaßen: diejenigen Schichten der muslimischen Bevöl- 
kerung, an welche sich der Aufruf zum allgemeinen Dschihad richtet — nämlich der Pöbel 
und die Reaktionären xinter den Schriftgelehrten — denken sich dasselbe dabei, was sich 
ihre Ahnen dabei gedacht haben. Die Vornehmen, die Intellektuellen, die Kaufleute sind 
allenthalben den Ideen des Kalifats und des Dschihads entfremdet \ind abgeneigt und 
auch für eine juugtürkische Neuschöpfung derselben wenig empfänglich. Daher können 
daraus höchstens von fanatischen Banden angestiftete lokale Unruhen und Morde ent- 
stehen. Im Anschlüsse daran spricht Sn. H. offen die holländischen Kolonialsorgen aus, 
daß der Dschihad nur dazu geeignet sei, das gute Verhältnis der Mohammedaner xsieder- 
ländisch-Indiens zum niederländischen Volke und seiner Regierung zu verderben. Dann 
sagt er; die Türkei faßte erst durch Deutschland gestärkt den Mut, den Glaubenskrieg zu 
verkünden. Aus diesen Gedanken heraus ist der Protest gegen die deutsche Islampolitik 
entstanden. „AVäre es mein eigenes Vaterland, welches in schwieriger Lage zu einem ähn- 
lichen Mittel gegriffen hätte", sagt Sn. H., „so würde ich noch viel heftiger dagegen 
protestieren". 

In seinem Schlußwort weist Becker darauf hin, daß die Meinungsverschiedenheiten 
zwischen ihnen weniger wissenschaftlicher als politischer Natur seien, und hebt den ver- 
söhnlichen Ton der „Erwiderung" Sn. H's. hervor. Jetzt sind auch, wie aus Sn. H's. Er- 
widerung hervorgeht, die Motive seines Vorgehens zu begreifen, nämlich die holländische 
Kolonialpolitik; Sn. H. hat daher „in einer gewissen Notlage gehandelt, die auch ein 
schärferes Auftreten entschuldbar erscheinen läßt". Vom holländischen Stand- 
punkte ans — dessen Vater gerade Sn. H. ist — , der die langsame Heranziehung der 



Zeitungsschmi. \ 173 

niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiHiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiH 

Mohammedaner zu VoUbürgern eines neuen größeren Holland bezweckt, ist das Verbot 
einer Lehre der Dschihadvorschriften der Scheria in Niederländisch-Indien, und mithin 
eine energische Stellungnahme gegen jeden panislamischen Anspruch der Türkei voll- 
auf berechtigt. Da nun der Standpunkt der Türkei nach entgegengesetzter Seite ge- 
richtet ist, so „besteht also ein großer sachlicher Interesse ngegensatB 
zwischen den Sn. H.'schen Kolonialidealen und der von Deutschland gestützten Politik 
der Türkei", was man nur aufrichtig bedauern kann. Becker erwartet als die wahrschein- 
lichsten Folgen dieses Krieges, „daß die muharamedanischen Kolonialunter- 
tanen überall eine freiere und bessere Stellung gegenüber ihren 
kolonialen Herreu erlangen werden". So wird der Krieg indirekt noch die 
kolonialpolitischeu Forderungen Sn. H.'s. t"orderu helfen. „Unsere Methoden scheinen in 
unvereinbarem Interessengegensatz, aber wir haben doch schließlich das gleiche ideale 
Endziel". 

Prof. Dr. Martin Hartmann führt in der Zeitschrift „Weltwirtschaft" (Jan./Febr. 
1915 S. 255 „Die weltwirtschaftlichen Wirkungen des heiligen Krieges") aus: Ein „Sta- 
pelplatz und Umschlageplatz" größten StUes in der Türkei kann nur Basra werden (vgl. 
die Aufsätze Hartmanns unter Türkei und Irak dieser Zeitungsschau), als Endpunkt einer 
unter deutschem Betriebe stehenden Linie : Bagdadbahn Stambul — Sofia — Berlin — Ant- 
werpen. Aber ehe die „Türkei als ein Glied der gToßeu weltwirtschaftlichen Gemeinschaft 
gelten kann, hat sie in der Eigenwirtschaft noch bedeutende Fortschritte zu 
machen". Dafür sorgen durch Hebung des nationalen Lebens Leute wie Mehmed 
Emin, Aktschura Ogli Jusuf und andere, und dafür muß durch kulturelle Schulung 
Deutschland sorgen. — Das gegenwärtig durch den Aufruf zum heiligen Kriege wieder 
neu erwachende kirchliche Leben im Islam scheint ein weltwirtschaftliches Zusammen- 
arbeiten der in den einzelnen islamischen Ländern sich bildenden Eigenwirtschaften zu 
begünstigen. Eeich gegliederte islamische Küstengebiete sind als Bedingung für eine nur 
von Muslimen betriebene Seeschiffahrt gegeben, so daß die islamischen Völker es nicht 
mehr nötig haben, „die großen Kanäle zu speisen, in welche die fränkische Hochkultur 
die Weltwirtschaft lenkte". Die Türken sehen heute sehr gut, daß ein Bündnis mit Per- 
sien und Afghanistan militärisch ihnen von großem Nutzen sein würde, aber an einen 
wirtschaftlichen Anschluß, von dem die Tüi-kei wichtige Antriebe erhalten könnte, denken 
sie kaum. Der deutschen wirtschaftlichen Aktion würde dies nur neue Quellen erschließen. 
Zu beachten ist, daß dabei ein gesicherter, aber den Handel nicht unterbindender Grenz- 
schutz gegen Rußland an der kaukasischen und turkestanischen Grenze bestehen muß. 
Eine solche Staatengruppe bedarf zu ihrer Ergänzung der egyptischeu Provinz, „erst mit 
dem auf freieste Weise angeschlosseueu Egypten kann die Türkei zu deiu gelangen, was 
notwendige Ergänzung ihrer weltwirtschaftlichen Bemühungen ist : Schatfung einer Han- 
delsflotte, die im nationalen Dienste steht und die ihre Beziehungen zunächst nach den 
ausgedehnten islamischen Gebieten im Osten und Westen zu knüpfen hätte". Aber „alles 
kommt darauf an, daß die führenden Männer nicht bloß, sondern auch die Völker sich 
stets bewußt sind, daß Gott nicht mit denen ist, die ihm einen Kult nach bestimmten 
Formeln weihen, sondern mit denen, die die tüchtigsten Kämpfer mit den besten Waäen 
auf moralischem und materiellem Kampfplatz stellen". 

Über den „Mahdi als idealen Erlöser" schreibt Prof. M. Nermi, Müderris der theo- 
logischen Fakultät „Dar-ul-Hilafe" in Konstantinopel, in der Vossischen Zeitung vom 
17. April 1915. Alle Völker „tasten nach befreienden Symbolen, wenn wütende Stürme 
den Grund ihrer Seele aufwühlen", so haben die Inder ihren Ramä, die Hebräer ihren 



174 Die Welt des Islams, Band III. 191 3, Heft 2 

'iiiiiiiiiiiHiiiiyiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiMiiiiiMiniHiiiiiiiiiiiiifmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiuiiHiiiin 

Moses als Malidi. Muhamnied nun, der das Glück und die Ruhe Syriens nnd dagegen die 
schrecklichen Zerwürfnisse zwischen den Stämmen seiner Heimat gesehen hatte, ahnte 
bei den jährlichen Zusammenkünften der arabischen Dichter nnd den gemeinsamen Be- 
suchen der heiligen Orte die „Wirklichkeit eines gemeinsamen arabischen Bewußtseins". 
„Ein herrlicher Friede sollte über einer ruhigen Atmosphäre in Arabien herrschen". Und 
an dem Tage von Uhud fühlte er „das Geheimnis der endlosen Straße, des Jenseits aller 
Dinge und den Znsammenhang des Individuums mit dem Jenseits", und es ward ihm die 
Offenbarung: „Der Islam sollte in Freiheit leben, die Freiheit vergöttern, und, selbst, 
wenn zerstreut und ohnmächtig, sich um den Mahdi scharen, also die ideale Erlösung und 
Macht sich stets verengen halten!" Gegen sein Ende faßte er den Mahdi als die „Ge- 
stalt, welche den Islam erretten soll". Theologische Abhandlungen sprechen dann von 
seinem Erscheinen in einer Zeit tiefsten Niederganges. „Dies die anekdotische Form des 
Ideals der Unabhängigkeit. Und dieser Erlösungstraum wird im Islam gleich einer spino- 
zistischen Notwendigkeit ewig fortleben, da das Ideal keine absolute Kristallisation finden 
wird". So suchen die Muslime einen Pfad, um über das gewöhnliche Ziel hinaus zu pil- 
gern. „Der Mahdi des Islams ist kein zerstörender, kein auflösender Prophet, sondern ein 
zärtlicher, aufbauender und organisierender Mahdi". 

Die bei uns teils weit verbreiteten falschen Ansichten über die islamische Frau will 
Max Roloff in seinem Aufsatze „Die mohammedanische Frau und ihr Einfluß auf ihre 
Umgebung" beseitigen helfen. (Schlesische Volkszeitung 15. April 1915). Mit Recht be- 
tont der Verfasser, daß die Polygamie in der Türkei durchaus eine Seltenheit ist und daß 
«elbst in polygamistischen Ehen die Stellung der Frau gesellschaftlich, wenn auch eine 
andere, so doch durchaus nicht tiefer ist als bei uns. Ihr Einfluß auf die Kinder ist sehr 
groß, aber sie weiß auch, besonders die ältere Frau, auf ihren Mann einzuwirken, und 
somit auch auf das öffentliche Leben. 

In dieser Absicht macht auch Dorothea G. Schumacher einige dankenswerte 
Ausführungen über das „morgenländische Liebesleben", von dem man bei der frühen Ver- 
mähluBg im Orient eigentlich erst nach der Eheschließung sprechen kann. (Über Land 
und Meer 1915 Nr. 29.) 

Dieselbe Verfasserin spricht in der Zeitschrift „Zeit im Bild" (28. März 1915) 
über „christlich-muhammedanische Ehen", die zwar im Mittelalter schon vorkamen, die 
aber erst seit wenigen Jahrzehnten objektiver aufgefaßt werden. Heute sind die Fälle, wo 
ein Muslim mit einer Christin in durchaus glücklicher Ehe lebt, weit häufiger. Aiich wo 
ein Muslim neben einer mubammedanischen Gattin noch eine Christin zur Frau hat, ist 
dies nicht einseitig zu beurteilen, sondern da liegen häufig „geradezu humane, edle Be- 
weggründe" vor. 

Über die Kunst des Islams, besonders die Miniaturmalerei, die im XV. Jahrhundert 
unter Timur und seinen Nachkommen in Persien und den benachbarten Ländern in lioher 
Blüte stand, spricht Dr. A. Hauber (Tübingen) im Schwäbischen Merkur (21. Januar 
1915 „Zum Kulturproblem des Islam".) 

W. Die einzelnen Länder. 

1. Balkan. 

Leopold Mandl schildert in der Vossischen Zeitung (27. Dez. 1914 „Der heilige 
Krieg in "Wien"), wie der k. und k. Militärimam, der wie die anderen Feldgeistlichen 
Hauptmannsrang hat, in einer Wiener Kaserne dem bosnisch-herzegowinischen Jäger- 
bataiDon Nr. 1 — mehr als 600 Mann von den 1100 sind Muhammedaner — vor dem 



Zeitungssdiau. 175 

HiffliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiimiiiiiiiMiiiiiH iiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 

öffentlichen Freitagsgebet, der Donwa (bei den bosnischen Muselmanen gleich Salat al- 
dschum'a), die Fetwa über den heiligen Krieg verliest. 

2. Türkei. 

Prof. Dr. Martin Hartmaun sagt in der Deutschen Levante-Zeitnng (1. Jannar 
1915 „Der heilige Krieg und seine Wirkungen für die Türkei"): Das augenblickliche 
Streben nach dem politischen Zusammenschluß der Islarawelt wird besonders für die 
Türkei auch einen engeren wirtschaftlichen Zusammenschluß mit eben diesen Gemein- 
wesen zeitigen. Zum bedeutendsten Hafenplatz der Türkei muß Basra erweitert werden, 
daher ist die nächste Aufgabe, den Schienenweg Bagdad-Basra in Angriff zu nehmen. Eine 
ernsthafte Bedrohung dieser Strecke durch die Beduinen ist wohl jetzt nicht mehr zu be- 
fürchten, da diese infolge der Dschihadbewegiing der Türkei gegenüber eine freundlichere 
Haltung einehmen. Aber immerhin muß an einer Käumang des Irak festgehalten werden. 
Dann müssen die beiden großen Linien Konstantinopel-Aleppo-Basra und Konstantinopel- 
Aleppo-Medina mit den nötigen Zweigbahnen -versehen werden, deren Bau wohl durch 
den jetzigen Zusammenschluß der Islamwelt erleichtert ist. So könnte Konstantinopel 
(im Znsammenhang mit einer Verbindung Antwerpen-Berlin-Konstantinopel) zu einem 
größeren Brennpunkte des AVelthandels werden, namentlich für die Eohprodukte Klein- 
asiens. Dabei dürfen natürlich, wie auch hervon'agende Türken einsehen, kleinere Zentral- 
punkte in Kleinasien nicht unterdrückt werden. Aber die Türkei muß ihre Zivilverwal- 
tung auch „Fremdvölkischen" zugänglich machen (das Heer mag sie ihnen abschließen). 
Ferner müssen die Türken für eine Hebung ihres Mutterlandes Anatolien sorgen, dessen 
Bevölkerung bei den früheren Kriegen sehr gelitten hat. Vielverheißend wäre eine 
Übersiedlung größerer Mengen von Wolga- nnd Krim-Türken nach Anatolien (der 
Widerspruch Rußlands wäre durch den jetzigen Ivrieg zu breciien) und ein enges Zusam- 
menwirken der Türken mit ihren Brüdern aus Rußland. 

Nach kurzer Darstellung der Beziehungen Preußen-Deutschlands zur Türkei seit den 
Zeiten Friedrichs des Großen, der 1763 mit der Türkei ein Bündnis schloß, behandelt 
Generalleutnant Imh off in der Deutschen Kolonialzeitimg Nr. 2 tind 3 (20. Februar und 
20. März 1915 „Das Eingreifen der Türkei in den Weltkrieg und die Bedeutung einer 
dauernden Interessengemeinschaft zwischen ihr und Deutschland") den jetzigen Stand 
der orientalischen Frage. Alsdann bespricht er die verschiedenen Faktoren, auf denen 
die Bedeutung einer dauernden Interessengemeinschaft zwischen Deutschland und der 
Türkei beruhte und noch beruht: in militärischer Beziehung gilt es, eine „starke 
schlagfertige Türkei in die politische Rechnung des deutschen Reiches" einstellen zu 
können. Bei Behandlung der w irtschaftlichen und handelspolitischen Bezie- 
hungen schlägt der Verfasser folgende Funkte vor: eine Vermehrung türkischer Handels- 
agenten, welche der deutschen Sprache mächtig sind, sowie die Schaffung von Hotel- und 
Warenhausbesitzern, von Krankenhäusermind Apotheken im türkischen Hinterlande, die 
deutschen Interessen dienen; ferner die Vermehrung der Konsulate im Innern des Landes 
nnd die Gründung einer Dentschlandskorrespondenz in den dortigen Zeitungen ; vielleicht 
auch die Vertreibung von Katalogen nnd Geschäftsanpreisungen und die Veranstaltung 
permanenter Ausstellungen deutscher Industrie in der Türkei. In wissenschaftlicher 
und sprachlicher Hinsicht empfiehlt der Verfasser unentgeltlichen deutschen Unter- 
richt an freiwillig sich meldende Türken ; systematischen Büchervertrieb von Werken, in 
welchen die Geographie, Macht und Industrie von Deutschland behandelt werden ; die 
Schafiiing von türkischen Zeitungen mit deutschem Text und ein ausgedehnteres Inhe- 



176 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft 2 



rieren in türkischen Zeitungen. Zum Schlüsse fordert er auf, in die den deutscheu Ein- 
fluß in der Türkei fördernden Gesellschaften einzutreten und sie zu unterstützen, näm- 
lich das „Deutsche Vorderasien-Komitee", die „Deutsch-türkische Vereinigung", die 
„Deutsch-Armenische Vereinigung", den „Dentsch-osmaiiischen Freundschaftsbund" und 
die „Deutsche Gesellschaft für Islamkunde". 

Beachtenswert sind die Anschauungen des Prof. M ustafa Nermi, Müderris der theo- 
logischen Fakultät „Dar-ul-HUafe" in Stambul, die er in der Vossischen Zeitung über 
Frankreich, Deutschland und die Türkei vertritt (26. März 1915 „Die ewige Rasse und 
der Islam"). Kr sagt an einer Stelle zusammenfassend: „Der Deutsche und der Franzose 
sind einander psychologisch durchaus entgegengesetzt. Der Deiitsche empfindet in rei- 
chem Maße die „geheiligten Güter" der Gesellschaft, der Franzose behandelt sie als Welt- 
kind. Der Deutsche besitzt ein festes und entschlossenes Bewußtsein, der Franzose eine 
tiefsitzende Unruhe, eine paralysierte Seele." Und weiter: „Das Rom unserer Jahrhunderte 
[=Deut8chland] will herrschen, und das zerbrechliche Karthago [^Frankreich] geht seinem 
Todesschicksal entgegen." Das siegende Deutschland wird sich die aus dem Erwachen 
der Türkei strömende islamisch-geschichtliche Kraft gut nutzbar machen können, „indem 
es das türkische Reich, als Vertreter des Islams, festigt, indem es die Mittel vorbereitet, 
alle Moslems auf direktem oder indirektem Wege mit seiner geistigen Höhe in Verbindung 
zu bringen." Und wenn „eine starke, die Lage im Orient beherrschende Türkei" da steht, 
dann wird der deutsche Einfluß bis in die entferntesten islamischen Gegenden reichen. 
Denn „außer der militärischen, wird Deutschland eine moralische Eroberung in der mus- 
limischen Welt machen, die seiner wirtschaftlichen und industriellen Ausdehnung zu gute 
kommen wird". Dann findet der Verfasser eine „schöne Übereinstimmung der Seele des 
Türken und der Seele „der ewigen deutschen Rasse" in dem beiden gemeinsamen „kate- 
gorischen Imperativ". Der Einfluß der deutschen Kultur wurde in der Türkei seit der 
Revolution immer stärker, während man in der Türkei selbst sich auch mit den Problemen 
der religiösen Reform zu beschäftigen begann (namentlich Gog Alp Zia Bey). „Den Deut- 
schen ist es aber anheimgegeben, uns das Werk des Wiedererwachens zu erleichtern." 

Über „die Türkei nach Abschaflung der Kapitulationen" spricht Dr. M. Saadi B ey in 
der Vossischen Zeitung vom 6. April 191.J. Diese waren als Ausnahmegesetze, welche die 
Bürger hinter den Ausländern zurücksetzten, „der wahre Grund der Armut, Schwäche 
und des Unglücks der Türkei." Die Bauern hatten trotz ihrer Arbeitsamkeit infolge der 
schweren Lasten unter Not zu leiden. Ferner vermochte die Türkei auch nicht die er- 
forderlichen Mittel für Wohlfahrt und Sicherheit durch die Steuern aufzubringen, da die 
Festsetzung der Steuern einerseits in den Händen der Mächte^ lag, andererseits die frem- 
den Unternehmungen, die größere Steuern hätten einbringen müssen, steuerfrei waren. 
„Ein keineswegs hervorragend begabter Fremder konnte in der Türkei rasch zu Vermögen 
kommen, während ein Türke von gleicher Befähigung in seinem eigenen Vaterlande kaum 
sein knappes Auskommen fand. Dies und nicht, wie vielfach in Europa angenommen 
wurde, die Trägheit der Türken, verursachte den Niedergang des türkischen Reiches." 
Der Verfasser führt dann den Brief eines Engländers an, der die loyale Haltung der 
Türken gegenüber den Fremden bei Kriegsausbruch hervorhebt, ferner die Mitteilung 
des Kammerpräsidenten Halil Bey über die Gründung einer türkischen Handelsgesellschaft 
in Smyrna zur Ausfuhr von Früchten nach Europa, die jetzt schon die Hälfte der Kund- 
schaft einer englischen Gesellschaft an sich gerissen habe. „Die Türken haben gute An- 
lagen für Handel und Gewerbe, und auch das Landvolk ist tüchtig, nur waren die bis- 
herigen Bedingungen zu ungünstig, um etwas zu erreichen." 



Zeitung-sschau. 177 



Ein Ordens mann, der 27 Jahre in der Türkei weilte, betrachtet die „Allianz 
mit der Türkei" als eine Annäherang des Halbmondes aa das Kreuz und bringt eine 
Reihe von Belegen für die loyale Haltung der Türkei gegenüber den Andersgläubigen. 
(Die Petrasblätter 1914/15 Nr. 16.) 

Die drei Religionen und noch mehr Sekten, die von den Mauern Stambuls umfaßt 
werden, stehen sich heute in der gegenseitigen Duldung näher als je, sagt EmilLudwig 
im Berliner Tageblatt (14;. IV. 15 „Die drei Ringe von Byzanz"). Der Verfasser schildert 
dann den Kultus bei den armenischen Christen, den Griechen, den spagnolischen Juden 
und einen Besuch in der Aja Sofia. 

„Diplomatikus" gibt in der B. Z. am Mittag (9. März 1915) eine kurze Karakte- 
ristik und Lebensbeschreibung des bei Kriegsausbruch zurückgetretenen türkischen 
Finanzministers Mehmed Dschawid Bey (geb. 1867 zu Saloniki), der sich würdig den übrigen 
Finauzgrößen Europas anreiht. Von Interesse ist die Wiedergabe einer seiner Äußerungen 
über das Zusammenarbeiten der Zentralmächte mit der Türkei, aus der ein unbedingtes 
Vertrauen in den Sieg der deutschen Waffen und den Erfolg des späteren Zusammenar- 
beitens spricht. Derselbe gibt auch in der B. Z. am Mittag (31. März 1915) einen Bericht 
über den Aufenthalt des türkischen Kammerpräsidenten „Halil Bey in Berlin." 

Eine „Unterredung mit dem Sultan" Muhammed V. schildert Emil Ludwig im Ber- 
liner Tageblatt (7. April 1915). Ich hebe neben der Bewunderung, die der Sultan den 
deutschen und österreichischen Truppen und den deutschen Offizieren bei den Darda- 
nellen zollte, folgenden für die modern denkende Türkei charakteristischen Ausspruch des 
Sultans hervor: „Alles ist Kader, aber man muß trotzdem immer tätig sein." Derselb e 
berichtet auch über Unterredungen mit dem Großwesir Said Halim und dem Minister des 
Innern Talaat Bey (Berliner Tageblatt '1\. April 1915 „Zwei Audienzen"). Es sind zwei 
ganze Männer, ein geschmeidiger älterer und ein junger, willensfroher, die sich sichtbar- 
lich ergänzen. Ich möchte hier zwei Aussprüche des Ministers mitteilen: „Wir wollen 
nach deutschem Muster vieles reorganisieren. Aber — Sie werden es gerecht finden, wenn 
wir das alles selb st machen wollen! Wir müssen Herren sein im eigenen Hause. Alle 
Kapitulationen sind aufgehoben!" und „Ich will Ihnen jetzt den Grund sagen, warum 
wir in den Krieg eingetreten sind. Wir mußten unsere Unabhängigkeit sichern und wir 
glaubten, daß wir am besten an der Seite Deutschlands abschneiden würden. Wir haben 
lange nachgedacht ". 

Als Vertreter der reKgiös-politischen Ideen dieses Krieges, sagt Dr. M. Saadi Bey 
in der Vossischen Zeitung (10. Februar 1915 „Tanzende Derwische in der Front"), ver- 
dienen die Mewlewi-Derwische, aus denen ein Freiwilligenkorps gebildet worden ist, be- 
sondere Beachtung. Der Verfasser schildert kurz die Entstehung, Lebensweise und reli- 
giösen Übungen dieses Derwischordens'. 

Über den Abschied der Mewlewi-Derwische vom Sultan im Hof der Moschee von Dolma- 
baghtsche berichtet Dr. LeoLedererin der Berliner Morgenzeitung (23. Februar 1915 
„Die Fahne der Mewlewi"). Dann spricht er von den türkischen Frauen, welche die Mu- 

' Vgl. Martin Hartmann, Unpolitische Briefe aus der Türkei, Leipzig 1910 S. 10 ff. u. 
191 f. Interessant ist die folgende Stelle des obigen Aufsatzes von Saadi Bey : „Die Arme 
sind bei dem Tanze gerade nach beiden Seiten ausgestreckt, die eine Hand ist nach oben 
gekehrt, wodurch symbolisch angedeutet wird, daß die Seele weit offen ist, um die 
göttliche Erleuchtung zu empfangen ; die andere Hand weist flach nach unten und drückt 
die Verachtung der irdischen Güter und der irdischen Vergänglichkeit aus." 

Die Welt des Islam«, Band III. 12 



178 Die Welt des Islams, Band HL igiß, Hejt 2 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

nition infolge der schlecliten Verkehrsmittel kilometerweit bis in die Kampfreilien ihrer 

Männer tragen. 

Dr. Karl Soll stellt in der Vos»isclien Zeitung (7. April 1!)15 „Goldenes Vließ und 
goldenes Hörn") die wichtigsten Kämpfe um und an den Dardanellen seit dem Altertum 
zusammen. P^ine eingehende Beschreibung der Dardanellenbefestignngen mit einigen 
Skizzen gibt Prof. Dr. Leo Brenner in der Frankfurter Zeitung (23. März 1915 1. Mor- 
genblatt) unter dem Titel „Der Kampf um die Dardanellen." Generalleutnant Imhoff 
führt in der Vossischen Zeitung (11. März 1915) kurz Zweck und Ziel der „Beschießung 
der Dardanellen" an und bespricht die Schwierigkeiten eines Durchbruches, der nur mit 
dem Verluste mehrerer Kampfeinheiten und mit großen Landungstruppen möglich ist. 
Selbst wenn einige SchiÖe ins Marmarameer durchbrechen würden, so könnten diese zwar, 
solange ihre Munition reichte, Stambul beschießen; sie wären aber, solange die Küsten- 
batterien in türkischen Händen sind, von der Außenwelt abgeschnitten. Den planlosen 
„Anschlag auf die Dardanellen" bespricht ferner Vize-Admiral z. D. Kirch ho ff im Leip- 
ziger Tageblatt vom 12. März 1915. Einen Besuch in den verborgenen Feldbefestigungen 
bei Dardauos kurz nach dem Kampfe des 18. März schildert uns Dr. M. Grunwald in 
der Vossischen Zeitung vom 8. April 1915. 

Über die Forcierung der Dardanellen äußert sich auch ein Türke, Dr. M. Saadi Bey , 
im Berliner Lokalanzeiger (28. März 1915 „Die Dardanellen und Konstantinopel"): bis 
jetzt wurden dadurch nur die Neutralen: Bulgarien, Rumänien, Griechenland und Italien 
aufgerüttelt und zur Einsicht gebracht, daß ihr Heil nicht beim Dreiverband liege. Zum 
Schlüsse sagt er: »Heute werden die Alliierten finden, daß unter dem veränderten Regime, 
den deutschen Instrukteuren und der lebhaften Tätigkeit Enver-Paschas ein Volk heran- 
gebildet wurde, das sein Vaterland liebt, seine Pflicht dem Vaterlande gegenüber kennt 

und jederzeit bereit ist, es bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen Die Türken 

haben das Vertrauen zu ihren Waffen, und wir können sagen, daß dies bereits ein guter 
Erfolg der deutschen Kultur in der Türkei ist." 

Die in Stambul trotz der Beschießung der Dardanellen herrschende Ruhe schildert uns 
Emil Ludwig im Berliner Tageblatt (22. März 1915 „Das Schicksal von Byzanz"): das 
Leben und Treiben geht wie sonst vor sich, „niemand ist anders, als er immer war, nie- 
mand verläßt die Stadt." In das Siegestreiben am 18. März 1915 in Stambul führt uns 
Elfriede Grün wald (Vossische Zeitung 4. April 1915 „Des Hodschas Traum"). Die 
reich mit türkischen, egyptischen und persischen Fahnen geflaggten Straßen wimmeln 
von Männern, Frauen und Kindern ; auf den Ruf des Muezzins gehen die Männer scliwei- 
gend zum Gebete. Dann erzählt die Verfasserin noch eine Prophezeiung, „des Hodschas 
Traum", über den Sieg der Türken mit den Deutschen (so echt orientalisch nach Tau- 
send und Eine Nacht); sie hat sie von ihrem Diener Izak. 

Über die „osmanische Jugend" schreibt Dr. Gustav Weck in der Schlesischen 
Zeitung (6. März 1915); der Verfasser hatte zweimal Gelegenheit, osmanische Jünglinge 
in Deutschland zu unterrichten: das erste Mal Kamil Dschevdet aus Damaskus und Avni 
Kefik aus Angora. Sie waren mit ausgezeichneten Zeugnissen ihrer türkischen Bildungs- 
anstalten von der türkischen Regierung (mit Ifi anderen) nach Deutschland geschickt 
worden. Sie wollten sich dem Studium der Mathematik und Naturwissenschaften widmen 
und wurden von dem Verfasser im Deutschen unterrichtet, als Vorbildung für das Universi- 
tätsstudium. Der Verfasser rühmt ihre Strebsamkeit und hebt ihre „tadellose, von jeder 
üblen Neigung freie" sittliche Führung hervor. „Ihren religiösen Pflichten, mit Einschluß 
der äußeren Bräuche, kamen sie, soweit die Beobachtungen reichen, gewissenhaft nach. 



Zeitungsschau. 179 

UIIIHIHHmilllHHUrilllllUIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIINIIIIItllUlllllllltllllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIinilllllllllllllllllH 

ohne damit lästig zu fallen," „Störend an ihnen war nur ein gewisses Mißtrauen, das 
offenbar ihrer Unkenntnis deutscher Verhältnisse und Anschauungen entsprang." Zum 
zweiten Male waren es (seit Januar 1914): Mehmed Rassih und Ali Faik, beide aus Stam- 
bul, die schon am letzten Balkankriege teilgenommen hatten, der eine als Mitkämpfer, 
der andere als Sanitäter. Sie waren ebenso eifrig wie die früheren. Ihre Geneigtheit für 
deutsches Wesen zeigten sie schon an einem der Blumentage des Roten Kreuzes, wo sie 
freiwillig teilnahmen. Im August dann nahm Mehmed ebenso wie die anderen Schüler an 
den Erntearbeiten teil — Ali war damals schon in seinem Ferienaufenthalt — , dabei er- 
klärte er, auch für Deutschland kämpfen zu wollen. „Er sehe nicht ein, weshalb er nicht 
auch preußischer Hu^sar werden könne, sei es doch ganz gleich, ob er hier oder in seinem 
Vaterlande diene!" Acht Tage später wurden beide zur türkischen Armee einberufen. 

Nachdem Rudolf Zab el in seiner Artikelserie „Unterm Halbmond" (Tägliche Rund- 
schau 6., 7., 10. April 1915) über die augenblicklichen Schwierigkeiten einer Reise nach 
Stambul geplaudert hat, weist er im zweiten Teile („In Konstantinopel während der 
Dardanellenkämpfe") auf zwei wichtige Punkte hin: man solle sofort, noch vor Frie- 
densschluß in die etwa 800 Schulen der Türkei, die jetzt von den französischen und 
englischen Lehrkräften verlassen sind, deutsche Lehrkräfte hinschicken und auch 
das nötige Unterrichtsmaterial für das Deutsche zu möglichst billigen Preisen beschaffen. 
Zweitens schlägt er vor: man solle diejenigen Deutschen, die früher im feindlichen Aus- 
lande geweilt haben und nach dem Frieden wegen der Anfeindung nicht mehr dorthin 
zurückkehrten, als Kulturpioniere in die Türkei schicken. (Dasselbe auch in der Magde- 
burger Zeitung vom 10. April 1915.) 

Dr. M. Grunwald betont in der Vossischen Zeitung (12. April 1915 „Aus einer be- 
schossenen Stadt") die Sympathien für die Deutschen in der Türkei. Die deutsche Sprache 
findet jetzt eine erstaunliche Verbreitung; er erzählt einen Fall, wo ein gemeiner tür- 
kischer Soldat ihm in fließendem Deutsch antwortete. Er hatte es von den deutschen 
Kameraden im Fort gelernt : „In vier Monaten kann man viel lernen, wenn man will. Ich 
kann auch schon lesen und schreiben," sagte er. 

Eugen Läzär beleuchtet in seinem Artikel „Mohammedaner" (Pester Lloyd 12. März 
1915) den weiten Unterschied zwischen der Wirkungsweise des mohammedanischen Got- 
tesglaubens und der des christlichen Gottesglaubens auf das gesamte praktische und wirt- 
schaftliche Leben. Der Türke erkennt die Einrichtung, daß Geld Zinsen bringen könne, 
überhaupt nicht an ; das widerspricht seinem Fühlen. Es scheint ihm eine Umgehung des 
göttlichen Wülens zu enthalten und eine unbefugte Einmischung menschlicherseits in den 
natürlichen Gang der Dinge. Aus ähnlichen religiösen Bedenken heraus weigert sich der 
Türke, sein Leben oder sein Gut zu versichern. Ebenso hat der türkische Kaufmann ein 
bei uns undenkbares Vertrauen in seinen Mitmenschen : der Kaffedschi hat die Buchfüh- 
rung über die gelieferten Waren an der Tür seines Schuldners ! Auch sonst im Anpreisen 
der Waren ist sein Vorgehen vollkommen unkaufmännisch. 

Das „Bettlergewerbe" in Stambul behandelt Max Grunwal d (Konstantinopel) in der 
Vossischen Zeitung (27. Februar 1915 „Der Bettler Hüsni"). Er führt einen Fall an, wo 
man bei einem Bettler, der in die Heimat abgeschoben werden sollte, außer Kleingeld im 
Werte von etwa 45 Mk., ein Sparkassenbuch im Werte von etwa 19 000 Mk. fand. Die 
Bettler verlangen von jedem, der ihnen einmal etwas gegeben hat, immer wieder den- 
selben Betrag als Almosen. Manche Leute versichern, „es gebe in Stambul manchen in 
bescheidener Unabhängigkeit lebenden Mann, der sich das Kapital ehrlich erbettelt hat, 
von dessen Zinsen er jetzt lebt". 

12* 



180 Die Welt des Islams, Bajid III. igi^, Heß 2 



Die ärmsten Leute bring-en Liebesgaben für die im Felde stehenden Soldaten, so sagt 
der nach der Türkei entsandte Mitarbeiter der Leipziger Neuesten Nachrichten (15. März 
1915 „Konstantinopler Stimmungsbilder"). Zur Unterstützung der bedürftigen 
Familien der Kämpfer hat sich ein Ausschuß unter dem Vorsitz von Fräulein Liman von 
Sanders gebildet, dem eine ganze Reihe von türkischen Würdenträgern und Damen der 
deutsch-österreichisch-ungarischen Gesellschaft angehört. Der Verfasser redet weiter über 
die Stärkung des Nationalgefühls durch den jetzigen „heiligen Krieg", was sich auch in 
der Dichtkunst niederschlägt, dann über „den modernen Geist im Heere", der sich in den 

Armeebefehlen wiederspicgelt. („ Ich verlange daher, daß die mohammedanischen 

Elemente unter euch, welche die Mehrzahl bilden, sich ihren christlichen und jüdischen 
Nachbarn gegenüber wohlwollend und freundschaftlich benehmen. Die fremden Unter- 
tanen sind unsere Gäste und als solche zu achten und wertzuschätzen, was besonders 
während dieses Krieges, in dem es sich für uns um Leben und Tod handelt, nicht ver- 
gessen werden darf; denn in der schwierigen Lage zeigt sich der Geist einer Nation". So 
ein Tagesbefehl des Kommandeurs des syrischen Armeekorps.) Ferner ist der rote Fes 
bei den in graubrauner Farbe gekleideten Soldaten durch eine Kopfbedeckung aus grau- 
braunem Stofie ersetzt worden. Zuletzt schildert der Verfasser noch das Neujahrsfest bei 
einer griechischen Familie, zu dem auch Türken geladen waren, . . . „ein hübscher Beleg 
für die Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens". 

Eine Probe türkischer Volkspobsie, nach mündlicher Überlieferung aufgezeichnet, gibt 
der Direktor der deutschen Schule in Adana, Dr. Peter A. Silbermann, im Berliner 
Tageblatt (24. April iyi5): „Asmai der Scharfsinnige", Der Kalife Ebidschafar-el-Mansur 
hatte wenig Neigung zur Dichtkunst und es tat ihm weh, daß soviel Geld an Dichter ver- 
schwendet wurde. Daher griff er zu einer List und versprach jedem Dichter eines wirklich 
neuen Gedichtes das Gewicht der Handschrift in Gold auszuzahlen. Der erste Poet, der 
kam, wurde aber von ihm verhöhnt und verspottet, da ja jedes Kind am Hofe dessen 
Qasside kenne: infolge des guten Gedächtnisses vermochte er, wie zwei seiner Sklaven, 
diese neue Qasside fehlerlos zu wiederholen. Aber Asmai der Scharfsinnige überlistete den 
Kalifen, indem er ihm eine Qasside in kunstvollem Keimgeklingel vortrug; diese konnte 
der Kalife nicht wiederholen, da sich die vielen Reime in seinem Kopfe überschlngea; 
ebenso seine Sklaven nicht. Da ließ der Dichter auf Befehl des Kalifen die Handschrift 
bringen: ein großer Marmorblock! Und der Kalife, erst voller Ärger, lohnte nachher vor 
Vergnügen über den klugen Einfall des Dichters diesen reichlich. 

Ein Gedicht von Aka Güudüs {Aj gena Ahnänl „O junger Deutscher!"), über- 
setzt von Dr. Friedrich Schrader, veröffentlicht die Frankfurter Zeitung (1. Januar 
1915) mit einer Reproduktion der Originaluiederschrift. Der Dichter fordert den Deut- 
schen auf, mit ihm zu kämpfen, „das Land des Rechtes" zu erobern, denn uns beide be- 
seelt eine Kraft, „die Liebe zum Siege". Die Menschheit erwartet von uns ihre Rettung, 
lassen wir ihre Tränen trocknen. Vereint wollen wir das Schwert schwingen; „solange du 
und ich und mein Bruder, der Ungar, leben, werden wir diese Welt stark und glücklich 
machen". „Reich mir deine Hand, junger Kamerad! .... Auf! laß uns nun vorwärts zie- 
hen zum Kampf! Vorwärts, bis aus dieser Welt alle Wildheit, aller Haß, alle Feindschaft 
verschwunden sind!" 

Hier seien noch kurz einige Reis eschil derunge n erwähnt: Siegmund Feld- 
mann plaudert in der Vossischen Zeitung (23. März 1915) über seinen Aufenthalt in 
„Smyrna", der reichsten Handelsstadt an der kleinasiatischen Küste (Ausfuhrartikel sind 
Fpigen und Teppiche). — Seine Fahrt auf der anatolischen Bahn (Haidar-Pascha bis 



Zeitungsschau. ^^^ 



Bozanti im Taurus, von wo ab der Paß noch zn Fuß oder auf dem Reittiere zu übersteigen 
ist), schildert Kr istian Kraus im Dresdener Anzeiger (23. März 1915 „Durch Anatolien" ; 
ebenso Ostsee-Zeitung, Stettin, 21. März 1915 und Neues Tageblatt, München, 23. März 
1915). 

3. Syrien. 

Für einen Wettbewerb zwischen Deutschland und Frankreich in Syrien, führt Dr. Elias 
Auerbach (Haifa) in der Frankfurter Zeitung (13. Januar 1915) aus, waren alle Bedin- 
gungen zunächst Frankreich günstig (die zahlreichen französischen, wenn auch klerikalen 
Schulen usw.). Das Zentrum dieses Einflusses ist Mittelsyrien (Libanonprovinz mit dem 
Einfallstor Beirut). Hier in Beirut ist der „stärkste und rührigste Agent Frankreichs", die 
medizinische Hochschule der Jesuiten. An ihrer schlechten Qualität könnte Deutschlands 
wirtschaftlich gerichtete Expansion einsetzen. „Bei der kühlen Nüchternheit des orien- 
talischen Wesens mußten schließlich wirtschaftliche Vorteile den Ausschlag für die Hin- 
neigung der Bevölkerung zu der einen oder der anderen Macht geben". Die künstlich auf- 
gebaute wirtschaftliche Vorherrschaft Frankreichs mußte also gegenüber dem neuen 
Konkurrenten, der wirtschaftliche Vorteile bot, allmählich abbröckeln. Für den deutscheu 
Handel mußten erst die nötigen Verkehrsmittel geschaffen werden (anatolische Bahnen, 
Bagdadbahn, Beteiligung an der Hedschasbahn, Levantelinie). So haben allmählich 
deutsche Waren die französischen verdrängt. Der deutsche Einfluß geht von zwei Zentren 
aus: Aleppo und Palästina, die das französisch beeinflußte Mittelsyrien umfassen. In 
Aleppo ist alles, was infolge der Bagdadbahn an deutschem Einfluß dort aiifgekommeu 
ist, noch im Werden. Auf älterer Basis ruht das wirtschaftliche Vordringen Deutschlands 
in Palästina. Hier sind es zunächst die Kolonien der Templer (1869—72 gegründet) 
bei Jaffa, Jerusalem und Haifa. Dann der den deutschen Interessen parallel laufende Ge- 
danke der türkischen Regierung, den Seehandel der Stadt Damaskus von Beirut nach 
Haifa abzulenken, was durch den Bau der Bahn Damaskus — Haifa und eine geschickte 
Tarifpolitik auch zum größten Teil gelang. Ein sehr wichtiges Element für die deutsche 
Wirtschafts-Expansion in Palästina sind die Juden: von den 100000 Juden Palästinas 
(\, der Gesamtbevölkerung) stammen 70000 aus Osteuropa und sprechen den jüdisch- 
deutschen Dialekt. Daher „sind sie die natürlichen Vermittler des Absatzes deutscher 
Produkte". Frankreich trat diesem wachsenden Einflüsse Deutschlands nicht mit wirt- 
schaftlichen, sondern mit politischen Mitteln entgegen, indem es bei Anleihen von der 
Türkei Verkehrskonzessionen forderte (vgl. die Abmachungen vom Frühjahr 1914 WI. 
Bd. II, 284). 

Über die Ansprüche, die Rußland auf Palästina erhebt, und die Mittel, mit denen es 
die Russifizierung des Landes erstrebt, spricht O. Eb erhard in der Kreuzzeitung (9. April 
1915 „Rußland und Palästina"). Überall im Lande erheben sich prachtvolle, „festungs- 
artige" Bauten: russische Kirchen, Pilgerheime und Schulen. Die zahlreichen Pilger und 
die vielen Schulen sind die wichtigsten Mittel der Russifizierung. Dazu kommt die Kirchen- 
politik, die den Zaren als Schutzherrn des arabisch-nationalen Elementes aufspielt. Hinter 
all dem steht das Auswärtige Amt mit seiner „Kaiserlich russischen Palästina- Gesell- 
schaft". 

Zwei Kriegsbriefe aus Syrien, welche die dortigen Verhältnisse zur Kriegszeit 
schildern, wurden gedruckt in der Frankfurter Zeitung (4. Februar 1915) und in der Köl- 
nischen Volkszeitung (21. Februar 1915); der eine ist aus Jaffa, datiert von Mitte De- 
zember 1914; der andere ist aus Beirut vom 30. Dezember 1914. 



182 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft 2 



4. Egypten.' 

Die cnglisihe Okkupation bedeutet für Eg^ypten, führt Prof. Max Blanckenhorn 
(Marburg) in der Frankfurter Zeitung (10. Januar 1915 „Das egj'ptische Volk und Eu- 
ropa") aus, „eine Schädigung der Interessen des Volkes und der Wohlfahrt des Landes" 
(einseitige Entwicklung der Landwirtsdiaft, Vernachlässigung des Unterrichtswesens, 
willkürliches Vorgehen im Justizwesen, Mißachtung der Verfassung usw.). Dann wirft der 
Verfasser die Frage auf, ob die Bevölkerung zu einer Befreiung und nachherigen Selbst- 
Terwaltung im Vereine mit den Türken fjihig sei. In dem Wunsche „nach einer Besserung 
der politischen und sozialen Zustände des Landes" ist die bunt gemischte Bevölkerung 
(Fellaclien, Kopten, arabisierte Städter, Beduinen, Nnbier) einig. Die Führerrolle können 
aber nur die arabischen Städter niuharamedanischen Glaubens übernehmen, ans denen 
sich ancli die nationalen Jungegypter rekrutieren. Ihre politischen und sozialen Fähig- 
keiten haben die Egypter bereits unter der aufgeklärten Dynastie Mehmet Alis bewiesen. 
Die Nationale Partei^ (mit der Losung „Egypten den Egyptern") wurde etwa im Jahre 
1894 von einer Gruppe junger Egypter gegründet, deren Ältester noch nicht 20 Jahre alt 
war. Zunächst stützten sie sich zur Erlangung ihres rein politischen Zieles (die Räumung 
Egyptens von den englisclien Truppen) auf Frankreich. Als die Partei sich nun infolge 
der Affäre von Faschoda von Europa verlassen sah, betonte sie zur Erreichung desselben 
Zweckes die muselmanische Religion und suchte eine Stütze an der Türkei. Die Partei 
wurde so von einer „französischen oder europäischen Politik" zu einer islamischen, egyp- 
tisch-türkischen Politik gedrängt. 

In der Vossischen Zeitung vom 8. April 1915 („Egyptens Schicksalswende") schreibt 
Dr. M. Kifat ungefähr folgendes: „Die Jung-Egyjiter sind sich der Schwere des Ringens 
mit England ebenso bewußt, wie sie über die Größe der Aufgabe im klaren sind, die ihrer 
im Falle eines Erfolges harrt". Sie wissen, daß es notwendig ist, eine einmal errungene 
Freiheit und Verfassung „gegen alle Augrifi'e von außen und innen" zu sichern. Daher 
wird das erste Erfordernis die SchaÖ'nng eines starken Heeres und einer starken Flotte 
sein. Ebenso bedarf die finanzielle Lage des Landes einer Reform durch zuverlässige 
Persönlichkeiten, vor allem aber die Bearbeitung des Bodens (Schaffung eines Ackerbau- 
ministeriums). „Bei diesem Werke des Ernenerns werden und sollen auch die Mitglieder 
des Herrscherhauses dem Land ihre materielle und persönliche Unterstützung bieten". 
Zum Schluß fordert er Deutschland auf, die Fülle großer und fruchtbringender Aufgaben 
in Egypten in Angriff zu nehmen. „Ein systematisches Schulwesen könnte der egypti- 
schen Intelligenz deutsche Sprache und deutsche Kultur näher bringen. Ein ständiger 
Nachrichtendienst für die Presse des Landes solltt» im Verein mit dieser Schularbeit die 
Aufklärung über Deutschland in der egyptischen Öffentlichkeit fördern. Durch besondere 
Institute sollen der deutsche Kaufmann und Industrielle mit der Sprache und Eigenart 

' Die folgenden Berichte über die Artikel, die von Egypten handeln, lagen Herrn Dr. 
Roeder, Direktor des Pelizaeus-Museums zu Hildoshoim (bisher Privatdozent in Breslau), 
vor. Ihm verdanken wir wertvolle Hinweise, namentlich hinsichtlich der Enke'schen 
Phantasien. Herr Dr. Roeder bat uns auch mit Rücksicht auf Egj'pten einer Tatsache 
Ausdruck zu verleihen. Er wisse, daß die Engländer uns Deutsche in Egypten weit- 
gehend geschont haben und deutsches P^igeutum wie deutsche Interessen in einer Reihe 
von sehr wichtigen Fällen in keiner Weise angetastet haben. G. K. 

* Der Verfasser stützt sich auf den Brief eines wohlunterrichteten Franzosen im „Journal 
des Debats" von 190ö. 



Zeit7ings schau . 183 

IIIIIIIIIIWHtlllllllitHHIIIIIIIIHIIIIIIIIUIIIIII IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIinilllllinillllllllllllllllllllllllllllllllNIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 

des Landes vertraut gemacht werden". Dem deutschen Einfluß wird es in kurzer Zeit ge- 
lingen, den Englands und Frankreichs zu beseitigen. 

„Die wirtschaftliche Lage Egyptensim Kriege" behandelt ein Artikel 
im Handelsblatt der Vossischen Zeitung vom 10. April 1915. Infolge der englischen Wirt- 
schaftspolitik stieg die Baumwollernte in den Jaliren 1900/01 — 1913/14 von 5435000 
Kantars (im Werte von 16 051 000 eg. Lstr.) auf 7 684 000 Kantars (im Werte von 33 123 000 
eg. Lstr.). Für die laufende Kampagne 1914/15 waren die Aussichten als durchaus gün- 
stig zu bezeichnen, aber der Ausbruch des Krieges änderte die Sachlage : Truppentrans- 
porte erschwerten die Versendung der Baumwolle aus dem Innern nach Alexaudrien, der 
Schiffsverkehr auf dem Mittelmeer geriet zeitweise ganz ins Stocken ; vor allem aber be- 
grenzte sich die Käuferzahl : die führenden deutschen und österreichischen Firmen fielen 
fast ganz weg und auch die Kaufkraft Großbritanniens und Frankreichs schrumpfte stark 
zusammen. So ergibt sich folgendes Bild: 
Zufuhren in Kantars (vom 1. August 1914/15 1913/14 1912 13 

1914 bis 31. Dezember 1914) 



(1 Kantar = 45 kg) : 


3118 000 


5 745 000 


5 900 000 


Ausfuhr in Ballen 








lach Großbritannien : 


122 000 


241 000 


273 000 


„ dem europäischen Festlande: 


81000 


191000 


165 000 


„ den Ver. Staaten von Amerika: 


52 000 


20 000 


62 000 


„ Asien : 


3 900 


14 000 


5 000 


zusammen : 


258 900 


466 000 


505 000 



Die um etwa die Hälfte zurückgegangene Ausfuhr wird durch obige Gründe erklärt 
dagegen hat die ebenso zurückgegangene Zufuhr folgende Ursachen: die großen Preisrück- 
gänge der Baumwolle reizten den Fellachen nicht, seine Ware schnell abzusetzen ; zudem 
sahen sie sich außer Stande, die zu damaligen hohen Preisen an die deutschen und öster- 
reichischen Exporthäuser verkaufte Ernte abzuliefern und den Erlös dafür zu erhalten ; 
als drittes kommt dazu die bei den Fellachen allgemein verbreitete Befürchtung, daß eine 
behördliche Beschlagnahme bevorstehe. Von irgendwelchen Maßnahmen der Regierung 
zugunsten der notleidenden Pflanzer verlautet nichts, auch die versprochenen privaten 
Unterstützungen sind bisher ausgeblieben. 

„Die beiden englischen Protektorate auf türkischem Boden" behandelt Otto Hoberg 
in der Deutschen Levante-Zeitung (1, Februar 1915), zunächst „das Schicksal desNiUandes 
in politischer und wirtschaftlicher Beziehung" seit Napoleon, wobei er darauf hinweist, 
daß die Bestrebungen Englands, sich über den Persischen Golf und die Euphratünie einen 
Weg nach Indien zu schaffen, schon durch die französische Besetzung Egyptens angeregt 
werden mußte. Weiter führt er aus, wie England die elementarste Aufgabe der Koloni- 
sation, die in der Entwicklung der produktiven Kräfte des Landes besteht, einfach bei- 
seite geschoben und das Land in egoistischer Weise ausgenutzt hat, z. B. macht die 
Baumwolle [etwas weniger als] 99°/o der Ausfuhr aus. Daher kommt es, daß der Haupt- 
industriezweig, die Zigarettenfabrikation, nur mit eingeführten Rohstoffen betrieben wird 
(der Anbau der Tabakpflanzen ist gesetzlich verboten), daß dagegen von der im Land er- 
zeugten Baumwolle keine einzige Faser im Lande selbst verarbeitet wird. Ferner müssen 
infolge der ausgedehnten Baumwollzucht fast alle Nahrungsmittel eingeführt werden. Und 
der egyptische Bauer hat obendrein von seiner Baumwolle, obwohl sie die beste der Welt 
ist, keinen einzigen Vorteil, da sie nur in Liverpool [auch in Bremen] gehandelt wird. 



184 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft 2 



Egypten ist also vollkommen vom Auslände, d. h. Großbritannien, abhängig. Der Ver- 
fasser bespricht alsdann die Verkiindigung des Protektorates, über dessen Bestand der 
Krieg entscheiden wird, nnd bemerkt zum Schlüsse, daß die Okkupationsmacht England 
die übrigen Nationen, besonders den deiitschen Kaufmann, nicht ausscliließen konnte. 
(Soweit aucli im Februarheft (1915) von „Nord und Süd" unter dem Titel „Egyptens Schick- 
sal"). In einem zweiten Abschnitte behandelt er, „wie sich England im Endgebiete der 
Bagdadbahn festsetzte". Erst nach der Niederlage im zweiten Balkankriege wagte Eng- 
land einen entscheidenden Schritt zu tun und zwang die Türkei, die Unabhängigkeit des 
Scheichs von Kuwait Mubarak b. Sabbah anzuerkennen. Dieser stellte sich dann ebenso 
wie der Scheich von Mnhammara unter das schon seit langem bestehende englische Pro- 
tektorat. Alsdann bediente sich England des Fürsten Abd al-Aziz b. Sa'ud, der in der 
ersten Hälfte des Jahres 1913 die Türken aus dem Nadschd vertrieb, das somit tatsäch- 
lich unter englisches Protektorat kam. 

Zu derselben Ansicht über die egyptische Wirtschaftspolitik, wie der obige Aufsatz, 
kommt Dr. Reinhold Schmidt-Bremen in seinem Artikel „Englands Baumwollpolitik 
und die Unruhen in Egypten" (Bremer Nachrichten 11. April 1915). 

Über „Egyptens Presse" schreibt die Hagener Zeitung (9. März 1915) nach einem 
Aufsatze von Olea Felici, dem Berichterstatter des Giornale d'Italia in Kairo : In dem ara- 
bischen Journalismus Egyptens spiegeln sich die einzelnen Phasen der inneren und aus- 
wärtigen Politik Egyptens seit der englischen Okkupation. An koptischen Zeitungen mit 
„ultra-konservativer" Gesinnung erscheinen in Kairo „"Watan" und „Misr". Die drei wich- 
tigsten arabisch-egyptischen Zeitungen sind: 1. Die „Ahram", das älteste, schon seit 40 
Jahren erscheinende Blatt, das neben den Interessen der Eingeborenen vor allem die fran- 
zösischen Interessen vertritt. 2. Der „Mokattam" wird gegenüber den Ahram von England 
zur Vertretung seiner Interessen benutzt. Beide Zeitungen ruhen ganz in den Händen 
syrischer Christen, welche die „muselmanischen Interessen, d. h. die ausgesprochenen re- 
ligiösen Gedanken des Islams als Muslime betrachten und behandeln" wollen. Zur Be- 
kämpfung dieser beiden Blätter wurde 3. der „Mu'ajjad" von dem Scheich Ali Yussef ' ge- 
gründet, „einem fanatischen Feind Englands und dem konservativsten und zähesten Ver- 
fechter von allem, was den Islam angeht". Ein Widersacher entstand diesem Blatte in dem 
„Lewa" des egyptischen Nationalisten Mustafa Kamil, der nacheinander durch den „Al- 
ham" und den vor zwei Monaten eingegangenen „Chaab" ersetzt wurde. ^ 

Einen Abriß der politischen Geschichte Egyptens geben Prof. Dr. EugenOberhummer 
Wien) in der Deutschen Revue (Jan. 1915 „Egypten und der Suezkanal") und Freiherr 
von Richthofen im Hannoverschen Courier (1. März 1915 „Egypten und der Krieg") 
(Ebenso Magdeburger Zeitung 2, März 1915, Hamburger Correspondent 2. März 1915 
u. a.). Richthofen vertritt die Ansicht, den Suezkanal zu internationalisieren, während 
Oberhummer sich auf eine Darstellung der völkerrechtlichen Stellung Egj^iteus vor dem 
Kriege und der Geschichte des Suezkanals beschränkt. Eine historische Skizze über die 
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse „Egyptens zur Zeit seiner Eroberung durch 
den Islam" gibt Prof. Dr. Leop cid Wenger (München) in der Oesterreichischen Rand- 
schau vom 15. Februar 1915. 

' Vgl. den Artikel des in Frankreich gefallenen Hamburger Gelehrten E. Gräfe im „Islam" 
Bd. V S. 235. 

* An egyptischen Zeitungen birgt die Leihgabe Hartmann in der Bibliothek der Ge- 
sellschaft eine umfangreiche Sammlung, die sich vor allem durch ganze Jahrgänge ein- 
zelner Zeitungen auszeichnet. 



Zeittmgsscha2i. 185 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiN 

Die Aufierangen eines angesehenen „Ulema" aus Kairo geben die Post (18. Januar 
1915 „England und derlslam") und die Germania (16. Januar 1915) wieder. Die 
Engländer suchen Araber und Türken zu entzweien, indem sie der arabischen Bevölkerung 
erklären, daß sie nicht gegen den Islam, sondern nur gegen die Türkei den jetzigen Krieg 
fährten. Aber das wird ihnen nicht glücken, da die Verschiedenheiten zwischen ihnen 
durchaus nicht so tief sind. Vielmehr war „die englische Politik immer gegen den Bestand 
eines islamischen Staates gerichtet." England hat die Zerstückelung der europäischen 
Türkei gefördert und vor allem auch die armenische Frage hervorgerufen. Und ebenso 
will es die übrigen islamischen Völker nicht erhalten, sondern unterwerfen. 

Über „Egypten bei Kriegsausbruch" bringt Dr. Alb ert Zell er in der Frankfurter 
Zeitung (2. März 1915) einige interessante Mitteilungen, besonders über die Behandlung 
der Deutschen durch die englischen Behörden. 

In das Gebiet phantastischer Erfindungen ist der Artikel von Franz Enke, einem 
zweiten Karl May, zu verweisen, der in der Vossischen Zeitung (18. u. 19. März 1915) 
erschien. Dieser Artikel „Die Wahrheit über Egypten'* ist von fast allen Zeitungen im 
Auszug gebracht worden und fand auf Grund der Orts- und Sachkenntnis des Verfassers 
anfänglich Glauben. Aus dem Bericht nenne ich nur folgende Daten: Am 1. November 
nahmen die Senussi die Oase Siwah, am 19. vernichteten sie ein Lager englischer Truppen 
bei Mena House (PjTamiden von Gizeh), am 21. überrumpelten sie das Fayum. Am 13. De- 
zember schlug der „neue Mahdi" Mabur al-Asl die Engländer vernichtend bei Faschoda 
und besetzte danach die Militärstationen Nasser und al-Obeid. Am 7. Januar bemächtigte 
er sich der Stadt Sennar und schloß am 11. Januar Chartum ein. Dieser Enke'sche Bericht 
ist etwa 20.— 22. März durch WTB. dementiert worden. Eine teilweise Bestätigung 
schienen Enke's Angaben zu finden durch den Brief eines „jungen Gelehrten deutscher 
Herkunft, der seit Anfang November unter griechischem Namen in Egypten Dolmet- 
scherdienste tat", datiert Kairo, den 11. März (Düsseldorfer General-Anzeiger 23. März 
1915 „England in Egypten umzingelt."): nach ihm kämpften die Engländer 
zwischen Luksor und Assuan mit den „Eebellen." Ferner weiß er aus dem Munde ver- 
wundeter Soldaten auch von einer Niederlage der Engländer unter General Hawley, die 
ihm vom neuen Mahdi zugefügt wurde, und daß „mit dem genannten Feldherren sämtliche 
Offiziere umgekommen seien und daß von den europäischen Mannschaften kaum zehn 
Prozent ihr Leben gerettet hätten." Dies ist gleich der Niederlage bei Faschoda des 
Enke'schen Berichtes zu setzen. Im Westen sind nach diesem Berichte die Oasen sämtlich 
im Besitze der Senussi. Auch andere Hinweise (z. B. ein Brief aus Barcelona und anderes, 
was durch die deutsche Presse wanderte), deuteten scheinbar auf eine englische Nieder- 
lage im Süden hin. Aber zunächst sind alle diese Gerüchte für die Ofi'entlichkeit nicht 
nachzuprüfen. 

Zum Schlüsse seien noch zwei Artikel genannt, die über Land und Leute Egyptens, 
über das Leben und Treiben in Kairo plaudern: Robert Misch, „Aus dem Reiche des 
Nils", in der Vossischen Zeitung vom 6. März 1915 und Fr. Kiene-Naton, „Aus dem 
Lande der Pharaonen", in „Die Bergstadt" Heft 5 (illustr.). 

5. Abessinien. 

Wie an Kaisers Geburtstag Hunderte von Arabern, Türken und anderen Muslimen 
in Addis Abeba unter Vorantritt einer Musikbande auf Kamelen zur dortigen deutschen 
Gesandtschaft zogen, um dem deutschen Kaiser zu huldigen, darüber berichtet ein Brief 
des deutschen Kaufmanns Arnold Holz aus Addis Abeba (Dresdener Neueste Nach- 



186 Die Welt des Islams, Ba?id 11/ . rgrß, Heß 2 

wuiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiHiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiimiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH 

richten 28. Mära l'Jlä und Krenz/.eitung 30. März 1915). „Die abessiuische Bevölkerung 
war starr vor Staunen, und um.sonst .sandte der englische Gesandte seinen Bevollmächtig- 
ten, um den Mnhammedauern alle Höllenstrafen anzudrohen. Sie lachten ihm ins Gesicht 
und ließen ihre Hoboeu und Pauken nur desto lauter ertönen." Aus diesem und anderen 
Gründen ist das deutsche Ansehen in Abessinien stark im Wachsen. Zweifellos würde 
sich das abessinische Volk und seine Regierung ganz dem deutschen Einfluß hingeben, 
aber für eine derartige friedliche Eroberung ist eine Voraussetznngnotwendig: 
der Besitz des französischen So malilaudes mit seiner Hafenstadt Dschibouti. 

6. Tripolitanien. 

Die Senussi, überhaupt alle islamischen Bruderschaften, so führt C.H.Becker in 
der Deutschen Kolonialzeitung (20. Februar 1915) aus, sind nach zwei Gesichtspunkten 
zu betrachten: in religiöser Hinsicht verkörpern sie bei den Gebildeten eine gesteigerte 
Mystik, bei der Masse aber nur eine „stärkere Pflege der offiziellen Vorschriften des 
Islams" und eine Ausübung religiöser Sonderzeremonien. Das Zweite, das Soziologische, 
äußert sich in der Tendenz einzelner hervorragender Leute, Jünger um sich zu ver- 
sammeln. Die Scheiche der Senussijja (gegründet 1835) sind: 

1. Sidi Mnhamnied b. Ali es-Senussi geb. 1791/92 gest. 1859 
2. Muhammed Scherif, gest. 1896. 3. Sidi al-Mahdi, gest. 1902, 

4. Sidi Ahmed Scherif, seit 1902. 

Der Verfasser gibt dann eine kurze Charakteristik der Bestrebungen des Ordens und 
gedenkt dabei auch seines wirtschaftlichen Einflusses auf die Völker Innerafrikas (Siche- 
rung der Saharastraßen, Palmenpflanzungen, Förderung des Ackerbaues usw.). In der 
Sahara bilden natürlich schon kleine Truppenkontingente (die in den Zeitungen ange- 
gebenen Zahlen der Senussi sind weit überschätzt) eine Macht, welche die angrenzenden 
Gebiete andauernd beunruhigen kann; aber dabei ist nicht zu vergessen, daß die englische 
Eegiernng bemüht ist, die Senussi durch Geldgeschenke von Unternehmungen abzuhalten; 
denn bei ihnen ist wie bei den alten Arabern die Beute eine Haiiptantriebskraft zum 
Kampfe. Sie spielen also „im jetzigen Weltkriege gar keine Kolle". 

7. Tunisien. 

Die Kölnische Zeitung vom 9. April gibt unter dem Titel „Wie Frankreich für den 
Islam sorgt" aus der Zeitschrift Sabil ar-Raschäd einen Aufsatz des Schaich Salih 
asch-Scherif at-Tunisi wieder: „Die Welt des Islam, Deutschland und der Drei- 
verband, eine Antwort an den Figaro", auf dessen Artikel: „La propagande allemande en 
Afrique." Gleich zu Beginn bemerkt der Schaich : „Deutschland und das osmanische Reich 
haben nur ein Ideal: das Bestreben für die Wohlfahrt der Menschheit, und es ist auch 
durch Lügenberichte nicht möglich, die Natur dieses Ideals zu ändern." Stärker denn je 
fühlen sich alle Angehörigen des osmanischen Reiches vereinigt, selbst die jetzt nicht zur 
Türkei gehörigen islamischen Länder haben ihre Sinne nach Stambul gerichtet. So waren 
auch „alle Eingeborenen des Landes Tunis, alt oder jung, Männer oder Frauen, ja nicht 
einmal die von französischem Golde gekauften, niemals der Meinung, daß Frankreich ihr 
Beschützer sei. Der allgemeine Glaube der Tunisier geht vielmehr dahin, daß die Fran- 
zosen ihr Verhängnis fühlten, daß sie das tunisische Volk ihrem wahren Herrscher, dem 

Kalifen in Stambul, entrissen haben. Tunis ist immer noch ein Teil des Kalifats, des tür- 

* 



Zeitungsschan . 187 

niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiuiiiHiiiiiiiiiiHiiiHiinuiiiiiiiiiiiiiiiHiHiiHiininiiiiiinimiiniimiiiiiuiHiiiiiHmiHiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniii^ 

kischen Sultanats, und die Tunisier sind immer noch Osmanen, denen die Türkei ledig- 
lich einige Zugeständnisse hinsichtlich einiger inneren Fragen gemacht hatte. Deshalb 
ist auch alles, was die Tunisier unternehmen, um die Franzosen aus ihrem Lande zu 
treiben und dieses dem rechtmäßigen Herrscher zurückzugeben, durchaus nichts Ver- 
brecherisches. Es ist im Gegenteil das Ideal, dem die Eingeborenen des Landes leben." 
Die französische Verwaltung hat den Eingeborenen auch nicht den geringsten Rest von 
Macht gelassen, sondern sie hat im Gegenteil die Eingeborenen ganz und gar dem fremden 
Willen unterworfen, so daß heute die gesamte Verwaltung aus Franzosen besteht. Sämt- 
liche Ländereien hat man zu gunsten der französischen Kolonisatoren den muslimischen 
Besitzern entwendet, entweder durch gesetzliche Bestimmungen oder durch Prozesse, in 
denen die Franzosen immer Recht bekamen. So müssen denn ungefähr in einem Viertel 
des Gesamtlandes die alten Besitzer das Land für die Franzosen bestellen. Auch für das 
geistige Wohl ihrer islamischen Schützlinge sorgten die Franzosen sehr schlecht: „die 
große Hochschule „Sadiqija" wurde eingezogen; der Unterricht erfolgte nur in französi- 
scher Sprache und beschränkte sich auf einige unwichtige Elementarkenntnisse; in den 
ganzen 33 Jahren der französischen Herrschaft sind in Tunis nur zwei muslimische Ärzte 
gebildet worden, von denen mußte einer das Land verlassen, der andere sitzt in Tunis, 
kommt aber vor Neid der anderen nicht vorwärts ; außerdem gibt es vier oder fünf Advo- 
katen, mit denen aber bei Gerichtsverhandlungen zusammenzuarbeiten die Franzosen sich 
weigern. Wer von den Tunisiern es zu einem französischen Diplom bringt, muß an vielen 
Toren betteln, um ein Amt mit 75, höchstens 100 Franken Gehalt zu bekommen." 

8. Irak. 

Der anatolisch-mesopotamische Schienenweg wird erst dann seine volle Bedeutung 
haben, sagt Martin Hartmann im Hochland (1914/15 Märzheft S. 694 „Deutsche 
Kulturpolitik im Irak"), wenn die nötigen zahlreichen „Zubringerbahnen" geschaffen sind; 
eine wichtige Linie hat sich bereits die deutsche Bagdadbahn gesichert: Sumaike (60 km 
nördlich Bagdad)-Chanikin („Schiitenbahn"); sie stellt die Verbindung mit Persien und 
den dort von russischer Seite geplanten Bahnen (Hauptpunkt Hamadan) her. Die von 
Frankreich geplante Bahn (Bagdad-Palmyra-Homs-Tripolis) wird bei geschicktem Trans- 
porttarif kaum eine wesentliche Konkurrenz bieten können, zumal der Personenverkehr 
(namentlich der interlokale) sich infolge der bedeutenderen Orte (Samarra, Mossul, Nisibin 
usw.) mehr auf die Bagdadbahn konzentrieren wird. Ebensowenig wird die geplante britische 
Linie Mohammara-Choremabad (iind verlängert bis Hamadan) eine erhebliche Schädigung 
der Bagdadbahn herbeiführen, da sie nur den Warenverkehr ablenken wird, der seinen 
Weg aus Persien durch den Persischen Golf nehmen will. Bei dem Bagdadbahnproblem ist 
bis jetzt wenig der wahrscheinlich schnelle,gewaltige Aufschwung des interlokalen Verkehrs 
berücksichtigt worden und im Zusammenhange damit die wirtschaftliche und kulturelle 
Hebung der beiden Städte Mossul und Bagdad, auf deren Bedeutung auch die geschicht- 
liche Entwicklung hinweist. Die Bahnlinie Bagdad-Basra wird wesentlich zur Entwässerung 
und Urbarmachung des dortigen sumpfreichen Euphratgebietes beitragen und muß zum 
Schutze des Irak, das ein Bauernland ist, gegen die Einfälle der Beduinen befestigt wer- 
den. Die nordarabische Steppe, außer dem dafür ungeeigneten Nefud, ist mit festen Sied- 
lungen zu übersäen (vgl. die neue Ansiedlung Chamisije 15 km nördlich von Suk asch-Schi- 
juch.) Von Bedeutung ist auch die ältere Ortschaft Zubair (20 km südwestlich von Basra), 
wo die Türkei eine regelmäßige Regierung einsetzen will, hoffentlich nicht um sie als 
Ausfallstor gegen Kuwait und al-Hasa zu benutzen, wodurch sie nur in schwere Kämpfe 



188 Die Welt des Islams, Band JII. Jgiß, Heft 2 



mit den dortigen Fürsten geraten würde. Zubair wird sich sclinell zu einem wichtigen 
Platze entwickeln, an dessen Hebung wir alles Interesse haben ; so können die von Groß- 
britanien gescliaffenen Knltnrwerte in Nordostarabien unserem Bagdadbahnnnternehmen 
nur zngute kommen. — In einer Nachschrift vom 11. November 1914 erklärt der 
Verfasser: daß wir infol^re diT Entschlossenheit des osmanischen Reiches seine Besitzun- 
gen in Babylonien und Nordostarabien zu verteidigen wahrscheinlich die nötige Ruhe 
haben würden, unseren dortigen wirschaftlichen und kulturellen Interessen nachzugehen, 
und fordert die Beseitigung des unerträglichen Znstandes, daß der persische Golf ein 
britisches Binnenmeer ist. Zn diesem Zwecke schlägt der Verfasser vor, die Insel Hormus 
und die gegenüberliegende Landspitze Ras Mnsaudum in Besitz zn nehmen und „zu einer 
Sperre auszubauen, die in keiner Weise friedlichen Handel beschränken, sondern nur 
Störenfriede fern halten soll." 

Über den ,,persischen Golf" handelt eine Arbeit von H. Singer in der Vossischen 
Zeitung (27. März 1915). Er betont, daß der Schiffsverkehr und Handel zum größten Teil 
an der persischen Küste (Haupthäufen : Bender-Abbas, Linga, Buschir) entlang geht und 
1910,11 mit 1,15 Millionen Registertons (von 1,44 Millionen) der Hauptsache nach auf 
englische Schiffe entfiel. Er spricht dann noch über die weniger wichtige arabische Küste 
und den Schatt-al-arab mit seiner Sandbarre, vor welcher Schiffe mit mehr als 5 m Tief- 
gang ihre Ladung auf Leichter löschen müssen, um sie hinter der Barre wieder an Bord 
zu nehmen. 

9. Persien, Afghanistan. 

J. M. Merich betont in der Zeitschrift Zeit im Bild (14. Februar 1915) in einem Auf- 
sätze über „Persien", daß in dem durch die russische Wirtschaft arg mitgenommenen 
Lande der Patriotismus jetzt die schiitischen Perser an die Seite der sunnitischen Türken 
dränge. Derselbe Verfasser schildert in der gleichen Zeitschrift (24. Januar 1915 „Afgha- 
nistan und sein Heer") die Entwicklung des afghanischen Heeres seit 1880 unter den 
Herrschern Abd ur-Rahman und dessen Sohn Habib Ullah. 

Über die Bedeutung des islamischen Ordens der Nakschibendi (gegr. A.D. 1341) für 
Afghanistan (der Emir gehört zu seinen Mitgliedern), Belutschistan, Nordindien und Rus- 
sisch-Asien spricht Max Roloff im Schwäbischen Merkur (24. Januar 1915 „Afghani- 
stan und der Islam in Vorderindien''). Seine Organisation ist eine sehr straffe, fast die 
gesamte Rechtspflege jener Länder ruht in den Händen der Ordensbrüder höheren Grades. 
Sie haben nur einen Wunsch, in Zentralasien ein unabhängiges muhammedanisches Reich 
zu gründen und Indien vom Joch der Ungläubigen zu befreien. Von ihnen könnte in Ver- 
bindung mit dem afglianischeii Heere Indien befreit werden, wie auch Egypten nur von 
außerhalb befreit werden kann. Aber Meldungen über den Einmarsch der Afghanen in 
Nordindien und dergleichen sind noch durchaus verfrüht. Das mächtigste Bollwerk in 
Indien gegen die Afghanen und die Nakschibendi sind die englischen Missionare. — Die 
Deutschen sind in Afghanistau durchaus gut gelitten, wovon sich Verfasser auf einer Reise 
vor wenigen Jahren überzeugen konnte. 

10. Rußland. 

Jetzt scheinen unter den russischen Muhammedanern infolge der Dschihaderklärung 
fühlbarere revolutionäre Bewegungen zu entstehen, äußert sich Freiherr von Mackay 
(München) im Düsseldorfer General-Anzeiger (12. März 1915 „Das russische Muharame- 
danertum", ferner Sarajevoer Tageblatt, 21. März 1914 und unter dem Titel „die Türkei, 



Zcitiingsschau. 1 89 

I III iiiiiiiiiiiiiiiiii iniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiu^ 

Rußland nud seine Muslims" in der Deutschen Levantezeitung vom 1, April 1915). Obwohl 
Eoßland für die kulturelle und soziale Hebung der islamischen Bevölkerung gesorgt hat, 
ist doch infolge Hetze „der echt russischen Leute" gegen die „Frenidstämmlinge" eine 
Wühlarbeit der Mollahs undHodschas gegen den zarischen Orthodoxismus aufgekommen. 
„Die entwicklungsgeschichtlichen, moralischen und politischen Voraussetzungen für den 
Anschluß des russischen Islam an die große muhammedanische Kriegssturmflut sind 
zweifellos gegeben, die aber erst bei genügend greifbaren militärischen Erfolgen der 
Türkei losbrechen kann". 

Dr. Ad. Dirr (München) scheidet in seinem Aufsatze „der Kaukasus nnd der Islam" 
(Natur und Kultur 1. Februar 1915 S. 198, ill.) die Bevölkerung des Kaukasus in drei 
Klassen: 1. in Zugewanderte (Russen, Deutsche, Tschechen usw.), 2. in Einheimische in 
nur geographischem Sinne (die türko-tatarischen und iranischen Völkergruppen, die Ar- 
menier, die Aissoren, die kaukasischen Juden), 3. in Einheimische in sprachlichem Sinne 
(die Kharthweler, die Tscherkessen, Abchasen und die Tschetscheno-Daghestaner). Der 
Islam erstreckt sich hauptsächlich auf die türko-tatarischen und iranischen Völker, ferner 
auf die Tschetschenen, Tscherkessen und Daghestaner; er ist aber ein Firnis, unter dem 
ein uralter heidnischer Glaube hervorlugt. Der Verfasser skizziert dann die Ausbreitung 
des Islams im Kaukasus seit dem Jahre 17 d. H. Etwas genauer behandelt er die poli- 
tisch-religiösen Bestrebungen zu den Zeiten der russischen Herrschaft. 

Über Land und Leute des Kaukasusgebietes schreibt ferner Albrecht Wirth im März 
("20. Februar 1915 „In und am Kaukasus"). 

Einiges Besondere über die muhammedanische Bevölkerung gibt ein „hervorragender" 
Kenner des Kaukasus, der viele Jahre als Professor an einer dortigen russischen Hoch- 
schule gewirkt hat (Allgemeine Zeitung, Chemnitz, 25. Jan. 1915 „Die Völker des 
Kaukasus und der Krieg"). Das wichtigste muhammedanische Element sind die 
Tataren, ein unverfälscht türkischer Stamm: iinter ihnen bestehen muhammedanische 
Bildungsvereine, wie z.B. die Gesellschaft „Nedschat" in Baku; bei ihnen findet man 
auch ein nationaltürkisches Bewußtsein, das immer mehr an Boden gewinnt; so hatten 
die Muhammedaner in Baku 1908 an ihrer Medresse einen unverfälschten Jungtürken an- 
gestellt. Dem türkischen Nationalgedanken dient auch das in Tiflis erscheinende humo- 
ristische Blatt „Nasreddin MoUah". 

Der Spezialberichterstatter des Blattes „Esti Ujsag" in den Karpaten schreibt (Prao-er 
Tageblatt, 2. Februar 1915 „Revolutionäre Bewegungen unter den Moham- 
medanern der russischen Armee"): nach der Erklärung des Heiligen Krieges 
wurde ein großer Teil der muhammedanischen Bevölkerung des Kaukasus und der Küste 
des Schwarzen Meeres wegen revolutionärer Umtriebe nach der Ostküste desKaspischen 
Sees deportiert und dort interniert. Die an die österreichische Front kommenden mu- 
hammedanischen Regimenter brachten die Nachricht davon an die Front und verteilten 
eine Menge von Flugschriften unter die Soldaten; eine davon, abgefaßt von dem revo- 
lutionären Komitee in russischer und türkischer Sprache und gedruckt in Jekaterinodar, 
lautet: „Unsere Brüder! Rußland hat Österreich-Ungarn und Deutschland den Krieg er- 
klärt und auch das ottomanische Reich nicht in Frieden gelassen. Inzwischen betrat es 
muselmanischen Boden. Das zwang den Kaiser der Mohammedaner und Kalifen der ge- 
samten muselmanischen Welt, Seine kaiserliche Hoheit den Sultan Mohammed V. Chan, 
Rußland und dem mit ihm verbündeten Frankreich und England den Krieg zu erklären. 
Die ottomanischen Truppen nähern sich Batum, um dieses zu erobern und sind an zahl- 
reichen Stellen im Kaukasus eingebrochen. Die muselmanischen Volksstämme kämpfen 



190 Die Welt des Islams, Bmici III. igiß, Heß 2 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 

an der Seite der ninselmanisclien Befreier. Die rnssische Flotte ist in den Häfen des 
Schwarzen Meeres eingesperrt und kann von dort nicht herauskommen. Der Sultan-Kalif 
hat durch ein Fetwa den Heiligen Krieg gegen Rußland, England und Frankreich verkün- 
det. Ein anderes Fetwa macht die in fremden Ländern und Armeen kämpfenden Musel- 
manen darauf aufmerksam, daß sie sicli Gottes Zorn nicht aufladen mögen und daß sie 
nicht gegen die Freunde des Islams, gegen Österreich-Ungarn und gegen Deutschland 
kämpfen sollen, denn dadurch kämpfen sie gegen die heiligen Interessen des Islams. Die- 
sen Befehl des Kalifen teilen wir allen in der russischen Armee kämpfenden muselmani- 
schen Soldaten mit. Verlaßt die Reihen der russischen Armee, verlaßt den bösen und un- 
erbittlichen Feind des Islams, des Kalifates und des Ottomanischen Reiches. Schließt euch 
an die Armeen von Österreich-Ungarn und Deutschland an, an die Freunde unseres Ka- 
lifen, die euch immer mit offenen Armen empfangen werden. Der russische Tyrann mordet 
eure Geschwister. Wir, eure Brüder, bitten euch, seid auch ihr gute Mohammedaner und 
greift gegen eure Führer zu den "NVafl'en!" 

11. Indien (mit Niederländisch-Indien). 

Über „Mohammedaner und Hindu und die Zukunft des deutschen Handels in Indien" 
schreibt Dr. Hermann von Staden (München) in der Deutschen Levante-Zeitung 
(1. Januar 1915): die deutsche Einfuhr nach Indien hat sich in zwölf Jahren (1900 — 1913) 
vervierfacht, während die Einfuhr aus Großbritannien sich nur verdoppelt hat. Neben der 
allgemein stärkeren Ausdehnungsfähigkeit des deutschen Handels sucht der Verfasser 
einen Grund dafür in den politischen Verhältnissen Indiens, in deren Gefolge die Hindus 
die britischen Waren boykottierten und die Muhammedaner die deutschen Waren bevor- 
zugten. Wie immer der Krieg endet, ob mit einem Machtverhältnis zwischen Deutschland 
und England, das im wesentlichen vorläufig das gleiche bleibt, oder mit einem Abfalle 
Indiens, „jedenfalls müssen die interessierten deutschen Industrie-, Bank- und Handels- 
kreise schon jetzt daran denken, die Organisationen vorzubereiten, die dann unmittelbar 
nach dem Friedensschliiss fertig auf den Plan treten und die Erweiterung der schon vor- 
handenen und dieZufügung neuer Beziehungen unverzüglich in die Hand nehmen können." 
Vor allem muß unsere kaufimännische und technische Jugend bereit sein, nach Indien 
zu gehen, damit die amerikanische Konkurrenz uns nicht zuvorkommt (während des Krie- 
ges hat sie natürlich freies Arbeitsfeld). Aber auch tüchtige Männer der Wissenschaft 
(Schulwesen) müssen nach Indien gehen. Grundbedingung ist die Beherrschung der eng- 
lischen Sprache (Scliaffung einer deutsch -indischen Presse in englischer 
Sprache), aber auch der indischen Sprache, besonders des Hindustani. 

Einen Aufsatz „Niederländisch-Indien und der Dschihad" von Wilhelm Weinberg 
(Vossische Zeitung 27. Januar 1915) siehe „Welt des Islams" Bd. IH Heft 1 S. 64. Vgl. 
ebenda S. 63. 

Willi Heffenin g 



mniiiiniiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiitmiiiiiiiiiiiiiininHiniiiiiiiiiiiiiHiuiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiriHiiiiiii^ 



Bibliographie. 191 

Niiiiiiiiiiiii iiiiiMiiiiuiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiniii^ 



BIBLIOGRAPHIE. 

* bedentet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft. Nach dem Titel in [ ] stehen 
Ztigangsnummer der Bibliothek nnd geg. Falls Name des Geschenkgebers. 



Ansfiihrliche Besprechung einzelner Werke bleibt vorbehalten. 

269. E[douard] Montet, Prof. Che cos' e rislam [De l'Etat present et de 
lavenir de rislam. ital.]. Trad. e pref. di Aldo Sorani. Firenze: Bel- 
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270. A(ziza) de Rochebrune. Le Calvaire de rislam. (2. ed.) Paris: Plon- 

Nourrit (1913). 336 S. 8^. 

271. *HaqTqat asbäb al-harb al-'umümi bi-mügab watä'iq wa-auräq rasmija. 
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hammedanism in Swahili.) London : Soc. for Promot. Christ. Know- 
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chen. Hrsg, V. Prof. Dr. M. J. Bonn. H. 3.) München und Leipzig: 
Duncker «fe Humblot 1914. 233 S. 8°. [439.] 

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cija i Bulgarija prez XVIII i XIX v. Bibliografsko-statisticni izsledo- 
vanija ot Nikola V. Michov. La population de la Turquie et de la Bul- 
garie au XVIIP et XIX* s. Recherches bibUographico-statist. par 
Nicolas V. Michoff. Avec une pref. en franQ. Sofija 1915 : Carska Prid- 
vorna Pecatnica. XVIII, 483 S. 4 « (8 »). (Sbornik na Bulgarskata Aka- 
demija na naukite. Klon istor.-filol. i filos.-obscestven. Kn. 4,3.) 

275. *Hugo Grothe, Dr. jur et phil. Die Türken und ihre Gegner. Kriegs- 
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Frankfurt a. M. 1915: Hendschels Telegraph. 52 S. 8». [473.] 

276. *Derrussisch-türkische Kriegsschauplatz (Kaukasien und Armenien). 
Von Dr. jur. et phil. Hugo Grothe in Leipzig. Mit 8 Abbildungen und 
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geograph, Zeitbilder . . . H. 5.) [474.] 

277. *Deutschland, die Türkei und der Islam. Ein Beitrag zu den Grund- 
linien d. deutschen Weltpolitik im islam. Orient von Hugo Grothe. 44 S. 
8*^. (Zwischen Krieg und Frieden H. 4.) [472.] 

278. *Der türkische Bundesgenosse von Theodor Ritter von Riba mit ein- 
leitenden Ausführungen eines türk. Botschafters. 1. — 6. Tausend. Berlin. 
Leipzig. Wien: CoLlignon. 28 S, 111. 8". (Deutsche Kraft. Kriegskultur 
und Heimatarbeit 1914/1915 H. 5.) [462.] 



192 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft 2 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiniiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin^^ 

279. Das neuo Turan. Ein Gruß an das erwachende Morgenland! (Mit 
Übersetzungen aus d. Türkiselien.) Dr. Ai'thur v. Wurzbach. Laibach: 
Selbstverl, [Graz: Cieslar] 1915. 32 S. 8». 

280. Die jüdisclie Kolonisation Palästinas. Eine volkswirtschaftliche Un- 
tersuchung ihrer Grundlagen von Gurt Nawratzki. München : Ernst Rein- 
hardt 191 -i. XVI, 534 S. 8". 

281. Alfons Paquet. In Palästina. Erstes bis drittes Tausend. Jena: Eugen 
Diederichs 1915. 199 S. 8». 

282. Im Kampf um die hebräische Sprache. Hrsg. vom Zionistischen Ac- 
tions-Comite (31. — 50. Tausend). Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. 
96 S. 8". 

283. Abbas II. Bv the P]arl [Evelyn Baring] of Cromer. London: Macmillan 
1915. XXVlil, 84 S. S'l 

284. *England und Ägypten. Materialien z. Geschichte d. brit. Okkupation 
m. besonderer Rücksicht auf Bismarcks Ägypteupolitik. Von Dr. Maxi- 
mihan von Hagen. 82 S. 8'^. (Deutsche Kriegsschriften H. 13.) [479.] 

285. *Deutschland und Ägypten. Von Erich Meyer, Pfarrer d. deutsch- 
evangel. Gemeinde in Alexandrien. 30 S. 8 ". (Der Deutsche Ivrieg, 
H. 48.) [478. Geschenk d. Herrn Pfarrer Meyer.] 

286. Norme per la trascrizione italiana e la grafia araba dei nomi propri 
geogralici della Tripolitania c della Cirenaica dettate dal Prof. C. A. 
Nailino e approvate con decreto ministeriale 1*^ fcbbraio 1915. Roma: 
Tipogr. Nazionale 1915. 41 S. %^. (Ministerio delle Colonie. Rapporti 
e Monografie coloniali, N. 2. Febbraio 1915.) 

287. *Monographio der algerischen Oase Biskra. (Leipz. Diss.) v. Kurt 
Heinke. Halle a. S. 1914: Druckerei John. 112 S. K. 8^ [459.] 

288. Die persisch-islamische Miniaturmalerei. Ein ßeiti-ag z. Kunstge- 
schichte Irans von Ph. Walter Schulz. Bd. 1.2. Leipzig: Hiersemann 
1914. 40. 1. Text. 2. Taf. 



Zahn, Über Persiens Verkehrsverh'dltnisse. 193 

MHHIIIinillllllillllinillllllllllilllllllllMlllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllHHHNUlHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 



ÜBER PERSIENS 
VERKEHRSVERHÄLTNISSE. 

VON 

DR. ERNST ZAHN, LEIPZIG. 

Eine der wichtigsten Aufgaben, wenn nicht die wichtigste, für die Zukunft 
und die Erschließung des reichen, an Bodenschätzen gesegneten Persien 
ist die Hebung der Verkehrsverhältnisse ; zu dem Bau von Eisenbahnen 
ist die Schaffung eines weitmaschigen Netzes fahrbarer, den Einflüssen 
der Jahreszeiten standhaltender Landstraßen nötig. Die heutige wirt- 
schaftliche und politische Ohnmacht Persiens, die in dem englisch- 
russischen Abkommen von St. Petersburg vom 3L August 1907 gewisser- 
maßen besiegelt wurde, ist letzterhand nichts als eine natürliche Folge 
der wirtschaftlichen Abgeschlossenheit Persiens von der übrigen Welt : 
durch die ungenügenden Verkehrsverhältnisse. 

Sein Reichtum, seine Mineralschätze, sein fruchtbarer Boden, ein vor- 
teilhaftes Klima, selbst tüchtige und fleißige Einwohner können dem 
wirtschaftlichen und damit politischen Wohlergehen eines Landes nichts 
nützen, wenn nicht Verkehrsverhältnisse geschaffen worden sind, die die 
Verwertung aller dieser Gaben der Natur ermöglichen. In dieser Hinsicht 
ist in Persien außerordentlich wenig geleistet worden. 

Zwar haben viele einsichtige Männer das Übel erkannt und ihm zu 
steuern gesucht; nicht unerwähnt darf die segensreiche, allerdings schon 
vergangenen Jahrhunderten angehörende Tätigkeit des Schah Abbas 
bleiben, der die bestehenden Straßen ausbesserte, neue schuf, Karawan- 
sereien bauen ließ und sein möghchstes für die Sicherheit und Regelung 
des Verkehrs tat; der Austausch und die Verwertung der Güter seines 
Landes erhoben Persien unter seiner Regierung zu einer großen Blüte. 
Seine Nachfolger waren ungebildet und kurzsichtig genug, auf diesem 
Wege nicht weiterzugehen. Selbst Nasir ed-din Schah hat trotz viel- 
versprechender Ansätze und glänzender Probleme tatsächlich kaum etwas 
geschaffen. Das vielgenannte und voreilig abgeschlossene Abkommen mit 
dem Baron Reuter (1872) mußte alsbald für ungültig erklärt werden, da 
der Schah durch dieses Abkommen sich und sein Land in die Hände des 
ausländischen Kapitalisten gegeben hätte. Eine Hebung des Postwesens, 
die hauptsächlich dem österreichischen Postrat Riederer zu verdanken 

Di« Welt des Islams, Band III. 13 



194 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft jl^ 



ist. und der Bau von Telegraphenliniep, die von englischem Kapital und 
englischen Ingenieuren für englische Interessen geschaffen wurden — 
man wollte nach dem großen Aufstand in Britisch-Ostindien eine Tele- 
graphonverbindung Indiens mit England herstollen — , füllen seine fast 
ein halbes Jahrhundert währende Kegierungstätigkeit auf dem Gebiete 
des Verkehrs aus. An dem Ausbau eines genügenden Straßennetzes sowie 
an der Brauchbarmachung von Straßen, die modernen Ansprüchen ge- 
nügen, hat er so gut wie nichts getan; ebensowenig wie unter seiner Re- 
gierung Eisenbahnen gebaut wurden. 

Der kranke und energielose Muzaffer ed-din Schah, sein Sohn und 
Nachfolger, vermochte ebenfalls nicht, eine Besserung der Verkehrs- 
verhältnisse herbeizufüliren. Nur auf dem Gebiete der Postverwaltung ist 
während seiner Regierung ein Fortschritt zu verzeichnen: 1902 wurde 
das Postwesen den mit der Zollverwaltung beauftragten belgischen Be- 
amten übertragen, womit, abgesehen von anderen Vorteilen, die Ver- 
pachtung der Post aufhörte- Durch die in Rußland aufgenommenen An- 
leihen verkaufte der Schah sein Land an den Zaren, da die im Jahre 1900 
von Rußland an Persien gegebene Anleihe mit der Bedingung verknüpft 
war, daß Persien bis zur Tilgung der russischen Schuld keine Anleihe 
im Ausland ohne Zustimmung der russischen Regierung machen durfte. 
Eine innere Anleihe zu erheben, ist Persien nicht fähig. 

Ebensowenig war Ali Mirza infolge des entfesselten Büi-gerkrieges und 
der Unterstützung von selten Rußlands imstande, in irgend einer Beziehung 
seinem Lande zu nützen. 

Wenn Rußland und England, die seit dem schon erwähnten Peters- 
burger Vertrage von 1907 die tatsächliche Gewalt über Persien ausüben, 
zu einer durchgreifenden Besserung der Verkohrsverhältnisse, insbe- 
sondere zum Bau von Eisenbahnen bislang noch nicht geschritten sind, 
80 ist der Hauptgrund hierfür wohl in der Unsicherheit ihrer gegenseitigen 
politischen Beziehungen in diesen Gebieten zu suchen. 

Das wenige, das Persien heute an guten Verkehrsstraßen und an Eisen- 
bahnen besitzt, ist in der neuesten Zeit tatsächlich von Rußland und Eng- 
land ins Leben gerufen worden, womit zugleich, Schritt für Schritt, die 
politische Bedeutungslosigkeit des schon vorher ohnmächtigen Persien 
immer größer geworden ist. 

An fahrbaren Straßen und Eisenbahnen besitzt Persien heute 
folgende: 

1. Dschulfä — Täbris. Straße. Eisenbahn im Bau. Am 6. Februar 1913 
erhielt die persische Diskontobank, ein Werkzeug der russischen 



Zahl, Über Persiens Verkehrsverhältnisse. 195 



Regierung, die Konzession zum Bau einer Eisenbahn auf dieser 
Strecke nebst Abzweigungen nach der Nordostküste desUrmia-Sees; 
die Hauptstrecke ist heute hergestellt worden. 

2. Straße Änsäli — Teheran. 

3. „ Quaswin — Hamadän. 

4. „ Teheran — Sultänäbäd. 

5. „ Birdjänd — Mäschhäd. 

Die Strecken 2 und 3 sind russischen, die Strecke 4 einer eng- 
lischen, 5 einer persischen Gesellschaft übertragen worden. 

6. Die einzige Eisenbahn Persiens außer der russischen Interessen die- 
nenden Nr. 1 ist die 15 km lange Verbindung Teherans mit dem 
religiösen Wallfahrtsorte Schah Abdul Azim, eine Schmalspurbahn, 
1888 von einer belgischen Gesellschaft gebaut, später von einer 
russischen übernommen und ausgebeutet. 

Die Poststraßen bilden ein Netz von ungefähr 15000 km; neben den 
eben erwähnten wenigen fahrbaren Straßen stehen der Post nur Wege 
und ausgetretene Fährten zur Verfügung, die für zweirädrige Karren, teils 
nicht einmal für diese, sondern nur für Maultiere, Pferde und Kamele 
gangbar sind. 

Unter derartigen Verhältnissen ' muß auch dem reichsten Lande jede 
Ausfuhr von Bedeutung und damit jede Verwertung der Erzeugnisse des 
Bodens und der menschlichen Arbeit und somit überhaupt wirtschaftlicher 
Aufschwung unterbunden sein. 

So schlimm und verbesserungsbedürftig sind die Zustände des heutigen 
Persien, daß oft einzelne Landesteile an dem Mangel an Landeserzeug- 
nissen schwer leiden, mitunter einer Hungersnot ausgesetzt sind, während 
zu gleicher Zeit andere, selbst naheliegende, dieselben Erzeugnisse so 
zahlreich besitzen, daß man sie verfaulen lassen muß : lediglich aus Mangel 
an Verkehrsstraßen. 

Aus dem gleichen Grunde muß zum Beispiel in Täbris viel russischer 
Weizen gekauft werden, obwohl Persien genügend für den Inlandsbedarf 
erzeugt. Persische Grundbesitzer unweit der russischen Grenze müssen 
aus Mangel an Verkehrsstraßen nach dem Innern des Landes Getreide 
nach Rußland verkaufen; die Russen verkaufen denselben Weizen nach 
anderen Gebieten Persiens als Odessaer Erzeugnis zum dortigen Markt- 
preis, zu dem noch die Transportkosten und ein entsprechender Gewinn 
augeschlagen wird. 

' Der Flächeninhalt des politischen Persien ist über 3 mal so groß wie der des Deutschen 
Reiches. 

13* 



196 Die Welt des Islams, Band III . igiß, Heß jl^ 



Um ein weiteres Beispiel anzuführen, erwähne ich den Stand des per- 
sischen Holzhandels. Persien besitzt ausgedehnte Waldgebiete; eine syste- 
matische und rationelle Forstwirtschaft wird aber durch die Verkehrs- 
verhältnisse unmöglich gemacht; anstatt Nutz- und Bauholz auszuführen, 
was der Reichtum des Landes erlauben würde, ist Persien gezwungen, 
fiir teueres Geld russisches Holz zu kaufen. (Auf der persischen Gesandt- 
schaft in Paris wurde dem Verfasser der vorliegenden Zeilen der Wert 
des im Jahre 1913 von Rußland gekauften Holzes auf 2,642,277 Kran 
angegeben, 1 Kran = 0,45 bis 0,46 Fr.) 

Ebenso drückend wirken derartige Verkehrsverhältnisse auf den Ein- 
fuhrhandel. Rußland schlägt aus der Notlage Persiens Vorteile, indem es 
die Durchfuhr von nach Persien bestimmten nichtrussischen Waren durch 
russisches Gebiet zu unterdrücken sucht (mit Ausnahme von Tee- und 
Postpaketen über Batum — Baku). Diese Maßnahmen wollen die un- 
bequeme Konkurrenz der mitteleuropäischen Staaten, ganz besonders 
Deutschlands, aber auch die Österreich -Ungarns, Italiens und anderer 
Länder ausschalten, um so in Nordpersien, der russischen Interessen- 
sphäre, die Preise der eingeführten Güter bestimmen zu können und ganz 
Nordpersien wie ein russisches Hinterland, wenn möglich, ausschließhch 
unter russischen Einfluß zu stellen, ein Vorgehen, das Rußland seit lan- 
gem zielbewußt und rücksichtslos vorbereitet hat. ' 

' Hierbei ist von Seiten Rußlands tatsächlich viel getan und viel erzielt worden. Die eben 
erwähnten Maßnahmen sind nur ein Glied in der Kette von Maßnahmen, durch die 
Persien wirtschaftlich nnd politisch von Rußland abhängig gemacht werden soll. Die 
russische Regierung erreichte durch die Banque d'Eseompte de Perse, die ohne Rück- 
sicht auf den finanziellen Erfolg teilweise mit schweren Verlusten arbeitete, daß russische 
Waren den Markt von ganz Nordpersien beherrschen. Die Anleihen machten den Hof 
und die Großen gefügig. Der von Rußland diktierte Zolltarif von 1904 bedeutet eine 
außerordentliche Begünstigung der russischen Erzeugnisse. Russischer Handel und 
Industrie wurden durch Ausfuhrprämien und Frachtvergütungen gefördert. Nicht am 
wenigsten aber half der Ausbau des Eisenbahnnetzes in Transkaukasien sowie der Bau 
und die ständige militärische Bewachung der Straße Änsäli — Teheran, der Bau der 
Eisenbahn- und Straßenlinie Dschulhä — Täbris usw. Der Erfolg dieser zielbewußten 
Wirtschaftspolitik blieb denn auch nicht aus. Der Handel mit Persien, der bis in die 
neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zum größten Teil in Englands Händen 
lag, ist immer mehr und mehr an Rußland gefallen, trotzdem die Engländer einen über- 
wiegenden Einfluß in Südpersien und bedeutende wirtschaftliche Vorteile haben wie 
z. B. das ausschließliche Schiffahrtsrecht auf dem [Kurun] Qärün, dem einzigen schiffbaren 
Flusse Persiens und das Ausbeutungsrecht der Petroleumquellan Südwestpersiens. Ruß- 
land ist an dem Gesamthandel Persiens mit 60 — 65**/o beteiligt. Englands Handel mit 
Persien erreichte 1912/13 nur 29,9%. An dritter Stelle steht die Türkei, an vierter das 
Deutsche Reich, obwohl sich unser Handel besonders Zucker-, Zünd- und Silberwarem 
in den letzten 10 Jahren verdreifachte und unser Postpaketrersand nach Persien größer 

wie der jedes anderen Landes ist. 



Zahn, Über Persiens Verkehrsverhältnisse. 197 



Zur Ergänzung und zu weiterer Charakterisierung des russischen Vor- 
gehens will ich noch anführen, daß Rußland die Verpackung der Waren 
in Zink oder gelötetem Weißblech, in übertrieben starken und wider- 
standsfähigen Kästen, die außerdem noch in Leder eingenäht sein sollen, 
verlangt, um den Warenverkehr in Postpaketen zu unterdrücken; man 
ging sogar noch weiter und plante, vom 1. Februar 1914 ab jeden Post- 
paketverkehr durch Rußland nach Persien zu verbieten, was einen offen- 
kundigen Bruch des internationalen Postpaketvertrages bedeutet hätte: 
es ist jedoch anzunehmen, daß die Mächte, auf deren Schädigung dieses 
Vorgehen gemünzt war, in erster Linie Deutschland, durch diplomatische 
Vorstellungen diese Maßnahmen vereitelt oder hinausgeschoben haben. 
Immerhin ist durch Rußlands Vorgehen erreicht worden, daß ein be- 
trächtlicher Teil mitteleuropäischer Waren, die nach dem Innern Persiens 
bestimmt sind, über Baghdäd und Kermänschäh gehen müssen, um an 
ihr Endziel gelangen zu können. Es kann also die Wareneinfuhr nach 
Nord- oder Zentralpersien von Deutschland, Österreich -Ungarn usw. 
nicht mehr mit der Eisenbahn durch Rußland nach Dschulfä stattfinden, 
sondern muß überTrapezunt gehen. Die Reise vonTrapezunt nach Täbris 
dauert 45 — 60 Tage, je nach der Jahreszeit, die von Trapezunt nach 
Teheran 2'/2 Monat; der tägliche Transportpreis einer Kamelladung stellt 
sich auf 80 bis 100 Kran. Dieser langwierige und kostspielige Transport 
sowie der Wertv^erlust der Waren durch Feuchtigkeit und andere schä- 
digende Einflüsse während der monatelangen Reise erhöhen naturgemäß 
den Warenpreis außerordentlich; dazu gesellt sich der Zeitverlust, um 
lähmend auf Persiens wirtschaftliche Entwicklung zu wirken. 

Daß unter den herrschenden Zuständen, die, wie ich glaube dargelegt 
zu haben, in ihrer letzten Ursache auf die schlechten Verkehrsverhältnisse 
zurückzuführen sind, eine Industrie trotz der günstigsten übrigen Be- 
dingungen sich nicht entwickeln kann, ist selbstverständlich, wie denn 
auch die persische Industrie trotz ernsthafter Bemühungen und ver- 
schiedenster Belebungsversuche des Nasir ed-diu Schah selbst für den 
Inlandsbedarf ohne Bedeutung geblieben ist. 

Dasselbe gilt ebenso naturgemäß für die Staatsfinanzen, und ohne ge- 
regelte, gesunde Staatsfinanzen kann keine Volksbildung möglich sein, 
kaum ein Unterricht für die wohlhabendsten Familien. Selbst die Staats- 
hoheit wird mittelbar durch derartige Verkehrsbedingungen in Ansehen 
und tatsächlicher Macht erschüttert, wenn nicht vernichtet. Die fortwäh- 
renden Aufstände, besonders an der Westgrenze nach der Türkei zu, 
sind ohne gute Straßen nicht zu unterdrücken, selbst wenn Soldaten und 



198 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Hejt jl^ 



gonügend Geld vorhanden wären; ebensowenig wie Hungersnöte in den 
Provinzen von der Regierung vermieden oder gelindert werden können, 
selbst wenn man in Teheran gefüllte Kornspeicher hätte. Daher hat sich 
auch der persische Pöbel bei den letzten Hungersnöten, die Ohnmacht 
des Schah erkennend, an die ausländischen Konsulate gewandt. 

Hätte Persion ein gutes und genügend großes Straßennetz, unterstützt 
durch einige Eisenbahnlinien, sodaß man nicht mehr auf Esel, Maultiere 
und Kamele angewiesen wäre, so stünde der Weg zu einem Aufschwünge 
des Handels frei, zu der Möglichkeit einer modernen Land- und Forst- 
wirtschaft, zur Entwicklung der Industrie und zur Verwertung der reichen 
Naphthalager und Mineralschätze; würde der Reichtum des Landes er- 
sclilossen sein, so wäre genügend Kapital zur Gesundung der Finanzen, 
zum Volksunterricht und zur Bildung eines zuverlässigen Beamtenstandes 
vorhanden, da das Land ein bildungsfähiges, intelligentes, vaterlands- 
liebendes Menschenmaterial besitzt; von dem Bau der Landstraßen und 
Eisenbahnschienen hängt Persiens Zukunft ab. wirtschaftlich, finanziell 
und politisch: sein Wohlstand, seine Kultur und seine Selbständigkeit. 

Da die Landstraßen und Eisenbahnen nach der heutigen Lage der 
Dinge nicht die Perser bauen werden, sondern voraussichthch Russen 
und Engländer, so werden sie russischen und englischen Interessen dienen, 
und der von ihnen ausgehende Segen wird nur zu einem kleinen Teil den 
Söhnen des Landes zugute kommen, zum größeren russischen und eng- 
lischen Kapitalisten, den Schöpfern guter Verkehrsbedingungen. Doch 
dürfen wir hoffen, daß der gegenwärtige Krieg Rußlands und Englands 
überwältigenden Einfluß auch in diesen Gebieten zu brechen vermag. 



NllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllinilllHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIINIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 



Heffenino;^ Türkische Kriegspoesü. 199 

Hnuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 



TÜRKISCHE KRIEGSPOESIE.' 

VON 
WILLI HEFFENING. 

Von einem Stambuler Buchhändler ging mir kürzlieh ein kleines rotes 
Heftchen im Umfange von 15 Seiten zu: 

Faizullah Sadschid, Ordumuza armegän (Geschenk an das Heer) 
Aq Qurum. Schems matba'asy 1330 [1914]. Es enthält drei Kriegsge- 
dichte, die der Verfasser dem „türko-islamischen Heere" widmet : „Du 
schreib' mit dem Schwerte Geschichte, ich singe indessen ein Lied!" 
Der Dichter scheint ein Schüler der Kriegsschule zu sein, wenigstens 
find die beiden ersten Gedichte mit „harbijje mektebi" datiert. Der Ge- 
ginnung und der Sprache nach steht er der Gruppe von Türken nahe, 
deren begeistertster Vertreter der Dichter Mehmed Emin ist. An Kraft 
und Urwüchsigkeit des Ausdrucks erreicht er ihn nicht, aber er geht in 
seinen Spuren oder bemüht sich darin zu gehen. Für seine gewaltigen, 
manchmal unverständlichen Phantasiegebilde ist eine wilde und rauhe 
Sprache die Form. Er liebt die Häufungen von Ausrufen und Impera- 
tiven, wie auch Ahmed Hikmet in seinem „Altyn ordu^'.^ 

Die schwungvollsten Gedichte sind das erste : Ordunun tekhiri („Des 
Heeres AUahu-akbar-Ruf"), welches Mehmed Emin, dem Dichter der 
„Türk sazi'\ gewidmet ist, und das letzte: Kjöhden ses („Vom Himmel 
ein Laut"). Auch in ihnen ertönt, wie in anderen türkischen Kriegsliedern, 
der laute Schrei nach Intiqäm, nach Rache. ^ 

Ordunun tekbiri ist in Strophen von vier fünfsilbigen gereimten Zeilen 
mit dem Refrain: ÄlläJm akbar verfaßt (der Reim ist: a a a b b, c c c 
b b, d d d b b usw.). Es ist ein begeistertes Dschihad-Lied, gleich nach 

' Für die frenndliche Durchsicht dieser Arbeit, für Berichtigungen und Zusätze, möchte 
ich auch an dieser Stelle meinem verehrten Lehrer Herrn Prof. Dr. Martin Hartmann 
bestens danken. 

* In Altyn armegan türk qardaslarymy za (Heft I) Stambul 1328 [1912/13] S. 21, Vgl. 
über ihn M. Hartmann, Unpolitische Briefe aus der Türkei S. 214 und Register. 

^ Kristian Kraus schreibt im Breslauer General-Anzeiger (11. April 1915) über ein Essen, 
das Dschemal-Pascha in Jerusalem gab: „Im großen Hofe war die Militärkapelle auf- 
gestellt und spielte deutsche Musik. Und die türkischen Kriegslieder, die Rachelieder! 
Rache beseelt die jungen Türken gegen alle, welche die Zeit ihrer Schwäche ausgenutzt, 
Engländer und Russen. Es sind wilde Rhythmen, oft voll melancholischer Klage. Die 
Soldaten sangen den Text und es klang schauerlich durch die stille, mondklare Nacht, 
dies Rufen nach „Intiqäm", nach Rache " 



200 Die Welt des Islams, Band III. igi5, Heft jjjf. 



der ErkläruTif!; des „Heiligen Krieges", am 9. Teschrin II 1330 (22. Nov. 
1914) geschrieben: 

„Der Kuran bahnte den Weg, der Himmel strahlte Licht, die Gefühle 
schäumton über, wir wurden kriegsbereit. Ällähu akbar ... Es schlössen 
sich die Reihen, es waUte die Menge, es neigten sich die Berge zur Erde 
nieder! Allähu akbar . . . Der Halbmond am Horizont strahlte Schönheit 
aus, es hallten die Berge: ,Sei nicht betrübt, Allähu akbar! . . .* Vor uns 
Erlösung, Ruhm, Sieg und Leben : wir kehren nicht um, wenn auch der 
Tod uns führt! Allähu akbar! . . . Das Blut in den Adern ward ein Vul- 
kan, als der Herrscher erklärte den „Heiligen Krieg" [gihäd akbar]. ' 
Allähu akhar . . . Wir gaben kein Pardon, wir stürzten los: zersprengt 
wurde der Feind, geöffnet das Grab! Allähu akbar . . . Unsere Bajonette 
alle verfechten das Recht: Kanonendonner ist das Tekbir, die Bergkuppe 
das Minbar! Allähu akbar . . . Die Pyramiden und das Kafgebirge 
(qaßar)'- senden Grüße, mit dem Wehen des Windes; weithin nur ein 
Laut: „Allähu akbar! . . ." Es hofft mit Milhonen der Islam auf Rache, 
streut Granaten aus, Feuer und Blut. Allähu akbar . . . Die Kanonen 
stöhnen, die Berge horchen auf, es brüllt der Sieg: „Allähu akbar! Allähu 
akbar! ..." 

Kjökden ses („Vom Himmel ein Laut"),^ geschrieben am 22. Teschrin 
II 1330 (5. Dez, 1914) zu Qadiköj, ist ein Aufruf zum Kampfe: * 

' Der Dichter braucht diesen zwar falschen, aber heute allgemein üblichen Ausdruck für 
den „Heiligen Krieg". (Vielleicht ist dieser Ausdruck an Sure 25,54 angelehnt: „Ge- 
horche nicht den Ungläubigen und eifere wider sie in großem Eifer {gihüd kahir].^) 
Gihäd akhar bedeutet eigentlich „die größere Anstrengung", d. h. den Kampf gegen 
das eigene Ich, demgegenüber wird der Kampf gegen die Feinde gihüd a.?yar, „die 
kleinere Anstrengung" genannt. So schon im Kanz al-ummäl äes'All al-Muttaqi 
Bd. 2 S. 285 Nr. 6113fl'. Schaich Sälih asch-Scharif at-Tunisi hatte ursprünglich im 
Manuskripte seiner Schrift: „Die Wahrheit über den Glaubenskrieg" (hrg. von der D G I 
Berlin 1915 S. 5) auch gihäd akbar für den Glaubenskrieg geschrieben. Herr Prof. 
Hartmann machte ihn auf die obige Stelle des Kanz al-ummäl aufmerksam; da lügte 
der Schaich die obige Scheidung des Gihäd in sein Manuskript ein, mit dem Bemerken : 
er kenne diesen Unterschied sehr wohl, aber der heute übliche Ausdruck sei gihäd 
akbar. In der türkischen Version dieser Arbeit (Sabll ar-rasäd Bd. 13 Nr. 315 Stambnl 
1330 [1914] S. 20) spricht er einfach von „fi sebili-llähi-gihäd". 

' Egypten und der Kaukasus. 

' Es ist heute eine beliebte Vorstellung, daß den Türken ein Befehl vom Himmel komme, 
vgl, Ahmed Hikmet a. a. O. S. 24 f. Zija Kök Alp in seinem Gedichte „Jeni Atila*'' 
(Qyzyl elma, Stambul 1330 [1914] S. 95). Hierhin gehört auch der Titel von Mehmed 
Emin's neuestem Gedichtbändchen „Tan sesleri'\ was wohl „Himmelslaute" bedeutet. 

* Es sind vier Strophen aus je sechs vierzehn silbigen, paarweise gereimten Zeilen, die 
nach der siebenten Silbe eine Cäsur mit Binnenreim haben. Jeder dieser Strophen ist 



Heffenin^, Türkische Kriegspoesie. 201 



„O Hand, die mein Schwert auf dem Erdball führt, o Hand, die zum 
Schutze gegen Tyrannei, gegen Bosheit mein Banner aufpflanzt! Schlage 
mein Schlagen , . . den Feinden sollen die Höllen geöffnet werden, 
schlage . . . von der Erde zum Himmel soll Stöhnen hallen ! Schlage . . . 
die Schläge, die du schlägst, sind die Kugeln meines Zornes ; die Kugeln, 
die einherpfeifen, sind die Hiebe der Kache . . . 

O Heer des Islams, Heer der Rache ! Marsch, geh . . . stürze los, hin- 
über! Weder Wüste noch Berg und Stein sollen dich schrecken! Die 
Zeit ist da : greif an, damit das jüngste Gericht hereinbreche ! 

Sie, die in meinem eigenen Vaterlande der Tyrannis Tempel gebaut, 
die wie Jesus, so auch das Recht an vier Nägel gehängt haben, sie haben 
mit Hülfe meiner Intelligenz, die ich hingab, Kugeln und Blei gemacht! 
Sie haben meine Größe vergessen und bhnd die Kraft angebetet ! Nun 
genug! . . . Die Hölle ist der Ort für die Verräter: sie sollen sehen, daß 
übel Gottes Rache ist! 

Heer, o Heer! Die Bösen sind rasend geworden . . . Schlage, stürze 
um . . . Schaffe Steppen ! Verspritze Gift, lasse Blut trinken ! Denk an 
mich, greif an, damit das jüngste Gericht hereinbreche ! 

Sie haben meine Flamme ausgeblasen und die Sonne angespien! Sie 
haben die Welt ertränkt in dem Feuer, das sie angebetet! Ich habe dem 
Auge die Sphären geöffnet, die sie mit Rauch umhüllt haben ! Den Staub, 
in dem sie leben, haben sie zu klagendem Stöhnen gebracht! Nun ge- 
nug ! . . . Ihnen habe ich den Erdball zum Grabe gemacht: rot muß wer- 
den Wasser und Land ... du Faust meiner Kraft ! 

O Heer, o Heer! Rot soll werden Land und Wasser . . . Mit meinem 
Zorne schäume, brause auf! Schone weder Leib noch Kopf! Greif an, 
greif an, damit das jüngste Gericht hereinbreche! 

Ströme wie der Bergstrom ! werde Wind und brause ! Dumpf soUen 
die Himmel rollen . . . „Allah!" rufe; die Berge, die Felsen sollen es 
widerhallen ! In deiner stählernen Hand soll mein Schwert blinken ! In 
deinem Rache fordernden Herzen soll mein Name des Donners Erinne- 
rung wecken . . . Mit solchem Schrecken stürze los, schlag ! frage nicht 
nach Kopf und Leib ! . . . zerfetze, zerstückle! Reiß die Bosheit mit der 
Wurzel aus ! 

Feuer und Blut sollen kämpfen ! Alles Strömende werde Blut ! Der 



ein „ Abgesang" aus je sechs sieben silbigen, paarweise gereimten Zeilen hinzugefügt. Der 
Reim der beiden letzten Verse des „Abgesanges" ist ständig derselbe, wie auch der Sinn 
der gleiche ist. 



202 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heß 3/4 



Horizont stehe in Gluten, Asche und Rauch wirble umher . . . Das Zei- 
chen erscheine: das jüngste Gericht bricht herein!" 

Das zweite längere Gedicht' ist ein „Gesang über den heiligen Krieg" 
(Gi/läd-i-akbar destany):, er ist Zija Kök Alp, dem Dichter der „Qyzyl 
elma", gewidmet. Auch dieses hat einige recht schöne, tief empfundene 
Stellen, die an die Dichtungen unserer Freiheitskämpfe vor hundert 
Jahren erinnern. 

„Der Himmel braust donnernd : . . . Kämpfet auf dem Pfade Gottes ! 
Die Minarete rufen: . . . Auf zum Gebete! Die Trompeten tönen und die 
Waffen klirren . . . Die Welt des Islams ist im Aufruhr! Der Halbmond 
zog das Schwert zum Kampfe ! 

Es erzittert das Haus Allahs, das Grab Muhammeds, erhoben und ent- 
rollt ist die Fahne Muhammeds: im Schatten der „Grünen" ^ hat sich die 
Gemeinde versammelt , . . .Allah!' rollt es summend im Munde der 
Menschen, im Gewissen, im Kuran, in der ganzen Weltl" Der Dichter 
fragt: Seit wann wurde jeder Winkel „der Länder des Gebetsrufes" (d. i. 
der islamischen Welt) zu einem „Orte der Glocken" (d. i. der Christen)? 
Überall klagen die Muslime: in Indien, Iran, Egypten, Fes ! Früher haben 
sie den Unglauben besiegt und gedemütigt. Jetzt sind es dreihundert 
Millionen Muslime, die ihre Stirn vor der Gewalttätigkeit beugen. Treu- 
lose haben sich gegen sie verbunden, um sie in Elend zu zerren. — Und 
drastisch fährt der Dichter fort: „Die Leiber wurden zerstückelt, die 
Köpfe abgehauen, jedes Jahr büßte der Islam Hunderttausende ein ; Un- 
gerechtigkeit herrschte : sie kelirte die Welt rein aus . . . Das Anthtz der 
Gerechtigkeit wandelte sich in rotes Blut ; und Gott sprach im Kuran : 
„Nimm Rache !" ' Der Kalifo des Islams, der Herrscher der Türken, hat 
all das vergossene Blut nicht vergessen, er hat die nicht vergessen, welche 
die Heimatländer (watanlar) zerstört und die Seelen verbrannt haben." 
. . . „War es recht, um den Kuran ein Leichentuch zu wickeln, dem Islam 
bei der Kaaba ein Grab zu schaufeln ? Dschihad . . . o Recht durch Ge- 
walt! O himmlische Weisheit! Du hast das Schwert in rotes Blut ge- 
taucht, wie helles Aufleuchten an einem Vulkan!" 

' Es sind 24 Strophen ans fünf elfsilbigen Zeilen, die in derselben Weise wie das Gedicht 
Ordunun tekbiri gereimt sind. Die beiden letzten Verse jeder Strophe bilden durch 
ihren ständig wiederkehrenden Reim : -an Kinde einen gewissen refrainartigen Kitt 
zwischen den einzelnen Strophen. 

* Die grüne Fahne des Propheten. 

' Q 54, 10 ('?). Dies wäre eine SinnTerdrehung ! In gleichem Zusammenhange werden diese 
Koranworte: ,,Ög al."' auch von Zija Kök Alp, a. a. O. S. 89 und 146 gebraucht. 



Heffenine^, Türkische Kriegspoesie. '203 

WlllllllllllllllllllllllllllTlIIIIIIIIIIIIIHHHIIIIIIIIINIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIilllllllllllllllillllllllilllllllllllllllllU 

„Gladstone brach eines Tages in großes Geschrei aus und erwähnte 
den Kuran unter Verwünschungen: ,Wenn der sich nicht aufmacht [um 
fortzugehen], dann gibt es keine Ruhe in der Welt!' So sprach er in der 
Ton ihm berufenen Versammlung. Nun, der Kuran hat sich schon auf- 
gemacht . . . zum Kampfe!" 

Dann preist der Dichter den Glaubenskampf, der dem Gläubigen die 
Anschauung Gottes, dem Ungläubigen die ewige Verdammnis bringt ; er 
dankt Gott dem Herrn (tanry)^ daß er eine Gelegenheit zum Glaubens- 
streit geschaflfen. Im Westen sind dem Halbmond Freunde erstanden, im 
Ungarn und im Deutschen. Denn „die Nationen, die rechtlich denken, 
sind eins mit uns ; für das Recht haben wir uns vereint, denn das Recht 
ist nur eins!" ' Und begeistert über die Einigkeit des Islams singt der 
Dichter: „Das Herz ist von Diamant, die Brust von Stahl; was wäre es, 
wenn der Leib durchbohrt! Mögen der Tyrannen noch so viele sein, bei 
uns herrscht Einigkeit! E i n Geist ist in den Millionen Körpern, die Liebe 
zum Glauben ist der Leitstern für die Begeisterung!" 

Dann droht er dem Briten und Moskowiter: „O (Brite), der du für 
Egypten und Indien Ketten schmiedest ! Wir, die wir um des Lebens 
willen sterben, glaubst du etwa, wir würden in deiner Schlinge bleiben, 
wo doch der Glaube allein auf der Welt wahre Freiheit bringt! Umge- 
stürzt wird dein Thron unter den Fürsten ! Und du Moskowiter, der du 
dir die Krim und den Kaukasus als dein Erbe eingebildet hast, der du 
Turkestan als für dich gestiftet (mawküf) glaubtest, du Bild von Holz, 
du hohler Koloß mit großer Würde ! Auch du wirst seiner Zeit gestürzt, 
wenn ein Türkenthron in Turan sich erhebt!" Er fordert Indien auf, „für 
den Islam, für die Menschlichkeit" seine Ketten zu zerbrechen, und 
Egypten, das goldene Land, soll die Furcht lassen, im Gedanken an das 
Unglück und die Leiden Indiens, Marokkos und Persiens: „Der Knechte 
nicht schuf in der Welt, sieh, welche Kraft hat er in dich hineingelegt!" 

„0 Halbmond, der du aus dem Blute heraufsteigst, nicht mehr möge 
Niedergeschlagenheit deine Schönheit welken lassen; aus der Zukunft 
wird geboren: Recht und Unabhängigkeit! (Haqq-u-istiqläl). Aurora er- 
strahlt farbig und duftend, der Morgen bricht an mit Gesängen!" 

Zum Schlüsse wendet sich der Dichter an den ganzen Islam, der unter 
einem Alpdruck sich krümmt, und begrüßt die, welche auf dem Licht- 

' Derselbe Gedanke findet sich in dem Gedichte „0 junger Deutscher!" von Aka Gündüs : 
„Der Weg, den Du Dir, (o Deutscher) mit dem Schwerte gebahnt hast, führt in das Land 
des Rechts . . . Ich bin mit Dir . . . Komm . . . Laß uns nicht umkehren, bevor v?ir nicht 
dieses Land erobert haben." (Frankfurter Zeitung \. Januar 1915, 2. Morgenblatt.) 



204 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft jl^ 



pfade (7iurlu jol), dem heiligen Kriege, kommen, ihn zu befreien. „Von 
Fes bis Indien ... in Egypten, Turkestan, in der Krim, im Kaukasus soll 
der Sultan herrschen, in drei Welten sei ein einzig Vaterland . , . !" 



Wenn auch der religiöse Einschlag in diesen Gedichten sehr stark ist, 
so fühlt man doch das in der werdenden modernen Türkei pulsierende 
nationale Leben, das nach einem neuen unabhängigen Vaterland ver- 
langt und das die Vereinigung sämtlicher Türkstämme unter dem Zepter 
des Sultans erhofft.' Aber hier tritt eine Verquickung des nationalen Ele- 
mentes mit dem religiösen ein. indem der Dichter einen großen Islam- 
staat erträumt, der alle Muslime umfaßt. 

' Mehmed Emin in seinem Gedichte „Ai Türk ujdn."' (Stambnl 1330 [1914] 1. Anfl. S. 21) 
spricht nur von einem zukünftigen nationalen Türkenreiche, das die Türkstärame in 
Rußland, Azerbaidschan, Chwaresm, Chiwa und Buchara umfassen soll, vgl. Bd. III 
S. 90 dieser Zeitschrift. Ebenso Zija Kök Alp in seinem Gedichte „ Turan" {Qyzyl elma 
S. 7) : „Das Vateriand ist für den Türken weder die Türkei noch Turkestan, das Vater- 
land ist ein großes, unendliches Land: Turan . . . ." 



Nmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiuuiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin^ 



Krie^surku7iden i6. 205 

miiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 



KRIEGSURKUNDEN. 

16. SAMMLUNG SCHriTISCHER FETWAS. 

Von einem Freunde in Stambul erhielt ich am 8. Februar d. J. ein Blatt von 57,5X42 cm 
ohne Ort und Jahr, das sich also als Flugblatt charakterisiert. Es sind darin unter der 
VherscWiit fatäwäji gihäd „Glaubenskrieg-Fetwas" eine größere Anzalil Äußerungen der 
bekanntesten schiitischen Gelehrten des Irak in persischer Sprache zusammengestellt. 
Jede Seite hat fünf Spalten. S. 1 Sp. 5 und die fünf Spalten von S. 2 sind „telegraphischen 
Fetwas" gewidmet. Ich zähle die Stücke kurz auf, indem ich sie nummeriere; dabei zähle 
ich nur diejenigen Stücke selbständig, die eingeleitet sind durch die basmala; jedoch 
sind die durch die basmala eingeleiteten Antworten auf die unter Nr. 8 formulierte Frage 
nicht besonders gezählt. — Die Fetwas der ersten vier Spalten finden sich auch in Chä wer 
Nr. 19 vom 4. Rebf I 1333/8. [21.] Januar 1330 [1915] unter dem Titel: „Heilige Glaubens- 
kriegfetwas einer Anzahl großer Müdschtehide". Die beiden Texte decken sich bis auf 
Unwesentliches; der Chäwer-Text hat häufig den unterschriebenen Namen in eckigen 
Klammern einen Ortsnamen beigefügt, der ofi'enbar den Wohnort des Schreibers dar- 
stellen soll. Alle Zusätze und Abweichungen des Chäwer füge ich in eckiger Klammer bei. 

Die Überschrift von Sp. 1 soll wohl ein Alarmruf sein zur Einleitung der Gesamtheit 
dieser Äußerungen : 

alqijäm alqijäm ja asläm qätilühum ju addihhumullälm btaidikum 
wajuchzihim wajansurkum "alailiim wajasfi sudüra qaumin muminm [Kor. 
9, U] äjcL bä wugüdi äjäti quränija waahäditi nahavnja wa'igmäH "ulaniai 
dinija magäli \idri bar ahadt münde kaifa waHn jazharü 'alaikum lä jarqubü 
fikum 'Ulan walä dimmatan [Kot. 9,8] d. h. „Auf! auf! Muslime! ,Bekämpfet 
sie, so wird Gott sie peinigen durch eure Hände und sie zu Schanden 
machen und wird euch Sieg verleihen über sie und stillen das Herz einer 
gläubigen Schar' ; hat bei dem Vorhandensein von Koransprüchen, Haditen 
vom Propheten und der Übereinstimmung der Rehgionsgelehrten irgend 
jemand noch eine Entschuldigung? ,Wie, während sie doch, wenn sie 
euch besiegten, euch weder Blutband noch Bündnis halten würden'?" 
[Diese Einleitung fehlt in Chäwer]. 

1. Aufruf zur Abwehr der Feinde des Islams unter Gebet für das Os- 
manische Reich. Von Mohammed Käzim Attabatiba'i. [Nedschef]. 

2. „Kopie einer Entscheidung, die von dem Meister der Rechtsgelehrten 

und Forscher Mohammed Taqi Schiräzi ergangen ist" : allgemeiner 

Aufruf zur Abwehr der blutdürstigen Ungläubigen. [Sämarrä]. — [Die Ein- 
leitung fehlt in Chäwer]. 

3. Von Schaich aschscharf a Arisbahäni: kurze Äußerung über die 
Abwehrpflicht. — Unmittelbar daran sich schließend: „Es ist kein Zweifel an 
der Verpflichtung dazu ; geschrieben von dem Geringsten 'Ali Rufaisch." — 



206 Die Welt des Islams, Band III. igiß , Heft 3I4 

muiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

Ferner: „Die Bewahrung dieses Landes vor unscrm ungläubigen Feinde ist 
Pflicht; gesclirieben von Mohammed Sa'id Habübi und Mustafa Alhusaini 
Alkäschänl." 

4. Kurze Äußerung über die Pflichtmäßigkeit der Abwehr von Moham- 
med 'Ah Annachtschuwani, Saijid 'Ali Attäbrizi, Mahdl AlchuräsSni, 
Dschewäd, Sohn des verstorbenen Verfassers der „Dschawahir", Saijid 
Mustafa Annachtschuwäni Al'lräni Almuhädschir. 

5. Kurze Äußerung von Ismä'il Sadraddin, Mohammed Husain Alhä'iri 
Almäzandaräni, 'Ali Ihn Aschschaich und Mahdi Äl Assaijid Haidar Al- 
hasani Alhusaini. — Unmittelbar sich anschließend: kurze Äußerung von Mo- 
hammed Mahdi. 

6. Kurze Äußerung von Ibrahim Assalmäsi Alkäzimi, Radi Äl Almarhüm 
Aschschaich 'Aziz und Saijid Hasan Sadraddin. 

7. Kurze Äußerung von 'Abdalhusain Asadulläh, 'Abdalhusain AI Jäsin 
und Mohammed Amin Asadulläh. 

Während die Nummern 1 — 7 sich als spontane Äußerungen geben, mit denen hervor- 
ragende Männer ihren Eifer bekunden, folgen nun fünfzehn Äußerungen, die sich an ei» 
istifta" anschließen. Diese „Rechtsgutachtenerbittung von den berühmtesten Gelehrten", 
die, wie in solchen Fällen üblich, nicht unterzeichnet und nicht datiert ist, hat einige 
Besonderheiten ; deshalb gebe ich sie in Übersetzung (mit Weglassung der konventionelleo 
Phrasen) : 

„Was belieben die Gelehrten der Religion und die Deuter der Schari'a 
zu antworten auf folgende Frage: Heute haben die sieben Staaten der 
Ungläubigen, nämlich Rußland, England, Frankreich, Japan, Belgien^ 
Serbien und Montenegro dem Hohen Islamischen Osmanischen Reiche 
den Krieg erklärt und haben zu Lande und zur See die islamischen Länder 
angegriflfen und üben Raub und Plünderung, töten die Männer, machen 
die Frauen zu Sklaven und zerstören das Land der Muslime; ist es nun 
die Verpflichtung (tehlif) sämtlicher Muslime, welchem Mcdheb, Nation 
(millet) und Ordensregel (tariqa) sie auch angehören mögen, die Ungläu- 
bigen von dem islamischen Lande abzuwehren, und mit ihnen zu kämpfen, 
oder nicht? und wenn jemand die Möglichkeit hat auszuziehen, Abwehr 
zu leisten und Vermögen aufzuwenden, ist es dann gestattet, daß er die 
Abwehr und den Vermögensaufwand unterläßt und still zu Hause bleibt, 
oder ist das religiös verboten? Mögen sie auf diesem Frageblatt in deut- 
licher Weise angeben, was die Satzung Gottes darüber ist und es mit 
ihrem Siegel untersiegeln; [arab.] gebt uns ein Fetwa, euer Lohn ist bei 
Gott." Die folgenden egwibe'i serlfe „verehrten Antworten" haben nicht die Form, wie 
sie bei den Türken üblich ist (einfaches „ja" oder „nein"), sondern sind teils kürzere, 
teils längere Äußerungen zu der Frage ; ich mache Mitteilungen daraus, nur wo etwa« 
Besonderes zu bemerken ist. 



Kriegsurk^inden i6. 207 

HNIIIIIilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllltllllllllllllllllllllllllllllll IIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIH 

8.1 von Mohammed Käzim Attabätibä'i [Nedschef] 

8.2 Ton Mohammed Taqi Aschschii-azi [Sämarrä] 

8.3 längere Ausführung, in welcher sämtliche heute vorhandenen 
Gruppen des Islams nämlich Sunniten, Imamiten, Isma"iliten, 
Zaiditen, Wahhabiten und Chawaridsch als übereinstimmend in 
der Pflicht der Abwehr der Ungläubigen hingestellt werden, von 
Schaich Aschscharfa Al'isbahanl [Nedschef] 

8.4 von Isma'il Sadreddin [Kerbelä] 

8.5 von Mustafa Alhusaini Annedschefl AlkaschEm [Nedschef] 

8.6 von Mohammed Husain Alhä'iri Almäzandarani [Kerbelä] 

8.7 von Saijid 'Ali Attäbirzi [Nedschef] 

8.8 von Mohammed 'Ali Annachtschuwäni [Nedschef] 

8.9 von Mahdi Äl Saijid Haidar Alhusain [Käzimije] 

8.10 von Ibrahim AssalmHsi Alkazimi [Käzimije] 

8.11 von Mohammed Emin AI Almarhüm Aschschaich Asadulläh 
[Käzimije] 

8.12 von 'Abdalhusain Asadulkh [Käzimije] 

8.13 von 'Abdalhusain AI Jäsin [fehlt Angabe] 

8.14 von Saijid Hasan Sadreddin [Kerbelä] 

8.1 5 von Ibrahim Assalmäsl Alkazimi, Rsdi Äl Almarhüm Aschschaich 
'Aziz und Mohammed Mahdi [Käzimije]. 

Es folgen nun S. 1 Sp. 5 und S. 2 die „Telegraphischen Fetwas" Nr. 9—37 ; leider ist 
die Anordnung so wenig sorgfältig, daß zuweilen über Herkunftsort und Bestimmungsort 
Zweifel entsteht. 

9. an Mu'izz assaltana Schaich Chaz'al Chan, 'Ischär ' — Mohammera 
von Mohammed Käzim Attabätibä'i : Ermahnung zur Pflicht, an dem 
Kampfe der Muslime teilzunehmen. — Es ist ein seltsames Zusammentreffen, dafl 
der Mann, an den die Ermahnung gerichtet ist, Gegner des Glaubenskrieges war: er hielt 
es mit den Briten, die seine Dienste gut bezahlten; es ging das Gerücht, er sei dafür von 
seinem Bruderssohn Schaich Hanzal, der eine große Menge gegen sein Schloß führte, 
getötet worden [s. hier S. 37 f.] ; das hat sich aber nicht bestätigt. 

10. an Schaich Tähir Fardschallah in 'Ischar von Mohammed Käzim 
Attabätibä'i, mit Bezugnahme auf eine Drahtung des Adressaten und der 
Aufforderung, sämtlichen Stämmen ("oschäHr) von der Abwehr der Un- 
gläubigen Kenntnis zu geben. 

^ 'Ischär wurde erwähnt hier 11 S. 57 als „Arischär (ein Quartier Basras am Flusse)" ; man 
wird es identifizieren dürfen mit Al'ubuUa, das die Hafenstadt Basras war. Oppenheim 
(HI, 304) begnügt sich im Anschluß an die Behandlung von Basra zu sagen, daß „am 
Schatt selbst wie am großen Kanal eine ganze Anzahl stattlicher Gebäude entstanden" 
seien. Die Gebäude am Schatt sind eben das Viertel Al'ischär. 



208 Die Welt des Islams, Bafid III. igiS, Heft jj^ 



11. au Sehaich Ibrahim Muzaffar in 'Ischar von Mohammed Käzim 
Attabätibä'i : soll sämtlichen Stämmen von der Abwehr der Ungläubigen 
Kenntnis geben. 

12. an den Vertreter des Walis von Basra in 'Ischär von Mohammed 
Käzim Attabätibä'i : Bericht über die Ausführung eines drahtlichen Befehls, 
Sehaich Chaz'al und die Stämme des Gebietes zur Erfüllung der Kriegs- 
pflicht aufzufordern [diese Aufforderungen sind wohl Nr. 9 — 11]. 

13. an Hädschdsch Dscha'far Aratija, Hädschdsch Hammüdi Almalläk, 
Hädschdsch Müsä Aratija, Hädschdsch MahdiAlhauwäz, 'Abdaldschabbär 
Alchudairi, Hädschdsch Fadl und Hädschdsch 'Abbas in 'Ischär von Mo- 
hammed Käzim Attabätibä'i: Antwort auf drahtUche Anfrage, daß sämt- 
liche Stämme und alle Muslime, die fähig sind, schrifüich zur Abwehr der 
Feinde aufgefordert wurden. 

14. an Sehaich Bäqir Haidar in Süq Aschschujüch von Mohammed Taqi 
Aschschiräzi: schmeichelhafte Versicherung, daß Adressat der würdigste 
zur Erregung der Stämme zur eifrigen Teilnahme am Kriege sei. 

15. an Sehaich Chaz'al Chan durch Vermittlung von ''Atijazäde und 
Chudairizade in Qurna von Mohammed Taqi Aschschiräzi: Einladung zur 
Teilnahme am Kampf unter schmeichlerischer Hervorhebung der Be- 
deutung des Mannes, zugleich Bedrohung mit dem Jenseits. 

16. an den Emir Sehaich Mubarak [Ibn] Sabbäh durch Vermittlung von 
Chudairizade und 'Atljazäde in Qurna von Mohammed Taqi Aschschiräzi: 
ähnlich wie 15, doch mit geringerer Schätzung des Adressaten und mit 
deutlicher Anspielung auf seine Anrüchigkeit als britischer Kostgänger 
durch Hinweis, daß jetzt Feindschaften und Parteizwiste beiseite gelassen 
werden müßten. 

17. an Chaz'al Chan' dm-ch Vermittlung von Hädschdsch Hammüd 
Almalläk in 'Ischär von Mohammed Husaiu Alhä'iri, Sehaich aschschari'a 
Al'isbahäni, Saijid Mustafa Alkaschäni, Dschewäd sähib aldschawähir, 
ÄjatuUäljzädc Churäsäni, Saijid 'Ah Attäbrizi, Bahrurulümzäde Arrädschi 
Sadraddin: Beschwörung im Namen der Schari'a, an der Verteidigung 
von Basra mit Gut und Blut mitzuwirken; es sei hier kein Unterschied 
zwischen Osmanen und Ii-anem zulässig; der Adressat solle auch diese 
Bestimmung an sämtliche Stämme gelangen lassen. 

18. an Sehaich Bäqir Haidar in Saq Aschschujüch von Sehaich asch- 

' Der Adressat niclit sicher; die Adresse lautet nur: bimahdari mubärekl hendegün genäbi 
egdl ekrem serdäri erfa; Chaz'al ist der einzige unter sämtlichen Adressaten, der den 
Titel aerdäri erfd führt; durch bendegän soll er wohl als ein direkt im Dienste dei 
Herrschers stehender Mann bezeichnet werden. 



Kriegsurkunden i6. 209 

IIIIUIIIIIIIIIIIIII II II Illlllllllllillllllllllllllllll I IIIIIHIIIIIIII Illllllllllll IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII III IllllllllllUlllllllillllll 

»chari'a Arisbabäni: Antwort auf eine Drahtung, die traurige Nachrichten 
gebracht hat; der Schreiber habe seine Pflicht getan und sei selbst bereit 
zu jedem Opfer. 

19. an Hädschdsch Mohammed Arah, Hädschdsch Dscha'far Aratija, 
Hädschdsch 'Abdaldschabbär Alchudairi, Hädschdsch Hammüd Almalläk, 
Hädschdsch Fadl und Hädschdsch Mahdi in Basra von Schaich asch- 
schari'a Arisbabäni : Antwort auf die Mitteilung betrübender Nachrichten ; 
der Schreiber habe an sämtliche 'Ulemas, Minister und Häupter von Iran 
geschrieben, daß jetzt das Zusammenstehen mit dem Osmanischen Reiche 
nötig und Pflicht sei; im besonderen habe er den Herrscher von Muham- 
mera [Chaz'al Chan] drahtlich aufmerksam gemacht, daß er mit dem Os- 
manischen Reiche zusammengehen müsse, weil die Feinde der Osmanen 
Feinde der klaren Religion seien; Einigkeit sei nötig, um die Ungläubigen 
aus dem Gebiete der Muslimen zu vertreiben; auch nach Teheran habe 
er in diesem Sinne gedrahtet; die Adressaten soflen sämtlichen Stämmen 
und andern Bewohnern kundtun, daß der Schreiber entschieden habe, 
die Vertreibung der Ungläubigen sei jetzt die wichtigste Pflicht, und 
Lässigkeit darin errege den Zorn Gottes. 

20. an Schaich BSqir in Süq Aschschujüch. Alles übrige fehlt; vermutlich 
ist es aus 21 zu ergänzen. 

21. an sämtliche geehrte Kaufleute in Basra von Saijid Mustafa Al- 
gharawi Alkäschäni: allgemeine Aufforderung zum Kampfe. 

22. an Hädschdsch Müsa Aratija, Hädschdsch Dscha'far, 'Abdal- 
dschabbär Alchudain, Hädschdsch Fädil, Hädschdsch Hammüd AlmaUak 
und Hädschdsch Mahdi Hauwäz in Basra von 'All Rufaisch: bescheinigt 
Empfang beti-übhcher Nachricht; es müßten sich durchaus alle vereinigen 
zur Stütze des Islams. 

23. an Schaich Bäqir Haidar in Süq aschschujüch von 'All Rufaisch: 
allgemeiner Aufruf zum Kampfe. 

24. an Sälim Äl Chaiwan und sämthche Aschiren der Banü Asad in 
Himar [?] i von Saijid 'Abdarrazzäq Alhulu: Aufforderung, dem bedrohten 
Basra zu helfen. 

25. An die beiden Äqäj Kabbäsch [?] Äl Sa'd und das gesamte Äl Sa'd 
und die Banü Mansür und die Bewohner von Aschrasch von Saijid 
'Abdarrazzäq Alhulu: Aufruf zur Verteidigung Basras. 



' Über Sälim Äl Chaiwan und die Banü Asad siehe hier II, S. 49, Nr. 125, wonach Sälim 
seine üble Tätigkeit in Basra übte ; hier U, S. 307 wird Ton einer Zusammenkunft zwischen 
Sälim Äl Chaiwan und Ibn Raschid gesprochen. 

Die Welt des Islams, Band HI. 14 



■210 Die Welt des Islams, Ba7id III. igiß, Heft JI4 



26. an Saijid 'Abdalmuhsin Alhulu und sämtliche Muslime in Qurna 
von 'Abdarrazzäq Alhiüu: wie zu 25. 

27. an Hädschdsch Dscha'far Aratlja, j^ädschdseh Mohammed AI* ah, 
'Abdaldschabbär Alchudairi,Hädschdsch Milsa Aratija, Hädschdsch Ham- 
müd Almalläk, Hädschdsch Mahdi Alhauwuz, Hädschdsch Fadl und 
Hädschdsch 'Abbas in 'Ischar von 'Ah Dscha'farizEde: Antwort auf eine 
Drahtung vom Schreiber und von allen ^Ulemäs von Nedschef mit Auf- 
forderung zur Abwehr der Ungläubigen und der Bitte an Gott, dem Os- 
manischen Reiche Sieg zu geben. 

28. an Schaich Baqir Haidar in Süq Aschschujüch von Mohammed 
Dschewäd Htilawi: Ermahnung zum Kampfe. 

29. an sämtliche Aschiren der Muntehk in Nasirije von den^Ulemas von 
Kazimin (so in der Adresse; unterschrieben sind Saijid Mahdi AI Assaijid 
Haidar,Ibrähim Assalmasi Alkazimi,Mohammed Mahdi, Radi Äl Almarhüm 
Aschschaich 'Aziz) : es sei Pflicht, mit dem Generalkommandanten des 
Irak Dschäwid Pascha in Einigkeit zusammenzustehen und die Religion, 
das Heilige Buch, den Islam, die Frauen und die Ehre vor den Ungläu- 
bigen zu schützen. 

30. an Salim Ibn Hassün Chaiwan in Himar von Saijid Mahdi Äl Assaijid 
Haidar Alkazimi, Radi Äl Almarhüm Aschschaich 'Aziz, Mohammed Mahdi 
und Ibrahim Assalmasi Alkazimi: wie Nr. 29. 

31. an 'Uraibi Pascha, seinen Sohn Mohammed Bek, Schaich Madschid 
Ibn Chalifa, Falih Ihn Dschahwar, 'Abdalkarim Ibn Dschahwar, Zaiwan 
Ibn Jasin, 'Isman Ibn Jusr (? Jasin ?) und Salman Almunschid ' in 'Amara 
von Mahdi Äl Assaijid Haidar Alkazimi, Ibrahim Assalmasi Alkazimi, 
Mohammed Mahdi und Radi Äl Almarhüm Aschschaich 'Aziz, sämtlich 
in Käzimin [dem ganzen Stücke ist vorgesetzt: „aus Kazimin"]: wie 29. 

32. an Hammüd Äl Dschabir, Hasek^ Äl Mubarak, sämtliche Emire und 
sämtliche Stämme der Inseln von Basra^ von Saijid 'Abdarrazzaq: Aufruf 
zur Schützung des von den Ungläubigen bedrohten Basra. 

' Mehrere der genannten Personen sind erwähnt in meiner Arbeit „Ans Nadschd und dem 
Irak" in Bd. II: 'Uraibi S. 300 (Nr. 152), wo 'Izzet Bek als Sohn von ilim genannt ist, 
wahrscheinlich identisch mit dem hier genannten Mohammed; Salmän Almunschid S. 29 
(Nr. 14), wonach er an der Spitze der Uzairidsch im Liwa 'Amära steht. 

^ Hasek als Name in der Sippe Mubarak berührt seltsam; es ist wohl persischen oder 
türkischen Ursprungs ; k Diminutiv-EndungV 

•' Mit den gezäHri ba.;i7-a kann kaum etwas Anderes gemeint sein als die auf der Britischen 
Generalstabskarte III Lower Mesopotamia (in 1:1000000) No. 2563 mit „Island Vil- 
lages" bezeichneten Punkte in der Batiha nordwestlich von Basra; der Name bedeutet 
„die zu Basra gehörigen inselfdrmigen Wohnstätten". 



Kr iegsiir künden i6. 211 



33. an sämtliche Brüder von den Gläubigen von Mustafa Alhusaini 
Annadschafi Alktischnnl: längere Auslassung über die Pflicht zur Teil- 
nahme am Kampfe, zur Einigkeit nach [Kor. 3,98] „und klammert euch 
an das Seil Gottes insgesamt und spaltet euch nicht" ; sie sollen aus dem 
Schlaf der Indolenz erwachen, sie sollen eine Lehre ziehen aus den Er- 
fahrungen mit den Intrigen der Fremden, die innern Zwist brachten, sie 
sollen sogar den Zank zwischen den Sunniten und den Schi'^iten vergessen 
und die beiden hohen islamischen Reiche, das osmanische und das ira- 
nische, schützen. 

34. an sämtliche großen Emire, Generäle, Kaufleute und andere Klassen 
von Muslimen, die in Iran wohnen, von dem Schreiber von 33: ähnlich 
wie 33, nur etwas kürzer. 

35. an die Gemeinde der Bachtijaren in Mohammera, die Failis und 
die Kelhuren insgesamt von Hasan Assadr Almüsawi: heute handle es 
sich darum, dem Unglauben mit dem Islam entgegenzutreten und die 
Ungläubigen nicht auf islamischem Gebiet zu lassen; heute sei kein Ort 
zu Bemerkimgen, Hütung des Islams sei die Hauptsache. 

36. allgemeine Auslassung von Mohammed 'Ali Algharawi Annachtschu- 
wäni, Mustafa Annadschafi Alkaschäm, Saijid "^Ali Attäbrlzl, Schaich asch- 
scharl'a Al'isbahani, Dschewad, Sohn des verstorbenen Verfassers der 
Dschewahir, und Mahdi Alchurasäni : wegen der Bedrohung durch die 
Ungläubigen müsse die Einheit des Islams sich zeigen, und man dürfe 
von der Verschiedenheit der Konfession und der Mannigfaltigkeit in 
Staatsangehörigkeit und Regierung nicht sprechen. 

37. Drahtung des Saijid Mohammed Kazim Attabatiba'i an sämtliche 
Muslime, daß sein Sohn zum Dschihad aufgebrochen sei ; so in der Über- 
schrift, in der Drahtung selbst heißt es nur, daß der Schreiber seinen Sohn 
Mohammed ausgesandt habe, um den Muslimen die Lage klarzumachen. 

In dieser Sammlung von Urkunden erscheinen nur eine beschränkte Anzahl von Per- 
sonen, sämtlich, scheint es, aus Nedschef, Kerbela, Sämarrä und Alkäzimije. Daß sich kein 
einziger Müdschtehid aus Persien selbst hören läßt, dürfte nicht bloß daraus zu erklären 
sein, daß die heiligen Orte des Irak der bevorzugte Sitz der höchsten geistlichen Autori- 
täten der Schfa waren und sind, sondern auch daraus, daß Persien als neutrales Land 
Äußerungen seiner Müdschtehide, die als Staatsbeamte gelten, nicht dulden darf (die 
Abschlachtung von zweitausend Russen in Täbriz [s. hier S. 54] ist eine interne Ange- 
legenheit, die die Regierung bedauert, die sie aber, weil einem elementaren Sturme ent- 
springend, nicht hindern konnte ; es ist übrigens zweifelhaft, ob die Nachricht richtig war. 
— Die Äußerungen sind ziemlich gleichförmig und richten sich an eine geringe Anzahl 
bestimmter Personen, die von verschiedenen Seiten bestürmt werden; daneben gehen her 
allgemeine Aufrufe, die zum Teil nach Gruppen geordnet sind (No. 34 an die verschiedenen 
Stände, No. 35 an verschiedene Kurdengruppen). Man darf als sicher annehmen, daß sämt- 

14* 



21-2 Die Welt des Islams. Band III. igi^, Heft 3I4 



liehe Angeredete Schi'iten sind (bei den Knrden, besonders bei den ]Jacbtijaren, ist aller- 
dings die Bestimmnng der konfessionellen Zagebörigkeit schwankend). Bemerkenswert ist 
die liäafige Erwälmung von „Stämmen" (Ascbiren); es wird dabei nicht dnrcbaas an 
Bedninonstämme zu denken sein; wie icli melirfach gezeigt habe, ist das große Kada 
Scbamije (Liwa Diwanije) fast ganz von Schi'iten bewolint, die nacli Aschiren gegliedert 
sind, die aber vorwiegend friedliche Ackerbauer und Viehzüchter sind; nimmt man für 
alle Angeredeten sclu itischeu Charakter an, so ergeben sich auch die Muntefik-Aschiren 
in Näsirlje als schi'itisch; es ist seltsam, daß der herrschenden Familie, des Äl Sa'dün, 
keine Erwähnung geschieht. — Sympathisch berührt, daß der Gedanke des Burgfriedens 
auch diese Äußerungen durchzieht. Man kann der, heute besonders in gewissen Kreisen 
Stambuls gcliegten Hoffnung auf eine Versöhniing zwischen den beiden Grnpjjen, von 
denen übrigens die sduitische, selbst bei einer sehr hohen Schätzung der Kopfzahl, nicht 
mehr als zehn Prozent der Gesamtzahl der Muslime betragen dürfte (10 Millionen Schf iten 
in Persien und 10 Millionen außerhalb Persiens gegen 207 Millionen Gesaratziffer), skeptisch 
gegenüberstehen, und man kann doch anerkennen, daß hier tatsächlich eine Haltung be- 
obachtet wird, die die Gegensätze zum mindesten mildert, wenn sie sie nicht ganz ans 
der Welt schaffen kann. Es hat auch schon vordem sowohl unter den Sunniten als unter 
den Schi'iten Kreise gegeben, in denen es für unanständig galt, über die andere Religions- 
partei gehässige Reden zu führen. Aber hier äußern sich die höchsten Autoritäten der 
schi'itischen Welt dahin, daß man den Zwist zwischen Snnnismus und Schi'ismus vergessen 
müsse und beide Reiche, das osmanische und das iranische, unterstützen müsse. Nun 
finden sich allerdings in diesen Äußerungen von hervorragender schi'itischer Seite Dinge, 
die das sunnitische Herz, und speziell das Türkentum, unfreundlich berühren dürften. 
Zwei Punkte machen durch ihr Fehlen Eindruck. Von keiner einzigen Seite wird hier der 
Kalife oder Imara genannt, der ja für den größten Teil der sunnitischen Welt der türkische 
Sultan in Konstantin opel ist. Das ist nicht verwunderlich. Denn der Imam der Schi'iten 
ist der letzte der Zwölferreihe, der „Herr der Zeit" („Herr der Stunde"), der plötzlich ver- 
schwand und der einst wiederkommen wird, um dem Islam den Sieg tind der Welt das 
goldene Zeitalter zu bringen. Sämtliche Imame der Sunniten waren und sind Usurpatoren, 
und einige davon haben durch die Verfolgung der Nachkommen Alis und ihrer Anhänger 
den schwersten Fluch auf sich geladen ; hat doch auch nach der gewöhnlichen Darstellung 
Sultan Selim I. aus dem Hause 'Otmän einmal in einer Naclit nicht weniger als 40000 
Schi'iten umbringen lassen; da ist es kein Wunder, daß der Ruf zur Erhebung nicht vom 
Sultan in Stambul spricht. Damit hängt ein Zweites zusammen: das Wort (/i/iörf kommt 
in diesen Äußerungen nicht vor. Kein Wunder: jeder Dschihad setzt einen Imam voraus, 
der von Fall zu Fall das Verhalten der Gemeinde bestimmt. Die Schi'iten haben keinen 
sichtbaren Imam, so haben sie auch keinen Dschihad. Das wird von ihren eigenen Rechts- 
lehrern zugegeben (vgl. Enzyklop. des Islams s. v.). 

[Korrektur-Note]. Die vorstehenden Äußerungen der Schi'iten in Nedschef und Eerbelä 
erinnern an das ältere Vorgehen von 1911. Damals richteten 'Abdullah Mäzandaräni undf 
Mohammed Käzim Choräsäni an alle Klassen der persischen Nation einen glühenden Auf- 
ruf: die Krenzanbeter, die Feinde des Islams, bedrohen von Norden und Süden die Unab- 
hängigkeit Persiens; die Muslime müssen den Streit begraben und in vollkommener Ein- 
heit verhüten, daß ein Islamland den Tyrannen in die Hände fällt. Dieser Aufruf der 
'Ulemäs von Nedschef wurde an das osmanische Parlament gedrahtet und im Siräti Mu- 
staqim abgedruckt ; danach in Revue du Monde musulman Bd. 14 (April 1911), S. 160f. 
Die türkische Zeitschrift knüpfte daran die Bemerkung, daß von Rechts wegen die 250 



Kriegsurkunden i6. 213 



Millionen Muslime, deren Eechte von den Europäern mit Füßen getreten werden, mit 
5000 Deputierten vertreten sein müßten; die osmanische Regierung hat 140 Millionen 
Untertanen, die nur mit ganz geringer Zahl von Deputierten im Parlament vertreten sind 
(a. a. O. 161). Leider ist in Eevue du Monde musulman weder das Datum des sils fetwä be- 
zeichneten Aufrufs gegeben noch das der türkischen Zeitschrift. Im Anschluß an diese 
Notiz über das „fetwä" wird in Revue du Monde musulman 14, 161 f. Übersetzung gegeben 
von einem Schriftstück, das datiert istZilhigge 1328 [beg 4. 12. 1910] und das sich selbst 
bezeichnet als fetwä, erlassen von den schi'itischen Großmüdschtehiden, die die Häupter 
der Esna ascheri-Religion sind, und von den sunnitischen 'UlemSs; es wii"d darin in be- 
sonderer Weise die Einigung aller Muslime, seien sie Türken oder Perser, als Pflicht ge- 
predigt, Verteidigung des wahren Glaubens gegen die Angrifle der Ungläubigen; es ist 
volles Vertrauen in die Verständigung zwischen den beiden Regierungen zu setzen ; die 
Türken iind Persien müssen zusammengehen, damit beide gerettet werden. Die Urkunde 
ist unterzeichnet: Mohammed Käzim Choräsäni — 'Abdullah Mäzandarani — Schaich 
Aschschari'a Isfahäni Ismä'il Ibn Sadraddin 'Amuli — Nürulläh Isfahäni — Mohammed 
Husain Chairi Mäzandarani. Man sieht: nicht ein einziger Sunnit; das Fehlen sunnitischer 
Unterschriften ist auch bemerkt Revue du Monde musulman a. a. O. 162 nl. — Diese 
Bewegung, die von der Revue du Monde musulman im April 1911 berichtet wird, dürfte 
identisch sein mit der Agitation, die von dem damals begründeten jungpersischen End- 
schumen in Bagdad betrieben, und von dem damaligen Wali und dem Mutesarrif von 
Kerbelä unterstützt wurde. Den Aufruf, der den geraeinsamen Kampf gegen die Ungläu- 
bigen predigte, unterschrieben nicht alle Müdschtehide der Heiligen Stätten ; so schloß 
sich "Ali Aljazdi in Kerbelä aus, der die dem Schah treue, konstitutionsfeindliche Partei 
vertrat; er soll durch Drohungen und Gewalt zur Unterzeichnung des Aufrufs gebracht 
worden sein. Diese Bewegung, die in sunnitischem Sinne die Erregung des gihäd be- 
deutet, beweist, daß bei der (/lAäcZ-Erklärung von 1914 von einer Einwirkung Deutsch- 
lands gar keine Rede sein kann. MartinHartmann 



HiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 



214 Die Welt des Islams, Baiid III. igiß, Heß jl^ 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 



Deutsche Fibel und deutsches Lesebuch 
in der Türkei. 

VON 

MARTIN HARTMANN. 

„Über die Notwendigkeit der Erlernung der deutschen Sprache ist 
kein Wort zu verlieren. Die Gegenwart hat Deutscliland in Wissenschaft, 
Handwerk und besonders im Militärwesen den höchsten Grad des Fort- 
schritts erreichen lassen. Die deutschen Druckwerke über alle Zweige 
von Wissenschaft und Handwerk sind für ein fortlaufendes und ein- 
gehendes Studium das beste Hilfsmittel; für die Jugend des Vaterlandes 
ist die Erlernung der deutschen Sprache heute eine dringende Aufgabe. 
In der Absicht, diese zu erleichtem, habe ich dieses Buch nach der über- 
all geschätzten Berlitz-Methode in genauem Anschluß an die Vorlage zu- 
sammengestellt und lege es der Jugend des Vaterlandes vor". Mit diesen 
Worten führt der Oberleutnant Mohammed 'All, Lehi'cr an der Gewerbe- 
schule in Zaitun Burnu, ein deutsches Lesebuch ein, das folgenden Titel 
führt: metod herliiden tahsili lisäni alman hiringi kitäh, hiringi weikingi 
qysym „Erlernung der deutschen Sprache nach der Berlitz-Methode, Buch I, 
erster und zweiter Teil", von Oberleutnant Mohammed ""AÜ. Verleger 
Husain, Besitzer der Buchhandlung Iqbäl. [Stambul] 1332/1330. Druckerei 
Sandschakdschian. 148 S. 8". In der diesem Vorwort folgenden „Mittei- 
lung des Herausgebers" äußert sich Husain in ähnlicher Weise. Bemer- 
kenswert ist folgender Satz: „Wie nicht zu leugnen ist, daß das heute als 
Weltsprache anerkannte Französisch der osmanischen Jugend eine glän- 
zende Zukunft versprach, so ist es auch eine zweifellose Tatsache, daß 
die Deutschen bei den Umwälzungen in Wissenschaft und Handwerk, 
denen wir mit Dank beiwohnen, wahre Wunder geschaffen haben, und 
so ist die Notwendigkeit, das Deutsche zu erlernen, erwiesen". Erst zwei 
Monate später ließ der Herausgeber, veranlaßt durch die außerordentlich 
günstige Aufnalmac, die das Berlitzbuch gefunden, eine von dem Ober- 
leutnant Mohammed 'All „Illustrierte Deutsche Fibel" herstellen, die 
neben diesem deutschen Titel den entsprechenden türkischen führt: 
muso.uwar almumja elifbä, Jahr und Druckerei wie im Lesebuch. Die 
beiden Lehrbücher sind ein wichtiges Mittel für Verbreitung unserer 
Sprache, daneben durch das große Material an Vokabeln und Sätzen 
aus dem täglichen Leben dem Deutschon von Nutzen, der das gespro- 



Hartmann, Detitsche Fibel und de^itsches Lesebtich. 215 



chene Türkisch lernen will. Dringend wünschenswert ist, daß sobald wie 
möglich das Material zur Einfülirung in die deutsche Sprache und das 
deutsche Geistesleben in fachmännischer Weise ausgebaut wird. Wörter- 
bücher sind vorhanden (Türkisch-Deutsches Wörterbuch von Hacki 
Tcwfik (Galandjizado), Leipzig 1907; Deutsch-Türkische Wörterbücher 
von Sinan und Mehmed Tahir, Cosp. 1318 [1902], und von Omer Faik, 
Cosp. 1314 [1898]). Es handelt sich zunächst um eine gute Auswahl von 
Lesestücken aus unserer Literatur. Es möge ferner der oft ausgesprochene 
Wunsch nach einer deutsch-türkischen Presse befriedigt werden. Ein Wo- 
chenblatt mit regelmäßigen Berichten über die Zustände Deutschlands 
und seine Fortschritte auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiete, mit 
praktischen Ratschlägen für Reisen in Deutschland und Beziehungen mit 
Deutschland würde mit Freuden aufgenommen werden. Von Sonder- 
arbeiten, deren türkische Bearbeitung zurzeit als gründlich aufklärend 
in erster Linie erwünscht ist, erschien bereits: alman faizi millisl 188S 
— 1913", Übersetzung von Helfferichs „Deutschlands Volkswohlstand 
1888 — 1913" (zuerst abschnittsweise in der bekannten Stambuler Zeit- 
schrift Serweti Funun, dann in Buchform ; Übersetzer: Nessim Rousso; 
Verlag: Ahmed Ihsan & Comp.). Der schnellen Einbürgerung deutscher 
Gedankenarbeit würde gut dienen eine „Deutsch-Türkische Übersetzungs- 
bibliothek", die in der Art der Reclam-Hefte überall für einen geringen 
Preis zu haben wäre. Bei der Auswahl ist nicht so sehr auf das Rück- 
sicht zu nehmen, was dem zurzeit noch nicht sehr gebildeten Geschmack 
des orientalischen Lesepublikums zusagt als auf das, was bisher an 
Handbüchern und Anleitungen fehlt. 



muiiiiiiiHiiiiiiiiHiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimimiiiiiiiiiiiuiiiuuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimHimtiHiiiiHHiiuitiin 



216 Die Welt des Islams, Band III. igi§, Heft 3I4 

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DER SULTAN DER BAIJUMI. 

A'ON 

PAUL BORCHARDT. 

Aas meinem Tagrebuche, Februar 1914. 

Es war zur Zeit des Mulid en-nebi. Ich lag mit meiner Karawane in 
der kleinen Stadt Senures der Fajmu-Oase, als ich seine Bekanntschaft 
machte. Eines Nachmittags erschien ein Diener, der bei mir anfragte, ob 
mir der Besuch seines Herrn Mohammed Abduh Abdallah el Maghrabi, 
des Oberschech des Baijumi-Derwischordens, angenehm sei. 

Bald darauf erschien dann auch ein Araber, wohl 32 Jahre alt, in Be- 
gleitung von zehn seiner Leute, zum Teil wohlgekleidet, zum anderen Teil 
im braunen Beduinenburnus mit rotem Turban, die üblichen Derwisch- 
figuren des Orients. 

Er hatte von mir als deutschem Mohammedaner gehört und wollte mir 
doch seine Aufwartimg machen. Der Schech war der Enkel des Gründers 
des Ordens, ein schlanker Mann mit etwas vorspringendem Unterkiefer, 
kurzgeschorenem Bart, nicht hübsch, aber auch nicht unsympathisch, 
jedenfalls ein gewöhnliches Alltagsgesicht. Er war sicher Hysteriker, wohl 
eine Folge der Derwischübungen. Er soll über einen großen Anhang ver- 
fügen. Seit einigen Jahren kommt er zur Zeit des Mulid en-nebi nach 
Senures, wo er bei „Söhnen" seines Ordens abwechselnd wohnt und ißt. 
Der Schech des Stadtheiligen ist natürlich wenig von diesen Besuchen 
erbaut und bezeichnete den Baijumi-Führer bitter als Schwindler, da ihm 
als Fremdem und bekanntem Ordenshaupt alle zuliefen und die Ge- 
schenke ihm zuflössen. 

Der Herr der Baijumi war jedoch ein guter Diplomat. Ich mußte ihm 
zum Essen folgen. Tagelang war ich der geelirte Gast der Leute. Ich 
betete mit ihm zusammen, ich war sein Bruder, der Saum meiner Kleider 
wurde von der Menge geküßt. 

Endlich bestimmte er auch mich, bei meinem Lagerplatz ein Zikr, 
einen Derwischtanz, zu veranstalten. Er verstand seine Sache, denn wie 
die bösen Zungen der anderen behaupteten, war es ihm darum zu tun, 
von mir, dem deutschen Muslim, anerkannt zu werden. 

Bei einem Abendessen zog er sich dann mit mir und meinem Haupt- 
diener in ein leeres Zimmer zurück. Ich harrte der Dinge, die da kommen 
sollten. 






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Borchardf , Der Sultan der Baijumi. 217 

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Erforderte mich und meinen Diener auf. mit ihm die Hände zusammen- 
zulegen. Sein Rosenkranz wurde darumgeschlagon, und gemeinsam spra- 
chen wir die heilige Fatha, die erste Sure des Korans. Darauf umarmte 
er mich und — ich war zu meinem großen Erstaunen Mitglied des Bai- 
jumi-Ordens geworden. Seinen Bernsteinkranz erhielt ich als Geschenk. 

Ich erlebte packende Bilder mit ihm. Manchen Abend huckte ich mit 
den großen Besitzern in einer ärmlichen Hütte um die Eßplatte. Als seinem 
lieben Bruder gab er mir die besten Bissen. Eine kleine Petroleumlampe 
erleuchtete die schmale Kammer, in deren Vorraum die Baijumis ihre 
Tanzübungen unter ADahrufen machten. Die zuckenden Bewegungen, 
die schrillen, dann wieder ächzenden Allahrufe, das Zwielicht gaben ein 
Bild, das ich so leicht nicht wieder vergessen werde. 

Aber ich hatte die Vorbereitungen für mein Fest zu treffen. 

Ein großes Zelt für 80 Personen mit bunten Ornamenten, Stühle und 
Diener, Tassen und Kannen wurden für 60 Piaster in der Stadt geliehen, 
ein Hammel erhandelt und von Freunden Eßplatten erbeten. Ein feines 
arabisches Essen wurde gerichtet. Um 5 Uhr erschienen dann auch der 
Schech und meine anderen arabischen Freunde. Wir hatten das übliche 
Essen: Reis und Tomaten, Spinatsauce, Hammelfleisch, die Leber und 
das Herz besonders in Buttertunke, zum Schluß süße dünne Nudeln. 
Kaffee und Zigaretten folgten. Ein Rülpsen zeigte mir, wie es ihnen ge- 
schmeckt hatte. Die Reste waren für die Gefolgschaft. Bis zum 'esche- 
Gebct nach Sonnenuntergang unterhielten wir uns. Dann ließen zwei seiner 
Leute denRuf „Allahu akbar", den Gebetsruf, erschallen, am nahenWasser 
wurden die rituellen Waschungen vorgenommen. Ein alter Schech machte 
den Vorbeter — das Abendgebet wurde gesprochen. Nun begann das 
eigentliche Programm. Nach und nach hatte sich das Zelt mit seinen An- 
hängern gefüllt, die sich auf den Matten niederließen, nur die hohen Gäste 
saßen auf Stühlen. Der Bürgermeister und andere Beamte erschienen, es 
konnte beginnen. Ich zählte wohl an 200 Personen, die sich um den Ein- 
gang drängten. Die Tanzordnung wurde eingenommen. In zwei Reihen 
saßen sie sich gegenüber. Der Vorsänger begann seine Arbeit und die 
Derwische bewegten taktmäßig unter Allahrufen ihre Oberkörper vor- 
und rückwärts, vor- und rückwärts. Endlich erhoben sie sich auf den 
Ruf ihres Schechs. Das Tempo wurde schneller. Die Füße waren wie 
festgenagelt, nur der Oberkörper bewegte sich unter Allahrufen. Es war 
eine Art Bauchtanz, eine Bewegung in den Hüften, wobei der Kopf sich 
im Kreise fallend drehte. Die Rufe Allah-ha wurden mit großer Gewalt 
ausgestoßen. 



218 Die IVelt des Islams, Band III. igiß, Heft jj^ 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

Auf einen kurzen Befehl hin änderte sich die Bewegung. Der Name 
Allahs wurde nicht rachr deutlich ausgesprochen, sondern die Laute waren 
ein einfaches Röhren, widerwärtig wie Geheul, Dazu wurde der Körper 
von rechts nach links geschleudert, der Kopf beschrieb eine Acht (8)- 
Figur, die Arme sclilugen um den Körper — es waren die Bewegungen 
einer Gliederpuppe mit Gummigelenken. Durch Hoi-hoi-Rufen feuerte 
der Leiter des Tanzes, ein Unterschech, seine Leute zu immer wilderen 
Bewegungen an. Als das Röhren und Zucken zu stark wurde, wurde ab- 
gebremst und eine andere Übung vorgenommen. 

Unter Allahrufen wurde tief Luft geholt. Ich muß es einem Mediziner 
überlassen, Erklärungen zu geben, glaube jedoch, daß diese Derwische 
durch Erfahrung Avissen, ihre Erregungszustände durch Atemübungen 
wieder zu dämpfen, eine Kunst, die indische Fakire meisterhaft zur Er- 
regung bestimmter Zustände verstehen. 

Interessant war es, den Oberschech, der neben mir saß, zu beobachten, 
Er schien von den Rufen und Bewegungen wie hypnotisiert und folgte, 
von Zeit zu Zeit murmelnd, sitzend iliren Bewegungen. Zufällig kam einer 
seiner „Söhne", um ihm die Hand zu küssen. Er fuhr wie aus dem Schlaf 
gestört empor und starrte den Mann mit leeren Augen an. Nach einiger 
Zeit übernahm er das Kommando des Tanzes, den er selbst mitmachte, 
bis dem ein Krampfanfall mit schweren Zuckungen ein Ende bereitete. 
Nach diesem Anfall saß er mit übergezogenem Burnus vollständig apa- 
thisch auf dem Boden zwischen seinen Leuten. 

Nun hielt der Imam der Moschee von Senures eine Rede auf mich. 
Ich zog mich dann mit dem Baijumi-Schech in mein Zelt zurück, wo er 
mir einen Brief an alle seine Brüder übergab. 

Nun schenkte ich ihm noch 100 Piaster für seine Armen, ging ihm aber 
später aus dem Wege, da er es sichtlich noch auf meine Börse abgesehen 
hatte. 



Professor Hartmann macht zu dem am Schluß erwähnten Empfehlungs- 
schreiben folgende Bemerkung: „Das Schriftstück ist so unbeholfen und 
zeigt in seinem zweiten Teile solche Verworrenheit, daß man fast an- 
nehmen möchte, der Schreiber habe sich zu Unrecht als „Oberscheich 
des Baijümi-Derwischordens" ausgegeben. Die Tariqa- Scheiche sind in 
der Regel ganz unwissend, und Mohammed ""Abduh urteilte, wie ich von 
einem seiner Schüler höre, sehr hart über sie (im kleinen Kreise ; öffent- 
lich konnte er es nicht, weil diese Leute noch zu viel Anhang im Volke 



Borchardt, Der Sultan der BaijuTni. 219 



haben) , nachdem schon Gremäleddin Alafghäni sich gegen sie geäußerthatte ; 
aber dieses Schriftstück ist allerdings ein starkes Stück. Ich gebe Über- 
setzung der ersten dreizehn Zeilen: 

„[Nach der Eingangsformel.] Weiter: Gott spricht — er ist der wahrste 
der Sprechenden — : ,die [wahre] Religion bei Gott ist der Islam' [Koran 
3, 17]. Heil und Erbarmen Gottes über meine Brüder die Muslime ins- 
gesamt! Der Sender dieser Schrift au euch, der Gottesbedürftige Mo- 
hammed 'Abduh Almaghribi, aus der Mudirije Beni Suef in Egypten, 
Angehöriger der Tariqa des Sultan Albaijümi und Nachkomme meines 
Herrn und Ahnen Idris des Jüngeren, Sohnes meines Herrn Idris des 
Älteren [verkündet folgendes] : Der Träger dieses war Christ, jetzt aber 
hat er die Einheit Gottes und die Prophetensendung unseres Herrn Mo- 
hammed anerkannt; da wir bei ihm den Islam fanden und in seiner Hand 
ein amtliches Zeugnis von dem geistlichen Gerichte von Kairo, und da 
er wünscht, in unsere Tariqa einzutreten, so haben wir mit ihm den Bund 
darüber geschlossen, und ich erwarte von meinen Herren Brüdern, den 
Muslimen, daß sie ihm alle pflichtmäßigen Dienste leisten, dem Gesandten 
Gottes — Gott segne ihn und gebe ihm Heil — zu Ehren ; denn Pflicht 
ist es, ihn zu ehren, zumal er euer Arzt ist (?) ; zugleich bitte ich, nicht 
böse zu sein wegen dieser Belastung ; ich belaste euch nur deshalb, weil 
ich euch als gute Muslime kenne, daß ihr eure Pflicht tut ; und von mir 
Segensgruß an euch". — Unterzeichnet ist das Schriftstück: „Geschrieben 
von Mohammed 'Abduh Almaghribi, Diener sämtlicher Baijüml-Saijids." 
— Die Baijümija sind ein von Sidi 'All Ibn Alhigäzi, geb. zu Baijüm 
1108/1696, gestifteter Orden, der der Qädirija-Gruppe angehört. Lane 
(ed. Poole, 1871) spricht von den Beiyoomeeyeh als einer Sekte der 
Ahmedije (von Ahmed Elbedewi) 1, 306; 2, 182 beschreibt er eine Zikr- 
Ubung, der er beiwolmto, und die von einer Art war, „die nur unter den 
Baijümlje üblich ist". Die Beobachtungen bei Lane und bei Borchardt 
differieren. Vgl. Enzykl. des Islam I 623 s. v. Baiyümiya. 



uHiuuiiMuiiKiiiHiiiuuimuuuiuiiiiiiiiuinimiiiiiiiuiumuiiuuiHHUMUiiiiiiHiiiiiinniiiiiiiiiiiimiHinHiimMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH 



220 Die Welt des Islams, Band III . igi§, Heft 3I4 

iHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

MITTEILUNGEN. 

TÜRKEI. 

ÜBERSICHT. Seite 

1. Literarisches 220 

2. Unterricht 223 

3. Kihliotheken 230 

4. Diplomatie und Konsularwesen 231 

5. Gesetzgebung. Verwaltung 232 

6. Vereinswesen 237 

7. Heer und Flotte 237 

8. Allgemein Wirtschaftliches 237 

9. Landeserzeugnisse und Ausfuhr 240 

10. Bodenschätze • 242 

11. Unternehmungen 243 

12. Verkehr: Eisenbahnen, Wegebau, Post, Telegraphie 245 

13. Fürsorge 249 

1. Literarisches. 

Scheich Abdu'l-'AzIz Tschawisch. Über den mohammedanischen Gelehrten Scheich 
Abdu'l-'Aziz Tschawisch, Rektor der Hochschulen in Medina und Salahed-Din Eijubi in 
Jerusalem '), einen der Hauptverfechter panislamischer Ideen, der auch in Berlin wohl- 
bekannt ist, machte einer seiner Schüler, Saijid Me'mun Abulfadl (aus Medina) in der 
Tagespresse Mitteilungen, denen wir Folgendes entnehmen: 

Scheich Abdu'l-'Aziz Tschawisch ist von tunesischen Eltern in Egypten geboren, wo er 
die islamischen Wissenschaften und die europäische Kultur sich zu eigen machte. Lange 
Jahre war er später Professor des Arabischen in Oxford. Nach Beendigung seines Stu- 
diums war es seine Hauptaufgabe, seine Kenntnisse seinem Volke näher zu bringen. Er 
war eines der Hauptmitglieder des egyptischen Nationalkomitees, Chefredakteur des ersten 
Organs Egyptens „al-Liwa", in dem er sieben Jahre lang Artikel veröffentlichte, die dazu 
bestimmt waren, Egypten von der Herrschaft Englands ru befreien. Von den Engländern 
wurde er seiner aufrührerischen Schriften wegen viermal verurteilt; zweimal mußte er 
Strafen im Gefängnis verbüßen, die anderen Male wußte er sich zu befreien. Sein weiterer 
Aufenthalt in Egypten wurde ihm schließlich unmöglich, und er siedelte nach Konstan- 
tinopel über, wo er alsbald seine Tätigkeit wieder aufnahm und verschiedene Zeitungen 
und Zeitschriften herausgab, u. a. „El-Hiläl-al-'utmäni". 

Im Krieg zwischen der Türkei und Italien um Tripolis hat er sich nach den verschiedensten 
Richtungen hin sehr eifrig betätigt; während des jetzigen Krieges war er mit Dschemal 
Pascha, dem Oberbefehlshaber der syrischen Armee, in S3rTien, um die Araber für den 
jetzigen Krieg einzunehmen zur Befreiung des Islams. 

In wissenschaftlicher Hinsicht hat er eifrig gewirkt, viele Bücher geschrieben, um den 
Orientalen die europäische Kultur zugänglich zu machen, u. a. gab er eine neue Er- 
klärung des Korans in seinem arabischen Buch „Asraru-l-Qur'än". 

' Vgl. S. 224. 



Mitteihinge7i. Türkei. 221 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

Auch für eine bessere Schulbildung hat er gewirkt, indem er vielfach Schulen einrich- 
tete, in Jerusalem und Medina sogar die Errichtung von Hochschulen dxirchsetzte. 

Von seinem ersten Aufenthalt in Deutschland während des Krieges hatte Scheich 
Tschawisch die denkbar besten Eindrücke mit heimgenommen. In verschiedenen Auf- 
sätzen in angesehenen Blättern der türkischen Hauptstadt schilderte er die deutschen Ver- 
hältnisse und stellte Deutschland als das groiSe Vorbild nationaler Opferfreudigkeit hin. 
In ihm hat Deutschland einen außerordentlich tätigen und einflußreichen Freund ge- 
wonnen. Er weilt jetzt wieder in Berlin, wo er besonders für seine Untemchtsanstalten 
Interesse zu schaffen wünscht. (N. O.) 

Ein türkischer Dichter über Regensburg. Gelehrte und Dichter des nahen Orients haben 
bis vor nicht allzulanger Zeit meist Frankreich als das Land betrachtet, dessen Einrich- 
tungen und Monumente ihnen eines näheren Studiums und des Besuchs würdig schienen. 
Deutschland, das an Zahl und Wert nicht geringere Kulturschätze als Frankreich aufzu- 
weisen hat, ist infolgedessen etwas stiefmütterlich behandelt worden und so manchem 
hervorragenden Orientalen ein zwar gewichtiges, aber nie geöffnetes Buch geblieben. Es 
ist darum um so verdienstlicher und erfreulicher, wenn jetzt, da unser Bündnisverhältnis 
zu der Türkei vor allem auch den regeren Austausch geistiger Beziehungen auf das ge- 
meinsame Programm gesetzt hat, ein berühmter türkischer Gelehrter an Ort und Stelle 
deutsche Einrichtungen und deutsche Städte studiert und seine Beobachtungen und damit 
eine breitere Kenntnis des Deutschtums seinen Landsleuten vermittelt. Halid Zia, der 
Türkei hervorragendster Romancier und daneben noch Professor der Literaturgeschichte 
an der Universität Stambul, begnügt sich als echte Gelehrtennatur nicht mit dem Besuche 
der großen Mittelpunkte deutschen Lebens — auch abgelegenere Plätze, stillere Winkel, in 
denen noch etwas von der Poesie des christlichen Mittelalters nachwirkt, hat er besucht 
und über sie seinen Landsleuten in Briefen an den „Tanin" berichtet. 

Im achten Briefe schildert er beispielsweise seine Eegensburger Eindrücke. Es fäUt 
ihm, dem Dichter, besonders auf, wie glücklich diese im Bauholz- und Getreidehandel und 
auch sonst industriell so rührige Stadt ihre Betriebsamkeit hinter einem friedlichen, ja 
fast träumerischen Straßenbild zu verbergen weiß. Sie wirke, obwohl völlig modern 
hinsichtlich all ihrer Einrichtungen, in vielen Teilen wie eine wohlerhaltene Stadt des 
Mittelalters, und dieses harmonische Ineinanderfließen vergangenen und gegenwärtigen 
Lebens verdanke sie dem Kunstgefühle, der Opferwilligkeit und der Organisation ihrer 
Bürger. Halid Zia hat den Eegensburger Reichssaal und das Fürstenkollegium besucht, 
und es sind ihm besonders die berühmten Eegensburger Gobelins aufgefallen. Eegensburg 
nimmt ja in der Geschichte der Textilkunst eine hervorragende Stelle ein, und schon im 
13. und 14. Jahrhundert wurden hier nicht nur prachtvolle Brokate selbst gefertigt, sondern 
auch solche von Persien und China eingeführt. Die Kirchen Eegensburgs, die Halid Zia 
besuchte, hüten köstliche noch aus jener Zeit stammende Priestergewänder als einen ihrer 
Hauptschätze. 

Im alten Eegensburger Stadthause hat sich Halid Zia die unterirdischen Verließe, 
Folterkammern und Folterwerkzeuge angesehen, und wir begreifen, daß ihn, der in der 
Nähe des Throns stand und aus der finsteren Zeit Abdul Hamids in diese freundlichere 
moderne türkische Welt gelandet ist, angesichts der mittelalterlichen Inquisitionsapparate 
Erinnerungen eigentümlicher Art überfallen. Halid Zia schließt seinen lebensvollen und 
feinsinnigen Brief mit der Schilderung der Eegensburger Walhalla. (N. O.) 



222 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft JI4 



Nationalistische türkische Dichtkunst. Der Tod des berühmten türkischen Dichters 
Tewfik Fikret und die Würdigungen seiner niensclilichen und literarischen Persönlichkeit 
haben die türkischen Literaten im Verlauf einer angeregten Polemik zu interessanten 
Klarstellungen dessen geführt, was die moderne Türkei von ihren literarischen Führern 
erwartet. Es muß von vornherein gesagt werden, daß man bei aller Tewfik Fikret entgegen- 
gebrachten Verehrung seine literarischen und moralischen Grundsätze für bedenklich 
hält, weil er das freie Walten der Individualität über die der Nation und Gesamtheit nütz- 
lichen Prinzipien gestellt hat. Zia Gjök Alp, nach einem Wort im „Hilal" der berufene 
Apostel der nationalistischen Schule, hat die Gegensätzlichkeit zwischen Tewlik Fikret 
und der jungtürkischen Schule scharf umrissen. Die neue Schule läßt für den türkischen 
Wortschatz nur Ausdrücke und „Türkismen" zu, die der in der Hauptstadt gesprochenen 
Umgangssprache entlehnt sind. Fikret aber bedient sich einer Menge darüber hinausgehen- 
der arabischer und türkischer Ausdrücke. — Die Türkisten haben in der Poesie als na- 
tionales Metrum das Silbensystem angenommen, während Fikret dem alten auf arabische 
Vorbilder zurückgehenden, die Silben messenden (quantitierenden) System (bekannt 
unter dem Namen 'arwr) treu geblieben ist. Wichtiger aber und für den europäischen 
Literaturfreund interessanter ist die von Zia Gjök Alp betonte Tatsache, daß Filcret sich 
wenig darum gekümmert hat, ob seine Dichtungen nationale Themata, mögen sie nun 
der Mythologie, der Geschichte oder dem Volksleben der Türkei entlehnt sein, behan- 
delten und ob der spezifisch türkische Geschmack als Kriterium ins Auge gefaßt war. 
„Halten wir Fikrets Andenken teuer, aber folgen wir ihm nicht", schließt der bekannte 
türkische Literat seine Ausführungen. (N. O.) 

Zeltschrift für Rechtswesen. In Konstantinopel ist unter dem Titel „Hukuk Me- 
dschmuasy" eine Zeitschrift für Rechtswesen begründet worden. Die erste Nummer wurde 
Mitte September 1915 herausgegeben. Herausgeber sind Saijid Haschim Bej, Mitglied des 
Staatsrats und Professor der Rechtsfakultät, sowie die Universitätsprofessoren Salahaddin, 
Mustafa Scheref und Muauner-Raschid. Eine Reihe von Spezialisten sind als Mitarbeiter 
gewonnen. Diese Zeitschrift entspricht einem stark gefühlten Bedürfnis. Die Gefahr, wie 
sie meist ähnlichen Unternehmungen droht, ihr Erscheinen ans materiellen Gründen ein- 
stellen zu müssen, ist bei ihr beseitigt. (N. O.) 

Neuere türkische Literatur. Dr. Jaki Behar, Professor an der Handelshochschule in 
Konstantinopol, hat vor kurzem eine juristische Enzyklopädie herausgegeben, die sich in 
erster Linie mit dem in der Türkei geltenden Rechte beschäftigt und ein brauchbares 
Nachschlagebuch für alle darstellt, die sich mit Fragen des türkischen Rechts zu beschäf- 
tigen haben. Von demselben Autor stammt ein türkisches Werk über Nationalökonomie, 
dessen Titel „Iktisad-i- Tidschari" ist und das alle Grundfragen dieses Gebiets in klarer 
Weise darstellt. (N. O.) 

„Die Welt des Islams und Deutschland". Der Verleger der arabischen Zeitung „El- 
Ittihad-ul-Islami" hat sich mit dem bekannten Schriftsteller Reschid Eifendi El-Rafi sowie 
mit einer Anzahl anderer Literaten zusammengetan, um unter dem Titel „Die Welt des 
Islams und Deutschland" ein größeres Werk erscheinen zu lassen. W^ie die genannte Zei- 
tung mitteilt, steht das Werk dicht vor dem Abschluß. Es wird die Gründe behandeln, 
die zu dem Bündnis zwischen dem islamischen Kalifat und dem Deutschen Reiche geführt 
haben und dürfte die Ursachen der Siege an das Licht stellen, die die verbündeten Staaten 
bisher errungen haben. (N. O.) 



Mitteilungeji. Türkei. 223 



Neues Lehrbuch der türkischen Sprache. Unter dem Titel „Mükemmel kawa'id-i- os- 
manije" (Vollkommene osmanische Sprachlehre) ist ein Buch erschienen, das seitens des 
türkischen Unterrichtsministeriums gebilligt und zugelassen wurde. Die Verfasser sind 
die Herren Mesud und Atyf, beide Professoren an der Lehrerhochschule und dem Stam- 
buler Lyzeum, (N. O.) 

Turkologische Studien in der Türkei. Der glückliche Verlauf des Krieges hat außer- 
ordentlich auf das Selbstgefühl unserer türkischen Verbündeten eingewirkt und hat dem 
Studium der türkischen Geschichte einen mächtigen Impetus gegeben. Die Kommission 
ztir Förderung national- türkischer Studien, Milli Tetebbuler, die durch ein besonderes 
Irade des Sultans eingesetzt ist, ist besonders tätig, um neue Forschungen über die Ge- 
schichte und Kultur der Türkenvölker zu unterstützen und um darauf bezügliche Werke 
ans andern Sprachen in das Türkische zu übersetzen. Die Übersetzung folgender Werke 
ist in Angriff genommen : Die vierbändige Geschichte der Mongolen von Howorth, das 
Dschämi'et-Tawarih von Reschid ed-Din und die Arbeit über die Orkhon-Inschriften von 
V. Thomsen. Ein besonderes Verdienst der Milli Tetebbuler ist die Herausgabe eines von 
türkischen Gelehrten aufgefundenen türkisch-arabischen Wörterbuchs, desDiwan-i-Lugat-i- 
turk, das ein gei,visser Mahmud Kaschgari im Jahre 466 der Hedschra (1050 n. Chr.) ver- 
faßte und das der mssenschaftlichen Welt bisher völlig unbekannt war. Abgesehen davon, 
daß dieses Werk eines der ältesten Denkmäler der türkischen Sprache überhaupt ist, ent- 
hält es einen reichen Schatz historischer, ethnographischer und folkloristischer Notizen, 
die ein ganz neues Licht auf die Geschichte undKxiltnr der Türkenvölker in einer früheren 
Zeit werfen. (N. O.) 

Ein neues Drama. Mühji ed-Din Beha Bej hat ein Schauspiel veröffentlicht, das den 
Titel trägt: „ChaHfe ordusu Mysr we Kafkasda" (Das Heer des Kalifen in Egypten und 
im Kaukasus). • (N. O.) 

Eine Aussteilung für Witz und Humor. Mitte Oktober sollte dem „Tanin" zufolge im 
Verein Türk odschaghy (Türkenheim) in Konstantinopel eine Ausstellung für humo- 
ristische Kunsterzeugnisse eröffnet werden, an der nur türkische und andere mohamme- 
danische Künstler teilnehmen dürfen. (N. O.) 

2. Unterricht. 

Reformen im türkischen Universitätswesen. Das türkische Unterrichtsministerium 
hatte die Bildung einer Kommission veranlaßt, die über Verbesserungen des Unterrichts- 
wesens beratschlagen soll. Man war sich zunächst noch nicht einig darüber, ob die Ver- 
besserungen vorerst bei den Elementarschulen einsetzen müßten oder bei den höheren 
Lehranstalten bezw. der unter Abdul Hamid vor etwa 20 Jahren in Konstantinopel ge- 
gründeten Universität. Der frühere Unterrichtsminister EmruUah Effendi vertrat die Ansicht 
daß die Verbesserungen in erster Linie bei den höheren Lehranstalten angebracht wären. 
Er begründete diese seine Ansicht mit einem Gleichnis ; im Paradiese gebe es einen Baum, 
den „Tuba-Baum", der seinen Segen auch aus den Gipfeln seiner Krone spende. Die 
Konstantinopeler Zeitung Tasfir-i-Efkiar schrieb in gleichem Sinne, daß es gewiß an der 
Zeit sei, auch die niedrigen Schulen auf eine höhere Stufe zu bringen, jedoch sei es vor- 
erst jedenfalls nötig, die höheren Lehranstalten einer Reform zu unterziehen. Ein be- 
rühmter Gelehrter, dem das Wesen der europäischen Universitäten sehr genau bekannt 



^■li Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft jj^ 



ist, liat einem Vertreter des genannten Blattes gegenüber, nm Auskunft über den Stand 
der türkischen Universität befragt, geantwortet, daß diese zwar noch recht weit davon 
entfernt sei, einer europäischen Universität gleiclizukommeu, daß sie aber sicherlich noch 
auf die 8tnfe gebracht werden könne, die wünschenswert erscheine. Man müsse es eben 
anfangen wie andere Völker, die im Anfang ebenfalls nur geringwertige Lehranstalten im 
eigenen Lande besaßen, wie z. B. Japan und Knßland. Diese haben sich recht schnell die 
Wissenschaften, wie sie in den europäischen Ländern gelehrt werden, angeeignet. Sie 
haben eingeborene Studenten nach Europa zum Studium entsandt und von dort her Pro- 
fessoren zu sich eingeladen, die an höheren Lehranstalten des eigenen Landes unterrich- 
teten. Mit der Zeit lernten die Hörer, denen dieser Unterricht anfänglich schwer fiel, sich 
an die Professoren und die neuen Lehrmethoden zu gewöhnen, wie auch die Professoren 
es lernten, sich den Studenten mehr anzupassen. Natürlich könne man nicht für alle 
Fächer sich aus Europa Professoren kommen lassen. Für einzelne Zweige, wie Religion, 
Arabisch usw. wäre das kaum angängig, hierfür müsse man sich mit einheimischen Kräften 
behelfen, aber auch hier versuchen, auf eine höhere Unterrichtsstufe zu gelangen. Es sei 
nicht zu befürchten, daß eine Anstellung fremder Professoren dem türkischen Nationalis- 
mus schaden könne: die Wissenschaft verständige sich mit jeder Nation, und jedes Volk 
zieht auch aus fremden Lehren nur stets Nutzen für sich. Am angebrachtesten wäre es 
zweifellos, sich die Professoren aus Deutschland kommen zu lassen. Auch ein japanischer 
Professor hat seinerzeit dem Verfasser des Artikels im Tasfir-i-Efkiar gegenüber die An- 
sicht geäuiäert, daß die Wissenschaft in Deutschland in höchster Blüte stehe, und wun- 
derte sich, daß die Türkei ihre Studenten nach Frankreich entsende, das doch Deutsch- 
land in wissenschaftlicher Hinsicht nicht gleich stände. Japan entsandte z. B. in einem 
Jahre 70 Studenten nach Europa, hiervon 68 nach Deutschland, die übrigen 2 nach Frank- 
reich, um hier die dramatische Kunst zu erlernen. Auch türkische Gelehrte haben auf 
Grund eigener Erfalirungen bezeugt, daß die echte W^issenschaft vornehmlich in Deutsch- 
land zu finden sei. So wird die Wissenschaft ein neues Bindeglied zwischen Deutschland 
und der Türkei werden. Auf die inzwischen erfolgte Berufung deutscher Professoren an 
die Universität in Konstantinopel werden wir später zurückkommen. (N. O,) 

Eine neue Moscheehochschule in BruSSa. In Brussa ist neuerdings eine Medrese unter 
dem Namen : „Brussa medresesi" (Brussa Moscheehochschule) gebildet worden. Diese 
Institution bezweckt, bei fünfjährigem Lehrgang für Provinzstädte und Dörfer Imarae, 
Chutba-(Freitagsgebet-) Vorleser xind Prediger heranzubilden, die geeignet sind, Elementar- 
unterricht in Religion und Profanwissenschaften zu erteilen und für das öffentliche natio- 
nale Leben zu wirken. (N. O.) 

Die Salaheddin-Universität in Jerusalem. Über die neu begründete Universität Sala- 
heddin el-Eijubi in Jerusalem brachte die Beiruter Zeitung „al-Ittihäd al-'utmäni" in ihrer 
Nummer 1931 vom 20. Januar 19L5 eine amtliche Mitteilung, der wir die folgenden tatsäch- 
lichen Angaben entnehmen : 

Zum Rektor ist Scheich 'Abd al-'Aziz Tscliäwisch erwählt worden. Der Lehrkörper 
setzt sich zusammen aus: 

dem früheren Leiter des Kaiserlichen Gymnasiums in Beirut, Haidar Effendi, für Erd- 
kunde und Geschichte, 

Scheich Muhammad Effendi al-Huseni, einem Gelehrten aus Tripolis in Syrien, für Hadit 
und religiöses Recht, 



Mitteilungen. Türkei. 225 

Niuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiii.niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 

'Abd al-Qädir Effendi, einem Gelehrten aas Tripolis in Syrien, für arabische Sprache 
und Geschichte des Islams, 

Scheich Ahmad Effendi al-Mihmasäni, einem Lehrer der Eechtsschule zu Damaskus, für 
arabische Literatur, 

Husen Effendi, dem Mufti der Hanafiten in Jerusalem, für Flqh und dessen Grund- 
lagen, 

Scheich Mustafa Effendi al-Ghaläjini, einem Lehrer des Kaiserlichen Gymnasiums in 
Beirut, für arabische Redekunst, und 

Scheich Sulemän Effendi al-Gühadär, einem Gelehrten aus Damaskus, für die Samm- 
lung richterlicher Entscheidungen. 

Als Hörer werden hundert intelligente, gebildete junge Leute im Alter von sechzehn 
bis neunzehn Jahren aufgenommen; zur Bedingung werden dabei Vorkenntnisse gemacht, 
die ein erfolgreiches Studium ermöglichen. Von diesen 100 Studenten entfallen 25 auf das 
Wilajet Aleppo, 30 auf das Wilajet Syrien, 25 auf das Wilajet Beirut und 20 auf den 
Bezirk Jerusalem; außerdem kann jeder Schüler der dritten Klasse des Kaiserlichen Gym- 
nasiums in Beirut aufgenommen werden. Die Auswahl der Hörer erfolgt in jedem Wilajet 
durch eine besondere Kommission. ' Erwünscht ist ein starker Besuch der Universität durch 
junge Leute aus Nordafrika, Indien, Turkestan und anderen islamischen Ländern. Als Ziel 
des Unterrichts wird die Heranbildung von Männern angegeben, die geeignet sind, künftig 
in der Welt des Islams eine führende Stellung einzunehmen. 

Die Eröffnung der Schule hat, wie die Zeitung „Al-Muqtabas" mitteilte, am ersten 
Freitag des Monats September 1915 stattgefunden. E. Bryde 

Türkische Studentinnen. Wie im „Kjöilü" berichtet wurde, entsendet die Stadt Smyrna 
demnächst vier junge Mädchen zum Studium nach Europa. Drei von ihnen werden sich 
dem Studium der Pädagogik widmen, während die vierte beabsichtigt, Zahnheilknnde zu 
studieren. (N. O.) 

Kommission für den Elementarunterricht. Die Kommission für den Elementarunter- 
richt hielt am 18. September unter dem Vorsitz des Generalsekretärs Ee'uf Bey in Kon- 
stantinopel eine Sitzung ab. Es wurde der Beschluß gefaßt, im Bezirk Gebze (Anatolien) 
einen Kindergarten und in einigen Dörfern vier Elementarschulen zu eröffnen und, um 
die Erziehung der Dorf kinder und die der Umgebung sicherzustellen, in Gebze im Tasch- 
köprü-Diwany eine Elementarschule mit Internat zu errichten. Die Kommission verhan- 
delte ferner noch über Haushaltungsschulen und über die Abhaltung von Kursen durch 
Spezialistinnen, um den Kochkunstlehrerinnen ihre Praxis zu erleichtern und ihre theo- 
retischen Kenntnisse zu erweitern. Es wurde beschlossen, daß unter Heranziehung von 
Spezialistinnen Schulen eröffnet werden sollen, ähnlich den Lehrlingsschulen in Skutari, 
Stambul und Beschiktasch. Für den Bau des Lyzeums in Sülemanije wurden durch die 
Sonderkommission 1500 Pfund bewilligt. Sodann wurden Memoranda von Schulleitern 
verlesen, betreffend Einbeziehung der Schule „Watan" unter die offiziellen Schulen, der 
Eröffnung einer Zweiganstalt zur Topkapu-Schule und der Ernennung zweier Lehrer. 
Diese Vorschläge wurden angenommen. (N. O.) 

' Für Beirut besteht diese Kommission, wie angegeben wird, aus dem mudlr al-ma'ärif 
(Direktor des Unterrichtswesens), ferner aus 'Abd al-Qädir Effendi al-Qabbäni und dem 
Besitzer und Schriftleiter der Zeitung al-Itti^iäd al-'utmäni Scheich Ahmad Hasan Tabbära. 
Die Welt des Islams, Band UI. 15 



226 Die Well des Islams, Band II I. igiß, Heß 3/4 



Fortschritte im Erziehungswesen in der TÜrliei. Der frühere Direktor dos Lehrer- 
seminars in Konstautiuopel, Öati Uei, hat jüngsthin die „Neue Schule" gegründet, mit 
der außer einem Mutterheim und lündergarten jetzt auch noch ein Lehrerinnenseminar 
verbunden ist. In dieses werden nur Mädchen aufgenommen, die das Abgangszeugnis der 
Volksschule besitzen oder entsprechende Kenntnisse aufweisen können. Der Unterricht 
dauert eiu Jahr und ist in drei Kurse eingeteilt. Der erste Kursus umfaßt Türkisch, Natur- 
wissenschaften, Gesundheitslehre, Geschichte, Geographie, Rechnen und Geometrie, der 
zweite Psychologie und Pädagogik, besonders das Seelenleben der kleinen Kinder, ferner 
die Lehre von der persönlichen und sozialen Bildung mit praktischer Nutzanwendung, 
der dritte endlich Musik, Kulturlehre, Zeichnen und Handarbeiten. Die künftige Lehrerin 
muß alle drei Kurse durchgemacht haben und hat dann auch die Berechtigung zur Ertei- 
lung des Unterriclits in einem Mutterheim. 

Die Zeitung „Tasfir-i-Efkjar", der diese Mitteilung entnommen ist, drückt den Wunsch 
aus, daß die Regierung auch Mädchen, die außerhalb Konstantinopels leben, veranlaßt und 
unterstützt, die neugegründete Schule zu besuchen und legt den Mädchen selbst im Inter- 
esse der Verbreitung der allgemeinen Bildung den Besuch dieser Anstalt nahe. 

Auch in der Provinz selbst regen sich Bestrebungen derselben erfreulichen Art. So 
berichtet die „Angora-Zeitung", daß seitens des Provinzialkollegiums von Angora der 
Beschluß gefaßt worden ist, in Angora eine Kunstschule für Mädchen und in den ver- 
schiedenen Bezirken der Provinz Angora je eine Schule für Mütter zu errichten. Die hierzu 
nötigen Schritte sind bereits eingeleitet worden. (N. O.) 

Fethi Bej-Mädchenschule. Der Privatschule „Fethi Bej-Mädchensclmle" in Ajas Pa- 
scha (Konstantin opel) ist die Genehmigung zur Eröifnung erteilt worden. (N. O.) 

Nationale Mädchenschule Ferriköj. Die unter dem Schutze des Wohltätigkeitsvereins 
Osmanischer Frauen stehende Nationale Mädchenschule im Stadtviertel Ferriköj (Kon- 
stantinopel) hat in diesem Jahre auch die deutsche Sprache als Unterrichtsfach aufge- 
nommen. (N. O.) 

Ein Lyzeum in Tripolis (Syrien). Die Beiruter Zeitung „al-Ittihäd al-'utmäni" berichtet, 
daß seitens des Unterrichtsministeriums die Umwandlung des Gymnasiums in Tripolis 
(SjTien, Provinz Beirut) in ein kaiserliches Lyzeum beschlossen und hierüber an die zu- 
ständige Stelle berichtet worden ist, (N. O.) 

Eine Mädchenschule in Damaskus. Die syrischen Zeitungen melden, daß dank den Be- 
mühungen des „Wohlfahrtskomitees" in Damaskus dort eine Mädchenschule geschafifen 
worden ist. (N. O). 

Grundsteinlegung zu einer Schule in Kermastl. Die Schulkommission der Provinz 
Chudawendikiar gibt bekannt, daß iu Kermasti auf einem freien und luftreichen Platze 
die Grundsteinlegung für eine sechsklassige Schule vollzogen wurde. (N. O.) 

Neue Volksschulen in Anatolien. Die Provinzzeitung „Chudawendikiar" in Brussa be- 
richtet, daß im Kreise Jenischehir kürzlich eine sechsklassige Elementarschule eröffnet 
worden ist. Ferner ist in derselben Provinz im Kreise Söjüd der Grund gelegt worden 
zu einem Waisenhans und einer sechsklassigen Elementarschule. Die Feier der Grund- 



Mittel hin gen. Türkei. 227 



steinle^ing zu ebensolchen Schulen fand überdies noch statt in Boz Öjük, In-önü, Michal- 
ghazy, Pazardschyk und Jar-Hissar. (N. O.) 

Lehrerseminar in Kaisarie. In Kaisarie ist das kürzlich dort errichtete Lehrerseminar 
eröönet worden. (N. O.) 

Lehrerseminar in Jerusalem. In dem kürzlich in Jerusalem errichteten Lehrerseminar 
mit Internat ist mit dem Unterricht begonnen worden. (N. O.) 

Die Schule „TefejjÜZ'*. Die unter der Leitung des Oberassistenten der gesetzgebenden 
Körperschaft des Staatsrats Mu'ammer Bej stehende altbewährte Schule „Tefejjüz" hat 
Deutsch als obligatorisches Unterrichtsfach aufgenommen. {N. O.) 

Zur Lehrerfrage an nichtmoslemischen Schulen. Da die Anstellung von Lehrern, die 

fremde Staatsangehörigkeit besitzen, an nichtmoslemischen Schulen nach dem Gesetz für 
Elementarunterricht nicht Kulässig ist, ist die Ernennung osmanischer Lehrer an Stelle 
solcher angeordnet worden. (N. O.) 

Militärische Medizinschule in Konstantinopel. Die militärische Medizinschule begann 
am 20. September d. J. ein neues Schuljahr. Die Aufnahmebedingungen sind nach dem 
„Ikdam" : Türkische Staatsangehörigkeit, Alter nicht unter 18 und nicht über 21 Jahre, 
Unbescholtenheit, siebenjähriges Gymnasialstudium oder Absolvierung einer vom Unter- 
richtsministerium genehmigten Privatschule mit den gleichen Unterrichtszielen oder Pri- 
vatunterricht an einem kaiserlichen Lyzeum. Alle Bewerber haben sich zuerst an das 
Unterrichtsministerium zu wenden und müssen das Aspirantendiplom erlangt haben. Von 
der Aufnahmeprüfung befreit sind Studierende, die das Abgangszeugnis eines kaiserlichen 
Lyzeums oder das wissenschaftliche Aspirantendiplom des Unterrichtsministeriums be- 
sitzen. Diese werden nur ärztlich untersucht. Die übrigen haben sich einer Aufnahme- 
prüfung zu unterziehen. (N. O.) 

Reglement der Schule für Unterärzte. In Konstantinopel soll eine Schule mit Internat 
unter dem Namen : „Tabib muawinliji mektebi" (Schule für Unterärzte) gegründet wer- 
den. Die Studienzeit der Schule beträgt zwei Jahre. Die Unkosten für Speisung und 
Kleidung der Studenten fallen der Schule zur Last. Die Studenten erhalten ein monat- 
liches Taschengeld von 10 Piastern (1,85 Mk.) für dringende Ausgaben. Die Schule soll 
ein tadelloses Hospital mit 150 Betten erhalten. Absolventen kaiserlicher Lyzeen werden 
ohne Prüfung und Leute mit gleicher Vorbildung auf Grund ihrer Zeugnisse nach Ab- 
legung einer Aufnahmeprüfung unter nachfolgenden Bedingungen aufgenommen: Sie 
müssen die osmanische Staatsangehörigkeit besitzen, frei von jedweder ansteckenden 
Krankheit sein, das 18. Lebensjahr vollendet und das 23. nicht überschritten haben und 
unbescholten sein. Es sollen ständig zehn Studenten der Provinz Konstantinopel den Stu- 
dien obliegen. Studenten, die ihre Studien vollendet und das Abgangszeugnis erlangt 
haben, sind verpflichtet, an den von der Regierung bezeichneten Orten auf die Dauer von 
fünf Jahren zu praktizieren. Die Studierenden haben daher bei ihrer Aufnahme eine ent- 
sprechende Verpflichtung zu unterschreiben. Diejenigen, welche nach der Ausbildung 
ihren ärztlichen Pflichten nicht nachkommen, ferner jene, die nach Aufnahme der Praxis 
ihren Dienst verlassen, und schließlich noch diejenigen, die während des Schulbesuchs 

15* 



228 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft JI4 

IIIIIIIIIIIIUUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII 

ihr Studinin aufgeben oder die — von gesundheitlichen Anlässen abgesehen — aus 
irgend einem Grunde aus der Schule entfernt werden, haben für jedes Jahr, das sie in der 
Schule verbracht haben, eine Entschädigung von 40 türkischen Pfund (740 Mark) zu be- 
zahlen. Die Absolventen der Schule sollen während des ersten Halbjahres ihrer ersten 
Anstellung der Aufsicht der Provinzialärzte unterstehen; hierauf sollen sie mit der offi- 
ziellen und privaten Ausübung der ärztlichen Praxis in Bezirken und Kreisen betraut 
werden, wo sich keine Ärzte befinden. Es wird durch erläuternde Leitsätze festgesetzt 
werden, wie die Absolventen die ärztliche Praxis auszuüben haben. Den beamteten Ab- 
solventen soll je nach der Entfernung des Ortes anfänglich ein Gehalt von 800 — 1200 
Piastern (148 — 222 Mark) bezahlt werden. Ihre Beförderung und Pensionierung soll nach 
Maßgabe der Gesetzes- und Reglements-Bestimmungen erfolgen, wie sie für die übrigen 
Staatsbeamten bestehen. Die Unterärzte, die fünf Jahre gedient haben, treten ohne Prü- 
fung in die dritte Klasse der medizinischen Fakultät und auf Wunsch nach Prüfung in 
deren vierte Klasse ein. Diese sind von der obersten Klasse der medizinischen Fakultät 
befreit. (N .0.) 

Für die Schule für Hilfsärzte, deren Errichtung die Kaiserliche Bestätigung erbalten 
hat, sind im Haushalt des Unterrichtsministeriums für 1331 (1915/1916) 2481 000 Piaster 
(458 000 Mark) eingestellt. (N. O.) 

Eine Krankenpfiegerinnenschule in Smyrna. Smyrnaer Zeitungen berichten, daß in 
Smyrna eine Krankenpflegerinnenschule errichtet werden soll, die unter dem Schutze des 
Smyrnaer Zentralkomitees des Roten Halbmondes steht. Die aus dieser Schule hervor- 
gehenden Pflegerinnen sollen gleichzeitig in die demnächst zu eröffnende Schule für 
Ärztinnen aufgenommen werden. (N, O.) 

Die Apotheker- und Zahntechnikerschule in Konstantinopel. Die Direktion der Apo- 
theker- und Zahntechnikerschule in Konstantinopel fordert die Studierenden auf, sich bis 
30. September zu den Prüfungen anzumelden. (N. O.) 

Hochschule für Kapitäne und Maschinisten der Handelsmarine. Diese Schule in Sku- 
tari beginnt ein neues Schuljahr und nimmt interne und externe Studenten auf. Ihr Lehr- 
programm, das die Heranbildung brauchbarer Kapitäne iiud Maschinisten für die Handels- 
marine anstrebt, ist von der Lehrabteilung des Marinerainisteriums ausgearbeitet worden. 

(N. O.) 

Das Mekteb-i- Milkije (eine Yorbereitungsschule für Zivilbeamte) ist aufgehoben. Die 
Schüler der ersten, zweiten und dritten Klasse werden der ersten, zweiten und dritten 
Klasse der juristischen Fakultät der Universität überwiesen. (N. O.) 

Von der Landwirtschaftsschule in Brussa. In der in Smyrna erscheinenden Zeitung 
„Kjöilü" veröffentlicht die Landwirtschaftsschule in Brussa die Aufnahmebedingungen 
für das am 7. September begonnene neue Schuljahr. Aufgenommen werden danach : 1. nur 
türkische Staatsangehörige, 2. nur Söhne von Bauern und Grundbesitzern, die unbeschol- 
ten und frei von ansteckenden Krankheiten sind, und die 3. das 15. Lebensjahr erreicht 
und das 25. nicht überschritten haben. Die Schüler sind dreierlei Art: nichtzahlende In- 
terne, zahlende Interne und zahlende Externe. Neueintretende Schüler haben sich einer 



Mitteihmcren. Hirkei. 229 



Prüfung zu unterziehen, die sich auf das Türkische, auf Rechnen, Geographie und Ge- 
schichte erstreckt. Verlangt werden die Kenntnisse eines Absolventen der Mittelschule. 

(N. O.) 
Konstantinopler Handelshochschule. Die ganze Organisation und Betätigung der bis- 
herigen Konstantinopler Handelshochschule entsprach in keiner Weise den neuzeitlichen 
kaufmännischen Anforderungen, so daß aus ihr, trotz ihres langjährigen Bestehens, ver- 
hältnismäßig wenig brauchbare Leute hervorgingen. Seitdem sich das Unterrichtsmini- 
sterium der Saclie annahm, wurde es anders damit. Vor allem war es der unermüdlich 
tätige Schükri Bej Efendi, der die Reformbedürftigkeit in einem Entwurf über den Aus- 
bau der Schule darlegte. Daraufhin wurde die Schule hinsiclitlich der ganzen Anlage, des 
Verwaltungs- und Lehrkörpers und vor allem hinsichtlich des Lelirprogramms völlig um- 
gestaltet. An Stelle der alten Handelsschule trat eine Handelshochschule. Diese besteht 
jetzt aus zwei Haupt- und zwei Nebenabteilungen. Die Studienzeit der beiden Haupt- 
abteilungen beträgt drei Jahre. In die erste Hauptabteilung werden Studierende im Alter 
von 16 — 20 Jahren aufgenommen, die die erste Abteilung eines kaiserlichen Lyzeums 
oder die Handels-, Industrie- und Landwirtschafts- oder allgemeine Abteilung einer Mittel- 
schule absolviert haben oder diesen Bildungsgrad besitzen. In die zweite Hauptabteilung 
können Absolventen der ersten Hauptabteilung sowie solche der kaiserlichen Lyzeen und 
Hochschulen eintreten, wenn sie imstande sind, in fremdsprachig abgehaltenen Vorlesun- 
gen zu folgen und wenn sie nicht unter 19 und nicht über 26 Jahre alt sind. Das letzte 
Jahr dieser Hauptabteilung zerfällt in die drei Zweige: „Handel und Konsulatdienst", 
„Handel und Banken", sowie „Handel und Industrie". Die erste Nebenabteilung ist die 
„Meslek schu'besi" (Fachabteilung). Hier werden Leute im Alter von 20 — 35 Jahren auf- 
genommen, die Schulen mit der Berechtigung zum Einjahrig-Freiwilligen-Dienst besucht 
haben. Diese Nebenabteilung gliedert sich wiederum in zwei Unterabteilungen. Die erste 
mit „vollem Schulbesuch" verpflichtet die Teilnehmer, die Schule wie die eigentlichen 
Studierenden der Hochschule zu besuchen; während die zweite mit „halbem Schulbesuch" 
aus kaufmännischem Personal besteht, das in zwölf Wochenstunden unterrichtet wird. 
Die Studienzeit für beide Unterabteilungen beträgt je ein Jahr. Auch die zweite Neben- 
abteilung (serbest tidscharet dersleri, „Freie Handelsvorlesungen") zerfällt in zwei Unter- 
abteilungen, deren eine die „Praktische Handelsabteilung" ist, deren Schüler aus Leuten 
mit Volksschulbildung im Alter von 14 — 18 Jahren bestehen. Studienzeit: 3 Jahre. Die 
andere Unterabteilung, die „Abteilung für Handelsangestellte", ist für Leute nicht unter 
17 Jahren. Studienzeit: ein Jahr bei wöchentlich 12 Stunden Unterricht. Zum Direktor 
der Handelshochschule ist Hikmet Bej Efendi ernannt worden, der in der Leitung der 
abgeschafften Zivildienstschulen große Eri'olge aufzuweisen hatte. (N. O.) 

Forstwirtschaftliche Schule in Ismid. In Ismid ist eine praktische Schule für Forst- 
wirtschaft eingerichtet worden, deren Besuch mit Kosten nicht verknüpft ist. Es werden 
nur Absolventen der höheren Schiilen aufgenommen, die sich zur Anfang November statt- 
findenden Aufnahmeprüfung beim Handels- und Ackerbauministerium oder bei den ein- 
zelnen Wilajets melden können. Der Unterricht dauert ein Jahr und den erfolgreichen 
Absolventen werden Posten in Aussicht gestellt, die mit einem Anfangsgehalt von 500 
Piastern im Monat (steigend bis zu 1000 Piastern) ausgestattet sind. (N. O.) 

Fortbildungsschulen in der Türkei. Der „Tanin" widmet den deutsehen Fachschulen 
in einem kürzeren Aufsatz höchst anerkennende Worte. Die Deutschen, die mehr als jedes 



230 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft jl^ 



andere Volk den Wert der Zeit zn schätzen wüßten, seien von jeher bestrebt gewesen, 
schon die Jngend für den harten Lebenskampf, der ihr bevorsteht, gründlich auszurüsten. 
Aus diesem Gedanken heraus seien die Abendkurse in Deutschland entstanden. So hätte 
beispielsweise München über 100 derartige Schulen, die von mehr als 2000 Schülern und 
Schülerinnen besucht würden. Nun habe man auch in Konstantinopel mit der Gründung 
solcher Fortbildungsschulen begonnen; der Lehrplan dieser Tschyrak mektebleri (Lehr- 
lingsschulon) entspreche genau dem der deutschen Schulen, soduß man sich davon große 
Vorteile vorsprechen könne. Trotz des ungeheuren Kampfes mit einer Welt von Feinden 
vernachlässige die deutsche Regierung das Unterrichtswesen in keiner Weise, sondern 
sie bemühe sich sogar, in Feindesland durch deutsche Militärpersonen den Unterrichts- 
betrieb aufrecht zu erhalten. Daran müßte sich die Türkei ein Beispiel nehmen. 

Tatsächlich sind, wie weiter berichtet wird, in den beiden Konstantinopeler Stadt- 
vierteln Fatih und Sultan Ahmed Lehrlingsschulen (d. h. Fortbildungsschulen) errichtet 
worden, deren Besuch kostenlos ist. Der Lehrplan umfaßt : Buchführung, Rechnen, Erd- 
kunde und Handelswissenschaften, Nationalökonomie und Gesetzeskunde, Handelskorre- 
spondenz, Warenkunde und Deutsch. 

Gleichzeitig macht der Verein der Fabrikanten und Kurzwarenhändler in einer Notiz 
auf diese Schulen aufmerksam und fordert die Konstantinopeler Kaufleute und Handwerks- 
meister auf, ihre Lehrlinge zum regelmäßigen Besuch dieser Schulen anzuhalten. 

(N. O.) 

Eine OSmanische Schule der schönen Künste. Der Verwaltungsrat der osmanischen 
Schule der schönen Künste gibt bekannt, daß in der Abteilung für dramatische Kunst 
noch zwei weitere Schauspieler als Lehrer angestellt werden sollen. Der Unterricht be- 
gann am 14. September. Aufgenommen werden Damen und Herren als Schüler. 

(N. O.) 

Deutsche Schule in Haidar-Pascha. Auf allgemeinen Wunsch sind in diesem Jahre 
die Knaben- und Mädchenklassen voneinander getrennt worden. Für sechsjälirige Kinder 
ist eine Elementarklasse und für zehnjährige Mädchen, die gar nicht Deutsch verstehen, 
ist ebenfalls eine Sonderklasse eröffnet worden. (N. O.) 

3. Bibllothekeni. 

Konstantinopeler Bibliotheken. Über die Neuordnung der wertvollen türkischen Bücher- 
Bchätze macht Tokin Alp, einer der hervorragendsten literarischen Führer der türkischen 
Bewegung, im „Hilal" interessante, für die Wissenschaft besonders wertvolle Mitteilungen. 

Konstantinopel ist reich an Bibliotheken, die etwa 400000 Bände umfassen, zum 
größten Teil Manuskripte. Eine ganze Reihe dieser W^erke sind von außergewöhnlichem 
Wert. Es ist eine gute türkisch© Sitte, daß fromme Leute mit konservativen Anschauungen 
vor ihrem Tode dem Gemeinwesen kostbare Bibliotheken stiften. Auf diese Weise wurden 
die Bibliotheken Stambuls Jahr für Jahr um große Bücherschätze bereichert. Leider ließ 
die Ordnung, die in ihnen herrschte, zu wünschen übrig. Es konnte dann auch kein Wunder 
nehmen, wenn aus diesen Büchersammlungen allmählich Manuskripte verschwanden, die 
man in Europa mit Gold aufgewogen hätte. Die Frequenz solcher Bibliotheken war infolge 
der herrschenden Unordnung denn auch gleich Null. Hier hat nun, wie Tekin Alp ausführt, 
das Ewkafministerium wichtige Wandlungen geschaffen. Sie geschahen in aller Stille, ohne 
daß lang gehegte Traditionen erschüttert wurden. Zunächst wurde beschlossen, alle dem 



Mitteihingen. Türkei. 231 



Evkaf unterstehendeu Bibliotkekeii in einem großen Gebäude zu vereinigen und so im 
Zentrum von Stambul eine Bibliothek von Weltruf zu schaifen. Da ein solches Gebäude 
nicht innerhalb kurzer Zeit und zumal nicht jetzt emchtet werden kann, so ging man zu- 
nächst an die wichtigste Arbeit : die Klassifizierung der Werke nach dem Gegenstand. 
Genauere Einteilungen nach den einzelnen Fächern sollen folgen. Jede Abteilung wird 
einem oder zwei anständig dotierten Bibliothekaren anvertraut, die für Ordnung, Sauber- 
keit und inneren Dienst Sorge tragen. Der Besucher, der früher staubbedeckte Manu- 
skripte in schlechter Luft sich selbst heraussuchen mußte, findet nun überall Kataloge vor. 
Das Ewkafministerium, das das Verdienst hat, Konstantinopels wertvolle Bücherschätze 
auf europäischer Grundlage neu geordnet und damit der Welt zugänglich gemacht zu 
haben, hat sich indessen mit diesen durchgreifenden Reformen noch nicht begnügt. Es hat 
auch große Opfer gebracht, um seine alten Sammlungen zu ergänzen. Erst kürzlich ist 
die Bibliothek eines berühmten russischen Orientalisten zu ansehnlichen Preisen erworben 
worden, die tausende von Bänden über türkische und muselmanische Fragen enthält. 

Wie weiter gemeldet wird, sind die Bücherschätze der Bibliotheken Hamidie, Aschir 
Eifendi, Jeni-Dschami, Beschir-Agha, Kilidsch-Ali-Pascha, Laleli, Rustem Pascha, Mahmud 
Pascha, Dughumlu-Baba, Sinan Pascha, Tschorlnlu Ali Pascha, Schehzade neuerdings auf 
Veranlassung des Ewkaf-Ministeriums in die Räume der Bibliotliek derMedresse Jlamidie 
überführt worden, die neulich in Sultan-Selim errichtet wurde. (N. O.) 

4. Diplomatie und Konsularwesen. 

Ibrahim Hakki Pascha, der die Vertretung Seiner Majestät des Sultans in Berlin über- 
nimmt, ist nicht bloß der Diplomatenwelt bekannt. Auf Grundlage seiner ausgedehnten 
juristischen Studien, die er außer in seiner Heimat auch in Paris getrieben hatte, wurden 
ihm 1886 Vorlesungen über Jurisprudenz an der Rechtsschule in Konstantinopel über- 
tragen. Er behandelte die ihm besonders vertrauten Disziplinen des Staatsrechts und 
Völkerrechts in den Vorlesungen, die er während sechs Jahren hielt. Nicht minder als das 
öffentliche Recht reizten ihn die Probleme des modernen Wirtschaftslebens. Hier ergänzte 
er das theoretische Studium durch die Bereisung Europas und Amerikas. Er versäumte 
dabei nicht, mit zahlreichen Presseorganen in Beziehung zu treten ; in den Mitteilungen 
für sie betrachtete er als eine seiner Aufgaben, über den Islam richtigere Vorstellungen 
zu verbreiten. Besonders dem ausgebildeten Wirtschaftsleben Englands und Schottlands 
widmete er seine Aufmerksamkeit. Die Sicherheit, die er sich bei dieser Verbindung von 
Theorie und Praxis für Beurteilung internationaler Fragen erwarb, verschaö'te ihm die 
Stellung als juristischer Beirat der hohen Pforte (1894) ; es gibt kaum ein Gesetz, das 
nicht durch seine Hände gegangen wäre. Sein Eintritt in die politische Laufbahn begann 
mit dem Sturze Abdul Hamids (Juli 1908); er wurde von der Komitee-Partei, deren füh- 
rende Männer als Schüler zu seinen Füßen gesessen hatten, zum Minister des Innern er- 
wählt. Noch in demselben Jahre erhielt er den damals besonders wichtigen Posten als 
Botschafter in Rom (Dezember 1908), wo er den Ausbruch des Tripolis-Furors erlebte. 
Schon im Dezember 1909 wurde er zum Großvezirate berufen, das er bis September 1911 
verwaltete. An den Arbeiten der Londoner Botschafterkonferenz nahm er nicht als ordent- 
liches Mitglied teil, aber man suchte nicht selten Rat bei seinen tiefgründigen Kenntnissen 
und seiner reichen Erfahrung. Eine diplomatische Sendung führte ihn 1914 nach London. 
In Berlin weilte er zu Beginn dieses Jahres mehrere Monate. Hakki Pascha, der im 
53. Lebensjahre steht, ist ein energischer und zielbewußter Förderer des wirtschaftlichen 
und geistigen Fortschrittes seines Landes, dessen Bedürfnisse er genau kennt. 



232 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft jl^ 



Nicht ohne Bedauern sah Berlin seinen Vorgänger scheiden: Mahmud MuChtarPaSCha, 
Sohn des greisen Mucbtar, der zuletzt als türkischer Kommissar in Kairo die Interessen 
seiner Regierung vertrat. Der Pascha, der in die deutschen Verhältnisse vollständig ein- 
gelebt ist durch die militärische Erziehung, die er in Deutschland genossen, erfreute sich 
einer großen Beliebtheit. Neben seinen Berufsgeschäften betrieb er historische und nament- 
lich religionsgeschichtliche Studien. (M. H.) 

Persisches Generalkonsulat in Konstantinopel. Das persische Generalkonsulat in Kon- 
stantinopel i.it neu besetzt worden. Der neue Generalkonsul Müsteraen-es-saltanat Mirza 
Mohammed Ali Chan hat seinen Posten bereits angetreten. (N. O.) 

5. Gesetzgebung. Verwaltung. 

Das Korrespondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient 
(Berlin \V. 50, Tauentzienstr. 19 a) begann am 11. November 1915 die Veröffentlichung 
einer Juristischen Beilage (Nummer 1, Beilage zu Jahrgang 2 Nr. 8 des Korre- 
spondenzblattes). In der ersten Nummer sind die beiden folgenden Gesetze mitgeteilt: 
Gesetz über die Verkaufs- und Erbschaftsgebühren. 
(Vom 20. August 1915.) 
Der türkische Reichs-Anzeiger veröffentlicht den Nachtrag zum Gesetz vom 14. Re- 
bi'ul-Achir 1330 über die Verkaufs- und Erbschaftsgebühren: 

§1. 

Beim Verkauf und der Vererbung von Staatsdomänen, Wakufterrains, Mülk-Grundbe- 
»itz, bei welch letzterem der Grund und Boden der Mukäta'a- Abgabe unterliegt, ebenso bei 
Wakuiländereien werden nur die von dem letzten Erben und dem letzten Rechtsnachfolger 
geschuldeten Abgaben behoben. Die von früheren Erben und Rechtsvorgängern geschul- 
deten werden nicht beansprucht. 

§2. 

Verkauf und Übertragung sowie Schenkung dürfen nur vorgenommen werden nach 
der Bezahlung sämtlicher Steiierrückstände, der Kommunalabgaben und der Wakuftaxen 
(Idschare und Mukäta'a). Besitzstreitigkeiten sind zulässig auch ohne die Begleichung der- 
artiger Rückstände. Erben, Rechtsnachfolger und Miteigentümer haben die erwähnten 
Abgaben im Verhältnis zu ihren Anteilen in den Fällen zu entrichten, wo ihr Besitzrecut 
erlischt infolge von Verkaufsverordnung oder Teilung. Bei Schenkung und Übertragung 
unter der Bedingung des Unterhalts des Scheukers sind die Steuern und andere Rück- 
stände eine Schuld des Schenkungsnehraers oder desjenigen, zu dessen Gunsten die Über- 
tragung stattgefunden hat. 

§3. 

Dieses Gesetz tritt mit seiner Veröffentlichung [20. August 1331 (1915)] in Kraft. 

§4. 

Der Finanzminister ist mit der Ausführung dieses Gesetzes beauftragt. 



Gesetz über die Verlängerung des Moratoriums in der TUr.kei. 

(Vom 1. Oktober 1915.) 
Artikel 1. 
Die türkische Kammer hat in ihrer letzten Tagung das Gesetz über das Moratorium 
verlängert und nachfolgendes Nachtragsgesetz dazu votiert : 



Mitteilungen. Türkei. 233 

Hiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiii^ 

Das Moratorium, welches in den Gesetzen vom 20. Juli 1330 (1914), 18. August 1330, 
18. September 1330, 21. Dezember 1330 und 26. März 1331 (1915) sowie 29. Juni 1331 
eingeführt ist und welches sich auf alle Arten von Schulden und Geldverpflichtungen so- 
wie Bankdepots bezieht, ist von neuem bis zum 31. Dezember 1331 verlängert worden. 
Indessen sind die Schuldner gehalten, außer den Zahlungen, welche sie in Gemäßheit der 
angeführten Gesetze zu leisten haben, noch 5% am 1. Oktober 1331 und weitere 5% 
am 15. November 1331 zu entrichten. 

Artikel 2. 

Die 5°/o von den Zahlungsverpflichtungen, welche im Laufe der zwei ersten Monate 
nach Eintritt der Gültigkeit des gegenwärtigen Gesetzes fällig werden, sind am Fälligkeits- 
termin zu zahlen. Eine weitere Zahlung von 5 % kann erst nach Verlauf eines zweiten 
Monats gefordert werden. Die Fälligkeit des Schuldsaldos wird bis zum 31. Dezember 

1331 hinausgeschoben. 

Die 5 "/o, welche im Verlaufe des dritten Monats fällig werden, können am Datum der 
Fälligkeit selbst eingefordert werden. Der Kest am 31. Dezember 1331. 

Artikel 3. 

Die Zahlungen, welche seit dem 21. Juli 1330 für Schulden geleistet wurden, deren 
Fälligkeit hinausgeschoben war, sind in Abzug zu bringen von den Summen, welche in 
Gemäßheit dieser Gesetze fällig geworden sind. Die Gläubiger von Banken jedoch, welche 
in der Form von Aktiengesellschaften funktionieren, können, welches die Höhe der von 
ihnen vorher erhaltenen Beträge auch sein mag, 10 Pfd. am 1. Oktober 1331 beanspruchen, 
selbst wenn die 5% der Forderungen geringer sind als £ 10. — , und eine andere Summe 
von £ 10. — am 15. November 1331. 

Artikel 4. 

Die NichtZustellung von Protesten mangels Annahme oder Zahlung bis zum 31. De- 
zember 1331, welche gemäß Artikel 4 des Gesetzes vom 26. März 1331 bis zum 30. Sep- 
tember und 15. November 1331 aufgenommen und zugestellt hätten sein müssen, in Hin- 
sicht auf die gemäß Gesetz vom 26. März 1331 und dem gegenwärtigen Gesetz fälligen 
Teile, ebenso die Nichtzustellnng der Proteste von Effekten, hat die Hinfälligkeit der 
Rechte der Interessenten nicht zur Folge. 

Prozeßhandlungen zwecks Wahrung des Rekursrechts hinsichtlich der gemäß Gesetz 
vom 26. März 1331 und dem gegenwärtigen Gesetz fälligen Teile von Handelseffekten 
können bis zum 15. Januar 1332 vorbehalten werden. Die Protestfrist für Efl'ekten, die 
am 30. Dezember 1331 fällig werden, ist bis zum 15. Januar 1332 verlängert. Für den 
Fall, daß eine der in Gemäßheit dieses Gesetzes fällig werdenden Teilzahlungen protestiert 
wird, ist es nicht notwendig, andere Protestierungen für später fällige Raten vorzuneh- 
men. Die Protestgebühren werden indessen von der Gesamtsumme, auch clor nichtprote- 
stierten, erhoben. 

Artikel 5. 

Die Gerichte dürfen von Amts wegen oder auf Gläubigerantrag bis zum 15. Januar 

1332 keine Konkurserklärungen wegen fälliger Schulden in Gemäßheit des Gesetzes aus- 
sprechen. Diese Schulden sind im Wege der gewöhnlichen Klage einzufordern. Arreste 
und Verkäufe, welche aus demselben Grunde von den Gerichten angeordnet werden, sind 
auf die fälligen Teile zu beschränken. In jedem Falle ist die Frist für den öffentlichen 
Verkauf von Immobilien verlängert, bis der Preis "^l^ des wirklichen Wertes erreicht. Wenn 
die Forderung auf ein Urteil gegründet ist, welches sich auf dem Wege der Vollstreckung 
befindet, nimmt das Gericht die Beschlagnahme vor, ohne die Hinterlegung einer Kaution 



234 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heß j!4 



zu verlangen. In diesem Falle ist es nicht mehr nötig, eine Klage auf Bestätigung der Be- 
schlagnahme anzustrengen. Wenn die Überzeugung vorliegt, daß der Schuldner sich seiner 
Güter entäußern will, um dem Gläubiger zu schaden, trifft die Beschlagnahme den Teil 
der Güter, welcher der Gesamtheit der Schulden entspricht. In Hinsicht auf Immobilien 
indessen kann man die Beschlagnahme für das ganze Gut vornehmen lassen. 

Artikel 6. 
50°/o der Wohnungsmieten sind fällig; der Rest ist bis zum 30. November 1331 ver- 
längert. Mietszahlungen aus Verträgen über Immobilien, die nicht geschlossen sind zum 
Zwecke des Wohnens, sind dem Moratorium nicht unterworfen. Indessen sind 5 % des 
Mietsbetrages bei Immobilien, welche nicht zu Wohnungen dienen, und dessen Zahlung 
bis zum 30. September 1331 gemäß dem Gesetz über das Moratorium verlängert wai-, am 
1. Oktober 1331 fällig und weitere ,5°/oam 15. November 1331. Der Rest ist bis zum 
31. Dezember hinausgeschoben. 

Artikel 7. 
Die Bestimmungen des gegenwärtigen Gesetzes sind nicht anwendbar auf Schulden 
aus Verträgen, welche nach dem 21. Juli 1330 geschlossen sind. 

Artikel 8. 
Die Bestimmungen der Artikel 4 und 7 des Gesetzes vom 21. Dezember 1330, sowie 
der Artikel 6 des Gesetzes vom 26. März 1331 bleiben in Kraft. 

Artikel 9. 
Gegenwärtiges Gesetz tritt am 1. Oktober 1331 in Kraft. 

Ai-tikel 10. 
Der Justizminister, Finanzrainister, Handelsminister und Ackerbauminister sind mit 
der Ausführung dieses Gesetzes beauftragt. 

Weitere türkische Gesetze. In der Presse wurde aus Konstantinopel unter dem 4. Ok- 
tober 1915 berichtet: Die türkische Kammer hat ohne Sang und Klang ihre Arbeiten 
wieder aufgenommen. Sie findet viel Arbeit vor, da die seit ihrer Vertagung erlassenen 
Notgesetze verfassungsmäßig zu verabschieden sind. Darunter befinden sich zwei Gesetze, 
die auch für Ausländer von Interesse sind, nämlich das Gesetz über die Bezahlung der 
Schulden der administrativ verschickten Personen und das Gesetz über die Förderung 
der Industrie. Alle, die Forderungen an administrativ oder kriegsgerichtlich verschickte 
Personen haben, müssen sie binnen zwei Monaten bei der Kommission anmelden, die mit 
der Regelung der Vermögensvorhältnisse eines Verschickten betraut ist. Bei Gläubigern, 
die im Auslande wohnen, beträgt die Anmeldefrist vier Monate. Sie sind außerdem ver- 
pflichtet, in der Stadt, wo die Kommission ihren Sitz hat, eine Wohnung zu nehmen, da- 
mit Mitteilungen an diese Adresse geschickt werden können. Die nach dieser Frist einge- 
leiteten Prozesse sind den Vorschriften des gewöhnlichen Prozeßverfahrens unterworfen. 
Wer einen solchen Prozeß gewinnt, hat keinen Anspruch auf die nach dem vorliegenden 
Gesetze liquidierten Güter des Verschickten. Diese Bestimmungen des vorliegenden Ge- 
setzes sind u. a. für die deutschen Fabrikanten von Wichtigkeit, denn unter ihren hiesigen 
Schuldnern könnte der eine oder andere administrativ verschickt worden sein. Das neue 
Gesetz über die Beförderung der Industrie, das der Kammer vorliegt, entspricht im we- 
sentlichen dem in Kraft stehenden gleichartigen Gesetze, es sind nur einige durch die 
neuen Verhältnisse und Umstände gebotene Änderungen daran vorgenommen worden. 
Die Fremden genießen dieselben Vorteile wie die Einheimischen, nur müssen sie sich den 
Gesetzen des Landes anbequemen. Die Begünstigungen, die das neue Gesetz für Unter- 



Mitteilungen. Türkei. 235 



nehmer vorsieht, sind die folgenden: Überlassung eines Grundstückes Staatsland bis fünf 
Dönums für die Anlegung der Fabrik, Befreiung von der Steuer auf bebauten und un- 
bebauten Boden, vom Temettu, von den verschiedenen Zuschlägen zugunsten des Staates, 
der Wüajette und Gemeinden, Zollfreiheit für alles Material für die Erbauung oder Ver- 
größerung einer Fabrik als: feuerbeständige Ziegel, Eisen, Träger, Maschinen, Werk- 
zeuge, Apparate usw., bis diese Gegenstände in gleicher Güte und Billigkeit in der Türkei 
erzeugt werden, Zollfreiheit für Rohstoffe, die in der Türkei nicht vorhanden sind. Diese 
Begünstigungen laufen 15 Jahre. Zollfreiheit wird gewährt auch auf Eisenbahnmaterial 
aller Art für die Anlegung von Verkehrswegen zu den Fabriken. Der Staat überläßt den 
Unternehmern das für diesen Zweck benötigte Land, wenn es Staatsland ist, unentgelt- 
lich; ist es Privatbesitz, dann führt er die Enteignung durch. Die Ausfuhrzölle auf die in 
der Türkei erzeugten Güter werden aufgehoben. Bei seinen Bestellungen wird der Staat 
den einheimischen Fabriken den Vorzug geben. Für bevorrechtete Gesellschaften gelten 
die Bestimmungen dieses Gesetzes nicht. W. H. 

Kautionspflicht prozessierender Ausländer. Nachrichten der türkischen Presse zufolge 
hat ein Ausländer bei Anstrengung einer Klage gegen einen türkischen Untertan eine 
Kaution zu stellen, falls er nicht immobiles Eigentum im Lande selbst nachweisen kann. 

(N. O.) 

Reformen im türkischen Justizwesen. Das heutige Justizwesen der Türkei wird da- 
durch charakterisiert, daß zwei verschiedene Rechtssysteme nebeneinander bestehen, die 
Kawanin-i-Scher ije (Religionsgesetze) und die Kawanin-i-Nizamije (Staatsgesetze), und daß 
demgemäß auch die Rechtsprechung vor zwei verschieden organisierten Reihen von Ge- 
richten erfolgt. Das Scheriat beruht auf rein mohammedanischer Grundlage, in erster 
Linie auf dem Koran, der Hadis und der auf dieser Grundlage entwickelten Rechtsschule 
des Abu Hanifa. Die Kawanin-i-Nizamije haben hingegen die moderne staatliche Gesetz- 
gebung der Türkei zur Grundlage. Die Scheriat-Gerichte sind mohammedanisch-geistlichen 
Charakters. Sie sind besetzt mit „Kadis", die ihre Studien an dem Mekteb-i-Kudat voll- 
endethaben. Die höchste Berufungsinstanz ist ein beim Scheich-ül-Islamat bestehender Ge- 
richtshof Medschlis-i-Tedkikat-i-Scher ije, wie diese ganze Scheriat-Organisation ihr Haupt 
im Scheich-ül-Islam hat. Die Nizam-Gerichte sind rein weltlich. Sie sind mit Richtern be- 
setzt, die das vorgeschriebene Rechtsstudium an einer der Spezialschulen oder an der 
juristischen Fakultät der Universität Konstantinopel absolviert haben. Die höchste In- 
stanz ist der oberste Gerichtshof in Konstantinopel. Die ganze Organisation untersteht 
dem Justizministerium. Die der Jurisdiktion der Scheriat-Gerichte zugewiesene Materie 
ist das Familienrecht, jedoch können in allen zivilrechtlichen Streitigkeiten die Parteien, 
statt die sonst zuständigen Nizam-Gerichte anzurufen, sich auf Verhandlung vor einem 
Scheriat-Gerichtshof einigen. 

Dieser Zustand, der in vieler Beziehung der mittelalterlichen Zweiteilung von kanoni- 
schem und weltlichem Recht entspricht, hat manche Unzuträglichkeiten mit sich gebracht. 
Die schon früher entstandene Bewegung, dieser Teilung in der Rechtsprechung ein Ende 
zu machen, hat seit Aufhebung der Kapitulationen weiter an Boden gewonnen. In der er- 
sten Nummer der neu gegründeten juristischen Zeitschrift „Hukuk Medschmuasi'' nimmt 
der Herausgeber Sa'id Haschim Bej, Mitglied des Staatsrats und Professor in der juristi- 
schen Fakultät der Universität Konstantinopel, zu diesem Thema das Wort. Er führt aus, 
daß durch diese Zweiteilung in der Rechtsprechung gewissermaßen ein Staat im Staate 



236 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft 3I4 



geschaffen ist. Es wäre eine irrtümliche Voraussetzung, anzunehmen, daß allein das Fa- 
milienrecht auf kanonischer, islamischer Grnndlage beruhe. Wie der ganze türkische Staat, 
habe auch das ganze in ihm geltende Recht seine Basis im Islam. Es sei dringend not- 
wendig, die Rechtsprechung eu vereinheitlichen. Wie es schon neben den Gerichtshöfen 
für das zivilprozessuale Verfahren besondere Gerichte für Fragen des Handelsrechts und 
für den Strafprozeß gebe, so könne man auch besondere Gerichtshöfe für Prozesse, die 
das Familienrecht berühren, schaffen. Das wäre vielleicht die beste Lösung. Unerträglich 
aber wäre der heutige Zustand, der zwei verschiedene Systeme der Rechtsprechung neben- 
einander und miteinander konkurrierend bestehen lasse. Ebenso unmöglich sei es auf die 
Dauer, neben dem Kassationshof, der heute nur in Fragen des Nizam endgültig entschei- 
det, noch einen zweiten obersten Gerichtshof in Gestalt der Medschlis-i-Tedkikat-i-Scherije 
beim Scheich-ül-lslamat zu haben. W^enn notwendig, solle man den Kassationshof neu 
organisieren. Die Hauptsache sei, daß ein einheitlicher Zug durch die ganze Rechtspre- 
chung gehe. 

Der bekannte türkische Publizist Tekin Alp, der im „Hilal" diesen Aufsatz von Saäd 
Haschim Bey zustimmend bespricht, sagt wohl nicht mit Unrecht, daß noch viel Tinte 
über diese schwierigen Fragen verschrieben werden dürfte, bis sie ihre endgültige Lösung 
gefunden hätten, (N. O.) 

Nachtrag zum türkischen Strafgesetzbuch. Dem § 206 des Strafgesetzbuchs ist fol- 
gender Passus beigefügt worden: „Wer während des Kriegszustandes die Frau oder die 
Kinder eines Soldaten oder andere Frauen, die sich bei seiner Familie befinden, verge- 
waltigt, wird mit dem Tode bestraft". Dieses Gesetz tritt zwei Wochen vom Tage seiner 
Bekanntmachung an in Kraft. (N. O.) 

Die italienischen Untertanen. In der Türkei ist von Regierungsseite bestimmt worden, 
daß auf alle Personen, die die italienische Staatsangehörigkeit besitzen, die Bestimmun- 
gen anzuwenden sind, die bisher für Untertanen feindlicher Staaten erlassen worden sind. 

(N. O). 

Die Cyprioten in der TÜrlcei. Eine Verfügung des Ministeriums des Innern macht be- 
kannt, daß die im türkischen Reiche sich auflialtenden Cyprioten in jeder Beziehung als 
türkische Staatsangehörige gelten und daher auch dem Militärdienst unterliegen. 

(N. O.) 

Die türicische Sprache für Handelsgesellschaften Vorschrift. Der Reichsanzeiger „Tak- 
wim-i-wekajy" meldet: Es ist festgesetzt worden, d.aß die Verhandlungen aller Gesell- 
schaften im Osmanischen Reiche in türkischer Sprache zu erfolgen haben. Demnach müssen 
alle mit dem Publikum abzuschließenden Verträge und die auszuhändigenden Quittungen 
sowie alle sonstigen Papiere den Wortlaut auch in türkischer Sprache enthalten ; nach 
Ablauf der festgesetzten Frist dürfen alle diese Schriftstücke nur mehr in türkischer 
Sprache abgefaßt sein. Dies ist der Konstantinopler Elektrizitätsgesellschaft, sowie den 
Wasserversorgungsgesellschaften von Derkos, Skutari und Kadikjöj mitgeteilt worden. 

(N. O.) 

Börsenstatuten. Die Anwendung der Statuten der Handels-, Industrie- und Getreide- 
Börsen der Provinz Konia auch für die Börse der Provinz Adana wurde auf den Beschluß 
des Staatsrates hin durch ein kaiserliches Trade genehmigt. (N. O.) 



Miiteihinge7i. T)irkei. 237 

NiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim 

Bildung eines neuen Kreises. Durch ein kaiserliches Irade ist in der zu Syrien gehö- 
rigen Zone Dschof ein neuer Kreis gebildet worden. (N. O.) 

6. Vereinswesen. 

Gründung eines Handwerkervereins in Konstantinopel. Mitte September fand die kon- 
stituierende Versammlung des Turan-IIandwerkervereins in Konstantinopel statt. Der 
Zweck des Vereins ist, die körperliche und geistige Ausbildung der türkischen Hand- 
werker zu fördern. Aus dem Namen der Vereinigung „Turan sana'atkjar gödschü" (Turan- 
Handwerkervereiu), den diese neue Vereinigung angenommen hat, spricht wie aus vielen 
neueren Erscheinungen in der Türkei der Turan-Gedanke, d. h. der Gedanke, ein alle 
Türkenvölker umfassendes Reich zu gründen. (N. O.) 

Osmanisch-Israeiitische Union. In der Voss. Zeit. Nr. 573 vom 9. Nov. 1915 wurde 
aus Konstantinopel unter dem 31. Okt. berichtet: Vor kurzem erfolgta hier die feierliche 
Übergabe von Spenden für die türkische Armee, die die deutschen Juden im Auf- 
trag des Hilfskomitees Koter Halbmond übersandt hatten. Es handelte sich um eine statt- 
liche Reihe von Eisenbahnwagen mit Sanitätsmaterial und Liebesgaben, darunter sechs 
fahrbare Feldküchen. Im Zusammenhange mit dem Besuch des Beauftragten des Hilfs- 
komitees, der auch vom Sultan und vom Thronfolger empfangen wurde, steht die in- 
zwischen geschehene Gründung einer Vereinigung unter dem Namen „Osmanisch-Israeii- 
tische Union". Diese Vereinigung, die unter der Leitung des bekannten Abgeordneten von 
Konstantinopel, Emanuel Carasso, steht, strebt die Herstellung fester Beziehungen zwi- 
schen der osmanischen Judenheit und anderen Bevölkerungsgruppen der Türkei an. Ihr 
sind auch wichtige Befugnisse zur gesetzlichen Regelung der künftigen Einwanderung von 
Juden nach der Türkei übertragen worden. Die Osmanisch-Israeiitische Union will sich 
mit allen Fragen befassen, die die Lage der Juden im Osten betreuen. Es ist geplant, bei 
den späteren Friedensverhandlungen entsprechende Maßnahmen herbeizuführen. Wie ich 
höre, hat über diese Angelegenheit zwischen der türkischen Regierung und der Deutschen 
Botschaft in Konstantinopel bereits ein erfolgreicher Meinungsaustausch stattgefunden. 

(N. O.) 

7. Heer und Flotte. 

Beitrag für die Flotte. Der allgemeine Viehhändler- Verband, der sich zu einem in mo- 
natlichen Raten zu erlegenden Jahresbeitrag für den Flottenverein verpflichtet hatte, hat 
als Augustrate die Summe von 27 316 Piaster (etwas über 5400 Mark) an den Sekretär 
des Flottenvereins abgeführt. Derselbe Verband hat als Augustrate an die Kasse der Ge- 
sellschaft für Volkswehr 36 516 (etwa 7300 Mark) überwiesen. (N. O.) 

8. Allgemein Wirtschaftliches. 

Brief aus Konstantinopel (Herbst 1915). Die Versorgung der türicischen Hauptstadt. 

AnatoUen wird mit Recht die Kornkammer des Osmanenreiches genannt, und die Landwirt- 
schaft ist in der Türkei die alleinige Grundlage ihrer Volkswirtschaft. Es ist daher mit be- 
sonderer Genugtuung zu begrüßen, daß es trotz des Mangels an Arbeitskräftengelungen ist, 
in den wichtigsten Wilajets die Ernte, die als gute Mittelernte bezeichnet werden kann, her- 
einzubringen. Dadurch ist nun auch die Versorgung der Reichshauptstadt Konstantinopel 
für die Wintermonate sichergestellt. Schwierigkeiten liegen jetzt nur noch auf einem an- 



238 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft j/^f. 



deren Gebiete, nnd zwar anf dem der Verkelirsniittel. Die Anatolische Eisenbahngesell- 
schaft ist zn nicht unbeträchtlichen Einschränkungen ihres Betriebs veranlaßt gewesen, 
und da nun auch jetzt während der Kriegszeit die ganze Verwaltung der Eisenbahngesell- 
schaft in militärischen Händen ruht, werden natürlich in erster Linie rein militärische 
Bedürfnisse befriedigt. Um dadurch entstehenden Schwierigkeiten in der Versorgung der 
Hauptstadt zu begegnen, hat die Präfektur der Stadt Konstantinopel sich veranlaßt ge- 
sehen, mit der Intendantur des Kriegsministeriums ein Abkommen zu treifen, dergestalt, 
daß fortab der „Defense Nationale" (Vereinigung der Zünfte), hier, regelmäßig Getreide- 
frachten aus Anatolien zugesandt werden. Man hofft ferner, daß aus dem Ausland regel- 
mäßig Getreide während der nächsten Zeit ins Stadtgebiet kommen wird, so daß alle Be- 
fürchtungen, daß nicht genügende Getreidemengen hierher kommen könnten, behoben 
sind. Eine andere Frage, mit deren Regelung man beschäftigt ist, ist die Versorgung mit 
Petroleum. Konstantinopel erfreut sich erst seit zwei Jahren des Vorzugs, elektrisches 
Licht zn haben ; demgemäß ist auch die Verbreitung der Elektrizität in den privaten Haus- 
haltungen noch recht gering und es werden ungeheure Petroleuramengen konsumiert. In 
normalen Zeiten wurde der Hauptbedarf der Reichshauptstadt durch Sendungen aus Ruß- 
land und Rumänien gedeckt. Auch die Standard Oil Company kam in Betracht. Heute ist 
man, abgesehen von den früher angelegten nicht unbeträclitlichen Vorräten, fast ganz auf 
die Ankünfte von Petroleum der rumänischen Petroleumgesellschaft „Steaua Romana" 
angewiesen, die in der letzten Zeit recht unregelmäßig waren, da seitens der schnelleren 
russischen Torpedobootszerstörer das Schwarze Meer zwischen den rumänischen und tür- 
kischen Küsten scharf überwacht wurde, so daß mit den Leichtern, auf denen im allge- 
meinen der Transport erfolgt, nur wenig Petroleum hereinkam. Zudem ist es für Zwecke 
der Heeresverwaltung und der Flotte notwendig gewesen, größere Mengen Petroleum auf- 
zuspeichern, so daß das vor wenigen Wochen erlassene Ausfuhrverbot für Petroleum in 
Rumänien hier ernstliche Befürchtung hervorrief. Es scheint nun möglich gewesen zu sein, 
das erwähnte Verbot etwas zu mildern, denn es sind in den letzten Wochen auf dem Land- 
wege über Bulgarien wieder recht beträchtliche Mengen Erdöls hereingekommen und es 
steht weiter zu hoffen, daß die Siege der Zeutralmächte die Rumänen soweit zur Besin- 
nung bringen werden, daß sie einsehen, daß ein Petroleumverkaufsgeschäft nach Kon- 
stantinopel nicht das schlechteste ist. — Dank den reichen Kohlenlagern ist es nun fer- 
ner möglich, dem Mangel an Kohle einigermaßen abzuhelfen. Dank der Unterstützung 
durch tatkräftige deutsche Ingeniexire ist es gerade in der letzten Zeit gelungen, recht er- 
tragreiche Kohlengruben aufzuschließen,' nnd es kann hierbei besonders betont werden, 
daß die geförderte Kohle allererster Qualität, unserer Ruhrkohle sogar überlegen ist und 
nur wenig der Cardiffkohlo an Wärmeeinheiten nachsteht. Wenn die Kohle nun auch aller- 
dings viel rußt, so ist dies darauf zurückzuführen, daß Kohlenwäschereien natürlich in so 
kurzer Zeit nicht angelegt werden konnten. Jedenfalls bietet sich auf dem Gebiete des 
Abbaues der Kohle nach dem Kriege hier in der Türkei ein ungeheures Arbeitsfeld für 
unsere Ingenieure, da liier durch die Not der Zeit Ansätze zu Werken geschaffen worden 
sind, die von größter Bedeutung für die Wirtschaft der Türkei werden können. Sonstige 
für die Lebenshaltung notwendige Artikel, wie Zucker, Kaffee, Tee, sind natürlich wäh- 
rend der Kriegszeit hier recht im Preise gestiegen, jedoch hat man jetzt, wo die Kanonen 
der Deutschen und Österreicher an den Ufern der Donau dröhnen und sich Bulgarien in 
Marsch setzt, um den neuen Verbündeten die Hand /.um Gruße darzureichen, allen Grund 
zu der Annahme, daß ein von erpresserischen Balkanpolitikern nicht bedrohter Verbin- 

' Vgl. S. 242 dieser Zeitschrift. 



Mittel hin gen. Türkei. 239 
iiiiiiHiiiimHmiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ iiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 

dungsweg mit den Zentralmäcliten hergestellt ^vird. Auch Enwer Pascha konnte neulich 
in seiner Kammerrede den Volksvertretern, die üin -wegeu der Versorgung der Hauptstadt 
mit Lebensmitteln interpellierten, leichten Herzens erklären, daß die Hauptstadt bald in 
Überfluß schwimmen würde. Alles in allem ist also für Konstantinopel in jeder Weise ge- 
sorgt und man blickt mit ungebrochener Zuversicht in die Zukunft. (N. O.) 

Fortschritte in Erzerum. Wie die Zeitung „Bairak" in Erzerum mitteilt, hat die Stadt 
Erzerum trotz des Krieges manche Verbesserung erfahren. Breite Straßen sind angelegt 
worden, eine öffentliche Bibliothek ist eröffnet, ein Klubhaus der Vereinigung für Einig- 
keit und Fortschritt und ein Militärmuseum sind im Bau. (N. O.) 

Fortschritt in RodOSto. In Rodosto ist vom Wali das neuerrichtete und nach den heu- 
tigen Erfordernissen ausgestattete Landeshospital mit 50 Betten feierlich eröffnet worden 
Bei dieser Gelegenheit ist auch die Beschneidung von etwa 270 Waisenkindern vorge- 
nommen worden. Überhaupt hat sich die Bevölkerung in letzter Zeit im Tekfur-Gebirge 
recht rührig gezeigt; so ist dort auch eine Getreidebörse errichtet worden. Die Erträgnisse 
einer Anzahl Liegenschaften sind zu Unterrichtszwecken bestimmt worden. Sodann hat 
das dortige Volkswehrkomitee seit Kriegsbeginn gegen 8000 Lira gesammelt und etwa 
700 Kinder Gefallener kleiden lassen. (N. O.) 

Währungsfragen in derTÜrltei. Es ist in gewissem Grade erstaunlich, in welch hervor- 
ragender Weise das wu-tschaftliche Leben der Türkei auch jetzt während des Krieges allen 
Anstürmen getrotzt hat. Besonders günstig sind trotz der vielen für den Krieg notwen- 
digen Ausgaben die Währungsverhältnisse. Die Türkei hat stets große Goldmengen im 
freien Verkehr gehabt, und die Folge hiervon ist, daß die türkische Valuta sich während 
des Krieges bisher auf hervorragender Höhe gehalten hat. Das Türkische Pfund gegen 
Mark notiert z. Z. 5 — 7 % höher als in gewöhnlichen Zeiten, d. h. für ein Türk. Pfund 
sind heute 19,50—19,80 Mark gegen in normaler Zeit 18,50 erhältlich. Die deutsche 
Reichsmark war besonders zu der Zeit, als Deutschland jede Importmöglichkeit für die 
Türkei genommen war, hier entwertet, bessert sich aber jetzt zusehends, weil damit ge- 
rechnet wird, daß ein großer Teil der hier im Laufe des Kriegsjahres ausgegangenen Waren 
in kurzer Zeit aus Deutschland gedeckt werden muß. Die Goldparität der Reichsmark, die 
auf 18,80 zu setzen ist, dürfte fürs erste jedoch noch nicht erreicht werden, da die vom 
Deutschen Reiche zur Kriegführung gestellten Mittel, die als Passivposten in der türki- 
schen Bilanz einzustellen sind, wohl erst nach dem Kriege verrechnet werden, so daß auf 
diese Weise eine größere Nachfrage für deutsche Reichsmark erst in späterer Zeit in Frage 
kommt. Die Valuta unserer österreichischen Bundesgenossen ist aus bekannten Gründen 
allerdings in der Türkei, wie ja auch in Deutschland und in allen anderen Ländern, un- 
geheuer entwertet worden. Der Kronenkurs erreicht z. Z. seinen höchsten Stand und no- 
tiert 27,75, d. h. für ein Türk. Pfund erhält man hier 27,75 Kronen gegen einen Kurs von 
etwa 21,90 in der Zeit vor dem Kriege. Der sonstige Devisenmarkt ist als wenig einheit- 
lich zu bezeichnen. Es finden an manchen Tagen große Umsätze in bulgarischen Levas 
statt, die besonders darauf zurückzuführen sind, daß die Türkei in der letzten Zeit Waren- 
bezüge aus Bulgarien vornahm. Die Folge hiervon war eine kleine Verbesserung der bul- 
garischen Valuta. Die rumänische Valuta ist während des Krieges nur unwesentlichen 
Schwankungen unterworfen gewesen, während die griechische ihren Stand recht verbessern 
konnte und zur Zeit etwa 21,70 notiert. Für die Schweiz und die nordischen Länder finden 



240 Die Welt des Isla^ns, Band III. igiß, lieft JI4 



keine regelmäßigen Devisentransaktionen statt. Die Preise für diese Plätze werden jeweils 
nach der deutschen oder österreichisclien Parität festgesetzt. (N. O.) 

9. Landeserzeugnisse und Ausfuhr. 

Ernte. Die Nachrichten über die Ernte, die in den letzten Monaten 1915 aas verschiedenen 
türkischen Provinzen einliefen, waren sehr günstig. So brachte die Smyrnaer Zeitung „La 
K^forrae" Angaben über den Ernteausfall in verschiedenen Distrikten, die zeigen, daß die 
Ernte sehr gut ist, die vorjährige übertrifft und trotz aller Schwierigkeiten, die der Krieg 
mit sich bringt, gut eingebracht werden konnte. So wurden im Sandschak Kassaba 240 000 
Sinik Korn, 520 000 Sinik Gerste, 29G Hafer, 800 Roggen und 12 000 Saubohnen geerntet 
und in die Scheunen gebracht. Im Distrikt Bnruabat wurden 11 196 Sinik Korn, 27 900 
Gerste und 4484 Mais geerntet. Im Distrikt Ödemisch beträgt die Ernte, die trotz des 
Krieges die des Vorjahres übertrifft: 262151 Siniks Korn, 502 080 Siniks Gerste, 1208 
Hafer, 22 210 Koggen, 2704 Saubohnen, 85 528 Burdschak und 54312 Siniks Kicher- 
erbsen. — Wie die Zeitung „Tasfir-i-Efkjar" aus Kaisarije berichtete, waren die Ernte- 
aussichten dank der getroffenen Maßregeln bedeutend günstiger als in früheren Jahren. 
Bereits Ende Juli wurde mit der Einbringung der reiclien Ernte begonnen. Um diese zu 
sichern, waren besondere Organisationen für die Beschaffung von Erntearbeitern einge- 
richtet worden. (N. O.) 

Verteilung von landwirtschaftlichen Geräten. Smyrnaer Zeitungen berichten, daß an 
Muhadschirs (eingewanderte Muslime), die sich in Smyrna und Umgebung ansässig mach- 
ten, landwirtschaftliche Geräte in hinreichender Zahl gegen ratenweise Abzahlung verteilt 
worden sind. (N. O.) 

Der Markt in Smyrna. Das Smyrnaer Handelsblatt brachte den folgenden Bericht über 
die dortigen Marktverhältnisse: „Unser Markt entwickelt von Tag zu Tag eine lebhaftere 
Tätigkeit. Es kommen täglich Saisonerzeugnisse an. Bisher haben wir 6500 Ladungen 
Feigen, 1200 Säcke Sultaninen erhalten. Besonders rege Nachfrage herrscht nach Rosinen, 
denn, wie aus verschiedenen Berichten zu entnehmen ist, hat der Weinbau Griechenlands 
nur eine mäßige Ernte gezeitigt. Unsere Rosinen machen denjenigen Corinths und den 
Sultaninen Griechenlands jetzt Konkurrenz und werden infolge der Mißernte Griechen- 
lands hohe Preise erzielen. Nach dieser Richtung hin ist die Spekulation daher aussichts- 
voll. Walnüsse werden auch schon allmählich auf dem Markt angeboten. Die angekom- 
menen Ladungen lassen auf einen außergewöhnlich reichhaltigen Ertrag schließen. Der 
Monat September war trocken, man hofft daher, daß der Oktober regenreicher ausfallen 
wird. Aus der Regentabelle kann man ersehen, daß wir im September vorigen Jahres auch 
nur wenig Niederschläge hatten ; dies war also nur eine mangelhafte Bewässerung. Zu- 
verlässigen Nachrichten zufolge können wir mit einem ausgiebigen Ertrag an Olivenöl 
rechnen". (N. O.) 

Förderung der Landwirtschaft. Durch ein besonderes Gesetz sind 20 Mill. Piaster in 
das Budget des Handels- und Ackerbauministeriums eingestellt worden, um die bäuer- 
liche Bevölkerung mit Saat, Arbeitstieren, landwirtschaftlichen Geräten und ähnlichem 
zu versehen. (N. O.) 

Ausfuhrerlaubnis von Felgen und Rosinen. Die Smyrnaer Zeitung „La Reforme' teilte 
mit, daß gemäß einem Beschluß des Ministerrats der Export von Feigen und Rosinen, der 



Mitteüungen. Türkei. 241 

Hiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

bislang verboten war, gestattet worden ist. Da die Produktion dieser Früchte eine große 
wirtschaftliche Bedeutung für die Bevölkerung Klein-Asiens hat, ist diese Entscheidung 
allgemein mit Freude aufgenommen worden. (N. O.) 

Rosenkulturen in Anatolien. In Bodan (Wilayet Smyrna) sind umfangreiche Rosenfelder 
zur Gewinnung von Rosenöl angelegt worden. Die Felder haben einen Umfang von 
18 dönüm <\ dönüm etwa 750 qm). (N. O.) 

Hebung der Tierzucht. Das Handels- und Ackerbauministerium hat eine besondere 
Kommission zur Förderung der Tierzucht in der Türkei eingesetzt und beschlossen, eine 
populäre Schrift über Tierzucht herauszugeben und unter der ländlichen Bevölkerung 
gratis zu verteilen. (N. O.) 

Türkische Wolle. Bei ihrem reichen Bestand an Schafen wird in der Türkei besonders 
viele Wolle erzeugt. Vor allen Dingen in der Gegend von Afinn-Karahissar, Ak-Schehir 
und Konia längs der Bahnlinie der anatolischen Eisenbahn lebt ein großer TeU der Be- 
völkerung von der Schafzucht. Die Regierung hat während der Kriegszeit den größten 
Teil der Schafwolle für ihre eigenen Zwecke requiriert und ein Ausfuhrverbot erlassen. 
Für besondere Zwecke jedoch hat die Regierung die Requisitionsfreiheit erklärt, und es 
ist auch von deutschen und österreichischen Händlern Wolle in Anatolien zum Preise von 
6Vj ^nd T'/s Piaster per Okka aufgekauft worden. Dem Export stellen sich jedoch fast 
unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Vor allen Dingen war es nicht möglich, die 
Ware durch Rumänien zu bekommen und es liegen dort zur Zeit noch Wollmengen, die 
Ende vorigen Jahres von Händlern verschickt worden sind. Seit mehr als einem halben 
Jahre jedoch sind die Schwierigkeiten für Wollexport auch bei der Türkei zu suchen. E^ 
hat sich hier eine Vereinigung der Zünfte gebildet, deren Hauptzweck es ist. Zwischen- 
händlergewinne auszuschließen und von der Militärverwaltung requirierte Waren an Inter- 
essenten gegen Barzahlung mit recht erheblichem Aufschlag weiter zu verkaufen. Der ent- 
stehende Zwischengewinn wird für Zwecke der Hinterbliebenenfürsorge der im Kriege 
Gefallenen sowie für sonstige Zwecke der Heeresverwaltung benutzt. Dieses an und für 
sich recht menschenfreundliche Ziel wird jedoch auf Grund eines mangelhaften System.s 
befolgt, und einkaufende Händler haben gerade im Wollgeschäft erfahren, wie schwierig 
es ist, hier in der Türkei Geschäfte, sei es mit der Regierung, sei es mit Privatleuten, ab- 
zuschließen. Zurzeit verhält sich die Sache so, daß die Ware, die in normalen Zeiten an 
Schafziichter mit T'/a Piaster bezahlt wird, von der obenerwähnten Vereinigung der Zünfte 
franko bulgarischer Grenze mit etwa 15 — 16 Piaster per Okka verkauft wird, und dabei 
haben die einkaufenden Großhändler noch nicht einmal die Schwierigkeiten, die auch nur 
mit Geld aus dem Wege geräumt werden können, in Bulgarien und Rumänien geebnet. 
Seitens der Deutschen Reichswollgesellschaft und sonstiger Einkaufsgesellschaften in 
Deutschland sind in der letzten Zeit wiederholt Fachleute hierher gekommen, um die 
Möglichkeit des Exports von Wolle und Mohair (Ziegenwolle), die als solche nicht der 
Requisition unterliegt, zu studieren, doch war es leider bisher noch nicht möglich, eine 
Grundlage zu finden, auf der ein beide Teile befiiedigendes Abkommen hätte geschlossen 
werden können. Auch hier kann man nur wünschen, daß der direkte Verbindungsweg mit 
den Zentralmächten baldmöglichst hergestellt wird, damit die Versorgung Deutschlands 
mit den hier in reicherem Maße vorhandenen Rohprodukten wie Schaf-, Ziegen- oder aucl< 
Baumwolle, die noch zu relativ niedrigen Preisen erhältlich sind, gesichert wird. 
Die Welt des Ulams, Band III. 16 



242 Die Welt des Islams, Band III. 



10 IS, HeftjU 

llllflllllllllllllllllHIRIIIIIIIIIIHIIIIIIIMII 



Seide in der Türkei. Di© Seidenzucht hat in den letzten Jahren dank der Unterstützung 
der „Dette Publique" einen nicht unbeträchtlichen Aufschwung genommen. Besonders 
wurden Kokons im Wilajet Brussa und in Syrien, aber auch in den inzwischen an Bul- 
garien abgetretenen Gebietsteilen des Wilajets Adrianopel erzeugt. Für das diesjährige 
Erträgnis, das nicht als gut zu bezeichnen ist, besteht nun fast gar keine Verarbeitnngs- 
möglichkeit. In Brussa, wo große Seidenspinnereien in hauptsächlich französischen Hän- 
den waren, mußten die meisten Unternehmungen ihren Betrieb einstellen. Eine Ausfuhr 
findet nicht statt. Die Folge hiervon ist, daß alle Speicher voll von Kokons liegen und die 
Preise recht niedergegangen sind. Sie betragen G — 7 Piaster zurzeit gegen 10 Piaster per 
Okka (ca. 1300 g) in normaler Zeit. (N. O.) 

Landwirtschaftsiiammer in Aidin. In Aidin ist unlängst eine Landwirtschaftskammer 
gebildet worden, deren Präsident Cosma Effendi und deren Vize-Präsident Reschad Bej 
ist. Wir erblicken darin ein erfreuliches Zeichen wirtschaftlichen Fortschritts. (N. O.) 

Reorganisation der Agrarbanl(. Zur Reorganisation der Agrarbank in Konstantinopel 
ist eine besondere Kommission gebildet worden. An ihrer Spitze steht Ahmed Nessim 
Bej, der Minister für Handel und Landwirtschaft, Unterstaatssekretär Edhem Bej, der 
Abgeordnete für Koniah Scheref Bej, Rifki Bej von dem Direktorium der Agrarbank 
und Dschemal Bej, Dirigent der Industrie-Abteilung im Handelsministerium. (N. O.) 

10. Bodenschätze. 

Kohlen in Anatolien. Die Smyrnaer Zeitung „Kjöilü" („Der Bauer") berichtet: Im 
Bezirk Kyzyldscha Dagh finden sich Kohlenbergwerke. Wie wir erfahren, ist man mit 
deren Ausbeutung beschäftigt, bringt die geförderten Kohlen in unsere Stadt und gibt sie 
auch an entferntere Orte ab, die Bedarf haben. Ein Abbau in größerem Maßstabe scheint 
Anssichten zu bieten. (N. O.) 

Steinicohlen im Libanon. Unter dieser Überschrift veröfi'entlichte die Beiruter Zeitung 
„al-Ittihäd al-'utmäui" in ihren Nummern 1902 vom 22. Dezember 1914, 1903 vom 23. 
Dezember 1914 und 1932 vom 21. Januar 1915 drei Artikel, denen wir folgende Mit- 
teilungen entnehmen : 

Als Syrien mit dem Eintritt der Türkei in den Weltki-ieg vom Handel mit Europa ab- 
geschnitten wurde, hörte auch die Kohleneinfuhr auf. Zwar war für die syrischen Eisen- 
bahnen ein großer Vorrat vorhanden, der bei einem täglichen Verbrauch von 75 Tonne» 
für viele Monate ausreichen mußte ; im übrigen aber trat bald ein empfindlicher Kohlen- 
mangel ein. Zu wie unerquicklichen Verhältnissen dieser vielfach führte, zeigt uns das 
Beispiel der Straßenbeleuchtung von Beirut. Hier waren bei Kriegsausbruch 1600 Gas- 
laternen vorhanden, die die Stadt ausreichend erhellten. Bald aber mußte die Gasgesell- 
schaft wegen Kohlenmangels ihren Betrieb einstellen, und man beschafi'te statt der Gas- 
laternen 200 elektrische Lampen und 600 Petroleumlaternen, die einen der Zahl und 
Leuchtkraft nach völlig unzulänglichen Ersatz boten, so daß mehr als die Hälfte der Stadt 
in tiefem Dunkel lag. Zudem wurde auf diese Weise das ebenfalls knappe, aber unent- 
behrliche Petroleum schnell aufgezehrt und dem Privathaushalt entzogen. Um diesen un- 
erfreulichen Zuständen ein Ende zu bereiten, sah sich die Regierung nach den im Lande 
selbst vorhandenen Bodenschätzen um, deren Hebung man bis dahin [aus Mangel an 



Mitteiluli zeit- • Türkei. 243 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMi^ Uli 

Tatkraft] unterlassen hatte. Es wurde eine Kommission von Fachleuten gebildet, die seit 
Mitte Dezember 1914 den Libanon und seine Umgebung bereiste ; sie entdeckte reiche 
Steinkohlenlager an vielen Orten, von denen die folgenden genannt werden': 

1. Gürat 'Arsun; 

2. Zibden ; 

3. Madähin im Wädi Eäs al-Harf ; 

4. Sahähir in 'Abaih ; 

5. Mär Hannä ; 

6. Sahlat Margiljä ; 

T.'Äraijä; es wird gesagt, daß dieses Lager sich zur Ausbeutung zu eignen scheine; 

8. 'En al-'Asal; hier betrage die Mächtigkeit wahrscheinlich 70 cm; 

9. Wädi'Angar; diese Kohle wurde schon früher zum Betriebe von landwirtschaft- 
lichen Maschinen verwendet; 

10. Hadat al-Gnbba; dieses Lager ist etwa 1 m mächtig und steht an Eeichtum und 
an Brauchbarkeit für die Gasgewinnung dem von 'Abija gleich ; seine Kohle eignet 
sich jedoch nicht zur Heizung von Lokomotiven ; 

11. Qartaba; hier hat die Eisenbahnverwaltung schon große Mengen gefördert und 
durch eine Untersuchung festgestellt, daß die Kohle für Lokomotiven geeignet ist; 

12. Dahr as-Suwejir (Swer). 

Der Leiter der Higäz-Bahn und der Ingenieur 'Izzet Bey haben sich sodann nach Saidä 
und von da nach dem Kreise Gizzin begeben, um die Lager von Haitüra, Hamsije und 'En 
al-kabire zu untersuchen, in denen verwendbare Kohle vorhanden ist. Auch anderswo 
werden die Untersuchungen fortgesetzt; insbesondere ist man bemüht, das Lager von 
Zibden (zwei Stunden von Söfar entfernt), das schon von Ibrahim Pascha, dem Sohne 
des großen Muhammad 'Ali Pascha ausgebeutet wurde, von der Erde zu befreien, die 
es bedeckt. Man hat in Damaskus Proben von sämtlichen Flözen genau untersucht und 
dabei gefunden, daß die Kohlen sich teils nach einer Behandlung auf wissenschaftlichem 
"Wege, teils schon ohne diese zur Verwendung eignen. Allerdings ist die gefundene Kohle 
für Lokomotiven meist nur in beschränktem Umfange, insbesondere nur bei kurzen Fahrten, 
verwendbar, unbeschränkt dagegen für andere Maschinen, z. B. in Fabriken. Kenner meinen, 
daß man aus dem Libanon täglich hundert Tonnen wird fördern kömnen; diese Menge 
übersteigt den Bedarf der ganzen Türkei, so daß man sogar auf eine Ausfuhr von Kohlen 
rechnen kann. Somit werden, wenn die gehegten Erwartungen in Erfüllung gehen, nicht 
nur augenblickliche Kriegserfordernisse gedeckt, wobei auch die Möglichkeit größerer 
Ersparnis von Petroleum ins Gewicht fällt, sondern es wird sich eine dauernde wesent- 
liche Steigerung der natürlichen Hilfsmittel Syriens und damit des ganzen Osmanischen 
Eeiches ergeben. E. B r y d e 

Petroleum-Vorkommen. Wie Smyrnaer Zeitungen berichten, hat der Mudrr von Jaja- 
köi in dem ihm unterstellten Bezirk Petroleumquellen entdeckt, zwecks deren Unter- 
suchung sich bereits verschiedene sachkundige Ingenieure an Ort und Stelle begeben haben. 

(N. O.) 

11. Unternehmungen. 

Konstantinopel. Konstantinopler Wasser-Gesellschaft. Eine Dividende von 
55 Piaster per Aktie von 500 Fr. auf im Jahre 1914 gemachten Überschuß hat die Kon- 

' Die Lesung der (im arabischen Original nicht vokalisierten) Namen ist nicht durchweg 
sicher. 

16, 



244 Die Welt des Islams, Ba^id III. igiß, Heft ^U 

Niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiin 



stantinopler Wassergesellschaft zu zahlen beschlossen. Die Gesellschaft ist französisch mit 
reicher Beteiligung von Schweizer Kapital. Die verspätete Zahlung wird auf Präsentierung 
von Coupon 28 durch die K. Ottomanische Bank in Konstantinopel erfolgen oder durch 
Neuchäteler Banken. Im letzten Falle muß, dem „Financier" zufolge, eine Bescheinigung 
vorgelegt werden, daß die Aktien nicht Feinden der Türkei gehören. Den Hauptteil des 
Geldes will die Gesellschaft zurückhalten bis — die Dardanellen genommen sind. 

(N. O.) 

. Provinz Aidin. Feigenproduzenten A. G., Aidin. Der Sultan hat, wie wir dem 
„Tasfir-i-Efkjar" entnehmen, die Gründung einer „kooperativen Feigenproduzenten-Ak- 
tiengesellschaft von Aidin" bestätigt. Sitz der Gesellschaft ist Smyrna, das Grundkapital 
beträgt 10 000 Ltq, die Dauer ist auf 50 Jahre festgelegt. 

Umänderung einer englischen Gesellschaft in ein türkisches Unter- 
nehmen. Durch ein Irade des Sultans ist die Umänderung der englischen Gesellschaft 
„Compagnie Industrielle l'Orient" in der Provinz Aidin in eine osmanische Aktiengesell- 
schaft unter dem Namen „Schark iplik we mensudschat sana'at schirketi" (Orientalische 
Zwirn- und Webereiindustrie-Gesellschaft) genehmigt worden. 

Elektrische B eleu chtung V on Tokat. Der vor kurzem von der Verwaltung des 
Wilajet Siwas nach Tokat entsandte Ingenieur Friedmann hat nach dem „Tanin" durch 
Untersuchungen festgestellt, daß die Stadt Tokat unter Ausnutzung des in ihrer Nähe 
befindlichen Wasserfalls Aken mit 9000 elektrischen Lampen von 10 Kerzenstärke be- 
leuchtet werden kann. (N. O). 

Beirut. Streichhölzerfabrikation. Nach einer Meldung der arabischen Zeitung 
„Sifa" wird die Regierung die Gründung einer Streichhölzerfabrik in Beirut unterstützen, 
die täglich 600 Schachteln herstellen soll. Das „Journal de Beyrouth" berichtet weiter, 
daß ein gewisser Ahmed Effendi Eahal in Burdsch el Biradscheneh im Libanon die Her- 
stellung von Streichhölzern begonnen hat, deren Qualität gelobt wird. 

Gründung einer rein türkischen Aktiengesellschaft in Beirut. In 
einer Konferenz bei dem Wali von Beirut ist die Gründung einer Aktiengesellschaft be- 
schlossen worden, von der grundsätzlich alle Ausländer als Teilhaber ausgeschlossen 
bleiben sollen. Es ist die Ausgabe von 25 000 Aktien zu je 2 türkischen Pfund ins Auge 
gefaßt, doch soll das Aktienkapital bei entsprechender Nachfrage schon bei Gründung um 
5°/o erhöht werden. Zunächst sollen mit diesem rein türkischen Kapital zwei Fabriken in 
Beirut gebaut werden, deren eine der Zuckerraffinerie, die andere der Weberei dienen 
soll. — In einer anderen Nachricht war das Kapital auf 50 000 Pfund (nahezu 1 Million 
Mark) angegeben. 

Bau einer Markthalle in Beirut. Ende August hat man in Beirut mit dem Bau 
einer geräumigen Markthalle begonnen, die am Assur-Platz errichtet wird. Der Bau ist 
der Initiative des Walis von Beirut, Azmi Bey, zu verdanken. (N. O.) 

Petroleumgesellschaft Lattaicia. Der in Damaskus erscheinenden Zeitung „er- 
Rai' al-'ämm" entnehmen wir, daß das Parlamentsmitglied für Lattakia, Abdu'l-Wahhab 
Effendi Harun, dort eine Gesellschaft gegründet hat, deren Zweck es ist, die in der Um- 
gebung von Lattakia gelegenen Erz- und Petroleumvorkommen auszubeuten. (N. O.) 

Levante Tabak Handels A.-G. ZÜricil. Unter der Firma Levante Tabak Handels 
A.-G. hat sich mit Sitz in Zürich eine Aktiengesellschaft gebildet, die den Handel mit Tabak 



Mitteilu7igen. Türkei. 245 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

und Tabakfabrikatcu im weitesten Sinne und die Beteiligung bei anderen ähnlichen Ge- 
schäften zum Zweck hat. Das Gesellschaftskapital beträgt zwei Millionen Francs. Dem 
Verwaltungsrate gehören an: Kjazim Emin, Kaufmann in Saloniki (Griechenland), Präsi- 
dent, und Dr. Otto Kahn, Rechtsanwalt in München, Vizepräsident. Das Geschäftslokal 
befindet sich Bahnhofstraße 65, Zürich 1. (N. O.) 

12. Verkehr: Eisenbahnen, Wegebau, Post, Telegraphie. 
Ausbau der türkischen Bahnen in Kleinasien. Die Voss. Zeit, berichtete am 18. Nov. 

1915 aus Konstantinopel unter dem 17. November: Die Kammer genehmigte in ihrer 
Sitzung vom 16. November das vor einigen Monaten im Verordnungswege erlassene provi- 
sorische Gesetz, wonach dem Kriegsministerium als erste Rate eines auf fünf Jahre ver- 
teilten Ausnahmekredits anderthalb Millionen Pfund für die Auslagen des Baues und des 
Betriebes folgender Bahnlinien gewährt werden : 

Angora — Erzerum, Erzerum — Schwarzmeerküste; Muradli — Rodosto (Marmara- 
meer); einer Zweiglinie von einem Punkte der Angora— Erzerum-Linie nach der 
Schwarzmeerküste, sowie anderer Zweiglinien, außerdem für den Bau und Betrieb 
von Hafenanlagen an den Endpunkten dieser Bahnlinien. 
Nach einer im Laufe der Debatte von der Regierung beantragten und von der Kammer 
genehmigten nachträglichen Abänderung, wird dem Kriegsministerium auch der Bau und 
Betrieb einer Bahnlinie von Samsun (Schwarzmeer) nach Sivas und einer anderen Linie 
von Usunköprü (im türkischen Thrazien) nach Keschan vind von dort nach einem Punkte 
der Marmaraküste übertragen. Nach den vom Vertreter des Kriegsministerinms erteilten 
Aufklärungen wurde der Bau der Linie Angora — Erzerum noch während des Krieges in 
Angriff genommen und sind bereits 36 Kilometer samt mehreren technischen Werken 
fertiggebaut. Das Kriegsministerium hoffe den Bau des ganzen Netzes in weniger als zehn 
Jahren fertigzustellen. Der Endpunkt der von Erzerum abgehenden Bahnlinie am Schwarzen 
Meer werde erst nach dem Kriege bestimmt und bekannt gegeben werden. Bekanntlich 
sollte die Konzession eines ähnlichen Netzes in Kleinasien einer französischen Gruppe 
erteilt werden, wogegen die französischen Banken der Türkei eine große Anleihe gewähren 
sollten. Diese Anleihe wurde zwar flüssig gemacht, die auf die Bahnkonzession bezüglichen 
Verträge waren jedoch bis zum Ausbruch des europäischen Krieges nicht unterzeichnet 
und sind nunmehr gegenstandslos geworden. Auf einen Antrag, dem Kriegsminister auch 
die Schurfkonzessionen in einer Zone von 20 Kilometern beiderseits der Bahnstraße zu 
erteilen, ist die Kammer nicht eingegangen. Der Minister des Innern erklärte jedoch, es 
sei selbstverständlich, daß diese Konzession erst mit Zustimmung des Kriegsministeriums 
erteUt werden könnte. (N. O.) 

Anatolische Eisenbahn und Bagdadbahn. Aus den Geschäftsberichten für 1914 (und 
die früheren Jahre) entnehme ich folgendes : Die Länge des Betriebsnetzes der anatoli- 
schen Eisenbahn beträgt 1032 km und die von der anatolischen Eisenbahngesellschaft 
für die Bagdadbahngesellschaft betriebenen Strecken betragen 889 km. Der Bericht schickt 
voraus, daß ein Vergleich der Verkehrsverhältnisse mit denen des Vorjahres wegen des 
anormalen Betriebes keinen praktischen Wert habe. „Nicht nur hat vom Tage der Mobili- 
sierung der Kaiserlich ottomanischen Armee der Privatverkehr nahezu völlig aufgehört, 
sondern bereits vorher hatten wir eine Verkehrsstörung von fast einmonatiger Dauer zu 
beklagen, da der Karasu über seine Ufer trat und in seinem Laufe die Strecke und meh- 
rere Kunstbauten beschädigte. Zwar haben die Militärtransporte eine starke Steigerung 



246 Die Welt des Islams, Bajid III. igi 3, Heß JI4 

iiiiiim iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiliiiiiiiiHiiiiiiimiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiii 



1914 


1913 


1912 


1911 


1910 


Frs. 


Frs. 


Frs. 


Frs. 


Frs. 


33 371 


20534 


21125 


17104 


13256 


20 551 


13066 


14 543 


11366 


8293 


18481 


22437 


17 634 


17 358 


16176 


30301 


17 330 


18 256 


15276 


12 575 



der kilometrischen Bruttoeinnahmeu bewirkt, aber man darf nicht vergessen, daß die 
Militärtransporte zu Vorzugstarifen befördert werden und daß die zahlreichen Anforder- 
ungen, die sie an uns stellen, weit schwerer unsere Betriebsausgaben belasten, als etwa 
der normale Privatverkehr." 

Der Kilometerertrag belief sich auf 



der Stammlinie llaidar-Pascha — Angora: 
der Strecke Eski-schehir — Konia : 
der Zweigbahn Arifie — Ada-bazar: 
sämtlichen Linien im Durchschnitt : 

Die Bruttoeinnahmen erfuhren mit 31 270663 Frs. gegenüber dem Vorjahre eine Zu- 
nahme um 74,84''/o. Die türkische Regierung erhielt aus ihrer 25°/oigen Gewinnbeteiligung 
für die Linie Haidar-Pascha— Angora 2 688 090 Frs., für die Linie Eski-schehir — Konia 
1 425 216 Frs., insgesamt also erhielt sie [mit -\- bezeichnet] (bezw. zahlte an Kilometer 
garantien [mit — bezeichnet]): 

1914 1913 1912 1911 1910 

Frs. +4113306 -f 546 061 +1295475 —719 838 -2 922 036 

Die Verbesserungspläne des Hafens Haidar-Pascha sind auf ruhigere Zeiten vertagt 
worden. Die Arbeiten am Doppelgeleise der Vorortlinie Haidar-Pascha — Pendik machten 
im Anfang des Jahres gute Fortschritte, mußten aber infolge der Mobilisation stellenweise 
völlig unterbrochen werden und schreiten nur noch langsam fort. Im Einverständnis mit 
der türkischen Regierung ruhten 1914 auch die Arbeiten auf der Strecke Ada-bazar — Bolu. 
Die Verstärkungsarbeiten des Geleises auf der Linie Haidar-Pascha — Konia wurden auch 
nach der Mobilisation soweit möglich und tunlich fortgesetzt. Der Reingewinn betrug 
1914 1913 1912 1911 1910 

Frs. 5169894 4 969449 4 630498 4 047 775 3382 386 

und die Dividende: 67o 6% öVa'Vo 57o ^"/n 

Anlage C enthält eine spezialisierte Betriebsrechnung, der ich folgende Angaben ent- 
nehme : Die Einnahmen auf dem Gesamtnetz betrugen 





1914 


1913 


1912 


1911 


1910 


Monat Januar Frs. 


: 977 269 


1093 057 


1089 162 


1 043 690 


569 313 


„ Februar „ 


887 904 


674338 


1004659 


367 003 


523061 


„ März „ 


912841 


863 609 


1 049 628 


1077 982 


612214 


„ April „ 


934334 


891889 


1059 470 


1070070 


620060 


Mai 


1092526 


954 199 


1 200 180 


1 248 776 


646 715 


„ Juni „ 


1105132 


1013 645 


1 248 249 


754 036 


794649 


„ Juli 


896 619 


1078525 


1255260 


1326 771 


814 587 


August 


283 936 


969 713 


1275446 


1438416 


996441 


„ September „ 


538829 


1304065 


1327 475 


1418474 


1 325 384 


„ Oktober „ 


892 324 


1 307 950 


400 518 


1 577 106 


1 556 643 


„ November „ 


639 956 


1 300 237 


1591458 


1526 602 


1490451 


„ Dezember „ 


22108 993 


6 433 984 


6 338 915 


2 251345 


1548481 


insgesamt Frs. : 


31270 663 


17 885 211 


18840420 


15100 271 


11497 999 



Man sieht hier deutlich die Einwirkungen des "Weltkrieges, im August ein starker 
Rückgang dos Verkehrs, der gegen Ende des Jahres besonders im Dezember infolge der 
Militärtransporte zu ungeahnter Höhe steigt. Sehr interessant und wertvoll sind die in 



Mitteilungen. Türkei. 247 

Anlage Fl — 2 beigegebenen statistischen Notizen. Aus ihnen ergibt sich, daß der Personen- 
verkehr auf der Stadtbahnstrecke Haidar-Pascha — Pendik (25 km) am stärksten war 
(allerdings etwas geringer als 1913). Während der Verkehr im allgemeinen gegenüber 
1913 abnahm, ist auf der Strecke Eski-schehir — Konia eine Zunahme zu verzeichnen. Die 
verkehrsreichsten Bahnhöfe sind Haidar-Pascha (mit 2 215 055 Personen), Eski-schehir mit 
513 964 Personen, dann die Bahnhöfe der Stadtbahn bis Kartal, ferner Konia, Ismid 
Angora, Pendik, Arifie, Ada-bazar, Afion-karahissar. Der Eilgutverkehr und der Verkehr 
mit lebenden Tieren hat mit Ausnahme auf der Strecke Arifie — Ada-bazar sehr stark zu- 
genommen, dagegen wurde der Frachtverkehr etwas geringer. Diese Erscheinungen werden 
wohl mit der Mobilisation zusammenhängen. Anlage F 10 führt die beförderten Güter 
nach Gattungen getrennt auf; danach wurden, abgesehen von den Militärgütern, vor allem 
folgende Güter befördert (in Millionen kg) : 





1914 


1913 


1912 


1911 


1910 


Getreide 


190,9 


223,3 


326,0 


418,8 


246,7 


Stroh und Heu 


8,2 


63,3 


9,8 


1,3 


0,4 


Bauholz 


7,4 


30,2 


23,1 


43,4 


47,1 


Zucker 


11,0 


21,4 


18,8 


17,4 


13,4 


Gemüse (trocken) 


16,0 


19,5 


10,3 


8,6 


11,1 


Mehl 


16,7 


17,5 


14,6 


12,3 


11,9 


Petroleum 


8,9 


13,5 


11,0 


12,9 


12,9 


Wolle 


8,2 


11,6 


11,1 


10,5 


12,8 


Brennholz 


1,1 


10,6 


3,7 


7,6 


4,2 


Salz 


10,8 


10,2 


7,5 


11,5 


9,6 


Manufaktur waren 


6,0 


10,1 


9,4 


10,3 


10,9 


Früchte (außer Traube 


en) 5,9 


8,9 


7,8 


8,4 


10,8 


Eier 


10,6 


8,9 


10,8 


8,1 


7,1 


Tabak 


5,7 


6,1 


4,9 


5,6 


5,9 


Gesamtgüterverkehr : 


602,4 


608,7 


580,5 


681,6 


494,4 



Ich habe die Güter nach den Zahlen von 1913 angeordnet, da die Zahlen von 1914 
infolge des Krieges ein falsches Gesamtbild geben würden. 

Der Geschäftsbericht der Bagdadbahngesellschaft pro 1914 weist eine Länge des 
Betriebsnetzes von 668 km nach. Dazu kamen 

am 2. Juni die Strecke Bagdad — Sumike mit 61 km 

„ 11. Juli „ „ Dscherabulus— Tell-ebiad „ 101 „ 

„ 27. August „ „ Sumike — Istabolat „ 37 „ 

„ 7. Oktober „ „ Istabolat — Samarra „ 21 „ 

insgesamt: 219 km 

„Auf der Zweigbahn Toprakkale — Alexandrette unterbrachen vom 24. November bis 
zum 13. Dezember gewaltige Überschwemmungen stellenweise den Verkehr. Vom 20. De- 
zember ab mußte der Betrieb infolge kriegerischer Ereignisse auf dieser Teilstrecke 
eingestellt werden."' Die Bruttoeinnahmen betrugen auf den Strecken mit Einnahme- 
garantie 6 1 35 840 Frs. (1913: 2305277, 1912: 1738327), auf der Zweigbahn Toprakkale— 
Alexandrette 426 664 Frs. (seit 1. November 1913: 32 969). Die Anzahl der beförderten 
Personen betrug 597675 -f 103 318 (1913: 407 474 -f 8 186) und der Gütertransport 
116194 + 9 075 t(1913: 78645 + 902 t). 



248 Die Welt des Islams, Band III. lOiß, Heß jU 

IIIIIIIIIIIIHIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 

Die kilometriscbe Einnahme betrag 1914 1913 1912 1911 

auf der Strecke mit Einnahmegarantie : 8178 3 786 5 315 3 379 Frs. 
„ „ „ Tojirakkale — Alexandrette: 7 231 3 343 „ 

(seit 1. November 1913 eröflfnet) (559 auf 61 Tage) 

Die türkische Regierung erhielt (bezw. zahlte an Kilometergarantien): 
1914 1913 1912 1911 

+ 2 939 983 —416 295 +278 785 — 23816GFrs. 

„Der bis zum 31. Dezember 1914 laufende Vertrag mit der anatolischen Eisenbahn- 
gesellschaft, betreffend den vorläufigen Betrieb der eröfifneten Teilstrecken unserer Bahn- 
strecken, wurde zu den gleichen Bedingungen auf ein weiteres Jahr verlängert. Die im 
Anfang des Betriebsjahres energisch geförderten Bauarbeiten wurden bei Ausbruch des 
europäischen ELrieges im großen und ganzen eingestellt. Immerhin wurde der Bau der- 
jenigen Strecken weitergefördert, die ohne großen Nachteil nicht abzubrechen waren oder 
zu ihrer betriebsfertigen Vollendung eines unverhältnismäßigen geringen Aufwandes an 
Mitteln bedurften. So konnten Avährend des Weltkrieges 1914 nicht nur die oben er- 
wähnten Strecken dem Betrieb übergeben werden, sondern es gelang weiter, im laufendeu 
.Jahre die große Euphratbrücke zu vollenden und den rund 5 km langen Tunnel bei 
Bagtsche, den längsten der ganzen Bagdadbahn, durch den Amanus durchzuschlagen. 
Ebenso dürfte der zweite Teil der Strecke jenseits des Euphrats bis Ras-ul-ain demnächst 
eröffnet werden können." Der Reingewinn beträgt 404877 Frs. (1913: 1 147 032; 1912: 
1111626; 1911: 796324). Eine Dividende kommt nicht zur Verteilung (1913: 5%; 
1912: 5%; 1911: 57o)- W. H. 

Neues von der Bagdad-Bahn. Die 41 km lange Strecke von Tewem bis Rasul Ain ist 
von der Technischen Kommission abgenommen und am 23. August dem Verkehr über- 
geben worden. Zusammen mit der am 1. Juni eröffneten, 62 km langen Strecke Tell- 
Abjad-Tewem sind trotz aller durch den Krieg hervorgerufenen Schwierigkeiten mehr als 
100 km der Bagdad-Bahn in dieser kurzen Zeit dem Verkehr übergeben worden. 

(N. O.) 

Von der Hedsohas-Bahn. Die Hedschas-Bahn hat einen neuen Generaldirektor erhalten 
in Person des früheren "Wali von Damaskus, Hulussi Bej. (N. O.) 

Wegebau in Anatolien. Trotz des Krieges macht der Straßenbau in der Türkei gute 
Fortschritte. Von Beginn der Mobilisation bis Ende Mai d. J. sind in der europäischen 
Türkei nicht weniger als 518 Kilometer Straßendamm neu angelegt und 114 Kilometer 
beschottert worden. 45 Brücken und 192 Durchlässe wurden gebaut. In Anatolien wurde 
der Bau von 619 Kilometer Straßen beendet und 353 Kilometer wurden beschottert. 366 
Brücken und 555 Durchlässe wurden gebaut. (N. O.) 

Im Handels- und Ackerbauministerium in Konstantinopel ist eine Kommission einge- 
setzt worden, um zu studieren, wie man die schweren Schäden vermeiden könnte, die 
durch den Gebrauch der mit massiven Rädern versehenen schweren einheimischen Ge- 
fährte, Kaüli, ständig den anatolischen Straßen zugefügt werden. Man denkt daran, den 
Gebrauch massiver Räder zu verbieten. (N. O.) 

Eine neue Telegrapiienllnie. Im Bereiche der Oberpost- und Telegraphendirektion 
Aleppo ist eine Telegraphenlinie von Mar asch nach dem Bezirk Pazardschyk gelegt und 
dort eine Telegraphenstation eröffnet worden. (N. O). 



Mitteilungen. Türkei. 249 

Hiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiimiiiii^ 

Einstellung von Frauen In den Postdienst. Das Ministerium der Posten, Telegraphen 
und Telephone gibt bekannt: Es ist infolge des zunehmenden Postanweisungsverkehrs 
beschlossen worden, in der Kontrollstelle für den Anweisnngeverkehr Frauen zur Aus- 
fertigung und Vergleichung der diesbezüglichen Papiere einzustellen. Die Bewerberinnen 
müssen das 17. Lebensjahr vollendet haben, unverheiratet sein und Mittelschulbildung 
besitzen. Das Gehalt beträgt monatlich 400 Piaster (etwa 74 Mark). (N. O.) 

13. Fürsorge. 

Vom Konstantinopler WaisenhauSi Im Konstantinopler Waisenhaus sollen in diesem 
Jahre bis zu 2000 Waisenkinder aufgenommen werden. Bis jetzt sind schon 940 Kinder 
angemeldet und angenommen worden. (N. 0). 

Hospital in Kutahja. Die Gesellschaft für nationale Verteidigung teilte mit, daß das am 
Bahnhof in Kutahja unlängst errichtete Hospital mit 50 Betten dank den Bemühungen 
des lokalen Zweigvereins und der Opferwilligkeit verschiedener Personen vollständig ein- 
gerichtet worden ist. (N. O.) 

Werkstätten des Roten Halbmondes. Kürzlich fand eine Besichtigung der AVerkstätten 
des Roten Halbmondes durch dessen Ausschußmitglieder statt. Dr. Dschelal-ed-Din Much- 
tar Bej, die Seele der Institution, hatte die Führung übernommen. In diesen Werkstätten 
werden die verschiedenartigsten Dinge für das Sanitätswesen hergestellt, wie z. B. Trag- 
stühle und Tragbahren für Kranke und Verwundete, Drahtgestelle für in Gipsverbänden 
befindliche Arme und Beine, Petroleumlampen, Holzpantoffeln, Schuhe, Kleider, Wäsche, 
Matratzen, Decken, neu erfundene Sparwaschkessel, Krücken, Wagenräder und noch un- 
zählige andere Dinge. (N. O.) 

Bairamgeschenke an die Kinder gefallener türkischer Soldaten. Das Bairamfest wurde 

in der Türkei entsprechend der Kriegszeit, in der \s\x leben, von dem Verein für nationale 
Verteidigung benutzt, um die Härten des Ejieges zu mildern. Wie türkische Zeitungen 
berichten, hatte der genannte Verein beschlossen, alle Kinder von gefallenen türkischen 
Soldaten an diesem Feste mit neuen Kleidern zu beschenken. Diese wurden öffentlich 
aufgefordert, sich unter Vorlage von Ausweispapieren an das Zentralbüro des Vereins für 
nationale Verteidigung in Konstantinopel zu wenden. (N. O.) 

Liebesgaben für den Winter. Im August sind von der Provinz Trapezunt als Liebes- 
gaben 18 274 Paar baumwollene und 26 933 Paar andere Strümpfe zusammengebracht 
worden. (N. O.) 

Opferwilligkeit der Bevölkerung in Beirut. Wie wir aus Beirut erfahren, hat die dor- 
tige Bevölkerung eine Summe von 3500 türkische Pfund (mehr als 60000 Mk.) aufge- 
bracht, für die warme Kleidung gekauft und den Soldaten als Liebesgabe an die Front 
gesandt werden soll. (N. O.) 

Amerikanische Gaben für den Roten Halbmond. Der nationale Hilfsverein „Ittihad-i- 
Islam", der in Manchester (Amerika) gegründet worden ist, hat für den Eoten Halbmond 
722,50 Dollar gesammelt. (N. O.) 



250 Die Welt des Islams, Band IIL ig 13, Heft jU 

Riiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

MAROKKO. 

Zur Entwicklung des spanischen Protektorats In Marokko. In der Nr. 42 des Boletm 
oficial do la Zona de influeuiia espafiola en Marrnecos vom 25. 12. 14 und der Nr. 1 (Jahr- 
gang III) vom 10. 1. 15 sind die Voranschläge für das Wirtschaftsjahr 1915 der spanischen 
Marokkozone mitgeteilt. Durch ihr Studium bekommt man einen Einblick in die Verwal- 
tung der Zone und macht sich besonders mit ihrem Behördenapparat vertraut. "Wenn wir 
zur Vergleicliung die Voranschläge für 1914 heranziehen, die in Nr. 26 vom 25. 4. 14 ab- 
gedruckt sind, so dürfte dies die nachfolgenden Ausführungen interessanter gestalten, da 
wir gerade aus einer Vergleichung der Etats sehen können, wie die „Accion en Marruecos" 
fortschreitet. Zu beachten ist jedoch, daß die einzige Quelle des Folgenden die Voran- 
schläge selbst darstellen, sodaß die Angaben über Behörden usw. mit Vorsicht aufeu- 
nehmen sind, da sie nur dann zutreffen, wenn der Etat so ausgeführt wird, wie er augen- 
blicklich vorliegt. 

Wir haben bei den Voranschlägen für Spanisch-Marokko zu unterscheiden : 

1. den Voranschlag, der von der spanischen Regierung angefertigt wird uud auf 
den die gesamten „gastos por personal, material y servicios del Estado espaüol en la Ad- 
ministracion del Protectorado en Marruecos" gebracht werden, und 

2. den Voranschlag der marokkanischen Regierung, der in einen Einnahmenteil 
(Pormenor del Presupuesto de ingresos) und einen Ausgab enteil (Pormenor del Presupu- 
esto de gastos) zerfällt. 

Wie die gesamte Verwaltungstätigkeit in der Protektoratszone von Maroklco vom 
Staatsministerium ressortiert, ist auch die Aufstellung des Etats für jedes Wirtschafts- 
jahr, was die Verwaltung von Spanisch-Marokko anlangt, Sache des Staatsministeriums, 
und zwar besteht hierfür eine besondere „Secciön 12", die die Bezeichnung „Accion en 
Marruecos" führt. Entwickelt hat sich diese Secciön 12 in der Weise, daI3 man in den 
allgemeinen Voranschlägen des Staates aus dem Voranschlag eines jeden Departements 
diejenigen Kredite ausschied, die für afrikanische Zwecke bestimmt waren, und aus den 
80 ausgeschiedenen Teilen die neue Seccion „Accion en Man-uecos" bildete. 

Der Voranschlag der marokkanischen Regierung muß durch Dahir des Kalifa promul- 
giert werden, welcher seinerseits der Bestätigung durch den Oberkommissar bedarf. So 
sind für die marokkanischen Etats die Dahirs und entsprechenden Dekrete des Ober- 
kommissars unter dem 24. 4. 14 und 1. 1. 15 ergangen. 

Über die Anordnung der Voranschläge (= VA.) sei bemerkt, daß in den spanischen VA. 
die einzelnen Posten unter Kapitel gebracht sind. Jedes Kapitel zerfällt wiederum in dem 
VA. für 1915 in mehrere Artikel. Zur Übersicht ist jedem VA. ein Resumen vorausge- 
schickt, in welchem die Kapitelüberschriften mit den für diese bewilligten Krediten zu- 
sammengestellt sind. Der spanische VA. für 1914 zerfällt in drei Abschnitte mit 15 Ka- 
piteln: Personal (Kap. 1 — 7), Material (Kap. 8 — 13), Gastos diverses (Kap. 14 — 15). Im 
VA. für 1915 ist die Anordnung im großen und ganzen ähnlich, jedoch fehlt völlig Kap. 3 
(Personal militar). Die Kredite für das Personal der „Secretaria general" und der „Dele- 
gacion de asuntos indigenas", die in dem vorjährigen VA. in Kap. 4 zusammengefaßt 
waren, sind diesmal getrennt in Kap. 3 und 4 aufgeführt. Das Kap. 7 „Inspeccion y oficinas 
de informacion" ist in dem VA. für 1915 fortgefallen, so daß wir also nur sechs Kapitel 
in diesem Abschnitt haben. Der Abschnitt „Material" umfaßt in dem neuen VA. nur 1 Ka- 
pitel (das 7.), das wieder untergeteilt ist in 9 Artikel. Hier finden wir die Gegenstände der 
Kap. 8 — 12 des VA. für 1914 wieder, wozu in Art. 4, 8 und 9 noch kommen: Consnlados, 



Mitteüungeii. Marokko. 251 

»iiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiii^ 

Obras publicas, Servicio de Minas. In dem Abschnitt „Gastos diversos" sind in dem VA 
für 1915 neu hinzugekommen als Kap. 8 die „Construcciones civiles", während die Sub- 
vention für die Regierung des Kalifa ausgeschieden ißt und einen eigenen Abschnitt für 
sich (das 10. Kap.) bildet. 

Der marokkanische Presupuesto besteht, wie schon oben bemerkt, aus den zwei Ab- 
schnitten „Ingresos" und „Gastos", von denen jeder in mehrere Titel zerfällt, die wieder 
in Kapitel und Artikel iintergeteilt sind. Für 1914 waren die Einnahmen des Staates unter 
die folgenden vier Titel gebracht: indirekte Steuern, Monopole, Staatseigentum, verschie- 
dene Einkünfte. Hierzu ist in dem VA. für 1915 ein neuer Titel getreten : „Direkte Steu- 
ern". In dem VA. für 1914 umfaßte der Abschnitt „Gastos" sieben Titel. Von diesen sind 
im VA. für 1915 die Gegenstände des dritten Titels (Servicios tributarios) als Art. 5 — 8 
des 3. Kapitels (Handelsministerium) unter dem Titel 2 (Obligaciones del personal y ma- 
terial del Gobierno) aufgeführt. Aus dem Titel 1 des vorjährigen VA., der sich mit den 
„Obligaciones generales" befaßt, ist Kap. 1 ausgeschieden worden. Dieses bildet jetzt unter 
der Bezeichnung „Dotacion de S. A. J. el Jalifa" einen Titel für sich. Der ehemalige 
Titel 5 (Post- und Telegraphenwesen) ist als Kap. 6 und 7 in Titel 4 (Servicios de fo- 
mento) des VA. für 1915 aufgegangen. Titel 6 (Sanitätswesen) ist mit dem Schulwesen im 
neuen VA. zu Titel 3 (Sanidad y Ensenanza) vereinigt. Die Titel 1 und 7 des vorjährigen 
VA., die von den Krediten für „Obligaciones generales" bezw. „Fuerzas militares" handeln, 
kehren im diesjährigen VA. als Titel 6 bezw. 5 wieder. 

Wenn wir zunächst die beiden Voranschläge der spanischen Regierung betrachten, 
so bemerken wir, daß der Gesamtetat eine Abnahme aufweist. Er beträgt für 1915 
10 000 000 p. gegen 10 235 758 p. im Vorjahre. Daraus darf man nun aber nicht den Schluß 
ziehen, daß die Ausgaben in der Protektoratszone geringer geworden seien. Diese sind 
eher gestiegen als gesunken. Jedoch waren bei der Errichtung des Protektorats in Ma- 
rokko naturgemäß eine ganze Reihe außerordentlicher Ausgaben unerläßlich. So mußte 
z. B. das ehemalige spanische Konsulatsgebäude in Tetuän einem Umbau unterzogen 
werden, um es in einen Palast für den Oberkommissar umzuwandeln. Dies allein erfor- 
derte schon einen Kostenanschlag von 150 000 p. in dem Etat für 1914, wozu noch 
80 000 p. für Anschaffung von Mobiliar kamen. Geringer geworden ist in der Tat die Sub- 
vention, die der Regierung des Kalifa von der spanischen Regierung zur Deckung des 
Defizits in ihrem Voranschlag gewährt wird. Sie ist für dieses Jahr von 7 000000 p. auf 
6 730 200 p. gefallen, weil sich die Finanzen der marokkanischen Regierung etwas ge- 
bessert zu haben scheinen, so daß für dieses Jahr eine Vermehrung der Einnahmen und 
eine Verminderung der Ausgaben erwartet wird. 

Der Abschnitt „Personal" weist dagegen eine Erhöhung des Kredits auf: 1439600 p. 
gegen 1321770 p. im Vorjahre. Aus den Angaben in diesem Abschnitt gewinnt man ein 
Bild von dem spanischen Beamtenapparat in Marokko, und \six möchten hierbei einen 
Augenblick verweilen. Bekanntlich bestehen für die spanische Zone in Marokko beson- 
dere spanische Behörden, von denen jeder ein bestimmter Geschäftskreis zugewiesen ist, 
so daß sie gleichsam die Funktionen von Ministerien versehen. Diese Behörden sind: 
die Alta Comisaria (gewissermaßen Staatsministerium), die Secretaria general, von der 
der Dolmetscherdienst und das Konsulatswesen ressortieren, die Delegacion de Asuntos 
indigenas, zu deren Gebiet die Oficinas de Intervenciön y Informacion (noch nicht vor- 
gesehen in dem VA. für 1914), das Sanitätswesen, Unterrichtswesen, Administraciön de 
Justicia gehören, die Delegacion de fomento de los intereses materiales, unter deren 
Ressort öffentliche Arbeiten, Berg- und Hüttenwesen, Landwirtschaft, Post- und Tele- 



252 



Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heß jU 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiTiiiiiiiiiiiiiiiiirn 



graphenwesen fallen, schließlich die Delegacion de Asuntos tribntarios, econoraicos y 
iinancieros, von der u. a. das gesamte Zollwesen ressortiert. 

Der Bearatenstab der Alta Comisaria besteht ans dem Oberkommissar für die spanische 
Zone, dem eine Gratifikation von 37 500 p. bewilligt ist, sowie den Vorstehern der oben 
genannten Behörden. In dem VA. für 1914 waren noch die Funktionen des Secretario 
general iind des Delegado de asuntos indigenas in einer Person vereinigt, während da- 
neben noch ein Inspector de asuntos indigenas aufgeführt ist. Der VA. für 1915 sieht da- 
gegen eine Trennung vor, so daß die Amter des Secretario general und des Delegado de 
asuntos indigenas in verschiedenen Händen liegen. Andererseits ist der Inspector de asun- 
tos indigenas fortgefallen. Für jeden dieser quasi-Minister ist ein Gehalt von 10000 p. 
nebst einer Vergütung von gleicher Höhe ausgesetzt. 

In dem VA. für 1914 waren noch verschiedene Militärpersonen vorgesehen, die dem 
Oberkommissar unterstellt sein sollten. Diese gliederten sich in Adjutanten (drei : ein 
Generalstabsoffizier und zwei Kavallerieoffiziere) und Militärkabinett unter einem Obersten 
im Generalstab. Sie waren sämtlich auf Gratifikation angewiesen. Hiervon ist aber, wie 
schon oben erwähnt, in den neuen VA. nichts übergegangen. 

Im Gebiete des Generalsekretariats sind nach dem VA. für 1915 für den Zentral- 
dienst zwei diplomatische Sekretäre mit einem Gehalt von 7500 p. bezw. 5000 p. und einer 
Gratifikation von gleicher Höhe, sowie ein höherer statistischer Beamter mit 5000 p. Ge- 
halt und ebensolcher Gratifikation vorgesehen. Hier/u kommen noch die verschiedenen 
Hilfsbeamten (auxiliares) und die üblichen Unterbeamten. In der Abteilung „Interpreta- 
cion" haben sämtliche Beamte Dolraetscherqualität. Für den ersten Dolmetscher sind in 
beiden Voranschlägen 4000 p. Gehalt und die gleiche Summe als Gratifikation ausge- 
worfen. Die für das Konsulatswesen bewilligten Kredite sind in den VA. für 1914 nicht 
aufgenommen, wohl aber finden wir sie in dem VA. für 1915. Hiernach sind Konsulate 
vorgesehen in Tetuän, Larache, Arcila und Alcäzar. Für die Konsuln sind 5000 p. Gehalt 
und 5000 p. Gratifikation in Ansatz gebracht. Hiervon macht nur der Konsul von Larache 
eine Ausnahme, der ein Gehalt von 7500 p. und eine Gratifikation von gleicher Höhe be- 
zieht. Neben dem Konsul bestehen regelmäßig die Posten eines Kanzlers und eines Dol- 
metschers sowie eines oder zweier „Mojaznis", wozu in den größeren Konsulaten La- 
rache und Tetuän noch ein Kanzleibeamter kommt. In Arcila ist auch noch das Amt eines 
Konsularagenten vorgesehen. 

Von der größten Bedeutung ist die Delegacion de Asuntos indigenas. Von den 
Oficinas de Intervenci6n y Informacion ist in dem VA. für 1914 noch nicht die Rede. Ihre 
Errichtung ist erst im Laufe des Vorjahres geplant worden. Sie sind in dem VA. für 1915 
zahlreich vorgesehen : in Tetnän, Larache, Alcäzar, Arcila, Nador, Cabo de Agua. Jede 
oficina besteht aus dem Interventor local (regelmäßig der Konsul des Ortes, falls ein sol- 
cher vorhanden), einem Sekreti'ir, einem „Taleb", einem Dolmetscher sowie dem „Per- 
sonal de Informacion". Ist der Interventor nicht zugleich der Konsul, so sind für ihn in 
dem VA. für 1915 3000 p. Gehalt und 3000 p. Gratifikation angesetzt. 

Für das Sanitätspersonal ist in dem Wirtschaftsjahr 1915 eine weit höhere Summe in 
Anschlag gebracht worden als 1914: 61000 p. gegen 50000 p. im Vorjahre. Hospitäler 
bestehen in Tetnän, Larache, Arcila. An jedem Lazarett sind etatsmäßig angestellt ein 
Oberarzt, ein Unterarzt, eine Hebamme und das erforderliche Wärtorpersonal. 

Gewaltig ist der Unterschied zwischen den für dieses und voriges Jahr bewilligten 
Krediten für das Lehrpersonal. Der VA. für 1914 wies hier die Summe von 50 000 p. 
auf, während der neue VA. zu diesem Zwecke einen Betrag von 74 200 p. verzeichnet, 



Mitteilunge7i. Marokko. 253 

HiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH 

und während iu dem VA. für 1914 die oben erwähnte Summe nur kurz unter der Be- 
zeichnung „Ensenanza Sueldos y gratificaciones" aufgeführt wird, finden wir in dem VA. 
für 1915 eine detaillierte Darstellung. Hiernach setzt sich das an jeder der spanischen Aus- 
landsschulen zu Tetuän, Larache, Alcazar, Arcila, Nador etatsmäßig angestellte Lehrper- 
sonal zusammen aus einem Lehrer, einer Lehrerin und einem eingeborenen Lebrgehilfen. 
An den Schulen der Alliance Israelite in Tetuän und Larache wirken je ein spanischer 
Lehrer und eine Lehrerin gleicher Nationalität. Die Lehrer und Lehrerinnen erhalten, 
außer in Arcila und Nador, 2000 p. bezw. 1500 p. Gehalt und eine Gratifikation von glei- 
cher Höhe. In Arcila beträgt das Gehalt 1500 p. bezw. 1000 p., wozu eine entsprechende 
Gratifikation tritt. Die Lehrgehilfen sind auf eine Gratifikation von 2000 p. bezw. 1500 p. 
angewiesen. Bei den Schulen in Larache und Alcäzar sind außerdem eine hebräische 
Hilfslehrerin und ein hebräischer Hilfslehrer vorgesehen. Spanisch-arabische Schulen gibt 
der VA. für 1915 in Tetuän, Larache, Arcila an. 

Auf dem Gebiete der Rechtspflege zeigt der Etat für das Personal keine Änderung. 
Auch nach dem VA. für 1915 sind für diese Zwecke 162 000 p. angesetzt. Neu begegnet 
in dem VA. für 1915 die Polici'a judicial, für die 18 500 p. vorgesehen sind. Bemerkens- 
wert ist, daß die richterlichen Beamten nur ein festes Gehalt, jedoch keine Gratifikation 
beziehen. Leider sind bei der Justizverwaltung nicht wie z. B. bei dem L'nterrichtswesen 
die Orte angegeben, an welchen die Gerichte ihren Sitz haben. Die Zahl der im VA. ge- 
nannten Richter berechtigt zu der Vermutung, daß drei erstinstanzliche und fünf Friedens- 
gerichte bestehen. Oberste Instanz ist die „Audiencia", die mit einem Präsidenten, drei 
Räten (Magistrados) und einem Representante del Ministerio püblico besetzt ist. Weitere 
etatsmäßige Beamte bei der Audiencia sind ein Stellvertreter (Sustitnto) des Representante 
del Min. pübl. sowie ein Sekretär und ein Vizesekretär. 

Für das Personal der Delegacion de fomento de los intereses materiales 
sind gegen 583 250 p. des Vorjahres in dem VA. für 1915 nur 522 500 p. veranschlagt 
worden. Die großenteils technischen Beamten der verschiedenen Ressorts hier alle auf- 
zuzählen, würde zu weit führen. Erwähnung mag nur fiuden, daß gleich den richterlichen 
Beamten die im Post- oder Telegraphendienst Angestellten neben ihrem Gehalt keinerlei 
Gratifikation beziehen. Übrigens haben die in dem VA. für 1915 bewilligten Kredite für 
Post- und Telegraphenpersonal gegenüber 1914 eine erhebliche Minderung erfahren: 
1914: 125 500 p. bezw. 162 500 p., 1915: 102 000 bezw. 105 500 p. 

Für das Personal der „Delegacion de asuntos tributarios, economicos y 
financieros" ist der ausgesetzte Betrag in beiden Voranschlägen ziemlich derselbe. Im 
Zentraldienst bestehen die Abteilungen : Administraciön, Contabilida (Rechnungswesen), 
Abogacia dcl Estado, Porteria. An der Spitze der beiden ersten stehen Abteilungschefs 
(jefes de negociado). Für die Beamten des Zolldienstes sind wie im Vorjahre 59000 p. 
vorgesehen, und zwar als reines Gehalt, da auch die Zollbeamten keine Gratifikation er- 
balten. 

Der VA. für 1915 er>vähnt, wie schon oben bemerkt, nicht mehr die „Inspecciön y 
oficinas de asuntos indigenas", für deren Personal der VA. für 1914 mehr als 73 000 p. 
angab. 

In dem Abschnitt „Material" sind die gewöhnlichen Ausgaben der Konsulate, 
Schulen, Hospitäler usw. auf 122200 p. veranschlagt, während in dem vorjährigen VA. 
hierfür 923 988 p. angesetzt waren. Dieser ungeheure Unterschied in den beiden Etats 
schmilzt aber bis auf ein Geringes zusammen, wenn man beachtet, daß in dem VA. für 
1914 unter dem Abschnitt „Material" auch Posten Aufnahme gefunden haben, die, wie 



254 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heßjl^ 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiin 



es mit Recht iu dem VA. für 1915 geschieht, besser unter „Gnstos diverses" aufgeführt 
worden wären, da sie nur eine einmalige, außerordentliche Ausgabe darstellen, unter 
„Material" aber lediglich die regelmäßigen Ausgaben aufgeführt werden sollten. Die ge- 
rade für solche einmaligen Ausgaben wie z. B. den schon oben erwähnten Umbau des 
Konsulatsgebäudes in Ansatz gebrachten Mittel gehen in die Hunderttausende, so dafi, 
wenn man dies berücksichtigt, der Unterschied in den Voranschlägen nicht so erheblich ist. 

Für den Abschnitt „Gastos diverses" gibt andererseits der VA. für 1915 «ine hö- 
here Summe an als der VA. für 1914, aus dem hierfür die Subvention für den Kalifa aus- 
zuscheiden ist. Das soeben Gesagte erklärt aber auch diese Erscheinung. In Kap. 8 des 
VA. für 1915 sind für den Bau von Hospitälern in Tetudn, Larache, Alcäzar, Arcila 
490 000 p. bewilligt. Für TetuAn und Larache sah auch schon der VA. für 1914 unter 
dem Abschnitt „Material" den Bau von Hospitälern mit einem Kostenaufwand von je 
200 000 p. vor. Da für denselben Zweck die gleiche Summe auch in diesem Jahre aus- 
geworfen ist, so scheint es, als ob der Etat in dieser Hinsicht im Vorjahre nicht ausge- 
führt worden ist. In dem VA. für 1914 war auch noch die Schaffung und Unterhaltung 
einer „enfermeri'a" in Tetudn mit einer Summe von 190000 p. in Ansatz gebracht. In dem 
VA. für 1915 ist die Errichtung von Schulgebäuden in Tetuan, Larache, Arcila und Na- 
dor mit 100 000 p. veranschlagt, wozu noch 20000 p. für Mobiliar iind Material kommen. 

Gegen 1914 weist das Kapitel „Atenciones eventuales" des VA. für 1915 erheb- 
liche Verschiedenheiten auf. Die gleichen Kredite wie im Vorjahre sind bewilligt für den 
Boleti'n oficial (20 000 p.), politische Ausgaben vorbehaltenen Charakters (500000 p.) und 
unvorhergesehene Ausgaben (100000 p.). Dagegen sind für die nur vorübergehenden 
Kommissionen (comisiones transitorias) wie „Comisiön de limites de la zona", „arbitraje 
sobre minas" iisw. gegen 200000 p. im Vorjahr diesmal nur 100 000 p. bewilligt. Die 
„Gratificaciones de casa y de carestia de rida", für die der VA. für 1914 100 000 p. vor- 
sah, finden sich in dem neuen Voranschlag nicht. Jedoch sind in diesem Kapitel für 1915 
neue Ausgaben hinzugekommen : u. a. Ausgaben der „Junta de ensenanza en Marruecos" 
(10 000 p.), außerordentliche Ausgaben der Konsulate (20000 p.), Subvention für Studien 
und Publikationen (50000 p.). Die provisorische Einrichtung von „enfermerias" in Tetudn, 
Larache, Alcäzar und Arcila sind mit 20000 p. veranschlagt, auch ist in dem neuen VA. 
der Fall einer Epidemie vorgesehen, und es ist für die Anschaffung von Medikamenten u. 
dergl. ein Kredit von 50 000 p. bewilligt. 

Wenden wir uns nunmehr zu dem Voranschlag der Regierung des Kalifa. Was zu- 
nächst den Abschnitt „Einnahmen" betrifft, so können wir konstatieren, daß gegenüber 
dem VA. für 1914 in diesem Jahre mit einer größeren Einnahme gerechnet wird. Für 1914 
waren die Einnahmen veranschlagt auf 4207 400 P. II. (Pesetas hassani). Hieran ist aber 
noch der Betrag der Subvention zu rechnen, die die spanische der marokkanischen Re- 
gierung gewährt und die in den Abschnitt hätte aufgenommen werden müssen. Dies ist 
aber unterblieben, während sie in dem VA. für 1915 unter dem Titel 5 „Productos diver- 
ses" aufgeführt ist. Ihr Betrag belief sich, wie aus dem Dahir vom 24. 4. 14 (Bol. of, Nr. 26 
S. 245) hervorgeht, für 1914 auf 7000 000 ptas., die, in Pesetas hassani umgerechnet, 
9 100 000 P. H. ergeben. Somit erhalten wir als eigentliche Summe der Einnahmen nach 
dem VA. für 1914 13307400 P. H. Für 1915 sind die Einnahmen einschließlich der Sub- 
vention der spanischen Regierung auf 13 733 260 P. IT., also auf fast 426 000 P. H. mehr 
als im Vorjahre veranschlagt. Wenn wir den Unterschied iu der Höhe der für dieses und 
das Vorjahr gewährten Subventione , die ja keine eigentlichen Einnahmequellen dei 
Staates darstellen, berücksichtigen, so kommen wir zu dem Ergebnis, daß die raarokka- 



Mitteilungen, Marokko. 255 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiii^ 

nische Regierung in diesem Jalire mit einer Vermehrung der reinen Einnahmequellen um 
776 600 P. H. rechnet. In welcher Weise eine solche Erhöhung der Einnahmen erwartet 
wird, werden wir sogleich sehen. 

Die Haupteinnahmequelle der spanischen Protektoratszone bilden, wie in allen Län- 
dern, die Steuern. Für die Einnahmen aus den indirekten Steuern, die hauptsächlich 
durch die Zölle dargestellt werden, waren 1914 3531 000 P. H. veranschlagt. Der VA. für 
1915 sieht 3726000 P. H. vor. Dies hat darin seinen Grund, daß gegen 247 491 P. H. im 
Jahre 1914 für dieses Jahr 442 491 P. H. aus den Ausfuhrzöllen erwartet werden. Für die 
Einnahmen aus Einfuhrzöllen (3 207 690 P. H.), Lagergeldern, Ankergeldern usw. sind an- 
nähernd die gleichen Beträge in beiden Voranschlägen angesetzt. Die direkten Steuern 
sollen im Wirtschaftsjahr 1915 eine Summe von 575000 P. H. einbringen. Wie bereits 
oben erwähnt, führte der VA. für 1914 die direkten Steuern noch nicht unter den Ein- 
nahmequellen des Staates auf. Von dem „ensayo del Tertib" verspricht man sich 120 000 
P. H., und der Ertrag der Abgaben, die in dem Minenreglement von 1914 festgesetzt sind, 
ist auf nicht weniger als 455 000 P. H. veranschlagt. Die Einnahmen aus Monopolen sind 
gegen 572 400 P. H. im Jahre 1914 für 1915 nur mit 478 000 P. H. in Ansatz gebracht. 
Grund dieser Minderung ist das Zurückgehen der Einnahmen %us dem Tabaksmonopol : 
1914 : 356400 P. H. ; 1915 : 188 000 P. H. Die Einnahmen aus dem Post- und Telegraphen- 
wesen sind in den Voranschlägen für 1914 und 1915 für das erstere mit 116 000 P. H. 
bezw. 90000 P. H., für das letztere mit 100000 P. H. bezw. 200 000 P, H. veranschlagt. 
Durch Verpachtung von Machsengütern, Erträge der Ernten, der arabischen Bäder usw. 
rechnet man in diesem Jahr mit einer Einnahme von 100 000 P. H., während man im Vor- 
jahre hierfür bloß 54 000 P. H. veranschlagen zu dürfen glaubte. Der Betrag der „Pro- 
ductos diverses" ist, abgesehen von der Subvention, gegen 1914 in dem VA. für 1915 auf 
das Doppelte angesetzt: 1914: 50000 P. H.; 1915: 105000 P. H. Die Steigerung erldärt 
sich aus den Erträgen, die von der in dem VA. für 1914 noch nicht aufgeführten Ein- 
nahmequelle der „derechos de la Administraciön de Justicia en timbres-polizas" erwartet 
werden. Sie sind auf 50000 P. H. veranschlagt. Die fünf Prozent, die bei der Veräußerung 
von Grundstücken erhoben werden, sollen eine Summe von 25 000 P. H. einbringen. 
Hierzu kommen noch die Einnahmen aus dem Dienst der Flußdampfer, der Erbfolge bei 
Nichtvorhandensein von Erben usw. usw. 

Bei der Betrachtung der in Anschlag gebrachten Ausgaben ist zu beachten, daß in dem 
VA. für 1914 ein Fehler unterlaufen ist. Die Dotaciön für den Kalif a im Betrage von 
150 000 P. H., die in gleicher Höhe auch dem VA. für 1915 zu Grunde gelegt ist, ist in 
dem VA. für 1914 unter dem Titel „Obligaciones generales" als Art. 1 aufgeführt. Der 
Art. 2 „Gastos dirersos" war auf 2 086 000 P. H. veranschlagt. Man hätte also als Summe 
für die in diesem Titel aufgeführten Ausgaben erhalten müssen 2 236 000 P. H. In Wirk- 
lichkeit aber sehen wir in demKesumen von 1914 für Obligaciones generales nur 2 086 000 
F. H. erwähnt. Dieser Irrtum findet sich auch in dem Dahir vom 24. 4. 14, in dem die ge- 
samten Ausgaben für 1914 mit 12414 166 P. H. angenommen werden, während sie nach 
dem oben Gesagten in W^ahrheit 150 000 P. H. mehr, also 12 564 166 P. H. betragen. Für 
1915 sind die Ausgaben bedeutend höher veranschlag-t, nämlich auf 13 699 322 P. H. Diese 
Steigerung hat, wie unten zu zeigen, hauptsächlich in dem Wachsen der Ausgaben für 
Sanitätswesen, in den Krediten für Unterrichts- und Zollwesen ihren Grund. 

Abgesehen von der Zivilliste des Kalifa und der Subvention für seinen Palast und seine 
Dienerschaft differieren auch die Ausgaben, die unter dem Titel 1 Kap. 2 des VA. für 
1914 bezw. Titel 6 Art. 1 des VA. für 1915 als „Gastos diverses" aufgeführt sind, nur 



256 Die Welt des Islams, Band III. 



loiS. HeßjU 

iiiiriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiH 



wenig. Sie betrefl'en die Ausgaben, die durch die Verpflichtungen aus den Art. 12 und 13 
des Abkommens vom 27. 11. 12 erforderlich werden, sowie Gehälter und Subventionen 
für eingeborene „autoridadee", Vergütungen bei Dienstreisen etc. und sind für 1915 mit 
2 100 000 P. H. gegen 2 08G 000 P. H. im Vorjahre veranschlagt. Unverändert ist auch der 
Etat geblieben in den für die „Mahalla" des Kaiifa vorgesehenen Ausgaben. Diese setzt 
sich zusammen aus einem Kaid Baja (etwa Major), einem Kalifa (Hauptmann), fünf Kaides 
mia (Leutnants), zwanzig Unteroffizieren, 460 Soldaten. Für Löhne, Anschaffung von Pfer- 
den, Monturen usw. sind 709 260 P. H. bewilligt. 

Der Titel 2 sieht im diesjährigen VA. für „Obligaciones de personal y material del 
Gobierno" 1 852 600 P. H. vor, während im Vorjahre hierfür nur 1 039240 P. H. angesetzt 
waren. Dieser große Unterschied kommt hauptsächlich durch die für das Zollwesen ver- 
anschlagten Ausgaben, die im VA. für 1914 noch nicht erwähnt waren. Wie bei dem spa- 
nischen Voranschlag können wir auch hier aus diesem den Behördenapparat kennen 
lernen. Die Regierung (Gobierno) des Kalifa setzt sich zusammen aus dem Großvezier, 
dem Handelsminister, dem Justizminister und dem Kaid el Mexuar. Der Großvezier be- 
zieht ein Gehalt von 24 000 P. H., die übrigen Minister ein solches von 20000 P. H. An 
jedem Ministerium besteht ein besonderes Sekretariat. Ein solches hat auch der Kaid el 
Mexuar. Lokalbehörden (Autoridades locales) sind die „bajalatos", wie sie in TetuAn, 
Larache, Alcäzar und Arcila bestehen. Sie ressortieren vom Großwesirat. An der Spitze 
steht regelmäßig ein Pascha, der in Tetuän 18000 P. H., in den übrigen genannten 
Städten 16 000 P. H, Gehalt bezieht. Als weitere Beamte am Bajalat sind in beiden Vor- 
anschlägen noch erwähnt: ein Sekretär, ein Mexauri, ein Gefängnisaufseher, Mojaznis 
und evtl. noch mehrere Mokadems. Nur in Tetuän ist noch der Posten einer „Aarifa" 
vorgesehen, die eine Art Polizeiaufsicht über die Frauen ausübt. — Für die Verwaltung 
der Machsengüter sind in dem neuen VA. besondere Behörden, die sog. „Oficinas locales 
de bienes Majzen y Mostafadato" vorgesehen, die in Tetuän, Nador, Larache, Aloäzar 
und Arcila ihren Sitz haben. Kegelmäßig sind die drei obersten Beamten an diesen „Ofi- 
cinas" der „Interventor" (der spanischer Nationalität ist und stets zugleich den Posten 
eines „Interventor" bei der Zollbehörde des Ortes bekleidet), der „Amin" und der „Adel". 
In dem VA. für 1914 finden wir diese „Oficinas" noch nicht erwähnt, dagegen ist in beiden 
Voranschlägen von einer Generaldirektion der Habusgüter die Rede. — Für das Gebiet 
des Zollwesens ist aus dem VA. für 1915 zu entnehmen, daß Zollämter bestehen in Te- 
tuän, Rio Martin, Larache, Arcila, Nador und Yazanen. Die Aufsicht über das Zollwesen 
führt die „Intervenciön", deren Beamte spanischer Nationalität sind. Für das Heer der 
bei den einzelnen Zollämtern nach dem VA. vorgesehenen Beamten vgl. man die Angaben 
im Bol. Of. Nr. 1 (3. Jahrgang) S. 20 ff. Die für das Personal der Zollämter bewilligten 
Kredite sind ziemlich hoch. Beispielsweise sind für das Zollamt in Larache 207 160 P. H, 
angesetzt. Für Material und diverse Ausgaben dieses Amtes sind 81 300 P. H. vorgesehen. 
Alles in allem erreichen die für das Zollwesen bewilligten Mittel die Höhe von rund 
667 600 P. H. — Die Eingeborenenjustiz wird ausgeübt durch die Gerichte in Tetuän, 
Larache, Alcäzar und Arcila, welche etatsmäßig mit einem Kadi, einem Stellvertreter des 
Kadi und zwei Muftis besetzt sind. Der Kadi bezieht in Tetuän ein Gehalt von 9000 P. H. 
in den anderen Städten ein solches von 7200 P. H. Für die spanischen Tribunale sind in 
dem VA. für 1915 als Entschädigung für Personal, Einrichtungskosten usw. 600000 P. H. 
vorgesehen. 

Der Titel 3 des VA. für 1915 trägt die Überschrift „Sanitäts- und Unterrichts- 
wesen". Schon 1914 waren für das Sanitätswesen 61450 P. H. bewilligt worden, für dieses 



Mitteilungen . Marokko . 257 



Jalir sind jedoch die Kredite ungleich höher: 140530 P. H. Diese Ausgaben bestehen in 
Subventionen für die Consultorios (eine Art Unfallstationen) in dem Bezirk von Melilla 
und Larache. — Von den Krediten für das Schulwesen ist in dem VA. für 1914 merk- 
würdigerweise mit keinem Worte die Eede. Hierfür sind in dem diesjährigen VA. 104281 
P. H. bewilligt. Schulen zweiten Grades (Escnelas de segundo grado) bestehen in Tetuän, 
Larache, Alcäzar und Arcila. Das Lehrpersonal an jeder dieser Schulen besteht nur aus 
einem „Ulema"und einem Hilfslehrer. Für die „Escuela Musulmana deEstudios superiores 
de! Aokkach" sind G5 000 P. H. angesetzt. An den Eingeborenenschulen, wie solche zu 
Melilla, auf dem Zoco Had de Benisicar und zu Nador bestehen, sind etatsmäßig ange- 
stellt ein Direktor (dieser ist stets spanischer Nationalität) und ein eingeborener Lehrer. 
Für die Ausgaben dieser Schulen, was Gehälter, Material usw. anlangt, sind etwas mehr 
als 30500 P. H. in Anschlag gebracht. 

Wie im Vorjahre sind auch in diesem Jahre die größten Kredite für die „Servicios 
de fomento" (öffentliche Arbeiten) bewilligt worden. Sie erreichten für 1914 die Höhe 
von 8047 200 P. H. (In dieser Summe sind einbegriffen die für Post- und Telegraphen- 
wesen vorgesehenen Ausgaben, da diese in dem VA. für 1915 unter diesem Titel mit auf- 
geführt sind.) Für 1915 ist zu diesem Zwecke eine Summe von 8 642 650 P. H. ange- 
nommen. Fast stets sind die Kredite erhöht worden: Während für das Jahr 1914 die 
Ausgaben des Post- und Telegraphenwesens mit 420 000 P. H. bezw. 750 900 P. H. ver- 
anschlagt waren, sind 1915 hierfür 567 000 P. H. bezw. 803150 P. H. angesetzt. Unver- 
ändert geblieben ist der Kredit für das Minenwesen: 100000 P. H. Verschiedenheiten 
weist der diesjährige VA. gegenüber dem vorjährigen auf, was die Ausgaben für Land- 
wirtschaft und Bergwesen anlangt. Für die erstere waren im VA. für 1914 50 000 P. H. 
vorgesehen, während der diesjährige VA. 140000 P. H. verzeichnet. Für das Bergwesen 
waren im vorigen Jahre 10000 P. H. in Ansatz gebracht, im diesjährigen VA. finden wir 
hierfür 25 000 P. H. angegeben. — Mit zu dem Wichtigsten in dem ganzen VA. gehören 
die für Arbeiten der in den Art. 2 — 5 des Kap. 1 bezeichneten Art vorgesehenen Ausgaben. 
Sie betreffen die Kredite für Straßen-, Eisenbahn-, Hafenbau, hydraulische Werke, Er- 
richtung von Seezeichen usw. Die für diese Zwecke bereitgestellten Ausgaben sind, ab 
gesehen von den Ausgaben für Straßenbau, in dem VA. für 1915 sämtlich höher ange- 
nommen worden als im Vorjahre. Es mag genügen, zum Schluß die nach dem VA. für 
1915 hierfür bewilligten Kredite zu erwähnen: Für Straßenbau 1480000 P. H. (1914: 
2368 216 P. H.); für hydraulische Werke 250000 P. H. ; für Eisenbahnbauten 2 650000 
P. H. ; für Hafenbauten 1 600 000 P. H.; für Errichtung von Seezeichen 455 000 P. H. 

C. Henning 

Die Ausstellung in Casablanca. Die angekündigte Ausstellung (vgl. hier Heft 2 S. 151), 
die den ausgesprochenen Zweck verfolgte, den deutschen und österreichischen Handel in 
Marokko aus dem Felde zu schlagen, ist am 5. September eröffnet worden. Zu diesem An- 
lasse waren der Deputierte und Berichterstatter über das marokkanische Budget in der 
Kammer Maurice Long, der Direktor der Staatsbank Gauran, der Direktor des Tabaks- 
monopols Leheup, der Präsident des Komitees der öffentlichen Arbeiten Ali Zaki, der 
Direktor der Schuldenkontrolle Luret und zahlreiche Militär- und Zivilbeamte des Pro- 
tektorats in Casablanca eingetroffen. Von eingeborenen Gästen wurden insbesondere der 
Pascha von Tanger, Hadsch Abdessadiq, und der von Marakesch, Hadsch Tehami Glaui. 
genannt. Mnlai Jusef war gleichfalls in Casablanca eingetroffen, inkognito. Er sollte die 
Ausstellung in Begleitung seiner Mutter besuchen. Der offizielle Besuch Casablancas und 
Die Weh des Islams, Band UI. 17 



258 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft sl4 



der franko-marokkanischen Aiisstellnng durch Mulai Jusef „mit allem kaiserlichen Pomp" 
war erst für später in Aussicht genommen. 

DerMatin vom 7. September 1915 (Nr. 11 515) gab den Havas-Bericht über die Eröff- 
nung der Ausstellung wieder. Dieser sei hier im Wortlaut mitgeteilt. 

„Casablanca, 5. septembre. — Aujourd'hui, ä 4 heures, le gi'ndral Lyautey a inangure 
solennellement l'exposition franco-marocaine, eu presence de toutes les notabilites civiles 
et militaires, des d^ygations fran^aises et indig^nes de toutes les r^gions du Maroc. 

Le g^neral Lyautey a visitö longuemont toutes les divisions de cette exposition qni 
constitue une splendide manifestation de ce que peut la collaboration des (^nergies fran- 
^aises et de la bonne volonte marocaine dans le domaine du travail et de l'i^conomie 
politique. 

Cette exposition, dont le caract^re sobre et serieiix etait voulu par les circonstances, 
est la Synthese tangible des efforts ayant pour but de remplacer les produits austro-alle- 
mands au Maroc par les produits fran(;ais, de montrer ä la population indigene les pro- 
ductions de l'industrie et du commerce fran^ais, de donner des directions, des facUites et 
des aides ä toutes les initiatives particuli^res, aux commer9ants et aux industriels fran- 
^ais, pour chasser l'ennemi des places qu'il occupait avant la guerre dans la vie econo- 
mique du pays. 

Le resultat obtenn, grace au concours eclaire des Services economiques de laresidence 
generale et des regions, d^passe toutes les esperances, en raison merae des conditions 
dans lesquelles cette ceuvre a ete con^uo et realisee, ou chaque collabarateur de MM. 
Berti, commissaire gen^ral, et Kene Leclerc, secretaire general, a apporte une ardeur et 
une activite considerables. 

L'expostion comprend une centaine de pavillons ^tablis tant par les difif^rentes regions 
du Maroc que par la raetropole, l'Algerie, la Tunisie et TAfrique occidentale, dont les 
relations avec le Maroc deviendront chaque jour plus t^troites. 

Dans son discours d'ouverture de l'exposition, le commissaire general, M. Berti, a re- 

trac4 les efiforts deploy^s pour la reussite sans precedent de cette ceuvre effectuee en 

deux mois et demi et il a reportd sur ses collaborateurs le merite de l'oeuvre qu'ils ont 

voulu atteindre pour realiser l'idee du resident gt5neral, de vaincre l'ennemi sur le terrain 

econoraique, comme les armdes le vaincront dans la lutte pour la liberation de l'Europe. 

Un delegue du sultan a prononce une allocution pour remercier, au nom de Moulay- 

Youssef, le resident qui a su, au milieu des evenements qui troublent le monde entior, 

assurer ä l'empire cherifien uu succ^s tel qu'il permet cette manifestation grandiose de 

I'essor ^conomique de la paix an Maroc et de l'education des populations marocaines. 

Le pacha de Casablanca a pris, ensuite, la parole pour rendre homraage ii la sollicitude 

du gonvernement franijais pour la prosperite de l'empire churifien ; il a souhaite ardem- 

ment le triomphe des arm^es de la Republique et de ses allies. 

Le general Lyautey a repondu. 

Dans un discours d'une süperbe envolde, il a remerci^ tous ses collaborateurs qui ont 
mene le bon combat sur tous les terrains. II a fait un parallele entre les deux fronts, celui 
d'Europe, ä l'abri duquel la vie de la nation continue ardente, tout entior© orient^e vers 
l'organisation de la victoire, et celui du Maroc oi'i derriire les troupes admirables, veillant 
aux frontüres de la zone pacifiee, la colobie poursuit la lutte k ontrance sur le terrain 
economique, de maniSro h. occuper des positions inexpugnables. 

Le discours du general Lyautey a ^t(5 couvert d'acclamations." G. K. 

iiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 



Literatur. 259 

Nllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilll!i(llllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllll^ 



LITERATUR. 

Deutschlands OrientpoHtik im ersten Reichsjahrzehnt. 1870 — 1880. 
Von Maximilian Fliegenschmidt, Dr. phil. Berlin: Puttkamer & Mühlbrecht, 
1912 (Umschlag 1913). 323 S., 2 Karten. 8». 

Der Inhalt dieser wichtigen, anf reichster Quellenausnntzung beruhenden Veröffent- 
lichung ist in Kürze folgender : 

Im ersten Kapitel gibt der Verfasser eine gedrängte Darstellung der Entwicklung der 
orientalischen Frage bis zu dem Zeitpunkt, an dem seine Betrachtung einsetzt. Bei dieser 
Gelegenheit erläutert er zugleich seine grundsätzliche Auffassung des Orientproblems. 
Danach ist der religiöse Charakter, der sich stets in den Vordergrund drängt, lediglich als 
Verbrämung zu betrachten, hinter dem sich politische und kommerzielle Interessen der 
Parteien verstecken. Das gilt besonders für Rußland, das seit dem Frieden von Kutschuck- 
Kainardje (1774) eine ununterbrochene Intervention in innere Angelegenheiten des os- 
manischen Staatskörpers ausgeübt hat: alles mit der Begründung des Protektorats über 
die orthodoxen Christen des Orients. Die gesamte orientalische Frage ist nach der Ansicht 
Fliegenschmidts wie überhaupt der Mehrzahl aller Verfasser, die über diesen Gegenstand 
geschrieben haben, eine reine Rassenfrage. Eine der häufigsten Begleiterscheinungen, der 
würdelose Hader unter den Geistlichen der verschiedenen Bekenntnisse, die an der Chri- 
stianisierung des Orients arbeiten, ist zudem nicht gerade geeignet, die Hochachtung des 
Islamgläubigen vor anderen religiösen Überzeugungen westeuropäischer Kultur zu steigern 
und mit in diesem Moment dürfte eine Erklärung für die starr ablehnende Haltung des 
Islams gegenüber westeuropäischer Kultur zu suchen sein. 

Einer der bemerkenswertesten Teile des Buches ist die Schilderung von Entwicklungs- 
geschichte und Gang der Pontuskonferenz (Januar — März 1871). Hier lassen uns die 
reichen Quellen in Form von offiziellen Dokumenten, Briefwechsel und Memoiren — es sei 
nur an die Aufzeichnungen des österreichisch-ungarischen Botschafters in Konstantinopel, 
des Grafen Prokesch-Osten, erinnert — einen lehrreichen Einblick in das ränkevolle 
Widerspiel und die fieberhafte Tätigkeit der europäischen Kabinette in den letzten Monaten 
des Jahres 1870 tun. Gerade die Pontuskonferenz als eminent politisches Ereignis und 
Endglied mühsamer diplomatischer Verhandlungen reizt zu einer knappen Charakteristik 
der Gegner, die ihre Kräfte an dieser Aufgabe gemessen haben und denen sich Bismarck 
als geschickter Vermittler so überlegen zeigt: Rußland, dessen Diplomatie die mangelnde 
Genialität durch virtuos« Ausnützung der günstigen Konstellationen ersetzt;' England, 
dessen Geschicke ein einseitiger Parteimann, der ,grand old man' leitet iind das mit leeren 
Kriegsdrohungen arbeitet; Österreich, das unter der Führung von Beust A'ergeblich von 
England sekundiert gegen den gemeinsamen russischen Gegner kämpft ; Frankreich, das 
im Oktober 1870 getroffen darniederliegt und bei der Pontuskonferenz eine rein dekorative 
Rolle spielt — im schneidenden Gegensatz zur Pariser Konferenz von 1856, die Graf 
Walewski leitete. Von der Bismarckischen Vermittlungspolitik, einem Kabinettsstück ersten 
Ranges, sagt der Verfasser treffend: ,Liegt nicht in diesen zwei Noten Bismarcks' — es 
handelt sich um eine Note an den Bundesrat des Norddeutschen Bundes vom 30. November 
' Den besten Beweis lieferte Fürst Gortschakow, indem er den Rest des Monats Oktober 
1870 zur Kündigung der Neutralitätsklausel des Pariser Vertrags wählte. 

17* 



260 Die Welt des Islams, Bajid III. igis, H^ß 3I4 

miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiM 

1870 und eine Instruktion an den Botschafter in London, Grafen Bernstorff, vom 3. De- 
eembor 1870 — ,mehr knappe, klare Darstellung des Wesentlichen als in all den weit- 
schweifendeu, haarspaltigen englisch-österreichischen Depeschen?' Die Pontuskonferenz 
stellt — so faßt Dr. Fliegenschmidt zusammen — der Form nach einen englischen Sieg 
dar, denn England setzte es durch, daß sie nicht in St. Petersburg oder Konstantinopel, 
sondern in London abgehalten wurde, um so entschiedener ist aber die Niederlage Albions 
in materieller Beziehung: Gelang es doch Kußland mit Hilfe Deutschlands den Pontus- 
vertrag durchzusetzen und damit seine einseitige Kündigung des wichtigsten Punktes im 
Pariser Vertrag — der Neutralität des Schwarzen Meeres — zu sanktionieren. 

Die folgenden Kapitel bringen sodann eine plastische Schilderung der Mißwirtschaft 
unter Abdnl-Azis und beleucliten die in ihrer Art bewundernswerte Intrigantenrolle des 
Generals Ignatiew (russischen Botschafters in Konstantinopel), der es verstanden hat, 
ids Freund des Sultans und zu gleicher Zeit auch als Schrittmacher des Panslawismus zu 
wirken. — Der noch ausstehende zweite Band des Fliegenschmidtschen Werks wird die 
Berliner Konferenz (1877/78) zum Mittelpunkt haben. K. E. 

Bulletin de ia Societe Endjouman Terekki-Islam (Progres de rislam). III. 

Annee, No. 4. Septembre 1915. Geneve, S. 137 — 192. 

Das Septemberheft des „Bulletin" bietet sieben Aufsätze von verschiedenem Werte, 
Von Interesse ist die Stellungnahme zu der egyptischen Frage : es wird das volle Ver- 
trauen ausgesprochen, daß die Türken als Eroberer Egyptens die Autonomie, die sie diesem 
Lande vordem zugestanden, ihm auch weiter gewähren werden (S. 145). In „Calomnie,, 
(S. 156 — 160) wird der VorAvurf ungerechter Behandlung der Armenier zurückgewiesen. 
Es ist leider sicher festgestellt, daß von Armeniern schwere Fälle von Landesverrat be- 
gangen worden sind (Zusammenwirken mit russischen Truppen zur Einnahme fester Plätze, 
von Armeniern und Russen öfientlich zugegeben) ; da mußten Unschuldige mit den Schul- 
digen leiden. — Von Bedeutung ist, welchen Widerhall die modern-türkische Turan-Be- 
wegung hier findet (S. 178 — 183). Auch hier herrscht vollkommene Unklarheit über die 
Rolle des „Turan" in der älteren Zeit; es wird gesprochen von einem „Panturkismus", der 
schon vor den Seldschuken bestanden haben soll und von ihnen vergessen wurde. Erfreu- 
lich ist, mit welcher Energie hier für den Dichter Mehmed Em in eingetreten wird. Es 
wird bestätigt, daß seine ernste, leicht verständliche Dichtung vor allem die türkische 
Frauenwelt ergriffen hat — ein gutes Zeichen für beide. Ganz einheitlich ist die Darstellung 
nicht, denn unerwartet erscheint der Islam, wo ausschließlich von völkischen Motiven die 
Bede war (S. 181). Das ist der große Konflikt, der mit der neuen Orientierung verbunden 
ist, den aber die Kraft des türkischen Volkes lösen wird, zum eigenen Besten und zum 
Heile der Welt. Martin Hartmann 

Hugo Grothe, Dr. jur. et phil. Die Türken und ihre Gegner. Kriegsgeo- 
graphische Betrachtungen mit 5 Übersichtskarton. Frankfurt am Main : 
Expedition von Hendschels Telegraph, M.Hendschel, 1915. 52 S. 8°. Geh. 
1,25 Mk. — Der russisch-türkische Kriegsschauplatz. [Kaukasien und 
Armenien]. Von Dr. jur. et phil. Hugo Grothe in Leipzig. Mit 8 Abbildungen 
und 4 Kartenskizzen im Text. Leipzig: Veit & Comp., 1915. (=Kriegs- 
geographische Zeitbilder hrsg. von Dr. Hans Spethmann und Dr. Erwin 
Scheu, Heft 5.) 45 S. 8«. Geh. 0,80 Mk. 



Liter atu7'. 261 

NIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIINIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII^ 

In diesen beiden Schriften behandelt der Verfasser die türkischen Kriegsschanplätze 
nach geographischen und ethnographischen Gesichtspunkten. Er will „ein tieferes Ver- 
ständnis über Natur und Land, Staat und Volk, über Geistesart, Wissen und Können der 
Kräfte, deren innigeres Zusammengehen die Zukunft bringen soll", anbahnen helfen. Das 
ist ein Programm, dessen ernste Dringlichkeit nicht genug unterstrichen werden kann, und 
da Grothe in jahrelanger, rühriger Arbeit daheim und draußen sich um eine genaue Kenntnis 
der von ihm ins Auge gefaßten Tatsachen bemüht hat, so haben seine Schriften jetzt ein 
Anrecht auf besonderes Interesse, um so mehr dies, als die sonstige heutige, den Orient 
betreffende Publizistik keineswegs durchweg den Forderungen jenes Programms nachzu- 
kommen sucht. ' 

Die erste Schrift teilt sich in vier Abschnitte: 1. Die Sinaihalbinsel und ihre Nachbar- 
schaften ; 2. die Zweistromlande ; 3. Türkisch- Armenien und Transkaukasien und 4. der 
Kriegsschauplatz im nordwestlichen Persien. Jedem Abschnitt ist eine chronologische 
Übersicht über die Ereignisse bis zum 12. Februar 1915 vorausgeschickt, meist 
ohne Angabe der Herkunft der betreifenden Meldungen. Dann folgt die teilweise sehr 
eingehende und besonders beachtenswerte kriegsgeographische Schilderung der obigen 
Grenzgebiete, teilweise verwoben in eine Darstellung der politischen Geschehnisse der 
letzten Jahre und der Kriegsereignisse bis Februar. Der Verfasser, der nüchtern urteilt, 
kommt im zweiten Abschnitte zu der Tatsache, daß die Türken im Irak trotz ilirer Siege 
über die Engländer immer weiter stromaufwärts zurückgewichen sind. 

Die beigefügten Kärtchen lassen einige Angaben des Textes vermissen, z. B. ist die 
S. 36 erwähnte Bahnlinie Kars — Sarikamysch nicht eingetragen. 

Die zweite Schrift ist natürlich weit eingehender. Sie behandelt in einem ersten Teile 
die wirtschaftspolitische Bedeutung des Schwarzen Meeres und der Dardanellen. Ihr zweiter, 
größerer Teil (S. 13ff.) ist Armenien und Kaukasien gewidmet: Bodenbeschafifenheit, 
Produkte, Verkehrswege und Bevölkerung werden eingehend geschildert, wobei dem 
Verfasser seine persönlichen Forschungen im Lande wertvoU zu Hilfe kommen. In der 
Darstellung der verwickelten ethnographischen Verhältnisse der Kaukasusländer wendet 
sich der Verfasser vorwiegend der Rolle zu, die die islamische Bevölkerung spielt. 
Eine kleine Übersichtskarte ihrer Verteilung im Kaukasus ist beigegeben. Nachdem dann 
noch die Stellung des armenischen Volkstums charakterisiert ist, schließt die Schrift mit 
der Inhaltsangabe des türkisch-kaukasischen Freiheitsdramas „Müchterem katil" von Aka 
Gündis, die Grothe nach dem Osmanischen Lloyd wiedergibt. * * 

Der türkische Bundesgenosse von Theodor Ritter von Riba mit einleiten- 
den Ausführungen eines türkischen Botschafters. Berlin, Leipzig, Wien : 
Arthur CoUignon [1915]. (Deutsche Kraft hrsg. von Leo Colze, Heft 5.) 
28 S. 8°. Geh. 0,50 Mk. 

Die Arbeit gibt einen kurzen, gedrängten Abriß der Geschichte der Türkei unter 
besonderer Berücksichtigung ihrer Stellung in der Weltpolitik. Dabei behandelt sie ein- 

' Auf die Arbeiten Grothes werde ich persönlich noch zurückkommen. Verwiesen sei hier 
noch auf einen Aufsatz des Verfassers über „Deutsch-türkische wirtschaftliche Interessen- 
gemeinschaft" in: Das neue Deutschland herausg. von Ad. Grabowsky, Jahrgang 3, 
Nr. 40/42, 24. Juli 1915, S. 361— 3G4. Der Herausgeber, Ad. Grabowsky, hat dem 
Aufsatz eine längere Anmerkung beigegeben, in der er die Arbeiten Grothes würdigt 

G. Kampffmeyer 



262 Die Welt des Isla^ns, Band III. ig iß, Heft ji^ 



gehender das Verhältnis Englands, Kußlands und Deutschlands zur Türkei in den letzten 
Jahrzehnten. In dem Vorworte zu dieser Arbeit kennzeichnet der türkische Botschafter 
[Muchtar Pascha?] scharf die Naturnotwendigkeit eines engen Zusammenschlusses zwischen 
Deutschland und der Türkei und sagt weiter: „Man muß bedenken, daß, wenn das öster- 
reichische Bündnis dazu dient, um die engeren europäischen Grenzen des Deutschen 
Reiches zu ziehen, das Bündnis mit der Türkei seine weiteren Weltgrenzen sicher- 
stellen kann." * ♦ 

Karl Wied, Türkischer Dolmetscher. Anleitung die türkische Sprache 
in kurzer Zeit sprechen zu lernen. Enthaltend: Einen kurzen Abriß der 
Grammatik, Gespräche mit interlinearer wörtlicher Übersetzung, syste- 
matische Wörtorsammlung, sowie ein kurzes alphabetisch geordnetes 
Wörterbuch. Leipzig. Verlag von Otto Wigand. VII. 123 S. Mk. 2. — 

Das vorliegende kleine Handbuch verfolgt den Zweck, in kürzester Zeit soweit in die 
türkische Sprache einzuführen, daß man sich auf der Keise und im Verkehr mit Türken 
über gewöhnliche Dinge leicht verständlich machen kann. Das Buch dürfte in seiner prak- 
tischen Anlage diesen Zweck wohl erfüllen. Störend wirkt freilich eine verhältnismäßig 
erhebliche Anzahl von Druckfehlern. Für eine Neuauflage müßte meiner Meinung nach 
der Verfasser, der bereits vor Jahren eine zur ersten Einführung ins Türkische vorzüglich 
geeignete Elementargrammatik bei Hartleben, Wien, veröffentlicht hat, eine ausführlichere 
Darlegung des türkischen Lautsystems geben. (Was soll z. B. der Lernende mit dem Zei- 
chen y ohne Erklärung anfangen?) Zu vermeiden sind ferner Schreibungen von Oe statt 
O (bes. im Anfang des Buches, während am Ende Ö benutzt wird). Bei Abteilungen sind 
die Buchstaben, die einen Laut bezeichnen, nicht zu trennen, z. B. nicht balyg-hy, 
aghad-sehy, sondern haly-ghy, agha-dschy. K. Philipp 

Ibn Taghrl BirdT: Abu 'l-mahasin Ihn Taghri Birdi's Annais entitled an- 
nujüm az-zähira fl mulük misr wal-kahira (Vol. VI, part 1, Nr. 1) edited 
by William Popper, published by the University of California Press 
Berkeley [auch u. d. T. : University of California Pubhcations in Semitic 
Philology Vol. 6, Nr. 1. pp. 1—164. March, 1915]. VI und 164 S. 4«. 

Hat das Werk des Abulmahäsin Gamäladdin Jüsuf Ibn Taghribirdi (geb. 813/1411, 
gest. 874/1469) für die Zeit bis etwa 800/1398 nur ein beschränktes Interesse, so ist seine 
Bedeutung von da an unschätzbar, denn der Verfasser wurde 813/1411 geboren und hatte 
außer dem Selbsterlebten auch die Erfahrungen des oft zitierten Vaters („alwalid^')^ der 
hohe Staatsstellungen bekleidet hatte, als Quelle. Seine Beobachtungen bestreichen sachlich 
nur ein beschränktes Gebiet, aber auf diesem sind sie wertvoll; man erfährt allerlei über 
die inneren Beziehungen der Türkensippen, die unter den ans dem Kiptschak importierten 
Türksklaven sich hervortun und eine energische Familienpolitik treiben; es ist auch keine 
Frage, daß die Osmanen schon damals das Auge auf Egj-pten geworfen hatten, wenn es 
auch zu Konflikten erst unter Qaitbaj (872 — 901/1468 — 1496) kam ; es ergeben sich auch 
Vergleiche zwischen diesen Türken in Egypten und denen in Kleinasien-Europa. W. 
Popper nahm die 1861 unterbrochene Herausgabe der nugüm (ed. Juynboll u. Matthes, 
2 Bde.) wieder auf, setzte aber Bd. III nicht fort, sondern bringt nun Bd. VI Teil 1 her- 
aus, das erste Sultanat des Almalik Annäsir Farag bis zu seiner Entweichung und Absetzung 



Literatur. 263 



("25. Kebi 'I 808/20. Sept. 1405). Das ist eine glückliche Bereicherung unserer Quellen, da 
wir bisher für diese Zeit nur Ihn Ijäs hatten, und dieser zwar kulturgeschichtlich inter- 
essante Notizen gibt, aber an Gedrängtheit und Ernst der Darstellung weit hinter Ibn Taghri- 
birdi zurücksteht (Jahr 804 hier S. 92, 19—100, 20 [1 Seite = ca. 550 Silben], bei Ibn 
Ijäs I 340 u — 348, 8 [1 Seite = ca. 1000 Silben], aber Ibn Ijäs hat viel Nichtsnutziges 
ausführlich, wie die Geschichte mit dem von Timur geschenkten Elefanten und dem Zagal 
auf dessen jämmerliches Ende; Jahr 805 hier S. 100, 21 — 108, 8, bei Ibn Ijäs 3 Zeilen 
von S. 348 ; dabei hat Ibn Ijäs die Todesfälle bei den Jahren, Ibn Taghribirdi hat für sie 
einen besonderen Abschnitt, S. 135 — 164). Das Verhältnis dieser Darstellung von Farag's 
erster Regierung zu dem entsprechenden Abschnitt von desselben Autors almanhal 
assäß bleibt zu untersuchen; die Biographie des manhal lag Sobernheim vor für Art. 
Faradj in der Enzykl. des Islam II, 57 f. (der Artikel enthält leider fast gar keine Daten) ; 
es scheint sich nichts darin zu finden, was nicht auch in den nugUm gelesen wird. Be- 
achtenswert ist die digressio über Timur S. 73, 14 — 85, 11; der Einbruch Timurs in 
Syrien (803) fällt vor die Geburt des Verfassers ; aber er hatte Berichte über ihn von Augen- 
zeugen. Wird der historische Timur aus dieser Quelle kaum einen neuen Zug erhalten, so 
haben wir hier das Bild, das in den Köpfen der zeitgenössischen Egypter und Syrer von 
ihm lebte. Von den beiden benutzten Handschriften (Yale — Landberg Nr. 521 und Paris 
1787, von Weil benutzt) versagt für die Fortsetzung die Yale-Handschrift und die Weiter- 
bearbeitung hängt von der Beschafi'ung des photographischen Materials aus Paris ab. Als 
Neutraler wird der Professor an der California-University gewiß zu der nötigen Unterlage 
gelangen können. M. Hartmann 

E. G. Browne, The press and poetry of modern Persia. Cambridge. 1914. 
8". With 32 ülustr. Lwdbd. 12 Mk. XL. 357, 1—8 S.^ 

Die an den Hochschulen im allgemeinen recht stiefmütterlich behandelte persische 
Philologie, die — um die Worte des verstorbenen Dr. Friedrich Veit zu gebrauchen — 
an den meisten Universitäten zwischen zwei Stühlen niedersitzt, nämlich zwischen der 
Indologie und der Semitistik, verdankt dem Professor Edward Browne in Cambridge eine 
Reihe ausgezeichneter Arbeiten, die unsere Kenntnis des östlichen Islams beträchtlich 
vorwärts gebracht haben. In seinem letzten W^erk: The Press and Poetry of Modern Persia 
bietet Browne, der übrigens — wenn ich recht unterrichtet bin — zu den wenigen Eng- 
ländern gehört, die gegen den Krieg mit Deutschland mutig öffentlichen Einspruch er- 
hoben haben — , eine auf genauer Kenntnis beruhende Darstellung der persischen Presse 
und Dichtkunst der neuesten Zeit, besonders seit der Verkündigung der Verfassung im 
Jahre 1906. Der erste Teil (S. 1 — 166) ist die Übersetzung einer persischen Abhandlung 
des Mirzä Muhämmäd'Ali Chan „Tärbijät", die betitelt ist: Ein Blatt aus der Geschichte 
der Erzeugnisse der persischen Presse (d. h. sowohl der Zeitungen, die in Persien ver- 
öffentlicht, als auch der, die im Auslande herausgegeben worden sind). Schon vor dieser 
persischen Schrift hatte der damalige englische Vizekonsul in Räscht in Persien, H.L.Rabinoi 
der nachher nach Marokko versetzt wurde, im Jahre 1911 (A. H. 1329) auf 30 Seiten eine 
Liste der Zeitungen aufgestellt, die in persischer Sprache in Iran und außerhalb Irans 
gedruckt worden sind. Diese Liste wurde in der Revue du Monde Musulman 1913, 
S. 287 — 315 von M. L. Buvat ins Französische übertragen. 

Da Browne während der Zeit der Verfassung regelmäßig eine Anzahl der hauptsäch-" 
liebsten in Persien erscheinenden Zeitungen erhielt, außerdem von Rabino dessen um 



"264 Die Welt des Islams, Band III. igi5, Heft jj^ 



tangreiche ZeitnngKBammlnng sowie von Scheich Hassan ans Täbriz eine Anzahl Zeitungen 
überwiesen bekam, so dürfte Browne augenblicklich die reichhaltigste Sammlung per- 
sischer Zeitungen außerhalb Persiens besitzen. Auf Grund dieser Sammlungen konnte 
Browne die Übersetzung des Textes des Mirza Muhammad 'Ali Chan insofern beträchtlich 
erweitern und ergänzen, als er zur Übersetzung viele wissenswerte Erläuterungen über 
Ausstattung, Erscheinungsweise, Inhalt, politische Richtung und dgl. hinzufügte und 
überdies auf 32 Abbildungen die Zeitungen selbst veranschaulichte, sei es durch Wieder- 
gabe des Titelblatts — oder einzelner Stellen, oder durch Bilder der Herausgeber und 
Dichter. 

Browne weist daraufhin, daß ein hervorstechender Zug der heutigen persischen Presse 
die zahlreich eingestreuten guten Verse sind. Da diese Dichtkunst in Europa beinahe un- 
beachtet geblieben ist, so hat Browne im zweiten Teile seines Werkes eine Anzahl dieser 
neuesten vaterländischen und politischen Gedichte — zum großen Teil mit englischer 
1 bersetzung — abgedruckt. Er will damit deu Irrtum widerlegen, daß die Erzeugnisse 
der heutigen Presse und Dichtkunst nicht lesenswert seien, ein Irrtum, der hauptsächlich 
von Leuten genährt wird, die es aus politischen Gründen wünschen, solche Völker wie 
die Perser als entartet und im Verfall befindlich hinzustellen, während die Perser nach 
Brownes Auffassung gerade während der letzten acht Jahre eine Lebenskraft gezeigt haben, 
die unter glücklicheren Verhältnissen schließlich zur sittlichen und materiellen Wieder- 
geburt des Landes geführt hätte. Liest man diese Gedichte ohne Vorurteil, so kann man 
wohl Brownes Urteil beipflichten. Man staunt über die Vielseitigkeit der Zeitungen und 
über die eigenartigen Gedichte. 

Sehr brauchbar ist der auf 16 Seiten gebotene Überblick über die Geschichte der 
persischen Eevolution von 1905 — 1911. An dessen Schluß weist Browne dann auf die 
folgenden Ereignisse hin, bes. auf die Schreckensherrschaft der Russen in Täbriz, die er 
in einer 1912 erschienenen und in Indien beschlagnahmten Flugschrift geschildert hat. 
Dabei wies er auf Englands Schuld und Verantwortlichkeit hin. 

Immerhin tröstet Browne sich mit dem Gedanken, daß die Zustände in Persien hätten 
noch schlimmer werden können, und er hebfr die Verdienste hervor, die die neue Gen- 
darmerie unter schwedischen Offizieren bei der Unterdrückung der Räuberei und bei der 
Sicherung der Straßen sich erworben hat. So trübe und unheilverkündend auch der 
Ausblick ist, meint Browne am Schluß, so bleibt Persien tatsächlich — wenigstens dem 
Namen nach — ein unabhängiges und ungeteiltes Land. 

Man sieht, mit welcher Liebe zu Persien Browne sein Buch geschrieben hat. Wir 
können darum wohl verstehen, wenn Mujbammad Ali Chan sagt, daß alle Perser und die, 
die die persische Sprache gebrauchen, sowie alle Freunde der Gerechtigkeit in der Welt 
dem Professor der morgenländischen Sprachen an der Universität Cambridge, Edward 
Browne, tiefen Dank schulden, sowohl wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste um 
die Erforschung des Schrifttums der Muhammedaner, besonders der Perser, als auch deshalb, 
„weil er aus Liebe zur Gerechtigkeit stets dauernd bemüht gewesen ist, durch Wort und 
Schrift in England im besonderen und in Europa im allgemeinen die Rechte der nieder- 
getretenen Völker des Islams gegen ihre grausamen Unterdrücker zu verteidigen". 

Wenn freilich die Perser Schutz gegen Rußland und überhaupt alles Heil von den 
Engländern erwarten, so dürften sie sich irren. Browne hat doch in England tauben Ohren 
gepredigt. Die englische Politik hat sich mehr und mehr — wie es in einer jüngst er. 
schienenen Broschüre der Independent Labour Party heißt — mit einer Despotie ver- 
knüpft, die die Rechte Finnlands und Persiens zu einem Fetzen Papier gemacht hat. 

Prof. Dr. Philipp 



Literatur. 265 



Elementa Persica. Persische Erzählungen mit kurzer Grammatik und 
Glossar von Georg Rosen. Neubearbeitet von Friedrich Rosen. Verlag von 
Veit & Comp, in Leipzig. 1915. VI -f 196 S. Ungebunden 4,50 Mk. 

Seit langem habe ich bedauert, daß Georg Rosens „Elementa Persica" (Narrationes 
Persicae), die im Jahre 1843 veröffentlicht worden waren, nicht in einer neuen Auflage 
erschienen. Schon vor zwanzig Jahren etwa habe ich mir das Buch nur antiquarisch und 
nicht ohne Mühe beschaffen können. Und doch halteich das Buch für hervorragend geeignet 
für den Gebrauch im akademischen Unterricht. Nun liegt das Buch in der Neubearbeitung 
von Friedrich Rosen vor, dem wir außer vorzüglichen Hilfsmitteln zum Studium der 
neupersischen Umgangssprache die Nachdichtung der Sinnsprüche Omars des Zeltmachers 
(2. Auflage, Stuttgart 1912) und die Neuherausgabe von Georg Rosens Übertragung der 
Doppelverse des Scheich Mewlänä Dscheläl ed Din Rümi verdanken. 

Die Umarbeitung ist in der Weise vorgenommen worden, daß zunächst statt der 
lateinischen Sprache die deutsche gebraucht wurde. Ferner wurde der Text der Erzählungen 
ganz neu gefaßt und dabei ein zwar modernes, aber doch nicht ganz vulgäres Persisch 
gewählt. Die Erzählungen, die in der Hauptsache dieselben geblieben sind wie die in der 
Auflage von 1843, sind leicht verständlich und führen den Anfänger bequem und angenehm 
in die Sprache ein. Die kurze Grammatik des Neupersischen, die die Einleitung des Buches 
bildet (S. 1 — 35), bietet für den Anfänger in gedrängter Kürze alles Wissenswerte und 
gewährt die Grundlage für weitere Studien. Das Glossar ist nach den angestellten Stich- 
proben sehr sorgfältig gearbeitet und läßt den Lernenden nicht im Stich. An Kleinigkeiten 
ist im Buche zu verbessern: 

S. 35, Z. 4 V. u. j J statt Jj ; 

S. 161, Z. 1 V. u. lies: äkhir-i kär; 

S. 167, Z. 4 T. o. lies db^i; 

S. 170, Z. 2 V. o. will mir ,beeindruckt' nicht gefallen, wenngleich damit auf die Her- 
leitung des Wortes mutä'ässär hingewiesen werden soll; 

S. 170, Z. 6 V. o. lies nachdenklich; 

S. 174, Z. 7 V. u. lies mout. 

Hierbei möchte ich für eine Neuauflage dem Verfasser zur Erwägung stellen, ob es 
sich nicht empfiehlt, entweder bei allen Erzählungen oder wenigstens bei einem Teile des 
Textes die Vokale vollständig hinzuzufügen. M. E. würde das eine erhebliche Erleichterung 
für den Anfänger sein und ihn schneller zu einer gewissen Sicherheit an Stelle eines oft 
unsicheren Umhertastens bringen. Ich verweise hierfür auf die auch heute noch beherzigens- 
werten Worte, die Hermann Brockhaus in seiner Häfiz- Ausgabe Bd. 1, X ausspricht. 

Eine willkommene Beigabe ist der Anhang des Buches, der auf zehn Seiten einige 
leicht verständliche Stellen aus persischen Dichtern (Firdousi, 'Umär-i Kheyyäm, Seikh 
Sä'di und Häfiz) mit Erklärung der notwendigen Wörter gibt. 

Wie schon oben erwähnt, ist das Buch ein ausgezeichnetes Hilfsmittel zur Einführung 
in das Neupersische, besonders für Vorlesungen. Zu diesem Zwecke würde ich die Elementa 
Persica der an sich vortrefilichen Grammatik von Salemann und Shukovski vorziehen, 
die mir für den Anfänger zu gedrängt und darum zu schwer erscheint. So dürfte wohl- 
verdientermaßen die Hoffnung des Verfassers in Erfüllung gehen, daß das kleine Buch 
in seiner neuen Gestalt, in der es nach siebzig Jahren wieder ersteht, wie das alte, dem 
Studium des Persischen zahlreiche Freunde werben möge. Prof. Dr. K. Philipp 



266 Die Welt des Islams, Band III. ic)iß, Heft jl^ 



Sebastian Beck. NoupersischoKonvorsations-Grammatik mit besonderer 
Berücksichtigung der moderneu Schriftsprache. Mit zahlreichen Schrift- 
tafeln und Texten in den wichtigsten persischen Schriftarten, einer Licht- 
drucktafel mit Münzen und Banknoten, einer Sammlung von Dokumenten 
und Briefen, darunter ein Ferman in Vierfarbendruck. Heidelberg, Julius 
Groos, Verlag. li)U. XXIII + 495 S. Preis 10 Mk. 

Es ist freudig zu begrüßen, daß der Verlag Julius Groos, Heidelberg, in seine Samm- 
lung von Sprachlehrbiichern (nacli der Methode Gaspey-Otto-Sauer) nunmehr auch eine 
nenpersische Konversations-Grammatik (mit besonderer Berücksichtigung der modernen 
Schriftsprache) aufgenommen hat. Zwar gibt es schon eine Reihe guter Hilfsmittel zur 
Erlernung der neuper.'sischen Sprache, aber ein Lehrbuch, das eine derartig reiche Auswahl 
von Texten enthält, die der heutigen Schrift- und Umgangssprache entnommen sind, war 
bisher nicht vorhanden. Die Grammatik ist in 2 Teile geteilt: Der erste behandelt die 
Grundzüge der persischen Sprache, der zweite die arabischen Elemente im Persischen. Die 
Einleitung stellt die arabisch-persische Schrift, die Aussprache und Betonung des Neu- 
persischen in einer Art dar, die wohl auch dem Selbstlernenden eine gewisse Klarheit 
schaffen dürfte. Dann folgt die Behandlung der einzelnen Wortklassen, besonders ein- 
gehend die der präpositionalen Ausdrücke. Nicht vernachlässigt ist die wichtige Wort- 
bildung. Sehr viele trefflich gewählte Beispiele, deutsche und persische Übersetzungs- 
aufgaben und Gespräche geben die nötige Gelegenheit, den Sprachstoff gehörig einzuüben. 

Da eine gründliche Kenntnis der arabischen Formenlehre unbedingt erforderlich ist 
für das Verständnis persischer Texte höheren Stils, so befaßt der zweite Teil sich mit den 
arabischen Elementen im Persischen, ebenfalls unter Darbietung zahlreicher Übungen. 
Der Anhang zum ersten Teil enthält : A. Redensarten und Sprichwörter, B. Zeitrechnung, 
C. Reisewege 1. von Änzäli nach Tährän, 2. von Tährän nach Esfahän, 3. von Bü-sähr 
nach Esfahan, 4. von E.sfahän nach Ähwäz. 

Im Anhang ziim zweiten Teil finden sich Bemerkungen über Münzen, Maße und Ge- 
wichte Persiens mit wohlgelungenen Abbildungen. Zweckdienlich ist die Belehrung über 
die persische Kursivschrift nebst 3 Tafeln, ferner die Sammlung von Urkunden, Briefen, 
Anzeigen aus Zeitungen und die Wiedergabe von Siegelabdrücken, die ja im Morgenlande 
eine große Rolle spielen. Den Scliluß des Buches bildet ein prächtig wiedergegebener 
Ferman. 

Der Verfasser hat seine schwierige Aufgabe, ein wirklich praktisches Lehrbuch des 
Neupersischen zu schaffen, vorzüglich gelöst, und der Lernende wird durch die vielseitigen 
Texte in den Stand gesetzt werden, sich eine gute Kenntnis des Neupersischen zu er- 
werben. Es sei hinzugefügt, daß demnächst ein „Schlüssel" erscheinen wird, der die Über- 
setzung der Übungen, die lateinische Umschrift und die Übersetzung der in der Gram- 
matik in verkleinerter Nästä'liq-Schrift ^^■iedergegebenen Geschichte der Qägfiren, wie 
überhaupt aller Tafeln des Anhanges enthalten soll. Dieser Schlüssel wird dem Anfänger 
gewiß viele Erleichterungen beim Studium gewähren. Prof. Dr. Philipp 

F. Sattler, Deutsch-persisches Konversationswörterbuch. Wien, Hart- 
leben. 1914. 80. 178 S. Lwdbd. 2 Mk. 

In dem deutsch-persischen Konvorsationswörterbnch, dem ersten, das bisher in deut- 
scher Sprache erschienen ist, bietet Dr. Sattler eine Verarbeitung des Materials, das der 



Literatu7'. 267 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

im Jahre 1880 (nach anderer Angabe 1891) zu Wien verstorbene Dr. med. Jakob Eduard 
Polak hinterlassen hat. Dr. Polak, der zuerst Lehrer an der medizinischen Schule in Tehrän, 
später Leibarzt des Schah Näsireddin war, hat sich 12 Jahre in Persien aufgehalten und 
hat das persische Leben und die persische Sprache genau kennen gelernt. In seinem zwei- 
bändigen Werke „Persien, das Land und seine Bewohner", 1865, das auch heute noch 
beachtenswert ist, hat er seine Beobachtungen und Erkenntnisse niedergelegt. Auch eine 
reiche Nomenklatur für die Verhältnisse dei persischen Lebens ist darin zu finden. Nun 
hat sich Dr. Sattler der dankenswerten Aufgabe unterzogen, das deutsch-persische Glossar 
— wie Prof. Grünert es nennt — ans dem Nachlaß Dr. Polaks der Öffentlichkeit zugänglich 
zu machen. 

Das Buch bietet zunächst einen Abriß der Formen- und Satzlehre (1 — 18). Diesen 
Abschnitt hätte ich etwas ausführlicher gewünscht. Der Herausgeber will zwar nur das 
AUernotwendigste darlegen und verweist im übrigen auf die praktische Sprachlehre des 
Neupersischen von A. Seidel (Hartleben, Wien, 2 Mk.), und auf Prof. Dr. Max Grünerts 
„Behelf zu dem persischen Sprachkurs", aber ich meine, das Buch hätte durch ein etwas 
tieferes Eingehen auf die persische Formenlehre und Syntax viel gewonnen, ebenso 
durch Hinzufügen eines kurzen Überblicks über die Lautlehre des Persischen, den ich 
gleich an den Anfang des Abrisses setzen möchte. An den Abriß der Formen- und Satz- 
lehre schließt sich das deutsch-persische Wörterbuch, das innerhalb des ihm gesteckten 
Kahmens eine reiche Fülle von Wörtern und Ausdrücken enthält (S. 19 — 172). Auf Seite 
172 — 178 finden sich dann noch einige aus Grünerts Neupersischer Chrestomathie (Prag 
1881) entnommene Übersetzungsstücke in deutscher und persischer Sprache. Die per- 
sischen Wörter sind sämtlich in leicht verständlicher lateinischer Umschrift gegeben. Dabei 
laofen freiüch ab und zu kleine Unstimmigkeiten in der Aussprachebezeichnung und Be- 
tonung unter, die bei einer Neuauflage leicht zu beseitigen sind. Bei einer Neuauflage 
wäre vielleicht ferner zu erwägen, die im Umgang häufiger gebrauchten Wörter gegen- 
über den veralteten oder nur in der Schriftsi^rache üblichen besonders zu kennzeichnen. 

Das Buch wird sich in der Hand des Lernenden gewiß als brauchbar erweisen. Das 
einzige Bedauern, das ich nicht unterdrücken kann, ist, daß das Buch, ebenso wie die 
Konversationsgrammatik von Beck, nicht früher erschienen ist. 

Prof. Dr. Philipp 

Deutschland und Ägypten. Von Erich Meyer, Pfarrer der deutsch-evange- 
lischen Gemeinde in Alexandrien. Stuttgart und Berlin: Deutsche Verlags- 
Anstalt. 1915. (Der Deutsche Krieg. Politische Flugschriften. Heraus- 
gegeben von Ernst Jäckh. Heft 48.) 30 S. 8». 50 Pfg. 

Der Gedankengang des Verfassers, der Egypten durch mehrjährigen Aufenthalt gut 
kennt und noch während der ersten fünf Kriegsmonate in Egj'pten verblieb (vgl. in dieser 
Zeitschrift Heft 1, 1915, S. 57ff.) ist in Kürze der folgende: 

Die Kriegserklärung Egyptens, durch die wir dieses Land auf Seiten unserer Feinde 
stehen sehen, verdanken wir natürlich der Machenschaft Englands, das seinen weitgehenden 
politischen Einfluß in Egypten für seine Zwecke ausnutzte. Die politische Stellung Englands 
in Egypten erscheint nach der Darstellung des Verfassers recht gefestigt. Die englisch- 
französische Verständigung bewirkte eine Schwenkung der öffentlichen Preßmeinung 
Egyptens, die durch französische Blätter gemacht wird. Sie wurde immer englandfireund- 
licher und deutschfeindlicher. Durch die Lockerung des Verhältnisses Egyptens zur Türkei 



268 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heß jl^ 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

tritt die Stärkung der englischen Stellung in Egj'ptcn zu Tage. Die Verpflichtung, die 
Egypten hatte, an den türkischen Kriegen tätig teilzunehmen, wurde weder im Tripolis- 
krieg noch im Balkankrieg gehalten. Mit der Zurückdrängung des türkischen Einflusses 
ging eine ständige Verminderung der wirklichen Macht des Khediven Hand in Hand 
sowie der Versuch, die Stellung der englandfeindlichen Mächte in Egypten zu erschüttern. 
Die Anglisierung Egyptens schritt fort. In den Primarschulen wurde immer mehr Gewicht 
auf das Englische gelegt, und die Beamtenprüfungen verlangten Kenntnis der englischen 
Sprache ; der schriftliche Verkehr der Kegierungsstellen mit dem europäischen Puhlikum 
rerläuft zu einem großen Teil schon in englischer Sprache. Das Streben, aus den höheren 
Beamtenstellen die nichtenglischen Beamten zu verdrängen, war unverkennbar. 

Auch in der Inneren Politik macht sich die Stärkung des englischen Einflusses immer 
m ehr bemerkbar. Die dem egyp tischen Volk (nicht 1912, sondern in der Grundlage ISSS- 
gegebene Landes-Versammlung (der Verf. sagt: „Gesetzgebende Versammlung", wobei 
er wohl an den „Gesetzgebenden Rat" denkt) hat nur begutachtende Rechte und durch 
die stimmberechtigte Teilnahme des Ministeriums und zahlreicher von der Regierung 
ernannter Abgeordneter einen starken regierungsfreundlichen Stamm. Während des 
Krieges ist der Zusammentritt dieses Parlaments nicht erfolgt. Die Bevölkerung Egyptens 
machte den Engländern keine unüberwindlichen Schwierigkeiten. Bei den christlichen 
Kopten fand man direktes Entgegenkommen. Das Mißtrauen der islamischen Bevölkerung, 
die mehr Rechte für sich forderte, kam 1910/11 im Egyptischen Kongreß zum Ausdruck, 
der charakteristischerweise lautlos eingeschlafen ist. Kitchener dämmte die nationalistische 
Bewegung durch rigorose Anwendung des Pressegesetzes ein, wußte aber andererseits 
auch weiten Kreisen Vertrauen zu England einzuflößen. Die große Masse stumpfte ab im 
Genuß des wirtschaftliclien Aufschwungs. „Ein Volk, das zu neun Zehnteln aus Analphabeten 
besteht und in seinem Beamtentum zum Teil auf der Seite der zufällig machthabenden 
Gewalt steht, ist in seiner Gesamtheit noch nicht reif für eine echt nationalistische 
Bewegung." 

Der Verfasser spricht weiter von dem gewaltigen wirtschaftlichen Wachstum Egyptens, 
von der Vorherrschaft Englands im Handel, das seinen nächsten Wettbewerber noch um 
das 5 fache übertriift, und von dem Gewinn, den England aus Egypten für den Sudan 
zieht. Die für diesen nötigen bedeutenden wirtschaftlichen Zuschüsse werden durch Egyp- 
tens Einnahmen gedeckt. Es wird dann der Fortschritt des deutschen Handels aufgewiesen, 
der sich im Gesamtwert trotz aller Schwierigkeiten in den letzten 15 Jahren versiebenfacht 
hat und über gute Vorbedingungen zur Weiterentwicklung verfügt. 

Dem wirtschaftlichen Aufschwung Egyptens stellt Meyer die finanziellen, kulturellen 
und sanitären Verhältnisse gegenüber und kommt dabei in keinem Fall zu entsprechenden 
Ergebnissen. Finanziell wird das Land durch die starke Schuldenlast gehemmt. Von 
kultureller Hebung ist bei 907o Analphabeten nur mit Rücksicht auf einen sehr kleinen 
Teil des Volkes zu sprechen, und der Gesundheitszustand der Bevölkerung, der viel zu 
wünschen übrig läßt, hat sich seit Jahren kaum gebessert. In bezug auf das deutsche 
Schulwesen stellt der Verf. fest, daß es im ganzen Orient und besonders in Egypten nicht 
die Stelle einnimmt, die der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und politischen Bedeutung 
Deutschlands entspricht. Besonders schwer wird es den Deutschen, gegenüber dem fran- 
zösischen Schulwesen aufzukommen, aber auch die Amerikaner, die fast gar keine Interessen 
in Egypten zu schützen haben, beschäftigen dort neunmal soviel Lehrer als Deutschland. 
Dagegen steht die deutsche Kolonie im Wohltätigkeitswesen, besonders im Hospitalwesen, 
an erster Stelle. 



Literatur. 269 

miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

Die Engländer haben in bezug auf soziale Hilfe und soziale Gesetzgebung verhältnis- 
mäßig doch etwas erreicht. Die Ausbeutung der Bauern und tierische Behandlung der 
landlosen Tagelöhner ist gemildert. Die Fabrikarbeit von Kindern unter 9 Jahren wurde 
verboten und die der älteren Kinder eingeschränkt. 

Erich Meyers Stellung zu den Problemen des Weltkrieges mit Rücksicht auf Egypten 
kommt in folgenden Sätzen zum Ausdruck: „Soll der Schlüssel zum Seeweg nach Indien 
auf ewig in Englands Hand bleiben? Soll die Beherrschung des Suezkanals, dessen Neu- 
tralisierung von England in diesem Krieg nicht im geringsten beachtet wird, immer England 
möglich sein? Soll der bei weitem größte Teil des Handelsgewinns aus dem wirtschaftlich 
reichen Egypten in Englands Tasche fließen? Oder soll an alledem Deutschland teilnehmen, 
nicht durch Landerwerb, sondern durch politischen, kulturellen und sittlichen Einfluß, 
wie es seiner Stellung als Weltmacht gebührt, und mit ihm Österreich-Ungarn, das starke 
Interessen im östlichen Mittelmeer hat, und die Türkei, die kulturell, religiös und politisch 
mit Egypten verbunden ist?" Als Ziel dieses Krieges stellt der Verfasser hin: „Deutschland 
und seine Bundesgenossen wie in der gesamten Levante so auch in Egypten die Bahn 
für einen starken wirtschaftlichen und kulturellen Einfloß freizumachen". B. 

England und Ägypten. Materialien zur Geschichte der britischen Okku- 
pation mit besonderer Rücksicht auf Bismarcks Ägyptenpolitik. Von Dr. 
Maximilian von Hagen. (= Deutsche Kriegsschriften, 13. Heft.) Bonn, A. 
Marcusu.E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn). 1915. 82 S. Br. 1,20 Mk. 

In der Einleitung dieser Schrift wird das Verhältnis Großbritanniens zu Egypten in 
dem gegenwärtigen Kriege geschildert. Ihren Hauptgegenstand bildet der Einfluß, den 
unser größter Staatsmann auf das Ringen Großbritanniens und Frankreichs um Egypten 
ausübte. Die Briten begehrten das Land seit dem Siebenjährigen Kriege zur Sicherung 
ihrer neuerrungenen indischen Stellung, Frankreich aus entgegengesetzten Gründen. Im 
Jahre 1882 bot sich England eine willkommene Gelegenheit, sich in Egypten festzusetzen: 
die Europäer wurden durch die Anarchie gefährdet, die in Alexandrien infolge des natio- 
nalistischen Aufstandes von Arabi Pascha ausgebrochen war. Die Beschießung der Stadt 
und die nachfolgende Besetzung des Landes fand Bismarcks Billigung, denn er hielt 
England „für das fähigste Land zur Lösung des egyptischen Problems" und hatte früher 
dem englischen Premierminister Lord Beaconsfield gegenüber sich unzweideutig hierüber 
ausgesprochen. Noch aber widerstrebten die britischen Liberalen, die damals am Ruder 
waren, einer Annexion Egyptens, um nicht das Zeichen zur Orientverteilung zu geben 
Bismarcks Egyptenpolitik war nicht „englisch um jeden Preis", sondern forderte Gegen- 
leistungen, die sich durch Deutschlands Eintritt in die Weltpolitik ergaben. England mußte 
denn auch im Jahre 1884 die deutsche Schutzherrschaft in Südwest anerkennen, die 
Bismarckschen Forderungen zur Prüfung der deutschen Fidschireklamationen prüfen und 
den englisch-portugiesischen Kongovertrag preisgeben. Noch aber war Bismarcks Kolonial- 
programm keineswegs erfüllt, und er verstand es, auf das Frankreich Jules Ferrys gestützt, 
durch geschickte Ausnutzung der egyptischen Frage weitere Zugeständnisse von Groß- 
britannien zu erlangen. Dieses mußte im Jahre 1885 die Aufnahme eines deutschen und 
eines russischen Mitgliedes in die egyptische Staatsschuldenkommission sowie die von 
Frankreich gewünschte Internationalisierung der egyptischen Finanzverwaltung gestatten ; 
ferner mußte es seinen Widerstand gegen die Kolonisierung von Nordost-Neuguinea durch 
die Deutschen aufgeben. Dafür erlangte es Bismarcks Zustimmung zu dem egyptischen 



270 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft 3] 4 



Finanzkompromiß vem 25. Juli 1881. Nach Ferrys Sturz trat Fraukreicli seiner Kevanche- 
politik zuliebe auf die Seite Englands und verzichtete in dem Vertrage vom 8. April 1904 
auf jede weitere Geltendmachung seiner egyptißchen Anrechte. — Diese politischen Vor- 
gänge werden in der Schrift unter Angabe zahlreicher Quellenstellen ausführlich dar- 
gelegt. Der Verfasser sieht in einem solchen Rückblick auf die Geschichte der proviso- 
rischen englischen Okkupation bis zur gegenwärtigen formellen Annexion „geradezu ein 
Schulbeispiel für die immanenten Machtinstinkte des britischen Imperialismus, der wie 
alle koloniale Expansion keineswegs aus Ländergier und Eroberungssucht, sondern aus 
wirtschaftlichem Ausdehnungsbedürfnis, ein Weltreich auch auf schmälster staatlicher 
Basis zu begründen, genötigt war". E. Bryde 



iiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiNiiuiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiHimniHiiiiiiiiiHitiHiiiminiHiiHniiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM 



Zeitungsschau. 271 

iininiiiiiiiiiiniiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiii^ 



ZEITUNGSSOHAU.' 

' (Mit Einschluß allgemeiner Zeitschriften.) 

I. Allgemeines (Religion und Kulturgeschichte des Islams). 

Gegen Snouck Hurgronje's Schrift „Heilige Oorlog made in Germany" (= De Gids 1* 
Jan. 1915) schreibt auch Prof. Martin Hartmann in der Orientnnnimer der Zeit- 
schrift „Das neue Deutschland" (Jahrg. 3 Nr. 30,'33 : „Deutschland und der heilige Krieg"). ^ 
Er zergliedert die Schrift in vier Prämissen, die er dann einzeln widerlegt. Die erste ist 
die Gleichsetzung des Dschihadgedankens mit dem Panislamismus. Die meisten verkennen, 
daß auch im Islam der Entwicklungsgedanke wirkt, daß man nicht von einer islamischen 
Lehre sprechen kann. So gibt man in der modernen Türkei dem Worte ^ä/tr, das die 
großen Massen auch heute noch als gleichbedeutend mit „Nichtmuslim" ansehen, den 
Sinn: „der, welcher nicht an die^Wahrheit glaubt und danach handelt". Gegenwärtig hat 
namentlich bei den leitenden Personen der Staatsregierung eine Loslösung von der frü- 
heren Auffassung des Dschihad stattgefunden. Aber trotzdem bleibt das Recht, bei einem 
Kampfe um die staatliche Existenz, das Mittel des Rufes zum Dschiliad anzuwenden, be- 
stehen. Bei diesem Aufrufe sind aber bei einem großen Teile der Begeisterten andere 
nicht-religiöse Momente mitwirkend : die Gefahr für die politische Selbständigkeit, die 
Gefahr für Haus und Herd, die Gefahr für wichtige materielle Interessen. Daraus ergibt 
sich schon, daß sich Dschihad nicht mit Panislamismus deckt. Bei der zweiten Prämisse, 
der Hervorrufung des Dschihad durch die Europäer selbst, weist der Verfasser darauf hin, 
daß es dessen gar nicht bedürfe, da jeder Krieg der Türkei ein Dschihad sei. Die dritte 
Prämisse, Deutschland gehe auf ein Protektorat über die Türkei aus, ist ausgeschlossen, 
da Deutschland in dem Gedanken Bülow's : „Nur auf der Basis europäischer Politik 
können wir Weltpolitik treiben" ein Protektorat über die Türkei noch unerwünschter ist 
als der Türkei selbst. Für die Türkei hinwieder ist die Grundlage für Weltpolitik eine 
asiatische Politik, neben der eine nationale Politik hergehen muß. Infolgedessen muß sie 
suchen, mit den islamischen Staaten in einen engeren wirtschaftlichen Konnex zu treten, 
wofür die beste Handhabe der Dschihad-Gedanke ist. Die vierte Prämisse übergehe ich, 
da sie mehr persönlicher Natur ist. Zum Schlüsse weist der Verfasser noch darauf hin, 

' Vgl. Bd. n. S. 372 ff., Bd. HI. S. 87 ff. und 170 ff. — Wir bitten unsere Leser und Freunde 
wiederholt, uns auch weiter im Ausbau der „Zeitungsschau" durch Zusendung geeig- 
neter Zeitungsaufsätze zu unterstützen. Für die Zusendungen, die uns auf unsere letzte 
Bitte hin von verschiedenen Seiten zugegangen sind, sagen wir verbindlichen Dank. — 
In den Fällen, wo in der obigen Zeitungsschau die an den Rand gestellten Nummern 
mit einem Stern versehen sind, befinden sich die entsprechenden Zeitungsaufsätze zur 
Zeit in unserer Bibliothek und werden auf Wunsch ausgeliehen. 

' In dieser Orientnummer sind folgende Aufsätze vereinigt: AdolfGrabowsky, Die 
Grundlagen der deutschen Orientpolitik; Martin Hartmann, Deutschland und der 
heilige Krieg; Traugott Mann, Der Islam und Wir; Hermann Reckendorf. 
Ein Quellenbuch zur muhammedanischen Religion ; v. Mackay, Die Entwicklung der 
Türkei als Rechtsstaat ; Paul Herre, Der nationale Charakter der Balkanfrage ; P a u 1 
Leutwein, England und Egypten ; James Greenfield, Die Haltung der Armenier 
im gegenwärtigen Kriege. 



272 Die Welt des Islams, Band III. igis, Heß j/4 



daß die Türkei jetzt vor allem im Innern auf banen müsse. An dem guten Willen fehlt es 
in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht. 

2* Pfarrer Erich Meyer aus Alexaudrien (Egypten) schreibt in der Zeitschrift : Die evan- 
gelische Gemeinde 1914/15 Nr. 8 („Islam, Türkei und heiliger Krieg"): Obwohl der Islam 
durch die enge Verbindung mit den Zentralmächten als eine der großen berechtigten 
Weltmächte anerkannt ist, trete doch eine Missionstätigkeit nicht ganz bei Seite, denn 
„anch religiöse Weltmächte werden den Drang zur Mission aneinander weiter spüren". 
Dagegen aber eröflFnon sich für eine Durchdringung, besonders des türkischen Islams, mit 
den sittlichen, sozialen und kulturellen Werten der christlichen W^elt günstige Aussichten. 
Die Vorbedingung ist aber auf jeden Fall die Anerkennung des religiös Wertvollen im 
Islam. „Wer die Welt des Islams kennt, weiß, daß in ihr starke Kräfte des Gottvertrauens, 
kindlicher Ergebung und wahrhaftigen Gehorsams leben und daß diese Kräfte die starken 
des Islams sind." Dann wendet der Verfasser sich zum Heiligen Krieg, wobei er sich auch 
gegen die Thesen Snouck Ilurgronjes wendet, in der Hauptsache mit denselben Argu- 
menten wie auch Hartmann und Becker (vgl. W^J. Bd. 3 S. 170/3). Auch er ist der Ansicht, 
daß die Zukunft der Türkei in einem islamisch-nationalen Staate liege, was nicht aus- 
schließt, daß die Nicht-Muslime in der Türkei völlig gleichberechtigt und sicher leben 
können. 

3* „Die Mystik des Islam" behandelt Dr. Wilhelm Oehlin der Zeitschrift: Der Gral 
(Jahrgang 1915 März-Heft; weitere Fortsetzungen folgen). Er teilt den Stoff in drei Teile: 
1. Die arabische Mystik. 2. Zur Charakteristik der islamitischen My.itik. 3. Die persische 
Mystik. — Die Arbeit ist durchaus zu begrüßen, da der Verfasser mit der christlichen 
Mystik vertraut ist und ständig Parallelen zieht. 
4 In dem Aufsatze von Prof. JosefKohler über „das Recht im Islam" in der Sonn- 
tagsbeilage Nr. 25 zur Vossischen Zeitung Nr. 310 wird man zahlreiche Anschauungen des 
Verfassers nicht zu teilen vermögen. Vgl. dazu Becker in Der Islam Bd. 5 S. 398 Nr. 926. 

5* L(eo) F(rob enius?) führt im Deutschen Kurier (12. Juli 1915 „Der Islam und die 
Frauen") aus, daß wie die Wiedergeburt der islamischen Welt überhaupt, so sich auch die 
Gesundung und Hebung der Frauen Stellung nicht durch die sklavische Nachahmung 
abendländischer Lebensnormen vollziehen könne, sondern daß man nur die alten Quellen 
wieder zu erschließen habe. So erkennt der Koran eine völlige Gleichberechtigung von 
Mann und Frau an (Sure 33, 1). Ferner hat es in den ersten Jahrhunderten des Islams 
eine Reihe hervorragender Frauen gegeben. „Die heutige Rechtlosigkeit der muhamme- 
danischen Frau ist ein Produkt späterer dekadenter Zeit." Aber z. B. „in Damaskus, Aleppo, 
Bagdad und vor allem in Persien bestehen noch Heime, in denen die Frauen glücklich 
sind, weil sie nach den religiösen und sittlichen Gesetzen ihres Volkes leben können. 
Dort hat sich auch der Sinn für Musik und Dichtkunst, das feine Verständnis für das 
Edle und Zarte erhalten und manche herrliche Blüte gezeitigt." Daran müssen eben die 
türkischen und deutschen Reformer anknüpfen. 

6* In einem Artikel über „Moscheen in Deutschland und England" (Frankfurter Zeitung 
30. Juli 1915, Hamburger Nachrichten 30. Juli 1915) beklagt sich Halil Halid Bey, 
früherer türkischer Generalkonsul in Bombay und Mitglied des türkischen Parlaments, 
über die Schwierigkeiten eines Moscheebaues in London, der, obwohl die Mittel da waren, 
an dem Widerstände der englischen Regierung scheiterte. Dem hält er den jetzigen Bau 
der Moschee in Berlin entgegen. 
7 Den Nachruf des muhammedanischen Geistlichen Said Memun Abul-Fadl auf 
einen deutschen Pastor, der in der türkischen Presse erschien, bringt der Zeitgeist, Bei- 



Zeitungsschau. 273 

miiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiininiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ 

blatt znm Berliner Tageblatt vom 26. Juli 1915, in der Übersetzung von Ida Essler. 
Man sieht daraus, welche Hochschätzung die Leute, die sich ernsthaft bemühen, den 
Islam verstehen zu lernen, bei den Muslimen, selbst bei fanatischen Imams haben. 

Dr. M. Saadi Bey schildert in seinem Aufsatze: „Mohammedanische Märtyrer für 8* 
die Sache der nationalen Freiheit" (Kölnische Zeitung, 8. Mai 1915) in Anlehnung an den 
Mordanschlag auf den „Scheinkediven Hussein Kamil" die Ermordung des General Kleber 
am 11. Juni 1800 durch Suleiman-ül-Halebi. Den hier mitgeteilten französischen Bericht 
über dessen Standhaftigkeit bei Vollstreckung der grausamen Todesstrafe schließt der 
Verfasser mit den Worten : „Wir teilen diese furchtbare Tragödie mit, um zu zeigen, daß 
vor hundert Jahren die Mohammedaner zur Befreiung ihres Vaterlandes zu dem größten 
Opfer bereit waren. Die Tragödie zeigt auch den Widerstand des Mohammedaners den 
Leiden gegenüber, die er zu erdulden hat, und die Würde und den Adel, mit dem er diese 
Leiden erduldet. Besonders verdienen die W^orte hervorgehoben zu werden, die Suleiman 
an seinen Peiniger richtete: „Du bist nicht der Mann, der zu mir sprechen darf!" 

IL Die einzelnen Länder. 

1. Balkan. 

Essad Pascha, schreibt Freiin von Godin in der Kölnischen Volkszeitung vom 9* 
13. Mai 1915 („Aus Albanien"), wird sich in Durazzo so lange halten, als er die Subven- 
tionen von Frankreich (auf serbische Rechnung) und von Italien erhält. Wäre Essad be- 
seitigt „und damit eine gewisse Zufuhr über Durazzo ermöglicht, könnten die „albanischen 
ßebellen" .... ihrem Haß gegen Montenegriner und Serben und gegen alle Feinde der 
Türkei nachdrücklicher als jetzt Ausdruck verleihen". Essads Angriff auf Raschbul war 
eigentlich ein Beutezug, der ihm teuer zu stehen kam. — In Albanien regiert sich jeder 
auf eigene Faust, so besteht in Skutari eine Kommission aus Christen und Mohamme- 
danern, welche in der Stadt, in Alessio und in Medua die Verwaltung führt ; aber eine 
eigentliche Regierungsgewalt hat sie nicht. Nur Tirana, Kruja, Schiak, Kavaja, Elbassan 
Berat und Fjeri hängen direkt von der sogenannten revolutionären Regierung in Tirana 
ab, an deren Spitze Abdullah Pinali steht, aber bei der als eine Art Ehrenpräsident Musa 
Efendi die Hauptrolle spielt. Jede Stadt ist dabei getrennt organisiert und wird durch eine 
ortsangesessene Kommission regiert. Ein Delegierter der Zentralregierung ist in jeder 
Stadtkommission ; ebenso wird der Gendarmerieführer jeder Stadt von Tirana aus ernannt 
und hat auch Sitz und Stimme in der Stadtkommission. Der Bezirk jeder Stadt zahlt die 
Gendarmerie, die in ihr liegt und die durch den von Tirana ernannten Führer der Zentral- 
regierung untersteht, und zwar drei Piaster für den Tag und den Mann. Sonst kann der 
Bezirk einer Stadt alle seine Einnahmen auch wieder für die Ausgaben des Bezirks ver- 
wenden. Es gibt auch keine höhere juridische Instanz als die des Ortes selbst. Kommt es 
aber zu einem Prozeß und eine Partei ist mit dem Urteil nicht zufrieden, so kann sie sich 
in Tirana bei der Hauptkommission beschweren. Diese eigentümliche Organisation ent- 
spricht übrigens offenbar dem Wesen des Landes, denn es herrscht in all den Ge- 
genden, in denen die Zentralregierung von Tirana ihr System eingeführt hat, die größte 
Siclierheit, Ruhe und Ordnung. 

2. Türkei. 

In einem Aufsatze „die Entwicklung der Türkei zum Rechtsstaat" (Das neue Deutsch-10* 
land Jahrg. 3 Nr. 30/33) skizziert Freiherr von Mackay zunächst kurz die Entwicklung 
des Kalifats. Er ist der Ansicht, daß die Mitwirkung des Volkes nach abendländischem 
Muster nur auf dem Weg zum konstitutionellen Monarchismus mit der durch dieses Ee- 
Üie Welt des Islam», Band III. 18 



274 Die Welt des Islams, Ba)id III. igiß, Heft jj^ 



«rierungssystem bedingten Einschränkung undSelbstbescheidung derTolksherrschaftlichen 
Parteigewalten möglich ist. Trotz des Ballastes alter, noch heute gültiger Normen, die in 
starkem Gegensatz zu den Lebensprinzipien des europäischen Rechtsstaates stehen, rückt 
die Wiedergeburt des türkischen Reiches, die allein von der praktischen Reformarbeit an 
den nächstliegenden und dringendsten Einzelproblemen politischer, wirtschaftlicher und 
sozialer Hebung der Staatsgemeinschaft abhängt, immer näher. Das zeigt schon eines der 
wichtigsten Probleme in der Türkei, die Agrarfrage. So wurde unter dem Ministerium 
^lachmud Schefket Pascha eine Bodenbesitzreform angebahnt: gesetzlich wurde „ent- 
gegen dem bisherigen Hodschasystem des geistlichen Rechts die uneingeschränkte Publi- 
zitätsuorm für das Eigentum an Grundstücken festgelegt, eine moderne Universal- und 
Spezialorbfolge geschafi'en, welche den Heimfall des Mirijeh- und Wakuhlandes an die 
Stiftungen stark einschränkt, mit den veralteten Faustpfandbestimmungen des Medschelleh 
gebrochen und an deren Stelle ein Vertragspfandrecht gesetzt, das zeitgemäßen kapital- 
und kreditwirtschaftlichen Entwicklungsformen freie Bahn macht, endlich die Möglichkeit 
des Grunderwerbs juristischer Personen erweitert und ein allgemeiner Kataster einge- 
führt". Zum Schluß sagt er: in der Türkei ist nur eine Harmonisierung der staatlichen und 
lurchlichen Rechtsentwicklnngsgruppen möglich, ferner kann sie sich nur als Nationali- 
tätenstaat mit völliger Gleichberechtigung der einzelnen in ihr lebenden Nationalitäten 
glücklich entwickeln. 

1 1 Aus einer Unterredung mit AchmedHikmetBey, dem kaiserl. ottomanischen General- 
konsul in Budapest, der vorher im türkischen Ministerium des Äußern als Generaldirektor 
des kommerziellen Departements wirkte, gebe ich folgendes wieder (Das junge Europa 
7. Jahrgang 1915, Heft 6 „Über die Zukunft der Türkei"): für den jetzigen &ieg ist die 
Türkei mit Munition, Lebensmitteln usw. vollkommen ausreichend versehen. Inter- 
essant sind seine Mitteilungen über die Pläne nach dem Kriege : die Prinzipien „Einheit 
und Fortschritt" und das konstitutionelle Regime haben sich glänzend bewährt, eine so 
populäre Regierung wie die jetzige hat es in der Türkei seit Midhat Pascha nicht gegeben. 
Die wenigen Personen, die an der letzten Verschwörung beteiligt waren, haben demgegen- 
über nichts zu bedeuten. Unsere Araber haben sich den Türken, angesichts der äußeren 
Gefahr, fester angeschlossen als je, sodaß wir im Jemen keine Garnisonen brauchen. Wir 
werden nach dem Kriege alle unsere Kräfte dem geistigen und wirtschaftlichen Fort- 
schritte widmen können, was durch die Aufhebung der Kapitulationen erleichtert ist. Die 
Erhöhung der Eingangszölle auf 30"/o ^'^r Deckung der Kriegskosten ist nur eine proviso- 
rische Maßregel. Wir gedenken einen autonomen Zolltarif zu erstellen und Tarifverträge 
zu schließen, in denen wir nur solche Konzessionen gewähren werden, für welche man uns 
entsprechende Gegenleistungen bewilligt. Sollte man von uns überflüssig gewordene Zu- 
sagen für die Rechtsgleichheit unserer christlichen Mitbürger fordern, werden wir auch 
für unsere unter christlicher Herrschaft lebenden Religionsgenossen die volle Rechts- 
gleichheit verlangen. Die landwirtschaftliche Produktion soll gesteigert werden, was eine 
Revision der bisherigen Bewässerungspläne und den Ausbau des Bahnnetzes erheischt. 
Wir projektieren folgende Bahnen: 1. Haidar-Pascha, Heraclea, Kastamuni, Amassia, Sivas, 
Divrik, Erzernm, Bajazid; 2. Angora, Sivas, Diarbekr, Bitlis. Der Verkehr dieser großen 
Bahnen kann nur durch zahlreiche Vizinalbahnen gehörig alimentiert werden. Eine Zweig- 
bahn der Hedschazbahn geht bereits über die Sinaihalbinsel und dürfte mit der Zeit an 
das egyptische Bahnnetz angeschlossen werden. 

12* Die Kölnische Volkszeitung führt in einem Leitartikel (13. April 1915): „Die Türkei 



Zeitungsschau. 275 



als Rohstofflieferantin für die dentscho Industrie" folgende Rohstoffe auf: Weizen, Wolle, 
Baumwolle, Häute, Felle, Tabak, Rosinen, Mohair, Seide, Opium, Petroleum. Die Baum- 
wolle gedeiht vorzüglich in der Ebene von Adana, deren Erträgnisse noch reicher werden, 
wenn die von der anatolischen Eisenbahn geplanten Bewässerungsanlagen durchgeführt 
sind. Die Regierung sucht einstweilen schon den Baumwollbau durch Verteilung von 
gutem Samen zu heben und hat den Pflanzern zur Bekämpfung der Baumwollkrankheiten 
und zur Auswahl und Mischung des Samens einen Fachmann geschickt. Nach Vollendung 
der in Angriff genommenen Bewässerungsanlagen wird auch Mesopotamien ein frucht- 
bares Baumwollgebiet sein. Ebenso könnte die Türkei Schafwolle liefern, allerdings müßten 
die Züchter zu einer sachgemäßeren Zucht angehalten werden, wie z. B. ihre Tiere im 
Winter besser zu pflegen und im Sommer Futter zu sammeln. Die Kokonserzeugung wird 
unter der Aufsicht der ottomanischen Staatsschuldenverwaltung sachgemäß betrieben. 
Allerdings bedarf es bei alledem noch Jahre angestrengter Arbeit, zunächst, um die Pro- 
duktion zu vermehren und dann um den Handel damit zu organisieren. Ob die Petroleum- 
quellen im Osttigrisland und in Syrien so bedeutend sind, daß sich eine große Industrie 
darauf gründen läßt, kann man heute noch nicht sagen. Dagegen könnte die Türkei Kupfer 
nach Deutschland liefern; Kupferlager sind in Arghana-Maden' in Kurdistan, bei Tire- 
boli am Schwarzen Meer und in Hendek*. 

Dasselbe Problem wird iu den beiden folgenden Aufsätzen behandelt: Dr. Hugol3* 
Grothe, „Deutsch-türkische wirtschaftliche Interessengemeinschaft" (Das neue Deutsch- 
land Jahrg. 3 Nr. 40/42 = 15. Kriegsummer) und Davis Trietsch, „Deutsch-islamische 14* 
Wirtschaftspolitik" (Handels-Zeitung des Berliner Tageblattes, 5. August 1915). Grothe 
führt folgendes aus: 1913 betrug der deutsch-türkische Warenhandel nur etwa 0,10% 
des deutschen Welthandels. Das deutsche Anleihe- und Unternehmerkapital in der Türkei 
vor Ausbruch des Krieges wird man immerhin auf rund eine Milliarde Mark ansetzen 
dürfen (investiertes Unternehmerkapital 450 — 500 Millionen Mark, Anteil an der türki- 
schen Staatsschuld 520 — 550 Millionen Mark). Ferner stand Deutschland bereits 1910 als 
Geber und Nehmer der mit der Türkei zum Austausch kommenden Waren mit 21 % an 
zweiter Stelle, gleich dem mit derselben Quote beteiligten Österreich-Ungarn, und wurde 
nur von England (35%) übertroflen. Vor 23 Jahren war Deutschland mit ß^/o tind Eng- 
land mit 60 "/o beteiligt; d. h. Deutschland befindet sich in raschem wirtschaftlichen Vor- 
marsche in der Türkei; ferner: es beherrschen die beiden Zentralmächte zusammen das 
türkische Wirtschaftsleben in höherem Grade als England. An der Spitze unserer Einfuhr 
nach der Türkei steh en die Produkte der Textilindustrie, der Eisen-, Waffen-, Maschinen- 
Leder- und Lebensmittelindustrie sowie der Chemie und Elektrotechnik. Die Türkei lie- 
fert uns vor allem Rohstoffe, Lebensmittel, Teppiche und Mineralien (vgl. oben). Es han- 
delt sich um einen Austausch von Industrieprodukten gegen Bodenerzeugnisse, also um 
eine durchaus glückliche und für lange Dauer bürgende gegenseitige Ergänzung. Infolge 
unserer augenblicklichen Einkreisung ist eine geradezu zwingende wirtschaftliche Inter- 
essengemeinschaft gegeben. Rumänien und Bulgarien, gewissermaßen das nach Südosten 
sich verlängernde Zentraleuropa, müssen als Bindeglieder dienen. Der Verfasser bespricht 
dann die aus der Türkei auszuführenden Bodenerzeugnisse, wie Baumwolle, Mineralien 
(Kupfer, Silber, Blei-, Eisenerze, Antimon, Zinn, Zink u. a. m.), Petroleum und Getreide. 
Für die Industrialisierung der Türkei, z. B. eigene Herstellung der Manufakturwaren, 
müssen wir wiederum die nötigen Maschinen liefern. Aus dem Aufsatze von Trietsch 
' Stielers Handatlas Blatt 59 B 8. 
» Ebenda A 4. 

18* 



276 Die Welt des Islams, Ba?iä 11/. 1(^15, Heft3l4 



füge ich noch hinzu, daß nach seiner lierecliunng der gesamte Handel Deutsclilands mit 
den Huuptländeni des Islams, nämlich der Türkei, Egyptens, Französisch-Nordafrikas. 
Persiens und Niederländisch-Indiens gegenwärtig etwa 800 Millionen Mark ergibt, d. h. 
bei einer muslimischen Bevölkerung von 94,5 Millionen einen Umsatz von 8 Mk. pro Kopf. 
Den Gesamthandel Deutschlands mit der islamischen Welt schätzt er auf etwa 2 Milli- 
arden Mark. 

15* Der Berliner Börsen-Courier vom 22. Juni 1915 gibt Auszüge aus den Geschäftsbe- 
richten der „Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft und ihrer Tochtergesellschaften im Jahre 
1914". (Siehe diese Zeitschr. 8. 245). Die Hafengesellschaft Haidar-Pascha verteilt 
wie im Vorjahre S'^/o Dividende. Die Betriebsrechnung schließt mit einem Reingewinn von 
58 538 türk. Pfund (gegen 62 812 im Vorjahre). Die Verminderung erklärt sich aus den 
zahlreichen Militärtransporten, die Vorzugstarife genießen. Die Tiefe des Hafenbecken! 
soll auf 8,50 m gebracht werden, um den stets wachsenden Dampfergrößen gerecht va. 
werden. Die Durchführung dieses Beschlusses hat infolge des Krieges einen Aufschub er- 
fahren müssen. Aus demselben Grunde mußten die Bauarbeiten im Hafen von Alexan- 
drette eingestellt werden. Die EisenbahngesellschaftMersina-Tarsus-Adana 
Terteilt wie im Vorjahre C/'o auf die Vorzugsaktien und 3"/o auf die Stammaktien. Die 
Gesamteinnahmen und Ausgaben betrugen: 

1914 1913 1912 

Pfd. türk. Pfd. türk. Pfd. türk. 

Bruttoeinnahmen: ' 74 695 69 638 72 248 

Betriebsausgaben : _ 30 3 37 29 306 29 195 

Nettoergebnis : ' 44 358 40 331 43 052 

Vom 28. Dezember ab mußte wegen der Kriegshandlungen der Betrieb der Strecke Mer- 
sina-Tarsus eingestellt werden. 

16* Über den Wandel in der heutigen Türkei und den immer stärker werdenden Einfluß 
des Deutschtums in ihr berichten der Hannoversche Courier (28. Juni 1915 „Deutscher 

17*Geist in der Türkei"), Dresdener Neueste Nachrichten (11. Juli 1915 „Kultur- 

18 Wechsel"), ferner Max Rudolf Kaufm ann in der Frankfurter Zeitung (5. Juni 1915 
„Das neue Pera") : Allmählich zieht deutsches Wesen immer mehr ein, „unter dem Willen 
des ernsten Stambul, deutsch zu sein". 

19 Einen Auszug aus dem ersten 20 Seiten starken Jahresbericht der „deutschen Schule 
in Adana", die unter Leitung von Dr. Albert Silhcrmann steht, gibt Lothar Brieger 
im Berliner Tageblatt vom 10. Juli 1915: In Adana bestand bereits eine französische Je- 
ßuitenschule. Als Gegengewicht dazu gründete die Deutsch-türkische Vereinigung eine 
deutsche Schule. Bei ihrer Eröffnung meldeten sich für die Vorbercitungsklasse 10 Schüler, 
darunter nur ein Türke. Ein Teil sprang jedoch bald ab, wofür aber wieder andere ein- 
traten. Schwer hielt es klarzumachen, daß regelmäßiger Schulbesuch und regelmäßige 
Schularbeiten notwendig sind. „Die Türken betrachten die Schule nicht ohne großes Miß- 
tranen, sie sind so sehr an die früheren Missionsschulen gewöhnt, daß sie auch die deut- 
sche Schule in starkem Verdachte haben, eine solche zu sein." „Der Lehrplan ist groß: 
Deutsch, Schreiben und Lesen, Französisch, Türkisch, Rechnen, alle Gebiete der Mathe- 
matik, muhammedanische Religion, Naturbeschreibung, Geographie, die so eingerichtet 
wird, daß die Schüler vor allem einen Begriff von der Bedeutung der deutschen Industrie 
und ihrer Vorbildlichkeit für die Türkei bekommen." Aber bald sieht der junge Direktor, 
daß es mit einer reinen Bildungsanstalt hier nicht getan ist, sondern daß es vor allem dar- 
auf ankommt, dem türkischen Volke „praktisch und technisch erfahrene Männer" ku 



Zeitungs schau . 277 



schaffen. Infolge starken Andrangs von gänzlich Ungebildeten muß eine Elementarklasse 
eingerichtet werden. Am Schlüsse des ersten Jahres sind es 188 Schüler, in der Mehrzahl 
Muhammedaner. (Die deutsche Kolonie in Adana zählt 40 Mann.) 

Auf die Schwierigkeiten der Schaffung des deutsch-türkischen Bündnisses weist Emil 20 
Ludwig im Berliner Tageblatt (22. Juni 191Ö „Deutsche und Türken in Konstantinopel") 
hin. Aus der Türkei, die so eng mit England und Frankreich und Rußland verstrickt ist, 
könnten die Feinde heute noch nicht verbannt, ihre Banken und Läden könnten nicht 
geschlossen werden, ohne die Türken selbst zu schädigen. Franzosen und Engländer ver- 
lieren „wohl ihren Einfluß, aber nicht ihre Existenz". Selbst in der Sprache ist man zu- 
meist auf das Französische und Italienische angewiesen. Daher konnte unser Bündnis zu 
Beginn nicht allgemein populär sein, es mußte sich erst durchringen, das Vertrauen mußte 
sich vertiefen. Manche Leute wollen jetzt schon wissen, daß die führenden Militärs: Enver 
Pascha, Souchon, Liman das Bündnis herbeigeführt haben; demgegenüber weist der Ver- 
fasser auf die Bedeutung der führenden Politiker hin : des Botschafters Freiherrn von Wan- 
genheim und des Ministers Talaat Bey. 

Dr. J. Auerbach schreibt im Fränkischen Kurier vom 27. April 1915 unter dem Da-21* 
tum: Konstantinopel, 15. April 1915 über die nach dem Stambuler sumpfigen, übelrie- 
chenden Tatawla-Tale benannte „Agence Tatawla". Man versteht darunter die ungeschrie- 
benen, in Straßenbahnwagen und Kaffeehäusern kursierenden Gerüchte über türkische 
und deutsche Niederlagen; diese Gerüchte gehen von gewissen Stambuler Kreisen aus, 
die in den letzten drei Jahren „ihre unumschränkt, zügellos tobende Herrschaft" ausge- 
übt haben und „heuer in den begünstigenden Nebeln der gegenwärtigen Krise ihr Un- 
zuchtwesen wie nie zuvor treiben". 

Zur „Verschwörung gegen die türkische Eegiemng" gibt Dr. Albrecht Wirth eine22* 
kurze Charakteristik der Hauptbeteiligten (Tägliche Eundschau 15. Mai 1915). 

Den neuen türkischen Botschafter in Berlin Hakki Pascha schildert Generalleutnant 03 
z, D. Imhoff als einen ernsten, gewissenhaften Arbeiter, der persönlich nicht mehr als 
nötig hervortreten will. „Liberal und verfassungstreu, liebt er Kürze und Schmucklosig- 
keit des Ausdrucks, wie dies besonders in seiner Rede als Großwesir hervortrat, die an 
sich nüchtern erschien, aber außerordentlich durch die Fülle des Inhalts gewann und u. a- 
das Recht der dem Großwesir zustehenden Exekutivgewalt in Anspruch nahm, ohne das 
Parlament um seine Mitwirkung zu bemühen. Der Zug nach Klarheit in der Begrenzung 
der Funktionen verrät den nüchternen, die Begriffe scharf erfassenden Rechtsgelehrten." 
— Er wurde am 18. April 1863 in Stambul geboren. Nach der Absolvierung derMulkije- 
Schule (1882) wurde er im September des gleichen Jahres Mitglied des Korrespondenz- 
büros im Auswärtigen Amte, 1886 Professor an der Rechtsschule. 1892/93 war er türkischer 
Generalsekretär auf der Ausstellung in Chikago. Vom 10. Juli bis Dezember 1324 (1908) 
war er Minister des Innern, darauf Botschafter in Rom, alsdann vom 30. Dezember 1325 
bis zum 16. September 1327 Großwesir. Gerade zu dieser Zeit gestalteten sich die Bezie- 
hungen zwischen der Türkei und den Zentralmächten, besonders zu Deutschland, immer 
enger. 1913 nach Berlin und 1914 in diplomatischer Mission nach England gesandt, nahm 
er nach Beendigung seiner Tätigkeit in London die Verhandlungen über das deutsch-tür- 
kische wirtschaftliche Abkommen in Berlin auf. (Vossische Zeitung 26. Juli 1915 Nr. 377.) 

Über die Presse in Stambul bringt die Kölnische Zeitung (Nr. 535 vom 28. Mai 191524* 
„Die türkische Presse") eine kleine Zusammenstellung. Die wichtigsten „eine füh- 
rende Stellung einnehmenden Blätter" sind folgende: 



278 Die Welt des Is/ams, Band III. igi§, Heß jl^ 



a) in türkischer Sprache: 

1. Der im Besitze Achmed Dschewdet Beis befindliche Ikdam. Kriegsauflage unge- 
fähr 35 000 Exemplare, erscheint morgens, ist durchaus deutschfreundlich und nach un- 
seren Begrifien „eine völlig unabhängige Zeitung". Sehr geschätzt sind die „Briefe" des 
Besitzers, der wegen seiner Gesundheit im Ausland lebt. 

2. Der Tanin. Organ der Jungtürken, wie Nr. 3 und 5; er hat herrorragende Mitar- 
beiter; an Stelle von Hussein Dschahid Bei hat jetzt der Armenier Kelekian Effendi, der 
eine bedeutende politische Bildung besitzt, die Leitung. Als vorzüglicher Kenner der 
Balkanangelegenheiten gilt noch Jnmis Nadi, früher in Salonik. 

3. Taswir-i-Efkiar besitzt nächst dem Tanin die größte Druckerei Stambuls mit 
Rotationsmaschinen. 

4. Sab ach, gehört dem Armenier Mitran; Auflage etwa 20000. Nr. 3 und 4 sind die 
„anzeigenzugkräftigsten". 

5. Terdschüraan-i-Hakikat, in den achtziger Jahren von dem türkischen Lite- 
raten Achmed Midhat Eflendi gegründet. Erscheint als Abendzeitung. 

6. Turan und 7. Karagös, ein "Witzblatt, das gerade in diesen Zeiten einen Sonder- 
artikel verdiente. 

b) in griechischer Sprache: Tachydromos, Chronos, Patris und Neologos. 

c) armenisch: Asadamart und Dschawauak. 

d) für die Spaniolen: El Tiempo. 

e) „ „ Perser:Chaver. 

f) „ „ Araber: El Adl. 

g) in französischer Sprache: La Turquie und Moniteur Oriental. 
h)in deutscher Sprache: der Osmanische Lloyd, der schon seit acht Jahren 

deutsch und französisch erscheint. Von den nichttürkischen Blättern ist er das am mei- 
sten gelesene und auch über Anatolien und Palästina verbreitet. Sein Nachrichtendienst 
ist wegen seiner Zuverlässigkeit allgemein gerühmt. „Siegesnachrichten werden hierzu- 
lande erst geglaubt, wenn sie der Osmanische Lloyd bringt." (Vgl. Bd. 2 S. 21 und S. 279 
dieser Zeitschrift.) 
25* Gustav Halm schildert in der Kölnischen Volkszeitung Nr. 351, 405, 423, 430 vom 
30. April, 19. 27., und 29. Mai 1915 („Unterm Halbmond im Weltkrieg") die Reise des 
Lazarettpersonals mit den Lazaretteinrichtungen, das Graf Fritz von Hochberg der Türkei 
zur Verfügung stellte, von Starabul nach Jerusalem. Interessant sind einige Mitteilungen 
über den Geldverkehr in der Türkei : Das deutsche Goldstück ist jetzt ganz verschwunden, 
dagegen ,, kursiert häufig der französische Napoleon, der Louisd'or, das italienische 10- und 
20-Lirestück, belgisches Gold, vereinzelt österreichische Kronen und Doppelkronen, das 
prächtige türkische Pfund, viel englisches Gold und alte Münzen aus Sardinien und anderen 
Exkönigreichen. Seltsam verteilt ist die Herrschaft der türkischen Silbermünzen. In der 
Hauptstadt kursiert fast nur die Medschidie (= 20 Piaster), die Halbe- und die Viertel- 
Medschidio. Hat man den Taurus überquert, so findet man fast nur kleine Silberstücke 
zu ein und zwei Piaster, daneben das Nickelgeld: 1, 2 und 4 Metallik. In Damaskus kommt 
der Beschlik dazu, eine große Kupfermünze zu 2'/'2 Piaster, sowie der halbe Beschlik. 
Beides beherrscht auch in Jerusalem den Markt. Noch weiterhin begegnet man den Silber- 
münzen des Nordens mit unverhohlenem Mißtrauen, vielfach weist man sie sogar zurück." 
Dann schildert er den Ritt über den Taurus und den von Osmanije über Hassan-Beyli, 
Islahije (von hier über den bereits angeschütteten Bahndamm), Eumer-Beyli nach Radjn, 
der ersten Station der Bahn nach Aleppo. — Von seinem Aufenthalte in Damaskus erzählt 



Zeitungsschati. 279 



er die Zusammenkunft mit „Rechid Pascha, Representant General de S. E. Ibn-el-Rechid 
Emir de Nedjid" (so nennt der Pascha sich auf seiner Visitenkarte), der dem Verfasser 
einen schriftlichen Bericht über die am 6. Januar 1330 (19. Jan. 1915) in der Nähe von 
Basra zwischen mehreren Beduinenstämmen geschlagene Schlacht gab. ' „Ibn Sa'üd war 
vom Emir von Koweit bestochen und der englandfreundlichen Partei zugeführt worden 
In Verbindung mit Ibn Sa'üd suchte der englische Konsul von Basra den mächtigsten 
Wahhabitenfürsten, Ibn er-Reschid, für die Engländer zu gewinnen." Da aber nun Ibn er- 
Reschid treu zur türkischen Partei hielt, „kam es zwischen den beiden Stämmen zur 
Schlacht, bei der auf jeder Seite etwa 30- bis 40 000 Mann gefochten haben sollen. Der 
englische Konsul führte Ibn Sa'üd englische Kanoniere zu, trotzdem schlug Ibn er-Reschid 
den Gegner, eroberte alle Kamele und die Munition der Feinde, ferner sieben Fahnen, 
und tötete insgesamt 3000 Mann. Unter den Gefallenen befand sich auch der englische 
Konsul, dessen gesamte Papiere erbeutet wurden. Sie werden zurzeit übersetzt und sollen 
sehr belastendes Material enthalten." Mit den eroberten Fahnen und dem an eine von 
diesen geknüpften Hut des englischen Konsuls reisten einige hervorragende Vertreter des 
siegreichen Stammes, an der Spitze Reschid Pascha und der Scherif Ahmed von Mekka, 
in einem wahren Triumphzuge nach Stambul. — Aus dem folgenden hebe ich noch 
heraus, daß die Bahnstrecke Damaskus— Jerusalem bis Sile in Betrieb ist, aber bis Sebastije 
(Samaria) fertiggestellt ist und zur Not befahren werden kann. Seine Reiseberichte setzt 
Halm in demselben Blatte Nr. 639 vom 8. Aug. 1915 mit der Schilderung einer „türkischen 27 
Herberge" fort. 

Aus der Reihe der Artikel über die Dardanellenkämpfe nenne ich folgende: Rudolf28* 
Zabel, „Unterm Halbmond" (Tägliche Rundschau 27. und 30. April 1915). Die Landung 
der Verbündeten am 25. April und ihre Vertreibung vom asiatischen Ufer schildert Franz 29 
Babinger in der Frankfurter Zeitung (13. Juni 1915 „Von den Dardanellen"). Eine an- 
schauliche Schilderung der Kämpfe des 6., 7. und 8. Mai auf der Südspitze von Gallipoli 
entwirft der englische Berichterstatter Ashmeed Bartlett, der als Augenzeuge den Kämpfen 
beiwohnte (Kölnische Volkszeitung 3. Juni 1915 „Die Lage im Orient"). Einzelheiten 30 
über die Art des Kampfes und die Verwüstungen geben noch Dr. F. Babinger, „Vom 31 
Dardanellenkriegsschauplatz" (Frankfurter Zeitung 16. Mai 1915) und W. S., „Verwüstete 
Dörfer auf Gallipoli" (Vossische Zeitung 5. Juni 1915). Die Kämpfe seit November 32 
behandelt zusammenfassend Kapitän z. See a. D. L. Persius im Berliner Tageblatt 5. Juni 33 
1915 („Die Kämpfe an den Dardanellen"). Eine historische Skizze über „die Bedeutung 
der Dardanellenfrage" bringt Prof. Dr. Paul Herre in der Sonntagsbeilage Nr. 18 zur 34 
Vossischen Zeitung Nr. 222 vom 2. Mai 1915. Die Operationen der türkischen Schwarz- 
meerflotte schildert Otto v. Gottberg in der Vossischen Zeitung vom 11. Mai 1915 '^' 
(„Die Flotte im Schwarzen Meer"), ebenso Kölnische Zeitung 11. Mai 1915). Einen aus- 
führlichen Bericht über die Kämpfe im Kaukasus seit Beginn des Krieges bringt die 36 
Vossische Zeitung vom 23. Juli 1915 („Unter dem Halbmond im Kaukasus"). 

' Einen zweiten Bericht über diese Schlacht und den Aufenthalt der Abgesandten in26* 
Damaskus bringt Kristian Kraus im Berliner Lokalanzeiger (21. April 1915 „Bei 
dem Großwesir des Emirs von Nedjid"). Nach diesem Berichte hatte Ibn Sa'üd eine 
Kanone und 4 Artilleristen, unter Führung des Kapitäns Shakespeare von der indischen 
Armee erhalten. „Es kam zum Kampf an einer der Wasserstellen in der Wüste. Ibn 
Sa'üd wurde geschlagen, verlor 3000 Mann an Toten, unter diesen befanden sich die 
englischen Artilleristen und der Konsul, ferner verlor er alle Munition und Lasttiere." 
Das Datum wird übereinstimmend auf den 6. Januar 1330 angegeben, jedoch beides Mal 
mit falscher Umrechnung. 



280 Die Welt des Islams, Ba7id III. i(^i^, IIefijl4 

niiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiii^ 

'7* Aus den Briefen des türkischen Leatuants Hassan Kaghib, die D. Schumacher 
in der Zeitschrift „Über Land nnd Meer" 1915 Nr. 14 („Briefe über das türkische Heer") 
n Übersetzung wiedergibt, entnehme icli folgendes: Seit 1880 schon ist der Heeresdienst 
auf drei Jahre beschränkt worden, aber in Wirklichkeit hängt seine Dauer von der je- 
weiligen äußeren und inneren Lage ab. Die Theologiestudenten und Bewohner von Kon- 
stantinopel können sich vom Dienst befreien lassen, letztere jetzt mit Vorbehalt. Schwierig 
war immer die Frage der Einstellung der christlichen Untertanen der Türkei. Man hat 
durchweg cliristliche Korjjs bilden wollen, wie z. B. die „Libanon-Miliz" in der Stärke 
von zwei Bataillonen. Sie wurden aber nie herangezogen, noch besonders kontrolliert. lo 
einem zweiten Briefe wird über die Reformen gesprochen und die Gehaltshöhe der 
Offiziere angegeben : Mülaizim monatlich 6 türk. Pfund (= 114. — Mk.), Jüzbaschi 10, 
Qolaghasi 13, Binbaschi 15, Kaimakam 22, Miralai 26, Mir-i-Lewa 32, Feriq 43, Müschir75 
türk. Pfund. Altersgrenzen gibt es für den türkischen Offizier nur in der Theorie, 
ga» Prof. Martin Hartmann tritt in einem Aufsatze: „Die türkische Moderne und die 
türkisch-arabische Schrift" (Kölnische Volkszeitung Nr. 454, 6. Juni 1915) dafür ein, daß 
die Türken für das Osmanische die Lateinische Schrift einführen sollten. Dies sei jetzt, 
wo das Osmanische für das ganze Reich die Staatssprache geworden, erst recht notwendig. 
„Wenn die neue Bestimmung sagt, daß die nichttürkischen Staatsangehörigen des osma- 
nischen Reiches auch türldsch lesen und schreiben lernen müssen, so stellt das eine 
.schwere Belastung dar, weil diese Nichttürken ohnehin wenigstens eine fremde Sprache 
(meistens französisch oder deutsch) erlernen." Ferner besteht auch eine Schwierigkeit in 
der arabischen Schrift für die Türken selbst, nämlich in der W^iedergabe des äußerst feinen 
Vokalsystems und in der Wiedergabe fremder Namen (was sich bei dem immer enger 
werdenden Anschluß der Türken an die europäische Kultur immer stärker fühlbar machen 
wird, da die arabische Schrift einen europäischen Namen unkenntlich macht). Am Schlüsse 
weist Hartraann noch auf die Wichtigkeit hin, eine Avissenschaftliche Literatur in tür- 
kischer Sprache zu schafifen. 
39> Derselbe gibt im Zeitgeist Nr. 23, Beiblatt zum Berliner Tageblatt vom 7. Juni 1915, 
an Hand mehrerer Leitartikel des Terdschuman-i-Hakikat eine Charakteristik des Haupt- 
5chriftleitors dieses Blattes: Ahmed Agajew (Aga Ogli Ahmed). Er ist ein Kaukasustatar, 
geboren zu Schuscha, der seine Ausbildung in Petersburg und Pari erhielt. Gegenwärtig 
st er Professor an der Universität und Inspektor (Müfettisch) der u.u errichteten theo- 
ogischen Zentralschule (Dar-ül-Chilafa Medresesi). Seine Stellung is Jine vermittelnde 
^wischen Panislamismus und Pantürkismus : ^Der Islam und der national j Gedanke sollen 
»usammenwirken, um den Osmanen von neuem Weltstellung zu versch:.Üen, und zwar 
nicht bloß im politischen, sondern auch im kulturellen Leben ; das soll denn wieder dem 
Islam zugute kommen. Energisch betont Agajew die Notwendigkeit von Reformen und 
legt den Finger auf die Einzelpnnkte." Es folgt dann eine Inhaltsangabe verschiedener 
Leitartikel. Die Türken sollen für den islamisclien Orient die Vermittler der deutschen 
Zivilisation sein. Dies widerspricht der Religion des Islams nicht. „Islam ist nicht ein 
*ester, unwandelbarer Begriff." So braucht Agajew theologisch-juristische Kunstausdrücke 
,a einem anderen Sinne z. B. „Dar-ül-harb" gleich „Kriegsschauplatz". Ferner recht- 
ertigt Agajew eine Erhebung der unter der Regierung der Dreiverbandstaaten stehenden 
Muslime in würdiger Weise, „aber er betont, daß in diesem Verhalten nicht etwa eine 
besondere Feindschaft gegen diese Völker gefunden werden dürfe; es sei doch klar, daS 
die Muslime dasselbe Recht hätten, das Mittel der Aufreizung von Untertanen der Drei- 
rerbandstaaten anzuwenden, wie diese selbst es in ihrem Kampfe gegen die Verbündete« 



Zeitungsschau . 281 

tHnillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllMIIIIIHHIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIillllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll^ 

anwenden. Man wird auch nach dem Kriege miteinander leben müssen ; . . . er . . . ermahnt 
den Kampf einzig als Mittel der Befreiung zu führen und nicht von einem Geiste leiden- 
«chaftlicher Wut sich beherrschen zu lassen." ' 

Derselbe veröffentlicht in der Kölnischen Volkszeitung vom 26. Juni 1915 eine kurze40* 
Notiz über „Mehmed Emin"8 neue Gedichte „Näh, meine Nadel, Näh", „Offne dich uns 
ganz — wir sind da",^ „Türke erwach!" und über Zija Gök Alp, Kytyl elma („Rot-Apfel")- 

Den Eomanschriftsteller Halid Zia' schildert uns C. A. Bratter in der Vossischen 41 
Zeitung Nr. 382 vom 28. Juli 1915. Er gibt den Inhalt seines Romans ,,Bir öliinün defteri'-'- 
(Das Buch eines Toten) und führt noch andere wichtige Werke von ihm auf, wie „Nümide"- 
(Die Hoffnungslose) und „Ferdi we schürekasy" (Ferdi & Co.). Heute hat sich Halid Zia 
vom schriftstellerischen Leben gänzlich zurückgezogen; das Schaffen der jungen Generation 
behagt ihm nicht, „sie sind ihm zu sehr ,Politiker', zu wenig Künstler". 

N. O. gibt in den Hamburger Nachrichten (26. Mai 1915 „Ein Bven Hedin der42* 
islamischen Welt" , ebenso Kölnische Zeitung 27. Mai 1915) eine kurze Notiz über 
den tatarischen Muslim Abdur-Reschid Ibrahim, den Verfasser einer hervorragenden Schrift 
über die Entwicklung des Islams in Japan. Er lebt jetzt in Stambul als osmanischer Untertan 
und gibt dort die Wochenschrift „Tearif-i-MusIimin" heraus, die panislamisch orientiert 
ist. Er ist in der ganzen islamischen Welt herumgereist, von Egypten bis Japan. Seiner 
Zeit hat er in Petersburg die Zeitschrift „Mirat" herausgegeben, die sich ausschließlich 
mit dem Leben, den nationalen und sozialen Verhältnissen der Mohammedaner des Nordens 
beschäftigte. Während der russischen Revolution 1905 gründete er zwei Zeitungen, eine 
türkische unter dem Namen „Ülfet" und eine arabische unter dem Namen „Telmis", die 
jedoch nach der Revolution unterdrückt wurden. Er selbst wurde dabei ausgewiesen. 

Einige Proben aus der türkischen Lyrik bis Ende des 19. Jahrhunderts bringt Hans 43 
Bethge im Berliner Börsen-Courier vom 20. Mai 1915 („Die Dichtung der Türken"). 
Über das neuere „Drama der Türken" berichtet Erich Oesterfeld in: Die deutsche44* 
Bühne 1915, Heft 20. (Der Aufsatz ist geschrieben im November 1913.) 

Zum Schlüsse möchte ich noch folgende Aufsätze, die mehr oder weniger aus dem 
Rahmen dieser Zeitschrift herausfallen, erwähnen: Dr. Freiherr v. Mackay, „Armenien 45 
und orientalische Ententepolitik" (Magdeburgische Zeitung 17. Juni 1915) nnd Dr. M- 
Funk, „Kurdistan" (Frankfurter Zeitung 11. April 1915). 46* 

3. Syrien. 

Pfarrer Dr. E. Wira betont in der Kölnischen Volkszeitung (Nr. 388 vom 13. Mai 47 
1915 „Frankreich und der Orient") die segensreiche Tätigkeit der französischen katho- 
lischen Ordensleute in Syrien, die dort eine zweite Heimat gefunden hätten. Aber dies 
wird für Frankreich ein für allemal vorbei sein ; denn wenn die Türkei unterliegt, wird sie 
nicht so ohnmächtig sein, sich das weitere Eingreifen fremder Mächte gefallen zu lassen. 
Und wenn sie, was wahrscheinlicher ist, siegt, ist es erst recht vorbei. 

Unter dem Titel :„Türki8cheKulturarbeitinPalästina" gibt die Frankfurter 48 
Zeitung (2. Juli 1915) einige Äußerungen Dschemal Paschas wieder: Vier wichtige Punkte 

' Herr Prof. Hartmann bat mich darauf hinzuweisen, daß statt „nationales Gewissen" besser 

„nationales Bewußtsein" {wüydän-i-millij zu übersetzen ist. 
* Diese beiden Gedichte erschienen kürzlich in einem Heftchen vereinigt, unter dem Titel: 

Tan sesleri („Himmelstöne") Stambul 1331 [1915] 31 S. mit 2 Bildern zu den Gedichten: 

das eine stellt einen Fahnenträger, das andere eine Türkin dar, die an einer osmanische» 

Fahne näht. 
^ Nicht Haül Zia, wie der Verfasser schreibt. 



282 Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heß 3/4 



hat der Krieg mit sich gebracht: erstens der beschleunigte weitere Ansbau der Eisen- 
bahnen, so ist jetzt Jerusalem an die Hedschazbahn angeschlossen; sodann sind die Fahr- 
straßen verbessert, und teils neue gebaut worden z. B. Ton Hebron bis Bcrseba, für 
Automobile fahrbar, was früher nicht der Fall war. Dann wurden auf der Siuaihalbinsel 
eine Menge neuer Brunnen gegraben, welche die Vorarbeiten für eine dauernde seßhafte 
Besiedlung dieses Landes sind. Und viertens ist eine weitgehende Besserung der hygie- 
nischen Verhältnisse, besonders der Reinlichkeit in den Städten Palästinas durchgeführt 
worden. 
49* Ein „Brief aus Jerusalem" vom 22. Juni 191-5 in der Kölnischen Volkszeitang 
vom 7. August 1915 berichtet, daß die Eisenbahnstrecke Jerusalem — Samaria — Damaskus 
am 22. Juni eröffnet wurde. Fahrzeit 18 Stunden ; Fahrgeld zweiter Klasse 30 Franken. 
Dann folgt eine längere Schilderung der verheerenden lieuschreckenschwärme, wie »ie 
alles Laub, alle Gemüse und alle Rasenflächen abweiden. 

50 Über einen Besuch in den deutschen Schulen in Aleppo und Adana, die unter der 
Leitung der Direktoren Huber und Silbcrmann stehen, berichtet Emil Ludwig im 
Berliner Tageblatt (1. Juli 1915 „Deutsche Schulen in der Türkei"). Alt und Jung sitzt 
hier zusammen nach ihren deutschen Sprachkenntnissen in Klassen geordnet. Beide 
Schulen könnten jetzt mehr Schüler aufnehmen, als die Räume fassen können. Aleppo hat 
jetzt 140 Schüler (vor drei Jahren 40). Der Verfasser meint, das Deutsche würde einem 
schweren Stand haben, da die Handelssprache, wo nicht Türkisch oder Arabisch, Fran- 
zösisch ist; und nach dem Kriege wird an die Stelle dieses Französischen selbstverständ- 
lich das Türkische treten. 

51 Bevor die Türkei in den Weltkrieg eintrat, schreibt Viktor Weißmann in der 
Zeitschrift: Ost und West 1915, Heft 1 — 5, S. 31 (Auszug daraus in der Frankfurter 
Zeitung vom 22. Juni 1915 ,, Palästina während des Krieges"), zeigte sich in Palästina 
eine Krisis, die natürlich nach Eintritt der Türkei in den Krieg noch größer wurde, da Pa- 
lästina mit einem Schlage vom Weltverkehr abgeschnitten war. Das Bargeld schwand aus 
dem Verkehr, und es fand eine gewaltige Preissteigerung statt. Diesem suchte die Anglo 
Palästine Company und dann auch die Deutsche Palästinabank durch Ausgabe von Scheks 
zu festen Beträgen von 5, 10, 20 und 100 Franken zn steuern. Bei Eintritt in den Krieg 
gestattete die Türkei den Juden sofort ottomanische Untertanen zu werden : die „Steuer 
hierfür sollte von ihnen nicht pro Kopf, sondern pro Familie erhoben und die arme Bevöl- 
kerung ganz hiervon befreit werden. Ferner sollten die naturalisierten Juden für ein Jahr 
vom Militärdienst frei sein." Infolgedessen wurden gegen 20000 zum größten Teil russi- 
sche Juden ottomanische Staatsbürger. Diesen setzte aber der türkische Kaimakam Be- 
haeddin Bey in Haifa, der „ein entschiedener Gegner der ganzen jüdischen Arbeit in Palä- 
stina ist", alle möglichen Schwierigkeiten entgegen. Eine von ihm am 17. Dezember er- 
lassene Verordnung, daß sämtliche bis dahin nicht ottomanisierten Juden das Land zu ver- 
lassen hätten, wurde jedoch von der Stambuler Regierung widerrufen. Ebenso ließ dieser 
die jüdischen Schulen und die Anglo Palästine Company — wegen der Ausgabe der Scheks, 
die der Kaimakam als Papiergeld ansah — schließen. Die Schulen wurden später, nach- 
dem Behaeddin Bey seines Postens enthoben worden war, wieder geöffnet. Die wirtschaft- 
liche Lage ist heute (Ende April) auch wieder besser, hauptsächlich infolge einer amerika- 
nischen Hilfsaktion für Palästina, die für Geld und Lebensmittel sorgte. Die judäische« 
Kolonien dagegen sind noch m Sorge über die Bewässerung ihrer Orangerien, da es aa 
Petroleum für die Bewässerungsmotore fehlt. — Am schwersten hatten natürlich die Ju- 
den in Jerusalem, Safed und Tiberias zu leiden, da sie von den Spenden der Chalukkak 



Zeitun^sschau. 283 



leben. In der letzten Zeit hat sich jedoch die wirtschaftliche Situation infolge der unge- 
heuren Heuschreckenschwärme wieder verschlechtert. Mit ihrer Bekämpfung ist der Leiter 
der jüdischen landwirtschaftlichen Versuchsanstalt von Dscheraal Pascha offiziell beauf- 
tragt worden. 

Kristian Kraus schildert in einem Artikel „Die heilige Woche in Jerusalem" (Mül-o2* 
heimer Zeitung 3. Mai 1915) den Besuch der Omar-Moschee unter Leitung eines Scheichs, 
mit dem er sich befreundet hatte. Dann den Auszug der Nebi-Musa-Prozession, die am 
Freitag vor Palmsonntag nach dem Grabe Moses, nicht weit vom westlichen Ufer des 
Toten Meeres, zieht. Dies öffentliche Auftreten der Muslime ist ein später aufgekommener 
Gebrauch im Gegensatz zu den zahlreichen christlichen Prozessionen in Jerusalem. 

Über ein „Gastmahl im Hause Abdel Kaders" gibt Emil Ludwig im Berliner Tage- 53 
blatt (L Juni 1915) einen Bericht, der von Damaskus Ende Mai datiert ist. Er schildert zu- 
nächst kurz das Leben des verstorbenen Emirs, der in Algier heldenmütig gegen die Fran- 
zosen kämpfte und sich dann als Verbannter in Damaskus niederließ. In dessen dortigem 
Landhause waltet jetzt sein Sohn Muhiddin Pascha, ein 70jähriger Greis, als Hausherr. 
Bei dem Gastmahl „erzählt er, wie er im 70iger Kriege nach Algier hinüberfuhr, um dort 
kraft des väterlichen Namens, die Eingeborenen zum Aufstand gegen Frankreich zu be- 
wegen. ,Leider — ich kam zu spät, der Krieg war zu schnell aus, en mars les Allemand» 
ä Paris ! Ils ont si vite ' jetzt sei das Alter da, er könne nicht mehr reisen und wir- 
ken." Dieses edle arabische Fürstenhaus hat eine „leidenschaftlich deutsch- und türken- 
freundliche Haltung", was im Gegensatze zur französischen Biographie Abdel Kaders steht, 
die ihn und die seinen „als selbständige Männer darstellt, die dann loyal geworden, wie 
gezähmte Wilde". 

4. Arabien. 

Über die jetzigen Herrschaftsverhältnisse gibt Dr. A. Wirth im «Tag" (13. Juli 191554* 
„Die jüngste Entwicklung Arabiens") einen kurzen Überblick. (Vgl. die Arbeiten von 
Martin Hartmann im WI. Bd. 2 S. 24—54 ; 296—321 ; ferner den Bd. 3 S. 92 besprochenen 
Aufsatz von Feldmann und den in dieser Zeitungsschau unter Türkei erwähnten Aufsatz 
von Halm S. 278.) 

Said Mamun Abul Fadl schildert in den Hamburger Nachrichten (18. Juni 191555* 
„Was die Einwohner der heiligen Stätten des Islam über die Deutschen denken"), wie 
die Engländer durch Agenten, durch Schulgründungen — diese Schulen mußten wegen 
mangelnden Zulaufs und wegen des Fanatismus der Bevölkerung wieder geschlossen wer- 
den, — und endlich durch den Kediven Abbas Hilmi II. vergeblich versuchten, die Be- 
völkerung von Mekka und Medina für sich zu gewinnen. Dann spricht er von der Hoch- 
achtung, die jetzt die Deutschen in Arabien genießen. — Alle Fürsten Arabiens haben sich 
dem Heiligen Kriege angeschlossen, mit Ausnahme des „Abtrünnigen" Idrisi', der auch 
„heute seinen Säckel mit dem Bestechungsgeld der Engländer füllt" und gegen'die Sache 
des Islams zieht. (Der Verfasser berichtet aus eigener Anschauung, da er noch vor drei 
Monaten im Hedschaz weilte.) 

5. Egypten. 

„Egypteni Stellung zwischen England und der Türkei" behandelt Privatdozent Dr.5g* 
Günther Röder*in der Umschau (Jahrg. 18 Nr, 49). Zunächst gibt er einen histori- 
ichen Überblick : Die türkische Provinz Egypten, die englische Besetzung ; alsdann be- 
spricht er die Ereignisse im Herbst 1914 (August, September, Oktober) und den englisch- 
türkischen Krieg im Monat November. 

' Vgl. WI. Bd. 3 S. 92. 

* Vgl. WL 1915 Heft II S. 182/5. 



284 Die Welt des Islams, Band III. igis Heßjl4 



Dr. M. M. Rifat schreibt im Berliner Tageblatt (8- Juni 1915 „Wie England die religi-57* 
Ösen Rechte von 300 Millionen Mnhammedanern verletzt") über die politische nnd re- 
ligiöse Seite der Frage der Aufstellung des Pseudosultans von Egypten. „Schon die bloße 
Tatsache, daß eine interessierte christlich e Macht einen neuen Kalifen einsetzt, ist für 
alle Muhanimedaner absurd, empörend und ungültig." Dann führt er den Ausspruch Glade- 
stones über den Koran an und weist auf gewisse Aussprüche der englischen Presse hin, 
die den Haß und die Verachtung Englands den Muhammedanern gegenüber beweisen. 
„Wie kann sich je ein Muhammedaner England beugen oder England Treue halten, wenn 
er sieht, daß fast die Hälfte der islamischen Welt von der brutalen Macht Englands unter- 
jocht ist?" Selbst England gefügige Männer, wie der Said Emir Ali, widersprechen heute 
dem Schritte Englands. „Man kann sich mit der Tatsache gar nicht abfinden, und sie unter 
keinen Umständen anerkennen, daß das Kalifat, das bisher als höchste Würde und höchste 
Ehre galt und sich immer in ehrenhaften Händen befand, jetzt dem Prinzen Hussein Kamel 
übertragen werde, der in jedem Sinne ein englischer Untertan ist." Die politische Seite 
ist kurz die : „ . . . . wenn vor allem nicht den Egyptern gestattet wird, ihre eigenen An- 
gelegenheiten zu verwalten und ihren Kediven anzuerkennen, dann ist es die Pflicht eines 
jeden echten Egypters, zu kämpfen, bis Gerechtigkeit und Friede in dem Tal des Nils 
herrscht." 

Nach Berichten eines in Holland weilenden Egypters gibt die Vossische Zeitung (8. Juli 58 
1915 „Aus dem murrenden Egypten") folgendes: Trotz der Schwierigkeiten, die 
die englischen Behörden machen, lassen sich einige Egypter nicht zurückhalten, auch 
dieses Jahr zu reisen. — Der Krieg trifft in seinen Folgen sowohl „den reichsten Pascha 
wie den letzten Fellachen". Die Wertpapiere und die Erträgnisse der egyptischen Gesell- 
schaften sind wie noch nie zurückgegangen. Unter den Eingeborenen ist die Stimmung 
den Engländern latent feindlich. Die Wahrheit über die Ereignisse verbreitet sich von 
Mund zu Mund. Am englandfeindlichsten ist die Strömung in den intellektuellen Kreisen, 
namentlich in der El-Azhar-Universität, ohne daß es jedoch den Engländern bis jetzt ge- 
lungen wäre, etwas Verdächtiges aufzudecken. Die Eingeborenen wurden am stärksten 
durch das Benehmen und Auftreten der kanadischen und australischen Truppen gegen 
England aufgebracht, sodaß diese zum größten Teil wieder abgeschoben werden mußten. 
Unerträglich hat sich ferner seit dem Eintreten Italiens in den Weltkrieg das Verhältnis 
zwischen den griechischen und italienischen Kolonien gestaltet, die geschäftlich und ge- 
sellschaftlich in offener Feindseligkeit gegenüberstehen. 

Hier will ich noch besonders auf den Aufsatz von Dr. Paul Leutwein im Neuen59* 
Deutschland 1915 Nr. 30/33 hinweisen, der einen guten Überblick über die wirtschaft- 
lichen Verhältnisse Egyptens vor dem Kriege gibt. Einen historischen Abriß schreibt Prof.60* 
Dr. Gottlob in den Grenzboten (7. April 1915 S. 9 „Das Eindringen Englands in 
Egypten"). 

Prof. Dr. H. G u t h e - Leipzig bringt eine kriegsgeographische Betrachtung über dasBl* 
„syrisch-egyptische Grenzland". Er weist dabei auf eine Reihe guter Karten dieses Ge- 
bietes hin. (Deutsche Levantezeitung Nr. 5, 20. Mai 1915). 

6. Persien. 

Über „die Stellung Persiens im gegenwärtigen Kriege" schreibt Dr. James Green-62* 
field-Täbris (Das neue Deutschland 13. März 1915): obwohl Persien durch das russisch- 
englische Ränkespiel allen Grund hätte, im jetzigen Kriege sich ihrem Einflüsse zu ent- 
ziehen und die russischen Truppen aus Azerbaidschan zu vertreiben, so ist dabei zu be- 
rücksichtigen, daß „Persien eine mit der Einführung der Verfassung verbundene schwere 



Zeihin^sschau. '^85 

uiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiN 

innere Krise dorchgemacht und sich jetzt in dem Stadium der Reorganisation befindet". 
Die bisherige Armee ist aufgelöst worden und eine neue ist erst im Entstehen begriffen. 

Eine Reise von der Petroleum Stadt Baku „nach Teheran" schildert H. Förster in der63* 
Kölnischen Volkszeitung (Nr. 372, 374, 377 vom 7., 8., 9. Mai 1915). Die Reise ging von 
Baku aus über den kaspischon See zum persischen Hafen Enseli, wo die Reisenden wegen 
der seichten Küste in Schaluppen ausgebootet werden müssen. Die Karawane wurde erst 
in Peri-Bazar zusammengesetzt, bis dahin mußten sie den größten Teil der Fahrt über die 
Lagune auf Schaluppen durch sehr sumpfiges Gelände machen. Die Karawane bestand 
aus alten russischen Droschken (!) und ging über die von russischer Seite wohl oder über 
gebaute Landstraße durch das Eibursgebirge, das Tal Mendschihl mit seinem ständigen 
Orkan, der immer von mittags zwölf bis Mitternacht durch das Tal streicht; es werden 
interessante Bilder von dem Leben in den Karawansereien gegeben. In dem eigentlichen 
Wüstenplateau von Iran lagen auf großen "Wegstrecken links und rechts vom Wege 
„Maultiere, Kamele und Pferde, halb verwest, halb aufgefressen, nur noch Gerippe" (wie 
das übrigens auch in Mesopotamien vielfach der Fall ist). — In Teheran wurden die sechs 
Europäer dann glänzend empfangen und vor der Stadt von Herren des diplomatischen 
Korps abgeholt. 

7. Indien. 

Eine Unterredung mit dem türkischen Generalkonsul in Bombay Halil Halid Bey über64* 
„die Aussichten des „heiligen Krieges" in Indien" gibt die Bohemia (Prag, 
20. Juni 1915) wieder. Er weist daraufhin, daß alle englischen Zeitungen und alle eng- 
lischen Schriften für Indien verboten sind, damit die Völker Indiens keine Kenntnis von 
den Schwierigkeiten bekommen, mit denen das Mutterland zu kämpfen hat. Von sonsti- 
den Aufsätzen über dieses Thema führe ich noch an: von Mackay, „Indien im Re-65* 
▼olutionsfieber" (Hannoverscher Courier 9. April 1915) und H. vonStaden, „Wird66* 
Indien aufstehen?" (Die Hilfe 13. Mai 1915). Sie äußern sich beide zurückhaltend über 
die Möglichkeit eines Aufstandes ; er kann nur ausbrechen, wenn die nötigen äußeren 
Voraussetzungen gegeben sind, wenn z. B. Afghanistan angreift. 

Willi Heffening 



MniiiiiiiiiiiiiiniiiiiniiniiiiiiiiiinaiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiniiinimHiiuuiininMniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiHiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiniuiiiii^ 



286 Die Welt des Islajns, Band III. igi§. Heß j/4 



BIBLIOGRAPHIE. 



* bedeutet "Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft. Nach dem Titel in [ ] stehen 
Zngangsnummer der Bibliothek und geg. Falls Name des Geschenkgebers. 



Ausführliche Besprechung einzelner Werke bleibt vorbehalten. 

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15 schwarzen Vollbild, u. 338 Abb. Wien & Leipzig: Hartleben 1904. 
792 S. 4" (8^»). 

300. Berlin-Bagdad. Neue Ziele mitteleuropäischer Politik. Von Dr. K[arl] 
V. Wlnterstetten [d. i. Albert Ritter]. 10. Aufl. München: J. F. Lehmann 
1915. 80 S. 8«. 

301. Die Entwicklung der großen ost-ouropäischen und orientalischen 
Fragen dos Weltkriegs. {Kriegsvortrag, geh. am 19. Jan. 1915 zu De- 
litzsch u. am 23. Jan. 1915 zu Weimar.) Von Adolf Bär. Weimar: 
Panse 1915. 32 S. 8«. 



Bibliographie. 287 



302. Asiatische Reibungen. Polit. Studien von Alfons Paquet. München & 
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Sekretariat Soz. Studentenarbeit [1915J. 22 S. 8«. (Der Weltkrieg. 25.) 

304. Dschihad. Der heilige Krieg des Islams u. s. Bedeutung im Welt- 
kriege unter besond. Berücks. d. Interessen Deutschlands. Vortrag 
geh. in Freiburg i. B. u. Cassel von Dr. Gottfried Galli. Freiburg i. B. : 
Troemer 1915. 38 S. 8". 

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Hurgronje, Prof., Leiden. With a word of introd. by Richard J[ames] 
H[oratio] Gottheil, Columbia Univ., N. Y. New York & London: 
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stigem u. materiellem Gebiet von Theodor Springmann jun., Fabrikant. 
Hagen i. W.: Hammerschmidt 1915. 36 S. 8«. 

311. Wir und der Halbmond. Von Karl Schmaltz, Pastor. Schwerin i. M.: 
Bahn 1915. 16 S. 8». 

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brecht 1915. 85 S. 80. (Zeitspiegel. H. 6.) 

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Grant 1915. XIX, 633 S. 8°. 

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129 S. 8«. 

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288 Die Welt des Islams, Band III. igij, Heß 3I4 

wiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 

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Veit 1915. 32 S. 8^. (Länder u. Völker d. Türkei. H. 12.) 

345. Die deutsche Forschung in türkisch Vorderasien. Von Dr. Fritz 
Regel, Prof. Leipzig: Veit 1915. 48 S. 8°. (Ländern. Völker d. Türkei. 
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W[ilhelm] Blankenburg, Oberl, M. d. A. Leipzig: Veit 1915. 31 S. 8". 
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Die Welt de* IiUms, B*ud lU. ^ ^ 



290 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft SI4 



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Prof. Dr. [ReinholdJ Frh. v. Lichtenberg. Leipzig: Veit 1915. 30 S. 8«. 
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350. Die Juden der Türkei. Von Davis Trietsch, Berlin. Leipzig: Veit 
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351. Arabien und seine Bedeutung für die Erstarkung des Osmanenreiches. 
Von Dr. Max Roloff-Breslau. Leipzig: Veit 1915. 26 S. 8^*. (Länder u. 
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Leipzig: Veit 1915. 28 S. 8«. (Länder u. Völker d. Türkei. H. 4.) 

358. Cronologia de losdocumentos oficiales Ingleses on Egipto. Desde 1882 
hasta la anecciön definitiva de dicho paes. Amsterdam [1915]. 8 S. 
8«. [Umschlagt.] 

359. Come ringhllterra da 35 anni assicura ufficialmente la ,temporanea' 
occupazione dell' Egitto. 0. 0. [1915]. 12 S. S». [Umschlagt.] [Köpft.:] 
Principali promesse et dichlarazioni fatte in nome dell' Inghilterra 
dal suoi rappresentanti ufficlali . . . relativamente alla occupazione tem- 
poranca dell' Egitto. 

360. Hoe Egypte onder Engoland's protectoraat is gekomen. Door A. W^. 
Stellwagen^ Oud-looraar. Baarn 1915: Hollandia-Dr. 40 S. 8». [Um- 
schlagt.] (Staten en Volkeren. Ser. l,No. 2.) 

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Du 3 aoüt au 30 nov. 1914. Le Caire : Impr. nat. 1914. XVL 171 S. 8». 

362. *Aegypten in Vergangenheit und Gegenwart. Von Georg Steindorff. 
Berlin? Wien: Ullstein 1915. 259 S. 8«. (Männer u. Völker. 5.) [506]. 



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Sahifa min ta'rih Ingilterra fi Misr. 

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[1.] Texte arabe. [2.] Analyseset extraits. ParEd. Michaux-Bellaire. 
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de 1914— 191 5>. Cönstantinople 1915. 40 S. 8«. 

368. Hans Stumme. Eine Sammlung über den berberischen Dialekt der 
Oase Siwe. Leipzig: Teubner 1914. S. 92—109. 8». [Umschlagt] (Be- 
richte über d. Verhandlungen d. Kgl. Sachs. Gesellsch. d. Wiss. zu 
Leipzig. Phil.-hist. KL Bd. 66, H. 2.) 

369. *HiIfsbuch für Vorlesungen über das Osmanisch-Türkische von Dr. 
Georg Jacob, o. Prof. a. d. Univ. Kiel. 2. stark vermehrte Aufl. I. Teil. 
Berlin: Mayer & Müller 1915. 80 S. 8'\ [526]. 

370. Erstes Türkisches Lesebuch für Deutsche. Bearbeitet von W. Bolland, 
Lehrer d. Türk. Sprache an d. Deutschen Oberrealschule zu Konstan- 
tinopel. Preis: P. 5. Konstantinopel 1915: Deutsche Stein- u. Buch- 
druckerei F. Loeffler. 64 S. 8«. 

371. Türkische Schrift. Ein Übungsheft zum Schreibenlernen des Tüi'ki- 
schen von Hans Stumme, Prof. a. d. Univ. Leipzig, imd St. Tertsakian. 
Leipzig: Hinrichs 1916. 

372. Easv Turkish for cur men abroad and how to pronounce it. By A. 
Raffi. London: Paul, Trench, Trübner [1915]. 16 S. 8°. [Umschlagt.] 

373. Turkish for Tommy andTar. By Frank Scudamore. Words and phrases 
with their equivalent in colloquial Turkish . . . London: Groom 1915. 
24 S. 80. 

374. Tschakydschy, ein türkischer Räuberhauptmann der Gegenwart. Von 
Enno Littmann, Prof. Berlin: Curtius 1915. 53,20 S. 8«. [Sondert.: 
Türk.] Cäqyrgaly Muhammad. 

375. [Türk.] Muharaba-i-'umümijjanin asbäb-i-haqiqijjasi (Watä'iq wa- 
auräq-i-rasmijjaje mustatir ma'lümät.) Der-i-se*adet 1330 : Fratelli Hä- 
jem. 48 S. 8°. [Die wahren Ursachen des Weltkrieges. Nach Doku- 
menten u. amtl. Geheimberichten. Konstantinopel 1914.] 

376. Mehmed Emin. „Heda, Türke, wach auf!" Ej, türk, ujän ! Übers, aus 
d. Türk. von Dr. Arthur Ertogrul v. Wurzbach. Laibach 1915: (v. 
Kleinmayr). 26 S. ö^\ 

19* 



292 Die Welt des Islams, Band III. igiß, Heft 1I4 



"Sil. Mohmed Emin. Stich, Nadol, zu ! An d. Frauon d. deutsch-türk. Her- 
zensbuudes ! Übcrtr. aus d. Türk. von Dr. P>togrul Arthur v. Wurz- 
bach. Graz: Cieslar 1915. 7 S. 8». [Umschlagt.] 

378. Türkische und andere morgenländische Dichtungen in deutschen 
Übertragungen u. Nachbildungen von Georg Jacob. Kiel: Mühlau 1915. 
19 S. 80. 

379. Türkische Geschichten. Von J. Dukas-Theodassos. Köln: Bachern 
[1915]. 32 S. 8 0. (In d. Feuerpause. H. 16.) 

380. Birger Moerner. Inshallah. Türkische Impressionen. (Berecht. Übers, 
von Marie Franzos.) Frankfurt a. M.: Litorar. Anst. 1908. 128 S. 8». 

381. Ayesha. Von Kap. Lt. Hellmuth v. Mücke. Berlin: Scherl (1915). 
132 S. 80. 

382. Ayesha. Fahrten u. Abenteuer d. ,Emden'-Mannschaft von d. Kokos- 
Inseln bis Konstantinopel. Nach Erzählungen d. Kapitänlt. v. Mücke 
u. s. Begleiter bearb. von Dr. Alfred Funke. Berlin: Marinedank- Verl. 
[1915]. 45 S. 8«. (Marmedank-Bücherei.) 

383. Ayesha. av Hellmuth v. Mücke, Kaptenlt. Auktor. övers, av Valde- 
mar Langle. Stockholm: Geber (1915). 127 S. 8". 

384. Konstantinopol. Gesellschafts-Roman aus d. Zeit Abdul Hamids II. 
von Detlef Stern <Dora Strempel). Berlin: Janke 1914. 341 S. 8«. 

385. Der Kampf um Konstantinopel. Eine Erzählung von H. Prehn v. 
Dewitz. Mit 6 Vollbild, u. reichem Buchschmuck von Ernst Wetzen- 
stein. Mit e. Kt. d. Dardanellen. 1. Aufl. Weimar: Kieponheuer 1915. 
184 S. 80. 



Namenregister. 



293 



NAMENREGISTER 

(Verfasser, Vortragende, Refereuten) 



Abdallah *291 

Abdur-Reschid Ibrahim *281 

Aka Gündüs '=180 

Aknouni *98 

Arachras Albaghdädi *154 

Ashmead s. Bartlett 

Aspern *287 

Auerbach 138 

Auerbach, Elias, *181 

Auerbach, J., *277 

Aulneau *288 

Babiüger *279 

Back de Surany *99 

Bär *286 

Banse *170. *289 

Bartlett *288 

Baumann *93 

Beck *266 

Becker *97. *99. *100. 101. *170. 

*172. *18() 
Berard *287 
Bethge *281 
Bilguer *94 
Blanckenhorn *182 
Blankenburg *289 
Bolland *291 
Bonn *191 
Borchardt 216 
Bork *290 

Bratter *281. *287. *290 
Brenner *178 
Brieger *276 



Brück *96 

Brown *98 

Browne *263 

Bryde 225. 243. 270 

Califano *99 

Camp an i *99 

Canaan *167 

Cesari *98 

Cohen *288 

Cook *288 

Cooper *286 

Cromer *192 

Cunow *99 

Daudet *290 

Delitzsch *286 

Diercks *97 

Dieterich *290 

„Diplomatikus" *177 

Dirr *189 

Dschemal Pascha *281 

Duboscq *97 

Dukas-Theodassos *292 

Dunavskij *288 

Eberhard *181 

Edwards *289 

Emin, Mehmed, *281. *291. *292 

Endres *289 

Enke *185 

Enwer *10. 90 

Erdmann *289 

Essler *273 

Euting *98 



' Der Stern vor einer Zahl bedeutet, daß an dieser Stelle eine nnter dem voranstellenden 
Namen erfolgte Veröffentlichung besprochen oder angeführt wird. 



294 



Die Welt des Islams, Band I IL igi^, Heß jl^ 



Faizullah Sadschid *199 

Fehmi *97 

Feldmann *92. *180 

Figdor *94 

Fliegenschmidt *259 

Förster *285 

Fortescue *288 

Frobenius ♦170. *272 

Fr ob erger *287 

Fua *288 

Funke *292 

Galli *287 

Giese *286 

Godin *273 

Gottberg *279 

Gottlob *284 

Grabowsky *271. *287 

Greenfield *271. *284 

Grimme *99 

Grothe *191. *260. *275 

Grunwald, Elfriede, *178 

Grunwald, M., *178. *179 

Güzide Sabri *141 

Guthe *284 

Härder *286 

Habeeb Ahmad *287 

Hagen *192. *269 

Hakki Pascha, Ibrahim, *231. *277 

Halid Zia *281 

Halil Halid Bey *272. *285 

Halm *278 

Halide Hanum *141 

Hartmann 2. 35. 36. 37. 38. 56. 57. 

68. 71. 73. 83. 86. *92. *10ü. 

133. 140. 141. 144. 145. 146. 

154. 157. *173. *175. *184. *187. 

213. 214. 260. 263. *271. *280. 

*281 
Hauber *174 



Heekeren *99 

HefFening 85. 96. 190. 199. 235. 

248. 285 
Heinke *192 
Hell *84. *286 
Hennig *289 
Henning 167. 257 
Herre *271. *279 
Hikmet Bey, Achmed, *274 
Hoare *288 
Hoberg *183 
Holz *185 
Horten *286 
Huber *89 
Jacob *291. *292 
Jäckh *98. *170 
Jau'azbhoy *288 
Jastrow *289 
Ibn Taghri Birdi *262 
Ibn Taimija *99 
Ibrahim Mansür *97 
Imhoff *87. *91. *170. *175. »178. 

*277 
Ischchanian *98 
Kampffmeyer 1. 24. 30. 65. *88. 

*99. 138. 160. 261 
Kaufmann 34. *91. *276. *289 
Kiene-Naton *185 
Kirchhoff *178 
Kohler *272 
Konow *99 

Kraelitz-Greifenhorst *87. ♦95 
Kraus *]81. ♦279. ^283 
al-Kuschairi ^99 
Larsen ^91 
Lazar ^179 
Lederor ^177 
Lepsius, Joh. 138 
Leutwein, ^271. ^284 



N^amenregister. 295 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin 



Lichtenberg *290 

Littmann *291 

Löhr 169 

Ludwig *177. *17S. *277. *282. 

*283 
Mackay *90. *94. *9.3. *188. *271. 

*273. *28L *285 
Mandl *174 
Mann *97. 138. *271 
Mayer *99 
Merich *188 

Meyer 63. *192. *267. *272 
Michaux-Bellaire *291 
Michov *191 
Misch *185 
Mittwoch *98. 138 
Moerner *292 
Montet *191 
Muchtar Pascha, Mahmud, *232. 

*286 
Mücke *292 
Muir *287 

Muwahhidi Ma'aüm 126 
Nallino *192 
Nawratzki *192 
Nermi *173. *176 
Neuuiann *89 
Oberhummer *184 
Oehl *272 
Oesterfeld *281 
Ordensmann, der 27 Jahre in der 

Türkei weihe, *177 
Ostrup *289 
Pafirath *87 

Paquet *145. *192. *287 
Pears *289 
Persius *279 

Philipp 262. 264. 265. 266. 267 
Prehn v. Dewitz *292 



al-Qasimi ad-Dimasqi *99 

Rafli *291 

Raghib, Hassan, *280 

Reckendorf *271 

Refik-Nevzad *288 

Regel *289 

Riba *191. *261 

Richter, Julius, 134. 138 

Richter, Bruno, *XXIII 

Richthofen *184 

Rieder Pascha *144 

Rifat *182. *284. *291 

Ritter *98. *286 

Rochebrune *191 

Reeder *182. *283 

Roloff *90. *92. *170. *174. *188. 

Rosen, Friedrich, *265 [*290 

Rosen, Georg, *265 

Roth *290 

Roulleaux *291 

Saad Bey *88 

Saadi Bey *176. *177. *178. *273 

Sachau *289 

Sattler *266 

Said Memun Abul-Fadl *272. *283 

Saijid Dschafar Alhilh *152 

Saijid Haidar Alhilh *151 

Saijid Ibrahim Attabätibä'i *151 

Saijid Mohammed Sa'id Habübl 

Annadschafi *148 
Sax *85 
Sa'yb Bej *99 
Schabinger *100. 138 
Schäfer *98. *287 
Schaich 'Abbäs Ibn AlmuUä 'Ah 

Annadschafi *152 
Schaich 'Abdalbäql Alfärüqi *153 
Schaich 'Abdalmuhsin Alkäzimi 

*153 



296 



Die Welt des Islams, Band III. igi5, Heßjl4 



Schaich Abdu'l-'Aziz Tschawiscli 

*220 
Schaich Arra'ls *5() 
Schaich Dschawäd Schablb *152 
Schaich Mulla Kazim Al'azari *152 
Schaich Salih Aschscharif Attunisi 

♦100. *186 
SchemsüddiD, M[ehmedJ, ♦TS 
Schmaltz *287 
Schmidt *184 
Schrader *90. ♦ISO 
Schubert *287 
Schulz *192 

Schumacher ♦174. ^280 
Schweiger-Lerchenfeld ♦286 
Schweinfurth ^93 
Scudamore ^291 
Seiner ^91 
Senff-Georgi XXII 
Serman +289 
Silbermann *180 
Singer ♦ISS 
Snouck - Hurgronje *172. *271. 

♦287 

SoU ♦ns 

Springmann ^287 
Staden ♦ge. ^190. ♦285 
Steindorff *93. *290 
Stellwagen ^290 
Strempel ^292 



Stube ^289 

Stumme ^291 

Surany s. Back de Surany 

Tekin Alp ^288 

Tertsakian ^291 

Toynbee *290 

Trietsch *275. ♦286. ^290 

Trubeckoj ^288 

Tschudi *97 

*Umar-i-Haijäm ^99 

Urquhart'' *97 

Vaina ^97 

Weck ♦nS 

Weinberg *190 

Weissmann ^282 

Wenger ^184 

Wied ^262 

Wiedenfeld ^289 

Winterstetten ♦286 

Wira ♦281 

Wirth *97. *189. ♦277. ♦283 

Wolckoff ^98 

Wurzbach ^192 

Yakir Behar *98 

Zabel ♦179. *279 

Zahn 159. 163. 193 

Zeller *185 

ZezschAvitz ^97 

Zimmerer *287 

Zwemer ^286 



SACHREGISTER 



Abdel Kader 283 

Aberglaube u. Volksmedizin im 

Lande der Bibel 167 
Abessinien 185 



Adana 276 
el-Adl 278 
Afghanistan 48. 188 
Agence Tatawla 277 



Sachregister. 



297 



Agrarbank 242 

Aidin 242. 244 

Aktiengesellschaft in Beirut 244 

Albanien 273 

Allianz mit der Türkei 177 

Anatolien 226. 241. 242. 245. 248 

Apotheker- und Zahntechniker- 
schule in Konstantinopel 228 

Arabien 38. 90. 92. 121. 283 

Arabisches Flugblatt 121 

Armenien 281. 290 

Asbab-i-haqlqijjasi, Muhäraba-i- 
'umümijjanin 291 

Asadamart 278 

„Auf Türke ! Erwache !" 90 

Aus dem Lande der Pharaonen 185 

Ausfuhr in der Türkei 240 

Ausstellung in Casablanca 257 

Austauschverkehr der Bibliothek 
XVIII 

Bagdadbahn 245. 248 

Baijumi 216 

Bairamgeschenke 249 

Baku 285 

Balkanfrage 191 

Balkan-Revue 97 

Balkanstaaten 97 

Baumwolle 184 

Beirut 244. 249 

Beitrag für die Flotte 237 

Beiträge z. Untersuchung d. „türki- 
schen Jena" 98 

Bewegung im Irak 146 

Bettlergewerbe 179 

Bibliographie 97. 191. 286 

Bibhothek der Gesellschaft XVIII. 

xxin 

Bibliotheken, Konstantinopler, 230 
Bodenschätze in der Türkei 242 



Börsenstatuten 236 

Boletin oficial de la zona de influ- 
encia espafiolaeu Marruecos 163 

Brief aus Jerusalem 282 

Brief aus Konstantinopel 237 

Briefe über d. türkische Heer 280 

Brussa 224. 228 

Bulletin de la Societe Endjouman 
Terekki-Islam 260 

Bulletin de l'Union Franco-Per- 
sane 161 

Casablanca 257 

Chäwer 48. 68. 146. 278 

Chaz al Chan 37 

Chronos 278 

Come ITnghilterra da 35 anni assi- 
cura ufficialmentela ,temporanea' 
occupazione dell'Egitto 290 

Correspondence respecting events 
leading to the rupture of relations 
with Turkey 98 

Cronologia de los documentos ofic. 
ingleses en Egipto 290 

Cyprioten in der Türkei 236 

Damaskus 226 

Dardanellen. — Anschlag auf die D. 
178. D. und Konstantinopel 178. 
D. Kriegsschauplatz 279. Dar- 
danelles, their story . . . 288 

Deutsche Fibel und deutsches Lese- 
buch in der Türkei 214 

Deutsche Kulturpolitik im Irak 187 

Deutsche und Türken in Konstan- 
tinopel 277 

Deutscher Geist in d. Türkei 276 

Deutsch-islamischeWirtschaftspoli- 
tik 275 

Deutsch -türkische wirtschaftliche 
Interessengemeinschaft 275 



298 



Die Welt des Islams, Band III. igi^, Heft jl^ 



Deutschland und der heilige Krieg 
271 

Deutschland und der Orient 287 

Deutschland und die islamischen 
Völker 81) 

Dichtkunst 141. 146 (Dichter des 
Irak). 199. 222. 223. 281 (Dich- 
tung der Türken) 

Diplomatie in der Türkei 231 

Dokumente des heutigen Islams 24 

Drama der Türken 281 

Dschawanak 278 

Dscheridc'i Mlralje G6 

Dschihäni isläm 72 

East, The near, from within 288 

Egypten 57. 63. 93. 182. 183. 184. 
i85. 283. 284. 290 

Einheit des Islams 57 

Eisenbahnen. — AjiatoHsche E. und 
Bagdadbahn 245. Ausbau der 
türkischen Bahnen in Kleinasien 
245. Bagdadbahn 248. E. gesell- 
schaft Mersina — Tarsus — Adana 
276 

Elektrische Beleuchtung vonTokat 
244 

Elementarunterricht in d.Türkei 225 

Endjouman Terekki-Islam 260 

England 89. 183. 184. 185. 244. 
272. 283. 284. 290 

Entwicklung des spa