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Full text of "Die Welt des Islams = Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde"

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DIE 
WELT DES ISLAMS 

ZEITSCHRIFT DER 

DEUTSCHEN GESELLSCHAFT 

FÜR ISLAMKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON 
PROF. DR. GEORG KAMPFFMEYER 



BAND V 
MIT BIBLIOGRAPHIE NR 612—777 



d^ 






BERLIN 1918 
VERLAG „DER NEUE ORIENT" G. M. B. H. 
BERLIN W 50, TAUENTZIENSTRASSE 19 a 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 






Inhaäs-ÜhersicM zu Band V. DI 

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INHALTS-ÜBERSICHT ZU BAND V. 

I. ABHANDLUNGEN. 

Seite 

Otto Hachtmann, Die neuere und neueste türkische Literatur 57 

Martin Hartmann, Aus der Arbeit der letzten Tagung des 
Osmanischen Landtags (i./H- November 1332/1916 bis 
31. März 1333/1917) 153 

Richard Hartmann, Ja'kub Kadri. Ein modemer türkischer 
Erzähler . 264 

Gotthard Jäschke, Die Entwicklung des osmanischen Ver- 
fassungsstaates 5 

Gotthard Jäschke, Die rechtliche Bedeutung der in den 
Jahren 1909 — 1916 vollzogenen Abänderungen des türkischen 
Staatsgrundgesetzes 97 

Mirza Djevad Khan Kasi, Das Kaüfat nach islamischem 
Staatsrecht 189 

II. LITERATUR. 

1. Die Zeitungen in Konstantinopel (Heffening) 78 

2. Besprechungen von Zeitschriften und Büchern . , 80. 178. 283 

3. Zeitungsschau 286 

4. Bibliographie 

Nr. 612—688 91 

Nr. 689—743 184 

Nr. 744—777 296 

III. REGISTER. 

Namenregister 299 

Sachregister 302 

IV. NACHRICHTEN. 

Sechste ordentHche Hauptversammlung m 

Jahresrechnung IV 

Voranschlag für 1917 V 

Ausschuß der D. G. I VIT 

Vorstand der D. G. I VE 

Geschäftsführung VII 

Mitglieder-Verzeichnis VTTT 



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Ein Wendepunkt. i 

C<XX)eOOOC<>C<XXXX>C><X><XXXXXXXX)CXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)OOOOC»OC^^ 



EIN WENDEPUNKT. 

Unsere Zeitschrift ist an einem Wendepunkt angelangt. Getreu 
der Forderung des „Plane perspicere", die wir auf den ersten Seiten 
des ersten Heftes erheben durften, haben wir die Aufgabe unserer 
Zeitschrift zu erfüllen gesucht, der Kenntnis des heutigen Islams, 
des heutigen Orients dienen zu helfen. Die gewaltigen Gescheh- 
nisse der Zeitgeschichte, die folg^enschweren Umwandlungen und 
Entwicklungen, die sich im Orient teUs vollzogen, teils vorbereiteten, 
forderten den Versuch einer Übersicht über diese Zeitgeschichte. 
Da ein solcher Überblick von keiner Seite in genügender Weise 
geboten wurde, versuchten wir ihn zu geben. Daher z. B. die Über- 
sichten der „Zeitungsschau", daher insbesondere auch die besondere 
Ausgestaltung unserer „Mitteilungen", bis diese, unter besonderer 
Berücksichtigung der Türkei, den Umfang und den Charakter an- 
nahmen, wie er in Band IV Heft 1/2 vorliegt. 

Inzwischen hat sich eine neue Tatsache vollzog^en. Das „Korre- 
spondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient", bisher nicht 
öffentlich und nicht allgemein zugänglich, hat sich • ausgereift zu 
einer im Buchhandel vertriebenen Halbmonatsschrift „Der neue 
Orient". Gestützt durch einen zahlreichen Stab dauernder aus- 
gezeichneter Mitarbeiter, ausgerüstet mit den nötigen Mitteln, will 
auch diese Zeitschrift eine Kenntnis des heutigen Orients ver- 
mitteln. Nicht nur des islamischen Orients, sondern des gesamten 
Orients. Aber der islamische Orient, dem unsere Zeitschrift sich 
widmet, nimmt auch in der neuen Zeitschrift einen besonders breiten 
Raum ein. Wie nun die Dinge liegen, kann selbstverständhch von 
einem Wettstreit der beiden sich so nahe berührenden Zeitschriften 
keine Rede sein. Es kann sich nur um eine doppelte Frage handeln: 
Liegt eine Berechtigung für das Erscheinen beider Zeitschriften 
vor? Und wenn ja, wie haben beide zusammenzuarbeiten? 

Die erstere Frage ist durchaus zu bejahen, die zweite unschwer 
zu beantworten. 

Zunächst ist bei dem Apparat, mit dem die Nachrichtenstelle für 
den Orient arbeitet, der Vorrang der neuen Zeitschrift in der Bericht- 
erstattung über neue Tatsachen unbedingt anzuerkennen. 
Daraus folgt, daß wir von nun ab auf die Ziele, die wir in unserer 
Abteilung „Mitteilungen" verfolgten, verzichten müssen, daß wir 
solche Berichterstattung von nun ab dem „Neuen Orient" überlassen, 
ihm Beiträge, die uns in dieser Richtung zugehen sollten, über- 
weisen, unsere Mitarbeiter ihm zuführen und alles, was in unsern 
Kräften steht, beisteuern müssen, um die neue Zeitschrift in dieser 

Die Welt des Islams. Band V. I 



2 Die Welt des Mams, Band V. 1917, Heft i/2 

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Hinsicht so vollkommen wie möglich zu machen. An dieser 
Stellungnahme kann uns nicht irre machen, daß die neue Zeitschrift 
„politisch" ist, was wir nicht sein wollten. Erstlich sind auch wir 
heut, auch da, wo wir den sachlichsten Bericht schreiben, politisch 
in dem Sinne, daß neben dem kühlen Kopf das heiße Herz ist, 
das ganz und gar dem Vaterlande gehört. Und das sicherlich 
werden wir diesem furchtbaren Kriegte zu danken haben, daß es 
von jetzt ab einen nicht pohtischen Deutschen überhaupt nicht 
mehr geben wird. Sodann aber wäre die Bezeichnung „politisch" 
eine Ausstellung an der neuen Zeitschrift nur dann, wenn hier einem 
politischen Wollen zuhebe die Berichterstattung gefärbt, der Tat- 
bestand entstellt, verschleiert, gefälscht wäre. Wir fürchten das 
nicht. Mögen unsere Feinde lügen. Wollten wir uns selbst etwas 
vortäuschen, so schnitten wir uns ja ins eigene Fleisch. Denn in 
dieser Welt der harten Wirklichkeiten können wir unsern Weg 
nehmen nur dann, wenn wir diese WirkHchkeiten sehen genau 
wie sie sind, sonst stoßen wir uns an ihnen. 

Neben dem besprochenen Vorrang der einen Zeitschrift steht 
aber die Berechtigung der anderen, der unsrigen. Das ergibt sich 
aus den verschiedenen Zielen der Zeitschriften. Der „Neue Orient" 
richtet sich vor allem auf die Tatsachen und deren unmittelbare 
Ausgangspunkte und praktische Folgen. Das schließt umfassendere 
Betrachtungen weiterer Zusammenhänge nicht aus, aber solche 
Betrachtungen müssen bei der Fülle der sich drängenden Forde- 
rungen des Tages notwendig zurückstehen. Wir unsererseits können 
zwar der Einzeltatsachen niemals entraten, so wenig, daß wir sie 
aufsuchen müssen, wenn sie uns nicht dargeboten werden. Aber 
unsere wissenschaftliche Betrachtung wiU aus solchen Einzeltat- 
sachen die weiteren und tieferen Zusammenhänge ableiten. Je 
mehr uns die Nachweisung der Tatsachen abgenommen wird, um 
so mehr können wir zusammenfassende Bearbeitung liefern. 
Damit ergänzen wir die Arbeit des „Neuen Orient" in wissen- 
schaftlicher, deswegen aber praktisch nicht minder wertvoller Weise. 
Denn solche zusammenfassende Bearbeitungen, die eine Gruppe von 
Tatsachen nach ihren verschiedenartigen Beziehungen untersuchen, 
helfen ihrerseits wieder dazu, neue Einzeltatsachen sicher und aus- 
reichend zu beurteilen. 

Auf solche Weise werden in Zukunft die „Welt des Islams" und 
der „Neue Orient" eng zusammengehören. Wir werden in bezug 
auf neues Tatsachenmaterial den „Neuen Orient" voraussetzen. 
Wegen der unbedingten Notwendigkeit der Begründung eines 
sicheren pohtischen Urteils in Beziehung auf das Ausland und ins- 
besondere den für uns so wichtigen Orient können wir nur den 



Ein Wendepunkt. 3 

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dringenden Wunsch hegen, daß die neue Zeitschrift so weite Ver- 
breitung als möglich finde. Um dazu mitzuhelfen, daß die Mitglieder 
unserer Gesellschaft den Inhalt der von uns von nun ab voraus- 
gesetzten Zeitschrift kennen lernen, haben wir eine Vereinbarung 
herbeizuführen gesucht, kraft deren unsere Mitglieder für das Jahr 
1917 den „Neuen Orient" kostenlos erhalten. Zu unserer Freude 
ist diese Vereinbarung ermöglicht worden. 

Wir unsererseits sind sofort bemüht gewesen, unsere „Welt des 
Islams" in ihren neuen Charakter überzuführen. Das gegenwärtige 
Heft zeigt schon zwei solcher zusammenfassenden und grundlegen- 
den Arbeiten, wie wir sie von nun ab bringen wollen. Einen ab- 
geschlossenen Charakter konnte allerdings das vorliegende Heft 
noch nicht zeigen. Wir können uns nicht plötzlich aus älteren 
Verpflichtungen und früher eingeleiteten Maßnahmen herauslösen. 
Im Laufe dieses Jahrganges hoffen wir aber die neue Einstellung 
unserer Zeitschrift durchzuführen. 

Daß in diesem Heft die „Zeitungsschau" fehlt, hat seinen Grund 
nicht darin, daß wir diese Übersicht aufgeben wollen. Unsere 
Leser sind gerade auch für diese Zusammenfassungen sehr dankbar 
gewesen. Die uns diesmal im Manuskript vorüegende Zeitungs- 
schau konnte aber aus äußeren Gründen nicht so durchgeführt 
werden, daß wir sie für ausreichend halten. Wir möchten sie des- 
wegen zurückhalten und hoffen, im nächsten Heft wieder eine um- 
fassende und gut durchgearbeitete Zeitungsschau bringen zu können. 

Von diesem Jahrgang' ab hoffen wir auch wieder ein Erscheinen 

unserer Zeitschrift zu regelmäßigen Zeitpunkten sicherstellen zu 

können. Nachdem Band IV Heft 3/4 leider erst im April/Mai 

dieses Jahres zur Versendung gelangte, erscheint das vorliegende 

erste Doppelheft 1917 um die Mitte des Jahres; Heft 3 soll am 

1. Okt., Heft 4 am Schluß des Jahres ausgegeben werden. Von 

da ab soll die ZeiUchrift regelmäßig in Vierteljahrsheften erscheinen. 

* * 

* 

Die Franzosen besitzen seit längerer Zeit die Zeitschriften 
,^'Afrique Fran9aise" (seit 1891, jetzt 27 Bände), „L'Asie 
Fran9aise" (seit 1901, jetzt 17 Bände), die „Revue du Monde 
Musulman" (seit 1906, jetzt einige 30 Bände), und die dieser letzteren 
Zeitschrift nahestehenden, etwas älteren „Archives Marocaines" 
(seit 1904, jetzt einige 20 Bände), aUe vier Zeitschriften Veröffent- 
lichungen von klar ausgeprägter Eigenart. In ihnen werden, zum 
Zweck gründlicher politischer Orientierung, die Gegenwarts- 
verhältnisse von Auslandsgebieten (insbesondere des Orients), die 
für Frankreichs Interessen besonders wichtig sind, quellenmäßig 
behandelt. Der Inhalt ist erstaunlich reichhaltig und hervorragend 



4 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 112 

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wichtig. Deutschland hatte diesen französischen Zeitschriften bis 
in die jüngste Zeit Gleichartiges nicht an die Seite zu setzen. 
Jetzt allerdings fassen auch wir unsere Kräfte zusammen, um die 
„Auslandkunde", wie sie einzelne von uns seit einer Reihe von Jahren 
dringlich forderten, zu begründen. Der „Neue Orient" und die 
jjWelt des Islams" können bei entsprechender Durchführung sehr 
wohl für Deutschlands Interessen eine ähnliche Aufgabe erfüllen 
wie es jene drei bis vier französischen Zeitschriften für Frankreichs 
Interessen getan haben. Aber nicht nur in der Publizistik, auch 
in anderer Hinsicht wird Deutschland in Zukunft für das Studium 
des Auslandes des geistigen Rüstzeugs nicht mehr ermangeln, dessen 
sich andere Völker, zu ihrem Vorteil und zu unserm Nachteil, 
bedienten. Wir Deutschen sind in die Welt hinein gestellt zu 
hartem Kampf, nicht zur Eroberung, aber zur Selbstbehauptung. 
Es ist bitter, die Kraft in sich zu fühlen zum Kampf und der 
Waffen zu ermangeln. Nun wir die Waffen haben oder zu erhalten 
hoffen, wollen wir wohl fechten. 

Der Friede, der dem entsetzlichsten Blutvergießen, den unerhör- 
testen Opfern der Weltgeschichte ein Ende machen wird, kommt 
jgewiß, ja ist vielleicht in diesem Augenblick, da wir dies schreiben, 
schon nahe. Erst recht wird Deutschland in der dann kommenden 
Entwicklung für seine und seiner Bundesgenossen Sache einzustehen, 
wird mit geistigen Waffen dann weiter zu kämpfen haben. In der 
Welt, aus der man uns heraus haben wollte, haben wir uns nun erst 
recht zu behaupten. Dafür aber müssen wir dauernd in ihr Bescheid 
wissen. Mög"e das Verständnis für die innere Notwendigkeit hier- 
von bei uns immer weitere Kreise durchdringen, möge es immer 
unverrückbarer festgehalten werden, möge durch solches Verständ- 
nis die Arbeit des „Neuen Orient" und unserer Zeitschrift dann in 
ähnlicher Weise getragen werden wie die war, durch welche den 
genannten französischen Zeitschriften in Frankreich eine so kraft- 
volle und für ihr Vaterland so nutzbringende Entfaltung ermöglicht 
wurde. Wir aber, die wir diese Arbeit tun wollen, wollen sie leisten 
mit voller Hingabe, rückwärts blickend auf die heilig großen Opfer, 
nach denen all unsere Arbeit so wenig gilt, vorwärts blickend auf 
die unverrückbaren und unbezwingbaren Aufgaben unseres Volkes. 

Berlin-Lichterfelde, den 28. Juni 1917. 

G. Kampffraeyer 



Jäschke, Die Entwicklung des osmanisehen Verfasswiqsstaates. 5 

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DIE ENTWICKLUNG DES OSMANISCHEN 
VERFASSUNGSSTAATES VON DEN 
ANFÄNGEN BIS ZUR GEGENWART \ * 

VON 

REFEFJENDAR DR. JÄSCHKE. 
Inhalt. 

bcite 

Einleitung: Die Reformen des 19. Jahrhunderts, eine Vorbedingung der Verfassung 6 

I. Die Entstehung des Staatsgrundgesetzes vom 23. 12. 1876 10 

II. Der erste Landtag und das wechselnde Schicksal der Verfassung bis zu ihrem Siege 

am 23. 7. 1908 14 

III. Das erste Sitzungsjahr des zweiten Landtags und das Gesetz vom 21. 8. 1909 . 20 

IV. Der Kampf um die Artikel 7, 35, 43 und die Weiterentwicklung der Verfassung 

bis zur Gegenwart 28 

V. Die leitenden Gedanken der Verfa,ssungsgesetze von 1909 bis 1916 38 

Schluß : Rückblick und Ausblick 46 

Übersichtstafel 51 

Literaturverzeichnis 54 

Zusammenstellung 
der in den Fußnoten vorkommenden Abkürzungen. 

A. = Aristarchi, Legislation Ottomane. 
Ch. = Chatti hümajun (Allerhöchstes Handschreiben). 
D. 1 = Düstur, tertibi ewwel (Gesetzsammlung, 1. Reihe). 
D. - = Düstur, tertibi säni (Gesetzsammlung, 2. Reihe). 
I. = Irade'i senije fAllerhöchster Erlaß). 
N. O. = Korrespondenzblatt der Nachrichtenstelle füi den Orient (ilalbmonntsausgabe). 
s. = siehe. 

S. = Seite (falls ohne weitere Angabe, auf diese Arbeit bezüglich). 
T. W. = Taqwimi weqäji* (Reichsanzeiger). 

vgl. = vergleiche. 
W. I. = Welt des Islams (Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde). 



* Man beachte die Mitteilung S. 56 über die demnächst erscheinende Ergänzung zu dieser 
Abhandlung: ,,Die rechtliche Bedeutung der osmanisehen Verfassungsgesetze von 1909 
bis 1916." 



6 Dip Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 112 

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Einleitung: 

Die Reformen des 19. Jahrhunderts, eine Vorbedingung 

der Verfassung. 

Der 2T,. 7. 1908 bezeichnet den großen Wendepunkt in der Ge- 
schichte der Türkei, denn an diesem Tage trat sie endgültig" in 
die Reihe der Verfassungsstaaten ein. Die Verfassung'surkunde 
freilich stammt bereits aus dem Jahre 1876 und die Reformbe- 
strebungen, die schHeßüch in der Verkündung des StaatsgTund- 
gesetzes vom 23. 12. 1876 gipfelten, reichen sogar bis in die 
Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück. Sultan Selim HE. erkannte 
zuerst die Notwendigkeit, das osmanische Staatswesen mit einem 
neuen Geiste zu erfüllen, um es gegen die Gefahren, die in zu- 
nehmendem Maße von außen und innen ihm drohten, zu schützen. 
Der edelgesinnte, aufgeklärte und überaus begabte Fürst sah die 
Vorbedingung" für die Befestigung des Reiches in der Schaffung 
eines neuen, an streng"e Manneszucht und Ordnung gewöhnten und 
der Regierung treu ergebenen Heeres. Einen begeisterten An- 
hänger dieses Gedankens fand er in Mahmud Tschelebi Efendi, der 
im Jahre 1800 im Alter von 84 Jahren zum Reis Efendi (Minister 
des Auswärtigen) ernannt, eine glänzende Verteidigungsschrift der 
,^euen Einrichtung i" schrieb. Im Jahre 1805 erließ der Sultan 
eine Verordnung, die gewissermaßen den Anfang einer allgemeinen 
Wehrpflicht bedeutet. Leider besaß Selim nicht den Mut und die 
Willensstärke, den heftigen, von der niederen Geistlichkeit und den 
Janitscharen ausgehenden Widerstand zu brechen. Am 31. 5. 1807 
streckte er vor Kabaktschy Oghlu, dem Führer der Aufständischen, 
die Waffen und ging in den Kerker als Märtyrer einer weit- 
blickenden, seiner Zeit vorauseilenden Politik. Eine zu seinen Gunsten 
eingeleitete Erhebung des Mustafa Bairakdar und der Freunde von 
Rustschuk konnte an seinem Schicksal nichts ändern: sie kostete 
Selim das Leben und erhob den 23 jährigen Mahmud zum Padischah. 
Selim hatte, wie sein Zeitgenosse, der unglücldiche Kaiser Josef II., 
eine Revolution von oben versucht und war daran gescheitert. 

Sultan Mahmud n. hatte von seinem Oheim die Liebe zur Reform 
und den Haß gegen die Janitscharen geerbt. Die kriegerischen 
Ereignisse in Serbien und Griechenland bezeugten ihm die Richtig- 

* nizämi jedld; vgl. Zinkeisen, 7. Teil, S. 337. 



Jäi^chke. T)ie. Entwickluna des osmanischen Verfassungsstaates. 7 

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keit des von jenem eingeschlagenen Weges, den er selbst fort- 
zusetzen willens war. Darum waren auch seine ersten Reformen, 
die er sich vornahm, überwiegend militärischer Natur. Er bildete 
aus der Mitte der Janitscharen heraus eine Truppe, auf die er sich 
verlassen konnte, die „leichte, flinke Truppe i". Am 15. 6, 1826 
faßte er den entscheidenden Entschluß: er gab, als die unzufriedenen 
Janitscharen sich zusam.menscharten und einen Angriff wagten, den 
Befehl zur Entfaltung der heüigen Fahne 2 und somit zur Ver- 
kündung des heiligen Krieges 3. Die untergehende Sonne sah an 
jenem Tage den Sultan triumphieren und das Volk ihm zujubeln: 
„Mein Herrscher! Lebe tausend Jahre*!" 

Mit dem Siege über die Janitscharen, welche die Größe und die 
Macht des Reiches einstmals verkörpert und später seinen Nieder- 
gang herbeigeführt hatten, war der Grundstein zu einer neuen Zeit 
gelegt. Der erste große Baumeister an dem neuen Gebäude war 
neben Mahmud 11. selbst sein Großwezir Mustafa Reschid Pascha. 
Dieser nahm zuerst eine Umgestaltung der alten Ministerien vor 
und beseitigte das alte Lehnswesen, das die Vereinheitlichung des 
Reiches hemmte. Die Jahre 1834 — 1838 bezeichnen eine Spanne 
hoffnungsvoller Arbeit auf allen Gebieten, doch Mahmud selbst 
war es nicht vergönnt, die Früchte seiner Mühe zu ernten. Zu zahl- 
reich und mächtig waren die äußeren Feinde, um die im Inneren 
des Reiches ausgestreute Saat zur Reife gelangen zu lassen. 
„Mahmud hat ein tiefes Leid durchs Leben getragen; die Wieder- 
geburt seines Volkes war die große Aufgabe seines Daseins und 
das Mißlingen dieses Planes sein Tod." (H. v. Moltke.) 

Der große Gedanke aber wurde mit ihm nicht begraben, sondern 
blieb auch über sein Grab hinaus lebendig. Am 3. 11. 1839 ^ ließ 
sein 17 jähriger Sohn Abd-ul Medschid vor dem Rosenpavillon*, im 
Parke von Top-Kapu jenes Handschreiben an Mustafa Reschid 
Pascha ' verlesen, das später als die Magna Charta der Türkei an- 
gesehen worden ist. Der Sultan läßt keinen Zweifel darüber, daß 
der Grundcharakter des islamischen Staates bestehen bleiben sollte. 

1 eikingi. 

* xangaqi Serif. 

* yihäd. 

* pädiiähym, hin jaml 

* 26. Sa'bän 1255. 
« fjülhäne-kjöSk. 

' s. D.i 1 4, A. II u (Challi serif). 



8 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft il2 

ec«CC<XIO00CKX)000<X»00(>X)00C>CIO0<XXXX>>XXX>X>0O000000(X>^^ 

Alle Mißstände, die seit 150 Jahren zutage getreten seien, wären 
lediglich der Nichtbeachtung der Vorschriften des göttlichen und 
weltlichen Gesetzes 1 zuzuschreiben; „um in Zukunft", so fährt der 
Sultan fort, „Unserm ruhmvollen Reiche die Wohltaten einer guten 
Verwaltung zuteil werden zu lassen, halten Wir die Schaffung 
einiger neuer Gesetze für notwendig". Die Grundbestimmungen 
dieser Gesetze, die man unter dem Namen Tanzimäti chainje (wohl- 
wollende Anordnungen, heilsame Reformen) zusammenfaßt, beziehen 
sich auf: 

1. Bürgschaften, die allen Untertanen gleichmäßig Sicherheit 
ihres Lebens und Schutz ihrer Ehre und ihres Eigentums ge- 
währen sollen, 

2. Regelmäßige Verteilung und Erhebung der Staatsabgaben, 
sowie Beseitigung der Steuerverpachtung 2, 

3. Neuordnung der militärischen Aushebung und Herabsetzung 
der Dienstzeit auf 4 — 5 Jahre. 

Ganz im Sinne seines Vaters Mahmud, der einmal gesagt haben 
soll: „Ich wünsche, den Religionsunterschied meiner Untertanen 
nur dann zu sehen, wenn sie in ihre Moscheen, Synagogen und 
Kirchen gehen 3", verheißt Abdul Medschid: „Dieser Unserer Ver- 
günstigungen sollen alle Unsere Untertanen, Mohammedaner, wie 
Angehörige der übrigen ReligionsgeseUschaften ohne Ausnahme 
teühaftig werden." 

Um eine staatliche, alle Untertanen umfassende Gerichtsbarkeit 
zu schaffen, wurden im Jahre 1847 die gemischten Handelsgerichte* 
gebildet und gleichzeitig in Anlehnung an den französischen Code 
de Commerce von 1807 ein Handelsg^esetzbuch ^ verfaßt. 1850 
wurde auch die erste amtliche Sammlung der bestehenden Gesetze 
veranstaltet, diese gelangte am 3. 2. 1851 in einem Bande von 
142 Sei<^en zur Veröffentlichung ß. 

In dieser Zeit zeigen sich auch die ersten Spuren eines Parlaments; 
bereits im Jahre 1827 war eine Notablenversammlung, genannt der 

* ieri^at ti-e qanün. 

2 ütizäm. 

3 ben tdba Utni-daki cdjän farqyny anijaq gämV hanrä, Misselcrine girdikleri zentan 
gjörmek istcrim. 

* mehäkimi tigärijc; sie wurden umfassend geregelt im Anhang zum Ilandelsgesetzbuche, 
vgl. S. 9 Anm. 6. 

' tigaret qanünnämesi vom 28. 7. 1850; s. D. 1 I 375 (12. Ramazau 1266). 

* Tgl. D. 2 I, Seite s5d. Vgl. M. Ilurtmann, Die neue türkische Reichsgesetzsammlung, 
W. J. IV 3/4 S. 230. 



Jäschke, Die EnticicMung des osmanischen Verfasmngsstaates. g 

e0O0O00OOO00OOO00O0000OO0C>0O0OO000O0CXXXXXXX)CIOOCXX)C<KX><XXXXXX)C)OOO(XXXXXX)OO0OO0O(X)O<^^ 

„Große Rat" (etwa 160 Mitglieder), in Konstantinopel zusammen- 
getreten, um über die auswärtige Politik Beschluß zu fassen. Sie 
sprach sich am 2. 12. für den Krieg gegen Rußland aus. Im 
März 1840 berief zum zweiten Male der Sultan eine Versammlung 
von angesehenen Vertretern des ganzen Volkes nach der Haupt- 
stadt, Der junge Monarch eröffnete selbst die Sitzungen mit einer 
Thronrede, worauf die Versammlung eine formelle Dankadresse an 
ihn absandte. 

Das aus Anlaß des Krimkrieges gegebene Handschreiben vom 
18. 2. 1856 1, gerichtet an den Großwezir Mehmed Emin Aali 
Pascha, enthält im wesentlichen eine Bestätigung des Hand- 
schreibens von 183g. Der Hauptfortschritt liegt in der Anerkennung 
des Grundsatzes von der rechtlichen und gesellschaftlichen Gleich- 
stellung aller Untertanen, der später in Artikel 1 7 der Verfassung 
noch deutlicher zum Ausdruck gekommen ist: „Alle Osmanen sind 
vor dem Gesetze gleich und haben gleiche Rechte und Pflichten 
gegen das Land 2." 

Sodann wird die Zulassung aller Untertanen zum Staatsdienste 
nach ihrer Fähigkeit und Eignung hervorgehoben (Nr. 9 des Hand- 
schreibens). Von Bedeutung ist ferner die Bildung der gemischten 
Verwaltungsräte 3 (Nr. 11) in den Provinzen. Endlich heißt es in 
Nr. 1 2 : „Die Straf- und Handelsgesetze sowie die Prozeßordnung 
für die gemischten Gerichte w^erden in aller Eile fertiggestellt 
werden. Die wichtigsten dieser Gesetze sind: das Strafgesetz- 
buch vom 10. 8. 1858*; das Grundbesitzgesetz vom 21. 4. 1858^; 
Anhang zum Handelsgesetzbuch vom 30. 4. 1860 6, das Seehandels- 
gesetzbuch vom 21. 8. 1863', die Handelsprozeßordnung vom 15. 10. 
18618. 

Am 3. 7. i86i bestieg Sultan Abdul Aziz den Thron 9. In den 
ersten Jahren seiner Regierungszeit erstand der Türkei ein Mann, 
der wie kein anderer berufen schien, das Werk der Reform fort- 

1 10. Gemazil-achira 1272, s. D. ^ I 7, A. II 14. 

2 'osnianlylaryn kjäffesi qanünda toe menüeketin huqüq we wezäjyfynda mütesätoldir. 
' megälisi idäre. 

* 28. Zi'l-higge 1274, S.D. II 537, A. II 212; es wurde in großen Teilen ersetzt durch 
das Gesetz vom 4. 6. 191 1 (s. D. 2 III 436). 

6 7. Ramazan 1274, s. D. ^ 1 165, A. I 57. 

* S.D. II 445, 9. Sawwal 1276. 

' s. D. 1 I 466, 6. Rebi'ül ewwel 1280. 
8 S.D. II 780, 10. Rebi'ül ächir 1278. 

* Ch. (aus diesem Anlaß) s. D. l I 14. 



lo Die Welt des Islams, Band V. 1917. Heft 112 

0C«00CO0CXXXXXXXXX3CX>XX)CO0000C<)0000000000C>C>0<X)(X)00C)CXXXX^ 

zuführen: Midhat Pascha. Dieser hatte seine Staatslaufbahn als 
Schreiber angefangen; frühzeitig gewann er das Vertrauen Fuad 
Paschas, der ihm die praktische Durchführung des 1864 aus- 
gearbeiteten Wilajetgesetzesi in der Donauprovinz (Bulgarien) auf- 
trug. Midhat löste diese Aufgabe mit solchem Erfolge, daß die 
Regierung im Jahre 1867 die Anwendung des genannten Gesetzes 
auf das ganze Reich beschloß. Als Gouverneur der Provinz Irak 
konnte Midhat zum zweiten Male eine Probe seiner schöpferischen 
Fähigkeit ablegen. Schon vorher war er zum Präsidenten des 
1868 geschaffenen Staatsrates ernannt worden. Diese Behörde, als 
deren vorzüglichste Aufgabe die Ausarbeitung neuer Gesetze be- 
stimmt war 2, entfaltete bald nach ihrer Gründung eine äußerst 
fruchtbare Tätigkeit. In rascher Folge erschienen ein Staatsan- 
gehörigkeitsgesetz 3, eine Reihe Ergänzungen zum Wüajetgesetze* 
und endlich das in den Jahren 1869 — 1876 veröffentlichte Bürger- 
liche Gesetzbuch ^, letzteres unter Leitung des Justizministers ^ Ahmed 
Dschewdet Pascha (vollzogen am 26, Sa'ban 1293). 

I. Die Entstehung des Staatsgrundgesetzes 
vom 23. 12. 1876. 

Nachdem um 1875 die Vorbedingungen für den modernen Rechts- 
staat durch die bisherigen Reformen geschaffen zu sein schienen, 
konnte man daran denken, nunmehr auch den letzten Schritt zu 
tun, der auf diesem Wege folgerichtig noch übrig blieb, nämlich 
die Ausarbeitung einer Verfassungsurkunde. Als Vater dieses Ge- 
dankens ist unstreitig Midhat Pascha anzusprechen. Er galt als 

1 teäklläti wiläjet nizämnämesi vom 7. Gemazi'l-achira 1281, s. D. ^ I 608. 

2 grundlegende Verordnung vom 8. Zi'1-higge 1284, s. D. ^ I 703. 
tanzimät däiresi, d. i. Reformgesetzgebungsabteilung, 
milkije däiresi, d. i. Zivilvcrwaltungsabteilung, 

mälye däiresi, d. i. I-'inanzabteilung. 
Über den Staatsrat vgl. N. O. 111 Nr. 8. 

3 s. D. 1 I 16, A. 1 7 (taba'ijeti 'osmänije qänünnämesi), vom 6. Sawwal 1285 (21. i. 1869), 
ergänzt durch Gesetz vom 3. 4. 1917 (T.W. Nr. 2861). 

* idäre'i ^umümye wiläjet nizämnämesi vom 29. Sawwal 1287 (21. i. 1871), s. Ü. 1 1 625, 
A. III 7. Das Gesetz wurde später ersetzt durch das Gesetz vom 17. Rebi'ül iichir 1331 
(26. 3. 191 3), s. D. 2 V 186 (idäre'i iviläjät qänüni muwaqqaii). 

* ahkjämi 'adlije megeUderi, s. D. 1 I, A. VI und VII. 

' vgl. Verordnung vom 20. 5. 1879 (^adlije W6 mezähyb nezärctinin nezäjifi dächitljesi 
nizämnämesi) (s. D.i I 125); ersetzt durch Vcrord. vom 5. 6. 1911 (s. D.2 III 467) und 
vom 13. 4. u. 30. 0. 1915 (b. T. W. .N'r. 2142 u. 2226). 



Jäichke, Die EntwicMuna des osmamsrhen Verfassiwfjsstaates. 1 1 

OeOOOC)OOOOOOOCXX)OOOOOOC30000000000CXXXXXXX)CKX)OC<5000000CKXXXXXXX)0000<X)OCXXXX)OCX^^ 

der Führer der jungen Türkei, einer Partei, die unter Schonung 
des Althergebrachten die modernen Staatseinrichtungen Europas 
für das Osmanische Reich nutzbar zu machen suchte. Wie Preußens 
großer Staatsmann und Reformator, der Freiherr vom und zum 
Stein, so hatte auch Midhat durch das Studium der französischen 
Revolution von 1789 die Überzeugung gewonnen, daß die Rettung 
vor dem drohenden Untergange des Staates ledigHch in einer Er- 
neuerung und Umbildung- von Grund auf zu suchen sei. Um diese 
zu erreichen, müßten die im Volke schlummernden Kräfte nutzbar 
gemacht werden. Alle Osmanen, Muslime wie Christen, seien des- 
halb zur Mitarbeit an der großen Aufgabe, das gemeinsame Vater- 
land ^ durch seine eigenen Kräfte zu stärken und gegen seine 
Feinde zu verteidigen, heranzuziehen. Darum erwartete Midhat 
als leidenschaftlicher Bewunderer der Engländer und ihrer Staats- 
einrichtungen alles Heil von einer Verfassung und hielt die bloße 
Gründung einer Volksvertretung für ausreichend, um alle Mißstände 
zu beseitigen. Er bewog- daher den Sultan Abdul Aziz zu dem 
Erlaß vom 12. 12. 1875 ^^ in dem allgemeine Reformen in Aussicht 
gestellt und insbesondere die Unabhängigkeit der Richter gewähr- 
leistet wird. Zur Durchführung der darin verheißenen Reformen 
wurde ein ausführender Rat^ aus hohen Beamten und Würden- 
trägern unter Vorsitz des Großwezirs gebildet; doch bald darauf 
wurde dieser wieder abgeschafft. 

Da der Sultan den Aufgaben, die an ihn herantraten, nicht mehr 
gewachsen schien, wurde er, nachdem die Softas bereits am 10. 5. 
1876 den Großwezir Mahmud Nedim zum Rücktritt gezwungen 
hatten, am 30. 5. 1876 auf Grund eines Fetwa des Scheich-ül-islam 
Chairullah für abgesetzt erklärt, und sein Neffe bestieg als Murad V. 
den Thron. Doch wurde dieser nach kurzer Regierungszeit am 
31. 8. 1876 durch seinen Bruder Abdul Hamid 11. abgelöst. 

Schon im Juni 1876 hatte Midhat Pascha dem Staatsrat den 
Entwurf einer Verfassung vorgelegt, und am 13. 9. 1876* versprach 
anläßhch seiner Thronbesteigung Abdul Hamid in einem Hand- 
schreiben an Mehmed Rüschdi Pascha die Einsetzung eines Parla- 
ments: „Um das Vertrauen des Publikums in die Gesetze und 
Verordnungen des Landes zu stärken, ist es für notwendig erachtet 

1 watan. 

* islähäti (lächüijeje äffir firmäni ^äli, s. D. 1 III 2, A. V 26. 
' igra^ät meglisi, s. D. 1 III 9, A. V 34. 

* 23. Sa^bän 1293, s. A. V 2. 3 Tage später vollzog der Sultan die Medschelle. 



12 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 1(2 

PcOC>00COOCO000C)<XXX>00O(XXXXX)00000CXyXXX)CXXXXXX>0C<XXX)C<X^ "t KjeOOOQC 

worden, einen allgemeinen Rat^ zu schaffen, der mit dem Leben 
des Volkes in dauernder Beziehung stehe. Dieser Rat wird die 
genaue Ausführung der Gesetze und Verordnungen verbürgen, die 
schon bestehen und gemäß den Vorschriften des göttlichen Rechts 
und den wahren Bedürfnissen des Landes zu erlassen sind. Er wird 
eine Kontrolle über die Staatseinnahmen und -ausgaben ausüben." 

Alsbald begann nun eine Kommission von 28 Mitgüedern, wovon 
10 Ulema waren, unter dem Vorsitz von Serwer Pascha, mit der 
Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfes. Die Geistlichen äußerten 
bei vielen Punkten Bedenken g'eg'en den Plan der Regierung wegen 
angeblicher Verletzung des göttlichen Rechts 2, Zwar stand dieses 
einer Beschränkung' der Rechte des Sultans nicht im Wege, heißt 
es doch im Koran (42,36): „Und ihre Sache ist Gegenstand der 
Beratung zwischen ihnen 3." Aber müßte ein Parlament nicht aus 
Mohammedanern zusammengesetzt sein? Man erwiderte ihnen, daß 
das göttliche Recht durch die Teünahme von Christen an der Volks- 
vertretung in keiner Weise berührt werde. Die Ulema beruhigten 
sich erst, als sie sahen, daß ihr Führer, der Scheich-ül-islam (Chair- 
ullah) sich der Meinung der Mehrheit anschloß. 

Am 12. 10., nach noch nicht drei Wochen seit ihrem Zu- 
sammentritt, hatte die Kommission den Hauptteil ihrer Arbeit be- 
endet, und Safwet Pascha, der Minister des Auswärtigen, teilte den 
Großmächten die bevorstehende Einberufung des Parlaments mit. 

Am 28. 10. 1876 enthielt der Reichsanzeiger Anordnungen* be- 
treffend „das vorläufige und einstweilen für ein Jahr gültig'e ^ Ver- 
fahren für die Wahl der Mitglieder der zu bildenden National- 
versammlung". Nach Lösung der Hauptfrage blieben nur einige 
Nebenpunkte zu erledigen, welche die Kommission, die ihre Sitzungen 
in der Hohen Pforte wieder aufnahm, mit demselben freiheitlichen 
Geiste bearbeitete, der ihre Tätigkeit von Anfang an beherrscht 
hatte. Am 1. 12. war das Werk \ollständig. Midhat Pascha, 
Präsident des Staatsrates, hatte, ohne an den Arbeiten der Kom- 
mission (")ffentlich teilzunehmen, sie doch mit allem erforderlichen 

* meglisi 'umümi; dieselbe Bezeichnung,' erliielt später der Landtag. 

* iierl^at oder üerH ierif. 

' Der Spruch bezieht sich zwar nur auf die .Mediner. deren Verhalten hier als vorbildlich 
hingestellt wird, er wird aber haulij,' so au.sgelegt, als ob damit im Koran schon von 
einem Parlamente die Rede sei. 

* ta^timät (vom 10. Sawwal 1203). s. A. V 306. 

* vgl. hierzu Artikel 119 der Verfassung. 



Jäschke, Die Entwicklung des osmanischen Verfassung sstaates. 13 

O0O0©GOO0OOCXX)OOO(X5O0O0O0000C3000CXXXX)OO0<XXXXXXXXDO0O0OOOCXXXXXXXX)0OOCX>00O0OO0OO0CXX)OCXXXXXX»<^^ 

Material versehen und war in Wahrheit die Seele ihrer Verhand- 
lungen gewesen. Er berief Anfang Dezember den Großwezir 
Mehmed Rüschdi und die anderen Minister zu sich, um sie von 
dem Entwurf der Kommission in Kenntnis zu setzen und mit 
ihnen den endgültigen Wortlaut der Verfassung festzustellen. 
Nicht unbedeutende Änderungen scheinen bei dieser Gelegenheit 
noch vorgenommen worden zu sein. Die Zahl der Artikel wurde 
von 140 auf 119 beschränkt. 

Doch die Ereignisse der auswärtigen Politik drängten auf eine 
rasche Erledigung; denn am 12. 12. waren auf Englands Vorschlag 
die Bevollmächtigten der Großmächte zu einer Vorkonferenz zwecks 
Lösung der schwebenden internationalen Fragen auf der Balkan- 
halbinsel in Konstantinopel zusammengetreten. 

Da erhob am iq. 12. der Sultan Midhat Pascha zum Großwezir, 
der bereits 1872 kurze Zeit diese Würde bekleidet hatte. Am 
23. 12. 1876 1, zu derselben Stunde, als die Hauptkonferenz der 
Großmächte eröffnet wurde, fand im Beisein aller Würdenträger 
des Reichs die feierliche Verlesung des Handschreibens an Midhat 
statt, wodurch die Verfassung in Kraft gesetzt wurde. Diese er- 
hielt die Bezeichnung „Staatsgrundgesetz 2", Der von der amtlichen 
Übersetzungsabteilung ^ der Hohen Pforte angefertigte französische 
Wortlaut wurde den Botschaftern' übermittelt. Am 26. 12. sandte 
Safwet Pascha an die diplomatischen Vertreter der Türkei im 
Auslande eine Zirkularnote*, in der er vor allem die Überein- 
stimmung des göttlichen Rechts mit den neuen Einrichtungen und 
die Bürgschaften für die Ausführung der Verfassung hervorhebt, 
die in dieser selbst enthalten seien. Sodann weist er auf die Teil- 
nahme des Scheich-ül-islam und der Ulema an der Ausarbeitung 
der Verfassung hin, wodurch diese in den Augen der Mohammedaner 
nicht als ein Erzeugnis fremden Geistes, sondern als ein Ausfluß 
des eigenen nationalen Gedankens erscheine. Die Verfassung sei 
kein bloßes Versprechen mehr, sie sei eine vollendete Tatsache 
und zum geistigen Eigentum aller Osmanen geworden. Ihre Weiter- 
entwicklung könne daher nur durch den Willen der gesamten 
Nation und den ihres Herrschers aufgehalten oder gestört werden. 

1 7. Zilhigge 1293, s. D. 1 IV 2, A. V 7, nach Aristarchi wurde der Ch. bereits am 
3. Zilhigge gegeben (19. 12. 1876). 

2 qänüni esäsl. 

^ ter^umän odasy. 

* s. Ubicini, Constitution ... S. 52. 



Di" Welt des Islams. Band Y. 1917, Hep. 12 

Sie sei von Eiiropa weder gefordert noch vorgeschlagen worden. 
Die osmanische Regierung habe also das Bewußtsein, keinen fremden 
Ideen Einlaß gewährt zu haben, und könne darum fordern, daß 
Europa dieser jungen Schöpfung des osmanischen Geistes Ver- 
trauen schenke. 



II. Der erste Landtag und das wechselnde Schicksal 
der Verfassung bis zu ihrem Siege am 23. 7. 1908. 

Die Verkündung der Verfassung am z^. 12. 1876 rief im ganzen 
türkischen Reiche bei allen Teilen der Bevölkerung einen ähnlichen 
Jubel her\-or. wie die am 26. 8. 1789 von der Assemblee Nationale 
beschlossene Erklärung der Menschenrechte (Declaration des droits 
de l'homme et du citoyen^'. 

Mit Recht hob Safwet Pascha in seiner Xote vom 26. 12. das 
gute Einvernehmen zwischen Mohammedanern und Christen her- 
vor, wie es in ihren Gefühlen und Hoffnungen gegenüber dem 
großen geschichtlichen Ereignis zum Ausdruck gekommen sei 

Abdul Hamid geht in dem Handschreiben an Mihat Pascha 
vom 23. 12. 1876 selbst von dem Gedanken aus. daß dieser Akt 
durchaus den Anschauungen seines Vaters entspreche und den 
Abschluß der Entwicklung bezeichne, die imter dem Namen Tatidlrnät 
zusammengefaßt werde. Ja, er meint sogar, die Verfassung wäre 
ohne Zweifel schon zu Lebzeiten Abdul Medschids, den er den 
Reformator des Reiches'* nennt, erlassen worden, wenn es nur die 
Umstände und Verhältnisse jener Zeit erlaubt hätten. 

Die Wahlen zum Landtag wurden nach den Anweisungen vom 
28. 10. 18762 im Januar 1877 vollzogen. Da die Konferenz der 
Mächte bereits am 15. 1. ihre Forderungen der Pforte in der 
Form eines Ultimatums überreicht hatte, so hatte Midhat noch 
vor dem Zusammentritt des Landtags einen „großen Rat" von 
mehr als 200 Geistlichen und weltlichen Würdenträgem einberufen, 
der wie im Jahre 18273 und später 1913* über die auswärtige 
Politik der Türkei entscheiden sollte. Am 18. 1. lehnte dieser mit 

1 ein L vom Januar 1877 erklärte den 1 1. Kjanuni ewwcl i = 23. Dezember) ztun National- 
feiertag; Tgl. S. 28 -Xnm. 2. 

* TgL S. 12 Anm. 4. 
' TgL S. 8. 

* Tgl. S. 35- 



il 



JäschJce, Die Entwicklung des osmanischen Verfassungsstaates. 15 

aC<>XXaOOOCXXXX3SOOaOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC<?OOCOOC«XOOOOOCKXXXXXXXXXXXXXXXXX)OCOOO(X)^^ 

großer Mehrheit die Forderungen der Konferenz ab. worauf diese 
sich am 20. 1. auflöste. 

Da trat ein Ereignis ein, das in der Türkei wie in Europa Auf- 
sehen erregte, den Eingeweihten aber nicht unerwartet kam: Midhats 
Sturz. Schon wenige Tage nach der Verkündung der Verfassung 
hatte Midhat die Überzeugung gewonnen, daß Abdul Hamid nur 
aus Gründen der auswärtigen Politik sich zu dem Schritt vom 
25. 12. entschlossen hatte und von vornherein die Absicht hegte, 
sich der lästigen Fesseln, die ihm die Verfassung auferlegte, so 
bald als möglich zu entledigen. Vor allem wandte sich der Sultan 
gegen die Presse, die nach seiner Meinung ihre Freiheit miß- 
brauchte 1. 

Midhat scheute sich nicht, Abdul Hamid freimütig seine Meinung 
zu sagen. In einem Briefe vom 30. 1. 1877-, den er an den 
Sultan richtete, schrieb er: „Wenn die Befehle Ew. Majestät dem 
Wohle der Nation widersprechen, so bin ich genötigt, ihnen den 
Gehorsam zu ver«-eigern, denn die Last der Verantwortung würde 
zu schwer für mich sein. Wenn aber Ew. Majestät glauben, mich 
von dem Amte des Großwezirs entheben zu müssen, so habe ich 
nur den einen Wunsch, daß es einem starken und fähigen Manne 
anvertraut werde." Doch Midhat fand beim Sultan kein Gehör. 
Seine persönlichen Gegner, besonders Damad Mahmud Pascha 
setzten es \-ielmehr durch, daß er am 5. 2. 1877 verbannt \\*urde 
(auf Gnmd des Artikels 113 der Verfassung). 

Am 19. 3. 1877 \snirde der erste Landtag mit einer Thronrede ^ 
eröffnet, so wie dies in Artikel 45 der Verfassung vorgesehen war. 
Es heißt darin: ,X)ie Fortschritte in den Kulturstaaten, ihre Sicher- 
heit und ihr Reichtum sind die Frucht der Teilnahme aller Staats- 
bürger an der Gesetzgebung und der Besorgung der öffentlichen 
Angelegenheiten. Ich habe es für notwendig gehalten, auch für 
uns auf diesem Wege die Mittel zum Fortschritt zu suchen, indem 
Ich das allgemeine Stimmrecht zur Grundlage unseres öffentlichen 
Rechts machte, und in diesem Sinne habe Ich die Vert"assung ge- 
geben. Abgesehen von anderen Vorzügen, die sie bietet, wird sie 
die BriiderHchkeit und Einigkeit unter Meinen Völkern fördern. 
Von nun an werden alle Meine L'ntertanen, die Kinder desselben 

1 vgl. .\rtikel 12 der Verfassung; vgl. N. O. lU 320 ;über die Entwicklung der türkischen 

Presse). 
- s. Fesch, Constantinople . . . 
' s. A. V 295. 



i6 Die Weh deR Tdams, Band V. 1917, Heft 112 

OOOOeOOOCCOOOOOOO<>DOOOOOCOOC»(XXXXXXXXX)OOOOOCOCOOC<XXXX)(XXXX)^^ 

Vaterlandes sind und unter dem Schutze desselben Rechtes leben, 
den gleichen Xamen tragen: Osmanen." 

Ein reichhaltiges Arbeitsprogamm wird in der Thronrede für 
die erste Tagung des Landtags entworfen: Geschäftsordnungen 
für den Senat ^ und das Abgeordnetenhaus ^, ein Wahlgesetz ^ 
sowie die zahlreichen in der Verfassung vorg"esehenen besonderen 
Gesetze. 

Das Abgeordnetenhaus, das nach den Anweisungen vom 28. 10. 
1876 (Artikel 1) mindestens 130 Mitglieder zählen soUte, setzte 
sich aus 115 Abgeordneten* zusammen, von denen sich 6g zum 
Islam bekannten. Die Aufgabe des ersten Präsidenten Ahmed 
Wetik Efendi, die manchmal recht stürmischen Debatten in die 
Bahn einer ruhigen parlamentarischen Verhandlung zu lenken, war 
namentlich im Hinblick auf das heftige, zielbewußte Auftreten der 
Griechen nicht leicht. Im allgemeinen zeigten aber die Abge- 
ordneten einen hohen patriotischen Eifer und starke Arbeitslust. 
Der Präsident des Senates, der aus ^2 Mitg'liedern bestand, war 
Serwer Pascha. Die erste Tagung, die nach Artikel 5 der An- 
weisungen vom 28. 10. 1876 mindestens drei Monate dauern soUte, 
wurde am 28. 6. 1877 geschlossen. 

Am 13. 12. 1877 wurde das zweite Sitzungsjahr abermals mit 
einer Thronrede^ eröffnet. In dieser betonte Abdul Hamid die 
Notwendigkeit der vollständigen Durchführung der Verfassung 
von neuem und drückte seine Zufriedenheit über die zahlreichen 
Meldungen von Freiwilligen aus, die sich für die durch die Ver- 
ordnung vom 17. 11. 1877 ß geschaffene Bürgerwehr '^ zur Ver- 
fügung gestellt hatten. 

Ferner heißt es in der Thronrede: „Bisher wurde das Gemeinde- 
verwaltungsgesetz für Konstantinopel und für die Provinzen ^ an- 
genommen und bestätigt, desgleichen die Geschäftsordnung des 

1 vom 20. 9. 1877, s. D. 1 IV 20, A. V 310. 

2 vom 13.5. 1877, s. D.1IV36, A. V 326; beide wurden 1916 — 1917 wesentlich ab- 
geändert; vgl. N. O. III Nr. 7, 9, 10, 1 1. 

3 dieses wurde im Jahre 1877 ausgearbeitet; doch der Sultan versagte ihm damals die 
Bestätigung; erst am 2. 8. 1908 wurde es durch I. in Kraft gesetzt; vgl. S. 22. 

* Liste der Abgeordneten s. A. V 348. 
' s. A. V 303. 
8 s. D. 1 IV 66. 
' *a8äkiri milkye. 

8 s. Young VI 151 (vom 5. 10. 1877 = 27. Ramazan 1294); später abgeändert durch Gesetz 
vom 15. 7. 191 2 (s. D. 2 IV 567). 



Jäschke, Die Entwicklung des osmanischen Verfassung astaates. 17 

Senats und des Abgeordnetenhauses 1. In dieser Tagung werden 
Ihnen wichtige Vorlagen, die der Staatsrat bearbeitet hat, zugehen, 
u. a. eine Prozeßordnung 2, ein Wahlgesetz 3, ein Gesetz über die 
Minister und den Ministerrat, den Hohen Rat und den Rechnungs- 
hof. Ferner harren der Erledigung das Wilajetgesetz, Preßgesetz, 
Steuergesetz, Gesetz über den Belagerungszustand, die sämtlich 
schon in der ersten Tagung Gegenstand Ihrer Beratung waren. 
Ihre besondere Aufmerksamkeit lenke ich auf den Staatshaushalts- 
plan für dieses Jahr. Wir glauben einen deuthchen Beweis Unserer 
festen Absicht gegeben zu haben, auf der Bahn des Fortschrittes 
zu beharren, indem Wir Ihre Aufmerksamkeit auf die inneren 
Reformen richten, zu einer Zeit, in der das Reich noch in einen 
großen Krieg verwickelt ist. In den Fragen der Gesetzgebung 
und Politik kann man nur durch eine völlig freie Aussprache zur 
Wahrheit gelangen." 

Nichtsdestoweniger wurde der Landtag schon zwei Monate später, 
am 14. 2. 1878 geschlossen*. 

Der unglückliche Friede von San Stefano vom 3. 3. 1878 stand 
vor der Tür. Abdul Hamid konnte darum von der Fortsetzung 
der konstitutionellen Regierung, nicht mehr wie im Jahre 1876, 
einen günstigen Eindruck auf Europa erwarten. Außerdem hatten 
die Abgeordneten gerade die Mißwirtschaft im Finanzwesen einer 
scharfen Kritik unterzogen, die dem Sultan besonders unange- 
nehm war. Man hat später wohl gesagt, das türkische Volk sei 
in damaliger Zeit noch nicht reif gewesen, um das Wesen des 
Parlamentarismus zu würdigen. Midhat Pascha sei bei der Ein- 
führung einer modernen Verfassung nach europäischem Muster zu 
theoretisch vorgegangen. Demgegenüber muß festgehalten werden, 

1 vgl. s. 16. 
'^ vgl. S. 17 Anm. 4b. 
^ vgl. S. 16 Anm. 3. 

* Die wichtigen Justizgesetze ergingen sämtlich in der Form provisorischer Gesetze im 
Jahre 1879: 

a) das Gerichtsverfassungsgesetz (mehakimi nizämije teskiläti qänüny) vom 10.6. 1879 
(s. D.i IV 235). 

b) die Zivilprozeßordnung (nsüli muhäkemäti huqüqije qänüny) vom 21. 6. 1879 
(3. D.l rV 257); abgeändert durch Gesetz vom 8. 4. 191 1 (s. D. 2 III 261) und 
17. 10. 1914 (s. D, 2 VI 1352). 

c) die Strafprozeßordnung vom 24.6. 1879 (s. D.^IV 131); ergänzt durch vorläufige 
Gesetze vom 24. 9. 1912 (T. W. Nr. 1340) und 4. 10. 1913 (T. W. Nr. 1602). 

d) vgl. S. 10 Anm. 6. 

Die Welt des Islams. Band V. 2 



i8 Die Welt des Islatm, Band V. 1917, Heft 1/2 

eO00OG0<X<XX)(XXXXXXXXXX)OOOCXX>O0O<X><X)OC>CXXXXXXXXXX)O<XXXXXXXXXXX)^^ 

daß Midhat Pascha in allen Zweigen der Verwaltung, in denen er 
tätig gewesen ist, eine außerordentliche Erfahrung in der Be- 
handlung von Menschen zeigte und einen Beweis seines genialen 
praktischen Könnens erbrachte. 

Jedenfalls hat dieser Anfang des Verfassungslebens in der Türkei 
in den Jahren 1876 bis 1878 in Europa wie im osmanischen Reiche 
Hoffnung^en erweckt, die vielleicht nicht ganz unberechtigt waren, 
und die seit 1908 sich vollziehende Neugeburt der Türkei wäre 
wahrscheinlich schon früher in Erscheinung getreten, wenn man 
die Arbeit Midhat Paschas geduldig fortgesetzt hätte. 

Über die rechtliche Grundlage der Schließung des Landtags 
am 14. 2. 1878 auf unbestimmte Zeit ist folgendes zu sagen: 
Zweifellos bestand für den Sultan rechtlich kein Zwang, im Jahre 
1876 eine Verfassung zu oktroyieren und noch weniger eine zu 
vereinbaren. Es handelt sich also um eine freiwillige Selbst- 
beschränkung, die sich der Sultan hinsichtlich der Ausübung 
der Regierungsrechte auferlegte. Insofern trägt also der Staatsakt 
vom 2^. 12. 1876 denselben Charakter wie die Verkündung- der 
preußischen Verfassung am 31. 1. 1850, aber wie diese nach 
vollzogener Revision durch die Revisionskammern endgültig sein 
sollte (vgl. Artikel 107), so sollte die osmanische nach des Sultans 
eigenem Willen auch dauernd sein (vgl. Artikel 115, 116). Auch 
Safwet Pascha hatte in der Note vom 26. 12. 1876 1 betont, daß 
eirte Abänderung der Verfassung nicht ohne den Willen der 
Nation erfolgen könne, daß also der Sultan gewissermaßen das, 
was er oktroyiert habe, nicht mehr einseitig zurücknehmen 
könne. Und doch geschah die Unterdrückung der Verfassung, 
wenigstens nach Abdul Hamids Worten, gerade auf den Rat 
Safwet Paschas 2. 

Abdul Hamid vermied eine Auflösung ^ des Landtags wegen 
der daran geknüpften Folgen (vgl. Artikel 7, 73) und zog die 
Schließung* vor, wozu ihm Artikel 44 das Recht gab. Jedoch hätte 
nach dem unzweideutigen Wortlaute des Artikels 43 der Landtag 
am 13. 11. 1878 wieder eröffnet werden müssen. Einen Schutz 
gegen eine parlamentslose Zeit enthielt auch Artikel 99 (jährliche 
Prüfung des Staatshaushalts durch den Landtag). 

1 vgl. S. 13 Anm. 4. 

2 vgl, Ch. vom 1. 8. 1908; D. 2 1 u (vgl. S. 20 Anm. 7). 
» fes-ch. 



Jäschke, Die Entxoicklung des osmanischen Verfassuiigsstaates. 19 

C0OO0OOOCXDOOC<3O(X)O00O<XXXXXXXXXXXXXX)00O00<XXXXXX)0C)0C>CXXXXXXX)00O0O0OO0O 

Abdul Hamid hob zwar nie formell die Verfassung auf, vielmehr 
suchte er geflissentlich die Vorstellung aufrechtzuerhalten, daß das 
Staatsgrundgesetz 1 auch weiter Geltung habe, indem er es all- 
jährHch im amtlichen Staatskalender 2 abdrucken ließ. In Wahrheit 
aber entfernte er sich immer w^eiter vom Geiste der Verfassung, 
so daß es schließlich so weit kam, daß bei hoher Strafe verboten 
war, auch nur das Wort qämini esätl auszusprechen. Ebenso war 
das Wort wutan „Vaterland" streng verpönt. 

Doch die Erinnerung an Midhats Zeit blieb lebendig. „Das Par- 
lament ging, jedoch der Freiheitsgedanke wurde in dem Herzen 
der Nation nicht ausgelöscht V Die Jungtürken, wie die Anhänger 
Midhats hießen, vermehrten sich trotz der Verfolgungen, denen sie 
ausgesetzt waren. Ahmed Riza, Abdullah Dschewdet, Ishak Sak- 
jüti u. a. wurden nicht müde, im Auslande in Zeitungen wie 
„Süra'i ümmet" („Nationalrat"), „Mesweret" („Beratung") in Paris und 
„'Osmanly" („Osmane") in Genf, sowie in den dort begründeten 
Comite „Union et progres*" den Verfassungsgedanken zu pflegen 
und auszubreiten; in der Türkei selbst fand ein Geheimbund, der seit 
1906 seinen Mittelpunkt in Saloniki hatte, beträchtlichen Anhang, 
besonders im III. (mazedonischen) Armeekorps. Die Zusammen- 
kunft des Königs von England, Eduards VII., mit dem Zaren von 
Rußland, Nikolaus 11., am 9. ö. 1908 gab das Zeichen zur Erhebung. 
Diese brach dreißig Jahre nach der Unterdrückung der Verfassung 
im Juli mit elementarer Gewalt aus. Dank der Tatkraft Niazi Bejs 
und Enwer Bejs, der beiden Helden der Freiheit^, führte die Be- 
wegung zu raschem Siege. Abdul Hamid, der die ihm drohende 
Gefahr rechtzeitig erkannte, stellte sich plötzHch als Freund der 
Jungtürken und gab am 23. 7. 1908 einen Erlaßt, durch den die 
Einberufung des Landtags angeordnet wurde. Damit triumphierte 
der Gedanke des Staatsmannes, der ein Menschenalter vorher in 
die Verbannung geschickt worden war. Mit Stolz wiesen die 
Jungtürken später darauf hin, daß ihre Ideen sich ohne großes 
Blutvergießen Bahn gebrochen hatten: „Ce n'6tait pas une r6vo- 
lution, c'etait une evolution." (Über die Zeit von 1878 bis 1908 

^ qänüni esäst. 

2 sälnäme'i dewleti ^alije'i ^osmämje. 

^ vgl. Faik, Die Geschichte . . . 

* '■osmanly ittihäd tve teraqqi gemHjeti. 

6 mesrüfijetm mügähidi, d. i. Vorkämpfer des Verfassungsgedankens. 

« 24. Gemazil-achira 1326 = 10. Tammuz 1324; s. D. 2 I i. 



20 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft Ij'I 

vgl die umfangreiche Literatur bei „Hart mann, Die neuere 
Literatur . . .".) 

Die Verfassung war wieder hergestellt; aber hatte der Gedanke 
diesmal tiefer Wurzel geschlagen, und war er stark genug, um sich 
trotz aller Stürme behaupten zu können? Die Antwort auf diese 
Fragen mußte die nächste Zeit geben. 

III. Das erste Sitzungsjahr des zweiten Landtags 
und das Gesetz vom 21. 8. 1909. 

Der kluge Schritt, den Abdul Hamid am 2^. 7. 1908 tat, rief im 
ganzen Reiche eine Begeisterung hervor, die diejenige von 1876 
weit übertraf. Überall erscholl der Ruf: „Lang lebe unser 
Herrscher! 1" und: „Wir haben eine Verfassung! 2." AUe Schuld 
an dem Elend der Vergangenheit maß das bedrückte und ge- 
ängstigte Volk nur den gewissenlosen Ratgebern des Sultans zu. 

Der Sultan gab sich den Anschein, als sei er der aufrichtigste 
Freund der Jungtürken. Allen Teilnehmern an der Erhebung 
sicherte er in weitestem Umfange Straffreiheit zu (vgl. die Am- 
nestieerlasse vom 27., 28. 7. und 13. 8. 19082). 

In dem Erlaß vom 2^,. 7. 1908 über die Einberufung des Land- 
tags heißt es: Zwar sei die Verfassung in Kraft, und wenn der 
Landtag seit einiger Zeit nicht versammelt gewesen sei*, so habe 
dies nur an dem derzeitigen Zustand des Landes gelegen. Um 
aber ein Blutvergießen und Eingreifen ^ der Großmächte zu ver- 
hüten, habe der Ministerrat beschlossen, die Walis zu ersuchen, 
gemäß dem bestehenden Wahlgesetze zur Wahl von Abgeordneten 
zu schreiten. 

Dieser Erlaß durfte auf Grund eines Erlasses von demselben 
Tage 6 in den Zeitungen Konstantinopels abgedruckt werden. 

Am 1. 8. 1908 richtete Abdul Hamid ein Handschreiben' an 
den neuen Großwezir Said Pascha, in dem er hervorhebt, daß die 

' padiiahimiz Coq jahil 

^ meirütyctimiz imr. 

3 s. I).2 I 3, 5^ 7, 40, 43. 

■* Inr ntüddeii muwaqqdta ivün tn^til und: bir müddetden bcrü da'vrt ire küSäd 

oh(7nn(nni/>i. 

^ müdächalnt. 

" s. I). 2 I 2. 

7 s. D. 2 I 1 1 . 



Jäschke, Die Emtwirklnnp des osmaidschen Verfassiinpsstaates. 21 

00<>X>000000000000<»OOOCXXXXX30000<XXDOO<X)CXXXXX)0(X)OOOOOC<XX>OOCKX^ 

Verfassung im Jahre 1876 auf seinen persönlichen Wunsch hin 
verkündet worden sei. Nur darum, weil schlechte Absichten über 
die Gedanken des allgemeinen Wohles gesiegt hätten, sei sie auf 
den Rat des Ministeriums Safwet Pascha zeitweilig aufgehoben 
worden 1. Doch nunmehr habe sich das Volk für die konstitutionelle 
Staatsform reif gezeigt, und darum habe er am 2^. 7. 1908 die 
Einberufung des Landtags und die vollständige Anwendung der 
Verfassung befohlen. Den Botschaftern der Mächte habe er er- 
klärt, daß in Zukunft die Verfassung in keiner Weise angetastet 
werden dürfe. 

Dieses Handschreiben vom 1. 8. igo8 enthält Bestimmungen, 
die als eine Ergänzung- der Verfassung aufgefaßt werden können. 
Artikel 12, 14, 22, 2^, 41 der Verfassung werden ausdrücklich be- 
stätigt (in Nr. 3, 4, 8, 9) und nach verschiedenen Richtungen hin 
erweitert. Der Grundsatz der Unverletzbarkeit der persönlichen 
Freiheit, den schon Artikel 9 und 10 der Verfassung enthält, 
kommt in Nr. 1 und 2 noch deutlicher zum Ausdruck. Beachtens- 
wert ist Nr. 5; hierin wird den Polizei- und jedweden anderen 
Beamten, womit offenbar die Geheimpolizisten 2 und ihre berüch- 
tigten Zuträger 3 gemeint slpd, jede Verfolgung, die eines gesetz- 
lichen Grundes entbehrt, untersagt (vgl. auch Erlaß betreffend 
Aufhebung der Spionage* vom 30. 7. 1908). In Nr. 6 wird der 
Inlandspaß abgeschafft und damit die bis dahin in der Türkei un- 
bekannte Freizügigkeit eingeführt. (Durch Gesetz vom 15. 3. 1915^ 
wurden aus Anlaß des Krieges die Fremden in der Türkei wieder 
gewissen Aufenthaltsbeschränkungen unterworfen.) 

Nr. 3 erklärt jede Art von Ausnahmegerichten für unstatthaft. 
Nach Nr. 13 soll der Staatshaushalt in vollem Umfange zu Beginn 
jedes Finanzjahres (am 14. 3.) fertiggestellt (d. h. vom Landtage 
verabschiedet sein) und veröffentlicht werden, während Artikel 99 
der Verfassung nur bestimmte, daß der Voranschlag unmittelbar 
nach Eröffnung des Landtags, also am 14. 11., dem Abgeordneten- 
haus vorzulegen sei. (Auch im Deutschen Reiche wird der Staats- 
haushalt vor Beginn des Etatsjahres (= 1. 4.) durch Gesetz fest- 
gestellt (vgl. Artikel 69 der Verfassung und Gesetz vom 29. 2. 1876).) 

1 vgl. S. iS Anm. 2. 

• ■me'münni cJutfiJe. 

• jurnalifi. 

* chdfijelik; s. D. 2 1 9. 

* s. T. W. Nr. 21 14, überäetzt in N. O. 111 Nr. 4. 



2 2 THe Welt des Islams, Band V. 1917, Heft H2 

Einen Verstoß geg^en die Verfassung enthält Nr. lo, wonach 
entgegen der Vorschrift des Artikels 2"] der Verfassung der Sultan 
das Recht erhält, außer dem Großwezir und dem Scheich-ül-islam 
auch den Marine- und Kriegsminister selbst zu ernennen. Diese 
Erweiterung- der Kronrechte auf Kosten der althergebrachten Be- 
fugnisse des Großwezirs hatte den Sturz Said Paschas zur Folge. 
In dem Handschreiben vom 6. 8. 19081 wird Artikel 27 wieder her- 
gestellt und gleichzeitig Kjamil Pascha das Großwezirat übertragnen. 

Zur Erinnerung an den Tag der Wiederherstellung- der Ver- 
fassung sollte nach dem Erlaß vom 3. 9. 19082 eine Denkmünze 
geprägt werden, jedoch verzögerte sich die Ausführung bis zum 
Regierungsantritte Mehmeds V. 

Über die wichtig'e Frage, in welcher Weise die Wahlen zum 
Abgeordnetenhause vollzogen werden sollten, entschied ein Erlaß, 
der auf Grund eines Schreibens ^ des Ministers des Innern Memduh 
an das Großwezirat (28. 7. 1908), des Protokolls über den Beschluß 
des Ministerrats* vom 2. 8. 1908 und eines entsprechenden Berichts 
(mit Antrag auf Bestätigung 0) des Großwezirs Said Pascha am 
2. 8. vom Sultan verfügt wurde. Darin wurde bestimmt, daß 
nicht, wie im Jahre 1877, die Anweisungen vom 28. 10. 1876^ 
maßgebend sein soUten, da diese unvollständig seien und auch 
mit der Verfassung im Widerspruch ständen, sondern der im 
Abgeordneten hause selbst 1877 (während der ersten Wahldauer) 
ausgearbeitete Wahlgesetzentwurf '^ . 

Dieser wurde in dem neu begründeten Reichsanzeiger ^ in Nr. 1 
bis 5 (erschienen am 20. 9. 1324) zugleich mit einem ergänzenden 
Entwurf eines Wahlreglements ^ veröffentlicht. 

Nachdem die Wahlen zum Abgeordnetenhause stattgefunden 
hatten, konnte die feierliche Eröffnung des neuen Landtags, die 
gemäß Artikel 43 der Verfassung und Erlaß vom 2. 8. 1908 schon 
am 14. 11. 1908 geplant war, endlich am 17. 12. 1908 vollzogen 

i in D. * I nicht enthalten! vgl. v. Kraelitz-Greifenhorst, Die Verfassungsgesetze . . . 

-' s. D. 2 I 73, 78; vgl. S. 28 Anm. 5. 

^ tezkire; s. D. 2 i 14. 

* mtyUsi machsüsi wükdä mazbatasy; s. ü. 2 1 16. 
' tczkirdi ma^rüze; s. D. 2 i 17. 

* vgl. S. 12; in D. 21, irrtümlich 15. (statt lO.) Sawwal 1293. 

^ vgl. S. 16; s. ü. 2 1 18 (intichäbi me¥ü8än qanünl läjihas)^). 
" taqvimi ii:eqäji\ 

* ta'Umät läßhasy; s. D. 2 I 37. Weitere Nachträge zum Wahlgesetz s. D. 2 1 45, 59, 64^ 
66, 83. 



Jäschke, Die Entwicklung des osmanischen Verfassungsstaates. 2$ 

<X50000COOO<XXXX>00<XX)<X)OOOOOOOOOOOOOOOOOOCIOOOO<XXXXXXXKXXX)OOOOCOOOOO^ 

werden (vgl. Erlaß vom 14. 12. 1908 1). Die Thronrede 2, die von 
Ali Dschewad Bej (i. Sekretär des Sultans 3) verlesen wurde, be- 
tonte mit besonderem Nachdruck das feste und unabänderliche 
Verlangen Abdul Hamids, der Verfassung gemäß zu regieren. 
Diese Worte riefen im Hause laute Beifallsrufe hervor. 

Das Abgeordnetenhaus bestand aus 2^^ Mitgliedern (darunter 
180 Mohammedaner). 

Zum Präsidenten des Senats wurde Ahmed Muchtar Pascha* 
ernannt, zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses Ahmed Riza 
Bej, der frühere Herausgeber des „Mesweret" und Führer der 
Jungtürken in Paris, gewählt. 

Mit wahrem Feuereifer gingen die Abgeordneten an die Arbeit, 
um die Gesetzgebung, die so viele Jahre völlig still gestanden hatte, 
mit den Forderungen der Gegenwart in Einklang zu bringen. Die 
ersten Wochen standen im Zeichen einer allgemeinen Verbrüderung, 
doch bald traten die ersten Hemmungen hervor: Parteien bildeten 
sich, die sich in gehässiger Form bekämpften, unfähige Beamte, 
die vor der neuen Zeit hatten weichen müssen, und unwissende 
Ulema suchten die Bestrebungen der Jungtürken zu verdächtigen. 
Kjamil Pascha zumal ließ seine Unzufriedenheit die Abgeordneten 
spüren, so daß es am 13. 2. 1909 zum offenen Bruch kam. Wegen 
der plötzlichen Entlassung zweier Minister wurde an diesem Tage 
eine Anfrage an den Großwezir gerichtet, die dieser aber erst am 
17. 2. beantworten wollte. Obwohl der Großwezir nach Artikel 38 
der Verfassung dazu berechtigt war, beschloß das Abgeordneten- 
haus mit 198 gegen 8 Stimmen eine Adresse an den Sultan, in 
der es diesen ersuchte, Kjamil seines Amtes zu entheben. Abdul 
Hamid willfahrte dem Verlangen der Kammer und ernannte am 
15. 2. 1909 Hussein Hümi Pascha zum Großwezir. 

Entgegen der Bestimmung des Handschreibens vom 1. 8. 1908 
(Nr. 13)5 war das Gesetz über den Staatshaushalt für das Finanz- 
jahr 1325 bis zum 14. 3. 1909 noch nicht fertiggestellt. Die Re- 
gierung konnte vielmehr nur ein vorläufiges Gesetz für die Monate 
März und April ^ dem Abgeordnetenhause vorlegen. Dieses wurde 

1 s. D.2 I 105. 

2 in D. 2 I nicht enthaltenl vgl. ,,Osraanischer Lloyd'' vom 18. 12. 1908. 

3 serrkjätibi Jiazreti Sehrijärl. 

* Vater des früheren Botschafters in Berlin. 

* vgl. S. 21. 

« vgl. S. 28; s. D.2I 135. 



24 l^>ie TfV/^ des j!>Jnm!^. Band V. 1917, Heft 112 

ooooec)00<yxxyyx<><xc<x>oo<xxx<x<xx>oo(x>(xxxxx>^^ 

daselbst am 13. 3. angenommen und am 15, 3. vom Sultan voll- 
zogen. 

Da gemäß Artikel 43 der Verfassung die Tagung am 14. 3. ihr 
Ende erreicht hätte, andererseits aber selbst die wichtigsten Gesetze 
noch immer der Erledigung harrten, so verlängerte der Sultan im 
Handschreiben vom 11. 3. 1909I die Sitzungsdauer bis zum 13. ;. 

Indessen wollte die Gesetzgebungsarbeit im Abgeordnetenhause 
nicht recht vorwärtskommen. Zur Klärung der Lage bedurfte es 
eines reinigenden Gewitters. Am 13. 4. 1909 entlud sich der auf- 
gehäufte Zündstoff, und eine gefährliche Erhebung gegen die Jung- 
türken und die Verfassung fand statt. Inwieweit diese auf Abdul 
Hamid zurückzuführen ist, läßt sich nicht mehr einwandfrei fest- 
stellen. Sicher ist, daß der Sultan den Sturz der Jungtürken nicht 
ungern sah und ihn zum mindesten begünstigte, denn er beeilte 
sich, allen Aufrührern Straflosigkeit zuzusichern, ferner schickte 
er ein Rundschreiben an die Oberpräsidenten der Provinzen, in 
dem er ihnen den Schutz des heihgen Rechts auftrug. Am 15. 4. 
ernannte er Tewfik Pascha zum Großwezir und legte auch ihm ans 
Herz, daß in Zukunft die Vorschriften des heiligen Rechts wieder 
mehr beachtet würden. Ahmed Riza Bej legte am 14. 4. sein Amt 
nieder, und an seiner Stelle wurde Ismail Kemal, der Führer der 
Freisinnigen 2, zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt. 

Diese Ereignisse bedrohten in ernster Weise das Bestehen der 
Verfassung. Doch diesmal war der Verfassungsgedanke zu stark, 
um wieder ertötet werden zu können. Mit bewundernswerter Ruhe 
und Zielsicherheit gingen die Jungtürken vor. Bereits am 15. 4. 
brach unter Führung von Husein Hüsni Pascha das 111. Armee- 
korps von Saloniki auf. Vor den Toren von Konstantinopel über- 
nahm den Oberbefehl Mahmud Schewket Pascha. 

Der Landtag, der einige Tage lang zu einem Scheindasein 
verurteilt war, trat am 22. 4. 1909 in San Stefano zu einer aus 
120 Abgeordneten und 12 Senatoren bestehenden Nationalver- 
sammlung ^ unter dem Vorsitze von Said Pascha zusammen. Zwei 
Tage später zog Mahmud Schewket Pascha nach kurzem Kampf 
in Konstantinopel ein, das damit seine zweite Eroberung seit 1453 
erlebte. Am 26. April beschloß die Nationalversammlung in ge- 

• s. U. 2) 133; die V)ei flieser Gelegenheit verlesene Thronrede s. D. 2 I 134, 

• ahrär; diese hatten sich in diesen Tagen erst cljcnso wie die Anhänger des Komitees 
zu einer Partei im technischen Sinne zusammengeschlossen. 

• mcglisi ^umümlji miUi. 



Jäf>rhkfi. Die Knhcirl'hnia dex oamanischen Verfn.<!.<!inirf.'}fifaatfi.f. 25 

COOOeCXXXX)OOC>C)OOOOOOOOOCX300<XXXXX)OOOC)CKX>OCKX<XXXX)C<XXXXXXX^ 

heimer Sitzung" mit 136 g-eg"en 59 Stimmen die Entthronung Abdul 
Hamids, die am folg'enden Tage tatsächhch vollzogen wurde, nach- 
dem man zuvor ein Rechtsgutachten ^ des Scheich-ül-islam darüber 
eingeholt hatte. In diesem denkwürdigen, von Mehmed Zia ed-Din 
Efendi unterzeichneten Schriftstück heißt es: „Wenn von folgenden 
beiden Entscheidungen: 1. entweder dem . . . vorzuschlag^en, auf 
Kalifat und Sultanat zu verzichten, 2. oder die Entthronung 2 vor- 
zunehmen, von den Leuten des Lösens und Bindens^ und den 
Herren der Dinge* die eine als vorteilhafter angesehen wird, ist 
dann deren Ausführung notwendig ^P Antwort: Ja." 

Said Pascha legte diese Worte als auf die Nationalversammlung 
bezüglich aus. Diese entschied sich einmütig ^ für die Entthronung 
und entsandte eine Abordnung zu Abdul Hamid. Als ihr Führer, 
der Albaner Essad Pascha'^, den Sultan von dem gefaßten Ent- 
schlüsse in Kenntnis setzte, erwiderte dieser: er habe stets das 
Wohl des Volkes im Auge gehabt und sei seit der Erneuerung 
der Verfassung nie von deren Wege abgewichen. Zu derselben 
Zeit teilte eine zweite Abordnung dem Bruder des Sultans, Mehmed 
Reschad mit, daß er kraft des Erb folgerechtes auf den Thron der 
Osmanen berufen sei. 

Mehmed V. erHeß aus Anlaß der Thronbesteigung ein Hand- 
schreiben an Tewfik Pascha (4. 5. 190g 8). „Mein Bruder wurde 
aus Gründen, die jedermann bekannt sind, durch einen Beschluß 
der Nationalversammlung gemäß den Worten des Heiligen Fetwa 
und dem Wunsche aller Unserer Untertanen des Kalifats und 
Sultanats für verlustig erklärt, und Ich bestieg auf Grund des 
ewigen Befehls des Königs der Könige und der Bestimmungen 
Unserer Verfassung ^ und im allgemeinen Einvernehmen 10 mit der 
osmanischen Nation den Thron Unserer erhabenen Ahnen. Es ist 

1 fetwa; s. D. 2 I i66, übersetzt in W. I. II 1914, Heft i, S. 4. 
« chal'. 

• erbäbi hall we'aqd. 

• etvlyä'i umür. 
6 wagih. 

8 bil-ittifäq; s. D.2 i 167. 

' 1912 — 13 Verteidiger von Skutari, 1916 wegen Landesverrats degradiert und zum Tode 

verurteilt. Nicht zu verwechseln ist er mit Es'ad Pascha, dem Verteidiger von Janina 

1912 — 1913 und Befehlshaber an den Dardanellen 1915. 

• s. D.2 I 167. 

• qänüni esäsi. 

^^igmä'' = consensus omniura. 



26 Die Welt des Tslams, Band V. 1917, Heft ll2 

eC)000(X>00CO0C»000<X)0<XXXXXXXXXXXXXX>30<XXX)00CO00CXXXXXXXXXXXXXXK 

Mein lebhafter Wunsch, daß allen Untertanen Freiheit, Gleichheit 
und Gerechtigkeit! zuteil werde." 

Über die rechtliche Frage der Absetzung Abdul Hamids ist zu 
bemerken: Nach altem osmanischem Staatsgesetze sind die Muslime 
dem Kaufen zum Gehorsam verpflichtet, denn es heißt im Koran 
(4,62): „Gehorchet Gott und gehorchet dem Gesandten Gottes und 
denen, die den Befehl haben unter Euch." Daß zu diesen in Sonder- 
heit die Kalifen gehören, wird allgemein angenommen. Jedoch 
bemerkt Beidhawi in seinem Kommentar hierzu: „Der Gehorsam 
gegen sie ist Pflicht, so lange sie den wahren Weg wandeln." Die 
osmanische Geschichte ist reich an Beispielen dafür, daß Kalifen, 
die offenkundig diese Pflicht verletzten, durch Rechtsspruch des 
Scheich-ül-islam ihres Thrones für verlustig erklärt wurden. 

Inwieweit die Spuren der Verschwörung vom 13. 4. 1909 tatsäch- 
lich in den Sternenpalast 2, den Wohnsitz Abdul Hamids, führten, 
bewiesen die Verhandlungen des Kriegsgerichtes ^, das im Mai 1 909 
auf Grund des Belagerungszustandes (vgl. Artikel 113 der Ver- 
fassung) in Konstantinopel gebüdet wurde. 

Das Abg'eordnetenhaus war jedenfalls von der Mitschuld des 
Sultans an dem schweren Schlag, der gegen die Verfassung ge- 
führt worden war, vöUig überzeugt und betrachtete es darum als 
eine seiner Hauptaufgaben, die Verfassung gegen ähnliche Vor- 
kommnisse sicherzustellen. Nachdem es am 1. 5. 1909 seine regel- 
mäßigen Sitzungen unter Leitung Ahmed Riza Bejs wieder auf- 
genommen hatte, trat bald die Frage der Verfassungsänderung 
in den Vordergrund der Verhandlungen. Die Beratungen fanden 
am 3. — 6., 12. 5., 7.— t)., 14., 17., 28. ö. statt. Nach einer Reihe 
lebhaftester Erörterungen über die einzelnen Artikel nahm das 
Abgeordnetenhaus am 29. 6. 1909 den Entwurf des abändernden 
Gesetzes an und sandte ihn an den Senat. Dieser nahm nicht 
unbedeutende Änderungen an dem Entwürfe vor* und teilte diese 
dem Abgeordnetenhause durch Begleitschreiben ^ mit. Die Schluß- 
abstimmung im letzteren fand am 12. 8. statt. Durch Erlaß von 
demselben Tage« wurde die Sitzungsdauer abermals verlängert 

1 hürriijet, müsav^ät, 'adälet. 

2 jjiWjz kiiik. 

3 dvväiii harh. 
* vgl. S. 29. 

6 (ezkire. 

e s. D. 2 1 437. 



Jäschhe^ Die Entwicklmig des o.'^mantschen Verfassungsstaates. 27 

O0C»eOCO(X)CKXXX>0O(XXXXXXXXXXXXXXXX)ClOO00CXXXXXXXXXXXXXXXX>0O0O(X)00O<XX 

(bis zum 2 1. 8.), nachdem dies durch Erlaß vom 12. 7.1 schon zum 
zweiten Male 2 in dieser Tagung- gfeschehen war. Nach Ver- 
abschiedung der Vorlage übergab der Senat diese dem Großwezir 
und am 21. 8. 1Q09 wurde sie zum Gesetz ^ erhoben. An diesem 
Tage wurde auch das erste Sitzungsjahr des Landtags durch 
ein Handschreiben* geschlossen. Sultan Mehmed V. beauftragte 
den Großwezir darin, seine Befriedigung über den Eifer, den 
die Mitglieder des Landtags bewiesen hätten, zum Ausdruck zu 
bringen. 

In der Tat konnten diese mit Genugtuung- auf die geleistete 
Arbeit zurückblicken. In 140 Sitzungen waren nicht weniger als 
50 Gesetzentwürfe erledigt worden, während der erste Landtag 
im Jahre 1877 nur über 8 Entwürfe abgestimmt hatte, wovon sogar 
nur 4 Gesetzeskraft erlangten ^. Von den wichtigsten Gesetzen 
dieser ersten Tagung des neuen Landtags seien erwähnt: 

1. das Tensikatgesetz (betreffend die Neuordnung und Säuberung^ 
des Beamtenapparates) vom 30. 6. 1909 und das entsprechende 
Gesetz für das Oftizierkorps vom 7. 8. 1909'. Um die dadurch 
entstandenen Härten zu vermeiden, wurden durch das Gesetz 
vom 20. 8. 1909^ Mittel bewilligt, um die durch das Tensikat- 
gesetz brotlos gewordenen Beamten ^ zu unterstützen. 

2. Das Gesetz, betreffend den Heeresdienst der Nichtmohamme- 
daner vom 7. 8. 190910^ wodurch das Gesetz von 188611 ab- 
geändert wurde. 

3. Das Preßgesetz vom 29. 7, 1909 1^. 

4. Das Vereinsgesetz vom 16. 8. 19091-^. 

1 s. D.M356. 

2 vgl. S. 24 Anm. I . 

3 S.D. 2 1 638; das I. über die Gesetzeskraft ist im Düstur auffallei>derweise weggelasien 
worden ! 

4 s. D.2I 656. 

5 vgl. S. 16. 

5 tasfy'e, s. D.2 I 326. 

' s. D. 2 1 421; ergänzt durch Gesetz vom 25. 5. 1911 (s. D. 2 Hl 403); nach zeitweiliger 

Aufhebung im Jahre 1912 erneuert durch Gesetz vom 23. 10. 1913 (s. D.2VS38). 
8 s. D. 2 1 634, ergänzt durch Gesetz vom 4. i. 1917 (s. T. W. Nr. 2759). 
^ ma'zülin. 
i''s. D.2 I 420. 
11 27. Sefer 1304. 
12s. D.2 I 395. 

13s. D.2 I 604. 



28 Die Weh des Tslams. Band V. 19 i7, Heft 112 

eC<)0C0G0O<XXX)CKXX>0C)O<X>CXX»C><XXX)0CXXX)CKXXXXXX3O00C>00O0(XXXXX^ 

5. Das Gesetz über den Staatshaushalt für das Finanzjahr 13251. 
Dieses umfangreiche (im Düstur 165 Seiten) erste vollständig'e 
Gesetz dieser Art ist ein Werk des Finanzministers Mehmed 
Dschawid Bej. Es wurde vom Abgeordnetenhause am 13. 8. 
190g angenommen und am. Tage darauf vom Sultan vollzogen. 
Durch Erlaß vom 8. 7. 19092 wurde der 23. 7. (10. Tammuz) 
zum osmanischen Nationalfest ^ erhoben, und durch Erlaß vom 
6. 7. 1909* die Ausführung der bereits früher geplanten Denk- 
münze endgültig angeordnet ^. 

IV. Der Kampf um die Artikel 7, 35, 43 und die 
Weiterentwicklung der Verfassung bis zur Gegenwart. 

a) Das zweite Sitzungsjahr des Landtags wurde am 14. ii. 1909 
mit einer Thronrede ^ eröffnet, in der Mehmed V. die Vorzüge des 
parlamentarischen Systems her^-orhebt, dem man sich durch das 
Gesetz vom 21. 8. 1909 genähert hatte. Es sei schon im heiligen 
Recht als ein Weg zum Glücke vorgeschrieben, und wenn man 
auf diesem Wege fortschreite, werde man zu Macht und Einheit 
gelangen. 

Um die Jahreswende entbrannte ein heftiger Kampf zwischen 
dem Abgeordneten hause und dem Senat. 

Die Gründe, die Midhat im Jahre 1876 bewogen hatten, das Zwei- 
kammersystem in der Türkei einzuführen', mögen ähnliche gewesen 
sein, wie diejenigen, die in anderen Ländern eine Zweiteilung der 
Volksvertretung als vorteilhaft erscheinen üeßen. In gewisser Be- 
ziehung zeichnet sich der türkische Senat aber vor den ersten 
Kammern anderer Länder aus. Die Bestimmungen der Artikel 60 
bis 64 verleihen ihm nämlich den Charakter einer Vertrauenskörper- 
schaft des Sultans; gemäß Artikel 60 und 62 werden die Mitglieder 
des Senats vom Sultan auf Lebenszeit ernannt, iln Preußen werden 

1 s. D. 2 I 438. 

2 s. D. 2 I 351. vgl. hierzu S. 14 Anm. T. 

' idi miltiji 'osmäwt; seit 1917 infolge clor Kalenderrelorm: 23. Tammuz. 

* s. D.M 334. 

' vgl. S. 22; die Aufschriften dieser Denkmünze sollten nunmehr folgende sein: qanüni 
cmaii, 10. Utmmüz l!l:d4 - hUkjämcti weSrüfe'i 'osimänije, -^4. Gemäzlläehira 13:i^, 
hiirrijet, '(ulälcf, mtisairät. 

• in D. 21 nicht enthalten I vgl. „Osmanischer Lloyd" vom 15. 11. mog. 
" vgl. Artikel 42 der Verfassung. 



Jäschke, Die Entwickhing des osmanischen Verfassungsstaates. 29 

0OO0000C0O00C0000000000000000000O00000000000000000(XXX)00000e«00CXXX»O000^^ 

seit dem Gesetze vom 7. 5. 1853 und der Verordnung vom 12. 10. 
1854 die Mitglieder des Herrenhauses vom König berufen, teils auf 
Lebenszeit, teüs mit erblicher Berechtigung.) 

Der Sultan verleiht diese Würde denen, die allgemeines Vertrauen 
genießen, insonderheit altbewährten Beamten des geistlichen, Militär- 
und Zivüstandes 1. 

Artikel 64 gibt dem Senat das Recht, Gesetzentwürfe, die das 
Abgeordnetenhaus verabschiedet hat, an dieses zurückzuverweisen, 
wenn er darin einen Verstoß gegen den Glauben, die Herrschafts- 
rechte des Sultans, die Freiheit, die Verfassung, die Einheit des 
Staates und dessen äußere und innere Sicherheit findet. Ferner 
gewährt Artikel 117 dem Senat das Auslegungsrecht in bezug auf 
die Verfassung. 

Alle Versuche des Abgeordnetenhauses, bei Gelegenheit der Be- 
ratung über die Verfassungsänderung die Stellung des Senates an- 
zugreifen, scheiterten an dessen Widerstände. Andererseits ver- 
suchte der Senat bald nach Beginn des zweiten Sitzungsjahres, die 
durch das Gesetz vom 21. 8. 1909 2 vollzogene Änderung der Ver- 
fassung, die nach seiner Meinung viel zu radikal war, wieder rück- 
gängig zu machen. Schon bei der Beratung des Gesetzes hatte er 
seine Bedenken nicht verhehlt und wenigstens den am weitesten 
gehenden Forderungen des Abgeordnetenhauses seine Zustimmung 
versagt, doch aus gewissen poHtischen Gründen hatte er schließlich 
das Gesetz angenommen {vgl. S. 43 Anm. 2). 

Am 15. 2. iQio ging dem Senat eine Denkschrift des Senators 
Damad Ferid Pascha zu 3, in der dieser vorschlug, das ganze 
genannte Gesetz (mit Ausnahme von Artikel 113) abzuschaffen und 
die Verfassung in ihrer ursprüngHchen Gestalt wiederherzustellen. 
In der Begründung heißt es: das Gesetz vom 21. 8. 1909 bedeute 
einen Bruch mit der Vergangenheit; denn die mangelnde Achtung 
vor der Würde des Kalifats, die es bezeuge, sei irrehgiös und 
widerspreche der osmanischen Überheferung. Die Durchführung 
der Volkssouveränität sei in der Türkei gefährlich wegen der zahl- 
reichen Nationalitäten. Der Gedanke der Teilung der Gewalten, der 
die Verfassung Midhats vorteilhaft auszeichnete, sei aufgegeben. Die 
abgeänderte Verfassung werde infolge der rasch fortschreitenden 
Entwicklung des Nationahtätengedankens die Zerstückelung des 

1 me'müi-lni milkije, '■askerije, 'ulema. 

- vgl. S. 27. 

•' vgl. „Osmanischer Lloyd" vom 17. 2. 19 10. 



30 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft lj2 

OCOOeOOOOOOOOOOOCKX>0000<X>00<X)0<XXXXXXXXXXXXX)CXX>OC<X)OOOC<XX)<^^ 

Reichs und in naher oder ferner Zukunft eine erneute Nachprüfung- 
der Verfassung zur Folge haben. Die Denkschrift schließt mit 
einem Hinweis auf die gleichmäßig^e Entwicklung der Staatsver- 
fassung Englands und die wechselvolle Frankreichs. 

Aali Haidar Midhat Bej, der Sohn Midhat Paschas, beglück- 
wünschte Damad Ferid Pascha in einem TelegTamm zu seinem 
Eintreten für die Verfassung seines Vaters. 

Die Beratung über die Denkschrift fand im Senat am 22. 2. 1910 
statt. Unter den wenigen Senatoren, die Widerspruch erhoben, 
befand sich Musa Kjazimi. Er verteidigte das Gesetz vom 21. 8. 
1909 damit, daß die Macht der islamischen Gemeinde, nicht aber 
einem einzelnen Menschen gebühre. Mohammed selbst habe stets 
das Volk um Rat gefragt, und der Sultan sei ledigüch durch den 
Willen des Volks zum Kaufen erhoben worden. 

Durch Erlaß vom 7. 5. 1910^ wurde die Tagung, die gemäß dem 
abgeänderten Artikel 43 (der Verfassung) am 14. 5. ablief, bis zum 
13. 6. und durch Erlaß vom 11. 6.^ abermals bis zum 28. 6.* ver- 
längert, um dem Landtag die Möghchkeit zu geben, das Gesetz 
über den Staatshaushalt ^ zu erledigten. 

b) Im dritten Sitzungsjahre des Landtag"s zeigte sich auch in der 
Partei „Einheit und Fortschritt" ein merklicher Umschwung zu- 
gunsten einer nochmaligen Nachprüfung der Verfassung-. Die 
Stimmen derer, die vor einer allzustarken Ausprägung des demo- 
kratischen Systems warnten, nahmen beträchthch zu, besonders trat 
die Parteigruppe des Obersten vSadik Bej für die Wiederherstellung 
des persönlichen Regiments ein. Im Frühjahr 1911 gewann sie die 
Oberhand: am 22. 4. 1911 nahm die Partei „Einheit und Fortschritt" 
eine Änderung ihres Programms vor. In Zukunft wollte sie mehr 
Rücksicht auf die religiösen und nationalen Sitten und die osmanische 
Überüeferung nehmen und einer Verfassungsänderung im Sinne 
einer Vermehrung der Kronrechte nicht mehr widerstreben, ins- 
besondere für die Wiederherstellung des früheren Artikels 35 ein- 
treten. 

' seit 8. 5. 1916 Scheicli-ül-islam (vgl. T. VV. 2522); vorher bereits von 1910 bis 1912. 

•^ s. D.2 II 252. 

•■• s. D.2 II 321. 

* an diesem Tage wurde durch Handschreiben vom 27.6. (s. D. 2 11 404) die Tagung 

geschlossen. 
^ nachdem das Abgeordnetenhaus dieses Gesetz (für das Finanzjahr 1326) bereits am 23. 6. 

angenommen hritle, fand auch im Senat am 28. 6. die Schlußabstimmung darüber statt. 



Jäsclike. Die KrihoicMtwcf de.f oxmavüchen Verfasmnpsotaotes. 31 

eCKX)©OOCiCKXXXXXXX3(XXXX)OOOOOOOCXXX>OOOOOOCXXXXXXXXXKXXXXyX)OC>OOOOOC)COC^^ 

Doch bevor diese zur Wirklichkeit wurde, mußte noch ein lang-er, 
hartnäckiger Kampf im Abgeordnetenhause ausgetragen werden. 

Da dessen Arbeiten durch den heftigen Streit der Parteien ge- 
hemmt wurden, insbesondere das Gesetz über den Staatshaushalt 
für 1327 1 bis zum 14. 5., dem Tage, an welchem nach Artikel 43 
die Tagung geschlossen w^erden sollte, nicht verabschiedet worden 
war, so wurde durch Erlaß vom 13. 5.2 die Tagung zuerst bis zum 
27. und durch Erlaß vom 27. 5.3 bis zum 3. 6. verlängert. An 
diesem Tage wurde das Gesetz in beiden Kammern angenommen 
und hierauf durch Handschreiben* der Landtag geschlossen. 

c) Am 29. 9. 1911 brach der KLrieg mit Italien aus, und an dem- 
selben Tage wurde Said Pascha zum Großwezir ernannt. Ein Teü 
der Abgeordneten wünschte darum auf Grund von Artikel 44 eine 
frühere Eröffnung des Landtags in diesem Jahre und setzte sie 
tatsächlich durch. Durch Erlaß vom 2. 10. 1911^ wurde die Er- 
öffnung der vierten Tagung bereits auf den 14. 10. (einen Monat 
vor dem gesetzlichen Termine) festgesetzt. Die wichtigste Vorlage, 
über die das Abgeordnetenhaus in diesem Jahre zu entscheiden 
hatte, war die neue Verfassungsänderung, die das Ministerium 
Said Pascha vorschlug. Am 16. 12. wurde sie eingebracht, und 
der Großwezir hielt zu ihrer Begründung eine Rede, in der er vor 
allem für die Wiederherstellung des Artikels 35 in seiner früheren 
Fassung eintrat. Im Hinblick auf den Frieden mit Italien, den er 
kommen sah, hielt er es für ratsam, dem Sultan das Recht zu 
geben, das Abgeordnetenhaus aufzulösen. Auch die innere Politik 
Heß eine solche Maßnahme als wünschenswert erscheinen; denn 
die weitgehenden Befugnisse, die Artikel 35 (in der neuen Form) 
dem Abgeordnetenhause gewährt hatte, steigerten die Leidenschaft 
der Parteikämpfe derartig, daß der ruhige Gang der Gesetzgebung 
ernstlich gefährdet schien. 

Die freisinnige Vereinigung e widersprach der geplanten Ände- 
rung und suchte die Beratungen über Artikel 35 durch Obstruktion 7 
zu verhindern. (Artikel 51 setzt die Anwesenheit von mindestens 

1 s. D. 2 III 479. 

2 s. D.2 III 359. 

3 s. D. 2 III 404. 

4 s. D. 2 III 430. 

5 s. D. 2 III 741. 

6 „Entente liberale." 
' insidäd. 



^2 Die Welt des Islams, Band V. 19i7, ließ Ij-J 

CCOOaOOOCOO<X>"X>(>3000(XXDOOOOO(X50C>OOOOOOOOOOOCXX50CKXX)000<^^ 

der Hallte der Mitglieder jeder Kammer für Beratungen voraus, 
während die anderen Verfassimgen dieses sogenannte quorum 
meist nur für Beschlußfassungen fordern.) Said Pascha trat darauf 
zurück, wurde aber am 30. 1 2. abermals mit der Bildung des 
Kabinetts beauftragt. Am 3. 1. legte er dem Abgeordnetenhause 
den Gesetzentwurf über Artikel 35 von neuem (in etwas veränderter 
Form) vor. Die Beratungen hierüber fanden daselbst am 3., 4., 6., 
9. — 11., 13. 1. 1912 statt. Als schließlich Artikel 35 zur Abstimmung 
kam (am 13. 1. 1912), fand sich die nach Artikel 116 erforderliche 
Zweidrittelmehrheit nicht, da nur 125 Stimmen dafür, 105 aber 
dagegen abgegeben wurden. 

Darauf erging am 15. i, 1912 folgende Allerhöchste Botschaft 
an den Senat i: „Hohes Haus! Ich beabsichtige, mit Rücksicht 
auf die Lage und das Bedürfnis des Landes das g^egenwärtige 
Abgeordnetenhaus aufzulösen und innerhalb von drei Monaten das 
neue einzuberufen. Ich erwarte, daß der Senat gemäß Artikel 7 
seine Zustimmung hierzu geben wird." 

Auf Antrag von 6 Senatoren fand die Beratung- über die Bot- 
schaft geheim statt (vgl. Artikel 121). Am 17. 1. beschloß der 
Senat mit 39 gegen 5 Stimmen 2, die Auflösung gutzuheißen. 
Diese wurde nunmehr am 18. 1 . 1912 durch folgenden Erlaß ^ voll- 
zogen: „Auf Grund des Artikels 7 und des übereinstimmenden 
Beschlusses des Senats verordne Ich die Auflösung des gegen- 
wärtigen Abgeordnetenhauses und den Zusammentritt des neuen nach 
den Wahlen innerhalb eines Zeitraumes von drei Monaten vom 
Tage der Auflösung an gerechnet." 

Nach Verlesung dieses Erlaßes gingen die Abgeordneten aus- 
einander, wobei die Opposition rief: „Es lebe Artikel 35*"! 

d) Durch Erlaß vom 7. 4. 1912 ^ wurde die feierliche Eröffnung 
des neuen Abgeordnetenhauses auf den 18. 4. festgesetzt, und 
diese Entscheidung durch Erlaß vom 14. 4. « auch für den Fall 

1 vgl. ,,Osmanischer Lloyd" vom 1 6. i. U)I2. 

2 unter letzteren befanden sirli : Ahmed Muchtar, Daniad Ferid, (icneral Fuad. 

3 s. D.2IV 51. 

* das Gesetz über den Staatshaushalt konnte nicht erledigt werden; darum wurde dasjenige 
für 1327 (vgl. S. 50) durch Gesetz vom 9. 3. 1912 (s. D. 2 IV 174) auch auf das Finanz- 
jahr 1328 für anwendbar erklärt, durch Gesetz vom 21. 7. 1912 später abermals seine 
Geltungsdauer verhungert (s. D. 2IV596) und schließlich durch Erlaß vom 25. 2. 1913 
(s. D. 2V 108) auch im Finanzjahr 1329 zur Anwendung gebracht. 

6 s. D. 2 IV 441. 

• s. D. 2 IV 456 



Jäschke, Die Entwichlung des osmanisrhen Verfassiingsslaates. i:^ 

0000©G000CyX)0000C)(XXXX)0000CO00CXX>C<XXOCO0(XXXXX)CK>XX>XXX)^^ 

aufrecht erhalten, daß die Mehrzahl der Abgeordneten noch nicht 
endgültig gewählt sein sollte. TatsächHch fand die Eröffnung 
am 18. 4. statt, bevor die Wahlen, die eine starke Mehrheit zu- 
gunsten der Regierung ergaben, beendet waren. In der Thron- 
rede vom 18. 4. heißt es: „Für die Festigung des konstitutio- 
nellen Systems und seine Anwendung zum Wohle des Landes 
ist ein gerechtes Gleichgewicht zwischen der g^esetzgebenden und 
der vollziehenden Gewalt erforderlich . . . Der Abschluß einer 
Verfassungsänderung, die den Bedürfnissen des Landes entspricht, 
ist darum von größter Bedeutung i". Am 4. 5. nahm das Ab- 
geordnetenhaus seine regelmäßigen Sitzungen wieder auf. Da 
nach dem Wortlaute des Artikels 43 die Tagung bereits am 

14. 5. ablief, so wurde sie durch Erlaß vom 13. 5.2 bis zum 18. 7, 
igi2 verlängert. 

Die abermalige Einbringung^ der \'erfassungsvorlage in ei"- 
weiterter Form (Artikel 7, 35, 43, 73) fand am 18. 5. statt. Am 
24. 6. nahm das Abgeordnetenhaus die Abänderung der Verfassung 
in der vom Ausschuß vorg^eschlagenen Fassung" mit 210 gegen 
15 Stimmen an, und am 25. 6. wurde der Entwurf dem Senat zur 
Beschlußfassung vorgelegt. Weiterg-ehende Vorschläge der Re- 
gierung, z. B. bezüglich der Streichung des Schlußsatzes von 
Artikel ;^;^, wurden abgelehnt. 

Trotz dieses gegenüber der Abstimmung vom 13. i. IQ12 günstigen 
Erlebnisses sollte infolge der inneren Wirren auch die neue 
Kammer ein rasches Ende finden. Am 9. 7. trat der Kriegs- 
minister Mahmud Schewket Pascha zurück, und am 1 7. 7. folgte 
ihm das ganze Ministerium Said Pascha, obwohl ihm noch am 

15. 7. das Abgeordnetenhaus mit 194 gegen 4 Stimmen das Ver- 
trauen ausgesprochen hatte. Doch sowohl die den Jungtürken 
feindlich gesinnten aufständischen Albaner als auch die Offiziers- 
liga der Vaterlandserretter ■* gaben sich damit nicht zufrieden und 
verlangten auch die Auflösung des angeblich unter dem Drucke 
der Vereinigung „Einheit und Fortschritt" unrechtmäßig gewählten 
Kammer. Am 22. 7. erhielt der Präsident des Senats Ahmed 
Muchtar Pascha, der wegen seiner ruhmreichen Verteidigung von 
Kars im Jahre 1877 den Titel Elghasi führte, den Auftrag", das 

* vgl. .,Osmanischer Lloyd" vom 19. 4. 1912. 
2 s. D. 2 IV 492. 

^ ieu-dV. 

* (Judä^kjärän gem^ijeH. 

Die Welt des Islams. Kand V. 3 



34 I^ie Weh des Islams, Band V. 1917, Heft lj2 

OOOOeC«!XXX)OOCOOOOGO<XXXX»000<X)0<X)OC<XXXX>300ClC)CH3(X>OOCOO 

Ministerium neu zu bilden. Dieses wurde später Übergangs- 
ministerium oder Ministerium der „großen Männer i" genannt. 

Am 31. 7. 1912 brachte das neue Ministerium einen dritten Ent- 
wurf der Verfassungsänderung im Abgeordnetenhause ein 2. 

Am 4. 8. beschloß der Senat mit 27 gegen 5 3 Stimmen, auf 
Grund des Artikels 43 die Sitzungsdauer des Landtages für beendet 
und zugleich die Rechtsgültigkeit des gegenwärtigen Abgeordneten- 
hauses für erloschen zu erklären. Diese Entscheidung war insofern 
anfechtbar, als einerseits die neue Fassung des Artikels 43 noch 
keine Gesetzeskraft erlangt hatte und andererseits der klare Wort- 
laut des Artikels 69 auch einer solchen Auslegung widersprach. 
Andererseits aber stand formell dem Senat das Recht zur Ver- 
fassungsauslegung zu (Artikel 1 1 7). Gleichwohl bestritten am 5. 8. 
1912 die Abgeordneten dem Senat dieses Recht und beschlossen 
nach einer feurigen Rede des früheren Finanzministers, Mehmed 
Dschawid Bejs, dem Ministerium das Mißtrauen auszusprechen. 
Gemäß Artikel 38 hätte diese Abstimmung den Sturz des Ministe- 
riums zur Folge haben müssen, die Regierung vertrat indessen den 
Standpunkt, daß der Beschluß des Abgeordnetenhauses unwirksam 
sei, da bereits am Morgen des 5. 8. durch Erlaß* die Schließung des 
Landtags angeordnet und darum die Vormittagssitzung des Ab- 
geordnetenhauses verfassungswidrig sei; jedoch ist die Frage über die 
rechtliche Natur dieser Ereignisse bis heute unentschieden geblieben. 

e) Der Erlaß vom 5. 8. bestimmte, daß unverzüglich Vor- 
bereitungen für die Neuwahlen getroffen würden, damit gemäß 
Artikel 43 das neue Abgeordnetenhaus Anfang November zu- 
sammentreten könnte. Nachdem aber am 8. 10. 1912 Montenegro 
und am 17. 10. die übrigen Balkanstaaten den Krieg erklärt hatten, 
schien die Lage für die Einberufung des Landtags nicht geeignet. 
Darum erging am 25. 10. folgender Erlaßt; „Auf Grund eines 
Beschlusses des Ministerrats wurde es für ratsam erachtet, die 
Wahlen der Abgeordneten hinauszuschieben, bis sich eine Möglich- 
keit zu ihrer Vornahme ergibt." 

1 böjükler. 

■ riie Beratung darüber fand am 31. 7. und i. 8. statt; doch bevor das Abgeordneten- 
haus in die Hauptverhandliing eintreten konnte, wurde sie ge:ich\ossvn (sedd) (vgl. T.W'. 
Nr. 1197, D.2 VI 749). 

• unter letzteren befanden sich: Mahmud Schlewket, Musa Kjasim, Ahmed Riza. 

* in D. 2 IV nicht enthalten; vgl. „Osnianischer Lloyd" vom 6. 8. 191 2. 
6 s. D. 2 IV 698. 



Jäschke, Die Entwicklung des osmnnischen Verfassunqsstaates. 35 

0»00e«XXX)CXXX)CKX><X)0<XXXXXX)<XXXX>X<X3CO0C)C>00<XXXXXXXX^ 

Am 29. 10. 1912 wurde Kjamil Pascha (zum zweiten Male i) Groß- 
wezir, und bereits am 4. 11. bat er England, auf das er stets seine 
Hoffnung g'esetzt hatte, um Vermittlung für den Frieden. Am 22. 1. 
berief er (mangels eines Landtags) eine Notablenversammlung, die auf 
seinen Vorschlag das Angebot der Londoner Botschafterkonferenz 
annahm. (Ein ähnlicher Vorgang hat sich in den Jahren 18272 und 
1877^ abgespielt, damals aber mit entgegengesetztem Ergebnis.) 

Am 2^. 1. 1913 mußte er vor den Drohungen der von Enwer 
und Talat Bej geführten Volksmenge zurücktreten und Mahmud 
Schewket Pasclia wurde Großwezir. Nach dessen Ermordung am 
11. 6. 1913 (durch Mitglieder der Liberalen Vereinigung*) über- 
nahm am 24. 6. Mehmed Said Halim Pascha das Großwezirat. 

Da nach dem Frieden von Konstantinopel (29. 9. 1913), durch 
den Adrianopel wieder mit der Türkei vereinigt wurde, allmählich 
Ruhe und Ordnung im Staatsorganismus eintraten, so konnte 
auch die Wiedereröffnung des Landtags erwogen werden ^. Ge- 
mäß Artikel 7 wurde er zu einer außerordentlichen Tagung*' vom 
vSultan einberufen und am 14. 5. 1914 nach fast zweijähriger Unter- 
brechung in feierlicher Sitzung eröffnet. Das neue Abgeordneten- 
haus, das sich aus 245 Mitgliedern zusammensetzte (darunter 
209 Muslime), wählte Chalü Bej zum Präsidenten. Den Vorsitz im 
Senate führte Rifat Bej. 

Die erste Aufgabe des Landtags war die endgültige Verab- 
schiedung der am 24. 6. 1912 in erster Lesung angenommenen 
Verfassungsvorlage. Am 25. 5. 1914 fand die Schlußabstimmung 
im Abgeordnetenhause statt (2. Lesung). Der Erlaß über die 
Gesetzeskraft des Entwurfs erging am 28. 5. 1914'^. 

Die außerordentliche Tagung, die am 7. 8. 1914 ihr Ende er- 
reichen sollte*, wurde bereits am 2. 8. durch folgenden Erlaßt 

1 vgl. s. 22. 

» Tgl. s. 8. 

^ vgl. S. 14. 

* hürryet tve i'tiläf = ..Union liberale". 

' 1. über die Vorbereitungen zu den Wahlen der Abgeordneten vom 14. 10. 1913 s. D. 2 V 830. 

* I. vom II. 5. 1914 s. D. 2 VI 601; die Dauer dieser Tagung, die zuerst auf 2 Monate 
festgesetzt worden war, wurde durch I. vom 12. 7. 1914 (s. D. 2 IV 858) bis zum 23. 7. 
und durch I. vom 22. 7. (s. D. 2 ^I 1409) abermals bis zum 7. 8. verlängert. 

' s. D. 2 VI 749 firade vom 2. Regeb 1332). 

* vgl. Anm. 6. 

* s. D. 2 "VI 1412; das Gesetz über den Staatshaushalt für das Finanzjahr 1330 hatte das Ab- 
geordnetenhaus bereits am 21. 7. und der Senat am 27. 7. angenommen (s. D. 2 VI 1077). 

3* 



36 THe Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 1,2 

OOOOeOOOOO<X>CX300X)OOCXXXXXXX)CXX>0<X»00000000(XX)OOOOOOOC<)OOOOOOCXXX)(XXXXX)0^ 

geschlossen: „Da der zwischen Österreich-Ungarn und Serbien aus- 
gebrochene Krieg einen allgemeinen Umfang angenommen hat und 
tatsächlich alle wichtigen Gesetze, die dem Landtag vorgelegt wurden, 
bereits erledigt sind, so verordne Ich die Schließung i der außerordent- 
lichen Tagung am heutigen Tage. Der Landtag tritt gemäß Artikel 43 
ohne besondere Einberufung- Anfang November wieder zusammen." 

Am Tag-e darauf (3. 8.) wurde die allgemeine Mobilmachung 2 
befohlen. Durch Erlaß vom 15. 10. 1914*^ wurde die Eröffnung 
des Landtags im Hinblick auf die drohende Kriegsgefahr um einen 
Monat verschoben: „Mit Rücksicht auf die durch die Fortdauer 
und Verschärfung des gegenwärtigen Krieges geschaffene Lage 
verordne Ich die Vertagung- •* der Sitzungen um einen Monat, mit 
der Bestimmung, daß der Landtag gemäß Artikel 7 nach Ablauf 
der Vertagungsfrist zusammentritt und seine Sitzungsdauer inner- 
halb dieses Jahres vollendet." 

Nach den bekannten Ereignissen, die sich am 29. lo. 1914 und 
an den darauf folgenden Tagen abspielten, verfügte Mehmed V. 
durch Erlaß vom 11. ii.^ die Erklärung des Kriegszustandes 0, und 
am 14. 11. verkündete ein von Chairi (Scheich-ül-islam) unter- 
zeichnetes Fetwa'^ nach Maßgabe des Koranspruches 9,41 den 
Heihgen Kriegt gegen diese drei Mächte als Solidarpflicht ^ für 
alle Gläubigen. Das Handschreiben vom 2^. 11,10 bestimmte, daß 
der zu diesem Zwecke vom Hohen Geistüchen Rat n verfaßte Auf- 
ruf in allen islamischen Ländern bekanntgemacht werde. j 

f) Am 14. 12. wurde die erste ordentliche Tagung der dritten | 

Wahldauer des Landtags 12 eröffnet. In der Thronrede i^^ die in 
Gegenwart des Sultans verlesen wurde, heißt es: „Ich hoffe, daß 

I ta'ftl. 

5 seferberlik (s. D.2 vi 915). 

3 s. D. 2 VI 1342. 

4 te'gtl. 

6 s. Tanin Nr. 21 16; vgl. hierzu bcjännamc an Heer uiul Hotte vom 14. 11. 1914 (s. Tanm 
Nr. 21 17). 

*■ häli harh iHäni. 

' s. Tanin Nr. 21 19, abgedruckt in N. O. III Nr. 2; Chairi war von März 1914 bis Mai | 

1916 Scheich-ül-islam, ihm folgte Musa Kjazim. ' 

•^ yihäd, im Fetwa heißt es unter Vermeidung dieses Wortes: harb. 
'■' fard dkifäja. 
1° s. Tanin Nr. 2129. 

II meglisi Udlji 'ürni. j 
12 vgl. „Osmanischcr Lloyd" vom 15. 12. 1914. 1 
1' die Liste der Abgeordneten und Senatoren s. „Annuaire oriental"' vom Jnlire I9I5- 



J'isrhicf. Die F^ntnnekbniq dff! o!()nnnisfhpn Vcrfm^ainianüfnateii. 37 

COOOOOOOOOOOOOOOO<XXXXXX)<X)00<X>000<X)000000000<XX500000C<XXKXX>CX>30<X)^^ X -O(Ä:;oO©0 

Unsere Volksvertretung in ihren Entschließung'en und Arbeiten 
Mir Proben von Einigkeit und Eintracht geben wird und erwarte, 
daß sie rasch die notwendigen Änderungen der Verfassung sowie 
die Kriegsgesetze und die anderen Vorlagen prüfen wird." 

Das neue Verfassungsgesetz wurde am iS, i. 1Q15 im Abge- 
ordnetenhause eingebracht und bald darauf mit geringen Ab- 
weichungen in beiden Kammern angenommen. Der Erlaß vom 
11. 2. 191.5^ verlieh ihm Gesetzeskraft. Am 1. 3. 1915 wurde die 
erste Tagung des Landtags während des Weltkrieges durch Aller- 
höchsten Erlaß mit folgenden Worten vertagt 2; „Da der am 14. 12, 
eröffnete Landtag alle wichtigen und dringenden Gesetze, die mit 
dem Staatshaushalt und der Kriegswirtschaft zusammenhängen, 
erledigt hat, so verordne Ich g'emäß Artikel 7 und mit Rücksicht 
auf die Kriegsverhältnisse seine Schließung. Er wird am 28. g. 
1915 von selbst väeder zusammentreten." 

Diese Bestimmung erklärt sich daraus, daß die Sitzungsdauer, 
die durch das Gesetz vom 11. 2. 1915 auf vier Monate herabgesetzt 
worden war (Artikel 43), innerhalb desselben Jahres, d. h. vor dem 
14. 11., beendet sein mußte. Da nun das Abgeordnetenhaus in 
diesem Jahre bisher nur 2I/2 Monat (vom 14. 12. 1914 bis 1. 3. 
1915) getag-t hatte, so mußte es gemäß Artikel 7 1^/2 Monate vor 
dem 14. 11. 1915, dem Beginne des 2. Sitzungsjahres, also am 
28. g. 1915, nochmals zusammentreten, um seine Sitzungen recht- 
zeitig zum Abschluß bringen zu können. 

Sultan Mehmed V. nahm am 27. 4. 1915, 6 Jahre nach seiner 
Thronbesteigung aus Anlaß des Sieges an den Dardanellen ^ unter 
dem Jubel des dankbaren Volkes den Titel El-Ghazi an*. 

g) In der zweiten Tagung der dritten Wahldauer, die am 14. 11. 
1915 begann, wurde im Landtage abermals eine Verfassungsvorlage 
eingebracht. Zu ihrer Begründung hielt der Minister des Aus- 
wärtigen Chalil Bej eine längere Rede im Abgeordnetenhause (am 
14. 2. 1916 5). Dieses nahm die Vorlage am gleichen Tage an 
(mit 193 gegen 15 Stimmen), und am 6. 3. auch der Senat; durch 
die Erlasse vom 9. und 20. 3.*^ erlangte sie Gesetzeskraft. 

' 26. Rebi'ül ewwel 1333. s. T. W. Nr. 2084. 

* s. Tanin Nr. 2226 und T. W. 2099; das Gesetz betr. den Staatshaushalt für 1331 erging 
am 28. 2. 191 5 (s. T. W. 2102). 

^ Canaqqa'le. 

* Fetwa hierzu s. N. O. 111 Nr. 1. 
^ s. Tanin Nr. 2576. 

* 4. und 15. (Jem;izil-ula 1334. .-. T. \V. Nr. 2466. 2467, 2486. 



38 I>ie Welt des Islarns, Band V. 1917, Heft 1/2 

000000e00C<)000<XX)G00000000a3C<XXOCO0CXXXXXXXXXX>CKXXXXC000000CXX)0C<XX^ 

Die Schließung des Landtags erfolgte gemäß Artikel 43 durch 
Erlaß vom 13. 3. 1916 1. 

h) Die dritte Tagung begann am 14. 11. 1910. Sie wurde am 
31.3. 1917 geschlossen. Die Verfassung blieb diesmal unverändert. 

Der Präsident des Abgeordnetenhauses 2, Hadschi Adil ßej, be- 
suchte im Januar 1917 die in Berlin stattfindende Zusammenkunft 
der Vorsitzenden der Volksvertretungen der verbündeten Mittel- 
mächte 3. Am 4. 2. 1917 wurde Talat Bej unter Verleihung des 
Paschatitels zum Großwezir ernannt. Das Staatshaushaltsgesetz für 
das Finanzjahr 1333 wurde am 28. 3. 1917 bestätigt, nachdem zum 
Zwecke seiner Erledigung der Landtag durch Allerhöchsten Erlaß 
vom 13.3. bis zum 31. 3. verlängert worden war. (Vgl. T.W. Nr. 2838.} 



V. Die leitenden Gedanken der Verfassungsgesetze 
von 1909—1916. 

Für das osmanische Staatsgrundgesetz vom 23. 12. 1876 diente 
zum Vorbild ebenso wie für die preußische Verfassungsurkunde 
vom 31. I. 1850 die wegen ihrer einfachen, klaren Sprache als 
mustergültig anerkannte und auch von anderen Staaten bevorzugte 
Verfassung" Belg^iens vom 7. 2. 1831. Diese vereinigte in sich die 
Elemente der französischen Verfassung vom 3. 9. 1791 und die der 
Charte Constitutionelle König Ludwigs XVIII. vom 4, 6. 1814, so- 
wie der revidierten Charte vom 14. 8. 1830, die König- Ludwig' 
Philipp bei seiner Thronbesteigung beschwor. Jedoch ist die 
Ähnlichkeit, die scheinbar zwischen der belgischen Verfassung 
einerseits und der preußischen, bzw. türkischen andererseits besteht, 
nur eine äußerliche. Der Geist, der beide beherrscht, ist grund- 
verschieden. 

Die belgische Verfassung liuldigt dem Prinzip der Drei teilung 
der Gewalten, jener Lehre, die auf Aristoteles floXiTiKä zurück- 
geht, in neuerer Zeit zuerst von Locke in seinem Buche „Two 
treatises of government" vertreten worden ist und im festländischen 

1 s. T. W. i\'r. 2470; das Staatshaushaltsgcselz für das Finanzjahr 1332 wurde bereiu am 
9. 3. 191 6 vom Sultan bestätigt (s. T. W. 2477). 

2 vgl. N. Ü. HI S. 506. 

* Verzeichnis der Mitglieder s. N. O. 111 S. 307. Die Arbeit des Landtags während des 
Sitzungsjabres 1916 — 1917 ist übersichtlich dargestellt in N. O. III Nr. 7, 10, 11, 12 und 
im ,, Neuen Orient", Band I, lieft i — 5 und S. 



Jnsrhkfi. Die EnttoicUung des osmonisrheyi Verfasf^vvgsHaaies. 39 

OC0T©oeOOOOOOOO0OOOCXXXXXX)OC)OOOOC<XXXXX>CXXX)OOOOOOOOOOOC<X>OOOOC)^^ 

Europa besonders durch Montesquieu (L'esprit des lois, Kap. 11,6: 
De la Constitution d'Angleterre) Verbreitung gefunden hat. Letzterer 
geht insofern über die Lehre des Aristoteles hinaus, als er nicht 
nur drei Zweige staatlicher Tätigkeit unterscheidet, nämlich, Gesetz- 
gebung, Verwaltung und Rechtsprechung, sondern zugleich die 
Forderung aufstellt, daß diese auch drei voneinander verschiedenen 
Trägern zufallen müßten, nämHch, einer Volksvertretung, einem 
Monarchen und unabhängigen Gerichten. Diese Anschauung be- 
herrscht die belgische Verfassung (vgl. Artikel 26, 29, 30) und wird 
scheinbar auch von der preußischen Verfassung geteilt (Artikel 62, 
45, 86). Auch in der türkischen Verfassung finden sich vSpuren dieser 
Lehre (Artikel 54, 7, 81), obwohl ihr die der belgischen Verfassung 
eigentümliche scharfe Unterscheidung- (Le pouvoir legislatif, exe- 
cutif, judiciaire) fremd ist. Der Wortlaut des Artikels 7 bietet 
sogar einen gewissen Anhalt dafür, daß die Lehre von der Trennung 
der Gewalten in ihrer vollen Schärfe dem innersten Wesen der 
türkischen Verfassung ebensowenig entspricht, wie dies mit Recht 
von der preußischen angenommen wird. Denn es heißt in Artikel 7 
wörtlich: „Zu der Gesamtheit der geheiligten Herrscherrechte des 
Sultans gehören 1; ... ", was die amtliche französische Übersetzung 
mit den Worten wiedergibt: Sa majeste le Sultan compte au 
nombrc de ses droits souverains ces pr6rogatives: . . . Aus diesem 
Satze ergibt sich die Vermutung, daß Artikel 7 nur eine unvoll- 
ständige Übersicht über die Kronrechte enthält und daß 
dem Sultan noch andere Befugnisse zustehen. Hätte es in der 
Absicht der Verfasser des Staatsgrundgesetzes gelegen, in Artikel 7 
die Rechte des Sultans erschöpfend aufzuzählen, so hätten sie dies 
vermutlich durch Wendungen wie „die Rechte ... bestehen aus ■2"' 
oder „. . . umfassen 3" zum Ausdruck gebracht. Auch das Wort 
„meSrütijet" (eigentlich: Bedingtheit), das die französische Be- 
zeichnung „gouvernement constitutionnel" wiedergibt, läßt darauf 
schließen, daß die Verfassung keine Übertragungen, sondern nur 
Beschränkungen der Kronrechte enthält. 

Dies folgt mit Notwendigkeit auch aus der Entstehungs- 
geschichte des Staatsgrundgesetzes. Bis zum 2^- 12. 1876 war der 
Sultan in der Ausübung der ihm nach altem osmanischem Haus- 
gesetze zufallenden Herrschergewalt innerhalb der (allerdings nicht 

1 huqü<ji muqaddas^i pädisäkl yümlesindendir. 

2 hitqüq . . . Hbäretdir. 
' iämyldyr. 



40 Die Well des fs/ams. Band V. i9i7. Heft i\i 

eC000G000COC)C<X)<XXX)0CO0C)0C!C<)CKXO<X)000C00<X»0CKX)0<XX>00C^^ 

unbedeutenden) Schranken, die ihm das heilig-e Recht auferlegte, 
unbeschränkt. Mit der Verkündung- der Verfassung- verzichtete 
er freiwillig auf die alleinige Ausübung gewisser Rechte, ohne 
jedoch die übrigen aufgeben zu wollen, die zufäUig nicht in die 
Verfassung aufgenommen worden waren und deren F'ortbestehen 
nicht bezweifelt werden konnte. Wenn im Jahre 1876 von einer 
Verpflichtung des Sultans, dem Volke eine Verfassung zu geben, 
natürlich keine Rede sein kann, so muß weiter betont werden, daß 
dies auch von der Wiederherstellung der Verfassung im Jahre IQ08 
gilt. Mochte hierbei auch ein starker politischer Zwang obwalten, 
so findet der Erlaß vom 2^^. 7. 1908 über die Einberufung des 
Landtags! und das Handschreiben vom 1. 8. 1908 über die An- 
wendung des Staatsgrundgesetzes^ seinen Rechtsgrund doch auch 
in dem freien Willen des Monarchen. Das Prinzip der Rechts- 
kontinuität ist somit gewahrt, und zwar auch für den Nachfolger 
Abdul Hamids, denn durch das Fetwa des Scheich-ül-islam vom 
27. 4. 1909 ging zwar jener seiner Herrscherrechte verlustig, doch 
diese fielen nun nach altem osmanischem Hausgesetze ^,^gl. 
Artikel 3) an Mehmed Reschad, ohne daß es des Beschlusses der 
Nationalversammlung 3 bedurft hätte. Letzterer stellt also keine 
L^nterbrechung der Rechtskontinuität dar. 

Erwähnt sei bei dieser Gelegenheit, daß der rechtliclie Ursprung 
der preußischen Verfassungsurkunde vom 31. 1. 1850, abgesehen 
von gewissen unterschieden, die für die osmanischc Verfassung 
infolge des islamischen Rechts begründet sind, ähnliche Züge wie 
diese aufweist. Auch sie beruht auf dem freien Willen des Mo- 
narchen, des bis zu jener Zeit alleinigen Gesetzgebers im preußischen 
Staate (vgl. Allgemeines Landrecht II, 13, 6*). Für den durch die 
Verfassung vom 31. i. 1850 geschaffenen Rechtszustand gilt nun 
das Wort des Königs Friedrich Wilhelm IV.: „In Preußen muß 
der König regieren." (Thronrede vom 6. 2. 1850.) Dies bedeutet, 
daß das Werk der Revisionskammern, denen der König aus freiem 
Beschluß seine Bestätigung aufdrücken wollte, in keiner Weise an 
dem geltenden monarchischen Prinzipe rütteln sollte, vielmehr sollte 
auch in Zukunft der König alleiniger Träger der Rechte der Staats- 
regierung (d. h. der Staatsgewalt in ihrer Wirksamkeit) sein (quoad 

' vgl. s. 20. 

2 vgl. s. 20. 

^ vgl. s. 24. 

* ,,Da.s Kechl, Gesetze und . . . zu geben, ist ein .Majet.t;itsre<-lit." 



JäsehJee. Ttie Entwickluna den onmainschen Verfm^mninf^ftaatex. . 41 

CO00000CO0O0OCOC)CX>>XXXXX)C)00000CXX300C<XXXX)0C>0(X)00^ 

ius), und somit der drei darin enthaltenen Erscheinungfsformen ^, 
nämlich: 

1. der gesetzgebenden Gewalt (Rechtsetzung), 

2. der vollziehenden Gewalt (Regierung, Verwaltung im engeren 
und eig"entlichen Sinne), 

3. der richterlichen Gewalt (Rechtsprechung). 

Nur bei der Ausübung dieser Rechte (quoad exercitium) wollte 
sich der König durch Hinzuziehung anderer verfassungsmäßig be- 
rufener Staatsorgane gewissen Beschränkungen unterwerfen. Es 
kann daher nicht die Rede davon sein, daß Titel m der Verfassungs- 
urkunde (Artikel 43 — 59) eine vollständige Übersicht über die dem 
Könige verbliebenen Rechte geben will, im Gegenteil folgt aus 
Artikel 109, daß die bestehenden Gesetze, soweit sie nicht der 
Verfassung zuwiderlaufen, in Kraft geblieben sind, also insbesondere 
auch Allgemeines Landrecht, 11, 13, 1: „Alle Rechte und Pflichten 
des Staats gegen seine Bürger und Schutzgenossen vereinigen 
sich in dem Oberhaupte desselben." Hieraus ergibt sich die 
Folgerung, daß dem preußischen Könige aUe Befugnisse zustehen, 
die ihm nicht ausdrücklich durch die Verfassung entzogen sind. 

Genau zu dem entgegengesetzten Ergebnis kommt das bel- 
gische Verfassungsrecht. Als der Congres National im Jahre 1830 
zusammentrat, um über die neue Verfassung zu beraten, war der 
Königsthron leer, und die Rechte der Staatsgewalt waren an das 
^'olk zurückgefallen (vgl. Artikel 25), das frei über sie verfügen 
konnte. Es wählte am 4. 6. 1831 Leopold von Sachsen-Koburg 
und übertrug ihm die königliche Gewalt auf Grund der am 7. 2. 
1831 beschlossenen Verfassung, in der die Rechte des Königes 
scharf abgegrenzt waren 2. 

Für den belgischen König gilt durchaus jenes Wort, das Thiers 
in bezug auf den französischen König sprach: „Le roi regne, mais 
il ne gouverne pas 3." 

Wenn in der Türkei nach der Verfassung Midhats im Zweifel 
die Vermutung für das freie Recht des Sultans sprach (praesumptio 
pro rege), so trat hierin durch das Gesetz vom 21. 8. 1909 ein be- 
trächtlicher Wandel ein. Durch dieses Gesetz vollzog sich nämUch 
eine starke Annäherung an das belgische Verfassungsrecht 

1 Tgl. Hubrich, Die Staatsforinen . . . 

2 Artikel 78: Le roi n'a d'antres pouvoirs que ceux que iui atlribuenl formellemeiu la 
Constitution ou les lois portees en vertu de la Constitution. 

3 Rex regnat, sed non gubernat (J. Zamoiski im polnischen Reichstage). 



42» Die Wdt de^ Tdnrm, Band V. 1917. ffpft iji 

CKX<X>00C<XXX)00<XOG10000CKXXX)000000CXXXKXXXXXXXXXXXXX)000OCO00C^ 

Zwar hatte man davon abgesehen, Bestimmungen nach Art von 
Artikel 25, 78 der belgischen Verfassung in das Staatsgrundgesetz 
aufzunehmen, und formell bedeutete auch die Wendung „gehören 
zu den geheiligten Rechten des Sultans i" gegenüber dem bis- 
herigen Wortlaut mehr eine sprachliche Vereinfachung als eine 
rechtliche Unterscheidung. TatsächHch aber wurden der Volks- 
vertretung bedeutende Rechte verliehen und die Befugnisse des 
Sultans auf ein Mindestmaß herabgedrückt, wie dies vor allem in 
Artikel 35 in Erscheinung trat; indem man in Artikel 38 das Miß- 
trauensvotum mit seinen vollen staatsrechtlichen Folgen ausdrück- 
hch in die Verfassung einfügte, ging man sogar über die belgische 
hinaus, in der ein solcher Satz nicht zu finden ist. Man wollte 
damit bewußt an die Stelle des konstitutionell-monarchischen 
Systems das parlamentarische setzen, denn dieses beruht gerade 
darauf, daß der Monarch durch die Rücksichtnahme auf die jeweilige 
Parlamentsmchrheit in der Auswahl seiner Minister gebunden ist. 
Artikel 1 des zu Ostern 1909 aufgestellten Programms der Ver- 
einigung „Einheit und Fortschritt'' lautet: „Die Partei wird bestrebt 
sein, die Selbstherrlichkeit des Volkes auszubauen und das konsti- 
tutionelle System", das auf der Trennung der Gewalten beruht, 
völlig durchzuführen. Dabei bedachte man freilich nicht, daß das 
türkische Volk den g-ewaltigen Aufgaben, vor die es durch eine 
so weitgehende Selbstherrschaft gestellt wurde, damals noch nicht 
gewachsen war. Nach einem jahrhundertelangen Schlaf zu neuem 
Leben erwacht, konnte es nicht für den glänzenden Oberbau eines 
breiten Parlamentarismus genügend Verständnis haben, zu einer 
Zeit, da es an einem Unterbau, der zuvor dringend nötig gewesen 
wäre, fast gänzlich mangelte. Die Arbeiten in den beiden Kammern 
des Landtags während der Jahre 1909 — 12 lassen einen merklichen 
Unterschied zwischen dem Senate, der sich aus alten erfahrenen 
Staatsmännern zusammensetzte, und dem Abgeordnetenhause er- 
kennen, indem die Rückständigkeit und Ungebildetheit der Provinz 
im Gegensatz zu der (trotz Artikel 2) stets bevorzugten Hauptstadt, 
wie überhaupt die verheerenden Wirkungen der dreißigjährigen 
Alleinherrschaft Abdul Hamids viel stärker hervortraten. Wenn 
dieser Sultan angeblich das Volksschulwesen förderte, wie er dies 
z.B. in der Thronrede vom 17. 12. 1908^ betonte, so war es ihm 

1 huqüqi iHHqnddaseH pädiSähülendir (vgl. S. 39 Anni. i). 

2 mcSrüfiel. 

3 vgl. S. 23 Anm. 2. 



Jäschkt., Die Entwieklung des os^manischen Verfa''<su)i(/ssfaafes. 43 

3C<>OO0C)CKXl<»O00OOO0O0O0OCX>XXXXX)OOO0C)OOOCKXXXXX)O<XX3^^ 

dabei weniger darum zu tun, den Bildungsstand des Volkes zu 
heben, als vielmehr einen religiösen Fanatismus, der dem Volke 
seiner Natur nach durchaus fernhegt 1, künsthch zu züchten. 

Nicht mit Unrecht hat man den Urhebern des Gesetzes vom 
21. 8. 190Q den Vorwurf gemacht, daß sie sich durch ihre Be- 
wunderung für die westeuropäischen Staatseinrichtungen, die sie 
zum großen Teil während der Zeit ihrer Verbannung in Paris und 
Genf kennen gelernt hatten, dazu verleiten ließen, diese blindlings 
nachzuahmen, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, ob die 
Voraussetzungen hierfür in der Türkei geschaffen waren. Denn 
wenn es wahr ist, daß sich die Menschen unter ungleichartigen 
Bedingungen verschieden entwickeln, so ist ohne weiteres einzu- 
sehen, daß es einen absoluten BegTiff der denkbar besten Staats- 
form gar nicht geben kann, sondern daß diesem Volke die Monarchie, 
jenem die Republik und einem dritten vielleicht keins von beidem 
frommt. Enthält doch die türkische Verfassung selbst (Artikel 118) 
den Satz, daß def Gesetzgeber mit dem g'eschichtlich Gewordenen 
und den gegenwärtigen Zuständen rechnen müsse. 

Nun ist zwar nicht zu leugnen, daß das konstitutionelle System 
(Mitwirkung der Volksvertretung) dem islamischen Grundcharakter 
des türkischen Staates entspricht. Dagegen schien die Zeit nach 
der langen Alleinherrschaft des Sultans und der daraus folgenden 
Unmündigkeit des Volkes noch nicht gekommeü zu sein, um das 
parlamentarische System (.Selbstherrschaft der \'olksvertretung) 
eiiizuführen. Dem im Drange der Ereignisse vollzogenen Schritt 
des Gesetzes vom 21. 8. 1909 mußte darum mit g-eschichtlicher 
Notwendigkeit eine Rückentwicklung folgen. Diese trat in der 
Tat ij"! den darauf folgenden Jahren ein und ist gegenwärtig viel- 
leicht noch nicht einmal abgeschlossen. 

Über die rechtliche Bedeutung des Gesetzes vom 21. 8. 1909 
bietet der Beschluß 2 des Senates vom 19. 8. 1909 lehrreiche Auf- 
schlüsse. Dieser lautet: „Nachdem das Abgeordnetenhaus mit '/s- 
Mehrheit die Notwendigkeit, das Staatsgrundgesetz abzuändern ^, 
erkannt hat, sind die abgeänderten Artikel einzeln* gleichfalls mit 
2/3-Mehrheit daselbst angenommen und dem Senate in Gestalt 
eines Gesetzentwurfes vorg"elegt worden. Der Senat seinerseits 

' vgl. G)ese,*Die Toleranz des Islam. 

* 'larärnänie, s. D.2 i 63S. 

' vgl. Artikel 116 der Verfassunj?. 

* hend htnd, vgl. Artikel 55 der Verfassung. 



44 l'if ^^elt dcR Islams. Bmid V. 1917, Heft 112 

CV C<CO0CK?CC<XXXX:<X>00<XX>3C<XXXXX>00000C»0000CXXXXD0000000000CXX)00000^^ 

hatte auch mit ^/^-Mehrheit beschlossen, das Staatsgrundgesetz zu 
ändern und hatte den Entwurf einem engeren Ausschuß ^ über- 
wiesen. Da aber das Ende der Tagung* be^'orsteht und die Zahl 
der vom Abgeordnetenhausc \erabschiedeten Gesetzentwürfe er- 
heblich ang'ewachsen ist, so fehlt es an Zeit, um die Verfassung 
von Grund auf einer Nachprüfung zu unterziehen 2. Um das ver- 
fassungsmäßige Verwaltungssystem ■' und die Machtstellung- der 
Nation* zu stärken, wurde es für notwendig- erachtet, wenigstens 
die dringendsten und wichtigsten Artikel des genannten Gesetzes 
nachzuprüfen, die Bestimmungen, die zweideutig und unvollständig 
schienen, zu erläutern und nach Fertigstellung diese Vorlagen 
unter die Gesetze dieser Tagung einzureihen, um damit dem 
Publikum zu beweisen, daß die Grundsätze der Verfassung ernst- 
lich und tatsächlich angewandt werden. Eine Nachprüfung" der 
übrigen Artikel bleibt der kommenden Tagung" vorbehalten. Der 
Gesetzentwurf, der die Artikel in ursprünglichem und abgeändertem 
Wortlaut enthält, wird anbei übergeben. Die Änderungen, die 
in beiden Kammern angenommen wurden, betreffen die Artikel 3, 
6, 7, 10, 12, 27—30, 35, 36, 38, 43, 44, 53, 54, 70, 77,80, 113. 118. 
Artikel 119 wurde gestrichen, und drei neue Artikel wurden hin- 
zugefügt; sobald die Nachprüfung und die späteren Abänderungen 
der Verfassung beendet sein werden, sollen die drei Artikel bei 
den betreffenden Abschnitten eingeschaltet werden^. Einstweilen 
wurden sie als Artikel iiu, 120, 121 bezeichnet. Es wurde be- 
schlossen, den genannten Gesetzentwurf dem Sultan mit der Bitte 
um Bestätigung und Ausfertigung" zu unterbreiten und sodann der 
vollziehenden Gewalt^ zu übergeben, damit er in dem amtlichen 
Blatte" veröffentliclu werde und in Wirksamkeit trete." 

Die Ziele, die das Gesetz vom 21. 8. locq verfolgte, lass<Mi sich 
unter folgenden Gesichtspunkten zusammenfassen: 

1. Es handelte sich darum, einige Verfassungssätze klarer aus- 
zudrücken, als dies nach dem früheren Wortlaute der Fall 
war. Dies geschah teilweis*^ durch Finfiigung eilicli<^r bereits 

1 cngümcn i ituwhmiit. 

' haiidan baHa tadqvjdt dwck. 

■"' mcirüfyeti idäre. 

* häkimijeti niiülje. 

* dies ist bis heule iiicbl geschehen! 

* quwWi ifjrä'lje. 

^ nämlich: T. W. fge.-eiiali am 4. 9. 1909). 



Jäschke, IHe Entwicklung des osmanischen ]'erfas.mit(j.sstaates. 45 

eoeoeoooooc<xx)ooaxxxxx)ocxxxxxxxxxoc)oocxx)ooooooc>ooo<xxxooc)o<xxxxxxxxxxDooo<^^ 

im Handschreiben vom 1. 8. 1908 1 enthaltenen Grundsätze, 
wodurch dieses den Charakter einer Verfassungsergänzung-, 
der ihm früher innewohnte, verlor. 

2. Es wurden gewisse Bestimmungen, deren Aufnahme in der 
Verfassung von 1876 auf den persönlichen Wunsch Abdul 
Hamids zurückzuführen ist, beseitigt, dabei bemühte man 
sich auch, gewisse Wendungen, die dem schwülstig^en Stile 
der alten Zeit entsprachen, zu vereinfachen. 

3. Die meisten Änderungen wurden in der bereits erwähnten 
Absicht, die Trennung der Gewalten durchzuführen, be- 
schlossen. Dies geschah unter starker Anlehnung an das 
Programm der Vereinigung „Einheit und Fortschritt". 

Ganz andere Merkmale tragen die Verfassungsg-esetze von 1914, 
1915 und 1916. 

Es sollten durch Verfassungsbestimmungen, die lediglich der 
durch die Aprilereignisse des Jahres 1909 hervorgerufenen Er- 
regung ihren Ursprung \erdankten und von vornherein den Stempel 
des Unfertigen und Vorübergehenden auf der Stirn trugen, wieder 
ausgemerzt werden. Dabei zeigte man vor allem das Bestreben, 
das Gleichgewicht zwischen der gesetzgebenden und der 
vollziehenden Gewalt, das durch das Gesetz vom 21. 8. 1909 
gestört schien, wieder herzustellen. Dem Sultan bzw. Kalifen, 
dessen Rechtstellung durch jenes Gesetz beinahe zu der repräsen- 
tativen Rolle eines parlamentarischen Königtums herabg^esunken 
war, sollten die ehemaügen Machtbefugnisse wiedergegeben werden 
und die übermäßige Gewalt, die dem Abgeordnetenhause ver- 
liehen worden war, allmählich wieder auf ein gesundes Maß zurük- 
geführt werden, damit unnatürliche und den Gang der Staats- 
maschine störende Eingriffe der Volksvertretung in die vollziehende 
Gewalt, wie sie sich z.B. in den Jahren 1911 — 12 ereigneten, aus- 
geschaltet werden konnten. Daneben galt es, die Verfassung in 
einigen Punkten fortzubilden und Vorschriften, die veraltet zu sein 
schienen, dem Geiste der Zeit anzupassen, sowie etliche Ergänzungen 
hinzuzufügen. 

Trotz der Rückentwicklung, die das Staatsgrundgesetz in den 
Jahren 1914 — 16 erfuhr, blieben doch zahlreiche Bestimmungen 
des Gesetzes vom 21. 8. 1909 bisher unangetastet, wie z. B. der 
bezeichnende Artikel 38 bezüglich der staatsrechtlichen Folgen 

^ Tg], s. 20. 



46 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 1^2 

COC>X)OOOOOOOOCXXXX)C<X)<XX»COOC<JOOC<X>OOOOOOOOOCOOOOOOOO^ 

des Mißtrauensvotums, Allerdings sind dies zum großen Teil Fragen, 
die in den letzten Jahren wegen der stark überwiegenden regierungs- 
freundlichen Mehrheit des Abgeordnetenhauses keine praktische 
Bedeutung gewonnen haben. 

Schluß: 
Rückblick und Ausblick. 

I. Bei Beantwortung der Frage, ob die Wiederherstellung der 
Verfassung' in der Türkei den Erwartungen entsprochen hat, die 
man im Juli igo8 darauf setzte, muß man sich zunächst den großen 
Abstand vergegenwärtigen, den es zu überbrücken galt, als damals 
der Staat, der durch die Herrschaft Abdul Hamids in seiner Ent- 
wicklung um drei Jahrzehnte aufgehalten worden war, unvermittelt 
vor so große Aufgaben gestellt, wurde. Bis zu einem gewissen 
Grade freilich setzten die Jung'türken bei der Wiederaufrichtung 
des Verfassungsstaates nur die Arbeit fort, deren erste Grund- 
lagen die .Sultane der Reform, Selim III., Mahmud IL und Abdul 
Medschid geschaffen hatten. Jene erkannten zuerst, daß die Türkei 
vor dem Untergange, der mit Sicherheit zu erwarten war, sobald 
die gegenseitige Eifersucht der Mächte einmal aufhörte, nur dann 
gerettet werden konnte, wenn ein ganz neuer Geist in den er- 
starrten Staatskörper einzog. Sollte der Kampf mit europäischen 
Mächten Erfolg haben, so mußte man sich vor allem die Vorteile 
der europäischen Kultur zunutze machen (vgl. Handschreiben vom 
i8. 2. 1856, Nr. 24 1). Daß dabei das Staatsleben allmählich ein ver- 
ändertes Aussehen gewinnen mußte, war natürlich. Es fanden sich 
wohl daher später Stimmen, zumal in streng konservativen geist- 
lichen Kreisen, die behaupteten, die Reformgesetzgebung 2 habe die 
Türkei ihres islamischen Charakters beraubt. Demgegenüber 
kann darauf hingewiesen werden, daß in fast allen Kundgebungen 
jener Sultane die Übereinstimmung der neuen Bestrebungen mit den 
Grundsätzen des belügen Rechts betont und der Stillstand und 
Niedergang des Staates gerade auf die Nichtbeachtung der Vor- 
schriften jenes Rechts zurückgeführt wird 3. Auf der anderen Seite 
wurde in Europa früher häufig die Ansicht vertreten, die Hand- 
schreiben von 18.39 und 1856 seien nur „des coups de theätre" ge- 

» vgl. S. 9. 

- tanzlmäti chairije. 

3 vgl. S. 8. 



Jäscilke, Die Entwicklnng des osmanischen Verfassiing.^staates. 47 

C«0000000C)00CX)00<X)CCOC0<XX:COCXXXXXD00000CXXXXXXXXXXX)0CO0CO00000C<XXX!^^ 

wesen und alle Reformen, die sie versprachen, hätten nur auf dem 
Papier gestanden. Auch in neuerer Zeit neigten manche Politiker 
zu der Anschauung hin, daß jene Reformarbeit wertlos g-ewesen 
sei. Dies ist jedoch nicht richtig. Mag selbst zugegeben werden, 
daß unmittelbar durch jene Reformen keine bedeutenden praktischen 
Fortschritte eintraten, so darf doch ihre große theoretische Be- 
deutung für die spätere Entwicklung nicht verkannt werden. 
Sie bildeten gewissermaßen den Samen, der im Juli 1908 aufging 
und heute zur Reife gelangt. Denn Mahmud setzte nur die Arbeit 
Selims fort, Midhat vollendete sie, und seine Gedanken wiederum 
waren es, die die Jungtürken aufnahmen, indem sie am 2^. 7. 1908 
die Verfassung Midhats ausriefen. Dieser Tag büdet in der Ver- 
fassungsgeschichte des Osmanischen Reiches den entscheidenden 
Wendepunkt. An ihm wurde die alte Türkei zu Grabe getragen, 
um freilich noch zweimal vorübergehend wieder aufzuleben (im 
April 1909 und Juli 1912), dann aber (voraussichtlich für immer) 
dem neuen Geschlechte Platz zu machen. 

n. In der Entwicklung des Verfassungslebens seit dem 2^- 7- 
1908 sind zwei x\bschnitte zu unterscheiden, die zwar nicht durch 
große Ereignisse voneinander scharf getrennt werden, aber dennocli 
deutHch wahrzunehmen sind. Den ersten Zeitabschnitt kennzeichnet 
das Streben nach der Volksherrschaft, nach Vermehrung der Rechte 
der Volksvertretung(Demokratisierung). Den führenden Männern, 
die zumx großen Teil durch die Schule westeuropäischer Staats- 
rechtslehrer hindurchgegangen waren, schwebte als Ideal das in 
jenen Staaten herrschende parlamentarische System vor Augen. 
Sie hielten dessen vollständige Nachahmung und lückenlose Durch- 
führung auch in ihrer Heimat für wünschenswert. Doch die lange 
Zeit der Verbannung hatte viele von ihnen den Anschauungen 
ihres Volkes entfremdet, so daß sie seine wahren Bedürfnisse nicht 
mehr verstanden. Es lag auf der Hand, daß die modernen, aus 
Frankreich importierten Gedanken, wenn sie so unvermittelt auf 
den alten, knorrigen Baum des osmanischen Staatswesens auf- 
gepfropft wurden, keine Früchte tragen konnten. Darum mußte, 
nachdem der erste Rausch der Begeisterung verflogen war, die 
Arbeitsfreudigkeit erlahmen und schließlich jenen unerquicklichen 
Parteikämpfen weichen, die den Geist der neuen Zeit allmählich zu 
vernichten und das Reich in die alten Zustände zurückzuwerfen 
drohten. Greifbar tritt hier die Wahrheit des Satzes herv^or: „Ob 
sich eine Staatseinrichtung bewährt, hängt nicht in erster Linie 



48 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft Ij'J 

£KX>0000000<^>XX~0<^X>00000000€C)OCXX)C«0(X>C<XX>XKXXXXXXXXXXXX)OOC« jocoooe» 

davon ab, wie sie gestaltet ist, sondern davon, in welchem Maße 
sie Verständnis und Vertrauen bei denen findet, die sie zu ge- 
brauchen haben. Keine Gestaltung des Wahlrechts kann eine 
.Sicherheit für die politische Reife des Urteils geben i." 

Der Grundfehler in der jungtürkischen PoHtik war die Vor- 
stellung, daß sich die Ideen der neuen Zeit von selbst durchsetzen 
würden. Dabei rechneten sie nicht mit dem überaus konservativen 
Charakter des Volkes, das zäh an dem Erbe seiner Väter, zumal 
auf dem Gebiete der Religion, hing. 

ni. Die Notwendig^keit, der islamischen Überlieferung wieder 
mehr Rechnung" zu tragen, erkannten die Jungtürken in zu- 
nehmendem Maße seit dem Jahre iqii. Die Rückkehr zum 
Kalifenstaate, die auch mit Rücksicht auf die steig'ende Be- 
deutung der Araberfrage und die Frage der Einheitlichkeit des 
Heeres 2 immer dringender wurde, konnte um so eher voUzog'en 
werden, als man erkannte, daß sich die Gedanken des modernen 
Rechtsstaates und des islamischen Ivalifenstaates gar nicht so feind- 
lich gegenüberstanden, wie man früher geglaubt hatte. 

Denn „der Islam birgt in sich eine Anzahl vortrefflicher Elemente, 
die nur teilweise in Vergessenheit g^eraten waren ■^". Daß der Islam 
entwicklungsfähig ist und sich mit den Forderungen der Neuzeit 
durchaus verträgt, beweisen auch die Kundgebungen der höheren 
Geistlichkeit, besonders die vom Sclioich-ül-islam luiterzeichneten 
Rechtsgutachten aus den letzten JahrtMi. 

Wenn man sich daher auf den Grundcharakter des osmanischen 
Staatswesens wieder mehr besann, und dies auch in der Verfassung 
zum Ausdruck brachte (vgl. Artikel 7), so war man sich doch be- 
wußt, daß daneben die Ziele der neuen Zeit nicht aufgegeben zu 
werden brauchten. „Nicht die Rückkehr zum Staate des alten 
Kalifats wie zu Abdul Hamids Zeiten, sondern die Aufrichtung 
eines modernen Verfassungsstaates mit dem Kalifen an 
der Spitze bezeichnet das Ergebnis der Verfassungskämpfe*." 

IV. Neben der islamischen Bewegung ist es aber noch eine 
andere, die im gegenwärtigen Leben der Türkei die größte Be- 
achtung verdient: der Turanismus. In diesem Worte vereinigen 

* vgl. V. Blume, I'edeutung . . . 

2 Enwer Pascha am 3. I. 1914 (bei seiner Krnennung zum Kricgsniinister): dinsis ordu 

olmaz („ohne Religion kann das Heer niclit liestchen"). 
8 llartmann, Deulsrliland . . . 

* Becker, Die Türkei (S. 276), 



JäschJce, Die Entwicklung des osmanischen 1 erfassungsstaaten. 4g 

O000e0000C0000000000000000000000<XXXXXXXXXXXXXXXXXX)000CX>>XXXXXXXX)0000000000(XK^^ 

sich alle Bestrebungfen, welche die alten g"uten Jiigenschaiten des 
türkischen Volkes wieder aufdecken, seine nationale Eigenart pflegen 
und fördern wollen. Mit dem Erwachen des Heimatsinnes {vgL 
Mehmed Emins Gedichte über Anatolien i) wurde auch das Interesse 
für die alte Geschichte der Osmanen rege 2. Die Erinnerung an 
die Zeit der Größe und Macht des Staates belebt und den Jüngeren 
zur Nacheiferung vorgehalten zu haben, ist vor allem das Verdienst 
des Flottenvereins ^. 

Seit den ung'lücklichen Herbsttagen des Jahres 1912 kam die 
Erkenntnis zum Durchbruch, daß der Staat eine Erneuerung von 
Grund auf, einen starken Unterbau bedurfte, ehe dem Volke der 
glänzende Oberbau eines Parlamentes zum Segen werden konnte. 
Bezeichnenderweise fängt man in neuerer Zeit an, den Gedanken 
der Dorfgemeinschaft* zu pflegen. Unwillkürlich denkt man dabei 
an den Freiherrn vom und zum Stein, der als die notwendige 
Voraussetzung für eine später zu bildende Nationalrepräsentation, 
die Ordnung' der bäuerlichen und städtischen Verhältnisse erkannte ^. 

Diese in hohem Maße von Selbsterkenntnis durchdrungene Arbeit 
führte aber noch zu einem anderen Ziele. Man bemerkte, daß 
alle Mühe, den Staat von innen heraus neu aufzubauen, vergebUch 
schien, solange sich die auswärtigen Mächte bei jeder Gelegenheit 
in die Fragen der inneren Politik mischten. Darum mußte die 
Abschaffung der Kapitulationen und des aus ihnen ent- 
springenden unnatürlichen Fremdenrechtes sobald wie möghch in 
Angriff genommen werden. Der Ausbruch des Vl^eltkrieges gab 
die schon seit vielen Jahren sehnsüchtig erwartete Gelegenheit: 
durch Erlaß vom 8. g. 1914^ (mit Gesetzeskraft vom i. 10. 1914) 
wurden die verhaßten Überreste vergangener Jahrhunderte mit 
einem Federstrich beseitigt. Doch auch mit innerer Berechtigung 
durfte dieser geschichtlich so bedeutsame Schritt vollzogen werden. 
Denn infolge der Veränderung der Verhältnisse'^ konnte hier die 
Clausula rebus sie stantibus*^, die allen völkerrechtlichen Verträgen 

1 vgl. Giese, Neue Gedichte . . . 

* osmanischer Geschichtsverein: tä't'ichi 'osmä7il engümeni. 
' donanma'i ^osmäni mu'äweneti mütije gem%jeti. 

* kjöj, nahie. 

* vgl. Edikt vom 9. 10. i S07 und Städteordnung vom 19. 11. 1808. 

s s. D. 2 VI 1273, vgl. Note an die Mächte vom 9. 9. (übersetzt in „Lehmann, Die 

Kapitulationen"). 
' ichtiläfi ahuäl. 

8 vgl. „Lehmann, Die Kapitulationen" und ,,Bismarck, Gedanken und Erinnerungen", 29. Kap. 
Die Weh des Islams Band Y. 4 



^o I>ie Welt des Islams, Band V. 19! 7, lieft Ij-l 

innewohnt, mit vollem Rechte Anwendung finden. Was gegenüber 
den Reformen des 19. Jahrhunderts teilweise mit gewisser Berechti- 
gung gesagt werden kann, nämlich daß sie nur theoretischer Natur 
wären, gilt nicht mehr gegenüber der Arbeit, die in den letzten jähren 
in der Türkei geleistet worden ist, und es bedeutet eine völlige Ver- 
kennung der Verhältnisse, wenn der Zehnverband in seiner Note vom 
10. 1. iqi7 (an Wilson) die Entfernung des Osmanischen Reiches aus 
Europa forderte, weil es der westlichen Zivilisation fremd sei. 

Will man die Frage beantworten, was denn die Türkei in letzter 
Zeit an praktischer Arbeit geleistet habe, so kann man dies 
nicht besser tun als durch einen Hinweis auf die Gesetze, die seit 
1908 ergangen sind. Nach einer Zeit nahezu gänzlichen Still- 
standes in der Gesetzgebung, der die letzten Jahre Abdul Hamids 
auszeichnete, sind in den wenigen Jahren von 1908 bis 1914 eine 
solche Zahl von Gesetzen und Verordnungen zustande gekommen, 
daß sie in dem eng gedruckten Werk des Amts für Statistik und 
Gesetzsammlungen 1 (unter Leitung von Kara Ketsch Sergis Efendi) 
über 5400 Seiten einnehmen 2. 

Bewußt stellt sich heute die Türkei auf den Boden des modernen 
Rechtsstaats. Eingedenk des im Artikel 39 des Bürgerlichen 
Gesetzbuches ■'^ ausgesprochenen Grundsatzes sind seit dem 22. 5. 
1916 drei Kommissionen tätig, um die wichtigsten Rechtsgebiete 
den veränderten Zeitverhältnissen entsprechend neu zu bearbeiten: 

1. das bürgerliche Recht, 

2. das Famüienrecht (bisher noch nicht staathch geregelt), 

3. das Handelsrecht. 

In der Thronrede vom 14. 11. 1916 hat Mehmed V. dem Land- 
tage zur Kenntnis gebracht, daß die Türkei die Verträge von Paris 
(30. 3. 1856) und Berlin (13. 7. 1878), die beide ihr eine unwürdige 
Rolle zuwiesen, gekündigt habe. Das Deutsche Reich hat als 
erste Macht die Türkei in den Verträgen vom 11. 1, 1917^ als 
völkerrechtlich vollständig gleichberechtigten Staat anerkannt. 

1 ihnäijäi we miidetowenäti qänünije qälcmi, vgl. N. O. III S. 411. 

'^ düstür, tertibi säni. V^\. M. Ilartmann. Die Neue türkische Reicbsgesetzsammlung. 

W. I. IV 3/4 S. 230. 
^ megeUe. vgl. S. 9. 
■♦ (zmänj/n teqhajjurüe nhkjämyn t€(]hnjjüH inkjär olunamaz, d. h. ,,Es kann nicht 

geleugnet werden, daß die Rechtsvorschriften im Wandel der Zeilen Veränderungen 

unterworfen sind." 
'' Die auf Grund von Artikel 7 der Verfassung erforderliche (ienehmigung erfolgte durch 

das Gesetz vom 29. 3. 1917 (s. T. W. Nr. 2844); der deutsche Reichstag erteilte die 



Jäschke, Die KntwicMwuf des osnwnischen V erfassuiigsstaatt^. 5 1 

OtK)OOOCeCXX)000©OC)OOOCOOCXX50CXyXXXXXXXXXXXXXX)<X>OOOCOrOCOOCXD^^ 

Allen Zweiflern zum Trotz, die früher die Lebensfähigkeit des 
Verfassungsgedankens und die Entwicklungsmöglichkeit der jungen 
Volksvertretung in der Türkei bestritten, bricht sich heute die 
Erkenntnis Bahn, daß die Wiederherstellung der Verfassung am 
2 2). 7. 1908 schließlich doch eine Stärkung für den Staat bedeutete 
und nicht seinen Untergang beschleunigte, wie die Schwarzseher 
es meinten. Unstreitig stellt der Landtag heute eine Größe in 
dem Staatsleben der Türkei dar, die nicht mehr hinweg'gedacht 
werden kann und die in Zukunft, wenn erst einmal die Büdung 
des Volkes mit Hufe des Schulwesens weiter fortgeschritten ist, 
noch eine bedeutendere Rolle spielen wird. „Das türkische Volk 
sieht heute seine Ziele klar vor Augen, und die gegenwärtige 
Regierung gerade ist vom besten Willen beseelt 1." 

Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk, das höchste Gut 
des Volkes ist sein Staat (F. Dahn) 2. 



1789 




April 


1807 


31- 


Mai 


1808 


28. 


JuH 


1826 


16. 


Juni 


1827 


2. 


Dezember 


1839 


1. 


Juli 




3- 


November 


1840 




März 


1856 


18. 


Februar 



1861 25. Juni 

1875 23. August 
12. Dezember 

1876 10. Mai 

2,0. Mai 



Übersichtstafel. 

Sultan Selim III. 

Sultan Mustafa IV. 

Sultan Mahmud II. 

Vernichtung der Janitscharen. 

der „Große Rat" (Krieg gegen Rußland). 

Sultan Abd-ul-Medschid. 

Chatti scherif von Gülchane (Großwezir 

Mustafa Reschid P.). 

Notablen-Versammlung. 

Chatti Humajun (Großwezir Mehmed Emin 

Aali Pascha). 

Sultan Abd-ul-Aziz. 

Großwezir Mahmud Nedim Pascha. 

Irade über Reformen. 

Softakundgebung,GroßwezirMehmodRüschdi 

Pascha. 

Sultan Murad V. 



bezüglich der Verträge i^ — 7 (auf Grund von Artikel 11 der Keichsverfassung) notwendige 

Genehmigung am 10. 5. 1917 (vgl. Der Neue Orient, Bd. I., Heft 4/5). 
^ vgl. Ilartmann, Deutschland . . .; vgl. auch Koran 53, 40 — 41: „Daß dem Menschen 

sein Mühen ist und daß sein Mühen (einstmals) zur Erscheinung kommt." 
2 vgl. Namyq Kemal, Watan: ämälymyz, efkjärymyz igbäli watandir, d. h. „Unser 

Hoffen, unser Denken gilt dem Wohle des Vaterlandes." 



52 T>ie Welt des Islams, Band ]\ 1917, Heft Ij-J 

O000e0O00OCOOOO00(XXXXXXD000000000000000<XX>XXX5000000000CK>>XXXXXX>>>X100C^^ 



3^- 
13- 

28. 

19. 

2 3- 

1877 18. 

19. 
28. 

13- 

14. 

3- 

9- 
6. 

23- 

24. 

1. 

2. 

6. 
3- 



1878 

1908 



1909 



IQtO 



August Sultan Abd-ul-Hamid 11. 

September Thronbesteigungs-Chatt. 

Oktober Anweisungen über die Wahlen zum Abge- 
ordnetenhause. 

Dezember Großwezir Midhat Pascha. 

Dezember Verkündung- des Staatsgrundgesetzes. 

Januar der „Große Rat". 

Februar Midhat verbannt, Großwezir Edhem Pascha, 

März Eröffnung des 1. Landtags (1. Tagung). 

Juni Schließung des Landtags. 

Dezember Eröffnung des Landtags (2. Tagung-^ 

Februar Schließung des Landtags. 

März Vorfriede von San Stefano. 

Juni Zusammenkunft in Reval. 

Juli Erhebung in Resna (Nijazi, Enwer Bej), 

Juli Trade über die Einberufung des Landtags. 

Juli Großwezir Said Pascha. 

August Chatt über die Anwendung der Verfassung. 

August Irade über die Wahl zum Abgeordnetenhause. 

August Großwezir Kjamil Pascha. 

Oktober Verkündigung des Wahlgesetzes im „Reichs- 
anzeig'er". 

17. Dezember Eröffnung des neuen Landtags (1. Wahl- 
dauer, 1. Tagung). 

Februar Großwezir Husein Hilmi Pascha. 

April Kundgebung gegen die Verfassung. 

April Großwezir Tewfik Pascha. 

April Nationalversammlung in San Stefano. 

April Einzug Mahmud Schewket Paschas. 

April Beschluß der Nationalversammlung, Sultan 
Mehmed V. 

Mai Thronbesteigungs-Chatt. 

Mai Großwezir Husein Hilmi. 

August Verfassungsgesetz vom 5. Sa'ban 1327 
Schließung des Landtags. 

14. November Eröffnung des Landtags (2. Tagung). 
10. Januar Großwezir Ibrahim Hakki Pascha. 

15. Februar Denkschrift Damad Ferid Paschas. 
28. Juni Schließung des Landtags. 

14. November Eröffnung des Landtags f,^. Tagung). 



15. 
13- 
15- 

22. 
24. 
27. 

4- 

6. 

21. 



Jäschke, Die JEntwickluntj </e-'i osmauhrhen Verf<ti^.vi;nrf!^!<tante.<. 53 

eeOO©OOOOOOCXXXDOOOOOO<X)OOOOOC)(X)OOOC<X)0<X)<X)OOCXXXXX>00<XOCO^ 



101 1 



3912 



1913 



1Q14 



1Q15 



1916 



1917 



22. 



April 



,Einheit und 



3- Juni 

29. September 
14. Oktober 

30. Dezember 
18. Januar 
18. April 

Juni 



24 

22 

5 
30 

22 

23 
24 

14 

28 
2 
3 



Neues Programm der Partei 
{<V>rtschritt". 

Schließung' des Landtags. 
Großwezir Said Pascha. 
Eröffnung des Landtags (4. Tagung-). 
Neues Kabinett Said Pascha. 
Auflösung- des Landtags. 
Eröffnung- des Landtags (2. Wahldauer). 
Annahme der Verfassungsvorlage im Abge- 
ordnetenhause. 

Großwe/ir Ahmed Muchtar Pascha. 
Schließung des Landtags. 
Großwezir Kjamil Pascha. 
Notablen-Versammlung. 
Großwezir Mahmud Schewket Pascha. 
Großwezir Said Halim. 

Eröffnung des Landtags (außerordentliche 
Tagung). 

Verfassungsgesetz vom 2. Regel) 1332, 
vSchließung des Landtags. 
Mobilmachung. 

8. .September Irade über Aufhebung der Kapitulationen 
am 1. Oktober. 

Irade über den Kriegszustand. 
Verkündung des Heüigen Krieges. 
Eröffnung des Landtags (3. Wahldauer, 
1. Tagung). 

Verfassungsgesetz vom 2 6. Rebi'ül ew wel 1333. 
Vertagung- des Landtags. 
Seesieo- an den Dardanellen. 



Juli 

August 

Oktober 

Januar 

Januar 

Juni 

Mai 

Mai 

August 

August 



November 
November 
Dezember 



Februar 

März 

März 



28. September Eröffnung des Landtags 1. 

9. März Verfassungsgesetz vom 4. Gemäzil-ula 1334. 

13. März Schließung des Landtags. 

20. März Verfassungsgesetz vom 15. Gemäzü-ula 1334. 

14. November Eröffnung des Landtags (3. Tagung). 
11. Januar Deutsch-Türkische Rechtsverträge. 

2. Februar Großwezir Talat Pascha. 

31. März Schließung des Landtags. 



1 Die 2. Tagung begann aber erst am r4. November. 



54 I>ie Welt des Jslayns, Band V. 1917, Heft lj2 

0CO-3e0000000C00C>0«XO(X>0C>D0C«<X>CKX)00CXX)000000C)000^ 

Verzeichnis der benutzten Literatur. 
I. Türkei und Orient. 

a) Werke einzelnei- Verfasser. 
W. Albrecht, Grundriß des osmanischeu Staatsrechts. 1905. 

— Das neue Reformwerk der Türkei, seine Vorgeschichte und seine Aussichten auf 
Bestand. In: „Jahrb. des öffentl. Rechts der Gegenwarf'. Band 3. IQ09. 

— Die Entwicklung des öffentlichen Rechts in der Türkei in den Jahren 1909 — 1911. 
In: ..Jahrb. des ötTentl. Rechts der Gegenwart'". Band 6. 191 2. 

M. 'Asyra, Meglisi meb'üsända nasl cälysyldy. (Wie im Abgeordnetenhause gearbeitet 

wurde.; In: ..New sali milli" (Neues nationales Jahrbuch). 1330/1914. S. 469. 
S. Beck, Die Regierungsorgane des Osmanischen Reiches. In: ,.N. O. Korrespondenzblatt 

der Nachrichtenstelle für den Orient". 3. Jahrg. 1916 — 17. 
C. H. Becker, Die Türkei. In: ,. Deutschland und der Weltkrieg". 1915. 
P. Bisoukides, Die ottomanische Verfassung. Rechtswissenschaftlichc Beiträge. in; 

„lurist. Festgabe des Auslandes zu J. Kohlers 60. Geburtstag". 1909. 
W. V. Blume, Bedeutung und .Aufgaben der Parlamente. Handbuch der Politik. Band 1 . 

1914- 

E. EngeUiardt, I.a Turquie et le Tanzimat ou l'histoire des reformes dans l'Kmpire 

CHlomaii dejiuis 1826. 1882 — 84. 
Falk (aus Saloniki), Die Geschichte der Freiheil und die Gedanken des Padischj.b. 

Deutsche Übers, von Th. Menzel. Orientalisches Archiv. 191 1. 
W. Feldmann, Die Türkei nach dem Balkankrieg. Handbuch der Politik. Band 3. 1914. 
P. Fesch, Constantinople au.K derniers jours d' Abdul-Hamid. 1907. 

F. Qiese, Neue Gedichte von Mehmed PLmin Bej. In: „Mitteilungen iic> Seminar« lür 

orientalische Sprachen zu Berlin". 1910. 

— Die Toleranz des Islam. 1915. 

C. V. d. GrOltz, Die Türkei im 2. Jahre ihrer Wiedererliebung. In: ..Asiatisches Jahr- 
buch". 10 14. 
M. Hartmann, Der Islam — Geschichte, Glaube. Recht. Kin llandbucli. igo9. 

— Die neuere Literatur zum türkischen Problem. Zeitschrift für Politik. Band {, 
Heft 1. 1909. 

— Unpolitische Briefe aus der Türkei. Der islamische Orient. 15and 3. 1910- 

— Deutschland und der Heilige Krieg. In: „Das neue Deutschland''. 19' 5- 
E. Hubrich, Die SlaaLsformen usw. Handbuch der Politik. Band i. 1914. 
E. Jäckh, Der aufsteigende Halbmond. 5. Aufl. 19' 5- 

Mahmud Schewket Pascha. In: ., Geist des Ostens'". 19 13. 
de La Jonquiere, Histoire de l'Kmpire Ottoman depuis les origines jus(|u':'i no.; jours 

2. .Aufl. 1914. 
N. Jorga, Geschichte des Osmanischen Reiches. 1908 — 13. 

E. F. Knight, The Awakcning of Turkey. A History of the Turkish Revolution. 1909. 

F. V. Kraelitz-Qreifenhorst, Die Verfassungsgesetze des Osmanischen Reiches. 1909. 
F. V. Kraelitz, Das neue türkische P.arlament. ..Österreichische Monatsschrift für den 

Orient."' 19T4. 
P. R. Krause, Die Türkei. 191 6. 
"W. Lehmann, Die Ka])itulali<)nen. i<)i7. 



Jäschke, Die Entwickluiig des osmanischen Verfassungsstaates. 55 

Li. "V. Mackay, Der jungtürkische Verfassungsstaat, seine Probejahre und Zukunftsaus- 
sichten. In: „März". 191 1. 

— Die Entwicklung der Türkei zum Rechtsstaat. In: „Das neue Deutschland". Jahrg. 3. 

I915- 
A. H, Midhat, The life of Midhat Pasha. 1903. 

— Midhat pasanyn hajati sijjasi (Midhat Paschas politisches Leben). 1 325/1909. 

H. V. Moltke, Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 
1835— 1839. 7. Aufl. 191 1. 

E. Fears, Forty years in Constantinople. 19 16. 
R. Pinon, L'Europe et la Jeune Turquie. 191 1. 

Die Staatsverfassungen des Erdballs. Herausg. von G. Posener. 1909. (A. Rolta, 
Belgien. Gr. Grabko'wski, Türkei.) 
H-. Rif'at, Huqüqi idäre (Verwaltungsrecht). Mälümäti qänünije (Rechtslehrbuch). 1327/ 

Ch. T. Riggs, Constitutional Government in Turkey. ,,The Moslem World.'" 1914. 
G. Rosen, Geschichte der Türkei von dem Siege der Reform im Jahre 1826 bis zuai 

Pariser Traktat vom Jahre 1856. 1866 — 67. 
C. V. Saz, Geschichte des Machtverfalls der Türkei bis Ende des 19. Jahrhunderts. 

2. Aufl. 1913. 
A. Ubicini, La Constitution Ottomane du 7. zilhidje 1293. 1877. 

— et Pavet de Cotirteille, Etat present de l'Empire Ottoman. 1876. 

F. Wüstenfeld, Vergleichende Tabellen der muhammedanischen und christlichen Zeit- 

rechnung. 1854. 

Fortsetzung dazu von E. Mahler. 1887. 
Gr. Young, Corps de Droit Ottoman. 1905 — 06. 
I. W. Zinkeisen, Die Geschichte des Osmanischen Reiches in Europa. 1840 — 63. 

b) Sammlungen, Zeitschriften, Jahrbücher, Anonymes. 
Annnaire Oriental, Commerce, Industrie, .-\dministration, Magistrature de l'Orient. 

Jahrg. 191 5. Vgl. die ausführliche Inhaltsangabe von E. Bryde in „Welt de» 

Islams" IV S. 140 — 142. 
Bericht des Generalrates der Partei „Einheit und Fortschritt" auf dem Parteikongrefl in 

Konstautinopel vom 28. 9. bis 5. lO. 1916. In: „Korrespondenzblatt der Nach- 
richtenstelle für den Orient". 3. Jahrg. 1916. 
Die Umgestaltung der türkischen Gesetzgebung. In: „Deutsche Levantezeitung." 6. Jahrg. 

J916. 
JO>ie Welt des Islams", Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde. 1 9 1 3 — 1 6. 
Doctrines et programmes des partis politiques ottomans. In: „Revue du monde 

musulman." 19 13. 
Düstur, Amtliche Gesetzsammlung. Band i — 4 und Nachtrag. 1289 — 99 = 1872 — 82. 
Düstur, tertibi säni (zweite Reihe). Herausg. von Kara Kotsch Serkis Efendi. 

Band 



I: IG. 7. 1324—29. 


IG. 


1325- 


1913- 


II: I. u. 1325—31. 


IG. 


1326. 


1914. 


III: I. II. 1326 — I. 


IG. 


1327- 


1915. 


IV: 3. IG. 1327 — 31. 


IG. 


1328. 


1915- 


V: I. 11. [328 — 31. 


IG. 


1329. 


1916. 


VI: 3. 11. 1329 — 30. 


10. 


1330. 


1916. 


Geschichtskalender 


bee 


r. V. 


Scfaulthess 



1860. 



56 ]Jie Welt des hlams. Band V. 1917, Heft 112 

•OOOCXXXXXXXX^OOOO<X)C<XICXX)OOOOOOC<XXXXXXXX»OOOOCXX)CX^^ 

Gothaischer crenealogischer Hofkalender. Jahrg. 191O. 

Qanuni esäsi (Slaatsgruiidgesetüj, enthalten im: 1. Sälnämei dewleti 'alijei 'osmänije 

(amtliches Staatsjahrbuch), erschienen bis 1328. 2. 'Dmije sälnämesl (Jahrb. der 

geistlichen Behörden). 1. Jahrg. 1334 d. h. 
Les courants politiques dan« la Turquie contemporaine. In: ..Rerue du monde uiu- 

sulman.'' 191 2. 
Legislation ottomane: 

1. Aristarchi Bey — D. Nicolaidös, 1873 — 88. 

2. A. Biliotti 110. 7. 1324 — 31. 10. 1325). 1912. 

Osmanischer Lloyd. Jahrg. igoq- — 12. U. a. : Das neue Programm df^ jungtürk. 

Komitees. 14. 4. 1909. 
Taq^^nii weqäji* iReichsanzeiger). 1331 — 321915 — 1916. 
Tanin. 1914 — 17. 
The Statesman's Year Book. Jahrb. 1916. 

2. Für das belgische Staatsrecht. 

L L Thonissen, La Constitution beige annolee. 2. Aufl. '876. 

3. Für das preußisch-deutsche Staatsrecht 

A. Arndt, Die Verfassungsurkunde für den Preußischen Staat. 7. Aut). 1911. 
C. Bornhak, Grundriß des Deutscheu Staatsrechts. 3. Aufl. 19 12. 
E. Hubrich, Preußisches Staatsrecht. 1909. 

— Deutsches Verfassungsrecht in geschichtlicher Entwicklung. 2. Aufl. 1913. 
Hue de G-rais, Handbuch der Verfassung und Verwaltung in l'reufien und dem Deutschen 
Reiche. 22. .-Xufl. 1914. 



Zur Beachtung. 

Als eine Ergänzung zu dieser Abhandlung nach der materiell- 
rechtlichen Seite hin erscheint im nächsten Hefte der „Welt des 
Islams" (Band V, Heft 3) von demselben Verfasser: 
Die rechtliche Bedeutung der osmanischen Verfassungsgesetze 

von 1909 bis 1916. 
Eine rechtsvergleichende Kritik der bisherigen Abänderungen des 

Staatsgrundgesetzes. 



C<<)000eOCXX)00f<X)C«0000CKX)0CO0<XXXXXXX»0rO0000000CKXX»0(XO00C^^ 



Havhtmaiw. Die. netiei'e und nmet^ip tnrlnsrhe JAteratur. 57 

O0a0O0CCKDOOOC^<X>OO0OCKX>OOOO«>XXXXX>CKXX>0OC<XXXX!^^ 



DIE NEUERE UND NEUESTE 
TÜRKISCHE LITERATUR. 

EINE EINLEITUNG ZU IHREM STUDIUM. 

VON 

OTTO HACHTMANN. 

Bei der Abfassung meiner Schrift „Die türkische Literatur des 
zwanzigsten Jahrhunderts" (Leipzig, Amelang, 1916) empfand 
ich den Mangel an einem bibliographischen Hilfsmittel für dieses 
Gebiet wie für türkische Literatur überhaupt sehr störend. Zum 
Nutzen derjenigen, die sich auf dem reichen und schönen Felde 
der modernen türkischen Literatur betätigen wollen, hatte ich schon 
damals eine Liste von Werken und Abhandlungen über diesen 
Gegenstand zusammengestellt, die dann aber wegen Raummangels 
meinem Buche nicht mehr ang^efügt werden konnte. Die freundUche 
Aufforderung des Herausgebers dieser Zeitschrift gibt mir nun die 
erwünschte Gelegenheit, das damals gesammelte Material der Öffent- 
lichkeit zugängüch zu machen. Ich weiß wohl, daß es lückenhaft 
ist; aber ein Anfang muß einmal gemacht werden. Lückenhaft ist 
es besonders in bezug auf Abhandlungen, die etwa im feindlichen 
Ausland erschienen sind. Während des Krieges werden das freüich 
nicht viele sein, und diese wenigen ohne Zweifel von wissenschaftlich 
unparteüscher Ruhe weit entfernt. — Um die Lesbarkeit dieses 
„Studienführers" nicht zu beeinträchtigen, sollen die hier angeführten 
Bücher erst am Schluß mit vollem Titel, Verlagsort usw. in einer 
bibliographisch genauen und sachlich geordneten Liste zusammen- 
gestellt werden. 

Ich gehe folgenden Weg: zuerst behandle ich allgemeine Dar- 
stellungen türkischer Literatur, wobei auch die frühere wenigstens 
gestreift werden soll; dann Abhandlungen über moderne Autoren 
von 1859 an und deutsche Übersetzungen aus dem Türkischen 
desselben Zeitraums; endlich gebe ich einiges Material für das 
Studium der türkischen Presse. 

Wer sich mit der neueren und neuesten türkischen Literatur 
eingehender beschäftigen will, muß natürlich auch von der älteren 
etwas wissen. Wenn das türkische Schrifttum seit der Mitte des 
neunzehnten Jahrhunderts auch einen schroffen Bruch mit der 



58 Uie Welt des hiams. Band V. 1917, Heft Ij'i 

literarischen Tradition der vorhergehenden Jahrhunderte bedeutet, 
so hat sich doch einerseits, besonders in der Poesie, noch sehr viel 
von der früheren persisch-arabisch orientierten Manier erhalten, 
andererseits wird der Eigenwert der neuen und neuesten türkischen 
Literatur erst demjenigen recht klar, der die ältere kennt. Für 
deren Studium kommen drei Werke in Betracht, von denen aller- 
dings zwei ausschließlich der türkischen Poesie gewidmet sind: 
die „Geschichte der osmanischen Dichtkunst" des 1856 ver- 
storbenen Wiener Orientalisten von Hammer-Purgstall (er- 
schienen 1836 — 1838), die bis ca. 1870 reichende „History of 
Ottoman Poetry" von E. W. Gibb (iQooff.) und die „Übersicht 
der türkischen Literatur" von Bertha Schmidt (igi6). Das 
erste, das nur noch historisch-antiquarischen Wert hat, besteht 
eigentlich nur aus biographischen Angaben über eine Unzahl (über 
2000!) von türkischen Dichtern nebst vom Autor selbst mehr schlecht 
als recht übersetzten Proben aus ihren Werken; das dritte, das nur 
eine Mark kostet, ist in den Kapiteln über ältere türkische Literatur 
nichts weiter als ein ganz unselbständiger Auszug daraus mit Weg- 
lassung der Proben. Immerhin ist es als solcher zu begrüßen, da 
das Hammersche vierbändige Werk wohl nur noch aus großen 
Bibliotheken zu beschaffen ist. Derselbe Übelstand gilt auch für 
das große sechsbändige Werk des englischen Orientalisten. Durch 
dieses ist Hammer weit überholt worden. Es ist ein unentbehrliches 
Buch für jeden, der türkische Literatur studieren will. Daß es in 
englischer Sprache geschrieben ist, ist zwar für Orientalisten kein 
Unglück, da diese sozusagen „als solche" ohne weiteres Engliscli 
beherrschen müssen, weil England leider Gottes nun einmal die 
reichste Sammelstelle orientalistischen Materials ist, aber für die 
große Welt der Gebüdeten, von denen doch viele nur sehr wenig 
Englisch können, ist die Übersetzung des monumentalen Gibbschen 
Werkes eine dringende Notwendigkeit. Oder besser noch: eine 
Bearbeitung müßte es sein, die tüchtig mit dem Rotstift wirkte. 
Gibb teilt nämlich mit den meisten seiner schriftstellernden Lands- 
leutp die Unfähigkeit zu straffer Konzentration der Darstellung. 
Aber im übrigen ist sein Work eine hervorragende Leistung. Er 
schreibt mit verständnisvoller Wärme und kritischer Feinheit. Seine 
zahlreichen Übersetzungen von Bruchstücken der besprochenen 
Werke sind allerdings nicht immer ganz leicht zu lesen, da er für 
sie ein archaisierendes Englisch gewählt hat, das dem Mittelenglischen 
näher steht als dem Neuenglischcn. Ausgezeichnet ist der Gesamt- 



Hachtmann, Die iiewre und neueste türkische Literatur. 5q 

eoooeoooo(>xiooe(xxK)ooooooooooooo<xxxxxxxxxxxxxx«oooooooocxxxxxxxxxxx 

Überblick über die türkische Literatur von den Anfängen bis 
etwa 1870, den Gibb als Einleitung dem ganzen Werke voran- 
g-estellt hat. 

Das französisch geschriebene Werk des Armeniers Basmadjan: 
Essai sur l'histoire de la litterature Ottomane, 1910, erwähne ich 
nur, um davor zu warnen. Es ist ganz oberflächlich. (Vgl. auch 
die Besprechung von Th. Menzel in „Der Islam'- 191,3 S. 142.) 

Zum Schluß nenne ich noch die Aufsätze über einzelne x\utoren 
in der großen, unvollendeten ,,Enzyklopädie des Islam". 

So viel über Hilfsmittel zum Studium der älteren türkischen 
Literatur. Natürlich wird der wissenschaftlich Denkende auch die 
türkischen Werke selbst lesen wollen, aber es ist ihm zu raten, 
falls er sich dem Studium der modernen türkischen Literatur 
widmen will, darauf vorerst zu verzichten. Der alttürkische Zierstil 
ist derartig schwierig zu verstehen, daß zu seiner völligen Be- 
herrschung viele Jahre nötig sind, und es fragt sich, ob er einen 
solchen Zeitaufwand wirklich verdient. Es steckt in dieser artisti- 
schen Dichtung außerordentlich wenig dichterischer Wert. Noch 
dazu ist sie viel weniger türkisch als persisch. 

Für die neuere türkische Literatur von 1859-1900 ist neben 
dem erwähnten Gesamtüberbhck \on Gibb und einigen Mitteilungen 
seines Fortsetzers Browne aus dem handschriftlichen Nachlaß Gibbs 
in der Vorrede zum 4. Band vor allem das Werkchen „Geschichte 
der türkischen Moderne" von Professor Dr. Paul Hörn zu 
nennen. Wie die „Geschichte der persischen Literatur" ist auch 
diese Darstellung des leider so früh verstorbenen Straßburger 
Orientalisten sehr angenehm zu lesen. Er hat allerdings vielfach 
aus zweiter Hand arbeiten müssen, wobei ihni einige Fehler unter- 
gelaufen sind, verleugnet auch in der Schreibung der türkischen 
Namen und Buchtitel den Persisten nicht und hat die türkischen 
Schriftsteller manchmal gar zu spöttisch behandelt, aber er hat 
die wesentlichen Züge dieser französierenden Epoche der türkischen 
Literatur, vor allem die unmännHche Tränensehgkeit, vorzüglich 
gesehen und geistreich dargestellt. Er behandelt ausführlicher 
folgende Autoren: Ibrahim Schinassy, Ahmed Midhat, Namyq Kemal, 
Abd-ul-haqq Hamid, Mahmud Ekrem, Schems Samy, Mehmed 
Tewfiq, MuaUim Nadschy, Sezajy, Uschaqyzade Chahd Zija, Ahmed 
Rasim, Mehmed Münedschi, Hussein Rahmi und Wedschihi. Da- 
neben nennt er eine große Menge von Namen und Titeln von 
Gröljen und Werken zweiten Ranges. Vielleicht hat er in dieser 



6o Vie. Welt des Islamf^. Band V. 1917, Heft il2 

eiX10CX)0(XyXJOCOCC<XX)00(XXyOOCXlOOC)COCCK3CKXXC^^ 

Beziehung des Guten etwas zuviel getan: die Grenze zwischen 
Darstellung und Katalogisierung ist nicht immer gewahrt. 

An kürzeren Darstellungen nenne ich: Friedrich Giese: Der 
Entwicklungsgang der modernen osmanischen Literatur 
(igo6), Tony Kellen: Türkische Sittenromane (1913) und die 
betreffenden Kapitel in dem schon oben angeführten Büchlein von 
Bertha Schmidt. 

Unser gTÖßtes Interesse beansprucht natürlich die neueste türkische 
Literatur. Während es aber heutzutage bei uns von politischen 
und wirtschaftlichen Betrachtungen über die moderne Türkei in 
Form von Büchern, Broschüren, Zeitschriften- und Zeitung'saufsätzen 
wimmelt, ist über das neueste türkische Schrifttum noch herzhch 
wenig geschrieben. Schon vor dem Kriege erschienen Professor 
Martin Hartmanns: „Unpolitische Briefe aus der Türkei" 
(igio). Ein köstliches Buch! Man hat dem Verfasser vorgeworfen, 
daß er die Türken darin zu schlecht behandle. In Wirklichkeit ist 
seine unleugbare Strenge ein Zeichen seiner Liebe: gerade weil 
ihm das Emporkommen der Türkei so sehr am Herzen liegt, äußert 
er sich oft so vernichtend scharf über ihre Mängel. Sein Werk 
gilt ja durchaus nicht nur der neuesten türkischen Literatur, 
sondern überhaupt dem Geistesleben der Türkei von 1909, aber 
es bietet eine Menge höchst wertvoller Notizen und Beobachtungen, 
die der gelehrte und geistreiclie \'erfasser in regem persönlichen 
Verkehr mit den führenden Geistern der modernen Türkei und 
ihres Schrifttums gemacht hat. Ich selbst verdanke den „Un- 
politischen Briefen" außerordentlich viel. Sie sind vorzüghch 
geeignet, vor unkritischer Begeisterung zu bewahren. Ehe ich 
aber über mein kürzlich erschienenes Werk „Die türkisciie 
Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts" ein paar Worte 
sage, muß ich noch eine Abhandlung Martin Hartmanns 
erwähnen, die einige Wochen früher erschien und wiederum 
außerordentlich reiches Material enthält. .Sie ist betitelt: „Aus 
der neueren osmanischen Dichtung." Hartmanns Arbeits- 
weise ist ja bekannt: er bi-ingt es nicht fertig, trocken zu sein, 
und er liebt es, in zahlreichen Anmerkungen sein fabelhaft 
reiches Wissen über literarische Dinge und Persönlichkeiten als 
reizvolle Arabesken um den eigentlichen Text zu schlingen. Dieser 
ist übrigens hier nicht ausschließhch sein geistiges Eigentum: er 
besteht vielmehr zum Teil aus Übersetzungen der literarhistorischen 
Artikel in dem vortrefflichen illftstrierten pohtisch-hterarischen Jahr- 



Hachtmaim, Die nexiere und neuede türkische Literatur. 6 1 

buch Xew-sal-i-milli (1914)1. Auch einige der von P. Hörn bereits 
behandelten Autoren sind hier vertreten. Hartmann ergänzt aber 
dessen Darstellung in dreifacher Weise: erstens stellt er einige 
Irrtümer Horns richtig, zweitens führt er auch ihre Hörn noch 
nicht oder nicht mehr bekannten Werke an, drittens gibt er aus- 
führliche Lebensdaten. Folgende Autoren sind behandelt: Abd-ul- 
haqq Hamid, Dschenab Schehab-ed-din, Süleiman Nessib, Fa'iq Ali, 
Chalid Fachri, Fazil Ahmed, Süleiman Nazif, Abdullah Dschewdet, 
Schehab-ed-din Süleiman, Nigar Hanym, RedschaMzade Ekrera, 
Hussein Su'ad, Kasim Nami, Ja'qub Qadri, üschaqizade ChaHd Zija, 
Izzet Melih, Salah-ed-din Enis, Jaschar Nezihe Hanym, Mehmed 
Ra'uf, Ihsan Ra'if, Dschelal Sahir, Köprülüzade Mehmed Fu'ad, 
Ali Dschanib, Ömer Seif-ed-din und Enis Awni. AJle, die sich mit 
neuester türkischer Literatur beschäftigen oder beschäftigen woUen, 
seien nachdrücklich auf diesen umfangreichen und inhaltsreichen 
Aufsatz Martin Hartmanns hingewiesen. 

Meine eigene Arbeit: „Die türkis.che Literatur des zwanzig- 
sten Jahrhunderts", die ich hier, einem ausdrücklichen Wunsche 
des Herausgebers folgend, selbst anzeige, beschränkt sich auf die 
Darstellung von 13 Autoren, während Hartmann deren 26 behandelt. 
Es sind folgende: Dschenab Schehab-ed-din, Mehmed Ra'uf, Hussein 
Dschahid, Fa'iq 'Ali, Ja'qub Qadri, Mehmed 'Akif, Dschelal Sahir, 
Ali Dschanib, Ahmed Hikmet, Chalide Edib Hanym, Aqa Gündüz, 
Mehmed Emin, Zija Gök Alp. Mir lag es nur daran, die be- 
deutendsten modernen türkischen Autoren und deren bedeutendste 
Werke zu charakterisieren. Zugleich war ich bestrebt, in einer 
Einleitung die literarische Entwicklung seit igoo im Zusammenhang 
zu schildern. Ich habe mich dabei im Gegensatz zu Hörn nicht 
auf den europäischen, sondern auf einen türkischen Standpunkt 
gestellt. Indem ich den „Turanismus" als die bezeichnendste 
Strömung des modernen türkischen Geisteslebens ansah, ergab 
sich mir eine bestimmte Anordnung der besprochenen Autoren: 
ich behandelte sie nach ihrer Stellungnahme zum Turanismus, und 
zwar in der Weise, daß ich mit den ihm am fernsten Stehenden 
anfing und mit seinem edlen Führer Zija Gök Alp schloß. Die 
Hartmannsche Arbeit erschien erst, als der Druck der meinigen 
nahezu vollendet war. Ich habe also völlig unabhängig von Hart- 
mann gearbeitet. Dagegen weiß ich, daß ich für die Gesamtauf- 

1 Besonders wichtig ist die Einleitung, zumal wegen der Mitteilungen über die sprach- 
reformerische Tätigkeit des Saloniker Lileratenkreises. 



6 2 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft lj2 

01<XXXXXXX<XXXX)C<IC<>OOC)OOOCXXX<<X1<X)0(X<X)CXXXXXXX^^ 

fassung und für manche Einzelheiten dem Leipziger Lektor des 
Türkischen Herrn Ahmed Muhieddin sehr viel verdanke. Sehie 
im Sommersemester 1916 an der Leipziger Universität gehaltene 
Vorlesung' über die moderne türkische Literatur und viele Privat- 
gespräche mit dem hochbegabten jungen Gelehrten haben meine 
Arbeit erst möglich gemacht. Ich habe aber seine Urteile durchaus 
nicht einfach übernommen, sondern mir durch Lesen der als 
bedeutungsvoll genannten Werke mein eigenes gebildet, das nicht 
selten von dem seinigen abwich. Gern hätte ich noch mehr 
Autoren in den Kreis meiner Betrachtung gezogen, aber einerseits, 
wie z. B. bei dem interessanten Riza Tewfik, den ich gern hinzu- 
gefügt hätte, war die Beschaffung des Materials nicht möglich, 
andererseits sollte der Umfang von vier Bogen nicht überschritten 
werden. So habe ich mehrere Autoren für eine spätere erweiterte 
Behandlung desselben Gebietes zurückstellen müssen. Der eben 
genannte Riza Tewfik war übrigens nach einer Mitteilung von 
G. E. Browne von Gibb beauftragt, den 7. Band der „History of 
Ottoman Poetry" zu bearbeiten, soll auch einige Kapitel davon 
Browne übergeben haben. Es ist aber sehr fraglich, ob dieser 
Schlußband jemals herauskommen wird. 

Von kürzeren Überblicken über die neueste türkische Literatur 
nenne ich Gordlewski: Skizzen zur modernen osmanischen 
Literatur (1912), ausführlich besprochen von Th. Menzel in „Der 
Islam" 1913. G. behandelt in dieser russisch geschriebenen 
Broschüre die Gallomanie, die religiöse Reaktion, die nationale 
Richtung, den Sprachenstreit, das Streben nach Volkstümlichkeit. 
Von bekannteren Autoren sind vertreten: Mehmed Tewfik, Mehmed 
Emiin, Riza Tewfik, Sezajy, Tewfiq I^kret, Dschenab Schehab-ed-din, 
Hussein vSu'ad, Ahmed Hikmet, Chalid Zija, Hussein Dschahid, 
Mehmed Ra'uf, Mehmed 'Akif und Chalide Edib Hanym. Im glänzen 
behandelt Gordlewski die neueste türkische Literatur sehr skeptisch. 
Ferner sind zu erwähnen die „Übersicht der neuesten türkischen 
Literatur" von Professor Fr. von Kraelitz-Greifenhorst in der 
„( »sterreichischen Rundschau" vom 15. März 1916; der Aufsatz 
von Martin Hartmann: Die literarischen Strömungen in 
Stambul im „Korrespondenzblatt der Nachrichtenstelle für den 
Orient" 1916 und die Einleitung zu „Türkische Erzählungen" 
von M. R. Kaut mann. Über den Turanismus hat wiederholt 
im Berliner Tageblatt Wilhelm Feldmann, Konstantinopel, sehr 
gute Aufsätze geschrieben, und ganz neuerdings Martin Hartmann 



Hachtmann, Die neuere und neueste türkische JAteratur. 03 

©COOeOCC)C<XXXX)000<XXXXXDCOCO<XXX)OOOOOOOOOOC<X>DOOOOOCOOOOOOCXXXXO^^ ^ X-3CX -OO 

jn „Das Neue Deutschland". Endlich führe ich noch eine An- 
zahl von Zeitschriften und Zeitungen an, in denen öfters Aufsätze 
über moderne türkische Literatur zu finden sind: 

1. Zeitschriften: „Der Islam" (herausgegeben von H. Becker), 
„Die Welt des Islams", die „Mitteilungen des Seminars für 
orientalische Sprachen in Berlin", die „Zeitschrift der 
Deutschen Morgenländischen Gesellschaft", das „Korre- 
spondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient" 
(N. O.), das seit kurzem in sehr reichhaltigen Halbmonatsausgaben 
erscheint. Die Ende 1916 begründete sehr vornehm ausgestattete 
illustrierte Zeitschrift ,J)ie Islamische Welt", herausgegeben von 
Scheich Abd-ul Aziz Schauisch und Abdul Malik Hamsa 
Bey wird sich neben Politik und Yolksuirtschaft auch der Ver- 
mittlung" und Besprechung moderner türkischer Literatur widmen 1. 
Auch die „Deutsche Levante-Zeitung" bringt bisweilen litera- 
rische Aufsätze. 

Auch manche nicht ausdrücklich dem Orient gewidmete Zeit- 
schriften haben bisweilen wichtige Aufsätze über moderne türkische 
Literatur veröffentlicht, so z.B. „Nord und Süd", in deren x\pril- 
heft 1Q16 eine Studie von Martin Hartmann über Chalide 
Edib Hanym erschien; das „Literarische Echo", das 1Q13 den 
oben erwähnten Aufsatz von Tony Kellen über „Türkische Sitten- 
romane" brachte; die gleichfalls schon oben zitierte „Österreichische 
Rundschau", deren Märzheft 1916 u. d. T. „Aus dem Osmanen- 
reiche" ausschließlich der modernen türkischen Literatur gewidmet 
ist, die Stuttgarter „Lese", die mir wiederholt ihre Spalten öffnete. 
Die „Türkennummern" anderer Zeitschriften, wie z. B. die der 
„Leipziger Illustrierten Zeitung" Nr. 3803, beschränken sich 
im wesentlichen auf poHtische und wirtschaftüche Gegenstände, 
doch hat die eben genannte immerhin einen kurzen Aufsatz „Die 
osmanische Dichtung" von Martin Hartmann gebracht. 

2. Unter den deutschen Zeitungen pflegen besonders drei 
häufiger Artikel über türkisches Geistesleben im allgemeinen und 
türkische Literatur im besonderen zu bringen: das „Berliner Tage- 
blatt" mit den vortrefflichen Aufsätzen von W^ilhelm Feldmann, 
die „Frankfurter Zeitung", wo Friedrich Schrader bisweilen 
über das von ihm meisterhaft beherrschte Gebiet schreibt, und 
die „Vossische Zeitung". 

^ Während der Korrektur dieses Aufsatzes geht mir Nummer 3 zu, die einen Aufsatz von 
M. Hartmann: „Die neue Türkei und ihre Literatur" enthält. 



64 THe Welt d,'s Mams, Band V. t917, Heft lj2 

Drei Aulgfaben müssen bald in Anarrift genommen werden, um 
die Kenntnis türkischer Literatur überhaupt und der neueren und 
neuesten insbesondere so zu verbreiten, wie es das herrlich auf- 
strebende osmanische Schrifttum verdient: i. Das grundleg'ende 
Werk von Gibb muß übersetzt bzw. bearbeitet oder noch besser: 
durch ein deutsches Werk gleichen Kalibers ersetzt werden. 2. Die 
Geschichte der türkischen Literatur von 1859 bis in unsere Tage 
hinein muß in einem Buche dargestellt werden, das die Hornsche 
Darstellung, die Hartmannsche Arbeit und meinen eigenen Versuch 
durch eine Zusammenfassung von einheitlichem Gesichtspunkt aus 
ersetzt. Ich hoffe, nach Verlauf einer Reihe von Jahren diese 
Aufgabe selbst bewältigen zu können, würde mich aber freuen, 
wenn ein besserer Kenner sie übernähme. 3. Jeder Orientalist 
und jeder, der sonst Türkisch beherrscht und literarisch einigermaßen 
interessiert und bewandert ist, sollte es für seine Ehrenpflicht 
ansehen, der Öffentlichkeit in Büchern, Broschüren oder Aufsätzen 
etwaige wertvolle Funde auf dem Felde der modernen türkischen 
Literatur mitzuteilen. Von der Notwendigkeit von Übersetzungen 
wird nachher noch die Rede sein. Welch eine köstlich lockende 
Aufgabe für Literarschriftsteller, dieses Neuland zu kultivieren! 
Freilich müssen auch die Verlage, Zeitschriften und Zeitungen das 
entsprechende Entgegenkommen zeigen! 

Ich wende mich nun den Abhandlungen und Aufsätzen über 
einzelne moderne türkische Autoren seit 1859 zu. Dieses Jahr 
gilt bekanntlich als das Geburtsjahr der modernen türkischen 
Literatur, da in ihm Ibrahim Schinass}' einen Band Über- 
setzungen aus dem Französischen erscheinen ließ und damit den 
Anstoß zu der Europäisierung, besser gesagt: Französierung des 
türkischen Schrifttums gab. In Buchform ist meines Wissens 
bisher noch kein einziger unter den neueren türkischen Dichtern 
und Schriftstellern behandelt worden, obwohl es manche wirklich 
verdienten: so der von fast allen modernen Türken als ihr Dichter- 
fürst verehrte Dramatiker und Lyriker Abd-ul-haqq Hamid, der 
kürzhch verstorbene zarte Poet Tewfik Fikret, Meistererzähler wie 
Chalid Zija und Ahmed Hikmet, der prächtige türkische Arndt: 
der patriotische Volksdichter Mehmed Emin, der edle Idealist 
Zija Gök Alp. Ja, nicht einmal einer Darstellung in bescheidener 
Broschüren form ist bisher ein einzelner unter den türkischen 
Dichtern oder Schriftstellern der neueren und neuesten Zeit ge- 
würdigt worden. Es ist allerdings nicht ganz leicht, über türkische 



Hachiinann, Die neuere und neueste ffn-kifiche Literatur. 65 

<XX>OeOOOOCOCKX»0000000000(XXXXXXXXX)CXX)000<XXXXXXXXXX)OC>OC)CX»^^ 

Literatur zu schreiben: ein genauer bibliographisciier Apparat, wie 
wir ihn gewöhnt sind, ist in türkischen Hterarhistorischen Dar- 
stellungen kaum jemals zu ünden, so daß man über Erscheinungs- 
jahr der Werke u. ä. oft im unklaren bleibt. Das Biographische 
ist meist etwas ausführlicher behandelt. Im ganzen und großen sind 
türkische literarhistorische Versuche nichts weiter als überschweng"- 
üche Lobgedichte in Prosa. Eine wissenschaftlich fundierte Literar- 
kritik fängt erst jetzt an sich zu entwickeln. x\uf diese Weise ist 
derjenige, der ein Buch oder eine Broschüre über einen türkischen 
Autor schreiben will, so gut wie ohne Hilfsmittel. Das ginge noch 
an, wenn wenigstens die Werke des betreffenden Autors immer 
ohne Schwierig'keiten zu haben wären, aber der türkische Buch- 
handel arbeitet noch immer sehr schwerfällig. Außerdem sind die 
Auflagen gewöhnlich sehr klein und rasch vergriffen, so daß ganz 
moderne Werke oft nur antiquarisch zu haben sind. Trotzdem 
haben es deutsche Gelehrte gewagt, literarhistorische Aufsätze 
über einzelne türkische x\utoren zu schreiben. Freilich erscheinen 
diese Arbeiten meist nicht als Selbstzweck, sondern nur als Mittel 
zum Zweck, d. h. als Einleitungen zu Übersetzungen von Werken 
des betreffenden Schriftstellers. So hat z. B. Friedrich Giese 
seinen in verschiedenen orientalistischen Zeitschriften veröffentHchten 
Prosaübersetzungen von Gedichten Mehmed Em ins und seiner 
Übertragung von Volksszenen aus Hussein Rahmis „Tffet" in der 
Noeldeke-Festschrift kurze Einführung-en vorausgeschickt; Notizen 
über Hussein Dschahid und Ahmed Hikmet linden sich in 
den Vorbemerkungen zu dem Aufsatz von Th. Menzel: „Beiträge 
zur Kenntnis des türkischen Frauenlebens: Die Braut- 
schau er in." Viel literarhistorisches Material ist auch in den Ein- 
leitungen zu den Übersetzung^en moderner türkischer Autoren 
vergraben, die in mehreren Bändchen der von dem bekannten 
Kieler OrientaHsten Georg Jacob herausgegebenen Sammlung: 
„Türkische Bibliothek" (Verlag von Mayer & Müller, Berlin) 
erschienen sind. Von diesem höchst verdienstvollen Unternehmen 
sind bisher 18 Bände veröffentlicht, die mit wenigen Ausnahmen 
auch den Vorzug verhältnismäßiger Billigkeit haben. Ich erinnere 
mich noch genau des Entzückens, das ich beim Beginn meiner 
türkischen Studien empfand, als ich diese „Türkische Bibliothek" 
als Hilfsmittel entdeckte. Jacobs und seiner Schüler eigentliches 
Interesse ist ja allerdings mehr volkskundüch und archäologisch 
als spezifisch ästhetisch-literarisch orientiert: Volkslieder, Volks- 

Die Well ,les Islams, Band V. 5 



66 Die Weh des Islams. Band V. 19t7, lieft Ij-I 

CC0OO0CCS>X>O00(XX)00OCCX<X)0(X)OO00CXXKXlCClCaä^^ 

gebrauche, Schattenspiel (Karagöz) und Derwischorden (Bektaschis) 
nehmen in den Veröffentlichungen der Jacobschen Schule den 
breitesten Raum ein. Immerhin sind auch für den rein literarisch 
Interessierten Bändchen der „Türkischen Bibliotliek" wie Mehmed 
Tewfiq: ,^in Jahr in Konstantinopel" mit seinen genauen 
Schilderungen von Ramazangebräuchen u. ä. oder des viel- 
gewandten Ahmed ÖSlidhat Famüiendrama „Wehe!" nicht ohne 
Reiz, und die Einleitungen zu beiden, zumal die sehr ausführUche 
zu dem 5. Monat von „Ein Jahr in Konstantinopel" im 10. Band 
der Sammlung" bieten außerordentlich viel Interessantes. Allerdings 
leiden fast aUe solche Einleitungen an einem Mangel: sie sind nur 
für Fachleute gedacht, dienen also nur gelehrten Zwecken und 
legen auf künstlerische Abrundung wenig Wert. Es kommt ihren 
Verfassern meist wenig'er auf ein Erfassen der geistigen Persön- 
lichkeit des behandelten Autors an als auf eine möglichst g"enaue 
Feststellung seiner Lebensdaten, der Erscheinungsjahre seiner 
Werke u. ä. Es liegt mir sehr fern, solche Arl)eit gering zu 
achten: sie muß unbedingt getan werden! Aber für eine Er- 
weckung lebendigen Interesses auch bei Nichtfachleuten ist sie 
nicht eben besonders geeignet. Daneben brauchen wir dringend 
Darstellungen, die einen türkischen Autor nicht als Objekt ge- 
lehrten Fleißes, sondern als lebendigen Menschen erfassen: kurz, 
ihn so behandeln, wie wir einen zeitgenössischen deutschen oder 
sonstigen nichttürkischen Dichter behandeln würden. Darf ich es 
in einer orientalistischen Zeitschrift sagen? Die Orientalistik muß 
aufhören, eine sorglich vor profanen Blicken gehütete Geheim- 
wissenschaft zu sein, und auch die NichtOrientalisten müssen 
Türkisch lernen. Wenn die Orientalisten sich nicht entschließen 
können, Eiteraten zu werden, müssen die Literaten eben Orien- 
talisten werden. Gerade für die Behandlung der neuesten türkischen 
Literatur ist das m(">glich und nötig: möglich, weil jeder einiger- 
maßen sprachbegabte Literarhistoriker in zwei bis drei Jaliren — 
eher allerdings kaum, und auch das nur bei intensivstem. J^leiß! — 
^o viel Türkisch lernen kann, daß er moderne Werke mit Crenuß 
zu lesen und für andere literarkritisch zu behandeln imstande ist; 
iiötig, weil die Orientalisten für die neueste Literatur gewöhnlich 
weder Zeit noch Neigung haben. Des Gelehrten Blick ist natur- 
gemäß der Vergangenheit zugewandt. Gut: möge den Orientalisten 
das ältere türkische Schrifttum überlassen bleiben: es ist auch tat- 
sächlich für den Nichtfachmann zu schwer, sein Studium verlangt 



llachtmann, Dii" neuere und neuefite türkische. Lüerahir. 6 

COOOOOOC)OOOOOOGOO(XK>OOOOOOOOOC)OOOCOOOOO(XXX)OOOOCXXOCOC<XXXXXX>C^ 

sehr beträchtliche arabische und persische Kenntnisse. Aber für die 
neueste türkische Literatur, zumal die curanistische, bedarf es 
nicht so gründlicher streng philologischer Kenntnisse. Verlangen 
wir denn von einem Übersetzer aus dem Französischen und 
Englischen und Norwegischen, daß er Altfranzösisch, Angel- 
i^ächsisch und Altnordisch beherrscht? Ich will aber trotz meines 
vielleicht als ketzerisch empfundenen Eintretens für eine Mitarbeit 
der Laien unseren Orientalisten nicht Unrecht tun: nicht wenige 
unter ihnen haben es dank einem Einschlag gesunden „Literaten- 
tums" verstanden, auch für Laien zu schreiben. Ich denke dabei 
beispielsweise an Paul Hörn und Martin Hartmann. 

Auch Friedrich Schrader in der Einleitung zu seiner Über- 
setzung von ('halide Edib Hanyms ,,Jeni Turan" hat die geniale 
Dichterin, vielleicht die größte Erscheinung der gesamten neuesten 
türkischen Literatur, mit feinem Verständnis als Dichterin und nicht 
nur als Türkin gewürdigt. Über ebendieselbe hat Martin Hart- 
mann im Aprüheft 1916 von „Nord und Süd" einen vortrefflichen 
Aufsatz geschrieben. Über Zija Gök Alp hat wiederholt Wilhelm 
Feld mann im „Berhner Tageblatt" sehr interessant geplaudert. 
Aber wie wenig ist das im Vergleich zu der FüUe lockender literar- 
historischer und psychologischer Aufgaben, die uns die neueste 
türkische Literatur stellt! Seit zwei Jahren durchsuche ich regel- 
mäßig eine große, Menge deutscher Zeitschriften und Zeitungen nach 
Aufsätzen über Gegenstände dieser Art, aber die Ausbeute ist noch 
immer auffallend gering. Gewiß liegt es auch mit daran, daß 
während des Krieges das Interesse für literarische Dinge überhaupt 
sehr gesunken ist, aber der Hauptgrund ist doch wohl, daß zu wenig 
Mitarbeiter an dem großen und schönen Werke der Erschließung 
modernen türkischen Geisteslebens vorhanden sind. Auch daran 
ist natürlich wieder der Krieg mit schuld, aber doch nicht allein. 
Die Fachleute haben keine Zeit, und die Laien haben keinen Mut 
— das ist es! Es kann ja sein — ich hoffe es sehnUchstI — , daß 
jetzt Hunderte von literarisch interessierten Leuten Türkisch lernen 
mit dem festen Vorsatz, es nicht nach ein paar Monaten als zu 
schwer wieder aufzugeben. Dann hätten wir in ein paar Jahren 
eine Hochflut von üterarhistorischen Aufsätzen über die neuere und 
neueste türkische Literatur zu erwarten. Wäre es doch so! Das 
stehende Heer der „gedienten Leute", d. h. der Orientahsten von 
Fach, genügt nicht, wir brauchen auch hier eine Ersatzreserv^e. 
Gerade für die Behandlung einzelner türkischer Autoren der 



68 Die Welt des Jslaim, Band V. 1917, Heft lj2 

rccy3cooooroocooooooc<xx>oooccooocccoc<xx>coonoocx^oo(30or'~oooo^ 

neuesten Zeit scheint mir auch der NichtorientaUst befugt, voraus- 
gesetzt, daß er wirklich Türkisch lesen kann, wie er Französisch 
oder Englisch oder sonst eine europäische Kultursprache lesen w^ürde. 
Nichts liegt mir ferner, als ein Heer von Pfuschern auf die Beine 
bringen zu wollen. Aber der Aufgaben sind so unendlich viele, 
daß möglichst zahlreiche Helfer gewonnen werden müssen. Es 
handelt sich darum, der modernen türkischen Literatur im Geiste 
der deutschen Gebildeten einen Platz zu erobern. Sie weist 
wirklich vieles Schöne, Edle und Feine auf und hat oft eine geradezu 
riihrende zarte Unschuld, die den bisher bei uns fast ausschließhch 
gepflegten westeuropäischen Literaturen abg-eht. 

Was von der literarkritischen Darstellung gilt, gilt erst recht von 
der Übersetzungstätig'keit, ja von dieser noch viel mehr: was nützen 
der Welt der deutschen Gebildeten die schönsten Aufsätze über 
türkische Dichter, wenn sie nicht fähig sind, die darin als lesens- 
wert bezeichneten Bücher selbst zu lesen? Daß alle Deutschen so 
viel Türkisch lernen, um sie in der Ursprache lesen zu können, ist 
nicht zu verlangen. Dazu ist die Sprache trotz der jetzt so oft 
gehörten dilettantischen Versicherungen von ihrer Kinderleichtigkeit 
denn docli zu schwer! Wohl ist aber zu verlangen, daß die zum 
Übersetzen aus dem Türkischen fähigen" Deutschen so viel über- 
setzen, daß kein Deutscher außer ihnen Türkisch zu lernen braucht. 
Mit den Übersetzungen ist es aber bisher fast immer ebenso gewesen 
wie mit den Aufsätzen: sie dienten vorzugsweise g^elelirten Zwecken. 
Ich erinnere mich, einmal im Vorwort zu einer solchen Übersetzung 
die ausdrückUche Bemerkung gelesen zu haben, daß der Übersetzer 
nur auf die Genauigkeit und nicht auf ästhetische Schönheit seiner 
Übertragung Wert gelegt habe. Sie las sich denn auch nicht 
gerade hinreißend, obwohl es eine entzückende No\'elle war. Wört- 
lich übersetzter türkischer Stil ist stilistisch ebenso unmöglich und 
unerträglich wie der Text eines lateinischen Extemporales in Obei- 
prima. Diese Satzungeheuer mit den gehäuften Partizipialkonstruk- 
tionen können wir einfach nicht nachahmen, auch dann nicht, wenn 
wir die Partizipien alle in Relativsätze auflösen, wie es die Übersetzer 
meist tun. Türkische Poesie, wohlgemerkt allerneueste nationalisti- 
^ -he, ist viel leichter zu übersetzen als Prosa, weil sie auf einen volks- 
tiimlich schlichten und knappen Ausdruck hinstrebt — ein Streben, 
das bei der Prosa zwar auch vorhanden, aber viel seltener verwirk- 
licht ist. Während der letzten Jahre ist ziemlich viel übersetzt 
worden, merkwürdigerweise viel mehr Prosa als Poesie, obgleich ich 



Hachtrnmiri. J>ip iieiicve mni nfut'üie tiirkiKohe JJferatiir. 6g 

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persönlich mir nichts Sch(Jneres und Leichteres denken kann als 
etwa Mehmed Emins treuherzige Gedichte in deutsche Verse umzu- 
gießen. Bisher habe ich immer nur seine poetisch längst nicht so 
wertvollen bombastischen vaterländischen Oden übertragen ge- 
funden, so „Heda, Türke, w^ach auf!" von Arthur Ertogrul 
von Wurzbach oder „Der ,Sang meiner Rasse" von Tekin Alp. 
Ich darf mir wohl gestatten, an dieser Stelle auf meine eigenen 
Übersetzungen Mehmed Eminscher und Ali Dschanibscher 
Gedichte in meiner „Türkisclien Literatur des zwanzigsten 
Jahrhunderts*' und im „Korrespondenzblatt der Nachrichten- 
stelle für den Orient" hinzuweisen. 

Oben hatte ich festgestellt, daß über keinen modernen türkischen 
Autor ein deutsches Buch erschienen ist. Beinahe ebenso steht 
es mit den Übersetzung-en: meines Wissens ist bisher auch von 
keinem türkischen Autor ein Bucli übertragen — mit einer einzigen 
Ausnahme, dem „Neuen Turan" der gToßen Chalide Edib 
Hanym. Diesen interesscinten und lodernd leidenschaftlichen 
politischen Roman hat Friedrich Schrader für die „Orient- 
Bücherei" übersetzt. Im übrigen sind außer vereinzelten Gedichten 
bisher nur einzelne Novellen in deutschem Gewände erschienen, 
besonders solche \on ChalidZija, Ahmed Hikmet und Hussein 
Dschahid. Ganz neuerdings hat Max Rudolf Kaufmann ein 
sehr ansprechendes Bändchen gut ausgewählter und von ihm und 
anderen gewandt übersetzter Novellen unter dem Titel „Türkische 
Erzählungen" erscheinen lassen (Delphin- Verlag, München). Möge 
er recht viele Nachfolger finden! Ich selbst bin jetzt mit der 
Übertragung von Abd-ul-haqq Hamids Riesendrama „Finton" 
und von Chalide Edibs entzückendem Jugendwerk „Charab 
ma'bedler" (Verfallene Heiligtümer) beschäftigt, nachdem ich 
schon früher ausgewählte Gedichte von Mehmed Emin und das 
feurige im Kaukasus spielende Revolutionsdrama „Muhterem 
Qatil" von Aqa Gündüz übersetzt habe. Proben aus diesem 
letzten nebst einem aus demselben Werk von Martin Hart mann 
übersetzten Gedicht in meiner „Türkischen Literatur des 
zv/anzigsten Jahrhunderts" S. 43 ff. Eine große Anzahl von 
guten Übersetzungen moderner türkischer Poesie und Prosa bietet 
das schon mehrfach zitierte Märzheft der „Österreichischen 
Rundschau". Das „Türkische Liederbuch" von Hans Bethge 
d:^.q,r'rfer\ enthält nur Versnachbildungen von französischen Prosa- 
wiedergaben in der „Anthologie de Tamour iure" von 



70 ^^t<i Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 112 

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Edmond Fazy und Abd-ul-Halim Memdouh 11Q05). Die in 
Bethges kostbar ausgestattetem und übertrieben teurem Buch 
vertretenen Dichter sind allesamt derartig „bethgisiert", daß man 
sie überhaupt nicht voneinander unterscheiden kann. Überall 
dieselben weichlichen Terzinen! — Jedenfalls ist auf dem Gebiete 
der Übersetzungen aus dem Türkischen noch sehr viel zu tun. 
Immerhin sind gute Ansätze vorhanden^. Der Zweck meines Auf- 
satzes ist nicht nur, die Kenntnis des schon Geleisteten zu ver- 
mitteln, sondern zu dessen Vermehrung anzufeuern. Keiner hat 
jetzt das Recht zu behaglicher Rezeption, jeder hat vielmehr die 
Pflicht zu angespanntester Produktion! Es genügt auf die Dauer 
nicht, die moderne Türkei nur mit den Augen des Politikers oder 
Volkswirtschaftlers anzusehen und den Nutzen zu kalkulieren, den 
sie und Deutschland sich geg'enseitig leisten können. Wahre 
Freundschaft ist uneigennützige Freude an der Persönlichkeit des 
Freundes, ein liebevolles Sichvertiefen in sein geheimstes Wesen. 
Dazu ist aber die Literatur das beste Hilfsmittel. Ich selbst habe 
die modernen Türken gerade durch das Studium ilires reichen 
und feinen Schrifttums liebg'ewonnen, und ich bin überzeugt, daß 
es jedem so gehen wird, der sich darein versenkt. 

Dabei dürften die Übersetzer sich aber nicht auf ein Durcii- 
forschen des Büchermarktes beschränken. Ein großer Teil der 
modernen türkischen literatur steckt in Zeitschriften und Zeitungen. 
Der Buchhandel tritt überhaupt gegenüber der Presse immer noch 
zurück. Das ist kein Wunder, da das neuere und neueste türkische 
Schrifttum von vornherein stark pohtisch-propagandistisch orientiert 
war. Die hterarische Wiedergeburt ging mit der politischen Hand 
in Hand. Den meisten jungtürkischen Dichtern und Schriftstellern 
kam es auf unmittelbare Wirkungen in den weitesten Kreisen an. 
Deshalb zogen sie die Zeitung dem Buch vor. Der allergrößte 
Teil moderner türkischer Werke ist in Zeitschriften und Zeitungen 
erschienen, ehe er in Buchform auf den Markt kam. Ich nenne 
hier von Zeitschriften nur „Servet-i-Fünun" und „Türk Jurdu", 
von Zeitungen „Tan in". Wer also moderne türkische Literatur 
studieren, kritisch bearbeiten oder übersetzen will, muB über das 
Zeitungswesen der Türkei genau unterrichtet sein. Material dazu 
bieten das Werk von Ahmed Em in (der jetzt die Leitung der be- 

' Nach (\<:n bisher vorliegenden Nummern scheint die schon oben erwähnte ,Jslamisclie 
Welt" berufen zu sein, eine Sammelstelle deutscher LTjcrsetzungcn aus der neueren und 
!.--:(n !>irkiäcben schönen Literatur zu werden. 



Hachtmann, Die neuere und neueste türkische Literatur. 71 

ax>X)OCOC<X)CXX)COOOOOOC>OOC)OCIC)OOCO<X)0000000(XX>VX3<XyxX3^^ 

deutenden Zeitung „Sabah" übernimmt): The development of 
modern Turkey as measured by its press (1915); viele Aufsätze 
vonWilhelmFeldmann im,3erlinerTageblatt"; ferner P.Risal: 
La Presse Turque (1905); endlich ganz neuerdings ein längerer 
Aufsatz von Max Rudolf Kaufmann über die Entwicklung der 
türkischen Buchdruckerei und Presse im „Korrespondenzblatt 
der Nachrichtenstelle für den Orient" (Januar 1917). Auch 
in der „Welt des Islams" 1915, Bd. 3 S, 278 findet sich eine 
Zusammenstellung der wichtigsten türkischen Zeitungen der neue- 
sten Zeit, ebenso in meinem Werk „Die türkische Literatur 
des zwanzigsten Jahrhunderts" S. 57 ff. 

. Den Lesern dieser Zeitschrift habe ich vielleicht mit diesen Aus- 
führungen sachlich im einzelnen kaum Neues bieten können; ihr 
Nutzen soll nur darin hegen, dali das bisher verstreute Material 
zu einer Sammelstelle zusammengeschleppt worden ist. Vieles, 
was ich hier nur angedeutet habe, erscheint in der angefügten 
Bibhögraphie in breiter Ausführlichkeit. Ich hielt es für nötig, 
auch Aufsätze und Übersetzungen von geringstem Umfang aufzu- 
nehmen; den Luxus einer allzuscharfen Sichtung kann ein Biblio- 
graph sich auf diesem noch so wenig bebauten Gebiete vorläufig 
nicht leisten. Möge mein Versuch als meines Wissens erster in 
seiner Art nachsichtig beurteilt werden! 



BIBLIOGRAPHISCHER ANHANG. 
I. Gesamtdarstellungen. 

Gibb, E. J. W. : A History of Ottoman Poetry. 6 Bände. London, Luzac, 1900fr. 
Hammer-Purgstall: Geschichte der osmanischen Dichtkunst. 4 Bände. Pest 

1836—1838. 
Hartmann, Martin: Die osmanische Dichtung. Sondernummer der Leipziger 

Illustrierten Zeitung 1916 Nr. 3803 S. 24. 
Schmidt, Bertha: Übersicht der türkischen Literatur. Heidelberg, J. Groos, 1916. 
Süleiman, Schehab-ed-din: TaricJi-i-edehijjat-i-^osmanijje. Stambul 1912. 

II. Allgemeines über einzelne Zeiträume. 

I. Neuere Zeit (1859 — 1900). 

Sern, P.: Geschichte der türkischen Moderne. Leipzig. Amelang, 1902. (In der 
Sammlung: Literaturen des Ostens.) 

(Auf S. 5 dieses Werkes findet sich eine kurze Bibliographie für den behandeltea 

Zeitraum.! 



7 2 Die Welt de.f Islanit<. Band V. 1917, Heft 1\2 

•«00e0CCKX<¥X)CO00e0(X)CO0CC<XX50CO00000CKXO0O00000CO00(X)^^ 

2. Neueste Zeit. 

Eschahid, Hussein: Edehijjattimyza dair. ..Türk Jurdu" vom ]8. August 1916. 
£rDln, Ahmeci: The devclopinent of modern Turkey ;ts measured by its press. 

New-York 191 >. 
Feldmann, W.: Uer türkische Nationalismus. Berliner raj^'eblatt, Morgenausgabe 

vom IQ. Februar 1916. 

— Die türkische Presse im Kriege. Berliner J'ageblalt, Morgenausgabe vom 
5. Februar 19 lö. 

Qiese, Friedrich: Der Entwic klungsgang der modernen osmanischen Literatur. 

(Einleitung zu Katalog 13 von Rudolf Haupt (Ost- und Westtürkisch). Halle a. S. 

1906.) 
Gordlewski: Skizzen zur modernen türkischen Literatur. (Russisch.) Moskau 

191 2. Veröftentlichungen des Lazarew-Institutes Heft 39. 
örothe, H.: Der türkische Nationalismus. Vossische Zeitung. Morgenausgabe vom 

27. April 191 6. 
Hachtmann, ü. : Die türkische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. 

[-eipzig. .\melang, 1916. 
Hakki Bej, j.: Das Theater wesen in der Türkei. Leipziger Illustrierte Zeitung 

11) 16 Nr. 3824. 
Hartmann, .Martin: Unpolitische Briefe aus der Türkei. ..Der Islamische <.)rient" 

Htl. 111. Leijjzig. R. Haupt, 1910. 

— Die literarischen Strömungen in Stambul. Korrespondenzblatt der Nach- 
richtenstelle f. d. Orient vom 27. .September 19 16. 

— .Aus der neueren osmanischen Dichtung. Mitteilungen des Seminars lür 
Orientalische Sprachen in Berlin 1916, .\bteilung 2. 

— Turanismus. Das Neue Deutschland, herausgegeben von P. Grabowski. 15. De- 
zember 1916. 

■ — Die neue Türkei und ihre Literatur. ..Die lslami^che Welt" Februar 19 17, 
S. 28 (Tl. 
Kaufinann, M. R.: Türkisches Geistesleben. Frankfurter Zeitung vom 5. Juli 1914, 
3. Morgenblatt. 

— Aus der Geschichte der Buchdruckerei und Presse in der Türkei. 
Korrespondenzblatt usw. Januar 1917. 

Kellen, Tony: Türkische Sittenromane. Das Literarische Lcho vom i. August 1913. 
Französische Übersetzung in der Revue Bleue 1913 S. 573 ff. 

Kraelitz- Greifenhorst: Übersicht über die neueste türkische Literatur. Öster- 
reichische Rundschau vom 1 5. März 1916. 

Menzel, Th.: Beiträge zur Kenntnis des türkischen Frauenlebens: Die Braut- 
schauerin, Einleitung. Der Islam 1910 S. 205 ff. 

— Das jüngste Gericht. Zwei j u ng t ür ki sc h e Traumgesichte. I'.iuleitvjng. 
Der Islam 1914 Bd. 5 S. 1 (t. 

Dichter Ocr neuen Türkei i.Anonymj. .Magdeburgische Zeitung, .Abendblatt Tom 

19. Januar 1916. 
Ne\v-Bal-i-milli 1330. Nationales literarisch'-s und jtolilisches Jahrbuch. Jahrgang I. 

Konslanlinopel 1914. Sehr wichtige türkische Quelle! 
Aisal, 1'.: La Presse Turque. La Revue Nr. 23. Paris 1905. 
Türkisch-- Zfilungcn. Hin Welt i\r< LIams Bd. 3 19'; S. 278ff. 



Harhtmann, Die neuere und neueste türkische Literatur. 73 

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III. Aufsätze über einzelne türkische Autoren von Schinassy an. 

In alphabetischer Folge. Außer bei Pseudonymen steht der zweite Name voran. 
Aqa Gündüz (Enis Awni). 
Hachtmann, Otto: Aqa Gündüz. Deutsche Levante-Zeitung vom i. Juni 191(1. 

Aqtschura Oghlu Jussuf Bej. 
Hachtmann, Otto: Aqtschura Oghlu Jussuf Bej. Deutsche I.evante-Zeitung vom 
I. Februar 191 6. 

Dschahid, Hussein. 

Menzel, Th.: Beiträge zur Kenntnis des türkischen Fraueulebens: Die 

Brautschauerin, Einleitung. Der Islam 1910 S. 205 ff. 
Edib, Habib: Hussein Dschahid. Berliner Tageblatt vom 26. Mai 1916. 

Edib, Chalide. 

Hartmann, Martin: Chalide Edib llanum. Aprilheft 1916 von ,,Nord und Süd". 

Schrader, Friedrich: Einleitung zu seiner Übersetzung von Jeni Turan u. d. T. Das 
neue Turan. Ein türkisches Frauenschicksal. Deutsche Orii-ntbücherei, Heraus- 
geber Ernst Jäckh. Bd. 6. Weimar, G. Kiepenheuer, 1916. 

Emin, Mehmed. 

Gicse, Friedrich: Einleitungen zu seinen Übersetzungen von Gedichten M. E.'s in Mit- 
teilungen des Seminars für Orientalische Sprachen 1910 Abteilung 2 und Zeitschrift 
der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft Bd. 58 S. 177 ff- 

Hachtmann, Otto: Mehmed Emin Bey. In: Die schöne Literatur. Beilage /.um 
Literarischen Zentralblatt für Deutschland 191 5 Nr. 22 und J3. 

— Mehmed Emin Bey als V'olkserzieher. Deutsche Levante-Zeitung vom 
1. November 191 3. 

— Zwei Gedichte des türkischen Arndt. Eingeleitet und übersetzt. In: Die 
Lese vom 3. Februar 1916. 

— Der Dichter Mehmed Emin und die analoiische Landwirtschaft. 
Deutsche Levante-Zeitung vom 16. April 191 o. 

Pehmi, Hassan. 

Feldmann, W.: Talaat Beys Kabinettschef. Dem Dichter Hassan Fehmi zum 
Gedächtnis. Berliner Tageblatt vom 2'. Februar 1915. 

Hamid, Abd-ul-Haqq. 
Hartmann, Martin: Abdulhakk Hamid und seine Briefe. Korrespondenzblatt der 
Nachrichtenstelle für den Orient, Dezember 191 6 und Januar 19 17. 

Hikniet, Ahmed. 
Giese, F'riedrich : Enzyklopädie des Islams unter Ahmed, Bd. i. 
Wenzel, Theodor: Beiträge zur Kenntnis des türkischen Frauenlebens: Die 

Brautschauerin. In: Der Islam 1910 S. 2rj5 ff. Einleitung zu seiner Übersetzung 

der Erzählung „Ilk Görüdschü". 
Schrader, Friedrich: Einleitung zu seiner Lliersetzung von drei Erzählungen A. H.'s. 

In: Türkische Bibliothek, herausgegeben von G. Jacob. Bd. 7. Berlin, Mayer 

& Müller, 1907. 



74 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 12 

CC«O0C)0O0OOC)0O0C»(XX)C)OCXXX)00C)000(XXX>00CXXXXXXXX)CXX)0OOO0^^ 

Taeschner, Franz: Einleitung zu seiner Ausgabe von ,,Ilk Görüdschü'' und „Uzümdsckü" 
Straßburg, Trübner, 1916. 

Ihsan, Ahmed. 

SüßheinK Enzyklopädie des Islams unter Ahmed Bd. i. 

Rahmi, Hussein. 
Giese, Friedrich: Einleitung zu seiner Übersetzung der ,, Volksszenen aus H. R.'s 
Roman „'^Iff'et". In: Orientalische Studien, Theodor Nöldeke zum siebzigsten 
Geburtstag, herausgegeben von C. Bezold. Gießen, Töpelmana, 1906. Bd. 2 
S. 108 1 ft". 

Tewfiq, Mehmed. 

Menzel, Theodor: Ausführliche Einleitung zu seiner Übersetzung des 5. Monats von 
„Ein Jahr in Konstantinopel". In: Türkische Bibliothek Bd. 10. 

2xija Gök Alp. 

Fe 1 dm an n, Wilhelm: Der Schöpfer des türkischen Nationalismus. Ein Besuch 
bei Sia Gök Alp. Berliner Tageblatt vom i. April 1916. 

IV. Deutsche Übersetzungen aus neueren und neuesten 
türkischen Autoren. (Von J. Schinassy bis jetzt.) 

Aqa Gündüz. 
Hachtmann, Otto: Bruchstück aus dem Drama „Muhterem Qatü". In meiner Schrift: 

Die türkische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Leipzig, Amelang, 1916. 

S. V3fir. 
Kaufmann, M. K. : .,Das Herz des Türken" und ,,Kr Zählungen aus Tripolis". 

In: Türkische Erzählungen, herausgegeben von Max Rudolf Kaufmann. München, 

Delphin-Verlag o. J. (1916). 

Dschahid, Hussein. 

Bey Oghlu (M. R. Kaufmann): „(iöriid>ichiHcr'". In seiner Schrift: Türkische Frauen, 
ihr Leben im Harem und im Spiegel türkischer Erzählungen. München, Delphin- 
Verlag o. J. (191 6). 

Kaufmann, M. R.: Die schöne Perw in. In seiner Schrift: Türkische Erzählungen usw. 

Menzel, Theodor: „GörÜdschÜ" , zusammen mit Ahmed Hikmets ,,Ilk Görüdschü" u. d. 
T. : Beiträge zur Kenntnis des türkischen Frauenlebens: Die Brautschaucriu. In: 
Der Islam 1910 S. 205 fT. 

Tekin Alp: ,,Der erwartete Tag."' Osterreichische Rundschau vom 15. März 1916. 

Dsohanib, Ali. 

Hachtmann, Otto: Einige Gedichte in meiner Schrift: Die türkische Literatur des 
zwanzigsten Jahrhunderts. Leipzig, Amelang, 1916. S. 31 ff. 

Edib, Chalide. 
Hachtmann, Otto: „Was das Meer erzählt" II. Korrespondenzblutt der Nachrichten- 
stelle für den Orient. Dezember 1916. 
— Was das Meer erzählt III. In: ,.I)ic Islamische Welt" Februar 1917, S. 33. 



Hachtmann, Die neuere und neueste türkische JLiteraticr. 75 

eO<>X)OCOOOOCXX3000CXXXXXXDOOOOOOOOOOOC>0<XXX]00000<X>0<X>OCO<X)OOC!000 

Srhrader, Friedrich: üas neue Turan, ein türkisches P'rauenschiciisal. Deutsche 
Orient-Bücherei, Herausgeber Ernst Jäckh. Heft 6. Weimar, Kiepenheuer, 19 1 6. 

— Prinzessin Gülnusch Sultan. Üsmanischer Lloyd 4.- — 8. Juni 1916. 
Tekin Alp: Gebet. Osterreichische Rundschau vom 15. März 1916. 

Emin, Mehmed. 

(iiese. Friedrich: Gedichte in Frusuübertragung und einige Prosastücke in Mitteilungen 
des Seminars für Orientalische Sprachen 1910, Abteilung 2. und Zeitschrift der 
Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 58 S. i/jft'. 

Hachtmann, Otto: Zwei Gedichte des türkischen Arndt. In: Uie Lese (Stutt- 
gart) vom 3. Februar 1916. 

— Der Dichter Mehmed Ein in und die anatolische Lanti wir t schal l. 
Deutsche Levante-Zeitung vom 16. April 19 16. 

Mehrere Gedichte in meiner Schrift: Die türkische Literatur des zwanzigsten Jahr- 
hunderts". Leipzig, Amelang, 1916, S. 49 ff. und im Korrespondenzblatt der Nach- 
richtenstelle tür den Orient. Dezember 1916. 

— Chaircddin Barbarossa (Gedicht). In: „Die Islamische Welt'- Februar 1917, 
S. 34- 

lacob, Georg: Türkische unti antlre m orgenj änd ische Dichtungen. Kiel 1915. 

Menzel. Ib.: Oglilum Doqhdwjhu Gedschede. Prosaübersetzung. Zeitschrift der Deut- 
schen Morgenländischen (jesellschaft Bd. 6<.) S. 822. 

Tekin Alp: Der Sang meiner Rasse. Österreichische Rundschau vom 15. März 191 -. 

W urzbach, Arthur Ertogrul von: ,, II eda, Türke erwache!'' Laibach 1915 (Kleinmayr). 
Stich, Nadel, zu! An die Frauen des deutsch-türkischen Herzensbundes. Graz, 
Cieslar, 1915. 

Pikret, Tewfik. 

'lekin Alp: An den rntt-n 1 1 a ! bni o 11 d. Österreichische Rundschau vom 15. März 191(1. 

Fu'ad, Mehmed Köprülüzade. 

Tekin Alp: Der Türken Gebet. Ebenda. 

Hamid, Abd-ul-liaqq. 
Tekin Alp: .\us dem Drama ,,Nes tercn"'. Ebenda. 

Hikmet, Ahmed. 

Bey Oghlu (M. R. Kaufmann! ,,() diese Männer'' in seiner Schrift: Türkische Frauen 

usw. München, Delphin-Verlag o. J. (1916). 
Habib Bey: Ich lege Ew. Majestät meine Veilchen zu Füßen. In: „Die Islamische 

Weif' Januar 1917. 
—7 Traubenhändler. In: „Die Islamische Welt" Februar 1917, S. 14. 
Menzel, Th.: Die erste Brautschauerin. In: Der Islam Bd. I S. 217 — 2.?2. 
Friedrich Schrader: ,,Der Trauben Verkäufer" ; ,,Der Kulturträger"; ,, Tante 

Naqije". In: Türkische Erzählungen, herausgegeben von M. R. Kaufmann. München, 

Delphin-Verlag o. J. (191 6). 

..Türkische Frauen", enthaltend drei Novellen von A. H. : „Das Wiegenlied", 

„Tante Naqije" und , .Die Sünde S alihas". In: Türkische Bibliothek (heraus- 

^•egeben v. G. Jacob). Band 7. Berlin. Mayer & Müller. 1907. 



76 />/> Wdf. dex Islams, Hand V. 1917, Heft II '2 

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SzamatoLski. Ludwig: „Der Traubenh and 1er" (UziimdschüJ. Wissenschafll. Beilage 
zum Jahresbericht der 6. städtischen Realsclnile zu Berlin. Ostern 1913. 

Tekin Alp: Das goldene Heer (Altyn ordu). Österreichische Rundschau vom 15. März 
1916. 

Kemal, Namyq. 

V'ekotsch. Leopold: Heimat oder Silistrja. Wien 1887. 

Melih, Izzet. 

Oesterheld, E. : Leila, eine türkische Kamilienszene. Übersetzt und mit einer Einleitung 
über die Entwicklung des türkischen Theaters versehen. Berlin. Priter & Lammers, 1913. 
Mit drei Bilderbeilagen. 

Midhat, Alxmed. 

Reeck, Doris: Wehe! (Drama.) In: Türkische Bibliothek (G. Jacob). Bd. 15. Berlin, 
Mayer & Müller, 191 3. 

Seidel, E. : Türkisches Highlife (Novellen). Leipzig-Cjroßenhain o. J. 

Nadschy (Muallim). 
Merx, A. : Kindheitsgeschichte des Verfasser.- aus .,Siifiihülc". Berlin iSc)~. 

Rahmi, Hussein, 
diese, Friedrich: Die Volksszenen aus Hussein Rahmis Roman „'^Iffet''. In: 
Orientalische Studien, Theodor Nöldeke zum 70. Geburtstag. Herausgegeben von 
C. Bezold. (iießen, Töpelmann. 190'). Bd. 2 S. 1081 ff. 

Ila'uf, Mehmed. 

Bey Oghlu (.\1. R. Kaufmaiinj: .,Wenn die Frau will'' uiul ...Nikjare'". In seiner Schrift: 

Türkische Flauen. München. Delphin-Verlag o. J. 11916). 
Kdib, Habib: Bauernli tbe. In: ,,Die Islamische Welt" FeVjruar 1917. 
HaV)ib Bey: Der Held. In: ,,Die Islamische V\'elt" Januar K)!/. 

Sahir, Dschelal. 
Tekin Alp: Dem zwanzigsten Jahrhundert iProsal. Österreichische Rundschau »om 
r 5. März 191 6. 

Schehab-ed-din, Dechenab. 

Habib Bey: Den Waisen der Gefallenen. In: ,,Dic Islamische Welt" J.i:iu.\.r iQij. 

Sübhi, Hanidullah. 
Tekin Alp: ,. Armes .Mütterchen!" (l'rosai. Kbenda. 

TeAvfiq, Mehmed. 
Menzel, Theodor: Ein Jahr in K on .- t.i n 1 1 n o |j el . in cin/.eluen Monaten. Türkische 
Bibliothek (G. Jacob j, Bd. -' 4 und '<, 1905- -1906 und Bd. 10, 1909. Berlin, 
Mayer & Müller. 

— Das Abenteuer Buadems. Ebenda, Bd. 13, 1911. 

— Bua dem-Sch \v änke (96 Anekdotenl. Beitrngi- zur Kenntni:- des Orieuts, heraus- 
gegeben von I )r. Ilugf) GroÜK. II. dh'. Gehaur \' Schwetschke, 1911. Bd. 9. 
S. 124—159. 

Müllenhoff, E. : \yi Anekdoten, /usaniuien mit eleu .Srhwänken NalJr-ed-din>. Keehuns 
Univcrsalbibl. Nr. -735. 



Hachtrnann, Die neuere und neueste türkische Literatur. 77 

ooooee»oeif<iooc)©ooeooooooooc<yxxxxy>x»ocxxx)ooooo<xo<x3coryyx3^^ 

Zija, Chalid. 
Bey Oghlu: (M. K. Kaufmann) Ein Brief. München, Delphin-Verlag o. J. (1916). 
Fuad. Essad : Wenn es schneit. In: Türkische Erzählungen, herausgegeben von M. K. 

Kaufmann. München, Delphin-Verlag o. J. (1916). 
Habib Bey: Anatolien. In: „Die Islamische Welt" Januar 1917. 
Kaufmann, M. R. : Alis Wagen. Ebenda. 
Schrader, Friedrich: Die schwarze Sklavin. Ebenda. 

— Im Dienste der Mahalle. Ebenda. 
Seid Mcnun Abul Fadl: Lebensmüde. Ebenda. 

Tekin Alp: Die Stimme des Evangeliums. Österreichische Rundschau Tom 
15. März 1916. 

Zija Gök Alp. 

F'eldmann. W. : (iedicht „Was der Türke über Kalif und Mufti denken soll.'" 
In dem Aufsatz : Das Reformprogramm der türkischen Regierung. Berliner Tage- 
blatt vom 7. Juli, Abendblatt. 

Tekin Alp : Kisü Klma (,.Der rote Aplel"). Österreichische Rundschau vom 15. März 19 16. 

Sonstiges. 
Uenzel, Th. : Das höchste Gericht: Zwei jungtürkische Traumgesichte. In : Der Islam 

T914, Bd. 5 S. I ff. (Zwei gegen Abd-ul Hamid gerichtete Broschüren, die erste 

anonym, die zweite von Qasimzade Nadschy.) 
Heffeniiig, W. : Türkische Kriegspoesie (enthaltend Übersetzungsproben aus Faizullah 

Sadschid: Ordunmza armwjhan (ein Geschenk für unser Heer). In: Die Welt 

des Islams, Bd. 3, 25. März igiö'S. 199 ff. 

Von Übersetzungen ins Französische und Englische ist mir nur wenig bekannt geworden ; 
ich nenne die Anthologie de l'amour Iure von Edmond Fazy und Abd-ul- Hai im 
Memdouh. Paris 1905 (Societe du Mercure de France), die neben Proben aus älterer 
türkischer Liebeslyrik auch solche aus moderner enthält ; ferner die Übersetzungen aus 
Schinassy und Zija Pascha von E. J. W. Gibb in dessen oben mehrfach zitierter 
.,History of Ottoman Poetry", Bd. 5, Kap. 2 u. 3. (London, Luzac, 1907.) 

Eine französische Übersetzung von Chalide Edibs großem Roman Chandan (analy- 
siert in meiner „Türkischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts" S. 38 ff.) habe ich in 
dem Artikel über die Dichterin in „Ne w-sal-i-milli" erwähnt gefunden (S. 259); ebenda 
wurden Übersetzungen ins Deutsche und Englische als damals (1914) in Angriff genommen 
angekündigt : ich habe alle drei nicht ermitteln können. 



ciMeeoocioeooooeooaoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeooooa 



78 I>le {Veit des Idams, Band V. 1917, Heft lj2 

eO0<XO00<>>XXX>C>O0(XXKXXK)O<XXXl<X)00(XKXKXKXK^ 



LITERATUR. 

Die Zeitungen in Konstantinopel. 

Das Bild, das die „Kölnische Zeitung" vom 2S. Mai 1915 (wiedergegeben W. I. Bd. II] 
S. 277/8) über das Zeitungswesen in Konstantinopel bietet, hat sich wesentlich verändert. 
da eine Reihe der dort aufgeführten nicht- türkischen Blätter ihr Erscheinen eingestellt 
hat. Im letzten Viertel des Jahres iyi6 — fast 2 Jahre später — erschienen folgende 
Zeitungen und Witzblätter 1 : 

A. Zeitungen: 
a) türkische: 

T. Iqdäm, für Politik. Wissenschaft und Wirtschaftsfragen der Türkei; erscheint jeden 
Morgen 2 Seiten stark (großes Format). 24. Jahrg.. gegründet 1312 d. H./1894. Besitzer 
ist Ahmed Dschewdet, verantwortlicher Redakteur Ahmed Serpa (Terpä). 

2. Tanin, erscheint jeden Morgen 4 Seiten stark. 9. Jahrg., gegründet 1324 = 1326 
d. H./1908. Verantwortlicher Redakteur Bedr ed-din. 'üas Blatt verlangt für ältere Nummern 
20, sogar 40 Parä!) 

3. Tesw!r-i efkjär, unabhängige Zeitung. Erscheint jeden Morgen 2 Seiten sl.irk 
(großes Format). 8. Jahrg. Verantwortlicher Redakteur .\hmed Räsim. 

4. .Sabäh, erscheint jeden Morgen 4 Seiten stark fmi-ist rötliches Papier). 28. Jahrg., 
gegründet 1307 d. H./1889. Besitzer ist Mihrän. 

5. Terdschümän-i ha<iiqa, Zeitung für Islam und Türkcntum. Erscheint jeden 
Abend 4 Seiten stark. Gegründet 1294 d. H./1878. Besitzer ist Muhtär Sejjid, verant- 
■wortlicher Redakteur Behdschet, Korrespondent ist Aga oglu Ahmed. 

6. Dscheride-i Hawädil, Zeitung für islamische und osmanische Fragen. Erscheint 
jeden Abend 2 Seiten stark. 81. Jahrg. Besitzer und verantwortlicher Redakteur Ahmed 
Fathi Bej. 

7. Teqwim-i waqa' i ^. Türkischer Staatsanzeiger. Erscheint täglich 4 Seiten stark. 
9. Jahrg., gegründet 1247, wiederbegründet 1326 d. 11.1908. 

8. Nea Anatoli (türkisch in griechisclien Buchstabenj. Erscheint täglich 2 kleine Seiten 
stark. 76. Jahrg. Besitzer und verantwortlicher Redakteur Misailidis. 

9. Dscheride-i sciiarqijje (türkisch in armenischen Buriistabcn). Erscheint jeden 
Abend 2 Seiten stark. 32. Jahrg., gegründet 1293 d. H./1877 von Dikran Dschiwelik. 
Besitzer ist Agob DschiweJik, verantwortlicher Redakteur Agob Warzabidian. 

b) griechische: 

Bis auf folgende vier und die Wochenschrift Ap'ola sind, wie mir ein (jrieche mitteilte, 
siimtliche griechischen Zeitungen und Witzblätter während des Krieges verboten worden. 

^ Ich glaube, daß meiner Sammlung kein Blatt entgangen ist, da ich, wo ich nur konnte, 
mich umgeschaut und nachgefragt habe. Interessant wäre auch eine Zusammenstellung 
der zurzeit erscheinenden Zeitschriften jeder Art, was mir jetzt leider nicht mehr .mög- 
lich ist. Sie wachsen zahlreich aus tlem Boden, wie Mu'allim, Edebijjati 'umümijje 
megmü'asy, La pensee Turque usw. Und Allaii weiß, wie lange ihre Lebensdauer! 



Literatur. 7 9 

00000000000000000(X)000(X)CXX)00000000(yDOCOOCOOCOCOOCX300ClOOCX^^ 

1. ChroDos, erscheint täglich 2 Seiten stark. 3. Jahrg. Besitzer und verantwortlicher 
Redakteur N. Margaritis. 

2. Patris, erscheint jeden Abend 2 Seiten stark (großes Format). 9. Jahrg. Verant- 
wortlicher Redakteur Kesis oglu. 

3. Neologos, erscheint täglich 2 Seiten stark. 51. Jahrg. Besitzer ist Andronikos 
Wlastos, verantwortlicher Redakteur Aristokli Aigidis. 

4. Proodos, erscheint täglich 2 Seiten stark. 13. Jahrg. Besitzer ist Spanudis, ver- 
antwortlicher Redakteur Kalotimios. 

c) armenische: 

Von den zahlreichen armenischen Zeitungen, die vor dem Kriege erschienen (sieben 
sollen es gewesen sein), bestehen jetzt nur noch folgende drei und das Witzblatt Gawrosch. 
Uie übrigen sind nach der Aussage eines Armeniers von der Militärverwaltung unterdrückt 
worden. 

1. Puzantion, erscheint täglich 2 Seiten stark. 20. Jahrg. Besitzer ist Puzant 
Ketschian, verantwortlicher Redakteur Baryr Ketschian. 

2. Zamanaq, erscheint täglich 2 Seiten stark. 9. Jahrg. Besitzer ist Sarkis Qodscbonian, 
verantwortlicher Redakteur Ardesches Qalpaqdschian. 

3. Wertschin Lur, franz. Titel: Wertchine l.our, Journal armenien quotidien, politique 
et financier. Erscheint täglich 4 Seiten stark. 3. Jahrg. Besitzer und Schriftleiter ist 
Chratschia Dernersesian. Eigentümlicherweise ist diese Zeitung nur einseitig bedruckt. 

d) französische: 

1. Le Moniteur Oriental, erscheint abends 2 Seiten stark. 32. Jahrg. Verant- 
wortlicher Redakteur D. Sophroniades. 

2. Hilal, erscheint morgens 4 Seiten stark. 2. Jahrg. Verantwortlicher Redakteur 
Bedreddin. 

3. Le Soir, erscheint abends 2 Seiten stark, i. Jahrg. Besitzer ist Ahmed Ihsan, 
verantwortlicher Redakteur Abdullah Zuhdi. Illustr. 

4. Lloyd Ottoman, die französische Ausgabe des ,,Osmanischen Lloyd". I">scheint 
morgens 4 — 6 Seiten stark. 9. Jahrg. Verantwortlicher Redakteur Dr. Übelhör. 

e) deutsch: 

Osmanischer Lloyd, erscheint jeden Morgen 4 — 6 Seiten stark, y. Jahrg. Heraus- 
geber und Hauptschriftleiter ist Dr. Übelhör. Vgl. unter d 4. 

f) arabisch: 

al-*Adl, erscheint täglich 4 Seiten stark (großes Format). 9. Jahrg., gegründet 1326 
d. H./1908. Besitzer und verantwortlicher Redakteur ist Muhammed Safä. Der Wahl- 
spruch des Blattes ist: al-*adl, al-ittihäd ,, Gerechtigkeit und Einheitl" Illustr. 

g) persisch: 

Chawer, erscheint wöchentlich einmal 4 Seiten stark. 2. Jahrg. Illustr. 

h) spaniolisch (spanisch in hebräischen Typen): 

El Telegrafo, erscheint dreimal wöchentlich, Montags, Mittwochs und Freitags, 2 Seiten 
stark. Gegründet ]86o. Herausgeber und Schriftleiter ist Izaq Gabai. 



8o Die Welt cL's Islams, Band V. Hm, Heft 12 

B. Witzblätter: 

a) türkische: 

1. Qara Göz. erscheint Mittwochs und Samstags 4 Seiten stark. 9. Jahrg. Besitzer 
ist *AlI Fu'äd. verantwortlicher Redakteur Mustafa Häsiin. Illustr. 

2. Hände. ,,(_^smanische humoristisch-satirische Zeitschrift'", erscheint Donnerstags 2 Seiten 
stark. I. Jahrg. Verantwortlicher Schriftleiter Dr. Ja'qüb *Aziz. Der Titel ist türkisch 
und anfänglich au>h deutsch abgefaßt, ebenso tlie hauptsächlichsten Witze, liiustr. 

b) armenisch: 

(jawrosch, ,,Salon3bIatf, erscheint Sonntags 2 Seiten stark, q. Jahrg. Eigentümer 
und Herausgeber ist Jerwant Tolajan. Der Titel ist armenisch, türkiscli und deutsch. 

c) spaniolisch: 

El-Djcgeton. humoristisches israelitisches Blatt, erscheint wöchentlich, nacli Belieben 
des Herausgebers, 4 Seiten stark (kleines Format). Farbe des Papiers weiß oder rot. 
Gegründet 5669/1909. Herausgeber und Schriitleiter ist Elia R. Karmona. 

Kara Bunar (Taurus), den 12. Februar 1917. Willi Heffening 

Edebijjät-i-*umümijje megmü'asy. [[laftalyq]sijäKi, edeln,' ilml gazetadyr. 
l^d^nlyi-l.e^sisi gi(rre-i-)iivhanain l3oö. Nummer i: 22 tesrin-i-ewwel 1332. 
Stambul: Qa7iä\t kiltühJjäne we-rnatbu''osy. [Allgemeine Literatur- 
Rundschau. Wochenschrift für Politik, Literatur und Wissenschaft. 
Begründet am i. Muharram 1335. Nr. 1: 4, Nov. 1916]. 24 S. Nr. 2: 
11. Nov. 1916 S. 25- -56. Nr. 3: 18. Nov. 1910 S. 57 — 80. Jedes 
Heft 1 Piaster; jährlich 50 Piaster. 

Schriftleiter dieser neuen Zeitschrift ist T^Iehmed (ichll ad-Din. Sie hat, wie auf der 
zweiten Umschlagseite angegeben ist, folgende Mitarbeiter: Prinz *Abd-ul-Mugid Kffendi 
— 'Abd-ul-Haqq Mihr an-Nisä Hanum — Ahmed Rustem Bej, Botschafter in Washington 
■ — Ahmed Refiq Bej — Ahmed Säqi Bej — Ahmed Häsim Bej — IsmäMl Häml 
Bej • — Ismä'il Haqqi Bej, außerordentlicher kommissarischer Vertreter Ägyptens — Ismä'il 
Subhl Bej — Geläl Nüri Bej — Genäb SihSb ad-Din Bej — Gewäd Rusdi Bej — Husein 
Su'äd Bej 1 — Resäd Bej — Resäd Fu*äd Bej — Rizä Tewf iq Bej — Säml Pasa Zäde 
SezäM Bej — Sedäd Nüri Bej — Suleimän Nesib Bej — Suleimän Nezif Bej — 'Abd-ul- 
Gebbär Dehlewi Effendi — 'Abd-ul-Haqq Hamid Bej — 'Abd-ul-Haqq Senäsi Bej — 
Fä'iq 'Ali Bej — Mägid Sewket Bej — Mehmed Emin Bej — Mehmed '.Mi Tewflcj 
Bej — Mehmed 'Ali 'Aini Bej — Jüsuf Räzi Bej. Dazu kommt aus lieft 2: Nigjär IJanuni. 

Ich gebe hier das Vorwort in Übersetzung wieder: 

„Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Mit dem gegenwärtigen Kriege 
eröffnet sich in der Geschichte der Türken eine ,, Renaissance". Bis zum heutigen Tage 
bestand ein ermattendes gewaltiges Alpdrücken. Die Osmanen — wenn sie auch in Länder 
gelangten, wohin kein früherer Padischah die das oströmische Reich zerstörende Umwälzung 
und die islamische Herrschaft tragen konnte — befanden sich bis vor zwei Jahren in einer 

1 I'chlt in den Angaben von Heft 2. 



Literatur. 8 1 

Stagnalion (dewr-i-teiveqqüfj. i'cr Weltkrieg weckte uns aui. iiiueiu u;i die uiewige, 
göttliche (jnade um Hilfe riefen, wurden wir in diese heilige kriegerische Befreiung ge- 
worfen. Die Kapitulationen, die Steine und Hemmungen, welche die Fremden auf unsere 
Existenz gelegt hatten, haben wir aufgehoben. Endgültig haben wir uns für den Fort- 
schritt entschieden. Denn darin lag der (jrund. daß unser Staat niemals zu vollkommenen 
Fortschritten und Reformen gelangen konnte, die im Laufe dieser zwei Jahre trotz de* 
anhaltenden täglirlien Kriegsgetümmels gemacht wurden. 

Siehe, inmitten dieser Umwälzungen gründen wir diese ,, Allgemeine Literatur-Kund- 
schau", um an dem Aufschwung der Ideen teil zu haben, um im Rahmen unserer erhabenen 
Traditionen die Erneuerung zu erleichtern und um unseren Denkern und Schriftstellern 
einen Ort der Aussprache zu schaffen. 

Unserem Plane und unseren Ideen nach, nämlich mit großem Vertrauen an der 
islamischen Basis, an den Vorzügen der Rasse und au den türkischen Sitten fest zu 
halten, soll jeder Fortschritt unter Vertiefung der erhabenen mohammedanischen Wahr- 
heiten, unter Bewahrung der alten osmanischen Tugenden und unter einer der Gegenwart 
angepaßten Hebung der türkischen Eigenheiten gemacht werden. Abgesehen davon, daü 
die Scheria jeden P'ortschritt erlaubt, glauben wir fest daran, daß es eine Notwendigkeit 
für den Islam ist, unaufliörlich und regelmäßig vorwärts zu schreiten und unter den 
rivalisierenden Nationen hinler keinem Staat zurückzubleiben. Der Islam ist sowohl der 
Religion als auch den kommerziellen und sozialen Verhältnissen nach (mu'^änialät ice- 
igtimä'ijjät) vollkommen zu nenneji. In jeder materiellen (yüzniäni) und ideellen 
(iVÜgdänTj Beziehung ist das Streben nach Fortschritt \ekmclijjet) das aufrichtigste inner- 
halb der verschiedenen Ideale des Islams. 

Siehe, unsere Zeitschrift soll auf diesem Wege zu Diensten stehen. Der Weltkrieg hat 
in unserem Reiche den Beginn eines neuen Lebens gebracht, wobei es aber nichts anderes 
gibt als das dem Osmanentum eigene militärische Leben. Daher wollen wir ebenso wie 
unsere unerschrockenen Ahnen mit dem Schwerte in der Hand unserem Dasein zum 
Rechte verhelfen. Wie Deutschland haben wir es durch endlose Prüfungen verstanden, 
uns von der drückenden Hand der Feinde zu befreien und uns auf jedem wirtschaft- 
lichen und geistigen Gebiete (iqÜHädi we-fikri) mit unseren Wulfen zum Fortschritt 
durchzuringen. 

Die brennenden Fragen (zarürijj'ät) dieses Lebens sollen in den Spalten unserer Zeit- 
schrift besprochen werden. 

Ebenso wie für unsere Zeitschrift die dauernde schriftstellerische Hilfe Gelehrter, die 
der Stolz unseres Reiches sind, und die Hilfe unserer intelligentesten jüngeren Kräfte 
sichergestellt ist, haben auch einige erhabene Persönlichkeiten ihre Hilfe zugesagt. Und 
Goti ist der, welcher das Beste gelingen läßt." 

Das vorliegende Heft i enthält folgende Arbeiten: „Eine Tapferkeitsprobe'' aus dem 
Ibn Müsä des 'Abd-ul-Haqq Hamidl. Das Mädchen 'Uzra will zusammen mit Muslim 
in den Kampf ziehen, sie sagt: „Tch habe keine Geduld! Ich gehe! Der Krieg ist es, der 

1 Seine bis jetzt gedruckten Werke siehe unten. — Genäb Sihäb ad-Din schreibt im 
Teswir-i-efkjär Nr. 1897 und 1924 vom 20. Okt. und 16. Nov. 191 6 einen begeisterten 
Artikel über ihn {'Abd-ul-Haqq Hamid ux-ätärj/): ,, Hamids Werke müssen mehr mit 
dem Herzen als mit dem Verstände gelesen werden, weil sie nicht aus der Feder, sondern 
aus dem Herzen geflossen sind," — ,, Hamid Bej kann mehr als alle seine Zeitgenossen, 
selbst mehr als Kemal Bej geliebt werden, sentimental und ohne Sentimentalität . . ." 

Die Weit des Islams, Band V. 6 



82 ]>ie Welt den Islams. Band V. 1917, lieft lj2 

VCOrX)C>OOCCClC>OC<X)0(X(XX)O<XXXX)C<X<^^ 

mein Vaterland zerstört oder wiederbelebt und erhalt; der Krieg ist der Platz, auf dem 
einem Leben und Tod begegnen! . . .'' (ieläl NürT betont in seiner Arbeit: „Td'r'ih-i- 
*osinäninin mä qahhf' die Wichtigkeit der Ereignisse, die vor der osmanischen Geschichte 
liegen, da jedes Volk, wenn es vorwärts kommen wolle, vor allem seine Vergangenheit 
kennen müsse. Kine wirkliche Geschichtsschreibung, wie die eines Macaulay, Taine, 
Moramsen besteht bei den Türken noch nicht. ,5Wir müssen uns selbst kennen!" — Die 
Grundpfeiler der osmanischen Geschichte sind die Geschichte des Islams, die Geschichte 
Turans, die Geschichte von Byzanz. Da muß der Verfasser wieder auf die europäischen 
Historiker von Hammer und Dozy hinweisen. — Es folgt dann ein Sonett von Mehmed 
Emin auf den ..Kaukasus'". 

Isma'il Hami schreibt über die sich entgegenarbeitenden Bestrebungen Englands und 
Kußlands in Persien (Iran ihtiläf nämesi). 

Häfiz Mehmed Refiq gibt einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung 
und Ausgestaltung der Kaiserlichen Enderun-Schule (Endermi-i-hunuyun mektebi). Am 
Schlüsse des i. Heftes findet sich eine Wochenübersicht über die militärischen Ereignisse 
sämtlicher Kriegsschauplätze. 

Heft 2 enthält folgende Aufsätze: Isma'il Hämi, Paris toe-Berlin ntu'ähedelermin 
haqqy üyäsy. (,,Die Aufhebung des Pariser und I^>erliner Vertrages.") — Es folgt ein 
Stück aus *Abd-ul-Haqq Hämid's Ibn Müsä. Daran reihen sich zwei Gedichte B. N., 
Fegfur und Fä'iq 'All, Esef („Leid"). — Gcläl Nüri, Fransizler ice CHistaw 
Jjebon. (,,Die Franzosen und Gustave Le Bon.") — Unter der Überschrift ,,Ein neues 
Blatt aus der Vergangenheit" wird ein Brief über die osmanische Literatur von Sämi 
Pasa-zäde Sezä'i, datiert London, den 8. Okt. 1298 an die Zeitung: Tergümän-i- 
haqkiät veröffentlicht. — ' Abd-ul-Gebbär DehlewI, Hindustän („Indien"). — Ahmed 
Kefiq, Eski ^osmdnly '■askerliji: on birinyi '■asyr-i-hegrlde dexcsirme usTdu {^^Aliosma- 
nisches Soldatentum: die Art und Weise der Janitscharenrekrutierung"). Wiedergabe eines 
wichtigen Dokumentes (mühimm Mr weüqa), aber ohne Quellenangabe ! — A h m e d 
Säqi, Mchkenie-i-ta^rlh huzürynda Rumamja (,, Rumänien vor dem Tribunal der Ge- 
schichte"). Am Ende des Heftes: Bir hnfifdyq ta'-rih-i-harh, (ine Wochenschau der 
Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen. 

Heft 3: Geläl Nüri, Rdehijjätymyzyn. „weghe-i-'azvmet"i. („Der ,Anfangspunkt' 
unserer Literatur.") — Mahmud Näzim, '^Älam-i-nesrijjäida. („In der Welt der Ver- 
öffentlichungen.") Bespricht folgende drei Neuerscheinungen: Atär-i-niüfldc kütübhänesi 
(„Bibliothek nützlicher Werke"), die allenthalben eine gute Besprechung gefunden hat. 
Darin erschienen bis jetzt von 'Abd-ul-Haqq Hamid, 1. Ilhäm-i-watan (,. Offen- 
barung des Vaterlandes"), 2. Finten, 3. Mektüblar („Briefe"); — den 8. Band von 
'Atä Bej's Übersetzung der osmanischen Geschichte von Hammer; — Seih-ul-isläm 
Müsä Kjäzim Effendi, Sefirct al-bejdn fl tefsir al-qur*än, ein Korankommentar in 
türkischer Sprache. — Ismä'H Hämi, Le trc Lehistän mes^elesi („Polen und die 
l'olen"). — Gen ab Sihfib ad-Din, lauMd (,, Einheit"), ein suiisrh-mystisches Gedicht. 
- Gewäd Rusdi, 'l\Cnh-i-zyrd*et-i-'^osmänijje tedqlqätyndan: Sultan Mehmed 
rald'^ deicrinde Hcek cnyünien. danyiy („Studien zur osmanischen Landwirtschaftsgc- 
.•^chichte: Blumen-Akademie zur Zeit Sultan Mehmed IV."). Über die Tulpe, eine 
..türkische Blume". — Ein Harqy („Gesang") von Hälid Fehri. -- Mehmed Zeki, 
Mehterhäne-i-häqävy (,.Die Kaiserliche Musikhalle"). — Ahmed Refiq, Eski ^osmänly 
ankerliji: Sultan Stdcimän qününu deu-rivde niiäv teHlmleri („Altosmanisches Soldaten- 
luiii: die In>truklir)nf-n über d;is (irdiiiswcscn zur Zeit Sultan Sulcimiins des Gesetzgebers"). 



Literatur. 83 

C<X>OG«XXX>OOCCO<X)COC<XXX><XOC«<X1<X)CKXOC<XX)0000<XXXX»OC 

Wiedenim nach einem ungedruckten Dokument ohne Quellenangabe! — Hajiah/q hmvä- 
dit-i-^askerijje, Wochenbericht über die militärischen Ereignisse. 
. Quru Cesme, den 23. November 1916. 

Korrekturzusatz: Heft 4 und 5, die ich während meines S<ambuler Aufenthaltes 
bis Januar 1917 einsehen konnte, sind inhaltlich «janz im Sinne der obigen Hefte gehalten, 
nur ist die äußere Ausstattung wesentlich vornehmer geworden. 

3. Juni 191 7. Willi Heffening 

Jüsuf Zia, Aqj/ndan aqyna [Von Kampf zu Kampf]. Stambul: 
Hiläl mathn^asy 1332 [1910]. 52 S. 8° 100 Para. 

Wenn der Tanin vom 19. Nov. 1332 [2. Dez. 1916) seine große Zufriedenheit mit dem 
trscheinen dieses Gedichtbandes ausdrückt, da doch „unsere Zeitung so lange den Anteil 
der Kunst am Kriege verfochten hat", darf man dem entgegen auf die den ganzen Krieg 
begleitenden Gedichte Mehmed Emins und anderer hinweisen, wie „Aj, türk ujav !'' 
(Auf, Türke, erwache!"!, „Ordunurl destany"^ (Preisgedicht auf das Heer), das den Helden 
von Canaq qal'a gewidmet ist, oder neuerdings „Degele öflünde" (Am Tigris) 2. Aqyndan 
aqytia „Von Kampf zu Kampf ist so nach dem ersten eindrucksvollen Gedichte benannt, 
das uns in die Tage der alten Türken versetzt; bei Nacht xmd Nebel ziehen dreihundert 
mit gezückten, bluttriefenden Schwertern aus. Es sind im ganzen 22 Gedichte, teils in 
freien Rhythmen, teils nach dem ,,Parmaq usülu"'. Es sind Kriegslieder über die im 
Kaukasus und den Karpathen, auf dem Schwarzen Meere und an der Donau kämpfenden 
Truppen. Dazwischen Gedichte, die das Empfinden des einzelnen berühren, wie „Xöbetgi 
ice-jyldyz": Ein Posten hält mit den Sternen Zwiesprache über seine ferne Geliebte. Die 
schönsten sind wohl „Benim jarym" (Meine Geliebte): Die Fahne ist mit einem schönen, 
rotwangigen Mädchen verglichen. (Zu diesem Bilde vergleiche Zia Gök Alp, „Die grüne 
Perle" in seinem Oyzyl dma, ^on mir übersetzt im Düsseldorfer Tageblatt vom 30. April 
1916.) „Von Mann und Frau, von jung und alt, der Millionen Begeisterung hängt an 
Ihr! — Sieh', meine Geliebte ist die schöne Maid, Mein Blut, mein Leben weih' ich Ihr 
allein!" Ferner „Faqat düsün jaryny! . . .•' (Aber gedenke des morgigen Tages! . . .), 
ein Trostwort an die Frauen und Verwandten der Gefallenen. Zwar sind die Toten für 
uns eine Trauer, aber eine glücklichere Zukunft kommt ,.und neues Leben wächst aus 
den Ruinen". 

Quru Cesme, Weihnachten 1916. Willi Heffening 

Isma'il Hikmet, qyr cicekleri „Steppenblumen" — Januar 1331 
[1916] — Rebi' ülewwel 1334. [Stambul] [A. u. d. T.: ta/ebe defteri 
kUäbhänesi] „Bibliothek der Schülerhefte". Nr. 3. kl.S'' 04 Seiten. 

Der Dichter erfreut uns durch sein Konterfei. Es ist heute bei den Türken beliebt, 
daß die Dichter sich dem geehrten Publikum in effigie vorstellen. Auch solche Hand- 
bücher wie New Sali Milli versäumen nicht, von den Leuten, die sie behandeln, zugleich 

' Mehmed Emin, Ordunufl destany. [Stambul]: Ahmed Ihsän 1331 [191 5]. 40 S. 8° 

Mein Exemplar hat noch den Vermerk 7. Fünftausend. 
~ Mehmed Emin, Deyele önünde. Stambul: 1332 [1916]. 36 S. ö" Vgl. Dr. Fr. 

Scbrader im Osman. Lloyd vom 24. Dez. 151.. 

6* 



84 Die Welt des Islams, Bernd V. 1917, Heft lj2 

ocooccec)OcO'3coooooco<xoc!ooocxx>ocooO';occocoocoocooooocoryD<xooo^^ ooooooccoocooooooccoooocoeoooGo 

da.« Bild zu geben; von den Männern widersteht keiner der Aufforderung, sein Porträt 
zu liefern. Die Frauen sind diskreter: einige versagen sich völlig, und gerade so be- 
deutende Erscheinungen wie Ilalide Edib Hanum bedauern wir aufrichtig, nicht auch in 
ihrem Äußern kennen zu lernen. Die Frauen, die sich gaben, erscheinen dabei, mit 
verschwindenden Ausnahmen von ,,sciiönen" und bewunderungswert gekleideten Damen, 
völlig unprätentiös und wirken gerade deshalb stark: Erscheinungen wie Jaschar Nezihit 
und Bilkis Hanum vergißt man nicht; e^ fehlt fast ganz der Fratz. .\lso : Isma'il 
H-kmet stellt sich vor. und wir würden ihn danach etwa als einen jugendlichen Elegant 
taxieren. Bei Lesung seiner Gedichte entpuppt er sich als etwas ganz anderes: ids ein 
solid bürgerlicher Herr, dem auch in seinen Dichtungen etwas von seinem Berufe, dem 
des .Schulmeisters, anklebt. Typisch ist: kelebek ,,der Schmetterling" (S. 50): i. „Schaut 
einmal, die ganz weißen BaumwuUhände ' haben alle Blümchen ausgerissen und zerstreut / 
ein Sträußlein feuchter Blumen ■ haben diese Blüten den ganzen Fittich geöffnet! 2. Sie 
fliegen; lauft, lauft! wir wollen mal schauen / ist es Jasmin, ist es Tulpe? halt! daß es 
nicht entfliehe, schnell wollen wir es fangen / sonderbar! ganz grün, ist das ein Blatt? 
^. Es will davon, es zittert, ach! bleib doch ;' der Fittich hat blaue F'arbe. aschfarbig ist 
er ; wie? ist es nicht sehr schön, was du gefangen? ' ganz, ganz klein, schlohweiß wie 
Seide. 4. Der leiseste Hauch schlägt ihm Wunden wie zart es ist, kommt und schaut! / 
Diese kleinen Schmetterlinge, so berückend schön und zugleich spröd wie ein Flaum / 
weißt du, was sie sind? 5- Ein ganz kleiner armseliger staubiger Käfer der webt mit 
Mühen Flügel ganz und gar aus Seide ,' er läßt eine Zeit verstreichen und wird dann ein 
Schmetterling: Kommt und schaut einmal dieses echte Vorbild des Eifers! 6. Auch wir 
wollen nicht in der Lust untergehen !/ nur die sich mühen, leben ein lauteres Leben/ 
arbeiten wollen wir und nicht unwissend bleiben die Kreatur, die arbeitet, fliegt mit 
seidenem Fittich!" — Sind die ersten vier Strophen ganz nett, so staunt man über die 
Banalität der Nutzanwendung im Stile von Lafontaines Ameisenfabel, nur daß bei dieser 
aus dem unscheinbaren Insekt ein moralischer Gewinn gezogen wird, während hier die 
Verwandlung nicht zu einem Werteschaffen führt, und diese Moral vielmehr den Eindruck 
einer schulmeisterlichen Marotte macht. Seltsamerweise ist dieses Gedicht in der ganzen 
Sammlung das einzige, das in Vimz, persischem Metrum, ist (chafif), während alle 
andern Gedichte die durch Mehmed Emin wieder literaturfähig gemachte türkische 
(n;.ti< nale) Versform haben (Silbenzählung mit Zäsur). — Neben diesem lehrhaften Ton 
herrscht in der Sammlung eine Weinerlichkeit, die schnell unerträglich wird und die 
seltsamerweise bei den im Grunde natürlichen, lustigen und humorvollen Osmanli l Mode 
geworden ist, das heißt bei den Verbildeten. Typisch für diese Dichterei ist das Sonett 
„Herbst" Nr. 21 S. 25: ,,Das Weinen der Schafe ist traurig, das Kauschen der Talwässer 
ist traurig / am blauen Himmel ziehen traurige Wolken / jene lieblichen heißen Gesichter 
zeigen sich nicht mehr / jene sonnigen blauen Augen zeigen sich nicht mehr / krank ist, 
jedoch lieblich der Herbst." — Unerfreulich wirkt, daß der Dichter das Motiv der Wort- 
wiederholung zu Tode hetzt: besonders verliebt ist er in das Wort sesziz „lautlos", 
das mehrfach doppelt gesetzt vorkommt, ähnlich nazljj nazly S. 40 in Strophe 3 und 
öfter. — Neben reiner Schmachterei finden sich Gedichte, in denen Gedanken geformt 
werden; man hat den Eindruck, daß Isma'il Hikmet dabei hauptsächlich von Mehmed 
Emin angeregt ist; nur hat der große Lileralurreformer in seinen Handwerkerliedern dem 

' Ltonhard macht l^aphlai)0)na 372 eine hübsche Bemerkung über die nicht unter- 
zukriegende Lustigkeit der Türken; der Himmel erhalte ihnen diese köstliche Eigenschaft 
und mache diese siegreich über die künstlich aufgepfropfte Heulmeiereil 



Literattir. 8 5 

aOOOCOOOC)<X)CXX)<X!CKXXXX>C<X-OOCOO<X)CC<X50COOC>OOC<)OCCC<X»OOOOC 

Moralisieren ein so feines, stimmungsvolles und formvollendetes Gewand geliehen, daß 
man das Lehrhafte kaum noch empfindet. Bei Isma'il Hikmet herrscht die Schilderung 
Tor, mit einem Stich ins Pessimistische, während man die Dichtungen Mehmed Emins zu 
Unrecht pessimistisch genannt hat: sie glauben ja im Gegenteil an den Sieg der Arbeit, 
der Treue, des Guten, ich gebe hier das Sonett „Der Fischer'" wieder Nr. 15 S. 19: 
„Der Himmel ist ganz schwarz mit Wolken verhangen Blitze mit Regenschauern sprühen / 
die Wogen ertöten alle Hoffnungen , der Mensch erblickt mit eigenen Augen den Tod. ' 
Das vom Sturm gepeitschte Meer packt nach dem vorbestimmten Verhängnis ' mit eisernem 
Griff die Kreaturen in der Finsternis verlieren sie ihren Weg dieses Sichquälen, dieses 
Zappeln ist vergebens mit knapper Not rettet er das Leben die Kinder stürzen sich ihm 
an den Busen , wie er seinem in Stücke gegangenen Boote entsteigt. / Während er uas 
eine auf den Knien liebkost scharen sich die andern um ihn; die Kinderchen bleiben 
an jenem Abend hungrig." 

Genug der Proben. Kann IsmaSl Hikmet nicht mit den Großen unter den Modernen in 
eine Reihe gestellt werden, so hat er iinletigbar eine beträchtliche Formengewandtheit. 
Sie kann ihm nützlich werden, wenn er sein Talent auf einem der zahlreichen Gebiete 
des geistigen Lebens üben will, auf denen die Türken X'ersäunites nachzuholen haben. 
Bleibt bei zielbewußter, ernster, rastloser Arbeit noch Lubt zum dichterischen Schaffen, so 
wird sich zeigen, ob die Kraft groß genug ist, um mehr hervorzubringen, als diese etwas 
dürftigen „Steppenblumen''. Martin Hartmann 



Bücher- Katalog 377 von Otto Harrassowitz in Leipzi;^ übt^r 
..Türki.sche Grammatik, Lexikographie und literaturgeschichte. Die 
Türkische Moderne seit ihrer Begründung durch Schinasi, Türkische 
Volksliteratur, Neue Erwerbungen". 1917. 70 S. 8^ 

Die Harrassowitzschen Kataloge sind als unschätzbares Hilfsmittel für das Studium des 
Türkischen bekannt. Wie seine Vorgänger, ist auch der soeben veröffentlichte außer- 
ordentlich reichhaltig (1372 Nummern). Diesmal beschränkt er sich auf Osmanisch- 
Türkisch mit besonderer Berücksichtigung der neueren und neuesten Literatur. Voraus- 
geschickt ist ein acht Seiten umfassender Aufsatz von Martin Hartmann: ..Die 
Literatur der Neuen Türkei." Entsprechend dem besonderen Interesse, das der 
Verf. in den letzten Monaten dem großen 'Abd-ul-haqq Hamid gewidmet hat, nimmt 
die Besprechung dieses Autors in seiner Studie den größten Raum ein, während die 
übrigen naturgemäß nur kurz behandelt werden. Der Katalog selbst zeigt gegenüber den 
früheren einen weiteren Fortschritt in der Übersichtlichkeit. So ist z. B. diesmal der 
,,Türkischen Volksliteratur" eine besondere Rubrik eingeräumt worden. Mit den 
deutschen Übersetzungen aus dem Türkischen ist das allerdings noch nicht geschehen, 
aber wenigstens ist unter dem Kopf ..Übersetzungen" auf die betreffenden Nummern des 
Katalogs verwiesen. Der Druck ist sehr sorgfällig; höchstens sind einige geringfügige 
Schwankungen in der Umschrift türkischer Namen zu erwähnen; doch läßt sich das kaum 
Termeiden, da die Umschriften nicht von einer Hand stammen. So stehen S. 34 z. B. 
unmittelbar hintereinander die Formen Hüsein, Husein und Hussein. 'Abd-ul-haqq Hamid 
wäre wohl besser unter dem Kopf ,, Hamid"' anzuführen; überhauj)t wäre es wünschens- 
wert, daß die Anfüiirung unter dem zweiten Namen sich in Fachkreisen durchsetzte. So- 
lange darüber noch keine Übereinstimmung erzielt ist, wird es sich nicht umgelien lassen, 
die Namen in den betreffenden Katalogen zweimal auztiführen, wie es auch hier geschieht. 



86 I>ie Welt de^ Islams, Band V. 1917, Heft 112 

OCCOSOOCXDOO<X>DOOO<XXXXXXXJOOOOOC>OOOCXXXXXXXXXXX>OOOOOOCOOOOOCX)0^^ 

Nur sollte dunn für den Kopf, unter dem die Werke angeführt sind, konsequent der erste 
bzw. der zweite Name genommen werden. Mit Freude habe ich festgestellt, daß einige 
Fehler in Titelübersetzungen aus früheren Katalogen richtiggestellt sind, z. B. bei Hamids 
,,Hadschle'' und Mehmed Ra'ufs ,,Ferda-i-gharam". — Der außerordentlich rührige Verlag 
hat sich bei diesem Katalog ein neues großes Verdienst um die Förderung der deutsdi- 
türkischen Beziehungen erworben. H acht mann 



Pears (Sir Edwin), Forty years in Constantinople — The Re- 
collections ot — 1873 — 1915. With 10 illustrations. London 19 1(). 
XVI, 390 S. 

Ein unterhaltendes Buch, stellenweise etwas breit (die Hunde Konstaniinopel» be- 
kommen S. 310—31::). Die leitenden Männer der Türkei in den vier Jahrzehnten werden 
vorgeführt in scharfen Porträten der Rede und zum Teil des Bildes. Von den freradc-n 
Diplomaten stehen an erster Stelle die britischen, die anderen erscheinen nur im Gruppen- 
bilde S. 84. Das Anekdotenwerk überwiegt, die Kosten bezahlen die Türken. Die „phito- 
Turks'' werden lächerlich gemacht S. 6 ff. Der boshafte Klatsch einer gewissen Umwelt, 
die hauptsächlich von diesem Spaß lebt, wird hier wiedergegeben, und man erstaunt über 
das prächtige Gedächtnis, das so viele Einzelheiten so treu hütete. Die wichtigsten politischen 
Ereignisse wechseln mit behaglich erzählten gleichgültigen Nebenumständen. Tackende 
.Schilderurig der Gegenrevolution S. 257 — 281. der Absetzung Abdulhamids S. 282 — 206. 
Mit besonderem Interesse lesen wir von den Kämpfen des Komitees, und ich möchte dieses 
Kapitel (XX. S. 297 — 321) als das bezeichnen, in welchem die historische Forschung 
einige wenige neue Einzelheiten finden dürfte. Aufregend ist der Bericht über die Vorgänge 
seit dem 29. Oktober 19 14 (Kriegserklärung). Sir Edwin wollte in der Stadt bleiben. 
-Anfang November traf er auf der Straße einen deutschen Gelehrten, großen Kenner und 
Freund alles Türkischen: ..Sir Eciwinl Sie schrieben .,The destruction of the (ireek 
Empire"; Sie werden wolil noch zu schreiben haben ,,The destruction of the Türkisch 
Empire" . . . die Türken begehen Selbstmord!'" — Deutschland kommt natürlich schlecht 
fort: ,, Baron Wangenheim wollte meine .Vusweisung: ich sollte in Westeuropa Feindschaft 
ge.<>ät haben gegen die Türkei durch Darlegung der muslimischen (Ireuel in Bulgarien . . . 
Wangenheim wollte eben keinen Engländer in der Türkei haben, der das Vorgehen der 
Deutschen berichten könnte; trotz des Verspreciiens von Enwer und Talaat an Morgenthau 
wurde ich am 30. November verhaftet und brachte unangenelimo .Stunden in einem 
Gefängnis zu, wurde aber von Morgenthau herausgeholt und verließ Konstantinopel am 
9. Dezember 19 14'' (S. 3^8). Es scheint, daß die Türken besonders gegen britische 
Staatsangehörige etwas rauh waren, als Repressalien für die britischen Missetaten in 
Ägypten (Denschawaü), aber eine Entgleisung ist, die Deutschen damit zu belasten (S. 3*^0- 
Ebenso ist es unwürdig, die Sendung von fünfzig Engländern nach (lallipoli zum Bom- 
bardement als eine deutsche Hetzerei zu bezeichnen (S. 364). Für den Gelehrten ist von 
Interesse Kapitel 25 mit den Erinnerungen an die großen Forscher, deren Werk Pears 
verfolgte (auch ,,Hcrr Otto Wynckler in Boghazkewi" (kciri ist eine Schrulle für köi) 
wird genannt). 

Das Werk schließt mit den beliebten Zukunflsspekulationen. Nach allerlei gegenstands- 
losem Hin und Her über das Schicksal der Türkei nach dem Kriege kommt uns Sir Edwin 
historisch. Wir hören, daß Mahomet II 1453 Konstantinopel eroberte, daß 16S3 Wii-n 
belagert und von .,T<»lin Sobicski König von Polen" gerettet wurde usw. Die muslimische 



Literatur. 8 7 

OCOOOOOCOOOOOOOÖOGOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO<X)CKX>OOOOOCSOO<X)CKX>OOOOOOOOCX» 

Bevölkerung von Kleinasien nimmt beständig ab, wofür Pears sich selbst zitiert („Turkey 
and its people" 191 1); Polygamie hilft nichts; unrichtig und gehässig ist die Hemerkung, daß 
„that practice and concubinage are lawful"; ,,der moderne Türke hat die barbarische 
Freude am Kriegfiihren verloren ; das kommt von dem Durcheinanderheiraten mit Christen" 
(S. 378); es wird dann erzählt, wie in Trapezunt einmal türkische Große erklärten, sie 
hätten kein türkisches Blut, weil ihre Väter und Großväter armenische und griechische 
Mädchen genommen hätten. Die vierzig Jahre Türkei haben Sir Edwin nicht gelehrt, 
daß der türkische Harem die stammfremden Weiber assimiliert und daß die Kinder der 
Deutschen, Französin, Britin so gute Türken sind wie andere auch. ..In jedem Falle wird 
der Krieg die Türkei weiter schwächen. Siegen die Alliierten, dann kommt Ostanatolieu 
unter russische Herrschaft [weiß Sir Edwin nicht, daß auch Konstantinopel den Russen 
ausgeliefert war?]; verlieren sie, so werden die Armenier ein unruhigeres Element für 
die Türkei werden denn je" [weiß Sir Edwin nicht, daß dann die Armenier erst recht 
geliefert sind, wenn sie sich nicht ruhig halten?]. Ceterum censeo. schließt Pears: ,,die Türkei 
wird nie wieder als eine Großmacht angesehen werden können, aber die sieben Millionen 
Muslime, die Osmanli sein wollen, haben ein Recht, als Nation zu bestellen, und es wäre 
ein schwerer politischer F'ehler, wenn man sie ungerecht behandeln wollte, ^^'o sie wohnen 
sollen, haben Staatsmänner zu entscheiden. Mich geht das ebensowenig an, wie die beste 
Lösung des Problems Konstantinopel. Nur eines betone ich : Der Türke sollte mit 
Gerechtigkeit und Edelmut behandelt werden. Als Beherrscher unterworfener Rassen hat 
er kläglich versagt. Europa sollte ihm einen gerechteren, humaneren und edelmütigeren 
Geist zeigen." Sehr gnädig! Es ist richtig, daß der Türke bisher bei den unterworfenen 
Völkern, die er zusammenzuhalten verstand, aucli den muslimischen, sich nur geringe 
Sympathien erworben hat; auch hierin haben die letzten Jahre Wandlung gebraclit: die 
Türken kannten die Türkei nicht; jetzt werden alle Teile häufig bereist. Die Türkei 
dankt Europa für seinen „humanen und edelmütigen Geist", sie will nichts mehr als 
Gerechtigkeit. Sie weiß, daß sie solche nicht zu erwarten hat von Frankreich, Gruö- 
britannien, Rußland, Italien. Was sie von Deutschland erfahren, nenne ich nicht. Ich 
stelle nur fest, daß Deutschland gegenwärtig vielen Tausenden von jungen türlcischen 
Menschenkindern beiderlei Geschlechts Gastfreundschaft gewährt und daß wir zwar nicht 
mit der Phrase der Völkerbeglückung hausieren gehen, daß wir aber dieser tüchtigen, 
zukunftvollen Nation mit Freuden unsere Dienste weihen, weil beide Teile darin ihren 
Vorteil finden. 

Sir Edwin schreibt nicht bloß, er redet auch, und er hat am il. Januar 1916 in dem 
National Liberal Club in Manchester über die ,, gegenwärtige Bedeutung von Konstantinopel" 
gesprochen. Da meinte er, es wäre besser für Rußland, Konstantinopel nicht zu besitzen ; 
das beste wäre, einen neutralen Staat um das Marmara-Meer zu schaflen unter einer inter- 
nationalen Kommission; die Grenzen wären leicht zu bestimmen. Die Türken werden nicht 
gefragt. Noch seltsamer ist die Konstruktion, daß die Bagdadbahn gar nichts zu bedeuten 
hat: eine schöne Sache, aber wirtschaftlich für Konstantinopel wertlos, und Deutschland 
wird nie den großen Goldstrom über Konstantinopel nach Berlin fluten lassen können 1. 

1 Neben die Rede Sir Edwins ist zu stellen seine .Äußerung einem Mitarbeiter der New 
York Times gegenüber (siehe Nummer vom 17. Dezember 1916), über welche Bericht 
sich findet NO. III Nr. 8 S. 332, in den Ausführungen über die englische und russische 
Politik gegen die Türkei und wie Sir Edwin einer der Briten ist, die die neueste 
Schwenkung Englands zu der völlig unmöglichen Politik der Überantwortung 
Konstantinopelä und der Meerengen an die Russen nicht mitmachten. 



]Jie Welt des Jslmv>>. Band V. 1917, N^ft 1!-2 

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Der alte Herr liegt ganz und gar gefesselt in den Banden der alten Zeit und kann sich 
eine lebendige Türkei mit einem gewiütigen Zentrum noch nicht vorstellen. Seine 
„Geschichte der Zerstörung des byzantinischen Reiches" ist ein mit Recht berühmtes 
Werk. Er hat sich in den Gedanken eingelebt, die Zerstörung des osmanischen Reiches 
zu erleben und dieser C^edanke beherrscht die vierzigjährigen Erinnerungen, die nur in 
beschränktem Sinne als eine Bereicherung der Türkeiliteratur bezeichnet werden können. 

Martin Hart mann 

Da.s Wesen des Osmanen. Ein Berater für Orientfahrer von Else 
Marquardsen-Kamphövener. München: Roland-Verlag ig lö. 122S. 8^ 

Das Buch gibt mehr als eine /.weclnnäßige Anweisung für Orientfahrer. Jedenfalls 
sind die Teile des Buches, die sich mit dieser Aufgabe befassen, nicht die literarisch 
wertvollsten. Sic leiden auch etwas unter dem Bestreben liebenswürdiger Bescheidenheit, 
Zurückhaltung unil Lerneifer in das Bewußtsein des Reisenden hineinzuhämmern. Leider 
wird die an sich so wünschenswerte Wirkung durch Wiederholung geschwächt. — Sehr 
wertvoll sind die Charakteristiken der nichtosmanischen Bewohner der Türkei und die 
praktischen Winke für den Umgang mit diesen. Geradezu vollendet aber die Schilderung 
vom Wesen des Osmanen. Es äußert sich wesentlich darin, daß der Türke vor allem 
bestrebt ist. sein Leben und alle seine Beziehungen zur Umwelt in Einklang mit den 
(jeboten des Korans zu bringen. Es ist das Verdienst der Verfasserin, die Bedeutung 
dieser Tatsache durch umfassendes Verstehen, feines Empfinden und künstlerisches Ge- 
stalten geradezu zur Offenbarung für den Leser werden zu lassen. Meisterhaft ist zum 
Beispiel der Pinsel, mit dem sie den gläubigen Türken als Sohn, vor allem als Sohn 
seiner Mutter, die türkische Frau als Weil) und Mutter schildert. Man bedauert es fast. 
diese feinen Ausführungen nicht herausschälen z\i können aus dem gewiH an sich sehr 
nützlichen und praktisch wertvollen Inhalt. ]'>. 

Das Heiligtum al-Husains zu Kerbelä. Von Dr. A. Nöldeke. Mit 
einem Anhang von Grafen Eberhard von Mülinen und 8 Tafeln. 
Berlin: Mayer & Müller 1909. (Türkische Bibliothek herausgegeben 
von Georg Jacob. Bd 11.) VI, 72 S. 8° 

Der geographischen Lage nach zwar noch auf türkischem Boden liegend, gehurt Kerbelä 
kulturhistorisch und auch ethnographisch eigentlich bereits dem persischen Kulturkreis an. 
Daß die Monographie aber trotzdem Aufnahme in die ..türkische'' Bibliothek gefunden 
hat, begründet Jacob in der Einleitung — wohl mit Recht — eben damit, daß das 
osmanische Türkentum selbst, trotz der vielen Gegensätze, die es gegen das Persertum 
hervorkehrt, doch infolge der jahrhundertelang währenden intensiven Beeinflussung in 
I-iteratur, Kunst und Religion durch die Perser zu seinem inneren Verständnis ein gleich- 
zeitiges Studium fler persischen Kultur voraussetzt. — Kerbelä ist nun des öfteren schcm 
Ton europäischen Reisenden besucht und auch bereits verschie<lentlich kurz beschrieben 
worden (eine der jüngsten Skizzen gibt von lloffmeister in seinen Reiseschilderungen 
„Cairo — Bagdad— Konstantinopel" S. i24ff.J, Nöldeke aber bat zum ersten Male den Ver- 
such einer gründlichen Darstellung des Heiligtums, seines Befundes in der Gegenwart und 
seiner Geschiclite. in ausführlicher Weise gegeben, und zwar in reichlicher Ausnutza-.ig der 
einschlägigen Literatur, sowohl der orientalischen Autoren als auch der europäischen 
Reisenden. — Wie mit Recht l/emerkt wird, ist e-^. intsprc-hrnd 'i^m 'fhiitischeii ("h^rakter 



Literatur. 80 

00000(X)OOC<X)C«COO<»C<XXXXXX)OCOOOOCOCXXXXXX»CXX)COOC)C^ 

des ganzen Milieus und der Bevölkerung (Hoffmeister. S. 126. gibt 60000 Seelen, wovon 
der größte Teil ..Perser, Afghanen und Inder") auch .spezifisch die persische Baukunst, die 
in dem Hussin-Heiligtum zum Ausdruck kommt. Was übrigens an dem Bau noch original 
und was wohl erst in neuerer Zeit restauriert worden ist, wird sich wohl kaum genau 
ausmachen lassen; sicher ist, daß durch den berüchtigten ..raid" der Wahhabiten unter 
Scheich Sa'üd im Jahre iSoi, die an der Moschee und den Reliquien ihre Zerstörungswut 
ausließen und den größten Teil der Kostbarkeiten wegschleppten, das Heiligtum selbst stark 
gelitten haben muß. — Den letzten Teil der Arbeit Nöldekes bildet eine Darlegung der 
Geschichte des Baus und seiner Ausstattung. Eine Anzahl Tafeln mit Plänen, Skizzen und 
Bildern, die allerdings dem Format der türkischen Bibliothek entsprechend etwas klein 
ausgefallen sind, illustrieren die im ganzen recht interessante Monographie. O. Kescher 

Else Marquardsen-Kamphövener, Der Smaragd des Scheich, 
München und Berhn: Georg Müller 1916. (Schmutz-Titel und Um- 
schlag mit dem Zusatz: Eine Erzählung aus dem Erwachen der 
Türkei.) XI, 280 S. 8' 

Die Verfasserin dieser anziehenden Erzählung, eine gute Kennerin der Türkei, läßt vor 
uns die Zeiten der ersten unblutigen türkischen Revolution wieder aufleben. In dem 
Helden der Erzählung, dem Edelsteinhändler Ali-Hassan, tritt uns ein Osmane entgegen, 
der in sich alle Wesenszüge vereinigt, die den edlen Türken kennzeichnen. In ihm voll- 
zieht sich die Entwicldung des gläubigen Moslem, der dem Sultan-Kalifen fast göttliche 
Verehrung entgegen bringt, zum Vorkämpfer für die Befreiung seines Volkes von grau- 
samer Tyrannei. Der äußere Anstoß zu seiner Anteilnahme am Befreiungswerk ist der 
Smaragd des Scheichs, ein wunderbarer Stein, durch dessen Übermittlung an den Kalifen 
der Edelsteinhändler die ganze Verkommenheit der herrschenden Gewalt an sich selber 
erfahrt. Von großem Einfluß auf die Wandlung seiner Anschauungen wird für Ali-Hassan 
ein Freundschaftsbund mit einem feinfühlenden Deutschen, der die türkische Kultur mit 
Begeisterung in sich aufgenommen hat und ihm nun bei liebevollem Verstehen mit der 
klaren Erkenntnis des Unbeteiligten leuchtet. Das Buch bringt reizvolle Schilderungen 
türkischen Lebens. Die feinen Züge türkischen Familienlebens, türkischer Gastfreundschaft, 
überhaupt türkische Umgangsformen treten klar hervor. Das Leben der hochgeborenen 
Haremsfrauen wird kurz und fein beleuchtet. Lebensvoll ist die Beschreibung des Bazar- 
treibens, fesselnd die Schilderung politischer (leheimversammlungen, stimmungsvoll die 
Landschaftsmalerei. Auch der nichtosmanische Bewohner der Türkei, der Armenier, 
Grieche, Levantiner ist als Typ gezeichnet. So wird das Buch von Else Marquardsen- 
Kamphövener zur wertvollen Einführung in das Verständnis türkischen Lebens. B. 

Türkische Lesestoffe, handschriftlich im Ryk'ii-Charakter und um- 
schrieben mit lateinischen Buchstaben, unter Beifügung einer ein- 
führenden Darstellung- des türkischen Alphabets im Ryk'a-Charakter, 
zusammengestellt von Hans Stumme, Professor an der Universität 
Leipzig, und Halil Fikret, cand. phil. Leipzig: Otto Harrassowitz 
1916. 31 S. 8"" Geh. 1,50 M. 

Das Heft ist. etwa im Anschluß an die im gleichen Verlag erschienenen ,, Türkischen 
Schönschreibhefte", ein ausgezeichnetes 1 lilfsmittel zur Erlernung de< Lesens der türkischen 



go I^ie Welt des Islams, Band V. 1917, Heft ij2 

DC<»eOC<XXX>00000000<XXXXXXXXXXKX)OOOOOOOCXXXX300(X)OOCXXXXXXXX)<X)OOOOOC)OOa 

Schreibschrift. • Den von Halil Fikret kalligraphisch ausgeführten Texten steht auf der 
anderen Seite jedesmal die von Professor Stumme besorgte Umschrift gegenüber, wodurch 
eine Kontrolle für die richtige Lesung ermöglicht und das Heft somit auch für den Selbst- 
unterricht verwendbar gemacht wird, um so mehr, als mehrere von den Texten Druck- 
werken entnommen sind, so daß sich Gelegenheit bietet, die Ryq'a mit dem NeshI zu 
vergleichen. Gleichzeitig eignen sich die Texte als Vorlagen zum Schreibenlernen. Erwähnt 
sei noch, daß das Lied ,,Jabanda bulunurum" hier zum ersten Male veröftentlicht wird. 

E. Bryde 

Moderne türkische Texte: zwei Skizzen von Ahmed Hikmet, 
umschrieben und mit Glossar versehen von Dr. Franz Taeschner. 
Unter Zugrundelegung- eines Glossars von Dr. Theodor Menzel. 
Straßburg: Karl J. Trübner 1916. X, 7, 53 S. 8° Geh. 1,50 M. 
(Trübners Bibliothek 3.) 

Das Buch enthält die beiden Skizzen ..Üzümgü" und „Uk Görügü" in Umschrift, von 
der zweiten außerdem den reproduzierten Urtext aus dem Novellenband ,,näristän u 
Gülistän'". Dazu kommt das für beide Texte gemeinsame, umschriebene Glossar, das, so- 
weit es sich auf „Uk Görügü" bezieht, von Menzel stammt und besonderen Wert dadurch 
erhält, daß es mehrere in den Wörterbüchern nicht enthaltene Wörter verzeichnet. Dank 
der geschickten Wahl der Texte und der sorgfältigen Bearbeitung der Umschrift wie des 
Glossars ist das Buch als Einführung in den modernen türkischen Literaturstil warm zu 
empfehlen, zumal da auch von beiden Skizzen deutsche Übersetzungen vorhanden sind, 
die der Studierende zu Hilfe nehmen kann. E. Bryde 



«00CO000000O0O000<»000rXXXXXX>X>>>D0(yXX>X»0000000000000(>>XXX)0O000OCKXXXXXX)00OO0000O^^ 



Bibllogrophie. g i 

OOOOeoe>OCOOOOOOOOOCXXXXXX>OC>CXXXXX30000(XXXX)OOOOC)000<>XX>X>30CXXXXXXX^ 



BIBLIOGRAPHIE. 

* bedeutet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft, f Vorhandensein in der 

Deutschen Auslands-Bibliothek. Nach dem Titel in [ ] stehen Zugangsnummer der Bibliothek 

und gegebenenfalls Name des Geschenkgebers. 



Ausführliche Besprechung einzelner Werke bleibt vorbehalten. 

* 5x2. Der Neue Orient. Halbmonatsschrift f. d. politische, wirt- 

schaftl. u. geistige Leben im gesamten Osten. Schriftleitung; 
Dr. jur. Herbert Mueller. Bd i. Berlin: Verl. „Der Xeuc Orient'' 
IQ17. 4^ [698.] 

* 613. Orientbibliothek. Türkei. Ägypten. Kleinasicn. Kaukasus. 

Georgien. Persien. Indien. Abt, 2. Auktions-Katalog 2. Gsellius, 
Buch-, Antiquar- u. Globenhandl., Mohrenstr. 52, Berlin W 8 
[1Q17]. S. 65— 152. 8^ [713.; 

* 614. Die Welt des Islam. Bd. 1 : Länder und Menschen von 

Marokko bis Persien. Ein Bilderband mit rund 200 ausgewählten 
zum Teil unveröftentlichten Photos von Landschafts- u. Städte- 
bildern, Volkstypen u. Szenen des täglichen Lebens, einer Ein- 
führung u. einer Darstellung der g'eistigen Welt des Islams sowie 
mit eingehenden Erläuterungen hrsg. v. Dr. Walter Philipp Schulz. 
1. — 2^. Tausend. München : Roland-Verlag Dr. Albert Mund igi 7. 
39, 02 S. 4^ Pr. M. 2.80. [667.] 

* 615. Die Kunst der islamischen Völker von Dr. Ernst Diez. 

Berlin-Neubabelsberg: Athenaion (1915 — [i?])- xxn, 218 S. 4^^ 
(Handbuch d. Kunstwissenschaft. [Bd 8.J) [709.] 

616. Josef Strzygowski. Die bildende Kunst des Ostens. Leipzig: 
Klinkhardt 191^1. vn. 86 S. u. 28 Abb. (Bibliothek des Ostens. 
Bd 3.) 

617. Die Gedankenwelt des Orients. Lebensweisheit u. Weltan- 
schauung d. Dichter u. Denker d. nahen u, fernen Ostens. Hrsg. 
von Prof. Dr. Wühelm Schulte (Köln). Berhn: Haude & Spener 
1916. xn, 279 S. 8' 

618. The Students of Asia. By G. Sherwood EdJy. With foreword 
by the Hon. Sir Arthur Lawley. London: The Relig. Tract. 
Soc. 1916. xxiT, 303 S. 8' 

619. Nicolas P. Agnides. Mohammedan Theories of Finance. New 
York: Longmans, Green and Co 1916. (Titel nach No iii, 2, S. 60,) 

620. Orientkultur und Volkswirtschaft von Jussuf Ivio. Berlin- 
Schöneberg: Brustat [1916]. 43 S, 8"^ 

■|-62i. Goebel: Die deutschen Krankenhäuser im Orient. Leipzig: 
E. Gaeblers Geograph. Institut 1917. 47 S. 8' (Länder u. Völker 
der Türkei. H. 5/6.) 



2 Die Welt des JsLains, Band V. 1^17, Heft ij2 

0<X>XXXXXXX)OOOC500©OOCOCC)OOOCXX)CXXXXXXXXXXXKDCKX)OOOC)^^ 

622. The Disintegration of Islam. By Samuel M[arinu.s] Zwemer. 
LH. New York [usw.]: Fleming- H. Revell Co. (1916). 23t S. 8'' 
(Students' Lectures on missions, Princeton Theological Se-ninary. 
1015.) 

'■'' 623. Die evangelische Mission Deutschlands unter dem Druck 
des gegenwärtigen Weltkrieges. \'on Carl Mirbt. Berlin-Steglitz: 
Deutsche Evangel. Missionshilte 1917. 29 S. 8" [710.] 

624. Thomas F. Miliard. Our Eastern Question. New York: The 
Century Co. 1916. 543 p., ^2 ill. 

625. The German Road to the East. An account of the 'Drang 
nach Osten' and of Teutonic aims in the near and middle East. 
By Evans Lewin. London: Heinemann (1916). 340 S. 8° 

626. Englands Rolle im nahen Orient. Von Alexander v. Peez. 
3. Auti. Wien & Leipzig: Fromme 1917. 91 S. 8" 

-■-627. Deutsche Balkan-Zeitung. Schriftleitung: Hans Fische.-'' Kurt 
Aram). Jg. 1. Sofia. Verl.: Deutsclie Balkan-Zeitung, G. m. 
b. H, Berhn u. Sofia 1917. 2° 

628. C. Ibanez de Ibero. D'Athenes ä Constantinople. La Situation 
poHtique en Orient. Paris, Neuchätel: Attinger (1916). 264 S. 8° 

62g. Juhen Arene. En Macedoine. Carnet de route d'un sergent 
de l'armee d'Orient. Paris: Cres 191h. 1,56 .S. 8" 

-j- 630. Die Neue Türkei. Illustrierte unabliängige deutsch-türkische 
Wochenschrift. Verantw. Red. u. Hrsg.: Dr. M. Saadi Bey. Jg. i. 
Berlin: Verl. „Die Neue Türkei" 1917. 2- 

631. Die neue Türkei und ihre Führer. Von Dr. Alfred Nossig. 
Halle: Hendel [1916]. 74 S. 4° 

632. Bertrand Bareilles. Les Turcs. Ce quc fut leur etr.pire. 
Leur comedies polit. Pref.deJ.de Morgan. Paris: Pcrrin 1917. 
XVI, 313 S. 8" 

633. Die Kapitulationen. Beurteilt nach Völkerrecht u. türkischem 
Staatsrecht. Von Dr. Wilhelm Bein. Berhn: Putkammer v*i: Mühl- 
brecht (1916). O4 S. 8' Aus: Preuß. Jahrlniclier. Bd iöj, H. 1. 

634. Die Kapitulationen. Von Dr. Widter Lehmann. Weimar: 
Kiepenheuer 1917. 78 S. 8' (Deutsche Orient-Bücherei. 22.) 

Y 635. Karl Dieterich: Christhch-orienuilisches Kulturgut der Türken. 
Leipzig: E. Gaeblers Geograph. In^'iiiut 1917. 32 S. 8° (Länder 
u. Völker der Türkei. H. 3.) 

=••536. Das Wesen des Osmaneii. Ijn Berater f. Orientfahrer. 
Von Else Marquardsen-Kamphövener. München: Rolaiiu-Verl. 
1916. 122 S. 8'^' [666.] 

Y 637. Auskunftsluich für (\r\\ Handel mit der Türkei. Kurz- 
gefaßtes Nachschlagebuch f. Handel u. Industrie von H.W. Schmidt, 
Konstanlinopel. Mit 3 Kl. Leipzig. Berhn u. Konstantinopel: 
Teubner 1917. 1 78 .S. 8 



Bibliographie. 93 

638. Dardaneller-Företaget. Av D. Landquist. Stockholm: Bonnier 

191^. 1,57 S. 8° 

639. With the Zionists in Gallipoli. By Lt.-Col. J[ohn] H[enry] 
Patterson. London: Hutchinson 1910. vm, 315S. 8° 

640. At Suvla Bay. Being' the notes and sketches of scenes, 
characters and adventures of the Dardanelles campaign. Made 
by John Hargrave ('White Fox'). London: Constable 1916. 
X, 181 S. 8" 

641. Trenching at Gallipoh. The personal narrative of a New- 
foundlander with the illfated Dardanelles Expedition by John 
Gallishaw. 111. with photogr. New York: The Century ig 10. 
241 S. 8° 

642. With a B.-P. Scout in Gallipoh. A record of the Beiton 

bulldogs by E[dmund] Y[erbury] Priestman. With reprod 

and a foreword by Lt.-Gen. Sir Robert Baden-Powell. London: 
Routledge [usw.] 1916. XV, 311 S. 8° 

643. Im türkischen Hauptquartier. Von Paul Schweder. Eingeleitet 
von Marschall [Otto] Liman v, Sanders. Mit 55 Bildbeigaben. 
Leipzig: Hesse & Becker 19 lö. 287 S. 8° 

644. Acht Kriegsmonate in der asiatischen Türkei. Meine Erleb- 
nisse während d. Feldzuges 1 9 1 6 als Führer e. Kraftwagen-Abteilung. 
Von Heinrich Wrobel, Hauptm. Mit zahlr. Abb. u. 1 Übersichtskt. 
2. Aufl. Berlin: Mittler 1917. 91 S. 8° 

645. The Mastery of the Adriatic and the Jugo-Slav question; 
Italy in Asia Minor. Contributions and criticism from various 
Italian writers. Comp, by Salvatore Raineri. London: The Syren 
and Shipping 1916. 47 S. 8° 

Y 646. Ewald Banse: Das arabische Element in der Türkei. Leipzig: 
E. Gaeblers Geograph. Institut 1916. 26 S. 8° Nebst Kt. 
(Länder u. Völker der Türkei. H. 1.) 

647. Der Entscheidungskampf in Jerusalem. Von Herm. J[ohannes] 
Cladder S. J. u, Karl Haggen ey S. J. i. u. 2. Aufl. Freiburg i. Br.: 
Herder 1917. vra, 309 S. 8^" (Cladder: In d. Schule d. Evan- 
geliums. Bdch. 6.) 

648. With the Turks in Palestine. By Alexander Aaronsohn. With 
ill Boston & New York: Houghton Mifflin Co. 1916. xiii, 84 S. 8° 

7 649. Palästina. Volk und Landschaft. Von Major Franz Carl 
Endres. Leipzig: E. Gaeblers Geograph. Institut 1917. 30 vS. 8° 
(Länder u. Völker der Türkei. H. 4.) 

* 650. Syrien als Wirtschaftsgebiet. Von Dr. A[rthur] Ruppin. 
Berhn: Kolonial-wirtschaftl. Komitee 1917. X, 419 S. 8° [075.] 
Ersch. auch als Beiheft z. Tropenpflanzer, 19 lö, Nr 3/5. 

651. Dr. C(arle) et Paul Pcedercr. La Syrie et la France. Pref. 
de M. Pierre-Alype. Avec 1 ct. Paris-Nancy: Berger-Levrault 
1917. xxvrii, 140 S. 8° (Les grands Problemes coloniaux.) 



94 J>le Welt des Islams, Band V. 1917, Heft lj2 

©eOO©GOOOOOOOCOOO<XXXIOOOCOOOOOC<XXXXXJCO<X>COC>CMX>OOCIOO^ 

652. La Verite .sur la question syrienne. PubL par le Coniraan- 
dement de la 4'"*^ Armee. Stamboul 191 (>: Tanine. 168 S. 4^(8°) 

-\ 653. Enno Litlniann: Ruinonstätten und Schriftdenkmäler Syriens. 
Leipzig: E. Gaeblers Geograph. Institut iqiö. 42 S. 8° Nebst 
Kt. (Länder u. Völker der Türkei. H. 2.) 

654. The Death a of nation or the ever persecuted Xestoriaii^ or 
Assyrian Christians. By Abraham Yohannan. With 27 ill. and 
1 map. New York [usw.]: Putnam igiö. XX, 170 S. 8^ 

655. Mitteilungen über Armenien. Zur Orientierung f. d. Armenier- 
freunde in d. .Schweiz. No 1. Basel ig 16: (Birkhäuser). 8' 

656. Erzählungen u. Erlebnisse aus Armenien von Armenag S. 
Baroniijian, stud. med. Mit e. Geleitswort von Pfarrer H[ermann] 
Galsterer u. e. Geleitsgruß von Käthe Dorn. Leipzig-Leutzsch: 
Selbstverl. iQio. 108 S. 8" 

657. Arnold J. Toynbee. Les Massacres armeniens. Pref. par 
Lord [James] Bryce. (Lausanne, Paris: Payot 1910.) 158 S. 8° 

658. Armcnia and the Armenians. Bv Emily J. Robinson. London: 
E.J. Robinson [1917]. 8 S. 8° 

65g. Armeniernas fruktansvärda läge. Av Marika Stjemsicclt. 
Stockholm: Svenska Andelsförl. (1917). 51 S. S'' 

660. East India (Mihtary). Paptrs relating to jMajor- General 
C[harles]V[ere]F[ervers]Townshend'sappreciation of the position 
after the battle of Kut-el-Amara. Presented to both Houses of 
Pari, by command of H. Maj. London: H. Maj.'s vStat. Off. 19 lö. 
6 S. 2^' 

661. Anton lAo'r.v. Kampen om tyrkisk Asien. Bagdad-Banen. 
Kristiania: Cammermeyer 1917. »77 S. S'^ 

66 i. Kann uns Mesopotamien eigene Kolonien ersetzen? Von Emil 
Zimmermann. Berlin: Kolonial- Wirtschaftl. Komitee; Mittler 
[in Komm.] 1917. 10 S. 8^ 

-]- 663. A nyugati kultüra hatäsa a török irodalomban. Az 1915 
äprilis 26-än tartott körösi csoma-emlekülesen olvasta Künos 
Ignäcz Lcv. Tag". Budapest: Kiadja a magyar tudomänyos 
akademia 1016. 40 S. 8 ' (Über die Einwirkung der westlichen 
Kultur auf die türk. Literatur. Vortrag.) 

* 664. Otto Harrassowiiz, Bucldi. u. Antiquariat in Leipzig. Bücher- 

Katalog 377. Türkische Grammatik, Lexikographie u. Literatur- 
geschichte. Die Türkische Moderne seit ihrer Begründung durch 
Schinasi. 'Jürkische Volksliteratur. Neue Erwerbungen. [Darin:] 
Die Literatur der Neuen Türkei. Von Prof. Dr. Martin Hart- 
mann. 1017. 70 S. S'' [074.] 

* 665. Die türkische Literatur des zwanzigsten Jalirhunderts. Von 

Dr. Otto Hachimann. Leipzig: Amelang 1916. 04 S. 8° (Die 
Literaturen des Ost^-ns in Einzeldarstellungen. Bd 4. Erg'änzung's- 
heft.) [663.] 



Bibliographie. • 95 

O000O0OC<XXXXX>G0O<X>00COOOOO0OC)OCXD0O<XXXXXXXX)O<X>OOOOCKXXXXXXXXXX)OOOOOOO0CC^ 

666. 'Ali's Qissa' i Jüsuf, der älteste \^orläuier d. osmanischen Literatur 
von Prof. Dr. Carl Brockelmann. Berlin: Akad. d. Wiss.; G. Reimer 
in Komm, ig 17. 60 S. 4"= (Abhandlungen d. Kgl. Preuss. Akad. 
d. Wiss. Jg. igio. Phil.-hist. Kl. No 5.) [Auch als Einzel-Ausg. 
ersch.] 

667. Hilfsbuch für den ersten Unterricht in der türkischen Sprache. 
Von Carola Muhsine Fasil [Fadil] Bey v. Elpons. [2. Ausg.] 
Berlin: D. Reimer 1910, 17 S. 8^ 

668. Türkische Blitz-Grammatik. [Von] Gerlach, Major in d. türk. 
Militär-Mission. Konstantinopel: Keil in Komm. igiö. vi, 29 S. 8'^ 
[Umschlag!.] 

7 669. Hilfsbuch für Vorlesungen über das Osmanisch-Türkische 
von Dr. Georg Jacob, o. Prof. a. d. Univers. Kiel. 2. stark verm. 
Aufl. Teil 4: Bibliographischer Wegweiser. Berlin: Mayer & 
Müller 1917. 56 S. 8' 

670. Türkisches Lesebuch mit Glossar. Volksdichtung u. moderne 
Literatur. Von Dr. J[ohannes] Nemeth, Prof. Berhn & Leipzig: 
Göschen 1916. 106 S. 8° (Sammlung Göschen. 775.) 

671. Türkisches Übungsbuch für Anfänger. Von Dr. J[uüus] Nemeth, 
Prof., Budapest. Berlin & Leipzig: Göschen 1917. iioS. 8° (Samm- 
lung Göschen. 778.) 

672. Türkisch. Eine Einführung in d. prakt. Gebrauch d. türk. 
Sprache nebst e. Wörterv^erzeichnis. Von W[ilhelm] Padel. Mit 

1 Kt. Leipzig, Berlin & Konstantinopel: Teubner 1917. IV, 179 S. 8° 
(Teubners Kleine Sprachbücher. 8.) 

673. Mültekatat (Nachlese). Einige türk.-osman. Sinnsprüche u. 
Gedichte. Gesammelt u. in kalligraph. ausgeführter Nes'chi-Schrift 
samt deutscher Übers. hrsg\ von L[eopold] Pekotsch. Wien: 
Holder igio. 63 S. 8" [Nebent: Türk.] Pekotsch: Multaqatät . . . 

* 674. Methode Gaspey-Otto-Sauer. Türkische Gespräche (Türkgä 
mükjälämälär) oder Türkische Konversationsschule. Eine metho- 
dische Anleitung zum Türkisch-Sprechen von Mehmed Salaheddin, 
Korvetten-Kapitän a.D. Heidelberg: J. Groos 1917. Vii, 148 S. 
8' [073-] 

675. Türkisches Lehrbuch, enthaltend Grammatik, Konversations- 
übungen, Lesebuch u. Wortlisten von Wilhelm Weil. Mit 111. u. 

2 Kt. Frankfurt a. M.: Keller 1916. Getr. Pag. 8° 

676. [Arab. u. Ant] An-Nukat al-multaqatät fi maVifat al-mahägijjät. 
Recueü d'enigmes arabes populaires. Par le R. P. A. Giacobetti 
des Peres blancs. Alger: Jourdan 1016. xvi, 291 S. 8° 

677. El-Belädori's „kitäb futüh el-buldän" (Buch der Eroberung 
der Länder; nach de Goeje's Ed. (Leyden 1866) ins Deutsche 
übers, von 0[scar] Rescher. Lfg. 1: Pag. 1 — 144. Leipzig: 
Harrassowitz in Komm. 1917. IV, 148 S. 4° 



gö THe Welt des Jslaytis, Band V. li>17, lieft lj2 

DOe»OOCCCOOOCCOOOOOOCOOOOOCXX)COOOOO<XXXXXXXXXXXX)OOOOOCXXXXXX)OC^^ KiXXXXyoa 

678. Streitschrift des Gazäli gegen die Batinijja-Sekte von Ignaz 
Goldziher. Leiden: Brill iQ 16. 112, 8ivS. 8° (Veröffentlichungen 
der De Goeje-Stiftung. No 3.) 

679. Das Leben Mohammeds [Slrat rasül Allah, Ausz,, deutsch] 
nach Mohammed Ibn Ishak [Muham.mad Ibn-Ishäq] u. Abd el 
Malik Ibn-Hischam ['Abd-al-Mahk Ibn-Hisam]. (Ubers.: Gustav 
Weil; Vorr: Herbert Eulenberg.) Berlin & Wien: Ullstein [191 ö]. 
15?^ S. 8" (Die Fünfzig Bücher. Bd 14.) 

680. Afrika nach der arabischen Bearbeitung der FeatypacpiKq 
öq)riyr,c5iq des Claudius Ptolemaeus von Muhammad Ibn-Musä al- 
Hwärizmi (Kitab Sürat al-ard [arab. u. deutsch]). Hrsg., übers, 
u. erkl. von Hans v. Mzik. Mit e. Anh.: 'Ptolemäus u. Agatho- 
dämoii' von Josef Fischer S. J., 2 Taf. u. 1 Kt. Wien: Holder in 
Komm. igiö. xil, 93 S. 4^ (Denkschriften d. Kais. Akademie d. 
Wiss. in Wien. Phü.-hist. Kl. Bd 59, Abh. 4.) 

681. Tausend und Eine Nacht. Der Sinn d. Erzählungen d. vSchehere- 
zade. Von Adolf Gelber. Mit i Farbendr. u. 4 111. Wien & Leipzig: 
Perles 1917. XIV, 304 S. 8° 

f 682. Tatar foglyoktäboräban. Jelentes a mohamedän fogolytäborok- 
ban vegzett tanulmänyokröl. Irta es a. m. tud. akademia ig 10 
Januar 3-ikdn tartott osztälyülesen felolvasta Künos lgnä.cz. 
Különlenyomat a Budapest! Szemle CLXV köteteböl. Budapest: 
Franklin-Tarsulat nyomdaja 1916. 2 1 S. 8° (Im tatarischen Kriegs- 
gefangenenlager. Bericht an die Ung. Ak. d. Wiss. 3. Jan. igif).) 

683. Englische Dokumente zur Erdrosselung Persiens. Berlin: 
'Der Neue Orient' 1917. 182 vS. 8° 

684. Pierre- Alype. L'Ethiopie et les convoitises aUemandes. La 
poUtique anglo-franco-italienne. Avec 9 ül. et 2 ct. Paris, Nancy: 
Berger-Levrault 1917. XXXI, 285 S. 8° (Alype: Les grands 
Problemes coloniaux.) 

7 685. ]^a Revue du Maghreb. Alg^rie, Tunisie, Maroc, Tripolitaine. 
Tribüne des revendications des indigenes. Dir.: Mohammed 
[Muhammad] Bach-Hamba. Annee i, No 1. Geneve 1910. 8^ 

686. La Turquie et le protectorat francais en Tunisie 1881 — 1913. 
Par E[dgard] Rouard de Card, Prof, Avec 2 ct. Paris: Pedone 
[usw.] 1916. VI, 92 S, 8" 

687. La Tunisie et l'Algerie. Par Cheikh Ismail [Ismä'il] Scfaihi 
et Cheikh Saleh Clierif [J;jalih Sarif]. Lausanne: Libr. nouv. 
1917. 24 S. 8° (Les Dol^ances des peuples opprim^s.) 

=•■ 688. Die Zukunft in Marokko von Dr. Bernhard Stichel. Mit 
e. Geleitwort von Dr. l^>anz Stuhlmann, Geh. Regierungsrat, u. 
1 Kt. Berhn: D. Reimer 1917. 90 S. 8° [711.] " 



Jäschke, Die rechtliche Bedeuhing des türkischen Staatsgrundgesetzes. 97 

•oooeo«'oo<x«xaGcx»ooooooo(X)ooooooooooooooooooocxxxaeooooooooooooowxxx^^ 

DIE RECHTLICHE BEDEUTUNG DER IN 

DEN JAHREN 1909—1916 VOLLZOGENEN 

ABÄNDERUNGEN DES TÜRKISCHEN 

STAATSGRUNDGESETZES. 

VON 

DR. JUR. GOTTHARD JÄSCHKE, 

KGL. KAMMERGERICHTSREFERENDAR. 

Inhalt. 

Einleitung gg 

Rechtsvergleichende Kritik der einzelnen abgeänderten Artikel. 

I. Das Osmanische Reich gg 

II. Die allgemeinen Rechte der Osmanen 113 

ni. Die Staatsminister 114 

IV. Der Landtag 125 

V. Das Abgeordnetenhaus 130 

VI. Die Finanzen 133 

VII. Verschiedenes 133 

Vni. Nachtrag: Artikel 48 und 117 137 

Die verfassungändernden Gesetze von 1909 — 1916 in Übersetzung. 

I. Gesetz vom 8. 8. 1325/21. 8. 1909 139 

II. Gesetz vom 15. 5. 1330/28. 5. 1914 147 

in. Gesetz vom 29. i. 1330/11. 2. 1915 148 

rV. Gesetz vom 25. 2. 1331/9. 3. 1916 149 

V. Gesetz vom gleichen Datum 149 

VI. Gesetz vom 7. 3. 1332/20. 3. 1916 150 

Anhang: Artikel 7 und 35 in Umschrift des Urtextes nach den ver- 
schiedenen Fassungen 150 

Abkürzungen. 

b. = belgische Verfassung vom 7. 2. 1831. 

d. = deutsche Reichsverfassung vom 16. 4. 1871. 

e. = Verfassung für Elsaß-Lothringen vom 31. 5. 191 1. 
p. = preußische Verfassung vom 31. i. 1850. 

t. = türkische Verfassung vom 23. 12. 1876. 
V. 1876 = dieselbe (im engeren Sinne). 
V. 1909 = verfassungänderndes Gesetz vom 21. 8. 1909. 
V. 1914 = verfassungänderndes Gesetz vom 28. 5. 1914. 
V. 191 5 = verfassungänderndes Gesetz vom 11. 2. 1915. 
V. 1916 = verfassungändernde Gesetze vom 9. und 20. 3. 191 6. 

V. = Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika vom 17. 9. 1787. 
D. 1 = Düstür, tertibi ewwel (Gesetzsammlung, i. Reihe). 
D. 2 = Düstür, tertibi säni (Gesetzsammlung, 2. Reihe). 
N. O. III = KorrespondenzblattderNachrichtenstellefür den Orient(III.Jahrg.: 1916— 1917). 
N. O. Bd. I = „Der Neue Orient" (Band i: 191 7). 
S. = W. I. Bd. V, Seite. 
T. W. = Taqwimi weqäji* (Reichsanzeiger). 
W. I. = „Die Welt des Islams." 
Die Welt des Islams, Band V. 7 



98 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

«eooeoooooooooeeosoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocxjoococxxjeoooeg 

Einleitung. 

Die osmanische Verfassung vom 2^. 12. 1876 bedeutete zur Zeit 
ihrer Verkündung für die Türkei zweifellos einen gewaltigen Fort- 
schritt auf dem Wege zum modernen Rechtsstaate. Gleichwohl 
stellte sich bald nach ihrer Wiederherstellung am 2},. 7. 1908 das 
Bedürfnis einer umfassenden Neubearbeitung heraus, weil sie dem 
Geiste der um ein Menschenalter weiter gerückten Zeit nicht 
mehr zu entsprechen schien. Das die Erneuerung der Verfassung 
begleitende Allerhöchste Handschreiben 1 vom i. 8. 1908 war daher 
bestimmt, eine Ergänzung des Staatsgrundgesetzes zu büden; jedoch 
wurde es nicht als ein wesentlicher Bestandteil in dieses aufgenommen. 
Diese Bedeutung kam vielmehr erst dem auf verfassungsmäßigem 
Wege 2 zustande gekommenen Gesetze vom 21. 8. 1909^ zu. Durch 
diese an Umfang und Inhalt in gleicher Weise hervorragende 
Verfassungsnovelle wurden die Artikel 3, 6, 7, 10, 12, 27, 28, 29, 
30, 35, 36, 38, 43, 44, 53, 54, 76, 77, 80, 113, 118 umgestaltet, 
119 gestrichen und drei neue Artikel hinzugefügt. Die hierdurch 
vollzogenen Abänderungen wurden später teils eingeschränkt, teils 
berichtigt, und zwar wurden durch das Gesetz vom 28. 5. 1914* 
die Artikel 7, 35, 43 abermals abgeändert, der Artikel 73 auf- 
gehoben. Das Gesetz vom 11. 2. 1915 ^ betraf die Artikel 7, 43, 102. 
In den Gesetzen vom 9. und 20. 3. 1916* endlich wurden die 
Artikel 7, 72, 76 einer Nachprüfung \mterzogen und Artikel 35 
gestrichen. Es haben also eine mehrfache Umwandlung erütten: 
Artikel 7 (durch V. 1909, 1914, 1915, 1916)'^, Artikel 35 (durch V. 
1909, 1914, 1916) 8, Artikel 43 (durch V. 1909, 1914, 1915), Artikel 76 
(durch V. 1909, 1916). 

Dagegen sind folgende Abschnitte des Staatsgrundgesetzes bisher 
unverändert geblieben: 

Die Beamten (me^münn) = Artikel 39 — 41. 

Der Senat (heVeti a^jän) = Artikel 60 — 64. 

1 Chatti humajün, s. D. 2 i u. 
' vgl. t. 116. 

' 8. S. 139 (I). 

• s. S. 147 (II). 

» 8. S. 148 (III). 

• 8. S. 149 (IV, V, VI). 
' in Umschrift s. S. 150. 

• in Umschrift s. S. 152. 



Jäsclike, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsgnmdgesetzes. 99 

ooooeoooocxxsoeooocoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeoooeo 

Die Gerichte (mehäkim) = Artikel 81 — 91. 

Der hohe Gerichtshof (diwäni ^äll) = Artikel 92 — 95. 

Die Provinzen (wiläjät) =. Kr\i\ie\ 108 — 112. 
Eine vom Landtag während des 2. Sitzungsjahres (1915 — 1916) 
in Angriff genommene Neubearbeitung der Artikel 48, 1171 hat 
vorläufig noch nicht Gesetzeskraft erlangt 2. 

Rechtsvergleichende Kritik der einzelnen abgeänderten 

Artikel. 

I. Das Osmanische Reich (memäliki dewleti ^osmänye: Artikel 1 — 7). 

Artikel 3: Der Verfassungseid des Sultans. 
Wie in Belgien (vgl b. 127 und decret vom 20. 7. 1831) und 
in Preußen (vgl. p. 108) besteht auch in der Türkei für die Mit- 
glieder der Volksvertretung die Pflicht, einen Eid auf die Ver- 
fassung zu leisten. Dieser wird gemäß t. 46 am Eröffnungstage 
in Gegenwart des Großwezirs bzw. beim Eintritt in die Kammer 
in der Weise abgelegt, daß sie schwören, dem Sultan und dem 
Vaterlande treu zu dienen, aUe Pflichten zu erfüllen, die ihnen die 
Verfassung und ihre Stellung als Vertreter des Volkes auferlegen 
und sich aller Handlungen zu enthalten, die diesen Pflichten zuwider- 
laufen. Wie in Preußen die Nichtleistung des Verfassungseides 
den Ausschluß des betreffenden Mitgliedes von den Verhandlungen 
zur Folge hat 3, so gÜt auch in der Türkei die Ablegung des Eides 
als eine rechtliche Voraussetzung für die Ausübung der durch die 
Wahl* bzw. Ernennung 5 erworbenen Rechte ß. Die belgische Ver- 
fassung verlangt einen entsprechenden Verfassungseid des Königs, 
und zwar in folgender Form (b. 80): Le roi ne prend possession 
du trone qu'apres avoir solenneUement prete dans le sein des 
chambres reunies, le serment suivant: ,Je jure d'observer la Con- 
stitution et les lois du peuple beige, de maintenir l'independance 
nationale et l'integrite du territoire" (vgl auch p. 54: „eidliches 

1 s. S. 137. 

2 Wegen der einschlägigen Literatur wird auf das in W. I. V H. 1/2, S. 54 
bis 56 befindliche Verzeichnis hingewiesen. 

• vgl. Geschäftsordnung des Hauses der Abgeordneten, § 6. 

* bezügl. der Abgeordneten. 

* bezügl. der Senatoren. 

• vgl. e. 14: „Die Ausübung der Mitgliedschaft wird durch die Leistung des Eides 
bedingt." 

7* 



loo Die Welt des Mains, Band V. 1917, Heft 3 

aciooexxxxxxxxxx)oo<xxxx30oco(>xocxxxx)oocxxxxxxx)0oocxxx>ooooooocxxxxxxxxxoo(xx^^ 

Gelöbnis" des Königs, p. 58: „Eid" des Regenten) 1. Dagegen war 
von einer rechtlichen Eidespfiicht des Sultans bis zum Jahre 1909 
keine Rede, wenn auch tatsächlich Abdul Hamid bei Eröffnung des 
Landtags und Mehmed V. bei seiner Thronbesteigung schon einen 
Eid auf die Verfassung geleistet hat. Nach den Ereignissen des 
13. 4. 190g verlangte das Abgeordnetenhaus jedoch einmütig eine 
sichere Bürgschaft in der Form einer in die Verfassung auf- 
zunehmenden rechtlichen Verpflichtung des Sultans zur Eides- 
leistung. Als Zeitpunkt für die Vornahme der Vereidigung wurde 
die Thronbesteigung 2 bestimmt. (Bei dieser Gelegenheit richtet 
der Sultan regelmäßig einen Chatt an den Großwezir^, der mit 
der in Preußen übHchen Proklamation „An mein Volk" zu ver- 
gleichen ist. Dem Akte der (in Preußen zurzeit freilich nicht mehr 
gebräuchhchen *) Krönung entspricht die Schwertumgürtung ^ in 
der Ejub-Moschee. Abweichend vom belgischen Rechte wurden 
die Thronrechte selbst von der Eidesleistung nicht abhängig ge- 
macht, vielmehr gehen diese dem alten osmanischen Hausgesetze 
gemäß (vgl. t. 3) im Augenbücke des Todes auf den Thronfolger, 
den nächstältesten Prinzen ipso jure über, es gilt also wie vom 
altfranzösischen Königtum der Satz: Le roi est mort, vive le roi! 

Eine Unterlassung des Eides, wenn sie praktisch denkbar wäre, 
zöge also in der Türkei ebensowenig wie in Preußen ^ rechtliche 
Folgen nach sich. Nach der strengen scheriatrechtlichen Auffassung 
freiUch setzt die Erlangung des Kalifats die Huldigung (bai^at) voraus. 

Der Ort der Vereidigung ist der Landtag. Falls dieser zur Zeit 
der Thronbesteigung nicht versammelt ist, findet die Eidesleistung 
bei seinem ersten Zusammentritt statt. Hieran schheßt sich meist 
eine Thronrede des neuen Sultans ''. 

Von dem Inhalt der Eidesformel verdient Beachtung die besondere 
Hervorhebung des Heihgen Rechtes, das der Sultan neben dem 
Staatsgrundgesetze zu beachten habe. 

Für den Geist, der im Jahre 1909 den Landtag beherrschte, ist 
die Tatsache kennzeichnend, daß bei der Vereidigung am 20. 5. 

1 vgl. V. Art. II, Sect. i. 

2 gulüs; Mehmed V. am 27. 4. 1909. 

3 Mehmed V. an Tewfik Pascha am i. 5. 1909. 
* die letzte Krönung fand am 18. 10. 1861 statt. 

6 teklidi seif: Mehmed V. am lo. 5. 1909. 

« vgl. z. B. Friedrich III., 9. 3.— 15. 6. 1888. 

7 Mehmed V. am 20. 5. 1909. 



Jäschke, Di^ recht/iche Bedeutung des türkisrhen Staattgmndgesetzes. loi 

enooeoooooooooooeooooo(xx)oooooocx)ooooooooooooocx>ooeooooooooooooooooooooooocxxxxxxxxxxxx)oocoocxx}e^^ 

einige Abgeordnete und Senatoren schwuren, voran der greise 
Said Pascha, dem Sultan treu zu dienen, so lange auch dieser die 
Verfassung halten werde, andere wieder, z. B. Ahmed Riza Bej 
ließen die übHche Weiheformel wailahi billahi (bedeutet etwa: so 
wahr mir Gott helfe) fort. 

Artikel 6: Die Kronrente. 
V. 1876 sicherte dem Sultan sowie den übrigen Mitgliedern des 
Herrscherhauses staatlichen Schutz für ihr Privatvermögen und die 
ihnen aus der Staatskasse zu zahlenden Einkünfte zu. Durch V. 
1909 wurde bestimmt, daß diese durch ein besonderes Gesetz ge- 
regelt werden sollten. Nachdem bereits die persönliche ZivilHste 
des Sultans durch Gesetz vom 3. 6. 1909 1 auf 2 Mill. P. monatlich 
festgesetzt worden war, erging ein umfassendes Gesetz über die 
Einkünfte des osmanischen Herrscherhauses am 1. 8. 1914 2. Da- 
selbst heißt es in Artikel 1: „Dem Sultan werden jährUch 24 Mill. P. 
persönliche Bezüge und 5 MilL P. für besondere Ausgaben, dem 
Thronfolger 2,4 Mill. P. wie bisher zugewiesen werden." Die Gesamt- 
ausgaben für das Herrscherhaus belaufen sich im Staatshaushalte für 
1333^ auf 56618609 P. (= etwa 1 1,3 Mill. M.). Die Kronrente des 
preußischen Königs (p. 59) beträgt seit dem Gesetz vom 17. 6. 1910 
im ganzen 17719296 M., womit jedoch auch die Kosten des Kgl. 
Hofstaates und sämtHcher prinzHcher Hofstaaten zu bestreiten sind 
Trotz t. 6 wurden die Kleinodien Abd-ül Hamids durch Gesetz 
vom 2.4. 1911* zugunsten des türkischen Flottenvereins beschlag- 
nahmt. Der Landtag war der Meinung, daß der Sultan durch 
seine verschwenderische Verwaltung des Staatsschatzes das Recht 
auf die Schutzvorschrift des t. 6 verloren hatte ^. 

Artikel 7: Die Herrscherrechte des Sultans. 
Das Hauptziel von V. 1909 war die Beschränkung der Kron- 
rechte und die Erweiterung der Volksrechte bzw. der Befugnisse 
der Volksvertretung. Eine natürliche Folge davon war die völlige 
Umgestaltung des t. 7. 

1 s. D. 2 I 200. 

* 8. D. 2 VI 1410, abgeändert durch die Gesetze vom 2. 2. 1915 (s. T. W. Nr. 2074), 
13. I. 1916 (s. T. W. Nr. 2414), 20. 3. 1916 (s. T. W. Nr. 2482) und vom 2. 4. 1917 
(s. T. W. Nr. 2849). 

» s. T. W. Nr. 2838. 

* s. D. 2 III 259. 

' vgl. Fetwa vom 27. 4. 1909: übersetzt in W. I. II H. i, S. 4. 



102 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

A. Die Amter- und Titelverleihung-. 

Die Einsetzung in Amter und Würden, die bisher im freien Er- 
messen des Sultans stand, Tvnirde einem besonderen Gesetze unter- 
worfen 1. 

In Preußen wie in Belgien ist das Recht des Königs, die Stellen 
im Heere zu besetzen, als ein Ausfluß der ihm zustehenden 
Kommandogewalt anzusehen (p. 46, b. 68). Bei der Ausübung 
des Ämterbesetzungsrechts freilich ist er an die bestehenden Ge- 
setze gebunden (p. 47, b. 66), in Belgien sogar in bezug auf die 
Verabschiedung von Militärpersonen (b. 124), während in der 
preußischen Verfassung eine solche Beschränkung der militärischen 
Befehlsgewalt nicht zu finden ist 2. 

B. Die Ernennung der Minister. 

Die Bestimmung des Chatt vom 1, 8. 1908^ (Nr. 10) wurde als 
ein Verstoß gegen die Verfassung (t. 27) aufgefaßt, und daher 
durch den Chatt vom 6. 8. 1908 widerrufen, denn seit langer Zeit 
war die Bildung des Ministeriums das unbestrittene Recht des 
Großwezirs, und dem Sultan stand, abgesehen von der unmittel- 
baren Ernennung des Großwezirs selbst und des Scheich-ül-islams, 
nur die Bestätigung der übrigen Minister zu. Indessen ließ der 
frühere Wortlaut des t. 7 Zweifel zu. Darum wurde der praktisch 
längst geltende Brauch in t. 7 ebenso wie in t. 27 ausdrücldich 
in die Verfassung aufgenommen. Die Absetzung der Minister 
soll nunmehr nur im Bedarfsfalle* und in der üblichen Form ^ er- 
folgen und daneben auch die Auswechslung« möglich sein. 

Die Stellung des Großwezirs ist eine Eigentümlichkeit des 
türkischen Rechtes und läßt sich in gewisser Beziehung mit der 
des Reichskanzlers im Deutschen Reiche vergleichen. Bei dem in 
Preußen und Belgien herrschenden Kollegialsysteme ist der Minister- 
präsident nur primus inter pares, und der König ernennt und entläßt 
unmittelbar die einzelnen Minister. 

1 vgl. hierzu Gesetz, betr. die Verleihung militärischer Ehrengrade an Staatsmänner (vom 
26. 4. 1915): s. T.W. Nr. 2156, deutsche Übertragung in N. O. III Nr. 3); vgl. auch 
„Kurze Verordnung über Ämterverleihung" vom 17. rcgeb 1271 (D. ^ I 315). 

2 Darum werden in Preußen Armeebefehle und Personalien ohne Gegenzeichnung des 
Kriegsministers bearbeitet (anders in Bayern und Württemberg). 

« vgl. W. I. V n. 1/2, S. 22. 

* ledel iqtizä. 

6 ald usül. 

« tabdU. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsgrundgesetzes. 103 

«<»OOO00O0O0O0O0OOOO(XXXXX)00O<X3O00O000O0OOO0OOO00O0OOOOOO<XXXXXI0OOOO0O<XXX»0O0OOCX)0OOOO(XXXXXXX3Oe)O^ 

C, Die Befugnisse des Sultans bei der Gesetzgebung. 

1. Das Recht des Vorschlags^. 
Das Recht, Gesetze vorzuschlagen, das nach t. 53 (V. 1909) auch 
den Mitgliedern des Landtags zusteht, wird in t. 7 auch dem 
Sultan zuerkannt, der de facto dieses Recht natürlich früher schon 
besaß. Die belgische und preußische Verfassung spricht dieses 
Recht allen drei Teilen der gesetzgebenden Gewalt (b. 27), d. h. 
dem Könige, sowie jeder Kammer, zu (p. 64). 

2. Die Bestätigung und Ausfertigung*. 

Während an der Feststellung des Gesetzes in halts im Verfassungs- 
staate regelmäßig auch die Volksvertretung beteiligt ist, bleibt es 
in der Monarchie allein dem Herrscher vorbehalten, einem Entwürfe 
Gesetzeskraft zu verleihen, denn der Volksvertretung steht keine 
unmittelbare Befehlsmacht gegenüber den einzelnen Staatsan- 
gehörigen zu. Der Staatswüle verkörpert sich vielmehr in der 
Person des Monarchen. Darum kann nur dieser den Gesetzes- 
befehl kraft staatlicher Herrschermacht erlassen 3. In der Türkei* 
wird dieser in die Worte gekleidet iräde ejlenm (ich verordne) (vgl.: 
„Wir Wilhelm, Deutscher Kaiser, König von Preußen usw. verordnen"). 

In Erscheinung tritt die Bestätigung durch die unterschriftliche 
Vollziehung; durch diese wird das Gesetz formell rechtsgültig. 
Ehemals setzte der Sultan nicht seinen Namen unter das Gesetz, 
sondern an dessen Spitze die Formel: „Demgemäß möge verfahren 
werden s", wodurch die Gesetzeskraft ^ eintrat. 

Der Tag der Ausfertigung ist zugleich das Datum des Ge- 
setzes. Seit V. 1909 bedarf sie auch in der Türkei der ministeriellen 
Gegenzeichnung (vgl. t. 30). 

In der preußischen Verfassung ist das Recht der Bestätigung 
und Ausfertigung, da es als wesentlicher Bestandteil der voll- 
ziehenden Gewalt (p. 45) gilt, nicht besonders aufgeführt. Ob es 
im Deutschen Reiche einer Bestätigung durch den Bundesrat be- 
darf, ist im Hinblick auf d. 5 bestritten, nach d. 7 aber zu be- 
jahen; dem Kaiser freilich steht nur die Ausfertigung zu (d. 17). 

1 tekUf = Initiative. 

* tasdlq = Sanktion und Promulgation. 

* vgl. Hubrich, Die Staatsformen . . . 

* Seit V. 1909 besteht eine Pflicht zur Bestätigung (vgl. t. 54). 

* mügibinge ^amel oluna. 

* diietür iU^amd. 



104 ^*'' ^^^^^ ^^« Isla77is, Band V. 1917, Heft 3 

#ooo«e«oo(x>oooeoe«ooooooooooooooooooooo(X30ooooooooeooooooooooooooooooooooooooooooo<x)oocx>oooocKxweoo«c> 

3. Die Verkündungi. 

.Ein Gesetz wird für die Staatsangehörigen erst dann verbindlich, 
wenn es in gehöriger Form bekanntgemacht worden ist (vgl. 
p. 106, b. 129, d. 2). In Preußen befiehlt der König die Verkün- 
dung der Gesetze (p. 45), und zwar in der „Preußischen Gesetz- 
sammlung", die seit 1907 diesen Namen führt, im Deutschen Reiche 
steht sie dem Kaiser zu (d. 17) und geschieht durch das „Reichs- 
gesetzblatt" (d. 2). In der Türkei werden die Gesetze mangels 
eines amtlichen, lediglich diesem Zwecke dienenden Blattes im 
Taqwim weqaji', d. h. Tafel bzw. Kalender der Ereignisse, ver- 
öffentlicht. Er entspricht etwa dem „Deutschen Reichsanzeiger und 
Königl. Preußischen Staatsanzeiger" und wurde nach der Wieder- 
herstellung der Verfassung von neuem ins Leben gerufen (am 
28. g. rigoS). 

Auf Vorschlag des Justizministers Nedschmeddin beschloß der 
Ministerrat unter Vorsitz des Großwezirs Ibrahim Hakki^ Pascha 
wieder eine Gesetzsammlungskommission zu bilden, wie sie früher 
schon bestanden hatte ^ und nun wieder wünschenswert erschien. 
Ihre unter dem Titel Düstar, tertibi sanI (Gesetzsammlung, 2. Reihe) 
in den Jahren 1913 — 16 erschienene Arbeit enthält in sechs Bänden 
die unter Leitung des Karakotsch Serkis Effendi (leider nicht 
ganz lückenlos gesammelten) Gesetze*, Verordnungen s, Aller- 
höchste Erlasse ö, internationale und öffentlich-rechtUche Verträge'' 
von der Verkündung der Verfassung ^ (23. 7. 1908) bis zur Erklärung 
des Kriegszustandes^ (11. 11. 1914). 

Über die Verkündungsweise^^ der Gesetze und Verordnungen 
bestimmt das Gesetz vom 31. 5. 191 i^^: 

§ 1. Sobald ein Allerhöchster Erlaß über die Ausführung eines 
Gesetzes (oder einer Verordnung) ergangen ist (vgl. t, 54), wird es 

1 t'Zänt nier%jet = Publikation. 

• seil 31. 8. 191 5 Botschafter in Berlin. 

• vgl. düstür engümeni nizämnämesi vom 24. 9. 1877 (16. Ramazän 1294) (s D •■ 
IV 72). 

• qaivanln. 
' nizämät. 

• irädäti senlje. 

' mu'ahedat we 'umüme ^aHd muqäwelät. 

• i'läni meirütijet. 

• häli harb i'läni; vgl. W. I. V II. 1/2, S. 36, Anm. 5 und T. W. Nr. 1990. 
i°UKM?t nelir we iHänl. 

"s. D. 2 III 417. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsgrundgesetzes. 105 

•oeoeoooooooooooe0oooc)ooooooooooooooooooooooooooc)ooooc)oooooooooo(x)ooo(>oocx)ooooooooooooc^^ 

der Hofkanzlei 1 zusammen damit übergeben. Dort wird es ein- 
getragen und sofort, soweit erforderlich, eine Abschrift 2 davon 
genommen, das Datum des Allerhöchsten Erlasses darunter gesetzt 
und zum Zeichen, daß diese dem Original ^ entspricht, von dem 
Leiter [der Kanzlei] beglaubigt und mit seiner Unterschrift und 
dem Amtssiegel versehen; darauf wird sie den mit der Ausführung 
des Gesetzes beauftragten Ministerien zugeschickt. Das Original 
mit dem Allerhöchsten Erlaß und den Beiakten wird dem Justiz- 
ministerium * anvertraut. 

§ 2. Nachdem die Verkündung der dem Justizministerium* an- 
vertrauten Gesetze und Verordnungen durch den Reichsanzeiger ^ 
und ihre Einreihung in die Gesetzsammlung- ^ unverzüglich'^ in die 
Wege geleitet ist, werden sie der Hofkanzlei zurückgegeben und 
nach Erledigung der dort vorzunehmenden Förmlichkeiten dem 
Staatsarchiv 8 zur Aufbewahrung überwiesen. 

Jeder Band der Gesetzsammlung wird mit der Tughra® ge- 
schmückt und am Ende mit einem Vermerk i<^, der die Über- 
einstimmung mit der Urschrift zum Ausdruck bringt, sowie mit 
der Unterschrift des Justizministers und mit dem amtlichen Siegel 
des Justizministeriums versehen 11. 

§ 3. Das zuständige Ministerium schickt eine genügende Anzahl 
von Abzügen von der beglaubigten Abschrift, die gemäß § 1 von 
der Hofkanzlei erteilt wird, und nötigenfalls auch Drucksachen in 
Form einer Broschüre den [ihm unterstellten] Behörden, Provinzen, 
selbständigen und abhängigen Regierungsbezirken und Kreisen 
unmittelbar zu. Von dort werden die Gesetze unverzüglich an die 

1 diwäni humäjün. 

2 süret 
8 asl. 

* Das vorläufige Gesetz vom 24. 2. 1914 (s. D. 2 VI 227) setzte an Stelle des Justiz- 
ministeriums das „Amt für Gesetzsammlungen" (vgl. oben und W. I. IV H. 3/4, S. 231). 

6 taqwimi weqäjV. 

« düstür. 

' büa imhäl; diese Vorschrift wurde in der Praxis anfänglich sehr milde gehandhabt. 

8 chäzin^i ewräq. 

8 vgl. N. O. III S. 30 und Kekule v. Stradonitz, Über die Tughra der türkischen 
Sultane in „Asien", April 191 7. 

l^Dieser Vermerk, der in D. 2 I und II fehlt, befindet sich in D. 2 III auf S. 757 (vom 
16. 10. 1911), D. 2 IV 705 (14. II. 1912), D. 2 V 943 (14. II. 1913), D. 2 VI 1412 
(6. I. 191 6). 

11 Auf Grund des Gesetzes vom 24. 2. 1914 trat an Stelle des Justizministers der Grofi- 
wezir (in D. 2 VI zum erstenmal ausgeführt). 



io6 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

ooo(»ooooooooc»ooaoooooo<xx»oooooooo<xx)(X)(Moooooooc<xxxxxxx>xxxx)oooocx^ 

[unteren] Behörden und die Gemeinden verteilt und durch die 
Provinzzeitungen und auf andere geeignete und mögliche Weise 
der Bevölkerung bekannt gemacht. 

§ 4. Damit ein Gesetz oder eine Verordnung nach der Ver- 
kündung im Reichsanzeiger (vgl. § 2) verbindliche Kraft 1 erhält, 
wird darin ein Datum angegeben [und dies ist in der Türkei die 
Regel!], von dem ab es überall im Osmanischen Reiche vollzugs- 
kräftig 2 ist. Ist keine Zeit darin angegeben, so tritt es 60 Tage 
nach dem Datum der Veröffentlichung im Reichsanzeiger in Kraft ^. 

§ 5. Kein Gesetz und keine Verordnung hat rückwirkende Kraft, 
jedoch sind die strafmildernden Vorschriften von dieser Regel aus- 
genommen*. 

§ 6. Dieses Gesetz tritt an dem auf die Verkündung folgenden 
Tage in Kraft. 

§ 7. Die allgemeinen Bestimmungen vom 25. Rebi'ül achir 1289 
im 1. Bande des Düstur (S. 16) treten außer Kraft. 

§ 8. Mit der Ausführung dieses Gesetzes wird das Staats- 
ministerium beauftragt. 

Ich verordne die Gesetzeskraft ^ dieses im Abgeordnetenhause 
und Senat angenommenen Gesetzentwurfes ^ und seine Einreihung 
in die Staatsgesetze '^. 

4. Die Ausführung^. 

Die Ausführung der Gesetze ist in der Monarchie Sache des 
Monarchen; darum bestimmt p. 45 nach dem Vorbilde von b. 67: 
„Der König erläßt die zur Ausführung der Gesetze nötigen Ver- 
ordnungen." In ähnlicher Weise erkennt t. 7 dem Sultan die Be- 
fugnis zu, Verordnungen über die Art und Weise der Ausführung 
der Gesetze zu geben. Die Ausführungsverordnungen enthalten 
Rechtsnormen und sind für alle Staatsbürger verbindlich, während 

1 hükm (vom Sultan angeordnet durch die Bestätigung und Erteilung des Gesetzesbefehls; 
vgl. S. 103). 

• merH-iU igrä (bis zu dem in § 4 angegebenen Termin ruht die Vollzugsmöglichkeit). 

• vgl. d. 2 und preuß. Gesetz vom 16. 2. 1874: 14 Tage nach Ablauf des Tages, an 
dem das betreffende Stück des „Reichsgesetzblattes" bzw. der „Preuß. Gesetzsammlung" 
in Berlin ausgegeben ist. 

• vgl. Strafgesetzbuch von 1858, Artikel 15 (D. 1 I 539). 

• qänünijet. 
« laHha. 

' qawämni dewlet. 
■* i§rä = Exekution. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung dex türJciscJien Staatsgrundgesetzes. 107 

eoooeoooo<xxxy>300(xxxxxxxxxMooooooooooocooooooo(xxx30oo(xxxxxxxxxxxxxx)ooocxxxx)oo(xxxx>^^ 

die Verwaltungsverordnungen den inneren Dienst der Behörden, 
ihre Arbeitsweise und Zuständigkeit ^ betreffen. Außerdem aber 
besitzt der Sultan auch das Recht, selbständige Rechtsverordnungen 
zu erlassen, die dann Notverordnungen [qawanini müweqqata, d. h. 
vorläufige Gesetze) heißen, wenn für sie in normalen Zeiten 
Gesetzesform verlangt wird 2. 

Der Sultan hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, 
die Gesetze des staatlichen wie des rehgiösen Rechtes zu be- 
schützen und für ihre wirkliche Durchführung persönlich Sorge 
zu tragen (vgl. d. 17: „Dem Kaiser steht die Überwachung der 
Ausführung der Reichsgesetze zu"). 

D. Das Amnestierecht 3. 

Das Begnadigungsrecht ist die Befugnis des Monarchen, von 
der Anwendung einer Strafrechtsnorm zu befreien, sei es nach 
Fällung eines rechtskräftigen Urteils die erkannte Strafe zu mildern 
oder gänzlich zu erlassen (Begnadigung im engeren Sinne), sei es 
schon vor Erlaß eines Urteils auf die Anerkennung des staatlichen 
Strafanspruchs zu verzichten (Niederschlagung oder Abolition). 
Wird das Begnadigungsrecht mehreren Personen oder ganzen 
Bevölkerungsklassen gegenüber wegen einer gewissen Art gleicher 
oder ähnlicher Straftaten ausgeübt, so spricht man von Amnestie. 
Im belgischen Recht besitzt der König, dem nur die durch die 
Verfassung ausdrücklich gewährten Befugnisse zustehen*, nicht das 
Recht zu einem Amnestieerlasse, denn dieses ist in der Verfassungs- 
urkunde nicht enthalten. Anders in Preußen, wo der König alle 
ihm nicht durch die Verfassung entzogenen Rechte behalten hat. 
Zwar setzt p. 49 für die Niederschlagung ein besonderes Gesetz 
voraus, wohl aber bleibt es dem Könige unbenommen, hinsichtlich 
aller noch nicht zur Einleitung gebrachten Straftaten einer ge- 
wissen Art die Strafverfolgung auszuschließen. 

Dasselbe galt vor V. 1909 für den Sultan, denn t. 7 enthielt 
nur eine unvollständige Aufzählung seiner Rechte und begründete 
somit die Vermutung, daß ihm alle anderen, nicht aufgeführten 
Rechte, soweit er sie bereits besaß, auch künftig zuständen. 
V. 1909 dagegen machte die Ausübung des Amnestierechtes von 

1 dewäHri idäreH mu^ameläti. 

* vgl. t. 36 (S. 123). 

' ^afuyy ^umümi, während die Begnadigung im engeren Sinne ^aftoy *öK genannt wird. 

* vgl. W. I. V H. 1/2, S. 41, Anm. 2. 



lo8 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

•00OeO000OO0OOO0O0000000O0O00000000(X)0000CXW(XXXXXXXX)O000O00C)CXXXXXXX)OOCXXXXXXX)^^ 

der Billigung 1 des Landtags abhängig. Die unmittelbare Veran- 
lassung zu dieser Beschränkung des Begnadigungsrechtes, das im 
übrigen dem Sultan verblieb, war der Amnestieerlaß Abdul Hamids 
zugunsten der Teilnehmer an der Erhebung des 13. 4. 19092. 

E. Die Befugnisse des Sultans gegenüber dem Landtag. 

In Preußen treten die Kammern, anders in Belgien, niemals von 
selbst zusammen, sondern stets auf Grund einer Einberufung durch 
den König (p. 51). Diese ist beim Herrenhause in der Form 
einer persönlichen Einladung, beim Abgeordnetenhause in der 
Gestalt einer königlichen Verordnung üblich. Ebenso gehörte nach 
t, 7 (vor V. 1909) die Einberufung^ des Landtags zu den Vor- 
rechten des Sultans, gemäß V. 1909 hingegen blieb dem Sultan 
bei regelmäßigen Tagungen (vgl. t. 43) lediglich das Recht der 
Eröffnung*. 

Unter dem Einflüsse der türkischen Sprachreinigung 5, einer Zweig- 
bewegung des Turanismus wurden bei Gelegenheit von V. 1915 
die Fremdwörter küsad (persisch) und ta'til (arabisch) durch die 
entsprechenden türkischen Bezeichnungen acylma und qapadylma 
ersetzt. 

Das Recht der Einberufung ^ behielt der Sultan nach V. 1909 
nur für den FaU, daß besondere Umstände den Zusammentritt der 
Kammern vor der gesetzlichen Zeit, d. h. vor dem 14. 11., wünschens- 
wert erscheinen ließen (vgl. t. 44) wie z. B. im Jahre 19117. 

V. 1915 macht einen Unterschied zwischen einer vorzeitigen 
und einer außerordentlichen Tagung, wie sie z. B. im Jahre 1914 
stattfand. 

Das Recht, die Sitzungsdauer zu verlängern s, das bereits t. 44 
erwähnte, wurde durch V. 1915 gleichfalls in t. 7 eingefügt. Ferner 
besitzt der Sultan das Recht der Auflösung des Abgeordneten- 
hauses. (Eine Veränderung des Senats kann nur im Wege eines 
sogenannten Pairschubs erfolgen, vgl. auch p. 51, 65 — 68.) 

tanunh. 

vgl. T. W. Nr. 181. 

'^aqd. 

küiäd. 

taiffije'i lisän. 

da'uxt. 

vgl. W. I. V H. 1/2, S. 31. 

temdid. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsprnndgesetzes. 109 

eOOOeOOOOOOOCX300000000CX>00000000000000000000000000000000000000<X)OOCXX)00(XX)OOOOOOCXXXXXXXXOOOC)OOeeK^^ 

Die Auflösung der Volksvertretung hat im Verfassungsstaate 
den Zweck, in wichtigen Fragen der inneren und äußeren Politik 
den wirklichen Willen des Volkes festzustellen, wenn die Annahme 
begründet scheint, daß die derzeitige Zusammensetzung des Parla- 
ments diesem Willen nicht mehr entspricht. Um jedoch einer 
gänzlich parlamentslosen Zeit vorzubeugen, enthalten die Ver- 
fassungsurkunden meist Bedingungen für die Ausübung dieses 
dem Staatsoberhaupte zustehenden Rechtes. In der Regel werden 
Fristen für den Beginn der Neuwahlen bzw. die Wiedereröffnung 
der Kammern festgesetzt z. B. in Belgien 40 Tage bzw. 2 Monate 
(b. 71), in Preußen und dem Deutschen Reiche 60 bzw. 90 Tage 
(p. 51, d. 25). In der Türkei schrieb t. 7 früher nur ganz allgemein 
Neuwahlen vor. Allerdings mußten diese gemäß t. 73 so zeitig be- 
ginnen, daß sich die Abgeordneten 6 Monate nach der Auflösung 
versammeln konnten. V. 1909 setzte diese reichlich lange Frist auf 
3 Monate herab (t. 7) und fügte zwei weitere Bedingungen hinzu: 

1. die Auflösung des Abgeordnetenhauses darf nur im Ein- 
verständnisse mit dem Senat und 

2. lediglich auf Grund von t. 35, d. h. im Falle eines Zwiespaltes 
zwischen dem Abgeordnetenhaus und der Regierung erfolgen, und 
unter Beobachtung der anderen in t. 35 enthaltenen Förmlichkeiten. 

Die Frage der Auflösung und vor allem ihre Verbindung mit 
t. 35 bildete den eigentlichen Brennpunkt in den Verfassungs- 
kämpfen des Sitzungsjahres 191 1/1 2 1. Großwezir Said Pascha 
sagte in seiner Verteidigungsrede vom 3. 1. 1912: 

„In allen monarchischen Staaten besitzt der Herrscher das un- 
bedingte Recht zur Auflösung, darum ist die neue Regierung der 
Meinung, daß die Bestimmung des t. 35 dieses Recht über Gebühr 
einschränkt und somit in der gegenwärtigen Form unhaltbar ist." 
Zuerst ging das Bestreben Said Paschas nur dahin, unter außer- 
gewöhnlichen Verhältnissen — wobei er vor allem an den Kriegs- 
zustand dachte, der seit dem 29. 9. 1911, dem Tage seines Amts- 
antritts bestand — nach vorheriger Befragung des Senats dem 
Sxütan wieder das Auflösungsrecht zu verleihen, so daß dessen 
Ausübung in diesem Falle keine Meinungsverschiedenheit mehr 
zwischen Kammer und Regierung voraussetzen, sondern lediglich 
vom Willen des Sultans abhängen und der Senat nur noch eine 
beratende, keine beschließende Stimme mehr haben soUte. 

1 vgl. W. I. V H. 1/2, S. 31. 



HO Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

Nach den Wandlungen, die sich im Jahre 1911 in der Partei 
„Einheit und Fortschritt" vollzogen hatten, sprach sich diese bereits 
auf dem 4. Parteikongreß in Artikel 7 ihres Programms dahin aus, 
daß die Zustimmung des Senats keine wesentliche Bedingung für 
die Auflösung mehr bilden sollte. Im Gegensatz hierzu verlangte 
die „Freisinnige Vereinigung" in Artikel 3 ihres Programmes, daß 
die Auflösung auch in Zukunft von den Bedingungen des t. 35 
und dem Einverständnisse des Senats abhängig sein sollte. Nach 
der vernichtenden Niederlage, die diese Partei bei den Wahlen im 
Frühjahr 1912 erlitt, schien die Annahme der Regierungsvorlage 
gesichert. In der Tat erfolgte sie am 24. 6. 1912 im Abgeordneten- 
hause, allerdings mit einigen Änderungen, die der Ausschuß emp- 
fohlen hatte. Gesetzeskraft erlangte der Entwurf erst am 28. 5. 1914. 

Auch nach V. 1914 blieb die Ausübung des Auflösungsrechts 
zwar noch abhängig von den Voraussetzungen des t. 35, d. h. sie 
setzte grundsätzlich eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem 
Ministerium und dem Abgeordnetenhause voraus. Jedoch wohnte 
dieser Vorschrift infolge der veränderten Gestalt des t. 35 nun- 
mehr nur noch eine abgeschwächte Bedeutung inne. Außerdem 
wurde gemäß t. 35 der Zeitraum zwischen Auflösung des alten und 
Zusammentritt des neuen Abgeordnetenhauses 1 auf vier Monate 
verlängert, nachdem noch Artikel 7 des jungtürkischen Partei- 
programms vom Jahre 1911 an der Dreimonatsfrist des t. 7 (V. 1909) 
festgehalten hatte. EndUch wurde in V. 1914 auch die Vorschrift 
über die Zustimmung bzw. Befürwortung des Senats fallen gelassen. 

Während V. 1915 an diesem Rechtszustand nichts änderte, trat 
durch V. 1916 ein nicht unerheblicher Wandel ein. Der Minister 
des Auswärtigen Chalil Bej führte in seiner Rede vom 14. 2. 19162 
die Gründe an, die für die Regierung bei dieser letzten Vorlage 
entscheidend gewesen waren: die Beschränkung des Auflösungs- 
rechtes durch V. 1909 habe dem Lande sehr geschadet. Eine 
teilweise Besserung sei zwar durch die bisherigen Änderungen 
eingetreten. Um aber das Gleichgewicht der Gewalten völlig 
herzustellen, sei diese Änderung notwendig geworden. In allen 
Verfassungsstaaten werde das Recht zur Kammerauflösung dem 
Staatsoberhaupt in unbedingter Form zuerkannt. Es gäbe Fälle, 
in denen eine Auflösung der Kammer und Befragung der Wähler 

* müddeti ta'tvlq. 

• •. Tanin Nr. 2576; vgl, auch W. I. IV H. 1/2, S. 86 und V H. 1/2, S, 37, 



Jäschke, Die reehüiche Bedeutung des türkischen Staatsgrundgesetzes. 1 1 1 

wünschenswert erscheine, z. B. ein Wechsel im Steuersystem, der 
Abschluß eines bedeutsamen Vertrages oder ein plötzücher Wechsel 
in der Staatspolitik. 

Mit der Beseitigung des t, 35 fiel die letzte Schranke, die seit 
V. 1909 für die Ausübung des Auflösungsrechts noch bestand. 
Für diese gut heute nur noch die einzige Bedingung, daß das 
Abgeordnetenhaus vier Monate nach der Auflösung wieder ver- 
sammelt sein muß. Diese Bestimmung enthielt schon V. 1914 (in 
t. 35), durch V. 1916 wurde sie wieder (vgl. V. 1909) in t. 7 ein- 
gefügt. Natürlich soll auch heute der Sultan nur im Bedarfs- 
falle 1 von seinem Rechte Gebrauch machen. Die Auflösung trägt 
also den Charakter einer ultima ratio. 

Um die Folgen der Auflösung zu vermeiden, zog Abdul Hamid 
im Jahre 1878 die Schließung^ vor, die nach t. 7 gleichfalls zu den 
Majestätsrechten zählte. V. 1909 nun hob in t. 44 die Möglichkeit 
einer Verkürzung ^ der Sitzungsdauer auf und Heß in t. 7 die 
Schließung des Landtags nur zu dem gesetzlichen Zeitpunkte (vgl. 
t. 43) zu. Bei der Erweiterung der Thronrechte durch V. 1914 
erhielt der Sultan wieder die Befugnis, den Landtag vorzeitig zu 
schließen, allerdings nur unter der Bedingung, daß die Gesamt- 
dauer der SchHeßung die Hälfte der jährüchen Sitzungszeit, d. h. 
drei Monate (vgl. t. 43), nicht überschreiten soUte. Diese Vorschrift 
wurde durch V. 1915 dahin abgeändert, daß die Frist für die der 
Landtag geschlossen wird, vorher genau zu bestimmen ist. Außer- 
dem sollte (schon nach V, 1914) dem Landtag stets die Möglichkeit 
bleiben, die unterbrochene Tagung in demselben Sitzungsjahre zum 
Abschluß zu bringen, d. h. vor dem 14. ii. (vgl Tagung 1914/15: 
W. L V H. 1/2, S. 37). 

Durch V. 1914 wurde dem Sultan nicht nur das Recht eingeräumt, 
den Landtag vorzeitig zu schließen, sondern auch den Eröffnungs- 
termin (vgl. t. 43) hinauszuschieben*. Von diesem Recht, das nach 
V. 1914 denselben Bedingungen unterlag, wie das Recht der 
Schließung, machte Mehmed V. z. B. durch Irade vom 15. 10. 1914 
Gebrauch s. In V. 1915 wurde gemäß der vom Ausschusse be- 
antragten Fassung des t. 7 die Frist für die Vertagung auf 

1 ledel iqtizä. 

2 taHll 

* tanqlz. 

* ta'0. 

6 vgl. W. I. V H. 1/2, S. 36 Anm. 3. 



112 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

ooooeoc«>ooooooooo80000oooo«xx>oooooo<xx)00(X)ooooooocxxxxxx30(X)oo<xxxxxx5oooo^^ 

drei Monate festgesetzt, und eine Wiederholung für unstatthaft 
erklärt. 

Durch V. 1916 wurden die Bestimmungen über Schließung und 
Vertagung als entbehrlich gestrichen. 

F. Das Vertragsrecht^. 

Dem Sultan steht wie regelmäßig dem Monarchen das Recht zu, 
Staatsverträge abzuschließen, und zwar nicht nur mit auswärtigen 
Staaten (V. 1876), sondern Staatsverträge aller Art 2, wie es seit V. 
1909 richtiger heißt. 

Bis V. 1909 bestand für den Sultan keine rechtliche Verpflichtung, 
den Landtag zur Mitwirkung an der Ausübung des Vertragsrechtes 
hinzuzuziehen. (Tatsächhch wurde bereits z. B. der am 26. 2. 1909 
mit Österreich-Ungarn geschlossene Vertragt am 8, 3. dem Land- 
tag vorgelegt.) 

Für die völkerrechtliche Wirkung der Vorträge ist die Zustimmung 
des Landtags ohne Bedeutung*. 

Dem Landtage sind Verträge vorzulegen, wenn sie sich auf den 
Frieden ^, den Handel, Gebietsabtretungen und Angliederungen, die 
Grund- und PersönHchkeitsrechte der Osmanen beziehen, oder für 
den Staat Ausgaben zur Folge haben ^. 

Im Falle eines Wechsels des Ministeriums zu einer Zeit, in der 
der Landtag nicht versammelt ist, trägt die Verantwortung (vgl. 
t. 30) für die Folgen eines inzwischen abgeschlossenen Vertrages 
das neue Ministerium. 

1 mü'ahedät ^aqdy. 

2 ^cUd ^umüm. 

3 s. D. 2 I 145. 

* In den Vereinigten Staaten von Amerika ist die vorherige Zustimmung des Senats 
eine völkerrechtliche Bedingung (vgl. v. Art. II, Sect. 2). Sonst tritt sie mit dem Aus- 
tausch der von den Staatsoberhäuptern vollzogenen Ratifikationsurkunden ein. Für die 
staatsrechtliche Wirkung dagegen ist die Zustimmung des Landtags seit V. 1909 Be- 
dingung, in der Weise, daß die Erteilung der Einwilligung die staatsrechtliche Gültigkeit 
des Vertrages herbeiführt (mit Wirkung ex tunc vgl. p. 48, d. ll, dagegen b. 68). 

6 Der Friedensschluß selbst ist wie im Deutschen Reiche (vgl. d. 11) auch in der Türkei 
ausschließlich ein Recht der vollziehenden Gewalt. 

• Im Dezember 1909 entstand ein Zwiespalt zwischen dem Abgeordnetenhause und dem 
Groflwezir Hussein Hilmi Pascha darüber, ob der Staatsvertrag mit der englischen Lynch- 
Company unter diese Bestimmung falle. Er führte zum Rücktritt des Ministeriums am 
29. 12. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung de» türHschi>n Staatsgrundgesetzes. 113 

O0OOOOCKX>C>OOO0(X)0O000OO0(XXX>OO00000000O0C»0O000OOO0O0OO0O0CXXXXXXX>0CXX3OOOCX^^ 

G. Die übrigen Rechte des Sultans. 

Die Vorschriften von t. 7 über folgende Kronrechte blieben seit 
V. 1876 bisher unverändert: 

1. Das Recht der Fürbitte für den Sultan im Freitagsgebet. 

2. Das Münzrecht. 

3. Das Recht der Ernennung der obersten Beamten in den be- 
vorzugten Reichsgebieten, das gegenwärtig freilich keine sehr große 
Bedeutung mehr hat. 

4. Der Oberbefehl über Heer und Flotte. Die Worte „Aus- 
führung der militärischen Bewegungen (Operationen)" (in V. 1876) 
wurden als überflüssig (da in der Kommandogewalt enthalten) in 
V. 1909 gestrichen. 

5. Das Recht über Krieg und Frieden. 

II. Die allgemeinen Rechte der Osmanen 

(taha'^aH dewleti osmäntjetän hugüqi ^umüniijesi: Artikel 8 — 26). 

Dieser Abschnitt des Staatsgrundgesetzes entspricht dem Titel IE 
der belgischen (b. 4 — 24) und der preußischen Verfassung (p. 3 — 42). 
Zum Vorbild diente die Erklärung der Menschenrechte (La declara- 
tion des droits de l'homme et du citoyen i), die von der französi- 
schen Nationalversammlung am 26. 8. 1789 verkündet und an die 
Spitze der Verfassung vom 3. 9. 1791 gesetzt worden war. In ihr 
fand die Lehre von den sogenannten Grundrechten, deren erste 
Urkunde die „Magna Carta Libertatum" vom Jahre 1 2 1 5 2 darstellt, 
ihren schärfsten Ausdruck, nachdem sie in England bereits durch 
die „Petition of rights" von 1627, die Habeas Corpus Acte von 167g 
und die „Bill and declaration of Rights and Liberties of Subjects" 
von 1689 ausgebildet worden war. 

Artikel 10: Der Schutz der persönlichen Freiheit. 

Schon V. 1876 sprach klar und deutlich aus, daß in der Türkei 
wie in anderen Verfassungsstaaten sich der einzelne Staatsbürger 
der persönlichen Freiheit, dieses obersten Grundrechts erfreue und 
gegen Eingriffe in sein Selbstbestimmungsrecht, sofern diese nicht 
im Interesse der Allgemeinheit durch ein besonderes Gesetz aus- 
drücklich zugelassen waren, geschützt sein soUte (vgl. auch p. 5, 

1 Posener, Die Staatsverfassungen . . . S. 563. 
* Posener, Die Staatsverfassungen . . . S. 629. 
Die Welt des Islams. Ban.l V 8 



114 tHe Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

»0»OeOOOO<XXXX)0000000000000000000000<X)OOOCOOOOOOOOOOOC)CKXXXX>OOOOOOOOOOCXXX)<XXX)C^^ 

b. 7). Insbesondere durften Strafen nur auf Grund eines Gesetzes 
verhängt werden (vgl. Deutsches Reich StGB. § 2). 

Durch den Chatt vom 1. 8. 1909 (Nr. 2) wurde diese Bestimmung 
dahin erweitert, daß auch Verhaftungen nur in den gesetzlich vor- 
gesehenen Fällen statthaft sein soUen. Obwohl sich dies aus dem 
Grundsatze der persönüchen Freiheit eigentlich von selbst ergibt, 
so hatte doch gerade diese Ergänzung ihre besondere geschicht- 
liche Bedeutung. Denn durch das Spionagewesen 1, das in den 
letzten Jahren der Regierung Abdul Hamids selbst bei den harm- 
losesten Gelegenheiten Festnahmen zur P'olge hatte, war t, 10 wie 
überhaupt die Verfassung nahezu wirkungslos geworden. Bei der 
Beratung von V. 1909 beschloß der Landtag, jene Vorschrift des 
Chatt auch in t. 10 einzuschalten. 

Artikel 12: Die Preßfreiheit. 

Die Vorschrift, daß auch vor dem Drucke Preßerzeugnisse einer 
Zensur nicht unterworfen sein soUen, entspricht einer Forderung 
des jungtürkischen Parteiprogramms von 1909 (Artikel 8) und war 
bereits im Chatt vom 1. 8. 1908 (Nr. 7) enthalten. 

Das Gesetz über die Presse erging am 29. 7. 19092 und zu- 
sammen damit das Gesetz über die Druckereien ^. 

Zur Zeit des Belagerungszustandes (t. 113) tritt t. 12 ebenso wie 
zahlreiche andere Vorschriften des Staatsgrundgesetzes außer Kraft. 

III. Die Staatstninister {wükeläji dewlet: Artikel 27 — 38). 
Artikel 27: Die Bildung des Ministeriums. 

Dem Großwezir liegt seit alter Zeit die Aufgabe ob, für die 
Ministerposten geeignete Persönlichkeiten auszusuchen und dem 
Sultan zur Beglaubigung vorzuschlagen*. Die hervorragende 
Stellung des Großwezirs f^, die auch in seiner Bezeichnung sadr 
a'zam (ursprünglich: sadri a'zam d. h. größter Ehrensitz) zum Aus- 
druck kommt, geht bis auf das Jahr 1328 zurück, in dem Sultan 
Orchan seinem Bruder Ala-ed-din den Titel Wezir verheben haben 
soll, und wurde ihm nur vorübergehend streitig gemacht. Im Jahre 

1 über dessen Aufhebung s. Irade vom 30. 7. 1908 (D. * I 9). 

2 niatbü'ät qänüni, s. D. 2 I 395; vgl. N. O. III, H. 8. 
' matha'alar qänüni, s. D. 2 l 404. 

* Dabei besteht der Brauch, daß der Großwezir einen Ministerposten meist selbst übernimmt 
6 vgl. N. O. III H. 7 



Jäschkt', Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsqnmdgesetzes. 115 
eoeo«ocKxxxx)ooeeo«oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo(X30ooooo<xxx)ooooooooooooocxxxxxxxxxM€iooeo 

1833 wurde bei der Umbildung der Ministerien durch Mustafa 
Reschid Pascha zuerst die Bezeichnung bas wekil (Hauptvertreter, 
nämlich des Padischah, Premierminister) eingeführt und 1877 auf 
Midhats Anregung vorübergehend erneuert. Der Versuch, die Er- 
nennung des Kriegs- und Marineministers dem Sultan vorzubehalten 
(vgl. Chatt vom 1. 8. 1908, Nr. 10), führte den Sturz Said Paschas 
herbei. Die Befugnisse des Großwezirs wurden durch den Chatt 
vom 6. 8. IQ08 wieder hergestellt und auch in V. 1909 sowohl in 
t. 7 wie in t. 2"] ausdrücklich anerkannt. 

Artikel 28: Der Ministerrat. 

Der Ministerrat, dem sämtliche Minister, der Präsident des Staats- 
rats und der Scheich-ül-islam angehören, ist die oberste Kollegial- 
behörde in der Türkei. Die Beratungen finden unter dem Vorsitze 
des Großwezirs statt, der in dieser Eigenschaft den Titel reisi wükeiä 
(Ministerpräsident) führt. 

Dem Ministerrat, dessen Zuständigkeit durch die Verordnung vom 
31. 3. 1909I geregelt worden ist, sind alle wichtigen Fragen vor- 
zulegen, die auf die äußere und innere PoHtik Bezug haben, ins- 
besondere Gesetzentwürfe und Notverordnungen (vgl. t. 36). Die 
Verordnung vom 6. 6. 1912 2 bestimmt ergänzungsweise hierzu, 
daß die Aufgaben des Ministerrats sich auf folgende drei Gruppen 
beschränken sollten: 

1. Fragen in bezug auf die allgemeine Politik, 

2. Angelegenheiten, die eine gemeinschaftliche Verantwortlich- 
keit der Minister erfordern, gemäß den besonderen Vorschriften 
des Staatsgrundgesetzes, 

3. Angelegenheiten, die gemäß anderen Gesetzen von einer Ent- 
scheidung des Ministerrats abhängig sind. 

Den Beschluß des Ministerrats ^ unterbreitet, falls er der Be- 
stätigung bedarf, der Großwezir dem Sultan durch ein besonderes 
Schreiben 4=. In V. 1909 wurde an Stelle des Wortes istizän (d. h. 
Bitte um Ermächtigung) der nunmehr übliche Fachausdruck tasdiq 
(d. h. Bestätigung) gesetzt. 

1 $. D. 2 I 143; vgl. Anwcigungen vom 6. 10. 1874 (25. Sa'bän 1291), «. D. * IV 613. 

* B. D. 2 IV 547. 

* meglisi wükeiä qaräry. 

* der Fachausdruck hierfür lautet: te^ker^i maWüze, während das Schreiben dei Groß- 
wezirs an den Landtag tegker^i sämije heißt. 

8» 



110 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

Artikel 2g : Die Einzelminister. 

Der Verkehr zwischen den einzelnen Ministern und dem Sultan 
findet nicht unmittelbar, sondern durch Vermittlung des Groß- 
wezirs statt. 

Die Unterschiede, die im einzelnen %e\ der Abgrenzung des 
Wirkungskreises und der Zuständigkeit des Großwezirs und der 
ihm untergeordneten Minister durch V. 1900 gegenüber V. 1876 
festgestellt wurden, ergeben sich aus folgender Übersicht: 

A. Die Einzelminister: 

1. Die in ihren Amtskreis fallenden Geschäfte versehen sie selbst, 
soweit sie dazu befugt sind. 

2. Die über ihre Befugnisse hinausgehenden Angelegenheiten 
tragen sie dem Großwezir vor unter Stellung von zweckdienhchen 
Anträgen 1. 

B. Der Großwezir: 

1. Erübrigt sich eine vorgängige Beratung des Ministerrats, so 
unterbreitet der Großwezir die Angelegenheit unmittelbar dem 
Sultan, soweit dies erforderlich ist (V. 1876: trifft er selber die 
notwendigen Maßnahmen oder bittet den Sultan um Ermächtigung 
dazu). 

2. Bedarf es einer Beratung, so traf nach V. 1876 der Großwezir 
nach Beschlußfassung des Ministerrats und Bestätigung durch den 
Sultan die erforderlichen Maßnahmen. Seit V. 1909 ist zu unter- 
scheiden, ob 

a) eine Bestätigung durch den Sultan notwendig ist. Dann 
unterljreitet der Großwezir die Angelegenheit nach stattgehabter 
Erörterung in dem Ministerrate dem Sultan zur Bestätig^ung. 

b) eine solche nicht verlangt wird. Dann berichtet er formlos 
dem Sultan. 

C. Der Scheich-ül-islam: 

Eine vollständig unabhängige Stellung nimmt seit alter Zeit der 
Scheich-ül-islam 2 ein. Seine Hauptaufgaben sind: die Oberaufsicht 

^ vgl. preuß. Kahinettsordre vom 8. 9. 1852, wonach die Einzelminister trotz des in 
Preußen herrschenden Kollegialsystems nicht ohne Wissen des Ministerpräsidenten dem 
König Vortrag halten sollten (von Bedeutung bei Bismarcks Entlassung!). 

2 Eine erschöpfende Darstellung dieser Staatseinrichtung liegt gegenwärtig leider noch 
nicht vorl Einige kurze Angaben s. in dem Artikel „Das Scheich-iÜ-islamat", von Habib 
Edib (Tägl. Rundschau Nr. 116, 19. 5. 191 7). 



Jäscilkf, Die rechtliche Bedeutung des türkischen •^tant.ogrnnd'jesetzeK. 117 
eoooeoooooooooooeeooooooooooooooooooocxjoooooooooooeoooooooooooooooocxMoooooooooooooooooooooooooeoooea 

Über den mohammedanischen Kultus und das geistliche Unterrichts- 
wesen und die Prüfung und Unterzeichnung der vom F'etwa emini 
verfaßten Rechtsgutachten 1. Seine Ernennung steht dem Sultan 
unmittelbar zu (vgl. t. 7, 27). 

Soweit Angelegenheiten der Beschlußfassung des Ministerrats 
nicht unterliegen, gebührt dem Scheich-ül-islam das Recht zum per- 
sönlichen Vortrag' beim Sultan. Dieser bereits bestehende Rechts- 
zustand wurde durch V. 1909 in t. 29 bestätigt. 

Artikel 30: Die Ministerveranfwortlichkeit. 

Zu der UnverantwortHchkeit des Monarchen, die in die Ver- 
fassungsurkunde regelmäßig aufgenommen ist (vgl. t. 5, b. 63, 
p. 43 —44), bildet die begrifflich notwendige Ergänzung die Ver- 
antwortlichkeit der Minister. Auch V. 1876 enthielt diese bereits 
in t. 30, allerdings in ziemlich allgemein gehaltenen Worten. Mit 
dem Ausbau dieses Artikels beschäftigt sich darum das Jung- 
türkische Parteiprogramm von 1909 (Artikel 1: Die Partei wird 
sich bemühen, . . . das Prinzip der Verantwortlichkeit der Minister 
gegenüber dem Landtage durchzusetzen). 

Im Gegensatz zu der farblosen Fassung von V. 1876 bezeichnet 
V. 1909 genau, wofür, wem gegenüber und wodurch die Minister 
die Verantwortung übernehmen. 

Sie soll dem Abgeordnetenhause gegenüber übernommen 
werden und durch den Akt der Gegenzeichnung in Erscheinung 
treten. Diese verleiht dem durch die Vollziehung des Sultans rechts- 
beständig gewordenen Beschlüsse erst volle Gültigkeit. (Dies drückt 
auch p. 44, d. 17 (positiv), b. 64 (negativ) aus.) Durch die Ver- 
kündung 2 erhalten die Staatsbürger Kenntnis von der Gegen- 
zeichnung. Alle Beschlüsse, die der Bestätigung des Sultans be- 
dürfen, müssen gegengezeichnet werden, und zwar regelmäßig vom 
Großwezir und dem zuständigen Fachminister, dem die Verant- 

1 Tgl. Verordnung betr. das Fetwä-chäne vom 13. Moharrem 1292, s. D. ^ IV 76. Eine 
Übersicht über die dem Scheich-ül-islamat untergeordneten Behörden enthält das von 
ihm herausgegebene Jahrbuch für 1334 d. h. (vgl. W. I. IV H. 1/2, S. 26). Das Be- 
rufungsgericht für geistliche Sachen besteht jedoch nicht mehr. 

Die bekanntesten Rechtsgutachten aus neuerer Zeit vom 27. 4. 1909 s. \V. I. II S. 4 
und vom 14. 11. 1914 (unterzeichnet am 11. II.) s. W. I. III S. i ff. An der Hand 
der daselbst wiedergegebenen Kriegsurkunden sind einige Irrtümer zu berichtigen, 
die die Darstellung in W. I. V S. 36 enthält. 

• Tgl. S. 104. 



ii8 Die Weh des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

wortung für den einzelnen Akt oblieg-t i. Für die allgemeine 
Politik der Regierung trägt das Gesamtministerium die Verant- 
wortung. Darum wird bei Beschlüssen des Ministerrats die Unter- 
schrift aller Minister gefordert. 

Findet während der Parlamentsferien ein Wechsel des Ministeriums 
statt, so liegt die Verantwortung für die Regierungsakte der 
Zwischenzeit dem neuen Ministerium ob (t. 7, vgl. S. 112). 

Zur Durchführung der Ministerverantwortlichkeit dient das par- 
lamentarische Anklagerecht, das als ihr stärkstes rechtliches 
Sicherungsmittel anzusehen ist 2. Das belgische Recht hat es nach 
englischem Muster ausgestaltet (vgl. b. 90), und auch die preußische 
Verfassung (vgl. p. 61) kennt es in den Fällen der Verfassungs- 
verletzung, der Bestechung und des Verrats. Da jedoch das in 
t. 61 vorgesehene Gesetz noch nicht ergangen ist, so entbehrt 
sowohl diese Bestimmung als auch p. 49, Abs. 2 (Begnadigung 
eines Ministers) jeder praktischen Bedeutung. 

Die Einzelheiten des Anklageverfahrens, über das der in t. 92 — 95 
behandelte Hohe Gerichtshof ^ zu entscheiden hat, sind in t. 31 — 34 
geregelt. 

Artikel 35: Der Konflikt zwischen dem Ministerium und dem 
Abgeordnetenhause. 

Das Recht der Ernennung und Entlassung der Minister sowie 
der Auflösung der Volksvertretung bildet einen Bestandteil der 
vollziehenden Gewalt. Diese steht in Preußen dem Könige allein 
(p. 45), in Belgien in der durch die Verfassung festgelegten Form 
zu (b. 29). Der preußische König kann nach freiem Ermessen 
zum Minister wäjilen, wen er will, und ist weder rechtlich noch 
politisch verpflichtet, einem Wunsche der Landtagsmehrheit statt- 
zugeben (p. 45). Es bleibt ihm unbenommen, das Abgeordneten- 
haus aufzulösen, so oft er es für ratsam hält (p. 51, vgl. auch 
d. 65, 71). 

In derselben Weise war vor V. 1909 auch der Sultan in seinem 
Rechte, die Minister abzusetzen oder das Abgeordnetenhaus auf- 
zulösen (vgl. t. 7), völlig frei. t. 35 stellte es ihm anheim, welchem 
von beiden Entschlüssen er im Falle eines Konflikts zwischen 

1 daneben stets vom Finanzminister, sobald die Finanzen durch diesen Beschluß berührt 

werden. 
* vgl. Hubrich, Die Staatsformen . . .; vgl. S. 124. 
' diwäni 'ali. 



Jäsch/ce, Die rechtliche liedcntmig des türkischen Staatsgrundgesetzes. iig 

0OO000COO0000O000<XXXXX)CXX)000000000000eO00CXXXXX30000000CXXXXXXX)CXX»(X»00000<XXXXXXXXXXDOOC^^ 

Ministerium und Abgeordnetenhaus den Vorzug" geben wollte. Bei 
Beratung von V. 1909 erachtete es das Abgeordnetenhaus für un- 
umgänglich, das Auflösungsrecht des Sultans vor einem Mißbrauch, 
den es befürchtete, zu schützen und knüpfte darum einschränkende 
Bedingungen an die Ausübung dieses Rechtes, ohne es doch dem 
Herrscher gänzüch abzustreiten. Diese sind aus t. 7 zu ersehen; 
die wichtigste ist die Abhängigmachung von t. 35. Der Wortlaut 
dieses Artikels (nach V. 1909) sieht für den Fall eines Zwistes 
zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus drei Entwicklungs- 
stufen vor: 

1. Der Ausbruch des Konflikts: Wenn sich eine Meinungsver- 
schiedenheit herausstellt und die Minister auf ihrer Meinung 
(V. 1876: auf der Annahme einer Gesetzesvorlage) bestehen, so 
müssen die Minister ihre Auffassung aufgeben oder aber, falls eine 
zweimaHge Abstimmung des Abgeordnetenhauses zu ihren Un- 
gunsten entscheidet, um Entlassung bitten. Die Abgeordneten 
brauchen ihre Beweggründe im einzelnen nicht mehr anzugeben. 

2. Der Wechsel des Ministeriums: Schließt sich im Falle des 
Kabinettswechsels das neue Ministerium der Ansicht des vorigen 
an und läßt sich auch jetzt keine Einigung mit dem Abgeordneten- 
hause erzielen, so kann der Sultan (erst jetzt) zur Auflösung 
schreiten, die aber den Bedingungen des t. 7 unterliegt. Es muß 
also zuvor ein Gutachten des Senats eingeholt werden und außer- 
dem muß drei Monate nach der Auflösung (früher gemäß t. 73: 
sechs Monate) das neu gewählte Abgeordnetenhaus versammelt sein. 

3. Die Auflösung der Kammer: Ist das Abgeordnetenhaus einmal 
aufgelöst und vertritt das neu gewählte denselben Standpunkt, so 
müssen sich die Minister der Abstimmung des Abgeordnetenhauses 
unterwerfen oder aber zurücktreten, eine abermaUge Auflösung 
wäre erst nach einem neuen Kabinettswechsel statthaft. 

Keine Bestimmung von V. 1909 empfand die Regierung so 
drückend als t. 35. Darum wurde auch dieser Artikel zuerst an- 
gegriffen, und um seiner Abänderung wUlen brach im Jahre 1911 
ein Verfassungskonflikt aus, dessen Nachwirkungen bis ins Jahr 
1916 zu spüren waren. Nach Ansicht der Regierung waren die 
Befugnisse, die das Abgeordnetenhaus durch V. 1909 erhielt, weniger 
geeignet, die Trennung der Gewalten 1 herbeizuführen, als vielmehr 
das Gleichgewicht 2 der Gewalten zu stören. In der Tat mußte 

1 tahdldi salähijet (vgl. W. I. V H. 1/2, S. 42). 
* tewäzün. 



120 TJie Welt dfs Idaim, Band V. i9i7, Heft 3 

CC<)OeOOC»OOOC»OOOOOOOOOC»OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCIOOOOOOOOOOOOOOOOO(XOOOOOOCXX)CO^^ 

die volle Ausnutzung dieser Rechte durch das Abgeordnetenhaus 
zu Eingriffen in die vollziehende Gewalt führen und die ruhige 
und gleichmäßige Entwicklung des Verfassungslebens gefährden. 
Von den verschiedenen Entwürfen, die dem Abgeordnetenhause 
vorgelegt wurden, erlangte nur der zweite Gesetzeskraft, der am 
24. 6. 1912 in 1. Lesung, am 25. 5. 1914 in 2. Lesung angenommen 
und am 28. 5. 1914 vom Sultan bestätigt wurde. Damit wurde 
t. 35 in der Fassung von V. 1876 im wesentlichen wieder herge- 
stellt, jedoch mit einer bemerkenswerten Ausnahme: die Schluß- 
bestimmung von V. 1909 wurde trotz des widersprechenden Antrags 
der Regierung aufrechtgehalten. Der Sultan hatte zwar im Falle 
des Konflikts wieder freie Wahl zwischen der Entlassung und der 
Auflösung, wählte er aber letztere, so war das Ministerium an die 
Abstimmung des neuen Abgeordnetenhauses gebunden, wenn sich 
diese mit derjenigen des aufgelösten deckte. Ferner blieb gemäß t. 7 
die Ausübung des Auflösungsrechtes nach wie vor von t. 35 d. h. 
von der Voraussetzung eines Konflikts abhängig. Endlich ist zu 
beachten, daß abweichend von V. 1876 die Neuwahlen binnen vier 
(V. 1876 in t. 73: sechs, V. 1909 in t. 7: drei) Monaten beendet 
sein sollten. 

Konnte sich das Abgeordnetenhaus im Jahre 1914 noch nicht 
entschließen, t. 35 in der Form von V. 1876 gänzlich wieder her- 
zustellen, so ging V. 1916 sogar über die Verfassung Midhats 
(wenigstens formell) hinaus, indem nun t. 35 völlig gestrichen wurde. 
In der Tat schien der ganze Artikel entbehrlich zu sein, wenn man 
dem Sultan wieder das unumschränkte Auflösungsrecht zubilligte, 
und auf die Schlußbestimmung des t. 35 (V. 1909) verzichtete. Ent- 
steht jetzt ein Konflikt, so hat der Sultan auf Grund von t. 7 wie 
einstmals gemäß t. 35 die freie Wahl, ob er das Abgeordneten- 
haus auflösen oder das Ministerium entlassen will, insbesondere kann 
er die Auflösung mehrfach vornehmen, ohne, wie nach V. 1909 
in jedem Falle zuvor das Ministerium wechseln zu müssen 1. Das- 
selbe gilt auch von der preußischen Verfassung. Nur ein (freilich 
bedeutender) Unterschied bleibt zwischen dem türkischen und 
preußischen Rechte bestehen: Spricht das Abgeordnetenhaus dem 
Ministerium das Mißtrauen aus, so muß dieses zurücktreten (vgl. 
t. 38), wenn nicht der Sultan von seinem Auflösungsrecht Gebrauch 
machen will. In Preußen besteht in einem solchen Falle kein 
rechtlicher Zwang zu einer EntschUeßung des Königs (vgl. S. 118). 

1 Tgl. W. I. IV, H. 1/2, S. 86. 



Jäsc.l'ke, Die rechtliche. Bedeutung des türkischen Staatsgrundgesetzes. i 2 1 

«'00O0O0OO0O0OO0000000O0O(XXXXXXXX)0000000000000(XXXXX»0O0O00000O000OC«00OO(X)C^^ 

Artikel 36: Die Notverordnung. 

Da die Mitwirkung der Volksvertretung bei der Gesetzgebung 
den Grundstein der meisten Verfassungen bildet, so werden Aus- 
nahmen hiervon regelmäßig nur unter schwerwiegenden Be- 
dingungen für zulässig erklärt. Das Recht, im Verfassungsstaate 
allgemein gültige Rechtsverordnungen mit Gesetzeskraft an Stelle 
formeller, unter Mitwirkung aller verfassungsmäßig berufenen 
Faktoren zustande gekommener Gesetze zu erlassen (sog. Not- 
verordnungsrecht i), ist der Verfassung Belgiens ebenso wie der- 
jenigen des Deutschen Reiches nicht bekannt, wohl aber der Elsaß- 
Lothringens 2. In der türkischen Verfassung ist dieses Recht der 
vollziehenden Gewalt anerkannt, freilich unter ähnlichen Voraus- 
setzungen, wie den in Preußen (vgl. p. 63) und Osterreich (vgl. 
Gesetz vom 21. 12. 1867) geltenden; t. 36 bestimmt: 

1. Notverordnungen dürfen nur in Zeiten, in denen der Landtag 
nicht versammelt ist, erlassen werden ^. 

2. Die Einberufung des Landtags darf infolge der Zeitverhältnisse 
nicht mögüch sein. Dies ist vor allem während des Belagerungs- 
zustandes* der Fall. 

3. Es muß ein dringendes Bedürfnis nach sofortiger gesetzlicher 
Regelung vorhanden sein, ohne welche sonst eine Gefahr für den 
Staat oder die öffentliche Sicherheit erwachsen würde. (In der 
Praxis wird dies allerdings sehr weit ausgedehnt!) 

1 vgl. Österr. Verfassungsgesetz vom 21. 12. 1867, § 14: ,, Anordnungen, zu welchen 
verfassungsmäßig die Zustimmung des Reichsrates erforderlich ist." 

2 vgl. e. 23. 

' Wohl aber am Eröffnungs- oder Schließungstage selbst, wenn nur vor der Eröffnung 
oder nach der Schließung; es gilt also in diesem Falle die natürliche Berechnung 
(a momento ad monientum); Beispiele bierfür sind die vorläufigen Gesetze vom 
14. 10. 1911 (s. D. 2 m 757) und vom 2. 8. 1914 (s. D. 2 VI 909). Seit 190& 
konnten also vorläufige Gesetze ergehen: 
vom 21. 8. 



z 1 . 

28. 



6 


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I9IO 


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zum 


14. 
14. 


1 1. 

11. 


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1910, 


3- 


6 


I9II 






14. 


10. 


1911, 


18. 


I 


I9I2 






18. 


4- 


1912, 


5. 


8 


I9I2 






14. 


5- 


1914, 


2. 


8 


I914 






14. 


12. 


1914, 


I. 


3 


1915 






28. 


9- 


1915, 


13- 


3 


I916 






14. 


II. 


1916, 


31- 


3 


I917 






?(I. 


II. 


1917?) 



Auch während einer Unterbrechung der Tagung des Landtags sind vorläufige Gesetze 
zulässig (z. B. 1915 1). 
* vgl. t. 113 (8. 133). 



122 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

«00OOO000OC»O00000000000000C0CXXX500C)00O0O0O0O0000CXX)0CXXXXXXXXXXXX)0O(X)0CXXXX>XXD0^^ 

4. Notverordnungen dürfen nicht der Verfassung zuwiderlaufen 1. 
(Für Verfassungsänderungen, die nur im Wege eines formellen 
Gesetzes zulässig sind, gelten die erschwerten Bedingungen von 
t. 116!) 

5. Es genügt die Gegenzeichnung des zuständigen Ministers. 
(In Preußen muß das gesamte Staatsministerium die Verantwortung 
übernehmen!) 

6. Die Gesetzeskraft tritt wie bei formellen Gesetzen (vgl. t. 54) 
mit der Erteilung des Iräde durch den Sultan ein. 

7. Die Gesetzeskraft einer Notverordnung erlischt, sobald das 
Abgeordnetenhaus einen Beschluß über sie faßt. 

8. Jede Notverordnung ist alsbald nach dem Zusammentritt des 
Abgeordnetenhauses diesem zur Beschlußfassung vorzulegen (vgl. 
p. 63). (Diese durch V. 1909 hinzugefügte Bestimmung wurde 
gewohnheitsrechtlich sehr milde ausgelegt!) 

In Preußen tritt eine Notverordnung, der eine Kammer des 
Landtags die Genehmigung versagt, erst mit der ausdrücklichen 
Aufhebung durch die Staatsregierung außer Kraft. Diese geschieht 
durch Bekanntmachung in der vom Gesetze vorgeschriebenen Form 
(vgl. p. io6), d. h. durch Verkündung in der „Preußischen Gesetz- 
sammlung". Allerdings ist die Regierung, wenn eine Kammer 
die verfassungsmäßig erforderliche Zustimmung nicht erteilt, ver- 
pflichtet, die Notverordnung unverzüglich außer Kraft zu setzen. 

In Österreich ist das Ministerium dafür verantwortlich, daß Not- 
verordnungen, die infolge Nichtgenehmigung seitens eines der 
beiden Häuser des Reichsrates ihre provisorische Gesetzeskraft 
verloren haben, sofort außer Wirksamkeit gesetzt werden. 

Wie bereits erwähnt, ist im Deutschen Reiche ein allgemeines 
Notverordnungsrecht nicht anerkannt (vgl. d. 5). Für die Dauer 
des gegenwärtigen Krieges aber erhielt der Bundesrat in gewissem 
Sinne dieses Recht durch das Ermächtigungsgesetz vom 4. 8. 1914, 
das ursprünglich nur für wirtschafthche Maßnahmen gedacht war, 
durch die spätere Auslegung aber eine weit darüber hinausgehende 

1 Diese auch in p. 63 enthaltene Vorschrift war nicht in der preuß. Verfassung vom 
5. 12. 1848 vorhanden (vgl. Artikel 105); daher erklärt sich die Rechtsgültigkeit der 
„Verordnung über die Ausführung der Wahl der Abgeordneten zur Zweiten Kammer" 
vom 30. 5. 1849, andererseits aber auch die Unmöglichkeit, diese im Wege der Not- 
verordnung aufzuheben oder abzuändern, da sie gemäß p. I15 einen Bestandteil der 
Verfassung bildet. Auch das türkische Wahlgesetz kann nicht durch ein vorläufiges 
Gesetz abgeändert werden (vgl. t. 66). 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsgrundgesetzes. 123 

•C»OOOC0OO<XXXX)OO»0000O0C5000O000OO00O00000CXXX)C)OCXXXX)O00OCXXXX)OO000O<X50O0O00OO<X)O0OO0O^^ 

Bedeutung erlangt hat. Die auf Grund des § 3 dieses Gesetzes 
vom Bundesrate erlassenen Verordnungen sind auf Verlangen des 
Reichstages, dem sie bei seinem nächsten Zusammentritt zur Kennt- 
nis zu bringen sind, wieder aufzuheben. 

In Elsaß-Lothringen treten die Notverordnungen, die der Kaiser 
erläßt, ipso iure außer Kraft, sobald der Landtag die Genehmigung 
versagt (vgl. e. 2;^). 

Eine noch stärkere Wirkung hat in der Türkei der erwähnte 
Beschluß des Abgeordnetenhauses: ein „vorläufiges Gesetz" 1 (so 
wird die Notverordnung dort genannt) verliert nämlich seine Gültig- 
keit nicht nur im Falle der Verweigerung der Genehmigung durch 
das Abgeordnetenhaus 2, sondern seine Gesetzeskraft erlischt merk- 
würdigerweise auch dann, wenn das Abgeordnetenhaus die Genehmi- 
gxing erteilt. In diesem Falle bedarf es eines neuen formellen Gesetzes, 
das, auch wenn es mit dem vorläufigen wörtlich übereinstimmt, den 
verfassungsmäßigen Bedingungen unterworfen ist (vgl. t. 54 ^). 

Eine Ergänzung des t. 36 nach der finanzwissenschaftlichen Seite 
stellt t. 101 dar, auf den die Praxis, obwohl er zweifellos als lex 
specialis im Verhältnis zu Artikel 36 gemeint ist, gleichwohl die 
Bestimmungen des Artikel 36 entsprechend anwendet. t. 101 
lautet: „In Zeiten, in denen der Landtag nicht versammelt ist, 
dürfen Ausgaben, die im Staatshaushaltsgesetze nicht vorgesehen 
sind, infolge zwingender, außergewöhnlicher Umstände aber not- 
wendig erscheinen, gemacht und die dafür erforderlichen Gelder 
beschafft werden, sofern das Gesamtministerium die Verantwortung 
übernimmt und der Sultan durch ein Irade die Bestätigung erteilt; 
doch ist dem Landtag alsbald nach seiner Eröffnung ein Gesetz- 
entwurf darüber vorzulegen." 

Erwähnt sei, daß die preußische Regierung die t. 101 entsprechende 
Vorschrift des p. 104 stets gewissenhaft beobachtete; so suchte sie 
z. B. im Jahre 1866 für die in der Konfliktszeit gemachten Mehr- 
ausgaben die Genehmigung des Landtags nachträglich nach (vgl. 
„Gesetz, betr. die Erteilung der Indemnität in bezug auf die Führung 
des Staatshaushaltes vom Jahre 1862 ab . . ." vom 14. g. 1866). 

1 qänüni müweqqat. 

2 Diese wird seit 19 16 auch im T. W. veröffentlicht, während sie bis dahin nur au« dem 
Sitzungsbericht (zabf geridesi) zu ersehen war. 

* Näheres über diese rechtlich einzig dastehende Erscheinung siehe bei: ,,H. Voigt, Einig« 
über die provisorische Gesetzgebung in der Türkei," Zeitschrift für vergl. Rechtiwi««ea- 
schaft 34. Jg., H. III, 1916. 



124 ^^^^ ^^'^^^ <^^'^ Idmn.'^, Band V. 1917, Heft 3 

eC<XXXX)O00OOOO0O0000O0(X)CX)0000000000OO0OOO0<X)00O0O0OO00O00O0O000OCXXX<XXXXXXXXXXXXX>OCK>^^ 

Artikel 38: Die Mißtrauenserklärung. 
Die Minister sind berechtigt, den Sitzungen der Kammern bei- 
zuwohnen und jederzeit vor allen Mitgliedern das Wort zu er- 
greifen (t. 37, vgl. b. 88, p. 60, e. 17I). Andererseits haben sie 
aber die Pflicht zu erscheinen, und Auskunft zu erteilen, wenn die 
Mehrheit der Abgeordneten es wünscht; t. 38 gewährt ihnen dabei 
einen doppelten Vorzug: 

1. Sie brauchen nicht persönHch zu erscheinen, sondern können 
einen Vertreter bestimmen. Ausnahmsweise wird ihre Gegenwart 
gefordert bei der Feststellung der Staatsausgaben und Einnahmen 
(t. 80). 

2. Sie können eine Vertagung ihrer Antwort verlangen 2. Dieses 
Recht bestritt das Abgeordnetenhaus am 13. 2. 1909 dem Groß- 
wezir Kjamü Pascha. Jener Vorfall wurde zum Anlaß für die Ein- 
führung der Mißtrauenserklärung durch V. 1909. 

Die Mißtrauenserklärung der Volksvertretung mit der durch die 
Verfassung daran geknüpften Folge des Rücktritts des Ministeriums 
stellt das schärfste politische Sicherungsmittel der Ministerver- 
antwortlichkeit dar 3. Es wird namentlich in den Fällen zur An- 
wendung gelangen, in denen das rechtliche Mittel der parlamen- 
tarischen Anklage versagt, denn letztere setzt gewisse schwere 
Verbrechen voraus*. Es kann nun trotz Fehlens dieser Bedingung 
die Überzeugung Platz greifen, daß das Verbleiben eines Ministers 
im Amte bedenküch oder die allgemeine PoUtik eines Kabinetts 
verfehlt und schwere, vielleicht unheilbare Schädigungen hervor- 
zurufen geeignet sei. Bei der Beratung des V. 1909 glaubte darum 
das Abgeordnetenhaus die Mißtrauenserklärung mit ihren ver- 
fassungsmäßigen Folgen in der Türkei einführen zu sollen. Es 
erblickte darin eine Handhabe, um gegebenenfalls den Sultan da- 
von überzeugen zu können, daß ein Wechsel des Ministeriums, 
welches nicht mehr das Vertrauen der Mehrheit des Abgeordneten- 
hauses genießt, mit Rücksicht auf das bei der Gesetzgebung er- 
forderliche Einvernehmen zwischen den gesetzgebenden Faktoren 
zu einer poHtischen Notwendigkeit werden kann. War der Sultan 
anderer Meinung, so blieb ihm ja das Recht, gemäß t. 35 das 

1 Im Deutschen Reichstag auch die Mitglieder des Bundesrats, vgl. d. 9. 

• vgl. Geschäftsordnung des Deutschen Reichstags, § 32. 

• vgl. Esmein, Elements du droit constitutionnel: ,,Le gouvernement parlementairc n'cft 
autrc chose que la responsabilite ministerielle pousscc a scs dcrnieres limites." 

• vgl. S. 118. 



Jäschfce, Die rpcJitlvhe Bedeutung des türhüchen Staatsgi-rindgesetzes. 125 

Abgeordnetenhaus aufzulösen — allerdings erst nach einmaligem 
Ministerwechsel — und sich unmittelbar an die Wähler zu wenden. 
Mit der Aufnahme der Mißtrauenserklärung in die Verfassung wurde 
das parlamentarische System, das gerade in diesem Punkte 
am deutlichsten in Erscheinung tritt, zum formellen Gesetze er- 
hoben. Damit ging man sogar über das belgische Recht hinaus. 
Denn in Belgien besteht zwar gewohnheitsrechtlich der Brauch, 
das Ministerium aus der jeweiligen Kammermehrheit zu entnehmen, 
die Verfassung selbst aber enthält darüber nichts (vgl. jedoch 
b. 25 1). In Preußen, wo das parlamentarische System nicht an- 
erkannt ist, hat der Landtag kein Mittel, den König zur Entlassung 
mißliebiger Minister zu zwingen. Dasselbe gilt im Deutschen Reiche. 
Das dem Reichstage seit 1912 zustehende Recht, im Anschluß an 
Interpellationen durch Abstimmung festzustellen, daß die Behand- 
lung der den Gegenstand der Interpellation bildenden Angelegen- 
heit durch den Reichskanzler der Anschauung des Reichstags ent- 
spricht oder nicht entspricht 2, hat bisher keinerlei rechtliche und 
auch nur geringe politische Bedeutung erlangt, t. 38 bedeutet 
ebenso wie früher t. 35 einen Eingriff in das Recht des Sultans, 
die Minister zu ernennen und zu entlassen. Darum wurden in 
t. 7 vor Absetzung 3 die Worte „dem geltenden Brauche gemäß"* 
eingeschaltet. 

IV. Der Landtag [meglisi \imümi: Artikel 42 — 59). 
Artikel 43: Die Sitzungsdauer. 
In der Türkei tritt der Landtag alljährlich Anfang November 
(vgl. p. 76) zusammen, ohne daß es seit V. 1909 einer besonderen 
Einberufung 5 bedarf (vgl. b. 70: Les chambres se r^unissent de 
plein droit chaque annee le deuxieme mardi de novembre . . .). 
Damit die Abgeordneten sich zu diesem Zeitpunkte versammeln 
können, beginnen die Wahlen, die aUe vier Jahre stattfinden (t. 69) 
spätestens vier Monate vor dem 14. 11. (t. 70). Jene Bestimmung ^ 
wurde durch V. 1909 eingeschaltet, um dadurch hervorzuheben, daß 

1 Tous les pouvoirs emament de la nation (vgl. Franz. Verfassung vom 3. 9. 1791, 
Titre IE, Art. II). 

* Geschäftsordnung, § 33 a. 
» 'azl. 

* cHd usül. 

* da^wet. 

* büa da^wetin. 



126 Die ^Velt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

•90Oe0O00OO0O0O0O0O0OO0000000000000<XXX>000000OCXXXXXXX>O00OO000CXX>CKXX)OOO<X)^^ 

der Anfangstermin einer ordentlichen Tagung nicht mehr hinaus- 
geschoben werden könne (vgl. t. 44). Gleichwohl treten die Kammern 
in der Türkei sowie in Preußen niemals aus eigenem Rechte zu- 
sammen, und ein FaU, wie ihn b. 79 vorsieht, wäre dort undenkbar. 
Denn die Eröffnung blieb bisher stets dem Sultan vorbehalten, 
der sie durch ein Iräde vollzieht. (In Preußen bedarf es in jedem 
Falle sogar der Einberufung (vgl. b. 51, 56, 57, d. 12, e. ii).) Als 
dem Sultan durch V. 1914 wieder das Recht, den Anfangstermin 
zu vertagen, zuerkannt wurde (vgl. t. 7) 1, nahm man auch eine 
entsprechende Änderung am Wortlaut des t. 43 vor. 

Die Schließung, die gleichfalls durch ein Iräde erfolgt, wurde 
durch V. 1909 von Anfang März auf Anfang Mai verlegt. Diese 
Verlängerung der Mindestdauer der ordentlichen Tagung (vgl. 
t. 44) auf sechs Monate wurde damals als notwendig angesehen, 
um dem Landtag die Mögüchkeit zu geben, die zahlreichen 
Gesetzentwürfe zu erledigen, die in dem ersten Jahre nach der 
Wiederherstellung der Verfassung ihm vorgelegt wurden. Da im 
Falle der durch V. 1914 eingeführten Vertagung der Eröffnungs- 
tag sich verschob, so wurde t. 43 dahin berichtigt, daß die 
Schüeßung nicht mehr an einem bestimmten Termine, sondern 
nur 6 Monate nach der Eröffnung erfolge. Diese Frist wurde 
durch V. 1915 wieder auf vier Monate (vgl. V. 1876) herabgesetzt. 
Die jungtürkische Partei hatte bereits im Jahre 1911 die Rück- 
kehr zur Verfassung Midhats in diesem Punkte beschlossen (vgl. 
Artikel 5 des Programms). 

Ferner spricht t. 43 den Grundsatz der Gemeinsamkeit der 
Tagungen beider Kammern aus (vgl. p. 77, b. 59). 

Endlich wurde durch V. 1914 eine Ergänzung beschlossen, deren 
Auslegung im Jahre 1912 eine berühmte Streitfrage büdete. Es 
wurde nämlich im Falle einer Auflösung die Tagung des neuen 
Abgeordnetenhauses als außerordentUche (vgl. t. 7) bezeichnet 
und ihre Dauer auf zwei Monate festgesetzt, wobei eine Ver- 
längerung, nicht aber eine Vertagung zulässig sein sollte. Aus 
der Bestimmung, daß die vierjährige Wahldauer (t. 69) wieder am 
14. 11. beginnen sollte, zog die Regierung damals die Folgerung, 
daß nach der zweimonatlichen Tagung eine abermalige Neuwahl 
des Abgeordnetenhauses (auch ohne vorherige Auflösung) erforder- 
Hch sei (vgl. W. I. V H. 1/2, S. 34). 

1 vgl. S. 111. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türh'schen Staatsgnmdgesetzes. 127 

ee«OeOO0O0OCXXX3OOeO00OO0CXXXXX)00O0OO0O00CKXXXXX»OO0OO0OOO0OOCXXXXXXXXX3O0O000O0OO0OOOO00O0O^^ 

Artikel 44: Die Abänderung der Sitzungsdauer. 

Nach V. 1876 besaß der Siütan das Recht, die Tagung des Land- 
tags aus Staatsrücksichten zu verlängern 1 oder zu verkürzen 2, sei 
es durch verspätete Einberufung, sei es durch vorzeitige Schließung. 
Diese Befugnis wurde ihm durch V. 1909 aberkannt. Danach konnte 
er die Sitzungsdauer lediglich verlängern (vgl. auch t. 7), und zwar 
sowohl durch Eröffnung vor dem 14. 11. (vgl. z. B. 1911) als auch 
durch Schließung nachdem 14.5. (vgl. z. B. 1910, 1911)8. Dies konnte 
er nicht nur aus eigenem Entschluß, sondern auch auf Grund eines 
schriftlichen Antrages der Mehrheit der Abgeordneten tun. 

Seit Beseitigung der Möglichkeit einer Verkürzung beträgt die 
Mindestdauer einer ordentUchen Tagung ^ sechs Monate; seit V. 1915 
zwar wieder vier Monate, jedoch muß sie im Falle einer Vertagung 
oder Schließung innerhalb desselben Sitzungsjahres*, d.h. vor dem 
14. 11.^, beendet sein (vgl. t. 7)*. 

Die Wahldauer '^, auch Mandatsdauer ^ genannt, beträgt in der 
Türkei vier Jahre (vgl. t. 69, ebenso: b. 51, Teüwahlen, wie sie in 
Belgien übhch sind, finden aber nicht statt). 

In Preußen wie im Deutschen Reiche betrug die Gesetzgebungs- 
dauer (Legislaturperiode) nach der Verfassung drei Jahre (p. 73 
d. 24); sie wurde durch Gesetz vom 27. 5. bzw. 19. 3. 1888 auf 
fünf Jahre erhöht und beginnt nach herrschender Ansicht erst mit 
der Eröffnung des Parlaments. Im Gegensatz hierzu bestimmt die 
Verfassung für Elsaß-Lothringen (§ 8) als Beginn der Wahldauer 
des Landtags den Tag der allgemeinen Wahlen. Das gleiche ist 
nach t. 69 vom türkischen Recht anzunehmen. 

Der Anteil des Landtags an der Gesetzgebung. 
Artikel 53: Das Vorschlagsrecht 1°. 
Die Mitwirkung der Volksvertretung an der Gesetzgebung be- 
schränkt sich im monarchischen Staate auf die Feststellung des 

1 temdld. 

* tenqxs. 

3 vgl. W. I. V H. 1/2, S. 30—31. 

* detvfe'i igtimä%je. 
s sent^i igtimäHje. 

6 jetzt: I. II. (vgl. Gesetz vom 21. 2, 1917 betr. die Kalenderrefortn, s. T. W. 2803). 

7 vgl. W. I. V H. 1/2, S. 37. 

* devTe'i intichäbije. 

* müddeti m^mürijet. 
1° teklif (Initiative). 



128 ■/>«> I^^W^ deii Jslams, Band V. 1917, Heft 3 

»eOOeOCOOO0OOOO0O0O00O000O0OO000OCX)(XXXXXXXXXXDOOOOOOOOOOOOO(XXXXXXXX>»(X>OOOOOa 

Gesetzinhalts, während die weiteren Akte dem Monarchen vor- 
behalten sind. Im Gegensatz zu b. 27 und p. 64 war durch V. 1876 
dem Landtag sogar das Vorschlagsrecht entzogen und lediglich 
den Ministern zugewiesen worden. Die belgische und preußische 
Verfassung gaben das Recht, Gesetze vorzuschlagen, allen drei 
an der gesetzgebenden Gewalt beteihgten Faktoren, also dem 
Könige und den beiden Kammern. Der Senat wie das Ab- 
geordnetenhaus hatten lediglich das Recht, innerhalb der durch 
die Geschäftsordnungen gezogenen Grenzen Gesetze anzuregen; 
dann konnte auf einem weiten Umwege über Großwezir, Sultan 
und zuständige Abteilungsbehörde der Staatsrat (Gesetzgebungs- 
abteilung- 1) mit der Ausarbeitung der Entwürfe betraut werden. 

Seit V. 1909 ist das Vorschlagsrecht, das sowohl die Anregung 
als auch die Bearbeitung der Gesetze umfaßt, außer der Regierung, 
d.h. den Ministern (t. 53) und dem Sultan selbst (t. 72), auch den 
Mitgliedern des Landtags zuerkannt worden. Ein Antrag freüich, 
der in einer der beiden Kammern gestellt wird, muß die geschäfts- 
ordnungsmäßige Unterstützung daselbst finden, also regelmäßig (t. 51) 
mit einfacher Mehrheit ^, bei Verfassungsänderungen (t. 1 16) mit Zwei- 
drittelmehrheit* angenommen werden. Wichtige Vorlagen werden 
zunächst einem ständigen bzw. ad hoc gebildeten Ausschüsse^ 
überwiesen, der seit V. 1909 im weitesten Umfange Änderungen 
vornehmen kann (vgl früher t. 80). 

Artikel 54: Die Ausübung der Gesetzgebung. 

Die Abstimmung über die ausgearbeiteten Entwürfe findet zuerst 
im Abgeordnetenhause, und zwar zunächst über die einzelnen 
Artikel und dann über das Gesetz im ganzen statt, hierauf im 
Senat (vgl. t. 55); jedoch kann seit V. 1909 auch der Senat die 
Arbeiten zuerst in Angriff nehmen (t. 53 ß). Eine Vorschrift nach 
Art von p. 62 (en bloc-Abstimmung des Herrenhauses über 
Finanzgesetzentwürfe) (vgl. auch e. 5 '') ist der türkischen Ver- 
fassung fremd. Vielmehr erkennt t. 64 das Recht des Senats, alle 

1 tanzlmät däHresi. 

2 vgl. S. 103. 

' ekserijeti muilaqa. 

* e. siUüsän, vgl. S. 130. 

* enyümen. 

* dies ist in der Praxis nur selten der Fall. 
' vgl. V. Art. I, Sect. 7. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staat*grundgesetzes. 129 

;<>OOeOO0C<XXXXX3000<XXXXXXX)0O00O00000O00O00000000000000CXXX)000000000O0O00000O(XXXXXXXXXXX>OOOOOOO*O(>^ 

Entwürfe des Abgeordnetenhauses abzuändern, ausdrücklich an. 
Allerdings bedarf es in solchen Fällen einer neuen Abstimmung 
im Abgeordnetenhause. Seit V. 1909 erlangt jeder Entwurf 
Gesetzeskraft, wenn nach übereinstimmendem Beschlüsse beider 
Häuser des Landtags der Sultan die Bestätigung erteilt. Dies 
geschieht in der Form eines Irade, wodurch die Ausführung an- 
geordnet wird (Gesetzesbefehl 1). 

Die gesetzgebende Gewalt wird also seit V. 1909 nur noch durch 
den Sultan und die beiden Häuser des Landtags ausgeübt (vgl. 
b. 26, p. 62, d. 5, e. 5). 

Gemäß V. 1876 durfte über einen Entwurf der in einer der 
beiden Kammern keine entgültige Mehrheit erzielte, in diesem 
Sitzungsjahre keine neue Beratung stattfinden (vgl. p. 64, e. 16); 
diese Vorschrift wurde durch V, 1909 beseitigt. 

Die Bestätigung 2 ist zweifellos ein Recht der vollziehenden 
Gewalt und wird daher auch in t. 7 unter den Kronrechten 
erwähnt. Gleichwohl enthält V. 1909 in t. 54 Bestimmungen, die 
eine erhebüche Einschränkung dieses Rechtes darstellen. Der 
Sultan muß sich nämüch zu den ihm unterbreiteten Gesetzentwürfen 
innerhalb von zwei Monaten und im Falle der Dringlichkeit 3, über 
die die Kammern beschließen können, sogar innerhalb von zehn 
Tagen* erklären, ob er die Bestätigung erteilen oder verweigern 
wül. Das im Bestätigungsrechte liegende Veto verlor dadurch 
seine absolute Wirkung ^. Im Falle der Verweigerung, die sich 
übrigens nicht wiederholen darf, findet eine neue Beratung in den 
Kammern statt, und der Entwurf gilt als abgelehnt, wenn er nun 
eine Zweidrittelmehrheit nicht findet. 

Diese Mehrheit sieht die Verfassung außerdem in folgenden 
Fällen vor: 

Artikel 3 1 : Die Klage des Abgeordnetenhauses gegen einen 
Minister ^. 

1 vgl. s. 103. 

2 tasdiq. 

' In diesem Falle finden nicht (wie regelmäßig) zwei, sondern nur eine Lesung statt; auch 
wird die Schlußabstimmung in beiden Kammern an demselben Tage erledigt. Finanz- 
gesetze bedürfen stets nur einer Lesung. 

* vgl. V. Art. I, Sect. 7, vgl. auch franz. Verfassung vom 3. 9. 1791, Titre III, Chap. III, 
Sect. III, Art. IV. 

* Ein reines Suspensivveto kannte z. B. die Verfassung des Deutschen Reiches Tom 
28. 3. 1849, Abschnitt VII, Artikel III (vgl. auch v. Art. I, Sect. 7). 

« vgl. S. 118. 

Die Welt des Islams, Band V. 9 



130 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

eooO«0«0<XOOO©©OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCOOOO<XXXX>OOOOOOOOOOOOOOOCXX5000(XOOOOOOCXXXX>300 

Artikel 48: Die Klage des Abgeordnetenliauses oder Senats 
gegen eines seiner Mitglieder 1. 

Artikel 116: Die Verfassungsänderung; in diesem FaUe sogar 
zweidrittel aller, einschließlich der abwesenden Mitglieder 2. 

Ebenso entscheidet der Hohe Gerichtshof (sowohl die Anklage- 
kammer (t. 94) wie die Urteilskammer (t 95)) mit Zweidrittelmehrheit. 

Alle übrigen Beschlüsse fassen die Kammern des Landtags nach 
einfacher Stimmenmehrheit der anwesenden Mitglieder (t. 51). 
(Der Preußische Landtag (p. 80) und der Deutsche Reichstag (d. 28) 
beschließt stets 3 nach einfacher Mehrheit (auch Verfassungs- 
änderungen), vgl. dagegen d. 78, b. 131, v, V.) 

Bei Stimmengleichheit gibt der Präsident den Ausschlag (t. 51, 
anders: b. 38, p. 80, d. 28, wo in diesem Falle ein Antrag als ab- 
gelehnt gilt). Die türkische Verfassung verlangt die Anwesenheit 
der Mehrheit der gesetzlichen Zahl der Mitglieder für jede Beratung, 
die belgische, preußische und deutsche nur für Beschlußfassungen. 
Dieser Bestimmung zufolge kann leicht eine Verschleppung der 
Verhandlungen im Landtag herbeigeführt werden*. 

V. Das Abgeordnetenhaus {hei'eti meUüsän: Artikel 65 — 80). 

Artikel 72: Der Wohnsitz als Bedingung für die passive Wahl- 
fähigkeit. 

Die Voraussetzungen für die Wahl zum Abgeordnetenhause 
enthält teils die Verfassung selbst, teüs das Wahlgesetz ^ Bis zum 
Jahre 1916 waren die Wahlbewerber gemäß t. 72 der Beschränkung 
unterworfen, daß sie in dem Bezirke, in dem sie sich zur Wahl 
stellen wollten, ansässig sein mußten. Auf Grund einer alten jung- 
türkischen Forderung (vgl. Artikel 2 des Parteiprogramms von 1911) 
wurde diese Vorschrift durch V. 1916, wenn nicht beseitigt, so doch 
in der Weise abgeändert, daß jeder Osmane, dessen Persönlichkeit 
den übrigen Voraussetzungen entspricht, grundsätzlich im ganzen 
Reiche, jedoch nicht in mehr als drei Bezirken gleichzeitig als Wahl- 
bewerber auftreten kann. 

1 vgl. s. 138. 

2 ä^zäji mürettebe. 

• Eine Ausnahme bilden die Wahlen der Schriftführer: vgl. Geschäftsordnung für den 
Deutschen Reichstag, § lO, Gesch. für das preuß. Herrenhaus, § 4, Gesch. für da» 
preuü. Abgeordnelenhaus, § 8. 

* vgl. W. I. V H. 1/2, S. 31, Anm. 7. 
» vgl. W. I. V H. 1/2, S. 22. 



Jäschke, Die rechtliche Bedenl.iinq ihi^ türkischen Staatsginrndgesetzes. 131 

€>0«IOOOe)OOOOCOOOOOSOOCXXXXX>OOCKXXXXXX)000000<X<!000(X)OOOOCXXXX>XXXXXXX)C^^ 

Die am 20. 3. 1916 zum Gesetz erhobene Fassung des t. 72 
beruht auf einer kleinen Änderung-, die der Senat an dem Entwürfe 
des Abgeordnetenhauses vornahm. Dieser lautete: „Jeder Osmane, 
der . . ., hat das Recht, sich an einem jeden Orte des Osmanischen 
Reiches zum Abgeordneten wählen zu lassen. Indessen . . .". 

Artikel 73: Die Frist für die Neuwahlen im Falle einer Auflösung l. 
Wurde gemäß V. 1876 das Abgeordnetenhaus aufgelöst (auf 
Grund von t. 7 oder t. 35), so mußten nach t. 73 die Neuwahlen so 
zeitig beginnen, daß sich die Abgeordneten sechs Monate nach der 
Auflösung versammeln konnten. Diese Frist, die durch V. 1909 auf 
drei Monate herabgesetzt worden war (vgl t. 7), wurde durch V. 1914 
wieder auf vier Monate erhöht (vgl. t. 35 2). Bei dieser Gelegen- 
heit wurde t. 73, der schon seit V. 1909 praktisch bedeutungslos 
geworden war, gestrichen. 

Artikel 76: Die Gebühren der Abgeordneten. 
V. 1876 gewährte den Mitgüedern des Abgeordnetenhauses für 
die mit ihrer Stellung verbundene Arbeit und Mühewaltung eine 
jährüche Entschädigung von 20000 P. und daneben eine monat- 
liche Zulage von 5000 P. für Reisen zwischen ihrem Wahlkreis und 
der Hauptstadt. Als durch V. 1909 die gesetzliche Mindestdauer 
der ordentlichen Tagung von vier auf sechs Monate ausgedehnt 
wurde (vgL t. 43/44), schien es billig, auch die Entschädigung der 
Abgeordneten in dem gleichen Maße (50%) zu erhöhen, d. h. auf 
30 000 P. Für den FaU einer Verlängerung der Tagung, die gerade 
in den ersten Sitzungsjahren der 1. Wahldauer häufig vorkam, 
wurde ein monathcher Zuschuß von 5000 P. zugebilligt. Obwohl 
die Sitzungsdauer durch V. 1915 wieder auf vier Monate herab- 
gesetzt wurde (t. 43), beschloß der Landtag im Jahre 1916 eine 
abermaüge Vermehrung der Gebühren der Abgeordneten; diese 
betragen nunmehr 50000 P. (= etwa 10000 M.). Daneben wurde 
die monatHche Reisevergütung auf 4000 P. herabgesetzt und der 
Zuschuß im Falle der Verlängerung der Tagung (t. 7) gestrichen. 
Allerdings sollten die Abgeordneten durch eine Auflösung keinen 
empfindlichen Schaden mehr erleiden; in diesem Falle wird ihnen 
die Hälfte ihrer Gebühren ersetzt. 

1 müddeti ta'^tviq. 

' Bei der Streichung von t. 35 durch V. 1916 wurde diese Vorschrift wieder in t. 7 
eingeschaltet (vgl. S. III). 

9* 



132 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

eOOOOOOOCOOOC>OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCOO(X)OOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXX>OOOOOOOOOOOOOCXXXXXX^ 

Erwähnt sei hierbei, daß t. 63 den MitgHedern des Senats ein 
monatliches Gehalt von 10000 P. zuspricht. Diese Summe blieb 
seit V. 1876 unverändert. Die Senatoren beziehen also jährlich 
etwa 24000 M. 

Im Staa^tshaushaltsgesetze für das Finanzjahr 1330I betrugen die 
Gesamtausgaben für den Landtag rund 22 Mill. P.; für das Jahr 
1333 wurden sie auf 27,5 Mill. P, erhöht. 

In Belgien erhalten die Senatoren keine Entschädigung (b. 57), 
die Abgeordneten jährüch 4000 Fr. (b. 52, abgeändert 1893). In 
Preußen beziehen die Abgeordneten außer den Reisekosten 2 für 
jede Sitzung 15 M. täglich (p. 85 und Gesetz vom 24. 7. 1876); die 
Mitglieder des Herrenhauses haben seit 1882 das Recht der freien 
Eisenbahnfahrt zwischen ihrem Wohnorte und Berlin. Die Mit- 
glieder des Deutschen Reichstags endlich genießen Eisenbahn- 
freiheit und eine jährliche Aufwandsentschädigung von 3000 M. 
unter Abzug von je 20 M. für jede versäumte Vollsitzung (gemäß 
dem Gesetze vom 21. 5. 190Ö). 

Artikel 77: Die Wahl des Präsidiums. 

Während nach belgischem Recht (b. 37) ebenso wie nach 
preußischem (p. 78) den Kammern die Wahl des Präsidiums über- 
lassen ist, besaß vor V. 1909 das Abgeordnetenhaus dieses Recht 
nur in beschränktem Umfange. Er durfte nämlich je drei Personen 
dem Sultan zur Wahl vorschlagen, aus denen dieser dann den 
Präsidenten und die beiden Vizepräsidenten ernannte und bestätigte. 
Bei den Beratungen von V. 1909 wollte der Senat dem Sultan 
wenigstens das Bestätigungsrecht erhalten wissen, doch das Ab- 
geordnetenhaus setzte die unmittelbare Wahl des Präsidiums durch 
Dem Sultan wird diese jetzt nur noch zur Kenntnisnahme unter- 
breitet. Dagegen bleibt es wie bisher dem Sultan vorbehalten, 
das Präsidium des Senats zu bestimmen (t. 60). 

Artikel 80: Das Recht des Abgeordnetenhauses zu Verbesserungs- 
anträgen bei Gesetzentwürfen. 
Nach V. 1876 war das Abgeordnetenhaus nur bei Finanz- und 
Verfassungsgesetzen befugt, die vom Staatsrate ausgearbeiteten 
Entwürfe gänzhch umzugestalten. Mit der Erweiterung des all- 

1 s. D. 2 VI 1077. 

2 Diese werden nach dem Gesetze betr. die Reisekosten der Staatsbeamten (vom 26. 7. 
1910) berechnet. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staats^grundgesetzes. 133 

gemeinen Vorschlagsrecht bezüglich sämtlicher Gesetze (durch 
V. 1909: t. 53 1) wurde die Vorschrift des t. 80, Abs. 1 überflüssig 
und darum beseitigt. 

VI. Die Finanzen {umüri mähje: Artikel 96 — 107), 

Artikel 102: Die Geltungsdauer des Staatshaushaltsgesetzes. 

Das Gesetz über die voraussichtlichen Einnahmen und Ausgaben 
des Staates (t 97) oder über das allgemeine Gleichgewicht im 
Staatshaushalte (t. 982) muß gemäß t. 102 für jedes Finanzjahr 
von neuem aufgestellt werden, jedoch soU seit V. 1915 die Ver- 
tagung und Schließung des Landtags auf die Gültigkeit dieses 
Gesetzes keinen Einfluß haben, sondern lediglich die Auflösung 
des Abgeordnetenhauses ^. Hierbei wurden die Worte „wegen außer- 
ordentlicher Verhältnisse" als entbehrüch gestrichen. Die Wirkung 
der Auflösung äußert sich in der bereits durch V. 1876 fest- 
gestellten Weise. 

VII. Verschiedenes imewäddi sattä: Artikel 113 — 121). 
Artikel 113: Der Belagerungszustand und das Ausweisungsrecht. 

1. In Preußen hat der König das Recht, für den Fall eines 
Krieges oder Aufruhrs bei dringender Gefahr für die öffentliche 
Sicherheit gewisse Vorschriften der Verfassung zeit- und distrikts- 
weise außer Kraft zu setzen (p. 111). Die Formen, in denen das 
geschieht, regelt das Gesetz vom 4. 6. 1851. Jedoch bedarf es 
nicht immer der in § 3 dieses Gesetzes vorgesehenen feierlichen 
Verkündung (sogenannter kleiner Belagerungszustand, vgl. § 16). 
Gemäß d. 68 gilt das preußische Gesetz einstweilen auch für das 
Deutsche Reich, mit Ausnahme von Bayern (vgL Bayerisches Ge- 
setz über den Kriegszustand vom 5. 11. 1912). 

In ähnlicher Weise wie in Preußen ist in der Türkei die Verhän- 
gung des Belagerungszustandes* beschränkt. Sie ist im Frieden 
nur für eine bestimmte Gegend und für eine bestimmte Zeit statt- 
haft und äußert sich in einer vorübergehenden Aufhebung der 
bürgerlichen Reclitsvorschriften. Das in t. 113 vorgesehene Sonder- 

1 vgl. S. 12S. 

• Daher neben büge auch müwäzene'i ^umümije (oder malije) qänüni genannt. 

• So wurde z. B. das Gesetz für das Finanzjahr 1327 auf die Jahre 1328 und 1329 aus- 
gedehnt (vgl. W. I. V H. 1/2, S. 32 Anm. 4, 34 Anra. 2). 

• idäre^i '^ürfij'e. 



134 I^^e ^^^elt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

gesetz erging als Beschluß des Ministerrates (qararnäme) am 2. 10. 
1877 1. Das Recht des Belagerungszustandes wurde in der Türkei 
stets von den Parteien, die sich dadurch besonders beengt fühlten, 
heftig angegriffen. In Konstantinopel bestehen die Kriegsgerichte 2 
seit April 1909 mit einer kurzen Unterbrechung im Jahre 19122 
bis heute. 

•2. Noch bestrittener war zu allen Zeiten das im Schlußsatze 
des t. 113 enthaltene Ausweisungsrecht des Sultans. Seine Auf- 
nahme in die Verfassung ist auf einen persönlichen Wunsch Abdul 
Hamids zurückzuführen und kostete bereits wenige Wochen nach 
der Verkündung der Verfassung deren Urheber, Midhat Pascha, 
seine Stellung als Großwezir (vgl. W. I. V H. 1/2, S. 15). 

Die Abschaffung dieser Vorschrift bildete darum eine Haupt- 
forderung zunächst der Anhänger Midhats und später der Jung'- 
türken. In ihrem Parteiprogramm von 1909 heißt es (Artikel 3): 
„t. 113 soU gestrichen werden." Abdul Hamid hatte sich trotz Nr. 5 
des Chatt vom 1. 8. 1908 nicht dazu entscliHeßen können. Erst 
durch V. 1909 wurde das Ausweisungsrecht beseitigt. Erwähnt sei, 
daß nach deutschem Reichsrecht ein Deutscher (Inländer) weder 
ausgewiesen* noch einer fremden Regierung ausgeliefert werden 
darf (d. 3). 

Artikel 118: Die Bedeutung der Rechtsanschauungen für die 

Gesetzgebung. 

Auf allen Rechtsgebieten und bei allen Völkern ist ein starker 
konservativer Zug in den Rechtsanschauungen zu beobachten. 
Dieser Richtung, die dahingeht, durch lange Erfahrung und ehr- 
würdiges Alter geheiligte Rechtssätze nach Möglichkeit fortbestehen 
zu lassen, trägt auch die türkische Verfassung Rechnung, t. 118 
spricht wie p. 109 ^ ganz allgemein den Grundsatz aus, daß das 
bestehende Gesetzes- und Gewohnheitsrecht in Kraft bleibt, wenn 

1 s. D. 1 IV 71, abgeändert durch die Gesetze Tom 3. 7. 1909 (s. D. * I 333), i. 9. 1910 
(s. D. 2 II 668) und 31. 10. 1916 (s. T. W. Nr. 2691). 

* diwäni harbi ^ürfijeler. 
» vgl. T. W. Nr. II 86. 

* lediglich Aufenthaltsbeschränkung kannte z. B. der durch Gesetz vom 8. 3. 1904 
aufgehobene § 2 des „Gesetzes betr. den Orden der Gesellschaft Jesu" (vom 4. 7. 1872); 
für den Kriegszustand ist sie in dem Gesetze betr. die Schutzhaft (vom 4. 12. 1916) 
geregelt worden. 

' vgl. auch Einführungsgesetz zum BGB., Artikel 32, 55. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Siaatugrundqesetzes. 135 

OOOOeOCOOOOC)<XXXX)e<XXXXXXX5<XXX)OOOOOOOOOOOOCXX)OOOOCXX)OOOOOOOOOOCXXX>XXX>OOOOCX5^^ 

es nicht ausdrücklich durcli neue Rechtsvorschriften abgeändert 
oder beseitigt wird. 

Das beste Gesetz kann aber seinen Zweck nicht mehr erfüllen, 
wenn die Verhältnisse, unter denen und für die es geschaffen 
wurde, sich von Grund aus ändern. Dann wird das Wort Goethes 
zur Wahrheit: „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige 
Krankheit fort." Dann verlangt die Zeit gebieterisch nach neuen 
Gesetzen, Diesen Gedanken brachte schon der in Artikel 39 der 
Medschellei enthaltene Rechtsgrundsatz zum Ausdruck: „Es kann 
nicht geleugnet werden, daß die Rechtsvorschriften im Wandel der 
Zeiten Veränderungen unterworfen sind 2." 

Ebenso bestimmt V. 1909 in t. 118, daß bei der Aufstellung von 
Gesetzen einerseits zwar die im religiösen und rechtlichen Empfinden 
wurzelnden Anschauungen des Volkes, die im Verkehr des täg- 
lichen Lebens übüche Handlungsweise, andererseits aber auch die 
Bedürfnisse der Zeit zu berücksichtigen seien. Gewiß ist es nicht 
leicht, hierbei den Mittelweg zu finden. Als sich im Jahre 1909 
im Abgeordnetenhause das Bestreben zeigte, das geltende Recht 
radikal umzugestalten, warnte z. B. Damad Ferid Pascha vor einer 
übereilten Entwicklung der Gesetzgebung 3, Die gegenwärtige 
Regierung bürgt dafür, daß bei allem Fortschritt das rechte Maß 
nicht verloren geht*. 

Artikel 119: Das Briefgeheimnis. 
An die Stelle des ehemaligen t. 119, der sich auf die Wahlord- 
nung vom 28. 10. 1876 5 bezog, trat eine Bestimmung, die bereits 
im Chatt vom 1. 8. 1908 enthalten war (Nr. 7). Danach durfte die 
Postbehörde Briefe und Drucksachen nicht mehr beschlagnahmen. 
Mit der Erweiterung der Preßfreiheit durch Beseitigung der Prä- 
ventivzensur (vgl. t. 12) dehnte V. 1909 auch den Schutz des Brief- 
geheimnisses aus: „Die Öffnung eines der Post übergebenen ver- 

1 s. D. 1 I 33. 

2 ezmänyn teghajjürlle ahkjämyn teghajjüri inkjär olunamaz. 

3 Vgl. Denkschrift vom 15. 2. 1910 (vgl. W. I. V H. 1/2, S. 29). 

* Beispiele hierfür sind die Gesetze betr. die Kalenderreform vom 21. 2. 1917 (T.W. Nr. 2803) 
und betr. die Stellung der geistlichen Gerichte unter das Justizministerium (vom 12. 3. 
1917) (s. T. W. Nr. 2840; vgl. N. O. Bd. i, Heft 11/12, S. 545 ff.). 

* Diese sollte nämlich nur für das i. Sitzungsjahr des Landtags gelten und dann das in. 
t. 66 vorgesehene Wahlgesetz an seine Stelle treten. Dieses wurde aber erst durch 
Iräde vom 2. 8. 1908 in Kraft gesetzt und in Nr. i — 5 des T. W. (28. 9. — 3. 10. 1908) 
veröffentlicht (vgl. W. I. V H. 1/2, S. 22). 



136 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

eC<)OC0OOOO<X)C)C)<»0OOO00000OOO0000<XXXXXXXX)OC30O0O0OO0CXXXXXX»00000OOCXXX)0O<X)00^^ 

schlossenen Schriftstückes setzt notwendig einen Beschluß des 
Gerichts oder des Untersuchungsrichters voraus" (vgl. auch b. 22, 
p. 6, 33). 

Artikel 120: Das Vereins- und Versammlungsrecht. 
V. 1876 kannte nur ein beschränktes Vereinsrecht auf dem 
Gebiete des Handels, Gewerbes und der Landwirtschaft (t. 13). 
Auch in Preußen konnten politische Vereine früher Beschränkungen 
und vorübergehenden Verboten im Wege der Gesetzgebung unter- 
worfen (p. 30, anders: b. 20). Im Deutschen Reiche führte das 
Gesetz vom 19. 4. 1908 den Grundsatz der Vereinsfreiheit auch auf 
politischem Gebiete durch, wobei geringe polizeiliche Sicherungs- 
maßnahmen außer Betracht bleiben können. In der Türkei da- 
gegen war früher das politische Vereinsrecht äußerst bestritten, 
wie dies bei der früheren Zusammensetzung des Staates leicht er- 
klärlich ist. Das jungtürkische Parteiprogramm von 1909 (Artikel 7) 
erstrebt ein Vereinsgesetz, das auf der Achtung vor t. 1 beruht, 
d. h. A'Or dem Grundsatz der Unteilbarkeit des Osmanischen Reiches. 
Im Gegensatz hierzu forderten die Freisinnigen 1 unter Berufung 
auf den in t. 108 ausgesprochenen Grundsatz der Dezentralisation 2 
schrankenlose Vereinsfreiheit. Das Schlagwort, welches Sabaheddin 
später prägte, war hierfür: tesehhüd saclisi {= (etwa) persönliche Ent- 
wicklungsfreiheit bzw. Freiheit des einzelnen, die Eigenart seines 
Wesens in vollem Maße zu entfalten). V. 1909 nahm nun in t. 120 
ein beschränktes politisches Versammlungs- und Vereinsrecht auf. 
Die auf diesem Gebiete geltenden Sondergesetze sind: 

1. Das Versammlungsgesetz vom 9. 6. 1909^, ergänzt durch 
vorläufiges Gesetz vom 16. 3. 1912* (vgl. auch das Gesetz betr. 
Ansammlungen auf öffentlichen Wegen vom 16. 3. 19120). 

2. Das Vereinsgesetz vom 16. 8. 1909 ß; der besonders um- 
strittene § 4, der am 20. 7, 1909 im Abgeordnetenhause an- 
genommen wurde, lautet: „Die Bildung von poütischen Vereini- 

1 ahrär. 

2 ^adenii merkezyet; t. 108 spricht von Ausdehnung der Befugnisse (teivslH m^günyei) 
und Verteilung der Aufgaben {tefriqi tvezäHf, eigentl. : Unterscheidung der Pflichten); 
zu beachten ist, daß auch das Wilajetgesetz vom 26. 3. 1913 auf dem Grundsatze von 
t. 108 beruht. 

• igtima'äti ^umümije qänüni, s. D. 2 i 227. 

• s. D. 2 IV 363. 

• tegemmü'at, s. ebenda. 

• gemHjetler qanüni, s. D. 2 i 604. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeuhinq des türkischen Staatsgrundgesetzes. 137 

•eooeoeooooocK«eeeoooooooooooooooooooooooooooooooooooo(xooooooooooooooooooooooooooooooc30oo(Xk>>3«eooea 

gungen nach dem Grundsatze der Nationalität und Religion ist 
verboten," (Vgl. daneben t. 68 Nr. 10: „Wer einer fremden Nation 
anzugehören behauptet 1, kann nicht zum Abgeordneten gewählt 
werden",) 

t. 120 zählt endlich eine Reihe von verbotenen Vereinen 
auf, Sie umfassen größtenteilt solche, die auch im Deutschen Reiche 
nicht erlaubt sind (vgl. Strafgesetzbuch, 7. Abschnitt), In der 
Türkei wird Vereinen die staatliche Genehmigung versagt, wenn sie: 

1. den gegenwärtigen Bestand des Staates bedrohen, 

2. die Regierung zu stürzen oder die Verfassung gewaltsam zu 
ändern beabsichtigen, 

3. Aufruhr zu erregen oder die Bevölkerungsklassen gegen- 
einander aufzuhetzen bestrebt sind, 

4. gegen die Sittlichkeit oder öffentliche Ordnung verstoßen, 

5. geheimgehalten werden, 

Artikel 121: Die ÖfTentlichkeit der Sitzungen des Senats. 

In Preußen (p. 7g) und Belgien (b. 33) sind die Sitzungen beider 
Kammern öffentlich; sie können jedoch auf Vorschlag des Präsi- 
denten oder von 10 Mitgliedern geheim geführt werden, falls 
dieser Antrag von der Mehrheit unterstützt wird 2. Eine ähnliche 
Vorschrift enthielt bereits V. 1876 bezüglich der Sitzungen des 
Abgeordnetenhauses (t, 78), V. 1909 fügte in t. 121 eine ent- 
sprechende Bestimmung für den Senat hinzu. Danach kann auf 
Antrag der Regierung oder von fünf Senatoren (t. 78: fünfzehn 
Abgeordneten) mit Stimmenmehrheit der Ausschluß der Öffentlich- 
keit beschlossen werden. Der Senat machte von diesem Rechte, 
das ihm schon vor V. 1909 auf Grund seiner Geschäftsordnung 
zustand, während des ganzen ersten Sitzungsjahres (1908 — 1909) 
Gebrauch. 

VIII. Nachtrag: Artikel 48 und 117. 

Die Verhandlungen im Landtag über die Verfassung während 
der zweiten Tagung- der dritten Wahldauer (1915 — 1916) sind nicht 
völlig zum Abschluß gekommen. Es war nämlich auch eine Ab- 
änderung von t. 48 und t. 117 geplant. 

1 taba'tjeti egnebije iddi'äsynda hulunan kimseler; dies bezog sich in erster Linie auf 
die Schutzgenossen der europäischen Staaten und ist infolge der Aufhebung der 
Kapitulationen bedeutungslos geworden. 

• vgl. Geschäftsordnung für den Deutschen Reichstag, § 36. 



t38 IHe Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

•e«oeoocKx>ooooeeeaooooooooooooooooooooooooooooooooooooo(Mooooooo(X)oooooooooooooooocxxxxxxxxxxxx}eeoooo 

Artikel 48. 
A. Der Mandatsverlust. 

t. 48 zählt die Fälle auf, in denen Abgeordnete und Senatoren 
der aus der Wahl bzw. Ernennung her^^orgegangenen Rechte 
verlustig gehen. Diese erlöschen außer in dem Falle der Anklage 
einer Kammer (Zweidrittelmehrheit!) gegen eines ihrer Mitglieder (vgl. 
t. 3 1 : gegen einen Minister i) wegen Verrats, Verfassungsverletzung 
oder Bestechlichkeit, auch bei jeder gerichtlichen Verurteilung zu 
Gefängnis oder Verbannung. Das Abgeordnetenhaus empfahl eine 
Abänderung dergestalt, daß eine Verurteilung- lediglich wegen 
«ines entehrenden Verbrechens jene Folgen nach sich ziehen sollte, 

B. Die unabhängige Stellung der Mitglieder des Landtags, 

Die Abgeordneten wie die Senatoren soUen ihren Beruf als Ver- 
treter des osmanischen Volkes frei und unabhängig ausüben; darum 
sind sie bei der Abgabe ihrer Stimmen und Meinungen an keinerlei 
Versprechung-en oder Anweisungen gebunden (t. 47); denn jeder 
Abgeordnete vertritt die Gesamtheit aller Osmanen (t. 71, vgl, 
b, 45, p. 83, d. 29, e. 19). Auch können sie wegen einer Ab- 
stimmung oder einer im Laufe der Verhandlungen ausgesprochenen 
Meinung nicht verfolgt werden, außer im Falle eines Vergehens 
geg^en die Geschäftsordnung (vgl. p. 84, d. 30). (Wegen anderer 
Vergehen vgl. t. 79, b. 45, p, 84, d. 31.) Zur Wahrung der Ein- 
heit einer jeden Kammer bestimmt t. 50: „Niemand kann gleich- 
zeitig beiden Kartimern angehören" (vgl. b. 35, p. 78), Zur Siche- 
rung der unabhängigen Stellung gegenüber der Regierung dienen 
die Vorschriften t. 62: 

„Wer vom Staate auf eigenes Verlangen hin mit einem anderen 
Amte betraut wird, verliert die Fähigkeit, MitgUed des Senats 
zu sein." 

und t. 67: „Niemand kann ein Staatsamt mit der Eigenschaft 
als Abgeordneter vereinigen. Nur die Minister können auch Ab- 
geordnete sein" (vgl. b. 36, 88, p. 78, 60, d. 21, 9, e. 10 2), 

Um die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Mitglieder des 
Landtags zu erhöhen, beantragte der Ausschuß des Abgeordneten- 
hauses in Übereinstimmung mit Artikel 8 des Jungtürkischen Pro- 
gramms von 1911, t. 48 durch folgenden Zusatz zu ergänzen: 

1 vgl. S. 118. 

2 vgl. auch V. Art. I, Sect. 6. Dies ist in der Türkei häufig der Fall. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsgnindgesetzes. 139 

•cooeooooooo(xxMe*(xxx)00ooocx)oooooooooocooocxxxx>oo(xxxxxxx9ooooooocooooooo 

„Abgeordnete und Senatoren dürfen keine Posten als Beamte 
oder Mitglieder von Gesellschaften annehmen, an denen die Re- 
gierung beteiligt ist oder die sie unterstützt. Ebenso dürfen sie 
nicht Liefrungen für die Regierung oder die Pacht von Steuern 
übernehmen." 

Indessen schien diese letzte Frage in der entscheidenden Voll- 
sitzung des Abgeordnetenhauses am 14. 2. 1916 noch nicht spruch- 
reif zu sein. Darum ging die Vorlage noch einmal an den Ausschuß 
zurück 1. 

Artikel 117: Das Auslegungsrecht. 

Die Feststellung des Sinnes eines Rechtssatzes gebührt im all- 
gemeinen dem Reichsgericht 2, nur in Verwaltungsangelegenheiten 
ist der Staatsrat 3 (Verwaltungsabteilung), in Verfassungsfragen der 
Senat zuständig. Diese Bestimmung erregte bereits im Jahre 1912 
lebhaften Widerspruch im Abgeordnetenhause, das seitdem bestrebt 
war, sie zu beseitigen. Am 14. 2. 1916 beschloß es die Streichung 
des t. 117. Indessen versagte der Senat am 6. 3. 1916 dieser 
Änderung der Verfassung die erforderliche Zustimmung. 

Die verfassungändernden Gesetze von 1909 — 1916 
in Übersetzung. 

Der Übersetzung liegt der türkische Originaltext der Gesetze, 
wie er sich in dem Reichsanzeiger (Taqicvni weqäji'') und der Ge- 
setzessammlung (DiMür, terilbi sänl) findet, zugrunde. Er ist so 
wortgetreu, als es die deutsche Sprache erlaubt, wiedergegeben 
worden. Bei der Übertragung des an den betreffenden Stellen zur 
Ergänzung dienenden ursprünglichen Wortlauts der Verfassung 
wurde die Gesetzsammlung (Düstür, tertlhi ewwel) und der amtliche 
Staatskalender (Sälnäme'i dewleti ^allje'i ^osinüjäje) benutzt. Die Hinzu- 
fügungen sind durch Sperrdruck kenntüch gemacht. 

I. Gesetz betr. Abänderung einiger Artikel des Staatsgrund- 

gesetzes vom 7. Zil-higge 1293. 

(5. Öa'bän 1327 = 8./21. 8. 1325/ 1909*). 

Artikel 3: Das Hohe Osmanische Sultanat ist mit dem Erhabenen 
Islamischen Kalifat verbunden und gebührt nach altem Brauche dem 

1 Tgl. Tanin Nr. 2576. 

2 mehkeme'i temjiz. 

* Suräji deivlet; vgl. W. I. V H, 1/2 S. 10, Anm. 2. 

* T. W. Nr. 321, D. • I 638. 



140 T>i^ Welt des 7.s/ams, Band V. 1917, Heft 3 

■<ioc) oo eooeeoooaee*ooooooooooooooooooooooooooo<xxxxxxxxxx»ecaooooooooooooooooocxxx»oooc^^ 

Ältesten aus dem Geschlechte Osmansi. Der Sultan schwört 
bei seiner Thronbesteigung 2 im Landtag und wenn dieser 
nicht versammelt ist, bei dessen erstem Zusammentritt 
einen Eid, daß er die Vorschriften des Heiligen Rechts^ 
und des Staatsgrundgesetzes beachten und dem Vaterlande 
und der Nation treu ergeben sein werde. 

Artikel 6: Die Freiheitsrechte der Mitgüeder des Herrscherhauses 
Osman, ihr bewegliches und unbewegliches Privatvermögen und 
einem besonderen Gesetze gemäß ihre lebenslänglichen 
ZivilHsten stehen unter dem Schutze allgemeiner Garantien, 

Artikel 7: [V. 1876: Zu der Gesamtheit der geheiligten Rechte 
des Sultans gehören: die Ernennung und Absetzung der Minister; 
die Einsetzung in Amter und Rangstufen und die Verleihung von 
Auszeichnungen; die Einsetzung der obersten Beamten in den 
bevorrechteten Reichsgebieten gemäß den diesen verliehenen 
Sonderrechten; die Münzpräg^ung ; die Erwähnung seines Namens 
in den öffentlichen Freitagsgebeten; die AbschHeßung von Ver- 
trägen mit auswärtigen Staaten; die Erklärung von Krieg und 
Frieden; der Oberbefehl über die bewaffnete Macht zu Wasser 
und zu Lande; die Ausführung von militärischen Bewegungen 
sowie der Vorschriften des göttlichen und weltlichen Rechts; der 
Erlaß von Dienstanweisungen für die Verwaltungsbehörden; die 
Milderung oder auch Erlassung- der gesetzHchen Strafen; die Ein- 
berufung und Schheßung des Landtags; im Bedarfsfälle die Auf- 
lösung des Abgeordnetenhauses unter der Bedingung, daß seine 
Mitglieder von neuem gewählt werden]. 

V. 1909: Zu den geheiligten Rechten des Sultans gehören: 
Die Erwähnung seines Namens in den öffentHchen Freitags- 
gebeten, einem besonderen Gesetze gemäß die Einsetzung in Amter 
und Rangstufen; die Verleihung von Auszeichnungen; die Wahl 
und Ernennung des Großwezirs und des Scheich-ül-islams, sowie 
die Bestätigung des Ministeriums, das der Großwezir bildet und 
vorschlägt; erforderhchenfaUs die Absetzung und Auswechslung 
der Minister, so wie es dem Brauch entspricht; die Bestätigung* 
und Verkündung ö sämtUcher Gesetze; die Aufstellung von Ver- 

1 süläleH äli ^osmän. 
' hini gulüslarynda. 
' SerH ierif. 

* tasdiq. 

• i^läni merHjet. 



Jäschke, Die recldliche Bedexitimg des tfirkiscken StaaUgnindgesetzes. 141 

0CeK3OCXXX)<X)OO0G0OOO00O(XXXX»O00000OOOC0OOO0OOO0CX>XXXXX>X)OC)0O0O00O(XXXXX5O0O00OO<^^ 

Ordnungen in bezug auf die Tätigkeit der Regierungsbehörden 
und die Ausführungsweise der Gesetze; das Vorschlagsrecht 1 für 
Gesetze jeder Art; die Beschützung und Durchführung der Vor- 
schriften des göttlichen und weltüchen Rechts; die Einsetzung der 
obersten Beamten in den bevorrechteten Reichsgebieten gemäß 
den Bestimmungen ihrer Sonderrechte; der Oberbefehl über die 
bewaffnete Macht zu Wasser und zu Lande, die Erklärung des 
Krieges, die Schließung des Friedens; die Milderung oder auch 
Erlassung der gesetzhchen Strafen; die Verkündung eines allge- 
meinen Straferlasses 2 unter Zustimmung des Landtags; die Er- 
öffnung und Schließung des Landtags zu dem gesetzhchen Zeit- 
punkte; die Einberufung des Landtags unter außergewöhnlichen 
Umständen zu einer Tagung vor der Zeit; im Bedarfsfalle die 
Auflösung des Abgeordnetenhauses gemäß Artikel 35 und im Ein- 
verständnis mit dem Senate, sowie unter der Bedingung, daß das 
Abgeordnetenhaus binnen drei Monaten neu gewählt wird und zu- 
sammentritt. Die Abschheßung von Staatsverträgen aller Art. 
Jedoch ist die Bestätigung durch den Landtag Bedingung bei dem 
Abschluß von Verträgen, die den Frieden, den Handel, die Ab- 
tretung und Angüederung von Gebieten und die Grund- und Per- 
sönüchkeitsrechte der Osmanen betreffen, oder die für den Staat 
Ausgaben verursachen. Findet in der Zeit, in der der Landtag 
nicht versammelt ist, ein Wechsel des Ministeriums statt, so hegt 
die aus dieser Veränderung entspringende Verantwortung dem 
neuen Ministerium ob. 

Artikel 10: Die persönhche Freiheit ist vor jedem Angriffe ge- 
schützt. Niemand kann außer aus Gründen oder in Formen, die 
das göttliche und weltliche Gesetz bestimmen unter einem Vor- 
wande verhaftet oder bestraft werden. 

Artikel 12: Die Presse ist innerhalb der gesetzhchen Schranken 
frei. Vor der Drucklegung ist sie in keiner Weise einer 
Zensur oder Durchsicht unterworfen. 

Artikel 27: Das Amt des Großwezirs und des Scheich-ül-islams 
wird [vom Sultan] den Personen übertragen, denen das Allerhöchste 
Vertrauen geschenkt wird, ebenso werden nach Billigung und 
auf Unterbreitung des Großwezirs, der mit der Bildung 
des Ministeriums beauftragt ist, auch die Amtseinsetzungen 

1 tekUf. 

2 '^afwi ^umümi. 



142 ly^e Welt drs Islams, Band V. 1917, Heft 3 

B©aO©OOOOOOOCOOOOOOOOCXXX»OOOOOOOOC)CXXXXX»OOOOCXX»000000<XXXXXXXXX)OOOOOOOOCX)CXD^^ 

der übrigen Minister durch Allerhöchste Willensentschließung i 
vollzogen. 

Artikel 28: Der Ministerrat versammelt sich unter dem Vorsitz 
des Großwezirs. Er ist zuständig für wichtige Angelegenheiten 
der inneren und auswärtigen PoHtik. Die von ihm gefaßten Be- 
schlüsse werden, soweit sie einer Bestätigung 2 bedürfen, dem 
Sultan unterbreitet und durch Allerhöchste Verfügung voll- 
zogen. 

Artikel 29: Jeder Minister versieht in der Regel die in seinen 
Amtskreis fallenden Geschäfte, soweit er dazu 3 befugt ist; er be- 
richtet über* sie dem Großwezir, soweit ihr Vollzug seine Amts- 
befugnisse überschreitet. 

[V. 1876: Auch der Großwezir führt in Ang-elegenheiten, die 
einer Beratung- nicht bedürfen, das Erforderliche selbst aus oder 
bittet den Sultan um die Ermächtigung dazu. Die einer Beratung 
bedürftigen Angelegenheiten legt er dem Ministerrate vor und 
trifft dann auf Grund einer Allerhöchsten Verfügung, die in dieser 
Sache ergeht, die notwendigen Maßnahmen.] V. 1909: Auch der 
Großwezir unterbreitet derartige Angelegenheiten, soweit sie einer 
Beratung nicht bedürfen, unmittelbar dem Sultan, die einer Be- 
ratung bedürftigen erst nach stattgehabter Beratung des Minister- 
rates, falls sie der Bestätigung bedürfen. Den Beschluß des Minister- 
rates über die der Bestätigung nicht bedürftigen Angelegenheiten 
berichtet er dem Sultan. 

Die verschiedenen Arten und Grade dieser Angelegenheiten 
werden durch ein besonderes Gesetz bestimmt werden. 

Der Scheich-ül-islam unterbreitet die einer Beratung 
nicht bedürftigen Angelegenheiten unmittelbar dem 
Sultan. 

Artikel 30: [V. 1876: Die Staatsminister sind für die Vorfälle und 
Handlungen ihrer Amtsführung verantworthch]. 

V. 1909: Die Staatsminister sind für die allgemeine Politik der Re- 
gierung gemeinschaftlich und für die zum Bereich ihrer Ministerien 
gehörigen Handlungen einzeln dem Abgeordnetenhause verantwort- 
lich. Damit die Beschlüsse, die der Bestätigung des Sultans be- 

1 iräde'i iahäne. 

2 V. 1876: Ermächtigung. 

• V. 1876: zu ihrer Ausführung. 

* V. 1876: unterbreitet. 



Jäschke, Die recldliche Bedenfwig des türhiscJien Staatsgrundgesetzes. 143 

IX>0OeO0OClOOOOO©0O«0O000O00<X)000000<>XXXXXXX)O<XXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)0<XXX)O0CXXXXDO^^ 

dürfen, volle Gültigkeit erlangen, müssen sie vom Großwezir und 
dem zuständigen Minister unterzeichnet werden, die dadurch die 
Verantwortlichkeit für sie übernehmen, und über ihren Unter- 
schriften auch von dem Sultan gezeichnet werden. Die vom Ge- 
samtministerium gefaßten Beschlüsse sollen die Unterschriften aller 
Minister tragen und über ihren Unterschriften soU, sofern es einer 
Bestätigung bedarf, ebenfalls die Unterschrift vom Sultan gesetzt 
werden. 

Artikel 35: [V. 1876: Wenn die Minister auf der Annahme einer 
Vorlage, über die zwischen ihnen und dem Abgeordnetenhause 
eine Meinung'sverschiedenheit besteht, beharren, diese aber von 
den Abgeordneten mit Stimmenmehrheit und unter genauer An- 
gabe der Beweggründe unbedingt und zu wiederholten Malen ab- 
gelehnt wird, so hat ausschHeßlich der Sultan die Machtbefugnis, 
die Minister zu wechseln oder das Abgeordnetenhaus aufzulösen 
unter der Bedingung, daß es innerhalb der gesetzlichen Frist von 
neuem gewählt wird]. 

V. 1909: Wenn die Minister, während zwischen ihnen und dem 
Abgeordnetenhause eine Meinungsverschiedenheit zutage tritt, in 
ihrer Meinung beharren, diese aber von den Abgeordneten un- 
bedingt und zu wiederholten Malen zurückgewiesen wird, so müssen 
die Minister entweder den Beschluß der Abgeordneten annehmen 
oder um ihre Entlassung bitten. Wenn im Falle ihres Rücktritts 
das neue Ministerium in der Meinung des früheren beharrt und 
die Kammer diese unter Angabe der Beweggründe wiederum zu- 
rückweist, so kann der Sultan die Kammer unt«r der Bedingung 
auflösen, daß gemäß Artikel 7 zu Neuwahlen geschritten wird. 
Wenn aber das neue Abgeordnetenhaus auf dem Beschlüsse des 
früheren dennoch besteht, so muß diese Meinung und dieser Be- 
schluß angenommen werden. 

Artikel 36: Wenn zu einer Zeit, in der der Landtag nicht ver- 
sammelt ist, sich eine dringende Notwendigkeit ergibt, den Staat 
vor einer Gefahr und die öffentliche Sicherheit vor einer Störung 
zu schützen, die Zeit aber die Einberufung und den Zusammentritt 
des Landtags zur Beratung des Gesetzes, dessen Erlaß zu diesem 
Zwecke erforderlich erscheint, nicht zuläßt, so erlangen die vom 
Ministerrate gefaßten Beschlüsse, sofern sie nicht gegen die Be- 
stimmungen der Verfassung verstoßen, bis das Abgeordnetenhaus 
zusammentritt und einen Beschluß darüber faßt, durch Allerhöchsten 
Erlaß vorläufig die Geltung und Kraft von Gesetzen. Sie müssen 



144 ^^'* ^^^^^^ ^^* Is/ams, Band V. 1917, Heft 3 

»OOOeO©OOOOOOCOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXX»C)COOOOOOOO<XXXX3000C)00000^^ 

aber dem Abgeordnetenhause bei dem ersten Zusammen- 
tritti vorgelegt werden. 

Artikel 38: Wenn im Abgeordnetenhaus mit Stimmenmehrheit 
das Erscheinen eines Ministers zwecks Einholung von Aufklärungen 
über eine Angelegenheit beschlossen und er vorgeladen wird, so 
hat er entweder persönHch zu erscheinen oder einen ihm unter- 
stellten höheren Beamten zu entsenden. Er hat auf die gestellten 
Fragen zu antworten, es steht ihm aber auch das Recht zu, weni\ 
er es für notwendig erachtet und die Verantwortung dafür über- 
nimmt, einen Aufschub seiner Antwort zu erlangen. Ein Minister, 
dem das Abgeordnetenhaus nach erfolgter Aufklärung 
mit Stimmenmehrheit das Mißtrauen ausspricht, fällt. Wird 
das Mißtrauen dem Ministerpräsidenten erklärt, so fällt 
das ganze Ministerium auf einmal. 

Artikel 43: Beide Kammern des Landtags versammeln sich all- 
jährlich Anfang November ohne Einberufung. Sie werden durch 
Allerhöchsten Erlaß eröffnet und Anfang Mai 2 wiederum durch Aller- 
höchsten Erlaß geschlossen. Keine von beiden Kammern kann zu 
einer Zeit, in der die andere nicht versammelt ist, tagen. 

Artikel 44: [V. 1876: Der Sultan kann, wenn aus Staatsrücksichten 
eine Notwendigkeit vorüegt, den Landtag vor seiner Zeit eröffnen 
und die gesetzliche Sitzungsdauer verkürzen oder verlängern]. 

V. 1909: Der Sultan kann, wenn es für notwendig erachtet wird, 
aus eigenem Entschluß oder auf Grund eines schriftüchen Antrags, 
der von der Mehrheit der Abgeordneten gestellt wird, den Land- 
tag vor seiner Zeit eröffnen und auf Beschluß des Landtags oder 
aus eigenem Entschluß die gesetzliche Sitzungsdauer verlängern. 

Artikel 53: [V. 1876: Für die Erstattung von Vorschlägen über 
die Aufstellung eines neuen oder die Abänderung eines bestehenden 
Gesetzes sind die Minister zuständig, aber auch der Senat und das 
Abgeordnetenhaus haben das Recht, in Sachen, die zu dem Gebiete 
ihrer gesetzlichen Aufgaben gehören, um Ausarbeitung eines neuen 
oder Abänderung eines bestehenden Gesetzes zu ersuchen. In 
diesem Falle wird zunächst der Sultan durch Vermittlung des Groß- 
wezirats um Ermächtigung gebeten, und wenn dann ein Aller- 
höchster Erlaß darüber ergeht, wird auf Grund der von den zu- 

^ ilk iytitnä'da, d. h. bei Beginn der nächsten Tagung: das braucht nicht unbedingt in 
der ersten Sitzung zu geschehen, obwohl der türkische Wortlaut auch diese Auslegung 
zuließe. 

• V^. 1876: Anfang März. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatspin/ndcjesetzes. 145 

<K)0OeGC0OOC>0OOG00<XXXXXXXX)C)00000O0OO00O0CXXXX>000000C)0OOO(>>X)00OOCXXXXX)OOO(^^ 

ständigen Behörden erteilten Auskünfte und Erklärungen dem 
Staatsrat die Ausarbeitung der Gesetzentwürfe übertragen]. 

V. 1909: Jeder Minister, Senator und Abgeordnete hat das Recht, 
die Aufstellung eines neuen oder die Abänderung eines bestehenden 
Gesetzes vorzuschlagen. Jede von beiden Kammern schickt der 
anderen die Entwürfe von neuen oder abändernden Gesetzen zu, 
die sie bearbeitet hat. Nachdem diese auch dort angenommen 
sind, werden sie dem Sultan zur Bestätigung unterbreitet. 

Artikel 54: [V. 1876: Die vom Staatrate beratenen und ausge- 
arbeiteten Gesetzentwürfe werden zuerst im Abgeordnetenhaus und 
dann im Senat geprüft. Sie erlangen Gesetzeskraft, wenn sie nach 
ihrer Annahme von beiden Kammern durch einen Allerhöchsten Erlaß 
bestätigt worden sind. Ein Gesetzentwurf, der in einer von beiden 
Kammern endgültig zurückgewiesen worden ist, kann in diesem 
Sitzungsjahre nicht wieder Gegenstand der Beratung bilden]. 

V. 1909: Die ausgearbeiteten Gesetzentwürfe treten in Kraft, 
wenn sie vom Abgeordnetenhaus und vom Senat geprüft und an- 
genommen sind und, wenn nach ihrer Unterbreitung der Sultan 
sie bestätigt und über ihre Ausführung einen Allerhöchsten Erlaß 1 
verfügt. Die unterbreiteten Gesetze werden binnen zwei Monaten 
entweder bestätigt oder zur Nachprüfung noch einmal zurück- 
verwiesen. Die Annahme eines zurückverwiesenen Gesetzes muß 
bei der neuen Beratung mit Zweidrittelmehrheit erfolgen. Gesetze, 
die für dringüch erklärt werden, sind binnen zehn Tagen entweder 
zu bestätigen oder zurückzuverweisen. 

Artikel 76: Jeder Abgeordnete erhält alljährhch für die Sitzungs- 
dauer 3 0000 2 Piaster aus der Staatskasse. Die Reisekosten für die 
Hin und Rückfahrt werden entsprechend den für die Zivilbeamten 
geltenden Vorschriften auf der Grundlage eines Monatsgehaltes von 
5000 Piastern vergütet. Falls eine Tagung über die gesetz- 
liche Dauer hinaus stattfindet, wird ein Zuschuß unter Be- 
rechnung von monatlich 5000 Piastern gezahlt werden. 

Artikel 77: [V. 1876: Das Abgeordnetenhaus wählt mit Stimmen- 
mehrheit zum Präsidenten drei und zum zweiten und dritten 
Präsidenten ebenfalls je drei, im ganzen neun Personen, und diese 
Wahl wird dem Sultan unterbreitet. Aus diesen werden durch 
einen Allerhöchsten Erlaß ein Präsident und zwei Vizepräsidenten 
ernannt und in ihrem Amte bestätigt.] 

1 iräde'i senlje. 

2 V. 1876: 20000. 

Die Welt des Iglams, Band V. lO 



146 Die Welt des Is/ams, Band V. 1917, Heft 3 

•O«0e0O0O<XXXX>0©0©0O<XXXX»XXXXXX»0e)OO0OO(XXXX5000O0CXX)0OO(X»O0CHXKXX>XKXXXX^ 

V. 1909: Das Abgeordnetenhaus wählt zum Präsidenten, ersten 
und zweiten Vizepräsidenten alljährlich bei seinem Zusammentritt 
mit Stimmenmehrheit je eine Person. Die stattgefundene Wahl 
wird dem Sultan unterbreitet. 

Artikel 80: [V. 1876: Das Abgeordnetenhaus verhandelt über die 
ihm vorgelegten Gesetzentwürfe. Es nimmt an, weist zurück oder 
ändert die Punkte ab, die mit den Finanzen oder mit der Ver- 
fassung im Zusammenhange stehen]. 

Die allgemeinen Ausgaben, die aus dem Staatshaushaltsgesetze zu 
ersehen sind, werden im Abgeordnetenhause im einzelnen 1 geprüft und 
dann wird über ihren Betrag in Gegenwart der Minister von den Ab- 
geordneten Beschluß gefaßt. Die Beschaffenheit 2 und Höhe ^ der zur 
Deckung dienenden Einnahmen, sowie die Art und Weise ihrer Ver- 
teilung und Aufbringung wird auch im Beisein der Minister bestimmt. 

Artikel 113: Wenn bestimmte Tatsachen oder Anzeichen darauf 
hinweisen, daß in einer Gegend des Reichs der Ausbruch von 
Unruhen zu erwarten ist, so hat die Regierung das Recht, zeitweise 
den Belag'erungszustand* zu verkünden, sofern dieser auf jenen 
Ort beschränkt bleibt. Die Wirkung des Belagerungszustandes 
äußert sich in der vorübergehenden Aufhebung der bürgerlichen 
Gesetze und Vorschriften. Die Art der Verwaltung eines Ortes, 
über den der Belagerungszustand verhängt ist, wird in einer be- 
sonderen Verordnung festgesetzt werden. 

[V. 1876: Der Sultan besitzt ausschließlich die Machtvollkommen- 
heit, Personen, die auf Grund glaubwürdiger Ermittlungen der 
Polizeibehörde die Sicherheit der Regierung nachgewiesenermaßen 
stören, aus den gesegneten Ländern (d. h.: aus der Türkei) aus- 
zuweisen und zu verbannen.] 

Artikel 118. Die gegenwärtig geltenden Vorschriften, Gewohn- 
heiten und Gebräuche werden, solange sie nicht durch die künftig 
zu erlassenden Gesetze und Vorschriften abgeändert oder abge- 
schafft werden, in Gültigkeit bleiben. 

Bei der Ausarbeitung von Gesetzen und Vorschriften 
wird man die Gebräuche und Verkehrshandlungen, sowie 
die Religions- und Rechtsvorschriften^ zugrunde legen, 

1 tafsllättle. 

* keftjet, Qualität. 

• kemljet, Quantität. 

* idärf^i ^ürflje. 

• ahkjämi fiqhlje we qänünlje. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsgrundgesetze$. 147 

KX>Oe0e0O00O0<>30O000OO0O0CW50O0000000000OO0O000OO00O<XX)0O00OOO0O0O0O0CXXXXXXXXXXX)0OOOO0CXXX^ 

die den Verkehrshandlungen der Menschen und den Be- 
dürfnissen der Zeit entsprechen. 

V. 1909: Artikel iig^: Die den Postanstalten anvertrauten Schrift- 
stücke und Briefe können nicht ohne Beschluß des Untersuchungs- 
richters oder des Gerichts geöffnet werden. 

V. 1909: Artikel 120: Die Osmanen genießen das Versammlungs- 
recht und sind nur einem diesbezüglichen Gesetze unterworfen. 
Es ist verboten, Vereinigungen zu bilden, die den Zweck haben, 
den Bestand (eigentlich: die nationale Unversehrtheit) des Os- 
manischen Reiches zu bedrohen, die Form der Verfassung oder 
der Regierung zu verändern, im Widerspruch mit den Vorschriften 
der Verfassung Volksbewegungen hervorzurufen oder die os- 
manische Bevölkerung politisch zu veruneinigen, endlich solche, die 
der SittHchkeit oder der öffentHchen Ordnung zuwiderlaufen. Ebenso 
ist allgemein die Bildung von geheimen Vereinigungen verboten. 

V. 1909: Artikel 121: Die Beratungen des Senats sind öffentlich. 
Wenn aber die Minister oder fünf Senatoren den Vorschlag machen, 
wegen einer wichtigen Angelegenheit geheime Beratungen abzu- 
halten, so wird der Ort, an dem die Versammlung tagt, bis auf die 
Mitglieder des Senats geräumt und es wird über die Annahme oder 
Ablehnung des Vorschlags mit Stimmenmehrheit Beschluß gefaßt *. 

II. Gesetz betr. Abänderung^ der durch Gesetz vom 5. Sa'bän 

1327 abgeänderten Artikel 7, 35, 43 des Staatsgrundgesetze»*. 

(2. Regeb 1332 = 15. 28. 5. 1330 1914.) 

Artikel 7: Zu den geheiligten Rechten des Sultans gehören: 
. . . die Auflösung . . . gemäß Artikel 35 und die Vertagung 
und Schließung unter der Bedingung, daß die gesamte Dauer der 
Vertagung und Schließung die Hälfte der jährHchen Sitzungsdauer 
nicht übersteigt und die Kammer innerhalb dieses Sitzungsjahres 
ihre Sitzungen beendet. 

Artikel 35: Wenn die Minister auf der Annahme einer Vorlage 
über die zwischen ihnen und dem Abg'eordnetenhaus eine Meinungs- 
verschiedenheit besteht, beharren, diese aber von den Abgeordneten 

1 Artikel 119 aus V. 1876 wurde gestrichen; er bezog sich auf die Wahlordnung vom 
10. Sewal 1393 (28. 10. 1876), die durch das Wahlgesetz von 1908 ersetzt worden ist 

(vgl. S. 135)- 
• Das Iräde über die Gesetzeskraft, sowie die Unterschriften des Sultans und der Minister 

fehlen im T. W. (Nr. 321). 
» T. W. Nr. 1837, D. » VI 749. 

lo* 



148 I^ie ^^yt des Islam.% Band V. 19i7, Heft 3 

|X:ooe0OO0OO(XX>000O000O000O00(XXXXX3(X)000000O000(X)00000000000000000000O0000CKX<XX>^^ 

mit Stimmenmehrheit und zu wiederholten Malen abgelehnt wird^ 
so gehört es zu der Gesamtheit der Herrscherrechte des Sultans, 
die Minister, zu wechseln oder das Abgeordnetenhaus aufzulösen 
unter der Bedingung, daß es von neuem, und zwar binnen vier 
Monaten gewählt wird und zusammentritt. Wenn aber . . . 

Artikel 43: Beide Häuser des Landtags treten alljährlich Anfang 
November zusammen und, wenn eine Vertagung stattgefunden 
hatte, nach Ablauf der Vertagungsfrist ohne Einberufung. Sie 
werden durch Allerhöchsten Erlaß eröffnet. Die Sitzungsdauer 
beträgt sechs Monate und am Ende dieser Zeit wird der Landtag 
wiederum durch Allerhöchsten Erlaß geschlossen. Keine Kammer 
kann zu einer Zeit, in der die andere nicht versammelt ist, tagen. 
Wenn das Abgeordnetenhaus aufgelöst war, so gilt die Tagung 
des neuen, das nach vier Monaten zusammentritt, als eine außer- 
ordentüche. Ihre Dauer beträgt zwei Monate. Sie kann verlängert, 
aber nicht vertagt werden. Die Wahldauer, die nach Artikel 69 
vier Jahre beträgt, beginnt Anfang November, 

Artikel 73: wurde aufgehoben. 

[Er lautete: Wenn das Abgeordnetenhaus durch Allerhöchsten 
Erlaß aufgelöst wird, so muß die Neuwahl sämtHcher Abgeordneten 
zu einem Zeitpunkte beginnen, daß sie sich spätestens binnen sechs 
Monaten nach dem Tage der Auflösung versammeln können.] 

Ich verfüge die Gesetzeskraft 1 dieses Entwurfs, der im Abge- 
ordnetenhause und Senat angenommen worden ist, und demgemäß 
die Ergänzung des Staatsgrundgesetzes. 

Mehmed Reschad. (Dann folgen die Unterschriften sämtlicher 
Minister.) 

III. Gesetz betr, Abänderung des Artikels 102 des Staats- 
grundgesetzes vom 7. Zil-higge 1293 und der durch Gesetz 
vom 2. Regeb 1332 abgeänderten Artikel 7 und 43 2. 
(26, Rebiul ewwel 1333 = 29. i,/ii. 2. 1330/1915.) 

Artikel 7; . . . Die Eröffnung und Schheßung des Landtags zum 
gesetzlichen Zeitpunkte; die Einberufung zu einer Tagung sei es 
vor der Zeit, sei es unter außergewöhnlichen Verhältnissen; die 
Verlängerung der Sitzungsdauer; die Vertagung, sofern sie drei 
Monate nicht überschreitet und sich nicht wiederholt; die Schließung 
der Kammer für eine genau bestimmte Zeit, sofern sie innerhalb 

1 qänürnjet. 

2 T. W. Nr. 2084, vgl. auch N. O. III Nr. 6. 



Jäschke, Die recJifliche Bedeniung des täi'kisrhen Stanisifrunilg^sftzes. 149 

€)e©OeOOCXX)(XXX)000«0000<XX)000000000<X>OOOCOOOOOOOOOOOOOO(XXXXXXXX)CXX)00^ 

des Sitzungsjahres ihre Dauer vollendet; erforderlichenfalls die 
Auflösung" des Abgeordnetenhauses gemäß Artikel 35; der Ab- 
schluß von Staatsverträgen aller Art . . . 

Artikel 43: ... die Sitzungsdauer beträgt \der Monate . . . 

Artikel 102: Die Gültigkeit des Staatshaushaltsgesetzes ist auf 
ein Jahr beschränkt und kann über dieses Jahr hinaus nicht wirk- 
sam sein. Die Gültigkeit wird durch die Vertagung und 
Schließung des Landtags nicht berührt. Wenn jedoch das 
Abgeordnetenhaus [wegen außerordentlicher Verhältnisse i] auf- 
gelöst wird, ohne über den Staatshaushalt Beschluß gefaßt zu haben, 
so kann das Staatsministerium die Geltungsdauer des Staatshaus- 
haltsgesetzes des verflossenen Jahres bis zum nächsten Zusammen- 
tritt des Abgeordnetenhauses, jedoch nicht über ein Jahr hinaus, 
auf Grund eines Allerhöchsten Erlasses durch Beschluß verlängern. 

Ich verfüge . . . 

IV. Gesetz betr. Abänderttug des durch Gesetz vom 5. Sa'bän 
1327 abgeänderten Artikels 76 des Staatsgrundgesetze» 2. 

(4. Gemäzi'l ulä 1334 = 25. 2./9. 3. 1331/1916.) 

Artikel 76: Jeder einzelne Abgeordnete erhält für jedes Sitzungs- 
jahr 50000 Piaster Einkünfte ^ und Reisegebühren* für die Hin- und 
Rückfahrt auf der Grundlage eines Monatsgehalts von 4000 Piaster. 
Im Falle einer Verlängerung der Sitzungsdauer und einer außer- 
ordentlichen Tagung der Kammer wird kein besonderer Zuschuß 
gezahlt. Nach einer Auflösung wird den versammelten Kammer- 
mitgliedern die Hälfte der Einkünfte erstattet. 

Ich verfüge . . . 

V. Gesetz betr. Abänderung des durch Gesetz vom 26. Rebi'ül 
ewwel 1333 abgeänderten Artikels 7 des Staatsgrundgesetze» 

und Streichung des durch Gesetz vom 2. Regeb 1332 ab- 
geänderten Artikels 35 5. 
(4. Gemäzil ulä 1334 == 25. 2. Ig. 3. 1331/1916.) 

Artikel 7: . . . erforderlichenfalls die Auflösung des Abgeordneten- 
hauses unter der Bedingung, daß es binnen vier Monaten neu ge- 

1 V. 1876. 

« T. W. Nr. 2466, vgl. auch N. O. lU Nr. 6. 

" tachstsät. 

* chargi räh. 

• T. W. Nr. 2467, Tgl. auch N. O. ffl Nr. 6. 



150 Die Welt des Islnms, Band V. i9i7, Heft 3 

teoooooccxxxxxxsoooooooooooocxxoooooooooooooooooooooooooooooooococ^^ 



gehört zu den Vorrechten des 



wählt und versammelt ist . . 
Sultans. 

Artikel 35: wurde gestrichen. 

Ich verfüge . . . 



VI. Gesetz betr. Abänderung des Artikels 72 des Staatsgrund- 
gesetzes vom 7. Zil-higge 1293 ^• 
(15. Gemäzi'l ulä 1334 = 7./20. 3. 1332/1916.) 

[V. 1876: Die Wähler müssen die Abgeordneten, die sie wählen 
woUen, aus der Bevölkerung des Provinzbezirks, dem sie selber 
angehören, wählen.] 

V. 1916: Die Wähler können jeden Osmanen, der die erforder- 
hchen Eigenschaften besitzt, zum Abgeordneten wählen; indessen 
kann sich niemand in mehr als drei Wahlkreisen gleichzeitig zur 
Wahl stellen. 

Ich verfüge . . . 

Anhang: 

Artikel 7 und 35 in Umschrift des Urtextes nach den 

verschiedenen Fassungen. 

Artikel 7. 



V. 1876 



V. I 909 



wükelänyn 'azi ice nasby ux 

rütbe 
we menäsyh tewyihi ve niMn i'^täsy ve 
y'äläti mümtäzenin heräHti imtijäzijelerine 
tewfiqän iyräji tewgihäty we meskükät 
zarbi we chußclerde nämynyn gikri ive 
düweli eyneblje ile mü'ähcdät ^aqdy ue 
harb WC sidh i'läny we quwdji berrtje we 
bahryenin qomandäny tce 



herekjäti 'askerlje we ahkjämi Serlje ive 
qanümje 

iyräsy we deivä^iri 
idärenin mu'ämelätyyia müte^allyq nizäm- 
näitiderin tanzimi we 

müyäzäti qänünijenin tachflfi we 
ja 'afwy vx 

» T. W. Nr. 2486, vgl. auch N. O. III Nr. 



chntbelerde nhmynyn zikri ire mcskükät 
zarbi; qänüni machsüsyna tewfiqän rüteb 
we meyiäsyb teiryihi; nisän i^fäsy; sadr- 
a'zam we seich-iü-isläviyn intichab we 
ta'jlnlle sadr-a^zamyn teSkll ive arz edegy'i 
wükdänyn tasdlqi me'mürijeileri; iCjabyn- 
da wükelänyn ^alel nsül '■azl we tabdlli; 
qawänini ^umümijenin tasdlqile i'läni 
merVjeti; dewä'iri hukjümetin viu'ämelä- 
tyna we qawämn swveri igräsyna müte^- 
allyq nizämnämeler tanzimi; her neivH 
qawämn teklifi; ahkjämi Seri'je we qänüni- 
jenin muhäfüza u-e iyräsy; ejäläti müm- 
täzenin ieräHti imtijäzijelerine tewfiqän 
iyräji tewyihäli; quwäji berrlje we bahri- 
jenin qomandäsy; harb iHäny musälaha 
^aqdy; müyäzäti qä^tünljenin tachfif we 
ja 'afivy; meyliai 'iimüminin tag%vibile 
'afwy ^umüml i'läny; 
6. 



Jäschke, Die rechtliche Bedeutung des türkischen Staatsgrundgesetzes. 151 

e«>OOOCICKXXX)C)0OO0O0OOO(XXDO<XXXXXXXXXXXXX«OOOOCXXXXXX>3O<X)OC)O0CXXXXXX)<X30OC^^ 



V, 1876 


V. 1909 


V. 1914 


V. 1915 


V. 1916 


meglisi hiniü- 


meglisi 'umü- 




. . . (bis hierher 




mlnin 


mlninmy'^ädyn- 




wie V. 1 909) . . . 




^aqd we 


da küMd tce 




. . . aöylyb qa- 




ta^fili we 


ta^fili; meglisi 
Uimümlnin ah- 
icalifewqül''äde- 
de waqtyndan 




padylniasy; ge- 
rek waqtyndan 
ewwel ive gerek 
süreti fewqül 






ewwel igtimä'-a 




'^ädede igtimä'a 


. . . (bis hierher 




da'weti; 


. . . (bis 


dahveti ; temdidi 
müddeti; 


wie V. 191 5) . . . 
müddeti; 




otuz beSingi 


hierher wie V. 






ledel iqtizä hei'- 


mädde müyi- 


1909) . . . 






eti meUüsänyn 


binge meglisi 


hefeti 






azäsy jeniden 


tneb'üsänyn üc 


meb'üsäny7i 




dort 


intichäb olun- 


aj zarfynda inti- 






aj zarfynda bil- 


maq 


chäb olnnub ig- 






intichäb igtimä^ 


§ar- 


tiniä' etmek sar- 






etmek üzere ledel 


iyla 


tyla tve hei'eti 
a'jänyn mu- 






iqtizä hei'eti 
meVüsänyn 




icaffaqatyla led- 


led- 




feschi; 


feschi 


el iqtizä feschi 


el iqtizä feschi 
we müddeti tä*- 
gillje we ta'- 
titljenin mag- 
mü'i müddeti 
igtimüHje^i se- 
neicljenin nys- 
fyny tegäivüz et- 
memek we se- 
neH igtimä%je 
zarfynda müd- 
detini ikmäl et- 
mek üzerne ta'-- 
gll we taHtli; 


üc aji tegäwüz 
we tekerrür et- 
memek üzere ta'- 
gili we sene'i 
igtimä%jesi zar- 
fynda müdde- 
tini ikmäl etmek 
üzere meglisin 
mü^aijen bir ze- 
män iöün 

ta'tlli; 
otuz besingi 
mädde mügi- 
binge heVeti me- 
Uüsänyn ledel 
iqtizä feschi; 





huqüqi muqad- 
dese'i pädisähi 
gümlesindendir. 



\ilel 'umüm mü'ähedät ^aqdy huqüqi muqaddese'i pädiSähidendir. 
angaq sulha we tigärete we terk we ilhäqi eräztje tve taba'^aji ^osmä- 
mjenin huqüqi aslije tce Sachstjesine te'-alluq eden we dewletge mesäryfy 
niücjib ola?i mü'ähedätyn ^aqdynda meglisi 'umüminin tasdiqi Sartdyr; 
meglisi ^umünlnin mün'aqyd olmadyghy zemända hei'eti tvükelänyn 
tabdili wuqüghynda kefijeti tebeddülden mütewellid mes'ülyet hei'eti 
lähiqaja ä'^id olagaqdyr. 



152 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Lieft 3 

eie»ooocoooooooeooac<xxxxxx>ooaocxxxyoorxxxX30occccoo^ 



Artikel 35. 



V. 1876 



V. 1909 



V. 1914 



wiikdä ile hefeti meb^üsän 
arasynda ichtiläf olunan 
maddelerden birinin qabü- 
luyxda u-ükdä tarafyndan 
israr olimnbda meb'üsän 
gänybyndan ckserljeti ärä 
üe ice tewsllän esbabi mu- 
gibe b^änyla qäWän we tnü- 
kerrerän redd edildiji hälde 
wükelanyn 
tabdxlx 
tt'C jachod 



mügeddedän tnüddeti qänü- 
ntjesinde ijitichab olunmaq 
üzerc hefeti meVüsanyn 
feschi münhäsarän jedi 
iqtidari hazreti pädiSahi- 
dadyr. 



tcükelä üe hefeti meb^üsän 
arasynda ichtüäftaiqüghyn- 
da icükdä rejinde 

isrär edübde meb'^üsän gäny- 
byndan 



qätfän we mü- 
kerrerän redd edildiji hälde 
unikeläja meb'^üsänyn qarä- 
ryny qabüla ue Ja istffäja 
megbürdyr istffä taqdyryn- 
da jeni wükeläji heVet uni- 
kdäji hefeti sabyqänyn fik- 
rinde isrär eder u-e megtis 
esbabi mugibe bejänyla jine 
redd ederse jedingi mädde 
tnügibijige intichäbäta baS- 
lanylmaq üzere 
zäti hazreti pädiiahi meg- 
lisi fesch ede bilir. 



wükdä ile hefeti meVüsän 
arasynda ichtiläf olunan 
maddelerden birinin qabü- 
lunda iciikelä tarafyndan 
isrär olunuhda nieb^üsän 
gänybyndan ekseryjeti ärä 
ile we 

mü- 
kerrerän redd edildiji hälde 
wükelänyn 
tabdili 
we jachod 



mügeddedän we dort aj zar- 
fynda intichäb we igtimä'- 
olnumaq üzere hefeti me¥- 
üsanyn feschi huqüqi padi- 
§ahi gündesindendir. 



faqat hefeti gedideH meb'^üsän emcclki hefetiyi rejinde 
sebät u isrär ederse meglisi meVüsänyn ry' tve qarä/ry- 
nyn qabülu megbüri olagaqdyr. 
V. 191 6: otuz beiingi madde iaij edilmiSdir. 



OWOOO««»«3W)OOOOOC1000r»OOCKXXrXKX)UOCXXXXXXX)OOOOOOOeO(XXXXXXXXXXXOOUCIOOOOOOOOOOOOOOO^^ 



Hartmann, Ans der Arbeit der Idzten Tagung des Osmanischen Landtags. 153 

•000«e00000000e00000000(XX30000000(XX}0000000CO000000000000CXXX>0CO00CXXX:>0<XXX)00000000CXXXXX^ 



AUS DER ARBEIT DER 
LETZTEN TAGUNG DES OSMANISCHEN 
LANDTAGS (1./14. NOVEMBER 1332/1916 

BIS 31. MÄRZ 1333/1917). 

VON 

MARTIN HARTMANN. 

Seit dem 23. Juli 1908 ist in der Türkei unermüdlich an dem 
gearbeitet worden, was jedes Vaterlandsliebenden Ziel war: der 
Errichtung eines poHtisch starken, seinen Gliedern günstige Lebens- 
bedingungen sichernden Staatswesens. Die Wege dazu stellten 
sich den einzelnen verschieden dar. Schon das als Ziel Empfundene 
gestaltete sich nach Anlage, persönlicher Lebenserfahrung, fremdem 
Einfluß mannigfaltig. Nur ein verschwindender Teil der Staats- 
angehörigen erkannte, daß auch bei Verschiedenheit der Meinungen 
sich tüchtig wirken läßt, wenn nur bei allen der ernste Wille vor- 
handen ist, das Allgemeine vorwärtszubringen. 

Die Geschichte der an Wechselfällen reichen neun Jahre, die am 
23. Juli 1917 abgeschlossen waren, ist hier nicht zu erzählen. Sie 
darf nur gedacht werden als die Geschichte des Rechts in diesem 
Zeitraum. Eine solche wäre in der Hauptsache eine Geschichte 
der Verfassung!, denn mit dieser stand und fiel das ganze Ge- 
bäude, dessen Grund bereits durch das Wirken der Reformer 
(Reschid, Aaü) gelegt war, an dem zu arbeiten aber der Wille 
Abdulhamids die Nation gehindert hatte, bis der Tag der „Kon- 
stitution", wie man mit einem Anachronismus die Umwälzung nennt, 
die Bahn freimachte. Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens 
.herrschte vollkommene Unsicherheit; denn was in den beiden 
kurzen Tagungen des Landtags vom 19. 3. 1877 bis 14. 2. 1878^ 
gesetzgeberisch geleistet war, war ein Provisorium von mäßigem 
Umfang und von mäßiger Güte. Es galt Dauerndes zu schaffen, 
es galt der Allgemeinheit das Gefühl der Sicherheit zu geben,, 
kurz, es galt einen Rechtsstaat zu schaffen. 

1 Ein bemerkenswerter Versuch, die Geschichte der Osmanischen Verfassung zu schreiben, 
liegt vor in ,,Die Entwicklung des Osmanischen Verfassungsstaates Ton den Anfängen 
bis zur Gegenwart" von Ref. Dr. Jäschke (diese Zeitschrift V, 5 — 56). 



154 Die Weh des Idam.«, Band V. iyi7, Heft 3 

OC<XXXXX)(X)OOOOGOCyXX300CKD<X)000<XXX)COOCXXXXXXXXXXXXXX30(XX^^ 

Die Schwierigkeiten waren ungeheuer, die größte die, daß nur 
ein geringer Teil der Staatsangehörigen poHtisch denken konnte, 
und daß unter diesen wiederum die herrschende Gruppe am Politisch- 
denken gehindert wurde durch atavistische Vorstellungen, die diese 
Gesellschaft mit großer Stärke beherrschen. Die Identität von Staat 
und Kirche, von poütischer und religiöser Gemeinde ist der Glaubens- 
satz, der das türkische Volk zu einer willenlosen Masse in der Hand 
der islamischen GeistHchkeit gemacht hatte. Diese kirchliche Partei, 
hauptsächüch der niederen Geistlichkeit angehörend, hatte eine 
Stütze an der finstern Macht, die man auf dem Thron gelassen 
hatte. Die von solcher Befangenheit freien Staatspolitiker, die in 
der Kirche höchstens ein Mittel zu politischen Zwecken sahen, waren, 
abgesehen von dem überall herrschenden Kampfe zwischen dem 
Entwicklunggedanken und dem Stillstand-, d. h. Rückwärtsprinzip, 
durch persönliche Machenschaften gespalten. Trotz alledem ist der 
türkische Staat in den neun Jahren gewaltig erstarkt. Die Ur- 
sachen waren i. die Beseitigung des unruhigen, gefährlichen Selbst- 
herrschers, der sich der neuen Zeit nicht ergeben wollte; 2. die 
Aufrüttelung der Nation durch ein Versagen im kritischen Moment 
und den darauf folgenden Zusammenbruch, die den Staat dicht an 
den Abgrund führten; 3. der große Krieg, der durch die Zusammen- 
schweißung mit kräftigeren Staatsgebilden eine gewaltige Menge 
von Werten in das Land warf und trotz der ungeheuren Lasten, die 
er auferlegte, Kühnheit und Kraft in der Erfassung der großen 
Aufgabe zeitigte. 

Das Verdienst, den türkischen Staat durch die Gefahren, die ihn 
von allen Seiten umdräuten, sicher hindurch geführt und Bürg- 
schaften für die Zukunft geschaffen zu haben, gebührt den Männern, 
die als Führer der „Vereinigung für Einheit und Fortschritt" im 
öffentlichen Leben standen und stehen. Sie erkannten und formu- 
lierten die Aufgabe, sie leisteten die Hauptarbeit, sie wachten über 
das Erreichte. Auch sie sind nicht vollkommen. Es ist vielfach 
eine herbe Kritik an ihnen und ihrer Arbeit geübt worden. Viel- 
leicht wird eine Zeit, in der keine Rücksichten mehr genommen 
werden müssen, manche Menschlichkeiten zeigen, die weniger er- 
freuhch sind. Das darf nicht hindern, ihre Tatkraft, ihre Intelligenz, 
ihren politischen Takt anzuerkennen. 

Die folgende Darstellung gibt nur einen Ausschnitt aus ihrem 
Wirken, aber einen Ausschnitt, der das getreue Bild der Gruppe, 
deren Wirken noch auf Jahre hinaus das Geschick des Osmanischen 



Hartiiiann, Ans der Arbeit der letzten Tagiincf des Osmanisclien Landtags. 155 

«<XX3e0OOOOO<XXX»O00O00OOO0C»0<X)O00OO(X>0O<X<XXXXXX»<>X>OO0ClCXXXXX^ 

Reiches bestimmen wird, scharf herv^ortreten läßt. Die Arbeit des 
letzten Landtags stand unter ihrem Einfluß. Ihre Darstellung 
gliedere ich nach den drei Hauptstufen: I. Die Aufgaben, 11. Die 
Arbeit, HI. Das Erreichte. 

I. Die Aufgaben. 

Der Osmanische Landtag hatte in der ersten Wahlperiode und 
im Jahre 1 und 2 der dritten Wahlperiode eine nicht unbedeutende 
Arbeit geleistet 1. Sieht man die Verhandlungen dieser Zeit durch, 
so kann man der Ausdauer, mit welcher schwierige Materien der 
Gesetzgebung behandelt worden sind, die Anerkennung nicht ver- 
sagen. Man wird im einzelnen nicht immer mit der Erledigung 
einverstanden sein, aber funktioniert die Gesetzgebungsmaschine 
regelmäßig, so lassen sich Fehler, die begangen wurden, berichtigen. 
Gesetze können abgeändert, ergänzt, abgeschafft werden. 

Der Landtag stand vor der dritten Tagung der dritten Wahl- 
periode (1./14. 11. 1332/1916) nicht ohne schlimme Belastung. Eine 
große Anzahl von „provisorischen Gesetzen" war sein Erbe, das er 
verpflichtet war zu liquidieren, zum Teil sehr alten Datums 2. Ich 
denke hier an die Zivilprozeßordnung, die Strafprozeßordnung und 
das Gerichtsverfassungsgesetz, die aus 1879 stammen und immer 
noch „provisorisch" sind, obwohl die Verfassung sagt (Art. 36): 
„Die von dem Gesamtministerium gefaßten Beschlüsse werden 
durch Allerhöchsten Erlaß provisorisches Gesetz, müssen aber dem 
Abgeordnetenhause bei seinem ersten Zusammentreten vorgelegt 
werden." Wenn es auch zu billigen ist, daß die gesetzgebenden 

1 Die Arbeit des Landtags der ersten Wahlperiode (vom 17. Dezember 1908 — 18. Januar 
191 2) liegt vor in den Gesetzen, die, von ihm verabschiedet und vom Sultan bestätigt, 
publiziert sind im Reichsanzeiger Xr. 125 vom 2. März 1325/15. März 1909 — 
Nr. 1035 vom 15. Januar 1327/28. Januar 191 2. Der Landtag der zweiten Wahlperiode 
(ob eine solche anzusetzen ist, ist strittig; der Landtag selbst hat sich für diese Zählung 
entschieden) verabschiedete in seiner Tagung vom 5. April 1328/18. April 191a 
bis 2. August 1328/15. August 1912 die Gesetze, die publiziert sind im Reichs- 
anzeiger Nr. 1631 vom 8. Mai 1328/21. Mai 1912 — Nr. 1714 vom 13. August 
1328/26. August 1912. Die verabschiedeten Gesetze der beiden ersten Jahre der dritten 
Wahlperiode (133031 und 1331,32 [1914 15 und 1915 16]) liegen vor im Reichs- 
anzeiger Nr. 1837 vom 22. Mai 13304. Juni 1914 — Nr. 2496 vom 30. März 
1332/12. April 1916. 

« Eingehend und korrekt behandelt die Frage Hermann Voigt in ,, Einiges über die pro- 
visorische Gesetzgebung in der Türkei" (Zeitschr. f. Vergl. Rechtswissenschaft Band 34 
S. 426 — 440) [S. 429 lies senije statt sennije]. 



156 Die Welt des Mams, Band V. 1917, Heft 3 

eoC)00<X)CO00CXX3©00000000000000000000CXXXXXXXO000000000<>XXXyX)00000<XXX)000C^ 

Körperschaften nicht pedantisch vorgingen und hübsch secundum 
ordinem das Unwesentliche erledigten, um schließhch die brennen- 
den Tagesfragen unerledigt lassen zu müssen, so haben sich doch 
die Rückstände so gehäuft, daß die Frage unvermeidlich wurde: 
Was soll geschehen? Was soll beraten und verabschiedet werden? 
Dem die richtige Antwort zu linden, war die große Aufgabe, vor die 
das Komitee gestellt war, und deren es sich mit Geschick entledigt 
hat. Es ist vor allem anzuerkennen, daß die Führer der Partei vor 
sie traten und auf dem vom 28. September bis 6. Oktober 1916 ab- 
gehaltenen Kongresse die Richtlinien für die neue Landtagsarbeit 
feststellten. Der Kongreß wurde mit einem Bericht eröffnet, dessen 
französische Ausgabe in Übersetzung vorliegt in „Korrespondenz- 
blatt der Nachrichtenstelle für den Orient" Jahrgang m Nr. 2 vom 
21. Oktober 1916 (Sonderbeilage). Dieser Bericht enthält eine 
meisterhafte Übersicht über die politischen Geschehnisse seit der 
letzten Tagung im Jahre 1329 [1913J. Nicht ohne Bitterkeit spricht 
er von der Behandlung, die der Türkei von den Mächten nach 
den schweren Niederlagen des ersten Balkankrieges zuteil wurde. 
„Die nen-öse Hast Anatolien aufzuteilen", ist die richtige Bezeich- 
nung der Poütik des Landraubs, über den im einzelnen die Beute- 
süchtigen sich noch nicht hatten verständigen können, der aber 
im Grundsatz von ihnen als das natürHche Ende des historischen 
Lebens der Türkei betrachtet wurde. Geschickt wird geschildert, 
wie die Türkei sich von den Kapitulationen zu befreien suchte, 
wie die Feinde aber unter gleißenden Worten das Netz immer 
dichter um sie zogen, und wie sie ohne den von den Feinden 
selbst herbeigeführten gewaltsamen Ausbruch unzweifelhaft erdrückt 
worden wäre. Die Abschaffung der lastenden Verträge stellte die 
Türkei vor die größten Aufgaben. Wer die energische Tätigkeit 
der führenden Männer und ihres Anhangs in den letzten zwei 
Jahren verfolgt hat, wird an einer glücklichen Lösung nicht zweifeln. 
Die Behandlung des Konfliktes mit Rußland führt zu einer 
ausführlichen Darstellung der armenischen Anschläge gegen die 
Sicherheit des Landes und an diese schließen sich die Ereignisse 
in Syrien und im Hidschaz. Mit Stolz wird von der militärischen 
Erstarkung gesprochen unter Anerkennung der Verdienste der 
deutschen Müitärmission. Bei Besprechung der Tätigkeit des 
Komitees auf den einzelnen Gebieten werden der Bericht über 
das in den letzten zwei Jahren Geleistete und der über das neue 
Programm miteinander verquickt. Der hervorstechende Zug des 



Hartmann, Aus der Arheit der letzten Taaimg des OsrnamscJien Landtag!^. 157 

OOOO0O00O0O00O©0O0OO0OCXX)OO(XXX)000OO00O00O0OOCXXXXXXXXXXXX>O00OOO0O(X)00OO0<XXXXDO0OCXXXXXXX^^ 

Zukunftsprogramms ist die Fülle fruchtbarer Gedanken, die zu- 
weilen nicht ohne Schärfe, immer mit der Überzeugtheit der 
Durchführungsmöglichkeit ausgesprochen werden. Am schärfsten 
tritt der Gegensatz gegen das Alte hervor bei der Behandlung 
des Scheichülislamats. Die geistliche Oberbehörde ist überlastet 
•und konnte deshalb auf ihrem eigenen Gebiete nicht das leisten, 
was zu erwarten war. Zur Entlastung wurden in das Programm 
des Komitees zwei Artikel aufgenommen, von denen der eine die 
Scheriat-Gerichte dem Justizministerium unterstellt, während der 
andere dem Scheichülislamat eine neue Organisation gibt (das 
Einzelne siehe unten). 

Ich lege dem folgenden Berichte über die Verhandlungen des 
Kongresses selbst, über welche stenographischer Bericht, soweit 
mir bekannt ist, nicht vorliegt, die sechs Artikel des offiziösen 
Tanin zugrunde, die in Nr. 2807 vom 5. Oktober bis 2812 vom 
12. Oktober 1916 erschienen sind, und die als Meinungsäußerung 
der leitenden Männer des Komitees selbst zu gelten haben. In 
diesem Auszuge ist das übliche Wortgerank, das auch diesen, sich um 
Sachlichkeit bemühenden Äußerungen nicht ganz fehlt, unterdrückt. 

Die Aufgaben des Kongresses bezogen sich zum Teil auf die 
innere Gliederung, zum Teil auf die Politik, Die Verhandlungen 
erhoben sich durchaus über das Subjektive. An erster Stelle wurden 
Veränderungen in der Organisation der Gesellschaft vorgenommen. 
Im Jahre 1329 [1913] wurde eine Organisation 1 geschaffen, durch die 

1 Für die Anfänge des Komitees für Einheit und Fortschritt ist immer noch die Haupt- 
quelle das wichtige Buch des Abbe Fesch: Constantinople aux derniers jours d'Abd- 
ul-Hamid (Paris o. J., VIII u. 673 S.), über das ich berichtete in „Die neuere Literatur 
zum türkischen Problem" (Zeitschr. f. Politik III (1909) S. 166 ff.). Die Entwicklung ist 
bisher nirgends im Zusammenhange behandelt. Driaults zu Unrecht geschätztes 
„Question d'orient" (s. meine Anzeige „Neuer Orient" I Nr. 10 S. 476) versagt 
völlig. E» scheint, daß das Jahr 19 13 insofern einen Wendepunkt in der Geschichte 
des Komitees bildet, als durch die endgültige Beseitigung Kamils und seiner Partei 
[23. Januar 19 13] und die Ausschaltung der durch die Ermordung Mahmud Schewkets 
kompromittierten Feinde die Bahn frei wurde. Die Wahlen zum Abgeordnetenhaus der 
dritten Wahlperiode standen unter diesem Zeichen. Die Tagung, die am 14. Dezember 
1914 begann, war sorgfältig vorbereitet: in das neue Parlament zog das Komitee ein 
als die herrschende politische Partei, die im Abgeordnetenhause ihren eigenen Führer 
mit selbständiger Stellung neben dem Generalrate hat. Es entspricht der Gewohnheit 
des Komitees, mit seinen internen Angelegenheiten die Öffentlichkeit möglichst wenig zu 
beschäftigen, daß von der Organisation, wie sie zu jener Zeit war, und wie sie mit 
einigen Änderungen bis zu der Neugestaltung durch den Kongreß 1916 lich gehalten 
bat, möglichst wenig gesprochen wird. 



158 JJie Welt des Islams, Bond V. 1917, Heft 3 

<XXXX<X>0OOO0O0OOO00OOOOOOO0<XXXXXXy>3O0O0OO0<X)OOO0OO0OOO00CXX)(XXXXXXX)000O00OO^^ 

die Gesellschaft zu einer politischen Machtzentrale wurde. Alsbald 
äußerte sich das in zwei Auswirkungen: einmal in der Schaffung von 
Klubs im Innern des Landes, sodann in der Schaffung einer parlamen- 
tarischen Gruppe in der gesetzgebenden Körperschaft. Die Tätig- 
keit im Innern des Landes, d. h. die äußere Organisation, untersteht 
einem Generalzentrum merhezi ^nniünä, das aus neun Mitgliedern 
und einem Generalsekretär besteht; die aus den beiden Häusern des 
Landtags gebildeten Gruppen gesetzgebenden Charakters unter- 
stehen einem Generalvertreter (ivekili Sinmml), der ein General- 
bureau neben sich hat. Um diese beiden Organisationen, die, die 
eine im Innern des Landes, die andere im Landtage tätig und voll- 
kommen getrennt voneinander sind, in einer Zentrale zu vereinigen, 
wurde ein Generalrat (meglisi \imüml) gebildet; es wurde ferner 
für die Parlamentspartei die Stelle eines Generalvorsitzenden ge- 
schaffen, in dessen Händen sich zugleich die Leitung der ausübenden 
Gewalt befindet!. Diese Organisation ist durchaus logisch: alle 
Einzelorganisationen arbeiten getrennt auf ihren verschiedenen Ge- 
bieten, der Verantwortlichkeit sich bewußt, und alles vereinigt sich 
in dem Generalrat. Nun erwiesen die Erfahrungen der letzten 
zwei Jahre die Notwendigkeit einer Änderung in der Organisation 
des Generalrats. Nach dem im Jahre 1329 [1913] angenommenen 
System setzt sich der Generalrat zusammen 1. aus den Ministern, 
2. aus den Mitgliedern des Generalzentnims, 3. aus zwanzig vom 
Kongreß gewählten Mitgliedern, 4. aus dem Generalvertreter mit 
dem Generalbureau. So verlor dieser Rat das Wesen eines an der 
Spitze der Partei stehenden Generalrats; er nahm fast die Form 
eines Parlaments an, stieß bei den monatlichen Versammlungen 
und der Aufgabe, die allgemeine Politik des Landes zu regeln, auf 
Schwierigkeiten und konnte seine Aufgabe nicht lösen. Die Zahl 
der Mitglieder war eben viel zu groß; es war die Mögüchkeit für 
unnötige und allzu lange Auseinandersetzungen gegeben, es mußte 
unter allen Umständen die Zahl der MitgHeder verringert werden. 
Für die Neuorganisation wurde vorgeschlagen, der Generalrat solle 
künftig nur bestehen aus 1. den Ministern 2, 2. den Mitgliedern des 

1 Die Fassung ist mißverständlich: einen Vorsitzenden hat nur die Parlanien tspartei. 

Die Vereinigung rühmt sich, daß in ihr das demokratische Prinzip herrsche, d. h. 

daß die Mitglieder des Zentralausschusscs sich gleichstehen. Eine Sonderstellung nimmt 

nur der Generalsekretär ein. 
' Es berührt uns seltsam, wie hier über die Minister verfügt wird; sollte sich das z. B. 

der sehr selbständige Marine-Minister Dschemal Pascha vorschreiben lassen? Man 



Hartmann, Aus der Arbeit der letzten Tagung des Osmanischen T andtags. 159 

C<X)<X)OOOOOOOClC«ee(X)000000O00000OOO0CKXX3O0O0OOOO00OOOOCXXXXX300(X)OCXXXXXX)O<XXXX3^^ 

Generalzentrums, 3. fünf von dem Kongreß aus den Mitgliedern 
der gesetzgebenden Körperschaft zu wählenden Personen. Dieser 
Vorschlag wurde angenommen. Der neue Generalrat wird sich 
künftig alle vierzehn Tage versammeln. Hervorgehoben wird, daß 
die Partei Einheit und Fortschritt die einzige politische Organisation 
des Landes darstellt, daß sie beständig sucht aus den Erfahrungen 
zu lernen, und daß sie in einer immerwährenden Mauserung be- 
griffen ist (Tanin Nr. 2808 vom 6. Oktober igi6). 

Beachtenswert ist die Offenheit, mit welcher das „Komitee", d. h. 
die Gesellschaft für Einheit und Fortschritt, meist kurz „Partei 
Einheit und Fortschritt" oder auch nur „Einheit und Fortschritt" 
genannt, sich als die einzige Partei in dem politischen Leben des 
Landes darstellt. Bei diesem Alleinstehen mit vollkommener Be- 
herrschung der Lage ist das Moment ausgeschaltet, das für gesunde 
Entwicklung der Gesellschaft unentbehrlich ist, und dessen aus- 
giebiger Verwendung die Kulturstaaten, voran Deutschland, ihr 
stetiges Voranschreiten verdanken: das dialektische Verfahren. 
Das Komitee hat keinen Gegenspieler 1. Dieser Zustand verliert 
seine Bedenklichkeit durch das, was in dem Tanin-Bericht genannt 
ist: „das beständige Lernen aus den Erfahrungen," und damit ver- 
bunden, eine immerwährende Mauserung. In der Arbeit des 
Komitees gibt es keinen Stillstand, alle regen sich unablässig 
und dadurch wird verhütet das Überwuchern der Macht des 
Einzelnen und das Rosten der Maschine. Sodann aber sind die Ver- 
hältnisse zurzeit so schwierig, daß ein ausgebildetes Parteileben das 
Land ernsten Gefahren aussetzen würde. Heute hat die Türkei keine 

weiß, daß das Komitee selbst eine Art Ministerium hat, d. h. daß die Hauptfächer der 
Verwaltung von den Mitgliedern des Zentralausschusses (merhezi ^uniümi) bearbeitet 
werden. Wenn nun der Minister die von dort ausgehenden Erlasse nicht annimmt? 
Sind die Mitglieder des Ausschusses technisch genügend geschult, um so schwere Arbeit 
zu tun? Es handelt sich bei ihnen wohl nur um die politische Seite. Es ist aber ein 
gefährliches Prinzip, in die Verwaltung in solcher Weise politische Gesichtspunkte 
hineinzutragen. 
1 Im Landtage ist die Opposition schwach. In beiden Häusern beziehen die Mitglieder 
verfassungsmäßig erhebliche Summen (die Abgeordneten erhalten ein Jahresgehalt von 
50000 Piastern, außerdem während der Sitzungsperiode (i. November bis 28. Februar) 
monatlich 4000 Piaster [Verf. Art. 76]; die Senatoren erhalten 10 000 Piaster monatlich 
[Verf. Art. 63]; es ist psychologisch verständlich, wenn man solche Plätze zu erringen 
bzw. sie sich zu erhalten sucht; besonders begehrt sind die Senatssitze, denn die 
Senatoren sind unabsetzbar; es kommen auch Übertritte aus dem Abgeordnetenhause 
in den Senat vor, indem zuverlässige Männer in diesen gewählt werden, wie Seijid 
Bej, Deputierter für Smyrna, 1916 in den Senat gewählt wurde. 



i6o Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

»OOC«OCOOO0OO0O0O«00000O0O<XXX)00O000OOOOCXXX>3O0O(X>X)O00OCX^^ 

Zeit, Zänkereien über Dogmen anzuhören oder sich mit den Macht- 
strebungen der Zurückgesetzten zu beschäftigen, Sie hat nachzu- 
holen, was jahrhundertelang versäumt ist, hat den Bau aufzuführen, in 
dem sie die kommenden Zeiten in Sicherheit und Wohlsein wohnen 
soll. Wo sind denn auch die Leute, die neben den Führern des 
Komitees zurzeit Leiter großer politischer Gruppen sein könnten? 
Es ist dem Komitee gelungen, alle Fähigen in seinen Kreis zu ziehen. 
Es fehlt nicht an Leuten, die in dem Vorgehen des Komitees eine Be- 
drohung von Religion und Ordnung sehen, aber die Nachrichten 
darüber in der fremden Presse, die hauptsächlich aus dem Kreise der 
Verurteilten und Verbannten in der Schweiz und aus der Lügenfabrik 
in Paris stammen, sind weit übertrieben. Die islamische Geistlich- 
keit glaubte, daß sie durch die Revolution, d. h, durch die Partei, 
die diese durchführte, schwer geschädigt sei, und sie versuchte in 
dem Putsch April 1909 einen Gegenstoß. Es fehlt ihr aber jede 
Organisation und sie hat keine Männer von Bedeutung. Sie kann 
auch keine haben, weil alle Einsichtigen den Widerstand gegen 
das Komitee als vaterlandsverräterisch empfinden und als nutzlos 
erkennen. Fast ausnahmslos gilt das von den Mitgliedern des 
islamischen Klerus, die leitende Stellen innehaben. Der niedere 
Klerus hält noch an der Tradition fest, aber hier wächst ein neues 
Geschlecht heran, das die Segnungen der neuen Zeit erkennt. 
Wenn die Hodschas anfangen zu turnen (der energische und weit- 
schauende Sirri Bej, der das Turnwesen in der Hand hat, ist dabei, 
das Turnen bei den Geistlichen beliebt zu machen und zu organi- 
sieren; es gibt photographische Aufnahmen von turnenden 
Hodschas i), dann zieht ein neuer Geist in diese Klasse, die es nur 
dem Komitee zu danken hat, daß sie aus den dumpfen Löchern 
der alten Medresen herausgezogen ist in Luft und Licht, So kann 
man nur wünschen, daß dem Lande der Segen dieser Einheitüch- 
keit trotz gelegentlicher Schroffheiten erhalten bleibt, bis ein ge- 
festigtes in seinem Gefüge gesichertes Staatswesen die Wechsel- 
fälle, die mit einem starken Parteiwesen verbunden sind, ertragen 
kann. 

Den zweiten Gegenstand der Beratungen bildete die Überweisung 
der von dem Ewkaf-Ministerium geleiteten öffentlichen Schulen an 
das Unterrichtsministerium. Daß zwei höchste Staatsbehörden un- 

* Siehe z. B. Berliner Tageblatt Wochenausgabe vom 12. Sept. 1916 S, 6; ebendort ,,Die 
türkische Jugendwehr und ihre Zukunflsbedeutung" von dem schon genannten, an der 
Turnlehrerschule zu Stockholm gebildeten Sei im Sirri Bej, 



Harimann, Aun der Arbeit der letzten Tagung des Osmanischen Landtags. 161 

•OO0e000000O0OOC»XKXXXXX}O00000(X>000O00OO0O0O000O0OO0OOO00O0OOOO0O0OO0O<XXXX>OOOOOO0OCIOO^^ 

abhängig voneinander sich mit Dingen des öffentlichen Unterrichts 
beschäftigen, ist ein unerträglicher Zustand (selbstverständlich die 
Fachschulen ausgenommen). Dem Ewkaf-Ministerium als juristische 
Person (tatsächlich; rechtlich gibt es in der Türkei diesen Be- 
griff noch nicht) und als Anstalt für Wohltätigkeit kann theoretisch 
das Recht nicht abgestritten werden, Schulen zu gründen unter 
den dafür bestehenden Bedingungen; nur ist eben das Ewkaf- 
Ministerium nicht bloß eine Wohltätigkeitsanstalt, sondern es ist 
eine in der Staatsorganisation einen bestimmten Platz einnehmende 
Staatsbehörde; unter diesem Gesichtspunkt kann sie nicht Schulen 
eröffnen mit dem Charakter von Privatschulen. Privatschulen stehen 
immer unter Kontrolle und Aufsicht des Unterrichtsministeriums, 
die Ewkaf-Schulen lassen sich aber unter solche Aufsicht nicht 
nehmen, denn nach der Staatsorganisation stehen die beiden 
Behörden selbständig nebeneinander. Die Stellung des Ewkaf- 
Ministeriums ist überhaupt ein schwieriges Problem: in anderen 
Staaten gibt es eine solche Behörde nicht; bei uns hat sie einen 
von dem allgemeinen Reichshaushalt getrennten Haushalt. Die 
Schulfrage ist mit der genannten Frage des Ministeriums zusammen 
zu behandeln. Man könnte der Ewkaf-Behörde das Recht der Schul- 
gründung gewähren, ihr aber dafür den in der Gesamtorganisation 
angewiesenen Platz nehmen; eine solche tiefeinschneidende Maß- 
nahme wäre jetzt aber inopportun; deshalb beläßt man es zunächst 
am besten beim Alten und trifft in der Schulfrage eine provisorische 
Entscheidung. Die Ewkaf-Schulen sind von zweierlei Art: 1. die 
direkt von den „MüteweUi" (Vertretern der Stiftungen) verwalteten, 
2. die vom Ministerium aus verschiedenen Einkünften und nur zu 
gutem Zweck eröffneten. Die ersten können belassen werden, die 
zweiten müssen dem Unterrichtsministerium unterstellt werden. Das 
Ewkaf-Ministerium ist ohnehin mit den wichtigsten Geschäften über- 
häuft; die Schulen bedürfen aber eines großen Aufwandes von 
Mühe und Geld; so bedeutet diese Organisationsänderung eine Ent- 
lastung des Ministeriums. Die Verwendung der zu nützlichen 
Unternehmungen zu Gebote stehenden Mittel mag dann weiter 
Gegenstand der Verhandlung sein. Diese Lösung befriedigt beide 
Teile (Tanin Nr. 2809 vom 7. Oktober igi6). 

Der nächste wichtigste Punkt ist die Änderung der Wilajet- 
organisation und die Bildung von „Kommunen" (der türkische 
Text hat fr. commune in Umschrift). Das jetzt bestehende proviso- 
rische Wilajetgesetz ist noch nicht durch das Parlament gegangen 

Die Welt des Lslams, Band V. 1 I 



i62 Di^ ^Velt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

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und befriedigt die Bedürfnisse nicht. Der Generalrat brachte eine 
wichtige Vorlage ein, nach welcher die Verwaltungsbehörden ver- 
kleinert, ihre Zahl vergrößert werden soll: die Mutesarrifliks (oder 
Sandschaks) sollen ganz beseitigt werden und die in den zivili- 
sierten Staaten angewandte Gemeindeorganisation soll auch bei 
uns eingeführt werden. Das wurde angenommen. Das wesentliche 
ist, daß die Grenzen der Wilajets beschränkt und ihre Zahl ver- 
größert wird, und daß zugleich die die Zelle unseres Verwaltungs- 
organismus bildende Nahije unter dem Namen Kommune Grund- 
lage wird. Der gegenwärtige Zustand ist schwierig: auf dem Wege 
vom Zentrum bis zum Bestimmungsort bleiben die Gedanken ent- 
weder ganz stecken oder sie nehmen eine vollständig andere Form 
an; das kommt heute jeden Tag vor. Zur Behebung des Übel- 
standes hat die Regierung bereits Schritte getan: die unabhängigen 
Mutesarrifliks wurden täglich vermehrt i. Diese Neubildungen 
dürfen als eine Probe des künftigen Zustandes angesehen werden. 
Von besonderer Wichtigkeit ist die Verwandlung der Nahijen in 
Kommunen. Die Nahijen, diese Zellen der Zivilorganisation, 
werden nun ein Leben erhalten, sie werden zum Bewußtsein ihrer 
Existenz kommen, sich mit dem eigenen Wohle beschäftigen, in 
selbständige Unternehmungen eintreten. Die Regierung hat bereits 
sorgfältige Untersuchungen angestellt. Sobald die grundsätzlichen 
Entscheidungen in Anwendung gebracht werden, wird unsere Zivil- 
verwaltung von einem neuen Leben beseelt werden. Das Dorf 
(köj) wird dann endlich von der heutigen Verschlafenheit erlöst. 
Hiermit hängt zusammen die andere Frage der individuellen Be- 
handlung der einzelnen Gebiete; gegenwärtig werden die zwischen 
ihnen bestehenden weltweiten Differenzen völlig übersehen und 
schablonenhaft werden alle nach einer Weise behandelt. Das ist 
unsinnig. Das Problem ist in das Programm der Gesellschaft auf- 
genommen; seine Lösung ist aber nicht so schnell möglich. Bei 
den Verhandlungen über diese Frage zeigte sich die ganze 
Wichtigkeit der von den Mitgliedern der Gesellschaft [in der Provinz] 
seit Jahren gemachten Erfahrungen: auf Grund ihrer billigten wir 
ohne Zaudern den Gedanken dieser Neuordnung; die wenigen vor- 
gebrachten Einwendungen bezogen sich nur auf Schwierigkeiten 
der Ausführung. Hier gab Talaat Bej 2 wichtige Erklärungen ab: 

1 Das bestätigt die selbständige Auffassung der vermehrten Sandschakbildung, die ich 

diese Zeitschrift IV S. 29 Anm. i vortrug. 
• Gemeint ist Kütschük Talaat, Mitglied des Zcntralausschusses 



Hartmann, Aus der Arbeit der Jeizten Tagung des Osntnnischen Landtags. 163 

«««O00<XX)<XXXXX:0OS00O(XXXXXXXX>0OO000CXXX)0O0OOO000O00O0O0OOO000OCIO00O(XX>00OO(XXXX)^^ 

die Vermehrung der Wilajets wird den Haushalt nur wenig be- 
lasten, da es bei der jetzt sehr ausgedehnten Organisation der 
größten Verwaltungseinheiten nicht bleiben wird; die notwendig 
durch die Neuordnung herbeigeführte Unsicherheit wird durch ein 
allmähliches und systematisches Vorgehen leicht beseitigt werden. 
Die Versammlung faßte die entsprechenden Beschlüsse, die für die 
Ausgestaltung unserer Zivüver waltung von der höchsten Bedeutung 
sein werden (Tanin Nr. 2810 vom 8. Oktober 1916). 

Der Kongreß beschäftigte sich ferner mit der Ernährung der 
Hauptstadt und der hierfür eing"esetzten besonderen Handels- 
körperschaft. Das Gerede, das sich daran knüpfte, ist bekannt: 
blieb es in der Presse unerwähnt, so wurde es desto eifriger von 
Mund zu Mund getragen, und es wurde die kostbarste Zeit un- 
zähliger Menschen mit dem Schwatzen darüber verloren. In dem 
Eröffnungsbericht ist ausführhch davon gehandelt. Hier soll nur 
von den Ergebnissen der Kongreßverhandlungen die Rede sein. Bei 
dem üblen Zustand der Stadtverwaltung konnten die Schwierig- 
keiten, die bei der Mobilisierung entstanden, nicht in gehöriger 
Weise gelöst werden; der Platz, der sich ganz und g^ar in nicht- 
nationalen Händen befand, konnte vor einer Krise und einer un- 
natürHchen Not nicht bewahrt werden; irgend eine feste Hand 
mußte hier eingreifen. Die Stadtverwaltung ging an die Schaffung 
einer speziellen Organisation. Die Folge war die Bildung der be- 
sonderen Handelskörperschaft; sie ging zunächst an die Brotfrage, 
und ihre Tätigkeit verdient Dank; auch in der Zuckerfrage arbeitete 
sie günstig. Die Körperschaft hat einen Reingewinn von einigen 
hunderttausend Pfund erzielt. Der Kongreß hat deren Verwaltung 
dem Ewkaf-Minister anvertraut. Das Geld soll das Kapital einer 
Bank für nationale Unternehmungen werden; zur Ausführung wurde 
eine Kommission gewählt (Tanin Nr. 2811 vom 11. Oktober 1916). 

Während das Vorstehende nur ein Auszug aus den ersten fünf 
Berichtartikeln des Tanin ist, lasse ich nun die vollständige Über- 
setzung des sechsten Artikels (Nr. 2812 vom 12. Oktober 1916) 
folgen, weil er scharf die die führenden Männer beherrschenden 
Gedanken hervortreten läßt. 

„Der diesjährige Kongreß zeigte in seinen theologischen Dis- 
kussionen 1 eine aus dem Innersten kommende Überzeugung, die 

* *ümt münäqaie; ^üim ist zwiespältig: „Wissenschaft" und das das Besitztum der Ulema, 
der „Schriftgelehrten", bildende Wissen. Diese Doppelbedeutung führt zu großen Unzuträg- 



i64 ^'« Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

OO0OeCMXXXXXXXX)O000000OO0O00CO0000000O0O00O0O00O0000O0000000<XX)0(XXXXX>00O00O0CXXXX>0OOOOOOOOOOOC^^ 

die besondere Färbung der Partei hervortreten ließ. Sie ist das 
Vertrauen darauf, daß die moderne Zivilisation sich in vollkommener 
Weise mit dem Islam vereinigen läßt. Es fehlt in unserem Lande 
seit langem nicht an Männern, die diese Überzeugung besitzen. 
An ihrer Spitze können wir Namyk Kemal und Dschew^det 
Pascha nennen. Die Gruppe nun, die der entgegengesetzten An- 
sicht ist, nämlich daß der Islam nie und nimmer mit der modernen 
Zivilisation sich vereinigen lasse, umfaßt seltsamerweise zwei 
Parteien, die in vollkommenem Gegensatz zueinander stehen. Diese 
beiden Parteien gingen zwar in der Theorie von derselben Vor- 
aussetzung aus, praktisch aber gelangten sie zu entgegengesetzten 
Resultaten; wir können die einen die Europafanatiker, die anderen 
die Medresefanatiker nennen. Nach den Europafanatikern müßten 
wir, weü die Grundlagen des Islams sich mit der modernen Zivili- 
sation nicht vereinigen lassen, diese Grundlagen ganz und g^ar auf- 
geben, und unser materielles und morahsches Sein der Ziviüsation 
Europas anpassen. Die Medresefanatiker dagegen denken um- 
gekehrt: weil es nicht möglich ist, die moderne Zivilisation mit den 
Grundlagen des Islams zu vereinigen, müssen wir uns von allen 
Elementen dieser ZiviHsation lossagen und uns mit den vorhandenen 
Traditionen begnügen. Es ist leicht zu ersehen, daß beide Parteien 
von sozialem Denken weit, sehr weit entfernt sind. Unsere Nation 
kann weder auf ihre heihge Religion verzichten, noch auch kann 
sie sich von den Erfordernissen des modernen Lebens freimachen. 
Es ist nicht weise, von diesen beiden Segnungen die eine der 
anderen zu opfern; die Weisheit besteht vielmehr darin, sie mit- 
einander zu vereinigen. Der Kongreß hat diese weise Orientierung 
angenommen und hat bereits begonnen, ihm in dem Programm 
dieses Jahres eine praktische Auswirkung zu geben. 

Eine politische Partei hat die Aufgabe, eine geordnete und starke 
Staatsorganisation zu schaffen. Sobald die Partei „Einheit und 
Fortschritt" diesen Grundsatz sich als Losung erkoren hatte, ge- 
wann ihre Auffassung des Staates an Klarheit. Das Ziel der Partei 

lichkeiten; es empfiehlt sich, *t/iw den Theologen zu überlassen und für die Wissen- 
schaft das türkische hilyi zu wählen. hil()i ist bereits vielfach im Gebrauch, meist mit 
Beschränkung auf die Naturwissenschaften. In dem bis zum Überdruß zitierten Hadis: 
uiluhü l'ilma ivalau bissin fa'inna t^lciba IHlmi faridatun "^alä kulli muslimin 
,, suchet die Wissenschaft, sei es auch in China, denn das Wissenschaftsuchen ist eine 
Pflicht für jeden Muslim" (s. z. B. die beliebte türkische Hadis-Sammlung bin bir hadtt 
Nr. 126), das kaum vor 150 h entstanden ist, ist Hlm die theologische Wissenschaft. 



Haiiinnnn, Auf der Arbeit der letzten Tngung den Oi^manhchen Landtags. 165 

OOC>OeOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCOOOCXXXXXXX5000<XXXXXXXXXXX)OOOOCXX3(X)CX>OCXXXXX3^^ 

kann jetzt nur sein: kämpfen für die Bildung eines Staates, der 
sowohl islamisch als modern ist^, denn eine Gruppe, die die Ver- 
einbarkeit der modernen Zivilisation mit dem Islam annimmt, ist 
gezwungen, auch anzunehmen, daß ein islamischer Staat zu gleicher 
Zeit den Charakter eines modernen Staates annehmen kann oder, 
mit anderen Worten, daß ein moderner Staat zugleich sich auf die 
Grundlagen eines islamischen Staates stützen könne. Leider dachten 
die Reorganisatoren (tanzlmätgäer) 2, die die ersten Schritte auf dem 
Wege der Reform taten, nicht also, bewegten sich nicht in dieser 
Richtung. Sie waren zwar darauf aus, das Osmanentum zu einem 
modernen Staatswesen umzuschaffen, aber sie brachten durch ihre 
verfehlten Bemühungen das Reich in einen noch unorganischeren 
Zustand und beraubten es ganz und gar der Form des islamischen 
Staates. Deshalb konnte es nicht die Aufgabe der Gesellschaft für 
Einheit und Fortschritt sein, der Strömung der früheren Organi- 
sationen blind zu folgen; sie hatte vielmehr die Aufgabe, die Fehler 
jenes früheren Vorgehens aufzusuchen und so den rechten Weg 
an den Tag zu bringen. Der erste Fehler der Organisatoren war, 
daß sie annahmen, das islamische Kalifat und der islamische Staat 
seien zwei getrennte Dinge, während doch im Islam der Kalife die 
Person ist, die die politische Leitung- des Staates innehat und 
demgemäß die Organisation des Kalifats zugleich die Organisation 
des Staates darstellt; das Sultanat dagegen ist, wie sich aus dem 
Werke Mawerdis über die Normen der Regierung [al\dikäm assu/tänvjn'] 
ersehen läßt, die die Regierungsgewalt übende Eigenschaft des 
Kalifats (Souverainete), ist also gar nichts anderes als was dieses 

1 Vereinigung von Islamismus und Modernismus ist der Gedanke, für den am wirksamsten 
eingetreten ist Zija Gök Alp: er hat in seiner Artikelreihe türklehnek, islamlahnaq, 
mü^äsyrlaSmaq (Türk Jurdu Jahrgg. II und III) die grundlegenden Ausführungen darüber 
gemacht, an denen sich das moderne Türkentum vielfach orientiert hat; s. Bericht darüber 
in meinem „Aus der neueren Osmanischen Dichtung II" MSOS XX 191 8, Abt. II 
S. 51—64- 

' Neben diesem das Werk der Reformer (Reschid, Aali) verurteilenden Urteil stehen zwei 
andere: i. ihre beschränkte Billigung, die Fehler an ihnen sieht, sie aber mit den Zeit- 
verhältnissen entschuldigt, 2. ihre unbeschränkte Bewunderung, wie sie besonders von 
Abdurrahman Scheref vertreten sein soll. Das Problem ist nicht richtig gestellt; 
die Reformer sind im Rahmen der Gesamtentwicklung zu betrachten und zu beurteilen: 
ohne die zu ihrer Zeit so belachten und verhöhnten, von allen ,, Besonnenen" als Utopie 
▼erachteten Chatte von 1839 und 1856 wäre der 10./23. Juli 1908 nicht möglich ge- 
wesen. Alles was heute an vorwärtstreibenden Kräften vorhanden ist, geht dieselben 
Wege, die jene Denkmäler eines entschiedenen Geistes zeigten. Daran ändert nichts, 
dafl im einzelnen große Verschiedenheiten bestehen. 



i66 I>ie ^Velt des Jslams, Band V. 1917, Heft 3 

■OOC«OOO00O000O00<XXX)000CXXXXXXXXXXXO00CKX)0O000OOO000OOO00OO0OOO00<XXXXX)OC^ 

Kalifat ist. Da „Kaufe" die Bedeutung von Sultan-Souverain hat, 
ist der Kalife in eigener Person Sultan, Deshalb sind Kalifat und 
Sultanat nicht, wie die Reorganisatoren es sich vorgestellt haben, 
voneinander getrennte Funktionen, die in einer Person vereinigt 
sind. Der Großwezir ist nicht der Generalvertreter des Sultanats, 
das einen von dem Kalifat unabhängigen Charakter hätte, er ist 
der Generalvertreter des Kalifen selbst. Das von ihm geführte 
kaiserliche Siegel ist das Siegel des Kahfats, das zur Zeit der 
Abbassidischen Kalifen den Weziren anvertraut wurde. Die An- 
nahme, das Kalifat sei eine geistliche Herrschaft wie das Papsttum 
der Katholiken, und der Scheichülislam sei der Generalvertreter 
dieser Stelle, ist vom Standpunkt des Heiligen Rechts ein arger 
Fehler i. 

* Die hier gegebene Konstruktion ist rein doktrinär. Die Berufung auf Mawardi ist 
unzulässig, denn Mawardis Kalifat ist ein Kind der Konstruktion, das Bild eines idealen 
Zustandes, das sich mit der Wirklichkeit nicht deckt. Der osmanische Staatspolitiker 
darf sich um so weniger auf Mawardi berufen, als die osmanischen Sultane von den 
Grundsätzen, die Mawardi für das Regieren aufstellt, gewöhnlich nichts merken liei3en. 
Die Umwelt der Osmanen ist ein von der Mawardis durchaus verschiedenes Gebilde. 
Die historische Entwicklung nahm ihren Lauf, unbekümmert um die Konstruktionen der 
Fakihe. So hat auch das Kalifat im Laufe der Zeiten seinen Charakter verändert. 
Ursprünglich hatte es einzig den Charakter der Vorstandschaft der Gemeinde, der 
xmama {chiläfa heißt die imäma, sofern sie in Nachfolge und Vertretung Mohammeds 
bzw. »einer Nachfolger und Vertreter geübt wirdj; diese Vorstandschaft hatte nichts 
von Theokratie an sich, sie war die eines gewöhnlichen Sterblichen, der die An- 
gelegenheiten der Gemeinde, weltliche und geistliche, zu leiten hat; die Gemeinde, 
gamd'a, stellt zugleich ein politisches und ein geistliches Gebilde, eine Kirche, dar. 
Die Loslösung der Schwertgewalt von dem Kalifat, die Besonderung der staatsleitenden 
Funktionen des Kalifen in einem ,, Obergeneral" (et)iir aVurnarcC), der später den Titel 
Sultan (eigentlich ,, Regierung") annimmt, ist ein historischer Prozeß von Bedeutung, der 
zur F"olge hatte, daß die, auch von Mawardi als eine der Funktionen des Kalifen an- 
gegebene Tätigkeit der ,, Hütung der Religion" um so schärfer hervortritt, so daß das 
Kalifenamt in der Tat einen rein geistlichen Anstrich erhielt; der Vorstellung von dem 
Kalifen als dem ,, Papst der Christen in Rom" entsprechend wird schon vor dem Falle 
Bagdads bei Christen und Muslimen begegnet. In der Tat hatten die Sultane kein 
Interesse daran, den Kalifen Macht zu lassen. Dann kam die Zeit der Mamluken- 
Sultane, wo der Sultan schließlich dem Kalifen das Imamat nahm, indem er sich den 
Titel imüm beilegte. Die völlige Ausschaltung des selbständigen Imamats war der Schritt, 
den die Osmanen taten: Selim des Ersten Übernahme des Kalifats war nur die kon- 
sequente Endhandlung eines lange vorbereiteten Programms. Der Zäsar wollte auch 
papa sein : der Herrscher des Nationalstaals wollte zugleich das Haupt der gesamten, 
durch die Welt zerstreuten islamischen Gemeinde sein. In Europa war der zäsaro- 
papistische Gedanke ein totgeborenes Kind, denn der Papst stand an der Spitze einer 
starken, organisierten Kirche, deren Diener einen solchen Eingriff nicht dulden konnten; 
in der Islamwell war keine Macht da, die solchen Eingriff hindern konnte. Das dabei 



Ilarimann, Aus der Arbeit der Letzten Tagung des Osmanüclien Landtags. 167 

aaooe(xxx30cxx)oooeooooooooooooooooooooooooooooooooooaoooooooo(xxxx>oooooooocxxxxxxxxx)0(X3C)cxxxx>o^^ 

Der zweite Fehler der Reorganisatoren war, daß sie annahmen, 
sowie Kalifat und Sultanat zwei voneinander getrennte Kräfte 
(Funktionen) seien, die in einer Person vereinigt sind, so hätten 
auch Kalifat und Sultanat jedes ein besonderes Recht auf Recht- 
sprechung; das erste müsse dem Scheichülislamat als Vertreter des 
Kalifats, das zweite dem Großwezirat als Vertreter des Sultanats 
übertragen werden. Auf Grundlage dieser Theorie Heß man die 
beiden Kadiasker und den Kadi von Stambul im Jahre 1252 [1836] 

Erreichte war gering: der Charakter des Sultans als Tmam, Kalife, Emir almu'minin 
hat in der Geschichte der Türkei nur eine geringe Rolle gespielt: das Schwert des os- 
manischen Kalifen hat immer gerade nur so weit gereicht, wie das des Sultans; der 
Befehl des ,, Kalifen", wurde nur respektiert, wo man ihn respektieren wollte. Kenn- 
zeichnend ist, daß selbst in den Fetwas bei Beginn des Weltkrieges der Sultan nicht 
mit einem seiner geistlichen Titel genannt wird, sondern padi§ah aVislam (wie ich 
hervorhob in der Bearbeitung dieser Urkunden hier III, 4f). Es zeigte sich während des 
Weltkrieges, daß die Kalifenwürde des osmanischen Sultans nicht die allgemeine An- 
erkennung besitzt, die man in Stambul vielfach gutgläubig annahm; in den arabischen 
Ländern machte das Wort chalifa keinen Eindruck, imd in Mekka selbst erhob sich 
ein Glied der Heiligen Familie gegen den türkischen ,, Usurpator". Bei alledem klammerte 
man sich in Stambul nur um so fester an die vor 400 Jahren erworbene Würde und 
man gelangte auf dem Wege der Konstruktion zu einer Vorstellung vom Kalifat des 
Sultans, bei welcher die Sultanswürde zugimsten der Kalifen würde zurücktrat: man 
griff auf die ältesten Zeiten des Islams zurück und man erklärte: der Mann auf dem 
Throne Stambuls ist in erster Linie Kalife, das Haupt der islamischen Gesamtgemeinde; 
als solcher steht er auch an der Spitze des Osmanischen Reiches. Am schärfsten tritt 
heute für diesen Gedanken ein Zija Gök Alp. Er gab ihm einen klassischen Ausdruck 
in den Versen, die in deutscher Form Feldmann mitteilte (Berl. Tageblatt, Wochen- 
ausgabe vom 12. September 191 6): ,,Zwei Sachen sind hellig, Staat und Religion. / 
An der Spitze des Staates steht der Kalif. / Er ist kein Mufti. Er ist der Emir der 
Gläubigen. / Er gibt kein Fetwa, aber er gibt die Gesetze. / An der Spitze der 
Religion steht der Mufti. / Der tut uns kund, was Sünde und gutes Werk ist, / Was 
verboten und was erlaubt ist. / Er ist kein Gesetzgeber und kein Rechtsausleger. / Er 
befaßt sich mit frommen Werken und Predigen. / Gesetzgebung liegt nur in den Händen 
des Kalifen. / Er gibt Gesetze, ohne den Mufti zu fragen. / Nur die verfassungsmäßigen 
Körperschaften sind seine Berater. / Das Fetwageben ist Sache der Gelehrsamkeit. / 
Kein Mensch kann ohne Kopfzerbrechen Mufti werden. / Er ist kein Beamter, ein Mann 
der Wissenschaft. / Er macht seine Arbeit, ohne den Kalifen zu fragen. / Staat und 
Medresse sind zwei getrennte Welten. / Mufti und Kalif mischen sich nicht miteinander. / 
Sie sind zwei Gewalten, die parallel gehen. / Keiner soll dem andern gegenüber An- 
sprüche erheben." Es ist nicht zu verkennen, daß diese Darstellung, die leicht miß- 
verstanden wird, weil die Masse der Muslime mit chüdfa einen anderen Sinn verbindet, 
den Keim zu internationalen Verwicklungen in sich trägt, denn die Staatengemeinschaft. 
kann nicht dulden, daß eines ihrer Glieder auf Grund irgend einer rationellen oder 
irrationellen Besonderheit Anspruch auf eine die anderen Mächte beeinträchtigende 
Weltmachtstellung erhebt. 



i68 T)ie Welt des h/ams, Band V. 1917, Heft 3 

e<X>XXX)00O00C)0©000000000000000000000O0OCX>000O0CX500000CXXXXX»0OC)(XXXX<X>0C>CXXXXX>^^ 

in das Scheichülislamat einziehen i. Nun unterstehen aber dem 
Kadiasker die Richter des Scheri Scherif, und so kamen auch diese 
dorthin, und das Scheichülislamat erhielt die Geltung der amthchen 
Oberbehörde für die Kadis, während bis dahin die Kadiasker und 
auch sämtliche Kadis dem Großwezir unterstanden hatten 2. Im 

1 Dieses Datum 1252 für den Umzug der Kadiaskers in das Scheichülislamat dürfte aus 
dem in Stambul vielbenutzten Handbuche huqüqi idäre des Ahmed Schu'aib 
(Schu'aijib) über Verwaltungsrecht [s. Ref. in Neuer Orient I Nr. 10] stammen; Teil I 
S. 97 f. heißt es: „Bis zum Jahre 1252 übten die Kadiasker und der Kadi von Stambul 
ihre Amtstätigkeit im eigenen Palaste; in jenem Jahre siedelten sie in das Scheichülislamat 
über." Das gibt eine andere Vorstellung. Durch den Text des Tanin wird die erweckt, 
daß die Kadiasker vorher in der Hohen Pforte amtierten. Es ist übrigens fraglich, ob nicht 
die neue Zeit zu dem Verschwinden des Kadiasker im alten Sinne führen wird. Soll 
der Name („Heeresrichter") einen Sinn haben, so kann seine Kompetenz sich nur auf 
Sachen der Heeresangehörigen erstrecken, d. h. nach allgemeiner Auffassung auf deren 
Strafsachen und Sachen der freiwilligen Gerichtsbarkeit, während für alle Zivilsachen 
die ordentlichen Gerichte zuständig sein müssen. Solche Heeresrichter können nur dem 
Kriegsminister unterstehen und tun es in den europäischen Staaten durchweg. Das ist 
auch für die Türkei der kommende Zustand. 

■ Für die Stellung des Kadiasker und des Scheichülislam ist die älteste uns vorliegende 
Quelle das Kanunname Mohammeds II. Fatih. Leider liegt von diesem eine 
kritische Ausgabe nicht vor. Der Abdruck in der Osmanischen Historischen Zeitschrift 
Supplement zu Nr. 138". weicht erheblich ab von dem, was sonst über das Kanunname 
berichtet wird; so ist die Darstellung der Staatsregierung in Hammers Staatsverfassung 
des Osmanischen Reiches i, 97 ff. (und entsprechend Geschichte 2, 217 ff.) weit aus- 
führlicher; es ist nicht unmöglich, daß in den Hamm ersehen Text Erweiterungen späterer 
Zeit aufgenommen sind oder auch daß Hammer selbst, der mit einiger Willkürlichkeit 
▼erfuhr, Späteres hineingebracht hat. Der in OHZ gegebene Text ist nach der Ein- 
leitung von Mchmed Aarif (S. 2) zwei Wiener Handschriften entnommen (es wird 
nicht gesagt, in welcher Weise diese beiden Handschriften benutzt sind), während eine 
dritte Handschrift, vom Jahre 893/1488, nicht benutzt werden konnte, weil Dr. Krälitz 
ihre Publikation in Aussicht genommen hatte. Es sei gleich bemerkt, daß der Text 
des OHZ befremdet: Aufmachung und Sprache sehen durchaus nicht nach der Zeit 
Mohammeds II aus; es scheint vielmehr eine spätere Bearbeitung vorzuliegen. Jedenfalls 
sind die Mitteilungen äußerst knapp. Ich beschränke mich auf Übersetzung der hierher- 
gehörigen llauptstelle [Suppl. Nr. 13 S. 10 ff.]. , .Wisse, daß vorerst der Großwezir das 
Haupt aller Wezire und Emire ist; er ist der Generalvertreter aller Angelegenheiten; der 
Vertreter meines Vermögens ist mein Defterdar; der Großwezir ist über allen beim Sitzen, 
beim Stehen und in der Rangordnung; der Scheichülislam ist das Haupt der Ulema; 
der Lehrer des Sultans ist gleichfalls der Kommandant der Ulema [der ,, Lehrer" ist hier 
mu^aüimi sultan; sonst wird er meist einfach cÄo^a genannt ; die Stellung dieses Staats- 
beamten erscheint hoch noch unter Mohammed IV, s. Hammer 2, 218 apu. Verehrung 
des ,, Lehrers" in solcher, unzulässig in das Staatsleben eingreifenden Weise gehört 
dem ostasiatischen Kulturkreise an, vgl. mein Islamischer Orient 1 81]; der Großwezir 
soll sie respektvoll über sich setzen; aber der Mufti und der Lehrer stehen einige Stufen 
höher als die anderen Wezire und nehmen auch den ersten Platz ein [der Text scheint 



Hartniann, Aus der Arbeit der letzten Tnqnng des Osmaymchen Landtags, 169 

eoooeoooocxx>ooeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocxxxxxxxxx«ooooooooooooooooooooooc^^ 

hier nicht in Ordnung; man erwartet als Gegensatz, daß die beiden geistlichen Beamten, 
die an den beiden Stellen verschieden bezeichnet, aber offenbar identisch sind (Seich- 
ulisläm = muftl und mu'aüim = choga) zwar unter dem Groöwezir stehen, aber 
über den anderen Weziren; oder ist der Gegensatz: sie stehen um eine Stufe höher 
als der Großwezir und um mehrere Stufen höher als die andern Wezire?; sicher ist, 
daß Scheichülislam und Lehrer des Sultans nicht zu den Weziren gerechnet sind]; 
findet eine hohe Zusammenkunft und eine Versammlung der Bevölkerung statt, so soll 
sich »mter die Leute des Rates kein Mensch anderer Art mischen; die Sitzordnung ist 
folgende: erstens die Wezire, dann die Kadiasker, dann die Defterdare, dann der 
Janitscharenaga und die afaderen ,Steigbügel-Agas"' [beachte, daß nach der allgemeinen 
Annahme es unter Mohammed II nur einen Kadiasker gab; nach einer Version ernannte 
er selbst kurz vor seinem Tode den zweiten; Mehmed Aarif nimmt an (S. 4 Anm. i), 
daß, wenn in diesem Kanunname von ,,die Kadiasker" die Rede ist, eine Projizierung 
des Zustandes der späteren Abschreiber in die alte Zeit vorliege]. In dem Reste des 
Kanunname ist von dem Scheichülislam und von dem Lehrer des Sultans nicht weiter die 
Rede; der Kadiasker kommt nur noch gelegentlich vor (S. 13, 12). Selbst wenn die 
Stelle so aufzufassen ist, daß der Großwezir den Scheichülislam als höher im Range 
anzuerkennen hat, bedeutet das keineswegs, daß der Scheichülislam rigendwie sich in 
die richterlichen Geschäfte einzumischen hatte. Ich gebe nun Übersetzung der Stelle, 
die sich in dem Geschichtwerke Abdurrahman Schere fs auf die Ämterverteilung in 
der ältesten Zeit bezieht, soweit sie hier von Interesse ist (i 2^ 280). 

Der Mittelpunkt der Verwaltung war der Kaiserliche Rat (diwäni huniäjün), der 
außer an den freien Tagen sich täglich vormittags in dem Kaiserlichen Schlosse ver- 
sammelte: der Großwezir, die Wezire der Kuppel, die Kadiasker, der Kadi von Stambul, 
der Janitscharen-Aga, der Nischandschi, der Defterdar und die Sektions-Agas waren die 
natürlichen Mitglieder des Kaiserlichen Rates und standen zur bestimmten Zeit an den 
ihnen nach dem Zeremoniell zukommenden Plätzen; bis zur Zeit Mohammeds II führten 
die Sultane im Kaiserlichen Rate persönlich den Vorsitz; als jedoch einmal unter dem 
Wezirate Gedik Ahmed Paschas ein Türke mit Bauernschuhen, der Geschäfte hatte, 
plötzlich im Kaiserlichen Rate erschien mit der groben Frage: „Wer von Euch ist Seine 
Majestät der Kaiser? ich habe eine Klage" (hier ist Scherefs Text verderbt, denn e» 
ist in ihm nichts von der ,. groben" Rede zu finden und dadurch ist der Witz verloren; 
Hammer gibt Geschichte 224, Anm. den groben Text: dalwaÜü chonker kankünüz 
dur, während Scheref das fade korrekte : deuletlü chunkär qanghynyz dyr hat) ; dieses 
erregte den Ärger des Kaisers, und Ahmed Pascha, der das gewahr wurde, bemerkte: 
„E« dürfte angemessener sein, wenn künftighin unser Kaiser hinter dem Gitter zuzuhören 
geruhte" ; zu jener Zeit wurde ein kaiserlicher Sonderplatz mit dem Blick auf den 
Standort der Wezire hergerichtet und vor ihm ein Gitter aufgestellt . . . [281] Nack 
der musikalischen Aufführung verlas der Re'is ülküttab die auf die Staatsgeschäfte be- 
züglichen Papiere und sofort wurde darauf verfügt, d. h. sie wurden nach der von dem 
Kaiserlichen Rate getroffenen Bestimmung von den als ProtokoUfübrer jeder Sektion 
fungierenden Chodschas in die betreffende Abteilung gesandt; sodann führten der 
Tschawusch Baschy und die anwesenden Tschawusche und Müteferrikas die Personen, 
die im Rate zu verhandelnde Prozesse und Angelegenheiten hatten, in Gruppen herein, 
und es wurde in der erforderlichen Weise Recht gesprochen; es wurde jedem, den es 
betraf, seitens der Kadiasker oder des Kadi von Stambul das scheriatrechtliche Urteil 
gegeben; darauf begab sich der Großwezir allein, später die Wezire in Gemeinschaft, 
und nach ihnen an ihren bestimmten Tagen die Kadiasker und der Janitscharen-Aga zum. 



170 Die Welt des Islams, Band V. i917, Heft 3 

tO<K)OCXXXXOOOOOOOOCOOO(XXXXXXXX)OOOOOOOOOOCX)OCXXXX)00000<X)000000000000 

Islam gibt es nicht zwei Arten Rechtsprechung, und es konnten 
auch die Funktionen des Ifta und des Kaza (der Gutachtung und 
der Rechtsprechung) [das Mufti-Amt und das Kadi-Amt] nicht 
in einer und derselben Person vereinigt sein i. Das Recht 

Sultan, erstatteten über Einzelheiten ihrer Amtsführung Bericht und gingen ab . . . Zu 
den vorgenannten Mitgliedern des Kaiserlichen Rates kamen später die Kapudan Paschas 
bei ihrem Aufenthalt in Stambul; zog der Sultan zu einem Feldzug aus, so befand sich 
diese ganze Gruppe im Kaiserlichen Gefolge, ja, es kam vor, daß bei manchen Feld- 
zügen auch die Kapudan-Paschas und die Scheichülislame mitzogen.'' Auch nachdem 
die Stellung des Scheichülislams so gehoben war, daß er sogar über den Weziren 
rangierte, blieb ihm die Teilnahme an den Sitzungen des Kaiserlichen Rates versagt, 
während die Kadiasker regelmäßige Mitglieder waren; die Heranziehung des Scheich- 
ülislams zu irgendwelchen Staatsgeschäften lag ganz im Belieben des Sultans, der 
von Zeit zu Zeit sich in den Palast des obersten geistlichen Würdenträgers begab. 
Es ist ein Hauptzug der Reform Selims III, daß der Diwan in zwei Kammern 
gegliedert wurde, eine für weltliche Angelegenheiten unter dem Vorsiti des Groß- 
wezirs, und eine für geistliche Angelegenheiten unter dem Vorsitz des Scheichülislams 
{Zinkeisen 7, 321 f.). In dieser neuen Form trat der Kaiserliche Rat um 1792 
zusammen, und aus seinen Beratungen gingen die Grundlagen des Nizami Dschedid 
hervor (Scheichülislam war damals der Selim 111 persönlich nahestehende Welizade 
Effendi (so nennt ihn Zinkeisen 7, 322); ein Scheichülislam solchen Namens ist aber in 
der Liste des llmije Salnamesi nicht zu finden; vgl. Zinkeisen 7, 460 über den Nach- 
folger Welizades). Die Reform Selims berührte das Justizwesen nicht; es gab eben 
damals nur eine Art Gericht, nur eine Art Richter: Scheriatgerichte mit dem aus den 
Ulema hervorgegangenen Kadi als Einzelrichter. Erst 1856 wurde an eine Neuerung ge- 
gangen, die sich auf der Linie des Selimschen Reformgedankens bewegt: Trennung 
aller weltlichen Angelegenheiten von den geistlichen, auch in der Rechtspflege: Die 
,, Ordnungsmäßigen Gerichte" (niehäkimi nizämlie) wurden geschaffen im Gegensatz zu 
den „Geistlichen Gerichten" (mehakimi ^erHje) ; Teile des islamischen Rechts wurden 
kodifiziert; den geistlichen Gerichten wurden die Sachen von Personenrecht, Familienrecht 
und Erbrecht vorbehalten. Wenn nun die Forderung aufgestellt wird, die Zweiteilung 
der Gerichte zu beseitigen und die bestehen bleibenden einartigen Gerichte mit allen 
Rechtsstreitigkeiten zu befassen, so stellt das einen Fortschritt dar, weil bei der Zwei- 
teilung es beständig Kompetenzkonflikte gab. Bedingung der Durchführung des Gedankens 
ist, daß auch Personenrecht, Familienrecht und Erbrecht kodifiziert werden. Einer solchen 
Kodifizierung stehen keine Schwierigkeiten entgegen: die von dem Scliariat gebotene 
Materie ist biegsam, und es läßt sich mit ihr sehr wohl zu einer hinter den Gesetzbüchern 
der Kulturstaaten an innerem Wert nicht zurückstehenden Gesetzgebung gelangen. 
^ Der Sinn dieser nicht sehr klaren Stelle ist folgender: Mufti und Kadi scheiden sich 
nicht so voneinander, daß der eine nach diesem, der andere nach jenem Rechte ent- 
scheidet; zu entscheiden hat nur der Kadi, und zwar nach einem Recht; die Funktion 
des Mufti liegt auf einem anderen Gebiete. Der Schluß, daß Muftibetätigung und 
Kadibetätigung nicht in einer Person vereinigt sein können, ist unrichtig. Der Kadi 
kann sehr wohl ein Fetwa abgeben, nicht aber hat der Mufti das Recht, ein Urteil in 
irgendeinem Prozesse zu fällen. In klarer Weise ist die Frage behandelt von dem 
Stambuler Theologen Izmirli Isma'il liakki in der Zeitschrift Sebil ürrcschad Nr 358 



Hartmann, Aus der Arbeit der letzten Tagung des Osmanischen Landtags. 171 

•e00e00CXX!0<X>0CKXXXXX>XXXXX)000000<X)00aXXXXXXXXO0CXXOD00C)CXX]CI000CXXXXXX^ 

auf Rechtsprechung kommt ausschheßlich dem Kalifen zu, und 
des Kalifen Generalvertreter war ausschließlich der Großwezir. 
Die Kadis sind ebenfalls Vertreter des Kalifen, und weil sie in 
seinem Namen die Richtertätigkeit üben, wurden sie von seinen 
Generalvertretern gewählt und vorgeschlagen und von dem 
Kalifen selbst ernannt. Was die Muftis betrifft, so sind sie nicht 
wie die Kadis Beamte des Kalifen, sondern Vermittler der gött- 
lichen Befehle; wegen ihrer außerordentlich hohen Stellung konnten 
sie nicht Beamte irgendeines weltlichen Herrschers sein^. Weil 
Muftiamt und Kadiamt nicht in einer Person zusammentreffen 
können, hat in Übereinstimmung mit Abu Hanifa 2 Zenbüli Ali 

Tom 29. September 1332 [12. Oktober 1916]. Eine andere Äußerung zu der Frage der 
zwei Rechtsprechungen liegt von einem modern geschulten Juristen vor: Seijid Haschim 
behandelte sie in dem programmatischen Artikel icahdeti qadä ,,die Einheit der Recht- 
sprechung", mit dem er das erste Heft seiner Zeitschrift huqüq megmü^asy einleitete. 

1 Das Motiv, das von dieser Darstellung verwandt ist, ist klar: eine Funktion soll aus- 
geschaltet werden; dazu wird ihr Träger mit einem solchen Glänze umgeben, daß er 
hoch über der gewöhnlichen Geschäftsführung steht, sich nicht einordnend in den regel- 
mäßigen Betrieb. E« ist derselbe Weg, den schon die Emir ul'umara, die Vorgänger 
der „Sultane" nahmen, um den Kalifen kaltzustellen, und den in Japan die Schogune 
hinsichtlich des Mikado beschritten. Der Griff nach dem Kalifat seitens Selims I war 
ein kühner Streich, der mit einem Schlage der systematischen Herabsetzung der Kalifen- 
würde ein Ende machte. Bis ins einzelne ausgeführt ist die Darstellung von Muftiamt 
und Kadiamt (iftä^ und qadä^), die Izmirli Isma Ml Hakki in dem schon erwähnten 
Artikel in Sebil ürreschäd Nr. 358 vom 29. September 1332 [12. Oktober 1916I gab, 
jedenfalls provoziert durch die in den Kongreflverhandlungen vertretene Auffassung, im 
Gegensatze zu welcher hier die der starr am alten festhaltenden Orthodoxie formuliert 
wird. Stück 6 des Taninberichtes, das speziell der Gerichtsfrage gewidmet iit, und der 
Sebil ürreschäd mit Isma'il Hakkis Aufsatz sind vom gleichen Tage. 

* Die Erwähnung des Abu Hanifa hier ist zu streichen, denn l. fehlt der Nachweil, 
wo und wie Zenbilli Ali Effendi sich auf ihn berufen hat; 2. hat er sich auf ihn be- 
rufen, so ist die Berechtigung nachzuprüfen; es lagen sicherlich dem berühmten Scheich- 
ülislam ebensowenig wie uns OriginaläuÖerungen Abu Hanifas vor, sondern nur Zitate 
bei anderen; diese Zitate sind auf ihre Glaubwürdigkeit zu untersuchen. Mir ist es 
unwahrscheinlich, daß Abu Hanifa je sich über die Stellung des Mufti im Verhältnis zu 
der des Kadi alkudat ausgesprochen hat (das Amt des Kadi al'asker bestand zu seiner Zeit 
noch nicht). Ich lasse aber diesen Punkt beiseite und mache hier nur einige Fest- 
stellungen, wie die Frage des Kadilums von der Schule Abu Hanifas behandelt worden 
ist, ohne damit Schlüsse auf das Verhalten des Meisters selbst zu ziehen. Abu Jusuf hat 
im kitäb alcharäg eine Anzahl Rechtsnormen aufgestellt, von denen wir annehmen 
dürfen, daß sie im Geiste des großen Imams gegeben sind: l. über die richterliche 
Tätigkeit des Emir almu'minyii S. 63 f. bzw. seine Funktion als zweite Instanz; er soll 
die Klagen über Ungerechtigkeit (zulm) anhören in gewissen regelmäßigen Abständen; 
Abu Jusuf redet hier dem Kalifen scharf ins Gewissen; seine Worte klingen so, als 
habe der Kalifc sich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht, die man nach dem Ver- 



172 />'> W>'lt de-^ Islams, BaJid V. 1917, Heft 3 

BC«OeOOOOOOOOOOOO<»00000000<XXXX)0000<XXXXXXX)OC<XXXXX>X)0<XXX)OCOC>C»0^^ 

Effendi^ den Übergang von der Muftistellung zur Stellung des Kadi 
alkudat und des Kadiasker für nicht zulässig erklärt. Diese Beispiele 
zeigen genügend, wie hoch und geheiligt die Muftistellung in den 
Augen des Islams ist 2. Was ist die Ursache dieser Wertverschieden- 
heit zwischen Mufti und Kadi, während sie doch beide sich nach 
den Normen des fiqh richteten? Die Ursache ist, daß die Normen 
des fiqh in zwei Teile zerfallen; geisthche und richterliche 3. Während 
die Muftis die Vermittler der geistlichen Normen um Gottes WiUen 
sind, sind die Kadis beauftragt, auf dem Wege der Vertretung die 
richterlichen Normen auszuführen. 

Die geistlichen Normen sind die religiösen Verpflichtungen, 
deren stützende Kraft ausschließlich einen Jenseitscharakter trägt. 
Die richterlichen Normen dagegen sind die religiösen Ver- 
halten leiner Vorgänger von ihm nicht erwarten konnte, vgl. Mawardi über das 
nazar almazülim S. 73 ff., abgedruckt in Ribera, Ori'genes del Justitia de Aragon 
(Zaragoza 1897) S. 379 ff. ; 2. über das Gehalt der Richter und der Statthalter S. 115, 
8 — 23; die Hauptmomente in dieser Stelle sind: a) der Imam setzt das Gehalt nach 
seinem Belieben an, hoch oder niedrig S. 115, 14; b) der Richter soll bei Erbschaft- 
Tcrwaltung nicht aus dem Nachlaß besoldet werden, sondern aus der Staatskasse, und 
zwar durchaus nur aus dieser, nicht aus der Armenkasse S. 115, i8ff. ; es wird hier 
dem Kalifen sehr scharf, fast grob entgegengetreten [falä Z. 18); 3. über Verteilung 
der Ämter durch Omar und die durch ihn bewilligten Gehälter S. 20, 23 ff. 
1 Zenbilli Ali Effendi, der Vorgänger des bekannteren Ibn Kemal (Kemalpaschazade) 
ist in der Liste des *ilmije salnamesi 1334 (s. darüber Welt des Islams IV, 26 ff.) 
der achte der Scheichülislame. Seine Vita dort (S. 342 f. mit Kopie von drei Fetwas, 
deren Originale sich in der Jyldyz-Bibliothek befinden [die Unterschrift harrarahii zeigt 
eine seltsame Ligatur]) enthält nur einen Teil der bekannten Anekdoten; lehrreicher die 
Vita in Samis qamüs aVa'läm 3178^; der Zusammenstoß mit Selim I' ausführlich in 
dem Abriß der Geschichte des Scheichülislamats 'ibnije sälnämesi S. 31 2 f. 

• Diese Konstruktion ist mißverständlich. Wie schon aus den früheren Ausführungen 
hervorgeht, ist die Unfähigkeit des Mufti, zu einem Richteramt berufen zu werden, 
nicht ein Zeichen der höheren Stufe, sondern vielmehr ein solches der Inferiorität. 
Es ist übrigens fraglich, ob die Behauptung, das Aufrücken des Mufti zum Kadi sei un- 
zulässig, richtig ist; es ist jedenfalls oft genug vorgekommen, daß ein Theologe, weil 
kein Kadiposten frei war, zunächst mit der Erteilung von Rechtsgutachten den Lebens- 
unterhalt sich gewann, um dann in einen freiwerdenden Kadiposten einzurücken. Die 
Regel mag freilich gewesen sein, daß, wer die zur Bekleidung eines Richterpostens 
nötigen Eigenschaften besaß, sich nicht zum Muftitum herabließ; in den Augen des Volks 
hat jedenfalls der Kadi immer das größere Ansehen gehabt. Nach meinen Erfahrungen 
steht auch in den größeren Städten der Türkei der Mufti an Intelligenz und an Sicherheit 
des Auftretens meist dem Kadi nach. In den arabischen Provinzen der Türkei gehört 
der i^ufti fast immer der Landesbevölkerung an. 

• dijani und qadaH; dijani ist nicht = dini „religiös", das neben dijänl in besonderem 
Sinne steht; mir scheint ,, geistlich" den Sinn von dijani wiederzugeben; es könnte 
auch ,, kirchlich" gesagt werden. 



HaHrnann, Aus der Arbeit der letzten Tagung des Osuianischen Landtags. 173 

eC)<>XXX)0CKXXXO0CX30000CXXXXXXXX)(XXXXXXKX<XXXI0C<XXXX)000CO0000CX^^ 

pflichtungen, die eine weltliche Stützkraft besitzen. So sind denn 
die richterlichen Normen zwar in der Klasse der religiösen 
Normen einbegriffen, stehen aber außerhalb der Spezies der geist- 
lichen Normen und bilden eine unabhängige Spezies. Die richter- 
lichen Normen sind die Grundsätze, denen wir im heutigen Sprach- 
gebrauch den Namen huqüq geben. Unter diesen Umständen 
wird im Islam das „Recht" (huqüq) zwar zu den religiösen Normen 
gerechnet!, es gehört aber nicht zu den geistlichen Normen. 
Die religiösen Normen sind grundsätzlich einheitlich, nur sind sie 
dadurch, daß die stützende Kraft zweiartig ist, nämlich eine dies- 
seitige und eine jenseitige, notwendig in zwei Spezies geteilt. Der 
Kadi hat die Aufgabe, eine weltUche Ordnung zu begründen und 
die sozialen Bedürfnisse insgesamt sicherzustellen; deshalb ist er 
gezwungen, alle Arten Ansprüche des Lebens in Betracht zu ziehen 
und zahlreiche Dinge, die geistlich (dijänatmi) nicht erlaubt sind, 
selbst auszuführen oder durch andere ausführen zu lassen. So ist 
z. B. Zinsennehmen Geistlichen in keiner Weise gestattet, denn 
vom geistlichen Gesichtspunkt aus sind sämtHche Muslime Brüder, 
daß aber ein Bruder vom andern Zinsen nimmt, ist in der Moral 
jeder Nation schandbar (ma'jübj. Der Kadi muß diese Handlung, 
die geistlich durchaus unerlaubt ist, unter dem Zwang sozialer Not- 
wendigkeiten ausführen; so muß er auch Waisengelder nach dem 
Prinzip des verpflichteten Gewinnes (rubhi mulzani) auf Zinsen 
geben; ferner: nach dem Spruche lä wasijata lilwärit „Der Erbe darf 
nicht im Testament bedacht werden", ist es nicht gestattet, dem 
Erben etwas testamentarisch zu vermachen; der Kadi aber erteilt 
eine Art stillschweigender Erlaubnis dafür auf dem ' Wege des 
nefji mulk; ferner: die richterlichen Erfordernisse bringen es heute 
mit sich, daß der Kadi die berauschenden Getränke als abschätzbares 
Vermögensobjekt annimmt 2. Daß die Rechtsprechung des Islams 
derartiges zu gestatten genötigt ist, bringt nicht notwendigerweise 
mit sich, daß die islamische Geisthchkeits zu solcher Gestattung 
genötigt ist. Die Vereinigung von Gutachtung und Rechtsprechung 

1 Das wird von den modernen Juristen (huqüqH) der Türkei nicht zugegeben werden, 
es sei denn, daß sie ihre Meinung aus Rücksicht auf die Umwelt verbergen. 

2 Das ist nicht eine Einrichtung von ,, heute"; der Schreiber weiß nicht, daß schon Abu 
Jusuf die Abschätzung von Wein und Schwein für Grenzverzollung feststellt; die 
Zimmis sollen selbst abschätzen, bei den Ausländern wird die Abschätzung ohne ihre 
Mitwirkung vorgenommen {k, aleharag 77, 9 — 11). 

■3 dijäneti islamije; es ist nicht die „Schar der Geistlichen" gemeint, sondern „die 
geistliche Seite des Islams". 



174 -^''^ ^^'«^^ (^'^ Islams, Band V. 1917, Heft 3 

in einer und derselben Stelle und die Bestätigung der Erkenntnisse 
der geistlichen Gerichte durch die Fetwabehörde (fetivä emäneil) 
lassen die Meinung entstehen, daß die durch die Rechtsprechung 
für erlaubt erklärten Dinge auch geistlich erlaubt seien. Eine 
solche Annahme ist vom geistlichen und sittlichen Standpunkt 
aus außerordentlich schädlich i. Der Islam hat seine sittliche Er- 
habenheit in seinen geistlichen Normen gezeigt. Die richterlichen 
Normen dagegen sind eine Anzahl religiöser Toleranzen (müsämehäti 
(Umje), die jedes Zeitalter mit Notwendigkeit mit sich bringt; der 
Prophet selbst hat in seinem Worte: „Ich bin gesandt mit der 
toleranten Haniferei" {bu'iftu hühamfljati ssamhä') mit der „Haniferei" 
auf die geistHchen Normen, mit der Toleranz auf die richterlichen 
Toleranzen (Indulgenzen) hingewiesen. Die Hanifen sind diejenigen,^ 
die sich in den von dem Mufti kundgetanenen geistlichen Normen 
bewegen; die Toleranzleute (müsämehagiler) sind diejenigen, die sich 
die stillschweigenden Gestattungen des Kadis zunutze machen. Die 
Sufis geben den ersten den Namen 6hli ^azlmet „Leute der strengen 
Observanz", den zweiten den Namen ehli ruchsat „Leute der weiten 
Auffassung" 2. So wird z. B. durch Verjährung das Recht auf Klage 
hinfällig, aber ein Recht kann niemals hinfällig werden. Die Leute 
der müden Observanz machen sich die richterhche Gestattung zu- 
nutze und weigern sich, ihre verjährten Schulden zu bezahlen,, 
während die Leute der strengen Observanz sich nach dem das 
fromme Verfahren gebietenden Fetwa des Mufti richten und eine 

* Die Besorgtheit um die Reinheit der Auffassung in einer Frage, die durchaus praktischen Cha- 
rakter hat, und die Sublimierung des sittlichen Standpunktes berühren hier seltsam. Man möchte 
fast glauben, daß die ganze Deduktion viel mehr aus der Absicht entsprungen ist, sich als be- 
seelt von einem ,, frommen" Geiste hinzustellen, als aus einer wahren inneren Frömmigkeit^ 

' Der Abschnitt über die ,, Hanifen" und die „Toleranzleutc", die den ehli 'azlmet und 
den ehli ruchsat einer anderen Terminologie entsprechen sollen, ist lehrreich, weil er 
zeigt, in welcher Weise sich bei den türkischen Theologen die Lehren der alten Theologie 
mit subjektiver Weiterspinnung zu einem Neuen gestalten. Es ist bestreitbar, daß die 
,, Sufis" die Termini ehli ^azimet und ehli ruchsat aufgebracht hätten; denn *azlma 
und ruchsa sind feste Begriffe schon bei den älteren islamischen Rechtslehrern, und 
zwar ist 'azima das, wozu die Menschen verpflichtet sind durch Verpflichtung Gottes, 
rtichsa das, in dessen Tun dem Verpflichteten eine Freiheit gelassen ist wegen eines 
entschuldigenden Hindernisses mit Fortbestehen der Ursache, die das Tun zur Sünde 
(haram) macht (Definition in Tahancwi, Dictionary of Technical Terms I, 560); 
m. a. W. ahl 'azima und ahl ruchsa sind die Leute, die Handlungen vornehmen, für 
die das Gesetz entschuldigende Hindernisse nicht kennt, und solche, die Handlungen 
vornehmen, bei welchen das Gesetz entschuldigende Hindernisse gelten läßt. Hier 
dagegen sind ehli 'oJiimet und ehli ruchsat Leute, die einen strengen und solche, die 
einen milderen Standpunkt vertreten, wie hinsichtlich Zahlung verjährter Schulden usw. 



Hartmann. Ana der Arbeit der letzten Tagung des Osmanif^rlien Landtags. 17 

O0OO000C<XXXXX>0O0<XX>0C<XXXXXXXXXXXXXX)000000CXXXXXXXX>D000(XXX)0000O00C)000CM>XX^^ 

solche Schuld abzuleisten sich beeilen. Wie es eine begriffliche 
Degeneration bedeutet, daß in einer Nation die SittHchkeit als zum 
Gebiete des [richterlichen] Rechts [huqüq] gehörig angesehen wird, so 
läßt die Bestimmung von geistlicher Betätigung [dijänet] und richter- 
licher Betätigung als einen und denselben Charakter tragend eine 
sittliche Degeneration erkennen. Es hat also die Anlehnung der 
geistlichen Gerichte an das Scheichülislamat vom Gesichtspunkte 
der geistlichen Betätigung aus folgendes schmerzliche Ergebnis 
hervorgebracht: als die große Masse sah, wie die Einzelpersonen 
des Scheichülislamats in gleicher Weise wie die Kadis mit einer 
weltlichen Stützkraft in Furcht gehalten wurden, begannen sie 
allmählich, die stützende Kraft von Jenseitscharakter zu ver- 
gessen; denn sobald die höchste Stelle für Fetwa-Erteilung die 
Beschäftigung mit den Angelegenheiten der Rechtsprechung und 
die Verantwortung für die Bestätigung der richterlichen Erkenntnisse 
auf sich genommen hatte, mußte natürlich die falsche Vorstellung 
entstehen, daß das Scheriat nur die Normen der Rechtsprechung 
bedeutet. Die Zerteilung der Rechtsprechung störte die Integrität 
der Normen geistlichen Charakters, und ebenso ließ sie, indem sie 
zwei voneinander gesonderte Kräfte zeigte, nämlich das Kalifat 
und das Sultanat, die Vorstellung entstehen, daß es in unserem 
Lande zwei Arten islamischer Regierung gebe. Es gibt nicht wenige 
Leute bei uns, die, mit einer Erweiterung dieser Vorstellung, die 
eine der beiden Regierungen als körperUch, die andere als geistig 
auffassen und den Islam gleich dem Katholizismus für eine Religion 
mit zwei Regierungen halten. 

So haben denn die fehlerhaften Konstruktionen 1 der Reorgani- 
satoren, die wir oben darlegten, derartige nichtige Auffassungen 
entstehen lassen und unsern Staat aUmähhch des Charakters eines 
islamischen Staates beraubt". 

Die Stellungnahme des Komitees, die hier vorgetragen ist, ist 
außerordentüch geschickt. Sie führt zu dem Schritt, den die Türkei, 
wenn sie ein Rechtsstaat sein will, früher oder später tun muß: 
die Ausschaltung der Gutachterei aus dem amtlichen Betriebe. 
Die Intellektuellen der Türkei wissen heute ebenso gut wie jeder 
geschulte Europäer es weiß, daß in einem geordneten Staats- 
wesen Formulierung von Rechtssprüchen nicht in der Hand eines 
besonderen, von dem Juristenstand getrennten Standes liegen darf, 

^ chataly iytihädlar: ich scheue mich nicht, hier igtihäd mit , .Konstruktion" zu über- 
setzen; dieses Wort entspricht genau dem, was der Verfasser sagen will. 



176 I><e Welt d^s Is/ams, Band V. i9l7. Tieft 3 

daß Gottesverehrung nichts mit Rechtsprechung zu tun haben darf. 
Der Mufti hat im modernen Rechtsstaat keinen Platz. Selbst- 
verständlich bleibt es jedem Gläubigen unbenommen, einen Theo- 
retiker des Heiligen Gesetzes aufzusuchen und sich von ihm die 
Frage beantworten zu lassen, wie nach den heiligen Büchern ein 
bestimmter Fall zu entscheiden wäre. Aber für den Richter ist 
eine solche Erklärung die Äußerung eines Privatmannes, die für 
ihn von hohem Interesse sein kann, zu deren Beachtung er jedoch 
in keiner Weise verpflichtet ist. Auch im modernen Rechtsstaat 
kommt es vor, daß in schwierigen Materien Spezialisten gebeten 
werden, sich zu äußern. Wir erlebten das vor einigen Jahren in der 
berühmten Mannesmannfrage, in welcher fast die gesamte Juristen- 
schaft Europas und Amerikas auf Veranlassung der Weltfirma ihr 
UrteÜ abgab über die Frage, ob eine unter dem Siegel des Sultans 
von Marokko ausgegebene Urkunde der Firma gewisse Rechte 
sichere oder nicht. Es handelte sich dabei allerdings nicht um 
einen Prozeß, aber es hätte sehr wohl zu einem Prozeß in dieser 
Sache kommen können auf einem Gebiet, das zurzeit wohl das 
reichste ist an schwierigen Rechtsfragen, wo es aber leider noch 
keinen Gerichtshof gibt: das internationale Privatrecht. Bei Streit- 
sachen privatrechtlichen Charakters, die nicht mit dem öffentlichen 
Recht zusammenhängen, wird in den modernen Rechtsstaaten wohl 
selten ein Rechtsgutachten beigebracht. Es läßt sich aber das 
Fetwa des islamischen Mufti mit zwei Arten von Äußerungen ver- 
gleichen, von denen die eine bei uns in hohem Ansehen steht, die 
andere an sich keinen Anspruch auf Beachtung hat, jedoch nach 
der Person des Äußernden eine hohe Bedeutung gewinnen kann. 
Mit der ersten Klasse von Äußerung meine ich die Entscheidungen 
des obersten Gerichts, deren Heranziehung durch den Richter 
nicht unbedingte Pflicht ist, die aber in verständiger, die Sache 
fördernder Weise zu benutzen Aufgabe des Richters schon 
deshalb ist, weil bei Verweisung der Sache an eine höhere 
Instanz er das Zurückgehen auf diese Quelle gewärtigen muß. In 
diesen Urteüen des obersten Gerichtshofs spricht sich ja in der 
Tat eine bestimmte theoretische Stellungnahme aus, genau so wie 
sie sich ausspricht in dem Gutachten, das der Mufti abgibt über 
den Fall, der ihm von einer der Prozeßparteien vorgetragen ist, 
und bei dessen rechtlicher Beurteilung er in keiner Weise auf die 
Person der Prozeßgegner Rücksicht zu nehmen hat; muß er doch 
selbst ihre Namen, wenn sie ihm bekannt sind, durch die bekannten 



Hartmann, Aus der Arbeit der letzten Tagung des Osmanischen Landtags. 1 7 7 

0e000<XXXXX)000<XX3C)000C<XXX)000000CO00000C>000C<X)0000(X)000CO(XXXXX)000<X)0000C)0^ 

fiktiven Namen ersetzen. Die andere Art von Äußerungen, die 
mit dem Gutachten des Mufti eine Ähnlichkeit haben, sind die 
theoretischen Ausführungen des Rechtsanwalts, der in einer Streit- 
sache tätig ist und der den Fall, der ihn gerade beschäftigt, in 
die Sphäre des Allgemeinen erhebend, die Frage beantwortet: 
Was bestimmt das Recht in einem solchen FaUe? Das hier über 
den Mufti Gesagte gut, wohlverstanden, nur für seine Tätigkeit 
in Dingen des Rechts im wissenschaftlichen Sinne. In allen Fragen 
der Kulthandlungen soll ihm seine voUe Autorität gewahrt 
bleiben, und hier läßt sich vielleicht dem künftigen Scheichülislam- 
Obermufti ein schönes und fruchtbares Gebiet der Tätigkeit finden: 
schließt doch der auf die Kulthandlungen bezügliche Teil des Scheri 
Scherif die Armensteuer, d. h. die Armenpflege ein. Wahrlich, 
eine herrliche Aufgabe, neben der, für Förderung der Gläubigen in 
Erfüllung ihrer Reinheit-, Gebets-, Fasten- und Wallfahrt-Pflichten 
zu sorgen! Es ist seltsam, daß gerade in den Ländern des Islams, 
der in seinen Grundlehren vortreffliche Anregungen zur Armen- 
fürsorge hat, es mit dieser so übel steht. Man wende nicht ein, 
daß die Fälle von wirklichem Verhungern im Islam seltener seien 
als in den Kulturländern. Das ist Schein, her\^orgerufen durch 
das verderbliche Prinzip, das durchaus gegen das klare, offene, 
energische Wesen des Propheten und seiner ersten großen Nach- 
folger ist: das satr, das „Verhüllen", d. h. Vertuschen. Nur dadurch 
wurde es möglich, daß zu allen Zeiten, bis in die Gegenwart hinein, 
in der Türkei die großen Diebe ihre ungeheuren Gewinne machen 
konnten zum Schaden der darbenden Bevölkerung. Von der in 
weiten Gebieten Anatoliens herrschenden Unterernährung, der 
namentlich ein hoher Prozentsatz des Nachwuchses in den ersten 
Lebensjahren zum Opfer fäUt, erfährt man nichts. Das zelcät bzw. 
sein Gegenwert fließt längst in die allgemeine Staatskasse, und 
es wäre nur bülig, daß ein entsprechender Teü der Staatseinnahmen 
wieder den Zwecken des Zekät zugeführt wird, d. h. dem Scheich- 
ülislamat zur Verfügung gestellt wird, das bei der Verwaltung unter 
Staatskontrolle steht, eine einfache Konstruktion, da ja gerade 
für das Scheichülislamat der auch Verwaltungsdinge umfassende 
Charakter des Kalifen eine besondere Bedeutung hat. 



0*'OOOeOOOC>C<X<XXXOOOOOOOOCKXKXX»OOOOCXXKX)(XKX)OOCXXX)0 

Die Welt des Islams, Band V I 2 



178 Die Welt de.^ Islmn.^, Band V. 1917, Heft 3 

aOOOeOOOOOOOOOC>00<XXXXXXXX»000<X)0000«3000000000000<X)00000000(XXX50000000CX>00000000<XXXXXXXXXXX^^ 



LITERATUR. 

Türkische Bibliothek. Hrsg. von Prof. Georg Jacob. Bd i6: 
Beiträge zur Kenntnis des islamischen Vereinswesens auf Grund 
von Bast Madad et-Taufiq. Von Hermann Thorning. Berlin: 
Mayer & Müller 1913. 288 S. 8° 10 M. 

Es ist ein eigentümliches, kulturhistorisches, nicht uninteressantes, religiös-soziales Zwischen- 
gebiet, das Thorning in seinen ,, Beiträgen zum islamischen Zunftwesen" behandelt hat. 
Den Ausgangspunkt zu der vorliegenden Untersuchung bildet das, anscheinend von einem 
Rifä'i-derwisch verfaßte „Bast Madad et-Tauflq" [„Darlegung der Hilfe des göttlichen Bei- 
stands" vgl. S. 175], dessen Verfasser in den Quellen (Drucken und Hdschr.) aller- 
dings namentlich nicht weiter genannt wird. Thorning geht nun, nach ausführlicher Be- 
sprechung des Urkundenmaterials (S. 15 — 54), auf den eigentlichen Inhalt seiner Ab- 
handlung, die ,,Futuwwa" Bücher [Zunfttraktate] über, deren Form, Inhalt und Charakter 
er im einzelnen darlegt (S. 55). „Ihre Eigentümlichkeit ist ihre außerordentlich enge 
Verwandtschaft mit dem Ideenkreis des Derwischtums" (S. 66), wenn auch freilich 
„die Erklärung dieses engen Zusammenhangs zwischen Zunftwesen und Derwischtum vor- 
läufig noch dahingestellt bleiben muß" (S. 74). Immerhin bleibt die Möglichkeit, sogar 
,,V\''ahrscheinlichkeit, daß manches, das sich bei den Zünftlern und Derwischen gleichmäßig 
findet, z. B. die Scheddzeremonie (S. 71) auf ein gemeinsames älteres Vorbild zurück- 
geht" (s. 73). 

Zur Erklärung dieser eigentümlichen Verbindung wirtschaftlicher Vereinigung und geist- 
licher Bruderschaft verweist Thorning auf analoge Erscheinungen aus dem Kulturkreis der 
Antike, nämlich die griechisch-hellenischen und römischen Kultgenossenschaften und Hand- 
werkerinnungen (S. 77, 78). ,, Wahrscheinlich", bemerkt er, „haben die spätrömischen 
und byzantinischen Zünfte einen direkten Einfluß auf das islamische Zunftwesen und seine 
Bildung ausgeübt (S. 78), wenn allerdings auch eine Einwirkung auf das geistige Leben 
der islamischen Zünfte nicht in P>age kommt" (S. 79). — Die folgenden Abschnitte des 
Buches behandeln die Organisation des ,,ahl et-tariq": Die Schutzpatrone (S. 82), die 
Ämter (S. 99), die Versammlungen" (S. 119), die — überaus charakteristische — Schedd- 
zeremonie (S. 123 fr., 147 ff., 197 f.)) die Bedeutung des Teppichs (S. 164), und daran an- 
schließend bespricht Thorning die Vierzahl: Schari'a, Tariqa, Ma'rifa und Haqiqa („Gesetz, 
Pfad, Erkenntnis, Wirklichkeit" — S. 176). — Das 4. Kapitel gibt dann eine Erläuterung 
des Begriffs der ,,futuwwa" und ihrer ethischen Bedeutung (S. 189), deren einzelne Eigen- 
schaften (Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Wahrheitsliebe, Treue, Freigebigkeit, Gastfreundschaft 
usw.) S. 190 ff. dargelegt werden. Den Beschluß endlich bildet ein Nachweis der Nach- 
richten über die ,,Fitjän" bei islamischen Schriftstellern (S. 206), wozu Thorning noch 
als Anhang eine teilweise Übersetzung des ,,Bast Madad et-Taufiq" gibt. 

Zu wünschen wäre, daß diese kulturhistorisch wertvollen Ausführungen auf Grund weiteren 
Quellenmaterials (vielleicht mit Zuziehung persischer und türkischer Hdschr.) ergänzt und 
fortgeführt würden. O. Rescher 



Literatur. i 7g 

OC)OOeOOOO<XXX)00(>DOOOOOOOO<XXXXXXXX3000000CO<XX)0<X3CXXXXX)OOOOOOOOOOOOC^^ 

Geschichte der Araber [Histoire des Arabes, deutsch] von 
Cl[ement] Huart. Autor. Übers, von Sebastian Beck und Moritz 
Färber. Bd. 1. 2 u. Namen- u. Sachverzeichnis. Leipzig: Koehler 

1914—16. 4°(8°) 

Trotz vieler Einzeluntersuchungen über alle möglichen Sondergebiete der arabischen 
Geschichte ist doch bis jetzt eine zusammenfassende Darstellung der Entwicklung des 
arabischen Volkes — oder besser der a potiori arabisch genannten Völker — auf Grund 
des heutigen Standes der Wissenschaft dennoch ein unerfülltes Desideratum geblieben. 
Das für seine Zeit achtenswerte Werk August Müllers, das im Rahmen von Onckens Welt- 
geschichte unter dem Titel: „Der Islam im Morgen- und Abendland" (Berlin 1885 — 1887) 
erschien und dessen Kern die politische und Kulturgeschichte des Arabertums bildete, 
ward natürlich im Laufe der Jahre doch etwas veraltet, da inzwischen viel neues Material 
handschriftlich aufgefunden, ediert, übersetzt und bearbeitet wurde und ermangelte überdies 
eines Index, der zur handlichen Benutzung eigentlich notwendig gewesen wäre. Danach 
war freilich in jüngster Zeit die umfangreiche Kompilation des italienischen Orientalisten 
und Historikers Caetani, Principe di Teano, die ,, Annali dell' Islam", in Angriff genommen 
worden, die eine so gut wie erschöpfende Darstellung auf Grund des ganzen erreichbaren 
Handschriften- und Druckmaterials boten. Doch konnte das Riesenwerk seiner Anlage 
nach natürlich nur schrittweise vorrücken und mußte überdies der gelehrten Welt vor- 
behalten bleiben; so unschätzbar es als Quellensammlung bewertet werden mag, ein lesbares 
Buch ist es nicht. So muß also das Bestreben Huarts, mit Verwertung des neueren Materials 
durch eine bündige, aber doch sachgemäß genaue Darstellung auch weiteren Kreisen einen 
Überblick über die Geschichte eines Volkes zu geben, das militärisch und religiös direkt 
und indirekt in die Geschicke Europas mehrmals entscheidend eingegriffen hat und das 
auch in der Gegenwart durch die koloniale und vrirtschaftliche Expansionspolitik der 
modernen Großstaaten wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt ist, als durchaus 
angebracht und zweckdienlich erscheinen. Der Verfasser sucht nun in seinem zweibändigen 
Handbuch das Wesentlichste und Wichtigste dessen zu geben, was den Hauptinhalt der 
politischen und Kulturgeschichte des arabischen Volkes ausmacht. Nach einigen kurzen ein- 
führenden Bemerkungen über die Halbinsel Arabien und ihre Bewohner bemüht sich Huart, 
auf Grund der literarisch erhaltenen legendarischen Reminiszenzen und der durch die epi- 
graphische Forschung gewonnenen Ergebnisse ein einigermaßen zutreffendes Bild der arabischen 
Vorgeschichte zu geben, die nicht nur ,, antiquarisches" Interesse beanspruchen darf, sondern 
als Einleitung und Auftakt zu dem Auftreten des Propheten von grundlegender Bedeutung 
ist. Mekka-Medina-Mohammed bildet den Wendepunkt, den großen Markstein in dem 
Auftauchen eines Volkes aus politischer Bedeutungslosigkeit. Wir verfolgen die Zusammen- 
baUung der vorher disparaten Kräfte, ihre Konzentrierung nach außen durch eine einheit- 
liche Führung, die ideelle und materielle Interessen glücklich zu verbinden wußte, und den 
rapiden Aufstieg unter den vier orthodoxen Kalifen; dann die allmähliche Verweltlichung 
der Gemeinde unter den Omajjaden und schließlich die politische dKiuri unter den *Abba- 
siden. Gleichzeitig aber beobachten wir, welche umwälzenden Wandlungen sich im Innern 
des islamischen Imperiums vollziehen: Das Entgleiten der Macht aus den Händen der 
Araber und ihr Übergang in die Hände der Neumuslime, damit verbunden die langsame 
Umgestaltung des demokratischen Kalifats in einen echt orientalischen Cäsaropapismus, 
und endlich die wachsende Zerklüftung der Parteien, die schon greifbar die nationalen 
Gegensätze zwischen Arabern, Persern und Türken hervortreten läßt und den kommenden 
Niedergang einleitet. Es folgt- dann das unerfreuliche Bild des Zerfalls des Riesenreiches und 

12* 



i8o i>^'e y^^dt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

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die Auflösung in seine Bestandteile, zugleich auch das Aufkommen der verschiedenen 
Dynastien in den muslimischen Provinzen: Tülüniden, Fatimiden, Mameluken in Ägypten^ 
Hamdaniden in Aleppo, Aghlabiten in Tunis usw., bis zum schließlichen Zusammenbruch 
der politischen Selbständigkeit des östlichen Arabertums, seiner definitiven Unterwerfung 
unter die Türken und der Übernahme des Kalifats durch die osmanischen Sultane. — 
Neben der Darstellung dieser politisch-historischen Ereignisse sucht Huart noch ein Bild 
des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens zu geben, das die islamischen Völker 
des Mittelalters führten; so im 18. Abschnitt (Bd I/358ff.) über die „staatlichen und volks- 
wirtschaftlichen Einrichtungen", im 22. Abschnitt (Bd II/75ff.): „Diplomatische und ge- 
schäftliche Beziehungen zu den Westmächten", v.'orin die wichtigsten Handelsartikel und 
gewerblichen Erzeugnisse, für die der Orient ehedem berühmt war, sowie die hauptsächlichstea 
Reiserouten besprochen werden. Daran anschließend folgt dann im 35. und 36. Abschnitt 
ein (leider sehr knapp gehaltener) Überblick über die Literatur und Wissenschaft der Araber, 
der wenigstens die klangvollsten Namen auf diesen Gebieten durch eine kurze Charakteristik 
zu verlebendigen sucht. — Dynastien- und RegententabeUen, sowie ausführliche Literatur- 
nachweise am Ende eines jeden Abschnittes nebst einem detailliert ausgearbeiteten Index 
erleichtern einerseits die rasche Orientierung und geben andererseits die Möglichkeit einer 
schnellen Nachprüfung und Vergleichung der Quellen. — Natürlich sind bei einem so 
umfangreichen Werk Irrtümer und Ungenauigkeiten nicht ganz zu vermeiden; um mich 
auf einige Kleinigkeiten zu beschränken, möchte ich folgende kurze Berichtigungen geben: 
11/347 nihal statt nihal; I/113 paen. doch wohl MutHm; I/152 paen. ,, siegen" statt ,, singen"; 
I/149 paen. ist der Text ganz in Unordnung; lies wohl: „ein Milcbheilverfahren durch 
Benutzung der ihm gehörigen Kamelstuten durchzumachen"; I/188/1 sädät statt sädäd,' 

I/199 paen. und Note 'äst (Arzt) nicht äst; I/216/7 u. Bädän; nach Beladori 105/3 u. 

,Bädäm"; I/213/8 u.: ,,Du hast einen Mühlstein wie den seinigen und eine Neuigkeit, 
die ich nicht vergessen werde" nach Beladori 96/10: ,,Du hast eine Mühle 1 wie die seine 
und einen Tag, den du nimmer vergessen wirst." Einige Angaben scheinen unsicher: 
1/54 Mitte „Abraha bestieg einen Elefanten, den die Sage Mahmud nennt, woher das Wort 
Mammut kommt" (?); I/109 u. : „Es sind die erhabenen gharäniq (Fürstinnen)" (?); usw. 

O. Rescher 

Deutsche Orientbüchcrei. Herausgegeben von Ernst Jäckh. Verlag 
Gustav Kiepenheuer, Weimar. 8° Geheftet. 

XVI. Prof. Dr. Roloff: Die Orientpolitik Napoleons I. 1916. 
100 S. 1,60 M. 

XVII. Dr. C. A. Schäfer: Die Entwicklung der Bagdadbahn- 
poHtik. Mit einer farbigen Karte der Bagdadbahn. 1916. 78 S. 
2 M. 

XVIII. Prof. Dr. Blanckenhorn: Syrien und die deutsche Arbeit. 
1916. 63 S. 1,50 M. 

XIX. Küdc Mordlmann: Als ich die Türken pflegte. 1916. 
48 S. 1,20 M. 

Die Gestalt eines Großen der Weltgeschichte tritt uns aus der Schrift von Professor 
Roloff entgegen. „Die Orienlpolitik Napoleons I." läßt abermals erkennen, welche 

1 Damit ist Kampf und Krieg gemeint. 



Literatur. 181 

<D<XX3000O00O0O0O00O0OO00O0OO00OO00O0000000O0O0000CX>X>00C)000COC)0OOOOOO(^ 

Fülle von Gedanken, Plänen und Entwürfen in diesem gewaltigen Schlachtenlenker, diesem 
außerordentlichen Staatsmanne wohnte. Die so vielfach verschlungenen Wege dieser Orient- 
politik werden aufgezeigt: Ein Mittel zum Siege über England sollte sie sein, mochte dabei 
die Türkei in Trümmer gehen oder nicht. Die stolzen Pläne Napoleons sind nicht gereift, 
der spanische Krieg hinderte fürs erste ihre Verwirklichung, dann brach bald darauf der 
Völkersturm von 181 3 los und fegte den großen Eroberer hinweg. 

Eine erste Einführung in „Die Entwicklung der Bagdadbahnpolitik" will die 
Schrift von Dr. C. A. Schäfer sein. Sie gibt sich ziemlich leicht zu erkennen als Vorarbeit 
für ein geplantes größeres Werk. So haften ihr die Mängel solcher Vorarbeiten an : eine 
außerordentliche Fülle von Einzelheiten (Namen, Zahlen, Tatsachen) ist auf beschränktem 
Raum zusammengedrängt; nur schwer verdaulich für den, der nicht eine ganze Reihe von 
Vorkenntnissen mitbringt. Wer aber über die verwickelten inneren Zusammenhänge der 
internationalen Orientpolitik bereits einigermaßen Bescheid weiß, braucht keine „erste Ein- 
führung" mehr. Die Einteilung der Schrift spricht für sich selbst: I. ,, Zeittafel" (S. 7 — 28), 
II. ,, Randbemerkungen" (S. 29 — 78). Etwas schärfer herausgearbeitet ist nur die Orient- 
politik des englischen Ministerpräsidenten Disraeli, die entscheidende Rolle, die in Deutsch- 
land Georg von Siemens in der Bagdadbahnfrage spielte, und der Bagdadfrieden von 
1914. — Eine recht gute Karte sämtlicher gebauter und geplanter Eisenbahnen der 
asiatischen Türkei ist dem Heft beigefügt. 

„Syrien und die deutsche Arbeit" schildert Professor M. Blanckenhorn (Marburg) 
in einer kleinen, aber doch recht aufschlußreichen Schrift. Aus eigener Anschauung und 
Erfahrung heraus werden die großen wirtschaftlichen Möglichkeiten und Zukunftsaussichten 
Syriens dargestellt. Ausgehend von dem augenblicklichen Stand der syrischen Industrie 
und Landwirtschaft, macht Professor Blanckenhorn überall auf die Steigerungsmöglichkeiten 
aufmerksam; eigene Vorschläge und fremde Ideen werden zur Erwägung gestellt. — Die 
wichtigsten Kapitelüberschriften seien hier genannt: Die jung-arabische Bewegung [Beirüter 
Reformprogramm] — Reformen — Hochschulen in Syrien — Die Frage der deutschen 
Bauernansiedlung in Syrien — Der Handel Syriens — Die Haupthandelsplätze und die 
Eisenbahnverbindungen — Landwirtschaftliche Produktion und Export — ■' Die Mineral- 
schätze Syriens und die mineralische Produktion — Industrie [u. a. : Textilindustrie] — 
Importverhältnisse. — All diese Zustände, Verhältnisse, Fragen und Aussichten konnten bei 
der durch das Wesen der Sammlung gegebenen Beschränkung des Raumes natürlich nur 
ganz knapp behandelt, oft nur angedeutet werden. So soll diese Schrift wohl vor allem 
eine Anregung sein, dann aber auch eine Aufforderung, mitzuarbeiten und mitzubauen 
auf diesem reichen Felde deutscher Kulturbetätigung: Hier ist für den Tüchtigen freie 
Bahn! 

Während die meisten Hefte der „Deutschen Orientbücherei" politische, wirtschaftliche 
oder historische Fragen und Zusammenhänge behandeln, ist das Büchlein von Hilde Mordtmann 
rein persönlich gehalten. Unter dem Titel „Als ich die Türken pflegte" erzählt die 
Einundzwanzigjährige die kleinen Erlebnisse und tiefen Eindrücke ihrer Hilfstätigkeit beim 
roten Halbmond. Sie zeichnet in kleinen, vorsichtigen Strichen, dennoch bleiben sogar 
einige Gestalten haften: der „Wäscheleutnant", der „Peitschenhauptmann", Achmet, der 
den als Liebesgabe erhaltenen ,,Gül-babutsch" (Rosen-Schuh) unter seiner Matratze versteckt, 
um ihn seiner „Hanym" mitzubringen. Das Büchlein anspruchslos hinnehmend, wie es 
sich gibt, erblicken wir darin ein kleines Bild aus dem großen Krieg. 

Erwin R. Marschall 



i82 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

CCCIOGO<XICO<XXX)OOC<X)OOOOOOOOOOOOC<XX)OOOCK;OOOOOOOOOCOOOCO(^^ 

Berlin -Bagdad. Neue Ziele mitteleuropäischer Politik. Von 
Dr. A. Ritter (Winterstetten). 1 7. Auflage. J. F. Lehmann's Verlag, 
München. 1916. 80 S. Geh. 1 M. 

Politische Broschüren pflegen zu verwehen wie die Spreu im Wind. Hier hat ein klar- 
denkender Mann eine Kampfschrift geschrieben, die den Sturm der Zeit überdauerte. 
Die Erwartungen, die der weitblickende Politiker bei Erscheinen der ersten Auflage im 
Jahre 1913 aussprach, sind im Verlaufe des Krieges zum großen Teil Wahrheit geworden, 
die Ziele, die er aufstellte, Ziele unserer Weltpolitik geblieben. Die Ausführungen stützen 
sich im einzelnen auf eine solche Fülle von Tatsachenunterlagen, die Zweckmäßigkeit 
der Vorschläge ist fast durchweg so einleuchtend dargestellt, daß das Büchlein einem 
jeden etwas zu sagen hat. Es geht nicht gerade sanft zu auf diesen Blättern; das schadet 
nichts, wo man hobelt, da fallen Späne. — Am knappsten faßt auf S. 68 f. der Verfasser 
die Ziele unserer Weltpolitik zusammen: „Bauern-Neuland, ein großes Wirtschaftsgebiet 
[,Mitteleuropa'], Rettung des Deutschtums in der Donaumonarchie, Rettung der Donau- 
monarchie selbst, Einigung des Gesamtdeutschtums, offene Tür im Südosten und freien 
Weg für das Deutschtum auf seinen alten Pfaden, Schutz den nichtslawischen Südost- 
völkern vor dem Panslawismus — kurzum Berlin— Bagdad, das Wort, das alles in sich 
birgt, das ist unsere Losung." Erwin R. Marschall 

Gallipoli. Der Kampf um den Orient. Von einem Offizier aus 
dem Stabe des Marschalls Liman von Sanders. Mit einer Karte. 
Verlag August Scherl G. m. b. H. Berlin (1916). 8° 1 1 7 S. Geh. 1 M. 

Das Büchlein ist, wie die meisten ähnlichen Erscheinungen des Scherl'schen (und auch 
des Ullstein'schen) Verlages aus dem Tag heraus geboren, für den Tag bestimmt. Die 
englisch-französische Dardanellenexpedition wird hier zum ersten Mal im Zusammenhang 
dargestellt. Schilderungen der Landung bei Kum Kaleh, der Kämpfe bei Ari Burun und 
bei Sed ul Bahr sowie des „glorreichen Abzuges" von Gallipoli machen in der Hauptsache 
den Inhalt aus. Die Darstellung liest sich flott, läßt aber Genauigkeit und vielfach die 
Kraft der unmittelbaren Anschaulichkeit vermissen. Erwin R. Marschall 

Mehmed Murad, tärichi 'umami „Weltgeschichte". 6 Bde. — 
1. Bd 4. Druck, Stambul 1327, 358 S.; 2. Ed 4. Druck, 1327, 368 S.; 
3. Bd 3. Druck, 1328, 360 S.; 4. Bd 3. Druck, 1328, 462 S.; 5. Bd 
3. Druck, 1328, 376 S.; 6. Bd 3. Druck, 1328, 384 S. [Bd 1. 2 von 
1911, Bd 3 — 6 von 1912, wenn Finanzjahre gemeint sind] 

Mehmed Murad, aus dem Kaukasus (Dagestan), war viele Jahre Lehrer der Geschichte 
an der Milkije-Schule. Wegen seiner literarisch-politischen Tätigkeit (in der Zeitung Mizan 
geißelte er scharf das Hamidische Regiment) wurde er vom Sultan verbannt. In Paris be- 
kehrte ihn der bekannte Münir Pascha, und er führte, nach Stambul zurückgekehrt, ein sorgen- 
loses Leben. In den Tagen des „31. März", wie die Türken die Gegenrevolution vom 
13. April 1909 nennen, wurde ur kompromittiert, entging knapp der Ausfülirung des 
Todesurteils, wurde begnadigt und starb vor etwa einem Jahre. 

Als Lehrer hatte Mehmed Murad einen ausgezeichneten Ruf: er riß die Jungen fort 
und alle hingen mit Begeisterung an ihm; er wußte .sie mit seiner Auffassung zu erfüllen. 
Sein Hauptfach war die außerislamische Geschichte (die türkische war glänzend vertreten 



Literatur, 183 

oo<x)eoexxxxxxxiooooooooocxxxx!coooocooe>oooo<xxx>o(X)ooooooco^^ 

durch den weit besser arbeitenden und ebenso verehrten, die Schüler immer auf das 
Selbstdenken hinweisenden Ab dürr ah man Scheref, der 42 Jahre die Geschichtsprofessur 
am Galata Serai [Lycee Imperial] innehatte). 

Es soll noch andere Versuche von Weltgeschichte auf türkisch geben. Die Mehmed 
Mxuads ist jedenfalls die bekannteste und gelesenste. Sie ist in einem bequemen StU 
geschrieben, der, weit entfernt von reinem Türkisch, den in den türkischen Chroniken 
üblichen Schwulst vermeidet. Nicht zugestimmt kann werden der hier beliebten Behandlung 
des Stoffes. Der Verfasser begnügt sich, aus bekannten Handbüchern ein neues zu- 
sammenzustellen, ohne auch nur den Versuch einer Kritik. Es ist die alte Tradition, die 
geboten wird mit ihren genauen Datierungen der Legenden (Sündflut und Noahs Arche 
3104 vor der Hidschra I 17). Überall ist das Hidschrajahr zugrunde gelegt, wobei aber 
immer nach Sonnenjahren gerechnet wird (ausgenommen in dei Geschichte des Islams, 
bei der zuweilen das Sonnenjahr in Umrechnung angegeben ist, z. B. Fall Konstantinopels 
29. Mai 831/27. Dschemazi II 857); so regiert Alexander 958 — 945. Zuweilen erhebt sich 
der Verfasser zu einer vergleichenden Schilderung,- wie er Bd 4 S. 218 ff. die islamische 
imd die westliche Zivilisation einander gegenüberstellt mit kräftigem Schimpfen auf die 
Europäer. Die islamische Zivilisation steht zwischen der alten und der neuen mitten inne, 
eine mittlere westliche Zivilisation gibt es nicht, denn in der christlichen Welt herrschte 
damals vollkommene Barbarei (man darf wohl auch bei Mehmed Murad die Wirkung des 
in der Türkei sehr verbreiteten Drap er mit seiner kritiklosen „Geschichte der intellektuellen 
Entwicklung Europas", türkisch übersetzt von dem Vielschreiber Ahmed Midhat. annehmen). 
Irreführend sind Schreibungen wie iki gül, statt gül, für die „beiden Rosen". Kenn- 
zeichnend ist die Rolle der französischen Revolution, deren Darstellung einschließlich die 
Zeit bis 1815 über 80 Seiten von den im ganzen 2300 einnimmt (man erzählt, daß im 
Gymnasialunterricht Stambuls manche Geschichtslehrer sich auf diese Zeit fast ganz be- 
schränken); dabei finden sich gerade hier seltsame Fehler, z. B. für den Bastilletag: 
14. Juli 1168, statt 1167. Das ist die Weltgeschichte der Neuen Türkei, die von aller 
Welt gelobt wird. Es wird Zeit, Besseres zu schaffen. Das Werk schließt mit den 
Kapiteln : „Die gegenwärtige Zivilisation" und „Die Philosophen des vorigen Jahrhunderts". 
In jenem wird eine große Revolution vorausgesagt: sämtliche zivilisierte Länder stehen 
der Sozialismus-Frage gegenüber, die nicht mehr gütlich geregelt werden kann ; es schließt : 
„Der Verrat, den Deutschland gegen Frankreich übte, hat mit der Zeit in Frankreich den 
Rachegedanken geweckt; das dadurch gekränkte Deutschland eröffnete eine Periode der 
Bündnisse und der übermäßigen Bewaffnung; die technischen Fortschritte machen alle 
Jahre eine Veränderung der Waffen nötig; die Zahl der Soldaten beläuft sich auf 
Millionen . , . das alles verwundet die guten Empfindungen der fortgeschritteneren Menschen ; 
die Klagen darüber ergreifen auch die Kasernen . . . Die Hauptursache der kommenden 
Revolution ist aber wirtschaftlich ... es ist höchst wahrscheinlich, daß eine Menschheit 
auf neuen Grundlagen sich einigen wird und daß die Grenzen aufgehoben werden." 
Die Wut über den „deutschen Verrat" und die Seichteleien, die nichts von der Komplexität 
der Fragen wissen, beleuchten den Geisteszustand des Mannes, der in Paris Besseres hätte 
lernen können. Martin Hartmann 



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i84 ^'> Welt des Ishmis, Band V. 1917, Heft 3 

O0<XKKXXXXDOOOCXX)O0OOCXXXXXXXXX»OCXXXK3O<XXXX30OOOOOOOOOOOOOOO<XXXX)OOO0<X30OOC^^ 



BIBLIOGRAPHIE. 

* bedeutet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft, f Vorhandensein in der 

Deutschen Auslands-Bibliothek. Nach dem Titel in [ ] stehen Zugangsnummer der Bibliothek 

und gegebenenfalls Name des Geschenkgebers. 



Ausführliche Besprechung einzelner Werke bleibt vorbehalten. 

* 689. [Ant. u. Türk.] Der islamische Orient, afäq islnm. Eine 

Sammlung gemeinnütziger Schriften zur Förderung des Studiums 
islamischer Sprachen. Hrsg. von Sebastian Beck in Gemeinschaft 
mit Salah ed-din Bej. Abt. 1 : Türkische Schriften. C. Die türkische 
Literatur, a. VolksUteratur. Bdi. Heidelberg: Groos 1917. 8° [717.] 

690. Mahomet, founder of Islam. By G. M. Draycott. London: 
Secker (1916). 351 S. 8° 

691. [Ant, Russ. u. Türk.] A Magyar-bosnyäk es keleti gazdasägi 
Központ Közlemenyei. Izvestija naungarskata iztocna stopanska 
centrala. Magar-sarq iqtisädijjät merkezi magmü'asi. (Bulletins 
du Bureau central economique hongrois-bosniaque et oriental. 
Mitteilungen d. Ungar.-Bosn. u. Oriental. Wirtschaftl. Zentral- 
stelle.') Sz. 1. Budapest 1917: PaUas. 4°(8°) 

* 692. Grothe, Hugo. Zivilisatorische und humanitäre Arbeit der 

einzelnen Nationen in Vorderasien. 8° Aus: Beiträge z. Kenntnis 
des Orients. Bd 10. 1908. [723.] 

693. La Guerre europ^enne et les enseig'nements de l'histoire. La 
Question d'Orient devant l'Europe. Constantinople et les detroits. 
Vues hist. et diplomat. par A. Aug^ustin Rey. P. 1. 6. ed. Paris: 
Meynial 1917. 8° 

694. Les Dessous de la politique en Orient (The near East from 
within, [franz.]). Par un AUemand. Trad. de l'anglais avec pr6f. 
par Henry Bonn et. Paris: Plön 1916. XLI, 268 S. 8° 

695. Die katholische Orientmission in ihrer Entwicklung dargest. 
von Konrad Lübeck, Dr. d. Theol. u. Phil. Köln: Bachern in 
Komm. 1917. 152 S. 8° (Görres-GeseUschaft z. Pflege d, Wiss. 
im kath. Deutschland. Vereinsschrift. 1917, i-) 

696. Andre Dubosq. L'Orient mediterran6en. Impressions et essais 
sur quelques elements du probleme actuel. (2. 6d.) Paris: Perrin 
1917. vm, 168 S. 8° 

697. [Ant., Bulgar. u. Türk.] Balkan und Orient. Hrsg. als Sonder- 
Ausgabe vom Verl. 'Die Textil-Woche' in Gemeinschaft m. d. 
Deutsch-Türk. Vereinigung u. d. Zentralgeschäftsstelle f. Deutsch- 
Türk. Wirtschaftsfragen. Balkan i Orient . . . Balqan wa-§arq . . . 
Berlin: Hirschberg 1916/17. Getr. Pag. 2° [Umschlagt.:] Balkan- 
Orient. Ausg. 1916/17. Textilindustrie-Aktiengesellschaft Barmen. 
(Die Textilwoche. Sonderausg.) 



Bibliographie. ' 185 

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704. Neutralisation des detroits. Constantinople russe couronnement 
de l'edifice politique de la nouvelle Europe. Par A. Augustin Rey. 
4. 6d. Paris: Meynial 1917. 62 S. 8° (Rey: La Guerre europeenne 
et les enseignements de l'histoire.) 

705. Revue de Turquie. Questions economiques. Comitederedaction: 
M. Maurice Millioud, M, Edgar Junod ... No 1. Lausanne: 
(Revue) 1917. 4° 

706. [Türk. u. Ant.] Ai jildiz. 'Ai jildis' = 'Halbmond u. vStern'. 
Organ d. Deutsch-Türk. Sprach- Vereinigung, Sitz Breslau. Hrsg.: 
Handelshochschul-Doz. C. P. Franz, Breslau. (Jg. 1.) 1916, Nr 1. 
(Breslau 1916: Graß, Barth & Co.) 4°(8") 

707. Ttirkisch mit Hilfe der Sprechmaschine. Neue prakt. Methode 
z. raschen Erlernung d. Notwendigsten d. türk. Sprache. Stufe 1.2. 
Stuttgart: Violet [1917]. 8° (Auge u. Ohr im Sprachunterricht.) 

708. Türkisch. Von v. Sebottendorf. Neu bearb. von Faik [Fa'iq] 
Bey-Sade. 3. verm. Aufl. Berlin-Schöneberg: Langenscheidt (19 13). 
128 S. 8° (Metoula-Sprachführer.) 

f 709. Die wirtschaftliche Bedeutung" der Sprachenfrage in der 
Türkei. Von Prof. Dr. Eugen Mittwoch. [Weimar: Kiepenheuer 
1917.] S. 317 — 343. 8° Aus: Archiv f. Wirtschaftsforschung im 
Orient. Jg. 1. H. 3/4, 1916. 

* 710. Hartmann, Martin. Aus der neueren osmanischen Dichtung 11. 
8"^ Aus: Mitteilungen des Seminars für orientalische Sprachen z. 
Berlin, Jg. 20. Abt. 2. (1917.) [722.] 



i86 r>ie Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

OOO0O0O0O0OOO00<X>XXXXXXXX)000000O0000C>OC)0O0CIOC)0000000O(X100OO0<XXXXXXXSO00<X>0^ 

* 711. [Türk. u. Ant.] Ahmadin sa' ädasy. Ahmeds Glück. (Ein 
Märchen.) Bearb. von Sebastian Beck. Heidelberg: Groos 1917. 
xm, 20, 13 S. 8° (D. islamische Orient. Abt. 1. C. a. Bd 1.) 
[717.] 

712. Türkische Geschichten übers, von Habib Edib [Habib Adib]. 
Weimar: Kiepenheuer 1917. 147 S. 8° (Deutsche Orient- 
bücherei. 23.) 

713. The Future of Constantinople. By Leonard S. Woolf. London: 
Allen (1917). 109 S. 8° 

714. Konstantinopel. Aus d. Tagebuch e. jungen Türkin von Elsa 
Lindberg-D ovlette. (Einzig berecht. Übertr. von Leo Moral.) 
Berlin: Morawe & Scheffelt [1916]. 115 S. 8° (Nordland-Bücher. 
[15.]) 

715. Ein Ausflug nach Griechenland und Konstantin opel im Jahre 
1914 vor Ausbruch des großen Weltkrieg-es. Von Gräfin Olga 
Meraviglia. Mit Dl. von Ivy v. Bornemissza. Graz: 'Leykam' in 
Komm. [1917]. 152 S. 8° 

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[Riwäjat al-mamlük as-särid, deutsch]. Ein bist. Roman. Autor. 

Uebers. aus d. Arab. von Martin Thilo. Mit Bildn. u. faks. Brief 

d. Verf. Barmen: IClein in Komm. 1917. 183 S. 8° [719.] 

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Stiftung zu Dresden 1916 von C[arl] H[einrich] Becker. Leipzig 
& Dresden: Teubner 1916. 35 S. 8° (Vorträge d. Gehe-Stiftung 
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hummer. IVIit 3 Taf. u. 2 Kt.Skizzen. Leipzig, Berlin: Teubner 
1917. 115 S. 8° (Erw. aus: Geogr. Zeitschrift. Jg. 22 u. it,.) 

737. Die Kapitulationen des Osmanischen Reiches. Von Dr. Alfred 
Frh. V. O verbeck, Univ.Prof., Freiburg (Schweiz). Breslau: Korn 
1917. 34 S. 8° (Zeitschrift f. Völkerrecht. Bd 10, H. 3, Bei- 
gabe.) 

738. Les Intrigues anglaises contre l'I.slam par Mohammed 
[Muhammad] Farid Bey. Lausanne: Libr. nouv. 1917. 41 S. 8° 

739. Zwei Krieg-sjahre in KonstantinopeL Skizzen deutsch-jungtürk. 
Moral u. Politik von Dr. Harry Stuermer. Lausanne: Payot 1917. 
262 S. 8= 



i88 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 3 

C0C)0©C»0000000G00(X)00000000000C>0O0O0<XXXXI0<XXX)CO0<X)0OOOOOO(XXXXXXXXXXra 

740. Dardanelles Commission. First Report. Presented to Parlia- 
ment by command of H. Maj. London: H. M. Stat. Off. 1917. 4° 

741. Lehrgang der türkischen Sprache in leicht faßlicher, gründ- 
licher Weise nach praktischen Gesichtspunkten von T[obias] 
Ehrngruber. T. 1. Nürnberg: Koch [1917]. 8° 

742. Hans-Erich Tzschirner. Streifzüge um den Persischen Golf. 
Berlin: Borngräber [1917]. 194 S. 8° 

743. Savino Acquaviva. II problema libico e il Senussismo. 
Contenuto ed essenza sociale, religiosa e politica del Senussismo 
... Roma: Athenaeum 1917. 136 S. 8° 



OeOO<»eOOOOOOCXXXXXXXXXXXXX)C)OCK)C)0000<XXXXXXXXXXKXX)C)CXX«CXX)OOOOCX^ 



Kasi, Das Kalifat nacli islamischem Staatsrecht. 189 

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DAS KALIFAT NACH ISLAMISCHEM 
STAATSRECHT. 

EINE HISTORISCH-DOGMATISCHE STUDIE 

VON 

MIRZA DJEVAD KHAN KASI, 

LEGATIONSSEKRETÄR AN DER PERSISCHEN GESANDTSCHAFT ZU BERLIN 1. 

Inhalt. 

Stite 
I. Historischer Teil 189 

1. Die patriarchalische Zeit 189 

2. Entstehung des Kalifats. Wahlkönigtum 191 

3. Das heutige Kalifat oder Sultanat 206 

II. Die politisch-religiösen Parteien 212 

1. Sunniten 212 

2. Charidschiten 214 

3. Schiiten und Imamat 215 

III. Der Typus des islamischen Staates zur Zeit des Propheten und der 
erstenKalifen 222 

IV. Der Kalifatsvertrag nach Mawardi in Übersetzung, mit Vorbemer- 
kung und Erläuterungen 227 

1. Vorbemerkung 227 

2. Übersetzung 228 

Literatur 261 

I. Historischer Teil. 

I. Die patriarchalische Zeit. 

Mohammed, der Prophet und Stifter des Islams, verkündete eine 
eigenartige theokratische Lehre, nach welcher das Seelenheil des 
Menschen nicht nur von dem inneren Glauben des einzelnen an 
Gott, sondern auch von der Verrichtung zahlreicher kultischer 
Pflichten und der Befolgung ganz bestimmter Dinge, wie Heer- 
folge, Abgabe der Armensteuer (Zakat) usw., die allein Angelegen- 
heiten des weltlichen Staates sind, abhängig ist. Dieser im Islam 
vollständig entwickelte Grundsatz bewirkte es, daß Kirche und Staat 
restlos ineinander aufgingen. Die Folge dieser Erscheinung war, 

1 Wir veröffentlichen diese Arbeit in unserer Zeitschrift um zu zeigen, wie die Anschauungen 
eines gebildeten Muhammedaners, der übrigens nicht Schi'it, sondern Sunnit ist, über 
den wichtigen Gegenstand sind und wie ein solcher Gegenstand durch ihn behandelt ist. 

Die Schriftleitung, 

Die Welt des Islams, Band V. 13 



IQO Die Welt des Islams, Band V. 1917, lieft 4 

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daß seit den ersten Zeiten der Entstehung des Kalifats und 
des Wahlkönigtums Jahrhunderte hindurch bis zur völligen Um- 
gestaltung des Kalifats in eine rein absolutistische Monarchie von 
einer Trennung zwischen Staat und Kirche nicht gesprochen werden 
konnte. Dies muß vom kulturhistorischen Standpunkt aus bedauert 
werden. Noch heute wird es bei manchen mohammedanischen 
Staaten, in denen eine moderne Verfassung' eingeführt worden ist, 
heiße Kämpfe kosten, wird Zeit und politische Einsicht erforderlich 
sein, um eine endgültige Trennung dieser beiden gewaltigen Mächte 
durchzuführen; denn solange dies nicht geschehen ist, kann in den 
neuen Verfassungsstaaten der islamischen Welt von einem Rechts- 
staat im wahren Sinne des Wortes keine Rede sein. 

Solange Mohammed in Mekka, seiner Vaterstadt, verblieb, und 
von seinen Stammesgenossen hart verfolgt wurde, war er nur ein 
Prophet, der eine neue Lehre gründen wollte, an die Errichtung 
eines schon nach relativ kurzer Zeit so gewaltig gewordenen Staates 
aber noch nicht denken konnte. Erst mit der Flucht nach Medina 
am 24. September 622 beginnt eine neue Aera in der staats- 
geschichtlichen Entwicklung des islamischen Reiches. Hier in Medina 
sah er sich vor eine Fülle staatlicher Aufgaben gestellt, die er 
in der Leitung seiner immer mehr anschwellenden Gemeinde zu 
erledigen hatte. Er vereinte das Prophetentum mit dem Königtum 
in seiner Person. Er ist Organisator und Kriegsherr, der allen 
Schranken des Lebens und jeder Kritik kraft seiner Eigenschaft 
als „Gesandter Gottes" entzogen ist. Um den wahren Glauben zu 
verbreiten, führte er den Glaubenskrieg' mit aller Schärfe. Die 
Mittel, mit denen er sein neues Staatswesen organisierte, Kriege 
führte und die Fundamente einer neuen Wirtschaftsordnung' schuf, 
waren sehr gering und wahrhaft bescheiden zu nennen. Sie be- 
standen aus einem Fünftel der Kriegsbeute, aus der Armensteuer 
der Gläubigen und endhch aus Kopf- und Grundsteuern, die die 
unterworfenen Nichtmuslime zu entrichten hatten. Wenn auch 
das Gemeinwesen, welches er bei seinem Tode hinterließ, sehr 
primitiv war und nicht im geringsten mit dem, was sich schon 
einige Jahre später großartig entwickelt hatte, verglichen werden 
konnte, so ist es doch ganz zweifellos, daß der Plan zu dem recht 
schnell groß gewordenen Bau des islamischen Staates von ihm 
allein, dem Propheten, ausging: Das Fundament war von ihm allein 
gelegt worden, auf dem dann seine verdienstvollen Nachfolger 
weiter bauen konnten. 



Kaai, Das Kalifat nach isfainischeni StaaiärecJit. igi 

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Mit dem Tode Mohammeds am 8. Juni ö;^2 n. Chr. Geb. schließt 
die erste Phase des islamischen Staates, das Prophetentum ab; es 
beginnt nunmehr eine neue Staatsform, das Kalifat, zu herrschen, 
daß trotz aller Stürme der Zeit, trotz aUer Veränderungen und 
dynastischen Schicksale über 13 Jahrhunderte lang- sich erhalten hat. 

Bevor wir nun im folgenden das heutig^e Kalifat oder Sultanat, die 
staatsrechtliche Auffassung der Parteien, die Staatsform und die Art 
der Übertragung und Begründung desselben erörtern, erwächst uns 
die Aufgabe, zum besseren Verständnis der Entwicklungsgeschichte 
des politischen Gemeinwesens eine genaue historische Betrachtung 
vorauszuschicken. Nur so kann die Eigenart des islamischen Welt- 
staates sachlich gewürdigt und verstanden werden. 

2. Entstehung des Kalifates. Wahlkönigftum. 

Die erste Epoche ist die der ersten vier legitimen Kalifen al-cJiulafti' 
nr-räsehidin. 

Mohammed hinterließ keine männlichen Nachkommen, eine Thron- 
folgeordnung hatte er nicht getroffen. Der Koran enthielt eben- 
falls keine Normen über die Thronfolge, denen die Gemeinde hätte 
unbedingt folgen müssen. Während seiner zum Tode führenden 
Krankheit nun hatte sich der Prophet von seinem ältesten und 
treuesten Genossen Abu Bekr in sämtlichen Staatsg^eschäften ver- 
treten lassen und bestimmt, daß er der Gemeinde vorbeten sollte. 
Wenn auch dieser Akt unzweideutig auf eine Bevorzugung und 
geradezu auf eine symbolische Machtübertragung des Kalifats auf 
Abu Bekr hindeutete, so blieb dennoch der Streit um die Souveränität 
nicht aus. Die Fluchtgenossen, d. h. diejenigen Anhänger des 
Propheten, die mit ihm aus Mekka ausgewandert waren, die Qurai- 
schiten, wollten den Abu Bekr zum Nachfolger küren, während 
die HQlfsgenossen, d. h. die Bewohner von Medina, die den Propheten 
bei sich aufgenommen und unterstützt hatten, einen aus ihrer Mitte 
wählen wollten. Einige Haschimiten wiederum, nahe Blutsverwandte 
Mohammeds, wollten Ah, dem Vetter und Schwiegersohn des 
Propheten, huldigen. In diesem Streite verdankte es die Partei 
der Huchtgenossen schließlich der gewaltigen Persönhchkeit Omars, 
daß sie den Sieg davontrug und Abu Bekr durch Handschlag, der 
wie bei den Arabern so auch im Islam allgemein als Zeichen der 
Huldigung gut, auf den Thron setzen konnte. 

Hier beginnt nun die Epoche des Wahlkönigstums. Von ent- 
scheidender Bedeutung für seine Entwicklung wurde die gewohn- 

13* 



1Q2 iHe Welt de.<i Islams, Band T. 1917, Heft 4 

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heitsrechtliche Stammverfassung der alten Araber. Die arabischen 
Stammesoberhäupter ging^en aus der Wahl der Stammesangehörigen 
hervor, und zwar nach dem Senioratsprinzip. Stets der älteste des 
ganzen Stammes war als Herrscher berufen i. Sie setzten ihren 
Häuptling ab, wenn sie mit der Ausübung seiner Gewalt nicht zu- 
frieden waren oder wenn er gegen ihre Sitten und Gebräuche 
verstieß. Schon die Wahl des ersten Kalifen Abu Bekr erfolgte 
nach diesem Wahlprinzip. Dieser an sich so einfache und von 
den Wählern keineswegs mit der Absicht der Statuierung eines 
Thronfolgeprinzips für die Zukunft vorgenommene Wahlakt, wie 
er sich bei der Übertragung der Souveränität an den Kaufen Abu 
Bekr abspielte, gewann allmählich eine derartig einschneidende 
Bedeutung, daß die islamischen Staatsrechtslehrer in der Folgezeit 
das Wahlprinzip des Kalifats mit diesem historischen Vorgang be- 
gründeten und diesen stets als Beispiel für die Richtigkeit ihrer 
Auffassung anführten. Die späteren Kalifen der absolutistischen 
Epoche des Kalifats haben diesen Vorgang, auch w^enn sie durch 
Verw^andtenmord oder Usurpation in den Besitz des Kalifates ge- 
langt waren, gleichfalls stets befolgt: Sie ließen sich vom Volke 
huldigen, um die Fiktion der Königswahl aufrechtzuerhalten. 
Manche Kalifen, die bereits bei Lebzeiten ihren Söhnen die Erb- 
folge sichern wollten, ein Prinzip, das im Islam niemals völlige 
Geltung oder staatsrechtliche Anerkennung erlangt hat, ließen 
ihnen vom Volk huldigen, damit dem Wahlprinzip Genüge geschehe. 
Mit Abu Bekr entstand das Kalifat. Er trug den Namen 
Chaäfaiu rasüli ^lia/ii, d. h. Stellvertreter des Gesandten Gottes. Unter 
Kalifat hat man die Stellvertretung des Propheten in der Leitung 
der weltlichen Angelegenheiten und im Glaubensschutz zu ver- 
stehen 2. Selten ist jemand seiner Aufgabe, wie sie in diesem Be- 
griff zum Ausdruck gelangt, so gerecht geworden wie Abu Bekr. 
Als er Kalif wurde, war die Situation, die er vorfand, äußerst 
schwierig, so daß die weitere Entwicklung und geradezu Sein oder 
Nichtsein des Islams üljerhaupt in Frage gestellt war. Viele ara- 

* So Kremer, Geschichte der lierrschendcn Ideen des Islams, S. 300 ff. 

2 So Mawardi a. a. O. S. 1. 

Ibn Chaldun in seinen Prolegomcncs trad. par M. G. de Slane hellt als Unterscheidungs- 
merkmal des islamischen Staates sehr treffend hervor, daü im Islam geistliche und welt- 
liche Macht unzertrennbar sind. Während bei anderen Völkern der König nur weltlicher 
Machthaber sei, seien hier beide Gewalten vereint. Nur der sei ein echter Fürst, der 
zugleich das geistliche und weltliche Oberhaupt seines Volkes ist. (Vgl. dazu A. v. Kremer, 
Geschichte der herrschenden Ideen des Islams. Leipzig 1868. Kapit. über Kalifut.) 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 193 

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bischen Stämme waren vom Islam abgefallen; nirgends stand innere 
Stärke und Kraft des Islams so auf dem Spiele, wie gerade in 
diesem verhängnisvollen Augenblick. Der gesunde Kern und die 
Macht des Islams bewährten sich glänzend. Der Prophet hatte 
mirdige Schüler erzogen, und sein gewaltiger Geist wirkte be- 
fruchtend auf sie fort. Mit beispielloser Energie und Festigkeit 
unterdrückte Abu Bekr nicht nur die antiislamische Bewegung, 
die zur Zeit seiner Thronbesteigung herrschte, sondern er setzte 
auch rücksichtslos die KriegspoHtik seines Meisters gegenüber dem 
Römischen Reiche fort. 

Die großzügigen Eroberungen, die zu einer gewaltigen Aus- 
dehnung der islamischen Welt führten, sollten jedoch erst seinem 
großen Nachfolger Omar vorbehalten bleiben. Abu Bekr leitete 
die Gemeinde nur zwei Jahre lang (632 — 634). In der Fragte der 
Nachfolge auf den Thron der Kahfen ließ er es zum Heil des 
Islams auf eine Wahl nicht ankommen. In seiner letzten Krankheit 
ernannte er vielmehr seinen Freund und treuen Ratgeber Omar 
zu seinem Nachfolger: Er ließ die führenden Männer und die an- 
gesehenen Genossen des Propheten schwören, daß sie allein Omar 
huldigen würden. 

Diese Art der Übertragung der gesamten Machtvollkommenheiten 
von dem Kaufen auf seinen. Nachfolg"er wurde denn auch später 
von den Staatsrechtslehrern als eine zweite Art der Erlangung 
des Kalifates rechthch als gültiger Titel anerkannt. 

Omar (634 — 644) war der größte Staatsmann, den das aufstrebende 
islamische Weltreich gehabt hat. Er führte zum ersten Male den 
charakteristischen Titel amiruH-mii'mhitn, d. h. Befehlshaber der 
Gläubigen. Man geht nicht zu weit, wenn man sagt, daß seine 
Regierungszeit die glorreichste Epoche in der Geschichte des Islams 
eingeleitet hat. In kurzer Zeit wurde das Persische Reich von den 
Scharen des großen Kahfen zertrümmert und im Westen Syrien, 
Ägypten und Tripolitanien erobert. Die Größe Omars lag aber 
nicht etwa bloß in den Eroberungen und der ungeheueren Macht- 
entfaltung des Islams, sondern vor allem in der vorbildhchen 
Organisation des islamischen Staates und der großzügigen Ver- 
waltungsreform des gewaltig anwachsenden Gebietes. Die Staats- 
form, die Omar schuf, war eine ausgesprochen sozial-kommuni- 
stische; der Kalife war primus inter pares, er wollte an sich nichts 
anderes als Muslim unter MusHmen sein. Alle Gebiete, die die 
Araber erobert und erbeutet hatten, gehörten den Muslimen gleich- 



1Q4 Di-e Welt des Islams, Band F. 1917, Heft 4 

O0OO00OOCXXXXXXXX>000<XXXXX)0000<XO00000000000000000000000C»(X»0000<XXXXXXX500000000CXXXXXX^ 

mäßig. Die gesamten Einnahmen flössen in die Zentralkasse, das sog. 
bau al-mäl, aerarium. publicum, d. h. das Schatzhaus der Gläubigen, 
und wurden nach Abzugs der Kosten für die Verwaltung der zu 
Provinzen herabgesunkenen unterjochten Reiche, sowie der Kriegs- 
und Verwaltungskosten unter die Muslime verteilt. Das Dotations- 
system, welches er von seinem Vorgänger übernommen hatte i, 
dehnte er auf Frauen und Kinder aus, und er wich nur insofern 
von den überlieferten Grundsätzen ab, als er die Jahresdotation 
an die Gläubigen jetzt in Klassen einteilen ließ 2. Eine bemerkens- 
werte Neuerung Omars war die Einrichtung- des „Diwans", eines 
Oberrechnungshofes als Kontrollinstanz für die Einnahmen und 
Ausgaben der gesamten Staatsverwaltung, eine Verwaltungsein- 
richtung, die der Kalife von den Persern — als Urheber dieser 
Behörde wird Chosru Anuschirwan vermutet — übernahm. In den 
Büchern dieses Diwans wurden die Einnahmen und Ausgaben der 
Staatsverwaltung verbucht und genaue Listen der Dotationsbe- 
rechtigten nach Stämmen und Familien geführt. Auch noch nach 
einer anderen Richtung hin stellte Omar den Staat auf gesunde 
finanzielle Grundlagen. Er wies den Statthaltern und Beamten feste 
Gehälter an, damit die Ausbeutung der nicht muslimischen Unter- 
tanen nicht ins Uferlose anwachse. Er setzte gesetzlich fest, daß 
kein Muslim außerhalb Arabiens in den eroberten Gebieten Grund 
und Boden erwerben dürfe. Denn alle eroberten Gebiete gingen 
in dieser Periode in das Eigentum des Fiskus, des Staates über 3. 

1 Dieses Dotationssyslem bestand vornehmlich darin, daß die Staatseinnahmen unter den 
Gläubigen verteilt wurden. Im ersten Jahre verteilte Abu Bekr 10, im zweiten Jahre 
20 Dirhems auf den Kopf. Für sich bezog er aus dem „bait al-mäl" = „aerarium 
publicum" 600, dabei hatte er angeordnet, daß nach seinem Tode seine Erben diese 
Summe zurückerstatten sollten. Omar erhob die Verteilung der Dotation zum Staatsgesetz. 

Die Aufforderung, sich selbst an die Spitze der Liste zu stellen, lehnte Omar bescheiden 
ab, und gab den Ehrenplatz der Witwe Mohammeds, Aischeh, welche 12 000 Dirhems 
erhielt. Die übrigen Witwen des Propheten erhielten loooo Dirhems. Den Flucht- 
genossen, die bei Bedr am i. Januar 624 auf Seite des Propheten gekämpft hatten, 
wies Omar 5000 Dirhems an, den Hilfsgenossen aber, die ebenfalls an dieser Schlacht 
teilgenommen hatten, 4000 Dirhems, denjenigen, die den Islam vor der Eroberung 
Mekkas angenommen hatten. 3000 Dirhems: diejenigen, die nach der Eroberung sich 
zum Islam bekehrten, bekamen 2000 Dirhems jährlich. Vgl. Mawardi S. 347; Müller, 
Geschichte des Islams im Morgen- und Ai)endiand, S. 273. 

2 Siehe die vorige Anm. 

' Auch in Rom galt die Auffassung, daß an erobertem Boden quiritisches Eigentum nicht 
erworben werden konnte. Rom betrachtete sich selbst nach der hernschenden Lehre 
als Eigentümer der praedia provincialia. Vgl. (iirard a. a. O. I, S. 28S; Mommsen, 
Staatsrecht 3, S. 730 ff. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 195 

Verharrten die besiegten Feinde bei ihrem alten Glauben, so 
behielten sie allerdings Grund und Boden als Lehen vom Staate 
gegen Zahlung hoher Bodensteuern, sowie gegen Naturallieferungen 
an die Truppen. Nahmen sie dagegen den Glauben der Eroberer 
an, dann durften sie das Eigentum an dem eigenen Grund und 
Boden nicht behalten, mußten vielmehr aUe Immobilien an ihre 
Verwandten oder Volksgenossen abtreten. Im übrigen genossen 
sie persönlich die Vorrechte, die den Muslimen zuteil wurden und 
nahmen an den Jahresdotationen teil. 

Diese tiefgreifenden Maßnahmen des Kalifen beruhten auf zwei 
Motiven, einem arabisch-nationalistischen und einem rein staatlichen. 
Mit der Verwirklichung des ersten verfolgte Omar die Absicht, 
daß die Araber ihre kriegerische Eigenschaften nicht etwa durch 
feste Ansässigkeit, Reichtum und Wohlleben einbüßen sollten; so- 
dann aber hatten seine Maßnahmen den Zweck, die Staatseinnahmen 
erheblich zu vermehren. Denn die Muslime zahlten an den Staat 
nur Armensteuer und Zehntel ihrer Bodenerzeugnisse, die Nicht- 
muslime hingegen eine dschizia, tributum capitis, und charädsch, 
tributum soll, die viel höher als die Abgaben der Gläubigen waren 1. 
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Ideen Omars von 
großer Klugheit und weiser Vorsicht zeugten, jedenfalls soweit es 
sich um die Zeit seiner eigenen Regierung, die er mit Strenge und 
Gerechtigkeit handhabte, handelte. Daß dieses System aber auf 
die Dauer nicht zu halten war, lag an den eigentümüchen Ver- 
hältnissen jener Zeit; infolge allzugroßer Verwicklungen mußten 
die an sich wertvollen Bestimmungen Omars schon nach kurzer 
Zeit wieder aufgehoben werden. 

Diese gesamte Verwaltungsorganisation des neuen Staates unter 
der Herrschaft Omars verdient deshalb besondere Erwähnung, weil 
sie der späteren Zeit des Kalifats als Grundlage diente, vielfach 
nachgeahmt und weiter ausgebaut wurde. Aber auch ganz ab- 
gesehen hiervon ist schon allein der Versuch dieses bedeutenden 
Mannes, in einer Zeit, in der die Welt der Staaten vom Geiste 
absoluter Herrschaft, Despotie und Machtentfaltung durchsetzt ist, 
ein wirklich sozial-kommunistisches Gemeinwesen zu schaffen, inter- 
essant und der Beachtung wert. 

1 Ahnlich in Rom: ..Stipendium-" oder „tributum", je nachdem es sich um eine Provinz 
des römischen Volkes oder des Kaisers handelt. Gaius 2, 21; Mommsen, Staatsrecht 2, 
S. 1094 ff. 



196 TJie Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

e©0O0OO00O00O00000<XXXXXX>000O0O<X)O0O(XXXX)O0OOO(XXXX)(X)(XX>30OCXXXX)O0OOOO0O 

Omar fand, was nicht wundernehmen kann, keinen unter den 
Genossen des Propheten, der ihm würdig genug erschienen wäre, 
zu seinem Nachfolger ernannt zu werden, oder der seinen • demo- 
kratisch-kommunistischen Staat in seinem Sinne hätte aufrecht 
erhalten können; er mißtraute seiner Umgebung, einige hielt er 
für unfähig, die anderen für allzu selbstsüchtig, den jungen Staat 
ohne Gefährdung über die Stürme und drohenden Wirrnisse der 
Zukunft hinweg zu führen. Seinem Sohne gegenüber soll er die 
für seine Gewissenhaftigkeit und das Bewußtsein von der Schwierig- 
keit der Staatsaufgaben höchst beachtenswerte und charakteristische 
Äußerung getan haben: „Er habe die Bürde und die Verantwortung 
getragen und er wolle sie nach dem Tode nicht weiter tragen 1." 
Erst in seinen letzten Stunden setzte Omar, der dem Dolche eines 
persischen Sklawen, der sich bei ihm über die harte Behandlung 
seines Herrn beklagte, von ihm aber abgewiesen wurde, zum Opfer 
fiel, ein Wahlkollegium von sechs hochangesehenen Männern ein 
und trug ihnen auf, einen Kalifen aus ihrer Gruppe zu wählen. 
Zu ihr zählten die beiden späteren Kalifen Othman und Ali. Unter 
ihnen entbrannte ein heftiger Streit, da jeder Anspruch auf die 
Kalifatswürde erhob. Schließlich wurde Othman von den übrigen 
Prätendenten gehuldigt. 

Der Kalife Othman (644 — 656) gehörte der in Mekka tonan- 
gebenden aristokratischen Sippe der Omaijaden an. Anfangs wurden 
unter seiner Regierung die Eroberungen weiter geführt, und das 
Reich nach außen erweitert und befestigt, aber leider blieb der 
greise Kalife in der Verwaltung der inneren Angelegenheiten nicht 
bei den für die Befestigung und den weiteren Aufbau des Staates 
so wichtigen Grundsätzen und Institutionen seines großen Vor- 
gängers stehen. Er hob die den Ländererwerb betreffenden Be- 
stimmungen Omars auf und gestattete den Arabern, in den neu 
eroberten Ländern Grundbesitz zu erwerben. Dieser unklugen 
Maßregel ist es zuzuschreiben, daß der Eroberungsgeist des Heeres 
nicht der alte blieb; denn der an Erde und Scholle gebundene 
Araber verspürte wenig Lust, sich fürderhin für die Verbreitung 
des Glaubens zu schlagen. Auch verfiel, zum großen Unglück für 
den gesamten Islam, der Kalife in einen für ihn selbst und das 
Staatswesen überhaupt verhängnisvollen Fehler. Er huldigte nach 
und nach einem schrankenlosen Nepotismus; er begünstigte seine 

1 Mawardi S. 18 (siehe IV). 



Anverwandten, die gerade nicht zu den eifrigsten Gläubigen ge- 
hörten, in einer so offenkundigen und rücksichtslosen Weise, daß 
die meisten mit Abneigung und Haß gegen den Kalifen erfüllt 
wurden. So überschritt er die Gesetze über die Jahresdotationen 
zugunsten seiner Verwandten und belehnte seinen Vetter Moawija, 
den späteren Kalifen, mit den Krondomänen in Syrien. Das wider- 
sprach aber ganz offen fundamentalen Rechtssätzen und über- 
komm.ener Sitte. Es entstand daher bald eine antikalifische Be- 
wegung mit dem Ziel, die Gunstwirtschaft des Kalifen zu beseitigen 
und, von einigen ehrgeizig^en Köpfen geschürt, führte diese zu der 
Ermordung des greisen Stellvertreters des Gesandten Gottes am 
17. Juni 656. Die Empörer aber huldigten alsbald dem Ali, dem 
Lieblingsvetter und Schwieg"ersohn des Propheten, als viertem 
Kaufen (656—661). 

Zum ersten Male war etwas im Islam Unerhörtes geschehen: Ein 
Oberhaupt und einer der ältesten Gefährten Mohammeds war von 
den Händen der Gläubigen ermordet worden. Durch dieses ruch- 
lose Ereignis eingeleitet bricht nun ein Zeitalter des Zwistes und 
Bürgerkrieges an. Unter ihm litt der Islam so unsäglich, so unge- 
heuer, daß er sich davon heute noch nicht hat erholen können. 
Es war eine Bresche in die Glaubenseinheit und ein Keil in die 
politische Zusammengehörigkeit der islamischen Völker geschlagnen. 
Daß der noch so junge Staat nicht in Auflösung zerfiel und ohne 
allzu merkliche Erschütterung diese furchtbare Katastrophe über- 
lebte, ist nur aus der inneren Kraft, Festigkeit und Gesundheit der 
islamischen Grund- und Glaubenssätze zu erklären. 

Die Regierungszeit Alis w^urde von den Wirrnissen des Bürger- 
krieges vollständig ausgefüllt. Zwei angesehene Gefährten des 
Propheten, Talha und Zubair, und an der Spitze aller Aischeh, die 
energische und ränkevoUe Witwe Mohammeds, Tochter des Kalifen 
Abu Bekr, entrollten die Banner des Aufstandes gegen Ali unter 
dem Vorwand, „Rache für den greisen Othman" nehmen zu wollen. 

In der im November 656 geschlagenen Kamelschlacht, sogenannt, 
weil Aischeh, auf einem Kamel sitzend, an derselben Schlacht teil- 
nahm, besiegte der tapfere Kahfe seine Widersacher völlig, und 
stellte dadurch die Ruhe in einem Teil des Reiches wieder her. 

Viel gefährUcher gestaltete sich dagegen die Lage für Ali als den 
Statthalter von Syrien. Moawija nämlich, der keinen anderen Rechts- 
titel auf das Kalifat geltend machen konnte, als den, Rache für 
seinen Vetter Othman zu nehmen und hierbei die Treue seiner 



Die Welt des Islams, Batid V. 1917, Heft 4 

syrischen Truppen hinter sich zu haben, rückte gegen den Kalifen 
ins Feld. In der Schlacht von Siffin am Euphrat vom Jahre 657 
neigte sich zwar der Sieg auf Alis Seite. Aber die politische 
Überlegenheit Moawijas und die Schlauheit seines bedeutenden 
Parteigängers, des Amr, des Statthalters von Ägypten, bewirkten 
es, daß die Streitfrage um das Kalifat einem Schiedssprüche über- 
lassen wurde. Damit aber war alles für Ali verloren gegangen, 
denn es war klar, daß Moawija und seine Parteigänger mit List 
und Tücke die Scharte auswetzen würden. So geschah es denn 
auch. Ali wurde überlistet und sein Gegner ließ sich als Kalife 
huldigen. Der Tag von Siffin ist der ung'lücklichste, den die Ge- 
schichte des Islams jemals erlebte und je erleben wird. In dieser 
furchtbaren Schlacht trennten sich die Gläubigen voneinander, nach- 
dem noch nicht dreißig Jahre seit dem Tode des Gründers verstrichen 
waren. Von diesem Zeitpunkt an datiert die Spaltung der poHtischen 
Parteien. Der jetzt einsetzende heftige Kampf der Parteien drehte 
sich vornehmlich um die Kalifatsherrschaft und die Innehabung der 
höchsten Macht im Staate. Erst viel später trat dann zu dieser 
rein politischen Frage das rehgiöse Moment hinzu, das die unselige 
Sektenbildung im Islam zur Entstehung brachte. Ein Teü des 
Heeres zog sich von Ali zurück und unter dem Namen Charidschi, 
d. h. Meuterer, erklärten sie sowohl Ali als auch Moawija für 
Haeretiker; sie stellten sich auf den rein demokratischen Standpunkt 
der ersten zwei Kalifen, woUten den Islam auf seine ursprüngliche 
reine Gestalt zurückführen und die alten staatlichen Zustände wieder 
herbeiführen, sie wählten ihr Oberhaupt nach rein arabischen Grund- 
sätzen, und es kann nicht geleugnet werden, daß sie im ersten 
Jahrhundert des Islams eine bedeutende Rolle spielten. 

Eine andere Partei, die Schiiten, d. h. die Gefolgschaft Alis, 
erklärten dagegen diesen allein für den legitimen Kalifen und 
rechtmäßigen Nachfolger seines Schwiegervaters, die übrigen drei 
Kaufen dagegen für Usurpatoren. Es kam in der Folgezeit zu 
einem scharfen politischen und reUgiösen Kampfe zwischen diesen 
Sekten, über den sowohl wie über das Imamat weiter unten noch 
Näheres erörtert werden wird. 

Ali wurde von einem der drei Charidschiten, die gedungen waren, 
ihn, Moawija und Amr aus dem Wege zu räumen, in Kufa ermordet 
(Januar 661); die beiden letzteren entgingen jedoch rechtzeitig der 
Gefahr. Der Dolch eines Meuchelmörders befreite Moawija von 
seinem Gegner, und nachdem der älteste Sohn Alis, Hasan, dem 



Kasi, Das Kalifat nach idamischem StaatS7'eeht. 199 

nach dem Tode seines Vaters gehuldigt worden war, und der sechs 
Monate herrschte, zugunsten Moawijas gegen Zahlung einer an- 
sehnlichen Geldsumme auf alle seine angeblichen Thronrechte ver- 
zichtet hatte, erlangte Moawija die Kalifenwürde (661 — 680), ohne 
daß sie ihm von einem gefährlicheren Prätendenten hätte streitig 
gemacht werden können. Er gründete die Dynastie der Omaijaden 
von der Sippe Omaija aus den Quraisch. 

Mit dieser Dynastie tritt das Kalifat bereits in einer wesentlich 
anderen Staatsform auf. Aus einem rein demokratisch-kommunisti- 
schen Gebilde, wie wir es in der patriarchalischen Epoche kennen 
gelernt haben, entwickelte sich eine reine Monarchie, ein Königtum, 
das äußerlich ein national-arabisches Gepräge aufwies. Zwei Unter- 
scheidungsmerkmale kennzeichnen sehr scharf und charakteristisch 
das Kalifat dieser Periode von dem der vier legitimen Kalifen. 
Erstens der Prozeß der Loslösung des Staates von seiner religiösen 
Basis; zweitens der Übergang vom altarabischen reinen Wahlprinzip, 
wie es allmählich im Islam Aufnahme gefunden hatte, zur Erb- 
dynastie. Man muß sich klar machen, daß diesen grundlegenden 
Abweichungen von den Prinzipien und Leitsätzen des früheren 
Islams dem Gründer dieser Dynastie keinerlei Schuld beigemessen 
werden darf; vielmehr ist es den natürlichen Zeitumständen zuzu- 
schreiben, sowie der ganzen kulturellen Entwicklung der islamischen 
Völker, daß der Staatsorganismus sich in seinen fundamentalen 
Institutionen änderte. Es war dies eben aus einleuchtenden Gründen 
nicht anders möglich. Denn solange der Kalif e in Medina saß 
und ein so uneigennütziger Herrscher wie z. B. Omar über die 
Muslime gebot, konnte der islamische Staat als streng demokratisches 
Gemeinwesen bestehen. In Syrien dagegen, wohin die Zentral- 
regierung jetzt verlegt wurde und wo die Kaufen als weltliche 
Potentaten den byzantinischen Kaisern gegenüber traten, war dies 
nicht mögüch. Die Araber waren Emporkömmlinge im wahrsten 
Sinne des Wortes. Sie eroberten und unterjochten Völker, die 
ihnen in kultureller, geistiger und sozialer Beziehung weit überlegen 
waren; sie konnten sich den Lockmitteln und dem Luxus der Ver- 
weichlichung und Erschlaffung- in der Lebensweise ihrer Unter- 
worfenen nicht entziehen und begannen die alte Kraft und Stärke, 
die sie ausgezeichnet hatte, einzubüßen. Ewiges Gesetz der Welt- 
geschichte ist es, daß, wenn ein minder kultiviertes Volk ein höher 
kultiviertes Volk unterwirft, nichts Gutes für den Sieger zu erwarten 
ist; äußerlich zwar triumphiert der erste, innerüch wird er aber 



200 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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von dem letzten Schritt für Schritt besiegt. Diese Erscheinung 
fand auch bei den Arabern eine geradezu typische Bestätigung, 
Sie gaben nur allzu schnell ihre einfachen gesunden Sitten auf und 
nahmen dafür fremde, durchaus heterogene an, wobei sie nicht 
einmal eine g'ewisse Vorsicht walten ließen. 

Moawija sicherte nun die Thronfolge für seinen Sohn Jazid da- 
durch, daß er ihm noch bei Lebzeiten vom Volke huldigen ließ 
(670). Unter Jazids Regierung {680—683) brach dann ein zweiter 
Bürgerkrieg aus, der die Kluft zwischen Schiiten und Sunniten 
noch bedeutend erweiterte. Der zweite Sohn Alis und der 
Fatima, der Tochter des Propheten, Husein, lehnte sich gegen die 
Omaijaden auf und machte sein besseres Recht auf das Kalifat 
geltend. 

Von den Helfershelfern aber, die ihm bei der Erhebung tat- 
kräftige Unterstützung zugesichert hatten, verlassen, wurde er bei 
Karbela samt seiner zahlreichen Verwandtschaft von den Truppen 
Jazids angegriffen, wo er mit den Seinigen den Märtyrertod fand. 
Sein tragisches Schicksal wurde bis heute in allen schiitischen 
Ländern mit leidenschaftlichen Trauerübungen alljährlich gefeiert. 

Wenn auch das Haus der Omaijaden einige hervorragende 
Herrscher, die die islamische Monarchie und ihren Thron zu be- 
festigen versuchten, hervorgebracht hat, so schwächte sie der 
Familienzwist und der unaufhörliche Kampf gegen die Charidschiten 
und Aliden so sehr, daß sie ihren rapiden Untergang nicht auf- 
zuhalten vermochten. 

Eine gefährliche, ja geradezu bedrohliche Bewegung der Schiiten 
gegen das Kalifat der Omaijaden entstand in der östlichen Provinz 
Persiens Chorasan. Dort hatte der Schiismus einen sehr frucht- 
baren Boden gefunden, da die tiefe göttliche Verehrung, die die 
Schiiten ihren Oberhäuptern zollten, den Persern mehr zusagte, als 
die Demokratie und das Dogma der Fehlbarkeit des Staatsober- 
hauptes, wie es bei der Majorität der Muslime galt. 

Die Parole der Aufständigen war: „Rache für Husein und (He 
Anhänger des Hauses des Propheten." Diese immer größere 
Dimensionen annehmende Bewegung machte sich nun ein Zweig 
der Verwandten des Propheten, nämlich die Nachkommen des 
Abbas, des Oheims Mohammeds, geschickt zu Nutzen, indem sie 
als Rechtstitel auf das Kahfat ihre hohe Verwandtschaft anführten 
und die Übertragung des Erbrechts von einem Aliden auf sich 
selbst behaupteten. 



Kaiti, Das Kalifat nach hlamlscliem Staatsrecht. 201 

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Der Haß gegen die Omaijaden und ihre Irreligiosität bewirkte 
es schon bald, daß die Abbasiden von der Seite der Schiiten und 
anderer orthodoxer Kreise einen großen Zustrom und rege Unter- 
stützung erhielten. An der Spitze der persischen Truppen, die für 
die Sache der Abbasiden kämpften, stand Abu Muslim, ein Frei- 
gelassener persischer Abstammung- und gewaltiger Feldherr, der 
der Wallenstein des Ostens genannt wird, und der die neue 
Dynastie zur Entstehung brachte; er teilte auch das tragische 
Ende des Friedländers. 

In der Schlacht am Ufer des großen Zab (750) verlor der letzte 
Kalife der Omaijaden nach etwa hundertjähriger Herrschaft das 
Kalifat. 

Dem Blutbade, welches die Abbasiden nach dem siegreichen 
Kampfe unter den Omaijaden veranstalteten, entrannen nur einige 
wenige; einer von ihnen, Abd ar-Rahn^,an, flüchtete nach Spanien 
und gründete daselbst ein unabhängig^es KaHfat von Cordoba, das, 
mit Rücksicht auf die hohe Kultur, die es vollbrachte, ein Ruhmes- 
kapitel in der Geschichte des Islams genannt werden kann und 
bis zum Jahre 1031 als hochentwickelter Staat gedauert hat. 

Von den beiden Brüdern aber, die der Herrschaft der Omaijaden 
das Ende bereiteten, bestieg der jüngere, Abu '1-Abbas as-Saffah, 
den Kalifenthron (749 — 754). Ihm folgte sein älterer Bruder Mansur 
in den Jahren 754 — 775. Mansur, der größte Herrscher seiner 
Zeit und der bedeutendste Kalife seiner Dynastie, befestigte das 
Reich mit beispielloser Rücksichtslosigkeit nach innen und außen. 
Er verlegte das Reichszentrum definitiv nach Osten, wo die sasa- 
nidischen Perserkönige jahrhundertelang geherrscht hatten, und 
gründete im Jahre 708 die berühmte Kalifenstadt Bagdad. Diese 
Verlegung erfolgte nicht aus reinem Zufall, vielmehr war sie ein 
Symbol für eine grundlegende Veränderung, die der islamisch- 
arabische Staat jetzt annahm. Es vollzog sich mit diesem Zug 
nach Osten ein Übergang zum asiatisch-persischen Absolutismus, 
wie man ihn bisher nicht gekannt hatte, und der alte arabische 
Staat wurde damit endgültig zu Grabe getragen 1. 

Die Abbasiden fühlten sich viel mehr als Perser denn als Araber; 
waren es doch fast nur Perser und persische Truppen gewesen, 
die die Umwälzung für sie hervorgerufen hatten, und dies wurde 

^ Diese Entwicklung erinnert außerordentlich an den Niedergang des Römischen Reiches, 
an die Umwandlung des Prinzipats in Dominat und Deal. Vgl. Pollack, Der Majestäts- 
gedanke im Römischen Recht. S. 136 ff. 



202 T)ie Welt des MamK, Bund V. 1917, Heft 4 

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vor allem die Triebkraft dafür, daß der persische Einfluß im Staat 
und der Gesellschaft im abbasidischen Zeitalter mächtig zunahm. 
Äußerlich erlag zwar das Persische Reich dem Ansturm der Araber, 
innerüch aber war der persische Geist dem des Siegers weit über- 
legen und er vermochte auf die Dauer nicht unterdrückt zu werden. 
Dieser Geist arbeitete im Stillen mit aller Macht an der Reaktion, 
an der Rückeroberung der verlorenen Gewalt, die denn schließlich 
auch nach etwa hundert Jahren den erwünschten Sieg davontrug. 

Einen gewaltigen Anteil hatten die Perser an der Vertiefung 
der arabischen Kultur gehabt, was leider nicht immer gebührend 
gewürdigt wird. Es ist irrig und entspricht nicht der gerechten 
Würdigung der Weltgeschichte, wenn man g-erade in dieser Epoche 
lediglich von arabischer Kultur spricht. 

Gerade in dieser Zeitspanne erreichte formell die arabische, 
materiell aber die persische Kviltur unbestreitbar ihren Höhepunkt; 
sie ist hinter der vergangenen Kulturentwicklung des gesamten 
Altertums keineswegs zurückgeblieben. 

Es muß als ein unverg'äng^liches Verdienst der Abbasiden be- 
zeichnet werden, daß sie nicht nur den einheimischen Wissen- 
schaften eine lobenswerte Pflege angedeihen ließen, sondern daß 
sie auch, trotz der unerquicklichen Gering^schätzung, die der Islam 
allem gegenüber zur Schau trug, was nicht islamisch war, der 
griechischen Literatur und Philosophie in freigeistiger Weise ihre 
Aufmerksamkeit widmeten. So wurden unter den ersten und dem 
auch im Abendlande allgemein bekannten Kalifen Harun ar-Raschid 
(786 — 833), dem Zeitgenossen Karls des Großen, speziell aber unter 
dem Kalifen Mamun (813 — 809) viele Werke der griechischen 
Philosophen ins Arabische übertragen und dadurch die damalige 
Strömung der Geister, ja überhaupt die Entwicklung der Wissen- 
schaften im Islam aufs äußerste befruchtet. Auch die Rechts- 
wissenschaft, insbesondere das Staats- und Verwaltungsrecht mit 
seinen Nebengebieten, blieb nicht unberücksichtigt und wurde als 
ein selbständiger Zweig der Wissenschaft behandelt. Die Denk- 
schrift des Kadi Abu Jusuf an den Kalifen Harun ar-Raschid über 
die Verwaltung, und das Lehrbuch des Staatsrechtes von Mawardi 
(siehe unten) und viele andere Werke sind beredte Geistesprodukte 
des abbasidischen Zeitalters und legen Zeugnis ab von der außer- 
ordentlichen Entwicklung dieser Epoche. 

Wie aber das KaHfat unter den ersten Abbasiden seine groß- 
artige Machtentwicklung erreichte, so mußte es unter den letzten 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 203 

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dieses Geschlechts seine tiefste Demütigfung erleben. Ahnlich väe 
in Rom seit der Entstehung des Kaisertums, war es auch im Reiche 
der Kalifen. Äußerlich Glanz, innerlich Verfall. 

Diesen Verfall kann man, abgesehen von der Schwäche, Ent- 
artung und Sittenverderbtheit, an denen das Kaüfat krankte, vor- 
nehmlich auf zwei Ursachen zurückführen: Die eine war die Präto- 
rianerwirtschaft der türkischen Leibwache, die andere die durch 
die Statthalterschaft herbeigeführten Wirrnisse. Der Kalif e al- 
Mo'tasem Bülahi (833 — 842) hatte eine Garde von türkischen Sklaven 
errichtet, die zu Tausenden von Zentralasien (Turkestan) nach Bagdad 
übergeführt wurden. In kurzer Zeit gewannen diese Rotten unkulti- 
vierten Volkes einen derartigen Einfluß auf die gesamten Regierungs- 
verhältnisse, daß ihnen die Kaufen, um sich zu halten, bei der 
Thronbesteigung und bei sonstigen Anlässen, wie es die römischen 
Kaiser tun mußten, MilHonen als Donativum schenken mußten. 
Die Beherrscher der Gläubigen wurden zum Spielball in der Hand 
der Prätorianer, die die Kalifen absetzten, wenn sie sich ihren 
Wünschen nicht fügten und statt ihrer nach ihrem Belieben Krea- 
turen ihrer Machtgelüste auf den Thron brachten. Ihr Treiben 
war schheßlich so toU geworden, daß der Kaufe ar-Radi (934 — 941) 
sich kurzerhand genötigt sah, einem türkischen Gewalthaber, Ibn 
Raik, das Oberhofmeisteramt, das vorübergehend an die Stelle 
des Wazarates getreten war, zu übertragen, um die zucht- und 
zügellosen Prätorianer nur einigermaßen in Schranken zu halten. 
Der Oberhofmeister erhielt den Titel amlni H-iunarä\ was etwa 
dem Major domus der fränkischen Zeit entspricht; doch wurde da- 
mit nichts anderes als eine bloße Machtverschiebung erreicht. 

Der zweite der oben angeführten Faktoren, der zum Verfall des 
KaHfats, ja zu dessen Untergang und Auflösung entscheidend bei- 
trug, war die durch Usurpation erzwungene Statthalterschaft. 

Dieses neue staatsrechtliche Verhältnis eigener Art bezeichneten 
die Staatsrechtstheoretiker jener Zeit mit dem speziellen technischen 
Ausdruck imärat al-isülä' — „Imarat per Usurpation em". Der Ab- 
splitterungsprozeß beg'ann ungefähr zu Anfang des neunten Jahr- 
hunderts, zunächst an der Peripherie des Reiches und in den weit 
entlegenen Provinzen, die sich am leichtesten der Kontrolle der 
Zentralgewalten zu entziehen verstanden. Diese Usurpatoren, die 
meistenteils nationale Tendenzen verfolgten 1, waren teils Statt- 

1 Hartmann, Der Islam, S. 58. 



204 I>i>'^ ^^''li des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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halter, die der Kaufe ernannt hatte, teils Eindringlinge, die auf 
eig'ene Faust sich der Herrschaft bemächtigten. Sie g-ehorchten 
dem Kaufen nicht mehr und kümmerten sich blutwenig um seine 
Regierung in Bagdad. Die Zentralregierung war ohnmächtig 
diesen immer weiter um sich greifenden Bestrebungen nach einer 
Sonderregierung ein Ende zu bereiten oder den Machthabern ihren 
Willen aufzudrängen; sie mußte sich mit der harten WirkHchkeit 
abfinden und alles Ungemach über sich ergehen lassen, um wenig- 
stens den bloßen Schein der Zusammengehörigkeit der Staatsteüe 
aufrechtzuerhalten. Andererseits waren die Gewalthaber außer- 
ordentlich ehrsüchtig und strebten ständig nach höherer Macht 
auch außerhalb ihrer Herrschaftsgebiete; dazu bedurften sie aber 
der Weihe des Beherrschers der Gläubigen, um in deren Augen 
den Schein der Rechtmäßigkeit ihrer Herrschaft zu bewahren. 
Aus all diesen Gründen konnten sie nicht mit dem Kalifat völlig 
brechen. Sie mußten teilweise Konzessionen machen, die darin be- 
standen, daß sie den Kalifen als das Haupt des islamischen Staates 
formell anerkannten und ihm im Notfall Beistand leisteten, auch die 
richterlichen und geistlichen Funktionäre des Kalifen in ihren Ge- 
bieten wirken ließen i. So beließen sie denn auch dem Kalifen 
gewisse Prärogative, wie die Erwähnung seines Namens in der 
Chutba (Predigt) bei dem öffentlichen Freitagsgebet und auf den 
Münzen, w^as aber auf das eigentliche Erstarken ihrer Usurpations- 
herrschaft ohne sonderlichen Einfluß blieb. 

So sank das Kalifat zu einer bloßen geistlichen Würde herab, 
das eigentliche weltliche Regiment über das noch große Reich 
und selbst über die Kaufen führten diese Usurpatoren unter dem 
Titel Arnim '1-umaraM Das Glück blieb aber auch diesen usur- 
pierenden Dynastien nicht immer hold, und die Macht ging im 
Laufe der Zeiten von einer Dynastie auf die andere über. Zuletzt 
waren es die Bujiden, die die Vormundschaft über die Kalifen 
innehatten. Sie mußten (1055) den Seldschuken weichen, die den 
Kalifen mehr Achtung als ihre Vorgänger bezeigten. Aber das 
tragische Schicksal der Kalifen war doch bereits besiegelt, die 
Rollen unter den handelnden Personen blieben dieselben und nur 
die Personen wechselten ab. 

Wie ein reißender Strom ging das Kalifat und damit der 
arabisch-islamische Staat seinem Untergang entgegen. Im Jahre 

^ Harlmann, Der Islam, S. 124. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 205 

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1258 eroberten die mongolischen Horden unter Hulagu Bagdad, 
die glanzvolle Metropole der damaligen Zivilisation, und bereiteten 
dem Kalifat ein unrühmliches Ende. Der letzte Kaufe wurde in 
Bagdad nebst zwei Söhnen und vielen Verwandten umgebracht. 

Nach sechshundertjährigem Bestehen, nachdem das islamische 
Reich alle Wechselfälle, Aufstieg, Glanz und Verfall durchgemacht 
hatte, mußte das Kahfat unter dem Schwerte der türkischen 
Barbaren seinen letzten Atem aushauchen. 

Einen treffhchen Vergleich mit dieser Invasion der Türken 
bietet das Eindringen der Germanen in das Römische Reich. Wie 
diese das Reich der Cäsaren zertrümmerten, Religion und Kultur 
der Römer übernahmen und dann das Heilige Römische Reich 
Deutscher Nation aufrichteten, so haben auch die Türken, nachdem 
sie anfangs dem Kalifat den tödlichen Schlag versetzten, dem 
Islam neue Kräfte zugefügt und das Kalifat türkischer Nation 
wieder neu aufgerichtet. 

Zwei gefährüche Stürme innerhalb eines Zeitraumes von zwei 
Jahrhunderten fegten mit Wucht über den Islam hinweg: Der 
Kreuzzug- der abendländischen Christenheit und die Mongolen- 
invasion. Nicht nur der Staatsorganismus als solcher, sondern der 
Islam, der Glaube, wurden in ihrer Existenz bedroht. Von der 
ersten Gefahr befreite sich der Islam mit dem Schwert, und fand 
in dem arabisierten Kurden Sultan Saladin seinen Retter, der 1187 
Jerusalem von den Kreuzfahrern für immer zurückeroberte. Gegen 
die noch schHmmere Glaubensgefahr aber siegte der Islam durch 
seine stets ihm innewohnende Kraft und Stärke: Den Koran! 
Nach einigen Dezennien nahm dann der siebente der Dynastie 
der Ilchane in Persien im Jahre 1295 den mohammedanischen 
Glauben, und zwar den Schiismus an. 

Der Islam verlor zugleich mit dem Kalifat sein Staats- und 
Reügionsoberhaupt. Damit hat eine gewaltige, großartige Staats- 
idee ihr Ende erreicht: Ein theokratisches Prinzip, welches der 
Religion alles unterordnete und in den Fürsten die welthche nebst 
kirchliche Würde vereinigte, erlosch 1. 

Hiermit verband sich eine wahrhaft demokratische Anschauung, 
die in der Stammesverfassung der vorislamischen Araber ihren 
Ausgangspunkt hatte: den Staatsuntertanen stand das Recht zu, 
bei der Wahl des Herrschers und der Übertragung der Herrscher- 

1 A. V. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des Islams, S. 300 ff. 

Die Welt de» Islams, Band V. I4 



2o6 Die Welt des Mams, Band V. 1917, Heft 4 

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gewalt mitzuwirken. Außerdem aber galt die sogenannte Ver- 
wirkungstheorie, nach welcher der Fürst durch Irreligiosität und 
Nichterfüllung seiner Herrscherpflichten und seiner Herrscherrechte 
verlustig gehen konnte. Nicht etwa einer inneren Schwäsche 
oder Unbrauchbarkeit ist die Schuld an der Kurzlebigkeit dieser 
bizarren Staatsform zuzuschreiben, vielmehr einem anderen un- 
günstigen Umstand: Die Araber eroberten sehr bald Völker, bei 
denen die sklavische Verehrung und Unterwürfigkeit den Fürsten 
gegenüber auf die Spitze getrieben wurde; dies war aber mit den 
Tendenzen einer gesunden Demokratie unvereinbar. Viele von 
ihren zum Teü rohen Sitten und unkultivierten Anschauungen 
gaben sie zwar auf, verloren damit aber auch ihr kostbares Gut, 
ihre demokratischen Ideen. Daher ist es erklärHch, daß die 
demokratische Staatsform in ihrem ganzen Umfange nur in der 
patriarchalischen Epoche des Kalifats bestand, und was Mawardi 
und andere Staatsrechtslehrer über das Kalifat im Islam ins- 
besondere über deren Entstehung durch den Akd ^aqd), einen 
bilateralen Vertrag, und die Huldig'ung schrieben, war nur Theorie 
und Traum längst verschwundener Vergangenheit. 

Nach der Eroberung Bagdads entflohen einige Sprößlinge der 
Abbasiden nach Ägypten, wo sie unter dem Protektorat der 
Mameluken ein kümmerliches Scheindasein und nominell auch 
den Kaüfentitel führten. Es war dies aber eine Würde ohne Be- 
deutung, sie hatten lediglich eine priesterliche Stellung inne, die 
vornehmlich darin bestand, daß sie dem jeweiligen Herrscher die 
Investitur erteilten, daß ihre Namen im Kirchengebet erwähnt 
wurden, die letzte Prärogative, die diese schattenhaften Kalifen 
noch wahrten. Der Osmane Sultan Selim L, bereitete schließlich 
als er im Jahre 1517 Ägypten erobert hatte, dem unsicheren 
Kalifat ein definitives Ende. 

3. Das heutigfe Kalifat oder Sultanat. 

Mit dem Erlöschen des arabischen Kalifats hatte die islamische 
Kirche ihr Haupt verloren 1. Die Folge dieser Tatsache war, daß 
die Religion im Gegensatz zur früheren Zeit jetzt unter die staat- 
liche Ordnung gestellt wurde 2, Aber die Vorstellung der Gläubigen 

1 A. V. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des Islams, S. 424. 

2 A. V. Kremer, ebenda S. 426: „Es ist leicht, in dieser wenn auch vorerst nur äußer- 
lichen Unterordnung der religiösen Ideen unter die staatliche einen großen Fortschritt 
zu erkennen." 



Kasi, Das Kalifat nach isLandsclieut StaaUrecht. 207 

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vom Kalifat als der Stellvertretung des Propheten blieb bestehen. 
Denn sie war zu mächtig, als daß man sie durch Sturz der 
Dynastie oder durch Untergang und Aufkommen neuer Staaten 
aus dem Gehirn der Millionen von Rechtsgläubigen hätte ver- 
treiben können. Aus diesem Grunde versuchten schon sehr früh 
die osmanischen Sultane, die doch zunächst nur weltliche Macht- 
haber waren, diese geistliche Autorität zu erlangen; man faßte 
den Staat im Sultanat nicht ganz als religiöse, sondern mehr als 
weltliche Einrichtung aufi. 

Der osmanische Sultan Selim I. führte den letzten Abbasiden, 
Mutawakkil, nach der Eroberung von Ägypten (1517) nach Kon- 
stantinopel und ließ sich von ihm alle Rechte auf das Kalifat 
feierlich übertragen 2. Er wurde nach dem Beispiel früherer 
Kalifen in einer großen Versammlung ägyptischer und türkischer 
Ulama (= Geistlichkeit) formell zum Kalifen gewählt ^. Ihm ist 
auch von dem Scherifen von Mekka, als dem Hüter der beiden 

1 So A. V. Kremer a. a. O. S. 426. 

2 Müller, Der Islam im Morgen- und Abendlande I, S. 641. Vgl. hierzu auch Weil I, 
S. V des Vorworts zu seinem Werke „Die Geschichte der Kalifen". Er sagt: „Der 
letzte Kalife muß zugunsten des Sultans Selim auf seine Rechte verzichten." Die Frage 
der Verzichtleistung Mutawakkils auf seine Rechte zugunsten des Sultans Selim ist aber 
sehr bestritten. A. v. Kremer spricht sich in dieser Frage anders aus, wenn er a. a. O. 
S. 423 sagt, daß der letzte Kalife seine Rechte an den türkischen Eroberer „abgetreten" 
haben soll. Hammer erwähnt in der Geschichte des Osmanischen Reiches nichts von 
einer direkten Übertragung. Vgl. Kremer, S. 423. Barthold schließlich bestreitet in 
seiner Schrift: „Studien über Kalif und Sultan" in der russischen Zeitschrift „Mir Islam" 
— besprochen und im Auszuge mitgeteilt von C. H. Becker in der Zeitschrift „Der Islam" ■ — 
die Übertragung am schärfsten. Er bezeichnet die Übertragung als eine den Tatsachen 
zuwiderlaufende Theorie, die, als es in der späteren Zeit nötig wurde, das Recht des 
osmanischen Sultans auf das Kalifat zu begründen, von dem türkischen Armenier 
Muradgea D'Ohsson in seinem Buch „Tableau general de l'Empire Ottoman" I, S. 232 
u. 270, Paris 1788, erdichtet worden sei. Danach hätte Mutawakkil zugunsten Selims 
formell auf sein Kalifentum verzichtet. 

Barthold geht u. E. jedoch zu weit, und seine Widerlegung ist nicht befriedigend. 
Er stimmt a. a. O. S. 401 einem türkischen Autor des XVI. Jahrhunderts zu, der 
sagt, daß das ägyptische Kalifat nach der Eroberung Ägj'ptens durch Selim von 
selbst erloschen sei, und zwar ohne feierlichen Verzicht seitens Mutawakkils. S. 441 
a. a. O. gibt Barthold dagegen selbst zu, daß die D'Ohssonsche Formel sowohl in 
der islamischen Welt, als auch in Europa tatsächlich angenommen und der Verzicht 
als Tatsache angesehen worden ist. Diese Darstellung muß aber als ein Widerspruch 
erscheinen. 
^ J. Greenfield, Kalifat und Imamat a. a. O. S. 63. Nach einem türkischen Schriftsteller, 
Kemal-Bey in Ewraqi-perischan, soll die Zeremonie in der Hagia Sophia stattgefunden 
haben. Dagegen Barthold a. a. O. S. 390/400. 

14* 



2o8 Die Welt des Islams, Band V. 1917, lieft 4 

rKXXXXXXSOOOOaXXXJSOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXSOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXX^ 

heiligen Städte des Islams, Mekka und Medina, gehuldigt 
worden i. 

Das Kalifat ist bis auf den heutigen Tag, also vier Jahrhunderte 
lang 2, bei den Osmanen geblieben, und als Beherrscher des 
größten sunnitischen Staates, sowie vor allem im Besitze der beiden 
heiligen Städte Mekka und Medina und der heiligen Insignien: 
der Fahne, des Mantels, des Säbels und des Bogens des Propheten, 
halten sich die osmanischen Herrscher noch heute mit vollem 
Rechte zur Stellvertretung des Propheten in allen weltlich-geist- 
lichen Staatsangelegenheiten für allein berufen ^. 

Die osmanischen Sultane führen für die Rechtmäßigkeit ihres 
Kalifats als Rechtstitel an: die Übertragung seitens der Abbasiden 
und die Huldigung, die damals ebenfalls stattgefunden hat. Und 
dies mit Recht*; denn diese Akte sind ja die beiden P'aktoren, 
an die das islamische Staatsrecht die Begründung der Souveränität 
knüpft s. Heute, da die Hausverfassung der Osmanen keine Erb- 
folge vom Vater auf den Sohn kennt, vollzieht sich die Thronfolge 
in der Weise, daß der Sultan seinen Thronfolger ernennt, und 
zwar immer den ältesten der Famihe gemäß dem Senioratsprinzip ^. 
Bei der Thronbesteigung wird ihm von der Geistlichkeit und den 
Würdenträgern des Reiches gehuldigt, indem ihm von dem Scheich- 
ül-islam das Schwert als Symbol der Gewaltübertragung angelegt 
wird '^. Unter den früheren Sultanen herrschte das Prinzip der 

1 Hammer, Geschichte des Osmanischen Reiches I, S. 791. Der zwölfjährige Sohn des 
Scherifen Barakat, der an der Spitze einer Gesandtschaft an Selim geschickt wurde, 
vollzog den historischen Eidesakt vor Selim, in dem man später die Hauptquelle der 
Rechte der osmanischen Sultane auf das Kalifat sah. So auch Barthold a. a. O. 
S. 403. 

2 Greenfield, Kalifat und Imamat a. a. O. S. 63. 

3 Dr. James Greenfield in den Blättern für vergl. Rechtswissenschaft und Volkswirtschafts- 
lehre, Jahrg. II, Nr. 13, S. 63 — 64. 

*■ Ebenda S. 64. 

ö Mawardi, Droit publ. Musulman par Ostrorog, S. 106 — 107 f. 

* V. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des Islams, S. 404, 409 f. ,,Im Osmanen- 
reich, der modernen Fortsetzung des altarabischen Kalifates, wirken einzelne dieser alten 
Ideen noch jetzt fort; so die Senioratsidee, welche in der Türkei zu einem förmlichen 
Thronfolgegesetz geworden ist, laut dessen nicht der Sohn des jeweiligen Sultans, sondern 
dessen Bruder der legitime Thronerbe ist." Zu weit geht v. Purgstall a. a. O. S. 600, der 
das Senioratsprinzip rundweg ablehnt, dies aber ohne genügende Begründung behauptet. 
Auch widerspricht er sich in seinen folgenden Ausführungen auf S. 601. Richtig da- 
gegen Kremer a. a. O. S. 407 ff. 

' J. Greenfield, Kalifat und Imamat a. a. O. S. 66. 



Kasi, Das Kalifat nach islamiscliem Staatsrecht. 209 

0C<r<XXXXX>CXXX)G00000000000CXXX)00000000000000000000000000000(XXXX50000CO000<X<XXX^ 

direkten Erbfolge vor^, das im Islam seit der Entstehung" des 
Kalifats bis zu seinem Erlöschen niemals vöEig zur Geltung gelangt 
ist. Im Gegensatz dazu herrschte das Seniorat, welches jedenfalls 
bei den vorislamischen Arabern bei der Wahl ihrer Stammes- 
oberhäupter regelmäßig beobachtet und von dort schon in der 
patriarchahschen Epoche des Kalifats wie viele andere Dinge im 
Islam herüber genommen wurde 2. Erst unter Sultan Ahmed I., 
1603 — 1617, proklamiert der Divan (= Staatsrat) mittels Fetwa 
(= decisio iuris) des damaligen Muftis die Erbfolge nach dem 
Prinzip des Seniorats, das seitdem auch als Gesetz sanktioniert 
wurde ^ und es trotz mancher Versuche einiger Sultane, die Thron- 
folgeordnung zugunsten ihrer Söhne umzuändern, gebüeben ist*. 
Nachdem wir bisher die Übertragung des Kalifats auf die Os- 
manen historisch und staatsrechtlich dargelegt haben, bleibt uns 
noch die Aufgabe, die Legitimitätsfrage hinsichtlich der Ab- 
stammung des jeweiligen Kaufen von den Quraischiten zu erörtern. 
Über diese Frage herrscht ein staatsrechtlich, mehr theoretisch 
als praktisch wichtiger Streit, der sehr viel Staub aufgewirbelt hat 
und heute noch in manchen Köpfen, besonders bei den streng 
Orthodoxen, und bei denjenigen, die dem osmanischen Kalifat 
opponieren, sein Wesen treibt. Die Quraischiten, denen der 
Prophet selbst angehörte, bildeten zu Beginn des Islams die Ari- 
stokratie oder die Patrizier der Stadt Mekka ^. Nach einer Tradition 
(Hadith), die von sehr namhaften Gelehrten überliefert worden ist, 
und deren Echtheit kaum angefochten werden kann, sagte der 
Gesandte Gottes: „Die Imame-Kalifen müssen der Familie der 
Quraischiten angehören" 6. Mawardi, der sich der Auffassung der 
Majorität der Orthodoxen anschließt und diese persönliche Eigen- 
schaft der Zugehörigkeit zur Familie der Quraischiten als conditio 
sine qua non für die Erlangung der Kalifatswürde aufstellt ', 

1 V. Kremer, Die herrschenden Ideen des Islams, S. 410. Ferner Hammer, Abhandlung^ 
d. Ak. S. 601: „Unter den ersten vierzehn Sultanen folgten Vater und Sohn auf- 
einander." 

2 V. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des Islams, S. 315 ff-, 407 ff. 

3 Ebenda S. 410. 

* Ebenda. 

* Ostrorog a. a. O. S. 102 Anm. 3. 

* Mawardi, Constitutiones politicae ed. M. Enger. Bonn 1853. S. 6. Ferner: Schahrastani 
S. 18. 

' Mawardi ed. M. Enger S. 5. „Die siebente Eigenschaft, die der passiv Wahlberechtigte 
besitzen muß, ist die Abstammung von der Familie Quraisch." 



2 10 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

CIC<JCO0CXXX>XXXX)0<XXX)000000000000000000000000<XXXXXXXXXX)<XXXXX>XXX)00000<XXXXXXXXX)^^ 

schreibt, daß am Tag'e der Sefika, gleich nach dem Tode des 
Propheten, der Kalife Abu Bekr, als die Hilfsgenossen die Staats- 
leitung für sich beanspruchen wollten, diese Tradition authentisch 
rezitiert habe i. Die Schluß folg^erung wäre dann, daß man die 
Legitimität im Sinne des islamischen Staatsrechts den osmanischen 
Sultanen absprechen müßte, denn ihnen fehlt nicht nur diese Eigen- 
schaft, sondern sie sind überhaupt keine Araber 2. In der Tat 
erhoben einigte kaum ernst zu nehmende kleinere Staaten, deren 
Oberhäupter dieser bevorzugten Familie in der Tat angehörten, 
wie Marokko u. a., Anspruch auf das KaHfat ^ und hielten sich, 
dank dieser Abstammung ihrer Fürsten, für berechtigter als die 
osmanischen Sultane''^. Indessen aber haben derartige Prätentionen 
niemals irgend welche praktisch-pohtische Bedeutung erlangt. 

Dem Postulat der Orthodoxie gegenüber steht die Meinung der 
anderen poHtisch-religiösen Parteien, die die Abstammungstheorie 
grundsätzlich verwerfen. Die nach der Partei der Sunniten bei 
weitem größte Parteigruppe der Schiiten zieht den Kreis der 
legitimen Herrscher noch viel enger, indem sie als Thronfolge- 
berechtigte nur die Angehörigen des gens Haschim, die Nah- 
verwandten des Propheten, gleiten lassen will, und von diesen sogar 
allein den Kaufen Ali, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten, 
und seine Nachkommen ^ als rechtmäßige Kalifen (Nachfolger), 
alle übrigen aber als Usurpatoren ansieht ^. Die Charidschiten 
und Mo'taziliten (die letzten werden auch Rationalisten des Islams 
genannt), lehnen dieses Erfordernis ab, ja sie gehen sogar so 
weit, einen Sklaven als zum Kalifen geeignet zu erklären '^. Auch 
einige Gelehrte, die der orthodoxen Richtung angehören weichen 
von der Abstammungstheorie ab. Unter diesen ist der sehr 
berühmte Kadi Abu Bekr Bakilani^ zu nennen, der die Ansicht 

1 Ebenda S. 6. 

2 Greenfield, Kalifat und Imamat, S. 64. 

' Th. Nöldeke, Orientalische Skizzen, S. 105. 

* Dr. James Greenfield, Kalifat und Imamat, Blätter für vergl. Rechtswissenschaft und 
Volkswirtschaftslehre, Jahrg. II, Nr. 13, 1915. 

s Und zwar entweder seine Nachkommen von der Fatima, der Tochter des Propheten — 
90 die Majorität der Schiiten — oder von der anderen Frau Alis Hanefiyah. So die 
Kaisanija. Vgl. hierzu Marc. Jos. Müller a. a. O. S. 30; ferner Schahrastani S. 23 
u. 165. 

'' Siehe unten. 

•■ Siehe unten. 

* Ibn Chaldun S. 351 ft. 



Kasi, Das Kalifat nacli islamischem Staatsrecht. 211 

Or<)O©(yxXXXXXX)0CX>X)O<XXXXXXX)CXXXXI0OOO0O0OO00OO0O000OCKXXX)O(X)0O 

vertritt, daß auch ein Nichtquraischite die Kalifatswürde erlangen 
kann i. 

Ibn Chaldun, der große Geschichtsphilosoph aus Tunis (1332 bis 
1405), welcher treffend der Tacitus oder Montesquieu der Araber 
genannt wird, behandelt die Abstammungstheorie ausführlich und 
kommt dabei zu folgender Auslegung: Die Absicht, die den Gesetz- 
geber zu der obigen Bestimmung veranlaßt habe, sei gewesen, 
jedem Streit über die Nachfolge ein für allemal vorzubeugen. 
Die Quraischiten seien damals der mächtigste und einflußreichste 
Stamm gewesen und hatten bei aUen Völkern Arabiens in solchem 
Ansehen gestanden, daß diese nur ihnen Gehorsam entgegen- 
gebracht hätten. Das fraghche Gesetz müsse daher dahin inter- 
pretiert werden, daß das jeweihge Oberhaupt des islamischen 
Staates immer der mächtigsten und vornehmsten Familie seiner 
Zeit anzugehören habe 2. 

Wir können also diesen Abschnitt mit der Feststellung schüeßen, 
daß in der ersten Epoche des Islams die Quraischiten kraft der Ab- 
stammung des Propheten aus ihrer Mitte und der dominierenden 
Stellung, die sie in ganz Arabien innehatten, allein berechtigt waren, 
das KaHfat ausschließhch für sich in Anspruch zu nehmen; daß sie 
aber heute, wo sie zu einer wenig geachteten Kaste der Almosen- 
empfänger, und damit zur Landplage der islamischen Welt herab- 
gesunken sind, sich nicht mehr auf ihre hohe Abstammung berufen 
können, diese also völHg gegenstandslos geworden ist. 

Der Gedanke der Zusammengehörigkeit aller Mohammedaner als 
Bürger eines theokratischen Staatswesens kommt wie im Glauben, 
so auch im Kalifat deutlich zum Ausdruck. Die Erwähnung des 
Kaufen im freitäghchen Hauptgottesdienst war in der älteren Zeit 
des Islams eines der bedeutendsten Prärogative des Kaufen, und 
darin lag die offizielle Anerkennung der Oberhoheit des Kalifen. 
Auf diesen religiösen Gebrauch haben die Kaufen zu allen Zeiten 
größten Wert gelegt. Als in der letzten Periode der Abbasiden 
der Abbröcklungsprozeß des islamisch-arabischen Staates begann, 
mußten die Kalifen den Amlru'l-umarä* oder Usurpatoren erheb- 
liche Konzessionen machen, um ihr Recht auf Namensnennung im 

1 Ferner gehört zu dieser Gruppe Abu Marwan Ghailan Ibn Marwan, der behauptet, dafi 
das Kalifat auch einem Nichtquraischiten zukommen könne, und daß jeder, welcher an 
dem Koran und der Sunna festhalte, desselben würdig sei, daß es aber nur durch das 
übereinstimmende Urteil der Gemeinde übertragen werde. Schahrastani S. 160. 

* So Ibn Chaldun in seiner berühmtem Einleitung = Prolegomfenes S. 350 ff. 



212 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

syrxy.'G<jooc)OOC)OO0OOOOOOOO<>>yyxx)O<yyxxxx3(XM^^ 

Freitagsgebet als nominelle Oberhäupter zu bewahren. In Ägypten, 
wo die Abbasiden über drei Jahrhunderte im Abhängigkeitsver- 
hältnis von den Sultanen lebten, wurde diese Praxis der Nennung 
des Namens befolgt. Heutzutage ist diese ganze Frage eine völker- 
rechtliche 1. Die Nennung der osmanischen Kalifen im freitäglichen 
Gebet in Ländern, die ehemals türkische Gebiete waren, ist durch 
Staatsverträge von Österreich-Ungarn, Italien, Griechenland, Serbien 
und Bulgarien anerkannt 2. Auch in Gebieten, die niemals unter 
türkischer Herrschaft gestanden haben, wie Britisch-Indien und 
Deutsch-Ostafrika sowie Sansibar, wird das Fürbittgebet für den 
Sultan als Kalifen gehalten ^. In dieser neuen Erscheinung liegt eine 
Bestätigung-, ja eine Verstärkung des Kalifats von Konstantinopel. 
Die gewaltige Idee des Kalifates ist in der Vorstellung' der Gläubigen 
ein Symbol der Einheit des islamischen Staates und der Ausdruck 
der Zusammengehörigkeit aller Mohammedaner, der Internationalität 
und des Universalitätsprinzips des Islams überhaupt. Sie hat nichts 
Persönliches an sich und kann nicht etwa als besonderes Vorrecht 
einer bestimmten Personenklasse betrachtet werden. Das Kalifat 
gebührt lediglich dem mächtigsten unter den Staaten der Islam- 
welt, und heute ist der türkische Staat zweifelsohne der mächtig'ste! 

II. Die politisch-religiösen Parteien. 

I. Die Sunniten. 

„Zu allen Zeiten", sagt Schahrastani treffend, „wurde in der 
islamischen Welt über kein Religionsprinzip so oft das Schwert 
gezogen, wie über das Kalifat*." Verfolgt man die geschichtliche 
Entwicklung des islamischen Staates und seine politisch-religiösen 
Strömungen, so findet man diesen allzuwahren Spruch voll bestätigt. 

In der christlichen Religion stritt man sich schon bald nach der 
ersten Anerkennung der neuen Gemeinschaft über grundlegende 
Fragen der Glaubensauffassung, was zur Sekten- und Partei- 
bildung und zu dem berühmten Streit zwischen Arius^ und 

1 Becker, Der deutsche Krieg, S. 15; Der türkische Staatsgedanke, S. 41. 

* Becker, Barlbolds Studien a. a. O. S. 412. 
' Becker, Islampolitik, S. 15/6. 

* Schahrastani S. 18 ff. 

* Vgl. Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 2. 3. Aufl. (Freiburg 1894.) Clwatkin, 
The Arian controversy. (London 1889.) Loofs, Art. Arianismus in der Rcalenzyklopädie 
für protestantische Theologie. Bd. 2. (Leipzig 1897.) 



Kagi, Das Kalifat nach islamisehem Staatsrecht. 2 1 3 

CX3OO<yXXXXX)0C)O0OO«<yX)CXX300OO(XXXXXJOOO0OO0OOC)<XXXXXXXX»0<XyX5OOOO0^^ 

Athanasius 1 führte. Jener behauptete bekanntlich, Christus sei g'ott- 
ähnlich, dieser lehrte dagegen, Christus sei gottgleich 2. Im Islam 
dagegen entbrannte schon sehr früh ein heißer Kampf, von rein 
religiösen Fragen abgesehen, vornehmlich um die Frage, wie das 
Staatsoberhaupt beschaffen sein müsse, und wem die Nachfolgerschaft 
des Gesandten Gottes, und damit die oberste Leitung im Staat ge- 
bühre 3. Damit soll nicht gesagt werden, daß dem Islam außer der 
Kalifatsfrage Meinungsverschiedenheiten rein religiöser Natur über- 
haupt fremd seien. Man denke nur an die fundamentalen Gegensätze 
in den Anschauungen der Schiiten und Sunniten hinsichtlich gewisser 
kultischer Pflichten und einer Reihe von zivilrechtlichen Instituten*, 
vor allem an den dogmatischen Streit, den die Motazihten mit Hilfe 
der griechischen Dialektik ^ über Prädestination, Determinismus, 
Indeterminismus und Willensfreiheit des Menschen, über das Ge- 
schaffensein oder Ungeschaffensein des Korans und endlich über 
den Anthropomorphismus Gottes ins Leben gerufen haben ß. In- 

1 Athanasius, chrisü. Kirchenvater mit dem Beinamen der Große oder Vater der Orthodoxie; 
die beste Ausgabe seiner Werke besorgte Montfaucon. (Paris 1698.) Deutsche Über- 
setzung von Fisch und Richard. (Kempten 1872 — 75.) 

2 Vgl. hierzu Friedberg. 

3 Th. Nöldeke a. a. O. S. 95. 

* Vgl. hierzu Müller. Der Islam II, S. 14; ferner über die verschiedene Auffassung der 
Schiiten und Sunniten vom Idschtihad. Vgl. N. v. Tornauw a. a. O. S. 18 ff. Über die 
Ehe auf Zeit, Mut'a, die bei ersteren zulässig und bei den letzteren ungesetzlich ist, 
siehe S. 8 § 6 bei demselben Verfasser. 

^ Th. Nöldeke, Orientalische Skizzen, S. 96 ff. 

° Die Mo'taziliten sind Dissidenten und werden auch Rationalisten des Islams genannt. 
Die mo'tazilistische Schule, die von Wasil ibn Atta gegründet wurde, stellte drei Lehr- 
sätze gegen die Orthodoxie auf: i. Der Koran sei geschaffen, und nicht, wie die 
Orthodoxen sagen, ewiges Wort Gottes. 2. Sie verwerfen die Prädestination und lehren 
die Willensfreiheit des Menschen, also den Indeterminismus. 3. Sie lehren, daß die 
anthropomorphischen Eigenschaften, die der Koran Gott beilegt, lediglich bildlich zu 
verstehen seien. Ihre höchste Blüte erreichte diese freisinnig-philosophische Bewegung 
unter dem Kalifen Mamun. Er sanktionierte die Lehre vom Geschaffensein des Korans 
durch ein Staatsdekret im Jahre 827. Nicht lange aber dauerte es, bis unter Mutawakkil, 
847 — 861, aus politischen Gründen, ein Umschwung zugunsten der Orthodoxie eintrat. 
VöUig bedeutungslos wurden die Lehrsätze der Mo'taziliten, als Abu'l-Hasan al-Aschari, 
der aus ihrer Mitte hervorging, im 40. Lebensjahre in den Schoß der Orthodoxie zurück- 
kehrte und sie mit dialektischen Waffen aus der Rüstkammer der Mo'taziliten bekämpfte. 
Aschari faßte die drei Streitfragen folgendermaßen auf: Gott schafft die guten wie die 
bösen Taten des Menschen; doch hat dieser eine gewisse Selbständigkeit in seiner Ent- 
schlußfassung. Der Koran ist ewig und ungeschaffen. (Einige behaupten dies nur von 
der Urschrift des heiligen Buches im Himmel.) Ferner: Gott hat wirklich die ihm im 
Koran beigelegten Eigenschaften; man muß wahrhaft glauben, daß er Hand und Fuß 



2 14 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

8<X>OCXX)CXXXXXXXX)OOC)O0CXXXXXXXlOOCXXXXXXXXX)OO00O0OCXXXXX>DOCXX)<X^ 

dessen ist für derartige doktrinäre Auffassungen niemals ein Heer 
aufgeboten oder eine Schlacht geliefert worden. Nur das Kalifat 
war also Geg"enstand der für den Islam so verhängnisvollen und 
die Einheit desselben erschütternden Parteibildungen. Später aller- 
dings bekam das politische Parteiwesen eine mehr dogmatische 
Färbung, aber uns interessiert in diesem Zusammenhang nur die 
staatsrechtliche Auffassung über Kalifat und Imamat. Hier kommen 
nun drei wichtige politische Parteien in Betracht, die in der Diver- 
genz der Auffassung vom Staatsoberhaupt verschiedene Grundsätze 
aufstellen. Es sind dies die Sunniten, Charidschiten und Schiiten, 
deren Dogmen im folgenden kurz zu besprechen sind. 

Was zunächst die Sunniten oder Orthodoxen betrifft, so sei hier 
nur darauf hingewiesen, daß Mawardi ihre Auffassung vertritt und 
Hauptvertreter dieser Richtung, und zwar als der schafiitischen 
Rechtsschule angehörend, ist i. 

Die Sunniten machen heute die Majorität der gesamten Bekenner 
des Islams aus; von ungefähr 224 Millionen Mohammedanern sind 
über 213 Millionen Sunniten 2. 

2. Charidschiten. 

Die Charidschiten, die „Ausziehenden" oder „Meuterer" genannt, 
weil sie sich vom Heere des Kalifen Aü nach der Schlacht bei 
Siffin (657) zurückzogen, erklärten AH und Moawija für Usurpatoren 2. 
Sie waren streng radikal und verteidigten mit aller Energie die 
demokratischen Anschauungen der Araber. Sie wollten nichts 
anderes, als einen Staat im Sinne des ersten und zweiten Kalifen*. 
Sie kämpften mit Kraft und bewunderungswürdiger Überzeugung 
für ihr Ideal. Ihre entschieden demokratischen, weit von den 
Ansichten der anderen politischen Parteien abweichenden Grund- 
hat, auf dem Thron sitzt usw. Aber es ist vorwitzig, über das „wie" etwas wissen zu 
wollen. Dies System ist in der Folgezeit das herrschende geworden und von allen 
Orthodoxen angenommen worden, mit Ausnahme der Hanbaliten (der Anhänger einer 
von den vier Rechtsschulen), die sich dem System Ascharis gegenüber ablehnend ver- 
balten. Vgl. hierzu: Th. Nöldeke, Orientalische Skizzen, S. 96 — 98; C. Brockelmann, 
Geschichte der arabischen Literatur, S. 124 — 125. Vgl. ferner Schahrastani, Die Mu'ta- 
zila, S. 41—88. 

1 Mawardi, Conslitutiones politicae ed. M. Enger; Ostrorog, Droit public Musulman, 2. Bd. 
Paris. 

2 M. Hartmann, Der Islam, Statistik S. 183. 

' V. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des Islams, S. 359 ft. 
* Ebenda. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht 215 

SC«x:)eOO0000000G<XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)0(XX>00CXXXXXKXX)0OO<XXXXXXX 

sätze über Staat und Staatsoberhaupt sind kurzgefaßt folgende: 
Es ist die Pflicht jedes Rechtgläubigen, einem Staatsoberhaupte, 
das die religiösen Gesetze verletzt, den Gehorsam zu verweigern. 
Das ausschließliche Recht der Quraischiten auf das Kalifat besteht 
durchaus nicht. Der Kaufe muß vielmehr aus der freien Wahl 
aller Muslime hervorgehen. Diese Wahl kann ebensogut auf einen 
Araber wie Nichtaraber, einen Nabatäeri, fallen; ja sogar ein Sklave 
kann mit der Würde des Kalifats betraut werden. Die Chari- 
dschiten stellen überhaupt die Notwendigkeit eines Herrschers in 
Abrede, solange wenigstens kein Aufruhr zu befürchten ist 2. Sie 
vertreten sogar die Ansicht, daß ein ungerechter und irreligiöser 
Herrscher abgesetzt und getötet werden müsse 3. 

Für diese Ideen vergossen diese Puritaner ihr Blut. Die Chari- 
dschiten trieben das demokratische Prinzip des Islams auf die Spitze*; 
sie waren Leute strengster Denkungsart, fromm und hartnäckig 
in Gebet und Fasten 5; ihre Absichten und Ziele waren einfach 
und wahrhaft islamisch; aber sie erreichten damit nichts anderes, 
als Unheil für sich selbst und Unglück für den Islam ^. Sie kämpften 
gegen den Kalifen Ali und machten nach ihm den Omaijaden viel 
zu schaffen. Sie hielten sich etwa ein Jahrhundert, verfolgt von 
allen Parteien. Unbedeutende Reste existieren heute noch in 
Zanzibar und Algerien, politische oder dog^matische Bedeutung 
kommt ihnen nicht mehr zu'^. 

3. Schiiten und Imamat^. 

Die dritte und nach den Sunniten heute noch bedeutendste 
politische Partei ist die der Schiiten. Schia bedeutet Anhang oder 

1 Schahrastani a. a. O. I, S. 95: „Von zwei Kandidaten, einem Nabatäer und einem Araber, 
muß man den ersteren vorziehen, da derselbe über eine geringere Zahl von Stammes- 
genossen verfügt und schwächer an Macht ist, so daß es möglich ist ihn abzusetzen, 
wenn er gegen das Gesetz handelt. Die Mo'taziliten geben das Imamat eines Nicht- 
quraischiten zu, aber sie ziehen den Nabatäer dem Quraischiten nicht vor." 

2 Schahrastani a. a. O. S. 130. 

3 Näheres hierüber siehe bei Kremer, Die herrschenden Ideen des Islams, Kap. über 
Charidschiten; ferner Schahrastani, Bd. i, S. 129, 130, 138, S. 359 ff- 

4 Th. Nöldeke a. a. O. S. 85. 
^ Schahrastani a. a. O. S. 130. 
« Th. Nöldeke a. a. O. S. 85. 

' Martin Hartmann, Der Islam, S. 50. 

* Dieser technische Ausdruck hat zwei Bedeutungen: Imam bezeichnet zunächst den Vor- 
beter der Gemeinde, Träger einer rituellen Funktion, die der Prophet und nach ihm 



2i6 Die W,'h (h's Islams, Band V. !U17, Heft 4 

Gefolgschaft des vierten Kalifen, des Ali, des Schwiegersohnes des 
Propheten i. 

Schon sehr früh gab es Gläubige, die der Ansicht waren, daß 
die Nachfolgerschaft des Propheten dem Aü zukomme. Und bei 
Beginn des ersten Bürgerkrieges, als die Unzufriedenheit gegen 
den dritten Kalifen mehr und mehr zunahm, und Alis Aussicht 
auf die Herrschaft stärker wurde, scharten sich die Gläubig^en 
aus Frömmigkeit oder Eigennutz um ihn. Diese Bewegung nahm 
dann bald eine feste Gestalt an und wurde geradezu dogmatisch 
formuliert 2, als Abdallah Ibn Saba in Ägypten diese Meinung offen- 
kundig verbreitete. Er stellte die Lehre auf, daß wie nach christ- 
licher Meinung der Heiland, so der Prophet Mohammed am Ende 
der Tage wiederkehren werde ^, ihn aber inzwischen derjenige zu 
vertreten habe, der bei seinen I ebzeiten sein Gehilfe gewesen sei; 
dies sei aber niemand anders als Ali gewesen, der um sein Recht 
betrogen worden sei*. Dies ist der entwicklungsgeschichtliche Ur- 
sprung des dem Islam wenigstens in der frühesten Zeit gänzlich 
fremden Schiismus und der Kei ii zu der für den Islam so nach- 
teiligen Spaltung. 

Der Samen des Schiismus ging in der Tat alsbald auf einem 
günstigeren Boden, als es der wenig dazu geeignete demokratische 
Boden Arabiens war, in Blüte auf. Dies war Persien, die Wiege 

einige Kalifen persönlich versahen. Man faßte sie damals als ein Symbol der Herr- 
schaft auf. Imam bedeutet sodann Staatsoberhaupt = Kalite. Imamat bedeutet also auch 
Kalifat. Um die rituellen und staatlichen Funktionen scharf auseinander zu halten, 
nennt man das Imamat in der ersten Form: das Imamat „minor" und in der zweiten 
Imamat „maior". Mawardi spricht im allgemeinen von Imam und Imamat im Sinne 
von Kalife und Kalifat schlechtweg, und dieser Bezeichnung folgen viele andere Ge- 
lehrte. Es ist anzunehmen, daß Mawardi dies mit Absicht getan hat, um das religiöse 
Moment schärfer zu betonen. Die Schiiten benennen ihr Oberhaupt durchweg mit dem 
Titel „Imam", da nach ihrer Auffassung die an Zahl beschränkten Imame reine Theo- 
kraten sind, was nach Anschauung der Sunniten der Kalife keineswegs ist. Um Miß- 
verständnisse zu vermeiden und den Gegensatz zwischen beiden Parteien klar hervorzu- 
heben, haben wir in dieser Abhandlung stets den Ausdruck Kalife statt Imam, und 
Kalifat statt Imamat gebraucht; nur in diesem Abschnitt mußte von dieser Übung abge- 
wichen werden. Vgl. zu dem Ganzen: L. Ostrorog: Droit public Musulman de Mawardi 
S. 92; ferner Ibn Chaldun, Proleg. S. 340 — 393. 
1 v. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des Islams S. 360 fT.; ferner Schahrastani 
a. a. O. S. 164. 

* A. Müller, Der Islam a. a. Ü. S. 500. 
« Ebenda. 

* A. Müller, Der Islam a. a. U. I, S. 300, 301. 



Aast, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 2 1 7 

0CC<XX)OOOOOO(XXXXXX>00OOOO00OOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)OOOOCXXXXX)OOOOOOOOOOO0OC^^ 

der zoroastrischen Lehre. Die Partei Ali verlegte ihren Sitz nach 
Irak, wo vor dem Islam die Sassaniden residiert hatten. Ein ge- 
wähltes Staatsoberhaupt, wie es die Muslime hatten, war den 
Persern unbekannt. Die Perser, die an eine geradezu sklavische 
Verehrung der Könige g-ewohnt waren, und bei denen schon früh 
die pantheistisch-buddhistische Anschauung von der Inkarnation 
des göttlichen Geistes, der vom Vater auf den Sohn übergehend 
den Herrscherstamm beseele, breitesten Eingang- gefunden hatte, 
konnten sich nicht gut vorstellen, daß sie ihren legitimen Fürsten 
außerhalb der Nachkommen des Propheten zu suchen hätten i. 

Es ist wahi'scheinlich, daß die Perser bei der Rezeption des 
schiitischen Legitimitätsprinzips rein nationale Tendenzen befolgten, 
mit dem Ziel, durch eine solche Trennung ihr Reich und ihre 
Selbständigkeit wiederherzustellen 2. Wie schon oben angedeutet 
wurde, erklärten sie Ali zum legitimen Imam und Nachfolger des 
Propheten, seine drei Vorgänger dagegen für Usurpatoren ^. 
Nach der Ermordung Alis wählten sie dessen und der Fatima, der 
Tochter Mohammeds, ältesten Sohn, Hasan, zum Kalifen. Nach 
sechsmonatlicher Herrschaft verzichtete er gegen eine hohe Geld- 
entschädigung zugunsten des Kalifen Moawija auf den Thron*. 
Erst der jüngste Sohn des Ali und der Fatima, Husein, machte, 
neue Ansprüche geltend. Er wurde von den Truppen des Kalifen 
Jezid bei Kerbela (680) angegriffen und getötet. Nur ein Sohn 
Huseins, Ali Zain al-Abidin, der vierte Imam nach schiitischer Auf- 
fassung, entging dem Blutbad. An politischen Unruhen hat er 
sich nicht mehr betätigt und sich mit der Huldigung und geistlichen 
Leitung seiner Anhänger begnügt 5. Das gleiche tat auch sein Sohn, 
der fünfte Imam, Mohammed al-Bakir, ebenso die folgenden Imame: 
Dscha'far as-Sadiq^, Musa al-Qazam, Ali ar-Rida, Mohammed al- 
Dschawad, Ali al-Hädi, Hasan al-Askari und zuletzt Mohammed 
al-Mahdi. 

1 A. Müller, Der Islam im Morgen- und Abendland I, S. 326 — 27. 

2 A. Müller, Der Islam a. a. O. II, S. 9, 10. 

3 A. Müller a. a. O. Der Islam im Morgen- und Abendlande II, S. 11, 12; ferner 
Th. Nöldeke a. a. O. S. 94. 

* J. Greenfield, Kalifat und Imamat a. a. O. S. 70; ferner M. Hartmann, Der Islam 
S. 50. 

* J. Greenfield, Kalifat und Imamat S. 70. 

* Gestorben im Jahre 776, wegen seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit besonders her- 
vorragend. Die Perser nennen deshalb ihre schiitische Konfession kurzweg Mezhebi 
Dschafari, d. h. djafarische Religion. Dr. J. Greenfield, Kalifat und Imamat. 



2i8 i>iV Weh des Islams, Band V. 1917, Heft i 

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Dieser zwölfte und letzte Imam verschwand schon im Knaben- 
alter im Jahre 873; nach schiitischer Auffassung soll er seit dieser 
Zeit in einem Keller in Samarra " bei Bagdad verborgen der Zeit 
harren, wo er als Mehdi (= Messias) wiederkehren wird, um das 
reine Imamat aufzurichten, und damit die Welt mit Gerechtigkeit 
zu erfüllen 1. 

Bald zerfielen die Schiiten in zahlreiche Sekten, die die Verehrung- 
Alis und der Imame soweit übertrieben, daß sie dem ersten und 
dem letzten geradezu göttliche Eigenschaften zusprachen, ja sogar 
ihn als Gott verehrten, was die gemäßigten Sehnten mit Entrüstung 
verwarfen, obwohl sie ihrerseits an eine übernatürliche und gött- 
liche Erleuchtung Alis glaubten 2. Eine Richtung dieser Ultra- 
schiiten (Ghulat) glaubten wiederum an die Inkarnation Gottes in 
Ali und den übrigen Imamen, andere aber meinten, daß nach 
dem Tode des jeweiligen Imams seine Seele in seinen Nachfolger 
übergehe \ 

Unter den Anhängern des gemäßigten Schüsmus unterscheidet 
man, je nachdem sie die Erbfolge im Imamat einem von diesen 
zw^ölf Imamen oder einem andern aus der Famüie Alis zusprechen*^ 
folgende Hauptparteien: Erstens die Zeiditen, genannt nach Zeid, 
dem Bruder des fünften Imams. Hinsichthch des Imamats bietet 
diese Sekte deshalb besonderes Interesse, weil sie im Gegensatz 
zu allen anderen schiitischen Parteien das Erbfolgeprinzip ablehnen 
und die Erlangung des Imamats der Wahl durch die Leute der 
Bindung und Lösung, d. h. durch Wahlberechtigte unterstellen s. 
Ein kleiner Rest der Zeiditen besteht heute noch. 

Sodann die Ismailiten. Sie leiten ihre Benennung von dem 
älteren Bruder des siebenten Imams ab. Diese Sekte spielte zur 

1 J. Greenfield, Kalifat und Imamat a. a. O. S. 7]. A. Müller, Der Islam a. a. O. II,. 
S. 10 u. 14. 

2 Th. Nöldeke, Orientalische Skizzen, S. 93. 

3 Schahrastani S. 170; A. Müller, Der Islam I, S. 588; Ihn Chaldun a.a.O. S. 358. 

* A. Müller, Der Islam I, S. 587 ; v. Kremer, Die herrschenden Ideen des Islams, S. 376. 

6 Ibn Chaldun, Prolegomenes, Pariser Ausgabe S. 360. Nach Schahrastani S. 180 — 182 
sind die drei Sekten der Zeiditen, die den obigen Grundsatz befolgen, die Sulaimania, 
die Salihija und die Butrija. Danach erklären die Zeiditen, daß das Kalifat oder 
Imamat eines an Kalifatseigenschaften Übertroffenen, obwohl der beste vorhanden ist, 
güllig sei, und dies ist die staatsrechtliche Auffassung der Majorität der Orthodoxen 
(Sunniten), wie auch Mawardi's (vgl. S. 9). Aus diesem Grunde halten die Zeiditen das 
Kalifat der beiden ersten Kalifen, Abu Bekr und Omar für rechtmäßig, obwohl Ali der 
Vortrefflichste war. Sie lassen im Gegensalz zu der Majorität der Orthodoxen das Vor- 
handensein zweier Imame an zwei Orten zu. Schahrastani S. 171. 



Kasi, Das Kalifat nach if>lamischem Staatsrecld. 219 

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Zeit der Abbasiden eine politisch große Rolle, heute sind nur noch 
wenige unbedeutende Reste in Syrien und Indien vorhanden 1. 

Von allen anderen Parteien sind endlich am bedeutendsten und 
büden den Kern des heutigen Schiismus die Imamiten. Sie stellen 
den Grundsatz auf, daß die Imamwürde durch letztwilhge Verfügung 
des Imams Ali auf seinen Sohn Hasan übergeg^angen und auf 
dieselbe Weise auf Husain usw. bis zum sechsten Imame ver- 
erbt sei 2. 

Von hier zweigt sich eine Nebensekte ab, die die Erbfolge der 
Reihe nach vom Vater auf den Sohn bis zum zwölften und letzten, 
in Verborgenheit lebenden Imam Mehdi, den Herrn der Welt, der 
Zeiten und des Zeitalters, hinunterführt [sahibi vilajet, sahibi zeman, 
vali asr tituliert 3), 

Dieser Zweig der Imamiten wird ItJina'-ascharlja, „Zwölfer" genannt. 
Die Zwölfer sind die zahlreichste und bei weitem die wichtigste 
Sekte der Imamiten, weil ihre Konfession verfassungsgemäß die 
Staatsreligion des jetzigen Persischen Reiches ist*, und sich zu 
ihr fast alle Perser und viele Schuten außerhalb Persiens bekennen s. 

Die Auffassung von der obersten Leitung des Staates, in der 
sich alle schiitischen Sekten trotz mancher Irrungen und Ab- 
weichungen vom islamischen Boden einigen, kann man im wesent- 
lichen folgendermaßen wiedergeben: Das Imamat ist keine öffent- 
liche Angelegenheit, die der Kontrolle und dem Ermessen der 
Nation unterstellt werden und derzufolge etwa nach freier Ent- 
schließung der Nation irgend jemand mit der Imamwürde betraut 
werden könnte, vielmehr ist das Imamat ein essentieller Grundsatz 
der Religion und ein Grundprinzip des Islams, das der Prophet 
nicht vernachlässigen durfte, indem er es etwa der Entscheidung 
des Volkes anheimstellte. Er war vielmehr verpflichtet, dem Volke 
einen Nachfolger zu bestimmen, der frei von Sünden jeglicher Art 
sein mußte. Dieser Aufgabe hat er sich auch unterzogen, denn 
er hat den Ali sowohl durch offenkundige, als auch durch unzwei- 
deutige Bestimmungen zu seinem Nachfolger erkoren ^. 

1 J. Greenfield, Kalifat und Imamat, S. 71. 

2 Schahrastani a. a« O. S. 1846. 

3 J. Greenfield, Kalifat und Imamat a. a. O. S. 72. 

* Vgl. Ergänzendes Verfassungsgesetz zur persischen Verfassungsurkunde. Deutsche Über- 
setzung von W. Litten. 

6 Dr. J. Greenfield, Kalifat und Imamat in der oben zit. Ztschr. S. 72; ferner: Die Ver- 
fassung des pers. Staates, von demselben Verfasser. 

« Ibn Chaldun. Prolegomenes, S. 355. Vgl. ferner Schahrastani, S. 1646. 



2 20 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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In dieser Auffassung liegt das scharf ausgesprochene Unter- 
scheidungsmerkmal zwischen Schiiten einerseits und den beiden 
anderen Parteien im Islam andererseits i. 

Bei den ersteren gilt das Imamat als eine Fortsetzung des 
Prophetentums, die Imame sind in ihren Augen Theokraten, sie 
dürfen die göttlichen Gesetze nach ihrem Ermessen auslegen, ja 
selbst abändern und neue erlassen und die Staatsform ist eine un- 
beschränkte Theokratie 2. 

Die Charidschiten dagegen übertreiben ihr demokratisches Wahl- 
prinzip ins Uferlose, wie die Schiiten es mit ihrem Legitimitäts- 
prinzip tun, und betrachten das Oberhaupt des Islams als einen 
wenig bedeutenden, jederzeit absetzbaren Beamten, der im übrigen 
auch ein Sklave sein kann ^. 

Auf der mittleren Linie stehen die Sunniten* die zwar die Staats- 
leitung letzten Endes als eine Angelegenheit des Volkes hinstellen 
und ihm die Übertragung der obersten Gewalt auf den Kalifen 
überlassen, aber weder nach der einen noch nach der anderen 
Richtung den Bogen überspannen und in dem Kalifen nichts mehr 
und nichts weniger als einen vom Volke gewälilten Stellvertreter 
des Propheten erbücken woUen ^. 

Die Schiiten verwerfen das Kalifat der ersten drei Kalifen über- 
haupt und erst recht das der übrigen, und nennen jene Usurpatoren 
und Ketzer, weil sie den Ali um sein Recht gebracht hätten ^. Die 
Sunniten dagegen verurteilen das Verhalten der Schiiten den ersten 
drei KaHfen und Genossen des Propheten gegenüber als Häresie 
und nennen dieselben deshalb nur ausnahmsweise echte Gläubige. 

Das erste bedeutende schiitische Großreich stifteten die Fatimi- 
dischen Kalifen in Nordafrika (gegen 910). Dieses Kalifat spielte 
zwei Jahrhunderte lang eine große Rolle in der damaligen islamischen 
Welt und die Fatimiden waren mächtige Rivalen der Abbasiden 
in Bagdad. Den Abbasiden war noch beschieden, den Verfall 
dieser ihnen unbequemen Dynastie zu erleben. Der große Saladin 
stürzte im Jahre 1171 die Fatimiden und nahm Äg3^ten in Besitz ''. 

1 Vgl. Schahrastani, S. 22 f. 

2 Siehe die obigen Ausführungen. 
' Siehe oben S. 215. 

* V. Kremer, Die herrschenden Ideen des Islams, S. 413. 

* Mawardi, Constitutione» politicae, das i. Kapitel über den Kalifatsvertrag. 

* Vgl. oben S. 217. 

Th. Nöldeke, Orientalische Skizzen, S. 95. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 2 2 1 

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Im Jahre 1502 erhob der Schah Ismail, der Begründer der in 
der Geschichte Persiens sehr bedeutenden Sefevidendynastie, den 
Schiismus zur Staatsreligion des Persischen Reiches. Die Herrscher 
der Sefevidendynastie nannten sich, da sie von dem siebenten Imam 
abstammten, Stellvertreter (nüwäb) des letzten in Verborgenheit 
lebenden Imams^. 

Persien hat dem Schiismus unendlich viel zu danken, denn unter 
dem Deckmantel dieser Lehre konnte es sich als Staat behaupten 
und vermochte sich allmählich von der jahrhundertelangen Ab- 
hängigkeit und der Unterdrückung, die es infolge der Bagdader 
Herrschaft und der Mongoleninvasion erdulden mußte, zu erholen. 

Auch nach einer anderen Richtung hin war der Schiismus für 
Persien insofern von außerordentlicher Bedeutung, als dadurch der 
Hegemonie der Türkei, die damals bereits über die kleinen Staaten 
der islamischen Welt bestand, ein Riegel vorgeschoben wurde. 

Andererseits lebten dadurch aber wieder die alten Gegensätze 
zwischen Byzanz und Persien in der Form eines Sektenstreites 
zwischen Schiismus und Sunnismus auf 2, Und leider geschah dies 
zum Nachteil der beiden Parteien und der Einheit des Islams. 

Die zwei mächtigsten Staaten des Islams bekämpften sich gegen- 
seitig auf das Schärfste ^. 

Einige einsichtsvolle Herrscher der beiden Staaten erkannten 
klar die Gefährlichkeit des von der Geistüchkeit beider Parteien 
geschürten Haders und unternahmen mehrfach Versuche, die darauf 
abzielten, eine Verständigung und Versöhnung zwischen ihnen zu- 
stande zu bringen*. 

Aber erst Nadir Schah (1732 — 47), der Napoleon des Ostens, 
faßte den großartigen Entschluß, diese Versöhnung der beiden 
Konfessionen endgültig herbeizuführen. Er machte die Übernahme 
der persischen Krone davon abhängig, daß der Zwist durch ein 
Konzü ausgegüchen würdet 

Das jähe Ende dieses genialen Herrschers aber ließ den hoffnung- 
verheißenden Beginn dieser Richtung nicht bis zur Vollendung reifen, 
aber die Wirkung seiner Versuche blieb für die Zukunft befruchtend. 

1 Dr. J. Greenfield in der oben genannten Zeitschrift. 

2 Vgl. über die Zwistigkeiten zwischen Sunniten und Schiiten Hammer, Geschichte des 
Osmanischen Reiches I, 707, 708. 

^ J. Greenfield, Kalifat und Imamat a. a. O. S. 73. 

* Ebenda. 

* Dr. J. Greenfield in der oben zitierten Zeitschrift. 

Die Welt des Islams, Rand V. I5 



222 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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Heute haben sich dank dem guten Willen der Intelligenz der 
beiden Völker die Gegensätze bedeutend abgeschwächt, ja man 
kann sagen, sie sind beinahe verschwunden. 

Eine panislamische Bewegung i, die in der zweiten Hälfte des 
ig. Jahrhunderts entstand und fast in allen islamischen Ländern 
Verbreitung gefunden hat, hat das Neuerwecken des einst so 
starken Solidaritätsgefühles aller Mohammedaner und damit die 
Beseitigung der konfessionellen Gegensätze zwischen Schiiten und 
Sunniten in den Kreis ihrer Aufgaben gezogen. 

Der Panislamismus hat in dieser Richtung bereits sehr viel ge- 
leistet, und es kann von ihm noch vieles in der Zukunft erwartet 
werden. Die Perser und Türken müssen jetzt, wo die Frage ihres 
Seins oder Nichtseins durch den gewaltigen Weltkrieg einmal auf- 
gerollt ist, an andere Dinge denken, als an die praktisch bedeutungs- 
lose Idee, ob das Kaüfat vor 13 Jahrhunderten diesem oder jenem 
von Rechts wegen zustand. 

Die weitere Erörterung dieser wichtigen Frage kann aber in 
dieser Abhandlung nicht stattfinden; wäre dies doch eine Erörterung 
rein politischer Probleme, die zu entwickeln nicht Aufgabe der 
Rechtswissenschaft ist. 

III. Der Typus des islamischen Staates zur Zeit des 
Propheten und der ersten Kalifen. 

Nachdem im vorstehenden eine kritisch-historische Betrachtung 
über die Entwicklung des Kalifats in den verschiedenen Perioden 
und im Zusammenhang damit über das Wesen des islamischen 
Staates angestellt worden ist, bleibt im folgenden noch übrig, 
eine Untersuchung darüber zu eröffnen, unter welchen der in der 
modernen Staatswissenschaft aufgestellten Typen der islamische 
Staat wissenschaftlich gebracht werden kann. 

Der Ausgangspunkt muß von der Theokratie 2, einer von Josephus^ 
für den Staat Israels geschaffenen Bezeichnung, genommen werden. 
Die Theokratie, deren wesentlichstes Merkmal darin besteht, daß 
in ihr ein ganz bestimmtes Verhältnis der staatlichen Herrschaft 

1 Ein Kunstausdruck, mit dem die moderne Zusammengehörigkeit der mohammedanischen 
Welt bezeichnet wird. Vgl. C. H. Becker Heft 3 von den Flugschriften „Der deutsche 
Krieg", S. 16. 

* Vgl. hierzu im allgemeinen Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 289. 

' Josephus ,, contra Apion", 2, S. 162. G. Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 289. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 223 

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zu göttlichen Mächten zum Ausdruck kommt 1, ist für den Islam 
wie für Israel von gleicher Art. Der Grund dieser Übereinstimmung 
liegt darin, daß die Araber ebenfalls Semiten sind und ihre Sprache 
einen Zweig des großen semitischen Sprachstammes büdet. Mo- 
hammed selber stand unter dem eminenten Einfluß der Lehren 
des alten Testamentes, seine Kenntnisse beruhten zum größten 
Teü auf demselben. Viele Anschauungen und Rechtsinstitute über- 
nahm er aus der Bibel, die er aber den Umständen seiner Zeit 
und seines Volkes entsprechend um modellierte. Darum ist es nicht 
verwunderlich, daß man der theokratischen Erscheinung im Islam 
überall wieder begegnet. 

In der Theokratie unterscheidet man wiederum zwei Grundtypen 2. 
Bei dem einen erscheint der Herrscher als Vertreter der göttlichen 
Macht, und sein Wille ist ein göttücher, unbeschränkter, bei dem 
anderen ist er beschränkt durch dieselbe Macht, die über dem 
staatlichen Willen steht ^. Im ersten Falle besteht der Staat aus 
zwei Bestandteüen: Der eine tritt durch die staatliche Tätigkeit 
für die Menschen in Erscheinung, der andere hingegen, ein gött- 
licher und darum bedeutenderer, ist dem Blicke des einzelnen 
Individuums entzogen und besteht nur in der Vorstellungsweit *; 
er äußert sich durch den Mund des jeweiligen Machthabers, d. h. 
des Propheten mittels göttlicher Offenbarung. So entsteht ein 
Dualismus, da der Staat von einer übermenschlichen Ergänzung 
abhängig ist und erst durch sie überhaupt lebensfähig werden 
kann °. 

In der beschränkten Theokratie, dem zweiten Typ, findet m.an 
gleichfalls einen inneren Dualismus vor: Der Staat enthält zwei 
Gestalten, eine menschhche und eine übermenschliche, die sich 
durch die von Gott erlassenen und daher unveränderlichen und 
ewigen Gesetze äußert, die ihrerseits von Priestern gehandhabt 
werden ^. 

Wenn man diese beiden Typen der Theokratie auf den ur- 
sprüngüchen Staat des Islams anwendet, so findet man auf den 
ersten Blick, daß für die Zeit des Propheten der Typus der un- 

1 G. Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 289—290. 

2 Vgl. zu dem Folgenden Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 2896. 

3 Jellinek a. a. O. 
* Jellinek a. a. O. 

6 G. Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 290. 
8 Ebenda. 

15* 



2 24 ^^*^ ^^^^^ '^^« Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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beschränkten Theokratie restlos paßt. Der Prophet offenbart Ge- 
bote und Verbote im Koran, die Gott durch seinen Mund erläßt. 
Nicht er, sondern Allah spricht, wie im Staate Israel nicht der 
König, sondern Jahwe i. Insofern ist der Prophet unbeschränkt, 
als er im Namen Gottes alles tun kann ohne Rücksichtnahme auf 
die Rechte des Individuums, er ändert Gesetze, ja er hebt sie auf; 
der Staat hat den Charakter eines Objektes dieses göttlichen 
Willens 2! 

Den Charakter der beschränkten Theokratie dagegen nimmt die 
staatliche Entwicklung an, wie sie sich nach Mohammed uns zeigte, 
nämlich im Zeitalter des Kalifats. Der Kalife ist kein Souverän 
im modernstaatlichen Sinne. Seine Aufg'abe besteht darin, darüber 
zu wachen, daß die von Gott durch den Propheten gegebenen 
Gesetze, wie er sie zuletzt bestimmt hat, ausgeführt werden, und 
daß die Verwaltung des Staates gesetzmäßig erfolge ^. Der Kalife 
ist im weitesten Umfang beschränkt; er ist an die Gesetze, die 
mit heiliger Autorität dastehen, und denen er als Herrscher ebenso 
wie ein Bettler unterworfen ist, gebunden, ja die Beschränkung 
geht so weit, daß er bei Verletzung derselben seine Herrscher- 
rechte verwirkt*. 

Der Kraft, die den göttlichen Gesetzen, dem Koran und dem 
Hadith (Tradition), innewohnt, ist es zuzuschreiben, daß heute noch 
nach dreizehn Jahrhunderten kein islamischer Staat imstande ist, 
sie zu ändern oder gar aufzuheben. Später, als der Staat dann 
monarchischen Charakter annahm und die Kalifen die Erbschaft 
der orientalischen Despoten antraten, wurden diese Gesetze oft 
umgangen, aber umgehen und aufheben sind sehr verschiedene 
Dinge. 

Man kann die Kalifen in der ersten Periode des islamischen 
Staates mit den Monarchen oder Präsidenten eines modernen Ver- 
fassungsstaates vergleichen; wie diese, so sind auch jene Träger 
der obersten Staatsgewalt. Ein weiteres Charakteristikum, welches 
sowohl der israelitischen als auch der arabischen wStaatsform eigen- 
tümlich ist, ist eine stark ausgeprägte demokratische Tendenz ^ 
Diese Tendenz zeigt sich im Islam besonders deutlich. Das Gesetz 

1 G. Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 2QI. 

2 Ebenda S. 290. 

' D. h. nach den heiligen im Koran niedergelegten Gesetzen. 

* Marc. Jos. Müller a. a. O. S. 13. 

' G. Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 291. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischeni Staatsrecht. 225 

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spricht zwar äußerlich in Imperativen, aber dahinter steckt, wie 
in den Zwölftafelgesetzen, zweifellos die Anerkennung- subjektiver 
Rechte des Individuums 1, dem ein Anteil an der Staatsgewalt ein- 
geräumt ist. Der MusHm hat ausgeprägte Persönlichkeit, er kann 
dem Herrscher gegenüber Anspruch auf Rechtsschutz erheben 2. 
Die demokratische Tendenz im Staate erhält noch einen kommuni- 
stischen Charakter insofern, als die Muslime nicht nur an den 
Wohltaten, die der Staat den Gläubigen erweisen muß, teilzunehmen 
berechtigt sind, sondern jeder einzelne, sogar Kinder, seinen Kopf- 
teü von den Staatseinnahmen erhält 3. 

Nach der unter dem Einfluß der vStammes Verfassung der vor- 
islamischen Araber stehenden Anschauung des früheren Islams 
beruht die oberste Gewalt im Staate auf den Volkswillen (volonte 
generale), der allein berechtigt ist, die Herrschaft einem geeigneten 
Fürsten zu übertragen. So gelangt man zu dem Wahl- und Ver- 
tragsprinzip. 

Da dieses Prinzip von Mawardi sehr ausführlich behandelt wird, 
bleibt hier nur noch einiges über die von Mawardi für die Über- 
tragung der Herrschaft gebrauchten technischen Ausdrücke „Akd" 
und „Bai'a" zu sagen übrig. Der erste bezeichnet einen büateralen 
Vertrag zwischen dem Volk oder dessen Vertretern, also den 
Leuten der Bindung und Lösung einerseits und dem Kandidaten 
andererseits *. 

Die juristischen Elemente dieses Vertrages sind folgende: Die 
beiden Vertragsgegner zunächst sind auf der einen Seite als Offerent 
das Volk oder dessen Vertreter, die Wahlberechtigten, oder der 
Herrscher selbst für den Fall, daß er seinen Nachfolger ernennen 
sollte S; auf der anderen Seite der Kandidat. Als causa materialis 
ist sodann notwendig Offerte und Annahme. Die causa formalis 
endlich büdet der Tausch zweier Objekte, der eine Teü entbietet 
seinen Gehorsam, der andere Teil gibt Schutz und Sicherheit <5. 

1 Ebenda. 

2 Jellinek, Allg. Staatslehre, S. 293. 

3 Siehe oben S. 194. Vgl. über das Dotationssystem A. v. Kremer, Geschichte der 
herrschenden Ideen des Islams. Mawardi, Constitutiones politicae ed. M. Enger, S. 217. 

* Abwechslungshalber haben wir diesen Begriff mit „Übertragung", ,, Entstehung" und bis- 
weilen mit „Errichtung" des Kalifats wiedergegeben; man müßte genauer sagen die 
„Übertragung" des Kalifats durch den „bilateralen Vertrag". Ähnlich ,,lex" im alt- 
römischen Recht: Vertrag zwischen König und Volk. 

» Marc. Jos. Müller a. a. O. S. 88. 

* Ebenda. 



2 26 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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Die Huldigung „Bai'a" besteht darin, daß der Huldigende dem 
Kalifen das Versprechen gibt, ihm seine und die ^.Angelegenheiten 
der Gläubigen zu übertragen und ihm Gehorsam zu leisten. Dieser 
Akt erfolgt durch Handschlag und wird, da er der Handlung des 
Verkäufers und Käufers ähnelt, „6«i*a" = „Kauf" genannt. Dies ist 
auch die ursprüngliche Huldigung, die dem Kalifen früher dar- 
gebracht wurde 1. 

Nach dem Verschwinden des Bagdader Kalifats, während noch 
die letzten Abbasiden in Ägypten das Schattenkalifat führten, lernte 
das islamische Staatsrecht eine andere Art der Erlang'ung- der 
Herrschaft, als durch Wahl kennen. 

Der nach Mawardi zweitbedeutendste Staatsrechtslehrer Ibn 
Dschama'a, ein ägyptischer Schriftsteller (7 1333), der im übrigen 
das Werk Mawardis neidlos als erste Autorität anerkannte, stellte 
die Theorie der Erlangung der Herrscherrechte durch reine Gewalt 
als letzte Alternative auf. Er bemerkt folgendes 2: „Die letzte 
Alternative, die Herrschaft zu erlangen, ist die Gewalt. Wenn 
nämlich kein legitimer Imam vorhanden ist und niemand von denen, 
die zur Führerschaft befähigt sind, sich um das Kaüfat bewirbt, 
jemand aber mit Gewalt den Besitz der Herrschaft erringt, ohne 
gewählt worden zu sein oder die Souveränitätsrechte durch Über- 
tragung erlangt zu haben, so ist seine Herrschaft anzuerkennen 
und ihm Gehorsam zu leisten, um die Gemeinde der Muslime zu- 
sammenzuhalten und Parteibildungen zu vermeiden. Es ändert'auch 
nichts hieran, wenn der Herrscher unwissend oder gottlos ist. Hat 
einer aber durch Gewalt sich zur Herrschaft emporgeschwungen, 
es erhebt sich dann aber ein anderer und besiegt ersteren 
wiederum, so ist der zweite als gesetzlicher Souverän (Kalife) 
anzuerkennen." 

^ Ibn Chaldun, Proleg. S. 377: „Was man heute Huldigung nennt, ist eine am Hofe der 
persischen Könige herrschende Sitte, die darin zum Ausdruck kommt, daß man vor dem 
Herrscher die Erde küßt, oder seine Hand, oder seinen Fuß oder den Saum seines 
Mantels. Der Handschlag ist durch die Zeremonien verdrängt worden, da er sich mit 
der Ehrfurcht und Unterwürfigkeit nicht vereinbaren läßt." 

Ibn Dschama'a: Die Huldigung besteht in folgenden Worten: „Wir huldigen Dir bereit- 
willig zur Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit und der Pflichten des Kalifats nach dem 
Buche Gottes (dem Koran) und der Sunna des Propheten." Es bedarf nicht des Hand- 
schlages, das Wort ist genug. Jos. von Hammer, Länderrerwaltung unter dem Kalifat, 
S. 176. 

3 Ihn Dschama'a, Kitäb tahrir al-ahkäm. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen, 
Kalifat und Imamat, S. 415. 



Kad, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 227 

eoooeooooooooooooooo(xxx>xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx)ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo(xxxxxxx^^ 

IV. Der Kalifatsvertrag nach Mawardi. 
I. Vorbemerkung- zur Übersetzung- Mawardis. 

Bevor wir als letzten Teil dieser Arbeit eine kritisch erläuterte 
Übersetzung- Mawardis über den Kalifatsvertrag wiedergeben, ist 
es am Platze, zunächst einige kurze Bemerkungen über Mawardi 
selbst zu geben. 

Ein wissenschaftHches System des Staats- und öffentlichen Rechtes 
hat erst der große Jurist Mawardi, mit Recht der Hugo Grotius 
des Islams genannt, geschaffen. In seinem klassischen Werke 1 „al- 
ahkäm as-sultanija", d. h. „die sultanischen Gebote" oder „De officiis 
summorum principum" oder „constitutiones politicae", stellte er alle 
Tätigkeitsgebiete des Staates und dessen Verwaltung zum ersten 
Male in übersichtlicher und geradezu bewunderungswürdiger Weise 
dar. Keiner nach ihm — • noch viel weniger vor ihm — hat auf 
diesem Gebiete des öffentüchen Rechts im Islam jemals etwas so 
Großartiges hervorgebracht. 

Mawardi war von Beruf Oberrichter; er stand in größtem Ansehen 
bei den Kaufen Kadir (991 — 1031 n.Chr.) und Kaim (1031 — 75 n.Chr.) 

1 Dies zerfällt in zwanzig Kapitel und ist folgendermaßen eingeteilt: 

1. Von dem Kalifatsvertrag. 

2. Von der Einsetzung des Vezirats. 

3. Von der Einsetzung, der Statthalter in den Provinzen. 

4. Von der Ernennung eines Oberbefehlshabers zur Leitung des heiligen Krieges. 

5. Von der Leitung des inneren Krieges, d. h. des Krieges gegen die vom Glauben 
Abgefallenen, gegen die Ketzer, Aufständigen und Räuberbanden. 

6. Von der Justizverwaltung. 

7. Von dem Beschwerdeamt. 

8. Von dem Adelsmarschallamt. 

9. Von der Vorsteherschaft bei dem öffentlichen Gebete. 

10. Von der Vorsteherschaft und Leitung der Pilgerfahrt. 

1 1 . Von der Verwaltung der Vermögenssteuer und der Almosen. 

12. Von der Verteilung der allgemeinen Staatseinnahmen und der Kriegsbeute. 

13. Kopf- und Grundsteuer. 

14. Die Provinzen und ihre territorialen Privilegien. 

15. Von der Urbarmachung des brachliegenden Bodens und der Eröffnung neuer Kanäle. 

16. Von dem Staatsgehege und der Nutznießung der der Öffentlichkeit dienenden Straßen, 
Wege und Plätze. 

17. Von dem Verfiigungsrecht des Sultans über die Belehnung mit Grund und Boden 
und der Konzession. 

18. Von der Einrichtung des Diwans. 

19. Von den gesetzlichen Straf bestimmungen über Verbrechen und Vergehen. 

20. Von der Polizei. 



2 28 Die Welt des Islams, Band F. 1917, Heft 4 

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und wurde von ihnen zu schwierigen diplomatischen Missionen ver- 
wendet. Aus unmittelbarer Nähe muß er, wo er nur immer als 
Staatsmann Gelegenheit hatte, mit dem großen Apparat der Staats- 
leitung aufs beste vertraut gewesen sein und eine reiche Erfahrung 
gesammelt haben. Er war Orthodoxe und stellt sich bei seinen Be- 
trachtungen stets auf den Standpunkt des Frühgeistes des Islams, 
ja eigentlich auf den der patriarchalischen Zeit, Und dies tat er 
in ganz besonders her^^orragendem Maße hinsichthch der Kalifats- 
theorie, wobei er keinerlei Rücksicht auf die Verhältnisse seiner 
Zeit nahm und sich leider zu sehr vom Boden der Wirklichkeit 
entfernte. Er schildert uns nicht, was ist, sondern was einst war. 
Vielleicht wollte er einen schwachen Versuch machen, die sinkende 
Macht des Kalifats im Licht der früheren glorreichen Zeit er- 
scheinen und in den Augen der wirklichen Gewalthaber aufleben 
zu lassen, um diese daran zu erinnern, daß der Kalife der wahre 
Beherrscher der Gläubigen sei und ihm allein, nicht aber jenen 
Machthabern die Herrschaft gebühre. 

Indessen hat die geschichtliche Entwicklung gezeigt, daß dieser 
Versuch mißglückt ist. 

Bewundernswert an seinem Charakter ist noch der Umstand, 
daß er auf die Gunst und Ungunst der tatsächhchen Machthaber 
seiner Zeit gar keine Rücksicht nahm. Jedoch muß hierbei berück- 
sichtigt werden, daß der religiöse Nimbus, den er seinem Werke 
gab, ihm einen gewissen Schutz vor den Machthabern verschaffte; 
auch ist sein Buch vermutlich nicht vor seinem Tode bekannt 
geworden. Mawardis Werk war mit Rücksicht auf die weitgehenden 
demokratischen, dem Absolutismus abholden Tendenzen zur Zeit 
des Abdul Hamid in der Türkei verboten, 

2. Übersetzung!. 

Das Kalifat ist als Stellvertretung des Prophetentums eingerichtet 
worden, damit die Religion und die weltlichen Angelegenheiten 
geschützt und geleitet werden. Huldigung und Anerkennung des- 

1 Im folgenden geben wir zum ersten Male in deutscher Sprache eine zusammenhängende 
Übersetzung der einzig in ihrer Art dastehenden Arbeit des arabischen Rechtsgelehrten 
Mawardi über den Kalifatsvertrag wieder. 

Unserer Übersetzung liegt die arabische Textausgabe M. Engers (Kapitel l, S. I — 33) 
zugrunde. Eine unTollständige Übersetzung der Arbeit Mawardis hat M. J. Müller in 
seine Abhandlung ,,Die oberste Herrschergewalt nach dem moslimischen Staatsrecht" 
hincinverflochten, aber so, daß der Text zerrissen und auf die verschiedenen sachlichen 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 2 20 

jenigen, der jeweilig" mit der Ausübung der Funktionen des Kalifats 
betraut ist, ist obligatorische Pflicht der Nation. Asam ist anderer 
Meinung i. Es herrscht Streit darüber, ob der obligatorische 
Charakter des Kalifats ein Ausfluß der Vernunft oder des Gesetzes 
ist. Die einen ^ führen an, es Hege in der menschlichen Natur,, 
daß man sich einem Oberhaupt anvertraue, welches die Ungesetz- 
lichkeiten verhütet und die Streitigkeiten schhchtet, denn ohne 
Oberhaupt würden die Menschen in der Anarchie leben, wie die 
Wilden, die sich selbst überlassen sind. So sagt auch Al-Afweh 
al-Audi, der anteislamische Dichter: 

„Es ist nicht gut, wenn die Menschen ohne Oberhaupt und 
sich selbst überlassen sind, schlimmer aber noch, wenn Dummköpfe 
an der Spitze stehen." 

Andere ^ wiederum sehen eine religiös-gesetzliche und nicht eine 
vernunftgemäße Notwendigkeit darin; denn, sagen sie, der Kalife 
hat die Aufsicht über die religiösen Angelegenheiten, was er nach 
den Grundsätzen der Vernunft nicht zu tun brauchte; und daraus 
folgt, daß das KaHfat nicht durch Vernunft begründet werden 
kann. Was die Vernunft dem einsichtsvollen Menschen allein vor- 
schreibt, ist, daß er seinen Nebenmenschen kein Leid zufügt, und daß 
er in Eintracht mit ihnen lebt, damit ihnen gegenüber das Gesetz, 
nach dem alle Menschen gleich sind, in ehrlicher und freundschaft- 

Teüe der Arbeit verteilt ist. Die Arbeit Müllers sowie die beiden französischen Über- 
setzungen von L. Ostrorog und Fagnan sind von uns verglichen worden. 

Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß wir an verschiedenen Stellen die Ansichten 
Mawardis vom modernen Standpunkt aus in Anmerkungen kritisch beleuchten und nähere 
Erläuterungen zur Erklärung des Textes geben werden. 

1 Abu Bekr al-Afzamm war ein Theologe und Charidschite ; vgl. Schahrastani S. 75 ff. Die 
Charidschiten halten es für zulässig, daß die Welt des Imams entbehre. Eine Sekte 
der Charidschiten, die Nadschadat, vertritt zwar auch die Ansicht, daß die Menschen 
keinen Imam brauchen, nur liege ihnen ob, in ihren gegenseitigen Beziehungen sich 
der Gerechtigkeit zu befleißigen: Sollte dies aber ohne einen Herrscher, der sie dazu 
antreibt, nicht bewerkstelligt werden können, und sie deshalb ein solches Oberhaupt 
aufstellen wollen, so sei ihnen dies erlaubt. Eine andere Richtung der Charidschiten 
hält die Errichtung eines Kalifats in Zeiten der Zwietracht und Uneinigkeit nicht nur 
für erlaubt, sondern geradezu für geboten. Eine andere Sekte der Charidschiten schließ- 
lich lehrt, daß während eines Bürgerkrieges das Imamat niemandem übertragen werden 
dürfe, dies vielmehr nur in den Tagen der Einigkeit und des Friedens erlaubt sei. 

* Diese Vernunftstheorie vertraten die Mo'taziliten imd eine Fraktion der Schiiten. 

' Es sind dies die Vertreter der Legallheorie, eine Lehre, die von Abul Hasan Aschari 
und allen Orthodoxen seiner Schule aufgestellt worden ist. Einige Rechtslehrer der 
Mo'taziliten wollen die beiden Theorien vermischt wissen; L. Ostrorog, Droit publique 
Musulman, S. 96. 



30 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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licher Weise erfüllt wird; diese Handlungsweise befiehlt ihm seine 
eigene Vernunft. Das Gesetz aber heischt, daß die Sorge um die 
menschlichen Dinge demjenigen anvertraut werde, in dem die Ge- 
setze der Religion sich verkörpern. Gott hat gesagt: „O Ihr 
Gläubigen, gehorcht Gott und dem Gesandten und denen, die unter 
Euch den Befehl haben" (Koran 4, 62). Er hat uns die Pflicht 
auferlegt, demjenigen von uns Gehorsam zu leisten, welcher den 
Befehl über uns hat, d. h. den Kalifen, welche diese Sorge über- 
nommen haben. Hischam bin Orwa erzählt von Abu Salih, der 
es wieder von Abu Horeira gehört hatte, daß der Gesandte Gottes 
sagte: „Andere Oberhäupter werden nach mir über Euch herrschen, 
der Gerechte nach seiner Gerechtigkeit, der Ungerechte nach seiner 
Ungerechtigkeit; aber höret auf sie und gehorchet ihnen nach 
dem Gesetz und der Gerechtigkeit. Wenn sie recht handeln, so 
werden sie Euch und sich nützen; wenn sie übel tun, so werden 
sie Euch nützen und sich schaden 1." 

Nachdem der obligatorische Charakter des Kalifats festgestellt 
ist, muß noch hinzugefügt werden, daß die Übernahme dieses 
Amtes eine gemeinsame Verpflichtung ist, wie die Heeresfolge 
zum heiligen Krieg und das Studium der Wissenschaft. Wenn diese 
Pflicht von jemand, der dazu fähig ist, ausgeübt wird, so ist die 
ganze Gemeinde der Gläubigen von dieser Pflicht befreit 2. Findet 

1 Eine gewaltige Weisheit ist es, die aus diesen Worten hervorleuchtet: Auf die höchste 
Funktion des Rechtes spielt hier nach den Worten des Hischam bin Orwa der Prophet 
an: Auf die Friedewirkung des Rechts! Der Prophet meint, es komme nicht darauf 
an, daß im Einzelfall stets eine gerechte Entscheidung gefallt werde; davon dürfe der 
Gehorsam nicht abhängig gemacht werden. Recht bleibt Recht auch dann, wenn 
scheinbar Ungerechtes befohlen werde ! Damit stellt er einen Gedanken auf, der, durch- 
aus modern, auch von den neueren Rechtsphilosophen geteilt wird. Die Friedewirkung 
des Rechts beruht gerade darauf, daß es stets (!) als ,, Recht" Gehorsam heischt. Vgl. 
hierzu die einschlägigen Werke von Hegel, Lasson, Krause, Bierling, Berghofens usw. 
Nur in einem Fall ist Ungehorsam gegen das Oberhaupt geboten: Wenn dieser Gottes- 
beleidigung befiehlt. In einem solchen Fall ist jede Gehorsamspflicht aufgehoben. So 
im Hadith (Tradition). Vgl. M. J. Müller a. a. O. S. 24. 

"* Das islamische Recht teilt alle Pflichten in zwei Arten ein. Die eine ist die individuelle 
und höchst persönliche sog. „Ferzulain" (fardu ^l-^ain), die jeder Gläubige nur selbst 
erfüllen kann, und wobei er sich von niemandem vertreten lassen darf; Beispiele der 
persönlichen Pflicht sind: Das Gebet und das Fasten! Die andere Pflicht, sog. 
„Ferzulkifaja" (fardti H-kifäui)^ liegt zwar auch allen Gläubigen ob, aber wenn jemand 
aus der Gesamtheit der Muslime diese Pflicht erfüllt, so werden alle übrigen von ihr 
entbunden; diese eigenartige Auffassung ist geradezu ein dogmatischer Eckpfeiler der 
islamischen Ethik. Beispiele dieser kollektiven, allen gemeinsamen Pflichten sind: Das 
Gebet für die Toten, der heilige Krieg, die Bekleidung des Richteramtes und die 



Kasi, I^as Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 231 

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sich aber niemand, der das Kalifat ausübt, so scheiden sich aus 
der Gesamtheit der Nation zwei Kategorien aus: Die einen, die 
berechtiget sind zu wählen (die aktiv Wahlberechtigten), und die 
anderen, die die Eigenschaft haben, gewählt zu werden (die passiv 
Wahlberehtigten). Außer diesen Parteien trifft niemand die Schuld 
der Pflichtverletzung, wenn das Kahfat verzögert wird. 

Für die Mitglieder dieser beiden Parteien bestehen jedoch 
wichtige Erfordernisse. Bei den Wählern müssen folgende Eigen- 
schaften vorhanden sein: 

1. Die Gerechtigkeit in ihrem vollsten Umfange, 

2. ein Wissen, mit welchem man denjenigen erkennt, welcher die 
KaHfenwürde verdient, und der diejenigen Bedingungen erfüllt, 
die sich an die Wahl knüpfen 1. 

Übernahme des Kalifats! Bei dem letzteren ist der Pflichtkreis etwas enger gezogen; 
denn bei der Nichterfüllung dieser Verbindlichkeit verletzt nicht die Gesamtheit des 
Volkes ihre Pflicht, sondern es sind nur die aktiv und passiv Wahlberechtigten dafür 
verantwortlich: So richtig: M. Müller a. a. O. S. 42; L. Ostrorog, Droit public Musul- 
man, S. 98. 
1 Müller meint — a. a. O. S. 52, 53 — , daß die zur Lösung und Bindung berechtigten 
Personen die Rechtsgelehrten ,,Fukaha" sein müssen. Als Begründung seiner Ansicht 
führt er erstens das Wort ,, Wissen" (Hlm), welches als Qualifikation der Wahlberechtigten 
verlangt wird, an, zweitens verwendet er dasselbe Wort einige Zeilen weiter oben im 
Text, wo unter den Substitutionspflichten das Studium der Wissenschaft nicht als wissen- 
schaftliches Studium überhaupt, sondern speziell als Studium des Rechtes verstanden 
ist; und diese Eigenschaft ist keineswegs conditio sine qua non. Das Wort ,, Wissen" 
im ersten Falle ist vielmehr nicht in seinem technischen, sondern im rein gewöhnlichen 
Sinne zu verstehen. 

Ghazali interpretiert in seinem berühmten Buche „Das Wiedererwecken der Wissen- 
schaften" — s. Brockelmann a. a. O. S. 174, 175 — die Tradition („Das Studium der 
Wissenschaften ist die Pflicht aller Muslimen") zutreffend, wenn er sagt, die Wissenschaft, 
die allen Muslimen persönliche Pflicht sei, sei im weiteren Sinne auf diejenigen Materien 
zu beziehen, die sich mit dem Glauben, der Kenntnis des Tuns und Unterlassens be- 
schäftigen. Die Wissenschaft, sagt Ghazali, die als Substitutionspflicht bezeichnet wird, 
ist die unerläßliche Kenntnis, die man zu ordentlichen Lebensverhältnissen der Menschen 
in dieser Welt überhaupt notwendig hat. Und diese Kenntnis umfaßt nicht nur die 
exakten Wissenschaften, z. B. Mathematik, sondern auch alle Kunst- und Gewerbewissen- 
schaften. Wenn erst den einzelnen Bewohnern einer Stadt oder Gemeinde solche Kennt- 
nisse fehlen würden, dann liegt eine Nichterfüllung der Pflicht, die auf allen lastet, vor. 

Die große Autorität, die Ghazali besitzt, genügt, um die Behauptung Müllers zu wider- 
legen. 

Auch historische Gründe sprechen dafür, daß die Wahlmänner nicht ausschließlich 
Rechtsgelehrte zu sein brauchen, denn bei den Wählern, von denen die ersten Kalifen 
gewählt wurden, kann von Fukaha, die ja erst später aufgenommen sind, gar keine Rede 
sein. 



232 Die Welt des Islams, Band V. IS 17, Heft 4 

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3. Einsicht und Klugheit, vermöge deren man die Wahl des- 
jenigen vornehmen kann, der für das Kalifat am g-eeignesten 
ist und der die größte Fähigkeit und Geschicklichkeit in der 
Leitung der Staatsgeschäfte besitzt. 
Die Bewohner in der Hauptstadt des Kalifen g^enießen keinen 
Vorzug vor den übrigen Volksgenossen; nur die Gewohnheit und 
die Praxis, nicht aber das Gesetz bestimmt, daß sie, weil sie den 
Tod des Herrschers früher erfahren, auch früher als die anderen 
zur Wahl des neuen Souveränen schreiten können. Es muß bemerkt 
werden, daß die passiv Wahlberechtigten und diejenig^en, die dazu 
die nötigen Eigenschaften besitzen, sich gewöhnlich in der Haupt- 
stadt aufzuhalten pflegen. 

Die erforderlichen Eigenschaften, die die passiv Wahlberechtigten 
in sich vereinigen müssen, sind folgende: 

1. Makellose Unbescholtenheit 1. 

2. Die erforderlichen juristisch-theologischen Kenntnisse, um nach 
eigenem Ermessen das Recht zu finden 2 und anzuwenden. 

Ferner gibt Müller a. a. O. S. 53 selber zu, daß der Kreis der Wablmänner später 
praktisch etwas mehr ausgedehnt worden ist, und führt eine Stelle von Abulfeda an, 
wo die Wählerliste aus folgenden Personen zusammengesetzt ist: 

1. Die Wezire, 

2. Die Präsidenten der Diwane, 

3. Die Nachkommen des Propheten, 

4. Die Kadis, d. h. Richter, 

5. Die Abbasiden, 

6. Die Primaten der Stadt. 

Von den hier gegebenen sechs Klassen besteht aber auch nur die vierte ausschließlich 
aus Fukahas. Dies ist besonders zu beachten. 

1 Nach sunnitischer Lehre ist es ausreichend, daß der Imam unbescholten, d. h. guten 
Rufes im Sinne der römischen „existimatio" ist, nach der schiitischen Lehre aber muß 
er absolut tugendhaft sein, d. h. frei von Sünden jeglicher Art. Sie verlangt also das 
Vorhandensein besonderer ethischer Werte, während jene sich mit der allgemeinen 
Achtung der Bürger (existimatio) begnügt. Vgl. hierzu: Schahrastani, S. 109. 

2 Unter dieser Rechtsfindung ist nicht etwa das zu verstehen, was die besonders in Deutsch- 
land neuerdings aufgekommene Richtung der soziologischen oder Freirechtsschule (Fuchs, 
Kantorowicz, Stammler, Ehrlich usw.) propagiert. Unter ,,Idschtihad" (Rechtsfindung) im 
islamischen Sinne ist etwas wesentlich anderes zu verstehen: Idschtihad ist die höchste 
Stufe der Erkenntnis der Gesetzquellen, des Korans und des Iladith (traditio), krafl welcher 
derjenige, der diese Erkenntnis besitzt, zur Rechtsfindung im Sinne einer bloßen Analogie 
und freierer Entscheidung nach eigenem Ermessen berechtigt ist. Einen Rechtsgelehrten, 
der eine solche Entscheidung fallt, nennt man Mudschtchid. 

Man unterscheidet nach der sunnitischen Lehre zwei Arten des Idschtihads: ein abso- 
lutes und ein relatives Idschtihad. Die .Sunniten erkennen nur vier Mudschtehide 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 233 

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3. Die Unversehrtheit der Sinnesorgane, nämlich des Gehörs, des 
Gesichts, der Sprache, damit er mit ihnen Wahrnehmungen 
machen kann. 

4. Volle Gesundheit der KörpergHeder, damit er nicht am Gehen 
verhindert wird. 

5. Die erforderliche Einsicht zur Herrschaft über das Volk und 
zur Leitung der Staatsgeschäfte. 

6. Mut und Tapferkeit, damit er das islamische Gebiet verteidigen 
und die Ungläubigen bekriegen kann. 

7. Er muß endlich noch aus der Familie Quraisch abstammen, 
ein Erfordernis, das auf die Tradition (hadüt) und den consensus 
omnium zurückzuführen ist 1. 

Die Ansicht des Dirar^, der diese Bedingung verneint, geht dahin, 
daß jeder zum Kalifen gewählt werden kann; sie ist aber zu ver- 

erslen Grades an. Sie sind die Begründer der vier bekannten sunnitischen Rechts- 
schulen, der Träger der islamischen Rechtswissenschaft. Außer diesen vier Gründern 
gibt es kein Mudschtehid im absoluten Sinne mehr; ihr Kreis ist fest geschlossen. Der 
zweite Grad des Idschtihades, im relativen Sinne auch ,, Nachahmung", ,,imitatio" ge- 
nannt, ist aber noch zulässig. 

Die Schiiten erkennen heute noch für jedermann die Möglichkeit an, zum Idschtihad 
zu gelangen. Sie nennen den jeweils höchsten Geistlichen heute noch Mudschtehid. 
Sie unterwerfen sich daher auch den Entscheidungen des Mudschtehid im praktischen 
Teil der Religionslehre (in den sogenannten furü'^ ed-din). Dagegen ist das Erreichen 
des Idschtihad, auch nach schiitischer Anschauung, bei Entscheidungen dogmatischen 
Inhalts innerhalb der Religionslehre (bei den sogenannten usül ed-din) unzulässig. Die 
Lehre des Idschtihads spielt natürlich eine außerordentlich große Rolle in der islamischen 
Jurisprudenz, worauf hier nicht näher eingegangen werden kann. 

Der Kalife muß ein Mudschtehid sein. Dies ist die Ansicht der Majorität der Ortho- 
doxen. Einige hingegen behaupten, daß er es nicht zu sein braucht, er brauche nicht 
einmal kundig zu sein der Fälle des Idschtihads. Allerdings sei es für ihn notwendig, 
daß er in seiner Nähe einen Mudschtehid habe, bei dem er sich in den Entscheidimgen 
Rat sowie Gutachten über Erlaubtes und Nichterlaubtes einholen könne. Vgl. hierzu: 
Schahrastani, S. 12. M. Müller, Die oberste Gewalt nach moslimischem Staatsrecht, 
Abhandlung der Münchener Akademie, 1847. 

1 Etwas Ähnliches finden wir in der berühmten lex Salica LIX 5, wo es bekanntlich heißt: 
,,De terra vero Salica nulla in muliere hereditas non pertinebit, sed ad virilem sexum, qui 
fratres fuerin, tota terra pertineat." Dieser Grundsatz der „successio ad legem Salicam", 
der sich ja teilweise die Welt erobert hat, will für die Thronfolge nur ein bestimmtes 
Geschlecht unter Ausschluß der Frauen statuieren, ähnlich wie die Traditio (Hadith) die 
Thronfolge auf die männlichen Quraischiten beschränkt. Vgl. hierzu: Frommhold, 
Deutsche Rechtsgeschichte, Grundriß zu Vorlesungen 1894 S. 61, Wiarda, Geschichte und 
Auslegimg des Salischen Gesetzes, Bremen und Aurich 1808. 

* Die im Text vertretene Ansicht ist die der Orthodoxie, zu der auch Mawardi sich 
bekennt. Einige Orthodoxe halten diese Eigenschaft der Zugehörigkeit zu den Qurai- 



234 -^^^ Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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werfen. Denn der Kalife Abu Bekr führte am Tage der Sakifa 
gegen die Hilfsgenossen, die die Herrschaft für sich in Anspruch 
nehmen und ihrem Führer Sa'd ben Obada huldigen wollten, gegen 
sie die Worte des Propheten an, der gesagt hat: „Die Kalifen 
müssen vom Stamme Quraisch sein." Sie gaben ihren Anspruch 
auf und zog^en ihren Wahlspruch: „Ein Oberhaupt von Euch, das 
andere von uns," zurück. Damit schenkten sie seiner Erzählung 
Glauben und waren mit seiner Erklärung zufrieden, die lautete: 
„Aus unserer Mitte sollen die Oberhäupter genommen werden; aus 
Eurer die Wezire." Der Prophet hat noch gesagt: „Gebt ihnen 
den Vortritt und geht ihnen nicht voran!" 

Diese authentisch allgemein anerkannte Tradition beseitigt jeden 
Zweifel und läßt keine Diskussion derjenigen zu, die diesen Grund-^ 
satz bekämpfen wollen i. 

Das Kalifat wird auf zwei Arten errichtet. 

1. Durch die Wahl der aktiv Berechtigten, die den oben be- 
zeichneten Eigenschaften genügen. 

2. Durch Verfügung des Kalifen, indem er seinen Nachfolger 
selbst bezeichnet und ernennt. 

Über die Zahl derjenigen, die den Kaufen zu wählen haben,^ 
herrscht unter den Staatsrechtslehrern Streit. Einige sagen, daß 
die Gesamtheit der aktiv Wahlberechtigten aller Landesteile er- 
forderlich ist, damit die Zustimmung- und Anerkennung seiner 
Souveränität allgemein sein soU. Diese Auffassung ist jedoch nicht 
begründet und wird durch den Präzedenzfall widerlegt, daß der 
erste Kalife Abu Bekr nur von den Anwesenden gewählt wurde,, 
während man auf die Ankunft der Angehörigen anderer Landes- 

schiten nicht für notwendig, so der berühmte Kadi Abu Bekr Bakilani, v^. Ibn Chaldun,. 
S. 351. Die Charidschiten und der hier erwähnte Dirar, der MoHazilit war, lehren nun, 
daß man von zwei Kandidaten, von denen der eine Nabatäer, der andere Araber ist, den 
ersteren vorziehen müsse, weil dieser über eine geringere Zahl von Stammesgenossen 
verfüge und infolgedessen geringeren Einfluß durch seine Verbindungen ausüben könne; 
so sollte dem Absolutismus gesteuert werden. Die Mo'taziliten eröffnen das Kalifat 
zwar auch einem Nichtquraischiten, wollen darum aber noch nicht einen Nabatäer einem 
Quraischiten vorgezogen wissen. So: Schahrastani, S. 63. 
^ Zwei weitere Bedingungen erwähnt Mawardi nicht, die die späteren Juristen hinzugefügt 
haben, nämlich die Großjährigkeit und das männliche Geschlecht! 

Diese Bedingungen haben sich aber gewohnheitsrechtlich herausgebildet. Dies ist die 
Ansicht der Orthodoxen. Ein Teil der Moslimiten (Anhänger Abu Moslim's) und eine 
Sekte der Charidschiten, die sog. Schebibiten, lehren dagegen, daß auch eine Frau die 
Würde bekleiden kann. Diese Auffassung entbehrt aber jeder Bedeutung. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 235 

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teile nicht gewartet hat. Andere sagen, die Mindestzahl derjenigen, 
die den Kalifen zu wählen habe, müsse fünf betragen in der Weise, 
daß entweder alle ihre Stimmen abgeben oder einer von ihnen 
wählt, die anderen aber sich damit einverstanden erklären. Diese 
Schule stützt sich auf zwei Präzedenzfälle: Abu Bekr wurde von 
fünf Männern gewählt, und die übrigen folgten; einer von den 
genannten fünf war der zweite Kalife Omar. Der zweite Präzedenz- 
fall aber besteht darin, daß der zweite Kaufe Omar ein Wahl- 
kollegium von sechs Männern ernannte, mit der Bestimmung, daß 
dieselben unter sich einen wählen, die anderen aber sich damit 
einverstanden erklären mußten. Diese Ansicht vertritt die Majorität 
der Juristen und Theologen von Basra. Einige Gelehrte aus Kufa 
dagegen fordern nur drei Personen und sagen: Die Wahl durch 
eine einzige Person sei legal und gültig, sobald die beiden anderen 
zustimmen, dieser eine müsse als Richter, die beiden anderen als 
Zeugen fingiert werden, analog dem Falle eines Heiratskontraktes, 
bei welchem ein Gewalthaber und zwei Zeugen erforderlich sind. 

Endlich lehrt eine andere Schule, daß die Wahl auch durch einen 
einzigen vorgenommen werden könne, und zwar deshalb, weil Abbas 
zu Ali gesagt habe: „Strecke Deine Hand aus! Ich werde Dir 
huldigen! Und das Volk wird sagen: Der Oheim des Gesandten 
Gottes hat seinem Neffen gehuldigt! Und nicht zwei werden sein, 
die sich Dir widersetzen werden!" — Diese Schule fügt hinzu, daß 
die so beschlossene Wahl einem richterlichen Urteü gleichkommt, 
ein solches kann von einem einzigen Richter gefällt werden und hat 
exekutorische Kraft 1, 

Nachdem diejenigen, die die Eigenschaften des aktiven Wahl- 
rechtes besitzen, sich vereinigt haben, schreiten sie zu der Huldigung 

1 Müller stellt — a. a. O. S. 52 — die Behauptung auf, daß es aus der ganzen Haltung der 
Darstellung hervorgehe, daß Mawardi alle in der Stadt des Kalifen anwesenden Wahl- 
männer zur Wahlhandlung für notwendig erachtet. Diese Vermutung ist unseres Erachtens 
eine durchaus willkürliche. Zwar spricht Mawardi — und darin hat Müller recht — 
seine Ansicht nicht deutlich aus, welche dieser Theorien auch die seinige ist. Es ist 
aber kein Zweifel, daß Mawardi sich der Majorität der Juristen und Theologen von 
Basra anschließen will. Dies geht klar daraus hervor, daß die Vertreter dieser letzten 
Ansicht Orthodoxe sind, und auch Mawardi zu den Orthodoxen gerechnet werden muß. 
Verfolgt man die Geistesrichtung Mawardis in ihren Einzelzügen, so sieht man allzuklar 
auf Schritt und Tritt den Schafiiten hervorleuchten. Es kommt noch hinzu, daß die 
Juristen und Theologen ihre Ansicht auf die hier erwähnten zwei Präzedenzfälle stützen, 
die unzweifelhaft als streng orthodox geradezu Gesetzeskraft haben. Aus diesen Erwä 
gungen muß man die Behauptung Müllers ablehnen. 



236 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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desjenigen, welcher im vollkommensten Maße die Bedingungen 
erfüllt und die Vorzüge besitzt, die zur Kalifenwürde berechtigen. 
Ihm zu gehorchen wird auch das Volk bereit sein. Sie sollen auch 
nicht zögern, den Huldigungsakt vorzunehmen. Findet sich jemand, 
der nach ihrem Ermessen und Urteil alle nötigen Eigenschaften 
besitzt, so sollen sie ihm das Kalifat anbieten 1. Wenn der Gewählte 
die Würde annimmt, so ist es Pflicht der gesamten Nation, ihn 
anzuerkennen und ihm Gehorsam zu leisten. Hat er dagegen das 
Anerbieten abgelehnt, so darf er nicht zur Annahme des Kalifats 
gezwungen werden; liegt doch ein bilateraler Vertrag vor, bei dem 
kein Zwang und keine Nötigung ausgeübt werden darf 2, Das 
Kalifat wird in solchem Falle einem anderen angeboten, der die 
Bedingungen erfüllt. Stehen zwei Kandidaten zur Wahl und werden 
beide des Kalifats gleich würdig befunden, so soll im allgemeinen 
der ältere von ihnen den Vorzug haben. Jedoch darf das Alter 
nicht das ausschließlich entscheidende Moment bilden; auch die 
Wahl des jüngeren kann zulässig sein. Der eine z. B. kann mehr 
Gelehrsamkeit, der andere aber mehr Tapferkeit besitzen. Da muß 

1 Müller will dieses „Ermessen" und „Urteil" der Wähler mit „Idschtihad" = „durch 
kanonische Vorschriften geregeltes Urteil (Idschtihad)" übersetzen, und damit verlangt er 
von den Wählern die Fähigkeit zum „Idschtihad", („höchste Stufe der Erkenntnis", 
siehe oben S. 232 Anm. 2). Diese Ansicht Müllers ist zweifellos nicht richtig, und es ist 
wahrlich eine sehr hohe Anforderung, die er an die Wahlberechtigten stellt. 

Zu dieser falschen Annahme gelangt Müller vermutlich durch die Gegenüberstellung 
dieser Stelle mit einer früheren des Textes, wo die Qualifikationen des Kandidaten auf- 
gezählt werden und wo das Wort „Idschtihad" ausdrücklich erwähnt wird. Müller dürfte 
zu dieser falschen Schlußfolgerung nicht gelangt sein, wenn er die Gegenüberstellung mit 
einer anderen Stelle gemacht hätte, wo Mawardi die Qualifikationen, die von der Wähler- 
schaft verlangt werden, ausdrücklich aufzählt, und wo er nur von einem ,, Wissen" 
schlechtweg, nicht aber von ,, Idschtihad" spricht. Daraus ergibt sich, daß das Wort 
Idschtihad hier in seiner sprachlichen, aber nicht technischen Bedeutung verstanden 
werden muß. Es wäre auch unbillig, ja undurchführbar, bei der Kurzlebigkeit der 
Kalifen so viele Mudschtehiden, als Wahlmänner, zusammenzubringen, was Maward 
niemals gemeint haben kann. 

2 Entsprechendes gilt bei der Kürung des deutschen Wahlkönigs im 11. und 12. Jahr- 
hundert. Nach der Wahl des deutschen Königs bedurfte es noch der Krönung; diese 
habe den staatsrechtlichen Charakter einer Investitur in das Königtum ; erst durch diese 
würde die königliche Gewalt erworben. Die Wahl schuf nur ein ,,ius ad rem", die 
Investitur ein ,,ius in re" I Ohne Einwilligung des Gewählten kann aber zur Investitur 
nicht geschritten, diese darf ihm nicht durch Drohung oder Gewalt aufoktroyiert werden. 
In ihr ist also, wie im islamischen Recht, ein publizistischer, bilateraler Vertrag zu er- 
blicken. 

Eingehende Literaturnachweise s. bei Brunner, Grundzüge der deutschen Rechts- 
geschichte 1903, S. 124, 125. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 237 

30©O0O(XXXXXXX3GOO0O00O0000000O(XXXX>000OO00OOOO0OOOO0C)CKXXXXXX)0O0OCXXXDOC)0<X)O0O0OOCX>^^ 

dann den Zeitverhältnissen Rechnung getragen werden. Wäre 
z. B. zu befürchten, daß die Grenze vom Feinde bedroht würde 
oder innere Unruhen ausbrächen, so muß der Tapfere gewählt 
werden. Sind dagegen Glaubensirrungen und Ketzerei und Auf- 
treten von Neologen zu befürchten, so hat der Gelehrte den größeren 
Anspruch auf das Kalifat. Nehmen wir nun den Fall an, die Wahl 
zwischen zwei Kandidaten wäre auf den einen gefallen, der andere 
aber würde ihm das Kalifat streitig machen wollen, so sagen einige 
Juristen, beide würden der Kaüfatswürde verlustig g'ehen, und es 
müsse eine dritte Person an deren SteUe gewählt werden. Die 
Majorität der Gelehrten und Juristen aber meint, daß der Streit 
kein Ausschließungsgrund, der weitere Mitbewerb der Streitenden 
um das Kalifat vielmehr durchaus statthaft sei. Da das Wähler- 
kollegium, welches ehedem der Kalife Omar eingesetzt hatte, sich 
um das Kalifat stritt und einer dem andern das Kalifat streitig 
machte, so verbüeb das Wählerkollegium in seiner Tätigkeit; 
keiner der Streitenden wurde ausgeschlossen, und jeder konnte ge- 
wählt werden. Über die Beilegung des Streites zweier Prätendenten 
weichen die Ansichten der Gelehrten voneinander ab. Einige sagen, 
daß das Los den Streit entscheiden müsse, andere lehren, es sei die 
Entscheidung der Wähler in letzter Instanz ohne Los maßgebend. 
Wenn nun die Wähler jemanden gefunden haben, den sie für 
den Geeignetsten halten und sie huldigen ihm, es stellt sich aber 
später heraus, daß noch ein anderer, geeigneterer vorhanden ist, so 
ist dennoch die Wahl des ersteren gültig und darf nicht zugunsten 
des letzteren annulliert werden. Wenn aber die Wähler bereits 
vor der Wahl Kenntnis davon haben, daß ein noch geeigneterer 
vorhanden ist, und sie schreiten dennoch zur Wahl des ersteren 
und wählen diesen, so muß untersucht werden, ob es deshalb ge- 
schehen ist, weil der geeignetere abwesend oder krank war, oder 
ob sein Mitbewerber mehr Anwartschaft auf Gehorsam bei dem 
Volke hat und bei diesem beliebter ist. Im letzteren Falle ist 
Huldigung und Kalifat rechtlich durchaus gültig. Wird aber dem- 
jenigen, welcher weniger geeignet ist, ohne ausreichende Berechti- 
gung gehuldigt, so entsteht die Frage, ob dieser Akt gültig ist oder 
nicht. Einige Gelehrte, zu denen auch Dschahiz 1 gehört, sprechen 
dieser Huldigung die Gültigkeit definitiv ab. Denn da jede Wahl 

^ Amr ibn Bahr al-Dschahiz, berühmter Mo'tazilit, lebte unter der Regierung der abba- 

sidischen Kalifen Mo'tasim und Motawakkil; er war das Haupt des nach ihm benannten 
Zweiges der Mo'taziliten „Dschahizija". Schahrastani, S. 52. 

Die Welt des Islams, Band V. l6 



238 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

von der Absicht geleitet sein muß, daß von zwei zu fassenden 
Entschlüssen der bessere den Vorzug verdient, so ist es nicht 
gestattet, den einmal gefaßten Beschluß wieder aufzugeben, um 
einen anderen nicht so guten zu fassen; es gut hier dasselbe wie 
von jedem gesetzlich erlassenen Urteil, welches das Resultat per- 
sönlicher Untersuchung durch den Richter bilden muß. Die Majorität 
der Juristen und Theologen halten eine solche Wahl dagegen für 
zulässig und sagen, die persönlichen Vorzüge eines anderen schheßen 
die Gültigkeit des Wahlaktes nicht aus, vorausgesetzt nur, daß der 
Erwählte die erforderhchen Eigenschaften, die gesetzHch festgelegt 
wurden, um überhaupt als Kalife gewählt zu werden, besitzt. Ebenso 
kann auch das richterliche Amt einer Person übertragen werden, 
wenn ein geeigneterer als er vorhanden ist. Die größere Fähigkeit 
erhöht für diesen wohl die Wahlaussicht, aber ist nicht dazu angetan, 
die Situation zu ändern, wenn die Wahl bereits auf einen anderen 
gefallen ist. Existiert nur eine einzige Person, welche allein die 
Bedingungen für das passive Wahlrecht auf sich vereinigt, so ge- 
bührt ihm ausschüeßlich das Kalifat und außer ihm kommt niemand 
weiter in Betracht. Auch hier herrscht Streit unter den Gelehrten, 
ob in diesem Falle sein Kalifat ohne Wahl und Huldigung für ihn 
ipso iure begründet ist oder nicht. Einige Juristen aus Irak^ meinen, 
daß sein Kalifat ipso iure begründet und rechtsgültig ist, und daß 
das Volk ihm Gehorsam schuldet, auch wenn die aktiv Wahl- 
berechtigten ihm noch nicht gehuldigt haben. Diese Auffassung 
wird damit begründet, daß die Wahl nur den Zweck hat, einen 
Auserwählten ausfindig zu machen, womit dann der Zweck der 
Wahl erreicht ist. Die Majorität der Juristen und Theologen 2 aber 
sind der Ansicht, daß das Kalifat in diesem Falle von der Zustimmung 
und der Wahl der Wähler abhängig ist, und diese verpflichtet sind, 
den Vertrag mit ihm abzuschließen. Wenn alle Wähler einig sind, 
so ist der Vertrag vollzogen, weil das Kalifat ein Vertrag ist und 
nur durch die Vertragsparteien abgeschlossen werden kann. Genau 
dasselbe trifft auch hier wieder auf den Richter zu, der nur dann 
in die Lage kommen kann. Recht zu sprechen, wenn er zuvor durch 
Einsetzung zum Richter ernannt worden ist. Gewisse Gelehrte von 
der Majorität vertreten diesen Grundsatz, fügen aber hinzu, daß er 
das Richteramt nur bekommen kann, wenn kein anderer als er die 
Eigenschaft dazu hat. Dasselbe gilt auch vom Kalifat. Einige 

1 Die Hanefiten. 

2 Die Schafiiten. 



Kasl, Das Kalifat nach wlamischem Staatsrecltt. 239 

00O0G00CHX)0000<X)0000CX)CXXXXICXXXXXXXXXXXXXI000O000000<X)<XXXXX>CXX^ 

sagen, daß der einzig hierfür in Betracht Kommende nicht bloß 
durch seine Qualifikation Richter wird; ihm müsse erst die Delegation 
erteilt werden. Aber der allein Dastehende, der die nötigen Eigen- 
schaften in sich vereint, kann auch ohne Delegation Kalife werden. 
Der Unterschied dieser beiden Fälle liegt lediglich darin, daß das 
richterhche Amt immer nur durch Delegation, niemals ipso iure 
erworben werden kann, so daß, wenn auch nur ein einziger quaH- 
fizierter Richter vorhanden ist, dieser nicht ohne weiteres das Amt 
innehat, sondern erst „delegatione" berufen wird. Das Kalifat ist 
aber, ganz im Geg'enteil hierzu, eine allgemeine Funktion, an der 
die Rechte Gottes und die Rechte der Menschen beteiligt sind. 
Deshalb kann diese Funktion einem Menschen, der einmal dazu 
berufen worden ist, weil er alle für dies hohe Amt erforderHchen 
Eigenschaften in sich vereint, nicht wieder entzogen werden, so 
lange er sich diese Eigenschaften bewahrt; es liegt daher keinerlei 
Notwendigkeit vor, daß er durch eine besondere Ermächtigung 
eingesetzt wird. 

W enn nun zwei Kalifen in zwei verschiedenen Ländern gewählt 
werden, so würde die Übertragung der KaHfenwürde auf sie nicht 
gültig sein, weil es nicht zulässig ist, wenn gleichzeitig zwei Kalifen 
nebeneinander herrschen, jedoch weichen manche 1 von dieser 
Ansicht ab und lassen die Möglichkeit eines DoppelkaUfats zu. 
Unter den Juristen aber herrscht Streit darüber, welcher von 
beiden Kaufen der richtige sei. Die einen sagen, es sei derjenige, 
welcher in der Stadt gewählt wurde, in welcher der vorige Kalife 
gestorben ist, weil dort die Wähler geeigneter und befugter sind, 
die Wahl vorzunehmen; es sei daher die Pflicht der gesamten 
Nation, ihnen die Wahlangelegenheit zu überlassen, damit sie 
demjenigen die KaHfenwürde übertragen, dem sie gehuldigt haben; 
andernfalls würden leicht Konflikte entstehen, und das soll vermieden 
werden. Andere aber behaupten, es müsse jeder der beiden 
Kandidaten zugunsten seines Mitbewerbers auf die KaHfenwürde 
zunächst Verzicht leisten, damit der Friede erhalten und der Bürger- 

1 Aber nur bedingungsweise lassen diese Autoren ein Doppelkalifat zu, nämlich wenn beide 
Kalifen nicht in ein und demselben Lande herrschen oder wenn sie weit voneinander 
entfernt sind. Diese Ansicht schreibt Schahrastani den Kerramiten zu, ferner dem Hamza 
ibn Edrek, dem Stifter der hamzitischen Schule. 

Ibn Chaldun nennt unter denjenigen, die sich zu dieser Meinung bekennen, Abu Ishak 
al-Isfaraini und den berühmten Imara al-Haramein und gewisse spanische Doktoren. 
Denn die Sprößlinge der Omaijaden in Spanien ließen sich als amir al-mu^ minin, d. h. 
Befehlshaber der Gläubigen, huldigen. Prolegomenes, S. 348. 

16* 



240 Die Welt de^ Islams, Band V. idl7, Heft 4 

CeOOOOOC«XXXXX)OCOOC)OOOOCiOOOO<XXX><X)OC)OOOOOOOOC»CXXX)C>^^ 

krieg vermieden werde; dann aber sei es Sache der Wähler, ent- 
weder einem von ihnen oder aber einem Dritten die Würde zu 
übertragen. Endlich sagt eine dritte Meinung, man soll das Los 
entscheiden lassen und denjenigen als berechtigt ansehen, den 
das Los trifft. 

Die richtigste Ansicht haben die angesehensten Juristen geäußert, 
welche lehren, derjenige ist der Berechtigte, dessen Wahl zuerst 
erfolgt ist, analog etwa dem Falle, daß zwei Vormünder ein Weib 
an zwei Männer verheiratet haben; schließen nun beide einen 
solchen Ehevertrag ab, so ist nur derjenige Vertrag gültig, welcher 
2uerst abgeschlossen worden ist. Sobald festgestellt ist, wem das 
Prioritätsrecht zusteht, gebührt ihm auch die Würde und der andere 
muß seine Autorität anerkennen. 

Wenn nun aber beide Wahlen gleichzeitig erfolgt sind und keine 
der anderen vorangegangen ist, so sind beide ungültig, und es muß 
zur Neuwahl geschritten werden, sei es nun zugunsten eines der 
beiden oder eines Dritten. Liegt nun der Fall so, daß doch bereits 
die Huldigung eines der beiden vorangegangen ist, daß es aber 
nicht ohne weiteres festzustellen war, welche Wahl voranging, so 
hängt das Resultat von einer genauen Untersuchung ab. Wenn zwei 
Kandidaten darüber streiten, wem von ihnen die Priorität gebührt, 
so soll es nicht auf ihren Anspruch ankommen und etwa darauf, 
daß man ihnen hierüber einen Eid zuschiebt; denn es handelt sich 
nicht um das persönliche Recht beider, sondern um das subjektive 
Recht der Gesamtheit der Muslime, so daß die Entscheidung hierüber 
nicht abhängig gemacht werden kann von einem Eide oder von 
der Zurückweisung eines solchen ^. Ebenso könnte, wenn der Streit 
dadurch beigelegt \v^ürde, daß der eine seine Rechte dem anderen 
abtritt, die Wahl der letzteren doch nur durch den Beweis seiner 
Priorität gesichert werden. Selbst wenn er zugesteht, daß er der 
Zuletztgewählte ist, so würde zwar sein Zeugnis gegen ihn selbst 
gelten, aber noch nicht das Prioritätsrecht des anderen begründen; 
denn sein Zeugnis hat nichts Bindendes für das Recht der Ge- 
samtheit der Muslime. Wird das Geständnis desjenigen, der zu- 
gibt, daß der andere Kandidat vor ihm gewählt worden ist, durch 
das Zeugnis eines Dritten bestätigt, so soll diese Erklärung dann 

1 Damit erkennt Mawardi auch fiir das islamische Staatsrecht subjektive öffentliche Rechte, 
wie sie die moderne deutsche Staatsrechtslehre aufstellt, an. Das Recht der Muslime 
in ihrer PLigenschaft als Mitglieder des Staatswesens stehe hier in Frage, nicht etwa ein 
Individualrecht des Kalifen. 



Kasi, Das Kalifat nach idatiiücJiein Staatsrechl. 241 

0CCX>DOC<XXXXXXXXX)(XKXXX>00OCXX)000O0O0000OCO0000000<XXXXX>O0OO0C)0O0CXXXXXXX30<XX)OCX^^ 

Gültigkeit haben, wenn in dem erwähnten Geständnis sich der 
Zusatz befindet, daß der Vorgang- zur Zeit, als er seine Ansprüche 
erhob, ihm zweideutig war; diese Erklärung soll dagegen keine 
Gültigkeit haben, wenn sie nichts von dem Vorhandensein einer 
solchen Zweideutigkeit erwähnt, weil sich ja sonst ein Widerspruch 
zwischen seinen zwei aufeinanderfolgenden Aussagen ergeben 
würde. 

Bestehen, nachdem die Untersuchung stattgefunden hat, noch 
Zweifel und fehlt es an einem Prioritätsbeweis zugunsten des einen 
der Prätendenten, so darf aus zwei Gründen nicht das Los darüber 
entscheiden. 1. Das Kalifat ist ein bilateraler Vertrag, und in solche 
Verträge darf das Los nicht eingreifen. 2. Das Kalifat läßt keine 
Gemeinschaftlichkeit zu, und das Los kann nicht entscheiden in 
Dingen, die keine Gemeinschaftlichkeit gestatten, wie z. B. die Ehe. 
Umgekehrt ist die Entscheidung durch das Los zulässig bei Gegen- 
ständen, z. B. Gütern, die einen Mitbesitzer haben können. 

Die Dauer dieses zweifelhaften Zustandes macht beide Wahlen 
nichtig, und die aktiv Wahlberechtigten haben eine Neuwahl 
zwischen beiden Kandidaten vorzunehmen. Wollen sie einen 
Dritten wählen, so ist dies, nach der Ansicht der einen, gestattet, 
weil die zwei ersten Kandidaten ihre Berechtig-ung eingebüßt 
haben; andere aber behaupten, es sei nicht gestattet, weil die 
Wahl, welche auf die beiden Kandidaten gefallen war, jeden anderen 
von der Wahl ausschließt und eine etwa bestehende Unklarheit 
keineswegs die Übertragung der Kalifenwürde auf den einen oder 
anderen der beiden verhindert. 

Die Übertragung des Kalifats durch eine Verfügung des 
regierenden Kalifen auf einen Nachfolger ist, nach consensio 
omnium, erlaubt und allgemein auf Grund zweier Präzedenzfälle 
anerkannt, wonach die Muslime gehandelt haben und über deren 
Gültigkeit sich niemals Streit entsponnen hat. 1. Der Kaufe Abu 
Bekr übertrug seine Würde auf Omar und die Gemeinde bestätigte 
dies. 2. Omar übertrug das Kahfat einem Wahlkollegium, dessen 
MitgHeder aus den ang^esehensten Männern ihrer Zeit bestanden. 
Diesen Vorgang der Übertragung- der Kalifenwürde erkannte die 
Gemeinde als gültig an, wobei die übrigen Genossen des Propheten 
ausgeschlossen waren. Abbas machte dem AH zum Vorwurf, daß 
er sich in das Kollegium gedrängt habe, dieser aber antwortete 
ihm, es handele sich um eine für den Islam wichtig"e Angelegenheit, 
von der er sich nicht ausschließen dürfe. So geschah es, daß die 



24 2 Die Weh des LIams, Band V. 1917, Heft 4 

DC<X)00000000CXX>(»00(X>0000000000C)0000000C<XXX>X)CO00CO0 

Übertragung des Kalifats vermöge der consensio gesetzliche 
Gültigkeit erhielt. 

Wenn der Kaufe seine Würde auf einen Nachfolger übertragen 
will, so muß er darauf bedacht sein, daß er zu seinem Nachfolger 
nur den Würdigsten und Besten auswählt, welcher alle erforder- 
lichen Eigenschaften besitzt. Wenn seine Wahl nach reiflicher 
Überlegung auf jemanden fällt, so ist zu unterscheiden, ob es sich 
um einen anderen als seinen Sohn oder Vater handelt. Ist dies 
der Fall, so kann er ihn mit der Würde betrauen, ohne die Wähler 
vorher befragt zu haben. Ist nun aber die Kundgebung- der Zu- 
stimmung seitens der aktiv Wahlberechtigten überhaupt unbedingt 
notwendig für diese Art der Übertragung oder nicht? Hierüber 
gehen die Meinungen auseinander. Einige Juristen aus Basra 
fordern diese Zustimmung-, weil die Einsetzung für die Nation erst 
dadurch bindende Kraft erhält, und es sich um ein Recht handle, 
welches ihr, der Nation, zukomme, ohne Zustimmung der Wähler 
also für sie keine Bindung bestehen würde. 

Indessen ist die richtige Ansicht die, daß eine solche Übertrag'ung 
ohne weiteres als gültig anzusehen und von der Zustimmung der 
Wähler nicht abhängig ist, denn es kam bei der Wahl des Kalifen 
Omar nicht auf die Zustimmung der Genossen an; da nun der 
Kaufe ein Vorrecht vor den anderen hat, so geht seine Wahl vor, 
und seine Entscheidung ist auszuführen. Wenn der Thronfolger 
der Sohn oder der Vater des gegenwärtigen Kalifen ist, so gibt 
es über die Zulässigkeit der ausschließlich von ihm vorzunehmenden 
Huldigung drei Meinungen: Nach einer Meinung ist diese Über- 
tragung nur möglich, wenn die zu Rate g-ezogenen Wähler den 
Kandidaten dieses Amtes für würdig erklärt haben. Erst von 
diesem Moment an wird der Akt der Huldigung gültig, denn diese 
Verfügung seitens des Kalifen kommt einer Unbescholtenheits- 
erklärung für den Nachfolger gleich, was wieder gleichbedeutend 
ist mit einem Zeugnis, welches ihm zugunsten einer eventuellen 
Nachfolge ausgestellt wird; andererseits kommt aber die Tatsache 
der Einführung eines Staatsoberhauptes auch einem Rechtsspruch 
gleich; und es ist nicht zulässig, daß ein Kalife Zeugnis für seinen 
Sohn oder für seinen Vater ablegt; einen Rechtsspruch darf er weder 
für den einen, noch für den anderen fäUen, da der Verdacht zu nahe 
läge, daß er sich dabei von persönlichen Empfindungen leiten ließe. 

Nach der zweifen Auffassung kann der Kahfe allein, aus eigener 
Machtvollkommenheit, das Kahfat auf Sohn oder Vater übertragen, 



Kasi, T)as Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 243 

0C«XDeO0C>0OO<>DOCXXXXXXXXX>XXXXXXX»CXXX>0OOC)O00OO000(X)00OC»O00OCXXXXXXXX)000O0O<^^ 

denn er ist das Staatsoberhaupt, und seine Befehle haben infolge- 
dessen exekutorischen Gewaltcharakter. Der Charakter, den ihm 
seine Würde verleiht, stellt ihn über jedes verwandtschaftüche Ver- 
hältnis und läßt keinen Zweifel über seine Integrität noch auch 
die Möglichkeit zu, gegen ihn Opposition zu machen, so daß die 
von ihm vorgenommene Ernennung genau so anzusehen ist, als 
ob es sich um eine ganz andere Person handelt, als um seinen 
Sohn oder seinen Vater. Was die Zustimmung der Wähler bei 
der Ernennung eines Nachfolgers anbelangt, durch die erst für die 
Nation bindende Kraft geschaffen werden soll, so sind bereits oben 
die beiden Gründe hierfür angeführt worden. 

Die dritte Meinung endüch sagt, daß der Kalife zu seinem Nach- 
folger wohl seinen Vater, nicht aber seinen Sohn ernennen darf, 
weü die Zuneigung zum Sohne stärker als die zum Vater ist; wie 
ja auch bekanntlich alle Habe, die jemand erwirbt, für den Sohn, 
nicht für den Vater bestimmt ist. Was nun die Übertragung auf 
seinen Bruder oder seinen Agnaten oder auch Kognaten betrifft, 
so ist dieselbe genau so anzusehen, als ob es sich um eine fremde 
Person handelt. 

Überträgt der Kalife die Herrschaft auf einen Nachfolger, der 
die erforderlichen Eigenschaften in sich vereint, so hängt die Ent- 
stehung des Kalifats noch immer von der Annahme des letzteren 
ab. Über den Zeitpunkt der Annahmeerklärung herrscht Streit. 
Die einen sagen, sie müsse erfolgen, nachdem der Kalife gestorben 
ist, damit der Nachfolger die Situation prüfen könne 1. Die anderen 
sagen mit Recht, maßgebend sei der Zeitraum zwischen der Über- 
tragung und dem Tode des Kalifen, damit das Kalifat durch die 
vorangehende Annahme des Thronfolgers gesichert werde. 

Der ernennende Herrscher kann dem Thronerben, den er selbst 
ernennt, seine Würde nicht wieder entziehen, solange derselbe sich 
in dem gleichen körperlichen und geistigen Zustande befindet. 
Es steht jedoch dem Kalifen das Recht zu, die von ihm ernannten 
anderen Staatsbeamten ihrer Ämter zu entsetzen, weil er sie ja 
kraft seiner persönlichen Machtbefugnisse ernennt. Aber einen 
Nachfolger ernennt er nicht kraft der eigenen Gewalt, sondern kraft 
eines Rechtes, welches der Gesamtheit der Muslime zusteht, und 

1 Müller übersetzt diese Stelle wie folgt: „Wo auch die staatsrechtliche Tätigkeit des Er- 
nennenden gültig wird." Es muß aber heißen: „damit der Ernannte die Situation prüfe". 
Müller verwechselt das participium passivum „maf'ül" mit dem activum ,,fä'il", was natür- 
lich falsch ist. 



2 44 ^^*« ^^'^^^ ^^''^ Islams, Band V. 1917, Heft 4 

0000000000000000000000(XXXXXX»C)e»OOOOOOCXXXXXXXXXX)OOOOOOOOOOOOOOOOOCOOCKX)00^^ 

deshalb kann er seinen Nachfolger ebensowenig- wieder absetzen, 
wie die Wähler den, dem sie einmal gehuldigt haben, wieder ab- 
setzen können, solange sein Zustand sich nicht geändert hat. Wenn 
der Kaufe seinen Nachfolger absetzt und dafür einen anderen er- 
nennt, so ist diese Ernennung ungültig, und der erste bleibt in 
seinen Würden. Dankt aber der erste freiwillig ab, so kann die 
Übertragung auf den zweiten nur dann von Wirkung sein, wenn 
sie von neuem vorgenommen wird. Sollte der Thronerbe selbst 
den Wunsch haben, zurückzutreten, so verbleibt er so lange in 
seinen Rechten und Würden, bis sein Rücktrittsgesuch von dem 
herrschenden Kaufen, der ihn ernannt hat, genehmigt worden ist. 
Nun ist dabei zu unterscheiden: Findet sich ein anderer, so wird 
die Abdankung als gültig anerkannt, und der Abdankende wird 
durch sein Abdankungsgesuch und die Annahme desselben seitens 
des Kalifen aller seiner Würden enthoben. Im umgekehrten Falle 
sind weder das Gesuch noch die Annahme desselben zulässig und 
der Akt, welcher ihn zum präsumptiven Nachfolg-er ernannt hat, 
bleibt in Kraft. 

Die Eigenschaften, welche an die Kalifatswürde geknüpft sind, 
müssen zu demjenigen Zeitpunkt bei dem Nachfolger vorhanden 
sein, in dem ihn der Kalife zu seinem Nachfolger ernennt. Ist er 
zu dieser Zeit minderjährig oder geht ihm die „Existimatio" ab, 
ist er aber beim Tode des Kahfen volljährig und wieder unbescholten 
geworden, so ist sein Kaüfat nur dann rechtmäßig, wenn von der 
Wählerschaft aufs neue die Huldigung vorgenommen wird. 

Überträgt der Kalife die Würde einem Abwesenden, von dem 
man nicht weiß, ob er noch am Leben ist, so gilt die Übertragung 
nicht. Wenn man von ihm weiß, daß er noch lebt, so hängt 
die Gültigkeit von seiner Rückkehr ab. Stirbt inzwischen der 
herrschende Kalife und der Thronfolger ist noch abwesend, so 
lassen ihn die Wahlberechtigten zurückkommen; wenn er aber zu 
weit entfernt weilt und die Staatsgeschäfte unter der Verzög^erung 
leiden würden, so können die Wähler einen Regenten ernennen, 
der dann den abwesenden Kalifen vertritt i; dieser wird lediglich 
als Stellvertreter, nicht als Kalife angesehen 2. Kommt der ab- 

^ Der Unterschied zwischen naher und weiter Entfernung spielt in der Rechtssprache eine 
wichtige Rolle. „Weite Entfernung" ist gewöhnlich drei Tagesreisen, die weiteste aber 
ist zehn Tagesreisen. Fagnan, Mawardi, S. 19. 

* Es handelt sich hier, wie im deutschen Staatsrecht, um den Regierungsstellvertreter im 
Gegensatz zum Regenten. 



Kasl, Das Kalifat nach islannsrhfrn Staatsreclit. 245 

DC<>X)OOOOOOOOOOOOOCX)OOCXXXXXXXX)OOOCIOOOOOOOOOC)00000000000000(XXXDOOOOOC«OOOOOCOC^^ 

wesende Kalif e zurück, so ist derjenige, der ihn vertritt, seiner 
Funktionen wieder enthoben; Entscheidungen, welche vor Ankunft 
des Kalifen vom Stellvertreter getroffen worden sind, behalten ihre 
Gültigkeit, alle übrigen werden annulliert. Der Thronfolger kann 
vor dem Tode des Kalifen keinen Nachfolger ernennen, weil das 
Kalifat erst mit dem Tode seines Vorgängers für ihn entsteht. 
Ebenso unzulässig ist es, wenn er sagen würde: Ich setze den und 
den als meinen Nachfolger ein, wenn ich Kalife geworden sein 
werde. Denn zur Zeit, wo er dies sagt, ist er noch nicht Kalife 
und kann noch keine Verfügungen über seine Nachfolgeschaft treffen. 

Die Abdankung des Kalifen überträgt die Macht auf den Nach- 
folger und diese hat dieselben Folgen wie sein Tod, 

Es ist zulässig, daß der Kalife zwei Nachfolger ernennt, ohne daß 
er dem einen von beiden das Prioritätsrecht zuspricht. In diesem Falle 
huldigen die Wähler einem von beiden, wie es ehemals das Kur- 
fürstenkollegium bei dem Tode des zweiten Kalifen Omar getan hati. 

Die Beschlüsse des WahlkoUegiums, an welchem die zur Kalifats- 
würde befähigten Männer teünehmen und welche die consensio 
anerkannt hat, bilden die Grundlage für die Errichtung des Kalifats 
durch Verfügung des herrschenden Kalifen, sowie für die Gültigkeit 
der Huldigung durch eine bestimmte Zahl von Personen, die ihrer- 
seits von Wählern gewählt werden können. Es ist dabei unwesent- 
lich, ob es sich bei diesem WahlkoUegium (schürä) um zwei oder 
mehrere Kandidaten handelt, wofern nur ihre Zahl überhaupt 
begrenzt ist. Daraus ergibt sich, daß das Kalifat auf keinen anderen 
sich erstrecken kann als auf denjenigen, der zu der obigen Zahl 
gehört. Hat dieses Wahlkollegium einen aus dieser hier genannten 
Zahl zum Kaufen gewählt, so kann dieser seine Rechte einem 
Dritten, der außerhalb dieses Kollegiums steht, übertragen 2. Wenn 

1 Mawardi schildert hier ausführlich den geschichtlichen Vorgang jenes von Omar ein- 
gesetzten Wahlkollegiums von 6 Mitgliedern, von denen drei ihr Stimmrecht den anderen 
dreien gaben. Einer von den letzteren drei Kandidaten verzichtete selber auf das Kalifat, 
und dafür verlangte er, daß er allein den Kalifen wähle; dies wurde ihm zugesichert, 
und darauf huldigte er dem Othman. Daraus entnimmt Mawardi die zwei staatsrechtlichen 
Prinzipien: Die Gültigkeit der Ernennung seitens des Kalifen selbst und die Gültigkeit 
der Wahl durch diejenigen, welche die Kalifatswürde selber erlangen können. Diese 
Stelle, ungefähr zwei Textseiten, ist von uns nicht übersetzt worden, da sie uns hier 
wenig Interesse bietet. 

8 Müller, S. 67, hat diese ganze Stelle von den Worten: „Daraus ergibt sich" ... ab 
ausgelassen. Ich vermute, daß die Schwierigkeit, die diese Stelle bietet, ihn veranlaßt 
hat, von der Wiedergabe dieser so wichtigen Sätze ganz Abstand zu nehmen. 



246 Die WeÜ des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

der Kalife ein Wahlkollegium eing^esetzt hat mit der Bestimmung-, 
daß es jemand aus seiner Mitte wählen solle, so darf das Wahl- 
kollegium, so lange der Herrscher lebt, keinen aus diesem Kollegium 
wählen, außer wenn der Kalife selbst ihnen gestattet, zu einer 
vorzeitigen Wahl zu schreiten, die noch bei seinen Lebzeiten statt- 
finden darf. Denn nur er hat das ausschließliche Recht auf das 
KaHfat, und es ist unzulässig, daß noch irgend jemand an seinen 
Machtbefugnissen teilnimmt. Fürchten aber die Wähler, daß nach 
dem Tode des Kalifen dem Staate Gefahren erwachsen, so sollen 
sie seine Genehmigung nachsuchen, um unverzüglich eine Wahl 
vornehmen zu können; diese Wahl ist nur zulässig, wenn er ihnen 
die Genehmigung erteilt hat. 

Wenn der Kalife so krank ist, daß man an seinem Aufkommen 
zweifelt, so ist folgendermaßen zu entscheiden: Ist er so krank, 
daß er die Staatsgeschäfte nicht mehr leiten kann, und ist er nicht 
mehr im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten, 
so soll er als ein Toter betrachtet werden; die Wähler sind befugt 
zu einer Wahl zu schreiten. Besitzt er aber noch Geisteskräfte, 
so dürfen sie die Wahl nur mit seiner Zustimmung vornehmen 1. 
Dabei steht dem Kalifen das Recht zu, die Wähler zu bezeichnen, 
genau so, wie er seinen Nachfolger allein ernennen kann. In diesem 
Falle können nur diejenigen wählen, welche er bestimmt hat. 
Ebenso kann nur derjenige zum Nachfolger gewählt werden, den 
er selbst dazu bestimmt hat, denn die Ausübung der ])eiden ge- 
nannten Rechte gehört zu den ausschließlichen Befugnissen seiner 
Würde. 

Ernennt der Kalife zwei oder mehrere als seine Nachfolg'er, so 
kann er bestimmen, daß einer nach dem Tode des anderen diesem 
folgen soll 2. Wenn nun der Kalife drei solche Nachfolger bezeichnet 
hat, die in gewisser Aufeinanderfolge regieren sollen, er stirbt selbst 
aber zu Lebzeiten aller drei, so würde der erste der drei ihm im 
Kalifat folgen; stirbt der erste, während der Kalife noch lebt, so 
ist der nächste der Thronberechtigte; und wenn der erste und der 
zweite gestorben sein sollten, so würde der dritte Kalife werden, 

1 In dieser Stelle sind einige Sätze Mawardis, die die letzten Stunden des Kalifen Omar 
schildern, nicht übersetzt worden. In diesen ist der berühmte Ausspruch Omars zu 
seinem Sohn enthalten: „Oh mein Sohn, ich habe die Bürde bei Lebzeiten getragen, 
soll ich sie nach dem Tode noch tragen^" 

^ Einige Sätze des Textes haben wir nicht übersetzt. Sie beziehen sich lediglich auf die 
Geschichte gewisser Substitutionsfalle und interessieren uns wenig. 



1 



Kad, Das Kalif cd nach islamischem Staatsrecht. 247 

0C>G00C«XX«0C)0<XX)0C)<XXXXXX)<X>00CXX300«>XXXX)0CXXXXXXXXX)0CO0(X)0CXX^ 

denn das Recht auf das Kalifat ist für jeden der drei durch die 
Verfügung des Kalifen wirksam entstanden. Wenn der Tod des 
Kalifen eintreten sollte, während die drei präsumptiven Thronerben 
noch leben, so gelangt der erste derselben auf den Thron. Will 
er seinerseits einem anderen als den zwei bezeichneten Nachfolgern 
die Thronfolge übertragen, so sagen einige Juristen, die sich auf 
die formelle Reihenfolge stützen, daß dies unzulässig sei, wenn nicht 
etwa der zweite Nachfolger freiwillig auf seine Rechte verzichtet 
hat. as-Saffah 1 hatte Mansur zu seinem Nachfolger ernannt mit der 
Bestimmung, daß bei dem Tode des letzteren Isa ben Musa Kalife 
werden sollte. Als nun Mansur dem Isa, welchen as-Saffah dem 
Mehdi vorangehen lassen wollte, seine Rechte zu entziehen versuchte, 
stellte sich die Mehrzahl der zeitgenössischen Juristen diesem Ver- 
suche entgegen und bestand darauf, daß dem Isa seine Rechte 
nicht entzogen würden, bis Isa erklärte, freiwillig darauf Verzicht 
leisten zu wollen. Es geht aus der schafiitischen Lehre 2, zu der 
sich die Majorität der Juristen bekennt, deutlich hervor, daß es 
demjenigen, der kraft der Sukzession auf den Thron gelangt, erlaubt 
sei, beliebig seinen Nachfolger zu ernennen oder diesen von der 
Reihenfolge auszuschließen, vorausgesetzt, daß seine Anordnung 
sich nur auf solche Personen erstreckt, die nach dem Tode des 
Kalifen für das Kahfat in Betracht kommen. Wenn wirklich einer 
von ihnen in der festgesetzten Reihenfolge zum Kalifat gelangt ist, 
so hat er die Gewalt, nach freiem Ermessen denjenigen zu seinem 
Nachfolger zu bestimmen, der ihm am besten gefäUt; denn mit der 
Ernennung des Kalifats erreicht er auch eine unbeschränkte Macht- 
vollkommenheit, und diese Macht gibt ihm das Recht, einen Nach- 
folger zu bestimmen und diese Bestimmung zur Ausführung" zu 
bringen. Dies steht aber im Widerspruch mit der Sukzessionsfolge, 
die der Prophet für seine Offiziere in der Schlacht bei Muta auf- 
gestellt hatte. Immerhin aber ist diese Anordnung befolgt worden, 
während der Prophet noch lebte und ehe die Leitung der Staats- 
geschäfte in andere Hände übergegangen war, während im vor- 
liegenden Falle die Leitung infolge des Todes des Kalifen in andere 

1 as-Saffah, Gründer der Abbasiden- Dynastie, starb kaum dreißig Jahre alt 754' ^^ 
ernannte seinen Bruder Mansur zum Nachfolger, und nach ihm seinen Neffen Isa. Als 
Mansur den Thron bestieg, wollte er die Bestimmung zugunsten seines Sohnes Mehdi 
aufheben. 

* Es ist dies eine der vier juristischen Schulen der Sunniten, genannt nach dem Gründer 
Schafii (f 820). 



248 l>ie Welt des Jsünns, Band V. 1917, Heft 4 

Hände überg-eg"angen ist. Daher unterscheiden sich die Lösungen 
in dem einen wie in dem anderen Falle mit Recht voneinander. 

Mit dem freiwillig^en Verzicht Isas bezweckte Mansur lediglich 
die Einigkeit in seiner Familie herzustellen, denn die Dynastie 
befand sich noch in den Anfängen ihres Bestehens. Diese An- 
ordnung war neu, und alle Angehörigen seiner Famihe waren von 
gleichen Ansprüchen auf den Thron beseelt. Damit wollte er einen 
Zwist abzuwenden versuchen. Es war ein Akt der Politik, und 
kraft seines Prioritätsrechtes konnte er berechtigterweise seinen 
Nachfolger ernennen. 

Wenn der erste der drei Nachfolger stirbt, nachdem er Kalife 
geworden ist, und er hat keinen anderen, als die beiden bereits 
Designierten zum Nachfolger ernannt, so folgt der zweite ihm und 
hat gemäß der Sukzession das Vorrecht vor dem dritten. Stirbt 
dann der zweite, ohne vor seinem Tode einen Nachfolger bestimmt 
zu haben, so ist es der dritte, der ihm folgen muß, denn die Gültig- 
keit der Thronfolgeernennung verlangt, daß die Bestimmungen, die 
der Kalife für alle drei getroffen hat, zur Ausführung gelangen, 
vorausgesetzt, daß nicht inzwischen eine neue Ernennung- des jetzig-en 
Kalifen der seinigen entgegen steht. Aus dem oben Gesagten 
ergibt sich das Thronfolgerecht für den ersten unbedingt von selbst, 
weil dieser durch keine Bestimmung irgendwelcher Art ausg"e- 
schlossen werden darf; aber für den zweiten und dritten ist dasselbe 
nur bedingt, denn beide können, nach der obenerwähnten schafii- 
tischen Schule, von der Thronfolge durch eine Verfügung" des 
ersten ausgeschlossen werden. 

Stirbt der erste, nachdem er Kalife geworden ist, ohne jemand 
zu seinem Nachfolger bestimmt zu haben, und die Wähler wollen 
einen anderen, als dem zweiten huldigen, so ist dieser Huldig'ungs- 
akt unzulässig. Das gleiche gilt, wenn der zweite, nachdem er 
Kalife geworden, stirbt; die Wähler dürfen dann ebenso keinen 
anderen als den dritten wählen; wenn es auch erlaubt ist, daß der 
zweite einen anderen als den dritten zum Nachfolger ernennen 
kann, denn die Übertragung des Kalifats durch Verfügung des 
herrschenden Kalifen hat eine solche Gesetzeskraft, daß erst, wenn 
sie fehlen würde, die Wähler zu einer Neuwahl ihre Zuflucht 
nehmen müßten. 

Wenn der über die Thronfolge verfügende KaUfe in der Weise 
seinen Nachfolger ernennt, daß A ihm in der Herrschaft folgen 
soll, und erst nach dem Tode des A, nachdem das Kahfat an ihn 



Kasi, Dan Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 24g 

0C<)0OOCOO<XXXXXXXD<XXXXXXXXXXXXXXXXX>XXXXXXX>XX>XXXX)CXXXXX)O0OOO0OOO(XX500O00<*XXX)^^ 

gelangt ist, B Nachfolger des A werden soll, so ist eine solche 
Übertragung auf B unzulässig; für ihn kann kein Souveränitätsrecht 
durch eine derartige Verfügung entstehen, denn die Übertragung 
auf B ist keine unmittelbare, sondern eine bedingte oder bloß 
mittelbare und daher abhängig von der Investitur des A. Es ist 
ja möglich, daß A stirbt, bevor er Kalife geworden ist. In diesem 
Falle würde die suspensive Bedingung fehlen und folglich die Ver- 
fügung zugunsten des B keine definitive sein. A kann, nachdem 
das Kalifat auf ihn übergegangen ist, einen anderen als B zu 
seinem Nachfolger ernennen. Stirbt A, ohne eine Thronfolge- 
bestimmung getroffen zu haben, so fällt das Wahlrecht an die 
Wählerschaft, welche die erforderlichen Eigenschaften in sich 
vereinigt, zurück. 

Nachdem das Kahfat auf denjenigen übergegangen, dem es, sei 
es durch Verfügung, sei es durch Wahl übertragen wurde, und 
dementsprechend errichtet worden ist, muß die Gesamtheit es er- 
fahren, daß das Kalifat auf einen Würdigen gefallen ist, auch muß 
sie ihn seinen Eigenschaften nach aus Beschreibungen kennen. 
Es ist nicht erforderlich, daß die Gesamtheit ihn nach Namen oder 
Person kennt; nur die W^ähler, denen er seine Würde verdankt 
und die ihm durch Handschlag die Staatsgewalt übertragen haben, 
müssen ihn persönlich kennen. Nach Soleiman ben Dscheriri soll 
jeder Untertan den Kalifen persönlich und dem Namen nach kennen, 
wie er Gott und seinen Propheten kennen muß. Die meisten sagen 
dagegen, daß die Bekanntschaft mit dem Kaufen nur eine all- 
gemeine, nicht eine spezielle zu sein braucht, mit Ausnahme des 
vereinzelten Falles, wo der einzelne den Kalifen kennen muß, 
analog dem Falle, wo der einzelne den Kadi kennen muß, der den 
richterlichen Spruch fällt, oder den Juriskonsuiten, bei dem er sich 
über Gebot und Verbot Gutachten holt. Wenn es nämlich Pflicht 
jedes einzelnen wäre, sich mit dem Kaufen persönlich bekannt zu 
machen, so müßte er selbst zu ihm hinwandern; dadurch würden 
die Gläubigen ihre Wohnstätten verlassen und das würde den 
Gewohnheiten zuwiderlaufen und schließHch zu schümmen Folgen 
führen. 

Nachdem festgestellt ist, daß der einzelne den Herrscher nur in 
gewissen Grenzen zu kennen braucht, muß die gesamte Nation 
ihre Angelegenheiten in seine Hände legen und darf nichts tun, 

1 Gründer einer Sekte von Zeiditen, einer schiitischen Richtung, die nach ihm Dscheraria 
oder Soleiraania genannt wird. 



2 50 Die Welt des Idams, Band V. 1917, Heft 4 

OO0OOO0OO00000O0<>X)000000000C»0O00<X)O0CX>XXXX)00000CKXXXX>»XXXXXXXX^ 

was gegen seine Befehle wäre, damit er die Staatsgeschäfte und 
die Verwaltung, die ihm aufgetragen worden sind, selbständig und 
allein führen kann. 

Der Herrscher wird Kaufe genannt, d. h. Stellvertreter, weil er 
den Propheten in der Führung seiner Gemeinde vertritt, und des- 
halb kann man zu ihm sagen: „O, Du Kalife des Gesandten 
Gottes", oder man kann ihn auch nur allgemein ,Kalife' nennen. 
Ob man ihn auch den ,Stellvertreter Gottes' nennen darf, darüber 
herrscht Streit, Einige lassen es zu, daß er so g'enannt wird, und 
begründen es damit, daß er die Rechte Gottes unter seinen Ge- 
schöpfen wahrnimmt, und Gott spricht im Koran (Sure 6, 165): 
„Und er ist es, der Euch zu Nachfolgern auf der Erde machte 
und die einen von Euch über die andern um Stufen erhöhte, usw." 
Aber die Majorität der Rechtsgelehrten läßt das nicht zu und 
betrachtet den, der so etwas sagt, als g"ottlos. Sie führen an, daß 
nur der, der abwesend oder sterblich ist, vertreten werden kann^ 
was bei Gott ausg'eschlossen ist. Als der Kalife Abu Bekr mit 
dem Titel „Stellvertreter Gottes" angeredet wurde, erwiderte er: 
„Ich bin nicht der Stellvertreter Gottes, sondern der Stellvertreter 
des Propheten." 

Die Pflichten, die ihm in der Leitung des Staates auferlegt 
sind, sind zehn: 

1. Er soll die Religion in ihren Prinzipien aufrecht erhalten, wie 
sie von den ältesten Muslimen übereinstimmend aufgestellt 
worden sind. Wenn nun ein Ketzer auftreten sollte, oder 
sich einer abwenden würde von den wahren Grundsätzen 
und eine ketzerische Meinung verbreiten woUte, so soll der 
Kalife ihm die Religionsbeweise vorlegten und ihn auf den 
rechten Weg zurückführen, gegen ihn die ihm zustehenden 
Rechte ausüben und über ihn die Strafen verhängen, denen 
er unterliegt, damit der Glaube von jedem Angriff bewahrt 
und das Volk vor Irrlehren geschützt werde. 

2. Er soll die Rechtsentscheidungen zwischen streitenden Parteien 
vollstrecken und die Streitigkeiten zwischen ihnen erledigen,, 
damit vollkommene Gerechtigkeit herrsche, der Bedrücker 
sich nicht zu Gewalttätigkeiten hinreißen lasse, und der Be- 
drückte nicht ganz unterliege. 

3. Er soll das islamische Gebiet schützen und seine Grenzen 
gegen Angriffe verteidigen, damit die Bevölkeruug ungestört 
ihrem Erwerb nachgehen und sich frei entwickeln und be- 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 251 

0000©00G000(XX30<X)(X)000(XXXXXXXXXXXXXXXXX)000000CKX)CXX)00000CO0CXXXX>X)^^ 

wegen kann, ohne Leben und Eigentum einer Gefahr aus- 
zusetzen. 

4. Er soll ferner darüber wachen, daß die gesetzlichen Strafen 
verhängt werden, damit die von Gott erlassenen Gebote zum 
Schutze gegen jeden Eingriff gehalten werden und verhindert 
wird, daß die Rechte seiner Diener verletzt oder aufg^ehoben 
werden. 

5. Er soll die Grenzen mit einer hinreichenden Streitmacht 
versehen, damit der Feind nicht eindringen kann, um die 
Frauen zu schänden und das Blut von Muselmännern und 
ihren Schutzbefohlenen zu vergießen. 

6. Er soll diejenigen bekriegen, welche der Aufforderung, den 
Islam anzunehmen, oder sich unter seinen Schutz zu stellen, 
ablehnen, bis sie sich entweder bekehren oder den Schutz 
des Islams annehmen, damit die Rechte Gottes gewahrt werden 
und die Oberherrschaft über alle anderen Bekenntnisse er- 
halten bleibe. 

7. Er soll das Faii und die Armensteuer erheben, wie es das 
geschriebene Gesetz vorschreibt und nach gewissenhafter 
Auslegung furchtlos und gerecht verteilen. 

8. Er soU die Kriegslöhnungen und die Zahlungen (Jahresdotation), 
die der Staatsschatz auszuzahlen hat, ohne Verschwendung 
und übertriebene Sparsamkeit festsetzen und die Auszahlungen 
zu rechter Zeit, ohne Vorauszahlungen noch Verzögerungen, 
vornehmen. 

Q. Er soU vertrauenswürdige und gut beratene Mannen an die 
Spitze der Verwaltung stellen, damit die Amter von fähigen 
und unbestechlichen Beamten geführt werden und die Staats- 
finanzen gesichert bleiben. 

1 „Fai" besteht aus dem, was den Gläubigen vom Gute der Ungläubigen als Kopf- und 
Grundsteuer zukommt, ghanlma, eine zweite Art des fai", hingegen ist das, was den 
Ungläubigen mit Waffengewalt abgenommen wird, also die Kriegsbeute. Diejenigen 
Abgaben, die die Muslime dem Staat leisten, sind keine staatsrechtliche Leistung — wie 
im okzidentalen Staatsrecht — , sondern eine kultische Handlung; man nennt solche 
Abgaben zakät oder sadaqa. Ein Hauptunterschied der beiden Abgaben besteht darin, 
daß die Ausgaben der von Muslimen erhobenen Steuern nach dem Gesetz ausdrücklich 
bestimmt sind, woran der Herrscher nichts ändern kann. Dagegen kann der Kalife die 
Ausgaben der fai und ghanlnm nach seinem Idschtihad (= Ermessen und Entscheidung) 
regeln. Vgl. Mawardi: Titel 12; Hartmann, Der Islam, S. 83. 

Völlig irrig M. J. Müller a. a. O. S. 8, der diese Unterscheidung übersieht und die 
Bindung und Beschränkung des Herrschers an das Gesetz auf alle Abgaben und ihre 
Verwendung bezieht. 



Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

lo. Er soll persönlich an den Staatsgeschäften teilnehmen, die- 
selben überwachen und alle näheren Umstände prüfen, damit 
das Volk gut regiert und der Glaube geschützt werde. Er soll 
sich nicht zu sehr auf seine Untergebenen verlassen und etwa 
selbst sich nur dem Vergnügen oder der Andacht widmen; 
denn ein Vertrauter kann untreu werden und ein Ehrlicher 
unehrlich i. 
Wenn der Kalife die Rechte der Nation in der oben beschriebenen 
Weise wahrnimmt, so wird er denjenigen Anforderungen g-erecht, 
die Gott von ihm, sei es für sein Volk, sei es von seinem Volke, 
fordert 2. Hierbei hat der Kalife das Recht, zweierlei von seinem 
Volke zu verlangen: Gehorsam und Unterstützung, solange sein 
Zustand sich nicht geändert hat 3. Zwei Momente können diese 
Veränderung herbeiführen und ihn seiner Kalifenwürde verlustig 
gehen lassen: Aufhören der bürgerlichen Ehre (Infamie) oder 
körperUches Gebrechen. Beim ersten Moment kann seine moralische 
Gesinnung nach zwei Seiten hin erschüttert sein: Erstens, er verfällt 
seinen Leidenschaften, zweitens, er neigt zu Religionszweifel und 
ketzerischen Anschauungen. Das erstere geschieht durch körperliche 
Betätigung, insbesondere dadurch, daß er verbotene Dinge tut und 
verwerfliche Handlungen begeht, indem er sich von seinen Leiden- 
schaften leiten läßt. Eine solche Infamie hindert die Betrauung mit 
der Kalifatwürde und steht ihrem Fortbestehen entgegen-*. Treten 
solche Symptome bei demjenigen auf, dem das Kalifat vertraglich 
übertragen ist, so geht er desselben verlustig. Wenn er zu einer 
normalen Lebensführung umkehrt, so kann er seine verlorene Würde 

1 Einige Zeilen Mawardis und einige Verse, die Mawardi in den Text hineingeflochten hat, 
haben wir ausgelassen. 

2 Über die drei Kategorien der hier in Frage kommenden Rechte und Pflichten cf. 
Ostrorog a. a. O. S. 168. 

3 Der Gehorsam, der dem Souverän zu leisten ist, ist nur ein bedingter. Die Tradition 
des Propheten lehrt: ,, Gehorsam gegen den Imam ist jedes Rechtgläubigen Pflicht, so- 
lange er nicht Gottesbeleidigung befiehlt; dann ist aller Gehorsam aufgehoben." Die 
Charidschiten sehen daher die Rebellion gegen den Imam, der den göttlichen Anordnungen 
widerstrebt, nicht bloß als fakultative, sondern als notwendige Pflicht an. Schahrastani, 
S. 86. M. Müller a. a. O. S. 25. An diesen Grundsatz halten sich fast alle Muslime mit 
Ausnahme der Schiiten, die unbedingten Gehorsam erfordern. 

* Der Herrscher kann in einem solchen Falle abgesetzt werden, jedenfalls nach Ansicht 
der streng orthodoxen Schule. Vgl. Schahrastani, S. 63: ,,Wir können," sagt Dirar, ,,den 
Imam absetzen, wenn er dem göttlichen Gesetze zuwider handelt. Wenn er seinen 
Lebenswandel ändert und von dem Recht abweicht, so ist es notwendig, ihn abzusetzen 
oder zu töten." 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 253 

nur durch einen neuen Wahlakt wiedererlangen. Einige Theologen 
lehren indessen, daß er bei solcher Umkehr seine Würde wieder- 
erlangt, ohne daß ein neuer Übertragungsakt nötig wäre; sie stützen 
sich darauf, daß seine Kompetenz eine allgemeine ist und eine 
Neuwahl viel Schwierigkeiten mit sich bringen würde. 

Infamie im Sinne einer gottlosen Denkungsweise besteht darin, 
daß er durch einen eintretenden ReUgionszweifel einen dogmatischen 
Satz der Wahrheit zuwider interpretiert. Die Gelehrten weichen 
in dieser Frage voneinander ab. Das eine System lehrt, daß jener 
Fall das Entstehen des Kalifats für ihn hindert, und daß mit dem 
Auftreten einer solchen Gesinnung dasselbe ihm ipso iure verloren 
geht. Man beruft sich auf die Analogie zwischen Infamie und 
Unglauben, welche beide zur Anwendung kommen, mag nun der 
Kalife durch eine Interpretation oder sonstwie dazu gekommen sein. 
Mehrere Rechtsgelehrte von Basra meinen, daß ein solcher Fall 
kein Hindernis für das Entstehen des Kalifats bedeute, auch kein 
Grund sei, daß dasselbe erlöschen müsse; wäre er doch auch kein 
Hindernis für die Übertragung eines Richteramtes oder für die 
Zeugnisablegung 1. 

Was nun die körperlichen Gebrechen betrifft, von denen der 
Kalife befallen werden kann, so zerfallen sie in drei Kateg-orien: 

1. Defekte der Sinnesorgane, 

2. Defekte an den Gliedmaßen, 

3. Defekte, welche ihn an der freien Ausübung einer Handlung 
verhindern. 

Die Defekte der Sinnesorgane können wieder eine dreifache 
Untereinteilung erfahren: Solche, welche das Kaüfat unbedingt 
verhindern, solche, welche es zweifellos nicht hindern und solche, 
über welche die Meinung streitig sein kann. 

Die Defekte, welche ein Hindernis für das Kalifat bilden, sind: 
Verlust des Verstandes und Verlust des Augenhchtes. Der Verlust 
des Verstandes kann sich auf zweierlei Art äußern. 

Einmal kann er nur vorübergehender Natur sein und die Hoffnung 
auf Heilung zulassen, z. B. Ohnmacht. Ein solcher Zustand steht 
der Entstehung des Kalifats nicht im Wege und der Betroffene 
scheidet nicht aus, denn solcher Unfall ist nur von kurzer Dauer; 
von diesem Zustand ist auch der Prophet in seiner Krankheit be- 
fallen worden. Sodann kann der Verlust des Verstandes von 

^ Natürlich läuft diese Ansicht den strengen schafiitischen Prinzipien schnurstracks entgegen. 
Die Welt des Islams. Band V. I7 



2 54 ^'« ^^^^^t de-s Islams, Band V. 1917, Heft 4 

eoooe»ooooooooeeoooooooooooooooooooooooooooooooo(X)oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocoo^ 

dauernder Natur sein und keine Hoffnung auf Heilung- zulassen. 
Dies ist der Fall bei Wahnsinn oder Besessenheit i. Der Wahnsinn 
kann ein vollständiger und dauernder sein, der durch keine lucida 
intervalla unterbrochen wird. In diesem Falle stellt er ein Hindernis 
für das Entstehen des Kalifats sowie für Fortbestand desselben dar; 
sobald er aufgetreten ist, ist das KaHfat schon durch die bloße 
Feststellung dieser Krankheit annulliert; der Irrsinn kann aber auch 
durch helle Augenblicke unterbrochen werden, während derer der 
Kranke wieder in den Vollbesitz seiner Geisteskräfte gelangt. Dabei 
ist nun zu unterscheiden: Dauern die Perioden dieser Krankheit 
länger als die der Klarheit, so wird dieser Zustand als ein kon- 
tinuierHcher betrachtet und hindert das Entstehen des Kalifats, 
ebenso hat er das Erlöschen des Kalifates zur Folge. Ist aber 
das Umgekehrte der Fall und überwiegen die hellen Augenblicke, 
so stellt sich dies wohl als Hindernis für das Entstehen des Kalifats 
hin, ob aber der Fortbestand desselben dadurch in Frage ge- 
stellt wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Eine 
Schule sagt, sie bilde ein Hindernis für das Fortbestehen des Kali- 
fats, und ebenso wie sein Entstehen werde schon durch ihr bloßes 
Auftreten das Kalifat null und nichtig. Man führt als Grund dafür 
an, daß, wenn man einem solchen Fürsten seine Macht beläßt, und 
er von solch einer Krankheit befallen wird, die Staatsleitung hier- 
durch Abbruch erleiden würde. Die zweite Richtung lehrt, daß 
diese Art der Geisteskrankheit das Fortbestehen des Kahfats nicht 
beeinflußt, wenn sie auch für dessen Entstehung hinderlich gewesen 
sein würde; denn nur für das Entstehen des Kalifats ist völlige 
Gesundheit des Geistes die unerläßliche Bedingung". 

Der Verlust der Sehkraft stellt für das Entstehen des Kahfats 
ein Hindernis vor, ebenso für dessen Kontinuität, und wenn sie 
auftritt, so erhscht das Kalifat. Sie macht ebenso die Ausübung 
richterlicher Funktionen unmöglich und hindert die Ablegung des 
Zeugnisses. Um so mehr bildet sie ein Hindernis für die Gültigkeit 
des Kahfats. Die Amblyopie aber, welche darin besteht, daß der 
Kranke bei Eintritt der Dunkelheit nichts mehr sehen kann, hindert 
weder die Entstehung noch das Fortbestehen des Kalifats, denn 
es ist eine Krankheit, welche bei ruhiger Lebensweise wieder be- 
hoben werden kann. Was Myopie anbetrifft, so braucht, wenn 

^ Ähnlich unterscheiden die Römer: „furiosi" und „dementes" oder „amentes" (mente 
capti). Vgl. über diesen allerdings bestrittenen Unterschied: Girard a. a. O. Teil I, 
S. 246, Anm. 2. 



Kasi, Das Kalifat nacli islamiseliem Staatsrecld. 2^^ 

0<XVX)O00C»00000000CKX)000CKX)000000C)0<XO00000CO(XXXXXKXI0CXXX^^ 

der Kranke die Menschen, die er sieht, deutlich unterscheiden kann, 
diese Krankheit kein Hindernis zu sein. Wenn aber die Krankheit 
derartig ist, daß der Befallene die Personen, die vor ihm sich be- 
finden, nicht mehr unterscheiden kann, so ist dies ein Hindernis 
für Entstehung und Fortbestehen des Kalifats. 

Die zweite Art der Sinnesdefekte umfaßt die Mängel am Geruch- 
und Geschmacksorgan, Diese sind keine Hinderungsgründe für 
das Kalifat, denn sie beeinflussen wohl die Genüsse des Lebens, 
aber keineswegs die Fähigkeit des Urteils und die Tatkraft. 

Die dritte Art der Sinnesdefekte, über dessen Wirkung auf das 
Kalifat Streit herrscht, ist Taubheit und Stummheit. Diese beiden 
Fehler hindern das Entstehen des Kalifats von Anfang an, weil 
bei ihrem. Vorhandensein von einer vollkommenen Qualifikation 
nicht die Rede sein kann. Man ist nur nicht einig darüber, ob 
sie als Ursache angesehen werden sollen für die Auflösung des 
Kalifats, wenn sie erst auftreten, nachdem das Kalifat bereits über- 
tragen ist. Eine Ansicht lehrt, es sei ein Grund zur Auflösung, 
ebenso wie die BHndheit, weil sie die Entschlußfassung und das 
Handeln beeinträchtigen. Nach der anderen Auschauung sollen 
Taubheit und Stummheit kein Hindernis sein, weil beide Mängel 
sich durch die Geste ersetzen lassen, und der Verlust des Kalifats 
nur herbeigeführt werden kann durch einen wirklichen Defekt, 
welcher die gänzliche Unfähigkeit, sich durch irgendein Mittel 
verständlich zu machen, verursacht. Ein drittes System vertritt 
die Ansicht, daß das Fehlen der genannten Sinne nicht ausreiche, 
den Kalifen seiner Würde zu entkleiden, wenn er noch imstande 
ist, sich schriftüch geschickt verständlich zu machen; fehle aber 
auch dies Verständigungsmittel, dann erlösche das KaHfat, weil 
das Schreiben eine Sache der klaren Auffassungsmöglichkeit, das 
Zeichenmachen aber eine solche der bloßen Mutmaßungen seL Von 
diesen Doktrinen ist aber die erste die richtige. Ist der Kalife ein 
Stotterer oder leidet er an Schwerhörigkeit, so gilt folgendes: Beides 
läßt sein Kalifat weiter bestehen, nur muß die Schwerhörigkeit zu- 
lassen, daß der Ton einer lauten Stimme noch an das Ohr dringt. 
Es wird jedoch bestritten, daß die Bestallung des Kalifats dann eine 
gültige sei, wenn beide Mängel bei dem Kalifen zur Zeit seiner 
Einführung in seine Würden bestanden haben. Es wird die Ansicht 
vertreten, daß sie alsdann ein Hindernis für die Übertragung bilden, 
welches die Person, die davon befallen ist, ein für allemal von dem 
Kalifat ausschheßt. Man hat nun geltend gemacht, daß in dem 

17* 



256 Vie Welt des lsla}ns, Band V. 1917, Heft 4 

OOCOeO€lC<XXXXXXXXXXXXXX)OOOOOOOCO<X)CK>X)OCHXX>DOOOOOCXX)OC^^ 

Stottern kein Hindernis liege, da auch Moses, der Prophet Gottes, 
gestottert und dennoch die Würde eines Propheten erlangt habe. 
Deshalb dürfe man erst recht nicht aus diesem Defekt einen 
Hinderungsgrund für die Kalifenwürde konstruieren. 

Was nun die fehlenden Gliedmaßen betrifft, so unterscheidet man 
hier verschiedene Klassen. Die erste Klasse umfaßt nur solche 
Mängel, welche kein Hindernis für die Gültigkeit des Kalifats bilden, 
gleichviel, ob der Defekt schon bestanden hat bei der Entstehung 
des Kalifats, oder eingetreten ist bei der Kontinuierung- desselben. 
Es sind dies alles solche körperliche Gebrechen, welche der Denk- 
fähigkeit keinen Eintrag" tun, ebensowenig- der Fähigkeit des 
Handelns oder der freien Bewegung. Desgleichen dürfen diese 
Gebrechen die äußere Erscheinung nicht entstellen. Ein Beispiel 
ist die Sectio virgae et testium (Entfernung bzw. Verstümmelung 
der Rute und der Hoden). Dieser Mangel bildet kein Hindernis, 
sowoM bei Entstehung als auch bei der Fortsetzung des Kalifats, 
weil er, wenn er auch die Zeugungsfähigkeit beeinträchtiget, keinen 
Einfluß auf die geistige Tüchtigkeit hat. Im übrigen hat dieser 
Defekt den Charakter und die Wirkung der Impotenz. Nun hat 
Gott von Jahja, dem Sohne des Zakarja lobend gesagt i; Und Du 
sollst Herr sein und hasür und Prophet unter den Gerechten. Das 
Epitheton hasür wird in doppelter Weise interpretiert: Einmal be- 
zeichnet es Impotenz, einen Mann „qui semen non habet et feminas 
cognoscere nequit", dies ist die Auslegung durch Ibn Masud und 
Ibn Abbas. Nach der zweiten Auslegung bedeutet dieser Aifsdruck 
einen Mann „qui virgam non habet quam feminis inmittere possit 
aut tantulam habet quantus est nucleus dactyli". Dies ist die Aus- 
legung durch Said ibn el-Musajjab. Wenn eine solche körperliche 
Beschaffenheit kein Hindernis war für die Erlangung der Propheten- 
würde, um wieviel weniger darf sie ein Hindernis sein für die Er- 
langung der Kalifenwürde! 

Dasselbe ist der Fall bei Verstümmelung der Ohren. Das Fehlen 
der Ohren übt keinen Einfluß aus, weder auf die Urteilskraft noch 
auf die Handlungsfähigkeit. Die Mißgestaltung kann übrigens leicht 
verhüllt, ihr Anblick dem Auge leicht entzogen werden. 

Die zweite Art der Gebrechen umfaßt solche Mängel, welche 
ein Hindernis bilden sowohl bei Entstehung des Kalifats als auch 
bei Fortbestehen desselben. Es sind dies solche, welche die Aktions- 

» Sure 3, 34. 



Kasi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. z^J 

CC0O0000(XXXXXXXX30000000C«)00000000<»00CXX)000000C)C«(XXXXX>CO00CXXX)00^^ 

freiheit behindern, z, B. der Verlust der Hände oder Füße. Eine 
deratige Verkrüppelung, ob sie nun schon bestand oder erst später 
eintrat, würde das Kaüfat ungültig machen, da der Kaufe, der 
damit behaftet wäre, nicht imstande sein würde, die Rechte und 
Pflichten der Nation gegenüber zu erfüllen. 

Die dritte Klasse umfaßt diejenigen körperlichen Mängel, welche 
die Entstehung des Kalifats hindern, deren Wirkungen auf die 
Weiterführung der Herrschaft aber wieder einen Streitpunkt büden. 

Es sind dies solche Mäng^el, welche einen Teil der Handlungs- 
und Bewegungsfreiheit zur Folge haben, wie beispielsweise das 
Felilen einer Hand oder eines Fußes. Auf einen mit solchen körper- 
lichen Schäden behafteten Menschen kann das Kaüfat nicht über- 
tragen werden. Tritt ein solcher Schaden erst nach der gültigen 
Übertragung auf, so sind die Gelehrten über die Folgen uneinig. 
Nach der einen Ansicht erlischt dadurch das Kalifat, weil dieser 
Schaden einem Zustand der Kränklichkeit gleichkommt, durch den 
der Kalife verhindert wird an der Ausübung seiner Funktionen, 
w^odurch sowohl die Entstehung als auch die Fortsetzung des 
Kalifats unmöglich gemacht wird. Eine zweite Ansicht lehrt, daß 
ein solcher Körperschaden noch nicht das Erlöschen des Kalifats 
herbeiführt, wenn er auch dessen Übertragung unmöglich macht; 
denn bei der Errichtung des Kalifats ist die völlige körperliche 
Gesundheit die erste Bedingung, während die Bedingung, von 
welcher das Erlöschen des Kaüfats abhängt, die vollständig'e Ge- 
brechüchkeit ist. 

Die vierte Klasse endlich enthält diejenigen Gebrechen, welche 
zweifellos kein Hindernis sind für das Fortbestehen des Kalifats, 
über dessen Wirkungen aber auf die Entstehung des Kalifats 
Streit herrscht. 

Es sind dies Entstellungen des Gesichts, welche die Aktionsfreiheit 
nicht beeinträchtigen, z. B. Verstümmelung der Nase oder eine 
leere Augenhöhle. Durch solche Verstümmelung erlischt das Kali- 
fat nicht, nachdem es schon übertragen ist, weü sie keinen Einfluß 
hat auf die Ausübung irgendeiner der damit verbundenen Pflichten. 
Was nun aber die Wirkung eines solchen Gebrechens auf die 
ursprüngliche Entstehung des Kalifats betrifft, so gehen die An- 
sichten der Rechtsgelehrten hierüber auseinander. Einige sagen, 
sie habe keinen Einfluß auf die Entstehung des Kalifats, weü die 
vöUige Integrität derjenigen KörperteUe, auf welche sich das Ge- 
brechen bezieht, keine wichtige Bedingung bildet und das Gebrechen 



2 58 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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keinen Einfluß ausübt auf die Ausübung der Funktionen des Kalifen. 
Nach der zweiten Anschauung hindert ein solches Gebrechen die 
ursprüngliche Übertragung; die völlige körperliche Integrität sei 
die wichtigste Bedingung bei der Übertragung, denn die Ober- 
häupter der Religion waren frei von Entstellung und Häßlichkeit 
und man konnte ihnen keinerlei äußerliche Mängel vorwerfen, 
durch welche ihre achtunggebietende Erscheinung hätte Einbuße 
erleiden und die dazu hätten führen können, daß ihnen nicht der 
schuldige Gehorsam erwiesen worden wäre. Die Folge würde sein: 
Die Verletzung der Rechte der Nation. 

Die Freiheitsbeschränkungen, denen der Kalife unterworfen 
werden kann, sind zweierlei Art: Einmal ist es die Seklusion, das 
andere Mal die Freiheitsberaubung durch Gewalt oder Zwang. Man 
spricht von Seklusion, einer Bevormundung, dann, wenn einer seiner 
Gehilfen dazu gelangt, ihn vöUig zu beherrschen und die Macht 
an sich zu reißen, ohne daß er sich dabei des Ungehorsams oder 
des offenen Widerstands schuldig zeigt. Diese Sachlage ist noch 
nicht geeignet, sein Kalifat ungültig zu machen und seinen Hoheits- 
rechten Abbruch zu tun. Es müssen daher die Handlungen des- 
jenigen, der sich diesen Einfluß auf die Macht des Kalifen verschafft, 
genau geprüft werden. Wenn diese nämlich den Grundsätzen der 
Religion und den Anforderungen der Gerechtig'keit entsprechen, 
so darf man den Betreffenden in seiner Stellung belassen und seine 
Anordnungen sollen ausgeführt werden, damit nicht die Staats- 
geschäfte in Verzögerung geraten, die zu einer Unordnung im 
Volke führen könnte. Entsprechen aber seine Handlungen nicht 
den Vorschriften der Religion und den Erfordernissen der Gerechtig- 
keit, so darf er nicht in seiner Stellung belassen werden, vielmehr 
muß dem Kalifen Beistand geleistet werden, damit diesem Usur- 
pator die Gewalt entrissen und sein Einfluß auf den Kalifen zu- 
nichte gemacht werde. 

Gewalt liegt im folgenden Falle vor: Ein Kandidat i des 
Kaüfats gerät in die Hände eines siegreichen Feindes und kann 
seine Freiheit nicht wieder erlangen. Diese Tatsache verhindert 
die Übertragung des Kalifats auf ihn, weil er nicht imstande ist, 
die Staatsgeschäfte vorzunehmen. Dabei kommt es nicht darauf 
an, ob der Feind PolytHeist oder schismatischer Muslime ist. In 
diesem Falle hat die Nation die Befugnis, an seine Stelle einen 

1 Müller, S. 83, übersetzt fälschlich Kandidat mit ,,lmam = Kalife" usw. Es muß aber wie 
im Text heißen: „Kandidat". 



Kasi^ Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 259 

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anderen zu wählen, der, im Gegensatz zu ihm, frei über sich ver- 
fügen kann. Wenn ein Kalife, dem das Herrschaftsrecht bereits 
übertragen war, in Gefangenschaft gerät, so ist es Pflicht der 
Nation, ihn zu befreien, weil das Kalifat die Nation verpflichtet, 
ihm zu helfen; er verbleibt in seiner Würde, so lange die Hoffnung 
besteht, daß er seine Freiheit wieder erlangt, entweder durch 
Waffengewalt oder durch Lösegeld, Wenn aber jede Hoffnung 
auf Befreiung geschwunden ist, unterscheidet man zwei Fälle: Ob 
er in die Hände der Polytheisten oder in die der schismatischen 
Muslime gefallen ist. Im ersten Falle verliert er seine Würde, 
solange keine Hoffnung auf seine Freilassung besteht, und die 
Wähler schreiten zur Wahl eines neuen Kalifen. Verfügt er, 
während seiner Gefangenschaft, über seinen Nachfolger, so ist zu 
beachten: Ist diese Verfügung zu einer Zeit getroffen, wo keine 
Hoffnung auf seine Rettung mehr bestand, so ist diese Verfügung 
ungültig, denn er hat verfügt, nachdem er seiner Würde bereits 
verlustig gegangen ist, folgUch ist diese Verfügung ohne Gültigkeit. 
Verfügt er aber zu einer Zeit, wo noch Hoffnung auf seine Rettung 
vorhanden war, so ist diese Verfügung gültig, weil sie zu einem 
Zeitpunkt erfolg'te, wo er noch im Besitz seiner Würde war. Das 
Kalifat entsteht daher für seinen Nachfolger, sobald die Hoffnung 
auf seine Befreiung geschwunden ist. Mit diesem Augenblick 
tritt die Erbfolge in Kraft. Erlangt er seine Freiheit wieder, nach- 
dem er bereits einen Nachfolger ernannt hat, so muß untersucht 
werden: Fällt diese Verfügung in eine Zeit, wo keine Hoffnung 
mehr bestand, daß er die Freiheit jemals wieder erlangen würde, 
so fällt die KaUfenwürde, die er schon vorher durch diesen Umstand 
verloren hatte, nicht wieder auf ihn zurück, sie entsteht vielmehr 
wirksam für seinen Nachfolger. Wenn aber diese Hoffnung noch 
bestand, so ist sein Souveränitätsrecht nach wie vor gewahrt, und 
der Nachfolger wird nun als Thronerbe angesehen. Fällt der 
Kalife als Gefangener in die Hände der aufrührerischen Muslime, 
so bleibt er Kalife, so lange die Hoffnung auf seine Befreiung 
besteht. Kann seine Befreiung nicht mehr erhofft werden, so 
gibt es zwei Möglichkeiten : Die Rebellen haben sich bereits einen 
Kalifen gewählt oder sie haben sich noch keinen g^ewählt. Leben 
sie in Anarchie, so haben sie kein Oberhaupt, denn der Gefangene 
in ihrer Hand bleibt in seiner Würde und sie sind ihm Huldigung 
und Gehorsam schuldig. Seine Stellung ihnen gegenüber ist die- 
selbe, als wenn er sich unter Vormundschaft bei den Orthodoxen 



2 6o Die Welt des Islams, Band V. IS 17, Heft 4 

EO00eO000C)(X)00(X)00000(XXXXXXXXXXXXXXXXX»C<XXXXXXX><XX»0<X)000C^^ 

befände. Es ist Pflicht der Wählerschaft, eine Stellvertretung für 
ihn zu ernennen, die die Staatsgeschäfte überwacht, vorausgesetzt, 
daß er selber für sich keinen Stellvertreter mehr stellen kann. 
Ist er dagegen imstande, dies zu tun, so geht sein Recht hierauf 
vor. Dankt er ab oder stirbt er in der Gefangenschaft, so wird 
der Stellvertreter nicht Kaufe, denn er vertritt nur einen lebenden 
Menschen, mit dessen Tode dies Rechtsverhältnis erhscht. 

Ernennen die Rebellen einen Kalifen für sich, dem sie huldigen 
und Gehorsam leisten, so erhscht das Kalifat für den gefangenen 
Kahfen dadurch, daß keine Hoffnung auf seine Befreiung mehr 
besteht, denn diese, die Schismatiker, haben den Boden der Ge- 
meinschaft verlassen, haben sich ein neues Gebiet mit eigenen 
Gesetzen gegTÜndet und haben den Gehorsam gekündigt, die 
Orthodoxen aber haben von ihnen keine Hilfe mehr zu erwarten. 
Der gefangene Kaufe verfügt nicht mehr über sich selbst, und 
die Wähler desjenigen Gebietes, welches noch der rechtmäßigen 
Herrschaft unterstellt ist, müssen das Kalifat einem anderen ge- 
eigneten Kandidaten übertragen. Wenn der Gefangene noch dazu 
käme, seine Freiheit wieder zu erlangen, so könnte er doch das 
Kaüfat nicht wieder erhalten, weil es bereits erloschen ist. 

Nachdem wir nun alles dargetan haben, was über die Bestimmungen 
zu sagen war, soweit sie sich auf die Verfassung des Kalifats und auf 
die Gesamtheit der Fürsorge beziehen, welche das Kahfat den Reh- 
gionsinteressen und der Verwaltung des Staates zuzuwenden hat, er- 
wähnen wir noch, daß es vier Gattungen von Organen gibt, die von 
dem definitiv erwählten Kalifen ihre Funktionen ableiten können: 

1. Solche, welche im allgemeinsten Sinne Generalvollmacht in allen 
Provinzen haben. Dies sind die Wezire; denn sie sind Bevoll- 
mächtigte und Vertreter des Kalifen in allen Staatsgeschäften, ohne 
spezielle territoritale Begrenzung. 

2. Solche, welche Generalvollmacht haben in bestimmten Pro- 
vinzen: Dies sind die Statthalter in den Provinzen und in den 
Städten; denn ihre Kompetenz erstreckt sich auf alle Angelegen- 
heiten der Provinzen, an deren Spitze sie stehen. 

3. Solche, welche Spezialvollmacht haben von mehr generalisie- 
rendem Charakter. Zu dieser Klasse gehören der oberste Richter, 
der Generalinspektor der Truppen, der Grenzverteidiger, der Steuer- 
inspektor, der vSammler der Armensteuer; denn die Kompetenz 
jedes dieser Organe erstreckt sich auf bestimmte Funktionen, die 
in sämtlichen Provinzen ausgeübt werden. 



Ka.fi, Das Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 26 

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4. Solche, deren Spezialvollmacht sich auf bestimmte Distrikte 
erstreckt, z. B. der Richter in einer Stadt oder in einem Bezirk 
der Armensteuererheber für eine Stadt oder einen Bezirk, der 
Verteidiger einer bestimmten Grenze oder der Inspektor einer 
Lokaltruppe; denn jeder von diesen hat besondere Funktionen in 
einem bestimmten Distrikt. Für alle diese Beamten bestehen Be- 
dingungen, die für ihre Ernennung als unbedingt erforderlich 
gelten und für ihre gesetzmäßige Amtsführung. Wir werden dies 
noch in späteren Kapiteln und Paragraphen näher ausführen." 

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Kasi, Dos Kalifat nach islamischem Staatsrecht. 263 

0O0OC)OOCKXKXXX)O(X»000OOO00O0O00O0O(XXXXXX>00OOOO0eXX)OO0O0OOO(»0OO00OO0OOO000OO0OOO0O0OOOCXX)^^ 

Ma'wardi, Abou l-Hasan Ali, El -Abkam Es-Soulthanija. Traite de Droit Public 
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204 Die Welt des Idmn, Band V. 1917, lieft 4 

»O00©C<«XXXX>C)OG0000<XXXXXXXXXXXXX»000CX»0O000000000OO000O0000O00OCXXXXXXX)000000CXXXXX)^^ 



JA^KUB KADRI. 

EIN MODERNER TÜRKISCHER ERZÄHLER. 

VON 

RICHARD HARTMANN, KIEL. 

Als Paul Hörn um die Jahrhundertwende seine „Geschichte der 
türkischen Moderne" schrieb, da konnte dies Buch noch kaum auf 
regeres Interesse in weiteren Kreisen rechnen. Man kann auch 
kaum sagen, daß der Stoff, den er zu behandeln hatte, auf ein 
solches Anspruch erheben konnte. Mag es stets einen gewissen 
Reiz haben, zu verfolgen, wie sich ein Volk aus einer überlebten 
Kulturstufe geistig der europäischen Gesamtentwicklung einzufügen 
strebt, an absoluten Werten vermochte die junge türkische Literatur 
nicht viel zu bieten. 

Natürlich hat die Beschäftigung mit der türkischen Literatur 
seither nicht ganz geruht. Vor allem in G. Jacobs Türkischer 
Bibliothek ist manches wertvolle Blatt aus ihr auch Fernerstehenden 
zugänglich geworden. Aber all das ist doch wohl nur wenig ge- 
nützt worden. Erst seit im Weltkrieg die Türkei uns so nahe 
gerückt ist, ist der Boden für lebhaftere Anteilnahme geebnet. 
Von verschiedenen Seiten und auf mancherlei Weise ist diesem 
Interesse in den letzten Jahren Rechnung getragen worden. Und 
Weis diesem Interesse dienen konnte, ist gewiß dankbar aufge- 
nommen worden. Auch für eine zusammenfassende Fortsetzung- 
von Horns Buch, wie sie Otto Hachtmanns „Türkische Literatur 
des zwanzigsten Jahrhunderts" (Leipzig 1916) bietet, sind die 
Voraussetzungen des äußeren Erfolgs jetzt in ganz anderem Maße 
vorhanden als es für Hörn der FaU war. Aber ganz abgesehen 
davon, ist auch der Stoff hierfür ein viel dankbarerer geworden. 
Die türkische Literatur hat einen gewaltigen Fortschritt gemacht. 
Durch die Revolution sind der durchgreifenden Verjüngung erst 
vollends die Wege gebahnt worden. Und das türkische Schrifttum 
von heute verfügt über eine ganze Reihe von wirklich bedeutenden 
Persönlichkeiten. Wenn jetzt hoffentlich recht viele Hachtmanns 
Buch zur Hand nehmen, so werden sie bald den Eindruck haben, 
daß das die Mühe lohnt. 



Hariiiia/ni, Jahih Kadn. 265 

OCCOOOOOOOO<XXXXXXX)OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCX>XXXXXXXX»OOOOOOOCXX)000<XXXX^^ 

Hörn und Hachtmann suchen Bilder der einzelnen Schriftsteller 
2u entwerfen. Nur in beschränktem Maß ersieht man aus ihren 
Büchern, wie sehr sich für die Türken selbst die Entwicklung in 
einem ununterbrochenen fruchtbringenden Streiten wechselnder 
Schulen und Richtungen vollzieht. So werden ihre Darstellungen 
glücklich ergänzt durch die Arbeiten von Martin Hartmann, der 
gerade aus diesem lebendigen Spiel der widerstreitenden Kräfte 
die großen Linien der Entwicklung zu erkennen sucht. In seinen 
„Unpolitischen Briefen aus der Türkei" (Leipzig 1910) hatte er 
reiches Einzelmaterial aus der persönlichen Berührung mit den 
führenden Geistern beizubringen gewußt. Und in einer neuesten 
Arbeit „Aus der neueren osmanischen Dichtung", die in den Mit- 
teilungen des Seminars für Orientalische Sprachen zu Berlin 1916 
erschienen ist, macht er viel wertvollen Stoff vornehmlich aus 
türkischen Zeitschriften diesem Ziel dienstbar. Mög-en die internen 
Kämpfe der literarischen Klubs in Stambul kein so unmittelbares 
Interesse für Fernerstehende haben, man kann schon deshalb nicht 
an ihnen vorbei, weil erst ihre Kenntnis so manche Eigentümlich- 
keit der Dichter recht verstehen läßt. 

Die folgenden Zeilen möchten einen Mann aus der jüngsten os- 
manischen Literatur herausheben, der die Anteilnahme weitester 
literarisch interessierter Kreise in hervorragendem Maße verdient, 
Ja*kub Kadri, auf den Hachtmann in seiner genannten Schrift und 
auch Jacobs Hilfsbuch für Vorlesungen über das Osmanisch- 
Türkische, IV, 50, sehr mit Recht hingewiesen haben. Wie an 
letzter Stelle erwähnt ist, ist auch schon ein Stück von ihm ins 
Deutsche übersetzt worden (Frankfurter Zeitung, 2. Oktober 1916, 
2. Morgenblatt). Und andere Übersetzungen werden wohl bald 
folgen. Hier sind nur die Erzählungen in Ja'kub Kadris bisher 
•einzig in Buchform erschienenem Werk „Bir Serendscham" be- 
rücksichtigt. Wenn nebenbei zugleich in bescheidenstem Maß 
auf die genannten Schulstreitigkeiten der jungen türkischen Schrift- 
stellergeneration ein Blick fällt, so mag das vielleicht auch für 
solche, denen diese bisher fremd geblieben sind, nicht ganz ohne 
Interesse sein. 



Ja'kub Kadri stammt aus dem Geschlecht der Kara Osman, die 
im 18. Jahrhundert als halb unabhängige Vasallen der Pforte, 
sogenannte Derebejs, im mittleren Teil der Westküste Kleinasiens, 
in Aidin, Magnisa und Bergama ein wohlgeordnetes Regiment 



2 66 Die Welt des Islams, Band V. 19 i 7, Heft 4 

■XXX)OCXlOCXXXyXXX>OOOCOOOOCX)OOOOOCXXXXlO<XXXXXXXX)C3(^^ 

führten, einem Geschlecht, über dessen Geschichte wir Mordtmann 
eine Monographie im ersten Band der „Altertümer von Pergamon" 
verdanken. Es verdient zweifellos Beachtung, daß solche Ge- 
schlechter, wenn auch längst mediatisiert, fortbestehen, und daß 
die Namen der alten Familien — man denke auch an den Köprü- 
lüzade Mehmed Fu'ad — in der modernen Literaturgeschichte 
wiederkehren. 

Ja'kub Kadri ist 1889 in Kairo geboren, kam aber noch als 
Kind von 7 Jahren in die Heimat seiner Familie, nacli Magnisa, 
und verlebte hier und in Smyrna seine Jug^end, bis sein Vater 
nach etwa zehn Jahren wieder nach Kairo zurückkehrte. An 
diesen Orten, in denen er heranwuchs, spielen gerne seine Ge- 
schichten. Ja'kub Kadri ist also nicht in Stambul groß geworden. 
Das ist für den erwachsenden Dichter wohl von Bedeutung ge- 
wesen. Es war vielleicht ein Glück für ihn. Naturgemäß hat 
er seine dichterische Begabung an türkischen Autoren guten 
Namens geschult; mehr noch mögen ihn die europäischen Schrift- 
steller, die er las, besonders die Franzosen Bourget, Maupassant^ 
Daudet, aber auch, wie es heißt, Ibsen ang"eregt haben, wie man 
ihm auch die soziologischen Studien oftmals anspürt. Aber der 
Einfluß ist doch offenbar mehr die allgemeine Befruchtung" ge- 
wesen, die das Kunstwerk dem schaft enden Künstler gewährt; von 
direkter Nachahmung fremder Vorbilder merkt man bei Ja'kub 
Kadri äußerst wenig. Das Wichtigste scheint mir, daß er während 
seines dichterischen Erwachens nicht in das Parteitreiben der ver- 
schiedenen literarischen Schulen, für das die Hauptstadt ein so 
guter Nährboden ist, hereingezogen wurde. Er hat sich offenbar 
selbständig entwickelt. Das fühlt man seinen Werken an. Dazu 
gehört gewiß mehr Kraft — Ja'kub Kadri hat sie — , aber es ist 
auch minder Gefahr vorhanden, daß die Kraft verkümmert oder 
in falscher Richtung verpufft. 

So fügt sich denn Ja'kub Kadri, als er nach der Revolution 
nach Stambul kommt, in das dort herrschende Schema der Schul- 
richtungen schlechterdings nicht richtig ein. Die Stellung", die er 
in dem dortigen ewigen Streit der Literatengruppen dann einnahm^ 
läßt sich, scheint mir, aus persönlichen und sachlichen Gründen 
wohl begreifen, mag sie auch auf den ersten Blick befremdlich 
erscheinen: Ja'kub Kadri, der durchaus moderne Denker und 
Künstler, schlug sich nämlich auf die Seite der Gegner der AUer- 
modernsten. 



HaHmanti, JtCkuh Kadri. 267 

scwoeetxxxxaoooeeeaoooooooooooooooooooocooooooooooooooooooooooooooooooooocxxxioocooeooo o ooooooc^^ 

Seit langen Jahren herrscht unter den Literaten erbitterte Fehde 
zwischen den Verteidigern der herkömmlichen persisch-arabischen 
quantitierenden Versmasse und den Verfechtern der dem Türkischen 
viel angemesseneren wiederbelebten Sübenzählung. Und damit 
verbindet sich der Gegensatz zwischen der überkommenen, von 
arabischen und persischen Elementen durchsetzten Literatursprache 
und reinem Türkisch. Denen, die am Alten haften, stehen nicht 
bloß die schroffen Puristen gegenüber, die alles Arabische und 
Persische verpönen und ein so reines Türkisch schreiben wollen, 
daß das Volk es schheßHch vor lauter veralteten Worten erst recht 
nicht versteht, sondern vor allem in neuerer Zeit die Richtung 
derer, die schreiben wollen, wie das Volk spricht, in dem Sinn, 
daß sie die arabischen und persischen Worte ruhig beibehalten, 
wenn sie das Volk versteht, aber den fremden Satzbau vollends 
ausmerzen wollen. Diese Richtung, die der Jeni JJsau, der „neuen 
Sprache", die sich um die Zeitschrift Gendsch Kalemler gruppierte, 
hat zu Vertretern eine Reihe der bedeutendsten modernen Dichter 
und Kritiker wie Ali Dschanib und Omer Seifeddin. In engster 
Beziehung steht sie offenbar mit einer Gruppe in der literarischen 
Welt, die mehr das gedankliche als das sprachliche Moment als 
Programmpunkt auf den Schild erhoben hat, den türkischen 
Nationalismus, als dessen erster Vertreter Mehmed Emin gelten 
kann, wenn er die Spezielle Form des modernen Turaniertums 
auch anderen, Zija Gök Alp und Chalide Edib 1, verdankt. 

Die Gegner nun, die ihnen als Vertreter des Alten gegenüber- 
stehen, sind Männer, die ohne sich dem Modernen in Sprache und 
Gedankenwelt zu verschheßen, doch den Wert des Traditionellen 
höher einschätzen, nicht mit der Tradition brechen, sondern 
herüberretten wollen, was davon wertvoll ist. Es handelt sich also 
keineswegs um Reaktionäre — die halten sich mehr im Dunkeln — , 
es sind vielmehr die Kräfte, die nicht revolutionär, sondern re- 
formatorisch vorgehen wollen. Natürüch versteckt sich bei ihnen 
leicht, was aus Trägheit und Unfähigkeit am Alten klebt, aber es 
sind oder waren dabei eine Reihe von Männern von hervor- 
ragenden dichterischen und kritischen Quahtäten. Auch politisch 
sind diese Kreise dann meist nicht gerade Anhänger der neuesten 
Mode. Ist der Turanismus, die Richtung, die das Türkentum den 

^ Vgl. Halide Edib Hanum, Das neue Turan [übers, v. Fr. Schrader] = Deutsche Orient- 
bücherei 6. 



2 68 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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anderen Nationen des Reiches gegenüberstellt, aber darin nicht 
bloß die Türken des Osmanischen Reiches, sondern all die weit- 
verzweigten Türkenvölker begreift, die jüngste Richtung im 
türkischen Geistesleben, die zurzeit auch starken Einfluß in der 
Poütik der Regierung zu haben scheint, so stehen ihm doch noch 
lebendig die älteren Ideale des osmanischen Staatsgedankens, der 
seine nächste Parallele im bewußten österreichertum hat, und der 
gemeinislamischen Idee gegenüber, Ideale, die in der Zeit des 
extremen Nationalismus vielleicht etwas altmodisch anmuten, aber 
in Ländern, die nach ihren Siedlung'sverhältnissen nun einmal 
keine reinen Nationalstaaten sein können, vielleicht doch von 
nüchternerer praktischer Einsicht zeugen. 

Als nun nach der Revolution die geistige Bewegung der Haupt- 
stadt zu neuem, oft wohl etwas ungezügeltem Leben erwachte und 
vor allem die jungen Stürmer und Dränger der Jeni Lisan-Be- 
wegung eine eifrige Tätigkeit entfalteten, da schlössen sich 1909 
auch die ruhigeren Vertreter eines nicht sprungweise, sondern 
normal verlaufenden Fortschrittes zusammen. Es scheint, daß sie 
von einer Buchhandlung, in der sie sich zu versammeln pflegten, 
ihren Namen Fedschr-i ätl „kommende Morgenröte" entlehnten. 
Unter den Gründern dieses neuen Klubs wird vor allem Schihab- 
eddin Süleiman genannt, der einem Adelsgeschlecht in dem 
kleinasiatischen Balikesri entstammt und sich außer durch seine 
dichterischen Werke auch durch eine Literaturgeschichte einen 
Namen gemacht hat. Weiter gehörten in diesen Kreis der ältere 
Ahmed Haschim, der französisch -türkische Dichter Izzet Melih 1 
und der Gelehrte Köprülüzade Mehmed Fu'ad. Als Dichter 
genoß aus dieser Richtung wohl der empfindsame Dschelal Sahir 
die größte Beliebtheit. Auch Männer wie der hochangesehene 
Dschenab Schihabeddin wie Süleiman Nazif und Fazil Ahmed 
standen dieser Gruppe nahe. Dichter, die man heute zu der älteren 
Generation zählt und von denen z. B. der zweite noch stets als 
Hauptgegner der jüngsten Schule gilt. Auch Refik Chalid, dem 
Ja'kub Kadri eine seiner Novellen gewidmet hat, mag noch als 
Glied dieses Kreises erwähnt sein. 

Wie der junge Ja'kub Kadri nach Stambul kam, wurde er durch 
seinen ehemahgen Schulkameraden Schihabeddin Süleiman in den 
Klub eingeführt. Es waren also zunächst rein persönliche Be- 

1 Vgl. Izzet Mclyh, Leila, übers, von E. österhcld, Berlin 191 3/1 4. 



Hartmann, Ja^knb Kadn. 269 

ooooo<x)o<x)oooosoosoooooooooooooooooooooooooooooööö8öooeöOöoeoooeBoöee6oo^ 

Ziehungen, die ihn in diese Umgebung führten. Es ist nicht von 
der Hand zu weisen, daß auch die g^esellschaftliche Herkunft ein 
Band war, das diese Kreise einigte. Gehören sie doch zu einem 
guten Teil der türkischen Aristokratie an. Daß gerade die Mit- 
glieder alter vornehmer Familien die Träger der konservativeren 
Richtung sind, begreift sich ja von selbst. Ihnen ist die alte 
Kultur so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ihnen jeder 
Bruch damit ein Verlust sein muß. Und weil sie die Werte des 
Alten wirklich erleben und verkörpern, sind sie der Jeni Lisan-Be- 
wegung besonders gefährlich. Die guten Vertreter des Alten 
sind ja stets die gefährlichsten Geg"ner des Neuen. 

Ja'kub Kadri fand in dem Fedschr-i äii-K^reis auch ganz spezielle 
Interessengemeinschaft vor. So konnte ihn, der Le Bon und 
Nordau mit Eifer studierte, das Arbeitsgebiet Mehmed Fu'ads an- 
ziehen, der ja Le Bon ins Türkische übersetzte. Daß Ja'kub 
Kadri, auch als der Klub sich auflöste und manche seiner Mit- 
gUeder und nicht die schlechtesten — ins feindliche Lager über- 
gingen, der alten Richtung treu blieb, das mag noch einen be- 
sonderen Grund haben. Ja'kub Kadri ist offenbar in der Haupt- 
sache sein eigener Lehrmeister. Er hat sich aus eigener Kraft, 
wenn auch natürlich an Vorbildern geschult, einen Stil gebildet, 
der die türkische Sprache — mag sie auch nicht reines Türkisch 
sein — zu solcher Eleganz und Ausdrucksfähigkeit meistert, daß 
sich ihrem Zauber kein Leser wird entziehen können. Da mag, ja 
muß ihm, dem glänzenden Stilisten, das Theoretisieren der Jüngsten 
recht schulmeisterlich und philiströs erscheinen. Würden all die 
Vertreter der alten Schule die Sprache Kadris schreiben, so 
wäre das Gebaren der Jüngsten dem gegenüber in der Tat nur 
schulmeisterlich. Aber seine Sprache ist eben die Sprache des 
schöpferischen Dichters, deren Wert oder Unwert nicht von 
einigen fremden Wörtern und Wendungen abhängt. Von den 
andern kann das meist gewiß nicht gesagt werden, vgl. nur 
M. Hartmanns Urteil über den Stil des Literaturhistorikers Schihab- 
eddin Süleiman in MitteU. des Sem. für Orient. Spr. XIX, 1916, 
2. Abt. S. 145 Anm. 2. Von Kadris »Standpunkt aus aber 
begreift man die Abneigung gegen die Jeni Lhanliler. Der 
wirkliche Dichter braucht die stilistischen Theorien nicht. Er 
trägt den Maßstab für das Urteil in sich selbst. Diese An- 
erkennung kann der »Stilist Ja'kub Kadri für sich fordern. Und 
Ja'kub Kadri ist nicht bloß ein guter Stihst, er ist auch wirklieb 

Die Welt des Islams, Band V. l8 



2 70 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

eo©oeooeoooooooooooooooooooooooooooooooooooooc»xxxx)0ocooooooooooooocxx)c<x)0oc)oooooo(^^ 

ein schaffender Künstler. Dem schaffenden Künstler bleibt die 
Sprache doch nur das Werkzeug, Dem gegenüber wirken die 
Leute, die sich über Worte und Sätze in die Haare geraten, 
wirklich oft kleingeistig. Die lautesten Rufer in diesem Streit 
sind nun naturgemäß die jüngste Schule. Da begreift man, daß 
sich der Unwille des Dichters, der über der Form nicht die Sache 
vergessen wiU, gegen sie richtet, um so mehr als die eigentlichen 
Kampfhähne Ebenbürtiges bisher kaum vorzubringen haben, wenn 
wir von dem Lyriker Ali Dschanib, der aber, soweit mir bekannt, 
seine unzweifelhafte künstlerische Ader bisher doch nur in wenigen 
Proben gezeigt hat, und Omer Seifeddin, von dem Ähnliches gilt, 
absehen. 

In Buchform ist von Ja'kub Kadri, wie bereits erwähnt, bisher 
nur ein Band von Erzählungen erschienen, der nach der ersten 
größten Novelle Bir Serendscham „Ein Schicksal" benannt ist 
(Konstantinopel 1330). Mehrere der hier gesammelten Geschichten 
sind bereits von Hachtmann besprochen. Der Band verdient aber 
noch nähere Beachtung. 

Es wäre interessant zu wissen, in welcher Reihenfolge die ver- 
schiedenen Erzählungen entstanden sind. Dann wäre es uns 
leichter, die Entwicklung des Dichters selbst zu verfolgen. Aber 
einiges können wir, denke ich, aus den Dichtungen selbst er- 
kennen. 

So darf man wohl die Titelnovelle auch zeitlich an den Anfang 
setzen. Sie trägt, scheint mir, den Stempel einer noch nicht ganz 
reifen Jugendarbeit. Zwar der treffliche Stilist und der gewandte 
Gestalter, der mit spielender Leichtigkeit anschauliche Bilder 
und spannende Szenen entwirft, ist Kadri auch hier. Aber der 
gedankliche Inhalt ist ziemlich bescheidener Art. Auf der ver- 
fallenen Mauer eines Gartens am Nil in Kairo sitzend, erzählt ein 
älterer Freund dem Dichter — die Einkleidung kommt bei Ja'kub 
Kadri öfter vor — eine 1001 -Nacht-Geschichte, in der er hier in 
seiner Jugend eine wenn auch ziemlich passive RoUe gespielt hat. 
Was er nun erzählt, das ist die Geschichte seiner Verliebtheit in 
eine schöne stolze tscherkessische Odalik, deren Bekanntschaft er 
auf der Überfahrt von Konstantinopel nach Ägypten gemacht hat 
und deren einziges Streben die Befreiung aus der ägyptischen 
Knechtschaft und die Rückkehr in die zweite Heimat, Stambul, 
ist. Die Geschichte der im Grund einseitigen Verliebtheit ist mit 
erschrecklichen Szenen aus dem Haremsleben und etwas senti- 



Uartrnumu J(i^hih Kadri. 271 

OOOO©0OCXX>O00CXX)O(XXXXXXXXX»00O0000OOO0O000(X)0000C<XXXXX»CXXXX)OO000O0O0CX^ 

mentalen Schilderungen des Gemütszustandes des unglücklich 
Verliebten reich aufgebaut, die ihr auch bei uns ganz gewiß 
dankbare Leser in Menge verschaffen würden, und endet damit, 
daß die Geliebte in dem Moment, wo man erwartet, sie mit dem 
Verehrer nach Stambul flüchten zu sehen, aus seinem Gesichts- 
kreis verschwindet — für immer. Die Haremsvorhänge verraten 
ihr Geheimnis nicht mehr. Die Erzählung enthält übrigens auch 
kulturgeschichtlich interessante Schüderungen, so die faszinierende 
Beschreibung der Volksfestüchkeiten in der Zeit des Möüd en-Nehi 
mit der Döse, der jetzt abgeschafften Zeremonie, in der ein Derwisch- 
Schech zu Roß über die Leiber der am Boden Hegenden Frommen 
hinwegreitet, ohne daß einer von diesen Schaden nimmt, Dinge, 
die uns mit größerer wissenschaftlicher Genauigkeit Lane in seinen 
Manners and Customs of the Modern Egyptians vorgeführt hat, aber 
mit weniger künstlerischer Farbe. Zeigt der Dichter in dieser Ge- 
schichte schon, wie gesagt, voUe Vertrautheit mit dem technischen 
Rüstzeug, so bleibt andererseits der Gedankengehalt recht be- 
scheiden. Es ist eine einfache Liebesgeschichte. Aber näher 
gebracht werden einem die beiden Hauptpersonen eigentlich nicht. 
Sympathie hat man gewiß mit der Odalik, weil sie schön, stolz, 
energisch und unglücklich ist. Aber mehr erfährt man von ihr 
doch kaum. Von dem Helden der Erzählung kann man nicht 
einmal soviel sagen. Er ist wahnsinnig verliebt, reflektiert, 
schluchzt und verzweifelt, er gibt der Odalik, deren Sehnsucht 
nicht seiner Person, sondern der Freiheit gilt, zu der er ihr ver- 
helfen soll, heüige Versprechungen, alles, alles zu tun, was sie 
wolle. Aber etwas zu tun ist er schlechterdings nicht imstande; so 
hat ihn die Liebe zugerichtet. Von Charakterzeichnung, von einer 
psychologischen Entwicklung so gut wie nichts! Diese etwas 
kläglichen „interessanten" Jünglinge sind in der osmanischen 
Literatur der letzten Generation nichts so ganz Seltenes. Und 
auch das steht hier nicht vereinzelt da, daß die kräftigeren Figuren 
Frauengestalten sind. Die Novelle ist Unterhaltungsliteratur ganz 
leichter Art, und nur die Gabe einer eleganten Sprache und aller- 
dings außerordentlich geschickter Darstellung verraten den wirk- 
lichen Künstler. 

Nun hat Ja'kub Kadri denselben Vorwurf noch einmal bearbeitet 
in Bir Olünün Mektublary „Briefe eines Verstorbenen"; oder genauer: 
eine Szene, die in der Geschichte Bir Serendscham. nur eine unter 
vielen ist, ist hier zum Leitmotiv der einfachen Handlung der 

18* 



2 72 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

aC<»X)OOOCyX)OCOOOOOOC<XX30CO<X><XXXX)OOOC300CCOOOOOOOC)C»0^ 

Erzählung geworden! Es ist die Szene, wie der Held der Er- 
zählung in el-Gize unter der Menge des Erfrischung und Erholung 
suchenden Volkes plötzlich die verehrte P>au im eleganten Wagen 
vor sich sieht. Während die erste Erzählung reich bewegt ist 
voUer Handlung, ist diese Szene in der zweiten — vom Ende 
abgesehen — eigentlich die einzige Handlung des Stückes. Ist 
die erste eine durch spannende Situationen und Abenteuer unter- 
haltende Geschichte, so gibt die zweite eine psychologische Ent- 
■\vicklung. Die Einkleidung ist hier die, daß eine hochstehende 
Dame einigen Bekannten, darunter dem Erzähler, ein Bündel 
vergilbter Briefe zeigt, die vor 25 Jahren ein unglücklicher Mann 
an sie geschrieben hat. In diesen Briefen aber liegt eine Wucht 
des Ausdrucks seelischer Empfindung. Erschüttert erlebt man 
den verzweifelten Kampf, den das Selbstbewußtsein des Brief- 
schreibers mit dem unwiderstehlichen Zwang der Verliebtheit 
streitet. Mit Schaudern ahnt man das Dasein der wilden Bestie 
im verborgensten Winkel des menschlichen Herzens, von dem er 
unheimlich drohend spricht. Eine dämonische Kraft packt und 
schüttelt ihn und tobt sich in dem wilden Wechsel von ehren- 
rührigen Beschimpfungen und völligem Sichselbstverlieren in Liebes- 
wahnsinn aus. Schließhch scheint sich schon ein Ton von Resig- 
nation in den Briefen durchzuringen. Ein letzter Brief ersucht 
die unnahbare GeUebte, frühmorgens vor Tagesanbruch mit ihrem 
Gefolge eine Fahrt durch die Gärten von Gize zu machen; sie 
werde es nicht bereuen, denn sie werde etwas sehen, was sie 
noch nie gesehen und nie mehr sehen werde, etwas ganz Merk- 
würdiges, ganz Komisches. Sie tut, wie er wünscht, unternimmt 
die abenteuerliche Fahrt in der Morgeneinsamkeit. Da plötzlich 
stockt, schon in den Gärten von Gize, der vorausfahrende Wagen 
mit dem Gesinde! Ein Tumult, entsetzte Schreie. An einem 
Baum am Wege hängt ... ein entseelter Leichnam: es ist der 
Schreiber der Briefe. 

Man sieht: welch ein gewaltiger Unterschied zwischen den 
beiden Geschichten! Ich glaube nicht, daß man im Zweifel sein 
kann, welche die ältere, welche die jüngere ist. Rein technisch 
ist die Vereinfachung der Handlung offenbar ein Fortschritt, da 
sie zugleich eine Vereinheitlichung bedeutet. Die braucht der 
Dichter um so mehr, als ihm jetzt der seelische Vorgang die Haupt- 
sache ist. In der ersten Erzählung hält sich die seelische Ent- 
wicklung im Rahmen der BackfischUteratur. Und was ist nun 



Hartvumn, Ja'^k\0> Kndri. 273 

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daraus geworden! Und wie unheimlich erschütternd und er- 
schreckend versteht der Künstler zu zeichnen. Dort war er nur 
Erzähler, hier ist er Künstler. 

Und der Künstler ist Psycholog. Psycholog, der die mensch- 
liche Psyche kennt, der ganz besonders auch die kranke Psyche 
kennt und vielleicht eine leichte Vorliebe hat für das Psycho- 
pathische. Ganz in das Psychopathische führt eine andere Er- 
zählung Jalynyz Kalkmak Korkusu „Furcht vor der Einsamkeit". 
Madschid soll sich von seiner ständigen Begleiterin Ernestine end- 
lich trennen; kein Mensch begreift, was er an ihr so Besonderes 
findet. Aber für ihn hat schon der Gedanke daran etwas Un- 
mögliches. Warum? In letzter Stunde entschließt er sich dazu, 
zu erzählen, was er selbst nicht versteht, was er aber erlebt hat 
und noch in sich fühlt. Es war auf seiner Reise nach Europa, 
nach Paris; da überkam ihn unterwegs ein unbegreifliches Gefühl, 
daß all seine bisherigen Lebensbeziehungen von ihm abglitten, 
so daß er nur noch eine gähnende Leere empfand. In Paris 
steigert sich dies beängstigende, unheimliche Gefühl. Er kommt 
sich selbst als ein Fremder vor. Die Angst vor dem Alleinsein 
mit sich selbst nimmt immer unerträglichere Formen an, bis er 
in einer schlaflosen Nacht hinausläuft und ziel- und planlos durch 
die Straßen rennt. Als ihn dann schließlich die Ermüdung über- 
mannt, hat er keine Ahnung mehr, wo er ist. In dieser Situation 
spricht ihn ein Straßenmädchen an, das den vöUig apathischen 
Madschid schüeßlich glücklich in sein Hotel bringt und bei ihm 
bleibt. Ihre Anwesenheit gibt ihm ein Gefühl der Sicherheit und 
Ruhe. Und so behält er sie vom einen Tag zum andern bei sich. 
Schon der Gedanke an die Trennung droht ihn in den fürchter- 
lichen alten Zustand zurückzuwerfen. Ernestine aber bringt ihn 
aus den Fesseln des Wahns wieder in die Wirklichkeit zurück. 
Das ist der Grund, weshalb er Ernestine, in die er gar nicht eigent- 
Hch verliebt ist, allem Widerstand seiner Angehörigen und Freunde 
zum Trotz nicht lassen kann. 

Diese kurze Geschichte ist vielleicht nicht in allen Einzelheiten 
so geschickt ausgeführt wie manche andere. Es mag sein, daß 
Ja'kub Kadri das europäische Milieu doch nicht so liegt, wie das 
des Orients. Hier — wie übrigens in geringerem Maß auch bei 
der vorher besprochenen Geschichte — möchte man wohl am 
ehesten an eine direkte Anlehnung an ein abendländisches Vorbild 
denken. Auf jeden Fall wäre aber die geistige Verarbeitung 



2 74 -^*"« ^^^^^^ d^^ Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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glänzend gelungnen. Und eindrucksvoll ist auch diese letzte Ge- 
schichte. Trefflich ist es, wie die Steigerung der Monomanie dem 
Leser nahe gebracht wird, daß sie ihm am Ende kaum mehr als 
etwas Abnormales vorkommt, sondern als eine ganz begreifliche 
und natürliche Sache. 

Wie in den erstgenannten Erzählungen eine und dieselbe Szene 
zu so völlig verschiedener Gestaltung Anlaß gegeben hat, so stehen 
noch zwei andere Geschichten sich stofflich außerordentlich nahe. 
Beide behandeln das Schicksal eines kleinen türkischen Beamten 
der, zum Leben in einem anatolischen Neste verdammt, in der 
Sucht nach einem reicheren Lebensinhalt nicht ohne eigene Schuld, 
aber doch letzten Endes als ein Opfer der Lebensenge ein 
tragisches Ende nimmt. 

Bir Terdschenie-i Hai „ein Lebenslauf", das schon von Hachtmann 
eingehend gewürdigt ist, hat die Form der Biographie eines schon 
von Kindheit an vom Schicksal Verfolgten. Die freudlose, durch 
Verleumdungen verbitterte frühe Jugend des Verwaisten prägt 
seinem Charakter in unglücklicher Weise ein scheues gedrücktes 
Wesen auf. Sein höherer Bildung^sgang gibt Nedschdet wohl ein 
Gefühl der Überlegenheit, aber in die Heimat zurückgekehrt, er- 
fährt er, daß die Entfremdung, die dies mit sich bringt, sich 
schließlich gegen ihn kehrt. Die dumpfe träge Masse erweist sich 
stärker als der lebhafte Entwurzelte. Die immer neuen Mißerfolge 
und Mißgeschicke machen ihn vollends unsicher, zerfahren und 
eigensinnig. So oft ihm auch der Stern einer befriedigenden 
Tätigkeit und Anerkennung winkt, im Begriff, ihn zu greifen, 
stürzt er jäh in die Tiefe zurück. Und das Tragische ist, daß er 
das schauerlich triviale Ende, das er, von der dumpfen Wut des 
fanatischen Pöbels zu Tode gehetzt, nimmt, durch seine Starr- 
köpfigkeit selbst verschuldet hat. Hachtmann stellt die Erzählung 
mit Recht hoch: „Diese Geschichte ist mit der kühlen Ruhe eines 
biographischen Artikels erzählt. Um so mehr wirkt sie. Der Leser 
zweifelt gar nicht, daß sie Satz für Satz wahr ist. Nun, innerlich 
wahr ist sie auf jeden Fall." „Der eigentliche Stoff" ist „der dumpfe 
Fanatismus der Menge, der Trieb zu vernichten, der sich als 
religiöse Pflicht gebärdet." In diesem Urteil liegt viel Richtiges. 
Gewiß spürt man in dem gellenden Ausbruch der dumpfen tieri- 
schen Triebe der Menge den Sozialpsychologen, und nicht bloß 
darin. Aber der eigentliche Stoff der Erzählung ist doch vielmehr, 
wie das unbarmherzige Schicksal den Charakter des Menschen so 



Hartmann, Ja''kuh Kadri. 275 

ee0OeO0O0CXX>CXXy>300OCXXX>>>XXXXXX>CXXX)00000O00O0O(XM000000000000000OOO00O00O0O00OO0CXXXXXIOO^ 

unglücklich formt, daß das tragische Ende unvermeidlich erscheint. 
Und die Erzählung wirkt im ganzen wahr, gewiß! Aber die 
Sprünge, die Nedschdet macht, sind doch größer, als sich aus der 
knappen psychologischen Entwicklung hinreichend erklärt. Man 
versteht nicht recht, wie der erst etwas apathische Nedschdet 
immer wieder die Energie zu einem kräftigen neuen Anlauf auf- 
bringt. Vielleicht spiegelt sich hierin ein oft konstatierter Charakter- 
zug des Türken, sich mit überraschendem Feuer blind auf etwas 
Neues zu stürzen, mit einem Feuer, das dann leider so oft nicht 
anhält. Jedenfalls wird uns das auf den 45 kurzen Seiten nicht 
ganz begreiflich. Die Erzählung leidet fast etwas wie die erste 
an einem Zuviel der Handlung, mit dem das — hier immerhin 
unvergleichlich viel reichere — Maß der psychologischen Erklärung 
nicht ganz Schritt hält. In dieser Hinsicht scheinen mir die Ge- 
schichten glücklicher zu sein, die die Handlung auf ein kurzes 
einheitliches ßüd beschränken. 

Das ist der Fall in der Novelle Basken „Der Überfall", die eine 
Parallele zu Bir Terdscheme-i Hai darstellt, ganz ähnlich wie die 
,3riefe eines Verstorbenen" zu „Ein Schicksal". Freilich der Ge- 
dankengehalt ist hier ein wesentlich bescheidenerer als in dem 
„Lebenslauf", und deshalb kann man geneigt sein, die Erzählung 
trotz ihrer größeren Geschlossenheit früher anzusetzen als diesen. 
Wir lernen den Obersekretär des Verwaltungsbureaus in Mag'nisa 
Hümi Efendi, kennen, wie er bei rauhem, stürmischem Winterwetter. 
nach Absolvierung seiner Bureaustunden seinen täglichen Gang 
nach der Bahnhofswirtschaft antritt, wo er bei einem Mastika die 
Ankunft des Abendzuges erwartet. Das ist ja das einzige, was 
ihn seit zwei Jahren mit der entschwundenen lockenden großen 
Welt draußen verbindet. Für den jungen, lebenskräftigen Mann, 
der frohere Tage gesehen, erscheint die Aussicht, sein Leben in 
solcher keinem frischen freien Gedanken zugänglichen Umwelt in 
elendem Bureaustumpfsinn beschließen zu müssen, wie lebendiges 
Begrabensein. Immerhin, eine Abwechslung ist seit zwei Monaten 
in sein trostloses Leben gekommen, die Anknüpfung von ver- 
schwiegenen Beziehungen zu einer jungen Witwe in seiner Nach- 
barschaft. Und gerade jetzt, wie er in einer durch das üble Wetter 
noch vertieften seeüschen Depression nach Hause kommt, fliegt 
ihm — worauf er nicht mehr recht gehofft — ihre Einladung zu 
einem nächtlichen Besuch zu. Zwar wird ihm bei dem Gedanken 
an das Abenteuer doch etwas unbehaglich zumute, aber die Sehn- 



276 THe Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

K«oeoooooooooooo(X>oooooociooooocKXXxxxx)ooooooooo<xxxxxxxx}OQOoeoooooooooooaoooooo^ 

sucht nach etwas anderem überwiegt. Und während draußen der 
wilde Winter sich austobt, kommt es in der warmen erhellten 
Kammer zwischen den beiden jungen Leuten zu einer schwülen 
Szene. Da poltern in die Schwüle der Kammer rauhe Faustschläge 
gegen die Haustür: das Geheimnis ist doch ruclibar g^eworden, 
und nun ist der Pöbel bei der ersten Blöße, die sich der — nur 
eben, weil er anders, weil er von draußen ist — längst Gehaßte 
gibt, entschlossen, sich sein Opfer nicht mehr entreißen zu lassen. 
Er bricht in das Haus. Das Fenster bleibt der einzige Ausweg. 
In blinder Verzweiflung, durch den Schnee getäuscht, tut der 
Gehetzte einen unglücklichen Sprung. In dem Frauenhausrock, 
den ihm die Geliebte gegeben, seine eigenen Kleider unter dem 
Arm, findet die Meute der Verfolger Hilmi Efendi tot im Schnee 
liegen. 

Die Parallele mit der vorigen Geschichte liegt auf der Hand, 
trotz des gToßen Unterschiedes, der natürlich sofort in die Augen 
fällt. Die Handlung ist unendlich viel einfacher, äußerlich nur eine 
unerquickliche Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang. Doch 
das unreinliche Liebesabenteuer wird erst verständHch auf dem 
Grunde des sozialen Problems des Erstickens des Individuums in 
der trostlos engen Dumpfheit einer hinterwäldlerischen Kleinstadt. 
Gewiß ist Hilmi, so wenig übrigens wie Nedschdet, keine erfreu- 
liche, sympathische Persönlichkeit. Er ist ein unreifer, im Grunde 
schwächlicher Mischmasch; aber er ist ein Typ, wie er in der 
Türkei gewiß nicht selten ist. Wer, der je in der Türkei gereist 
Ist, hat nicht diese unbedeutenden, halbmodernisierten und sich in 
der entlegenen Provinz verkannt und totunglücklich fühlenden Be- 
amten kennen gelernt? Es ist eine Leistung-, daß ein Türke so 
mit scharfem Blick die Zusammenhänge erkennt, die so manchen 
dieser Leute unwiderstehlich zum Bankrott geführt haben mögen. 
Das Eingreifen der Masseninstinkte ist, wie wir gesehen haben, 
ein für den Sozialpsychologen Ja'kub Kadri charakteristischer Zug, 
es ist aber hier jedenfalls noch weniger als in für Terdscheme-i Ilal 
der Hauptgedanke. Doch nicht diesen Zug, sondern eher die ver- 
tiefte Problemstellung könnte man trotz gewisser aus der Formung 
fließender Bedenken für die spätere Ansetzung des „Lebenslaufs" 
geltend machen. 

Was die beiden Erzählungen so wirkungsvoll macht, das ist die 
überzeugende \Vahrheit nicht so sehr aller Einzelheiten als des 
Gesamtbildes. Ja'kub Kadri kennt die sozialen Verhältnisse Ana- 



Hartmann, J^i^kuh Kadn. 277 

O<XX3OC)0<XX)0OOOO0O0OOO0CXX3OO0OO0O00O<XXXXXXXXX)00O0O<»00O0O000O0OOO0OOOO<XXXXXXXX)OCXXXXXXXXXXXXXXX0O^ 

toHens. Er zeichnet Bilder aus dem Leben seines Heimatlandes. 
In dieser Hinsicht sei hier noch eine andere anatolische Geschichte 
angereiht, die freilich in ganz anderen Kreisen spielt, ein farben- 
sprühendes Bild aus dem Türkentum älteren Schlags Bir Kadyn 
Mes'elesi „Eine Weibergeschichte". Bei dem reichen Gutsherrn 
versammeln sich zur abendlichen Unterhaltung an einem stürmi- 
schen Wintertag die Honoratioren des Landstädtchens. Da kommt 
die Rede darauf, daß ein junger Verwandter des Hausherrn in 
Smyrna die Frau, mit der er zusammenlebte, wegen Untreue er- 
mordet habe und geflohen sei. Das Urteil über den Täter ist 
nicht etwa verdammend, eher bemitleidend, und man denkt an die 
gute alte Zeit, da die Behörde solchen Geschehnissen noch das 
nötige Verständnis entgegenbrachte — wie der Hausherr aus 
eigener Erfahrung weiß. Prächtig ist geschildert, wie die Spieß- 
bürger pflichtschuldig das einstimmig^e Echo des Hausherrn sind. 
Mit köstlichem Humor ist gezeichnet, wie die Biedermänner dem 
Raki huldigen: der eine hält beim Trinken mit zwei Fingern die 
Nasenlöcher zu, der andere legt zu diesem Zweck den Turban ab 
— mit dem Turban auf dem Kopf trinkt er nie Raki. Da erzählt 
der halbgelähmte alte Lebemann, anknüpfend an die Geschichte 
seines Neffen, eine Episode aus seiner tollen Jugendzeit. Lange 
hatte ihn eine bildschöne rassige, aber völlig skrupellose Syrerin 
gefesselt, deren lose Lieder und ungezügelte Tänze seine Sinne 
reiften. Er hatte sie selbst auf sein Gut mitgeschleppt, wo sie 
sogleich alle Männer toU zu machen anfing. Eines Tages nun — 
es war der Chizr-Ilias-Tag — hatte er mit seinen Verwandten und 
Freunden ein Gelage, wo sie alle einschließlich Dschemile — so 
hieß die Kurtisane — sich toll und voll tranken. Noch in die 
Nacht hinein setzten sie das Gelage fort. Da kommen ein paar 
von seinen Freunden auf den Einfall, Dschemile solle tanzen. Die 
Musikanten, die der Gastgeber aus Smyrna hatte kommen lassen, 
spielep noch unermüdlich auf. Und da — ihm selbst war es eigent- 
lich doch unangenehm — wacht Dschemile, die, vom Schnaps über- 
mannt, halb schlafend neben ihm gelegen hatte, auf und fängt zu 
tanzen an. Sie tanzt in dem Helldunkel der Mondscheinnacht vor 
den Augen der trunkenen, lüsternen Männer mit ihren nackten 
Armen und kaum bedeckten Schultern. Sie tanzt so toll, so 
leidenschaftlich, wie er es noch nie gesehen. Da fängt er den 
Blick eines der Geladenen auf, einen wilden, gierigen Blick, und 
er sieht mit kaltem Entsetzen, daß all ihr Feuer, all ihre Glut dem 



2 78 Die Welt des lsla}7is, Band V. 1917, Heft 4 

JKXX»C»0<X)OO00O<XXX>00O00CXX>0000000O0000OOO000<XXXX)OCXXXX)00O0 

gilt, daß sie für den tanzt. Und in rasender Eifersucht beschließt 
er, Rache zu nehmen. Sie tanzt und tanzt, und wie sie ihm nahe 
kommt, hebt er den kleinen Revolver, den sie ihm einst ge- 
schenkt: ein Knall — und das tanzende Weib sinkt erschossen 
zu Boden. 

Das erzählt der alte Genußmensch, während der Sturm an die 
Fenster schlägt und die würdigen Genossen ihren Raki trinken; 
und prachtvoll ist gezeichnet, wie im Strom der Erinnerung das 
wilde Feuer wieder aus den Augen des alten Kraftkerls aufflackert 
wie in den wilden Tagen seiner Jugend. 

Die Erzählung liest sich schlicht und anspruchslos. Von tieferen 
psychologischen oder soziologischen Problemen keine Spur. Viel- 
leicht weist in der Technik manches, so die Einkleidung als Er- 
zählung eines Dritten, das starke Arbeiten mit Gegensätzen im 
Müieu, auf eine Periode, da Ja'kub Kadri auf solche kleineren 
Kunstgriffe, die er übrigens wirksam verwendet, noch nicht ver- 
zichten zu können glaubt. Sollte die Erzählung daher der früheren 
Periode des Dichters angehören, so zeigt sie nur um so schärfer, 
daß er sein Bestes aus sich selbst hat, die sprüliende Phantasie 
des gestaltenden Künstlers und die glänzende Handhabung der 
Sprache. 

Als die reifsten Stücke des Buches — gleichgültig, ob es die 
neuesten sind oder nicht — dürfen wohl die beiden auch von 
Hachtmann besonders hervorgehobenen Erzählungen Nehbasch „Der 
Leichenräuber" und Schapka „Der Hut" gelten. Beide zeugen von 
ernsten, psychologischen Studien, die wir ja auch schon in anderen 
Arbeiten erkennen konnten. Aber in der Form tritt die Tiefe des 
Gedankens hinter der schlichten und doch spannenden äußeren 
Handlung zurück, sie bleibt gewissermaßen latent, aber als latenter 
Untergrund, aus dem die ganze Geschichte fließt. Beide Geschichten 
zeigen Kadri zugleich auf der Höhe der Technik der Darstellung. 
Er braucht die kleinen Kunstmittel, deren er sich früher doch bis- 
weilen zur Erreichung besonderer Eindrücklichkeit bedient, jetzt 
nicht mehr, um im engsten Rahmen das Bild einer klaren, einheit- 
lichen Entwicklung zu geben. 

Der „Leichenräuber'* ist ein schwachsinniger Stromer, der eines 
Tages in Skutari auftaucht, ohne daß jemand weiß, woher er 
kommt und was er da will. Wie auf stillschweigende Verabredung 
stellt er sich, seit er einmal von dem faulen Kutscher eines herr- 
schafthchen Hauses für allerlei Stallarbeiten eine kleine Entlohnung 



Hartmann, Ja^hih Kadri. 1^<^ 

OOOOeO©OOOOOOC)eOOOOOOOOOOCKXXXXXXX>XKXXXXXXXXXXXXX»000<XXX)OOOOOOOC)0000000000000000000000 

erhalten, Tag für Tag dort ein und tut seine Stallknechtsarbeit. 
Er tut sie ganz gut, aber er hat zwei Fehler: er stiehlt, und er 
hat die sonderbare Gewohnheit, in dem malerischen Friedhof zu 
übernachten. Das letztere wird sein Verhängnis. Die junge Herrin 
verlangt seine Entfernung. Fassungslos steht der unglückliche Blöde 
der Situation gegenüber, daß er die ihm lieb gewordene Gewohn- 
heit aufgeben soll. Das bißchen Gleichgewicht seiner ärmlichen 
Seele ist damit vollends gestört. Er wird immer träger und un- 
berechenbarer. Da kommt eines Tages wieder ein neuer Gast zu 
ihm auf den Friedhof. Er erkennt in den Leidtragenden die 
Glieder des herrschaftlichen Hauses und erfährt, daß es die junge 
Herrin ist, die gestorben ist. Der Gedanke an die Tote hält ihn 
im Bann. Am Abend nimmt er aus einem Haus, in dem er kleine 
Dienste zu tun pflegt, einen Spaten mit und nachts bricht er das 
Grab auf. Warum? Aus Rache? Nein! Aus Raubsucht? Noch 
weniger, wenn er auch die Bretter und Tücher nachher mitnimmt. 
Aus einer Art unheimlicher Neugierde, aus einem unbegreiflichen 
inneren Zwang seiner stumpfen, tierischen Seele. 

Das ist geradezu meisterhaft schlicht und einfach erzählt. Das 
Unnatürliche wird unter Ja'kub Kadris Feder zum natürlichsten 
Ding von der Welt. Und so grauenhaft der Stoff auch ist, die 
Geschichte wirkt nicht widerhch. Der Stoff wird gewissermaßen 
durch die Darstellung des Künstlers über die Sphäre unserer Lust- 
und Unlustempfindungen emporgehoben und geläutert. 

Völlig anders ist das Miheu, dem die Erzählung „Der Hut" ent- 
nommen ist, die vielleicht auf viele Leser am stärksten wirkt. Der 
Hut gehört dem Bruder einer jungen Abendländerin, Ciaire, in 
Smyrna, die mit einem reichen, gebildeten Türken Fazil verlobt 
ist. Einer Laune seiner Braut zuüebe, zugleich in seinem Stolz 
als Türke ein wenig gekränkt, beschließt der junge Fazil in der 
gehobenen Stimmung nach der Mahlzeit, mit seiner Braut am 
selben Abend noch im Hut auszugehen. Im Innern freiüch ist 
ihm doch nicht ganz wohl zumute; denn er ist in Smyrna wohl 
bekannt und traut im Herzen dem Liberalismus der Volksmasse 
doch nicht recht. Das Unglück will es denn auch, daß sie in der 
Tram mit einigen beschränkten, ungebildeten Mushmen zusammen- 
treffen, die Fazil offenbar erkennen und nun ihn zu beobachten 
über ihn zu tuscheln und zu zischen beginnen. Fazil merkt es, 
merkt vielleicht mehr, als wirklich da ist. Er wird unsicher und 
nervös. Erleichtert atmen Fazil und Ciaire auf, als sie aussteigen. 



2 8o Die Welt des Idams, Band V. 1917, Heft 4 

Da, in dem halbdunkeln Hohlweg", der ihrem Ziele, dem Hause von 
Claires Tante zuführt, sind die unangenehmen Gesellen auf einmal 
wieder da, und nun werden sie frecher und sticheln und schimpfen 
offen und laut auf ihn. Da kann sich Fazil in seiner Ner\^bsität 
nicht mehr beherrschen; er läßt sich dazu hinreißen, dem einen 
von ihnen eine handgreifliche Lektion zu erteilen: ein kurzes Hand- 
gemenge folgt. Von Entsetzen g^elähmt, steht Ciaire daneben. Da 
machen sich die elenden Kerle aus dem Staub, und auf der Straße 
liegt unbeweglich und still der unglückliche Fazil und kann dem 
Verzweiflungsruf Claires keine Antwort mehr geben. 

Auch diese Erzählung ist ein Meisterstück, Wie sich die Tragödie 
innerhalb weniger Stunden entwickelt und abspielt, das ist mit 
überraschender Leichtigkeit zu voller Überzeugung-skraft gestaltet. 
Auch hier bildet meinem Eindruck nach nicht die Darstellung der 
„Seele der Massen" den Kern der Geschichte; die Entwicklung der 
Tragödie aus Fazils Gemütszustand ist es, die uns mit dem Gewicht 
zwingender Wahrheit ergreift. 

Die kurzen Inhaltsangaben vermögen natürlich nur von dem 
Stoff der Geschichten einen ungefähren Eindruck zu geben. Gewiß 
läßt schon der Stoff erkennen, daß Ja'kub Kadri nicht allein an 
der türkischen Literatur geschult ist. Aber er zeigt auch, daß 
von einer unmittelbaren Anlehnung an westeuropäische, zunächst 
französische Vorbilder meist gar nicht die Rede sein kann. Die 
Behandlung des Stoffes, das immer stärkere Vorwiegen der psycho- 
logischen Entwicklung erweisen vollends, daß der Dichter der 
modernen Literatur Europas Dank schuldet. Man kann bei ihm 
wirklich sogar von einem Zurücktreten des spezifisch national 
Türkischen sprechen. Dies scheidet ihn ja tatsächlich von den 
Neu-Turanern. Aber was Ja*kub Kadri von anderen gelernt hat, 
das ist so völlig sein Eigentum geworden, daß es eben nicht mehr 
als fremde Anleihe erscheint. Das ist nur möglich, wenn es seinem 
eigenen Genius kongenial ist. Und wenn es so ist, so heißt das 
eben, daß das Beste, das Wertvollste aus ihm selbst stammt. Daran 
kann, will mir scheinen, kein Zweifel sein. Und Hachtmann hat 
gewiß recht, wenn er ihn für den größten Künstler unter den 
modernen türkischen Erzählern hält. Es ist die Kunst, das Genie, 
das ihn über die Schranken des Nationalismus hinaushebt. Die 
meisten Produkte der türkischen Moderne darf man ruhig ihrem 
eigenen engsten Leserkreis überlassen. Ja'kub Kadri gehört in die 
moderne WeltUteratur. 



Hartnutnn, Ja^kuh Kadri. 281 

Unter dieser Voraussetzung darf dann doch auch noch aus- 
gesprochen werden, daß seine Erzählungen um ihres Stoffes, ihres 
türkischen Stoffes willen für uns einen besonderen sachlichen Reiz 
haben. Seine Gestalten sind Türken, sein Milieu ist türkisch. Und 
seine Helden sind nicht Theaterfiguren, das Milieu wird nicht von 
Statisten gestellt. Sie sind aus dem Leben gegriffen, sie atmen 
Leben, sind Fleisch und Blut vom Fleisch und Blut des Osmanen- 
tums. Bis zu einem gewissen Grad war das ja auch bei manchem 
der blutleeren Schwächlinge, die so lange die türkische Bühne be- 
völkerten, der Fall, wenngleich zu hoffen ist, daß sie in der Wirk- 
lichkeit nicht ganz so häufig waren wie im Drama und Roman. 
Aber diese jämmerlichen Zwitter waren doch glücklicherweise in 
der Hauptsache eine Spezialität der etwas degenerierten Haupt- 
stadt. Ja'kub Kadri aber erzählt uns Geschichten aus dem anatoli- 
schen Türkentum, Gewiß hat man an vielen seiner Gestalten keine 
reine Freude. Aber es sind doch Menschen, wenn auch mit ihren 
Schwächen und Fehlern, es sind keine Puppen. Und über die 
Zustände und die Menschen in Anatolien kann man aus seinen 
kleinen Geschichten mehr lernen, als aus mancher umfangreichen 
Reisebeschreibung. 

Das Beste, die schöpferische Gestaltungskraft des Dichters, kann 
natürlich nur der ermessen, der die Geschichten selber liest. Und 
eines, der Zauber der Sprache, wird für immer denen vorbehalten 
bleiben, die sie im Original g^enießen können. Und der ist — mag 
die Sprache auch keineswegs den Regeln der modernen Schule 
entsprechen — wirklich groß. Ja'kub Kadri hat die Sprache eben 
nicht aus einer Schule gelernt, er spricht die Sprache des Künstlers, 
des Genies. Es ist eine Eigentümlichkeit des Schriftstellers, daß 
er, auch wo er die Nachtseiten des Lebens schildert, nie abstoßend 
wirkt: seine Sprache gießt auch über die dunkeln Seiten einen ver- 
klärenden Glanz. 

Die Vorzüge sind in allen Erzählungen, wenn auch in ver- 
schiedenem Maß, vorhanden. Eine Entwicklung des Künstlers läßt 
sich, wie wir gesehen haben, in den Werken recht wohl erkennen. 
Aber sie betrifft nicht in erster Linie die schaffende Phantasie und 
die Sprache. Sie äußert sich mehr in der Vertiefung der Problem- 
stellung und in dem Fortschritt in der Komposition. In beiden 
Hinsichten kreuzen sich die Entwicklungslinien, so daß es nicht 
möglich ist, schematisch eine fortschreitende Reihenfolge der 
Schöpfungen aufzustellen. In beiden Richtungen hat Ja'kub Kadri 



282 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

gewiß von anderen, vor allem von Westeuropäern gelernt. Aber 
wer so zu lernen versteht, wie er, so, daß das Gelernte sich dann 
als sein Eigenstes entpuppt, der ist eben ein geborener Künstler. 
Wie Ja'kub Kadri auch in dem Streit der literarischen Schulen 
seiner Heimat stehen mag, wie er selbst vom Parteistandpunkt 
beurteilt werden mag, uns Nicht-Türken kann das ziemlich kühl 
lassen. Wenn er sich und seiner Kunst treu bleibt — und daran 
ist kaum zu zweifeln — , so hat die Literatur noch Schönes von 
ihm zu erhoffen. 



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Literatur. 283 



LITERATUR. 

Eduard Driault: La Question d'Orient depuis ses origines jusqu'ä 
la Grande Guerre. Septieme edition mise au courant des derniers 
6v6nements (1916). Paris, Alcan, 1917. XVI und 432 S, 

Das im „Neuen Orient" Jahrgang I, S. 476 f. angezeigte Buch sei auch hier erwähnt 
und von einer Seite beleuchtet, die dort keine Stelle hatte. Die Übereinstimmung der 
7. Auflage mit der 4. von 1909 gestaltet sich so: 7 ist wörtlicher Abdruck, Zeile für Zeile, 
Ton S. I — 274, 19; nur die Bibliographie am Ende jedes Kapitels fehlt in dem Neudruck; 
es war zu unbequem, sie fortzuführen; fiel dadurch eine Seite aus, wie S. 67, so wurde 
ein gleichgültiger Satz hinzugefügt. Der Schluß von Kap. VIII (Europa) ist umgearbeitet; 
der Umfang ist ungefähr der gleiche; in Kap. IX (Asien) stimmen beide Auflagen bis auf 
einen Zusatz am Schluß überein; nur ,,La Situation presente" von 1909 verwandelt sich 
1917 in „La Situation en 1914"; das ist bequem, aber nicht sehr genau; denn das Asien 
Ton 1914 ist ein anderes als das von 1909; ebenso ist es mit Afrika: Kap. X hat den 
gleichen Text (7 S. 331 — 378 stimmt genau mit 4 S. 329 — 376). Neu ist natürlich 
Kap. XI: „Der große Krieg vom Orient aus gesehen." Die ,,Conclusion" ist bis auf einen 
geringen Teil Abdruck der 4. Auflage; an dem Punkte, wo von Deutschland gesprochen 
wird, beginnt die schmähungsreiche Abweichung. Die Kühnheit, 191 7 mit einer „Orien- 
talischen Frage" vor die Welt zu treten, in der von den Ereignissen 1909 — 19 14 kein 
Wort gesagt ist und die gewaltige Umwälzung vom 10./23. Juli 1908 nur gestreift ist, 
ist wohl dem Verleger zur Last zu legen, aber der Autor durfte sich nicht zum Teilnehmer 
solchen Gebarens machen. Wie anders ist die Arbeit De la Joncquieres: Histoire de 
l'Empire Ottoman (Paris 1914), auf die hier, als besonders die neueste Zeit fleißig be- 
handelnd, hingewiesen sei. 

Die Sorglosigkeit von Verfasser und Verleger bewahrten das Buch vor dem Verluste 
der Geleitworte Gabriel Monods. Die Franzosen von 191 7 werden freilich erstaunt sein, 
hier Betrachtungen zu lesen, die in vollem Widerspruch stehen mit der Freundschaft für 
Briten und Russen, die ihnen heute suggeriert ist. Der ausgezeichnete Geschichts- und 
Menschenkenner urteilte richtig, als er die Volksgenossen vor der englischen und russischen 
Gefahr warnte. Martin Hartmann 

M. Hartmann: Aus der neueren osmanischen Dichtung. Sonder- 
abdruck aus den Mitteilungen des Seminars für orientalische 
Sprachen zu Berlin, Jahrgang XIX, XX, Abteilung 11, 56, 64 S. 
Berlin 1916, 1917. 

Eine Geschichte der neueren osmanischen Literatur, die diesen Namen wirklich verdiente, 
besitzen wir noch nicht und haben wir auch so bald wohl nicht zu erwarten. Horns für 
ihre Zeit sehr verdienstliche Übersicht ließ doch jene Vertrautheit mit den die Entwicklung 
beherrschenden Faktoren vermissen, ohne die eine gerechte Würdigung ihrer Vertreter 
nicht möglich ist. Horns Fortsetzer Hachtmann brachte die für seine Aufgabe sehr wesent- 
liche genauere Kenntnis der modernen französischen Literat^ir an sie heran, doch bekennt 
er selbst mit Recht, daß er sich nicht habe vermessen wollen, die noch ganz im Fluß 



284 J^^i« ^e^t des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

befindliche Entwicklung endgültig zu beurteilen. So ist es denn mit großer Freude zu 
begrüßen, daß der Verfasser der unpolitischen Briefe aus der Türkei, die uns zuerst ein 
zwar höchst subjektives, aber doch aus unmittelbarer Anschauung entsprungenes und deshalb 
ungemein fesselndes und lehrreiches Bild der literarischen Strömungen Stambuls aus den 
Revolutionsjahren entwarfen, nunmehr neue Bausteine zu einer Geschichte der neueren 
osmanischen Dichtung zu liefern sich entschlossen hat. 

Die erste Studie bietet höchst schätzbares biographisches Material über eine Reibe von 
führenden Männern der lebenden Generation ; von Verstorbenen ist nur Ekrem, in dem 
jene ihren Meister verehren, mit berücksichtigt. Welche Gesichtspunkte Hartmann in der 
Auswahl der 25 Autoren, die er behandelt hat, sonst geleitet haben, ist nicht ohne weiteres 
ersichtlich. Bei Dschenab Schihabuddin, den man zu den 4 bedeutendsten Dichtem der 
Jetztzeit zählt, galt es eine Ehrenschuld zu lösen, da er Hörn ganz entgangen war. Bei 
anderen weniger hervorragenden Geistern ist zu berücksichtigen, daß die Literaturgeschichte 
nicht nur die Höhen schildern darf, wenn sie ein getreues Bild der Entwicklung liefern 
will, sondern daß dafür auch der Chorus der literarischen Schulen in Betracht zu ziehen 
ist. Seine Darstellung schöpft Hartmann in erster Linie aus seiner intimen Kenntnis der 
literarischen Bewegung der letzten 10 Jahre, die er vor allem seiner Vertrautheit mit den 
Zeitungen und Zeitschriften dieser Periode verdankt; bei aller Fruchtbarkeit der Stambuler 
Pressen geben doch die in Buchform erschienenen Werke nur ein sehr unvollkommenes 
Bild des literarischen Schaffens der Modernen. Dazu kommen einige Spezialquellen, vor 
allem das schon von Hachtmann fleißig benutzte New Sali Milli, das ein unschätzbares 
Material von biographischen Notizen und Proben von allen lebenden Literaten liefert. 
Manche Ergänzungen bot ihm der bescheidenere Vorläufer dieses Unternehmens, die Extra- 
nummer der Halbmonatsschrift Büjük Dujghu aus dem Herbst 1913, die gleichfalls Bilder 
und Proben von osmanischen Modernen brachte. In die Anfänge der neueren Entwicklung 
führte ihn die mazedonische Zeitschrift Geng Qalemler, die 19 10 in Monastir begründet 
ward unter dem Titel Hüsün wesi'ir und bald darauf nach Salonik übersiedelte, aber 
nicht viel länger als zwei Jahre gelebt zu haben scheint. Seine literarischen Quellen hat 
Hartmann, wie immer bei seinen Arbeiten, aus mündlicher Tradition zu ergänzen gesucht. 
So berichtet er eingehend von einer Unterredung, die er Ende Juli 191 6 mit Abdulhaqq 
Hamid in Berlin gehabt, und in der ihn dieser große Dichter, dessen Biographie seine 
Studie eröffnet, manches über seine Entwicklung, wie er selbst sie auffaßt, mitgeteilt hat. 
Viel verdankt er dem Mazedonier Mustafa Nermi, einem der fleißigsten Mitarbeiter der 
Geng Qalemler. 

Die Behandlung der einzelnen Autoren ist je nach dem Stoff, den ihm seine Quellen 
boten, sehr verschieden ausgefallen. Der Regel nach erhalten wir die Biographie mit 
besonderer Berücksichtigung der Herkunft und des Bildungsganges. Dann folgen Nachweise 
über Proben ihrer Dichtung, oft auch solche selbst in Übersetzung. Von Ali Dschanib über- 
setzt er eine im New Sali Milli erschienene sehr interessante Studie über die Reform der 
Schriftsprache vollständig. 

Das zweite Stück, das zunächst als Fortsetzung des ersten auftritt, bringt als 26. Vita 
die des Zija Gök Alp; hier ist aber die Betrachtung der Werke des Dichters und Schrifl- 
stellers zu einer mit reichen Proben ausgestatteten Charakteristik dieses Denkers aus- 
gestaltet, der Hartmann besonders sympathisch sein mußte, weil er gleich ihm ganz in 
den Bahnen der modernen Soziologie sich bewegt. Auf die Mitteilung der Lebensdaten 
folgt zunächst eine Inhaltsangabe seiner Gedichtsammlung Qyzyl Elma mit mehreren 
Proben in Übersetzung. Für den Titel des Märchens, das dem ganzen Buche den Namen 
gegeben hat, wäre noch zu bemerken, daß Qyzyl Elma schon in älterer Zeit als Name 



Literatur. 285 

für ein ideales Land im Westen, ein erstrebenswertes Ziel der Eroberung für die Türken, 
geläufig war. So gebraucht es Evlija I 124, 6 und 267, 13 von Italien, I7'4, 5 von 
Ungarn, 203, 22 redet er von Wien als dem Qyzyl Elma der Deutschen; nach dem Verse 
bei Pecewi Tarich I 115, 3 werden sich die Eroberungen des Islams bis nach Qyzyl Elma 
erstrecken. In dies Land der türkischen Sehnsucht verlegt nun Gök Alp den Schauplatz 
der von ihm erhofften Idealentwicklung des Türkentums, als deren Heimstätte eine Türken- 
stadt bei Lausanne erstehen soll. Mehr noch als der Dichter interessiert Hartmann der 
soziologische Denker Gök Alp. Da ja die Gedanken A. Comtes und seiner Schule die 
Entwicklung des Jungtürkentums aufs nachhaltigste bestimmt haben, so ist es durchaus 
berechtigt, wenn Hartmann in dieser Studie Zijas soziologische Gedankengänge in der 
mehr volkstümlichen Form, in der er sie in der Isläm megmüasy vorgetragen hat, und 
in denen er mit bemerkenswerter Kühnheit selbst die Entwicklung des islamischen Gesetzes 
im Lichte der Soziologie zu verstehen sich bemüht, ausführlich wiedergibt. Manche 
Konstruktion seines Autors muß Hartmann als phantastisch ablehnen; in der Tat besteht 
in der allzu engen Anlehnung an die soziologischen Theoreme, die Ali Gewäd in seinen 
Musähabät ja auch schon in den Schulunterricht eingeführt hat, eine Gefahr für die Ent- 
wicklung der modernen türkischen Wissenschaft, die sonst schon so viele verheißungsvolle 
Ansätze zu positiver Mitarbeit aufweist. 

Aber Zija ist nicht nur Dichter und Gelehrter, sondern vor allem Kulturpolitiker, der 
die Entwicklung seines Volkes in feste Bahnen zu lenken bestrebt ist. Türkisierung, 
Islamisierung. Modernisierung sind die Schlagworte seines Programms, das er unter diesem 
Titel in acht Aufsätzen im 2. und 3. Jahrgang des Türk Jurdu dargelegt hat. Hartmann 
schließt seine Studie mit einer sorgfältigen Inhaltsangabe dieser Artikel. Mit scharfer 
Kritik aber wendet er sich gegen Zijas Konstruktion des islamischen Internationalismus 
und weist auf die Gefahren hin, die dem Osmanischen Reiche droben, wenn man ihn 
zum Regierungsprinzip erheben würde. Mit Recht mahnt er die Türken daran, daß sie 
die geistige Überlegenheit, die ihnen das Recht die anderen Nationen zu beherrschen, 
verbürgen würde, erst erwerben müssen, daß sie dann aber auch unbesorgt diesen die 
Freiheit, sich nach ihren eigenen Anlagen zu entwickeln, zugestehen können. 

Die zweite Studie hat sich so ausgewachsen, daß die an ihrem Eingang versprochene 
Synthese, die Gruppierung der in den einzelnen Vitae behandelten Autoren nach Hartmanns 
soziographischem System, auf den nächsten Jahrgang der Mitteilungen verschoben werden 
mußte. 

Es wäre zu bedauern, wenn Hartmanns an neuem Material so außerordentlich reichen 
und mannigfach anregenden Studien für immer in den einzelnen Jahrgängen einer Zeit- 
schrift verstreut und damit vielen Interessenten nur schwer zugänglich bleiben sollten. 
Hoffentlich entschließt sich der Verfasser, sie uns recht bald auch in Buchform vorzulegen; 
des Dankes der ja heute zum Glück nicht mehr kleinen Gemeinde der Freunde türkischer 
Dichtung und türkischen Geisteslebens könnte er gewiß sein. 

Halle. C. Brockelmann 



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Die Welt det Islant, Band V. 19 



286 Di« Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

oe<M]e(xxxxxxxx)eeo«oooooooooooooooooooooooooooooc)OOOOOOOOOOocx>ooooooooooooooooooooooooocxxxxxxxx}oe>oooa 



ZEITUNGSSCHAU \ 

(Mit Einschluß allgemeiner Zeitschriften.) 
I. Allgemeines. 

„Höhen, Hemmungen und Hoffnungen islamischer Kultur" schildert in einem längeren 
Aufsatz Dr. Hermann Stahn in „Nord und Süd" (Aprilheft 1917, S. 68 — 81). Die hoch- 
entwickelte Kultur, die es einst zur Zeit der Abbasiden (750 — 1258) in den Ländern der 
heutigen Türkei gab, ward hinweggefegt durch den Mongolensturm. Doch von noch weit 
größerem Schaden war für die Kultur des Islams der bei Sunniten wie bei Schiiten immer 
mehr zum Siege gelangende religiöse Konservatismus. An dieser Orthodoxie krankt die 
Türkei noch heute. Von einer Veredelung des Islams, einer „Einverleibung besseren 
christlichen Geistes" erhofft der Verfasser neuen Aufschwung: ,,Es gibt bei uns ein inter- 
konfessionelles, überkonfessionelles Christentum edelster Art! Das ist die Frömmigkeit, 
die mit der Wissenschaft einen Bund für alle Zeiten geschlossen hat. Es ist die Religion, 
die aus eigenem tiefsten Gegenwartsleben immer neu erwächst und dabei sich bewußt ist, 
mit dem Begründer des Christentums aufs beste übereinzustimmen. Dankbar der Neu- 
belebung gedenkend, die sie zuletzt durch die großen Idealisten vor loo Jahren (Kant, 
Fichte, Schelling, Schleiermacher und Hegel) gefunden hat, läßt sie aller Forschung in 
ihrer eigenen Vergangenheit, allen Fragen in die Tiefen der Welt hinein bereitwillig Raum 
in der Gewißheit, daß auf solche Weise menschliche Irrtümer immer mehr verschwinden, 
die Größe und Herrlichkeit Gottes immer mehr zutage treten wird. Wie das im deutschen 
Idealismus neu auflebende Christentum vor 100 Jahren nicht konfessionell gerichtet war, 
so hat es auch heute seine Anhänger unter den besten und klarsten Geistern aller 
Konfessionen und wirkt durch sie auf weitere Kreise, auf unser ganzes Volk Frömmigkeit 
erhaltend und Moral fördernd. Mit diesem Christentum den Islam zu veredeln, ist eine 
der wichtigsten Aufgaben, welche die Gegenwart uns weist. In diesem Sinn in der Türkei 
Mission zu treiben, sollte uns Deutschen als aufrichtigen Freunden ein heiliges Anliegen sein!" 

Eine wertvolle wissenschaftliche Studie über „Das Doppelgesicht des Korans" ver- 
öffentlicht Professor Hubert Grimme (Münster) im Januarheft 1917 der Preußischen Jahr- 
bücher (S. 42 — 54). Der Verfasser scheidet die Ideen Mohammeds, wie sie in den spät- 
mekkanischen und spätmedinischen Suren zutage treten, in zwei Systeme. „Das erste 
— kurz gesagt mekkanische — ist vorwiegend theologisch-ethischer Art; das andere — 
das medinische — ist eine Modifikation desselben unter politisch theokratischem Gesichts- 
punkte." Es wird dann der Unterschied dieser beiden Richtungen vor allem in moralischer 
Hinsicht untersucht, und zwar hauptsächlich im Anschluß an Sure 17 Vers 23 — 24, wo 
Mohammed einen Dodekalog der muslimischen Glaubens- und Sittenpflichten aufstellt. 
Professor Grimme kommt zu dem Schluß: „So findet sich, wohin man auch greift, die 
Erscheinung, daß, was Mohammeds Theologie in Mekka an ethischen Werten von all- 
gemeiner Gellung geprägt hatte, durch seine medinische Politik in schlechte Scheidemünze 

1 Vgl. Bd. II S. 372 ff., Bd. III S. 87 ff., 170 ff., 271 ff. und Bd. IV S. 176 ff. u. S. 296 fr. 
— In den Fällen, wo in der obigen Zeitungsschau die an den Rand gestellten Nummern 
mit einem Stern versehen sind, befinden sich die betreffenden Zeitungsaufsätze zurzeit 
in unserer Bibliothek und werden auf Wunsch ausgeliehen. 



Zeitungsschan. 287 

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umgewechselt wurde und nur noch beschränkte Geltung hatte." Neue Erkenntnisse haben 
läuternd gewirkt: „Die moderne Entwicklung des Islams drängt nun immer mehr zu einem 
Ausgleich zwischen beiden Richtungen, wobei vor allem wichtige Teile des medinischen 
Systems als überlebt fortfallen." 

„Die ältesten Freidenker des Islam" betitelt sich ein im Pester Lloyd vom 28. April 3* 
1917 gegebenes Referat über einen Vortrag, den Professor Dr. Salomon Paul Osstern 
in der Ungarischen Philosophischen Gesellschaft zu Budapest über die Mutaziliten hielt. 

„Das Scheich-ül-Islamat" behandelt eine aufschlußreiche Arbeit von Rechtsanwalt Habib 4* 
Edib in der Beilage der Täglichen Rundschau vom 19. Mai 191 7 (Abendausgabe). Die 
irrigen Anschauungen, die vielfach über Art und Bedeutung des wichtigen Scheich-ül- 
Islamats herrschen, sollen richtiggestellt werden: ,,Das Wort Scheich-ül-Islamat ist, wie 
alle wissenschaftlichen Begriffsbezeichnungen der türkischen Sprache, arabisch. Ehe noch 
die Türkei begründet und dieses Amt geschaffen wurde, trugen bereits verschiedene 
Männer diesen Titel. Wie in dem arabischen Buch ,Islam-ül-Achia' zu lesen ist, darf ein 
mohammedanischer Rechtsgelehrter, der Rechtsstreitigkeiten zwischen Personen schlichtet, 
sich Scheich-üI-Islam betiteln. Im 4. Jahrhundert nach des Propheten Tod nannten die 
Araber, ohne daß der Titel besonders verliehen wurde, den gelehrtesten Mann einer Stadt 
oder einen Geistlichen, der in der Moschee Rechtsvorlesungen hielt, Scheich-ül-Islam und 
bezeichneten mit diesem Ausdruck den Vollkommensten, Vertrauenswürdigsten, Hervor- 
ragendsten einer Gemeinde." Erit unter Sultan Osman und seinen Nachfolgern verband 
sich ganz allmählich mit dem Begriff Scheich-ül-Islam ein besonderes Amt. Die Sultane 
„übertrugen die gesamten religiösen und gerichtlichen Vollmachten dem obersten geist- 
lichen Richter, dem sie sich hierin völlig unterordneten und die allmählich so einflußreich 
wurden, daß sie die Großweziere und die meisten Zivilbeamten ernannten. Für den 
Kriegsfall wurde dem Sultan ein oberster Militärrichter, ,Kadi asker', beigegeben, später 
für die Balkantruppen ein zweiter Kadi asker ernannt und nach der Eroberung 
Konstantinopels ein Mann dort zum Militärrichter und gleichzeitig zum Mufti erhoben, 
der, ohne den Titel zu führen, der erste war, der die Funktionen eines Scheich-ül-Islams 
nach heutigen Begriffen ausübte. — Während in der Blütezeit des Reiches die Sultane 
zu absoluten Herrschern wurden, fiel den Scheich-ül-Islam die wichtige Roll? zu, die 
Rechte des Volkes zu verteidigen. Da es keine Verfassung gab, das Volk also rechtlos 
und der Herrscher unverantwortlich war, so konnten die Scheich-ül-Islam nur kraft der 
Religion Unrecht verhindern und das Volk gegen zu grausame Willkür nur schützen, in- 
dem sie den Herrschern mit Strafen im ewigen Leben drohten." Der Verfasser erzählt 
ein Beispiel aus der Regierungszeit des Sultans Jawus Selim und fährt dann fort: ,, Anfangs 
unterstanden dem Scheich-ül-Islamat auch Justiz- und Unterrichtswesen, die erst im vorigen 
Jahrhundert, während der Reformbewegung, davon getrennt wurden. Jetzt besteht das 
Scheich-ül-Islamat aus drei Abteilungen: i. dem geistlichen Gericht, 2. den Entscheidimgen 
in religiösen Fragen (Fetwa), 3. dem Unterrichtswesen der Geistlichkeit." Bei dem weit- 
reichenden Einfluß der Fetwas ist also hierin das Hauptgewicht der Tätigkeit des Scheich- 
ül-Islam zu erblicken. — Ein zweiter Teil der Ausführungen behandelt den jetzigen Träger 
des Scheich-ül-Islamats, der als ein Mann von weitausschauendem Blick und großzügigem 
Geiste dargestellt wird. 

Unter den gehaltvollen Aufsätzen der Neuen Zürcher Zeitung seien die von Albert 
S. Asseo hervorgehoben, der allgemeine Fragen der Orientpolitik vom Standpunkt des 
Orientalen aus beleuchtet. Beachte: ,,Das türkische Programm" (Nr, 321 vom 22. Febr. r* 
1917) und , .Konstantinopel, der Orient und Frankreich" (Nr. 392 vom 5. März 1917. 5* 
Erster Artikel. Der Schluß lag uns nicht vor). 

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2 88 l>i<' Wdt des Isla WS, Band F. 1917, Heft 4 

CCCO00CCOC«000000e0C0000CXX300CXX)00000000000000C)0000(X»CXXXXX)0000000000C^^ 

7* Den „englisch-französischen Gegensatz im Orient" beleuchtet der bekannte Vorsitzende 
der Ägyptischen Nationalpartei Mohammed Farid Bei in der Kölnischen Zeitung 
Nr. 510 vom 27. Mai 1917. Unser geschätztes Mitglied Dr. Jos. Froberger (Bonn) 

8* charakterisiert in seinem Aufsatz „Frankreich und der Islam" (Kölnische Volkszeitung 
Nr. 36 vom 14. Jan. 191 7) einen ebenso betitelten Artikel von Louis Bertrand im 
Echo de Paris vom 22. Dez. 1916. Das französischerseits in feierlichster Form erklärte 
religiöse Bündnis mit dem Islam („Schutz der mohammedanischen Glaubenseinheit") 
brandmarkt Froberger als einen jammervoUen Verzicht auf die Treue christlicher Grundsätze. 

■9* Der Artikel ..Orientkultur und Volkswirtschaft" im Dresdener Anzeiger Nr. 22 
vom 24. Jan. 191 7 ist ein volkswirtschaftliches Referat über das gleichbetitelte Buch 
von Jussuf Ivio, dem Generaldirektor der Deutsch-Türkischen Handelsgesellschaft in Berlin 
(Berlin-Schöneberg, Verlag W. Brustat & Co.). 
10* Unter der Überschrift „Eine Volksbücherei des Orients" fordert Dr. Karl Hedicke im 
Berliner Tageblatt Nr. 645 vom 17. Dez. 191 6 die Schaffung einer ,, Orientbücherei für 
das Volk", die nicht etwa Schriften über den Orient zusammentragen, sondern die haupt- 
sächlichsten Werke seiner Dichter und Denker in sich vereinigen sollte. 

II. Die einzelnen Länder. 

1. Balkan. 

jl» „Die Völker der Balkanhalbinsel" betrachtet in einer längeren Arbeit Dr. J. B. Loritz 
(München) in der München-Augsburger Abend-Zeitung (München) vom 2. und 4. Jan. 1917. 
Es werden in der Hauptsache anthropologische Forschungsergebnisse dargestellt, die z. T. 
recht wertvolle Aufschlüsse und Klärungen verwickelter ethnographischer Balkanfragen zu 
geben vermögen. 

Die Umschau (Frankfurt a. M.) bringt am 2. Juni 191 7 (S. 449 — 453) einen Aufsatz 

12* aus der Feder des k. u. k. Oberstleutnants Hugo Piffl: „Die Spanjolen in den Balkan- 
ländern". Es handelt sich um die Nachkommen der im Jahre 1492 aus Spanien und bald 
darauf aus Portugal vertriebenen Israeliten, die in den mohammedanischen Staaten des 
Mittelmeers ein gastliches Asyl gefunden hatten. In Bosnien, Serbien, Rumänien und 
Bulgarien gehen sie, ohne sich um politische Strömungen zu kümmern, ruhig Handel und 
Gewerbe nach, und sie haben sich durch die Jahrhunderle hindurch im Herzen eine leise 
Sehnsucht nach dem Lande der Kastanien bewahrt, die sich auch in ihren oft recht weh- 
mutsvollen Liedern und Erzählungen widerspiegelt. — Dem Aufsatz sind drei gute Abbildungen 
beigegeben, von denen besonders die des Spanjolenfriedhofs von Interesse ist. 

2. Türkei. 

1 3 ► »Der anthropologische Aufbau der Türkei" war das Thema eines Vortrages von Professor 
Dr. Felix von Luschan am 27. Okt. 1916 im Verein für Erdkunde zu Berlin, worüber 
ein Bericht im Dresdner Anzeiger Nr. 305 vom 3. Nov. 1916 gegeben ist. Im gleichen 
Verein sprach am 5. Jan. 1917 Professor Dr. Eugen Oberhummer aus Wien über 

14» den „türkischen Völkerkreis in Kultur und Geschichte"; Bericht darüber gleichfalls im 
Dresdner Anzeiger Nr. 10 vom 12. J.-in. 191 7. 

IC» Unter der Überschrift „Ein türkischer Großwezier aus Graz. Ein türkisch-deutsches 
Kulturbild aus dem 16. Jahrhunderte" bringt Karl v. Peez in „Der Sonntag" (Unter- 
haJtwngsblatt der Reichspost, Wien) Nr. 38 vom 17. Sept. 1915» einen fünften Beitrag 
über Ahmed Pascha, worin reiches historisches Einzelmaterial herangezogen ist. — Den 
alten Beziehungen Rußlands zu Konstantinopel (9. — II. Jahrh.) geht ein Aufsali der Frank- 



ZettungsficJiau. 289 

furter Zeitung Nr. 2 vom 3. Jan. 1917 nach (,,Byzanz und Rußland. Beziehungen in i6* 
alter Zeit"). 

In seinem Aufsatz , deutsche Vereine und Interessen im näheren Orient" im Dresdner 17* 
Anzeiger Nr. 347 vom 15. Dez. 1916 besprach Imhoff-Pascha in dankenswertester Weise 
die .Anfänge eines Zusammenschlusses von Vereinen, die sich mit dem Orient be- 
schäftigen. Solche Anfänge lagen vor in den „Osteuropäischen Empfangsabenden" in 
Berlin sowie in der „Orient- und Islam-Kommission des deutschen evangelischen Missions- 
ausschusses". Möchte uns der Herr Verfasser, der in so rühriger Weise das gesamte auf 
den Orient gerichtete Vereinsleben verfolgt, weiter so schätzenswerte und hoffentlich in 
den mitgeteilten Tatsachen recht erfreuliche Mitteilungen machen. — Derselbe gibt ebenda 
Nr. 320 vom 18. Nov. 191 6 einen Überblick über „Die Leistungen der Türken im 18* 
Kaukasus, in Mesopotamien und auf der Sinai-Halbinsel". 

Über ,, Deutsch-Türkische Zusammenarbeit" verbreitet sich Emin Raschid in ,,Nord 19* 
und Süd" (Novemberheft 191 6): ,,Die wichtigsten Fragen, mit denen sich die öffentliche 
Meinung Deutschlands und der Türkei schon jetzt beschäftigen muß, sind: Feststellung 
der gegenseitigen Interessen und ihre Begrenzung, die Erwägung der Vorarbeiten, die zur 
Verwirklichung dieser Interessen nötig sind. Dabei muß stets als Voraussetzung gelten, 
daß die Türkei, welche für die Ausdehnung des deutschen Handels und der Industrie ein 
sehr günstiges Gebiet sein wird, nicht wie eine Kolonie behandelt werden darf, sondern 
sich als ein ökonomisch selbständiges Land entwickeln will. Man darf nicht einen Augen- 
blick vergessen, daß die Türkei für eine tatsächliche wirtschaftliche Unabhängigkeit kämpft" 

Die zehn „deutsch-türkischen Vorträge", die am il. Jan. 1917 unterzeichnet wurden, 20* 
werden von Dr. Karl Strupp in der Frankfurter Zeitung Nr. 133 vom 15. Mai 1917 in 
großen Zügen einer nach dem andern charakterisiert. 

Über das deutsche „Orientalische Institut des Sultans Mehmed Reschad V. des Sieg- 2i* 
reichen" in Konstantinopel berichtete die Kölnische Volkszeitung in der Morgen-Ausgabe 
vom 20. März 1917. In Köln war eine Ausstellung von wertvollen, meist alten Druck- 
werken, die auf die Türkei Bezug haben, veranstaltet worden. Diese Druckwerke ent- 
stammten einer umfangreichen Sammlung, die von der Buchhandlung Gsellius in Berlin 
zur Versteigerung angesetzt war. Nachdem eine Anzahl von Männern schon früher unter 
dem mitgeteilten Titel dem Sultan eine Bücherstiftung überreicht hatten, bestand der Plan, 
auch diese von Gsellius angebotene Sammlung dem Sultan zu stiften. Es ist nichts darüber 
bekannt geworden, ob diese Absicht, der auch die Kölner Veranstaltung dienen sollte, 
zur Ausführung gelangt ist. 

Den Verhältnissen des türkischen Unterrichtswesens wenden sich die folgenden beiden 
Artikel zu : ,, Kulturelle Reformen des Osmanenreiches. Unterredung mit einem Professor 22* 
der Konstantinopeler Universität. Von Josef M. J u r i n e k (München), in der neuen Preußischen 
(Kreuz-)Zeitung Nr. 519 vom 11. Okt. 1916 und „Zur türkischen Schulreform" 23* 
in der Schwäbischen Chronik (des Schwäbischen Merkurs zweite Abteilungj Nr. 185 vom 
21. April 1917. 

Die Gründe und Folgen des türkischen Kabinettswechsels, durch den Talaat Bei an 24* 
Stelle von Said Halim Pascha Großwezier wurde, bespricht Dr. Ludwig Stein (Berlin) 
im Pester Lloyd vom 16. Febr. 1917 (Morgenblatt). Die zielbewußte Persönlichkeit Talaats 
läßt auch vom Standpunkte unserer Bündnispolitik aus den Ministerwechsel als durchaus 
willkommen erscheinen. — Eben diese Persönlichkeit wird behandelt von A. Asseo in der 
Neuen Züricher Zeitung Nr. 1731 vom 30. Okt. 19 16 („Talaat Bei"), von Erich Schairer 25* 
in der Frankfurter Zeitung Nr. 36 vom 6. FebT. 1917 („Talaat Pascha") und von Dr. Frhr. 26* 
y. Mackay im Hannoverschen Kurier Nr. 33016 vom 25. März 1917 (,,Talaat Pascha"). 27* 



2QO Die Welt d^s Islams, Band V. 1917, Heft 4 

Die Halbmonatsschrift ,,Das neue Deutschland" bringt in ihrem Heft vom i. März 1917 
(V. 11) auf S. 2S1 — 288 einen Aufsatz ihres Herausgebers Dr. Adolf Grabowsky, über 

28* .,Die Neue Türkei", der interessante Vergleiche zieht zwischen dem Turanismus und dem 
Zionismus und im einzelnen darauf eingeht, wie sich die turanischen Ideen in der modernen 
türkischen Literatur widerspiegeln. 

29* „Streifzüge durch Konstantinopel'' schildert Willi Heffening, der früher diese Zeitungs- 
schau bearbeitete und sich jetzt im Heeresdienst in der Türkei befindet, im Düsseldorfer 
Tageblatt. Es liegt mir leider nur die Nummer vom 11. Jan. 191 7 vor, die als I. Teil 
dieser Streifzüge den ,, Volksaberglauben" behandelt. Wir werden bekannt gemacht mit 
eigenartigen okkultistischen Schriften, so dem Qur'a-name des Imam Dscha'far as-Sadiq 
(Konstantinopel 1331/1912), aus dem einige Proben mitgeteilt werden. Interessant ist 
auch, daß sich sogar in einem kleinen vom Kultusministerium im Jahre 1324/1908 heraus- 
gegebenen Gebetbuche okkidtistische Dinge finden. 

30* Der schweizerische Major du Bois schildert im Berner Bund vom 4. Febr. 191 7 
seine Reise von Konstantinopel nach Mersina, bei der es ihm besondere Freude machte, 
in dem Direktor der Anatolischen Bahnen, dem ,,Chef des Maschinendepots" von Afiun 
Karahissar, dem Vorsteher der Baumschule von Mersina und dem Betriebsinspektor der 
Eisenbahn Schweizer Landsleute anzutreffen. — 

31* Die Zustände und Verhältnisse „Im Lande des Meerschaums" schildert Carl Thiel im 
Illustrierten Unterhaltxmgsblatt des Vorwärts (Die Neue Welt, 191 7, Nr. 11 S. 42 — 44) 
auf recht anschauliche W^eise. Mehr denn zehntausend Bergleute mühen sich im Gruben- 
distrikt von Sariju-Odjak unter primitivsten Verhältnissen, den gelblich-weiflen Meerschaum 
zutage zu fordern, der dann — besonders in Wien, Ruhla und Lemgo — hauptsächlich 
zu Tabakspfeifenköpfen und Zigarrenspitzen verarbeitet wird. 

Im Feuilleton des Berner Bund vom 15. Okt. 191 6 findet sich ein gehaltvolles Stimmungs- 

32* bild ,,Im alten Serail von Stambul". Die mannigfachen Baulichkeiten des alten 
Sultanspalastes an der Marmara werden anschaulich geschildert und die Erinnerungen, die 
sie wecken an verklungene Despotenherrschaft und an die Grausamkeiten wilder Janitscharen- 
horden. 

33* i)Die Macht- und Kriegszielfragen in Vorderasien" behandelt Dr. Hugo Grothe in der 
Magdeburgischen Zeitung vom 2. Juni 1917 (i. Beilage, S. 5). Er weist abermals auf die 
planvollen Bestrebungen Englands hin, sich auch zu Lande den Zugang zum südlichen 
.\sien zu sichern, und stellt als „Losung" auf: ,, Kampf gegen England am Indischen 
Ozean!" 

Der Präsident der ägyptischen Nationalpartei, Muhammed Ferid Bei, spricht in der 

34* Beilage zu Nr. 118 der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung vom 6. März 191 7 über ,,Die 
arabische Bewegung". Er gibt interessante .Aufschlüsse über die weit verzweigten Intrigen 
Englands, die darauf hinauslaufen, das Ansehen des osmanischen Kalifats zugunsten eines 
problematischen, arabischen Kalifats zu untergraben. Diesem Zwecke dient die weitest- 
gehende Unterstützung der Selbständigkeitsgelüste der verschiedenen Emire Zentralarabieng 
und vor allem eine systematische Hetzarbeit durch arabische Zeitungen und Zeitschriften, 
die zum Teil ausschließlich zu diesem Zwecke von England ins Leben gerufen wurden. 
Nur der Umstand, daß die türkische Regierung diesen Umtrieben nicht die Aufmerksamkeit 
schenkte, die sie verdienten, hat es ermöglicht, daß die „arabische Bewegung" eisen 
bereits bedrohlich werdenden Umfang annehmen konnte. Aber „noch ist es Zeit, diese 
Bewegung aufzuhalten und diese Pläne zum Scheitern zu bringen, die nichts weniger ver- 
folgen, als den Islam als politische Macht zu vernichten und seine religiöse Einheil zu 
»erslören". 



ZeitungsscJiaii. 291 

,,Die zunehmende Europäisierung der Türkei" sollte, wie die Germania in ihrer 35* 
Beilage vom 20. Mai 191 7 ausführt, auch auf die unteren Volksschichten ausgedehnt werden. 
Die Gründung einer möglichst großen Anzahl (unentgeltlicher) deutsch-türkischer Volksschulen, 
die durch Errichtung von deutsch-türkischen Handelsschulen und ebensolchen Fortbildungs- 
sowie landwirtschaftlichen und Handwerkerschulen zu ergänzen wären, würde am besten 
diesem Zwecke dienen. 

Unter der Überschrift „Die Zukunft Konstantinopels als Industriezentrum" wirft Bernhard 36* 
Seiger in den Grenzboten (Berlin) vom 6. Juni 1917 (S. 306 — 31 1) die Frage auf: 
„Besitzt die türkische Metropole in und um sich die notwendigen Voraussetzungen, das 
Herz des künftigen industriellen Lebens, dessen unausgesetzt treibende Kraftquelle zu 
werden; wird sie durch Aufsaugen und Ausströmenlassen der wirtschaftlichen Kräfte und 
Säfte den Anforderungen als Triebstelle und Regulator der Industrietätigkeit des ganzen 
Landes gerecht zu werden vermögen?" Der Verfasser glaubt, diese Frage bejahen zu können 
unter der Voraussetzung, daß die begonnenen und geplanten Reformen auch wirklich zur 
Durchführung gelangen. 

In einer Betrachtung über ,, Türkisches Wirtschaftsleben im Kriege" (Magdeburgische 37* 
Zeitung vom 23. Jan. 191 7, i. Beilage, S. 5) wendet sich Syndikus Dr. Paul Mohr 
(Berlin) gegen die sich mehrfach geltend machende Überschätzung der Türkei als künftigen 
Wirtschaftsfaktors, gegen die Ansichten, als ,,wäre die Türkei das gelobte Land schlecht- 
hin, ein zweites Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Jungneuland, das nur den 
Sämann und seine Saat erwartet". Man darf nicht vergessen, daß die Türkei noch heute 
ein Handelspassivum von 400 Millionen Mark hat. — Der Verfasser weist ferner hin auf 
die Nachteile, die ein zu starkes Anspannen der türkischen nationalistischen Bestrebungen 
mit sich bringen würde; dazu kommt der starke Formalismus, der den modernen türkischen 
Gesetzen ein gut Teil ihres Wertes wieder nimmt. Man denke nur an das bekannte 
Gesetz über die Anwendung der türkischen Sprache im Handelsverkehr. „Der Buchstabe 
tötet, nur der Geist macht lebendig." — Zum Schluß des Aufsatzes wird als besonders 
interessante Erscheinung im Kriegswirtschaftsleben der Türkei die Gründung von Handels- 
gesellschaften erwähnt, die zum Teil den Charakter unserer Kriegsgesellschaften besitzen. 
Die Gesellschaften werden namentlich aufgeführt, wobei ihr Betätigungsgebiet und die 
Höhe des ihnen zur Verfügung stehenden Kapitals angegeben ist. 

„Zum Wirtschaftsleben Syriens und Palästinas" bringt die Frankfurter Zeitung vom 38* 
28. April 1917 (i. Morgeoblatt) einige Ausführungen von Reinhard Junge (Berlin). Es 
wird die Notwendigkeit eines eingehenden Studiums der einschlägigen Verhältnisse betont 
und zu diesem Zwecke empfehlend hingewiesen auf zwei wertvolle neuere Buch Veröffent- 
lichungen: I. A. Ruppin, Syrien als Wirtschaitsgebiet (Beihefte z. Tropenpflanzer, 
Band XVI, Nr. 3/5. Berlin 1916. IX und 377 S., i Karte.). Das Werk, das sich auf 
eine zehnjährige praktische Tätigkeit stützt, stellt nach Junges Urteil „die erste große 
volkswirtschaftliche systematische Sammlung über Syrien (einschließlich Palästinas)" dar. 
2. Jakob Oettinger, Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina 
(Herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds, Den Haag 1917. iioS.). 
Diese wissenschaftlich durchgeführte Arbeit trägt eine Fülle von Material zusammen, das 
über den Rahmen der eigentlichen jüdischen Kolonisation hinaus von großem Allgemein- 
interesse ist. „Die Fragen der Anpassung an die Naturverhältnisse, die Kapitalbedarfs- 
rechnungen pro Familie für die Kultur einer Einheit bewässerten und unbewässerten 
Landes geben uns bisher noch für keinen Teil der Türkei bekannte Einzelheiten. Wir 
gewinnen so z. B. manchen Anhalt, um die in Zukunft so wichtige Teilung der Türkei 
in Zonen des Getreide- und Zonen des Handelsgewächsbaues mit allen ihren anschließenden 



192 Dif ^^V; des Islams, Band V. 1917. Heft 4 

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Strafen- und Bauproblemen richtig beurteilen lu können. Und ror ailem können wir 
for die Technik der Muhadschirdnsiedlan|r «ni' türkischem Boden, tiir überall £:nltife 
Kosten der Bodenkultur und lur die Metboden jeder Art Ton Ansiediuni: im türkischen 
Reicfa vieles lernen." 

39* Über die „Türkei und ihre Wirtsch*ftsirerte"^ handelt auch Dr. Hugo Grothe im 
Dresdner Anzeiger Nr. 312 vom 16. Nov. loiö. 

40* tfDic wirtschaftliche Zukunft Bagdads" bespricht die Neue Zürcher Zeitung am 31. Mai 
1017 (I. Mittagblatt) im Anichluti an ÄuÖeruagen des englischen Parlamentsmitgliedes 
Sir Mark Sykes. Dieser crhoift dort nach Enuernung der türkischen Regierung (natürlich!) 
einen auDerordentlichen Auischwung des Wohlstandes. Er gibt auch gleich ein paar 
Resepie dazu: „Es konnte eine offene Straüe lur Kraftwagen durch die flache Wicste 
gebaut werden.'' „Dann ist die Eisenbahn nach Bagdad als wichtiger Faktor zu erwähnen. 
Diese Eisenbahn wird sich sozusagen von selbst bauen.*" (1) 

Die Hamburger Nachrichten bringen in ihrem Handelsteü regelmäßig „Wirtschaftsbriefe 
aus Konstantinopel" von ihrem S — t.-Mitarbeiter. Es liegen mir vor 9 solcher Briefe aus 
der Zeit vom Sept. IQI6 bis zum Mai 1917. Diese behandein in der Haupts:\che: 

41* 1. am 23. Sept. 1916 (Abendausgabe): di« Einfuhr von künstlichen Düngemitteln, 
die Baumwollindustrie (Importiahlen der einzelnen .\rtikel), die neuentdeckten Schwefel- 

42* l»g^ und die Bewässerungsanlagen in der Adana-Ebene; 2. am 29. Okt. 10 16 (Morgen- 
ausgabe): das Gesetz über die staatliche Regelung des Ein- und Ausfuhrhandels in der 
TCrkei, das Gesetz über die Anbauverpdichtung [vgl. dazu „Die Welt des Islams", Bd. IV. 
S. 297 f.]. die Frage der Verlegung des Hafens von Konst:uitinopel und die -Aussichten 

43* der Baurawollgewinnung ; 3. am 26. Nov. 1916 (Morgen3USf:abe) : den Güterverkehr mit 

44* der Türkei und das Aufblühen der Provinz Damaskus; 4. am 2S. Dex. 1916 (Morgen- 
ausgabe) : den neuen Zolltarif, den Teppichexport aas der Türkei und die Teppichfabrikation 

45* in Persien; 5. am 27. Jan. 1917 (Morgenausgabe): die neue Nationalbank (..Banqoe 
Nationale de Credit Ottomane'^ und die Einfuhr landwirtschaitlicher Maschinen nach 

46* Kleinasien und Mesopotamien; 6. am l. März 1917 (Morgenausgabe): die neugeschaffene 
Devisenzentrale (Zentralkommission für Geldüberweisung), die Pline zur Grändung einer 
Verbandstotfabrik in Konstantinopel und die Satzungen der neuen türkischen National- 

47* bank; 7. am 25. Mari 1917 (Morgenausgabe): die von den Vereinigten Staaten für die 
Zeit gleich nach Beendigung des Krieges geplante Stellungnahme ru den wirtschaftlichen 
Verhaltnissen der Türkei und die durch die Einfohnmg zahlreicher landwirtschaftlicher 
Maschinen notwendig gewordene Errichtung von KeperatarwerkstStten und Lagern von 

4S* Frsatzteilen : S. am 25. April 1017 (Morgenausgabe): die Gründimg von Zuckerfabriken 
und die Grunilsatze für den Versand von Stoffmustern nach der Türkei; und schließlich 

49* 9. am 21. Mai 1017 i .Abendausgabe^ die Tätigkeitsergebnisse des türkischen Exportkixnitees 
und die Ansichten des Finanzministers Dschawid Bei über die Kapitalbeteiligungen der 
Mittelmächte an türkischen Unternehmungen. 

50* „Soziales ausStambul"' berichtet die Kölnische Zeitung am 7. Juni 1917 (l. Morgen- 
ausgabe): die Errichtung von Volkskuchen, m denen jetzt ungetahr 40000 -Arme täglich 
gespeist werden können, and die Gründung einer Gesellschaft tiir Kinderschutz, die sich 
der Scharen vc^n verwahrlosten Kindern annehmen vriLI, erweisen, daö sich trotz des dem 
Orientalen eigenen IndividnaJismus das soziale Verantwortlichkeitsgetuhl erfreulich :u regen 
beginnt. 

.Aus den zahlreichen Reis«- und ähnlichen Sklssen seien her%orgebob<n: (Konstanti- 

51* nopeL) E. Naeck Markneukirehen), ..Konstantinopel im Zeichen der deutschen Mtlitir- 
mission" in der Leipziger Zeitung Nr. 25; — 234 vom jS., 30. Okt., i„ 2. Nov. latö. — ■ 



J 



Zeittmgsscha u. 293 

eoooee<xx<xxx)ooceaoooooooooooo o eioooocx)oooooooooooooooooooooooooooooooooooooo o oocioooooooooooo(jooeooooc 

Theodor Bickes, „Auf der Fahrt zum goldenen Hörn. IV. In und um Konstant!- 52* 
nopel" in der Schwab. Chronik ^Schwab. Merkur, 2. Abt.) Nr. 483 vom 14. Okt. 191 6. — 
Friedrich Schrader, ,,Im Herzen Stambuls" in der Frankfurter Zeitung Nr. 268 vom 53* 
27. Sept. 1916. — „E)er Türke Konslantinopels" (gezeichnet M. L. Erster Artikel) 54* 
im Bund Nr. 71 vom 12. Febr. 191 7. — „Im Tckke von Pera. Ein Bild aus der 55* 
türkischen Hauptstadt" in der Kölnischen Zeitung, Beil. -Nr. 23 vom 10. Juni. — • 
(Anatolien und Nordeyrien.) Dr. Wilhelm Feld mann, „Durch Anatolica und 56* 
Nordsyrien" im Berliner Tageblatt Nr. 629 vom 8. Dez. 1916. — Major du Bois, 57* 
„Durch Anatolien" in der Neuen Zürcher Zeitung i\'r. 233 vom 8. Febr. 1917. — 
Derselbe, „Adana und Nordsyrien", ebenda, Nr, 439 vom 13. März 1917. — 58* 
(Damaskus.) Ludwig Bauer (Basel), „Damaskus" in der Königsberger Hartungschen 59» 
Zeitung Nr. 96 vom 27. Febr. 1917. — Hans Rohde, ,,Die Märchenstadt im Orient" 6o* 
in der Kölnischen Volkszeitung Nr. 1045 vom 31. Dez. 19 16. — Dr. M. Uebelhoer, 6l* 
„Von Stambul zum Suez. VI. Friedensarbeit in Syrien" (Damaskus, 12. Nov. 1916J 
in den Hamburger Nachrichten Nr. 20 vom 12. Jan. 1917. — (Bagdad.) Edgar Stern, 62* 
„Kino in Bagdad" in der Kölnischen Zeitung Nr. 974 vom 24. Sept. 1916. — Paul öß* 
Schweder, „Was unsere Bagdadfahrer erzählen" in der Leipziger Zeitung Nr. 242 vom 
17. Okt. 1916. — ?. Joseph Kiera, O. F. M., Orientmissionar, „Missions- und Kriegs- 64* 
bilder aus Bagdad" in der Germania Nr. 24 vom 16. Januar 191 7. — Derselbe, ,,Im 65* 
Beduinenzelte", ebenda, Nr. 4C1 vom 28. Jan. 191 7. 

In dem Aufsatz „Ibn Keschid" in der Frankfurter Zeitung Nr. 345 vom 13. Dez. 66* 
19 16 werden über diesen Araberfürsten im Anschluß an Stuhlmanns Referat über die 
„Wahhabiten und ihre Nachfolger im Nedschd" einige ergänzende und berichtigende Be- 
merkungen gegeben. 

Als eine dankenswerte Zusammenstellung sei noch der Aufsatz „Russische Arbeit 67* 
in Palästina vor dem Krieg" in der Germania Nr. 46 vom 28. Jan. 1917 erwähnL 

3, Armenien. 

Die Neue Zürcher Zeitung vom 10. Nov. 19 16 (2. Mittagblatt) versucht, „Das Schicksal 68* 
der Armenier" den Tatsachen getreu darzustellen, „gestützt auf eine Reihe von Deutschen 
imd Schweizern, die durch ihre Gesinnung und Einsicht, wie durch jahrelangen Aufenthalt 
in Armenien vor und während der furchtbaren Verfolgungszeit alle Garantie für die Wahr- 
heit geben". Wenn man den Ausführungen im einzelnen Glauben schenken darf, raüggen 
die Aufstandsbewegungen allerdings rnit außerordentlicher Härte niedergeworfen worden 
sein: „Im ganzen wurden von den beinahe zwei Millionen von Armeniern in der asiatischen 
Türkei etwa i 400000 getötet oder durch Deportation dem Verderben überantwortet" 
Der Verfasser (H. K.) schließt mit dem Wunsche: „Möge, imter der kräftigen Beihilfe 
der übrigen christlichen Völker, ein Rest des reichbegabten tüchtigen Volkes, durch das 
entsetzliche Geschick geläutert, erhalten bleiben und zu dauerndem Gedeihen kommen in 
friedlicher Eintracht mit der türkischen Bevölkerung." 

4. Rußland. 

Den Zusammenschluß und die türkenfreundliche Bewegung der Mohammedaner 
Rußlands behandeln die Deutschen Nachrichten (Berlin) am 23. Aug. 1917 und das 69* 
Bukarester Tagblatt am 11. Juli 191 7. Letzteres berichtet von den verschiedenen 70* 
Kongressen und Beratungen in den einzelnen Gebieten, die schließlich zu dem großen 
allmssischen Mohammedanerkongrefi in Moskau führten (14. — 24. Mai 191 7), an dem 



2 94 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

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rund 8oo Männer und loo Frauen teilnahmen. In den Deutschen Nachrichten findet sich 
dann der wörtliche Abdruck der Entschließung des Kongresses zur Kriegsfrage: „Die 
Mohammedaner müssen in der entscheidendsten Weise gegen die Politik der Annexionen 
protestieren, die unter dem Anschein eines Befreiungskampfes von den europäischen 
Staaten, durch die Vertreter ihrer herrschenden Klassen zur Geltung gebracht, geführt 
wird. Denn das Objekt der Annexionsgelüste seitens der europäischen Bourgeoisie sind 
hauptsächlich Mohammedaner und ihre Länder; sie sind das Opfer des europäischen 
Imperialismus. Wir müssen fordern, daß alle Verträge und Vereinbarungen annulliert 
werden, in denen die Aufteilung irgendeines Volkes nicht nur in Europa, sondern auch 
in Asien und Afrika vorgesehen wird." 

5. Ägypten. 

71* ,,Die Volkselemente Ägyptens" unterzieht J. Sauerland in der Berliner Abendpost 
vom 5. Jan. 191 7 einer Betrachtung: ,, Unter den etwa 12 Millionen Bewohnern sind die 
Fellachen und Kopten, die Bewohner des Niltales, zugleich die echten Nachkommen der 
alten Ägypter. Trotz der Mischung des Blutes, die seit 4000 Jahren mit fremden Elementen 
stattgefunden hat, gleichen doch die Ägypter unserer Zeit ganz und gar ihren Vorfahren. 
Zumal die Kopten stellen den reinen Typus der Ägypter dar. Sie sind etwa 600 000 an 
der Zahl und sitzen vornehmlich in den Städten von Mittelägypten. . . . Auch die 
Fellachen, die den größten Teil der Bevölkerung mit 635 000 Seelen bilden, gehören 
wie die Kopten zur eingeborenen Rasse. . . . Den Fellachen und Kopten stehen etwa 
236000 Beduinen gegenüber. . . ." Weitere Bevölkerungsangaben: Levantiner (30000), 
Juden (etwa 27000), Armenier (etwa 10 000), die mit anderen Rassen stark vermischten 
Araber [ohne Zahlenangabe], Nubier, Abessinier, Neger, Zigeuner. ,,Dazu kommen endlich 
noch die aus Angehörigen aller Nationen zusammengesetzten, in Ägypten ansässigen 
Europäer. Am zahlreichsten sind die Griechen, dann kommen die Italiener, die Engländer 
und Franzosen. Ziemlich gering ist die Anzahl der Deutschen (etwa 1 300). Vorherrschend 
ist bei der ganzen Bevölkerung Ägyptens die arabische Sprache, die Regierung verkehrt 
in dieser mit ihren Untertanen, in französischer mit den Fremden, in türkischer mit der 
Pforte. In neuester Zeit gewann die englische Sprache immer mehr Verbreitung auch 
unter den gebildeten Eingeborenen." Von Interesse ist ferner die folgende Bemerkung 
des Verfassers: ,,Die ägyptische Bevölkerung zeichnet sich durch eine außerordentliche 
Rassenfestigkeit aus, die sich in ihren physischen Eigentümlichkeiten seit den ältesten 
Zeiten erhalten hat. Die scharf ausgeprägte Eigenart des Niltales scheint seinen Bewohnern 
immer wieder ihren Stempel aufgedrückt zu haben, gleichgültig, aus welcher Gegend und 
mit welchen Anlagen sie hergekommen waren. Ja, das körperliche Gepräge, das Leben 
und Arbeit im Niltale dessen Bewohnern aufdrückt, ist so charakteristisch, daß fremde 
Einwanderer jedenfalls sehr bald ihre besonderen Eigenheiten verlieren und den Typus 
dieses zähen Ackerbauvolkes auch annehmen." 

6. Nordafrika. 

ft* über die politische und wirtschaftliche Lage des Sultanats Marokko 
berichtet die Rheinisch- Westfälische Zeitung (Essen-Ruhr) unter dem 29. Dez. 1916. Aus- 
gedehnte Orangcplantagen, umfangreicher Anbau von Baumwolle, ungezählte Viehherden, 
eine treffliche Pferdezucht, weite Wälder mit den verschiedensten Holzarten, eine außer- 
ordentlich vielfältige Teppichfabrikation, das sind die wirtschaftlichen Werte, die Frank- 
reich mit Marokko in die Hände fielen und die es weidlich auszunutzen versteht. Und 



Zeitimgsschau. 295 

zur Festigung ihres politischen Einflusses ist der französischen Regierung jedes Mittel recht 
gewesen: „Zu Beginn des Krieges hat die französische Heeresverwaltung in richtiger Be- 
urteilung der Psyche des Volkes Tausende von deutschen Kriegsgefangenen nach Marokko 
gebracht, woselbst sie an der Urbarmachung des Bodens arbeiten mußten. Marokkanische 
eingeborene Freiwillige wurden mit ihrer Bewachung betraut und dem übrigen Volke dieser 
Anblick der besiegten und zur Arbeit für den Sieger gezwungenen Gefangenen soviel wie 
möglich erleichtert. Wenn nach dem Besuche unseres Kaisers in Tanger der Glaube an 
Deutschlands Macht Wurzel gefaßt hatte, so ist er heute vollständig ausgerottet." 

Erwin R. Marschall 



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2q6 Die Weh des Islams, Band ^\ 1^17, Heft 4 



BIBLIOGRAPHIE. 

* bedeutet Vorhandensein in der Bibliothek der Gesellschaft, f Vorhandensein in der 

Deutschen Auslands-Bibliothek. Nach dem Titel in [ ] stehen Zugangsnummer der Bibliothek 

und gegebenenfalls Name des Geschenkgebers. 



Ausführliche Besprechung einzelner Werke bleibt vorbehalten. 

744. Orientalistische Studien Fritz Hommel zum sechzigsten Ge- 
burtstag am 31. Juli 1914 gewidmet von PVeunden, Kollegen u. 
Schülern. Bd 1, Leipzig: Hinrichs 1917. 8° (Mitteilungen d. 
Vorderasiat. Gesellschaft. 1916, 1.) 

745. Die Donau und die Meerengenfrage. Ein völkerrechtsgeschichtl, 
Rückblick u. e. rechtspolit. Ausblick von Dr. jur. Wilhelm Knorr, 
Hamburg. Weimar: Kiepenheuer 1917. 5, 191 S. 8° (Deutsche 
Orient-Bücherei. 24.) 

746. The Eastern Question. An bist, study in European diplomacy 
by J[ohn] A[rthur] R[ansome] Marriott. Oxford: Clarendon Pr. 
1917. vm, 456 S. 8° 

747. Azbel. Harmonie politique. Du Calvaire ä l'Eden. Les Etats- 
Unis d'Orient. Asie-mineure, Bosphore, Macedoine. Protectorat 
Internat. Siege federal de l'association universelle des nations de 
la terre. Paris: Hugues-Robert 1917. 23 S. 8° (Azbel: En- 
tretiens sur la guerre. 3.) 

748. Amy A. Bernardy. La via dell' Oriente. Firenze [usw.]: Bem- 
porad (1916). 125 S. 8° (T Libri d'oggi'.) 

749. Die Wahrheit über das Vorgehen der Jungtürken in Albanien. 
Von E. b. V. Wien & Leipzig: Fromme 1911. 48 S. 8° 

750. The Rise of nationality in the Balkans. By R[obert] W[illiam] 
Seton-Watson. With 4 maps. London: Constable 1917. viii, 
308 S. 8° 

751. *** Le Probleme turc. Pref. de Victor Berard. Paris: Leroux 
1917. 272 S. 8° 

752. Konstantinopel. Vergangenheit u. Gegenwart. Von Friedrich 
Schrader. Tübingen: Mohr 1917. IV, 246 S. 8° 

753- Vom Goldenen Tor zum Goldenen Hörn und nach Bagdad. 
Meine Kriegsfahrt. Von Herbert Kettner. BerUn: Scherl 1917. 
121 S. 8° 

754. Testis. L'Exp^dition des Dardanelles. D'apres les documents 
officiels anglais. (Avec 11 ct.) Paris: Payot 1917- 248 S. 8° 

755. Türkische Kunst. Vortrag, geh. in Konstantinopel 1917 von 
Dr. Heinrich Glück, Wien. Budapest-Konstantinopel 1917: (P>ank- 
lin-Verein). 25 S. 8° (Mitteilungen d. Ungar. Wiss. Instituts 
in KonstantinopeL FL i.) 



Bibliographie. 297 

C<Xy3«C)OOO0C)OOO00OO0O00000CXX)00O0O0000000(XX)0O0000OOO(XXXXX5OO0OOOO00OOOOO000O0O0O0OO000O<^^ 

756. Die türkische Bergverordnung' vom 14. Sefer 1324 oder 
25. März 1322/1906 mit d. Abänderung d, Art. 49 u. d. Anh. zu 
Art. 58 V. 1. Dez. 1329/1913 u. d. Abänderungen ... v. 30. April 
1331/1915. Hrsg. von Geometer B(ogislaus) Scherka. Kon- 
stantinopel; [Freiberg i. Sa.: Graz & Gerlach] 1917. 28 S, 8° 

* 757. Dadjar. Revue religieuse, litt^raire et politique. Constantinople. 

Imp. Sandjakdjian. 8° Nr. 2. Le 22. octobre 1917. [734.] 
75b. Turcica. Etudes concernant l'interpretation des inscriptions 
turques de la Mongolie et de la Siberie. Par Vilhelm Thomsen. 
Helsingfors: Soc. finno-ougrienne 1916. 107 S. 8° (Suomalais- 
ugrilaisen Seuran Toimituksia. 37.) 

759. [Türk.] Türkgeden almangeje lugatkitabi. Atar-i-Galangizada 
Haqqi Ta wfiq. [Ant.] Türkisch-deutsches Wörterbuch von Hacki 
Tewfik (Galandjizade). 2. Aufl. Leipzig: Holtze 1917. VI S., 

IV Doppel-S., 388 S. 8° 

760. Wie schreibt man Türkisch? Türk. Schreibregeln u. Schrift- 
proben. Vollst. Anleitung z. Schreibung d. Ryq'a-Schrift von 
Dr. Ludwig Harald Schtitz u. Daüd Sagän Eid. Leipzig, Frank- 
furt a. M.: Kesselring 1917. 31 S. [Nebent: Türk.] Schütz: 
Türkge nasil jazilir? 

* 761. Grammatik der osmanisch-türkischen Sprache. Von Dr. 

Gotthold Weil. Berlin: G.Reimer 1917. vi, 258 S. 8° (Samm- 
lung türkischer Lehrbücher f. d. Gebr. im Sem. f. Orient. Sprachen 
zu Berlin. Bd 1.) [733.] 

762. Germany, Turkey and Armenia. A selection of documentary 
evidence relating to the Armenian atrocities from German and 
other sources. London: Keliher 1917. 127 S. 8° 

763. Armenia and the W^ar. An Armenian's point of view with 
an appeal to Britain and the Coming peace Conference. By A. 
P. Hacobian [Jakowbean]. With a pref. by the Rt. Hon. 

V [James] Bryce. London [usw.]: Hodder & Stoughton 1917. 
XX, 200 S. 8° 

* 764. Cruautes arm^niennes sous l'instigation russe. [Hrsg. von 

d. Türkischen Regierung.] o. O. [1917]. 42 S. 8° [735.] 

765. Syrien im Krieg. Von Dr. Max Uebelhör. Stuttgart & 
Berlin: Deutsche Verl.-Anst. 1917. 45 S. 8° (Der Deutsche 
Krieg. H. 96.) 

766. The Horrors of Aleppo. Seen by a German eyewitness. 
A Word to Germany's accredited representatives by Dr. Martin 
Niepage. London: Unwin [1917]. 24 S. 8° 

767. Der Breit- und Langhausbau in Syrien. Auf kulturgeogr. 
Grundlage bearb. von Heinrich Glück. Mit 49 Abb. u. 4 Taf. 
Heidelberg: Winter 1916. 94 S. 4«^ (Arbeiten d. Kunsthist. 
Inst. d. K. K. Univ. Wien. Bd 4.) (Zeitschrift f. Geschichte d. 
Architektur. Beih. 14.) 



298 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

768. Palestine. The rebirth of an ancient people by Albert 
M[ontefiore] Hyamson. London: Sidgwick & Jackson (1917). 
XIV, 292 S. 8° 

769. The Future of Jerusalem in its successive phases with regard 
to present events. By Revs. S. H. Wilkinson and Samuel Schor. 
London: Thynne 1917. 46 S. 8° (Prophecy Investigation Society. 
Aids to prophetic study. No 11.) 

770. Sven Hedin. Bagdad. Babylon. Ninive, Leipzig: F. A. Brock- 
haus 1917. 165 S. 8° 

771. Mesopotamien. Von Carl Uhlig, Tübingen. Berlin: [Mittler] 
1917. 76 S. 8° [Umschlagt] Aus: Zeitschrift d. Gesellsch. 
f. Erdkunde zu Berhn. Jg. 1917. Nr 6 — 8. 

772. Besieged in Kut and after. By Major Charles H. Barber. 
With ill. and maps. Edinburgh & London: Blackwood 1917. 
vm, 344 S. 8° 

773. A Message from Mesopotamia. By the Hon. Sir Arthur Law- 
ley. London [usw.]: Hodder & Stoughton 1917. Xii, 131 S. 8* 

774. Die islamischen Backsteinformen der Profanbauten im Irak. 
Von Friedrich Wachtsmuth. Berlin: Curtius 1916. 70 S. 4° 
Von d. Kgl. Techn. Hochschule zu Berhn genehmigte Doktor-Diss. 

775. The spoken Arabic of Mesopotamia. By the Rev. John 
van Ess. Oxford: Univ. Pr. [usw.] 1917. vi, 256 S. 8° 

776. Bilder aus Ägypten. Von Johannes Guthmann. Aquarelle 
u. Zeichn. von Max Slevogt. Berlin: B, Cassirer 1917. 134S. 4° 

777. En Algdrie. Les corruptions de la religion et des moeurs in- 
digenes. Par un Musulman alg6rien. Lausanne: Libr. nouv. de 
Lausanne 1917. 24 S. 8° 



Namenregister. 



299 



NAMENREGISTER \ 

(VERFASSER, VORTRAGENDE, REFERENTEN.) 



Aaronsohn *93 
Abbott *i85 
Acquaviva *i88 
Ag-nides *9i 
Alype *gö 
Arene *g2 
Ass^o *287. *289 
Aubl6 *i86 
Azbel *296 

Banse *93 
Barber *2 98 
Bareilles *92 
Baronigian *94 
Bauer *2 93 
Becker *i87 
Bein *92 
el-Beladori *95 
B6rard *2 96 
Bernardy *2 96 
Bertrand, Louis *2 88 
Bickes *2 93 
Blanckenhorn *i8o 
Brockelmann *95. 285 
Bryde 90 

Cladder *93 

Daüd Sagän Eid *2 97 
Diehl *i87 
Dieterich *92 
Diez *9i 
Draycott *i84 
Driault *283 



Dschawid Bei *i85 
Du Bois *2 9o. *2 93 
Dubosq *i84 

Eddy *9i 

Edib, Habib ^287 

Ehrngruber *i88 

Eid, Daüd Sagän *297 

Endres ^93 

van Ess *2 98 

Farid Bei Muhammed *2 88. *29o 
Fasil [Fadil] Bey v. Elpons ^95 
Feldmann *293 
Ferid (= Farid) Bei, Muhammed 

*2 90 



GaUishaw *93 
Gawid Bei *i85 
Gelber *96 
Gerlach ^95 
Giacobetti *95 
Glück *296. *297 
Goebel *9i 
Goldziher *96 
Grabowsky *29o 
Grimme *2 86 
Grothe *i84. *i85. 
Gsellius *9i 
Guthmann *2 98 



"290. "•'292 



9abib Adib *i86 
Habib Edib *287 
Hachtmann 57. 86. 



'94 



1 Der Stern vor einer Zahl bedeutet, daß an dieser Stelle eine unter dem voranstehenden 
Namen erfolgte Veröffenüichung besprochen oder angeführt wird. 



300 Die Welt de$ Islams, Band V. 1917, Heft 4 

iir<riofyTfioriri(>v)rioon a firi fy ic)rrif ) no o o ^^ 



Hacki Tewfiq s. Haqqi Tawfiq 
Hacobian *2 97 
Hadj 'Abdallah *i87 
Halü Fikret *89 
Haqqi Tawfiq *297 
Hargrave *93 
Harrassowitz *85. *94 
Hartmann, Martin 85. 88. 153. 183. 

*i85. *283. 283 
Hartmann, Richard 264 
Hasenclever *i87 
Hedicke *2 88 
Hedin *i86. *298 
Heffening 80. 83. *290 
Huart *179 
Hyamson ""298 

Jacob *95. *i85 
Jäschke 5. 97 
Jakowbean *297 
Ibaiiez *92 
Ibero s. Ibaiiez 
Ibn Ishak *96 
Imhoff Pascha *289 
Isma'il Hikmet *83 
Isma'il Sefaihi *96 
Junge *29i 
Jurinek *289 
Jüsuf Zia *83 
Ivio, Jussuf *2 88 

Kampffmeyer 4 

Kasi, Mirza Djevad Khan 189 

Kettner *296 

Kiera *293 

Knorr *296 

Künos Igndcz *94. *96 

Landquist *93 
Lawley *2 98 
Lehmann *92 



Lewin ^92 

Lindberg-Dovlette *i86 
Littmann *94 
Loritz *2 88 
Lübeck *i84 
Luschan, Felix v. *288 

V. Mackay *289 
Marquardsen-Kamphövener *88. 

*89. *92 
Marriott *2 96 
Marschall 181. 182. 295 
Marty *i87 
Meraviglia *i86 
MiUard *92 

Miller ('Captain' Miller) *i87 
Mirbt *92 
Mittwoch *i85 
Mohr *94. *2 9i 
Mordtmann *i8o 
Moritz *i86 

Müller, Karl Hermann *i86 
Muhammad Farid Bey *i87 
Mul:iammadlbn-Müsa al-ywarizml 

*96 
Mehmed Murad *i82 
Muzet *i85 

Naeck *2 92 

Nemeth *95 [s. Nr 670 u. 671] 

Niepage *297 

Nöldeke *88 

Nossig *92 

Oberhummer *i87. *288 
Oettinger *29i 
Osstern *287 
V. O verbeck *i87 

Padel *95 
Parfit *i86 



Na men register. 3 o 1 

eoeoeooocio<x)ooooo(xxxxxxxxx)ooooooooooooooooooooooooooooooooo(xxxx)ooooooooooooooooo(xxx^^ 



Patterson ^93 
Pears (Sir Edwin) *86 
V. Peez *92. *288 
Pekotsch *95 
Pierre-Alype s. Alype 
Piffl *288 
Priestman *93 

Raineri *93 

Raschid, Emin *289 

Rescher 89. *95. 178. i8o 

Rey *i84. *i85 

Ritter *i87 

Ritter (Winterstetten) *i82 

Robinson *94 



Roederer 



'93 



Rohde *293 
Roloff *i8o 
Rouard de Card *96 
Ruppin *93. *2 9i 

Salaheddin *95 
Sauerland *2 94 
Schäfer *i8o 
Schairer *2 89 
Schmidt, H. W. *92 
Schor *298 
Schrader *293. *296 
Schröder ^187 
Schütz *2 97 
Schulte *9i 
Schweder *93. *293 
V. Sebottendorf *i85 
Seiger *2 9i 
Stahn *2 86 
Stein *289 
Stern *2 93 
Stichel *96 



Stjemstedt *94 
Strupp *289 
Strzygowski *9i 
Stuermer *i87 
Stuhlmann *293 
Stumme *89 
Swayne *i86 
Sykes ^292 

Taeschner *9o 

Taqizäda *i87 

Tawfiq *2 97 

Testis *2 96 

Tewfik (Galan djizade) *2 97 

Thiel *2 9o 

Thonjsen *297 

Thorning *i78 

Toynbee *94. *i85 

Trietsch *i86 

Tschirner *i88 

Tyan *i86 



Uebelhoer * 
Uhüg *2 98 



293. -^297 



Wachtsmuth *2 98 
Watson (Seton-Watson) 
Weil *95. *297 
Wilkinson *2 98 
Woolf *i86 
Wrobel *93 

Yohannan *94 

Zaidän *i87 
Zimmermann *94 
Zwemer *92 



'296 



Die Welt des Iilama, Band V. 



302 Die Welt des Islams, Band V. 1917, Heft 4 

B» c o oc )c o coooooeoeaoaoooooooooooooooooo(xx)ooooooooooooooooocooooooooooo<xxxxxxxxx>ooooocoooooooooao^ 



SACHREGISTER. 



Ägypten 294 

al-'Adl 79 

Äfaq isläm 184 

Ahmadin sa'adasy 186 

Ai jildiz 185 

Algörie, En 298 

Anatoli, Nea (türk. Ztg.) 78 

Anatolien 293 

Antwoord aan de fransche pers . , . 

186 
Armenien 94. 293 

Bagdad 293 

Balkan 288 

Balkan und Orient 184 

Balkan-Zeitung, Deutsche 92 

Bergverordnung, Die türkische 

297 
Bücher-Katalog3 7 7 vonHarrasso- 

witz 85 

Chawer 79 

Chronos (griech. Ztg. in Kstpl.) 79 
Cruautes arm6niennes sous l'insti- 
gation russe 297 

Dadjar (Revue) 297 

Damaskus 293 

el-Djogeton (spaniol. Witzblatt in 
Kstpl.) 80 

Dokumente, Englische, zur Er- 
drosselung Persiens 96 

Dscheride-i Hawadit 78 

Dscheride-i scharqijje 78 

East, The near, from within 184 
Edebijjat-i-'umümijje meg-mü'asy 
80 



Entwicklung des osmanischen 
Verfassungsstaates ... 5 

Gallipoli 182 

Gawrosch (armen. Witzblatt in 

Kstpl.) 80 
Germany,Turkey and Armenia 297 

IJande (türk. Witzblatt) 80 
Hüal 79 

Ja'kub Kadri 264 

Ibn Reschid 293 

Jeni Lisan 267 

Institut, Orientalisches 289 

Iqdam 78 

Kalifat nach islamischem Staats- 
recht 189 

Közlem6nyei 184 

Konstantinopel 292 

Konstantinopel, Wirtschaftsbriefe 
aus 292 

Lloyd, Osmanischer 79 
Lloyd Ottoman 79 

Marokko 294 

Massacres d'Arm^nie, Les 186 
Mitteilungen über Armenien 94 
Mohammedanerkongreß in Mos- 
kau 293 
Moniteur Oriental, Le 79 
Moskau, Mohammedanerkongreß 
in 293 

Neologos (griech. Ztg. in Kstpl.) 79 
Nordafrika 294 
Nordsyrien 293 



Sachregister. 303 

ecooeeco(xxxxxx)oe>ooooooooooooooooooooooooocoooo(X)OOooooocoooeooooooooocxaoooooooooooooooooociooo>acio*e 



Orient, Der islamische 184 
Orient, Der Neue 91 
Orientbücherei, Deutsche XVI — 
XIX 180 

Palästina vor dem Krieg, russi- 
sche Arbeit in 293 

Papers relating to . . . Townshend's 
appreciation of thepositionafter 
the battle of Kut-el-Amara 94 

Patris (griech. Ztg. in Kstpl.) 79 

Pera, im Tekke von 293 

Probleme turc, Le 296 

Proodos (griech. Ztg. in Kstpl.) 79 

Prozantion (armen.Ztg'.inKstpl.) 79 

Qara Göz (türk. Witzblatt) 80 

Reiseskizzen 292 * 

Report, First (Dardanelles Com- 

mission) 188 
Revue du Maghreb, La 96 
Revue de Turquie 185 
Russische Arbeit in Palästina vor 

dem Krieg 293 
Rußland 293 

ßabäh 78 

Schulreform, türkische 289 

Serail von Stambul, altes 290 

Soir, Le 79 

Soziales aus Stambul 292 

Stambul, altes Serail von 290 



Stambul, Soziales aus 292 

Studien, Orientalistische, 

Hommel gewidmet 296 



Fritz 



Tanin 78 

el Telegraf o (spaniol. Ztg. in Kstpl.) 

79 

Teqwim-i-waqa'i' 78 

Terdschümän-i-haqlqa 78 

Teswir-i-efkjar 78 

Türkei (Zeitungsschau) 288 

Türkei, Die Neue 92 

Türkisch mit Hilfe der Sprech- 
maschine 185 

Türkischer Erzähler(Ja'kub Kadri) 
264 

Unterrichtswesen, türkisches 289 

V6rite, La, sur la question syrienne 

94 

Wahrheit, Die, über das Vorgehen 
derjungtürken in Albanien 296 

Wertschin Lur (armen. Ztg. in 
Kstpl.) 79 

Wirtschaftsbriefe aus Konstanti- 
nopel 292 

Witzblätter in Konstantinopel 80 

Welt des Islam, Die 91 

Wendepunkt, Ein 1 

Zamanaq (armen. Ztg. in KstpL) 79 
Zeitungen in Konstantinopel 78 



o*oo**oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooBBo o oooooo o aoaooo» 



DRUCK VON AUGUST HOPFER IN BURG BEI MAGDEBURG 



NACHRICHTEN ÜBER 

ANGELEGENHEITEN DER 

DEUTSCHEN GESELLSCHAFT 

FÜR ISLAMKUNDE 



Nachrichten über Aiiffelegenhciten dtr GesellscJiaft. TTT 

r<030C«COOOOC<>COOOCCC<!COOCOOC<)OCOOOC»000(X)COOC<XX)^^ 



Auszug aus dem Protokoll 

der 

sechsten ordentlichen Hauptversammlung, 

die am 22. Februar 1917 nachmittags 5 Uhr 

in den Räumen der Kolonialbank A.-G., Berlin, Behrenstr. 31, 

stattgefunden hat. 

Anwesend die Herren Dr. Ernst Feder, Dr. Josef Froberger, Professor Dr. Jlart- 
reann, Direktor Hellmann. Generalleutnant z. D. Imhoff, Referendar Jäschke, 
Professor Dr. Kampffmeyer, Professor Dr. Mittwoch, Professor Dr. Sobernheim, 
Dr. Stummer. Konsul Vohsen, Fräulein Friedel Pappen heim. 

Nach Eröffnung der Sitzung legte Herr Hartmann zu Punkt i der T.igesordnung den 
Geschäftsbericht des Vorstandes vor. Er stellte zunächst fest, daß der Krieg auf den Stand 
der Gesellschaft einen erheblichen Einfluß nicht ausgeübt habe. Am i. März 1916 betrug 
die Zahl der Mitglieder 306, der gegenwärtige Bestand betrage 414. Durch den Tod verlor 
die Gesellschaft 7. ilurcli Austritt 12 Mitglieder. Von den Gestorbenen sind 4 auf dem 
■Felde der Ehre gefallen, unter ihnen Seine Exzellenz Freiherr von der Goltz Pascha, 
der seit dem 5. Mai IQ14 zu den Mitgliedern der Gesellschaft zählte; ehrfurchtsvollem 
Gedenken an den im fremden Lande Dahingerafften wurde Ausdruck verliehen. Opfer 
des Krieges waren ferner: stud. jur. Hernhard Glöggler, Postdirektor Rasenack und 
Dragomanatseleve Streubel. Außerdem verlor die Gesellschaft durch den Tod die 
Herren Direktor Halter, Paul Sandel f.Meppo) und Pater Trossen. Die Versammlung 
ehrte die Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen. Neu eingetreten in die 
Gesellschaft sind seit dem i. März 1916 37 Mitglieder. 

Aus den Vorgängen des Jahres 1916 hob der Vorsitzende die engere Fühlungnahme 
mit der „Nachrichtenstelle für den Orient'" hervor, deren Organ, das „Korrespondenzblatt", 
in ausgezeichneter Weise die Geschehnisse des gesamten Ostens und so auch der Islam- 
wclt bucht und nach ihren Werten für die deutschen Gesamtinteressen behandelt. Während 
dieses Organ vorwiegend politischen Interessen dient, enthält sich die ,,Welt des Islams" 
«atzungsgemäß politischer und religiöser F.inwirkung; sie sucht die Menge von Einzelnotizen, 
die sich in unheimlicher Weise häufen, unter großen Gesichtspunkten zu bearbeiten, immer 
so, daß die Quellen sichtbar sind, daß die Grundlagen nachgeprüft werden können. In 
dem Dienste des umfassenden Gedankens, eine Übersicht über die Erscheinungen der 
Islamwelt auf historischer Grundlage zu geben, sollte die Unternehmung stehen, die von 
der vorigen Hauptversammlung beschlossen wurde: Kurse über die politischen, kulturellen 
und wirtschaftlichen Verhältnisse der Islamwelt zu veranstalten, in ähnlicher Weise wie im 
Winter 1915/16 von anderer Seite Vorträge über das orientalische Wirtschaftsleben ge- 
halten wurden. Die Ausführung stieß auf Schwierigkeiten, und es mußte für den Winter 
1916/17 davon Abstand genommen werden; der Plan sei aber nicht aufgegeben. 

Herr Kampffmeyer machte eine kurze Mitteilung über den Stand der ,,Welt des Islams" 
und die neuen Ziele, die bei ihrer Herausgabe verfolgt werden sollen. 

1» 



IV ^achricIUen über Angelegen/ieäen 

3000eC«5C«<XXXX>X>>:<>30C^D<XiOOOOO<XOOOOOOOOOC<XXX500<X)OOOC<XX^ 

Bei Besprechung der finanziellen V'erhältnisse sprach Herr Hartmann den Dank des 
Vorstandes und der Gesellschaft an die beiden Reichsstellen aus, die auch im Jahre 1916 
■wieder die Gesellschaft unterstützten: das Auswärtige Amt und das Reichskolonialamt, so- 
wie an Herrn Freiherrn Krupp von Bohlen-Halbach, der der Gesellschaft M. 3000. — 
auwandle. Herr Vohsen erstattete im Anschluß daran den Kassenbericht für das Jahr 
19 lö. der folgendes Bild zeigt: 



Einnahmen: 
I. 1. 16 Kassenbestand . . . 
Beitrag des Auswärt. Amts . 
Beitrag d. Reichskolonialamts 
Beitrag von Krupp v. Bohlen 
Beiträge der Mitglieder . . . 
Einnahme durch Vortrag . . 

Absalzergebnis 

Zinsen 



Jahresrechnung 1916. 

Ausgaben: 
M. 3035,40 \ Herstellung V. Bd. III, Heft 3/4 
,, 2500. — ' = 7 1/2 Bg. Satz, Druck, 
., 3000. — '• Papier u. Heften . . . . 
.. 3000.— i Herstellungv.Bd.lv. Heft 1/2 
,. 1768.10 i = 15 Bg. Satz, Druck, 
,, 72.30 j Papier und Heften . . . 

„ 290.40 ; Dr. Wentzel Gehalt . . . 

1 46.0s , Bibliothek 

An die Verlagshandlung für 

Vertrieb der Zeitschrift 

laut Vertrag § 2 ... . 

Roter Halbmond. Reinertrag 

des Vortrages 

Unkosten : 
Dr. Wentzel 
Telephon f. d. 
Bibliothek . 
Dir. Hellmann 
kl. Ausgaben 
Prof.Hartmann 
kl. Ausgaben 
Vortrag i. Abge- 
ordnetenhaus : 
Unkosten . . 
Hauptversamm- 
lung .... 
Porti f. Versen- 
dung d.Ztschr. 
Drucksachen . 
Argus .... 



M. 13S 12.25 



M. 1407.46 



2827.38 

1200. — 

95-05 



198.60 



30.90 



M. 154.61 



;i.09 



95-— 



41.40 



3-50 



181.50,5 

134-85 
35.20 



767-15,5 

Kassenbestand ,, 7285.70,1; 

M. 13812.25 



Geprüft und für richtig befunden. 
Berlin, den 10. Januar 191 7. 
gez. Imhoff, Generalleutnant z. D. 

Berlin, den 3. Februar 191 7. 
gez. Dr. Feder. 



Berlin, den 8. Januar 1917. 
Der Schatzmeister 
gez. Ernst Vohsen. 



der- Gesellschaft. 

Die Versammlur.g erteilte dem geschäftsführenden Vorstande Entlastung. 

Nach Eintritt in den Punkt 2 der Tagesordnung ..Haushaltungsplan für das kommende 
Jahr" trug Herr Vohsen den Voranschlag für 1917 und den Kassenbericht vor, die in 
der TOD Herrn Vohsen vorgelegten Fassung hier folgen. 



Voranschlag für 1917. 
Einnahmen: Ausgaben: 

Bestand M. 7285.70 Gehalt Dr. Wentzel M. 1200. — 

Beiträge von den Mitgliedern . .. 1800. — Welt des Islams 191 6 Heft 34 

Zinsen ,, 60. — einschl. Honorare , 1500. — 

Absatz aus der Zeitschrift . . „ 300. — Welt des Islams 4 Hefte 1917 

Beitrag der Deutschen Botschaft einschl. Honorare 6000. — 

in Konstantinopel .... ? Verschiedene Ausgaben (Druck- 
Fehlbetrag 154.30 Sachen. Porti, Bibliothek. 

Buchbinder u. a. m.) 900.— 



M. 9600. 



M. q6oo.- 



Kassenbericht. 

Wie aus der Jahresabrechnung ersichtlich, sind die Milgliederbeilräge — durch die vielen 
Einberufungen infolge des Krieges und Nichtzahlungen, sowie dadurch, daß eine große 
Anzahl von Mitgliedern im Auslande wohnen — gegen das Vorjahr um weitere M. 900. — 
zurückgegangen. Die Mitgliederzahl, einschl. der im Ausland lebenden Mitglieder, be- 
trägt 444. Im Jahre 191 6 haben für dieses Geschäftsjahr bezahlt: 

1 Mitglied M. 100. — = M. 100. — 



I 




•• 30.— 


30-— 


I 




25.— 


25.— 


6 




20. — 


., 120. — 


2 




•, i5--;r 


.. 30.— 


2 




,, 12. — 


24.— 


104 


1» 


., 10. — 


., 1040. — 


38 




6.— 


„ 228.— 



d. s. insgesamt 155 Mitglieder mit insgesamt M. 1597. — 



Es wird notwendig sein, die in Deutschland wohnenden Mitglieder, die trotz des dem 
letztversandten Hefte beiliegenden Mahnzettels den Jahresbeitrag für 1 <) 1 6 noch nicht ent- 
richtet haben, nochmals direkt an die rückständige Zahlung zu erinnern. Gleichzeitig wird 
die Aufforderung an sie ergehen, den Jahresbeitrag für 191 7 zu zahlen. 

Der trotz der geringen Mitgliedereinnahmen günstige Jahresabschluß ist lediglich den 
Zuschüssen des Auswärtigen und des Reichskolonialamts, sowie der Spende des Herrn 
Krupp von Bohlen und Halbach im Gesamtbetrage von M. 8500 — zu verdanken. 
— Von der Firma Dietrich Reimer wurden für die durch die Kasse gegangenen Gelder 
für die Jahre 1915/16, dem Bankzinsfuß entsprechend 1^2%= ^- M6.05 vergütet, die 
in den Einnahmen erscheinen. 

Der vorliegende Voranschlag für 191 7 ist aut (irundlage des Abschlusses pro rgiö 
aufgemacht. 



VI Aarhiichte)! über AnaelegeuheiLen. 

OCCOOO<XXX»000<>3(5<XX>OCXXIC>0<>X)0<XX)OOOC!OOOC<>0000000 

In der Annahme, daß die Ausgaben durch Übertragung der Herstcihing der Zeitschrift 
an eine Provinzdruckerei vermindert werden können, ist die Druckherstellung der Firma 
Dietrich Reimer gekündigt und der Buchdruckerei von August Hopfer in Burg übertragen 
worden. — Ferner wurde auf Beschluß des Vorstandes auf den Namen der Gesellschaft 
für Islamkunde ein Bankkonto bei der Deutschen Bank per i. Januar 19 17 eröffnet und 
diesem Konto ein Betrag von M. 7000. — übertragen. Ein Kassenbestand von M. 283.70 
wurde für die laufenden Ausgaben des Schatzmeisters u. a. m. zurückbehalten. 

Die Abrechnung ist von den Revisoren geprüft und richtig befunden worden. 

Berlin, 17. Januar 19 17. 

Herr Vohsen erklärte sodann, daß er das Amt des Schatzmeisters niederlege. Herr 
Harlmann sprach das Bedauern der Versammlung hierüber aus und gab zugleich dem 
wärmsten Danke der Gesellschaft Ausdruck, daß Herr Vohsen das Amt des Schatzmeisters 
tünf Jahre lang versehen habe, im besonderen, daß er die Räume seines Geschäfts und 
die Kräfte seines Personals während dieser Zeit in den Dienst der Gesellschaft gestellt har>e; 

Vor dem Eintritt in Punkt 3 ..Wahl des neuen Vorstandes'' bemerkte der \'oriilzende, 
daß dem Gesamtvorstande zwei Herren fehlen, deren Eintritt mit besonderer B'reude be- 
grüßt werden würde: Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Becker, Vortragender Kat 
im Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten, und Universitätsprofessor 
Dr. Mittwoch. Leiter der Nachrichtenstelle für den Orient. .Auf Vorschlag des Herrn 
Generalleutnant Im ho ff wurde der alle Gesamtvorstand wiedergewählt, die Herren Becker 
und Mittwoch neu gewählt. Herr l'rofessor Mittwoch nahm die Wahl an. 

Der Vorsitzende führte darauf aus, daß durch die .Amtsniederlegung des Herrn Konsul 
Vohsen die Wahl eines Schatzmeisters in den geschäftsführenden Vorstand notwendig sei, 
und daß ein neuer Schriftführer zu wählen sei, da Herr Jöhlinger jeden .\ugenblick 
zum Heeresdienst einberufen werden könne und die Weiterführung des .\mtes abgelehnt 
habe. Herr 11 artmann schlug als Schatzmeister Herrn Professor Sobernheim, als 
Schriftführer Herrn Referendar J äs chke vor. die sich zur Übernahme bereit erldärt hätten. 
Es wurde mitgeteilt, daß Verhandlungen mit anderen Persönlichkeiten stattgefunden hätten, 
durch welche eine A'ollbesetzung des geschäftsführenden Vorstandes möglich geworden wäre; 
es sei aber von dieser Seite der Wunsch ausgesprochen worden, vorläufig von den ge- 
planten Änderungen abzusehen. Es wurden darauf auf Vorschlag Seiner E.xzcUenz Imho ff 
die Herren Hart mann zum ersten V'orsitzenden, Kampffmeyer zum zweiten Vor- 
sitzenden, Moritz Sobernheim zum Schatzmeister, Jäschke /um Schriftführer durch 
Zuruf gewählt. Die genannten Herren nahmen die Wahl an. Es wurde festgestellt, daß die 
neu gewählten Herren Sobernheim und Jäschke als Mitglieder des geschäftsfiihrenden 
Vorstandes dem Gesamtvorstande angehören. 

Punkt 4 der 'i'agesordnung wurde durch Wiederwahl der bisherigen Revisoren, der 
Herren Dr. Feder und Generalleutnant Imhoff. erledigt. 

-Anträge waren nicht eingegangen. 

gez. Professor Dr. Hart mann, gez. Referendar Jäschke, 

Erster Vorsitzender. Schriftführer. 

gez. Professor Dr. G. Kampffmeyer, 

Zweiter Vorsitzender 

in Vertretung des .Schatzmeisters. 



il>^ (rfiXfillscJiaft, VH 

C<)COO0t)C<:iCKX«0C>0C)<XXXX)CXXXX)00000CXXXX!CKXKXXXX50^ 

Der Ausschuß der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde. 

Dr. Arning, Mitglied des Abgeordnetenhauses, Hannover. Lic. theol. K. Axenfeld, 
Missionsinspektor, Berlin. Dr. C. Bachern, Justizrat, Steglitz b. Berlin. Dr. C. Bezold, 
Geh. Hofrat. Professor an der Universität Heidelberg. Karl von BöhlendorfF-Kölpin, 
Kittergutsbesitzer, Rittmeister a. D., M. d. R., M. d. A., Regezow a. Usedom. Dr. C. 
Brockelmann, Professor an der Universität Halle a. S. Dr. F. Delitzsch, Geh. 
Kegierungsrat, Professor an der Universität Berlin. Dr. B. Dernburg, Exzellenz, Wirk- 
licher Geh. Rat, Staatssekretär des Reichskolonialamts a. D., Grunewald b. Berlin. M. Erz- 
berger, M. d. R., Berlin. Dr. E. M. Grunwald, Konstantinopel. Dr. H. Guthe, 
Professor an der Universität, Vorsitzender des Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas, 
Leipzig. Otto Harrassowdtz, Hofrat, Verlagsbuchhändler, Leipzig. Dr. von Hart- 
mann, Direktor der Deutschen Orientbank, Konstantinopel. D. Haußleiter, Professor 
an der Universität Halle a. S. Dr. O. von Hentig, Exzellenz, Wirklicher Geh. Rat, 
Staatsminister z. D.. Berlin. Dr. F. Hommel, Professor an der Universität München. 
K. Imhoff Pascha, Generalleutnant z. D.. Berlin. Prof. Dr. E. Jäckh, Berlin. 
Professor Dr. A. von Le Coq, Dahlem b. Berlin. Dr. Johannes Lepsius, Vor- 
sitzender der Deutschen Orient-Mission, Postdam. Fürst zu Lövrenstein-Wertheim, 
Durchlaucht, M. d. R., Berlin. Dr. F. von Luschan, Geh. Regierungsrat, Professor 
an der Universität, Direktor am Königl. Museum für Völkerkunde. Südende b. Berlin. 

D. Mirbt, Geh. Konsistorialrat, Professor an der Universität Göttingen. Dr. Eberhard 
Grai" von Mülinen, Kammerherr Seiner Majestät des Kaisers und Königs, Rosengarten, 
Gerzensee (Kanton Bern). Dr. Paul Nathan, Berlin. Professor Dr. H. Nützel, 
Kustos bei den Kgl. Museen, Berlin. Professor Dr. C. Paul, Missionsdirektor, Leipzig. 
Dr. M. Rade, Professor an der Universität Marburg i. H. A. Renschhausen, Köni^'l. 
Kommerzienrat, Kötzschenbroda bei Dresden. Adolf Rost, Verlagsburhhändler. Leipzig. 
Dr. Schmidlin, Professor an der Universität, Herausgeber der Zeitschrift für Missions- 
wissenschaft, Münster i. W. Dr. F. Schultheß, Professor an der Universität Straßburg i. E. 
Dr. Ch. F. Seybold, Professor an der Universität Tübingen. Dr. O. Söhring, Ständiger 
Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt, Berlin. Dr. H. Stunune, Professor an der Universität 
Leipzig. J, K. Vietor, Großkaufraann, Bremen. Waldstein, Justizrat, M. d. R., 
M. d. A., Altona. Dr. J. Warneck, Missionsinspektor, Barmen. Friedrich Würz, 

Herausgeber des Ev. Missions-Magazins, Lörrach-Stetten. Baden. 

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde, 

Prof. Dr. C. H. Becker, Geh. Regierungsrat. Dr. Ernst Feder. Dr. Josef 
Froberger. Professor Dr. Hubert Grimme. Professor Dr. Friedrich Giese. 
Professor Dr. Martin Hartmann. Direktor Julius Hellmann. Exzellenz 
Imhoff. Referendar Dr. G. Jäschke. Redakteur Otto Jöhlinger. Professor 
liic. theol. Dr. Paul Kahle. Professor Dr. Georg Kampffmeyer. Prof. Dr. 

E. Mittwoch. Professor D. Dr. Julius Richter. Professor Dr. M. Sobernheini. 
Konsul a, D. Ernst Vohsen. Professor D. Westermann. Dr. Alfred Wiener. 

Geschäftsführung 1917. 

Erster Vorsitzender: Professor Dr. Martin Hartmann, 
Zweiter „ Professor Dr. Georg Kampffmeyer. 

Schriftführer: Referendar Dr. G. Jäschke. 

Schatzmeister: Professor Dr. M. Sobernheim. 

Herausgeber der Zeitschrift: Professor Dr. Georg Kampfftneye» 



VTH Nachrichien über Angeleaenheilen 

Mitglieder -Verzeichnis. 

iStand vom 15. Juni 1917.) 

» bedeutet: lebenslängliches Mitglied. — • bedeiitet: beigetreten nach dem i . Juli 191 6. 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Adana (272 

Kaiser]. Deutsches Konsulat, Aleppo (273 

Kaiserl. Deutsches Konsulat. Bagdad (274 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Beirut (275 

• Balkan Syndikat der Deutschen Maschinen-Industrie, Berlin W 50. Tauentzien- 

strafle 19 b (531 

Nachrichtenstelle für den Orient, Berlin W 50, Tauentzienstr. ipa (467 

Königl. Universitäts-Bibliothek. Bonn (Rhein) Cig7 

Städtisches Museum für Natur-. Völker- und llandelskunde (Direktor Prof. Schau- 
insland), Bremen ^51 

Königl. und Universitäts-Bibliothek, Breslau , (254 

• Stadtbibliothek. Budapest. IV. Gröf Kfirolyt-utca 8 (53° 

Bayerische Missionskonferenz, Vorsitzender: Pfarrer Gerhard von Zezschwitz, Burg- 
bernheim (Mittelfranken) (376 

Universitäts-Bibliothek, Christiania (94 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Damaskus (276 

Das Kaiserl. Gouvernement von Deutsch-Ostafrika, Daressalam (Deutsch-Ostafrika) (162 

Großherzogl. Hof-Bibliothek. Darmstadt (230 

Königl. Landesbibliothek. Dresden- N. 6 (471 

Landes- und Stadtbibliothek, Düsseldorf, Kriedrichplatz 7 (491 

Biblioteca Nationale Centrale, Florenz (260 

Orientalisches Seminar der Universität F"rankfurt a. M (458 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Frankfurt a. M (463 

Redaktion der Katholischen Missionen (Ilerdersche Verlagshandlung 1, Freiburg i. Br. (219 

Großherzogl. Universitäts-Bibliothek, Gießen (Hessen) '(245 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Göttingen (ili 

Bibliothek des Herzogl. Hauses, Gotha (226 

Kaiserl. Deutsches KonsuFat. Haifa (277 

Marokko-Mannesmann Compagnie, Hamburg, Domhof. Münckebergstraße 18 . . (208 

Seminar für Geschichte und Kultur des Orients. Hamburg, Edmund Siemersallee (195 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Jaffa (278 

Deutsches evangelisches Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, 

Jerusalem , (248 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Jerusalem (279 

lyrisches Waisenhaus, Jerusalem (249 

Kaiserl. Station Banjo, Kamerun ' . (338 

Kaiserl. Gouvernement, Buea, Kamerun (332 

Kaiserl. Obergericht, Buea, Kamerun • (333 

Kaiserl. Residentur, Garua, Kamerun (335 

Kaiserl. Hauptstation des Bezirks Logone fBumo), Kamerun (337 

Kaiserl. Residentur, Mora, Kamerun (334 

Kaiserl. Residentur Ngaundere, Kamerun (336 

Kgl. Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft. Kiel (5 ' 3 



der Gesellschaft. IX 

3000©oocxxxxxxxx)oocxxDococ<xxxyxx50(X)Ooococooocor<v-or c.'^ccc^ ,oeo 

• Königl. Seminar für internationales Recht an der Universität Kiel, Kiel, Dänische 

Straße 15, II f533) 

Königl. und Universitäts-Bibliothek, Königsberg i. Pr (47) 

Kaiserl. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (271) 

Nachrichtenstelle der Kaiserlich Deutschen Botschaft, K o nstanlin op el (5i2j 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Konstantinopel (280) 

Soldatenheim in Konstantinopel, Vorsitzender Pfarrer Kieser (480J 

Deutsche Gesellschaft ,,Teutonia", Konstantinopel (9^) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Leipzig. Beethovenstr. 6 (203) 

Institut für Kultur- und Universalgeschichte, Leipzig, Universität (So) 

• Semitistisches Institut der Universität Lei])zig, Arabisch-islamische Abteilung, 

Leipzig 1524) 

Königl. Universitäts-Bibliothek. Marburg (Lahn) '381) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat, Mossul (281) 

Königl. Hof- und Staats-Bibliothek, München. Ludwigstr. 23 143) 

• Orientalisches Seminar a. d. Westfälischen Wilhelms-Universilät. Münster. Westf. [^3(1) 

Kaiserl. Königl. Universitäts-Bibliothek, Prag ii)i) 

Der muselmanische Studenten-Sportklub (Muslimanski Gjacki Sportski Klubl, Saraj evo 

(Bosnien-Herzegowina) 1382) 

Königl. Bibliothek, Stockholm (209) 

.Kaiserl. Universitäts- und Landesbibliothek, Slraßburg i. F^ (SO^j) 

Königl. Landes-Bibliothek, Stuttgart 193) 

Museum für Länder- und Völkerkunde (Linden-Museum), Stuttgart 173) 

Kaiserl. Deutsches Konsulat. Trapczunt '.282) 

Stadtbibliothek, Trier (4^12) 

Königl. Universitäts-Bibliothek. Tübingen (lo?) 

Großherzogl. Bibliothek, Weimar (250) 

Kaiserl. Königl. Universitäts-Bibliothek. Wien (204) 

Forschungsinstitut für Osten und Orient, Wien 1, Mölkerbastei 10 '5°^) 

Sudan Pionier Mission, Wiesbaden. Emser Str. 12 (290) 

Hauptbibliothek der Marinestation der Nordsee, Wilhelmshaven (466) 

Königl. Universitäts-Bibliothek, Würzburg (228) 

Abel, Hans, Dr., Leipzig, Kronprinzenstr. 64 '^124) 

Acker, Amandus. Provinzial der Väter vom Heiligen Geist. Missionshaus Knechts- 

steden bei Köln. Rheinpr ('O') 

Aftandil, Arseue, Banque d'Escompte de Perse in Tauris (34') 

Ahrens, Karl, Prof.. Oberlehrer am Kaiserin Auguste Viktoria-Gymnasium, Plön, 

Prinzenstraße l''78) 

Albertall, A., Konstautinopel (283) 

Anders. Edgar. Kaiserl. Vizekonsul. Erzerum (Asiat. Türkei), Deutsches Konsulat. 

Jetzige Adresse unbekannt (236) 

• „ Anthropos'', Administration des ,.Anthrojios", Mödling, Nieder-Österreich . . (534) 

Arne, T. J., Dr. phil., Statens Historika Museum. Stockholm 15 '302) 

Arning, Dr., M. d. A., Hannover. Korvinusstr. 5 106) 

Asseo, Leon, Salonique (Türkei), Quartier franc^ (h6) 

Aubert, Frau Major, Berlin-Schmargendorf, Orl)erstr. 2 (481) 

Axenfeld. K., Lic. theol., Missionsdirektor. Berlin N< > 43, Georgenkirchstr. 70 . (154) 



X NdchncJden über Anaeleqenheiten 

30000COO0C00CO0C)0<KXXXXXX)0000<XXXX»00CXD0CO0CXXXX)00O0COC)0^ 

Bachern, Carl, Dr. Justizrat, Köln, Kaiser Wilhelm-Ring 13 (17) 

Bachern, Franz X., i. Fa. J. P. Bachern, Verleger, Köln a. Rh., Kölnische Volks- 
zeitung, Marzellenstr. 35 — 43 (^52) 

Baer & Co., Josef, Frankfurt a. M., Hochstr. 6 (196) 

Bechler, Th., Pastor, Herrnhut in Sachsen, Berthelsdorfer Str. 10 (3S4) 

Beck, Sebastian, Orientalist und Mitglied der Nachrichtenstelle für den Orient, 

Berlin W 62, Bayreuther Str. 27/2S, III (455) 

Becker, Carl Heinrich, Prof. Dr., Geh. Regierungsrat, Vortragender Rat im Kultus- 
ministerium, Berlin-Steglitz, Schillerstr 2 (18) 

Bei, Alfred, Directeur de la Medersa de Tlenicen, Tlemcen (Algerien) (102) 

Prinzessin Viktoria zu Bentheim, Berlin-Wilmersdorf, Aschaffenburger Str. 24 . . (404) 

Berghaus, Walter, Agenturen, Konstantinopel (217) 

Berthold, Frau Louise, Berlin W 30, Gleditschstr. 35 (140) 

Bindernagel, Ludwig, Alexandrien (Ägypten) Postfach 240 (233) 

Biscaborn, D., Bucarest, Strada Tudor Vladimirescu i (86) 

Blum, Nicolaus, Steyl, Post Kaldenkirchen (Rheinland) (17O 

Blumenfeld, Kurt, Generalsekretär der Zionistischen Organisation, Berlin- Wilmers- 
dorf, Rüdesheimer Platz 7, z. Zt. Danzig, Frauengasse 39 (403) 

de Boer. T. J., Prof. Dr., Amsterdam, Jacob Obrecht Str. 75 (201) 

Bonn, M. J., Prof. Dr., Direktor d. Handelshochschule, München, l^udwigstr. 4, 

z. Zt. New Vork, 24 Pine Str., c/o Speyer & Co (372) 

Borchardt, Paul, Kolonialgeograph, Berlin-Wilmersdorf, Prinzregentenstr. 76, s. Zt. 
Gefreiter i. Inf.-Regt. 50, II. Ersatz-ßatl., 3. Komp.. Sarne, Kr. Rawitsch, 

Sandslr. 146. Gegenwärtige Adresse unbekannt (452) 

Braun, Johannes, Generalsekretär, Bonn, Marienstr. l6 (484) 

V. Bredow, Frau Hedwig, Berlin W 35, Magdeburger Str. 4 (405) 

Brinck, G., Rechtsanwalt, Berlin-Schöneberg, Hauptstr. 136 II (300) 

Brockelmann, C, Dr.. Prof. a. d. Univ. Halle a. S., Reilstr. 91 (S5) 

Brünnow, Rudolph E., Dr., I'rof. a. d. Univ. Princeton, New-Jersey, U. S. A., 

49 Library Place (Jl^) 

Buchmann, Ed.. Dr.. Berlin W 30, Landshuler Str. 17 (402) 

Budde, K., D., Geh. Konsistorialrat, Prof. a. d. Univ. Marburg .i. I... Renthof 17 (12S) 

Büttner, F'rau E., Charlottenburg, Kaiserdamm 10 • . (407) 

Freifrau v. d. Bussche, Berlin W 57, Keithstr 14 (406) 

Byhan, A.. Dr., Abteilungsvorsteher am Museum für Völkerkunde, Hamburg 13 . (257) 

Caetani, Leone, Principe di Teano, Rom, Palazzo Caetani (237) 

Centralbureau, Zionistisches, Berlin W 15, Sächsische Str. 8 (532) 

Chamberlain, Houston Stewart, und Frau, Bayreuth i. Bayern (106) 

Chamizer, E., Dr., Leipzig, Nürnberger Str. 58 (485) 

Chrambach, Fritz, Kaiserl. Türkischer Konsul, Dresden-A, Liebigslr. 7 . . . . (48) 

Christian, Viktor, Dr. Wien XIII/9, Lainzerstr. 120 (83) 

Denker, C, Geh. Regierungsrat, Berlin W 50, Culmbacher Str. 13 ('98) 

Dernburg, B., Dr., Exzellenz, Staatssekretär a. D., Berlin-Grunewald, Erbacher Str. 1 (292) 

Deuß & Co., Ludwig, Hamburg, Königstr. 15 (354) 

• Dieckmann, F., Preuß. Eisenbahndirektor, z. Zt. Direktor der Hedschu/.bahn u. 

der vom Staate verwalteten Eisenbahnen in Syrien, Damaskus (5 '4) 



der Gesellschaft. XI 

00<M000eOCOCO0G0CO00CKX)0C)0O00000000CKXXX>0000C)0(X>0000CXX^^ 

Dielterle, Richard, Alexandrien (Ägypten), Postfach 376 (174) 

von Döbeln, Ernst, Dr., Bibliothekar, Uppsala (Schweden), (VAgatan 19 . . . . (241) 

Doesburgh, S. C. van. Breetstraat, Leiden (Holland) (S'') 

• Dürener Metall werke A. -G. , Düren (Rheinland) (517) 

von Duisburg, Adolf, Oberleutn. der Schutztruppe, Mora (Kamerun) (37/) 

Duviaage, Heinrich, Fastor, Hussinetz bei Strehlen (Schlesien) (35°) 

Dynsmit- Aktien-Gesellschaft vorm. .\lfred Nobel & Co., Hamburg. Europa- 
Haus (501')) 

Eberhard, Schulrat und Seminardirektor, Greiz (473) 

Eisenberg, J., Dr., Dobhsch b. Prag (44^^) 

Enderiin, Missionar, Daraw. Oberägyplen (30'^) 

Endres, Franz Carl, Kaiserl. oltoman. Major. München, Clemensstr. 43, 111 . . . (456) 
Engelkemper, W., Dr., Prof. d. alttestamentl. Exegese a. d. Univ. Münster i. W., 

Kattliagen 31 (210) 

Erich, C, Berlin-Südende. Berliner Str. 1 (169) 

Erzberger, M., M. d. R., Berlin W 9. Budapester Str. 14 (l77) 

F.'idilbeg Fadilpasic, Sarajevo, Filipovic Qai i (450 

Feder, Artur. Marrakesch (Marokko). Adr.: \)r. Ernst Feder (s. d.) (39) 

Feder, Ernst, Dr., Rechtsanwalt, Berlin W 8, Leipziger Str. 103 (4) 

Fehler, W., Bezirksrichter, Berlin W 62, Maaßenstr. 34 (477) 

I'cldmann, Wilhelm, Dr., Korrespondent des „Berliner Tageblatts'". Konstantinopel- 

Pera, Postfach 20 (3'7) 

Fiedler, Feodor, Ratsassesor, Plauen i. V.. Am Preisselpöhl I. 76 Erdg (89) 

Fraude, K., Smyrna (98) 

P'reundt, A., Kaiserl. Konsul, lleilsberg/Ostpr., z. Zt. Oberleutnant. Deutsche 

Abteilung a. d. Dardanellen. Durch Marine-Postbureau, Berlin C 2 . . . (157) 

Frey, Th. Dr., Pater, Provinzialoberer der Weißen Väter. Trier, Dietrichstr. 30 . (lt)8) 

Freytag, Kurt, Fabrikbesitzer, Deutsch-Lissa (459) 

Frisch, Albert, Kunstanstalt, Berlin W 35, l>ützowstr. 66 (408) 

Frobenius, L., Prof. Berlin-Grunewald, Karlsbader Str. 16 (409) 

Froberger. Josef, Dr., Bonn, Marienstr, 14 iz) 

Fromholz, K. J,, Feldunterarzt, Eberswalde. Eisenbahnstr. 7 (3'J&) 

Garbaiy-Rosen thal, Eugen L., Berlin-Pankow, Berliner Str. 127 (i33j 

Geutbner, Paul, Buchhändler, Paris VI«, 13 Rue Jacob (90) 

Geyer, Rudolf, Prof. Dr., W^ien XVlII'i, Türkenschanzstr. 22 (i H) 

Ghaleb Hassib, Chef du Bureau, Deutsche Orientbank in Kaza Djaihan, Wilajet 

Adana (Klein-Asien) (187) 

Giesc, Friedrich, Dr.. Prof. a. d. Univ. Konstantinopel, BeLek b. Kon>tantinopeI, 

Kilisse Sokaghy 56 (5) 

Gimmel, Paul, Kaufmann. Dresden-A, Schlüterstr. 19. I (465) 

Giatzel, Jeserig b. Götz, Kreis Zauch-Belzig (411) 

Goldziher, Ignaz, Dr., Prof. a. d. Univ., Budapest VII, Hollo-utcza 4 (75) 

Goossens, Dr., Sendenhorst, Kr. Beckum i. Westf. (535) 

Grabowsky, Adolf, Dr.. Berlin \V 62, Wichmannstr. i8 (45°) 

Gracitr. Eduard, Dr. phil., Basel, Birmannsgasse 48 (3^0) 



XU Nachrichten über Angelepenheüen 

CC00e00000C«XrOC»O©0<X)0CCC<XX)CO0OCKXXXlOC<X)CC00000C^CC<X)0<XX^ 

(.raßhoff, Richard. Dr.. phil. ft jur.. Rechtsanwalt, Berlin W 57, Bülowstr. 2i . (16) 
Gratzl. Emil. Dr.. Bibliothekar a. d. Königl. Hof- und Staatsbibliothek. München, 

Erhardtstr. 11 1-2 ' 8) 

Greenfield, James, Dr.. Berlin-Wilmersdorf, Braudcnburgi.sche Str. 22 (74) 

»irimme. Hubert. Dr.. Prof. a. d. Univ. Mün&ler i. W.. Erjihostr. 49 (31) 

Grobba. Dr.. C>berltn. d. K.. Deutsche Militärmission. Türkei. IV. Armee. Exped. 

Korps. Durch Marinepostbureau Berlin C 2 (410) 

Grünert. Max. Prof. Dr.. Pr;ig-\Veinl)erge. Puchmajergasse 31 (200) 

Grunwald. E. M.. Dr., Konstantinopel (294) 

Grussendorf. Tfa. Dr.. Chefarzt des Deutschen Diakonissenhospitals. Jerusalem . (ii8) 

Güterbock. Bruno. Prof. Dr.. Berlin W 62, Maaßenstr. 36 ('3Öj 

Gustavs, Arnold. Pastor, Kloster b. Witte. Rügen (302) 

Guthe. Hermann, Dr.. Prof. a. d. Univ., j^eipzig. Grassistr. 38 (29) 

Gut mann. Herbert M.. Direktor d. Dresdner Bank, Berlin W 8, Budapester Str. 2 t (167) 

von Gwinner. Arthur. Direktor d. Deutschen Bank, Berlin W 8, Behrensstraße . (36) 

• Hachtmann. Dr.. Dessau. Albrechtsplatz 18. I (529) 

Ha dank, Karl. Dr , Oberlehrer an der König Friedrich-Schule. Friedrichshagen, 

Seestraße 100 II (374) 

}i affner, A.. Dr., Prof. a. d. Univ. Innsbruck. Hall i. Tirol (115) 

Baronesse Hahn. Hedwig, Wiesbaden, Emserstr. 12 (324) 

Hahn, Georg, Dr., Berlin \V 10. Tiergartenstr. 21 (417) 

Hahn, W., Dr.. Rechtsanwalt, Berlin W 62. Lützowplatz 2. z. Zt. Marine-Intendantur- 
rat, Kiel. Niemannsweg 32 (durch Feld]50st) l4'-) 

Handke. Hermann. Dr.. Leiter des politischen Büros des Dresdener Anzeigers, 

Berlin-Schoneberg. Kaiser-Friedrich-Str. 13 (375) 

Hantke. Artur. Dr.. Cliarlottenburg. llleiblreustr. 19 (489) 

Härder. E., Dr., Cliarlottenburg, Goethestr. 8, Gartenhaus l (b) 

Harrassowitz. Otto. Hofrat, Verlagsbuchhändler, Leipzig, Querstr. 14 .... (28) 

von Hartmann, Dr.. Geh. Leg.-Rat, Charlottenburg, Rüsternallee 27 (35) 

II artmann, Martin. Dr.. Prof. am Sem. f. Or. Spr.. Charlottenburg. Goethestr. 8. 

Gartenhaus II (l) 

Hartmann. Richard. Dr.. Privaldt)zcnt. Kiel. Düppelstr. 64. III ('26) 

Hartmann. Dr., Oberarzt, unbek. verzogen (370 

Hartwig, O., Berlin NW 21. F.ssener Str. 9 (416) 

Haufl, Otto, Charlottenburg 11. .Xiehuhrstr. 7S (362) 

Haußleiter, G.. Prof. D.. Halle a. S.. Zietenstr. 10 (235) 

Heffening. Willi, cand. phil., Düsseldorf. Gartcnslr. 43. /.. Zt. im Felde . . . (323) 

Heiman, S., Berlin W 30, Maaßenstr. 17 .(413) 

Heinz, Jacob, Redakteur, Mülheim (Kuhn. Kppingliufer Str. 134, /. Zt. .Musketier, 

Res.-lnf.-Regt. 219, i. Comp., i. BatI (129) 

Helfferich. Karl, Dr., Exz., Staatssekretär d. Innern. Berlin NW 7. Unter den 

Linden 72/73 (37) 

Hell, Josef, Dr.. L'niv.-l'rof.. h.rlangen. Rathsbergerstr. 7 (35^) 

HeHmann, Julius, Direktor d. Kolonialbank .\kt.-tk\s., Berlin W 8. Behrenslr. 31 (287) 

Ton Hentig, Dr., Exzellenz, Slaatsminisler a. D., Pieskow (Mark) (38) 

Herkommer & Bangerter. F"arhwaren- und Chemikalien-Ciroßhandlung, Stuttgart, 

Postfach 170 (504) 



d^f Gesellschaft. XHI 

0CT-OCOeXXXXXX>000000C100000000C)00CO000000C<XXXXX30CO0000COCy^^ 

Herrmann, Eugen, Dr., Heidelberg, Rohrbacher Str. iq (127)^ 

Heydcnreich, Daniel, Berlin W 15, Fasanenstr. 71 (414) 

Heymann, Hans, Dr., Köln a. Kh.. Clever Str. 2g (487) 

Hoffmann, Wilhelm, Dr., Neuulm, Moltkestr. 32, 1. Im Frieden Haifa (Syrien), 

2. Zt. im Felde (49i>) 

Holma, Harri, Dr. phil., I'rivaldozent, Helsingfors (Finnland), Högbergsgatan 31/33 (246) 

Holzhausen, H., Bible House, Port Said (Ägypten) (253) 

Horamcl, Fritz, Dr., Geh. Rat, Prof. a. d. Univ., München, Leopoldstr. 114 . . (24) 

HoroTilz. J., Prof. Dr., Frankfurt a. M., Melemstr. 2 fl44> 

Houtsma, M. Th., Prof. Dr.. Utrecht, Maliestraat 6 (222) 

Hup6, Frau Prof.. Charlottenburg. N'iebuhrstr. 8 ('37) 

Imhoff Pascha, Exzellenz, Generalleutnant z. D., Berlin W 30. Westarpstr. i . (OS) 

Jacobsohn, A., Dr., Lüneburg, Haagestr. 2, z. Zt. Drag. -Regt. 16, i. Depot-Esk. (490) 

Jacobson, V., Dr., Direktor d. Anglo-Levantine Banking Co., Konstantinopel . . (303) 

Jäckel, Friedrich, Pastor, Weitenhagen, Kr. Stolp i. P (476) 

Jäckh, Ernst, Prof. Dr., Berlin W 35, Schöneberger Ufer 36a (61) 

• Jäschke, Referendar, Berlin-Lichterfelde, Manteuffelstr. 10 (526) 

Jaffe, Georg, Dr. jur., Berlin W 15, Bleibtreustr. 26 (418) 

Jcck, J,, Lehrer, Winden bei Bad Nassau Lahn, z. Zt. im Felde (507) 

Jenny, Ernst, Dr.. Rittergutsbesitzer, Berlin W 15, Lietzenburger Str. 30 ... . (193) 
Jöhlinger, Otto, Handelsredakteur des „Berliner Tageblatts", Berlin-Wilmersdorf, 

Wexstr. 3S (28O) 

Jost, Else, Frau Baurat, Berlin W 57, Elfiholzstr. 2 (266) 

Junge, Reinhard, Berlin-Steglitz, Lindenstr. 12 (299) 

Jungmann. Dr., Geh. Reg. -Rat, Berlin W 62, Landgrafenstr. 14, II (419) 

Kable, Paul, Lic, Dr., Prof. a. d. Univ. Gießen, Liebigstr. 80 (32) 

Kahn, Bernhard, Dr., Syndikus, Berlin-Wilmersdorf, Konstanzer Str. 54 (142) 

Kalau V. Hofe. Konteradmiral z. D.. Freiburg i. Br., Turnseestr. 55 (366) 

Kampffmeyer. Georg. Dr.. Prof. am Sem. f. Or. Spr., Berlin-Lichterfelde West, 

Werderstr. 10 (7) 

• Kapp, Karl, Kaiserl. Deutscher Generalkonsul in Budapest (5 '5) 

• Karge, Paul, Prof. Dr., Privatdozent, Breslau IX, Kl. Domstr. 6 (520) 

Karsteöt, Dr., Berlin-Steglitz, Stindestr. 4 (424) 

Karutz, Dr., Lübeck, Sandstr. 16 (227) 

Katz, Dr., Berlin NO 55, Greifswalder Str. i (423) 

Katz, Ludwig, Charlottenburg, Giesebrechtstr. 11 (425) 

Kauffmann, Felix, Dr. phil., Frankfurt a. M.. Staufenstr. 31 (221) 

Kaufmann, A., .Sladtpfarrer, Lahr i. Baden (i55) 

Kayser, E., Oberregierungsrat, Adr.: Ministerialrat Kayser, Straßburg i. E., An 

der Aar 11 (53J 

▼. Kehler, Curt, Leutnant im Fuß - Art. - Regt. Generalfeldzeugmeister (Branden- 
burgisches) Nr. 3, Ersatz-Batl. Mainz, Mainz, Bahnhofstr. 11 (4f'8) 

Kemner, Wilhelm, Berlin-Grunewald, Caspar-Theys-Str. 23 (349) 

Kemmerich, Max, Kaiserl. Türkischer Generalkonsul, München NW 2, Elisabethstr. 20 (45) 
Kern, Friedrich, Dr., Berlin W 50, Rankcstr. 22, Pension von Versen, z. Zt. Dol- 
metscher im Halbmondlager Wünsdorf b. Zossen, Märkischer Hof .... (8) 



XIV Nachrichten über Angelegenheiten 

OCK>JCK)00CKX)C<X>0C<X)O0C<3O(XXXX-<y>0CX)OCKKK<^^ 

Kirchhoff, roslinspeklor. Berlin \V 30, Luitpoldstr. 17 (355) 

Kleveta, Franz, Oberstaat«bahnrat, Wien XIir2, Pfadenhauergasse 20 (S'O 

Klotz, F., Dresden-N.. KiJnig-Albert-Str. 31 (383) 

Koppel, W., Smyrna (07) 

Kräcker, Julius, Neukölln. Pflügerstr. iS (4-2) 

• Krause, G., Prof. Dr.. Cöthen (Anhaltl (229) 

Kressmann, P. H., Großkaufmann. Charlottenburg 2, Fasanenstr. 77 (4-0 

Krühnke, O., Dr., Chemiker. Zehlendorf (Wannseebahn), Kleiststr. 26 (4^3) 

Kropp, Frau Eva, Berlin W 10. Königin-Augusta-Str. 43 (3^7) 

Krymski, Aganthangelos, Prof., Moskau, Lazarewsches Institut f. d. Orientsprachen (125) 

Kübel, Oberstleutnant, nähere Adresse unbekannt (3^^4.1 

Kühnel, Ernst. Dr., Berlin W 15, Düsseldorfer Str. 22, z. Zt. im Felde .... (34S) 
Kiinos, Ignaz, Dr., Direktor d. Königl. Ungar. Orient. Handelsakademie. Buda- 
pest VIII, Esterhäzy-utcza 1 (44) 

Kurz, Hermann. Pfarrer. Genkingen, ().-A. Reutlingen (Württemberg) (3^o) 

Lange, Hauptmann im tlroßen (leneralstabe, unbekannt verzogen (301)) 

V. Le Coq, A., Prof. Dr., Berlin-Dahlem, Humboldlstr. 25b (82) 

• Leick, Erich, Dr., Prof. a. d. Univ. Konstantinopel, Bebek b. Konstantinopel . (522) 

]. entz, Henry, Kaufmann, Hamburg 33. Bramfelder Str. 23 (45/) 

Lepique, Heinrich, Schibin el-Kanater (Ägypten) (251) 

l.epsius, Johannes, Dr., Missionsdirektor, Potsdam, (Iroße Weinmeisterstr. 45 . . (363) 
IJebl, Fritz, Dr. med., Stabsarzt d. Res.. Tittmoning, Ober-Bayern, z. Zt. Neu- 

Ulm, Festungslazaretl, .Vugsburger Str. 15 ',2 (j--) 

Lindberg, O. E., Prof. a. d. Hochschule, tiotenhurg (Schweden) (340) 

Linke, Hugo, stud. jur., p. Adr. Herrn Klingspurn, Friedrichshagen b. Berlin, 

Viktoriastr. 31 (^5-) 

Littmann, Enno, Dr., Prof. a. d. Univ. Göttingen, z. Zt. Berlin \V 15. Joachims- 
taler Str. 15, Grth. II r (1O4) 

Loewe, Georg, Direktor, Berlin W 15, Lietzenburgerstr. 10 (42*^) 

Fürst zu Löwenstein- Wertheim. Alois. Durchlaucht, M. d. K.. Berlin W 62, 

Kurfürstendamm 264 i^^'^) 

Lühmann, Pa.stor, Uchtcnhagen b. Falkenberg (Mark) (39^) 

Lorenz, A., Regierungslehrer, Tanga (Deutsch-Ostafrika) (163) 

Lacht, Missionsinspektor, Pastor, Lokstedt b. Hamburg (35^) 

• Lummer, Friedrich, Buchhändler, Leipzig, Lindenstr. 20, IV. z. Zt. im Felde . (518) 
von Luschan, F., Dr., Geh. Regierungsrat, Prof. a. d. Univ.. Berlin-Südende, 

Öhlertstr. 26 (7°) 

Machmoud Bey Salem, Cairo, 48 Houlevani de Choubra (304) 

Mann, Traugotl, Dr., Berlin NW 21, Bundesralsufer 9 (l'7) 

Marum, F., Kaiserl. Legationsrat. Tanger (Marokko) (3^5) 

Martin, A., unbekannt verzogen (43^) 

Meidinger, Dr., Justizrat, Nikolassee b. Berlin, Libellenstr. 13 (88) 

Meier, Max, i. Fa. Renschhausen & Co., Tanger (Marokko) (JÖ3) 

Menzel, Theodor, Dr., Odessa, 8. Station, Datscha Menzel (185) 

Metzdorf, Karl, Hofrat, Zehlendorf-West. 1 Jerttiingcrstr. 27 (300) 

?.Ieurer, P>ich, Nicder-Marsbcrg i. W (47°) 



ihr Gesellschafi. XV 

ooooooocx:xx<xxx;ooG<x<xxxuxxxxxo<x>ooc<KX>oococoococ<~ccco<x<^ 

Meyer, Erich, Pfarrer. Frankfurt a. M.. Schift'erstr. 31. z. Zt. Etappenpfarrer, F'eld- 

post 38, Kommandantur 117 (296) 

Mez, A., Dr., Prof., z. Zt. Hauptmann, Schiltigheim bei Straßburg. Hauptstr. 71 . (59) 

Mielck, Reinhard, Hamburg, (iraumannsweg 50 ('Qi) 

• Mielmann, Fritz. Berlin-Friedenau, Iledwigstr. 5 bei Herrn Kunstmaler Otto 

Lagemann. z. Zt. Konstantinopel, Etappeiilazarett (5-23) 

Minde, Paul, Berlin-Grunewald, Knausstr. 17 (429) 

Mirbt, Dr., (jCh. Konsistorialrat, Prof. a. d. Univ., Göttingen, Kitterplan 5 . . . (63) 

Mittag, Frau Heinrich, Ballenstedt (252) 

Mittwoch, Eugen, Prof. Dr., Berlin NW 52. Kirchstr. 23 {15) 

Möllenhoff, Oberverwaltungsgerichtsrat. Berlin-CJrunewald, Parkstr. 18 (43°) 

Mo eller, Hans, Redakteur, Wildpark b. Potsdam. Viktoriastr. 43 (259) 

Moock, W., Oberlehrer, Lippstadt, Lüning 18 (i73) 

Morgenstern, Karl, Zehlendorf-Mitte, .\lsenstr. 42 (427) 

Graf von Mülinen, E.. Dr., Kammerherr Sr. Maj. d. Kaisers u. Königs, Gerzen- 

see, Kanton Bern, Rosengarten (25) 

Müller, Karl, cand. theol., Herruhut i. Sachsen, Archiv, während des Krieges 

Kleinwelka bei Bautzen (297) 

Muhetdinoff, Abdulkadir, Sarai Ulugbek, Staraja Buchara (Rußland) (iQo) 

Mukhtar Pascha, Exzellenz, Berlin W 9, Bellevuestr. 16 — i8a, Hotel Esplanade . (368) 
Muth, J. F., Oberstleutnant, Stubsoffizier des Ingenieur- und Pionierkorps der 

Festung Brest-Litowsk, Feldpost Nr. 191 (357) 

V. M2ik, Hans, Dr., Kaiserl. Königl. Kustos an der Kaiserl. Königl. Hofbibliothek, 

Privatdozent an der Universität, Wien XIII, Leopoldmöller Gasse 1 . . . . (262) 

Nallino, Carlo Alfouso, Prof., Rom, Via Attilio Regolo 12 (232) 

Nathan, Paul, Dr.. Berlin NW 23, Altonaer Str. 26 ... (55) 

Neudörfer. Ernst. Konsul. Leipzig, Springerstr. 16 (453) 

Neuhaus, Bernhard, Berlin-Wilmersdorf, (Jüntzelstr. 59 (482) 

V. Neumann, Otto, Privatgelehrter, Charlottenburg, Trendelenburgstr. i (265) 

Nickoley, Edward F„ Missionar. Prof. an ,, The Syrian Protestant College", Beirut 

(Syrien) (132) 

Nützel, H., Prof. Dr., Kustos b. d. Königl. Museen. Berlin-Schlachtensee, Adal- 

bertstr. 25 a (22) 

Ottow, Marine-Generaloberarzt, Cuxhaven (472) 

Pappenheim, Frl. Friedel, Berlin W 15, Bayerische Str. 3 (460) 

Paul, Prof. Dr., Missionsdirektor, Leipzig, Karolinenstr. 19 (295) 

Peiser, F., Dr., Prof. a. d. Univ.. Königsberg i. Pr., Goltzallee 11 (130) 

Pelz, Arthur, Dr., Königsberg i. Pr., Steindaram 130/131 (492) 

Petersen, C. F. Wiebe, Berlin-Steglitz, Kurfürstenstr. 7 (446) 

Philipp, Karl, Prof. Dr., Cottbus, Wallstr. 45 (216) 

Pieper, Ernst, Generalsekretär d. Deutschen Jungmännermission im Orient, Aleppo 

(Syrien) (239) 

Po Hak, Isidor, Dr., Privatdozent, Dejwitz b. Prag 331 (223) 

Praetorius, F., Dr., Prof. a. d. Univ., Breslau IX, Hedwigstr. 40 (41) 

Prietze. Rudolf. Dr.. Gesellschaft für Erdkunde, Berlin SW 48, Wilhelmstr. 23 . (258) 



XVI Nachnchten über Angelei/enheiten 

00000(XK)OOCICXX)000000<XXXXXXXX)OOOOOOOOOCOOOOOOOOOCOOOOOOOOOOOQOC^^ X OSOCX3GO 

Rackow, Krnst. Zeichenlehrer, z. Zt. Dolmetscher. Slobozia, Bezirk Jalomija, " 

Rumänien. Deutsche Feldpost 145 

Riimdohr, Max, s.lud. jur. (Leipzig-Anger. Breite Str. 9), z. Zt. im Felde .... 
Kapp, Gottfried, Dr., Landrichter, Hamburg 36, Feldbrunnenstr. 54 

• Rasch d au, L., E.xzellenz, Kaiserl. Gesandter z. D.. Berlin NW 7, Sommerstr. 6 
Rauschburg, Gustav, Buchhandlung u. Antiquariat. Budapest IV, Franziskanerplatz 2 

Reckendorf. H., Prof., Freiburg i. Br., Maximilianstr. 34 .... 

Redlin, Johannes, Ger.-Assessor a. D., Verwaltungssyndikus, Berlin-Siemensstadt, 

Xonnendammallee 93 

Reinhardt, Dr., Leipzig, Asterstr. 17 pt 

• Reinhold. Karl, stud. phil., Berlin N 24, Gr. Hamburger Str. 38 

• Reisinger, Gg., Lehrer an d. Deutschen Schule in Haidar Pascha, Konstantinopel 

Reitemeyer, Else, Dr., München, Königinstr, 4, II r 

Renschhausen. .\., Kgl. Kommerzienral, Kötzschenbroda b. Dresden, Villa 

Tanger 

Rescher. O., Dr., z. Zt, Dolmetscher, I lalbmondlager, Wünsdorf b. Zossen . . . 

Retzmann & Co., Hamburg, Steinstr. iio 

Rhodokanakis, N., Prof. Dr., Graz, Mandellstr. 7 

Richarz, Konsul a. D., Bagdad (Asiat. Türkei) .^ 

Richter, Bruno, Kunstmaler, Berlin-Friedenau, Offenbacher Str. 5 

Richter, Julius, Prof. D. Dr., Berlin-Steglitz, Grillparzerstr. 15 

Rinck, Wilhelm, Charlottenburg, Grolmanstr. 42. Gegenwärtige .Adresse unbekannt 
Ripke, Axel, Haiensee, Hektorstr. 14 

• Ritter, Hellmut, Dr., Leutnant d. R., Stab der Deutschen Irakgruppe, Mossul 

• Ritzau, C, Leutnant, Leichte Funken-Stat. 24, Deutsche Feldpost 2006 . , . 
Roeder, G., Prof. Dr., Direktor des Pelizaeus-Museums, Hildesheim, Mozartstr. 20 

Rößler, Walther, Kaiserl. Deutscher Konsul, Aleppo (Syrien) 

Roh de, Hans, Leutnant im Inf.-Reg. 29, Trier, Eusener Str. 79, z. Zt. im Felde 

Roloff, Max, Privatgelehrter und Journalist, Breslau V, Zietenstr. 7, 11 

Rost, Adolf, Verlagsbuchhändler, Leipzig, Blumengasse 2 

Ruser. Clara, verw. Frau Wirk). Geh. Kriegsrat, Berlin W 30, Bamberger Str. 49 

Said-Menun, p. adr. Prof. Frobenius. Berlin-Grunewald, Karlsbader Str. 16 . . 

Said-Ruete, Rudolph, Zürich, Gladbachstr. 05 

Sandhagen, Anton, Frankfurt a, M., Brentanostr. 23 

Sante, Georg Wilhelm, stud. bist., z. Zt. Gefreiter im Feld-Art.-Regt. 11, Kassel, 

Hedwigstr. 11, III 

Sarre. F., Prof. Dr., Neu-Babelsberg, Kaiserstr. 39, z. Zt. im Felde 

Saiilmann, Franz, Berlin-Wilmersdorf, Meierottostr. 7, I 

Schabinger, K., Kaiserl. Konsul in Jafta, durch Auswärtiges Amt 

Schachtel. Hugo, Zahnarzt, Breslau, Königsplatz 3b 

Scheffler, Herrmann, Kunstmaler, Berlin-Grunewald, Casjjar-Theys-Str. 12 . . . 
Schctelig, Leutnant d. L., Berlin SW 11, Ilodcmannstr, 15. Gegenwärtige Adresse 

unbekannt 

Schickedan tz, Frau Marianne, Charlottenburg, Knescbeckstr. 22 

Schindler, Bruno, Leipzig, Christianstr. 27. z. Zl. im Felde 

Schleich, Otto, cand. phil. orient., Leutn. d. Res., i. Komp. Ers.-lnf.-Regts. 52, 

Armceabl. von Strantz, /.. Zt. Tübingen. L'I.Iandstr. 20 (T99) 



der Gesellschaft. XVII 

00OO0<X)O(XKXKX)OO00O000OO00O<XX)0<XXXXX)O0C)CXDO0O0000CKX)CKX>C>OC^^ 

Schmidlin, Josef, Dr., Prof. der Missionswissenschaften a. d. Univ. Münster i. W., 

Erphostr. 35, z. Zt. im Felde (58) 

Schmidt, Franz F., Dr. jiir. et phil., Konstantinopel, Anatol. Eisenbahnges. Galata (95) 

Schmidt, Franz, Geh. Regierungsrat, Prof. Dr., Konstantinopel-Arnautköi, Quai 214 (509) 

• Schmidt, H., i. Fa. Theodor Blanke Nachf., Cöln Zollstock. Gottesweg 18 . . (516) 
Schmidt, Oberstleutnant u. Vorstand des Bekleidungsarates. 10. A.-K., Hannover, 

Kriegerstr. 44 (?) (99) 

Schmidt, P. Wilhelm, Prof., St. Gabriel, Mödling b. Wien (238) 

Schneider, F., Direktor, Konstanz i. Baden, Reichenaustr. 13 (440) 

Schocken jun., S., Zwickau i. Sa., Hauptmarkt 26 (494) 

Schoeller'sche und Eitorfer Kammgarnspinnerei A.-G., Eitorf (Rheinprov.) . . (502) 

Schreiber, A. W.. Missionsdirektor, Berlin-Steglitz, Humboldtstr. 14 (390 

• Schuchmann, Dr., Hauptmann d. Res. im 12. Inf.-Regt. in Neu-Ulm, Marienstr. 7 (519) 
Schultheß, F., Dr., Prof. a. d. Univ. Straßburg i. E., Ruprechtsauer AUee 60 . (26) 

Schulz, Alfons, Prof. Dr., Braunsberg, O.-Pr (123) 

Schumacher, G., Dr., Königl. Württemb. Baurat, Haifa (Syrien) (141) 

Schwally, Friedrich, Dr.. Prof. a. d. Univ. Königsberg i. Pr., Tiergartenstr. 53 . (234) 

Schwarzschild, H., Haiensee, Johann-Siegismund-Str. 16 (440 

Seiler, Albert, Kaufmann, Neukölln, Berliner Str. 18/19, z. Zt. Preuß. Sanitäts- 

komp. 501, Feldpoststation 974 (328) 

Senekerim ter Akopian, Tauris (Persien) (3^3) 

Seybold, C. F., Dr., Prof. a. d. Univ., Tübingen, Eugenstr. 7 (62) 

Simon, G., Pastor, Missionar (f. d. Theolog. Schule), Barmen, Meckelstr. 54 . . (104) 

Simonsen, D., Prof., Kopenhagen, Skindergade 28 (213) 

Sobernh^eim, Moritz, Prof. Dr., Charlottenburg, Steinplatz 2 (19) 

Ton Soden, Hans, Freiherr, Lic. theol., Privatdozent a. d. Univ., Berlin-Lichter- 
felde 3, Ehrenbergstr. 33 (345) 

Soehring, Otto, Dr., Realgymnasialdirektor a. D., Ständiger Hilfsarbeiter im Aus- 
wärtigen Amt, Berlin-Lichterfelde West. Elisabethstr. 16 (122) 

Solf, Dr., Exzellenz, Staatssekretär d. Reichskolonialamts, Berlin W 8, Wilhelmstr. 66 (120) 

Sperling, Bezirksamtmann, Dodoma (Deutsch-Ostafrika) (i75) 

Spitzer, A., Dr., Advokat, Konstantinopel (17°) 

von Staden, Hermann, Dr., Berlin-Schmargendorf, Cunowstr. 45 (Post Grunewald) (298) 

Steiner, Michael, Dr., Arzt, Meißen i. Sachs., Dresdner Str. 7, z. Zt. im Felde . (35O 

Stock er, Heinz, Gratz-Waltendorf, Sonnenstr. 6 (3^9) 

Strandes, Justus, Senator, Hamburg, Mittelweg 89 (27) 

Straub, Pfarrverweser, Hagendingen, Bahnstr. 39 (3°?) 

Strauß, Raphael, Dr.. München, Rauchstr. 4 (495) 

Streck, Max, Prof. Dr., Würzburg, Friedenstr. 5 (393) 

Struck, Hermann, Radierer, Berlin NW' 23, Brückenallee 33 (21 

Stube, R., Dr., Prof., Leipzig, Scheffelstr. 17 I (255) 

Stumme, Hans, Dr., Prof. a. Univ., Leipzig, Südstr. 72 II (56) 

Stummer, Friedrich, D. Dr., Schlachtensee, Mariannenstr. 9 (347) 

Taeschner, Franz, Dr., Berlin C 19. Seydelstr. 16, z. Zt. Landsturmmann in Cismar 

i. Holstein, Landratsamt * (501) 

Vicomte de Tarrazi, Philippe, Beirut (288) 

Thommen, Eduard, Dr., Basel, Leonhardsstr. 31 (386) 

Die Welt des Islams, Band V. . II 



XVni Norhrieliten über Angelegenheiten 

OOOCOOOCKX)OOOOOC)OOOCXX)OOOCXX>OOOC>OOOOOOOCXXDOOOOC<X)<X)OOOCO<XX3^^ 

Thomsen, Peter, Prof. Dr. phil., Dresden-A 19, Kügelgenstr. 11 (310) 

Thon, J., Dr. jur., Jaffa (Palästina) (313) 

Frhr. v. Thuemen, Nicolaus, Berlin-Lankwitz, Kaiser-Wilhelm-Straße 6 (442) 

Torrey, Charles C, Universitätsprof., New-Haven (Conn.), 191 Bishopstr (315) 

Traub, Gottfried, Dr., M. d. A., Dortmund (500) 

Traulsen, U. C, Hamburg, 26, Auf den Blöcken 16 (469) 

Tschudi, R., Prof. Dr., Hamburg 24, Uhlandstr. 44,1 (454) 

Ullrich, Dr. jur., Korrespondent d. ,, Kölnischen Zeitung", während d. Krieges: 

Berlin-Schöneberg, Grunewaldstr. 42, z. Zt. im Ausland (314) 

Ulrich, Lic. theol., Pfarrer, Saarbrücken III, Rotenbergstr. 2, z. Zt. Divisions- 
pfarrer, Stab der 119. Division (i43) 

Untersweg, Hans, Dr., Graz, Johanneum (Landesbibliothek) (243) 

"Vassel, Philipp, Dr., Konsul, Mitgl. d. Kaiserl. Türk. Finanzkommission, Kon- 

stantinopel-Pera (378) 

Veiten, Karl, Dr., Prof. am Sem. f. Or. Spr., Berlin NW 23, Brückenallee 35 (14) 

Venetianer, Ludwig, Dr., Rabbiner, Ujpest b. Budapest (67) 

Vielhaber, Mitglied d. Direktoriums d. Friedrich Krupp A.-G., Essen (Ruhr), 

Hohenzollernstr. 23 (184) 

Victor, J. K., Großkaufmann, Bremen, Afrikahaus (79) 

Vohsen, Ernst, Konsul a. D., Verlagsbuchhändler, Berlin W 35, Genthiner Str. 13c (10) 

Voigt, C, Magdeburg, Oranienstr. 2a (151) 

Voigt, H., Referendar, Kaiserl. Gesandtschaft, Konstantinopel (12) 

• Vollbehr, Otto H. F., Dr., Charlottenburg, IV, Wilmersdorfer Str. 98/99 . . (525) 

"Waldstein, Justizrat, M. d. R., M. d. A., Altona, Bahnhofstr. 28 (109) 

Wallroth, Toni, Schwester, Berlin N 65, Virchow-Krankenhaus (373) 

Warburg, A., Prof. Dr., Hamburg, Hellwigstr. 114 (192) 

Warburg, O., Prof. Dr., Berlin W, Uhlandstr. 175 (344) 

W'arneck, Dr., theol., Missionsinspektor, Bethel b. Bielefeld (30) 

Weber, Th.. Dr., Erster Botschaftsdragoman, Konstantinopel, Kaiserl. Deutsche 

Botschaft (242) 

Wegelein, Rud., Kaiserl. Bezirkslandwirt, Kilwa (Deutsch-Ostafrika) (158) 

Weil, Gotthold, Dr., Privatdozent, Charlottenburg, Carmerstr. i, I (449) 

Wentzel, Hermann, Dr., Berlin-Karlshorst, Waldowallee 5 (267) 

von Wesendonk, Otto, Kaiserl. Legationssekretär, Berlin W 10, Hohenzollernstr. 12 (496) 

Wespy, Prof. Dr., Berlin-Schönebcrg, Mühlenstr. 8b (443) 

vonWestarp, Graf, Oberlcutn. i. i. Garde-Feld-Art.-Rcg., Berlin NW, Perleberger 

Straße il (346) 

Westermann, Diedrich, Prof. am Sem. f. Or. Spr., Berlin-Südende, Berliner Str. 13a (9) 

Wetzel, Fr., Dr.-Ing., Halbmondlager, Wünsdorf, Kr. Teltow (445) 

Wiener, Alfred, Dr., Hamburg, Rutschbahn 39 II, b. Aron, unbekannt verzogen . (3) 
Wilke, Bruno, stud. jur., Berlin SO 33, Eisenbahustr. 3, z. Zt. Leutn. u. Kompagnie- 

fiihrer d. Res.-Inf.-Regts. 131, 12. Komp (330) 

Wilhelm, Eugen, Dr., Hofrat, Prof. a. d. Universität, Jena, Löbdergraben 25 . (42) 

Wolf, Robert, Dr., Berlin W 35, Potsdamer Str. 55 (444) 

Woycieszyk, Paul R., Pflanzer, Plantage Goltzhof, Post Muheza, via Tanga (Deutsch- 
Ostafrika) (180) 



der Gesellschaft. XIX 

eooo<x)0(>xoooaxio<x)OCKX)00<xxxxxxxxxxx)000(xxxxxxxxxx)cxx)C)oc)<xx3^^ 

Würz, F., Herausgeber d. Zeitschrift „Evangelisches Missionsmagazin", Riehen b. Basel 

(Schweiz) (70 

Würz, Hermann, Dr., Kunsthistoriker, Stuttgart, Hasenbergsteige 79, Haus Hohen- 

berg (78) 

Yenidze, Orient. Tabak- u. Zigarettenfabrik, Dresden, Inh. Kommerzienrat Hugo 

Zietz, Dresden, Weii3eritzstr. 3 (505) 

Zahn, Ernst, Dr. jur,, Leipzig, Waldstr. 3, z. Zt. im Felde (447) 

von Zambaur, Eduard, Major, Marburg (Drau), Steiermark (220) 

Zanutto, Cav. Silvio, Ministerio delle Colonie, Biblioteca, Rom (205) 

Zeeden, Dr., Amtsrichter, Berlin W 15, Düsseldorfer Str. 22 (186) 

Zettersteen, K. V., Dr., Prof. a. d. Univ., Uppsala (Schweden), Kungsgatan 65 . (iio) 
von Zieten-Schwerin, Graf D., Vorsitzender des Jerusalemsvereins, Wustrau 

(Kr. Ruppin) (379) 

Zlocisti, Theodor, Dr., Berlin N 37, Weißenburger Str. 6 (497) 

Zwemer, Samuel M., Missionar, Kairo, Sharia Sakakini 20 (289) 



Den Tod für das Vaterland haben erlitten unsere Mitglieder 

LEUTNANT MOELLER, 
POSTDIREKTOR RASENACK, 
DRAGOMANATSELEVE STREUBEL. 



Zugänge für die Bibliothek. 

Die Bibliothek hat sich seit unserer Mitteilung in Band IV (Heft 1/2) S. XXI bis zum 
15. Juni 1917 um die Zugangsnummern 606 — 709 vermehrt. Die allgemeinen Verhältnisse 
haben auf den Zuwachs zur Bibliothek diesmal stärker hemmend eingewirkt. Freunde 
unserer Gesellschaft werden erneut freundlichst gebeten, der Bibliothek weiter ihr Interesse 
zuzuwenden. Die Bibliotheksbestände werden an Mitglieder ausgeliehen, die Bibliothek 
kann also mannigfachen Nutzen stiften. 

Allen denen, die unserer Bibliothek Zuwendungen gemacht haben, 
sagen wir auch an dieser Stelle verbindlichen Dank. 



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DRUCK VON AUGUST HOPFER IN BURG BEI MAGDEBURG 



DS Die Welt des Islams 

36 

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Bd. 5 



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