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Full text of "Die Wolga und ihre Zuflüsse: Geschichte, Ethnographie, Hydro- und Orographie ..."

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IciArJXiot. I 



THE SLAVIC COLLECTION 



l^attrarb fitoUcse librarg 



Archibald Gary Coolidge, Ph.D. 

AssTSTANT Professor of Historv 



H.rfltGJ»JvA\'\tlV 



Die Wolga und ilu-e i 

Geschichte, 

Ethnographie, Hydro- und Oi 

Mitteilungen über das Klima des \\ 

Ton 

Dr. Hermann Roskoschnj 



Leipzig. 

Gressuer & Schramn 



*=>ä-<>^ 3iWt..l 



Q,e.&,^ 



J 



«/*\ 



* zwar während des Aufenthaltes 
, doch verhehle ich mir dennoch 
[«n bei der Besorgung des nötigen 
in Deutschland bei ähnlichen Ar- 
izelnes vorenüialten wurde, was 
tr Schilderung hätte beitragen 
unserer Litteratur noch fehlende 
iten, welche auf den neuesten 
t und daher die mehr oder minder 
rstens zum Teil zu ersetzen ver- 
icht trotzdem erfüllen. 

russischen Worte sei schliesslich 
ie Stelle der leider immer noch 
Schreibweise, welche eine so heil- 
lie geographischer Namen heryor- 
äche, Jedes Wort ist genau so 
ches Wort würde gesprochen 
icht dem deutschen s im Worte 
ausgesprochen, wie im Worte 
che unsere Sprache kein Schriffc- 
ingebürgerten beibehalten: sh für 
reiche d und t, die hier ohnehin 

kein' besonderes Schriftzeichen 
nung habe ich mich auf solche 
:, inbezug auf welche kein Zweifel 
1 der Fluss- und Bergnamen im 
mischen Ursprungs, und ich hatte 
iberzeogen, wie sehr die übliche 
teile gebrauchten abweicht, dass 
aur dort zu setzen, wo ich mir 
lewährsmänner die Lberzeugung 
labe. 
!7.. 

Der Verfasser. 



die griechiachen Kaufleute tifcrau de«, Lauf der Flüsse und die im 
Binnenlande wohnenden Völker ziemiidi gut iinterriclitet , hielten 
es aber tlir angezeigt, ihre Kenntnisse geheim zu halten, um keine 
Mitbewerber heranzulocken, eine Erscheinung, die wir bis auf 
die neueste Zeit bei allen Völkern, welche Handel mit wenig be- 
kannten Ländern treiben, beobachten kennen. So kam es, daas die 
geographische Kenntnis des europäischen Nordostens von Hero- 
dota Zeit bis zu den ersten römischen Kaisern nicht nur keine 
Fortschritte aufzuweisen, sondern noch Rückschritte gemacht hatte. 
"Unbekümmert um die entgegengesetzten Angaben Herodots nahm 
Posidonius, welcher Pompejua auf seinem Zuge gegen Mithridatea 
begleitete, an, dass etwa 25 geographische Meilen nördlich Ton 
dem Maeotis die Erde ende und das Weltmeer beginne.') Erst 
nachdem die Römer ihre Herrschaft über den Bosporus hinaus 
ausgedehnt hatten und ihr eigener Handelsverkehr sich Über jene 
Gegenden erstreckte, schwand der Irrtum von dem nahen nördlichen 
Meer. Die Erde erweitert sich nun nach Norden, man weiss auch, 
dass dort zahlreiche wilde Völker wohnen, aber Plinius, der dieser 
neuen Auffassung Bahn bricht,*) vermag über die Völker selbst 
noch nichts zu berichten, und obwohl der Kaspi-See längst bekannt 
ist, kennt er die Wolga noch nicht, nimmt vielmehr, wie dies schon 
zu Strabos Zeit geschab, einen Zusammenhang des Seees mit dem 
nördlichen Meere an. 

Neues Licht Über den Nordosten verbreitet erst Ptolemaeus, 
der auf wiederholten Reisen nach der Bemsteinkliste Gelegenheit 
gefunden hatte, seine Kenntnisse zu erweitern. Auf seiner Karte 
erscheint östlich von dem Maeotis ein FIuss, dessen Vorhandensein 
bisher kein Erdbeschreiber ervrähnt hatte. Er entspringt im hohen 
Norden aus zwei Quellen, welche durch iO Längengrade von ein- 
ander geschieden sind und in denen man deutlich die Quellen der 
Wolga und Kama erkennt; beide vereinigen sich Über öB'* n. Br., 
der vereinigte Strom wendet sich nach Westen, nähert sich dem 
Tanais bis auf wenige Meilen und biegt dann nach Südost ab, um 
sich in den Ka.spi-See zu ergiessen. Der letztere Teil des Fluss- 
laufes ist auf der Karte des Ptolemaeus un verhältnismässig lang. 



-^ 



ikel begann zwar bereits einer Dämmerung zu iv'eichen, docli 
fährte noch sehr lange , bis an dem Riesenstrom die Namen 
klicher Völker mit genau begrenzten Wohnsitzen auftauchten. 

Vermutung liegt nahe, dass wir unter dem Namen Sarmaten, 
er welchem Ptolemaeus und die Erdbeschreiber nach ihm die 
fohner des nordöstlichen Europa zusammenfassen, verschiedene 
ker türkischen, slaviachen und finischen Stammes zu suchen 
en, von denen einige vielleicht seit unvordenklichen Zeiten 
le- Gegenden bewohnten.*) Die im 3. Jahrhundert von Asien 
i heran wälzenden Völker wogen reisseu die Ureinwohner mit 
L fort und sie bleiben noch eine Zeitlang in den Heeren der 
.nischen und avarischen Weite nstllrmer den Blicken der römischen 
It verborgen, welche sie mit dem herrschenden Volke vermengt, 
h dem Zusammenbruch der Reiche der Eroberer treten sie 
jch immer mehr ans Tageslicht. Viele Völker, deren Namen 
lemaeüs bereits neben jenem der herrschenden Sarmaten kennt, 
ämpfen in der Folgezeit ihre Unabhängigkeit und bilden selbst- 
idige Reiche. So wirkt gerade die Völkerwanderung klärend 
[ aufhellend in bezug auf die Völker Verhältnisse im Wolga- 
liet, und nach ihr klaren sich rasch die geographischen Kbnnt- 
le der alten Welt, ebenso wie nach einem Sturm die hervor- 
chende Sonne das durch die schwarzen Gewitterwolken erzeugte 
nkel zerstreut. 

Der erste Anprall fremder Volker gegen die Urbevölkerung 

Wolgagebietea ging von den Hunnen aus, welche Jahrhunderte 
g östlich vom Kaspi-See herumgestreift, um die Mitte des 
Jahrhunderts aber sich in den heute von Kirgisen und Kal- 
ken bewohnten Steppen längs des Ural und der Wolga auszu- 
iten begannen und dann unter Führung Attilas ihre Herrschaft 
thin nach Westen ausdehnten. Das Weltreich der Hunnen zer- 

nach dem Tode seines Begründers rasch und die von ihm 
■erjochten Völker erkämpften ihre Freiheit wieder, doch bald 
n von Osten her eine neue Völkerwoge, welche die Uuabhängig- 
t der slavbchen und türkischen Stämme im Wolgagebiet ver- 
biete. 11 Chan Tunieii hatte sich zum Herrscher aller türkisclien 



Stämme Nord- uud Mittel- Asiens emporgeacliwungen nnd 546 dem 
mächtigen Reich der Jenjen ein Ende gemncht. Ein Teil der 
türkischen Unterthanen derselben wollte sich jedoch Turnens Herr- 
schaft nicht fügen und floh nach Westen, wo er alsbald unter dem 
Namen Avaren eine wichtige Rolle '/u spielen begann. Durch 
neuen Ztizug verstärkt, unterwarfen sich die Avaren im Laufe des 
ti, Jahrhunderts die Bulgaren und viele der an ihr Gebiet gren- 
zenden slavischen Stämme, welche schwer unter ihrer Herrschaft 
zu leiden hatten. Nestor schildert die Bedrückungen, welche die 
Slaven von den Avaren erduldeten, wie die Übermütigen Gebieter 
slaviache Frauen statt der Pferde vor ihre Wagen spannten. 
Wegen ihres Hochmuts, sagt Nestor, rottete sie Gott aus, alle 
starben weg und nicht Einer ist übrig geblieben. Ihre von An- 
fang an verhältnismässig geringe Zahl schmolz durch die vielen 
Erobemngszilge und durch pestartige Krankheiten immer mehr zu- 
sammen, und in der grossen Ausdehnung-, welche das avarische 
Reich erlangte, lag auch der Keim seines Unterganges. Es war 
nicht möglich , so viele und so verschiedenartige Völker dauerhd 
in Abhängigkeit zu erhalten, und fast zu derselben Zeit, als im 
Westen die Czechen unter Samo das avarische Joch abschüttelten, 
befreite der tapfel-e Bulgarenfllrst Kuwrat sein Volk von der Herr- 
schaft der Avaren (um 635), Die Avaren verechwanden vom 
Schauplätze und verloren sich unter den anderen Völkerschaften, 
Kuwrat aber wurde der Gründer eines grossen Reiches, das sicli 
bis zum asow sehen Meere erstreckte. Es zerfiel gleich jenem 
Saaios unter seinen Söhnen. Entgegen dem Rate des Vaters teilten 
dieselben das Reich unter sich. Ein Teil des Volkes zog um 670 
unter Asparuch , einem der Söhne Knwrats , westwärts und grün- 
dete das. Bulgarenreich an der Donau; andere drangen sogar bis 
ItaHen vor und Hessen sich in der Gegend von Ravenna nieder. 
Solche Zersplitterung der Macht der Bulgaren reizte die türkischen 
Stämme an der untern Wolga zum Aufstand. Verstärkt durch 
Zuzug von' Stammesgenossen aus den Steppen jenseits der Wolga, 
erhoben sich die Chasareu und erkämpften ihre Unabhängigkeit. Ein 
Teil der Bulgaren im Norden des asowschen und schwarzen Jleeres 



— G — 

i nun den Ch&saren unterthaD, der Rest des Volkes aber an 
bere Wolga zurückgedrängt, wo sich in engeren Grenzen ein 
risclies R«icli noch Jahrhunderte l*ng erhielt. Der Unterlauf 
Stromes aber gehörte fortan zum Reiche der Chasaren. 
dieses von altersher im Norden des Kaspi-Sees, der nach ihm 

das Chasarennieer genannt wurde, und auf der kaukasischen 
;nge ansnssige Volk taucht in den Nebeln der Völker- 
erung unter den verschiedenartigsten Namen auf, von denen 
lings ein gut Teil auf Rechnung von Fehlem der Abschreiber 
tzen ist. Wir finden es als Chasas, als Harari, Hyrri, Cberd, 
I, Kherz, und daueben wird es von den arabischen Schrift- 
rn auch kurzweg Türken genannt, eine Bezeichnung, welche 
ebenso unklare, dehnbare Bedeutung hatte, wie die Namen 
len und Sarmaten bei den Römern. 

Jber die Frage, ob die Chasaren Juden waren oder nicht, ist 
uf den heutigen Tag viel gestritten worden , trotzdem fast 
irabische Geographen berichten, dass ein Teil des Volkes sich 
Judentum bekannte. Massudi sagt: ,Der ChasarenkÖnig be- 
e sich zum Judentum zur Zeit des Chalifen ar-Raschids, nach- 
zu ihm viele Juden aus allen muhammedanischen Ländern ge- 
len waren*'') — aber betreffs der Einzelheiten der Bekehrung 
sist er leider auf zwei früher geschriebene Werke, welche 
ren gegangen sind. Mit der grössten Ausfiihrlichkeit he- 
;t dagegen AI Bekri über die Bekehrung der Chasaren,-) 
ChasarenkÖnig habe zuerst sich taufen lassen, sei aber durch 
hristliclie Religion nicht befriedigt worden, worauf er einen 
»ensstreit zwischen einem christlichen Bischof und einem am Hofe 
ndeu -luden veranstaltete, in welchem der letztere Sieger blieb; 
om König nachher noch beabsichtigte Befragimg eines weisen 
mseidadurch verhindert worden, dass der Jude ihn unterwegs ver- 
1 liess, worauf es ihm gelang, den König flir seinen Glauben 
fwinnen.^) Wichtiger als diese arabischen Quellen ist da« 
urzem entdeckte „Schreiben des Königs Josephs, Sohn Aarons, 
liognrmischen Königs, an Chasdai, das Schuloberhaupt, den 

Isaaks, Sohn Esras", welches der Icaräische Reisende Abra- 



— 8 — 

aus Christen , Muhamedanerii und Bekennerii des al 
Naturkultes , die sich sämtlich der Tollkommeiisteii i 
K Ausübung ihres Kultes erfreuten. Den Christen gegenl 

der Chasarenflirst eine Duldsamkeit, die in Westeuropa 
unbekannt blieb, und er trat sogar filr die Christen ein 
den benachbarten muhammedanischea Liindern verfolgt « 
Hess die in seinem Lande lebenden Muhammedaner die Lirauj^aaii^ 
entgelten, welche ihre Glaubensgenossen im Auslande den Christen 
bereiteten. ") 

Der Chasarenfdrst führte den Namen Chakan, und seine Würde 
war in der herrschenden Familie erblich , aber er hesass von der 
Herrschaft nur den Namen , die Macht ruhte wie am Hofe der 
Merovinger in den Händen eines der Grossen des Reiches. Ibn 
Dusteh nennt denselben Ischa, ohne dass aus seiner Erzählung 
ersichtlich ist, ob Ischa eine Würde oder ein Eigenname ist. '*) Der 
Ischa schineb die Steuern aus und verwaltete sie ; er war auch der 
oberste Feldherr, und wenn er an der Spitze des Heeres in den Krieg 
zog, trug ihm ein Reiter ,eine Art Sonne in Form einer Schellen- 
trommel'' voran. Von der Beute konnte er fUr sich behalten, was 
ihm gefiel; den Rest teilten seine Krieger unter sich. Massudi be- 
richtet, dass der Chasarenchan über 7000 berittene Schützen ge- 
bot, und Ibn Dust«h spricht von 10000 Reitern; Ibn Foslan da- 
gegen schätzt das stehende Chasarenheei- auf 12000 Mann. Die 
ganze Regierungsform war eine despotische. .Sagt der Chakan," 
l>erichtet Ibn Haukai , ,zu einem seiner TJnterthanen : Gehe hin 
und töte dich! — : so gehorcht der Mann sofort." "■) 

Der Wohnsitz des Chakans befand sich am Flusse Itil , an 
welchem die Hauptstädte lagen. „In einer von ihnen," heisst es 
im Chasarenbrief, , wohnt die Königin, dies ist meine Geburtsatadt, 
imd sie i.'ft gross, enthält 50 Quadrat-Pharsangen , und ist rundi 
kreisförmig. In der zweiten wohnen Juden, Nazaräer und Sklaven 
von verschiedenen Völkern; sie ist von mittlerer Grösse, Ü Quadrat- 
Pharsangen. In der dritten wohne ich selbst samt meinen Fürsten, 
Sklaven, Dienern und Hofschenken, sowie mir nahestehenden Per- 
sonen; sie ist kreisförmig und enthält drei Quadrat-Pharsangen, 



^ 



— y — 

zwischen ihren Mauern fliesst der ytrom," Die Hauptstadt diente 

jedoch dem Chakan und seinen Vornehmen nnr als Winterwohnsitz; 

■ im Sommer Terliessen sie dieselbe und zogen in den Steppen umher. 

Der eigentliche Name der Stadt war Balangiar, doch wurde 
sie häufig nach dem Flusse Itel oder Atel genannt. Trotz ihrer 
Vorliebe für das Nomadenleben versäumten die Chasareri die Be- 
festigung ihrer Städte nicht. Im Jahre 834 wurden durch den, 
Chakan griechische Baumeister berufen, welche ihm eine neue 
Hauptstadt, Sarkai, Sore-kill oder Sarkel, erbaMten, deren Name 
(Weisse Stadt) später auf die an ihrer Stelle entstandene russische 
Bjelaweza (Weisser Turm) überging. Ausserdem waren flussauf- 
wärts am Itil viele Städte und auch befestigte Plätze in den 
Gebieten der dem Chakan tributpflit-htigen Völker vorhanden, 
im Lande der Burtas (Mordwinen), Bulgftr, Suwar (eine Stadt der. 
Bulgaren), Arisu (Ersanen), Zarmis (T scheremissen), Wenentit (Wot- 
jaken?), Sewer (oder Suwur, Suur — Anwohner des Flusses Sura?) 
und Slawiun (Slaven). Im eigentlichen Chasarenlande waren die 
Städte dünn gesät. Die Araber erwähnen nur Itil (Astrachan), 
Semender (Kisliar), Sarkel, Bajsa oder Bajdba (arabisch: „die 
weisse Stadt", also vielleicht mit Sarkel identisch), Balandschar und 
Chamlidsch oder Chamliach. Durch den Chasarenbrief erhalten wir 
auch Kunde über die Grenzen des Chasarenreiches in der' Mitte 
des 10. Jahrhunderts, doch ist es infolge der Schwierigkeit einer 
richtigen Deutung der Ortsnamen nicht möglich, die Grenze überall 
.genau zu ziehen. 

Im Chasarenland wurde ein lebhafter Handel mit Fellen ge- 
trieben , an dem sich hauptsächlich Russen und Bulgaren be- 
teiligten; ausserdem brachten die letzteren Wachs und Honig. Die 
Chasaren selbst brachten Fische auf den Markt, welche die Wolga 
und das nahe Meer in Menge boten, Ibu-Foslan berichtet, dass 
Reis und Fische die Hauptnahrung der Chasaren bildeten; alles 
andere, was man bei ihnen finde, werde ihnen aus Russland, Bul- 
garien und Kujawieu zugeführt.'') 

Als der Chasarenkönig den Brief an Chasdai Ihn Schafut 
schrieb, war jedoch die Macht der Chasaren bereits im Niedergange. 



"\ 



- 10 - 

Die zwischen der Wolga und dem Uralfluas hernmachweifenden 
Petschenegen waren von den jenseits des letztem wohnenden Usen 
(894 oder 899) mit Hilfe der Ohasaren aus ihren Wohnsitzen ver- 
triebeo worden ; sie gingen auf das rechte Wolgaufer über und 
wurden dort sehr unangenehme Nachbaren der Chasaren, welche 
sie Ü66 weit nach Süden zurückdrängten. Von der Mitte des 
,9. Jahrhunderts an beginnt anch der an der Chasarengrenze ent- 
standene Warägerataat sich unaufhaltsam nach Osten und Süden 
auszudehnen, befreit zunächst die slavischen Stämme von der Herr- 
schaft der Chaaaren , reisst dann den grossem Teil ihres Gebietes 
an sich und unterwirft schliesslich, vereint mit den Griechen, den 
in der Krym noch fortbestehenden liest ihres Reiches. Schon am 
Anfang der zweiten Hälft« des 9. Jahrhunderts verlieren die Cha- 
saren Kijew an die ^^'aräger Askold und Dir'^), und in den acht- 
ziger Jahren werden die bisher ihnen Abgaben zahlenden Derewier, 
Sewerier und Radimitschen Oleg tributpflichtig. ''J) Im Jahre 964 
zog Swjatoslaw gegen die an der Oka in den jetzigen Gouverne- 
ments Kaluga, Tula und Orel wohnenden Wjatitschen und förderte 
sie zur Unterwerfung auf, doch scheinen sie damals dieser Auf- 
forderung nicht Folge geleistet zu haben , denn Nestor setzt ihre 
Unterwerfung erst in das Jahr 966.'") Im Jahre 9l)5 wurden die 
Chasaren von Swjatoslaw in einer Schlacht besiegt und ihre Stadt 
Belaweshja eingenommen, welche nur schwachen Widerstand zu 
leisten vermochte, da sie bloss von 300 Mann Verteidigt war.^'l 
Wahrscheinlich eroberte Swjatoslaw in demselben Jahre auch ihre 
reiche Handelsstadt Tamatarcha und das ganze chasarische Gebiet 
östlich von Asow und Taman, denn unter seinem Sohne Wladimir war 
das.selbe bereits russischer Besitz, Nestor, der am Ende des 11. Jahr- 
hunderts lebte, könnt« bereits schreiben: „Vorhin herrschten die Cha- 
saren über die Polen, nachher wurden die Polen der Chasaren Herren. 
Noch bis auf den heutigen Tag herrschen russische Fürsten über 
die Chasaren." 

Für die Kenntniss der Wolga war jedoch durch diese Aus- 
breitung der russischen Herrschaft nichts gewonnen. Das russische 
Reich erstreckte sich nur über die obere Oka, an der Wolga seihst 



w: 






— 12 — 






Landen, jedes Dorf bildete gleichsam einen Staat für sich, und in 
jedem waren 1 oder 2 Greise, deren Richterspruch das Volk bei 
Streitigkeiten sich unterwarf. Was Edrisi von Städten im Gebiete 
der Burtassen schreibt, beruht auf einer Verwechslung derselben 
mit den Bulgaren. 2^) 

Die Kenntnisse der arabischen Schriftsteller reichen jedoch 
noch viel weiter Wolga aufwärts, denn die nördlichen Nachbaren 
der Burtassen, die Bulgaren, waren gläubensverwandt und standen 
in ziemlich lebhaftem Verkehr mit den anderen muhammedanischen 
Ländern. Ihr Fürst Almasa ihn Schalki Baltawar hatte sich 920 
zum Islam bekehrt. Arabische Quellen berichten, dass unter der 
Regierung Aidar Chans drei muhammedanische Glaubensboten 
nach der Stadt Bulgar kamen, dort auf wunderbare Weise die 
kranke Tochter des Chans heilten und dadurch diesen und sein 
Volk bekehrten. Drei Jahre wirkten sie im Lande, dann kehrten 
zwei nach Medina zurück , der dritte aber , Subeir ben Dschade, 
heiratete die Tochter des Chans und blieb im Lande. Abu Hamid, 
der Andalusier, erzählt, dass infolge der Belcehrung der Bulgaren 
ein Krieg zwischen ihnen und den Chasaren ausbrach und der 
fromme Glaubensbote die Bulgaren aufforderte, den Feind mit dem 
Rufe „Gott ist gross** anzugreifen, worauf die Chasaren geschlagen 
wurden. Abu Hamid nennt den Glaubensboten Bular und erzählt, 
nach ihm sei die bulgarische Hauptstadt Bular , woraus später 
Bulgar entstand, genannt worden, eine echt arabische Deutung, 
die keine Beachtung verdient. Weiter wird berichtet, wie Jünger des 
Bekehrers der Bulgaren das Bekehrungswerk an den Flüssen Kasanka, 
Suja (Swijaga) Tscheremschan, Tschutma (Schetma), Sai, Ik, Belaja, 
Toima und im Gebiet der Ufa und Wjatka fortsetzten. . Subeir 
ben Dschade hatte viele Nachfolger, und die Stadt Bulgar wurde 
ein Sammelplatz grosser Gelehrten. Von fernher, aus Buchara 
und Chiwa, kamen Pilger zu den Gräbern der hervorragenden Männer, 
welche hier begraben waren. 

Über ein solches Land mussten selbstverständlich die arabischen 
Gelehrten wohl unterrichtet sein. Es liegt auf 30 ^ 30' n. B. (nach 
Abu Hamid; Abu Rihan Biruni giebt 49« 30' an). Ibn Foslan 




\ 



— 14 — 

weist wohl die Nacliricht, dass die Bulgaren dieselbe Sprache 
sprochen haben wie die Cha&aren (Ibn Haukai) , auf ihre Hais 
AbstammuDg hiu, da in der ohen erwähnten Stelle bei Ibn Hau 
wohl zweifellos die den Chasaren unterthanen finnischen Völ 
gemeint sind. 

Sehr bald begegneten einander Russen und Bulgaren 
Feinde. Ibn Haukai erwähnt unter dem Jahre 'JtjD die Zerstön 
der bulgarisi:hen Stadt Bulgar dnrch die Russen, deren die russisc 
Quellen nicht Erwähnung tbun. Walirsch einlieh ist der 
Nestor erwähnte Eroberungazug Swjatoslaws an der Wolga 
ein einziges Glied einer langen Kett« von Kämpfen, und wenn 
die Nachrichten Ihn Haukais und des russischen Chronisten ' 
binden, erhalten wir wohl das richtigste Bild der Vorgäi 
Swjatoslaws Zug gegen die Bulgaren, die Zerstörung von Sar 
der Zug gegen die Jassen und Kossogen, die Niederlage 
Chasaren und der Fall von Belaweshja bilden eine Reihe von Fi 
Zügen, die vielleicht nicht einmal alle unter Fuhrung SwjatosL 
stattfanden. 2^) Ibn Haukai berichtet zwar, die Russen häl 
damals an der Wolga alles zerstört, doch kann die ZerstÖn 
Biilgars keine vollständige gewesen sein, da schon acht Jahre n 
dem Kriegszug Swjatoslaws wieder Münzen der beiden bulgarisc 
Städte vorkommen. Der erste Feldzug der Russen gegen Bulj 
den die russischen .Jahrbücher erwähnen, ist jener Wladin 

Nestor berichtet erst unter dem Jahre 9c5 über einen I 
dieses Fürsten gegen die Bulgaren , und die massgebends 
Kenner der alten russischen Geschichte — Karamsin , Ilowais 
Ssolowjew, Bestushew-Rjumin — sind darin einig, dass hier 
kamischen und nicht die Donau-Bulgaren gemeint seien. "V 
Nestor von dem Feldzug erzählt, zeigt, dass die Russen hier 
ein Volk stiessen , welches an Bildung und Gesittung den bis 
von ihnen unterworfenen finischen und slavischen Stämmen i 
überlegen war. „Und Dobrynja (Wladimirs Oheim) sprach 
Wladimir: Ich habe die Gefangenen besiclitigt, und sie tragen . 
Stiefel; diese werden uns nicht Zins zahlen, lass uns lieber sol 
aufsuchen, welche Bastschuhe tragen." Wladimir schlosa da 



- 16 - 

garenreich einen hohen Aufschwung. Eine Menge Städte 
len in demselben, und heute noch zeugen zahlreiche Ruinen 
ibstätten im Gouvernement Kasan von der hohen Bildungs- 
velche die Bulgaren erreicht hatten. Noch ist nicht die 
liier dieser alten Niederlassungen festgestellt; auf einige 
zwar unzweifelhaft die vorhandenen Überreste hin, von 

kennen wir aber heute nichts als den Namen. Es werden 
.: Brjachimow (oder die Grosse Stadt), Knman, Tura, Kaaaii, 
Biljar, Glormir (oder Gorschir), Balymat (oder Bulimer), 
a, Tscheimat, Tuchtschin , Torzkij , Oschel, Shukotin und 
tschug,'") aber an Kuiuan und Gonnir sind unter den 
len im heutigen Gouvernement Kasan keine Anklänge mehr 
len,") bei den Ortschaften, welche den Namen Tura führen 
Itaraja und Nowaja, Alt- und Neu-Tura) ist keine Spur 
Iten Stadt zu entdecken, und Balymat oder Bulimer ist 
it ein und derselbe mit Bjular oder Biljar, da letztere 

häufig auch mit Bulymerskij Gorod verwechselt werden. 
lie Reihenfolge der bulgarischen Fürsten ist noch nicht 
festgestellt. Nach einer Handschrift, welche PrShn in 
sah, folgte auf Tuki oder ,Tufi (gest. 630 n. Chr.) dessen 
idat, unter welchem sieh die Bekehrung zum Islam voll- 
inn Muhammed Amin, Seid, Ir, Mural, Selim und Jglam, 
essen Herrschaft die Mongolen erschienen, aber sowohl eine 
X mitgeteilte tatarische Handschrift als auch Schichabeddin 
;r Geschichte der kasanschen Tataren nennen eine Reihe 
, welche in der Frähnschen Handschrift nicht enthalten 

r den emporstrebenden russischen Staat waren die Bulgaren 
iderte lang ein arges Hemmnis, und erst als das auf den 
em des Bulgarenreiches entstandene Zartum Kasan bezwungen 
reitete sich die russische Macht, nun aller Fesseln ledig, 
iltsam nach Osten aus. Dass das Bulgarenreich sich so 
leben dem russischen zu erhalten vermochte, verdankte es 
weniger der eigenen Starke als den zerrütteten Verhält- 
weiche in dem Nachbarlande nach dem Tode Wladimirs 



- 17 — 

des Grossen herrschend wurden. Wladimir teilte das Heich unter 
seine fünf Söhne , und das Wolgf^ebiet fiel , soweit es bereite 
russisch war, an zwei derselben: Swjatoslaw erhielt alles Land 
vom Kuban bis zur Oka, im Westen vom Dnjepr, im Osten von 
der Wolga begrenzt , Wssewolod die heutigen Gouvernements 
Moskwa, Twer, Jaroslawl, Nishnij Nowgorod, Pensa und Tambow. 
Schon wenige Jahre nach Wladimirs Tode zeigten sich die un- 
heilvoll en Folgen dieser Teilungssitte. Erschreckende Natur- 
erscheinungen schienen die Vorboten der traurigen Zeit zu sein, 
welche nun für Russlaud begann. Die Uneinigkeit der FUrsten, 
das allgemeine Streben nacli Vermehrung des Besitzes und der 
Macht führte zu jenen unheilvollen Bürgerkriegen, welche Jahr- 
hunderte lang Russland verwüstet haben und in denen das Reich 
schliesslich so geschwächt wurde, dass es nicht im stände war, 
dem Anprall eines kräftigen Feiudes zu widei'stehen, noch weniger 
aber das einmal aufgezwucgeue Joch wieder abzuwerfen. Als im 
Jahre 1073 der deutsehe Köuig Heinrich IV., welchen der ver- 
triebene Grroasflirst Isjaslaw um Schutz gegen seinen Bruder 
Swjatoslaw gebeten, eine Gesandtschaft nach Kijew gesandt hatte, 
erregten die Berichte derselben über die Reichtümer des russischen 
Fürsten und die von ihnen mitgebrachten Geschenke allgemeines 
Staunen; nie habe man so viel Gold, Silber und kostbare Stofl'e 
gesehen, berichten die gleichzeitigen deutschen Geschichtschreiber. 
Zwanzig .lahre später war der russische Staat in seinen Grund- 
vesten erschüttert. Furchtbare Seuchen halten die Bevölkerung 
gelichtet, und die uneinigen, beständig sich befehdenden Fürsten 
wetteiferten mit den raubsüchtigen Polowzem in der Verwüstung 
des Landes — und denuöch hinterliess der Grossfiirst Swjatopolk, 
als er 1113 starb, noch grosse Reichtümer'. Das ganze elfte und 
zwölfte Jahrhundert der nissischen Geschichte bieten dem Ge- 
schieh tschrei her ein so unerquickliches Bild, dass wir möglichst 
•asch über diesen Zeitraum Iiinwegeilen. 

Einen Glanzpunkt in der mssischen Geschichte, namentlich eo- 
veit das Wolgagebiet in Betracht kommt, bildet die Regierung 
Wladiciir Monomachs. Die Zahl der russischen Stüdte hatte sich 



— 18 — , 

seit Olegs Zeit unter jedem russiachen Grossflirsten vermehrt. In 
dec Fehden der TeilfUrsten kam der Menschenraub in Blüte, und 
manche neue Stadt wurde mit den auf einem Kriegszuge fort- 
geschleppten Gefangenen bevölkert,^^) aber die Stadtegründungen 
unter Wladimir Monomach verdienen doch besondere Beachtung. 
Durch ihn wurde auch Wladimir an der Kljasma gegründet, das 
bald darauf der Sitz des Grossfursten und des Metropoliten wurde 
und in prachtvollen grossen Kirchenbauten mit dem altehrwürdigen 
Kijew wetteiferte. In der Folgezeeit war es namentlich das 
Fürst«ntum Ssusdal , in welchem inmitten der Bürgerkriege das 
Streben nach Gründung neuer Städte und Dörfer nie erlosch und 
wo man auch durch prächtige Kirch enbauteny zu deren Ausführung 
sogar Ausländer herangezogen wurden , die schon bestehenden 
Stndt€ verschönerte. Durch den Fürsten Jurij AVIadimirowitßch 
wurde 1147 Moskau gegründet, 1157 Bogoljubow an der Kljasma 
(jetzt ein Dorf) durch Jsjaslaw Dawidowitsch , und in demselben 
Jahre erhob letzterer Wladimir zu seiner Hauptstadt und ver- 
schönert« es durch grosse Steinbauten. 

Der Schwerpunkt der russischen Macht, der von Anfang an 
in Kijew, demalten Herrschersitz der Grossfürsten gelegen, ver- 
schob sieh allmählich in den inneren Wirren. Die kräftigen 
Fürsten von Ssusdal , namentlich .lurij Dolgorukij und sein Sohn 
Andreas, hatten eine Macht erlangt, mit welcher das durch die 
häufigen Thronwechsel und ununterbrochenen Streitigkeiten er- 
schütterte Ansehen der Grossfursten keinen Vergleich aushaltenkonnte. 
Gleichsam im Herzen Russlands gelegen, urafasste das Fürstentum 
Ssusdal die am dichtesten bevölkerten Landstriche, welche in .einem 
fruchtbaren Boden und den vielen schiffbaren Flüssen, der Wolga, 
Oka, Kljasma, Moskwa u. s. w. der Bevölkerung die günstigsten 
Vorbedingungen zum Aufschwung boten. Obwohl Kijew, gleich- 
sam geheiligt durch seine Vergangenheil uud die hinter seinen 
Mauern geborgenen grossen Heiligtümer, noch eine Ehrfurcht ge- 
bietende Stellung einnalim, trat es doch immer mehr vor dem aiif- 
strebenden Ssusdal in den Hintergrund, und es erhielt den Todes- 
ütoss, als es am 8. Mai 1169 von elf gegen den Grossfursten 



— 19 — 

Mstiäla'w lajaslawjtsch verbündeten Fürsten erstürmt und so 
schonungslos auagepliindert wurde, dasa die wildeste llongolen- 
horde nicht furchtbarer hätte hausen können. AVas die Sieger 
nicht fortschleppten, das verzehrten die Flammen. Ab der Groas- 
filrat schon im folgenden Jahre starb , ging die gros.s fürstliche 
Würde ohne Widerstreit auf den miichtigsten Fürsten, Andreas 
Juijewitach BogoljubskiJ von Ssusdal über, der zugleich im Besitze 
des eroberton Kijew war. Sein Herrscheraitz blieb Wladimir an 
der Kijasma, daa er durch prächtige Bauten verschönerte. Kaiser 
Friedrich Barbarossa hatte ihm deutsche Baumeistor gesandt, 
welche in Wladimir die grosse Kathedrale zu Maria« Himmelfahrt 
erbauten, die der Grossfürat reich ausschmückte und grosse Lände- 
reien und Einkünfte zum Unterhalt der Geistlichkeit anwies. Er 
schenkte der Kathedrale auch das au.s Wyschegorod stammende 
wunderthätige Marionbild, welches spater daa Schutzbild Ssusdals, 
ja ganz Rosalands wurde. Unter seiner Herrschaft ist auch nach 
langer Zeit wieder ein Vordringen der Ruasen im Wolgagebiet zu 
verzeichnen. Ein Krieg mit den Bulgaren im -Jahre 1171 blieb 
zwar ohne Erfolge , da die Russen sich nach Verwüstung eines 
Teiles des feindlichen Gebietes bei der Annäherung eines grossen 
Heeres zurückzogen, aber drei Jahre später drangen Russen weit 
über die Wolga nach Osten vor. Eine Anzahl Nowgoroder, welche 
der ewigen Unruhen iind BUi^erkriege müde waren, verliessen ihre 
Heimat, fuliren die Wolga hinab und gründeten an der Mündung 
der Kama eine Niederlassung. Von dort setzten sie ihre Fahrt die 
Kama aufwärts fort und gelangten in das Land der Wotjaken, 
wo sie sich der kleinen Stadt Bolwanak bemächtigten. Sie grün- 
geten einen nach dem Vorbild Nowgorods eingerichteten Freistaat, 
der seine Unabhängigkeit fast 30l> Jahre behauptete, und erst 
durch Wassilij Wassiljewitecb dem russischen Reiche einverleibt 
wurde. 

Nach Andreas Ermordung (er fiel als Opfer der Blutrache für 
den von seinem Vater getöteten Stefan Kuschko , auf dessen Ge- 
biet jener nachher die Stadt Moskau gründete) begannen die Thron- 
streitigkeiten von Neuem, und unter Jaropolk HL, Mstialaw Hl., 



l _ 20 — 

fl Michael 11. und Wssewolod III. kam Riisslaad nicht zur Ruhe, 

P und zeitweilig gleicli das ganze Land einem Kriegslager. L'uter 

f der Regierung Jurij IL Wssewolodowitsch schien ein Umschwung 

I einzutreten. Die Bulgaren betrachteten schon lange das Wachs- 

¥ tum des russischen Handels, namentlich aber die Ausbreitung der 

•i, Russen in den Gouvernements Archangelsk und Wologda mit eifer- 

t süchtigen Blicken. Sie beraächtigten sich der Stadt Ustjug und 

'^: sachten sich auch an der Unsha festzusetzen, doch der Örossfürst 

^ sandte gegen sie ein Heer unter Führung seines Bruders Swjatos- 

i_ law, der ihnen. eine Niederlage beibrachte, die Stadt Oschel zer- 

j;- störte und verheerend in Bulgarien eindrang bis die Bulgaren um 

.- Frieden baten, den sie nur durch Landabtretuug erkaufteu. Bisher 

t war Gorodei an der Wolga der Uusserste Vorposten der Russen 

gegen Osten in der Nisowskaja semlja (Nfederland''. wie das ganze 
.-- Wolgagehiet von der Einrntindung der Mologa aluvürts liiess. L'm- 

^ einen festen Stützpunkt gegen die an der Oka, Kudma, Tescha, 

Ssura und Wolga zahlreich ansässigen Mordwinen zu schaffen, 
gründete nun .Jurij Wssewolodo witsch um 1222 an der Mündung 
der Oka in die Wolga eine Stadt, welche den Namen Nowgorod 
Nisowskija Semli (Neustadt des Niederlands) erhielt und dank 
ihrer günstigen Lage rasch aufblühte. Dass die.se Gründung sich 
nicht ohne blutige Kämpfe mit den Mordwinen vollzog, ist aus 
den Sagen zu ersehen, welche sich in bezog auf sie erhalten haben. 
Nach einer derselben hatte der Mordwine Abram oder Ibrahim mit 
14 Si'ihnen und 3 Töchtern sich an der Okamündung niedergelassen, 
und war später von allen Mordwinenstammeu zu ihrem Oberhaupt 
erwählt worden. Sein Stiidtchen zählte bereits .WO Eiuwohner, 
als die Knssen vor demselben erschienen und ihn aufforderten, 
zur Vermeidung von Blutvergiessen den Platz gutwillig zu räumen 
imd den Grossfürsten als Oherherni anzuerkennen. Ibrahim, so be- 
richtet die Sage, verlangte vier -lahre Zeit, um die Meinung aller 
Mordwinen einholen zu können , doch der GrossfUrst bewilligte 
ihm mu: eine Frist von vier Tagen. Trotzdem gelang es Ibrahim, 
durch ausgesandte Boten heimlich genügende Verstärkungen heran- 
zuziehen, mit donen er die Ru.'-sen plflt/.lich überfiel, aber sein 



'N 



— 21 — 

Verrat uützte ihm nichts: er wurde mit all den 
die Stadt erobert, und der Grosafürst legte ein 
selbe. Die Mordwinen sammelten nun ein grc 
Untergang Ibrahim» zu riichen, docb die Be: 
durch Kundschafter gewarnt, kam ihnen znvoi 
zehn Werst von der Stadt den sechsfach übei 
schlug sich durch. ^') 

Die neue Niederlassung konnte erst ali 
nachdem der Widerstand der Mordwinen endgi 
Das wilde, noch immer an seinen alten Göt 
wurde ajf zwei Streif/.Ugen, welclie der Grosafl 
durch sein Land unternahm, tVir seine rüubi 
russisches Gebiet schwer gezüchtigt und die n 
weiter vorgeschoben. Nachdem ein auf 6 Ja] 
Friede mit den Bulgaren das Reich aucli nach 
sichert hatte, konnte Jurij au die Befestigung 
den neuerworbenen Gebieten denken, und er w 
darauf bedacht, Ansiedler nach Nowgorod hen 

Dem weitern Vordringen der Russen im 
des Erscheinen der Mongolen eine Grenze. > 
tigsten Reiche Asiens vor dem Ansturm der 
Chans zusammengebrochen waren , näherte 
'Wetterwolke, welche alles auf ilirem Wege vi 
Grenzen Russlands. Die schreckliche Kiederlaj 
die gemeinsame Gefahr plötzlich geeinten rus 
Jahre 1 224 an der Kalka erlitten , schien für 
Vorbote des unvermeidlichen Untergangs zu si 
Fürsten waren gefallen, mit ihnen der Kern de 
macht, und den Überlebenden blieb nicht ei 
sich durch freiwillige Unterwerfung vor dem 
retten zu können, da dem Feind kein Versprechen 
wußte, dass er selbst jene, denen er Gnade verspr 
niederzumetzeln pflegte, nachdem sie die Waffi 
Wider Erwarten zog jedoch diesmal da-s Ge« 
Nachdem sie verheerend bis zum Dnjepr vc 



- 22 — 

in die Mongolen um und zogen uach der grossen Bucharei zurück, 
i Tschingis-Chan alle seine Heerftihrer zu einer Beratung be- 
hatte. 

tussland blieb einige Jahre von den Mongolen unbehelligt, 
während Pest und Hungersnot das Land heimsuchten, 
ten die Spaltungen und Zwistigkeiten zwischen den Fürsteu- 
rn fort, und der Feind fand bei seinem zweiten Erscheinen 
and viel schwacher als das erate Mal. Uhödöi , der dritte 
Tschingis-Chans , der nach dessen Tode im Jahre 1227 die 
chaft geerbt hatte, sandte seinen Nefl'en Batu mit anderen 
an, denen sich auch der berühmte Mongolenfiihrer Subudai 
loss, zur Eroberung Europas aus, doch es vergingen noch 
ehn Jahre , beior Batu , nach Unterwerfung der Länder am 
und Kaspi-See, an der Wolga erschien. Die Bulgaren an 
^ama erhielten schon im Jahre 1229 durch die vom Uralöuss 
enden Saxiner Kunde vom Nahen des furchtbaren Feindes. 
ihre J236 drang Subudai Bahadur verheerend in Bulgarien 
nd stiess vor der Stadt Kernek^*) auf das bulgarische Heer, 
l dasselbe und zwang die Fürsten Bajan und Dschiku , sich 
terwerl'en. Dieselben brachen bald den A' ertrag, versuchten 
Jnabhängigkeit wieder zu erkämpfen, wurden jedoch rasch 
mgen und ihre Stadt erstürmt. 

)ie Kunde vom Falle Bulgars verbreitete Schrecken in ganz 
ind, aber die Uneinigkeit der Fürsten vermochte sie nicht zu 
igen. Durch ihre Fehden völlig in Anspruch genommen, 
so sie nicht an Abwehr des gemeinsamen Feindes, und die 
ölen erreichten, ohne auf irgend einen Widerstand zu stossen,- 
die dichten Waldungen der heutigen Gouvernements Pensa 
ambow die Siidgrenze de.'^ Fürstentums Rjasan. Die russischen 
iken melden, dass sie eine Zauberin (tscharodejniza) mit zwei 
ten zu den Fürsten von Rjasan sandten, mit der Aufforderung, 
;u unterwerfen und ihnen den zehnten Teil ihrer Habe aus- 
jm. Das Anerbieten wurde nicht angenommen, denn damals 
en den russischen Fürsten der Tod für die Freiheit noch 
■ als ein Leben in Abhängigkeit, durch welches später so 



— 24 — 

und Leichen, die unbeerdigt liegen blieben, denn von der Ein- 
wohnerschaft Fjasans war niemand mehr am Leben, der die Ge- 
fallenen beweinen konnte. 

Die verheerende Woge wälzte sich weiter gegen Kolomna.^ 
Romari Jurje witsch versuchte mit dem tapfern Wssewolod, dem 
Sohn des Grossflirsten Jurij, sie aufzuhalten, aber ihr Heer vnirde 
vernichtet, und mit knapper Not entkam Wssewolod den Ver- 
folgern. Kolomna und Moskau teilten das Los Rjasans, und am 
2. Februar standen die Mongolen vor Wladimir. Zu spät bereute 
nun der Grossflirst, dass er seine Verwandten in Rjasan nicht 
unterstützt hatte. Aus seinem Lager am Zusammenflusse des Sit 
und der Mologa sandte er Boten an alle russischen Fürsten nfiit 
der Bitte um schleunige Hilfe und rief das ganze Volk unter die 
Waffen, aber er vermochte den Untergang Russlands nicht mehr 
aufzuhalten. Die Bürger von Ssusdal hofften sich, als eine Heeres- 
abteilung Batus vor ihren Mauern erschien, durch freiwillige L^nter- 
werfung zu retten, aber Batu Hess sie alle niederhauen und schonte 
nur — vielleicht aus Furcht vor dem göttlichen Zorn — die 
Mönche, Nonnen und Kirchendiener. Wladimir wurde nach vier- 
tägiger Belagerung erstürmt, und die Bürger, welche Wunder der 
Tapferkeit verrichteten, fielen bis auf den letzten Mann. Die 
Fürsten Wssewolod und Mstislaw, die sich durchzuschlagen ver- 
suchten, wurden ausserhalb der Stadt niedergehauen; der in 
Moskau gefangen genommene zweite Sohn des Grossfürsten, 
Wladimir Jurjewitsch, soll von den Mongolen vor den Mauern 
der Stadt getötet worden sein, als die Bürger die Drohung, ihn 
zu töten, wenn sie die Thore nicht öffneten, unbeachtet gelassen 
hatten. 

Von den rauchenden Trümmern Wladimirs zogen die Mongolen 
in zwei Heeressäulen gegen Rostow und Jaroslawl und über Gorodez 
nach der Wolga. Rostow, Jaroslawl, Gorodez, Jurjew, Perejaslawl, 
Dmitrow, Twer, Kaschin, Wolok, Ksnatin wurden erobert und zer- 
stört, der Grossflirst selbst erlag am Sit in aussichtslosem Kampfe 
der Übermacht und starb den Heldentod. Nichts schien die Sieger 
mehr aufhalten zu können. Nur noch 15 Meilen waren sie von 



~ 25 — 

Grosä-Nowgorod entfernt, als den Bedrängten ein Bundesgenosse 
zu Hilfe kam, der schon manchem Eindringling in Russland ver- 
hängnisvoll geworden ist. Die nordische Kälte hatte bisher die 
Mongolen in ihrem Vordringen nicht aufzuhalten vermocht, doch 
der scheidende Winter setzte demselben eine Grenze. Die Eisdecke 
der Flüsse hob sich, die gewaltigen Schneemassen in den Wäldern 
begannen zu zergehen, die Stimpfe verwandelten sich in Seeen, 
meilenweit war das Flachland mit Wasser bedeckt. Die Ver- 
sorgung des Heeres mit Lebensmitteln wurde immer schwieriger, 
auch die bodenlosen Wege hinderten das Vordringen, und Batu 
musste nach der tapfern Verteidigung der bisher eroberten Städte 
darauf gefasst sein , in dem stark befestigten Nowgorod auf be- 
sonders hartnäckigen Widerstand zu stossen. Er wandte um und 
zog über Kaluga nach Stiden, unterwegs noch die Stadt Koselak 
zerstörend, die der junge Fürst zwei Monate heldenmütig ver- 
teidigte. Die ,böse Stadt", wie Batu sie nannte, weil er bei ihrer 
Belagerung ungeheuere Verluste erlitten, büsste ihren Widerstand 
damit, dass nach der Eroberung kein Leben geschont wurde. 

Nordrussland atmete nun auf; man glaubte, die Mongolen 
seien wie nach der Schlackt an der Kalka abgezogen, um nicht 
eo bald wiederzukehren, doch man täuschte sich. Batu wandte 
sich zunächst gegen die Polowzer. Chan Kotjan , der Schwieger- 
vater des tapfern Mstislaw von Halitsch, der schon in der Schlacht 
an der Kalka an der Seite der Russen gegen die Mongolen ge- 
fochten hatte, lehnte auch jetzt die Aufforderung zur Unterwerfung 
ab. In den Steppen von Astrachan geschlagen, floh er mit 40 000 
Polowzern nach Westen zum Kon ig Bela von Ungarn. Die 
Polowzer verschwinden damit für immer aus dem Wolgagebiet, 
denn sie finden eine neue Heimat an den Ufern der Theiss, wo 
ihre Xachkommen unter dem Namen Rumänen heute noch leben. 
Nach ihrer Vertreibung schweiften die Mongolen noch eine Zeit- 
lang verheerend durch das untere Dongebiet und wandten sich 
dann wieder nach Norden, unterwarfen die Mordwinen, verbrannten 
Murom und Gorochowetz, kehrten jedoch, nachdem sie noch einen 
Teil des Fürstentums Bjasan verwHstet, abermals um. 



Nachdem im Dezember 1240 Kijew nacli tapferer Verteidigung 
zerstört worden, ganz Süd- und Westruaslaud verheert war, 
drangen die Mongolen durch Polen nach Schlesien vor, doch an 
den Mauern von Olmütz, welches Jaroslaw von Sternberg verteidigte, 
brach sieh ihre Wut. Ihr oberster Feldherr Paidar, ein Sohn 
Tschagatais, fiel durch Sternbergs Hand, und die Mongolenhorden 
wälzten sich dnrch Ungarn nach Osten zurück. Während Batus 
Abwesenheit war von seinen Feldherren die Unterwerfung der 
Bulgaren an der Kama vollendet worden, und als er nun sein Zelt 
in den Steppen am Ostufer der Wolga aufschlug, war das R-eich, 
über welches er als Vasall des Grosschans gebot, ein so riesiges, 
seine Macht erschien so unwiderstehlich, daas der Grosafttrst 
Jaroslaw Wssewolodo witsch keinen Widerstand wagte, der Auf- 
forderung zur Huldigung Folge leistete und darauf mit der Ober- 
herrschaft über ganz Russland belehnt wurde. 

In diese Zeit fallen die lleisen zweier Westeuropäer in das 
Mongolenreich , durch welche auch über das untere Wolgagebiet 
Licht verbreitet wurde. Papst Innocenz IV. sandte 1245 den 
Minoriten Joannes de Piano Carpini^«) mit fünf Ordensbrüdern zu 
dem Grosschan, um den furchtbaren Eroberer von Europa abzu- 
lenken und ihn zu einem Zuge gegen die Sarazenen zu veran- 
lassen , gleichzeitig aber auch zu versuchen , ob es nicht möglich 
wäre, ihn für den christlichen Glauben zu gewinnen. Piano Car- 
piiii kam Über Kij'ew und den Don an die Wolga zu Batu und 
begab sich von diesem zu Gaiuk Chan, dessen Mutter Christin war 
und vor ihrem Zelte eine Kapelle hatte. Nach sechzehnmonat- 
licher Abwesenheit kehrte Piano Carpini wohlbehalten nach Europa 
zurück, zwar ohne den Hauptzweck seiner Sendung erreicht 
zu haben, doch mit einer Flille von Nachrichten über die von ihm 
durchreisten Länder. Was er über das allerdings wunderliche 
Christentum am Hofe des Grosschans berichtete, bat vielleicht den 
Anstoss zu einer zweiten Reise in die Horde gegeben. Der fran- 
zösische König Ludwig IX. liess sich durch ein Gerücht, der Gross- 
chan der Mongolen sei Christ geworden, bewegen, als er während 
eines Kreuzzuges gegen die Sarazenen im -Tahre 1253 in Syrien 



wiihnlicli Riibru- 
Über Konstan- 
, begleitet von 
1er Wüste Gobi 
fentlialt Über die 
ibruquis erzählt 
itet hatten. So 
ingsgetränk der 
rs nach Europa 
i der keineswegs 
Auf seiner Reise 
iteit, zu beob- 
im als Künstler 
und üandwerker aller Art, Bergleute, W aflen schmiede u, s. w. 
unter den Mongolen tliätjg wvren. Zeugt dies von dem Vorhanden- 
sein einer gewissen Kultur, die allerdings nur als fremde Treib- 
hauspflanze gedieh , so erscheinen ans aber auch die russischen 
Gebiete durch die Kriegs dran gsale tief herabgekommen. Zwei 
Monate lang zog Rubruqui.s vom Westen her zur Wolga durch 
verheertes Land , in welchem er weder eine Hütte noch ein Zelt 
traf und gezwungen war, sein Nachtlager ständig in seinem Reise- 
wagen aufzuschli^en. Astrachan war damals noch ein Dorf ohne 
Mauern an einem Arra der Wolga. Zwischen dieser und dem Don 
hauste in den Wäldern ein heidnisches Volk, die Moksche, das 
keine Städte ' besaas und in zerstreuteu Gehiiften wohnte , und 
nördlich von diesem waren die Wohnsitze der Merdus oder 
Merduas.'^') 

An den Ufern der Wolga, wo Batus Hauptstadt, das an der 
Ächtuba erbaute Sserai lag, befand sich eine Überfuhr, welche 
Russen besorgten. Batu weilte selten in seiner Stadt, sondern 
zog meist mit seinem Gefolge in den Steppen an der Wolga 
umher , wo ihn denn auch Rubruquis fünf Wochen lang suchen 
musste. 

Batu, der Eroberer Bulgariens luid Russlands, der Schrecken 
Westeuropas, durch dessen verheerende Züge die Bevölkerungen 



l ' Polens, Schlesiens, Mähreus, Ungai-ns, Österreichs und vieler anderen 

l,- Länder furchtbar gelitten hatten, widmete sich in seinen letzten 

t Lebensjahren auch Arbeiten des Friedens. Er gründete zwei 

f Stjldte im Wolgagebiet, mit deren Xamen in der Folgezeit viele 

ff wichtige Begebenheiten in der Geschichte desselben eng verknüpft 

■ ': sind: Sserai und Kasaa. Die aus ihrer Heimat fortgeschleppten 
h Bevölkerungen der westeuropäischen Länder wurden an verachiedenen 
i- Stellen des Reiches angesiedelt, um dort als Handwerker, Acker- 
hauer u. a. w. Arbeiten obzuliegen, welche den nur an Krieg und 

■ herumstreifen gewöhnten Mongolen nicht behagten. Das Reich Kipt- 
schak,^') über welches er als Vasall des Grosschans gebot, er- 

= streckte sich von Derbent längs des Nordufers des Kaspi-Seees bis 

in die Steppen östlich von demselben, und fast ganz Russland war 
ihm unterthan. Die Mongolen habtin ihui , der Wele liundert 
Städte in Asche gelegt und ungezählten Tausenden Tod und Ver- 
derben gebracht hat, den Beinamen Sain d. i. der Gute gegeben. 

Seine Sohne erfreuten sich nicht der Herrschaft Hl>er das von 
ihm geschaffene Reich. Sein Sohn Sertak starb, bevor er, auf die 
Kunde vom Tode des Vaters heimeilend, Kiptschak erreichte, und 
der vierte Sohn Batus, der darauf unter der Vormundschaft seiner 
Mutter Boraktschin als Herrscher anerkannt wurde , TTlaghdschi 
(die russischen Jahrbüclier nennen ihn Ulawtschi oder Lawtschi) 
scheint die oberste Gewalt bald freiwillig oder gezwungen seinem 
Oheim Berke abgetreten zu haben. 

Es liegt uns fern, hier die Schicksale der Wolganiederung 
unter mongolischer Herrschaft genau zu verfolgen, all die Wirren, 
welche nach dem Tode de« Grosschans Mengku durch den Streit 
seiner Sohne um die Oberherrschatt hervorgerufen wurden. Hulagu, 
der Beherrscher der Mongolen Persieus, sandle ein grosses Heer 
gegen Kiptschal^, aber dasselbe wurde von Berke an den Terek 
zurückgedrängt und fast Ins zur Vernichtung geschlagen. Au 
diesem Feldzug nahm auch Marco Polo teil,^'') der mit seinem 
Bruder ein volles Jahr im Hoflager Berkes an der Wolga ver- 
weilte, bevor er reich beschenkt nach Buchara weiter zog. Der 
Tod befreite bald darauf Berke von seinem Gegner, und seine 



r\ 



— 29 — 

Maclit erreichte iliren Gipfelpunkt. Bis nacL Agj'pteii erstreckte 
sich sein Einfluss,. und er schloss luit demselben ein Schutz- und 
Trutzbündnis. ^Auf seinen Namen ward am Freitay das Gebet 
nicht nur von den Kanzeln Saerais, sondern auch Kairos verrichtet.' 
Der durch hervorragende Herrschertugenden, welche auch von 
russischen Geschichtschreibern anerkannt wurden , ausgezeichnete 
Fürst schien berufen , noch eine groase Rolle zu spielen , als ihn 
während eines Feldzuges plötzlich in Tiflis (126ii) der Tod ereilte. 
Ihm folgte auf dem Throne von Kiptsehak der Grossneffe Batus, 
Mengku Timnr, unter welchem Jfogai sich als Herrscher in SlUl- 
mssland unabhängig machte; Mengku Timurs Nachfolger war 
(1281) sein Bruder Tudai Mengku, der nach sechsjähriger Re- 
gierung von Tulabugha, Kidschik, Älghui und Toghril gestürzt 
wurde, die nun eine Zeitlang gern ein schaftbch regierten, sich dann 
entzweiten und schliesslich durch Toktai verdrängt und umge- 
bracht wurden. Erst in Usbek erstand Kiptsehak wieder ein 
grosser Herrscher, der das erschütterte Ansehen der Chane wieder- 
herzustellen wusste. 

All diese Wirren in der Horde gingen vorüber, ohne dass in 
Russland auch nur der geringste Versuch gemacht wurde, das 
Joch abzuschütteln. Vielmehr sehen wir die russischen Fürsten 
um die Gunst des Chans buhlen und ihn , um sieb dieselbe zu 
sichern, auf seineu Feldzügen mit Hilfstruppen begleiten. So 
unters tüt^zten russische Fürsten Mengku Tiniur auf seinem Zuge in 
den Kaukasus und 1278 auf einem Zuge gegen die Donau-Bul- 
garen. Ja noch viel mehr: es begann jetzt unter den russischen 
Fürsten üblich zu werden , Mongolen gegen Russen , gegen die 
nächsten Anverwandten zu Hilfe zu rufen. Andrei , ein Bruder 
des Grossflirsten Dimitrij Alexandrowitsch (12711—12^4), strebte 
selbst nach der grossfürstlichen Würde, verleumdete seinen Bruder 
beim Chan und rückte mit mongolischen Hilfsvölkern gegen jeneu. 
Die Tage Batus schienen wiederzukehren , Ferejaslawl ward von 
Grund aus zerstört, überall rauchten die Städte imd Dörfer, im 
Ssusdalschen und Wladimirschen kamen Tauseode , die sich in die 
Wälder geflüchtet haften, vor Hunger und Kälte um. In seiner 



— 30 — 

Not wandte aicli Dimitrij an den von der Horde abgefallenen Nogai, 
und die Furcht vor diesem bewog Andrei und Tudai Mengku, 
Mengku Timurs Nachfolger, dem Blutvei^iesseu Sinhalt zu thun. An- 
drei versöhnte sich mit dem Gross Fürsten, aber insgeheim sann er auf 
Rache. Bsld verband er sich mit Fedor, dem Fürsten von Jaro- 
slawl, und anderen Fürsten, und ersterem, dem Liebling Nogais, ge- 
lang es, Dimitrij bei diesem zu verleumden Abermals -ergossen 
sich die Mongolenhorden, von Rnssen geführt, über das arme Land. 
Murom, Ssusdal, Wladimir an der Kljaama, Jurjew , Perejaslawl, 
Uglitsch, Kolomna, Moskau, Moahaisk und andere Städte fielen in 
die Gewalt der wilden Scharen, und erat an den Mauern von Twer, 
wo Fürst Michael und seine Bojaren und Bürger tapfern Wider- 
stand leisteten, brach sich die verheerende Woge. Bald darauf 
starb Dimitrij, und der ehrgeizige An drei_bestieg den grossfiirstlichen 
Thron. Das böse Beispiel, das er den nissi.schen FUraten gegeben, 
indem er die Mongolen zu Richtern in ihren Streitigkeiten machte, 
fand bald Nachahmer, und ein TeilfWrst nach dem andern buhlte 
um die Gunst des Chana. Das mächtig emporstrebende Moskau, 
das Andreis Bruder Daniel gehorte, und Twer unter dem tapfem 
Michael machten sich fast unabhängig, und die Chane begünstigten 
noch ihr Streben nach Selbständigkeit, da sie durch die Zersplitterung 
der russischen Macht ihre Herrschaft zu befestigen hofften. Sie 
konnten allerdings nicht ahnen, dasa in dem jungen Groaafilrsten- 
tum Moskau, mit welchem sein Gründer Daniel aucli bald Pereja- 
slawl verband, in nicht zu ferner Zeit ihnen ein viel gefährlicherer 
Gegner erwachsen werde als das alte Grossfiiratentum je gewesen. 
So bezeichnet das Ende des 13. Jahrhunderts zwar den Beginn 
einer traurigen , schmachvollen Zeit , in welcher die russischen 
Fürsten demlitig vor den Chanen im Staube liegen , aber es liisst 
auch bereits die Keime erkennen, aus denen der Baum der ruasi- 
Bchen Unabhängigkeit hervorspriessen wird. 

Michael .Taroslawitsch , der nach langem Streit mit anderen 
Bewerbern als Grossfürst anerkannt und in Wladimir an der 
Kljasma gekrönt worden , wurde von Jurij Danijlo witsch von 
Moskau beim Chan verleumdet und in der Horde, wohin er sich 



S 



— 31 — 

zur Rechtfertigung begeben, ermordet. Jurij bestieg de 
fürstlichen Thron, nachdem er mit Hilfe eines Mongol 
Michael von Twer ohne Kampf zur Unterwerfung gezwung 
doch er erfreute eich des blutbefleckten Thrones nicht lai 
wurde schon wenige Jahre später von Dimitrij, dem Sohn 
sein Anstiften in der Horde ermordeten Michael, mit dem 
Chan Usbek zusammentraf, fast unter den Augen des 
nie<lergestossen. Dimitrij bUsste diese That erst zehn Mona 
mit dem Tode: der Chan schien anfangs in ihr berechtig 
räche zu sehen, aber der Bruder des Ermordeten verstaut 
geschickt zu i-eizen, indem er den am Hofe des Chans ausg 
Mord als eine Verhöhnung desselben darstellte, und Dimitr 
zum Tode verurteilt. 

Einen bessern Geist als die Ftirsten legte um diese 
Volk an den Tag. Bald nach der Thronbesteigung AI 
Mi chailo witsch erschien Schewkal, ein Gesandter des Chi 
grossem Gefolge in Twer, und in der Stadt verbreitete siel 
das Gerücht, dass er gekommen sei, die Fürsten zu ermoi 
den russischen Glauben mit Feuer und Schwert aöszurott 
Volt scharte sich zusammen , man griff zu den Waffen 
ober Schewkal und seine Mongolen her, welche nach erl 
Widerstand alle niedergehauen wurden oder in der von der 
den Volk in Brand gesteckten Fürstenburg in den Flamt 
kamen. Schrecken ergriff den Chan, als die Kunde von d' 
bad in die Horde gelangte, denn er flirclitete, dass sich n 
Russland erheben werde. Und vielleicht wäre die Befreit 
Mongolenjoche schon jetzt gelungen, wenn ein thatkräftigei 
als Alexander an der Spitze des Reiches stand und die Un 
der Teilftirsten nicht jedes gemeinsame Handeln unmöglich 
Der Chan spielte einen gegen den andern aus und sichi 
den Beistand Moskaus, indem er dessen Fürsten Iwan Danij 
die Grossfürsten würde versprach. Durch äOOOU Monge 
stärkt, zogen die Fürsten von Moskau und Ssusdal gegen de 
fiiraten, welcher feig sein Heil in der Flucht suchte. D 
verfügte über Russland : der Fürst von R.jasan wurde in di 



— 32 — 

,, Iwan Diinijlowitech aber als Grossflirst und als Herr 
nir und Nowgorod bestätigt. Damit war das Moskauer 
I auf den gros sftire Hieben Thron gelangt , auf dem es 
'0 Jabre lang bis zu seinem Erlöschen behauptete und 
;it Ruasland aus der tiefsten Erniedrigung zu unge- 
htentfaltung emporhob. 

)aniilowitscb sclimeichelte dem Chan durch knechtische , 
jkeit, scheute sich auch nicht, andere Teilüirsten, deren 
unbequem war, beim Chan anzuschwärzen, und sein 
es, dass Alesander von Twer und sein Sohn Fedor in 
in Stücke gehauen wurden , aber für Eussland war 
rung doch segensreich wie schon lange keine vorher, 
ein Volk gegen die Rautsucbt der Mongolen zu schützen, 
irstliche Ansehen den anderen Fürsten gegenüber zu 
1 seine Hauptstadt Moskau, die er mit einer hölzernen 
;ab und innerhalb derselben den befestigten Kreml an- 
rickelte sich zu einem prächtigen , an grossen Kirchen 
rn reichen Fürstensitz, l'm diese Zeit gründete auch 
; russische Kirche hoch verdiente Sergei von Radom 
'on Moskau das Kloster zur heiligen Dreifaltigkeit, die 
Lawra, die bald darauf durch die in ihr beigesetzte 
a unter die Heiligen aufgenommenen Gründers in ganz 
erUhmt wurde. 

dem Tode Iwans reisten die Fürsten von Twer und 
die Horde, um sich beim Chan lun die grossfürst liebe 

bewerben, aber dem Sohne des Grossl'ürsten , Simeon 
h, gelang es, durch reiche Ge.«chenke sieb das Wolil- 

Cbans zu sichern. Die gross fürstliche Würde blieb 
ise erhalten , er seihst aber gleich seinem Vater sein 
; ein demütiger Diener des Chans, trotzdem er der erste 
Moskau war, welcher den Titel Grossfürst von ganz 
mnahm. Unter seiner Regierung empfand Russland 

Mal die furchtbare Geissei, unter welcher es nun rasch 
der mehrmals leiden sollte. Jene entsetzliche Krankheit, 
Ilionen Menschenleben in Europa vernichfet hat, die 



— 34 — 

iebea Tage erkaufte. Gegen seineu Nachfolger Ordn 
sich alsbald Mamai, der Aber eine zwischen der 
lern Don herumstreifende Horde gebot, und rief Ab- 
'han aus, neben welchem jedoch Dschanibegs Sohn 
der Bruder (oder Sohn) Chidrbegs, Murad, die Chan* 
lieh in Anspruch nahmen. Ihren Streit benutzte 
sich der Stadt Bulgar und mehrerer anderer Städte 
;eu, und zu Xarutschat im Mordwinenlande machte 
rat Toghai von Beschdesche unabhängig. Jahre 
ie Horde in mehrere L^er geteilt , und Raub und 
an der Tagesordnung. Auch die russischen Grenz- 
unter diesen Wirren. Taghai, der neue Mordwinen- 
das schon so oft zerstörte Rjasan und verbrannte es, 
.aim an der Woinowa eine vernichtende Niederlage. 
1 auch die Horden Maniais gegen Rjasan und ver- 
Fllrstentum. Die Horde zerfiel dabei immer mehr, 
ischen Öeschichtschreiber wissen nicht weniger als 
lache Hoflager zu nennen. Schliesslich riaa Mamai, 
it im Namen von ihm eingesetzter SchatteafÜrsten die 
zwischen Don und Wolga geleitet hatt«, nach Er- 
Chans Mohamed die Herrachaft an sich und nannte 
ler der grossen und aller anderen Horden, als welchem 
er russischen Geschichte bald begegnen werden, 
and hatte sich indessen ganz in der Stille ein Ereignis 
IS, so unscheinbar es an und für sich war, fHr das 
ir Horde von massgebender Bedeutung werden musste. 
urchtbarea Feuersbrunst, welche während der Pest 
in zwei Stunden einäscherte, hatte Dimitrij Iwano- 
ieder erbaute ."itadt nicht wie bisher mit hölzernen 
eben, sondern im Frühjahr 13()7 den Bau einer 
luer begonnen. Dadurch schuf sich der Grossfllrst 
rg, von der aus er aller Feindschaft anderer Fürsten 
e, und der He rrscli ersitz gewann zugleich einen sichern 
Überßille herumstreifender Mongolenhordeu. 
plitteruQg des Reiches Kiptscliak musste in Russland 



- 36 — 

plüiiderud und sengentl in 200 Boten die Wolga 
ge Raubzüge, welche untemelimeDdes Volk ohne 
?r Wetsclia unternahm , waren in Nowgorod nichts 
liesmal schonten die Abenteurer weder Freund noch 
mderteti arhou im russischen Gebiet. Plesehtschei, 
ir von Kostroma, sammelte Mannschaft gegeu sie, Hess 
b scheinbare Unterwürfigkeit täuschen, wurde plotz- 
, geschlagen , die Stadt geplündert , die Einwohner 
fortgeschlcijpt. Die Freibeuter fuhren weiter nach 
)rod, wo damals eine Menge Kaufle\ite versammelt 
ussen als Fremde, aus Buchara, Chiwa, den Tataren- 
lien u. s. w. Die Vorgänge von Kostroma wieder- 
id mit reicher Beute beladen kamen die Räuber nach 

die Gefangenen verkauften. Niemand hinderte ihre 
ich Astrachan. Der Befehlshaber dieser Stadt «ahm 
auf, wohl hauptsächlich darum, weil er den offenen 
len scheute. Der Anblick der reichen Beute, welche 
ihrten, reizte jedoch seine Habgier, und als sie einat 
;chgelage in tiefem Schlafe lagen, Überfiel er sie und 
ied erbauen. 

übeuterzug war die Einleitung zu laugen und blutigen 
;hen Rus.sen und Mongolen, die im folgenden Jahre 

erst mit der vollständigen Befreiung des russischen 
n sollten. Dimitrij Ko ns tan tino wisch von Ssusdal 
nvernehmen mit Mamai den Fürsten von Kasan, 

Throne stossen und einen auilern an seine Stelle 
Schwiegersohn, der Grossfllrat, sandte ihm aber ein 
im Verein mit welchem durcli die Sühne Dimitrijs die 

Kasan , Hassan uud Machnied Sultan , zur Unter- 
ingen wurden, JiOOO Rubel be7.ahlen und einen mos- 
eaniten in ihre Stadt aufnehmen mussten. 
les Wachstum der Macht des GrossfOrsten konnte 
»ehagen, uud wahrscheinlich hätte er jetzt schon los- 
renn die in der Horde wljtende Pest ihn nicht ab- 
nügte er sich, den kampflustigen Prinzen Ärabschah, 



37 — 

der vom Aral-See zii ihm kam, aiif die Bussen /.u hetzen. Arab- 
schah fiel in da« Gebiet iles Fürsten von S^usdal ein , dem sein 
Schwiegersohn alsbald Hilfe sandte. Das russische Heer lagerte 
ittn Flusse Piannaja, und da es hiass, dass der Feind noch fern 
sei, vemachlässis^ten die Führer alle Vorsicht und vertrieben sich 
die Zeit mit der Jagd, Zechgelagen und anderen Beliistigimgen. Arab- 
schah überfiel sie vüllig unerwartet, und das grosse Heer wurde 
fast vollständig vernichtet. Unter den Tausenden, die in der 
Piannaja ertranken, befand sich auch Johann Dimitrijewitsch, ein 
Sohn des Grossfiirsten. ^-) Drei Tage spater fiel Kishnij Nowgorod 
in die Hiinde der Sieger und wurde ausgeplündert und nieder- 
gebrannt. Dasselbe Los traf das eroberte K jasan und viele kleinere 
Städte nnd Dörfer. 

Die Mordwinen hatten Arabschah auf dem Zuge dureli die 
Wälder nach der Piannaja als Führer gedient, und sie benut/.ten 
nun die durch den Tat areuein fall hervorgerufene Verwirrung zu ver- 
heerenden Raubzügen in das russische Gebiet. Dafür erging es 
ihnen schlimm, als die Tataren abgezogen waren, Boris Konstan- 
tinowitsch, der Fürst von Gorodez, schlug sie und nahm an ihnen 
furchtbare Rache. Der strenge Wirter 1377 — 78, in welchem die 
kleineren FJüsse bis auf den Grund gefroren, erleichterte das Vor- 
dringen der Russen. Das ganze Jlordwinenland wurde in eine 
Wüste verwandelt, in Nowgorod aber schleppte man die ge- 
fangenen Mordwinen bei grosser Kalte nackt durch die Strassen 
und hetzte die Hunde auf sie. 

Diese Züchtigung der ^[ürdwinen, der Freunde der Tataren, 
bewog endlich Mamai zum Einschreiten. Im Jahre 1378 fiel er 
miteinem grossen Heer in Rnssland ein. Dimitrij Konst an tino witsch, 
der sich in Gorodez befand, scheute den Kampf und bot eine Los- 
kaufsumme ein , aber die Tataren nahmeTi sie nicht an und zer- 
störten Nishnij Nowgorod, Am Flusse Woscha im Rjasanschen 
stiessen sie auf das Heer des Grossfürsten und erlitten eine 
Niederlage. Tansende fanden auf der Flucht im Flusse den Tod, 
und nur die Nacht und der am Morgen herrschende Nebel rettete 
das Tatarenheer vor völliger Vernichtung. Wütend über diese 



— 38 — 

Niederlage, sandte Mamai sclileunigst eiu neues Heer 
Rjasansclie, das sich jedoch, nachdem es das Land weit un 
verwüstet hatte , bald an die Wolga ziirttckzog , um doi 
Stärkungen abzuwarten, mit denen ein entscheidender Schlag 
Kussland geführt werden sollte. 

Mamai hatte um diese Zeit den Schattenherrscher, in 
Namen er regierte , beseitigt , sich selbst ziun Grosschan 
und trug sich nun mit noch gi'össeren Plänen. Gleicl 
wollte er an der Spitze aller ihm uuterthaneu Völker 
Eroberungszug nach Westen unternehmen. Zunächst sollte K 
wieder ge demütigt werden und ein Bündnis mit seinen 
Feine Litauen seine Besiegung erleichtern. Das Rnssland, ' 
Mamai sich gegenüber faud, war aber nicht mehr jenes du 
Jahrhundert lange Knechtschaft herahgekommene Land, in w 
der blosse Name der Tataren Schrecken und Verzagtheit '. 
rief. Der Sieg an der Woscha hatte das Selbst vertraui 
Russen bedeutend gehoben und ihnen gezeigt, dass die ''. 
nicht unbesiegbar seien. Ohzwar Fürst Oleg von Rjasan, i 
Land zu schonen, vielleicht auch, weil er angesichts des tai 
litauischen Bflndnisses den Untei^ang des Grossftirstentu 
unvermeidlich hielt, auf die Seite des Grosschans trat, s 
doch des Grossfürsten Aufruf zu den Waffen in den übrigen 1 
teilen die begeistertste Aufnahme. Wie sich in den Mäi 
1813 das ganze preussisclie Volk zur Befreiung des Vate 
erhob , so eilte nun Alt und Jung nach Moskau , und balc 
der Grossfürst über 150 OÜO kampllustige und von Siegeszui 
erfüllte Streiter. Rasch dem Feiiule entgegenrückend, traf 
selben am 8. September 1380 in der grossen Kulikowschen 
am Don, griff ihu ohne Zögeru an und brachte ihm ei 
nichtende Niederlage bei. Alle russischen .Tabrbücber sc 
ausführlich die glänzenden Thaten der russischen Fürste 
Krieger in dieser Schlacht. Mehr als 150000 Tote und V 
dete lagen auf dem Schlachtfeld , und zehn Werst weit b 
Boden von Blut gefärbt. Russland war gerettet, denn Jagt 
Litauen, der zu spät kam, um am Kampfe teilnehmen zu 1 






I 



— 40 — 

Heerea übert'allea und geschlagen, uud Tochtamvscli trat darauf 
in dem Watne, dass nun ganz Kuselanil sich gegeu ihn erhebe, 
schleunigst den Ktickzug an. Auf dem Rückwege zeratürte er 
noch Kolomna , und anch Rjasan wurde , trotzdem sein Fürst es 
mit den Tataren hielt, wie Feindealand behandelt und verwüstet. Nach- 
dem Tochtamysch abgezogen war, kamen für die arme Bevölkerung 
des Fürstentums Rjasan neue Drangsale. Sie musate nun dafür 
blissen; dass ihr Fürst zum Verräter an Ruasland geworden war 
lind sich den Tataren angeschlossen hatte , und die Stadt Kjasan 
wurde von Grund aus zerstört. • 

Trotz alledem war das Ansehen ilesürossffirsten tief erschüttert. 
Viele russische Fürsten suchten ihr Heil in engem Anschluss an 
die Horde und unterwarfen sich dem Chan , und der Fürst von 
Twer reiste sogar zu demselben, um von ihm die GrossfÜrstenwürde 
und die Belehnuiig mit dem Groysfürsfcentum Moskau zu erlangen. 
Dies bewog auch den Grossfürsfcen, sich dem Chan zu nähern: er 
empfing ehrenvoll in Moskau eine chauische Gesandtschaft und 
sandte seinen Sohn mit grossem Gefolge in die Hürde. Tochtamysch 
war dadurch befriedigt und erkannte Djmitrij als Grossfürsten an, 
aber die Anerkennung wurde durch eine Kriegssteuer von 8000 
Rubeln erkauft, weiche schwer auf dem ausgesogenen Lande 
lastete. 

So gingen alle Früchte des Sieges auf dem kulikowschen 
Felde verloren, und Russlaud beugte sich abermals unter das .loch 
der Knechtschaft. Dimitrij Iwanowitsch , der die gewaltige , viel 
verheissende Erhebung seines Volkes erlebt hatte, überlebte die 
abermalige Demütigung nicht lange: er starb im Mai 1359, kaum 
40 Jahre alt, und ihm folgte auf dem Throne sein sechzehnjähriger 
Sohn Wassili], der bereits die Krone aus den Hunden eines Abge- 
sandten des Chans empfing. Gleich in den Beginn seiner Regierung 
fallen blutige Kämpfe im Kamagebiet. Boskut, ein Sohn Tochta- 
mysch', hatte die friedliche Bevölkerung von Wjatka überfallen 
und furchtbar in ihrem Land gehaust. Die Reste des Volkes 
verbanden sicJi mit Freibeutern aus Gross- Nowgorod , an denen 
damals nie Maugel war, fuhren die Wjatka hinab in die Kamot 



aus tlieser in die Wolgii, verheerten ilas Gel 
Chane und zerstörten Shukotin und Kasan, 
weilte indessen hi der Horde. Durch Best» 
und da er es verstand, die Gunst des Chans ; 
hielt er die Belehnung mit Nishnij- Nowgorod, 
anderen Gebieten , die hisher noch nicht zi 
ffirstentum gehört hatten. Nach Russland zu 
er sofort eine Gesandtschaft /.n Boris Konstai 
Dimitrijs Konstantiuowitsch Tode (1384.) den F 
go*od bestiegen hatte, und lieys ihn autlbrdi 
Ghana gemiisa sein Fürstentum an Mosknu ab 
TatareoeinfäUe hatten das Fürstentum sehr 
Einwohner von Nowgorod, welche sahen, das 
Herrschaft keinen genügenden Schutz fanden, 
tibergesiedelt. Trotzdem dachte Boris, empört 
nuitete Entaagnug auf das ererbte Fürsteutu 
Widt^rstand , nnd anfangs schien es , das« se 
Volk zu ihm stehen wHrden. Wider Erwar 
Unterwerfung Nowgorods ohne Blutvergiessei 
Bojar Rumjanzew, hatte Boris bewogen, die ( 
iürsten und dea Chans in die Stadt einzula-ssf 
sie in derselben, so riefen die Bojaren durcl 
Volk zusammen und verkündeten ihm, dass for 
jewitsch Herrscher in Nowgorod sei. Boris ' 
und starb zwei .lahre später an gcbrochenei 
Andrei Bogoljubskij gegründete Fürstentum Ssu! 
einst den Grossffirstentitel geführt, verschwan 
masischen Teil fürs tentlimer, und sein Gebiet di 
des übergewiclits, welches Moskau erlangt li 
nachdrücklicher geltend zu machen begann. 

Während so die Machtverhültnisse an df 
wesentliche Veräuderung erfuhren, hatten sie 
des Stromes und au seinen östlichen Zufli 
änderungen vollzogen. Tochtamysch war zu i 
gegenüber dem Grossfürsten hauptsächlich dun 



— 42 — 

ohende Gefahr bestimmt wordeu, da er während seines 
1 mit dem Weltenstürmer sicher sein wollte, dass er hinter 
[ücken von den Russen nichts zu fürchten habe. Am 12. Mai 
n einer von seinen Sterndeutern als günstig bezeichneten 
brach Tiniur mit seinem ganzen Heer nach Westen auf,'*) 
itt den Tobol und kam nach zwölf Tagen an den Jaik. 
lysch erwartete ihn bei den Furten in der Xähe von 
g, aber die Mongolen durchschwammen au einer andern 
jn Fluss und vereitelten so seinen Plan, sie während dea 
iges zu überfallen. TochtamyscU wich hinter die Biala 
rimur folgte ihm über die Ssamara und den Ik dorthin nach 
ielt abermals nicht stand, sondern zog sich durch die Steppen 
der Biala an der Kama hinauf. Dort kam es am 18. Juni 
acht, in welcher Tochtamysch vollständig geschlagen wurde. 
iie Wolga wurden die Flüchtigen verfolgt, und viele fanden 

den W^ellen des Stromes den Tod. Timur schlug iu den 

von Urtupa sein Lager auf und feierte dort 26 Tage lang 
zendes Siegesfest, wobei die unermessiiclie Beute zur Ver- 
gelangte. Auf Timur, welcher gesetzmässig ein Fünflei 
Q erhielt, entfielen JOOOOO Sklaven, 80000 Lasttiere und 

Schafe. Der Reichtum Kiptschaks war dadurch nicht er- 
Als Timur vier Jahre später, nachdem er Persien unter- 
abermals gegen Tochtamysch zog und ihn (15. April 1395) 
ungemein blutigen Schlacht besiegte , fiel den Siegern 
! riesige Beute an goldenen und silbernen Gefiissen, kost- 
elzen, schönen Knaben und Mädchen zu. Timur ernaimte 
ridschak Aghlen zum Herrscher in Kiptschak und drang 
ch Norden gegen Uu-ssland vor. Die Stadt .Telez an der 

fiel in seine Hände, und Furcht und Verzagtheit bemäch- 
ich in Moskau aller Gemüter. In dieser Not Hess der 
st das wunderthätige , angeblich vom Evangelisten Lukas 

Marienbild, dem die Russen einst den Sieg über die Bul- 
;rdankten , von Wladimir nach Moskau bringen , und dem 
len Jahrbuch zufolge trat Timur an demselben Tage, an 

das Heiligenbild seinen Einzug in Moskau hielt , durch 



ciucii j.iauiii cistiuci^&v, ucu ivuutuu(j uu. ± ii. StraM*') fiudet es 
wahrscheinlicher, dass die Mongolen, verwöhnt durch die reiche 
Bente in Kiptsehak, fdr die Mühen und Anstrengungen beim 
Marsche durch die von Schnee und Eis starrenden russischen 
Wälder keinen genügenden Lohn fanden und es daher vorzogen, 
sich wieder nach Süden zu wenden, wo ihnen bessere Beute winkte. 
Dem widerspricht jedoch die Thatsache, dass sie ungeheure Beute, 
,GoId und Silber in Barren, Ballen antiochischen und russischen 
Linnens, ganze Maultierladungen von Biberfellen , schwarze Zobel 
und Hermeline u. s. w. und eine unzählbare Menge un beschlagener 
Füllen' aus Kussland fortführten.«) 

Nachdem er Asow zerstört, einen Raubzug in den Kaukasus 
unternommen, erhielt Timur die Nachricht, dass Mahmudi, der 
Xalanter von Astrachan , sich seinen Befehlen widersetze, uud 
trotz des strengen Winters brach er sofort zu seiner Züchtigung 
auf. Die Bewohner von Astrachan verstärkten, die Winterkälte 
benutzend, ihre Befestigungen noch durch Eismauern, welche, um 
ihnen ein festes Gefüge zu geben, mit Wasser übergössen wurden, 
aber den Scharen Timurs vermochten sie dennoch nicht zu widerstehen. 
Die Stadt wurde auf Befehl Timurs dem Erdboden gleich gemacht, 
und Mahmudi büsste seinen Widerstand mit dem Leben: er wurde 
unter dem Eis , das ihm als Schutzwall hatte dienen sollen , er- 
tränkt."') Eiu gleiches Schicksal wie Astrachan traf bald darauf 
Sserai, die Hauptstadt der Chane von Kiptsehak. 

Kaum hatte das von Osten gekommene Gewitter sich verzogen, 
so drohten dem Wolgaland neue Wetterwolken von Westen her, 
Oleg, der Fürst von Rjasan, hatte einen Einfall in Litauen ausge- 
führt, und als Rache dafür verwüstete der litauische Grossfürst 
Witowt das rjasanache Gebiet. Die arme Bevölkerung, die 
schon 30 oft unter verheerenden Einfallen gelitteu hatte, musste in 
den Wäldern Schutz suchen, bis durch Vermittlung des Gross- 
fttrsten Wassilij Dimitrijewitsch der Friede wieder hergestellt war. 
Von einem so ehrgeizigen und vor nichts zurückschreckenden Mann 
wie Witowt war aber nicht zu erwarten . da.ss er lange ruhig 
bleiben werde, uud er blieb es auch nicht. Lange Zeit aus Litauen 



^y^ 



— 44 — 

rtriebeii, hatte er emUich durch zähe Ausdauer (toiiiioch nicht 
)s (las Gross forsten tum Litiiucn, sondern auch Slldrussland, Wol- 
nieii und BrKCSC von Jaf^ello als polnisches Lehen erhalten; vom 
ück begünstigt, und vor keiner Gewaltthat znrUckschreckend, 
terwarf er sich noch Podolien , das -Fürstentum Ssmolensk und 
rschiedetie Städte und Landstriche SUdnisslauds, so dass er viel 
er als russischer Grossfiirst gelten konnte als der in Moskau 
lende Wassilij.-'') Zu seinem Reiche gehörten im Norden das 
zige Güuvernpment Orel nebst TeüeTi der Gouvernements Tiila 
d KaUiga, das ganze ehemalige Gebiet der Wjatitscheu au der 
;a, und viele Städte des Fürstentums Tschernigow, ausserdem 
nz Sfidrussland , soweit es nicht unter tätarischer Herrschaft 
md , so dass gegen Osten der Dnjepr , die Ssula und Oka die 
enze seines Reiches bildeten. Bei solchen Machtverhaltnissen 
isste der zu ihm jfeflohene Toc-htamysch williges Gehör finden, 
I er ihm als Preis ftlr seine Wiedereinsetznng in Kiptschak 
neu Beistand zum Sturze Wassilijs und zur Einverleibung Mos- 
us in Litauen in Anssicht stellte. Wider Erwarten verliess ihn 
i' dem Zuge gegeu Kotlog Timur, den neuen Chan von Kipt- 
lak sein Kriegsgliick. Seine Niederlage an derWorskla (12. August 
yil) befreite Kussland für immer von der ihm von Litauen drohen- 
n Gefahr. 

in demselben .lahre befreite der Tod Wassilij Dimi tri je witsch 
n einem seiner gefahrlit-hsteu Gegner, dem Fürsten Michael von 
ver, der schon unter Dimitrij Iwanowitsch als Verbündeter 
[aueiis dem Gröfestiirstentum gefährlich geworden war. Sein 
,nd war das blühendste unter allen russischen Gebieten an der 
olga. Obwohl Michael mit eiserner Strenge die Ordnung auf- 
rUt hielt, so war er doch seinem Volke ein milder Herrscher, 
^ts bemüht , die Lasten , die dasselbe zu tragen hatte , zu er- 
eiltem, Handel und Wohlstand in seinem Fürstentum zu heben. 
IS Aufblühen desselben zu einer Zeit , in welcher im übrigen 
issland überall niedergebrannte Städte und Dörfer zu sehen 
iren, führte aus den anderen Fürstentümern einen starken Ein-- 
indererstrom nach Twer, wo von einem tapfem Fürsten Schutz 



gegen leincün^he iiiutalle zu erwarten war. Mächtig und angesehen 
war das FCirstentum Twer in Mtciinels letzten Lebensjahren, aber 
nach seinem Tode brachen Streitigkeiten unter seinen Sühnen aus, 
welche die Knifte des FHrstentums lähmten. Der älteste Sohn, 
Johann Michaile witsch, behiiiiptete sich schliesslich auf dem FUrsten- 
stuhl, als sein gefährlichster Gegner, -lurij Wssewolodowitsch , in 
der Horde, wo beide um die Gnn^t des Chans buhlten, zurück- 
gehalten wurde. 

In der Horde herrschte damals wilder Aufruhr. Seit dem Ab- 
züge Timurs war dort der eigentliche Herrscher Edeg« , welcher 
Chane ein- und absetzte und in ihrem Namen die Gewalt ausübte. 
Nach Timur Kotlogs Tode hatte er Schadibeg auf den Thron er- 
hoben, aber während Johann Michailowitsch sich auf der Reise 
von Twer nach Sserai befand, entthronte Edegu den von ihm ein- 
gesetzten Chan und setzte dessen Neffen Puladbeg an seine Stelle. 
Nun gedachte Edegu, das in der letzten Zeit arg gelockerte Ab- 
hängigkeitsverhältnis des rusaischen Grossfilrsten wieder zu be- 
festigen. Unter dem \"orwand , dass sein Land durch die vielen 
Kriege ausgesogen sei, hatte Wassilij Dimitrije witsch in der letzten 
Zeit die Zahlung von Abgaben an die Horde umgangen, war 
jedoch dabei stets darauf bedacht gewesen, seine Schatzkammer zu 
füllen. Da er sich auch weigerte, in die Horde zu kommen, ver- 
suchte Edegu, den Grossfürsten zum Krieg gegen Litauen aufzu- 
hetzen , um dann selbst Über ihn herfallen zu können. Als dies 
nicht gelang, erklärte er, Litauen selbst angreifen zu wollen, und 
näherte sich mit einem grossen Heer den russischen Grenzen. Der 
Grossfllrst durchschaute jedoch die Hinterlist und rüstete selbst 
mit Macht, worauf Edegu die Maske abwarf und als Feind gegen 
Moskau rückte. Am 1. Dezember 1409 war Moskau abermals von 
den Tataren eingeschlossen, aber obwohl der bessern Verteidigung 
wegen die Vorstädte niedergebrannt wurden, blieb doch die Stadt 
selbst vor grösserem Unheil bewahrt. Als schon die Lebensmittel 
zur Neige gingen, knüpfte der Belagerer selbst Unterhandlungen 
an. Der strenge Winter erschwerte die Belagerung, die Tataren 
fürchteten das baldige Erscheinen des Grossfürsten, der in Kostroma 



ein Entsatzhe^r sammelte, und in der Horde waren Ur 
gebrochen, welche Edegus schleunige Rückkehr erheiac 
begnügte sich also mit einem Lösegeld von 3000 Rübe 
am 21. Dezember ab, tausende von Gefangenen mit eich 
Auf dem Rückweg wurde, wie dies bei Tatareneinfälle 
der Fall war, noch Rjasan verheert. 

Während nach der bald darauf erfolgenden Vertreibt 
durch Dschelaleddin Sultan die Wirren in der Horde imi 
wurden , muss dem Grossflirsten Wassilij die Wieder 
freund schafthcher Beziehungen zu derselben dennoch 
schienen sein; wenigstens sehen wir ihn mit kostbaren < 
nach Sserai kommen (1413), wo er ehrenvoll empfange 
sich zur Zahlung einer Abgabe verpflichtet, die er bis 
Tod entrichtet zu haben scheint. 

Die letzten Regierungsjahre Wassilijs brachten 
Wolgagebiet noch grosse Drangsale. Wiederholt (!■ 
suchten es Pest und Hungersnot heim, und namentlich 
richtete grosse Verwüstungen in Twer und Moskau an. 
wurde ein Einfall, den Tataren 1424 in das Rjasansche 
von der Bevölkerung dieses Fürstentums zurückgeschla 

Wasailij D imi tri je witsch starb im Jahre 1428, und 
sein Sohn Wassilij Wassiljewitsch, der durch Mursa H 
chanischen Beamten, im Jahre 1431 im Namen des Gr 
Moskau auf den Thron gesetzt wurde *>), und seitdem bl 
die Krönungstadt der russischen GrossfUrsten , weicht 
Wladimir gekrönt worden. Sein Oheim Jnrij und ep; 
Sohn Wassilij der Schielende machten dem Grossfli 
den Thron streitig, und er musate sogar wiederholt a 
fliehen, bevor es ilim gelang, seine Herrschaft zu 
Während seiner 37 jährigen Herrschaft wurde das Reicl 
unnnterbrochene Bürgerkriege geschwächt, aber mit 
unterhielt Wassilij gute Beziehungen und zahlte ihm ^ 
lieh regelmässig die schuldige Abgabe. Erst als Chai 
von seinem Bruder Ulu oder Ketschim Machmed gestt) 
kam es zu einem Znsammenstoss zwischen ihm und i 



id geflohen und hatte 
fiicli in der Stadt Belew festgesetzt, und der Groaafürst sandte 
gegen ihn seine Vettern Scbemjaka und Dioiitrij, nm ihn aus dem 
russischen Gebiet zu vertreiben. Das Heer derselben hauste im 
eigenen Lande wie in Feindes Land, ergriff aber, als der Chan es 
plötzlich überfiel, von einem panischen Schrecken erfasst, die Flucht, 
auf der es fast aufgerieben wurde.*-') Chan Machmed sah jedoch 
ein, dass er sich trotz dieses Sieges iiir die Dauer in Bussland 
nicht behaupten könne, und er räumte daher Belew und zog 
Wolga aufwärts nach dem ehemaligen Bulgarien, wo er das Zartum 
Kasan gründete. In seiner neuen Stadt Kasan, deren Bevölkerung 
rasch durch Zuzug aus allen Nachbarländern anwuchs , fand sich 
ein wunderbares Völkcrgemiscb zusammen , Mongolen , Bulgaren, 
Tschuwaschen, Tscheremisaen, Mordwinen, Meschtscberjaken u. s. w. 
die allmählich zu dem Volke zusammen^^chmolzen, das bald imter 
dem Namen der kasanschen Tataren eine wichtige Bolle spielen 
und ein gefährlicher Nachbar liusslands werden sollte. Bald war 
der Anhang des Chans so angewachsen , dass er an Rache für 
seine Vertreibung aus Ruasland denken konnte. Die in Russland 
herr.scbenden Wirren und die Unentsehlossenheit des schwachen 
Grossfürsten erleichterten sein Vorhaben, und er gelangte, ohne 
auf ernstlichen Widerstand gestossen zu sein, bis Moskau (3. Juli 
143y). Nun zeigte sieh iei Kutzen der steinernen Mauer, mit 
welcher die Stadt 1367 unter Dimitrij Iwanowitsch umgeben 
worden: eine rasche Einnahme derselben, wie dies früher so oft ge- 
schehen, war jetzt nicht mehr möglich, und der Feind musste sich 
begnügen, mit seiner leichten Reiterei die Umgegend zu verwüsten. 
Nachdem er noch Kolomna eingeilschert , kehrte er nach Kasan 
zurück. Der Einfall in das russische Gebiet blieb ungestraft, denn 
die inneren Fehden, besonders mit seinem ehrgeizigen Vetter 
Dimitrij Schemjaka, nahmen den Grossfüraten vollauf in Anspruch, 
Raubzüge von kasanschen Tataren und Mongolen der goldenen 
Horde wiederholten sich immer häufiger , und namentlich das 
Rjasansche, die alte Einfallspforte der Mongolen, hatte unter den- 
selben viel zu leiden. Mustapha, ein Prinz der goldenen Horde, 



— 4« — 

ang tief in das KjasaiiscJie vor und machte reiche Beute und 
ele Gefangene, doch ein plötzlicher Witterungswechsel wurde ihm 
rderblicb. Eia grosser Teil der Käuberschar erlag der strengen 
''interkälto , und er selbst wurde mit dem Rest derselben auf 
inem fluchtartigen Kückzujr von dem Fürsten Obolenskij einge- 
bt und, da er keine Gnade annehmen wollte, nach heldenmütiger 
egenwehr erschlagen. Dieser durch schwere Opfer erkaufte Sieg 
•achte den Russen nicht den geringsten Gewinn. Die Baubzügo 
luerten fort, und ausser den Mongolen der goldenen Horde fiel 
in auch der Chan von Kasan wieder mit grosser Macht in Kuss- 
nd ein, verbrannte Nishnij Nowgorod und rückte durch da» Oka- 
lal gegen ilurom vor. Der Grossfiirst sammelte eiligst ein Heer 
id zog den Tataren entgegen. Einige kleiqe (>efechte fielen 
Instig für die Russen aus , und da der Feind mit Anbruch der 
/■interkälte sich' zurückzog, hielt Wassilij die Gefahr für abge- 
endet und entliess sein Heer, aber im Frühjahr erschienen die 
atareii wieder und näherten sich in zwei Heersäulen Nislinij 
owgorod und Ssusdal. Da Schemjaka ihn verräterisch "im Stiche 
sss, gebot der Grossfürst nur über 1500 Mann, als er am Flnsae 
amenka unweit Ssusdal auf den Feind stiess und ihn sofort an- 
riß', obwohl derselbe dreifach Überlegen war. Wahrscheinlich 
iuschten die Tataren die Küssen durch verstellt« Flucht und 
eleu dann plötzlich Über die zerstreuten und plündernden her. 
on dem grossfürstlicheu Heer entrannen nur wenige dem Tode 
ier der Gefangenschaft, der Grossfürst selbst wnrde mit Wunden 
ideckt noch lebend auf dem Schlachtfeld aufgelesen. 

Es war das erste Mal, dass ein russischer Grossfürst in feiud- 
che Gefangenschaft geraten war, und die Verwirrung und Mut- 
isigkeit, welche dieses Ereignis zur Folge hatte, spottet aller Be- 
^hreibung. Dazu kam noch, dass im Moskauer Kreml Feuer ausbrach, 
elches eine Menge Gebäude vernichtete und gegen 3000 Menschen 
is Leben kostete. Machmed Chan unterhandelte bereits mit 
shemjaka, dem er die gross fürstliche Würde anbot, wenn er ihn 
s Lehnsherrn anerkennen wolle , doch da um diese Zeit ein ge- 
isser LiweJ sich Kasans bemächtigte und Schemjakas Antwort zu 



lange ausblieb, lieh er den Anerbietungen seines Gefangenen 
williges Gehör. Gegen ein Lüäegeld von 2000 Rubeln und die 
Zusicherung seiner Freundschaft erhielt der Grossfürst die Frei- 
heit wieder und wurde durch tatarif^che Gesandte nach Moskau 
zurUckgeleitet, das er nur noch als Trümmerhaufen vorfand. Ein 
furchtbares Erdbeben hatte wenige Monate nach dem Brande 
(1. Oktober 1445) alles zerstört, was die Flammen übrig gela.ssen 
hatten. 

All dies war nur das Vorspiel der schrecklichen Zeit, die min 
begann. Fald nach seiner Rlickkehr wurde der GrossfUrst von 
■ Schemjaka veiTäterisch Überfallen , gefangen genommen und ge- 
, blendet, Schemjaka selbst aber bestieg den gro-ssfürstlichen Thron. 
Als die Unzufriedenheit mit der Herrschaft des Gesetz und Recht 
mit F&seeu tretenden TbronrKubers immer grösser wurde, wusste 
Schemjaka den schwachen WassiJij zur Versöhnung zu bewegen, 
liess ihn t'rfehde scliwören und gab ihm dann Wologda als Leben. 
Nicht so leicht fragten sich Wassilijs Anhänger; sie überzeugten 
ihn allmählich, dass der erzwungene Eid ihn nicht binde, und be- 
wogen ihn, den Kampf um die Krone aufzunehmen. Schemjaka 
wurde zur Abdankung gezwungen und, als er nochmals den Frieden 
brach, besiegt und aus dem Lande vertrieben. Der Einfall der 
Mongolen der blauen Horde, bei wulcheni abermals die Vorstädte 
Moskaus in Flammen aufgingen, ermöglichte ihm die \\''iederkehr, 
und da er immer wieder Unruhen zu erregen versuchte, entledigten 
sich seine Feinde schliesslich seiner durch Gift. 

Der Grossitlrst schändete die letzten Jahre seiner Herrschaft 
durch Grausamkeit, Rachsucht und Undank, und eine grenzenlose 
Landergier liess ihn vor nichts zurückschrecken. Nach dem Tode 
Iwans Fedorowitsch von Hjasan , der seine unmündigen Kinder 
seinem Schutze empfohlen hatte, setzte er Statthalter in dem 
Fürstentum ein und liess es durch dieselben verwalten, als ob es 
zu Moskau gehörte; nach langen Kämpfen wurde der Freistaat 
Wjatka zur Unterwerfung gezwungen; wahrscheinlich zahlte Wassilij 
auch der Horde keine Abgaben mehr, denn die Chane derselben 
unternahmen wiederholte Einfalle in Russland, welche ohne be- 

Kaskoschiiv, Die Wolgu. 4 



Sc 



•- -^ 



50 — 

r • 

sondere Erfolge blieben und nur stets aufs Neue die Verwüstung 

des Landes, besonders des Rjasanschen zur Folge hatten. Macht 

^*- und Ansehen des Grossfürsten waren bedeutend gestiegen, als 

l' Wassilij, erst 47 Jahre alt, starb. Entgegen dem Streben in seinen 

^^^ letzten Lebensjahren schwächte er nun die grossfiirstliche Macht 

wieder durch Teilung des Reiches, indem er seinen drei jüngsten 
f. Söhnen grosse Ländergebiete als Lehen überwies. Sein Sohn 

Iwan III. bestätigte die Brüder in ihrem Lehen und gab auch das 
von seinem Vater eingezogene Fürstentum Rjasan dem jungen 
Fürstensohn zurück. Klug wusste er jeden Schein zu vermeiden, 
dass er nach den Gebieten der anderen Fürsten trachte, und wartete 
geduldig den geeigneten Zeitpunkt zum Einschreiten gegen die- 
selben ab, zunächst seine Macht auf Kosten äusserer Feinde zu 
vermehren suchend. 

Der Zar von Kasan war der Erste, der vor seiner Macht sich 
beugen musste. Der tatarische Zarewitsch Kassim, der in dem von 
ihm gegründeten Städtchen Kassimow an der Oka lebte, unterhielt 
geheime Verbindungen mit Unzufriedenen in Kasan und bewog 
den Grossfiirsten, ihm beizustehen, sich Kasans zu bemächtigen. 
Das Glück war anfangs den Russen nicht günstig. Das erste 
gegen Kasan ausgesandte Heer unter dem Fürsten Iwan Jurjewitsch 
Patrekejew und Striga Obolenskij zog sich bald teils wegen 
Mangels an Lebensmitteln, teils aus Scheu vor der feindhchen Über- 
macht zurück; ein zweites Heer unter dem Fürsten Simeon Roma- 
nowitsch verheerte zwar weithin das tatarische Gebiet mit Feuer 
und Schwert, erzielte aber keinen entscheidenden Erfolg; in gleicher 
Weise verlief ein dritter Feldzug, wogegen die Kasaner in Wjatka 
eindrangen, wo sie von der mit des Grossfürsten Herrschaft unzu- 
friedenen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden. Während 
der Grossfürst aufs Neue rüstete und ein grosses Heer in Nishnij 
Nowgorod zusammenzog, starb Kassim, und da seine Witwe, die 
Mutter des kasanschen Zaren Ibrahim, sich erbot, denselben durch 
friedliche Vermittlung zur Unterwerfung zu bewegen, zögerte Iwan 
mit der Eröffnung der Feindseligkeiten, doch das beutegierige Heer 
empörte bich, wählte sich einen Anführer und drang sengend und 



jiuug Riisslaiids vom moiigoli sehen Joche fiihr 
LTend der iTsten zehn Jahre seiner Reftierung hatte 
erstreben dem Chan die Ubhche Jahresabgabc enti 
)hl er nie in die Unter wtirfigkeit seiner Vorfah: 

die Gesandten des Clians ehrenvoll empfangen un« 
te mit Geschenken in die Horde geacbickt., Nnn ■ 
ie fernere Zahlung, und infolgedessen fiel Achmed i 
und zerstörte die Stndt Alekssin. Als nun aber ( 
n starkes nissischeg Heer an der Oka erschien, ergi 
Flucht und eilte in die Horde Kurtick ohne verfolgt 
racheinlich weil der Grossfrtrst sein Heer vor einer ai 
ikheit, die unter den Älongolen ausgebrochen war 
te. Trotzdem betrachtete sich Achmed nach wie voi 
a Husslands , und Iwan , der sich noch nicht si 
bte, um den Befreiungskampf wagen zu können, 
:h reiche Geschenke dnr'Aber zu beruhigen, dass er 
erung, in die Horde zu kommen , nicht Folge le 
' der Grossfiirst in einen Krieg mit dem livländis' 
rickelt war und ausserdem mit seinen Brüdern im 
: Achmed den Augenblick für gekommen, in d 
isfttrsteu in das alte Dienstverhältnis zwingen konr 
1 sich mit dem seit der Demütigung Nowgorods auf ■ 

der grossfilrstlichen Macht eifer^iücbtigen Kasimir 
Grossflirst aber schloss ein Bündnia mit Meiigli-t 
a der Krym, und rief sein eigenes Volk zum Befre 
ir die \V äffen. Da wiederholten sich die Vorfiillc : 
Dimitrij Donskoi: jubelnd eilte Alt und .lung unter 
Gross fiirsten, und mit einem mächtigen Heere ver 
ITgra dem Chan den Weg. Trotz der Kampfljeg 
Iren vermied er eine Schlacht und wartete den 
emehmung seines Feldherm Xesdrowatij ab, den e 
resabteilmig in Schiffen die Wolga abwärts gesand 
von Verteidigern entbli'issten mongolischen Ulu.sse ta 
Jrowatij führte seinen .\utlrag vorfrettlich aus: i 
ai und kam mit reicher Beute und vielen Gefan; 



— 53 — 

Indessen liatte Iwao bei Anbriicli der Kalte , als die FlUsse «ich 
mit Eis zu betlecken begannen, den Rückzug seines Heeres in. die 
Ebene von Borowsk angeordnet, mid auf diesem RUckziig loKte 
sich sein Heer, von paniauheni Schrecken ergriffen, in wilder Flucht 
auf. Als die Mongolen am andern Morgen diis entgegengesetzte Ufer 
Tou den Russen verlassen fanden, vermuteten sie eine Hinterlist 
und flohen ebenfalls schleunigst in ihre Steppen zurück. Dort 
waren nach dem Abzüge Nesdruwatijs die Nogaier vom Ural mit 
dem schibanischen (tj um eni seilen) Fürsten Iwak eingebrochen, welche 
Achmed bis ans asowsche Meer zurücktrieben, wo er erschlagen 
wurde. Iwak erbeutete seine ganzen Heiehtümer und zog dann 
wieder nach Tjunien zurück , die Macht der goldenen oder Kipt- 
schak-Horde aber war für immer gebrochen , und nur schwache 
Reste derselben zt^en unter der Führung der Kinder Achmeds 
noch längere Zeit zwischen der Kuma, dem Don und Dnjepr 
herum, immer noch sich mit der Herrschaft über Russland brüstend, 
obwohl sie nicht den geringsten EinHuss auf dasselbe mehr be- 
sasseu. Iwan erlebte noch die völlige Vernichtung der Horde von 
Kiptschak durch Jlengli-Gbirei (1502): der letzte Chan, Schig 
Achmed, floh nach Litbauen, fand jedoch dort nicht die erhoffte 
Aufnahme und starb als Gefangener in Kowno. 

Für Iwan wiire es eine leichte Aufgabe gewesen, selbst der 
geschwächten Horde den Todesstoss zu versetzen, und er hatte dies 
nur deshalb Mengli-Ghirei überlassen, weil wichtigere Angelegen- 
heiten seine Aufmerksamkeit in Anspruch nabmeu. Vermalt mit 
einer Prinzessin aus dem griechischen Kaiserhause, war Iwan durch 
sie mit der Kultur des Abendlandes in Berührung gekommen, und 
während er nun eitrig bemuht war, ans den Ländern des Westens 
Baumeister, Erzgiesser, Silberarbeiter, Bergleute, Handwerker und 
Künstler aller Art nach Russland zu ziehen, trat auch unter dem 
Einfluss seiner am üppigen byzantinischen Hofe erzogenen Ge- 
mahhn an die Stelle der bisherigen einfachen Hofhaltung der Gross- 
fürsten eine pomphafte Pracht. Der Grossftirst nannte sieh fortan 
.Gosudar (Henscher), Grossfürst von ganz Russland", im Ver- 
kehr mit Fremden Zar von Weiss- und Grossrussland, nahm den 



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- 54 



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byzantinischen zweiköpfigen Adler in sein Wappen auf, umgab sich 
mit Würdenträgern, welche bisher den Russen völlig fremd waren, 
und brachte es dahin, dass sogar Angehörige des grossfürstlichen 
Hauses es als Ehre ansahen, ihm zu dienen, und ehrfurchtsvoll 
seine Hand küssten. Neben einem so entschiedenen Streben nach 
Selbstherrschaft konnten die noch vorhandenen Teilfiirstertümer 
auf die Dauer sich nicht erhalten; sie verschwanden eins nach dem 
andern. Die Fürsten von Jaroslawl traten ihm freiwillig ihre 
Rechte ab (1463), die Fürsten von Rostow verkauften sie ihm 
(1474), nach dem Tode seines Bruders Jurij fielen ihm Moshaisk, 
Dimitrow und Sserjnichow zu (1472), durch Vertreibung Michaela 
Borissowitsch von Twer gewann er die reichen Besitzungen des- 
selben (1485), und das einst so mächtige Fürstentum Twer ver- 
schwand aus der Zahl der selbständigen Fürstentümer, grosse Ge- 
biete erbte er nach seinem Bruder Andrei, Michael von Wereja 
(1481 und 1485) und seinem Neffen, dem Fürsten von Rshew 
(1503) u. s. w. Die ihm verschwägerten Fürsten von Rjasan fügten 
sich willig seiner Oberherrschaft, und aus Rücksicht auf seine 
Schwester Anna, ihre Mutter, die er sehr liebte, liess der Zar sie 
im ungestörten Besitz ihres Fürstentums. Die Inhaber der Lehen, 
welcne noch nicht mit Moskau vereinigt waren, sanken immer 
mehr zu blossen Schattenfürsten herab und verloren den letzten 
Rest von Selbständigkeit. 

Die Alleinhen'schaft des Zaren war fest begründet. Bald bot sich 
ihm auch Gelegenheit, die Grenzen des Reiches weiter auszudehnen. 
Streitigkeiten, welche in Kasan ausgebrochen waren, veranlassten 
ihn zur Unterstützung des ihm freundlich gesinnten Teiles. Sein 
Woiwode Cholmski erstürmte Kasan und setzte Machmed Amin als 
Fürsten ein unter der Bedingung, dass er Iwan als Lehnsherrn 
anerkenne und ihm Abgaben zahle (1487), Zwei Jahre später 
wurde der alte, von Nowgoroder Auswanderern gegi*ündete Frei- 
staat Wjatka, der sich empört und den Statthalter des Zaren ver- 
trieben hatte, aufs Neue unterworfen. Ein 64 000 Mann starkes 
Heer erschien vor Chlynow, und den Wjatkaern versagte diesmal 
die Hauptwaflfe, mit welcher sie sich früher russischer Heere er- 



••'i-,-.^ ^ 



- 55 - 

ng der Feldherren Jiirch reiche Ge- 
lten sie ihre Thore. Die vornehmsten 
Kleren Städten verpflRnzt iind die Frei- 
er zii Grabe getragen, Gleichiieitig 
len Ftirsten von Arsk im Wjatiiaer 
Gebiet znr Unterwerfung gezwungen.^') 

Unter der Ilerrschalt Iwans III. kamen viele Gesandte fremder 
FllTsten nach Uussland, und auch das Haus Hab^buiTi^ trat in Ver- 
bindung mit dem Grossfürsien. Dadurch kam eine Menge neuer 
Kachrichten Hber das grosse Ostreich nach Westeuropa, und die 
bisher mit Ortsnamen ziemlich dürftig versehenen Karten desselben 
gewinnen bald ein völlig anderes Aussehen. Schon im Jahre 1473 
war der venezianische Gesandte Ambrogio Contarini von einer 
Sendung nach Persien über Astrachan, K.jasan und Moskau zurück- 
gekehrt.^^) An den Grossfi\rsten selbst wurde vom deutschen 
Kaiser Friedrich III. 1486 und 1489 Nikolaus Popel (die rassischen 
Urkunden nennen ihn Poplew) gesandt, ein czechischer Edelmann, 
dem seine slavlsche Abstammung. ermöglichte, mit dem Grossfürsten 
unmittelbar, ohne Vermittlung eines Dolmetsch zu verkehren. Im 
-lahre 1490 kam Georg vim Thnrn als Gesandter des römischen 
Königs Maximilian nach Moskau, um ein Bündnis abzuschliessen 
und -wegen der Werbung Maximilians um eine russische Prinzessin 
zu unterhandeln. Eine zweite Heise Thurns nach Mo.skau gegen Ende 
des folgenden .lahres hatte nur den Zweck, das geschlossene 
Bündnis nun auch seitens des Grossfürsteu eidlich bestätigen zu 
lassen, wie dies bereits von Maximilian in Anwesenheit russi.scher 
Gesandten auf einem Reichstage zu Nürnberg gochehen war, und 
den König zu entschuldigen, dass er, auf die falsche Nachricht, 
Thum sei auf der ersten Heise verunglückt bevor er seiue Werbung 
anbringen konnte , sich auf Zureden der Reichsfilrsten mit Anna 
von Bretagne vermählt hatte.^^) Von grösserer Wichtigkeit für 
die Vermehrung der geographischen Kenntnisse versprach eine 
Gesandtschaft zu werden, welche 1492 in Moskau eintraf. Erz- 
herzog Siegismund, der in Iiispruck Hof hielt, sandte einen ge- 
wis.sen Michael Snups iiuf eine Forschungsreise nach Ruaslund, mit 



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— 56 — 



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dem Auftrage, die russische Sprache zu erlernen und sich mit allen 
Sehenswürdigkeiten des noch so wenig bekannten Landes vertraut 
zu machen. In Moskau stiess 'dieser Gesandte leider auf einen 
Widerstand, den man nicht erwartet hatte. Den Russen fehlte 
, wohl noch das Verständnis für den Nutzen derartiger Reisen, und 
das allen noch auf niedriger Bildungsstufe stehenden Völkern eigene 
Misstrauen gegen Fremde veranlasste sie, Snups' Weiterreise unter 
allen möglichen Vorwänden zu verhindern. Er wollte bis zum Ob 
vordringen, aber man wandte dagegen ein, dass dieser Fluss sehr 
weit entfernt sei und sogar die mit der Erhebung der Abgaben be- 
trauten Beamten des Grossfiirsten auf der Reise dorthin grosse 
Schwierigkeiten zu überwinden hätten; als Snups dann den Wunsch 
aussprach, durch Polen oder durch die Türkei zurückzukehren, 
wurde ihm auch dies unter dem Vorwande, dass der Weg zu un- 
siclier sei, verwehrt, und er musste durch Livland, von wo er ge- 
kommen war, nach Deutschland zurückkehren. Für die Ver- 
breitung von Kenntnissen, welche auf das eigentliche Wolgagebiet 
Bezug hatten, bUeben alle diese Reisen mit Ausnahme jener Conta- 
rinis belanglos, da der Endpunkt aller Gesandtschaitsreisen Moskau 
war. Erst unter Iwans Nachfolger Wassilij sollte auch die Wolga 
dem Abendland endlich bekannter werden. 

In die letzte Lebenszeit Iwans fallt noch ein abermaliger Krieg 
gegen die kasanschen Tataren. Machmed Amin liess sich durch 
das Zureden seiner Fran , die ihm seine Abhängkeit von Moskau 
als schimpflich und unwürdig darstellte, bewegen, Iwan den Eid 
der Treue zu brechen. Er reizte die Tataren gegen die Russen 
auf, und am 24. Juni 1504 wurden die nichts Böses ahnenden 
russischen Kaufleute, welche nach Kasan zu Markte gekommen 
waren, plötzlich überfallen und aller Waren beraubt, viele ermordet 
oder als Sklaven den Nogaiern verkauft. Die Beute, welche dieser 
Verrat den Tataren einbrachte, soll unermesslich gewesen sein und 
Machmed Amin selbst ein ganzes Geraach mit Silber- und Gold- 
münzen gefüllt haben. Wenn auch diese Angabe zweifellos stark 
übertrieben ist, da silberne und goldene Münzen damals in Russ- 
land noch viel zu selten waren, um in solcher Menge erbeutet 



■ — 57 — 

werden zu können , so war doch jedeiitalla <Ier Verlust , den die 
russischen Kaufleute erlitten , kein geringer , und es war nicht 
auzunehmen, dass der Grossftirst eine solche Schädigung seiner 
Unterthanen ruhig mit anseten werde. Um ihm zuvorzukommen, 
fiel Achmed Amin mit einem grossen Tatarenheer und 20 0Ü0 
Nogaiem in Riissland ein und drang verheerend bis Nishnij 
Nowgorod vor , dessen Vorstädte er verbrannte , ohne die Statlt 
selbst einnehmen zu können, welche die Einwohner tapfer ver- 
teidigten. Nach dreissigtiigiger Belagerung brachen Streitigkeiten 
zwischen den Tataren und Nogaiern aus, welche Machmed Amin 
veranlassten, uach Kasan zurückzukehren. Ein 100000 Mann 
starkes russisches Entsatzheer war indessen bereits bis Murom ge- 
langt, verfolgte jedoch den abziehenden Feind nicht, weil man 
stündlich den Tod des schwerkranken Grossfürsten erwartete, der 
endlich am 27. Oktober 1505 eintrat. Der Freiheitstraum Macii- 
med Amins war trotzdem von kurzer Daner. Auf einen so wich- 
tigen Besitz wie Kasan vermochte der Grossfürst nicht zu ver- 
zichten , und Iwans Sohn und yachfolgor Wassilij III, zwan;{ 
Achmed Amin bald, seine Oberhoheit wieder anzuerkennen (1507). 
Vierzehn .lahre blieb nun Kasan ruhig. Nach Achmed Amins 
Tode setzte der ürossfürst den unter seinem Schutze in dem Städt- 
chen Meschtschera lebenden Astrachaner Zarewitsch Schich-Ali. 
den Enkel Achmeds, des letzten Chans der goldenen Horde, auf 
den Thron von Kasan , trotzdem er dem Chan der Kryra ver- 
sprochen hatte, als Entgelt für seinen Beistand gegen Polen seinen 
Bruder Saip-Girei zum Fürsten von Kasan zumachen. Den Kasanerji 
■ gefiel ihr neuer Herrscher nicht; als Saip-Girei mit einem Heere voi- 
deuThorenKasans erschien, wurdeer freudigaiifgenommen und Schich- 
Ali vertrieben. Ermutigt durch diesen ersten Erfolg, fiel nun Saip- 
Girei im Bunde mit Machmed-Girei und den Nogaiem in Russland ein. 
Die Kasaner bemächtigten sich Nishnij Nowgorods und Wladimirs, 
die krymschen Tataren erschienen vor Moskau, vou wo der Gross- 
fürst eiligst nach Wolokolamsk Höh. In der Stadt waren keine 
Anstalten zur Verteidigung getroffen , die Menge Menschen , die 
sich in dieselbe geflüchtet hatte, musste in wenigen Tagen Himger.s- 



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— 58 — 



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not und Krankheiten erzeugen. Unter solchen Umständen waren 
die Moskauer bereit, auf die härtesten Bedingungen einzugehen, 
wenn sie nur dadurch den Abzug Machmed-Gireis erkauften. Sie 
stellten auch im Namen des Grossfürsten eine Urkunde aus, durch 
welche dieser sich verpflichtete, dem Chan die Abgabe zu ent- 
richten, welche vor Zeiten die russischen Fürsten den Mongolen 
gezahlt hatten. Die Umgegend Moskaus hatte indessen schwer ge- 
litten, weit und breit waren alle Dörfer eingeäschert. Die Tataren 
wandten sich nun dem Okathal zu und kamen vor Rjasan. 
Während sie dort mit der Bevölkerung wegen Auslösung der mit- 
geschleppten Gefangenen verhandelten , suchten sie sich durch 
Hinterlist der Stadt zu bemächtigen. Der Befehlshaber der Ge- 
schütze in Bjasan, ein Tiroler namens Johann Jordan, bemerkte, 
dass sich immer mehr Tataren herandrängten und die erschreckten 
Russen nicht daran dachten, sie zurückzuweisen. Die der Stadt 
drohende Gefahr erkennend, liess er rasch entschlossen alle seine 
Geschütze auf den Menschenknäuel abbrennen und trieb dadurch 
die Tataren in die Flucht. Als darauf die Tataren verlangten, 
man solle ihnen denjenigen ausliefern, der verräterisch auf die 
Ihrigen Feuer gegeben habe, da war die Feigheit und der Klein- 
mut der Rjasaner so gross, dass sie ihren Retter ausgeliefert 
hätten, wenn ihn der Statthalter nicht in Schutz nahm.'*^) 

Die Verheerungen, welche dieser Tatarenzug verursacht hatte, 
waren ungeheuer, obwohl die Angabe, dass man gegen 800 000 Ge- 
fangene fortgeschleppt, eine arge Übertreibung sein mag. Mach- 
med-Girei wandte sicli nun gegen Astrachan, um mit Hilfe des 
Nogaierfürsten Mamai den dort herrschenden Sohn Tschenibeks, 
Ussein, zur Unterwerfung zu zwingen. Astrachan wurde genommen, 
aber mitten im Siegesjubel überfiel Mamai treulos seineu Bundes- 
genossen, der mit dem grossem Teil seines Heeres erschlagen 
wurde. Nur wenige hundert Tataren entrannen dem Tod oder der 
Gefangenschaft, und die Krym hatte für lange Zeit aufgehört, 
Russland gefährlich zu sein, umsomehr da auch noch Thron- 
streitigkeiten das Land zerrütteten. Saip-Girei, auf seine eigenen 
Kräfte angewiesen, vermochte sich in Kasan nicht zu behaupten. 



n 



— 60 — 

, namentlich ziuii deutj-t-lien Kaiser, brachten es mit sk-ii, 
saland bekannter wurde und auch über die Gegenden öst- 
Moskan ausführlichere Kachrichteii nach Westeuropa ge- 
Das grösate Verdienst in dieser Beziehung erwarb sich 
erliche Gesandte Ritter Siegismund von Herberstein, der 
d 1526 als Friedensvermittler im polniach-rusaischen Kriege 
iskau ging, das zweite Mal mit Gesandten des Kaisers 
. und des Papst«s. Auf der ersten Ifeise vermochte Herber- 
a Hauptzweck derselben nicht zu erreichen, und die zweite 
OS einen fiinQäbrigen . Waffenstillstand zwischen Rusaland 
en zur Folge; um so grösser waren die wissenschaftlichen 
«e der Reise, da der des Slavischen kundige (aus Kärnten 
ide) Herbersteiii sich mit den Küssen ohne l^olmetsch Ter- 
u und so vieles /.u erfahren vennocltte , was anderen 
m Tor ihm tremd geblieben war, und da er überdies der 
ng von Nacliriehten Über Land und Leute besondere Sorg- 
Imete. Seine Reisebeschreibung , welche viele Ausgaben 
Ersetzungen erlebte,^'') ist ein grundlegendes Werk für die 
ä des altem Husslands, imd mit ihm beginnt eigenthch erst 
Kenntnis des Riesenreiches. Herbersteiu verdanken wir 
; erste auf Grund eigener Forschungen und Reisen ent- 
Karte liiisslands, die allerdings noch eine Menge unrichtiger 
i enthält. 
Wolga entspringt auf dieser Karte aus einem See siid- 
von Twer,'"') fliesst dann, die Twerza aufnehmend, nord- 
, nimmt bei Chlopigorod und UglicK die aus dem Albus 
ommende Scheksna, die Mologa und den an L'ghcz vorbei- 
en Abfluss eines Seees auf, kommt stets in derselben Rich- 
■iterfliessend an Jaroslawl und Rostow vorbei, worauf sie 
vielen Windimgeu ostwärts wendet und erst bei Kostroma 
dost abbiegt, welche letztere Richtung sie bis Nowgomdia 
beibehält. Zwischen Xowgorodia Inferior und Murom 
die der obem Wolga parallel laufende Clesma. Weitere 
der Wolga sind die Sura (bei Basilgorod), die Wiagla (r) 
1 Basilgorod und Kam , die Wieczna bei Kam. Die Oka 



- 61 — 

Hauptstrom, die Wolga als Nebenfluas. 
nem See oder Sumpf, i» welchen die 
: in dessen Mitte eine Insel und an dessen 
liegt. Die Quelle der Oka befindet sicli 
ysceneck , und wahrend sie , vorbei an 
, Cirpach und Corsira nordostwiirts dem 
zweigt sich von ihr ostwärts der grosse 
ien .loaiinis Laciis durchströmt und dann 
9 Palus mündet. Noch verwirrter als bei 
mg bei der Kam». Zwei Filisse, Wjatka 
sich bei der Stadt Orlow und münden in 
, an welcher diese die Belaja aufnimmt, 
er der Kama ist kein Zutluss, auch die 
et. Den Namen Kama selbst weist die 
'ermia fliesat ein Fluss vorbei , der als 
. An der Wjatka und Reczicza und dem 
gebildeten Khiss liegen: Slowoda, Orlow, 
An der Wolga finden wir abwärts von 
jslaw. Kam, Kasan: bei der Wolgamün- 
'n Ufer Soraiczik, auf dem rechten Soha- 
irts Astracbau. Von Nowgorod bis zur 
issen, südlich von Kassiraow Mordwinen. 
dem Don und der Wolga führt die Be- 
'rajectus Magnus. Das Wolgaknie Hegt 
rade wie das Südende des Sinus Livouicus, 
der Vorrede zu seinem Buche diejenigen 
jscli reib Uli gen oder Landkarten Rnsslands 
kolaus Cusanus, Paulus Jovius, Joannes 
Olaus Gothus, Matthaens Mechovita, 
Munsterus. A'on diesen gebührt Sebastian 
die ersten eigentlichen Karten von Russ- 
en, da auf allen früher erschieneneu Russ- 
le als Naehbargebiet der zur Darstellung 
letracht kam. Diese Karten erschienen 
iters bekannter ,Cosmographei uder Be- 



-T-— 



eibung aller Länder , Herrschaften , iÜmemsten Stellen , Ge- 
chten, Gebreuchen u. s. w.", und wnter ihnen befindet sich eine 
te von Moscovia (16 zu 17,4 cm), auf der die Wolga mit vielen 
r NebenHüsse verzeichnet ist. Im Vergleich mit der Herber- 
ichf» ist diese Kart« sehr arra an Ortsnamen im Wolgagebiet, 

nennt auch bei keinem der in ihr angegebenen Zuflüsse der 
Iga dessen Namen. Inbezug anf das Verhältnis der Wolga 

Don stimmt sie so ziemlich mit der Herbersteinsehen aberein. 
Ins Jovius (Paolo Giovio) , welchen Herberstein auch unter 
en Vorgängern anfuhrt, hatte im Verkehr mit dem in Rom 
enden russischen Gesandten Dimitrij Gerassimow (1525) allerlei 
brichten Über Russland gesammelt, welche er dann in seinem 
■llus de legitione Basilii'^') veröfl'entlichte. Die darin von -loviuB 
ihnte Karte Russlands scheint damals nicht durch den Druck 
iffentlicht worden zu sein, ist aber handschriftlich in einem 
tenwerk des Battiata Ägnese enthalten, das sich in der Marcus- 
iotbek in Venedig befindet und vor einigen .tahren photo- 
)hisch ver\'ielfältigt worden ist.*»; Die Wolga entspringt auf 
er Karte — gleich dem Dnjepr, der Newa und DUna — aus 
m grossen Sumpfe (palus magna), und heisst -uolga sive rha 
ins, quem tartari edi! vocant*. Sowohl die Oka als die Kama 

auf dieser Karte unbenannt. Ausser ihnen nimmt die Wolga 
den aus dem Bjelo Osero (beloserio) kommenden sama fl (die 
iksna) auf, ferner (r.) einen imbenannten Fluss (den Nerl), die 
lolodemaria (Wladimir) vorbei flies sende clesma (die Kljasma, 

Nebenfluss der Oka) und den sur fl (die Ssura) , von relania 
»nia, Rjasan) kommend, mit einer unbenannten Stadt ^Wassil- 
)d) au der Mündung; unterhalb letzterer beschliesst (L) die an 
num tatarum (Kasan) vorbeifliessende Kama, deren Quelle im 
iet der Nogai Tartari liegt, die Reihe der Zuflüsse der Wolga. 

Strecke von der palus magna bis zur Kamamündung ist be- 
«nd verkürzt, dagegen der Unterlauf des Stromes viel zu weit 
1 gezogen. In die Oka mündet die uubeuannte Moskwa, in 
;ere die neglina. Am Zusammeufluss der neglina und Moskwa 
schus nennt sie Jovius in seiner topographischen Beschreibung) 



in <ler Wolga nennt die Karte noch 
itsch, unterhalb der Scbeksna-Mün- 
Lind citracan emporium civitas magna 
■ Mttndimg, auf dem rechten Okaufer 
lejfene Odojew) und gegenüber der 
las 1. liegende Kolooiua), auf dem 
1 eine iinbenannte Stadt (Sserpuchow 
^tn unbenannten Wolgazufluss (dem 
Perejaslawl ). Weit nach W, etwa 
'ermia Regio verschoben, 
nen, von denen tabnlae oder commen- 
traren^ auch einen Antonius Bied auf, 
Hed ist, von welchem Orteliuf in dem 
Q geographicarum in »einem Tliea- 
duMs er in Antwerpen ohne Dnick- 
verötfent licht habe. Diese im Jahre 
r kurzem aufgefunden und in photo- 
igeben worden.*") Auch hier ent- 
ina und Newa aus einem See oder 
r Wolga liegt (I.) Wollosek (Wolot- 
(Twer) gegenüber der MUndung der 
berhalb Twer verzeichnete Dorsok 
I gesetzt, da es ziemlich in der Mittte 
ok liegen sollte. Die starke Ver- 
tromes hat auch zur Folge, dass die 
hfc unterhalb Twer befindet, wahrend 
t von demselben entfernt ist. An der 
Ustjuahna) und (1.) Holobe (Chlopi- 
<, in dem sich eine Hui^ befindet, 
Kriegsy.eiteu seinen Schatz verwahrt, 
herab (die Scheksna). Weiter ab- 
aroslawl) und Kostroma. Der hier 
fehlt auf der Karte, doch finden wir 
oma gelegene Städte, das von einem 
c-h) und Czochloma (Tschuchloma). 



~ u — 

Das nordöstlich von Gaütsch gelegCBe Tschucbloma ist jedoch zu 
weit nach an einen Nebenfluss der Onathea (Unsha)-, an dem 
die gleichnamige Stadt liegt, versetzt. Der Irrtnm Wieds mag 
dadurch veranlasst sein, dasa die Wiga, ein Nebenfluss der Unaha, 
unweit Tschuchloma entspringt. Oberbalb der Unsba-Mündung 
(anstatt ihr gegenüber) liegt (r.) an der Wolga Jorgowitz f.Iurje- 
wez Powolshskij). Bei Nouigrod nysni mündet die von S kommende 
Occa (Oka). Dieselbe entspringt unterhalb BelefF (Bjelew), nimmt 
bald darauf die aus dem See Plotbo (der mit dem Juan lacus, aus 
dem der Tanais entspringt, zusammenhängt) kommende Uppa auf, 
an welcher aufwärts Oduieff (Odojew) und Tnlla (Tula) liegen, 
vereinigt sich oberhalb Koluha (Kaluga) mit einem unbeiiaunten 
kleinen Fluss (wahrscheinlich die Ugra, mit der Stadt Opakow) 
und fliesst dann an Ko.'ssera (Kaschira) vorbei nach Resna (Alt- 
Rjasnn). Zwischen Kaschira und Rjasan mündet die unbenanute 
Moskwa, an welcher die Städte Mossaysk (Moshaisk), Moscouia 
metropolis und Kolumna liegen. Unterhalb Kjasan folgen: (r.) 
Mestzora (Meschtschera, das spätere Kassimow), (r.) der Moksza 
fluvios (die Mokscba, ein Zufluss der in die Wolga fallenden Sna), 
an demselben weiter aufwärts (r.) Kadoma (Kadern), an der Wolga 
(r.) Murom und (l.) die Mündung eines unbenannten Flusses (der 
KljasmaV An derselben liegt Horochowiet?, (Gorochowetz) , an 
seiner Quelle Volodimir (Wladimir), nördlich von letzterem Per- 
slawl "(Perejaslawl) au einem See , dessen Abfluss an .Torgof und 
Ssusdal vorbei zur Oka fliesst. In Wirklichkeit entsendet der 
Pleschtscheiewo-See , an welchem Perejaslawl liegt, sein Wasser 
durch den Nerl in die Wolga, aber unweit des Seees entspringt 
ein gleichfalls Nerl genannter Fiusa , welcher an Ssusdal vorbei- 
fliesst, sodass leicht eine solche Verwechslung eintreten konnte, wie 
sie unsere Karte aufweist. 

Die mit der Oka vereinigte Wolga nimmt bei Wassilgorod 
die Sera (Sura) auf, den letzten Wied bekannten rechtsseitigen 
Nebenfluss. Links mündet zunächst bei Kassanorda (das alte Kasan) 
ein unbenanntes Flüsseben (die Kasanka), dann Kamma fluvius 
(Kama), der in der Mitte seines Laufes sieh mit dem Viattka 



- 65 — 

erscheint bfideutend verkürzt, e 
ind an ihren Ufern ist keine , au 
ynow (Chljnow, ins jetzige Wjai 

Qiüsseii wir lioch im Norden sucl 
Flüssen , welche in den Ob münt 
dem fechten Ufer das als Pereflo 
Kwischen Wolga und Don. An 
liegt rechta am Ufer des Mare ( 
Gehiet zwischen der Wolga imd t 
elte der Horda Nohay. 
dachen Karte mit der von SebasI 
.phie veröffentlichten, welche bis 
te Russlands galt, zeigt sofort, c 
; nachgezeichnet hat Münster hat 
sehen Karte und auch wegen Kai 
■ erntern verzeichnete Orte entwe 
las Städtezeichen ohne Beifügung ei 
den vielen bildlichen üarstellunj 
:n. Die einzige wesentliche Neuen 
Drechende Orientierung , wahrend 
mittolalt erhebe Orientierung (N lii 

len auch noch der Inhalt aller die 
ch bereits ein wichtiger Schritt \ 
lie nächsten Jahrzehnte brachten 
ienntnis Russlands. Mit der du 
bonungsloses Vorgehen gegen die . 
and Festigung der Zareninacht g 
inahme nach aussen, wie sie noch b 
latte. Die Nachbarreiclte Kasan i 
raherer Zeit so viel des namenlo 
imen war, verschwinden aus der Re 
d werden dem GrossfUrsten untertli 
'ode auch die weiten Ebenen Sibiri 
en sieht. Gesetz und Ordnung 



ginnen im Verein mit der vordringenden russisc 
Gegenden Platz zn greifeD, welche bisher der Tum 
rischer Horden waren und in denen die Forschun 
überwindliche Hindemisse stiesa, welche zu bezwing' 
kühnen Reisenden gelungen wax. 

Bald nach der Thronbesteigung Iwans (1534 
Moskau eine Gesandtschaft ein , durch welche der 
Enalei den Grossfiirsten wieder als seinen Oberhei 
Die Unterwürfigkeit Enaleia gefiel den Kasanem n 
ermordet, und der krymsche Zarewitsch Sapha-Gire 
mals den Thron, indem er sich mit der verwitweti 
schönen Ssumbeka vermählte. Da die russische f 
den Grossfürsten zu veranlassen suchte, den in Bjelo 
gehaltenen Schich-Ali zum Herrscher in Kasan zu 
dieser ihrem Wunsche nicht abgeneigt schien, hielt 
ftlr angezeigt, eine Annäherung an Iwan zn such< 
da er wegen der Thronstreitigkeiteu in der Kr 
Unterstützung von dorther hoffen durfte. Er liess d 
durch eine Gesandtschaft seiner Freundschaft versic 
Unterthanen nicht abhielt, Raubzüge in russisches ( 
nehmen. Nachdem sie auf einem derselben bis Nii 
vorgedrungen waren und dort die Vorstädte vei 
liesB Iwan zum Schutz der Grenze die Stadt Bui am 
erbauen , schloss ein Bündnis mit Astrachan und 
stalten zu dem über kurz oder lang doch unverme; 
Als ihn 1541 eine mit der Herrschaft Sapha-Gire- 
Partei zum Einschreiten auffordern hess, sandte er 1 
gegen Kasan, doch kam es diesmal noch zu keim 
sammenstoss, weil die Russen seit Jahren fast 
die Krymschen Tataren abzuwehren hatten. Wiede 
das Rjasansche geplündert und 1541 rückte Saip-C 
Heeresmachfc gegen die Oka vor. Diesmal waren 
den Angriff vorbereitet, hatten ein Heer an der ( 
gezogen, und die Tataren, welche sich in ihrer E 
Feind überrraschen zu können, getauscht sahen, zo| 



ine Einfalle wenigstens daa 
; von den Russen nicht be- 
•t<! sich in Kasan bis zum 
«usbrach, der mit seiuer Ver- 
nnte nun auf die Bitten der 

Schieb- Ali zum Zar, doch 
!ses Herrsch era Überdrüssig, 
m erst vertriebenen Sapha- 
sich rechtzeitig zu fluchten, 
is Vertreibung schuld waren, 

so dass viele Vornehme in 
ic den Tataren unterthanen 
len rechten Wolgaufer) sich 
; unterworfen hatten, unter- 
; einen Feldzug gegen Kasan, 
;e Auftauen der Wolga ihn 
« Sajp-öirei , der Chan der 

und das Zartum von einem 
lahre 1519 fiel sich Sapha- 
irauf die Kasaner seinen und 
5ch-Girei auf den Thron er- 

mit einem Heere vor die 
sie aber nicht einzunehmen 
ndes Tauwetter zum RHck- 
h die Russen im folgenden 
at und gründeten dort an der 
igorod, worauf alle auf der 
'schuwaschen und Mordwinen 
rarfen. Um sicher auf Unter- 

gegen Kasan rechnen zu 
ire Vornehmen , die er nach 
licherte ihnen dreijährige Ab- 
5chtschak, der Geliebte der 
le trug, den jungen Uteraisch 
les zu bemächtigen, herrschte 



"-«wm 



indessen die grnsste Verwirrung, welche auch nach Koschtschaks 
f A'eitieibung (er wurde von den Russen gefangen und in Moskau 

|,* hingevichtot) nicht nachliess. Abermals wurde Schich-Ali als 

l' Herrscher erbeten, und Iwan gab seine Einwilligung, doch diesmal 

^_ ■wurde bereits die Macht des kasanschen Zaren beschränkt; er 

fe niusste die ganze Bergseite der AVolga an Kussland abtreten, alle 

P. gefangenen Russen, gegen 16000 an der Zahl, in Freiheit setzen 

h und eine russische Besatzung zu seinem Schutze in die Stadt auf- 

t;, nehmen. Ssunibeka und Utemisch wurden nacli Kussland abge- 

S führt und sahen Kasan nicht wieder. 

^ Kitsan konnte als erobert gelten, erobert ohne Blutvergiessen, 

K und niemand ahnte, wie schwere Kämpfe noch die wirkliche Unter- 

i_ werfung kosten wHrde. Die Tataren vermochten den Verlust der 

■ Bergseite nicht zu verschmerzen, und Schich-Alis Bedrückungen 
r verinehrten die Unzufriedenheit. Viele verlangten bereits die Eiu- 
(■ Verleihung in Kussland und die Ernennung eines zarischen Statt- 
N halters, Schich-Ali, der einsah, dass er sich nicht halten könne, 
: wollte sich wenigstens Iwans Gunst sichern, indem er Anstalten 
; traf, um den Russen eine mühelose Be sitze rgi-eifung zu ermög- 
lichen. Dann begab er sich nach Swijashsk, von wo sofort ein 
Heer aufbrach, um Kasan zu hesetzen. Wider Erwarten fand es 
die Thore verschlossen, denn in der Stadt hatte sich ein aber- 
maliger Umschwung der Anschauungen vollzogen und man rüstete 
sich zu verzweifeltem Widerstand. Der astrachanische Zarewitsch 
Ediger wurde zum Zar geivählt, von allen Seiten Verstärkungen 
herangezogen , sogar der Sultan um Hilfe angefleht. Solche ver- 

■ zweifelte Anstrengungen waren nötig, denn auch Iwan hatte stark 
gerüstet und zu dem entscheidenden Schlag gegen Kasan ein ge- 
waltiges Heer zusammeTigezogen. 

Am l'd. August erreichte dieses Heer Swijashsk und überschritt 
in den folgenden Tagen ungehindert die Wolga, Eine Zählung 
des Heeres hatte ergeben, dass dasselbe 150000 Mann stark war, 
■ Dagegen erfuhr man durch Überläufer, dass in der feindlichen 
Hauptstadt 30000 kasansche Tataren und 2700 Nogaier den An- 
griff der Russen erwarteten. Die.selben unternahmen, sowie das 



\f\ 



_ 69 — 

I ankam, sofort einen wütenden Ausfall. 
trieben, aber mit ungebrochenem Mut 
neder Ansfalle, um die Belagerungs- 
er Tag brachte grossere odor kleinere 
Jelftgerte hatten die Rollen vertauscht, 
issen sich der Angreifer, und die Be- 

nur langsam vorwärts. Die Kasaner 
eiterei unter Führung des Fürsten Ja- 
llt, von wo derselbe das Helagerungsheer 
an ruhigte nnd ihm die Zufuhr abzu- 
u war Kasan schon am 2!'. August von 
. und 150 schwere Geschütze eröffneten 
Mauern Kurbat ow-Schuiskij wurde mit 
t^chi gesandt , eroberte Arsk und ver- 
■eresabteilnng. Bald darauf entdeckten 
che die Belagerten mit Trinkwasser ver- 
itinig und sprengten sie am 5. September 

ein Teil der Stadtmaner zerstört, aber 
mal noch nicht, durch die Bresche ein- 
le, faule Wasser einer in der Stadt ent- 
lesen , hielten die lielagcrten wacker 

Kugeln des Feindes nun auch Krank- 
ten begannen, Vergehens bot ilinen der 
ch mehrere Wochen hielt sich Kasan, 
leiten der l^e lagerten so weit vorge- 
se einen entscheidenden Sturm wagen 

warf eine mit 48 Fässern Pulver ge- 
ick der Stadtmauer nieder, und gleich 
Anfangs zurückgeschlagen, sammelten 
1er, als der Zar selbst mit der Fahne in 
;nden erschien , und drängten nun die 
lick. Jede Stra.-^se, jedes Haus musste 
eise lagen die Leichen in den Strassen, 
3ch der Kampf in der Stadt, bevor der 
en war. Unermesslich war die Beute, 



— 70 — 

welche den Siegern in die Hände fiel, Gold, Silber, kostbares Pelz- 
werk, und die Menge der Gefangenen war so gross, dass jedem 
Krieger Iwans einer zugeteilt werden konnte. Zar Ediger selbst, 
der während der letzten Stunden grosse Tapferkeit bewiesen, be- 
fand sich unter den Gefangenen.^*) 

Erst am 4. Oktober, nachdem die Leichen aus den Strassen 
entfernt worden, hielt Iwan seinen Einzug in die eroberte Stadt 
und pflanzte an der Stelle im Kreml, welche jetzt die später von 
ihm erbaute Kathedrale der Verkündigung Marias einnimmt, das 
Kreuz auf. Die nächsten Tage benutzte er, um die nötigen An- 
stalten zur Sicherung der Stadt und zur Ordnung der Verhältnisse 
in dersell)eu zu treffen. An Stelle der hölzernen Burg der tata- 
rischen Zaren wurde der Bau des jetzigen steinernen Kremls be- 
gonnen, welcher 5000 Mann Besatzung erhielt. Um Zusammen- 
stösse zwischen der russisclien und tatarischen Bevölkerung zu ver- 
meiden, wurde die letztere aus der Stadt ausgewiesen und zur An- 
siedlung in der sogenannten tatarischen Sloboda (Vorstadt) ver- 
halten, welche sich bis heute erhalten hat. Kasan wurde Sitz 
eines Erzbischofs, Mönche wurden herangezogen und bei den 
Klöstern Schulen für die Tataren errichtet, welche sich taufen 
Hessen. Auf alle Weise suchte der Zar das russische Element in 
der Stadt zu stärken, und da der Zuzug freiwilliger Ansiedler an- 
fangs noch gering blieb, miisste die zwangsweise Ansiedlung aus- 
helfen, und Kasan wurde für lange Zeit Verbannungsort für Ver- 
brecher oder in Ungnade gefallene Leute. 

Das kasansche Zartum war unterworfen, aber ])eruhigt war es 
noch lange nicht. Kaubgesindel aller Art machte die Strassen un- 
sicher, und im Jahre 1553 kam es zum offenen Aufstand. Den 
Küssen gelang es zwar leicht, die urgeregelten Haufen der Tataren, 
Tschuwaschen u. s. w. zu zerstreuen, auch eine Verschwörung in Kasan 
selbst wurde unterdrückt, aber der Funke glimmte unter der Asche 
fort. Die Hinrichtung von 74 Rädelsführern hatte die neu unter- 
worfenen Völkerschaften so wenig eingeschüchtert, dass sie schon im 
folgenden Jahre wieder die Zahlung der Abgaben verweigerten, und 
diesmal war das Glück ihrem vorjährigen Besieger, dem Woje- 



1 



[ 



i Ssaltykow nicht günstig: er wurde gefangen und er- 

bestiind^en Unruhen und Kämpfen gesellten sich bald 
heiten, welche die Reihen der in Kasan stehenden 
[rieger lichteten, teils durch das ungewohnte Klima, 
äbermässigen Fischgenuss hervorgerufen, zu welchem 
chtum der Wolga verleitete. Die Bojaren, denen es 
t nicht behagte, dass ein Teil ihrer Dienstleute in dem 
lande zurückgehalten wurde, und die der ununter- 
tämpfe müde waren, bestürmten den Zar mit Bitten, 
e Gebiet, welches stets neue Opfer fordere, aufzugeben, 
blieb taub gegen alle Vorstellungen und beharrte auf 
hster Wahrung seiner Hoheitsrechte, 
tnäckigsten imter den Aufiitündischen waren dieTscliere- 
chdum das Land an der Kama und Wjatka weitbin 
iud Schwerdt verwüstet worden und die Russen mehr 
Jenschen, Münner, Frauen und Kinder in die Knecht- 
eschleppt hatten , unterwarfen sieh zwar die Berg- 
;n (gornije) , aber die Tbal-'l'scheremissen (lugowije) 
Dcviicii «eil Kampf fort. Nur durch barbarische Strenge, indem 
man ihre Dörfer niederbrannte und alle Männer niedermetzelte, 
wurden endlich auch sie im Jahre 1557 zur Ruhe gebracht. Un- 
willig trugen sie das russtscbe .Joch, und noch mehrmals im Laufe 
des Jahrhunderts brachen unter, ihnen Aufstände aus, so in den 
Jahren 1572, 1573, 1582, 1584 und 1594. Zu ihrer Niederbaltung 
wurden in ihrem Gebiet die Festungen Zarewokokschaisk, Zare- 
wosantsehursk , Zywilsk und Urum gegründet, die russische Be- 
völkerung vermehrte sich immer mehr, aber noch am Anfang des 
17. Jahrhunderts gährte es unter den Tscher e missen. 

Während so diese Eroberung noch nicht gesichert war, dehnte 
Iwan zwei Jahre nach dem Falle Kasans seine Herrschaft an der 
Wolga noch weiter aus. Der Unterwerfung Kasans musste mit 
zwingender Notwendigkeit jene von Astrachan folgen. Die Mün- 
dungen des grossen Stromes, dessen ganzer Oberlauf russischer 
Besitz geworden, konnten nicht im Besitze feindlicher, raublustiger 



— 72 — 

leii bleiben. Überdies liatten die Chane von Astrachan die 
tchen Tataren gegen die Russeo unterstützt , und die im- 
n Völkerschaften in dem neu unterworfenen Gebiet fanden 
en umsomehr eine Stütze, als man sich in Astrachan sehr 
)ewusst wiir, dass nun das letzte Bollwerk gegen Russland 
n und die Gefahr , von diesem verschlnngen zu werden , in 
liehe Nähe fferückt war. Die russische Übermacht richtig 
end , erbot sich Jamgurtschei, der Chan von Astrachan, 
im Jahre 1552, Iivan als Oberherm anzuerkennen, wenn 
ihn in seiner Herrschaft bestätige, aber mitten in den Ver- 
ngen iiber seine Unterwerfung iinderte er seine Gesinnung. 
;rtrauen auf den Schulz des Sultans, der als Haupt der 
unedanischen Welt die Aiisdehnunj^ der russischen Herrschaft 
iuhammedaner nicht dulden werde, schloss er ein Bündnis 
3wlet-Ghirci, dem Chan der Krym, und .Tussuf, dem Fürsten 
igaier, und glaubte es nun mit den Russen aufnehmen zu 
). Der in Astrachan weilende ru^isische Gesandte wurde he- 
lft und ins Gefiingnis geworfen. 

)lchem frechem Übermut eines Fürsten, der sich zwar stolz 
nannte, der aber doch nur über öde Steppen mit geringer 
lenbevölkerung herrschte , folgte ein jÜhev Fall. Im Jahre 
sandte Iwan Wassiljewitsch ein Heer unter Jurij Pronskij- 
jakin die Wolga abwärts , und dieser besetzte am "2. Juli 
lian ohne Schwertstreich. Der Chan hatte bei der An- 
ing der Küssen die Flucht ergriffen , die zurückgebliebene 
:erung unterwarf sich und erkannte Derbysch-Alei , den 
1 Chan, welcher bisher als Schützling des Zars in Sweni- 
gelebt hatte, als ihren Herrn an. Derbysch sowohl als alle 
nien Tataren leisteten Iwan den Eid der Treue und ver- 
rten sich, jahrlich 40000 Altyn und 3000 Fische als Abgabe 
ifern, räumten auch den Russen das Recht des freien Fiscii- 
auf der gau/.en Wolga zwischen Kasan und- Astrachan ein. 
■ wurde bestimmt, dass die Astrachaner nach Derbysch' Tode 
ielbst einen neuen Fürsten wählen, sondern jenen als Fürsten 
nnen sollten, den Iwan ihnen bezeichnen werde. 



?3 — 

»d ohne Kampf vom Schaupia 
ch von dem andern befreit. I 
nd des neuen Fürsten von Ast 
tnider Jussiif, und in dem unj 
jleher die Horde sebr scbwacl: 

ait Moskau, Derbysch aber ss 
igig zu machen. Die Rolle eil 
t. In Astrachan war eine Kasaki 

zu seinem Schutze, in Wirklii 
ichen , und -wenn er auch s 
eigentlichen Herrscher die Russ 
Lnlipfte Derbysch geheime TJnt 
Krym an und erhob sich im Jal 

Er wurde mit Leichtif^keit v 
is sich nun ein Moskauer Woiw( 

der eine genügende Menge Sin 
tte, um die Bevölkerung in ( 

Astrachan wurde mit Moskau v 
rer Quelle bis zur Mündung 
iiiken Seite der Wolga, von ■ 
en die Nogaier in ihren Step] 
er dagegen geborte ganz dem 2 
Hitung die neue Erwerbung 
sten der Eindruck, den sie auf 
Ion allen Seiten kamen Gesaii 
ftsbündnisse , teils um freiwiU 
:ahardinischen und tscherkessiscl 
ien unterwarfen sich freiwillig, i 
andtschaft des am Tobol herrsch 
;n Schutz des Zaren bat und s 
irte. Aus Buchara und aus Sam 
Schäften, um Handelaverbiudunj 
?r Wolgamündung waren Russh 
äen eröffnet, welche über den Kw 



' ^*^J^^r T^?y " 



_ 74 ^ 

See nach Persien und ostwärts nach den reichen Ländern Mittel- 
Asiens führten, und Astrachan inusste über kurz oder lang ein 
wichtiger Handelsplatz werden. 

Ein Ereignis kam hinzu, das für den Handel mit Asien von 
der grössten Bedeutung werden musste. Unternehmende englische 
Seefahrer, welche durch das Eismeer eine Durchfahrt nach China 
und Indien zxi entdecken suchten, gerieten an die russische Küste. ^^^ 
Am 24. August 1553 ging unweit der karelischen Mündung der 
Dwina, gegenüber der Niederlassung Njenoksy, das Schiff „Edward 
Bonaventura ** vor Anker, auf dem sich der Kapitän Richard Chan- 
cellor, der berühmte Seefahrer Stefen Burrough und John I^uck- 
land mit noch 47 Mann befanden. In dem nahen Kloster des 
heiligen Nikolaus des Wunderthäters fanden die Ankömmlinge 
freundliche Aufnahme, und nachdem ihr Schiff in einer sichern 
Bucht für die Überwinterung geborgen war, begab Chancellor sich 
nach Moskau zum Zar, der bereits von der Ankunft der fremden 
Seefahrer benachrichtigt war. Er überbrachte ihm einen offenen 
Brief des Königs Eduard VI., wie sie jedem ausgesandten Schiffe für 
die Beherrscher der Länder, in die sie gelangen würden, waren 
mitgegeben worden. Der Zar nahm das darin enthaltene Aner- 
bieten, Handelsverbindungen anzuknüpfen, sehr freundlich auf, und 
als Chancellor nach mehrmonatlichem Aufenthalt die russische 
Hauptstadt verliess, war er der Überbringer eines Schreibens an 
seinen König, in welchem der Zar den englischen Kaufleuten volle 
Handelsfreiheit in seinem ganzen Reiche zusicherte. Nach Chan- 
ceUors Rückkunft bildete sich in England eine russische Handels- 
gesellschaft,^^) welche schon im Jahre 1555 Chancellor abermals, 
diesmal von vielen Kaufleuten begleitet, nach Russland sandte. 
Der Handelsverkehr um das Nordkap und durch das Weisse Meer 
nahm nun rasch einen grossen Aufschwung. Cholmogory wurde 
die Hauptniederlage der Engländer (Archangelsk wurde erst 1584 
gegründet), und ausserdem errichteten sie Niederlagen in Moskau, 
Nowgorod und Wologda. 

Über den Erfolgen, welche sie damit über die Hansa eiTungen 
hatten, vergassen aber die Engländer das Ziel nicht, welches ihnen 



— Te- 
uer festen , auf einem ansehnlichen Hügel gelegenen Burg, 

rund herum mit einem aus Balken und Erde errichteten 
umgeben war , jetzt aber hat der Zar befohlen , die alten 

niederzureissen und sie aus Stein wieder aufzubauen, Nach- 
'ir Kasan am 13. Juri verlassen, kamen wir noch an dem- 

Tage an einer Insel vorbei, welche die Kaufmannainsel ge- 
wird, weil dort die Kaufleute, Russen und Kasaner, Xogaier 
i'rymer zusammenzukommen pflegten, jetzt aber ist sie 
en und es besteht weder hier, noch zu Kasan, noch sonst 
wo von Moskau bis zum Kaspisclien Meere ein solcher 
iimlungsplatz. Am 14. Hessen wir die aus Permien der 
, zuströmende Kama zur Linken. Das Land auf dem linken 
ier Wolga von Kasan bis zur Kam» wird Vacheu (Wjatit- 
',) genannt imd ist von Heiden bewohnt, welche ohne HÜuser 

Wildnis leben. Den der Kama gegenüberliegenden Land- 
auf dem rechten Wolgaufer aufwärts bewohnen die Tschere- 

(Chereinizes) , halb Heiden, halb Tataren. Auf der linken 
1er Wolga haben das ganze Gebiet von der Kama bLs nach 
han und weiter nördlich und nordöstlich vom Kaspischen 

bis zum Lande der Turkmanen die Xogaier inne. Ihre 
DU ist muhammedaniseh. Dieses Volk wurde im -lahre 1558, 
iid meiner Anwesenheit in Astrachan, durch innere Blirger- 
, Hungersnot und Pest fast vollständig aufgerieben , denn 

diese verschiedenen Plagen , von denen sie noch nie iu 
im Masse betroffen worden, gingen gegen lOÜOOO Menschen 
jnde, sodass das «eidenreiche Gebiet der Nogaier jetzt zur 
! der Russen, die lange Zeit mit ihnen grausame Kriege 
n, entvölkert ist. 

'HS ganze Gebiet auf dem rechten Wolgaufer gegenüber der 
uündung bis hinab nach Astrachan war von Muhammedanem 
nt und gehörte zur Krym. Menschen und Menschenwohniuigen 

auf der Weiterfahrt an den t'fern nur sehr selten sichtbar. 

60 engl. Meilen unterhalb der Kamamündung trafen die 
ideu einige Fischerhütteu , deren Bewohner sich mit Stor- 
leschäftigten , am '22. -luni kamen sie an der Mündung der 




— 77 — 

Bsamara vorbei, am 28. au den Trümmern einer verlassenen 
Festung der kry raschen Tataren , und erreichten am 6. Juli den 
Perewolok, die Stelle, wo Don und Wolga einander am nächsten 
kommen und wo damals die Tataren ihre Bote ü})er Land vom 
Don zur Wolga zu ziehen pflegten, um Raubzlige auf der letztern 
zu unternehmen. Am 14, Juli fuhr man an Alt- Astrachan vorbei und 
landete in Neu- Astrachan. Diese Stadt liegt auf einer 12 Meilen 
langen und '6 Meilen breiten Insel (unter 4i)o 9') an einem Hügel. 
Die Festung ist mit einem Erdwall und hölzernen Mauern , die 
Stadt mit einem Erdwall umgeben. Die Festung ist nicht stark, 
und ihre Werke werden alljährlich durch Arbeiter, welche der 
Zar mit Bauholz hersendet, ausgebessert; die Stadt enthält ausser 
dem Hause des Statthalters und einigen wenigen anderen nur ärm- 
liche Gebäude. Den Handel, der hier getrieben wurde, bezeichnet 
Jenkinson als sehr unbedeutend. Aus Russland kamen in den 
Handel rotgefarbte Häute und Schaffelle, hölzerne Gefässe, Zäune 
und Sattel, Messer und andere Kleinigkeiten, ausserdem Korn, 
Speck und allerlei Lebensmittel. Die Tataren brachten seidene 
imd Wollstoffe, die Perser von Schemacha grobe Nähseide, die in 
Russland sehr beliebt war, seidene Binden, Panzerhemden, Bogen, 
Degen u. s. w. , zuweilen auch Korn und Wallnüsse, doch alles 
war in so geringer Menge vorhanden, dass Jenkinson keine Hoff- 
nung hegte, dass der Handel in dieser Gegend jemals für Euro- 
päer lohnend werden könnte. Von Astrachan fuhr Jenkinson mit 
seinen beiden Begleitern und mehreren Tataren und Persern, hinab 
in den Kaspi-See, den er nach viertägiger Fahrt erreichte. Die 
Wolga, berichtet er, ergiesst sich 20 Meilen unterhalb Astrachan 
durch sieben Mündungen in den See; die Mündung liegt unter 
46 ö 27'. Auf der Rückreise von Buchara traf er am 28. Mai 1559 
wieder in Astrachan ein und fuhr unter dem Schutz von 100 
Mann mit Feuergewehrea nach Kasan, von wo er sicli zu Wasser 
nach Murom und dann weiter zu Lande nach Moskau begab. ^•*) 

Als Jenkinson die Wolga hinabfuhr, war sie noch eine sehr 
unsichere Fahrstrasse, auf welcher Schiffe nur unter starker Be- 
deckung vor Überfiillen sicher waren. Gefahr drohte ihnen weniger 



'M 



— 78 — 

von den Nomaden als von den Russen, welche nach der Unter- 
werfung Astrachans an den Ufern des Stromes sich niedergelassen 
hatten. Namentlich pach der untern Wolga waren eine Menge 
Kasaken vom Don übergesiedelt, und ihre Scharen wurden be- 
ständig verstärkt durch allerlei Volk, das ihnen aus Alt-Russland 
zuströmte: entlaufene Bauern und geächtete Verbrecher, die hier 
eine Zuflucht suchten. Nur ein Teil der Kasaken erkannte die 
Oberhoheit des Zaren an, die grosse Mehrheit betrachtete sich als 
völlig unabhängig. Obwohl man sie aber dem entsprechend in 
treue und räuberische Kasaken einteilte, waren beide doch nichts 
anderes als Räuber, und der einzige Unterschied zwischen ihnen 
bestand darin, dass die treuen keine Raubzüge in das Gebiet der 
russischen Ansiedler unternahmen, aber die Schiffe, welche die 
Wolga hinab oder hinauf fuhren, waren vor ihnen ebensowenig sicher 
wie vor den räuberischen Kasaken. Alle Bemühungen Iwans, 
durch Waffengewalt dem Unwesen zu steuern, erwiesen sich als 
vergeblich, und man musste sich damit trösten, dass dasselbe un- 
geachtet der Hemmung des Verkehrs auf der Wolga dennoch für 
Russland gewisse Vorteile hatte. Unter kühnen Atamanen unter- 
nahmen nämlich die Kasaken häufig Einfiille in das Gebiet der 
Tataren, welche ihnen keinen besondern Widerstand entgegen- 
zusetzen vermochten, da nach dem Falle Astrachans beständig 
Spaltungen unter ihnen herrschten und sie sich gegenseitig be- 
fehdeten. Auf einem ihrer Raubzüge bemächtigten sie sich einst durch 
Überfall sogar der nogaiischen Hauptstadt Ssaraitschik und zer- 
störten sie von Gnmd aus, j-^iche Beute mit fortschleppend. So 
trugen die Kasaken durch Schwächung und Zurückdrängung der 
Tataren dazu bei, der russischen Einwandeining Wege in das un- 
wirtliche Land zu bahnen, und so lange in der Wolganiederung 
keine russischen Niederlassungen bestanden, konnte ihr Vorhanden- 
sein immerhin noch in gewisser Beziehung als ein nützliches gelten. 
Später, als die russischen Ansiedlungen immer weiter Wolga ab- 
wärts vorrückten, wurde das Raubgesindel ein Hindernis der ge- 
deihlichen Entwickelung des Wolgagebietes, und seine Ausrottung 
oder Vertreibung zu einer Lebensfrage der friedlichen Bevölkerung. 



,"- 7 






!• r 



— 80 — 

der sich seiner hohen Aufgabe gewachsen zeigte. Erzbischof 
Gurij übte die seinen Händen anvertraute grosse Macht in einem 
Geiste aus, welcher die Verbreitung des Christentums wesentUch 
förderte. Er war beauftragt, den Statthalter des Zaren zu beauf- 
sichtigen und über jede Massregel desselben, die ihm nicht ange- 
zeigt erschien, sofort nach Moskau zu berichten; jede auf Ange- 
hörige der Fremdvölker bezügliche Verordnung desselben konnte 
er rückgängig machen, sie jeder Zeit gegen ihn in Schutz nehmen 
und ihnen auferlegte Strafen nachlassen; überhaupt sicherte sich 
jeder Muhammedaner oder Heide, der wegen irgend eines Ver- 
gehens zur Rechenschaft gezogen werden sollte, volle Straflosig- 
keit, wenn er sich unter den Schutz des Erzbischofs flüchtete und 
erklärte, er wolle sich taufen lassen. Kein Kotleidender wandte 
sich an Gurij vergebens mit einer Bitte. Allen war er ein stets 
bereiter Berater, Tröster und Helfer, und sein mildes Wesen ge- 
wann dem Christentum mehr Bekenner, als rohe Gewaltmassregeln 
ihm hätten zuführen können. Weder er noch der Zar wünschten 
eine gewaltsame Bekehrung, und die Taufe wurde nur an jenen 
vollzogen, die sie freiwillig verlangten. Allerdings war es auch 
kein geringes Lockmittel, dass jeder, der sich taufen liess, für 
6 Jahre von allen Abgaben befreit wurde. Die Bekehrten erfreuten 
sich auch nach der Taufe der besondern Sorgfalt des Erzbischofs, 
der verpflichtet war, sie öfters zu sich zu laden und zu bewirten, 
für ihr Fortkommen zu sorgen und sie mit den russischen Sitten 
und Einrichtungen vertraut zu machen. 

Die Zustände, welche unter Iwans Herrschaft im ehemaligen 
Zartum Kasan herrschten, konnten immerhin als befriedigende 
gelten; um so schlimmere Zeiten erlebte das Land an der obern 
Wolga. Die schrecklichen Folgen der Umwandlung in Iwans 
Charakter, die sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin Anastasia 
(1560) vollzog, empfanden auch die alten Wolgastädte. Das Un- 
heil begann, als Iwan eine neue Einteilung des ganzen Keiches in 
die Opritschnina (das abgeteilte Land) und die Semschtschina (Land- 
schaft) durchführte. Die Opritschnina wurde dazu bestimmt, durch 
ihre Abgaben ausschliesslich den Bedarf des Zaren und seiner 



ädteii und Gtitero, welche vom 
;b man kurzweg die alten Be- 
e Gegenden. Aa ihrer Stelle 
kinder u. 3. w. ein, welclie er 
hatte, die sogenannten Opritscli- 
leuen Hofstaat wählte, uud auf 
le Schreckensherrschaft durch- 
r, Lichwin, Koselsk, Peremyschl, 
kwa, Ssuadal an der Kljasma, 
andere Städte und Dörfer des 
mina zugeteilt. 

and die schwere Hand des Zars. 
alten Adelagescblechter , die 
irotten und sich dadurch zum 
Reiches zu machen. Überall 
r von ihren Gütern vertrieben, 
ährend sie mit dem Bettelstab 
, nahmen Leute von niedriger, 
aber verpflichteten, dem Zar 
ein. Um ihren Verpflichtungen 
1, bedrückten dann diese Empor- 
;en von ihm grössere Abgaben 
SS die nächste Folge der Um- 
gang der Güter war. Ein Be- 
Reihe , und alle , welche der 
i>geu, waren bald so verheert 
m sie beinigesuclit hätte. In 
imen in den Jahren lbQ5 und 
m Bettelstab. 

el zu Schlimmerem, das bald 
Geduld der armen Opfer war, 
samkeit Iwans und der ziigel- 
Juli 1568 Hess Iwan einst bei 
r Leibwache in die Häuser von 
brechen und diesen ihre Frauen 






— 82 — 

und Töchter entführen, von denen er für sich behielt was ihm ge- 
fiel, den Rest aber seiner Umgebung überliess. Dann zog er mit 
seinen Opritschniks G Wochen lang im Moskauer lireise von einem 
Adelsgute nach dem andern, überall sengend und mordend. Alles, 
was lebte, wurde umgebracht, die Haustiere ebenso wenig ge- 
schont wie die Menschen, ja man liess das Wasser von Teichen 
ablaufen , um die in ihnen enthaltenen Fische dem Verderben zu 
weihen. Als der Zar endlich, der Ausschweifangen und des Mordens 
müde, nach Moskau zurückkehrte, liess er diejenigen der entführten 
Frauen, die noch am Leben waren, wieder bei Nacht in ihre 
Häuser zurückbringen. 

Als im Jahre 1569 Sultan Selim 15000 Spahis und 2000 
Janitscharen gegen die Wolga sandte und die Astrachaner heim- 
lich in Unterhandlungen mit ihm traten, zog Iwan bei Nishnij 
Nowgorod ein Heer zusammen, dessen Oberbefehl er seinem Vetter 
Wladimir Andrejewitsch übertrug. Auf dem Wege von Nishnij 
kam Wladimir durch Kostroma und wurde dort von der Bürger- 
schaft feierlich empfangen. Die Geistlichkeit und die Bojaren 
^ zogen ihm entgegen und überreichten ihm nach russischer Sitte 
Salz und Brot. Sie gedachten damit blos einem Mitglied des 
Herrscherhauses die herkömmlichen Ehren zu erweisen, aber Iwan 
vermutete mehr daliinter. Er erinnerte sich wohl, dass vor 
16 Jahren, als er totkrank damiederlag, eine starke Partei den 
Prinzen Wladimir auf den Thron erheben wollte. Die Anordner 
des Empfanges Wladimirs wurden nach Moskau vorgeladen und 
sahen ihre Heimat nicht wieder: der Zar liess sie hinrichten. 
Wladimir wurde später in dem Dorfe Slotino von den Baub- 
schare^i Iwans umzingelt und gezwungen, mit seiner ganzen Familie 
den Giftbecher zu trinken. ^•'^) 

Im Dezember desselben Jahres fiihlte das Wolgagebiet noch 
mehr das Wüten seines Herrschers. Auf dem Wege nach Qross- 
Nowgorod, über dessen ihm verhasste Bürgerschaft er Gericht 
halten wollte, kam Iwan durch das ehemalige Teilfürstentum Twer. 
In Klin, der ersten Stadt, welche er betrat, richteten die 15 000 
Mann, welche ihn begleiteten, ein entsetzliches Blutbad an. 




TT 



— 83 — 

Kein Alter, kein Geschlecht rettete vor dem Tode, und wie in 
Klin, so ging es in allen Ortschaften, welche der Zar berührte. 
Twer wurde wie eine eroberte Stadt ausgeplündert; was die Raub- 
scharen nicht fortschleppen konnten, zerstörten sie : riesige Waren- 
vorräte wurden auf den Plätzen aufgehäuft und verbrannt. Die 
Bürger, die das nackte Leben retteten, konnten noch froh sein, 
denn während des fünftägigen Wütens verlor gar mancher auch 
das Leben. Unter den Opfern Iwans befand sich auch der hier in 
einer Klosterzelle eingesperrte jfrühere Metropolit Philipp, den Iwan 
abgesetzt hatte , weil er ihm sein gottloses Leben vorwarf: der 
Greis wurde erdrosselt. Der Bischof von Twer und seine ganze 
Geistlichkeit wurde ebenso ausgeplündert wie die Bürger. 

Zu all diesen Leiden gesellte sich im folgenden Jahre noch 
eine furchtbare Pest, eine der grässlichsten unter den vielen Seuchen, 
welche Russland heimgesucht haben, und schliesslich kamen noch 
entsetzliche Kriegsdrangsale, da Dewlet-Girei mit mehr als 100 000 
Mann gegen die Oka vordrang. Der Zar , vor seinen eigenen 
Unterthanen sich ebenso fürchtend wie vor dem Feind, dem er 
keine genügende Macht entgegenstellen konnte, suchte erst in 
Kolomna, dann in Jaroslawl an der Wolga eine Zuflucht und 
überliess die Hauptstadt sich selbst. Am 24. Mai 1571 erschienen 
die Tataren vor Moskau und zündeten die Vorstädte an. Das 
Feuer verbreitete sich weiter, und die ganze Stadt, den Kreml 
ausgenommen, sank in Asche. , Tausende und aber Tausende, die 
sich in die Stadt geflüchtet hatten, fanden in den Flammen den 
Tod oder wurden auf der Flucht im Gedränge zerquetscht oder 
zertreten. Die Zahl der Umgekommenen wird auf 120000-200000, 
von Fletcher sogar, wohl mit einiger Übertreibung, auf wenigstens 
800000 geschätzt. ^^) Im Flusse lagen so grosse Leichen häufen, 
dass das W^asser sich staute. 

Von solchen Heimsuchungen, wie sie im Gebiet der Oka und 
der obern Wolga die Bevölkerung lichteten und den Wohlstand 
des Volkes zerstörten, wurden die neu erworbenen Wolgagebiete 
nicht heimgesucht. Der Türkeneinfall im Jahre 1569 nahm ein 
klägliches Ende. Die Astrachaner hatten den Türken versprochen, 




i<. 



^? 



— 84 — 

ihnen bei der Vertreibung der Russen beizustehen, und dies veran- 
lasste den türkischen Befehlshaber Kassim Pascha, nachdem er den 
ursprünglichen Plan, Don und Wolga durch einen Kanal zu ver- 
binden, als undurchführbar aufgegeben, sich nach Astrachan zu 
wenden. Er begann unterhalb der Stadt eine Festung anzulegen, 
doch Meuterei unter seinen Leuten und Mangel an Lebensmitteln 
zwangen ihn zur Umkehr, ohne dass es zwischen ihm und dem vom 
Zar nach Astrachan gesandten Knjas Peter Sserebrjannij zu einem 
Zusammenstoss kam. Auf dem Rückzug ging fast sein ganzes Heer zu 
Grunde. 

Während der letzten Jahre des Jahrhunderts wurden die 
russischen Vorposten immer weiter nach Süden vorgeschoben, 
1586 Ssamara, 1592 Ssaratow gegründet. Wie solche neue Städte 
angelegt und befestigt waren, ersehen wir aus einer Abbildung 
Ssamaras aus dem Jahre 1633. Wir sehen auf derselben die sehr 
bescheidenen Wohnhäuser, über welche einige Kirchen empor- 
ragen, von einer hölzernen, durch Türme verstärkten Mauer um- 
geben, vor welcher sich ein Graben befindet. Unter Fedor 1. 
Iwanowitsch wurden auch grössere, dauerhaftere Bauten errichtet. 
Boris Godunöw, der schon bei Lebzeiten des nur mit Gebet und 
Klösterbesuchen seine Zeit verbringenden Herrschers die Seele der 
Regierung war, widmete der Sicherung der russischen Grenze gegen 
die Tataren und der Stärkung der russischen Stellung in den neu 
erworbenen Gebieten besondere Sorgfalt Das für den Handel mit 
Asien hochwichtige Astrachan wurde 1589 durch einen aus Stein- 
bauten bestehenden Stadtteü vergrössert. Nachdem die krymschen 
Tataren 1591 abermals über die Oka bis Moskau vorgedrungen 
und in der Nähe der Stadt von Mstislawski und Boris geschlagen 
worden (ein Sieg, der von dem schwachen Fedor über die Mafsen 
gefeiert wurde) , trotzdem aber schon im nächsten Jahre die Ge- 
biete von Rjasan und Tula neue Verheerungen zu erdulden hatten, 
suchte man sich auch hier durch Anlage von Festungen zu 
schützen. Auf den Trümmern des alten Kursk entstand eine neue 
Stadt, Kromy, Liwny, Belgorod, Oskol, Baluiki, Woronesh wurden 
erbaut und so durch eine Doppelreihe von Festungen die alte 



'n:^i^ 



— 85 - 

Einfallstrasse vom Don zur Oka gesperrt. Boris' unablässiges Be- 
streben, sich beim Volke beliebt zu machen, liess ihn auch für den 
Wiederaufbau durch Feuersbrünste zerstörter Städte auf zarische 
Kosten sorgen. Schon im Jahre 1591 wird in der einem nach 
Polen reisenden Gesandten erteilten Unterweisung gesagt, dass 
jederzeit mehr als 1000 Zimmerleute bereit seiep, von einer Stadt 
in die andere zu ziehen und dort im Dienste des Zars thätig zu 
sein. So schritten die unternommenen Bauten überall rasch vor- 
wärts. In Moskau wurde durch den russischen Baumeister Konon 
Feodorow die sogenannte weisse oder Zarenstadt (Bjeloi Gorod) 
angelegt, der Kreml durch grosse Gebäude verschönert, nach dem 
durch Boris 1591 (um das Gerede über Dimitrijs Ermordung zu 
unterdrücken) veranlassten Brande ein grosser Teil der Stadt rasch 
wieder aufgebaut, ebenso nach dem Brande im Jahre 1595, welcher 
ganz Kitai Gorod vernichtete. Viele andere Städte, welche durch 
Feuersbrünste zerstört worden , liess der Zar auf seine Kosten 
wieder aufbauen. 

Im östlichen Wolgagebiet waren nach dem Fall Kasans nur 
noch die Xogaier gefährliche Nachbaren. Boris suchte sie un- 
schädlich zu machen, indem er unter ihnen die Zwietracht schürte. 
Zwischen den beiden Fürsten des an der Wolga nomadisierenden 
grossen Ulusses, Janaraslan und Ischterek, herrschten beständig 
Streitigkeiten, bis Boris nach seiner Thronbesteigung den Bojar 
Simon Godunow (1604) nach Astrachan sandte, welcher die vor- 
nehmsten Nogaier zu sich berief und Ischterek zum obersten 
Fürsten ernannte. Der Zar erlaubte ihm, mit seinem Uluss in den 
Steppen zwischen Wolga, Kuma. und Terek bis hinauf nach 
Zarizyn zu nomadisieren, doch sollte er den bei Asow noma- 
disierenden Uluss Kasys, sowie jenen am Aral-See sich zu unter- 
werfen trachten , wozu ihm der Beistand des Zars in Aussicht ge- 
stellt wurde. Das erstere gelang mit Hilfe der donschen Kosaken, 
und Kasys Uluss löste sich auf. Alle Nogaier im Wolgagebiet 
gehorchten den Befehlen des Zars , durften dafür in Astrachan 
Handel treiben und wurden von allen Abgaben befreit. 

Das untere Wolgagebiet tritt nun für einige Zeit in den 



.-%% : 



— 86 — 

Hintergrußd, und die aUrussischen Landstriche an der obern Wolga 
nehmen unsere Aufmerksamkeit wieder iu erhöhtem Mafse in An- 
spruch. In den letzten Jahren hatten sie sich einer ungewohnten 
Ruhe erfreut, und das unter der Herrschaft Iwans des Schreck- 
lichen arg herabgekommene Land hatte sich wieder zu erholen be- 
gonnen. Um so verheerender trafen es die Stürme, die durch die 
Blutschuld, welche Boris Godunow auf sein Haupt geladen hatte, 
heraufbeschworen wurden. Der kurzen Regierung des ersten 
falschen Dimitrij — des aus Galitsch im Gebiete von Kostroma 
stammenden Otrepjew — folgte unter Wassilij V. Iwanowitsch 

9 

(Schuiskij) auf das Gerücht hin, der Fürstensohn Dimitrij sei nicht 
ermordet worden, sondern halte sich irgendwo verborgen, ein Auf- 
stand in den südlichen Grenzgebieten, in Belgorod, Kromy, Liwny, 
Oskol , Jelez u. s. w. , der bald ganz Russland in Aufregung 
brachte. Während Wassilij Schuiskij an der Oka die Aufstän- 
dischen bekämpfte, trat der zweite falsche Dimitrij, der sogenannte 
„Dieb von Tuschino" auf. Eine Stadt nach der andern erkannte 
ihn als Zar an , und bald standen nur noch Moskau , Ssmolensk 
Gross-Kowgorod, Perejaslawl Rjasanskij, Nishnij Nowgorod, Kasan 
und Ssaratow, sowie das stark befestigte Dreifaltigkeitskloster 
(Ssergeja Troizkaja Lawra) bei Moskau auf der Seite des Zars. 
Mit einem schwedischen Hilfsheer unter De la Gardie brachte 
zwar Skopin Schuiskij schnell die Städte Twer, Perejaslawl, Wla- 
dimir und Jaroslawl wieder zur Unterwerfung und säuberte ganz 
Nordrussland von den Aufständischen, doch nun erstand dem Zar 
in Siegismund von Polen ein neuer Feind. Mit seinem Auftreten 
als Thronbewerber verblich die Sonne des falschen Dimitrij, der 
nach 16 monatlicher vergeblicher Belagerung von dem Dreifaltig- 
keitskloster nach Kaluga zurückwich, wo er bald darauf von einem 
Tataren erschossen wurde. Um diese Zeit wurde durch den Tod 
des allgemein beliebten tapfern Neffen Wassilijs, Skopin Schuiskij, 
das einzige l!and zwischen dem russischen Volk und seinem unbe- 
liebten Herrscher zerrissen. In Moskau brach ein Aufstand aus, 
und der Zar wurde trotz seines Widerspruchs als Mönch einge- 
kleidet. Die Bojaren boten nun Wladislaw, dem Sohn Siegismunds, 



- 87 — 

: Krone an, und er würde auch die allgemeine Aner- 
zogt haben, wenn nicht die auf Beraubung Russlands 
abzielenden Pläne Siegismunds zu früh erkannt wurden. Der 
80jährige Patriarch Hermogenes rief ganz Russland zum Schutze 
der griechischen Kirche und des Reiches zu den Waffen, und 
Prohop Läpunow, welcher früher das Fürstentum Rjasan zu gunsten 
des falschen Dimitrij aufgewiegelt, wurde nun der Leiter des 
Kampfes für die Unabhängigkeit Russlands. Aus Rjasan, Murom, 
Kostroma, Gahtscb, Ssusdal, Wladimir, Jaroslawl, Nishnij Nowgorod 
und vielen anderen Städten des Wolgagebietes zogen im Frühjahr 
1611 Mannschaften gegen Moskau heran, wo das Volk sich als- 
bald gegen die polnische Besatzung erhob. Der Aufstand in 
Moskau misslaug, während desselben wurde die Stadt von den 
Polen in Brand gesteckt, und die ankommenden Scharen der Be- 
freier fanden nur einen Trümmerhaufen. Während sie sich ver- 
gebens bemühten, des von den Polen noch besetzten Ki'emls sich 
zu bemächtigen, brachen Streitigkeiten unter ihnen aus, Läpunow 
wurde von Kasaken ermordet, und das Heer löste sich auf. TJn- 
beschreihliche Verwirrung war die Folge. Während in Kasan und 
Wjatka ein neuer falscher Dimitrij als Zar anerkannt wurde, Gross- 
Nowgorod den schwedischen Prinzen Philipp zum Zar wählte 
verstärkten die Polen die Besatzung des Moskauer Kremls und 
drangen gegen Twer, Wladimir und Jaroslawl vor, wo nur un- 
geordnete, zerstreute Üauernhaufen ihnen Widerstand entgegen- 
setzten. Russland schien verloren. In der Stunde der höchsten 
Gefahr kam ihm Rettung aus den neuerworbenen Gebieten an der 
-Wolga, Ein schlichter Mann, der Fleischer Kosma Minin in 
Nishnij Nowgorod, wurde die Seele einer neuen Bewegung zur 
Befreiung des Vaterlandes. Nachdem Nishnij Nowgorod mit gutem 
Beispiel vorangegangen , beeilten sich die anderen Wolgastädte, 
ihre Mannschaften za dem sich bildenden Heere zu entsenden, 
dessen Oberbefehl Minin in edler Selbstverläugnung dem bewährten 
Heerführer Fürsten Posharskij überliess. Am 20. August 1612 
erschien das Belreiungsheer vor Moskau und zwang nach anht- 
wöchentljcber Belagerung die ausgehungerte polnische Besatzung 



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— 88 — 

zur Übergabe ^^s Kremls, bevor der zum Entsatz heraneilende 
Siegismund erschien. Wenige Wochen später versammelten sich 
in Moskau Abgesandte des ganzen Landes und wählten den letzten 
Sprössling des alten Rurikschen Hauses in weiblicher Linie, Michael 
Fedorowitsch Romanow zum Zar. Mit dem Hause Romanow, das 
nun zur Herrschaft gelangt, beginnt eine neue Zeit sowohl für 
ganz Russland überhaupt, als auch fiir das Wolgagebiet insbe- 
sondere, und es ist daher angezeigt, hier wieder einen Blick auf 
seine Entwickelung zu werfen. 

Die Wolga ist bei Beginn des 17. Jahrhunderts bereits von 
der Quelle bis zur Mündung ein russischer Fluss, aber im Nieder- 
land gährt es noch immer, und es will noch lange nicht zur Ruhe 
kommen. Noch im Jahre 1613 benutzen die nogaischen Tataren 
die Unruhen in Russland zu einem verheerenden Einfall und 
dringen bis Kolomna und Sserpuchow, die sie ausplündern, ja bis 
in die Nähe von Moskau vor, doch mit diesem Zug schliesst die 
lange Reihe der Tatareneinfiille , welche Jahrhunderte lang Russ- 
land und ganz besonders das Okagebiet verwüstet haben. Ein 
Versuch der Nogaier, sich in den letzten Herrscherjahren Michaels 
mit Hilfe der Kalmyken Astrachans zu bemächtigen, wurde (1644) 
mit geringer Mühe zurückgeschlagen, und die Tataren treten nun 
in den Hintergrund zurück vor einer andern unruhigen Bevölkerung, 
welche noch das ganze 17. und 18. Jahrhundert hindurch an der 
Niederwolga den Handelsverkehr gefährdet und wiederholt Ver- 
wirrung und Unheil über grosse Teile des Reiches verbreitet. 
Trotzdem wird die Ausbeutung der Schätze des Wolga-Nieder- 
landes von nun an in immer grösserem Mafsstabe betrieben. 
Grosse Mengen Salz werden alljährlich in der Umgebung von 
Astrachan and am Kaspi-See gewonnen, die grossen Fischereien 
des Zars an der Wolga liefern Unmassen eingesalzener Fische, 
welche über Nishnij Nowgorod auf der Oka und Moskwa nach 
Moskau versandt werden. Weiter flussaufwärts zeigen sich in den 
Städten und Dörfern bereits die Anfänge jener gewerblichen 
Thätigkeit, welche heute hunderttausende von Händen beschäftigt. 
Das Kasansche, Nishnij Nowgorod, Jaroslawl und Moskau erzeugen 



— 89 — 

Talg, Moskau, Kostroma und Jaroslawl vortreffliche Juchten, 
letzteres auch Leinwand und russische Lacken oder Watinan, welche 
in grossen Mengen ausgeführt werden. Die um die Städte im 
Niederland angesiedelten Kronbauern liefern grosse Mengen Korn, 
welche in Archangelsk entweder gegen Waren umgetauscht oder 
für Geld verkauft werden, aus den Gebieten von Nishnij Nowgorod 
und Kasan, sowie aus dem Mordwinengebiet kommt viel Wachs. 
Der Handelsverkehr mit den Engländern in Archangelsk, mit 
griechischen Kaufleuten zu Moskau, mit den Ländern Asiens über 
Astrachan wird immer lebhafter. 

Man hat lange Zeit angenommen, dass am Ende des 16. Jahr- 
hunderts auch die allmählich gewonnene genaue Kenntnis der 
untern Wolga in der ersten Reichskarte verwertet wurde, welche 
1590 unter Fedor Iwanowitsch angefertigt worden sein soll,^^) doch 
die Entstehung dieser unter dem Namen bolschoi tschertesh (Grosse 
Zeichnung) bekannten Karte, welche angeblich nur in einem Stück vor- 
handen war, ist zweifellos viel weiter zurück zu versetzen. Etwas Be- 
stinuntes lässt sich allerdings über ihre Entstehung nicht anführen, 
doch verschiedenerlei Umstände berechtigen zu dem Schlüsse, dass 
ihr Ursprung lange vor dem Jahre 1590 zu suchen ist. Im Jahre 
1627 Hess Michael Fedorowitsch auf Grund des alten tschertesh, 
welcher den Brand Moskaus überdauert hatte, einen neuen an- 
fertigen, weil dieser „vor langer Zeit unter früheren Herrschern** 
angefertigte tschertesh bereits so abgenutzt war, dass man die 
Grenzzeichen nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Die Worte 
»vor langer Zeit unter früheren Herrschern'* stimmen mit der An- 
gabe Tatischtschews überein, dass bereits Iwan der Schreckliche 
,im Jahre 1552 befahl, das Land zu vermessen und eine Zeich- 
nung (Karte) des Reiches zu verfertigen**, und Prof. W. J. La- 
manskij weist mit Recht darauf hin, dass eine solche Aufgabe 
nicht durchführbar gewesen, wenn nicht bereits inbezug auf einzelne 
Teile des Reiches Vorarbeiten vorlagen, ß^) Wahrscheinlich iSllt 
der Beginn kartographischer Arbeiten in Russland in die Zeit 
Iwans III., in welcher die Russen mit so vielen anderen euro- 
päischen Einrichtungen und Kenntnissen vertraut wurden. Er- 



' »T" * 



— 90 — 

halten ist der alte tflchertesh nicht (wenigstens bisher nicht aufge- 
funden), aber er ist trotzdem für uns von besonderem Interesse. 
Eine Erläuterung zu dem unter Michael Fedorowitsch angefertigten 
tschertesh ist erhalten, die kniga bolschemu tscljerteshu (das 
Buch zur grossen Zeichnung), und diese weist so viel Überein- 
stimmendes mit der von Isaak Massa 1609 herausgegebenen Karte 
auf, dass die Vermutung nahe liegt, der alte tschertesh habe ihm 
bei seiner Arbeit als Vorbild gedient, ^ö) Die vielen Mängel, 
welche Massas Karte noch aufweist, gestatten einen Schluss auf 
den Zustand der russischen Kartographie an der Grenzscheide des 
16. und 17. Jahrhunderts, und wir müssen in bezug auf diesen 
gestehen, dass die Kenntnis des Landes, über w(»lche die Regierung 
verfugte, noch eine sehr mangelhafte war. Der Lauf der Wolga 
(und jener der nordlichen Dwina) ist zwar in diesen Karten das 
Einzige, was auf einige wissenschaftliche Begründung Anspruch 
erheben kann, aber trotzdem sind sie inbezug auf dieselbe noch 
sehr ungenau und arm an Stoff, der Lauf des Flusses nur an- 
nähernd angegeben, an seinen Ufern nur einige wilde Völker, 
Mordwinen, Tschuwaschen und Tataren verzeichnet. Nach und nach 
gesammelte Nachrichten über die Entfernungen einzelner Orte von 
einander scheinen die Grundlage der Arbeit gebildet zu haben und 
einer Prüfung nur in sehr geringem Malse und sehr oberflächlich 
unterzogen worden zu sein. Den mangelhaften Kenntnissen des In- 
landes entsprachen noch mangelhaftere des Auslandes, in welchem 
die Wolga immer noch so wenig bekannt war, dass die von Prof. 
Joh. Ant. Maginus aus Padua 1596 zu Venedig in seinem Opus 
geographicum veröffentlichte Karte von Russland, welche der Ver- 
fasser ausdrücklich als nach neuen Nachrichten verbessert be- 
zeichnet, die Wolga noch mit dem Ladoga-See in Verbindung 
stehend darstellt. 

Die „traurige Zeit**, wie das Zwischenreich nach dem Er- 
löschen des alten Herrscherhauses genannt wird, war nicht blos, 
wie schon oben erwähnt, für das altrussische Wolgagebiet von 
schlimmen Folgen, sondern sie hat namentlich auch in dem Neu- 
russland an der Wolga viele Jahrzehnte lange Kulturarbeit in 



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'esten erschüttert. Die dort ansaasigeu Völker fini- 
tariscbeii Stammes waren an eine strenge Herrschaft 
sie mit eiserner Hand niederhielt, und als die Bande 
sieh lockerten , bildeten sieb alsbald Ranbscharen, 
Teil aus Tscheremissen bestehend, welche die Wolga 
unsicher niaclittn, die Dörfer an ihren Ufern tiberfielen und aus- 
plünderten, ja sogar an befestigte Städte, wie Nisbnij Nowgorod, 
Swijashfik, Tschebokssary u. S; w. , sich herauwagten. Audi die 
Xogaier und die Krymschen Tataren regten sich wieder, und beute- 
gierige Kasaken traten an die Spitze der RÜuberschareu , sie zu 
verwegenen Unternehmungen anspornend Der Kasak Iwan Saruzki, 
mit dem sich Marina vermählt hatte, welche mit seiner Hilfe ihrem 
und des ersten falschen Dimitrij Sohne doch noch zur Herrschaft 
zn verhelfen hoffte , bemächtigte sich sogar der Stadt Astrachan, 
wo er eine Zeitlang entsetzlieh hauste. 

Die Folge aller dieser Unruhen war zunehmende Verödung 
der Wolgaufer, da sogar die Fremdvölker, Mordwinen und Tschu- 
waschen, ihre am Flusse gelegenen, den Überfiillen der Wolga- 
räuber preisgegebenen Dörfer verliessen und sich weiter landein- 
wärts ansiedelten. Erst als durch Michael Romanowitsch Ruhe 
und Ordnung im ganzen Reiche wieder hergestellt war, nahmen 
die russischen Kiederlassungen an der Wolga einen neuen Auf- 
schwung; Es erblühten die alten, zum Teil zerstörten Städte nufs 
Neue, und ein breiter Streifen bebauten Landes an beiden Ufern 
des Flusses verband bald die einzelnen Städte mit einander. Ein an- 
dauernder Aufschwung war jedoch nur dann möglich, wenn die 
Arbeit der Ansiedler gegen die Rauhsucbt der unruhigen Nach- 
baren geschützt wurde, welche der steigende Wohlstand der ersteren 
in stets höherem Mafse erregen musste. Zu diesem Behufe wurde 
1648 die befestigte Karlalinie (karlinskaja tschertä) angelegt, 
welche sich von Tetjuschi an der Wolga zur Einmündung der 
Karla in die Swijaga und dann längs der erstem bis Älatyr an der 
SsuTB hinzog. In demselben Jahre gründete weiter stromabwärts 
auf dem hohen rechten Wolgaufer der Stolnik und spätere orn- 
sheinij bojarin Bogdan Matwejewitsch Chitrowo die Stadt Ssira- 



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— 92 — 



birsk,"^) welche zum Ausgangspunkt einer neuen befestigten Linie 
ausersehen wurde, die sich von dort süd westwärts zog, Wälle und 
Verhaue , in denen die neugegründeten Städte Juschansk , Tagai, 
Karsun, Ssursk und Ssaransk feste Stützpunkte bildeten. 

Während durch diese Massregeln die Grenzen des der russischen 
Ansiedlung gesicherten Gebietes auf dem rechten Wolgaufer weit 
nach Süden vorgeschoben wurden, blieb das linke Ufer unterhalb 
der Kamamündung immer noch den Fremdvölkem, den Tataren, 
Baschkiren und Kalmyken ausschliesslich überlassen. Die letzteren, 
die neuesten Ankömmlinge im Wolgagebiet, waren allmählich das 
herrschende Volk an der untern Wolga geworden, das die Erb- 
schaft der Nogaier, allerdings in sehr beschränkten Grenzen an- 
trat. Um 1621 zog Cho-Urlük mit den ersten Scharen westwärts, 
und nachdem er einige Zeit am Ob , Irtysch und Tobol noma- 
disiert, erschien er 1628 in den weiten Steppen zwischen dem Ural 
und der Wolga, die damals nur eine sehr dünne Bevölkerung be- 
sassen. Von der Emba und dem Ural verbreiteten sich die 50 000 
Kibitken Cho-Urlüks rasch über das ganze linke Wolgaufer nord- 
wärts bis Ssamara, ohne dass die noch vorhandenen geringen 
Überreste der goldenen Horde ihnen einen nennenswerten Wider- 
stand entgegensetzten. Im Jahre 1632 schlug Cho-Urlük sein 
Lager an der Achtuba auf, zwang die bereits den Russen unter- 
tlianen Tataren zur Unterwerfung und trug sich allen Ernstes mit 
dem Gedanken, auf den Trümmern des Reiches der goldenen 
Horde ein neues Chanat zu errichten. Er überfiel Astrachan, ver- 
brannte die Stadt, vermochte sich aber des Kremls, in dem die 
Bevölkerung sich eingeschlossen hatte, nicht zu bemächtigen. Der 
AngriflF wurde unter grossen Verlusten der Kalmyken zurück- 
geschlagen und Cho-Urlük selbst fand bei der Belageru^ig des 
Kremls den Tod. Unter seinem Sohn Schukur-Daitschin dauerten 
die räuberischen Einfalle der Kalmyken in russisches Gebiet fort, 
und erst 1655 wurden dieselben durch die Überlegenheit der 
russischen Waffen gezwungen, sich vor dem Zar Alexei Michailo- 
witsch zu beugen und ihm ewigen Gehorsam und Unterstützung 
gegen seine Feinde, die Tataren der Kryra und Asows, zu ge- 



loben.") Unter solchen Verliältnisäen konnte in den ersten Herrcher- 
jahren des Hauses Romanow von geordneten Zuständen im untern 
Wolgagebiet nicht die Rede sein. Die Regierung sorgte blos für die 
gross tmögl ich e Sielierheit der WarenbefiJrderung auf der Wolga. 
Schlecht genug war es immer noch mit derselben beatelU. Be- 
sonders verrufen waren die Mündungen der Flüsse Kamyschinka, 
wo die Easaken von Don herüberkamen, und Ussa oberhalb Ssa- 
mara. Da ea ohne starke Bedeckung nicht möglich war, unan- 
gefallen nach Astrachan zu gelangen, schlössen sich die Kaufleute 
den zarischen Schiffen an, welche zweimal jährlich, im Frahjflhr 
und im' Herbst, nach Astrachan fuhren, um Beamte und Mann- 
schaften nach den Städten der Wolganiederung oder zarisehe Ge- 
sandte nach Persien zu bringen. Bei aolchen Gelegenheiten fand 
sich bisweilen ein halbes tausend Fahrzeuge zusammen, und dennoch 
gewährte sogar eine so grosse Vereinigung keine unbedingte 
Sicherheit. Es kam einst vor, dass Räuber die letzten Schiffe des 
langen Zuges überfielen, und bevor diesem die vorderen, durch die 
Strömung aufgebalten, zu Hilfe kamen, waren sie längst ausge- 
plündert , ' die Räuber mit ihrer Beute entflohen. Dieser Vorfall 
wurde die Veranlassung zur Gründung der Stadt Tschernij Jar 
an der Stelle, an welcher der Überfall stattgefunden hatte. 

Da die Regierung, welche vollauf mit der Abwehr äusserer 
Feinde zu thun hatte, den Unruhen in den Grenzgebieten wenig Beach- 
tung widmete, nahm die Unsicherheit in denselben immer mehr zu. 
Gefährliches Volk aller Art fand sich da zusammen: Bauern, 
welche sich den Bedrückungen ihrer Herren durch die Flucht ent- 
zogen hatten, entwichene Verbrecher, raubgierige Kaaaken vom 
Don, Unzufriedene aller Art. Im Jahre 1667 erschien vom Don 
her ein gewisser Stenka Rasin mit einer Raubscbar auf der Wolga, 
überfiel die grosse Getreideflotte, welche im Herbst unter Be- 
deckung daherkam , bemächtigte sich derselben , Hess die Führer 
an den Masten aufhängen und fuhr dann kühn an Zarizyn vorüber. 
Von den Wällen der Festung schoss man auf ihn, doch das Pulver 
wai- schlecht und versagte, und von nun an stand es beim Volke 
fest, dass Stenka Rasin ein Zauberer sei und Geschütze unschäd- 



— 94 — 

lieh machen könne. An Astrachan vorbei, fuhr er in den Kaspi- 
See, bemächtigte sich der Stadt Jaik und unternahm von dort 
Raubzüge nach den Seeufern. Eine persische Flotte von 70 Schiffen 
mit 4000 Mann Besatzung, die ihn angriff, wurde fast ganz ver- 
nichtet. Da der Zar ihm und den Seinen völlige Verzeihung zu- 
sicherte, wenn sie sich an den Don zurückbegeben würden, folgte 
er zwar 166J der Aufforderung, doch nur, um sich zu neuen Unter- 
nehmungen zu rüsten. Im Mai 1670 überfiel er Zarizyn und be- 
mächtigte sich desselben trotz tapferer Gegenwehr der Besatzung 
durch Verrat. Der Woiwode Turgenjew wurde in die Wolga ge- 
stürzt, eine zum Entsatz heraneilende Abteilung Strelzi geschlagen 
und zur Waffenstreckung gezwungen. Von Astrachan zogen nun 
gegen 5000 Mann, teils zu Lande, teils in 40 Schiffen gegen ihn. 
Bei Tschernij Jar trafen sie ihn, und sofort fielen die Soldaten 
über ihre Führer her, hieben sie nieder und schlössen sich Stenka 
Rasin an. Astrachan vermochten seine starken Mauern nicht gegen 
die Aufrührer zu schützen, welche beim Angriff Unterstützung 
seitens einverstandener Gesinnungsgenossen in der Stadt fanden 
und in dieselbe eindrangen. Der schwer verw\indete Statthalter 
wurde vom Kirchturm herabgestürzt, alle wohlhabenden Bewohner 
schonungslos niedergemetzelt. Stenka Rasin ernannte zu seinem 
Statthalter in Astrachan Wasska Uss und zog mit 10000 Mann 
nach Norden. Ssaratow und Ssamara fielen in seine Gewalt, und 
es wiederholten sich die blutigen Auftritte von Astrachan. Dann 
ging es weiter gegen Ssimbirsk. Je weiter Stenka Rasin vorrückte, 
desto grösser wurde sein Anhang, da eigene Sendboten überall 
seine Aufrufe verbreiteten und das Volk aufwiegelten. Sie verkündeten, 
dass der älteste Sohn des Zars, Alexei Alexeje witsch (gest. 17. Jan. 
1670) nicht gestorben sei, sondern sich zu Stenka geflüchtet habe, 
um mit seiner Hilfe die Bojaren, welche ausnahmslos Verräter am 
Zaren seien, zu züchtigen. Auch der abgesetzte Patriarch Nikon 
sollte sich bei Stenka befinden, und um den Glauben daran zu be- 
festigen, führte derselbe zwei prächtig geschmückte Bote mit sich, 
in denen sich der Zarewitsch und der Patriarch befinden sollten. 
Am 5. September erschien Stenka vor Ssimbirsk und bemächtigte 



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— 95 — 

sich rasch der am Plussufer gelegenen Stadt, aber den auf hohem 
Berge erbauten Kreml, den der tapfere Miloslawskij verteidigte, 
yermochte er nicht einzunehmen. Als endlich ein Entsatzheer 
unter dem Fürsten Barjatinskij heranrückte, zog ihm Stenka an 
die Swijaga entgegen, doch der erste Zusammenstoss blieb unent- 
schieden, und zwei Tage später vereinigte sich Barjatinskij mit 
der Besatzung des Kremls. In der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 
befahl Stenka Basin den Sturm auf die Festung, doch Miloslawskij 
sandte den Angreifem eine Abteilung in den Bücken und brachte 
sie dadurch in Verwirrung. Stenka, der sich umzingelt wähnte, 
schlug sich zur Wolga durch und entwich im Schutze der Nacht zu 
Schiffe mit seinen Kasaken, alle übrigen ihrem Schicksal über- 
lassend. Am Morgen mussten sie sich ergeben, und hunderte von 
Gralgen , die am Wolgaufer errichtet wurden , dienten zur Voll- 
streckung des ersten Schreckensgerichtes, durch welches dem Vor- 
dringen Stenkas eine Schranke gesetzt wurde. Sein Buf der Un- 
besiegbarkeit war vernichtet, das Vertrauen der Landbevölkerung 
zu ihm erschüttert. 

Es war übrigens die höchste Zeit, denn von allen Seiten war 
Stenka Basin Volk zugeströmt, und der Aufstand hatte schon eine 
riesige Verbreitung erlangt. Auf dem ganzen grossen Gebiet, 
welches heute die Gouvernements Ssimbirsk, Pensa und Tambow 
einnehmen, hatten sich die Bauern empört, ihre Herren erschlagen, 
die Gutshöfe geplündert, und die Mordwinen und Tscheremissen an 
der Oka und Wolga, gereizt durch die in letzter Zeit immer 
häufiger gewordenen gewaltsamen Bekehrungsversuche, wetteiferten 
mit den Bauern im Wüten gegen die höheren Stände. Nun wurden 
im Kreise Alatyr 15 000 Aufrührer nach heftigem Widerstand zer- 
sprengt und 11 Geschütze ilmen abgenommen. Das Blut floss 
nach den eigenen Worten des Fürsten Barjatinskij in Strömen. 
Andere aufständische Scharen hatten sich des Makarjewkloster be- 
mächtigt und es geplündert, aber ein Angriff gegen Nishnij Now- 
gorod wurde abgeschlagen. Bald war die ganze Umgegend von 
Nishnij, Kosmodemjansk , Wassilssursk , Jadryn, Kurmysch, von 
Alatyr bis hinab nach Ssaratow zur Unterwerfung gebracht. Mit 



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— 96 — 

unerbittlicher Strenge gingen die Bojaren vor und vergalten den 
Aufruhrern alles reichlich, was ihre Standesgenossen durch sie ge- 
litten. Schonungslos wurden die Dörfer eingeäschert, gegen 100000 
Menschen niedergemetzelt, ausserdem noch tausende gehängt, 
hunderte durch Abhauen der rechten Hand oder des Daumens 
derselben bestraft, und schwere Züchtigung mit der Knute galt 
als Begnadigung. Stenka hatte sich an . den Don geflüchtet, wurde 
aber dort von dem Zar treuen Kasaken gefangen genommen und 
nach Moskau gebracht, wo ihm die verdiente Strafe für seine 
Übelthaten zu teil wurde. Auch nach seiner Entfernung kostete 
die Beruhigung des Wolgalandes noch viel Mühe und Blut, denn 
Zarizyn und Astrachan leisteten noch lange Widerstand und der 
Ataman Fedka Scheludjak ging sogar noch einmal zum AngriflF 
über und drang im Juni 1671 bis Ssimbirsk vor, das er zweimal 
vergeblich stürmte. Zurückgeschlagen, zerstreute sich seine Schar, 
und Ende August stand Milolawskij vor Astrachan, welches durch 
Aushungerung bezwungen wurde. Der Aufstand war zu Ende.^^) 
Mit der Wiederkehr ruhigerer Zeiten begannen sofort wieder 
russische Ansiedler längs der Wolgaufer gegen Süden vorzudringen. 
Auf dem rechten Ufer rückten die Ansiedlungen bis zum Ende des 
Jahrhunderts an den Fluss Ssysran, auf dem linken, bis zum 
Tscheremschan vor. Beide Ufer entwickelten sich in verschiedener 
Weise. Auf dem rechten waren die Klöster, auf dem linken Sek- 
tierer, welche hier niemand in ihren Glaubensübungen störte, die 
Bahnbrecher. Von jeher war es in Russland üblich, dass die 
Fürsten die Klöster reich ausstatteten, aber den grössern Teil des 
unermesslichen Reichtums, den sie im Laufe der Jahrhunderte er- 
langten, ''^^ verdankten sie den Landschenkungen in den neuen Ge- 
bieten an der Wolga. Man überwies den dort gegründeten Klöstern 
grosse Landstriche, auf dass sie Ansiedler nach denselben zögen 
und so die Russifizierung des Landes förderten. So überliess z. B. 
Boris Konstantino witsch von Nishnij Nowgorod, nachdem er 1372 
als Grenzposten gegen Bulgarien die Stadt Kurmysch an der Ssura 
gegründet hatte, den Nowgoroder Klöstern das Fischerreirecht und 
den Biberfang auf der Ssura bis Kurmysch und erlaubte ihnen, 




-~ 97 — 

Ansiedler hin zu bringen,"*) Iwan III. schenkte viel Land den nach 
der Unterwerfung des Zartums Kasan gegründeten Klöstern u. s. w. 
Später, nach dem Erlass des Gesetzes Boris', welches die Bauern 
an die Scholle fesselte, erfolgten die Landschenkungen mit allen 
auf dem Grund und Boden ansässigen I^euten. Ausserdem er- 
warben die Klöster eine Menge Vorrechte. So gestattete z. B. Iwan 
der Schreckliche dem Troizkij Kloster in Astrachan, abgabenfrei 
einen Verkaufsladen zu errichten, mit Korn, Hopfen, Malz, Horn- 
vieh, Pferden u. s. w. Handel zu treiben, in einem eigenen Schiff 
Fische und Salz ebenfalls abgabenfrei bis Jaroslawl und Kaluga zu 
versenden.'^) Die Mönche erkannten bald, welche Quelle des 
Reichtums für sie ein grosser Grundbesitz mit allen daran haften- 
den Rechten war, und sowie sie irgendwo herrenloses gutes Land 
erspähten, „schlugen sie die Stirn ** vor dem' Herrscher und baten, 
ihnen dasselbe zu schenken. Der Fischreichtum der noch wenig 
ausgebeuteten untern Wolga wurde für sie eines der besten Mittel 
zu Landerwerb, Zunächst erbaten sie sich vom Zar das ausschliess- 
liche Fischereirecht auf grossen Strecken, errichteten an ver- 
schiedenen Stellen der Ufer Watagas*), und wenn dann der er- 
giebige Fischfang immer mehr Leute heranlockte und die Wataga 
zu einem Fischerdorf heranwuchs, baten sie wieder um Land, um 
den Ansiedlern Felder anweisen zu können. Selten wurde eine 
derartige Bitte abschlägig beschieden, wohl zum nicht geringen 
Teile darum, weil die Regierung selbst keine genaue Vorstellung 
von der Grösse der verschenkten Landstriche hatte, als deren 
Grenze meist irgend ein noch wenig bekannter Fluss oder Berg 
bezeichnet wurde. An der Mündung der Ussa in die Wolga be- 
fanden sich bei dem seit einigen Jahrzehnten bestehenden Dorf 
Ussolje Salzsiedereien; als im Jahre 1660 üssolje Klostergut wurde 
und das Kloster gegen 200 Werst Land erwarb, bevölkerte sich 
rasch die Gegend. Den Ansiedlern wurde Abgabenfreiheit versprochöü, 
Fische imd Holz waren in Überfluss vorhanden, das Leben ange- 



*) Wataga ist die Benenmmgr der an der Wolga und am Kaspi-See zu 
Jb'ischereizwecken errichteten Hütten, in denen die Fische eingesalzen und für 
den Versand hergerichtet werden. 

Roskoscliny, Die Wolga. 7 



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— 98 — 

nehm, da das Kloster von seinen Unterthanen nur* wienig Dienste 
forderte — Russen, Mordwinen, Tscheremissen und Tschuwasclien 
Hessen sich dort nieder und binnen kurzem zählte man im Kloster- 
land mehrere hundert Höfe. Da auch reiche Bojaren nach Land- 
Schenkungen an der untern Wolga strebten und Ansiedler hin- 
brachten, war die Ssamarskaja Luka und das rechte Wolgaufer bis 
zu der 1683 zum Schutz der Ansiedler errichteten Festung Ssysran 
am Ende des 17. Jahrhunderts schon ziemlich gut bevölkert. In 
der neben der Festung entstehenden Stadt Ssysran wurden Kasaken 
und Einwohner von Ssimbirsk, sowie Soldatenfamilien aus Kasan 
angesiedelt, die gleichzeitig errichtete befestigte Ssysranlinie, welche 
sich längg des Flusses Ssysran zur Quelle der Ssura und über Goro- 
dischtsche nach Pensa zog, gleichfalls mit gedienten Leuten besetzt, 
aber über Ssysran hinaus war an Ackerbau noch nicht zu denken : 
die südlicher gelegenen Orte blieben noch lange vorgeschobene 
Posten, deren Besatzung jederzeit eines Überfalls durch die räube- 
rischen Horden am Kuban gewärtig sein musste. 

Auf dem linken Ufer breiteten sich die Sektierer aus, die man 
im Innern Russlands nicht dulden wollte, und manche Einöde ver- 
wandelte sich durch ihre Arbeit in bebautes Land. Jeder fuss- 
breit Bodens musste dort erkämpft werden , denn trotz der be- 
festigten Tscheremschanlinie (1652 — 1656 angelegt), welche von 
Belij Jar längs des linken Ufers des Tscheremschan zum Kutschui, 
einem Zufluss der Kama, ging, unternahmen Baschkiren und Kai-, 
myken noch Raubzüge in das Gebiet nördlich vom Tscheremschan. 
Trotz der feierlich von ihnen gelobten Treue waren sie noch so 
unzuverlässige Unterthanen, dass man es flir angezeigt hielt, 
Tschukur Daitschins Sohn Buntschuk* 1661 in der Nähe vqn 
Astrachan im Namen seines Vaters, der Noionen und des ganzen 
Ulusses dem Zar aufs Neue Treue und Gehorsam geloben zu lassen. 
Auch Tschukur Daitschins Nachfolger (1672), sein Enkel Ajuk gelobte 
dem Zar wiederholt Treue, brach dieselbe aber wiederholt. Im 
Jahre 16C0 verlieh ihm der Dalai Lama die Chans würde, und seit- 
dem nannte sich Ajuk im Verkehr mit den zarischen Beamten 
stets Chan der Kalmykenhorde. ''^) 



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— 99 -^ 

Die Besiedlung des Wolgalaudes hatte demnach beim Re- 
gierung-santritt Peters des Grossen bereits erfreuliche Erfolge auf- 
zuweisen, bedurfte aber immer noch dringend nachdrücklicher 
Vorkehrungen zum Schutze der neuen Niederlassungen. Zum 
Schutz gegen, die kubanschen Tataren und die Kasaken am Don 
gründete Peter 1669 die Stadt Draitrijewsk (das jetzige Kamy- 
schin), welche durch den Oberst Thomas Baylie stark befestigt 
wurde, und liess bei Zarizyn die schmale Einbruchstelle zwischen 
Wolga und Don durch einen Wall und Graben schliessen, welche 
zwischen den beiden Flüssen angelegt wurden. Die Kamyschinka 
(jetzt nur ein Bach, damals noch ein schiffbarer Fluss) hörte nun 
auf, die Wasserstrasse zu sein, auf welcher die Kasaken in leichten 
Boten vom Don aus gegen die Wolga vordrangen, und der Wolok 
hatte seine Rolle ausgespielt. Das an der Stelle, an welcher bis- 
her die Bote über Land zur Wolga gezogen wurden , errichtete 
Dmitrijewsk setzte den Raubzügen der Kasaken eine Schranke, 
und zwischen Ssaratow und Zarizyn gelegte Dragoner-Regimenter 
wurden fortan ein weiteres Hemmnis für das Raubgesindel. 

Nach der Gründung der neuen Hauptstadt wandte sich die 
schöpferische Thätigkeit Peters des Grossen dem ßiesenstrom in 
erhöhtem Mafse zu, doch wie überall, so stiess er anfangs auch 
hier auf erbitterten Widerstand gegen seine Neuerungen. Ruwim, 
der Archimandrit des Wosnessenskij Klosters, verbreitete das Ge- 
rücht, dass der Zar einen neuen Glauben einführen wolle, dass er 
das Volk zwinge, die Barte abzuschneiden und deutsche Kleidung 
anzulegen u. s. w. Die Führer der Strelzi, Nossow, Shurawljew 
und Ilarion , empörten sich , und rasch verbreitete sich der Auf- 
stand über die Umgegend. Erst als Peter den Feldmarschall 
Boris Scheremetjew nach Astrachan sandte, wurde dem Rauben und 
Morden, unter dem besonders die Deutschen zu leiden hatten, Einhalt 
gethan. Bulawin, welcher 1707 einen Aufstand am Don erregte und 
von dort nach der Wolga vordrang, Dmitrijew und Ssaratow aus- 
plünderte, wurde ebenfalls rasch durch Dolgorukij vertrieben. Im 
folgenden Jahre sicherte Peter das Wolgaland gegen Einfälle der 

Kalmyken durch eine Vereinbarung mit Chan Ajuk, der sich ver- 

7* 






— 100 — 

pflichtete, mit seiner Horde nur auf dem linken Wolgaufer zu 
nomadisieren und auch dem Zar auf Verlangen im Kriegsfalle 
Hilfsvölker zu stellen. Da nun allmählich auch das Christentum 
unter den Kalmyken Verbreitung zu finden begann, nahmen ihre 
Einfälle, auf welchen im Laufe der Zeit über hundert Dörfer zer- 
stört und ihre Bewohner als Sklaven fortgeschleppt wurden, immer 
mehr ab. Weniger erfolgreich war Peters Vorgehen gegen die 
Baschkiren, unter deren Räubereien der Kreis Ssamara noch 
während seiner ganzen Regierung zu leiden hatte. 

Seit den Unruhen Stenka Rasins war auch Astrachan sehr 
zurückgegangen. Die Russen unterhielten seitdem keinen Seever- 
kehr mit den persischen Häfen mehr, trotzdem ihre Schiffe früher 
bis Nisabat vorgedrungen waren. Auch die seit dem Ende des 
17. Jahrhunderts in Astrachan ansässigen Armenier und Inder, 
welche den Handel zwischen Russen und Persern vermittelten, 
brachten keine Waren mehr zu Wasser nach Astrachan, die Schiff- 
fahrt auf dem Kaspi-See lag ganz darnieder. Peter der Grosse 
erkannte aber gar wohl, welche hohe Wichtigkeit Astrachan für 
den Handel mit Asien gewinnen musste, wenn der grosse See, in 
den die Wolga mündete, als Wasserstrasse gehörig ausgenutzt 
wurde. Alle Unternehmungen zur Erforschung und Aufnahme der 
Küsten des Kaspi-Seees und ihres östlichen Hinterlandes, so nament- 
lich jene des Fürsten Bekowitsch, welche in Astrachan ausgerüstet 
wurden, kamen in erster Reihe der Wolga und der Handelsstadt 
an ihrer Mündung zu gute. Peter errichtete in Astrachan eine 
„Admiralität", liess einen Hafen mit geräumigen Docks anlegen, 
versuchte durch Anpflanzung guter Reben auch den Weinbau in 
der Umgegend von Astrachan einzufuhren, befahl Maulbeerbäume 
auf den Trümmern von Sserai zu pflanzen, wo der Anbau der- 
selben einst ein sehr bedeutender gewesen war, und bemühte sich 
auf alle Weise, die Handels- und gewerbliche Thätigkeit in der 
Stadt zu heben. Ein schwerer Schlag für Astrachan war der 
grosse Brand im Jahre 1709, welchem 600 Häuser und der 
Gostinnij Dwor mit einer grossen Menge W^aren zum Opfer fielen. 
Dank Peters Fürsorge erholte sich die Stadt jedoch rasch und er- 




N 



— 101 — 

stand schöner als zuvor aus den Trümmern. Auch der Bau der 
grossen Kathedrale, des Uspenski Ssobor, wurde unter Peters Re- 
gierung beendet (1699—1710). Am einschneidendsten von allen 
seinen Neuerungen war aber die Errichtung eines selbständigen 
Gouvernements Astrachan. Schon im Jahre 1708 hatte er eine neue 
Einteilung des Reiches in 8 Gouvernements durchgeführt — Mos- 
kau, St. Petersburg, Kijew, Ssmolensk, Archangelsk, Kasan, 
Asow und Sibirien — die in 39 Provinzen geteilt waren. Bei 
dieser Einteilung war dem Gouvernement Kasan ein riesiges Ge- 
biet zugefallen, denn es umfasste die Gouvernements Wladimir, 
Nishnij Nowgorod , Kasan , Ssimbirsk , Ufa , Ssamara , Ssaratow, 
Astrachan, Orenburg und mehr oder minder grosse Teile der an- 
grenzenden Gouvernements.'^^) Im Jahre 1719 wurden Nishnij 
Nowgorod und Astrachan als selbständige Gouvernements ausge- 
schieden, und zum Gouverneur von Astrachan ernannte der Zar 
Artemij Wolynskij, einen begabten und thatkräftigen Mann. 

Nicht mindere Sorgfalt widmete der Zar Kasan, welches seine 
Lage in der Nähe der Kama-Mündung gleichfalls zu einem für den 
Handel mit Asien wichtigen Platze machte. Die Stadt war unter 
russischer Herrschaft mächtig angewachsen, die Bevölkerung wohl- 
habend.''^) Peter verdankt sie die ersten Anfange jener Industrie, 
welche später einen grossen Ruf erlangte. Im Jahre 1714 wurde 
hier eine Tuchfabrik gegründet, welche sich bis in die jüngste 
Zeit erhalten hat, 1722 eine Ledergerberei an der Kasanka an der- 
selben Stelle, welche jetzt die berühmte Fabrik Alafusows ein- 
nimmt. Auch hier wurde eine „ Admiralität ** errichtet, und reges 
Leben herrschte auf den Werften, denn Peter Hess hier sowohl 
Barken für die Wolga als grössere Schiffe zur Fahrt auf dem 
Kaspi-See bauen, als er sich zu dem persischen Feldzuge rüstete. 
Doch Kasan sollte nicht blos ein Mittelpunkt des Wolga- 
handels, sondern auch die geistige Hauptstadt des ganzen Wolga- 
landes werden, weshalb Peter auch für die Verbesserung des 
Schulwesens sorgte und unablässig darauf bedacht war, durch 
Gründung von Schulen für Verbreitung von Kenntnissen sorgen. 

Seine Hauptsorge blieb trotzdem der Handel. Mit dem ihm 






— 102 — 

eigenen Scharfblick hatte der Zar erkannt, von welch hoher 
Wichtigkeit für seine neue Hauptstadt an der Newa eine Verbin- 
dung der Wolga mit der Ostsee werden konnte, und noch mitten 
in den schwedischen Kriegswirren traf er die ersten Anstalten dazu. 
Durch die Eroberung der schwedischen Festungen an der Newa- 
Mündung war bereits ein Hindernis -des russischen Handels be- 
seitigt, aber es galt noch, ein zweites, nicht minder grosses zu 
beseitigen. Durch das auf dem bisherigen Verkehrswege unver- 
meidliche wiederholte Umladen der Waren und die Notwendigkeit, 
sie auf einer Strecke von 103 Werst, zunächst aus der Twerza in 
die Sna , dann zur Umgehung der Borowitschi-Fälle zu Lande zu 
befördern, wurde die Beförderung der Waren ungemein verteuert. 
Durch ins Land gerufene holländische Schleusenmeister, welche 
80 Gulden monatlichen Gehalt erhielten, Hess nun Peter im Jahre 
1703 den Bau eines Kanals zwischen der Twerza und Sna be- 
ginnen und das Wasser des letztern Flusses durch Schleusen so 
anstauen, dass es sowohl zur Speisung der Twerza als zu jener 
der Msta verwertet werden konnte. Als jedoch der nach dem 
Fürsten Gagarin benannte Kanal fertig war, entsprach er den Er- 
wartungen nicht, da die Wassermenge eine zu geringe war, um 
einem lebhaftem Verkehr zu genügen. Peter sann deshalb auf 
neue Verbindungswege, und er war nahe daran, sich für jene zu 
entscheiden , >velche dem jetzigen Tichwinka-System zu gründe 
liegen. Die in die Tschagoda mündende Somina sollte mit der 
Tichwinka verbunden werden, aus welcher man auf dem Sjas in 
den Ladoga gelangen kann. Da jedoch seine einflussreichsten Rat- 
geber den Weiterausbau des Wischuij-Wolotschok- Systems befür- 
worteten, entschied Peter schliesslich sich für den letztern. Der 
Erfolg blieb nach wie vor ein geringer. Obwohl Tausende von 
Arbeitern mit der Reinigung des Fahrwassers, der Beseitigung der 
Untiefen und Stromschnellen beschäftigt waren, konnten den Kanal 
doch nur Fahrzeuge von geringem Tiefgang benutzen. Unglücks- 
falle in den Stromschnellen kamen häufig vor, viele Fahrzeuge 
waren durch Wassermangel gezwungen, im Kanal zu überwintern. 
Eine Besserung trat erst ein , als der Plan zur Ausführung 



— 103 — 

gelangte, welchen im Jabre 1719 der Xowgoroder Handelskommis 
Michael Iwanowitsch Sserdjukow dem Zar vorlegte. Derselbe 
beruhte auf dem Gedanken, einen Teil der Qbergrossen Wasaer- 
mengen, welche im Frühjahr das Bett der Fllbse füllten, durch 
Stauschleuseu auzüsammeln und bis zu dem Äugenblick zurück- 
zuhalten, in dem man ihrer bedurfte. Ein grosser Wasserbehälter 
sollte in der Nähe von Wischnij Wolotschok durch Vereinigung der 
SnauudSchlina geschaffen und Überdies der Oberlauf der beiden Flüsse 
mit mehreren Seeen in Verbindung gebracht werden, deren Wasser- 
abäuss gleichfalls durch Schleusen geregelt wurde, so dass man den 
Wasserbehälter jederzeit wieder füllen konnte, wenn er erschöpft war. 
Der Plan fand nicht nur die Billigung des Zars, sondern auch 
von seiner Seite eine UnteretÜtzimg, wie sie grossartiger kaum ge- 
dacht werden kann. Überzeugt, in Sserdjukow den richtigen Mann 
zur Durchführung des Unternehmens gefunden zu haben, schenkte 
er demselben volles Vertrauen und lieas ihm in allem freie Hand. 
Mit erstaunlicher Schnelligkeit entledigte sich Sserdjokow seiner 
Aufgabe, und bald waren die Werke bei Wischnij Wolotschok so 
ziemhch in demselben Umfange fertig, in dem man sie heute sieht. 
Peters Scharfblick und Menschenkenntnis hatten sich wieder einmal 
glänzend bewährt. Sserdjukow hatte das Werk vollendet, ohne 
dass die geringste Klage Über Eigenmächtigkeiten von seiner 
Seite laut wurde, trotzdem die fast unumschränkte Gewalt, welche 
der Zar in seine Hände gelegt, anfangs die Bedenken gar vieler 
erregt hatte. Peter überliess ihm von vornherein Land in der 
Breite von 30 Faden an jedem Ufer zu freier Nutzniessung, ohne 
Kücksicht auf die bisherigen Besitzer des Bodens; es sollte ihm 
nicht blos gestattet sein, abgabenfrei Mühlen, Fabriken und Schenken 
anzulegen, wo er es flür angezeigt fand, sondern er wurde auch 
berechtigt, von jeder Barke, welche seinen Kanal benutzte, eine 
Abgabe von 5 (später 10) Kopeken für den Längenfaden, von 
iedem Floss dagegen 11 Kopeken zu erheben. Als der Zar die 
Erfolge Sserdjukows sah, erklärte er alle diese Rechte, welche ihm 
bisher nur für eine bestimmte Zeit eingeräumt waren, (1722) als 
übertragbar auf alle seine Nachkommen. Andererseits zeigten sieh 



— 104 — 

auch die Sserdjukows — Vater und Sohn — als Leute, welche 
rasch erworbenen Reichtum auf gute Weise zu verwerten wissen. 
Sie erboten sich, die Schiffbarmachung der Borowitschi-Fälle, jener 
Strecke, welche alljährlich die meisten Opfer an Menschenleben 
und Gütern erforderte, auf eigene Kosten zu übernehmen, und 
führten auch dieses Unternehmen glänzend durch. Ihre Erhebung 
in den Adelsstand und die Erstattung ihrer sämtlichen Auslagen 
war ihr augenblicklicher Lohn, aber einen dauerndem haben sie 
sich in der Anerkennung und Dankbarkeit der Nachwelt er- 
worben.''^) 

Unter Peter dem Grossen, der, fast beständig auf Reisen, sein 
Reich durch den Augenschein so genau kennen gelernt hatte, wie 
kein russischer Herrscher vor ihm, rausste auch die Kartographie 
bedeutende Fortschritte aufweisen. Wie Russland unter ihm aus 
seiner halbasiatischen Abgeschiedenheit heraustrat und den Kultur- 
staaten Europas näher rückte, so bildet seine Regierung auch den 
Beginn einer neuen Zeit für die geographische Kenntnis des riesigen 
Reiches. Seit der Karte Massas waren bereits nicht unwesent- 
liche Fortschritte zu verzeichnen. Adam Olearius, welcher 1634, 
1()36 und 1«^43 als Gesandter Friedrichs von Holstein-Gottorp in 
Russland weilte und auch später noch mit dortigen Deutschen in 
Verkehr blieb, kann als der Vater der Knrtographie des Wolga- 
gebietes gelten. In seiner Moscowitischen und Persianischen Reise- 
beschreibung veröffentlichte er (1655) ausser einer ganz Russland 
umfassenden Karte eine solche der Wolga, welche die erste ist, 
die wir von diesem Strome besitzen: Accurata delineatio nobilissimi 
totius Europae fluminis Wolgae, olim Rha dictae.^") Eine wert- 
volle Ergänzung dieser Karten des Olearius war die mit ihnen 
verbundene Reisebeschreibung, welche ein anschauliches Bild des 
russischen Lebens lieferte. Über alle Einrichtungen des Staates 
und über Sitten und Gebräuche des russischen Volkes war man in 
Westeuropa bereits ziemlich gut unterrichtet, als 30 Jahre nach 
der Karte des Olearius eine neue erschien, in welcher in viel um- 
fassenderem Mafse als in der seinen alle wissenschaftlich begrün- 
deten Angaben zusammengefasst und nach sorgfältiger Prüfung 







— 105 — 

verwertet waren. Der Herausgeber dieser Karte, der Amsterdamer 
Bürgermeister Nikolaus Witseu, ist der Vorläufer der unter Peter 
dem Grossen sich vollziehenden Umwälzung, und mit Recht sagt 
Müller,^') dass mit ihm gleichsam ein neuer Zeitpunkt in der 
Landbeschreibuug und Geschichte der Landkarten von Russland 
anfangt. 

Aus blosser Wissbegierde hatte Witsen 166H den holländischen 
Gesandten Boreel nach Russland begleitet und dann einen zwei- 
jährigen Aufenthalt in Russland zum Sammeln geographischer 
Kenntnisse benutzt, die er später nebst den Ergebnissen seines 
brieflichen Verkehrs mit Russen in seinem berühmten Buche „Noord 
en Oost Tartarye" S2) niederlegte, in der Erläuterung zu der von 
ihm entworfenen Karte Russlands : ' Nieuwe Land-Karte van het 
Noorder en Ooster Deel van Asia en Europa, strekkende van Noua 
Zembla tot China, aldus getenket, beschreven, in Kaert gebragt 
en uitgegeben zedert een nawkeuerig Onderzoek van meer den 
twintig Jaeren (Joor Nicolaes Witsen Consul (Amsterdam 1687). 
Für die Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, mit welcher Witsen beim 
Zeichnen seiner Karte zu Werke ging, spricht schon der Umstand, 
dass er nur mit Mühe zu ihrer Veröffentlichung bewogen werden 
konnte und sie trotz aller später gesammelten Berichtigungen in 
der neuen Ausgabe seines Werkes wegliess. Peter lernte Witsen 
auf seiner ersten Reise ins Ausland kennen, und im häufigen Ver- 
kehr mit ihm klärten sich seine Ansichten über die in Russland 
vorzunehmenden geographischen Arbeiten, welche er bald darauf 
zu verwirklichen begann 

Die für uns in Betracht kommenden, auf Veranlassung Peters 
des Grossen angefertigten Karten sind: Die des Vice-Admirals 
Cornelius Cruys, unter denen sich eine Karte des Kanals zwischen 
dem Don und der Wolga befindet (nebst einer kurzen Beschreibung 
desselben), welchen Peter bald nach der Einnahme Asows zu bauen 
begann, der aber nie vollendet wurde, ^3) ferner die Karte des 
Kaspi-Seees von Ssoimonow und das grosse Kartenwerk Kirilows,^*) 
welches 1726 — 1734 entstand. Kirilows Karte beruht noch nicht 
auf astronomisch bestimmten Längen, da solche Bestimmungen, als 



— 106 — 

er seine Arbeit begann, noch nicht für einen einzigen Punkt vor- 
lagen. Er vermochte die Länge nur nach gelegentlichen Marsch- 
routen zusammenzustellen, was zur Folge hatte, dass seine Karte 
in der Richtung des Parallels zu ausgedehnt ist, aber in anbetracht. 
der Unsicherheit solcher l^estimmungen erscheint es immer noch 
als wunderbar, dass seine Karte nicht grössere Fehler . aufweist. 
Von der äussersten Westgrenze des Reiches bis Kamtschatka be- 
trägt der Fehler nur etwa 10®, und in den diesseits des Urals ge- 
legenen Teilen sind die Abweichungen noch sehr geringe. ^^) Trotz 
alldem weist Kirilows Karte, mit jener Witsens verglichen, bereits 
bedeutende Fortschritte der Wissenschaft auf und ist ein glän- 
zendes Zeugnis der Thätigkeit, welche die Akademie der Wissen- 
Schäften entfaltete , in deren Hände nach der Berufung Joseph 
Delisles die fernere Bearbeitung der Reichskarte gelegt war und 
die nach Vornahme genauer geographischer Ortsbestimmungen 
durch Islenjew, Krassilnikow, Popow u. a. 1745 jenen grossen 
Atlas des russischen Reiches veröffentlichte, in welchem wir den 
Lauf der Wolga und die Lage der Wolgastädte zuin ersten mal 
genau bestimmt finden. 

Unter den kurzen Regierungen der nächsten Nachfolger Peters 
ist von Fortschritten im Wolgagebiet wenig zu berichten. Erst 
unter der Kaiserin Anna zeigen sich solche aufs Neue. Abermals 
wurden Mal'sregeln zur Beruhigung des Wolgalandes getroffen, die 
sich in den altgewohnten Geleisen bewegten: Vorschieben der be- 
festigten Linien nach Süden, Gründung neuer Niederlassungen. 
Auf dem linken Ufer wurde zum Schutze gegen die Baschkiren 
durch 15 000 Arbeiter eine 222 Werst lange befestigte Linie ange- 
legt (1732), welche sich längs der Ssamara nach Alexejewsk, und 
dann nordostwärts über Sergijewsk nach Kutschujewsk, dem End- 
punkte der Tscheremschan-Linie zog. Zur Besiedlung des durch 
die neue Linie eingeschlossenen und gesicherten Gebietes wurden 
ausgediente Soldaten und Ansiedler aus den älteren Wolgagebieten 
herangezogen, und vier neugebildete Regimenter übernahmen ihren 
Schutz. Schon vier Jahre später wurde diese Linie noch weiter 
nach Süden vorgeschoben, gleichzeitig hinter derselben die Stadt Staw- 




— 107 — . 

ropol gegründet und in ihrer Nähe den getauften Kalnayken, welche 
von ihren Stammesgenossen hart bedrängt wurden, Wohnsitze an- 
gewiesen. Auf dem rechten Ufer hatte man schon 1731 durch 
die Zusage von Unterstützungen, Geld und Getreide Ansiedler an 
die Zarizynsche Linie heranzuziehen versucht, jedoch ohne nam- 
haften Erfolg, worauf über 1000 Familien donscher Kasaken dort- 
hin verpflanzt wurden. Man bildete aus ihnen ein neues Kasaken- 
heer, die Wolga-Kasaken , welche verpflichtet waren, für die 
Sicherheit des untern Wolgagebietes zu sorgen und die dort 
herumstreifenden Räuberscharen zu bekämpfen. Hauptort dieser 
neuen Militärgrenze, deren Bevölkerung sich rasch vermehrte, war 
Dubowka an der Wolga. 

Durch alle diese Mafsregeln wurde den räuberischen Nomaden- 
völkern an der russischen Grenze immer mehr die Möglichkeit 
entzogen, Einfalle in das besiedelte. Gebiet zu unternehmen, doch 
gegen die Räuberseharen innerhalb der Grenzen erwiesen sich alle 
festen Plätze als ungenügender Schutz. Das Erlöschen des neuen 
Herrscherhauses in der männlichen Linie lieferte wie s. Z. das 
Aussterben des Rurikschen Mannesstammes unruhigen Köpfen will- 
kommene Gelegenheit zur Aufwiegelung der unwissenden Volks- 
massen. Das untere Wolgagebiet glich einem brodelnden Hexen- 
kessel, in welchem allerlei Unheil für Russland enthalten war, das 
sich bereits von Zeit zu Zeit in mehr oder minder starken 
Zuckungen bemerkbar machte, bis endlich unter Katharina II. 
der verheerende grosse Ausbruch erfolgte. 

Die Bauernfrage spielte damals in Russland eine wichtige 
RoUe. Die Fesselung der Bauern an die Scholle durch Boris 
Godunow war die Veranlassung geworden, dass Tausende dem 
Zwange durch die Flucht sich zu entziehen suchten. Es nützte 
nichts, dass man die Grenzen durch Soldaten besetzen Hess und 
Flüchtigen, welche beim Überschreiten der Grenze erwischt wurden, 
mit der Knute drohte. Die Knute erwartete sie auch, wenn sie 
zurückkehrten, folglich vermochte diese Drohung sie nicht abzu- 
schrecken. Ebenso vergeblich blieben alle Bemühungen, die Ent- 
flohenen durch Versprechungen zur Heimkehr zu bewegen. Eine 



— 108 — 



U' 



Reihe von Manifesten sicherte ihnen Straflosigkeit zu , man ver- 
sprach ihnen schliesslich die Überlassung von Land zur Ansiedlung 
und für die ersten sechs Jahre Befreiung von allen Steuern und 
sonstigen Leistungen, aber der Erfolg blieb ein geringer. ^^') Tausende 
flohen nach wie vor alljährlich über die Grenze, und aus dem ein- 
zigen Gouvernement Ssmolensk sollen mehr als 50 000 Männer und 
Frauen in Polen eine Zuflucht gefunden haben. Die Lage der in 
Russland verbliebenen Bauern wurde dadurch von Jahr zu Jahr 
eine drückendere, da diese nun auch die Kopfsteuer für die ent- 
flohenen zu entrichten hatten, und das Unvermögen, den gesteigerten 
Anforderungen zu genügen, trieb immer wieder zu dem Ver- 
zweiflungsschritt, durch die Flucht über die Grenze sich den Be- 
drückungen zu entziehen. 

Neben dem Auswandererstrom, der sich über die westlichen 
Grenzen ergoss, ging aber auch noch ein fast ebenso starker nach 
Osten , teils nach Neurussland , teils in das untere Wolgagebiet, 
teils über den Ural nach Sibirien. In den Bergwerken und Fabriken 
im Ural wimmelte es von Flüchtlingen aus dem Innern des Reiches, 
und die Regierung sah sich ausser stände, dem Unwesen zu steuern. 
All die Tausende wieder ihren Herren zuzuführen, war unmöglich. 
Hatte doch einzelne der Drang nach Verbesserung ihrer Lage bis 
nach Kamtschatka getrieben I Überdies glichen diese Flüchtlinge 
den Schaden, welchen sie durch das Verlassen ilirer Wohnsitze 
verursachten , zum Teil dadurch wieder aus , dass sie in den öst- 
lichen Grenzgebieten inmitten der Fremdvölker die russische Ein- 
wanderung verstärkten und zur Russifizierung der neuen Er- 
w^erbungen beitrugen. Dementsprecheed bildete sich diesen Flücht- 
lingen gegenüber allmählich ein ziemlich mildes Verfahren aus. 
Man suchte zwar auch den Flüchtlingsstrom einzudämmen, indem 
man z. B. den Kasakenheeren verbot, Flüchtlinge aufzunehmen 
(1765), aber man liess jene, die in Astrachan, im Orenburger 
Kreis, an den oberen Zuflüssen der Kama sich niedergelassen 
hatten, in ihren neuen Wohnsitzen. Die zum Kriegsdienst taug- 
lichen, unter 40 Jahre alten Männer wurden unter die Soldaten 
gesteckt und ihren früheren Herren bei der Zahl der von ihnen 



— 109 — 

zu stellenden Rekruten in Anrechnung gebracht; für die Frauen 
und die männlichen Flüchtlinge im Alter von unter 15 und über 
40 Jahren sollte den Gutsbesitzern dieselbe Entschädigung gezahlt 
werden, die sie auf Grund des Ukases vom 13. Dezember 1760 
für Bauern erhielten, welche sie zur Ansiedlung in Sibirien be- 
stimmten. Kleinen Gutsbesitzern sollte auch für männliche Flücht- 
linge im Alter von 15 bis 40 Jahren eine Entschädigung gezahlt 
werden, welche ein Ukas vom 31. Dezember 1765 auf 60 Rubel 
für den Kopf festsetzte. 

Unter den zurückgebliebenen Leibeigenen gährte es indessen ' 
fort, und an vielen Orten kam der Hass gegen ihre Bedrücker zum 
Ausbruch. Wiederholt wurden Gutsbesitzer von ihren Leibeigenen 
erschlagen, und einzelne Fälle dieser Art, wie die Ermordung des 
Generals N. Leontjew (1769), erregten ungeheueres Aufsehen. An 
einzelnen Orten kam es sogar zum offenen Aufstand, der durch 
WaiBfengewalt unterdrückt werden muaste. Nach dem Regierungs- 
antritt Peters III. hatte sich unter den Leibeigenen das Gerücht 
verbreitet, dass der Zar ihre Befreiung beabsichtige. Als die 
Grundlosigkeit dieses Gerüchtes sich herausstellte, kam es im 
Kreise Twer zu einem Bauernaufstand, zu dessen Unterdrückung 
ein Kürassierregiment nebst 400 Mann Infanterie und 4 Geschützen 
ausgesandt werden musste. Die Soldaten stiessen auf erbitterten 
Widerstand, und das Beispiel der Aufständischen wirkte ansteckend 
auf die Leibeigenen in anderen Kreisen, in denen ebenfalls Aul- 
stände ausbrachen. Nach Tausenden zählende Bauernhaufen em- 
pfingen die gegen sie ausgesandten Soldaten mit einem Steinhagel, 
und es floss viel Blut, bevor die Ruhe wieder hergestellt war. 
Im Juli 1763 erschien der Ukas, welcher verordnete, dass künftig- 
hin nicht die Gutsbesitzer, sondern die aufständischen Leibeigenen 
alle Kosten zu tragen hätten, welche durch die zu ihrer Beruhigung 
nötig gewordenen Massregeln verursacht worden. Da man wusste, 
dass Geldstrafen für die Bauern die empfindlichsten waren, hoffte 
man dadurch ihre Aufstandsgelüste zu unterdrücken, aber der Er- 
folg entsprach den Erwartungen nicht. Als Katharina IL im Jahre 
1767 die Wolga hinabfuhr, konnte sie sich durch eigenen Augen- 



-k '-^vp^i 



— 110 — 

schein überzeugen, wie es unter der Bauembevölkerung gährte. 
Leibeigene überreichten ihr eine Bittschrift, in der sie sich über 
Bedrückungen seitens ihres Herrn beschwerten, und als sie aufge- 
fordert wurden, sich ruhig ihrem Herrn zu fiigen, weigerten sie 
sich. Ein Infanterieregiment wurde gegen sie ausgesandt, 130 
Bauern wurden ins Gefängnis abgeführt, viele zu Knuten- und 
Rutenhieben verurteilt. Trotzdem brachen in den Jahren 1767 
und 1 768 neue Bauernunruhen an der Wolga aus, welche diesmal 
einen ernstem Verlauf nahmen als alle früheren. Im Kreise Ssim- 
birsk empörten sich die Bauern des Gutsbesitzers Ismailow und 
der Frau Krotkowa, und als Soldaten gegen sie anrückten, stürzten 
sich Männer und Frauen wütend auf dieselben und trieben sie in 
die Flucht. Als darauf eine grössere Truppenmacht aufgeboten 
wurde, unterwarfen sich die Bauern ohne Widerstand. Auf Ver- 
langen der Frau Krotkowa wurden 12 der Haupträdelsführer mit 
der Knute, 50 mit Ruten gezüchtigt. ^^) 

Mit dem Jahre 1770 tritt endlich Ruhe ein. Während der 
nächsten drei Jahre hört man in ganz Russland nichts mehr von 
Bauernaufständen. Es ist jedoch die Ruhe vor dem Sturm. Die 
Luft ist mit Zündstoff gesättigt, und es bedarf nur eines Funkens, 
um eine furchtbare Entladung hervorzurufen. Der zündende Funke 
lässt nicht lange auf sich warten. 

Die Kasaken am Jaik, dem jetzigen üralfluss, gehörten seit 
jeher zu den unruhigsten, die ungebundenste Freiheit liebenden 
Bevölkerungsschichten des russischen Reiches, und trotz der strengen 
Zucht, in der sie seit Peter dem Grossen gehalten wurden, brachen 
um die Mitte des 18. Jahrhunderts am Jaik wiederholt Unruhen 
aus. Der letzte Aufstand im Jahre 1771 hatte zur Folge, dass die 
Stelle eines Atamans, deren Besetzung bereits Peter der Grosse 
sich vorbehalten hatte, aufgehoben und seine Gewalt dem kaiser- 
lichen Befehlshaber am Jaik übertragen wurde. Murrend fügten 
die Kasaken sich der Gewalt, und harrten des günstigen Augen- 
blicks zum Losschlagen. Ein unternehmender Mann, der sich an 
ihre Spitze stellte, fand sie sicher bereit, den Kampf um die Frei- 
heit zu wagen, und ein solcher Mann fand sich in dem flüchtigen 



— 111 — 

'fisaken Jemeljan Pugafachew, Zu Zwangsarbeit in 
rteilt, entfloh er vor der Abfiitrung in die Verbannung 
einem für ihn ungemein günstigen Augenblick zu den 
Jttik. Dort suchten einige Unruhstifter eine allge- 
inderung auf türkisches Gebiet zu bewirken, ein Plan, 
schon Pugatachew unter allerlei falschen Vorspiege- 
inger geworben und deshalb verhaftet und als Auf- 
wiegler verurteilt worden war. Die grosse Menge war jedoch nicht 
geneigt , ihre bisherigen Wohnsitze zu verlassen , und daher ge- 
wann der Vorschlag eines neuen Aufetandes die Oberhand, Um 
demselben den Erfolg zu sichern, sollte diesmal das ganze Mosko- 
witerreich in Verwirrung gebracht werden. Man wusste am Jaik, 
wie leicht es in der letzten Zeit allerlei verwegenen Leuten ge- 
worden war, am Don und in der Ukraine durch das Vorgeben, 
Kaiser Peter IIL sei noch am Leben. Aufstände zu erregen. Das 
Misslingen aller dieser Aufstande schreckte die Kasaken nicht ab; 
sie waren vielmehr überzeugt, dass ein solches Unternehmen gerade 
inmitten der unwissenden, rohen Bevölkerung an der Südostgrenze 
des Reiches grosse Aussicht auf Erfolg habe, wenn für die Rolle 
des vermeintlichen Peter ein entschlossener, kühner Mann gefunden 
werde, der im Lande wenig bekannt und dessen Entlarvung daher 
nicht so leicht zu befürchten sei. Ihre Wahl fiel auf Pugatschew, 
und der entflohene Sträfling nahm ihr Anerbieten an. 

Am 18. September 1773 begann der Aufstand, der mit un- 
glaublicher Schnelligkeit sich über riesige Strecken verbreiten sollte. 
Mit etwa 300 Mann erschien Pugatschew in der Niibe des Städt- 
chens Jaizt, und eine gegen ihn ausgesandte Kasaken ab teil ung ging 
zn ihm über. Einen Angriff auf Jaizk wagte er noch nicht, 
sondern wandte sich gegen Ilezk, wo er mit offeneu Armen auf- 
genommen wurde, und bemächtigte sich am 24. September der 
, Festung' Rasfsipnaja. Die Kasaken am Jaik waren grossenteila 
altgläubig, ebenso wie Pugatschew, und das von dessen Anhängern 
verbreitete Gerücht , man wolle sie zwingen , ihre Barte abzu- 
schneiden, hatte Glauben gefunden. Der vermeintliche Kaiser, der 
ihnen Glaubens- und Bartireiheit zusicherte, den Gehorsamen grosse 



— 112 — 

Belohnung, den Ungehorsamen strenge Strafen in Aussicht stellte, 
war ihr Mann. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Kunde von 
seinem Erscheinen, .und der Schrecken ging vor ihm her. Wer 
ihm Widerstand leistete, hatte als Empörer gegen seinen Zar auf 
keine Gnade zu hoffen, er endete am Galgen. Die von Pugat- 
schew durch Geschenke gewonnenen Baschkiren beunruhigten die 
russischen Niederlassungen, unter den Kalmyken, Mordwinen, Tschu- 
waschen, Tscheremissen machte sich eine bedenkliche Gährung be- 
merkbar. Am 2. November erschien Pugatschew mit 25 000 Mann 
vor den Mauern von Orenburg und begann die Stadt zu belagern. 
Der von Petersburg hergesandte General Karr unterschätzte den Auf- 
stand, glaubte mit einer Handvoll Soldaten Orenburg entsetzen 
zu können, und erkannte zu spät mit Schrecken den wahren Sach- 
verhalt. Unter grossen Verlusten musste er sich zurückziehen, 
17 Werst weit von den Aufständischen verfolgt. 

Während die Besatzung Orenburgs nur mit Mühe sich der 
Angriffe Pugatschews erwehrte, der Mangel an Lebensmitteln in 
der Stadt immer drückender wurde, breitete sich der Aufstand be- 
reits über das Wolgagebiet aus. Eine 10000 Mann starke Ab- 
teilung der Horden Pugatschews erschien Ende November vor Ufa, 
wagte jedoch keinen Angriff, da der dortige Befehlshaber Masso- 
jedow, von der Einwohnerschaft unterstützt, rechtzeitig Anstalten 
zu entschlossenem Widerstand traf, trotzdem die Stadt nicht so gut 
befestigt war wie Orenburg. Dagegen wurde die ganze, meist von 
Baschkiren bewohnte Umgegend aufgewiegelt, und Streifscharen 
drangen bis in die Nähe von Kasan vor, wo der Schrecken so 
gross war, dass nicht blos ein grosser Teil der reiclieren Ein- 
wohner, sondern auch der Gouverneur und die Beamten sich nach 
den westlichen Gouvernements flüchteten. 

Die Kaiserin beauftragte nun den General Bibikow, der durch 
glänzende Thaten in Polen sich rasch einen Namen gemacht hatte, 
mit der Unterdrückung des Aufstandes. Sein Erscheinen in Kasan 
stellte das erschütterte Vertrauen wieder her, und die bisherige 
Verzagtheit wich der Begeisterung für die Sache der Kaiserin. 
Die Stadt Kasan rüstete auf eigene Kosten eine Eskadron Husaren 



aus, der Adel des äoavememenU erklärte sich bereit, von 200 
Seelen einen Rekruten zu stellen, und der Adel von Ssimbirak, 
Swijashsk und Pensa folgte seinem Beispiel. Von allen Seiten 
strömten Yerstärkungen beibei, und Bibikow war bald imstande, 
auf der ganzen Linie mit genügender Macht vorzurücken. Die 
Aufständischen hatten indessen bereits einerseits Ssamara besetzt, 
andererseits bedrohten sie Katarinenburg. . Zunächst wurden sie 
ausSsamaraTertrieben, und Generalmajor Mansurow, der den rechten 
Flügel des russischen Heeres befehligte, sandte eine Abteilung 
über Stawropol in das Gebiet der Kalmyken, welche bei ihrer An- 
näherung sich zerstreuten. Generalmajor Larionow entsetzte Ufa, 
und eine andere Abteilung säuberte die Ufer des Irgis und zwang 
die Momaden zwischen Wolga und Jaik zur Unterwerfung, Die 
vereinigten Abteilungen Mansurows und des Fürsten Qalizin rückten 
unaufhaltsam auf Orenburg los, schlugen Pugatschewe Scharen 
unter den Mauern der Stadt, und Pugatschew verdankte es nur 
der feigen Unentschlossenheit Beinsdorpa, des Gouverneurs von 
Astrachan, dass er nicht gefangen genommen wurde, da einige 
seiner Leute ihn ausliefern wollten , um sich dadurch Verzeihung 
zu erkaufen. 

Der Aufstand schien dem Erlöschen nahe zu sein, als er 
plötzlich an anderer Stelle mit erneuter Heftigkeit ausbrach. 
Bibikow, dessen ohnehin schon geschwächte Gesundheit durch die 
Strapatzen und Aufregungen der letzten Zeit vollends untergraben 
worden, starb am 9, April, und sein Nachfolger im Oberbefehl, 
Fürst Schtscherbatow, versäumte es, den geschlagenen Feind nach- 
drücklich zu verfolgen und ihn zu vernichten. Pugatschew fand 
Zeit, die Zersprengten wieder zu sammeln, und zog sich in den 
Ural hinein, wo er sich der Bergwerke und Hütten bemächtigte, 
Kanonen giessen Hess und dann, verstärkt durch Baschkiren, Kal- 
myken und Tataren, die Kama abwärts zog. Am 18. Juni wurde 
die Stadt Ossa (sprich Assä) erstürmt und verbrannt; drei Tage 
später ergab sich auch die Festung. Pugatschew ging nun auf 
das linke Kama-Ufer über, verbrannte Ishewsk und Wotkinsk, wo 

die Arbeiter der dortigen grossen Branntweinbrennereien sein Heer 
Eoskosohnjr, Die Wolga, 8 



^r- 




* »\ 



— 114 — 

verstärken mussten, und wandte sich dann gegen Kasan. Die Stadt 
hatte nur etwa 600 Mann Besatzung, und obwohl man schleunigst 
einige tausend Mann bewaffnete, war doch an eine erfolgreiche 
Verteidigung nicht zu denken. Mit geringen Opfern bemächtigte 
sich Pugatschew am 12. Juli der Vorstädte und der Stadt, welche 
geplündert und in Brand gesteckt wurden. Vpn 2867 Häuser 
sanken 2057 in Asche, mit ihnen 25 Kirchen und 3 Klöster, Der 
Kreml, in den sich die Besatzug mit den Einwohnern zurück- 
gezogen hatte, entging nur dadurch dem gleichen Schicksal, dass 
gegen Abend der Wind umschlug und die Flammen von den 
hölzernen Kremlmauern forttrieb. „Die Nacht brach an, eine 
schreckliche Nacht für die Einwohner! Das in einen Kohlenhaufen 
verwandelte Kasan rauchte und glühte im Nebel. Niemand schlos» 
ein Auge. In der Morgendämmerung eilten die Einwohner auf die 
Festungsmauem und wandten ihre Blicke nach der Richtung, von 
der sie einen neuen Angriff erwarteten. Doch statt der Scharen 
Pugatschews erblickten sie staunend die Husaren Michelsons, die 
mit einem von ihm an den Gouverneur abgesandten Offizier in die 
Stadt sprengten." ^^) 

Michelson, der Pugatschew nach seiner Niederlage vor Oren- 
bürg verfolgt hatte, war durch Mangel an Schiessbedarf und Lebens- 
mitteln gezwungen gewesen, die Verfolgung einzustellen und sich 
nach Ufa zurückzuziehen. Nachdem er erfahren, dass Ossa von 
den Aufständischen eingenommen worden, rückte er rasch an die 
Kama vor, führte sein Fussvolk auf Flössen ans andere Ufer, 
während die Reiterei den Fluss durchschwamm, und zog dann in 
Eilmärschen Kasan zu Hilfe. Er kam zu spät, um die Ein- 
äscherung der Stadt zu verhindern, aber er rettete den Kreml. 
Pugatschew, von seinem Nahen durch Flüchtlinge benachrichtigt, 
hatte sich flussabwärts zurückgezogen, wurde jedoch eingeholt, 
sofort angegriffen und nach fünfstündigem hartnäckigem Kampfe 
unter grossen Verlusten in die Flucht geschlagen. Nachdem er 
auf dem Schlachtfelde übernachtet, rückte Michelson gegen Kasan 
vor, aber Pugatschew, der indessen über die geringe Zahl seiner 
Gegner genau unterrichtet worden, sammelte seine Scharen wieder 



4 I 

•J 



— 115 - 

und eilte ihm nach, um seine Vereinigung mit der Besatzung 
Kasans zu verhindern. Michelson gelang es aber, den Gouverneur 
von Kasan durch seine Husaren von seiner Lage in Kenntnis zu 
setzen, und vereint mit ihm schlug er den neuen Angriff ab. 
Pugatschew zog sich, von den ermüdeten Siegern nicht verfolgt, 
über die Kasanka zurück, griff aber schon am 15. Juli mit frischen 
Streitkräften Michelson zum dritten mal an. Der Kampf war 
kurz, aber entscheidend. Fünftausend Aufständische und neun Ge- 
schütze fielen in die Hände der Sieger, die Leichen der Erschlagenen 
stauten die Kasanka. 

Von wenigen Anhängern begleitet, irrte Pugatschew zwei 
Tage lang in den Wäldern herum, zog jedoch allmählich die Ver- 
sprengten an sich und ging am 18. Juli mit etwa 500 Mann auf 
das rechte Wolgaufer über. Nochmals schien ihm das Glück zu 
lächeln. Die unterdrückten Leibeigenen , die widerwillig das 
russische Joch tragenden Fremdvölker glaubten, die Stunde ihrer 
Befreiung habe geschlagen. Pugatschew versprach den Leibeigenen 
Freiheit , Vernichtung des Adels , Nachlass aller Abgaben und 
Pflichten und unentgeltliche Verteilung von Salz. Solche Ver- 
sprechungen brachten allenthalben das Bauernvolk zum Aufstand, 
und während es über seine Herren herfiel und sie gebunden in 
Pugatschews Lager ablieferte, wüteten die erst vor kurzem zum 
Christentum bekehrten Fremdvölker gegen ihre russischen Geist- 
Uchen und erschlugen alle, deren sie habhaft wurden. Nach einer 
grossen Branntweinbrennerei im Kreise Alatyr (Gouv. Ssimbirsk) 
hatten sich eine Menge Gutsbesitzer aus der Umgebung geflüclitet, 
da sie sich dort unter dem Schutze der Beamten und einer zahl- 
reichen Arbeiterhevölkerung sicher wähnten. Die Fabrik wurde 
von einer der Scharen Pugatschews erstürmt und mehr als 200 
Menschen, darunter etwa 130 Gutsbesitzer, niedergemacht.^'^) In 
Ssaransk wurden bald darauf auf Pugatschews Befehl 300 Edel- 
leute gehängt. 90) Sie waren überall vogelfrei; vergebens verbargen 
viele sich in den Wäldern — herumstreifende Bauernscharen ent- 
deckten ihr Versteck und schleppten sie vor Pugatschew. -^^ 

Man hat die wichtige Rolle zu bestreiten versucht, welche der 

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— 116 — 



Hass der Bauern gegen ihre Herren in dem Aufstande spielte, •^^) 
und doch liegt dieselbe klar zu Tage. Daran ändert der Umstand 
nichts, dass zuweilen Bauern für ihre Herren um Gnade baten, 
denn dies geschah nur bei solchen Herren, welche ihre Leib- 
eigenen gut behandelt hatten. 0^) Jene, die sie misshandelt hatten," 
büssten schwer für ihre Unmenschlichkeit. So wurde z. B. die 
Frau eines Beamten, welche ihren Leuten nie Salz zu den Speisen 
geben wollte, von denselben mit Ruten gepeitscht und die bluten- 
den Körperstellen mit Salz eingerieben un1)er dem höhnischen 
Zuruf: „Salze! Salze!** Einer Gutsbesitzerin, welche das Kind ihrer 
Amme umgebracht hatte, damit das Herrenkind die Milch nicht 
mit solcher Brut teilen müsse, schnitt man den Leib auf und legte 
ihr Kind hinein. 

Angesichts solcher Vorgänge ergriflf auch die Bevölkerung 
Moskaus Entsetzen, als es hiess, Pugatschew ziehe gegen Moskau. 
Nachdem er Zywilsk zerstört, hatte er seine Scharen geteilt, eine 
Abteilung auf der Strasse nach Nishnij Nowgorod, die andere 
gegen Arsamass vorgesandt Sein Ziel war in der That Moskau, 
wo eine Menge geheimer Anhänger sehnsuchtsvoll seinem Er- 
scheinen entgegensah. Man war überzeugt, berichtet ein Zeit- 
genosse, dass jeden Augenblick in der Stadt selbst die Flamme 
-des Aufruhrs ausbrechen könne. 

Die Kaiserin hatte die Nachricht von der Zerstörung Kasans 
tief erschüttert. Sie wollte nun selbst den Oberbefehl über- 
nehmen und gegen Pugatschew ins Feld ziehep, und nur mit Mühe 
brachte man sie von diesem Vorhaben ab. Der Sieger von Bender, 
Graf Peter Iwanowitsch Panin , wurde nun mit der Leitung der 
Verteidigung gegen Pugatschew beauftragt, aber der unermüdliche 
Michelson kam ihm zuvor. Bei Arsamass versperrte. er den Auf- 
ständischen den Weg, und von Süden und Osten rückten Schtscher- 
batow, Galizin, Mansurow heran. Pugatschew suchte sich so rasch 
als möglich der ihm drohenden Einschliessung zu entziehen. Die 
Begeisterung, mit welcher die Tschuwaschen an der Ssura und die 
Leibeigenen ihn aufnahmen, diente ihm nur zur Deckung seines 
Rückzuges, zur Ablenkung der Verfolger. Nach allen Richtungen 



- 117 - 

ne Sendboten, die Leibeigenen zu den Waffen rufend, 
reiften kleine Scliaren Aufständiacber umber, aber während 
man itin bald bei dieser, bald bei iener vermutete, eilte er rastlos 
nach Bilden, der persischen Grenze zu. Über Ssaransk, wo er 300 
Edellente aufbängen liess, über Pensa, wo alle Häuser der ge- 
flohenen Edelleute geplQndert wurden, kam er am 6. August nach 
Saaratow. Sein Gefolge war auf dem Zuge Wolga abwärts wieder 
mächtig angewachsen. Ausser 300 Kosaken vom Jaik und 150 
vom Don gebot er Ober 10 000 Leibeigene, Baschkiren, Kalmyken 
und Tataren, aber nur etwa 2000 waren mehr oder minder gut 
bewaffnet, der Rest fi\brte blos Beile, Heugabeln oder Knittel. 
Geschütze waren trotzdem nOch dreizehn vorhanden. Der Befehls- 
haber von Ssaratow, Boschnjak, wollte die Stadt verteidigen, aber 
die Bürgerschaft liess eich insgeheim in Verhandlungen mit Pugat- 
Bchew ein, auch unter der Mannschaft gährte es, und ein grosser 
Teil derselben ging zu Pugatschew Ober. Boschnjak wollte sich 
mit einem Bataillon durchsclilagen, und obwohl im entscheidenden 
Augenblick Major Ssalmanow mit dem halben Bataillon zum Feinde 
Obei^;iug, nahm er mit etwa 60 Offizieren und Soldaten doch den 
Kampf auf. Diese Handvoll Menschen bahnte sich durch die 
Tausende von Aufständischen einen Weg, und es gelang ihr, auf 
der Wolga nach Zarizyn zu entkommen. In Ssaratow hausten in- 
dessen die Aufständischen in gewohnter Weise: die Stadt wurde 
geplündert, alle Edelleute, deren man habhaft werden konnte, 
aufgehängt und ihre Leichen auf Pugatschews Befehl unbeerdigt 
gelassen. 

Die Verfolger waren Pugatschew dicht auf den Fersen; am 
9. August hatte er die Stadt verlassen, nnd am 11. rückten schon 
die ersten kaiserlichen Truppen in dieselbe ein. Während sie 
Pugatschew verfolgten, umwogte sie der Aufstand von allen 
Seiten. Grössere oder kleinere Scharen tauchten an ihren Seiten 
oder in ihrem RUcken auf, verheerten mit Mord und Brand die 
Gouvernements Ssaratow, Woronesch, Pensa, Ssimbirsk, Nishnij 
Nowgorod. Überall sanken die Edelsitze in Asche, die Häupter 
erschl^ener Herren oder ihrer Gutsverwalter erhoben sich auf 



— 118 — 

Stangen gespiesst inmitten der Trümmer. Die Leibeigenen rächten 
sich blutig für alles, was sie erduldet hatten. 

Nachdem Pugatschew Dubowka eingenommen, rückte- er vor 
Zarizyn. Dort befehligte Oberst Zypletew, und bei ihm befand 
sich der tapfere Boschnjak. Zweimal versuchte Pugatschew ver- 
gebens, die Stadt durch Sturm zu nehmen. Da er benachrichtigt 
wurde, dass sein hartnäckiger Verfolger Michelson bereits in Dubowka 
eingetroffen sei, floh er eiligst weiter nach Süden, aber 105 Werst 
unterhalb Zarizyn wurde er eingeholt, seine Scharen nach kurzem 
Kampf auseinandergesprengt. Gegen 4000 wurden erschlagen, 
7000 gefangen genommen. Pugatschew wurde von dem Strom 
mit fortgerissen und erreichte nur mit dreissig Kasaken auf einigen 
Kähnen das linke Ufer. Da verliessen ihn seine letzten Anhänger. 
Um sich selbst zu retten, bemächtigten sie sicli seiner und brachten 
ihn gebunden nach Jaizk. 

Die ferneren Schicksale des verwegenen Empörers gehören 
nicht in den Rahmen dieser Schilderungen. Xoch lange nach seiner 
Hinrichtung vermochte das Niederland der Wolga nicht zur Ruhe 
zu kommen. Viel von dem Gesindel, das seinen Anhang gebildet 
hatte, streifte noch im Lande herum und schürte die Unzufrieden- 
heit mit der Regierung und den Hass gegen die besitzenden 
Klassen. Man ging daher gegen solches Volk mit grosser Strenge 
vor. Überall fanden Hinrichtungen statt. Grosse Flösse, auf 
denen Galgen mit daran hängenden Leichen Hingerichteter standen, 
Hess man die Wolga hinabschwimmen, allem unruhigen Gesindel 
zur Warnung, und um ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass 
Gesetz und Ordnung wieder im Wolgagebiet zur Geltung gelangt 
waren. Für die Wiederherstellung derselben sorgten Panin imd 
der erst nach Beendigung des Aufslandes eingetroffene Held des 
Türkenkrieges, Ssuwörow, die beide noch ein volles Jahr im Wolga- 
gebiet verweilten. ^^) 

Allmählich erstanden die eingeäscherten Städte und Dörfer 
wieder aus den Trümmern, aber die Spuren der ^Pugatschew- 
schtschina," wie in Russland dieser Aufstand genannt wird, ver- 
schwanden nicht so schnell als die Kaiserin, welche schon Ende 



— 119 — 

1775 eine allgemeiDe Amnestie erliess, ihn der Vergessenheit anheim 
zu geben wünachte. Fast alle Früchte der Bestrebungen zur Be- 
siedlung des Wolga-Niederlandes waren vernichtet. Da die russische 
Bevölkerung nicht stark genug war, um zur Besiedlung der grossen 
Landetrecken an der Wolga und in Sßdrussland eine genügende 
Auswanderung abgeben zu können, hatte die Kaiserin am 22, Juni 
1763 einen Aufruf erlassen , durch welchen sie Aasländer , Juden 
ausgenommen, einlud, sich in ihrem grossen Reiche niederzulassen. 
Alle möglichen Begünstigungen wurden den Einwanderern in Aus- 
sicht gestellt: kostenfreie Reise nach Eussland, unentgeltliche 
Überlassung von Ackerland, dreissigjährige Steuerfreiheit u. a. w. 
Die Ersten, welche der Einladung folgten, waren die in Polen 
lebenden Sektierer, die mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, in 
ihre Heimat zurückkehren zu können. Man wies ihnen Land am 
Flusse Irgis an, wo rasch die Dörfer Balakowo, Kamenka und 
Metechetnoje (das jetzige Nikolajewsk) entstanden. Wichtiger war 
die Einwanderung aus Westeuropa, die man an das rechte Wolga- 
ufer zwischen Ssaratow und Zarizyn leitete. Die Regierung traf 
keine Schuld, wenn diese Ansiedlungen nicht gediehen, denn mehr 
als sie für dieselben that , konnte man von ihr nicht verlangen. 
Jede Famihe der Einwanderer erhielt zu vollem Eigentum 15 De- 
esjatinen Ackerland, 5 Wiesen- und 5 Waldland, und 5 Dessjatinen 
zur Anlage der Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Gärten u. s. w., 
femer Saatgetreide und unverzinsliche Geldvorschüsse zum Ankauf 
von Ackergeräten und Vieh. Ausserdem übernahm die Regierung 
den Bau von Kirchen und die Besoldung der Pastoren. Alle diese 
Bedingungen waren so günstig, die Stellung, welche den fremden 
Ansiedlem gegenüber der einbeimischen Bauernschaft eingeräumt 
wurde, eine so bevorzugte, dass die Ausländer in Scharen herbei- 
strömten und im Jahre 1770 schon 102 Niederlassungen vor- 
handen waren. Alsbald zeigten sich aber auch eine Menge Übel- 
stände. Die Absicht der Kaiserin war, ausländische Bauern in ihr 
Reich zu ziehen und durch sie den Ackerbau zu heben. Statt 
dessen lockten ihre glänzenden Versprechungen eine Menge vaga- 
bundierendes Volk, entlaufene Verbrecher und Abenteurer aller 



— 120 — 

Art herbei, welche in tlussland angenehm leben, aber nicht ar- 
beiten wollten. Unter den Einwanderern befanden sich auch viele 
Handwerker, die von der Lapdwirtschaft nichts verstanden, zu der- 
selben weder Lust noch Eignung hatten, während andererseits 
nach ihrem Gewerbe gar keine Nachfrage war. Wer brauchte in 
den Wolgasteppen Buchbinder, Penückenmacher, Zuckerbäcker und 
ähnliche Leute? Sie alle gerieten in ihren neuen Wohnsitzen bald 
in Not und fielen der Regierung zur Last. Viele Millionen Rubel, 
von denen ein grosser Teil in die Taschen unredlicher Beamten 
floss, verschlang dieser Versuch, die Wolgaufer mit Ausländem zu 
bevölkern, und doch gediehen von der grossen Menge der Nieder- 
lassungen nur einige wenige, in denen die Ansiedler sich mit Eifer 
und Geschick dem Ackerbau zuwandten. Man sah schliesslich in 
Petersburg ein, dass man nicht den richtigen Weg eingeschlagen 
hatte, und lenkte noch bei Zeiten ein. unter dem Vorwand, dass 
man während des Krieges mit der Türkei und Polen mit der Ein- 
wanderungsfrage sich nicht beschäftigen könne^ stellte man die Unter- 
stützung der neuen Ankömmlinge ein, und die Einwanderung hatte 
ein Ende. Dann wurden die neuen Niederlassungen von all den 
Leuten gesäubert, die nicht imstande waren, dort ihren Lebens- 
unterhalt zu finden. Viele verpflanzte man nach Ssarepta, wo für 
jene, welche arbeiten wollten, kein Mangel an Beschäftigung war. 
Nach. Ausscheidung aller schlechten Bestandteile der Be- 
völkerung konnte man annehmen, dass nun die Niederlassungen 
sich besser entwickeln würden, doch kaum begann ein Umschwung 
zum Bessern einzutreten, so brauste der Pugatschewsche Sturm 
über das Wolgaland dahin, und sowohl während desselben als auch 
noch lange Zeit nach der Gefangennahme Pugatschews hatten die 
neuen Niederlassungen viel von den herumstreifenden Räuber- 
banden, unter denen sich besonders jene Sametajews hervorthat, 
zu leiden. Da hiess es, wohl auf der Hut sein, um nicht durch 
einen Überfall Überrascht zu werden. Auf dem Turm der Dorf- 
kir he hielt beständig ein Mann Wacht, der sofort ein Warnungs- 
zeichen gab, wenn er verdächtiges Volk in der Steppe bemerkte. 
Zur Feldarbeit zog man stets in grösseren bewaffneten Scharen 



— 121 — 

aus, und wälireiid ein Teil auf den Kurganen, von denen man 
die Steppe weithin ' abersehen konnte, Wache hielt, bestellte 
der andere die Felder. Unter so schwierigen Verbältnissen ent- 
wickelten sich diese meist Ton Deutschen bewohnten Ortschaften 
sehr langsam, und in den ersten Jahren waren die erzielten Er- 
folge so gering, dass sie nicht dazu verlocken konnten, neue Ein- 
wanderer heranzuziehen. 

Am besten von allen Niederlassungen gedieh gleich anfange 
jene, welche die Direktion der evangelischen Brüdergemeinde (der 
.Hermhuter') im Jahre 1765 am östlichen Abhang der Ergheni- 
berge onweit der Einmündung des FlUsschens Ssarpa in die Wolga 
gegründet hatte. Man Uberhess ihnen 4443 D^ssjatinen anbau- 
fähigen Bodens und 11377 Dessjatinen Salzgebiet, und im Jahre 
1770 trafen die ersten Ansiedler, 200 Seelen stark, in den für sie 
bereits vorbereiteten Wohnsitzen ein. Weitab von den anderen 
deutschen Niederlassungen, inmitten Öder Steppe gelegen, über- 
dauerte Ssarepta doch die drangvolle Zeit des untern Wolgalandes. 
Gleich im nächsten Jahre nach Ankunft der Kolonisten drohte 
diesen der Untergang. Die Kalmyken, welche, ohnehin schon mit 
der rus&isohen Regierung unzufrieden, durch ein GerDcht, man 
wolle sie zu ansässigem Leben zwingen , aufgeregt waren , hatten 
beschlossen, ihre Wohnsitze an der Wolga zu verlassen und nach 
China auszuwandern. Die auf dem linken Ufer ansässigen brachen 
im Januar 1771 mit ihren Herden auf und erreichten nach grossen 
Mühseligkeiten sehr zusammengeschmolzen die chinesische Grenze. 
Den auf dem rechten Ufer nomadisierenden wurde es nicht mög- 
lich, der Flucht ihrer Stammesgenossen sich anzuschliessen , weil 
die Wolga nicht gefroren war und es an Fahrzeugen fehlte, in 
denen sie das andere Ufer hatte erreichen können. Die Kegierung 
gewann Zeit, Massregeln zu treffen, und etwa 13000 Kibitken 
blieben in Russland. *'^y Die Regierung ergriff auch rechtzeitig 
Massregeln zum Schutz der deutschen Ansiedler, und die Absicht 
der Kalmyken, vor ihrem Abzüge Ssarepta zu zerstören, wurde 
vereitelt. Der Ansiedlung drohte aber auch in der Folgezeit be- 
ständig der Untei^ang. Vom linken Wolgaufer kamen Kirgisen 




S-T^J 



— 122 — 

herüber, um zu rauben, und auch die kaukasischen Tataren dehnten 
ihre Raubzüge bis Ssarepta aus. Die Hermhuterniederlassung 
musste sich in eine Festung verwandehi, um gegen so viele Feinde 
sich zu behaupten. Die Brüder umgaben sie mit Wall und 
Graben, sie erhielten von der Regierung 12 Geschütze und 20 
Soldaten, und waren nun gegen das Raubgesindel ziemlich ge- 
sichert. Nur dem Pugatschewschen Sturm war ihre kleine Festung 
nicht gewachsen: sie flohen bei der Annäherung des Feindes, und 
die Scharen Pugatschews hausten im Verein mit den benachbarten 
Kirgisen in der verlassenen Niederlassung derartig, dass die Brüder 
bei ihrer Rückkehr ausser den leeren Häusern von ihrer Habe 
nichts vorfanden. Was die Räuber nicht fortschleppen konnten, 
wurde zerbrochen, zertrümmert oder verdorben. Die Brüder liessen 
jedoch den Mut nicht sinken und begannen ihre Arbeit von Neuem, 
eifrig unterstützt nicht nur von der Regierung, die ihnen noch bis 
1816 Steuerfreiheit zugestand, sondern auch von den Brüder- 
gemeinden im Auslande, von denen sie 12 000 Rubel zugesandt er- 
hielten. Die Entdeckung einer Mineralquelle in der Nähe Ssarep- 
tas, auf den Ansiedlern gehörigem Boden, trug viel zum raschen 
Aufschwung des Ortes bei. Die Brüder gewannen aus der Quelle 
Magnesia und Klaubersalz, und bald lockte auch der Ruf ihrer 
Heilkraft Kranke von nah und fem herbei. Ein Vierteljahrhundert 
lang verdankten die Ansiedler der Quelle eine gute Einnahme, da 
schliesslich 300 Badegäste (im Jahre 1796) vorhanden waren, und 
als allmähhch der Badebesuch abnahm und 1801 ganz aufhörte, 
hatte die rastlose Thätigkeit der Brüder bereits so viele andere 
Einnahmequellen erschlossen , dass der Ausfall der Einnahmen von 
den Badegästen gar nicht empfunden wurde. Ackerbau und Vieh- 
zucht hatten von Anfang an — ersterer wegen der Trockenheit 
des Bodens, letztere wegen des schwierigen Wettbewerbes mit 
den Kalmyken — in der Ansiedlung nicht Eingang gefunden; man 
beschränkte sich auf den Anbau von Tabak und auf die Obst« 
baumzucht, und die stattlichen steinernen Häuser der Ansiedler 
waren bald von einem Ejranz von Obst- und Gemüsegärten um- 
geben. Die Hauptthätigkeit der Brüder bestand jedoch in der 




r^» -- -^- 



— 123 — 

Ausübung verschiedener Gewerbe, deren Erzeugnisse ihren Ruf 
durch ganz Russland verbreiteten, obenan ihre Gewebe und der 
von ihnen erzeugte Senf. Eine Menge Waren der verschiedensten 
Art, sämtlich Erzeugnisse der Brüder, lagerte in Ssarepta, von wo 
aus die ganze Wolganiederung mit denselben versorgt wurde. 
Während aber Ssarepta ein Mittelpunkt der Gewerbethätigkeit an 
der untern Wolga wurde, entwickelte es sich auch zum geistigen 
Mittelpunkt jener Gegenden , und Lehrer und Arzte aus Ssarepta 
sah man überall ebenso gern wie seine fleissigen und geschickten 
Handwerker. Von dem segensreichen Einfluss Ssareptas wird 
weiterhin noch ausführlich die Rede sein. 

Die Erfolge, die man in der Brüderniederlassung vor sich 
sah, mögen dazu beigetragen haben, dass Katharina II. ihren Lieb- 
lingsgedanken , Ausländer in ihr Reich zu ziehen, nach einigen 
Jahren wieder aufnahm. Die Erfahrungen, die man mit den ersten 
Einwanderern gemacht hatte, mahnten jedoch zur Vorsicht. Die 
russischen Vertreter im Auslande waren angewiesen, nicht mehr 
wie früher jedem, der sich bei ihnen als Auswanderungslustiger 
meldete, ne delaja doprossow (ohne weitere Befragung), und wahr- 
scheinlich auch passlosen Leuten Reisegeld auszuzahlen, sondern 
nur solche Leute nach Russland zu senden, welche über einiges 
Vermögen — mindestens 300 Gulden — in barem Gelde, in Waren 
oder Ackergeräten verfugten. Zugleich wurde zur Beaufsichtigung 
der Einwanderung in Petersburg ein besonderes Ministerium er- 
richtet, die sogenannte Vormundschaftskanzlei für Ausländer, welchem 
genügende Geldmittel zur Verfugung standen. Diese zweite Ein- 
wanderung brachte Russland brauchbarere Leute und dem Wolga- 
gebiet eine fleissige und ruhige Bevölkerung, die sich von Jahr 
zu Jahr durch frischen Zuzug vermehrte. Erst im Jahre 1820, 
als schon mehr als 30 000 Ausländer an der Wolga ansässig waren, 
erhielten die russischen Vertreter den Befehl, keine Einwanderer- 
pässe mehr auszustellen, und die von Katharina IL eingeleitete Ein- 
wanderung fand ihren Abschluss. 

Obwohl man nun gegen die Einwanderer nicht mehr so frei- 
gebig war wie in den sechziger Jahren, so wurden ihnen doch 



— 124 — 

ler noch sehr viele BegfinstigungeD zu teil. Die neuen Än- 
1er behielten ihre eigene Rechtspflege f<lr alle unter ihnen zu 
ichtenden Streitigkeiten , und ebenso wurde die Sicherheits- 
zei in ihrem Kreise ihnen Überlassen. Allen wurde volle Ge- 
lensfreiheit zugesichert. Schon die Kaiserin Anna hatte 1734 
1735 den Ausländem das Eecht zugestanden, Kirchen zu er- 
en und Geistliche bei denselben zu bestellen, und Katharina ü. 
snnte sich noch entschiedener zu dieser Anschauung. Nur Be- 
rungsversucbe unter' Rechtgläubigen waren untersagt, dagegen 
b es den Einwanderern unverwehrt, die FremdvSlker an der 
Iga zu ihrem Glauben zu bekehren- Wem es schliesslich in 
sland nicht gefiel und wer heimzukehren wünschte, der wurde 
Abzug nicht gehindert, doch er hatte dann laut einer Verord- 
g vom Jahre 1772 ein Abzug^eld im Verhältnis zu der in 
eland. verlebten Zeit zu zahlen. 

Unter so günstigen Verhältnissen musste die Thätigkeit der 
länder von Erfolg sein, umsomehr, da es nun endlich auch ge- 
jen war, im Wolgt^ebiet die Ruhe wieder herzustellen. Nach- 
1 im Jahre 1777 die unruhigen Wolga-Kasaken an die Ufer 
Terek Übergesiedelt waren und der Aufstandsversuch des in 
;at8chew8 Fusstapfen tretenden Kasaken Chanin durch dessen 
uigennahme (1780) ein Ende gefunden hatte, war fUr das 
Igagebiet auch die Zeit der Kriege und Aufstände zu Ende, 
es begann eine lange Zeit des Friedens, in welcher nur noch 
zeitweilig einen grossen Umfang annehmende Räuberunwesen 
der Wolga als einziger Hemmschuh der raschen Entwickelung 
Landes zurückblieb. 

Das Streben nach besserer Aufrechterhaltung der Ordnung 
-te auch zu einer neuen Einteilung des Landes. Im Jahre 
[) wurden drei neue Gouvernements errichtet: Ssimbirsk, Seara- 
und Ufa. Die Bevölkerung hatte sich damals schon so ver- 
irt, dass die Statthalterschaft Ssaratow, welche ausser dem 
igen Gouvernement Ssaratow mit Ausschluss des Kreises Zarizyn 
ti die südliche Hälfte des jetzigen Gouvernements Ssamara um- 
te, 640000 Seelen zählte. Zu Tausenden kamen imroer noch 



— 125 — 

r aus dem Innern Russlanda hierher, und der steigende 
cehr sowie die Ausbeutung der reichen Salzlager des 
lockten auch viele Kleinrussen herbei, welche als 
ruuiicuLc oei der Beförderung des Salzes an das Wolgaufer oder 
von Waren von der Wolga zum Don ihren Unterhalt fanden. Bei 
der neuen Einteilung des Landes wurden mehrere der neuen Städte 
zu Kreisstädten erhohen: Ssamara in der Statthalterschaft Saim- 
birak, Zarizyn in der Statthalterschaft Saaratow, Bis zum Sclüusae 
des Jahrhunderts wurde die Einteilung der an der Wolga liegenden 
Gouvernements noch wiederholt umgestaltet, so Astrachan 1789 
als Gebiet der kaukasischen Statthalterschaft zugewiesen, 1796 
wieder zum Gouvernement erhoben, ISOl endlich in dem jetzigen 
Umfange hergestellt, 1796 Ssaratow als Gouvernement aufgehoben 
und sein Gebiet zwischen den Gouvernements Pensa und Astra- 
chan geteilt, 1797 jedoch das Gouvernement Ssaratow wieder her- 
gesteUt.«») 

Katharina IL war auch eitrig darauf bedacht, für Verbreitung 
von Bildung unter der rasch anwachsenden Bevölkerung des Wolga- 
landes zu sorgen. In Kasan sollten laut einer Verordnung vom 
Jahre 1758 zwei Gymnasien bestehen, das eine fiir die Söhne von 
Edelleutea, das andere tür die übrigen Stande, es war aber nur 
eines ins Leben getreten, und dessen Erfolge waren sehr unbe- 
deutend. Dieses Gymnasium , das dritte , welches Russland er- 
hielt, wurde auf Kosten der Moskauer Universität erhalten, aber 
die Mittel, welche diese anwies, waren so gering, daas die Mehr- 
zahl der Studenten Not litt und durch betteln ihre Lage zu ver- 
bessern suchte. Später bewilligte die Universität für 20 der besten 
Schiller eine jährliche Unterstützung von je 6 Rubel, aber obwohl 
dies bei dem damaligen Werte des Geldes und der Billigkeit der 
Lebensmittel in friedlichen Zeiten keine geringe Unterstützung war, 
so genügte es doch nicht zur Zeit der grossen Teuerung des Jahres 
1760, als der Preis eines Tschötwert Mehl von 60 Kopeken auf 
2>/i Rubel stieg. Die Kaiserin zeigte grosse Teilnahme für das 
Gymnasium, als sie 1767 in Kasan weilte, aber der Not der 
Studenten half sie auch nicht ab. Sie richtete ihr Augenmerk 



t • 



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— 126 — 

hauptsächlich auf die theatralischen Vorstellungen, welche damals 
die studierende Jugend aufzuführen begonnen hatte, und beauf- 
tragte, den Gouverneur, besonders darauf zu sehen, nicht nur dass 
diese Vorstellungen fortgesetzt würden, sondern auch, dass die 
Bevölkerung der Stadt sich bei denselben als Zuschauer beteilige. 
Sie erwartete von dem Theater einen wohlthätigen Einfluss auf die 
Sitten des Volkes, aber den Easanem fehlte noch alles Verständnis 
für derartige Belustigungen. Von dem grossen Aufschwung welchen 
Wissenschaften und Künste unter der Regierung Katharinas IL, der 
Gründerin der Akademie der Wissenschaften, nahmen, blieben die 
Wolgastädte fast unberührt. Das Kasaner Gymnasium musste 
1788 wegen mangelnder Mittel -zu seiner Erhaltung geschlossen 
werden, und erst 1798 wurde es, diesmal auf vernünftigerer Grund- 
lage, wieder eröffnet. Ein Haupthindernis seines Aufschwungs war 
bisher die Abneigung des Adels gewesen, seine Kinder in einer 
Anstalt erziehen zu lassen, welche auch den Kindern anderer 
Stände offen stand. Dieser Abneigung trug man nun Rechnung, 
indem man der neuen Anstalt die Benennung „kaiserliche'* verlieh, 
und nun vermehrte sich allmählich die Zahl der Schüler. Auch 
der Lehrplan wurde umgestaltet und das Gymnasium in eine 
Militärschule verwandelt, in welcher Befestigungslehre, Taktik und 
andere militärische Wissenschaften vorgetragen wurden. 

sm 

Durchgreifende Änderungen brachte erst das 19. Jahrhundert. 
Im Jahre 1804 wurde in Verfolgung des Planes, Kasan zum 
geistigen Mittelpunkt des Wolgalandes zu machen, die Universität 
Kasan gegründet, und gleichzeitig wurde die kaiserliche Kriegs- 
schule wieder in ein Gymnasium umgestaltet, welches als Vor- 
schule der Universität dienen sollte. Die Bevölkerung verhielt 
sich i'edoch dieser wichtigen Schöpfung gegenüber noch lange 
ziemlich teilnahmslos, wie denn überhaupt auch heute noch in 
Kasan nicht im mindesten unter der Bevölkerung jener Einfluss zu 
spüren ist, welchen Universitäten im Westen auf die Bevölkerung 
ihrer Stadt auszuüben pflegen. Als der Gouverneur im Jahre 1828 
untei: der Kaufmannschaft eine Sa^nmlung veranstaltete, um zwei 
Schulen zu errichten, brachte man mit Mühe und Not in den 



"1 



— 127 — 

reiclisteD Kreisen der Stadt weuig über lOHO Rubel ^usanuuen, 
und selbst dieaer Betrag musste zwangsweise eingetrieben werden.^") 
Wichtigere Fortschritte hat in diesem Jahrhundert der Handel 
und in seinem Gefolge die Industrie zu verzeichnen. Auch Katba- 
rina II. hatte der unter Peter dem Grossen begonnenen neuen 
Kanalrerbindung der Wolga mit der Newa ihre Aufmerksamkeit 
zugewendet und 1787 mit grossem Gefolge den Kanal selbst be- 
sichtigt. Der von Michael Iwanowitsch Sserdjukow gebaute Kanal 
vrar nach seinem und seines Sohnes Tode unter der Verwaltung 
seines Enkels arg verwahrlost, weshalb man diesen 17t;4 von 
seiner Stelle entfernt hatte und verlässlichere Leute mit der Ver- 
waltung betraute, worauf die Klagen der Kaufleute aufhörten und 
der Verkehr in den Jahren 1765 bis 1775 auf diirachnittlich 3000 
Schiffe mit einer Ladung von 13 bis 15 Millionen Pud stieg. Nach 
ihrem Besuch wies die Kaiserin zum weifern Ausbau und zur In- 
standhaltung des Kanals den namhaften Betrag von 900000 Rubel 
an. Das Kanalnetz wurde immer mehr vervollkommnet, 1789 und 
1790 gegen 2000 kriegsgefangene Schweden bei den Kanalarbeiten 
verwendet, und infolgedessen stieg der Schiffsverkehr rasch. Im 
Jahre 1812 befuhren den Wvschnij Wolotschok-Kaual bereits über 
5700 Schiffe und über 400 Flösse, 1824 fuhren abwärts nach 
Petersbui^ gßgen 7915 beladene und 486 leere, zurück 353 be- 
ladene und 1853 leere Schiffe, und J828 war die Zahl derselben 
bereits auf 8841 beladene, 275 leere Schiffe und 1378 Flösse, be- 
ziehungsweise 280 beladene und 2231 leere Schiffe gestiegen. Der 
schon von Peter dem Grossen gehegte Plan, die Flüsse Tichwinka 
und Ssomina zu verbinden, wurde unter Kaiser Alexander wieder 
aufgenommen und in den Jahren 1802 bis 1814 das zweite grosse 
Kanalnetz der Wolga, das sogenannte Tichwinsche vollendet. Der 
Bau wurde mit solchem Eifer betrieben, dass schon 1811 gegen 
200 Fahrzeuge den Kanal benutzen konnten. Die letzten Schleusen, 
durch welche die Wasserstrasse ihre heutige Vollendung erhielt, 
wurden 1822 bis 1828 erbaut.- Auch hier stieg der Schiffsverkehr 
so rasch, dass man 1828 bereits 1815 beladene und 27ti leere 
Schiffe und 1448 Flösse zählte, welche nach Petersburg gingen. 



4F7 



— 128 — 

sowie 887 beladene und 665 leere, die von dort zuriickkamen. In 
den Anfang dieses Jahrhunderts fallt schliesslich auch die Er- 
Öffnung des dritten Kanalnetzes, welches seinen Ausgangspunkt bei 
Rybinsk hat. An der Mündung der Scheksna in die Wolga be- 
stand schon in alter Zeit eine Fischemiederlassung, deren als Ry- 
bansk oder Rybansko bereits im Jahre 1137, als Rybnaja Sslo- 
boda 1504 Erwähnung geschieht. Dieselbe hatte durch den 
Wolgahandel allmählich einen so grossen Aufschwung genommen, 
dass sie 1778 zur Stadt erhoben wurde. Nun wurde Rybinsk durch 
den neuen Kanal bald ein ebenso wichtiger Stapelplatz an der obern 
Wolga, wie Astrachan an der untern. Auch hier war die erste 
Anregung von Peter dem Grossen ausgegangen , der die Gegend 
selbst besichtigt hatte und mit Benutzung des Wassers der Kow- 
scha und Wytegra einen Kanal anlegen wollte. Unter Katha- 
rina IL wurde der Plan abermals in Erwägung gezogen, blieb aber 
der grossen Kosten wegen unausgeführt. Erst im Jahre 1799 
unter Kaiser Paul wurde der Kanalbau ernstlich in Angriff ge- 
nommen und diesmal auch, dank der freigebigen Unterstützung 
der Kaiserin Maria Feodorowna, durchgeführt. Die nach der 
Kaiserin Marienkanal benannte neue Wasserstrasse wurde 1808 
vollendet, nachdem schon 1802 die ersten Schiffe sie befahren 
hatten. 

Im Jahre 1797 hatte auch der Bau des sogenannten Sievers- 
Kanals begonnen, durch den das Wyschnij Wolotschok-Netz eine 
weitere Vervollkommnung erhielt, da nun die Fahrt über den bei 
heftigem Wind den schwerbeladenen Barken oft gefahrlichen 
Ilmen-See imigangen wurde. Als dieser (1805 vollendete) Kanal 
mit der Zeit zu verschlammen begann, wurde 1826 unter Koriz- 
kijs Leitung der Bau des Wyschera-Kanals unternommen, welcher 
in 10 Jahren mit einem Aufwand von 650 000 Rubeln vollendet war. 
Gh-osse Fortschritte brachte schliesslich das Jahr 1843, als der 
Minister der Wegeverbindungen Ghraf Kleinmichel den Sitz der 
Verwaltung des Wyschnij Wolotschok- Kanals nach Wischnij 
Wolotschok verlegte, dort grossartige Verwaltungsgebäude und 
. emen Granitquai errichten Hess und die Stadt auch durch Anlage 



^r 



■— 129 — 

grosser Gärten und Boulevards schmückte. ^Man Hess sichs an- 
gelegen sein, dem System auch ein elegantes Äussere zu geben/ 

Wir werden auf dieses und die übrigen Kanalnetze an anderer 
Stelle noch ausführlich zurückkommen, und begnügen uns hier, auf 
die Folgen hinzuweisen, welche so grosse Erleichterungen der 
Schiflffahrt für den Wolgahandel haben mussten in einem Augen- 
blick, in dem der wichtigste Markt- des Wolgalandes, die alte 
Makarjew-Messe, nach Nishnij Nowgorod verlegt Wurde, wo alle 
Vorbedingungen vereinigt waren, welche den gewaltigen Auf- 
schwung dieser Messe in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts 
ermöglichten. 

Bis ins 14. Jahrhundert reicht die Geschichte dieses wichtigen 
Stapelplatzes des Wolgagebietes zurück. Damals erregte der leb- 
hafte Handel, welcher bei Arsk im Gebiete der Kasanschen Fürsten 
stattfand, den N-eid der GrossfÜrsten , und Wassilij IV. rief auf 
seinem Gebiete bei Wassil Ssursk 1523 ebenfalls eine Messe ins 
Leben. Nach der Unterwerfung Kasans und nachdem die Messe 
7U Arsk eingegangen war, verlegte man die Messe von Wassil 
Ssursk in die Nähe des Makarjew-Klosters unweit des Seees 
Sheltije-Wody, wo im Sommer tausende von Pilgern zusammen- 
strömten. Der Messplatz war jedoch nicht glücklich gewählt, 
namentlich häufigen Überschwemmungen ausgesetzt, und man 
hegte schon längst den Plan, die Messe nochmals zu verlegen, als 
ein grosser Brand im Jahre 1816, welcher fast alle Magazine zer- 
störte, die erwünschte Gelegenheit bot. Nishnij Nowgorod wurde 
zum Messplatz auserwählt und dort 1824 unter der Leitung des 
Ingenieur-Generals Betancourt mit einem Aufwand von über 
3 Millionen Rubel die nötigen Bauten errichtet. Schon in Makar- 
jew hatte die Messe in den letzten Jahrzehnten einen grossen Auf- 
schwung genommen: die Warenzufuhr war von 40 000 Rubel im 
Jahre 1697 auf etwa 30 Millionen im Jahre 1790 gestiegen. Auf 
dem günstiger gelegenen neuen Messplatz begann nun jenes über- 
raschend schnelle Anwachsen des Verkehrs, welches den Waren- 
umsatz in kurzer Zeit auf durchschnittlich über 100 Millionen Rubel 
Silber emporhob. 

Roskoschny, Die Wolga. 9 



.. g . 



— 130 — 

In das immer erfreulicher sich gestaltende Bild, welches die 
Wolga seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bietet, fallen aber 
in den ersten Jahrzehnten noch manche trübe Schatten. Ein 
solcher ist die Bauernbewegung des Jahres 1825. In den Gouver- 
nements Pensa, Ssimbirsk und Ssaratow war das Gerücht ent- 
standen, dass die Regierung am Ural und Syr-Darja Ansiedlern 
unentgeltlich Land verteile. Fabelhaft ausgeschmückt und ver- 
grössert, verbreitete sich diese Kunde rasch über das ganze Reich 
und brachte überall die Bauernbevölkerung in Bewegung. Man 
erzählte, der Kirgisen-Chan habe die Regierung ersucht, Ansiedler 
in seine unbewohnten Steppen zu senden, aber streng genommen 
wusste niemand genau, wo das ersehnte gelobte Land war. Dass 
es aber ein gelobtes Land war, in welchem Milch und Honig floss, 
wo der Ansiedler ein neues fertiges Wohnhaus mit gutem Acker- 
grund vorfinden und ausserdem noch bares Geld erhalten werde, 
darüber waren alle einig. Tausende verliessen ihre Dörfer und 
zogen mit ihren Familien und ihrer ganzen beweglichen Habe der 
Wolga zu, um, nach grossen Strapatzen und Entbehrungen, meist 
von allen Mitteln entblösst dort angelangt, zu erfahren, dass die 
Regierung gar nicht daran denke, unentgeltlich Land zu verteilen, 
und dass sie das Opfer eines falschen Gerüchtes geworden. Das 
durch diese Bewegung hervorgerufene Elend war so gross, dass 
die Regierung sich schliesslich bewogen fand, den Senator Fürsten 
Dolgorukij in das Wolgagebiet zu entsenden, um die Massenaus- 
wanderung einzudämmen und die Urheber des Gerüchtes zur 
Rechenschaft zu ziehen. 

Trotz aller Fortschritte war die Wolga auch noch immer eine 
ziemlich unsichere Wasserstrasse geblieben. Das Räuberunwesen 
erhielt sich noch bis in die vierziger Jahre unseres Jahrhunderts, 
und die Räuber erfreuten sich sogar einer nicht geringen Zu- 
neigung seitens des gemeinen Volkes, da sie gewissermassen als 
Beschützer der Armen und Bedrückten auftraten. iSo pflegten die 
Burlaki auf der Wolga, wenn sie mit ihren Klagen gegen ihre 
Herren bei den Gerichten nicht durchzudringen vermochten, die 
Räuber als Schiedsrichter anzurufen, und dann erging es in der 




— 131 — 

Regel dem Herrn schlecht: der Schuldige konnte von Glück sagen, 
wenn er nur Misshandlungen zu erdulden hatte und nicht das 
Leben verlor. Der Hauptsitz des Räuberunwesens waren die 
Shegulewschen Berge und die Ssamarskaja Luka, und jeder SchifiFs- 
eigentümer dankte Gott, wenn er wohlbehalten an der gefährlichen 
Strecke vorbeigekommen war. Die hohen Preise, welche die Re- 
gierung für die Einlieferung eines Räubers zahlte, die schonungs- 
lose Strenge, mit der man gegen die Gefangenen vorging, ver- 
mochten das Übel nicht auszurotten. Wiederholt kam es zu förm- 
lichen Schlachten zwischen den Räubern und den gegen sie ge- 
sandten Soldaten, und der Regierung blieb schliesslich nichts 
übrig, als eine Flotille zum Schutze der Handelsschiffe auf der 
Wolga zu unterhalten. Durch eine Verordnung vom 21. Oktober 
1829 wurde ein Halbbataillon zu diesem Zwecke gebildet, dessen 
Mannschaft Ende der dreissiger Jahre drei Schiffsgeschwadern zu- 
geteilt wurde, welche aus 28, mit Geschützen ausgerösteten Scha- 
luppen bestanden. Auch diese Geschwader setzten den Räubereien 
kein Ziel, ja sie wurden sogar bald den Handelsschiffen gefahr- 
licher als die Räuber. Den letzteren gegenüber war ein Loskauf 
möglich, und ein Schiff, das ihnen willig die verlangte Abgabe ent- 
richtete, konnte ungehindert die Wolga hinabschwimmen. Die 
Schiffe des Geschwaders aber hielten jedes daherkomifiende Schiff an 
und suchten von dem Schiffseigentüraer durch Belästigungen aller 
Art Geld zu erpressen. Sie forderten die Burlaki auf, ihre Pässe 
vorzuweisen, und da die meisten keine hatten, musste der Schiffs- 
eigentümer sie loskaufen, wenn er nicht wollte, dass seine ganze 
Mannschaft gefangen abgeführt wurde. Das so gewonnene Geld 
wurde von dieser prächtigen Schutzmannschaft im nächsten Kabak 
vertrunken, und dann kam es nicht selten vor, dass die betrunkenen 
Soldaten auf den Schiffen und in den Dörfern am Ufer den ärg- 
sten Unfug trieben. Einige Besserung trat erst ein, als Dampfer 
die Wolga zu befahren begannen (1845) , aber trotzdem wurden 
noch im Jahre 1847 bei den Shegulewschen Bergen neun Schiffe 
von Räubern überfallen und ausgeplündert. Da schritt die Regierung 
endlich ernstlich ein, die Räuber wurden bis in ihre verborgensten 



— 132 — 

Schlupfwinkel verfolgt, und unterstützt von der sich nach Ruhe 
sehnenden friedlichen Bevölkerung gelang es den Soldaten, des 
Gesindels Herr zu werden (1848). Die wenigen, welche der Ver- 
folgung entkamen, sahen ein, dass ihre Zeit vorüber sei, verliessen 
die Gegend oder wandten sich einer andern Beschäftigung zu. 
Seitdem ist die Ruhe an der Wolga nicht mehr gestört worden, 
und heute schwimmen alljährlich hunderte von Dampfern und 
tausende von Barken die Wolga hinab, ebenso sicher wie auf 
einem Strom Westeuropas. 

Einen Glanzpunkt in der neuem Geschichte des Wolgalandes 
bildet die segensreiche Regierung Alexanders IL mit ihren gross- 
artigen Neuerungen, den gewaltigen Fortschritten der Wissen- 
schaft, der Industrie und des Handels, durch welche der von 
Peter dem Grossen angebahnte Anschluss Russlands an die west- 
europäische Kultur, die bisher auf ein verhältnismässig kleines 
Gebiet beschränkt geblieben, auch für die östlichen Gouvernements 
zur vollen Wahrheit wurde. Die Aufhebung der Leibeigenschaft, 
durch welche die grosse Masse der Bevölkerung mit einem 
menschenwürdigen Dasein auch erhöhte Lust zu schöpferischer 
Thätigkeit gewann, die sie nun zum eigenen Besten verwerten 
konnte — ferner der Ausbau des russischen Eisenbahnnetzes bis 
zur mittlem und untern Wolga, mit Ausgangspunkten in Nishnij 
Nowgorod, Ssamara und Ssaratow und jener (bisher immer noch 
einzigen) Überbrückung der Wolga bei Ssysran, welche zu den 
grössten Riesenbauten der Welt gehört — das mächtige Anwachsen 
des Dampferverkehrs, nicht nur auf der Wolga und ihren grossen Zu- 
flüssen, sondern auch auf dem Kaspi-See und den Strömen Sibi- 
riens, wodurch der Handelsverkehr mit den Ländern Asiens er- 
leichtert wurde — endüch all die tausende von Erfindungen auf allen 
Gebieten, welche die letzten Jahrzehnte in rascher Folge aufzu- 
weisen haben, und die wenigstens zum Teil auch dem Ackerbau, 
der industriellen und gewerblichen Thätigkeit der Bevölkerung des 
Wolgalandes zu gute kamen — und der wachsende Wohlstand dieser 
Bevölkerung, den keine Kriege, Unruhen und Aufstände mehr be- 
drohten und untergruben — all dies hat unter Alexanders H. 



— 133 — - 

Regierung das Aussehen dea Wolgalandes gewaltig verändert. 
Wer heute die Wolga hinabfährt, vorha an den tauaenden von 
Fahrzeugen aller Formen und Grössen, welche sie bedecken, vor- 
bei an den grossen Städten mit ihrem lebhaften Handelstreiben, 
an den reichen Dörfern und Industriebezirken, der wird den Stolz 
gerechtfertigt finden , mit dem der Russe auf den Riesenstrom 
blickt, an dessen in Jahrhunderte langen Kämpfen der asiatischen 
Barbarei abgerungenen Ufern er überall Spuren der Kulturarbeit 
seines Volkes erblickt. 



IL 



Ethnographie, 



JJas ethnographische Bild des Wolgalandes weist grosse Ähn- 
lichkeit mit dem geologischen Bilde auf. Wie die Wassermassen, 
welche in der Vorzeit die russische Ebene bedeckten, bei ihrem 
allmählichen Zurückweichen nach dem Süden in stufenweisen Ab- 
lagerungen Spuren ihrer Thätigkeit zurückliessen , so haben auch 
die nach Süd und Ost zurückgedrängten Völkerwogen an den 
Wolgaufern ihre Spuren hinterlassen. Auf der geologischen Karte 
sehen wir von den devonischen Gesteinsbildungen des Waldai-Ge- 
birges bis hinab zu dem tertiären Gestein im Unterlauf des 
Stromes , der Bodensenkung von N nach S folgend , die Gebilde 
der einzelnen Formationen in einer Weise aneinandergereiht, dass 
nirgends die Reihenfolge jener gewaltigen Erdumwälzungen so an- 
schaulich zu Tage tritt wie hier. Andererseits zeigt uns die ethno- 
graphische Karte in den Überbleibseln einst an der Wolga mäch- 
tiger Völker ein so buntes Durcheinander von Sprachen und 
Völkern, wie wir es an keinem andern europäischen Strome, auch 
an den vielsprachigen Ufern der Donau nicht, wiederfinden, und 
dieses Völkergemisch veranschaulicht uns die lange Reihe der 
Staatenbildungen, welche, einer auf den Trümmern des andern 
entstehend, doch sämtlich nur als Grundsteine für die gewaltig 
emporstrebende russische Macht dienten. 

Wie wir vom „Vater Rhein", so spricht der Russe vom 
^Mütterchen Wolga', aber ebensowenig wie der Rhein ein ans- 



— 135 — 

schliesslich deutscher, ist die Wolga von ihrer Quelle 'his zur 
Mündung ein rusBischer Fluss. Die Mündung der Ssura bildet eine 
ethnographische Grenze. Nur bis zu ihr — streng genommen 
sogar nur bis zur Okamündung, da landeinwärts am rechten Ufer 
der Oka, an der Tescha und Mokscha bereits Mordwinen, vermischt 
mit Tataren, wohnen — reicht das geschlossene russische Sprach- 
gebiet. Von der SsuramOndung abwärts zieht sich nur ein schmaler 
Streifen russischer Niederlassungen nach Süden , bald an beiden, 
bald nur an einem Ufer, häufig unterbrochen durch eingestreute, 
mehr oder minder grosse Niederlassungen der Fremdvölker. Wie 
in Asien am Ob und Amur, so haben eich die Russen auch hier 
gleich einem Keil zwischen den Strom und die eingeborene Be- 
völkerung gedrängt und allmählich das bessere und günstiger ge- 
legene Land an den Flussufern zum grössern Teil in ihren Besitz 
gebracht. 

Die Grossrussen, die eigentlichen Eroberer des Wolga- 
landes, überdies viel wanderlustiger als die Klein- und Weiss- 
ruasen, bilden die Hauptmasse der russischen Bevölkerung an der 
Wolga. Sie sind derselbe Menschensclilag, den man in den mitt- 
leren Gouvernements und ausserdem über das ganze Reich zerstreut 
findet, gekennzeichnet durch etwas derbe Züge, die hellrote, gleich- 
massig über das ganze Antlitz verbreitete Gesichtsfarbe und das 
hellblonde oder goldig rote Haupt- und Bnrthaar, in welchem man 
gleichwie in den blauen Augen Beweise für eine starke Bei- 
mischung normannischen und finischen Blutes zu sehen vermeint. 
Trotzdem findet man bei schärferer Beobachtung wesentliche 
Unterschiede zwischen den Grossrussen in den altrussischen Gouver- 
nements und jenen, welche an der Wolga inmitten einer stellen- 
weise an Zahl Überlegenen Bevölkerung andern Stammes wohnen. 
In erster Reihe haben die völlig verschiedenen Verhältnisse an der 
Wolga auch eine von jener der alten Heimat verschiedene Lebens- 
weise hervoi^erufen. In den mittleren Gouvernements sah sich 
die Bevölkerung auf den Ackerhau als die Hauptquelle ihrer Er- 
nähirung verwiesen, während hier der grosse schiffbare Strom früh- 
zeitig Handel, Industrie und Gewerbe erweckte und neuen An- 



136 



Siedlern hunderterlei Gelegenheit zu lohnender Verwertung ihrer 
Arbeitskraft boi Wir sehen an der Wolga die Industrie nicht 
blos in den Städten vertreten, sondern die Bevölkerung ganzer 
Dörfer, ja nahezu ganzer Bezirke hauptsächUch oder ausschliesslich 
industrieller oder gewerblicher Thätigkeit sich widmen. „Nirgends,* 
sagt mit Recht der um die Ethnographie des Wolgalandes hoch- 
verdiente Kasaner Prof. Fux, „nirgends findet das Volk so viele 
Mittel und Wege, seine Betriebsamkeit zu entfalten, wie an der 
Wolga — und in ganz Russland giebt es keine muntereren, keine 
gesünderen Leute als an ihren Ufern." Das reichlichere Ein- 
kommen, das sich hier dem fleissigen Arbeiter bietet, wird von 
um so grösserer Bedeutung dadurch, dass der gemeine Russe zu 
den genügsamsten, leicht zu befriedigenden Menschen gehört. 
Seine Kost ist gesund, aber einfach und billig; die Schtschi 
(Kohlsuppe), an Feiertagen mit Schwein- oder Hammelfleisch, die 
Kascha (Brei) aus Buchweizen, seltener aus Hirse, und der unent- 
behrliche Kwafs (ein Getränk aus Malz und Roggen) kommen 
nicht hoch zu stehen, und der fischreiche Fluss vermindert hier 
noch die Ausgaben für den Lebensunterhalt bei gleichzeitiger Ver- 
besserung der Kost. Dies alles bringt es mit sich, dass der Gross- 
russe sich hier ^rst recht in seinem eigentlichen Element fühlt. 
Dem Ackerbau von jeher nicht sehr hold, ist er froh, ihn hier 
nebenbei betreiben oder pachtweise anderen überlassen zu können, 
während er eine ihm zusagendere Beschäftigung bei Fabriksarbeit 
oder beim Kleinhandel in der Stadt, in der Thätigkeit als Fuhr- 
mann, als Schiffer u. s. w. findet. Die Scharen von Arbeitern, 
welche vom Lande in die Städte strömen, die Tausende von 
Fremden , welche der lebhafte Handelsverkehr nach den grossen 
Märkten, nach Nishnij Nowgorod, nach Ssamara, nach Astrachan 
führt, haben ein in Russland nicht häufiges reges Treiben hervor- 
gerufen, welches den ganzen Volkscharakter beeinflusst und das 
träge Blut des gemeinen Volkes in Wallung bringt. In allem 
übrigen ist aber der Grossrusse im Wolgaland derselbe geblieben; 
seine Kleidung, sein Wohnhaus, seine Sitten und Gebräuche haben 
sich nicht verändert. 



— 137 — 

Kleinrussen besitzen nicht jenen Wandertrieb, der die 
in unablässig in die Ferne treibt. Ackerbau und Vieb- 
hre Hauptbeschäftigung, und Gewerbe, f^r die sie überdies 
keine Eignung haben, werden nur selten betrieben. An der untern 
Woiga trifft man Kleinrusaen noch am häufigsten als Fuhrleute 
bei den grossen Sakseeen. Ausserdem sind sie , abgesehen von 
vereinzelten, welche in der übrigen Bevölkerung verschwinden, in 
grösseren Massen nur durch die Kasaken vertreten. Schon früh- 
zeitig traten, wie wir im ersten Abschnitt gesehen, Donsche Easaken 
als Unruhestifter an der untern Wolga aut, und waren lange Zeit 
durch ihre Haube reien ein Haupthindernis des Wolgabandels. 
Erst im 18. Jahrhundert wurden die Wolgakasaken zu einer Ge- 
meinschaft nach dem Vorbilde ihrer Stammeagenossen am Don 
vereinigt. Zu einer aolchen Gemeinschaft, einer Art berittener 
Miliz, wurden 1730 auch die Astrachanschen Kasaken vereinigt. Im 
Jahre 1750 verstärkt durch Kasaken vom Don, Grossrussen und 
neu bekehrte Tataren, vereinigten sie sich 1804 mit allen ehemaligen 
Wolgakasaken , und später erhielt dieses Gemisch eine besondere 
Einrichtung als Astrachansches Kasakenheer. Diese Kasaken zählen 
heute etwa 18000 Seelen und stellen drei Regimenter, einschliess- 
lidi der Artillerie. Die Kasakenniederlassungeu liegen zerstreut 
an den Ufern der Wolga von Ssaratow bis Astrachan, mit dem 
Hanptort Tschernij Jar. Die Hauptbeschäftigung der Kasaken ist 
Viehzucht und Fischfang. 

Den Gross- und Kleinrussen steht die grosse Masse der nicht- 
russischen Bevölkerung gegenüber, welche der Russe mit dem 
Namen Premdvölker (Inorödzy) zu bezeichnen gewöhnt ist, trotz- 
dem die meisten derselben in ihren jetzigen Wohnsitzen viel früher 
ansässig waren als die Russen , und daher die Benennung folge- 
richtig viel eher auf die letzteren Anwendung finden müsste. Die 
Fremdvölker an der Wolga gehören, gleichwie die ganze Be- 
völkerung des europäischen Russlands, zum teil dem indoger- 
manischen, zum teil dem mongolischen Völkerstamm an, neben 
welchen nur vereinzelt Vertreter des semitischen Stammes vor- 
kommen. Der mongolische ist der weitaus zahlreichere. Er teilt 



V _ _ 



— 138 — 

sich wieder in die beiden grossen Gruppen der Tataren und 
Finen, zu deren ersterer die Kasanschen und Astrachanschen 
Tataren, die Nogaier, die Baschkiren mit den Meschtscherjaken, 
Teptjaren und Bobylen, die Kalmyken und Kirgisen gehören, 
während der letztere die Mordwinen, Tscheremissen uud Tschu- 
waschen (die sogenannten Wolga-Finen), die Permjaken, Wotjaken 
und Ssamojeden (permische oder nordische Finen), die Wogulen 
(ugrische Finen) und geringe Bruchteile der Karelen und baltischen 
Finen (Finen im engern Sinne oder Tschuden) umfasst. 

Die Finen wohnen an der mittlem Wolga, an der Oka, 
Kama und an ihren Nebenflüssen nur noch stellenweise in fest- 
geschlossenen Massen. Die meisten ihrer Dörfer liegen losgerissenen 
Inseln gleich inmitten der sie umschlingenden russischen Nieder- 
lassungen, mit welchen auch das geschlossene finische Sprachgebiet 
bereits mehr oder minder durchsetzt ist. An der obei*n Wolga 
sind die finischen Völker, welche einst den ganzen weiten Norden 
Russlands inne hatten, spurlos verschwunden. All die mannig- 
faltige finisch-ugrische Bevölkerung an der obern Wolga ist in 
das Russentum aufgegangen. Die einst zwischen dem Bjelo Osero 
und Twer ansässigen Wessen und die um den See von Rostow 
wohnenden Meren, beide grosse Völker, welche schon Nestor er- 
wähnt, ^^) haben einen Hauptbestandteil jenes Völkergemisches ge- 
bildet, welches unter normannischer Herrschaft, in das slavische 
Volkstum übergehend, zu dem russischen Staat zusammenschmolz 
Obwohl die Slavisierung dieser ugrischen Völker nicht sehr schnell 
vor sich gegangen sein kann, da noch der arabische Geograph 
Bakui (wenn auch nach älteren l^erichten) das Volk der Wisu er- 
wähnt, welches kein anderes als das der Wessen sein kann,^-') so 
sind doch heute nur wenige Spuren von ihnen noch aufzufinden. 
Die sehr vereinzelt im Gouvernement Jaroslawl vorkommenden 
Einwohner finischen Stammes sind nicht die Nachkommen der 
Meren, sondern hierher verpflanzte Tscheremissen, und nur in den 
am Bjelo Osero noch vorhandenen ugrischen Finen könnte man 
vielleicht Abkömmlinge der Wessen vor sich haben. Auch scheinen 
noch viele Ortsnamen zwischen dem Bjelo Osero und der Wolga 



— 139 — 

isgestorbene Urbevölkerung hinzuweisen, doch kann die 
Lautähnlichkeit solcher Namen für sich allein nicht als ein ge- 
nügendes Beweismittel gelten. Die Zeit der echriftlichen Denk- 
mäler ist dagegen bei den finisch-ugrischen Völkern zum teil sehr 
spät, zum teil gar nicht eingetreten, und war auch von den in 
das Ruasentum aufgegangenen Völkern noch nicht erreicht.'*") 
Der grossen Familie der Fineu angehörige Völker finden wir 
heute erst im Gebiet der sogenannten Wolga-Finen , am rechten 
TJfer der Oka in den Mordwinen, und an der Wolga selbst unter- 
halb der Ssuramlindung in den Tschuwaschen und Tscheremissen. 
Die Mordwinen, jenes grosse, kriegerische Volk, von dessen 
Sioiallen die russischen Jahrbücher so viel zu erzählen wissen und 
dessen Unterjochung den Russen erst nach langen, schweren 
Kämpfen gelang, sind heute am meisten von allen finisch-ugrischen 
Völkern mit dem Russentum verschmolzen. Die gewaltsamen Be- 
kehrungen zum Christentum, die besonders unter dem Patriarchen 
Nikon, der selbst ein Mordwine war, massenhaft stattfanden, mehr 
aber noch die im 17, Jahrhundert in grossem Massstabe durch- 
geführte Verpflanzung von Mordwinen in russische, von Russen in 
mordwinische Dörfer haben viel zur Ausgleichung der Unterschiede 
beigetragen. Im Zusammenleben mit den Russen haben die Mord- 
winen sich an die russischen Sitten gewöhnt, und allmählich wurde 
auch ihre Sprache so sehr durch die russische verdrängt, dass 
sogar die noch heidnischen Mordwinen bei ihren religiösen Ge- 
bi^\ichen teils russische, teils mordwinische Ausdrücke anwendeten 
und die Namen ihrer alten heidnischen Götter mit denen des 
Christengottes und der Heiligen vermengten. Jetzt sind die Mord- 
Mdnen, mit Ausnahme eines kleinen, zum Islam bekehrten und 
tatarisierten Bruchteils , rechtgläubige Christen , obwohl sich 
unter ihnen noch viel heidnische Gebräuche und Aberglauben er- 
halten haben , und die grosse Mehrzahl spricht ein verdorbenes 
Russisch. Zum Sieg des Russischen Über ihre Sprache m^ auch 
die Fähigkeit, sich leicht, gleichsam spielend, die Kenntnis fremder 
Sprachen anzueignen, beigetragen haben. Mordwinen, welche sich 
in mehreren Sprachen ausdrücken können , sind keine Seltenheit, 







— 140 — 

und schon Kinder verfUgen über einen mehr oder minder grossen 
Wortschatz anderer Sprachen, des Tatarischen, der Tschuwaschen- 
sprache u. 8. w. ^^^) Kräftige, breitbriistige Gestalten von hübschem, 
gutmütigem Ausseren, meist blond, mit blauen oder grauen Augen 
und heller Gesichtsfarbe, unterscheiden sie sich von den neben 
ihnen lebenden Grossrussen hauptsächlich durch die meist stärker 
hervortretenden Backenknochen und die etwas schwerfallige Aus- 
sprache. Die Männer haben die Kleidung der russischen Bauern 
angenommen, und nur bei den Frauen hat sich noch die reiche 
alte Volkstracht erhalten, welche manche Ähnlichkeit mit der 
Kleidung der Kleinrussinnen aufweist. Das hemdartige, über der 
Brust durch mehrere Ringe geschlossene Hemd wird über den 
Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten, von welchem Glas- 
perlen, Münzen, Quasten von roter Wolle u. s. w. herabhängen, 
und wollene Franzen zieren die über das Hemd vorgebundene 
Schürze. Die Füsse stecken in Bastschuhen, die mit Lederriemen 
befestigt werden, den Kopf bedeckt eine niedrige, weisse Leinwand- 
mütze mit reicher Stickerei in bunten Farben, von welcher ein 
breiter, gleichfalls bestickter Streifen über den Rücken bis zu den 
Hüften herabfallt. Die Frauen lieben es, sich reich zu schmücken, 
tragen Ohrgehänge imd um den Hals ein aus Glasperlen ver- 
fertigtes Netz, von welchem eine Perlenschnur auf die Brust nieder- 
fällt, und hängen, wenn sie ihren Festtagsanzug anlegen, auch 
noch ein Paar buntgefarbte Hasenschwänze neben das Ohrgehänge. 
Die Mädchen pflegen ihr Haar in mehrere Zöpfe zu flechten und 
diese mit bunten Bändern zu durchwinden. 

Auch die Häuser der Mordwinen gleichen den nordrussischen 
Bauernhäusern, liegen jedoch unregelmässig in Gruppen zu beiden 
Seiten der Strasse, an der Strassenseite die Sommerwohnung und 
das Vorratshaus, das Winterhaus im Hofe, die Hausthür nach Osten 
gerichtet. Unerklärlich ist es, wie Pallas die Mordwinen als die 
unsaubersten unter allen Völkern Russlands erklären koimte;^'^-) 
ich habe in den Mordwinen-Dörfern, die ich kennen lernte. Überall 
Ordnung und Sauberkeit getroffen, zum mindesten nicht schlechtere 
Zustände als in guten russischen Bauernhöfen vorhanden sind. Die 



- 141 — 

Mordwinen sind, als was sie ja auch Pallaa schon schildert, ein 
äeissiges Volk, das seine kräftigen Arme beim Ackerbau, in dem es 
den Russen nicht nachsteht, Wohl zu verwerten weiss. Neben Acker- 
bau und Viehzucht treiben sie in grossem Massstabe auch die 
Bienenzucht, und mancher Mordwine soll hundert und mehr Bienen- 
stöcke in den Wäldern besitzen. Sehr gewandt sind sie in ver- 
schiedenen Handwerken, welche für die Landwirtschaftvon Wichtig- 
keit sind, und Schmiede, Schlosser, Zimmerleute, Tischler sind in 
Mordwinen-Dörfern durchaus nicht selten. Gleich dem gemeinen 
Russen zeigt sich der Mordwine bei allen Arbeiten mit dem Beil 
sehr anstellig, und Oberst Rittich rühmt ungemein die Leistungen 
einer aus Mordwinen bestehenden Sappeurahteilung , die ihm im 
Krymkriege untergestellt war "^) und sich durch ein rorztigliches 
Betragen auszeichnete. Dabei sind die Mordwinen gastfrei, freund- 
lich und ehrlich, von sanftem Charakter, doch etwas schwerfällig 



Der Name, unter dem das Volk schon frühzeitig und sehr 
häufig in den russischen Jahrbüchern erwähnt wird, Mordwa (auch 
Jemandes erwähnt bereits die den Öothen unterthanen Mordens, 
und Constantinus das Land Mordia) , ist nach Castren von den 
Worten mort oder murt (Mann) und va (Wasser; die gleiche 
Wurzel wie bei dem Namen Wessen) abzuleiten, bezeichnet also 
an Flüssen wohnende Leute. Schon von altersher teilen sieh die 
Mordwinen in zwei Stämme, die westlichen, an der Oka ansässigen 
Erdsa "'^) und die Mokscha an den FlUssen Mokscha und Ssura, die 
Moxel des Rubruquis, Durch die zur Erleichterung der Russi- 
fizierang in früherer Zeit häufig vorgenommene Versetzung ganzer 
Gemeinden in andere Wohnsitze sind an vielen Orten Erdsanen und 
Mokschanen gemischt worden , doch kann man die getrennt von 
einander lebenden sehr leicht schon nach ihrem Äussern unter- 
scheiden. Bei den Erdsanen trifft man noch am meisten die fini- 
schen Züge und das blonde, mehr rotgoldene Haar der Finen, 
während hei den Mokschanen das schwarze Haar vorherrscht, was 
vielleicht auf eine Mischung mit Tataren hinweist. Durch Lepe- 
chin *"'•) wurde noch auf einen dritten Mordwinenstamm, die Karatai, 



— 142 — 

hingewiesen , der drei Dörfer im Kreise Kasan bewohnen sollte^ 
und in alten Urkunden wird auch einer karatajewskaja doroga 
(Karatai-Strasse) Erwähnung gethan, welche wahrscheinlich von 
Kasan nach Tetjuschi führte, während schon arabische Schriftsteller 
(Ihn el Werdi, Ihn Foslan) eines Volkes Keratijan Erwähnung thun. 
In den Kreisen Kasan und Tetjuschi sind jetzt noch sechs Dörfer 
vorhanden, welche den Namen Karatai führen, doch berechtigt 
uns alles dies nicht, das ehemalige Vorhandensein noch eines 
dritten Mord win 6ns tammes anzunehmen, von dem heute keine Spur 
mehr zu finden ist. Die Ansicht Rittichs, dass das Wort Karatai 
von dem türkischen Karaiau (schwarzer Berg) abzuleiten sei und 
die Bulgaren vielleicht einen Teil der Mordwinen nach der Gegend 
benannten, in der sich ihre Wohnsitze befanden, ist wohl die 
richtige. Der Hauptort der Erdsanen scheint Arsamafs an der 
Tescha gewesen zu sein, wo man jetzt noch die beste Gelegenheit 
hat, das an Markt- und Sonnt-agen aus der Umgegend herbei- 
strömende Landvolk kennen zu lernen. Die Kopfzahl beider 
Stämme wird noch auf etwa 800 000 geschätzt, wovon die Mehr- 
zahl auf die Gouvernements Pensa (etwa 1 50 000), Ssamara (etwa 
140000), Ssimbirsk (etwa 130 00()) und Ssaratow (etwa 100000) 
entfallt, etwa 70000 auf Nishnij Nowgorod, 17(X)0 auf Kasan und 
einige hundert auf Astrachan. Ausserdem leben noch etwa 75000 
Mordwinen in dem Gouvernement Tambow und etwa 17(X)0 im 
Gouvernement Orenburg. 

Der heidnische Glaube der Mordwinen beruhte auf demselben 
Feuerkultus, den wir weiter unten bei den Tschuwaschen und 
Tscheremissen noch genauer kennen lernen werden. Der höchste 
Gott war bei den Erdsanen Pas, bei den Mokschanen Skai, die 
jedoch beide nicht bildlich dargestellt wurden. Der hl. Nikolaus 
wurde als Nicolas Pas (Gott Nikolaus) auch von den heidnischen 
Mordwinen verehrt. Die höchste Gottheit Tscham Pas, war der 
Schöpfer des Weltalls und der Vater aller anderen Götter. Er 
war unsichtbar, und zwar nicht blos den Menschen, sondern auch 
allen Göttern, und er stand so hoch über allen Geschöpfen, dass 
sich niemand an ihn mit einer Bitte wenden konnte, während er 



— 143 — 

selbst sich um die einmal von ihm geschaffene Ordnung im Welt- 
all auch nicht mehr kümmerte. Die einzige Bitte, mit der die 
Mordwinen eich an ihn zu wenden pflegten, waren die Worte: 
^Tscham Pas, erbarme dich unser", die in der Regel den Gebeten, 
welche man an andere Götter richtete, vorausgesandt wurden. Ja 
noch mehr: man brachte Tscham Pas seibat auch nie Opfer dar, 
und es gab keine besonderen Festtage desselben, Tscham Pas 
hatte auch seine Gemahlin, Ange Patjai, geschaffen, nach ihm die 
höchste Gottheit der Mordwinen. Sie war die zeugende Kraft der 
Natur, durch sie lebte alles, vom Menschen bis zu dem be- 
scheidensten Blümchen auf dem Felde. Sie liebte die Bethiitigung 
der Zeugungskraft so sehr, dasa sie eines Tages bestimmte, die 
Frauen der Menschen und alle Weibchen der Tiere sollten täglich 
gebären, doch lieas sie sich durch die Klagen der Frauen be- 
wegen, dies Gebot zurückzuziehen und das Gebären dem freien Er- 
messen der Einzelnen zu überlassen. Alle machten von dieser 
Erlaubnis Gebrauch, vier Tiere ausgenommen: der Kuckuck, der 
Ameisenbär, die Biene und die Henne. Die beiden ersteren wurden 
später der Göttin untreu , aber die Henne und die Biene sorgen 
noch heute unermüdlich für Schöpfung neuer Leben. Ange 
Patjai war gleich Tscham Pas unsichtbar, doch gab sie sich durch 
einen Wolkenschatten zu erkennen, welcher zuweilen rasch über 
ein Feld hinflog, und zuweilen zeigte sie sich auch den Menschen 
in der Gestalt eines Vogels. Sie seibat hatte mit Tscham Pas 
acht Gottheiten gezeugt, vier Götter und vier Göttinnen, Dieselben 
sind: Nischki Pas, einst wohl die Sonne selbst, worauf auch sein 
anderer Käme Schi-Pas (Sonnen-Gott) hinweist, später der Himmels- 
gott, der Gott des Lichts und Feuers; Wereschki Welen Pas, der 
Herr der Erde und der Gründer der gesellschaftlichen Einrich- 
tungen der Menschheit; Nasarom Pas, der Mondgott, der Gott 
der Nacht und Kälte, der die Seelen der Verstorbenen in die 
andere Welt geleitet und dort die guten Nischki Pas, die bösen 
Schaitan Ubergiebt; Wolzy Pas, der Beschützer der Jagd und des 
Fischfangs, unter dessen besonderer Obhut alles Lebende auf 
Erden, den Menschen ausgenommen, steht; Nischkende Tewtjar, die 



.-y. ^-y^ 



— 144 — 

Schicksalsgöttin und Beschützerin der Bienenzucht; Norrowawa 
Anarutschi, die Göttin des Ackerbaues; Paksja Patjai, die Be- 
schützerin der Wiesen und Zäune; Wjorja Patjai, die Waldgottin. 
Diese vier Töchter der Gottesmutter Ange Patjai haben wieder 
jede je eine Gottheit geboren: Nischkeude Tewtjar den Purg ine 
Pas, den Sohn des Sturmes, Norrowawa Anarutschi den Mastyr 
Pas, der die Erde befruchtet, namentlich das Wachstum von Ge- 
treide und Obst fordert, Pakga Patjai den Wed Pas (auch Wed 
Mastyr Pas), den Herrn des Meeres, der Seeen, Flüsse, Sümpfe, 
Quellen und Brunnen, Wjorja Patjai den Warma Pas, den Gott 
der Winde und Beherrscher der Luft Die gewaltige Zeugungs- 
kraft der Mutter alles Lebens war aber mit der Geburt dieser 
Gottheiten noch nicht erschöpft. Um die Welt gegen das böse 
Wirken Schaitans zu schützen, hat sie eine Unmasse guter Geister, 
Osais, geschaffen, und diese schöpferische Thätigkeit hat immer 
noch keinen Abschluss gefunden, denn jedes Geschöpf auf Erden 
muss in einem Osais seinen Beschützer erhalten. Jedes Tier, jede 
Blume, jeder Baum und Strauch haben ebenso gut ihren Osais 
wie das eben ins Leben getretene Menschenkind. Die hervor- 
ragendsten unter diesen Geistern sind: Eardas Ssjarko Osais, der 
Hausgott, der Domowoi der. Russen, der in der Mitte des Hofes 
unter einem heiligen Stein, dem Karda Ssjarko wohnt und über 
die Wahrung des häuslichen Friedens macht, und seine Gehilfen, 
Taun Osais, der die Schweineherden behütet, und Koljada Osais, 
der Beschützer der Haustiere, besonders der Lieblinge Ange Patjais, 
der Hennen — fem er die Schutzgötter einzelner Bäume, der Eiche 
(Tumo Osais), der Fichte (Pitsche Osais), die Linde (Peschke 
Ösais) u. s. w. 

Dieser grossen Menge guter Gottheiten steht das böse Wesen, 
Schaitan, gegenüber. Wie das Böse in die Welt gekommen, und 
wie es kam, dass sogar der höchste gute Gott, Tscham Pas, selbst 
es geschaffen, erzählt die mordwinische Sage in folgender Weise; 
Tscham Pas schwamm im Anfang auf den Gewässern und sann 
über die Schöpfung der Welt nach. Da empfand er schwer sein 
Alleinstehen, dass er weder einen Bruder, noch einen Freund be- 




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A^fÖl 



— 145 — 

sass, und ärgerlich darüber spie er auf das Wasser. Der Speichel 
vewrandelte sich in einen grossen Berg, und die erste Schöpfung 
des Gottes, ein Erzeugnis seines Zornes, schwamm beständig hinter 
ihm her. Tscham Pas schlug nach dem Berg mit seinem Herrscher- 
stab, um ihn zu vernichten, doch er konnte wohl Schöpfer, aber 
nicht Zerstörer sein, und dem Berge entsprang Schaitan. Tscham 
Pas' soeben. geäusserter Wunsch, einen Bruder zu besitzen, war 
erfüllt, und er nahm denselben freundlich auf und liess ihn an dem 
Schöpfungswerk sich beteihgen, doch bald zeigte es sich, dass der 
böse Geist überall die Absichten des guten durchkreuzte und ihre Aus- 
föhrung zu hindern suchte. Tscham Pas befahl ihm, die auf dem 
Boden des Meeres liegende Erde emporzuholen , Schaitan behielt 
aber einen Teil derselben im Munde, den er später auf die glatte, 
ebene Erde ausspie, wodurch die Berge und Hügel, die Schluchten 
und Abgründe entstanden. Als Tscham Pas den Himmel schuf, 
bedeckte Schaitan das asurblaue Himmelsgewölbe mit unfrucht- 
baren schwarzen Wolken. In beiden Fällen suchte dann Tscham 
Pas das Übel wieder zu mindern, indem er das Innere der Berge mit 
kostbaren Steinen füllte, Bäche und Flüsse in den Thälem und 
Schluchten dahinfiiessen liess und die schwarzen Wolken mit dena 
befruchtenden Regen versah. Als Tscham Pas den Menschen ge- 
formt und den noch leblosen Körper unter der Obhut eines 
Hundes zurückgelassen hatte, erregte Schaitan eine grosse Kälte 
und bot dem frierenden Hunde eine Decke an unter der Bedingung, 
dass er ihn zu dem Menschen lasse. Der Hund ging auf dieses 
Anerbieten ein und Schaitan beeilte sich nun, dem Menschen seinen 
bösen Geist einzuhauchen. Er wurde bei dieser Arbeit zwar bald 
durch den zurückkehrenden Tscham Pas gestört und vertrieben, aber 
wenn auch der gute Gott jetzt dem Menschen seinen Geist ein- 
hauchte, so vermochte er doch das, was Schaitan geschaffen, nicht 
mehr zu unterdrücken. So kam es, dass der Mensch nicht blos 
mit Krankheiten behaftet ist, sondern neben vielen guten auch 
böse Eigenschaften besitzt. Um den Menschen aber doch nach 
Möglichkeit gegen den Einfluss des Bösen zu schützen , gab ihm 
Tscham Pas den Verstand, der ihn befähigt, Gutes vom Rosen zu 

Roskoschny« Die Wolga. 10 



-W- • T'- 




— 146 — 

unterscheiden. In seinem Nachahmungstrieb hat Schaitan dann 
auch die bösen Geister geschaffen, als er sah, wie die Gottesmutter 
aus dem heiligen Feuerstein, den Tscham Pas ihr geschenkt, 
Funken schlug, welche sich in gute Geister verwandelten. Da 
aber der heilige Feuerstein sich in der Verwahrung des Tscham 
Pas befand, nahm Schaitan einen andern, und die aus diesem ge- 
schlagenen Funken verwandelten sich nicht in gute, sondern in 
böse Geister, welche alle Geschöpfe zu vernichten suchen, ihnen 
Krankheiten, Tod und Verderben bringen und deshalb von den 
guten Schutzgeistern unablässig bekämpft werden.'"^) 

Die Götter der Mordwinen wurden sämtlich als rein geistige 
Wesen verehrt, Darstellungen derselben in Stein oder Holz waren 
unbekannt, ebenso wie es im Mordwinenlande weder Tempel noch 
Priester gab. Der Mordwine konnte mit seinen Göttern ohne Ver- 
mittlung verkehren, und nur für die Anordnung und Vorbereitung 
der gemeinsamen Opfer wurden alte Männer bestimmt, die jedoch 
durchaus nicht einen Priesterstand bildeten, sondern jeden Augen- 
blick sowohl ihr Amt niederlegen als durch andere ersetzt werden 
konnten. Sie verwahrten die Opfermesser, die heiligen Schöpf- 
eimer und andere bei den Opfern gebrauchte Geräte, bestimmten 
den Tag des allgemeinen Opfers und trafen auf dem Opferplatz, 
dem Keremet, die nötigen Anordnungen. Das eigentliche Opfer bestand 
darin, dass Brod, Salz und ein Stück vom Fleische des geschlach- 
teten Tieres ins Feuer geworfen und verbrannt wurden. Nachdem 
dann die Gebete und die Anrufungen der Götter beendet waren, 
wurde der Rest des inzwischen in geheiligten Kesseln gekochten 
Fleisches, sowie die Fleischbrühe unter das Volk verteilt. Ein ge- 
meinsames Mahl, bei dem das Opferfleisch und die mitgebrachten 
Lebensmittel verzehrt wurden, und das Absingen des heiligen 
Opferliedes durch die Mädchen bildete den Schluss der Feier. 

Dieses heilige Opferlied, in alter Mordwinensprache verfasst, 
vermag heute kein Mordwine mehr zu übersetzen, sein Sinn ist 
vollständig in Vergessenheit geraten. Dagegen sind noch Volks- 
lieder, obzwar nur in geringer Zahl, vorhanden, die nach ein- 
förmigen Melodien gesungen werden. Eins derselben schildert 



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— 147 — 

wahrscheinlich die Ankunft der Mordwinen im Wolgaland unter 
der Führung eines Fürsten Tjutschjan. ^^') Ein lyrisches Lied lautet: 
Marja awardi (Maria weint). — Koss awardi? (Wo weint sie?) — 
Roschtscha katschkassa (Mitten im Gebüsch) — Tschischtschenja 
lanska (auf der ebenen Fläche). — Sson mess awardi? (Wie weint 
sie?) — Kukunjass kukai (So wie der Kuckuck ruft) — Kelunjass 
lukai (Wie die Weide sich wiegt); — Sselma wedinisa sönäuks 
(In ihren Augen sind Thränen arbsengross); — kewericht ti 
ssnauks (es roUen diese Thränen) — Mastru prachit (sie fallen zur 
Erde) — Schudricht schudicht (zerfiiessen in Flüsschen) u. s. w. 

Gesang, der mit einfachen, selbst verfertigten Instrumenten be- 
gleitet wird, ist sehr beliebt, und an Festtagen sieht man die Alten 
beisammen sitzen und den Reihentänzen zusehen, welche die 
Jugend unter Musik und Gesang aufführt. Die heutigen Feste 
und Volksgebräuche der Mordwinen sind ein Gemisch alt-mord- 
winischer und russischer. Wie bei den Küssen und anderen 
Slaven, ziehen am Abend vor Neujahr die Koljada-Sänger von Haus 
zu Haus, am Pfingsttag (Troizin Den) werfen die Mädchen Kränze 
ins Wasser, die sie am Donnerstag vorher gewunden, und am 
nächsten Sonntag fuhrt man die Russalka oder den Frühling, 
einen als Pferd vermummten Burschen, auf welchem ein Junge 
reitet, aufs Feld hinaus, wo das vermeintliche Pferd unter Spielen 
und öesängen seiner Umhüllung entledigt wird. - 

Die Tscheremiss en scheinen Nachkommen des finisch- 
ugrischen Stammes Mer zu sein, der in seinen ursprünglichen, von 
Nestor erwähnten Wohnsitzen an der obern Wolga bereits völlig 
verschwunden ist. Die Istorija o kasanskom zarstwe (1791) be- 
richtet, dass ein Volk aus dem Fürstentum Rostow, die Tschere- 
missen, welche auch Otjaken genannt werden, sich den Bekehrungs- 
versuchen der Russen durch die Flucht auf bulgarisches Gebiet 
entzogen habe, und im Fürstentum Rostow selbst soll heute noch 
eine Überlieferung sich erhalten haben, der zufolge ein Teil der nicht 
slavischen Bevölkerung bei der Christianisierung des Landes aus- 
wanderte. Dem scheint zu widersprechen, dass bereits Jornandes 
ein Volk Sremiscans erwähnt, und dass es wenig wahrscheinlich 

10* 






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— 148 — 

ist, dass eiu so widerstandsfähiges Volk wie die Mer, das zur 
Wahrung seines Glaubens die Wohnsitze der Vorfahren verliess, 
spurlos in die Tscheremissen aufgegangen sein und mit ihrer Re- 
ligion auch ihren Namen angenommen haben sollte, jedoch bei ge- 
nauerer Forschung schwinden alle Zweifel. Die Tscheremissen 
nennen sich selbst Mari, und nach Castrens Ansicht ist Merja blos 
die russische Aussprache des finischen Wortes Mari, welches 
Männer, Leute bedeutet. Ausserdem weisen zahlreicbe Anklänge in 
den Ortsnamen des jetzigen Tscheremissengebietes an jene ihrer 
alten Wohnsitze im Rostowschen auf eine Einwanderung aus 
letzterem hin. Das Sremiscans des Jornandes ist damit vollkommen 
vereinbar, da die Tscheremissen von den Tschuwaschen Ssarmys 
(Mitkämpfer) '^^) genannt werden, woraus bei den Tataren, welche 
jene durch letztere kennen lernten, Tschirmesch und das Tschere- 
missy der Russen entstand. 

Gegenwärtig zählen die Tscheremissen etwa 260000 Seelen, 
welche in den Gouvernements Kasan und Wjatka verteilt sind, die 
Hauptmasse in ersterem, vereinzelt auch noch in den Gouver- 
nements Ssimbirsk und Nishnij Nowgorod. Im Kasanschen Gouver- 
nement unterscheidet man Berg- (gornija) und Wiesen-Tschere- 
missen (lugowija), je nachdem sie auf dem hohen rechten oder dem 
niedrigen linken Wolgaufer wohnen. Die zahlreicheren sind die 
Wiesen-Tscheremissen. 

Alte Leute unter den Tscheremissen erinnern sich noch sehr 
wohl der Zeit, in der ihr ganzes Land mit dichtem Wald bedeckt 
war, und sehen mit tiefem Bedauern ihre herrlichen alten Eichen 
unter der Axt des Holzfällers von Jahr zu Jahr mehr schwinden. 
Der Feldbau gewinnt auch bei den Berg-Tscheremissen immer mehr 
Boden, und nur längs der Ssura ist noch viele Meilen weit dichter 
Eichenwald vorhanden. Und doch hängt der Tscheremisse so sehr 
an seinem fast vergötterten Walde, dass er sich ein Leben ausser- 
halb desselben gar nicht vorstellen kann. Die liebste Beschäftigung 
des Tscheremissen ist noch heute die Jagd, die Bienenzucht in 
Bienenstöcken, welche im Walde aufgestellt sind, und allerlei ge- 
werbliche Arbeiten, welche der Wald durch seine Erzeugnisse er- 



f^ 



— 149 — 

möglicht. Tagelang kann er, mit Gewehr und Beil ausgerüstet, 
mit geringem Mundvorrat versehen, im Walde herumstreifen. Der 
Wald ist von Einfluss auf die ganze Gemütsart des Tscheremissen, 
der düster und schweigsam ist und nur durch den Branntwein, 
den er sehr liebt, erheitert wird, und der Aulenthalt in ihm musa 
auch seine körperliche Entwickelung beeinflussen. Die Tschere- 
missen, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, waren zwar nicht 
grosse, aber sämtlich kräftige Leute mit schwarzem Haar und 
schwarzen Augen. Damit stimmt auch das Urteil Haxthausens^^") 
überein, während seltsamerweise von anderer (russischer) Seite be- 
hauptet wird, die Tscheremissen seien schwache, magere Leute, mit 
bleichem Gesicht, niedriger Stirn und spärlichem Bartwuchs. Mit 
den grossrussischen Bauern verglichen, erscheinen sie allerdings 
auf den ersten Blick schwach, doch der aufgedunsene Körper, den 
man bei ersteren so häufig trifiPl, ist nicht immer ein Beweis von 
Körperstärke, und der Tscheremisse dürfte denn doch in bezug auf 
körperliche Leistungsfähigkeit vor jenen den Vorzug verdienen. 
Auffallend ist es, dass man unter den Tscheremissen das rotblonde 
Haar der Finen nur höchst selten trifft, namentlich nicht unter den 
Berg-Tscheremissen , was auf starke Mischung mit den benach- 
barten Tataren hinweisen dürfte. 

Da der Wald immer mehr schwindet, sucht sich der Tschere- 
misse so gut es geht einen Ersatz für denselben zu schaffen, in- 
dem er bei seinem Hause eine Baumpflanzung anlegt, meist von 
hochwachsenden schattenreichen Bäumen, Eichen und Linden, die 
er sorgßiltig mit einem Zaun umgiebt und wie seinen Augapfel 
hütet. Dass es ihm dabei nur darauf ankommt, sich einen Ersatz 
für seinen geliebten Wald zu schaffen, beweist schon der Umstand, 
dass diese Anpflanzungen nur aus Waldbäumen bestehen, während 
man sehr selten ein Haus sieht, bei dem sich Obstbäume befinden. 
Durch den sie umgebenden grünen Laubschmuck erhalten die 
Häuser und die Dörfer der Tscheremissen ein ungemein freund- 
liches Aussehen und stechen grell ab gegen die grossrussischen 
Dörfer, in denen man sowohl auf der staubigen Landstrasse als im 
Innern der Höfe meist vergebens nach einem schattenapendenden 



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— 150 — 

Baum sich umsieht, durch den die Einförmigkeit des Bildes unter- 
brochen würde. 

Die Tscheremissendörfer sind nicht gross — sie umfassen oft 
nur 5 bis 20 Wirtschaften — und schon in ihrer Anlage prägt 
sich die Neigung zu einem gewissen patriarchalischen Leben aus. 
Durch die jedes Haus umgebenden eingezäunten Baumpflanzungen, 
zwischen denen enge Wege, die kaum zwei Wagen das Ausweichen 
ermöglichen, hindurchfiihren, wird das Dorf zu einem Labyrint, in 
dem der Fremde sich schwer zurecht findet, das aber auch die 
Dorfbewohner von einander trennt. Der Tscheremisse hat kein 
Verlangen nach geselligem Beisammenleben, er wohnt am liebsten 
allein mit seiner Familie, und gewöhnlich sind die Bewohner 
kleinerer Dörfer sämtlich miteinander verwandt. Die Dörfer mögen 
alle auf dieselbe Art entstanden sein: die Söhne eines Tschere- 
missen, der in tiefer Waldeinsamkeit sich niedergelassen hatte, 
richteten in der Nähe des Vaterhauses ihren Hausstand ein, später 
thaten ihre Söhne dasselbe, und so entstand allmählich aus dem 
einsamen Gehöft ein Dorf, dessen sämtliche Bewohner Glieder 
einer Familie waren. 

Die Anlage der Tscheremissendörfer besitzt vor jener der 
russischen unbestreitbar den grossen Vorteil, dass sie durch die 
Baumpflanzungen mehr Schutz gegen Feuerschaden gewährt als 
diese, welche mit ihren dicht zusammengedrängten Strohdächern 
einem einmal ausgebrochenen Brande schwer Einhalt thun können. 
Ebenso unbestreitbar verdienen in bezug auf die Innenräume die 
russischen Bauernhäuser den Vorzug, denn so freundlich und 
sauber der Ho Traum des Tscheremissen aussieht, ebenso unsauber 
ist seine Wohn> tube, in der sich allmählich eine Menge Unrat an- 
sammelt, da sie nie gefegt und gescheuert wird. Eine widrige, 
erstickende Luft herrscht in der Stube, und durch die kleinen 
Fenster dringt nur wenig Licht in dieselbe. Gewöhnlich umfasst 
das Haus eine oder zwei Stuben und eine Vorratskammer. In der 
Stube 'nimmt die vordere Wand eine etwa 1^/2 Meter breite 
Pritsche ein, welche mit Filz belegt ist und sowohl als Bett dient, 
als auch dort, wo kein Tisch vorhanden ist, diesen vertritt. In der einen 



— 151 — 

Ecke der Pritsche liegen Kissen, in der andern steht bisweilen ein 
Korb mit den Geräten, welche bei den Opfern Verwendung finden. 
Der Raum unterhalb der Pritsche dient zur Aufbewahrung der 
Kleider, des Schmuckes der Frauen, des baren Geldes n. s. w. 
Wenn ein Tisch vorhanden ist, liegt auf demselben stets ein in 
ein Tuch gewickeltes Laib Brot, neben welchem ein gefüllter 
Wasserkrug mit hölzernem Becher steht Längs der Wände sich 
hinziehende Holzbänke und ein grosser Ofen sind der übrige Inhalt 
der Tscheremissenstube. Den Samowar, die Gläser und Tassen 
und das mannigfaltige Thongeschirr , das in keiner russischen 
Bauernstube fehlt, sucht man bei den Tscheremissen vergebens. 
Die Speisen werden in einem grossen Kessel zubereitet, der an 
jener Seite des Ofens hängt, an der sich bei den Russen der Herd 
befindet, und den man im Sommer in die Sommerwohnung hintiber- 
nimmt. Alle übrigen Hausgeräte sind von Holz und eigenes Er- 
zeugnis der Tscheremissen. An das Winterwohnhaus reihen sich 
im Innern des Hofes noch verschiedene Holzgebäude, die Sommer- 
wohnung, die Ställe, die Vorratshäuser u. s. w. Im allgemeinen 
sind die Häuser nicht schlecht gebaut, namentlich dort, wo die 
Tscheremissen selbst mit Zimmermannsarbeit wohl vertraut sind 
und zuweilen auch gleich den Russen sogenannte Rauchstuben*) 
errichten , aber in den Grenzgebieten , in der Nähe der Tschu- 
waschen-Niederlassungen und an der Grenze des Gouvernements 
Wjatka, wo der Hausbau durch russische Arbeiter besorgt wird, 
lässt er viel zu wünschen übrig. ^^^) 

Die Kleidung der Berg-Tscheremissen gleicht jener der gross- 
russischen Bauern: sie tragen das rote Hemd derselben, einen 
blauen oder dunkelgrünen Kaftan, der durch einen wollenen Gürtel 
um die Hüften zusammengehalten wird, weite Beinkleider, die in 
hohen Stiefeln stecken, und eine Mütze wie die russischen Fuhr- 
leute. Die Wiesen-Tscheremissen und die noch nicht russifizierten 
unter den Berg-Tscheremissen sind der alten Volkstracht treu ge- 
blieben. Sie tragen einen weissen, zuweilen auch grauen £[aftan, 



*) Kumija isby, Stuben ohne Rauchfang. 



4 
I 

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— 152 — 

der mit Verzierungen in blauer Wolle ausgenäht ist, im Sommer 
aus grober Bauernleinwand. In gleicber Weise wie der Eaftan ist 
das Hemd auf dem Bücken und den Armein mit Stickerei in 
blauen Wollfaden meist recht geschmackvoll und eigentümlich ver- 
ziert. Das Hemd wird durch eine wollene Schnur mit Quasten, 
der Kaftan durch einen Riemen oder einen breiten Gürtel zu- 
sammengehalten. Die ärmeren Tscheremissen umhüllen die Füsse 
mit schwarzen oder weissen Tuchlappen, welche sorgfaltig 
mit Schnüren festgebunden werden; die reicheren tragen darüber 
Stiefel, die ärmeren Bastschuhe. Als Kopfbedeckung dienen nied- 
rige, mit Pelzwerk eingefasste Tuchmützen oder hohe schwarze 
Filzhüte von der Form eines gestutzten Kegels. 

Die Frauen haben die alte Volkstracht treulicher als die 
Männer bewahrt, doch findet man unter den Rerg-Tscheremissen 
auch schon yiele, welche an Wochentagen zur Arbeit russische 
Kleidung trageil. Die Volkstracht der Frauen unterscheidet sich 
nur wenig von jener der Männer. Über einem reich mit blauer 
Wollstickerei verzierten Hemd tragen sie einen Kaftan von weissem 
Tuch, den Misher, welcher bei den. Berg-Tscheremissen unter der 
Brust durch einen Gürtel zusammengehalten wird, von dem 
Korallenschnüre, wollene Quasten, Franzen u. a. w. herabhängen. 
Auf der Brust ist an dem Hemd ein viereckiges Stück Leder, der 
Melscher, befestigt, welches ganz mit alten Silbermünzen bedeckt und 
dessen unterer Rand mit Muscheln, Schlangenköpfen u. dergl. ver- 
ziert ist. Als weiterer Schmuck wird der Arschesch um den Hals 
gelegt, ein wollenes Band, das mit Glasperlen und Perl- 
mutterknöpfen besetzt ist und von weichem ringsum Muscheln, 
sowie über dem Melscher ein kupfernes, bleiernes oder silbernes 1 

Kreuz herabhängen. Über dieser Halsbinde wird, dicht am Halse 
anliegend, der elljptische Schujaksch getragen, der ganz mit alten 
und neuen Münzen besät ist. Zu all diesem Schmuck gesellen 
sich noch mehrere Ohrringe, meist von auffallender Länge, aus kleinen 
Münzen bestehend, die auf Draht aufgezogen sind, femer Ringe 
und Armbänder. Das Kopftuch, Ssoroka genannt, welches nur 
Frauen tragen, wird um ein in den Haaren befestigtes Gestell ge- 



— 153 — 

in, wodurcb es eine absonderliche Foriu erbält, etwa mit 
ICäppcIien der katholischen Geistlichen zn vergleichen, doch 
tend grösser als dieses. Um die Ssoroka wird ein weisses, an 
Ländern mit roter Wolle besticktes Tuch geschlagen, dessen 
1 man unter dem Kinn rerschlingt An einigen Orten um- 
I die Tscheremissenfrauen den Kopf nur halb mit einem 
en, mit Stickerei verzierten Tuch, dessen Enden sie unter 
Kinn zusammenbinden. Die verheirateten Frauen legen ihren 
mlichen Kopfputz tagsüber nie ab, da es eine Schande ist, 
leckten Hauptes gesehen zu werden, die Mädchen dagegen 
llen ihr mit Bändern, Mfinzen und Korallen durchfloclitenes 
blos mit einem weissen Kopftuch. Die Fussbekleidung 
1 schwarze Tuchlappeo, knapp am Fusa anliegend, mit blauem 
festgeschnürt und nachher noch mit einer Silberborte um- 
jn, deren Enden sich, eine Hosennaht nachahmend, an der 
emporziehen, und gut gearbeitete Bastschuhe.'") 
)ie hier geschilderte Kleidung der Tscheremissen erfährt an 
Orten mannigfaltige Veränderungen. Nicht nur, dass sie 
wo Tscheremissen mit Russen oder Tschuwaschen in Be- 
ug kommen, durch die fremden Sitten beeinflusst wird — 
in den bisher von fremden Einflüssen ziemlich unberührt ge- 
bliebenen, einsam gelegenen Niederlassungen soll sie eine sehr 
mannigfaltige sein. Leider fehlen gerade über diese von der 
Kultur noch wenig berührten Gebiete, in denen das Volkstum der 
Tscheremissen am meisten erhalten ist , genauere Forschungen. 
Es ist überhaupt eine befremdende Erscheinung, dass man in Russ- 
land, wo doch auf ethnographischem Felde so viel geleistet wird, 
über das Gebiet der Wolga-Finen, welches von Moskau bequem in 
einem Tage erreicht werden kann und zum teil von Poststrassen 
durchschnitten ist, so lange im unklaren bleiben konnte. Die 
besten und ausführlichsten Werke leiden zum mindesten an dem 
Übelstand, dass ein gut Teil der Angaben auf Mitteilungen alterer 
Reisenden beruht, von denen heute Gott weiss wie viel noch der 
Wirklichkeit entspricht, und die man doch in Ermangelung 
anderer, oft ohne jede Möglichkeit einer Prüfung, auf Treu und 



— 154 



1 



Glauben hmnehmen muss. Und doch sollte das unaufhaltsam 
schwindende finische Volkstum in hohem Mafse Teilnahme er- 
wecken und zu erneuten grQndlichen Forschungen veranlassen, da 
hier heute unbedingt noch mancher wichtige Beitrag zur Kenntnis 
der Vorzeit des finisch-slavischen Nordens in Sitten und Ge- 
bräuchen, in Religion und Mythologie dieser Völker zu retten ist 
Besondere Aufmerksamkeit darf die Religion der Tscheremissen 
beanspruchen, weil sie bei dem erst zum Teil für das Christentum 
gewonnenen Volke noch in lebendiger Ausübung sich befindet und 
die alten heidnischen Götter hier noch nicht, wie bei den Mord- 
winen, nur in der Sage und Überlieferung fortleben. 

Gleich jener der heidnischen Mordwinen , hat auch die Reli- 
gion der Tscheremissen ihren Ursprung in den Lehren Zoroasters. 
Auch sie glauben an zwei höchste Wesen, ein gutes, Jumo, und 
ein böses, Keremet. Beiden werden Opfer dargebracht, dem guten, 
um von ihm Wohlthaten zu erlangen, dem bösen, um es freund- 
lich zu stimmen und es zu veranlassen, dass es das Wirken des 
guten Wesens nicht störe. Jumo ist der Schöpfer und Regierer 
der Welt (daher sein Name kugusha, Allerhalter), und er hat 
auch den Menschen erschaffen und jedes Volk angewiesen, wie es 
ihn zu verehren habe. Nach dem Glauben der Tscheremissen 
verehren nämlich alle Völker nur einen Gott, wenn auch unter 
verschiedenen Namen und in verschiedener Weise. Wie jeder 
Baum im Walde seine eigenen Blätter habe, so habe auch 
jedes Volk seinen eigenen Glauben, und da es auf Erden 77 Sprachen 
giebt, so gebe es auch 77 Religionen. Wie sie alle entstanden, 
und wie die Tscheremissen dazu kamen, Keremet anzubeten, wird 
in folgender Weise erzählt: Jumo hatte die Häupter aller Völker 
zu sich geladen, um jedem eine bestimmte Religion zuzuweisen, 
aber der Stammvater der Tscheremissen Hess sich unterwegs mit 
Keremet, dem er begegnete, in ein Gespräch ein und kam infolge- 
dessen zu spät zu Jumo, als dieser bereits alle Religionen ausge- 
teilt hatte. Da er durch Keremet sich hatte abhalten lassen, wies 
ihn Jumo zur Strafe an, diesen zu verehren, und so kommt es, 
dass die Tscheremissen das böse Wesen anbeten. Deshalb ist 



— 155 — 



aber ihr Glaube Gott doch ebenso angenehm wie jeder andere, 
weil eben jeder Glaube von Gott stammt, und es ist das höchste 
Verbrechen, das nie unbestraft bleibt, wenn jemand dem Glauben 
seines Voltes untreu wirdJ'^) 

Jumo, als das höchste göttliche Wesen, heisst der „grosse 
Gott*, ausserdem Temem (der Alte), Osch (der Graue), puderscha 
(der Schöpfer), kugusha (der Allerhalter), Chan u. s. w. Durch 
die ihm beigelegten verschiedenen Eigenschaften entstand all- 
mählich, da die Beinamen Jumos sich zu selbständigen Gottheiten 
entwickelten, eine lange Reihe Jumos als Träger der Eigenschafken 
des ursprünglichen, deren Zahl auch heute dank der Phantasie 
des Volkes immer noch wächst und denen der Tscheremisse ein- 
zeln Opfer bringt. Nie erscheinen diese Eigenschaften in einem 
einzigen Wesen vereint, obwohl sie sich alle auf dasselbe Wesen 
beziehen. Da ist''"^) Ssandalykam-kutschen-urdascha, der die Auf- 
sicht über das Weltall führt, Pilwilwjal Jumo, der Himmelsgott, 
der die Wolken lenkt, Kjudertsche Jumo, der grosse Donnergott, 
der den bösen Gott vertreibt und Regen und Fruchtbarkeit spendet, 
zugleich Beschützer der Viehherden der Tschereraissen, Bolgentsche 
Jumo, der Gott des Blitzes, Beschützer der Feldfrüchte und Fische, 
Schidyr Chan, der Fürst der Gestirne, der ihnen ihre Bahnen vor- 
zeichnet, Tulja Jumo, der grosse Gott der Winde, der sie im 
Zaume hält, aber auch sie zu verheerender Thätigkeit entfesseln 
kann, Tolja Jumo, der grosse Feuergott, zugleich Beschützer und 
als strafende Gottheit Verderbensender, Isherja Jumo, der grosse 
Gott der Morgenröte, Osch ketscha Jumo, der grosse Tagesgott, 
der die Erde erwärmt und alles Wachstum schützt, Klem Chan 
Jumo, der grosse Gott der Erde, der die im Chaos herumirrende Erde 
festgeleimt hat, Tangysch Chan Jumo, der grosse Beherrscher des 
Meeres, Pokschim owoschka, der Frost und Hitze sendet, Pu Chan 
Jumo, der Waldgott, Pismjanowoschka, der Gott der Grenzen, der 
in einem von Pferden gezogenen Kahn die Grenzen umföhrt, Surt 
Jumo, der grosse Beschützer des Grundeigentums, Chirch Jumo, 
der grosse Gott der Blüten, Kinda perkechau, der Gott des Ge- 
treides, Wopman, der Vielfrass, der das Getreide aufzehrt, wenn 



fii 




— 156 — 

man ihn erzürnt, Wolik schatschachtscha , der Gott des Viehs, ' 

Pischer Zar Jumo, der grosse Milchgott, Mjngsch Chan Jumo 
(Schinsascha Jumo), der Gott der Bienen, der ihre Arbeit beauf- 
sichsigt, Jaljak Jumo, der Schutzgott der Angeklagten und Ver- 
leumdeten, Wui Jumo, der Schicksalsgoti Juman awja ist die 
Gottesmutter, von der die Portdauer des menschlichen Lebens ab- 
hängt, Ketscha awja die Mutter der Sonne, die Behüterin vor l 
Pest und Seuchen, Tylsi Awja die Mutter des Mondes, Schydyr I 
awja die Mutter der Sterne, Pijul awja die Mutter der Wolken i 
und des Himmels, Toi awja die Mutter des Feuers, welche Schutz 
gegen Feaersbrunst gewährt, Wid awja die von den Fischern ver- 
ehrte Mutter des Wassers, Mjulanda awja die Mutter der Erde u. s. w. 
Schier unzälilbar ist die Menge der Götter, Göttinnen und Geister, ■ 
vor denen der Tscheremisse sich beugt, und dem grossen Heer- | 
bann Jumos steht ein kaum geringerer Keremets, des bösen ! 
Wesens, gegenüber, obenan Tschimbulata (Kuruk Kugusja) und 
Piambar mit den ihnen unterthanen Geistern. Jede Gottheit hat 
zwei Gehilfen zur Seite, die guten den Purjukscha, den Hilfe- 
bringer, und Ssaktschi, den Ubermittler der Bitten der Tschere- 
missen, wogegen die Gehilfen der verschiedenen Keremets die 
Wadysch sind, böse Geister, unter welche auch böse Menschen auf- 
genommen werden können. Sehr gross ist die Zahl der an einen 
bestimmten Ort gebannten Keremets. An den Quellen sitzen die 
Iksja (Quellen-) Keremets, welche das Wasser verderben, dass 
Menschen und Vieh, wenn sie davon trinken, krank werden, im 
Weidengebüsch sind Kjawja Keremets verborgen, andere lauem 
auf Bergen, auf den Landstrassen und an anderen Orten, auf eine 
günstige Gelegenheit, dem Tscheremissen zu schaden. Ausserdem 
ist alles auf der Erde samt der sie umgebenden Luft erfüllt von 
einer Menge Geister niederer Ordnung, guter und böser, welche 
im Wasser, im Walde, auf dem Felde, im Hause, in Keller und 
Vorratshaus ihren Sitz haben, und sogar unter den Steinen am 
Wege haben Geister ihre Wohnung gewählt. 

Keine Gottheit fürchtet der Tscheremisse so wie Keremet, und 
die Furcht vor demselben lässt ihn jeden Schritt, den er thun 



7 » 



— 157 — 

will, reiflich überlegen, um sich zu versichern, dass er durch ihn 
den mächtigen bösen Gott nicht beleidigen werde. Sobald ihm ein 
Unglück zustößst, ist sicher Keremet der Urheber, und er beeilt 
sich, ihn durch ein Opfer günstig zu stimmen, und so fest wurzelt 
der Glaube an Keremet in den Tscheremissen, dass sogar die ge- 
tauften unter ihnen ihm noch Opfer bringen , sobald sie ein Un- 
glück heimsucht. Bei Missernten oder Seuchen ist es schon vor- 
gekommen, dass hunderte christlicher Tscheremissen bei Keremet 
Hilfe suchten, trotzdem seine Gunst nur um hohen Preis zu er- 
werben ist. Eine geringe Opfergabe beachtet er nämlich nicht, er ver- 
langt ein Pferd, eine Kuh, nicht eins, sondern mehrere Schafe, 
und da das Opfer so oft wiederholt wird bis Keremet den Bitten- 
den erhört hat, bringt die Angst vor seinem eingebildeten Zorn 
manchen um sein bestes Hab und Gut^ Die übrigen Gottheiten 
dagegen sind meist leichter zu befriedigen. Das Opfer, das einem 
jeden gebührt, ist durch die religiösen Vorschriften genau be- 
stimmt. Dem Kjudertsche Jumo opfert man ein Pferd oder eine 
Kuh, dem Pilwilwjal Jumo eine Kuh, der Ketscha awja eine alte 
weisse Kuh, dem Bolgansa Jumo und Tulja Jumo FeldfrücMe, 
dem Kinda perkechan im Oktober neues Getreide, dem Wolik 
Schatschachtscha bringt man Kascha (Grütze) mit Kuhbutter ge- 
schmalzen dar, der Wid awja Wein und Gerstengrütze. 

Das Darbringen von Opfern zieht sich durch das ganze Leben 

I 

des Tscheremissen wie ein roter Faden. Er geniesst keinen Bissen 
Speise, ohne vorher mit dem Ausruf „Ssmlja!* (gleichbedeutend 
mit unserem „In Gottes Namen!** (ein Stück davon abzutrennen 
tmd als Opfer für irgend einen Gott auf den Boden zu werfen, 
und ebenso giesst er von jedem Glas Meth, Bier oder Branntwein 
einige Tropfen auf den Boden. Vom Fleische der Opfertiere er- 
hält der Gott selbst stets nur einen verschwindend kleinen Teil. 
Wenn ein Einzelner in seinem Gehöft opfert, giesst er von dem 
vorhandenen Bier und den anderen Getränken ein wenig in ein 
bereit stehendes Gefäss, bricht Stücke von den Opferkuchen ab 
und wirft sie mit abgeschnittenen Stücken Fleisch des Opfer- 
tieres (ein Stück von jedem Körperteil) gleichfalls in das Gefäss, 



— 158 — 

welches hierauf ins Feuer entleert wird. Das Fell des Tieres 
wird an einem Baum aufgehängt und verfault dort, oder man 
überlässt es dem Wahrsager, der den Verkehr mit der Gottheit 
vermittelt, wogegen der Rest des Fleisches von der Familie des 
Opfernden und den zu Gaste geladenen Nachbaren verzehrt wird. 
Die vom Mahle übrig bleibenden Knochen verbrennt man. Auch 
bei den gemeinsamen Opfern, welche ganze Gemeinden imd Be- 
zirke darbringen, bleibt das eigentliche Feueropfer ein gleich ge- 
ringes, und der Hauptanteil fallt den oft nach Tausenden zählen- 
den Opfernden zu. 

Die Opfer finden an geheiligten Stellen im dichten Walde 
statt., welche Kjussoto genannt werden. Bei den Ona Pu, den 
heiligen Eichen, Linden und Weiden, welche mit an Bast aufge- 
reihten Kränzen von Tannenzweigen umwunden sind, versammelt 
sich das Volk, nachdem das Opfertier ausgewählt und die notigen 
Vorräte an Opferkuchen und Bier bereit sind. Die Wahl des 
Opfertieres erfordert grosse Sorgfalt, man muss feststellen, ob es 
dem Gott genehm ist, und um sich darüber Gewissheit zu ver- 
schaffen, bindet man es an den heiligen Baum und begiesst es 
vom Kopf bis zum Schwänze mit kaltem Wasser: wenn das Tier 
infolgedessen zusammenschaudert, ist es dem Gott als Opfer ge- 
nehm, das Ausbleiben dieses Anzeichens aber bedeutet, dass er 
damit nicht zufrieden ist. Um zu erfahren, welchem Gott und 
was man opfern müsse, um das Gewünschte zu erlangen, wendet 
man sich an einen der Mushangs (das Wort stammt von der Be- 
nennung der bösen Geister: mushe d. i. Rächer, Bestrafer), denn 
über alle derartigen Angelegenheiten kann niemand so genau Aus- 
kunft erteilen als ein Mushang. Opferprister ist der Kart, der 
vom Volk gewählt wird, wobei eine gute, klangvolle Stimme 
und genaue Kenntnis der Götterlehre die Hauptbedingungen 
sind. 

Opfer spielen auch bei allen Volksfesten der Tscheremissen 
eine grosse Rolle. Im Frühjahr ziehen am Feste Aga Paira die 
Hauswirte auf das bestellte Feld hinaus, der Kart macht zwischen 
einigen Weiden ein Feuer an, jeder Anwesende entzündet an dem- 



— 159 — 

selben eine Wachskerze und klebt sie an seine Speisen. Dann 
wird ein wenig von den mitgebracbten Lebensmitteln, von der 
Kascba , den Opferkuchen , den Eiern und dem Bier dem Feuer 
fibergeben, alles kniet nieder und der Eart spricht ein Oebet. 
Sobald die Opfergabe verbrannt ist, wird das Feuer ausgelöscht 
und man begiebt sieb nach Hause , unterwegs noch das Getreide 
ffitternd, indem man Kascha und Eier auf die Erde legt. Nach 
der Ernte findet das Fest U-putBchku-musch (die neue Kaacha) 
statt, welches auch das Fest des neuen Getreides heisst. Man 
dankt den Göttern für die gute Ernte und bittet um ferneres 
Wohlwollen, Wenn das letzte Getreide eingebracht ist, steigt der 
Hausvater abends aufs Dach und bläst in ein Hörn, In alter 
Zeit, als die Niederlassungen der Tscheremissen noch sehr zerstreut 
lagen , wurden durch solchen Homruf die Naehbaren zum Emte- 
opfer eingeladen. 

Kleinere Feste sind der Schorok-Del am Vorabend des Neu- 
jahrst^es, an dem Verkleidete herumziehen und gewahrsagt wird, 
und die Ssju Ernja, die Masljanniza (Butterwoche) der Russen, 
welche die Tscheremissen zweimal feiern, einmal als russisches, ein- 
mal als Tscheremissen-Fest. Die Stelle unseres Sonntags als Ruhe- 
tag vertritt der Freitag. 

Grosse Verehrung wird den Verstorbenen zu teil. Es herrscht 
der Glaube, dass die Seele des Gestorbenen vor Kiamat Toija, dem 
unterirdischen Richter, sich wegen ihres Lebenswandels auf Erden 
rechtfertigen uiuss, und dass sie jenachdem Belohnung oder Strafe 
erwartet. Wer schwere Schuld auf sich geladen hat, wird in einen 
Kessel mit siedendem Pech geworfen, die Seelen der guten Men- 
schen aber erwartet ein angenehmes Leben im Jenseits. Da man 
sich dasselbe ebenso vorstellt wie das Leben auf Erden , werden 
dem Toten allerlei Gegenstande, welche ihm unentbehrlich sein 
dürften, ins Grab mitgegeben. Nachdem man ihn in vollständ^er 
Kleidung , mit einigem Kupfergeld im Gürtel , zwischen den vier 
Brettern, welche unsern Sarg vertreten, in das Grab gebettet hat, 
legt man noch einen Kessel, Becher, Messer und Löffel, Feuerzeug, 
neue Bastschuhe , auch eine Pfeife und Tabak hinein und fügt 



— 160. — 

noch Rosenzweige hinzu, um unreine Geister von der Leiche fem 
zu halten. Damit der Verstorbene sich im Jenseits der Hunde er- 
wehren könne, welche stets bellend über einen neuen Ankömm- 
ling herfallen, legt man einen Stock ins Grab. Man klagt nicht 
um die Verstorbenen, denn man glaubt, dass sie nun höhere Wesen 
geworden sind, weshalb man sich fiir verpflichtet hält, ihnen gött- 
liche Verehrung zu teil werden zu lassen. Am meisten geschieht 
dies bei dem dritten Totenfeste, welches am 40. Tage nach dem 
Tode stattfindet; das erste wird am 3., das zweite am 7. Tage ab- 
gehalten. Jede Familie feiert besondere Feste zu Ehren ihrer 
Verstorbenen, aber ausserdem findet noch ein allgemeines Toten- 
fest, unserem Fest aller Seelen ähnlich, statt. Beide Feste haben 
jedoch mit den unseren nichts gemein, da sie keine Gedenkfeste 
sind, sondern blos der Angst vor den Toten ihre Entstehung ver- 
danken. Auf dem Tische befinden sich eine Menge Bliny, Pirogen, 
sowie Bier und Branntwein, eine leere Schale mit LöflFeln und ein 
Kübel mit Schöpfkelle werden neben den Tisch gestellt und neben 
die Schale ein Holzklotz gelegt, auf welchen man Wachskerzen 
klebt — eine für Kiamat Torja, die anderen für die Verstorbenen. 
Dann betet man zu Kiamat Torja, dass er den Verstorbenen gute 
Stelleu im Jenseits anweise, auf dass sie ja nicht auf die Erde 
zurückkommen, um hier zu suchen, was ihnen drüben fehlt, und 
die Verstorbenen bittet man, sich mit dem Opfer zu begnügen 
und der Famihe keinen Schaden zuzufügen, das Vieh nicht zu 
quälen u. s. w. Jeder der Anwesenden bricht ein Stück von dem 
Gebäck ab und wirft es in die Schale, und giesst von den Ge- 
tränken ein wenig in den Kübel, indem er den Wunsch äussert, 
dass es an den Vertorbenen gelangen möge. Schliesslich wird der 
Inhalt der Schale und des Kübels in einen Trog entleert und den 
Hunden vorgeworfen. Häufig pflegt man zu dieser Feierlichkeit 
die Verstorbenen selbst einzuladen. Am Tage vorher fahren fünf 
Männer, der Sohn und die Nachbaren des Verstorbenen, zu dem 
Grabe, essen und trinken dort und laden den Verstorbenen zum 
Feste ein. Am folgenden Tage wird dann derjenige unter den 
Gästen, welcher dem Verstorbenen am meisten ähnlich ist, mit allen 



— 161 — 

noch vorhandenen Kleidern desselben bekleidet und als sein Stell- 
vertreter bewirtet, wobei er nicht unterlassen darf, für alle Gaben 
zu danken und als Lohn Glück und Wohlergehen zu verheissen. 
Nachdem man die ganze Nacht hindurch gezecht, föhrt man am 
Morgen mit dem Stellvertreter des Verstorbenen zum Grabe, setzt 
ihn auf dasselbe und zieht ihm die Kleider des Verstorbenen aus, 
worauf man nach Hause zurückkehrt 

Viel einfacher sind die Trauungsfeierlichkeiten. Eine Werbung 
findet nicht statt, denn der Tscheremisse entführt das Mädchen, 
das ihm gefallt, oft auch gegen dessen Willen, und verbirgt sich 
mit demselben irgendwo. Dann werden die Eltern von der Ent- 
führung benachrichtigt. Sie sind anfangs sehr erzürnt, aber man 
bewirtet sie so reichüch mit Bier und Branntwein, bis sie be- 
trunken werden, worauf man sich bald über den Kalym, den Kauf- 
preis der Braut, einigt, welcher zwischen 30 und 60 Rubel schwankt, 
je nachdem die Braut selbst Verlangen nach der Verbindung hat 
oder nicht. Nachdem die Eltern ihre Zustimmung erteilt und den 
Kalym angenonmien haben, wird zwei Tage lang die Hochzeit ge- 
feiert, während welcher Zeit jedoch die Brautleute nicht zum Vor^ 
schein kommen dürfen. Erst eine Woche später besuchen sie die 
Eltern der Braut und bringen ihnen Geschenke. Erweist sich 
später die Entführte als eine schlechte Hausfrau oder leben die 
Gatten in Unfrieden, so kann die Ehe getrennt werden. In Gegen- " 
wart von sechs Zeugen werden die uneinigen Gatten mit dem 
Rücken aneinander gebunden, und sobald der sie fesselnde Gürtel 
zerschnitten ist, laufen sie nach verschiedenen Richtungen fort, 
wobei sie sich noch bemühen, eins dem andern einen Fusstritt zu 
versetzen, mit den Worten: Wenn ich dir nicht gut genug bin, 
suche dir einen bessern (eine bessere)! 

Trotz dieser leichten Trennung der Ehe ist das eheliche Leben 
der T scheremissen meist ein gutes. Ehebruch ist sehr selten, und 
ebenso selten kommt es vor, dass ein Tscheremissenmädchen sich 
verführen lässt. In sittlicher Beziehung stehen die Tscheremissen 
unbedingt höher als die Russen, auch in ihrem Charakter zeigen 
«ich trotz ihrer Neigung zu düsterer Schweigsamkeit viele gute 

Roskoschny, Die Wolga. 11 



.^ 162 — 

Züge. Man hat behauptet, dass das Volk keine Lieder be- 
sitze, dass die Stelle derselben ein melancholischer, wortloser Ge- 
sang ^tt-a-a** oder »o-o-o* vertrete, aber diese Behauptung ist un- 
richtig. Mehrere Lieder sind bereits bekannt, und wenn sich 
jemand auf* das Sammeln derselben verlegte, würden wohl noch 
viel mehr gefunden haben. Eins dieser Lieder lautet in der 
Übersetzung: 

Wie das Boot untergeht auf dem Wasser unter dem starken Fährmann, 
So gehe ich Kind zu gründe inmitten meiner grossen Verwandtschaft! 

Und ein anderes Lied lautet: 

Durch den schwarzen Wald geht ein Wog; 

Dort hahe ich mich heftig in eineA jungen Burschen verlieht. 

Seit dieser Zeit ist er besorgt geworden . . . 

Doch jedem weiss er Antwort zu geben. 

Ebenso wenig wie die Lieder, sind die Spiele der Tschere- 
missen bekannt. Eins derselben heisst „tat koym* (wer hat ge- 
schlagen?) und gleicht unserem Bhndekuhspiel, das andere, nikaten 
schuschpan modna , ist eine Art Pfanderspiel , wobei jene , die in 
einem Haufen Bastfaden die beiden Enden eines und desselben 
Fadens erwischen, sich küssen müssen. 

Eine sehr beachtenswerte Erscheinung ist es ferner, dass es 
unter den Tscheremissen keine Armen, keine Bettler giebt. Der 
Sohn erbt Ackerland nicht vom Vater, sondern er erhält es von der 
Gemeinde, die Feldarbeiten werden von allen Oemeindeangehörigen 
gemeinsam verrichtet, die Ernte von allen Feldern zu gleichen 
Teilen verteilt. 

Da alles darauf hinweist, dass die Tscheremissen durchaus 
kein Volk sind , welches weiterer Entwicklung und Ausbildung 
seiner geistigen Anlagen nicht fähig ist, erscheint es um so 
wunderbarer, dass das Christentum unter ihnen bisher verhältnis- 
mässig nur sehr geringe Fortschritte gemacht hat. Die Schuld 
scheint zum grossen Teil an der russischen Geistlichkeit zu liegen, 
welche das Missionswerk nicht richtig anzufassen versteht. Wieder- 
holt haben Nichtgeistliche, getaufte Tscheremissen ohne alle höhere 
Bildung, bei Bekehrungs versuchen überraschende Erfolge erzielt, 



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— 163 — 

und einer derselben hat sogar . vor etwa 30 Jahren gegen 4000 
Menschen bekehrt — ein Erfolg, den noch nie ein Geistlicher auf- 
zuweisen hatte. Ein Haupthindernis der Christianisierung ist es 
jedenfalls, dass man zu der Missionsarbeit, die überhaupt nicht 
planmässig betrieben wird, nur russische Geistliche verwendet und 
nicht bekehrte Tscheremissen zu derselben auszubilden sucht. Der 
Kusse stosst überall auf Hindernisse, denn die Hüter der alten 
Religion wissen sehr wohl, welche Gefahr dieser und dem Volks- 
tum der Tscheremissen von russischer Seite droht, und sie haben 
nichts verabsäumt, ihr Volk gegen russische Beeinflussungen sozu- 
sagen mit Wall und Graben zu umgeben. So darf z. B. bei den 
Opfern kein russisches Wort laut werden, denn geschähe dies, so 
wäre die ganze Wirkung des Opfers dahin, dagegen müssen alle 
Anwesenden in voller Volkstracht, in ihren besten Kleidern er- 
scheinen. Der Umstand, dass viele getaufte Tscheremissen, die 
dem Aberglauben nicht entsagt haben, sich immer noch an die 
heidnischen Priester und Wahrsager um Rat zu wenden pflegen, 
trägt auch nicht wenig zur Vermehrung des Ansehens des heid- 
nischen Glaubens und zur Verminderung jenes des Christentums 
bei. Die Heiden-Prister erkennen gar wohl, wie der Aberglaube 
der Getauften ihrem Glauben zu gute kommt, und sie zeigen sich 
im höchsten Grade entgegenkommend, um sie an sich zu fesseln: 
wenn die Gebete zu ihren Göttern wirkungslos gebheben sind, 
nehmen sie auch keinen Anstand, die Hilfesuchenden in eine christ- 
liche Kirche zu schicken und ihnen den Heiligen zu bezeichnen^ 
zu dessen Ehren sie dort eine Kerze anzünden sollen. 

Die Tschuwaschen, der dritte Zweig des finischen Volks- 
stammes, der zu den Wolga-Finen gezählt wird, bilden in bezug 
auf die Fortschritte, welche Christianisierung und Russifizierung 
unter ihnen aufzuweisen haben, ein Mittelglied zwischen Mord- 
winen und Tscheremissen. Das Christentum hat bei ihnen schon 
vor etwa 140 Jahren Eingang gefunden, allerdings nur mehr dem 
Namen nach, da dasselbe von einer Unmasse heidnischen Aber- 
glaubens überwuchert wird, aber die Zahl der wirklichen Heiden 

ist doch sehr zusammengeschmolzen. In den Gouvernements Kasan 

11* 









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.^«n^. 



— 164 — 

und Ssamara sollen nur noch je 3000 heidnische Tschuwaschen 
leben, eine verschwindend kleine Zahl, da das ganze Volk noch 
gegen 600000 Seelen zählt, wovon etwa 370000 auf das Gouver- 
nement Kasan, etwa 120000 und 80000 auf die Gouvernements 
Ssimbirsk und Ssamara entfallen. Dass übrigens die Tschuwaschen 
noch sehr unklare Vorstellungen vom Wesen der christlichen Lehre 
haben, kann nicht schwer in die Wagschale fallen, wenn man be- 
denkt, dass es bei den russischen Bauern mit dem Verständnis 
vieler Glaubenswahrheiten nicht besser bestellt ist, und vielleicht ist 
gerade die Übereinstimmung beider in dieser Beziehung ein wesent- 
liches Förderungsmittel der Russifizierung , welcher die Tschu- 
waschen keinen grossen Widerstand entgegensetzen. 

Auffallend ist es, dass ein so grosses Volk wie die Tschu- 
waschen von allen alten Erdbeschreibern, welche über die Wolga- 
völker berichten, mit Stillschweigen übergangen wurde. Nestor, 
der doch die Mordwa, die Mer und die Bulgaren, ihre Nachbaren, 
gekannt hat, nennt in seinem Völkerverzeichnis die Tschuwaschen 
nicht. Ihr Name wird in den russischen Jahrbüchern zum ersten 
mal bei Erwähnung der Gründung von Wassil Ssursk an der 
Ssuramündung (1524) genannt. Dies führt zu der Vermutung, 
dass die Tschuwaschen früher unter dem Namen irgend eines 
andern, in jener Gegend ansässigen Volkes bekannt waren und die 
Benennung Tschuwaschen erst später bei den Russen aufkam. 
Viele sind daher nicht abgeneigt, den Tschuwaschen die finische 
Abstammung völlig abzusprechen und sie den Turkstämmen zuzu- 
. zählen. Die Tschuwaschen, schrieb schon Staatsrat Müller, ^^*) haben 
in ihrer Qesichtsbüdung etwas Besonderes, wodurch sie sich leicht 
von allen finischen Nachbarvölkern unterscheiden. Sie sind den 
Tataren ähnlicher, haben meist dunkelbraune Haare und Barte. 
Erdmann erklärt, dass sie in ihrer Körperbildung und Lebens- 
weise viel von den Tataren angenommen haben. AuQh Klaproth 
war der Ansicht, dass ebenso wie die ugrischen Baschkiren turk- 
tatarisch geworden, die türkischen Tschuwaschen, von finisch-ugri- 
schen Völkern eingeschlossen, allmählich selbst zu einem finischen 
Volke wurden. 1*'^) Der Umstand jedoch, dass die Tschuwaschen 




— 165 — 

in ihrem Äussern fast gar nichts von den kennzeichnenden Merk- 
malen der Finen aufweisen., kann nicht als Beweis gegen ihre 
finische Abstammung dienen. Die Ostjaken am Ob, einer der öst- 
lichsten finisch-ugrischen Stämme, sprechen zwar eine finische 
Mundart, haben aber eine dunkle Hautfarbe und schwarzes Haar, 
und ihre ganze Erscheinung weist nicht die geringste Ähnlich- 
keit mit den Finen auf. Dasselbe gilt von einem andern Volk 
finisch-ugrischer Abstammung, den Magyaren. Bei beiden sind 
durch Vermischung mit anderen Völkern die Stammesmerkmale 
verwischt worden, und dasselbe konnte bei den Tschuwaschen der 
Fall sein. Man braucht blos zu bedenken, wie viele Völker seit 
den Tagen der Hunnen bis zum Erscheinen der Mongolen durch 
das Tschuwaschengebiet gezogen sind, dass einst in der Nachbar- 
schaft der Tschuwaschen die Chasaren, ein Volk türkischen 
Stammes, ein mächtiges Reich gegründet hatte, dass auch die 
gleichfalls in der Nähe ansässigen Bulgaren zu demselben Stamme 
gezählt werden, und dass schliesslich in dem Zartum Kasan, ob- 
wohl Tschuwaschen, Tscheremissen , Mordwinen, Wotjaken die 
Hauptmasse der Bevölkerung bildeten, doch Tataren das herrschende 

9 

Volk waren. So viele und lang andauernde Einflüsse vermochten 
gewiss die Tschuwaschen mit der Zeit so zu verändern, dass sie 
den Tataren ähnlicher scheinen als den Finen. 

Gegen die Annahme, dass die Tschuwaschen Finen sind, 
spricht durchaus nicht, dass die Russen selbst sie zur Zeit der 
Unterwerfung des Zartums Kasan für Tataren hielten und sie zum 
Unterschied von den anderen Berg-Tataren nannten, eine Benennung, 
die noch in einer Urkunde der Zaren Iwan und Peter aus dem 
Jahre 1689 vorkommt, denn die Tschuwaschen waren damals 
in Kleidung, in Sitten und Gebräuchen so sehr tatarisiert, ihre 
Sprache so mit tatarischen Worten durchsetzt, dass bei oberfläch- 
licher Betrachtung eine solche Verwechslung sehr leicht statt- 
finden konnte* Wichtiger ist der Hinweis auf ihre Sprache. 
W. Ssbojew war der Erste, der die Behauptung aufstellte, dass die 
tschuwaschische Sprache eine rein türkische Mundart sei, welche 
viele arabische, persische und russische Worte, dagegen fast gar 



'[^^^"TT!; 



— 166 — 

keine finischen aufgenommen liabe.^*^ Nach seiner Schätzung 
sollten in der tschuwaschischen Sprache (deren Wortreichtum 
Prof. Fux auf 1646 Worte, darunter mehr als 1000 Wurzel worte, 
berechnet hatte) blos 4 aus dem finischen (wahrscheinlich mord- 
winischen), 4 aus dem persischen, 25 aus dem arabischen und 
28 aus dem russischen stammende Worte enthalten sein! Durch 
die vergleichende Sprachwissenschaft ist jedoch diese Schätzung 
Ssbojews längst ab eine oberflächliche, wahrscheinlich nur auf 
Grund eines verhältnismässig kleinen Wortvorrats aufgestellte be- 
zeichnet worden, da das Tschuwaschische z. B. allein mit dem 
Tscheremissischen eine sehr grosse Anzahl von Worten gemein 
hat,"^) woraus doch, da niemand das Tscheremissische für eine 
turktatarische Sprache erklären wird, weiterhin unbedingt ein Be- 
weis gegen die turktatarische Abstammung der Tschuwaschen- 
sprache sich ergiebt; Mehr begründet ist, was Ssbojew zum Be- 
weis einer Übereinstimmung der grammatikalischen Formen imd 
der Syntax beider Sprachen vorbringt; tschuwaschische Worte mit der 
Endund as und jas könne man sofort in tatarische verwandeln, 
wenn man ihrer Wurzel die tatarische Endung mak oder mjak 
anhänge, z. B. tschuwasch.: tuchtas (erwarten), tatar.: tuchtamak; 
tatarische Worte , welche mit o oder u beginnen , werden durch 
vorsetzen eines w zu tschuwaschischen, z. B. tatar.: ut (Feuer), 
tschuwasch.: wot; setzt man in einigen tschuwaschischen Worten 
an Stelle des Buchstabens p den Buchstaben b, so erhält man das 
gleichbedeutende tatarische Wort, z. B. tschuwasch.: pattyr (stark), 
tatar.: batyr; der tatarische Laut s (scharfes s) verwandelt sich im 
tschuwaschischen in r, z. B. tatar.: kjus (Herbst), tschuwasch.: 
kjur; tatarische Worte, mit i, dsh, ja, ju beginnen, nehmen im 
Tschuwaschischen den Laut ss an, z. B. tatar.: il (der Wind), 
tschuwasch.: ssil; und tatarische Worte, welche mit k beginnen, 
verwandeln dasselbe im tschuwaschischen in ch, z. B. tatar.: katsch 
(die Scheere), tschuwasch.: chatsch. Doch alles dies beweist nur, 
dass die eine Sprache aus der andern Worte entlehnt hat, keines- 
wegs beweist es die gleiche Abstammung, und Ssbojews Hin- 
weis darauf, dass auch die grammatikalischen Formen vielfach 



— 167 — 

übereinstimmen, welche ein Volk nie vollständig von einem andera 
Fremden zu entlehnen pflege, wird hinialUg dadurch, dasa die von 
ihm angefahrten Worte eben aus dem tatarischen entlehnte sind, 
flir welche man auch die tatarische Deklination beibehielt. 

All diese sprachlichen Anklänge sprechen nicht so klar zu 
guosten einer Verwandtschaft der tschuwaschischen mit der tata- 
rischen Sprache, als die gleiche Religion, die gleichen Sitten und 
Gebräuche auf eine Verwandtschaft mit dem finischen Stamm hin- 
weisen. Das bezeichnendste Merkmal seines Volkstums , das ein 
Volk beim Aufgehen in einem andern eich am längsten bewahrt, 
sind ja seine alten Sitten und Gebrauche; an ihnen hält es no.ch 
zäh fest, wenn es auch schon langst seine Sprache, seine 
Religion mit einer andern vertauscht hat. Die Mordwinen sind 
heute mit den Russen eins in Sprache und Religion, aber 
sie halten noch fest an den alten finischen Sitten und Ge- 
brauchen und an einer Menge in ihrer frühern Religion wurzeln- 
den Aberglaubens. Warum sollte Ähnliches nicht auch bei den 
Tschuwaschen geschehen sein, bei diesem am weitesten nach SUden 
vorgeschobenen Zweig des grossen finischen Stammes, welcher 
mehr als andere feindlichen Angriffen ausgesetzt war? Von ihren 
Machbaren und späteren Herren haben sie allmählich die Sprache 
derselben angenommen, und ihre Tatarisierung war schon weit 
vorgeschritten, als der Untergang des Tatarenreiches den Fort- 
schritten der Tatarisierung ein Ziel setzte. Nahezu tatarisierte Fmen, 
wie die Mordwinen nahezu russifizierte Fiuen sind — das ist die 
naturgemässeste Lösung aller vorhandenen Widersprüche, und man 
braucht nicht, um die Tschuwaschen doch irgendwo in der Reihe 
der alten Wolgavölker unterzubringen, sich zu bemühen, ihren 
Zusammenhang mit den spurlos verschollenen Burtassen nachzu- 
weisen. "^) Wären sie Übrigens kein finisches Volk, dann hätten 
gewiss die finischen Tscheremissen das sich selbst Tschuwaschen 
nennende Nachbarvolk nicht Kurukj Mari genannt, d. i. Berg- 
Meren oder, nach dem oben nachgewiesenen Zusammenhang zwischen 
den Tscheremissen und den Mer, so viel als Stammesgenossen. 

Heute wohnen die Tschuwaschen in geschlossenen Massen an 



— 168 — 

der untern Ssnra und von deren Einmündung in die Wolga bis 
zur S^ijaga, also im südwestlichen Teil des Gouvernements Kasan 
und im nordlichen von Ssimbirsk. In ihren übrigen Wohnsitzen 
sind sie zerstreut zwischen Russen, Tataren und Mordwinen. Der 
reinste Stamm, der auch die alten Sitten am besten bewahrt hat, 
soll in den Kreisen Zy wilsk, Kurmysch und im südlichen Teil von 
Jadrinsk vorhanden sein. Sie sind mittelgrosse Gestalten, schwer- 
fallig im Auftreten, mit bleichem farblosem Gesicht, stark hervor- 
tretenden Backenknochen, schmalen dunklen Augen, niedriger Stirn 
und schwarzem Haar.^^^) Männer mit halbwegs angenehmen Ge- 
sichtszügen sieht man selten, die Frauen aber sind ausnahmslos 
hässlich. Im gewöhnlichen Leben ruhige, friedliche Leute, werden 
die Tschuwaschen, sobald der Branntwein sie erregt hat, wie einer 
ihrer Schilderer sich ausdrückt, zu wilden Tieren. Mord und Tot- 
schlag kommt sehr selten vor, doch ein betrunkener Tschuwasche 
ist imstande, sich im Hofe seines Feindes zu erhängen, nur um 
dadurch Unheil auf dessen Haupt h erabzurufen, i^^) Zu ihren 
guten Eigenschaften gehört die Gastfreundschaft und ihr Fleiss. 
Sie sind tüchtige Ackerbauer, die ihren Boden besser zu verwerten 
wissen als die grosse Mehrzahl der Russen. Auch bei ihnen ist 
wie bei diesen aller Grund und Boden gemeinsames Eigentum 
aller Gemeindeangehörigen, doch sie verteilen denselben nur stets 
nach einer Volkszählung, so dass jeder sicher ist, den ihm zuge- 
wiesenen Anteil am Gemeindeland während der nächsten 20 Jahre 
niemandem abtreten zu müssen. Infolgedessen lassen sie sich 
auch die Verbesserung desselben angelegen sein, an welche der 
russische Bauer nicht denkt, da er ja doch nur für einen Nach- 
folger arbeiten würde. Während der Russe das Düngen seiner 
Felder vernachlässigt, kann der Tschuwasche nicht genug Dünger 
auftreiben und kauft ihn noch von den Russen, reinigt sorg- 
föltig sein Feld von Steinen , legt Entwässerungsgräben an , wo 
dies nötig ist — kurz, er bestellt sein Feld so gut, dass es nicht 
überraschen kann, wenn das Getreide auf den Feldern der Tschu- 
waschen meist besser steht als auf jenen der Russen. Gleiche 
Emsigkeit wie bei der Aussaat entwickelt der Tschuwasche zur 



• T.f 



— 169 — 

Erntezeit. Ende November schreibt Ssbojew, ist sogar bei den 
faulsten Bauern alles Getreide bereits ausgedroschen und in den 
Speichern verwahrt, und wenn man um diese Zeit in einer Dresch- 
tenne noch unausgedroschene Garben sieht, kann man sicher sein, 
dass es ein russisches oder tatarisches und kein tschuwaschisches 
Dorf ist. Und wie im Ackerbau, so ist der Tschuwasche dem 
Russen noch in manchem andern tiberlegen. Auf den Märkten in 
■ den Tschuwaschendörfern kommt kein russischer Händler auf, und 
viele Tschuwaschen treiben auch nach auswärts nicht unbedeuten- 
den Handel, namentlich mit Getreide. In ihren Dörfern werden 
auch Matten, Bastdecken, Bastschuhe und Seile, in einigen wenigen 
auch Telegen und Schlitten verfertigt und nach auswärts versandt. 
Die Regierung hat sich bemüht, Gewerben unter ihnen Eingang 
zu verschaffen, indem sie Tschuwaschenkinder zu russischen Hand- 
werkern, Schneidern, Tuchwalkern, Tischlern, Schmieden, Telegen- 
bauern u. s. w. in die Lehre goh,^'^^) aber der Haupterwerb der 
Tschuwaschen bleibt doch die Landwirtschaft und alles, was mit 
dieser zusammenhängt, besonders die Bienenzucht und die Zucht 
des Hausgeflügels. Letztere hat eine solche Ausdehnung erlangt, 
dass die Tschuwaschendörfer einen grossen Teil Russlands bis 
hinauf nach Petersburg mit Eiern versorgen. Zu Millionen werden 
dieselben auf der Wolga versandt, und allein auf dem Landungs- 
platz Koslowka werden jährlich für etwa 15 000 Rubel verladen. 
Obwohl sich bei solchem Pleiss eine mehr oder minder grosse 
Wohlhabenheit einstellen muss, bemerkt man doch kein Anzeichen 
derselben in der äussern Erscheinung des Tschuwaschen, der nach 
wie vor dem grauen Kaftan und den schwarzen Pusslappen treu 
blei^t. Im allgemeinen gleicht die Kleidung der Männer und 
Frauen so ziemlich der Tscheremissentracht. Die Kopfbedeckung 
der Prauen bildet der Ssarpan, ein weisses Tuch, über welches der 
mit Stickerei verzierte, mit Münzen und Glasperlen behängte 
Choschpu aufgesetzt wird, welcher an die mongolische Kopfbedeckung 
erinnert. Mädchen tragen die ähnliche Tochja, welche gleichfalls 
mit Sübermünzen und Perlen verziert ist und welche sie bisweilen 
mit einem weissen Tuch umwinden, dessen gestickte Enden sie an 



-;-»>r «Ti- 



-- 170 — 

beiden Seiten herabhängen lassen. Bei den getauften Tschuwaschen 
tragen Mädchen keine Kopfbedeckung, Frauen dagegen umwinden 
den Kopf mit dem Massmak und setzen auf diesen den diadem- 
artigen Choschyn, der mit vier Reihen Münzen behängt ist. 

Die Wohnstuben sind gleich dem grossrussischen ohne Rauch- 
fang. Man heizt zweimal täglich, früh und abends, und wenn das 
Zimmer bereits dicht mit Rauch gefüllt ist, öffnet man das Schiebe- 
fenster neben dem Ofen und lässt den Rauch abziehen. Die Stube 
bleibt dann einige Stunden angenehm warm, aber diese Heizungs- 
weise ist auch die Ursache der unter den Tschuwaschen sehr 
häufigen Augenkrankheiten. Ausser dem Ofen und dem Feuerherd 
befinden sich in der Stube breite Bänke längs der Wände, welche 
als Lager dienen, aber kein Tisch, und bei den christlichen Tschu- 
waschen in der Fensterecke das Heiligenbild. Die Hausthür ist 
stets nach Osten gerichtet, da man sich beim Gebet nach Osten 
zu wenden pflegt. Rechts von der Thür, in die man unmittelbar 
von der Strasse tritt, befindet sich ein kleiner Verschlag, der Bul- 
dyr, in dem man zur Zeit der Totenfeier Wachskerzen anklebt. 
Im Hofe liegen die Ställe (Karda), an der südöstlichen Seite die 
zuweilen zweistöckigen Speicher. Brunnen sind fast nirgends vor- 
handen. 

■ 

Die Dörfer der Tschuwaschen gleichen in ihrer Anlage voll- 
kommen den tscheremissischen: die Häuser sind planlos zwischen 
dichten Baumpflanzungen zerstreut, die Durchfahrten zwischen den 
einzelnen Gehöften so eng und so schwer zu unterscheiden, dass 
der Fremde oft in den Hof einfahrt, im Glauben, er fahre auf 
einer Dorfstrasse. Wie bei den Tscheremissen , ist diese Art der 
Anlage der Dörfer eine Folge des Zusammenlebens verwandter 
Familien, und die Dörfer waren daher in alter Zeit auch meistens 
nicht gross, doch jetzt trifft man auch solche mit 200 und mehr 
Häusern. Letztere sind spätere Niederlassungen von Auswanderern, 
welche aus einem übervölkerten Dorfe auszogen und mit der Zeit 
sich an ihrem neuen Wohnorte mit anderen Familien vermischten. 
Liessen die Auswanderer sich in der Nähe des alten Dorfes nieder, 
so wurde das neue Dorf Ssirmy d. i. Schlucht genannt (die meisten 



F^' 



— 171 — 

Dörfer liegen in Schluchten), z. B. Ir Ssirmy (die reiche Schlucht), 
0ha Ssirmy (die grosse Schhicht); vom alten Dorf entferntere 
Niederlassungen erhielten ihre Namen von dem Führer der Aus- 
wanderer oder irgend eiuer EigeDtUmlichkeit der Gegend, wobei 
dem Namen stets das Wort Jal oder Kaasy zugefttgt wurde, z, B. 
Aram-jal (Abrahamsdoif) , Burmaukassy (Walddorf). Neben den 
Dörfern, deren Bevölkerung zum Christentum bekehrt wurde, sind 
nm die Kirche und die Priesterwohnung herum Anbauten ent- 
standen, welche von dem alten Dorfe durch besondere Namen, ab- 
geleitet von der Benennung der Kirche , unterschieden werden, 
jedoch ^en Namtin des alten Dorfes mitführen. Neben dem tschu- 
waschischen Namen führt daher solch ein Kirchdorf noch den Bei- 
namen Usspensskoje, Pokrowsakoje u. s. w. 

Derartige Kirchdörfer sind die besten Förderer der ßusai- 
fizierung, welche noch raschere Fortschritte machen konnte, wenn 
dem Missionswesen mehr Sorgfalt gewidmet würde. Der grossen 
Masse des Volkes, namentlich den Frauen, fallt zwar die Aus- 
sprache des Russischen schwer, doch haben sich viele schon solche 
Kenntnisse mit Hilfe der russischen Sprache erworben, dass sie in 
Tschu wasch endörfem als Geistliche, als Lehrer, Schreiher u. s. w. 
thätig sind, wie sie sich denn überhaupt sehr anstellig zu jeder 
Arbeit zeigen, welche geistige Thatigkeit erfordert. Ein Tschu- 
wasche, Michailow, hat sogar Schriften Über sein Volk veröffent- 
hcht und ist zum Mitglied der Kaiserlichen Geographischen Gesell- 
schaft ernannt worden. 

Auch bei den Tschuwaschen finden wir die Welt zwischen 
guten und bösen Göttern geteilt. Der höchste gute Gott ist Tora, 
der Gott des Lichts, der im Himmel wohnt, einst vielleicht der 
Himmel selbst, möglicherweise auch nicht völlig fremd der Gott^ 
heit Kiamat Torja, welche die Tscheremissen verehren. Ihm steht 
das böse Wesen, Schaitan, der Gott der Finsternis gegenüber. 
Ssbojew teilt die guten Götter in himmlische und irdische. Zu 
den ersteren zählen; Sjuldi Tora, der höchste Gott, aus dessen ver- 
schiedenen Eigenschaften wieder selbstständige Gottheiten ent- 
standen sind: Ssjud Tunsi Tora, der Schöpfer der Welt und der 



— 172 — 

Wärme, Tschon Ssioradan Tora, der Schopfer der Seelen, Assla 
addij Tora, der Donnergott; femer Kebe, der Schicksalsgott, der 
alles anordnet, was im Himmel und auf Erden geschieht, und der 
namentlich das Schicksal der Menschen bestimmt, mit seinen beiden 
Gehilfen Pjuljuchi und Pigambar, deren ersterer den Menschen die 
guten und die schlechten Lose zuteilt, während sie von dem letztem, 
dem auch die Wahrsager ihre Sehergabe verdanken, ihre geistigen 
Fähigkeiten erhalten; Ira Tora, der Beschützer des ehelichen 
Lebens; Pereget Tora (pereget, arab. bereket = Uberfluss), ein 
ungemein freigebiger Gott, mit Frau und Kindern, welche gleich- 
falls die Ehegatten zu beglücken suchen und sie mit reichen Gaben 
überschütten, wozu niemand besser befähigt ist als Pereget Tora, 
der Hüter aller in der Erde verborgenen Schätze; Chwel Tora, 
der Sonnengott, mit Frau und Kindern; Oich Tora (tschwu. oich, 
tatar. oi, der Mond) mit Frau und Kindern; Perterli, der Be- 
schützer der gewerblichen Thätigkeit; der durch die Lüfte fliegende 
Ssjulan (tatar. ilan, dshilan, Drache), der die Frauen befruchtet; 
Ssir Assche (tschuw. sir, tatar. dshir, die Erde), der Schöpfer der 
Erde, mit Frau und Kindern; Ssil Tora (tschuw. ssil, tatar. il, der 
Wind), der Windgott mit Frau und Kindern; Ssjuren Tora (tschuw. 
ssjurjas, gehen, wandern), ein durch die Lüfte herumstreifender 
Gott, der den von unerwartetem und unverdientem Unglück Be- 
fallenen beisteht; Cherle Ssir Tora, der Befruchter der Erde; 
Churban Tora (arab. kurban, Opfer), der Vermittler zwischen den 
Tschuwaschen und den höheren Göttern , der diesen die Bitten 
jener überbringt, weshalb man bei Opfern sich zuerst an ihn 
wendet; Alik-osjan Tora, der Hüter des Himmelsthores. Lrdische 
Gottheiten sind: Ssirdi Padscha, der irdische Herrscher (nach 
Ssbojew der unter die Götter versetzte Fürst der Tschuwaschen); 
Ssiol Tora (tschuw. ssiol, tatar. jol. Weg), der Beschützer der 
Strassen und Wanderer; Kilran Tora, (kil, Haus), der Hausgott; 
Kardran Tora (karda, eingezäunter Platz), der Beschützer der Haus- 
tiere; Wurman Tora (tschw. wurmen, tatar. urman, Wald), der 
Beschützer der Wälder; Chirran Tora (tatar. kkyr, Feld, Steppe; davon 
Kirgise, Steppenmensch), unter dessen Obhut die Felder und Weiden 




— 173 — 

stehen. Unter diesen von Ssbojew aufgezählten Gottheiten.''^) 
erscheint Oicb Tora ab verdächtig und die Einreihang des Mondes 
unter die Götter nicht recht glaublich, da die Tschuwaschen den- 
selben sich als einen Laib Käse vorstellen , dessen verschiedene 
Viertel dadurch entstehen, dass die Zauberer ihn von Zeit zu Zeit 
aufessen, worauf er wieder wächst. Ebenso wenig klar ist noch 
die gottliche Wesenheit der Sonne, welche als belebtes Wesen mit 
Fl&geln und Füssen gedacht wird, und die Bedeutung des Namens 
Chwel Tora, welcher mit Sonnengott oder Gott Sonne übersetzt 
werden kann. 

Von der Entstehung des höchsten hösen Gottes erzählen die 
Tschuwaschen folgendes. Keremet, anfangs ein guter Gott nnd 
der Sohn des Ssjuldi Tora, fuhr Segen spendend in einem von 
Schimmeln gezogenen Wagen auf Erden umher, aber die durch 
das böse Urwesen Schaitan irregeführten Menschen erschlugen ihn 
und streuten , um alle Spuren ihrer Unthat zu vertilgen , seine 
Asche in die Luft. Der dadurch dea himmlischen Wohnsitzes be- 
raubte Keremet rächte sich an den Menschen, er wurde aus einem 
guten ein erzürnter Gott, der den Menschen alles nur mögliche 
Leid zuzufügen sucht. Wo seine Äsche zu Boden sank, dort 
wuchsen Bäume *empor, und zugleich mit ihnen entstand eine 
Menge böser Geister, Keremets, deren Zahl sich rasch vermehrte, 
da sie mit einander Kinder zeugten. Bald hatte jedes Dorf seinen 
Keremet, und wenn ein neues gegründet wurde, liess sich gewiss 
alsbald auch ein Keremet dort nieder. Daher kommt es, dass die 
Tschuwaschen dem Keremet, dem sie sich nicht entziehen können, 
und der ihnen überallhin folgt, so viele Opfer bringen. 

Die hervorragendsten unter den Keremets sind: Assli Kere- 
met (tschnw. assla , gross) , an den man sich wandte , wenn das 
ganze Volk oder einen Bezirk irgend ein Unglück traf (Missernte, 
Seuchen) , und ihm dann im Namen mehrerer Gemeinden einige 
Pferde, 3 bis 4 weisse Kühe oder etwa ein Dutzend weisser Schafe 
zum Opfer brachte; Kjumjul Keremet (tatar. kjumuscb, Silber), dem 
man Silbermünzen opferte, um ihn irgend einem gewinnbringenden 
Unternehmen, das man vorhatte, günstig zu stimmen; Pilik-tjube 



— 174 — 

Eeremet (schuw, pilik, fünf, tjube, Hügel), der über filnf Hügeln 
Thronende, ein sehr gefUrchteter Gott (die Zahl fünf war wahrscbein- 
licb eine beilige Zahl), dem man einen weissen Hammel opfert; 
hiriscblawar Eeremet (tscbiriacb , Tanne) , der im Tannenwald 
st und und einen weissen Hammel und eine Gans als Opfer 
ilt; Chetle-Säir Eeremet, der Gegner des Cberle-ssir Tora, der 
Fruchtbarkeit der Erde zu vermindern sucht, weshalb man ihm 
fünf Jahre ein Ftillen opfert; Ijwasch Eeremet, ein streng ge- 
imen weder gutes , noch böses Wesen , welches den Menschen 
X Schaden, aber nie grossen Schaden zufttgt und selbst diesen 
)rt vergütet, wenn ihm ein Opfer dargebracht wird, und Cbajar 
«met, der schlimmste von allen , dessen Zorn man nur durch 
Opfer eines schwarzen Stieres oder eines schwarzen Rosses ab- 
cen kann, und der jederzeit, auch ohne Opfer, seinen Beistand 
t, wenn ein Tschuwasche seinem Nächsten schaden will, dessen 
cheinong aber eine so schaudererregende ist, dass nur selten 
and Mut hat , ihn zu beschwören. Ssbojew , der durch Zufall 
it Zeuge einer Beschwörung war, schildert ausführlich'^'') den 
erlicben Anblick, den der Eeremet anrufende Tschuwasche bot, 
sieb nackt, mit blutunterlaufenen Augen und schäumendem 
od auf dem Boden herumwälzte und unter wildem Geheul sich 
Haare raufte, dann plötzlich aufsprang, einige Worte murmelte, 
i nach Osten verneigte, eilig Schuhe und Hemd anzog und dann 
den übrigen Eleidungastücken unter dem Arm zum Walde 
Busstürzte. 

Gleich den Tscheremissen bringen die Tschuwacben auch den 
len der Verstorbenen , weil sie dieselben fürchten , auf ihren 
ibern Opfer dar und flehen sie an, ihnen nicht zu schaden. Am 
lenten Donnerstag nach Ostern wimmelt es auf den Begrähnis- 
tzen von Volk. Der Boden rings um das Grab wird mit Eaf- 
en und Tüchern belegt, die mitgebrachten Speisen und Ge- 
ike darauf ausgebreitet, und nachdem man unter Geheul und 
tbklagen die guten Eigenschaften des Verstorbenen gepriesen, 
d am Grabpfabl em Tuch befestigt, zum Zeichen, das nun die 
entliehe Feier beginnt. Man gräbt eine kleme Grube zu 



- 175 — 

Häupteii des Grabes, und nacbden] man die Tn'nkgeschirre mit 
Bier gefüllt, betet man: ,Tawii ssana! (Sei gegrUsst!) Bitte fUr 
unsere Gesundheit , bewahre uns vor Drangsal , lebe gut in jener 
Welt, in Reichtum und Fröhliclikeit , und nimm uns zu Dir im 
hohen. Alter!" Jeder der Opfernden giesst ein wenig Bier aus 
seinem Geföss in die Grube und wirft ein Stück von allen Speisen 
hinein, die ihm gereicht werden. Dann beginnt das Wehklagen 
und das Preisen des Verstorbenen von Neuem und währt so lange, 
bis aller mitgebrachte Mundvorrat verzehrt ist. 

Wie leicht bei den Tschuwaschen allerlei Aberglaube entsteht 
und wie schwer es ist, gegen denselben anzukämpfen, zeigt folgen- 
der Vorfall: Im Hofe des ausgedienten Soldaten Iwan im Dorfe 
Masslowo stand seit undenklichen Zeiten ein alter Speicher und in 
demselben auf in die Wand eingetriebenen Holzpflöt'ken in einem 
Verschlag ein viereckiges Brett, welches den Geist Melim Chusa 
darstellte.'**) Melim Chusa hatte einst seinen Wohnsitz im 
Tscheremissenland , hinter der Wolga, auf einem Berge, aus 
welchem Honig fliesst, und kam von dort wiederholt in Gestalt 
eines Tataren in einer mit Rappen bespannten Troika in das Dorf 
Masslowo, bis er sich später samt dem Speicher dort niederliess. 
Mit Erlaubnis Iwans durften die Tschuwaschen den Speicher be- 
treten, Melim' Chusa anbeten und ihm Opfer darbringen. In den 
Garten hinter dem Speicher brachten die Gläubigen Gänse, Enten 
und Huhner in Menge, und niemand ausser Iwan durfte sie weg- 
nehmen. Nachdem der Geist Iwan durch sechs Jahre ein gutes 
Einkommen verschafft batte, veranstaltete dieser ein grosses Fest, bei 
welchem das Geisterbrett zur Schau gestellt wurde, und das, in 
den Jahren 1861 und 1868 wiederholt, ihm jedesmal 60 bis 70 
Rubel an Opfergaben eingebracht haben soll. Als Iwan 1870 
starb, beschloss der Dorflehrer Iwan Jegorow, ein russifizierter 
Tschuwasche, gegen den Aberglauben vorzugehen. Es war eine 
Folge seiner Vorstellungen, dass die Tafel mit Beschlag belegt 
nnd der Polizei in Tschebokssary zugesandt, der Speicher aber in 
einer Schlucht verbrannt wurde. Der Aberglaube war damit nicht 
aus der Welt geschafft, sondern nur ein neuer hervorgerufen. Die 



— 176 — 

Schlucht wurde fortan von den Tschuwaschen die Schlucht Melim 
Chusas genannt und als sein jetziger Wohnsitz angesehen (die 
Keremets wohnen ja mit Vorliebe in Schluchten), und als genau 
nach einem Jahre in dieser Schlucht Ignaz, ein Verwandter des 
verstorbenen Iwan, in der Trunkenheit vom Pferde stürzte und 
sich tot fiel, hiess es allgemein, Melim Chusa habe ihn als Ge- 
hilfen zu sich genommen. 

Abbildungen ihrer Götter waren bei den Tschuwaschen ebenso 
wenig vorhanden wie Tempel, ausgenommen das grosse Holz- 
gebäude, in welchem Keremet Opfer dargebracht wurden und das 
man, wenn es morsch geworden, niederbrannte und neu aufbaute, 
da Ausbesserurigen nicht gestattet waren. Opfer, durch welche 
man von einer Gottheit etwas Bestimmtes zn erreichen sucht, 
werden übrigens nur den bösen Göttern dargebracht, um sie zu 
versöhnen, keineswegs aber auch den guten, bei denen es solcher 
Mittel nicht bedarf, um sie den Menschen freundlich zu stimmen. 
Nur an den allgemeinen Festtagen gedenkt man auch der guten 
Götter. Am Charfreitag betet man zu dem höchsten guten Gott 
und opfert demselben. Dann vollzieht sich ein eigentümlicher Ge- 
brauch. Männer und Frauen, Alt und Jung bewaffnet sich mit 
Stöcken und klopft mit denselben in der Stube an den Wänden 
hei:um, sich allmählich der Thür nähernd. Man vertreibt Schaitan 
aus der Stube. Um ihn aber auch aus dem Hause und dem 
Dorfe hinauszubringen, wiederholt man denselben Vorgang im 
Hofe und in den Hofgebäuden und zieht dann, mit den Stöcken in 
der Luft fuchtelnd oder die Gegenstände, an denen man vorbei- 
kommt, schlagend zum Bache, in welchen die Stöcke geworfen 
werden, ihnen nach Eier und Brot. Darauf kehren alle in das 
Haus zurück, überzeugt, dass sie Schaitan ausgetrieben haben. 

Die übrigen Feste sind hauptsächUch Zechgelage, bei denen 
Unmassen von Bier und Branntwein vertilgt werden und die stets mit 
allgemeiner Trunkenheit enden. Dazu werden zum Klange selbst- 
verfertigter Instrumente Lieder gesungen und allerlei Spiele auf- 
geführt. Lieder und Spiele helfen auch die Zeit vertreiben, wenn 
an den langen Winterabenden die Burschen und Mädchen gleich 



'■W^-Wi- -. 



— 177 — 

der russischen Bauernjugend in irgend einem Hause zusammen- 
kommen, die Mädchen, um zu spinnen, die Burschen, um Bast- 
schuhe zu flechten oder eine sonstige Arbeit zu verrichten oder 
vielleicht nur die Pfeife zu rauchen. Es wird abwechselnd ge- 
sungen und gespielt bis in die späte Nacht. Am häufigsten spielt 
man Blindekuh, und der mit dem Plumpsack Bewaffnete teilt mit 
verbundenen Augen so lange nach rechts und links hin Hiebe aus, 
bis er einen der Mitspielenden trifft, worauf dieser seine Stelle ein- 
nehmen muss. Sehr beliebt ist folgendes Spiel: man nimmt ein 
Bündel Bast, alle Anwesenden ergreifen einen der herabhängenden 
Fäden , und jene Paare , Welche die Enden desselben Bastfadens^ 
erwischt haben, müssen einander küssen. Die Burschen erproben 
ihre Kraft in einem^ Wettkampf, der an das „Pingerln** unserer 
Alpenbauem erinnert. Zwei Burschen fassen einen Stock oder 
Stab an den beiden Enden, beugen den Oberkörper zurück, 
stemmen sich mit den Fersen gegen den Fussboden, und suchen 
dann einer den andern zu sich heranzuziehen. Alle diese Be- 
lustigimgen treten aber in den Hintergrund zurück, wenn sich in 
der Gesellschaft ein guter Erzähler befindet, welcher alte Sagen 
und Märchen gut vorzutragen versteht. Dann rückt alles enger 
zusammen und lauscht gespannt seinen Worten. 

Während die Erzählungen der Tschuwaschen ungemein farben- 
reich und phantastisch sein und vielfach Merkmale arabischer Ein- 
flüsse erkennen lassen sollen, zeichnen sich die mit der Balalaika, 
Geige, Harmonika oder der alten heimatlichen Dudelsackpfeife 
riesigen XJmfangs begleiteten Lieder durch schlichte Einfachheit 
aus. Eines der gebräuchlichsten hat folgenden Inhalt: ^Halt an,' 
' Zeisig! Wohin fliegst Du? — Ich fliege ein Hanfkörnchen aufzu- 

picken. — Und wenn Dich der Hauswirt erblickt? — Auf den 
Wipfel der Tanne werde ich eiligst fliegen. — Und nachdem Du 
dorthin fortgeflogen, womit wirst Du Dich ernähren? — Tann- 
zäpfen werde ich dort essen. — Und wenn sie Dir in der Kehle 
stecken bleiben? — Ich werde sie von dort herausziehen. — Aber 
wenn Blut fliessen wird? — Zum Flusse werde ich gehen und mich 
auswaschen. — Aber wenn Du dort erfrierst? — Ich werde Feuer 

I Roskoschny, Die Wolga. 12 







— 178 — 

anmachen und mich wärmen. — Und wenn Dir die Glut den Fuss 
verbrennt? — Zum Schmied werde ich gehen und ihn ansch weissen. 
— Aber wenn Du den Schmied nicht zu Hause trifiFst? — Dann 
werde ich auf einem Bein herumspringen.* Hier ist unter dem 
Zeisig ein Bursch zu verstehen, der einem Mädchen nachgeht, nach 
Entdeckung seines Geheimnisses sich im Walde verbirgt und dort 
von Tannzapfen lebt. Das herausziehen der Tannzapfen aus der 
Kehle und das Waschen im Bach bedeutet nach Rittch die 
Rettung durch Gott , das Erfrieren das von Gott Verstossensein, 
das Anschweissen des Fusses die Aufnahme unter die Arbeiter, die 
Abwesenheit des Schmiedes Ablehnung des Dienstes, das Springen 
auf einem Fusse Armut, Almosen. 

Die Tschuwaschen besitzen lioch viele alte Lieder, aber sie 
dichten auch sehr oft und gewandt aus dem Stegreif. Die Braut, 
die am Hochzeitstage von ihren Bekannten Abschied nimmt, singt 
dabei Lieder, die sie selbst gedichtet. Überall hört man im Tschu- 
waschenlande Gesang. Wenn ein Tschuwasche durch den Wald 
geht, schreibt Frau Fux,^25j cia singt er ohne alle Vorbereitung 
ein Lied zum Lobe des Waldes; im Boot auf dem Flusse preist 
er im Lied den Fluss, und während der Fahrt auf der Landstrasse 
besingt er diese und alle Begebenheiten, die sich einst auf ihr 
ereignet haben. 

Auch bei den Tschuwaschen ist der Brautkauf üblich. Da 
trotzdem die Eltern sich nur schwer von dem Mädchen trennen, in 
dem sie eine Arbeitskraft verlieren, bleibt dem Burschen oft nichts 
anderes übrig als es rauben, doch thut er dies nie ohne Mitwissen 
seiner Eltern oder Verwandten und nur mit Zustimmung des 
Mädchens. Nach glücklich ausgeführter Entführung nimmt die 
Angelegenheit denselben Verlauf wie bei den Tscheremissen. 
Feierlicher ist dagegen der Vorgang, wenn regelrechte Verhand- 
lungen über den Kalym vorangegangen sind und der Bursch die 
Zustimmung der Eltern des Mädchens erlangt hat. Am Morgen 
des zur Hochzeit bestimmten Tages versammeln sich beim Bräutigam 
seine Verwandten und Freunde, er tritt in festlichem Anzug aus 
dem Hause, besteigt ein Pferd und überwacht dann die Verladung 



— T r f . 



JJ'^'-l^i—*^ 



— 179 — 

der Lebensmittel, welche zur Bewirtung der Gäste bestimmt sind 
und alle auf einer besondern Telega untergebracht werden: ein 
Eimer Bier, ein halber Eimer Branntwein und ein Ledersack, mit 
allerlei tschuwaschischen Leckerbissen gefüllt. Hierauf besteigt die 
ganze Gesellschaft die Kibitken und fährt, in denselben stehend, 
unter betäubendem Jauchzen und Glockengeklingel dem voran- 
reitenden Bräutigam nach. Im Hause des Brautvaters rüstet man 
sich bereits zu ihrem Empfang. Der Brautvater trägt mit seinen 
Verwandten einen Tisch und Bänke in den Hof und stellt Speisen 
und Getränke darauf. Wenn der Zug des Bräutigams ankommt, 
bittet zunächst der Chijmatlych, der Bräutigamsfiihrer, den Braut- 
vater um die Erlaubnis zur Einfahrt in den Hof, die nach einigen 
Verhandlungen erteilt wird. Der Bräutigam und sein Gefolge 
fahren nun dreimal um den im Hofe stehenden Tisch herum, sich 
dabei stets gegen die bei der Hausthür stehenden Gäste der Braut 
verneigend, und bei der letzten Umfahrt schlägt der Bräutigam 
dreimal mit der Peitsche auf den für ihn bestimmten Platz, wo- 
durch er Schaitan von demselben vertreibt. Darauf setzen sich 
alle an den Tisch und die Bewirtung beginnt. Indessen hat die 
Braut einen Gang durch das Dorf gemacht, unter Absingen von 
Abschiedsliedern sich von ihren Bekannten verabschiedet, dann 
wehklagend von den in der Stube versammelten Gästen Abschied 
genommen und jedem einen Trunk kredenzt, wobei sie sich auf 
die Kniee niederliess und so lange in dieser Stellung verharrte bis 
der Gast in die ihm hingehaltene Korga (Schöpfkelle) ein be- 
liebiges Geldgeschenk gelegt hatte. Während sie dann ihr Ge- 
sicht mit einem Schleier verhüllt und sich hinter einen Vorhang 
zu ihren Freundinnen zurückzieht, tritt der Chijmatlych ein und 
bittet für den Bräutigam um die Erlaubnis, mit seinem Gefolge in 
die Stube kommen zu dürfen. Die Erlaubnis wird erteilt, worauf 
die Begleiter des Bräutigams die von ihnen mitgebrachten Speisen 
und Getränke hereintragen und auf einen Tisch legen, und nach- 
dem sie auch um diesen, der Bräutigam bedeckten, die anderen 
unbedeckten Hauptes , jedesmal gegen die Eltern der Braut sich 
verneigend, dreimal herumgezogen, beginnt die Bewirtung. Sobald 

12* 




— 180 — 

die Fässer geleert sind, besteigen der Bräutigam und alle An- 
Avesenden die draussen bereit stehenden Wagen und Pferde, die 
Brautwerberinnen führen die festlich geschmückte Braut heraus, 
der Chijmatlych hebt sie auf ein Pferd, und der Zug setzt sich in 
Bewegung. V'or dem Hausthor oder, wenn Braut und Bräutigam 
nicht aus demselben Dorfe sind , am Ende des Dorfes hält der 
Bräutigam das Pferd der I^raut an, hebt ihren Schleier, sieht ihr 
scharf in die Augen und versetzt ihr dann drei Peitschenhiebe. 
Dies soll andeuten, dass er stets an ihren Augen hangen d. i. sie 
lieben, aber auch als strenger Herr und Gebieter sie beaufsichtigen 
wird, und dass sie deshalb fleissig sein soll. 

Bei den getauften Tschuwaschen bewegt sich nun der Zug in 
die Kirche, wo der Pope das Brautpaar verbindet, worauf die 
Brautwerberinnen die Zöpfe der Braut aufflechten und ihr Haupt 
an Stelle des jungfräulichen Kopfputzes, der Tocha, mit der 
Choschka, dem Frauenkopfputz bedecken. Beim Hause des Bräuti- 
gams angekommen, führen der Chijmatlych und die Brautwerberinnen 
das junge Paar in die Stube. Dort begrüsst sie der Jomsa, eine Persön- 
lichkeit, die auf keiner Tschuwaschenhochzeit fehlen kann. Der 
Jomsa ist noch ein Überbleibsel aus der ältesten Heidenzeit, ein 
zauberkundiger Mann, vor dem die Tschuwaschen noch jetzt grosse 
Scheu und Achtung hegen. Er empfängt das Brautpaar mit einer 
Anrede und einem Willkommentrunk , worauf es sich dem Ofen 
nähert. Die Braut verneigt sich tief vor demselben und begrüsst 
in ihm den Ort ihrer künftigen häuslichen Thätigkeit, worauf ihr 
unter allerlei Feierlichkeiten der Schleier abgenommen wird. Der 
nächste Verwandte des Bräutigams ergi-eift einen zweigereichen 
Ast und bewegt sieh mit demselben unter den Klängen der Musik, 
dem Jauchzen und Händeklatschen der Gäste in tanzendem Schritt 
von der Thür bis zu den ersten Bänken, jedesmal, wenn er bei 
der Braut anlangt, ihren Schleier mit dem Ast l)erührend. Beim 
drittenmal hebt er den Schleier mit einem Zweig empor, zieht ihn 
herab und trägt ihn aus der Stube, die übrigen Gäste aber fuhren 
das Brautpaar zum Tische, lassen es seinen Ehrensitz einnehmen 
und bedecken seine Häupter mit Filz. Eine Schüssel mit heisser 



[11 T- - i-i 



— 181 — 

Suppe wird auf den Tisch gesetzt, jedei* Gast nimmt einen Löffel 
voll, kostet davon und giesst den Kest über den Pilz auf den 
Häuptern des Brautpaars. Dann nimmt die Braut das Schulter- 
joch und den Wassereiraer und folgt der voranschreitenden 
Schwester des Hräutigams (in Ermanglung einer solchen der 
nächsten Verwandten) zum Bach, vor dem sie sich verneigt, den 
Eimer füllt und auf die Erde setzt. Zweimal stösst ihre Schwägerin 
(oder die Verwandte des Bräutigams) den gefüllten Eimer um, 
worauf die Braut ihn zum drittenmal füllt und. ihr ein Geschenk 
reicht, Geld oder irgend einen für Mädchen wertvollen Gegenstand, 
was die Schwägerin sofort so umwandelt, dass sie nicht mehr zu- 
giebt, dass die Braut den Eimer trage, und ihn selbst ins Haus 
zurückträgt. Nach ihrer Zurückkimft wird das Brautpaar in das 
Schlafgemach zum Brautbett geleitet und dort allein gelassen, 
während die Gäste sich zu Tische setzen, essen, trinken und singen. 
Nach einiger Zeit begeben sich die Bräutigamsführer und die 
Brautwerberinnen in das Schlafgemach, und der zweite Bräutigams- 
führer bringt von dort feierlich die signa innocentiae der Braut 
heraus, die er mit Befriedigung den beiderseitigen Verwandten 
zeigt. Bald darauf kommt auch die Braut, begleitet von den 
Brautwerberinnen, wieder in die Stube, die linke Hand mit Lein- 
wand umhüllt, in der rechten Geschenke für die Verwandten des 
Bräutigams, mit Perlen und bunter Wolle ausgenähte Hemden 
und Ssarpans, tragend. Sie schreitet auf den Ofen zu, sich zum 
Zeichen, dass sie nunmehr eine Angehörige des Hauses sei, nicht 
mehr vor demselben verneigend, und eine der Brautwerberinnen 
reicht ihr eine Kanne Bier, aus welcher sie zunächst dem Schwieger- 
vater und dann den anderen Gästen einen Trunk bietet, deren 
jeder, nachdem er das Gefilss geleert, einige Silber- und Kupfer- 
münzen hineinlegt. Gleichzeitig verteilt sie unter die Verwandten 
ihres Mannes die für sie bestimmten Geschenke. Damit schliesst 
die eigentliche Hochzeitsfeier, doch in den nächsten Tagen folgt 
ihr noch manches Nachfest, sowohl im Hause der jungen Eheleute 
als bei deren Verwandten. *26) Nach einer Woche, dann nach drei 
Wochen und nach einem halben Jahr besuchen die Neuvermählten 



•rVTir 




— 182 — 

die Eltern und Verwandten der Braut, stets mit zahlreicHem Ge- 
folge, und jedesmal findet reichliche Bewirtung mit Bier und 
Branntwein statt. Nach dem dritten Besuch schenkt der Schwieger- 
vater seiner Tochter ein Pferd oder eine Kuh und kommt dann 
selbst zu ihr zu Besuch, bei welcher Gelegenheit wieder drei Tage 
lang gezecht wird. 

Von den Tataren hatten die heidnischen Tschuwaschen wahr- 
scheinlich die Vielweiberei angenommen. Erwies sich eine Frau 
als träge, jagte der Mann sie ohne weiteres aus dem Hause, ohne 
sich weiter um sie kümmern. Jetzt scheint dies nur noch selten 
vorzukommen. Früher war es auch Sitte, dass der jüngere Bruder, 
wenn der ältere starb, die Frau desselben heiratete, doch umge- 
kehrt durfte der ältere Bruder die Frau des vor ihm verstorbenen 
Jüngern nicht heiraten. 

Wenn in dem neuen Hausstand ein Kind zur Welt kam, ist 

4 

sofort der Jomsa zur Hand, der das Kind in einem Troge wäscht, 
über seinem Haupte zwei Eier zerbricht, einem Hahn den Kopf 
abreisst und schliesslich Eier und Hahn zur Thür hinauswirft, zum 
Zeichen, dass Schaitan vertrieben sei. Hierauf spricht er eine Be- 
schwörungsformel über das Wasser, weissagt aus diesem die 
Zukunft des Kindes und giebt ihm einen Namen. Die bei 
den heidnischen Tschuwaschen gebräuchlichsten Namen sind 
nach den Aufzeichnungen der Frau Fux folgende: Ochtior, lljuk, 
Otriwan, Ochliwan, Do bris, Dedjucha, Imjuschka, Jarucha u. s. w. 
bei Knaben; Ssalidida, Ssarba, Gullejka, Ssandjaba, Schecherka, 
Sjaschma, Satschabi, Ilgjabi u. s. w^ bei Mädchen. Nachdem er 
dem Kinde einen dieser Namen beigelegt, reicht der Jomsa das- 
selbe der Grossmutter, von dieser nimmt es eine andere Frau in 
Empfang, zieht ihm ein Hemdchen an und überbringt es der 
Mutter. 

Dem bei der Geburt des Kindes dargebrachten Opfer zweier 
Eier und eines Hahns begegnen wir auch bei den Begräbnis- 
feierlichkeiten. Sobald ein Tschuwasche gestorben ist, zerbricht eine 
der Verwandten über seinem Kopfe zwei Eier, reisst einem Hahn 
den Kopf ab und wirft dann alles vor die Thür, als Opfer für die 



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T _-^^ T^ . 1 TS- ^ ^r^^ir^-^ r> — - - --^TT'ii 



— 183 — 

bösen Geister, welche gebeten werden, den Verstorbenen nicht am 
ruhigen Eingang ins Jenseits zu hindern. Die Leiche wird ge- 
waschen (im Sommer im Hofe, im Winter in der Stube) und mit 
dem besten Anzug bekleidet, wobei Mütze und Handschuhe nicht 
fehlen dürfen. Da auch die Tschuwaschen glauben, dass das Leben 
im Jenseits jenem auf Erden vollkommen gleiche, legen sie allerlei 
Gegenstände ins Grab, welche der Verstorbene dort nach ihrer 
Meinung wird brauchen können, Männern ihre Arbeitsgeräte, 
ausserdem Tabak, Bier, Branntwein und Geld, von letzterem zu- 
weilen namhafte Beträge, den Frauen Nadeln, Zwirn, Leinwand u. s. w. 
Den Mund, die Nase und die Ohren der Leiche verstopfen sie mit 
Seide, damit der Verstorbene beim Verhör im Jenseits sagen 
könne, er habe nichts gesehen und nichts gehört. Am Begräbnis- 
platze nehmen die Verwandten Abschied von ihm und bitten ihn, 
alle früher verstorbenen Verwandten zu grüssen. Nachdem das 
Grab zugeschüttet ist, wird gegessen und getrunken, und jeder 
wirft ein Stück von den Speisen auf das Grab oder giesst Bier 
oder Branntwein auf desselbe aus. Die Totenfeier endigt gewöhn- 
lieh mit allgemeiner Betrunkenheit. Über dem Grabe werden 
Stangen, hölzerne oder steinerne Säulen errichtet, zuweilen auch 
das Grab mit Steinplatten belegt. 

Das Christentum hat auf alle diese Gebräuche keinen Ein- 
fluss auszuüben vermocht. Wie neben dem Popen noch die Ge- 
stalt des Jomsa erscheint, so hat alles Vertrauen auf die Macht' 
des Christengottes die Furcht vor Schaitan nicht zu bannen ver- 
mocht. Trotzdem zeigt uns aber alles, was wir hier kennen ge- 
lernt haben, die Tschuwaschen in einem völlig andern Licht als 
man sie vor noch gar nicht langer Zeit allgemein zu sehen ge- 
wohnt war. Galt doch in Russland selbst das Wort Tschuwasche 
als ein Schimpfwort, mit dem man einen ungeschlachten, rohen 
Menschen bezeichnete. — 

Die Permjaken, Angehörige der Familie der permischen 
oder nordischen Finen, leben heute in den Gouvernements Wjatka 
und Perm. Sie selbst nennen sich Kami Utir, d. i. Anwohner der 
Kama, oder Sudas. Perm bedeutet im finischen einen Höhenzug 



^ ,. ^ , 



— 184 — 

oder eine Wasserscheide. ^''') Es soll das sagenumwobene Biarmaland 
sein , eine Ansicht , die viel bestritten worden ist , aber , wenn 
Kjiochen, Waffen und Gräber, wie Jakob Grimm sagt, das leben- 
digste Zeugnis für die Vergangenheit eines Volkes sind , so fehlt 
es dieser Annahme nicht an einer Menge überzeugender Beweise. 
Die in den Gräbern gefundenen arabischen, byzantinischen und 
indo-baktrischen Münzen, deren älteste der Mitte des 5. Jahr- 
hunderts angehört, die zahlreichen angelsächsischen und deutschen 
Münzen aus dem U\ und 11. Jahrhundert zeugen von einem leb- 
haften Handelsverkehr in früher Zeit, in welchem Kaufleute aus 
Europa und Asien hier gegen die Erzeugnisse ihrer Länder kost- 
bares Pelzwerk und die Edelsteine des Urals eintauschten. Nestor 
zählt die Perm bereits unter den Völkern auf, welche dem russi- 
schen Grossfürsten Abgaben zahlten, aber obwohl bald ein ziem- 
lich starker Einwandererstrom in diese Länder sich ergoss, waren 

4 

im Jahre 1397, als der hl, Stefan ihnen das Christentum zu ver- 
künden begann, die Eingeborenen doch auf einer sehr niedrigen 
Bildungsstufe. Ihre Hauptgötzen waren damals Woipel und die 
Solotaja Baba (das goldene alte Weib), letztere das aus Stein aus- 
gehauene Bildnis eines alten Weibes mit zwei Kindern. Die Per- 
mjaken schlachteten ihm ihre besten Renntiere, bestrichen Augen 
und Mund des Götzenbildes mit dem Blut derselben, und suchten 
dann von ihm Aufschluss über die Zukunft zu erhalten. Ausser- 
dem glaubten sie an gute und böse Geister, deren höchster als 
der Schöpfer des Himmels und der Erde galt, im Himmel seinen 
Sitz hatte und um das, was auf Erden vorging, sich gar nicht 
kümmerte. Die Menschen , welche nicht würdig waren , mit ihm 
zu verkehren, mussten sich mit ihren Bitten an seine Kinder, die 
Geister und Götzenbilder wenden, welche die Herrschaft über die 
Erde ausübten. Die Permjaken glaubten auch an ein Leben nach 
dem Tode, in welchem die guten Menschen Belohnungen, die bösen 
aber Strafen erwarteten. '*^^) 

Von der grossen Ausbreitung der Permjaken in früherer Zeit 
zeugen noch viele Ortsnamen an der obem Kama und ihren Zu- 
flüssen, und die bedeutendsten der letzteren führen finische Namen, 







VfJ 



— 185 — . 

deren AVurzeln in der Sprache der Permjaken zu suchen sind, 
z. B. Kossa (d. i. der trockene, wasserarme), Lysswa (lys, Nadel- 
wald, wa, Fluss, also ein Fluss, der durch Nadelwald fliesst), Inwa 
(In, altes Weib, wa, Fluss), Tschalwa (tschol == still! Stilles 
Wasser), Tuj (Strasse, Weg; in alter Zeit führte ein Weg am 

•* _ 

Flusse hin), Wischera (wi, Butter, Ol, schor, Bach\ Tschussowaja 
(tschusch, schnell, reissend, wa, Wasser, Fluss) u. s. wJ*^'') Jetzt 
wohnen Permjaken hauptsächlich noch im Kreise Ssolikamsk des 
Gouvernements Perm im Flussthal der Inwa, doch scheinen sie 
durchaus nicht im Aussterben begriffen zu sein. Lukanin berichtet, 
dass sich vom Jahre 1841 bis 1850 die männliche Bevölkerung 
von leOÖS auf 20091, die weibliche von 18 809 auf 22 6*1 Seelen 
vermehrt habe. Gegenwärtig zählen die Permjaken etwa 59000 
Seelen, wovon etwa 34000 im Thal der Inwa wohnen. Sie sind 
alle Christen, aber ihr christlicher Glaube ist ebenso sehr von einer 
Menge heidnischen Aberglaubens durchsetzt, wie ihre Sprache im 
Verkehr mit den Küssen immer mehr slavische Ausdrücke auf- 
nimmt. Schon im Jahre lrt(59 schrieb N. Rogow, der Verfasser 
eines permjakischen Wörterbuchs, dass die Sprache der Permjaken 
immer mehr vom Russischen verdrängt werde, dass in manchen Dörfern 
alle Frauen und die Mehrzahl der Jugend nur noch russisch spreche, 
dass man schon viele Permjaken weder nach der Sprache, noch 
nach ihrer äussern Ei scheinung von Russen unterscheiden könne, 
und dass nur in den abseits von allem Verkehr gelegenen Nieder- 
lassungen russisch nicht verstanden werde, obwohl auch dort 
schon der russische Einfluss sich bemerkbar zu machen beginne, i*^®) 
Die Kleidung der Männer und Frauen stimmt ziemlich mit 
jener der sie umgebenden rassischen Bevölkerung tiberein, weist 
aber doch auch manche Abweichungen auf. Die Männer tragen 
meist ein bis zu den Knieen reichendes Hemd von weisser oder 
bläulicher, selten blauer Leinwand mit kurzen weiten Ärmeln 
(Jernöss genannt) und nur bis zu den Knieen reichende Bein- 
kleider (Weschjan) aus derber Hanfleinwand, die beide mit Aus- 
nahme der Sonntage in der Regel sich durch eine sehr schmutzig 
graue Färbung auszeichnen. Das Hemd wird durch den Schelnik, 



— 196 — 

einen im Hause gewobenen Gürtel von weisser , blauer . oder 
brauner Farbe zusammengehalten, von welchem ein Ledertäschchen 
herabhängt, in dem sich Feuerstahl, Stein und Zündschwamm be- 
finden. Die Beine werden mit Leinwandlappen (Nemöt) umhüllt, 
im Frühjahr und Herbst, zur Zeit der schweren Feldarbeiten, mit 
doppelten Lappen. Auch diese sind meist sehr unsauber, da der 
Permjake sie, ohne sie zu reinigen, so lange trägt, bis sie in 
Fetzen vom Leibe fallen. Über den Lappen trägt der Permjake 
nach die Pägalenki, einem an beiden Seiten offenen engen Sack 
ähnlich , welche am Knie unterhalb der Unterbeinkleider fest- 
gebunden werden, während man ihr unteres Ende unter die Lappen 
steckt. Im Winter werden aus schwarzem oder blauem Tuch ver- 
fertigte Strümpfe (Tscheröss) getragen, und bei grosser Kälte um- 
windet man ausserdem das Bein bis zum Kjiie mit langen Tuch- 
streifen. Die Fussbekleidung bilden sowohl im Sommer als im 
Winter 'Bastschuhe (Ninköm). Wohlhabende Permjaken tragen an 
Sonntagen oder bei feierlichen Gelegenheiten auf dem Markt ge- 
kaufte weite Stiefel, die mit Nägeln oder eisernen Platten (Huf- 
eisen genannt) beschlagen sind. Die Kopfbedeckung ist das Haupt- 
merkmal, durch welches ein Permjake von einem Russen unter- 
schieden werden kann. Sie besteht aus einer weissen Lammfell- 
mütze von halbkugelförmiger Gestalt, die bisweilen mit schwarzem 
Fell eingefasst ist — wohl das letzte Überbleibsel der alten 
Volkstracht der Permjaken. Im Winter tragen sie eine gewöhn- 
liche russische Mütze, und bei den von rassischen Einflüssen noch 
unberührten Permjaken trifft man im Winter den Malachai, eine 
Mütze mit grossen Ohrlappen von Pelzwerk, welche bei grosser 
Kälte über die Ohren herabgelassen, sonst aber emporgeschlagen 
getragen werden. Als Obergewaud dient im Sommer der Schabur, 
ein bis unter die Kniee reichender blauer Kittel, der zuweilen am 
Kragen und auf den Ärmeln mit weissen Fäden ausgenäht ist, 
und an Feiertagen und bei Festlichkeiten, im Sommer und im 
Winter, bei den russifizierten Permjaken der Beschmet, ein Kittel 
aus billigem schwarzem oder blauem Tuch, der durch einen Gürtel 
zusammengehalten wird. Im Winter trägt man einen Halbpelz 






— 187 — 

aus Schaffell, welcher drei bis vier Finger breit unter die Kniee 
reicht, seltener die Schuba aus Schaffell. Nie sieht man einen 
Permjaken ausserhalb des Hauses ohne Gürtel, sogar wenn er blos 
ein Hemd trägt. Manche — jedoch die russifizierten nicht mehr 
— tragen an dem Gürtel eine von ihnen selbst roh geschnitzte 
Scheide, in welcher ein kleines Messer steckt. ^•^') 

Die Frauen tragen ein am Halse durch eine Schnur ge- 
schlossenes weisses Leinwandhemd mit sehr langen und breiten 
Armein, darüber den blauen, vorn und hinten mit Stickerei in 
Wolle verzierten Ssarafan, Strümpfe aus weisser Wolle und Leder- 
schuhe mit roter Einfassung, als Kopfbedeckung den russischen 
Kokoschnik, welcher vorn mit Perlen und anderem Zierat, hinten 
mit rotem Tuch aufgeputzt ist. Als Schmuck tragen sie alter- 
tümliche silberne Ohrringe. Zur Winterkleidung gehören noch 
ein Halbpelz, darüber ein Nankingkittel, der je nach den 
Vermögensverhältnissen einen Kragen von Eichhörnchen- oder 
Fuchsfell erhält, und wollene weisse Handschuhe, in welche mit 
roten Fäden allerlei Verzierungen eingenäht sind. Auoh die Frauen 
achten sehr wenig auf Sauberkeit in der Kleidung. 

Die meisten Häuser der Permjaken sind noch ohne Rauch- 
fang; erst in neuerer Zeit hat man begonnen , in den Stuben 
Rauchfange anzubringen. Das Aussehen der Stuben ist nicht sehr 
einladend. Längs der Wände sind Bänke angebracht, in der vordem 
Ecke stehen die Heiligenbilder und sehr oft ein kupfernes Kruzifix, 
vor denselben der Tisch, der nur an Festtagen mit einem Tisch- 
tuch bedeckt wird. Neben dem Ofen befindet sich das Wasch- 
becken mit einem schmutzigen Handtuch, und dort steht auch die 
Handmühle, auf welcher die Hausfrau täglich das zum Brotbacken 
nötige Getreide mahlt. Der Boden der Stube ist schwarz von 
Kot und Schmutz, denn er wird nie gescheuert, da die Per- 
mjakinnen einen angeborenen Abscheu gegen eolche Arbeit haben. 
Trotz all dieser Unsauberkeit lieben die Permjaken die Dampf- 
bäder sehr, und im Hofraum der meisten Häuser findet man neben 
der Scheune und dem Stall ein Badehäuschen. Zuweilen besitzen 
zwei oder drei Bauern eins gemeinsam. Der Permjake badet zwei 



•^""V^-Vi 



— 188 — 

bis dreimal wöchentlich und begiebt sich bei der strengsten Winter- 
kälte mit nackten Füssen und im blossen Hemde ins Bad, aber 
nachdem er seinen Körper gereinigt, zieht er stets wieder sein von 
Schmutz starrendes Hemd an. '^2) 

Die Kost des ärmern Volkes bildet hauptsächlich Brot aus 
Gerstenmehl, welches mit Hafermehl vermischt ist, und unge- 
säuerte Kuhmilch. Je nach der Wohlhabenheit triflft man bei 
ihnen alle Speisen, welche die russische I^auernktiche kennt, die 
Schtschi (Kohlsuppe), die Kascha aus Milch und Graupen, die Uchä 
(Fischsuppe), die Fischpirogen (Pasteten) u. s. w. Das Lieblings- 
geträrk des Permjaken ist das ihm den russischen Kwafs er- 
setzende Bier, welches er aus einem Teil gedörrten Malz und sechs 
Teilen Hafer selbst braut, und er fühlt sich unglücklich, wenn er 
kein Bier besitzt. Es giebt dünnes, das stets kalt getrunken wird,, 
und starkes Bier, das man kalt oder warm trinkt und das sehr 
nahrhaft ist. Ausserdem giebt es ein dem russischen Meth ähn- 
liches Getränk , und bei Festlichkeiten und an Feiertagen trinkt 
man Kornbranntwein , den die Permjaken früher ebenfalls selbst 
bereiteten, jetzt aber im Kabak kaufen. 

Als Christen feiern die Permjaken selbstverständlich die christ- 
lichen Feiertage, und viele russische Volksfeste und mit denselben 
zusanmienhängende Gebräuche haben bei ihnen Eingang gefunden, 
aber daneben wuchert der heidnische Aberglaube noch üppig fort. 
Trotzdem das Christentum schon seit Jahrhunderten unter ihnen 
Fuss gefasst hat, können sie sich, immer noch nicht von dem heid- 
nischen Wesen vöHig losreissen, und neben dem Glauben an den 
Christengott hat sich die Scheu vor bösen Mächten ungeschwächt 
erhalten. Ein erkrankter Permjake wendet sich höchst selten an 
einen Ai-zt, er sucht lieber eine »kluge Frau** oder irgend einen 
Hexenmeister auf und erwartet von ihm Heilung. Wenn die 
Kenntnisse dieser Leute nicht genügen, die Krankheit zu bannen, 
nimmt man seine Zuflucht zum Tschor-Eschwan. Man bindet 
ein Stück Hopfen, ein Endchen einer Wachskerze und einige 
Kopeken Kupfergeld in ein reines Tuch, und der Kranke — 
wenn dieser dazu nicht imstande ist, irgend ein anderer — be- 



m 



— 189 — 

giebt sich zu dem Hexenmeister und bittet ihn, nachdem er ihm 
sein Leiden erklärt, ein Tschor-Eschwan zu veranstalten. Der 
Hexenmeister bindet das von dem Kranken mitgebrachte Tuch 
auf und nimmt alles heraus, was er darin findet. Die Kerze 
zündet er an und stellt sie vor den Heiligenbildern auf. Den 
Hopfen zerreibt er zu Pulver, legt sein Kreuz ab und ein Beil auf 
die Schnur, an welcher es getragen wird, holt aus dem Ofen 
einige Kohlen und streut den zerriebenen Hopfen auf sie, während 
er wie verrückt geheimnisvolle Worte murmelt. Dann hängt er 
das Beil an der Schnur des Kreuzes auf und beginnt die Namen 
aller Heiligen herzusagen, welche in der Umgegend Kirchen oder 
Kapellen besitzen. Bei welchem Namen das Beil das Gleich- 
gewicht verliert, an dessen Träger muss sich der Kranke mit einem 
Gebet um Genesung wenden oder muss ihm eine Kerze von 
seiner ganzen oder halben Körpergrösse , oder von der Länge 
seiner Hand oder seines Beines, wenn in diesen der Sitz der Krank- 
heit ist, widmen. Man sieht solche, durch ihre eigentümliche 
Gestalt erkennbare Tschor-Eschwan- Kerzen in allen Kirchen der 
Permjaken-Dörfer, denn der Gebrauch, einen Tschor-Eschwan anzu- 
stellen, hat sich überall bis auf den heutigen Tag erhalten. 

Die vielen guten und bösen Geister, an deren Vorhandensein 
der Permjake noch glaubt, machen sich auf Schritt und Tritt in seinem 
Leben bemerkbar. In .dem Verschlag, der sich im Fussboden neben 
dem Ofen befindet, haust der Hausgeist, der Ssussedko, dessen 
Wohlwollen sich der Hauswirt sorgsam zu bewahren sucht. Wenn 
er in ein neues Haus übersiedeln will, nimmt er um Mitternacht 
das Heiligenbild, öffnet den Verschlag und spricht: „Lieber 
Ssussedko, guter Freund, wir wollen in das neue Haus gehen. 
Wie wir uns hier gut und wohl befanden, so werden wir auch 
im neuen Hause leben. Liebe Du meine Familie und mein Vieh!* 
Dann begiebt er sich zu dem neuen Hause und lässt dort einen 
Hahn und eine Henne in die Stube, betritt diese aber selbst nicht 
früher als bis der Hahn gekräht hat. Dann stellt er das Heihgen- 
bild beim Fenster auf, öffnet den Verschlag und spricht: „Komm 
herein, lieber Ssussedko, guter Freund!** worauf er den Verschlag 



— 190 — 

wieder schliesst. Ein geiahrlicherer Hausbewohner als Ssussedko ist 
der Wassermann, der sich in den Mühlen aufhält, eine hässliche^ 
meist schwarze und zottige Gestalt, welche zusammengekauert auf 
dem Mühlrad sitzt und es- unablässig in Bewegung setzt. Die 
Müller sind vollständig von ihm abhängig und haben daher ge- 
wöhnlich mit ihm einen Bund geschlossen, durch den sie nach 
ihrem Tode in seine Gewalt kommen. Daher stammt das uner- 
klärliche, schreckliche Geräusch, das man in einer Mühle hört, 
wenn der Müller im Sterben liegt: der Wassergeist freut sich, dass 
der Müller nun bald in seiner Gewalt sein wird. Ausserdem giebt 
es im Wasser noch verschiedene Geister, männliche und weibliche, 
welche letzteren man bisweilen ans Ufer herauskommen und ihr 
langes Haar kämmen sieht. Im Walde haust der Waldgeist, der 
alle möglichen Gestalten annehmen kann , sich bald so hoch 
emporreckt, dass er über die Baumgipfel emporragt, bald so zu- 
sammenschrumpft, dass man ihn im Grase kaum bemerkt, den 
man aber stets daran erkennen kann, dass er weder Augenbrauen 
noch Wimpern besitzt. Um ihn abzuhalten , ihnen zu schaden, 
legen die Permjaken ein Päckchen russischen Blättertabak, den er 
sehr liebt, als Opfergabe im Walde auf einen Baumstumpf. Er 
hat es hauptsächlich auf die Wanderer abgesehen, die durch den 
Wald kommen. Den müden Wanderer lockt er vom Wege ab, 
fesselt Schlitten und Wagen an den Boden, dass sie nicht weiter 
können, und während der Fuhrmann zitternd vor Angst sich ab- 
müht, den Wagen von der Stelle zu bringen, steht er höhnisch 
kichernd daneben und freut sich seiner vergebUchen Anstrengungen. 
Gehilfen der Geister, zugleich aber auch Vermittler zwischen 
ihnen und den Menschen sind die Hexenmeister, die durch einen 
blossen Blick den Menschen alles erdenkliche Übel und Unheil 
zuwenden können, aber auch aUein imstande sind, dasselbe abzu- 
wenden oder zu beheben. Auch der Glaube an den bösen Ulids: 
ist sehr verbreitet. Man fürchtet besonders den Einfluss desselben 
auf das Vieh. Um dieses zu schützen, hängt der Hauswirt an 
der Rückwand des Hofes, gerade gegenüber der vom Vorhause in 
den Hof führenden Thür ein Paar alte Schuhe so auf, dass jeder 




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— 191 — 

ia den Hof Eintretende sie sofort erblicken muss; Kommt nun 
ein mit dem boseri Blick Behafteter in den Hof, so erblickt er 
zunächst die Schuhe, und die Wirkung des bösen Blickes trifft 
diese und nicht das Vieh, denn nur der erste Blick kann eine 
schädliche Wirkung ausüben. 

Wie die Wolga-Pinen fürchten auch die Permjaken die Toten, 
und um sie zu veranlassen , ihnen nicht zu schaden , bringen sie 
Speisen und Getränke zum Grab, machen eine kleine Höhlung in 
dasselbe und giessen, nachdem sie selbst getrunken, Bier oder 
Branntwein hinein mit den Worten: „Trink, trink, wie Du früher 
getrunken hast!" Die Speisen sucht man möglichst heiss zum 
Grabe zu bringen, damit der Tote sich an ihrem Duft ergötze. 

An die heidnische Zeit der Permjaken erinnert femer noch 
der Gebrauch, dem Toten Geld in die Hand zu stecken, auf den 
Sarg eine Fisch-Piroge , Brot, Lindenbast und kleine Gürtel zu 
legen, welche unterwegs an die dem Leichenzug Begegnenden ver- 
teilt werden. Der Sarg wird, auch im Sommer, auf einem Schütten 
zur Begräbnisstätte geführt, und dieser dann auf dem Grabe zer- 
brochen, denn wenn man ihn nach Hause mitnähme, würde noch 
jemand sterben. Nachdem das Grab geschlossen ist, setzt man 
sich auf dasselbe und singt TrauerUeder. 

Die Lieder, welche die Permjaken singen, sind mehr oder 
minder entstellte russische Volkslieder, ihre eigenen Volkslieder 
sind fast völlig in Vergessenheit geraten. Überhaupt haben die 
Permjaken nur wenig Neigung und Anlage zum dichten und 
singen, und die russischen Lieder, welche sie bei Hochzeiten und 
anderen Festen singen, verstehen sie oft gar nicht. Den Ton 
ihrer eigenen Volksdichtungen mag das folgende Lied zeigen. Ein 
Mädchen singt: 

Das Küpfclu'ii sclunfTzt, 

Das Horzchou trauort» 

Weshalb schmerzt es? 

Ich weiss es, ich selbst versuch' es. 

Er ist nicht da, mein Liebster ist nicht da, 

Der Herzerfreiier. 

Väterchen und Mütterchen, lasset mich fort! 

Man ruft micli zum Oheim. 



— 192 — 

AV<\shalb word»« ich zum Oheim g(4i(*nV 
(i«^h('n werd ich, g«'hn zu mt'inom Liebsten. 
Er wird mir Wein zu trinken geben, 
Mich mit Pfefferkuchen sättigen. 

Am meisten wird bei der Hochzeitsfeier gesungen, dieselben 
bald fröhlichen, bald von Abschiedstrauer und Wehmut erftillten 
Lieder, welche die Russen singen. Der Aberglaube, von dem die 
Permjaken sich nicht befreien können, durchdringt auch alle Hoch- 
zeitsgebräuche und alles, was mit Brautwerbung und Hochzeit zu- 
sammenhängt. Der Brautwerber oder die Brautwerberin — ent- 
weder der Vater oder die Mutter «oder ein naher Anven^^andter — 
begiebt sich, nachdem er ein Gebet vemchtet, in festhchem Anzug 
zum Hause des Vaters des auserwählten Mädchens, im Sommer zu 
Ross, im Winter im mit Matten gedeckten Schlitten. Dort ange- 
kommen, darf" er jedoch nicht sofort in die Stube treten. Er 
öffnet erst die Thür ein wenig, schliesst sie aber sofort geräusch- 
los wieder, öffnet sie dann ein zweites mal, doch nur um sie abermals 
sofort zu schliessen, und erst beim dritten Offnen tritt er ein. 
Während er den rechten Fuss über die Schwelle setzt, klopft er 
mit der Ferse auf dieselbe, schreitet dann in die Mitte der Stube 
unter den Tragbalken der Decke, verrichtet dort ein Gebet, ver- 
neigt sich schweigend vor dem Hausherrn und seiner Frau und 
setzt sich auf eine Bank. Er verharrt nun in Schweigen, bis der 
Hausherr ihn nach seinem Hegehr fragt, worauf er den Anlass 
seines Kommens mitteilt und die Verhandlungen beginnen, welche 
oft während mehrerer Tage fortgesetzt werden und jedesmal 3 bis 
5 Stunden dauern, denn es ist Sitte, dass der Vater des Mädchens 
sich gegen die Heirat sträubt und eine ablehnende Antwort giebt, 
auch wenn ihm der Brautbewerber sehr willkommen ist. Man 
verheiratet die Söhne sehr früh, weniger um zu verhindern, dass 
sie auf Abwege geraten , als um in einer Frau dem Hauswesen 
eine neue Arbeitskraft zu gewinnen, aber aus demselben Grunde 
lässt auch der Vater des Mädchens dasselbe nicht gern ziehen. 
Und noch ein Grund veranlasst in vielen Fällen den Vater, mit 
seiner Einwilligung zu zögern. Die Mädchen, welche spät unter 



:a 



— 193 — 

die Haube kommen, haben meist schon die Jungfrauschaft ver- 
loren, und der Vater eines noch jungfräulichen Mädchens ver- 
heiratet daher dasselbe nur ungern, denn seine Verheiratung gilt 
allgemein als ein Beweis, dass es bereits die Jungfrauschaft ver- 
loren hat. Die Burschen nehmen übrigens keinen Anstoss daran, 
ja sie bevorzugen sogar solche Mädchen. 

Nachdem man darüber einig geworden, was der Vater des 
Mädchens ausser dem unvermeidlichen Kukoschnik und den 
Schuhen für die Braut noch an Mehl, Fleisch, Fischen, Eiern und 
überhaupt an Lebensmitteln und Getränken erhalten soll, findet 
der feierliche Handschlag statte durch den die Verlobung bekräftigt 
wird. Der Brautwerber begiebt sich an dem dazu bestimmten 
Tage mit einigen Gläsern Branntwein (bei reichen Brautleuten mit 
einem, halben Eimer), einem Gefass voll Bier und einer Fisch- 
piroge, gefolgt von der Mutter, dem Oheim oder irgend einem 
Verwandten des Burschen zum Vater des Mädchens, wo sie ein 
Gebet verrichten und dann den Hausherrn und die anwesenden 
Gäste begrüssen. Der Brautwerber fragt den Hausherrn, ob er 
bereit sei , seine Tochter diesem Burschen zu geben , worauf er 
jedoch nicht stets sofort eine zustimmende Antwort erhält, denn 
der Vater zeigt sicli noch unschlüssig, und erst nachdem ihm alle 
Anwesenden die Vorzüge des Bewerbers gepriesen und ihn an das 
gegebene Wort erinnert, erklärt er sich bereit, doch mit dem Be- 
merken, dass er eigentlich keine Lust habe, seine Tochter zu ver- 
heiraten. Dann wird die Kerze vor dem Heiligenbild angezündet, 
Brot und Salz auf den Tisch gestellt, und nachdem alle ein kurzes 
Gebet verrichtet, tritt der Vater des Mädchnes hinter den Tisch, 
der Brautwerber nähert sich ihm, und während alle das sogenannte 
Jesus-Gebet sprechen, das bei den Hochzeitsfeierlichkeiten noch 
oft wiederholt wird, reichen sich der Brautwerber und der Vater 
des Mädchens die Hände und halten sie fest, bis der Begleiter des 
Brautwerbers und die Mutter des Mädchens sie lösen. Damit ist 
die Verlobung geschlossen, und der Brautwerber bittet nun um 
ein Glas, um alle (wenn nur zwei Gläser mitgebracht wurden, blos 
Vater und Mutter) mit dem mitgebrachten Branntwein zu bewirten, 

Roskoscbny, Die Wolga. 13 






W" 



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— 194 — 

worauf der Hausherr sie zum sitzen einladet. Jetzt erst erscheint 
die Braut und kredenzt den Gästen auf einem Teller je- ein Glas 
von dem Branntwein, welchen der Brautwerber zu diesem Behufe 
beiseite gestellt hat, wobei sie jedem ein Geschenk überreicht. Der 
Beschenkte küsst sie und legt ein oder mehrere Geldstücke auf 
den Teller. Die festliche Bewirtung aller Gäste bildet den Schluss 
der Verlobung. 

In den folgenden Tagen wird die Braut von allen Verwandten 
der Reihe nach eingeladen und bewirtet, wobei stets bestimmte 
Lieder gesungen werden. Am Abend vor der Hochzeit flechten 
die Mädchen der Braut die Zöpfe auf und führen sie, nachdem sie 
den Vater in einem Liede um seinen Segen gebeten und diesen 
erhalten, unter Gesängen ins Bad, von wo sie in gleicher Weise 
zurückgeleitet wird. Der Abend vergeht unter Gesängen, an 
welchen die Eltern, rlie Geschwister und Freundinnen der Braut 
abwechselnd sich beteiligen. Schliesslich wird der Braut das Haar 
mit Bändern durchwunden und sie legt sich mit zwei Freundinnen 
auf der Bank hinter dem Tische zur Ruhe nieder, während die 
anderen sich zurückziehen. Am frühen Morgen, kaum dass die 
Braut erwacht ist, erscheinen ihre Freundinnen wieder, und unter 
dem Absingen von Liedern , welche teils an die Braut , teils an 
ihre Eltern und Geschwister gerichtet sind, vergeht die Zeit bis 
zur Ankunft des Bräutigams und seines Gefolges.- 

Nachdem der Zug des Bräutigams vor dem Hofe angekommen 
ist, beginnen zunächst Verhandlungen mit dem Vater der Braut, 
den man durch Bitten und Zureden zu bewegen sucht, die Ein- 
fahrt in den Hof zu gestatten, die endlich bewilligt wird. Der 
Bräutigamsftihrer reicht jenem, der das Thor öfiFnet, ein Glas 
Branntwein und macht mit der Peitsche das Kreuzeszeichen auf 
dem Hausthor und der nächsten Hausecke. Im Vorhaus treffen 
sich die beiderseitigen Brautwerberinnen mit einem grossen Becher 
Bier in der Hand, aus dem jede einige Tropfen in den Becher der 
andern abzugiessen versucht. Gelingt dies der Brautwerberin des 
Bräutigams , so wird dieser in der Ehe der herrschende Teil sein, 
sonst umgekehrt. Indessen sind in der Stube der Braut und ihren 



|7->r-^.. 



~ 195 — 

Verwandten die Geschenke des Bräutigams überreicht worden, und 
es beginnt die Bewirtung der Gäste. Eine Menge abergläubischer 
Gebräuche füllt noch die Zeit bis zur Fahrt zur Kirche: der 
Braut wird dreimal Stroh unter die Püsse geworfen, um sie gegen 
die Wirkungen des bösen Blickes zu schützen, in der gleichen Ab- 
sicht wird der Braut in einer Kufe Wasser gereickt, in dem sie 
sich wäscht, und nachdem die Brautwerberin des Bräutigams ein 
Kopftuch dreimal in der Sonne um den Kopf der liraut ge- 
schwungen, bekleidet sie dieselbe mit ihm, wovon man ebenfalls 
Schutz gegen den bösen Blick erwartet. Der Braut werden femer, 
obwohl sie bereits im vollen Festanzug dasteht, die vom Bräutigam 
mitgebrachten Strümpfe, ein Hemd und ein Kittel angezogen, so 
dass sie fast alle Kleidungsstücke doppelt trägt. Wenn auf der 
Strasse, auf der man zur Kirche fährt, ein Besen liegt, steigen alle 
Hochzeitsgäste aus, bekreuzen sich und schlagen sich jeder drei- 
mal mit der Peitsche, denn in dem Besen stecken böse Kräfte, 
deren unheilvollen Einfluss man blos durch das' Bekreuzen und die 
Peitschenhiebe beseitigen kann. Nachdem der Pope das Paar ge- 
traut hat, fähren es die Brautführer in eine Ecke der Kirche, wo 
der Braut eine Wintermütze aufgesetzt wird und sie eine Fisch- 
piroge, die sie am Busen verwahrt hatte, mit dem Bräutigam teilt 
und verzehrt. Aus der Kirche fahrt man zum Hause des Hräutigams, 
wo die Eltern desselben den Zug mit dem Heiligenbilde und Brot 
und Salz empfangen. Dann beginnt die Bewirtung, welche bei 
Wohlhabenderen drei Tage dauert. Am dritten Tage findet bei 
den Neuvermählten ein Schmaus statt, zu welchem die junge Frau 
alle Speisen selbst, ohne den Beistand anderer zubereitet, und mit 
diesem Tage tritt sie ihr Amt als Hausfrau au. 

In allen diesen Gebräuchen zeigt es sich, wie sehr bereits die 
Russifizierung der Permjaken vorgeschritten ist. Selbst der noch 
nicht völlig in das Russentum aufgegangene Teil des Volkes hat 
bereits vieles ihm früher Eigentümliche eingebttsst, und die alten 
Sitten und Gebräuche sind stark mit russischen gemischt. 

Die Wotjaken oder Woten, der westliche Zweig der per- 
mischen Einen, nennen sich selbst Udmurt, das Volk der gast- 

13* 




-.1 



— 196 — 



freien Männer (Ut und Wut bedeutet einen gastfreien Wirt,^'*^) 
Murt = Mann), und das von ihnen bewohnte Land bezeichnen sie 
mit dem Namen Kam-Kosip, d. i. das Land zwischen der Kama 
(Budschim-Kam) und Wjatka (Wjatka-Kam). Sie wohnen heute 
noch in ziemlich fest geschlossenen Massen in ihren alten Wohn- 
sitzen, die sie schon vor dem 13. Jahrhundert, zur Zeit ihrer Un- 
abhängigkeit unter eigenen Fürsten, inne hatten. Ihre Zahl hat 
sich seit lOü Jahren mehr als versiebenfacht, denn im Jahre 1776 
schätzte man sie nur auf etwa 40 0U0 Seelen, aber schon 1872 
zählte man bereits 275 645 Seelen. Die Hauptmasse wohnt im 
Gouvernement Wjatka, wo sie etwa 10 "/o der Bevölkerung bildet, 
am zahlreichsten im Kreise Glasöw, in welchem sie mit 102 378 
Seelen (im Jahre 1872) 25 ^/q der Bevölkerung bildet. Kleinere 
Abteilungen findet man in den Gouvernements Kasan (8262 im 
Jahre 1872 in den Kreisen Kasan und Mamadysch), Ssamara (etwa 
1300) , Ufa (etwa 1000) , Perm (2953 im Kreis Osinsk). Bei der 
grossen Mehrzahl des Volkes zeigt sich schon in der äussern Er- 
scheinung vieles, was an die Finen erinnert. Man trifft bei ihnen 
meist helle Hautfarbe, rötliches oder gelbliches Haar, meist blaue, 
seltener braune Augen, eine schmale, niedrige Stirn, dagegen ein 
ovales Gesicht statt der dreieckigen Gesichtsform, welche das kenn- 
zeichnende Merkmal aller finischen Völker sein soll. Der Ober- 
körper ist unverhältnismässig lang, aber trotz des kräftigen Körper- 
baues die Muskeln sehr wenig entwickelt. Die Männer sind meist 
schöne, gut gebaute Gestalten, dagegen trifft man unter den 
Frauen neben manchem hübschen Mädchengesicht auch abschreckend 
hässliche Weiber. Zu ihren schlechten Eigenschaften gehört Trotz 
und Jähzorn und nicht geringe Neigung zum Trünke, zu den 
guten ihr Fleiss. Rytschkow sagt, dass kein anderes Volk im 
ganzen russischen Reich so arbeitsam sei wie die Wotjaken.*^'*) 
Dabei kann man streng genommen nicht sagen, dass die Trunk- 
sucht unter ihnen herrsche, denn wenn auch kein Feiertag zu 
Ende geht, ohne dass das ganze Dorf betrunken ist — wozu 
viel gehört, da Männer und Frauen viel vertragen — , so trinkt 
der Wotjake doch nie an Arbeitstagen, ist vielmehr im Sommer 



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— 197 — 



ununterbrochen vom frühen Morgen bis zum Abend thätig, und 
auch im Winter triflFt. man abends in den Spinnstuben, den pakon 
korka , die Mädchen mit spinnen oder stricken , die Burschen mit 
Flechtarbeiten beschäftigt. 

Die Folge diser emsigen Thätigkeit ist, dass man unter den 
Wotjaken viele wohlhabende Leute findet. Die Wotjaken betreiben 
hauptsächlich Ackerbau, und obwohl bei ihnen inbezug auf das 
Ackerland dieselben Besitz Verhältnisse herrschen wie bei den russi- 
schen Bauern , sind die Felder doch überall sehr gut bestellt 
Nächst dem Ackerbau lieben die Wotjaken vorzüglich die Jagd, zu 
welcher die grossen , wildreichen Wälder des Gouvernements 
Wjatka viel Gelegenheit bieten , und auch die vielen Flüsse und 
Seeen laden zum Fischfang ein , der die Vorratskammer mit ge- 
salzenen Fischen für den Winter füllt. Die Viehzucht wird ver- 
nachlässigt, vielleicht der Seuchen wegen, welche die Tiere häufig 
wegraffen, dagegen züchten die Wotjaken zwar nicht schone, aber 
sehr ausdauernde Pferde. In jedem Wotjakenhof trifft man Schafe, 
Ziegen und Schweine in Menge, ausserdem Gänse, Enten und 
Hühner. Sehr verbreitet ist die Bienenzucht, und mancher Wotjake 
besitzt 200 und mehr Bienenstöcke. Nach den Städten bringen 
die Wotjaken viel Holz zu Markte, das sie meist den Regierungs- 
forsten entnehmen, trotzdem sie dies häufig in unangenehme Be- 
rührung mit den Behörden bringt, welche jeder Wotjake wie Gift 
scheut. Sollen sie doch in ihrem Vaterunser statt: „Erlöse uns 
von dem Übel" beten: ^Erlöse uns von dem Pristaw!" 

Der Wotjake ist ungemein anstellig zu allerlei Handwerken, 
und es giebt ausser dem Kattun zur Kleidung und den Glasperlen, 
welche die Frauen als Schmuck tragen, kaum einen Bedarfsgegen- 
stand, den er nicht selbst verfertigt. Er erbaut selbst sein Haus, 
jurt, die Fensterseite der Strasse zugekehrt, aus zwei Wohnstuben, 
korka, bestehend, welche rechts und hnks von dem Vorraum liegen, 
und im Hofe die Stalle und Wirtschaftsgebäude, nebst der Koch- 
hütte, kuala, in deren Mitte auf der blossen Erde der Feuerherd 
steht , dessen Rauch durch das durchlöcherte Bretterdach abzieht, 
und den kenos, kleinen, auf einem Steinunterbau ruhenden Hütten 



— 198 — 

rken Balken, welche im Sommer zum Nachtlager dienen 
ren jedes Kind, wenigstens jede erwachsene Tochter, eine 
1 soll. Er verfertigt auch selbst die ganze Stubeneinrich- 
velche vollkommen der russischen gleicht. Nur in wenigen 
1 triflt man noch Kouchstuben; die , weisse Stube", tödy 
ist die vorherrschende geworden. Sie enthiilt den mit einem 
ang versehenen riesigen Ofen, gur, in der ihm gegenüher- 
en Ecke das Ehebett und in der Ecke gegenüber der Thtir 
seh, dschöb, während rings an den W.'inden breite Holz- 
skamja, angebracht sind. Die Betten bestehen aus einer 
Bank, auf welche für jeden Schläfer eine hesondere Kopf- 
lufgesetzt wird, aus zwei geschnitzten Brettern bestehend, 
e spitz-, bez. stumpfwinklig mit einander befestigt sind, so 
LS eine auf die Bank gestellt senkrecht steht und die Kopf- 
vertritt, das andere sich /um Bette sanft neigt und ein 
Kopfkissen vertritt, juradsch pu." '■*■"■) Ebenso verfertigt 
otjake alles seihst was er beim Ackerbau oder in der Haus- 
aft braucht. Er versteht das in der Stadt gekauft* Eisen 
mieden,, verfertigt Stricke und Körbe aus Lindenbast, fiicht 
iseni auch sein Pferdegeschirr, baut selbst seinen leichten, 
len. dem russischen Tarantass ähnlichen Wagen. Die Pfeife, 
r er raucht, hat er selbst geschnitzt, am Abend erleuchtet . 
Itube ein Tannenspahn , den er aus dem Walde geholt hat. 
ranen stricken Strümpfe und Handschuhe, und sind im 
1 und weben sein- geübt. Sie liefern sehr dauerhafte Ge- 
in welche oft sehr schöne Muster teils eingewebt, teils eiu- 
t sind. Auf einem roh geschnitzten Leisten werden mit 
sfiser und einem Hakenpfriemen, siktan, die Bast.«cliuhe ver- 

e Kleidung der Männer gleicht so ziemlich jener der russi- 
Bauern, während die Frauen die alte Volkstracht noch hei- 
n haben, allerdings auch sciiou mehr oder minder mit 
len oder tatarischen Beimengsein vermischt. Im Sommer 
?n sie nicht viel Zeit zum ankleiden, l'ber das weisse, auch 
j-weiss oder blau-weiss gestreifte Hemd, derem, von Leinen- 



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1. ■ ■ ^ • ^ 






— 199 — 

oder Hanfzeug, das bis zu den Knöcheln herabreicht, wird eine 
Schürze, asch-kyschet , vorgebunden, und die Wotjakin steht in 
ihrer Alltagskleidung fix und fertig da — abgesehen von den 
vielerlei Schmucksachen, die sie noch anzulegen hat. Unter letzteren 
ist das wertvollste das Halsband, Tschyrdyves, welches täglich ge- 
tragen wird, ein mit grossen Glasperlen besetzter Leinen streifen, 
dessen Rand zwei Reihen grosser Silbermlinzen bilden und von 
dem noch drei mit alten Silberrubeln bedeckte Leinwandstreifen 
über die Brust herabhängen. Ausserdem wird noch eine gleich- 
falls mit gi'ossen Silberrubeln besetzte Messingkette, shili, um den 
Hals gelegt, an welcher ein Kreuz oder ein anderer Schmuck- 
gegenstand befestigt ist, und auch die um den Hals gelegte Schnur, 
butmär, an welcher die Schlüssel hängen, ist mit Rubeln besetzt, 
so dass der Schmuck einer Wotjakin mitunter über 100 Rubel 
Wert besitzt. Dazu kommen noch Armbänder aus Neusilber oder 
Silber und Ohrgehänge aus kettenartig verbundenen Silbermünzen, 
die so schwer sind, dass man häufig die Ohrläppchen durchgerissen 
sieht. Dieser Schmuck, den die VVotjakinnen von den Tatarinnen 
entlehnt haben dürfton, findet sich jedoch in der eben geschilderten 
ReichUchkeit nur im Gouvernement Wjatka; von den Wotjaken 
im Gouvernement Kasan hebt Rittich ^•*^') ausdrücklich hervor, dass 
sie weniger metallischen Schmuck tragen, als die übrigen Völker- 
schaften des Gouvernements. Mädchen flechten ihr Haar in einen 
hinten herabhängenden Zopf, der mit schmalen Bändern durch- 
wunden wird, an deren Enden Silbermünzen, Messingplättchen oder 
Glasperlen befestigt sind , und umwinden den Kopf mit einem 
Kattuntuch, ky sehet, an dessen Stelle an Festtagen eine bunte, mit 
Münzen und Goldfranzen verzierte Mütze tritt. Frauen scheiteln 
das Haar auf dem Hinterkopf, drehen das Vorderhaar über der 
Stirn zu einem schnurartigen Wulst zusammen und verflechten die 
Enden des Vorder- und Hinterhaares zu einem harten Knoten 
welcher an beiden Seiten bis zum Unterkiefer herabhängt. Junge 
Frauen bedecken ihr Haar mit einem kunstvoll gestickten Lein- 
wandstreifen, tschalma, während ältere es mit einem roten Kattun- 
streifen, palky sehet, umschlingen. Über diese Streifen legen junge und 







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— 200 — 

alte Frauen eine Stirnbinde und setzen dann einen pyramiden- 
förmigen Hut von Birkenrinde auf, den Ai'schon, der aussen mit 
weissen Leinen , innen mit schwarzem Tucli überzogen und mit 
Silbermünzen und Glasperlen verziert ist, und von welchem ein 
viereckiges, reich mit Stickerei in schwarzer und roter Seide ver- 
ziertes Tuch auf die Schultern herabhängt.. Pallas erzählt, dass 
die Frauen diesen riesigen Kopfputz, den grössten, den er in Russ- 
land traf, nicht nur bei Tage nie ablegen, sondern dass er sogar 
gesehen, wie eine Frau sich mit demselben zu Bett legte, ^^") was 
im Kasanschen Gouvernement heute noch üblich sein soll und 
wohl seinen Grund in der Anschauung hat, dass es eine Schande 
ist, in Gegenwart von Männern die Haare zu entblössen. Zum 
Schutz gegen loihlere Witterung wird über dem Hemd ein leichtes 
tberkleid, dyss, getragen, bei ärmeren aus Kattun, bei reicheren 
aus Seide, oder ein schwereres aus dickem Wollenstoff, der bis 
zum Knie reichende sybyn, welchen an. Festtagen ein aus feinerem 
schwarzen Tuch verfertigter vertritt. Das Uberkleid wird durch einen 
Gürtel zusammengehalten und über diesen die mit schönen bunten 
Stickmustern verzierte Schürze umgebunden, die man oft mit 
Spitzen besetzt findet. Im Kasanschen soll die Tracht der Frauen 
von jener im Wjatkaschen in der Farbe abweichen; die jungen 
Frauen sollen sich dort ganz weiss kleiden, auch ihr Aischön weiss 
und schwarz gestreift sein, während die älteren ein rotes Hemd 
und einen rot und schwarz gestreiften Aischon tragen (nach 
Ostrowski), dazu eine gestickte Schürze von hellroter Farbe (nach 
Rittich). 

Rittich bezeichnet die Tracht der Kasanschen Wotjaken als 
sehr ähnlich der Tracht der Wiesen-Tscheremissen , und grosse 
' Ähnlichkeit ist auch zwischen den religiösen Anschauungen beider 
Völker vorhanden. Das höchste gute Wesen, das von Anfang an 
da war, ist Inmar (Rytschkow nennt es ilmer), der Gott des 
Himmels (in = Himmel, mar = welcher; der im Himmel Seiende), 
dessen jüngerer Bruder Keremet (auch Schaitan oder Peri, böser 
Geist) ist. In den auf die Schöpfungsgescliichte bezüglichen Sagen 
sind sowohl christliche oder jüdische als tscheremissische Einflüsse 



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— 201 — 

ZU erkennen. Im Kasanschen trifft man die Sage von dem Hund, 
welcher den von Jnmar geschaffenen, noch unbeseelten Körper 
des Menschen bewacht, und daneben ist eine der biblischen 
Schöpfungsgeschichte des Weibes nachgebildete vorhanden. lumar 
verbot dem ersten Menschen, als er ihm das Weib gab, ein volles 
Jahr von dem von Keremet gebrauten Kumyschka (dem Lieblings- 
getränk der Wotjaken) zu trinken, aber das Weib, welchem Keremet 
die Eigenschaft der Neugier verliehen hatte, trank von demselben 
und gab auch dem Manne zu trinken, ohne zu wissen, dass Kere- 
met in das Kumyschka den Tod gesetzt hatte. Infolgedessen 
wurden die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben und 
sterblich, worauf jedoch Inmar noch einige andere Menschen- 
paare geschaffen haben soll, denen er als Beschützer einen grossen 
Hund gab. Mit dieser Schöpfungssage hängt es zusammen, dass 
die Frauen, welchen Keremet auch die Gabe des Ahneus der Zu- 
kunft verliehen hat, bei allen wichtigen Angelegenheiten zu Rate 
gezogen werden, und dass der Hund, der Feind Keremets, der 
dessen Nähe durch Gebell ankündigt, in keinem Hofe fehlt. 

Neben den beiden höchsten Göttern, die sich beständig be- 
kämpfen, sind noch viele Gottheiten und Geister niedern Ranges 
vorhanden: die gudury muramo, die Göttin des Gewitters, der ein 
Schaf geopfert wird, damit sie die Saaten nicht vernichte, schundu 
mumy, ''^'*) die Mutter der Sonne, welcher man Brot und Grütze 
opfert und von ihr Schutz gegen Krankheiten erhofl't, mukylzin 
mumy, die Mutter der Erde, eine Gottheit, deren ursprüngliche 
Bedeutung bereits in Vergessenheit geraten ist und die man jetzt 
als einen in der Erde wohnenden Gott ansieht, Vorschud, der 
glückbringende Hausgott (vordyny, erzeugen, schud, Glück), korka 
kuso, der Zimmerherr, der unter der Diele hausende Beschützer 
des Hauses (seinetwegen wird die Diele einen Meter über der Erde 
angelegt), Kosma, ein böser Feld- und Waldgott, Urbetsch (oder 
Urves) und der einäugige lud murt, der die im Walde Verirrten 
erwürgt, beide b()se Waldgeister, vu murt, der Wassermensch, auch 
vu kuso , Wasserherr , genannt , ein Geist in Fischgestalt, für den 
man vor dem betreten eines Bootes ein Grasbündel ina Wasser 



— 202 — 

Kirft mit den Worten: en kuty mone (halte mich nicht), denn er 
sucht Menschen zu sich ins Wnsser zu niehen, und schlägt Löcher 
n das Eis, Über welches ein Mensch geht, u. a. Die öeiaterwelt 
1er Wotjaken ist zahllos , denn wie bei den Tscheremissen hat 
luch bei ihnen jeder Baum , jeder Hügel seinen Scbutzgeist , und 
ibenso werden auch den Verstorbenen Opfer gebracht, damit sie 
len Lebenden nicht schaden. 

Selbst die getauften Wotjaken feiem heute noch die alten 
leidnischen Feste. Das grösste Fest, welehea vom 29. Juni ange- 
^ngen eine ganze Woche dauert, ist der kvar ssur, das BlUtter- 
'est, an welchem man Fleisch, Grütze, Brot, Kuchen, Bier und 
üumjschka als Opfer ins Feuer schüttet und darum bittet, dass 
nan dies alles im Laufe des Jahres in Überfluss haben möge. 
Das Fest hat seinen Namen von den Birkenzweigen, welche am 
i^'orabeiid desselben auf da.s dsbadshy, ein Brett im kuala, welches 
ila beiliger Ort angeaelien wird , gelegt werden. Man opfert im 
cuala, der KochhUtte, oder im gart kuala fgart ^= Dorfjj welches 
lusschlies.slich für die Opfer erriclitet ist. Einmal jäbrHch finden 
jem einsame Opfer mehrerer Gemeinden in dem badsym kuala 
badsym = gross) statt. Ausserdem opfert man in den heiligen 
iainen (lad) , die mit Zäunen eingefasst sind , durch welche drei 
'forten führen. Im Kasanacben sollen die Opfer gebrauche mit 
enen der Tscheremissen übereinstimmen, nur dass man beim 
Dpfer ein roh aus Holz geschnitztes Abbild des Opfertieres vor 
ich hinstellt. 

Götzenbilder trifft man bei den Wotjaken sehr häufig. Ein 
deines Götzenbild, welches den Vorschud darstellt, steht oft auf 
lern dsbadshy im kuala, zuweilen auch in einem Kästchen ver- 
vahrt. Tiergeatalten mit Menschen gesiebtem , besonders V&gel 
oit einem Mensch er gesiebt auf der Brust, sind die am häufigsten 
'orkommenden Darstellungen , welche man in alten Gräbern des 
louvernements Perm uud Wjatka findet, wahrscheinlich die ältesten 
Abbildungen Vorsehuds, der auch noch jetzt in aus Holz ge- 
chnitzten Götzenbildern als Vogel dargestellt werden soll. 

Die Wotjaken haben zwar ihren heidnischen Glauben bewahrt, 



— 203 — 

aber unter dem Einfluss ihrer christlichen und mohammedanischen 
Umgebung treten die niederen Gottheiten allmählich in den Hinter- 
grund zurück und es entwickelt sich ein immer schärfer sich aus- 
prägender Glaube an einen Gott,"Inmar, dem manche der früheren 
selbständigen Götternamen bereits als Beinamen beigelegt werden. 
Dass das. Christentum noch nicht grössere Verbreitung gefunden 
hat und auch bei den getauften Wotjaken nur höchst verworrene 
Vorstellungen von demselben vorhanden sind, daran scheint wieder 
das den \'erhältnissen wenig angemessene Vorgehen der Geistlich- 
keit schuld zu sein, nächstdem aber in nicht geringem Grade der 
Umstand, dass die Popen auf die Abgaben der Eingepfarrten an- 
gewiesen sind, welche, obwohl an und für sich nicht gross, den 
Wotjaken doch lästig sind und stets nur widerwiUig geleistet 
werden. 

Bei den Wotjaken haben sich noch viele Volksmärchen und 
Sagen erhalten, von denen eine Anzahl vor einigen Jahren von 
B. Gawrilow gesammelt und in wotjakischer Sprache heraus- 
gegeben wurde. Durch Gawrilow, Rittich und Max Buch sind 
auch die Volkslieder der Wotjaken bekannt geworden, deren 
Singweisen sehr einförmig sind, von denen sich aber viele, nament- 
lich die Hochzeitslieder, durch echt dichterischen Inhalt aus- 
zeichnen. 

Mordwinen , Tscheremissen , Tschuwaschen , Permjaken und 
Wotjaken bilden die Hauptmasse der Völker finischen Stammes, 
welche das hier in Betracht kommende Gebiet bewohnen. Die 
ausserdem noch an den Zuflüssen der Kama und an jenen der 
obern Wolga wohnenden finischen Völker sind so wenig zahlreich, 
ihre Bedeutung für das Wolgagebiet so gering, dass wir über die- 
selben rasch hinw^eggehen können. So ist die Hauptmasse der 
Ssamojeden'-^'^) gegen die Ufer des nördlichen Meeres zurück- 
gedrängt und das in Europa nur in den Gouvernements Archan- 
gelsk und Perm in einer Kopfzahl von 5 bis 6000 vertretene 
Volk kommt hier kaum in Betracht, ebenso wie die Syrjanen, 
deren Hauptmasse (85 — 90000 Seelen) den Gouvernements Wölogda 
und Archangelsk und den Flussgebieten der Dwina und Petschora 



angehört, während nur ihre südlichsten Vorposten in das sumpfige 
Waldgebiet zwischen der obem Kama und Wytschegda hinein- 
reichen. Karelen, welche haoptaächlich in den Gouvernements 
Petersburg, Olonetz xmA Nowgorod wohnen , kommen im Wolga- 
gehiet nur in sehr geringer Anzahl im Gouvernement Twer vor 
tmd sind dort vollständig russifiziert und sämtlich Christen. 

Die Wogulen dagegen sind zum weitaiis grossem Teile bereits 
russifiziert, und man trifft diesseits des Urals nur noch vereinzelte 
Niederlassungen, in denen sich ihr Volkstum rein erhalten hat, so 
im Thal der Loswa bei Werchotiirje im Gouvernement Perm. 
Während man auf der asiatischen Seite des Urals die Zahl der 
Wogulen noch uuf etwa 32 000 schätzt , leben im europäischen 
Russland nach Koppen nur 972 Seelen. Dieses Volt, das sich 
(und die ihm benachbarten Ostjaken) Mansi oder Manschu Kum 
nennt, gehört zu den ältesten ugrischen Einwohnern des Kttma- 
gebietes , und es lässt sich wenigstens einige Wahrscheinlichkeit 
der Behauptug derjenigen nicht absprechen, welche in ihnen die 
Issedonen Herodots vermuten, welche, (nach Thuktdjdes) durch die 
Massageten (Baschkiren) an den Westabhang des Urals gedrängt 
wurden. Sie sind durchgehends kleine Leute mit runden Gesichtern, 
tiefliegenden Augenhöhlen, langem schwarzen oder dunkelbraunen 
Haar und spärlichem Bartwuchs, den sie überdies durch Ausreissen 
der Barthaare liindern , da ihnen diese im Winter auf der Jogi, 
wenn sie sich mit Eis bedecken, lästig werden. Helles Haar und 
rötlichen Bart trifft man unter ihnen sehr selten. Fremden gegen- 
über meist scheu und unfreundlich, dabei sehr phlegmatisch, sind 
sie doch schlau und gewandt, ein noch halbwildes Naturvolk, 
welches, wenn es sich auch zum Christentum bekennt, für die 
Lehren desselben docli nicht das geringste Verständnis besitzt. 
Ihre Hauptbeschäftigung ist die Jagd, zu welcher manche noch 
mit Pfeil und Bogen ausziehen, und deren wegen jeder mehrere 
Hunde hält, doch infolge der Trägheit der Wogulen ist die Jagd- 
ausbeute gewöhnlich eine sehr geringe. Während andere Jäger 
mindestens ein Dutzend Zobel im Laufe eines Herbstes zu erlegen 
Buchen, ist der Wogule bereits zufrieden, wenn er iiu ganzen Jahre 



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— 205 — 

zwei oder drei erlegt hat, und ebenso gering ist der Ertrag, den 
ihm der Fischfang einbringt. Zu faul, um Heu einzulagern, trotz- 
dem die prächtigen Wiesen der Loswa dasselbe in Hülle und 
Fülle bieten, vernachlässigt er die Viehzucht, und selten trifft man 
bei einem Wogulenhause einige Stücke Vieh. Die Dörfer be- 
stehen meist nur aus zwei oder drei grossen, aus Balken ge- 
zinunerten und mit Schindeln gedeckten Hütten mit zwei oder drei 
Fenstern, an welche zuweilen die Ställe angebaut sind. Eine Scheune 
und ein Badehäuschen ist gewöhhlich gemeinsames Besitztum von 
zwei oder drei Hauswirten, und das ganze Dorf besitzt nur eine 
Dreschtenne. Im Innern der Hütten herrscht grosse Unsauberkeit. 
Die Wohnstube enthält ausser dem grossen russischen Ofen einen 
sehr schmutzigen Tisch, Bänke längs der Wände, neben dem Ofen 
eine Handmühle zum mahlen des Getreides, und an den Wänden 
als Schmuck aufgehängt die Schwänze der vom Hausherrn erlegten 
Vögel. Ausserdem trifft man in Wogulenstuben noch eine Wiege 
von eigentümlicher Form, eine an der Decke aufgehängte gebogene 
Birkenrinde, in deren Höhlung man das Kind setzt und es an 
Händen und Füssen anbindet, worauf es von der Mutter geschaukelt 
wird, indem sie die Wiege mit dem Fusse in Bewegung setzt. 
Die Kleidung der getauften Wogulen gleicht in Schnitt und Farbe 
vollständig jener der russischen Bauern; die nichtrussifizierten 
kleiden sich im Winter in Tierfelle, deren Haare nach innen ge- 
tragen werden, im Sommer in Stoffe, welche aus dem Bast der 
Brennessel verfertigt werden. Männer und Frauen kennzeichnet 
grosse Unsauberkeit der Kleidung, die sich auch auf ihren Körper 
erstreckt, und namentlich ihre durch das viele Tabak schnupfen 
aufgedunsenen Nasen gewähren einen widerlichen Anblick. Die 
getauften Wogulen des Gouvernements Perm haben zwar dieselben 
Feiertage wie die Russen, aber von einer Feier derselben ist streng 
genommen bei ihnen nichts zu sehen: die wenigsten denken daran, 
die Kirche zu besuchen, und sehr oft kommt es vor, dass eine 
Wogulenfamilie am Sonntag oder während der Feiertage hungert, 
während sie in den vorangegangenen Arbeitstagen in Saus und 
Braus gelebt hat. Der Wogule verstellt eben nicht Haus zu 



— 206 — 

halten, und solange Branntwein und Tabak in genügender Menge 
im Hauae sind, giebt er sich ihrem Genuss ununterbrochen hin, 
■wobei die Männer meist Karten spielen und die Frauen ihre schwer- 
mütigen Lieder singen, welche entweder mit der riiasischen Bala- 
laika oder auf dem volkstümlichen Teirschib mit acht Saiten von 
Kupfetdraht begleitet werden.'") 

Die Tataren'^'} sind das zalil reichste Volk der zweiten grossen 
Gruppe des mongolischen Stammes. Ausser Russen und Deutschen 
sind sie das einzige Volk, welches in allen zum Gebiet der Wolga 
und ihrer Zuflüsse gehörigen Gouvernements zu treffen ist. An 
der Wolga selbst bilden sie mit 1,7 bis 28,8 Prozent stellenweise 
einen nicht unbedeutenden Bruchteil der Bevölkerung. Ihre Ge- 
samtzahl im europiiischen Russland wird auf 1300000 Seelen ge- 
schätzt, wovon etwa eine halbe Million auf das Gouvernement 
Kasan entfallt. Dort haben sich die Tataren auch am reinsten 
erhalten. Sie sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag, meist 
mittelgross, mit breiter Brust und kurzem, gedrungenen Hals, ob- 
wohl grosse schlanke Gestalten durchaus nicht selten sind, mit 
ovalem Gesicht, bräunliclier Hautfarbe, lebhaften Augen, verhältnis- 
mässig gerader Nase und wohlgeformtem Mund. Das Haupt- 
haar wird rasiert, den selten dichten Bart lässt man entweder als 
keilförmigen Kuebelbart stehen oder trägt einen kurz gestutzten 
Vollbart. Unter den Tatarinnen trifft man selir häufig schöne 
Mädchen, doch wie alle asiatischen Schönheiten verblühen sie sehr 
rasch, und überdies entstellen sie sich durch die übermässig aufge- 
tragene weisse und rote Schminke, durch das schwärzen der Zähne 
und rotfarben der Fingernägel. Auch die Augenbrauen pflegen sie 
zu schwärzen, damit die ohnehin schon feurigen Augen noch 
hellem Glanz erhalten. Zu alledem kommt noch ihr schwer- 
ialliger unbeholfener Gang, eine Folge sowohl ihrer sitzenden 
Lebensweise als ihrer Kleidung. 

Die Kleidung der Männer ist nach asiatischer Sitte weit und 
bequem — je bequemer , desto besser. Sie tragen weite Bein- 
kleider, deren untere Enden entweder in die Schuhe gesteckt oder 
mit den Fusslappen umwunden werden, ein Hemd von weisser 



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— 207 — 

Leinwand oder blauer Glanzleinwand, darüber einen bis zu den 
Knieen reichenden ärmellosen Rock aus gelbem oder grünem Nan- 
king, der bei reicheren von Seide ist, und über diesem je nach der 
Stärke der Kälte entweder den durch eine Leibbinde von Kamel- 
haaren oder Seide gegürteten Chalat oder einen Schafpelz. Die 
Kaufleute unter den Kasanschen Tataren tragen gewöhnlich über 
dem ärmellosen Rock noch einen Kaftan von Nanking oder Tuch, 
welcher im Schnitt dem langen Oberrock der russischen Kaufleute 
ähnlich ist. Den Kopf bedeckt die häufig mit Stickerei in Gold 
und Perlen verzierte Jermolka, ein sich knapp anschmiegendes, 
meist sehr unsauberes Küppchen, worüber die Masse des geineinen 
Volkes einen hohen grauen Filzhut von eigentümlicher Form auf- 
setzt, dessen Krempe vorn emporgeschlagen wird. Wohlhabendere 
Tataren tragen über der Jermolka eine mit Pelz verbrämte Mütze, 
häufig auch noch den Turban , der bei Mekkapilgern von grüner 
Farbe ist. Seinen Reichtum trägt der Tatar gern in allerlei 
Schmuck zur Schau, in kostbaren Ringen, dicken golden(»n Ketten 
und schweren Silberplättchen , welche von einem um die Hüften 
gelegten breiten Ledergürtel herabhängen. Die Frauen tragen ein 
langes, bis zu den Füssen herabreichendes Kattunhemd mit bunt- 
gesticktem Brustlatz, mit kleinen Silbermünzen besetzt, und unter 
dem Hemd Beinkleider, denen sie es nach der Ansicht der Arzte 
zu danken haben, dass sie von den Frauenkrankheiten so ziemlich 
verschont bleiben. Die Füsse werden mit Tüchern umwunden 
und stecken je nach der Wohlhabenheit der Tatarin entweder in 
Bastschuhen oder in Halbstiefeln verschiedener Farbe, welche mit 
Stickerei in Seide oder Gold verziert sind. Um die Brust wird 
ein mit kleinen Silbermünzen besetztes Tuch geschlungen, an dessen 
Stelle jedoch auch ein Jäckchen aus Seide oder anderem StoflF tritt. 
Darüber werden zwei Oberkleider getragen, das untere ärmellos 
und von Seide, mit Gold- oder Silberborten besetzt, das obere aus 
Brokat oder ähnHchem Stoff und mit sehr langen Ärmeln. Schmuck 
aller Art, Ohrringe, Hals- und Armbänder, Ketten, Gold und 
Perlen lieben die Tatarinnen sehr, und reiche schmücken sich oft 
bis zur Überladung. Die Kopfbedeckung bilden mit Goldborten, 



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— 208 — 

Franzen und allerlei Schmuck verzierte hübsche Käppchen oder 
niedliche Mützen mit Zobelbesatz, und wenn die Frau das Haus 
verlässt, hüllt sie sich in ein grosses Tuch von weisser, grauer 
oder gelber Farbe, das ihre ganze Gestalt vom Kopf bis zu den 
Füssen umschlingt. 

So wie die türkischen Frauen es mit der Verschleierung nicht 
mehr so streng nehmen wie in filiherer Zeit, so dient dieselbe 
auch den Tatarinnen in Kasan h'äufig zu nichts weniger als zum 
verbergen ihrer Reize. In den Strassen der christlichen Stadtteile 
von Kasan findet man dank den über dem Gesicht nicht zusammen- 
gezogenen Tüchern sehr oft Gelegenheit, die Gesichtszüge tata- 
rischer Frauen zu studieren, welche meist den bewundernden oder 
neugierigen Blick des Europäers gar nicht ungern auf sich ge- 
richtet sehen, und nur im Tatarenviertel, der tatarskaja ssloboda, 
wo sie sich inmitten ihrer Stammesgenossen unter strengerer Auf- 
sicht wissen, wird der Schleier dichter zusammengezogen. Diese 
Lockerung der alten Sitte findet ihr Gegenstück in dem immer 
mehr um sich greifenden Hang der Männer zum Wirtshausleben, wobei 
zwar viele aus Scheu vor strengeren Glaubensgenossen möglichst 
heimlich und ungesehen die Bierstube zu erreichen suchen, jedoch, 
einmal eingetreten, dem Bier und Branntwein auch wacker zu- 
sprechen. Trotzdem kennzeichnet die Tataren im allgemeinen ein 
strenges festlialten an den Vorschriften ihres Glaubens, dabei aber 
auch eine nicht minder thatkräftige Wahrung ihres Volkstums. 
Wenn man weiss, dass mehr als 300 Jahre verflossen sind, seit 
die Kasanschen Tataren unter russische Herrschaft kamen, dass 
ihr Gebiet jetzt so zu sagen im Herzen Russlands liegt, ihre alte 
Hauptstadt selbst eine der ersten russischen Städte und der Sitz 
einer berühmten russischen Universität geworden ist, erwartet man 
gewiss nicht, in Kasan ein solches überwuchern der tatarischen Be- 
völkerung zu finden, dass dort die europäische Kultur nur wie ein 
leichter Firnis erscheint, unter welchem überall asiatisches oder 
richtiger gesagt tatarisches Wesen durchschimmert. Ich scheide 
hier absichtlich asiatisches von tatarischem Wesen, denn, wenn man 
von einer besondern russischen Kultur sprechen kann, die zweifellos 



— 209 — 

vorhanden ist, so unterscheidet sich auch der ganze geistige Ent- 
wickelungsgang der Kasanschen Tataren wesentlich von jenem 
ihrer Stamm esgenossen und anderer Völker in Asien. Von allen 
Fremdvölkern an der Wolga sind jedenfalls die Tataren das ein- 
zige lebensfähige und einer weitern Entwicklung fähige — ja noch 
mehr: das Russentum stösst in ihnen auf einen Gegner, welcher 
ihm leicht im 20. Jahrhundert nicht geringere Schwierigkeiten be- 
reiten könnte als im 15. und 16. Jahrhundert. Es ist eine un- 
leugbare Thatsache, die ja selbst von Russen, so schwer es ihnen 
fallen mag, mehr oder minder unumwunden zugestanden wird, *^-) 
dass die Tataren der grossen Masse des russischen Volkes, unter 
dem sie leben , tiberlegen sind. Der Kampf mit den Waffen des 
Kriegers ist zu Ungunsten der Tataren ausgefallen, aber jetzt ist ein 
neuer Kampf zwischen Russentum und Tatarentum entbrannt, 
dessen Ausgang sich noch nicht vorherbestimmen lässt. Überall, 
wo der gemeine Russe im Kampf ums Dasein als Alitbewerber des 
Tataren auftritt, zieht er gegenüber dem kräftigen und gewandten, 
dabei fleissigen, massigen und anspruchslosen Tataren den kürzern 
und ist durch ihn in den Landstrichen mit gemischter Bevölkerung 
bereits aus einer Menge Erwerbszweige, die er als sein ausschliess- 
liches Arbeitsgebiet zu betrachten gewöhnt ist, verdrängt worden. 
Das ist die Ursache des Hasses, mit welchem der gemeine Russe 
auf den Tataren blickt, und dieser hegt seinerseits flir seine jetzigen 
Beherrscher keine freundlichere Gesinnung. 

Christentum und Russifizierung , von denen eins dem andern 
in die Hände zu arbeiten pflegt, stossen hier auf einen, wie es 
scheint, unüberwindlichen Wall. Ersteres hat bisher unter den 
Tataren nur sehr geringe Fortschritte zu verzeichnen, und von 
seinen wenigen Bekennern sind die meisten Nachkommen der 
schon vor Jahrhunderten Bekehrten. Der Grund davon ist darin 
zu suchen, dass hier eine fest gegliederte moham med nische Geist- 
lichkeit, meist an Wissen den christlichen Geistlichen überlegen, 
über die Wahrung des alten Glaubens wacht, während bei all den 
finischen Stämmen an der Wolga, Oka und Kama ein eigentliches 
Priestertum gar nicht vorhanden war. Fast alle Tataren verstehen 

Roskoschny, Die Wolga. 14 



— 210 — 

femer russisch und sprechen .dasselbe, obwohl schwerfällig, aber nur, 
wenn sie mit Russen in Berührung kommen, während es in ihren 
g^enseitigen Verkehr nicht eindringt. Für die Erklärung des 
hartnäckigen Widerstandes, den die Eaeanschen Tataren bisher 
allen Rusaifizierungav ersuchen entgegenzusetzen vermochten, dQrfte 
schliesslich der Umstand nicbt von geringer Wichtigkeit sein, dass 
bei denselben neben der Masse des von Äckerbau und TaglÖhner- 
arbeit lebenden Volkes eine nicht geringe Zahl 'wohlhabender, 
höheren Ständen Angehöriger vorhanden ist, Handwerker, Kauf- 
leute, Arzte u. s. w. , vor allem aber die Nachkommen der alten 
tatarischen Adelsfamilien. Im Grossen und Ganzen tritt bei den 
Easanschen Tataren dieselbe Erscheinung zu Tage, die man bei 
den deutschen Einwanderern beobachten kann. Diejenigen, deren 
Umgehung ihrer Bildungsstufe mehr oder minder nahe steht, 
russifizieren sich schnell und leicht; jene dagegen, welche inmitten 
einer ihnen an Bildung weit nachstehenden Bevölkerung leben, so 
z. B. die deutschen Ansiedler an der Wolga , halten mit zäher 
Ausdauer an ihrem Deutschtum fest, Inbezug auf die Kasanschen 
Tataren kommen aber nur die niederen russischen Volksschichten 
in Betracht, von einer Einflussnahme der höheren, welche sich in 
stark ausgebildetem Standesdünkel unter einander und gegen alle 
niedriger Stehenden abachliessen, desgleichen auch von einem Ein- 
fluss der ebenso in sich abgeschlossenen Universitätskreise kann 
gar nicht die Rede sein. Wie sich aber im Kasanschen das Ver- 
hältnis zwischen der Bildung der grossen Masse des russischen 
Volkes' und jener der Tataren stellt, mögen folgende kurze An- 
gaben zeigen. 

Das Gouvernement Kasan nimmt in bezug auf das Schul- 
wesen erst die 40. Stelle unter den Gouvernements des europä- 
ischen Russlands ein. Im Kreise Tetjuschi kommt eine Schule 
erst auf 4500 Seelen, im ganzen Gouvernement durchschnittlich 
eine auf 8'JOO Seelen, und in den 19 Elementarschulen der Stadt 
Kasan befanden sich 18S6 nur etwa 1700 Schüler und Schülerinnen, 
während doch mindestens 15000 schulpäicbtige Kinder vorhanden 
waren. Die Zahl der des Lesens und Schreibens Unkundigen ist 




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— 211 — 



noch immer eine sehr grosse, wogegen ein Tatar, der nicht schrift- 
kundig ist, von seinen Stammesgenossen verachtet wird. Die 
Mullahs sorgen unermüdlich dafür, dass eine gewisse Wissens- 
menge Gemeingut des ganzen Volkes bleibe, und bei keiner Moschee, 
in den Städten ebenso wie in den Dörfern, fehlt die Schule. Irgend 
ein wohlhabender Tajbar kauft oder baut das nötige Haus, ein 
anderer übernimmt die Kosten der Beheizung^ und die Schule tritt 
ins Leben. Vieler Ausstattung und besonderer Lehrmittel bedarf 
es nicht. Die nötigen Bücher stehen auf einem Gestell über dem 
erhöhten Platz, welchen der Lehrer einnimmt. In derselben Stube, 
in welcher die Kinder um den Lehrer mit Büchern und Schreib- 
zeug auf den mitgebrachten Kissen herumhocken , essen und 
schlafen sie auch, und wenn einer der Zöglinge erkrankt, dient 
das Schulzimmer auch als Krankenstube, und der Lehrer wird zum 
Arzt. Der Unterricht beginnt mit den Anfangsgründen der ara- 
bischen Sprachlehre, dem Erlernen des Alphabets; dann werden 
einige Suren aus dem Koran gelesen, nach diesen allerlei in Kasan 
gedruckte tatarische Bücher, welche Erläuterungen des Korans ent- 
halten, und schliesslich das Buch des Muhammed Effendi, eine 
Art Anweisung zum kaufmännischen Geschäftsbetrieb. Jedes Kind 
lernt so viel arabisch als es braucht, um den Koran lesen zu 
können, ausserdem wird aber auch Unterricht im Persischen und 
Bucharischen erteilt, zwei Sprachen , die für den künftigen Kauf- 
mann von Wichtigkeit sind, aber nirgends wird in der doch nicht 
minder wichtigen russischen Sprache Unterricht erteilt, woher es 
kommt, dass man höchst selten einen Tataren trifft, welcher 
russisch geläufig und fehlerfrei spricht.- In eine solche Schule 
kommen die Kinder bereits im siebenten oder achten Lebensjahr 
und bleiben in derselben mindesten fünf Jahre. Mädchen ge- 
niessen Unterricht in ähnlichen Schulen, und selten trifft man eine 
Frau, welche nicht lesen und schreiben kann. Wohlhabende 
Tataren lassen in neuerer Zeit ihre Kinder durch russische oder 
auch ausländische Erzieherinnen unterrichten, von denen sie 
Unterricht in der russischen , aber auch in der französischen und 
deutschen Sprache erhalten. Die russischen Lehranstalten dagegen, 

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- 212 — 

und auch die Universität, obwohl sie ihnen alle offen steheo, 
meiden die Tataren. Die arabische und die persische Literatur 
sind ihnen eine genügende Bildungstjuelle. Die bei der Universität 
Kasan im Jahre 1 802 errichtete Buchdruckerei flir morgenländische 
Sprachen hat sich als ein mächtiger Förderer der tatarischen 
Sprache lind des mohammedanischen Glaubens erwiesen. Ritticb 
schätzte bereits im Jahre 1870 die aus dieser Buchdruckerei hervor- 
g^angenen volkstümlichen Schriften in tatarischer Sprache auf 
mehr als eine Million Bände. Im Jahre 1859 wurden 22 tata- 
rische Bücher in einer Gesamtauflage von 138 850 gedruckt , und 
1869 wurden von einem Werke 40000 Abzüge in neun Monaten 
gedruckt. Die Tataren sind nicht nur das einzige unter den 
Fremdvölkem an der Wolga, welches eine eigene Schriftsprache 
erlangt hat, sondern sie besitzen auch eine nidit unbedeutende 
Literatur, in welcher neben religiösen , wissenschaftlichen und auf 
den Handel bezüglichen Werken auch die Dichtkunst vertreten ist. 
Zeigt uns bereite alles dies die Tataren auf einer unendlich 
hohem Bildungsstufe stehend als die bisher geschilderten Wolga- 
völker, so wird der Unterschied doch nocli auffallender, wenn wir 
sie in ihren Wohnstätten aufsuchen. Bisher stiessen wir nur auf 
Dörfer oder kleine Gruppen von Gehöften — die Tataren dagegen 
sind bis xur Städtegründung vorgeschritten. Nachdem Kasan 
erobert war, wurde die tatarische Bevölkerung aus der Stadt aus- 
gewiesen und neben derselben in der noch jetzt bestehenden tatarskaja 
ssloböda angesiedelt Dort trifft man enge, ungepflasterte Strassen, 
ein- und zweistöckige Häuser , Holz- und Steinbaut«n , Moscheeen 
mit schlanken MInarets, und in den Strassen all das eigentümliche 
Treiben einer morgenländischen Stadt. Es ist alles so wie in 
kleinen Städten in der asiatischen Türkei, mit dem einzigen Unter- 
schied, dass das Strassenleben kein so lebhaftes ist, weil tagsüber 
der grössere Teil der tatarischen Bevölkerung sich in der Christen- 
stadt aufhält Die tatarischen Dörfer bringen auf den ersten An- 
blick einen günstigen Eindruck hervor, und derselbe schwindet 
nicht wenn man sie näher kennen lernt. In ihrer Anlage erinnern 
sie meist an die iinregel massig zerstreuten Zelte eines Nomaden- 




— 213 — 

lagers, und es wird noch viel Zeit vergehen, bevor eine regel- 
mässige Anlage, die man jetzt zu erzwingen sucht, allgemein 
durchgeführt sein wird. Das Wohnhaus liegt hinter einem Zaun, 
die Fenster dem Hofe zugekehrt, in dem sich die Vorratshäuser 
und die Badestube befinden , und an den sich der Pferdehof mit 
dem Stall anschliesst. Das Wohnhaus ist durch den Flur in zwei 
Teile geteilt, deren vorderer wieder aus zwei Teilen, dem Männer- 
und dem Frauengemach besteht, welche jedes einen besondern Ein- 
gang haben. Der hintere Teil des Hauses dient als Arbeitsraum, 
ist dementsprechend weniger sauber, auch selten mit Glasfenstern 
versehen. Betreffs der Wohnräume gehen die Ansichten jener, 
welche sie geschildert haben , sehr auseinander. Während die 
Einen die Reinlichkeit und Ordnungsliebe der Tataren nicht genug 
rühmen können, schildern die Anderen die tatarischen Wohnstuben 
als höchst unsauber. Die Wahrheit liegt, wie so oft, auch hier in 
der Mitte. Bei wohlhabenden Tataren findet man die Wohnräume 
stets sauber und in guter Ordnung, und da der Tatar sich gern 
als wohlhabender darstellt als er in Wirklichkeit ist, verwenden 
überhaupt die meisten etwas auf ihre Wohnung. Der grosse Ofen 
in der Wohnstube wird mehrmals jährlich frisch angestrichen, auf 
demselben stehen zwei kupferne Waschbecken, da Mann und Frau 
sich nicht in demselben Gefäss waschen dürfen, der Ssamowar ist 
spiegelblank geputzt, und ein grosser, bunt bemalter und mit 
allerlei Blechzierart beschlagener Holzkoffer, häufig auch ein mit 
Geschirr gefüllter Schrank stehen so, dass der Eintretende sie so- 
fort gewahr wird. Divans oder breite Pritschen ziehen sich längs 
der Wände, und auf ihnen sind, von einem Vorhang verhüllt, die 
Federbetten aufgeschichtet. Bei ärmeren Tataren dienen die 
Pritschen auch als Tisch, und ein solcher ist in der Stube nicht 
vorhanden, bei wohlhabenderen aber steht der Thür gegenüber 
ein mit einem weissen Tuch gedeckter Tisch und auf diesem 
ein kleiner Spiegel, in der entgegengesetzten Ecke ein zweiter, 
gleichfalls gedeckter, auf dem sich das Theegeschirr befindet. 
Häufig trifft man Blumen auf dem Fensterbrett. Dass all die 
Behaglichkeit, welche der mehr oder minder Wohlhabende in 



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— 214 — 









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seiner Wohnung zu schaffen sucht, bei armen .Tataren nicht vor- 
handen sein kann, ist selbstverständlich. In der ganzen Welt ist ja 
mit seltenen Ausnahmen der unzertrennliche Begleiter der Armut 
die Unsauberkeit, und bei Asiaten äussert sie sich häufig in einer 
Weise, welche den Ekel des Europäers erregt. So mag es denn 
auch, wie Ssbojew berichtet, vorkommen, dass die Tatarin in dem- 
selben Gelass, in welchem sie die Speisen zubereitet, auch ihr Kind 
oder die schmutzige Wäsche wäscht, aber keineswegs darf man 
solche Fälle als Regel ansehen und das ganze Volk als unsauber 
erklären, wenn auch tatarische Anschauungen von Reinlichkeit 
himmelweit von den holländischen verschieden sind. Dass tinea 
capitis bei den Tataren sehr verbreitet ist, daran ist nicht ünrein- 
lichkeit, sondern die Ausdünstung der Kopfhaut schuld, welche die 
eng anliegende Jermölka verursacht, und wer die Lebensweise der 
armen tatarischen Arbeiterbevölkerung kennen gelernt hat, die oft 
kümmerlich genug bei schwerer Arbeit ihr Leben fristet, der wird 
es auch erklärlich finden, dass Hautkrankheiten aller Art unter der- 
selben ziemlich häufig vorkommen. 

Unbestreitbar ist dagegen, dass der Tatar dem Russen als 
Ackerbauer nicht im entferntesten gleich kommt, ja man kai^n 
sogar sagen, dass er sich auch mit vielen Ackerbauern finischer Ab- 
stammung nicht zu messen vermag. Er hat keine Anlage und 
keine Neigung zum Ackerbau, und häufig verpachten Tataren ihre 
Felder an Russen und widmen sich irgend einem Gewerbe oder 
dem Handel, der ihre liebste Beschäftigung ist. Mancher Tatar, 
der heute ein bedeutendes Vermögen besitzt, hat als Trödler und 
Hausierer seine Laufbahn begonnen und ist durch Geschick und 
Sparsamkeit ein reicher Mann geworden. Alle Arbeit, welche 
grössern Kostenaufwand erfordert, liebt der Tatar nicht, trotzdem 
es ihm an Kraft nicht fehlt. Dies steht nicht im Widerspruch 
damit, dass überall an der Wolga, wo Tataren wohnen, Tataren- 
die Russen als Lastträger an den Landungsplätzen verdrängt haben. 
Nur die Not zwingt den Tataren zu schwerer Arbeit — sobald er 
einen kleinen Geldbetrag sein eigen nennt, sucht er ihn im Handel 
zu verwerten oder sieht sich nach einer Beschäftigung um, welche 



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— 215 — 

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keinen Kraftaufwand erfordert. So begegnen wir Tataren auch 
häufig als Bienenzüchtern, Fuhrleuten, Posthaltern u. s. w., aber 
ihre natürlichen Anlagen vermögen sie doch bei allen diesen 
Beschäftigungen nicht so zu entfalten wie im Handel, in dem 
sie sich als ungemein rührig und gewandt erweisen. 

Der gemeine Tatar ist sehr genügsam und leicht zufrieden 
gestellt, doch ein Tatar, der Geld in der Hand hat, lässt auch 
etwas aufgehen. Er besitzt eine grosse Vorliebe für Süssigkeiten 
aller Art, und kann davon, namentlich von Fruchteis, unglaubliche 
Mengen vertilgen. Gegen Fremde ist er zuvorkommend und gast- 
freundlich, bewirtet gern, besonders mit Thee, von dem er selbst, 
mit Leichtigkeit zwanzig Tassen auf einem Sitz austrinkt und von 
seinem Gast eine gleiche Leistung erwartet. Prof. Fux erzählt 
eine ergötzliche Geschichte von einem Besuche in einem Tataren- 
dorfe, wo er unzählbare Gläser Thee leeren musste, um seine 
Wirte nicht zu beleidigeri, und infolgedessen nach seiner Heimkehr 
mehrere Tage mit Unwohlsein zu kämpfen hatte. Auf den Dörfern 
findet der Gast auch Gelegenheit, die Frauen seines Wirtes zu 
sehen, sogar meist unverschleiert , in der Stadt dagegen herrscht 
schon einige Zurückhaltung. Während der Mann seinen Ge- 
schäften nachgeht und zuweilen auch Stunden lang in einem 
russischen Traktir zubringt, den Klängen der Riesenorgel lauschend, 
wobei er im Handumdrehen zwanzig Flaschen Bier leert, ist das 
Leben einer reichen Tatarin ein sehr einförmiges. Nachdem sie 
sich angekleidet und mit weisser und roter Farbe geschminkt, 
setzt sie sich auf den Divan und spricht dem Inhalt des vor ihr 
stehenden Samowars so lange zu bis der Schweiss aus allen Poren 
hervordringt. Nachdem sie dann die Verwüstung, welche der 
Schweiss auf ihrem geschminkten Antlitz hervorgerufen , durch 
Auftragen neuer Schminke beseitigt, folgt das Frühstück, meist aus 
sehr fetten Speisen bestehend, nach denen wieder Thee getrunken 
werden muss, der nach dem Glauben der Tataren den Magen stets 
wieder in Ordnung bringt. Nun wartet die Tatarin, auf dem 
Divan sitzend, ob Besuch kommt, und wenn solcher sich einfindet, 
folgt abermaliges Theetrinken, abermaliger Schweiss und aber- 



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— 216 - 

inaliges Scliminken, um beim Mittagsessen dem Ehegemahl in 
voller Schönheit entgegentreten zu können. Nachdem das Mittags- 
essen und das diesem unvermeidlich folgende Theetrinken vorBber 
ist, kleidet sich die Tatarin um, legt ihre besten Kleider und ihren 
Bchönsten Schmuck an , lÜsst anspannen und fahrt zu Besuch in 
einer Freundin , wo sie plaudernd , Thee und Hüssigkeiten ge- 
niesaend die Zeit bis zum Abend verbringt, oder begiebt sich in 
Begleitung zahlreicher Verwandten in einen öffentlichen Garten, 
um dort der Mnsik zu lauschen und die versammelte Menschheit 
zu mustern. Eine Abwechslung bringt blos die grosse Fastenzeit, 
der Rhamadan , doch nur in erhöhter Langerweile , da er ausser 
dem Besuch der Moscheeen alle Welt ins Haus bannt. Während 
des Rhamadan können auch die Mannner nur heimlich ein Traktir 
besuchen, denn wenn auch die Mullahs das ganze Jahr ein Äuge 
zudrücken und nichts dagegen einzuwenden haben, wenn die 
Gläubigen das Verbot des Branntweintrinkens dadurch umgehen, 
dass sie den aus wohlriechenden Kräutern gebrauten Branntwein 
nicht Wodka , smidera Balsam nennen , so sehen sie doch streng 
darauf, dass während des Rhamadan niemand die Religionsvor- 
schriften übertrete. 

Ausser der 28 Tage dauernden grossen Fastzenzeit des Rha- 
madan feiern die Tataren noch am ersten Tag nach demselben 
(dem Chaid) das Bairamfest, femer das Kurbanfest am 10. Tage 
des letzten Monats, an welchem jeder Hauswirt eigenhändig ein 
Opfertier schlachtet, ein Frühlings- und Ackerbaufest, den Ssaban 
(PSug) , zu welchem in Kasan Tauseude zusammenströmen , um 
allerlei Spielen , Ringkämpfen , Pferderennen und Wettlauf zuzu- 
sehen , und am siebenten Freitag nach dem Ssaban den Dshujun, 
ein Fest zu Ehren der Frauen, das seine Entstehung einem reichen 
Tataren verdanken soll, der, um seine vielen heiratsfähigen Töchter 
an den Mann zu bringen, im freien Felde Spiele veranstaltete, zu 
denen er eine Menge junger Männer einlud. Zu diesen regel- 
massigen Festtagen kommen noch die ausserordentlichen, die Hoch- 
zeiten , welche sehr häufig sind , obwohl nur wenige von dem 
Rechte, vier Frauen zu besitzen, Gebrauch machen. Die reicheren 



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— 217 — 

begnügen sich meist mit zwei Frauen, die äimeren mit einer. 
Die Verlobungen werden durch Ehevermittlerinnen zustande ge- 
bracht, welche es auch zu bewerkstelligen wissen, dass der junge 
Mann das Mädchen vor der Verlobung sieht, obwohl dies gesetz- 
lich verboten ist. Gefallt ihm das Mädchen, sendet er die Ehe- 
vermittlerin zu den Fitem desselben , um den Kalym zu verein- 
baren, der zuweilen bis 1000 Rubel beträgt und dessen eine Hälfte 
sofort, die andere nach der Hochzeit zu zahlen ist und von den 
Eltern der Braut für den Fall verwahrt wird, dass später eine 
Trennung der Ehe erfolgt. Der Trauung gehen mehrtägige Fest- 
lichkeiten in den Häusern der beiderseitigen Eltern voraus, an 
denen jedoch die Braut nicht teilnehmen darf, und alle Gäste 
bringen der Braut Geschenke. Nachdem der Mullah das Paar 
vereinigt hat und die Gäste sich verabschiedet haben, führt die Ehe- 
vermittlerin den Bräutigam in das Schlafgemach und schliesst ihn 
dort mit der Braut ein. Während der nächsten vier Tage dürfen 
die Neuvermählten dieses Gemach nicht verlassen, und niemand 
ausser der Ehevermittlerin hat Zutritt zu ihnen. Die junge Frau 
bleibt auch nachher noch längere Zeit, häufig ein Jahr, im väter- 
lichen Hause, und ihr Mann kommt dorthin zu Besuch. — 

Die Astrach ansehen Tataren stehen den Kasanschen in 
jeder Beziehung weit nach, und nur die in der Stadt Astrachan 
wohnenden, meist Kaufleute, bilden eine Ausnahme, da sie nicht 
blos in der Kleidung, in Sitten und Gebräuchen, sondern auch in 
der Bildung den Kasanschen vollkommen gleichen. Die übrigen 
teilt man in die sogenannten jurtowskije (Ansässige, Dorftataren) 
und kundrowskije (nomadisierende Hirten). Die ersteren bauen Ge- 
müse und allerlei Feldfrüchte, die sie nach Astrachan und anderen 
Städten an der untern Wolga zu Markte bringen; die letzteren 
leben ausschliesslich von der Viehzucht. Sie sind die letzten Über- 
bleibsel der Nomaden mongolischen Stammes, welche Jahrhunderte 
lang an beiden Ufern der untern Wolga nomadisierten. Man ver- 
mutet in ihnen die Nachkommen der Nogaier (russisch; Nagajzy), 
doch gehen die Ansichten darüber sehr auseinander, da viele 
behaupten, dass in Russland Nogaier überhaupt nicht mehr vor- 






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— 218 — 



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banden und die letzten nach dem Krymkrieg auf türkisches Ge- 
biet übergesiedelt seien. Wälirend die Kasanschen Tataren sich rasch 
vermehren, nimmt die tatarische Bevölkerung an der untern Wolga 
ständig ab. Die Ursachen dieser Erscheinung sind noch nicht bekannt. 

Die Baschkiren oder, wie sie sich selbst nennen, Baschkurt 
(Basch tatar. = Kopf, kurt turktatar. = Wolf), unter welchem Namen- 
sie schon Ibn Foslan am Anfang des 10. Jahrhunderts kannte, 
bilden eine Übergangsstufe vom Nomadentum zum ansässigen 
Leben. Sie wohnen hauptsächlich in den Gouvernements Ufa und 
Orenbürg, ausserdem in geringerer Anzahl in den Gouvernements 
Perm, Wjatka und Ssamara. Bis zum Erscheinen der Mongolen 
waren sie ein mächtiges Volk, wurden dann diesen unterthan und 
gelangten 1556 unter die russische Herrschaft. Sie wurden in 
1 3 Kantone eingeteilt, welche wieder in Jurten oder Woloste zerfielen. 
Im Gouvernement Perm befand sich der 1., 2. und 3. Kanton mit 
44 000 Seelen, in Orenbürg die übrigen zehn Kantone mit 444000 
Seelen, welchen die in den anderen Gouvernements zerstreuten 
Jurten — drei im Gouvernement Wjatka mit etwa 4000 Seelen, 
neun in Ssamara mit 1 2 000 Seelen — zugeteilt wurden. Die Ge- 
samtzahl der Baschkiren betrug schon am Anfang der siebziger 
Jahre gegen 750 000 Seelen. Die Jurten standen unter, der Leitung 
von Altesten, diese unterstanden wiederum den Kantonsvorstehern 
und Kantonskuratoren, welche stets StabsofBziere waren. Die ge- 
samte zum Kriegsdienst taugliche Mannschaft, welche ein eigenes 
Heer nach dem Muster der Kasakenheere bildete, stand unter dem 
Befehl eines Ataman (eines Generals) und konnte im Bedarfsfalle 
mit Zuziehung der Meschtscherjaken gegen 100000 Reiter stellen. 

Die Baschkiren sind völlig tatarisiert und — wenigstens die 
ansässigen — von Tataren schwer zu unterscheiden, da sie sich 
ebenso kleiden wie diese. Alle bekennen sich zum Islam, halten 
aber dabei noch an einer Masse Aberglauben fest, der aus ihrer 
Religion stammt. Zauberer, welche bei ihnen Maschmesch heissen, 
stehen in hohem Ansehen. Entgegen den mohammedanischen Ge- 
bräuchen besitzen sie auch keine Friedhöfe, sondern begraben ihre 
Toten an einem beliebigen Platze, den der Verstorbene bei Leb- 



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— 219 — 

Zeiten zu seiner letzten Ruhestätte sich ausgewählt hat. Die an- 
sässigen Baschkiren sind fleissige Ackerbauer, alle aber beriichtigte 
Pferdediebe, die um so gefährlicher sind, als es auch der schärfsten 
Untersuchung selten gelingt, auch nur eine Spur des gestohlenen 
Tieres bei ihnen zu finden, da der Dieb es gewöhnlich sofort ge- 
schlachtet und mit seinen Freunden verzehrt hat Grosse Vei;- 
breitung hat die Bienenzucht gefunden, jedoch meist nur im Walde, 
selten in Bienenstöcken im Hofe. Kleine Dörfer mit- etwa 100 
Einwohnern besitzen oft in den umgebenden Wäldern 100 ) bis 2000 
Bienenstöcke. In der Anlage der Bienenstöcke im Walde erinnert 
manches an die Art und Weise, wie die Neger die Früchte 
von Kokospalmen herabzuholen pflegen. Der Baschkire sucht 
sich im Walde einen recht hohen Baum, aus, damit ihn die Bären 
nicht leicht ersteigen können, und schickt sich dann an, empor- 
zuklettern. Er schlägt mit einem Beil am Fusse des Stammes zwei 
Kerbe in die Rinde, gross und tief genug, um den Fuss hinein- 
setzen zu können, schlingt dann um den Baumstamm und seinen 
Körper einen langen Riemen, den er festknotet, und schwebt nun, 
mit den Füssen in den Kerben stehend, den Oberkörper in dem 
Riemen zurückgebeugt, frei in der Luft. Indem er nun immer 
neue Kerbe in den Stamm schlägt, und so eine Art Leiter schafft, 
steigt er in denselben, den Riemen stets höher schwingend, empor, 
bis er eine genügende Höbe erreicht hat. Dort haut er eine 
Höhlung in den Baum, die er sorgfaltig mit einem Klotz wieder 
verschliesst, bis auf eine kleine Öffnung etwa von der Grösse eines 
Zehnpfennigstückes, welche den Bienen den Zutritt zu der Höhlung 
ermöglichen soll. Wenn der Baum stark genug ist, werden oft 
zwei oder drei solcher Bienenstöcke in ihm angebracht. Die 
Bienenstöcke haben für den Baschkiren eine grosse Wichtigkeit, 
denn sie liefern ihm sein Lieblingsgetränk, den sauren Honig. Der 
aus dem Bienenstock genommene Honig wird, ohne ihn vom 
Wachs zu scheiden, in heissem Wasser aufgelöst, etwas Roggen- 
oder Weizenbrot hinzugefügt und dann das Ganze zum gähren an 
einen warmen Ort gestellt. Am nächsten Tage ist das Getränk 
fertig. Es schmeckt süsslich sauer, ist stark und berauschend, aber 






— 220 — 

obwohl der Baschkire es leidenschaftlich gern trinkt, sagt es 
doch unserem Gaumen nicht zu. Den daran nicht -Gewöhnten 
vennag bereits ein Glas zu berauschen, während die Baschkiren 
unglaubliche Mengen zu vertilgen im stände sind. Die Sehnsucht 
nach diesem Lieblingsgetraok lasst sie auch sorgfaltig alle ihre 
Bienenstöcke mustern , damit ja in keinem mehr Honig zurUck- 
bleibe, als zur Ernährung der Bienen während des Winters unum- 
gänglich nötig ist, und bevor sie — Mitte Auguat — die Honig- 
scheiben aus den Stücken ausstechen, klettern sie gar oft zu denselben 
empor, um, durch ein Netz gegen die Stiche der Bienen geschützt, 
nachzusehen, was ihr Fleiss bereits geschaffen hat.'*') 

Die Lage der Baschkiren hat sich bedeutend verschlechtert, 
seitdem das Kasakenheer aufgehoben ist. Damals sahen noch die 
Kantons Vorsteher, meist gebildete Tataren, streng auf Ordnung und 
verhielten die Baschkiren zum Anbau ihres fruchtbaren Bodens, 
und damals erfreuten sich die Baschkiren einer Wohlhabenheit, die 
heute längst ins Reich der Sage gebort Der ärmste Baschkire 
besass mehr Pferde und Vieh als jetzt der reichste. Jetzt nimmt 
in folge der angeborenen Faulheit der Baschkiren, welche niemand 
mehr bekämpft, das Elend von Jahr zu Jahr zu. Immer mehr 
Land, welches bisher den Baschkiren gehörte, geht in russische 
Hände über. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
haben die Fabriken in den sudlichen Teilen des Gouvernements 
Perm viel Land von den Baschkiren erworben, und die Regierung 
begünstigte damals solche Verkäufe, um nach dem Pugatschewschen 
Aufstand, an dem die Baschkiren sich in Masse beteiligt hatten, 
dem Russentum hier das Übergewicht zu verschaffen. Der An- 
kauf erfolgte meist zu Spottpreisen; im Jahre 175li wurden 
z. ß. IJOOOO Dessjatinen für 150 Rubel Papiergeld erworben! So 
sind die Baschkiren allmählich aus mancher Gegend , in der sie 
früher die Masse der Bevölkerung bildeten, völlig verdrängt worden. 
Ausser stände, ihre weiten Ländereien alle selbst zu bebauen, und 
auch viel zu faul dazu, verpachteten die Baschkiren dieselben auch 
an Russen , die das Feld bestellten und sich dann erst zur Ernte 
wieder einfanden. Der Pacht für die Deasjatine war sehr geringj 




— 221 -^ 

er überstieg nie 50 Kopeken, betrug aber sehr oft bedeutend 
weniger, bis 12^.2 Kopeken, wenn der Baschkire sich, z. B. vor 
der Erhebung der Steuern, in Geldverlegenheit befand und um 
jeden Preis verpachten musste, um nur Geld zu bekommen. Es 
muss hervorgehoben werden, da&s die Baschkiren sich an den Feld- 
frtichten ihrer Pächter sehr selten vergriffen, trotzdem die Felder 
ohne alle Obhut blieben, da der Pächter erst zur Erntezeit sich 
wieder einstellte. Dafür pflegte aber der Baschkire zu seinem 
Pächter auf Besuch zu kommen und dann einige Zeit bei ihm zu 
Gast zu bleiben, um sich einigemal gründlich satt zu essen. Vor 
solchen Besuchen war der Pächter nie sicher, und wenn er noch 
so weit entfernt wohnte, denn für einen hungernden Baschkiren 
ist die Aussicht auf einige gute Mahlzeiten ein mächtiger Sporn. ^**) 
Der Neigung der Baschkiren zum Nomadenleben setzt das 
Vordringen russischer Ansiedler, welche das eigentliche Basch- 
kirieu immer mehr einengen, von Jahr zu Jahr mehr Schranken, 
aber trotzdem wird noch viel Zeit vergehen bis alle zu einem sess- 
haflen Leben gebracht sein werden. Die nomadisierenden wohnen 
in Kibitken oder Filzzelten, gewöhnlich sechs bis sieben in einem 
Zelt. Die Kibitken gleichen vollständig jenen der Kirgisen , nur 
sind sie hoher und oben mehr abgerundet als diese. Wenn die 
Baschkiren das Winterdorf zu ihrer zweimonatlichen Wanderung 
verlassen, wird alles bewegliche Eigentum in Körbe aus Birken- 
rinde gepackt und auf ein Pferd geladen, dann steigt die ganze 
Familie zu Pferde, und der Zug setzt sich in lauger Reihe, ein 
Reiter hinter dem andern, in Bewegung. Säuglinge bringen die 
Mütter an der Brust unter dem Kaftan unter und binden sie dort 
der Bequemlichkeit wegen mit einer Leibbinde fest, während sie 
ein- oder zweijährige Kinder, die sich noch nicht selbst auf einem 
Pferde erhalten können, vor oder hinter sich auf ihr Pferd setzen, 
wo sie ebenfalls am Körper der Mutter angebunden werden. Für 
die Frauen beginnt überhaupt nun eine schlimme Zeit, denn alle 
Arbeit ruht während des Sommers auf ihren Schultern. Sie haben 
die Kühe und Stuten zu melken, den Kumvs, Butter und Käse 
(kut) zu bereiten, Kleider und Schuhe zu verfertigen, und nur bei 



der Heuernte leistet iliaen der Mann Beistand, während gleichzeitig 
für die Arbeiten, die sie sonst verrichteten, eine Dienerin gemietet 
wird. Wenn dann alle in das Dorf zurückgekehrt sind, erwarten 
die Frauen neue Arbeiten, sie mUssen für den Winter den Ofen in 
brauchbaren Zustand bringen , die Fensteröffnungen mit Blasen 
überziehen , Pilz bereiten , Winterkleider für alle Hausgenossen 
nähen u. s. w. 

Zwischen den Baschkiren zerstreut leben die Meschtacher- 
jaken, ein finisches Volk,'") vielleicht Nachkommen der schon 
von ^'estor erwähnten Meachtachera , die jedoch so vollständig 
tatarisiert sind , dasa wir ihnen ihre Stelle hier und nicht unter 
den finischen Volkern anweisen. Einst wohnten die Meschtacher- 
jaken am rechten Wolgaufet in den jetzigen Gouvernements Pensa 
und Ssimbirsk, auch an der mittlem Oka, sind jedoch dort ent- 
weder völlig ins Russentum aufgegangen oder nach Baschkirien 
au^ewandert. Sie unterscheiden sich heute von den Baschkiren 
nur durch grössere Sauberkeit und grossem Fleiss, zeigen auch 
viel mehr Lust zum Äckerbau als jene. Gleich den Baschkiren 
Mohammedaner, beobachten sie die Vorschriften des Islam viel 
strenger, und man triflt unter ihnen nicht nur Mullahs, welche 
eine gewisse Bildung besitzen, sondern auch Schulen. Weitab von 
den übrigen Niederlassungen der Mescbtscherjaken leben noch 
etwa 30U0 in sechs Dörfern des Kreises Ziwflsk im Gouvernement 
Kasan. Wie sie dorthin gekommen sind, vermögen sie nicht mehr 
anzugeben, doch hat sich unter ihnen die Überlieferung erhalten, 
dass sie von den Mescbtscherjaken abstammen. Ihre Sprache ist 
ein Qemisch von tschuwaschisch und tatarisch, sie kleiden sich 
wie die Tschuwaschen, unter denen de leben, und nennen sich 
auch selbst Tschuwaschen. Bis in die jüngste Zeit, bevor man 
ihre Abstammung entdeckte , sind sie den getauften Tataren bei- 
gezählt worden, obwohl sie als rechtgläubige Christen die Bezeich- 
nung als Tataren ablehnen. Bei ihnen tritt der finische Gesichts- 
ansdrack noch deutlich hervor. "*) 

Auch die gleichfalls unter den Baschkiren lebenden Tepr 
tj&reo und Boh^len sind üniscber Abstammung, aber schon völlig 






— 223 — 

tatarisiert, und nur hier und da findet man unter ihnen noch ein 
Anzeichen, das auf die finische Abstammung hinweist. Die Tep- 
tjaren sollen noch etwa 100000 Seelen stark sein. Sie leben haupt- 
sächlich von Viehzucht, Bienenzucht und Jagd, und ihre ganze 
Lebensweise unterscheidet sich fast gar nicht von jener der 
Baschkiren. 

. Die Kalmyken nomadisieren in den Gouvernements Ssarätow, 
Astrachan und Orenbürg und im Gebiet der Donschen Kosaken, 
hauptsächlich auf dem rechten Wolgaufer zwischen den Flüssen 
Wolga, Don und Manytsch. Im 17. und noch am Anfang des 18. Jahr- 
hunderts waren sie an der untern Wolga ein mächtiges Volk, da 
schon ihre erste Einwanderung im Jahre 1628 gegen 50000 
Kibitken mit etwa 100 OOU Männern betrug, welche später durch 
Nachzügler noch bedeutend verstärkt wurden. Obwohl seit 1655 
russische Unterthanen, erforderten sie doch die grösste Wachsam- 
keit der Behörden und umfassende Vorkehrungen zum Schutze der 
russischen Ansiedler vor ihren Überfällen , urasomehr da (siehe 
Seite 98) eine Zeitlang in ihrer Mitte der Gedanke rege war, an 
Stelle des Zartums Astrachan ein grosses Kalmykenreich an der 
Wolga zu errichten. Die Auswanderung von 30 000 Kibitken nach 
China im Jahre 1771 befreite Russland für immer von der durch 
sie drohenden Gefahr, und die zurückgebliebenen etwa 13 000 Kibitken 
wurden zu voller Unterwerfung gezwungen. Die jetzt noch im 
Wolgagebiet lebenden Kalmyken werden auf etwa 100 OCO Seelen 
geschätzt. 

Der Kalmyk ist mittelgross und mager, jedoch breitschulterig 
und gut gebaut, das breite, gelbbraune, bei Männern besonders 
dunkel gefärbte Gesicht mit den hervortretenden Backenknochen, 
der kleinen platten Nase, den abstehenden Ohren und schräg ge- 
schlitzten Augen umrahmt schwarzes Haar , über den fleischigen 
Lippen zeigt sich spärlicher Bartwuch?. Das Haupthaar wird 
rasiert und nur in der Mitte des Kopfes stehen gelassen, nur alte 
Leute lassen es vollständig wachsen und flechten es in einen Zopf. 

Die Kleidung der Kalmyken besteht bei beiden Geschlechtem 
aus einem kurzen, vom oflFenen Hemd und weiten Beinkleidem, 




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— 224 — 

worüber die Männer eitien kurzen Überrock von blauem Nanking, 
im Winter einen Pelz, die Frauen aber einen mit Bändern und 
Borten verzierten Überrock von Kattun, Sammet oder Seide tragen. 
Als Kopfbedeckung dient den Männern eine gelbe, mit Schaffell 
eingefasste Tuchmütze, an deren Deckel eine rote Quaste ange- 
bracht ist, den Frauen eine ähnliche Mütze von besserem Stoff 
und mit kostbarem Pelzwerk verbrämt. Junge Mädchen pflegen 
einen Schntirleib zu tragen, durch den die Brüste so zusammen- 
gepresst werden, dass sie die beliebte und einzig als schön geltende 
Form — flach wie ein Brett — erhalten. Die Mädchen scheiteln 
das Haar in der Mitte und flechten es in zwei Zöpfe, welche sie 
nach hinten herabhängen lassen, nach ihrer Verheiratung aber 
ziehen sie die Zöpfe über die Schultern nach vom. Den Reizen 
der Kalmykin muss auch häufig die Kunst nachhelfen, and die 
Schminke ist bei ihnen ebenso beliebt wie sie dem Haarmangel 
durch einfügen falscher Flechten von Rosshaar geschickt nachzu- 
helfen verstehen. 

Das Wohnhaus vertritt dem Kalmyken sein Zelt, richtiger ge- 
sagt: seine Filzhütte. Zunächst wird aus Stangen und starken 
Reifen, die man durch Stricke verbindet, ein halbkugelförmiges 
Gerüst hergestellt, dieses dann mit Filzdecken belegt, welche man 
mit Stricken aus Rosshaar umschlingt, und das Zelt ist fertig. Im 
Winter legt mun darüber noch eine zweite, stärkere Filzschicht 
und verleiht dem Bau durch eingetriebene Holzpflöcke noch er- 
höhte Festigkeit. Solch ein Zelt gewährt den Vorteil, dass es im 
Sommer kühl ist und im Winter Schutz gegen die Kälte gewährt, 
und der Kalmyk fühlt sich darin ungemein behaglich. Eine kleine 
Öffnung an der Seite dient als Thür, eine andere in dem kegel- 
förmigen Dach als Rauchfang. Unmittelbar unter der letztem, in 
der Mitte des Zeltes, befindet sich die Feuerstelle, über welcher 
der kupferne Kessel hängt, und um dieselbe aufgehäuft getrock- 
neter Mist, der das Brennholz vertreten muss. Der Boden ist mit 
Filzdeken bedeckt, welche hier Bänke und Bett ersetzen. Was 
man ausser dem unentbehrlichen, nirgends fehlenden Kessel in 
einem Kalmykenzelt noch sieht, ist sehr einfach. Mehr als einige 



— 225 — ' 

Holzgeräte und ein Holzkoffer ist selten in einem Kalmykenzelt 
vorhanden.. 

Solche Zelte bedecken an der untern Wolga oft Flächen von 
mehreren Kilometern. Plötzlich ist die Zeltstadt an einer früher 
völlig öden Stelle entstanden, und ebenso plötzlich verschwindet 
sie nach wenigen Tagen wieder^ wenn die Herden weit und breit 
das Gras abgeweidet haben. Jetzt aber sieht man, so weit das 
Auge zu dringen vermag, die Steppe mit weidenden Herden, mit 
Hornvieh, Pferden und Kamelen bedeckt, und dazwischen wimmelt 
es von Männern, Frauen und Kindern, welche alle emsig be- 
schäftigt sind. Die einen melken die Stuten und Kühe, andere be- 
reiten Kumys oder Butter oder Ziegelthee, eine Mischung von 
Thee, Butter, Milch und Salz, die keineswegs so schlecht schmecken 
soll als man nach den absonderlichen Bestandtteilen glauben sollte 
— wieder andere verfertigen Pilz aus Ross- und Kamelhaaren. 
Nackte Kinder treiben sich zwischen den Zelten und Herden herum, 
alle bereits mit der kleinen Tabakspfeife im Munde, welche die 
Kalmyken selbst verfertigen und die untrennbar von ihnen zu sein 
scheint, und Scharen von Reitern jagen um die Wette über die 
Ebene dahin, denn die Kalmyken sind kühne und gewandte Reiter, 
Das rege Treiben eines solchen Lagers bildet ein ungemein an- 
ziehendes Bild in der kahlen, öden Steppenlandschaft. 

Nur die wohlhabenden Kalmyken beschäftigen sich mit der 
Viehzucht. Viele Tausende, die keine Herden, ja nicht ein einziges 
Stück Vieh besitzen, müssen für ihren Unterhalt auf andere Weise 
sorgen. Da der Kalmyk ein fleissiger, ausdauernder und zu allem 
verwendbarer Arbeiter ist, fehlt es den armen Kalmyken an der 
Wolga nie an Gelegenheit, sich durch Arbeit ihren Lebensunter- 
halt zu verdienen. Sie finden Beschäftigung bei den grossen Salz- 
seeen beim brechen und verladen des Salzes, wobei die schwerste 
Arbeit ihnen ausschliesslich vorbehalten bleibt, namentlich aber 
sind sie den grossen Fischereiunternehmem an der Wolga und auf 
dem Kaspi-See hoch willkommen. Es ist erstaunlich, was ein 
Kalmyk zu leisten vermag! Unverdrossen und unermüdlich ver- 
richtet er die schwerste Arbeit in der glühendsten Sonnenhitze, 

,Roskoscliny, Die Wolga. 15 



steht oft stundenlang bis an den Gürtel im Wasser, selbst bei em- 
pfindlicher Kälte , und ist dabei mit jeder Kost zufrieden , welche 
der Unternehmer ihm giebt. Kein Wunder daher, dass Kalmyken 
als Arbeiter sehr gesucht, sind, und es giebt keine Watäga an der 
untern Wolga und kein Fischerboot auf dem Kaspi-Sce, in welchen 
sich unter den Arbeitern nicht einige Kalmyken befinden. Der 
Kalmyk, der sich zum Fischfang verdingt, hat flir 15 Kopeken 
Silber einen Arbeitsschein zu lösen, und danach lüsst sich be- 
stimmen, dass zu dem jährlich zweimal, im Frühling und Herbst, 
stattfindenden Fischfang jedesmal etwa 0500 Kalmyken mit Är- 
beitsscbeinen ausziehen , doch die Zahl jener , welche von den 
Unternehmern auf mündlichen Vertrag hin gemietet werden, ist 
bedeutend grösser. Auch bei der Herrichtung des Kaviars , die 
eine gewisse Gewandtheit im absondern des Rogens und der 
Hausenblase erfordert, trifft man häufig Kalmyken verwendet, 
welche bei dieser Arbeit liO bis 150 Rubel verdienen. Ausser beim 
Fischfang und bei der Salzgewinnung finden Kalmyken auch noch 
in den russischen Dörfern al.^ Feldarbeiter Beachtiftigung, und die 
Gewöhnung an letztere Tbätigkeit hat bereits Kur Folge gehabt, 
dass manche dem Nomadenleben entsagten und sich dem Äcker- 
bau widmeten. Man hat ihnen inmitten der Kalmykensteppe Land 
zum Anbau angewiesen, und die bebaute Fläche vergrössert sich 
dort von Jahr zu Jahr. Schliesslich bieten sich Kalmyken in 
Astrachan und in allen Städten an der untern Wolga zu allen 
möglichen Arbeiten an , ' so dass die Zahl der Arbeiter , welche 
dieses Volk alljährlich stellt, mit '20 OUO wohl nicht ■ zu hoch ge- 
schätzt ist. 

Eine gewerbliche Thiitigkeit ist bisher bei den Kalmyken nur 
in sehr geringem Umfange und nur für ihren eigenen Bedarf vor- 
handen. Die meisten ihnen notwendigen Gegenstande kaufen die 
Kalmyken entweder in den Städten und Dörfern oder von den 
tatarischen Händlern , welche sich in jedem Zeltlager aufhalten. 
Die Männer verfertigen nicht nur ihre Sättel, ihre Fussbekleidung 
und alle hölzernen Gerätschaften, die man in den Kibitken findet, 
selbst, sondern auch noch allerlei Gegenstände aus von ihnen selbst 




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— 227 — 



gtgerbtem Leder, sowie silbernes Ohrgeschmeide, Ringe, Gürtel u. s. w. 
für ihre Frauen. 

Die Viehzucht, auf welcher der fieichtum der Kalmyken be- 
ruht, ist seltsamerweise auf niedriger Entwickelungsstufe geblieben. 
Für Verbesserung der Rassen wird so gut wie nichts gethan, trotzdem 
die Regierung durch Veranstaltung jährlicher Pferderennen und 
Viehausstellungen zu einer solchen anzuregen suchte. Der Wert 
der Pferde, Kamele, Kühe, Schafe und Ziegen, welche die Kal- 
myken besitzen, dürfte 5 ^ 2 l^is 6 Millionen Rubel betragen, wenn 
man der Berechnung die mittleren Verkaufepreise zu gründe legt, 
und der jährliche Erlös vom Verkauf dieser Tiere 250 000 — 300000 
Rubel, wozu noch der Ertrag der Häute hinzu kommt, doch die- 
ser Besitz und der Ertrag desselben sind beide gleich unsicher. 
Tausende von Tieren fallen jährlich der Winterkälte und Krank- 
heiten zum Opfer. In Winter des Jahres 1798 verloren die Kal- 
myken mehr als 500000 Stück Vieh, und kaum hatten sie sich 
von diesem Schlag ein wenig erholt, so ging in den dreissiger 
Jahren schon wieder fast die Hälfte ihrer Herden zu gründe. 

Der russische Staat hat bisher den Kalmyken das Leben 
ziemlich leicht gemacht, indem er von ihnen keine Abgaben 
forderte. Die einzige Abgabe, welche sie zu entrichten haben, 
b Rubel 15 Kopeken für jede Kibitka, erhalten entweder ihre 
Noionen oder sie wird (in den Ulussen, welche unmittelbar der 
Krone unterthan sind) zur Bestreitung der Verwaltungskosten ver- 
wendet. Gewissermassen bilden die Kalmyken heute noch einen 
Staat im Staate, welcher auf den Einrichtungen beruht, die sie vor 
200 Jahren aus der Dsungarei mitbrachten. Mehrere verwandte 
Familien , welche zusammen herumziehen , bilden einen Choton, 
unter einander verwandte Chotons einen Aimak , mehrere Aimaks 
ein Geschlecht, und aus der Vereinigung mehrerer Geschlechter 
entsteht ein Uluss. Es giebt jetzt sieben Ulusse, wovon drei unter 
eigenen Oberhäuptern, die übrigen unmittelbar unter der Krone 
stehen. Im Gouvernement Astrachan sind alle Kalmyken dem 
Ministerium der kaiserlichen Güter untergeordnet, und der Leiter 
der mit ihren Angelegenheiten betrauten Abteilung heisst „Oberster 

15*= 




Kurator des Kalmyken- Volkes'" . In den noch unter eigenen Ober- 
häuptern stehenden TJlussen sind die Noionen die Erben der 
nach der grossen Auawandei-ung der Kalmyken nach China ab- 
geschafften Chanswürde geworden. Ursprünglich hiessen Noionen 
blos die männlichen Nachkommen Tschingis-Chans und seiner 
Brüder, in der Folgezeit haben aber auch entferntere, aus Seiten- 
linien stammende Verwandte der Chane diesen Namen angenommen. 
In den ihnen unterstehenden Ulussen überliessen die Noionen die 
Leitung der einzelnen Aimaks (welche auch Zisaai hiessen) ihren 
Verwandten oder anderen dazu geeigneten Leuten, welche Zaissan 
oder Saissang genannt wurden, und in den einzelnen Chotons war 
das Oberhaupt der Familienälteste , der Äga. Da die Noionen 
ihre Unterthanen rücksichtslos ausbeuteten und doch beständig in 
Schulden staken (manche hinterliessen bei ihrem Tode eine 
Schuldenlast bis zu 30 ODO Rubel), sah sich die Regierung endlich 
veranlasst, einzuschreiten und ihre Macht allmählich zu beschränken. 
Besser als die Noionen hat die Geistlichkeit Macht und Ein- 
fluss von ehedem bewahrt. Die Kalmyken bekennen sich zum 
Buddhismus, und zwar zu der im 15. Jahrhundert durch Tsong- 
khapa gegründeten Tugendsekte (Geluzpa), welche als unterscheiden- 
des Merkmal die gelbe Mütze annahm. Das kirchliche Oberhaupt 
der Kalmyken ist der Lama, der in seiner Würde von der kaiser- 
lichen Verwaltung bestätigt wird. Die Priesterschaft ist sehr zahl- 
reich, und bei jedem Kalmykenlager trifft man ein oder mehrere 
Zelte, in denen die Götzenbilder aufgestellt sind und die Priester 
ihre Gebetmascbinen in Bewegung setzen. Der Aberglaube der 
Kalmyken verschafft den Priestern eine gute Einnahmequelle, denn 
man nimmt bei jeder Kleinigkeit ihre Vermittlung in Anspruch, 
und tritt das Gewünschte ein , so ist dies eine Folge des Gebetes 
des Priesters, welcher reichlich beschenkt vrird, wogegen im ent- 
gegengesetzten Falle der Priester nie um eine Ausrede verlegen 
ist. Namentlich Kranke wenden sich häufig an die Priester und 
zahlen grosse Beträge, um durch sie ihre Gesundheit wieder zu 
erlangen. 

Vornehme Kalmyken halten noch an der Feuerbestattung fest, 



i^jry-r'-r -.-, 



— 229 — 

während die Masse des Volkes die billigste aller Leichenbe- 
stattungen vorzieht: die Leiche wird, in schlechten Filz gehüllt, 
in die Steppe hinausgetragen und dort liegen gelassen, indem man 
einige hölzerne Trinkgefasse und andere Geräte von geringem 
Wert neben sie legt. Binnen kurzem besorgen dann die Haub- 
tiere die eigentliche Bestattung. Wohlhabende Kalmyken erbauen 
auch zuweilen zu Ehren ihrer Verstorbenen eine kleine hölzerne, 
einfenstrige Kapelle und mischen die Asche des Verstorbenen in 
den Kalk, welcher bei der Errichtung des steinernen Unterbaues 
verwendet wird. Der innere Raum enthält ein Brett, auf das die 
Opferschalen und dem Verstorbenen dargebrachten Geschenke ge- 
stellt werden, und wird auch mit Bildern ausgeschmückt. 

Nur eine kleine Anzahl Kalmyken ist bisher zur Annahme 
des christlichen Glaubens bewogen worden, und diese äusserten 
schon nach kurzer Zeit den Wunsch, zu ihrem Glauben zurück- 
kehren zu dürfen, was natürlich zufolge den in Russland zu 
gunsten der griechisch-katholischen Kirche bestehenden Bestim- 
mungen nicht bewilligt werden konnte. Für die geistige Hebung 
des Volkes, welche am ehesten der christlichen Lehre die Wege 
ebnen würde, ist zwar schon manches, aber immer noch wenig 
geschehen. In allen XJlussen bestehen nur acht Schulen, jede für 
30 Schüler bestimmt, die darin auf Staatskosten Unterricht und 
volle Verpflegung finden, während die übrigen Schüler nur unent- 
geltlichen Unterricht gemessen. Der Unterricht beschränkt sich 
auf russisch lesen und schreiben und die Anfangsgründe des 
Rechnens. Die besten Schüler kommen aus diesen Schulen in die 
kalmykische Lehranstalt in Astrachan, welche 1849 eröffnet 
wurde und 50 Zöglingen Unterricht in der russischen und Kal- 
mykensprache, Arithmetik, Geographie und in russischer und Welt- 
geschichte (letztere nur oberflächlich) gewährt, gleichfalls bei un- 
entgeltlicher Verpflegung. Schüler, welche besondere Anlagen 
zeigen, können aus dieser Anstalt in das Astrachansche Gym- 
nasium eintreten. Ausserdem besteht in Astrachan eine Mädchen- 
schule, welche Lehrerinnen für Kalmykenschulen ausbildet. — 

Die Kirgisen, zum Unterschiede von den asiatischen Kir- 



— 230 - 

gisen von den Russen Kirgis-KaiHsaken genannt (sie selbst nennen 
sich Kaissaken, soviel wie ^herumschweifende"), durchziehen etwa 
200 000 Seelen stark die Gouvernements Astrachan und Orenburg. 
Die Russen lernten die Kirgisen schon am Ende des 16. Jahr- 
hunderts kennen, als dieselben noch am Irtysch, Ob und Jenissej 
herumstreifl-en, von wo sie immer weiter nach W vordrangen und 
schliesslich das ganze Gebiet zwischen dem Irtyscli und dem 
Kaspi-See besetzten. Mau teilte sie früher in die Kleine, Mittlere 
und Grosse Horde, deren erstere zwischen dem Uralfliiss und den 
Grenzen Chiwas nomadisierte und in der Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts Russlaud unterthan wurde. Als nach dem Abzug der 
Kalmyken die von iiinen früher beset/.ten Steppen frei wurden, 
trennte sich Bukei , einer der Sultane der Kleinen Horde , von 
derselben und zog mit 7500 Kibitken in die Steppen an der Wolga. 
Diese neugebildete Horde erLielt den Namen Mittlere oder Buke- 
jewsche Horde. Bukei wurde 1812 von der russischen Regierung 
zum Chan ernannt, doch erlosch die Chanswürde bereits mit seinem 
Sohn Dabanger, welcher iS45 starb. 

In der äussern Erscheinung der Kirgisen ist der Mongole un- 
verkennbar. Keines der KLumzeichen des mongolischen Stammes 
fehlt ihnen: weder das platte, breite Gesicht, noch die hervortreten- 
den Backenknochen, die geschlitzten schwarzen Augen, das schwarze 
Haar und der spärJiche Bartwuchs. Von Gestalt sind sie mittel- 
gross, die Frauen vor ihrer A'erbeiratung schlank, doch später oft 
unförmlich dick , hübsche Gesichtszüge unter ihnen höchst selten. 
Häufig trifft man unter ibnen die kalmykische Gesicbtshildung, da 
die Kirgisen oft Kalmjkenmädcben heiraten. Die Männer tragen 
weite lederne oder aus Kamelhaaren gewebte Beinkleider, den das 
Hemd vertretenden Beschmak, bei kühlerer Witterung zwei oder 
drei Chalate Übereinander, durch einen bei Reichen oft sehr kost- 
baren Gürtel zusammengehalten. Als Fussbekleidung dienen 
Stiefel aus Ziegenfell mit hohen Absätzen, auf dem glatt ge- 
schorenen Kopf trägt man die der tatarischen Jermöika ähnliche 
Tjubetejka, ein kleines Sammetkäppchen, und über ihm, wenn man 
das Haus verlässt, eine spitze, breitrandige Filzmütze. Die Kleidung 






— 231 — 

der Frauen unterscheidet sich nur wenig von jener der Männer, 
doch sind ihre Chalate meist von feinerem Stoff und heller in der 
Farbe. Auf dem in Flechten über den Rücken herabhängenden 
Haar trägt die Kirgisin eine hohe runde Mütze, von weleher 
hinten ein langer Schleier herabfällt, und eine Menge Arm- und 
Halsbänder und sonstigen Schmuck. Falsche Haarflechten aus 
Rosshaar, die mit Bändern und Silbermünzen verziert, sind auch 
bei ihnen gebräuchlich. Die Kirgisen sind zwar reinlicher als ihre 
Nachbaren , die Kalmyken , aber trotzdem immer noch sein* un- 
sauber. Ihre Wohnungen , die Kibitken , haben dieselbe Käse- 
glockenform wie jene der Kalmyken, nur wird bei ihnen das Holz- 
gestell im Sommer statt des Filzes mit Strohmatten bedeckt, und 
bei wohlhabenden Kirgisen findet man den Innenraum reich ausge- 
schmückt. Der Boden ist in solchen Kibitken mit bunten persi- 
schen oder bucharischen Teppichen bedeckt, die Filzwände mit 
kostbaren Stoffen bekleidet, und dichte Vorhänge verhüllen die 
niedrigen Betten. Auf einem zierlichen Tischchen sieht man 
hübsches Theegeschirr , und noch so manches ist vorhanden, was 
auf die Bekanntschaft des Kibitkenbesitzers mit den Annehmlich- 
keiten des Städtelebens hinweist, europäischer und morgenländischer 
Geschmack bunt durch einander gewürfelt. Manche derartige 
Einrichtung soll 10000 Rubel und mehr kosten. Einen grellen Gegen- 
satz dazu bildet allerdings das Zelt des gemeinen Kirgisen, welches 
oft dichter Qualm füllt, den der zum bremien verwendete Kamelmist 
erzeugt, dazu der unangenehme Geruch, welcher von jedem selten 
gelüfteten Schlaf- imd Wohnraum unzertrennlich ist, ganz abge- 
sehen davon, dass es sich im Winter auch noch in einen Stall für 
junge Kälber, Füllen oder Lämmer zu verwandeln pflegt, welche 
noch nicht im Freien überwintern können. 

Die Viehzucht ist die Hauptbeschäftigung der Kirgisen, und 
ihr Reichtum besteht in den grossen Herden von Pferden und 
Schafen. Hornvieh, Kamele und Ziegen triflt man bei ihnen 
seltener. Als geschickte Reiter und grosse Liebhaber des Kumys 
bevorzugen die Kirgisen die Zucht der Pferde, welche bei ihnen 
ausschliesslich zum reiten, nie als Lasttiere verwendet werden. 



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— 232 — 

Die Kirgisenpferde sind durch ihre Ausdauer berühmt, denn 
sie sind imstande, ohne Nahrung und Trank und ohne auszuruhen, 
an hundert Werst zurückzulegen. Die Pferde sind klein, haben einen 
zierlichen Kopf mit üppiger Mähne, dünne aber sehnige Beine mit 
kleinen Hufen und einen starken Rücken mit glattem Haair. Ge- 
zäumt sind sie mit einer einfachen Trense, das ganze Riemenzeug 
mit flachen Eisenringen besetzt, mit einer langen Troddel unter 
dem Halse, der Sattel sehr hoch, zum Überzug des Sitzkissens 
häufig Sammet verwendet. 

Auf den Jahrmärkten der russischen Dörfer, welche an die 
Kirgisensteppe grenzen, bietet sich stets vortreffliche Gelegenheit, 
die Kirgisenpferde kennen zu lernen, denn auf grosse Jahrmärkte 
bringen die Kirgisen oft mehrere tausend Pferde zum Verkauf. 
Die Behandlung der Tiere seitens der Kirgisen ist eine rohe mid 
unmenschliche, und namentlich die Bändigung der mit einer Fang- 
stange, an der sich eine lange Riemenschleife befindet, einge- 
fangenen wilden Pferde gewährt einen widerlichen Anblick. Der 
Pferdehandel dagegen bietet manches Anziehende und Neue. Be- 
vor der Kirgise einem Käufer ein Pferd vorreitet, lässt er sich 
stets ein Handgeld geben, das er nachher vom Kaufjpreis in Abzug 
bringt, denn in der angeborenen Trägheit mag er sich der Mühe 
des einfangens und bändigens eines Tieres nicht etwa vergeblich 
unterziehen. Wenn dem Käufer das Pferd gefällt und er den 
Preis desselben erfahren will, muss er sich auch den Gewohnheiten 
der Kirgisen fügen. Der Verkauf ist hier ein ^losschlagen** in des 
Wortes genauester Bedeutung. Der nach dem Preis Fragende hält 
dem Verkäufer die offene Handfläche hin, und dieser schlägt mit 
voller Kraft in dieselbe, indem er z. B. ruft: „Hundert Rubel!** 
Dann hält der Kirgise seine Hand hin, in welche nun der Käufer 
einschlägt, indem er sein Gegengebot vorbringt, und so wechseln 
die Schläge in die Hand, welche der Kirgise zum Unbehagen des 
Käufers recht kräftig auszuteilen versteht, so lange ab, bis man 
über den Preis einig geworden ist. 

Die verhältnismässig geringe Mühe, welche die Vieh- und 
Pferdezucht verursacht, ist auch der Hauptgrund, warum bisher 



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— 233 — 

alle Bemühungen der Regierung, die Kirgisen zu einem sesshaften 
Leben zu bewegen und den Ackerbau bei ihnen einzuführen, ge- 
scheitert sind. Der Kirgise baut höchstens Hirse, die er gern isst, 
und Hafer für seine Pferde, aber zum Anbau von Roggen oder 
Kartoffeln ist er nirgends zu bewegen. Dagegen kommen aus den 
Herden der Bukejewschen Horde jährlich gegen 350000 Stück 
Vieh zum Verkauf. Schon in den vierziger Jahren belief sich 
der Viehstand derselben auf 300 000 Pferde, 65 OOü Kamele, 200 000 
Stück Hornvieh und 1 500 000 Schafe , während die Horde selbst 
etwa 80000 Seelen zähltet ^^) Seitdem ist mit der gestiegenen 
Bevölkerungszahl auch die Zahl der gezüchteten Tiere bedeutend 
gewachsen. 

Die Steppe, welche die Kirgisen bewohnen, bietet der Vieh- 
zucht und dem Hang zum nomadisieren einen weiten Spielraum, 
denn unter den ungefähr 57 000 Q Werst Steppenland zwischen 
Wolga und Ural sind etwa 36 000 □ Werst, die mehr oder minder 
gut zum nomadisieren sich eignen. Auch wenn man die 21000 G Werst 
Sandboden und Sandhügel, zwischen denen sich auch noch häufig 
Strecken guten Weidelandes finden, nicht mitrechnet, kamen bei 
dem oben angegebenen Viehstande ungeföhr drei Dessjatinen 
(4.37 ha) auf jedes Stück Vieh. 

Dadurch, dass die Kirgisen allen Versuchen, sie sesshaft zu 
machen , bisher hartnäckig widerstanden haben , darf man sich 
jedoch nicht zu der Annahme verleiten lassen, dass sie in kultu- 
reller Beziehung keine Fortschritte gemacht haben. Die wohl- 
habenderen sind europäischer Bildung durchaus nicht abgeneigt, 
und wie man unter dem reichen Kalmyken- Adel manchen treffen 
kann, der als Offizier gedient hat und „halb als Barbar, halb als 
Weltmann", wie General-Leutnant Blaramberg sagt, in die Steppe 
zurückgekehrt ist, so sind auch unter den Kirgisen sehr viele, die 
mit dem Firnis einer Halbkultur überzogen sind. Die Streitigkeiten 
und Räubereien (Barantäs), durch welche die Kirgisen einst be- 
rüchtigt waren, haben zwar noch nicht völlig aufgehört, und 
räuberisches wegtreiben von Vieh soll immer noch vorkommen, 
aber das Auge des Gesetzes wacht jetzt auch in der Steppe und die 



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— 234 — 

Zeit ist vorbei, in welcher dort Gewalt vor Recht J?ing. Jede Ab- 
teilung hat ihre bestimmten Weideplätze, die sie nicht über- 
schreiten darf^ und sobald einer derselben abgeweidet ist, zieht sie 
zum andern weiter , immer weiter . nach Norden in genau abge- 
messenen Tagemär seilen, um im Herbst zu den Winterweideplätzsn 
im Süden zurückzukehren oder die Gegend aufzusuchen, in der sie 
Heu für den Winter gemäht hatte,. Vollständig sicher sind heute 
auch die russischen uud armenischen Kanfleute, , welche mit. den 
Kirgisen Handel treiben und auf den Sandhügeln inmitten der 
Steppe, den sogenannten Uyu Peski, WolinliHuser errichtet haben. Die 
Kii^isen sind zwar Mohammedaner, aber sie nehmen es mit den 
Vorschriften des Islam nicht sehr genau, sind überhaupt ziemlich 
gleichgiltig in Glaubenssachen, und darum ist ihnen auch Hass 
gegen Andersgläubige, welcher andere Völker auf gleicher Bildungs- 
stufe unduldsam gegen Fremde macht, ein unbekanntes Gefühl. 

Die Vei'waltung der Bukejewschen Hotde liegt jetzt seit 
der Absetzung des letzten Chans vollständig in russischen Händen, 
Der Sitz der Verwaltung befindet sieh in den Ryn Peski, wo sich 
neben den Häusern der Kaufleute auch die Verwaltungsgebäude, 
samt jenen etwa ein halbes Hundert Häuser, befinden. Die Kir- 
gisen-Sultane sind heute ohne alle politische Bedeutung, 

Die Kirgisen sind das letzte Volk mongolischen Stammes, 
dem wir an der Wolga begegnen. Mit ihnen ist streng genommen 
die Reihe der „Fremd Völker" im Wolgagebiet erschöpft, denn waa 
wir dort ausserdem noch an Xichtrussen vorfinden, kömmt nicht 
als Volk in Betracht, sondern es siud nur Angehörige ver- 
schiedener Völker indogermanischen Stammes, nelche in grösserer 
oder geringerer Anzahl als Ansiedler zwisclien den anderen Völker- 
schaften zerstreut sind, ohne auch uur annähernd so grosse und 
in sich abgeschlossene Gebiete einzunehmen, wie die Kirgisen, 
Kalmyken, Tataren u. s. w. Obenan unter der nicht russischen 
Bevölkerung indogermanischen Stammes stehen, sowohl was ihre 
Zahl anbetrilft, als auch, und dies ganz besonders, in Anbetracht 
ihrer Verdienste um die Hebung des Wolgalandes: 

Die Deutschen. Grössere deutsche „Kolonien", aus Lehrern, 






— 235 — 

Künstlern, Kaufleuten, Fabrikanten, Beamten, Handwerkern u. s. w. 
bestellend, trifft man in Nishnij Nowgorod, Kasan, Ssamara, Astra- 
chan, in Moskau und in den bedeutenderen Industrie- und Berg- 
baubezirken, doch alle diese, zum grossen Teil mit baltischen 
Deutschen gemischt, teils mehr oder minder russifiziert, teils alle 
Eigenheiten ihrer verschiedenen Heimatländer noch zur Schau 
tragend, kommen hier für uns nicht in Betracht. Ein scharf aus- 
geprägtes, eigenartiges Volkstum tritt uns nur in den deutschen 
Niederlassungen an der untern Wolga entgegen. Dort liegt am 
rechten Ufer der Wolga, etwa drei Kilometer von derselben ent- 
fernt, die Herrnhutergemeinde Ssarepta mitten im Kalmyken»- 
gebiet.**^) Die ersten Ansiedler kamen, wie schon früher erwähnt 
(siehe Seite 121), unter Katharina H. hierher und sind seitdem durch * 
Zuzug aus der Heimat verstärkt worden. Von 1774 (dem neunten 
Jahr nach der Gründung) vermehrte sich die Einwohnerzahl 
bis zum Jahre 1811 von 190 auf 527 Seelen. Seitdem ist eine 
Verminderung eingetreten. Ende 1877 zählte man nur noch 497 
öemeindeaugehörige , wovon jedoch nur 335 in Ssarepta selbst 
wohnten, die übrigen in Petersburg und Moskau in den von der 
Gemeinde errichteten grossen Geschäftshäusern , sowie in anderen . 
russischen Städten thätig waren. Dieser berühmtesten unter den 
deutschen Niederlassungen reihen sich die Reste jener an, welche 
unter Katharina IL in den Gouvernements Ssaratow und Ssamara ent- 
standen. Alle diese Ansiedler sind bis auf den heutigen Tag den 
Sitten und Gewohnheiten der Heimat ihrer Väter treu geblieben, 
deren Kleidung sie sogar zum teil noch beibehalten haben. Schlichte, 
massige, unermüdlich thätige Leute, können sie ihren Nachbaren als 
nachahmungswertes Beispiel dienen, aber leider haben sie nirgends 
Nachahmer gefunden. Einzelne Niederlassungen, wie Ssarepta und 
Baronsk, haben eher das Aussehen von Kreisstädten als von 
Dörfern, welchen letzteren sie hauptsächlich dadurch ähnlich sind, 
dass man der Feuersgefahr wegen die Häuser nicht dicht anein- 
ander gebaut, sondern durch Gärten getrennt, wogegen die regel- 
mässige Anlage des Ortes und die Häuser selbst der Niederlassung 
ein mehr städtisches Aussehen verleihen. Da trifft man regel- 



— 236 — 

müssige , breite , saubere Strassen mit öreundlicheii Hilu^ern , von 
denen die meisten zwar Holzbauten , jedoch mit Eisenplatteo be- 
deckt sind, und Steiugebäude , sogar zweistöckige, gehören durch- 
aus nicht zu den Seltenheiten. Bei keinem Hause fehlt der Ge- 
müsegarten, in dem sich ein kleiner Ziergarten befindet, und in der 
Mitte des Ortes ist ein grosser , rings von Bäi)meD umgebener 
Platz angelegt , auf dem die Kirche mit dem Glockenturm steht. 
In den Strassen Ssareptas finden wir fast überall vor den Häusern 
Baumreihen gepflanzt, meist italienische Pappeln (Populus pyra- 
midalis). Von den umliegenden Höhen hat man die Quellen in 
einen Brunnen im Dorfe geleitet, von dem die einzelnen Haus- 
haltungen mitWaaser versorgt werden. Wasser ist auf diesem 
der dürren Steppe abgerungenen Boden ein kostbarer Schatz, und 
die Ssareptaer wissen ihn gut zu verwerten. Nach allen Rich- 
tungen durchziehen die Gärten Wassergräben, welche durch Schöpf- 
maschinen gefüllt werden. Die Beete sind häufig vertieft ange- 
legt, da man sie im Sommer der Dürre wegen häufig taglich unter 
Wasser zu aetaen pflegt Da die den Ort durchfliessende Ssarpa 
im Sommer austrocknet oder nur nach starkem Regen Wasser 
führt, hat man durch Dammbauten das FrUh Jahrswasser in einem 
kleinen Teich gesammelt, der als MUhlteich dient und rings von 
Gärten umgeben ist. 

Gemüse- und Obstbau ist in allen deutschen Niederlassungen 
hoch entwickelt. In Ssarepta sind etwa VO ha mit Ärbusen oder 
Wassermelonen bepflanzt , die teils roh verzehrt , teilt eingekocht 
werden. Obstbäume und Wein gedeihen sehr gut, erfordern aber 
sori^ltige Bewässerung. Auch Tabak wird in den Gärten ge- 
baut und meist an die Kalmvken verkauft. Zum Ackerbau ist der 
meist sandige oder salperhaltige Boden wenig geeignet, und der- 
selbe ist denn auch in Ssarepta NebenbeschäftiguDg geblieben. Man 
pflegt das der Niederlassung gehörige Ackerland zu verpachten 
und von dem Erlös die Gemeindeauslagen zu bestreiten. Ein Teil 
bleibt Wiesenland, um Putter für das Vieh zu gewinnen, das ausserdem 
auch noch reichlich mehrere Inseln liefern. Die Viehzucht ist 
iedoch ebenfalls unbedeutend , denn man zählt in Ssarepta nur 



— 237 — 

etwa 300 Pferde und ebensoviel Ochsen und Kühe, so dass auf die 
Quadratmeile weniger als 100 Pferde oder 100 Rinder entfallen. 
Dagegen beschäftigt die Bereitung des Senfs und des Ssarepta- 
Balsams viele Hände. Die beiden in Ssarepta bestehenden Senf- 
fabriken versorgen heute halb Russland mit Senfmehl und Senfol. 
Der Senf wird von Russen und Tataren am andern Wolgaufer ge- 
baut, und die Nachfrage ist eine so grosse, dass in beiden Fabriken 
meist Tag und Nacht gearbeitet wird. Anfangs wurden die Pressen 
durch Pferde in Bewegung gesetzt, jetzt ist an die Stelle derselben 
die Dampfkraft getreten. Im Jahre 1874 kam die erste Dresch- 
maschine nach Ssarepta, damals ein grosses Aufsehen erregendes 
Ereignis, doch ist bei der Ungleichheit der Ernten und der ge- 
ringen Entwickelung des Ackerbaues für Ackerbaumaschinen hier 
kein so gutes Absatzgebiet wie in den nördlicher gelegenen 
deutschen Niederlassungen. In Ssarepta wird heute noch das Ge- 
treide ausgestampft oder ausgefahren. Auf der ungedeckten Dresch- 
tenne, die sich mitten in den Feldern befindet, werden die Garben 
ausgebreitet, und man treibt entweder Vieh darüber oder fahrt mit 
einem Wagen auf der Tenne herum. 

Von den vielen Vorrechten, deren sich die Ansiedler in Ssa- 
repta erfreuten, — Freiheit vom Militärdienst, von allen Abgaben 
an die Kjreisverwaltung und von Gildensteuem, eigene Verwaltung 
und Gerichtsbarkeit u. s. w. — sind die meisten im Jahre 1877 
aufgehoben worden. Ein Ukas vom 18. Juni 1877 unterordnete 
die Ssareptaer den Kreisbehorden und zog sie gleich der übrigen 
Bevölkerung zum Militärdienst und zur Besteuerung heran. Allen 
Ansiedlem wurde dabei freies Auswanderungsrecht während der 
nächsten zehn Jahre, also bis zum 18. Juni 1887 zugestanden. 
Eine abermalige Umgestaltung der Verhältnisse, welche nament- 
lich die Gemeindeverfassung dem russischen Vorbild anpassen wird, 
ist wohl binnen kurzem zu erwarten. 

Die jetzige Lebensweise der Ansiedler in Ssarepta ist voll- 
kommen dieselbe , wie man sie in den Brüdergemeinden Deutsch- 
lands findet. Am Abend ruft die Kirchenglocke zum Abendgottes- 
dienst, und die Gemeinde versammelt sich in der Kirche, wo alle. 






— 238 — 

die Männer von den Frauen getrennt, auf einfachen Holzbänken 
sich niederlassen. Der Geistliche, welcher die Andacht abhält, 
sitzt hinter einem einfachen Tisch, welcher den Altar vertritt. An 
Sonntagen findet eine Predigt statt, und eine kleine Orgel be- 
gleitet den Gesang. Die Geistlichen und ebenso die Lehrer erhält 
die Gemeinde nach wie vor aus Deutschland, doch müssen die- 
selben vor dem Amtsantritt russische ünterthanen werden. Durch 
solchen Zuzug und durch regen Verkehr mit der Muttergemeinde 
ist Ssarepta bisher in engem Zusammenhang mit Deutschland ge- 
blieben, und diesem, sowie der sittlich religiösen Grundlage des 

■ 

ganzen Gemeinwesens verdankt es sein Aufblühen. Ob es für das- 
selbe von Vorteil wäre, wenn auf den gesunden deutschen Stamm 
russische Einrichtungen gepfropft würden , ist zum mindesten 
fraglich. 

Weniger günstig ist die Lage der übrigen deutschen Nieder- 
lassungen an der Wolga. Es sind im ganzen 102, eingeteilt in 
vier Bezirke, deren grösster, an der ßergseite der Wolga, 43 Dörfer 
umfasst. Ein zweiter Bezirk liegt auf der Wiesenseite zwischen 
Ssaratow und Wolsk mit 41 Dörfern, der dritte im Süden Ssarä- 
tows mit 1 5 Dörfern , und der vierte nördlich von Ssaratow mit 
nur 3 Dörfern. Die Ortsnamen sind durchwegs deutsche, wie 
Lilienfeld , Luzern , Basel , Zürich , W^iesenheim , Schaffhausen, 
Ernestinendorf u. s. w. Die Einführung des gemeinsamen Grund- 
besitzes nach russischem Vorbild ist für die Ansiedler kein Segen 
gewesen , und ihm , sowie wiederholten Missernten ist es zuzu- 
schreiben, dass der Wohlstand, der in der ersten Zeit hier herrschte, 
rasch sich vermindert. Die Mehrzahl der Ansiedler ist verschuldet, 
allen fehlt die Lust, den Boden zu verbessern, den doch bei der 
nächsten Verteilung des Gemeindelandes ein anderer zugewiesen 
erhält, und in vielen Höfen findet man weder Pferde, noch Kühe 
noch sonstige Haustiere, nicht einmal ein Huhn. Nur die Auf- 
hebung der jetzigen Besitzverhältnisse und die Ermöglichung der 
Erwerbung von Grundeigentum seitens der Gemeindeangehörigen 
könnte einen neuen Aufschwung der Niederlassungen herbeiführen. 

Schliesslich müssen wir noch zwei an der untern Wolga Ver- 



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— .239 — 

treteue Völker erwähnen, obwohl die Mehrzahl ihrer dort lebenden 
Angehörigen sich nur vorübergehend teils in den Städten, teils auf 
dem flachen Lande aufhält. Beide Völkerschaften, Armenier und 
Zigeuner, gehören /Air iranischen Gruppe des indogermanischen 
Volksstammes. 

DieArmenier sind in Astrachan sehr frühzeitig aufgetreten, 
und schon unter Alexej Miehäilowitsch wurden ihnen ver- 
schiedene Begünstigungen zugestanden. Sie haben regelmässige 
Gesichtszüge, eine dunkle Hautfarbe, schwarzes Haar, und grosse, 
glänzende schw^arze Augen , die Nase ist ein wenig gebogen. 
Mittelgross von Gestalt und meist gut beleibt, ohne dass aber die 
Beleibtheit in unförmliche Dicke ausartet, sind sie doch selten 
kräftige Leute, ihre Muskeln wenig entwickelt, was ja bei ihrer 
Beschäftigungsw^eiße , welche keinen Kraftaufwand erfordert, gar 
nicht anders sein kann. Die Frauen der Armenier sind echt 
asiatische Schönheiten mit bräunlicher Hautfarbe und glutvollen 
schwarzen Augen. Die armenische Tracht — den langen Kaftan 
mit geschlitzten Armein, die weiten Beinkleider und die hohe 
Lammfellmütze — trifft man in Astrachan nur bei den ärmeren 
Armeniern. Die wohlhabenderen suchen sich so viel als möglich 
als Europäer aufzuspielen, kleiden sich vollkommen europäisch, die 
Frauen nach der neuesten Mode , wobei sie allerdings meist nicht 
den besten Geschmack verraten. Mit der heimatlichen Kleidung 
haben sie auch das schhchte, gerade Wesen abgelegt, das den 
Armenier in seiner Heimat auszeichnet. Die Mildthätigkeit und 
Sparsamkeit hat sich in Geiz verwandelt, die Offenheit in Doppel- 
züngigkeit und Verschlagenheit. Auf den ersten Blick sieht man 
es dem Astrachanschen Armenier an, dass er ein gewandter, 
schlauer Geschäftsmann ist, und ein bekanntes mprgenländisches 
Sprüchwort, das die armenische Verschlagenheit kennzeichnet, 
hat sich auch in Russland eingebürgert. Zwei Juden, sagt man, 
machen einen Armenier, zwei Armenier einen Griechen, aber zwei 
Griechen sind sogar dem Teufel gewachsen. Da Griechen an der 
Wolga nicht vorkommen, stellen also die Armenier den Gipfelpunkt 
der kaufmännischen Schlauheit dar. Alle russischen Armenier ge- 



— 240 — 

hören der sogenannten nicht nnierten armenischen Kirche ao, 
deren Oberhaupt der im Kloster Etschmiadsin seinen Sitz habende 
armenische Patriarch ist. 

Die Zigenner, das zweite Volk iranischer Abstammung, das 
an der Wolga vertreten ist , kommen dort nur in rereinzelten 
Banden Tor, welche mit ihren Wägen bald hier bald dort auf- 
tauchen, wie Überall eine Landplage fUr die ansässige Bev8lkermig. 
Wie gross ihre Zahl im Wolgagebiet ist, lasst sich nicht be- 
stimmen, da sich dieselbe durch die beständigen Wanderungen un- 
ablässig ändert Jedenfalls entfällt von den 120000 Seelen, auf 
welche dieses Volk in ganz Bussland geschätzt wird, nur ein sehr 
geringer Teil auf das Wolgagebiet. 






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Hydro- und Urographie. 



Kiissland besitzt in der Wolga, dem Ural, Don, Dnjepr, der 
Kama, Petschora und Dwina sieben der grössten Ströme Europas, und 
die Wolga übertriflft auch alle grossen russischen Ströme an Aus- 
dehnung. *^®) Der Rhein bleibt schon hinter den beiden grossen 
Nebenflüssen der Wolga, der Oka und Eama, imi 100 bis 300 
Werst an Längenausdehnung zurück, und nur die Donau reiht 
sich der Wolga selbst unmittelbar als zweitgrösster europäischer 
Strom an. Von der Quelle bei Wolgowerchowje bis zur Mündung 
in den Kaspi-See ist die Wolga 3467 Werst lang, und wenn man 
den Ursprung der Wolga von der Quelle der Runa rechnet, er- 
höht sich ihre Länge bis auf 3512 Werst. Wie weit bleiben 
hinter diesen Zahlen die Donau mit etwa 2618 Werst, der Ural 
mit 1974, den Don mit 1786, der Rhein mit etwa 1243 Werst 
Längenausdehnung zurück! Der Länge der Wolga entspricht ihr 
Wasserreichtum und die Grösse des von ihr entwässerten Gebietes. 
Sie ist im Sommer bei Rshew noch nicht breiter als 40 Meter 
und bei Subzow erst etwa 60 Meter breit, aber je weiter sie sich 
nun von ihrer Quelle entfernt, desto mehr wächst ihre Breite. 
Bei Twer wird sie schon über 200 Meter breit, und oberhalb 
Kostromä erlangt sie eine Breite von 500 bis 600 Meter, die bei 
Jurjewetz auf 1600 Meter anwächst, also die Breite des Rheins 
bei Mainz schon bedeutend übersteigt. Zur Zeit des Hochwassers 
überschwemmt die Wolga hier 20 bis 30 Werst. Bei Nishnij 

Roskoschny, Die Wolga. 16 



- 242 — 

Nowgorod verengert sich zwar ihr i^ussbett wieder und wird etwa 
650 Meter breit, doch aach dort erstreckt sich ihr Überechwemmungs- 
gebiet im FrUhjahr Über nahezu 20 Werst, und nach ihrer Ver- 
einigung mit der Ssura erlangt sie abermals eine Breite von etwa 
140Ü Meter. Nach der Aufnahme der Eama wechselt die Breite 
der Wolga häufig und schwankt zwischen 700 und 2700 Meter, 
aber von Ssaratow an beginnt sie in gewaltigen Verhältnissen an- 
zuschwellen. Unterhalb Ssaratow etwa 4200 Meter breit, erlangt 
sie bei Zarizyn eine Breite von 8000 Meter, und wenn im Früh- 
jahr die angeschwollenen Wasser des Hauptstromes mit jenen der 
Achtuba in eins zusammenfliessen, bedecken sie eine Fläche von 20 
bis 50 Werst Unterhalb Astrachan wird dann der Riesenstrom 
durch das Zusammenäiesseo aller seiner Arme zu einem un- 
übersehbaren Meer von etwa 200 Werst Breite, und wohin der 
Blick sich wenden mag, gewahrt er nichts als Himmel und Wasser. 
Die Tiefe ist dabei während des ganzen Laufes von der Ver- 
einigung mit der Oka bis zur Mündung stellenweise eine sehr 
grosse, aber die tiefen Stellen wechseln häufig ab mit Sandbänken 
und Untiefen, und trotz der gewaltigen Wassermassen, welche die 
Wolga dem Kaapi-See zuführt , hat die Schiffahrt während eines 
grossen Teiles des Sommers auf ihr mit Schwierigkeiten zu kämpfen, 
welche namentlich dadurch erhöht werden, dass das Flussbett sich 
in beständiger Unruhe befindet imd heute eine Sandbank an einer 
Stelle lagert, Ober welche noch gestern Barken anstandslos hinweg- 
glitten. Die meisten Schwierigkeiten findet die Schiffahrt zwischen 
Twer nnd Nishnij Nowgorod. Zwischen der Oka- und Koma- 
mündnng wird die Wolga stellenweise bis 17, zwischen der Kama- 
mOndung nnd Astrachan steilenweise bis 30 Meter tief, aber 
unterhalb Astrachan ist das Flussbett wieder voll Untiefen, und 
an manchen Stellen ist das Fahrwasser bisweilen einen Meter tief. 
Trotzdem ist die Wolga auf der ganzen Strecke von Twer bis 
zur Mündung fOr Dampfer befahrbar. 

Das durch durch die Wolga entwässerte Gebiet übertrifEt an 
Grösse alles, was man in dieser Hinsicht in Europa zu finden vermiß, 
denn die Gebiete mehrerer europäischer Grossmächte fönden in 



:^::.7r^'^-<TT-^-r/r-, 



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— 243 

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demselben Platz. Die Wolga selbst durchfliesst von den Quellen > 

bis zur Mündung 9 Gouvernements: Twer, Jarosslawl, Kostroma, '^i 



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VI 









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Nishegorod, Kasan, Ssimbfrsk, Ssamära, Ssarätow und Astrachan, 
ein Gebiet von 14 801, 17 Geogr. D Meilen oder 814 995, 7 D hm, a 

also wenig kleiner als Prankreich und zusammen genommen, und 1 

berührt auf einer kleinen Strecke die Grenze des Gouvernements 
Moskau. Ihr ganzes Flussgebiet von den Quellen bis zur Oka- 
mündung umfasst etwa 4210 Q Meilen. Die Oka durchfliesst die 
Gouvernements Orel (sprich Aröl), Tula, Käluga, Rjasän, Wladimir 
und Nishegorod mit 250870, 7 Dkm Flächeninhalt, und nimmt 
Zuflüsse auf, wdche aus den Gouvernements Kursk, Ssmolensk 
(die Ugra), Moskau (die Moskwa), Tamböw und Pensa (die Zna) 
kommen. Ihr gesamtes Flussgebiet ist auf 4600 n Meilen be- 
rechnet worden, also um 400 Q Meilen mehr als jenes der Wolga 
bis Kishnij Nowgorod. Beide nehmen in dem genannten Raum 
87 grössere Zuflüsse auf (die Wolga 37, die Oka 50), welche eine 
Wasserlinie von etwa 13000 Werst darstellen sollen. Die Käma durch- 
fliesst die Gouvernements Perm, Wjatka, Ufa und Kasan mit 
670 789 , 8 D km Flächeninhalt und nimmt Zuflüsse , ausser aus 
diesen, auch noch aus den Gouvernements Orenbürg und Wölogda 
auf, aus welchem letztem auch der Wolga selbst zahlreiche Zu- 
flüsse zugehen. 

Abgesehen von alldem nimmt die Wolga unter allen grossen 
Strömen der Erde eine ganz eigenartige Stellung ein. Alle grossen 
Ströme kommen aus dem Gebirge herab, und dementsprechend ist 
ihr Lauf anfangs reissend, mehr oder minder reich an Wasser- 
fallen und Stromschnellen. Diesem sogenannten Oberlauf folgt der 
mittlere, in welchem der Strom schon durch ebeneres Land fliesst, 
häufig über eine zum Meer abfallende Hochebene, und im soge- 
nannten Unterlauf sehen wir den Strom, durch keine Berge ein- 
geengt, mächtig sich ausdehnen und dann sich in mehrere Arme 
spalten, ein Delta bildend, durch welches er sich mit dem Meere 
vereint Bei der Wolga sucht man etwas derartiges vergebens. 

• 

Auf den niedrigen Höhen des Waldai entspringend, stürzt sie 
nicht brausend und schäumend über Felsen herab, bildet auch 

16* 



— 2U — 

ine Stromschnelle Q wie der Dujepr, sondern fliesst still und ruliig 
bin, viel rahiger noch kIs der Main oder der Neckar in ihrem 
btlern Laufe. Es ist, als präge sich im „Mütterchen Wolga' 
die stille Gutmütigkeit, der Oleichmut und das behE^liche 
ihgehenlassen des Russen aus, während im wild daherachiessen- 
a Ober-ßhein der ungestüme Schaffensdrang und die alles über- 
adende Thatkraft des deutschen Volkes sich ausprägen.' Thafc- 
^ch besitzt die Wolga dasjenige, was man unter dem Oberlauf 
les grossen Stromes zu verstehen pflegt, gar nicht, und nimmt 
>tzlich alle Eigenheiten des mittlem Laufes grosser Ströme an, 
igegen im Unterlauf ihr Gefalle , anstatt immer mehr abzu- 
hmen, zunimmt. Wir können daher auch die sonst übhche Ein- 
lung auf die Wolga gar nicht anwenden , und wenn wir von 
lem obem, mittlem und untern Lauf der Wolga sprechen 
irden, wird dies in anderem Sinne als dem gewöhnlichen geschehen, 
ir teilen die Wolga in drei grosse Abschnitte: von den Quellen 
( zur Mündung der Oka — von der Okamündung bis Zarizyn 
er bis zur Mündung der Ssarpa — von dort bb zum Kaspi-See. 
;r erste Abschnitt gliedert sich wieder in zwei ungleiche Teile: 
n den Quellen bis zur Mündung der Mologa, und von dieser biiä 
ishnij Nowgorod. Auch die mittlere Strecke gliedert sich in 
rei Teile von sehr ungleicher Länge: von der Oka bis zur Eama. 
d von der Kama bis zur Ssarpa. '■"'') 

Von den Quellen bis zur Mündung der Oka legt die 
olga 1228 Werst zurück, wenn man die Quelle der Runa als 
ren Ursprung annimmt. Inbezug auf die Quellen des Riesen- 
■omes herrscht nämlich durchaus nicht jene Klarheit, welche 
»n als selbstverständlich voraussetzen möchte. Der See Sseliger 
1 Gouvernement Twer galt lange Zeit als die Quelle der Wolga, 
iwohl sein Abfluss von der umwohnenden Bevölkerung durchaus 
cht Wolga genannt wurde, sondern den Namen Sselisharowka 
hrte. In neuerer Zeit trat eine andere Quelle an die Stelle des 
eliger-Seees. Wer von dem See über die bewaldeten Höhen 
nübersteigt, kommt nach 15 bis. 16 Werst zu dem (in gerader 
nie nur 10 Werst entfernten) Dorfe Wolgino Werchowje oder, 



I » 



— 245 — 

wie die Bauern selbst es nennen: Wolgowerchowje, unter- 57^ lO* 
n. Br. Die vom Sseliger und den ihm benachbarten Seeen aus- 
gehenden, oft 40 bis tiO Werst langen Sümpfe, welche einen 
grossen Teil des Kreises Ostaschkow bedecken, erstrecken sich auch 
bis hierher, und südlich von Wolgowerchowje liegt ein grosser 
Sumpf, an dessen Ende mitten im Wasser eine ärmliche, hölzerne 
Kapelle steht. In ihrem Innern sieht es ziemlich öd aus. Ein kleines 
Bild des Erlösers in der linken Ecke — das ist alles, was man in 
der Kapelle erblickt, wenn man mühsam durch den Sumpf den 
Eingang erreicht hat, zu dem man über einige halbver&ulte Baum- 
stämme steigen muss, welche eine Brücke vertreten. In der Mitte 
der Kapelle befindet sich im Boden eine Höhlung, welche durch 
den Sumpf bis zum festen Untergnmd reicht und mit Wasser ge- 
füllt ist. Das Wasser ist durchsichtig, doch etwas rötlich gefärbt, 
eine Strömung oder irgend welche Bewegung in demselben nicht 
zu bemerken. Dieses Wasser, über welchem alljährUch in der 
Kapelle am 6. August ein Gottesdienst abgehalten wird, galt bis 
in die jüngste Zeit unbestritten als die Quelle der Wolga. Die in 
dem Loch in der Kapelle noch nicht bemerkbare Strömung wird 
bald bemerkbar, sobald man noch eine kleine Strecke weiter geht. 
Ein schmales Bächlein, das man mühelos überschreiten kann, zieht 
sich in östlicher Richtung um das Dorf herum und in einen 
dichten Tannenwald hinein, in dessen sumpfigem Boden es stellen- 
weise wieder verschwindet, und erst als es eine Werst entfernt 
den Wald verlässt, tritt es offen an die Oberfläche, in der Nähe 
des Dorfes Woronowaja in dem Bache Persjanka den ersten Zu- 
fluss aufnehmend, der aber nur eine unbedeutende Verbreiterung 
des Hauptbaches bewirkt. Dieser verbirgt sich dann wieder im 
Walde, und soll abermals in einem Sumpf, diesmal so spurlos ver- 
schwinden, dass man nicht anzugeben vermag, wo er fliessi Das 
ist der erste „See", von dem manche Schilderer der Wolgaquelle 
berichtet haben, der Kleine Werchit, welcher etwa 100 bis 120 
Möter breit und vollkommen unzugänglich ist, da man überall, wo 
man sich seinem Ufer nähert, bis an die Hüften in den Schlamm 
versinkt. Es ist übrigens fraglich, ob der für die Wolgaquelle 



— 246 — 

gehaUeae Bach durch den Sumpf oder See fliesst, deon der schon 
vor demselben im Boden verschwundene Bach kommt nicht am 
entgegengesetzten Ende hervor, sondern eine kleine Strecke von 
der Stelle entfernt, an welcher er verschwand, und fliesst dann 
noch etwa fünf Werst weit durch den Wald, wobei er sich mit 
einem zweiten Bach (oder vielleicht mit seinem eigenen Wasser?), 
dem Erassnij (roter Bach), vereint, so genannt nach der Färbung 
seines Wassers (die ebenfalls auf einen Zusammenhang mit dem 
rot gefärbten Wasser der Kapelle bei Wolgowerchowje hinzn- 
weisen scheint). Nun bereits so breit geworden, dass man nicht 
mehr bequem den Fuss an das andere Ufer setzen kann, jedoch immer 
noch einen Sprung an dasselbe leicht ermöglichend, tritt der Bach 
eine Werst weiter in einen zweiten ^See", den grossen Werchit, 
den er wirklich zu darchfliessen scheint, da er am andern Ende des- 
selben heraustritt, schon bedeutend wasserreicher, da das Wasser 
im Flussbett dem Durchwatenden bis zu den Knieen reicht und die 
über den Bach führende Brücke 10 bis 12 Schritte lang ist. 
Durch ein tiefes und enges, mit dichtem Tannenwald bedecktes 
Thal, in welchem stellenweise gewaltige erratische Blöcke liegen, 
fliesst der Bach nun weiter , brausend und aufschäumend , wenn 
die Blöcke sein Bett einengen und seinem Lauf sich entgegen- 
stellen, bis er nach seiner Vereinigung mit einem dritten Bach, 
dem Starskij, endlich wieder ins Freie hinaus gelangt Da dehnt 
sich ein zehn Werst langer und etwa eine Werst breiter See aus, 
derStersh (stershen, russ. ^ starke Strömung), rings von gewaltigen 
erratischen Blöcken umgeben, zwischen denen mehr als zwanzig 
Dörfer an den Ufern zerstreut sind. Währeud eines grossen Teiles 
des Sommers bemerkt man, wenn mau zehn Werst weit auf 
dem See gefahren ist , immer noch keinen Abfluss , sondern sieht 
eine neue, unabsehbare Wasserfläche sich ausbreiten. Dieser zweite 
grosse See wird Waaeluga oder Owsseluga (vom slavischen Wess 
= Dorf, und Lug, russ. = Wiese) genannt und entsteht durch die 
Schliessung der weiter unten an der Wolga angebrachten Schleusse, 
welche das Wasser zurlickstaut und die Überschwemmung der 
oberen Ufer verursacht. Die Mächtigkeit, welche der Wolgabach 



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— 247 — 

beim Eintritt in den Stersh bereits erlangt bat, würde diesen f&r 
sich i^llein nicht in stand setzen, das 36^bette zu ftlllen und es 
bereits als ansehnliches Flüsschen zu verlassen, aber ausser ihm 
tragen zur Speisung des Sees noch zwei Bäche, Pestschinka und 
Ssintschina, und das Flüsschen Runa bei Letzteres hat in 
jüngster Zeit die Aufmerksamkeit in besonderem Masse auf sich 
gelenkt, da neuere Beobachtungen die Annahme gerechtfertigt er- 
scheinen Hessen, dass nicht der von uns bisher in seinem Laufe 
von Wolgowerchowje bis zum Stersh geschilderte Bach, sondern 
die Runa als die eigentliche Quelle der Wolga zu betrachten sei. 
Die Gründe, welche zu gunsten dieses neuen Bewerbers um 
den Namen Wolga angeführt werden, sind allerdings sehr wichtige. 
Es widerspricht allen Grundsätzen, welche bei Bestimmung der 
Quelle eines Flusses gelten, dass die längere Wasserlinie der 
kürzern untergeordnet werde, umsomehr, wenn sie aus grösserer 
Höhe herabkommt als jene. Nun hat aber die Runa, wie sie das 
südliche Ende des Stersh erreicht, bereits 43 Werst (nach Ragosin; 
nach anderen 50 Werst) zurückgelegt und ist an 30 Meter breit; 
die von Wolgowerchowje herabkommende Quelle dagegen hat blos 
eine Strecke von 9 Werst durchlaufen. Das durch die Runa ent- 
wässerte Gebiet ist etwa 500 D Werst gross, jenes des Baches 
von Wolgowerchowje nur 35 D Werst (bei beiden der Stersh nicht 
mitgerechnet). Die Runa ist bei der Mündung in den Stersh 
unbestreitbar bereits ein kleiner Fluss, die angebliche Wolga da- 
gegen nur ein Bach, so dass also, wenn die gegenwärtige An- 
nahme die richtige wäre, ein Bach einen Fluss aufnehmen würde, 
anstatt umgekehrt. Der Einwand, dass die angebliche Wolga 
wasserreicher sei, da man zu ihr unbedingt auch den Stersh 
rechnen müsse, ist nicht stichhaltig, denn der Stersh ist ohne allen 
Einfluss auf die Wassermenge des ihn verlassenden Flüsschens, 
und auch die Runa durchfliesst eine ganze Reihe Seeen, welche in 
ihrer Gesamtheit dem Stersh nicht wesentlich nachstehen. Ob ferner 
die Runa oder die angebliche Wolga in grösserer Höhe entspringt, 
lässt sich nicht mit voller Gewissheit angeben, da genaue und 
vollkommen verläs&liche Höhenbestimmungen auf den Waldai-Höhen 



noch nicLt durchgeführt sind, aher die Mündung der 1 
sQdüchen Ende des Stersh liegt nicht niedriger als jene 
geblichen Wolga am nördhcben Ende desselben , und ei 
wenigstens, dasa die Ranaquelle nicht niedriger liegt als 
Wolgowerchowje. Nach Ragosins Meinung hat das am ni 
Ende des Stersh einmündende Gewässer den Namen Wi 
nach der Verdrängung der ursprünglichen finischen Bev 
dieser Gegend durch russische Einwanderer erhalten. D 
lieh war der Name Wolga auf den Abfluss des weiter t 
gelegenen Seees Wolgo beschränkt, denn es sei doch wi 
viel wahrscheinHcher, dass man den Ursprung des grossen 
in dem See gleichen Namens suchte, und nicht in dem Su 
Wolgowerchowje, in einer öden, wilden, zur Ansiedlung i 
eigneten und dem entsprechend damals wohl noch voll 
kannten Gegend. Als das Wolgo wer chowsche Kloster g 
wurde, lag dagegen nichts naher, als dass die Gründer c 
die doch Leute von mehr oder minder grosser Bildung w 
ihr Kloster die Quelle des grossen russischen Stron 
„Mutterchens Wolga" , auf welches alles Sinnen und 
des russischen Volkes gerichtet war, in Anspruch nahi 
den Abfluss des obersten Seees oder Sumpfes für di( 
erklärten. Für eine solche Annahme sprechen triftige 
Alle Namen, auf die wir vom Wolgo aufwärts bis Wolgow 
stossen, sind slavisch: Feno, der an den Owsselug sich anscb 
See (pen = Baumstumpf, Stamm), Owsselug, Stersh, ..^.v^.» 
(werch reki = Ursprung eines Flusses), während die Nomen 
Wolga, Runa und andere, denen wir längs der letztem begegnen, 
finisch sind. Es ist auch nicht warscheinlich , dass man in der 
ältesten Zeit, bevor die Mönche in der unerforschten Waldgegend 
die Wolgaqnelle entdeckten, den Abfluss des Wolgo-Seees Wolga 
genannt, und dann hinter zwei Seeen andern Namens (Stersh 
und Werchit) einem unbedeutenden Bächlein wieder den Namen 
Wolga beigelegt habe.'") 

So weit die Ausführungen Ragosins. So bestechend seine An- 
sicht ist, so hat dieselbe doch auch ihre schwache Seite, da seinen 



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— 249 — 

Schlüssen offenbar zu sehr das heutige Aussehen der Gegend zu 
gründe liegt, welches durch die grossen Schleussenanlagen , den 
Werchnje-wolshkij Bejschlot, wesentlich gegen früher verändert 
ist, indem durch dieselben der Peno und der Owsselug einerseits 
mit dem Wolgo, andererseits mit dem Stersh zu einem ein- 
zigen grossen Wasserbecken, dem „obern Wolgabassin* zusammen* 
fliessen. Denkt man sich diese Wasserstauung hinweg, so befindet 
sich zwischen dem Owsselug und Wolgo ein Fluss, welcher, auch 
ohne die Annahme grossem Wasserreichtums in alter Zeit, durch- 
aus nicht unbedeutend sein konnte, da er doch unbedingt stärker 
war als heute die Runa bei ihrem Eintritt in den Stersh. Wie 
nannten nun die finischen Anwohner diesen Fluss? Runa oder 
Wolga? Im erstem Falle hätte die Runa nach ihrem Austritt aus 
dem See Wolgo ihren Namen verändert, was bei einem so kleinen 
See, welcher den überdies demselben Stamme angehörigen An- 
wohnern in seinem ganzen Umfang bekannt sein musste, nicht 
recht wahrscheinlich ist, da ihnen doch nicht fremd bleiben konnte, 
dass der abfliessende und der einmündende Fluss ein und derselbe 
waren. Nehmen wir aber an, dass der den Owsselug und Wolgo 
verbindende Fluss schon von den Finen Wolga genannt wurde, so 
kann dagegen der von Ragosin betonte Widerspruch, dass ein Fluss 
in einen Bach münden würde, nicht angeführt werden, denn der 
Stersh, welcher die Runa auftiimmt, musste den Finen als eine 
Bildung der Wolga und nicht der Runa erscheinen, und seine 
Wassermasse war eine so grosse, dass infolge derselben eine Unter- 
ordnung der Runa imter die an und ftir sich kleinere Wolga 
durchaus nicht unwahrscheinlich erscheint, .woran auch der Um- 
stand nichts änderte, dass die Wolga vor ihrem Eintritt in den 
Stersh nur ein Bach war- Wenn die Wolga oberhalb des Stersh 
auch den Russen unbekannt geblieben, so war sie es doch gewiss 
den an der Runa wohnenden Finen nicht, welche Jagd und Fisch- 
fang gewiss auch schon in diese Gegend geführt hatten, und die 
daher wussten, dass in den Stersh von Norden her noch ein Ge- 
wässer mündete. Als das Kloster Wolgowerchowje gegründet 
wurde, haben daher die Mönche nicht einem bisher namenlosen 



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— 250 - 

oder anders benannten Bache den Namen Wolga gegeben und ihn 
eigenmächtig zur Quelle des grossen Stromes ihres Volkes erklärt, 
sondern sie haben sich gleich dort niedei^lassen , wo nach der 
Ansicht der eingeborenen finischen Bevölkerung die Quelle dieses 
Stromes war. 

Wenn schon überhaupt auf Vermutungen eine Behauptung 
begründet werden soll — und über Vermutungen wird man wohl 
in dieser Hinsicht nie hinaus kommen — so erscheint mir die 
Annahme, dass der bisher als Wolgaquelle geltende Bach schon 
von den Finen als solche angesehen wurde und dass deshalb die 
Quelle bei Wolgowerchowje die russischen Mönche anzog, viel 
berechtigter als die Annahme, dass die Mönche das kleine Ge- 
wässer in der Nähe ihres Klosters sozusagen erst zur Wolgaquelle 
stempelten. Etwas anderes ist es mit der Frage, wer mehr Be- 
rechtigung habe, als die eigentliche Wolgaquelle zu gelten, der 
Bach von Wolgowerchowje oder die Runa. In dieser Beziehung 
kann man sich nur mit den Ausführungen lUgosins vollkommen 
einverstanden erklären, und es bedarf nicht erat des Hinweises 
darauf, dass schon Ritter die Runa als die Wolgaquelle ansah. '■'■^) 

Die Wolga gewänne dadurch, dass man die Runa als ihren 
Oberlauf annimmt, wie schon oben angedeutet, bedeutend an 
Länge , denn dann würde sie bis auf einen Bach zurückzuführen 
sein, der aus dem See Eolodino abfliegst, durch die von links 
kommende Moschnitza und die Abflüsse vieler kleiner Seeen vei^ 
stärkt, auG den zusammenhängenden SeeenChwoschnja und Istoschnja 
hervortritt und nach seiner Vereinigung mit dem von links kommen- 
den grossen Bach Meglinka, dem Abfluss des Seees MegUno, als 
Flüsschen Runa dem Stersb zueilt. 

An den Stersh schliesst sich, wie schon oben erwähnt, der 
See OwBselug an, und an diesen reiht sich der Peno, welcher 
gleichfalls dem durch den Schleussenschluss bewirkten Austreten 
der Wasser sein Anwachsen verdankt. Beide bilden streng ge- 
nommen einen einzigen See, dessen oberer Teil der OwBselug und 
dessen unterer Teil der Peno ist. Mitten im Owseelug liegt auf 
einer kleinen Insel, von Gebüsch umgeben, ein Kloster, die No- 



— 251 — 

wossolowjetzkaja Pustyfi. Die Wolga bleibt immer noch unsicht- 
bar, im Wasser ist nicht die geringste Strömung zu bemerken, dagegen 
ragen auf der Strecke zwischen dem Peno und Wolgo tausende von 
Baumstämmen und Ajsten aus dem Wasser hervor, mit denen die 
Wasserfläche so besät ist, dass die Schiffahrt durch sie ernstlich 
geföhrdet wird, umsomehr, da man auch viele nicht sieht, weil sie 
unter dem Wasser verborgen liegen. Es ist schwer, zu sagen, 
woher diese Unmasse von das Flussbett füllenden Stämmen kommt, 
denn obwohl die Ufer mit Wald bedeckt sind, so ist doch die 
Wolga auf der bisher zurückgelegten Strecke ihres Laufes noch 
kein so grosser Fluss, dass sie selbst zur Zeit des Hochwassers 
solche Verwüstungen im Waldbestand anrichten und die Pahr- 
strasse derart mit fortgeschwemmten Stämmen versperren könnte. 
Wahrscheinlich haben wir hier die Ergebnisse langjähriger Thätig- 
keit der Wolga und ihrer ersten Zuflüsse vor uns, von denen 
namentlich die Shukopa zur Anhäufung dieser Stämme viel bei- 
getragen haben wird. 

Wo der Owsselug und der Peno zusammenfliessen , dort hat 
die Wolga sich -mit dem Kud (1.) vereinigt, und in den Peno 
selbst fallen noch etwa vier, ziemlich unbedeutende Gewässer. 
Ein bedeutender Zufluss ist erst die Shukopa, welche von der 
Grenze des Gouvernements Ssmolensk kommt und durch wald- 
reiches Gebiet etwa 80 Werst nach Norden fliesst, bevor sie sich 
mit der Wolga vereinigt. Schon dieser Zufluss dient als Verkehrs- 
strasse , denn im Frühjahr schwimmen auf ihm Flösse herab , die 
jedoch, sobald sie das gestaute Wolgawasser erreichen, mit grossen 
Schwierigkeiten zu kämpfen haben, da sie häufig an den im Wasser 
liegenden Stämmen sich festfahren und die Mannschaft dann oft 
stundenlang, bis an den Gürtel im Wasser stehend, sich abmühen 
muss, sie wieder flott zu machen. 

Weiterhin, bis zum See Wolgo, münden nur unbedeutende 
Bäche, aber in diesen selbst fallen vier Flüsschen, deren grösstes 
die Wolga ist. Gewöhnlich ist der Wolgo etwa 7 Werst 
lang und 2 Werst breit, doch wenn die Schleusse geschlossen 
wird, nimmt seine Breite noch um eine Werst zu. Die Wolga 



— 252 — 

Terlässt ihn an seiner Ostaeite, darcli die sie einscMiesaenden honen 
Ufer ziemlich einem Kanal ähnlich. Zuweilen schiesst hier das 
Wasser rasch dahin, zuweilen iat wieder nicht die geringste StrÖm- 
mung zu bemerken, jenachdem die Schleusae, der jBejschlot", ge- 
öffnet oder geschlossen ist. Im ersteren Falle hört man schon 
von weitem das Getöse des Wassers. Eine kleine Strecke unter- 
halb des auf dem linken Ufer gelegenen Dorfes Ghotoschino sieht 
man die Wolga in ein teicbartiges Wasserbecken treten, und bald 
erblickt man am entgegengesetzten Ende der Wasserfläche die 
Holzbauten der Schleusse. 

Von welch grosser Wichtigkeit für die Wolgaschiffahrt diese 
Schleusse ist, erkennt inan sofort, wenn man hört, dass Tor ihrer 
Anlage die Barken häufig wegen Wassermangels 100 bis l&O 
Werst unterhalb Twer stecken blieben und von einer Schiffahrt 
von Twer aufwärts kaum die Rede war, während jetzt schon die 
teilweise Öffnung der Schleusse das Fahrwasser bis zur Mündung 
der Mologa, auf einer Strecke von etwa 500 Werst, so beeinfluaat, 
dass die Wolga dort auch nach dem Sinken der FrQhjahrswasaer 
nicht blos für Barken, sondern auch für kleine Dampfer befahrbar 
bleibt. Wenn die Schleusse vollständig geöffnet wird, steigt das 
Wasser in der Wolga bei der MologamÜndung , also etwa 50O 
Werst vom Bejschlot entfernt, um beiläufig tiS Millimeter, bei 
Twer aber bereits um 260 bis 445, bei Rshew um 711 Millimeter, 
und bei der Mündung der Sselisharowka um mehr als einen Meter. 
Der an 80 Werst lange Wasserbehälter, welchen die Seeen Wolgo, 
Peno, Owsselug und Stersh bilden, erstreckt sich über 150 D Werst 
(169.7 Diülom.), und das beim Bejaehlot über 5 Meter hoch 
stehende Wasser, das hier zur Speisung des fernem Laufes der 
Wolga verfügbar iat, wird auf mehr als 370000 Kubikmeter ge- 
schätzt^ wovon man etwa 260 000 den SchleussenanlE^en verdankt 
Zur Beförderung von Barken kann diese Wassermasse noch nicht 
benutzt werden, denn durch die geöffnete Schleusse schiesst das 
Wasser mit solcher Wucht hinab, dass eine durchgelassene Barke 
bald völlig unter den Wellenbergen verschwindet, bald wieder 
hoch emporgehoben wird und in den meisten Fällen zerschellt. 



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— 253 — 

Selbst die Flösse, welche hier durchschwimmen, langen meist völlig 
aufgelöst und in einzelne Stämme zersplittert im ruhigen Fahr- 
wasser an. Man pflegt daher Barken um den Bejschlot herum 
über Land zu tragen oder zu ziehen , und nur selten wagt ein 
SchiflFer, sein Boot den Wellen anzuvertrauen und es allein durch- 
schwimmen zu lassen. 

Erst unterhalb des Bejschlot beginnt die eigentliche Schiff- 
barkeit der Wolga. Aus dem Seeengebiet herausgetreten, strömt 
sie zwischen hohen Ufern dahin und hat bereits eine stattliche 
Breite bei entsprechender Tiefe, da sie hier nicht mehr wie so 
häufig in ihrem obern Lauf ihre Wasser auf Kosten ihrer Tiefe 

■ 

weithin über die flachen Ufer ergiessen kann. Zehn Werst vom 
Bejschlot entfernt, nimmt sie rechts die von Süden kommende 
flössbare Pessotschnja, und bald darauf links beim Sselishärowskij 
Possad die Sselisharowka auf Letztere, ein etwa25 Werst langes Flüss- 
chen, kommt von dem grossen Sseliger-See herab, dessen Abfluss 
sie bildet. Die an ihrer Mündung gelegene, nach ihr benannte 
Niederlassung, welche um ein vor 400 Jahren gegründetes Kloster 
entstand, ist mit ihren 800 Einwohnern der erste grössere Ort an 
der Wolga. 

In südwestlicher Richtung weiter fliessend, nimmt die Wolga 
20 Wel^t weiter rasch nach einander auf dem linken Ufer die 
grosse und die kleine Koscha (120 und 80 Werst lang) auf und 
biegt dann nach Süden ab. Obwohl die beiden neuen Zuflüsse 
nicht unbedeutend sind, bemerkt man doch nach der Aufnahme 
derselben keine Veränderung im Flussbett der Wolga, da die 
hohen Ufer sie hindern, sich seitwärts auszudehnen und der neue 
Wasserzuwachs nur eine Vermehrung ihrer Tiefe bewirkt. Trotz- 
dem ragen noch häufig aus dem Wasser grosse Steinblöcke hervor, 
und viele andere liegen unter dem Wasserspiegel verborgen und 
erfordern eine genaue Kenntnis des Fahrwassers seitens des Steuer- 
manns. Sowohl oberhalb als unterhalb der Mündung der grossen 
Koscha befindet sich ferner eine Stelle, an der das felsige Bett 
sich so erhöht, dass keine Barke darüber hinwegkommen kann, der 
«Goryschinskij porog** (Stromschnelle) und der «Rog** (Hörn), neben 



^'--1 



— 254 — 

welchen jedoch an beiden Ufern genügender Raum zur Durchfahrt 
bleibt. Gefahrlicher als diese beiden ist eine 20 Werst unterhalb 
derselben, hinter der Einmündung des rechts in die Wolga fallen- 
den Flüsschens Ssolodownja befindliche Stromschnelle, der Benskij 
porog, die grösste von allen Stromschnellen der Wolga, über 
welche ohne die durch den Bejschlot bewirkte Erhöhung des 
Wasserstandes keine Barke hinwegkommen könnte. Eine kaum 
viel minder bedeutende Stromschnelle folgt dann noch dicht ober- 
halb ßshew. 

Die Wolga ändert nun in rascher Folge, in vielen kurzen 
Windungen sich weiterschlängelnd, wiederholt ihre Richtung. 
Nachdem sie links die Itomlja aufgenommen, wendet sie sich 
nach SW, scheint hierauf einen Augenblick nach NW zurück- 
fiiessen zu wollen, biegt jedoch rasch wieder nach SW ab, um auch 
diese Richtung ebenso rasch zu verlassen und nach SO zu fliessen. 
Auf diesem vielgewundenen Laufe von der Itomljamündung bis 
Subzow nimmt die Wolga fünf grössere Zuflüsse auf, rechts den 
Molodöj Tud (Junger Tud), die Ssischka und Dunka, links die 
Kokscha und Bajnja, deren jeder eine Zeitlang ihren Lauf beein- 
flusst und sie in die von ihm bisher verfolgte Richtung drängt. 
So staut auch die bei Subzow einmündende, von Süden kommende 
Wasusa die Wolga zurück und veranlasst sie, mitten in der Stadt 
Subzow plötzlich nach N abzubiegen. 

Die im Kreis Wjasma des Gouvernements Ssmolensk ent- 
springende Wasusa, die auf ihrem 143 Werst langen Lauf in 
nordöstlicher Richtung den Gshat (r.) und die Ossuga (1.) aufnimmt, 
ist der erste bedeutende Nebenfluss der Wolga, während des FrÜh- 
jahrshochwassers auf einer Strecke von 42 Werst für Barken schiff- 
bar, doch nur kurze Zeit, so dass die Schiffer sich beeilen müssen 
den hohen Wasserstand zu benutzen, um nicht unterwegs stecken 
zu bleiben. Schon Peter der Grosse hatte sein Augenmerk auf 
die Schiffbarmachung der Wasusa gerichtet, ohne seine Absicht zu 
verwirklichen, und nachdem im Jahre 1799 Graf Sievers die 
Wasusa besichtigt und sie ftLr zu seicht erklärt hatte, wurde der 
Gedanke an eine Regelung ihres Flussbettes völlig aufgegeben, so 



^frSTT^ 



— 255 — 

zwar, dass der Kaofiuann Lakomkiu, der sich erbot, die nötigen 
Arbeiten auf eigene Kosten ausführen zu lassen, wenn man ihm 
die Erhebung eines Durchgangszolles gestatte, auf seine Eingabe 
gar keinen Bescheid erhielt. So beschränkt sich denn jetzt die 
SchifTahrt während des Hochwassers auf etwa 30 Werst auf dem Gshat, 
von der Stadt Gtshatsk abwärts, und auf der Wasusa selbst auf die 
Strecke von der Mündung des Gshat bis zur Wolga. Die Zahl 
der Barken, welche diese beiden Flüsse (nur abwärts) befahren, 
vermindert sich infolge der Vernachlässigung des Flussbettes von 
Jahr zu Jahr, und während vor zwanzig Jahren die Barken hier 
noch nach hunderten zählten, beträgt ihre Zahl heute kaum mehr 
als 80, und von den firüheren 45 Verladeplätzen werden nur noch 
drei benntzi 

Die Wolga verlässt die durch die Wasusa ihr aufgezwungene 
nordöstliche Richtung bald wieder und schlängelt sich in gleicher 
Weise wie zuvor weiter, bald nach 0, bald nach SO, N oder W 
abbiegend, bis sie endlich 25 Werst lang eine nördliche Richtung 
beibehält. Etwa fünfzehn Werst unterhalb Subzow nimmt sie 
rechts die 40 Werst lange, nicht schiffbare Djersha auf, weiterhin 
links die Staritza und Cholocholenka, welche jedoch ebenfalls viel 
zu schwach sind, um die Wolga aus der nun von ihr verfolgten 
nordöstlichen Richtung nach rechts abzudrängen. Dies gelingt 
erst in geringem Masse der auch links einmündenden Tma, und 
vor der Einmündung der Twertza wendet die Wolga sich plötzHch 
ohne allen Zwang nach SO, dem Kaspi-See zu, gleich als ob sie 
der Einwirkung der in gleicher Richtung daherkommenden Twertza 
durch freiwilliges Nachgeben zuvorkommen wollte. 

Die Twertza, welche mitten in der Stadt Twer (L) in die 
Wolga föllt, ist eine ganz eigenartige Erscheinung, die kaum ihres 
gleichen haben dürfte, denn sie entspringt in der Stadt Wischnij 
Wolotschök aus einem andern Flusse, der Zna. Hier beginnt 
nämlich eines jener grossen Kanalnetze, welche Petersburg mit 
dem Easpi-See verbinden, und es ist ein Werk von Menschenhand, 
wenn die heute in ein neues Bett geleitete Zna die Quelle der 
Twertza in sich schliesst. Die durch die Wasser der Zna und der 



— 256 — 

grossen Wasserbehälter, welche ihr Millionen Kubikmeter zul 
gespeiste Twertza, erlangt auf ihrem 176 Werst langen Lauf keine 
namhafte Tiefe, da sie nirgends über 2 Meter tief wird, aber trotz 
aller Schwierigkeiten, mit denen die SchifTer auf ihr zu kämpfen 
haben, gehen doch jährlich tausende von Barken auf ihr aufwärts 
und abwärts. Yen einem Abdrängen der Wolga aus ihrer bis- 
herigen Richtung kann zwar nach dem oben gesagten nicht die 
Rede sein, aber unbeeinffusst bleibt die Wolga doch nicht, denn 
das bedeutend stärkere Gefälle der Twertza bewirkt, dass sie die 
einmal eingeschlagene sUdöstUche Richtung beibehält, welche nun 
so ziemlich mit der von der Twertza bisher befolgten zusammenfallt. 
Ausser der in der Stadt Twer, oberhalb der TwertzamUndung, 
in sie fallenden, 64 Werst langen Tmaka (r.) nimmt die Wolga 
auf ihrem fernem Lauf durch das Gouvernement Twer 18 Werst 
unterhalb der Gouvemementostadt die 62 Werst lange Orscha (1.) 
auf, und vereinigt sich anf der kleinen Strecke, auf der sie die 
Grenze des Gouvernements Moskau bildet, 53 Werst unterhalb der 
Twertzamündung mit der aus dem Kreis Subzow kommenden, 190 
(oder nur 180?) langen Schoscha. Dieselbe ist zwar nur während 
der letzten zwölf Werat ihres Laufes schiffbar, da weiter hinauf 
das Fluesbett durch Mühlen versperrt ist, aber der zur Zeit des 
Hochwassers in seinem Unterlauf stellenweise eine Fläche von zwei 
bis zehn Werst überflutende Fluss ist wasserreich genug, um die 
Schiffahrt etwa 50 Werst aufwärts zu ermöglichen, wenn einmal 
hier die Wasserstrasse geregelt und von allen Hindernissen befreit 
würde, denn er steht der Twertza nicht nur an Wasserreichtum 
nicht nach, sondern ist noch mächtiger als diese. Selbstverständ- 
lich bleibt ein solcher Ziifluss nicht ohne sichtbaren Einfluss auf 
die von der Wolga befolgte Richtung: er versucht sie aus der- 
selben abzudrängen, und die Wolga biegt wieder nach NO ab. 
Die links in sie mündenden Fliisschen Ssos und Medweditza ver- 
mögen diese neue Schwenkung nicht aufzuhalten, und ihr Einfluss 
wird gleichsam durch die von rechts in die Wolga fallenden 
Duhna , Chotf scba und Nerl aufgehoben , welche sie- in der nord- 
östlichen Richtung zu erhalten suchen. Die Wolga giebt zwar 






■•♦5 



— 257 — 

dem Drängen dieser kleinen Flüsse nach, aber immer und immer 
wieder versucht sie, in eine andere Bahn einzulenken und die 
Richtung ' nach dem Easpi-See einzuschlagen. So yersucht sie 
nach der Aufnahme d^s Soos nach 0, hinter Eortschewa nach SO 
abzubiegen, wendet sich aber wieder nach N, und einen aber- 
maligen Versuch zum abbiegen nach scheint die nach N fliessende 
Dubna zu vereiteln. Nach Aufnahme der rechts einmündenden 
Ghottscha wendet sie sich nach W, um ]edoch sofort wieder 2ur . *^; 

nördlichen Richtung zurückzukehren, nachdem sie das nach N 
fliessende Flüsschen Puchlemka (L) aufgenommen hat. Neun 
Werst weiter nimmt sie die Medwediza auf, einen 250 Werst (nach 
anderen Angaben 200, 222 und 325 Werst) langen, sehr breiten 
und bis 2 Meter tiefen Fluss, welcher, obwohl er vollkommen 
schifiFbar ist, weder zur Schiffahrt noch zum holzflössen benutzt 
wird, letzteres aus dem Grunde, weil seine Ufer bereits vollständig 
entwaldet sind, eine Erscheinung, der wir nun öfter begegnen 
werden. Immer noch den Lauf in nordöstlicher Richtung, den sie 
durch 275 Werst beibehält, fortsetzend, nimmt die Wolga bald 
darauf den Nerl (r.) auf, einen 100 (oder 117?) Werst langen, 
gleichfalls sehr breiten und tiefen Fluss, der jedoch gleich der 
Medwediza heute weder zur Schiffahrt noch zum holzflössen mehr 
benutzt wird, und dessen Ufer ebenfalls vollständig abgeholzt sind. 
Erst nach der Aufnahme des Flüsschens Easchinka (1.) schwenkt die 
Wolga plötzlich wieder nach SO ab, wendet sich jedoch abermals, 
nachdem sie bei Ealjasin das Flüsschen Shabnja aufgenonmien, 
iem Nordosten zu, und in der Nähe von Uglitsch, etwa fiinf Werst 
oberhalb der Mündung der kleinen Eoroshitschna (1.) fliesst sie 
geradeaus nach N , nach der Einmündung des ebenfalls unbe- 
deutenden, nur etwa 100 Werst langen und nicht schiffbaren 
Juchot sogar nach NW, also völlig entgegengesetzt der Richtung, 
welche sie einzuschlagen hat, um den Easpi-See zu erreichen, und 
erst nach der Einmündung der längere Zeit die gleiche Richtung 
verfolgenden kleinen Ssutka (1.) biegt sie fast in einem rechten 
Winkel nach NO ab. 

Bei der Ereisstadt Mologa erreicht die Wolga den nördlichsten 

RoBkoschny) Die Wolga. 17 






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'*. .■* 






— 258 — 

Punkt ihres Laufes, nachdem sie in den Gouvernements Tvrer und 
Jarosslawl, in welches letztere sie nach der Einmündung der 
Ssotschka eintrat, bereits über 757 Werst zurückgelegt hat. Die 
aus Sümpfen des Kreises Beshezk im Gouvernement Twer kommende 
Mologa (vor ihrer Vereinigung mit dem Oltschan noch Woroshi 
genannt) mündet hier nach einem viel gewundenen, 520 (oder 
575?) Werst langen Lauf, auf welchem sie noch nach 120 Werst 
ihren Quellen wieder nahe kommt und bei der Mündung (58® 13' 
n. Br.) sich nur 36 Minuten von denselben (57 '^ 37' n. Br.) ent- 
fernt hat, in die Wolga. Sie fliesst anfangs nach N und scheint in 
den finischen Meerbusen münden zu wollen, unermüdlich gegen 
die Von links kommenden Zuflüsse ankämpfend, welche sie nach 
der Wolga hin abzudrängen suchen und sie schliesslich auch ober- 
halb Ustjushna zwingen, nach abzubiegen, aber alsbald kehrt 
sie zu ihrer frühern Richtung zurück, bis die ihr an Stärke gleich- 
konamende Tschagodoschtscha bei Ust-Tschagodoschtschsk in sie 
einmündet, worauf sie den Widerstand aufgiebt und mit jener 
vereint nach SO zur Wolga fliesst. Die vielen Windungen, in 
denen die Mologa dahinfliesst — kaum ein anderer Zufluss der 
►Wolga hat einen so viel gewundenen Lauf — bringen es mit sich, 
dass sie sehr ruhig fliesst, und seltsamerweise besonders ruhig in 
ihrem Oberlauf, wo der Boden sehr flach und sumpfig ist und die 
Gewässer bei mangelndem Gefälle , wie es scheint , gar keinen 
Ausweg finden können. Das ist auch die Ursache, dass mehrere 
der letztgenannten Zuflüsse der Wolga, deren Quellen hier in dem- 
selben Sumpf dicht beisammen liegen , nach den verschiedensten 
Richtungen auseinanderfliessen und ihre Wasser sich erst nach 
weiten Umwegen wieder im Wolgabette vereinen. Auf der obem 
Mologa soll es häufig vorkommen, dass im Frühjahr der Wind das 
Eis flussaufwärts zurücktreibt, dieses sich dort staut und an Ort 
und Stelle zergeht. Im Unterlauf dagegen hat das Flachland, 
durch welches die Mologa fliesst, gewaltige Frühjahrsüberschwem- 
mungen zur Folge, da sie dort bisweilen acht bis zwölf Werst 
weit das Land überflutet und ihre Gewässer sich erst nach zehn 
und mehr Tagen langsam zu verziehen beginnen. Schiffbar wird 



«f *^ 






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— 259 — 



die Mologa bei Ustjushna, von wo bis zu ihrer Mündung noch 
etwa 25 Werst sind, ihr Hauptzufluss aber, die 217 Werst lange 
Tschagodotschtscha , ist auf einer Strecke von 150 bis 160 Werst 
schiffbar. Sie verdankt ihre Bedeutung dem Umstand, dass einer 
ihrer Zuflüsse, der Gorjun, der zum Ladoga-See fliessenden Tich- 
wmka so nahe kommt, dass durch ihre Vereinigung (siehe Seite 127) 
das Tichwinka-Kanalnetz geschaffen werden konnte. Wir werden 
auf dieses an anderer Stelle noch ausführlicher zurückkommen 
und kehren jetzt zur Wolga zurück , welche nach der Aufnahme 
der Mologa nach SO fliesst und nach 30 Werst durch einen neuen 
grossen, von NW kommenden Zufluss, die Schekssna, in dieser 
Richtung bestärkt wird. 

Die Schekssna kommt vom Bjelo Osero herab, in welchen 
von her die Kowsha eintritt, als deren Abfluss aus dem See sie 
erscheint. Auf ihrem 42") Werst langen Lauf bildet sie viele 
grosse^ Stromschnellen, eine Menge kleine Seeen und Sümpfe liegen 
auf ihrem linken Ufer, und im Frühjahr überschwemmt sie weithin 
das Land, während häufig das an engen Stellen festgekeilte Eis 
unbeweglich steht und langsam unter dem Wasserspiegel zertaut. 
Mit dem stürmischen Bjelo Osero hat die Schekssna die Er- 
schwerung der Schiffahrt, aber auch den Fischreichtum gemein, 
und in den grossen Waldungen an ihren Ufern findet der Holz- 
filller noch reiche Ausbeute. Von ihren Zuflüssen ist die Puschma 
bemerkenswert, welche, einen Arm zur Schekssna, einen andern 
zur Wolga entsendend, das seltene Schauspiel einer Bifurkation 
bietet. Durch grosse Kanalbauten, durch welche zum teil ihre ge- 
fährlichsten Stellen umgangen wurden, ist die Schekssna ein wich- 
tiges Bindeglied in dem dritten grossen Kanalnetz geworden, 
welches die Wolga mit der Ostsee verbindet. (Siehe Seite 128.) 

Durch das Tichwinsche und Marien-Kanabietz, deren südliche 
Endpunkte nur 30 Werst von einander entfernt sind, wird zwischen 
Mologa und Rybinsk, bei welchem letzteren die Schekssna ein- 
mündet, das Aussehen der Wolga vollkommen verändert. Die 
Oberfläche des mächtig angeschwollenen Stromes ist plötzlich un- 
gemein belebt geworden. Zahlreiche Dampfer, tausende von Barken 



17 



— 261 









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flache Ufer meist immer noch höher als der höchste Wasserstand i 

der Wolga im Frühjahr, und dasselbe wird daher auch nur auf 
kleinen Strecken vom Hochwasser überflutet, während das Wiesen- 
ufer, welches wir unterhalb der Okamündung kennen lernen werden, 
nur selten über den höchsten Stand der Frühjahrsfluten erhoben ist. 

Von der Aufnahme der Mologa angefangen beginnt die Wolga 
bereits ein stattlicher Strom zu werden, .obwohl sie noch sehr 
weit von jenen riesigen Grössenverhältnissen entfernt ist, welche 
wir auf ihrem femern Laufe kennen lernen werden. Sie wird be- 
reits bis 11 Fuss tief, und ihre Breite steigt auf 500 Meter; bei 
Kinjeschma und an einigen anderen Stellen wird sie sogar bis 800 
Meter breit. Landschaftliche Schönheiten, an denen die Wolga 
weiterhin durchaus nicht so arm ist, wie man im Auslande immer 
noch vielfach anzunehmen pflegt, sind hier jedoch nicht vorhanden* 
Bei Rybinsk sind beide Ufer flach und kahl, Wald weit und breit 
nicht za erblicken, und dem einförmigen Mastenwald, der sich am 
Ufer entlang zieht, entsprechen am Lande selbst die nicht minder 
einförmigen grossen Lagerhäuser, in welche die Barken ihre 
Ladungen abliefern oder sie aus ihnen empfangen. Unterhalb 
Rybinsk hegt im Strom eine grosse Insel, der Bogojawlenskij 
ostrow, und von nun an treten Inseln, welche zu den kennzeichnen- 
den Merkmalen des mittlem und untern Wolgalaufes gehören, 
immer häufiger auf. Unterhalb des Bogojawlenskij ostrow beginnt 
auch das Ufer allmählich zu steigen, und es wird immer höher, je 
weiter man sich von Rybinsk entfernt, zugleich aber auch male- 
rischer und belebter. 

Die Wolga fliesst an den Städten Romanow Borissogljebsk 
und Jarosslawl vorbei und nimmt bei der letztern von rechts den 
Kotorost auf. Fünf Werst weiter wird sie wieder einmal ihrer 
bisherigen Richtung untreu, biegt nach ab, und wendet sich 
dann, bevor sie das Gouvernement Jarosslawl verlässt, plötzlich 
gegen N und dann gegen NO, ohne dass eine sichtbare Ursache 
einer so unerwarteten Abschwenkung vorhanden wäre, da auf 
dieser Strecke weder ein namhafter Zufluss auf sie einwirkt, noch 
die hier zur Rechten und zur Linken sehr niedrigen Ufer ihr 



— 262 

rorzeicIineQ. 1 
nicht lange , di 
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let sie sich bal 
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Eiufluss sein mi 
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— 263 — 

höchstens mit der Twertza verglichen werden kann, aher dicht 
hinter ihr mündet auf demselben Ufer die viel grössere Unshai 
durch welche der von ihr ausgeübte Druck bedeutend verstärkt wird. 

Die Unsha entspringt an der Grenze des Flussgebietes der 
Dwina im Gouvernement Wologda. Sie soll etwa 550 Werst 
lang und auf einer Strecke von 500 Werst schiffbar sein. Letzteres 
ermöglicht die bedeutende Breite und Tiefe, die sie frühzeitig er- 
langt. Bald nach ihrem Eintritt in das Gouvernement Kostromä 
etwa 160 Meter breit, erlangt sie im Kreis Makarjew eine Breite 
von 400 bis 500 Meter bei einer ziemlichen Tiefe. Sie ist der 
erste Zufluss der Wolga, der auch von Dampfern befahren wird, 
und der Barkenverkehr auf ihr ist den ganzen Sommer hindurch 
ein sehr bedeutender. 

Wenn ein solcher Fluss den Angriff der dicht neben ihm 
mündenden Nemda verstärkt, kann die Wirkung nicht ausbleiben. 
Die Wolga wendet sich, nachdem sie V20 Werst nach geflossen, 
nach S, der verlängerten Unsha-Richtung entsprechend, welcher 
sie nun bis zur Okamündung treu bleibt Auf dieser ganzen 
Strecke nimmt die Wolga keine nennenswerten Zuflüsse auf. Die 
bedeutendsten derselben sind noch, schon im untern Teil der 
Strecke, die 100 Werst lange Usola und die 90 Werst lange 
Linda, beide auf dem linken Ufer, rechts die Pyra. 

Auf der 500 Werst langen Strecke von der Mologa- bis zur 
Okamtindung hat die Wolga nun bereits 46 grosse und kleine 
Flüsse aufgenommen, davon die bedeutendsten — wie Schekssna, 
Kostroma, Elnat, Nemda und Unsha — auf dem linken Ufer, 
während auf dem rechten Ufer der längste Zufluss der Kotorost 
(100 Werst) war. Durch alle diese Zuflüsse ist die Wolga bereits 
zu einem stattlichen Strom angewachsen, aber jetzt auch bereits ein 
schöner Strom. Das niedrige, einförmige Flachland, durch welches 
die Wolga bei Twer dahinfloss, war schon unterhalb der Mologa- 
mündung geschwunden, wo abwechselnd das Hnke und das rechte 
Ufer sich allmähUch zu heben begannen, doch die Gegend blieb 
immer noch öd und ohne landschaftliche Reize, wie dies schon bei 
Rybinsk hervorgehoben worden. Mit dem Eintritt der Wolga in das 






^1 ««•■ 



— 265 — 

des menschlichen Willens herabzudrQcken, wie andere durch Damm- 
bauten eingeengte grosse Strome. Wie die Wolga sich im Früh- 
jahr unaufhaltsam über hunderte von Kilometern zum teil be- 
i)auten und bewohnten Landes ergiesst und dabei schon oft ganze 
Dörfer vernichtet hat, so verbindet auch auf der ganzen Strecke 
zwischen Twer und Nishnij Nowgorod noch keine feste Brücke 
ihre Ufer, trotz des lebhaften Verkehrs, der an vielen Stellen 
zwischen beiden herrscht, und auch dort nicht, wo die Wolga 
mitten durch eine Stadt fliesst, wie in der Doppelstadt Romanow 
Borissogljebsk. Meist behilft man sich mit der Überfahrt in 
Kähnen, wie in Kaljasin, Uglitsch und anderen Städten.. In 
Twer führt eine feste Brücke nur über die Tmaka, die Brücken 
über die Wolga und Twertza dagegen werden im Herbste abge- 
brochen. Hölzerne Brücken, welche gegen das Hochwasser nicht 
gesichert sind, trifft man ausserdem noch in Staritza, Subzow und 
Rshew. Den grössten Fortschritt im Verkehrswesen findet man in 
Jarosslawl, wo die Verbindung zwischen beiden Ufern durch Dampfer 
hergestellt wird. 

Von der Okamündung bis zur Mündung der Ssarpa 
durchfliesst die Wolga, nunmehr bereits ein grosser Strom, dessen 
Wasserraenge aber immer noch zunimmt, den wichtigsten TeU 
des Wolgalandes, sozusagen das Herz desselben. Grosse Städte, 
Nishnij Nowgorod, Kasan, Ssimbirsk, Ssamara, Ssaratow, Zarizyn 
u. a., Handels- und Indastriestädte, zum teil von hervorragendster 
Bedeutung, und weite Strecken fruchtbaren Landes, auf denen eine 
dichte Bevölkerung Ackerbau und Obstbaumzucht treibt, liegen an 
ihren Ufern, und anstatt der kleinen Dampfer, welche auch weiter 
aufwärts bis Twer vordringen, begegnen wir hier Riesendampfem, 
wie sie die grossen Ströme Amerikas beleben. Auf dieser Strecke 
ninoimt die Wolga auch ihre zwei grössten Zuflüsse auf, die Oka 
und die Kama, welche so gewaltig sind, dass sie jeder auf das 
Vorrecht als Hauptstrom Anspruch erheben können, welches auch 
vielfach für sie in Anspruch zu nehmen versucht wurde. 

Nishnij Nowgorod liegt streng genommen nicht an der Wolga, 
sondern an der Oka, und man kann nicht einmal mit voller 



— 2ßt 

l'erechtiguag sagen, dass es am 

Oka liege, da der grössere und wi 

am rechten Ufer der t)ka liegt, 

Wolga vereinigt hat, welche durc 

mllndenden Oka vollständig nach 

Tvird, Die ganze Uferbildung seh 

dass unterhalb Niahnij Nowgorod 

Oka aufgenommen hat, sondern <: 

Oka weiterfliesst. Wendet man vi 

gorod den Blick zur Linken , so f 

bewaldeter Berge an ihrem rechte 

Berge ziehen sich auch unterhalb 

dahin, hunderte von Werst weit, 

vereinigte Strom behült demnach 

bisher die Oka auf ihrem ganzen I 

Wolga zum grossen Teil, namentl 

stelle , durch Flachland floss. Im 

Vorrecht besonders deutlich geltet 

vollständig aus deren Bette herau) 

und Wiesen des linken Ufere ihi 

Erafl zu einem derartigen zuriic 

fehlt es der Oka nicht, denn sie i 

Ziehung — sowohl in bezug auf > 

bezug auf ihr Stromgebiet nnd di< 

Wenn man die Runa als die Qi 

letztere bis zur Vereinigungstelle 1! 

dagegen 1400 Werst. Ragosin 

Wolga von der Quelle bis Nishnij 

jenes der Oka df^egen beträgt 46 

bis zur Okamündung dreizehn FlU 

mindestens 100 Werst haben: die 

die 8choscha (120), die Dubna (1 

Nerl (141), die Mologa (520), die 

(290), die Mera (120), den Elnat (tv-w;, aie nemoa i,iouj, uie unsna 

(550), die zusammen 3079 Werst lang sind. Di^egen nimmt 






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— 267 ' ■- 



die Oka 21 Zuflüsse auf, welche mindestens 100 Werst lang sind: 
die Suscha (135), der Pugr (100), die Upa (200), die Shisdra (180), 
die XJgra (350), die Protwa (220), die Nara (120), die Lopassnja 
(etwa 100), den Ossjotr (etwa 165), die Moskwa (420), die Pronja 
(210), die Para (130), die Pra (130), den Guss (100), die Mokscha 
(575), die Zna (330), die Tescha (130), die Unsha (etwa 100), die 
Uschna (100), die Kljasma (575), den Luch (etwa 200), die zu- 
sammen 4570 Werst lang sind, also 1491 Werst länger als 
die oben angeführten Zuflüsse der Wolga. Dieses Verhältnis bleibt 
gleich ungünstig für die Wolga, wenn man noch alle mindestens 
90 Werst langen Gewässer hinzurechnet, welche in die oben ge- 
nannten grossen Zuflüsse der beiden Ströme münden. Wir er- 
halten einerseits zu gunsten der Wolga durch den Gshat 
(105), die Ssestra (109), die Zuflüsse der Mologa: Kabosha (160), 
Tschagodoschtscha (217), Lid (100), Pess (130) und Ssit (130), 
durch die Zuflüsse der Schekssna: Kowsha (100) und Kema (160), 
welche in das Bjelo Osero fallen, Ssuda (140), Kolp (220), Andoga 
(150), Ssegosha (115), Uchra (etwa 120), durch die Zuflüsse der 
Kostroma: Monsa (etwa 100), Obnora (120) und Mesa (etwa 100), 
durch die Schuja (etwa 120), einen Zufluss^der Nemda, und durch 
die Zuflüsse der Unsha: Wiga(120), Mesha(l20) und Neja (170) die 
Gesamtsumme von 2946 Werst — dagegen andererseits durch 
den Nerutsch (100) einen Zufluss der Suscha, den Wytebet (114) 
und die Resseta (etwa 100), Zuflüsse der Shisdra, den Bor (etwa 
100) und die Schanja (etwa 100), Zuflüsse der Ugra, durch die 
Lusha (90), die Zuflüsse der Moskwa: Rusa (120), Istra (102), 
Sjewerka (etwa 100) und Pachra 120), durch die Panowa (150), die 
Polja (etwa 120), die Zuflüsse der Mokscha: Wad (151), Issa (100) 
und Atmiss (95), die Zuflüsse der Zna: Wyscha (120) und Kerta 
(130), durch die Sseresha (120) und durch die Zuflüsse der Kljasma: 
Kirshatsch (102), Pekta (110), Kolokscha (140), Grosser Nerl (234), 
Ssudogda (95), Uwod (160) und Tesa (160) zu gunsten der 
Oka eine Gesamtsumme von 3033 Werst. 

Über die Wassermenge beider Flüsse fehlen genaue Angaben, 
und aus dem oben angeführten lässt sich nicht unbedingt folgern. 



ias3 die Oka auch Über die grösoere Wassermenge ^ 
i. aus dem Umstand, dass die Ufer der Oka und ihrer Zuf 

i abgebolzt sind als jene der Wolga und der in s 

[^' Flüsse, und daas die Oka durch wärmere Gegenden 

l' Wolga, liesse sich folgern, daas die Wassermenge d 

i grössere sei, aber sie übertrifft jene' auch an Bri 

j; Ausserdem sind in den grossen Waaserbehältem 

t ' gebietes mehr als 900 Millionen Kubikmeter Wassei 

,\ weiche ihr zu einer Zeit zu gute kommen, in w 

1 ihre Wasserabnahme durch nichts, zu ersetzen ven 

C- der Vereinigungsstelle, wo die Oka über 650 Mal 

I' durfte die grössere Wassermenge derselben ausser ! 

i,- Viktor Ragosin, der sorgfaltig alles gesammelt 

f als Beweis ftlr das Vorrecht der Oka verwerten la; 

i- noch darauf hin, dass das Okathal sich noch unt 

« Nowgorod fortsetze, und dass die Oka bereits in e 

Lauf verfolgte, in der es noch gar keine Wolga ga 
:' dann zu dem Schluss, dass die Oka der Hauptstro 

1^ aber ein Zuäuss desselben sei. Vor seiner scharfen 

-; die Wolga ihre angemassten Vorrechte allerdiugE 

l haupten, aber einen praktischen Wert hat solch e 

nicht, denn im grossen und ganzen dreht es sich dauti uu^u um 
um die Frage, ob der Riesenstrom unter dem Namen Wolga 3518, 
oder ob er unter dem Namen Oka 3ß81 Werst lang sein soll 
■ Dem , Mütterchen Wolga' heute noch seinen Kamen zu nehmen, 

ist undenkbar, und auch wir werden daher im folgenden den Strom 
von Nishnij Nowgorod abwärts nur Wolga nennen. 

Die Oka entspringt im Gouvernement Orel (sprich: Aröl), 
dicht an der Grenze des Gouvernements Kursk, nahe den Quellen 
mehrerer Zuflüsse des Dnjepr und Don und der Quelle des Ne- 
rutsch, welcher, in weitem Bogen nach NO ausbiegend, erst an 
der Grenze der Gouvernements Orel und Tula durch die ihn auf- 
nehmende Suscha seine Wasser mit jenen der Oka vereint, wo- 
durch nahezu eine Insel entsteht, welche einem grossen Parallelo- 
gramm nicht unähnlich ist. Etwa drei Werst von dem Dorfe 



ft/-.V«TT^r^ 






— 269 — 

Otschki entfernt, befindet sich im Walde ein ausgetrockneter 
Sumpf, der noch heute ,,Haupt der Oka* (golowa Oki) heisst, ob- 
wohl die Oka jetzt nicht mehr aus ihm hervorkonmit, sondern erst 

w 

eine Werst tiefer als ein kleiner Bach zu Tage tritt. Gleich der 
Wolga kommt auch die Oka aus keiner bedeutenden Höhe herab, 
denn der höchste Punkt ihrer Quellengegend erreicht nicht 900'. 
Nach kurzem Lauf nach N vereinigt sie sich mit der von 
kommenden Otschka und fliesst dann in vielen kurzen Windungen 
weiter nach NW. Bevor sie die Grouvemementsstadt Orel erreicht, 
hat sie bereits eine Menge Bäche und kleiner Flüsse aufgenommen, 
bei weitem die Mehrzahl auf dem linken Ufer, was überhaupt 
während des grössern Teiles ihres Laufes die Regel bleibt denn 
erst im untersten Teil desselben, im Gouvernement Rjasan, über- 
wiegen die Zuflüsse des rechten Ufers. In Orel, wo die Oka den 
mit der Orlitza vereinten Orlik aufnimmt, ist sie 120 Meter breit 
und fliesst zwischen hohen Ufern (beim öffentlichen Garten über 
30 Meter) dahin. In der Nähe des öffentlichen Gartens befinden 
sich grosse Schleussen, durch welche der Wasserstand des an und 
für sich noch nicht schiffbaren Flusses von Zeit zu Zeit so erhöht 
wird, dass kleine, mit den hier zusammengeströmten Erzeugnissen 
der Ukraine beladene Barken, von denen oft viele hundert auf die 
Öffnung der Schleusse warten, mit der Flutwelle abwärts schwimmen 
können. 

Den ersten bedeutenden Zufluss empfangt die Oka unmittelbar 
beim Eintritt in das Gouvernement Tula in der von SO kommen- 
den Suscha (r.), welche auf ihrem 120 bis 150 Werst langen Laufe 
unterhalb Nowossil den 100 Werst langen Nerutsch (1.) aufnimmt, 
aber erst bei Mzensk, etwa 30 Werst von der Mündung, schiffbar 
wird. Der Streit um das Vorrecht als Hauptfluss, wie wir ihn 
bei der Wolga und Runa, bei der Wolga und Oka trafen, Hesse 
sich auch zwischen Oka, Nerutsch und Suscha anregen, denn es 
liesse sich auch behaupten, dass nicht der Nerutsch in die Suscha, 
sondern diese in ihn fallt, da er bei der Vereinigungsstelle der 
stärkere ist und dort auch einen langem Lauf zurückgelegt hat, 
was weiterhin auch in bezug auf die Oka von ihm gilt. 



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velche bisher nordwärts floss, 
h erst bei Alekssin wieder 
;1.) bei der gleichnamigen 



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— 271 — 

Stadt aufgenommen, vereinigt sie sich mit der 230 Werst langen, 
nicht schiffbaren Protwa und biegt abermals immer mehr nach 
ab, namentlich nach der Einmündung der Nara (1.) oberhalb 
Sserpachow. Von der Protwamtindung ab bildet sie zunächst die 
Grenze der Gouvernements Moskau und Tula und nimmt links die 
Lopastnja und Easchirka auf, dann scheidet sie nordostwärts 
fliessend die Gouvernements Moskau und Rjasan, auf welcher 
Strecke sie sich mit dem Assotr (r.) und der Moskwa (1.) ver- 
einigt. Letztere entspringt in den Waldungen des Kreises Gshatsk 
im Gouvernement Ssmolensk und nimmt auf ihrem 420 Werst 
langen Laufe links die Istra (102 Werst; nach anderen Angaben 
nur 100), rechts die Pachra (120 Werst) und Ssewerka (etwa 100 
Werst) auf. Bei Moskau, von wo regelmässig Dampfer nach den 
Sperlingsbergen und Schelapicha gehen, wird sie auch für grössere 
Schiffe fahrbar. Weder die Moskwa, noch die kleine, nur 70 Werst 
lange Zna (1.) und die rechtsseitigen Zuflüsse Wosha, Raka, Istja 
und die 210 Werst lange, von der Einmündung der 150 Werst langen 
Ranowa schiffbare Pronja vermögen die Oka dauernd von der 
Richtung nach dem Kaspi*See abzulenken, so sehr sich auch die 
letzteren bemühen, sie nach N zu drängen. Auf der gewundensten 
Strecke ihres Laufes, von oberhalb Rjasan bis zur Mokschamündung, 
bewirkt erst die von der Westgrenze des Gouvernements Tambow 
kommende, 130 Werst lange Para (1.) ein Abweichen nach N. 
Vergebens versucht nun die in den Sümpfen am linken Okaufer 
entsprungene Pra einen Einfluss auf den Lauf der Oka auszuüben, 
und selbst dem Guss (1.) gelingt dies nur für kurze Zeit und zum 
letzten mal Mit der Norma und Kurma vereinigt, bildet er einen 
grossen See, in welchen auch noch der Kolp fällt, und mündet als 
schiffbarer Fluss in die Oka. Einer der grössten Zuflüsse der Oka, 
die Mokscha-Zna, entscheidet bald darauf den Kampf zwischen SO 
und N, und drängt die Oka endgiltig in^ die letztere Richtung. 

Die Frage, wer der Hauptstrom sei, könnte auch inbezug auf 
die Mokscha-Zna angeregt werden, denn die Zna verfolgt bis zur 
Mündung in die Wolga ihre ursprüngliche Richtung von S nach N, 
während die Mokscha bedeutend länger und wasserreicher ist. Da 






— 273 — 

tinterlialb ans rechte Ufer schwemmt oder es in seinem Bett auf- 
häuft, wodurch hier die Schiffahrt sehr hemmende Sandbänke ent- 
stehen. Trotzdem die Oka beständig ein mächtiger Fluss bleibt 
oind ihre Breite von Rjasan abwärts sieh nicht wesentlich ändert, 
so kann man doch schon, nachdem man an Jelätma vorbeigefahren 
ist, die Wahrnehmung machen, dass auf dem Dampfer die Lot- 
stange, mit der die Tiefe des Fahrwassers untersucht wird, sich 
-weit mehr in Bewegung befindet als auf der obem Strecke, trotz- 
•dem auch dort durch die wiederholte Teilung des Flusses in zwei 
Arme und die Bildung grosser Inseln das Fahrwasser häu£g 
schwierig wird. Landeinwärts sind auf dem rechten Ufer auf einer 
langen Strecke deutliche Anzeichen vorhanden, dass das Bett des 
Flusses sich einst viel ostlicher befand als jetzt. Man bemerkt 
zwischen dem rechten Ufer und dem landeinwärts zurückgetretenen 
Höhenzug eine Menge kleiner Seeen, welche bisweilen mehrere 
(Kilometer lang und bis über 80 Meter breit sind und in denen 
ivir zweifellos Überbleibsel des ehemaligen Okabettes vor uns 
ihaben. Die Höhen, welche schon von oberhalb E[assimow, welches 
•gleich Jelatma auf bedeutend hohem und schroff abfallendem Ufer 
liegt, dem Fluss ausnaimisweise zur Linken folgten, ziehen sich 
unterhalb Murom nach N, während die Oka eine Schwenkung 
nach macht und bei der Unschamündung dem rechten Höhen-' 
2ug sich wieder nähert, um dann ununterbrochen dicht an seinem 
Fusse dahin bis Nishnij zu fliessen. 

Unterhalb des Lidustriedorfes Päwlowo (r.) beginnt die schönste, 
allerdings nur wenige Kilometer lange Strecke der Okafahrt, auf 
welcher der Fluss durch die hohen, mit dichtem dunkeln Wald be- 
fleckten Ufer, an denen zvnschen dem Ghrün hier und da kahle 
arote Mergelwände, untermischt mit Alabasterblöcken hervortreten, 
landschaftliche Reize gewinnt, wie sie die ganze Strecke von 
Ejasan abwärts nicht geboten hat, auf welcher zwar häufig vom 
Ihohen Ufer, nie aber vom Flusse aus schöne Landschaftsbilder 
sichtbar waren. Nochmals biegt die Oka von der Richtung nach 
der Vereinigungsstelle mit der Wolga ab, gleich als ob die unbe- 
«deutende Worsma (weiter aufwärts Kischmä genannt), welche auf 

BoBkoBchny, Die Wolga. XS 



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— 275 — 

der Luch herabkommen, ist ein weites Sumpfgebiet, das sich bis 
zur Wolga und auch längs des linken Okaufers aufwärts erstreckt 
und bei Nishnij mit dem sumpfigen linken Wolgaufer in Verbin- 
dung tritt. Dass auch die Kljasma einst durch ein anderes Bett 
floss, Terraten in gleicher Weise, wie dies bei der Oka der Fall 
ist, die vielen längs ihres linken Ufers zerstreuten langen Seeen. 
Ihrer ganzen ursprünglichen . Richtung nach zu einem Zufiuss der 
Wolga bestimmt, wird die Eljasma plötzlich durch die Tesa in 
einem scharfen £nie nach SO zur Oka abgedrängt; dass sie aber 
einst ihren Lauf in mehr östlicher Richtung als heute fortsetzte, 
beweisen die unterhalb der'Tesamündung vorkonunenden Namen 
Staraja Kljasma (Alte Kljasma), das Flüsschen und der See 
Stäritza (die Alte), auch der See Gluschitza (d. i. stehendes Wasser) 
und andere Spuren, welche die Kljasma am Orte ihres frühern 
Bettes zurückgelassen hat. 

Auch die Kljasma veranlasst die Oka, eine Zeitlang ihrer 
Richtung, nach SO zu folgen, durch deren weiteres Beibehalten sie 
etwa bei Ssimbirsk in die Wolga fallen und dadurch zwar einige 
hundert Werst an Längenausdehnung gewinnen würde, aber an 
der Vereinigungsstelle mit der Wolga im Vergleich mit dieser 
viel unbedeutender wäre, da dann die Wolga bereits durch die 
Au&ahme der Ssura, Wetluga und Kama unbestreitbar den Vor- 
rang erlangt hätte. Die ihr entgegentretenden Berge hindern 
jedoch die Oka, weiter nach SO zu fliessen, und schreiben ihr die 
Richtung nach Nishnij vor, wo sie sich mit der Wolga vereint. 

Von der Oka bis zur Kama zeigen sich nun bedeutende 
Veränderungen im ganzen Wesen der Wolga. Das Zusammen- 
treffen der beiden grossen Flüsse hat zunächst eine Ablagerung der 
von ihnen mitgeführten Erd- und Sandmassen zur Folge. In der 
Oka selbst lagert eine fast zwei Kilometer lange Sandinsel, die 
sogenannten Pesskf, vor der Jahrmarktsseite von Nishnij Nowgorod^ 
und unterhalb der Stadt bildet die Wolga auf einer Strecke von 
etwa 20 Werst eine fast ununterbrochene Reihe von Inseln: vor 
dem Dorfe Bor (1.) den Borowskij östrow (Bor-Insel) — gegenüber 

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— 277 — .1 

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die grosse Insel bei PetscliGTi beweisen, Wolga und Oka eine i 

!NeiguDg zun veiBanden , welche es nicht unmöglicli erscheinen j 

lässt, dass die Wolga über kurz oder lang sich ein neues Bett j 

Sachen und ToUstandig von Nishnij abbiegen wird. Heute bereits ,:' 

befindet sich bei der Stadt das Fahrwasser aul' der Wiesenseite, 
und erst unterhalb Podnöwje folgt es wieder dem rechten Ufer. 
Wie sehr die Wolga unterhalb Nishnij bereits von rechts nach % 

links abgewichen ist, zeigen die dort auf dem rechten Ufer zwischen -■ 

dem Fluss und dem Fusse der Berge sich ausdehnenden, 12 Werst 'i 

langen und bis 4 Werst breiten Artemjewschen Wiesen, welche 
aus allmählich mit dem Ufer verwachsenen Inseln entstanden sind. -'■ 

Im Frühjahr wird hier die Wolga, da auch das linke Ufer nied- 
riger als der höchste Wasserstand ist, zu einem 15 Werst breiten 
See, unter dessen Fläche sie unbemerkt ihre Wühlarbeit fort- .-■ 

setzen und neue Überraschungen vorbereiten kann. Die ganze > 

Strecke von Nishnij bis Kasan ist besät mit Inseln und Sand- ' 

bänken , und nur selten , wie zwischen den Mündungen der Swi- 
jÄga und Easänka, bleibt das Flusshett längere Zeit frei von 
Inseln. 

Die ersten Zuflüsse, welche die Wolga hier aufnimmt, sind ' 

die Nnshenka nnd Wätoma auf dem linken, die Kudmä auf dem 
rechten Ufer. Im Laufe der Zeit ist die Kudma, welche viel Sand 
mit sich führte, den sie vor ihrer üfündung ablagerte, von ihrer 
ursprünglichen Richtung, zum teil durch die Strömung der Wolga 
beeinäusst, weit abgedrängt worden und mündet jetzt bereits etwa 
20 Werst tiefer. Deutlich lässt es sich verfolgen, wie sie das 
rechte Ufer immer mehr nnterwOhlt und ihr Bett weiter nach 
rechts verschoben hat. Durch luselbildungen vor ihrer Mündnng, 
welche mit der Zeit mit dem rechten Ufer zusammenwachsen, bat 
sie die Wolga wiederholt gezwungen, sich weiter nach links zu 
wenden, bis endlich die Kudma in der jetzigen Richtung sich mit 
der Wolga vereinigte. Der Winkel, unter dem sie jetzt zusammen- 
treffen, ist so klein, dass das Wasser der Kudma an der Mündungs- 
stelle fast gar keinen Widerstand des Woigawassers zu über- 
winden hat, infolge dessen auch kaum mehr zu erwarten ist, dass. 



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— 279 — 

Frühjahr ist die ganze Stadt unter Wasser, auch wenn die Wolga 
nicht besonders hoch steigt. Vielleicht ist der Tag nicht mehr 
fem, an dem die Wolga diese erinnerungsreiche Statte vollständig 
in ihre Fluten hinabziehen wird. Die Dampfer legen etwas unter- 
halb Makarjew am entgegengesetzten Ufer beim Dorfe Issad an, 
^m Ausgang des Lyskowskij saton, welchen der hier einmündende, 
•60 Werst lange, 20 bis 60 Meter breite Ssundowik (r.) gebildet 
bat tmd durch den die Wolga, welche einst bei: dem Dorfe 
Lysskowo vorbeifloss, zwei bis drei Werst von demselben abge- 
<lrängt worden ist. 

Die Wolga schlägt nun bis Eossmod^mjansk eine vorherrschend 
nordöstliche Richtung ein, nimmt auf dieser Strecke die Kleine 
oder Schwarze Masa (15 Werst) und die Grosse Masa (etwa 
38 Werst), die Eomaricha, die Ssura, die Chmeljowka (r.), die 
Ssumka (r.) die Wetlaga, sowie die unbedeutenden Flüsschen 
<Jrosse und Kleine Junga, Arda, Ssundyrka und die 245 bis 250 
Werst lange, nur im Frühjahr von Flössen und kleinen Barken 
befahrene Kutka auf. Beachtung verdienen von allen diesen Zu- 
jflüssen nur die Ssura und die Wetluga. 

Die Ssura entspringt unweit des Dorfes Ssurka im südwest- 
lichen Teil des Gouvernements Ssimbirsk in sumpfiger Waldgegend, 
fliesst in westlicher Richtung längs der Nordgrenze des Gouver- 
nements Ssaratow dahin, wendet sich dann nach N, durchschneidet 
den östlichen Teil des Gouvernements Pensa, tritt abermals in das 
'Gouvernement Ssimbirsk ein und fliesst durch dasselbe erst in 
westlicher, dann in nördlicher Richtung bis zu ihrem Eintritt in 
-das Gouvernement Kasan, in dem sie in die Wolga föUt. Nach 
ihrer Vereinigung mit dem etwa 60 Werst langen Trajew (r.) 
und der etwa 130 Werst langen Usa (r.) wird sie für kleine 
Fahrzeuge befahrbar, doch beginnt zur Zeit des Hochwassers ihre 
eigentliche Schiffbarkeit erst mit ihrem Eintritt in das Gouver- 
nement Pensa, nachdem sie bei der Stadt gleichen Namens das 
«etwa 60 Werst lange Flüsschen Pensa aufgenommen hat. In dem* 
selben Gouvernement vereinigt sie sich dann noch mit der Schuk- 
€cha (r.) und Ajwa (r.), deren jede etwa 80 Werst lang ist, sowie 



— 280 — 

iner Menge kleinerer, unbedeutender I 
it Ssimbirsk nimmt sie etwa GO gtQs 

auf: die Grosse Ssara (55 Werst), die I 
irja (r., 70 Werst), die Insa (115 We 
80), den Alatyr (1., 280) nnd die P} 
b), welche bis 50 Meter breit und steU 
drd. Im Frühjahr schwellen die Wasf 
^ an und sie steigt bisweilen 10 bis 11 
[ichen Stand, doch dieser Wasserreichti 
r, bald stellen sich wieder Sandbänke 
in, welche flussabwärts wollen, mQssen 

von dem Sinken des Wassers überras 
von ihrem Ziele liegen bleiben. Dahe 
, obwohl sie im ganzen 216 Tage eisf 
TÖssem Teil dieser Zeit hindurch nur 
geringem Tiefgang befahren , nament 
fnd im Herbst der Wasserstand wied 

bei der Ssara ist das rechte Ufer hol 

zwischen den üfem ziemlich rasch d 
das auffallende Besfreben, nach rechts, 
Torzudringen , trotzdem das Flachlant 
in ablenken mUsste. Die vielen Seee; 
1 Ufers zerstreut sind, und unter d< 
i , die bis 8 Werst lang sind , bezeug 
en der Ssura , mit der sie sich zur 
r noch zn vereinigen pflegen. Die Sti 
ie Ssura in die Wolga mündet, wird i 

1523 (siehe Seite 59) immer weiter 
mra hat schon wiederholt ganze Hausi 
gerissen, und Ende der dreissiger Jahre 
Opfer gefallen. 
!)ie Wetlnga entspringt im Gouvemei 

die Vereinigung der Bjstraja nnd Vf 
tht, fliesst eine kleine Strecke durch 
her Grenze von nach W, durchs 






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— 281 — 

nach S Eostroma und bfldet, in südöstlicher Richtung durch Nishe- 
gorod weiterfliessend, den Grenzfluss zwischen diesem und Easan^ 
als welcher sie oberhalb Kossmodemjansk in die Wolga fallt In- 
bezug auf sie liegt eine Reihe widersprechender Angaben vor. 
Sie ist nicht schifiFbar, schrieb Bogoljubow (1862)^^2); nur zur Zeit 
des Hochwassers fahren Barken und Flösse auf ihr in die Wolga 
hinab. Ragosin erklärt sie aber trotz der vielen Sandbänke, welche in 
beständiger Bewegung sind und das Fahrwasser häufig ändern, für 
schiffbar, und thatsächlich verkehren gegenwärtig auf ihr sogar 
Dampfer von der Mündung bis zur Stadt Wetluga. Nach Ragosin 
befinden sich auf der 550 Werst langen schiffbaren Strecke ihres 
Laufes 40 Landungsplätze, und sie nimmt unter den schiffbaren 
Zuflüssen der Wolga die dreizehnte Stelle ein. Die Angaben Über 
ihre Länge schwanken zwischen 600 und 706 Werst, wobi diee 
letztere der Wahrheit am nächsten kommen dürfte, und ebenso 
unsicher sind die Angaben über die Länge ihrer Zuflüsse. Von 
der Ljunda wird behauptet, es wäre möglich, sie mit Barken zu 
befahreUi und andererseits heisst es doch von ihr, dass sie durch 
angeschwemmte Baumstämme gesperrt seL An der Wetluga be- 
finden sich riesige Waldungen, deren Holz den Hauptgegenstand 
des auf ihr betriebenen Handels bildet. Sie fliesst zwischen nied- 
rigen Ufern — das rechte ist nur massig erhöht — langsam dahin, 
in zahllosen Windungen, auf welche mehr als zwei Drittel ihres 
Laufes entfallen, da in der Luftlinie ihre Quelle von der Mündung 
nut 220 Werst entfernt ist. Auf ihren Zuflüssen Wochma und 
Usta wird viel Holz herabgeflösst; dasselbe scheint auf der Ljunda 
der Fall zu sein. 

Unterhalb Kossmodemjansk erreicht, die Wolga nach der Auf- 
nahme der Rutka die höchste Stelle des von ihr verfolgten Laufes 
in nordöstlicher Richtung und fallt nun bis Kasan stufenweise nach 
SO ab. Wie unterhalb des Buges, den die Wolga bei Nishnij 
Nowgorod beschreibt, die längs des Bergufers abgelagerten Sand- 
massen die Artemjewschen Wiesen gebildet haben, so entstehen 
unterhalb der Rutkamündung durch die vielen Sandbänke die 
vor dem rechten Ufer lagernden sogenannten Turitschi, durch 



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— 283 — 

die Wolga wieder durch Inseln gesperrt, welche sich bis oberhalb 
der Mündung der Ssekerka erstrecken. Da weder diese, noch die 
weiter unterhalb mündende Ssumka solche Inseln zu erzeugen im 
stände war, haben wir hier abermals die schon wiederholt be- 
obachtete Erscheinung vor uns, dass die Wolga einen ihrer rechts- 
seitigen Zuflüsse Yon W nach abgedrängt hai Alle diese 
Inseln sind zweifellos Schöpfungen der Sswijaga, welche einst viel 
weiter westlich mündete als jetzt. 

Der nächste Zufluss der Wolga ist die an Kasan vorbei- 
fliessende Kas&nka (L), welche etwa 5 Werst von dieser Stadt ent- 
fernt in die Wolga fallt. Sie ist 150 Werst lang und nicht 
schiffbar. Wenn berichtet wird, dass sie zur Zeit des Hoch- 
wassers sogar von Dampfern befahren werde, so bezieht sich dies 
nur darauf, dass dann die ganze, von der grossen Damba (Damm) 
durchschnittene Fläche vor Kasan Ton der Wolga überflutet ist 
und die Wolgadampfer, anstatt bei ihrer gewohnlichen Landungs- 
stelle anzulegen, auf der in der ausgetretenen Wolga aufge- 
gangenen Kasanka näher an Kasan herangelangen können. Die 
Wolga biegt unterhalb der Mündung der Kasanka scharf nach 
8 ab, und die Folge dieses Buges ist wieder eine ähnliche Ufer- 
bildung wie bei den Artemjewschen Wiesen und den Turintschi: 
den Strom versperrende Inseln, welche an der Bergseite mit dem 
Ufer zusammenwachsen. Auf der nun folgenden , etwa 70 Werst 
langen Strecke bis zur Kamamündung nimmt die Wolga nur 
Bäche oder höchst unbedeutende Flüsschen auf. Während das 
Fahrwasser dem rechten hohen Ufer folgt, ziehen sich längs des 
flachen linken zahlreiche Sandbänke, Inseln und Satönj hin, und 
erst während der letzten zehn Werst wird die Wolga völlig frei 
und kann sich zu stattlicher Breite entfalten, um ihrer grossen 
Nebenbuhlerin, der Kam», würdig zu begegnen. 

Fünf Werst unterhalb des Dorfes Bogorödsk vereinigt sich 
die Wolga mit der von links konmienden Kama, ihrem bedeutend- 
sten Zufluss und nächst ihr dem wichtigsten Strom des euro- 
päischen Busslands. Wie man der Wolga den Vorrang zu gunsten 
der Oka streitig zu machen sucht, so geschieht dies auch zu 






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— 284 — 

guBBteD der Kama, und nach der Meinung der Anhänger der 
letztem mündet nicht die Wolga, sondern die Kama in den Kaspi- 
See. Unbestreitbar iat nun, dass unterhalb des Dorfes Bogorödsk 
(am rechten Wolgaufer) in der Wolga eine gewaltige Veränderung 
sich vollzieht: die Farbe des Wolgawassers gleicht jener der Kama; 
die Sandbäoke , welche bisher der Schiffahrt auf der Wolga so 
grosse Schwierigkeiten bereiteten, sind verschwunden; der Strom 
schwillt zu majestätischer Breite an. Aller Wasserreichtum der 
Wolga auf der Strecke von Bogorödsk bis Astrach&n hängt jedoch 
von der Eama ab: wenn das Wasser io der Kama fallt, ist auch 
die untere Wolga wasserarm, gleichviel oh daun der Wasserstand 
bei Rybinsk ein hoher oder niedriger ist Ausser dieser Abhängig- 
keit der WolgaschifiTahrt vom Wasserstand der Kama wird ferner 
zn gunsten der letztem auch noch geltend gemacht, dass sie von 
den Quellen bis zur Mündung 1650 Werst lang ist und 574 Zu- 
flüsse aufnimmt, deren Wasserlauf eine Länge von fast 3600O 
Werst erreicht, so dase sowohl ihre Länge als die Grösse des 
durch sie entwässerten Gebietes jenen der Wolga von der Quelle 
bis zur Yereinigungsstelle ziemlich gleichkommt. Die Kama ver^ 
dankt ihren grossen Wasserreichtum, wegen dessen sie vom Volke 
E-: aMnogow^dnaja", die Wasserreiche, genannt wird, dem Umstand, 

L' dass die Axt des Holzfällers an ihren Ufern noch nicht so mit 

f dem Waldbestand aufgeräumt bat, wie an den Ufern der obem 

|j. Wolga. Einer der HanptzuflOsse der Kama, die Belaja, ist zwar 

F schon ziemlich entwaldet, und alljährlich schwimmen tansende von 

> Baumstämmen die Eama abwärts, aber der nördliche und nordSst- 

! liehe Teil des Gonvemementa Perm bildet noch mit seinen riesigen 

t Waldungen ein überreiches Wasserbecken , welches aach der in 

t: Russland üblichen heillosen Waldverwüstung noch lange zu wider- 

L stehen im stände ist. 

AI' Die Kama entspringt in den SUmpfen des Kreises Glas6w 

y im Gouvernement Wjätka. Anfangs nach Norden äiessend, wendet 

1. sie sich bei dem Städtchen Kai nach Osten und Überschreitet in 

I nordöstlicher Richtung die Grenze des Gouvernements Perm. Nach 

f. der Einmündung der Wessijana fliesst sie wieder nach Osten bis 



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— 285 — 

zum Dorfe Bondjushkoje, von dort in vielen Windungen südwärts 
bis Perm. Bei Perm wendet sie sich westwärts, biegt oberhalb 
Ochansk abermals nach Süden ab und schlägt bei der Stadt Ossa 
(sprich: Assä) eine südwestliche Richtung ein, in welcher sie die 
Grenze des Gouvernements Wjätka erreicht. Auf ihrem fernem 
Lauf in südöstlicher Richtung bildet sie die Grenze der Gouver- 
nements Perm und Wj&tka, dann nach Südwest abbiegend die 
Chrenze der Gouvernements Wjatka und Ufa,, weiterhin Wjitka 
und Kasan, tritt bei der Einmündung der Wjätka in das Gouver- 
nement Kasan ein und vereinigt sich in diesem mit der Wolga. 
Die Mehrzahl ihrer zahlreichen Zuflüsse, und darunter die 
wichtigsten, befindet sich auf dem linken Ufer. Viele derselben 
entspringen in oder Wildnis und fliessen durch solche bis zur 
Kama. Aus sumpfigen Waldungen des Gouvememßnts Wologda 
kommen die Wessijana (1.), an deren Ufern sich nur vereinzelte 
Niederlassungen befinden — die Lunja (1.), die auf ihrem 140 
Werst langen Lauf nur an vier von Holzflössern bewohnten Dörf- 
chen vorbeifliesst — der etwa 150 Werst lange Leman (L), in 
welchen der Lei einmündet — die 200 Werst lange Südliche 
Keltma*) (1.) mit ihrem gleichlangen fischreichen Nebenfluss 
Timschor — und die über 100 Werst lange, 10 Werst oberhalb 
Bondjushkoje einmündende Pilwa (1.). Auf dem rechten Ufer 
nimmt die Kama bis zum Dorfe Bondjushskoje ausser unbedeuten- 
den Zuflüssen nur die Kossa auf, welche im Kreise Sslobodsk 
des Gouvernements Wjätka entspringt. Dieselbe durchfliesst auf 
ihrem 150 Werst langen Lauf anfangs bergiges, später flaches, 
zum teil sumpfiges Land und empfangt rechts den Jum, die 
Lopwa, den Lopan, Lolym und die Ssija, links die Nylwa, 
Kess-Ssija und den Lolog. Nachdem die Kama sich südwärts 
gewendet, nimmt sie auf dem rechten Ufer die im Kreise Ssoli- 
kamsk entspringende Urolka auf, deren Länge etwa 100 Werst 
beträgt. 



*) So genannt zum Unterschied von der unweit ihrer Quellen entspringen- 
den Nördlichen Keltma, einem Zufluss der Witschegda. Die Nördliche und Süd- 
liche Keltma sind durch einen Kanal verbunden. 



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— 287 — 

(r.) auf, dann die an Ssolikamsk vorbeifliessende Ussolka (1.), auf 
welchev nur im Frühjahr kleinen Frachtschiffen die Fahrt bis 
Ssohkamsk möglich ist, und die aus dem Kreise Tscherdyn konmiende,. 
60 Werst lange Lysswa (r). Unterhalb Dedjuchin, gegenüber dem 
Dorfe Orel Qorodok, mündet die 275 Werst lange Jaiwa. Die- 
selbe kommt von den Abhängen des Urals und durchfliesst waldige,, 
zum teil sumpfige Gegenden des Kreises SsoUkamsk. Sie ist im 
Sommer sehr seicht und stellenweise zu durchwaten, im Frühjahr 
aber schwillt sie gewaltig an, und dann werden auf ihr Holz und. 
die Erzeugnisse der an ihren Zuflüssen gelegenen Werke herabge- 
flösst. Links nimmt sie die 70 Werst lange, zwischen waldigen,, 
bergigen Ufern rasch dahinfliessende Wilwa mit den Zuflüssen 
Kysel und Lytwa auf. Beim Dorfe Orel Gorodok fallt in die 
Kama der Kondass (r.), der durch die Vereinigung des Nördlichen, 
und Südlichen Kondass entsteht, von denen der letztere wieder 
den Mittleren Kondass und die Unwa aufgenommen hat. Er 
fliesst 60 Werst lang zwischen niedrigen bewaldeten Ufern und 
dient im Frühjahr zum holzflössen. Weiterhin folgen auf dem 
rechten Ufer die 32 (oder 35 ?) Werst lange Poshwa , im Früh- 
jahr vom Fabrikteich des Poshewskij Sawod bis zur Mündung für 
kleine Boote schiffbar, und die 227 Werst lange Jnwa, welche 
nur vom Nikitinskij Sawod bis zur Mündung schiffbar ist, da 
weiter aufwärts die Dämme des Werkes und Sandbänke die Schiff- 
fahrt unmöglich machen. Sie nimmt rechts die Jusswa, links die 
Kura auf. Auf dem linken Ufer mündet in die Kama die Kosswa,. 
vom Westabhang des Urals kommend, 300 Werst lang. Sie nimmt 
zahlreiche kleine Zuflüsse auf, die bedeutendsten auf dem rechten 
Ufer, fliesst sehr rasch zwis9hen bewaldeten, bergigen Ufern über 
steinigen Grund dahin und wird im Frühjahr zum Transport von 
Holz, Metallen und Mühlsteinen benutzt. Es folgen auf dem 
rechten Ufer die Mündungen: des 80 Werst langen Tschermoss,. 
der aus der Vereinigung des Grossen und Kleinen Tschermoss 
entsteht, und der 243 (oder 200?) Werst langen Obwa, die auf 
einem grossen Teil ihres Laufes schiffbar ist. Von ihrer Mündung 
ab nimmt die Wolga lange Zeit, bis zu ihrem Eintritt in das- 










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— 289 — 

Mündung schiffbar. Sein grösster Zufluss ist der Pys (r.), der aus 
dem Grossen und Kleinen Pys entsteht. 

Etwa 70 Werst unterhalb Ssarapul nimmt die Wolga auf dem 
linken Ufer die Belaja auf, welche im Ural zwischen dem Jremel 
und Awaljak etwa unter 54^ 54' n. Br. entspringt, anfangs über 
200 Werst nach Süden fliesst, hierauf sich westwärts wendet, beim 
Dorfe Bugultschan plötzlich nach Norden abbiegt und diese Rich- 
tung bis zur Einmündung des Ssim beibehält, von wo sie nord- 
westwärts der Yereinigungsstelle mit der Eama zueilt. Die Strecke 
Ton den Quellen bis Bugultschan bezeichnet man als den obem, 
Ton dort bis zur Ssim-Mündung als den mittlem, und von dieser 
bis zur Einmündung in die Kama als den untern Lauf. In ihrem 
obern Lauf bahnt sich die Belaja anfangs zwischen bewaldeten 
Felsen als reissender Fluss einen engen Weg, wird schon 70 Werst 
von den Quellen, beim Beloserskij Sawod flossbar, doch erst im 
mittlem Lauf wird sie allmählich ruhiger, das Flussbett erweitert 
sich, und auch die Tiefe nimmt mehr zu. Ständig schiffbar wird 
sie erst nach der Aufnahme des Ssim, und von der Mündung bis 
Ufa. fahren auch kleine Dampfer, obwohl dieselben zuweilen, 
namentlich gegen das Ende der Navigationszeit, mit vielen 
Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Hier und noch mehr bei deii 
Zuflüssen der Belaja lässt sich beobachten, welche üblen Folgen 
die Waldverwüstung nach sich zieht. Mancher Fluss, welcher 
früher flössbar oder schiffbar war, ist seit der Entwaldung seiner 
Ufer als Wasserstrasse nicht mehr zu benutzen. So ist z. B. der 
fünf Werst unter Ufi&, auf dem linken Ufer einmündende Djoma 
•oder Dim trotz seiner bedeutenden Länge (452 Werst) nicht ein- 
mal flössbar, was zweifellos seinen von Wald fast ganz entblössten 
Ufern zuzuschreiben ist. Die bedeutendsten Zuflüsse der Belaja 
sind: im obem Lauf die vom Westabhang des Urals kommende, 
75 Werst lange Eana (1.), früher für Barken schiffbar, jetzt wie 
es scheint nicht mehr, im mittleren Lauf auf dem rechten Ufer 
der im Gouvernement Orenburg entspringende Nugusch, 195 
Werst lang, schiffbar von der Mündung des Tor ab, welcher 
selbst auf einer kurzen Strecke von den Barken der an ihm liegen- 



Boskoschny, Die Wolga. 



19 



— 2Ö0 — 

ihren wird, und der Si 
t lang, aber wegen ^ 
bett nur zum fiSssen, 
m linken Ufer der Asch 
nt, 155 Werst lang, a 
i holzflössen zn verwenij 
k (81 Werst), die beide 
Lauf rechta die Uta, 
ans Sümpfen im Kreise 
lg, und der 200 Werst 
Djoma, 452 Werst lan 
43 Werst) und der Ssji 
im mag hier noch der It 
w (sprich: Ssemjonow) 
nd er auf den Karten c 
in Wirklichkeit etwa 
ie ZuäUsse der mittlem 
ielen, noch wenig dui 
isslands, was schon die 
der einzelnen Flüsse bt 
t differieren, 
«ndste Zufluss der Bei 
im See im Kreis Jekate 
jrdwestwärts bis Krassn 
inn in südwestlicher Ri 
Qmlindung in zwei Am 
ach neueren Messungei 
600), erlangt st eilen weis 
, zur Zeit der Hochwas 
I Jekaterinbürg achiffbai 

Vereinigung mit der 
imt die Kama den in St 

179 Werst langen ui 
aren Ish (r.), den im Ki 
ren Angaben 350) Wen 



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pr'^T'-rfT^^T—^. - v^"^ • " *^^' -v-i^^^ 



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— 291 — 

im vorigen Jahrhundert von Barken befahren wurde, und bei 
Jel&buga die Tojma (r.) und weiter unterhalb den aus dem Kreis 
Bugulminsk kommenden, 195 Werst langen Sai (L) auf, welcher 
nicht schiffbar und wahrscheinlich auch nicht flössbar ist. Dann 
folgt die Mündung des grössten Zuflusses der Eama, der Wjatka. 

Nach älteren Angaben soll die Länge der Wjatka 900 bis 
1000 Werst betragen , Babst berechnet sie gar auf 2000 , und in 
Wirklichkeit beträgt sie 1077. Sie entspringt in denselben Sümpfen 
des Kreises Glasöw, aus denen die Eama kommt, und ihre 
Quelle ist nur 50 Werst von jener der Kama entfernt Anfangs 
fliessen beide parallel nach Nordwest, dann wendet sich die eine nach 
Nordost, die andere nach Südwest, und erst nachdem die Kama 
einen weiten Bogen beschrieben hat, nähern sie sich wieder. 
Dichter Urwald umgiebt den Oberlauf der Wjatka, und infolge 
dessen ist auch die Wassermenge, welche ihr zuströmt, eine be- 
deutende. Noch im Kreis Glasow wird sie beim Pudjemskij 
Sawod im Frühjahr zum flössen verwendbar, schiffbar dagegen 
nach einem Lauf von 400 Werst bei der Stadt Sslobödsk. Durch 
grosse Zuflüsse verstärkt, erlangt sie nun eiae stattliche Breite, 
noch mehr nach der Vereinigung mit der Wala, und stellenweise 
eine Tiefe, welche sogar die Wolga vor der Vereinigung mit der 
Kama nirgends erreicht. 

Ihre bedeutendsten Zuflüsse sind: die aus dichten Wäldern 
kommende wasserreiche Cholunitza (1.), für Barken schiffbar; die 
zwischen Sslobödsk und Wjatka einmündende Tschepza (L), welche 
das eigenthche Wotjakenland durchfliesst, sozusagen die Pulsader 
des ganzen zwischen der Wjatka und Kama gelegenen Gebietes, 
schon bei Glasow schiffbar und 400 Werst lang (P. Michailow 
schätzt allein den schiffbaren Teil auf 650 Werst!); die im Gouver- 
nement Wölogda auf dem sogenannten Kai-Wolok entspringende 
Maloma (r.), [welche nach 315 (oder 350?) Werst langem Lauf 
bei der Stadt Kotelnitsch in die Wjatka fallt, nur zum holz- 
flössen verwendet, obwohl sie den Überlieferungen nach in alter 
Zeit eine belebte Handelsstrasse war und auch heute noch von 
der Mündung der Kobra abwärts befahren werden könnte; die aus 

19* 



1 ' ■ . ► 



— 293 — 

Wolga sichtbar ist, teilt sieb die Kama in zwei Arme; der breite 
Haüptfitrom mit tiefem Wasser fliesst in derselben Richtung weiter, 
während die sogenannte Alte Kama das ebenfalls breite, aber im 
Sommer seichte alte Bett, links abbiegt und, eine grosse Delta- 
Insel bildend, erst weiter Wolga abwärts mit dieser sich vereint. 
Von der Kamamündung bis zur Ssarpa folgt die Wolga, 
abgesehen von der durch den Höhenzug im Bogen von Ssamara 
veranlassten grossen Abweichung, im allgemeinen einer südöstlichen 
Richtung, gleich als ob sie sich mit dem bei Zarizyn ihr sehr 
nahe kommenden Don vereinen und ihre Wasser mit ihm dem 
Asowschen Meer zuftihren wollte. Durch die gewaltigen Wasser- 
massen, welche die Kama ihr bringt, schwillt die Wolga unter- 
halb Bogorödsk zur majestätischen Breite von 1500 Metern an, 
doch nun scheint aber auch wenigstens die Wasserkraft des hohen, 
steilen rechten Ufers vollständig erschöpft zu sein. Nur eine 
Menge tiefer Regenklüfte verratet da, dass auch von dieser Seite die 
Wolga noch zuweilen einen Wasserzuwachs erhält. Hinter dem 
Höhenzug zur Rechten fliesst der Wolga entgegengesetzt die Swi- 
jäga, welche aber durch das hohe Ufer der Wolga bei Ssimbirsk 
gezwungen wird, sich nach N zu wenden, und sie nimmt fast alles 
auf, was die Höhen noch an Gewässern abzugeben vermögen. 
Auch weiterhin erweisen sich die Uferberge wiederholt als mäch- 
tiger Damm gegen die Annäherung rechtsseitiger Zuflüsse, welche 
bisweilen grosse Strecken der Wolga parallel fliessen müssen, be- 
vor es ihnen gelingt, eine Stelle zu finden, an welcher ihnen der 
Durchbruch möglich wird. Einen bedeutenden Zufluss erhält die 
Wolga überhaupt vom rechten Ufer nicht mehr, dagegen stellen 
sich bis zum Bogen von Ssamara mehrere in ziemlich rascher 
Aufeinanderfolge auf dem linken Ufer ein, die zum teil den Wasser- 
überfluss der Vorberge des Urals der Wolga zuführen: die Bjesdna, 
die Maina, der Uren mit dem Tichar, der Tscheremschan , der 
Ssok, die Ssamara tmd die Mokscha, während mitten zwischen den 
letzteren von rechts her nur die Ussa in Bogen von Ssamara in 
die Wolga fällt, ein kleiner Fluss, der jedoch in früherer Zeit, als 
noch das Räuberunwesen auf der untern Wolga in Blüte stände 



'r^7*T^*^^ ^' "^'T^w^r--^' in^iTT^' 



— 295 — 

finrch welche fast bis zu seiner Mündung längs seines linken 
Ufers die niedrigen Höhen sich ziehen, welche dem Grossen 
Tscheremschan von seiner Quelle ab folgen. Sein Wasser zeichnet 
«ich durch grosse Klarheit aus. Nachdem dann die Wolga unter- 
halb der Mündung des Tscheremschan noch das unbedeutende 
Flüsschen Ssuskan aufgenommen, welches wenige Werst von ihrem 
Ufer entspringt, anfangs ihr nach N entgegenfliesst und dann in 
kurzem Bogen sich nach S wendet, fallt in sie an der Stelle des 
Bogens von Ssamara, wo sie die südliche Richtung einschlägt, 
vorbei an dem berühmten Eiilksteinfelsen Zärew Kurgän, der 
Ssok, auch nur ein kleiner Fluss, der durch buschige Niederungen 
«US dem nordostlichen Teil des Gouvernements Ssamara herab- 
kommt. Der erste bedeutende Fluss nach der Einmündung der 
Eama ist die Ssamara. Sie entspringt in den Steppen des Ob- 
schtschij Ssyrt, nahe den Quellen des Urals, von dem sie nur ein 
18 Werst breiter Wolok trennt, und nimmt auf ihrem etwa 400 
Werst langen Lauf den Obern und Untern Tschuran (r.), bei Bu- 
suluk den gleichfalls vom Obschtschij Ssyrt kommenden Busuluk 
(1.) und den Tok (r.), weiterhin die Borowka (r.), die Sjeschaja (L) 
und den Einel (r.) auf. Letzterer entspringt als Eineltschik im 
Gouvernement Ssamara an der orenburgischen Grenze, vereinigt 
sich bei Buguruslan mit dem Motschagai (r.), nimmt weiterhin 
noch den Kutuluk (1.) auf und mündet bei Alexejewsk in die Ssa- 
mara. Letztere selbst, trotz ihrer Grösse im Sommer ein sehr 
seichter Fluss, fallt bei der Stadt gleichen Namens in einer flachen, 
aber fruchtbaren Gegend in die Wolga. Bei ihrer Einmündung 
wendet sich die Wolga, welche von der Ssokmündung an nach S 
floss, nach W und vollendet damit den grossen Bogen, bald darauf 
noch die kleine, ebenfalls vom Obschtschij Ssjrrt kommende Mo- 
tscha aufnehmend. 

Nach der Au&ahme der Kama waren, wie schon oben er- 
wähnt, die vielen, die Wolga kennzeichnenden Sandbänke ver- 
schwunden, aber der Inselbildung hatte sie doch nicht entsagt, und 
ihrer eigenen Grosse entsprechend, werden jetzt auch die durch sie 
gebildeten Inseln grosser als früher, und auch die vielen Satöny 



— 291 

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■hUa TJfc 
irere Döi 
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acb al 



- 297 — 

der SaokoBje gory {Falkenberge) entstandene Insel wird wohl mit 
der Zeit noch ein weiteres abweichen bewirken. 

Während die Wolga darch den Ssamarabogen tlosa, war der 
Unterschied zwischen dem hohen und dem niedrigen Ufer völlig 
geschwunden. Auch Ssamara (L) liegt noch auf erhöhtem Ufer, . 
aber wie die Wolga den Bogen zuröckgelegt hat, tritt der Unter- 
schied zwischen den beiden Ufern sofort wieder zu Tage. Wie 
erfElllt von übennGtigem Bewuasteein ihrer Kraft, beginnt nun die 
Wolga , sich unablässig ein neues Bett zu bahnen , und immer 
häu^ger sieht man mehr oder minder stehende Flussarme, stÄritza 
(alter Fluss) genannt und tiefe Satöny (Uferbuaen). Und da ist 
mit einem mal die alte Wolga wieder, wie wir sie kennen lernten,, 
bevor Oka und Eama ihr das Vorrecht streitig machten — jene 
Wolga, welche durch die bald hier, bald dort auftauchenden Sand- 
bänke zur Qual der Schiffer wird. Viele Inseln, aber auch viele Sand- 
bänke erheben sich Dber die Wasserfläche, die durch den Druck 
der Kama verwischten Eigeatßmlichkeiten der Wolga treten wieder 
deutlich hervor. Unterhalb Ssamara verschwinden auch mit dem 
letzten Ausläufer der Shegalewskije gory die bewaldeten Berge,. 
. welche die Wolga im Ssamarabogen begleiteten, und ein wald- 
loses, 40 bis 50 Meter hohes Ul^r zieht sich zur Rechten hin. 

Etwa 20 Werst oberhalb Ssysran fuhrt die Riesenbrllcke der 
Orenbuiger Bahn über den Strom , eine der grossen Brücken der 
Weit, von deren Höhe gesehen der Strom, namentlich im Frtlh- 
jahr, wie ein weiter See erscheint, einen unheimlichen Eindruck 
hervorrafend , der noch durch die langsame, vorsichtige Fortbe* 
wegung des Eisenbahnznges gesteigert wird. Da die gerade Linie,, 
welche sich hier Über die Wolga zieht, den besten Malsstab zur 
Beorteilung der Riesengrösse derselben bietet , wollen wir ein 
wenig bei derselben verweilen. In KUrze erwähnen wir die ge- 
waltigen Schwierigkeiten, welche bei diesem Bau zu überwinden, 
waren, da nicht blos die Eisenbestandteile der BrUcke, sondern, 
überhaupt alles, was zum Bau nötig war, von weither zugeführt 
werden mnsste , so der Zement, der Granit (aus Finland) zu den 
BrÜckeDpfeilem u. s. w., alles in allem etwa 60 Millionen Kilo^ 



— 299 — 

) eine weite Strecke des hohen Ufers in die Wolga hinab- 
; war. Etwa 70 Häuser wurdeii damals teils ganz zer- 
lils stark beschädigt, und die Spuren des Bei^^sturzes waren 
;r Flfiche von 1 '/i Werst Länge und '/i Werst Breite be- 
r. Chrosse Risse und Spalten durchzogen den Boden, die 
t Wasser füllten, und es vergingen drei Wochen, bevor der 
Mg rutschende und in Bewegung befindliche Hoden sich 
bemhigte. Die Wolga war hier sehr eingeengt gewesen; 
en Druck, den ihre Waseermassea auf das ihr entgegen- 
i rechte Ufer ausgeübt hatten, wurde dasselbe unter- 
1, die Schneewaeser im Frühling durchwühlten gleich&lla 
len, und das lockere Erdreich rutschte eines Tages in den 
linab. 

weit Fedorowka äiesst die Tereschka , welche im Kreise 
isfc unweit des Dorfes Ssuchaja Tereschka entspringt und 

in BüdSatlicher Richtung fliesst, gleich als ob sie bei 
rka einmUnden wollte, durch die Höhen des rechten Wolga- 
ber nach S abgedrängt wird und noch etwa 400 Werst 
geringer Entfernung von der Wolga die gleiche RichtuDg 
er verfolgt, bevor sie unterhalb Jekatermenstadt, wo wir ihr 
j^eguen werden, endlich eine Durchbruchstelle findet Etwas 
es sehen wir auf dem linken Ufer. Dort mündet der 
lan, auch Gi^ra genannt, der im Kreis Nikolajew des 
lements Ssamara entspringt und etwa 120 Werst lang ist. 
ten Teil seiner Laufes verfolgt er dieselbe Richtung wie 
Iga und kommt ihr auf einer Strecke von etwa 90 Werst 
I, dass im Frühjahr seine Wasser mit jenen der Wolga 
enfiiessen. 

ira 30 Werst weiter flussabwärts mündet auf dem linken 
T Kleine Li'gis, der von den nordwestlichen Abhängen des 
chij Ssjrt berabkommt, etwa 150 Werst lang, aber nur 
bjahr zur Zeit des Hochwassers schiffbar ist, und kurz oher- 
'olgsk ninunt die Wolga auf demselben Ufer den Grossen 
of, den grSssten Znfluss, den der Obschtscbij Ssyrt ihr 

Auf seinem vielgewundenen, etwa 300 Werst langen Lauf 



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— 301 — 

Arbeiten und einen Aufwand vonf etwa 8 Millionen Rubel erfordert 
hätte, und dann erwog man die Verlegung des Landungsplatzes 
aus eine 5 Werst südlicher gelegene Stelle , welche mit der Stadt 
durch eine Eisenbahn verbunden werden sollte. Trotz der schweren 
Bedenken der Duma (Stadtvertretung), welche dadurch die Be- 
deutung Ssaratows als Handelsplatz bedroht sah, hat sich die Re- 
^erung schliesslich ftlir den letztem Vorschlag und die Anlage 
eines neuen Landungsplatzes im sogenannten lUnskij saton ent- 
schieden. 

Unterhalb Ssaratow breitet sich die Wolga wieder gewaltig 
aus und erlangt bei Hochwasser eine Breite von 20 Werst. Sie 
nähert sich nun rasch den Steppen ihres Unterlaufes, und der 
Wasserzuwachs von rechts und links wird immer geringer. Die 
Gewässer des rechten Ufers zieht die Medweditza an sich, ein Zu- 
fluss des Don, der im Gouvernement Ssaratow in einer Entfernung 
von 80 bis 90 Werst von der Wolga die gleiche Richtung ver- 
folgt, und das linksseitige Ufer entwässert zum grossen Teil der 
in südöstlicher Richtung in die Steppe fliessende Usen. Die Reihe 
der Wolgazuflüsse beschÜesst auf dem linken Ufer der im Kreis 
Nowo-Usensk entspringende Jerusslan, der nicht schiffbar ist. 
Der Jerusslan (von den Kalmyken Ulustan genannt) fliesst durch 
eine wüste, an Quellen brackigen Wassers reiche Sandgegend in 
flacher Wiesenniederung. Er isi 200 (oder 120) Werst lang, 
1 bis 3 Ellen tief und wird, bis 15 Klafter breit. 

Die Wolga, die von Ssaratow abwärts unablässig viele Neben- 
arme abgezweigt hat, durch welche sie eine Breite von vier und 
mehr Werst erlangt, giebt kurz oberhalb der Mündung des Jeru- 
sslan das Bestreben, bald nach W, bald nach abzubiegen, auf und 
fliesst nun in stetig südwestlicher Richtung als 5 bis 6 Werst 
breiter Strom bis zum Eiiie bei Ssarepta. 

Die bei Kamyschfn mündende Kamyschinka (r.) ist heute nur 
noch ein Bach, aber noch im vorigen Jahrhundert war sie ein 
schiffbares Flüsschen, auf dem die Kasaken auf ihren Raubzügen, 
nachdem sie den Don und die Ilowla hinaufgefahren waren und 
ihre Boote über den Wolok gezogen hatten, in die Wolga ge- 















■-;\i 






— 302 

langten. Ihre jetzige Wasserarmut 
ihrer Ufer, und angesiclite ihrea heut 
Holm, wenn daa Volkalied sie die 
schfnka lekk' (das berühmte Mflt 
nennt. 

Eine Yerbindung der einander h 
Wolga war bereits durch Sultan Seli 
1550 Dewlet Qirei veranlasste, einen 
vom Asowechea Meere durch den E 
dringen zu können. Die Arbeiten zur 
mit der Ilowla begannen etwa 20 "W 
rieten jedoch bald ins stocken. Im • 
Grosse den Gedanken wieder auf u] 
Asows 1697 etwa 400 Meter nnterl 
Kanal graben, aber auch dieser wurd 
nehmen schon 1700 aufgegeben. E 
dankens der Verbindung von Don i 
leicht nicht an dieser Stelle, ist ni( 
fortschreitende Abnahme des Easpi-S 
geführt hat, den Don in den Easpi>£ 

Unterhalb des Städtchens Duboi 
in alter Zeit ein lebhafter Handelsve: 
dem Dongebiet stattfand, raOndet d 
dem Dorf gleichen Kamens, und 26 
Wolga und entsendet nach links den g 
fortan auf einer Strecke von 300 Wi 
und Krassnojarsk in geringer Entfe 
und in gleicher Richtung mit dem; 
zweignng ist die Achtuba etwa so bi 
weiterhin schwankt ihre Breite zwii 
Anfangs seicht, nimmt sie, je weiter s 
zu und ist schiffbar, jedoch nur im 
mit Jenem der Wolga zusammenfliea 
Teiles des Sommers. Während des let 
und auf weiten Strecken mit Wasser 



r-g^' 



— 303 — 

Wir nähern uns nun der Stelle, an welcher der Don seinen 
östlichsten Pus^ erreicht, der Wolga am nächsten kommt und 
ausserdem durch einen grossen Teil des Jahres schifiTbar wird. 
Eine solche Stelle musste zur Niederlassung einladen, umsomehr,. 
da die hier einmündende Z&ritza (r.) eine tiefe, breite Schluchi 
bildet, welche als natürlicher Schutzwall gegen feindliche Einfall» 
Yon S her zu verwenden war. So ist die Stadt Zarizyn entstanden 
und zur Blüte gelangt, und heute noch dient die Zaritzamündung- 
als geräumiger Hafen, in welchem die Schiffe zur Zeit des Hoch- 
wassers einen sichern Ankerplatz finden. Da hier keine Sandbänke 
die Anfahrt verhindern, können die Barken, auch wenn das Hoch- 
wasser ^vorüber ist , dicht am Ufer anlegen und ihre Ladung 
löschen. 

Bei Zarizyn, etwa 17 Kilometer unterhalb der Abzweigung* 
der Achtuba verlässt der Strom plötzlich die südwestliche Richtung, 
welcher er seit dem Ssamarabogen überwiegend gefolgt ist, und biegt 
im rechten Winkel nach SO ab, das berühmte Wolgaknie bildend. 
Durch diesen Bug nach SO, der allen Gewohnheiten der süd- 
russischen Ströme widerspricht, entscheidet sich die Frage, ob die 
Wolga in das asowsche Meer oder in den Easpi-See münden soll, 
zu gunsten des letztern. Sie fliesst nun zunächst eine Strecke 
nach 0, und setzt dann wieder südostwärts ihren Lauf bis Astra- 
chan fort. 

Die Wolga hört nun auf, ein tiefer Strom zu sein, und nimmt 
wieder alle schlechten Eigenschafben an, die sie beim Beginn ihrer 
Schiffbarkeit kennzeichneten. Sofort unterhalb Zarizyn beginnen die 
Untiefen. Die lange Stange, mit welcher ein am Bug des Dampfers 
stehender Matrose die Tiefe des Wassers misst und seine Be- 
obachtungen durch lauten Zuruf dem Steuermann mitteilt, ist 
unablässig in Bewegung, und der Dampfer muss bald nach rechts^ 
bald nach links abbiegen, jenachdem das Fahrwasser dem einen 
oder dem andern Ufer sich nähert. Immer noch zeigt die Wolga das 
Bestreben, ihren Lauf in südwestUcher Richtung fortzusetzen, und 
jedenfalls sind an dieser Stelle im Laufe der Zeit noch bedeutende 
Veränderungen zu erwarten. Die Wolga hat sich, eine grosse Insel 



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— 305. — 



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erweitern sich bisweilen und werden zu breiten Flussarmen, andere 
wiederum versanden an einem Ende und hören auf zu fliessen, 
wodiHrch ein sogenannter Ihnen entsteht, ihr Bett verengert sich 
immer mehr, und schliesslich versperren Sand und Schilf auch das 
andere Ende des Kanals. Im Frühjahr aber verwischen die von 
Norden herabkommenden Wassermassen , welche den Stand der 
Wolga im unterlauf um 5 bis 6 Meter erhöhen, jede Spur dieses 
Netzes, und all die Seitenarme, Kanäle und Ilmens fliessen zu- 
sammen in eine unübersehbare 30 bis 40 Werst breite Wasser- 
fläche. Die Herrlichkeit ist jedoch nicht von langer Dauer, denn 
schon im Juni folgt der gewaltigen Wasserfülle des Mai der 
Wassermangel. Dann gewinnt es den Anschein, als wollte die 
Wolga, bevor der Kaspi-See sie aufnimmt, noch einmal allen jenen 
Launen die Zügel scl^iessen lassen^ durch die sie zwischen Twer 
und Nishnij den Schiffern das Dasein verbittert hat. Der er- 
fahrenste Lotse vermag nicht zu verbürgen, dass er trotz der 
grössten Aufmerksamkeit das Schiff nicht auf eine Sandbank f&hrt 
denn das Hochwasser hat die firOher tiefsten Stellen in Untiefen 
und Sandbänke verwandelt, während über manche Strecke, welche 
früher völlig unbefahrbar war, jetzt die grössten Schiffe anstandslos 
hinweggelangen. Im Zickzack müssen die Schiffe sich zwischen 
den Untiefen und den vielen Inseln hindurchwinden, welche jetzt 
das Flussbett füllen und mit denen die Wolga dasselbe Spiel 
treibt wie mit den Sandbänken. Wenn im Juni ihr Wasser fallt, 
sucht man manche grosse Insel, welche die Wolga durch jahre- 
lange Sandablagerungen gebildet, vergebens: sie ist weggewaschen 
worden, spurlos verschwunden. Nicht besser ergeht es den Ufern, 
namentlich dem linken, von welchem die Wolga ein Stück nach 
dem andern wegreisst. Die Teilung in die vielen Arme, welche 
ihr weites Delta bilden, beginnt. Etwa 134 Werst unterhalb 
Jenotajewsk zweigt sich der Busol ab, der in den Kaspi-See fallt, 
etwa 20 Werst weiter der Boltschuk, der sich bald mit dem Buso 
vereinigt. Bei Astrachan trennt sich von ihr der in neuerer Zeit 
immer breiter werdende Balda-Arm (Baldlnskij rukäw). Das Bett 
des Hauptstromes, die alte Wolga, versandet hier immer mehr. 



Roskosohny, Die Wolga. 



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■welche an ihren Ufern eotstandi 



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— 307 — 

zeigt sie, wie wir oben hervorgehoben (siehe Seite 277), Neigung, 
nach der Wiesenseite abzubiegen und die Stadt buchstäblich „ans 
Trockene zu setzen**, und bei Ssaratow hat sie soviel Sand vor dem 
Landungsplatz aufgehäuft, dass derselbe unbrauchbar wurde und 
flussabwärts verlegt werden musste (siehe Seite 300). Ähnliches 
tritt in Astrachan zu Tage. Noch vor 150 Jahren floss die Wolga 
dicht am Astrachanschen Kreml vorbei. Dann wandte sie sich 
plötzlich von ihm fort und hinterliess vor ihm eine Sandfläche, 
durch welche sich längs der nordwestlichen Kremlmauem der Arm 
Kutumowka schlängelte, der sich etwa 2 Werst unterhalb des 
jetzigen Zollhauses wieder mit dem Hauptstrom vereinigte. In 
den f&nfziger Jahren begann die Kutumowka auszutrocknen, und 
heute ist von ihr nur ein kurzer, schwacher Wasserlauf übrig; 
die Sandbank aber, welche die zurückgetretene Wolga gebildet 
hatte, ist völlig mit dem Ufer zusammengewachsen und bildet jetzt 
einen der belebtesten Teile der Stadt. 

Ein Beweis für die rasch fortschreitende Versandung der 
Wolga bei und unterhalb Astrachan ist auch die Verlegung des 
Hafens der Kaspi-See-Flotte. Peter der Grosse hatte 1722 die 
Stelle am Zusainmenfluss des Kutum mit der Wolga zur Anlage 
eines Hafens bestimmt, aber vier Jahre später wurde er dort au- 
gelegt, wo sich jetzt der Landungsplatz der Dampfer des „Kawkassi 
Merkurij'' befindet, und 1867 wurde Baku zum Standort der Flotte 
bestimmt, weil sogar kleiner^ Kriegsschiffe nicht mehr bis Astra- 
chan gelangen konnten. 

Astrachan ist nach allen Richtungen von Flussarmen und einem 
grossen Kanal durchzogen, und der Hauptarm der Wolga, sowie 
die Balda umspannen die Deltainsel, auf welcher es liegt. Der 
Warwazjew-Kanal wurde 1714 zur Regelung des Stromwassers und 
zum Schutze der Stadt vor den Überschwemmungen, unter denen 
sie damals noch alljährlich viel zu leiden hatte, angelegt, doch 
später wurde er zugeschüttet und trocknete aus. Da man allerlei 
Unrat in ihm ablagerte, wurde der Kanal durch die ihm ent- 
steigenden üblen Ausdünstungen mit der Zeit ein wahrer Seuchen- 
herd. Da erbot sich 1817 der reiche Kaufmann Warwazij , den 

20* 



^t-ir^--.-T—W-TT^ '- — - — -y-— -p .--- .-ip™--»-' ^ ^f^^^f. ^,^.-- -_ ^.-^ ,.-,_. .-^-. i'j-^ . -. .,..-.. _-_,.,, .,,-,.^,, 



— 309 — 

des Urals yertrocknet, so kann dereinst auch die Wolga trotz 
ihrer Riesengrosse und ihrer gewaltigen Wassermenge ein Opfer 
der Austrocknung des Easpi-Sees werden. Die vielen Spaltungen, 
welche das weite Delta bilden, beschleunigen die Versandung. Je 
weiter sie sich von Astrachan entfernt, desto mehr spaltet sie sich; 
ihre Deltaarme erreichen schliesslich, wenn, auch nicht die Ton 
alten Reisenden erwähnte Zahl siebzig, so doch etwa fünfzig. 

Wie grosse Umwälzungen sich im Laufe der Zeit auch hier 
vollzogen haben, zeigt ein Blick in die Berichte der Reisenden, 
welche in den letzten Jahrhunderten das Wolgadelta besucht 
haben. Jenkinson benutzte zur Einfahrt in den Kaspi-See noch 
die östlichste Mündung, das sogenannte Uwarinskoje üstje wel- 
ches schon am Anfang des 18. Jahrhunderts nicht mehr benutzt 
wurde, da damals das Jarkowskoje Ustje als das bequemste und 
sicherste Fahrwasser galt. Am Anfang unseres Jahrhunderts 
bildete die „alte Wolga*' die beste Fahrstrasse, aber nach wenigen 
Jahrzehnten war auch sie so versandet, dass sie an manchen 
Stellen kaum vier Fuss tief war, während nun wieder der Bachtemir, 
der westlichste Arm, das beste Fahrwasser hatte. Heute sind die 
Zeiten unwiderbringlich dahin, in denen grosse Seedampfer bis 
Astrachan hinauffahren konnten. Die auf der Wolga verkehrenden 
Dampfer und Barken finden jetzt in Astrachan die Grenze ihres 
Vordringens nach Süden, und die Frachten werden dort auf 
kleine, flach gehende Fahrzeuge übergeladen, die allein noch im 
stände sind, über die seichten Stellen des Deltas hinwegzukommen 
und den Landungsplatz am See zu erreichen. Überall bereitet der 
Triebsand der Schiffahrt unüberwindlichen Widerstand. Es sind 
jetzt hauptsächlich vier Stellen mit Sandanhäufungen — sogenannte 
Rosl'sypi — welche die Schiffer scheuen: die knjashaja (fürstliche; 
nach einer dem Fürsten Dölgorukij gehörigen Ansiedlung so ge- 
nannt), die Schalinskaja , die RakaschiQskaja und die Jusinskaja. 
Sie bilden eine Art Strand, in dem sich die Wolga schliesslich 
verliert, nachdem sie sich förmlich zersplittert hat. Die Mehrzahl 
der Mündungsarme bildet nur Schilftnündungen. Das Innere des 
Deltas ist mit einer Unmasse Inseln ausgefüllt, von denen viele 



— 311 — 

kann, dass etwas geschehen muss, die vSllige Versandung und 
'Absperrung einer so grossen Wassersiarasse zu verhindern, deren 
Vorhandensein für Millionen von der grössten Wichtigkeit ist 
Etwas muss geschehen, die Fahrbahn frei zu erhalten, und bald 
muss es geschehen — aber ^wcas? An Vorschlägen fehlt es nicht. 
Der zweckentsprechendste dürfte jener sein, einen Kanal nach dem 
etwa 190 Werst süd westwärts gelegenen Landungsplatze Ssere- 
brakowskaja anzulegen, doch die Kosten eines solchen Unter- 
nehmens sind nicht gering. Eile thut trotzdem Not, denn unauf- 
haltsam setzt der Sand sein Vemichtungswerk, das er am Ostufer 
des Kaspi-Sees bereits siegreich durchgeftthrt hat, auch am Nord- 
ufer fort. 

Wir erwähnten bereits oben, welch übersichtliches Bild der 
Aufeinanderfolge der grossen Erdbildungen das Wolgaland bietet. 
Wer dem Strom von den Waldaihöhen bis zum Kaspi-See folgt, 
der findet reichlich Gelegenheit, alle die Umwälzungen zu beob- 
achten, welche sich in der Zeit des Werdens und Entstehens auf 
der Erdoberfläche vollzogen haben, und ihre Spuren zu verfolgen. 
Die Neigung der grossen russischen Ebene von N nach S, welche 
zweifellos schon vorhanden war, als sie noch den Meeresboden 
bildete, hat zur Folge gehabt, dass in derselben Richtung von N 
nach S die einzelnen Formationen von den silurischen Qesteins- 
bildungen bis zu den tertiären einander in der Reihenfolge ihres 
Entstehens folgen, jenachdem das sich nach S zurückziehende 
Wasser das Material zur Bildung derselben abgelagert hatte. Der 
Norden des Wolgagebietes umfasst daher die ältesten Gestein- 
bildungen, während die jüngeren und jüngsten dem Süden ange- 
hören. Als die Waldaihöhen am Ende der devonischen Forma- 
tion aus dem Wasser hervortraten , zeigten sie sich bedeckt mit 
Gebilden derselben; ein weiteres Zurückweichen des Wassers 
brachte im Quellengebiet der Wolga, in ihrem obern und einem 
Teil ihres mittlem Laufes, in den Gouvernements Twer, Moskau, 
Wladimir, Rjasan, Tula, Kaluga und dem östlichen Ssmolensk Ge- 
bilde der Kohlenformation zu Tage, welche in dem grossen Mos- 









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— 312 — 

kauer Kohlenbecken ihren Mittelpunkt finden. Nochmi 
wüchen des Wassers Hess daan gleichzeitig mit A 
tiefer gelegenen Stellen den grossem Teil des rossis 
und Kordostens hervortreten, der sich mit Gebilden di 
Formation, dem Zechstein, dem ,rotien Totliegem 
zeigte. Dieser nun hervorgetretene Teil des russü 
Timfasste die Gouvernements Jarosslawl, Kostromä, 
gorod, Kasan, Wjatka, Wologda, Perm, V(k und Ore 
also ostwärts bis zur Ostfp'enze des Gouvernements T 
bis in die Gegedd von Saimbirsk, aUf welcher Strecke de 
vrir an beiden üfem Gebilden der penuischen Format 
An diese riesige Masse der permischen Formation re 
Erzeugnis abermaligen Zurttckweichens des Waasei 
maliger Ablagerungen die Gebilde der Juraformatioi 
sich sowohl die bisher noch vom Wasser Oberflute 
Stellen inmitten der permischen Formation als anch 
derselben bedeckt zeigten und die dem rechten ^ 
Ssimbirsk bis Ssaratow folgen. An sie reiht sich 
Kreide, der wir von Ssaratow bis Kamyschin auf 
TJfer begegnen. Schliesslich legte das vollständige 2 
des Meereawassera in den Kaspi-See die Gebilde 
Formation bloss, welche wir von Ssimbirsk bis Saar 
rechten, von Ssaratow bis Kamyschin auf dem linke 
schin bis zur Mündung an beiden Wolgaufem vorfii 
ach rechts an die von Ssimbirsk bis Ssaratow z 
formation die Kreide reiht, welche bis Kamyschin 
linke Ufer von Kamyschin bis Ssarepta enthält jKngE 
ältere tertiäre Gebilde, und von dort, ziehen sich die 
die Gouvernements Pensa und Tambow westwärts 
nigow und Minsk. Als dann am Ende der tertie 
Norden her die gewaltige Hochwasserflut sich über I 
wurde auch in das Wolgagebiet eine Menge nordis< 
Granit-, Porphyr-, Gneis- und GrünsteinblÖcke hera 
zugleich mit ihnen jene Unmassen von Sand, Kie 
welche auf weiten Strecken im Wolgabette so hoch 



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— 313 ^ 

man zu dem unter ihnen liegenden Gestein kaum durchzudringen 
vermag. 

Zwischen den geschlossenen Massen der einzebien Formationen 
finden sich, sie gleich Adern durchziehend, an vielen Stellen 
anderen Formationen angehorige Strecken eingestreut» So tritt Jura 
vereinzelt im Gouvernement Eostroma auf, und ein Streifen der- 
seihen lässt sich durch die Gouvernements Moskau, Wladimir, 
Nishnij Nowgorod und längs des Bergufers der Wolga südwärts 
«nd weiterhin auch noch in der Kirgisensteppe Terfolgen, während 
sich von den Waldaihöhen südostwärts ein schmaler Streifen devo- 
nischer Formation bis zum Kreidegebiet von Woronesh hinabzieht. 
Beide Formationen, die devonische sowohl als die Jura, sind jedoch 
nur in sehr geringem Masse an der Oberfläche des Bodens ver- 
treten. 

Spuren der in der Eizseit thätig gewesenen Kräfte begegnen 
wir im Quellengebiet der Wolga, in den Kreisen Ostaschkow und 
Wyschnjewolozk. Man nimmt an, dass damals die ganze Um- 
gebung der Waldaihöhen ein grosses Süsswasserbecken bildete. 
Jahrtausende hindurch lagerten dort die vom Norden herab- 
geschobenen Eisberge in ihren zerfiiessenden Eismassen das mit- 
gefbhrte Gestein und GeroU ab, und von ihnen stammen die riesigen 
erratischen Blocke, meist Granit, doch auch Gneis und Syenit, 
welche an den Ufern des Wolgabaches lagern. Überreste der 
Eiszeit sind femer noch die vielen kleinen Seeen des obem Wolga- 
gebietes mit allen Abstufungen der Austrocknung bis zu dem 
moosbedeckten Sumpfboden zwischen Wolgo Werchowje und dem 
Werchit. 

Das Verbreitungsgebiet der erratischen Blöcke ist jedoch 
nicht auf die Quellen der Wolga beschränkt. Ihre Spuren lassen 
sich längs der Wolgaufer ostwärts bis oberhalb der Einmündung 
der Pjanna verfolgen, an den rechten Zuflüssen der Wolga sogar 
bis zur Wetluga, und von dort zieht sich ihre Grenze an der 
Stadt Kotelnitsch vorbei über die in die Wjatka mündenden Flüsse 
Moloma und Lutka, sowie über die Wjatka selbst zu den Quellen 
derselben imd zu jenen der Kama. Wie weit sich die Grenze der 



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- 314 ~ 

erratischen Blöcke von der PjannamOndi 
kann noch nicht mit voller Geivisaheit e 
Gauvemementä Penaa, Tambow, Ssimbi 
durchforscht sind, doch steht soviel fest 
Schiebebildungen tiber das Gouvernenien 
gends mehr das rechte Wolgaufer err 
nllem Anschein nach ihre Ostgrenze auf 
den Quellen der Mokscha übei: Mokscha 
zur Ssura führt. '■''*') 

Bei der Bemessung der Grenze der 
es grosser Vorsicht, da ihre Verwechslui 
waschenen Felsstücken an Ort und St( 
sehr nahe liegt, welche an der Wolgi 
decken. So sind auch die Ufer der Wo 
mit grossen Blöcken, welche längs derse 
Kette bilden , aber es sind meist Sani 
sämtlich bedeutend kleiner ab die errati 
einmal halb so gross wie die kleinen un 
liegen die grössten erratischen Blöcke, v 
solche von mehr als 1 '/i Meter Höhe f 
der Wolga, nie am Ufer derselben. I 
Odintzi (die Einzelnen), die entweder &h 
Wasser emporragen oder unter demselb 
' dann ihre Gegenwart meist durch das A 
hinweggleitenden Wellen verraten. Unt 
in der Wolga ein solcher Block, welche 
aus dem Wasser emporragt, aber vom E 
1' j Meter hoch ist Sand ist hier wedi 
Ufern desselben vorhanden; nur im ' 
tritt der M'olga in den \\'erchit, findet 
seichten Gewässers zerriebenen Granit 
während weiterhin ausschliesslich Gestei 
bett ftlllt. So wie die Wolga aus d 
herausgetreten ist, werden ihre Ufersch 
den verschiedensten Versteinerungen , 



|üf >^ K ' ii " ■ :, 'i'*^" ^ - 



■ -M- -mtm ■ r- 



— 315 — 

Apiocrimis Roissyanus, Productus giganteus, Productus longispinus, 
Productus semireiiculatus , Productus cora, Spirifer mosquensis, 
Lonsdalia floriformis, Sagminaria calciola, Pecten yaldaicus, Nau- 
tilus, Rhodocrinus yerus, Archaeocidaris rossicus, AUorisina regu- 
laris, Fenest^Ua *^'') u. s. w. Während nun die Wolga nach der 
Aufnahme der wasserreichen Wasusa bedeutend verstärkt wird, 
bleibt ihr Bett und ihr Ufer ziemlich unverändert dasselbe wie 
bisher bis zur Einmündung der Twertza. In früherer Zeit gab es 
auf der Strecke von der Wasusa zur Twertza mitten im Pluss- 
bette Felsblöcke, welche Stromschnellen von nicht geringerer Ge- 
fährlichkeit als jene bei Bensk erzeugten, und auch jetzt* noch 
ziehen sich, trotz der langen und gründlichen Arbeiten zur 
Säuberung des Flussbettes, häufig mitten durch das Fahrwasser 
Felsmassen, Reste ehemaliger Stromschnellen, und auch die Odintzi 
sind noch nicht völlig ausgerottet. Erst bei der Einmündung des 
Flüsschens Tyna erreichen die Stromschnellen ihr Ende, und nur 
die Odintzi sind immer noch zahlreich. Nun stellt sich aber auch 
alsbald der Sand im Flussbett ein. Hier, meint Ragosin, könne 
man eigentlich das Ende des Oberlaufes der Wolga annehmen, da 
sie nun jene Strecke hinter sich hat, auf welcher sie noch ver- 
hältnismässig rasch floss und wenigstens einige der Eigenschafben 
zeigte, welche sonst grosse Ströme in ihrem Oberlauf zu kenn- 
zeichnenpflegen; die gewöhnlich noch zum Oberlauf hinzugerechnete 
Strecke bis zur Mündung der Mologa dagegen bilde gleichsam 
eine Übergangsstufe vom obern bis zum mittlem Lauf Obwohl 
nun die erratischen Blöcke aus dem Flussbett verschwunden sind, 
so sind doch die Ufer immer noch mit gewaltigen öranitblöcken 
besät, und stellenweise ist der vorweltliche Schutt in wahrhaft 
staunenerregenden Massen aufgehäuft. Die Ufer selbst werden 
immer niedriger; bei Rshew hatten sie mit etwa 30 Meter ihre 
grösste Höhe erreicht, jetzt erreichen sie kaum noch 15 bis 20 
Meter, dagegen zeigt sich dieselbe Unbeständigkeit, welche an den 
Uferhöhen vom Bejschlot bis zur Wasusa zu bemerken war, auch 
noch auf der Strecke von der Wasusa bis zur Twertza. Bald ist 
das rechte, bald das linke Ufer erhöht, bald beide flach, vor einem 



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— 316 — 

80 ecbarf au^^prägten Vorherrschen des rechten Ufei 
unterhalb Nisbnjj Nowgorod der Fall ist, noch niri^ends 
Bevor noch die Wolga die Twertza erreicht, finden die C 
Eohlenzeit an der Grenze der Ereiae Staritza und Twei 
und wir nähern una der Permifichen Formation, ohne ä 
der Übei^ang aufi der einen in die andere ein schrofi 
begrenzter ist. Bas Meer, das in der Kohlenzeit diese < 
deckte, hatte eine beträchtliche Tiefe, aber sein Ostrani 
TerbältmemSssig so hoch, dass, nachdem er ausgetrocknet 
der tiefere Meeresbodwi gleich den höheren westlichen 
Zeit der Permischen Formation unbedeckt blieb. Als 
nordischen Hochwasserflnten hereinbrachen, ftUlte sich 
tiefung mit so riesigen Mengen diluvialer Äblagerunget 
Höhenunterschied fast au^eglichen wurde und die am 
Eiszeit oder nach derselben erscheinende Wolga sich 
solche Ablagerungen ihren Weg bahnte. Dieselben bi 
nur die niedrigen, nur stellenweise 20 bis 25 Metei 
bebenden Ufer der Wolga, sondern auch ihr Bett (R^ 
Twer, welches auf erhöhtem rechten Ufer liegt , ist di 
10 Meter Über den gewöhnlichen Wasserstand erhaben, 
äuBsabwarts werden die Ufer stellenweise noch niedrig« 
sie sich dann und wann nodi bis zu 20, ja bis zu 
erheben. 

Von der Twertza zur Mologa sind die Ufer gleich n 
nur zeitweiligen Erbebungen , bald auf der rechten , ba 
lioken Seite, und auch die erratischen Blöcke sind noch 
Menge vorhanden, jedoch solche riesige Felsstilcke, wie 
aufwärts trafen, sind nii^enda mehr zu sehen. Je weiter 
flieset, auf der ganzen Strecke von Twer bis Uglitsch, i 
senkt sich der ehemalige Meeresboden, und die Gebilde d 
zeit weichen in immer grössere Tiefe zurück; diluvial 
rungen fUllen die Bodensenkung, und auf ihnen l^ert 
Sand, Auch hier ist der Boden reich an Versteinere 
wurden in ihm gefunden (nach Ragosin I. 156 u. f.): i 
Tir^tus , Am. Panderianos , Am. bifarcatus , ein dei 






■• i 



— 317 — 

(Trautsch.) ähnlicher Am., Am. Tschefkinii, Am. Lambertd, Belem- 
nitus Panderianns, Belemnites absolutas, Belemnites extensus, Car- 
dium concinnum, Avicula semiradiata, Astarte depressa, Pecten 
nummularis, Pect, annulatus, Pecten soludus, Pect, soludus yar. 
lamellosus (Traut), Turbo Puschianus, Pholas Waldheimii, Area, 
Terebratula (mehrere Arten), Trigonia, Pleurotomaria , Serpula 
tetragona, Pentacrinus, Echinobrissus (Nucleolites) scutatus, Ancella 
mosquensis, Unicardium heteroclitam u. s. w. 

Erst mit dem Eintritt der Oka in das Gouvernement Eostroma 
ändert sich das Aussehen der Ufer. Wir haben schon oben (Seite 
264) erwähnt, dass von hier ab die Hohe der Ufer bedeutend zu- 
ninmit, während die längs des Flusses zerstreuten Felsblöcke der 
Landschaft einen romantischen Anstrich verleihen, doch auch im 
Flusse selbst sieht man noch stellenweise Felsblocke liegen. Nun 
wird aber die bisher eingehaltene Reihenfolge der geologischen 
Formationen plötzlich unterbrochen. Wie sich von den Waldai- 
höhen angefangen an die Gebilde der silurischen Formation jene 
der Devonischen, und an diese jene der Eohlenzeit anschlössen, er- 
wartet man, nun Gebilde der Permischen Formation auftreten zu 
sehen, aber statt dieser tritt unterhalb Mischkin plötzlich die Jura- 
formation auf. Dieselbe lässt sich abwärts bis Kinjeschma und 
Juijewetz verfolgen, tritt aber nicht in zusammenhängender Kette, 
sondern nur hier und da auf, und stets mit diluvialen Ablage- 
rungen bedeckt. Das unerwartete Auftreten der Jura zwischen 
der Kohlen- und Permischen Formation hat die Geologen lange 
Zeit beschäftigt, und die widersprechendsten Ansichten sind laut 
geworden, bevor alle Zweifel und Unklarheiten beseitigt waren. 
Heute wissen wir, dass auf der Strecke von der Mologa bis Kin- 
jeschma zwar hier und da die Juraformation auftritt, dass aber die 
Ufer der Wolga auf dieser ganzen Strecke nicht der Permischen 
Formation, sondern der Trias angehören. Trotzdem ist auch der 
Anschluss der Permischen an die Kohlen-Fo)rmation vorhanden. 
Nachdem bereits Murchison ihr Vorhandensein von Mologa ab- 
wärts nachgewiesen, ist durch Blasius, Piktorskij u. a. festgestellt 
worden, dass sie bereits an der obem Kostroma bei Ssoligalitsch, 



- 318 - 

bern Scbekssna, und sUdlicb v< 
Wladimir in einzelnen Streifen v 
liter Masse durcb den südlicben 
^Tod zur Oka ziebL Man nin 
Andene Meer bei Beginn der Pi 
LF seicht war, dasa sich aber H' 

tiefe Strecken befanden, zu wel 
n durchströmte Land gehörte, 
laher hier die Ablagerungen des ] 
eaboden und wurden nun mit Mei 
n vielleicht sehr beträchtlicher ' 
auftreten der Jura dagegen vor 
der Vermutung, dass das zur Ze 
rmation hervorgetretene Land nai 
re bedeckt wurde. Als Ursache 
I Meeres hat man die um jene 
als bezeichnet Unbezweifelbar 
; Überflutung durch das Meer ; 
über eine viel grössere Fläche e 
1 ein grosser Teil der Jnraforma 
eckt sein kann und ein grosser ' 
zeit vernichtet wurde, wie die ir 
ch vorkommenden Ammoniten ui 
eisen. Angesichts dessen ist ab 
men der Jura zwischen der Kohle 
der Wolga erklärlich. Auf eines 
s Landes weisen schliesslich die 

erratischen Blöcke hin, die hi* 
t bestehen, sondern Diorit, Grünst 
aus dem Gouvernement Olonetz, 
ft vorkommt, herabgeschwemmt 
lildung auf der Strecke von der ^ 
iT Oka ist bereits oben Erwahnui: 
L Nishnij Nowgorod treten die H 
bisher die Oka begleiteten. Daf 



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— 319 — 






rechte Ufer besteht aus Mergel und Sandstein, die an vielen 
Stellen in der Stadt selbst offen zu Tage treten, so z. B. an dem 
Eremlberge, und noch deutlicher in der tiefen Schlucht, welche 
die Oberstadt fast senkrecht zum Okaufer durchschneidet, so- 
wie an dem sogenannten Pochwalinskij Ssjesd, welcher von der 
Oberstadt zum „Nishnij basar** und der Schiflfbrücke führt. Die 
Mächtigkeit der Schichten soll hier nach den Angaben Meilers, 
der sie untersucht hat, nirgends mehr als 120 Meter betragen, wo- 
mit übereinstimmen würde, dass der höchste Punkt des rechten 
Ufers der Oka bei Nishnij Nowgorod 1H5 Meter nicht völlig er- 
reicht. Für den Geologen sind jedoch alle - diese mächtigen 
Schichten stumm. Sie vermögen ihm nichts von den Vorgängen 
zu berichten, denen sie ihr Vorhandensein verdanken, denn bisher 
sind in ihnen nicht die geringsten Spuren tierischen oder pflanz- 
lichen Lebens gefunden worden. So sind denn auch die Ansichten 
über diese Gebilde sehr verschieden und das Urteil über dieselben 
weit davon entfernt, ein klares zu sein. »Von allen Schichten, 
welche in den Gouvernements Kasan und Nishnij Nowgorod das 
rechte Ufer der Wolga bilden, lässt sich mit voller Gewissheit nur 
das Eine behaupten: dass sie nach der Steinkohlenzeit und vor 
der Jura entstanden sind. Nur als wahrscheinlich lässt es sich 
ferner bezeichnen, dass sie nicht am Beginn der Permischen 
Periode abgelagert wurden. Die Wahrscheinlichkeit, bez. Unwahr- 
scheinlichkeit ist schliesslich gleich gross, sowohl inbezug auf ihre 
Zugehörigkeit zur Permischen Formation als wie zur Trias." 

Auf einer langen Strecke bleibt unterhalb Nishnij die Ufer- 
bildung dieselbe. Wir stossen nicht auf die geringsten paläon- 
thologischen Spuren, welche uns einen Anhalt zur Bestimmung 
des Alters der Mergel- und Sandsteinschichten bieten könnten — 
wenigstens sind solche bis jetzt noch nicht gefunden worden. Die 
Forschung wird hier übrigens sehr erschwert durch den dichten 
Wald, der die Ufer bedeckt, und in dem der nackte Boden fast 
nirgends offen zu Tage tritt. Erst bei Sswijashsk tritt eine 
Änderung ein. Der Berg, auf dem die Stadt erbaut ist, gehört zu 
den beachtenswertesten geologischen Erscheinungen an der Wolga. 



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ihjalir, wenn die Wolga ausgetreten ist, scheint c 
m Wellen umflatete Stadt Sswijashsk auf dem W 
men. Wenn dann die Wolga und Sswijaga sich » 
itten zurückgezogen haben, bemerkt man iq der Ebe 
id westlich von der Stadt eine. Menge kleiner Sei 
, welche nach dem Hochwasser znrRcl^blieben sind, 
:b, wo die Sswijaga fliesst, am rechten Ufer derselbe 
jen nicht zu bemerken sind. Dies sind Spuren d 

der Sswijaga, welche einst viel westlicher in die 
:e und allmählich von dieser (gleich der Ssura) zi 
m Ausweichen nach rechts gezwungen wurde. D& 
h die Inseln gebildet, welche jetzt hier das Bett de 

sie alle sind durch allmähliche Sandablt^eruDg 
1, Völlig verschieden ist dagegen die Entstehung 
e, auf welcher die Stadt Sswijashsk liegt. Der i 
ich dieser Inselberg durch Abl^erungen des Flua 
id, erscheint schon bei einem flüchtigen Blick auf d 
lig ausgeschlossen. An ihm ist aber auch keine S 
md- nnd Schlammablagerungen zu entdecken, df 
inseln ihre Entstehung verdanken, sondern er besti 
; aas Kalkstein und war zur Zeit, als die Wolga si 
ron ihm zurückgezogen hatte und er eine Insel i 
, die einzige Wolgainsel, welche aus Muttergestein u 
QBchwemmungen bestand. In diesem Kalksteinfeli 
ie Stadt erbaut ist, stossen wir nun wieder auf Y 
: CUdophorus Pallasi, Gervillia ceratophaga, in den 
:en Productus cancrini, Avicula speluncaria u. s. 
h der Permifichen Formation angehören. Unterha 
ist das Ufer wieder mit Wald bedeckt und noch n 
l durchforscht, und erst vor Markwaschi finden w 
ieder zahlreiche Versteinerungen im Kalkstein: Si 
ia, Spirigera, Spirifer cristatus, in tieferen Schichte 

Pallasi , Turbo , Terebratula elongata , Avicula spt 
tus cancrini u. s. w. 
HS linke Ufer, das Wiesenufer, ist auf der ganzen 









— 321 — 

von Nishnij abwärts flach und niedrig und bildet das Überschwem- 
mungsgebiet der Wolga. Gleich den Inseln, die im Strom liegen, 
besteht das linke Ufer aus Sand und Lehm, die entweder vermischt 
vorkommen oder schichtenweise übereinander liegen. Allem An- 
schein nach verdankt dieses niedrige Ufer sein Entstehen der 
Wolga, welche einst viel östlicher floss als heute, aber ebenso 
wie es jetzt noch geschieht Sandinseln bildete, die allmählich mit 
dem linken Ufer zusammenwuchsen und sie nach rechts abdrängten. 
Wo sich das ehemalige linke Ufer befand, lässt sich noch an 
manchen Stellen von der Wolga aus genau wahrnehmen. Aus- 
nahmslos flach ist nämlich das linke Ufer nicht, es nähern sich 
ihm sowohl oberhalb als unterhalb Kasan Höhenzüge. Dicht ober- 
halb Kasan sind die Ausläufer der Sserwenije uwaly kaum eine 
halbe Werst vom Ufer entfernt, und unterhalb Kasan zieht sich 
auf einer Strecke von etwa 20 Werst ein Höhenzug hin, der etwa 
150 Fus3 hoch sein soll und mit Bestimmtheit als das ehemalige 
linke Ufer der Wolga bezeichnet wird. Schliesslich erstreckt sich 
der Höhenzug des rechten Ufers der Kama, letztere verlassend und 
sich westwärts wendend, bis zur Wolga, wo gegenüber dem Dorfe 
Antono wka das linke Ufer so bedeutend sich erhöh fc, dass es nicht 
viel niedriger zu sein scheint als das rechte. Ausser an diesen 
drei Stellen ist hinter dem flachen Uferrand nirgends eine bc' 
deutende Höhe zu bemerken, doch scheint der Boden auf der 
ganzen Strecke in der Richtung nach N sich zu erheben. Das 
Hinterland des Uferrandes und namentlich die an der W^olga von 
links herantretenden Höhenzüge sind leider geologisch noch viel 
zu wenig erforscht, als dass sich über sie ein bestimmtes Urteil 
fällen liesse, doch lässt sich annehmen, dass auch sie, wie das 
rechte Wolgaufer, der Permischen Formatiop angehören, welche 
ja überdies auch auf dem rechten Ufer der Kama vorhanden ist. 
Je mehr man sich der Kama nähert, desto häufiger kommen 
auf dem rechten Ufer Höhlen vor, welche dann später unterhalb 
der Kamamündung besonders zahlreich, sowie durch ihre Grösse 
bemerkenswert werden. Etwa fünf Werst unterhalb des Dorfes 
Antonowka befinden sich die sog. Antonowskije peschtschery 

Roskoschuy, Die Wolga. 21 









A 



4 



— 322 — 

EH von Antonowka). Vom Dampfer ai 
ar, da Gebüsche den weiten Eingang 
iemlicb hohen und steilen Ealksteinfel 
;er dicke, 20 bis 25 Meter hohe und i 
ist, ist ein wenig abwärts gerutscht 
I gelehnt stehen gehlieben , wodurch 
Vbsturz ist wahrscheinlich durch IJnt 
!D worden, durch welche noch ein zier 
BD wurde, welcher von der Höhle, all 
ht Ein zweiter, ähnlicher Gang soll » 

das Hochwasser verschüttet worden si 
Veiter abwärts, beim Dorfe Kirebkoje 
r Wolga sich erhebt, befinden sich nc 
hie (ledjanaja) und die Wasaerhöhle 
acht Meter vom Ufer entfernt befinde 
i, durch welche man in einen weiten 
Jenschenhand geglätteten Wänden gl 

sich eine zweite Höhle mit in gleic] 
en, aber den Boden derselben bilde 
it die sogenannte Eishöhle. Die Wasi 
on dieser blos dadurch , dass das ihr 
^T, welches gleichzeitig mit der Wolga 
ge&iert. In demselben Felsen befinc 
n , die jedoch im Laufe der Zeit , da 

benützt wird, verschüttet worden sind 
grössere Höhleu trifft man etwa 20 1 
Dorfe Tenischewo. Durch eine einen 
ag tritt man in eine H&hle, deren '' 
nässig geglättet sind, dass man glaubt 

aus dem Felsen ausgehauenen Gemach, 
man in eine zweite von quadratischer Q 
nenn Meter hoch ist und deren Bo 
s mündet ein durch Gestein fast versp 
eter lang sein soll, und ein zweiter ah 
leter Länge geschätzt. Die Höhlen zi 



— 323 — 

lieh noch tief in den Felsen hinein, sind jedoch nicht weiter er- 
forscht, da der Gang bald so niedrig werden soll, dass man nur ge- 
bückt vordringen kann, und überdies in dem einen derselben die 
mitgenommenen Kerzen erlöschen. Schwefel- und Naphthaquellen 
rieseln von den Felswänden herab, und in der Nähe, beim Dorfe 
Ssukejew, hat ein Schweizer Art die Schwefelquellen zur Anlage 
einer Heilanstalt benutzt. 

Unterhalb der Eamamündung haben wir bereits die Grenze 
der Permischen Formation an der Wolga überschritten, und die 
Mergelschichten sind dem Jurakalk gewichen, aus welchem die 
nun dem rechten Ufer folgenden Höhenzüge, die Schtschutschischen, 
Undarischen und Gorodischtscheschen Herge bestehen. Hinter der 
Kreisstadt Tetjuschi erreichen diese Berge ihre grösste Höhe im 
Gouvernement Kasan. Die Stadt selbst liegt auf einer etwa 150 
Meter hohen, durch zwei tiefe Schluchten zerrissenen Anhöhe. 
Das Ufer ist anfangs mit Wald bedeckt, mit Fichten und Kiefern, 
auch Eichen, bei Ssimbirsk aber, welches hoch über dem Flusse, 
auf dem über 130 Meter sich erhebenden Berge Wjenez (Kranz) 
liegt, ziehen sich Obstgärten den Abhang empor bis zum GKpfel. 

Unterhalb Nowodjewitsche wendet sich der Höhenzug, der 
von der Mündung der Kama angefangen sich nach SW zog, dann 
oberhalb Ssimbirsk nach S abbog und allmählich in eine südöst- 
liche Richtung überging, bei Ssengilei wieder sich nach S wandte, 
abermals nach SO, bei Stawröpol aber nach 0, wodurch die Wolga 
gezwungen wird, den Bogen von Ssamara zu beschreiben. Er folgt 
der östüchen Richtung etwa 60 Werst weit, biegt dann nach S 
ab und zieht sich von Ssamara angefangen nach W bis Ssysran. 
Der etwa 150 Werst lange Bogen zwischen Shegulej und dem 
Dorfe Perewalowka ist die Ssamarskaja luka, die Sehne des Bogens 
etwa 15 Werst lang. Das Volk nennt die Berge an der Ssamars- 
kaja luka kurzweg Shegulej, ein Name, der noch an die Blütezeit 
des Räuberunwesens an der Wolga erinnert. Man erzählt, dass 
die Räuber hier ihre Gefangenen, um sie zur Auslieferung ihrer 
verborgenen Schätze zu zwingen, mit angezündeten Besen zu hauen 
pflegten (shetsch na wenikach), wovon der Name Shegulej stammen 

21* 



— 324 ~ 

soll. Das Dorf Ussolje, bei dem sich 
hundert in Betrieb gewesenes Salzbei 
den Beginn der Höhenzüge des Bogens 
sich der Karauhiij bugor, ein 200 Mete 
die ersten Ansiedler zum Schutz gegei 
noch hansenden Nogaischen Tataren 
hatten, und von dem aus mau die Oe^ 
kreis übersehen kann. Hier beginnen 
und hinter ihnen die Nowodjewitechi. 
ziehen sich nahezu 80 Werst das Ufi 
mit Waljd und Gebüschen bedeckt, i 
hinziehenden Höhenzug ragen seltsam | 
und Türmen gekrönten Bui^i^trümmern 
Meter hoch empor. Gegenüber Stawro] 
der Molodjezkij kamen (JUngliugsstein), 
Shegulewskaja trubä (Röhre), von den 
trennt; dann folgen mehrere einzeln s' 
der Djewitschij kurgan und die zwei 1 
sind, bis zum Morkwaschinekij Bujeräl 
und rechts von letzterem steigt die Ly; 
empor, welche 250 Meter hoch sein i 
bewaldet, und neben dem Nadelholz ti 
~"^en Schhichten uralte Eichen und Li 
Weiden. Eine Spur von Leben ist nirj 
eine Mensch enwohnung sichtbar. Na( 
Bugor vorbeigefahren ist , verengert si 
oder richtiger gesagt: die Wolga trii 
Die Berge setzen plötzlich auf das linl 
mal fliesst die Wolga zwischen zwei 1 
enge Durchgang heisst das Thor von f 
auf dem rechten Ufer durch die Sser 
etwa 200 Meter hoch ist, während si 
Ausläufer der das Flüsschen Ssok heg 
die sogenannten Ssok ol-( Falken-) Berge 
fahrt Saamara in Sicht kommt, weiche 



■•^'— V 



- 325 — 

vom rechten Wolgaufer zurück und wenden sich nach SW. Dieser 
neue, vom Pluss zurücktretende Höhenzug führt den Namen Sche- 
lechmetskije gory und findet seinen Abschluss bei dem Dorfe 
Winnowka, etwa 25 Werst unterhalb Ssamara. Beim Dorfe 
Petscherskoje beginnt abermals ein neuer Höhenzug, der nach 
diesem benannt ist, die Petscherskije gory, die sich bis zum Dorfe 
Kostitschi erstrecken. Bald darauf wendet sich die Wolga — 
und mit ihr die Höhen des rechten Ufers — nach Süden und beide 
beenden oberhalb Ssimbirsk den grossen Bogen. 

Die ganze Strecke, die wir von Ssengilei abwärts zurückgelegt 
haben, gehört zu den bemerkenswertesten des ganzen Wolgalaufes. 
Nicht nur, c^ass die Wolga hier alles aufzubieten seheint,- um mit 
anderen grossen Strömen sowohl an Wassermenge, als auch in 
der Schönheit ihrer Ufer zu . wetteifern , deren romantisches Aus- 
sehen allerdings grell gegen die bisherige Einförmigkeit derselben 
absticht — nicht nur, dass hier wirkliche Felsen und nicht mehr 
die hochgeschichteten Mergelablagerungen das Ufer umsäumen — 
auch das Innere der Berge enthält gar manches, was man bisher 
im ganzen Wolgalauf vergebens gesucht hat, denn es birgt reiche 
mineralische Schätze, deren Ausbeutung viele Tausende fleissiger 
Hände beschäftigt und dem regen Verkehr auf dem Flusse neues 
Leben zuführt. Die Petscherskije gory enthalten Unmassen Asphalt, 
dessen schwarze Schichten stellenweise grell von den sie ein- 
schliessenden weissen Kalksteinschichten abstechen. Die Gesamt- 
masse des in den Petscherskije gory vorhandenen Asphalts wird 
auf 280 Millionen Kilogramm geschätzt, wovon bisher etwa 32 
Millionen sich unter bergmännischem Betrieb befinden. Nach den 
Asphaltlagem der Abruzzen sind dies die reichhaltigsten von ganz 
Europa. Die Wolga unterwäscht bei ihrem jährlichen Austreten 
den Fuss der Höhen und erleichtert dadurch die Gewinnung des 
Asphalts. Die erste Asphaltschicht liegt durchschnittlich etwa 
einen Meter tief, die Höhe der zweiten Schicht erreicht die Wolga 
beim Frühjahrshochwasser. Die unteren Lagen sind jedoch weniger 
harzreich als die oberen; letztere enthalten etwa 29 ^/o, erstere 12 
bis 18 ^/o Bergharz. Die Asphaltgewinnung in Ssysran nimmt jetzt 






— 327 — 

Sswijaga getrennt, die Kreide, die sich von Sswijaga südostwärts 
zur Wolga zieht, den schmalen Jurastreifen an der Wolga im Kreise 
Ssengilei in weitem Bogen bis zum Dorfe Klimowka umspannend. 
Jenseits der Sswijaga setzt sich die Kreide durch den nördlichen 
Teil des Kreises Ssengilei und durch die Kreise Ssimbirsk, Karsun 
und Ardatow in das Ssuragebiet hinein fort, und tritt ausserdem 
noch im südlichen Teil des Kreises Ssysran auf, im Anschluss an 
den dort bogenförmig von der Wolga sich nach W ziehenden 
schmalen Jurastreifen, von wo sie sich südwärts in das Gouver- 
nement Ssaratow hinein erstreckt. Die untere Formation, welche 
etwa dem Neokom Frankreichs entspricht, ist ziemlich arm an 
Versteinerungen, von denen Ancyloceras ssimbirskiensis , Hamites 
Eichwaldii und Ammonites Consobrinus vorkommen, wogegen die 
obere oder eigentliche Kreideformation Versteinerungen in Menge 
enthält: Belemnitella mucronata, Terebratula Cornea, Crania pari- 
siensis, Pecten versicostatus , Plagiostoma semisulcata, Inoceramus 
Cuvieri u. a. In grösserer Ausdehnung als bisher tritt unterhalb 
Klimowka an der Wolga die Pliozänformation auf. Weiter auf- 
wärts bildet sie im Flussthal der Sswijaga einen schmalen Ein- 
schnitt in die älteren Formationen, unterhalb Ssimbirsk zwischen 
der Kreide, oberhalb zwischen der Jura. Am bedeutendsten finden 
wir sie längs der Ssura, in den Kreisen Karsun, Alatyr und Kur- 
mysch, ausserdem noch am Barysch und an der Ussa. Die Pliozän- 
ablagerungen nehmen überall die Niederungen ein, durch welche 
die Flüsse sich einen Weg gebahnt haben, die sie an den Ufern 
mit neuen Ablagerungen bedecken. In ihnen wurden gefunden 
Equus Adamicus, Rhinoceros tichorhynus, Elephas mamonteus, 
Cervus megaceros u. s. w. An der obem Ussa und Sswijaga 
stossen wir auf Eozän, welches einen grossen Teil der Kreise Ssy- 
sran und Ssengilei, sowie Teile der Kreise Ssimbirsk und Karsun 
einnimmt, an die Wolga selbst aber nicht herantritt. Die Eozän- 
ablagerungen erreichen bis 400 Fuss Tiefe und bilden längs der* 
Insha und des Barysch (Zufluss der Ssura) ziemlich hohe Berge. 
In den unteren Schichten, welche den Übergang zur Kreide bilden, 
und in den mittleren enthalten sie ausser versteinertem Holz zahl- 



— 328 — 

reiche Versteinerungen: Nucula compacta, Goldf. PI 
tifer, Eichw. Pectunculua pulvinatus u. s. w. , wäh 
den oberen Scliicbten nicbt vorzukommen scbeinen. 
Mitten vwisclien dem Pliozän unterhalb Klimow 
die Kohle auf, und jenseits der MUndung der Uss( 
Wolga durch den ganzen Ssamarabogen und zieht 
schmalen Streifen bis in die Nahe von Ssyarau, wäl 
rechten Ufer der Ussamllndung zum Dorfe Batraki f 
ihre Westgrenze bezeichnet Zu Ta^e tretende K( 
weisen zunächst die Ussaberge (Ussinskije gory) au 
Kalkstein Unmassen Versteinerungen vorkommen, Ort 
Sjringopora paralella und insbesondere Fuaulina c; 
welcher der Kalkstein häufig völlig durchsetzt ist. 
reichen die Ablagerungen der Koblenformation eine 
bis 600 Meter, und ihre grösste Höhe in den 1 
Bergen. Die Kohlenformation folgt nun uumittelba 
ufelr bis etwa vier Werst oberhalb des Dorfes Podg' 
sie sich in den Ssamarabogen hineinzieht und er 
nannten Gluchoj saton die Wolga wieder erreich 
ganzen Strecke bis Sajsran lagert unter einer Sam 
schiebt Kalkstein, welcher bei Batraki mit Ablagen 
bedeckt, von Kalkspath-Adem durchzogen und mit V 
— Cidarites rosEQCus, Turbinolia Fisch. — gefüllt ist 
Höhlungen, weche auf einer langen Strecke in dem 
handen sind, kann man hier, obwohl ihre Offaung( 
zugekehrt sind , doch nicht als ein Werk des letzt 
und nicht annehmen, dass sie durch die Frühjahrshi 
gewaschen wurden; ihre unregelmässigen Wölbui 
Bruche der Schichten weisen vielmehr auf ein Ei 
die Einwirkung aufsteigender Gase hin. Abgesehen 
der anter dem Kohlenkalk lagernden Steinkohle, auf dt 
wir noch weiter unten zurückkommen werden, kom 
sächlich die Schwefelsaiure in Betracht, welche bein 
des kalkhaltigen Gesteins durch die Verbindung i 
den Gyps schuf, in dessen Spalten und Hohlräumen 



— 329 — 

ansetzte. In dem oben erwähnten^ zu Peter» des Grossen Zeit in 
Betrieb gewesenen Schwefelbergwerk beim Dorfe Podgornoje findet 
man noch zahlreiche Beweise für die Annahme einer solchen Ent- 
stehung der Höhlungen im Kalkstein, da dort viele Höhlen und 
Risse vorhanden sind, deren Wände eine Gypsschicht überzieht,* auf 
welcher sich Schwefel abgesetzt hat. Die gleiche Erscheinung 
bemerken wir an den hier vorhandenen Versteinerungen, welche in 
Gyps verwandelt und mit einer pulverartigen Schwefelschicht über- 
zogen sind. Ausser den Einwirkungen der Schwefelsäure sind aber 
in den Höhlungen auch noch jene der Gase zu bemerkeu, welche 
der unter der Kalkschicht liegenden Steinkohle entströmten. 
Viele Spalten und Höhlungen sind sowohl mit zerriebenem Gyps 
als auch mit Kohlenpulver gefüllt. Prof. Wagner weist darauf 
hin, wie man in vielen nicht völlig ausgefüllten Höhlungen deut- 
lich beobachten könne, wie die emporsteigenden Kohlengase in 
flüssigem Zustand an den Wänden niedergingen und die Flüssig- 
keit sich auf dem Boden ansammelte und dann allmählich durch 
Sublimation der Asphalt entstand, der beim Dorfe Kostitschi in 
grossen Massen auftritt. Der Asphalt enthaltende Kalkstein er- 
reicht dort eine Dicke von sechs und mehr Meter, und auf einer 
Strecke von fünf Werst Wolga aufwärts von Kostitschi nehmen 
die Asphaltlager sowohl an Zahl als an Mächtigkeit ständig zu. 
Der ganze , ziemlich schmale Streifen , den sie bilden , ist etwa 
1 i) Kilometer lang, Zum grössern Teil sind die Lager von Wojei- 
kow, ihrem Entdecker, von der Krone in Pacht genommen worden. 

Das um Ssamara sich ausbreitende Gebiet und die Ufergegend 
des gleichnamigen Flusses ist erhabener flacher Steppenboden. 
Sowie das Ende des Bogens erreicht ist, tritt jedoch sofort der 
Gegensatz zwischen dem hohen und dem flachen Ufer auf 

Am Ende der Höhenzüge des Ssamarabogens folgt bis zur 
Mündung des Flüsschens Ssysran das von der Ussa sich herüber- 
ziehende Pliozän, weiter abwärts auch noch zwischen der Wolga 
und dem parallel mit dem Ssysran laufenden, schon oben er- 
wähnten schmalen Jurastreifen, an den sich südlich die Kreide an- 
schliesst, die sich dann weiter in das Gouvernement Ssaratow 



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— 331 — 

Ssaratow und Kamyschin (51 ^ n. Br.), überschreiten sie die Wolga, 
worauf sie von Kamyschin abwäria noch 25 Meilen den Ufern in 
südlicher, bezw. südwestlicher Richtung folgen. 

Das Land an beiden Ufern der Wolga in den Gouvernements 
Ssaratow und Ssamara gehört zu den fruchtbarsten, von der Natur 
gesegnetsten Landstrichen Busslands, denn es liegt noch innerhalb 
der Grenzlinie der sogenannten Schwarzerde (tschemosem). Der 
Boden ist so z.eugungsfahig, dass er trotz des in vielen Gegenden 
betriebenen Raubbaues, bei welchem häufig 25 bis 30 Jahre lang 
immer und immer wieder Weizen angebaut wurde, doch nicht 
erschöpft worden ist und immer noch überreiche Ernten lieferte. 

Bei Ssaratow beginnt das sogenannte Nisowje, die Wolga- 
niederung, und während die Wolga bis zu einer Breite von vier 
Werst anschwillt, gewinnt das rechte Ufer trotz seiner kahlen Ode 
ein romantisches Aussehen. In langer Reihe folgen dem Flusse 
steil zu ihm abfallende, durch tiefe Schluchten von einander ge- 
schiedene kahle Felsen, deren Aussehen stets dasselbe bleibt und 
von denen fast ein jeder seinen besondern Namen hat, der meist mit 
irgend einem Ereignis aus den Tagen des Räuberunwesens in der 
Wolganiederung zusammenhängt. Die bedeutendsten sind: der 
Bugor (Hügel) Stenka Rasins, etwa 12 Werst unterhalb des 
- Dampferlandungsplatzes Bannowka, eine mehr als 120 Meter hohe 
langgestreckte Felsmasse, welche tiefe Schluchten von dien benach- 
barten Felsen trennen; etwa 120 Werst oberhalb Kamyschin un- 
weit der Ansiedlung Dobrinka die Urakowa gora, nach einem 
Räuberhäuptling namens Urakow benannt. 

Südlich von Zarizyn tritt der Höhenzug von der Wolga zurück 
und zieht sich südwärts noch etwa 40 Meilen in die Steppe, wo 
die Kalmyken ihn Ergena nennen (siehe Seite 304). Der Unter- 
schied zwischen . dem Steil- und Wiesenufer bleibt für die Wolga 
aber trotzdem bestehen. Das aus Flötzmassen bestehende Steppen- 
ufer zur Rechten ist höher als das linke; oberhalb Tschernij Jar, 
wo es aus grauem Thonschiefer besteht, bildet es- gegen den Fluss 
hin steile Wände, welche sich bei Tschernij Jar zu einem 6 bis 8 
Klafter hohen Steilufer aus Sandstein und Kalk erheben, während 






>:. 



— 332 — 

landeinwärts Thonboden sich ausbreitet. ÄlbnäUicli g 
der Thonboden in eine Salzwilste Über, welfche mit 
Salzseeen und Pfützen bedeckt ist, deutlich den ehemalig 
boden erkennen lassend.'^*) Während sieh die Steppt 
Jenotajewak immer mehr gegen das Meer hin senkt, 
der Boden immer sandiger und die Fhigsandhügel, zwi» 
sich eine weisse Salzrinde ausbreitet, werden zahlreichi 
in der SalzwQste treffen wir nun noch zwischen Tscher 
Jenotajewsk landeinwärts auf dem linken Ufer die leti 
an der Wolga. Unweit des Baskuntschak-Seees erheb 
165 Meter hohe Berg Bogdo, aus zwei Bei^piicken bestet 
einer nach SW, der andere nach W sich äeht, nach d 
seit« hin steil abfallend, während sie nach innen alln 
Steppe sich senken und in derselben verlaufen."*) 

Der Rucken des Berges ist so geformt, dass man mit ein 
dungskraft in demselben ein riesiges ruhendes UngetUm erki 
dessen Kopf dem See zugekehrt ist, während der Körpe 
drei Werst weit in die Steppe hinein ausstreckt Die 
des Berges ist bedeckt mit Versteinerungen von Seetieri 
hang sind durch Erdrutsche die rotgestreiften Thoulagen 
und wenn man dem südwestlichen BergrUcken folgt, g< 
zu etwa 30 Meter hohen, steil abfallenden Sandsteinfelse 
sich eine Menge, wohl vom Wasser ausgewaschene 
befinden. Der ganze Berg soll am Fasse 20 Werst i 
messen. Südöstlich von ihm, etwa 80 Werst entfernt, 
in der nur hier und da durch Flugsandhügel unterbroc! 
förmigkeit der Steppenlandschaft der Salzberg Tschi 
oder vielmehr eine Gruppe von Hügeln, deren höcb 
20 Meter erreicht. In den Dolomiten, welche den süd 
des Berges bilden , sind durch Prof. Barbot de Marny 
Tungen entdeckt worden, auf Grund welcher er den E 
permisch erklärt Auch das Steinsalz, welches im Han 
Dolomits lagert bezeichnet er als wahrscheinlich zum 
System gehörig. 



IV. 
Klima 



In einem so riesigen Gebiet, wie das von der Wolga durch- 
strömte, muss es selbstverständlich bedeutende Unterschiede 
zwischen dem Klima der nördlichsten und der südlichstea Oegen- 
den geben, doch gleich von vornherein müssen wir die immer noch 
viel verbreitete Ansiebt, dass das Klima fortschreitenden Ände- 
rungen ausgesetzt sei, als eine irrige bezeichnen. Unsere Nach- 
richten ftber das Klima Rusalands reichen weit ins römische und 
griechische Altertum zurück, und hauptsächlich auf diese ältesten 
Nachrichten berufen sich jene, welche eine Änderung des Klimas 
Kusslands im Lauf der Jahrhunderte behaupten. Herodot und Ovid 
sind die Hauptstützen dieser Anschauung, aber beide erweisen sich 
bei genauerer Prüfung als sehr schwache Stützen. Herodot be- 
richtet, dass in Skythien im Sommer viel Regen falle und dass Ge- 
witter sehr häufig seien, während Winterregen dort viel seltener 
vorkommen ab an den Mittelmeerküsten , aber wir dürfen nicht 
ausser Acht lassen, dass Herodot in seiner griechischen Heimat an 
regenlose Sommer gewöhnt war, und dass ihm daher die Sommer- 
regen in Skythien anfallend erscheinen mussten, während wir wohl 
kaum in ihnen etwas AbsonderUches, von den heutigen Zuständen 
Abweichendes gesehen hätten. Ebensowenig lässt sich aus Ovids 
Klagen Qher das rauhe Klima an der Donau der Schluss ziehen, 
dass das Klima Südrusslands jetzt viel milder sei als zu seiner 



— 335 — 

35,6^, das Minimum im Januar — 22,7 o, in Eostroma stehen 
28,2 ö im August' - 30'' im Januar gegenüber. 

Wenn wir die mittlere Jahrestemperatur in den Gouvernements 
Twer, Jarosslawl, Kostroma und Nishnij Nowgorod vergleichen, 
bemerken wir in derselben eine auffällige, bald steigende, bald 
fallende Bewegung. Die mittlere Jahrestemperatur von Twer be- 
trägt 4, 0<^, jene von Jarosslawl 2, SS**, von Eostroma 2, 54<*; in 
Nishnij Nowgorod hebt sie sich wieder auf 3, 2 \ doch nur, um im 
weitem Lauf des Stromes sofort wieder zu fallen und in Kossmo- 
demjansk auf 3^, in Easan bis 2, 7^ zurückzugehen. 

Der Vergleich der Maxima und Minima der Lufttemperatur 
dagegen zeigt uns, dass die Monate Mai bis September auf der 
ganzen Strecke von Twer bis Easan ausnahmslos warme Monate 
sind und dass nur in Twer die Winterkälte sich bisweilen auch 
schon im September fühlbar zu machen beginnt. Wie der Oktober 
mit seinen teils warmen, teils kalten Tagen den Übergang zum 
Winter bildet, so stellt der April den Übergang zur warmem 
Jahreszeit dar, mit den letzten kalten Nachwehen des Winters, 
worauf im Mai auf der ganzen Linie das rasche Steigen der Tem- 
peratur beginnt. November, Dezember, Januar, Febmar und März 
sind dagegen ausschliesslich kalte Monate auf der Strecke zwischen 
Nishnij und Easan; sowohl weiter äussabwärts bis Astrachan, als 
aufwärts bis Twer treffen wir in diesen Wintermonaten mehr oder 
minder warme Tage, sogar im Januar, dem kältesten Monat, im 
Maximum in Astrachan 4, in Stawropol und Twer 8® und nur 
in Ssamara ist auch noch der Januar den ausschliesslich kalten 
Monaten zuzuzählen. 

Im obem Eamagebiet, im Gouvernement Perm, ist die mittlere 
Jahrestemperatur in sechs Monaten, von Oktober bis einschliess- 
lich März, niedriger als Null, in den übrigen sechs Monaten steigt 
sie über Null. Die höchste mittlere Jahrestemperatur beträgt 
+ 29, 2®, die niedrigste — 33, 9®, so dass der unterschied zwischen 
der höchsten und der niedrigsten Temperatur mehr als 63® be- 
trägt. 

Bemerkenswert sind femer die schroffen Temperaturwechsel 



r^ 



— 337 — 

freite Wolgawasser sehr kalt sei und zur Abkühlung der Luft bei- 
trage, doch alles dies kann, genau betrachtet, nicht als Ursache 
eines so bedeutenden Sinkens der Temperatur angenommen werden, 
wie es hier beobachtet wird. Oanz abgesehen davon, dass das 
Eis der Wolga im Verhältnis zu den gewaltigen Schneemassen, 
welche Russlend bedecken und im Frühjahr auftauen, so ver- 
schwindend gering ist, dass sein Einfiuss auf die Temperatur im 
Vergleich mit jenem der Schneemassen nur ein sehr geringer sein 
kann, fällt ja doch der Eisgang in diesem Teil der Wolga in den 
Monat April, und nicht in den Mai. Hätte das Auftauen der 
Wolga wirklich den ihm zugeschriebenen Einfluss auf die Tempe- 
ratur,* so könnte es denselben doch offenbar nur im April äussern, 
nicht aber erst in der Mitte des folgenden Monats, nachdem die 
erste Hälfte desselben bereits eine Reihe warmer Tage aufgewiesen 
und das angeblich die Luft abkühlende Wolgawasser selbst sich so 
erwärmt hat, dass viele bereits in ihm zu baden begannen. Auch 
müsste sich diese Erscheinung noch lange Zeit an anderen Orten 
fortpflanzen, denn der Eisgang auf der Wolga erfordert, wie dies 
bei der riesigen Ausdehnung des Stromes gar nicht anders mög- 
lich ist, geraume Zeit, und der Strom ist im Oberlauf schon 
wochenlang eisfrei, während abwärts sich noch immer die Eis- 
schollen türmen und das schmelzende Eis die Fluten zu immer 
weiterer Ausbreitung über, das Flachland befähigt 

Die Tabelle auf Seite 341 zeigt, zu welcher Zeit sich das Eis 
auf den wichtigsten Zuflüssen der Wolga in Bewegung zu setzen 
pflegt ^^^) Den Eisgang auf der Wolga auf der Strecke Twer-Kasan ver^ 
anschaulicht für das Jahrzehnt 1865/74 folgende Zusanmienstellung : 



% 


1865 ; 1866 1867 '• 1868 1869 1870 

1 1 


1871 


1872 


1873 1874 


Twer 


p 

31 M 25 M 


1 ' 

8 Ai 7 A i28 M 7 A 


T 

5 A 21 Mi26 M!27 M 


Jarosslawl 


10 A i29 M 


13 A 10 A 


6 A 10 A 


10 A 29 M 18 A 


30 M 


Kostroma 


12 A 29 M 13 A 11 A 


5 A 11 A 12 A 29 M, 6 A 


2 A 


Kinjeschma 


12 A 1 A ,14 A 16 A 


15 A 13 A 14 A 2 A 


19 AI 4 A 


Nishnij 


4 A 2 A 9 A!l2 A, 8 A,12 A 10 A; 7 A 


12 A 5 A 


Tscheb okssary 


9 A 4 A 12 A 16 A 


12 A 14 A 13 A 


4 A 16 A 


5 A 


Xasan 


7A 5A,7Al2A 


8 A 10 A 8 A 


31 M 11 A 


3 A 


Roskoschny, 


Die Wolga. 








2 


2 





■»r 



— 339 — 

das Klima bestimmend, aber die riesige Ausdehnung des Gouver- 
nements hat selbstverständlich auch zur Folge, dass an den ein- 
zelnen Orten das Klima ein sehr verschiedenes ist. Im nördlichen 
Teil des Gouvernements verschwindet auf den Höhen des Urals, 
von denen die Zuflüsse der Kama herabkommen, der Schnee nur 
während 5 bis 6 Wochen, und dort kann man oft auf einem ver- 
hältnismässig kleinen Raum zu gleicher Zeit alle vier Jahreszeiten 
beobachten, da auf der dem Norden zugekehrten Höhe des Gebirges 
im Juni und Juli noch Schnee liegt, während auf der Südseite die 
Abhänge mit dem frischen Grün des Frühlings bedeckt sind und 
gleichzeitig Regen bringende Winde uud Nebel an den Herbst 
erinnern. Die mittlere Jahrestemperatur des Gouvernements be- 
trägt -f- 0, 85^ Heftige Gewitter, welche mehrere Stunden an- 
dauern, kennzeichnen die Zeit von Mitte Mai bis September, und 
heftige Sturmwinde, auch mit Schneegestöber verbunden, sind ihre 
Vorboten. Nebel treten namentlich in den nördlicheren Teilen des 
Gouvernements sehr häufig auf, doch ihr schädlicher Einfluss auf 
die Gesundheit ist bei weitem nicht so gross wie jener der kalten 
Nächte, die sich bereits Ende Juli oder Anfang August einstellen. 
Ein ganz eigenartiges Klima treffen wir südlich von der Kama- 
mündung in Ssamara. Der schon oben erwähnte grosse Unter- 
schied zwischen der Sommer- und Wintertemperatur des Wolga- 
gebietes tritt hier besonders scharf hervor. Das unter 53® 13' 
n. Br. gelegene Ssamara hat so warme Sommer, wie man sie erst 
viel weiter südlich, erst unter 48" n. Br., etwa im Gouvernement 
Jekaterinosslaw vorfindet, und eine Winterkälte, welche jener des 
Gouvernements Wologda entspricht. Während die Sommer in 
Ssamara bedeutend wärmer sind als jene von St. Petersburg (16,3* 
gegen 12,7®), übertrifft auch die Winterkälte von Ssamara jene 
der viel nördlicher gelegenen Hauptstadt (— 9,4® gegen — 6,1®). 
Man kann die Sonmaer von Ssamara nicht regenarm nennen, trotz- 
dem die Westwinde ihre Wasservorräte bereits zum grossen Teil 
abgegeben haben bevor sie Ssamara erreichen, aber die Regen- 
menge ist doch eine ungenügende. Die 15", welche durchschnitt- 
lich fallen, wären nur dann imstande, die infolge anhaltender 

22* 



341 — 



Diese eigenartigen klimatischen Verhältnissen konnten nicht ohne 
Einfluss auf die Entwickelung des Wolgagebietes bleiben. Wie dieser 
sich seit Jahrhunderten bemerkbar gemacht hat, gedenke ich in der 
Darstellung der Wolga als Handelsstrasse zu schildern, wo sich noch 
reichlich Gelegenheit bieten wird, auf das Klima zurückzukommen. 

Aufgangs- und Zugangszeiten der grösseren Wolgazuflüsse. 





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18 Mä, 1 Ma 25 N 31 18 D 229 

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4 A 5 Ma 23 X30 22 I) 223;i78 262 




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Mednojo 


14 A 


5 A ! 5 Ma 12:^ N 30 20 D 223 


178 259 




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Twer 


..14 A 


2 A 2 Mal 24 N|27 19 D 224 


178-257 




Mologa 


» 


Wessjegonsk 


26 A 


18 A 10 Ma 20 n'28 16 1)208 


171 242 




>t 


»« 


Mologa 


!23 A 


6 A n Ma 19 N21 0;i8 Dj2lO 


171 244 


« 


Scheksna 


»j 


Nilowez 


'20 A 


10 A 4 Mal/ N28 


9 D211 


183 241 




»> 


»? 


Tscherepowez 


24 A . 


12 A 9 Ma"l6 N'22 


8 D206 


166 239 

1 




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j> 


Rybinsk 


24 A 


12 Ä 8 Ma"21 N 


25 


27 I) 208 


172 258 

1 




Kostroina 


»» 


Kostroma 


23 A 


14 A 10 Ma,,15 N 


23 9 D 206 


166 236 




Nenida 


11 


Patsohinskij 


27 A 


17 A 10 Ma 17 N'26 0, 8 D 204 

1 ) 1 


169 235 




Ünsha 


11 


Kologriwo 


27 A 


17 A 10 Ma 18 N 26 13 D 205 

1 1 


169 240 




Oka 


11 


Orel 


;30 Mä 


16 Mä 10 A i 3 D.18 X,27 D248 


239 274 




5» 


11 


Belew 


3 A 


22 Mä 12 A 


4 1) 16 X,27 1)245 


228 271 

1 




»» 


11 


Kaluga 


5 A 


24.Mä!l2 A 


29 N 14 N 19 D238 


227 262 




>> 


11 


Bjasan 


14 A 


1 A 29 A 


27 X 9 N'21 D227 


206 261 




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11 


Miirom 


16 A 


7 A 1 Ma 

1 


2 D20 N21 1)230 


202 258 




1) 


11 


Nißlmij N. 


jl8 A 


6 A 29 A , 


3 I) 18 N26 1)229 


210 262 

1 




Ssura 


11 


Pensa 


.11 A 


1 A :16 A 


26 X-21 N 17 D229 


220 256 




• 


11 


Promsin 


13 A 


31 Mä 


23 A 22 X81 0!l7 1)223 


204 254 




j> 


11 


VVassilssursk 


'16 A 


5 A 


28 A |l8 N27 9 D216 


189 248 




VVotlngii 


11 


Ssutyrei 


22 A 


13 A 


6 Ma]20 N30 12 1)212 


182 244 




Kasanka 


11 


Kasan 


10 A 


30 Mä 


21 A ,121 N 25 16 D225 


204 256 




Swajaga 


11 


Swijashsk 


11 A 


30 Mä 21 A 20 D|27 12 D223|l96 251 




Eama 


11 


Mündung 


25 A 


17 A 4 Ma 22 N 4 N 18 D 211 184 229 




11 


11 


Laischew 


25 A 


17 A 4 Ma 23 N 4 N 11 D 212 184 237 




»» 


1* 


Tschistopol 


24 A 


13 A 7 Ma 25 N 4 N 18 1) 215 185 239 




n 


11 


Perm 


28 A 


20 A 10 Ma 18 N 30 5 I) 204 


160 228 




Tscheremschan 


11 


Chrja- 




' 




schtschwenka 




17 A 


8 A 28 A 1 D 9 N 28 D 228,203 260 




Ssamara 


11 


Ssamara 


15 A 


8 A 


25 A 


27 N 


8 N 


28 I) 226 


202:'2ol 



— 343 — 

irinadzatom prissushdenij nagrad grafa üwarowa. Petersburg, 1872, Seite 
375). der Ansicht, dass Ischa mit dem hebräischen Worte für „Mann** itrs 
(isch) identisch sei. Obwohl diese Deutung nicht stichhaltig ist, so spricht doch 
Ihn Dusteh von dem Ischa in einer Weise, dass die Annahme, Ischa sei ein 
Titel, nicht kurzweg zurückgewiesen werden kann. So stellt er auch den 
König, welcher Ischa heisse, dem Grosskönig, dem Chasar-Chakan gegenüber. 

16) Ibn Haukai, 190. 

17) Siehe Frähn, Veteres meraoriae Chasanorum. Memoires de TAcademie, 
1822, Seite 685, 691, 691. 

18) Nestor II. 213; Schlözer. 

19) Nestor, III. 74; Schlözer. 

20) Nestor V. 120, 126; Schlözer. 

21) I^hrberg, Untersuchungen über die nordischen Völker, Seite 385 u. f. 

22) Nestor I. 90; Schlözer. 

23) Dies ist die richtige Lesart; Bertassy ist unrichtig. 

24) Massudi, Ibn Dusteh und el Balchi berichten übereinstinunend, dass die 
Burtas zwischen Bulgaren und Chasaren wohnen. 

25) Geographie d'Edrisi. Paris, 1840, 2. Band, Seite 404: „Es sind bei 
ihnen zwei Städte , Bertas und Sawan." Diese beiden Städte sind zweifellos 
nichts anderes als die von El Balchi erwähnten Bulgarenstädte Bulgar und 
Siwar. 

26) Mo'adschem el-buldan d. i. das Alphabet der Länder, ein geographisches 
Wörterbuch. 

27) D. J. Ilowaiskij, Posiskiwanija o natschale Russi. Moskau , 1876, 
Seite 408. 

28) D. J. Ilowaiskij, Istorija Rossii. 1. Band, Seite 45, 46, 296. 

29) Tatischtschew, Istorija ruskoi zerkwi. 1858, 1. Band, Seite 22. 

3ü) Siehe Artemjew, Spisok nasselenych mest kasanskoi gubemii. Vorwort, 
Seite XXX. 

31) S. M. Schpilewskij , Drewnije goroda i drugije bulgaro-tatarskije pa- 
mjatniki kasanskoi giibernii. Kasan, 1877, Seite 164. 

82) Die tatarische Handschrift von Fux führt an: Aidar. dessen Schwieger- 
sohn Chandsal, dessen Sohn Machmed Amin, Buradsch, Seid, Emir Chan (Ir 
Chan bei Frähn) , Iglam und dessen Sohn Abdulla. — Schichabeddin nennt: 
Dschafer, dessen Sohn Aclimed, dessen Sohn Talib, Talibs Bruder Mumin, Emir 
Schimun, Emir Cheider, dessen Sohn Mohanied, dessen Bruder Seid, Emir Baradsch, 
Emir Ibrahim, Emir Selim, dessen Sohn Ilgam, Emir Pulad Terair, Emir Ab- 
dulla, Emir Hussein, dessen Bruder Mahmud, Emir Abdulla. 

a3) So verpflanzte Jaropolk Wladirairowitsch in die von ihm (1116) gegrün- 
dete Stadt Schelej die Einwohner der von ihm im vorhergegangenen Jahre er- 
oberten Stadt Druzk; Gljeb, der Fürst von Minsk, schleppte die Bevölkerung der 
Stadt Slutsk fort und siedelte sie auf seinem Gebiete an. 

84) A. S. Gaziskij, Nishegorodka. Nishnij Nowgorod, 1876, Seite 5 u. folg. 

35) Krementsohug, oder richtiger Kermantschuk, d. i. Festung. 

36) Seine Reisebeschreibung ist enthalten in Richard Hakluyts Collection, 
1. Band. Seite 24 u. folg. — Siehe über dieselbe ferner Sprengeis Geschichte 
der geographischen Entdeckungen, Seite 278 u. folg. 



T- 344 — . 

87) Job. B«iiih. ForatoF, Geschichte .der Entileckunt,'en im Nor 
127 u. folg. — Sprengel, Gescliiolite der ge<%Tapbi sehen EoMeckuD 
28S u. folg. 

S8) So viel wie: „Die StepjK des verdorrtefi Baumes''. 

39) J, E. Forster. Geschiclite iler Entiipckungen, Seite 151 ii. fol 
deutsche Übersetzung des EeisewerkeB Marco Polos ersflüen 1802 
Marco Polos Eeisn in den Orient während der Jahre 12J2 bis' 
Deutsche übertragen nach deu besten Ausgaben des Originals und 
Conunentare begleitet von Felix Perogrio. 

40) Bichter, Geschieht« der Medizin in Buesland, 1. Seite 204. — 
Gescliichte des russischen Üoiches, 5. Band. 

41) Hammer- I^irgstaU, Geschichte der goldenen Horde in Kiptsch 
der Mongolen in Russland. Fent, 1840, Seito 301, 

42) Der Flues soll nach der alJgemoinen Tniukenhoit , die im 
Heere herrschte, seinen Namän erlialteii haben (pjanij = trunken), da 
dies wohl erst später , an den Glei<'hklang der Wörter ankiiiipfend , 
Siehe Eagosin, Wolga, 2. Band, Seite 18!. 

43) Hammer Purgstoll. ). c. 343 n. tulg. 

44) Philipp Strahl, Geschichte des nissischen Staates, Hambi 
2. Band, Seito 228. 

46) Hammer-Pnrgstall, 1. c, Seite 362. 
46j Hammer-Piirgstall L c. 

47) In einem Vertrag mit Wassilij zu Ssmolensk wurden (I39fi) t 
beijier Reiche festgesetzt. Fast das ganze ehemalige Wjatitscheng 
jetzige Gouvernement Orel nebst einem Teil von Tula und Kaluga) 

. Städte der tschemigow sehen Fliraton waren damals IJthauen untertlia 
sin, I. c, B. Band, 126. 

48) Die Krönung erfolgte erst, nachdem der Tbronstreit zwische 
und seinem Oheim Jurij durch einen Machtspnich. des Clians in der ] 
hin sie sich begeben hatten, war entscJiieden worden. 

49) VersDch einer Historie von Xasan alter und mittler Zeiten, 
von Peter Rytechkow. Aus dem Enssischen übersetzt von J, Roc 
1772, Seito 6S ». folg. 

5u) Materialy dlja geographij i statistiki Rossii, sohrannie oflzerai 
nawo echtaba. Permskaja gubernija. Sostawil Ch. Mosel. Petersl 
1. Band, Seite 6. 

61) Nikolai Kostomarow, Ssewerorusskije narodoprawslwa' wo wrei 
no-wetechewawo uklada. Petersburg, 1863, 1. Band, Seite H9 n. folj 

52) Nälierps über seine Reise siehe in Beckmanns Litteratur d 
Eeisebeschrei hangen, 1. Band, Seite 193 u. folg. 

53) Siehe über Popels und Tliums Reise Hormayrs Archiv für ( 
Historie. Staats- und Kriegskunst, Wien 1819, Nr. 47. 

54) Karamsin, I. c, 7. Band, Aum. 228. 

55) Die erste, sehr seltene Ausgabe erschien 1S49, die erste deiit 
Setzung, Ton Herberssein selbst besorgt und ebenfalls sehr seilen 
Wien. Sechs Jahro später gab Heinrich Pantideon in Basel eine 
heraus: Moseouiter wunderbare Historien vte., wovon 1567 eine zwi 
änderte Anßage erschien. Nachher ist das Werk noch wiederholt her; 



ijr:.-' TTi' 



.— 345 — 

und übersetzt worden. Siehe Friedrich von Adehmg, Kritisch-literarische Über- 
sicht der Keisenden in Rassland bis 1700, deren Bericlite bekannt sind. Peters- 
burg und Leipzig, 1846, 1. Band, Seite 165 u. folg. 

56) Kerum Moscovitarum Commentarü, Sigisniundo Libero Barone in Herber- 
stein, Neupetg & Gutenhag autore, 1600. 

57) Pauli Jovii de legatione Basilii Magni Principis Moscoviae liber, in quo 
Moscovitarum religio, mores etc. describuntnr. Basileae, 1537. — Ausser 
andern Ausgaben auch abgedruckt in den Rerum Moscovitarum Seriptores, 
Basileae, 1600. 

58) Es ist in einer von Prof. Th. bischer bei Ongania in Venedig heraus- 
gegebenen Sammlung enthalten unt^r der Aufschrift: FacsimUo delle Carte nau- 
tiche di Battista Agnese , illustrate da Teobaldo Fischer. Venezia , Onga- 
nia, lJ-81. 

59) Dr. H. Michow, die ältesten Karten von Eusslaud, ein Beitrag zur 
historisclien Geographie. Hamburg, 1884. 

60) Karamsin, 1. c, 8. Band, Seite 158 u. folg. 

61) Ediger Hess sicli im folgenden Jahre in Moskau taufen mid erliielt den 
Namen Simeon. Als er dann einige Monate später die Tochter des zarisclien 
Beamten Andrei Kutusöw heiratete, schenkte ihm hvan die Stadt Russa als erb- 
liches Lehen und gestattete ihm die Weiter führung des Zarentitels. Karamsin, 
1. c, 8. Band, Anm. 368. 

62) Die Anregung zu dem Unternehmen war von Sebastian Cabot ausge- 
gangen. Portugiesen und Spanier waren den Englfindern bei den grossen Ent- 
deckungen am Ende des 15. Jahrhunderts zuvorgekommen, und Vasco de Gama 
und Columbua nebst deren Nachfolgern verdankten diese Länder unermessliehe 
Reichtümer, welche in Lissabon, Cadix und Sevilla zusammenströmten. Eng- 
lands Handel war im Vergleich damit ein unbedeutender, und Cabots Plan , eine 
nördliche Durchfahrt nach Indien zu suchen, welche England den Mitbewerb bei 
Ausbeutung der Schätze Asiens ermöglichen könnte , fand daher bei den Lon- 
doner Kaufleuten , welche überseeischen Handel trieben (Marchant Adventurers) 
freundliche Aufnahme. Es wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, The Mistery, 
Company and Fellowship of Marchant Adventurers for the discovery of un^ 
known lands etc., und diese rüstete (1553) mehrere Schiffe aus, welche die 
vermutete Durchfalirt suchen sollten: Bona Esi>eranza (120 Tonnen), Edward 
Bonaventure (160 Tonnen) und Bona Confidentia (90 Tonnen). Die beiden 
ersten befehligte Sii: Willoughby. Sie blieben an der lappländischen Küste im 
Eise stecken, und erst 1554 entdeckten Fischer in der Nokujewsehen Buclit die 
beiden Schiffe mit den Leichen der erfrorenen Mannschaft. Das dritte Schiff 
unter Chancellors Leitung war am 30. Juli 1553 durch einen heftigen Sturm 
von den anderen getrennt worden und erwartete sie naclilier eine Woche lang in 
Bardöhus, das zum Sammelpunkt bestimmt worden. Als sie nicht kamen, segelte 
Chancellor allein weiter und erreichte glücklich die Dwina. — J. Hamel, 
Anglitschane w Rossii w^ XVI. i XVII. stoletijach. Petersburg 1865, Seite 3 
u. folg. 

68) Unter dem Namen The Russia Company besteht die ehemalige Mos- 
covie Companie heute noch, allerdings ohne die Votreclite, welche sie einst genoss. 

64) Eine Übersetzung seiner Reisebesehreibung enthält: Allgemeine Historie 
der Reisen zu Wasser und zu Limde, oder Sammlung aller Reisebeschreibungen. 



fS?^ 



— 347 — 

74) Materialv dlja istorij i statistjki Ssimbirakoj giibernii. 3. Band, Seite 
65: letoritscLesliy ot«cherk goroJa Eunnjscha. 

75) Roatialawow , Opyt iaraledon'anija ob imuschtscliestwfich i dijctiodeoh 
uascliich inonastiiei. 

76) KoBtenkow, 1. c, Seite K. 

77) Bisher wai die Verwaltung des Gouveniementa Kasan einer Verwaltungs- 
Vammer nnvertraut, welche aus Bojaren und Dworäuen bestand. Die neuen 
Goiivenieinents wurden in Provinien unter der Ix'Ltung von Wojewoden einge- 
teilt, welche einem Gouverneur unteri,'estellt worden. 

78) Als Pettr der Grosse im Jalire 1722, bevor er in den persischen Krieg 
zo^. den Kasaner Kaufmann Michljajew in desaen Fabrik besuclit«. braclit« ihm 
die Frau Miehljajewa einen Becher dar, welcher mit Perien und Edelsteinen ge- 
füllt war. 

79) Theodor Scimjidt, dea WjselLiiij-Wolotacliok-SjBtem, Bussisdie Revue, 
1876, 9. Band, 9. Heft, Seite 23S u. fol<;. 

60) Daa heute noch zu den geachätz testen und wertvollsten älteren -Si^hriften 
Übet Russland lälilende, reich mit kenuüeiclm enden Abbildungen ausgestattete 
Buch hat viele Auflagen und viele Übersetzuni^n (franzCsisch, engUach, hollän- 
disch, italieniach) erlebt. Es erschien zuerst 1646 in Schleswig unter dem Titel: 
Adam Olearü aiisfrihrliche Besehreibimg der kündbaren Reyss nach Muacnw und 
Persie, so dureh Gelegenheit einer Holsteinsehen Gesandsebaft von Gottorp auss 
an Michael Fedoiowitz den Grossen Zaur in Musmw, und ScJiach SoS König in 
Pereien geschehen. — Die Reisekarto Tührt die Aufschrift: Land- und Si'e-Kaite 
vi.n Schleswig bis nach Muscow, woraus zu ersehen, wie die Hoi-Iitürstlidie Ge- 
sandtschaft ihre Reise dabin genommen hat. 

81) Sammlung masischer Geschichte von Müller. 6. Teil, Seite iO. 

Sä) Ausser diesem berühmten Buche gab Witsen noch eine zweite Reisebe- 
schreibung. jedoch ohne KamensoenDUDg heraus, welche ins Deutsche übersetzt 
wurde. Die deutsche Angabe führt die Aufschrift: Eine moscowitisch-fci tarische 
Eeisebeschceibung, welche vor 70 Jahren durcli einen Mosconitcr von Jaroala ge- 
btirtig in nissischer Sprache verfertigt und im Jahre 1665 durch Nicolaus Witsen 
aus Moscau gebracht und von demselben in die holländische Sprache übersetzt 
und mit curieusen Anmerkungen vermehrt, jetat aus dem holländischen Mst. ins 
Teutsche übersetzt worden. Leipzig, 1699. 

83) Auafülirliciieres über diesen Kanal siehe Si.'ite 303. 
- 84) Dasselbe umfasst 14 Einzelblütter und eine Genoralkurtc. ÄL= erster 
Meridian iat auf deraeltien jener von Arendsburg auf Oeii'l, damals der «'est- 
lii'hsten Stadt des Reiches, angenommen, trotzdem dessen Lage noch niclit genau 
bestimmt war. Da es in Ruasjand noch keine genaue Ortsbestimmung gab, war 
die Führung des ersten Meridians durch einen unbestimmten Ort entachiedeu 
einem unsichem Anschluss an den Meridian von Greenwicli oder Ferro vorzu- 
ziehen. 

8."*) Otto btruve, über die Verdienste Peters des Grossen um die Karto- 
graphie Russlauds. — Russische Revue, 1B76, 8. Band, Seite 16, Amu. 1. 

88) Siehe Firsow, Inorodtscheskoje nasaelenijc pre.shnjawo kasanskawo 
Ziirstwa w Nowoi Rossii do 176i g. i holoniaazija sakamskich scmel w eto 
wremj:i, Kasan, 1869, Seite HI u. folg. 



— 318 - 

rnevskij, Exeetjane n utrativüiva 

1. Band, Seite 368. 
Pusclifcin , Istorija Pugntsch« 

Petersborg, 1838, i. Band, Seit 
Dejstnija RBomosnaDUi Pugatf 
SsimbirBkoi Gubernii. — Sborii 

!mü. Beilage zur Pamjatiiaja 

dinia der durch Pugatscliew uoit 
c, Seite 206—243), ist unvoll- 

1. c. Seite 2. 

1," scthieibt Saemewskij, „wnrde 

irgend welclie B^erungsämti 
suKcliwöreo wollten, oder sie fieli 
(ne, Rotte, oder wurden sie ae 
lelleute waren.'' Sseinewskij, 1. 
j, L a, Seite 8. 
Lebzeiten BibikowB," scIiTeibt 
ils CS die Bedeutung des Anl 
sieb um diese Zeit unter don 1 
esa ihn nicbt fort, um nicht it 
incren Unruhen des Kaiserreiebi 
«b! Nach Beendigung des Krieg 
1 nach Moskau zum Furst4ju Wi 
zu nehmen." — Pnschkin, 1. c. 
[atharlna £1. geschahen e Beicl 
'auls I. aufgehoben und die S 
lelt Von den späteren Neiiab| 
iet nur noch die Errichtung des 
ield eingetrieben werden raussti 
kjj hatte 20 000 Bubel gezeichi 
lieli trotz wiederholter Mahnnn 
ibcns unkundig, einen andern 
zeiiQ mehr gezeichnet habe, ah 
I man ihn dem von ilmi mit 
hatte und er der Lüge fiberwie! 
er Zeichnung. 
30; SchlÖzer. 

t der AnBiPht, dass nach seiner 
in anderes sein künne als jene 
e dea sciences de St. Pctcrsbou 
ichen Gräberfunde, welclie zum 

Kultur liinwciBen , sind stunii 
liacben Volker. Iii.?chriften sind 



102) PalliiB Reiso diircli ver3<;liiedene Teile des niRBiachen Reiches, 1. Band, 
ite 63. 

I03j Materialy lilja etnografii Roshü. Kasanahaja gnbemija, 2. Teil, 
ite a-2l. ■ * 

104) Man hat in den ErdBnn«n die Änrseti niedcrz» finden geglaubt, welche 
lon vor Christi (jeburt von Strabo erwähnt werden und ein groeseB Volk eein 
isäten, da sie Pharnaees 200 000 Eeitor zu Hilfe samiten. 

10.')) A. Lepecliin, Tagebuch einer Beise durch versoiiiedene Provinien des 
«tischen Reiches. 

lOÖ) Viktor Ragosin, Wolga. Petersburg, 188], 8. Band, Seite 14. 

107) Eagosin, 1. e., 3. Band, 8cite 83. 

108) Siehe 1). Korssakow, Merja i Boatowskoje knjaBhestwo, Otscherki ta 
orii Roatowsko^BiiKdaUkoi Kemli. Kasan, 1S72- 

109) August Freiherr von Haxtbausen, Die ländliche Verfassung Kuselands, 
re Entwicklung un<l ihre Fcitstellung in der Gesetzgebung von 18S1. Leip- 
r, 1866. 

110) A. Fiix, Siipiski o Tschuwaschach i Tscheremissach kasanskoi gubemii, 
d A. F. Rittich, Materialy et«., 2. Teil, Seite 183. 

111) Gnte Abbildnngen Ton Tscheremissen (sowie von allen Wolgavölkern) 
det man in Pauly, Descriptiou dea peuples de la Ruseie, Petersburg, 18ä2, 
Band, (Text unbrauchbar)' imd in EKsee Reclus, Nouvelle geographie uni- , 
rselle, Fitin, 1880, b. Band, Seite 143- 

112) Sbornik etnografltacheski] , 1858, wypusk IV.: religü nekre- 
itschcniyych TscheremiaB kasauskoi gubernü, Seite 207. 

113) Ragosin, Wolga. Petarsburg. 1881, 3. Band, Seil« 65 u. folg. — 
iterialy dija etnografii Rossii. Kasanakaja gubernija. Sostawil A. F. Rittich. 
isan, 1810, 2. Band, äeite 169 u. folg. 

IH) G, F. Müller d^iegen, der Verfasser der „Sammluug russischer Ge- 
jichte", erklärt, die Tschuwaschen hätten alle hellblondes Haar: Opissanije 
iwuBchtschich w kasanskoi gubernii jasytsoheskich narodow, jakoto: Tachere- 

uiiss, Tschuwasch i Wotjakow — während N. Babst in seinem Aufsatz Betach- 

naja oblost Wolgi ihnen wieder schivarze Haare zuschreibt. 

115) Elaproth, Asia polyglotta, Seite 183. 

116) W. Sbojew, lafsledowanije ob inorodzach kasanskoi gubernii. Kasan, 
Separatabdnick aus den Guboraskije Wedomosti 1845—1850, Seite 261 u. folg. 
[Dieses Heft ist offenbar ein Nachtrag iu dem unten unter 123 erwähnten 
Buche.) 

117) Siehe Eagoain, !. c, 3. Band, Seite 158 u. folg. 

118) P. S. Ssaweljew (Muchainedanskaja NumiBmatika w otnoschenij k russ- 
koi istorii. Petersburg, 1847, Seite 100 u. folg) sucht den Nachweis zu fiihren, 
daSB die Tacbuwasebeu Bulgaren sind, und A. A. Fux (Sapiski Tschuwaadiachj 
Seite 32) erklärt sie kurzweg für Chaaaren. Beide Ansichten sind zweifellos 
ebenso hinfällig wie die von Sbojew verteidigte Abstammung der Tschuwaschen 
von den Burtassen, Die hauptaäehlichstfin Gründe, clic er für letztere anführt, 
sind: Die Tschuwaschen bewohnen heute noch den nördlichen Teil dea Tschu- 
waschenlnndes. Der Name Burtas ISsst sich aus der Tschuwaschen spriiche er- 
klären; burtaa ist die alte Form des jetzt gebräuchlichen burnaa ^ leben, an- 
sässig sein, und burtassy oder bumassy bedeutet daher eiueii Wohnort, eine 



— 350 — 

Niederlassung; tsvbuwaBoh ist bloe die nörtliche Übersetzuog 
deon ea stammt von dem tatarischeo iw oder dschiw, Hans, wc 
tecbiwaBcb, Uchuwasch, d. i. der Ansässige abgeleitet ist. Was 
Schriftsteller von den Burtassen berichten, köane mit Leichtigkei 
waschen bezogen irerden, und schliesslich hEtten die alten Kassen s 
und Tschuwascben für ein und dasselbe Volk gehalten. — Auch Pal 
Terscbiedene Provinzen etc., 1. Teil, Seite 8ö — 93) findet sowohl i 
Zügen der Tschuwaschen als in der Anlage ihrer Hfiuaer, ihrer Lebe 
Kleidung der Frauen Ähnlichlteit mit den Talaren, und ebenso 
(Bemerkungen einer Betse im Russischen Reich, 2. Band Seite 
Aueseree jenem der Tataren ähnlich zu sein , wogegen er ihrei] 
vollkommen gleich mit jenem der Tscheremissen erklärte. Erst 
haben sich die Stimmen gemehrt. weJclie die Tschuwaschen unbe 
erklären, so Firsow (Poloshenije iuorodzew sewero-wofitotscbnoi 
kowskom gosudarstwe, Kasan, 1866, Seite b), Bogosin u. a. 

119) Die Angaben weichen hier übrigene ebenso von cinande 
oben erwähnten Punkt«. 

1201 W. Sbojew, bj-tje krestjan w kasansk'ii gubemii. 
Seite 2f. Jetzt soll übrigens dergleichen höchst selten vorkomn) 

121) Rittich, 1. c, 9. Teil, Seite 78. 

132) W. Sbojeir, Isfsledowanija etc. Seite 146 u. folg. 

1S3) W. Sbojew, Sametki o Tschiiwaschach. Pisma k red 
kich Gubemskich Wedomostei. (Sonderabdruck.) Seite 164 u. f 

124) shertwennjch prinoschenijach Tschnwasoh. Kasan, 
über einen von W. K. Magnitski in der anthropologisch-ethnog 
teilnng der Geaellschaft der Naturforscher in Kasan am 19. Oli 
haltenen Vortrag. (Separatabdruck aus?) Seite 4 u. folg. 

125] A. Fliz, Sapiski o Tschuwaschach i Tscheremissach kasi 
Kasan, Seite S2. 

126) Ragosin, 1. c, 3. Band, Seite 127 u. folg. — Sbojew, I. 
Rittich, 1. c., 2. Tp«, Seite lOJ u. folg. 

127) Über die Altertümer und die alten Handelsbeziehungen 
Landes siehe: Ph. J. von Strahlenberg, das Nurd- und OsÜicbe 
und Asien etc- Stuckholm, 1730. — Arch, Makarij, Pamjntni 
Pennskoi giibemii , in den Mitteilungen der kais. archäol- Ges' 
Seite 197 u. folg. — P. Ssaweljem, Permskaja gubemija w aich 
otnosuhenij, enthalten im Shurnol minlsterstwa wnutrennjch d 
114 n. folg. — Sehr wertvolle Angaben über den ehemaligen HaU' 
hält der im Ensakij Sritjel, 1828, Seil« 136 veröffentlichte Ai 
müssen; Istoritscheskij i geografitecheskij opvt o torgowle i sno 
bow i Persow e Rossicju i Skandinavvieju w asrednom wjelge — ai 
narodow, objtawschich w predjelich njnjeachuej Bossü w epocl; 
utwershdenija Bossijabawo gossudarstwa, enthalten im S^ya otet 
e. Heft, Seite 1 n. folg. 

128) Materialy illja elnografii i statiatiki Rossii. Perms] 
Sostawil Oh, Mosel. Petersburg, 1864, I. Band, Seite 4. 

129) Sapiski üralskawo obschtschestwa. Jekaterinburg, 1 
wjpussk 1., Seite 28. 



w^\ ' -5-,"' ■ » ' — - — ^ _ . . _^ . _^...,^^. 



— 351 — 

130) Nikolai Eogow, Permjazko-nisskij sslowar. Petersburg, 1869, Vorwort 

133) IQaproth, ABia polyglotta, Seite 185. 

134) Eytschkow, Tagebuch über seine Eeisen durch verschiedene Provinzen 
des russischen Eeiches in den Jahren 1769, 1770, 1771. Übersetzt von Hahn. 
Kiga, 1774. 

135) Die Wotjäken. Eine ethnologische Studie von Max Buch. Stuttgart, 
1882, Seite 31. 

136) Rittich, 1, c, 2. Teü, Seite 205. 

137) Pallas, Eeisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reiches in 
den Jahren 1772 und 1773. Petersburg, 1776, 3. Band. — Von den Wotjäken 
im Easanschen erzählt Frau Fux, dass die Mädchen zur Heuernte ihre beste 
Kleidung anzulegen pflegen, weil die Burschen bei dieser Gelegenheit ihre Bräute 
wählen. Auch sio schildert den Kopfputz der Wotjakinnen als sehr hoch und 
bunt. Nur die Mädchen tragen kleine Käppchen. Besonders auffallend erschien 
Frau Fux die perückenartige Anordnung der Haare der Frauen. Pojesdka 
k Wotjakam Kasanskoi gubemii. Pisina A. A. Ii\iks k ssuprugu jeja K. F. Fuksu. 
Kasan, 1844, Seite 6. 

138) Rytschkow, Tagebuch über seine Reise etc. — 

139) Dieser Name, welcher russiscli „Selbstesser" bedeutet, weist kemeswegs 
darauf hin, dass sie, wie man früher annahm, vor Zeiten Menschenfresser waren. 
Sie selbst nennen sich Chasowo, d. i. Männer, und der Name Samojeden ist 
wahrscheinlich blos ein durch die russische Zunge verunstaltetes Wort ihrer 
Sprache. 

140) Ch. Mosel, 1. c, 2. Band, Seite 574. 

141) Benützte Werke: K. Fuks, Kasanskije Tatary. — Ragosin, Wolga, 
8. Band, Seite 165 u. folg. — Rittich, Materialy dlja etnografii etc., 2. Teil, 
Seite 5 u. folg. — Ssbojew, bytje krestjan etc. Seite 16 u. folg. — 

142) Ragosin, I. c, 3. Band, Seite 182. 
148) Ragosin, 1. c, ?. Band, Seite 344. 

144) L. Ssabanejew, Otscherki Sauralja i stepnoje chosjaistwo na Basch- 
kirskich semijach. Moskau, 1873, Seite 9 u. folg. — D. Semenow, Otetschestwo- 
wedenije. Rossija po rasskasam putjeschestwennikow i utschenym isfsledowani- 
jam. Moskau, 1879, 3. Band, Seite 179. — 145) Nestor H, 105. 

146) Rittich, Materialy etc., 2. Teil, Seite 39. — Georgi, i3esclireibung aller 
Nationen etc. Seite 186 u. folg. — Über Baschkiren, Meschtscherjaken und Tept- 
jären. Russische Revue, 1877, U. Band, Seite 471 u. folg. — 

147) K. Kosten kow, Istoritscheskije i statistitscheskije swedenija o Kalmy- 
kach kotschujuschtschich w astrachanskoi gubemii. Petersburg, 1870. — 
Erinnerungen aus dem Leben des kais. niss. General-Leutnants Johann von 
Blaramberg. Nach dessen Tagebüchern von 1811—1871. Berlin, 1874, 2. Band, 
Seite 11 u. folg. — Th. von Bayer, Reiseeindrücke und Skizzen aus Rusaland. 
Stuttgart 1885. 

148) Reichen Stoff zur Kenntnis der Kirgisen liefern die grossen Reisewerke 
über Zentral- Asien. Siehe auch: Ssemenow, Shiwopisnaja Rossija. 3. Band: 
Wnutrennaja kirgiskaja orda. — Blaramberg, 1. c, 2. Band. — Baer u. Helmersen, 
Beiträge zur Kenntnis des russischen Reiches, 7. Band. — Th. Erxleben, Ein 
Ausflug in das kaspische Depressionsgebiet. Aus allen Weltteilen, 1874, Seite 
180 u. folg. 



149) A. Glitsnh, Geschichte lier Bni lergemeuide "iHi 
Quellen. Ssarepta IS^B — Semenow 1 c 5 Band S" 
Tli. Erxleljen. ])hs Wolsakmc und die kolonie '^sarejita 

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